Old Firehand
Karl May




Karl May

OLD FIREHAND





Old Firehand


Mein Fr?hling ging zur R?ste,

Ich wei? gar wohl warum:

Die Lippe, die mich k??te,

Ist worden k?hl und stumm.


So klang es ?ber die weite Ebene hin, und Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren, schnaubte freudig durch die N?stern und hob grazi?s die feinen Hufe wie zum Menuett.

Warum grad dieses Lied, welches ich zuletzt vor drei Monaten in Cincinnati von einer Tyroler Gesellschaft geh?rt hatte, mir ?ber die Lippen t?nte, ich wei? es nicht. Noch hatte mich kein Mund gek??t, und mein Fr?hling konnte also wohl beginnen, doch beileibe nicht schon zu Ende sein; aber das Leben war mir bisher Nichts gewesen als ein Kampf mit Hindernissen und Schwierigkeiten; ich war einsam und allein meinen Weg gegangen, unbeachtet, unverstanden und ungeliebt, und bei dieser inneren Abgeschiedenheit hatte sich eine Art Weltschmerz in mir entwickelt, zu welchem der klagende Inhalt dieser Strophen recht gut pa?te.

Schon neigte sich die Sonne demjenigen Theile der Rocky-Mountains, welcher die Grenze zwischen Nebraska und Oregon bildet, zu, und noch immer lie? sich keine Senkung der mit gelbbl?hendem Helianthus ?bers?eten Ebene wahrnehmen. Das Pferd bedurfte der Ruhe; ich selbst war m?de, und so sehnte ich mich je l?nger desto mehr nach New-Venango, wo ich mich von langer Wanderung einmal einen ganzen Tag lang geh?rig ausruhen und die ziemlich alle gewordene Munition wieder erg?nzen wollte.

Pl?tzlich hob Swallow das K?pfchen seitw?rts und stie? den dampfenden Athem mit jenem eigenth?mlichen Laute aus, durch welchen das ?chte Prairiepferd das Nahen eines lebenden Wesens signalisirt. Mit einem leisen Rucke war es zum Stehen gebracht, und ich wandte mich auf seinem R?cken, um den Horizont abzusuchen.

Da, seitw?rts von meinem Standorte, nahte ein Reiter, welcher grad auf mich zuhielt und sein Pferd weit ausgreifen lie?, und da die Entfernung zu gro? war, um genau unterscheiden zu k?nnen, so griff ich zum Fernrohre und gewahrte zu meiner nicht geringen Verwunderung, da? dieser Reiter nicht ein Mann, sondern ein Frauenzimmer sei.

Alle Teufel, eine Dame, hier im far West, mitten in der Prairie, und gar mit Reitkleid und wehendem Schleier! fuhr es mir ?ber die Lippen, und erwartungsvoll schob ich Revolver und Bowiemesser, welche ich vorsichtig gelockert hatte, wieder zur?ck. Oder ists gar der flats-ghost, der Geist der Ebene, welcher auf feurigem Rosse ?ber die Woodlands fliegen soll, um die wei?en Menschen von den Jagdgr?nden ihrer rothen Br?der zu vertreiben!

Mit einigem Bedenken musterte ich meinen ?u?eren Adam, welcher mir allerdings nicht sehr courf?hig erschien. Die Moccassins waren mit der Zeit h?chst offenherzig geworden; die Leggins gl?nzten, da ich sie bei der Tafel als Serviette zu gebrauchen pflegte, vor Fett; das sack?hnliche, lederne Jagdhemde verlieh mir den w?rdevollen Anstand einer von Wind und Wetter maltraitirten Krautscheuche, und die Biberm?tze, welche mein Haupt bedeckte, hatte einen guten Theil ihrer Haare verloren und schien zu ihrem Nachtheile mit den verschiedenen Lagerfeuern intime Bekanntschaft gepflogen zu haben.

Aber ich befand mich ja nicht im Parkete eines Opernhauses, sondern zwischen den Black-Hills und dem Felsengebirge und hatte auch gar keine Zeit, mich zu ?rgern, denn, noch war ich mit meiner Selbstinspektion nicht fertig, so hielt die Reiterin schon vor mir, hob den Griff ihrer Reitpeitsche gr??end in die H?he und rief mit tiefer, reiner und sondrer Stimme:

Good day, Sir! Was wollt Ihr finden, da? Ihr so an Euch herumsucht?

Your servant, Mistre?! Ich kn?pfte mein Panzerhemd zu, um unter dem forschendem Blicke Eures sch?nen Auges nicht etwa Schaden zu leiden.

So darf man Euch wohl nicht ansehen?

Doch, doch, wenn mir die Erlaubni? zur Gegenbetrachtung wird.

Die sollt Ihr haben.

Danke; so wollen wir uns denn einmal nach Herzenslust begucken, wobei ich nat?rlich besser wegkomme als Ihr. Und meinen Mustang auf den Hinterbeinen herumdrehend, setzte ich hinzu: So, da habt Ihr mich von allen Seiten, zu Pferde und in Lebensgr??e! Wie gefalle ich Euch?

Wartet ein Wenig und seht auch mich erst an! erwiederte sie lachend, zog ihre Stute vorn in die H?he und pr?sentirte sich durch eine k?he Wendung in derselben Weise, wie ich es gethan hatte. Jetzt ist die Vorstellung eine vollst?ndige, und nun sagt erst Ihr, wie ich Euch gefalle.

Hm, nicht ?bel, wenigstens scheint Ihr mir gut genug f?r diesen Ort hier. Und ich?

So la la! An dem ganzen Manne ist das Pferd das Beste.

Ihr seid eine Dame, folglich habt Ihr Recht. Ueberhaupt hat mich Eure Gegenwart hier mitten in der Prairie so perplex gemacht, da? ich nicht die n?thigen Worte finde, um Euch einen bessern Begriff von meiner Sch?nheit beizubringen.

Mitten in der Prairie? So seid Ihr wohl fremd hier?

Welche Frage  in der Wildni?!

Folgt mir, so sollt Ihr sehen, wie gro? diese Wildni? ist.

Sie wandte sich der Richtung zu, welche ich verfolgt hatte und lie? ihr Pferd vom langsamen Schritt durch alle Gangarten bis zum gestreckten Galoppe ?bergehen. Swallow folgte mit Leichtigkeit, trotzdem wir vom grauenden Morgen an unterwegs gewesen waren. Ja, das brave Thier schien zu bemerken, da? es sich hier um eine kleine Probe handle und griff ganz freiwillig in der Weise aus, da? die Reiterin zuletzt nicht mehr zu folgen vermochte, und mit einem Ausrufe der Bewunderung ihr Thier parirte.

Ihr seid au?erordentlich gut beritten, Sir. Ist Euch der Hengst feil?

Um keinen Preis, Mistre?.

La?t das Mistre? fort.

Dann Mi?, ganz wie es Euch beliebt. Das Pferd hat mich aus so mancher Gefahr hinweggetragen, so da? ich ihm mehr als einmal mein Leben verdanke und es mir also unm?glich feil sein kann.

Es hat indianische Dressur, sagte sie mit scharfen Kennerblicke. Wo habt Ihr es her?

Ich erhielt es von Winnetou, einem Apachenh?uptling, mit welchem ich am Rio Suanca ein Weniges zusammenkam, zum Geschenke.

Von Winnetou? Das ist ja der ber?hmteste und gef?rchtetste Indianer zwischen Sonora und Columbien! Ihr seht gar nicht nach einer solchen Bekanntschaft aus, Sir?

Warum, Mi?? fragte ich mit offenem L?cheln.

Ich hielt Euch f?r einen Surveyor (Feldmesser) oder etwas Derartiges, und diese Leute sind zwar oft recht gute Sch?tzen, aber sich mitten zwischen Apachen, Nijoras und Navajoas hineinzuwagen, dazu geh?rt schon ein Wenig mehr. Eure blanken Revolver, das zierliche Messer da im G?rtel und die Weihnachtsb?chse dort am Sattelriemen oder gar noch Eure Paradehaltung auf dem Pferde stimmen wenig mit Dem ?berein, was man an einem ?chten und rechten Trapper oder Scatter zu bemerken pflegt.

Ihr sollt wieder Recht haben, und ich gestehe offen, da? ich auch nur so eine Art Sonntagsj?ger bin; aber die Waffen sind nicht ganz schlecht. Ich habe sie in Front-Street, St. Louis gekauft, und wenn Ihr auf diesem Felde so zu Hause seid, wie es scheint, so m??t Ihr auch wissen, da? man dort f?r gute Preise auch gute Waare bekommt.

Diese Waare aber zeigt ihre G?te erst beim rechten Gebrauche. Was sagt Ihr zur dieser Pistole?

Sie zog bei diesen Worten ein altes, verrostetes Schie?instrument aus der Satteltasche und hielt es mir zur Besichtigung hin.

Hm, das Ding stammt jedenfalls noch von Anno Poccahontas her; aber es kann doch gut sein. Ich habe Indianer oft mit dem miserabelsten Schie?zeuge zum Verwundern umgehen sehen.

Haben sie auch Das fertig gebracht?

Sie warf das Pferd zur Seite, schlug im raschen Trabe einen Kreis um mich, hob den Arm und dr?ckte auf mich los, ehe ich nur eine Ahnung von ihrer Absicht haben konnte.

