Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22.
Томас Бабингтон Маколей




Thomas Babington Macaulay

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. / Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22





Einundzwanzigstes Kapitel.

Wilhelm III





Eindruck von Mariens Tode auf dem Continent


Auf dem Continent machte die Nachricht von Mariens Tode einen sehr verschiedenen Eindruck. Die Hugenotten beweinten in allen Gegenden Europa’s, wohin sie verschlagen waren, die Auserwählte, die ihren königlichen Aufwand beschränkt hatte, um dem verfolgten Volke Gottes Brot und Obdach zu geben.[1 - Siehe Claude’s Predigt auf Mariens Tod.] In den Vereinigten Provinzen, wo sie genau gekannt und immer populär gewesen war, wurde ihr Tod aufrichtig bedauert. Matthias Prior, dem seine Talente und Kenntnisse die Gönnerschaft des freigebigen Dorset verschafft hatten und der jetzt der Gesandtschaft im Haag attachirt war, schrieb, daß die kälteste und für Gefühlsaffecte unempfänglichste aller Nationen berührt sei. Der Marmor selbst, sagte er, weine.[2 - Prior an Lord und Lady Lexington, 14. (24.) Jan. 1695. Der Brief befindet sich in den Lexington Papers, einer werthvollen und gut edirten Sammlung.] Die Klagen von Cambridge und Oxford fanden in Leyden und Utrecht Wiederhall. Die Generalstaaten legten Trauer an. Auf allen Kirchthürmen Hollands ertönte jeden Tag Trauergeläute.[3 - Monthly Mercury vom Januar 1695. Ein Redner, der in Utrecht eine Lobrede auf die Königin hielt, war so albern zu sagen, ihr letzter Hauch sei ein Gebet für das Wohl der Vereinigten Provinzen gewesen: – „Valeant et Batavi,” – dies sind ihre letzten Worte, – „sint incolumes; sint florentes; sint beati: stet in aeternum, stet immota praeclarissima illorum civitas, hospitium aliquando mihi gratissimum, optime de me meritum.” Siehe auch die Reden Peter Francius’ von Amsterdam und Johann Ortwinius’ von Delft.] Inzwischen verbot Jakob in Saint-Germains jede Trauerfeier aufs Strengste, und bestimmte Ludwig, ein gleiches Verbot auch in Versailles zu erlassen. Einige der vornehmsten Edelleute Frankreich’s, unter andern die Herzöge von Bouillon und von Duras, waren mit dem Hause Nassau verwandt und hatten jedesmal, wenn der Tod dieses Haus heimsuchte, die schicklichen Trauerceremonien genau beobachtet. Diesmal wurde ihnen untersagt, sich schwarz zu kleiden, und sie fügten sich; aber die Macht des großen Königs ging nicht so weit, daß er seine hochgebildeten und geistreichen Höflinge hätte verhindern können einander zuzuflüstern: es liege doch etwas Erbärmliches in dieser Rache, die der Lebende an dem Todten, ein Vater an seinem Kinde nehme.[4 - Journal de Dangeau; Mémoires de Saint-Simon.]

Die Hoffnungen Jakob’s und seiner Exilgefährten waren jetzt größer als sie seit der Schlacht von La Hogue je gewesen. Die Staatsmänner, sowohl bei uns, als auch auf dem Continent, waren in der That allgemein der Ansicht, daß es Wilhelm nicht möglich sein werde, sich noch lange auf dem Throne zu halten. Ohne den Beistand seiner Gemahlin, sagte man, würde er sich nicht einmal so lange haben halten können. Ihre Leutseligkeit habe Viele gewonnen, die sein kaltes Benehmen und seine kurzen Antworten abgestoßen hätten. Ihr englischer Accent, ihre englischen Gesinnungen und Neigungen hätten Viele bezaubert, denen sein holländischer Accent und seine holländischen Gewohnheiten zuwider gewesen seien. Obgleich sie der Hochkirchenpartei nicht angehört, habe sie doch dieses Ritual geliebt und sich gern und ehrerbietig einigen Ceremonien anbequemt, die er zwar nicht als sündhaft, doch als kindisch angesehen und an denen Theil zu nehmen er schwer habe über sich gewinnen können. So lange der Krieg daure, müsse er nothwendig fast die Hälfte des Jahres außerhalb England’s zubringen. Bisher habe sie in seiner Abwesenheit ihn vertreten, und gut vertreten. Wer solle ihn jetzt vertreten? In welchen Stellvertreter könne er gleiches Vertrauen setzen? Welchem Stellvertreter werde die Nation gleiche Achtung zollen? Alle Staatsmänner Europa’s stimmten daher in der Ansicht überein, daß seine zum mindesten schwierige und gefährliche Lage durch den Tod der Königin noch schwieriger und gefährlicher geworden sei. Aber alle Staatsmänner Europa’s täuschten sich, und merkwürdigerweise war seine Regierung nach dem Ableben Mariens entschieden glücklicher und ruhiger als zu ihren Lebzeiten.




Luxemburg’s Tod


Wenige Stunden nachdem er das zärtlichste und geliebteste aller ihm befreundeten Wesen verloren hatte, wurde er von dem gefürchtetsten aller seiner Feinde befreit. Der Tod hatte in Paris so gut wie in London ein Opfer gefordert. Während Tenison an Mariens Sterbelager betete, reichte Bourdaloue dem Marschall von Luxemburg die letzte Oelung. Der große französische General war nie ein Günstling des französischen Hofes gewesen; als man aber erfuhr, daß sein schwächlicher, durch Kriegsstrapatzen und sinnliche Genüsse erschöpfter Körper einer gefährlichen Krankheit erliege, wurde der Werth seiner Dienste zum ersten Male vollständig gewürdigt; die königlichen Leibärzte wurden zu ihm gesandt, um Heilmittel zu verordnen, die Schwestern von Saint-Cyr erhielten Befehl, für ihn zu beten, aber Heilmittel und Gebete waren vergebens. „Wie wird sich der Prinz von Oranien freuen,” sagte Ludwig, „wenn er Kenntniß von unsrem Verluste erhält!” Er irrte sich. Die Nachricht kam Wilhelm in einem Augenblicke zu, wo er an keinen andren Verlust zu denken vermochte, als der ihn selbst betroffen hatte.[5 - Saint-Simon; Dangeau; Monthly Mercury für Januar 1695.]




Wilhelm’s Schmerz


Während des ersten Monats nach Mariens Tode war der König zu keiner Anstrengung fähig. Selbst auf die Adressen der beiden Parlamentshäuser antwortete er nur mit einigen unartikulirten Lauten. Die Antworten, welche in die Protokolle aufgenommen sind, waren nicht mündlich von ihm gesprochen, sondern schriftlich eingereicht. Die unaufschiebbaren Geschäfte wurden durch die Vermittelung Portland’s erledigt, der selbst vom Kummer gebeugt war. Einige Wochen lang ruhte die wichtige und vertrauliche Correspondenz zwischen dem Könige und Heinsius. Endlich zwang sich Wilhelm, diese Correspondenz wieder aufzunehmen; aber sein erster Brief war der Brief eines Mannes, dessen Herz gebrochen war. Selbst sein kriegerisches Feuer war durch den Schmerz gedämpft worden. „Ich sage Ihnen im Vertrauen,” schrieb er, „daß ich mich für das Militärcommando nicht mehr tauglich fühle. Ich will indessen versuchen meine Pflicht zu thun und hoffe, daß Gott mir Kraft verleihen wird.” So verzagt sah er dem glänzendsten und glücklichsten seiner vielen Feldzüge entgegen.[6 - L’Hermitage, 1. (11.) Jan. 1695; Vernon an Lord Lexington, 1. 4. Januar; Portland an Lord Lexington, 15. (25.) Jan.; Wilhelm an Heinsius, 22. Januar (1. Febr.).]




Parlamentsverhandlungen; Emancipation der Presse


Die parlamentarische Thätigkeit wurde nicht unterbrochen. Während die Abtei wegen des Leichenbegängnisses der Königin schwarz ausgeschlagen war, kamen die Gemeinen zu einem Beschlusse, der damals wenig Aufmerksamkeit und gar keine Aufregung hervorrief, den voluminöse Annalisten unerwähnt gelassen haben und dessen Geschichte man nur unvollständig aus den Parlamentsarchiven ersehen kann, der aber für die Freiheit und Civilisation mehr gethan hat als die Große Charte oder die Rechtsbill. Kurz nach Beginn der Session war ein gewählter Ausschuß beauftragt worden zu ermitteln, welche temporären Gesetze dem Erlöschen nahe seien, und um zu erwägen, welche von diesen Gesetzen fortbestehen zu lassen zweckmäßig sein würde. Der Bericht wurde erstattet, und alle in diesem Berichte enthaltenen Vorschläge wurden, bis auf einen, angenommen. Unter den Gesetzen, deren Erneuerung der Ausschuß dem Hause anempfahl, befand sich auch das, welches die Presse einer Censur unterwarf. Es wurde die Frage gestellt, „ob das Haus mit dem Comité in dem Beschlusse übereinstimme, daß die Acte unter dem Titel: Acte zur Verhütung von Mißbräuchen beim Drucken aufrührerischer, hochverrätherischer und unerlaubter Pamphlets und zur Regulirung des Buchdrucks und der Buchdruckerpressen, fortbestehen solle.” Der Sprecher erklärte, daß die Neins überwögen, und die Jas hielten es nicht für rathsam, ein Scrutinium vornehmen zu lassen.

Eine Bill zu Verlängerung aller übrigen temporären Gesetze, die man nach der Ansicht des Ausschusses zweckmäßigerweise nicht erlöschen lassen könne, wurde eingebracht, angenommen und den Lords zugesandt. Diese Bill kam sehr bald mit einem wichtigen Amendement versehen zurück. Die Lords hatten in der Liste der zu verlängernden Acten diejenige mit aufgenommen, welche die Presse der Aufsicht von Censoren unterstellte. Die Gemeinen beschlossen, dem Amendement nicht beizutreten, verlangten eine Conferenz und ernannten einen Ausschuß von Wortführern. Der leitende Wortführer war Eduard Clarke, ein entschiedener Whig, welcher Taunton vertrat, seit fünfzig unruhigen Jahren das Bollwerk der bürgerlichen und religiösen Freiheit.

Clarke überreichte den Lords im gemalten Zimmer ein Schriftstück, welches die Gründe enthielt, die das Unterhaus bestimmt hatten, die Censuracte nicht zu erneuern. Dieser Aufsatz vertheidigt siegreich den Beschluß, zu dem die Gemeinen gekommen waren. Aber er beweist zu gleicher Zeit, daß sie nicht wußten was sie thaten, welche Revolution sie herbeiführten, welche Macht sie ins Leben riefen. Sie hoben kurz, klar, nachdrücklich und zuweilen mit einer nicht unpassenden ernsten Ironie die Widersinnigkeiten und Unbilligkeiten des Gesetzes hervor, das im Begriff war zu erlöschen. Aber man wird finden, daß alle ihre Einwürfe sich auf Details beziehen. Ueber die große Prinzipfrage, über die Frage, ob die Preßfreiheit im Ganzen ein Segen oder ein Fluch für die Gesellschaft sei, ist kein Wort gesagt. Die Censuracte wird verdammt, nicht als etwas dem Wesen nach Schlimmes, sondern nur wegen der kleinen Unzuträglichkeiten, wegen der Erpressungen, der Beeinträchtigungen, der Handelsbeschränkungen, der Haussuchungen, welche aus ihr entsprangen. Sie wird für nachtheilig erklärt, weil sie die Sortimentsbuchhändler in den Stand setzt, von den Verlegern Geld zu erpressen, weil sie die Agenten der Regierung ermächtigt, unter der Autorität von Generalvollmachten Haussuchungen vorzunehmen, weil sie den ausländischen Buchhandel auf den Hafen von London beschränkt, weil sie werthvolle Bücherballen im Zollhause zurückhält, bis die Blätter verschimmelt sind. Die Gemeinen hoben hervor, daß der Betrag der Gebühren, die der Censor verlangen kann, nicht festgestellt sei. Sie hoben hervor, daß es einem Zollbeamten bei Strafe verboten sei, eine von auswärts kommende Bücherkiste anders als in Anwesenheit eines der Censoren der Presse zu öffnen. Wie soll der Beamte wissen, wird sehr richtig gefragt, ob Bücher in der Kiste sind, so lange er sie nicht geöffnet hat? Dies waren die Argumente, welche erreichten, was Milton’s Areopagitica nicht gelungen war.

Die Lords fügten sich ohne Kampf. Sie erwarteten wahrscheinlich, daß eine weniger Einwendungen zulassende Bill zur Regulirung der Presse ihnen bald zugesandt werden würde, und eine solche Bill wurde auch wirklich im Hause der Gemeinen eingebracht, zweimal gelesen und einem gewählten Ausschusse überwiesen. Aber die Session ging zu Ende, bevor der Ausschuß seinen Bericht erstattet hatte, und die englische Literatur wurde von der Aufsicht der Presse befreit, und für immer befreit.[7 - Commons’ Journals, Feb. 11., April 12., 17.; Lords’ Journals April 8., 18. 1695. Leider ist in dem Protokolle der Gemeinen vom 12. April eine Lücke, so daß es jetzt nicht mehr möglich ist, zu ermitteln, ob über die Frage bezüglich des Beitritts zu dem von den Lords vorgeschlagenen Amendement eine Abstimmung stattfand.] Dieses hochwichtige Ereigniß ging fast unbeachtet vorüber. Evelyn und Luttrell hielten es nicht der Mühe werth, es in ihren Tagebüchern zu erwähnen, so wenig wie die holländischen Gesandten in ihren Depeschen. Auch in den Monthly Mercuries findet sich keine Notiz darüber. Die öffentliche Aufmerksamkeit war von anderen und weit aufregenderen Dingen in Anspruch genommen.




Halifax’ Tod


Eines dieser Dinge war der Tod des gebildetsten, erleuchtetsten und trotz großer Fehler achtungswerthesten der in dem verderbten und ausschweifenden Whitehall der Restauration gebildeten Staatsmänner. Ungefähr einen Monat nach dem glänzenden Leichenbegängnisse Mariens bewegte sich ein Leichenzug von fast prahlerischer Einfachheit um den Schrein Eduards’ des Bekenners nach der Kapelle Heinrich’s VII. Dort steht, wenige Fuß von ihrem Sarge, der Sarg Georg Savile’s, Marquis von Halifax.

Halifax und Nottingham waren seit langer Zeit Freunde, und Lord Eland, jetzt Halifax’ einziger Sohn, war mit Lady Marie Finch, Nottingham’s Tochter, verlobt. Der Tag der Vermählung war festgesetzt, eine heitere Gesellschaft versammelte sich in Burley on the Hill, dem Schlosse des Vaters der Braut, das von einer der schönsten Terrassen der ganzen Insel auf prächtige Buchen- und Eichenwälder, auf das fruchtbare Thal von Catmos und auf den Kirchthurm von Oakham herabsieht. Der Vater des Bräutigams wurde durch eine Unpäßlichkeit, die man nicht für gefährlich hielt, in London zurückgehalten. Plötzlich nahm die Krankheit einen beunruhigenden Character an. Man sagte ihm, daß er nur noch einige Stunden zu leben habe. Er hörte die Mittheilung mit ruhiger Fassung an. Es wurde vorgeschlagen, seinen Sohn durch einen Expressen nach der Stadt holen zu lassen. Aber Halifax, bis zum letzten Augenblicke gutmüthig, wollte die Freude des Hochzeitstages nicht stören. Er gab strengen Befehl, daß die Beerdigung in aller Stille vor sich gehen solle, und bereitete sich auf den großen Wechsel durch Andachtsübungen vor, welche Diejenigen in Erstaunen setzten, die ihn für einen Atheisten hielten, und starb mit der heiteren Ruhe eines Philosophen und eines Christen, während seine Freunde und Verwandten, seine Gefahr nicht ahnend, Weinmolken tranken und die Gardine zogen.[8 - L’Hermitage 10. (20.) April 1695; Burnet II. 149.]

Seine legitime männliche Nachkommenschaft starb bald aus. Doch kein geringer Theil seines Geistes und seiner Beredtsamkeit ging auf seinen Tochtersohn, Philipp Stanhope, vierten Earl von Chesterfield über. Aber es ist wahrscheinlich nicht allgemein bekannt, daß einige Abenteurer, die sich, ohne die Vortheile des Reichthums oder der Stellung zu besitzen, durch die bloße Kraft des Talents einen Namen gemacht haben, das Blut Halifax’ erbten. Er hinterließ einen natürlichen Sohn, Heinrich Carey, dessen Dramen einst zahlreiche Zuschauer ins Theater lockten und von dessen heiteren und geistreichen Versen einige noch im Gedächtniß von Hunderttausenden leben. Von Heinrich Carey stammte Edmund Kean ab, der sich in unsrer Zeit so wundervoll in Shylock, Jago und Othello verwandelte.

Mehr als ein Schriftsteller ist der Parteilichkeit für Halifax beschuldigt worden. Allerdings hat auch das Gedächtniß Halifax’ ganz besonderen Anspruch auf den Schutz der Geschichte. Denn was ihn vor allen anderen englischen Staatsmännern auszeichnet, ist der Umstand, daß er während einer langen öffentlichen Laufbahn und durch häufige und heftige Umwälzungen in der öffentlichen Meinung, von den großen Fragen seiner Zeit fast stets diejenige Ansicht faßte, welche die Geschichte schließlich angenommen hat. Er wurde unbeständig genannt, weil seine relative Stellung zu den streitenden Parteien fortwährend wechselte. Eben so gut könnte man den Polarstern unbeständig nennen, weil er bald östlich bald westlich von den Zeigern steht. Die alte und gesetzliche Verfassung des Reichs zu der einen Zeit gegen eine aufständische Volksmasse, zu einer andren Zeit gegen eine despotische Regierung vertheidigt zu haben; der hervorragendste Vertheidiger der Ordnung in dem stürmischen Parlamente von 1680, und der hervorragendste Vertheidiger der Freiheit in dem servilen Parlamente von 1685 gewesen zu sein; in den Tagen des papistischen Complots gegen die Römisch-Katholischen, in den Tagen des Ryehousecomplots gegen die Exclusionisten gerecht und nachsichtig gewesen zu sein; alles in seiner Macht Stehende gethan zu haben, um sowohl Stafford’s Kopf als auch Russell’s Kopf zu retten: dies war eine Laufbahn, welche Zeitgenossen, die von der Leidenschaft erhitzt und durch Namen und Parteizeichen verblendet waren, leicht begreiflicherweise wankelmüthig nennen konnten, die aber von Seiten der späten Gerechtigkeit der Nachwelt eine ganz andre Bezeichnung verdient.

Ein dunkler Flecken, aber auch nur einer, lastet auf dem Andenken dieses ausgezeichneten Mannes. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, daß er, der eine so große Rolle in der Convention gespielt hatte, sich später dazu erniedrigen konnte, mit Saint-Germains zu verkehren. Das Factum läßt sich nicht bestreiten; für ihn aber giebt es Entschuldigungsgründe, welche für Andere, die des nämlichen Verbrechens schuldig waren, nicht geltend gemacht werden können. Er hinterging nicht, wie Marlborough, Russell, Godolphin und Shrewsbury, einen Gebieter, der ihm Vertrauen schenkte und mit Wohlthaten überhäufte. Die Undankbarkeit und Bosheit der Whigs trieben ihn dazu, einen Augenblick bei den Jakobiten Schutz zu suchen. Es muß jedoch hinzugesetzt werden, daß er den Fehler, zu dem ihn die Leidenschaft verführte, bald bereute, daß er, obwohl nie mit dem Hofe wieder ausgesöhnt, sich durch seinen Eifer für die nachdrückliche Fortsetzung des Kriegs auszeichnete und daß sein letztes Werk eine Schrift war, in der er seine Landsleute ermahnte zu bedenken, daß die öffentlichen Lasten, so drückend sie auch scheinen mochten, leicht seien im Vergleich zu dem Joche Frankreich’s und Rom’s.[9 - An Essay upon Taxes, calculated for the present Juncture of Affairs, 1693.]

Etwa vierzehn Tage nach Halifax’ Tode traf seinen alten Nebenbuhler und Feind, den Lordpräsidenten, ein viel härterer Schlag als der Tod. Dieser talentvolle, ehrgeizige und kühne Staatsmann wurde abermals von der Höhe der Macht herabgestürzt. Sein erster Sturz hatte, so heftig er auch gewesen war, doch etwas Würdevolles gehabt, und indem er mit seltener Geschicklichkeit eine außerordentliche Krisis in den Staatsangelegenheiten benutzte, hatte er sich noch einmal zur höchsten Stellung unter den englischen Unterthanen emporgeschwungen. Der zweite Sturz war zwar minder heftig als der erste; aber er war schimpflich und nicht wieder gut zu machen.




Parlamentarische Untersuchungen wegen der Corruption in den öffentlichen Aemtern


Die Unterschleife und die Bestechungen, durch welche die damaligen Beamten sich zu bereichern pflegten, hatten das Volk in eine Stimmung versetzt, die früher oder später nothwendig eine furchtbare Explosion zur Folge haben mußte. Aber die Gewinne wurden auf der Stelle gemacht, der Tag der Vergeltung war ungewiß und die Plünderer des Staats waren so gierig und frech wie je, als die lange gedrohte und lange verzögerte Rache plötzlich den Stolzesten und Mächtigsten von ihnen ereilte.

Das erste Grollen des herannahenden Sturmes verrieth nicht im mindesten die Richtung, die er nehmen, oder die Wuth, mit der er ausbrechen würde. Ein in Royston liegendes Infanterieregiment hatte von den Bewohnern dieser Stadt und deren Umgegend Contributionen erhoben. Die erpreßte Summe war nicht bedeutend. In Frankreich oder Brabant würde die Mäßigkeit des Verlangten für wunderbar gehalten worden sein. Den englischen Kaufleuten und Landwirthen aber war die militärische Erpressung zum Glück etwas ganz Neues und Unerträgliches. Es wurde den Gemeinen eine Petition übersandt, und die Gemeinen forderten die Ankläger und Angeklagten vor die Schranke. Es stellte sich bald heraus, daß ein schweres Vergehen verübt worden, daß aber die Verbrecher einigermaßen zu entschuldigen waren. Die öffentlichen Gelder, welche die Schatzkammer zu ihrer Löhnung und ihrem Unterhalte hergegeben hatte, waren von ihrem Obersten und seinen Agenten betrügerischerweise zurückgehalten worden. Es war kein Wunder, wenn Leute, welche Waffen hatten und denen es an den nothwendigsten Bedürfnissen fehlte, wenig nach der Bitte um Recht und nach der Rechtserklärung fragten. Aber empörend war es, daß der Soldat, während der Bürger schwer besteuert war, damit dem Soldaten der höchste in Europa bekannte Militärsold bezahlt werden konnte, durch gänzlichen Mangel dazu getrieben wurde, den Bürger zu brandschatzen. Dies wurde in einer Vorstellung, welche die Gemeinen Wilhelm vorlegten, nachdrücklich hervorgehoben. Wilhelm, der schon längst gegen Mißbräuche kämpfte, welche die Wirksamkeit seiner Armee empfindlich beeinträchtigten, freute sich, daß seine Hand auf diese Weise gekräftigt wurde. Er versprach vollständige Genugthuung, cassirte den schuldigen Obersten, gab strengen Befehl, daß den Truppen ihr Sold regelmäßig ausgezahlt werde und ernannte eine Militärbehörde zur Entdeckung und Bestrafung solcher Ungebührlichkeiten, wie sie in Royston vorgekommen waren.[10 - Commons’ Journals, Jan. 12., Feb. 26., Mar. 6.; A Collection of the Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695 upon the Inquiry into the late Briberies and Corrupt Practices, 1695; L’Hermitage an die Generalstaaten, 8. (18.) März; Van Citters, 15. (25.) März. L’Hermitage sagt: „Si par cette recherche la chambre pouvoit remedier au désordre qui règne, elle rendroit un service très utile et très agréable au Roy.”]

