Von Bagdad nach Stambul Karl May Karl May VON BAGDAD NACH STAMBUL Erstes Kapitel: Unter Dieben Im Süden von den großen syrischen und mesopotamischen Wüsteneinöden liegt, vom roten Meere und von dem persischen Golfe umgeben, die Halbinsel Arabien, welche ihre äußerste Kante weit in das stürmereiche arabisch-indische Meer hinein erstreckt. An drei Seiten ist dieses Land von einem zwar schmalen, aber außerordentlich fruchtbaren Küstensaume eingefaßt, welcher nach innen zu einer weiten, wüsten Hochebene emporsteigt, deren teils trübselige, teils groteske Landschaftsbilder besonders im Osten durch hohe, unwegsame Gebirgsstöcke abgeschlossen werden, zu denen ganz hauptsächlich die öden Berge von Schammar zu zählen sind. Dieses Land, dessen Quadratmeilenzahl man heute noch nicht genau anzugeben vermag, wurde im Altertum eingeteilt in Arabia peträa, in Arabia deserta und in Arabia felix, zu deutsch: in das peträische, wüste und glückliche Arabien. Wenn noch öfters jetzt gewisse Geographen der Ansicht sind, daß der Ausdruck peträa abzuleiten sei von dem griechisch-lateinischen Worte, das »Stein, Fels« bedeutet, und deshalb diesen Teil des Landes das »steinigte« Arabien nennen, so beruht das auf einer irrtümlichen Auffassung; dieser Name ist vielmehr zurückzuführen auf das alte Petra, das die Hauptstadt dieser nördlichsten Provinz des Landes war. Der Araber nennt seine Heimat Dschesirat el Arab[1 - Inselland, arabisches.], während sie bei den Türken und Persern Arabistan geheißen wird. Die jetzige Einteilung wird verschieden angegeben; die nomadisierenden Einwohner lassen jedoch nur den einzigen Unterschied der Stämme gelten. Ueber diesem Lande wölbt sich ein ewig heiterer Himmel, von welchem des Nachts die Sterne rein und klar herniederblicken; durch die Bergschluchten und über die zum großen Teile noch unerforschten Wüsten-Ebenen schweift der halbwilde Sohn der Steppe auf prachtvollem Pferde oder auf unermüdlichem Kamele. Sein Auge ist überall, denn er lebt mit aller Welt in Streit und Unfrieden, nur mit den Angehörigen seines Stammes nicht. Von einer Grenze bis zur anderen zieht bald der sanfte Hauch einer reinen, milden, bald der rauschende Odem einer trüben, wilden Poesie, welcher den Wanderer überall umweht, wo er nur immer weilen mag. So kommt es, daß man bereits vor langen Jahrhunderten Hunderte von arabischen Dichtern und Dichterinnen kannte, deren Lieder im Munde des Volkes lebten und die mit Hilfe des Griffels für spätere Zeiten festgehalten wurden. Als Stammvater der echten Araber oder Joktaniden gilt Joktan, der Sohn Huts, welcher ein Abkömmling Sems im fünften Gliede war, und dessen Nachkommen das glückliche Arabien und die Küste Tehama bis hinab zum persischen Meerbusen bewohnten. Jetzt suchen viele Stämme eine Ehre darin, von Ismaël, dem Sohne Hagars, abzustammen. Dieser Ismaël soll, wie die Sage berichtet, mit seinem Vater Abraham nach Mekka gekommen sein und dort die heilige Kaaba errichtet haben. Das Wahre aber ist, daß die Kaaba von dem Stamme der Koreïschiten gestiftet oder wenigstens ausgebaut wurde. Unter den Heiligtümern, die sie besaß, waren der Brunnen Zem-Zem und der angeblich vom Himmel gefallene schwarze Stein die berühmtesten. Hierher pilgerten die verschiedenen Stämme der Araber, um da ihre Stamm- oder auch wohl Haus-Götzen aufzustellen und ihnen ihre Opfer und Gebete darzubringen. Daher war Mekka den Arabern das, was Delphi den Griechen und Jerusalem den Juden gewesen ist; es bildete den Mittelpunkt für die weithin zerstreuten Nomaden, die sich ohne denselben in allen Richtungen verloren hätten. Da sich dieser hochwichtige Punkt im Besitze der Koreïschiten befand, so war dieser Stamm der mächtigste und angesehenste Arabiens und infolgedessen auch der reichste, weil die von allen Seiten herbeikommenden Pilger nie ohne Geschenke oder wertvolle Handelswaren anzulangen pflegten. Ein armer Angehöriger dieses Stammes, Namens Abd Allah[2 - »Diener Gottes.«], starb im Jahre 570 nach Christus, und einige Monate später, am 20. April 571, der auf einen Montag fiel, gebar seine Witwe Amina einen Knaben, welcher später Mohammed[3 - »Der Vielgepriesene.«] genannt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Knabe vorher einen andern Namen getragen hat und erst dann, als seine prophetische Wirksamkeit ihn zu einem hervorragenden Manne machte, den Ehrennamen Mohammed erhielt. Dieser Name wird auch Muhammed, Mohammad und Muhammad geschrieben, und aus Ehrfurcht vor dem Propheten wagt es nie ein Gläubiger, ihn in dieser Fassung zu tragen; das Wort wird dann meist in Mehemmed verwandelt. Dem Knaben waren von seinem Vater nur zwei Kamele, fünf Schafe und eine abyssinische Sklavin hinterlassen worden, weshalb er sich zunächst auf den Schutz seines Großvaters Abd-al-Muttalib und nach dessen Tode auf die Unterstützung seiner beiden Oheime Zuheir und Abu Taleb angewiesen sah. Da diese Männer aber nicht viel für ihn tun konnten, so mußte er sich sein Brot als Schafhirtenjunge verdienen. Später wurde er Kameltreiber und Bogen- und Köcherträger, wobei sich wahrscheinlich sein kriegerischer Sinn entwickelt hat. Als er fünfundzwanzig Jahre zählte, trat er in den Dienst der reichen Kaufmannswitwe Chadidscha, der er mit solcher Treue und Aufopferung diente, daß sie ihn lieb gewann und ihn zu ihrem Gemahl machte. Das große Vermögen seiner Frau ging ihm aber später verloren. Er lebte nun bis zu seinem vierzigsten Jahre als Kaufmann und Händler. Er kam auf seinen weiten Reisen mit Juden und Christen, mit Bramahnen und Feueranbetern zusammen und gab sich Mühe, ihre Religionen kennen zu lernen. Er litt an Epilepsie und infolgedessen an einer Verstimmung des Nervensystems, die ihn sehr zu Halluzinationen geneigt machte. Seine religiösen Grübeleien waren der Heilung dieser Krankheit nicht sehr förderlich. Er zog sich schließlich gar in eine Höhle zurück, die in der Nähe von Mekka auf dem Berge Hara lag. Hier hatte er seine ersten Visionen. Der Kreis der Gläubigen, der sich um ihn versammelte, bestand zunächst nur aus seiner Frau Chadidscha, aus seinem Sklaven Zaïd, aus den beiden Mekkanern Othman und Abu Bekr und aus seinem jungen Vetter Ali, der später den Ehrennamen Areth-Allah[4 - Löwe Gottes; auch Assad Allah el Ahalib, Löwe des siegreichen Gottes.] erhielt und zu den unglücklichsten Helden des Islam gehört. Dieser Ali, dessen Name auf deutsch »der Hohe, der Erhabene« bedeutet, war im Jahre 602 geboren und stand bei Muhammed in solchem Ansehen, daß er dessen Tochter Fatime zur Gemahlin erhielt. Als der Prophet im Kreise seiner Familie zum ersten Male seine neuen Glaubenssatzungen vortrug und dann fragte: »Wer unter euch will mein Anhänger sein?« da schwiegen alle; nur der junge Ali, begeistert von der gewaltigen Poesie des soeben gehörten Vortrages, rief in lautem, entschlossenem Tone: »Ich will es sein und nimmer von dir lassen!« Das hat ihm Mohammed niemals vergessen. Er war ein tapferer, verwegener Kämpfer und hatte großen Teil an der so ungemein schnellen Ausbreitung des Islam. Dennoch wurde er, als Mohammed ohne letztwillige Verfügung starb, übergangen, und man wählte Abu Bekr, den Schwiegervater Mohammeds, zum Kalifen[5 - Kalif heißt Stellvertreter.]. Diesem folgte im Jahre 634 ein zweiter Schwiegervater des Propheten, namens Omar, welchem wieder Othman, ein Schwiegersohn Mohammeds, nachfolgte. Dieser wurde im Jahre 656 von einem Sohne Abu Bekrs erstochen. Man beschuldigte Ali der Anstiftung dieses Mordes, und als er von seiner Partei erwählt wurde, verweigerten ihm viele von den Statthaltern die Huldigung. Er kämpfte vier Jahre lang um das Kalifat und wurde im Jahre 660 von Abd-er-Rahmann erstochen. Er liegt in Kufa begraben, wo ihm auch ein Denkmal errichtet worden ist. Von hier an datiert sich die Spaltung, die die Mohammedaner in zwei gegnerische Heerlager, in die Sunniten und die Schiiten, teilt. Diese Spaltung bezieht sich weniger auf die islamitischen Grundsätze als vielmehr auf die Personalfrage der Nachfolgerschaft. Die Anhänger der Schia behaupten nämlich, daß nicht Abu Bekr, Omar und Othman, sondern nur allein Ali das Recht gehabt hätte, der erste Stellvertreter des Propheten zu sein. Die zwischen den beiden Parteien dann ausgebrochenen Streitigkeiten über die Attribute Gottes, das Fatum, die Ewigkeit des Kuran und die einstige Vergeltung sind nicht als so wesentlich zu betrachten. Ali hinterließ zwei Söhne, Hassan und Hosseïn. Der erstere wurde von den Schiiten zum Kalifen erwählt, während die Anhänger der Sunna Muawijah I¨, den Gründer der