Ich f?hlte einen leisen Ruck an meiner Kopfbedeckung und sah zu gleicher Zeit die Helianthusbl?then, welche ich mir an die M?tze gesteckt hatte, vor mir niederfliegen. Es schien mir ganz, als wolle die sichere Sch?tzin sich dar?ber informiren, was von meiner Sonntagsj?gerei zu halten sei, und ich antwortete also auf die ausgesprochene Frage kaltbl?tig:

So Etwas bringt Jeder fertig; aber ich bitte denn doch ganz h?flich, Mi?, die M?tze von jetzt an in Ruhe zu lassen, da zuf?lliger Weise mein Kopf drinnen steckt.

Sie lachte und hielt sich wieder an meine Seite. Die ganze Begegnung kam mir wie ein Traum vor, und h?tte ich fr?her vielleicht etwas Aehnliches in irgend einem Romane gelesen, so w?re der Verfasser ganz gewi? in den Verdacht gekommen, Unm?gliches als m?glich darzustellen. Jedenfalls, das war klar, mu?te eine Ansiedelung in der N?he sein, und da seit l?ngerer Zeit der Kriegspfad keines der wilden St?mme in diese Gegend gef?hrt hatte, so konnte es selbst eine Dame immerhin wagen, ein St?ckchen in die Ebene hinein zu reiten.

Nicht so klar war es mir, was ich eigentlich aus meiner Begleiterin machen sollte. Ihre ganze Erscheinung deutete auf den Salon, und doch verrieth sie eine Kenntni? des Westens und eine Uebung in den hier nothwendigen Fertigkeiten, die auf ganz besondere Verh?ltnisse schlie?en lie?. De?halb war es wohl kein Wunder, da? mein Auge mit dem gr??ten Interesse auf ihr ruhte.

Sie ritt jetzt eine halbe Pferdel?nge vor, und der goldene Sonnenstrahl umfluthete ihre tadellose, vollendete Gestalt. Br?unlich und sch?n, wie die Bibel von David erz?hlt, zeigten die eigenartigen Z?ge trotz ihrer m?dchenhaften Weichheit eine Festigkeit des Ausdruckes, welche auf geistige Ueberlegenheit und Energie des Willens schlie?en lie?, und in der ganzen Haltung, in jeder einzelnen Bewegung des bezaubernden Wesens sprach sich eine Selbstst?ndigkeit und Sicherheit aus, welche neben der freiwilligen Bewunderung unbedingte Achtung forderte.

Ich gestand mir offen, noch nie ein M?dchen von solcher Sch?nheit gesehen zu haben und wunderte mich ?ber mich selbst, da? ich trotz meiner gew?hnlichen Zaghaftigkeit im Umgange mit dem andern Geschlechte bei der heutigen Begegnung so  so unverfroren hatte sein k?nnen. Freilich war auch ihre Art und Weise ganz geeignet gewesen, diese Zaghaftigkeit nicht aufkommen zu lassen; aber jetzt beim n?heren Anschauen konnte ich doch einer leisen Bedr?ckung nicht so ganz Herr werden.

Oft schon hatte ich von der Wirkung geh?rt, welche der Klang einer Frauenstimme selbst auf den sonst verschlossenen Mann auszu?ben verm?ge, an mir selbst jedoch noch keinerlei Erfahrung dar?ber gemacht. Jetzt aber f?hlte ich mit Einemmale diese Wirkung, und es war mir, als sei mir Etwas ins einsame Herz gedrungen, was die Oede und Leere desselben auszuf?llen und mich mit all dem Vergangenen zu vers?hnen verm?ge.

Pl?tzlich zog sie die Z?gel an.

Ihr seid ein Deutscher?

Ja. Spreche ich das Englische mit so b?sem Accent, da? Ihr meine Abstammung so genau bestimmen k?nnt?

Nein, Sir. Euer Englisch ist rein; aber Euer Verhalten ist ?cht deutsch. Erst laut, munter und gem?thlich und jetzt still, nachdenklich und gr?belnd. Wenn es Euch recht ist, wollen wir uns unserer Muttersprache bedienen?

Wie? Auch Ihr habt die gleiche Heimath?

Vater ist ein Deutscher, geboren bin ich am Quicourt. Meine Mutter war eine Indianerin vom Stamme der Assineboins. Eine Amerikanerin w?re Euch wohl in anderer Weise begegnet.

Jetzt war mir der eigenth?mliche Schnitt ihres Gesichtes und der tiefere Schatten des Teints erkl?rlich. Ihre Mutter war also todt, und der Vater lebte noch. Hier stie? ich jedenfalls auf au?ergew?hnliche Verh?ltnisse, und es war mehr als blo?e Neugierde, welche ich jetzt f?r dieselben empfand.

Seht da hin?ber! belehrte sie mich mit erhobenem Arme. Seht Ihr den Rauch wie aus dem Boden aufsteigen?

Ah, das ist der Bluff, welchen ich schon l?ngst suchte, und in dessen Senkung New-Venango liegt. Kennt Ihr Emery Forster, den Oelprinzen?

Ein Wenig. Er ist der Vater von meines Bruders Frau, welche mit ihrem Manne in Omaha lebt. Ich komme von daher, um den Vater zu sehen und habe hier Absteigequartier genommen. Habt Ihr mit Forster zu thun, Sir?

Nein, ich habe im Store (Laden) zu thun, um mich mit Einigem zu versorgen und fragte nur, weil er als einer der bedeutendsten Oelprinzen bekannt ist.

K?nnte Euch auch nicht viel an ihm empfehlen. Ihr wi?t ja, wie diese Leute sind. Doch, la?t uns aus greifen, es wird Abend.

Nach kurzer Zeit hielten wir am Rande der Schlucht und blickten auf die kleine Niederlassung, deren H?userzahl wenigstens ich mir h?her vorgestellt hatte. Das vor uns liegende Thal bildete eine schmale Pfanne, welche, rings von steil ansteigenden Felsen umschlossen, in ihrer Mitte von einem ansehnlichen Flusse durchstr?mt wurde, der sich zwischen nahe zusammentretendem Gestein unten einen Ausweg suchte. Das ganze unter uns liegende Terrain war mit Anlagen, wie sie die Petroleumerzeugung erfordert, bedeckt; oben, ganz nahe am Wasser, sah ich einen Erdbohrer in voller Th?tigkeit; am mittleren Laufe stand etwas vor den eigentlichen Fabrikr?umlichkeiten ein trotz des Interims doch ganz stattliches Wohngeb?ude, und wo das Auge nur hinblickte, waren Dauben, B?den und fertige F?sser, theils leer, meist aber mit dem vielbegehrten Brennstoff gef?llt, zu sehen.

Da dr?ben seht Ihr den Store, Sir, zugleich Restauration und alles sonst noch M?gliche, und hier f?hrt der Weg hinab, ein Wenig steil, so da? wir absteigen m?ssen, aber doch immer noch ohne Lebensgefahr zu passiren. Wollt Ihr mitkommen?

Rasch schnellte ich mich aus dem Sattel, um ihr beim Absteigen beh?lflich zu sein. Aber ich kam zu sp?t; denn schon stand sie mit aufgenommenem Kleide vor mir und rief mit goldenem Lachen:

Danke! Man gew?hnt sich hier, dergleichen Aufmerksamkeiten nicht zu beanspruchen. Nehmt Euer Thier an die Hand.

Swallow kommt von selbst nach, Mi?; erlaubt mir das Eurige.

Ich ergriff die Z?gel der Stute, und w?hrend mein Mustang ohne besondere Aufforderung nachfolgte, hatte ich Gelegenheit, an der Vorangehenden die Gewandheit und Sicherheit des Schrittes zu bewundern. Diese Uebung hatte sie sich ganz bestimmt nicht im Institute aneignen k?nnen, und mein Interesse an dem wundervollen Wesen wuchs von Minute zu Minute.

Auf der Sohle des Thales angekommen, bestiegen wir die Pferde wieder und hielten in raschem Tempo auf den Store zu.

Forster steht unter der Th?r; er wird mich wohl nicht vor?berlassen.

Der Bezeichnete war eine lange, hagere Gestalt mit ?chter Yankeephysiognomie.

Stop, Ellen; hier wird abgestiegen! In welche Gesellschaft bist Du denn da gerathen?

Es lag in Ton und Wort nicht die mindeste H?flichkeit f?r mich, und ebenso bek?mmerte er sich nicht im mindesten um das M?dchen, sondern trat sofort zu meinem Pferde.

Hm  hm  habs gleich von Weitem bemerkt  hm  hm  das Thier mu? man kaufen  was meint Ihr, Fenders?

Der Angeredete war ein Mann mit vertrunkenen Gesichtsz?gen und jedenfalls ein Irl?nder. Ich vermuthete den Wirth in ihm, schritt aber, ohne die Beiden weiter zu beachten, dem M?dchen nach, welches in den Boarraum gegangen war. Sie empfing mich mit den Worten:

Wenn Ihr das Pferd ja verkauft, so la?t es mir; ich zahle Euch dasselbe wie Forster.

Welches Pferd? riefen einige Leute, welche am Tische standen und traten, nachdem sie einen Blick durch das Fenster geworfen hatten, hinaus, worauf sich ein lebhafter Wortwechsel drau?en erhob, am Schlusse dessen Forster Miene machte, das Thier zur Probe zu besteigen. Ich ?ffnete das Fenster.