Aber die ganze Verwaltung war in einem solchen Zustande, daß es kaum möglich war, einen Schuldigen zu bestrafen, ohne zehn andere zu entdecken. Im Laufe der Untersuchung über das Benehmen der Truppen in Royston kam es an den Tag, daß Heinrich Guy, Parlamentsmitglied für Heydon und Sekretär des Schatzamts, eine Bestechungssumme von zweihundert Guineen angenommen hatte. Guy wurde sogleich in den Tower geschickt, nicht ohne großen Jubel seitens der Whigs, denn er war eines von den Werkzeugen, welche zugleich mit den Gebäuden und Einrichtungen der öffentlichen Aemter von Jakob auf Wilhelm übergegangen waren; er spielte die Rolle eines Hochkirchlichen, und man wußte, daß er mit einigen Oberhäuptern der Torypartei, und namentlich mit Trevor, eng befreundet war.[11 - Commons’ Journals, Feb. 16. 1695. Collection of the Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695; Life of Wharton; Burnet II. 144.]

Ein andrer Name, der später eine nur zu weit verbreitete Berühmtheit erlangte, wurde damals dem Publikum zuerst bekannt. Jakob Craggs hatte seine Laufbahn als Barbier begonnen. Dann war er Bedienter der Herzogin von Cleveland geworden. Seine ausgezeichneten, wenn auch nicht durch Unterricht ausgebildeten Naturgaben hatten ihn in der Welt emporgehoben, und er betrat jetzt eine Laufbahn, die nach einem Viertel Jahrhundert des Glücks mit unbeschreiblichem Elend und Verzweiflung endigen sollte. Er war Tuchlieferant für die Armee geworden. Er wurde über seinen Geschäftsverkehr mit den Regimentsobersten vernommen, und da er sich hartnäckig weigerte, seine Bücher vorzulegen, wurde er in den Tower geschickt, um Guy Gesellschaft zu leisten.[12 - Sprecher Onslow’s Note zu Burnet II. 583; Commons’ Journals, Mai 6., 7. 1695. Die Geschichte des schrecklichen Endes dieses Mannes findet man in den Flugschriften über das Südseejahr.]

Wenige Stunden nachdem Craggs ins Gefängniß geworfen worden war, legte ein Ausschuß, der ernannt war, um die Begründung einer von einigen Miethkutschern London’s eingereichten Petition zu untersuchen, einen Bericht auf den Tisch des Hauses nieder, der allgemeinen Abscheu und Unwillen erregte. Es ergab sich, daß diese armen ihr Brot sauer verdienenden Menschen von der Behörde, unter deren Aufsicht sie eine Acte der vorigen Session gestellt hatte, schwere Unbill erfahren hatten. Sie waren nicht allein von den Commissaren, sondern auch von dem Bedienten eines Commissars und von der Concubine eines andren gebrandschatzt und insultirt worden. Die Gemeinen richteten eine Adresse an den König und der König entsetzte die Schuldigen ihrer Stellen.[13 - Commons’ Journals, March 8. 1695; Exact Collection of Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695; L’Hermitage, 8. (18.) März.]

Inzwischen aber begann Verbrechern, die in Macht und Rang weit höher standen, bange zu werden. Bei jeder neuen Entdeckung wuchs die Aufregung sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauern des Parlaments. Das entsetzliche Ueberhandnehmen von Bestechung, Corruption und Erpressung bildete überall den Gegenstand des Tagesgesprächs. Ein zeitgenössischer Pamphletist vergleicht den damaligen Zustand der politischen Welt mit dem Zustande einer Stadt, in der man so eben das Herrschen einer Pestseuche entdeckt hat und in der die Schreckensworte „Gott sei uns gnädig” bereits an einigen Thüren zu lesen sind.[14 - Exact Collection of Debates.] Geflüster, das zu einer andren Zeit rasch verklungen und vergessen worden wäre, schwoll jetzt zu Murren und dann zu lautem Geschrei an. Es entstand und verbreitete sich das Gerücht, daß die Gelder der beiden reichsten Corporationen des Landes, der City von London und der Ostindischen Compagnie, in bedeutendem Maße zur Bestechung hochgestellter Männer verwendet worden seien, und es wurden die Namen Trevor, Seymour und Leeds genannt.

Die Nennung dieser Namen verursachte eine große Aufregung in den Reihen der Whigs. Trevor, Seymour und Leeds waren alle Drei Tories und übten auf verschiedenen Wegen einen größeren Einfluß aus, als vielleicht irgend drei andere Tories des Königreichs. Wenn sie alle Drei zu gleicher Zeit mit beflecktem Rufe aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden konnten, so hatten dann die Whigs im Parlament wie im Cabinet das entschiedene Uebergewicht.

Wharton war nicht der Mann, sich eine solche Gelegenheit entgehen zu lassen. In White’s Kaffeehause, unter den jungen vornehmen Herren, die in Politik und Ausschweifung seine Schüler waren, würde er gewiß herzlich gelacht haben über die Wuth, mit der die Nation plötzlich Leute deshalb zu verfolgen begann, weil sie etwas thaten, was Jedermann stets gethan hatte und stets zu thun versuchte. Aber wenn die Menschen einmal Thoren sein wollten, so war es Sache eines Staatsmannes, ihre Thorheit zu benutzen. Die Sprache der politischen Reinheit war den Lippen Wharton’s nicht so geläufig als gotteslästerliche und unzüchtige Reden; aber seine Manieren waren so geschmeidig und seine Unverschämtheit so groß, daß er vor der Welt als ein sittenstrenger Patriot aufzutreten wagte, der über die Feilheit und Treulosigkeit eines entarteten Zeitalters trauerte. Während er, von dem heftigen Parteigeiste beseelt, der bei rechtschaffenen Männern für einen Fehler gegolten haben würde, der aber bei ihm fast eine Tugend war, seine Freunde eifrig aufstachelte, eine Untersuchung über die Wahrheit der circulirenden schlimmen Gerüchte zu verlangen, wurde der Gegenstand plötzlich und nachdrücklich in den Vordergrund gedrängt. Der Zufall wollte, daß, als eine Bill von geringem Interesse bei den Gemeinen berathen wurde, der Briefträger mit zahlreichen Briefen an Mitglieder ankam, und die Vertheilung erfolgte an der Schranke unter einem Gemurmel, das die Stimmen der Redner übertäubte. Seymour, den sein gebieterischer Character beständig antrieb zu befehlen und zu moniren, verwies den Plaudernden die anstößige Ordnungswidrigkeit ihres Benehmens und forderte den Sprecher auf, es zu rügen. Es erfolgte ein heftiger Wortwechsel und einer der Schuldigen ließ sich so weit hinreißen, daß er auf die über Seymour und den Sprecher umlaufenden Geschichten anspielte. „Es ist allerdings unpassend zu plaudern, während eine Bill berathen wird; aber noch viel schlimmer ist es, Geld anzunehmen, um eine Bill durchzubringen. Wenn wir eine leichte Formverletzung so streng rügen wollen, wie streng sollten wir dann erst gegen die Corruption auftreten, welche das Wesen unserer Institutionen selbst untergräbt!” Das war genug; der Funke war gefallen, der Pulverfaden lag bereit, die Explosion erfolgte augenblicklich und mit furchtbarer Heftigkeit. Nach einer stürmischen Debatte, in der sich zu wiederholten Malen der Ruf: „der Tower!” vernehmen ließ, traf Wharton Anstalt, sein Vorhaben durchzusetzen. Bevor das Haus die Sitzung aufhob, wurde ein Ausschuß zur Prüfung der Bücher der City von London und der Ostindischen Compagnie ernannt.[15 - L’Hermitage, 8. (18.) März 1695. L’Hermitage’s Erzählung wird durch die Protokolle vom 7. März 1694/95 bestätigt. Es geht daraus hervor, daß das Haus unmittelbar vor Ernennung des Ausschusses beschloß, daß während einer Sitzung keine Briefe an Mitglieder abgegeben werden sollten.]




Tadelsvotum gegen den Sprecher des Hauses der Gemeinen


Foley wurde zum Präsidenten des Ausschusses ernannt. Vor Ablauf einer Woche berichtete er, daß der Sprecher, Sir Johann Trevor, unter der vorigen Session von der City tausend Guineen zur Beschleunigung einer Lokalbill erhalten habe. Diese Entdeckung freute die Whigs, welche Trevor von jeher haßten, ungemein und war selbst vielen Tories nicht unangenehm. Seit sechs geschäftsreichen Sessionen hatte seine schmutzige Habgier ihn zum Gegenstand des allgemeinen Abscheus gemacht. Die gesetzlichen Einkünfte seines Postens betrugen ungefähr viertausend Pfund jährlich; aber man glaubte, daß er sich auf mindestens zehntausend Pfund gestanden habe.[16 - L’Hermitage, 19. (29.) März 1695.] Seine Schamlosigkeit und sein Hochmuth waren selbst dem engelgleichen Character Tillotson’s zu stark gewesen, und man wollte den sanften Erzbischof etwas von einem Schurken haben murmeln hören, als der Sprecher bei ihm vorüberging.[17 - Birch’s Life of Tillotson.] Doch so groß die Verbrechen dieses abscheulichen Mannes waren, seine Strafe war ihnen vollkommen angemessen. Sobald der Ausschußbericht verlesen war, wurde beantragt zu resolviren, daß er sich eines schweren Verbrechens und Vergehens schuldig gemacht habe. Er mußte aufstehen und die Frage stellen. Es erhob sich alsbald ein lautes Jageschrei. Er rief die Neins auf, und fast keine einzige Stimme ließ sich vernehmen. Er sah sich gezwungen zu erklären, daß die Jas überwögen. Ein Mann von Ehre würde vor Reue und Scham in die Erde gesunken sein, und die unsägliche Schande dieses Augenblicks ließ selbst in dem verstockten Herzen und auf der frechen Stirn Trevor’s ihre Spuren zurück. Wäre er am folgenden Tage wieder in der Kammer erschienen, so würde er über seine eigne Ausstoßung die Frage haben stellen müssen. Er schützte daher Unpäßlichkeit vor und schloß sich in sein Schlafzimmer ein. Wharton überbrachte den Gemeinen bald eine königliche Botschaft, die sie ermächtigte, einen andren Sprecher zu wählen.




Foley zum Sprecher erwählt


Die Whighäupter wollten Littleton auf den Präsidentenstuhl bringen; aber es gelang ihnen nicht, diese Absicht zu erreichen. Foley wurde gewählt, vorgestellt und bestätigt. Obwohl er neuerdings in der Regel mit den Tories gestimmt hatte, nannte er sich noch immer einen Whig und war auch vielen Whigs nicht unangenehm. Er besaß sowohl die Talente als auch die Kenntnisse, deren es bedurfte, um den Debatten mit Würde präsidiren zu können; was aber in der eigenthümlichen Lage, in der sich das Haus damals befand, nicht ohne Grund als seine empfehlendste Eigenschaft betrachtet wurde, das war sein unversöhnlicher Abscheu vor Betrug und Corruption, den er ein wenig prahlerisch zur Schau trug, aber auch ohne Zweifel wirklich empfand. Den Tag darauf, nachdem er seine Functionen angetreten hatte, wurde sein Vorgänger ausgestoßen.[18 - Commons’ Journals, March 12, 13, 14, 15, 16, 1694/95; Vernon an Lexington, 15. März; L’Hermitage, 15. (25.) März.]




Untersuchung der Rechnungen der Ostindischen Compagnie


Die Unbesonnenheit Trevor’s war eben so groß gewesen als seine Schlechtigkeit, und seine Schuld war bei der ersten Prüfung der Rechnungen der City zu Tage getreten. Die Rechnungen der Ostindischen Compagnie waren verwickelter. Der Ausschuß berichtete, daß er sich nach Leadenhall Street begeben, die Papiere untersucht, die Directoren und Commis befragt habe, aber nicht im Stande gewesen sei, dem Geheimnisse der Widerrechtlichkeit auf den Grund zu kommen. Einige höchst verdächtige Buchungen habe man unter der Bezeichnung „besonderer Dienstaufwand” entdeckt. Die Ausgaben dieses Conto’s hätten im Jahre 1693 über achtzigtausend Pfund betragen. Es sei erwiesen, daß die Directoren bezüglich der Verausgabung dieses Geldes dem Gouverneur, Sir Thomas Cook, unbedingtes Vertrauen geschenkt hätten. Er habe ihnen nur in allgemeinen Ausdrücken gesagt, daß er in Angelegenheit der Concession dreiundzwanzigtausend, fünfundzwanzigtausend, dreißigtausend Pfund habe ausgeben müssen, und die Directoren hätten ihm, ohne specielle Rechnungsablage zu verlangen, für seine Sorgfalt gedankt und ihm ohne weiteres Anweisungen auf diese bedeutenden Summen ausstellen lassen. Einige aufsässige Directoren hätten zwar über diese enorme Ausgabe gemurrt und einen detaillirten Status verlangt; aber sie hätten keine andre Antwort aus Cook herausbekommen können, als daß es nothwendig gewesen sei, einige hochgestellte Personen zu beschenken.




Verdächtiges Treiben Seymour’s


Der Ausschuß berichtete ferner, daß er ein contractliches Uebereinkommen gefunden habe, kraft dessen die Compagnie sich verpflichtet habe, einer Person, Namens Colston, zweihundert Tonnen Salpeter zu liefern. Auf den ersten Anblick schien dieses Geschäft kaufmännisch und in Ordnung zu sein. Bald aber kam man dahinter, daß Colston nur ein Agent Seymour’s war. Dies erweckte Verdacht. Die verwickelten Bedingungen des Contracts wurden genau untersucht und sie ergaben sich als in der Weise festgestellt, daß in jedem möglichen Falle eine Summe von zehn- bis zwölftausend Pfund von Seymour gewonnen und von der Compagnie verloren werden mußte. Alle Sachverständigen waren der Ansicht, daß der Contract ein bloßes Scheindocument sei, das eine Bestechung verdecken sollte. Die Maske war aber so geschickt gemacht, daß die Landgentlemen sich nicht hineinfinden konnten und daß selbst die Juristen zweifelten, ob solche Beweise von Bestechung vorlägen, wie sie ein Gerichtshof für genügend erachten würde. Seymour kam sogar ohne Tadelsvotum davon und nahm nach wie vor einen leitenden Antheil an den Debatten der Gemeinen.[19 - „On vit qu’il étoit impossible de le poursuivre en justice, chacun toutefois démeurant convaincu que c’étoit un marché fait à la main pour lui faire présent de la somme de 10,000 l., et qu’il avait été plus habile que les autres novices que n’avoient pas su faire si finement leurs affaires.” L’Hermitage, 29. März (8. April); Commons’ Journals, March. 12.; Vernon an Lexington, 26. April; Burnet II. 145.] Aber die Autorität, die er lange im Hause und in den westlichen Grafschaften ausgeübt hatte, war, wenn auch nicht vernichtet, doch sichtbar vermindert, und bis an das Ende seines Lebens blieb sein Salpeterhandel ein Lieblingsthema für whiggistische Pamphletisten und Dichter.[20 - In einem Gedicht, betitelt The Prophecy (1703) kommt die Strophe vor:„Wenn Seymour verschmäht Salpetergeld,”In einer andren Satyre befindet sich die Stelle:„Bestochner Seymour haßt Bestechungen.”]




Bill gegen Sir Thomas Cook


Das Entrinnen Seymour’s fachte den Eifer Wharton’s und seiner Verbündeten nur noch mehr an. Sie waren entschlossen zu entdecken, wohin die achtzig- bis neunzigtausend Pfund „geheimer Dienstaufwand” gekommen waren, welche die Ostindische Compagnie Cook anvertraut hatte. Cook, welcher Abgeordneter für Colchester war, wurde auf seinem Platze befragt; er weigerte sich Rede zu stehen, wurde in den Tower geschickt, und eine Bill wurde eingebracht, des Inhalts, daß, wenn er bis zu einem bestimmten Tage nicht die ganze Wahrheit gestände, er nie mehr fähig sein solle, ein Amt zu bekleiden, der Compagnie die ganze ihm anvertraute ungeheure Summe zurückerstatten und außerdem eine Geldbuße von zwanzigtausend Pfund an die Krone bezahlen müsse. So reich er auch war, diese Geldbußen würden ihn an den Bettelstab gebracht haben. Die Gemeinen waren in einer solchen Stimmung, daß sie die Bill ohne eine einzige Abstimmung annahmen.[21 - Commons’ Journals vom 26. März bis 8. April 1695.] Seymour trat zwar, obgleich sein Salpetercontract das Stadtgespräch bildete, mit frecher Stirn auf, um seinen Complicen in Schutz zu nehmen; aber seine Frechheit schadete der Sache nur, die er vertheidigte.[22 - L’Hermitage, 10. (20.) April 1695.] Im Oberhause wurde die Bill vom Herzoge von Leeds in den stärksten Ausdrücken verurtheilt. Die Hand auf das Herz gelegt, erklärte er auf sein Wort, auf seine Ehre, daß er kein persönliches Interesse an der Sache habe und daß er durch kein andres Motiv als das einer reinen Gerechtigkeitsliebe getrieben werde. Seine Beredtsamkeit erhielt eine mächtige Stütze an den Thränen und Wehklagen Cooks, der von der Schranke aus die Peers beschwor, ihn nicht einer den milden Gesetzen England’s unbekannten Tortur zu unterwerfen. „Nehmen Sie,” sagte er, „anstatt dieser grausamen Bill eine Indemnitätsbill an, und ich werde Ihnen Alles sagen.” Die Lords hielten sein Verlangen für nicht ganz unbillig. Nach einigen Verhandlungen mit den Gemeinen wurde beschlossen, daß ein gemeinsamer Ausschuß ernannt werden sollte, um zu untersuchen, wofür der geheime Dienstaufwand der Ostindischen Compagnie verausgabt worden sei, und es wurde rasch eine Acte angenommen, welche bestimmte, daß, wenn Cook diesem Ausschusse offene und vollständige Enthüllungen mache, er für die einzugestehenden Verbrechen nicht bestraft werden, daß er aber, bis er ein solches Geständniß ablege, im Tower bleiben solle. Gegen dieses Arrangement opponirte Leeds öffentlich so entschieden, als er es schicklicherweise thun konnte. Insgeheim wendeten Diejenigen, die sich schuldig fühlten, allerhand Kunstgriffe an, um einer Untersuchung vorzubeugen. Man raunte sich zu, daß Dinge an den Tag kommen würden, von denen jeder gute Engländer wünschen müßte, daß sie verborgen blieben, und daß der größte Theil der durch Cook’s Hände gegangenen Summen an Portland zum Gebrauch Sr. Majestät bezahlt worden sei. Aber das Parlament und die Nation waren entschlossen, die Wahrheit zu erfahren, gleichviel wer durch die Enthüllung leiden würde.[23 - Exact Collection of Debates and Proceedings.]




Untersuchung durch einen vereinigten Ausschuß der Lords und Gemeinen


Sobald die Indemnitätsbill die königliche Genehmigung erhalten hatte, trat der vereinigte Ausschuß, bestehend aus zwölf Lords und vierundzwanzig Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, im Sitzungssaale der Schatzkammer zusammen. Wharton wurde zum Vorsitzenden ernannt und in wenigen Stunden wurden wichtige Entdeckungen gemacht.

