Halbtier
Helene Böhlau




Helene Böhlau

Halbtier





1


Fernes Gewittergrollen verliert sich im lauten Treiben des Menschenstroms, der die schwülen Straßen füllt.

Über dem ganzen überspannten, überbürdeten Menschentum lastet die große Sonnenhitze und die Enge der Gassen, die Höhe der Häuser.

All diese Menschen sind so eingezwängt, wenn sie’s auch nicht klar wissen.

Die Enge der Herzen, die Enge der Köpfe und Gesinnungen, der Höfe und Gänge, die Enge der Stuben, der ganze Brodel in dem sie leben, alles lastet und drückt und macht sie stöhnen und stimmt sie unbewußt sehnsuchtsvoll, unbewußt unzufrieden.

Da kam der erste große, freie Donnerschlag.

Oho!

Darauf ein verdächtiges Schauerlüftchen, das den fettigen, feuchten Straßengesichtern den Staub entgegenbläst.

Alles wirbelt.

Das, was einst lebte und nun als ekler Staub geduldig liegt, beginnt zu tanzen – tanzt und fährt den Lebenden widrig in die Augen und bedrängt sie. Es kommt ein Hasten in die stumpfsinnige Menge, so ein gesundes natürliches Hasten, das der Herdentiere.

Wie sie laufen, als ob sie aus Zucker wären und die schweren frischen Regentropfen an ihnen lecken und sie auflösen würden.Und wie wohl thun diese schweren Tropfen! Auf den glutheißen Steinen geben sie dunkle, thalergroße Flecken und von dem aufgehäuften Staub lassen sie lebendigen Erdgeruch aufsteigen.Blitz und Donner und die schweren gesegneten Tropfen! Wenn die in den Städtequalm hineinfahren, das ist etwas! Ein Hochgefühl zum aufjauchzen!

Und wie wohl thun diese schweren Tropfen! Auf den glutheißen Steinen geben sie dunkle, thalergroße Flecken und von dem aufgehäuften Staub lassen sie lebendigen Erdgeruch aufsteigen.Blitz und Donner und die schweren gesegneten Tropfen! Wenn die in den Städtequalm hineinfahren, das ist etwas! Ein Hochgefühl zum aufjauchzen!

Blitz und Donner und die schweren gesegneten Tropfen! Wenn die in den Städtequalm hineinfahren, das ist etwas! Ein Hochgefühl zum aufjauchzen!

Nur immer ärger! immer toller!

Die braunen Güsse, die durch die Rinnen jagen, die braunen Teiche und Tümpel auf Schritt und Tritt, in denen die Tropfen aufspringen und hüpfen und spritzen!

Das ist lustig.

Und die staubkrustigen Bäume mit dem früh hinsterbenden Laub, wenn in sie die Regenflut rauscht, wenn die nicht wissen, wohin mit dem Überschwall von Frische – da lacht einem das Herz.

Nur immer ärger – immer toller, wenn auch ein paar Äste daran glauben müssen!

Und die Straßen so rein gefegt vom Gesindel!

Das thut wohl!

Da sind sie einmal verscheucht, die Alltagsgesichter!

Hei – wie das schön ist! So sauber, so morgenfrisch!

Wenn sie sich doch so bald nicht wieder herauswagen wollten!

Aber die kommen wieder; ganz gewiß, – das weiß man schon.


*

Auf einem alten merkwürdigen Platz, hinter der griechischen Kirche, haben sie eine Fleischbank abgetragen, um eine große Markthalle zu bauen und sind dabei auf menschliche Gebeine gestoßen, – auf eine so große Anzahl von Gebeinen, daß es den Leuten angst und bange wurde.

Auf so etwas waren sie jahraus, jahrein getreten, bei ihren Einkäufen, ihren Spaziergängen und bei manchem Stelldichein.

Gerade an der Straßenecke, in dem dunkeln Winkel, der abends so ungestört, so einladend war, auf dem so viel Generationen heimliche Küsse getauscht haben, hat so ein Großer, Langer gelegen, kaum einen halben Meter unter den Pflastersteinen, so gut noch beisammen, so langgestreckt, und die hohlen Augen gen Himmel gerichtet.

Auf solch einem Grausen hatten die Pärchen also immer gestanden.

Hunderte hatten tagsüber den Platz umlagert und auf das Schauerhandwerk der Arbeiter geschaut.

Die Knochen wurden aus dem dunkelbraunen Sand herausgewühlt und in große Kisten gelegt.

Ein fideler Kapuziner, der zur Beaufsichtigung der Angelegenheit beigegeben war, hatte hin und wieder den Deckel einer Kiste gehoben und schmunzelnd Umschau über seine Schutzbefohlenen gehalten.

Es waren halt auch Kapuziner gewesen, diese braunen Knochen. Der Kapuziner hatte daher etwas ganz Kollegialisches im Verkehr mit ihnen.

„Wir sind vom selben Orden. Ich kenne eure Schliche, Fratres.“

Er wog einen Schädel in der Hand – und schmunzelte. Er wog einen Schenkelknochen und schmunzelte, nahm es, Gott Lob, von der leichten Seite.

Und das alte Bahrtuch, das über jede der großen Kisten gebreitet war, deckte er allemal vorsorglich darüber, wenn wieder ein Schupp Knochen eingeschüttet war.

Ehre, wem Ehre gebührt.

Dabei schmunzelte er nicht, das nahm er ernst.

Die Schulbuben waren wie versessen auf das seltene Schauspiel, und auch die alten Weiber hatten gestanden und gestanden ohne Aufhören. Was thut nicht so ein altes Weib, wenns was zu sehen giebt. Da haben sie Kräfte wie Dämonen.

Die Schulbuben hatten sich um die uralten Sarghenkel gerauft, die hin und wieder zu Tage gefördert wurden, verrostet und wie in eine Schicht von Kies eingebacken.

Es waren Altertümer – wirkliche Altertümer, die Jahrhunderte bei den Toten gelegen – also ganz echt, wahre Schätze.

Über diesen Haufen neugieriger Lebewesen, die sich um die armen Knochen drängten, war das Hochgewitter hereingebrochen.Der erste, große, freie Donnerschlag hatte auch sie überrumpelt, und der mächtige Regenguß sprühte die Menge an und vertrieb sie.Sie waren wie weggewaschen, – auch der Kapuziner und der pflichtgetreue Schutzmann; nur die Knochen unter den zerrissenen triefenden Bahrtüchern blieben über der aufgewühlten Erde, die im Nu zu einem braunen Tümpel umgestaltet war.*Ein Schädel war vom Regenstrom aus dem Sande frei gespült.Er lag mitten im Wassertümpel. Seine Glatze schaute ein wenig darüber hinaus. Die Wellchen spülten um die kleine beinerne Insel.Aus dem Fenster eines großen Zinshauses schaute ein Mädchen auf den eirunden gelblich bräunlichen Fleck.

Der erste, große, freie Donnerschlag hatte auch sie überrumpelt, und der mächtige Regenguß sprühte die Menge an und vertrieb sie.

Sie waren wie weggewaschen, – auch der Kapuziner und der pflichtgetreue Schutzmann; nur die Knochen unter den zerrissenen triefenden Bahrtüchern blieben über der aufgewühlten Erde, die im Nu zu einem braunen Tümpel umgestaltet war.


*

Ein Schädel war vom Regenstrom aus dem Sande frei gespült.

Er lag mitten im Wassertümpel. Seine Glatze schaute ein wenig darüber hinaus. Die Wellchen spülten um die kleine beinerne Insel.

Aus dem Fenster eines großen Zinshauses schaute ein Mädchen auf den eirunden gelblich bräunlichen Fleck.

‚Ein Stein‘ dachte sie – ‚oder?‘

Schon lange hatte sie sich am Fenster aufgehalten und hinausgesehen, bald halb knieend, auf dem Stuhl, bald im Stuhl lehnend, die jungen Hände um das Knie gefaltet; bald hatte sie mit den Fingern am Fensterglas leise geklimpert oder eine Lockenspitze zwischen die Zähne genommen und daran geknabbert.

Der kleine feste Kopf mit dem dunkeln Geschau, prächtig frei auf dem schlanken Hals sitzend, war unverwandt auf das geschäftige Wühlen der Arbeiter gerichtet.

Wenn sie da unten wieder einen Fund gethan, ist sie immer mit ganzer Seele dabei gewesen. ‚So etwas! – so ein Glück, die grausliche Geschichte vor dem Fenster zu haben! Wie gut, daß sie hier gemietet hatten!‘

Sie sah so befriedigt aus. Über ihr, am weißen, verwaschenen Fenstervorhang, hängt ein fünffaches Kißchen, eins über dem andern, aus gelbem Atlas, ein Riechkißchen mit Irispulver gefüllt, und dieser trockene Duft berührt mit jedem Atemzug ihre Geruchsnerven.

Das Zimmer, in dem sie sich aufhält, paßt nicht gerade gut zu der verwöhnten hingerekelten Gestalt des jungen Geschöpfes.

Es hat etwas Spießbürgerliches, etwas Verbrauchtes, etwas, aus dem sie herausgewachsen ist.

Es sind da auch zwei Seelen in dem einen Raum zu spüren. Zwei grundverschiedene Seelen, mit grundverschiedenen Angewohnheiten.Das eine schmale Bett mit einem roten, altertümlichen Stück Damastseide zugedeckt, das nach einer Altarverkleidung aussieht; das andere Bett ganz unbedeckt und unsäglich sorgfältig hergerichtet, kein Fältchen, keine Unebenheit. Über diesem Bett hängen Photographien von Familiengliedern, Freundinnen.Ganze Regimenter Kotillonsträußchen sind zu Sternen und Rosetten geordnet, japanische Papierfächer und allerhand Krimskrams, alles wohl abgestäubt.

Das eine schmale Bett mit einem roten, altertümlichen Stück Damastseide zugedeckt, das nach einer Altarverkleidung aussieht; das andere Bett ganz unbedeckt und unsäglich sorgfältig hergerichtet, kein Fältchen, keine Unebenheit. Über diesem Bett hängen Photographien von Familiengliedern, Freundinnen.

Ganze Regimenter Kotillonsträußchen sind zu Sternen und Rosetten geordnet, japanische Papierfächer und allerhand Krimskrams, alles wohl abgestäubt.

An der Wand des Bettes mit der geflickten Purpurdecke ist nichts dergleichen zu sehen; nur ein paar unaufgezogene Originalphotographien nach alten Meistern sind hier mit gelben Zeichenstiften fest gemacht.

Die tiefen, vornehmen Töne unterbrechen das Banale der Wand.


*

Die Thür zum Nebenzimmer wird geöffnet und eine weinerliche Stimme sagt:

„Hast du denn garnichts weiter zu thun?“

Die Stimme gehört einer langen schlanken Frau mit kleinem Kopf und feiner Gestalt.

„Ach – das ist doch zu arg!“

Jetzt wendete sich das Mädchen um. Sie schien zuerst nicht gehört zu haben.

