Der Eroberer
Paul Weidmann




Paul Weidmann

Der Eroberer. Eine poetische Phantasie in fünf Kaprizzen. Aus alten / Urkunden mit neuen Anmerkungen





Zueignungsschrift

An einen König der Antipoden


Seit den uralten Zeiten des furchtbaren Tearkon[1 - Die Schrift heißt diesen König Tharaka, der sich zur Zeit Senacherib Königs der Assyrier furchtbar machte.], der die Säulen Herkules aus Bescheidenheit nicht überschrit, fand sich, unter Eurer Majestät preiswürdigsten Ahnen zum Wohlseyn der Erde durch eine besondere Gnade des Himmels kein Eroberer. Eure Majestät treten mit einer so rühmlichen Menschenliebe, und mit einer so edlen Mäßigung in die Fußstapfen ihrer friedsamen Ahnen, daß Sie vielleicht der einzige König sind, der den Titel eines Helden für den liebenswürdigen Namen eines Vaters des Vaterlands, und eines Menschenfreundes verkaufet. Eure Majestät sind also der einzige Monarch, dem ich mein Buch schiksam zueignen kann, denn jedem andern würde es eine Satyre scheinen, wie jene Zueignungsschrift eines Franzosen dem römischen Pabste[2 - Das Trauerspiel Mahomet oder der Fanatismus ward vom Voltaire dem Pabste zugeeignet.].

Wenn Eure Majestät, wie einige Reisende behaupten, auch ein Beschützer der deutschen Musen sind, welches die Fürsten selten wagen; so sind Sie ein wahrer Antipode von unserm gelehrten Europa, und ein Antipode aller Könige. Ich sage nicht mehr zum Ruhme Eurer Majestät, weil ausserordentliche Tugenden durch Stillschweigen am besten gepriesen werden. Nur gewöhnliche Könige werden gelobt, damit sie einige Tage länger leben.

Ich lege Eurer Majestät mit warmer Empfindung der hohen Bewunderung mein Buch ehrerbietig zu Füssen, weil einige Meere und einige tausend Meilen mir das Vergnügen rauben, mich ihrem Throne persönlich zu nähern u. s. w.




Vorrede des Dichters


Die Musik ist die Mutter der Poesie; alle Eigenschaften erbt also diese liebenswürdige Tochter. Warum sollte sie die sinnreichste Gabe die Phantasie entbehren? Sollte die Dichtkunst nicht eben die harmonischen Freyheiten geniessen, da sich der spielende Tonkünstler frey seiner willkührlichen Laune überläßt, und in ein bewunderungwürdiges Chaos aller Tonarten sich verwickelt? Von einem taumelnden Wirbeltanze hüpft er zu einer melancholischen Arie; ehe er sie noch zu Stande bringt, schleicht er tändelnd zum neckischen Rundliedchen, artet rasch in ein heulendes Ungewitter aus, und donnert blutige Schlachten. Diese zerstreute Begeisterung ist oft den horchenden Ohren ein seltnes unerwartetes Vergnügen, und man hört manchen Künstler lieber phantasiren, als ein regelmäßiges Concert spielen; die Ursach ist, weil der kühne, und mannichfaltige Wechsel der Gedanken, und die verwägnen Uebergänge die Zuhörer reizen, hinreissen, erschüttern.

Lasset uns versuchen, welchen Eindruck eine poetische Phantasie auf das menschliche Herz machen wird. Vielleicht bringt die scheinbare Unordnung, die doch heimlich Ordnung und Verbindung hat, das neue Gewühl gedrängter Ideen, eben die gute Wirkung in dem Gemüthe der Leser hervor.

Es ist wahr, der Gleis ist unbetreten; ich kann meinen dreisten Versuch weder mit alten noch neuen Schriftstellern vor dem strengen Richterstuhle der gelehrten Welt rechtfertigen; aber mit ihrer gütigen Erlaubniß meine hochschätzbarsten Herren Kunstrichter und Richterinnen, müssen wir denn ewig so knechtisch unser Gehirn in Fässeln legen, daß wir nicht einmal einen Schrit ohne Leitbande wie die Kinder wagen dürfen, und bey jeder launichten Streiferey vor dem Hohngelächter zittern müssen?

Was da immer im Areopagus über mich verhängt ist, fühle ich doch, daß mein Kopf in einer so freyen Stimmung ist, in welcher er zu einer Phantasie gleichsam durch ein Instinkt gezogen wird; und weil oft vom Erfolge das Lob oder der Tadel einer Unternehmung abhanget, und Kolumbus vor der Reise verspottet, nach der Rückkehr gepriesen wird; so lassen wir der Zeit über, ob Dank oder Verachtung meine Arbeit belohnet. Meine Rechtfertigung bey der Nachwelt sey, daß die holden Musen sich allezeit schwesterlich die Hände reichen.




Anhang des Kommentars


Da doch jeder Bajazzo mit einem komischen Kniks hervortrit, und Miene macht, dem hochgeneigten Publikum etwas sagen zu wollen, ohne Ihm etwas zu sagen; so soll auch mein kleiner Apendix in Ehrfurcht seinen Bückling machen. Ich habe viele gelehrte Vorgänger, und Wegweiser, die mehr Bogen Anmerkungen schreiben, als ihr Buch Blätter und Seiten hat. Ich will mein kleines Aemtchen sehr sittsam verwalten, und nur zu Zeiten dem Leser in die Ohren lispeln, damit er nicht vergißt, daß ich auch zugegen bin. Ich könnte zwar meine Wenigkeit schimmern lassen, aber oft vermuthe ich höchst wahrscheinlich, daß meine Leser mehr Einsicht haben, als ich, oder ich verstehe selbsten den Grundtext nicht klar genug, und dann schweige ich aus Bescheidenheit. Nemo ultra posse tenetur! Ein wahrer Kommentar erklärt nur das, was jedermann weiß.




Prolog

In Knittelversen


		Ihr Herren klug und Jungfraun schön,
		Ich bring kein Mährlein auf die Scen.
		Ich sag nicht blosse Narrenpossen,
		Wie mancher schon hat ausgegossen.
		Ich will Geschichten offenbarn,
		Und dabey nicht der Wahrheit sparn.
		Wenns Euch will also wohl behagen,
		Will ich jetzt kurz und rund aussagen,
		Wie Eduard der König groß
		Erobert manche Stadt und Schloß.
		Die Welt hat er für sich erhalten,
		Damit zu schalten und zu walten.
		Es zeigt sich, wie die Majestat
		Oft manniglich gefochten hat.
		Wie er so vielmal hat gerungen,
		Und Land und Leut hat eingeschlungen:
		Man sieht auch, daß sein Widerpart
		Erträget viel, und leidet hart.
		Ihr könnt Euch selbsten leicht gedenken,
		Das viele saure Herzenskränken,
		Das jeder Fürst erlitten hett,
		Der sich auf seinem Todesbett
		Sein Haab und Gut müsst nehmen lassen.
		Ich will dieß alles hübsch verfassen.
		Man hebt den König nicht hervor.
		Bald ist er schwärzer als ein Mohr.
		Man zeigt Euch alle seine Mängel;
		Oft ist er weisser als ein Engel.
		Von Nachbarn will er einen Theil;
		Doch ihnen ist ihr Land nicht feil.
		Da kommen sie dann stracks gelaufen,
		Den Sieg mit Grimmen zu erschnaufen.
		Er aber streckt die Klauen weit,
		Und macht mit ihnen tapfren Streit.
		Doch wie auch insgemein die Güter
		Zu endern pflegen die Gemüther;
		Wuxt ihm auch durch den Schatzgewinn
		Gar bald sein Muth und hoher Sinn;
		Man mußte seinen stolzen Willen
		Ohn alle Widerred erfüllen;
		Und er vergaß, wies denn geschicht,
		Auch alsobalden seiner Pflicht;
		Hub an selbst Freunde zu verachten,
		Und nach der Tyranney zu trachten.
		Sein hart und übermüthigs Herz
		Glaubt nur der Krieg sey blosser Scherz;
		Hat also Menschen viel getödtet,
		Und Völker viel ins Joch gekettet.
		Doch hungert ihn beständig sehr,
		Und hett noch gern gegessen mehr,
		Allein er starb durch Weibertücke,
		Und so knackt endlich seine Brücke.
		Da ihn der Tod erhascht beym Bein,
		Ward er so still als wie ein Stein.
		Er hatte stäts ein starkes Herze;
		Doch trieb er mit den Jungfern Scherze;
		Veracht den Himmel in der Noth,
		Fürcht nicht den Teufel nicht den Tod.
		Am Schluß bereut er seine Sünden,
		Das könnt ihr in dem Büchlein finden.
		Nehmt selber jetzt den Augenschein,
		Was da für Ding enthalten seyn.




Die Kindheit Eduards.

Erste Kaprizze[3 - Da alle neuen Geburten Nachahmer finden; so werden vermuthlich einige Dichterlinge hastig über dieses lächelnde Fach herfallen; ich will Ihnen also durch einen kleinen Auszug aus einem poetischen Kochbuch Anleitung zu einer Phantasie geben. Man nimmt Geflügel Rindfleisch, Zwiebeln, Knoblauch, viel Gewürz, läßt alles in einem reinen Topf wohl verkochen, und diese Kraftbrühe heißt Phantasie. Zu oft darf man nicht solche Speisen geniessen, sie geben Anlage zum gelehrten Podagra.]





Einleitung


Unter den grossen und kleinen Königen, welche alle Länder der vier bekannten Welttheile als eine natürliche Erbschaft großmüthig unter einander vertheilen, lebte Jakob der Friedsame. Sein Reich war so groß, daß er es übersehen konnte, um alle seine Unterthanen zu beglücken. Das Volk und der Monarch wünschte zu ihrer Glückseligkeit nur noch einen Thronerben. Die Königin näherte sich eben dem glücklichen Zeitpunkt ihrer ersten Entbindung.




Monolog



König Jakob, indem er aus dem Schlafgemach der Königin trit

So wahr ich König bin! Mein Sohn soll nicht Alexander, nicht Cäsar, nicht Sesostris heissen! – Schenkt mir die Königin eine Tochter; so mag sie ihr einen schicksamen Namen beylegen; aber der Name eines Sohnes ist mir als Vater und König nicht so gleichgültig. Es liegt oft im Namen gleichsam eine Weissagung. Wie soll ich also diesen sehnlich gewünschten Gast nennen? – Hahaha! Was dem guten Weibe beyfällt, Alexander. Hahaha! – Eh soll er mir Nero und Attila, wo nicht gar Kartusch heissen! So weiß die Welt, was sie von ihm erwarten soll. Gesetzt ich gebe dem Kinde den Namen Adam – Nein! Dieser Name ist mit schwarzen Gedanken vom Fluche der Erde verknüpft. Adam war der erste Ehrgeizige! – Ich wünschte einen gutherzigen lächelnden Namen – Willhelm – Pfui! So heißt mein unruhiger Nachbar! – Eduard, Ha! Das Wort klingt sanft. Eduard, ja Eduard soll mein geliebter Sohn genannt werden.




Dialog



König Jakob, Alsin, hernach ein Höfling

Jakob. Was bringt mein getreuer Alsin.

Alsin. Einen freudigen Glückwunsch! Die Königin wird Eure Majestät bald mit dem schönsten Ehrennamen Vater begrüßen.

Jakob. Dank dir, mein Freund!

Alsin. Betrachten Eure Majestät das seltsame Nordlicht! Ich staunte schon einige Stunden über diese wunderbare Lufterscheinung. Das Volk zieht große Vorbedeutungen daraus, und ein Schwärmer rief in meiner Gegenwart: Es wird ein zweyter Alexander gebohren! Der Pöbel bleibt immer Pöbel.

Jakob. Lassen wir die Narren reden! Nun, was bringst du so eilends?

Der Höfling. Es lebe der König und sein Thronerbe! Ein Prinz hat das Licht erblickt.

Jakob. Die Mutter hat ihn gebohren, und ich habe ihn getauft. Es lebe Eduard! – Alsin, das ist ein froher Tag für mich, und wenn der Himmel unsern guten Willen segnet, ein froher Tag für mein Volk! – Laßt uns den Säugling küssen!




Geburts-Ode





Strophe


		Fürstenkind, sey mir gegrüßt! Lächle Gebährerinn,
		Hofnungen blühen der Welt schon in dem Säuglinge.
		Parze beginne für ihn einen unsterblichen
		Faden! Reife heran zu den Erwartungen
		Zärtlicher Eltern du Trost, und du Glückseligkeit
		Neuer Geschlechter, die dich Völker beglücken sehn.
		Jauchzet dem fürstlichen Gast, ruft ihn zur Herrlichkeit!
		Gütiger Himmel, bist du sehnlichen Wünschen hold;
		O so gieß Segen herab; Weisheit und Tugenden
		Schmücken den Prinzen, der würdig zum Throne reift;
		Nicht der Krone bedarf, sondern die Krone ziert.




