Die nachstehende Erzählung ist im ersten Monate des Jahres 1828 in meiner Zeitschrift Mitternachtblatt stückweise erschienen, und in einigen anderen Tageblättern, die von der Plünderung leben, auch stückweise nachgedruckt worden. Verächtlicher, ehrloser als der gewöhnliche Nachdruck beliebter und gesuchter Bücher, ist solch’ ein Taschendiebstahl, den gleichsam ein Wanderer an dem Mitwanderer verübt. Er weiß noch nicht einmal, ob die Waare in dem Felleisen des Mitwanderers Beifall auf dem Lesemarkte finden wird; aber er stiehlt sie demselben Stück vor Stück, und trägt sie in seinem Bettel- und Diebessacke hausiren, gleich als ob er unmittelbar vom Verfertiger sie zu diesem Behuf empfangen hätte. Durch den Namen des Letzteren sucht er sich den Anschein einer literarischen Verbindung mit demselben zu geben, und ladet ihm außer den Schaden auch noch die Schande auf, bei einem Theile des Publikums für den Socius eines Lumpensammlers zu gelten. So ehrlos handelt der Bücher-Nachdrucker nicht. Er bestiehlt den Autor, er bestiehlt den rechtmäßigen Verleger; aber er giebt sich nicht für den letzteren, nicht für den Geschäfts-Genossen des Ersteren aus. Er stiehlt, aber er betrügt das Publikum nicht mit dem gestohlenen Gut; er nöthiget seinen Nachdruck denjenigen nicht auf, die schon den Originaldruck besitzen. Das thut nur der journalistische Druckdieb: das Abonnement in der Tasche, liefert er denjenigen seiner Kunden, welche zugleich Abonnenten der von ihm bestohlenen Zeitschriften sind, neue literarische Producte, welche sie schon gelesen haben.
In Hinsicht der Ausbildung des Rechtsbegriffes vom literarischen Eigenthum stehet bekanntlich Deutschland noch auf der untersten Stufe der Europäischen Civilisation, und es würde lächerlich seyn, mitten unter Zigeunern klagen zu wollen, daß man bemauset worden sei. Auch thut das erwähnte tageblätterige Stehlen in der Regel den Dieben mehr Schaden als den Bestohlenen. Allein es setzt eine solche Schamlosigkeit, ein solches Hinausseyn über alles Ehrgefühl, eine solche Behaglichkeit in der Schande voraus, daß nur noch ein kleiner Schritt von dieser Infamie zu einer weit nachtheiligeren zu thun seyn möchte. Wer stückweise stiehlt, der sammelt auch wohl am Ende die gestohlenen Stücken, nähet sie zusammen so gut er kann, und macht aus seinem Nachdrucke des stückweise erschienenen Productes einen Vordruck desjenigen, welches der Verfasser im Ganzen, im unzertrennten Zusammenhange, als für sich bestehendes Buch, herauszugeben berechtiget ist.
Solch’ einem Vordrucke hab’ ich zuvorkommen wollen, und da die Zeitschrift, in welcher die Novelle stückweise (man könnte in Bezug auf Tausend und Eine Nacht sagen: in Scheherazaden-Form) bekannt gemacht worden, meine eigene ist; so kann mir kein Vorwurf daraus erwachsen, daß ich schon nach Verlauf eines Jahres das Erzeugniß als Büchlein herausgebe.
Die typographische Form, in welcher dies geschieht, ist hauptsächlich durch den Umstand bestimmt worden, daß der Kaliber das unerwartete Glück gehabt hat, den deutschen Frauen zu gefallen. Die Tageblätter in ihrer Quartantenbreite kommen in der Regel nicht weiter, als auf die Sopha’s der ausruhenden Leserinnen; was auf ihren Fenstertischchen und auf ihren Geheimschrank’s- (Secretär-) Gesimsen Raum finden soll, muß von kleinerem Kaliber seyn.
Ich nenne den Beifall des schönen Geschlechts ein unerwartetes Glück, weil ich gefürchtet hatte, daß die rechtswissenschaftlichen Spitzfindigkeiten, auf welchen sowohl die Verwickelung als der Ausgang der Geschichte beruhen, für Frauen etwas Störendes haben möchten. Aber dem Kaliber ist dafür auch ein eben so unerwartetes Unglück begegnet: er hat ganz wider seine Absicht einen geschätzten Rechtsgelehrten meines Adoptiv-Vaterlandes allarmirt.
Wer vom Fach ist, kennt den Meinungszwist über die sogenannte öffentliche und die geheime Criminaljustiz, welche letztere schicklicher die Acten-Justiz genannt wird, während die erstere in gewisser Beziehung auch wohl die theatralische heißen könnte. Dort richten, nach Anhörung öffentlicher und mündlicher Verhandlungen, Geschworene aus dem gebildeten Theile des Volkes. Hier thun es, nach Lesung der geschriebenen Acten, die Rechtsgelehrten, welche der Staat als Urthelsverfasser angestellt hat. Beide Arten von Justiz haben, wie alle menschlichen Einrichtungen, ihre Vorzüge und ihre Gebrechen. Der Criminalrichter, welcher die vorliegende Geschichte erzählt, ist zwar ein Beamter der Actenjustiz, berührt aber im Abschnitte XXII. mit wenig Worten einen Vorzug der öffentlichen Justiz, welcher darinne besteht, daß dieselbe die Umstände des Vergehens unter dem Publikum des Thäters, d. h. unter den Leuten, mit denen er leben muß, schneller, vollständiger, überzeugender und also wirksamer bekannt macht, als es durch veröffentlichte Urthelsabschriften geschehen kann. Dieser Vorzug ist, wie man leicht einsehen wird, so gering, daß er bei der Hauptfrage, ob die öffentliche oder die Actenjustiz der Gerechtigkeit am meisten förderlich sei? kaum in Betrachtung kommen kann. Allein der Umstand, daß er der Actenjustiz mangelt, war für den Novellisten von einiger Bedeutung, weil er die Situation verschlimmert, in welcher in dem angezogenen Abschnitte der Held der Geschichte sich befindet. Darum unfehlbar berührte ihn der Erzähler, und wer hätte denken sollen, daß diese Berührung einen Rechtsgelehrten, der über die Vorzüglichkeit der Actenjustiz mit sich einig ist, zu einem öffentlichen Widerspruche aufregen würde?