„Mama?“ antwortete sie.

„Thust du denn auch gar nichts?“ – dieselbe weinerliche Stimme.

„Was soll ich denn thun?“

„Siehst du denn nicht, wie ich mich plage?“

„Ach Mama.“

Es lag so etwas in dieser gedehnten müden Antwort, als wollte sie sagen: Laß doch! Ich weiß wirklich nicht, was ich thun soll. Du plagst dich doch auf alle Fälle!

„Nun, und Marie, weiß die es etwa nicht?“

„Ja wohl, gescheidter wär’s aber, ihr ließt das Mädel mehr arbeiten, ihr verderbt jedes Mädchen.“

„Werden etwa alle Tage Kapuziner hier ausgegraben?“

„Das fehlte auch noch! Wie kannst du da nur immer zusehn? Ich bin froh, wenn ich nichts davon gewahr werde.“

„Laß mich doch!“

„Frau Doktor!“ rief dreimal hinter einander die ungebildete überlaute Stimme des Dienstmädchens vor der Thür.

Und, als hätte ihr Vorgesetzter gerufen, war Frau Doktor Frey hastig zum Zimmer hinausgeschlüpft.

Die junge Isolde seufzte, dehnte sich und hockte sich wieder am Fenster zurecht.

Der Regen hatte nachgelassen. Der Tümpel auf dem Totenfeld war fast eingekrochen. Schimmernde Wasserblasen saßen im Sande und platzten und ließen einen feinen schwarzen Ring zurück, aus winzigen Kohlen- und Holzteilchen gebildet.

Auch der ganze Tümpel hatte die verschiedenen Stadien seines Einkriechens mit schwarzen Linien bezeichnet – tripp, trapp, troll.

Hier hatte er ein wenig gezögert, hier wieder, hier wieder. Es war wie eine feine Linienarbeit.

Die kleine beinerne Insel, um die die Wellchen des Tümpels gespült hatten, der Schädel, lag jetzt ganz frei; auch um die Stirn saß das schwarze Linienwerk in perlmutterschimmernden Bläschen und leichtem Wasserschaum.

Das alles sah das junge Mädchen. Sie hatte aus einem Schubfach ein Opernglas genommen und hielt es auf den Schädel gerichtet.

Dann ging sie im Zimmer auf und nieder, ganz nachdenklich und nahm dann wieder das Opernglas.

Die Dämmerung brach herein und am Himmel drohten schwarzblaue Wolken zu neuem Regenguß.

Es kam ein Nachtrab.

Vielleicht erst jetzt das Wahre! Auch der Wind hatte sich wieder erhoben. Die Leute rannten schon mit aufgespannten Regenschirmen.

Des Mädchens ganzes Benehmen wurde ein unruhiges; etwas Unschlüssiges lag in ihren Bewegungen.

Sie wanderte weiter im Zimmer auf und ab.

Jetzt öffnete sie den Schrank, griff nach dem Hut, band ein Schleierchen vor, vorsichtig huschte sie aus dem Zimmer; draußen nahm sie ihren Regenmantel um, ging dann zur Korridorthür hinaus, und unter dem Regenschirm gerad über das aufgewühlte nasse Erdreich. Mit einem leichten blitzschnellen Niedertauchen hatte sie etwas ergriffen und schüttelte sich vor innerem Ekel.

Sie schaute sich ängstlich um und vor der Hausthür blieb sie wieder aufatmend stehn.

Wie ihr das Herz schlug!

Aber, was sie wollte, hatte sie. Und etwas später wäre sie von den Arbeitern überrascht worden.

Sie hörte sie kommen, auch der Kapuziner war unter ihnen.

Sie murmelten und lachten; der Kapuziner hatte etwas Drolliges gesagt, wie es schien. Sie waren alle sehr guter Laune, denn sie hatten während des Regens im nächsten Gasthaus eins getrunken.

Durch die enge Jungfernturmgasse, die auf den Platz mündet, kam ein Leichenwagen gefahren, und stand bald vor dem kleinen Totenfeld.

Isolde hielt den Schädel unter dem Regenmantel verborgen.

Unausgesetzt dieses Ekelgefühl und das Grausen – auch ein Gefühl der Schuld, so geheimnisvoll anziehend, wie aus einer andern Welt.

Die Kisten wurden von den Arbeitern gelupft und in den Wagen geschoben.

„Fahrt hin, ihr nassen Deiwel,“ sagt einer.

„Herrschaft, seid’s ihr schwer!“ ein anderer. „Die haben sich zu guter Letzt noch tüchtig eins angedudelt.“

Isolde drückte sich voller Grauen eng an die Hausthür an und erst als der gefüllte Leichenwagen dumpf davon rollte, trat sie ein.

„Du bleibst eben bei mir“, sagte sie warm und trug ihren sonderbaren Schatz die Treppe hinauf.

Oben angekommen, warf sie Hut und Mantel ab und ging mit dem Schädel in der Hand in die Küche.

Die Magd kreischte auf. Sie kreischte, ohne aufzuhören. Isolde kehrte sich nicht daran und hielt den Schädel unter den Strahl der Wasserleitung.

„Das erfrischt,“ sagte sie gutmütig.

Frau Doktor Frey bügelte mit ihrer ältesten Tochter im Nebenraum.

Auf das Geschrei des Dienstmädchens kamen sie herbei.

„Isolde!“ schrie auch Frau Doktor Frey außer sich.

Isoldes Schwester verbarg das Gesicht in der Schürze, und wagte gar nicht aufzusehen.

„Schön ist er doch!“ meinte Isolde gemütsruhig. Sie hob den Schädel mit beiden Händen hoch.

„Daß du mir jetzt mit dem Ekel gehst! In der Küche so ’ne Schmutzerei! – Pfui Tausend!“

„Wir haben ja doch alle so einen unter dem Gesicht – was ist da weiter?“

Sie ließ sich nicht irre machen, besprühte den Schädel von neuem unter dem Wasserstrahl.

„Ide göh doch – ich bitt’ dich – mir wird ganz schlecht.“

Das war so eine weiche, weiche Stimme und diese Stimme kam aus einem Geschöpf, das wie von Sammetschimmer umgeben war – dazu rötlich blonde Haare, eine ganze Symphonie von Weichheit.

„Sammtaff’“ hatte Isolde ihre Schwester Marie getauft und titulierte sie jetzt so.

Jetzt ging sie und nahm den Schädel mit sich.

„So was!“ sagte die Köchin und schüttete einen Eimer voll Schmutzwasser in den Ausguß.

„Mi beutelts ganz, der soll doch net etwa im Hause bleiben? Saftig. – Dös möcht feierlich werden.“ —


*

Isolde hatte ihre Thüre geschlossen und war eifrig dabei, ein kleines hölzernes Postamentchen, ihrem Bett zu Füßen, an die Wand zu nageln.

Sie schlug den Nagel mit dem Absatz ihres Hausschuhs ein, so fest wie es mit diesem Werkzeug gehen mochte. Zuerst hatte sie den Rücken ihrer Hausbürste benutzt, als sie aber die Nägelmale in dem polierten Holz merkwürdiger Weise wahrnahm, war sie bedächtig genug gewesen, nach etwas Anderem Umschau zu halten.

Auf das Postamentchen wurde der Schädel gesetzt.

Und wie er seinen Platz eingenommen hatte und mit seinen hohlen Augen geheimnisvoll grinsend über das purpurne Bett hinwegsah, geschah etwas ganz Wunderliches: des Schriftstellers Heinrich Ewald Frey’s Tochter, Isolde, im glücklichen, zu allen Überschwenglichkeiten geneigten Alter von siebzehn Jahren, fiel auf die Kniee, reckte die Hände zum Schädel auf und sagte mit heißen Thränen in den Augen: „Du Mensch aller Menschen!“

Über ihr zartes Gesicht mit den tiefen dunkeln Augen ging etwas Verzücktes, etwas Überirdisches, etwas Bräutliches, eine wundervolle Verliebtheit, wie sie in manchen siebzehnjährigen Naturen zu Tage tritt, die nicht wissen, wo ein und aus mit der Fülle ihres Wesens.

Und diese süße Liebeswonne schüttete sie über das braune, grinsende Knochengehäuse aus, wie eine Nonne über eine heilige Reliquie.

Sie sah aber einen eleganten jungen Mann vor sich, mit französisch zugestutztem Spitzbart, einer schönen Stirn, in die das kurzgeschorne Haar in scharfem Winkel hineingewachsen war; einen jungen Mann, der sich im Hochsommer in weißen Flanell zu kleiden liebte.

Ja, es war da etwas, eine Ähnlichkeit in der Kopfform, die ihr verliebter Blick vom Fenster aus entdeckt hatte.

Wie sie das große Geheimnis bewegte!

Und dieser Schädel war so neutral. Sie vergab sich nichts. Ihm gegenüber gingen die Dinge in einer andern Sphäre vor sich, in einer Sphäre, in der alles Eins geworden, alles zusammengeflossen ist.

Sie empfand etwas so Beruhigendes und konnte sich gehen lassen.


*

Die verriegelte Thür wurde kräftig zu öffnen versucht.

„Déesse!“ rief eine heftige Stimme. „Sapperlot!“

Wie aus tiefem Schlaf erwacht sagte sie „Papa?“

„Seid ihr denn alle des Kuckucks! Ihr wißt doch, daß ich in einer Stunde …“

Da war schon die Thür aufgeriegelt und ein großer blonder Mann mit rötlichem Gesicht, vollem lockigen Haar, das aber auf dem Wirbel einem Glätzchen gewichen war, trat ein.

Eine markige Persönlichkeit.

„Weibergegacker! – Draußen laufen sie wie die Hühner umeinand’! Und was machst du denn hier, Déesse? Mein Handkofferl sollt doch gepackt sein?

Ich werd euch mal Beine machen! Fertig sollt’s sein und die Mutter bügelt noch an den Stärkhemden. Zum Teufel, – ich will gar keine Stärkhemden! – Touristenhemden will ich.“

Das kam alles herausgepoltert. Das ganze Zimmer war voller Lärm und Spektakel, als wäre ein Bergstrom hereingebrochen.

Das war Doktor Heinrich Ewald Frey, Schriftsteller und Allerweltsmann, Vereinsmann, Redner, voraussichtlicher Reichstagsabgeordneter und so weiter.

„Na also, packen wir,“ sagte das schöne rassige Geschöpf in aller Ruhe.

„Na also? – Großartig! Was soll denn das ‚Na also‘? Fertig hätt’s sein sollen. Thu net so großartig, Déesse!“ Dabei kniff er sie in die zarte Wange „Götterköpfchen verdammtes!“

„Wo hast du denn dein Kofferl, Pa?“

„Hab’s denn ich?“

Frau Doktor Frey trat herein und trug das Kofferchen in der Hand.

Auf ihrer Stirn glänzten feine Schweißtropfen.