Der König und Portland gingen mit unbefleckter Ehre aus der Untersuchung hervor. Der König hatte nicht nur keinen Theil an den von Cook verausgabten geheimen Dienstgeldern, sondern er hatte sogar seit einigen Jahren nicht einmal das gewöhnliche Geschenk erhalten, das die Compagnie unter früheren Regierungen alljährlich am Fuße des Thrones niedergelegt. Es ergab sich, daß Portland nicht weniger als fünfzigtausend Pfund angeboten und von ihm zurückgewiesen worden waren. Das Geld lag ein ganzes Jahr bereit, um ihm ausgezahlt zu werden, wenn er andren Sinnes werden sollte. Endlich sagte er Denen, die in ihn drangen, diese ungeheure Bestechungssumme anzunehmen, daß sie ihn zu einem Feinde ihrer Compagnie machen würden, wenn sie ihn noch länger durch ein solches Anerbieten beleidigten. Viele wunderten sich über die Rechtschaffenheit, die er bei dieser Gelegenheit bewies, denn er galt allgemein für eigennützig und habgierig. Das Wahre an der Sache scheint zu sein, daß er zwar das Geld liebte, aber ein Mann von strenger Rechtschaffenheit und Ehre war. Er nahm ohne Besinnen Alles was er mit Ehren nehmen zu können glaubte, war aber unfähig, sich zu einer Gemeinheit zu erniedrigen. Er fühlte sich sogar durch die Complimente beleidigt, die ihm bei dieser Gelegenheit gesagt wurden.[24 - L’Hermitage, 30. April (10. Mai) 1695; Portland an Lexington, 23. April (3. Mai).] Nottingham’s Rechtschaffenheit konnte nicht Wunder nehmen. Auch ihm waren zehntausend Pfund angeboten, aber zurückgewiesen worden. Die Zahl der Fälle, in denen stattgefundene Bestechung vollständig erwiesen wurde, war klein. Ein großer Theil der Summe, welche Cook aus der Casse der Compagnie gezogen hatte, war wahrscheinlich von den Agenten unterschlagen worden, deren er sich bei dem Bestechungswerke bedient hatte, und wohin das Uebrige gekommen war, konnte man aus den widerstrebenden Zeugen, welche vor den Ausschuß gebracht wurden, nicht leicht erfahren. Ein Lichtstrahl zeigte sich jedoch; man ging ihm nach, und er führte zu einer Entdeckung von der höchsten Wichtigkeit. Eine bedeutende Summe war von Cook einem Agenten, Namens Firebrace, und von Firebrace einem andren Agenten, Namens Bates, verabfolgt worden, von dem man genau wußte, daß er mit der Hochkirchenpartei und insbesondere mit Leeds in enger Beziehung stand. Bates wurde vorgeladen, aber er machte sich aus dem Staube; man schickte Boten zu seiner Verfolgung ab, er wurde ergriffen, in das Schatzkammergericht gebracht und vereidigt. Die Geschichte, die er erzählte, bewies, daß er zwischen der Furcht, seine Ohren zu verlieren, und der Furcht, seinem Gönner zu schaden, hin und her schwankte. Er gestand, daß er es auf sich genommen habe, Leeds zu bestechen, daß ihm zu dem Ende fünftausendfünfhundert Guineen übergeben worden seien, daß er diese Guineen Sr. Gnaden angeboten und dieselben mit Erlaubniß Sr. Gnaden in dessen Hause einem Schweizer, Namens Robart, eingehändigt habe, der Sr. Gnaden vertrauter Geschäftsmann sei. Man sollte meinen, daß diese Thatsache nur eine Deutung zuließe. Bates schwur jedoch, der Herzog habe sich geweigert, auch nur einen Farthing anzunehmen. „Warum,” fragte man, „wurde dann das Gold mit seiner Bewilligung in seinem Hause und in den Händen seines Dieners zurückgelassen?” – „Weil ich schlecht Geld zählen kann,” antwortete Bates. „Ich bat deshalb Se. Gnaden um die Erlaubniß, die Goldstücke dalassen zu dürfen, damit Robart sie für mich zählen möchte, und Se. Gnaden hatte die Güte, dies zu gestatten.” Es lag auf der Hand, daß, wenn diese wunderliche Geschichte wahr gewesen wäre, die Guineen in einigen Stunden hätten wieder abgeholt werden müssen. Aber Bates mußte eingestehen, daß sie ein halbes Jahr da geblieben waren, wo er sie zurückgelassen hatte. Allerdings war das Geld schließlich – und dies war im vorliegenden Falle einer der verdächtigsten Umstände, – von Robart gerade an dem Morgen zurückgezahlt worden, wo der Ausschuß seine erste Zusammenkunft im Schatzkammergericht hielt. Wer konnte glauben, daß, wenn die Geschichte frei von jedem Anschein von Bestechung gewesen wäre, die Guineen, so lange Cook schweigen konnte, zurückgehalten und an dem elften Tage wo er genöthigt war sich auszusprechen, zurückerstattet worden sein würden?




Anklage gegen Leeds


Wenige Stunden nach dem Verhöre Bates’ berichtete Wharton den Gemeinen was im Schatzkammergericht vorgegangen war. Die Entrüstung war allgemein und heftig. „Sie begreifen jetzt,” sagte Wharton, „warum uns bei jedem Schritte Hindernisse in den Weg gelegt wurden, warum wir die Wahrheit tropfenweis herauspressen mußten, warum der Name Sr. Majestät arglistig genannt wurde, damit wir von einer Untersuchung abstehen sollten, die nichts zu Tage gebracht hat, was Sr. Majestät nicht zur Ehre gereichte. Dürfen wir uns wundern, daß wir mit so großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, wenn wir die Macht, Gewandtheit und Erfahrung des Mannes bedenken, der uns im Geheimen entgegenarbeitete? Es ist Zeit, der Welt einmal schlagend zu beweisen, daß kein Verbrecher sich so schlau zu verbergen oder so hoch zu klimmen vermag, daß wir ihn nicht aufspüren oder erreichen könnten. Nie hat es ein schändlicheres Beispiel von Bestechung gegeben, nie hat ein Verbrecher weniger Anspruch auf Nachsicht gehabt. Die Verpflichtungen, welche der Herzog von Leeds gegen sein Vaterland hat, sind nicht gewöhnlicher Art. Eine große Schuld haben wir schon großmüthig gestrichen; aber die Art und Weise, wie unsre Großmuth vergolten worden ist, zwingt uns zu berücksichtigen, daß er vor langer Zeit angeklagt war, Geld aus Frankreich zu beziehen. Wie können wir sicher sein, so lange ein Mann, dessen Feilheit erwiesen ist, Zugang zum Ohre des Königs hat? Unsere am besten vorbereiteten Unternehmungen sind vereitelt, unsere geheimsten Beschlüsse sind verrathen worden. Und dürfen wir uns darüber wundern? Können wir daran zweifeln, daß er neben seinem inländischen Handel mit Concessionen einen einträglichen auswärtigen Handel mit Geheimnissen treibt? Können wir zweifeln, das der Mann, der uns Einen an den Andren verkauft, für einen guten Preis uns Alle an den gemeinsamen Feind verkaufen wird?” Wharton schloß mit dem Antrage, daß Leeds wegen schwerer Verbrechen und Vergehen in Anklagestand versetzt werden solle.[25 - Es kann meines Erachtens keinem Zweifel unterliegen, daß das Mitglied, welches in der Exact Collection D genannt ist, Wharton war.]

Leeds hatte viele Freunde und Anhänger im Hause der Gemeinen, aber sie konnten wenig sagen. Wharton’s Antrag wurde ohne Abstimmung angenommen und er selbst beauftragt, an die Schranke der Lords zu gehen und dort den Herzog im Namen der Gemeinen England’s anzuklagen. Noch ehe er aber diesen Auftrag ausführen konnte, wurde gemeldet, daß Se. Gnaden an der Thür sei und um Gehör bitten lasse.

Während Wharton bei den Gemeinen seinen Bericht erstattete, hatte Leeds eine Ansprache an die Lords gehalten. Er leugnete unter den feierlichsten Versicherungen, daß er jemals Geld für sich angenommen habe. Dagegen aber gestand er zu und rühmte sich dessen sogar, daß er Bates dazu aufgemuntert habe, von der Compagnie Geld zu nehmen, und er schien der Meinung, daß dies ein Dienst sei, den der Freund eines am Staatsruder stehenden Mannes billigerweise von diesem erwarten könne. Nur zu Viele machten damals in der That einen höchst albernen und verderblichen Unterschied zwischen einem Minister, der seinen Einfluß benutzte, um sich selbst Geschenke zu verschaffen, und einem Minister, der seinen Einfluß benutzte, um für seine Anhänger Geschenke zu erlangen. Jener war schlecht, dieser nur gutherzig. Leeds erzählte hierauf mit großer Selbstgefälligkeit eine Geschichte von sich, die in unseren Zeiten einen Staatsdiener nicht nur aus dem Amte, sondern aus jeder anständigen Gesellschaft vertreiben würde. „Als ich zu König Karl’s Zeiten Schatzmeister war, Mylords, sollte die Accise verpachtet werden. Es waren mehrere Bewerber da. Harry Savile, den ich sehr hoch schätzte, theilte mir mit, daß sie ihn um seine Fürsprache bei mir ersucht hätten, und bat mich ihnen zu sagen, er habe sein Möglichstes für sie gethan. „Wie?” entgegnete ich, „das soll ich ihnen Allen sagen, während doch nur Einer den Pacht haben kann?” – „Thut nichts,” versetzte Harry, „sagen Sie es nur Allen; Der, welcher den Pacht bekommt, wird dann glauben, daß er ihn mir verdankt.” Die Herren kamen und ich sagte jedem von ihnen besonders: „Sie sind Mr. Savile sehr zu Dank verpflichtet, Sir;” oder: „Mr. Savile hat Ihnen einen großen Freundschaftsdienst erzeigt, Sir.” Schließlich erhielt Savile ein anständiges Präsent, und ich gratulirte ihm dazu. Ich war damals sein Schatten. Jetzt bin ich Mr. Bates’ Schatten.”

Der Herzog hatte diese Anekdote, die ein so grelles Licht auf den damaligen Zustand der politischen Moralität wirft, kaum erzählt, als ihm unter der Hand mitgetheilt wurde, daß im Hause der Gemeinen der Antrag gestellt worden sei, ihn in Anklagestand zu versetzen. Er eilte dahin, aber noch ehe er ankam, war die Frage bereits gestellt und angenommen. Dessenungeachtet drang er auf Einlaß, und er wurde eingelassen. Nach altem Brauche wurde innerhalb der Schranke ein Stuhl für ihn hingestellt und ihm angezeigt, daß das Haus bereit sei ihn anzuhören.

Er sprach, aber mit weniger Takt und Einsicht als gewöhnlich. Er pries seine eigenen dem Staate geleisteten Dienste. Ohne ihn, sagte er, würde es kein Haus der Gemeinen gegeben haben, das ihn hätte anklagen können, eine Prahlerei, die so überspannt war, daß seinen Zuhörern nothwendig die Lust vergehen mußte, ihm dasjenige Lob zuzugestehen, das sein Verhalten zur Zeit der Revolution wirklich verdiente. Ueber die gegen ihn erhobene Anklage sagte er nicht viel mehr als daß er unschuldig sei, daß man schon längst mit dem böswilligen Plane umgehe, ihn ins Verderben zu stürzen, daß er nicht auf Einzelnheiten eingehen wolle, daß die Facta, welche bewiesen worden seien, zweierlei Deutungen zuließen, und daß von diesen beiden Deutungen billigerweise die günstigere angenommen werden müsse. Er entfernte sich, nachdem er das Haus gebeten hatte, den eben gefaßten Beschluß noch einmal zu erwägen, oder, wenn dies nicht sein könne, ihm wenigstens bald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Seine Freunde fühlten wohl, daß seine Rede keine Vertheidigung war, und sie versuchten es daher auch gar nicht, den Beschluß rückgängig zu machen, der unmittelbar vor seiner Anhörung gefaßt worden war. Wharton begab sich in zahlreicher Begleitung zu den Lords und zeigte ihnen an, daß die Gemeinen beschlossen hätten, den Herzog in Anklagestand zu versetzen. Es wurde ein Ausschuß ernannt, um die Artikel aufzusetzen und die Beweise vorzubereiten.[26 - Bezüglich der Vorgänge dieses ereignißvollen Tages, des 27. April 1695, sehe man die Protokolle der beiden Häuser und die Exact Collection.]

Die Anklageartikel waren bald aufgesetzt, aber in der Beweiskette fehlte ein Glied. Dieses Glied konnte aller Wahrscheinlichkeit noch Robart liefern, wenn er streng verhört und mit anderen Zeugen confrontirt wurde. Die Gemeinen erließen eine Vorladung an ihn. Ein Bote begab sich damit nach der Wohnung des Herzogs von Leeds und erhielt dort den Bescheid, daß der Schweizer schon seit drei Tagen abwesend sei und daß der Portier nicht sagen könne, wo er sich aufhalte. Die Lords richteten unverzüglich eine Adresse an den König, worin sie ihn ersuchten, Befehl zu geben, daß die Häfen gesperrt und der Flüchtling festgenommen werde. Aber Robart war schon in Holland auf dem Wege nach seinen heimischen Bergen.

Die Flucht dieses Mannes machte es den Gemeinen unmöglich, die Sache weiter zu verfolgen. Sie beschuldigten Leeds mit Heftigkeit, daß er den Zeugen entfernt habe, der allein den juristischen Beweis für Thatsachen liefern konnte, welche durch moralische Beweise bereits festgestellt waren. Leeds, der jetzt wegen des Ausgangs der Anklage beruhigt war, gab sich das Ansehen eines schwer Beleidigten. „Mylords,” sagte er, „das Verfahren der Gemeinen ist beispiellos. Sie beschuldigen mich eines schweren Verbrechens, sie versprechen es zu beweisen; dann finden sie, daß sie nicht die Mittel haben es zu beweisen, und sie machen mir Vorwürfe, daß ich ihnen diese Mittel nicht liefere. Sie hätten gewiß eine solche Anklage nicht erheben sollen, ohne wohl zu überlegen, ob sie auch genügende Beweise hatten, um sie aufrecht zu erhalten, oder nicht. Wenn Robart’s Zeugniß, wie sie jetzt sagen, unerläßlich ist, warum ließen sie ihn nicht kommen und ihn seine Geschichte erzählen, ehe sie sich zur Anklage entschlossen? Sein Verschwinden haben sie ihrer eignen Maßlosigkeit, ihrer eignen Uebereilung zuzuschreiben. Er ist ein Ausländer, er ist ängstlich, er hört, daß ein Vorgang, bei dem er betheiligt gewesen, vom Hause der Gemeinen für höchst strafbar erklärt, daß sein Herr angeklagt, daß sein Freund Bates im Gefängniß sei und daß jetzt an ihn die Reihe kommen solle. Natürlich bekommt er Furcht, flüchtet sich in sein Vaterland, und so weit ich ihn kenne, möchte ich wohl behaupten, daß er sich sobald nicht wieder in den Bereich einer Vorladung des Sprechers wagen wird. Aber was geht das Alles mich an? Soll ich mein ganzes Leben lang das Brandmal einer solchen Beschuldigung mit mir herumtragen, lediglich deshalb, weil die Heftigkeit meiner Ankläger ihren Zeugen aus England getrieben hat? Ich verlange sofortige Prozessirung. Ich fordere Eure Lordschaften auf zu beschließen, daß die Anklage zurückgewiesen werden soll, wenn die Gemeinen dieselbe nicht vor dem Schlusse der Session anbringen.” Einige befreundete Stimmen riefen: „Gut beantragt!” Aber die Peers im allgemeinen waren nicht geneigt einen Schritt zu thun, der für das Unterhaus und die große Masse Derer, welche dieses Haus vertrat, im höchsten Grade beleidigend gewesen wäre. Der Antrag des Herzogs fiel durch und einige Stunden darauf wurde das Parlament prorogirt.[27 - Exact Collection; Lords’ Journals, May 3. 1695; Commons’ Journals, May 2. 3.; L’Hermitage, 3. (13.) Mai; London Gazette vom 13. Mai.]




Leeds’ Entlassung


Die Anklage wurde nie wieder erneuert. Der Beweis, der eine formelle Schuldigerklärung begründet haben würde, konnte nicht beigebracht werden, und eine formelle Schuldigerklärung würde Wharton’s Zweck schwerlich besser entsprochen haben, als die unformelle Schuldigerklärung, welche die ganze Nation bereits ausgesprochen hatte. Das Werk war vollbracht, die Whigs hatten die Oberhand. Leeds war nicht mehr erster Minister, ja überhaupt gar nicht mehr Minister. Wilhelm vermied, wahrscheinlich aus Achtung für das Andenken der geliebten Frau, die er vor kurzem verloren und der Leeds eine besondere Zuneigung bewiesen hatte, Alles was wie Härte aussehen konnte. Der gestürzte Staatsmann durfte noch eine beträchtliche Zeit lang den Titel Lordpräsident beibehalten und bei öffentlichen Gelegenheiten zwischen dem Großen Siegel und dem Geheimsiegel gehen. Aber man gab ihm zu verstehen, daß er wohl thun würde, nicht mehr im Ministerium zu erscheinen; die Geschäfte und das Patronat selbst desjenigen Departements, dessen nominelles Oberhaupt er war, gingen in andere Hände über, und der Posten, den er zum Scheine noch bekleidete, wurde in den politischen Kreisen als thatsächlich erledigt betrachtet.[28 - L’Hermitage, 10. (20.) Mai 1695; Vernon an Shrewsbury, 22. Juni 1697.]

Er eilte in die Provinz und verbarg sich dort einige Monate vor den Augen der Oeffentlichkeit. Als jedoch das Parlament wieder zusammentrat, kam er aus seinem Versteck hervor. Obwohl er in weit vorgerückten Jahren stand und von Krankheit gequält wurde, war sein Ehrgeiz doch noch so glühend als je. Mit rastloser Energie begann er zum dritten Male zu klimmen, um, wie er sich schmeichelte, die schwindelnde Höhe wieder zu erreichen, auf der er schon zweimal gestanden hatte und von der er schon zweimal herabgestürzt war. Er nahm lebhaft Theil an der Debatte; aber wenn auch seine Beredtsamkeit und seine Kenntnisse ihm jederzeit die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicherten, so wurde ihm doch nie wieder, selbst als die Torypartei am Ruder war, der kleinste Antheil an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten bewilligt.




Lords Justices ernannt


Eine große Demüthigung konnte ihm nicht erspart werden. Wilhelm stand auf dem Punkte, das Commando der Armee in den Niederlanden zu übernehmen, und bevor er absegelte, mußte er bestimmen, von wem die Regierung in seiner Abwesenheit verwaltet werden sollte. Bisher hatte Marie die Viceregentschaft geführt, wenn er außerhalb England’s war; aber sie war nicht mehr. Er übertrug daher seine Autorität sieben Lords Justices: Tenison, Erzbischof von Canterbury, Somers, Großsiegelbewahrer, Pembroke, Geheimsiegelbewahrer, Devonshire, Lord Obersthofmeister, Dorset, Lord Kammerherr, Shrewsbury, Staatssekretär, und Godolphin, erster Commissar des Schatzes. Es ist aus dieser Namenliste leicht zu ersehen, nach welcher Seite die Wagschale der Macht sich jetzt neigte. Unter den sieben war Godolphin der einzige Tory. Der Lordpräsident, unter den hohen Laienwürdenträgern des Reichs noch immer der Zweite im Range, war übergangen, und diese Auslassung wurde allgemein als eine officielle Ankündigung seiner Ungnade betrachtet.[29 - London Gazette vom 6. Mai 1695.]




Aussöhnung zwischen Wilhelm und der Prinzessin Anna


Manche wunderten sich, daß die Prinzessin von Dänemark nicht zur Viceregentin ernannt wurde. Die Aussöhnung, welche begonnen hatte, als Marie im Sterben lag, war seit ihrem Tode, wenigstens dem äußeren Scheine nach, vollendet worden. Dies war eine von denjenigen Gelegenheiten, bei denen Sunderland sich besonders nützlich machen konnte. Er eignete sich vortrefflich dazu, eine persönliche Unterhandlung zu leiten, Groll zu mildern, verletzten Stolz zu beschwichtigen, von allen Gegenständen des irdischen Verlangens den zu wählen, von dem sich am ehesten erwarten ließ, daß er das Gemüth, mit dem er es zu thun hatte, anziehen werde. Bei dieser Gelegenheit war seine Aufgabe nicht schwer, denn er hatte zwei treffliche Stützen: Marlborough im Hofstaate Anna’s, und Somers im Cabinet Wilhelm’s.

Marlborough wünschte jetzt eben so sehr die Regierung zu unterstützen, wie er einst gewünscht hatte, sie zu stürzen. Mariens Tod hatte eine vollständige Umwandlung in allen seinen Plänen hervorgebracht. Es gab ein Ereigniß, dem er mit dem sehnlichsten Verlangen entgegensah: die Erhebung der Prinzessin auf den englischen Thron. Es war gewiß, daß er von dem Tage an, wo sie zu regieren begann, an ihrem Hofe alles das wurde, was Buckingham am Hofe Jakob’s I. gewesen war. Marlborough muß sich überdies noch ganz andere Talente zugetraut haben als sie Buckingham besaß: ein Genie für die Politik, nicht geringer als das Richelieu’s, ein Genie für den Krieg, nicht geringer als das Turenne’s. Vielleicht sah der entlassene General in seiner Dunkelheit und Unthätigkeit noch eine Zeit kommen, wo seine Macht, in Europa zu nützen und zu schaden, der der mächtigsten europäischen Fürsten gleich sein würde, wo der Kaiser auf der einen und Ludwig der Große auf der andren Seite ihm kriechend schmeicheln und den Hof machen und wo er jedes Jahr das größte Vermögen, das irgend ein englischer Unterthan jemals aufgehäuft hatte, um neue hunderttausend Pfund vermehren würde. Dies Alles konnte geschehen, wenn Mrs. Morley Königin wurde. Aber daß Mr. Freeman jemals Mrs. Morley als Königin sehen würde, war bis vor kurzem nicht sehr wahrscheinlich gewesen. Maria versprach viel länger zu leben als er und mindestens eben so lange als ihre Schwester. Daß Wilhelm Nachkommen erhalten würde, stand nicht zu erwarten. Dagegen erwartete man allgemein, daß er bald sterben würde. Seine Wittwe konnte sich wieder vermählen und Kinder hinterlassen, die ihr auf dem Throne folgen würden. Unter diesen Umständen konnte Marlborough mit Recht denken, daß er sehr wenig Interesse an der Aufrechthaltung der von der Convention festgestellten Thronfolgeordnung habe. Nichts versprach seinem Zwecke besser zu dienen, als Verwirrung und Bürgerkrieg, als eine neue Revolution, eine neue Abdankung, eine neue Erledigung des Thrones. Es war möglich, daß die Nation, gegen Wilhelm erbittert, und doch nicht mit Jakob ausgesöhnt, zwischen dem Hasse gegen Ausländer und dem Hasse gegen Jesuiten schwankend, dem holländischen sowohl als dem papistischen Könige eine Prinzessin vorzog, die zugleich eine Tochter unsres Landes und ein Mitglied unsrer Kirche war. Daß dies die wirkliche Erklärung von Marlborough’s dunklen und verwickelten Complotten war, davon waren, wie wir gesehen haben, einige von den eifrigsten Jakobiten fest überzeugt, und es ist auch in hohem Grade wahrscheinlich. Es ist ausgemacht, daß er seit mehreren Jahren keine Mühe gespart hatte, um die Armee und die Nation gegen die Regierung aufzubringen. Doch jetzt war Alles anders. Marie war nicht mehr. Durch die Rechtsbill war die Krone nach dem Tode Wilhelm’s Anna gesichert, und Wilhelm’s Tod konnte nicht mehr fern sein. In der That, alle Aerzte, die ihn behandelten, wunderten sich, daß er noch lebte, und wenn man zu den Gefahren der Krankheit die Gefahren des Kriegs rechnete, hatte es alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er in wenigen Monaten im Grabe liegen werde. Marlborough sah ein, daß es jetzt Wahnsinn sein würde, Alles in Verwirrung zu bringen und Alles auf’s Spiel zu setzen. Er hatte sein Möglichstes gethan, den Thron zu erschüttern, so lange es nicht wahrscheinlich war, daß Anna ihn je anders würde besteigen können, als durch gewaltsame Mittel. Aber er that sein Möglichstes, ihn zu befestigen, sobald es wahrscheinlich wurde, daß sie bald nach dem regelmäßigen Laufe der Natur und des Gesetzes berufen werden würde, ihn einzunehmen.

