Briefe an Ludwig Tieck 3
 Various




Various

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) / Dritter Band





Molbech, Christian





Geboren 1783 zu Soröe, einer der bedeutsamsten dänischen Philologen, Historiker und Kritiker. Er bereisete in den Jahren 1819 und 1830 sowohl Deutschland, als Frankreich und Italien; wurde schon 1823 Professor der Litteraturgeschichte an der Universität; war von 1831 bis 1842 Dramaturg des Kopenhagener Nationaltheaters.

Sein „Dansk Ordbog,“ 2 Bde., sowie seine „Geschichte der dänischen Sprache“ (1846), haben ihm eine hohe Stelle in der gelehrten Welt gesichert, weil sie ganz neue Bahnen brachen. Vielfache Monographieen aus der dän. Historie, zahlreiche kritische Aufsätze und Anthologieen vaterländischer Poesie geben Zeugniß unausgesetzter Thätigkeit. Daß er ein eben so liebenswerther Charakter ist, wie er für einen achtungswerthen Gelehrten gilt, das lesen wir aus diesen Briefen.





I




    Kopenhagen, 17. October 1820.


Lieber, verehrter Freund!

Ihr freundliches, mir aus unserm Holberg mitgegebenes Geleite hat mich, wie Sie sehen, wirklich nach Seeland gebracht. Schon in 4 Wochen bin ich zurück im heimischen Kreise; und schon oft sind während dieser Zeit meine Gedanken bei Ihnen gewesen, mit dem Wunsche, daß weniger Land und gar kein Wasser uns trennte. Unvergeßlich ist mir Ihre liebreiche, freundliche Güte. Wie gern geselle ich jetzt Ihre persönliche Erinnerung Ihren Worten, Ihren Dichtungen bei, die mir so oft erfreut und ergötzt, so oft ans Herz geredet haben; und wie werden mir diese jetzt doppelt lebend und anschaulich! Ich hatte noch das Vergnügen mit Ihnen, nemlich mit Ihrem Octavianus, von Berlin nach Hamburg zu reisen; und der gute jugendliche Geselle hat mich oft auf der schleichenden Sandfarth und in den elenden Wirthshäusern aufgemuntert und getröstet. Auch den William Lowel habe ich mir aus Berlin mitgebracht. Dies Buch habe ich vor mehreren Jahren einmal auf dem Lande in der Weihnachtszeit gelesen, und es machte damals einen sonderbaren, schauerlichen Eindruck auf mich. Ich konnte es nicht recht lieb gewinnen, obgleich es mich häufig sehr interessirte. Ich werde es jetzt einmal wieder lesen, und Ihnen sagen, wie ich es damals und jetzt fand. – Uebrigens, wenn ich Ihren Octavianus, ein Paar Reisebeschreibungen und ein Paar Bände prosaischer Erzählungen von Ingemann (der, wie ich glaube, Ihnen geschrieben hat) ausnehme, habe ich fast nichts gelesen seit meiner Rückkunft; so viele Arbeiten, Zerstreuungen und Hindernisse haben sich meiner Ruhe und Ordnung entgegengestellt. Es muß doch einmal, hoffe ich, anders werden.

Ein Bruder meines lieben und vertrauten Freundes, Hrn. J. Deichmann, Besitzer der Gyldendalschen Buchhandlung, reist nach Berlin und andern Städten, um seine Fertigkeit und Kenntniße als Buchdrucker zu erweitern. Mit ihm schicke ich dieses nach Berlin, und lasse die Comedie von Heiberg (der noch in Paris ist), und eine durch sie veranlaßte kleine Schrift mitfolgen. Ein kleines Paket mit einem Brief aus Leipzig hoffe ich, daß Sie erhalten haben. Ich hatte es dem Buchhändler Vogel in Leipzig empfohlen.

Es ist meine Absicht gewesen, Ihnen einen Commentarius perpetuus über das Heibergsche Lustspiel zu geben; und Sie werden finden, daß es mancherlei Erläuterungen bedarf. Es ist nemlich äußerst national und local, und spielt ganz in der jetzigen Zeit. – Es gebricht mir aber jetzt ganz und gar an Zeit, um dieses mit einiger Vollständigkeit zu thun. Vieles wird Ihnen auch ohne alle Aufklärung verständlich sein. – Die Blanca von Ingemann kennen Sie doch wohl? Diese, und der Dichter überhaupt, wird scharf, aber lustig mitgenommen. Die Hauptpersonen dieser Tragoedie, Enrico und Blanca, finden Sie hier metamorphosirt und travestirt wieder. Der „Kammerjunker mit einer Harfe“ ist ein gewisser Kammerjunker Lewetzau, der die Blanca deutsch übersetzt hat. Um den Dialog pag. 28–30 zu verstehen, ist es nothwendig zu wissen, daß der Professor Theologiae J. Möller vor einigen Jahren als ästhetischer Recensent in der dänischen Litteraturzeitung das Scepter führen wollte, obschon er diesem Buch gar nicht gewachsen ist. Den Ingemann hatte er besonders in Protection genommen, und lobte ihn immer auf eine so hyperbolische Art, daß die Blanca (bei Heiberg p. 30) wohl mit Recht sagen kann: „Wir haben uns nicht zu beklagen!“ – Die Scene p. 59 u. f. ist ganz Kopenhagensch; doch kennt man ja wohl auch die faden Pfänderspiele in Deutschland. – Pag. 83 „Mithridates,“ „Turnus,“ „Warners Wanderung,“ „Procne,“ – alles Titel einiger der Ingemannschen Werke. „Die schwarzen Ritter“ ein großes episch-romantisches Gedicht, was den großen Fehler hat, weder episch, noch romantisch zu sein. – P. 115 „Die Locke aus Signes blondes Haar“ – Anspielung auf die Tragoedie Signe og Hagbarth von Oehlenschläger, wo der gefangene Hagbarth die Fessel zerreißt, aber sich durch eine Haar-Locke seiner Geliebten binden läßt – eine Scene die viel Glück auf der Scene gemacht hat. Im Stück ist von blonden Haaren die Rede. Die Actrice, welche Signe gab, hat aber braunes Haar. – P. 186 Bogen – hiedurch wird ein bekannter Schriftsteller Hóegh-Guldberg bezeichnet – ein eben so schlechter, als arroganter Dichter und Schriftsteller, und ein äußerst verschrobener Stilist und pedantischer Grammatiker. – P. 195 Mundkurven. Man hatte in Kopenhagen vor einigen Jahren die Polizei-Verordnung, daß alle Hunde im Sommer Maulkörbe tragen sollten, um das Beissen der tollgewordnen Hunde zu verhüten. – P. 163. 164 – alle diese Anfangslinien der Prologe, die Harlekin recitiren will, und die das Publikum so schlecht aufnimmt, sind Anfänge der verschiedenen Ingemannschen Prologe. – P. 229 Reisers Gespenst. – Um diese Scene, und die ganze poetische Anrede des Gespenstes zu verstehen, müßten Sie ein Buch kennen, was ein alter teutscher Chirurgus, Nahmens Reiser, der als Kind die große Feuersbrunst in Kopenhagen 1728 erlebt hatte, beinahe 60 Jahre später, in den 80ger Jahren, dänisch herausgab. Es ist dies eins der am meisten komischen Bücher, das in dänischer Sprache existirt. Der Verf. konnte weder schreiben noch buchstabiren, und glaubte doch ganz kindlich und unbefangen, ein recht gutes und brauchbares Buch geliefert zu haben. Spötter bestärkten ihn in diesem Glauben. Eben durch die naive und komische Art, womit der Verfasser sich dem Gelächter Preis giebt, machte das kleine Buch ein großes Glück und hatte einen reissenden Abgang. Es erschien bald eine zweite Auflage, mit dem treuen, carricaturmäßigen Bildniß des einige und 70 Jahre alten Verfassers; in einen Schwalle von Spottschriften (ich besitze das Ganze in 2 ziemlichen Octavbänden) wurde er mitgenommen; er aber blieb sich selber gleich, und gab auch sein Leben heraus, das freilich nicht ganz so komisch ist, wie die Feuergeschichte, aber doch lustig genug zu lesen. – Das Glück womit Heiberg den bei uns jetzt ziemlich vergessenen, und doch in einer gewissen Art klassischen Reiser am Schlusse seiner Comoedie wieder aufgeführt hat, und ihn den Schriftstellern und dem Publikum herbe Sachen sagen läßt: werden Sie selbst erkennen. Ich bemerke nur, wegen einigen Ausdrücken in der Reiserschen Anrede (die Scene ist der noch stehende Thurm der 1795 abgebrannten S. Nicolai-Kirche), daß er in seinen lächerlichen Producten mitunter viele Religiosität durchblicken läßt; und daß viele in den ersten Strofen vorkommenden Ausdrücke seine eigene Worte sind; so wie auch die mit latein. Lettern gedruckte Worte sich bei ihm so finden. Die Idee, daß Reiser jede Nacht zur Pforte der Hölle hinabsteigt, und durch dem Gitterthore kuckt, um alte Erinnerungen aufzufrischen, und aus einer gewissen Feuerslust: werden Sie gewiß recht komisch finden. – Nehmen Sie, lieber Freund, mit diesen wenigen vorlieb; und schreiben Sie mir doch einmal, wie Ihnen die Comoedie gefallen hat. – Ueber Heiberg werde ich Ihnen mehr ein ander mal sagen. – Auf der Bibliothek ist leider! nichts für Ihr Altengl. Theater zu gewinnen. Unsre große Sammlung von engl. Comedien in 6 dicken Quartanten sind Alle neuere Sachen (nemlich später als Carl I.). Ich habe nur eine einzige ältere gefunden, die wir separat haben, und wenn ich nicht irre in den Zeiten Jakobs I. gedruckt ist. Den Titel habe ich jetzt nicht bei der Hand. – Empfehlen Sie freundlichst meinen Andenken Ihrer liebenswürdigen Familie, und der Unbekannten, und sagen Sie ihnen 1) daß Hamburg mir jetzt etwas besser, wie voriges Jahr gefallen hat, und daß ich einen ganzen Tag, von Morgens 7 bis zur Comedien-Zeit die Stadt in allen Richtungen durchstrichen habe, auch die sehr schöne Promenade auf dem Walle nicht vergessen habe. 2º.) Daß ich in einigen Tagen (den 23sten Oct.) heirathen werde, obschon die Sachen sehr in ecclesia pressa stehn; meine Gesundheit nemlich sich wieder sehr verschlimmert hat, und man meinen höchst eingeschränkten Gehalt gar nicht erhöhen will. – Meine Braut, die Sie besonders von dem Sternbald her, lieb hat, läßt sich Ihnen auch empfehlen; und ich schicke Ihnen mit Achtung und Liebe einen herzlichen Gruß von



    Ihrem
    ergebensten Freunde und Diener
    C. Molbech.

P. S. Berlin hat mir wenig gefallen. Mit Hoffmann konnte ich nicht, wie mit Ihnen, zu Recht kommen.




II




    Kopenhagen, 25. Septbr. 1821.

Ihr gütiger und liebevoller Brief vom 2. Jun., den ich Anfangs Jul. durch meinen Freund Rosenvinge empfing, hat mir eine wahre Freude gegeben, und mir Ihre Erinnerung, mein theurer und hochverehrter Freund! auf die lebhafteste und angenehmste Weise vergegenwärtiget. – Wie oft denke ich an Sie und an Ihre liebenswürdige Familie, an Ihre freundliche Güte, womit Sie den Fremdling für immer fesselten, an Ihre geistvollen Unterhaltungen, die Jeden bezauberten! – Durch Sie allein würde mir das schöne einnehmende Dresden ewig unvergeßlich. Es lebt auch beständig der Wunsch und die Sehnsucht bey mir, Sie und die freundliche Elbstadt noch einmal zu besuchen. Möge das Schicksal mir doch nicht ganz die Aussicht auf diese Freude berauben!

Ich bin so frei diesen wenigen Zeilen, die ich in größter Eile schreiben muß, da der Professor Froriep aus Weimar, der sie mitnimmt, Morgen ganz frühe mit dem Dampfschiffe abreist, weit mehr gedruckte, nemlich den 1sten Theil meiner Reise, beizulegen. Wie wird es mich freuen, wenn Sie dies Buch, wenn auch nicht lesen, doch als ein kleines Andenken eines Sie hoch schätzenden und innig liebenden Freundes, aufheben wollen. Die folgenden Theile, wovon der 2te noch am Ende des Jahres erscheinen sollte, werde ich Ihnen auch zukommen lassen; wenn so viele dänische Bücher Sie nicht belästigen.

Mit großem Vergnügen habe ich eben gestern den 1sten Theil Ihrer gesammelten Gedichte in einer hübschen Ausgabe für meine Lese-Einrichtung erhalten. Aber wie wird es mit der sehnlich erwarteten Fortsetzung des Franz Sternbald?

Sie werden bemerkt haben, daß man ehestens eine deutsche Uebersetzung von Holbergs Komedien durch Oehlenschläger erwarten kann. Es ist dies jetzt seine wichtigste Arbeit. Ich bin in gespannter Erwartung, wie sie ausfallen wird, und besonders wie sie Ihnen gefallen wird. – Das letzte Trauerspiel von Oehlenschl. Erich und Abel, aus der dänischen Geschichte des 13. Jahrhunderts, hat auf dem Theater Glück gemacht. Ich liebe es eben nicht. Es ist hin und wieder zu modern sentimental, öfters manierirt; die Geschichte und geschichtliche Charaktere sind stark und willkührlich verändert; und eben deswegen manches Ueberflüssige hereingebracht, was dem Drama und der Charakterschilderung mehr hindert, als nutzt. – In unserer Litteratur ist es überhaupt im jetzigen Zeitpunkt ziemlich stille und öde. Der Geldmangel drückt die Bücher, die Verfasser und die Leser. Gute Bücher nehmen ab, oder können wegen der Menge elender und nutzloser Tageblätter nicht aufkommen. (!)

Meine Frau, die Sie durch Ihre Grüsse nicht wenig erfreut haben, läßt sich mit ihrem 9 Wochen alten Sohne, Ihrer freundlichen Erinnerung empfehlen. Ich war eben, am Schlusse des Julius, auf einer kleinen Reise in Holstein abwesend, als der eilig-ungeduldige Knabe ein Paar Wochen wenigstens früher, als man ihn erwartete, ganz plötzlich sich einfand. Er ist recht gesund und einigermaßen freundlich und guter Laune, wenn er immer vollauf zu trinken und zu essen hat. Meine Frau hat wieder dann und wann etwas gelitten; ist aber doch jetzt ziemlich wohl.

Nehmen Sie, mit Ihrer mir gewogenen Familie und die Gräfin v. Finkenstein meinen herzlichsten und aufrichtigsten Gruß, und bleiben Sie ferner freundlich gewogen



    Ihrem
    dankbaren und ergebensten Freunde
    C. Molbech.

Ich wünschte gar sehr zu wissen, ob man nicht Ihr Bildniß bald in einem guten Kupferstiche erwarten kann? In einem Kalender glaube ich, wird es erscheinen. Dies aber genügt nicht.




III




    (Ohne Datum.)


Theurer, hochgeschätzter Freund!

Ein Däne und Freund von mir, der Canzleyrath Thomsen, Secretair der hiesigen Königl. antiquarischen Commission, ein trefflicher und gelehrter Kunstkenner, eifriger Sammler von Gemälden und Kupferstichen und Besitzer eines der schönsten Münz-Cabinette in Dänemark, wird Ihnen diese Zeilen, nebst einem innigsten Gruß, und beifolgenden 3ten und letzten Theil meiner Reise überbringen. Zürnen Sie nicht, daß ich dort auch mit wenigen Worten, und oft schon bereuete ich es, alzu kurz, gesagt habe, wie theuer und unvergeßlich Dresden mir durch Ihre Freundschaft ward. Mich hat die Menge des Stoffes in diesem Buche alzu sehr gedrängt; und öfters bin ich sehr kurz gewesen, oder habe ganz geschwiegen, da wo meine liebsten Erinnerungen weilen. Und wo sind sie lieber und schöner, als in dem lieblichen, geistvollen Kreise, den Ihre Güte mir so freundlich öffnete?

Sagen Sie mir doch nur mit zwei Worten wie Sie leben, und wie Ihre theure Familie, deren Andenken ich mich durch Ihre Fürsprache empfehle. Ich sehne mich herzlich nach einer Nachricht, sey es auch bloß eine mündliche, von Ihnen. Sagen Sie mir doch auch, wie Ihnen Oehlenschlägers Holberg gefällt? Darnach bin ich etwas neugierig. Ich gestehe, die Uebersetzung kann vielleicht trefflich seyn. Mir aber, und vielleicht den unbefangenen Dänen überhaupt gefällt sie nicht eben alzusehr; und die Vorrede im 4ten Theile hat hier noch weniger Glück gemacht.

Ihre beiden Novellen, der Geheimnißvolle und die Verlobten, sind schon im Dänischen übersetzt; und besonders die letzte gefällt hier besonders. So auch mir in hohem Grade. Ich bewundere Sie hier, wie immer; denn in jeglichem Tone sind Sie der unnachahmliche Darsteller der innern Menschheit, weil Sie den Menschen so kennen und durchschauen, wie wenige Dichter; und wie das Jugendlich-Lustige, so wird das Verständig-Ernste in Ihrer Dichtung ein Spiegel des hellsten Leben.

Verzeihen Sie die wenige Sorgfalt, das vielleicht gänzliche Mißlingen meines Ausdrucks in diesen Zeilen. Kaum 24 Stunden sind verflossen, seit eine äußerst traurige Familien-Nachricht meine Stimmung ganz getrübt und abgespannt hat. – Ich werde daher auch schließen mit dem Wunsche aus meinem Herzen: Leben Sie glücklich, gesund und zufrieden!

Ihr treuer und dankbarer Freund



    C. Molbech.




IV




    Kopenhagen, 7. April 1826.

Indem ich heute an meinen Freund den Hrn. Bibliothekar Ebert in Dresden schreibe, fühle ich das Bedürfniß, auch Ihnen, mein hochverehrter Freund! durch einige Zeilen die Erinnerung eines Ihrer treuesten Verehrer und ausländischen Freunde hervorzurufen. Leider bin ich noch weniger, als sonst, geschickt, meinem Briefe an sich einiges Interesse mitzutheilen. Eine Krankheit oder Schwäche des rechten Kniegelenkes (dem die Aerzte den beliebten Namen der Gicht zulegen) fesselt mich, den sonst so rüstigen Fußgänger und Treppenläufer, seit 5 Wochen, und wer weiß wie lange noch, auf meinem Zimmer im 4ten Stocke – sonst meine Freude; denn ich habe immer gern hoch gewohnt, und so auch hier, dem freien Raume des umlaubten Todtenackers gegenüber; jetzt eine Fessel mehr für den geschwächten Gefangenen. Daß ich in dieser totalen Verwandelung meiner ganzen Lebensweise nicht wie sonst existire, denke und fühle (nur ein Mal in meinem Leben habe ich in 3 Wochen das Zimmer gehütet) können Sie sich leicht vorstellen. Wie vieles erscheint mir jetzt in einem andern und trüberen Lichte! Wie tief fühle ich die Entbehrung meiner in mehr als 20 Jahren getriebener Bibliotheksgeschäfte! – scheint es mir doch, ich hätte die theuerste Geliebte verlassen müssen, um sie der Pflege anderer, vielleicht weniger sorgfältiger und liebender Hände zu überlassen!

Indem aber, daß eben jetzt meine Seele mehr und öfters, als sonst, den Blick dem Innern des Lebens zuwendet, wird mir auch manche schöne Blume und edle Frucht meines Daseyns recht lebhaft gegenwärtig. So auch die kurzen, aber unvergeßlichen Stunden, die ich mit Ihnen zu verleben das Glück hatte. Jahre sind schon seitdem verronnen, und mehr und mehr gestaltet sich die liebliche Erinnerung wie ein schöner Traum – aber doch immer ein lebhafter, ein tief in der Seele ruhender Traum, besser und kräftiger als Vieles, was uns einen Schein der Wirklichkeit besitzt, weil wir es gegenwärtig nennen. Sey es denn auch, daß dieser Traum nie wieder ins Leben zurückkehrte – daß mir nie wieder der überglückliche Genuß zu Theil würde, den Lieblingsdichter meiner Jugend, den Gegenstand meiner steigenden Verehrung und Bewunderung im reiferen Alter, und einer unvergleichlichen Neigung meines Herzens, seit jenen Tagen in Dresden, persönlich wiederzusehen: so fühle ich es doch in meiner Seele: daß jenes Bild Ihres Wesens, was dort mir aufging, nie aufhören kann mein Eigenthum zu sein. Wie oft habe ich mich an diesem Bild erquickt! Wie oft, wenn ich seitdem eines Ihrer Werke laß, wenn ich mit einem Freund darüber sprach, habe ich gesagt: ich weiß es nicht bloß, wie er dichtet und schreibt – ich weiß auch, wie er ist und lebt, wie warm und gemüthlich sein Herz, wie überströmend reich und gediegen seine Rede!

Auch durch die Gaben Ihres Geistes haben Sie mich seitdem vielfach erfreut. Es ist wohl unnöthig Ihnen zu sagen, daß Ihre späteren Novellen und Erzählungen hier ein sehr theilnehmendes Publikum gefunden haben; daß sie längst schon alle übersetzt sind. Mir insbesondere haben diese Werke eine fast neue Seite Ihres reichen, tiefen und gediegenen Geistes offenbart. Wer würde jetzt zweifeln, daß Sie den Geist und die Erscheinungen des Lebens nicht allein mit der Phantasie, sondern auch mit dem gleich genialen Verstande erfaßt haben? – Welch ein tiefes Studium bieten diese Erzählungen dem Menschen-Forscher dar! – Nun Ihre letzten dramaturgischen Blätter – welchen Sinn, welchen scharfen Blick in die Tiefen der Kunst, und wie anziehend das Gewand! – Ich gehe fast nie in Schauspiele, und lese noch weniger die hohle, hölzerne, plappernde Theaterkritik des Tages. Mit Ihnen aber konnte ich auf den Bühnen Teutschlands zu Hause werden; statt daß ich auf unserer eigenen ein Fremdling bin. – Glauben Sie doch darum nicht, daß manche vorzügliche und gute, mehrere leidliche Schauspieler hier fehlen; oder daß ich die heitere Luft der Bühne gar nicht liebe. Mir fehlt es aber theils an Zeit, theils am Gelde; auch gilt es hier, wie überall, meist den Ohren. Meine sind wohl nicht taub, aber höchst ungelehrt, obgleich Mozart mein Liebling ist; ich liebe mehr das Sehen, und will lieber Lachen, als Weinen. Hier aber steht das wahre Komische zurück; die Musik, die Tragödie, die Posse wird gepflegt; denn so wollen es die Leute, die abonniren und Billets kaufen. – Neulich haben wir hier eine Erscheinung gehabt. Ein genialischer Verfasser, der Dr. Heiberg, auch als Komiker durch sein originelles Werk: Weihnachtscherz und Neujahrspossen (1818) bekannt, und der überhaupt fast Alles schreiben kann was er will, und nichts schlechtes, hat den Einfall bekommen: eine Vaudeville zu schreiben.