„Hättest du mir’s nur gesagt, Heinrich! Gestern abend sollte doch nichts daraus werden bei schlechtem Wetter?“

„Schlechtem Wetter? Ist denn das schlechtes Wetter, wann das Barometer gestiegen ist wie noch nie? Schau doch erst nach, eh du denkst.

Meine Stiefel!“

„Na, ich meine, wenn es gießt,“ sagte Frau Doktor Frey zaghaft.

„Ja, wenn du anfängst zu denken!“ donnerte er. „Meine Stiefel und die beiden rohseidenen Hemden.“

„Heut machst du dich ja fein,“ sagte Isolde.

„Paar Berliner Schriftsteller! Solchen Gockeln muß man … den Kofferschlüssel! Herr Gott noch einmal!

Wo ist denn die Marie?“

„Du hast ja dein’ Schlüssel an die Uhrkett’ gehängt für alle Fäll’,“ sagte Isolde.

„Vorlauter Schnabel!“ Der Vater blinzelte ihr zu. „Wo ist Marie?“

„Marie bügelt die Stärkwäsch,“ sagte die Mutter.

„Wenn der Vater abreist, hat sie dabei zu sein; wär’ net übel! Wenn wir die Idee der Familie nicht aufrecht erhalten, wer soll’s denn thun? Eins da, das andre dort, der Vater reist ab – kein Hahn kräht danach – das ist ja – weiß Gott – großstädtisch!

Meinen Rucksack! Marie!“ donnerte er abermals.

Frau Doktor Frey war schon vordem aus dem Zimmer gegangen, um Marie zu holen.

Jetzt traten sie miteinander ein.

„Marie, dein Vater reist ab,“ sagte er mächtig.

„Ja Papa. Auf wie lang denn?“

„Drei bis acht Täg’ denk ich; wenn wir das Kaisergebirg mitnehmen, acht Täg.“

„Du Glücklicher!“ sagte Marie aufatmend.

„Hat sich was ‚Glücklicher‘! Wenn ich mich net zeig – Teufel auch – die tanzten mir bald auf der Nasen. —

Was ist denn das?“ rief er ganz perplex.

Seine Blicke hatten den Schädel gestreift.

Frau Doktor Frey und Marie bemerkten ihn auch erst jetzt.

„Jesses! über das Mädchen!“ rief die Mutter.

„’nen Kapuziner, Déesse, dumme Gans, was bedeutet denn das?“

Das Mädchen war errötet bis in die Stirnhaare.

„Zu allererst kommt es bei dem Weib darauf an, daß die Lebensfreudigkeit gewahrt wird,“ predigte Doktor Heinrich Ewald Frey wieder mächtig. „Das ist notwendig, daß das Weib lebensfreudig bleibt.“

Ein strafender Blick streifte Frau Doktor Frey.

„Das Weib soll auch religiös sein. Ein Schädel hat immer etwas mit Religion zu thun. – Wenn du dir den Schädel nicht aus Verschrobenheit, aus unverstandenem Pessimismus heraufgeholt hast, mag er bleiben.“

Marie war erblaßt.

„Ide!“ sagte sie zu ihrer Schwester leise, „der soll doch net bleiben?“

„Papachen,“ begann Frau Doktor Frey sanft und freundlich. „Eh’ du gehst, – Karl kann sich nicht auf der Schule halten, – ich glaub’ mal nicht. Ich war auch heut beim Direktor. Er kommt auch dies Jahr nicht fort.“

„Es muß sich eben ein Hilfslehrer finden, um ihn wieder flott zu machen. Emil hat’s auch geleistet. Verpimple ihn nur recht! – Was nutzt es denn, wenn du bis in die Nacht hinein mit ihm über seinen Arbeiten hockst? Dazu gehört ’was mehr als so ein Hennenhirn.“

In das verarbeitete Gesicht mit den schönen Formen stieg eine flüchtige Röte auf.

„Darum eben müssen wir sorgen, daß sich jemand findet.“

„Ich werde am Kegelabend mal mit dem Direktor reden. – Weiber sollen die Hände aus dem Spiel lassen! Möcht’ wissen, ob hinter mir immer ein Unterrock gestanden hat. Du mit deinen paar lateinischen Brocken – daß i net lach! Laß den Jungen in Ruh!“

„Hättest du mich gewähren lassen,“ sagte die Frau klagend, „wär Isolde jetzt wenigstens eine Person, die etwas leisten könnte. Sie würde sich ihr Brot bald selbst verdienen,“ – Frau Doktor Frey sprach weinerlich – „wär’ jetzt schon bald staatlich angestellte Lehrerin.“

„Götterköpfchen, – verdammtes,“ lachte Doktor Frey – „Déesse! Lehrerin! daß i net lach! Die soll heiraten, Weib sein! Gar noch, daß ich meine Bamsen zu so ’was auf die Welt gesetzt hätt’.

Ja wohl, Lehrerin oder Gott weiß was noch!

Das Weib ist eben Weib. Wenns net Weib genug ist, um nur Weib zu sein, soll man’s tot schlagen!“

„Aber was soll ich denn mit Karl machen?“ fragte Frau Doktor Frey wieder.

„Siehst du net, daß augenblicklich die unpassendste Zeit für dein Gegraunz ist? Willst du mir alle Bamsen gerad jetzt auf den Buckel hängen? Sapperlot, höchste Eisenbahn!“

Er fuhr mit den Armen in die Träger des Rucksackes, griff nach dem Köfferchen – und war mit viel Geräusch und Gepolter zur Thür hinaus.

Tiefe Stille, als hätte sich ein Sturm gelegt.

„Weißt du, wie wir vor drei Jahren in Kramsach waren?“

Marie schaute sehnsüchtig zum Fenster hinaus, dem Vater nach.

„Alle von unsern Bekannten gehen aufs Land.“

„Ja, mein Gott,“ sagte die Mutter, „daß trägts uns heuer nicht. Daß die Buben auch gar so viel kosten.“

„Ja, wenns nur ein grünes Fleckchen wär, auf das man schaute!“

Das war wieder die weiche, weiche Stimme.

„Gehen wir heut wenigstens durch den englischen Garten?“

„Ja, wenn ich nicht auf Karl warten müßt. Wo bleibt der denn nur? der hat ja noch die schwere Menge zu thun!“


*

Karl kam erst spät heim. Sie hatten lange mit dem Abendessen auf ihn gewartet.

Er war bei Emil gewesen, der auswärts wohnte und Emil hatte gerade einige Kameraden auf der Bude gehabt.

Die Mutter seufzte, sie dachte sich ihr Teil.

„Das solltest du doch nicht, bevor du deine Arbeiten gemacht hast, zu Emil gehen. Die setzen dir Gott weiß was in den Kopf, Karl. Studenten sind kein Verkehr für dich.“

„Mama,“ sagte der Bub, „red’ doch net.“

Er sprach nachlässig, schläfrig. Seine Backen sind außerordentlich ausgebildet und engen ihm die Mundwinkel ein, so daß der Mund etwas sonderbar Säuglinghaftes an sich hat, trotz einer gewissen bräunlichen Färbung, die ihn umgiebt und die mit einigen Härchen bepflanzt ist.

„Mulier taceat in ecclesia,“ sagt der Bursche und schiebt ein großes Stück Butterbrot mit Wurst zwischen die Lippen.

„Was hat er gesagt?“ fragt Isolde.

„Das Weib schweige … und so weiter,“ übersetzt der liebenswürdige Bruder patzig.

„Zur Mutter hast du das gesagt?“ fragt Isolde ganz bleich.

„Bäh!“ macht der Bruder. Und im Nu hat er von Isoldes Hand eine so derbe Ohrfeige, daß seine etwas gelbe Wange stark gerötet ist.

„Mama, wie kannst du dir das von dem Flegel gefallen lassen?“

Karl stürzt wutbleich auf Isolde, die weiß sich aber zu wehren.

„Laß ihn doch,“ ruft Frau Doktor Frey, „erbittere ihn nicht. Du weißt, er muß heut abend noch arbeiten.“

„Ja wohl, ich soll mich schließlich von dem Bengel wiederhauen lassen! Jetzt müßte noch Emil kommen, der Großhirnmensch, der vor lauter Intelligenz nächstens durch das Examen purzeln wird.“

„Bst – bst!“ machte die Mutter, „Friede – Friede – Bedenke, daß du ein Mädchen bist.“

„Was soll man da bedenken? Daß i net lach!“ sagte sie ganz wie ihr Vater.


*

Am Abend, beim Ausziehen, als sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hatten und die Mutter noch neben Karl in der Wohnstube saß, um den schläfrigen Burschen beim Arbeiten zu überwachen, gab es eine sonderbare Szene zwischen den Schwestern.

„Ide göh“, sagte Marie, „thu’ mir die große Lieb – schaff’ den da fort. Ich kann net schlafen, glaub mir. Ich mein, er lebt und wenn wir die Augen zumachen fliegt er im Zimmer ’rum und poltert an die Wand.“

Sie hatte ihren Kopf an Isoldes Wange gelehnt.

Da gewahrte sie, daß Isolde heiße Thränen weinte.

„Na, was denn?“

„Sammtaff, lieber,“ bat Isolde, „laß ihn mir! Es geschieht dir ja nichts. Er thut ja nichts – und mich freut’s so.“

„Wie kann denn dich das freuen,“ fragte Marie ganz betreten.

Isolde aber weinte so wild und schluchzend. „Ich möcht nur wissen, was man vom Leben hat – so was Fad’s! Bei uns is man so wie so geschlenkt. Es könnte ganz anders sein. – Weißt du was ich glaub? – Mama is dumm!“

Isolde schluchzte herzzerreißend. „Ide, Mama ist ein Engel! – thu keine Sünd.“

„Ja, eben ein Engel. Wer sagt dir denn, daß ein Engel net dumm ist! Weißt du, es ist komisch, aber manchmal kommt es so: da möcht ich den Leuten ins Gesicht schlagen.

Alle kriechen sie – alle – wenn man’s auch gar nicht merkt. Keins sagt und thut was es will!

Wir bilden uns nur ein, daß die Leut’ auf zwei Beinen gehn. Auf vieren gehen sie, – sie kriechen alle.

Mama liegt glatt auf dem Leib – überhaupt fast alle Frauenzimmer – du auch – du erst recht! Und die Männer erst! O Gott! – und wie!

Und was sie im Grund genommen für philiströse, heuchlerische Institutsvorsteher sind, wenigstens uns gegenüber.

Dann möcht ich noch auf jeden blank gewichsten Cylinder spucken, mitten darauf, wenn unter den Fenstern so einer vorübergeht – mitten auf die kleine, blankgebürstete Sonne, die oben spiegelt. So eine dumme, steife, kleinliche Sonne.

Ach, wie mich das alles aufbringt.

Und das Häßliche, mit dem man sich umgiebt!

Und das nennt man Leben!

Schau her, so ein Gelump wie da herumsteht!

Alles zum Fenster naus! Zum Kämmen ein widerlich riechender Kautschukkamm. – Ah! – die riechen alle und machen elektrische Funken! Pfui! – Gold muß es sein oder Elfenbein – dann!

