An der Straße nach Nimes, bei der Brücke über den Gard – die man, im Vorbeigehen gesagt, mit Unrecht eine Brücke nennt, da es eine Wasserleitung ist, in der aber nichts, selbst kein Wasser mehr fließt – eine Viertelstunde ehe man an den Fluß und mithin an diese Brücke kommt, liegt ein freundliches Dörfchen, mit Namen Lafou. Wer etwa die Brücke über den Gard besucht, was ich Jedem rathe, der kehre zum Frühstück in dem Dörfchen Lafou ein. Es hat nur ein einziges Wirthshaus und man kommt daher nicht wegen der Wahl in Verlegenheit; aber man wird hier eben so gut und selbst besser bedient, als wenn eine Concurrenz zwischen mehreren Gastwirthen stattfinde. Man wird in ein großes Gastzimmer geführt, dessen Tapete die merkwürdigsten, mit ziegelrother Staffage von Menschen und Thieren belebten Weltansichten darstellt; man sieht hier die Statue Peters des Großen in St. Petersburg, den Westminsterpalast in London, die Börse von Paris, den Pozellanthurm in Peking, eine Tigerjagd, den Tod des Capitain Cook und das Grab des Kaisers in St. Helena. Geschichte, Denkmähler, Poesie, nichts fehlt hier; Alles ist auf einem rosenrothen Grunde gemalt und wird von blauen Bäumen beschatten Was aber noch besser sein wird, als dies Alles, obgleich es, wie ich glaube, schon sehr amüsant ist, wenn man lachen kann, indem man die Wände betrachtet, das ist das Frühstück, das man bekommt und das ein- für allemal aus folgenden Gerichten besteht: ein Schweinsfuß mit Trüffeln, Liebesäpfel mit Eiern oder Eier mit Liebesäpfeln, Erdbeeren im Sommer, Feigen, Mandeln, Rosinen und Haselnüsse im Winter, dazu eine Flasche ausgezeichneten starken Wein, mit einem Parfüm wie Alicante; und wenn man dann fragt, was man für diesen Schmaus schuldig ist, so erhält man zur Antwort: drei Franken! Man hat also hier für drei Franken besser gefrühstückt, als für fünfzehn Franken in Paris!
Leider sind es nicht diese erfreulichen Bilder, die Erinnerungen von einer Reise, die ich vor Kurzem durch jene Gegend gemacht habe, die ich dem Leser in der nachstehenden Erzählung vorführen werde; es ist eine sehr traurige, sehr Unglückliche Geschichte, die ich erzählen will und deren Schauplatz das Dörfchen Lafou war.
An einem heiteren Abende des Monats April 1825 wanderte ein noch junger Mann von kaum einundzwanzig Jahren, mit offenem, heiterem und sanftem Gesicht, allein auf der erwähnten Straße von Nimes nach der Gardbrücke zu. Es hatte eben sieben Uhr geschlagen, und der, in einen schwarzen Oberrock, ein ächtes Reisebeinkleid von grauer Leinwand, nebst einer Mütze von Zwillich gekleidete junge Reisende schritt rüstig, mit der einen Hand sich den Schweiß vom Gesicht trocknend und mit der andern den Reisestock schwingend, vorwärts.
Bald hatte er die ersten Häuser des Dörfchens Lafou erreicht, und zugleich griff er in die Tasche, zog eine Brieftasche hervor, nahm aus dieser einen Brief, den er in der Hand behielt und ging dann auf einen, vor seinem Hause stehenden Landmann zu.
»Könnt Ihr mir nicht sagen, Freund,« redete er ihn im richten pariser Dialect an, »wo Herr Raynal der Pfarrer von Lafou, wohnt.«
»Eben ging Herr Raynal hier vorbei,« antwortete ihm der Bauer mit sehr deutlichem südlichem Accent und indem er die rechte Hand ausstreckte; »kaum kann er sein Haus erreicht haben. Er wohnt dort in dem kleinen, an die Kirche angebauten Häuschen.«
Der junge Mann dankte für die erhaltene Auskunft und ging auf das bezeichnete Haus zu.
Er hatte nicht weit zu gehen, denn das Dorf ist nicht groß.
Das Haus des Pfarrers, das, wie der Bauer gesagt hatte, an die Kirche stieß, bestand aus einem Erdgeschoß, dem ersten Stockwerk und einer Art Dachboben. Es theilte mit dem Gottesacker den hinter der bescheidenen Kirche liegenden Raum.
Es ist nicht nöthig zu erwähnen, daß dieser Gottesacker nicht groß war, und daß zu dieser Tagesstunde die Kinder aus dem Dorfe in demselben spielten.