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Helene

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lvan Turgenev
Helene

I

Im Schatten einer hohen Linde, am Ufer der Moskwa, unweit Kunzowo, lagerten an einem der heißesten Sommertage des Jahres 1853 zwei junge Männer im Grase. Der eine, dem Anscheine nach dreiundzwanzig Jahre alt, hoch von Wuchs, von dunkler Gesichtsfarbe, mit spitzen etwas schiefer Nase, offener Stirn und verhaltenem Lächeln auf den breiten Lippen, lag auf dem Rücken und blickte, leicht mit den Augen blinzelnd, in die Ferne hinaus; der andere lag auf der Brust, den blonden Lockenkopf auf beide Arme gestützt, und hatte gleichfalls den Blick in die Weite gerichtet. Er war drei Jahre älter als sein Gefährte, schien aber viel jünger zu sein: der Schnurrbart keimte kaum und das Kinn war mit leichtem Flaum bedeckt. Es lag etwas kindlich Liebliches etwas einnehmend Graziöses in den seinen Zügen seines frischen, runden Gesichtes, in den angenehmen braunen Augen, den schönen, vollen Lippen und den weißen kleinen Händen. Sein ganzes Wesen athmete glückliche, heitere Gesundheit, Sorglosigkeit, Selbstvertrauen, Jugendmuthwillen und Jugendzauber. Er ließ seine Blicke umherschweifen, lächelte und stützte den Kopf, wie es Knaben thun, die dessen sich bewußt sind, daß man sie mit Vergnügen betrachtet. Er hatte einen weiten, weißen Ueberrock in der Art eines Staubhemdes an; ein blaues Tuch war um seinen schlanken Hals geschlungen und neben ihm im Grase lag ein zerdrückter Strohhut.

Im Vergleich zu ihm schien sein Gefährte ein alter Mann und Niemand würde beim Anblick seiner ungelenken Figur geglaubt haben, daß auch er Genuß empfinde, daß auch ihm wohl zu Muthe sei. Es war etwas Unbeholfenes in seiner Stellung, in der Art wie sein nach oben breiter, nach unten spitz zulaufender Kopf auf dem langen Halse saß; diese Unbeholfenheit äußerte sich auch in der Haltung der Arme, des in einen kurzen, schwarzen Ueberrock gezwängten Oberkörpers und in den langen Beinen, die er, wie Heuschrecken ihre Hinterfüße, die Knie hinauf, an sich gezogen hatte. Bei alledem war unverkennbar, daß er ein wohlerzogener Mensch war; sein ganzes Wesen trug das Gepräge der »Ordentlichkeit« und sein unschönes und sogar etwas komisches Gesicht verrieth Gewohnheit des Nachdenkens und Gutmüthigkeit. Sein Staate war Andrei Petrowitsch Berßenjew; sein Kamerad, der blonde junge Mann, hieß Pawel Jakowlewitsch Schubin.

– Warum liegst Du nicht, gleich mir, aus der Brust? begann Schubin. So ist es viel besser. Besonders wenn man dabei die Füße in die Höhe hebt und mit den Hacken aneinander klopft – siehst Du, so! So hast Du den Rasen vor der Nase: fortwährend die Landschaft anzustieren, bekommt man satt; – betrachte Dir einmal ein rundes Käferchen, wie es den Grashalm hinaufkriecht, oder eine Ameise, wie sie geschäftig umherläuft. Das ist wirklich vernünftiger. Liegst Du doch in Deiner pseudo-classischen Positur hingestreckt, wie eine Tänzerin im Ballet, die sich auf einen Felsen aus Pappe stützt. Vergiß nicht, Du hast jetzt volles Recht auszuruhen; ’s ist keine Kleinigkeit; als Dritter aus dem Candidatenexamen hervorzugehen! Ruhen Sie aus, Sir; hören Sie auf, sich anzustrengen, strecken Sie Ihre Glieder!

Schubin brachte diese Rede näselnd in etwas trägem und tändelndem Tone vor (so reden verwöhnte Kinder zu den Freunden des Hauses, die ihnen Zuckerwerk bringen), und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort:

– Was mich am meisten bei Ameisen, Käfern und bei den anderen Herren Insecten in Erstaunen setzt, das ist ihre außerordentliche Ernsthaftigkeit; mit so wichtiger Physiognomie laufen sie umher, als gelte ihr Dasein auch etwas! Der Mensch, dieser Kopf der Schöpfung, dieses höhere Wesen, blickt auf sie herab, und siehe da, sie nehmen keine Notiz davon; ja einer Mücke kann es gar einfallen, sich dem Kopf der Schöpfung auf die Nase zu setzen und dieselbe als eine Nahrungsquelle für sich zu benutzen. Das ist beleidigend. Andererseits aber – weshalb wäre ihr Leben schlechter als das unsere? Warum sollten sie nicht auch wichtig thun, wenn wir es uns erlauben? Wohlan, Philosoph, löse mir diese Aufgabe! Warum sprichst Du nichts? Nun?

– Was willst Du? . . . fragte Berßenjew, aus seinen Träumen erwachend.

– Was? wiederholte Schubin. Dein Freund breitet vor Dir seine tiefsinnigsten Ideen aus und Du schenkst ihm nicht einmal Gehör!

– Ich ergötzte mich an der Fernsicht! Sieh doch, wie jene Felder herrlich im Sonnenschein glänzen! (Berßenjew lispelte etwas beim Sprechen.)

– Der Ton ist fein gehalten, brummte Schubin. Mit einem Worte, Natur!

Berßenjew schüttelte den Kopf.