Aber was ist das hier – von allem das Geringste, das Schäbigste. Talmi und unechte Spitzen!

So gemein! – so gemein! so gemein!“

Sie schluchzte.

„Was ich anfasse, soll schön sein, eine Freude – ein Glück!

Ich will Hemden mit echten Spitzen – echte Spitzen – reines Gold! Elfenbein! – auch Perlmutter!

Das ist’s! Das sind Dinge, die man in die Hand nehmen darf – nichts Andres!

Ach, wie man lebt, wie ein Schwein!“

Sie schluchzt und schluchzt.

„Nackt müßte man gehen dürfen und es müßte keine Schande sein.

Nackte, schöne Menschen. Gold, Elfenbein und Perlmutter! – das wär’ eine Welt! – Und dann – immer Seelenräusche.

So, wie meine Seelenräusche! So herrlich! – und eine Liebe dazu.

Seelenräusche und ganz wenig Sachen; aber alles schön zum anfassen, edel bis in den Kern.

Etwa keine japanische Holzpuderbüchse!

Aber wir leben im Schmutz.

Unter ekelhaften Lumpen kriecht das alles wie Gewürm, wie Mehlwürmer in der Kleie —

Und alle riechen mufflich – und sind mufflich durch und durch!

Oder, wenn man all das Herrliche, das, was sein müßte, nicht haben kann – dann gar nichts – aber auch gar nichts!

Die Haare mit den Fingern kämmen, ein Strohsack – eine wollene Decke – ein grobes Hemd – einen Strick um den Leib – das ist auch eine Welt! —

Aber nicht so wie wir!

Pfui der Plunder!

So ein Nähtischchen, so ein Ferkel von einem Nähtischchen!

So ein Tier von einer Bettvorlage!

Pfui! Pfui! Pfui! Pfui!“

Sie war vollkommen außer sich.

Marie hatte die größte Not die heftige jüngere Schwester zu beruhigen.

Sie kroch zu ihr ins Bett und hielt Isolde an sich gedrückt und vergaß ganz, daß der Schädel grinsend auf sie beide herab blickte.

Isolde schlief in den weichen, süßen Armen ein, ohne in ihr Nachtkleid geschlüpft zu sein, Hals und Arme entblößt. —

Und Marie schlich leise und scheu mit klopfendem Herzen und einem Grausen über den ganzen Leib nach ihrem schneeweißen Bettchen.

Sie fühlte wie der Schädel ihr spöttisch nachsah und sie wagte nicht sich umzuschauen.

Lange konnte sie keinen Schlaf finden und als sie endlich schlief, träumten ihr häßliche Dinge.

Der Schädel lebte wirklich und hatte es immer auf sie abgesehn, so schauerlich zudringlich.

Sie wachte ein paar Mal vor lauter Angst und Schrecken auf, hielt atemlos die Arme auf die Brust gepreßt, lag wie eine Statue so still und ließ alles Grauen über sich hingehen, ohne sich zu wehren.Für sie war mit dem Schädel ein nie gekannter böser, banger Geist ins Haus gekommen.




2


Acht Tage war der Vater schon auswärts.

Die Zurückgebliebenen hatten in dieser Zeit auch eine Art Sommerfrische durchgemacht, wenigstens eine Änderung ihrer Lebensweise. Mit dem Vater zugleich schien allerhand verschwunden zu sein.

Der sogenannte Salon und des Vaters Arbeitszimmer waren sofort, nachdem beide Räume sich einer gründlichen unerbittlichen Reinigung hatten unterwerfen müssen, abgeschlossen worden, und machten jetzt den Eindruck von Kirchen, so still und fast feierlich war es darin, und man lebte in den Schlafstuben.

Das Mittag- und Abendessen hatten ihre Hauptbestandteile eingebüßt. Gerichte, die wenig kosteten und sich leicht herstellen ließen, waren an der Tagesordnung, Kartoffeln und Häring oder Reisbrei. Nur Karl erhielt seine Kotelette, die wurde aber der Einfachheit halber gleich fix und fertig aus dem Gasthaus gegenüber geholt, in dem Arbeiter und arme Studenten ihre billigen Mahlzeiten hielten.Am Abend gab es Rettig und Butterbrot und Karl bekam seine Wurst.Mama ging den ganzen Tag in der Nachtjacke. Sie saß mit Marie und Isolde die meiste Zeit über einem Riesenkorb mit zerrissener Wäsche gebeugt.Zwei Tage hatten sie auch die Schneiderin im Haus und holten zwei Koteletten.Mama wollte in dieser Zeit helle Sommerkleider für ihre jungen Mädchen aus dem Wirtschaftsgeld herauspressen und war wie ein Jäger auf die Pirsch ausgezogen, um in allen erdenklichen Restegeschäften die Stoffe zu diesen Kleidern zu erlisten.Und sie hatte auch etwas erbeutet; hübsche Muhadjierstoffe, den Meter zu vierzig Pfennige.

Am Abend gab es Rettig und Butterbrot und Karl bekam seine Wurst.

Mama ging den ganzen Tag in der Nachtjacke. Sie saß mit Marie und Isolde die meiste Zeit über einem Riesenkorb mit zerrissener Wäsche gebeugt.

Zwei Tage hatten sie auch die Schneiderin im Haus und holten zwei Koteletten.

Mama wollte in dieser Zeit helle Sommerkleider für ihre jungen Mädchen aus dem Wirtschaftsgeld herauspressen und war wie ein Jäger auf die Pirsch ausgezogen, um in allen erdenklichen Restegeschäften die Stoffe zu diesen Kleidern zu erlisten.Und sie hatte auch etwas erbeutet; hübsche Muhadjierstoffe, den Meter zu vierzig Pfennige.

Und sie hatte auch etwas erbeutet; hübsche Muhadjierstoffe, den Meter zu vierzig Pfennige.

Wie sie zu Hause damit ankam! Aufgeregt wie ein Wilderer, der mit Lebensgefahr einen Rehbock erlegt hat und heimgeschleppt bringt.

Isolde hatte eine glänzende Idee, wie diese Kleider gemacht werden sollten. Anders als andere Leute sie gemacht hätten, ganz etwas Apartes.

„Bleib mir mit deinen glänzenden Ideen vom Leibe,“ sagte die Mutter bei solchen Anlässen gewöhnlich.

Aber diesmal hatte Isolde durchgesetzt was sie wünschte.

Sie bekamen lange Gewänder vom Hals an herabfallend, nur um die Mitte mit einem Seidenband lose gehalten, die Ärmel leicht und duftig wie Blütenkelche.

Und die Mutter schaffte ihnen noch braunlederne feine Halbschuhe an, statt daß sie sich selbst ein Sommermäntelchen gekauft hätte. Ihr altes ging immer noch ganz leidlich.

Die Kleider waren für beide Mädchen ein Ereignis, ein so viel versprechendes Ereignis. Die duftigen weißen Wolken mit den rosigen Streifchen trugen wie Zauberwolken alles Glück der Welt in sich.

Wie Heiligtümer wurden sie in den Schrank geschlossen und die Mädchen warteten nun der Dinge, die da kommen sollten.

Ganz umsonst konnten doch solche Kleider nicht im Schranke hängen!

Wegen des Schädels hatte es in dieser Zeit noch manchen Strauß gesetzt; aber er blieb auf seinem Postament. Und im Grund war es nur Mariens weicher Liebenswürdigkeit zu danken, daß Isolde ihn behalten hatte.

Marie hatte, so schwer es ihr geworden, klein beigegeben. Ihre behagliche Stube, ihr schneeweißes Bettchen aber waren ihr durch diesen Gast fremd und untraulich geworden, ihre Nächte wurden von schweren Träumen geplagt.

In Mariens weicher Seele hatten sich das Bild des Schädels und trübe Vorstellungen, die sein Anblick schuf, tief eingegraben.

Nie hatte sie noch an den Tod gedacht und jetzt war sie beim Dunkelwerden von bangen schreckhaften Todesahnungen ganz umgeben.

Es stand ihr zum ersten Mal greifbar vor der Seele, daß alle Menschen sterben müssen – das schauerliche Ende des wunderschönen Lebens – daß auch Mama sterben mußte!

Bei dem Anblick des Schädels konnte sie unmöglich ihre Phantasie auf das ewige Leben richten, trotzdem sie in der Schule gelernt hatte, daß es ein ewiges Leben gab.

Nein, der Schädel predigt ihr nur von dem in die Erde kommen, von dem zu Erde werden lieber Menschen. Arme – arme Mama!

Sie weinte oft nachts.

Hätte sie aber gewußt, weshalb Isolde den Schädel aufgestellt hatte, ihre weiche Seele wäre erschauert und sie hätte das große Opfer nicht gebracht. Wenn der Schädel wirklich in irgend etwas an Henry Mengersen erinnerte, von dem Isolde ihr gesprochen hatte, nein, dann gewiß nicht.

Marie ahnte aber von Isoldens Geheimnis nichts.


*

Es mußte gut zwei Uhr nachts sein. Alle schliefen, die laue Sommerluft drang durch die offenen Fenster. Da klang die Glocke kräftig und anhaltend. Jemand mußte von der Straße aus auf das Läutwerk gedrückt haben.

„Da schellen sie schon wieder, die Studenten unten,“ meinte Marie ganz schlaftrunken.

„Der Vater!“ Isolde saß aufrecht, aus dem Schlaf gescheucht, im Bett.

Auf dem Gang hörten sie schlürfende Schritte und sahen einen Schein durch das Glasfenster ihrer Thür.

„Es ist doch der Vater,“ meinte Marie. „Mama schließt die Thür auf.“

Mama wollte nicht, daß die Mädchen die Hausthür öffneten, wenn der Vater spät heimkehrte. Sie sollten ruhig in den Betten bleiben und schlafen.

So blieben sie ruhig liegen. Ehe die Mutter die zwei Treppen herabgekommen war, klingelte es noch einmal schrill und anhaltend, als stände ein auf Leben und Tod Verfolgter unten, der sich retten wollte.

„So macht’s Pa nachts doch immer,“ sagte Isolde.


*

„Sapperlot noch einmal! Liegt ihr denn alle miteinander auf beiden Ohren?“

Das war die Begrüßung, die Doktor Frey fürs erste seiner Frau zu Teil werden ließ, als diese die Thür geöffnet hatte.

„Da bist du ja“, sagte Mama. „Weshalb hast du denn aber nicht geschrieben?“

„Daß i net lach! Liebesbriefe etwa? He Alte?“

Ohne seine Antwort zu beachten, sagte sie: „Du hättest dann auf den schwarzen Kaffee nicht zu warten brauchen.“

„Sput dich halt.“

Sie nahm ihm das Köfferchen ab und trug es ihm nach.

„Geh in dein Zimmer, Heinrich!“ – Da war sie schon dabei, die Küchenlampe anzuzünden.