Swallow!

Das folgsame Thier sch?ttelte den Zudringlichen mit einem j?hen Seitensprunge ab und kam herbei. Ich band die Z?gel an das Fensterkreuz.

Glaubt Ihr, das ich Euch das Pferd stehlen will, Herr? fuhr mich der Abgeworfene an. Ich werde es kaufen und kann also wohl auch erst einmal aufsitzen. Gebt her!

Ich denke, es Euch noch nicht angeboten zu haben, Sir. Der Hengst ist m?de; la?t ihn in Ruhe!

Oho! Ihr scheint ja ein ganz resoluter Junge zu sein. Man mu? Euch wirklich einmal n?her ansehen!

Er wandte sich nach der Th?r und trat an der Spitze der Uebrigen in das Zimmer. Nach einem kurzen Blick auf mich meinte er mit geringsch?tzendem Sch?tteln des Kopfes:

W?rde Euch auch besser stehen, h?bsch artig zu sein! Scheint mir ganz, als ob Ihr ein gutes Handgeld gebrauchen k?nntet.

Ist nicht Eure Sache, Mann, sondern die meinige. Werde mit meinen Angelegenheiten schon selbst fertig!

Good lack, klingt das wichtig! Doch will ich verst?ndig sein und Euch hundertf?nfzig Dollars bieten.

Ist mir nicht feil, das Pferd.

Hundert f?nfundsiebenzig!

Ist mir nicht feil!

Zwei Hundert, aber nicht f?nf Cents mehr.

Ist mir nicht feil, zum dritten Male; und nun la?t mich in Ruhe!

Ihr seid ein Grobian, der froh sein sollte, wenn ein Gentlemen ihm zu einem ganzen Zeuge verhilft. Wi?t Ihr das?

Pah!

Ich begn?gte mich, diesen einen Laut auszusprechen, trotzdem ein Anderer jedenfalls zur Waffe gegriffen h?tte.

Meine Meinung ?ber das Duell, ?ber Beleidigung und Genugthuung waren eben nicht die landl?ufigen, und wer daheim ein Paar arme, alte Eltern hat, welche ihre ganze Hoffnung allein nur auf ihn gesetzt haben, der setzt sein Leben nur dann ein, wenn es sich um W?rdigeres als die Fausth?flichkeit eines Hinterw?ldlers handelt. Freilich mu?te mich diese Selbstbeherrschung in den Verdacht eines Feiglings bringen; aber das Urtheil dieser Leute konnte mir ja sehr gleichg?ltig sein.

Ein Wesen gab es allerdings, dessen Meinung mich nicht empfindungslos lassen konnte, und das war Ellen, wie sie von Forster genannt worden war. Sie hatte unserem kurzen Wortwechsel eine gespannte Aufmerksamkeit gewidmet und jedenfalls ganz bestimmt erwartet, da? ich losbrechen werde. Als das aber nicht geschah, sah ich einen Zug der Entt?uschung ?ber ihr sch?nes Angesicht gehen, und es lag eine sichtbare Zustimmung in ihrem Blicke, als Forster, ver?chtlich die Achsel zuckend, meinte:

Ein Coyote (Schakal), mehr nicht. La?t ihn stehen, Leute!

Trotz dieser neuen und gr??eren Beleidigung hielt ich an mich, und nun war es wirklich die ausgesprochenste Verachtung, mit welcher sich das M?dchen zur Seite wandte und ihren Verwandten zum Aufbruche mahnte.

Mein Auge folgte ihr, bis die letzte Falte ihres Kleides verschwunden war, und dann ?berkam mich eine Bitterkeit, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht empfunden hatte. Ganz gewi? war nur ich allein Schuld an der Unbill, die mir widerfahren; aber warum war ich doch nur so besonnen und ?berlegsam! Ein Wenig J?hzorn, ein Wenig Leichtsinn ist oft nicht so ganz am unrechten Platze.

So dachte ich in meinem Unmuthe und erhob mich endlich, um denselben im Handel vielleicht zu vergessen.

Als ich mich mit dem N?thigen versehen hatte und dem Wirthe die geforderte Summe vorz?hlte, fragte er:

Wollt Ihr f?r diese Nacht nicht dableiben? Man wird bei mir gut bedient!

Danke; schw?rme nicht f?r Eure Bude.

K?nntet aber doch dableiben, Mann, nicht blos f?r heute, sondern f?r morgen und ?bermorgen und immer. Ich brauche einen Boardkeeper, der nicht gleich dreinspringt, wenn er einen Tritt bekommt oder zwei. In unserem Gesch?fte ist die Ambition oft ein recht ?berfl?ssiges und sch?dliches Ding. Wie gesagt, Ihr k?nntet hier bleiben; denn ich meine, Ihr seid der beste Mann dazu.

Eigentlich h?tte ich den scharfsinnigen Landlord (Gastwirth) par figura belehren sollen, da? er sich sehr in mir geirrt habe; doch war die Offerte wirklich mehr l?cherlich als ?rgerlich, und so lie? ich ihn ruhig stehen und trat ins Freie, wo Swallow immer noch meiner wartete.

Der Abend hatte sich mittlerweile ?ber das Thal gebreitet, und es war ziemlich dunkel geworden. Mir war die Lust vergangen, an meiner urspr?nglichen Absicht, zu bleiben, festzuhalten. Pferd und Reiter hatten sich ausgeruht, und so konnte es heute noch ein St?ck in die offene Prairie hineingehen, wo es sich jedenfalls angenehmer schlafen lie? als in dem nach Petroleum duftendem Thale. Zuvor aber trieb es mich die kurze Strecke abw?rts, nach dem Wohngeb?ude zu, welches ich am Nachmittage von der H?he aus gesehen.

Der Weg f?hrte dem Flusse entlang, und was ich vorher nicht bemerkt, das fiel mir jetzt, wo meine Aufmerksamkeit nicht von der sch?nen Begleiterin in Anspruch genommen wurde, sofort auf, n?mlich da? in der N?he des Wassers sich der Oelgeruch verst?rkte und der Flu? also eine nicht unbedeutende Quantit?t des Brennstoffes mit sich f?hren m?sse.

Der Geb?udecomplex lag vollst?ndig schwarz vor mir, aber als ich eine leichte Kr?mmung des Weges hinter mir hatte und nun das Herrenhaus von vorn nehmen konnte, fiel heller Lichtesglanz von der Veranda her?ber, und ich sah, da? dort eine kleine Gesellschaft versammelt sei. Ich sprang vom Pferde, welches ich an eine Fenzstange band und schlich mich leise ?ber die dunklen Stellen des Vorplatzes bis an das niedere Mauerwerk, in welches die Tr?ger der leichten Ueberdachung befestigt waren.

Noch nie in meinen Leben hatte ich den Lauscher gemacht; aber heute trieb mich ein unbestimmtes und bisher ungekanntes Etwas zum unerlaubten Beobachten, und mit Genugthuung bemerkte ich die Gesuchte, welche, von einem leichten Hauskleide umflossen, in einer der H?ngematten lag. Eben war sie im Begriff, dem in ihrer N?he sitzenden Forster eine Auseinandersetzung zu machen.

Es ist ein unn?tzes und l?sterliches Unternehmen, dear uncle, und Du hast Dir die Sache wohl nicht richtig berechnet.

Lerne uns doch das Calculiren nicht, M?dchen. Die Preise sind nur de?halb so gedr?ckt, weil die Quellen zu viel liefern. Wenn wir also, Einer wie der Andere, das Oel so einen Monat lang ablaufen lassen, so mu? es dann wieder theuer werden und wir machen Gesch?fte, gute Gesch?fte, sage ich Dir. Und diesen Coup werden wir ausf?hren; es ist so beschlossen, und ein Jeder wird sein Versprechen halten.

Mir scheint nur, Ihr habt die Quellen dr?ben im alten Lande und sonst wo noch dabei au?er Acht gelassen. Euer Verhalten wird die dortige Concurrenz sofort zur ?u?ersten Anstrengung anspornen, und Ihr selbst gebt also dem jetzt noch schlafenden Gegner die Waffen in die Hand. Uebrigens sind auch hier in den Staaten die aufgestapelten Vorr?the so gro?, da? sie f?r sehr geraume Zeit zureichen.

Du kennst den Bedarf nicht und hast also auch kein Urtheil, wie Ihr Frauen ja ?berhaupt gar nicht denken solltet. Denn so oft Ihrs thut, gerathet Ihr auf Irrwege.

Das m??te denn doch sehr bewiesen werden, und ich glaube grad 

Der Beweis liegt nahe, unterbrach er sie. Hast Du nicht vorhin erst gestanden, da? Du Dich in dem Woodsman oder was der Mensch eigentlich war, get?uscht hast? H?tte mir nie gedacht, da? es Dir in solcher Gesellschaft gefallen k?nne!

Ich sah sie tief err?then; aber sie antwortete schnell:

Von einer T?uschung ist keine Rede; denn ich sagte nur, da? er mir erst anders geschienen habe, und zwischen Schein und bewiesener Wirklichkeit pflege ich einen Unterschied zu machen.