Die Prinzessin wurde durch die Churchill leicht bewogen, ein unterwürfiges und herzliches Beileidsschreiben an den König zu richten. Der König, welcher niemals sonderlich geneigt war, sich in einen Austausch unaufrichtiger Complimente einzulassen, und der noch von der ersten Heftigkeit seines Schmerzes zu Boden gedrückt wurde, schien wenig Lust zu haben, ihrem Entgegenkommen zu entsprechen. Somers aber, welcher erkannte, daß Alles auf dem Spiele stand, ging nach Kensington und verschaffte sich Zutritt in das königliche Cabinet. Wilhelm saß darin, so tief in schwermüthige Gedanken versunken, daß er den Eintritt eines Besuchs gar nicht zu bemerken schien. Nach einer ehrerbietigen Pause brach der Lord Siegelbewahrer das Schweigen und beschwor Se. Majestät, gewiß mit all’ der vorsichtigen Delikatesse, die ihm eigen war und die ihn so vorzüglich befähigte, wunde Stellen des Gemüths zu berühren, ohne sie zu verletzen, sich mit der Prinzessin zu versöhnen. „Thun Sie was Sie wollen,” sagte Wilhelm, „ich kann an keine Geschäftsangelegenheit denken.” Auf diese Ermächtigung hin schlossen die Vermittler eiligst einen Vertrag.[30 - Brief von Mrs. Burnet an die Herzogin von Marlborough, 1704, angeführt von Coxe; Shrewsbury an Russell, 24. Jan. 1695; Burnet II. 149.] Anna kam nach Kensington und wurde freundlich aufgenommen; sie erhielt eine Wohnung im St. Jamespalaste, bekam wieder eine Ehrenwache, und nach langer Unterbrechung zeigten die Nummern der Gazette wieder an, daß auswärtige Gesandte die Ehre gehabt hätten, ihr vorgestellt zu werden.[31 - London Gazette vom 8. 15. 29. April 1695.] Auch die Churchill durften wieder unter dem königlichen Dache wohnen. Aber Wilhelm schloß sie zuerst nicht in die Aussöhnung ein, die er mit ihrer Gebieterin angebahnt hatte. Marlborough blieb von militärischen und politischen Aemtern ausgeschlossen, und nicht ohne Schwierigkeit erlangte er Zutritt in dem königlichen Zirkel zu Kensington und Erlaubniß, dem Könige die Hand zu küssen.[32 - Shrewsbury an Russell, 24. Jan. 1695; Narcissus Luttrells Diary.] Das Gefühl, mit dem der König ihn betrachtete, erklärt es hinreichend, warum Anna nicht zur Regentin ernannt wurde. Die Regentschaft Anna’s würde die Regentschaft Marlborough’s gewesen sein, und es kann nicht Wunder nehmen, daß ein Mann, dem man kein Amt im Staate oder Heere zu übertragen für rathsam hielt, nicht mit der gesammten Verwaltung des Landes betraut wurde.

Wäre Marlborough stolzen und rachsüchtigen Charakters gewesen, so hätte er sich angereizt fühlen können, einen neuen Streit in der königlichen Familie zu entzünden und neue Cabalen in der Armee anzuzetteln; aber er hatte alle seine Leidenschaften, mit Ausnahme des Ehrgeizes und der Habsucht, streng in der Gewalt. Er kannte das Gefühl der Rache so wenig als das Gefühl der Dankbarkeit. Er hatte gegen die Regierung conspirirt, während sie ihn mit Gunstbezeigungen überhäufte. Jetzt unterstützte er sie, obgleich sie seine Unterstützung mit Schimpf vergalt. Er erkannte sein Interesse vollkommen, er beherrschte sein Temperament vollkommen, und so ertrug er mit Anstand die Unannehmlichkeiten seiner gegenwärtigen Lage und begnügte sich, den Eintritt eines Ereignisses zu erwarten, das ihn für einige Jahre der Geduld reichlich entschädigen konnte. Er hörte zwar nicht auf, mit dem Hofe von Saint-Germains zu correspondiren, aber die Correspondenz wurde nach und nach immer spärlicher und scheint seinerseits nur aus unbestimmten Versicherungen und leeren Entschuldigungen bestanden zu haben.

Das Ereigniß, das allen Aussichten Marlborough’s eine andre Gestalt gegeben, hatte die Gemüther heftigerer und starrsinnigerer Politiker mit hochfliegenden Hoffnungen und abscheulichen Plänen erfüllt.




Jakobitische Verschwörungen gegen Wilhelm’s Leben


Während der ersten dritthalb Jahre nach Grandval’s Hinrichtung war kein ernstlicher Anschlag gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet worden. Einige hitzköpfige Mißvergnügte hatten wohl Pläne zu seiner Entführung und Ermordung gemacht; aber diese Pläne waren, so lange seine Gemahlin lebte, von deren Vater nicht begünstigt worden. Jakob hegte keine Bedenken und war auch, diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen, kein solcher Heuchler, daß er Bedenken dagegen hätte vorgeben sollen, seine Feinde durch Mittel aus dem Wege zu räumen, die er mit Recht für gemein und schändlich gehalten hatte, als sie von seinen Feinden gegen ihn angewendet wurden. Und wenn ja ein solches Bedenken in ihm aufgestiegen wäre, so fehlte es unter seinem Dache nicht an Casuisten, welche den Willen und die Fähigkeit hatten, sein Gewissen durch Sophismen zu beschwichtigen, wie sie die viel edleren Naturen eines Anton Babington und eines Eberhard Digby verdorben hatten. Die Rechtmäßigkeit des Meuchelmords, in Fällen wo Meuchelmord die Interessen der Kirche fördern konnte, in Zweifel ziehen, hieß die Autorität der berühmtesten Jesuiten, Bellarmine’s und Suarez’, Molina’s und Mariana’s bestreiten, ja sich gegen den Stuhl St. Peter’s selbst auflehnen. Ein Papst war zu Ehren des heimtückischen Gemetzels, in welchem Coligny umgekommen war, an der Spitze seiner Cardinäle in einer Prozession einhergeschritten, hatte ein Jubiläum proklamirt und die Kanonen von St. Angelo abfeuern lassen. Ein andrer Papst hatte in einer feierlichen Allocution die Ermordung Heinrich’s III. von Frankreich in hinreißender, der Ode des Propheten Habakuk entlehnten Sprache besungen und den Mörder über Pinehas und Judith erhoben.[33 - De Thou, 53, 96.] Wilhelm wurde in Saint-Germains als ein Ungeheuer betrachtet, in Vergleich zu welchem Coligny und Heinrich III. Heilige waren. Gleichwohl weigerte sich Jakob einige Jahre lang, irgend ein Attentat gegen die Person seines Neffen zu sanctioniren. Die Gründe, die er für seine Weigerung anführte, sind so wie er sie eigenhändig niederschrieb, auf uns gekommen. Er heuchelte nicht den Glauben, daß Meuchelmord eine Sünde sei, die ein Christ verabscheuen müsse, oder eine Schurkerei, die eines Gentleman unwürdig sei, sondern er sagte bloß, daß die Schwierigkeiten groß seien und daß er seine Freunde nicht drängen wolle, sich einer großen Gefahr auszusetzen, da es nicht in seiner Macht stehe, sie wirksam zu unterstützen.[34 - Life of James, II. 545, Orig. Mem. Natürlich bedient sich Jakob nicht des Wortes Meuchelmord. Er spricht nur von der Ergreifung und Entführung des Prinzen von Oranien.] So lange Marie lebte, war es allerdings sehr zweifelhaft, ob die Ermordung ihres Gemahls der jakobitischen Sache wirklich nützen werde. Durch seinen Tod hätte die Regierung die aus seinen eminenten persönlichen Eigenschaften hervorgehende Kraft verloren, wäre aber zugleich auch von der Last seiner persönlichen Unpopularität befreit worden. Seine ganze Macht wäre mit einemmal auf seine Wittwe übergegangen, und die Nation würde sich wahrscheinlich mit Begeisterung um sie geschaart haben. Waren ihre politischen Fähigkeiten auch den seinigen nicht gleich, so besaß sie dagegen nicht sein abstoßendes Wesen, seinen fremden Accent und seine Parteilichkeit für alles Holländische und alles Calvinistische. Viele, die sie eines strafwürdigen Mangels an kindlicher Pietät beschuldigten, würden der Meinung gewesen sein, daß sie jetzt gewiß aller Pflichten gegen einen Vater entbunden sei, der sich mit dem Blute ihres Gatten befleckt habe. Die ganze Regierungsmaschine wäre ohne die Unterbrechung, welche gewöhnlich auf die Niederlegung der Krone folgte, in regelmäßigem Gange geblieben. Es hätte keine Auflösung des Parlaments, keine Suspension der Zölle und Accisen stattgefunden; alle Ernennungen hätten ihre Gültigkeit behalten, und Jakob hätte durch den Sturz seines Feindes nichts gewonnen als eine unfruchtbare Rache.

Der Tod der Königin änderte Alles. Wenn jetzt ein Dolch oder eine Kugel Wilhelm’s Herz traf, so war es wahrscheinlich, daß sofort allgemeine Anarchie eintrat. Das Parlament und der Geheimrath hörten auf zu existiren. Die Autorität der Minister und Richter erlosch mit Dem, von dem sie ausging. Es war nicht unwahrscheinlich, daß in einem solchen Augenblicke sich ohne Schwertstreich eine Restauration bewerkstelligen lassen würde.




Charnock


Marie war daher kaum in die Gruft gesenkt, so begannen unruhige und gewissenlose Menschen ernstlich gegen das Leben Wilhelm’s zu conspiriren. Unter diesen Männern stand Charnock in Talenten, Muth und Energie obenan. Er hatte eine liberale Erziehung genossen und war unter der vorigen Regierung Fellow des Magdalenencollegiums zu Oxford gewesen. Er allein in dieser großen Gesellschaft hatte das gemeinsame Interesse verrathen, hatte sich zum Werkzeuge der Hohen Commission hergegeben, war öffentlich von der englischen Kirche abgefallen, und hatte zu der Zeit, wo sein Collegium ein papistisches Seminar war, das Amt des Vicepräsidenten bekleidet. Die Revolution kam und gab dem ganzen Laufe seines Lebens sofort eine andre Richtung. Aus dem stillen Kreuzgange und dem alten Eichenhaine am Ufer des Cherwell vertrieben, besuchte er Orte ganz andrer Art. Mehrere Jahre führte er das gefahrvolle und bewegte Leben eines Verschwörers, reiste mit geheimen Aufträgen zwischen England und Frankreich hin und her, wechselte öfters seine Wohnung in London und war in verschiedenen Kaffeehäusern unter verschiedenen Namen bekannt. Seine Dienste waren mit einem von dem verbannten Könige unterzeichneten Hauptmannspatent belohnt worden.




Porter


Mit Charnock eng verbunden war Georg Porter, ein Abenteurer, der sich einen Katholiken und Royalisten nannte, der aber in Wirklichkeit jeder Religion und jedes politischen Grundsatzes ermangelte. Selbst seine Freunde konnten nicht leugnen, daß er ein Wüstling und ein Narr war, daß er trank und fluchte, daß er extravagante Lügen über seine angeblichen Liebschaften erzählte und daß er wegen eines Dolchstichs, den er bei einer Rauferei im Theater Jemanden versetzt hatte, des Todtschlags schuldig befunden worden war. Seine Feinde behaupteten, daß er ekelhaften und abscheulichen Arten der Ausschweifung ergeben sei, daß er sich die Mittel, seinen schändlichen Neigungen zu fröhnen, durch Betrug und Diebstahl verschaffe, daß er einer Bande von Geldbeschneidern angehöre, daß er sich zuweilen spät Abends verkleidet zu Pferde fortstehle und daß, wenn er von diesen geheimnißvollen Ausflügen zurückkehre, sein Aussehen den Verdacht rechtfertige, daß er in Hounslow Heath oder Finchley Common Geschäfte gemacht habe.[35 - Alles Schlechte, das über Porter bekannt oder gerüchtweise verbreitet war, kam bei dem Staatsprozesse von 1696 zu Tage.]




Goodman


Cardell Goodman, im Volksmunde Scum (Auswurf) Goodman genannt, ein wo möglich noch verworfenerer Schurke als Porter, war ebenfalls in dem Complot. Goodman war Schauspieler gewesen, war, gleich einigen viel bedeutenderen Männern, von der Herzogin von Cleveland unterhalten, in ihr Haus aufgenommen, von ihr mit Geschenken überhäuft worden und hatte ihre Güte damit vergolten, daß er zwei ihrer Kinder durch einen italienischen Quacksalber vergiften lassen wollte. Da das Gift nicht beigebracht worden war, konnte Goodman nur wegen eines Vergehens zur Untersuchung gezogen werden. Er wurde prozessirt, schuldig befunden und zu einer schweren Geldstrafe verurtheilt. Seitdem hatte er sich als einer der ersten Banknotenfälscher einen Namen gemacht.[36 - Ueber Goodman sehe man die Zeugenaussagen bei dem Prozesse Peter Cook’s; Cleverskirke, 28. Febr. (9. März) 1696; L’Hermitage, 10. (20.) April 1696, und ein Pasquill betitelt: The Duchess of Cleveland’s Memorial.]




Parkyns


Sir Wilhelm Parkyns, ein reicher, zur juristischen Laufbahn erzogener Ritter, der sich in den Tagen der Ausschließungsbill unter den Tories ausgezeichnet hatte, war eines der bedeutendsten Mitglieder des Bundes. Er genoß eines viel besseren Rufes als die meisten seiner Complicen; in einer Beziehung aber war er strafbarer als alle anderen. Denn um ein einträgliches Amt zu behalten, das er beim Kanzleigericht bekleidete, hatte er dem Fürsten, gegen dessen Leben er jetzt conspirirte, den Eid der Treue geleistet.




Fenwick


Der Anschlag wurde Sir John Fenwick mitgetheilt, der wegen der feigen Beleidigung, die er der verstorbenen Königin zugefügt hatte, berühmt war. Wenn man Fenwick’s eigner Versicherung glauben darf, war er wohl geneigt, an einem Aufstande Theil zu nehmen, erschrak aber vor dem Gedanken des Meuchelmordes und ließ sich seine Gesinnung so deutlich merken, daß er seinen minder skrupulösen Genossen verdächtig wurde. Er bewahrte jedoch ihr Geheimniß so streng, als ob er ihnen guten Erfolg gewünscht hätte.

Es scheint als hätte anfangs ein natürliches Gefühl die Verschwörer abgehalten, ihren Anschlag beim rechten Namen zu nennen. Selbst bei ihren geheimen Berathungen sprachen sie vor der Hand noch nicht davon, den Prinzen von Oranien zu ermorden. Sie wollten versuchen, sich seiner zu bemächtigen und ihn lebend nach Frankreich zu bringen. Stießen sie auf Widerstand, so würden sie sich vielleicht genöthigt sehen, von ihren Degen und Pistolen Gebrauch zu machen, und Niemand könne dann für die Folgen eines Hiebes oder Schusses stehen. Im Frühjahr 1695 wurde der nur noch dünn verschleierte Mordplan Jakob mitgetheilt und dringend seine Sanction erbeten. Aber Woche auf Woche verging und es kam keine Antwort von ihm. Er schwieg wahrscheinlich in der Hoffnung, daß seine Anhänger binnen Kurzem es wagen würden, auf eigne Verantwortung zu handeln, und daß er so den Vortheil ihres Verbrechens, ohne die Schande desselben haben werde. So scheinen sie ihn in der That verstanden zu haben. Er habe, sagten sie, das Attentat nicht sanctionirt, aber er habe es auch nicht verboten, und da er von ihrem Vorhaben Kenntniß gehabt habe, so sei das Ausbleiben seines Verbots eine genügende Ermächtigung. Sie beschlossen daher ans Werk zu gehen; aber bevor sie die nöthigen Anstalten dazu treffen konnten, reiste Wilhelm nach Flandern ab, und der Anschlag gegen sein Leben mußte nothwendig bis zu seiner Zurückkunft verschoben werden.




Session des schottischen Parlaments


Es war am 12. Mai, als der König von Kensington nach Gravesend abging, wo er sich nach dem Continent einzuschiffen gedachte. Drei Tage vor seiner Abreise war das schottische Parlament nach einer Pause von ungefähr zwei Jahren wieder in Edinburg zusammengetreten. Hamilton, der in der vorhergehenden Session den Thron eingenommen und das Scepter gehalten hatte, war gestorben, und man mußte sich daher nach einem neuen Lord Obercommissar umsehen. Der Mann, auf den die Wahl fiel, war Johann Hay, Marquis von Tweedale, Kanzler des Reichs, ein in den Staatsgeschäften ergrauter Edelmann, wohl unterrichtet, besonnen, human, tadellos in seinem Privatleben und im Ganzen genommen so achtungswerth als irgend ein schottischer Lord, der lange und tief bei der Politik jener unruhigen Zeiten betheiligt gewesen war.




Untersuchung des Gemetzels von Glencoe


Seine Aufgabe war nicht frei von Schwierigkeiten. Es war zwar wohl bekannt, daß die Stände im Allgemeinen geneigt waren, die Regierung zu unterstützen, aber ebenso wohl bekannt war es, daß ein gewisser Gegenstand die geschickteste und delikateste Behandlung erforderte. Der Schrei des vor länger als drei Jahren in Glencoe vergossenen Blutes war endlich gehört worden. Gegen Ende des Jahres 1693 begann man allgemein die Gerüchte, welche anfangs als factiöse Verleumdungen geringschätzend verlacht worden waren, ernster Beachtung werth zu halten. Viele, die sonst nicht so leicht etwas glaubten, was aus den geheimen Pressen der Jakobiten hervorging, gestanden, daß zur Ehre der Regierung eine Untersuchung angeordnet werden müsse. Die liebenswürdige Marie war über das, was sie gehört, heftig entrüstet gewesen. Auf ihre Anregung hatte Wilhelm den Herzog von Hamilton und mehrere andere angesehene Schotten ermächtigt, die ganze Sache zu untersuchen. Aber der Herzog starb, seine Collegen waren in Erfüllung ihrer Pflicht saumselig, und der König, der von Schottland wenig wußte und sich wenig darum kümmerte, vergaß sie zu erinnern.[37 - Siehe die Einleitung zu der Vollmacht von 1695.]

Es zeigte sich jetzt, daß die Regierung eben so klug als recht gehandelt haben würde, wenn sie den Wünschen des Landes zuvorgekommen wäre. Die entsetzliche Geschichte, welche die Eidverweigerer beharrlich, zuversichtlich und mit so vielen Nebenumständen wiederholten, daß man fast gezwungen war, sie zu glauben, hatte endlich ganz Schottland aufgeregt. Die Empfindlichkeit eines vorzüglich patriotischen Volks war durch die Spötteleien der südlichen Pamphletisten gereizt worden, welche fragten, ob es denn nördlich vom Tweed kein Gesetz, keine Gerechtigkeit, keine Menschlichkeit, keinen Muth gebe, der selbst für die empörendsten Unbilden Genugthuung verlangte. Jede der beiden extremen Parteien welche einander in der allgemeinen Politik direct entgegengesetzt waren, wurden durch ein eigenes Gefühl angetrieben, eine Untersuchung zu verlangen. Die Jakobiten waren entzückt über die Aussicht, einen Fall nachweisen zu können, der dem Usurpator zur Unehre gereichen mußte und der den vielen Verbrechen gegenübergestellt werden konnte, welche die Whigs Cleverhouse und Mackenzie zur Last legten. Die eifrigen Presbyterianer freuten sich nicht minder über die Aussicht, den Master von Stair stürzen zu können. Sie hatten den Dienst, den er zu den Zeiten der Verfolgung dem Hause Stuart geleistet, weder vergessen, noch verziehen. Sie wußten, daß er zwar an der politischen Revolution, die sie von der verhaßten Dynastie befreit, aufrichtig Theil genommen, doch aber die kirchliche Revolution, welche in ihren Augen noch wichtiger war, mit Mißfallen betrachtet hatte. Sie wußten, daß das Kirchenregiment für ihn lediglich eine Staatsangelegenheit war und daß er in Folge dieser Anschauungsweise die bischöfliche Form der synodalen vorzog. Sie konnten nicht ohne Besorgniß einen so schlauen und beredten Feind der reinen Religion, den König auf jedem Schritt begleiten und ihm beständig Rathschläge zuflüstern sehen. Sie wünschten daher sehnlichst eine Untersuchung, die, wenn auch nur die Hälfte von dem was man sich gerüchtweise erzählte wahr war, Dinge an den Tag bringen mußte, welche der Macht und dem Rufe des Ministers, dem sie mißtrauten, voraussichtlich zum Verderben gereichten. Auch konnte sich dieser Minister nicht auf den aufrichtigen Beistand aller Beamten der Krone verlassen. Sein Genie und sein Einfluß hatten den Neid vieler minder glücklichen Höflinge, insbesondere seines Mitsekretärs Johnstone erweckt.

So war am Vorabende des Zusammentritts des schottischen Parlaments Glencoe im Munde aller Schotten jeder Partei und jeder Glaubensrichtung. Wilhelm, der eben im Begriff war, nach dem Kontinent abzureisen, sah ein, daß er in diesem Punkte den Ständen ihren Willen lassen mußte und daß er nichts Besseres thun konnte als sich selbst an die Spitze einer Bewegung zu stellen, der er unmöglich zu widerstehen vermochte. Eine Vollmacht, welche Tweedale und mehrere andere Geheimräthe autorisirte, den Gegenstand, der das Volk in so große Aufregung versetzt, genau zu untersuchen, wurde in Kensington vom Könige unterzeichnet, nach Edinburg gesandt und dort mit dem großen Siegel des Reichs versehen. Dies geschah gerade noch zur rechten Zeit.[38 - Man findet die Vollmacht in den Protokollen des Parlaments.] Das Parlament hatte seine Geschäfte kaum begonnen, als ein Mitglied sich erhob, um auf eine Untersuchung der Umstände des Gemetzels von Glencoe anzutragen. Tweedale konnte nun den Ständen anzeigen, daß die Güte Sr. Majestät ihren Wünschen zuvorgekommen, daß wenige Stunden zuvor eine Untersuchungsvollmacht in allen Formen ausgefertigt worden sei und daß die in diesem Dokumente bezeichneten Lords und Gentlemen noch vor dem Abend ihre erste Zusammenkunft halten würden.[39 - Act. Parl. Scot. May 21. 1695; London Gazette vom 30. Mai.]