„Natürlich,“ rief Doktor Frey und rumorte mit aller Gewalt an der Thür, „den Schlüssel verschleppt!“

„Bst!“ machte Mama. „Du weckst sie ja! Hier ist der Schlüssel,“ flüsterte sie, reckte sich und langte auf den Schrank, der neben der Arbeitsstubenthür stand. „Hier.“

Doktor Frey hielt die Lampe, aber hielt sie bedenklich schief.

Die Frau streifte ihn mit einem einzigen langen Blick, wie ein Heizer etwa auf das Ventil seiner Dampfmaschine schaut, mit unendlicher Sachkenntnis.

Sie nahm Lampe und Schlüssel ihrem Mann aus den Händen und schloß die Thür auf.

„Der Kaffee kommt sofort.“

„Schlafen die Bamsen?“ fragte er ihr nach.

Sie hörte ihn nicht mehr.

Kaum aber brannte die Spiritusmaschine unter dem kleinen Schnellkocher, war er ihr auch schon nachgekommen und stand in der Küche.

Sie schaute erstaunt auf.

Seine Gewohnheit war das nicht.

„Na?“

Er schaute blinzelnd auf sie.

„Ein zartes Negligé thut oft viel größre Wunder!“ deklamierte er mit mächtiger Stimme.„Bst,“ machte sie.Sie stand in der Nachtjacke und in einem grauen Flanellrock vor ihm, die bloßen Füße in Bambuschen.„Allerliebst,“ meinte er.Er blinzelte weiter.„Waret ihr alle noch bei einander bis heut?“ Sie schüttete den gemahlenen Kaffee in den Trichter.„Unterschiedlich – aber sehr unterschiedlich.“„Wie?“ fragte sie.

„Bst,“ machte sie.

Sie stand in der Nachtjacke und in einem grauen Flanellrock vor ihm, die bloßen Füße in Bambuschen.

„Allerliebst,“ meinte er.

Er blinzelte weiter.

„Waret ihr alle noch bei einander bis heut?“ Sie schüttete den gemahlenen Kaffee in den Trichter.

„Unterschiedlich – aber sehr unterschiedlich.“

„Wie?“ fragte sie.

„Unterschiedlich!“ rief er mit donnernder Stimme.

„Was soll denn das heißen, Heinrich?“ mahnte sie mit sanftem Vorwurf.

„Schlafen die Bamsen?“

„Natürlich.“

„Was sagst du’s denn net früher. Weißt du wo wir waren?“

„Nein.“

„Heiliger Strohsack,“ seufzte er tief auf. „Ja – nein – nein – ja! – wie eine Maschine.

Ein Mann wie ich kommt nach Haus, – Gott sei’s geklagt, ein Mann, den sie die Tage her geradezu gefeiert haben, ein Mann, den sie auf Händen tragen, auf den sie, weiß Gott, hören und sich nicht Watte in die Ohren stopfen, wenn er redet; – ein Prophet – ein – ein – ein – und hier! …

Ich sag dir’s,“ donnerte er – denn er war in Begeisterung. Er fühlte und sah und empfand sich und seine eigene Größe.

„Stell dir einen in einem herrlichen Tempel vor, Licht, Glanz – Musik – schöne Weiber!

Er ist der Mittelpunkt. Lebensfreudigkeit, – Lebenshöhe – und der Erdboden thut sich auf und er rutscht ganz sachte, ohne sich weh zu thun in ein schwarzes Loch.

Da sitzt er nun!“ —

Doktor Frey seufzte tief auf und rieb sich die Nase.

„So kommt einer nach Hause!“

Mama maß ihn wieder mit demselben sachkundigen Blick.

Frau Doktor Frey hatte sich angewöhnt, auf das, was ihr Mann zwischen zwei und drei und vier Uhr nachts aussprach, nicht besonders zu achten.

Sie goß jetzt den Kaffee über. Es duftete anregend und appetitlich.

„So komm, trink jetzt,“ sagte sie, stellte Kännchen, Tasse und Zuckerdose auf ein Tablette und ging ihrem Gatten damit voraus.

Ihre Handlungsweise war die einer Person, die ihrer Natur und der Erfahrung nach durchaus so handeln muß, wie sie handelt.

Es gab da keinen Ausweg mehr. Aber Doktor Frey mochte heute außerordentlich aufgebracht und unangenehm berührt sein.

Er schlug die Küchenthür Mama vor der Nase zu, daß es durchs Haus dröhnte.

Sie beachtete es nicht, öffnete, als wäre nichts geschehen, die Thüre wieder, trat gleich hinter ihm drein ins Arbeitszimmer und goß ihm den Kaffee ein.

„Trink nun,“ sagte sie noch einmal.

„Weißt du, laß dich wenden!“ schrie er, „an dem Muster hätt’ ich mich endlich satt gesehn!“

Von zwei bis vier Uhr nachts aber war sie undurchdringlich, unbezwinglich, unverletzbar, zu seinem allergrößten Ärger.

Er wußte sich nichts Schlimmeres, denn in dieser Stunde war sie ihm über. Was hatte er ihr in den letzten Jahren in diesen späten Stunden nicht alles angethan! – nicht alles gesagt – und hatte doch die Fessel nicht abschütteln können.

Wie eine Zwangsjacke empfand er sie, eine elende verächtliche Jacke – aber er konnte sich doch nicht bewegen, wie er wollte.

Sie hatte sich selbst so ganz verloren, daß sie an sich nichts mehr zu schützen und zu wahren fand. Es war da nichts Heiliges mehr. Und darin lag ihre Kraft und ihre Macht.

Nur auf eins hielt sie. Die Mädchen durften zu dieser Stunde dem Vater nicht vor die Augen kommen.

Aber heute war er auf die Bamsen ganz versessen.

„Sapperlot,“ rief er mit einem Mal mächtig, „wenn der Vater acht Täg’ net daheim war, wer hat das Recht ihm seine Bamsen vorzuenthalten?“

Er trat zum Korridor hinaus und rief donnernd: „Marie! Isolde!“

Hoch aufgerichtet stand er wie ein Streiter Gottes, die Brust geschwellt, die Augen mit Mannesmut auf seine Frau gerichtet.

Ein ganz klein wenig hielt er sich am Thürpfosten.

Er hatte heut etwas mehr, als die gewöhnliche Bettschwere, mit heimgebracht – etwas mächtig Heiteres.

Unmöglich konnte er sich so zur Ruhe legen, denn er kam von seinem eigenen Triumphzug. Es war ihm vortrefflich ergangen.

Marie und Isolde traten ein, trugen auch, wie die Mutter, Flanellröcke und Nachtjäckchen.

„Ah! Spießbürger!“ rief Doktor Frey. „Ist das ’ne Zucht! So wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen.

Déesse! daß i net lach! In a Nachtjacken un’ Flanellhansel! Schamt’s euch net, Bamsen?“

Die Mädchen sahen verdutzt und verlegen auf ihren Vater.

Sie waren trotz ihrer spießbürgerlichen Morgentoilette herrlich anzusehn in ihrer scheuen Jugendlichkeit, die kleinen rosigen Häupter mit den köstlichen lockigen Haarschöpfen, die eine dunkel, die andre goldig leuchtend, und die jungen vollen Glieder, in weicher Schläfrigkeit.

Mit ihnen schien ein süßer Jugendduft ins Zimmer gekommen zu sein, als wären sie aus einem wundervollen Sommergarten, in dem die Linden, Reseden, Levkojen und Lilien in voller Blüte stehen, hier eingetreten, und hätten einen Hauch dieser Wohlgerüche mitgebracht.

Der Anblick seiner prächtigen Mädchen wirkte auf den Vater unbedingt besänftigend.

„Bamsen!“ rief er, er hatte sich jetzt an das Fenster zurückgezogen und hielt sich ein wenig an’s Fensterbrett gestützt.

„Bamsen, ich bring’ euch was mit heim. Freut euch, Mädels!“

Noch nie hatten die Mädchen ihre Mutter gesehn wie eben jetzt – so alt – so müde – so gleichgültig.

Ihr war soeben ihr letztes Privilegium genommen.

Bisher hatte er noch nie gewagt die Mädchen wirklich zu rufen. Ein Blick von ihr hatte immer in diesem einen Fall genügt, ein „Bst“.

‚Ah so die schlafen, die Bamsen.‘

Sie hatte die Mädchen vor diesen nächtlichen Eindrücken behüten wollen, für immer.

Nun war es geschehn.

Und was war denn geschehn? Er erzählte ihnen harmlos von einer schönen Frau, die am Starnbergersee wohnt, und deren Gast er jetzt drei Tage gewesen. Einer der Berliner Schriftsteller hatte ihn dort eingeführt.

„Und euch hat sie eingeladen. He? Was? Na, was sagt ihr?

Übermorgen schon.“

„Wer ist sie denn?“ fragte Marie leise.

„Ja wohl, nur immer vorsichtig Philisterseelchen!“ Doktor Frey lachte laut auf.

„Die Frau eines Gesandten ist sie. Genügt das den gnädigsten Bamsen? Steinreich! Ein Weib, sag’ ich!“ Doktor Frey berührte seine Lippen mit den Fingerspitzen und schickte einen Kuß zur Decke.

„Ein Weib!“ – Er war verzückt. „Ein Götterbild!

Gott, noch einmal, was man sonst so „Weib“ nennt! daß i net lach!

Was für grundgütiges Gansvolk muß unsere edle Weiblichkeit doch sein, daß ich mein Lebtag nichts Ähnlichem begegnet bin!

Da scharren sie so einen armen Teufel ein, ohne daß er ein allereinziges Mal das gesehn hat, was der liebe Herr Gott doch für ihn bestimmte, das Weib in seiner Vollkommenheit, das vollkommene Weib!

Und durch eure Spießbürgerlichkeit kommt der Mann um sein bestes Teil, das ihm doch von Rechtswegen zukäme.

Nicht einmal rechte Weiber können diese Weiber sein!

Ja, was seid ihr denn eigentlich, wenn man fragen darf?“

Er schwankte ein paar Schritte auf seine Frau zu.

„Nichtskönnerinnen ihr! Kinder auf die Welt setzen, Gott seis geklagt und herum nörgeln und duddeln, vom Manne Kleider und Hüte erlisten, dem Manne auf dem Geldbeutel liegen, dem Manne auf die Finger passen. Wehmutsspritzen, Geldausgeberinnen! Hemmschuh für alles Große. Blutige Thränen könnt’ einer weinen!“

Er wischte sich über die Augen. Es war da auch etwas zum Fortwischen.

Frau Doktor Frey hörte ihren Gatten ruhig poltern und verzog keine Miene.

„Aber das grüne Holz!“ donnerte er. „Ist denn da gar nichts zu machen? Eben so verstockt? kein Hauch von Schalkhaftigkeit? das trottet alles so schwer!

Herr Gott, so ein armer Teufel! Was hat er denn eigentlich auf dieser Welt!“

Doktor Frey war wieder bis zu Thränen gerührt.

„Also ihr seid eingeladen, Bamsen! in ein Feenreich – sperrt Maul und Ohren auf – und lernt dort was!

Ich bring euch übermorgen hin. Basta!

