Die Mormonen
Moritz Busch




Moritz Busch

Die Mormonen / Ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube





Erstes Kapitel

Sectenwesen in Amerika


Wenn schon das politische Leben der Vereinigten Staaten eine beträchtliche Anzahl von Erscheinungen zeigt, die dem Fremden erst nach einem tiefern Studium von Land und Leuten einigermaßen verständlich werden, so ist dies bei den Gestalten, in welchen sich hier das religiöse Element ausgeprägt hat, noch bei Weitem mehr der Fall. Lassen sich dort in der bunten Mannigfaltigkeit der Parteien immerhin zwei große Grundmächte unterscheiden, die, zwei Trieben oder Zügen in der menschlichen Natur entsprechend, wie Ebbe und Fluth die Interessen der Gesammtheit tragen und ausgleichen, so entzieht sich das Gewimmel der Secten Amerika's beinahe jeder Eintheilung. Wir haben ein vollkommnes Chaos vor uns, in dem die Stoffe in wildester Weise durcheinandergähren, und vor welchem derjenige, den die Wissenschaft nicht an ähnliche Perioden in der Kirchengeschichte erinnert, an einen Verwesungsproceß des Christenthums glauben kann. Das stupideste Festhalten am Buchstaben der Schrift mischt sich mit den wahnwitzigsten Ausschweifungen der Phantasie. Die augenfälligste Täuschung findet bei Tausenden und aber Tausenden von Menschen, die in weltlichen Dingen sich der schärfsten Sinne erfreuen, Augen, die Schwarz für Weiß ansehen, Ohren, die der Lüge wie einer Offenbarung aus der Höhe lauschen, und Kniee, die sich vor Charlatanen wie vor Sendboten Gottes beugen. Hier baut die steifnackige Rechtgläubigkeit ihren Tempel auf. Dort stellt der absolute Zweifel den seinen hin. Da wieder hebt das unter dem Boden brennende vulkanische Feuer der Schwärmerei die Decke, und rasch schwillt die anfangs unscheinbare Blase zum mächtigen Dome, in welchem Fanatiker oder Betrüger eine völlig neue Religion verkünden.

Gleich den Prairiebränden und Ueberschwemmungen des fernen Westen verbreiten sich neue Heilsbotschaften über die Gemüther. Wie der Tornado im Urwald die Eichen, werfen die Worte ihrer Apostel zahlreiche Versammlungen auf die Kniee. Reden in Zungen, himmlische Gesichte, Heilungen durch Handauflegen, Engelserscheinungen und Teufelsaustreibungen sind in manchen Kreisen so alltäglich wie in den Zeiten des Urchristenthums. Wunderliches wird wunderbar, Carricaturen verwandeln sich in Heroen. Bald scheinen die Dämonen, die einst in Säue fuhren, bald wieder scheint der Geist der Pfingsten die trübe Fluth zu bewegen. Nichts ist so voll Widersprüche, nichts verstößt so sehr gegen Sitte und Gewohnheit, daß es nicht einen Kreis von Gläubigen um sich sammelte, wenn ein beredter Mund es vorträgt, ein spitzfindiger Verstand es aus der Bibel rechtfertigt, und ein organisirendes Talent ihm kirchliche Gestalt giebt. Ja gerade das Barocke und Bizarre ist es, welches die größte Anziehungskraft auszuüben scheint, wenn es auch häufig nur angenommen wird, um Tags darauf mit einer noch seltsameren Verkehrtheit vertauscht zu werden.

Dieser dem Wechselfieber, Amerika's verbreitetster Krankheit, vergleichbare Zustand, bei dem Leute, die im Laufe weniger Jahre einem Dutzend Kirchen und Confessionen nach einander angehört haben, keine Seltenheit sind, vereinigt in sich fast alle Symptome, welche die Kirchengeschichte seit ihrem Beginn bis heute hat zu Tage treten lassen. Die Ebioniten, die Gnostiker, die Klöster in ihrer Urgestalt, die enthusiastischen Secten des Mittelalters, die Wiedertäufer von Münster, die Camisarden, sie alle finden mehr oder minder ihr Ebenbild in diesem transatlantischen Wirrsal, und nicht ohne wesentlichen Gewinn für das Verständniß jener älteren Erscheinungen dürfte eine genauere Untersuchung dieser ihrer Wiederholungen in der Gegenwart sein.

Andeutungen über die Ursachen dieses auffallenden Phänomens im amerikanischen Leben sind an einem andern Orte gegeben worden[1 - Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi, von Moritz Busch, Stuttgart und Tübingen, Cotta'scher Verlag, 1854.]. Hier haben wir es nur mit der sonderbarsten und zugleich mächtigsten Ausgeburt dieses eigenthümlichen Dranges zur Sectengestaltung zu thun – einer Erscheinung, die überdies, indem sie gewissermaßen ein mixtum compositum der Ergebnisse aller ähnlichen ist, uns das gesammte Sectenwesen wiederspiegelt, und schließlich sehr belehrende Streiflichter über die letzten Gründe des politischen und socialen Dichtens und Trachtens in der transatlantischen Musterrepublik wirft.

Daß die Quäker in den Vereinigten Staaten ihren Hauptsitz haben, ist bekannt: ebenso daß die verschiedenen Secten der Wiedertäufer hier gegen zwei Millionen Bekenner zählen. Die Campmeetings oder Lagerversammlungen der Methodisten mit den halb grauenvollen, halb komischen Aeußerungen ihrer Inbrunst, ihren Abrahams a Sancta Clara, ihrem verzückten Jauchzen und ihrer an das Treiben Besessner grenzenden Zerknirschung sind uns wiederholentlich geschildert worden.

Weniger bekannt dagegen dürfte sein, daß um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Ann Lee, die Frau eines Hufschmieds aus England, nach Albany kam, die sich für den in weiblicher Gestalt wiedererschienenen Christus ausgab, den Eintritt des tausendjährigen Reichs verkündete, die Vermischung der Geschlechter unter allen Umständen, und somit auch die Ehe für Sünde erklärte, Gott durch Tanz zu verehren lehrte und für diese wunderlichen Heilswahrheiten eine verhältnißmäßig nicht geringe Anzahl von Gläubigen fand, deren Gemeinschaft noch jetzt unter dem Namen der Shaker in achtzehn klosterartigen Niederlassungen mit etwa viertausend Bewohnern fortgesetzt wird. Weniger bekannt mag ferner sein, daß, von einer andern Engländerin, Jane Southcot, gestiftet, in der Stadt Neuyork eine Secte besteht, welche nebst andern Ceremonien auch die Beschneidung unter sich eingeführt hat, daß die Swedenborgianer zahlreiche Gemeinden in Amerika haben, daß die Geisterklopferei sich unter dem Titel Spiritualismus zu einer Art Kirche gestaltet hat, daß in Pennsylvanien, in Ohio und bei Buffalo pietistische Communisten-Niederlassungen blühen, und daß auch Cabet's Icarier hier leidlich gedeihen. Weniger bekannt endlich ist wohl, daß vor etwa zehn Jahren William Miller, der »Widderhornprophet«, die Union durchzog, der mit Hilfe der Bibel, der Mathematik und seiner Phantasie die schreckenvolle Gewißheit herausgerechnet hatte, daß die Welt am 21. März 1844 untergehen müsse, und der mit seiner Predigt im Osten wie im Westen Massen schwachsinniger Seelen zum Verkaufe ihrer Habseligkeiten bethörte.

Alle diese und manche verwandte Erscheinungen finden in der Vergangenheit des christlichen Europa ihr Seitenstück. Die aber, von welcher wir nun handeln werden, hat, als Ganzes betrachtet, soviel uns bekannt, weder in der christlichen Welt, noch im Entwickelungskreise irgend einer andern Religion Ihres gleichen. Das Mormonenthum ist einzig in seiner Art. Es konnte nur dem Boden der neuen Welt entkeimen, nur unter amerikanischer Sonne gedeihen, und wenn es gestattet ist, Phänomene durchaus unerhörter, den gewöhnlichen Voraussetzungen des Geschehens allenthalben widersprechender Art Wunder zu nennen, so stehen wir hier bis auf Weiteres vor einem der größten Wunder unseres Jahrhunderts.

Die Geschichte der Mormonen oder der Latter-Day-Saints, wie sie selbst sich nennen, ist die Geschichte einer tauben Nuß, die, in den Humus der transatlantischen Welt gepflanzt, in einer auf den ersten Blick miraculösen Weise zum riesigen Baume erwuchs und Früchte erzeugte, die keineswegs alle faul sind. Es ist die Geschichte einer Lehre, die, ursprünglich ein ziemlich plumper Puff, allmälig durch Hereinnahme einer Anzahl von mystischen Glaubenssätzen den Schein eines tieferen Inhalts gewann und sich in staatlicher Beziehung zu einer bisher noch nicht dagewesenen Theo-Demokratie ausbildete. Im Stifter der Secte sehen wir unzweifelhafte Talente, große Menschenkenntniß, bewunderswerthe Ausdauer, außerordentlichen Scharfblick in der Wahl seiner Mittel mit unglaublicher Frechheit, tiefer sittlicher Verworfenheit, und einer in ihrer Naivetät oft geradezu drolligen Unwissenheit gepaart. Mag man ihn in einigen Zügen mit Mohamed, in andern mit Cromwell vergleichen, so erinnert er in weit zahlreichern Aeußerungen seines Charakters an Barnum, den »Napoleon der Windbeutelei«, und war er unleugbar ein ungewöhnlicher Mensch, ja darf man ihn als das personificirte Genie des Yankeethums bezeichnen, so erklären sich seine Erfolge doch noch mehr als aus seiner Begabung aus den Verhältnissen, in die er sich gestellt sah.

Diese Verhältnisse aber, unter denen es möglich war, daß eine Secte, die im Jahre 1830 nur aus der Familie ihres Gründers und zwei Freunden bestand, im Laufe von zwanzig Jahren trotz grausamer Verfolgungen und trotz mannigfacher Gelegenheiten zur Erkenntniß der Lügen, die ihr Kern waren, zu einer wohlgeordneten Kirche wurde, deren hunderttausend Bekenner über die ganze Erde zerstreut sind: diese eigenthümlichen Verhältnisse haben für unser Jahrhundert und insbesondere für Amerika ebenso viel Beschämendes als Tröstliches. Sie zeigen, daß in unserer Zeit das Licht der Bildung noch lange nicht so weit leuchtet, als man gemeinhin annimmt und daß namentlich die Vereinigten Staaten und England mit dem Prädicate einer aufgeklärten Nation, das sie sich so gern zulegen, etwas sparsamer umzugehen Ursache haben. Sie zeigen aber auch, daß da, wo freie Institutionen herrschen, und wo die edlen Eigenschaften der angelsächsischen Race das Ganze durchdringen, selbst der Betrug bald eine Gestalt annehmen muß, die nach einer Seite hin wenigstens Anerkennung und selbst Bewunderung verdient.