Gleichwohl ist es geschehen. Der Criminalrath Hitzig in Berlin, in der literarischen Republik eben so rühmlich als in seinem staatsbürgerlichen Wirkungskreise bekannt, hat in seiner allgemein geschätzten Zeitschrift für die Criminal-Rechts-Pflege Bd. 8. Heft 2. S. 421. gegen diese Stelle des Kalibers die Feder ergriffen, und mich für die Aeußerung des erzählenden Criminalrichters verantwortlich gemacht. Er hat es »schmerzlich empfunden, einen Mann wie Müllner, den Deutschland auch zu seinen ausgezeichneten Juristen zählt, die Menge der Sachunkundigen, welche die Actenjustiz eine geheime nennen, in ihrem Mißurtheil bestärken zu sehen.« Er hat meine Stimme für zu »einflußreich« gehalten, als daß sie nicht »Gegenrede nöthig machen sollte, wo sie zu Mißurtheilen führen kann.«
Was ich dem verehrten Manne sowohl auf diese, von der einen Seite für mich nur allzu schmeichelhaften Aeußerungen, als auf die Hauptfrage geantwortet habe, das mag, wer Lust hat, im Mitternachtblatte 1828. Nr. 85 und 86. nachlesen. Hieher gehört nur so viel davon, als nöthig ist, um andere Leser dieser Novelle nicht in Hitzigs Irrthum verfallen zu lassen. Der Criminalrichter in der Novelle, welchem ich mein Bischen belletristischer Darstellungsgabe geliehen habe, ist zwar ein sehr verständiger und menschenfreundlicher Mann, aber seine Gemüths-Neigung für die öffentliche oder theatralische Justiz, die sich auch noch an einer anderen Stelle (XIV.) ausspricht, ist nichts weniger, als meine eigene Neigung. Es giebt nur eine einzige Gattung von Fällen, in welchen ich ein Schwurgericht aus dem Volk lieber richten sehen möchte, als ein Gericht von rechtsgelehrten Staatsbeamten. Es sind die sogenannten politischen Vergehungen. Dieser Begriff ist von so schwankender, beweglicher und dehnbarer Natur, daß weder die Gesetzgebung noch die Doctrin ihn auf eine, den inneren Rechtssinn des Menschen völlig befriedigende Weise fest zu stellen und zu begränzen vermögen. Man möchte daher wünschen, daß in den Fällen dieser Art der betheiligte Staat und seine Beamten lediglich den gesunden Menschenverstand und den Rechtssinn gebildeter Männer des Volkes zur Entscheidung über die Schuld oder Unschuld des Angeklagten beriefen. Aber eben jenes Schwanken des Begriffes politischer Vergehungen macht die Einführung eines Schwurgerichtes für dieselben, als eines besonderen fori causae (eines Fallgerichtes) so schwierig, daß sie dem Practiker füglich für ein Ding der Unmöglichkeit gelten kann. Daher steht der menschenfreundliche Wunsch mit seinem Hauptmotiv gewissermaßen in einem logischen Widerspruche, welcher den Verstand nöthiget, auf den Anspruch des Gefühls zu verzichten.
Es ist hier natürlich nicht der Ort, in diese Materie tiefer einzugehen. Genug wenn die gegenwärtige Skizze meines Glaubensbekenntnisses über die beiden Justiz-Arten meinen freundlichen Gegner und die Leser meines Kalibers überzeugt, daß die Actenjustiz von mir eben so wenig ernstliche Anfechtung zu besorgen hat, als von meinem Criminalrichter, welcher a. a. O. (XIV.) durch die Vorstellung sich hinreißen läßt, wie die reizende Mariane sich ausnehmen würde, wenn sie ihren unglücklichen Verlobten vor den Schranken eines Schwurgerichtes vertheidigen dürfte. Wenn er ernstlich die öffentliche Justiz der Actenjustiz vorzöge, würde er da wohl einen Rechtsfall erzählen, der gerade nur auf dem langsamen Wege der Letzteren zu einem, das Gemüth befriedigenden Ausgange gelangen konnte?
Weißenfels im Februar 1829.Der Verfasser.
Unglücksel’ger! Wunder nur
Können Deinen Unstern wenden;
Aber – so darfst Du nicht enden!Jerta in der Schuld.
Gelegenheit zum Unglück beut die Hölle Freigebig dar.
König Yngurd. IV, 7.