Er gab uns nun im Januar d. J. die (!) erste dänische Vaudeville (Kong Salomon og Jörgen Hattemager. Nach dem dänischen Sprüchworte: Es ist ein Unterschied zwischen König Salomon und Jürgen der Hutmacher.) im Ganzen eine leichte Waare, wenig Witz, kein Tiefres Komisches, auch vom Derben nicht viel; aber dagegen ein nationaler Charakter, leichte Arien auf Lieblingsmelodieen, Carricaturen und fratzenhafte Kleidungen, Spießbürger – und endlich ein Jude, den man in einer dänischen Kleinstadt wegen Nahmensähnlichkeit für den geldschweren Rotschild annimmt (er mußte aber in Goldkalb umgetauft werden) und tüchtig fêtirt. Dies alles machte nun bei unserm Publicum ein ungeheures Glück. Anstatt der gewöhnlichen 6–8 Vorstellungen von beliebten Neuigkeiten wurde diese Vaudeville über 20 Mal gegeben, und das Publicum doch nicht gesättigt. Für Billette zu 1 Thlr. bezahlte man im Anfange den Aufkäufern 3–4 bis 5 Thaler. – 3 Auflagen von dem gedruckten Stücke gingen reißend ab; und doch ist es kaum leidlich zu lesen. – Der Beifall und Gewinn reizte den Verfasser. Er schrieb eine neue Vaudeville, mit Anspielung auf den Geburtstag des Königs, die Anfangs Febr. gegeben wurde; aber ganz ohne Glück; obgleich sie sich fast besser liest, wie die erste. Jetzt erwartet man die dritte. Uebrigens geht es mit den Tragoedien wie gewöhnlich. Die tragischen Schreiber sind häufig und fruchtbar. 3–4 neue Tragoedien jeden Winter ist nichts ungewöhnliches. Shakspeare, ein kleines romantisches Schauspiel von Boije, ist eine recht anziehende Behandlung der Sage von des Dichters Jugend, und ist mit Beifall aufgenommen. – Die Feder hat abgelaufen. – Empfangen Sie, hochverehrter Freund! meinen innigsten Gruß! Rufen Sie mich in das Gedächtniß Ihrer theuren Familie und Haußgenossin zurück, und denken Sie freundlich an



    Ihren
    hochachtungsvoll ergebenen
    C. Molbech.

Haben Sie einmal einige Augenblicke und ein Paar Zeilen für mich, wird Unser Gesandte in Dresden diese ohne Zweifel in Empfang nehmen. Ich hoffe Sie haben vor einigen Jahren meine Briefe und 3 Theile meiner dänischen Reisebeschreibung bekommen.




V




    Lund, 27. Jun. 1835.

Erlauben Sie, verehrtester Hr. Hofrath! daß ich diesmahl, wie so oft einen Landsmann, einen schwedischen Freund und Amtsgenossen, den Herrn Dr. theol. und Professor Reutterdahl, Bibliothekar der Universitäts-Bibliothek zu Lund in Schonen, Ihrer Güte zu empfehlen wage. Dieser, nicht bloß in seinem Fache gelehrter, sondern überhaupt wissenschaftlich gebildeter und geistvoller Mann, wird nächstens eine hauptsächlich bibliothekarische Reise nach Deutschland antreten, und auf dieser, wie natürlich, auch Dresden berühren. Leider kann ich Ihn hier nicht mehr meinem verewigten – Gott! wie früh und wie traurig uns entrissnen Ebert empfehlen. Obgleich ich nun – und zuerst aus eigener, unvergeßlicher Erfahrung, es wissen kann, wie freundlich Sie jeden Nordländer, ja einen jeden Geistes- oder Kunst-Verwandten, der so glücklich ist sich Ihnen nähern zu können, empfangen, und mit herzlichem Wohlwollen entgegenkommen: kann ich doch nicht die Gelegenheit vorbeigehen lassen, Ihnen, verehrter und unvergeßlicher Freund! meinen hochachtungsvollen und herzlichsten Gruß zu senden. Ich schreibe diese Zeilen in großer Eile, eben auf einer kleinen Reise in Schonen begriffen, um meine, diesen Frühling sehr geschwächte Gesundheit ein wenig aufzuhelfen. Verzeihen Sie daher auch die Spuren dieser Eile, in der Ihnen gewiß nicht fremden Situation, wenn der Reisewagen vor der Thür hält, und man, unter der Ungeduld, die Andre mit uns theilen, noch schreiben will. – Möchte ich durch Hrn. Dr. Reutterdahl im Herbst die frohe Bothschaft empfangen, daß er Sie vollkommen gesund und ebenso leibeskräftig, wie geisteskräftig, angetroffen habe! – Mit treuer Ergebenheit, Freundschaft und Hochachtung



    der Ihrige
    C. Molbech.

Erneuern Sie, wo möglich, mein Andenken bei Ihrer werthen und theuren Familie!




Mosen, Julius





Geb. am 8. Juli 1803 in Marieneg in sächsischen Voigtlande.

Lied vom Ritter Wahn (1831.) – Ahasver (1838.) – Gedichte (1836.) – Novellen (1837.) – Congreß von Verona, Roman, 2 Bde. (1842.) – Theater (1842.) enthält: Kaiser Otto III. – die Bräute von Florenz – Cola Rienzi – Wendelin und Helene. – Bilder im Moose, 2 Bde. (1846.) – Spätere Dramen: Bernhard von Weimar – der Sohn des Fürsten – Johann von Oesterreich – u. s. w.

Seine Briefe an T. stammen aus jener Zeit, wo er als Rechtsanwalt in Dresden gelebt. Im Jahre 1844 wurde er, mit dem Titel eines Hofrathes belehnt, zum dramaturgischen Direktor des Großherzoglichen Theaters in Oldenburg berufen, dessen Intendant, der biedere und wahrhaft redliche Graf Bochholtz (gest. d. 18. Nov. 1863) ihm fördernd zur Seite stand. Vor einem kleinen, aber hochgebildeten Publikum durfte dieses Hoftheater, innerhalb seiner Grenzen, ein dauerndes Bestreben nach künstlerischem Zusammenspiel verfolgen, weil der würdige Großherzog, das k. k. Hofburgtheater Wiens als Vorbild betrachtend, lediglich recitirendes Schauspiel verlangte, und jede Störung durch Oper oder Ballet ausgeschlossen hielt. Durch solche Verhältnisse begünstiget, und durch Adolf Stahr’s begeisterte Aufsätze in der Bremer Zeitung ermuntert und aufgefrischt, konnte der Dichter sich an seiner Theaterdirektion (ausnahmsweise) dauernd erfreuen; und er wäre glücklich zu preisen gewesen, hätten nicht schwere körperliche Leiden ihn daniedergeworfen und seine Thätigkeit – wenn nicht gelähmt, doch häufig beeinträchtigt. Welche geistige Kraft in diesem vieljährigen Dulder leiblichen Schmerzen entgegen wirkt, läßt sich aus zwei Zeilen ersehen, die er für ein in Bremen erscheinendes Album lithographisch nachgebildeter Handschriften gab; die da heißen (wir citiren aus dem Gedächtniß und können wörtliche Treue nicht verbürgen, wenn auch den Sinn):


		„Der Schwache mag zum Altar treten,
		Der Starke wird durch Thaten beten!“



Aus der Feder des körperlich Paralysirten ein mächtiges Wort wider den krassen Materialismus dieser Tage!





I




    Leipzig, d. 2. Jul. 1827.


Hochwohlgeborner,


Höchstzuverehrender Herr Hofrath!

Auf mein Glück vertrauend, das mich verwichene Michaelis zu Ihnen, höchstzuverehrender Herr! und in den Kreis der Ihrigen führte, und mit heiterer Zuversicht, daß Sie Sich meiner, wenigstens wünsche ich es von ganzer Seele, noch einigermaßen erinnern möchten, wage ich jetzt diese Zeilen zu schreiben, und Ihnen sammt einer großen Bitte beiliegendes Manuscript zu übersenden. Wie ich aber zu dieser Kühnheit kommen konnte, das würde ich am allerbesten entwickeln können, wenn Eure Hochwohlgeboren mir vergönnen würden, einige Worte über die Geschichte des Manuscripts zu erzählen. Die Sache war so:

Wie ich mit meinem Freunde D. Kluge von Perugia nach Arezzo reiste, lockte uns die Wiß- und Neubegierde von Cummoccia hinauf nach Cortona. Dort war eben Jahrmarkt, und Alles ging bunt durcheinander. Als wir über den Marktplatz gingen, sahen wir, wie es in Italien so häufig geschieht, eine Menge Menschen um einen Mandolinenspieler herumstehen. Wir hörten ihm zu, und etliche Strophen gefielen mir so, daß ich die ganze Mähr gern gewußt hätte. Ich nahm mir den Mann mit in den Gasthof, und ließ mir die ottave rime in die Feder diktiren. Ich ward von dieser Volkssage so innerlich bewegt, daß der Gedanke mir keine Ruhe mehr ließ, diesen schönen Stoff zu benützen und auszuarbeiten. Das that ich denn bald mit Lust und Liebe. Schon in Florenz wurden die ersten vier Abentheuer beendigt, und wie ich weiter nach Oberitalien und der Heimath zureiste, so gedieh auch mein Lied vom Ritter Wahn immermehr seinem Ende entgegen, bis ich es endlich in meiner Heimath ganz vollendete.

Ich hatte den Plan in Italien gefaßt, dieses Heldenlied dem edlen Ludwig, Könige von Baiern, zu verehren. Allein aus den Zeitungen erfuhr ich zu meinem Leidwesen, daß er von lauter schönen Sachen so bedrängt wird, daß etwas, von keinem berühmten Meister, und ohne allen weitern Anspruch Gefertigtes, wohl kaum dort Einlaß finden würde.

Allein doch möchte ich auch gar so gerne ein gewichtiges Urtheil über dieses Lied hören, das ich mit so großer Vorliebe ausgearbeitet habe. So wie nun in den alten schönen Zeiten der Jünger sich gerne einem Meister anschloß, und ihn um Rath fragte, und liebreich berathen ward, also komme auch ich noch nach diesem alten Brauche zu Ihnen mit der Bitte:

Daß Eure Hochwohlgeboren gelegentlich das Heft durchlesen und mir mit dem Ihnen eigenen Wohlwollen Ihre Meinung kund thun möchten. In dieser frohen Hoffnung verbleibe ich


Eur. Hochwohlgeboren



    ganz ergebenster Verehrer
    Julius Mosen,
    d. Zeit wohnhaft in Leipzig, in
    der Petersstraße No. 60.




II




    Leipzig, am 29sten Fbr. 1828.


Eure Wohlgeboren,


Höchstzuverehrender Herr Hofrath!

Da ich in einigen Wochen Leipzig verlassen werde, so sehe ich mich genöthigt, Ihnen diese Veränderung meines Wohnortes zu melden. Ich werde nach Marktneukirchen, ein Städtchen im Voigtländischen Kreise gehen. Wollten Eure Wohlgeboren noch so gütig seyn, mir Etwas über das Lied vom Ritter Wahn zu schreiben, so würde mich zunächst eine so erwünschte Nachricht dort treffen. Fast an jedem Posttage fragte ich bei dem Buchhändler in der letztern Zeit, oder um die Wahrheit einzugestehen, in jedem Monate in diesem Halbjahr an. Allein ich hoffte, immer vergebens. Dieses aber betrübte mich um so mehr, da ich jetzt bei Weiten schwieriger hier in Leipzig einen Buchhändler ausmachen kann, der mir das Gedicht abnimmt, wenn Sie mir endlich das Manuscript zurückschicken sollten. Sollten Sie, Herr Hofrath, Sich noch nicht entschlossen haben, dieses Gedicht durchzulesen, so bitte ich Sie nochmals recht herzlich darum. Sie werden gewiß finden, daß – mag auch meine Bearbeitung der Sage sehr nichtsnutzig seyn – der Stoff wenigstens vor Allem großartig und herrlich ist, so wie fast alle Volksdichtungen, die durch Jahrhunderte sich gerungen haben. Möchten Sie meiner und meines Wunsches in einer Stunde der Erholung gütig gedenken! —

Mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Ihnen Gott dauerhafte, freudige Gesundheit verleihen möchte, damit Sie unbehindert den blühenden Garten Ihrer Dichtkunst pflegen mögen, verbleibt


Eurer Wohlgeboren



    beständiger Verehrer
    Julius Mosen.




III




    Dr., am 31. May 1836.


Hochverehrtester Herr Hofrath!

Sie feiern heute Ihren Geburtstag, wie ich vernommen habe. Mit aufrichtigster Gesinnung nahe ich mich Ihnen mit Glückwünschen und geringen Gaben. Wenn Sie dieselben eben so wohlwollend annehmen, als sie fröhlich huldigend gereicht werden, so ist mein bester Wunsch erfüllt. Möchten Ihnen noch recht viele, gesunde und glückliche Jahre und in ihnen die eine Hälfte der Tage zu Gedeihen herrlicher Schöpfungen, die andere zu heiterem Lebensgenusse geschenkt sein! Das und Anderes würde ich Ihnen mündlich aussprechen, wenn der Zufall nicht immer wollte, an Ihre Thüre gerade dann klopfen zu müssen, wenn nur Ihre vertrauteren Freunde kommen dürfen, was heute zwiefach der Fall sein wird. Deshalb kann ich nur Wunsch und Gruß dem Papiere anvertrauen, welches doch nie Blick und Sprache und warmen Handschlag ersetzt. Gedenken Sie meiner freundlich und schenken Sie mir Ihre Wohlgewogenheit.

Mit vollkommenster Hochachtung verharrend


Eur. Hochwohlgeboren



    ganz ergebenster
    Julius Mosen.




IV




    Dr., am 10ten Juli 1836.


Hochverehrtester Herr Hofrath!

Wenn von den sieben Bitten nur eine auf jeden Tag der Woche käme, so wäre es genug; ich wage jedoch zwei Bitten auf einmal vorzutragen, zuerst: daß Sie mir erlaubten, Sie heute Abend besuchen, und dann: meinen jüngeren Bruder, designirter Pfarrvicar in Pegau, welcher Sie seit langer Zeit verehrt und liebt, mitbringen zu dürfen? Mit dem Wunsche, daß das heutige Sciroccowetter nur über Ihr Dach, nicht aber auch durch Sie Selbst, wie es bei mir der Fall ist, hinüberziehe, verharre ich hochachtungsvoll und wie immer als



    Ihr
    Verehrer
    J. Mosen.




V




    Hier, am 7ten Octbr. 1836.


Hochverehrtester Herr Hofrath,


Gönner und Freund!

Seitdem es mir vergönnt war, in den Zauberwald der deutschen Poesie einzutreten, ist mir Ihre Musa vor Allen und am freundlichsten entgegengekommen; was soll ich es läugnen, daß Sie und Novalis erst das Buch der Natur mir aufgeschlagen haben, in welchem ich seitdem treu und ehrlich studirt habe! Deshalb blicke ich so gern in Ihre klaren Augen, die nie vergessen können, daß sie das große Geheimnis gesehen haben! Wie könnte es Ihr Herz? Und wie könnte ich Sie lieben, wenn dieses mitten aus dem harten Leben heraus nicht die Liebe erwiedern könnte? Deshalb bin ich getrost und vertraue getrost dieses mein neustes Gedicht dieser Liebe an! Sie können ihm das Leben, mir aber das Bewußtsein schenken, nicht vergebens gestrebt zu haben. Auch will ich nicht verbergen, daß ich dadurch für meinen jüngsten Bruder, den ich nach meines Vaters Tode aus eigenen, schwachen Mitteln erziehen lasse, eine Beihilfe mir verschaffen möchte. Unterdessen behalten Sie mich lieb, der ich mit aller Verehrung verharre


Eur. Hochwohlgeboren



    treu ergebner
    Julius Mosen.




VI




    am 20. Octbr. 1836.


Hochverehrtester Herr Hofrath und Doctor!

Ihre Andeutungen über das vielbesprochene Stück haben mich, irre ich sonst nicht, ganz und gar zur Klarheit damit gebracht. Zudem ich Rienzi in Wechselwirkung mit seinem Weibe bringe, welche mit ihrem Charakter die Stelle der Livia und die von ihr ausgefüllten Scenen geeignet überkommt, wird das Stück auch in dieser Parthie rund werden. Ich habe die verwichene Nacht hindurch die erstere Exposition des damaligen römischen Zustandes im 1ten Acte und das andere Nöthige aus- und umgearbeitet. Wenn Sie mir das Manuscript auf einige Tage wieder zustellen lassen wollen, so glaube ich Ihren Ansichten das Werk näher rücken zu können. Könnte ich, wenn auch nicht Ihren ganzen Beifall, doch Ihre Zufriedenheit mit mir erringen, so hoffe ich auch, daß Sie dem Stücke das Leben auf der Bühne schenken werden. Ich möchte nicht gern wieder etwas drucken lassen, ohne sagen zu dürfen: es ist vorgestellt worden; ja außerdem würde das Buch auch Niemand sich anschaffen. Noch habe ich eine historische Notiz gefunden, die mir lieb ist. R…’s Vater soll der natürliche Sohn Heinr. IV. gewesen sein. Oft erklärt sich aus solchen Zufälligkeiten das ganze Schicksal eines Menschen. Wenn R…’s Weib, bei deren Einführung in das Stück und gehoffter Aufführung desselben ich an Fräulein Bauer gedacht habe, von dieser Künstlerin, Montorale von unserem Weymar und R…i von Devrient gegeben würde, so glaube ich, daß es schon seinen Theaterabend gut genug ausfüllen wird. Doch das Alles lege ich in Ihre gütige Hand. Auf Ihr Wohl habe ich gestern noch mit Hr. G. R. v. Ungarsternberg in dessen Behausung eine Flasche Wein getrunken; – er wie ich waren von Ihrer Vorlesung des Homburg über das ganze Herz hinüber warm und begeistert. Nicht nur Ihren Mund, auch Ihre Seele hat die schöne Muse geküßt! Ich sehe Sie bald wieder! Wie immer mit aller Verehrung



    Ihr
    ergebenster
    Julius Mosen.




VII




    am 25. Octbr. 1836.


Hochverehrtester Herr Hofrath!

So darf ich denn beifolgendes Stück wiederum in Ihre Hände zurückgeben, indem ich nicht nur das Eingreifende Ihrer Andeutungen als entscheidend eingesehen, sondern auch nach Kräften befolgt habe. Es geht nun, wie es mir vorkommt, besser zusammen, indem die Farben selbst gesättigter sind. Ein Verdienst wird es haben, daß es fast zuerst den Standpunct der Kirche zu den italischen Staaten im Mittelalter würdigt. Lästern ist ja leichter, als anerkennnen. Finden Sie im Manuscripte noch einen Ausdruck, welcher unlauteren Gemüthern anstößig sein sollte, so bitte ich einen solchen kürzlich zu verwischen. Da ich als Geschäftsmann hier meinen Namen öffentlich nicht preisgeben mag, so habe ich den Verfasser in: Louis Morgenländer umgetauft. Es war der erste Namen, der mir einfiel, deshalb habe ich ihn auch gewählt. Daß Sie, hochverehrtester Gönner, mit der mir so oft erwiesenen Liebe und Güte meines Rienzi Sich annehmen werden, bin ich überzeugt. Dieser empfehle ich mich und ihn und verharre mit jeglicher Verehrung


Eur. Hochwohlgeboren



    ganz ergebener
    Julius Mosen.




VIII




    April 1837.


Hochverehrtester Herr Hofrath!

Einer meiner Jugendfreunde, ein Advocat aus dem Voigtlande ist eben auf Besuch bei mir, dem ich den Rienzi vorlesen möchte. Wollten Sie wol so gut sein, und mir die Reinschrift, welche Sie haben, durch den Bringer Dieses, meinen kleinen Schreiber, verabfolgen lassen? Ihre Vorrede zu Lenz, und ihn dazu, bitte ich mir noch einige Tage zu überlassen, da ich nunmehr in diesem Buche gerne blättere, nachdem ich es in aller Andacht gelesen. Von Ihrem Wohlbefinden bin ich unterrichtet; möchten Sie in den neuen Frühling eben so munter hinüber gehen! In diesen Tagen hoffe ich, Ihnen meine persönliche Aufwartung wieder machen zu können, nachdem mich der Nachwinter in harte Buße genommen hat. Wie immer mit aller und alter Verehrung


Eur. Wohlgeboren



    ergebenster
    J. Mosen.




IX




    am 13. Januar 1840.


Hochverehrtester Herr Hofrath!

Schon seit mehren Tagen, denn ich bin erst von einer mehrwöchentlichen Reise zurückgekommen, wollte ich Sie besuchen, aber immer kam etwas Unabweisbares dazwischen. Da fällt mir ein, daß dasjenige, was ich zu schicklicher Zeit Ihnen mitsagen wollte, schriftlich am besten abgethan ist. Man hat mir von verschiedenen Seiten her weiß machen wollen, als wenn Sie mir nicht gewogen wären, das habe ich nicht geglaubt, ich bin aber erst dann ruhig, wenn Sie bei ähnlichen Gelegenheiten ebenso urtheilen sollten. Warum soll man das kurze, so traumähnliche Leben sich noch verbittern lassen durch unbedeutende Menschen, welche sich gern eine Folie geben möchten? – Werden Sie aber nicht am Ende diese Zeilen übel aufnehmen? Ich glaube nicht, da Ihre Seele das Höchste und Schönste, was je die Menschheit gottähnlich macht, gefühlt hat, und die Stätte, wo die Gottheit wandelt, bleibt immer heilig. Ich war in Jena, wo Sie an dem Kirchenrathe Schwarz einen eifrigen Verehrer haben; in Weimar sprach ich Riemer, der sich lebendig noch der Zeit erinnerte, wo er mit Ihnen bei der Schopenhauer zusammengewesen wäre. Professor Brockhaus, bei dem ich eigentlich auf Besuch war, läßt Sie durch mich mit aller Verehrung grüßen. Das ist Alles, was ich für Sie von der Reise mitgebracht habe, nächstens aber komme ich selbst und hoffe wie immer ein freundliches Willkommen zu erhalten. Wenn das, was ich oben im Eingange erwähnt habe, Ihnen gemäß ist, so vergessen Sie es; denn dann war es überflüssig. Wie immer mit ausgezeichnetster Hochachtung und Verehrung


Eur. Hochwohlgeboren



    ganz ergebenster
    Julius Mosen.




Müller, Friedr. von




Die Handschriften Goethe’s, deren Sendung der intime Freund des Hauses, der Weimarische Kanzelar und General-Vermittler Weimarischer Angelegenheiten, Herr Dr. Friedrich von Müller mit nachfolgendem Schreiben vermittelt, haben sich in Tieck’s Briefsammlung, wie sie in unsere Hände gelangte, nicht mehr vorgefunden, obgleich dieselbe doch sehr viele, eben auch nicht an ihn gerichtete, sondern nur als Reliquien aufbewahrte Blätter enthielt. Da die von uns mitgetheilten Briefe Goethe’s dem Sekretair diktiret worden sind, so befand sich außer den Namensunterschriften, auch nicht eine Zeile Goethe’s in den dickleibigen Bänden. —

Nicht nur Autographensammler, auch Solche, die ohne Sammler zu seyn, Verehrer Goethe’s sind, werden, gleich uns, aus Herrn von Müllers Worten mit Freuden ersehen, daß Ludwig Tieck den Wunsch ausgesprochen hatte, „etwas von G.’s eigener Handschrift zu besitzen.“

    Weimar, 19. Sept. 32.