Die folgende Darstellung wird erkennen lassen, ob damit zu viel gesagt ist.




Zweites Kapitel.

Joseph Smith der Schatzgräber und Prophet. – Sidney Rigdon und der offenbarende Engel. – Ein Roman und die Verwandlung desselben in eine Bibel


Der Stifter des Mormonenthums war Joseph Smith, am 23. September 1805 zu Sharon im Staate Vermont geboren, und später mit der Familie seines Vaters nach dem Dorfe Manchester bei Palmyra im Staate Neuyork ausgewandert. Seiner Selbstbiographie zufolge stand sein Sinn schon in früher Jugend auf göttliche Dinge, und als er siebzehn Jahre alt war, wurde dieser Hang dadurch noch mehr genährt und aufgeregt, daß ein beredter Methodistenprediger in der Nachbarschaft eine große Erweckung der Seelen bewirkte. Häufig schüttete Joseph sein Sehnen nach Erkenntniß vor Gott im Gebete aus, und oft brütete er Tage lang über den rechten Weg zur Erlangung des Heils. Als er nun bei einer solchen Gelegenheit in die Nacht hinein wach geblieben war, und kniend den Herrn um Erleuchtung anflehte, welche von den verschiedenen Secten und Kirchen die rechte sei, siehe da wurde sein Gemach plötzlich von himmlischem Lichte erfüllt, und er erblickte einen Engel neben sich, der ihn über den Pfad zur Gerechtigkeit vor Gott unterwies und ihn zugleich belehrte, daß es auf Erden keine echte Kirche mehr gäbe. Das Christenthum habe die göttliche Ordnung mit Menschensatzung vertauscht, den Glauben verunstaltet und den ewigen Bund gebrochen, wofür zur Strafe schon vor funfzehnhundert Jahren das Priesterthum von ihm genommen worden sei. Endlich erfuhr Joseph von dem Boten aus der Höhe, daß sein Gebet Wohlgefallen vor Gott gefunden habe und in die Bücher des Lebens eingetragen worden sei, daß der Herr ihn liebe, und daß er den Auftrag erhalten solle, die Priesterschaft nach der Ordnung Melchisedek's unter den Menschen wiederherzustellen und eine Kirche wahrer Gläubigen zu gründen zum Empfange des Herrn, dessen tausendjähriges Reich nahe sei.

Bei einem späteren Besuche des Engels, der am 21. September 1823 stattfand, ward ihm die Eröffnung, daß er erwählt worden, ein heiliges Buch, welches in der Nachbarschaft vergraben sei, und welches, von altindianischen Propheten verfaßt, die Wahrheit über den Ursprung der Ureinwohner Amerika's und deren Schicksale seit ihrer Einwanderung aus Judäa enthalte, wieder zu finden und zu Nutz und Frommen der Welt zu veröffentlichen.

Am folgenden Morgen nach der Stelle, dem Gipfel eines Berges zwischen Canandaigua und Palmyra, den die Mormonen Cumorah nennen, geführt, fand er nach kurzem Suchen eine acht Zoll hohe steinerne Kiste, auf welche der Deckel mit Mörtel befestigt war. Er machte wiederholentlich Versuche, sie aufzubrechen, bis ein Schlag von unsichtbarer Hand ihn zurücktrieb. Auf sein inbrünstiges Gebet um Erklärung dieses Widerstandes empfing er die Antwort, der Grund davon, daß er keinen Erfolg gehabt, liege darin, daß er den Einflüsterungen des Satans Gehör gegeben, welcher auf dem Wege neben ihm hergegangen sei und ihn beredet habe, den Inhalt der Kiste zur Förderung seiner zeitlichen Angelegenheiten zu verwenden. Dies war Sünde. Der Gedanke, dadurch berühmt zu werden, war unheilige Ehrbegier, dadurch zu Reichthum zu gelangen, strafbarer Geiz.

»Du kannst diese Urkunden noch nicht bekommen,« sagte der Engel. »Niemand kann sie bekommen, wofern sein Herz unrein ist, weil sie das enthalten, was heilig ist. Siehe, obwohl Du jetzt geschaut hast die Macht der Finsterniß, woran Du fürderhin allezeit den Bösen gewahr werden kannst, so will ich Dir noch ein anderes Zeichen geben, an welchem Du inne werden sollst, daß der Herr Gott ist, und daß die Kunde, welche diese Ueberlieferung enthält, zu allen Völkern, Geschlechtern und Zungen unter dem Himmel getragen werden soll. Dies aber ist das Zeichen: Wenn es bekannt wird, daß der Herr Dir diese Dinge gezeigt hat, werden die Gottlosen Deinen Sturz suchen. Sie werden Lügen verbreiten, um Deinen guten Ruf zu zerstören, und man wird Dir sogar nach dem Leben trachten. Aber merke, wenn Du getreu bleibst und fortan den Geboten des Herrn nachlebst, so sollst Du bewahrt bleiben und zu rechter Zeit Erlaubniß erhalten, die Urkunden von hier zu holen.«

Diese Verheißung erfüllte sich nach Verlauf von vier Jahren, während welcher Zeit Joseph sich fortdauernd eines Gott wohlgefälligen Wandels befleißigt, eifrig der Wahrheit nachgestrebt, und vielfache lehrreiche Besuche von dem Engel empfangen hatte. Am 22. September 1827 öffnete ihm dieser die Steinkiste, zeigte ihm den Inhalt, der in dem Schwerte Labans, einem Brustharnisch, einer Prophetenbrille, Urim und Thummim genannt, und den Täfelchen bestand, auf welche die Urkunden eingegraben waren, und gestattete ihm, einen Theil dieses Schatzes mit heimzunehmen. Das Schwert, in der Zeit Zedekias aus Jerusalem nach Amerika gelangt, war vom feinsten Stahl und hatte einen goldenen Griff. Die Brille war von der Form eines kleinen Bogens, in dessen Oesen zwei helle durchsichtige Steine eingesetzt waren, und man konnte mit ihr in der Vergangenheit und Zukunft lesen. Die Tafeln, die das Aussehen von Gold hatten, sieben Zoll breit, acht Zoll lang und nicht ganz so stark wie gewöhnliches Blech waren, wurden durch drei an der einen Seite hindurchgehende Ringe zu einem Bande zusammengehalten und waren auf beiden Seiten mit ägyptischen Charakteren gefüllt. Ein Theil derselben war durch ein Siegel verschlossen.

Joseph nahm die Urkunden mit sich nach seines Vaters Haus, und als die Nachricht von seinem Funde sich in der Gegend verbreitete, erfüllte sich, was der Engel geweissagt. Man streute nach allen Richtungen hin falsche Darstellungen der Sache aus, man spottete und höhnte über die wunderbare Eröffnung. Pöbelhaufen bestürmten das Haus der Familie Smith, und mehrmals wurden Versuche gemacht, dem Propheten mit Gewalt die kostbaren Goldplatten zu entreißen, sodaß er sich endlich entschloß, nach dem benachbarten Pennsylvanien auszuwandern. Hier, wo in der Nähe des Susquehanna sein Schwiegervater wohnte, übertrug er mit Hilfe der Urim und Thummim und eines Schreibers, Namens Cowdery, den unversiegelten Theil des Urkundenbuchs ins Englische, welcher später unter dem Titel »das Buch Mormons« im Druck erschien.

Bis hierher folgten wir der Darstellung der Sache, wie sie von Smith selbst und dem Mormonenapostel Orson Pratt erzählt wird. In Wahrheit verhielt es sich sehr wesentlich anders damit. Zwar mag der Prophet bei der Erweckung der Nachbarschaft durch jenen Methodistenprediger einige Eindrücke empfangen und sich mit den Hauptthesen des Sectenstreites unter seinen Landsleuten bekanntgemacht haben. Statt aber im Rufe von Frommen zu stehen, galten Joseph Smith und seine ganze Familie vielmehr allenthalben als leichtsinnige, lügenhafte Taugenichtse. Statt zu arbeiten, streiften sie in der Gegend als Schatzgräber umher. Sie bedienten sich dabei eines sogenannten »Sehersteins«, bisweilen auch einer Wünschelruthe. Die Sage wollte, daß in den westlichen Grafschaften des Staates Neuyork große Reichthümer aus der Zeit de Sotos verborgen lägen, und Joseph hatte sich bei den Abergläubischen den Ruf zu erwerben gewußt, diesen unterirdischen Schätzen mit Glück nachzuspüren. Im Jahre 1825 machte er in dem pennsylvanischen Orte Harmony die Bekanntschaft einer Miß Emma Hale und beredete sie, sich von ihm entführen zu lassen und heimlich seine Frau zu werden. Zu derselben Zeit beschwatzte er einen gewissen Lawrence, sich mit ihm zu verbinden, um am Susquehanna eine von ihm entdeckte reiche Silbergrube auszubeuten; als sie indeß nach dem angegebenen Orte kamen, war nichts von einem Erzgange zu entdecken, und Lawrence hatte sein Geld umsonst ausgegeben. 1826 dupirte er in ähnlicher Weise den Farmer Stowell zu Bainbridge, indem er demselben vorredete, er habe in einer Höhle nicht weit von Manchester einen Goldklumpen entdeckt, von dem er ihm gegen das Versprechen, ihn nebst seiner Frau aus Pennsylvanien nach dem Wohnorte seines Vaters zu schaffen, die Hälfte zu geben sich anheischig machte. Stowell ging darauf ein und erfüllte seinen Theil des Vertrags; als Smith aber nun auch seiner Verpflichtung nachkommen sollte, entzog er sich derselben durch die Ausflucht, er könne seine junge Gattin nicht allein unter Fremden lassen, und der getäuschte Farmer kehrte heim, um seiner Kohlbeete zu warten und dazu über den Eulenspiegel zu schimpfen, der ihn so schmählich am Narrenseile herumgeführt hatte. Dies ist in der Hauptsache die wirkliche Geschichte des neuen Propheten in der Zeit zwischen der ersten angeblichen Engelserscheinung und dem Punkte, wo es zu verlauten begann, daß er an der Uebersetzung seines Fundes arbeite.