Ein Actenband, den die Verfolgung einer allem Anschein nach weit verzweigten Gaunerbande seit einigen Wochen bis zur Unbequemlichkeit des pflichtmäßigen Lesers aufgeschwellt hatte, hielt mich an meinem Arbeitstische bis zur Abenddämmerung fest, die der unfreundlichen Herbstwitterung wegen früher einbrach, als mein Diener um diese Jahreszeit mir Licht zu bringen gewohnt war. Das Bedürfniß einer kleinen Erholung für den Geist und für die Augen bestimmte mich, diesen Zeitpunkt in meinem Armsessel abzuwarten. Durch das nahe Fenster und durch die sparsam fallenden Flocken des ersten Schnee’s hindurch schweifte mein müssiger Blick über die niedriger als das Amthaus gelegenen Dächer des Städtchens hinweg, bis an den Saum des eine Meile weit entfernten Scheidewaldes, der mein kleines Vaterland von dem benachbarten größeren Staate trennte, doch größtentheils noch zu Jenem gehörte. Dieser weitläuftige, finstere, über einige Bergrücken ausgebreitete und schluchtenreiche Forst war in den letzten Monaten der verschwiegene Zeuge mehrerer Anfälle auf Reisende gewesen, die eine bewaffnete Bande vermuthen ließen, obgleich noch kein Mord von ihr bekannt geworden war. Einen solchen zu entdecken, im Scheidewalde eine mit Wunden bedeckte Leiche aufheben zu können, war mein sehnlicher Wunsch, und – so paradox das auch klingen mag – ich darf ihn menschenfreundlich nennen. Denn ohne kräftige Maaßregeln war die öffentliche Sicherheit schwerlich wieder herzustellen, und der nächste Criminal-Beamte des Nachbarstaates hatte mein Gesuch, das zahlreiche und müssige Grenzmilitär desselben zur Reinigung der Waldung von gefährlichem Raubgesindel zu requiriren, mit der Ausflucht abgelehnt, daß er wegen der, nach gegenwärtiger Einrichtung »permanenten Exerzierzeit« es nicht wagen könnte, bei seiner Regierung auf eine solche Verwendung der Grenztruppen anzutragen, bevor nicht erwiesen worden, daß die muthmaßliche Gaunerbande den Scheidewald mit vergossenem Menschenblute besudelt habe. Daher meine Sehnsucht nach dem Corpus delicti eines Mordes, je kühner, grausamer und empörender, desto besser. Darum hatte ich die dicken Nachforschungs-Acten, und die darin befindlichen Mittheilungen anderer Gerichts- und Polizei-Stellen Blatt für Blatt durchgelesen; und jetzt, wo ich von der mehrstündigen Anstrengung des combinirenden Verstandes ausruhte, spielte sich unwillkührlich mein Wunsch aus dem Begehrungsvermögen in die Region der Einbildungskraft hinüber. Ich sah in dem finsteren Scheidewalde, den die zunehmende Dunkelheit nach und nach meinen Blicken entzog, Raubmörder mit Jagdbüchsen unter den Armen aus ihren Schluchten hervorschleichen; ich sah sie Wanderer mit Geldkatzen um den Leib aus dem Hinterhalte niederschießen, auf das Signal einer Diebespfeife sich vereinigen, schwerbepackte Reisewagen anhalten, die Postillione von den Pferden, die Bedienten von den Böcken, die Passagiere aus den Kutschen reißen, Hülfeschreienden Frauen den Mund mit Tüchern verstopfen, dieselben knebeln, an Bäume binden, mit Dolchstichen zu Tode kitzeln: mit einem Wort, ich sah die Spiegelberge Schiller’s alle Gräuel ihres Handwerkes in einer steigenden Progression von Frechheit und Grausamkeit verüben, ohne dabei etwas anderes zu empfinden, als was etwa ein Schriftsteller empfinden mag, der eben an der blutigsten Scene eines Räuber-Romanes, eines neuen Rinaldo Rinaldini, eines großen Banditen arbeitet.
Aus diesen ergötzlichen Träumen weckte mich endlich mein Diener, indem er, die angezündete Schirmlampe vor mich hinstellend, mir einen Fremden anmeldete, der in dringenden Amts-Angelegenheiten mich zu sprechen begehre. Er hatte sich Ferdinand Albus, Handlungsdiener aus B. . . genannt, und seine Frage nach mir mit so anständiger Sitte vorgebracht, daß der Diener es schicklich gefunden hatte, ihm den von Schnee bestäubten Mantel sammt Hut abzunehmen, und ihm das Besuchzimmer zu öffnen, obschon dasselbe weder geheitzt noch erleuchtet war. Ich befahl ihm diese Unschicklichkeit zu verbessern, den Fremden in mein Arbeitszimmer zu führen, und offene Lichter zu bringen. Er trat ein. Ein schöngewachsener junger Mann in hellfarbigem Reise-Ueberrocke, und soviel der Schatten meines Lampenschirmes unterscheiden ließ, von feinen und einnehmenden Gesichtszügen. Doch ungeachtet jenes Schattens erschien mir sein Antlitz so auffallend bleich, daß ich ihn für krank zu halten geneigt war. Mit höflicher Verbeugung ging ich ihm einige Schritte entgegen, und es kam mir seltsam vor, daß er, den mir mein Diener als einen »feinen und anständigen Herrn« angekündigt hatte, dieselbe nicht erwiederte, sondern aufrecht stehen blieb, wie ein Zerstreuter, der nicht weiß, wo er sich eben befindet, oder vergessen hat, was er daselbst wollte.
»Welchem Geschäfte, mein Herr, verdanke ich die Ehre?« – redete ich ihn an.
»Dem Entsetzlichsten, Herr Criminalrichter!« antwortete er mit einer heiseren Stimme, welche nur die Anstrengung vernehmlich zu machen schien: »Mein Bruder – mein leiblicher Bruder, der Kaufmann Heinrich Albus, ist in diesem Augenblicke – vor meinen Augen, an meiner Seite – von einem Räuber erschossen worden.«
»Wo?« frug ich rasch, und unfehlbar mit einem Tone, der ihn befremden mußte, da derselbe besser zu meiner obenerwähnten Sehnsucht nach einer Leichen-Aufhebung, als zu seinem Entsetzen passen mochte.
