Mary, Erzählung
Bjørnstjerne Bjørnson




Bjørnstjerne Bjørnson

Mary, Erzählung





Das Gut und die Familie


Die Küstenlinie des südlichen Norwegen ist häufig unterbrochen. Daran sind die Berge und die Flüsse schuld. Das Gebirge läuft in Hügel und Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Ströme haben Täler gegraben und münden in Buchten.

In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehöft. Ursprünglich hieß der Hof Krokskog, woraus die dänischen Beamten in ihren Protokollen "Krogskov" machten; jetzt heißt er Krogskog. Die Besitzer nannten sich einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen. Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog.

Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen Krogskog doch daläge.

Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel; die Haltung verloren sie nicht.

Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend. Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen, eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie sich aus.

Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche.

Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus, sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.

Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten.

Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut hier.

Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt. Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte. Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube, der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen, hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans. Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz holländisch geführt.

Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten. Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch war,—in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen Element verschmolzen,—sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen.

Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe gut zusammen.

Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.

Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art. Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den allerdenkwürdigsten Indianerstädten.

Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war, baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen, den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung.

Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben. Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er hieß Hans.

Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel. Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich. Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof übernehmen.

Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen, einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner.

Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich einen einsamen Platz—d.h. wenn so einer da war—auf dem kleinen Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern; ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen war,—und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte. Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.

Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede Annäherung unmöglich,—bis die rechte kam. Da war er aber schon über vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses Onkels.

Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters hindurchschaute.

Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches "Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen erdigen Händen da und starrte sie an.

Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück. "Sie sind—Sie sind sicher—", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"—"Marit Krog aus Michigan." Er hatte von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte, gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie schon da war.—"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!—Nein, wie Ihr Euch ähnlich seid!"—Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich nicht hineinkommen?"—"Ja, selbstverständlich,—aber erst—erst muß ich doch—", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.—"Ich kann ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können Sie,—selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich werde das Mädchen schicken",—und er begab sich eilig nach der Küche.

Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war, als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr, als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen. Eine holländische Küche.

Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe, die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett. Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen. Hier lebten stille Menschen.

Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging. Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes Lächeln, weil er sich verstanden wußte?

Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur noch schöner und inniger,—er kam daher mit demselben Gang, denselben Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß … mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war verschrumpft … Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen. Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme, fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust und weinte.

Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr.

Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da holterdipolter erzählte,—es war etwas Verwirrendes in allem.

Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt wollte auch sie baden.

Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben. Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten sie nach Hause geschickt.

Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es hin, als müsse es so sein.

Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben; Marit solle vorbereitet werden.

Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,—über den Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden.

Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein.

Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte.

Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen.

Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen."

Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein Vater."—Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien.

"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie verlassen!"—"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die Arme um sie.

Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über sie beugte, wirkte es besänftigend.

Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben.

Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht nötig.

Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen.

Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.

In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor. Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es für sich allein haben.

Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien das Glück unverdient.

Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater—und mehr!" Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der Erinnerung heraus anfaßte.

Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs; sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?"

Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher, ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn drei Tage später war sie tot.


* * * * *




Die neue Marit


Der Arzt befürchtete lange, Krog würde auch sterben. Rein an Überanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewöhnt gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, daß er die Nähe anderer Menschen ertrug. Man erzählte ihm, das Kind sei zu seiner Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen möchte. Fast unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er sich kräftiger fühlte, war, sich von dem Geschäft zu befreien. Er beriet sich darüber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine Vermittlung wurde das Geschäft veräußert. Nicht aber das Haus, in dem es sich befand,—das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie unverändert bleiben.

Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff ihn so an, daß er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine Schwester kam erschrocken zu ihm herüber; das sei doch wohl nicht wahr? "Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"—"Ja, ich kann es in meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in Tränen aus.—Aber er müsse doch auf jeden Fall das Kind erst sehen?—"Nein, nein! Das am allerwenigsten."

Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben.