Das Parlament votirte dem Könige für diesen Beweis väterlicher Fürsorge einstimmig seinen Dank; aber Einige von Denen, welche dem Dankvotum beitraten, äußerten die sehr natürliche Besorgniß, daß die zweite Untersuchung eben so unbefriedigend enden möchte, als die erste geendigt hatte. Die Ehre des Landes, sagten sie, sei im Spiele, und die Commissare seien verpflichtet, mit solcher Beschleunigung zu Werke zu gehen, daß das Ergebniß der Untersuchung vor dem Schlusse der Session bekannt würde. Tweedale gab Zusicherungen, welche die Murrenden auf einige Zeit zum Schweigen brachten[40 - Ibid. May 23. 1695.]. Als aber drei Wochen vergangen waren, wurden viele Mitglieder aufsätzig und mißtrauisch. Am 14. Juni wurde beantragt, daß die Commissare angewiesen werden sollten, ihren Bericht zu erstatten. Der Antrag ging nicht durch, wurde aber jeden Tag wiederholt. In drei aufeinanderfolgenden Sitzungen gelang es Tweedale, das Drängen der Versammlung zu zügeln. Als er aber endlich anzeigte, daß der Bericht vollendet sei, und hinzusetzte, daß er den Ständen nicht eher vorgelegt werden könne, als bis er dem Könige unterbreitet worden sei, brach ein heftiges Geschrei aus. Die Neugierde des Publikums war aufs Höchste gespannt, denn die Untersuchung hatte bei verschlossenen Thüren stattgefunden, und die Commissare sowohl wie die Schriftführer waren eidlich zur Geheimhaltung verpflichtet worden. Der König war in den Niederlanden. Wochen mußten vergehen, bevor seine Willensmeinung eingeholt werden konnte, und die Session konnte nicht viel länger mehr dauern. Bei einer vierten Debatte äußerten sich Anzeichen, die es dem Lord Obercommissar rathsam erscheinen ließen, nachzugeben, und der Bericht wurde vorgelegt.[41 - Ibid. June 14. 18. 20. 1695; London Gazette vom 27. Juni.]

Es ist eine Arbeit, welche Denen, die sie entwarfen, viel Ehre macht, eine vortreffliche Zusammenstellung der Thatsachen, klar, leidenschaftslos und durchaus gerecht. Keine Quelle, aus der man werthvolle Aufschlüsse zu schöpfen hoffen konnte, war unbeachtet gelassen worden. Glengarry und Keppoch, obgleich notorisch der Regierung abgeneigt, hatten die Erlaubniß erhalten, die Sache ihrer unglücklichen Stammesgenossen zu führen. Mehrere von den Macdonalds, welche dem Gemetzel jener Nacht entgingen, waren vernommen worden, unter ihnen der regierende Mac Jan, der älteste Sohn des ermordeten Häuptlings. Die Correspondenz des Masters von Stair mit den Militärs, welche in den Hochlanden Commandos bekleideten, war einer strengen, aber nicht parteiischen Prüfung unterworfen worden. Das Endresultat, zu welchem die Commissare kamen und worin jeder einsichtsvolle und unbefangene Beurtheiler ihnen beipflichten muß, war, daß das Gemetzel von Glencoe ein barbarischer Mord gewesen und daß die Briefe des Masters von Stair die alleinige Anregung dazu gegeben hatten.

Daß Breadalbane Theil an dem Verbrechen gehabt, wurde nicht erwiesen; aber ganz rein ging er nicht aus der Untersuchung hervor. Man hatte im Laufe derselben zufällig entdeckt, daß, als er Wilhelm’s Geld unter die hochländischen Häuptlinge vertheilt, er gegen sie den wärmsten Eifer für die Interessen Jakob’s an den Tag gelegt und ihnen gerathen hatte, von dem Usurpator zu nehmen, was sie erlangen könnten, aber beständig nach einer günstigen Gelegenheit zur Zurückführung des rechtmäßigen Königs auszuspähen. Breadalbane’s Vertheidigung bestand darin, daß er ein größerer Schurke war als seine Ankläger dachten und daß er sich nur deshalb für einen Jakobiten ausgegeben hatte, um den jakobitischen Plänen auf den Grund zu kommen. Die Tiefen der Schändlichkeit dieses Mannes waren in der That unergründlich. Man konnte unmöglich sagen, welche von seinen Verräthereien, um die italienische Classification anzuwenden, einfache Verräthereien und welche doppelte Verräthereien waren. In dem vorliegenden Falle nahm das Parlament an, daß er sich nur einer einfachen Verrätherei schuldig gemacht habe, und schickte ihn in das Staatsgefängniß zu Edinburg. Die Regierung aber schenkte nach reiflicher Erwägung seiner Versicherung, daß er sich einer doppelten Verrätherei schuldig gemacht habe, Glauben und setzte ihn wieder in Freiheit.[42 - Burnet II. 157; Act. Parl. June 10. 1695.]

Der Bericht der Commission wurde von den Ständen sofort in Berathung genommen. Sie resolvirten ohne eine einzige abweichende Stimme, daß der von Wilhelm unterzeichnete Befehl das Gemetzel von Glencoe nicht autorisirt habe. Sodann resolvirten sie, aber wie es scheint nicht einstimmig, daß das Gemetzel ein Mord sei.[43 - Act. Parl. June 26, 1695; London Gazette vom 4. Juli.] Hierauf nahmen sie noch mehrere Beschlüsse an, deren Inhalt schließlich in eine Adresse an den König zusammengefaßt wurde. Wie der auf den Master von Stair bezügliche Theil der Adresse lauten sollte, war eine Frage, über welche viel debattirt wurde. Es wurden mehrere von seinen Briefen verlangt und vorgelesen und mehrere Amendements zu dem Votum beantragt. Die Jakobiten und die extremen Presbyterianer scheinen, und dies mit nur zu gutem Grunde, für Strenge gewesen zu sein. Die Majorität acceptirte unter der geschickten Leitung des Lord Obercommissars Worte, die es dem schuldigen Minister unmöglich machten, sein Amt zu behalten, die ihn aber nicht für so strafbar erklärten, daß sein Leben oder sein Vermögen bedroht gewesen wäre. Sie tadelten ihn, aber sie tadelten ihn in viel zu milden Ausdrücken. Sie tadelten seinen maßlosen Eifer gegen den unglücklichen Clan und seine eindringlichen Befehle, die Schlächterei unverhofft vorzunehmen. Die übermäßige Heftigkeit in seinen Briefen erklärten sie für die Grundursache des Gemetzels, aber anstatt zu verlangen, daß er als Mörder vor Gericht gestellt werde, erklärten sie, daß sie es in Anbetracht seiner Abwesenheit und seiner hohen Stellung der Weisheit des Königs anheim gäben, so mit ihm zu verfahren, daß die Ehre der Regierung gewahrt werde.

Die dem Hauptverbrecher bewiesene Nachsicht erstreckte sich nicht auf seine Untergebenen. Hamilton, der geflüchtet und durch Proklamationen am Stadtkreuze vergebens aufgefordert worden war, vor den Ständen zu erscheinen, wurde für nicht rein von dem Blute der Glencoeleute erklärt. Glenlyon, Hauptmann Drummond, Leutnant Lindsey, Fähnrich Lundie und Sergeant Barbour wurden noch bestimmter als Mörder bezeichnet und der König ersucht, dem Lordadvokaten ihre Prozessirung anzubefehlen.

Das schottische Parlament war bei dieser Gelegenheit unzweifelhaft am unrechten Orte streng und am unrechten Orte nachsichtig. Die Grausamkeit und Schändlichkeit Glenlyon’s und seiner Kameraden erregen noch heute, nach Verlauf von hundertsechzig Jahren, eine Entrüstung, die es schwer macht, unbefangen zu urtheilen. Wer es jedoch über sich gewinnen kann, das Verfahren dieser Leute mit richterlicher Unparteilichkeit zu betrachten, wird wahrscheinlich der Ansicht sein, daß sie nicht ohne großen Nachtheil für das Gemeinwohl als Mörder hätten behandelt werden können. Sie hatten Niemanden getödtet, dessen Tödtung ihnen nicht von ihrem commandirenden Offizier auf das Bestimmteste anbefohlen war. Es würde mit der Subordination, ohne die eine Armee der schlimmste Pöbelhaufen ist, vorbei sein, wenn jeder Soldat für die Gerechtigkeit jedes Befehls, in dessen Befolgung er sein Gewehr abfeuert, verantwortlich sein sollte. Der Fall in Glencoe war allerdings ein extremer Fall; aber im Prinzip dürfte er schwer von Fällen zu unterscheiden sein, wie sie im Kriege ganz gewöhnlich sind. Grausame militärische Executionen sind zuweilen unerläßlich; die Humanität selbst kann sie gebieten. Wer hat zu entscheiden, ob ein Fall vorliegt, der Strenge zur wahren Barmherzigkeit macht? Wer hat zu bestimmen, ob es nothwendig ist oder nicht, eine blühende Stadt in Asche zu legen, eine zahlreiche Schaar von Meuterern zu decimiren, eine ganze Räuberbande zu erschießen? Lastet die Verantwortlichkeit auf dem commandirenden Offizier oder auf dem Gliede, dem er befiehlt, sich fertig zu machen, anzulegen und Feuer zu geben? Und wenn es die allgemeine Regel ist, daß die Verantwortlichkeit auf dem commandirenden Offizier und nicht auf Denen lastet, die ihm gehorchen, läßt sich dann ein Grund dafür angeben, den Fall von Glencoe für eine Ausnahme von dieser Regel zu erklären? Es ist bemerkenswerth, daß kein Mitglied des schottischen Parlaments darauf antrug, einen der Gemeinen von Argyle’s Regiment wegen Mordes in Anklagestand zu versetzen. Jedem unter dem Range des Sergeanten Stehenden wurde völlige Straflosigkeit gewährt. Doch nach welchem Prinzip? Wenn der militärische Gehorsam keine haltbare Entschuldigung war, so war gewiß jeder Mann, der in jener fürchterlichen Nacht einen Macdonald erschoß, ein Mörder. Und wenn der militärische Gehorsam ein haltbarer Entschuldigungsgrund für den Musketier war, der auf Befehl des Sergeanten Barbour handelte, warum dann nicht auch für Barbour, der auf Befehl Glenlyon’s handelte? Und warum nicht auch für Glenlyon, der auf Befehl Hamilton’s handelte? Es kann wohl schwerlich behauptet werden, daß der Gemeine seinem Unteroffizier mehr Gehorsam schulde als der Unteroffizier seinem Hauptmanne oder der Hauptmann seinem Obersten.

Man kann behaupten, die Glenlyon ertheilten Befehle seien so absonderlicher Art gewesen, daß, wenn er ein tugendhafter Mensch gewesen wäre, er eher seine Stellung in die Schanze geschlagen, sich dem Mißfallen des Obersten, des Generals und des Staatssekretärs ausgesetzt und die schwerste Strafe, die ein Kriegsgericht über ihn verhängen konnte, auf sich genommen, als die ihm gegebene Ordre vollzogen haben würde, und dies ist vollkommen wahr; aber es handelt sich nicht darum, ob er als tugendhafter Mensch verfuhr, sondern ob er etwas that, weswegen er, ohne eine für die militärische Disciplin und für die Sicherheit der Nationen wesentliche Regel zu verletzen, als Mörder gehängt werden konnte. In jenem Falle war Ungehorsam sicherlich eine moralische Pflicht, aber es folgt daraus noch nicht, daß Gehorsam ein legales Verbrechen war.

Es scheint daher, daß die Schuld Glenlyon’s und seiner Kameraden nicht innerhalb der Sphäre des Strafgesetzes lag. Die einzige Strafe, welche geeignetermaßen über sie verhängt wenden konnte, war die, welche Kain zu dem Ausrufe veranlaßte, daß sie größer sei, als er sie ertragen könne: auf der Erde umherzuirren und überall ein Zeichen mit sich herumzutragen, von dem selbst schlechte Menschen sich schaudernd abwendeten.

Nicht so war es mit dem Master von Stair. Er war sowohl von der Untersuchungscommission als von den Ständen des Reichs in vollem Parlamente feierlich für den ersten Urheber des Gemetzels erklärt worden. Daß es nicht rathsam war, an seinen Werkzeugen ein Exempel zu statuiren, war der stärkste Grund, ein solches an ihm zu statuiren. Jedes Argument, das gegen die Bestrafung des Soldaten geltend gemacht werden kann, der die Befehle seines Vorgesetzten ausführt, ist ein Grund, den Vorgesetzten, welcher ungerechte und unmenschliche Befehle giebt, nach der äußersten Strenge des Gesetzes zu bestrafen. Wo unten keine Verantwortlichkeit sein kann, da muß oben doppelte Verantwortlichkeit sein. Was das schottische Parlament einstimmig hätte verlangen sollen, war, nicht daß ein armer unwissender Sergeant, der für das blutige Werk, das er gethan, kaum verantwortlicher war als seine Hellebarde, gehängt, sondern daß der eigentliche Mörder, der klügste, beredtsamste und mächtigste aller schottischen Staatsmänner, vor ein öffentliches Gericht gestellt werden und, wenn er schuldig befunden würde, den Tod eines Verbrechers sterben sollte. Nichts Geringeres als ein solches Opfer konnte ein solches Verbrechen sühnen. Leider machten die Stände, indem sie die Schuld des Hauptverbrechers milderten und zu gleicher Zeit verlangten, daß seine geringen Werkzeuge mit einer gesetzwidrigen Strenge bestraft werden sollten, den Flecken, den das Gemetzel auf der Ehre der Nation zurückgelassen, größer und tiefer als er vorher gewesen.

Auch der König ist von einer großen Pflichtverletzung unmöglich freizusprechen. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, daß er, bevor er den Bericht seiner Commissare erhielt, über die Umstände des Gemetzels nur sehr unvollkommen unterrichtet war. Wir können schwerlich annehmen, daß er viel jakobitische Pamphlets zu lesen pflegte, und wenn er sie gelesen hätte, würde er darin eine solche Masse absurder und gehässiger Schmähungen gegen seine Person gefunden haben, daß er sehr wenig geneigt gewesen wäre, irgend eine der Beschuldigungen zu glauben, die sie auf seine Diener wälzten. Er würde sich in der einen Schrift beschuldigt gesehen haben, ein verkappter Papist zu sein, in einer andren, Jeffreys’ im Tower vergiftet zu haben, in einer dritten, es darauf angefangen zu haben, daß Talmash bei Brest umkommen mußte. Er würde die Behauptung gefunden haben, daß er einmal in Irland fünfzig Mann von seinen verwundeten englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Er würde gesehen haben, daß man die unwandelbare Zuneigung, die er von seinem Knabenalter bis zu seinem Tode für einige der bravsten und zuverlässigsten Freunde gehegt, die je ein Fürst zu besitzen das Glück hatte, zu einem Grunde machte, um ihm so empörende Abscheulichkeiten zur Last zu legen, wie sie in den Fluthen des todten Meeres begraben sind. Es war daher ganz natürlich, wenn er Anstand nahm, entsetzliche Beschuldigungen zu glauben, welche Schriftsteller, die er als gewohnheitsmäßige Lügner kannte, gegen einen Staatsmann erhoben, dessen Talente er hochschätzte und dessen Bemühungen er bei einigen wichtigen Anlässen viel zu danken gehabt hatte. Nachdem er aber die ihm durch Tweedale von Edinburg übersendeten Actenstücke gelesen, konnte er an der Schuld des Masters von Stair nicht im Geringsten mehr zweifeln. Diese schwere Schuld mit einer exemplarischen Strafe heimzusuchen, war die heilige Pflicht eines Souverains, der mit zum Himmel erhobener Hand geschworen hatte, daß er in seinem Königreiche Schottland in allen Klassen und Ständen jeder Unterdrückung steuern und Gerechtigkeit üben wolle ohne Ansehen der Person, so wie er auf Gnade hoffe von dem Vater aller Gnade. Wilhelm begnügte sich damit, den Master von Stair seines Amtes zu entheben. Diesen großen Fehler, einen Fehler, der die Höhe eines Verbrechens erreichte, versuchte Burnet zwar nicht zu vertheidigen, aber doch zu entschuldigen. Er wollte uns glauben machen, daß der König, als er mit Schrecken gewahrte, wie viele Personen bei dem Gemetzel von Glencoe betheiligt gewesen waren, es für besser hielt, eine allgemeine Amnestie zu bewilligen, als ein Gemetzel durch ein andres zu bestrafen. Diese Darstellung ist jedoch das directe Gegentheil der Wahrheit. Es waren allerdings zahlreiche Werkzeuge bei der Schlächterei thätig gewesen, aber der Anstoß war bei ihnen Allen von einem Einzigen ausgegangen. Hoch über dem großen Haufen der Verbrecher stand ein durch Talente, Kenntnisse, Rang und Macht ausgezeichneter Verbrecher. Zur Sühne für eine Menge verrätherisch hingeschlachteter Opfer verlangte die Gerechtigkeit nur ein Opfer, und es muß jederzeit als ein Flecken auf dem Ruhme Wilhelm’s betrachtet werden, daß dem Verlangen nicht entsprochen wurde.

Am 17. Juli ward die Session des schottischen Parlaments geschlossen. Die Stände hatten freigebig eine Geldsumme bewilligt, wie sie das arme Land, das sie vertraten, geben konnte. Allerdings waren sie durch den Glauben, daß sie ein Mittel gefunden hatten, dieses arme Land schnell reich zu machen, in gute Laune versetzt worden. Ihre Aufmerksamkeit war zwischen der Untersuchung über das Gemetzel von Glencoe und einigen vielversprechenden commerciellen Projecten getheilt gewesen. In einem späteren Kapitel wird die Natur dieser Projecte erklärt und ihr Schicksal berichtet werden.




Krieg in den Niederlanden; der Marschall Villeroy


Inzwischen waren die Blicke von ganz Europa mit gespannter Erwartung auf die Niederlande gerichtet. Der große Feldherr, der bei Fleurus, bei Steenkerke und bei Landen gesiegt, hatte keinen ihm Ebenbürtigen zurückgelassen. Aber Frankreich besaß noch Marschälle, die sich für hohe Commandos sehr wohl eigneten. Catinat und Boufflers hatten bereits Beweise von Tüchtigkeit, Entschlossenheit und Eifer für die Interessen des Staats gegeben. Jeder dieser beiden ausgezeichneten Offiziere wurde ein Luxemburg’s würdiger Nachfolger und ein Wilhelm’s würdiger Gegner gewesen sein, aber ihr Gebieter zog zu seinem Unglücke Beiden den Herzog von Villeroy vor. Der neue General war Ludwig’s Spielkamerad gewesen, als sie Beide noch Kinder waren, war dann ein Günstling geworden und hatte nie aufgehört, es zu sein. In den äußern Vorzügen, wegen denen die französische Aristokratie damals in ganz Europa berühmt war, zeichnete sich Villeroy selbst unter der französischen Aristokratie aus. Er war von hoher Statur und hatte angenehme Züge, seine Manieren waren von edler und etwas hochmüthiger Artigkeit, sein Anzug, sein Ameublement, seine Equipagen und seine Tafel prächtig. Niemand erzählte eine Anekdote mit größerer Lebendigkeit; Niemand ritt besser bei einer Jagdpartie; Niemand hatte mehr Glück bei dem schönen Geschlecht; Niemand setzte und verlor Haufen von Gold mit liebenswürdigerem Gleichmuth; Niemand kannte die Abenteuer, die Freunde und die Feinde der Herren und Damen, welche täglich die Säle von Versailles füllten, genauer als er. Besonders zwei Charactere hatte dieser vollendete Cavalier seit vielen Jahren studirt und alle ihre Falten und Winkel kennen gelernt: den Character des Königs und den der Frau, die in Allem, dem Namen ausgenommen, Königin war. Damit aber waren Villeroy’s Kenntnisse zu Ende. In der Literatur sowohl wie in geschichtlichen Dingen war er völlig unwissend. Im Staatsrathe öffnete er nie den Mund, ohne sich Blößen zu geben. Für den Krieg besaß er keine einzige Qualification außer dem persönlichen Muthe, den er mit der ganzen Klasse gemein hatte, der er angehörte. In jeder wichtigen Krisis seiner politischen und militärischen Laufbahn war er abwechselnd trunken von Arroganz oder völlig muthlos. Kurz bevor er einen bedeutungsvollen Schritt that, war sein Selbstvertrauen grenzenlos; er hörte auf keinen Rath und ließ den Gedanken, daß ein Fehlschlagen möglich sei, gar nicht in sich aufkommen. Bei der ersten Niederlage aber gab er Alles verloren, wurde unfähig zu leiten und anzuordnen und rannte in hilfloser Verzweiflung hin und her. Ludwig liebte ihn jedoch, und man muß Villeroy die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er Ludwig ebenfalls liebte. Die Güte des Gebieters war gegen alles Unheil probefest, das die Unbesonnenheit und Schwäche des Dieners über sein Königreich brachte, und die Dankbarkeit des Dieners äußerte sich bei mehr als einer Gelegenheit nach dem Tode des Gebieters in ehrenvoller, wenn auch nicht wohlbegründeter Weise.[44 - Eine treffliche Characteristik Villeroy’s befindet sich in Saint-Simon’s Memoiren.]




Der Herzog von Maine


Ein solcher Mann war der General, dem die Leitung des Feldzugs in den Niederlanden anvertraut wurde. Der Herzog von Maine wurde hingeschickt, um unter diesem Lehrer die Kriegskunst zu erlernen. Maine, der natürliche Sohn Ludwig’s von der Herzogin von Montespan, war von Kindheit auf von Frau von Maintenon erzogen worden und wurde von Ludwig mit der Liebe eines Vaters, von Frau von Maintenon mit der nicht minder zärtlichen Liebe einer Pflegemutter geliebt. Ernste Männer nahmen Anstoß daran, daß der König, während er eine so große Frömmigkeit zur Schau trug, in so auffälliger Weise seine Vorliebe für diese Frucht eines doppelten Ehebruchs an den Tag legte. Allerdings, sagten sie, sei ein Vater seinem Kinde Zuneigung schuldig, aber ein Souverain sei seinem Volke auch die Beobachtung der Schicklichkeit schuldig. Trotz dieses Murrens war der Sohn öffentlich anerkannt, mit Reichthum und Ehre überhäuft, zum Herzog und Pair creirt, durch einen außerordentlichen Act königlicher Gewalt über Herzöge und Pairs von älterem Datum gestellt, mit einer Prinzessin von königlichem Geblüt vermählt und zum Großmeister der Artillerie des Reichs ernannt worden. Mit Talenten und Muth hätte er eine große Rolle in der Welt spielen können. Aber sein Geist war beschränkt, seine Nerven schwach, und die Weiber und Priester, die ihn erzogen, hatten die Natur wirksam unterstützt. Er war orthodox in seinem Glauben, correct in seiner moralischen Führung, einschmeichelnd in seinem Benehmen, ein Heuchler, ein Unheilstifter und ein Feigling.