Forster wollte Etwas erwiedern, kam aber nicht dazu; denn in demselben Augenblicke geschah ein Donnerschlag, als sei die Erde unter uns mitten aus einander geborsten. Der Boden erzitterte, und als ich das Auge erschrocken seitw?rts wandte, sah ich im obern Theile des Thales, da, wo der Bohrer th?tig gewesen sein mu?te, einen gl?henden Feuerstrom fast f?nfzig Fu? in die H?he steigen, welcher flackernd oben breit auseinanderflo? und, wieder zur Erde niedersinkend, mit rei?ender Schnelligkeit das abfallende Terrain ?berschwemmte. Zugleich drang ein scharfer, stechender, gasartiger Geruch in die Athmungswerkzeuge, und die Luft schien von leichtfl?ssigem, ?therischem Feuer erf?llt zu sein.

Ich kannte dieses furchtbare Ph?nomen; denn ich hatte es im Kanawhathale in seiner ganzen Schrecklichkeit gesehen und stand mit einem einzigen Sprunge mitten unter der vor Schreck fast todesstarren Gesellschaft.

Lichter aus, Lichter aus! Der Bohrer ist auf Oel getroffen, und Ihr habt beim Aufsteigen des Strahles Feuer in der N?he gehabt. Lichter aus, sonst brennt in zwei Minuten das ganze Thal!

Ich sprang von einem der brennenden Armleuchter zum andern; aber da oben im Zimmer brannten die Lampen auch, und dr?ben vom Store her sah ich ebenfalls Lichtschimmer. Dazu hatte die Fluth des hochaufspr?henden Oeles, welches sich mit unglaublicher Raschheit ?ber das ganze obere Thal ausbreitete, jetzt den Flu? erreicht, und nun galt es, Alles einzusetzen f?r das nackte, blo?e Leben. 

Rettet Euch! Lauft, lauft um Gottes Willen! Sucht die H?hen zu gewinnen!

Mich um weiter Niemand k?mmernd, ri? ich Ellen empor in meine Arme und sa? im n?chsten Augenblicke mit ihr im Sattel. Das M?dchen, die Gr??e der Gefahr nicht erkennend, str?ubte sich mit Aufbietung aller Kr?fte gegen die Umschlingung; aber wie man in solchen Augenblicken stets Riesenkraft besitzt, so verschwand auch diese Anstrengung fast ganz unter der St?rke, mit welcher ich sie festhielt, und in rasendem Laufe trug Swallow, dessen Instinct die F?hrung des Z?gels oder den Gebrauch der Sporen ?berfl?ssig machte, uns stromabw?rts.

Der Bergpfad, welcher mich nach New-Venango gef?hrt hatte, war uns verschlossen; denn der Gluthstrom war schon an ihm vor?bergefluthet. Nur abw?rts konnten wir Rettung finden; aber ich hatte am Tage Nichts einer Stra?e Aehnliches bemerkt und im Gegentheile gesehen, da? die Felsw?nde so eng zusammentraten, da? sich der Flu? nur sch?umend den Ausweg erzwingen konnte.

Sagt, Mi?, rief ich in ?ngstlicher Hast, giebt es einen Weg, welcher hier unten aus dem Thale f?hrt?

Nein, nein! st?hnte sie unter der krampfhaften Anstrengung, von mir loszukommen. La?t mich fahren, sage ich Euch, la?t mich fahren!

Ich konnte nat?rlich auf ihre Worte nicht h?ren und musterte mit Aufmerksamkeit den nahe zusammentretenden Horizont, welchen die beiden schroff aufstrebenden H?henz?ge bildeten. Da f?hlte ich einen Druck in der G?rtelgegend, und zugleich rief das M?dchen:

La?t mich los! Gebt mich frei, oder ich sto?e Euch Euer eigenes Messer in den Leib!

Sie hatte das Bowiemesser an sich gerissen. Aber ich hatte keine Zeit zu einer langen Auseinandersetzung, sondern vereinte mit einem raschen Griffe ihre beiden Handgelenke in meiner Rechten, w?hrend ich mit dem linken Arme sie immer fester umschlo?.

Die Gefahr wuchs mit jeder Secunde. Der gl?hende Strom hatte die Lagerr?ume erreicht und nun sprangen die F?sser mit Kanonenschu? ?hnlichem Knalle und ergossen ihren sofort in heller Lohe brennenden Inhalt in das auf diese Weise immer mehr anwachsende und immer rascher vorw?rtsschreitende Feuermeer. Die Atmosph?re war zum Ersticken hei?; ich hatte das Gef?hl, als koche ich in einem Topfe siedenden Wassers, und doch wuchsen Hitze und Trockenheit mit solcher Rapidit?t, da? ich innerlich zu brennen vermeinte. Fa?t wollten mir die Sinne schwinden; aber es galt nicht blos mein Leben, sondern noch viel mehr dasjenige meiner kostbaren B?rde.

Es war mir in diesen entsetzlichen Augenblicken zu Muthe, als habe ich das herrlichste Gut der ganzen, weiten Sch?pfung, den gr??ten Schatz des Himmels und der Erde dem flammenden Orkus entf?hrt und m?sse nun meinen herrlichen Raub sch?tzen und bergen vor den nachspr?henden Blitzen und Gluthen der Unterwelt. Trotzdem ich kaum noch eines Gedankens m?chtig war durchzuckte mich doch die Erkenntni? der ersten, allgewaltigen Liebe, und Rettung, Rettung mu?te ich finden f?r sie und sollte ich selbst zehnmal, nein, tausendmal dabei zu Grunde gehen!

Swallow, voran, voran, Swall !

Ich konnte nicht weiter sprechen, und das brave Thier raste ja auch mit fast unm?glicher Geschwindigkeit dahin. Soviel sah ich; diesseits des Flusses war kein Ausweg. Die Flammen beleuchteten die Felsw?nde ja hell genug, um sehen zu k?nnen, da? dieselben nicht zu erklimmen seien; deshalb ins Wasser, ins Wasser  hin?ber auf die andere Seite!

Ein leiser Schenkeldruck  ein Sprung des gehorsamen Mustangs, und hochauf schlugen die Wellen ?ber uns zusammen. Ich f?hlte neue Kraft, neues Leben durch die Adern pulsiren, aber das Pferd war unter mir verschwunden. Doch das war jetzt gleich; nur hin?ber  immer hin?ber! Ich schwamm wie noch nie, nie in meinem ganzen Leben  mit einer Angst, so furchtbar  so furchtbar, nicht f?r mich, sondern f?r sie  sie  sie   . Da schnaufte es hinter mir   Swallow, Du treuer, wackerer, bist Dus? Hier ist das Ufer   wieder aufs Pferd  fort  fort!

So ging es weiter. Fast wahnsinnig vor Aufregung und Ueberanstrengung ritt, sprang, lief und kletterte ich, ohne mehr zu wissen, was ich that; aber endlich  endlich wars erreicht, und ich sank mit meiner B?rde nieder.

Nach einigen Augenblicken der dringendsten Erholung trug ich sie mehrere hundert Schritte weiter in die sichere Nacht hinein. Der Himmel gl?nzte blutig roth, und der Brodem des entfesselten Elementes cumulirte in dichten, schwarzen, von purpurnen Lichtern durchbrochenen Ballen ?ber dem Heerde der Verw?stung. Aber ich hatte keine Zeit zu diesen Betrachtungen; denn vor mir lag, das Messer noch krampfhaft festhaltend, das M?dchen, so bleich, so kalt und starr, da? ich sie todt glaubte, ertrunken im Wasser, w?hrend ich sie den Flammen entrei?en wollte.

Das leichte Gewand war durchn??t und legte sich eng an die wunderbar sch?ne Gestalt; auf dem bewegungslosen Angesichte spielten die d?stern Reflexe der ?ber den Rand der Ebene emporspr?henden Feuerstrahlen; der Mund, welcher am Tage so herzlich gelacht, war geschlossen; das Auge, dessen gro?er, voller Blick mir so tief in die Seele gedrungen, lag verborgen unter den gesunkenen Lidern; die reine, klangvolle Stimme  doch nein und abermals nein, sie konnte, sie durfte nicht gestorben sein! Ich nahm sie in die Arme, strich ihr das lange, reiche, aufgel?ste Haar aus der Stirn, rieb ihr die zarten Schl?fe, legte, um der regungslosen Brust Athem zu geben, meinen Mund auf ihre Lippen, rief sie bei den z?rtlichsten Namen, die ich jemals geh?rt, und  da ging ein Zittern ?ber ihren K?rper, erst leise, dann immer bemerkbarer; ich f?hlte das Klopfen ihres Herzens, trank den Hauch ihres Athems, sah die langen, seidenen Wimpern sich ?ffnen  sie lebte, sie erwachte, sie war dem Tode entgangen!

Ich dr?ckte sie an das Herz und k??te vor seliger, unendlicher Freude die sich mehr und mehr erw?rmenden Lippen. Da mit einem Male ?ffnete sie weit, weit das Auge und starrte mir mit unbeschreiblichem Ausdrucke in das Angesicht; dann belebte sich der wiederkehrende Blick, und mit einem lauten Schrei des Entsetzens wand sie sich los und sprang empor.

Wo bin ich? Wer seid Ihr? Was ist mit mir geschehen? rief sie.