Aber auch über den letzteren wurde bald eine völlig andere Kunde laut, als die, welche Smith und seine Freunde der Welt aufbinden zu können geglaubt hatten. Das Buch Mormon war nichts weniger als eine Sammlung von Urkunden, von indianischen Propheten vor Jahrhunderten geschrieben. Es war vielmehr das Erzeugniß der Mußestunden eines gewissen Spalding, welcher von 1809 bis 1812 im Städtchen Conneauct in Nordohio in Gemeinschaft mit einem gewissen Lake ein Eisenwerk betrieben hatte. Es war eine Art historischer Roman, in welchem die auch sonst in Amerika häufig gehörte Ansicht durchgeführt war, daß die Ureinwohner des westlichen Continents Nachkommen der Kinder Israel's seien, und welcher zu dem Zwecke weitläufige Berichte über ihre Wanderungen von Jerusalem nach Amerika und ihre Schicksale in diesem Welttheile enthielt. Das Eisenwerk bezahlte sich nicht, und da Spalding mittlerweile auf die Idee gerathen war, er könne durch Veröffentlichung seines Buchs ein wohlhabender Mann werden, so begab er sich im Jahre 1812 nach Pittsburgh, wo er die »Entdeckte Handschrift« – so hatte er nämlich das Product getauft – dem Drucker Lambdin zum Verlag anbot.

In dessen Verwahrung verblieb das Manuscript – wie die Einen sagen – kurze Zeit, kam dann an den Verfasser zurück, wurde nach dessen bald darauf erfolgtem Ableben von der Witwe mit nach Hartwick, nicht weit von der Wohnung jenes mit Smith befreundeten Farmers Stowell, genommen und gelangte von hier um das Jahr 1820 nach dem Hause ihres Bruders zu Onondaga Hollow, nicht fern von Manchester, dem damaligen Aufenthaltsorte Smiths. Hier wurde es, behauptet man, von Joseph aus dem Koffer, wo es mit anderen Papieren Spaldings gelegen, entwendet und in ein Religionsbuch umgebildet.

Diese Angaben sind, wo nicht geradezu unglaubwürdig, doch zu wenig begründet. Weit richtiger scheint die folgende Erklärung. Die »Entdeckte Handschrift« war mehrere Jahre und auch dann noch in Lambdins Verwahrung verblieben, als Spalding im Frühling 1816 starb und einige Zeit nachher die Firma Lambdin und Patterson Bankerott machte. Nun hielt sich von 1823 bis 1826 ein gewisser Sidney Rigdon in Pittsburgh auf, der früher Buchdruckergehilfe gewesen war und jetzt in der Eigenschaft eines Predigers der »Reformers« oder »Disciples« wirkte. Er war, wie sein späteres Verhalten zeigt, ebenso schlau als ehrgeizig und nie um die Mittel zur Erreichung seiner Zwecke verlegen. Er stand auf ziemlich vertrautem Fuße mit Lambdin und verließ, als dieser starb, seinen bisherigen Aufenthaltsort, um sich in Mentor, einem Städtchen im nördlichen Ohio, eine Gemeinde zu bilden, der er ähnliche Dinge wie die, welche der Engel Joseph Smith verkündet, vortrug. Eine andere Thatsache, die zu Schlußfolgerungen berechtigt, ist die, daß Rigdon während des Herbstes von 1826 häufige Reisen von Mentor nach Pittsburgh unternahm, von wo es nicht weit bis zum Susquehanna und dem damaligen Wohnorte Smiths ist.

Als nun im Jahre 1830 das »Buch Mormon« oder wie es in der ersten Ausgabe heißt, »die goldene Bibel« im Druck erschien und von Gläubigen und Ungläubigen mit Begier gelesen wurde, erklärten Spaldings Witwe und sein Bruder, erstaunt und entrüstet zugleich, dasselbe sei in der Hauptsache nichts anderes, als die ihnen noch sehr wohl erinnerliche »Entdeckte Handschrift« ihres verstorbenen Gatten und Bruders. Die Namen der Personen und Orte, ja was noch mehr, die psychologischen Unwahrscheinlichkeiten und auffälligen Stylmängel waren fast durchgängig beibehalten, und der Bearbeiter hatte nur etwas mehr religiöses Material hinzugethan. Ihre Einsprache gegen den Betrug, auf welche Rigdon lediglich mit Schmähungen und Grobheiten antwortete, wurde durch das Zeugniß des einstigen Compagnons von Spalding, sowie durch einen großen Theil der Bewohner Conneaucts bekräftigt, und so scheint das Räthsel sich dahin aufzulösen, daß Lambdin, nachdem er mit seiner Druckerei Bankerott gemacht, die in seiner Verwahrung befindlichen Manuscripte in der Absicht durchsah, sich durch eine Speculation mit einem auffälligen Buche wieder emporzuhelfen, daß er zu diesem Zwecke kein besseres Mittel als die »Entdeckte Handschrift« wählen konnte, deren Verfasser ihm überdies kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen vermochte, daß er dieses Werk an Rigdon übergab, um es nach seinem Ermessen zu feilen und zu ändern, und daß dieser den Roman in eine Bibel umprägte. Der Tod Lambdins machte Rigdon zum alleinigen Besitzer des Geheimnisses und seines möglichen Gewinns. Letzterer wurde sicherer, wenn das Buch in miraculöser Weise an den Tag gebracht wurde. Das damals sich verbreitende Gerücht, in Canada sei eine goldene Bibel ausgegraben worden, lenkte auf den Gedanken, auch die Urkunden Mormons auf Goldtafeln geschrieben sein und dem Schoose der Erde entsteigen zu lassen. Es war endlich ein Gehilfe zu suchen, der im Rufe eines Schatzgräbers stand, da, wenn man diesen den Fund thun ließ, der Verdacht nicht auf Rigdon fiel, und hierzu war Joseph Smith nach dem Vorigen der rechte Mann. Derselbe ging auf Rigdon's Antrag ohne Bedenken ein, und wenn er einige Zeit nach der ersten Besprechung mit dem Urheber des Plans nach Pennsylvanien zog, so geschah dies nicht wegen Gefährdung seines Lebens daheim, sondern deshalb, weil er am Susquehanna seinem Genossen näher war und sich dort ungestörter von ihm seine Rolle einüben lassen konnte.

Die weitere Entwickelung wirft aber noch mehr Licht auf das Verfahren, womit die beiden Schwindler ihr öffentliches Auftreten einleiteten. Weder Smith noch Rigdon war im Besitze der Mittel zur Veröffentlichung des Fundes durch den Druck. Ersterer wendete sich deshalb zuerst an den Quäker Crane, um ein Darlehen zur Förderung des Werkes Gottes, wurde aber mit spöttischen Worten abgewiesen. Er warf sodann seine Augen auf den Farmer Harris, einen leichtgläubigen Tropf, welcher bereits einem halben Dutzend Secten nach einander angehört hatte. Er trat ihm eines Tages in den Weg, verkündete ihm, daß der Herr ihm geboten, sich von ihm funfzig Dollars zum Beginn des Werks der Uebertragung seines Indianerevangeliums geben zu lassen, und empfing von dem durch Verheißung großen Lohnes bestochenen Harris wirklich die verlangte Summe. Noch kräftiger bearbeitet, streckte dieser nach und nach gegen dreitausend Dollars vor und gab sich sogar selbst zum Schreiber her, dem Smith seine Uebersetzung dictirte. Da er indeß der Feder nicht recht mächtig war, so wurde er durch Oliver Cowdery, einen Schulmeister, ersetzt, welcher die Arbeit bis zum Drucke vollendete. Smith legte dabei die Pseudo-Goldplatten in einen Hut, hielt sich die Prophetenbrille der Urim und Thummim vor die Augen und dictirte die Worte der Urkunde, die sich vermittels dieses Instruments aus neuägyptischen in englische verwandelten, dem Schreiber, von dem er durch einen Vorhang geschieden war, in die Feder. Ins Natürliche übertragen heißt das, er las das Manuscript Rigdons, das er in seinem Hute verborgen, ab, oder sagte, was er davon für den Tag auswendig gelernt hatte, aus dem Gedächtnisse her.

Anfänglich scheint weder Rigdon noch Smith an die Stiftung einer neuen Religion gedacht zu haben. Man hatte lediglich den Zweck im Auge, der angeblichen Entdeckung eines Buchs aus der Urzeit Amerika's dadurch, daß man sie als von Engelserscheinungen begleitet und von einem Nimbus aus der Höhe umflossen darstellte, die Gemüther der zahlreichen Wundergläubigen im Lande zuzuwenden. Kurz vor dem Erscheinen des Buchs Mormon im Druck aber müssen die Ansichten der Beiden über den Weg, den sie einzuschlagen, eine Aenderung erfahren haben, indem am 6. April 1830 zur Gründung einer »Kirche aus den Heiden« verschritten wurde.

Ehe wir jedoch diesem Treiben unsere Aufmerksamkeit zuwenden, sei ein Ueberblick des Inhalts der Mormonenbibel gestattet, die gegenwärtig in englischer, walisischer, französischer, italienischer, dänischer und deutscher Sprache zu haben, ja selbst in die der Sandwichsinsulaner übersetzt und in mehr als einer halben Million Exemplaren verbreitet ist.

Das Buch Mormons zerfällt in die Bücher Nephi 1 und 2, Jacob, Enos, Jarom, Omni, Mosiah, Alma, Helaman, Nephi des Jüngern, Mormon, Ether und Moroni, die zusammen so viel Stoff enthalten als das alte Testament ohne die Apokryphen. Der Inhalt aber ist in Kurzem folgender: Als der Herr, um den Bau des Babelthurms zu vereiteln, die Sprachen der dort zusammengeströmten Menschen verwirrte, erbarmte er sich der Jarediten ob ihres frommen Wandels und beließ sie im bisherigen Gebrauche ihrer Zunge. Von Gott dazu angeregt, verließen sie das Land Schinear und wanderten nach der Westküste des Oceans, von wo sie in acht Schiffen nach dem nördlichen Amerika fuhren. Hier wohnten sie anderthalb Jahrtausende, wurden zu einer zahlreichen und mächtigen Nation, versanken aber allmälig in Unglauben und Laster und wurden in Folge dessen um das Jahr 600 vor Christi Geburt von Gott so vollständig vertilgt, daß von ihnen nichts übrig blieb, als die Trümmer ihrer Städte und die von ihrem Propheten Ether auf Goldplatten verzeichnete Geschichte ihres Aufblühens und Untergangs.