Antistrophe


		Musen begeistert mich izt! Goldenes Saitenspiel,
		Das in dem Lorbeerhain hängt, töne heut lieblicher;
		Sing ein unsterbliches Lied; preise den Jubeltag!
		Hier keimt ein Zweig hervor, der einst die Wolken küßt.
		Unter dem Schatten ruht einst sicher der Wanderer,
		Und sein lechzender Mund kostet die süsse Frucht.
		Wenn der Donner ertönt, und das Gewitter dräut,
		Strecket der gütige Baum liebreich die Wipfeln aus,
		Nimmt die Heerden in Schutz, schläfert die Hirten ein.
		O du wohlthätiger Baum, wachse zum Segen auf;
		Sey von Völkern verehrt, und angebetet stäts!




Epod


		Darf ich die süssen Ahndungen meines Herzens ergiessen?
		Weissagt mein frohes Gefühl?
		Seh ich die rühmliche Wiege von jenem vergötterten Helden?
		Welche Schlange bekriegt
		Den vom unschuldigen Schlummer gewiegten Säugling? Erwache!
		Rettet das Götterkind! Eilt!
		Tilget den zischenden Wurm! Doch welch Erstaunen befällt mich!
		Welche Tapferkeit blüht!
		Unüberwindliche Riesenstärke beseelt die Arme,
		Und der Heldensohn ringt;
		Säuglingshände zermalmen die giftaushauchende Schlange.
		So siegt in Windeln Alcid!




Feenmährchen


Kaum war die Geburt des Erbprinzen eines grossen Königreichs in der neugierigen Feenwelt durch den Ruf ausposaunet; so eilten alle Feen diesen durchlauchtigen Gast zu bewillkommen, und nach Gewohnheit des wunderlichen Feenreiches mit allen Gaben zu verherrlichen. Die Thore und die Plätze der Hauptstadt wurden zu enge, alle Drachenwägen und magischen Reisekarren der Feen zu beherbergen. Alle Gattungen der vierfüßigen, zweybeinigen, und kriechenden Thiere bevölkerten die jauchzende Residenz. Drachen, Skorpionen, Basilisken, Eidexen, und tausend Insekten krochen auf den Dächern des königlichen Pallastes, und verfinsterten das Tageslicht.

Die Feen nach der löblichen Gewohnheit unserer alltäglichen Weiber machten rings um die goldene Wiege des Kronprinzen einen so entsezlichen Chor, daß der Säugling vom festen Schlaf erwachte, und seine Gönnerinnen mit einem Zettergeschrey begrüßte. Zehen Kinderammen wurden gelegentlich gehörlos, und zum Glück für die Unterthanen dieses Reichs erschien der König zu spät, sonst wäre er nach dem Modebeyspiel vieler Grossen taub geworden. Die Königinn der Feen, die grosse und weise Rokatania begann eben ihre Rede, nachdem sie das Geheule ihrer beredten Schwestern gemildert hatte, und rief mit Begeisterung: Junger Prinz sey ein Held!

Um des Himmels willen! Madame, unterbrach sie hastig der schnaubende König, halten Sie ein; machen Sie aus dem Kinde, was Sie wollen, nur keinen Helden! Was soll ich mit einem tolldreisten Thronfolger machen, der nichts an seinem Orte läßt, den jeder Nagel an der Wand irrt, wenn er ihn nicht nach seinem Eigensinne ordnet? Frau Fee nehmen Sie den Jungen, ziehen Sie ihn! Seine Mutter kann mit ihrem Schooßhunde spielen. Aber bewahren Sie mich und mein Land vor der leidigen Seuche des Heroismus! Wer das Kriegsgeräusche liebt, findet leicht eine Trommel. In meinem Lande würde der Bursche noch in der Wiege zum Alexander. Ich war auch so ein kleiner Nickel, gleich kamen ein Dutzend einladende Klopffechter, denen der Kopf wirbelte, und wollten mich ohne Gnade zum Erzhelden machen; aber ich liebte den Frieden. Freylich schreibt von mir kein Dichter, und die Geschichte pranget nicht mit meinen unsterblichen Thaten; aber meine Unterthanen sind glücklich. Ihr König hat keine blutige Lorbeern; aber ein gutes väterliches Herz, das sie liebt. Jeder Strassenräuber, wenn ihn das Glück ein bischen begünstiget, kann ein Held, ein Eroberer seyn; aber zu einem guten Hirten, zu einem menschenfreundlichen Landesvater gehört mehr. Es ist leicht mit einer halben Million Soldaten die Erde zu zerstöhren, und Menschen zu schinden; aber hart ein Volk zu beglücken. Das merken Sie sich Frau Feenköniginn, und Sie alle meine verehrungswürdigen Damen, wenn Sie wieder einen Königssohn segnen; so machen Sie ihn ja zu keinem Henker und berühmten Taugenichts! So sprach dieser biedere Antiheld.

Rokatania, und die andern Feen berathschlagten sich eine Weile, und fanden die Gründe des Vaters sehr klug. Endlich nahm die weise Sapilinia, eine alte Exköniginn der Feen das Wort: Ich finde in meinen Büchern ein einziges Mittel zur Entheldung des Prinzen, indem man nämlich seinen Charakter von Jugend auf durch eine ausserordentliche Erziehung gänzlich vom Geräusche der Waffen entfernet: denn hört er vor funfzehn Jahren eine Kriegstrompete; so ist alle Vorsorge vergebens. Ich will gern die mühsame Arbeit seiner Erziehung auf mich lasten. Ich bestimme ihm auch aus seiner Nation den weisen Alsin zum Lehrmeister, und werde beide an einen wunderbaren Ort versetzen, da soll der Prinz von allen gewöhnlichen Menschen entfernt erzogen werden. Ihre Rede fand Beyfall.

Der König umarmte seinen Thronerben, und die Königinn zerfloß bey der Trennung in Zähren. Der weise Alsin ward gerufen, und die Exköniginn der Feen, er, und das Kind wurden plötzlich auf einem Feenwagen von sechs spanischen Fliegen in die Luft getragen. Sie durchstreiften Länder und Städte, bis sie die gewünschten Gestade der Einbildung erreichten.

Sie betraten glücklich die fruchtbare Landschaft Dramaturgia. Die Hauptstadt Tragödianopel ist sehr antik und majestätisch gebaut. Ihr Stifter war König Thespis. Die Könige Sophokles und Euripides haben sie sehr erweitert, und die Bürgermeister Shakesspear, und Lopez de Vega haben sie fast zum Ungeheuer gemacht. Die Inwohner gehen auf hohen Kothurnen, belasten ihre Häupter mit Federbüschen, und reden meistens in Versen. Zum Zeichen ihrer beständigen Traurigkeit und ihrer nieversiegenden Thränen tragen sie weisse Schnupftücher in den Händen. Sie üben sich den ganzen Tag auf halsbrechende Fälle, tödtliche Sprünge, und Stürze. Sie fallen auf offenem Markte plözlich zur Erde, um ihre ausserordentliche Kunst im Halsbrechen zu zeigen. Ihre Geberden sind riesenmäßig, ihr Gang hochtrabend, und ihr Ton brüllend. Alle Minuten sieht man blutige Schlachten. Sie erwürgen einander, und stechen sich zum Zeitvertreibe todt. Diese melancholische Stadt ist sehr entvölkert.

Unsere Wanderer enteilten diesem Schauplatze des Schreckens, der mit Schedeln und Menschenknochen gepflastert war, und erreichten die anmuthige Stadt Komödienburg. Ein lautes Gelächter, und ein rauschendes Geklatsche schallte ihnen schon beym Stadttore entgegen. Die Kuppler hielten Wache. Alle Gattungen Narren und Gaukler machten auf den Plätzen ihre seltsamen Grimassen. Die Notarien liefen sich ausser Athem in allen Gässen Heurathsverträge zu schliessen. Tausend kleine Liebesränke wurden überall gespielt, und erzählt.

Sie verliessen auch diesen lachenden Auffenthalt, und kamen in die weitschichtige Landschaft Epopea. Sie ist fast von Menschen verlassen, und wird wechselsweis von alten Göttern und Göttinnen, und bald von Engeln und Teufeln bewohnet. Sie eilten zur berühmten Stadt Operania; sie ist in zwey Theile getheilet, wovon einer der Komische, der andere der Tragische genennt wird. Die Musik ist hier die Seele aller Handlungen. Man ißt, trinkt, schläft, geht, sitzt, ficht, liebt und stirbt hier mit Singen.

Sie durchzogen nur flüchtig einige berühmten Städte, als die Philosophenburg, wo lauter Weltweise wohnen; Dogmatianopel, der Wohnsitz der Lehrer, und Redner. Endlich erreichten sie das fruchtbare und niedliche Arkadien. Diese lächelnde Gegend wählte die Fee zum Wohnsitz für den weisen Alsin und seinen Zögling. Auf ihren Wink thürmte sich ein artiges Landhäuschen mit allen Geräthschaften. Alle Bewohner dieser glücklichen Fluren begrüssten ihre willkommenen Gäste. Die Fee verließ den gesegneten Aufenthalt, wo durch die Anstalten des weisen Alsin und seines liebenswürdigen Schülers die goldenen Zeiten aufblühten.

Eduard wuchs unter den sanften Einflüssen eines wohlthätigen Himmelsstriches. Der Weltweise erhob sein Gemüth unter jugendlichen Spielen zur Tugend und Weisheit, und die unschuldigen Schäfersitten veredelten sein Herz. Eduard wählte sich hier den Schäfernamen Tityrus, und war von allen Gespielen und Gespielinnen geliebt. Funfzehn Sommer schlichen wie lächelnde Frühlingstage hin. Izt näherte sich der traurige Zeitpunkt, der seinen Charakter zu andern Beschäftigungen entwickelte.

Oridia, eine schwarze neidische Fee kochte in ihrem Busen einen alten Groll wider die wohlthätige Fee, und wollte das schönste Werk der Unschuld zerstören. Sie warf durch einen Sturm Kriegsleute an die glücklichen Gestade dieser seligen Insel, und diese Räuber entführten die schönste Schäferinn.




Ekloge



Tityrus, Koridon, Tyrsis

Korid.

		Laß uns O ländliche Flöte mänalische Lieder beginnen!
		Rufet ihr zärtlichen Töne die reizende Daphne zurücke!
		Wer wird im lächelnden Frühling die Felder mit Blumen besäen;
		Wer die Gestade der Ströme mit grünenden Schatten umgeben,
		Wenn die göttliche Daphne das Antlitz den Schäfern entziehet?
		Traure mein Tityrus, weine mit mir, bis wir sie begrüssen.
		Laß uns mit ländlicher Flöte mänalische Lieder beginnen!

Tityr.

		Alles besieget die mächtige Liebe; wir weichen der Liebe!
		Nicht so begierig umflattern die Bienen die duftenden Blumen;
		Nicht so hastig besuchen die Lämmer die lockende Quelle,
		Als ich mit Sehnsucht die labenden Blicke der Daphne verschlinge.
		Schon der Gedanke, sie wiederzusehen, begeistert den Busen.
		Wie sind die Fluren so blühend, die meine Geliebte bewohnet!
		Blüten enteilen den Zweigen, und Knospen entwickeln sich früher;
		Veilchen und Rosen im bunten Gedränge belasten die Felder.
		Angenehm säuselt der Zephyr durch dickbelaubte Gebüsche,
		Und die Nachtigall wirbelt mit Anmuth die zaubernden Lieder.
		Herrlicher pranget mit goldenen Stralen die wärmende Sonne.
		Feyerlich horchet die ganze Natur beym süssen Gesange,
		Das die liebliche Lippe der Daphne harmonisch beginnet.
		Aber ach! Lange schon missen wir alle das siegende Mädchen.
		Seitdem hat sich für mich die ländliche Gegend verändert.
		Fürchterlich rauschen die schwankenden Eschen im traurigen Haine;
		Mich beschleicht kein erquickender Schlummer auf öden Gefilden.
		Stechende Bremsen zischen um mich, und Eulen verscheuchen
		Durch weissagende Töne die Ruhe vom stürmischen Busen.
		Träume, mein Koridon, schreckliche Träume durchschaudern die Seele.
		Dräuende Wunder erschüttern die Augen. Bald schmettert der Donner
		Wipfel der Bäume; bald schwärmen Irrlichter im dämmernden Thale;
		Aechzende Winde durchbrüllen die Fluren, und schreyende Dohlen
		Flattern beständig über mein Haupt; mein ahnender Busen
		Sieht mit Zittern den nahen Gefahren, O Bruder, entgegen.
		Alles trauert und seufzet; die fröliche Gegend entschlummert.
		Rufet ihr zärtlichen Lieder die reizende Daphne zurücke!
		Wer kann sie lieben wie ich, wer kann sie so feurig besingen?