Ihr seid gerettet, Mi?, aus der Gluth da unten.

Beim Klange meiner Stimme und dem Anblicke des noch immer hochlodernden Brandes kehrte ihr die Besinnung zur?ck. 

Herr, ich verachte Euch!

Ich konnte nicht sofort eine Antwort finden, so unerwartet kamen mir diese Worte, und nur nach einigem Z?gern erwiederte ich:

Ich verstehe Euch nicht!

Das begreife ich. Wer keine Ehre hat, wird R?cksicht nie verst?ndlich finden. Und es ist nicht blos Das, sondern Ihr seid auch feig!

Das verstehe ich noch weniger!

Ists etwa nicht feig, eine wehrlose Dame 

Sie stockte; tiefes Roth bedeckte ihr Gesicht bis zum Nacken herab, und mit einer Miene der Entr?stung, vor welcher ich fast zur?ckweichen konnte, trat sie hart an mich heran und rief:

W?rt Ihr ein Mann, so w?rde ich Genugthuung von Euch verlangen, blutige Genugthuung; aber Ihr f?rchtet die Streiche wie ein Schulknabe, und so m?gt Ihr gehen. Aber nehmt Euch in Acht, mir einmal vor den Lauf meiner B?chse zu kommen; denn dann halte ich Euch f?r das, f?r was Euch Forster erkl?rt hat  einen Coyote  Mein Gott, Forster  und ich stehe hier!

Jetzt erst kam ihr die vollst?ndige Erinnerung und mit einem kreischenden Weherufe st?rzte sie fort, dem Felsenabsturze zu.

Mit einigen raschen Spr?ngen hatte ich sie erreicht und fa?te sie bei beiden H?nden.

Bleibt, Mi?, bei Allem, was Euch heilig ist. Ihr seid verloren, wenn Ihr Euch in dieses Feuermeer wagt!

La?t mich, Elender. Ihr habt die Gefahr gekannt; Ihr konntet sie retten, Alle, Alle, und habt es nicht gethan. La?t fahren, oder Ihr schmeckt Euern eigenen Stahl!

Noch immer war das Messer in ihrer Hand geblieben. Sie merkte es erst jetzt, da ich sie bei derselben gefa?t hielt und wandte alle Kraft auf, um sich los zu machen. Wollte ich ihr die Hand nicht brechen, so mu?te ich nachgeben. Die Rechte frei bekommend, entri? sie auch die Linke meinem Griffe, und ich f?hlte einen kleinen Gegenstand zwischen meinen Fingern. Sie merkte den Verlust nicht und eilte l?ngs des Bergrandes von dannen.

Schon wollte ich ihr folgen, da ert?nte aus einiger Entfernung leichter Hufschlag. Ich blieb stehen und lauschte.

Swallow!

Ein lautes, freudiges Wiehern antwortete, und im n?chsten Augenblicke stand das treue Pferd, das K?pfchen liebkosend an meiner Schulter reibend, vor mir.

Swallow, mein lieber, lieber Swallow, rief ich, das Thier vor Freude umarmend, auch Du bist gerettet? Du kommst zur?ck, trotzdem ich Dich verlassen habe im Augenblicke der Gefahr, und die, an der ich fast ?ber menschliches Verm?gen gethan habe, sie nennt mich feig und ehrlos, droht mir mit der Waffe und flieht mich wie einen schmutzigen Yambarico! Und doch wollen wir diesen Ring, den ich ihr gegen meinen Willen abgestreift habe, aufbewahren, Swallow. Wir m?ssen sie wiederfinden, und dann wird sichs vielleicht entscheiden lassen, ob Dein Herr Nichts weiter ist als ein ver?chtlicher   Coyote!

Uff! rief mein Begleiter; mein wei?er Bruder hat Recht. Hier ist der rothe Mann geritten. La? uns sehen, was er hier gewollt hat.

Winnetou, der gro?e H?uptling, erwiederte ich, ist weise und hat das Auge des gro?en Geistes. Er sieht sehr wohl, was sein b?ser Bruder hier gewollt hat; aber er versucht, mich auf die Probe zu stellen.

Ueber das scharfgezeichnete Angesicht des Indianers glitt ein fl?chtiges L?cheln, als er, noch immer auf die Spur geb?ckt, antwortete:

Und was denkt der wei?e Freund von dieser F?hrte?

Der Mann, welcher hier geritten ist, hat seine Gef?hrten gesucht. Auf jedem H?gel hat er sein Pferd angehalten, um sich nach ihnen umzusehen, und wir m?ssen also vorsichtig sein, wenn wir nicht unsere Scalps verlieren wollen.

Winnetou  denn dieser, von welchem ich Swallow erhalten hatte, war es  richtete sich empor und ma? mich mit einem langen, verwunderten Blicke.

Mein bleicher Bruder kennt mich. Er hat mit mir den Lasso um die H?rner des B?ffels geworfen und den B?r des Gebirges in der H?hle get?dtet; er ist an meiner Seite gestanden gegen die Uebermacht des Ar rapahus und hat die Mandans im Blute zu meinen F??en gesehen; er z?hlte die Scalps an den W?nden meines Wigwams und sieht die Locken meiner Feinde an meinem G?rtel hangen. Winnetou hat seinen Stamm verlassen, um die gro?en H?tten der Wei?en zu sehen, ihre Feuerrosse und ihre Dampfcanoes, von denen ihm der Freund erz?hlt hat; aber sein Haupt wird von keinem Messer ber?hrt werden!

Der gro?e H?uptling der Apachen hat Recht, nickte ich ihm zu und fuhr, auf die Spuren deutend, fort: Aber hat er auch bemerkt, da? dieses Pferd hier m?de gewesen ist?

Statt aller Antwort folgte er, sein Thier am Lasso f?hrend, der F?hrte weiter und blieb endlich, auf den Boden zeigend, stehen.

Hier hat er ausgeruht, und mit gespannter Miene setzte er hinzu: Wird mein Bruder sehen, auf welchem Pfade er sich befindet?

Ich untersuchte den Boden sorgf?ltig. Das Pferd war angepflockt gewesen und hatte die halbd?rren B?schel des Prairiegrases abgefressen; der Reiter hatte am Boden gelegen und mit dem K?cher gespielt. Dabei war ihm der Schaft eines Pfeiles zerbrochen, und er hatte die beiden Bruchst?cke ganz gegen die gew?hnliche Vorsichtigkeit der Indianer liegen gelassen. Ich hob sie auf, um sie zu betrachten. Es war kein Jagd- sondern ein Kriegspfeil gewesen.

Er befindet sich auf dem Kriegspfade; aber er ist noch jung und unerfahren; denn sonst h?tte er die verr?therischen St?cke versteckt, und die Spuren seines Fu?es sind nicht die eines erwachsenen Mannes.

Winnetou gab durch einen beif?lligen Laut seine Zufriedenheit kund. Bei unsrer ersten Begegnung war er mir so zu sagen Lehrer gewesen und hatte mich gew?hnt, auf die unscheinbarste Kleinigkeit zu achten, da dies bei den vielf?ltigen Gefahren der Prairie unumg?nglich nothwendig ist. Jetzt nun benutzte er jede Gelegenheit, um zu erfahren, ob seine Lehren von Erfolg gewesen seien.

Ein Blick auf die weiterlaufenden Eindr?cke gen?gte, uns zu zeigen, da? der Mann erst vor ganz Kurzem den Platz wieder verlassen habe; denn die Kanten derselben waren noch scharf, und die gestreiften oder zerdr?ckten Halme hatten sich noch nicht vollst?ndig wieder erhoben. Winnetou breitete seine Decke aus und streckte sich, nachdem er das Pferd gefesselt hatte, auf dieselbe nieder.

Ich folgte ihm und zog zwei Cigarren aus der Seitentasche meines Jagdhemdes. Es waren die letzten von einigen Dutzend, welche ich vor mehreren Wochen in Provo mitgenommen hatte. Sie waren f?r eine besondere Gelegenheit stecken geblieben; da sich aber nichts Dergleichen einzustellen schien, so konnten sie ebenso gut auch jetzt verraucht werden.

Mit sichtbarer Begierde griff der brave Indianer zu, als ich ihm die Eine derselben hinreichte, und wer die Enthaltsamkeit kennt, welche der Westen einem Jeden auferlegt, der wird ahnen, mit welcher Wonne wir uns dem seltenen Genusse hingaben, ich, die blauen Ringeln mit innigem Behagen ausblasend, Winnetou aber, den Rauch nach Indianerweise erst hinunterschluckend und dann durch die Nase von sich gebend.

So verging eine geraume Zeit, w?hrend welcher kein Wort gewechselt wurde. Schweigsamkeit geh?rt selbst unter Gef?hrten zur Haupttugend, und ich beabsichtigte keineswegs, mir durch unzeitige Sprachseligkeit die Freundschaft und Achtung meines Begleiters zu verscherzen.

Endlich, nachdem die Cigarre l?ngst verraucht und der letzte Rest derselben dann hinter den Lippen des Indianers verschwunden war, erhob er sich, und in kurzer Zeit ritten wir wieder, den K?rper tief herabgebeugt und das forschende Auge am Boden, neben einander her.