Um die Zeit ihrer Ausrottung wurde eine jüdische Familie vom Stamme Josephs, der fromme Lehi mit seinem Weibe Sariah und seinen vier Söhnen, auf wunderbare Weise aus Jerusalem nach der Westküste Südamerika's geleitet, und elf Jahre später brach ein dritter Zug von israelitischen Auswanderern, worunter etliche vom Stamme Juda, gleichfalls nach dem großen Festlande jenseit des Stillen Oceans auf. Sie landeten in Nordamerika, begaben sich indeß später nach dem Süden, wo sie nach Verlauf von ungefähr vierhundert Jahren von dem einen Theile der Frühergekommenen entdeckt wurden und mit ihnen zu einem Volke verschmolzen.

Die Nachkommen Lehi's nämlich schieden sich einige Zeit nach ihrer Ankunft auf amerikanischem Boden in zwei Stämme, eine Spaltung, welche dadurch veranlaßt wurde, daß einige von ihnen die Uebrigen wegen ihrer Gottesfurcht anfeindeten und verfolgten. Diese Frommen, die sich nach dem sie führenden Propheten Nephiten nannten, wanderten nach Centralamerika und von dort nach dem Norden aus, während jene Gottlosen, nach ihrem Feldherrn Lamaniten geheißen, im Süden zurückblieben.

Die Lamaniten brachten durch ihres Herzens Härtigkeit und Bosheit viele und schwere Heimsuchungen auf sich herab. Namentlich verwandelte der Fluch Gottes ihre von Natur weiße Farbe in ein schmutziges Roth. Sie waren Leute von roher und blutgieriger Sinnesart und ihren Brüdern, den Nephiten so überaus aufsässig, daß sie dieselben mehrmals in zahllosen Horden mit Krieg überzogen, Angriffe, die jedoch allenthalben siegreich zurückgeschlagen wurden.

Die Nephiten waren in allen Stücken das Gegentheil dieses bösen Volkes. Sie hatten in ihrem Besitze eine Abschrift des Gesetzes Moses und der Propheten bis auf Jeremia, in dessen Tagen ihr Stammvater Jerusalem verlassen hatte, und diese Ueberlieferungen aus dem Lande ihrer Vorfahren, die auf Erztäfelchen gegraben waren, erhielten eine Fortsetzung in anderen Tafeln, welche von den Weisen und Sehern der Nation mit den Thaten ihrer Könige und Helden, sowie mit den Gesichten, Wundern und Offenbarungen, deren Gott das fromme Volk würdigte, gefüllt wurden. Und der Herr segnete sie mit Gedeihen, und sie wuchsen und breiteten sich aus nach Osten, Westen und Norden, bedeckten die Thäler und Ebenen mit Städten und Dörfern, Tempeln und Burgen, erbauten alle Gattungen Getreide in Ueberfluß und zogen zahlreiche Arten von Hausthieren. Sie kannten zugleich die Gewinnung und den Gebrauch von Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Künste und Wissenschaften blühten unter ihnen, ja selbst einige Zweige der Maschinenbaukunde waren ihnen bekannt. Die geistigen Interessen wurden durch Propheten besorgt, die in die fernste Zukunft schauten und nicht blos die Erscheinung des Messias im Fleische, sondern sogar seine Wiederkunft und die Errichtung seines tausendjährigen Reiches weissagten. Dessenungeachtet wichen auch die Nephiten endlich von den Wegen des Herrn, verfielen in Sünden und Laster und tödteten die Propheten, die sie davon abmahnten. Da ergrimmte der große Jehova über sie und suchte sie mit schweren Strafen heim. Finsterniß sank auf die Erde herab, ein grauenvolles Erdbeben wüthete von einem Meeresstrande zum andern, Berge sanken zu Thälern ein, Thäler schwollen zu Bergen, Seen flutheten an der Stelle verschlungener Ortschaften, und der größte Theil der Nephiten und Lamaniten wurde vernichtet. Die aber, welche diese furchtbare Katastrophe überlebten, wurden mit einer persönlichen Erscheinung Christi, der kurz vorher in Jerusalem gestorben, auferstanden und gen Himmel gefahren war, begnadigt. Er zeigte ihnen Seitenwunde und Nägelmaale, predigte ihnen das Evangelium, setzte die Sacramente ein, heilte Lahme und Blinde, erweckte einen Todten und machte dem frommen Volke alle Dinge bis ans Ende der Tage bekannt. Ein Theil seiner Reden und Thaten ist im Buche Mormons zu lesen; der größere und wichtigere Theil derselben aber wartet vorläufig noch der Uebertragung aus dem neuägyptischen Originale.

Nachdem der Erlöser sein Werk in Amerika vollendet, stieg er wieder (wer denkt bei diesem Auf und Ab nicht an die Papierdrachen, welche unsere Knaben steigen und sinken lassen, wie und wenn sie wollen?) in den Himmel. Die zwölf Jünger aber, die er gewählt, zogen durch das Land, predigten allenthalben die frohe Botschaft, thaten Wunder und bekehrten nicht blos alle bis dahin dem Gesetze Mosis unterthanen Nephiten, sondern auch viele Lamaniten. Der dadurch hervorgerufene gottselige Zustand des amerikanischen Volkes erhielt sich länger als dreihundert Jahre in seiner Reinheit. Allmälig jedoch rissen wieder Unglauben und Ungerechtigkeit ein, und gegen das Ende des vierten Jahrhunderts der christlichen Aera hatte die Ruchlosigkeit einen solchen Grad erreicht, daß die Langmuth des Herrn sich in strafenden Zorn verwandelte. Ein schrecklicher Krieg brach zwischen den Lamaniten im Süden und den jetzt nur noch in Nordamerika wohnenden Nephiten aus, und dessen Ausgang war die beinahe gänzliche Ausrottung der letzteren auf dem Berge Cumorah, wo sich der Rest der Nation in einem meilenlangen Lager verschanzt hatte.

Unter den Ueberlebenden waren der Prophet Mormon und sein Sohn Moroni, von denen der Erstgenannte einen Auszug aus den Ueberlieferungen seiner Vorväter gemacht hatte, den er vor seinem Tode dem Sohne zur Vollendung übergab, während jene Traditionen von ihm auf Gottes Geheiß im Berge Cumorah verborgen wurden. Moroni führte die Chronik seines Vaters noch einige Jahre fort, und wir erfahren von ihm, daß die unversöhnlichen Lamaniten die wenigen von den Kindern Nephi, welche jener Vertilgungsschlacht entronnen waren, so lange verfolgten, bis das ganze Geschlecht, ihn ausgenommen, vernichtet war. Er berichtet fernerhin, daß nach dem Untergange ihrer Gegner die Lamaniten unter sich selbst in Streit geriethen, und daß ganz Amerika lange Zeit nichts als ein großer Schauplatz von Gewalt, Raub und Blutvergießen war. Er schließt endlich seine Geschichte im Jahre 424 nach Christi Geburt, um die Platten, auf die sie geschrieben, ebenfalls in den heiligen Berg zu vergraben.




Drittes Kapitel.

Die Mormonen in Missouri und Ohio. – Zion im Westen. – Verfolgungen in Missouri und Triumphe in Illinois. – Die Wunderstadt Nauvoo und ihr Tempel. – Die Ermordung des Propheten und der Auszug aus Aegypten


Wir kehren nun zu der Geschichte Smiths und der von ihm am 6. April 1830 gegründeten neuen »Kirche« zurück. Dieselbe bestand anfänglich nur aus dem Propheten selbst, seiner Frau, der Familie seines Vaters und seinen Freunden Martin Harris und Oliver Cowdery. Nach dem Sprichworte, daß ein Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, fanden sich in Manchester nur Wenige, die der Predigt von dem erdentstiegenen Pseudoevangelium ein geneigtes Ohr leihen mochten. Dagegen wurden in den Grafschaften Fayette und Colesville Zweiggemeinden zu Stande gebracht. Trotzdem würde schwerlich etwas Bedeutendes erreicht worden sein, wenn die Helfershelfer Smiths nicht auswärts wichtigere Erfolge vorbereitet hätten.

Im August 1830 reiste (die Mormonen sagen: zufällig) ein Campbelliten-Prediger aus Lorrain-County in Ohio auf dem Canale durch Palmyra, hörte hier von der neuen Religion, besuchte den Propheten, las das Buch Mormons und wurde zum Glauben an seine Echtheit bekehrt. Dies war Parley Peter Pratt, später einer der beredtesten und feurigsten Vertheidiger und einer der fruchtbarsten Hymnendichter des Mormonenthums, jetzt Präsident seiner zahlreichen Gemeinden auf den Inseln des Stillen Oceans. Bei seiner Rückkehr nach Ohio, wohin ihn Cowdery begleitete, übergab er die »Goldne Bibel« dem in der Nachbarschaft lehrenden Rigdon, der dadurch zu einer Reise nach Manchester bewogen wurde, wo er sich nach einigem Sträuben gleichfalls bekehren ließ und sofort zum Aeltesten, Oberpriester und Schriftführer ernannt wurde. Heimgekehrt rief er unverzüglich seine Gemeinde zusammen, trug ihr in einer zweistündigen Rede voll glühender Begeisterung seine Erfahrungen im Staate Neuyork vor, ermahnte, flehte, weinte Zähren des Kummers und der Wonne, fiel einige Male in Ohnmacht, sah den Himmel offen und bewirkte durch diese und ähnliche Mittel, daß der größte Theil der Versammelten sich von ihm und Cowdery taufen ließ.

Um diese Vorgänge begreiflich zu finden, muß man wissen, daß Pratt ein alter Bekannter Rigdons war, und sich erinnern, daß Letzterer schon seit drei Jahren die buchstäbliche Deutung der biblischen Weissagungen, die bevorstehende Sammlung des Hauses Israel zum Empfange des wiederkommenden Messias, die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches und die Nothwendigkeit wunderbarer Gnadengaben in einer Kirche, welche sich die rechte nenne, gelehrt hatte. Man wird dann auch die zufällige Reise Pratts zu Smith für eine verabredete, und das Sträuben Rigdons für ein blos scheinbares halten dürfen. Vor allen Dingen aber erklärt sich daraus die Fülle eigenthümlicher Dogmen, welche nun in der Form unmittelbarer göttlicher Eingebungen im Kreise der Jünger Smiths auftauchten, ein Conglomerat von Tollheiten, das später in dem zweiten großen Religionsbuche der Secte, dem »Book of Doctrine and Covenants« dem ersten an die Seite trat.