Korid.

		Nur ich mache die Liebe dir streitig, und setze dir Wetten.
		Drey der weissesten Lämmer bestimm’ ich zum Preise des Sieges.
		Meine Heerde will ich verspielen, um dich zu besiegen.
		Laß uns arkadische Lieder mit ländlicher Flöte beginnen!
		Nicht so lieblich schimmert das Morgenroth auf den Gebirgen,
		Als die keuscheste Wange der Daphne die Rosen bemalen;
		Nicht so labet der himmlische Thau die durstigen Pflanzen,
		Als ein Lächeln von ihr die gierigen Augen ergötzet.
		Immer erneuert mein treues Gedächtniß die selige Stunde,
		In der ich sie das erstemal sah. Wir feyerten damals
		Heilige Feste der glücklichsten Aerndte; die Mädchen erschienen
		Wie die Nymphen mit Blumen geschmücket in festlicher Kleidung
		Meine bezaubernde Daphne besiegte sie alle mit Reizen.
		Wie die Sonne die Sterne verfinstert, so glänzte nur Daphne.

Tityr.

		Süß und zärtlich hast du gesungen, einschläfernd dem Ohre!
		Aber du sangst nur die Reize des Körpers; ich schildre die Seele.
		Und ich will auch vom Tage der frohen Erscheinung beginnen.
		Keine so heitre Frühlingsnacht kömmt nicht wieder zur Erde.
		Angenehm leuchtete damals der Mond durch stille Gebüsche,
		Als der Silberton einer erquickenden Stimme mich reizte.
		Ich fand ein Mädchen im Schatten gegossen; ich sank ihr zu Füssen.
		Göttliches Kind, du hast mich bezaubert! Die Töne sind süsser
		Als der kühlende Trunk im heissesten Sommer dem Wandrer,
		Und erquickender als der liebliche Schlummer dem Müden.
		Aber ein ängstliches Winseln zerstörte die zärtlichste Rede.
		Wie ein Pfeil schoß Daphne hinzu, die Ursach zu forschen.
		Sie fand ein gebährendes Weib im tödlichen Kampfe.
		O wie entwickelte sich die reizende Tugend der Schönen!
		Welche Menschlichkeit, welche Gefühle des edelsten Schmerzens
		Strahlten auf dem thränenden Auge der gütigen Daphne!
		Ihre gastfreundliche Liebe beseelte die himmlischen Thaten;
		Ihre Schönheit bezaubert, doch ihre Sanftmuth vollendet
		Ihre verherrlichten Siege! Sie bleibet beständig mein Abgott.

Korid.

		Du hast zwar dem Herzen gesungen, doch Tityrus, meine
		Bessern Gesänge weichen nicht deinem erhabenen Liede.
		Dort kömmt Tyrsis, wir wollen ihn beyde zum Richter erwählen.
		Aber wie weinerlich scheint mir sein Antlitz! Was quält dich O Tyrsis?

Tyrs.

		Soll ich wohl lächeln, wann unsere Hütten die Zierde verlieren?
		O die ganze betrübte Natur scheint mit mir zu trauren!
		Uns hat der Tod die reizendste Schäferin grausam entrissen!
		Ihr erblasset? O weinet mit mir, denn Daphne verdient es!

Tityr.

		Du hast die Wurzeln des Lebens mit tödtlichem Beile gebrochen;
		Daphne verweile, dein Tityrus folgt dir mit hastigen Schritten!

Korid.

		Sag uns die Ursach von ihrer Entfernung, und auch von dem Tode.

Tyrs.

		Häßliche Krieger beschlichen zur Nachtzeit die sichersten Hütten,
		Raubten gewaltsam, und schleppten die Mädchen zur schwarzen Entehrung.
		Umsonst folgten die Räuber der flüchtigen Daphne, sie stürzte
		In die schäumenden Fluten, und ward von den Wellen verschlungen.

Tityr.

		Nicht mehr will ich die Fluren betreten; ich fliehe die Haine.
		O lebet wohl, ihr schattigten Wälder, ihr schönen Gefilde,
		Ihr quellvollen Gebirge lebt wohl! Lebt wohl ihr Bewohner
		Seliger Hütten! Ich scheide von euch mit dieser Umarmung.
		Theuerste Brüder, lebt wohl! Ich lasse zum späten Gedächtniß
		Diese Flöte zurück, die oft mit schmachtenden Liedern
		Diese Gegend erfüllte. Lebt wohl ihr silbernen Bäche,
		Nicht mehr wird mich an euren Gestaden ein Schlummer beschleichen!
		O freundschaftliches Grab empfange den traurigsten Hirten.
		Ich will die seligen Schatten der göttlichen Daphne begrüssen.
		Pflanzet, O Brüder, der zärtlichsten Liebe zwey Myrthen zum Denkmaal!
		Schreibt auf die grünende Rinde die Worte des sterbenden Freundes:
		Tityrus liebte die Daphne mit mehr als irdischer Liebe;
		Sie war sein Leben, sein Licht, er eilte mit ihr zu erblassen!

Tyrs.

		Wie beklag’ ich den Tityrus! Koridon, suche die Freunde,
		Sag den harrenden Schäfern die traurigste Liebesgeschichte.
		Eilet gesättigte Lämmer, der Abendstern ruft uns zur Hütte.




Idylle



Alsin, Tityrus

Alsin. Mein theurer Sohn, ich habe dich behorcht. Gerecht sind deine Thränen; aber mäßige deine Betrübniß. Setze dich zu mir unter diese Eiche, und höre mich aufmerksam. Die Liebe ist eine edle Leidenschaft; sie vergrössert die Herzen. Aus diesem Grunde billigte ich bisher stillschweigend deine Zärtlichkeit. Doch es nähern sich izt die entscheidenden Tage, in welchen erhabnere Pflichten dich rufen. Du bist nicht zur Weide gebohren. Tityrus erkenne dich selbst! – Du bist Eduard, der Thronerbe Jakobs; dessen Geschichte ich dir oft erzählte. Du solst ein Volk glücklich machen!

Tityr. Mein Vater, welche Räthsel —

Alsin. Folge mir! Wir werden auf ewig diese Hütte verlassen. Willst du?

Tityr. O diese Gegend ist mir izt verhaßt!

Alsin. Der Himmel bedient sich solcher Zufälle, unsern Willen zu seinen Absichten zu lenken. Der Aufenthalt des Friedens, der dir sonst so theuer war, ist dir lästig geworden. Wohlan, wir werden grosse bevölkerte Städte sehen. Mein Freund, das Geräusche ganzer Nationen wird dich betäuben. Noch ein Wort, ehe wir gehen. Was ist die Pflicht eines guten Hirten?

Tityr. Seine anvertraute Heerde auf fetten Auen zu weiden, und sie vor den gewaltsamen Anfällen der Raubthiere wachsam zu schützen.

Alsin. Dieß ist auch das Bild eines guten Königs! – Ein Fürst muß sein Volk beglücken und beschützen. Schwöre mir unter diesem gestirnten Himmel, daß dieses dein ewiges Geschäfte seyn soll!

Tityr. Ich schwöre beym Himmel!

Alsin. Die Menschen werden verschieden regieret. Ich will erst deine Begriffe erweitern.




Dogmatische Poesie

Ein Gesang


		Muse, besinge die rühmliche Staatskunst der Weltenbeherrscher;
		Zeig die erhabnen Gesetze, womit sie die Erde beglücken!
		Denn die Glückseligkeit jeder Gesellschaft bleibt die Säule
		Niemals erschütterter Throne, und ewigblühender Länder.
		Selbst die Thiere durch edles Instinkt erwählen sich Häupter,
		Und die honigzeugenden Bienen leben monarchisch,
		Aristokratisch die Kraniche, die demokratische Herrschaft
		Scheint den Ameisen selbst von der Natur zur Richtschnur gegeben.
		Diese drey Gattungen dienen dem Menschengeschlechtern zur Regel.
		Einige wählen sich einen zum Fürsten, doch herrscht er despotisch;
		So wird der Monarch ein Tyrann, das Scheusal der Erde!
		Diese Gefahr zu vermeiden bestimmen die Völker den Adel
		Zur Handhabung der Landesgesetze; auch dieses zeugt Uebel,
		Denn der Stolz so vieler Gebieter verscheuchet die Freyen.
		Diese gesellen sich brüderlich in dem Staat der Republik.
		Einige mischen aus dreyen Gestalten die glücklichste Herrschaft.
		Doch die Monarchie bleibet die Thätigste jeder Regierung.
		Persien hat die wichtige Frage mit Weisheit entschieden,
		Und die Meinung Darius besiegte die klugen Gefährten.
		Aechte Gesetze müssen dem Volk und dem Lande behagen.
		Wie ein Baumeister die Plane nur nach der Lage bezeichnet;
		So sey bey neuen Gesetzen die Zone, die Sitte des Volkes,
		Und der Charakter der Nation mit Vorsicht geprüfet.
		Selbst die Regierungsart soll die Verfassung des Landes bestimmen.
		Durch die Mittel, durch die wir entstehn, sind wir auch erhalten!
		Ist ein Staat kriegerisch; so verderbt ihn ein ewiger Friede.
		Doch den Handelstaat tilget die Flamme verderblicher Kriege.
		Kriege heissen gerecht, wenn die Nothwendigkeit streitet.
		Liebst du den Frieden; so mußt du dich immer zum Kriege bereiten!
		Dieses war der geheiligte Grundsatz der siegenden Römer.
		Ist ein mächtiger Staat mit vielen Provinzen verbunden,
		König, so zittere nicht vor seiner gewaltigen Grösse,
		Er faßt in sich die häufigen Mittel sich groß zu erhalten.
		Vielleicht machen kleinere Länder mehr glückliche Bürger,
		Denn der Körper der Staaten ist wie der Körper des Menschen;
		Jener ist nicht der stärkste zu heissen, der alles verschlinget;
		Der lebt mit blühender Kraft, der mäßige Speisen verdauet.
		Ein unübersehbares Reich ist schwer zu erhalten.
		Suchet die Menschen in nährenden Staaten geschikt zu vertheilen;
		Lernet die vollblütigen Adern mit Weisheit zu leeren;
		Mit Pflanzstädten muß man bevölkerte Länder entlasten.
		Setze dem Wachsthum ein Maaß, damit du dein Erbtheil erhaltest.
		Suche Monarch, nur das zu beglücken, was du schon besitzest;
		Sey nicht lüstern nach neuer Eroberung; fodre nicht alte
		Langvergessene Rechte von deinen friedliebenden Nachbarn.
		Dieser Eigennutz reisset Verträge, zerstöret das Wohlseyn;
		Mit unersättlicher Habsucht verscheuchst du die Bundesgenossen.
		Fliehet ihr Hirten, die Staatenverbesserer, die euch betrügen!
		In der Monarchie lassen sich Fehler der Fürsten verbessern.
		In der Regierung des Volkes fällt der Staat mit den Gesetzen.
		Weh dem unglücklichen Reiche, wo der unbändige Wille
		Eines grausamen Despoten die Landesgesetze beweiset!
		Gold ist das reineste Blut der Reiche; doch setzt es in Umfluß;
		Dadurch blühet der Handel, und glücklich ernährt sich der Bürger.
		Weiser Minister, sey wie ein Steuermann immer in Arbeit!
		Sieh, wie er spähet, die Winde belauschet, und Stürme voraussieht.
		Bald spannt er Segel, bald zieht er sie ein, bald ändert er Flaggen;
		So mußt du mit forschendem Blicke die Welt übersehen.
		Du must wissen, was war, was ist, was eilet zu kommen.
		Der Ostracismus entehret, und stürzet die Demokratien.
		Die Republik ist zu langsam zu grossen Geschäften.
		Die Regierung der Edlen befürchtet die Grossen und Kleinen;
		Eifersüchtig auf ihre Verfassung wird sie oft tyrannisch.
		Die Monarchie gleichet der weisen Regierung der Gottheit,
		Und die Monarchen sollen dem göttlichen Meister sich nähern.
		Suchet, O Fürsten, nicht Schätze wie Midas, begehret vom Himmel
		Wie einst Salomon Weisheit, denn Weisheit beglücket die Staaten.
		Selig die Länder, die Weise regieren, sie schmücken die Krone!
		O wie soll ich genug die Güte den Grossen empfehlen?
		Sie ist die Seele der Staatskunst, der Schmuck und die Säule des Thrones.
		Völker vergöttert den gütigen Fürsten, der Stunden beweinet,
		Die er nicht mit erquickenden Thaten der Menschheit bezeichnet!
		Wie viel dankende Thränen fliessen noch auf die Gebeine
		Gütiger Hirten! Sie sind auf der Erde das Ebenbild Gottes,
		Und man heißt sie die reizende Wollust des Menschengeschlechtes.
		Du bist zwar mächtig Monarch, doch setze der Eigenmacht Schranken;
		Schäme dich nicht, dich unter die weisen Gesetze zu schmiegen.
		Ehre das Recht der Natur, der Völker, des heiligen Tempels.
		Du bist zwar frey von menschlichen Richtern, doch Gott wird dich richten;
		Früh oder spät wird dich die Geissel der Vorsicht bestrafen.
		Ihr seyd nicht Herren, O Fürsten, des Lebens, der Güter der Bürger;
		Diese Maxime schändet die Throne, brandmarket die Menschheit!
		Nur die Verbrecher könnt ihr des Lebens, der Güter berauben.
		Ihr sollt wie liebende Väter die zärtlichen Kinder beschützen,
		Und mit segnender Lippe den Söhnen die Erbschaft vertheilen.