Aber natürlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog. Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,—und diese Photographie … solch einer Ähnlichkeit mit der Mutter, solchem kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus, wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu durchleben. Ich kann nicht sagen, daß ich es mir schon ganz zu eigen gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die Stätten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, daß ich diese Stätten nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen."

Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest für ihn. Nicht sofort; denn zuerst hatte sie natürlich Angst vor dem fremden Mann mit den großen Augen. Aber es erhöhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und nach ihm näher kam. Als sie schließlich auf seinen Knien saß mit den beiden neuen Puppen, einem Türken und einer Türkin, und ihm diese in die Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan hatte, da sagte er mit Tränen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung erlebt, die noch herrlicher war."

Sie siedelte also mit dem Kindermädchen in sein Haus über. Ihr erster gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts half, was sie auch versuchten. Das Mädchen pflückte ihr schließlich andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mußten ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte: "Das ist nicht die Mutter."

Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit Blumen geschmückt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei Teile; die eine Hälfte trug er, die andere sie. Er wünschte, sie solle ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verließen, bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause nehmen. Und er mußte nachgeben. Am nächsten Tage versuchte er etwas anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte ihn.

Dann kam er auf den Einfall, die Mutter fröre, Marit müsse sie zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes Bett. Er hatte ihr nämlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei Mutters, und sie fragte beständig, ob Mutter nicht bald komme. Sie könne nicht kommen, sagte er; sie liege da draußen und fröre. Das führte schließlich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen über die Grabstätte und ließ sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt friert Mutter nicht mehr."

Er überlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wünschte, sie solle die Bilder ihrer Mutter kennen, übte aber vorher ihren Sinn an Bildern von Tieren und Gegenständen. Dann ging er zu Bildern von seiner Schwester und von sich selbst und von Personen über, die sie kannte. Als sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein. Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Küche eine Mutter sich um ihr krankes Kind mühen sah, überzeugte er sich, daß sie wußte, was eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und zieht mich an und aus?"

Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr Freude aber machte es ihm, als sie groß genug war, daß er ihr von Mutter erzählen konnte. Von Mutter, die übers Meer herüber zu Vater gekommen sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide getan hatten. Dort saß Marit auf den Stühlen, die Mutter gekauft, und auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half, wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schönes Kind! Mit dem roten Haar und der schimmernd weißen Haut der Mutter, mit ihren großen Augen und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich würde sie auch ihre gebogene Nase bekommen. Die Hände mit den langen Fingern hatte sie nicht von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Übergang vom Kopf zum Nacken mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten nicht die schöne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde. Die Verschmelzung des männlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter repräsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoß hoch auf, ihre Augen waren groß und der Kopf fein geformt.

Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich recht eigentümlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzählt. Indianer sprengten durch die Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weißen Pferde. Die Hügel waren die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt hatte, verstanden sie nicht.

Als Siebenjährige nötigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der Tropfen, der den Becher zum Überlaufen brachte und ihn bestimmte, sich nach Unterstützung umzusehen.

Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie täglich bewundert. Er war kaum je einem klügeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle. Sie sagte ohne Zögern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen Wirkungskreis begeben. Ein Hüftleiden, das sie schon lange plagte, hatte sich verschlimmert, so daß ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behäbige Person vollständig ausfüllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst inbegriffen. Er war ganz erschrocken über ihre Tüchtigkeit. Sie kam selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wußte sie alles, was geschah. Wände hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht für sie. Größtenteils ließ sich das aus der Schärfe ihrer Sinne erklären, aus ihrer Fähigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen und Augen zu lesen, zu riechen und zu hören, Schlüsse zu ziehen aus dem, was sie wußte,—und siebentens und letztens daraus, daß sie zu fragen verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklären. Drohte einem, den sie lieb hatte, eine Gefahr, so fühlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie auf—in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch—und war auf den Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwürdigen Tage, da Marit mit ihrem Rad in den Fluß gefallen war und durch Männer vom Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrücke, wohin sie gewollt hatte, war das Unglück geschehen. Da stießen sie und Frau Dawes aufeinander, die eine triefend von Nässe und heulend, die andere triefend von Schweiß und auch heulend.

