Die wenigen Augenblicke, welche vergingen, bis, nachdem der Commandant Don Roberto sich entfernt, der Gefangene eintrat, wurden von dem Fiscalprocurator dazu angewendet, daß er ein Richtergewand über seine gewöhnlichen Kleider warf, eine ungeheure Perrücke, welche nach seiner Meinung seinem Gesichte Majestät verleihen sollte, auf seinen magern, langen Kopf und auf diese Perrücke wiederum eine viereckige Mütze setzte.
Der Protokollant begann damit, daß er die beiden mit einem N bezeichneten Pistolen und den Brief der Marquise von San Clemente als Ueberführungsbeweise auf den Tisch legte. Dann schritt er zu derselben Toilette, welche sein Vorgesetzter gemacht, natürlich mit Beobachtung des Rangunterschieds, das heißt, sein Gewand war enger, seine Perrücke weniger umfangreich und sein Barett weniger hoch.
Hierauf nahm er an dem kleinen Tische Platz. Der Marquis Vanni setzte sich an den großen, und da er ein ordnungsliebender Mann war, so schob er das vor ihm liegende Papier so zusammen, daß kein Bogen über den andern hervorragte, überzeugte sich, daß Tinte in dem Fasse war, untersuchte den Schnabel seiner Feder, spitzte ihn mit einem Federmesser, egalisierte die beiden Spitzen durch Abkippen auf dem Nagel, zog aus seiner Tasche eine mit dem Porträt des Königs geschmückte goldene Tabatière, stellte sie so, daß sie ihm bequem zur Hand war, weniger um daraus zu schnupfen, als damit mit jener gleichgültigen Miene des Richters zu spielen, welcher mit dem Leben eines Menschen eben so sorglos spielt, wie mit seiner Dose, und erwartete Nicolino Caracciolo in der Haltung, von welcher er glaubte, daß sie die geeignetste sei, um Wirkung auf den Gefangenen zu äußern.
Unglücklicherweise war Nicolino Caracciolo durchaus nicht der Mann, der sich durch die Attitüden des Marquis Vanni hätte imponieren lassen. Die Thür, welche sich hinter dem Commandanten geschlossen, öffnete sich zehn Minuten später vor dem Gefangenen und Nicolino Caracciolo trat mit einer Eleganz gekleidet, welche den wenig comfortablen Aufenthalt in einem Gefängniß durchaus nicht verrieth, mit lächelnder Miene herein und trällerte dabei das »Pria che spunti l'aurora« aus der Oper »Il Matrimonio segreto.«
Begleitet war er von vier Soldaten und hinter ihm drein folgte der Gouverneur. Zwei Soldaten blieben an der Thür stehen, die zwei andern schlossen sich rechts und links an den Gefangenen an, welcher gerade auf den für ihn bereitgestellten Sitz zuging, sich, ehe er sich setzte, mit der größten Aufmerksamkeit rings umschaute, auf französisch die drei Sylben: »Tiens! tiens! tiens!« welche, wie man weiß, bestimmt sind, komisches Erstaunen auszudrücken, murmelte und dann, sich mit der größten Höflichkeit an den Fiscalprocurator wendend, fragte:
»Haben Sie, Herr Marquis, vielleicht zufällig die »Geheimnisse Adolpho‘s« gelesen?«
»Was ist das, die »Geheimnisse Adolpho‘s?« fragte Vanni, indem er seinerseits antwortete, wie Nicolino gewohnt war es zu thun, nämlich durch eine anderweite Frage.
»Es ist ein neuer Roman von einer Engländerin Namens Anna Radcliffe.«
»Ich lese keine Romane, verstehen Sie, mein Herr,« antwortete der Richter in würdevollem Tone.
»Daran thun Sie Unrecht, sehr Unrecht. Es gibt deren sehr amüsante, und ich möchte wohl einen in meinem Gefängniß zu lesen haben, wenn es hell genug dazu wäre.«