Ommajjaden-Dynastie, erkoren. Dieser letztere verlegte seine Residenz nach Damaskus, machte das Kalifat erblich und erzwang bereits zu seinen Lebzeiten die Anerkennung seines Sohnes Dschezid, der sich später als ein solcher Wüterich zeigte, daß sein Andenken selbst von den Sunniten mit Fluch belegt wird. Hassan konnte sich gegen Muawijah nicht behaupten und starb im Jahre 670 in Medinah an Gift. Sein Bruder Hosseïn widersetzte sich der Anerkennung Dschezids. Er ist der Held einer der tragischsten Episoden aus der Geschichte des Islam. Die Hand des Kalifen Muawijah ruhte schwer auf den Provinzen, und seine Statthalter unterstützten ihn dabei aus allen Kräften. So befahl zum Beispiel Zijad, der Statthalter zu Basra, daß nach Sonnenuntergang sich bei Todesstrafe niemand auf der Straße sehen lassen dürfe. Am Abend nach der Bekanntmachung dieses Befehls wurden über zweihundert Personen außerhalb ihrer Wohnungen angetroffen und unverzüglich geköpft; am nächsten Tage war die Ziffer schon weit geringer, und am dritten Abend war kein einziger Mensch zu sehen. Der grimmigste aller Ommajjaden war Hadjasch, der Statthalter von Kufa, dessen Tyrannei 120 000 Menschen das Leben kostete. Noch schlimmer als Muawijah zeigte sich sein Sohn Dschezid. Zur Zeit dieses Scheusales hielt sich Hosseïn in Mekka auf, wo er aus Kufa Boten empfing, die ihn aufforderten, zu ihnen zu kommen, da sie ihn als Kalifen anerkennen wollten. Er folgte dem Rufe – zu seinem Verderben. Mit kaum hundert Getreuen langte er vor Kufa an, fand aber die Stadt bereits von seinen Feinden besetzt. Er verlegte sich auf erfolgloses Unterhandeln. Die Lebensmittel gingen ihm aus; das Wasser vertrocknete in dem Sonnenbrande; seine Tiere stürzten, und seinen Begleitern schaute der blasse Tod aus den eingesunkenen fieberfunkelnden Augen. Er rief vergebens Allah und den Propheten um Hilfe und Rettung an; sein Untergang stand »im Buch verzeichnet«. Obeïd ‚Allah, ein Heerführer Dschezids, drang bei Kerbela auf ihn ein, massakrierte seine ganze Begleitung und ließ auch ihn selbst umbringen. Man fand ihn aus Mangel an Wasser bereits dem Tode nahe; aber man hatte kein Mitleid mit ihm, und er wehrte sich vergebens mit der letzten Kraft seines schwindenden Lebens – man schnitt ihm den Kopf ab, der auf eine Lanze gesteckt und im Triumphe herumgetragen wurde. Dies geschah am 10¨ Muharrem, und bis auf heute ist dieser Tag bei den Schiiten ein Tag der Trauer. In Hindostan trägt man ein Bild von Hosseïns Kopf auf einer Lanze herum, wie es nach seinem Tode geschah, und ahmt mit einem aus edlen Metallen gefertigten Hufeisen den Lauf seines Renners nach. Am 10¨ Muharrem ertönt ein Wehegeschrei von Borneo und Celebes über Indien und Persien bis zum Mogreb[6 - Westen.] Asiens, wo die Schia nur noch zerstreute Anhänger hat, und dann gibt es in Kerbela eine dramatische Vorstellung, welche an Szenen der wildesten Verzweiflung ihresgleichen sucht. Wehe dem Sunniten, wehe dem Giaur, welcher an diesem Tage sich in Kerbela unter der bis zur Tobsucht aufgeregten Rotte der Schiiten sehen lassen wollte! Er würde in Stücke zerrissen! – — Diese historische Einleitung mag zum besseren Verständnis des Nachfolgenden dienen. Wir hatten am Zab den Entschluß gefaßt, den Fluß entlang bis zu den Schirban- und dann den Zibar-Kurden zu reiten. Bis zu den Schirbani hatten wir Empfehlungen vom Bey zu Gumri und von dem Melek in Lizan erhalten, und von da aus hofften wir auf weitere Unterstützung. Die Schirbani nahmen uns gastfreundlich auf, von den Zibari aber wurden wir sehr feindselig empfangen; doch gelang es mir später, mich ihrer Teilnahme zu versichern. Wir kamen glücklich bis zum Akrafluß, stießen aber hier bei der wilden Bergbevölkerung auf eine so große Böswilligkeit, daß wir nach verschiedenen schlimmen Erfahrungen uns nach Südost wenden mußten. Wir überschritten den Zab östlich des Ghara Surgh, ließen Pir Hasan links liegen und sahen uns genötigt, da wir den dortigen Kurden keineswegs trauen durften, längs des Dschebel Pir Mam nach Südost zu halten, um dann nach rechts umzubiegen und irgendwo zwischen dem Diyaleh und kleinen Zab den Tigris zu erreichen. Wir hofften, bei den Dscherboa-Arabern gastlich aufgenommen zu werden und sichere Wegweiser zu finden, erfuhren aber zu unserem Leidwesen, daß dieselben sich mit den Obeïde und Beni-Lam verbündet hatten, um alle Stämme zwischen dem Tigris und Thathar die Spitzen ihrer Speere fühlen zu lassen. Nun waren die Schammar zwar mit dem einen Ferkah der Obeïde, dessen Scheik Eslah el Mahem war, befreundet, aber dieser Mann konnte seine Gesinnung geändert haben, und von den andern Ferkah wußte Mohammed Emin genau, daß sie den Haddedihn feindlich gesinnt seien. Unter diesen Umständen war es am geratensten, unsere Richtung zuerst nach Sulimania zu nehmen und uns dann weiter zu entscheiden. Hatten wir Amad el Ghandur befreit und glücklich bis hierher gebracht, so wollten wir nun lieber einen Umweg einschlagen, als uns wieder in neue Gefahren begeben. So gelangten wir nach längerer Zeit und mancherlei Anstrengungen und Entbehrungen glücklich an das nördliche Zagrosgebirge. Es war Abend, und wir lagerten am Rande eines Tschimarwaldes (Orientalische Platane.). Ueber uns wölbte sich ein Firmament, dessen Glanz nur in diesen Gegenden in solcher Reinheit und Kraft zu beobachten ist. Wir befanden uns in der Nähe der persischen Grenze, und die Luft Persiens ist ja wegen ihrer Klarheit berühmt. Das Licht der Sterne war so stark, daß ich, trotzdem der Mond weder im Kalender noch am Himmel stand, die Zeiger meiner Taschenuhr auf drei Schritte Entfernung ganz deutlich erkennen konnte. Lesen hätte ich, selbst bei kleiner Schrift, ganz gut vermocht. Die Strahlen des Jupiter waren so hell, daß seine Trabanten selbst dann mit einem Fernrohre mit ausgeschraubten Gläsern wohl schwerlich zu entdecken gewesen wären, wenn man den Körper des Planeten mit dem Rande des Rohres zu bedecken versucht hätte. Sogar teleskopische Gestirne kamen zum Vorscheine. Der siebente Stern des Siebengestirns war ohne bedeutende Anstrengung des Auges zu erkennen. Die Klarheit eines solchen Firmamentes macht einen tiefen Eindruck auf das Gemüt, und ich lernte einsehen, warum Persien die Heimat der Astrologie ist, dieser unfrei geborenen Mutter der edlen Tochter, welche uns die leuchtenden Welten des Himmels kennen lehrt. Unsere Lage ließ uns vorziehen, im Freien zu übernachten. Wir hatten uns im Laufe des Tages von einem Hirten ein Lamm gekauft und brannten uns jetzt ein Feuer an, um das Lamm gleich in der Haut zu braten, nachdem wir es ausgenommen und mit dem Messer geschoren hatten. Unsere Pferde grasten in der Nähe. Sie waren in der letzten Zeit ganz ungewöhnlich angestrengt worden, und es wäre ihnen eine mehrtägige Ruhe zu gönnen gewesen, was sich leider aber nicht ermöglichen ließ. Wir selbst befanden uns alle wohl, mit Ausnahme eines Einzigen. Dies war Sir David, welcher unter einem großen Aerger zu leiden hatte. Er war nämlich vor einigen Tagen von einem Fieber befallen worden, welches ungefähr vierundzwanzig Stunden lang anhielt. Dann war es wieder verschwunden, aber mit diesem Verschwinden hatte sich bei ihm jenes schaudervolle Geschenk des Orientes entwickelt, welches der Lateiner Febris Aleppensis, der Franzose aber Mal d‘Aleppo oder Bouton d‘Alep nennt. Diese »Aleppobeule«, welche nicht nur Menschen, sondern auch gewisse Tiere z¨B¨ Hunde und Katzen heimsucht, wird stets von einem kurzen Fieber eingeleitet, nach welchem sich entweder im Gesicht oder auch auf der Brust, an den Armen und Beinen eine große Beule bildet, welche unter Aussickern einer Feuchtigkeit fast ein ganzes Jahr steht und beim Verschwinden eine tiefe, nie wieder verschwindende Narbe hinterläßt. Der Name dieser Beule ist übrigens nicht zutreffend, da die Krankheit nicht nur in Aleppo, sondern auch in der Gegend von Antiochia, Mossul, Diarbekr, Bagdad und in einigen Gegenden Persiens auftritt. Ich hatte diese verunstaltende Beule schon öfters gesehen, noch niemals aber in der ungewöhnlichen Größe wie bei unserm guten Master Lindsay. Nicht genug, daß bei ihm die außerordentliche Anschwellung im dunkelsten Rot erglänzte, war sie auch so impertinent gewesen, sich just die Nase zu ihrem Sitze auszuwählen – diese arme Nase, welche so schon an einer ganz abnormen Dimension zu leiden hatte. Unser Englishman trug das Uebel nicht etwa mit Ergebenheit, wie es seine Pflicht als Gentleman und Vertreter der very great and excellent nation gewesen wäre, sondern er verriet einen Aerger und eine Ungeduld, deren Ausbrüche oft das Zwerchfell der Zuhörer in Mitleidenschaft zog. Auch jetzt saß er am Feuer und befühlte fortwährend mit beiden Händen die unverschämte Pustel. »Master!