Sie haben, hochgeehrter Freund und Gönner! eine Reliquie aus Göthe’s Nachlaß, und zwar etwas von seiner eignen Handschrift gewünscht; nach langer Auswahl will es mir scheinen, daß beiliegendes eigenhändig aufgesetztes Schema zu einem Hefte von Kunst und Alterthum von besonderm Interesse für Sie seyn würde. Frau von Göthe fügt zwey Zeichnungen des Verewigten hinzu, wovon eine für Fr. Gräfin Finkenstein, mit den allerangelegentlichsten Empfehlungen an Euer Wohlgeboren und all’ die werthen Ihrigen; sie hat dabey in der That Ihnen zu Liebe ihren festen Vorsatz gebrochen, keine Handzeichnung des Verewigten jemals wegzugeben. Mögen Sie, mein Theurer! diese zweyfachen Handzüge unseres edlen Abgeschiedenen stets mit der Ueberzeugung von der aufrichtigen Achtung, die er Ihnen und Ihrem, dem seinigen wahlverwandten Streben und Wirken widmete, betrachten!

Zugleich erlauben Sie mir Ihnen meine anliegende Denkschrift auf Göthe zu übereignen, die wenigstens ihren Titel: Beitrag zur Characteristik &c. rechtfertigen dürfte. Denn recht absichtlich wählte ich die Darstellung nur einer Seite aus dem reichsten Leben, aber einer solchen, die meines Wissens nach nicht hervorgehoben und näher beleuchtet worden ist.

Ich darf Sie wohl bitten, unserm gemeinschaftl. Freunde, dem Hrn. Grafen Baudissin, die weitern Anfuge Göthescher Handschriften zu übergeben?

Haben Sie denn in einem Feuilleton der allerneusten Stücke des Journals des Debats die Anzeige und Analyse Ihres Phantasus gelesen? Sie ist im Ganzen gut und wohlmeinend geschrieben, nur vermögen die Franzosen durchaus nicht, sich in eine deutsche Dichterseele rein hineinzudenken und fügen daher unwillkührlich immer noch einen Schnörkel daran. Inzwischen ist es schon merkwürdig genug, daß ihnen das Verständniß genialer Leistungen des Auslandes zu dämmern beginnt.

Ich erlaube mir Sie auf das Schlußheft von Kunst und Alterthum, welches in dieser Michaelis-Messe erscheint, aufmerksam zu machen, da ein Aufsatz von Göthe: „Für junge Dichter“ und zwey seiner Briefe über den Abschluß des Faust Sie gewiß sehr interessiren werden.

Faust selbst, der 2te Theil nämlich, erscheint in der ersten Lieferung nachgelassener Werke unfehlbar zu Weihnachten und ich bin äußerst begierig, welchen Eindruck diese wahrhaft wundersame Composition auf Sie machen wird.

Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung


Euer Wohlgeboren



    gehorsamster Diener
    F. von Müller.




Müller, Karl Ottfried





Geb. am 28. August 1797 zu Brieg in Schlesien, gestorben am 1. Aug. 1840 zu Athen.

Von den vielen und bedeutenden Werken und Schriften dieses im eigentlichsten Sinne genialen, hochbegeisterten Gelehrten und Alterthumsforschers heißen die bekanntesten: Geschichte hellenischer Stämme und Staaten, 3 Bde. (1820–24). – Handbuch der Archäologie der Kunst (1830). – Die Etrusker, 2 Bde. (1828). – Geschichte der griechischen Litteratur bis auf das Zeitalter Alexanders, 2 Bde. (1841) u. s. w.

Galt es dem kurzen, aber ruhmgekrönten Leben und Streben des herrlichen Mannes für ein vielsagendes Vorzeichen, daß er an Goethe’s Geburtstage geboren ward, so haben wir auch wohl ein Anrecht, mit ernster tiefer Rührung darauf hinzuweisen, daß Er – Ottfried Müller – in Griechenland, in seiner eigentlichen Heimath gestorben ist; daß, da der Tod ihn dort ereilte, noch nicht alle Hoffnungen zerstört waren, die sein warmschlagendes Herz für die Auferstehung jenes Volkes hegte. —

Und möchten die Mißklänge barbarischer Zwietracht, welche sich neuerdings in und um Athen erhoben, den Frieden des Haines nicht stören, welchen einst Sophokles gepriesen; in dessen aus Lorbeer, Weinstock, Oel- und Feigenbaum gewobenem Dickicht heute wie damals Nachtigallen singen; des Haines, den die vom Kephissos herabrieselnden Wasserquellen immer frisch und grün erhalten. – Wo er sich nach der Höhe hinauf zieht, steht eine Säule von weißem Marmor. Sie bezeichnet Ottfried Müllers Grab.





I




    5. Dec. 19.


Verehrtester Herr Doktor

Wenn zwei zuvorkommende Herrn, Hofrath Reuß und mein Freund Max, beide gleich bemüht Ihnen zu dienen, mir alle Gelegenheit abgeschnitten haben, mich durch eine Gefälligkeit oder kleine Gabe bei Ihnen beliebt zu machen, so rechnen Sie mir das gewiß nicht an, sondern nehmen nach Ihrer Güte den guten Willen für die That. Wie danke ich dieser Güte alle Annehmlichkeiten meines Aufenthalts in Dresden, und wie selten kann ich an die zwei Monate denken, ohne Sie zugleich im Herzen preisen zu müssen.

Die Zeit ist nun leider vorbei, und auf die saumseelig hingetändelten Tage und Wochen sind nun andre recht schlimme gefolgt, wo es scharf hergeht und alle Kräfte erbarmungslos mitgenommen werden. Doch hält mich das Interesse der Wissenschaft aufrecht, in der mir so Vieles noch sehr neu ist, wie ich überhaupt merke, daß jetzt erst das Lernen recht angeht, und ich nach dem akademischen Triennium, wo ich blos gegessen, nun ein andres Triennium brauche, um einigermaßen zu verdauen, eh’ es ordentlich in’s Blut gehn kann.

Zu diesem stillen Insichhineinarbeiten ist Göttingen ein ganz trefflicher Ort, ganz geeignet, um was an andern Orten excentrisch und polarisch hervortritt, ruhig zu verarbeiten und hübsch ins Gleiche zu bringen. Ein ähnlicher Ton herrscht in den Gesellschaften, ohne Liebe und Haß, ohne sonderliches Anziehn und Abstoßen, dabei aber doch ein allgemeines Wohlwollen, und eine freundliche Schonung fremder Schwächen. Besonders wohl fühle ich mich in Heerens Familie, wo noch Heyne’scher Geist weht, auch die Frau Hofräthin, eine treffliche Frau, hat mich in ihren besondern Schutz und unter ihre Aufsicht genommen. – Auch mein nächster Kollege, Dissen, ist ein trefflicher Mann, so gelehrt wie anspruchslos, und mit seinem richtigen und durchdringenden Urtheil, der Bestimmtheit und Sicherheit seines Wissens, und dem unfehlbaren Treffen auf den Punkt in allem, was er thut, grade der, an dem ich mich heranbilden muß. Aber ein Mann von eigentlich ergreifender Kraft der Seele und des Worts, der ein wirkliches Schauen an die Stelle aller Schulbegriffe und Distinktionen setzte, fehlt hier ganz. Wie würde sich Steffens Genius hier ausnehmen.

Aber wie bin ich nach Göttingen gekommen, ich werde nie ohne Schaudern an diesen Weg denken. Ich fuhr über Merseburg; wäre ich nur auf der Chaussee über Erfurt gefahren. Ich hatte von Leipzig nur einen halbbedeckten Wagen mit einem Pferde genommen, aber auf den grundlosen Wegen, die bald steil bergan gingen, bald sich in den tiefsten Hohlwegen verloren, brauchte ich oft Vorspann und kam kaum von der Stelle. Dazu beständiger Regen, der in der Nähe des Gebirgs halb zu Schnee wurde, eine Mischung, die ganz vorzüglich geeignet ist bis auf die Haut zu durchnässen und zu erkälten, und mit der man selbst griechisches Feuer auslöschen könnte. Daß ich nicht eben wohl verwahrt war, denken Sie gewiß, ohne daß ich es sage. Ich kroch alle Abende zitternd und starr vor Kälte unter Dach, und es kostete Stunden mich zu erwärmen. In einem Dorfwirthshaus, wo ich einmal, nachdem ich mich mit dem Wege gänzlich verrechnet hatte, bei einbrechender Nacht einkehren mußte, traf ich zu meinem Vergnügen die Wirthin, die Sie in der Novelle so schön gezeichnet haben, freilich nicht so veredelt wieder. Es war Hessenrode hinter Nordhausen, und unglücklicher Weise daselbst Kirchmeß, so daß ich mich mitten unter dem lustigen Bauer- und Soldatenvolk vor Aerger kaum zu lassen wußte: aber die Wirthin entzückte mich. Indem sie mich auf Hochdeutsch begütigte und meine Forderungen freundlich herabzustimmen suchte, warf sie zugleich auf plattdeutsch einen Schnapsbruder, der wild geworden und von aller Welt verlangte, sie sollte mit ihm: O du lieber Augustin, singen, zur Thüre hinaus, fuhr einige misvergnügte Musketiere mit vieler Herzhaftigkeit an, und stiftete überall Ruhe und Friede, so daß alle sonst Zwistigen doch in ihrem Lobe übereinstimmten. – Für Geschichtsschreiber der Menschheit ist eine solche Nacht ein wahres Studium, besonders für solche, die sich vorher das Bier immer haben in den Wagen bringen lassen.

Bei solchen Fährlichkeiten mußte nun das Andenken an Dresden vorhalten, um mich einigermaßen munter und heiter zu erhalten. Göttingen sah’ ich zuerst vom Heimberge, über den ich mußte, und indem die Sonne aus dem trüben Himmel auf ein paar Minuten hervorbrach, und auf den dicken Nebel des Kessels herunterleuchtete, kam mir wieder zuerst etwas Hoffnung für die Zukunft.

Darf ich Sie erst bitten, mich der Frau Gräfin von Finkenstein, Ihrer Frau Gemahlin und allen den Ihrigen zu Gunsten wohl zu empfehlen. Ich würde unendlich glücklich sein, wenn in Ihrem Kreise auch nur einmal meiner mit einem Wörtchen gedacht würde; so sehr verehrt Sie



    Ihr
    gehorsamster
    Karl O. Müller.




II




    Göttingen, 17. Jul.
    Nach Ausweis des Poststempels 1820.

Schon lange hatte ich vor, verehrtester Herr, mich durch einen Brief wieder in Ihr gütiges Andenken zurückzurufen: aber ich kann so selten einen ruhigen Augenblick gewinnen, wo ich mit einer gewissen Behaglichkeit vorwärts und rückwärts blicken und mich einem Manne vor Augen stellen möchte, dem ich gern nicht in gelehrter Zerstreuung und Zerfaserung, sondern in einer gesammelten Existenz erscheinen möchte. Aber wirklich kann ich’s nicht bergen, daß ich von einem Taumel und Strudel ergriffen selten eigentlich Selbst bin, sondern immer nur das, wozu mich momentanes Studium macht, daß ich mit krampfhafter Lebhaftigkeit in mich hineinreiße, was mir in den Weg kommt, und am allerwenigsten darüber nachdenke, was ich eigentlich will. Wenn ich diesen Herbst einige Wochen in Dresden zubringen könnte, möchte ich wieder etwas zu Ruhe und Besinnung kommen, aber leider ist es darauf angelegt, daß ich mit Couriergeschwindigkeit nach Hause und wieder zurück reise, und sobald wie möglich wieder in den Irrsal und Zauberkreis der hiesigen Bibliotheks-Studien zurückkehre.

Mein Freund Max hat mich durch Nachrichten und Grüsse von Ihnen höchlich erfreut, wie er mich überhaupt durch seinen Besuch recht beglückt hat. Wenn er nur nicht den dritten Tag wieder fortgefahren wäre. Wir brachten einen der schönsten Nachmittage auf der Plesse zu, die mich immer entzückt, so oft ich sie besuche. Ich hatte sie schon im Vorfrühling lieb gewonnen, als man sich vor dem starken Sturm noch hinter dem alten Thurm bergen mußte, und die sanften Umrisse der schwarzbraunen Hügel einen mehr düstern als anmuthigen Eindruck machten. Mit Max strich ich einen halben Tag bis zur sinkenden Nacht an den Abhängen des waldigen Grundes umher, und war, ohne auf einzelne Schönheiten sonderlich zu merken oder aufmerksam zu machen, durch den gesammten Eindruck fast bacchisch begeistert. Weil ich aber immer meine Spaziergänge auf den einen Punkt richte, habe ich von der übrigen Umgegend noch so gut wie gar nichts gesehen. Nur das Weserthal bin ich bei Anbruch des Frühjahrs bis Pyrmont hinuntergewandert, aber doch noch zu früh im Jahre. Auch in Cassel war ich einmal kurze Zeit. Die schöngebaute Stadt, in der man nichts als schulternde Musketiere sieht und hört, macht einen traurigen Eindruck. Auch die Gallerie beklagt empfindlich den Verlust einiger schöner Claude-Lorrain’s, die Kaiser Alexander in Paris ihren unrechtmäßigen Besitzern abgekauft hat. Das Antiken-Museum ist zwar nicht zahlreich, enthält aber interessante Stücke, eine Pallas, die mit der Dresdner im vierten Saal genau übereinkommt und auf ein erhabnes Original zurückweist, und einen männlich vierschrötigen Apollo mit einem ganz äginetischen Gesicht, in welchem ich den Milesischen Apoll des Canachus zu erkennen glaube u. s. w.

Bei dieser Spazierfahrt begleiteten mich einige junge Freunde, zwei Griechen und ein Amerikaner. Wie interessant ist der Gegensatz dieser beiden Nationen. Die Griechen achte ich aufs höchste, und wenn es auch nur um der ehrfurchtsvollen Demuth wäre, mit der sie dem Born deutscher Wissenschaft sich nähern. Es ist wahr, sie haben wenig Talent für mechanische Spracherlernung, am allerwenigsten für den gewöhnlichen Schick, so daß sie sich in vielen Fällen sehr ungeschickt ausnehmen. Aber sie haben einen tiefen Sinn, der sich Alles recht nah zu bringen und innerlich anzueignen sucht; sie begnügen sich nie mit der bloßen Notiz; sie haben eine bewundernswürdige Ausdauer. Ich habe nie einen von ihnen im Collegium gähnen gesehen, was ich von den Amerikanern täglich sehn muß: dagegen hören sie auch dem Halbverständlichen mit gespannter Aufmerksamkeit hin, die mir oft wirklich rührend ist. Ja man bemerkt selbst für das bei ihnen Empfänglichkeit, was andre Ausländer so schwer begreifen wollen, romantische Poesie, Naturphilosophie, Construktion der Geschichte. So ist besonders ein Greiß aus Macedonien hier, den ich für einen der ausgezeichnetsten Studenten der Universität achte.

Dagegen die Amerikaner mit ihrem praktisch-mechanischen Talent nur immer berechnen, wie viel sie wohl von hier mitnehmen können, und daher immer nach allgemeinen Notizen streben. Ich kann nur nach denen urtheilen, die eben hier sind: aber es giebt keine oberflächlichere Art des Studiums, als diese treiben. Dabei wollen sie von den Lehrern immer prompt und solid bedient sein, und besonders muß man es kurz machen. Aber am ärgerlichsten sind sie mir, wenn sie ihre trockne Verstandesansicht noch durch verdrüßlichen Puritanismus zu adeln suchen, und sich überall bei Altem und Neuem gegen sogenannte Unmoralität und Unanständigkeit kehren, und sich selbst mit einer Arroganz, die mich vollends erboßt, für das freiste, frömmste, rechtschaffenste und moralisch’ste Volk auf Gottes Erdboden ausgeben.

In den Vorlesungen ist man recht übel daran mit dem Gemisch von Nationen, denen man kaum verständlich werden, geschweige für Aller Bedürfnisse sorgen kann. So hören in einem Collegium Heerens Leute aus allen Nationen zwischen Havannah und Kleinasien incl. In meiner Kunstgeschichte habe ich schon ganz darauf resignirt, für die Zuhörer zu lesen. Ich betrachte die Vorlesung als einen Versuch, die Masse des Stoffs zu begränzen und wie es gehn will, zu unterwerfen. Doch lese ich sie in heitrer Stimmung und oft mit Freudigkeit, wozu das Lokal der Bibliothek und die neidlose Menge von Hilfsmitteln beiträgt. Wenn wir nun bald Gipsabgüsse von den sogenannten Elginschen Erwerbungen hätten. Was ich in Dresden in der Antiken-Gallerie sowohl als im Mengsischen Museum gesehn habe, wird mir immer merkwürdiger, und ich sinne oft in Gedanken darüber. So sehne ich mich sehr den Menelaos und Patroklos wiederzusehn, eine Gruppe, die doch besonders gegen Winckelmanns schnödes Urtheil ans Licht gesetzt zu werden verdiente.

Aber noch viel mehr freue ich mich darauf, Sie und die verehrten Ihrigen, wenn auch nur auf kurze Zeit wiederzusehn, und mich in der Gewogenheit glücklich zu fühlen, die ich mir einbilde einigermaßen zu besitzen.

Der gute Lipsius könnte jetzt selbst in dem Columbarium beigesetzt werden, dessen Ursprung aus dem vertraulichen Familiengespräch der Livia er so gemüthlich zu erzählen wußte.



    Ganz und gar
    der Ihrige
    K. O. Müller.




III




    Göttingen, 12. April 21.

Als ich im vorigen Herbste von Ihnen, verehrter Freund, und dem lieben Dresden schied, dachte ich noch über Weimar und Gotha zu gehn, und war noch voll von Reiseplänen, von denen ich hernach nichts ausgeführt habe. Denn am Ende war ich über dem Abschiede so weichmüthig geworden, und die ganze Reise kam mir nun auf einmal so nichtig und zwecklos vor, da ich Dresden so eilig verlassen hatte, daß ich von Leipzig aus gradem Wege in möglichster Schnelle nach Göttingen zurückfuhr, und mir doch noch jede Poststation eine Ewigkeit dünkte. Jetzt kam mir meine lange Unthätigkeit und der Schlendrian des Lebens, dem man sich auf Reisen ergiebt, ordentlich wie ein Verbrechen vor, und ich stürzte mich mit doppeltem Eifer wieder in meine Studien. Nun ist wieder ein halbes Jahr vorbei, und ich schaue hinaus, und denke sehr lebhaft an Sie. Mehrere Freunde ziehen von hier fort, unter andern der Sanskritkenner Fr. Bopp, mit dem ich diesen Winter und besonders in der letzten Zeit viel zusammen gewesen bin. Wir hatten einen kleinen Cirkel, in welchem mancher Abend darauf verwandt wurde, Ihren Phantasus zu lesen; oft konnten wir bis tief in die Nacht hinein nicht aufhören, besonders über dem köstlichen Fortunat. Ich mußte dem Vorleser machen, wozu ich wenig taugte, wenn mich nicht manche Erinnerungen von Ihnen bisweilen aufrecht gehalten hätten. Bopp kommt in sechs Wochen etwa nach Dresden und wird sich die Freiheit nehmen Sie zu besuchen. Nur Schade, daß man ihn erst nach einigen Wochen recht kennen und schätzen lernt; zuerst hat er etwas sehr Unscheinbares. In diesen Ostertagen will ich mit meinem Bruder – um nicht als Bodensatz in Göttingen zurück zu bleiben – eine kleine Reise durch den Thüringerwald machen, leider wieder mit der Eile, die mich mein ganzes Leben hindurch vor sich hertreibt. Die Ferien greifen diesmal ziemlich mit in das Frühjahr hinein, und ich möchte das erste frische Grünen und Blühen des Waldes in diesen Bergen genießen, die ich mir sehr anmuthig verschlungen und verzweigt denke. – In diesen Tagen sind alle Griechen von hier abgegangen, um dem Kriegschauplatz näher zu sein. Meine Betrübniß darüber wird durch die Hoffnung überwunden, daß das oft versuchte Befreiungswerk nun endlich von Statten gehn wird, so sehr auch die Klugen, die stets wenig auf höhere Motive rechnen, zweifeln und fürchten mögen. Mir scheint es, als entscheide diese letzte und äußerste Kraftanstrengung über die Zukunft Europa’s, da das Leben, im Fall es glückt, eine ganz andere Richtung bekommen und sich wieder nahe an die Vorzeit und Ostwelt anlehnen wird, während es sich jetzt einseitig in eine selbstgemachte Cultur verliert. Den Göttingern scheint es ein wichtiges Ereigniß, daß der König gegen Ende Augusts nach Göttingen kommen wird, ich glaube der Prorektor sinnt jetzt schon auf passende Empfangsfeierlichkeiten, die doch am Ende lächerlich ausfallen. Da ich einmal darauf verfallen bin, Ihnen von allerlei verschiedenartigen Dingen, die gerade im Götting’schen Gesichtskreis liegen, Relation zu machen: so muß ich auch etwas von meinen litterarischen Plänen referiren. Ich habe zum Gegenstand des zweiten Bandes die Dorier gewählt, freilich ein weit größeres Thema als die Minyer; auch weiß ich noch nicht, wie ich es bezwingen werde. Religion, Staat, Kunst und gemeines Leben sind bei diesem Volksstamm so eigenthümlich, daß man wohl sagen kann: es habe nie eine schärfer ausgeprägte Form menschlichen Seins und Thuns gegeben. Die Entwickelung des Dorischen Charakters aus den tiefsten Gründen, zu welchen Fr. Schlegel und Schleiermacher manche Andeutung gegeben haben, überlasse ich freilich Andern; ich will mich mehr in den mittlern historischen Gegenden halten, wo man sich begnügt, die Nationalität als gottgegebne Bestimmung unerklärt stehen zu lassen. Ueber sehr Vieles möchte ich gern Ihre Stimme vernehmen, und vielleicht giebt sich Gelegenheit dazu. Ist Ihr Werk über Shakespeare schon dem Drucke nah? Ich komme noch manchmal auf das Griechische Theater zurück, und es interessirte mich neulich, bei Thiersch Einleitung zu Pindar S. 112 zu lesen, daß Fr. Gärtner, dessen Werk wir noch nicht haben, vor dem Heratempel zu Agrigent sich steinerne Sitze amphitheatralisch erheben sah. So war auch in Athen der Tempelhof des Lenäons das älteste Theater. Der große Brandopferaltar vor dem Tempel, zu dem man gewöhnlich auf vielen Stufen hinaufstieg, war dann die älteste Thymele; rings umher tanzt der kyklische oder dithyrambische Chor, und die Stufen des Tempels bildeten wohl die älteste Scene, daher noch später die Säulenverzierungen an der Scenenwand. Etwa so, wenn es erlaubt ist —

Für das tragische Costüm würde man viel aus den Mosaiken des Pio-Clementinum lernen, die Millin (Description d’une Mosaique antique Paris 1819) herausgegeben, wenn sie nicht gar zu grob und ungeschlacht wären. Wenigstens sieht man daraus, daß die Alten so gut wie keine Variation des Costüms kannten und am weitsten von der historischen Pedanterei unsrer Zeit entfernt waren; und die Kothurne erscheinen dort wirklich als eine Art von Stelzen.

Doch ich muß den Brief schließen, weil ich sonst ganz ins Citiren u. dgl. hineinkomme. Ich rechne überall auf Ihre gütige Nachsicht. Mein Bruder empfiehlt sich Ihnen; der angenehme Tag in Dresden liegt ihm wie ein Traum in der Seele; der mannigfaltige und flüchtige Kunstgenuß ist ihm wie ein Taumel vorübergegangen. Er wird jetzt nach 2 Jahren juristischer Studien noch zum Theologen; alle Remonstrationen waren vergebens; es ist bei ihm entschiedne Neigung.

