Wohnzimmer
Warum hast du mir das Kleid so lang gemacht, Mutter?
Du wirst vierzehn Jahr heute!
Hätt′ ich gewußt, daß du mir das Kleid so lang machen werdest, ich wäre lieber nicht vierzehn geworden.
Das Kleid ist nicht zu lang, Wendla. Was willst du denn! Kann ich dafür, daß mein Kind mit jedem Frühjahr wieder zwei Zoll größer ist. Du darfst doch als ausgewachsenes Mädchen nicht in Prinzeßkleidchen einhergehen.
Jedenfalls steht mir mein Prinzeßkleidchen besser als diese Nachtschlumpe. – Laß mich′s noch einmal tragen, Mutter! Nur noch den Sommer lang. Ob ich nun vierzehn zähle oder fünfzehn, dies Bußgewand wird mir immer noch recht sein. – Heben wir′s auf bis zu meinem nächsten Geburtstag; jetzt würd′ ich doch nur die Litze heruntertreten.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich würde dich ja gerne so behalten, Kind, wie du gerade bist. Andere Mädchen sind stakig und plump in deinem Alter. Du bist das Gegenteil. – Wer weiß, wie du sein wirst, wenn sich die andern entwickelt haben.
Wer weiß – vielleicht werde ich nicht mehr sein.
Kind, Kind, wie kommst du auf die Gedanken!
Nicht, liebe Mutter; nicht traurig sein!
Mein einziges Herzblatt!
Sie kommen mir so des abends, wenn ich nicht einschlafe. Mir ist gar nicht traurig dabei, und ich weiß, daß ich dann um so besser schlafe. – Ist es sündhaft, Mutter, über derlei zu sinnen?
Geh′ denn und häng′ das Bußgewand in den Schrank! Zieh′ in Gottes Namen dein Prinzeßkleidchen wieder an! – Ich werde dir gelegentlich eine Handbreit Volants unten ansetzen.
(das Kleid in Schrank hängend)
Nein, da möcht′ ich schon lieber gleich vollends zwanzig sein …!
Wenn du nur nicht zu kalt hast! – Das Kleidchen war dir ja seinerzeit reichlich lang; aber …
Jetzt, wo der Sommer kommt? – O Mutter, in den Kniekehlen bekommt man auch als Kind keine Diphtheritis! Wer wird so kleinmütig sein. In meinen Jahren friert man noch nicht – am wenigsten an die Beine. Wär′s etwa besser, wenn ich zu heiß hätte, Mutter? – Dank′ es dem lieben Gott, wenn sich dein Herzblatt nicht eines morgens die Ärmel wegstutzt und dir so zwischen Licht abends ohne Schuhe und Strümpfe entgegentritt! – Wenn ich mein Bußgewand trage, kleide ich mich darunter wie eine Elfenkönigin … Nicht schelten, Mütterchen! Es sieht′s dann ja niemand mehr.
Sonntag abend
Das ist mir zu langweilig. Ich mache nicht mehr mit.
Dann können wir andern nur auch aufhören! – Hast du die Arbeiten, Melchior?
Spielt ihr nur weiter!
Wohin gehst du?
Spazieren.
Es wird ja dunkel!
Hast du die Arbeiten schon?
Warum soll ich denn nicht im Dunkeln spazieren gehn?
Zentralamerika! – Ludwig der Fünfzehnte! – Sechzig Verse Homer! – Sieben Gleichungen!
Verdammte Arbeiten!
Wenn nur wenigstens der lateinische Aufsatz nicht auf morgen wäre!
An nichts kann man denken, ohne daß einem Arbeiten dazwischen kommen!
Ich gehe nach Hause.