Die Zusammenkunft Rigdons und Smiths hatte im October 1830 stattgefunden. Im Januar des nächsten Jahres empfing der Letztere eine Offenbarung, in welcher den Gemeinden im Osten geboten wurde, nach der Stelle auszuwandern, welche, wie Rigdon schon längst erklärt hatte, »sich an der Markscheide des Erbes der Heiligen befand,« ein Erbtheil, welches sich von dort bis an das Stille Meer erstrecken sollte. Der Prophet und die Seinen zogen in Folge dessen nach dem Städtchen Kirtland in Nordohio, wo Pratt, Rigdon und Cowdery bereits eine Gemeinde von einigen hundert Seelen beisammen hatten. Hier entwickelte sich ein Schauspiel der seltsamsten Art, und eine Masse Neugieriger strömte von allen Gegenden herbei, um Zeuge dieser Vorgänge zu sein. Der Wahnsinn der methodistischen Lagerversammlungen tobte hier in gesteigertem Grade. Verzückungen waren an der Tagesordnung. Männer und Frauen fielen bei den öffentlichen Versammlungen zu Boden, stöhnten, kreischten, wälzten sich zuckend und zappelnd umher, wiesen gen Himmel, wo eine Wolke heiliger Zeugen schwebte, sprachen in Zungen, namentlich in denen der Indianer, zu deren Bekehrung sie aufbrechen zu müssen erklärten, fuhren wie besessen zu den Thüren hinaus und wieder herein, fielen in Ohnmacht, sprangen wieder auf, stellten sich predigend und singend auf Zäune und Baumstümpfe und verkündeten den Anbruch des jüngsten Tages. Einige hoben Steine auf und lasen auf ihnen sonderbar klingende Inschriften, wo Andere bloßes Moos erblickten. Einigen fielen plötzlich Pergamentrollen vom Himmel auf den Kopf, welche mit dem Siegel Christi gesiegelt waren, und welche sie nicht so bald abgeschrieben hatten, als sie wieder verschwanden. Die rasendste Aufregung herrschte in ihren Zusammenkünften, jedes einzelne Mitglied der Secte war durch diese »Ausgießung des heiligen Geistes« zum Schauer und Offenbarer geworden.

Diese Allgemeinheit des Prophetenthums konnte als Zeugniß für die Echtheit der neuen Religion gelten. Ihre Dauer jedoch war begreiflicher Weise nicht nach Smiths Geschmack, der so nur primus inter pares gewesen wäre. Er mußte den Brand, den er entzündet, mäßigen, dem Eifer der Brüder und Schwestern Schranken setzen, und so predigte er eines Tages, wie er eine Offenbarung empfangen habe, in welcher Gott die Heiligen warne, sich der Gewalt, die über sie gekommen, zu arglos hinzugeben, indem der Satan dabei die Hände im Spiele habe und die Gaben des heiligen Geistes zu seinen Zwecken verkehre. Verschiedene andere Offenbarungen folgten, von denen die eine die Gläubigen anwies, den »Seher« mit allem Nöthigen zu versorgen, da er nicht mehr für seinen Unterhalt weltliche Arbeit thun solle, die andere einige aufsässige oder lässige Gemeindeglieder tadelte, eine dritte endlich die Gabe des Schauens und Weissagens auf »Mr. Joseph Smith junior« beschränkte. Er allein sollte fürderhin das Vorrecht haben, mit Engeln zu verkehren, und ihm sollten Alle als dem Dolmetsch der Befehle Jehova's gehorchen.

Dies geschah. Um sich aber für die Zukunft sicher zu stellen, und einestheils dem Eifer der Schwärmer einen Abzugscanal zu schaffen, anderntheils die einflußreichsten und ehrgeizigsten Mitglieder der Secte auf eine Weile von sich zu entfernen, entwarf der schlaue Prophet einen andern Plan. Im Juni 1831 hatte er eine weitere Offenbarung, in welcher Gott die Aeltesten der Kirche anwies, paarweise nach Westen zu wandern, auf dem Wege zu predigen und zu einer bestimmten Zeit am Ufer des Missouri zusammenzutreffen, wo Cowdery vorher das Land nach einer passenden Stelle zur Gründung der zukünftigen Hauptstadt des Reiches Gottes auf Erden ausgekundschaftet hatte.

Diese Stelle war in der Nähe des in der Grafschaft Jackson in Westmissouri gelegenen Städtchens Independence. Sie war mit großer Umsicht gewählt, und nicht völlig unglaubwürdig klang es, wenn der Prophet verkündete, daß hier einst der Garten Eden und Adams Altar gestanden. Bei Weitem herrlicher aber war die Aussicht, welche Smiths Prophetengeist in die Zukunft dieses Neuen Jerusalems der Heiligen eröffnete. Hier sollten sich einst alle Gläubigen anbauen, hier alle Könige der Erde ihren Tribut entrichten, hier eine ungeheure Stadt sich erheben, deren Straßen mit Gold und Edelsteinen gepflastert sein sollten – und was dergleichen Ueberschwänglichkeiten mehr sind. Manche dieser Weissagungen würden sich, wie die Folge zeigen kann, wenigstens annähernd erfüllt haben, wenn die Führer der Secte sich nicht in den bereits hier wohnenden Hinterwäldlern verrechnet hätten und nicht gleich Anfangs mit unmäßigen Ansprüchen aufgetreten wären.

Die Sendboten Smiths zogen, dreihundert an der Zahl, seinem Befehle gehorsam nach Missouri. Das neue Zion wurde zu bauen begonnen, der Grundstein zum Tempel gelegt, und bald hatten sich von Denen, die unterwegs bekehrt worden waren, gegen zwölfhundert als Ansiedler in Jackson County niedergelassen. Smith und Rigdon, die bei der Grundsteinlegung zugegen gewesen waren, begaben sich bald nachher nach Kirtland zurück, welches sie in Shinear umgetauft hatten. Hier verbrachte der Prophet die Zeit bis zu Ende des Januar 1832 theils mit Predigen und der Anfertigung neuer Offenbarungen, die Rigdon stylisirte und Smiths Frau, Emma, »die auserwählte Dame« niederschrieb, theils mit Arbeiten in seinem Kramladen und seiner Mühle, theils mit der Leitung des Baus eines Tempels, der vierzigtausend Dollars kostete und noch heute steht. Die Secte wuchs noch immer, hatte jedoch schon jetzt mehrere Abtrünnige, die sich dann gewöhnlich in erbitterte Verfolger verwandelten. Von einer Rotte derartiger Bursche, die von dem Campbelliten-Prediger Rider angeführt war, wurden Smith und Rigdon, als sie in dem Dörfchen Hiram sich aufhielten, in der Nacht vom 25. bis 26. Januar überfallen, aus den Betten gerissen und so grausam getheert und gefedert, daß es Joseph gerathen fand, sich auf einige Monate zu den Brüdern in Missouri zu flüchten. Hier wurde er anfänglich mit allen Ehren empfangen, später jedoch monarchischer Gelüste bezüchtigt, eine Anklage, welcher er, als sie zu einer Spaltung zu führen drohte, unter dem 18. März 1833 von Kirtland aus mit einer Offenbarung entgegentrat, in der ihm Jehova gebot, »seinen Knecht Rigdon« und einen gewissen Williams durch Handauflegung zu »gleicher Macht und Würde mit ihm im Amte der Schlüssel zu Gottes letztem Königreiche« zu erheben. Diese Nachgiebigkeit stellte die Ruhe wieder her, und beide Niederlassungen fuhren fort zu blühen.

Um die Mitte des Jahres 1833 waren die Mormonen in Missouri durch Zuwanderungen aus dem Osten auf mehr als dreitausend Seelen angewachsen. Sie hatten mehrere Fabriken und Mühlen errichtet und besaßen in Independence ein gemeinschaftliches Magazin, »der Speicher des Herrn« genannt, sowie eine Zeitung, den »Evening and Morning Star.« An ihrer Spitze standen der Bischof Partridge und Elder Phelps, der Redacteur des ebengenannten Blattes. Es schien, als müßte Zion gedeihen, als sich plötzlich unter den Bewohnern von Jackson-County Demonstrationen feindseliger Natur vorzubereiten begannen. Das Volk hielt mehrere Versammlungen, in denen die Mormonen verschiedener Verbrechen angeklagt wurden, und in deren letzter man den Beschluß faßte, hinfort keinem Mitgliede der Secte die Niederlassung in der Grafschaft zu gestatten, von den darin bereits Angesessenen den Abzug binnen bestimmter Frist zu fordern, die unverzügliche Schließung der Arbeit in ihrem Magazine und ihren Fabriken zu bewirken und der Herausgabe der Zeitung ein Ende zu machen.

Wieviel von jenen Anklagen Wahrheit, wieviel Eingebung der Misgunst war, muß dahin gestellt bleiben. Daß die Mormonen unvorsichtig geprahlt haben mögen, das ganze Land sei ihnen von ihrem Jehova beschieden, scheint ausgemacht. Daß sich viele räudige Schafe unter der Heerde befanden, litte auch dann keinen Zweifel, wenn der Prophet sie nicht ausdrücklich in mehreren Offenbarungen getadelt hätte. Ebenso wahr jedoch ist, daß die Bevölkerung von Missouri den Jüngern Smiths schon deshalb, weil sie meist Yankees waren und mehr noch deshalb nicht wohl wollte, weil sie keine Sclaven hielten. Ebenso wahr ferner, daß Prediger, denen bei dem reißenden Zulaufe zu der Secte um ihre Gemeinden, das heißt, um ihren Brotkorb bange wurde, diese Abneigung zum Hasse schürten. Ebenso wahr endlich, daß die Hinterwäldler des westlichen Grenzlandes, »dieser Schaum, den die schwellenden Wogen der Zivilisation hierher gespült,« ungemein wenig Ursache hatten, über etwaige Viehdiebstähle und sonstige Ungehörigkeiten als über etwas unter ihnen Unerhörtes die Entrüsteten zu spielen. Das Schlimmste aber war, daß man, als die Mormonen der am 20. Juli an sie ergangenen Aufforderung nicht gleich Folge leisteten, zu Gewaltmaßregeln schritt und ihre Druckerei zerstörte, sowie den Bischof Partridge theerte und aus seinen eigenen zerschnittenen Betten federte.