Max’n haben Sie gewiß schon durch die versprochnen Mährchen erfreut.

Ich empfehle mich dem geneigten Andenken der Ihrigen und der Frau Gräfin. Möchten Sie mich bald, auch nur mit wenigen Zeilen erfreun.



    Ihr
    treu ergebner
    K. Otfr. Müller.




IV




    Göttingen, 26. Nov. 1821.

Obgleich es nichts Besonderes und Einzelnes ist, was ich Ihnen zu schreiben hätte, verehrter Freund: so ist es mir doch jetzt schon Bedürfniß geworden, mich von Zeit zu Zeit mit Gedanken und Gefühlen an Sie zu wenden. Mein Leben fließt ohne tiefe Bewegungen so leicht und heiter dahin, daß ich in dem beständigen Fluß der Dinge den Wechsel doch gar nicht merke; indeß kann ich doch von Zeit zu Zeit zurückschauen, und den zurückgelegten Weg überschauen. Eigentlich liebe ich nicht zu reflektiren, was ich gethan und was ich thun soll, sondern überlasse mich dem innern Triebe, den ich für den Leiter meines Daseins halte. Bei dieser sorglosen und harmlosen Art zu existiren bin ich nun freilich gar nicht geeignet, mein Streben und Leben so zu concentriren und zusammenzufassen, wie ich es gern möchte, daß es vor Ihnen erschiene; daher ich für die Unbedeutendheit meiner Briefe ein für allemal um Verzeihung bitte.

Von Ihnen dringt nach unserm so ganz unpoetischen Göttingen nur bisweilen eine schwache Kunde, die ich stets mit Begierde auffasse. Waren Sie nicht kürzlich mit Ihrer lieben Familie in Stuttgardt? Um so mehr muß ich mich an Ihre Schriften halten, die jetzt wieder reichlicher zu fließen anfangen. Die 2 Bände Gedichte haben wir; den 3ten, den neuen Fr. Sternbald, die Novellen, das Werk über Shakespeare erwarten wir. Wie haben mich die tiefen, langen Töne der Sonnette an Alma bewegt. Aber über wen haben Sie die großen Worte gesprochen in dem Sonnett an einen jüngern Dichter? Ich frage jetzt alle Leute, welche etwas vom Zustande der Poesie wissen, was wir für Hoffnungen hegen dürfen für die Zukunft, und welches die neuen anwachsenden Dichter sind. Ich kenne nur ein Paar. Das biedre, warme Gemüth Uhlands liebe ich, und von der kühnen Kraft Rückerts erwarte ich noch etwas Großes. Aber ich bitte, führen Sie mich zu den mir unbekannten Schätzen. Sehr erfreut hat mich das Sonnett an A. W. Schlegel. Es ist doch empörend, wie undankbar Viele jetzt diesem so umfassenden Geiste begegnen, und wie wenig die Gegenwart seine unermüdete Thätigkeit lohnt. Unser Bouterweck hat aus Wuth gegen Schlegel einen Haß auf die gesammten Indier geworfen. – Ich schrieb einmal, daß der Sanscritamicus Fr. Bopp Sie in Dresden kennen zu lernen wünschte; er ist aber in seiner Reise stecken geblieben, da man ihn in Berlin zum Professor gemacht hat.

Auch den von Ihnen herausgegebenen Nachlaß von Heinr. v. Kleist haben wir mit Eifer gelesen und die Libation dunkler Wehmuth wie Blutstropfen, auf sein Grab gesprengt. Daß sich nicht wenigstens ein Plan seines Guiscard erhalten hat! —

Nächster Sommer ist mir zu einer Reise nach England und Frankreich verwilligt worden, die mir für den Augenblick wichtiger ist als die noch verschobne nach Italien. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir irgend einen Auftrag geben wollen. Ich bleibe 3–4 Monate in London, gehe auch nach Oxford und Cambridge, dann über Paris und vielleicht durch Süddeutschland, was aber nur ein verschwiegner Wunsch ist.

Mein Buch über die Dorier wird erst hernach erscheinen. Es ist etwas ins Große angelegt, und hält mich stets in der gespanntesten Thätigkeit. Ein Hauptcapitel ist darin Apollon. Ich habe den Gedanken durchgeführt, daß Apoll ursprünglich ein dualistischer Gott sei, ein reiner, starker, zorniger und zugleich helfender Gott, daher Todesgott bei Homer, wo der Tod eine ethische Bedeutung hat, und zugleich das reine Licht, was Spätere verleitete an die Sonne zu denken, der unsichtbar treffende Bogengott und der milde Heiler Päan, der Verderber und Retter, welcher straft und sühnt, daher die Mordsühne unter seiner Obhut steht. Daran knüpft sich dann eine alte Ethik, die die Ruhe und Festigkeit des Gemüthes im Gegensatz jeder trübenden und verwirrenden Leidenschaft als Ziel setzt, die einfache, strenge Harmonie. Diese zu bewirken und herzustellen hat eigentlich die alte apollinische Musik zum Zweck; auch die alten Orakel sind eigentlich nur Götterordnungen, θέμιστες, aussagend, was geschehen muß; diese verkündet Apollon den Menschenwillen zu beugen u. s. w. Denn viel lieber, und mit viel größerem Gewinn für mich spräche ich darüber mit Ihnen, und das möcht’ ich vor der Herausgabe auf jeden Fall. Auch bin ich durch meine Beschäftigungen sehr angeregt, Ihnen von der wunderbaren Vortrefflichkeit der alten Lyrik zu reden, die man erst jetzt recht erkennt.

Noch muß ich wohl über mein äußeres Fortkommen in der Welt etwas sagen. Die Göttinger Regel mit dem allmäligen Zuwachs der Zuhörerzahl trifft an mir ein; ich habe jetzt in einer Stunde 50, in der anderen 40, was mir immer lieb ist, da man hier den Werth eines Professors, wie in Statistiken, nach diesen Zahlen bestimmt. Der Jurist Eichhorn wiegt 250–30 °Centner; aber es sind auch unter den 1400 Studenten hier die Hälfte Juristen. – Meine auswärtigen Verhältnisse stehn gut; insonderheit hat Creuzer einen mir sehr ehrenvollen Waffenstillstand mit mir geschlossen, wozu wohl besonders der wüthende Angriff des alten Voß mitgewirkt hat, des Fanatikers für die Nüchternheit.

Ich denke doch, daß dieser Brief Sie zu Dresden, und hoffe, daß er Sie in gutem Wohlsein trifft. Ich empfehle mich wie immer Ihrer werthen Familie, deren Andenken ich mit treuer Anhänglichkeit pflege. Auch meinen Bruder darf ich Ihnen empfehlen.

Mit inniger Ergebenheit



    der Ihrige
    K. Otfried Müller.




V




    Göttingen, den 10. Juli 23.


Mein verehrtester Freund!

Ich denke eben mit sehr freudiger Erinnerung an die Zeit, da Sie meinen damals noch sehr geringen Autoren-Muth durch den gütigen Antheil belebten, mit dem Sie die einzelnen Bogen meines Buches, die Sie sich geben ließen, gelesen zu haben versicherten. Meine damalige Empfindung ist mir jetzt sehr gegenwärtig, wo ich Ihnen wieder ein Mittelding zwischen Buch und Manuskript, eine Anzahl Bogen ohne Titel, Vorrede u. s. w. zusende, die erst dazu kommen sollen, wenn ich in diesem Herbste den dazugehörigen zweiten Theil vollendet haben werde. Doch bilden sie so schon ein Ganzes, wenigstens ein Halbes, und namentlich ist das zweite Buch darin für sich abgeschlossen; und am Ende war, was Sie damals lasen, ja noch vielmehr ein bloßer Anfang oder auch das nicht einmal. Ich eile aber so es Ihnen zu schicken, weil ich mich sehr sehne zu erfahren, ob die Richtung meiner Arbeiten, die damals noch mir selbst sehr dunkel und fast unbewußt war, jetzt mit einiger Schärfe und Präcision ausgesprochen Ihnen auch noch zusagt. – Doch ich muß Ihnen wenigstens den fehlenden Titel auch schreiben. Es ist eine Fortsetzung der sogenannten Geschichten Hellenischer Stämme, und hat den Volksstamm der Dorier zum Gegenstande, wovon das vor Ihnen liegende die erste Abtheilung ist, die die äußere Geschichte bis zum Peloponnesischen Kriege, und dann Religion und Mythus in sich begreift; die zweite behandelt den Staat, und das Privat-Leben, die Bildung und Kunst des Volkes.

Diese denke ich Ihnen mitzubringen, wenn ich auf den Spätherbst wieder – wonach meine ganze Seele verlangt, – nach Dresden komme, denn wenn ich auch bis in den Oktober hinein durch den Druck meines Buches, den ich abwarten muß, hier festgehalten werden sollte: so will ich doch auch dann noch an 14 Tage in der lieben Stadt zubringen, wenn Sie da sind. Diese 14 Tage leuchten mir wie ein Stern vor den Augen, wenn ich über der Strapaze meines mühseeligen Buches schier ermatten möchte. Sie glauben nicht wie ich mich darauf freue.

Die Geißel der Dramatiker, die Sie in der Abendzeitung schwingen, ist mir eine recht erfreuliche Erscheinung gewesen. Ich lechze recht nach ordentlicher, gediegner Critik in jedem Fache, und sie ist jetzt recht selten. In meinem wollte ich lieber einen Terrorismus haben als diese wüste Anarchie; ich wollte mich mit Freuden unterordnen und leiten lassen, wenn Einer geboren zu leiten und zu herrschen aufstände. Jetzt ist man frei wie der Vogel im Walde, aber auch vogelfrei für den Anfall jedes Unverständigen.

Ich hoffe zum Himmel, daß dieser Brief Sie wohl trifft, mein innigst verehrter Freund. Vielleicht sind Sie schon nach Töpliz abgereist, wovon mir Max geschrieben. Ihrer lieben Familie und der Frau Gräfin empfehle ich mich mit herzlicher Anhänglichkeit.



    Ihr
    treuer
    C. O. Müller.




VI




    Göttingen, 20.(?) März 1824.


Verehrtester Freund!

Ich habe Ihnen dreierlei mitzutheilen; daß ich es ganz ohne Umschweif und auf eine etwas lakonische Weise thue, werden Sie der Lage, in der ich bin, verzeihen, die viel Sünden gegen Freunde und Beschützer entschuldigen muß. Erstens die Nachricht von meiner Verlobung mit der Tochter von Hugo. Beiläufig gesagt; als Ihre gütige Einladung nach Berlin an mich gelangte, hatte diese Leidenschaft grade von allen meinen Gedanken Beschlag genommen, und Sie mögen sich daraus eine gewisse Indifferenz erklären, mit der ich unter andern Umständen einen so höchst annehmlichen Antrag schwerlich aufgenommen haben würde. Ich hatte nur einen Entscheidungsgrund; was mich sichrer zur Verbindung mit Paulinen führen würde; und dies war, bei des Vaters überaus großer Liebe zu seiner Tochter, das Hierbleiben. Das Zweite sind meine Dorier, die ich Ihnen als ein kleines Zeichen meiner Erkenntlichkeit und Anhänglichkeit sende. Das Dritte – die Zusage, die Sie wohl auch schon durch Thorbecke erhalten haben – daß ich geneigt und bereit bin, aus den besagten Sammlungen den erforderlichen Aufsatz zu concinniren: was mir um so leichter werden wird, da ich Solgers Mythologie gehört habe und mit seinen Ansichten vertraut bin; ja ich habe immer, bei den Creuzer-Hermannschen und andern Streitigkeiten, daran gedacht, daß es wohl lohne, das Publicum mit Solgers geistreicher Behandlungsweise der Mythologie bekannt zu machen. Erhalte ich die Sammlungen bald, so sende ich Ihnen den Aufsatz binnen 2–3 Monaten; schneller werden Sie ihn wohl nicht verlangen.

Mit Verehrung und Ergebenheit



    Ihr
    C. O. Müller.




VII




    30. März 1824.

Ich hätte Ihnen vielerlei zu schreiben, mein innigst verehrter Freund, aber ich kann in der That von dem Vielen zu nichts Einzelnem kommen. Die Hauptsache werden Sie schon durch eine Karte erfahren haben, die Ihnen hoffentlich vor einigen Wochen abgegeben worden ist; andre Neuigkeiten von unserm Göttinger Leben erhalten Sie unendlich besser durch unsern besonnenen und ruhigen Freund Thorbecke, als durch einen leidenschaftlich Verliebten. Meine Pauline bittet mich, sie Ihnen zu empfehlen; ich freue mich darauf, sie bei einer Reise, die wir wohl einmal nach Schlesien machen werden, Ihnen und Ihrer liebenswürdigen Familie vorstellen zu können.



    Ihr
    treuergebner
    K. O. Müller.




VIII




    18. April 1827.

Herr Ampère aus Paris, der Ihnen, mein hochverehrter Freund, diese Zeilen als eine Empfehlung überbringt, ist ein enthusiastischer Freund Deutscher Litteratur, und ein großer Verehrer von Ihnen, der es vielleicht auch unternehmen wird, wie er mir sagt, Theile Ihres Phantasus der Französischen Welt durch Uebersetzung bekannt zu machen, dabei eine aufrichtige und offne Seele, ein heitres und liebenswürdiges Gemüth, dessen lebendige Aeußerungen Sie gewiß ergötzen werden. Was ich sonst zu schreiben hätte, spare ich lieber auf mündliche Mittheilung auf, da ich schon wieder eine Reise nach Schlesien projektire und also die Hoffnung habe, Sie und die Ihrigen in diesem Herbst wiederzusehn, worauf ich mich sehr freue.

Mit der wärmsten Anhänglichkeit



    Ihr
    C. O. Müller.




IX




    Göttingen, 17. Julius 1833.

Meine Frau, welche den noch übrigen Theil des Sommers bei den Meinigen in Schlesien zubringen will, überreicht Ihnen, hochverehrter Herr, dies Briefchen, und zugleich ein Exemplar meiner Eumeniden-Uebersetzung, welche eher vor Ihre Augen getreten wäre, wenn ich nicht auf diese Gelegenheit mit der Zusendung gewartet hätte.

Vielleicht geben die beigefügten Abhandlungen, die freilich keineswegs sich über das Ganze des alten Theaterwesens erstrecken, Ihnen wieder einen kleinen Antrieb und Reiz, Ihre so lange gepflegten Forschungen über die alte Bühne und Dramatik wieder vorzunehmen, und dem Publicum Manches davon mitzutheilen. Dann könnte sich noch aus dem formlosen Aggregat vielartiger Untersuchungen, das ich dem Publicum darbiete, etwas wahrhaft Schönes und der Bildung unsrer Zeitgenossen Förderliches entwickeln.

Von unserm Leben hier wird meine Frau, für die es bei ihrem kühnen Reiseunternehmen ein rechter Trost ist, wenigstens in der Mitte ihrer Tour bei Ihnen und den Ihrigen Rath und Hülfe finden zu können, gern bereit sein, Ihnen, so viel Sie davon erfahren mögen, zu erzählen; sie wird Ihnen aber schwerlich die treue und warme Anhänglichkeit schildern können, womit ich in Erinnerung alter schöner Zeiten mit aller Jugendlichkeit des Gemüthes an Ihnen festhalte.



    K. O. Müller.




Müller, Wilhelm





Geb. am 7. Okt. 1794 in Dessau, gest. daselbst am 30. Sept. 1827.

Er machte als freiwilliger Jäger die Feldzüge mit, durchreisete einige Jahre später Italien, wurde im Jahre 1819 Gymnasiallehrer in seiner Vaterstadt, wo er sich mit einer schönen, klugen, liebenswerthen Frau (geb. Basedow) vermählte, und als herzoglicher Bibliothekar, in der Blüthe seines blüthenreichen Lebens und Wirkens starb.

Hat jemals ein Dichter den Namen „deutscher Sänger“ verdient, so war’s Wilhelm Müller. Wander-Lieder – Waldhornisten-Lieder – Wein-Lieder – Griechen-Lieder – Müller-Lieder! Ach, die Müllerlieder! Und da sandte der Himmel seinen Franz Schubert, daß er diese Dichtungen in Tönen verkläre… Wer die Müller-Lieder von Schubert und Müller in ihrer ganzen Schönheit vernahm; wer sie von Stockhausen singen hörte… nun, der mag sich freuen, ein Deutscher zu sein; der mag dankbar erkennen, was Schubert Großes gethan, was Stockhausen (wenn man so sprechen darf), als dritter Dichter daran thut; – aber vor Allem soll er nicht vergessen, ihres ersten Dichters und Schöpfers mit voller Liebe zu gedenken; unseres lieben, treuen, deutschen Wilhelm Müller!





I




    Dessau, 17ten Oktober 1826.

Bei dem neuen Abdruck meiner ersten Gedichtsammlung erinnerte ich mich lebhaft des schönen Nachmittags in Kalckreuths Sommerwohnung an der Elbe, wo ich Ihnen, kurz nach unsrer Bekanntschaft, meine Müllerlieder vorlas und, von Ihrem Urtheil aufgemuntert, den Entschluß faßte, damit in die Welt zu treten. Von diesem Tage an, wie viel verdanke ich Ihnen, mein verehrter Freund! Darum nehmen Sie meine Dedikation, die einfach ist, wie ich selbst, nicht für eine formelle Redensart, sondern für den wahren Ausdruck meiner Dankbarkeit.

Ich habe von Raumer aus mündlicher Mittheilung erfahren, wie es Ihnen geht und was Sie treiben. Das muß mich denn dieses Jahr schadlos halten für den aufgegebenen Besuch in Dresden. Ich habe dafür das alte schöne Nürnberg kennen gelernt und Göthe gesehn, und noch dazu ihm Glück gewünscht zu seinem 77ten Geburtstage. Das ist auch etwas, das quondam meminisse juvabit. Der alte Herr war wohl auf, gut gelaunt, mit mir sehr höflich und freundlich, aber das ist auch Alles, und was ich aus seinem Munde gehört, das kann mir jeder gebildete Minister sagen. Doch auch gut so, und viel besser, als wenn er mir z. B. über Shakspeare’s Romeo und Julie das gesagt hätte, was im neuesten Hefte seiner Zeitschrift steht. Das ist auf Sie gemünzt.

Ich bin in diesen Tagen in meine neue große und ich darf sagen schöne Dienstwohnung eingezogen. Möchte mir doch das Glück werden, Sie einmal darin zu beherbergen! Und nun kann ich die Frage nicht mehr zurückhalten: Bleiben Sie in Dresden? Ich fühle meinen Egoismus in dem ängstlichen Eifer, mit dem ich diese Frage thue, und doch kann ich nicht anders.

Mich beschäftigt jetzt die Encyklopädie – und diese ist gleich wieder ein Stichwort zu der Frage: Liefern Sie mir aus besonderer Freundschaft für den Gegenstand und auch für mich den Artikel Hardenberg? Er ist jetzt bald an der Reihe. Sonst habe ich ein Paar Hundert Epigramme oder Reimsprüche gemacht, wovon 100 in der Eleganten Zeitung abgedruckt zu lesen sind, worüber ich wohl Ihr Urtheil hören möchte. Sie stehn in den Nr. gegen 100 – 98 bis etwa 102 – . Auch in Eger habe ich Verse gemacht, die Loebelln sehr gefielen und in demselben Blatte zu lesen sind. Diesen Winter will ich wieder Shakspeare vorlesen, nicht für Geld, sondern für gute Freunde. In dem Zimmer, wo ich lese, steht Ihre Büste[1 - Meine Frau will ausdrücklich bemerkt wissen, daß sie mir diese Büste zu meinem 32ten Geburtstage, den 7t. Oktober 1826, geschenkt hat.] mir gegenüber, die soll mich vor gar zu argen Mißgriffen bewahren. Denn durch Sie ist mir der Sinn für Shakspeare zuerst aufgegangen, und wenn ich Ihnen auch weiter nichts schuldig wäre, welche Unendlichkeit der Schuld! Meine Wünsche arbeiten mit Ihnen an der Vollendung des Heinrich VIII., des Macbeth, des Wintermährchens und des mir fast unvollendbar erscheinenden Loves Labours Lost, das ich neulich wieder einmal, und ich darf wohl sagen, mit mehr Genuß, als jemals, gelesen habe.

Meine Häuslichkeit ist in erwünschtem Zustande, Frau und Kinder gesund und fröhlich, wie ich selbst, dem der Egerbrunn fast so wohl gethan hat, als hätte ich ihn sehr nöthig gebraucht. Empfehlen Sie mich dem freundlichen Andenken der Frau Gräfin, Ihrer Gattin und Töchter. Eben darum bittet meine Frau, die mir oft Vorwürfe macht, daß ich, statt nach Eger allein, nicht mit ihr nach Dresden gereist bin. Ich verspreche keinen Besuch wieder, weil ich Ostern habe mein Wort brechen müssen. In jeder Entfernung ist ja doch mein bester Theil viel und oft bei Ihnen.

Mit unveränderlicher Hochachtung und Liebe



    Ihr
    treu ergebener Freund
    W. Müller.




II




    Dessau, den 11ten Juli 1827.


Verehrtester Freund!

Ich könnte ein wenig empfindlich gegen Sie sein und sollte vielleicht so thun, aber ich will doch lieber wahr sein und Ihnen sagen, daß Ihr Schweigen auf meine Briefe und Dedikationen mir eine Zeit lang nur das unangenehme Gefühl des Wartens, nachher aber die Ueberzeugung gebracht hat, daß Sie aus keinem andern Grunde nicht an mich geschrieben haben, als weil Sie nun einmal ungern schreiben, zumal, wenn Sie es erst lange aufgeschoben haben. Göthe’n nähm’ ich ein solches Schweigen übel, einem Könige noch mehr.

Diesen Brief überbringt Ihnen der Fürst zu Lynar, welcher sich nach Ihrer Bekanntschaft sehnt und als Mann von Geist und Eifer für das Schöne, dabei selbst mit Talent für die Poesie ausgestattet, seinen Aufenthalt in Töplitz und Dresden benutzen wird, vorzüglich um Ihnen näher zu kommen und sich Ihrer Mittheilung auch zu eigener Belehrung und Ermunterung zu erfreuen. Ich bin überzeugt, daß auch Ihnen die Bekanntschaft dieses liebenswürdigen Fürsten und seiner Gemahlin, deren lyrische Versuche ausgezeichnet sind, genußreiche Stunden verschaffen wird und freue mich daher, die Erinnerung an mich mit diesem Verhältnisse verknüpfen zu dürfen.

Ich leide seit einiger Zeit an dem Uebel, welches mit dem weiten und schwankenden Namen der Hypochondrie bezeichnet wird. Jedoch geht es jetzt wieder so gut, daß ich den 31ten nach dem Rhein abzureisen gedenke, wo ich wohl ein paar Monat zubringen werde.

Wenn Ihr Versprechen, mir den Artikel Hardenberg zu liefern, Sie drückt und vielleicht gar Schuld ist an Ihrem Schweigen gegen mich, so theile ich Ihnen die Nachricht mit, daß ich, ohne Ihre Absage abzuwarten, den Artikel bereits anderwärts untergebracht habe.

Meine Frau, die mich nach dem Rheine begleitet, empfiehlt sich Ihnen und den Ihrigen bestens und so thue ich als



    Ihr treu ergebener Freund und Diener
    W. Müller.