Geheime Nachrichten


König Jakob ward vom Schlage gerührt, und starb eh er seinen Sohn umarmen konnte. Die Königinn bemächtigte sich mit ihren Ministern der Regierung während der Minderjährigkeit ihres Sohnes, und Alsin, der diese Zeit zum Nutzen des jungen Prinzen verwenden wollte, führte ihn auf Reisen. Eduard lernte unter seiner weisen Anführung die Sitten der Völker, und die Geschichte der Künste und Wissenschaften. Bey seiner Zurückkunft übernahm er das Staatsruder.

Einige glaubwürdige Zeitgenossen erzählen diese Geschichte mit folgenden veränderten Umständen. Unter der Herrschaft Jakobs blühten die Länder; aber so glücklich seine Staaten waren, so unglücklich lebte er in seiner eignen Familie. Emilie seine Gattin ergab sich gänzlich den Ausschweifungen der Liebe; unter unzählbaren Buhlern, die heimlich und öffentlich ihren prächtigen Hofstaat vermehrten, war Feranson der Glücklichste, und erhielt sich in ihrer Gunst so lange sie herrschte. Der gütige Jakob war zu liebreich, zu nachsichtig gegen die Fehler seiner Gattin. Feranson nützte diese natürliche Gutherzigkeit, flößte in das Herz der Königinn seinen unbeschränkten Ehrgeiz, und entwarf ihr einen schwarzen Plan, der dem Besten der Könige durch ein schleichendes Gift die Tage verkürzte. Da er den Erbprinzen aus eben den Absichten haßte, entfernte ihn die Königinn unter dem Vorwand einer schwächlichen Gesundheit vom Hofe; oder wie andere Biographen schreiben, Alsin ein wahrer Patriot, der die Lage der Sachen kannte, und wohl einsah, daß dem Reichserben das Schiksal des Vaters bedrohte, entwich heimlich mit diesem kostbaren Pfande. Gewiß ist, daß Eduard erst sechs Jahre nach dem Tode seines Vaters herrschte. Er fand das Reich in einem betrübten Zustande. Die Königinn überließ sich ganz der Wollust. Ihr Günstling sammelte Schätze. Alles haßte und verabscheuete diesen Minister einer schwelgerischen Fürstinn. Die schlauen Nachbarn bedienten sich dieser günstigen Gelegenheit, und rissen an sich, was ihnen gefiel. Sie erkauften den Feranson, der den Krieg aus Zagheit haßte. Er verhandelte die wichtigsten Würden, gab sie Schmeichlern, Schwelgern, und wollüstigen Hofschranzen, und genoß in Ruhe die Früchte seiner Laster. Izt erschien Eduard. Die Rechtschaffenen fielen ihm zu. In wenig Tagen gewann alles eine andere Gestalt. Der Günstling Feranson entfloh mit seinen Schätzen zu den Feinden. Die Königinn entfernte sich in eine Provinz. Eduard bestieg den Thron, und jagte die Schmarutzer vom Hofe. Jeder Tag seiner Herrschaft ward durch wichtige Zufälle merkwürdig.




Scene bey Hof



Eduard, Alsin

Alsin. Mein Eduard, izt bist du König!

Edu. Durch dich! – Du bist mein Vater, mein Freund, mein Führer. Verlaß mich nicht, damit ich nicht unter der Last einer Krone zu Boden sinke. Sag, wie soll ich die Verräther behandeln?

Alsin. Nach deinem Herzen! – Izt will ich die Früchte meiner Lehren einärndten. Hör eine Fabel, und dann handle!




Fabel

Der Donner und der Thau


		Hör mich, so sprach der Donner, edler Thau!
		Wenn ich erschalle, bebt der ganze Weltenbau;
		Die Erdenkönige betäubt ein banges Zittern;
		Ich flösse Schrecken ein den eisernen Gemüthern.
		Wenn sich mein Riesenfuß von Pol zu Pole hebt,
		Stürzt eine schwarze Wolke nieder;
		Der Himmel und die Erde bebt.
		Ich lähme den Geschöpfen alle Glieder.
		Vor mir erstaunt, was lebt.
		Ich bin der Herold aller Götter;
		Vor mir erblaßt der kühne Spötter,
		Und bricht ein Frevler seinen Schwur;
		So stürzt mein Blitz herab, und tödtet den Verräther!
		Mir huldigen mit Furcht die Wesen der Natur.
		Ich kenne, sprach der Thau, schon deine grossen Thaten.
		Du kanst nur immer strafen, dräun,
		Und willst allein gefürchtet seyn.
		Ich aber bin geehrt in meinen weiten Staaten;
		Ich giesse früh und spät den reichen Segen aus.
		Die ganze Schöpfung ist mein Tempel und mein Haus.
		Mich preisen alle Erdensöhne.
		Mir dankt so manche fromme Thräne.
		Wie süß ist doch der Lohn, wenn man mit Milde giebt;
		Wie sehr bin ich gewünscht, wie sehr bin ich geliebt!
		Ich will mit dir nicht Würden tauschen,
		Du magst in Wetterwolken rauschen,
		Wenn deine Hand die Blitze lenkt.
		Ich will den stillen Dank, die Segen froh belauschen,
		Die mir mit Lust die Erde schenkt.




Scene. Ein Vorhof im königlichen Pallast



Ritter Lusian, sein Knecht, hernach die Leibwache und der König

Lus. Führ meinen Gaul in den nächsten Stall, bewirthe ihn wohl! Ich will ein wenig spähen, welcher Wind izt bey Hofe weht.



(Der Knecht geht. Lusian sezt sich auf einen Stein bey der Treppe.)


Da will ich erst rasten! – Ob mich der junge König noch kennt? Damals war er auf der Reise, izt auf einem Throne – Hahaha! Ich sehe poßierlich gnug aus! – Ich bin müde und schläfrig von der Reise –



(Er gähnt.)


Die Wache. Hier schläft man nicht! – Fort! – Der König kömmt! – Macht Platz! – Auf! Fort!

Lus. Ist denn hier kein Gasthof?



(Der König Eduard nähert, und horcht lächelnd.)


Die Wache. Ist der Mann toll? Im Pallast des Königs einen Gasthof suchen –

Lus. Wer wohnt hier?

Die Wache. Der König!

Lus. Wer hat vor dem König hier gewohnt?

Die Wache. Des Königs Vater!

Lus. Und vor des Königs Vater?

Die Wache. Des Königs Großvater!

Lus. Beym Henker! So ist es ja eine Herberg, wo ein Pilgrim nach dem andern ausrastet. Mich soll kein Teufel von der Stelle jagen!

Der König. Die Stimme verräth ihn! – Das ist mein Freund Lusian!

Lus. Und du bist mein König! – Ich bringe dir aus fremden Landen nichts mit als ein warmes Herz, das zu deinem Dienste bereit ist.

Der König. Du vergötterst mich, denn der Gottheit schenkt man Herzen. Aber wie lang hast du mich deiner werthen Gegenwart beraubt!

Lus. Herr, was soll ein biederer Kerl von meiner Gattung unter den Reifröcken machen? Die seidenen, kriechenden Hofbuben haben mich verdrängt. Ich spreche, wie du weist, dreist von der Leber weg. Deine Mutter fand meine Wahrheiten bitter, und legte mir die Wahl vor, entweder in das Gefängniß, oder auf Reisen zu gehn. Ich wählte freye Luft, und den Wanderstab, zog von Reich zu Reich, sah Narren in Menge, und kehre izt mit Ebentheuern verherrlicht zu Dir zurück, weil ich hörte, daß izt ein Mann herrscht! – Es giebt Krieg. Brauchst Du meinen Degen?

Der König. Deinen Arm, deinen Kopf, und deine Zunge, denn dein Herz habe ich schon,. Es giebt ein feines Stück Arbeit. Ich muß meine Unterthanen demüthigen —

Lus. (schüttelt den Kopf) Unterthanen? – Unterthanen! – Demüthigen, sagst du? – (Er nimmt Ihn bey der Hand, und führt ihn zu einem Säulengesimse) Gieb izt wohl Acht! – Geh leise! – St! – St! – Hier sitzen über hundert Fliegen! Ich will sie alle erschlagen? – Ist das keine Heldenthat?

Der König. Hahaha! Lusian! Ritter Lusian! Hundert Fliegen – Eine Heldenthat! – Das ist eine Narrheit!

Lus. Und du foderst von mir, ich soll deine Unterthanen tödten, die weniger als Fliegen sind – Ein König mit furchtbaren Kriegsheeren umringt! – Monarch, ich bin kein Wolf, ich bin ein guter Schaafhund! – Weh dem, der deine Heerde angreift, und wenn es ein Löwe ist, ich will seinen Rachen zerreissen! – Aber Lämmer, deine eigenen Lämmer, deine geduldigen Schaafe –

Der König. Du bist immer Lusian! – Wohlan, ficht wider meine auswärtigen Feinde! – Ich ernenne dich zum Statthalter aller Provinzen, die ich einst erobere. –

Lus. Du lächelst? – Ich nehme das Geschenk mit Dank an. Wie viele Könige führen den Titel von Ländern, wovon keine Spanne ihnen gehört! Komm König, wir haben schöne Aussichten!




Scene bey Hof



Eduard, Marsis

Edu. Marsis, du lebtest am Hofe meines Vaters, schildre mir die wichtigsten Personen deiner Zeit! – Sprich mit deiner gewöhnlichen Freymüthigkeit.

Mars. Ich will Eurer Majestät die Charaktere derjenigen entwerfen, welche die Hauptrolle spielten, denn die Uebrigen waren gleichsam nur Handlanger und stumme Aufwärter, die sehr wenig auf dem Schauplatz erschienen, weil stets einer den andern verdrängte.




Charaktere


König Jakob war in seiner Jugend schön, und liebenswürdig in seinem Alter. Güte und Leutseligkeit grüßten sich auf seinem Antlitz. Er verabscheute die Ränke und Arglist, und war freygebig. Die Wahrheit stand stets auf seiner Lippe. Er liebte sein Volk, das ihn anbetete. Alle gerechten Fürsten waren seine Freunde und Bundesgenossen. Dies hielt einige ehrgeizige Nachbarn im Zaum, und er genoß durch seine Tugend mehr Ruhe, als wenn er immer mit Kriegsheeren gedrohet hätte. In seinem edlen Charakter bemerkte man keinen Flecken, als etwa eine übertriebene Freygebigkeit, und Nachsicht gegen fremde Fehler.

Emilie, seine Gattinn war die berühmteste Schönheit ihrer Zeit. So reizend ihr Körper war, so sehr verunstaltete sie ihre Seele durch Ausschweifungen, die kein Ziel kannten. Sie verbitterte die sanftesten Tage des Besten der Könige. Ihre zügellosen Begierden überschritten alle Schranken. Pracht, Verschwendung, Stolz umschwebten sie. Sie liebte Wechsel in ihren Lüsten, und ließ sich zu den schwärzesten Handlungen herab. Unter der unzählbaren Menge ihrer Buhler spielte die erste Rolle Feranson.

Feranson war der schlaueste Hofmann seiner Zeit. Er schickte sich in alle Sättel; er spähte alle Launen, und Schwachheiten der Menschen, und wuste sich darnach zu bilden. Jeder hielt ihn für seines Gleichen. Laster und Tugenden wurden von ihm meisterhaft geäfft. Er fühlte nie das, was man Gewissensbisse heißt, und war unempfindlich für den Ruf der Ehre. Kein Günstling hat so wie er den glücklichen und reifen Zeitpunkt einer Handlung gekannt. Niemand am Hofe durchdrang wie er mit einem Blick alle Menschen, indeß er selbst unergründlich war. Er handhabte die Höflinge nach seinem despotischen Willen wie Maschinen. Seine Günstlinge waren Verschwender, Schwelger, und Leute, die sich ganz seinem Interesse aufopferten.




Scene. Ein Speisesaal




Dornwald, Isidor, Hengist, Nordgau, Edmund, Rasian, und andere Höflinge, Beliam der Hofnarr

Hengist. (leise) Brüder, giebt uns heut der König vielleicht das Henkermahl?