« sagte er zu mir. »Hersehen!« »Wohin?« »Hm! Dumme Frage! Auf mein Gesicht natürlich! Yes! Ist wieder gewachsen?« »Was? Wer?« »‘s death! Diese Beule hier! Viel gewachsen?« »Sehr! Sieht grad wie eine Gurke aus.« »All devils! Schauderhaft! Entsetzlich! Yes!« »Vielleicht wird‘s mit der Zeit ein Fowling-bull, Sir!« »Wollt Ihr eine Ohrfeige haben, Master? Stehe sofort zu Diensten! Wollte, Ihr selbst hättet dieses armselige Swelling[7 - Englisch: Geschwulst.] auf Eurer Nase!« »Habt Ihr Schmerzen?« »Nein.« »So seid froh!« »Froh? Zounds! Wie kann ich froh sein, wenn die Leute denken, meine Nase hätte die Snuff-box gleich mit auf die Welt gebracht! Wie lange werde ich dieses Ding haben?« »Ziemlich ein Jahr, Sir!« Er machte ein Paar Augen, daß ich vor Schreck beinahe zurückgewichen wäre, zumal das Entsetzen ihm den Mund so weit aufriß, daß die Nase mitsamt der Snuff-box (Schnupftabaksdose) geradewegs hätte hineinspazieren können. »Ein Jahr? Ein ganzes Jahr? Zwölf ganze Monate?« »So ungefähr.« »Oh! Ah! Horrible! Fürchterlich, entsetzlich! Gibt es kein Mittel? Pflaster? Salbe? Brei auflegen? Wegschneiden?« »Nichts, gar nichts.« »Aber jede Krankheit hat ihr Mittel!« »Diese nicht, Sir. Diese Beule ist nicht im mindesten gefährlich; aber wenn man sie zu zerteilen sucht oder gar ritzt und schneidet, dann kann sie sehr schlimm werden.« »Hm! Was dann, wenn sie fort ist? Sieht man es noch?« »Das ist verschieden. Je größer die Beule, desto größer auch das Loch, welches zurückbleibt.« »My sky! Ein Loch?« »Leider!« »O weh! Schauderhaftes Land hier! Miserable Gegend! Werde machen, daß ich nach Old England komme! Well!« »Nehmt Euch Zeit, Sir!« »Warum?« »Was würde man in Altengland sagen, wenn Sir David Lindsay seiner Nase erlaubt, sich eine Filiale anzulegen!« »Hm! Habt recht, Master! Die Straßenjungen würden mir nachtrollen. Werde also hier bleiben und mich – —« »Sihdi!« unterbrach ihn Halef. »Blicke nicht um!« Ich saß mit dem Rücken gegen den Waldesrand und dachte mir natürlich sofort, daß der kleine Hadschi hinter mir etwas Verdächtiges bemerkt habe. »Was siehst du?« fragte ich ihn darum. »Ein Paar Augen. Grad hinter dir stehen zwei Tschimars, und zwischen ihnen gibt es einen wilden Birnbusch. Dort steckt der Mann, dessen Augen ich gesehen habe.« »Siehst du sie noch?« »Warte!« Er beobachtete so unauffällig wie möglich den Busch, und ich instruierte unterdessen die anderen, sich ganz so unbefangen wie vorher zu verhalten. »Jetzt!« sagte Halef. Ich erhob mich und gab mir den Anschein, als ob ich dürres Holz für das Feuer suchen wolle. Dabei entfernte ich mich so weit von dem Lager, daß ich nicht mehr gesehen werden konnte. Dann drang ich in den Waldsaum ein und schlich mich zwischen den Bäumen wieder zurück. Es waren nicht fünf Minuten vergangen, so befand ich mich hinter den beiden Tschimarbäumen und fand da allerdings Gelegenheit, das scharfe Auge Halefs zu bewundern. Zwischen den Bäumen und dem Busche kauerte eine menschliche Gestalt, welche unser Treiben am Lagerfeuer beobachtete. Weshalb geschah dies? Wir befanden uns hier in einer Gegend, wo in meilenweitem Umkreise kein Dorf zu finden war. Allerdings gab es rund umher verschiedene kleine kurdische Stämme, welche sich bekämpften, und es mochte wohl auch zuweilen geschehen, daß irgend ein persischer Nomadenstamm über die Grenze kam, um einen Raub auszuführen. Dabei gab es genug Umhertreiber, Ueberreste von vernichteten Stämmen, die Gelegenheit suchten, sich einem andern Stamm anzuschließen. Ich durfte nicht trauen; daher schob ich mich ganz leise an den Mann heran und faßte ihn dann rasch bei der Kehle. Er erschrak so sehr, daß er ganz steif wurde und sich auch gar nicht wehrte, als ich ihn in die Höhe nahm und an das Feuer trug. Dort legte ich ihn nieder und zog den Dolch. »Mann, rühre dich nicht, sonst ersteche ich dich!« drohte ich. Es war mir gar nicht so grimmig um das Herz, aber der Fremde nahm meine Drohung ernst auf und faltete bittend die Hände. »Herr, Gnade!« »Das soll auf dich ankommen. Belügst du mich, so bist du verloren. Wer bist du?« »Ich bin ein Turkomane vom Stamme der Bejat.« Ein Turkomane? Hier? Seiner Kleidung nach konnte er allerdings die Wahrheit gesagt haben. Auch wußte ich, daß es früher Turkomanen zwischen dem Tigris und der persischen Grenze gegeben hatte, und es stimmte, daß es der Stamm Bejat gewesen war. Die lurische Wüste und die Ebene Tapespi waren der Schauplatz ihrer Umherschweifereien gewesen. Aber als Nadir-Schah in das Ejalet Bagdad einfiel, schleppte er die Bejat nach Khorassan. Er nannte diese Provinz wegen ihrer Lage und Beschaffenheit »das Schwert Persiens« und bemühte sich, sie mit tapferen, kriegerischen Bewohnern zu bevölkern. »Ein Bejat?« fragte ich. »Du lügst!« »Ich sage die Wahrheit, Herr.« »Die Bejat wohnen nicht hier, sondern im fernen Khorassan.« »Du hast recht; aber als sie einst diese Gegend verlassen mußten, so blieben doch einige zurück, deren Nachkommen sich jetzt so vermehrt haben, daß sie über tausend Krieger zählen. Wir haben unsere Sommerplätze in der Gegend von den Ruinen von Kizzel-Karaba und an den Ufern des Kuru-Tschai.« Es fiel mir ein, davon gehört zu haben. »Jetzt befindet ihr euch hier in der Nähe?« »Ja, Herr.« »Wie viele Zelte zählt ihr?« »Wir haben keine Zelte.« Das mußte mir auffallen. Wenn ein Nomadenstamm sein Lager verläßt, ohne seine Zelte mitzunehmen, so deutet dies gewöhnlich auf einen Raub- oder Kriegszug. Ich fragte weiter: »Wie viele Männer seid ihr heute?« »Zweihundert!« »Und Frauen?« »Wir haben sie nicht bei uns.« »Wo lagert ihr?« »Nicht weit von hier. Wenn du dort um die Ecke des Waldes gehest, so bist du bei uns.« »So habt ihr hier unser Feuer bemerkt?« »Wir haben es gesehen, und der Khan schickte mich ab, um zu erfahren, was für Männer sich hier befinden.« »Wohin gehet ihr?« »Wir gehen nach dem Süden.« »Welcher Ort ist euer Ziel?« »Wir wollen in die Gegend von Sinna.« »Das ist ja persisch!« »Ja. Unsere Freunde dort geben ein großes Fest, zu welchem wir geladen sind.« Das fiel mir auf. Diese Bejat hatten ihren Wohnsitz an den Ufern des Kuru-Tschai und bei den Ruinen von Kizzel-Karaba, also in der Nähe von Kifri; diese Stadt aber lag weit im Südwesten von unserem heutigen Lagerplatz, während Sinna zwei Dritteile derselben Entfernung im Südosten von uns lag. Warum waren die Bejat nicht direkt von Kifri nach Sinna gegangen? Warum hatten sie einen so bedeutenden Umweg gemacht? »Was tut ihr hier oben?« fragte ich daher. »Warum habt ihr euren Weg um das Doppelte verlängert?« »Weil wir durch das Gebiet des Pascha von Sulimania hätten ziehen müssen, und er ist unser Feind.« »Aber ihr befindet euch hier doch ebenso auf seinem Gebiete!« »Hier oben sucht er uns nicht. Er weiß, daß wir ausgezogen sind, und glaubt, uns im Süden von seiner Residenz zu finden.« Dies klang wahrscheinlich, obgleich ich noch immer kein rechtes Vertrauen zu dem Manne hatte. Ich sagte mir jedoch, daß die Anwesenheit dieser Bejat uns nur von Vorteil sein könne. Unter ihrem Schutze konnten wir unangefochten bis nach Sinna kommen, und dann war für uns keine Gefahr mehr zu befürchten. Der Turkomane kam meiner darauf bezüglichen Frage entgegen: »Herr, du wirst mich wieder freilassen? Ich habe euch ja nichts getan!« »Du hast nur getan, was dir befohlen war; du bist frei.« Er atmete erleichtert auf. »Ich danke dir, Herr! Wohin sind die Köpfe eurer Pferde gerichtet?« »Nach Süden.« »Ihr kommt von Mitternacht herunter?« »Ja. Wir kommen aus dem Lande der Tijari, Berwari und Chaldani.« »So seid ihr sehr mutige und tapfere Männer. Welchem Stamme gehört ihr an?« »Dieser Mann und ich, wir sind Emire aus Frankhistan, und die andern sind unsere Freunde.« »Aus Frankhistan! – Herr, wollt ihr mit uns ziehen?« »Wird dein Khan mir seine Hand öffnen?« »Er wird es. Wir wissen, daß die Franken große Krieger sind. Soll ich gehen und ihm von euch sagen?« »Geh, und frag ihn, ob er uns empfangen will!« Er stand auf und eilte davon. Die Andern zeigten sich mit dem, was ich getan hatte, einverstanden, und besonders Mohammed Emin freute sich darüber. »Effendi,« sagte er, »ich habe von den Bejat oft gehört. Sie leben mit den Dscherboa, Obeïde und Beni-Lam in immerwährendem Unfrieden, und darum werden sie uns nützlich sein. Dennoch aber wollen wir nicht sagen, daß wir Haddedihn sind; es ist besser, sie wissen es nicht.