Nach diesem Vorfalle verstanden sich die Führer der Secte dazu, zu Anfang des folgenden Jahres mit den Ihrigen die Grafschaft zu verlassen, und hiermit erklärten sich die Verfolger zufrieden. Als aber gegen Ende des October verlautete, die Mormonen dächten nicht mehr an Erfüllung ihres Versprechens, brach ein neuer Sturm gegen die »Heiligen« los. Der Pöbel von Jackson-County rottete sich zusammen, prügelte, theerte und federte mehrere Mitglieder der Secte, warf ihnen die Fenster ein und plünderte den »Speicher des Herrn« aus. Die Mormonen griffen nun zu den Waffen, und es erfolgte ein Zusammenstoß, bei welchem zwei von der Partei der Angreifer erschossen wurden. Dies rief eine ungeheure Aufregung im Lande hervor, und die Mehrzahl der Secte machte sich sofort zum Abzuge nach der jenseit des Missouri gelegenen Grafschaft Clay auf, wo das Städtchen Liberty ihr Hauptquartier wurde, und wo ihnen im Juni 1834 der Prophet an der Spitze des »Heeres von Zion«, einer wohlbewaffneten Leibwache von hundertfünfzig Aeltesten und Priestern, einen kurzen Besuch abstattete.

Die obersten Behörden des Staates und alle Freunde der Gesetzlichkeit waren empört über diesen Sieg des Pöbels und forderten die Mormonen auf, bei den Gerichten um Schadloshaltung einzukommen. Es wurde ein Proceß anhängig gemacht, allein die Stimmung der niedern Classen war den Heiligen so ungünstig, daß der Attorney-General selbst den Rath ertheilte, die Klage fallen zu lassen – in der That ein trauriges Zeugniß für die Rechtsunsicherheit in der vielgepriesenen Musterrepublik.

Jenseit des Missouri schienen die Verhältnisse der Latter-Day-Saints sich anfänglich befriedigender gestalten zu wollen, und bald waren weite Strecken der dortigen Wildniß in Felder und Fluren verwandelt. In Kirtland wurde im Jahre 1835 eine Theologenschule eröffnet, an welcher mehrere hundert Aelteste Unterricht namentlich im Hebräischen empfingen. Im Frühling des folgenden Jahres kamen einige dieser Herren mit zahlreichen Schaaren von Gläubigen nach Clay-County, und dieses Herzuströmen der Mormonen in Masse, sowie die treffliche Organisation der Secte, die sie stets planvoll und gemeinsam handeln und dadurch rasche Erfolge erzielen ließ, erweckte den Argwohn des Volkes auch hier. Man trat zu Versammlungen zusammen, wählte Ausschüsse und bewirkte durch Zureden, daß die Mormonen nach den benachbarten Grafschaften Davies, Caldwell und Carroll auswanderten. Hier wußten sie, in der Hoffnung, ferner nicht mehr gestört und vertrieben zu werden, mit ihrer rührigen, regsamen Weise und ihrem fast immer gut rechnenden Verstande sich's bald bequem zu machen. Wo das Jahr zuvor nur der unstete Jäger gehaust und der Urwald gerauscht, erhoben sich mit Maisfeldern und Mühlen, Werkstätten und Speichern die Städtchen Dewitt, Far West und (an der Stelle, wo der Erste der Menschen, einer Offenbarung Smiths zufolge, einst seine Kinder gesegnet) Adam-On-Diahman, und im Frühling 1837 war die Zahl der Gläubigen in Missouri bereits auf zwölftausend gestiegen.

Aber die Kirche war fortwährend von Zwistigkeiten zerrissen. Ehrgeizige Heuchler mischten sich in ihr mit ehrlichen Bethörten, ja selbst entschiedene Schurken und Verbrecher suchten in ihrer Mitte eine Zuflucht und einen neuen Wirkungskreis. Ein Theil der Brüder machte falsches Geld. Die Mehrzahl widersetzte sich dem, aber nicht eher wurden die Uebelthäter verjagt, als bis Smith selbst, der jetzt auf immer nach dem Westen kam, sich ins Mittel schlug.

Auch über Shinear-Kirtland nämlich war Unglück hereingebrochen. Die Yankeenatur des Propheten und seiner Freunde hatte ihn bewogen, ein Bankgeschäft zu errichten, das auf den nach einer Offenbarung den Mitgliedern der Secte auferlegten Zehnten von allem ihrem Besitze gegründet war. Diese Bank hatte, trotzdem daß ihr die gesetzlich erforderte Bestätigung vorenthalten wurde, Noten ausgegeben, beträchtliche Summen ausgeliehen, noch beträchtlichere aufgenommen u. s. w. Das war eine Weile trotz der ziemlich unbesonnenen Verwaltung des Geschäfts ganz leidlich gegangen. Aber plötzlich wendete sich das Blatt. Die Bank mußte ihre Zahlungen einstellen, die Gläubiger machten einen Proceß wegen Schwindelei anhängig, und Smith und Rigdon mußten, um dem Sheriff und seinem Verhaftsbefehle, ja vielleicht dem Zuchthause in Columbus zu entgehen, sich bei Nacht und Nebel aus dem Staate flüchten.

Sie gingen nach Zion in Missouri, wo es Smith sehr bald gelang, die etwas gelockerte Disciplin unter den Heiligen wiederherzustellen, wo aber andrerseits seine und noch mehr Rigdons Predigten dazu beitrugen, die Entladung des Gewitters, das auch hier über den Häuptern der Secte hing, zu beschleunigen. Lauter nämlich wie je vorher wurde jetzt verkündigt, daß der ganze Westen den Mormonen dereinst als Erbtheil zufallen und daß der Herr ihre Feinde durch das Schwert vertilgen und alle »Heiden«, d. h. alle Unbekehrten von dort vertreiben werde. Mancher Mormone mochte dadurch zu der Ansicht kommen, daß das Eigenthum Nichtgläubiger schon jetzt eigentlich den Kindern Zions gehöre und daß folglich eine Entfremdung desselben nur eine Vorausnahme der Zukunft, nur eine Herstellung des richtigen Verhältnisses der Dinge, nur eine Erhebung der schlechten Wirklichkeit in die wahre sei. So mögen hin und wieder Kuh- und Pferdediebstähle vorgekommen sein. Dazu kam der Umstand, daß die goldne Bibel die Indianer von den Hebräern abstammen und sie bei ihrer nahebevorstehenden Bekehrung ihre Wiedereinsetzung in ihren Besitz als Ureinwohner des Landes hoffen ließ, woraus die Missourier, von denen viele mit ihrem Blute den Rothhäuten ihren Grund und Boden bezahlt hatten, den erklärlichen, wenn auch nicht sehr logischen Schluß zogen, die Jünger Smiths hätten ein Bündniß mit den Wilden im Sinne, um einen Vernichtungskrieg gegen sie zu beginnen. Man sieht, es waren hier wie dort Misverständnisse. Alle Beschwerden auf Seiten der Gegner des Mormonenthums aber begleitete unzweifelhaft der Neid, der den Heiligen die Errungenschaften ihres Fleißes nicht gönnte, und die Habgier, welche dieselben gern ohne Kaufschilling an sich gebracht hätte.

Im Sommer 1838 kam es bei Gelegenheit einer Wahl von Beamten in Caldwell-County, wo man die Mormonen nicht stimmen lassen wollte, zu Thätlichkeiten zwischen den feindlichen Parteien. Es erfolgten mehrere Verwundungen, und einer der Heiligen wurde erstochen. Im Herbste nahmen die hierauf sich entspinnenden gegenseitigen Neckereien den Charakter ernstlicher Feindseligkeiten an. Eine aus den eifrigsten Jüngern Smiths gebildete Schaar, Daniten oder Würgengel genannt, verbrannte die Ortschaften Gallatin und Millport, wogegen die Antimormonen, unter dem Oberbefehle des Methodistenpredigers Bogard, der später wegen Mordes nach Texas flüchtete, mehrere Farmen der Heiligen beraubten und zerstörten. Endlich griff ein Haufe Mormonen eine Milizcompagnie, die von dem Anführer im Dunkel der Nacht für eine Rotte Pöbel gehalten wurde, mit Flintenschüssen an, und diese mußte sich mit Verlust mehrerer Todten zurückziehen.

Damit war der Bürgerkrieg im Kleinen da. Der Gouverneur Boggs rief die Miliz des Staates Missouri zu den Waffen, um den Ruhestörungen ein Ende zu machen. Diese Landwehr war vom brennendsten Hasse gegen die fanatische Secte erfüllt, und so war ihre nächste Waffenthat, daß sie in einem Blockhause bei Hauns Mill vierundzwanzig wehrlose und unschuldige Mormonen, meist Frauen, Greise und Kinder, mit kaltem Blute niederschoß. Einige Tage nachher erschienen die Generale Clark und Lucas mit 3500 Mann vor Far West. Beim Anblicke dieser offenbaren Uebermacht ergaben sich die Heiligen, die damals 1100 Streiter zählten, legten ihre Waffen nieder und lieferten auf Verlangen sechs ihrer Führer, darunter den Propheten, zur Bestrafung aus. Diese wurden nur durch das Dazwischentreten des Generals Doniphan vor dem Erschießen bewahrt, in's Gefängniß gebracht, um unter der Anklage des Hochverraths, des Mordes und der Brandstiftung vor Gericht gestellt zu werden. Die große Masse des unseligen Volkes aber mußte mit ihrem gesammten Eigenthume die Kriegskosten bezahlen, und mitleidlos trieben die Vollstrecker der Befehle des mindestens nicht unparteiischen Gouverneurs die Armen mit Weib und Kind mitten im November über die Grenzen des Staates auf die öden Prairien von Iowa, wo Massen von ihnen durch Kälte, Hunger und Krankheit den Tod fanden.

Das war eine schwere Heimsuchung. Aber ihr folgte eine Glanzperiode, deren man eine Secte von so gemeinem Ursprunge und so gemischtem Wesen nicht fähig halten sollte. Die Exulanten wurden von dem Nachbarstaate Illinois freundlich aufgenommen, und nachdem sie sich hier in Quincy und dessen Umgebung einige Wochen aufgehalten, wählten sie, von Dr. Gallant auf diesen gut gelegenen Punkt aufmerksam gemacht, das Städtchen Commerce zum bleibenden Aufenthalte, welches sie in Nauvoo – das heißt auf neuägyptisch »die Schöne« – umtauften. Diese neue »ewige Wohnung« der Heiligen vom jüngsten Tage lag in Hancock-County auf einem Hügelvorsprunge am Mississippi, nicht weit vor den Des Moines-Wasserschnellen, am Rande einer prachtvollen, wellenförmigen Prairie, die durch den Fleiß der Ankömmlinge rasch in reichtragende Felder verwandelt wurde. Commerce war ein Haufe elender schmuziger Blockhütten gewesen, Nauvoo war schon nach Verlauf von drei Jahren die größte und schönste Stadt in Illinois.