Nordg. Vermuthlich! Ich erwarte meinen feyerlichen Abschied.

Isid. Wir werden die Ehre haben, unsere Würden niederzulegen. Der König wird ohne Zweifel grosse Wirthschaftsplane entwerfen —

Dornw. O das ist der erste und gewöhnliche Schritt aller Staaten-Verbesserer, die alten Diener zu verabschieden, und den Hof mit neuen Kreaturen von ihrer Schöpfung zu bevölkern.

Ras. Ich habe nichts zu verlieren. Ich war kein Freund des Feranson, und folglich eine Hofnulle –

Edm. Wir waren immer von den Speichelleckern der Königinn verdrängt.

Heng. Vielleicht gewinnen wir beym Wechsel. Ha, da kommt der Hofnarr!

Beliam. (singt)

		Der König spielt Triktrak;
		Der Hof ist ein Schnikschnak:
		Wir Frösche schreyn Quikquak!

Heysa, meine Herren Kollegen, lasset uns freuen, trinken, und essen auf Rechnung des neuen Königs! – Den guten Jakob hat sein Weib und ihr Liebling gefressen. Wir als treue Vasallen wollen seinen Sohn verzehren. Eduard ist ein Frischling. Von meinem Hunger schliesse ich, daß er wenigstens in drey Tagen rein verschlungen ist. Meine Herren, Sie lächeln? Glauben Sie etwa, daß er uns frißt? – Warum soll er sich mit Pickelheringen kasteyen? – Du armer Beliam, welches Narrenspital wird dich in deinen grauen Tagen versorgen? – Ihr dauert mich alle; bald werdet ihr hinter dem Ohre kratzen, und rufen – Wie meynt ihr wohl? – Hört, ich will es euch im Räthsel erzählen. –




Logogryph


		Mich kennt zwar jedes Kind;
		Doch will ich izt die Greisen fragen,
		Sie sollen meinen Namen sagen,
		Weil sie so weise Männer sind.
		Bald werden alle staunend schweigen.
		Hört meinen Lebenslauf, der recht nach Wundern riecht!
		Mich hat der Sohn, der Vater kennt mich nicht.
		Jedoch bin ich der Gottheit eigen.
		Der König stümmelt mich; sein Volk bleibt mir getreu.
		Ich fliehe Zank und Meuterey.
		Ich hasse Weisheit, Laster, Tugend,
		Den frohen Witz, die Munterkeit, und Jugend.
		Der Sommer ist mein theurer Gast.
		Der Winter wird mir eine Last.
		Vergebens suchet mich der Held, und der Gelehrte.
		Den Künstlern war ich niemals hold.
		Ich meide Hauben, Hüte, Bärte.
		Von den Metallen schätz’ ich Gold.
		Man misset mich in allen Elementen.
		Mir ekelt vor Verdienst und vor Talenten.
		Nie kannt’ ich Neid, Verläumdung, Fluch,
		Mein Nam’ ist freylich schwer zu finden.
		Doch wollet ihr das Räthsel leicht ergründen:
		So leset euer Namenbuch!

Wisset ihr, was es ist? – Der kleine Buchstab O! – Wir werden bald alle rufen: O! O! O! Der König kömmt!




Scene




Der König, Lusian, Marsis, Gefolge, Vorige



(Die Gegenwärtigen stehen in ängstlicher Erwartung. Beliam versteckt sich komisch hinter ihnen. Alle neigen sich.)


Eduard. Meine Freunde, da führ ich Euch meinen werthen Lusian auf. Ihr kennet seine Verdienste. Ich liebe Harmonie in meinem Hause. Ihr stehet betroffen? Was beunruhiget Euch? Ich bin der Sohn eures Königs. Alle Verdienste, die Ihr bey meinem Vater gesammelt habt, leben heut wieder auf! – Alle Fehler, die etwa nach seinem Tode sich eingeschlichen haben, werden von diesem Augenblick an vergessen! – Erfüllet eure Pflichten als rechtschaffene Männer, und aus den künftigen Handlungen will ich jeden von Euch beurtheilen, und belohnen. Mich rufen izt dringende Geschäfte zu Alsin. Gehet zur Tafel, geniesset in Freude den Segen des Himmels! –



(Er grüsst alle, und tritt zum Gemach.)

(Die Höflinge staunen. Beliam schleicht demüthig hervor, und nähert sich furchtsam dem König.)


Beliam (mit Rührung) Ich war der Narr deines Vaters —

Eduard (beschaut ihn, lächelt, und schlägt ihn auf die Achsel) So bist du auch der Meinige! –



(Er geht ab.)

(Beliam macht einen Rundsprung, und küßt alle Höflinge.)


Beliam. O du Herzkönig! Du sollst leben, und alle Chartenkönige stechen! – O du Sohn meines lieben Jakobs, Segen auf Dich! Noch die Urenkel der unsterblichen Narren sollen Dich segnen, weil du mich ihren Großvater begnadigst. Heut will ich deine Gesundheit trinken, Du grosser Eduard! – Ich fodere jeden zum Kampf auf! – Ich setze meine Nase zum Pfande – Nicht jeder Edelmann ist so reich wie ich! –

Hengist. Ich nehme die Ausfoderung an. Ich bin heut in der Freude meines Herzens! – Her die vollen Becher, wenn ich überwunden werde, so soll mein Sohn mich rächen! – Es lebe der König!

Alle (trinken) Es lebe Eduard!

Beliam. Schenkt ein!

Hengist. Zum Henker, macht die grosse Freude mich verlegen? Der Bube haut mich zu Schanden –




Parodie.[4 - Sieh von Korneille das Trauerspiel Cid. Der sechste und siebente Auftritt enthält den Stoff der Parodie. Diego wird von seinem Gegner durch eine Maulschelle entehrt, zieht den Degen, wird entwafnet, und beseufzet seine Schande. Sein Sohn Roderich übernimmt die Rache.]


		O welche Schande fällt auf meine grauen Haare!
		Erlebt’ ich nur mit Ruhm des Alters höchste Jahre,
		Damit ein schwarzer Tag mir edle Lorbeern bricht;
		Damit mein graues Haupt beschämt zur Erde kriecht;
		Die Kehle, die so oft den lauten Beyfall hörte,
		Die der Trompetenschall als Siegerinn beehrte,
		Die Kehle wird besiegt, verliert die Wunderkraft,
		Verschmäht den Göttertrank, den süssen Rebensaft.
		Gedächtniß schlummre doch, zeig mir nicht grosse Scenen!
		Ich seh’ auf sie zurück mit Quaal und heissen Thränen.
		O damals focht ich noch als Sieger jugendlich.
		Der Ruhm der Jahre flieht, die Schlappe schändet mich.
		Doch laß uns nicht so lang von Niederlagen sprechen:
		Laß uns den Frevel kühn an unserm Feinde rächen!
		Ich trage nicht den Schimpf bis in das kalte Grab;
		Zuerst leg ich mein Amt als erster Mundschenk ab.
		Flieg in die Luft Krystall, in dessen klarer Hülle
		Der starke Weingott thront! Dies ist mein letzter Wille.
		Du bist nicht mehr mein Schmuck; ich bin für dich zu alt.
		Ich trinke nicht als Held; ich kämpfe träg und kalt.
		Ich will nicht mehr dem Ueberwinder lügen.
		Du goldner Kelch leb wohl! Du zeugst von meinen Siegen.
		Eil, such dir einen Freund, erneure das Gefecht,
		Such einen Ritter auf, der meine Schande rächt! –
		Sprich, hast du Herz mein Sohn?

Der Sohn.

		Kein andrer sollte fragen,
		Er würde schon den Lohn von seinem Frevel tragen!

Der Vater.

		Wie schön läßt dieser Zorn, wie labt mich deine Glut,
		Denn mein gerechter Schmerz erwartet edle Wuth!
		Du bist mein ächtes Blut; in diesen Feuerzügen
		Lebt meine Jugend auf; du sollst den Feind besiegen!

Der Sohn.

		Sprich Vater, wer entehrt dein lorbeerreiches Haupt;
		Wer hat den Ruhm, der dich unsterblich macht, geraubt?

Der Vater.

		Ich fiel, ich fiel, O Sohn, im schändlichsten Gefechte;
		Ich bin bereits zu schwach; beschütze meine Rechte!
		Nimm diesen theuren Kelch, beginn den ersten Krieg,
		Erobere mein Sohn für mich den ersten Sieg!

Alle Höflinge. Bravo!

Beliam. Noch nie hat ein Sohn für seinen Vater so willig, so tapfer gefochten! Ich gebe mich überwunden! Du saufst den König arm aus kindlicher Liebe.

Isidor. Lasset izt euren Witz aufsprudeln! – Ihr wackern Brüder, hört mein Trinklied –




Leberreime


		Wenn mir die vollen Gläser blinken,
		Soll ich denn nicht wacker trinken?
		Holder Weingott, meinen Gruß!
		Izt will ich auf Rosen sinken,
		Und dem frohen Amor winken;
		Süsses Mädchen, einen Kuß!

Alle. Es lebe der König!



(Eduard erscheint, winkt allen zu bleiben, und setzt sich in ihre Mitte.)


Eduard. Aus eurer Munterkeit, meine Freunde, erkenne ich euer Zutrauen. Mindert eure Freude nicht, ich will daran Theil nehmen.

Lusian. Izt kann ein ehrlicher Kerl wieder am Hofe lachen. Die Weiber sind weg. Es lebe der König! Ich will meinen Lieblingsgesang singen.




Rundlied


		Hütet euch vor Weiberhauben,
		Schließt den Mädchen euer Haus;
		Anfangs girren sie wie Tauben,
		Doch sie brüten Geyer aus.

		Späht den Lebenslauf der Schönen;
		Prüfet ihr verstelltes Herz!
		Lernt das Spiel von ihren Thränen,
		Ihre Launen, ihren Scherz.

		Hütet euch vor Weiberhauben,
		Schließt den Mädchen euer Haus;
		Anfangs girren sie wie Tauben,
		Doch sie brüten Geyer aus.

		Hört die trotzigen Befehle!
		Welche Stürme kocht die Brust!
		Immer nähret ihre Seele
		Neue Wünsche, neue Lust.

		Hütet euch vor Weiberhauben,
		Schließt den Mädchen euer Haus;
		Anfangs girren sie wie Tauben,
		Doch sie brüten Geyer aus.

Der König. Lusian, du bist weit gereiset, erzähle doch der Gesellschaft deine Ebentheuer.

Lusian. Ein Theilchen liegt auf der Zunge.




Reisebeschreibung


Ich durchwanderte viele Königreiche, und fand oft wunderbare Geschöpfe. Ein Ungefähr führte mich in eine seltsame Insel, die von Mücken und Grillen wimmelte. Der Handel lag hier meistens danieder, man handelte nur mit Fliegenwedeln, weil die Bewohner so sehr von den Mücken geplagt wurden. Ueberall fand man wunderliche Grillen. Die Universitäten, die Schaubühnen, die Schulen, die Tanzsäle, die Rathhäuser hatten ihre besondere Gattung von Grillen. Der König nährte seine Grillen, und die Unterthanen folgten seinem erhabenen Beyspiele. Der oberste Staatsgrillenküzler versah seine Majestät täglich mit neuen politischen Grillen. Eines Tags träumte der König von einer Originalgrille, die noch in keiner Grillensammlung zu finden war, und die wenigstens tausend Tonnen Goldes und eine halbe Million Menschen kostete. Was schiert das den Monarchen, seine Lieblingsgrille ward ausgeführt. Es war der Grillenfängerey kein Ende. Die Unterthanen murrten heimlich über manche durchlauchtige Grille, und beschwerten sich, daß nicht nur innländische, sondern auch fremde Modegrillen ihnen zur Last fielen. Allein der König liebte nichts, als Grillen. Mit einer neuen Grille konnte man bey Hofe sein Glück machen. Die Grillenprojektanten theilten unter sich die schönsten Würden, und erschöpften die königlichen Kassen. Da man wohl einsah, daß man nur mit Grillen sein Glück beförderte; so blühte lang der Hang zur Grillenfängerey. Die weiblichen Grillen waren die Veränderlichsten und Artigsten. Die Gelehrten wetteiferten mit den Schönen, und heckten so ungeheure Grillen aus, daß sie nur den häßlichen theologischen Grillen an komischer Gestalt wichen. Ich verließ mit Unwillen diese grillensieche Insel. Ich eilte fort, und kam in die Stadt der Klopffechter. Hier war das berühmte und ritterliche Faustrecht noch in der ersten Mode. Alles geschah mit despotischer Gewaltthätigkeit. Der König des Landes bewies seine gerechten Ansprüche auf die Güter seiner Unterthanen und Nachbarn sonnenklar, indem er seine Patente durch viermalhunderttausend wohlbewafnete Blutzeugen unterstützte. Mit der Pistole in der Faust lehrte man auf dem Katheder die Rechte des Landesfürsten. Weh dem, der nur einen unterthänigen Zweifel nährte. Die Gottesgelehrten predigten mit dem blossen Schwerte, und bewiesen die dunkelsten Sätze so gründlich, daß sie täglich Proseliten machten. Auf allen Thüren der Rathssäle stand die Inschrift: Stat pro ratione Voluntas! – Ich zog hastig weiter. Hin und wieder sah ich allerhand Seltenheiten. Die Menschen sind sehr erfindsam. Eine besondere Lustbarkeit ist an grossen Höfen —




Der Maskenball


Der Maskenball ward am hellen Tage bey Hofe gegeben. Die Masken waren sinnreich gewählt. Die Furchtsamen bedeckten sich trotzig mit Löwenhäuten. Die Gleißner trugen den ehrwürdigen Priesterrock. Die schlauen Hoffüchse versteckten sich unter Lammfellen. Die berufensten Metzen borgten das weisse Brautkleid, und spielten ihre künstlichen Rollen im jungfräulichen Grazienschmucke. Die Dummköpfe hüllten sich in Staatsperücken, und Magistratmäntel. Die Müßiggänger machten sich mit Ordenszeichen wichtig. Das Alter bedeckte seinen grauen Bart mit einer jugendlichen Larve. Die Zwergen vergrösserten sich mit Kothurnen zu Riesen. Alle äfften ihre Scheincharaktere so natürlich, daß nur Kenner sie entlarvten.