« »Auch jetzt müssen wir vorsichtig sein, denn noch wissen wir nicht, ob der Khan uns freundlich aufnehmen wird. Holt die Pferde herbei, und legt euch die Waffen bereit, um für alle Fälle gerüstet zu sein!« Die Bejat schienen unsertwegen eine ungewöhnlich lange Beratung zu halten, denn ehe sie ein Lebenszeichen von sich gaben, war unser Lamm gebraten und auch verzehrt. Endlich hörten wir Schritte. Der Turkomane, welcher bei uns gewesen war, erschien mit noch drei Kameraden. »Herr,« sagte er, »der Khan sendet mich. Ihr sollt zu ihm kommen und uns willkommen sein.« »So geht voran, und führt uns!« Wir stiegen zu Pferde und folgten ihnen, die Gewehre in der Hand. Als wir die Waldecke hinter uns hatten, war von keinem Lagerplatze etwas zu bemerken; nachdem wir aber einen dichten Gebüschstreifen durchschnitten hatten, erreichten wir einen rings von Sträuchern eingefaßten Platz, auf dem ein mächtiges Feuer brannte. Dieser Lagerort war sehr gut gewählt, da er von außen her nicht leicht bemerkt werden konnte. Das Feuer diente nicht zum Erwärmen der Leute, sondern zur Bereitung des Nachtmahles. Zweihundert dunkle Gestalten lagen im Grase umher, und etwas abseits der flackernden Flamme saß der Khan, welcher sich bei unserm Erscheinen langsam erhob. Wir ritten hart an ihn heran und sprangen von den Pferden. »Friede sei mit dir!« grüßte ich ihn. »Mi newahet kjerdem – ich mache mein Kompliment!« antwortete er, indem er sich verbeugte. Das war persisch. Vielleicht wollte er mir damit beweisen, daß er wirklich ein Bejat sei, dessen Hauptstamm man in Khorassan suchen müsse. Der Perser ist der orientalische Franzose. Seine Sprache ist biegsam und wohlklingend, weshalb sie auch die Hofsprache der meisten asiatischen Fürsten geworden ist. Aber das höfliche, schmeichelnde und oft kriechende Wesen des Persers hat nie einen vorteilhaften Eindruck auf mich gemacht; die gerade, rauhe Ehrlichkeit des Arabers tat mir viel wohler. Auch die Andern waren aufgesprungen, und alle Hände streckten sich dienstfertig aus, um sich unserer Pferde zu bemächtigen; doch hielten wir die Zügel fest, da wir noch keineswegs wußten, ob dies gastfreundlich oder hinterlistig gemeint sei. »Gib ihnen immerhin die Pferde! Sie sollen für dieselben sorgen,« sagte der Khan. Ich wollte mir gleich Gewißheit verschaffen; darum fragte ich, nun auch in persischer Sprache: »Hesti irschad engiz – gewährst du uns Sicherheit?[8 - Wörtlich: Bist du Sicherheit gewährend?]« Er verneigte sich zustimmend und erhob die Hand. »Mi saukend chordem – ich beschwöre es! Setzt euch zu mir, und laßt uns reden!« Die Bejat nahmen die Pferde; nur das meinige blieb in der Hand Halefs, der recht gut wußte, was mir lieb und angenehm war. Wir Andern nahmen bei dem Khan Platz. Die Flamme leuchtete hell auf uns herüber, so daß wir einander ganz genau erkennen konnten. Der Bejat war ein in den mittleren Jahren stehender Mann von sehr kriegerischem Aussehen. Seine Züge waren offen und Vertrauen erweckend, und die achtungsvolle Entfernung, in welcher sich seine Untergebenen von ihm hielten, ließ auf einen ehrliebenden und selbstbewußten Charakter schließen. »Kennst du bereits meinen Namen?« erkundigte er sich. »Nein,« antwortete ich. »Ich bin Heider Mirlam[9 - Löwe Mirlam.], der Neffe des berühmten Hassan Kerkusch-Bey. Hast du von ihm gehört?« »Ja. Er residierte in der Nähe des Dorfes Dschenijah, welches an der Poststraße von Bagdad nach Tauk liegt. Er war ein sehr tapferer Krieger, aber er liebte dennoch den Frieden, und jeder Verlassene fand guten Schutz bei ihm.« Er hatte mir seinen Namen gesagt, und nun erforderte es natürlich die Höflichkeit, ihm auch den meinigen zu nennen. Darum fuhr ich fort: »Dein Kundschafter wird dir bereits gesagt haben, daß ich ein Franke bin. Man nennt mich Kara Ben Nemsi – — —« Er konnte trotz der bekannten orientalischen Selbstbeherrschung einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken: »Ajah – oh! Kara Ben Nemsi! So ist dieser andere Mann, der eine rote Nase hat, der Emir aus Inglistan, welcher Steine und Schriften ausgraben will?« »Hast du von ihm gehört?« »Ja, Herr; du hast mir nur deinen Namen genannt, aber ich kenne dich und ihn. Der kleine Mann, welcher dein Pferd hält, ist Hadschi Halef Omar, vor dem sich so viele Große fürchten?« »Du hast es erraten.« »Und wer sind die beiden Andern?« »Das sind Freunde von mir, welche ihre Namen in den Kuran legten[10 - Ausdruck für: aus wichtigen Gründen unerkannt bleiben.]. Wer hat dir von uns erzählt?« »Du kennst Ibn Zedar Ben Huli, den Scheik der Abu Hammed?« »Ja. Er ist dein Freund?« »Er ist nicht mein Freund und nicht mein Feind. Du brauchst dich nicht zu sorgen; ich habe ihn nicht an dir zu rächen.« »Ich fürchte mich nicht!« »Das glaube ich. Ich traf mit ihm bei Eski Kifri zusammen, und da erzählte er mir, daß du schuld bist, daß er Tribut zu zahlen hat. Sei vorsichtig, Herr! Er wird dich töten, wenn du in seine Hände fällst.« »Ich befand mich in seiner Hand, ohne daß er mich getötet hat. Ich war Gefangener; aber er konnte mich nicht festhalten.« »Ich habe es gehört. Du hast den Löwen getötet, ganz allein und in der Dunkelheit, und bist dann mit der Haut desselben davongeritten. Glaubst du, daß auch ich dich nicht halten könnte, wenn du mein Gefangener wärest?« Dies klang verdächtig, doch ich antwortete ruhig: »Du könntest mich nicht halten, und ich wüßte auch nicht, wie du es anfangen solltest, um mich gefangen zu nehmen.« »Herr, wir sind zweihundert, ihr aber seid nur fünf!« »Khan, vergiß nicht, daß zwei Emire aus Frankhistan unter diesen fünf sind, und daß diese zwei so viel zählen wie zweihundert Bejat!« »Du sprichst sehr stolz!« »Und du fragst sehr ungastlich! Soll ich an der Wahrheit deines Wortes zweifeln, Heider Mirlam?« »Ihr seid meine Gäste, obgleich ich die Namen dieser beiden Männer nicht kenne, und sollt Brot und Fleisch mit mir essen.« Ein rücksichtsvolles Lächeln umspielte seine Lippen, und der Blick, welchen er auf die beiden Haddedihn warf, sagte mir genug. Mohammed Emin war infolge seines prachtvollen, schneeweißen Bartes unter Tausenden zu erkennen. Auf einen Wink des Khan wurden einige viereckige Lederstücke herbeigebracht. Auf diesen servierte man uns Brot, Fleisch und Datteln, und als wir ein Weniges davon genossen hatten, wurde uns für unsere Pfeifen Tabak gereicht, für den uns der Khan eigenhändig Feuer gab. Jetzt erst konnten wir uns als seine Gäste betrachten, und ich gab Halef einen Wink, mein Pferd zu den übrigen Rossen zu bringen. Er tat dies und nahm dann auch bei uns Platz. »Welches ist das Ziel eurer Wanderungen?« erkundigte sich der Khan. »Wir reiten nach Bagdad zu,« antwortete ich vorsichtig. »Wir ziehen nach Sinna,« hob er wieder an. »Wollt ihr mit uns reiten?« »Wirst du es erlauben?« »Ich werde mich freuen, euch bei mir zu sehen. Komm, reiche mir deine Hand, Kara Ben Nemsi! Meine Brüder sollen deine Brüder sein und meine Feinde deine Feinde!« Er reichte mir seine Hand entgegen, und ich schlug ein. Er tat dasselbe auch mit den Andern, die sich mit mir herzlich freuten, hier so ganz unerwartet einen Freund und Beschützer gefunden zu haben. Wir sollten es später zu bereuen haben. Der Bejat meinte es nicht böse mit uns; aber er glaubte, an uns eine gute Erwerbung gemacht zu haben, die ihm großen Nutzen bringen werde. »Welche Stämme trifft man von hier bis Sinna?« erkundigte ich mich. »Hier ist ein freies Land, wo bald dieser und bald jener Stamm seine Herden weidet; wer der Stärkere ist, der bleibt.« »Zu welchem Stamme seid ihr geladen?« »Zu dem der Dschiaf.« »So freue dich deiner Freunde; denn der Stamm der Dschiaf ist der mächtigste des ganzen Landes! Die Scheik-Ismael, Zengeneh, Kelogawani, Kelhore und sogar die Schenki und Hollali fürchten ihn.« »Emir, warst du bereits einmal hier?« »Noch niemals.« »Aber du kennst ja alle Stämme dieser Gegend!« »Vergiß nicht, daß ich ein Franke bin!« »Ja, die Franken wissen alles, selbst das, was sie nicht gesehen haben. Hast du auch vom Stamme der Bebbeh gehört?« »Ja. Er ist der reichste Stamm weit und breit und hat seine Dörfer und Zelte in der Umgebung von Sulimania.« »Du bist recht berichtet. Hast du Freunde oder Feinde unter ihnen?« »Nein. Ich bin noch nie mit einem Bebbeh zusammengetroffen. » »Vielleicht werdet ihr sie kennen lernen.« »Werdet ihr ihnen begegnen?« »Vielleicht, obgleich wir gern ein Zusammentreffen vermeiden.« »Kennst du den Weg nach Sinna ganz genau?« »Ganz genau.« »Wie weit ist es von hier bis dahin?« »Wer ein gutes Pferd hat, der reitet in drei Tagen hin.« »Und wie weit ist es bis Sulimania?