Man erwartete in Versailles, daß Flandern in diesem Jahre der Hauptkriegsschauplatz sein werde. Es wurde daher dort eine große Armee zusammengezogen. Starke Linien wurden von der Lys bis zur Schelde gebildet, und Villeroy nahm sein Hauptquartier in der Nähe von Tournay. Boufflers beobachtete mit etwa zwölftausend Mann die Ufer der Sambre.

Auf der andren Seite standen die britischen und holländischen Truppen unter Wilhelm’s unmittelbarem Commando in der Nähe von Gent. Der Kurfürst von Baiern lag an der Spitze eines starken Corps bei Brüssel. Eine kleinere Heeresabtheilung, hauptsächlich aus Brandenburgern bestehend, lagerte nicht weit von Huy.

Anfangs Juni begannen die militärischen Operationen. Die ersten Bewegungen Wilhelm’s waren bloße Scheinbewegungen, durch welche er die französischen Generäle verhindern wollte, seine wirkliche Absicht zu muthmaßen. Er hatte sich vorgenommen, Namur wieder zu nehmen. Der Verlust dieser Festung war der empfindlichste von allen Unfällen eines unglücklichen Feldzugs gewesen. Die Wichtigkeit Namur’s vom militärischen Gesichtspunkte war stets groß gewesen und war während der seit der letzten Belagerung verflossenen drei Jahre größer geworden als je. Die alten Vertheidigungsmittel, welche Cohorn mit Aufbietung seiner ganzen Kunst errichtet hatte, waren durch neue Befestigungen, die Meisterwerke Vauban’s, verstärkt worden. Die beiden berühmten Ingenieurs hatten so geschickt mit einander gewetteifert und waren der Natur so geschickt zu Hülfe gekommen, daß die Festung für die stärkste in ganz Europa galt. Ueber dem einen Thore hatte man eine prahlerische Inschrift angebracht, welche die Verbündeten herausforderte, den Preis den Händen Frankreich’s zu entreißen.

Wilhelm hielt seine Absicht so sorgfältig geheim, daß nicht die leiseste Andeutung davon ruchbar wurde. Einige hielten Dünkirchen, Andere Ypern für das Ziel seiner Operationen. Die Märsche und Scharmützel, durch die er sein Vorhaben verdeckte, wurden von Saint-Simon mit den Zügen eines geschickten Schachspielers verglichen. Feuquières, der in der Kriegswissenschaft weit gründlicher bewandert war als Saint-Simon, sagt uns, daß einige von diesen Zügen gewagt gewesen seien und ein solches Spiel nicht ungestraft gegen Luxemburg hätte gespielt werden können, und dies ist wahrscheinlich richtig; aber Luxemburg war nicht mehr und was Luxemburg für Wilhelm gewesen war, das war jetzt Wilhelm für Villeroy.




Jakobitische Complots gegen die Regierung während Wilhelm’s Abwesenheit


Während der König so beschäftigt war, begnügten sich zu Hause die Jakobiten, da sie in seiner Abwesenheit ihre Pläne gegen seine Person nicht verfolgen konnten, mit Conspiriren gegen seine Regierung. Sie wurden etwas weniger scharf bewacht als während des vorhergehenden Jahres, denn der Ausgang der Untersuchungen in Manchester hatte Aaron Smith und seine Agenten entmuthigt. Trenchard, der sich durch seine Wachsamkeit und Strenge zu einem Gegenstande des Schreckens und Hasses gemacht hatte, war nicht mehr und hatte in dem was man den untergeordneten Staatssekretärposten nennen kann, Sir Wilhelm Trumball zum Nachfolger erhalten, einen gelehrten Juristen und erfahrenen Diplomaten von gemäßigten Ansichten und einer Behutsamkeit, die an Zaghaftigkeit grenzte.[45 - Einige interessante Züge von Trumball’s Character findet man in Pepys’ Tangerschen Tagebuche.] Die Mißvergnügten wurden durch die Milde der Regierung kühn gemacht. Wilhelm war kaum nach dem Continent abgesegelt, so hielten sie an einem ihrer Lieblingszusammenkunftsorte, dem Old King’s Head in Leadenhall Street, ein großes Meeting. Charnock, Porter, Goodman, Parkyns und Fenwick waren anwesend. Auch der Earl von Aylesbury war zugegen, ein Mann, dessen Anhänglichkeit an das exilirte Königshaus notorisch war, der es aber stets in Abrede stellte, daß er je daran gedacht habe, durch unmoralische Mittel eine Restauration herbeizuführen. Sein Leugnen würde mehr Anspruch auf Glaubwürdigkeit haben, hätte er nicht dadurch, daß er der Regierung, gegen die er beständig intriguirte, die Eide geleistet, das Recht verwirkt, als ein Mann von Gewissen und Ehre betrachtet zu werden. Ferner nahm Sir John Friend an der Versammlung Theil, ein Eidverweigerer, der zwar einen sehr schwachen Verstand besaß, sich aber als Brauer ein sehr großes Vermögen erworben hatte, das er bereitwillig auf Insurrectionspläne verwendete. Nach dem Diner – denn die Pläne der Jakobiten wurden gewöhnlich beim Weine entworfen und zeigten in der Regel einige Spuren von der heiteren Gemüthsstimmung, in der sie entstanden waren – wurde resolvirt, daß die Zeit zu einem Aufstande und zu einer französischen Invasion gekommen sei und daß ein besonderer Abgesandter die Ansicht der Versammlung nach Saint-Germains überbringen sollte. Charnock wurde dazu auserwählt. Er nahm den Auftrag an, fuhr über den Kanal, sprach mit Jakob und hatte Unterredungen mit den Ministern Ludwig’s, konnte aber nichts zu Stande bringen. Die englischen Mißvergnügten wollten nichts unternehmen, bevor nicht zehntausend Mann französischer Truppen auf der Insel wären, und zehntausend Mann konnten nicht ohne große Gefahr der Armee entzogen werden, welche in den Niederlanden gegen Wilhelm kämpfte. Als Charnock zurückkehrte, um die Erfolglosigkeit seiner Sendung zu berichten, fand er einige seiner Bundesgenossen im Gefängniß. Sie hatten sich während seiner Abwesenheit nach ihrer Weise die Zeit damit vertrieben, daß sie am 10. Juni, dem Geburtstage des unglücklichen Prinzen von Wales, einen Aufstand in London anzustiften versuchten. Sie versammelten sich in einem Wirthshause in Drury Lane, und nachdem sie sich die Köpfe durch Wein erhitzt hatten, brachen sie unter Anführung Porter’s und Goodman’s mit den Degen in der Hand auf, zogen mit Trommelwirbel durch die Straßen, entfalteten Banner und begannen Freudenfeuer anzuzünden. Aber die Wache, vom Volke unterstützt, war zu stark für die Unruhstifter. Sie wurden in die Flucht geschlagen, das Wirthshaus, in dem sie geschwelgt hatten, wurde vom Pöbel demolirt, die Rädelsführer wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und mit Geldbußen und Gefängnißhaft bestraft, erlangten aber Zeit genug ihre Freiheit wieder, um sich an einem weit strafbareren Anschlage zu betheiligen.[46 - Postboy, Juni 13., Juli 9. 11. 1695; Intelligence Domestic and Foreign, Juni 14; Pacquet Boat from Holland and Flanders, Juli 9.]




Belagerung von Namur


Inzwischen war Alles zur Ausführung des von Wilhelm entworfenen Planes bereit. Dieser Plan war den übrigen Befehlshabern der alliirten Truppen mitgetheilt worden und hatte lebhaften Beifall gefunden. Vaudemont wurde mit einem beträchtlichen Armeecorps in Flandern gelassen, um Villeroy zu überwachen. Der König marschirte mit dem Reste seiner Armee direct auf Namur. In dem nämlichen Augenblicke rückte der Kurfürst von Bayern von der einen und die Brandenburger von einer andren Seite gegen denselben Punkt heran. Diese Bewegungen waren so gut verabredet worden und wurden so rasch ausgeführt, daß der geschickte und energische Boufflers nur eben noch Zeit hatte, sich in die Festung zu werfen. Er hatte sieben Dragonerregimenter, ein starkes Corps Artilleristen, Sappeurs und Mineurs und einen Offizier Namens Megrigny bei sich, der mit Ausnahme Vauban’s für den besten Ingenieur in französischen Diensten galt. Wenige Stunden nachdem Boufflers in die Festung eingezogen war, umzingelten die Belagerungstruppen sie von allen Seiten und die Circumvallationslinien wurden rasch gebildet.

Die Nachricht erweckte keine Besorgniß am französischen Hofe. Man zweifelte dort nicht, daß Wilhelm sehr bald gezwungen werden würde, mit schwerem Verlust und Schande von seinem Unternehmen abzustehen. Die Stadt war stark befestigt, das Kastell galt für uneinnehmbar, die Magazine waren mit Lebensmitteln und Munition hinreichend versehen, um bis zu der Zeit vorzuhalten, wo man von den Armeen der damaligen Zeit erwartete, daß sie ihre Winterquartiere beziehen würden; die Besatzung bestand aus sechzehntausend Mann der besten Truppen der Welt, sie wurde von einem ausgezeichneten General befehligt, dem ein ausgezeichneter Ingenieur zur Seite stand, und überdies zweifelte man nicht, daß Villeroy mit seiner großen Armee zur Unterstützung Boufflers’ herbeieilen und daß die Belagerer dann in größerer Gefahr sein würden als die Belagerten.

Diese Hoffnungen wurden durch die Depeschen Villeroy’s aufrechterhalten. Er gedenke, sagte er, zuerst Vaudemont’s Armeecorps zu vernichten und dann Wilhelm von Namur zu vertreiben. Vaudemont werde vielleicht einer Schlacht auszuweichen versuchen, aber er könne nicht entrinnen. Der Marschall ging so weit, daß er seinem Gebieter die Nachricht von einem vollständigen Siege innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden versprach. Ludwig brachte einen ganzen Tag in ungeduldiger Erwartung zu. Endlich kam anstatt eines mit englischen und holländischen Fahnen beladenen Offiziers von hohem Range ein Courier an, der die Nachricht brachte, daß Vaudemont fast ohne allen Verlust seinen Rückzug bewerkstelligt habe und unter den Mauern von Gent in Sicherheit sei. Wilhelm lobte das Feldherrntalent seines Unterbefehlshabers in den wärmsten Ausdrücken. „Mein Vetter,” schrieb er an ihn, „Sie haben sich als einen größeren Meister in Ihrer Kunst erwiesen, als wenn Sie eine offene Feldschlacht gewonnen hätten.”[47 - Vaudemont’s Depesche und Wilhelm’s Antwort stehen im Monthly Mercury für Juli 1695.] Im französischen Lager jedoch und am französischen Hofe war man allgemein der Ansicht, daß Vaudemont weniger durch seine eigene Geschicklichkeit als durch das fehlerhafte Verfahren seiner Gegner gerettet worden sei. Einige warfen die ganze Schuld auf Villeroy, und Villeroy machte keinen Versuch, sich zu rechtfertigen. Man glaubte aber allgemein, daß er sich wenigstens zum großen Theil hätte rechtfertigen können, wenn ihm die königliche Gunst nicht lieber gewesen wäre als militärischer Ruhm. Sein Plan, sagte man, hätte gelingen können, wäre die Ausführung desselben nicht dem Herzoge von Maine übertragen worden. Bei dem ersten Schimmer von Gefahr sei dem Bastard der Muth gesunken. Er habe seine Angst nicht zu verbergen vermocht. Zitternd, stammelnd und nach seinem Beichtvater rufend, habe er dagestanden, während die ihn umgebenden alten Offiziere ihn mit Thränen in den Augen beschworen hätten vorzurücken. Eine kurze Zeit wurde die Schande des Sohnes dem Vater verschwiegen. Aber Villeroy’s Stillschweigen bewies, daß ein Geheimniß dahinter stak, die Spötteleien der holländischen Journale klärten das Geheimniß bald auf, und Ludwig erfuhr, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, doch genug, um sich unglücklich zu fühlen. Noch nie während seiner langen Regierung war er so bewegt gewesen. Einige Stunden lang hielt seine finstre Gereiztheit seine Diener, seine Höflinge und selbst seine Priester in Schrecken. Er vergaß die Liebenswürdigkeit und den edlen Anstand, wegen denen er in der ganzen Welt berühmt war, so weit, daß er vor den Augen einer glänzenden Schaar von Herren und Damen, welche nach Marly gekommen waren, um ihn speisen zu sehen, einen Stock auf dem Rücken eines Lakaien zerschlug und den armen Teufel noch mit dem abgebrochenen Griffe verfolgte.[48 - Siehe Saint-Simon’s Memoiren und seine Note zu Dangeau.]

Inzwischen wurde die Belagerung von Namur von den Verbündeten energisch betrieben. Der wissenschaftliche Theil ihrer Operationen stand unter der Leitung Cohorn’s, der durch Wetteifer angespornt wurde, seine ganze Geschicklichkeit aufzubieten. Drei Jahre früher hatte er die Kränkung erfahren, die von ihm befestigte Stadt durch seinen großen Lehrmeister Vauban genommen zu sehen. Sie jetzt, nachdem die Festungswerke neue Verbesserungen erhalten hatten, wiederzunehmen, wäre eine würdige Revanche gewesen.

Am 2. Juli wurden die Laufgräben eröffnet. Am 8. wurde ein tapferer Ausfall französischer Dragoner tapfer zurückgeschlagen, und spät an demselben Abend erstürmte ein starkes Infanteriecorps, mit den englischen Fußgarden voran, nach einem blutigen Kampfe die Außenwerke auf der Brüsseler Seite. Der König leitete persönlich den Angriff, und seine Unterthanen erfuhren mit Entzücken, daß er, als der Kampf am heißesten war, seine Hand auf die Schulter des Kurfürsten von Bayern legte und ausrief: „Sehen Sie, sehen Sie meine wackeren Engländer!” Eine besondere Tapferkeit selbst unter diesen tapferen Engländern legte Cutts an den Tag. In dem Bulldoggenmuthe, der vor keiner noch so fürchterlichen Gefahr zurückschreckt, hatte er nicht seines Gleichen. Es hielt zwar nicht schwer, verwegene Freiwillige, Deutsche, Holländer und Briten zu finden, die das Aeußerste wagten; aber Cutts war der Einzige, der eine solche Expedition als eine Lustpartie zu betrachten schien. Er fühlte sich in dem heftigsten Feuer der französischen Batterien so behaglich, daß seine Soldaten ihm den ehrenvollen Beinamen des Salamanders gaben.[49 - London Gazette vom 22. Juli 1695; Monthly Mercury vom August 1695. Swift schrieb zehn Jahre später eine so abgeschmackte und widerlich gemeine Schmähschrift auf Cutts, daß Ward oder Gildon sich ihrer geschämt haben würden. Sie war betitelt: The Description of a Salamander.]

Am 17. wurde die erste Contrescarpe der Stadt angegriffen. Die Engländer und Holländer wurden dreimal mit großem Blutvergießen zurückgeschlagen und kehrten dreimal zum Angriff zurück. Endlich blieben die Angreifenden, trotz der Anstrengungen der französischen Offiziere, welche mit dem Degen in der Hand auf dem Glacis fochten, Herren der streitigen Werke. Während der Kampf wüthete, erblickte Wilhelm, der im dichtesten Kugelregen seine Befehle ertheilte, mit Erstaunen und Verdruß unter den Offizieren seines Stabes Michael Godfrey, den Vicegouverneur der Bank von England. Dieser Gentleman war in das Hauptquartier des Königs gekommen, um einige Anordnungen zur schnellen und sicheren Beförderung von Geld aus England zur Armee in den Niederlanden zu treffen, und war neugierig, einmal wirklichen Krieg mit anzusehen. Solche Neugierde konnte Wilhelm nicht leiden. „Mr. Godfrey,” sagte er zu ihm, „Sie sollten sich nicht diesen Gefahren aussetzen; Sie sind kein Soldat und können uns hier nichts nützen.” – „Sire,” erwiederte Godfrey, „ich bin keiner größeren Gefahr ausgesetzt als Eure Majestät.” – „Nicht doch,” entgegnete Wilhelm, „ich bin da, wo meine Pflicht mir zu sein gebietet, und ich kann ohne Anmaßung mein Leben in Gottes Hand legen; aber Sie —” Während sie noch so mit einander sprachen, streckte eine Kanonenkugel von den Wällen Godfrey todt zu den Füßen des Königs nieder. Man fand jedoch nicht, daß die Furcht, „gegodfreyt” zu werden – dies war einige Zeit der gebräuchliche Ausdruck – müßige Zuschauer abhielt, in die Laufgräben zu kommen.[50 - London Gazette vom 29. Juli 1695; Monthly Mercury für August 1695; Stepney an Lord Lexington, 15. (25.) Aug. Robert Flemming’s Character of King William, 1702. Bei dem Angriffe vom 17. (27.) Juli erhielt Hauptmann Shandy die denkwürdige Wunde in die Weiche.] Obgleich Wilhelm seinen Kutschern, Bedienten und Köchen verbot, sich auszusetzen, sah er sie doch zu wiederholten Malen an den gefährlichsten Orten umherstreifen, um einen Blick auf den Kampf zu werfen. Er soll sich zuweilen haben hinreißen lassen, sie mit der Reitpeitsche aus dem Bereich der französischen Kanonen zu treiben, und die Anekdote ist, mag sie wahr oder erdichtet sein, jedenfalls sehr bezeichnend.




Uebergabe der Stadt Namur


Am 20. Juli bemächtigten sich die Bayern und Brandenburger unter Cohorn’s Leitung nach hartem Kampfe einer Linie von Vertheidigungswerken, welche Vauban in festes Gestein von der Sambre bis zur Maas gehauen hatte. Drei Tage später setzten sich die Engländer und Holländer, Cutts wie gewöhnlich in vorderster Reihe, in der zweiten Contrescarpe fest. Alles war zu einem Hauptsturme bereit, als eine weiße Fahne auf den Wällen erschien. Der Effectivbestand der Besatzung betrug jetzt noch wenig mehr als die Hälfte von dem was er bei Eröffnung der Laufgräben gewesen war. Boufflers fürchtete, daß es unmöglich sein werde, mit achttausend Mann den ganzen Gürtel der Mauern noch viel länger zu vertheidigen; aber er war überzeugt, daß ein solches Truppencorps hinreichen werde, das Kastell auf dem Gipfel des Felsens zu behaupten. Ueber die Kapitulationsbedingungen wurde man bald einig. Ein Thor wurde den Verbündeten preisgegeben. Den Franzosen wurden achtundvierzig Stunden bewilligt, um sich in das Kastell zurückzuziehen, und es wurde ihnen die Versicherung gegeben, daß die Verwundeten, welche sie unten ließen, etwa fünfzehnhundert an der Zahl, gut behandelt werden sollten. Am 6. rückten die Alliirten ein. Der Kampf um den Besitz der Stadt war vorüber, und ein neuer und furchtbarerer Kampf begann um den Besitz der Citadelle.[51 - London Gazette vom 1. und 5. August 1695; Monthly Mercury vom August 1695, enthaltend die Briefe Wilhelm’s und Dykvelt’s an die Generalstaaten.]

Villeroy hatte unterdessen einige kleine Eroberungen gemacht. Dixmuyden, das einigen Widerstand hätte leisten können, hatte ihm nicht ohne dringenden Verdacht der Verrätherei von Seiten des Gouverneurs, seine Thore geöffnet. Deynse, das weniger im Stande war, sich zu vertheidigen, war diesem Beispiele gefolgt. Die Besatzungen der beiden Städte waren in offener Verletzung eines zur Auswechselung der Gefangenen getroffenen Uebereinkommens nach Frankreich geschickt worden. Der Marschall rückte hierauf gegen Brüssel vor, wahrscheinlich in der Hoffnung, durch Bedrohung dieser schönen Hauptstadt die Verbündeten zur Aufhebung der Belagerung des Kastells von Namur zu bestimmen. Sechsunddreißig Stunden lang warf er Bomben und glühende Kugeln in die Stadt. Die Kurfürstin von Bayern, die sich innerhalb der Mauern befand, abortirte vor Schreck. Sechs Klöster wurden zerstört. Fünfzehnhundert Häuser standen zu gleicher Zeit in Flammen. Die ganze untere Stadt würde bis auf den Grund niedergebrannt sein, hätten nicht die Bewohner durch Sprengung zahlreicher Gebäude dem Feuer Schranken gesetzt. Ungeheure Massen der kostbarsten Spitzen und Teppiche wurden vernichtet, denn die Industrie und der Handel, welche Brüssel in der ganzen Welt berühmt gemacht hatten, waren bisher durch den Krieg wenig beeinträchtigt worden. Mehrere von den Prachtgebäuden, welche den Marktplatz umgaben, wurden in Trümmer geschossen. Selbst das Rathhaus, das prächtigste der vielen prächtigen Senatshäuser, welche die Bürger der Niederlande erbaut haben, war in der größten Gefahr. All’ diese Verwüstung bewirkte jedoch weiter nichts, als daß sie viele Privatleute unglücklich machte. Wilhelm ließ sich weder durch Furcht noch durch Herausforderung bewegen, die Hand, mit der er Namur umklammert hielt, zu lockern. Das Feuer, das seine Batterien rings um das Kastell unterhielten, war von der Art, wie man es noch in keinem Kriege gesehen hatte. Die französischen Kanoniere wurden durch den Kugelregen von ihren Geschützen vertrieben und gezwungen, in unterirdischen gewölbten Gallerien Schutz zu suchen. Cohorn wettete jubelnd mit dem Kurfürsten von Bayern um vierhundert Pistolen, daß der Platz bis zum 31. August neuen Styls fallen werde. Der große Ingenieur verlor zwar seine Wette, aber nur um wenige Stunden.[52 - Monthly Mercury vom August 1695; Stepney an Lord Lexington, 16. (26.) August.]