Marionetenspiel


In den Städten und an den Höfen unterhält man sich mit einem sinnreichen Puppenspiele. Man sucht Figuren von verschiedenen Ständen, Fürsten, Grafen, Baronen, Bürger, Beamte, Künstler, Gelehrte. Sie sind so natürlich gemacht, daß man schwören sollte, sie wären ächte Menschen; aber sie haben keine Seele. Sie sitzen, gehen, stehen, schlafen, essen, trinken, lachen, sprechen, ohne daß man die verborgenen Schnüre sieht, welche diese Maschinen in Bewegung setzen. Die Triebfedern sind verschieden. Oft eine schwache weibliche Hand belebt ungeheure Kolossen.




Taschenspiel


Das Taschenspiel wird am Hofe bis zur Vollkommenheit gebracht. Die Behändigkeit der Zunge, und der Finger zeugt jene Zauberey. Alles verwandelt sich, entflieht auf einen Wink; kömmt wieder durch einen Hauch. Man giebt, ohne zu geben. Man nimmt, ohne daß man den Räuber entdeckt. Alles ist verabredet. Den staunenden Zuschauern wird nicht Zeit gelassen zu überdenken, durch welche Griffe alles geschieht, und wenn sie die Ursache untersuchen wollen, ist alles schon geschehen.




Schattenspiel


Dieses ist das Meisterstück der Grossen. Sie versetzen ihre Zuschauer in eine ewige Nacht; verbergen sich hinter einer Schleyerwand, und gaukeln über ein Licht wunderliche Grimassen. Dadurch erhalten alle ihre Handlungen jene täuschende risenmäßige Grösse, die für scharfsichtige Augen zwar immer Gaukeleyen sind, den blödsinnigen Pöbel aber in Erstaunung setzen, und ihm eine kriechende knechtische Ehrfurcht für die grossen Schattenspieler abnöthigen.




Die Zauberlaterne und der Gukkasten


Die optischen Maschinen sind auch ein Blendwerk, das man mit Licht und Schatten am Hofe sehr glücklich anwendet. Das seltsame Gemische von grotesken Figuren, neuen Masken, phantastischen Scenen, Handlungen, Geberden der Zauberlaterne zeiget die wunderbaren und flüchtigen Auftritte der königlichen Burg. Man bedarf eines beredten Einsagers, der mit rascher Zunge seine Zuschauer zubereitet, denn in einer Minute verschwinden die Vorstellungen, und neue Begebenheiten verdrängen die Alten.

Alle. Hahaha! Das war eine feine Satyre!

Mars. Izt etwas von der Liebe, meine Freunde!




Sonnet


		O Amor, schönster Gott, hör meine lezte Bitte!
		Sey meiner Liebe hold, dies soll die Gnade seyn.
		Der Wunsch ist für mich groß, für deine Kräfte klein;
		Wie oft empfand mein Herz Beweise deiner Güte!
		Du warst mein Busenfreund, du lenktest meine Schritte;
		Wer kann so fromm wie ich dir täglich Weihrauch streun?
		Wen wird dein Lächeln mehr als meine Brust erfreun?
		Sie glüte nur für dich schon in der ersten Blüte.
		Von dir beseelt steh ich izt in der Lebensmitte.
		Mich reizt die Grösse nicht: ich geize nicht um Aerz;
		Du labest mich allein; durch dich entflieht der Schmerz.
		Besuche süsses Kind noch einmal meine Hütte!
		Dir folget jede Lust, Du bringst den sanften Scherz
		Durch deine Gabe mit; schenk mir Sophiens Herz.

Rasian. Ich zahle dich mit einem –




Madrigal


		Du buhlest um mein Herz, Rosine?
		Betrachte besser deine Miene;
		Schlag heimlich den Kalender auf,
		Und überdenk den ganzen Lebenslauf!
		Izt sind es volle dreyßig Jahre,
		Da warst du mir zur Braut zu jung.
		Ich lud dich später zum Altare,
		Und hörte mit Demüthigung,
		Du seyst bereits, ich weiß nicht, wem versprochen.
		So war die Zärtlichkeit bezahlt.
		Izt kömmt die lezte der Epochen.
		Du scheinest mir, ich sag es frey, zu alt,
		Das macht auch meine Liebe kalt.

Der König. Wer ist der Verfasser?

Ras. Ein Dichter, der mit den Reifröcken zerfallen ist, und vermuthlich in einem Krankenspitale hungert.

Der König. Der Mann scheint mir Kopf zu haben.

Ras. Er schrieb auf sich selbst dies lezte –




Epigram


		Die Menschen fliehen ihn wie eine Schlange;
		Was mag die Ursach seyn? Ist er Medusens Schild?
		Zeigt seine Larve sich mit eingeschrumpfter Wange;
		Sind seine Züge häßlich wild?
		Macht eine Krankheit ihn so stinkend wie die Leichen?
		Ist er beschwert mit bösen Seuchen?
		Zernagt ihn innerlicher Harm,
		Und macht ihn wild und ungesellig?
		Ist er zu ungestüm, zu ungefällig?
		O nein! Erstaunt! Er ist – zu arm.

Der König. Ich will mich seiner erinnern. Verdienste sollen nie darben! Sucht sie auf, ruft sie aus den Schlupfwinkeln, und es soll mein schönstes Geschäfte seyn, sie zu belohnen!


Ende der ersten Kaprizze




Der Jüngling Eduard

Zweyte Kaprizze





Biographie


Das Leben grosser Könige ist das Vorbild, und die Schule der Herrscher. Sie sehen die Tugenden, die sie erreichen sollen, und die Fehler, die ihre Vollkommenheiten entstalten, und ihr Gedächtniß bey der Nachwelt verächtlich machen. Der Donner der Wohlredenheit und der Pinsel der Wahrheit verewiget entweder ihr Lob, oder ihre Schande. Eduard ist einer von den besondern Fürsten, deren edlere Thaten die Aufmerksamkeit späterer Geschlechter verdienen. Die ersten Jahre seiner glorreichen Regierung sind rühmliche Beweise der erhabensten Eigenschaften, und das Muster grosser Monarchen.

Die gütige Natur erschöpfte sich gleichsam, in ihm ausserordentliche Gaben als in einem Mittelpunkte zu vereinigen, und ihn zum Meisterstücke der erstgebornen Genien zu bilden. Seine erhabene Miene verrieth seinen königlichen Stand. Sein Wuchs war schön, seine Züge einnehmend, und seine Suada bezaubernd. In ihm versammelten sich alle schätzbaren Eigenschaften seiner würdigen Ahnen, und vielleicht aller kommenden Enkel. Sein Herz war groß und zärtlich, und sein Geist durchdringend und erlaucht. Sein Auge war scharfsichtig; er spähete die Verdienste, und selten entwischten sie seinem Adlerblicke. Die Rechtschafnen freuten sich, denn sie sahen in ihm einen billigen Richter, der ihre Treue und Geschicklichkeit prüfte, und belohnte; die Verdienstlosen hingegen wurden desto mehr beschämt, weil schon die entehrende Ausschliessung von den Gnaden ihres wohlthätigen Landes-Fürsten ihre Schande bezeichnete. Da er den Charakter der Menschen mit einem Blick übersah; wuste er die unentbehrliche Kunst weiser Regenten jeden an seinen ächten Platz zu stellen, und jede Fähigkeit zu benutzen. Er kannte andere, ohne sich selbst ergründen zu lassen. Doch haßte er die alberne Grimasse feiner Politiker, die aus Kleinigkeiten Geheimnisse machen. Nur Hauptgeschäfte, deren glücklicher Erfolg von einem heiligen Stillschweigen abhieng, wurden von ihm in eine tiefe Nacht gehüllet. Er ließ seine Nachbarn nicht bey jedem Schritte zittern; seine Verheissungen waren unverbrüchliche Schwüre, und seine Bündnisse so ehrwürdig wie Eide. Seine Handlungen blieben allezeit königlich. Er gab seinen Thaten eine majestätische Grösse; seine Gedanken und Worte verriethen, aus welcher vortreflichen Seele sie ihren Ursprung zogen; er nahm nicht Zuflucht zu übertriebnen Gepränge; aber er würdigte nie seinen Stand durch geizige Sparsamkeit ab, damit er den Künstlern die Nahrungswege nicht beschränkte. Er liebte in allen Kunst und Geschmack; seine Gebäude prangten als Denkmäler, welche den Staat verschönerten, und den Fremdling in Erstaunung setzten. Sein Leben war einfach, aber wohlgeordnet.

Im Frieden, den er liebte, theilte er weislich seine Stunden. Früh begann er die Reichsgeschäfte. Er suchte die Kürze, und haßte die Weitschweifigkeit und Dunkelheit des Vortrags. Seine Minister und Räthe mußten gründlich von den Gegenständen unterrichtet seyn. Den Nachmittag widmete er dem Umgang mit allen Menschen, und hatte jeder Stand seinen ausgezeichneten Tag, in welchem jeder das Antlitz seines Königs sehen konnte. Der erste Tag der Woche ward den Staatsleuten gewidmet; der zweyte den Kriegern; der dritte den Gelehrten, der vierte den Künstlern, der fünfte den Kaufleuten, der sechste den Priestern, der siebente den Ackersleuten, und der achte dem schönen Geschlechte, in dessen Umgang er die Artigkeit zu suchen pflegte. In diesen Stunden sprach er mit Jedermann wie ein Bruder zum andern, und klärte sich so auf, daß jeder ihn für einen Meister in seinem Fache hielt. Die Höflichkeit war jene Zauberey, womit er alle Herzen fässelte; er schien unwiderstehlich im Umgang. Seine Reden schlichen so sanft in alle Ohren, und drangen so rasch zum Herzen, daß er alles hinriß. Nie sprach er von sich selbst. Er lobte verdienstvolle Männer. Nie war er bescheidner, als nach gewonnenen Schlachten, und niemals demüthiger als im Glücke. Selbst seine Feinde preisen an ihm diese seltne Tugend; aber nie schien seine Seele grösser und thätiger als in Gefahren, die sein geliebtes Vaterland bedräuten. Er war wie eine Löwin, die ihre Jungen vertheidiget. Seine Augen glüten, er war Tag und Nacht auf den Flügeln, und er ruhte nicht, bis er die Stürme beschwur, und die Wolken zertheilte. Jemehr Feinde wider ihn aufstunden, destomehr Gelegenheit fand er seinen Ruhm zu vergrössern. Ein Seemann wird in Ungewittern geprüft. Er kannte die Ebbe und Flut des Glückes, und nützte die goldenen Augenblicke, in denen es ihm lächelte. Die Gnaden, die er ertheilte, und versprach, waren so gewiß, daß man sie gleichsam schon empfieng, wenn er sie verhieß. Nie brach er sein Wort, weil er nichts ohne reife Ueberlegung zusagte. Geprüften Gelehrten gab er einen Gehalt zur Aufmunterung, um sie in den Stand der nöthigen Musse zu versetzen, die ihr Studium erfoderte. Würdige Witwen, die Kinder zu erziehen hatten, konnten Anspruch auf seine Güte machen, und er foderte Rechenschaft von der Verwendung seiner Gnaden. Wenn rechtschaffene Männer durch Unglücksfälle darbten: bot er ihnen eilends Hülfe an; warum, pflegte er zu sagen, wendet ihr euch nicht an mich, und vertraut eure Bedürfnisse eurem Freunde? Da er wuste, daß die Armuth die Mutter aller Laster ist; so war er der Vater der Armen. Leute, welche das Alter oder ein gebrechlicher Körper ausser Stand sezte, das Brod zu gewinnen, wurden von seiner Milde erhalten, und er zählte sie unter die Säuglinge, die er als Waisen ernährte. Andern Bedürftigen wies er gute Nahrungswege an, und sie wohnten in einer Vorstadt beysammen, durften auch so lange nicht in Städten sich niederlassen, bis sie durch Fleiß ein kleines Vermögen sich erwarben. Er ehrte alle Stände, wie ein Vater alle seine Kinder gleich liebt. Er gab keinem Stande eine Vorliebe, und keinem eine Ausschliessung. Jeder in seiner Gattung war geschätzt, und von ihm geehrt. Der Vater vieler Kinder genoß besondere Vortheile. Er ließ dem Adel fühlen, daß ohne eigne Verdienste das Ungefähr einer hohen Geburt ein blosser Schatten ist, und der Adel nur eine Aneiferung zu ausserordentlichen Tugenden, nicht aber ein Freybrief des Müßiggangs seyn sollte. Er zog die Talente aus der Dunkelheit hervor, und suchte die schüchterne Bescheidenheit auf, wo sie im Winkel darbt. Die Beamten durften sich durch Wissenschaften aufklären, und er hielt nicht wie viele barbarische Grosse die Unwissenheit für ein Zeichen der Treue und des Fleisses. Jeder konnte Anspruch auf Würden machen, wenn er nur Fähigkeit besaß. Jeder Bürger erfreute sich im Genusse seiner Güter. Ich bin ein Hausvater, sagte Eduard, die erste Pflicht eines liebreichen Hausvaters ist, von seinen Kindern geliebt zu werden, ihnen den Aufenthalt in seinem Hause lächelnd zu machen, damit sie sich nicht um fremde Wohnungen sehnen, und vergnügt sind, in seiner Hütte zu leben. Die Gesetze werden liebreich, wenn er sie überzeugt, daß alle zu ihrem Wohl, und zur allgemeinen Glückseligkeit abzielen. Er liebte zu sagen, alle Fehler der Könige tragen ihre Unterthanen.