« »Du kannst es schon in zwei Tagen erreichen.« »Wann brecht ihr morgen auf?« »Sobald die Sonne erscheint. Wünschest du, zur Ruhe zu gehen?« »Wie es dir angenehm ist.« »Der Wille des Gastes ist Gesetz im Lager, und ihr seid müde, denn du hast die Pfeife bereits fortgelegt. Auch der Amasdar[11 - Mann mit der Beule = Lindsay.] macht schon seine Augen zu. Ich gönne euch die Ruhe.« »Bejatend schirinkar – die Bejat haben angenehme Sitten. Erlaube, daß wir unsere Decken ausbreiten!« »Tut es. Allah aramed schumara – Gott gebe euch Schlaf![12 - Wörtlich: Allah singe oder lulle euch ein!]« Auf einen Wink von ihm wurden ihm Teppiche gebracht, aus denen er sich ein Ruhelager bereitete. Meine Gefährten machten es sich so bequem wie möglich; ich aber verlängerte die Zügel meines Pferdes durch den Lasso, dessen Ende ich mir um das Handgelenk band, und legte mich dann außerhalb des Lagerkreises nieder. So konnte der Rappe weiden, und ich war seiner sicher, zumal der Hund an meiner Seite wachte. So verging eine Weile. Ich hatte die Augen noch nicht geschlossen, so näherte sich mir jemand. Es war der Engländer, der seine beiden Decken neben mir niederlegte. »Schöne Freundschaft das,« brummte er. »Sitze da, verstehe kein Wort! Denke, es soll mir erklärt werden! Da aber machte sich der Kerl aus dem Staube. Hm! Danke sehr!« »Verzeiht, Sir! Euch hatte ich wahrhaftig vergessen!« »Mich vergessen! Seid Ihr blind, oder bin ich nicht groß genug?« »Na, in die Augen fallt Ihr schon, besonders seit Ihr den Leuchtturm im Gesichte habt. Also was wollt Ihr wissen?« »Alles! Uebrigens mit dem Leuchtturme, das laßt sein, Master! Was habt Ihr denn mit diesem Scheik oder Khan besprochen?« Ich erklärte es ihm. »Well, das ist günstig. Nicht?« »Ja. Drei Tage lang sicher sein oder nicht, das ist ein Unterschied.« »Ihr habt also gesagt: nach Bagdad? Meint Ihr das wirklich, Master?« »Es wäre mir allerdings das Liebste, aber es geht nicht.« »Warum nicht?« »Wir müssen zu den Haddedihn zurück, denn Ihr habt Eure Diener noch dort, und sodann fällt es mir auch sehr schwer, mich von Halef zu trennen. Wenigstens verlasse ich ihn nicht eher, als bis ich ihn gesund und sicher bei seinem jungen Weibe weiß.« »Richtig! Yes! Braver Kerl! Zehntausend Pfund wert. Well! Möchte auch sonst gern wieder hin.« »Warum?« »Wegen Fowling-bulls.« »Oh, Altertümer sind in der Nähe von Bagdad auch zu finden; zum Beispiel in den Ruinen bei Hilla. Dort hat Babylon gestanden, und es gibt da Trümmerfelder von einem Umkreise von mehreren geographischen Meilen, obgleich Babylon nicht so groß gewesen ist, wie Niniveh.« »Oh! Ah! Hinreiten! Nach Hillah! Nicht?« »Darüber läßt sich noch nichts sagen. Die Hauptsache ist zunächst, daß wir den Tigris glücklich erreichen. Das Weitere wird sich dann finden.« »Schön! Wir gehen aber hin! Yes! Well! Good night!« »Gute Nacht!« Der gute Lindsay dachte heute nicht, daß wir eher und unter ganz andern Umständen, als er jetzt meinte, nach jenen Gegenden kommen würden. Er wickelte sich in seine Decke und ließ bald ein lautes Schnarchen vernehmen. Auch ich schlief ein, gewahrte aber vorher, daß vier Männer von den Bejat sich zu Pferde setzten und fortritten. Als ich erwachte, graute der Tag, und einzelne der Turkomanen waren bereits mit ihren Pferden beschäftigt. Halef, der auch schon munter war, hatte gleichfalls am Abend das Wegreiten der vier Bejat bemerkt und meldete es mir nun. Dann fragte er: »Sihdi, warum senden sie Boten fort, wenn sie es ehrlich mit uns meinen?« »Ich glaube nicht, daß diese vier just unsertwegen fortgeritten sind. Wir wären ja auch so schon vollständig in der Gewalt des Khan, wenn er Uebles gegen uns vorhätte. Sorge dich nicht, Halef!« Ich dachte mir, daß die Reiter wegen der Gefährlichkeit der Gegend als Kundschafter vorausgeschickt worden seien, und hatte damit auch wirklich das Richtige getroffen, wie ich auf meine Erkundigung von Heider Mirlam selbst erfuhr. Nach einem sehr schmalen Frühstück, welches nur aus einigen Datteln bestand, brachen wir auf. Der Khan hatte seine Leute in einzelne Trupps geteilt, welche sich in Abständen von einer Viertelstunde folgten. Er war ein kluger, vorsichtiger Mann, der für die Sicherheit der Seinen nach besten Kräften sorgte. Wir ritten ohne Rast bis Mittag. Als die Sonne am höchsten stand, machten wir Halt, um unsern Pferden die nötige Ruhe zu gönnen. Wir waren während unseres Rittes auf keinen einzigen Menschen gestoßen und hatten an gewissen Stellen, an Büschen, Bäumen oder am Boden Zeichen der vier vorausgesandten Reiter gefunden, welche uns dadurch die Richtung angaben, der wir folgen mußten. Diese Richtung war mir rätselhaft. Von unserm gestrigen Ruheplatze aus hatte Sinna im Südosten gelegen, aber anstatt infolgedessen diese Richtung einzuhalten, waren wir fast ganz genau nach Süd geritten. »Du wolltest zu den Dschiaf?« erinnerte ich den Khan. »Ja.« »Dieser wandernde Stamm befindet sich jetzt in der Gegend von Sinna?« »Ja.« »Aber wenn wir so fortreiten, kommen wir nie nach Sinna, sondern nach Banna oder gar Nweizgieh!« »Willst du sicher reisen, Herr?« »Das versteht sich!« »Wir auch. Und aus diesem Grunde ist es geraten, daß wir die feindlichen Stämme umgehen. Wir werden noch bis heut abend sehr scharf zu reiten haben und dann können wir uns ausruhen; denn wir müssen morgen erwarten, daß der Weg nach Ost frei wird.« Diese Erklärung wollte mir nicht ganz einleuchten; aber es war mir nicht möglich, seine Gründe zu widerlegen, und so schwieg ich. Nach einer zweistündigen Ruhe brachen wir wieder auf. Unser Ritt war ein sehr scharfer, und ich bemerkte, daß er uns oft im Zickzack führte; es hatte also viele Punkte gegeben, von denen uns die vier Kundschafter fernhalten wollten. Gegen Abend mußten wir eine hohlwegähnliche Vertiefung durchreiten. Ich befand mich an der Seite des Khans, der bei der vordersten Abteilung war. Wir hatten diese Stelle fast zurückgelegt, als wir auf einen Reiter trafen, dessen bestürztes Gesicht uns verriet, daß er nicht gedacht hatte, hier an diesem Orte Fremden zu begegnen. Er drängte sein Pferd zur Seite, senkte die Lanze und grüßte: »Sallam!« »Sallam!« antwortete der Khan. »Wohin geht dein Weg?« »In den Wald. Ich will mir ein Bergschaf[13 - Reh.] erjagen.« »Zu welchem Stamme gehörst du?« »Ich bin ein Bebbeh.« »Wohnest du, oder wanderst du?« »Wir wohnen zur Zeit des Winters; im Sommer aber führen wir unsere Herden zur Weide.« »Wo wohnest du im Winter?« »In Nweizgieh. Im Südost von hier. In einer Stunde kannst du es erreichen. Meine Gefährten werden euch gern willkommen heißen.« »Wie viel Männer seid ihr?« »Vierzig, und bei andern Herden sind noch mehr.« »Gib mir deine Lanze!« »Warum?« fragte der Mann erstaunt. »Und deine Flinte!« »Warum?« »Und dein Messer! Du bist mein Gefangener!« »Maschallah!« Dieses Wort war ein Ausruf des Schreckens. Sogleich aber blitzte es in seinen scharfen Zügen auf; er riß sein Pferd empor, warf es herum und sprengte zurück. »Fange mich!« hörten wir noch den Ruf des schnell handelnden Mannes. Da nahm der Khan seine Flinte zur Hand und legte auf den Fliehenden an. Ich hatte kaum Zeit, den Lauf zur Seite zu schlagen, so krachte der Schuß. Natürlich ging die Kugel an ihrem Ziel vorüber. Der Khan hob die Faust gegen mich, besann sich aber sofort eines Besseren. »Khyangar[14 - Verräter.]! Was tust du?« rief er zornig. »Ich bin kein Verräter,« antwortete ich ruhig. »Ich will nicht haben, daß du eine Blutschuld auf dich ladest.« »Aber er mußte sterben! Wenn er uns entkommt, so müssen wir es büßen.« »Lässest du ihm das Leben, wenn ich ihn dir bringe?« »Ja. Aber du wirst ihn nicht fangen!« »Warte!« Ich ritt dem Flüchtigen nach. Er war nicht mehr zu sehen; aber als ich die Schlucht hinter mir hatte, bemerkte ich ihn. Vor mir lag eine mit weißem Krokus und wilden Nelken bewachsene Ebene, jenseits der die dunkle Linie eines Waldes sichtbar wurde. Wenn ich ihn den Wald erreichen ließ, so war er wohl für mich verloren. »Rih!« rief ich, indem ich meinem Rappen die Hand zwischen die Ohren legte. Das brave Tier war längst nicht mehr bei vollen Kräften; auf dieses Zeichen hin aber flog es über den Boden, als ob es wochenlang ausgeruht habe. In zwei Minuten war ich dem Bebbeh um zwanzig Pferdelängen nahe gekommen. »Halt!