Übrigens traf ich dort den faden Bengel, den Mengersen. Der hatte sich natürlich herangemacht, so eine feine Nase! Modelliert das Prachtweib. Wird aber nichts draus.“

Isolde war zusammengezuckt.

Sie stand ganz bleich.

Das war ein Wunder, die Hand Gottes griff hier an!

Zuerst daß sie diesen Schädel finden mußte – und nun! —

Marie fragte zaghaft: „Und geht Mama nicht mit?“„Das ist nix für Mama. – Nicht Alte?“Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern predigte weiter.Die Morgendämmerung brach herein, fahl und kalt und beleuchtet das übernächtige müde Gesicht einer alternden Frau, das gerötete eines in jeder Fiber bebenden Mannes, der tagelang seine Nerven durch alle möglichen belebenden und anreizenden Einflüsse in Aufruhr gebracht hatte – und zwei süße junge Gesichter, die nicht recht wußten, wohin schauen.

„Das ist nix für Mama. – Nicht Alte?“

Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern predigte weiter.

Die Morgendämmerung brach herein, fahl und kalt und beleuchtet das übernächtige müde Gesicht einer alternden Frau, das gerötete eines in jeder Fiber bebenden Mannes, der tagelang seine Nerven durch alle möglichen belebenden und anreizenden Einflüsse in Aufruhr gebracht hatte – und zwei süße junge Gesichter, die nicht recht wußten, wohin schauen.

Ihre Mutter war ihnen so unheimlich, wie der Vater. Dies nächtliche Zusammensein berührte sie bang.

Sie hatten schon immer allerhand im Halbschlaf gehört. Thüren werfen, die laute Donnerstimme des Vaters; aber es war sie nichts angegangen.

Isolde hatte bei dem Anblick der Mutter ein dumpfes, unklares Bild, als ertappte und belauschte sie ein Nachttier auf seinen Gängen, ein Tier, das Nachts sehen kann, das Nachts sein eigentliches Leben lebt, das Nachts kämpft und leidet, das, wenn alles schläft, geheimnisvoll lebt.

Sie fühlte ein so sonderbares, nebelhaftes Grauen vor Vater und Mutter! Was für zwei fremde Menschen waren das eigentlich?

Das war auch nicht das geschäftige Mamachen, das den ganzen Tag so eifrig unbedacht herum wirtschaftete, mit dem Dienstmädchen schalt, immer im Trab war, sparte und zankte und wegarbeitete was ihr unter die Hände kam.

Um diese Stunde schien alles Mütterliche von ihr abgefallen zu sein. Da war nur das Weib geblieben, das eigentlich nicht mehr Weib war, etwas Aufgebrauchtes, Zurückgestoßenes, Geduldetes; aber etwas, ohne das der Mann nicht mehr auskam.

Isoldens dumpfe Gefühle wurden ihr nicht zu Gedanken, nahmen die klare Form nicht an, aber beängstigten sie.

Es war da etwas Schreckliches.

Sie hätte sich an die Brust der Mutter werfen und weinen mögen – aber – das Geheimnisvolle, Nachttierhafte, das sie in der Mutter empfand, hielt sie davon ab.

Der aromatische Geruch des starken Moccakaffees lag in der Zimmerluft.

Was Mama nachts für vortrefflichen Kaffee macht! Auch das beängstigte jetzt Isolde und Thränen rannen über ihre Wangen.

„Da haben wir die Bescherung!“ sagte der Vater, der sich von seiner Stütze, die er am Fensterbrett gefunden hatte, nicht recht fort traute.

„Die Bamsen sind, mit deiner Hilfe, Alte, die fertigen Zierpuppen geworden.

Ein nettes Heim, das so ein Mann doch hat!

Bring euch das Beste, was ich bringen kann, ’was für die Jugend! Lebensfreude! Heiterkeit! Die Gesellschaft einer schönen, vornehmen Frau, eines Weibes von Gottes Gnaden – und die Einladung in ihr Haus – ein Haus! Ja, so was saht ihr noch nie, Bamsen! – Und Heulerei, Spießbürgerei!

Daß i net lach!

Habt ihr denn ’was anzuziehen, Mädels?“ rief er mit heiterer Donnerstimme.

Sein Geist bewegte sich schon wieder in angenehmen Regionen.

Er hielt sich nie lange bei einem Ärger auf. Der Dichter verstand es, einen Schwall von unwirschen Redensarten, Kränkungen, sehr bedenklichen Offenheiten über die Seinen zu ergießen – dann aber, ‚Schwamm drüber‘! War seine Lust am Kränken vorbei, mußte den Andern die Lust, sich beleidigt zu fühlen, auch vergangen sein. Das konnte er auf den Tod nicht leiden, das Nachbrummen.

„Na, also, wie steht’s?“ fragte er Mama, „sind Kleider da?“

„Ich denk’ schon.“

„Natürlich! Weibsen! Kleider! Dazu ist immer Geld da. Und mir wird vorgejammert. Zu nix ist Geld da, zu rein gar nichts; nirgends schaut was ’raus – aber Kleider!“ Er machte sich von seiner Stütze los und ging leicht schwankend durch die Stube nach dem Schlafzimmer.

Mama war mit ein paar Schritten voraus und öffnete ihm hilfreich die Thür.


*

Die Mädchen suchten ihre Stube wieder auf.

Als Marie über die Schwelle trat, schrie sie laut auf.

Der erste Strahl der Morgensonne lag dem Schädel auf der Stirn. Die leuchtete hell auf. Es war, als erhellte es das ganze Zimmer.

„Ide, der Schädel lebt!“

„Ja, er lebt!“ jubelte Isolde auf und bedeckte ihre Schwester mit heißen, leidenschaftlichen Küssen.

Marie war so erregt von allem, so überwacht, daß sie in Thränen ausbrach.

„Ich weiß net, Ide,“ schluchzte sie, „wie es bei uns ist!“ Sie weinte herzbrechend. „Deck’ wenigstens dem Schädel ein Tüchel über!“




3


Die beiden Mädchen sitzen ihrem Vater gegenüber in Mrs. Wendlands Landauer, Kutscher und Diener in vornehmer Livree.

Das leichte Gefährt rollt die Landstraße am Starnbergersee entlang.

„Bamsen, ich sag’ euch, daß ihr mir keine Schande macht. Schaut net so, als wär euch die Butter vom Brot gefallen.“

Der Dichter trägt einen hellgrauen Sommeranzug, graue Kniehosen und schwarze Strümpfe mit Halbschuhen.

Er ist vollkommen der elegante Tourist. Seine mächtige blonde Persönlichkeit nimmt sich vortrefflich aus.

Die Kinder konnten sich nicht erinnern, jemals mit ihrem Vater einen Ausflug gemacht zu haben, und wußten sich jetzt nicht recht in ihre Lage zu schicken.

Er liebte Familiensimpelei nicht und war als Ehemann Junggeselle geblieben. Als Schriftsteller brauchte er unendlich viel Anregung, auf die die Seinigen keinen Anspruch machen konnten. So war es gekommen, daß er in gewisser Weise ein Leben für sich führte und zwar ein Leben, das sich um eine Kaste höher abspielte.

Die beiden Mädchen sitzen wortlos. Aus der dumpfen Stadt in die schöne, reiche Sommernatur gekommen zu sein, thut ihnen weh und wohl, der weiche Seewind, die mächtigen Massen tiefdunkeln Laubes, das die Luft einzuengen scheint und der Duft nach blühendem Gras – wie bedrängt sie das alles! Das sollte man immer haben können! Arme junge Menschen, denen die Natur fremd bleiben muß.

Sie biegen jetzt in einen vortrefflich gehaltenen Kiesweg ein, der durch dichten Buchenwald eine Anhöhe hinanführt und kommen bald an ein schönes weitgeöffnetes Gitterthor aus kunstvoll geschmiedetem Eisen.

Da fährt der Wagen ein, im großen Bogen um einen köstlichen Rasenplatz, auf dessen saftigem Grün Centifolienrosenbüsche wuchern. Sie stehen jetzt in voller Blüte. Tausende von Rosenblüten, alle dasselbe zarte Rosa, und ein so süßer Duft, daß einem Stadtkinde die Thränen in die Augen kommen konnten. So etwas heimlich Ländliches; paradisisch Zartes liegt in den kunstlos, kunstvoll zerstreuten rosenbedeckten Büschen.

Ein Springbrunnen plätschert in einer stillen grünen Ecke, keine Paradefontaine im Centrum des Cirkels – nein, abseits wie ein verträumter Geigenspieler, der sich selbst zu eigner Lust in einer verlorenen Ecke ein Ständchen bringt.

Den beiden Mädchen schlägt das Herz. Wie eine breite laue Welle süß duftender Vornehmheit geht es über sie hin.

Der Wagen hält vor der Villa, der Diener öffnete den Schlag. Alles, worauf ihr Auge auch fällt, ist wie in einer andern Welt, alles sagt ihnen etwas von einem geheimnisvollen Leben, das sie nicht kennen.

Ihr Vater hilft ihnen aus dem Wagen – ja, war denn das ihr Vater? Er hat einen Ausdruck, den sie an ihm nicht für möglich gehalten hätten, so gentlemanlike, eine so ritterliche Bewegung des Arms, die ihnen gilt! Sie wurden unbeschreiblich verlegen.

Der Diener führte sie eine breite, steinerne Treppe hinan. Vorsaal und Treppenhaus ganz in Weiß und Gold gehalten.

Eine große Schale vor einem hohen Spiegel mit Centifolien und Reseda, die den Raum mit ihrem Sommerduft erfüllen.

Marie und Isolde wünschten sich weit fort.

Es war ihnen die Atmosphäre so kühl, als schlüge im Hause kein Herz!

Der Diener öffnete die Thürflügel. Isolden ist dieser Diener merkwürdiger als alles. Er war, kam es ihr vor, da und zugleich nicht da. So wesenlos ist ihr noch nie ein Mensch erschienen. Alles Menschliche hatte er, Gott weiß wo, gelassen.

Auf seinem Gesicht lag die Vornehmheit des Hauses versteinert.

Sie gingen durch ein hohes helles Vorzimmer und schauten nicht recht um sich. Die Thür nach einem andern Raum stand geöffnet. Sie traten ein und befanden sich einer Gesellschaft von verschiedenen Personen gegenüber.

Der Theetisch war gedeckt, Gäste waren um ihn versammelt. Ein leichtes Aroma von Cigaretten und Rosen. Es schienen den beiden Mädchen auf den ersten Blick viel mehr Personen gegenwärtig zu sein, als es in Wirklichkeit waren.

Eine Dame hob sich ein wenig aus ihrem Lehnsessel, beugte sich vor, streckte den Arm aus. Gelblich indische Seide floß faltig schlank an ihr herab. Ein liebenswürdiges Lächeln ging über das schmale, von glatt anliegendem schwarzen Haar eingerahmte Gesicht.