War er im Felde; so übersah er nicht nur die Würde des Anführers, sondern er ward ein gemeiner Soldat; und wenn er die Heere in Schlachtordnung stellte, und das Treffen entwarf, theilte er alle Gefahren mit seinen Kriegern. Seine Unterthanen, die ihn wie einen Vater liebten, hatten zum Sprüchwort: Die Tapferkeit ist unsers Königs einziger Feind, die uns für seine kostbaren Tage zittern macht. Wer die Geschwindigkeit seiner Thaten bemerkte, glaubte, daß Eduard fliegen müßte, und wer die Grösse und Wichtigkeit der Handlungen prüfte, erkannte, daß er nicht eilen konnte. Man bedurfte oft mehr Zeit, seine Thaten zu erzählen, als er, sie auszuführen. Die Gelassenheit war ein besonderes Zeichen seines erhabnen Verstandes, und er hatte die gröste Herrschaft über sich selbst. Die sanfte gütige Art, womit er alle Handlungen und Worte würzte, legte ihnen einen doppelten Werth bey; die Gnaden wurden unschätzbar, und selbst eine verweigerte Bitte ward zur Gnade.

Er liebte zärtlich sein Volk, und unterschied den Bürger weislich vom Fremdling; dadurch pflanzte er die Liebe zum Vaterland in alle Herzen. Ein Land, das seine Kinder geringschäzt, wird von ihnen verachtet, und verlassen. Das Glück seines Volks war sein reichster Segen. Er liebte nicht Leibwachen, und wandelte frey unter seinen Söhnen. Seine Rathschlüsse waren meistens bekannt, er ließ seine Unterthanen alle Plane und guten Absichten wissen, und sagte: Ich liebe keine schädlichen Neuerungen, und habe kein Staatsgeheimniß. Ein wohlgeordnetes Heer von treuen Landeskindern, und der Reichthum meiner Bürger ist meine Politik! Sklaven fechten nur aus Zwang für Ketten und Gefängniß, freye Bürger, die ihr Vaterland lieben, sind die Stützen eines gerechten Thrones.

Er handhabte mit Standhaftigkeit die Gesetze, die alle nur zum Wohl der Länder abzielten, wenig, einfach, und verständlich waren. Oft weinte er, wenn er ein Urtheil unterschrieb, und er milderte gern die Strenge. Er strafte kühne bundbrüchige Nachbarn: er beschränkte den Ehrgeiz habsüchtiger Könige; er kam unterdrückten Freunden zu Hülfe; er schonte, wo er Langmuth zeigen konnte; er wog das Blut auf der Goldwage, und zog nur gezwungen das Schwert. Die Feinde fürchteten seine Gerechtigkeit. Er hungerte nie nach fremden Gütern. Wurden feindliche Schiffe auch in Kriegszeiten durch Stürme an seine Gestade geworfen; so gab er großmüthig Befehl, sie frey zu lassen, und ihnen alle Bedürfnisse zu reichen, weil er sich keines Ungefährs zum Vortheil bedienen wollte. Dies machte ihn zum Mittler und Schiedsrichter aller Nazionen, die seine Gemüthsbilligkeit kannten.

In seinem Pallast hatte jeder freyen Zutritt. Lasset das Volk herein, rief er oft den Wachen zu: ich bin nicht König für mich, sondern für sie! Er strafte freche Zungen. Es sind nur Worte, sagte einst dreist ein Höfling, und Worte sind keine Pfeile! Desto ärger, rief Eduard! Pfeile durchdringen nur den Körper; aber Worte verwunden die Seele und das Herz! Die Verschwender waren nie seine Lieblinge. Ein verschuldeter Edelmann lud ihn auf einer Reise zu Gast. So müssen wir eilen, meine Freunde, sprach Eduard zu seinem Gefolge, sonst kommen wir zu spät. Da er in das Haus des Verschwenders trat, fragte er, wem gehört dieser Pallast? Dir mein Wirth? Wenn es wahr ist; so wünsche ich dir Glück!

Eduard war gütig, leutselig, sanft und uneigennützig. Jeder Tag wurde durch edle Handlungen bezeichnet, und wie eine Meile gepflegtes Land mehr ist, als eine Wüsteney von hundert Parasangen; so ist ein Blatt seiner Geschichte wichtiger, als ganze Bände unfruchtbarer Jahrbücher, die der Nachwelt nichts weiter sagen, als daß viele Könige Thoren gewesen sind.




Brief



Lusian an seinen Freund

Bruder, wir haben Krieg. Unser Eduard beginnt seine Regierung damit, daß er von seinen wilden Nachbarn die Länder zurückfodert, die sie unter der schlafsüchtigen Herrschaft der wollüstigen Emilie gewaltsam an sich rissen. Die feindlichen Könige hören mit Verachtung seine gerechten Foderungen, behandeln ihn wie einen unweisen Jüngling, verspotten dreist seine Gesandten, und senden ihm einige Kriegsgefangene schändlich verstümmelt zurück. Der Krieg ist erklärt. Wir fliegen an die feindliche Gränze, und stehen vielleicht schon auf fremder Erde, wenn unsere Feinde erst unsere Kriegserklärung lesen. Eduard ist lauter Leben und Tätigkeit. Ich folge seinen hastigen Schritten, und umarme dich in Gedanken, u. s. w.




Scene



Eine Ebne. Eduard, Lusian, viele Krieger, hernach Ritter Piron

Edu. Mein lieber Lusian, unsere Geschwader werden durch Freywillige bevölkert, die sich von allen Seiten zu unserer Fahne drängen.

Lus. Ich finde wackere Leute darunter. Betrachten Eure Majestät nur jene muntere Jugend von Edelleuten, es ist lauter Feuer und Seele in ihnen! Man muß sie mit gedienten Leuten vermischen.

Edu. In der That, sie entzücken mein Auge! – Warum lächelst du?

Lus. Dort eilt auf einem Klepper ein wunderbares Geschöpf; welch ein Kontrast!

Edu. Die Natur hat das arme bucklichte Männchen sehr mißhandelt. Er drängt sich zu uns durch die Haufen. Was muß er wollen?

Piron. Ich lege mich Eurer Majestät zu Füssen –

Edu. Was suchst du, mein Freund?

Piron. Kriegsdienste —

Edu. Du bist ein wenig übel gebaut —

Pir. O sehr übel; aber ich bin kein Parlament, daß ich mir selbst Glieder wählen könnte. Die Natur macht den Körper; aber ich habe meinen Kopf und mein Herz gebildet!

Edu. Wie heissest du?

Pir. Piron —

Lus. Der Name ist gnug! – Er ist mein Landsmann, aus einer Familie, die Helden zeugte, und ich nehme ihn mit Eurer Majestät Erlaubniß unter meine Geschwader. Bruder Piron, laß uns zeigen, daß nur der Kopf und das Herz tapfre Krieger macht!




Bardiet



Arnold, Dietrich, Gotmayer, und andere Hauptleute. Hedwig Arnolds Gattin, viele Jungfrauen, Krieger, Druiden, Barden, hernach Adelreich und Gefolge.[5 - Den Musen sey Dank! Ich hasche mit Begierde diese gewünschte Gelegenheit mein bischen Belesenheit in der Nationalgeschichte glänzen zu lassen. In der ersten Hitze wollte ich einen ganzen Band von den Sitten und Gebräuchen der Deutschen schreiben; aber endlich habe ich bey kälterm Blut meine Leser begnadigt, und mich auf einige Kleinigkeiten beschränkt. Welche großmüthige Gefälligkeit von einem Kommentar! Oft bin ich willens meine Leser fühlen zu lassen, was es ist, ein Kommentar zu heissen. Der Dichter geht hier mit einem magischen Sprunge von einer modernen Schlacht in eine Altdeutsche über, und verändert nach seinem Belieben die Namen selbst. Adelreich ist Eduard, und die übrigen sind seine Obersten.]



(Die Scene ist ein Schlachtfeld und die benachbarten Gegenden.)


Arnold. Lassen wir die Cherusker im Hinterhalt! – Mäßiget eure voreilige Hitze! – Erwartet das Zeichen des Angriffs! – Wir fallen den Feinden in den Rücken!

Dietr. Kühn sind unsre Anschläge, noch kühner mein Vorsatz! – Bruder, wenn ich falle; so laß mich mit meinen Waffen begraben!

Arn. Der Prüfungskampf weissaget uns Sieg.[6 - Sie liessen einen Deutschen und einen gefangenen Römer fechten, und der Ausschlag des Zweykampfes war ihre Weissagung.] Mein jüngster Sohn hat den Römer besieget!

Dietr. Sind es nicht erst zwey Monden, daß du ihm feyerlich die Waffen reichtest?

Arn. Der Nämliche!

Dietr. Welche Hofnung reifet für Deutschland heran! Freund, meinen Glückwunsch! – Du bist Vater edler Söhne! – Ha! Gotmeyer! – Priester unserer Götter sey uns gegrüßt! – Was weissagen die Opfer?

Gotm. Sieg! – Das Blut floß rein wie eine Quelle!

Arn. Bleib mit deinem Gefolge im Rückzug! Ich gebe Euch tapfere Haufen zum Schutze. Verdoppelt eure Opfer, es ist heut ein entscheidender Tag! – Ihr Barden befeuert mit Kriegsgesängen die Herzen der Streiter! – Die sichersten Gräben und die Wagenburg umringen die Freystäte der Weiber und Kinder. – Hedwig, meine theure Hedwig, mein Lebewohl! – Ich lasse dich von Söhnen und Töchtern umringet!

Hedw. Der Segen der Götter begleite dich, Freund meines Herzens! Das ist ein Tag wie mein Brauttag! Ich sehe den Gatten und die Söhne für das Vaterland streiten! – O mein Sohn Adolph, Segen auf dich! – Die mütterliche Thräne ist mein wärmster Glückwunsch! – Götter, lasset seinen Sieg zum allgemeinen Siege werden! – Junger Adler, flieg den raschen Fittigen deines Vaters nach!

Arn. Dank Weib für diesen Segen! – Meinen Abschiedskuß! – Der Führer kömmt!

Adelr. Willkommen, meine theuren Freunde! – Der warme brüderliche Handschlag sey unsere Loosung! – Der Feind nähert; unsere ersten Haufen beunruhigen seinen Zug! – Freymund, wende dich links in das Eichenthal! – Tuder, zieh dich gegen das Harzgebüsche! Vangio, behaupte die Spitze des Mondhügels! – Ihr andern bedeckt die Wagenburg und den Altar! – Gotmayer —

Gotm. Wie soll ich die Verbrecher strafen?