« rief ich ihm zu. Dieser Mann war sehr mutig. Statt weiter zu fliehen oder zu halten, warf er sein Pferd auf den Häcksen herum und kam mir entgegen. Im nächsten Augenblick mußten wir zusammenprallen. Ich sah ihn die Lanze heben und griff zu dem leichten Stutzen. Da nahm er sein Pferd um einige Zoll nur auf die Seite. Wir sausten aneinander vorüber; die Spitze seines Speeres war auf meine Brust gerichtet; ich parierte glücklich, nahm aber sofort mein Pferd herum. Er hatte eine andere Richtung eingeschlagen und suchte zu entkommen. Warum bediente er sich nicht seiner Flinte? Auch war sein Pferd zu wenig schlecht, als daß ich es unter ihm hätte erschießen mögen. Ich nahm den Lasso von der Hüfte, befestigte das eine Ende desselben am Sattelknopfe und legte dann den langen, unzerreißbaren Riemen in die Schlingen. Er blickte sich um und sah mich näher kommen. Er hatte wohl noch nie von einem Lasso gehört und wußte also auch nicht, wie man dieser so gefährlichen Waffe entgehen kann. Zur Lanze schien er kein Vertrauen mehr zu haben, denn er nahm sein langes Gewehr, dessen Kugel ja nicht zu parieren war. Ich maß die Entfernung scharf mit dem Auge, und grad, als er den Lauf erhob, schwirrte der Riemen durch die Luft. Kaum hatte ich mein Pferd zur Seite genommen, so fühlte ich einen Ruck: ein Schrei erscholl, und ich hielt an – der Bebbeh lag mit umschlungenen Armen am Boden. Einen Augenblick später stand ich bei ihm. »Hast du dir wehe getan?« Diese meine Frage mußte unter den gegenwärtigen Umständen allerdings wie Hohn klingen. Er suchte seine Arme zu befreien und knirschte: »Räuber!« »Du irrst! Ich bin kein Räuber; aber ich wünsche, daß du mit mir reitest.« »Wohin?« »Zum Khan der Bejat, dem du entflohen bist.« »Der Bejat? Also gehören die Männer, welche ich traf, zu diesem Stamme! Und wie heißt der Khan?« »Heider Mirlam.« »Oh, nun weiß ich alles. Allah möge euch verderben, die ihr doch nur Diebe und Schufte seid!« »Schimpfe nicht! Ich verspreche dir bei Allah, daß dir nichts geschehen soll!« »Ich bin in deiner Gewalt und muß dir folgen.« Ich nahm ihm das Messer aus dem Gürtel und hob die Lanze und die Flinte vom Boden; sie waren ihm beim Sturze entfallen. Dann löste ich den Riemen und stieg schnell zu Pferde, um auf alles gefaßt zu sein. Er schien keinen Gedanken an Flucht zu hegen, sondern pfiff seinem Pferde und schwang sich auf. »Ich traue deinem Worte,« sagte er. »Komm!« Wir galoppierten nebeneinander zurück und fanden die Bejat am Ausgange der Vertiefung auf uns warten. Als Heider Mirlam den Gefangenen erblickte, klärte sich sein finsteres Gesicht auf. »Herr, du bringst ihn wirklich!« rief er. »Ja, denn ich habe es dir versprochen. Aber ich habe ihm mein Wort gegeben, daß ihm nichts geschehen soll. Hier sind seine Waffen!« »Er soll später alles wieder haben, jetzt aber bindet ihn, damit er nicht entfliehen kann!« Diesem Befehle wurde sogleich Gehorsam geleistet. Unterdessen war die zweite unserer Abteilungen herangekommen, und ihr wurde der Gefangene mit dem Bedeuten übergeben, ihn zwar gut zu behandeln, ihn aber ebenso gut zu bewachen. Dann ward der unterbrochene Ritt fortgesetzt. »Wie ist er in deine Gewalt gekommen?« fragte der Khan. »Ich habe ihn gefangen,« antwortete ich kurz; denn ich war verstimmt über sein Verhalten. »Herr, du zürnst,« meinte er; »du wirst aber noch erkennen, daß ich so handeln mußte.« »Ich hoffe es!« »Dieser Mann darf nicht ausplaudern, daß die Bejat in der Nähe sind.« »Wann wirst du ihn entlassen?« »Sobald es ohne Gefahr geschehen kann.« »Bedenke, daß er eigentlich mir gehört. Ich hoffe, daß mein ihm gegebenes Wort nicht zu Schanden werde!« »Was würdest du tun, wenn das Gegenteil geschähe?« »Ich würde einfach dich —« »Töten?« fiel er mir in die Rede. »Nein. Ich bin ein Franke, das heißt, ich bin ein Christ; ich töte nur dann einen Menschen, wenn ich mein Leben gegen ihn verteidigen muß. Ich würde dich also nicht töten, aber ich würde die Hand, mit welcher du dein Versprechen mir bekräftigt hast, zu Schanden schießen. Der Emir der Bejat wäre dann wie ein Knabe, der kein Messer zu führen versteht, oder wie ein altes Weib, auf dessen Stimme nichts gegeben wird.« »Herr, wenn mir das ein Anderer sagte, so würde ich lachen; euch aber traue ich es zu, daß ihr mich mitten unter meinen Kriegern angreifen würdet.« »Allerdings täten wir das! Es ist keiner unter uns, der sich vor deinen Bejat fürchten möchte.« »Auch Mohammed Emin nicht?« erwiderte er lächelnd. Ich sah mein Geheimnis verraten, aber ich antwortete gleichmütig: »Auch er nicht.« »Und Amad el Ghandur, sein Sohn?« »Hast du jemals vernommen, daß er ein Feigling sei?« »Nie! Herr, wäret ihr nicht Männer, so hätte ich euch nicht bei uns aufgenommen; denn wir reiten auf Wegen, welche gefährlich sind. Ich wünsche, daß wir sie glücklich vollenden!« Der Abend brach herein, und eben, als es so dunkel wurde, daß es die höchste Zeit zum Lagern war, gelangten wir an einen Bach, der aus einem Labyrinth von Felsen in das Freie sich ergoß. Dort lagerten die vier Bejat, welche uns vorausgeritten waren. Der Khan stieg ab und trat zu ihnen, um sich längere Zeit leise mit ihnen zu unterhalten. Warum tat er so heimlich? Hatte er etwas vor, was nur sie allein wissen durften? Endlich gebot er seinen Leuten, abzusteigen. Einer der vier schritt uns voran, in das Felsengewirr hinein. Wir führten die Pferde hinter uns und gelangten nach einiger Zeit in eine große, ganz von Felsen eingeschlossene freie Rundung. Dieser Ort war das sicherste Versteck, das jemals gefunden werden konnte, freilich viel zu klein für zweihundert Mann und deren Pferde. »Bleiben wir hier?« fragte ich. »Ja,« antwortete Heider Mirlam. »Aber nicht alle!« »Nur vierzig; die andern werden in der Nähe lagern.« Diese Antwort mußte mich zufriedenstellen; nur wunderte es mich, daß trotz der Sicherheit unserer Lage kein Feuer angebrannt wurde. Dies fiel auch den Gefährten auf. »Schöner Platz!« sagte Lindsay. »Kleine Arena. Nicht?« »Allerdings.« »Aber feucht und kalt hier am Wasser. Warum nicht Feuer anmachen?« »Weiß es nicht. Vielleicht sind feindliche Kurden in der Nähe.« »Was aus ihnen machen? Niemand kann uns sehen. Hm! Gefällt mir nicht!« Er warf einen zweifelhaften Blick auf den Khan, welcher mit dem sichtlichen Bestreben, von uns nicht gehört zu werden, zu seinen Leuten redete. Ich setzte mich zu Mohammed Emin, welcher auf diese Gelegenheit gewartet zu haben schien, denn er fragte mich sofort: »Emir, wie lange bleiben wir bei diesen Bejat?« »So lange es dir beliebt.« »Ist es dir recht, so trennen wir uns morgen von ihnen.« »Warum?« »Ein Mann, der die Wahrheit verschweigt, ist kein guter Freund.« »Hältst du den Khan für einen Lügner?« »Nein; aber ich halte ihn für einen Mann, der nicht alles sagt, was er denkt.« »Er hat dich erkannt.« »Ich weiß es; ich habe es an seinen Augen gesehen.« »Nicht bloß dich, sondern auch Amad el Ghandur.« »Das ist leicht zu denken, da mein Sohn die Züge seines Vaters trägt.« »Macht dir dies vielleicht Sorgen?« »Nein. Wir sind Gäste der Bejat geworden, und sie werden uns nicht verraten. Aber warum haben sie diesen Bebbeh gefangen genommen?« »Damit er unsere Anwesenheit nicht verraten kann.« »Warum soll sie nicht verraten werden, Emir? Was haben zweihundert bewaffnete und gut berittene Reiter zu fürchten, wenn sie keinen Troß bei sich haben, weder Weib noch Kind, weder Kranke noch Greise, weder Zelte noch Herden? In welcher Gegend befinden wir uns, Effendi?« »Wir sind inmitten des Gebietes der Bebbeh.« »Und er wollte zu den Dschiaf? Ich habe wohl bemerkt, daß wir immer gegen Mittag ritten. Warum teilt er heute die Leute in zwei Lager? Emir, dieser Heider Mirlam hat zwei Zungen, obgleich er es ehrlich mit uns meint. Wenn wir uns morgen von ihm trennen wollen, welchen Weg schlagen wir dann ein?« »Wir haben die Berge des Zagros zu unserer Linken. Die Distriktshauptstadt Banna liegt ganz in unserer Nähe, wie ich vermute. Geht man an ihr vorüber, so kommt man nach Amehdabad, Bija, Surene und Bayendereh. Hinter Amehdabad öffnet sich ein Paß, welcher durch einsame Schluchten und Täler nach Kizzelzieh führt. Dort hat man die Hügel von Girzeh und Sersir zur Rechten, ebenso die kahlen Berge von Kurri-Kazhaf; man gelangt an die beiden Wasserläufe Bistan und Karadscholan, welche sich mit dem Kizzelzieh vereinigen und in den Kiuprisee fallen. Haben wir diesen erreicht, so sind wir geborgen. Dieser Weg ist freilich beschwerlich.« »Woher weißt du dies?« »Ich habe in Bagdad mit einem Bulbassi-Kurden gesprochen, welcher mir diese Gegend so gut beschrieb, daß ich mir eine kleine Karte anfertigen konnte. Ich glaubte nicht, sie brauchen zu können, habe sie aber doch hier in mein Tagebuch gezeichnet.« »Und du meinst, daß es gut sei, diesen Weg einzuschlagen?