Münch-Bellinghausen, Eligeus Franz Joseph, Freiherr von





Geb. zu Krakau am 21. April 1806. Gegenwärtig k. k. wirkl. Hofrath und Direktor der k. Hofbibliothek in Wien.

Sein Dichtername ist Friedrich Halm.

Griseldis (1834.) – der Adept (1836.) – König und Bauer, freie Bearb. nach Lope de Vega – Camoëns (1837.) – I. Lambertazzi (1838) – der Sohn der Wildniß (1842.) – Sampiero (1844) – Maria de Molina (1847.) – der Fechter von Ravenna (1854.) – u. a. m. – Gedichte (1850.).

Diese zwei Briefe sind unschätzbar für Jeden, der eingestehen will, daß berufene Dichter edleren Schlages, wenn sie mit Ernst und Weihe an’s Werk gehen, gewöhnlich schon in sich selbst Alles durchgearbeitet und Für und Wider dabei abgewogen haben, was ihnen dann verneinende Kritik als Mangel und Fehler vorzuwerfen gleich bei der Hand ist. Wo bliebe die Negation, wäre ihr nicht erst ein Positives dargeboten, woran sie ihren Scharfsinn übt?

Es läßt sich kaum bescheidener und zugleich fester eine eigene Sache vertreten, als es Halm, den Schluß der Griseldis betreffend, hier gethan.





I




    Wien, den 1ten Dezbr. 1836.


Ew. Wohlgeboren!


Verehrtester Herr Hofrath!

Der Hofschauspieler Löwe hat mir die gütigen Bemerkungen mitgetheilt, welche Sie gegen ihn während seines Aufenthaltes zu Dresden im Laufe dieses Sommers über die „Griseldis“ äußerten. Trotz dem Gefühle der Bewunderung und innigsten Verehrung, welche ich mit ganz Deutschland für Sie hege, fehlt es mir an Worten, um die erschütternde Freude zu schildern, die mir die Anerkennung meines geringen Talentes von Seite des Altmeisters deutscher Poesie verursachte. Hinsichtlich Ihrer Einwendungen wider den Schluß der Griseldis erlaube ich mir, mit aller Ehrfurcht, die dem Schüler gegenüber des Meisters ziemt, zu bemerken, daß niemand tiefer fühlen und erkennen kann als ich, wie mißlich für die dramatische Bearbeitung in der Regel das Abweichen von den Grundzügen des gewählten Stoffes ausfallen muß; zumal wenn dieser so vortrefflich ist, als die Griseldis Boccacio’s. Indeß schienen mir die Motive, die den Markgrafen Saluzzo zur Prüfung seines Weibes bestimmen, durchaus zu wenig theatralisch, ja selbst zu wenig dramatisch, um sie beibehalten zu können; ich suchte und fand neue in der gereizten Eitelkeit und in der krassen Selbstsucht Percival’s, welche aber, nach meiner sich gern eines Bessern bescheidenden Meinung, keinen andern versöhnenden Ausgang des Stückes zulassen, als den, der in Erhebung des weiblichen Gemüthes über die Täuschungen der Liebe, in der Rettung seiner menschlichen Würde – auf Kosten seines geträumten Glückes liegt. Zudem hatte ich bei meiner innigen Ueberzeugung, daß der dramatische Dichter, wenn er seinem höhern Berufe nachkommen will, nothwendig die Interessen seiner Zeit ergreifen, erwägend und versöhnend in der Brust tragen und in seinen Werken abspiegeln müsse, das ganze Stück hindurch den ewig unentschiedenen Streit zwischen Aristokratie und Demokratie als Grundton angeschlagen, und mein Gefühl sagte mir, nur eine Dissonanz könne seine Modulirungen schließen.

Nicht ohne Zagen habe ich die Ehre, Ew. Wohlgeboren in der Anlage meinen zweiten dramatischen Versuch, das Trauerspiel „der Adept“ zu übergeben. An ein zweites Werk werden billig höhere Forderungen gestellt, und wenn sie nicht befriediget werden, so geht nur allzuleicht, wie die Erfahrung lehrt, aller Credit des Anfängers mit seiner eigenen Zuversicht zu Grunde. Wie dem auch sey, der Schritt ist gethan, und kann nicht zurückgenommen werden. Meine Absicht war, im Adepten die höhere tragische Region zu betreten und meine Flügel zu prüfen. Trotz seiner im Voraus zu berechnenden minderen Wirksamkeit, und allzuhochgespannter Erwartungen der Menge auf ein lange angekündigtes Werk fand der Adept beim Publikum eine glänzendere Aufnahme, als ich gedacht, aber dagegen bei den Kunstrichtern ein strengeres Urtheil, als ich erwartete.

Einige finden im Adepten zu wenig ansprechende, rührende, verklärte Charaktere; Andere sprechen dem Stück alles Tragische ab, weil es in der Hauptperson nicht hervortritt, ihr Charakter nicht würdig genug gehalten sey, und keine stufenweise Entwickelung desselben vorliege. Was nun die erstere Ansicht betrifft, so beruht die Wirkung der Tragödie nach meiner Meinung nicht in der Entfaltung exceptioneller, himmlisch verklärter Charaktere, sondern in der richtigen Entwickelung der tragischen Idee in ihrer ganzen zermalmenden Größe und Bedeutung, die schon darum die Versöhnung in sich tragen muß, weil sie nicht ohne Hinweisung auf eine moralische Weltregierung stattfinden kann. Das Rührende, das Gemüth Ansprechende wird in der Tragödie nur immer vom Stoffe bedingt, also zufällig vorhanden seyn können, wie es in Lear, Othello u. a. Tragödien erscheint. Hamlet, Macbeth, Julius Cäsar setzen außer allen Zweifel, daß die Aufgabe der Tragödie Erhebung, nicht weichliche Rührung sey. Den Anhängern der letzteren Meinung gebe ich gerne zu, daß im Adepten die Hauptperson kein sogenannter tragischer Held, sondern nur der Hauptträger der Handlung, der Mittelpunkt sey, um welchen sich die übrigen Figuren gruppiren. Nicht auf einer Person, auf der Totalität des Gemäldes beruht im Adepten die Entwickelung der tragischen Idee, und um diese, nicht um einen Helden handelt sich’s in der Tragödie. Shakspeares Heinrich 6. kann nicht als tragischer Held angesehen werden, aber um ihn versammeln sich alle Erscheinungen, an ihn knüpfen sich alle Fäden des blutigen Gewirrs des Bürgerkrieges, und die Gesammtheit dieser Züge wird in jedem geweihten Gemüthe die tragische Empfindung hervorrufen.

Nach dem vorleuchtenden Beispiele dieses Vaters der Tragödie wagte ich im heiligen Eifer gegen die Runkelrüben-, Dampfwagen- und Eisenbahn-Richtung unserer Zeit im Adepten alle jene einzelnen Züge der Züggellosigkeit menschlichen Verlangens, alle Phasen der Verirrungen menschlichen Begehrungsvermögens anzuhäufen, und ich glaubte die tragische Wirkung zu erreichen, wenn am Ende derjenige, der vor allen Anderen Alles, das Unermeßliche errungen, der vermessen an Gottes Weltregierung zu bessern sich vorgesetzt hatte, durch das errungene Uebermaaß untergehend, sein Haupt anerkennend vor dem ewigen Gesetz der Beschränkung zu beugen gezwungen ist.

Entscheiden Ew. Wohlgeboren, in wie fern ich mein Ziel erreicht, und ob der Adept zur Darstellung auf der Dresdener Hofbühne, der ich schon für die vollendete Darstellung der Griseldis so vielfach verpflichtet bin, geeignet ist oder nicht.

Erlauben Sie mir mit der Bitte um die Fortdauer Ihres Wohlwollens die Versicherung der unbegränzten Verehrung zu verbinden, mit der ich die Ehre habe zu seyn



    Ew. Wohlgeboren
    gehorsamster Diener
    Freiherr von Münch.




II




    Wien, den 12ten April 1837.


Euer Wohlgeboren!


Verehrtester Herr!

Ich habe mit übergroßer Freude aus einem von dem Schauspieler Kriete an Herrn Lembert gerichteten Brief entnommen, daß der Adept Gnade vor Ihren Augen gefunden hat, und dieß reicht vollkommen hin, mich über die kühlere Aufnahme des Stückes auf einigen Bühnen zu trösten. Auf der hiesigen ist es unlängst zum zwölftenmale bei übervollem Hause gegeben worden.

In der Anlage wage ich, Ihrer Einsicht und Beurtheilung mein dramatisches Gedicht Camoëns zu übergeben.

Wenn ich schon einmal bei Gelegenheit der Griseldis vor Ihrer Bemerkung über diese Novelle des Boccacio in den dramaturgischen Blättern zu zittern und zu beben hatte, so scheint dieß jetzt noch mehr der Fall seyn zu müssen, da meine schwache Schülerhand einen Camoëns zu schaffen wagte, nachdem bereits ein so großer unerreichter Meister ein unsterbliches Gemälde jener Zeit und jenes Mannes hingestellt.

Man würde indeß Unrecht thun, wenn man mir das Erscheinen des Camoëns in dieser Beziehung als Anmaßung anzurechnen versucht wäre, indem dieß Stück schon seit zehn Jahren in meinem Pulte liegt, und den Grundzügen nach bereits fertig gewesen ist, ehe Sie vielleicht noch an Ihren Camoëns gedacht hatten. Uebrigens glaube ich, muß auch die Verschiedenheit der Form bei jedem Billigdenkenden meinen Camoëns vor dem Wahnsinn einer Vergleichung mit dem Ihrigen schützen. Wenn Sie den Stoff in reicher epischer Fülle entfalten, uns ein bis in die kleinsten Züge vollendetes Gemälde jenes Zeitalters, jenes Volkes, seiner Gesinnungen und seiner Sitten aufrollen, uns in einem rührenden Stilleben die Heroengestalt des vaterländischsten aller Dichter mit würdevoller Erhebung, mit allen zerstörten Hoffnungen seines sturmbewegten Lebens abschließend vor die Seele führen konnten; wenn Sie mit einem Worte: uns der Gegenwart entrücken, und in eine frischere, lebenskräftigere Vergangenheit versetzen durften; – so war es meine Aufgabe, die Gegenwart nie vergessend, sie vielmehr nur in den Gestalten der Vergangenheit abzuspiegeln. Das Drama, dessen Natur Kampf und Versöhnung ist, zwang mich der Sage zu folgen, und den Zuschauer an das Sterbebett Camoën’s im Hospitale zu führen. Sie gaben mit dem Sehergeiste des Dichters Camoëns, wie er war; ich mußte mich bemühen, ihn zu geben, wie er damals sein konnte, und wie er unter gleichen Verhältnissen heute gewesen seyn würde. Ich mußte, um den Interessen der Gegenwart getreu, meine Ideen über Dichterberuf, Dichterpflicht und Dichterlohn in einer Zeit entwickeln zu können, die so oft und in so vielen Beziehungen an den Tag gelegt hat, wie sehr sie die Wesenheit der Dichternatur mißversteht… ich mußte alle zuckenden Fibern des zerrissenen Dichtergemüthes aufdecken, in alle offnen Wunden der Dichterbrust meine Finger legen, und die Versöhnung von Oben herabholen, wo Sie nur die Narben der Wunden zu zeigen, und die Verklärung schon vorausgesetzt und gegeben im Stoffe zu entwickeln brauchten.

Doch genug von der Verschiedenheit zweier Werke, die schon der Name ihrer Verfasser hinlänglich begründet.

Was den Umfang meines Camoëns betrifft, so verkenne ich nicht, daß sein Leben einer andern vollständigeren, dramatischen Bearbeitung fähig ist, und daß sich einer solchen mit Vortheil Ihre Novelle zu Grunde legen ließe. Die Idee meines Werkes aber wies mich ausschließend an sein Ende, und ich glaube, es fehle ihm trotz des Mangels an Begebenheiten nicht an dramatischem Leben. Mir wenigstens scheint die durch das Gespräch mit dem Kaufmann immer steigende Zerfallenheit Camoëns’ mit seiner Laufbahn, die als tragische Verwickelung in der Zusammenkunft mit Perez ihren versöhnenden und erhebenden Abschluß findet, den Erfordernissen des Drama’s – wenn auch vielleicht nicht des Theaters – hinreichend zu entsprechen.

Der Erfolg auf hiesiger Hofbühne war ein sehr günstiger.

Somit überlasse ich vertrauensvoll und mit bescheidener Ergebung in Ihre bessere Einsicht mein Werk Ihrer Beurtheilung, sowohl hinsichtlich seines inneren Werthes, als seiner Eignung zur Aufführung auf der Dresdner Hofbühne, und schließe diese Zeilen mit dem Ausdruck der unbegränzten Hochachtung, die seit der ersten Lesung des Phantasus in meinem zwölften Jahre, für Sie und Ihre Werke in stäter Steigerung erfüllt



    Ew. Wohlgeboren
    ergebensten Diener
    Münch.




N… Wilh





Ueber den Schreiber nachstehender zwei Briefchen (dessen Familienname wie billig nur durch Punkte angedeutet wird), wissen wir nichts Näheres, als was sich in dem Briefe eines Herrn M. S. aus Winterthur angegeben findet, worin es heißt: „Hr. Prof. E. sagte mir, N. ist nun zerknirscht; und dieß ist das Gute, was sein Austritt in die Welt bewirkt hat. Er wähnte, daß ihm dort Alles offen stände, und hat jetzt gesehn, wie viel ihm fehlt.“ —

Diese offenbar erbetene Nachricht, so wie eine Stelle in Wolfgang Menzel’s erstem Briefe zeigen deutlich, daß Tieck trotz seines Zürnens, doch nicht aufgehört hat, an dem jungen Menschen, der ihn vielfach betrogen, Theil zu nehmen und sich nach ihm zu erkundigen.

Jedenfalls sind diese beiden Blättchen geeignet, sowohl psychologische Betrachtungen über ihren Absender als auch Mitleid für Tieck zu erregen, der während seines vieljährigen Aufenthaltes in Dresden unglaublich oft vom Andrange ähnlicher Gesellen zu dulden hatte, und dennoch jeder neuen Täuschung, mit ewig-jugendlicher Hingebung, zugänglich blieb.

Ueberraschend wird dem Leser die Kunde aus Amerika sein, welche David Strauß in einem seiner Briefe an T. über diesen N. ertheilt.





I




    Dresden, den 5. Oct. 1827.

Wenn Sie es anmaaßend nennen, verehrter Meister im Leben, wie in der Kunst, daß ich Junge Ihr Schweigen ehrend nicht im Vorsaal bescheiden warte, bis Sie meinen Namen rufen, sondern in Ihr innerstes Gemach dringend Ihre höhere Beschäftigungen mit meinem kleinen Leben stören will, so kann ich zu meiner Entschuldigung Nichts erwiedern, als daß, da mir das Wasser bis an die Seele gestiegen, ich meine Rechnung mit dem Leben schließe. Hören Sie mich an, wie ich dieß meine. Ich habe von der Welt, die Sie um sich in urkräftigem Behagen geschaffen, Alles genossen, ich habe den Pulsschlag gehört, der Alles bewegte, und die feinsten Fibern an den äußersten Spizen des geistigen Körpers mitgefühlt. Ja ich glaubte schon im Traume den geheimen, heiligen Ort betreten zu haben, den Sie allein gefunden haben, wo Lachen und Weinen die lieblichste Melodie bildet, von dem aus in richtiger Perspektive alle Straßen und alle Gäßchen des menschlichen Lebens sich dem Auge darstellen, den, so offen er mitten auf dem Markte liegt, doch Niemand beschreiben kann. Wenn Sie darüber lachen und mich einen betrogenen Thoren schelten, so wag’ ich kühn einen Streit. Betrogen bin ich, aber – nur als Betrüger. Auch in Ihrer Schöpfung, das weiß ich wohl, gilt das herbe Wort: Mit Schweiß mußt Du Dir Dein Brod gewinnen! Daß ich aber darum den Meister betrügen konnte, ist mir eben das einzige, unaufgelöste Räthsel. Daß ich kein Faust bin, sag ich mit demselben Gefühl, das Hamlet lachen macht, wenn er sich dem Herkules vergleicht. Wohl aber kann ich mich wörtlich einen Don Juan nennen. Auch mit derselben Frechheit bin ich hieher gekommen und habe Ihren Geist gerufen und rufe Ihn wieder. Ja, ich flehe Sie an, treten Sie mir, nur eine Minute treten Sie mir, wenn ich so sagen darf, unkörperlich entgegen, so ist ja Alles entschieden. Entweder kann ich dann Ihren Anblick ertragen und – ich bin erlöst, die göttliche Gnade hat an dem Sünder Wohlgefallen und wem viel vergeben ist, der liebt viel, ich kann in Nichts ungöttliches mehr zurückfallen, oder ich kann Ihren Anblick nicht ertragen, verdammt sink ich nieder, Alles war Schein und Lug und Trug, und eine ewige Oede, eine unermeßliche Leere steht vor mir.

Ich habe, was ich geschrieben, wieder durchgelesen, aber mit Schrecken, wenn das Gefühl, von dessen Instinkt geleitet ich schrieb, nicht in dem Augenblick noch als mein eigenstes Leben pulsierte, ich verstände mich nicht aus diesen Worten, ach darum nur bin ich so unglückseelig, so verlassen u. einsam, wie keiner, weil Alles, was ich gebäre, todt zur Welt kommt – ja wenn ich mir denke, diese Worte vollends von einem Andern zu lesen, wie verächtlich würd’ ich darüber lachen, es schienen mir hochtönende Phrasen, leerer Schellenklang, die Unverjohrenheit, die man alltäglich sieht, und doch wag’ ich, gerade eine solche Sprache mit Ihnen, die mir schon zu niedrig ist? Ja! von Ihnen kann ich am wenigsten fürchten. Wie Ihnen Etwas erscheint, also ist es auch in der Wahrheit, sind es Ihnen Worte, so sind es auch wahrhaftig nichts, als Worte. Ich aber bin – ein dummer Teufel



    Wilh. N…




II




    Sonntag Abend.


Theuerster Mann!

Arg hat mich mein eigen Gewissen ob der Grobheit, mit der ich Ihnen genaht bin, gefoltert. Ich bitte Sie unter heißen Thränen, vergeben Sie dieß einem Knaben, den freilich der albernste Uebermuth zu Ihnen geführt hat, der aber dadurch hart genug gestraft ist, daß er Heimath, Verwandte und Freunde, ach Alles, worin er ganz lebte, verloren hat und nun einsam in der kalten Fremde da steht. Ich bin wieder demüthig geworden und habe Gott gebeten, er möchte mich nur irgend Etwas brauchbares noch werden lassen; wie ichs aber angreifen soll, um den Faden wieder aufzunehmen, nachdem die Jugend verloren ist, weiß ich nicht, ich habe Niemand, der mir rathen könnte, als Sie. Und wahrhaftig – Sie wären gewiß nicht so böse auf den letzten Brief geworden, wenn Sie gewußt hätten, wie schwer mirs auf dem Herzen lag, daß Sie mich für einen ganz andern ansahen. Den angenommenen Doktorrock wollt ich abwerfen und als armer Junge Ihnen zu Füßen fallen. Gebe Gott, daß Sie mir ins Herz sehen!


Voll der innigsten Verehrung



    Wilhelm N…




Nicolai, Christoph Friedrich





Geb. am 18. März 1733 zu Berlin, gest. daselbst am 8. Jan. 1811.

Buchhändler und Schriftsteller, Freund großer Männer, obgleich prosaischer Widersacher der eigentlichen Poesie; bei alle dem eine kräftige Natur, vielfach unterrichtet und nicht ohne produktives Talent. – Leben und Meinungen des Magisters Sebaldus Nothanker (4. Auflage 1799) bleibt ein wichtiges Buch aus jener Litteratur-Epoche.

Und mag die von ihm begründete, in 106 Bänden von 1765–1792 fortgeführte: „Allgemeine deutsche Bibliothek“ aus höherem Standpunkte noch so heftig angegriffen worden sein, sie enthält doch auch sehr viel Schätzbares und der Mann, der sie länger als ein Vierteljahrhundert zu halten verstand, verdient Achtung.

Nachfolgende zwei Briefe, denen wenigstens Niemand ihren praktischen Werth, noch ihre redliche Aufrichtigkeit absprechen kann, fanden sich schon durch Tieck für den Druck abschriftlich vorbereitet.





I




    Berlin 19 Dec. 1797.

Von dem Manuscripte, welches Ew. Wohlgeboren mir heute zugeschickt haben, habe ich das erste Schauspiel und das Tagebuch heute an den Buchdrucker geschickt. Ew. Wohlgeboren aber werden verzeihen, daß ich das andere Schauspiel anbei zurückschicke. Ich thue es ungern, aber Euer Wohlgeboren werden mir verzeihen, daß ich offenherzig meine Meinung sage.



(Ich hatte bis hierher dictirt, und nehme nun selbst die Feder, ohnerachtet das eigenhändige Schreiben mir etwas sauer wird.)


Die Sammlung ist zu Erzählungen nicht zu theatralischen Stücken gewidmet. Sie haben im vorigen Theile schon eine Ausnahme gemacht. Ich will allenfalls in diesem Bande auch noch das eine Stück gehen lassen, aber zwei ist fast zu viel. Sie sind außerdem in einer gewissen excentrischen Laune geschrieben – Es läßt sich über solche Sachen nicht streiten – Aber der vorzüglichste Theil der Leser kann derselben schon in Ihren Volksmährchen keinen Geschmack abgewinnen. Ich bekenne, ich selbst halte es mehr für Witzelei, als für Witz: Rondi, Menuett, Variatione u. dgl. m. Ich mag Unrecht haben, aber darin habe ich gewiß Recht, daß dieser Ton von dem Ton im Musäus allzusehr abweicht, und daß man also wenigstens nicht den größten Theil eines Bandes der Strausfedern damit anfüllen sollte. Dies haben verschiedene Recensenten des VII Bandes schon bemerkt, welche ausdrücklich sagen, er scheine gar nicht von eben dem Verfasser zu sein &c.

Erlauben Sie mir noch zu bemerken, daß der Schriftsteller doch auf seinen Leser, nicht blos auf sich zu sehen hat. Die Kunst der Darstellung ist eigentlich die Kunst des Schriftstellers, die Wirkung einer Schrift ist die, welche sie auf den Leser macht, und machen kann. Es scheint aus einigen Ihrer letzten Schriften, es macht Ihnen Vergnügen, sich Sprüngen Ihrer Einbildungskraft ohne Plan und Zusammenhang zu überlassen. Das mag Sie vielleicht amüsiren, ich zweifle aber, ob es Ihre Leser amüsiren werde, die wahrlich nicht wissen, aus welchem Standpunkte sie ansehen sollen, was sie lesen. Erlauben Sie mir zu bemerken, wenn Sie z. B. im gestiefelten Kater auf hiesige Theateranecdoten anspielen, so ist’s vielleicht schon für hiesige Leser, welche unbedeutende Theater- und Parterre-Anecdoten für armselig halten, nicht interessant; was sollen denn auswärtige Leser dabei denken, welche gar nicht wissen, was sie lesen? Der Autor, der sich die Miene giebt, als wolle er seine Leser zum Besten haben, nimmt die Leser nicht für sich ein, selbst, wenn er die Miene annimmt, als lache er über sich selbst. Und das unangenehmste ist – wenigstens für mich als Verleger, und als einen Verleger, dem man oft die Ehre anthut, zu glauben, was er verlege, sei gewissermaßen von ihm gebilligt – daß, weil nun die Leser nicht wissen, was sie lesen, – so legen sie vielleicht die dunkeln Anspielungen ganz falsch aus. Sie haben in dem anbei zurückgehenden Stücke auf Gewissenszwang, Königthum u. dgl. angespielt. Dies ist, meines Erachtens, jetziger Zeit, da wir Hoffnung haben, einige Preßfreiheit zu erhalten, und es doch noch sehr ungewiß ist, ob wir sie erhalten, gar nicht passend; wenigstens halte ich es für mich nicht passend!