Boufflers begann jetzt einzusehen, daß seine einzige Hoffnung noch auf Villeroy ruhte. Dieser war von Brüssel nach Enghien gerückt, hatte dort aus den entferntesten Festungen der Niederlande alle entbehrlichen Truppen zusammengezogen und marschirte nun an der Spitze von mehr als achtzigtausend Mann auf Namur. Mittlerweile stieß Vaudemont zu den Belagerern. Wilhelm hielt sich daher für stark genug, Villeroy eine Schlacht anzubieten, ohne die Operationen gegen Boufflers einen Augenblick einzustellen. Dem Kurfürsten von Bayern wurde die unmittelbare Leitung der Belagerung übertragen. Der König von England nahm auf der Westseite der Stadt eine stark verschanzte Stellung ein und erwartete hier die von Enghien heranrückenden Franzosen. Alles schien anzudeuten, daß ein wichtiger Tag bevorstehe. Zwei der zahlreichsten und besten Armeen, welche Europa je gesehen, standen einander gegenüber. Am 15. August erblickten die Vertheidiger des Kastells von ihren Wachtthürmen das mächtige Heer ihrer Landsleute. Zwischen diesem Heere aber und der Citadelle war das nicht minder mächtige Heer Wilhelm’s in Schlachtordnung aufgestellt. Villeroy gab Boufflers durch eine Salve von neunzig Kanonenschüssen das Versprechen eines baldigen Entsatzes, und in der Nacht mahnte Boufflers durch Signalfeuer, welche weithin über die ausgedehnte Ebene der Maas und Sambre zu sehen waren, Villeroy an die schleunige Erfüllung dieses Versprechens. In den Hauptstädten Frankreich’s und England’s war Alles in der ängstlichsten Spannung. Ludwig schloß sich in sein Betzimmer ein, beichtete, genoß das heilige Abendmahl und gab Befehl, daß die Hostie in seiner Kapelle ausgestellt werden solle. Seine Gemahlin hieß alle ihre Nonnen niederknien.[53 - Monthly Mercury, August 1695; Brief aus Paris vom 26. Aug. (5. Sept.) 1695 unter den Lexington Papers.] London wurde durch eine Reihenfolge von Gerüchten, theils von Jakobiten, theils von Börsenspekulanten fabricirt, in einem Zustande heftiger Aufregung erhalten. Eines frühen Morgens wurde mit Bestimmtheit behauptet, es habe eine Schlacht stattgefunden, die Verbündeten seien geschlagen, der König getödtet und die Belagerung aufgehoben worden. Sobald die Börse geöffnet wurde, war sie gedrängt voll Leute, welche hören wollten, ob die Nachricht wahr sei. Die Straßen waren den ganzen Tag mit Gruppen von Schwatzenden und Zuhörenden angefüllt. Am Nachmittag beruhigte die Gazette, welche ungeduldig erwartet worden war und von Tausenden begierig gelesen wurde, die Aufregung, jedoch nicht vollkommen, denn man wußte, daß die Jakobiten durch Kaper und Schmuggler, die bei jedem Wetter in See gingen, früher Nachrichten erhielten als sie dem Staatssekretär in Whitehall auf dem regelmäßigen Wege zukamen. Noch vor dem Abend hatte sich die Aufregung völlig gelegt; aber sie wurde durch einen frechen Betrug plötzlich wieder angefacht. Ein Reiter in der Uniform der Garden sprengte durch die City und meldete, daß der König gefallen sei. Er würde wahrscheinlich einen ernsten Aufruhr veranlaßt haben, hätten ihn nicht einige für die Revolution und den protestantischen Glauben schwärmende junge Handwerker zu Boden geschlagen und nach Newgate transportirt. Der vertraute Correspondent der Generalstaaten berichtete nach dem Haag, daß man trotz aller Geschichten, welche die mißvergnügte Partei erfinde und aussprenge, allgemein der Ueberzeugung sei, daß die Alliirten siegen würden. Der Probierstein der Aufrichtigkeit in England, schrieb er, seien die Wetten. Die Jakobiten seien zwar stets bereit zu beweisen, daß Wilhelm geschlagen werden müsse, oder zu behaupten, daß er schon geschlagen sei; aber sie wollten gleichwohl keine höheren Einsätze wetten als ihre Gegner und seien kaum zu bewegen, überhaupt eine Wette einzugehen. Die Whigs seien hingegen bereit, Tausende von Guineen auf den Ausgang des Kriegs und auf den Glücksstern des Königs zu wetten.[54 - L’Hermitage, 13. (23.) Aug. 1695.]

Die Ereignisse rechtfertigten das Vertrauen der Whigs und die Zurückhaltung der Jakobiten. Am 16., 17. und 18. August standen die Armeen Villeroy’s und Wilhelm’s einander gegenüber. Man erwartete mit Bestimmtheit, daß der 19. der entscheidende Tag sein werde. Die Alliirten waren schon vor Tagesanbruch kampffertig. Um vier Uhr stieg Wilhelm zu Pferde und ritt bis acht Uhr Abends von Posten zu Posten, seine Truppen vertheilend und die Bewegungen des Feindes beobachtend. Der Feind näherte sich seinen Verschanzungen an mehreren Stellen hinreichend um zu sehen, daß es nicht leicht sein würde, ihn daraus zu vertreiben; aber es kam zu keinem Gefecht. Er legte sich zur Ruhe nieder und erwartete mit Sonnenaufgang angegriffen zu werden. Aber als die Sonne aufging, sah er, daß die Franzosen sich einige Meilen zurückgezogen hatten. Er schickte sofort einen Boten an den Kurfürsten von Bayern und ersuchte ihn, unverzüglich das Kastell zu erstürmen. Während man die nöthigen Vorbereitungen dazu traf, wurde Portland abgeschickt, um die Besatzung zum letzten Male zur Uebergabe aufzufordern. Es sei klar, sagte er zu Boufflers, daß Villeroy alle Hoffnung aufgegeben habe, die Belagerung aufheben zu können. Es würde daher eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben sein, wenn er den Kampf noch länger fortsetze. Boufflers war jedoch der Meinung, daß zur Wahrung der französischen Waffenehre noch ein Tag des Gemetzels erforderlich sei, und Portland kehrte zurück, ohne etwas ausgerichtet zu haben.[55 - London Gazette vom 26. Aug. 1695; Monthly Mercury; Stepney an Lexington, 20. (30.) August.]

In den ersten Nachmittagsstunden wurde der Sturm durch vier Divisionen des verbündeten Heeres an vier Stellen zu gleicher Zeit unternommen. Ein Punkt war den Brandenburgern, ein andrer den Holländern, ein dritter den Bayern und der vierte den Engländern angewiesen. Die Engländer waren zuerst minder glücklich, als sie seither gewesen. Dies kam daher, weil die meisten diensterfahrenen Regimenter mit Wilhelm gegen Villeroy marschirt waren. Sobald als das Zeichen durch Sprengen zweier Pulverfässer gegeben war, rückte Cutts zuerst an der Spitze einer kleinen Schaar Grenadiere unter Trommelwirbel und mit fliegenden Fahnen aus den Laufgräben vor. Dieses tapfere Corps sollte durch vier Bataillone unterstützt werden, welche noch nie im Feuer gewesen waren und die, obgleich vom muthigsten Geiste beseelt, noch der Festigkeit entbehrten, die ein so gefährlicher Dienst erforderte. Die Offiziere fielen rasch hintereinander. Jeder Oberst und jeder Oberstleutnant wurde getödtet oder schwer verwundet, Cutts erhielt eine Kugel in den Kopf, die ihn für einige Zeit kampfunfähig machte. Die unerfahrenen Rekruten, so fast ohne alte Führung, drangen mit Ungestüm vorwärts, bis sie in Unordnung und außer Athem unter einem mörderischen Feuer und einem fast ebenso mörderischen Hagel von Fels- und Mauerstücken, vor einem Abgrunde ankamen. Sie verloren den Muth und wichen in Verwirrung zurück, bis es Cutts, dessen Wunde inzwischen verbunden worden war, gelang, sie wieder zu sammeln. Er führte sie nun nicht dahin von wo sie zurückgetrieben worden waren, sondern auf einen andren Punkt, wo ein furchtbarer Kampf wüthete. Die Bayern hatten tapfer, aber erfolglos ihren Sturmangriff gemacht; ihr General war gefallen und sie begannen schon zu wanken, als die Ankunft des Salamanders und seiner Leute das Schicksal des Tages änderte. Zweihundert englische Freiwillige, welche die Unehre ihres vorherigen Zurückweichens um jeden Preis wieder gut machen wollten, waren die Ersten, die sich mit dem Säbel in der Faust einen Weg durch die Palissaden bahnten, eine Batterie erstürmten, die unter den Bayern arg aufgeräumt hatte, und die Kanonen gegen die Besatzung richteten. Unterdessen hatten die vortrefflich disciplinirten und vortrefflich commandirten Brandenburger ohne großen Verlust die ihnen zuertheilte Aufgabe gelöst. Die Holländer waren ebenso glücklich gewesen. Als der Abend hereinbrach, hatten die Verbündeten die Außenwerke des Kastells auf eine Meile im Umfang im Besitz. Dieser Vortheil War mit dem Verluste von zweitausend Mann erkauft worden.[56 - Boyer’s History of King William III., 1703; London Gazette vom 29. Aug. 1695; Stepney an Lexington, 20. (30.) Aug.; Blathwayt an Lexington, 2. Sept.]

Jetzt endlich glaubte Boufflers Alles gethan zu haben, was seine Pflicht erheischte. Am andren Morgen bat er um einen achtundvierzigstündigen Waffenstillstand, um die Hunderte von Leichen, welche die Gräben füllten und welche bald unter den Belagerern wie unter den Belagerten Krankheiten erzeugt haben würden, wegräumen und beerdigen zu lassen. Sein Ansuchen wurde bewilligt, und noch vor Ablauf der festgesetzten Zeit ließ er sagen, daß er geneigt sei zu kapituliren. Er wolle, sagte er, das Schloß binnen zehn Tagen übergeben, wenn er bis dahin nicht entsetzt würde. Es wurde ihm darauf erwiedert, daß die Verbündeten auf solche Bedingungen nicht mit ihm unterhandeln könnten und daß er sich entweder zu einer sofortigen Uebergabe verstehen oder auf einen unverzüglichen Sturm gefaßt machen müsse. Er gab nach und man kam überein, daß ihm und seinen Leuten freier Abzug gestattet werden, und daß er die Citadelle, die Artillerie und die Vorräthe den Siegern überlassen solle. Drei Salven aus sämmtlichen Feuerschlünden der verbündeten Armee verkündeten Villeroy den Fall der Festung, der er vergebens Unterstützung zu bringen versucht hatte. Er zog sich augenblicklich auf Mons zurück und ließ Wilhelm im ungestörten Genusse eines Triumphes, welcher durch die Erinnerung an vieles Mißgeschick noch erhöht wurde.




Uebergabe des Kastells von Namur


Der 26. August war zu einem Schauspiele bestimmt worden, wie es der älteste Soldat in Europa noch nie gesehen und wie es noch vor wenigen Wochen der jüngste Soldat kaum zu erleben gehofft hatte. Von Condé’s erster bis zu Luxemburg’s letzter Schlacht hatte die Fluth des militärischen Erfolgs ohne erhebliche Unterbrechung fortwährend eine und dieselbe Richtung beibehalten. Jetzt wendete sich das Kriegsglück. Zum ersten Male, sagte man, seit Frankreich Marschälle habe, sollte ein Marschall von Frankreich eine Festung einem siegreichen Feinde übergeben.

Die in einer Doppelreihe aufgestellten verbündeten Truppen, Infanterie und Cavallerie, bildeten eine prächtige Gasse von der Bresche, um welche vor kurzem mit so verzweifelter Tapferkeit gekämpft worden war, bis ans Ufer der Maas. Der Kurfürst von Bayern, der Landgraf von Hessen und viele hohe Offiziere hielten zu Pferde in der Umgebung des Kastells. Wilhelm befand sich nahe bei ihnen in seinem Wagen. Die auf ungefähr fünftausend Mann zusammengeschmolzene Besatzung kam mit Trommelwirbel und wehenden Fahnen heraus. Boufflers schloß mit seinem Stabe den Zug. Es war einige Schwierigkeit über die Form der Begrüßung entstanden, welche zwischen ihm und den verbündeten Souverainen gewechselt werden mußte. Ein Kurfürst von Bayern hatte kaum Anspruch darauf, von einem Marschall von Frankreich mit dem Degen salutirt zu werden. Ein König von England hatte unbestreitbar Anspruch auf ein solches Zeichen von Ehrerbietung; aber Frankreich erkannte Wilhelm nicht als König von England an. Endlich verstand sich Boufflers dazu, die Salutirung zu verrichten, ohne zu zeigen, welchem der beiden Souveraine sie gelte. Er senkte seinen Degen. Wilhelm allein erwiederte das Compliment. Hierauf folgte eine kurze Unterredung. Um den Gebrauch der Worte Sire und Majestät zu vermeiden, wendete sich der Marschall nur an den Kurfürsten. Dieser theilte Wilhelm das Gesagte mit allen Zeichen der Ehrerbietung mit, und Wilhelm berührte kalt seinen Hut. Die Offiziere der Garnison nahmen die Nachricht mit in ihr Vaterland, daß der Emporkömmling, der in Paris nur der Prinz von Oranien genannt wurde, von den stolzesten Potentaten des deutschen Staatenbundes mit ebenso tiefer Ehrerbietung behandelt wurde, als Ludwig sie von seinen Kammerherren verlangte.[57 - Nachschrift zu dem Monthly Mercury vom August 1695; London Gazette vom 9. Sept.; Saint-Simon; Dangeau.]




Verhaftung Boufflers’


Die Ceremonie war jetzt vorüber, und Boufflers ritt weiter; aber er hatte erst eine kurze Strecke Wegs zurückgelegt, als er von Dykvelt angehalten wurde, der die verbündete Armee als Deputirter der Generalstaaten begleitete. „Sie müssen in die Stadt zurückkehren, mein Herr,” redete Dykvelt ihn an. „Der König von England hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie sein Gefangener sind.” Boufflers war außer sich vor Wuth. Seine Offiziere schaarten sich um ihn und schwuren, ihn bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen: Aber von Widerstand konnte nicht die Rede sein, denn eine starke Abtheilung holländischer Reiterei kam heran, und der Brigadier verlangte den Degen des Marschalls. Der Marschall äußerte laut seinen Unwillen. „Das ist ein abscheulicher Wortbruch! Lesen Sie die Bedingungen der Kapitulation. Was habe ich gethan, um einen solchen Affront zu verdienen? Habe ich mich nicht als Mann von Ehre benommen? Muß ich nicht als ein solcher behandelt werden? Bedenken Sie wohl was Sie thun, meine Herren. Ich diene einem Gebieter, der mich rächen kann und wird.” – „Ich bin Soldat, mein Herr,” entgegnete der Brigadier, „und es ist meine Pflicht, erhaltenen Befehlen zu gehorchen, ohne mich um das Weitere zu bekümmern.” Dykvelt erwiederte sodann ruhig und artig auf die unwilligen Aeußerungen des Marschalls: „Der König hat nur mit Widerstreben das von Ihrem Gebieter gegebene Beispiel nachgeahmt. Die Soldaten, welche die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse bildeten, sind trotz gegebenen Zusicherungen als Gefangene nach Frankreich geschickt worden. Der Fürst, dem sie dienen, würde seiner Pflicht gegen sie uneingedenk sein, wenn er nicht Wiedervergeltung übte. Se. Majestät hätte mit vollem Rechte alle Franzosen, die in Namur waren, zurückhalten können. Aber er will einem Präcedenzfalle, den er mißbilligt, nicht so weit Folge geben. Er hat beschlossen, Sie, und nur Sie allein gefangen zu nehmen, und Sie dürfen eine Maßregel, welche thatsächlich ein Zeichen seiner besonderen Achtung gegen Sie ist, nicht als eine Beleidigung ansehen. Wie kann er Ihnen ein glänzenderes Compliment machen, als indem er Ihnen beweist, daß er Sie als ein vollkommenes Aequivalent für die fünf- bis sechstausend Mann betrachtet, welche Ihr Souverain widerrechtlich als Gefangene zurückhält? Ich will Sie sogar noch jetzt ungehindert Ihres Weges ziehen lassen, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, wieder hierher zurückzukehren, im Fall die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse nicht binnen vierzehn Tagen in Freiheit gesetzt werden.” – „Ich weiß nicht, warum mein Gebieter jene Soldaten zurückhält, und daher kann ich Ihnen keine Hoffnung darauf machen, daß er sie freilassen wird. Sie haben eine Armee hinter Sich; ich bin allein; handeln Sie nach Ihrem Belieben.” Er lieferte seinen Degen ab, kehrte nach Namur zurück und wurde von dort nach Huy gebracht, wo er einige Tage in luxuriöser Ruhe verlebte, nach Gefallen ausgehen und ausreiten durfte wann er wollte, und von Denen, die ihn bewachten, mit ausgezeichneter Rücksicht behandelt wurde. In der kürzesten Zeit, in der es möglich war, von dem Orte, wo er in Haft gehalten wurde, an den französischen Hof zu schreiben und Antwort zurück zu erhalten, empfing er die Ermächtigung, zu versprechen, daß die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse zurückgeschickt werden sollten. Er wurde sogleich in Freiheit gesetzt und reiste nach Fontainebleau ab, wo ein ehrenvoller Empfang seiner wartete. Er wurde zum Herzog und Pair ernannt. Damit er den nöthigen Aufwand seiner neuen Würden bestreiten konnte, erhielt er zugleich eine bedeutende Summe Geldes, und Ludwig bewillkommnete ihn in Anwesenheit des gesammten französischen Adels mit einer herzlichen Umarmung.[58 - Boyer’s History of King William III., 1703; Nachschrift zu dem Monthly Mercury, vom August 1695; London Gazette vom 9. und 12. Sept.; Blathwayt an Lexington, 6. Sept.; Saint-Simon; Dangeau.]

In allen gegen Frankreich verbündeten Ländern wurde die Nachricht von dem Falle Namur’s mit Freude begrüßt; bei uns aber war der Jubel am größten. Seit mehreren Generationen hatten unsere Vorfahren zu Lande keine bedeutende Waffenthat gegen auswärtige Feinde vollführt. Wir hatten zwar unseren Bundesgenossen zuweilen kleine Hülfscorps geliefert, welche die Ehre der Nation in gutem Ansehen erhielten. Aber von dem Tage an, wo die beiden tapferen Talbot, Vater und Sohn, in dem vergeblichen Versuche, Guienne wieder zu erobern, umgekommen waren, bis zur Revolution, hatte auf dem Continent kein Feldzug stattgefunden, in welchem die Engländer eine Hauptrolle gespielt hätten. Endlich hatten unsere Vorfahren nach einer Pause von nahe an dritthalb Jahrhunderten wieder angefangen, den Kriegern Frankreich’s die Palme des militärischen Ruhmes streitig zu machen. Es war ein harter Kampf gewesen. Das Genie Luxemburg’s und die ausgezeichnete Disciplin der Haustruppen Ludwig’s hatten in zwei großen Schlachten die Oberhand behalten; aber der Ausgang dieser Schlachten war lange zweifelhaft gewesen, der Sieg war theuer erkauft worden, und der Sieger hatte nicht viel mehr gewonnen als die Ehre, Herr des Schlachtfeldes geblieben zu sein. Inzwischen bildete er selbst seine Gegner aus. Die Rekruten, welche seine strenge Schule überlebten, wurden rasch Veteranen. Steenkerke und London hatten die Freiwilligen gebildet, welche Cutts durch die Palissaden von Namur folgten. Der Ausspruch aller großen Krieger, welche sämmtliche Nationen des westlichen Europa’s an den Zusammenfluß der Sambre und Maas gesandt hatten, lautete, daß der englische Subalternoffizier und der englische Gemeine keinem Subalternoffizier und keinem Gemeinen der Christenheit nachstehe. Die englischen Offiziere höheren Ranges dagegen wurden kaum für würdig erachtet, eine solche Armee zu commandiren. Cutts hatte sich zwar durch seine Unerschrockenheit ausgezeichnet. Aber selbst Diejenigen, die ihn am meisten bewunderten, gestanden zu, daß er weder die Befähigung noch die Kenntnisse besaß, deren ein General bedurfte.

Die Freude der Sieger wurde erhöht durch die Erinnerung an die drei Jahre früher auf dem nämlichen Punkte erlittene Niederlage und an den Uebermuth, mit welchem ihr Feind damals über sie triumphirt hatte. Jetzt war die Reihe zu triumphiren an ihnen. Die Holländer prägten Denkmünzen, die Spanier sangen Te Deums. Es erschienen eine Menge theils ernster, theils launiger Gedichte, von denen nur eines uns erhalten worden ist. Prior travestirte mit köstlichem Geist und Humor die bombastischen Verse, in welchen Boileau die erste Einnahme von Namur verherrlicht hatte. Die beiden Oden, welche nebeneinander gedruckt erschienen, wurden mit großem Vergnügen gelesen, und die Kritiker bei Will’s erklärten, daß England sowohl im Witz als in den Waffen den Sieg davon getragen habe.

Der Fall von Namur war das große militärische Ereigniß dieses Jahres. Der türkische Krieg beschäftigte noch immer einen großen Theil der kaiserlichen Truppen mit unentscheidenden Operationen an der Donau. Weder in Piemont noch am Rhein geschah etwas Erwähnenswerthes. In Catalonien erlangten die Spanier einige unbedeutende Vortheile, die sie ihren englischen und holländischen Bundesgenossen verdankten, welche alles Mögliche gethan zu haben scheinen, um einer Nation zu helfen, die niemals sonderlich geneigt gewesen ist, sich selbst zu helfen. Die Ueberlegenheit England’s und Holland’s zur See war jetzt notorisch erwiesen. Während des ganzen Jahres war Russell der unbestrittene Herr des mittelländischen Meeres, fuhr zwischen Spanien und Italien hin und her, bombardirte Palamos, verbreitete Schrecken längs der ganzen Küste der Provence und hielt die französische Flotte im Hafen von Toulon eingeschlossen. Mittlerweile war Berkeley der unbestrittene Herr des Kanals, kreuzte angesichts der Küsten des Artois, der Picardie, der Normandie und der Bretagne, warf Bomben nach Saint-Malo, Calais und Dünkirchen und brannte Granville bis auf den Grund nieder. Ludwig’s Flotte, welche fünf Jahre früher die furchtbarste in Europa gewesen, die unbehindert von den Dünen bis Land’s End umhergefahren war, die bei Torbay geankert und Teignmouth in Asche gelegt hatte, gab jetzt kein Lebenszeichen mehr, außer durch das Plündern von Kauffahrern, welche nicht von Kriegsschiffen begleitet waren. In diesem einträglichen Kriege waren, die französischen Kaper gegen Ende des Sommers sehr glücklich. Mehrere mit Zucker beladene Schiffe aus Barbados wurden aufgebracht. Die Verluste der unglücklichen, von Schwierigkeiten schon umgebenen und durch grenzenlose Verschwendung in Bestechungen sehr geschwächten Ostindischen Compagnie waren enorm. Fünf große aus den östlichen Meeren zurückkehrende Schiffe mit Ladungen, deren Werth allgemein auf eine Million geschätzt wurde, fielen in die Hände des Feindes. Diese Unfälle erregten einiges Murren auf der Börse. Im Ganzen aber war die Stimmung der Hauptstadt und der Nation besser als sie seit einigen Jahren gewesen.

Inzwischen fanden in London Ereignisse statt, welche kein früherer Geschichtsschreiber der Erwähnung werth gehalten hat, die aber von weit größerer Wichtigkeit waren als die Waffenthaten von Wilhelm’s Armee oder von Russell’s Flotte. Ein großes Experiment wurde gemacht, eine große Revolution war im Gange: es waren Zeitungen erschienen.