« »Ich habe mir auch andere Orte, Berge und Flüsse aufgezeichnet, halte diesen Weg aber für den besten. Wir könnten entweder nach Sulimania oder über Mik und Doweiza nach Sinna reiten, wissen aber nicht, welche Aufnahme wir dort finden.« »So bleibt es dabei: – wir trennen uns morgen von den Bejat und ziehen über die Berge nach dem See von Kiupri. Wird dich deine Karte nicht täuschen?« »Nein, wenn mich der Bulbassi nicht getäuscht hat.« »So laß uns ruhen und schlafen! Die Bejat mögen tun, was ihnen beliebt.« Wir tränkten unsere Pferde am Bache und sorgten für das notwendige Futter. Dann legten sich die Andern gleich zur Ruhe, während ich den Khan aufsuchte. »Heider Mirlam, wo sind die andern Bejat?« »In der Nähe. Warum fragest du?« »Bei ihnen ist der gefangene Bebbeh, den ich sehen möchte.« »Warum willst du ihn sehen?« »Es ist meine Pflicht, weil er mein Gefangener ist.« »Er ist nicht dein, sondern mein Gefangener; denn du hast ihn mir übergeben.« »Darüber wollen wir uns nicht streiten; aber ich möchte doch nachsehen, wie er sich befindet.« »Er befindet sich gut. Wenn Heider Mirlam dies sagt, so ist es wahr. Sorge dich nicht um ihn, Herr, sondern setze dich zu mir, und laß uns eine Pfeife Tabak rauchen!« Ich folgte seinem Worte, um ihn nicht zu erzürnen, verließ ihn aber sehr bald wieder, um mich niederzulegen. Warum sollte ich den Bebbeh nicht sehen? Schlecht behandelt wurde er nicht; dafür bürgte mir das Wort des Khan. Dieser aber wurde jedenfalls von einem Grunde geleitet, den mein mangelhafter Scharfsinn nicht zu entdecken vermochte. Ich beschloß, morgen in aller Frühe den Bebbeh auf meine eigene Gefahr hin freizulassen und dann mich von den Bejat zu trennen. So schlief ich ein. Wenn man vom Morgengrauen bis zum späten Abend auf dem Pferde hängt, so wird man selbst als Gewohnheitsreiter müde. Das war auch bei mir der Fall. Ich schlief gut und fest, und ich wäre sicher vor dem Morgen nicht aufgewacht, wenn nicht das Murren meines Hundes mich geweckt hätte. Als ich die Augen aufschlug, war es sehr dunkel; dennoch erkannte ich einen Mann, welcher aufrecht in meiner Nähe stand. Ich griff zum Messer. »Wer bist du?« Bei dieser Frage erwachten auch die Gefährten und nahmen die Waffen zur Hand. »Kennst du mich nicht, Herr?« erklang die Antwort. »Ich bin einer der Bejat.« »Was willst du?« »Herr, hilf uns! Der Bebbeh ist entflohen!« Ich sprang sofort auf und die Andern mit. »Der Bebbeh? Wann?« »Ich weiß es nicht. Wir haben geschlafen.« »Ah! Hundertsechzig Mann haben ihn bewacht, und er ist entflohen?« »Sie sind ja nicht da!« »Diese Hundertundsechzig sind fort?« »Sie kommen wieder, Herr.« »Wohin sind sie?« »Ich weiß es nicht.« »Wo ist der Khan?« »Auch mit fort.« Da faßte ich den Mann bei der Brust. »Mensch, habt ihr vielleicht eine Schurkerei gegen uns vor? Das sollte euch schlecht bekommen!« »Laß mich, Herr! Wie können wir dir Schlimmes tun! Du bist ja unser Gast!« »Halef, untersuche, wie viele Bejat sich noch hier befinden!« Es war so dunkel, daß man den Platz nicht zu überblicken vermochte. Der kleine Hadschi erhob sich, um meinen Befehl auszuführen. »Es sind noch vier hier,« erklärte sogleich der Bejat, »und einer steht draußen am Eingang, um ihn zu bewachen. Drüben aber im andern Lager waren wir unser zehn, um den Gefangenen zu bewachen.« »Wie ist er euch entkommen? Zu Fuße?« »Nein. Er hat sein Pferd mitgenommen, nebst einigen Waffen von uns.« »Das ist ein Beweis, daß ihr sehr kluge und aufmerksame Wächter seid. Aber warum kommt ihr da zu mir?« »Herr, fange ihn wieder!« Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Eine naivere Zumutung konnte mir ja gar nicht gestellt werden. Ich ließ diese Aufforderung ganz unbeachtet und erkundigte mich nur weiter: »Ihr wißt also nicht, wo der Khan mit den Andern ist?« »Wir wissen es wirklich nicht.« »Aber er muß doch einen Grund haben, fortzugehen!« »Den hat er.« »Welcher ist es?« »Herr, wir sollen ihn dir nicht sagen.« »Gut. Wir wollen einmal sehen, wer jetzt zu befehlen hat, der Khan oder ich – — —« Halef unterbrach mich, indem er meldete, daß wirklich nur noch vier Bejat zu bemerken seien. »Sie stehen dort in der Ecke und hören uns zu, Sihdi!« sagte er. »Laß sie stehen! Aber sag, sind deine Pistolen geladen, Hadschi Halef Omar?« »Hast du sie jemals ungeladen gesehen, Sihdi?« »Nimm sie heraus, und wenn dieser Mann die Frage, welche ich ihm jetzt zum letzten Male vorlegen werde, nicht beantwortet, so jagst du ihm eine Kugel durch den Kopf. Verstanden?« »Habe keine Sorge, Sihdi; er soll zwei Kugeln erhalten anstatt einer!« Er nahm die Waffen aus dem Gürtel und ließ die vier Hähne spielen. Ich fragte den Bejat abermals: »Weshalb hat sich der Khan entfernt?« Die Antwort ließ nicht einen Augenblick auf sich warten. »Um die Bebbeh zu überfallen.« »Die Bebbeh? So hat er mich also belogen! Er sagte, daß er die Dschiaf besuchen wolle.« »Herr, Khan Heider Mirlam sagt nie eine Lüge! Er will wirklich zu den Dschiaf, wenn ihm der Ueberfall gelungen ist.« Jetzt fiel mir ein, daß er mich gefragt hatte, ob ich mit den Bebbeh Freund oder Feind sei. Er hatte mir seinen Schutz angedeihen lassen und mir doch auch meine Unbefangenheit bewahren wollen. »Lebt ihr mit den Bebbeh in Unfrieden?« fragte ich weiter. »Sie mit uns, Herr. Wir werden ihnen dafür heute ihre Herden, ihre Teppiche und Waffen wegnehmen. Hundertundfünfzig Männer werden diese Beute heimschaffen, und fünfzig werden mit dem Khan zu den Dschiaf gehen.« »Wenn die Bebbeh es erlauben,« fügte ich hinzu. Trotz der Dunkelheit bemerkte ich, daß er den Kopf stolz emporwarf. »Diese? Die Bebbeh sind Feiglinge! Hast du nicht gesehen, daß dieser Mann heute vor uns geflohen ist?« »Einer vor zweihundert!« »Und du allein hast ihn gefangen!« »Bah! Ich fange unter Umständen ebenso gut zehn Bejat. Zum Beispiele: Du und diese vier, die Wache draußen und die neun drüben im andern Lager, ihr seid jetzt meine Gefangenen. Halef, bewache den Ausgang. Wer diesen Platz ohne meine Erlaubnis betreten oder verlassen will, den erschießest du!« Der wackere Hadschi verschwand sofort nach dem Ausgange hin; der Bejat sagte ängstlich: »Herr, du scherzest!« »Ich scherze nicht. Der Khan hat mir das Wichtigste verschwiegen, und auch du hast nur darum gesprochen, weil ich dich gezwungen habe. Darum sollt ihr mir dafür bürgen, daß ich hier sicher bin. Kommt herbei, ihr Viere!« Sie folgten meinem Befehle. »Legt eure Waffen hier zu meinen Füßen nieder!« – Und als sie zögerten, fügte ich hinzu: »Ihr habt von uns gehört! Meint ihr es ehrlich mit uns, so geschieht euch nichts und ihr erhaltet eure Waffen wieder; weigert ihr euch aber, mir zu gehorchen, so kann euch kein Dschinni und Scheïtan helfen!« Jetzt taten sie, was ich von ihnen verlangt hatte. Ich übergab die Gewehre den Gefährten und instruierte Mohammed Emin, wie er sich nun weiter zu verhalten habe. Dann verließ ich den Platz, um dem Laufe des Baches in das Freie hinaus zu folgen. Draußen fand ich zwischen Steinen die Wache, welche mich gleich erkannte. »Wer hat dich hergestellt?« fragte ich. »Der Khan.« »Wozu?« »Damit er, wenn er kommt, gleich weiß, daß alles in Ordnung ist.« »Sehr gut! Gehe einmal hinein, und sage meinen Gefährten, daß ich gleich wieder kommen werde.« »Ich darf diese Stelle nicht verlassen.« »Der Khan weiß nichts davon.« »Er wird es erfahren.« »Das ist möglich; aber ich werde ihm sagen, daß ich es dir befohlen habe.« Jetzt ging der Mann. Ich wußte, daß er von Mohammed zurückbehalten und entwaffnet werden würde. Nun hatte ich mich zwar nicht erkundigt, wo das zweite Lager sei; aber ich hatte am Abend in der Nähe des unserigen Stimmen vernommen und glaubte daher, die Stelle leicht finden zu können. So geschah es auch; ich hörte ein Pferd stampfen, und als ich dem Laute nachging, fand ich die neun am Boden sitzenden Bejat, die mich in der Dunkelheit für ihren Kameraden hielten, denn der eine rief: »Was sagte er?« »Wer?« »Der fremde Emir!« »Hier steht er selbst,« antwortete ich. Jetzt erkannten sie mich und standen auf. »Oh, Emir, hilf uns!« bat der eine. »Der Bebbeh ist uns entflohen, und wenn der Khan zurückkehrt, so wird es uns sehr schlimm ergehen.« »Wie ist er entkommen? Hattet ihr ihn denn nicht gebunden?« »Er war gebunden, aber er muß seine Bande nach und nach gelockert haben, und als wir schliefen, hat er sein Pferd nebst unsern Gewehren genommen und ist entwischt.« »Nehmt eure Pferde, und folgt mir!