Ich bitte also, von dem anbei zurückgehenden Schauspiele irgend einen Gebrauch außer meinem Verlage zu machen, und das was noch zum Manuscripte zu dem letzten Bande der Strausfedern fehlt, mit irgend kleinen Romanen beliebigst auszufüllen, und sie mir bald zu senden.

Ich nehme mir übrigens nicht heraus, Ihren Genius zu leiten. Wollen Sie aber einem Manne, der unsere Litteratur und unsere Schriftsteller und Leser seit 40 Jahren kennt, in etwas glauben, so werden Sie von dem excentrischen Wege etwas ablassen. Er mag Sie vergnügen, aber Sie werden sich auf diesem Wege nie ausbilden. Das Excentrische ist im Grunde leichte Arbeit! Ich wüßte nicht, wie viel ich alle Tage schreiben könnte, wenn ich alles hinschreiben wollte, was mir in den Kopf käme! Aber sich mehr als oberflächliche Kenntniß menschlicher Charaktere und Situationen zu erwerben, unter diesen auswählen, die Wirkung voraussehen, die sie machen können, das uninteressante vom interessanten scheiden, und ersteres ausstreichen, wenn man es auch schon niedergeschrieben hat: dies ist der einzige Weg, auf welchem ein junger Mann sein Talent ausbilden kann. Ich schätze die Anlagen, welche Sie haben, so hoch, daß ich mir diese kleine Herzensergießung darüber erlaube, und Sie bemerken lasse, daß Anlagen ohne Ausbildung des Talents bald verloren gehen. Zur Ausbildung geht freilich ein steiler und dornichter Weg, der Selbstentäußerung erfordert. Das Reich der excentrischen Imagination ist einförmiger, als es dem Faulen scheint, der gern selbstgefällig darin herumspatzirt; das Reich der Natur ist höchst mannichfaltig, aber es ist nicht so leicht zu erforschen, wer es aber zu erforschen und interessant darzustellen weiß, findet Wahrheit und Leben, da jener blos Träume findet, die vergehen, sobald das Morgenlicht strahlt.

Shakspear ist nicht excentrisch, sondern wahre, menschliche Natur meisterhaft dargestellt; darum leben seine Stücke auch Jahrhunderte, und das was eigentlich etwa nach dem Geschmack seiner Zeit bloß wild ist, stirbt jetzt schon sogar in England, wo man seine Stücke ändern muß, wenn sie sollen aufgeführt werden. Unsere Ritterstücke und Ritterromane, welche blos wild und excentrisch sind, ohne hohe Natur getreu und lebhaft dargestellt, sterben, indem sie geboren werden. Dies ist das Loos aller Werke von gleicher Art.

Bin ich zu offenherzig gewesen, so denken Sie, ein alter Radoteur hat es geschrieben, der es gut meint, und nicht versteht. Und wenn Sie dies nach zehn Jahren noch denken, so habe ich gewiß Unrecht.



    Fr. Nicolai.




II




    Berlin d. 5 Oct. 1803.

Ich habe, mein werther Herr und Freund, Ihr Schreiben vom 19 Aug. zu seiner Zeit richtig erhalten. Dieser Brief fand mich, der ich zeitlebens beinahe nur krank gewesen bin, in dem heftigsten Katarrhalfieber, wobei ich Tag und Nacht hustete, und an Kräften so herunterkam, daß ich vom 3ten bis zum 6ten Sept. nicht glaubte wieder zu genesen. Während dieser schweren Krankheit verlor ich den 1ten Sept. meine älteste verheirathete Tochter durch den Tod, nachdem ich schon seit 2 Monaten dieselbe hatte sinken sehen, und diesen traurigen Erfolg vorhersah. Meine Philosophie und Resignation ist überhaupt seit voriger Ostermesse sehr geprüft worden. Jetzt habe ich mein Fieber verloren, und es ist nur noch ein unbedeutender Husten übrig geblieben. Was aber eine schlimmere Folge der Krankheit ist, ist, ich kann auf meinem rechten Auge beinahe nichts sehen. Seit 3–4 Wochen, seit dieses gemerkt worden, sind alle Mittel vergeblich. Indeß hoffen doch die Aerzte einstimmig, es werde diese Blindheit gehoben werden, welches ich mehr wünsche, als zu hoffen mir getraue. Ich bin in der unangenehmen Lage, nicht ½ Stunde hinter einander lesen oder schreiben zu dürfen, das sehende Auge bei Licht gar nicht brauchen zu dürfen, und ein Ueberbleibsel von Husten hindert mich auch am langen fortgesetzten Diktiren. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich nur ganz kurz schreibe. Es haben sich überdies während meiner Krankheit die Geschäfte sehr aufgesammelt, und ich muß nach und nach doch alle nachholen.

Es ist mir sehr angenehm, daß Sie meine Offenherzigkeit in der bewußten Sache so aufnahmen, wie ich dieselbe gemeint hatte. Meine Absicht war, Ihnen zu zeigen, daß wenn auch an den Nachrichten, die man Ihnen gegeben hatte, etwas sein sollte, dennoch die Hauptsache sich nicht ganz so verhielt, wie man Ihnen geschrieben hatte, und daß man hier diese Sache officiel noch aus andern Gesichtspunkten betrachtete, und betrachten mußte, wie Sie in ihrem Briefe selbst einigermaßen zugestehen. Es ist freilich sehr unangenehm, daß durch eine Menge dazwischen gekommener Umstände diese Sache nicht so ging, als sie hätte gehen sollen, und als sie vielleicht würde gegangen sein, wäre sie anders eingeleitet worden. Wenn ich bis zur künftigen O. M. lebe, läßt sich vielleicht mündlich darüber etwas sagen.

Das Hr. Bellermann an Hr. Gedikens Stelle ist an’s Gymnasium berufen worden, und daß er den Ruf angenommen hat, wissen Sie vermuthlich schon. Jakobs war vorher berufen worden, nahm aber die Stelle nicht an.

Was die Sache mit der Verpflanzung der Lit. Zeit. nach Halle und zugleich mit Ihrem Bleiben in Jena betrifft, so fallen einem dabei mancherlei Gedanken ein, die besser mündlich als schriftlich mitgetheilt werden. Wie es mit diesen beiden Zeitungen künftig gehn wird, muß man erwarten, und des läßt sich so wenig darüber sagen, als über alle futura contingentia. Aus der öffentlichen Anzeigung habe ich gesehn, daß Sie bei der alten Kirche bleiben. So viel kann ich sagen, daß des Hrn. von Kotzebue höchst unüberlegte Aeußerung über diese Sache bei allen gesetzten Leuten Mißvergnügen erregt hat, und auch in Potsdam ist sehr gemißbilligt worden. Es gehört überhaupt zu den piis desideriis, daß die vielen Indiscretionen möchten aus unsrer neuesten Literatur verbannt werden.

Es ist eben nicht wahrscheinlich, daß der Freimüthige unter Merkels Direction sich hierin bessern werde. Indessen ist es auch wahr, daß vernünftige Leute und wahre Gelehrte an dergleichen Klatschereien keinen Gefallen haben, und keinen Werth darauf legen. Alle solche Dinge währen eine Weile, und nach einiger Zeit hört man nichts mehr von den Leuten, die heute oder übermorgen so viel Lärm machen.

Ich bin unverändert



    der Ihrige
    F. Nicolai.




Oehlenschläger, Adam Gottlob





Geb. den 14. November 1779 zu Kopenhagen, als Konferenzrath &c. daselbst gestorben am 20. Januar 1850.

Er hatte sich verletzt gefühlt durch einige Urtheile Tiecks über seine Schriften; hauptsächlich wohl mag es die Uebersetzung Holberg’s gewesen sein, die Jener vielleicht zu streng tadelte, und welche die alten Freunde auseinander brachte. Schön ist, was O. im ersten Schreiben (nach Goethe’s Tode) von der Versöhnung mit T. sagt.

Oehlenschläger ist ein dänischer Dichter gewesen; seine „Gedichte“ (1803.) – die poetischen Schriften, 2 Bde. (1805.) verkünden ihn als solchen.

Aber er war auch ein deutscher Dichter. Er gab uns die besten seiner Dramen auch in deutscher Sprache, mit bewundernswerthem Eingehen in ihren Genius; und wo er fehlte, fehlte er poetisch; so daß Goethe mit vollem Rechte aussprechen durfte: „Man schreibt eigentlich nicht so, doch man könnte (ja man sollte) so schreiben.“

Palnatoke – Axel und Walburg – Hakon Jarl und andere seiner Werke werden bleiben – wenn freilich so entschiedene Irrthümer wie „Hamlet“ und dergleichen, kaum geboren schon ihr Ende fanden.

Correggio, diese in Deutschland bekannteste seiner Dichtungen, hat strenge Beurtheiler gefunden, hat doch aber auch viele begeisterte Freunde sich erworben. Es giebt Scenen darin, deren Pracht mit nichts zu vergleichen ist. Chamisso schloß einstmals eine lange Diskussion für und gegen dieses Gedicht mit der Aeußerung: „Meine lieben Freunde, ich denke, wir streiten um des Kaisers Bart; wer eine Tragödie in fünf Akten, in solchen Versen machen kann, und seinen Helden mit einem Worte[2 - Das Wort „Pfuscher,“ welches Michel Angelo in der Heftigkeit gegen Antonio Allegri ausstößt.] tödtet… der ist doch wohl ein Dichter!“





I




    Kopenhagen d. 7. Juli 1832.


Mein geliebter Tieck!

Nie habe ich stärker die Macht einer übeln Gewohnheit empfunden, als wenn ich an dich denke, und dann wieder denke: aber warum in aller Welt (oder in Teufels Namen) – (oder um Gottes Willen) – schreibst du nicht dem edeln Freunde, an den du so oft denkst, und jedesmal wenn du etwas gedichtet hast bei dir wünschest, um seine Meinung zu hören und vielleicht die große Lust seines Beifalls zu gewinnen?

Leider, mein theurer Bruder! hast du den selben Fehler. Man sagt sonst „les beaux esprits se rencontrent,“ aber auf die Art könnten wir uns nicht leicht rencontriren. Ich schrieb dir einen langen Brief im vorigen Sommer. Du antwortetest nicht darauf – aber glaube ja nicht daß ich deshalb schwieg. Du hattest mir in Dresden gar zu viele und rührende Beweise deiner Freundschaft gegeben – es wäre schlecht von mir gewesen deshalb Verdacht gegen deine freundliche Gesinnung zu schöpfen. Aber da muß ich doch zu meiner Entschuldigung sagen: da war noch ein andrer Grund, warum ich lange schwieg. Es ist so betrübt seinen Freunden etwas Unangenehmes mitzutheilen, und es begegnete mir, nach meiner Zurückkunft, viel Unangenehmes. Lottchen hatte sich nehmlich mit einem Schauspieler bei dem hiesigen Theater heimlich versprochen, und obschon ich keine von den dummen Vorurtheilen gegen den Schauspielerstand theile, so war doch das ein Schwiegersohn, den ich auf keine Weise anerkennen wollte, denn obschon nichts Schlechtes von ihm zu sagen ist, so ist er sehr leichtsinnig und wird nie im Stande seyn, Lottchen eine sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Das hat sie nun zuletzt eingesehen, und sie hat sich wieder von ihm getrennt.

Diese Verstimmung mag einigermaßen zu meiner Entschuldigung dienen, daß ich dir so lange nichts geschrieben habe. Auch könnte ich eine Menge Philisterursachen anführen, das Rectorat hat mir viel Zeit gekostet, ich mußte zwei lateinische Reden theils verfertigen, theils verfertigen lassen. In der letzten Rede sprach ich eine ganze Viertelstunde davon, wie dumm es ist lateinisch zu reden. Ich hoffe wir werden jetzt bei unserer Universität auch dänische Reden in der Zukunft halten. Ich sprach auch viel von Goethe!

Ihn haben wir denn auch verloren! —

Wie schön war es, lieber Tieck! daß du eben noch vor seinem Tode in deiner schönen Novelle sein unsterbliches Verdienst als lyrischer Sänger mit so vielem Geiste und Tiefe darstelltest. —

Wir zwei sahen uns wieder und versöhnten uns noch vor seinem Tode. Das war auch schön! O lasse uns dieses herrliche Verhältniß pflegen und hegen; uns einander öfter schreiben; wenigstens zwei mal im Jahre.

Aber kommst du nicht einmal nach Dänemark? O komme, komm! Du sollst bei mir wohnen und bleiben so lange du Lust hast, und ich werde es als ein außerordentliches Glück betrachten.

Um doch recht viel mit dir zu leben, habe ich seit meiner Zurückkunft sehr vieles von dir wieder gelesen, die Novellen (den Aufruhr in den Cevennen mußt du absolut fertig machen). Auch Octavian und mehrere von den alten Sachen.

Ich habe auch Vorlesungen gehalten und mehrere ästhetische Abhandlungen ausgearbeitet. Im künftigen Herbst gebe ich eine dänische Monatsschrift „Prometheus“ heraus, die Aesthetik, Kritik und Poesie enthalten wird.

Ich habe ein kleines romantisches Schauspiel in gereimten Versen Rübezahl geschrieben – es wurde gespielt, aber – das war „Caviar für den großen Haufen,“ es gefiel nur den Poetischen, Gebildeten.

Mein Singspiel „das Bild und die Büste“ (in der deutschen Sammlung übersetzt,) ist von einem jungen geistreichen Musiker „Berggreen“ sehr gut componirt, und hat auch gefallen. Was sagst du dazu dieses Stück mit Berggreens Musik in Dresden aufführen zu lassen?

Hast du daran gedacht einige von meinen Stücken in Dresden sonst aufzuführen? Robinson in England? Erich und Abel?

Ich wünsche sehr einige gute Nachrichten von deiner Gesundheit zu hören. Und wie befindet sich deine gute Frau und deine lieben Töchter, und die treffliche Gräfin Finkenstein? – Zu Brockhaus’ Urania habe ich eine Novelle geschrieben: „der bleiche Ritter.“ Sage mir deine aufrichtige Meinung darüber, wenn du sie gelesen hast. Ich freue mich dazu wieder eine Novelle von dir in Urania zu finden.

„Quid novi ex Africa“ kann ich sonst fragen; denn das poetische Deutschland fängt jetzt so ziemlich an eine africanische Sandwüste zu werden. – Aber so ist es überall – und so war es zu Theil überall. Der Fluß des Lebens fließt über Sand, und der Sand enthält immer nur wenige Diamanten. Lebe wohl!



    Dein treuer Bruder
    A. Oehlenschläger.




II




    Coppenhagen d. 4 Mai 1834.


Liebster Tieck!

Der junge Müller, ein talentvoller Maler, der gewiß etwas Gutes in seiner Kunst leisten wird, bittet mich ihm einen Brief an Dich mitzugeben. Eigentlich sollte ich Dir nicht mehr schreiben, denn zwei (?) lange Briefe habe ich Dir geschrieben, und Du hast mir keine Zeile geantwortet. Doch – ich weiß daß Du mir treu bist und bleibst, und das ist ja die Hauptsache. Vielleicht waren meine Briefe auch damals zu traurig, was meine Familie betraf, und du wußtest mir keinen rechten Trost zu geben. Jetzt geht alles Gott Lob recht gut. Der junge Müller, ein Sohn meines Hauswirthes, des Bischoffs wird dir alles erzählen können.

Ich bin seit wir uns sahen ziemlich fleißig gewesen. Jetzt werde ich wieder etwas Deutsches schreiben. Ich werde meine Tragödien „Tordenskiold,“ „die Königinn Margareta“ und „die italienischen Räuber“ übertragen. Lese sie, wenn sie herausgekommen sind und sage mir Deine aufrichtige Meinung! Ich habe mit großem Vergnügen Deine Sommerreise gelesen. Adieu, bester Freund! Grüße Deine liebenswürdige Familie und die edle Gräfin Finkenstein vielmals von Deinem treuen Freunde



    A. Oehlenschläger.




III




    Kopenhagen d. 20 Septbr. 1837.


Liebster Tieck!

Ich bitte dich die Güte zu haben meine Tragödie „Sokrates,“ welche dir Dr. Hammerich von mir brachte, meinem Freunde Dahl wieder zu geben; er wird mir das Manuscript nach Kopenhagen schicken.

Ich habe mehre Sachen von mir deutsch übertragen, und will nun sehen einen Verleger für das Ganze zu finden. Einzelne Sachen können in diesem Gewimmel von Büchern, die heraus kommen, sich gar nicht bemerklich machen.

Ich danke dir, daß du in deinen Schriften gelegentlich mit Liebe von mir gesprochen hast. Ich will das als Antwort auf meine Briefe an dich betrachten. Ich bin auch ein fauler Briefschreiber, doch du übertriffst mich hierin wie in vielen andern Eigenschaften. – Ich hoffe immer dich wieder zu besuchen. Willst du nicht eine kleine Tour nach Kopenhagen machen? Du sollst bei mir wohnen und es so gut wie ich haben.

Lebe wohl, alter Freund!



    Dein treuer
    A. Oehlenschläger.




IV




    Kopenhagen d. 7 Nov 1843.


Mein alter Freund!

Ein junger Gelehrter, Cand. Theol. Brasch, der eine Reise macht, wünscht deine persönliche Bekanntschaft zu machen, und bittet mich einige Zeilen zu dir mit zu geben. Dieses habe ich dem jungen hoffnungsvollen Manne, der mehrere Jahre beim Finanzminister Moltke Hauslehrer war, nicht abschlagen wollen; und ergreife zugleich diese Gelegenheit meine Erinnerung in deinem freundlichen Gedächtnisse ein wenig aufzufrischen. Es freut mich zu hören daß du den Einfluß und die Liebe deines Königs erworben, die du verdienst. Ich höre, Ihr spielt jetzt in Berlin Stücke im Geschmack der Alt-Griechen und Alt-Engländer – das ist hübsch von Euch. – Vielleicht kommt die Reihe auch an einen armen Mitlebenden. Schiller sagt: „Wir wir leben, unsre sind die Stunden“ – das ist aber nicht immer wahr. Mitunter kommen erst die Stunden, wenn die letzte Stunde der Lebensuhr geschlagen hat.

Ich habe neulich eine Tragödie gemacht „Dina,“ die in Kopenhagen viel Glück machte. Ich werde ein Exemplar meiner deutschen Uebersetzung nach Berlin und eins nach Wien schicken. Bei dieser Gelegenheit hoffe ich auf deinen Einfluß, wenn das Stück das Glück haben sollte deinen Beifall zu gewinnen.

Gott segne Dich!



    Dein
    treuer Freund
    A. Oehlenschläger.




Paalzow, Henriette, geb. Wach





Geb. zu Berlin 1788, gestorben daselbst am 30. Oktob. 1847.

Godwie Castle, 3 Bde. (1836.) – Saint-Roche, 3 Bde. (1839.) – Thomas Thyrnau, 3 Bde. (1843.) – Jakob van der Nees, 3 Bde. (1847.) – Daß es hauptsächlich der vielbelobte „blühende Styl“ gewesen, welcher diesem weiblichen Autor so rasch die schwärmerische Vorliebe jugendlicher Leserinnen erwarb, wird Niemand befremden, der Periodenbau wie nachstehenden zu würdigenden weiß: „Wenn sie in jungfräulicher Einsamkeit ihn aus der Tiefe ihres Herzens heraufbeschwor, so öffneten sich die Pforten desselben von seliger Fülle gesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen, und horchte der Wunder, die einen magischen Kreis sanft betäubend um sie her zogen!“





I




    Den 14. November 1841.

Sie sind nun hier, und Ihr Königlicher Freund verreist! Sie glauben nicht was mir da Alles einfällt!

Gestern Abend war mein hübsches grünes Wohnzimmer so schön beleuchtet, es war mir als hätte es was vor, wollte mir was erzählen – ich horchte:

„Bin ich denn nicht hübsch genug um ihn aufzunehmen? Soll ich denn nicht aus seinem Munde hören, wie er den großen Meister, dem er huldigt, zu Ehren hilft mit dem Zauber seiner Rede? Wie würde es ihn so gut kleiden, wenn er hier in dem bequemen Lehnstuhl säße – vor sich das Tischchen mit den Lichtern – die Geister die er herauf beschwört, sie hätten hier Raum und die Besten die Du kennst, die müßtest Du sammeln!“

Denken Sie einmal, wie mich solche Phantasien treiben müssen! ich erzähle es Ihnen und hoffe auf Ihr liebes versöhnliches Lächeln!

Die nächste Woche ist so lang – aber die letzte – den 28: erwartet man den zurück, der dann die königliche Hand unerwartet nach Ihnen ausstrecken kann!

Jeder Tag also in dieser, den Sie wählen könnten – und dann! soll das ein Fest werden!

Ihnen wir Beide recht wahrhaft ergeben



    Henriette Paalzow
    geb. Wach.




II




    Den 28. Novbr. 1843.


Hochverehrter Herr und Meister!

Wenn das beifolgende Blatt Sie etwas ungeduldig macht, so denken Sie nur, daß ich dies fürchtend lange anstand es Ihnen zu senden.

Nun ich es heute doch thue, habe ich mir allerlei Gründe ausgedacht, warum ich es thun dürfte, und Sie in gewohnter Weise still halten müßten.

Und vielleicht ist es doch nur ein Grund – einer aber für Alle – „daß Sie da sind! Daß wir Sie haben!“ – Und daraus entsteht dann mein Grund: ich möchte gern, daß Sie mein Gewissen würden – daß Sie Ihr Auge auf mich richteten und theilnehmend zusähen, wie ich mich aus innerer unbezwinglicher Nothwendigkeit gestalte – ich habe ein Gefühl, als müßte mir das Seegen bringen!

Lassen Sie gütigst sagen, ob man Sie schon besuchen darf, und wie es mit dem Befinden der Frau Gräfin geht!

Voll inniger Verehrung Ihnen ergeben!



    Henriette Paalzow
    geb. Wach.




Pauli, L




Herr P. war ein vorzügliches Mitglied des Dresdener Hoftheaters, und besonders als Intriguant in bürgerlichem Schauspiel ausgezeichnet. Sein Wurm in „Kabale und Liebe“ durfte vollkommen genannt werden. Ob für hochtragische Charaktere ihm die erhebende Kraft einwohnte, wagen wir nicht zu entscheiden. Jedenfalls ist diese seine Sturm- und Drang-Petition geeignet, ihm Achtung zu erwerben, und wir bedauern, nicht berichten zu können, welchen Erfolg sie gehabt.

    V. H., den 25. July 1831.


Wohlgeborner


Hochzuverehrender Herr Hofrath!