„Wie gut, daß Sie sind gekommen, lieber Dichter,“ sagte die Dame. „Nun, und Ihre jungen Mädchen – wir wollen sehn.“

Sie gab jedem der Mädchen die Hand.

Tiefe schwarze, feuchte Sammtaugen fühlten sie auf sich gerichtet, kühl, vornehm, freundlich.

„Kommen Sie, nehmen Sie Platz, lieber Dichter.“

Isolde sah weltenweit von sich entfernt Henry Mengersen im weißen Flanellanzug.

Sie empfand, wie er hier heimisch war.

Ein tödlicher Schreck, ein banges Schamgefühl überwältigte sie, als sie an den Schädel daheim dachte. Die süße mystische Liebeswonne, die bräutlich nonnenhafte Seligkeit, wie erschien ihr das alles jetzt! Den Schädel hatte sie geliebkost ja! Die beiden Stirnen hatten dieselbe Form – gewiß. Sie hatte vor ihm wie im Gebet versunken gelegen. Es war ihr so natürlich erschienen. So ein thörichtes Geschöpf wie sie war! —

Henry Mengersen wurde den beiden Mädchen vorgestellt. Er erinnerte sich Isoldens. Sie hatten sich in einer Gesellschaft bei Freyschen Freunden getroffen. Er reichte ihr die Hand und begrüßte sie als alte Bekannte.

Außerdem war ein ältlicher, norddeutscher Baron da, ein jovialer Herr und eine noch junge schlanke Frau mit kleinem Kopf und kräftig voller Gestalt, einem etwas ernsten Kindergesicht, großen Augen, kleiner Nase, hübsch geformtem Mund. Sie schien eine angenehme Person zu sein. Ihr weiches, braunes Haar trug sie in einem nicht geschickt arrangierten Knoten.

Zuguterletzt rekelte sich ein, zweifelsohne, hochmoderner Schriftsteller in seinem Stuhl. Er rekelte sich, weil das seiner Lebensanschauung wahrscheinlich entsprach.

„Grüß Gott, Übermensch!“ sagte er und schüttelte Doktor Frey kollegialisch, aber auf eine etwas schlottrige Weise die Hand.

Ein tadelloser, aber ein wenig zu weiter Salonanzug bedeckte seine gelenke, feingliederige, mit zartem Fett ausgepolsterte Gestalt. Die breite, gestärkte Hemdenbrust stand in weitem Bogen aus der tief ausgeschnittenen Weste heraus. Es war alles nicht so recht niet- und nagelfest an ihm.

Doktor Frey aber schien mit allen, die am Tisch saßen, bekannt und vertraut. Er hatte etwas so leicht-beweglich Mächtiges, wie eine gut geschmierte große Maschine.

Als er sich niedersetzte, sagte er, jovial und wie im Prophetenton, eine seiner Sentenzen: „Wir müssen alle wahr sein, wahr bis zum Äußersten – wahr und lebensfreudig – dann wird die Welt bald ein anderes Gesicht bekommen.“

Jede seiner Bewegungen zeugte davon, daß er sich hier sicher und wohl fühlte, daß er sich seines Werts bewußt, daß er ein berühmter Mann war.

Als Marie und Isolde in den eigentümlichen englischen Stühlen Platz nahmen, empfanden sie ein lebendiges Behagen, wie sich das glatte zarte Holz an den Körper schmiegte. Unwillkürlich strich Isolde wie liebkosend über die Armlehne auf der ihre Hand ruhte. Sie fühlte sich so geborgen.

Wie robust lebte es sich daheim, wie häßlich und grob.

Ihren Vater ließ sie nicht aus den Augen. Er war hier wie ein anderer Mensch. Wie zu einem Heiligen neigte sich die schöne Frau zu ihm und fragte ihn, ob er Rum oder Citrone in den Thee wünsche. Eigenhändig reichte sie ihm das Gewünschte und er schaute wie ein Halbgott um sich.

Isolden war etwas wie Weinen und Lachen nah. Ein erschrecklich verquicktes Ding von einem Gefühl. Sie dachte an die Mutter daheim. Der Thee war so duftend, die Tassen so zart, alles Gerät auf dem Tisch als stammte es aus einer vollkommeneren Welt.

Die Mädchen saßen ganz still in ihren hellgrauen Lodenkostümen, wie zwei graugefiederte Tauben.

Sie dachten beide an ihre Kleider, die sie im Köfferchen mitgebracht hatten und fühlten eine wahre Sehnsucht danach.

Mrs. Wendland fuhr im leichten Plaudern fort, in dem sie, durch das Eintreten der neuen Gäste, unterbrochen worden war. „Lu,“ wendete sie sich an die junge Frau, „man hat mich gefragt, was ich habe an dir? Was hast du an ihr? Ich habe gesagt: das, was du hast an mir, hab’ ich an ihr. Ich bin wärmer als du, sie ist wärmer als ich. Es ist immer die Wärme.

Und weißt du, wer hat gefragt?

Dieser Öfling!“ Mrs. Wendland blickte auf den kleinen dicken Baron.

Die junge Frau sah groß auf und lachte.

„Ja,“ sagte sie, „ich stehe nicht in Gnaden bei dem Baron.“

„Verehrteste!“ der kleine dicke Baron machte eine wahrhaft entsetzte Bewegung und steckte seinen goldnen Kneifer auf die Nase. „Verzeihung, gnädigste Frau, da muß ich allerdings einen absolut anderen Zusammenhang …“

„Mußt dich nicht bemühen, lieber Freund.“

Mrs. Wendland stand vor dem Kamin, ihre hohe schlanke Gestalt nachlässig hingelehnt.

Sie schaute mit unergründlichen Augen auf die Gesellschaft. Über ihr lag eine eigentümliche Ruhe, wie sie gewöhnlichen Menschen nicht eigen ist. „Merkwürdigerweise,“ fuhr sie fort, „sagte Lu dasselbe von dir, lieber Baron: Wie kannst du verkehren mit diesen dummen Baron?“

„Mary!“ rief die junge Frau ganz entsetzt.

Mrs. Wendland aber erzählte ruhig weiter: „Ich habe gesagt: Es ist ein alter Liebhaber von mich und ich frag’ ihn: Wo kaufst du das beste Kaiseröl und ob er seine Leute auch Werktags Wein giebt – solche Dinge – aber das ist das Gemütliche nicht wahr, Baron?“

„Du bist heut ja wieder von fabelhafter Freimütigkeit!“

Die junge Frau war tief errötet und etwas nervös geworden.

„Und schließlich, ist denn diese Freimütigkeit so notwendig?“

„Meine liebe Lu, Freimütigkeit ist nie unnötig. Denke, was für ein schönes Wort: Frei! – Mutig! – Zum Beispiel: Ich habe das Unglück, unter deutschen Frauen zu leben. Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Die, mit denen ich muß leben, die werd’ ich nicht in ihrem Dunkel sitzen lassen. Alle deutsche Frauen sind Kühen,“ sagte sie aufseufzend.

„Das gehört eigentlich wieder unter vier Augen,“ meinte Frau Lu.

„Mit deinen, ‚unter vier Augen‘!“ Mrs. Wendland lächelte.

„Was man unter vier Augen sagt, ist so gut, als ob man gar nichts sagt – außer in Liebesdingen – ja dann – natürlich. Aber alles andre ist gut, wenn man aller Welt es sagt. Es wird bekannt. Ich sage alles, was ich denke.“

Der moderne Schriftsteller hatte eine zarte Applaudierbewegung mit den Spitzen seiner Finger gemacht, als Mrs. Wendland die eigentümliche Bemerkung über die deutschen Frauen vorbrachte. Mrs. Wendland hatte dies bemerkt.

„Und was soll ich von den deutschen Männern sagen, wenn ich muß sehen so etwas?“

Sie umgab den Schriftsteller wahrhaft mit der ruhigen Macht ihres Blickes. „Wenn ich sage, die deutschen Frauen sind Kühen, so ist das etwas Trauriges und ein schlechtes Zeichen für den deutschen Mann.

Wenn ich bin freimütig und sage, was Frau Lu von meinem guten Baron gesagt hat, so will ich, daß sie nicht soll erschrecken. Sie soll ganz ihr selbst bleiben – ganz ruhig in ihre Seele, nicht aus der Contenance kommen. Eine Frau, die gethan und gelebt hat, wie Frau Lu, die so gehandelt hat, muß souverain sein. Lu hat nie zu die Kühen gehört – nie. Lu nie.“

Das sagte Mrs. Wendland sehr bestimmt.

„Sie ist Ausnahme, first class.

Wenn ich denke an Lu, denke ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz mit tausend Rosen überdeckt, so ganz überdeckt von Rosen – ein Golgatha, ganz in Rosen.

Niemand sieht, daß sie genagelt ist – aber sie ist’s, mit Händen und Füßen, weil sie eine so glückliche Ehe hat, so ein Wunder von einer Ehe. Eine wirklich glückliche Ehe! – Nicht, was man so nennt glückliche Ehe, das ist eine Futterehe, was man im allgemeinen nennt „glücklich“.Aber Lus Ehe ist in Wahrheit glücklich – und das ist ein großes Unglück.“Mrs. Wendland ging auf ihre Freundin zu, strich ihr über das Haar. „Arme Lu!“Frau Lu schlang die Arme um sie und sagte: „Aber wie viel besser es ihm jetzt geht! – Und er arbeitet! Wenn Gott nur einmal ein bissel neutral bleibt.“„Übrigens, mir fällt ein,“ sagte Mrs. Wendland – „etwas ganz anders: Gestern geh’ ich meinen Spaziergang außerhalb meinem Park und begegne einer deutschen Familie – zwei Männern, Kindern und eine Frau.

Aber Lus Ehe ist in Wahrheit glücklich – und das ist ein großes Unglück.“

Mrs. Wendland ging auf ihre Freundin zu, strich ihr über das Haar. „Arme Lu!“

Frau Lu schlang die Arme um sie und sagte: „Aber wie viel besser es ihm jetzt geht! – Und er arbeitet! Wenn Gott nur einmal ein bissel neutral bleibt.“

„Übrigens, mir fällt ein,“ sagte Mrs. Wendland – „etwas ganz anders: Gestern geh’ ich meinen Spaziergang außerhalb meinem Park und begegne einer deutschen Familie – zwei Männern, Kindern und eine Frau.

Die Kinder liefen voraus und die Frau war zurückgeblieben. Sie hatte ’was an die Füße und war so eine dicke Bürgerin.

‚Schau,‘ sagt die eine Mann zu seinem Begleiter, ‚wie deine Alte nachhatscht.‘ —

‚Na, alter Kachelofen,‘ ruft ihr der Ehemann zu, ‚mach voran!‘

Und die Frau schaut auf mich und lacht so gutmütig und sagt:

‚So san die Mannersleut!‘

So sind sie alle, da liegt das ganze „Deutsch“ darin.