Er zögerte einige Sekunden mit der Antwort und sagte dann: »Im Scheidewalde, Herr Criminalrichter.«
Diese Antwort hatte ich erwartet, denn ich hatte sie gewünscht; aber jetzt fiel mir der Widerspruch auf, in welchem sie mit den Worten der Nachricht zu stehen schien. »In diesem Augenblicke, sagten Sie? Es ist eine starke Meile –«
»Oh mein Gott!« – rief er mit erschütterndem Tone aus: »was sind Augenblicke, was ist Zeit, was ist Ewigkeit in meinem Zustande? Hier – hier – (er drückte die Hand gegen die Stirn) hier steht das entsetzliche blutige Bild – ewige Gegenwart – keine Vergangenheit mehr – keine Zeit – kein Raum –«
Der Athem schien ihm zu gebrechen. Der Diener brachte die Lichter. »Fassen Sie sich, mein Herr,« sagte ich, indem ich ihn bei der Hand nahm, und von der Thür weg nach dem Sopha führte. Jetzt war das Gesicht erleuchtet. Der Ausdruck eines tiefen, ungeheuren Schmerzes sprach mich aus den thränenlosen Augen an. Der eben unterdrückte Ausbruch der Empfindung schien die Wangen mit einem matten Roth bedeckt zu haben, das bald wieder verschwand.
»Sie müssen verzeihen« – nahm er nach einiger Erholung wieder das Wort: »wenn ich nicht berichte, wie ich sollte vor dem Beamten, mit Klarheit und Ordnung. Was geschehen ist, was ich gesehen, was ich empfinde – es verwirrt sich auf meiner Zunge – ich weiß so wenig zu unterscheiden, ob ich recht spreche, als ich weiß, ob es das Rechte ist, was ich gethan habe nach dem gräßlichen Unglück.«
»Erlauben Sie mir, zu Ihrer Erleichterung, Ihnen den Hergang abzufragen, wie wir Untersuchungs-Männer gewohnt sind. Ihr Bruder fiel durch einen Schuß?«
»Ja.«
»An Ihrer Seite?«
»Er verschied in meinen Armen.«
»Sie reis’ten Beide allein? zu Fuß?«
»Ja. Mein Bruder hatte eine Zahlung in M. . . zu leisten. Er hoffte leichter davon zu kommen, wenn er es in Person thäte. Wir haben von B. . . aus nur 4 Stunden dahin auf dem Fußwege durch den Wald. Ich begleitete ihn.«
»Und hier wurden Sie angefallen? Von Einem oder von Mehreren?«
»Von Einem, so viel ich weiß.«
»So viel Sie wissen? Es war doch noch Tag?«
»Ja. Ich sah den Räuber nur im Fliehen. Wir waren gegen 100 Schritte auseinander gekommen, ein natürliches Bedürfniß hatte mich verweilt. Ich höre einen Wortwechsel, einen Hülferuf. Ich eile, ich bekomme ihn wieder zu Gesicht. Er ringt mit einem wilden Menschen. Ein Schuß fällt – oh Jesus! Jesus! mein Heiland!« – –
»Ihr Bruder war ohne Waffen?« frug ich nach einer Pause, die ich ihm zur Erholung gönnen zu müssen glaubte.
»Ein schwacher Stockdegen, sonst nichts.«
»Und Sie selbst;«
»Ein doppelläufiges Terzerol. Ach Gott, Gott! das war sein Tod!«
»Wie? Ihr Feuergewehr?«
»So fürcht’ ich. Ich riß es aus dem Gürtel, als ich zu Hülfe eilte. Als der Räuber mich sah, schoß er und warf sich in das Dickicht. Heinrich sank zusammen. – Ich sprang in das Gebüsch, ich schickte dem Fliehenden eine Kugel nach, eilte zurück – – vergebliche Hoffnung! Er war tödtlich getroffen, in die Brust. Noch lebte er – in meinen Armen – » »Rette dich – dich Ferdinand« – – O Elend, o Jammer!«
Er warf sich an meinen Hals, und heiße Thränen entstürzten seinen Augen. Tröstende Worte wären hier nicht am Platze gewesen. Ich richtete ihn sanft von meiner Schulter auf, reichte ihm mein Tuch zum Trocknen seiner benetzten Wangen, und fuhr erst nach einigen Minuten in der schmerzlichen Ausfragung fort.
»Die Mahnung des Sterbenden an Ihre eigne Rettung war, in diesem Augenblicke, so edelherzig als besonnen; die Flucht des Räubers und Ihr Schuß nach ihm stellten Sie nicht sicher vor einer Kugel aus dem Gebüsch. Sie verließen sogleich den Platz der Gefahr?«
Er verneinte stumm. Ich glaubte auf Nebendinge ablenken zu müssen, die nicht unmittelbar das Bild des Verscheidenden in ihm auffrischen möchten.
»Sie sind im Besitz Ihrer Waffe geblieben?«
Er schien sich zu besinnen, und knöpfte den Ueberrock auf. Er trug unter demselben einen breiten ledernen Gürtel, der mit Terzerolhaltern versehen war. Aber Beide waren leer.
»Das Gewehr –« sagte er: »ich weiß bei Gott nicht genau –«
»Es ist nicht wesentlich. Sie ließen es vielleicht zurück in der Bestürzung. Aber – Sie sind doch nicht selbst verwundet?«
»Nein.«
»In Ihren Armen verschied der Unglückliche, und die Blutflecke auf Ihrer Brust? –«
Er starrte darauf nieder. »Mein Blut« – sagte er dumpf und langsam: »meines Vaters Blut! Oh du schauderhafte Farbe!« In der That schien ein fieberischer Schauder über ihn zu kommen bei diesem Anblick, von dem er sich doch nur mit Mühe losreißen konnte.