Frau Dawes machte täglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es nötig war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang sah sie alles, auch das, was erst später geschah, versicherten die Mägde.

Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm beständig in Papier. Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen umfaßte, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie ununterbrochen fort. In allen Sprachen und über alle Dinge; denn ihre zweite Hauptbeschäftigung war: das, was sie las—und sie las bis tief in die Nacht hinein—in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch, um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht, worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren jeder andern Lektüre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur. Sie hatte ein kleines Vermögen und kaufte sich alles, was ihr gefiel.

Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem großen Tisch saßen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr gegenüber. Immer aber, wenn es nötig war, mußte Marit an Tante Evas Pult kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, daß die Kleine oft vergaß, daß es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek dicht daneben hatte, vergaß es oft, wenn er hereinkam und das Gespräch oder die Erzählung mit anhörte.

War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und führten zu Kämpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ändern, und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natürlich geschlagen, und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter Zeiteinteilung, von Ordnung, von Höflichkeit, von Takt bekommen. Sie sollte jeden Tag Klavier üben, sie sollte bei Tisch hübsch gerade sitzen und sich die Hände unzählige Male am Tage waschen; sie sollte immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie. Eigentlich auch der Vater nicht.

Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen konnte. Das war der unerschütterliche Glaube des Kindes an die Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wußte sie davon zu überzeugen, daß die Mutter nie später als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und ihre Schuhe vor die Tür gestellt.

Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte, ging sie zu dem über, was die Mutter getan hätte, wenn sie an Marits Stelle gewesen wäre; und vor allem, was sie nicht getan hätte, wenn sie Marit wäre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher weißt Du das?" fragte Marit.—"Ich weiß es daher, daß Dein Vater und Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."—"Das ist wahr, Marit", fiel der Vater ein, froh, daß er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr.

Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau Dawes selbst, und desto größeren Einfluß gewann sie auf das Kind. Sie machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein Erbteil der Mutter war und in üppiger Blüte stand, solange der Vater zuhörte und seinen Spaß daran hatte.

Einmal im Frühjahr kam Marit schnell herein und erzählte ihrem Vater, in dem alten Baum zwischen den Gräbern der Mutter und der Großmutter sei ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist ein Gruß von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu besehen. Als sie aber näher kamen, flog der Vogel auf und piepte jämmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht näher heran?" fragte sie ihren Vater.—Er bejahte es. "Dann würden wir Mutter stören?" fragte sie weiter. Er nickte.–Sie gingen seelenvergnügt wieder nach Hause und sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon erzählte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu betrüben, Kind. Könnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so käme sie selbst."—Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veränderten auch das Verhältnis zum Vater.–

Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dünn und großäugig mit üppigem, rotem Haar und weißer, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes' besonderer Stolz war.

Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"—

Sie las und erfuhr,—wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte,—daß der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht während des Lesens beobachtete, ein Millionär war, kein Kronen-, nein, ein Dollarmillionär. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten vorläufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des Bruders nichts wieder abgehoben,—und dies war das Resultat.

"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und faßte seine rechte Hand mit ihren beiden. Ihr standen die Tränen in den Augen. "Ich verstehe Sie, lieber Krog; Sie wünschen, daß wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau Dawes?"—"Durchaus nicht, wenn wir die nötige Bedienung mitnehmen; ich bin ja einmal so schlecht zu Fuß."—"Das sollen Sie haben, und überall halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden, nicht wahr?"—"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte zugleich, und sie sagte selbst, so glücklich sei sie noch nie gewesen.

Vierzehn Tage später hatten die drei mit einem Diener und einem Mädchen Krogskog verlassen.


* * * * *




Der Thronwechsel


So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran, einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte sich um Sommerkleider.

"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest. Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."—Der Vater wurde unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden, aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben, weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"—Frau Dawes sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"

Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.

Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb, ausnutzen.

In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen?

Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie.

Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs Schwester.

Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat: "Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit anhatte.

Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten. Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah: "Willst Du nicht heraufkommen?"—"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen, der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die feingeformte Nase … das war alles aus einem Guß und alles vollendet. Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf der Treppe.

Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den andern hinunter zu gehen,—in einem kurzen Kleide aus lichtem, wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße … es wurde beinahe komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht ihresgleichen. So dünn,—und mit dieser schwellenden Rundung nach oben—? Nein, nirgends!

Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.

Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet.

Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten.

Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich hören lassen.

Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes: "Findest Du Jörgen nicht nett?"—"Doch."—"Worüber lächelst Du denn?"—"Er hat so viel gegessen."—Jetzt fiel der Vater lachend ein: "Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er sich die besten Stücke aus."—"Freilich."

Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir Visitenkarten."—"Hast Du keine Visitenkarten?"—"Doch; aber die alten gefallen mir nicht mehr."—"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch gefunden?"—"Ja;—aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine ich."—"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn er gar nicht mehr zu mir gehört,—meine ich."—"Marit gefällt Dir nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten Augen des Vaters.—"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder Frau Dawes, die sprach. "Mary."—"Mary?"—"Ja. Das paßt besser,—meine ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich. Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man Mary."—"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich zaghaft.—"Was schadet das?"—Frau Dawes: "Es steht in Deinem Taufschein, Kind; es ist Dein Name."—"Ja, in den Urkunden steht es vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.

"Es tut Deinem Vater weh, Kind."—"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit nennen."—Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter. Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem Papier: "Mary Krog."

Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.

"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."—Anders Krog wiederholte leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner Mutter."—"Ich habe Mutters Namen auch lieb.—Er paßt aber nicht für mich."

Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie."

"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen ihm über das Gesicht.


* * * * *




Drei Jahre später


Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen. Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person, gutmütig und lustig.

Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete, der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos "Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen, habe sie ihm gesessen.

Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt verliebt.—"So", sagte Mary wie abwesend.—"Es ist kein gewöhnlicher Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein." —"Nanu?"—"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir zusammen."—"Ist das nötig?"—"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden." —"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."—"Sieh einer an! Ja, das ist etwas anderes."—"Jetzt verstehst Du mich falsch. Warte, bis Du ihn siehst."—"Ist er so schön?"—Alice lachte: "Nein, er ist geradezu häßlich!—Na, warte nur ab."—Sie fuhren weiter, das Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.—"Wie heißt er?" —"Franz Röy."—"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy." —"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."—"Sie hat eine herrliche Figur."—Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." —"Also gut trainiert?"—"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft, und nichts zeigt er so gern!"—"Ist er denn dumm?"—"Dumm? Franz Röy?" —Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter.

Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und ohne Ende.

Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein. Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,—da kam es! Ein paar durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das Tor!"—Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an. Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund heulte auf,—seine Kameraden hielten eine Weile inne.

Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten, nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links … offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.

Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in Bewegung.

Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke …

"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten konnte er nicht.

Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher, Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen: "Well done, young man!"

Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte, ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte. Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste, bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin. Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse wohl."—"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte, verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au, Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut—und merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch.

Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts bugsiert, nun versuchte er zu wenden.

"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.

"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde.

"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"—Alices Stimme war's.—"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor. Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine, gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre, als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."

Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand darzubieten, stieg er aus.

Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben könnte, Mary!"—Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das nicht machen?"—Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück: "Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren Augen mit einem schelmischen Lachen.

Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.


* * * * *

Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen. Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall. Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit, wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los. Und seine Rede floß unaufhaltsam.

Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft. Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie, daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche Versprechen, nie wiederzukommen.

Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein. Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte ansehen, die auf dem Tisch liege.—"Jörgen Thiis? Ist denn der hier?"—"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst erfahren, daß wir angekommen sind."—"Er bat um Grüße an Dich", warf der Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las.

Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen. Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend. Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben", antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"—"Bestimmt nicht."—"Ist es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon sein."—"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie abschließend.—




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