Wirkung der Emancipation der englischen Presse


So lange die Censuracte in Kraft war, gab es in England keine Zeitungen außer der London Gazette, welche von einem Beamten des Staatssekretariats redigirt wurde und die nichts enthielt als was der Staatssekretär die Nation wissen lassen wollte. Periodische Schriften gab es zwar viele, aber keine derselben konnte eine Zeitung genannt werden. Welwood, ein eifriger Whig, gab ein Journal, der Observator genannt, heraus; aber sein Observator enthielt ebenso wie der früher von Lestrange herausgegebene keine politischen Neuigkeiten, sondern nur politische Abhandlungen. Ein geistesschwacher Buchhändler, Namens Johann Dunton, gab den Athenian Mercury heraus; aber der Athenian Mercury erörterte nur Fragen der Naturwissenschaften, der Casuistik und der Galanterie. Ein Mitglied der königlichen Societät, Namens Johann Houghton, gab eine periodische Schrift heraus, die er eine Sammlung zur Hebung der Industrie und des Handels nannte. Aber seine Sammlung enthielt nicht viel mehr als die Course der Actien, Erklärungen der Art und Weise des Geschäftsganges in der City, Anpreisungen neuer Projecte, Ankündigungen von Büchern, Geheimmitteln, Chokolade, Mineralwasser, Zibethkatzen und Gesuche brodloser Schiffschirurgen, herrenloser Bedienten und heirathslustiger Damen. Wenn er ja einmal eine politische Nachricht mittheilte, so war sie aus der Gazette abgedruckt. Die Gazette aber war eine so parteiische und so magere Chronik der Begebenheiten, daß sie, obgleich ohne alle Concurrenz, doch nur eine geringe Verbreitung hatte. Die Auflage betrug nur achttausend, so daß also bei weitem noch nicht ein Exemplar auf jedes Kirchspiel des Landes kam. In der That, wer die Geschichte seiner Zeit nur aus der Gazette studirt hätte, dem würden viele Ereignisse von höchster Wichtigkeit unbekannt geblieben sein. Er würde zum Beispiel nichts von dem Kriegsgericht über Torrington, von den Untersuchungen in Lancashire, von dem Verbrennen des Hirtenbriefes des Bischofs von Salisbury, oder von der Anklage gegen den Herzog von Leeds erfahren haben. Doch wurden die Lücken der Gazette bis zu einem gewissen Grade in London durch die Kaffeehäuser und in der Provinz durch die Neuigkeitsbriefe ausgefüllt.

Am 3. Mai 1695 erlosch das Gesetz, das die Presse einer Censur unterworfen hatte. Innerhalb der nächsten vierzehn Tage erließ ein entschiedener alter Whig, Namens Harris, der in den Tagen der Ausschließungsbill den Versuch gemacht hatte, eine Zeitung unter dem Titel „Intelligence Domestic and Foreign” zu begründen, aber diesen Plan bald wieder hatte aufgeben müssen, die Anzeige, daß die vor vierzehn Jahren durch die Tyrannei unterdrückte „Intelligence Domestic and Foreign” wieder erscheinen würde. Zehn Tage nach der ersten Nummer der Intelligence erschien die erste Nummer des „English Courant”. Dann kam das „Packet Boat from Holland and Flanders”, der „Pegasus”, der „London Newsletter”, die „London Post”, die „Flying Post”, der „Old Postmaster”, der „Postboy” und der „Postman”. Die Geschichte der Zeitungen von jener Zeit bis auf unsere Tage ist ein höchst interessanter und lehrreicher Theil der Geschichte des Landes. Im Anfang waren sie klein und unansehnlich. Selbst der Postboy und der Postman, welche die bestredigirten und gangbarsten gewesen zu sein scheinen, waren abscheulich auf Blätter von schmutziggrauem Papier gedruckt, wie man es heutzutage nicht gut genug für Straßenballaden halten würde. Es erschienen wöchentlich nur zwei Nummern, und eine Nummer enthielt nicht viel mehr Stoff, als man jetzt in einer einzigen Spalte unserer Tagesblätter findet. Was man jetzt einen Leitartikel nennt, erschien nur selten, außer wenn Mangel an Neuigkeiten war, wenn die holländischen Posten durch den Westwind aufgehalten wurden, wenn die Rapparees im Sumpfe von Allen sich ruhig verhielten, wenn keine Diligence von Straßenräubern angefallen, wenn keine eidverweigernde Gemeinde durch Constabler zerstreut worden, wenn kein Gesandter mit einem langen Gefolge sechsspänniger Equipagen angekommen war, wenn kein Lord oder Dichter in der Abtei begraben worden und wenn es in Folge dessen schwer war, vier dürftige Seiten zu füllen. Indessen waren die Leitartikel, obgleich sie, wie es scheint, nur in Ermangelung anziehenderen Stoffes aufgenommen wurden, keineswegs schlecht geschrieben.

Es ist ein bedeutsames Factum, daß die jungen Zeitungen alle auf Seiten Wilhelm’s und der Revolution waren. Dieses Factum mag sich zum Theil durch den Umstand erklären lassen, daß anfangs die Existenz der Herausgeber von ihrem guten Verhalten abhing. Es war keineswegs klar, ob ihr Gewerbe an sich nicht ungesetzlich war. Das Drucken von Zeitungen war allerdings durch kein Gesetz verboten; aber gegen das Ende der Regierung Karl’s II. hatten die Richter erklärt, daß es nach dem Landrecht ein Vergehen sei, politische Nachrichten ohne Erlaubniß des Königs zu veröffentlichen. Freilich waren die Richter, welche dieses Prinzip aufstellten, nach dem Belieben des Königs absetzbar und beeiferten sich bei jeder Gelegenheit, die königliche Prärogative zu erhöhen. Wie Holt und Treby die Frage, wenn sie wieder aufgeworfen worden wäre, entschieden haben würden, ist zweifelhaft, und die Folge dieser Ungewißheit war, daß die Minister der Krone Nachsicht übten und daß die Journalisten sich vorsahen. Keiner von beiden Theilen hegte den Wunsch, die Rechtsfrage zur Erörterung zu bringen. Die Regierung ließ daher das Erscheinen von Zeitungen stillschweigend hingehen, und die Herausgeber derselben hüteten sich sorgfältig, etwas zu drucken, was die Regierung provociren oder beunruhigen konnte. In einer der ersten Nummern eines der neuen Journale erschien allerdings ein Artikel, der darauf hindeuten zu wollen schien, daß die Prinzessin Anna sich nicht aufrichtig über den Fall von Namur freue. Aber der Drucker beeilte sich, seinen Fehler durch die demüthigsten Entschuldigungen wieder gut zu machen. Eine geraume Zeit waren die nichtamtlichen Zeitungen, wenn auch viel plauderhafter und unterhaltender als die amtliche Gazette, fast eben so höfisch. Wer sie nachliest, wird finden, daß der König stets mit der größten Ehrerbietung erwähnt wird. Ueber die Debatten und Abstimmungen der beiden Häuser wird ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen beobachtet. Es kommen zwar viel Schmähungen darin vor; aber diese sind fast alle gegen die Jakobiten und die Franzosen gerichtet. Es scheint gewiß, daß die Regierung Wilhelm’s durch die Substituirung dieser unter beständiger Furcht vor dem Generalfiskal redigirten gedruckten Zeitungen an Stelle der mit zügelloser Freiheit geschriebenen Neuigkeitsbriefe nicht wenig gewann.[59 - Eine werthvolle und ich glaube die einzige Sammlung der Zeitungen aus Wilhelm’s Regierung befindet sich im Britischen Museum. Ich habe jedes Blatt dieser Sammlung umgewendet. Auffällig ist es, daß weder Luttrell noch Evelyn von dem ersten Erscheinen der neuen Zeitungen etwas erwähnen. Die erste Notiz davon habe ich in einer Depesche L’Hermitage’s vom 12. (22.) Juli 1695 gefunden. Ich will seine Worte hier anführen: „Depuis quelque tems on imprime ici plusieurs feuilles volantes en forme de gazette, qui sont remplies de toutes sortes de nouvelles. Cette licence est venue de ce que le parlement n’a pas achévé le bill ou projet d’acte qui avoit été porté dans la Chambre des Communes pour régler l’imprimerie et empêcher que ces sortes de choses n’arrivassent. Il n’y avoit ci-devant qu’un des commis des Secrétaires d’Etat qui eût le pouvoir de faire des gazettes: mais aujourdhui il s’en fait plusieurs sous d’autres noms.” L’Hermitage erwähnt auch den auf die Prinzessin bezüglichen Artikel und die Unterwerfung des Pasquillanten.]

Die Pamphletisten standen unter minder harten Beschränkungen als die Journalisten; doch muß Jeder, der die politische Polemik der damaligen Zeit aufmerksam studirt hat, bemerkt haben, daß die Libelle gegen Wilhelm’s Person und Verwaltung während der zweiten Hälfte seiner Regierung entschieden weniger heftig und hämisch waren als während der ersten Hälfte. Und der Grund davon ist offenbar kein andrer als der, weil die Presse, welche während der ersten Hälfte seiner Regierung in Ketten und Banden lag, während der zweiten Hälfte frei war. So lange die Censur bestand, hatte keine Schrift, welche die Leitung eines Verwaltungszweiges wenn auch in der gemäßigtsten und anständigsten Sprache tadelte, Aussicht, mit Genehmigung des Censors gedruckt werden zu dürfen. Im Allgemeinen blieben daher selbst die achtbaren und gemäßigten Gegner des Hofes, da sie es nicht über sich gewinnen konnten, in der vom Gesetz vorgeschriebenen Weise zu drucken, und es nicht für recht oder rathsam hielten, in einer vom Gesetz verbotenen Weise zu drucken, lieber ganz still und überließen die Kritik der Verwaltung zwei Klassen von Menschen: fanatischen Eidverweigerern, welche aufrichtig glaubten, daß der Prinz von Oranien eben so wenig Anspruch auf Schonung oder Artigkeit habe, wie der Fürst der Finsterniß, und gemeinen, boshaften und lästerzüngigen Miethlingen in Grub Street. Daher gab es unter den Vielen, welche gegen die Regierung zu schreiben pflegten, kaum einen einzigen Verständigen, Gemäßigten und Rechtschaffenen. Die Gewohnheit, gegen die Regierung zu schreiben, übte in der That an sich eine ungünstige Wirkung auf den Character aus, denn wer gewohnt war, gegen die Regierung zu schreiben, der war auch gewohnt, die Gesetze zu übertreten, und die Gewohnheit selbst ein unbilliges Gesetz zu übertreten, führt den Menschen zu völliger Gesetzlosigkeit. Wie absurd ein Zolltarif auch immer sein mag, ein Schmuggler wird stets nur zu wahrscheinlich ein Schurke und Spitzbube sein. Wie despotisch ein Jagdgesetz immer sein mag, der Uebergang von einem Wilddieb zu einem Mörder ist nur zu leicht. Ebenso war, obgleich sich zu Gunsten der die Literatur beschränkenden Gesetze nur wenig sagen läßt, doch große Gefahr vorhanden, daß ein Mann, der diese Gesetze beständig verletzte, kein Mann von besonderer Ehre und strenger Rechtschaffenheit sein würde. Ein Autor, der sich vorgenommen hatte, etwas drucken zu lassen, und die Erlaubniß des Censors dazu nicht erlangen konnte, mußte sich der Beihülfe bedürftiger und verzweifelter Menschen bedienen, welche, von den Dienern des Friedensgerichts verfolgt und gezwungen, jede Woche andere Namen und Verkleidungen anzunehmen, ihr Papier und ihre Typen in jenen Höhlen des Lasters verbargen, welche die Pest und die Schande großer Hauptstädte sind. Solche Elende mußte er erkaufen, damit sie sein Geheimniß bewahrten und sich der Gefahr aussetzten, anstatt seiner ausgepeitscht zu werden oder die Ohren zu verlieren. Ein Mann, der sich zu solchen Genossen und zu solchen Hülfsmitteln herabließ, konnte einen zarten Sinn für Recht und Schicklichkeit kaum unversehrt bewahren. Die Emancipation der Presse bewirkte eine große und heilsame Aenderung. Die besten und einsichtsvollsten Männer in den Reihen der Opposition übernahmen jetzt ein Amt, das bisher den Gewissenlosen und Heißblütigen überlassen gewesen war. Schriften gegen die Regierung wurden jetzt in einem Tone geschrieben, dessen sich Staatsmänner und Gentlemen nicht zu schämen brauchten, und selbst die Producte der niederern und heftigeren Klasse der Mißvergnügten wurden etwas weniger roh und gemein, als sie es in den Tagen der Censoren gewesen waren.




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notes



1


Siehe Claude’s Predigt auf Mariens Tod.




2


Prior an Lord und Lady Lexington, 14. (24.) Jan. 1695. Der Brief befindet sich in den Lexington Papers, einer werthvollen und gut edirten Sammlung.




3


Monthly Mercury vom Januar 1695. Ein Redner, der in Utrecht eine Lobrede auf die Königin hielt, war so albern zu sagen, ihr letzter Hauch sei ein Gebet für das Wohl der Vereinigten Provinzen gewesen: – „Valeant et Batavi,” – dies sind ihre letzten Worte, – „sint incolumes; sint florentes; sint beati: stet in aeternum, stet immota praeclarissima illorum civitas, hospitium aliquando mihi gratissimum, optime de me meritum.” Siehe auch die Reden Peter Francius’ von Amsterdam und Johann Ortwinius’ von Delft.




4


Journal de Dangeau; Mémoires de Saint-Simon.




5


Saint-Simon; Dangeau; Monthly Mercury für Januar 1695.




6


L’Hermitage, 1. (11.) Jan. 1695; Vernon an Lord Lexington, 1. 4. Januar; Portland an Lord Lexington, 15. (25.) Jan.; Wilhelm an Heinsius, 22. Januar (1. Febr.).




7


Commons’ Journals, Feb. 11., April 12., 17.; Lords’ Journals April 8., 18. 1695. Leider ist in dem Protokolle der Gemeinen vom 12. April eine Lücke, so daß es jetzt nicht mehr möglich ist, zu ermitteln, ob über die Frage bezüglich des Beitritts zu dem von den Lords vorgeschlagenen Amendement eine Abstimmung stattfand.




8


L’Hermitage 10. (20.) April 1695; Burnet II. 149.




9


An Essay upon Taxes, calculated for the present Juncture of Affairs, 1693.




10


Commons’ Journals, Jan. 12., Feb. 26., Mar. 6.; A Collection of the Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695 upon the Inquiry into the late Briberies and Corrupt Practices, 1695; L’Hermitage an die Generalstaaten, 8. (18.) März; Van Citters, 15. (25.) März. L’Hermitage sagt: „Si par cette recherche la chambre pouvoit remedier au désordre qui règne, elle rendroit un service très utile et très agréable au Roy.”




11


Commons’ Journals, Feb. 16. 1695. Collection of the Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695; Life of Wharton; Burnet II. 144.




12


Sprecher Onslow’s Note zu Burnet II. 583; Commons’ Journals, Mai 6., 7. 1695. Die Geschichte des schrecklichen Endes dieses Mannes findet man in den Flugschriften über das Südseejahr.




13


Commons’ Journals, March 8. 1695; Exact Collection of Debates and Proceedings in Parliament in 1694 and 1695; L’Hermitage, 8. (18.) März.




14


Exact Collection of Debates.




15


L’Hermitage, 8. (18.) März 1695. L’Hermitage’s Erzählung wird durch die Protokolle vom 7. März 1694/95 bestätigt. Es geht daraus hervor, daß das Haus unmittelbar vor Ernennung des Ausschusses beschloß, daß während einer Sitzung keine Briefe an Mitglieder abgegeben werden sollten.




16


L’Hermitage, 19. (29.) März 1695.




17


Birch’s Life of Tillotson.




18


Commons’ Journals, March 12, 13, 14, 15, 16, 1694/95; Vernon an Lexington, 15. März; L’Hermitage, 15. (25.) März.




19


„On vit qu’il étoit impossible de le poursuivre en justice, chacun toutefois démeurant convaincu que c’étoit un marché fait à la main pour lui faire présent de la somme de 10,000 l., et qu’il avait été plus habile que les autres novices que n’avoient pas su faire si finement leurs affaires.” L’Hermitage, 29. März (8. April); Commons’ Journals, March. 12.; Vernon an Lexington, 26. April; Burnet II. 145.




20


In einem Gedicht, betitelt The Prophecy (1703) kommt die Strophe vor:

		„Wenn Seymour verschmäht Salpetergeld,”

In einer andren Satyre befindet sich die Stelle:

		„Bestochner Seymour haßt Bestechungen.”




21


Commons’ Journals vom 26. März bis 8. April 1695.




22


L’Hermitage, 10. (20.) April 1695.




23


Exact Collection of Debates and Proceedings.




24


L’Hermitage, 30. April (10. Mai) 1695; Portland an Lexington, 23. April (3. Mai).




25


Es kann meines Erachtens keinem Zweifel unterliegen, daß das Mitglied, welches in der Exact Collection D genannt ist, Wharton war.




26


Bezüglich der Vorgänge dieses ereignißvollen Tages, des 27. April 1695, sehe man die Protokolle der beiden Häuser und die Exact Collection.




27


Exact Collection; Lords’ Journals, May 3. 1695; Commons’ Journals, May 2. 3.; L’Hermitage, 3. (13.) Mai; London Gazette vom 13. Mai.




28


L’Hermitage, 10. (20.) Mai 1695; Vernon an Shrewsbury, 22. Juni 1697.




29


London Gazette vom 6. Mai 1695.




30


Brief von Mrs. Burnet an die Herzogin von Marlborough, 1704, angeführt von Coxe; Shrewsbury an Russell, 24. Jan. 1695; Burnet II. 149.




31


London Gazette vom 8. 15. 29. April 1695.




32


Shrewsbury an Russell, 24. Jan. 1695; Narcissus Luttrells Diary.




33


De Thou, 53, 96.




34


Life of James, II. 545, Orig. Mem. Natürlich bedient sich Jakob nicht des Wortes Meuchelmord. Er spricht nur von der Ergreifung und Entführung des Prinzen von Oranien.




35


Alles Schlechte, das über Porter bekannt oder gerüchtweise verbreitet war, kam bei dem Staatsprozesse von 1696 zu Tage.




36


Ueber Goodman sehe man die Zeugenaussagen bei dem Prozesse Peter Cook’s; Cleverskirke, 28. Febr. (9. März) 1696; L’Hermitage, 10. (20.) April 1696, und ein Pasquill betitelt: The Duchess of Cleveland’s Memorial.




37


Siehe die Einleitung zu der Vollmacht von 1695.




38


Man findet die Vollmacht in den Protokollen des Parlaments.




39


Act. Parl. Scot. May 21. 1695; London Gazette vom 30. Mai.




40


Ibid. May 23. 1695.




41


Ibid. June 14. 18. 20. 1695; London Gazette vom 27. Juni.




42


Burnet II. 157; Act. Parl. June 10. 1695.




43


Act. Parl. June 26, 1695; London Gazette vom 4. Juli.




44


Eine treffliche Characteristik Villeroy’s befindet sich in Saint-Simon’s Memoiren.




45


Einige interessante Züge von Trumball’s Character findet man in Pepys’ Tangerschen Tagebuche.




46


Postboy, Juni 13., Juli 9. 11. 1695; Intelligence Domestic and Foreign, Juni 14; Pacquet Boat from Holland and Flanders, Juli 9.




47


Vaudemont’s Depesche und Wilhelm’s Antwort stehen im Monthly Mercury für Juli 1695.




48


Siehe Saint-Simon’s Memoiren und seine Note zu Dangeau.




49


London Gazette vom 22. Juli 1695; Monthly Mercury vom August 1695. Swift schrieb zehn Jahre später eine so abgeschmackte und widerlich gemeine Schmähschrift auf Cutts, daß Ward oder Gildon sich ihrer geschämt haben würden. Sie war betitelt: The Description of a Salamander.




50


London Gazette vom 29. Juli 1695; Monthly Mercury für August 1695; Stepney an Lord Lexington, 15. (25.) Aug. Robert Flemming’s Character of King William, 1702. Bei dem Angriffe vom 17. (27.) Juli erhielt Hauptmann Shandy die denkwürdige Wunde in die Weiche.




51


London Gazette vom 1. und 5. August 1695; Monthly Mercury vom August 1695, enthaltend die Briefe Wilhelm’s und Dykvelt’s an die Generalstaaten.




52


Monthly Mercury vom August 1695; Stepney an Lord Lexington, 16. (26.) August.




53


Monthly Mercury, August 1695; Brief aus Paris vom 26. Aug. (5. Sept.) 1695 unter den Lexington Papers.




54


L’Hermitage, 13. (23.) Aug. 1695.




55


London Gazette vom 26. Aug. 1695; Monthly Mercury; Stepney an Lexington, 20. (30.) August.




56


Boyer’s History of King William III., 1703; London Gazette vom 29. Aug. 1695; Stepney an Lexington, 20. (30.) Aug.; Blathwayt an Lexington, 2. Sept.




57


Nachschrift zu dem Monthly Mercury vom August 1695; London Gazette vom 9. Sept.; Saint-Simon; Dangeau.




58


Boyer’s History of King William III., 1703; Nachschrift zu dem Monthly Mercury, vom August 1695; London Gazette vom 9. und 12. Sept.; Blathwayt an Lexington, 6. Sept.; Saint-Simon; Dangeau.




59


Eine werthvolle und ich glaube die einzige Sammlung der Zeitungen aus Wilhelm’s Regierung befindet sich im Britischen Museum. Ich habe jedes Blatt dieser Sammlung umgewendet. Auffällig ist es, daß weder Luttrell noch Evelyn von dem ersten Erscheinen der neuen Zeitungen etwas erwähnen. Die erste Notiz davon habe ich in einer Depesche L’Hermitage’s vom 12. (22.) Juli 1695 gefunden. Ich will seine Worte hier anführen: „Depuis quelque tems on imprime ici plusieurs feuilles volantes en forme de gazette, qui sont remplies de toutes sortes de nouvelles. Cette licence est venue de ce que le parlement n’a pas achévé le bill ou projet d’acte qui avoit été porté dans la Chambre des Communes pour régler l’imprimerie et empêcher que ces sortes de choses n’arrivassent. Il n’y avoit ci-devant qu’un des commis des Secrétaires d’Etat qui eût le pouvoir de faire des gazettes: mais aujourdhui il s’en fait plusieurs sous d’autres noms.” L’Hermitage erwähnt auch den auf die Prinzessin bezüglichen Artikel und die Unterwerfung des Pasquillanten.