»Meine Brust« – fuhr er wehmüthig fort: »hat seine Todeswunde geküßt, wie mein Mund seine erkaltenden Lippen. Ich weiß nicht, wie lang’ es gedauert hat, ehe ich daran dachte, was ich thun sollte. Die Goldbörse, die Brieftasche, die Uhr, nahm ich zu mir. Hier sind sie. Das nächste Criminalamt wollte ich noch vor Nacht erreichen. Doch in dem Dorfe vor dem Walde fiel mir ein, daß ich auch dem Landschöppen anzeigen könnte, was geschehen sei. Ich beschrieb ihm den Weg, den Platz, und erfuhr von ihm Ihren Namen und Wohnort. Er versammelte Bauern, die sich mit Heugabeln bewaffnen mußten, und versicherte mich, daß die Leiche, wenn man sie noch fände, bis auf weiteren Befehl von Ihnen, an Ort und Stelle bewacht werden sollte.«
Da hatt’ ich denn also auf einmal den erwünschten Fall, welchen die benachbarte Justiz abwarten wollte, ehe sie die Grenztruppen vom Exerciren abmüßigen mochte. Ich befahl, meinen Wagen bereit zu halten, die Gerichtsfolge aufzubieten, die Leute mit Fackeln zu versehen, und die beiden Medizinal-Beamten des Bezirks einzuladen, daß sie mich entweder sofort begleiten, oder mir sobald als möglich nach Waldrainsdorf folgen möchten, um an einem Ermordeten ihr Amt zu verrichten. Mittlerweile wurde die Anzeige des Handlungsdieners Albus gesetzmäßig zu Protokoll genommen. Er wiederholte die Erzählung der Thatsachen mit ziemlicher Fassung doch nicht ohne leise Schmerzens-Ausrufungen, die sich unwillkührlich aus seiner Brust drängten, während seine Worte niedergeschrieben wurden. Er bestimmte alle Umstände, die vor der Mordthat lagen, klar und befriedigend, und nur zu einer genauen Beschreibung der Gestalt und Kleidung des Räubers schien das Gedächtniß ihm den Dienst zu versagen, was er selbst mit den Worten entschuldigte: »Gesehen – gesehen habe ich eigentlich nichts, als den Heinrich; sein Zusammensinken ließ mir keinen Sinn, kein Auge, kein Bewußtseyn mehr, um einen Eindruck von der Gestalt, von den Kleiderfarben des Entfliehenden aufzunehmen. Der entsetzliche Gedanke, daß er tödtlich getroffen seyn könnte, betäubte mich für jede andere Vorstellung.«
»Vielleicht« – sagte ich: »werden in Ihrer Erinnerung einige Merkmale wieder wach, wenn Sie zurückkommen an Ort und Stelle.«
»Muß ich das?« fragte er mit dem Ausdruck der Scheu vor neuer Gemüths-Erschütterung.
»Nothwendig. Ihre Anerkennung des Verwandten darf nicht fehlen.«
Er machte keine Einwendung dagegen. Seine sichtbare physische Erschöpfung veranlaßte mich, ihm vor unserer Abfahrt eine Erfrischung anzubieten. Er genoß nicht mehr davon, als ein kleines Glas Rheinwein. Im Wagen war er stumm, und schien bisweilen von fieberhaften Frostschauern befallen zu werden. Als wir langsam über die hohe Bogenbrücke des . . . Stromes fuhren, wurde er aufmerksam, sah aus dem Schlage, und sagte mehr für sich als zu mir: »Hier, hier war es.«
»Sie haben über diese Brücke gehen müssen,« erwiederte ich: »ist Ihnen hier etwas aufgestoßen?«
Er lehnte sich in den Wagen zurück, drückte das Taschentuch auf die Augen, und antwortete dumpf: »Der Gedanke des Selbstmordes!« – »Ja« – fuhr er fort, indem er von neuem einen scheuen Blick aus dem Wagen warf: »der Anblick dieses schwachen Geländers erinnert mich daran! Der Fackelschein erleuchtet den Abgrund, den ewigen, an welchen die Verzweiflung mich geführt hatte.«
Das Eingeständniß eines solchen Gedankens fiel mir auf. Dieser Grad von Verzweiflung schien dem Falle nicht angemessen. »War der Unglückliche« – fragte ich: »der erste nahe Blutsverwandte, den Sie verloren?«
»Aber unter solchen Umständen, mein Herr?« erwiederte er in einem so schmerzvollen Tone, daß mich das Mitgefühl schweigen hieß.
Vor euch, ihr Kraniche dort oben,
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag’ erhoben.Schiller, Kr. d. Ibykus.