Smith und die anderen Führer der Secte, welche mit ihm in's Gefängniß gebracht worden waren, benutzten den 4. Juli, wo ihre Wächter den Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung durch allzureichlichen Genuß geistiger Getränke gefeiert hatten, zur Flucht über die Grenze. Bei den Ihrigen eingetroffen, wußten sie zu bewirken, daß die Gesetzgebung von Illinois den Mormonen außergewöhnliche Vorrechte zur Förderung ihrer Colonie gewährte, und mit diesen versehen, wuchs dieselbe mit unerhörter Schnelligkeit. Rasch entstanden Straßen und Plätze, Häuser und Blumengärten. Die benachbarten Sümpfe, welche Anfangs tödtliche Fieberluft aushauchten, wurden durch großartige Drainirungsanstalten entwässert. Meilenweit in's Land hinein sah man auf eingezäunten Aeckern Mais und Weizen reifen, während die Prairie herrliches Viehfutter gewährte. Kaufleute eröffneten Läden mit den Erzeugnissen des Ostens, welche die Dampfboote auf dem Strome herzuführten. Eine Freimaurerhalle und ein Concerthaus, eine Universität und ein großer Gasthof, zu dessen Wirthe Jehova in einer feierlichen Offenbarung vom 19. Januar 1841 den Propheten selbst bestimmte, wurden erbaut. Einer Gesellschaft, zur Betreibung der Landwirthschaft im Großen wurde Concession ertheilt, und als die Mormonen eine Legion zur Vertheidigung ihrer Niederlassung errichteten, lieferte ihnen der Staat die Waffen dazu.

Die Krone des Ganzen aber versprach der Tempel zu werden, zu welchem am 6. April 1841 der Grundstein gelegt wurde. Das Modell dazu hatte der Prophet von einem Engel empfangen. Die Ausführung mußte einem »heidnischen,« d. h. einem ungläubigen Baumeister übertragen werden, welcher, als Smith ihm den »Bauplan des Herrn« beschrieb, anfänglich Schwierigkeiten machte, sich aber schließlich einverstanden erklärte. Smith hatte erkannt, daß ein solches Centralheiligthum ein gutes Bindemittel sein werde, und so wurde seine Errichtung in allen auswärtigen Gemeinden als religiöse Pflicht gepredigt. Die Kosten des Werkes, welches nach seiner Vollendung gleichsam als versteinertes Charakterbild der wunderlichen und doch zugleich imposanten Secte, die es geschaffen, die Stadt überragte, beliefen sich auf mehr als eine halbe Million Dollars, ungerechnet die Arbeitstage, womit unvermögende Mormonen ihren Beitrag abgezahlt hatten. Es war ein hundertachtundzwanzig Fuß langes, achtzig Fuß breites und sechzig Fuß hohes Viereck, dessen flaches Dach auf dreißig Pfeilern von eigenthümlicher Structur ruhte. Die Basis war ein Halbmond, und die Kapitäler bestanden aus einem strahlenumkränzten Menschenantlitze, über dem zwei Hände zwei Posaunen hielten. Zwischen diesen Pfeilern liefen um das Viereck vier Reihen Fenster, zwei im Rundbogenstyle und zwei kreisrunde. Drei Thüren, zu denen man auf je vier Stufen emporstieg, führten ins Innere, und über dem Ganzen erhob sich ein hundertfunfzig Fuß hoher Thurm. Ein gewaltiges Marmorbassin, getragen von zwölf kolossalen Stieren, sollte im Erdgeschoß als Taufbecken dienen. Das Material des ganzen, mit Ausnahme des Thurms, nicht unschönen Bauwerks war weißer Kalkstein.

Und wie der Tempel und die Stadt des Mormonengottes, so wuchs auch sein Reich und die Zahl seiner Anbeter. Wie ein Magnet wirkte »Mormon Joe« trotz der Streitschriften, womit die Geistlichkeit aller Secten ihn bekämpfte, bis über das Meer hinüber. Alle Jahre wurden zweimal Generalconferenzen abgehalten, in welchen Missionaire für Europa, Afrika und Asien gewählt wurden. Bei einer Conferenz wurden deren mehrere Hunderte hinausgesendet, und obwohl sie sich binnen drei Tagen zur Abreise »ohne Beutel und Stab« bereit zu machen hatten und nicht selten Jahre lang von Familie und Geschäft entfernt blieben, trat nie der Fall ein, daß einer sich dem »Auftrag aus der Höhe« zu folgen geweigert hätte. Die zwölf Apostel Smiths, denen die Beaufsichtigung der fremden Gemeinden oblag, fanden fast allenthalben die Arbeit dieser Prediger mit Erfolg belohnt, und nicht allzusehr übertrieben scheint es, wenn die Mormonen sich im Jahre 1843 rühmten, allein innerhalb der Vereinigten Staaten an hunderttausend Bekenner ihres Glaubens zu haben. Nicht weniger verbreitet war die Lehre Smiths in Großbritannien, wo die Apostel Young, Parley Peter Pratt und Heber Kimball namentlich in den Manufacturdistricten Englands sowie in Schottland, vor Allem aber unter der unwissenden Landbevölkerung von Wales großen Anhang gewonnen, und durch Ueberreichung des Buchs Mormons an die Königin sogar bei Hofe Proselyten zu machen versucht hatten. Der außerordentlich thätige, sprachenkundige Apostel Taylor ging nach Jerusalem, um die dortigen Juden zu bekehren. Andere schifften nach den britischen Besitzungen in Ostindien und Australien, noch Andere sogar nach den Inseln der Südsee, wo ihnen die Eingeborenen in Masse zufielen. Männer, die in Amerika für Gelehrte gelten konnten und allenthalben für ziemlich geschickte Sophisten angesehen werden dürften, vertheidigten die sich jetzt immer mehr mit mystischen Doctrinen füllenden Katechismen des Mormonenthums. Vier Zeitungen, wovon eine in England erschien, stritten für die geistlichen und weltlichen Angelegenheiten der Secte. Die Verhältnisse in Nauvoo ordneten sich von Tage zu Tage besser, und von einem baldigen Erlöschen des Trugbildes, welches wie ein ungeheures Irrlicht alle unklaren Köpfe im Bereiche des anglo-sächsischen Lebens in seinen Sumpf lockte, konnte nicht mehr die Rede sein.

Die Mormonen gestatteten auch Nichtgläubigen die Niederlassung in Nauvoo, und die glänzenden Aussichten, welche die Stadt hatte, führten viele tüchtige Kräfte dahin. Allein die Einwanderung beschränkte sich nicht auf diese. Pferdediebe und Falschmünzer, Räuber und Betrüger aller Art flüchteten unter die Fittiche der neuen Colonie, deren Behörden, wenn sie sich zur Taufe bequemten und den Zehnten zahlten, nicht sehr nach der Vergangenheit solcher Neophyten fragten. Auch Speculanten auf Baustellen in der Stadt stellten sich ein; da dieselben jedoch weder von der Taufe, noch von dem Zehnten etwas wissen wollten, so wurden sie schnell misliebig und die Herren vom Rathe fanden Mittel, sich ihrer zu entledigen. Man bot ihnen eine genügende Summe für ihren Grundbesitz, und gingen sie darauf nicht ein, so wurden sie »fortgeschnitzelt«. Drei Mann bekamen den Auftrag, sich gegen eine Geldvergütung für die aufgewendete Zeit mit einem Stuhle, einem Taschenmesser und einem Stöckchen versehen, vor das Haus des Hartnäckigen zu verfügen, sich niederzusetzen und in bekannter Yankeemanier ihr Schnitzeln zu beginnen. Kam der Betreffende aus der Thür, so starrten die Schnitzler ihn an, sagten aber kein Wort. Ging er auf den Markt, so folgten sie ihm, sprachlos weiter schnitzelnd. Er mochte sie auslachen, mochte schimpfen, drohen, fluchen, es wurde durchaus keine Notiz davon genommen. Die Straßenjugend sammelte sich und erfüllte die Luft mit Geschrei und Gelächter, die Schnitzler kümmerte auch das nicht. Sie arbeiteten mit einer Andacht fort, als ob sie dem lieben Gott seine Sterne zu schnitzeln hätten. Ihr stierer Blick folgte dem Unseligen vom Morgen bis zum sinkenden Abend. Kehrte er heim, so setzten sie sich gelassen wieder vor seine Fenster und schnitzelten. Bei einem Beispiele soll die menschliche Natur ganze drei Tage diese sonderbare Tortur ausgehalten haben. In den meisten Fällen jedoch wurde das Opfer weit eher mürbe. Es verkaufte dann sein Hab und Gut für den angebotenen Preis und eilte, der aus dem Anblicke der Schnitzmesser hervordrohenden Verrücktheit zu entfliehen.

Weniger friedsamer Natur waren die Mittel, deren man sich gegen eine aus abgefallenen Mitgliedern der Secte entstandene Partei bediente, und jetzt stehen wir vor dem großen Wendepunkte in der Geschichte des Propheten und seiner Secte. Smith hatte den Gipfel seiner Macht erreicht. Er war von der Stadt Nauvoo zu ihrem Mayor, von der Legion zum General ernannt worden. Alle Klagen, die gegen ihn anhängig gemacht wurden, fielen bei den Geschworenen durch. Er »hielt die Schlüssel zum Himmelreiche in der Hand,« und sein Wort war auch in irdischen Dingen Gesetz. Im Mai 1844 hatte er sogar die Kühnheit, mit Veröffentlichung eines politischen Glaubensbekenntnisses, worin er unter Anderm sich für Errichtung einer Nationalbank, für Verminderung der Beamten und der Congreßmitglieder, für Aufhebung der Strafen wegen Desertion in Heer und Flotte, und für Entlassung aller in den Zuchthäusern verwahrten Verbrecher (die durch Liebe und Weckung ihres Ehrgefühls gebessert werden sollten) aussprach, neben Clay, Calhoun und Benton als Bewerber um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten aufzutreten. Es geschah dies lediglich zur Augenweide der Seinen, wiewohl die Mormonen behaupten, der Prophet würde unzweifelhaft bei der nächsten Wahl gesiegt haben, wenn er sie erlebt hätte.