Unsre Schatten wurden l?nger und l?nger; der Abend begann zu dunkeln und wir waren nun gezwungen, abzusteigen, wenn wir die F?hrte nicht verlieren wollten. Aber ehe ich vom Pferde stieg, griff ich zum Fernrohre, um die Ebene vorher noch einmal abzusuchen.

Wir hielten grad auf einer der zahlreichen wellenf?rmigen Erhebungen, welche sich in jenem Theile der Prairie wie die Wogen eines erstarrten Meeres an einander legen, und es war mir de?halb ein ziemlich freier Ausblick gestattet.

Kaum hatte ich das Glas am Auge, so fiel mir eine lange, grade Linie auf, welche sich von Osten her l?ngs des n?rdlichen Horizontes bis zum entferntesten westlichen Punkte hinzog. Voll Freuden gab ich Winnetou das Rohr und zeigte ihm die Richtung an, in welche er es zu f?hren hatte. Nachdem er einige Zeit hindurchgesehen, zog er es mit einem neugierigen Uff wieder ab und blickte mich mit fragendem Ausdrucke an.

Wei? mein Bruder, was f?r ein Pfad das ist? Es ist nicht der Weg des Buffalo, auch hat ihn nicht der Fu? des rothen Mannes ausgetreten.

Ich wei? es. Kein B?ffel kann die Strecke laufen, welche dieser Pfad durchf?hrt, und kein Indsman (Indianer) vermag, ihn durch die Prairie zu ziehen. Es ist der Pfad des Feuerrosses, welches mein Bruder heut noch sehen wird.

Rasch hob er das Rohr wieder empor und betrachtete mit regem Interesse den durch die Linsen naheger?ckten Schienenstrang. Pl?tzlich aber sah ich einen Zug der Ueberraschung ?ber sein ausgewettertes Gesicht gehen, und im n?chsten Augenblicke war er abgesessen und zog sein Pferd raschen Laufes hinunter in das Wellenthal.

Nat?rlich mu?te dieses Beginnen einen sehr triftigen Grund haben, und ich ahmte de?halb sein Verhalten ohne Verzug nach.

Da dr?ben am Pfade des Feuerrosses liegen die rothen M?nner, rief er. Sie stecken hinter dem R?cken der Erhebung; aber ich sah eins ihrer Pferde!

Er hatte wohlgethan, unsern erh?hten Standpunkt sofort zu verlassen, da wir auf demselben leicht bemerkt werden konnten. Zwar war die Entfernung selbst f?r das scharfe Gesicht eines Indianers eine sehr bedeutende; aber ich hatte w?hrend meiner Streifereien mehrere Male in den H?nden dieser Leute Fernrohre gesehen. Die Cultur schreitet eben unaufhaltsam vorw?rts, und indem sie den Wilden immer weiter zur?ckdr?ngt, bietet sie ihm doch die Mittel, sich bis zum letzten Manne gegen ihre Gewalt zu vertheidigen.

Was sagt mein Freund zu der Absicht dieser Leute? fragte ich.

Er schwieg. Augenscheinlich fiel es ihm schwer, sich ihr Verhalten zu erkl?ren. Sie befanden sich auf dem Kriegspfade und hatten doch keine Wache aufgestellt. Sie mu?ten also wissen, da? in ziemlichem Umkreise kein Feind vorhanden sei, und da sie bei ihrer jedenfalls nicht bedeutenden Anzahl einen weiten Zug nicht vorhaben konnten, so wu?te er mir keine Antwort zu geben. Mir hingegen schien ihr Vorhaben unschwer zu errathen, und, das Rohr aus seiner Hand nehmend, forderte ich ihn auf, mich hier zu erwarten und schlich mich vorsichtig vorw?rts.

Obgleich ich fast ?berzeugt sein konnte, da? sie von unsrer N?he keine Ahnung hatten, suchte ich so viel wie m?glich Deckung zu behalten und gelangte dadurch so weit an sie heran, da? ich, am Boden liegend, sie z?hlen und beobachten konnte.

Es waren ihrer drei und sechszig, s?mmtlich mit den Kriegsfarben bemalt und sowohl mit Pfeilen als auch mit Feuerwaffen bewehrt. Die Zahl der angepfl?ckten Pferde war bedeutend h?her, und dieser Umstand bekr?ftigte meine Ansicht. 

Da h?rte ich einen leisen Athemzug hinter mir. Rasch das Messer ziehend, drehte ich mich um. Es war Winnetou, den es nicht bei den Pferden gelitten hatte.

Uff! klang es von seinen Lippen. Mein Bruder ist sehr k?hn, soweit voranzugehen. Es sind Ogellallas, der k?hnste Stamm der Sioux, und dort liegt Parranoh, der wei?e H?uptling.

Erstaunt sah ich ihn an.

Der wei?e H?uptling?

Hat mein Freund noch Nichts geh?rt von Parranoh, dem grausamen H?uptling der Athabaskah? Niemand wei?, wo er hergekommen; aber er ist ein gewaltiger Krieger und im Rathe des Stammes unter die rothen M?nner aufgenommen worden. Als die grauen H?upter alle zu Manitou, dem gro?en Geiste gegangen, hat er das Calummet erhalten und viele Scalps gesammelt. Dann ist er aber von dem b?sen Geiste verblendet worden, hat seine Krieger f?r Niggers gehalten und fliehen m?ssen. Jetzt wohnt er im Rathe der Ogellallas und wird sie zu gro?en Thaten f?hren.

Kennt mein Bruder sein Angesicht?

Winnetou hat seinen Tomahawk mit ihm gemessen; aber der Wei?e ist voller T?cke; er k?mpft nicht ehrlich.

Er ist ein Verr?ther; ich sehe es. Er will das Feuerro? halten und meine Br?der t?dten und berauben.

Die wei?en M?nner? fragte er erstaunt. Er tr?gt doch ihre Farbe! Kann er das Ro? halten?

Nein, und wenn er alle Indsmen, die einen Lasso schwingen k?nnen, zusammenbr?chte, so k?nnten sie doch den Lauf desselben nicht hemmen. Aber wenn man seinen Pfad zerst?rt, so mu? es stehen bleiben und wird seine eigenen Reiter t?dten.

Das Erstaunen des H?uptlings wuchs. Er hatte keinen Begriff von dem Wesen der Locomotive und konnte meine Worte also auch nicht begreifen. Nach einer Weile des Schweigens, w?hrend welcher wir, wie ?berhaupt bisher, die vor uns lagernden Krieger scharf beobachtet, fragt er:

Was wird mein Freund thun?

Er wird warten und sehen, ob Parranoh den Pfad des eisernen Rosses zerst?rt, und dann seinen Br?dern entgegenreiten, um sie zu warnen.

Er nickte.

Winnetou wird ihm helfen. Wie viele M?nner werden auf dem Rosse sitzen?

Ich wei? es nicht.

Werden sie dem Vater der Apachen freundlich gesinnt sein?

Sie werden meinem Freunde die H?nde dr?cken, die gro?e Pfeife mit ihm rauchen und ihm Pulver, Blei und Tabak geben, so viel er will.

Sein Angesicht gl?nzte vor Freude, und mit einem ver?chtlichen Neigen seines Kopfes meinte er:

Wenn der Br?der meines Freundes halb so viele sind wie der Hundefresser dort, so werden wir diese voranschicken in die ewigen Jagdgr?nde.

Das Dunkel des Abends senkte sich immer tiefer herab, so da? es immer schwieriger wurde, die feindlichen Gestalten im Auge zu behalten. Ich mu?te ?ber das Thun der Indianer genau unterrichtet sein und bat Winnetou, zu den Pferden zur?ckzukehren und dort auf mich zu warten. Er konnte mir Nichts n?tzen, da er die Beschaffenheit der Bahn nicht kannte und f?gte sich, wenn auch widerwillig, meinem Verlangen.

Wenn mein Bruder in Gefahr ist, so mag er den Schrei des Prairiehuhnes aussto?en. Ich werde dann kommen, ihm zu helfen.

Er bewegte sich r?ckw?rts, und ich schlug, immer am Boden kriechend und aufmerksam jedes Ger?usch beachtend, eine schr?ge Richtung nach dem Bahnk?rper ein. Lange dauerte es, ehe ich ihn erreichte. Dann aber ?berkroch ich ihn und hielt auf seiner andern Seite mit verdoppelter Vorsicht auf die Stelle zu, an welcher ich die Ogellallas gesehen.

Da drang ein leise klingender Ton an mein Ohr. Ich horchte. Es war der Schall eines regelm??ig wiederkehrenden Schlages, und als ich die Aufsch?ttung erklomm und das Ohr an eine der Schienen legte, h?rte ich ein so deutliches H?mmern und Klopfen, da? mir kein Zweifel ?brig blieb. 

Hier war nicht die mindeste Zeit zu vers?umen, und nachdem ich nur eine kurze Strecke r?ckw?rts geschlichen, erhob ich mich und sprang den Weg zur?ck, welchen ich gekommen war. Ich kannte den Punkt der Bahnstrecke nicht, an welchem wir uns befanden und wu?te ebenso wenig die Zeit, in welcher ein Zug vor?berkommen mu?te. Das konnte aller Augenblicke geschehen, und zur Warnung war ein bedeutender Vorsprung n?thig. Ich befand mich in einer nicht unbedeutenden Aufregung und w?re von Winnetou, an welchen ich fast anrannte, beinahe verkannt und niedergestochen worden.