Wenn es nicht ganz gegen Ihren Willen ist, daß ich auf der hiesigen oder Leipziger Bühne einen Versuch mit der Darstellung Richard III. mache, so bitte ich noch einmal dringend, halten Sie es der Mühe werth, mit mir über den Charakter dieses Meisterwerks, so wie über die scenische Einrichtung des ganzen Stücks berathend zu sprechen. Es wird mir nicht leicht, den Gedanken an die Möglichkeit des Gelingens aufzugeben und hierzu trägt die Ueberzeugung bei, daß viele von den Darstellern dieser Rolle bei andern Bühnen nicht mehr geistiges und physisches Vermögen besitzen, als ich und doch Ruhm und Ehre erworben haben. Ich muß mich vor diesen schämen, da ich nicht vollwichtige Gründe aufstellen kann, die mich zwangen, die Darstellung unversucht zu lassen. Haben Sie die Güte, Hochverehrter Herr, und kräftigen Sie entweder meinen Vorsatz, diese Rolle zu meinem ernstesten Studium zu machen, oder bestimmen Sie mich, nicht mehr daran zu denken.

Sie würden nicht so wiederholt durch meine Bitten belästigt werden, wenn mir seit November vor. Jahres auch nur die geringste Gelegenheit gegeben wäre, auf der hies. Bühne etwas zu leisten, was mein Daseyn bezeugte. Es ist eine Schande, welches unthätige Leben ich führe. Ich bin das nicht gewohnt. In der Arbeit lebe ich nur; darum helfen Sie, daß ich mir selbst welche schaffe, da Eine Allerhöchst verordnete General-Direction von meiner Existenz als Mitglied des hies. Theaters keine Notiz mehr zu nehmen scheint.

In Erwartung, daß Sie mir gütigst einen Tag und die Stunde angeben werden, wo Sie, ohne dadurch belästigt zu werden, meiner Bitte willfahren wollen, habe ich die Ehre, mich mit hochachtungsvoller Verehrung zu nennen


Ew. Wohlgeboren



    ganz ergebener
    L. Pauli.




Pichler, Caroline von, geb. Greiner





Geb. zu Wien am 7. Sept. 1769, gestorben daselbst am 9. Juli 1843. Fruchtbare und vielgelesene Schriftstellerin.

Gleichnisse (1800). – Idyllen (1803). – Lenore, 2 Bde. (1804). – Ruth (1805). – Olivier (1812). – Agathokles. – Die Nebenbuhler, 2 Bde. (1821). – Die Belagerung Wiens, 3 Bde. (1824). – Die Schweden vor Prag (1827). – Die Wiedereroberung von Ofen, 2 Bde. (1829). – Friedrich der Streitbare, 4 Bde. (1831). – Zeitbilder, 2 Bde. (1840). – Sämmtliche Werke, 60 Bde. (1820 bis 1845).

Es erscheint bemerkenswerth, daß die beiden hier mitgetheilten Briefchen dieser Dame, obgleich zwei volle Jahre zwischen dem zweiten und ersten liegen, bis auf die Verschiedenheit des Ausdrucks, einen und denselben Inhalt haben. Man sieht, wie mächtig die von ihr geschilderte Wirkung gewesen sein muß, daß sie so unverändert blieb.





I




    Wien, 10t. May 1828.

Sie gedenken meiner freundlich, und zuweilen bringt ein Reisender mir ein Zeichen dieser Erinnerung. So auch Prf. Ranke im vorigen Herbst. Gern hätte ich gleich geantwortet, aber ich ehre Ihre Muße zu sehr, an welche ganz Deutschland hoffnungsvolle Ansprüche macht. Wenn aber ein Freund durch Dresden geht, und Sie ohnedieß aufsucht, so gebe ich ihm ein Blättchen mit, das mich in Ihr Gedächtniß ruft. Baron Maltiz, ein junger Mann von seltnem Talent, und noch seltenerer gediegener classischer Bildung bringt Ihnen dieß, und wird Ihnen mündlich mehr von uns allen hier in Wien sagen.

Einen köstlichen Genuß hat mir Ihre Erzählung: Der Gelehrte gewährt – dieß Leben, diese Wahrheit, diese höhere Natur des guten Professors, welche alle seine Pedanterie nicht verstecken kann, und die es begreiflich macht, daß man sich in ihn verlieben kann! Nehmen Sie meinen wärmsten Dank und mit ihm den Dank des Freundekreises, der sich nebst mir daran erfreut. Was haben wir aber von dem Aufruhr in den Cevennen zu erwarten? Wie Tantalus steht die lesende und bewundernde Welt vor dem reichen Quell, der vor ihren Augen sich in die Erde verliert, ohne zu wissen ob und wo er wieder hervorbrechen wird? Vielleicht bringt Maltiz uns Hoffnungen, die Sie ihm geben.

Mit der ausgezeichnetsten Achtung



    Ihre
    Pichler.




II




    Wien, 21. Junius 1830.

Frau v. Schlegel, meine sehr theure Freundin, kommt nach Dresden, sie wird Sie sehen, und ich kann es mir nicht versagen, Ihnen durch sie ein Paar Zeilen zu senden. Sie sollen Ihnen sagen, wie sehr mich jedesmahl Ihre gütige Erinnerung, Ihre freundliche Theilnahme erfreut hat, wenn mir ein Gruß, eine ehrenvolle Meinung von Ihnen wurde, und sie sollen Ihnen für so manche schöne Stunden danken, die Ihre neuesten Arbeiten mir gewährt. Leider sind wir alle durch die Eine derselben – gerade die wichtigste (den Cevennenkrieg) tantalisirt werden – und kaum wage ich zu hoffen, daß unsre Erwartungen je erfüllt werden! Für eine kleine Erzählung aber, die ich schon oft und jedesmahl mit neuem Antheil gelesen habe, nehmen Sie ganz besonders meinen Dank, für den Gelehrten. – Wenige Gedichte haben mich in so beschränkter Form, bey so einfachem Gange, mit so natürlichen Verhältnissen und Characteren, wobei Jeder glaubt, sie kennen und unter seinen Bekannten nachweisen zu müssen – so lebhaft und tief zugleich angesprochen. Mir ist, ich wäre zu Hause unter diesen Menschen, und gar so erfreulich und erhebend blickt durch die ängstliche pedantische Hülle des Professors der höhere edle Geist durch, der in einer andern Entfaltung etwas recht Glänzendes und Großes hätte werden können. – Doch ich sage Ihnen Dinge, die Sie selbst wissen, die Andre Ihnen hundertmahl gesagt haben; Dinge die vielleicht auch nur in meiner Ansicht liegen – denn das wird Ihnen wohl auch schon begegnet seyn, daß die Leser Ansichten und Begriffe in Ihre Dichtungen hinein bringen, von denen Sie selbst nichts wußten, die Sie nicht hineingelegt – das ist wohl ein allgemeines Loos.

Leben Sie nun recht wohl, und empfangen Sie die Versicherung der höchsten Achtung von



    Ihrer
    ergebensten
    C. Pichler.




Prutz, Robert





Geb. den 30. Mai 1816 zu Stettin, wo er jetzt wieder seinen bleibenden Aufenthalt genommen, nachdem er mehrere Jahre hindurch eine Professur in Halle bekleidet hatte.

An wissenschaftlichen Werken lieferte er u. A.: Der Göttinger Dichterbund (1841). – Geschichte des deutschen Journalismus, 2 Bde. (1845). – Vorlesungen über die Geschichte des deutschen Theaters (1847.) – Litterarhistorisches Taschenbuch, 6 Bde. (1843–48). – Die deutsche Litteratur der Gegenwart, 2 Bde. (1860).

Seine „Gedichte“ erschienen zuerst 1841. – Dann: Neue Gedichte (1843). – Aus der Heimath (1858).

Von dramatischen Werken sind zu nennen: Nach Leiden Lust, Lustsp. – Karl von Bourbon. – Moriz von Sachsen. – Erich XIV., Trauerspiele.

Von Romanen: Das Engelchen, 3 Bde. (1851). – Felix, 2 Bde. (1851). – Der Musikantenthurm, 3 Bde. (1855) u. a. m.

Die von ihm gestiftete und redigirte Zeitschrift „Museum“ bewahrt dauernd ihre bedeutende Geltung.





I




    Berlin, 21ten Mai (ohne Jahreszahl).

Mit dem unbedingten Vertrauen, welches der Name eines so hochgefeierten Mannes in jeder jugendlichen Brust erregt, zugleich mit der Offenheit, die wol das beste Zeugniß eines bewegten und ernsten Gemüthes ist, wendet sich an Sie, hochgeehrtester Herr! ein junger Mann, der von Ihrem Urtheil, Ihrem Rathe sein fernerweitiges Leben abhängig machen will. Welcher Art dies Gesuch ist, werden Ihnen die eingelegten Papiere andeuten, und schon tadeln Sie vielleicht die Zudringlichkeit dieser halbreifen Poeten, die Sie mit ihren Verseleien verfolgen; – dennoch erlauben Sie mir, Ihnen Ausführlicheres mitzutheilen. —

Unter eigenthümlich aufregenden Verhältnissen erzogen, und von der Natur mit einer mindestens lebhaften Seele begabt, ward es mir sehr früh zum Bedürfniß, dies rastlose innere Treiben in oft sehr unvollkommener poetischer Form zu äußern. So bin ich – zum Dichter freilich nicht; denn dies eben ist es, was mich beunruhigt, und was ich so gern wissen möchte! – zum Versemacher geworden, ohne selbst recht zu wissen, wie; von älteren Freunden aufgemuntert, überließ ich mich gern diesem unverstandenen Drange, dessen Befriedigung mir ein so süßes Spiel war. Jetzt aber, da jene Jugendzeit entschwunden ist und ich mich ganz einer ernsten und ein Menschenleben in Anspruch nehmenden Wissenschaft (dem Studium der Sprachen) seit Längerem gewidmet habe; – jetzt erregt mir dies Spiel mancherlei Zweifel und Bangigkeit. Es will ja Alles heut zu Tage dichten, Alles will mit immensen Talenten, mit großen Hoffnungen prunken – und bei den Meisten ist es nur ein Spielwerk. Bin nun auch ich nicht zu Ernsterem fähig (denn der Trieb zum Dichten ist nicht immer Beruf dazu!) so ist es jetzt Zeit, dem Spiele zu entsagen, gewaltsam jenen Trieb zu unterdrücken und mich mit ungetheilter Kraft dem ernsten Studium zu weihen. Darum thut eine Entscheidung in dieser fraglichen Sache so noth; aber nur der Dichter kann über Dichtertalent und Dichterwerke urtheilen, und darum, geehrtester Herr! wende ich mich an Sie! – In der inneren Befangenheit, da ich jetzt bin, da jener Verse und Gedichte, alle die poetischen Bilder und Gedanken wie ein Ballast auf meiner Seele ruhen, kann ich mich nicht anders davon befreien, als indem ich durch Herausgabe meiner Lieder mich des alten Wustes ganz entäußere, und Raum gewinne in meinem Herzen zu neuen, vielleicht ganz anderen Eindrücken. Aber ich möchte durch mein Buch nicht gern die lange Reihe elender Machwerke vermehren; darum, bitte ich, lesen Sie gütigst die beigefügten Bruchstücke meiner Gedichte: freilich sind es eben nur Einzelheiten, Bruchstücke; allein sie werden Ihnen genügen, daraus zu erkennen, weß Geistes Kind der sein mag, der diese Gedichte empfand und schrieb. Ihrem Urtheile will ich mich gern fügen; denn gewiß werden Sie ebenso richtig urtheilen, als Ihr Urtheil, welcher Art es sein mag, unumwunden aussprechen. Vielleicht, wenn meine Versuche nichts Eigenthümliches beurkunden, wird es mir schwer fallen, alle ferneren Ergüsse meiner Seele zu hemmen; das Eine aber gelobe ich Ihnen feierlichst, daß ich nie gegen Ihren Rath an Veröffentlichung meiner Machwerke denken werde. Verdienten sie jedoch, dem Publikum übergeben zu werden, so würde ich ihnen einen wohlberufenen Verleger zu verschaffen suchen; denn auch hierin bin ich ängstlich. Mit großem Rechte giebt man bei der heutigen Büchersündfluth fast mehr auf den Namen des Verlegers, als auf die Titel des Verfassers. Dann, geehrtester Herr! würde ich zu so vielen Bitten noch ein neues Gesuch hinzufügen: erlauben Sie mir, Ihnen, dem gefeierten und von mir geliebtesten Dichter, dem Einzigen unter den Mitlebenden, dessen Namen noch an jene für ewig hingeschwundene glänzendere Zeit unserer Literatur erinnert – Ihnen, dem Manne, der sich auch meiner freundlich annehmen wird, als ein öffentliches, wenn auch vielleicht nur allzuvergängliches Denkmal unvergänglicher Achtung und Liebe jenes Bändchen Gedichte zu widmen. – Doch freilich sind das Träume, deren Verwirklichung sehr fraglich, denen sich hinzugeben, sehr gefährlich ist. —

Indem ich jetzt diesen Brief wieder durchlese, tritt es mir recht lebhaft vor die Seele, wie sehr Sie erstaunen mögen über dies zudringliche, vielleicht langweilige Geschwätz; ja, Sie mögen unwillig werden, wenn ich Ihnen eine recht – recht baldige Beantwortung meines Briefes mit gehorsamster Bitte recht dringend an’s Herz lege; aber sehen Sie – darum bitte ich: – in allen diesen Außergewöhnlichkeiten, sogar in diesen Verstößen gegen Sitte und Bescheidenheit nur Merkmale der unbegrenzten Hochachtung, Verehrung und Liebe, mit welcher ich Ihrer gütigen Theilnahme mich empfehle.



    R. E. Prutz.




II




    Dresden, d. 13. Aug. 34.

Auf einem kleinen Ausfluge in’s sächsische und böhmische Gebirge auch Ihr liebliches Dresden berührend, war mein erster Gang in Ihre Behausung; denn obwohl Sie, verehrtester Herr! mich auf mein freilich sehr andringliches und seltsames Ansuchen noch mit keiner Antwort erfreut hatten, hoffte ich dennoch, Ihr freundliches Wohlwollen werde mir die Gunst längst ersehnter persönlicher Nähe nicht versagen. Leider will der Zufall, daß ich Sie hier nicht finde, und meine Zeit gestattet mir keinen längeren Aufenthalt: sehr schnell und sehr ungern muß ich diesem kleinen Paradies mein Lebenwohl! sagen. Dennoch kann ich nicht umhin, mich mindestens schriftlich neuerdings Ihrer Theilnahme, Ihrer freundlichen Geneigtheit zu empfehlen: wohl mögen Sie den Kopf schütteln, und ich erröthe ja auch selbst über dies ungeschickte und Ihnen wol gar verhaßte Ansuchen; aber gar zu lieblich hatte ich’s mir geträumt, die alten Zeiten neu zu machen, und wie jene wackern mittelalterlichen Sänger von dem Meister und wo möglich vor dem Meister selbst zu lernen. Jene Zeiten sind dahin, und wie so unsäglich vieles Schöne auch dies mit ihnen; aber ich weiß nicht, welche Stimme mir zuflüstert, daß sie für mich noch wiederkehren, daß Sie, Geehrtester! meinem herzlichen Gesuche um Rath, Theilnahme und Belehrung sich nicht entziehen werden. Und so hoffe ich denn bald, recht bald (denn Sie mögen denken, wie froh und zaghaft ich seit Monaten harre!) einige Zeilen von Ihnen zu empfangen. In dieser freundlichen Hoffnung und mit der wiederholten Bitte, meinem Anliegen nicht ganz abhold zu sein, empfehle ich mich Ihrer gütigen Theilnahme



    ergebenst
    R. E. Prutz.




III




    Halle, 13. April 1840.


Hochwohlgeborner Herr,


Hochgeehrtester Herr Hofrath!

Nicht ohne einige Besorgniß, durch die lange Benutzung der beifolgenden Bücher die außerordentliche Güte, mit welcher Sie mir dieselben verstattet, gemißbraucht zu haben, sende ich endlich diese Bücher, nämlich:



Oehlenschlägers Holberg, 4 Bde.

Holbergs Schr. v. Rahbek, 6 Bde.

Gherardi’s Theâtre Italien, 6 Bde.


mit meinem ebenso aufrichtigen, als ergebenen Danke sowohl für das unschätzbare Vertrauen, welches Sie mir theilnehmend bewiesen, als für die mannigfache Belehrung und Förderung, die mir aus diesen Büchern erwachsen ist, zurück.

Erlauben Sie mir, Hochgeehrtester Herr Hofrath, diesem Danke zugleich die aufrichtigsten und innigsten Wünsche für Ihr uns Allen so werthes Wohlergehen, sowie die Versicherung der dankbarsten Ergebenheit beizufügen, mit welcher ich mich empfehle als


Ew. Hochwohlgeboren



    ergebenster
    Dr. R. E. Prutz.




Quandt, Johann Gottlieb von





Geb. den 9. April 1787 zu Leipzig.

Als Kunstkenner und kunsthistorischer Schriftsteller hochgeachtet. – Streifereien im Gebiete der Kunst, 3 Th. (1819.) – Entwurf zu einer Geschichte der Kupferstechkunst (1826.) – Vorträge über Aesthetik für bildende Künstler (1844.) – Leitfaden zur Geschichte der Kunst (1852.) – u. a. m.





I




    Leipzig, 12ten Okt. 1829.


Verehrter Herr Hofrath

Hätte nicht schon die innigste Verehrung und Freundschaft mich zu Ihnen hingezogen, so würde die Pflicht der Dankbarkeit es von mir unerläßlich gefordert haben, nach meiner Rückkehr von Teplitz Sie zu besuchen. Auch befand ich mich bereits an Ihrer Thür, erfuhr aber, daß Sie ausgegangen waren. Bis ich von Leipzig zurückkomme, kann ich es nicht verzögern Ihnen zu sagen, welche große, fast an Beschämung grenzende Freude, Sie mir durch Zueignung des dritten Bandes Ihrer Werke verursacht haben.

Kann wohl etwas wünschenswerther seyn, als daß wir nicht, wie ein Schiff auf dem Meere, hinter welchem die Wellen zusammenschlagen und die Furche des Kiels verwischen, spurlos vorübergehn? – Durch dieses öffentliche Zeugniß Ihres Wohlwollens haben Sie die Mitwelt mir befreundet und mein Andenken für die Nachwelt aufbewahrt und mich ohne Mühe und Verdienst, zum berühmten Manne gemacht; also für mich gethan, was ich nicht zu erreichen vermocht hätte.

Dies und noch vieles habe ich Ihnen zu sagen und zu danken. So auch die Abschrift des Prologs zum Faust und die Aufführung des Fausts selbst. Doch hievon mündlich ein Mehreres und für jetzt nur so viel; daß der Prolog als ein Wort zur rechten Zeit und am rechten Orte, nicht nur auf die große und schwerfällige Masse des Volks die rechte Wirkung belehrend hervorbrachte, sondern auch dem mit Göthe vertrauten und begeisterten Verehrer ward das Innigste und Tiefste dieses gewaltigen Dichters, mit seiner kräftigen und sonnigen äußern Erscheinung, in einer umfassenden Anschauung, vor die Seele geführt. Als ich die Rede vernahm, war mir zumuthe, wie es einem großen plastischen Künstler seyn muß, denn in mir gestaltete sich Göthes Bild zu einer colosalen Statue.

Bey einigen Mängeln im Einzelnen, war die Aufführung doch sehr gelungen, denn die Hand, welche alle Figuren lenkte und führte, hielt das Ganze kräftig zusammen und hielt es empor. Sowohl die Folgsamkeit mehrerer Talente als auch der Zuschauer, muß Sie sehr erfreut und für große Anstrengungen belohnt haben. Nur der Teufel[3 - Sollte dieser, „den Pferdefuß allzusehr zur Schau tragende“ Teufel nicht derselbe Künstler gewesen seyn, dem wir auf umstehenden Blättern als Expektanten des K. Richard III. begegneten?] schien Ihnen nicht gefolgt zu haben und trug seinen Pferdefuß zu sehr zur Schau und obwohl dieser Geist mich bisweilen störte, so ergriff mich doch das Ganze allmächtig und eine solche Wirkung von der Bühne habe ich fast noch nie erfahren.

Immer hat sonst der Faust beym Lesen eine tiefe Schwermuth zurückgelassen; so war es aber nicht, nachdem ich die Darstellung gesehn hatte.

Der Mensch ringt und quält sich nur so lange, als ihm noch eine Hoffnung bleibt und fügt sich klaglos, ernst und fest der Nothwendigkeit. Nun wurde mir es bey der Darstellung recht klar, daß Gretchen in Fausts Armen unabänderlich zermalmt, daß sie in diesem Riesenkampfe eines Geistes, wie Faust ringt, untergehen muß und darum trat auch die Fassung über ihr Schicksal ein. Auch ist es, als wenn durch die ungeheuren Leiden, Liebe, Reue, Wahnsinn, in der letzten Scene alle Schuld abgebüßt und durch den letzten Schmerzensschrey: Heinrich! Heinrich! die Seele alle Qualen ausstieße, und sich von ihnen und dem Leben befreyt und gerettet losrisse, wodurch eine Versöhnung eintritt, die allen Schmerz hinter sich liegen und keinen übrig läßt.

Der Faust selbst aber führt eine solche Kraft in und mit sich, daß diese auf den Zuschauer überströmt und ihn aufrecht erhält.

Ueber alles dieses bedarf ich von Ihnen Aufklärung und Belehrung und freue mich Sie recht bald zu sprechen. Empfehlen Sie mich unterdeß der Frau Gräfin und Ihrer verehrungswürdigen Familie, der ich mit größter Hochachtung und Dankbarkeit verbleibe



    Ew. Wohlgeboren
    ganz ergebenster Diener
    Quandt.

Mein guter Wagner, der eben bey mir war und Ihrer mit wahrer Verehrung gedenkt, läßt sich Ihnen freundschaftlich empfehlen.




II




    Dresden, 10ten April 1843.

Da nur die Briefe, welche eine Antwort erfordern, Ihnen unwillkommen sind, so darf sich dieser wohl einer gütigen Aufnahme erfreun, weil ich damit nichts weiter will, als daß Sie, verehrter Herr Geheimer Rath, nur einen Augenblick an mich denken mögen. Auch verlange ich nicht, daß Sie das beifolgende Buch lesen. Ich halte als ein eingerosteter Legitimer so sehr auf alte, gute Gebräuche, daß ich Ihnen dieses Buch aus verjährter Gewohnheit übersende, ohne mir einzubilden, meine Schriften könnten Ihnen eine Unterhaltung gewähren. Es ist mir die größte Freude, als Zeichen und Tribut wahrster Verehrung Ihnen zu überreichen, was ich in den einsamen Winterabenden gesponnen habe. Die Recensenten, welche es nun auf die Bleiche bringen und mit Wasser begießen, werden nicht fein damit umgehn, zumal mit Stellen, wie die Vorrede und pag. 36–41, 89–93 und 290–291. Wer dem Volke nicht schmeichelt, ist jetzt der wahre Freimüthige.

Da jedermann an Ihnen den lebhaftesten Antheil nimmt, so bin ich über Alles unterrichtet und habe mich über das Gute und besonders die Wiederherstellung Ihrer Gesundheit herzlich erfreut.

Mein Leben geht in seiner, ich möchte sagen, bunten Einförmigkeit, halb auf dem Lande, halb in der Stadt, so fort, wie Sie es kennen. Bei der Academie und den Museen hat sich nichts verschlimmert. Ich wüßte Ihnen also nichts Neues zu erzählen.

Meine Frau und ich empfehlen uns der Gräfin von Finkenstein bestens und insbesondere wünscht meine Frau Ihrem Andenken freundschaftlichst empfohlen zu seyn, so wie ich mit größter Verehrung verharre



    Ihr
    allerergebenster Diener
    v. Quandt.