Die Ereignisse schnitten die Gelegenheit zu einer nochmaligen Bewerbung ab. Unerwartet zogen sich dunkle Wolken über dem Haupte des Himmelsstürmers zusammen. Die Nachbarn in Hancock-County begannen sich zu beschweren, daß die Bewohner von Nauvoo sich an ihrem Vieh vergriffen, und daß gegen die Diebe bei den Behörden der Stadt kein Recht zu erlangen sei. Die Zeitungen von Illinois sprachen von einer Verschwörung, durch welche die Mormonen die Verfassung umzustoßen und an ihre Stelle eine Priesterschaft einzusetzen beabsichtigten. Gerüchte verbreiteten sich, daß Joseph Smith und einige andere von den Leitern der Secte in sogenannter »geistlicher Ehe« ein Leben voll Unzucht und Ausschweifung führten. Die letztere Beschuldigung wurde vorzüglich von der bereits erwähnten Partei in Nauvoo selbst erhoben. Mehrere einflußreiche und talentvolle Mormonen, die sich entweder in der Heiligkeit des Propheten oder – und das war wohl der häufigere Fall – in der Hoffnung, durch ihn zu Macht und Vermögen zu gelangen, getäuscht sahen, verließen seine Fahne und begannen ihn öffentlich als Wollüstling, Trunkenbold und hochmüthigen Tyrannen darzustellen. Eine gewisse Miß Brotherton klagte, er und Brigham Young haben sie unter dem Vorgeben, Gott habe sie Joseph zur zweiten Frau gegeben, verführen wollen. Smith griff diese Gegner in seiner Zeitung »The Wasp« mit dem Stachel bittersten Hasses an. Die Abtrünnigen, geführt von einem gewissen Dr. Foster, auf dessen Frau der Prophet es gleichfalls abgesehen haben sollte, fuhren dagegen in dem »Nauvoo Expositor« eine Gegenbatterie auf. Dieses Blatt bewarf in seiner ersten Nummer das Haupt der Kirche mit einer solchen Masse Schmuz, daß der Stadtrath dagegen einschreiten zu müssen glaubte. Elf Mitglieder von zwölfen erklärten den Expositor für eine Schmach von Nauvoo, und nicht zufrieden damit, begab man sich unverweilt nach der Druckerei des Blattes, zerstörte die Pressen, verstreute die Typen in die Straße und verbrannte die vorgefundenen Exemplare der Auflage. Smith und sein Bruder Hyrum ließen sich von ihrem Verdrusse über die Enthüllungen Fosters verleiten, die von dieser Gewaltthat Zurückkehrenden zu beloben und ihnen sogar Belohnung zu verheißen. Foster und seine Partei dagegen suchten gerichtliche Hilfe nach, und es erging ein Verhaftsbefehl gegen die Tumultuanten. Allein dieselben wurden durch ein sogenanntes Habeascorpus sogleich in Freiheit gesetzt. Der mit Ausführung des Verhaftsbefehls beauftragte Beamte wendete sich nun, von der Stadtbehörde zurückgewiesen, an die Grafschaftsbehörde und erschien im Auftrage dieser mit bewaffneter Macht, um die Verhaftung der Schuldigen zu bewirken, aber das Volk von Nauvoo rottete sich zusammen und verhinderte ihn an seiner Absicht. Als darauf die Miliz zusammenberufen wurde, um das Ansehen der Gesetze gegen die Anmaßung der Mormonen zu vertheidigen, antwortete Smith in seiner Eigenschaft als Mayor und General damit, daß er die Stadt in Belagerungszustand erklärte.

Damit war die Angelegenheit auf einen Punkt gediehen, wo der Trotz der Mormonen biegen oder brechen mußte. Der Gouverneur von Illinois erschien in Carthage, dem Sitze der Grafschaftsbehörden, und forderte Smith, indem er ihm Sicherheit seiner Person verbürgte, auf, vor ihm zu erscheinen, um sich zu verantworten. Der Prophet schickte, statt selbst zu kommen, zwei Gesandte, Taylor und Bernhisel, um mit Ford zu verhandeln. Dieser, damit nicht zufrieden, beorderte drei Compagnien Miliz unter einem Obersten nach Nauvoo, um den Propheten nebst seinem Bruder, dem »Patriarchen« ins Gefängniß zu bringen. Darauf flüchteten die Beiden über den Mississippi nach Iowa, kehrten indeß, da der Stadtrath es für das Beste erklärte, sich zu unterwerfen, und da überdies eine Freisprechung zu hoffen war, zurück und brachen nach Carthage auf. Auf dem Wege dahin begegneten sie Abgesandten des Gouverneurs, welche den Auftrag hatten, die Legion von Nauvoo zur Niederlegung der Waffen aufzufordern. Sie gingen mit diesen nach der Stadt zurück und bewirkten, daß man dem Befehle nachkam. Hierauf begaben sie sich nach Carthage, wo sie nebst zweien von den Aposteln, Richards und Taylor, ins Gefängniß gebracht wurden, um dort die Entscheidung der gegen sie erhobenen Anklage zu erwarten. Ford glaubte damit vorläufig die Sache beigelegt zu haben. Er entließ die Mehrzahl der zusammengezogenen Truppen, verfügte sich nach Nauvoo, ermahnte hier die Mormonen, sich ruhig zu verhalten, da allen Parteien Gerechtigkeit geschehen sollte, und begab sich dann nach Carthage zurück.

Auf dem Wege begegnete ihm ein Eilbote, der ihm meldete, daß während seiner Abwesenheit der Pöbel das Gefängniß von Carthage gestürmt, die Wache überwältigt, und den Propheten nebst seinem Bruder erschossen habe. Dies war am Nachmittag des 27. Juni geschehen. Ford befürchtete, die Mormonen würden sofort in Masse aufbrechen, um den Mord ihres Propheten zu rächen, und rieth den Bewohnern von Carthage, den Ort zu verlassen, während er selbst sich, um das Weitere zu erwarten, nach Quincy verfügte, und nur ein schwaches Detachement Miliz unter General Denning in Carthage zurückblieb.

So endete die Laufbahn eines Mannes, dessen wahre Biographie noch zu schreiben ist und vielleicht nie geschrieben werden wird. Seinen Verehrern ist er der große Märtyrer des neunzehnten Jahrhunderts, seinen Gegnern ein Schurke der schwärzesten Art, dem nur allzu spät zu Theil ward, was ihm gebührte. Daß er ungewöhnliche Talente besaß, wird Niemand leugnen können. Aus allen seinen Maßregeln leuchtet eine tiefe Kenntniß der Menschen und Verhältnisse hervor. Der Muth und die Ausdauer, die er inmitten unablässiger Verfolgungen entwickelte, waren der besten Sache würdig. Wenige verstanden so gut zu organisiren. Wenige wußten so geschickt wie er mit Geistern umzugehen, die im Genusse der unbeschränktesten Freiheit aufgewachsen waren. Wenige nur möchten sich finden, die der Aufgabe gewachsen wären, ein Gemisch der widersprechendsten, allenthalben mit unreinen Trieben durchdrungenen, in irdischen Dingen von Selbstsucht, in himmlischen von wilder Phantasie bewegten Elemente in dem Grade zu bändigen und zu leiten, daß dieses Chaos Resultate gebäre, wie das Mormonenreich und seine Hauptstadt Nauvoo.

Viele von den Zügen in seinem Charakter sind für ein europäisches Auge nahezu unbegreiflich. Ein Prophet in Frack und weißer Ballweste, der sein Evangelium mit Gassenhauern und Witzen der Straße würzt und Reden in der Sprache der Lastträger mit Citaten aus den Classikern durchflicht, gehört in's Reich der Möglichkeit, wird aber immerhin zu den seltnen Erscheinungen zählen. Ein Mann, der neben den Pflichten, die ihm sein Amt als oberster Priester, als Offenbarer göttlicher Geheimnisse, als Pförtner an der Thür des Himmelreichs auferlegt, auch noch Zeit findet, die Geschäfte eines Bankdirectors, eines Bürgermeisters, eines Generals und eines Hotelwirths zu besorgen, steht unserm Gefühle nach an der Grenze des Wahrscheinlichen und schon eine Strecke jenseit derselben. Wenn aber Mormonen selbst die folgenden Anekdoten von ihrem Propheten erzählen, so weiß man in der That nicht, ob neben dem Geiste Mohamed's nicht auch ein gutes Stück des seligen Eulenspiegel in ihm wiederaufgelebt war. Mehrmals nämlich geschah es, daß Joseph plötzlich die Maske des Gottgesandten fallen ließ, auf öffentlicher Straße einen Neubekehrten zum Ringkampfe herausforderte und den verblüfften Heiligen nicht eher von dannen ließ, bis er ihn seiner ganzen Länge nach auf den Boden hingelegt und dadurch den Beweis geführt hatte, daß der Ruf athletischer Kraft, in dem er stand, nicht gelogen habe. Mehrmals auch kam es vor, daß von Neulingen, die sich bei dem Propheten meldeten, all ihr Geld als Darlehen für den Tempelbau verlangt und dann nicht die mindeste Notiz mehr von ihnen genommen wurde, sodaß der Arme genöthigt war, sich als Tagelöhner mit Schaufel und Axt sein Brot zu verdienen. Hielt er diese Prüfung seiner Treue einige Monate aus, so wurde er eines Tages plötzlich zum Propheten berufen, und dieser verlieh ihm ein entsprechendes Stück Land nebst den Mitteln, es sich darauf bequem zu machen.

Die Mehrzahl der Mormonen war auf die Nachricht von Smith's Ermordung für sofortige Eröffnung des Vertilgungskriegs gegen die »Heiden«. Dumpf rollte die Lärmtrommel durch die Straßen, allenthalben sammelten sich drohende Gesichter, selbst die Weiber riefen zur Rache auf. Die Führer aber wußten das Volk für den ersten Tag zu beschwichtigen, um ihm am nächsten, wo die Hitze sich durch Ueberlegung gemäßigt, zu beweisen, daß man nicht stark genug sei, um das Schwert der Strafe selbst zu schwingen, und so begnügte man sich mit der Hoffnung, daß die Zeit nahe sei, wo Gott den Mord seines Knechtes rächen werde. Als Gouverneur Ford sich versichert hatte, daß die Mormonen keine Ungesetzlichkeit begehen würden, so entließ er die Miliz, die sich rasch gesammelt hatte, und der Kriegszustand wurde aufgehoben.




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notes



1


Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi, von Moritz Busch, Stuttgart und Tübingen, Cotta'scher Verlag, 1854.