Adelr. Verräther hänget auf die Bäume; Verzagte ersäufet in den Pfützen! – So wird der schwarze Frevel an das Licht gebracht, und die Schande begraben! – Ich höre Schlachtgeschrey – Dort blinken die Adler der Römer! – Zur Schlacht!



(Er geht ab mit seinen Kriegern.)


Gotm. Druiden beginnet das Schlachtopfer! – Ihr Jungfrauen befeuert mit euren Kriegesgesängen die Krieger!


Chor der Jungfrauen

		Sehet die dräuenden Schaaren! Sie wanken daher
		Wie die goldenen Aerndten im Felde,
		Furchtbar den Feinden, uns aber hochzeitlich schön!
		Seht, sie bevölkern das schreckliche Todesthal,
		Das die Besiegten verschlingt!

		Auf, ihr Cherusker, Gelonen, ihr Heruler auf!
		Katten, ihr Ubier, ihr Markomannen,
		Auf ihr Gothonen, ihr Sueven, ihr Hirrier eilt!
		Ha! Schon brüllet das Schlachtgeschrey fürchterlich;
		Häufiges Feindeblut fliesst!

		Sehet, sie klettern auf Leichen und Schedeln empor!
		Und die zermalmten Iberier röcheln,[7 - Iberier, Spanier als Bundesgenossen Roms vertreten hier auch einen Theil der Feinde.]
		Unter dem Hufe des schnaubenden Rosses! O jauchzt
		Freudengesänge dem siegenden Helden zu,
		Der unser Vaterland liebt!

		Wodan, durchmähe mit grimmigem Schwerte das Feld;
		Schrecke die staunenden Schaaren der Feinde,
		Mit dem Donnergebrülle der Räder; laß sie
		Eilen mit Schande zur ewigen Todesnacht,
		Die nie Vallhalla bewohnt.

Gotm. Unsere feurigen Katten stürmen schon unter die Feinde! – Opferknabe, steig dort auf die höchste Eiche! – Was siehst du?

Der Jüngling. Die Römer weichen! – Nein, es sind ihre Bundesgenossen –

Gotm. Wo ist Adelreich?

Jüngl. Er wirft ganze Geschwader zu Boden! – Alles weicht seiner Tapferkeit!

Gotm. Segen auf sein Haupt! Wie geht es am rechten Flügel?

Jüngl. Da fechten die Römer hartnäckig!

Gotm. Barden, wendet Euch dahin! Beginnet ein feuriges Schlachtlied!


Chor der Barden

		Fasset die goldenen Saiten, ihr Barden;
		Lockt feurige Töne hervor!
		Röchelt ihr Hörner den Feinden zum Schrecken!
		Vaterlandsliebe befeuert
		Uns, und das schlachtenbegierige Heer!

		Die Alrunen[8 - Alrunen sind Weissagerinnen, und kluge Weiber, die sie bey Krankheiten und Staatsgeschäften zu Rath zogen.] weissagten uns Siege;
		Der silberne Vollmond ruft uns![9 - Der Vollmond war die gewöhnliche Zeit ihrer Schlachten.]
		Suchet ihr Kämpfer das winkende Schlachtfeld,
		Das eure Väter verewigt,
		Und die Römer mit Schande bedeckt!

		Hier faulen sklavische Zeichen des Liktors,
		Die goldenen Adler sind in
		Morschen Ruinen der Schlösser begraben;
		Römergebeine bedecket
		Auf der Fläche der blutige Sand!

		Da fand einst Caßius dräuende Sieger;[10 - Caßius Longinus ward von dem Führer der Tiguriner geschlagen.]
		Der rühmliche Bojorix schlug
		Scaurus den Führer der Römerchohorten;[11 - Der Feldherr der Cimbrer schlug den Aurelius Scaurus.]
		Die Ambrionen verhöhnten
		Vor dem Antlitz des Marius Rom.[12 - Marius vermied eine Schlacht. Die Ambrionen wurden so dreist, daß sie gegen Rom zogen, und die Römer spöttisch fragten, ob sie nichts an ihre Weiber zu bestellen hätten?]

		Denket zurück auf die blutigen Tage,
		Da Deutschland den Führer verlor!
		Mitten im feurigsten Treffen erhoben
		Unsere Brüder den Kühnsten
		Auf den eichenen Schilden empor!

		Sehet die Schatten des Brennus, des Hermanns[13 - Die beiden Brenner und Hermann sind berühmte Helden der Deutschen.]
		Sind Zeugen des ewigen Ruhms,
		Zeugen des Lorbeers, der Euch izt erwartet!
		Fechtet ihr Brüder, um Freyheit,
		Löwen, zermalmet die Adler von Rom!

Der Jüngl. Unsere Cherusker stürzen hastig aus dem Hinterhalt! – Welch ein Metzeln! – Alles sinkt unter ihren Streichen! Die Römer fliehn von allen Seiten!

Gotm. Sieg! – O Brüder, umarmet mich! – Sieg! – Es lebe Held Adelreich, es lebe Deutschland! – Dank unsern Göttern! – Singet das Siegeslied Skalden! Rüstet den Othinsbecher![14 - Der Othinsbecher ward beym Siegesmahle getrunken.]

Adelreich. Die Römer hielten minder Stand! Ihre Bundesgenossen wichen die Ersten! – Dank meine Freunde, ihr habt als Helden für das Vaterland gefochten! – Ein Lorbeer mehr für Deutschland und Euch! – Die Feinde fliehen; man verfolge die Flüchtlinge! – Ein schöner Tag! Lasset uns den Göttern die Erstlinge der Beute opfern! – Eilet deutsche Sieger zum festlichen Siegesmahle!


Chor der Skalden

		Der Donnerer Manna schuf Wetter,
		Sie wälzten sich über die Häupter
		Der Römer und Deutschen hin;
		Die zischenden Blitze durcheilten die Welt;
		Der Donner traf Rom!

		Izt lächelt für Deutschland die Sonne;
		Izt höhnen die Enkel Tuiskons
		Die Welteneroberer;
		Dort werden die Römermanipel vertilgt,
		Und füllen das Grab!


Alle Krieger

		Bringet das Urushorn jauchzend zum Mahle;
		Leeret den Othinskelch, Sieger!
		Trinket den Feinden Verderben,
		Trinket Germaniens Heil!




Scene



In einem Gezelt Lusian, ein Soldat, hernach der König Eduard

Lus. Eil! Ruf mir den Wundarzt! (Der Soldat geht. Lusian setzt sich auf einen Feldstuhl.) Mein Bein schmerzt mich, die Mähre traf mich gewaltig! – Eure Majestät sind Meister vom Schlachtfelde! Adler fangen keine Fliegen!

Edu. Da ist mein Lusian! Willkommen! – Mann, du hast gefochten wie ein Löwe! – Ich habe dich metzeln gesehn. Der Sieg ist unser! Dank, warmer Dank! (Er schüttelt ihm die Hand.) Begehr izt eine Gnade! Fodre ein Königreich! Ich bin in der Freude meines Herzens! – Sag, was wünschest du?

Lus. Ich? Wunderbar! – Mir fehlt izt nichts als ein Stiefelknecht, denn mein Pferd schlug aus, und streifte meinen Schenkel –

Edu. Du brauchst eine Kleinigkeit. Heb deinen Fuß! – Die Nachwelt wird sagen, nie hat man von einem Könige weniger begehrt! –



(Er zieht ihm den Stiefel aus.)


Lus. Und nie hat ein König mehr geleistet! – Izt erkenne ich, daß du ein großer König bist, weil du sogar Stiefel ausziehen kannst. Laß diesen Stiefel in deine Wappen setzen, und heisse dich kühn den Grossen, denn du hast mehr als alle Könige gethan! – Wenn alle Menschen einst über deine Härte schreyen; soll mein Stiefel dein edles Herz vertheidigen!

Edu. (indem er sich den Schweiß von der Stirne wischt) Das ist heut ein heisser Tag! Schweiß auf Schweiß! – Aber mir ist izt so wohl um das Herz. Wie die Feinde davon flohen! Freund, welch ein Sieg!

Lus. Freue Dich Held aller Helden, der Stiefel ist Deine gröste Heldenthat! Dort blutet, hier jauchzet die Menschlichkeit! – Dieß Siegeszeichen soll Deine Schatzkammer schmücken!




Scene



Ein Vorhof. Eduard, Gefolge, ein Pferdjude

Edu. Die feindliche Reuterey hat uns den Sieg zu leicht gemacht. Sie wich beym ersten Angriff. Es ist Schande! Die Verräther verdienen Strafe! Das tapfre Fußvolk des Feindes hat Wunder gethan, und würde uns die Wahlstatt streitig gemacht haben. Man halte die Gefangnen gut! Es sind wackere Leute; aber ihre Reuter sind Schurken! – Was bringst du Ephraim?

Der Pferdjude. Eure Majestät ich habe Pferde; so wahr ich lebe, vortrefliche Stücke! – Dieser Hengst lauft wie der Wind! Er kömmt aus der Schlacht –

Edu. (lächelnd) Das Pferd ist gekauft, wenn es in der Schlacht war, denn so flüchtige Pferde sah ich nicht in meinem Leben.




Brief

Marsis an seinen Freund Alsin


Kann ich genug eilen dir die Thaten deines Eduards zu erzählen? Er kam, sah, und siegte! Er überraschte seine Feinde. Lusian ist seine rechte Hand, und Piron seine Linke. Welche Genien umringen unsern König! Ich wünschte, du wärest Zeuge von der blutigen Hauptschlacht gewesen. Eduard wirkte Wunder. Nichts widerstand ihm. Lusian und Piron mußten das feindliche Lager beschleichen, und machten beyde feindliche Könige zu Kriegsgefangenen. Eduard zieht als Sieger in ihren Staaten herum. Du liebst Anekdoten, die den edlen Charakter deines Durchlauchtigen Zöglings entwickeln. Hör ein Pärchen in Eile, denn tausend andere soll er dir selbst erzählen.




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notes



1


Die Schrift heißt diesen König Tharaka, der sich zur Zeit Senacherib Königs der Assyrier furchtbar machte.




2


Das Trauerspiel Mahomet oder der Fanatismus ward vom Voltaire dem Pabste zugeeignet.




3


Da alle neuen Geburten Nachahmer finden; so werden vermuthlich einige Dichterlinge hastig über dieses lächelnde Fach herfallen; ich will Ihnen also durch einen kleinen Auszug aus einem poetischen Kochbuch Anleitung zu einer Phantasie geben. Man nimmt Geflügel Rindfleisch, Zwiebeln, Knoblauch, viel Gewürz, läßt alles in einem reinen Topf wohl verkochen, und diese Kraftbrühe heißt Phantasie. Zu oft darf man nicht solche Speisen geniessen, sie geben Anlage zum gelehrten Podagra.




4


Sieh von Korneille das Trauerspiel Cid. Der sechste und siebente Auftritt enthält den Stoff der Parodie. Diego wird von seinem Gegner durch eine Maulschelle entehrt, zieht den Degen, wird entwafnet, und beseufzet seine Schande. Sein Sohn Roderich übernimmt die Rache.




5


Den Musen sey Dank! Ich hasche mit Begierde diese gewünschte Gelegenheit mein bischen Belesenheit in der Nationalgeschichte glänzen zu lassen. In der ersten Hitze wollte ich einen ganzen Band von den Sitten und Gebräuchen der Deutschen schreiben; aber endlich habe ich bey kälterm Blut meine Leser begnadigt, und mich auf einige Kleinigkeiten beschränkt. Welche großmüthige Gefälligkeit von einem Kommentar! Oft bin ich willens meine Leser fühlen zu lassen, was es ist, ein Kommentar zu heissen. Der Dichter geht hier mit einem magischen Sprunge von einer modernen Schlacht in eine Altdeutsche über, und verändert nach seinem Belieben die Namen selbst. Adelreich ist Eduard, und die übrigen sind seine Obersten.




6


Sie liessen einen Deutschen und einen gefangenen Römer fechten, und der Ausschlag des Zweykampfes war ihre Weissagung.




7


Iberier, Spanier als Bundesgenossen Roms vertreten hier auch einen Theil der Feinde.




8


Alrunen sind Weissagerinnen, und kluge Weiber, die sie bey Krankheiten und Staatsgeschäften zu Rath zogen.




9


Der Vollmond war die gewöhnliche Zeit ihrer Schlachten.




10


Caßius Longinus ward von dem Führer der Tiguriner geschlagen.




11


Der Feldherr der Cimbrer schlug den Aurelius Scaurus.




12


Marius vermied eine Schlacht. Die Ambrionen wurden so dreist, daß sie gegen Rom zogen, und die Römer spöttisch fragten, ob sie nichts an ihre Weiber zu bestellen hätten?




13


Die beiden Brenner und Hermann sind berühmte Helden der Deutschen.




14


Der Othinsbecher ward beym Siegesmahle getrunken.