Nach einigen Worten der Verst?ndigung sa?en wir zu Pferde und bewegten uns in scharfem Trabe l?ngs des Schienengleises nach Osten zu. Ein Wenig Mondenschein w?re uns jetzt zwar willkommen gewesen, aber der klare Schimmer der Sterne gen?gte ja auch so ziemlich, uns die Strecke erkennen zu lassen.

Eine Viertelstunde verging und noch eine. Gefahr f?r den herannahenden Zug war also nicht mehr zu bef?rchten, sobald es nur gelang, uns bemerklich zu machen. Aber besser noch war es, wenn dies ohne Wissen der Indianer geschehen konnte, und bei dem platten Terrain war das durchdringende Licht, wie es die amerikanischen Maschinen bei sich f?hren, auf mehrere Meilen weit bemerklich. Also lie?en wir die Pferde laufen und legten so, wortlos neben einander haltend, noch eine ansehnliche Strecke zur?ck.

Jetzt endlich schien es mir Zeit. Ich hielt an und sprang vom Pferde. Winnetou that dasselbe. Nachdem die Thiere geh?rig gefesselt waren, sammelte ich einen Haufen ausgedorrten Grases, dessen trockensten Theile ich zu einer Art Fackel zusammendrehte. Mit H?lfe einigen aufgestreuten Pulvers war dieselbe leicht in Brand zu stecken, und nun konnten wir das Kommende ruhig erwarten.

Auf unsre Decken gelagert, lauschten wir in die Nacht hinein und verwandten fast kein Auge von der Richtung, aus welcher der Zug zu erwarten war. Winnetou sprach kein Wort; er verstand von dem, was ich vorhatte, Wenig oder gar Nichts und lie? mich ruhig gew?hren. Au?er dem Ger?usche, welches die grasenden Pferde verursachten, war kein Laut zu h?ren als h?chstens das leise Knispern eines auf Raub ausgehenden K?fers, und die Minuten dehnten sich zu einer immer peinlicher werdenden L?nge.

Da, nach einer kleinen Ewigkeit, blitzte in weiter, weiter Ferne ein Licht auf, erst klein und kaum wahrnehmbar, aber nach und nach immer gr??er werdend.

Der gro?e H?uptling der Apachen wird jetzt das Feuerro? sehen. Es kommt.

Winnetou erhob sich. Kein Laut seines Mundes gab Zeugni? von der Spannung, in welcher er sich befand. Ich nahm die Lunte zur Hand und sch?ttete Pulver auf.

Jetzt machte sich das Nahen der Wagen durch ein immer vernehmlicher werdendes Rollen bemerklich, welches nach und nach zu einem Ger?usche anwuchs, das dem Grollen eines entfernten Donners glich.

Das eiserne Ro? hat eine b?se Stimme, sprach Winnetou. Wie sind seine Gedanken ?ber den Stamm der Apachen?

Er f?hlte also doch eine Besorgni? um seine Sicherheit. Dem Feinde, selbst dem ?berlegenen gegen?ber w?re ihm nicht das mindeste Bangen angekommen; die unbekannte und sich auf so schreckliche Weise ank?ndigende Macht des Dampfes aber st?rte doch seine Gem?thsruhe.

Das ist nicht die Stimme des Feuerrosses, sondern das Zittern des Pfades, ?ber welchen es daherfliegt.

Da mu? das Wiehern seines Mundes noch f?rchterlicher sein. Mein Bruder wird Winnetou nicht verlassen!

Ich konnte nur ein kurzes Wort der Beruhigung aussprechen; denn der Augenblick war gekommen. Einen blendenden Lichtkeul vor sich herwerfend, brau?te der Zug heran. Ich zog den Revolver und dr?ckte los. Im Nu flammte das Pulver auf und brachte das d?rre Gras in glimmenden Brand. Die Lunte schwingend, versetzte ich sie in helle Flamme und gab mit dem andern Arme das Zeichen zum Halten.

Der Maschinist mu?te das Zeichen durch die Glastafeln des Wetterschutzes sofort bemerkt haben; denn schon nach den ersten Schwingungen des Brandes ert?nte ein sich rasch und scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen und mit donnerndem Dr?hnen flog die Wagenreihe an uns vor?ber.

Uff, Uff, Uff! rief voller Schrecken Winnetou; aber ich hatte nicht Zeit, auf sein ?ngstliches Erstaunen zu achten, sondern gab ihm nur ein kurzes Zeichen, mir zu folgen und sprang dem seine Geschwindigkeit zusehens verringernden Zuge nach.

Endlich hielt er. Ohne zun?chst die sich von ihren erh?hten Pl?tzen herabbeugenden Beamten zu beachten, eilte ich an den Wagen vor?ber bis vor die Locomotive und warf die Decke, welche ich vorsorglich von der Erde gerafft hatte, ?ber den Reflector und rief zu gleicher Zeit mit m?glichst lauter Stimme:

Lichter aus!

Sofort verschwanden die Laternen. Die Angestellten der Pacificbahn sind ein geistesgegenw?rtiges und schnell gefa?tes V?lkchen.

sdeath! rief es von der Maschine herab; warum verdeckt Ihr unsre Flamme, Mann? Ich hoffe nicht, da? da vorn irgend Etwas los ist!

Wir m?ssen im Finstern sein, Sir, antwortete ich; es sind Indianer vor uns, und ich glaube sehr, da? sie die Schienen aufgerissen haben!

Alle Teufel! Wenn das so ist, so seid Ihr der bravste Kerl, der jemals durch dieses verfluchte Land stolperte. Und zur Erde herabspringend, dr?ckte er mir die Hand, da? ich h?tte aufschreien m?gen.

In einigen Augenblicken waren wir von Neugierigen umringt, und ich mu?te mich fast wundern ?ber die bedeutende Anzahl von Leuten, die sich da aus den verschiedenen Wagen hervorpaddelten.

Was ists, was giebts, warum halten wir? rief es rund im Kreise.

Mit kurzen Worten erkl?rte ich ihnen die Verh?ltnisse und brachte dadurch eine nicht geringe Aufregung unter den M?nnern hervor.

Gut, sehr gut! rief der Ingenieur. Zwar bringt das eine St?rung im Betriebe hervor; aber das hat Nichts zu sagen gegen die pr?chtige Gelegenheit, den rothen Hallunken einmal Eins aufs Fell zu brennen. Das ist in kurzer Zeit das dritte Mal, da? sie es wagen, Z?ge zu ?berfallen und auszurauben; aber heut sollen sie sich geirrt haben und den Dank gleich in Summa bekommen. Jedenfalls haben sie geglaubt, da? dieser Zug G?ter und wie gew?hnlich nur f?nf bis sechs Leute bei sich habe. Gl?cklicher Weise aber haben wir einige Hundert Arbeiter geladen, und da diese Leute s?mmtlich bewaffnet sind, so wird uns die Sache nur Spa? machen! Aber was steht denn da dr?ben f?r ein Mann? Bei Gott, eine Rothhaut!

Er griff in den G?rtel und wollte sich auf Winnetou st?rzen, welcher mir gefolgt war und nun in aufrechter, zuwartender Stellung seitw?rts im Halbdunkel hielt.

Bleibt ruhig hier, Sir! Es ist mein Jagdgenosse, der sich freuen wird, die k?hnen Reiter des Feuerrosses kennen zu lernen.

Das ist was Anderes. Ruft den Mann her.

Ich winkte dem H?uptlinge, und er trat langsamen Schrittes herzu, fuhr aber mit einem lauten Ausrufe des Schreckens wieder zur?ck; denn der Ingenieur war wieder auf den Wagen gestiegen, um die D?mpfe abzulassen, welche mit gellendem Zischen den Ventilen entstr?mten und die Umgebung der Maschine in eine wei?e Wolke h?llten.

Uff, Uff! Warum ruft mein Bruder Winnetou, wenn das Ro? zornig ist?

Winnetou? rief es da laut im Hintergrunde, und ein Mann dr?ngte sich hastig durch die Umstehenden. Winnetou, der gro?e H?uptling der Apachen, ist er hier?

Es war ein Mann von wahrhaft riesigen K?rperformen, wie ich in der Dunkelheit erkennen konnte; auch schien er mir nicht die Kleidung der ihm rasch Platz machenden Arbeiter, sondern das Gewand eines Prairiej?gers zu tragen. Er stellte sich vor den H?uptling auf und fragte mit h?rbar freudigem Tone:

Hat Winnetou die Gestalt und die Stimme seines Freundes vergessen?

Uff! antwortete mit ebensolcher Freude der Gefragte. Wie kann Winnetou vergessen Old Firehand, den gr??ten unter den wei?en J?gern, obgleich er ihn seit vielen Sonnen nicht gesehen!

Glaubs, glaubs, alter Scalper, geht mir mit Dir ja ebenso; aber 

Old Firehand? riefs, ihn unterbrechend, rund im Kreise, und fast ehrerbietig traten die Anwesenden einen Schritt von dem Genannten zur?ck. Auch mir war der Name dieses ber?hmtesten unter den Indianerfeinden bekannt, an dessen Person sich Erz?hlungen von fast unglaublichen K?hnheiten kn?pften, so da? ihn der Aberglaube der Prairiej?ger mit einem durch immer neue Berichte wachsenden Nimbus umgab.