Jenseits der Brücke kam mir ein reitender Bote mit der Nachricht entgegen, daß die Leiche gefunden worden sei. Kein Eindruck auf meinen Begleiter. Ich ließ, ohne in Waldrainsdorf anzuhalten, bis an den Saum des Waldes fahren. Hier stiegen wir aus, und gingen zu Fuß in das Gehölz. Albus folgte tief in den Mantel gehüllt, schweigend, in sich versunken, wie es schien; aber mit festen Schritten, die er beschleunigte, je näher wir den Laternen der Bauern kamen, welche die Leiche bewachten. Die Scheu vor Todten, die Geisterfurcht, hatte sie von derselben beträchtlich entfernt. »Noch nicht,« sagte Albus, als wir bei den Bauern ankamen, und eilte weiter. Ich hatte Mühe mit den Fackelträgern ihm zu folgen. Plötzlich blieb er wie eingewurzelt stehen. Drei Schritte von ihm, dicht neben dem Wege, lag der Entseelte. Albus warf den Mantel zurück; die gefalteten Hände verwendet über dem Kopfe haltend, starrte er einige Sekunden lang auf ihn nieder. »Oh Entsetzen! Entsetzen! Entsetzen!« schrie er markdurchschneidend auf. Dann warf er sich über den Todten und verbarg das Gesicht an seiner blutigen Brust. Seine Stimme, die bis zu einer ungewöhnlichen Stärke sich erhoben hatte, und der Schein der Fackeln, die sich jetzt hier auf Einem Punkte sammelten, hatte die Raben in den Wipfeln der hohen Bäume aus ihrem Schlummer geweckt. Mit Geschrei flogen sie auf. Albus richtete sein Gesicht empor, streckte eine Hand gen Himmel, und rief: »Ha, Kraniche – Kraniche des Ibykus! Verfolgt den Mörder! Krächzet über ihm im Theater – in der Kirche – am Altar!« Er schien in dieser Stellung zur Bildsäule geworden. Der Racheruf hatte so erschütternd auf die Hörer gewirkt, daß Niemand wagte ihn anzureden. Nun aber ballte er die ausgestreckte Hand, legte sie wie ein Verzweifelnder auf seine Stirn, und rief mit dem Tone des gewaltigsten Schmerzes: »Nein, nein, nein! Es ist unmöglich! Mariane – Mariane! Du kannst es nicht tragen – ich kann es nicht tragen! Beide – Beide – verloren!« Die Stimme schwand bei dem letzten Worte, sein Gesicht fiel zurück auf des Bruders Brust, seine Sehnen schienen zu erschlaffen. Ich faßte ihn unter dem Arm, um ihn aufzurichten. Es gelang mit Mühe. Leichenblässe bedeckte seine Wangen. Ein Seufzer, der einem Röcheln glich, entwand sich seiner Brust, und ehe mein Wink an den Nächststehenden befolgt werden konnte, sank er bewußtlos an mir nieder.
Mit keinem der Mittel versehen, womit man Ohnmächtige zum Bewußtseyn zurückzurufen pflegt, blieb mir nichts übrig, als ihn auf der Tragbahre, die für den Erschlagenen bestimmt war, in meinen Wagen tragen zu lassen. Ich befahl, ihn eilig nach Waldrainsdorf zu fahren, wo inzwischen der Arzt angekommen seyn konnte. Die Tragbahre kam zurück. Nicht starr, aber noch leblos, hatte man ihn in den Wagen gebracht. An eine rechtsförmliche, besonnene Anerkennung des Ermordeten an Ort und Stelle war nicht mehr zu denken. Die Leiche desselben wurde ordnungsmäßig aufgehoben, das Nöthige von dem Actuar in die Schreibtafel verzeichnet, und der Todte nach dem Dorfe getragen, wo ich einen zweiten zu finden fürchten mußte.
Wir folgten der Bahre. Niemand sprach ein Wort. Mancherlei Gedanken gingen durch mein Gehirn. Auch der unwürdige Verdacht, daß der Zeuge des Mordes selbst der Mörder seyn könnte, tauchte aus dem Gewirr derselben auf, und wollte sich dem Verstande aufdringen, während ihn das bewegte Gemüth mit Unwillen zurückwieß. Dem Criminal-Richter wird man solch einen Gedanken zu gut halten. Dieses Geschäft gewöhnt auch den gutmüthigsten Menschen daran, Anderen die größte Bösartigkeit zuzutrauen. Doch Verstand und Gemüth wurden mit einander einig, ehe ich in das Dorf kam. Der gräuliche Verdacht hatte im Grunde nichts, worauf er sich stützen konnte, als das Uebermaaß von dem Schmerze des Ferdinand Albus, und die Apostrophe an eine »Mariane.« Diese mußte mir, der ich beide Brüder vorher kaum dem Namen nach gekannt hatte, nothwendig dunkel seyn. Doch dunkel erinnerte ich mich auch, in einer Gesellschaft zu B. . . von einem jungen Kaufmann Albus als von einer practikablen Heiraths-Parthie reden gehört zu haben. Jene Mariane konnte des Erschlagenen Geliebte oder Braut seyn, und dann reichte die Bruderliebe, welche den heftigen Schmerz des Ferdinand erklärte, auch zur Erklärung der dunkeln Apostrophe hin.
In Waldrainsdorf fand ich im Hause des Landschöppen den Arzt und den Wundarzt mit Ferdinand beschäftiget. Seine Sinne waren wieder erwacht, aber die Besinnung schien noch nicht zurückgekehrt zu seyn. Er sprach nicht, und nur zweifelhafte Zeichen ließen vermuthen, daß er verstehe. Eine Krankheit war nach der Meinung des Arztes im Anzuge. Den Ausbruch derselben hier abzuwarten, hielt er für bedenklich. Ich erbot mich gern, den Leidenden vor der Hand in mein Haus aufzunehmen, und mein Bedienter erhielt den Befehl, ihn im Wagen dorthin zu begleiten, und bis zu unserer Zurückkunft so für ihn Sorge zu tragen, wie es der Arzt vorläufig anzuordnen für gut fand.
Die Leichenöffnung, die man in Criminalfällen nie ohne die dringendeste Noth aufschieben soll, wurde vorgenommen. Kein Zweifel über die Ursache des gewaltsamen Todes von dem jungen, durchaus gesunden Manne. Die Kugel war auf der linken Seite in die Brust gegangen, hatte Herz und Lunge verletzt, und fand sich, kaum merklich gedrückt, am rechten Schulterblatte, welches zu zerbrechen ihre Kraft nicht hingereicht hatte. Der Stockdegen des Erschlagenen war am Platze der Ermordung gefunden worden. Er schien den Versuch gemacht zu haben, ihn zu entblößen, denn derselbe war eine Handbreit aus der Scheide gerückt. Ferdinands Terzerol, das ich dort vermuthet hatte, fehlte. Die Bauern, die noch bei Tage die Leiche erreicht hatten, wollten keines bemerkt haben, und das Suchen darnach in dem nahen Gestrüpp, bei Fackelschein, war vergeblich gewesen.