Rahbek, Knud Lyne




Geb. zu Kopenhagen am 18. December 1760, gest. im Jahre 1830.

Ein fruchtbarer Schriftsteller, der vielerlei litterarische, dramatische und andere poetische Werke herausgab – z. B. Poetiske Forsoeg (Versuche), 2 Bde. (1794–1802) – obwohl ihn seine Landsleute nicht zu Dänemarks ersten Dichtern zählen.

Er docirte in verschiedenen Epochen von 1798 bis 1825 Aesthetik und Geschichte, als Professor an der Kopenhagener Universität und am Christians-Institut. Dazwischen durchreiste er mehrfach Deutschland und Frankreich, mit besonderer Berücksichtigung litterarischer und theatralischer Zustände, sammelte vielseitige Erfahrungen, und wurde nach seiner Heimkehr Mitglied der Theater-Commission, so wie auch Vorstand einer durch ihn ins Leben gerufenen, von der Regierung gegründeten Theaterschule, die er zehn Jahre hindurch geleitet hat.

    Hamburg, am 2ten Jan. 1823.

Ich ergreife die Gelegenheit, da mein Freund und Collega, der Herr Prof. Bang – Freund und Verwandter unseres Freundes Steffens – nach Dresden geht, um eine alte Schuld abzutragen, und Ihnen meinen innigen Dank abzustatten, für die liberale Herzlichkeit, womit Sie sich von Zeit zu Zeit so vieler meiner theuren hingeschiedenen Zeitgenossen und Freunde annehmen, gegen die.. (unlesbar) des jetzigen Zeitgeistes. Wahr ist es, wir mögen uns zu unserer Zeit wohl ein Bischen übergeschätzt, wenigstens übergelobt (sagt man so, könnte man doch so sagen! würde mein Schwager Oehlenschläger hinzufügen) haben; wie es denn nun wohl überhaupt eine etwas überhöfliche Zeit war. Daß man aber in späteren Zeiten manchmal das Kind mit dem Bade verschüttet, das haben Sie jetzt bei so mancher Veranlassung, besonders in der Abendzeitung, so deutlich bewiesen, daß mir, dem das Andenken seiner Hingeschiedenen über Alles werth und theuer ist, das Herz dabei aufgegangen, und daß ich mich seit Monaten mit dem Gedanken herumgetragen haben, Ihnen schriftlich Dank auszusprechen im Namen meiner Schröder, Fleck, Iffland, Jünger und so vieler der Meinigen; besonders da der freundliche Gruß, den Professor Rosenvinge mir vor zwei Jahren von Ihnen brachte, mir die Freude gewährt, daß Sie meiner mit Güte gedenken.

Ich werde Ihnen meinen Freund Bang nicht empfehlen, denn die Empfehlung, die er in seinem gebildeten und feinen Geiste, in seinem hellen Kopfe, in seinen mannigfaltigen Kenntnissen, und in seinem liebenswerthen Charakter allenthalben mitbringt, macht ihm jede andere Empfehlung überflüssig.

Eine andere Neuigkeit, die Sie als einen gerechten Schätzer unseres trefflichen Holberg interessiren wird, kann ich mir nicht versagen Ihnen zu melden: daß ich, durch eine Notiz in einem sehr gut gewählten, in Copenhagen erschienenen Handbuch der deutschen poet. Litteratur (von dem dasigen Professor F. C. Meyer) bewogen, Ihren alten Gryphius durchgegangen bin, und mich – gegen meine vorhergehegte Meinung – überzeugt habe, daß Holberg nicht bloß manche Idee seines „Bramarbas,“ sondern auch die prima stamina mehrerer Stücke und Scenen dem Horribili scribifax verdanke. Ich habe in einem Aufsatze meines Journales Hesperus diese Entdeckung dem dänischen Publiko mitgetheilt. Wenn es Sie interessiren sollte diesen Aufsatz, so wie auch eine eigene Schrift, die ich über Holberg im Geschmack der „Etudes sur Molière“ geschrieben, zu kennen, bitte ich Sie es mir durch meinen Freund B. wissen zu lassen, und ich werde die erste Gelegenheit ergreifen, die sich darbietet sie zu übersenden.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner innigsten Hochachtung, und entschuldigen Sie wenn dieser Brief gar zu viele Spuren einer undeutschen Feder an sich tragen sollte.



    Erkenntlichst und ergebenst
    K. L. Rahbek.




Rake




Professor an der Universität zu Breslau; ein schlichter, anspruchsloser Gelehrter, von dessen Leben und wissenschaftlichem Wirken wir nichts Näheres beizubringen vermögen. Sein Schreiben soll nur als historisches Dokument hier stehen, und findet sich noch eine Beziehung darauf in einem der Steffens’schen Briefe.

    Breslau, d. 13ten Februar 1816.


Wohlgeborner


Hochgelehrter Herr Doctor,


Hochzuehrender Herr!

Ew. Wohlgeboren habe ich das Vergnügen bekannt zu machen, daß die philosophische Facultät der Universität zu Breslau bey Gelegenheit der Feier des Friedensfestes Ihnen die philosophische Doctor-Würde ertheilt hat. Es ist mir eine sehr angenehme Pflicht, bey diesem ehrenvollen Geschäfte das Organ der Facultät zu seyn. Indem ich Ew. Wohlgeboren hiermit das Doctor-Diplom übersende, bitte ich Sie, dasselbe als einen Beweis der Hochachtung anzusehen, welche die philosophische Facultät einem Manne von so ausgezeichneten litterarischen Verdiensten mit dem größten Vergnügen öffentlich zu erkennen giebt.

Genehmigen Sie die Versicherung der vollkommensten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu seyn


Ew. Wohlgeboren



    ergebenster Diener
    Rake
    z. Z. Decan
    der philosophischen Facultät
    der Universität zu Breslau.




Raßmann, Christian Friedrich




Geb. den 3. Mai 1772, gestorben den 9. April 1831.

Die von ihm verfaßten Schriften sind sehr zahlreich. Meistentheils sind es Sammelwerke verschiedenartigsten Inhaltes, die Umsicht, Kenntniß und gewissenhaften Fleiß an den Tag legen.

Handwörterbuch verstorbener deutscher Dichter von 1137 bis 1824 – Kurzgefaßtes Lexikon deutscher pseudonymer Schriftsteller – Sonette der Deutschen – Triolette – Pantheon der Tonkünstler – und viele andere. – Auch Mancherlei eigene Poesieen. —

Er war gewissermaßen ein Vorläufer solcher hochverdienter Männer wie z. B. Gödeke; und wenn seine vielfach beschränkten und mangelhaften Bestrebungen auch nicht im Entferntesten hinanreichen an dessen immense Leistungen, so muß man ihm doch, seine Zeit und hauptsächlich seine gedrückten Verhältnisse im Auge, zugestehen, daß er tüchtig, redlich, unverdrossen gearbeitet hat, während er leider oft mit dem Hunger kämpfte. Er war der Sohn des gräflichen Stollberg’schen Bibliothekars in Wernigerode, wurde nach zurückgelegten Universitätsjahren Lehrer an der Marienschule zu Halberstadt, und gab diese, allerdings dürftige Stellung auf, um in seiner Vaterstadt von der Schriftstellerei zu leben, – die ihm dann, wie ach! so vielen ihrer Jünger, das Nöthigste versagte. Er kam aus Noth und Mangel nicht heraus. Uns sind Fälle bekannt, wo er ihm unentbehrliche schriftliche Zusendungen uneröffnet zurückgeben lassen mußte, weil er – die paar Groschen Postgeld nicht aufzutreiben vermochte.

Leidend und niedergebeugt wehrte er sich, so weit er konnte, durch rege Thätigkeit bis an’s Ende, und verfiel niemals – wie so mancher seiner Mitbrüder – auf das verächtliche Auskunftsmittel, seine Feder in Gift zu tauchen, damit Furcht, Eitelkeit oder Bosheit sie erkaufen möchten.

Deshalb bleibe das Andenken des armen Mannes in Ehren!



Sestine

		Wer säumt, die herbe Schlehe hinzugeben,
		Wird ihm die süße Traube dargeboten?
		So tauschen heißt fürwahr, ein Fest begehen. —
		Auch mir ist solch ein schönes Loos gefallen:
		Drum laß’ ich jetzt die Lust, die nektarreiche,
		Durch der Sestine Echopforten ziehen.

		Wohl manches Jahr sah ich vorüberziehen,
		Seit ich antiker Dichtung mich ergeben!
		Nur Hellas Rhythmus konnte mir gefallen,
		Der Mythen Sprache, ha! die bilderreiche;
		Mit Sprea’s Schwan, der mir den Gruß geboten,
		Mocht’ ich so gern im Tempel mich ergehen.

		Doch endlich sollte diese Nacht vergehen,
		Herauf ein helles Morgenroth mir ziehen,
		Vom Auge sollten mir die Schuppen fallen,
		Des argen Wahnes sollt’ ich mich begeben,
		Daß Poesie die höchste Stuf’ erreiche,
		Wenn Griechheit drin die Kräfte aufgeboten.

		Dich sah ich, Tieck, den leichtbeschwingten Boten
		Aus Südens Zone, der Romantik Reiche,
		Im blüthenvollen Frühlingswalde gehen:
		Da lag mir das Antike schnell zerfallen!
		Mit Dir, mit Dir mußt’ ich den Wald durchziehen,
		Und Deines Liedes Zauber mich ergeben.

		O, könnt’ ich halb den Ton nur wiedergeben,
		Den Ton, geschaffen, tief ins Herz zu gehen,
		Den Du im „Octavianus“ ließest fallen!
		Der Märchenwelt, der herrisch Du geboten,
		O könnt’ ich meine Muse ihr erziehen,
		Aufschließen Wunder in dem Wunderreiche!

		Umsonst! ich bin nicht mehr der Jugendreiche,
		Dem Irrlicht hab’ ich meinen Lenz gegeben!
		Die Furche naht, die Stirn mir zu beziehen,
		Die Locke will zur Bleichung übergehen.
		Dir nachzujagen ist mir drum verboten;
		Mein Schloß der Phantasie steht fast verfallen.

		So oft des Lenzes Boten aber ziehen,
		Und Blüthen fallen, will zum Wald’ ich gehen,
		Und Deine reiche Dichtung neu mir geben.

    Friedrich Raßmann.



Raumer, Karl v





Geb. am 9. April 1783 zu Wörlitz; zur Zeit der bekannten Turnstreitigkeiten Professor in Breslau; seit 1827 an der Universität in Erlangen; gelehrter und berühmter Verfasser zahlreicher geognostischer und geographischer Werke; auch einer Geschichte der Pädagogik, 3 Bde. (2 Aufl. 1846–52.)

Da wir leider keinen Brief seines Bruders Friedrich mehr vorfanden, weil diesem vertrautesten Freunde Tiecks sämmtliche Blätter von seiner Handschrift geziert zu eigner Verwendung zurückgestellt wurden, so wären an und für sich diese beiden Schreiben des Herrn Prof. Karl von Raumer schon höchst willkommen gewesen, damit solch’ hochgeachteter Name in der Sammlung nicht fehle. Doppelter Gewinn ist es nun, daß die Zuschrift von 1832 durch ihren tiefen Gehalt unschätzbaren Werth besitzt, und zu einem der anziehendsten Stücke im bunten Gemisch so verschiedenartiger Expektorationen wird.

Für diejenigen, welche den Familienverhältnissen fremd blieben, sei noch erwähnt, daß Frau von Raumer, eine Tochter Reichardt’s, die Schwester der verstorbenen Johanna Steffens, und daß Ludwig Tiecks Gemahlin ihrer Mutter Schwester war.





I




    Erlangen d. 26ten Obr. 1832.

Liebster T., was mußt Du und die gute Tante von mir denken, daß ich schon mehrere Wochen zu Hause bin, ohne ein freundliches Wort über Eure so überaus freundliche Aufnahme zu schreiben. Doch denke ich, Ihr müßt mirs angemerkt haben, wie mir bei Euch so wohl war, da ich, nach dem überaus unruhigen Leben in Berlin, wieder allmählig still wurde. – Ja danke Dir, liebster T., daß Du mir so viel Zeit schenktest; mögen wir auch über manches verschieden denken, ich fühlte doch, daß ich mit Dir getrost und friedlich auch über die Differenzpunkte sprechen könnte. Ja ich fühle eine Sehnsucht, den Gedankenstrich auszufüllen, den wir am ernsten Schluß eines Abendgesprächs machten – und welcher Schluß ist denn wohl ganz geschlossen? welcher ist nicht der Prolog eines spätern Stücks! – Ich schreibe nun freilich so spät, weil ich hier viele Geschäfte vorfand, weil eine vortreffliche Frau aus unserer Bekanntschaft starb – doch der wahre Grund ist, daß ich immer damit umgieng, durch einen langen Brief jenen Gedankenstrich zu ersetzen, dazu kam ich aber nicht und komme ich auch jetzt nicht.

Ich kenne Dich und Deine Werke nun schon seit 30 Jahren, und darf sagen: ich kenne Dich nicht wie ein kühler Leser, sondern ich habe Dich innig lieb gewonnen. Deine Dichtungen haben in mein Leben eingegriffen und mich selbst auf die einsamsten Gebirgsreisen begleitet. Deine Vorlesung des Alten vom Berge war recht geeignet Alles zur Sprache zu bringen, was ich zu besprechen auf dem Herzen hatte: den Zauber der Natur, die Gewalt der Sünde, den Scheideweg zur Verzweiflung oder zur Gnade. Du hast so tief in den schauderhaften Abgrund des menschlichen Daseyns geblickt.

		Wohl dem den tief die heilgen Schmerzen trafen,
		Die tief im Weltall schlafen.

Der Schmerz über das verlorene Paradies erweckt die Sehnsucht nach dem neuen, nach dem Erlöser. – Immer muß ich Dich wieder fragen, warum müssen kraft Deiner Prädestination so viele Kinder Deines Geistes verloren gehn – Tannhäuser, Ekbert, Walter, Christian, der Alte vom Berge &c. Warum hast Du nicht – Gott ähnlich – keinen Gefallen am Tode des Sünders, sondern willst daß er lebe? Ich kann der Berufung auf die innere Nothwendigkeit des Individuums nicht beipflichten. Kannst Du mit Gewißheit von einem lebenden Menschen sagen: er falle der Hölle anheim!? Wer ergründet die Kraft der Gnade, die sich (scheinbar inconsequent) des Schächers am Kreuze erbarmte, wer begreift die Intensität der Sterbestunde, welche viele lange matte Jahre aufwiegt. Ja die Gnade, welche blutrothe Sünde schneeweiß macht, spottet alles poetischen Calculs der Consequenz, auch der Dichter kann von seinen Menschen nicht sagen: sie seyen verdammt. Winchester auf dem Sterbebette ist eine furchtbare Ausnahme – das Tragischste, was ich kenne, denn da spielt das Stück über den 5ten Act hinüber in die Ewigkeit. Hiernach dürfte nach christlichen Principien der Aesthetik entschieden werden, was Tragödie und tragisch sey. (Divina Comedia dagegen.)

Ich vergas auch mit Dir über Deine „Verlobten“ zu sprechen, oder verschob es auch mit, besorgt Du möchtest mich selbst zu den Pietisten rechnen. Ich meine die falschen Pietisten kommen bei Dir viel zu gut weg, die aufrichtigen Christen aber schon dadurch schlimm, daß sie vom Publicum (wie ichs erfahren) mit jenen falschen Deiner Verlobten in eine Klasse gestellt werden. Gegen eine solche Interpretation diente eine getreue Charakterschilderung eines ehrlichen Christenmenschen als die beste Widerlegung. —

Das Wichtigste worüber ich mit Dir sprechen möchte, bleibt der Gegensatz von Natur zu Gnade, Geburt und Wiedergeburt. (Joh. 3. Nikodemus.) Der Teufel macht uns weiß, daß mit dem Absterben des alten Menschen die schönsten Gottesgaben verloren giengen – als wenn Sonne und Mond und Sterne für den verloren giengen, der sich von Anbetung derselben zur Anbetung Gottes wendet. Im Gegentheil wird durch Christus die Naturgabe verklärt, geheiligt ja unsterblich – während auch die größte Gabe, ohne solche Wiedergeburt, wie eine Blume des Feldes blüht und verwelkt. Geister wie Seb. Bach, Kepler, Eyk &c. trösten am besten und zeigen den Weg. —

Doch genug mein liebster T., nimm dies als eine flüchtige Andeutung dessen, worüber ich eben gern gesprochen hätte. Du bist zu tief, als daß Du Dich selbst mit dem Trost des oberflächlichen Volks beruhigen und befriedigen könntest – auch helfen die Scherze, wie die gegen das Ende des Alten vom Berge nicht. Als die alte Schütz im Sarge lag, kam die Hendel Schütz zum Alten, und sagte ihm: er solle doch die Leiche noch einmal sehen. Sie hatte das Todtengesicht geschminkt! Der Alte sagte: der Anblick versetze ihn in seine Jugend zurück. Bald darauf meldete der Todtengräber: er könne es vor Gestank der ins Gewölbe beigesetzten Leiche nicht aushalten, und die Alte mußte nachträglich unter die Erde wandern. —

Soll ich mit der scheuslichen Geschichte schließen? – lieber ganz getrost mit 1 Corinther 15. – Die herzlichsten Grüße der lieben Tante, der Dor., der verehrten Gräfin. Auch an St. der mir so freundlich entgegenkam viele Grüße. Den besten Dank noch für den trefflichen Wein, welcher mich Nachts besonders erquickte.



    Leb recht wohl.
    Dein K. Raumer.




II




    Erlangen d. 27ten Aug. 1840.


Liebster Tieck,

Herr Durand Stud. Theol. aus Lausanne reist von hier über Wien nach Dresden und wünscht sehr Dich kennen zu lernen. Er ist ein lieber Mensch, der unter A. mit französischem Feuer die Volkslieder seines Vaterlandes zur Guitarre singt. Auch soll er improvisiren; ein deutscher Freund in Lausanne empfahl ihn mir als einen Troubadour, was ich nicht wiederhole, um durch die Empfehlung nicht zu schaden. – Wir hören so gar nichts mehr von Dir und Deinem Hause. Mein Bruder ist auch so schreibfaul, daß ich wohl seit ½ Jahre keinen Brief erhielt und wir ganz abgeschnitten von unsrer Familie sind. – Sonst geht es uns gut, nur leidet Rikchen etwas an den Augen. Mein Rudolph ist Privatdocent und liest nächstes Semester Nibelungen, im jetzigen hat er eine Geschichte der deutschen Gramm. vorangeschickt. Hans studirt (im letzten Jahre). Dorothee will ich morgen besuchen, sie ist wohl wie meine übrigen 3 Mädchen.

Reisest Du gar nicht mehr? Kommst Du mit den lieben Cousinen nicht noch einmal nach Er., Deinen alten Lehrer Mehmel findest Du nicht mehr, er starb im 80sten Jahre an demselben Tage mit dem Könige von Preußen.

Vielleicht besuche ich Dich im künftigen Jahre, ich sehne mich recht darnach.

Rikchen grüßt mit mir Euch aufs Herzlichste.



    Dein Raumer.




Recke, Elisa von der




Geboren zu Schönburg in Kurland am 20. Mai 1754, gestorben zu Dresden am 13. April 1833.

Der entlarvte Cagliostro (1787.) – Reise nach Italien, 4 Bde. (1815.) – Gebete und Lieder (1783.) – Gedichte (1806.) —

Dies Briefchen ist zwar an Gräfin Henriette F. gerichtet, doch aber nur für Tieck bestimmt, gehört also hierher, und mußte schon deshalb eingereiht werden, weil der gleichzeitige Aufenthalt Tieck’s und Tiedge’s (bei seiner Freundin Elisa lebend) in Dresden, zu manch’ ergötzlichen Qui pro quo’s Veranlassung gab, deren vorzüglich reisende Engländer und Engländerinnen, denen es nur um die obligate Quittung über glücklich absolvierte Celebritäten und Merkwürdigkeiten für ihre Notizbücher zu thun ist, die ergötzlichsten lieferten.

    Dresden d. 22. Ap. 1821.

An Sie, Theure Freundin, wende ich mich, um von Ihnen zu erfahren, ob unser Freund Tieck, den nächsten Donnerstag, das ist, d. 26 dieses Monathes, die Stunden von 12 bis 5 Uhr freyhat; und ob unser Freund mir dann den Genuß geben könnte, in den Mittagsstunden von ihm das Trauerspiel seines Freundes Kleist lesen zu hören. Nur in den Mittagsstunden bin ich eines solchen Genusses fähig: wenn die sechste Abendstunde herannaht, dann drückt mich eine Schläfrigkeit, die mich jedes geistigen Genusses unfähig macht. Noch bitte ich auf diesen Fall einige wenige Freunde, die unsern Tieck noch nicht lesen gehört haben, diesen Genuß zu verschaffen. Es werden nur wenige seyn, denn immer noch werden meine Kopfnerven schmerzhaft gereitzt, wenn ich viele Persohnen um mich sehe; Sie Theure Gräfin müssen mir aber die Freude machen, unsern Tieck herzubegleiten, denn es ist mir ein doppelter Genuß, wenn ich bey jeder schönen Stelle auf Ihrem Gesichte die edlen Empfindungen Ihrer Seele lesen kann. – Können Sie beyderseits mir Donnerstag Ihre Gegenwart schenken, so wird mein Wagen Sie vor der 12ten Mittagsstunde abholen, und nach beendigter Lektüre genießen wir dann in kleinem Kreise, ein frugales Mittagsmahl.

Im Geiste freue ich mich heute schon dieser schönen Aussicht; denn ich bin dessen fest überzeugt, daß wenn Ihre beyderseitige Gesundheit es gestattet, meine Bitte erfüllt werden wird. – Mit herzinniger Hochachtung



    Ihre
    Ihren Werth fühlende
    Elisa von der Recke.




Regis, Johann Gottlob




Geboren zu Leipzig 1791 an Shakspeare´s Geburtstage; gestorben 1854 zu Breslau einen Tag nach Goethe´s Geburtstage.

Aus dem Englischen, aus dem Italienischen, aus dem älteren Französischen, gab dieser sehr gelehrte, tief in den Geist der Zeit wie der Sprache eindringende Forscher Uebersetzungen, die vielleicht nur den Fehler haben mögen, daß sie dem ungelehrten Leser zu hoch stehen. Sowohl Shakspeares Sonette – (geläufiger scheint uns sein Timon von Athen) – als den Bojardo, vorzüglich aber den Rabelais muß der Deutsche aus Regis Verdeutschung sich gewissermaßen noch einmal übersetzen. Und deshalb dürften den ganzen unschätzbaren Werth dieser Riesenarbeit nur diejenigen vollkommen anzuerkennen fähig sein, die seine gewissenhaften Uebersetzungen als Schlüssel betrachten, der ihnen den Zugang zum Verständniß der Originale eröffnet und erleichtert.





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notes



1


Meine Frau will ausdrücklich bemerkt wissen, daß sie mir diese Büste zu meinem 32ten Geburtstage, den 7t. Oktober 1826, geschenkt hat.




2


Das Wort „Pfuscher,“ welches Michel Angelo in der Heftigkeit gegen Antonio Allegri ausstößt.




3


Sollte dieser, „den Pferdefuß allzusehr zur Schau tragende“ Teufel nicht derselbe Künstler gewesen seyn, dem wir auf umstehenden Blättern als Expektanten des K. Richard III. begegneten?