Old Firehand? rief auch der Ingenieur. Warum habt Ihr mir Euren Namen nicht genannt, als Ihr aufstieget, Mann? Ich h?tte Euch einen bessern Platz angewiesen als jedem Andern, den man aus Gef?lligkeit ein St?ck mit in den Westen hineinnimmt!

Danke, Sir; war gut genug! Aber la?t uns die kostbare Zeit nicht verschwatzen, sondern berathen, was wir gegen die Indsmen vorzunehmen haben.

Sofort gruppirte sich Alles, als w?re er selbstverst?ndlich Derjenige, dessen Ansicht die beste sei, um ihn, und ich mu?te meinen Bericht eingehender wiederholen.

So seid Ihr also Winnetous Freund? fragte er, als ich geendet hatte. Ich mag so leicht nicht von Jemandem was wissen; aber wem Der seine Achtung schenkt, der kann auch auf mich rechnen. Hier habt Ihr meine Hand! Und nun la?t Euch meine Meinung sagen, Ihr Leute: Wir bilden zwei Abtheilungen, welche zu beiden Seiten der Bahn sich an die Indianer schleichen. Zwei F?hrer haben wir ja, so da? wir uns nicht irren k?nnen. W?hrend die Eine dieser Abtheilungen die Indsmen vorsichtig in einem Halbkreis umf?ngt und ?ber die Schienen treibt, nimmt die Andere den Feind auf, so da? er in die Mitte kommt und vollst?ndig aufgerieben wird. Aber nehmt Euch in Acht, da? wir nicht vor der Zeit bemerkt werden. Der Zug bleibt nat?rlich hier halten, und wem es nicht behagt, mit zu kommen, der bleibt bei ihm zur?ck.

Well, Sir, ich stimme bei! rief der Ingenieur. Aber obgleich ich eigentlich meinen Posten nicht verlassen darf, will ich doch nicht umsonst ein Paar gesunde F?uste besitzen. Ich w?rde es auf dem alten Feuerkasten nicht aushalten k?nnen, sobald ich Eure B?chsen knallen h?rte und gehe also mit. Und sich zu seinem Personale wendend, fuhr er fort: Ihr Andern bleibt bei den Wagen und gebt gut Acht; man wei? zuweilen nicht, was passiren kann. Tom!

Sir! antwortete der Feuermann.

Du verstehst so ziemlich, mit der Maschine umzugehen. Damit wir nicht erst wieder zur?ck zu gehen brauchen, kommst Du mit den Wagen nach, sobald Du ein Feuerzeichen erblickst. Aber langsam, so langsam wie m?glich. Es wird jedenfalls am Tra? auszubessern geben. 

In kurzer Zeit lag tiefe Stille ?ber der Gegend, und nicht das leiseste Ger?usch verrieth, da? der auf der weiten Ebene ruhende scheinbare Frieden die Vorbereitung einer blutigen Katastrophe in sich berge.

Zun?chst hatten wir eine ansehnliche Strecke in aufrechter Stellung zur?ckgelegt; jetzt aber, nachdem wir die N?he des muthma?lichen Kampfplatzes erreicht hatten, legten wir uns nieder und krochen, Einer hinter dem Andern, auf H?nden und F??en der B?schung entlang.

Der Mond war mittlerweile aufgegangen und warf ein ruhiges, klares Licht ?ber die Gegend, soda? es m?glich war, in sehr geraume Entfernung zu blicken. Diese Helligkeit erschwerte zwar das Anschleichen, war uns aber in anderer Beziehung wieder von Vortheil. Bei der Gleichheit der Hebungen und Senkungen des Bodens w?re es uns im Dunkel nicht leicht geworden, den Ort genau zu bestimmen, an welchem wir die Ogellallas gesehen hatten, und m?glicher Weise konnten wir also ganz unversehens auf sie sto?en; das war aber jetzt nicht zu bef?rchten.

Von Zeit zu Zeit im Vorw?rtsdringen einen Augenblick innehaltend und mich vorsichtig erhebend, warf ich einen forschenden Blick ?ber den Damm hinaus und gewahrte jetzt auf der seitw?rts liegenden Erh?hung eine Gestalt, welche sich leicht kenntlich am Horizonte abzeichnete. Man hatte also jetzt eine Wache ausgestellt, und wenn der Mann sein Augenmerk nicht blos in die Ferne auf den von ihm erwarteten Bahnzug sondern auch auf die n?here Umgebung richtete, so mu?te er unbedingt die Abtheilung von uns, welche sich auf der andern Seite des Schienenstranges fortbewegte, bemerken. Doch vertraute ich der Klugheit des Apachenh?uptlings, welcher mir schon ?fters eine gradezu erstaunenswerthe Meisterschaft im Beschleichen gezeigt hatte.

Nach wenigen Minuten konnten wir die Uebrigen sehen, welche bewegungslos am Boden lagen. Eine kurze Strecke hinter ihnen hielten die angekoppelten Pferde, ein Umstand, der einen pl?tzlichen Ueberfall sehr erschwerte, da die Thiere leicht zu Verr?thern werden konnten. Zu gleicher Zeit erblickte ich die Vorrichtung, welche die Indianer getroffen hatten, um den Zug aufzuhalten. Es waren mehrere Schienen ausgebrochen und mit den ausgehobenen Schwellen quer ?ber das Gleis gelegt worden, und mit Schaudern dachte ich an das Schicksal, welches die Insassen der Wagen h?tte treffen m?ssen, wenn das Vorhaben der Wilden nicht von uns bemerkt worden w?re.

Wir setzten unsre Bewegung so lange fort, bis wir uns der Truppe grad gegen?ber befanden und blieben nun, die Waffen zum sofortigen Gebrauche bereit haltend, erwartungsvoll liegen.

Besser w?re es gewesen, den Angriff von unserer Seite aus zu ?bernehmen; aber die Disposition war nun einmal getroffen und so mu?ten wir uns gedulden. Die Hauptaufgabe unserer Verb?ndeten war, zu n?chst den Posten unsch?dlich zu machen, ein Vornehmen, welches ich kaum einem Andern als Winnetou zutraute. Der Mann konnte im hellen Mondenschein die geringste Kleinigkeit seiner Umgebung genau erkennen und mu?te bei der ringsum herrschenden Ruhe das leiseste Ger?usch bemerken. Und selbst wenn es gelang, ihn zu ?berraschen, so war es doch, um ihn durch einen gutgef?hrten Messerstich unsch?dlich zu machen, nothwendig, aufzuspringen, und dann mu?te man ja sofort von den Andern gesehen werden.

Mit mir zu Rathe gehend, wie diesem Uebelstande abzuhelfen sei, sah ich ihn pl?tzlich wie in den Boden hinein verschwinden, im n?chsten Augenblicke aber schon wieder in seiner fr?heren geraden Haltung aufrecht stehen. Nur einen einzigen, blitzesschnellen Moment hatte diese Bewegung in Anspruch genommen; aber ich wu?te sogleich, was sie zu bedeuten hatte. Der jetzt scheinbar Wache Haltende war nicht mehr der Ogellalla, sondern Winnetou. Er mu?te sich mit noch Einem bis unmittelbar an den Posten geschlichen haben und war in demselben Augenblicke, an welchem Letzterer von dem Anderen bei den F??en niedergerissen und sofort eines Lautes unf?hig gemacht wurde, kerzengrad in die H?he gefahren.

Das war wieder eins seiner bewundernswerthen Indianerst?cke, bei welchem ihm sicher nur Old Firehand geholfen haben konnte. Niemand weiter von uns hatte den Vorgang bemerkt, und da die Feinde in ihrer Unbeweglichkeit verharrten, so mu?te er auch ihnen entgangen sein. Das Schwerste war somit gl?cklich vollbracht, und nun konnten wir in k?rzester Zeit den Angriff erwarten.

Wirklich gewahrte ich auch nur kurze Zeit sp?ter eine Reihe dunkler Punkte, welche sich in einiger Entfernung hinter den Pferden immer weiter vorschob und das Bestreben zeigte, sich zu einem Halbkreise zu verengen. Ungesehen von den Indianern r?ckte sie n?her und immer n?her, und schon schien mir die vollst?ndige Ueberrumpelung des Feindes sicher, da  zuckte ein fl?chtiges Leuchten dr?ben auf, welchem ein lauter Knall folgte  es war irgend Einem das Gewehr losgegangen.

Sofort standen die Ogellallas auf den F??en, und kaum hatten sie die rasch heranst?rmenden Gegner bemerkt, so sa?en sie mit Gedankenschnelle im Sattel, warfen die Pferde herum und st?rmten im Galopp auf den Bahndamm zu.

Sie waren eines Ueberfalles nicht gew?rtig gewesen und hatten also auch f?r den Fall eines solchen keine Verhaltungsma?regeln besprochen. De?halb suchten sie, da sie die Ueberzahl der Wei?en erkannten, zun?chst aus der N?he derselben zu kommen, um dann in einer sicheren Stellung einen Entschlu? zu fassen. Da? auf der andern Seite des Dammes ein Hinterhalt liege, konnten sie nicht wissen, und es kam nun darauf an, ihre Flucht aufzuhalten.




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