Lieber will ich ein Pferd sein, als eine deutsche Frau!“

„Nun, ich dächte, eine schöne Frau darf doch auch in Deutschland reden, wie es ihr gefällt,“ sagt der moderne Schriftsteller, und um seine Lippen spielte ein Lächeln, wie er es in der Gewohnheit hatte, wenn er eine Frau über irgend einen Gegenstand sprechen hörte, auch wenn dieser Gegenstand ihre eigene Persönlichkeit und ihr eigenes Geschlecht gewesen wäre, – ein so nachsichtiges, gnädiges Lächeln.

„O ja, eine schöne Frau kann auch in Deutschland manches thun; aber das liegt auf einem ganz anderen Gebiet.

Ich bewundere die deutsche Frau, daß ihr nicht die Geduld ausging.

Ich würde eine Bombe nehmen und auf die Schlafrock von meinem Mann werfen und auf die Schlafrock von alle Männer, die schreiben und philosophieren und sprechen von die Frau.

Mitten in ihr Dunkel würde ich werfen.“

„Oho! Hochverehrte,“ rief Doktor Frey mächtig. „Deutsche Liebe! Deutsches Weib! Minnesang! Sie thun uns bitter unrecht!“

„Da kommen Sie mit die Mittelalter! – Natürlich, das thun alle deutschen Männer, wenn sie von die Frau reden. Ein deutscher Mann sieht die Frau immer im Mittelalter, auch in solch einem Kostüm. Ich glaube, wenn er von die deutsche Frau spricht, denkt er an eine aus Holz geschnitzte, nie an die lebendige, so wie auf den Titeln von allen deutschen Familienzeitungen zu sehn ist, so kinderlich. Das Naivste, was es in dieser Beziehung giebt, ist der deutsche Mann.

Deutsche Liebe! Ich mache zwei Kreuze davor, damit man sich in acht nimmt.

Ich will eine lange Geschichte erzählen: ich liebe sehr Geschichten zu erzählen,“ sagte sie träumerisch.

„Es hat sich eine Ausländerin verheiratet. Sie hat einen deutschen Baron geheiratet.“

Mrs. Wendland sah mit ihren tiefen ruhigen Augen, geradaus über die Gesellschaft hinweg.

Wie vornehm kühl stand sie da als wenn alles auf der Welt sie nichts anginge; auch das Alter nichts. Denn sie war nicht mehr jung.

Wie floß aber die gelbe indische Seide an ihrer schlanken Gestalt herab.

Diese Frau hatte sich in Nichts nachgegeben, das sah man.

Sie hatte ihr Leben mit sich selbst durchdrungen.

„Und dieser Baron ist so ein deutscher Lebemann,“ fuhr sie fort. „Er hatte gelebt und geliebt, wie man sagt.

Er war ein schöner Mann und hatte ein Schloß und Wald und Jagd und war ein große Jäger. Er hatte genug von die Frauen und deshalb heiratete er.

Und wie ich sagte: Er heiratete eine junge Ausländerin – schön – klug und sie hatte nicht gelebt und geliebt, wie man sagt, und liebte ihren Mann mit solch einer schönen jungen Liebe und solch einem Verlangen nach Liebe. Und er hatte nicht ein Verlangen nach Liebe und kümmerte sich wenig um sie.

Sie aber war traurig darüber und er ging alle Morgen auf die Jagd.

Im Winter, vor Sonnenaufgang stand er leise auf und ließ sie in Thränen verliebt allein. Da sann sie, wie sie ihn halten könne.

Und einmal war es auch, da wußte sie schon, daß er wieder gehen würde. Draußen lag leichter Schnee über der Welt und der Mond schien helle.

Da war sie es, die aufstand, viel, viel leiser als er, so zart, wie eine Hauch und sie legte ihre Nachtkleider ab und schlüpfte nur in eine weiche Pelz – dann schlich sie fort – und zum Schloß hinaus.

Und unter einer einsamen Linde warf sie ihre Pelz ab und stand in ihre große Schönheit im Mondschein.

Da legte sie sich in den weißen, unberührten Schnee und der Schnee trug die Linien von ihre zarte Gestalt. Dann hob sie sich wieder und schlüpfte in ihr Pelz und eilte schnell in das Schloß zurück, in ihr Schlafzimmer – leise – wie ein Hauch.

Und als der Baron erwachte und sie wollte verlassen, um zur Jagd zu gehen – da sagte sie: ‚O denke, es ist ein edles Wild bis nah vors Schloß gewesen, ich habe seine Spur gesehen unter der Linde.‘

Da lachte er und glaubte nicht.

‚O geh, sagte sie, du wirst es sehn, daß ich wahr sagte.‘

Und er ging.

Und als er wiederkam? Da verließ er ihr, denke ich, nicht mehr.

Und meine Geschichte heißt: Die Wildspur.

Das ist was ich nenn ‚Frau‘ und ‚Liebe‘, so süß und klug. O, es gehört mehr Weisheit und Seele – und Geist dazu, als zu eine Eisenbahn baun.“

„Eine Geschichte für junge Damen,“ sagte der moderne Schriftsteller lächelnd und verbeugte sich leicht, zu Marie und Isolde gewendet.

„Gewiß für junge Damen,“ sagte die schöne Frau. „Oder meinen Sie für alte?“

Die kleine Geschichte hatte sie mit solch einer freimütigen Schönheit erzählt, daß es über alle wie ein Hauch von Poesie ging.

Doktor Frey erhob sich, goß ein zierliches Kristallglas voll Wein, ließ sich vor Mrs. Wendland auf ein Knie nieder und sagte indem er das Glas an die Lippen führte: „Dem wundervollsten Weib!“

„O, Sie sind ein deutscher Dichter! Sie sind ein Freiheitsmensch, ich weiß.

Es ist sehr nötig hier.“

Die beiden jungen Männer, der Schriftsteller und Henry Mengersen verhielten sich bisher passiv. Der Schriftsteller hatte den Blick selten von Mrs. Wendland gekehrt.

„Kann so bleiben,“ murmelte er ein paarmal vor sich hin, „kann so bleiben.“

Henry Mengersen war, wie es schien, ein wenig verstimmt.

Mrs. Wendland hatte Doktor Frey und seine beiden Mädchen veranlaßt, mit ihr auf den Balkon hinauszutreten.

„Alles angeweiblicht – für Weiber!“ – sagte Henry Mengersen zum Baron gewendet. „Jawohl, Eisenbahnen bauen! O teure Mistreß, versuchen Sie’s mal.“

„Na,“ meinte der Baron, „Sie Tiger, das sagt man doch bloß. Und übrigens, ich habe nichts gegen das Ewig-Weibliche hier um diesen Tisch. Reizende Kerlchen – was?“

Er zwinkerte und deutete mit diesem Zwinkern auf die verlassenen Plätze der beiden Mädchen.

„Nicht übel, die eine ist mir schon bekannt, ein sonderbares Huhn.“


*

Zum Souper kleideten sich die beiden Mädchen in ihre duftigen langen Gewänder und es fiel ihnen wie ein Stein vom Herzen, als sie sich so schön sahen. Die Vornehmheit bedrückte sie nun nicht mehr.


*

Spät am Abend sprach Mrs. Wendland den Wunsch aus, daß Henry Mengersen sie alle miteinander in sein Atelier führen möchte.

Auf eine kühle Art zeigte er sich bereit dazu.

Isolden schlug das Herz.

Und während die anderen im Salon noch eifrig plauderten, stand sie allein draußen auf der Terrasse und sah in die Sommernacht hinaus.


*

Zwei Jahre mochten es her sein, da hatte sie in einer Münchener Kunstausstellung, kaum fünfzehnjährig, vor einer Reihe Radierungen gestanden – und das Kind hatte geschaut und geschaut, die Zeit war ihr vergangen, ohne daß sie es empfand.

Die Leute hatten über das kleine weltvergessene Mädchen gelächelt.

Sie aber hatte eine neue Welt gesehen und gefühlt.

Da war eine Landstraße gewesen, eine langgestreckte Landstraße, links und rechts mit jungen Obstbäumen besetzt und diese Straße führte geraden Wegs hinein in einen dunkeln, drohenden schweren Gewitterhimmel.

Niemand ging diese Straße. Sie aber ging sie. Sie ging im Geist auf dieser Straße.

Eine große tote Stille – kein Blatt rührt sich – kein Laut – und auch die ungeheure Wolkenmasse stand unbeweglich, ein großes, düstres Geheimnis.

Und diesem drohenden, düsteren Unbekannten lief sie entgegen. Sie ging nicht, sie lief.

Sie war ganz entrückt.

Und dann ein andres Blatt:

Auf hohen Gebirgsgipfeln mitten in der Gletscherwelt, im ewigen Schnee, kämpften zwei Titanen unter schwerem Himmel. Der ewige Schnee stiebt um sie her. Eisklötze fliegen. Der Grund ist zerwühlt, zerstampft, zerklüftet und zerrissen von der Gewalt der Hufe.

Um was kämpfen sie? Um ein armes Häschen, das tot und winzig im Schnee liegt, das der eine erbeutet hat und der andere ihm nicht gönnt.

Da mußte das Kind lachen.

Und weiter:

Auf einem Bild sah sie ein Liebespaar. Rosen und Nacht. Es war alles so verstohlen.

Sie begriff.

Es war da ein Duft von Jasmin in der Luft – und das Geheimnis, das große Geheimnis.

In der Schule steckten sie die Köpfe immer zusammen, das Eine, nur das Eine ließ ihnen keine Ruh; es sprühte ihnen im Blute, es stieg ihnen zu Kopfe, es nahm ihnen den Atem. Und dann war es so widerwärtig – die anderen konnte man darum hassen, daß sie davon tuschelten. Und im Umsehen waren sie wieder dabei – sie mit.

Eine zeigte eine Stelle im Religionsbuche, ohne ein Wort zu sagen.

Eine errötete. Und alle schauten und machten lange Hälse und wollten es sehen – lesen – genießen – davor erschauern – sie mit.

Wie unanständige Kobolde, ganz elementar, ganz naiv. —

Ja, und dieses Bild! da war das Geheimnis.

Sie war aber wie reingespült davon.

Eine süße, ungeheure Melodie hörte sie. Sie fühlte etwas so Großes, so Einziges, etwas zum Hinsterben. Von dem Tuscheln, Schauern, dem naiv frechen Treiben der unanständigen Kobolde, die die Leute Backfische nennen, war sie von jener Stunde an getrennt.

Auf dem nächsten Bild dasselbe Liebespaar.

Ja, sie erkannte sie beide wieder. Ein Kind war geboren. Das Weib lag langgestreckt und tot. Es stand da eine Wasserschale und Tücher lagen da. Sie sah das Weib mit Schauern. Es war eben geschehen.

Der Mann kniete und hielt den Kopf des toten Weibes in seinen Händen und seinen Kopf hatte er ganz vergraben.

Hinter beiden aber stand der Tod, riesig wie eine mächtige Wand, wie ein Fels und auf seinem Arm lag das eben geborene tote Kind, gleich einer welken Blüte, die zufällig ein Sturmstoß auf den Arm des Todes geweht hat, so hing es formlos zusammengefallen.




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