– – – Die Braut
Des Bruders, Mensch! und Liebe?Basil in der Albaneserin. III, 4.
Gegen Mitternacht kam ich zurück. Meine Mutter und meine Schwester hatten sich des Kranken sorgsam angenommen; er lag zu Bett. Der Arzt fand ihn im Fieber, aber bei vollem Bewußtseyn. Ich bat ihn daher sofort um die nöthige Auskunft über die häuslichen Verhältnisse des Verunglückten. Derselbe hatte, außer Ferdinand und einem mütterlichen Oheim in Philadelphia, keinen Blutsverwandten am Leben. Ein Handlungsdiener, ein Lehrling und ein Markthelfer machten seinen Hausstand aus. Ferdinand selbst war zweiter Commis des Wechslers, Kammerrath Brand, und wohnte im Hause seines Principals. Es war daher nöthig, dem Civilgericht in B. . . Nachricht von dem Unfalle zu geben, um die Versiegelung des Mobiliarnachlasses, die Inventur der Handlung und die Bestellung eines Administrators der Letzteren zu veranlassen. »Vielleicht« – bemerkte ich: »wären diese Weitläuftigkeiten zu vermeiden oder zu vermindern, wenn Sie selbst morgen zurückreisen könnten; denn Sie sind der Erbe.«
»Wer? Ich?« antwortete er mit Befremdung.
»Wenn kein Testament vorhanden ist, ohne Zweifel.«
Dies schien ihn zu beunruhigen. Er fragte mit einer Art von Aengstlichkeit, ob er diese Erbschaft annehmen müsse. Als ich ihm erwiederte, daß er dieselbe ausschlagen könnte, wenn er das Vermögen den Schulden nicht gewachsen fände, ließ er eine Empfindlichkeit des kaufmännischen Ehrgeizes blicken, und erklärte seine Bedenklichkeit gegen die Annahme der Erbschaft dadurch, daß er nie daran gedacht habe, seinen Bruder zu beerben, der nur um wenige Jahre älter gewesen, als er selbst, und unfehlbar geheirathet haben würde. Als er vernahm, daß ich mit Tages-Anbruch die gerichtliche Anzeige nach B. . . senden würde, bat er um Material zu zwei Zeilen an seinen Principal. Der Versuch mit Feder und Dinte zu schreiben, mißlang seiner Schwäche. Doch mit der Bleifeder brachte er die Worte auf das Papier: »Heinrich ist ermordet, ich liege krank, aber nur Erschöpfung, bringen Sie es Ihrer Tochter mit Vorsicht bei, ehe sie das Gerücht erfährt. Ich bitte um andere Kleider und Wäsche.« Ich siegelte das Billet, überschrieb es an den Kammerrath Brand »zu eigenhändiger Eröffnung,« sprach diese Worte laut, und bemerkte absichtlich, daß sie mir nöthig schienen, damit der Brief auf keinen Fall von Fräulein Marianen geöffnet werde. Es fiel ihm nicht auf, daß ich den Namen wußte.
»Sie wird nicht,« sagte er: »und am Ende –« Er wendete sich ab, seufzte beklommen, und verbarg sein Gesicht in dem Kissen. Ich zweifelte nicht mehr, daß er den Schmerz im voraus mitfühlte, womit die traurige Nachricht die Braut seines Bruders erfüllen würde.
Fernando –
Kann sie nicht hassen, denn sie glüht für ihn.Albaneserin. II, 5.
Am andern Mittag, ehe mein Bote noch zurück seyn konnte, fuhr eine Reise-Equipage bei mir vor, und der Kammerrath Brand ließ sich anmelden. Ich empfing ihn in dem Zimmer meiner Mutter, welches geheizt, aber in diesem Augenblicke leer war. Er trat ein, ein junges Frauenzimmer am Arm. Es war seine Tochter Mariane. Keine regelmäßige, keine Maler-Schönheit, aber ich habe nie eine Frauengestalt und ein Frauenangesicht gesehen, welche bei’m ersten Anblick die sinnliche Natur des stärkeren Geschlechtes mit gleicher Macht hätten gefangen nehmen können. Etwas über die mittlere Frauengröße; ein majestätischer Wuchs, zu kraftvoll und üppig, als daß er neben den künstlichen Wespentaillen unserer Ballsäle für schlank hätte gelten können, doch mit allen Reizen des Ebenmaaßes geschmückt; schwarzbraunes Haar, feurige und seelenvolle Augen, die Blüthe der Jugend und Gesundheit auf den Wangen und auf den Lippen; ein schön gebogener Nacken, ein Hals von der Farbe der Lilie, wenn der Schimmer des Abendrothes auf ihren Blättern spielt; eine sanft gewölbte Brust, ein Busen, den seine Hülle nur mit Aufopferung ihrer Falten gefangen hielt; volle weich abgerundete Arme und Hüften; mit einem Worte Alles, was vermittelst des Auges den sinnlichen Trieb in Bewegung setzen kann, ohne den Schönheitssinn, den sogenannten Geschmack, zu verletzen.
Nachdem der Vater, ein hagerer Mann von freundlicher, aber nicht einnehmender Miene und mit einer ziemlich jüdischen Physiognomie, die gewöhnliche Bitte um Verzeihung vorgebracht, und ich das Gewöhnliche darauf erwiedert hatte, führte ich das reizende Mädchen zur Ottomane, und lud sie mit der Geberde ein, Platz darauf zu nehmen. »Ich bitte, mein Herr!« sagte sie mit einer angenehmen, glockenhellen Stimme, deren Schwingungen deutlich verriethen, daß ihr Gemüth sehr bewegt war. Es war jedoch nicht Schmerz, sondern Beunruhigung, was mich in diesen Tönen anklang; ich fühlte an ihrer Hand ein leises Zittern, und sie ließ sich auf eine Art nieder, welche zu erkennen gab, daß die Stellung der Ruhe mit ihrem Gemüthe nicht im Einklange war. Eine ungeduldige Aengstlichkeit schien Fragen auf ihre Zunge drängen zu wollen, welche sie mit Mühe zurückhielt, um dem Vater die Initiative der Unterredung zu überlassen. Hat man sie – dachte ich – noch in Zweifel gelassen über die Größe des Unglückes, welches sie betroffen hat? Ich wendete mich schnell wieder zu dem Alten.
»Sie kommen unfehlbar, Herr Kammerrath, um zu erfahren, wie lange Sie Ihren Geschäftsgehülfen werden entbehren müssen. Der Schlaf hat ihn sehr gestärkt, die Besorgnisse des Arztes sind größtentheils verschwunden, doch soll er noch das Zimmer nicht verlassen, und meine Mutter hat sich gleichsam darin angesiedelt, damit die Einsamkeit seinen Trübsinn nicht vermehre.«
»Nur Trübsinn?« sagte Mariane lebhaft, indem sie aufstand, sich mir nahte, und die zitternde Hand auf meinen Arm legte. »Oh ich bitte Sie, Herr Criminalrichter, sagen Sie mir Alles! Ist es nur Trübsinn, nicht Verzweiflung, nicht Raserei gegen sich selbst? Ist irgend eine Waffe, ein gefährliches Werkzeug in seiner Nähe? O Gott! Gott! ich zittre für ihn. Wenn er irgend etwas verschuldet hat, wenn er glaubt, etwas verschuldet zu haben, wenn er sich einbildet, daß er seinen Bruder hätte retten können; so ist sein Trübsinn fürchterlich, so ist er des Aeußersten fähig.«
Das Alles wurde so schnell gesprochen, daß ich auf die einzelnen Fragen nicht hätte antworten können, wenn mich auch dazu die Ueberraschung hätte kommen lassen, die Herzens-Verhältnisse ganz anders zu finden, als ich vermuthet hatte. Das war offenbar nicht die Geliebte des Ermordeten, welche fragte; es war die Geliebte Ferdinands, oder es war wenigstens nicht Jener, sondern Dieser, welchen sie liebte. Wußte das Ferdinand selbst noch nicht, als er an der Leiche seines Bruders ausrief: »Mariane, du kannst es nicht tragen!« Diese Unwahrscheinlichkeit fiel mir auf das Herz, auf das criminalistische, möcht’ ich sagen.
»In der That, mein Fräulein,« erwiederte ich: »Herr Albus hat Spuren einer Verzweiflung blicken laßen, die seinem eignen Leben hätten gefährlich werden können. Er hat mir sogar eingestanden, daß er nach dem Unglück, auf der Brücke von Eichdorf, von dem Gedanken an Selbstmord überfallen worden. –«
»Oh sehn Sie – sehn Sie wohl, Vater!« fiel Mariane ein.
»Doch« – fuhr ich fort: »er gestand den Gedanken mit dem Abscheu eines Christen; diese Gefahr ist vorüber.«
»Sie kennen ihn nicht, mein Herr! Sie haben keine Vorstellung von dieser entsetzlichen Reizbarkeit, von dieser schrecklichen Heftigkeit im Unglück. Nicht im Unglück, das ihn trifft, aber im Unglück, das er veranlaßt. Ach, das kennt niemand so, wie ich, die Monate lang davor gebebt hat, den Schuß fallen zu hören, der sein Gehirn zerschmettern würde!«
»Das war ein sehr verschiedener Fall, meine Tochter,« – sagte Herr Brand beschwichtigend.
»Wer weiß das? Wer bürgt dafür, daß die Fälle sich nicht ähnlich sind, wie das Ei dem Ei, wenigstens in seinem Gehirn? Voriges Frühjahr, mein Herr, will er das Pferd des Buchhalters reiten, das Keinen aufsitzen läßt, außer seinen Herrn. Es will nicht halten, er erzürnt sich, schlägt das Thier mit Wuth, endlich überlistet er es durch einen Sprung und kommt in den Sattel. Das Pferd steigt, springt zur Seite, schlägt aus, und trifft den jüngsten Knaben des Kutschers, der nicht schnell genug die Stallthür erreichen kann. Da – da hätten Sie ihn sehen sollen! Das blutende, betäubte Kind in den Armen, stürzte er mir auf der Hausflur entgegen. Die Knie konnten ihn selbst kaum noch tragen. Ich trug den Knaben in das nächste Zimmer und rief nach Hülfe. »Vergebens! Vergebens!« rief er heulend aus: »todt! durch mich!« – Krampfig schlug er die Hände in seine Haare, und rannte die Treppe hinauf. Ich eilte ihm nach, so schnell ich konnte. Eben riß er das Pistol von der Wand; wie ein Rasender rang er mit mir darum. Nur die Angst gab mir die Stärke, es ihm zu entreißen, und wären nicht Männer dazu gekommen, die ihn zu halten vermochten, wahrlich! er würde sich die Stirn an der Wand zerschmettert haben. Sehn Sie, so ist er, so entsetzlich bei dem besten, edelsten Herzen!«
»Im ersten Augenblicke des Gefühls einer Verschuldung –«
»O nein, nein! Das kommt wieder bei ihm. Die Lebensgefahr des Kindes, so lange sie dauerte, war auch die seinige. Selbst den Gedanken, daß der Knabe, aufgeweckt sonst und verständig, eine Stumpfheit des Geistes zurück behalten könnte, wie man Anfangs besorgte, konnt’ er nicht ertragen. Es gab Stunden, wo die Besorgniß des Arztes ihm für entschiedene Gewißheit galt, und ich weiß, daß nur ich
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