« Sie gehorchten sofort, und ich führte sie nach unserm Lagerplatz. Als wir denselben erreichten, hatte der Haddedihn indes ein kleines Feuer angebrannt, um die Umgebung zu erleuchten. Die Wache saß bereits waffenlos bei den andern Bejat. Die neun Männer, welche ich jetzt brachte, waren von dem ihnen widerfahrenen Unfalle so niedergeschmettert, daß sie mir ohne Widerrede ihre Messer und Lanzen übergaben. Ich erklärte den fünfzehn Männern, daß sie nur dann von uns etwas zu fürchten hätten, wenn es ihrem Khan einfallen sollte, einen Verrat an uns zu begehen; den entflohenen Bebbeh aber könne ich ihnen unmöglich wieder bringen. Master Lindsay hatte sich während meiner Abwesenheit, so gut es bei seinem Mangel an Sprachkenntnis möglich war, von Halef das ihm noch Unverständliche erklären lassen. Jetzt trat er zu mir. »Sir, was tun wir mit den Kerls?« »Das soll sich erst finden, wenn der Khan zurückkehrt.« »Wenn sie aber ausreißen?« »Das gelingt ihnen nicht. Wir überwachen sie ja, und übrigens werde ich unsern Hadschi Halef Omar an den Ausgang stellen.« »Dorthin?« – Er deutete nach dem Gange, der in das Freie führte. Als ich nickte, fügte er bei: »Ist nicht genug! – Gibt noch einen zweiten Ausgang. Da hinten! Yes!« Ich sah nach der Richtung, welche mir seine Hand andeutete, und gewahrte beim Scheine der Flamme ein hohes Felsenstück, vor welchem ein Busch stand. »Ihr scherzt, Sir!« sagte ich. »Wer kann über diesen Stein kommen! Er ist wenigstens fünf Meter hoch.« Er lachte mit dem ganzen Gesichte, so daß sein Mund das berühmte Trapezoid bildete, innerhalb dessen Linien die großen gelben Zähne sichtbar wurden. »Hm! Seid ein gescheiter Kerl, Master! Aber David Lindsay ist doch noch klüger. Well!« »Erklärt Euch, Sir!« »Geht einmal hin, und seht Euch den Stein und den Busch an!« »Also wirklich? Aber hingehen kann ich nicht, denn ich würde die Bejat auf diesen Ausgang aufmerksam machen, wenn er wirklich vorhanden ist.« »Er ist da, wirklich da, Master! Yes!« »Inwiefern?« »Das ist nicht ein Stein, sondern es sind zwei Steine, und zwischen der schmalen Lücke steht der Busch. Verstanden?« »Ah, das kann für uns von großem Vorteile sein. Wissen die Bejat etwas davon?« »Glaube nicht; denn als ich dort war, haben sie nicht auf mich geachtet.« »Ist die Lücke sehr schmal?« »Man kann mit einem Pferde hindurch.« »Und wie ist das Terrain dann hinter ihr?« »Weiß nicht. Konnte es nicht sehen.« Das war so wichtig, daß ich es gleich untersuchen mußte. Ich machte die Gefährten auf mein Vorhaben aufmerksam und verließ den Lagerplatz. Draußen umging ich das Felsengewirr und fand wegen der Dunkelheit nur mit vieler Mühe endlich den Ort, wo der Busch zwischen den beiden Felsen stand. Die Oeffnung, welche er maskierte, war etwas über zwei Meter breit. Hinter ihr gab es zwar auch noch eine Menge bunt durcheinander geworfenen Gesteins, aber es war wenigstens beim Lichte des Tages nicht schwer, ein Pferd hindurch zu lenken. Da ich nicht wußte, was uns begegnen konnte, so zog ich mein Messer, trat an den Busch heran und machte so tiefe Einschnitte in einige der Stämmchen, daß sie nach außen fallen mußten, falls man mit dem Pferde darüber hinwegstrich. Natürlich geschah dies so vorsichtig, daß die dahinter lagernden Bejat nichts davon merkten. Dann kehrte ich zu dem Lagerplatz zurück und stellte Halef am Eingange desselben auf. Er erhielt die Weisung, uns jede Annäherung sofort zu melden. »Was hast du gefunden, Effendi?« fragte Mohammed Emin. »Einen prachtvollen Ausweg für den Fall, daß wir uns ohne »Sallam« entfernen müßten.« »Durch den Busch hinaus?« »Ja. Ich habe ihn durchschnitten. Sobald ein Reiter hindurchbricht, wird der Strauch umgerissen und die Folgenden haben dann freie Bahn.« »Gibt es dann noch Gestein?« »Ja, große Steinbrocken mit Dorn und Pflanzenwerk dazwischen; aber wenn es hell ist, kommt man recht gut hindurch.« »Meinst du denn, daß wir diesen Weg gebrauchen werden?« »Ich weiß es nicht, aber ich ahne es. Lache nicht über mich, Mohammed Emin; aber bereits seit meiner Kindheit habe ich ein gewisses Ahnungsvermögen besessen, welches mich oft auf noch entfernte Dinge aufmerksam machte.« »Ich glaube dir. Allah ist groß!« »Freudige Dinge ahne ich nie vorher. Aber zuweilen erfaßt mich eine Unruhe, eine Angst, als hätte ich etwas Böses begangen, dessen Folgen ich nun fürchten müsse. Dann ist sicher und regelmäßig etwas geschehen, was mir Schaden bringt. Und wenn ich später die Zeit vergleiche, so stimmt es ganz genau: die Gefahr hat in demselben Augenblick begonnen, an welchem mich die Angst überfiel.« »So wollen wir auf die Warnung achten, welche dir Allah sendet.« Meine Besorgnis äußerte ihre Wirkung auch auf die Gefährten. Das Gespräch stockte, und wir lagen wortlos beieinander, bis der Tag anbrach. Kaum aber war es möglich, den Blick in die Ferne zu richten, so kam Halef hereingeeilt und meldete, daß er viele Reiter gesehen habe. Ihre genaue Zahl hatte er nicht unterscheiden können. Ich trat zum Pferde, nahm das Fernrohr aus der Satteltasche und folgte Halef. Man erkannte mit dem bloßen Auge draußen auf der Ebene eine Menge dunkler Gestalten; durch das Rohr konnte ich sie deutlicher unterscheiden. »Sihdi, wer ist es?« fragte Halef. »Die Bejat sind es.« »Aber ihrer sind nicht so viele!« »Sie kehren mit dem Raube zurück. Sie führen die Herden der Bebbeh bei sich. Wie es scheint, reitet der Khan mit einer Schar schnell voran. Er wird also eher da sein, als die Andern.« »Was tun wir?« »Hm! Warte! Ich werde dir Nachricht geben.« Ich kehrte zu den Gefährten zurück und unterrichtete sie von dem, was ich gesehen hatte. Sie waren gleich mir überzeugt, wir hätten von dem Khan nichts zu befürchten. Wir konnten ihm keinen andern Vorwurf machen, als daß er uns von seinem Vorhaben keine Mitteilung gemacht hatte. Wäre dies geschehen, so hätten wir uns ihm nicht angeschlossen; denn es lag ja sicher eine Gefahr für uns darin, in der Gesellschaft eines Herdenräubers gesehen zu werden. Wir kamen überein, ihn zwar vorsichtig, aber doch höflich zu empfangen. Nun kehrte ich, vollständig bewaffnet, zu Halef zurück. Der Khan kam mit seinem Trupp im Galopp herbei, und ehe fünf Minuten vergangen waren, hielt er sein Pferd vor mir an. »Sallam, Emir!« grüßte er. »Du hast dich wohl gewundert, mich nicht bei euch zu sehen, als du erwachtest. Aber ich hatte ein dringliches Geschäft zu besorgen. Es ist gelungen. Blicke hinter dich!« Ich sah nur ihm ins Gesicht. »Du hast gestohlen, Khan Heider Mirlam!« »Gestohlen?« fragte er mit ganz erstaunter Miene. »Wer seinen Feinden nimmt, was er ihnen nehmen kann, ist der ein Dieb?« »Die Christen sagen: ja, er ist ein Dieb, und du weißt, daß ich ein Christ bin. Warum aber hast du gegen uns geschwiegen?« »Weil wir dann Feinde geworden wären. Du hättest uns verlassen?« »Allerdings.« »Und die Bebbeh gewarnt?« »Ich hätte sie nicht aufgesucht, und ich wußte ja auch nicht, welches Lager oder welchen Ort du überfallen wolltest. Aber wäre mir ein Bebbeh begegnet, so hätte ich ihn von der Gefahr benachrichtigt, die ihm drohte.« »Siehest du, Emir, daß ich recht habe! Ich konnte nur zweierlei tun: – entweder mußte ich dir mein Vorhaben verschweigen, oder ich mußte dich gefangen nehmen und mit Gewalt bei mir behalten, bis alles vorüber war. Da ich dein Freund war, so habe ich das erstere getan.« »Ich aber bin in der Nacht in das Lager zu den zehn Männern gegangen, die du dort zurückgelassen hattest,« lautete meine ruhige Antwort. »Was wolltest du bei ihnen?« fragte der Khan. »Sie gefangen nehmen.« »Allah! Warum?« »Weil ich erfuhr, daß du uns verlassen hattest. Ich wußte nicht, was mir geschehen könnte; darum nahm ich alle da gebliebenen Bejat gefangen, um sie als Bürgschaft meiner Sicherheit zu gebrauchen.« »Herr, du bist ein sehr vorsichtiger Mann; aber du konntest mir trauen. Was hast du mit dem Bebbeh getan?« »Nichts. Ich bekam ihn gar nicht zu sehen, denn er war entflohen.« Der Khan entfärbte sich und rief: »Derigh![15 - Persische Interjektion für »o wehe!«] Das ist ja ganz unmöglich! Das kann mir alles verderben. Laß mich hinein zu diesen Hunden, welche sicher geschlafen haben, als sie wachen sollten!« Jetzt erst sprang er vom Pferde, ließ es stehen und stürmte zwischen den Felsen hindurch dem Lagerplatze zu. Wir folgten ihm beide, Halef und ich. Zwischen dem Khane und seinen Leuten gab es nun eine Szene, die kaum zu beschreiben ist. Er tobte wie ein angeschossener Eber, teilte Fußtritte und Faustschläge aus und war nicht eher zu beruhigen, als bis er seine Kräfte erschöpft hatte. Ich hätte diesem Manne eine solche Wut gar nicht zugetraut. »Laß deinen Zorn schwinden, Khan,« bat ich schließlich. »Du hättest diesen Mann doch frei lassen müssen.« »Ich hätte es getan,« zürnte er; »aber heut noch nicht, denn mein Plan soll nicht verraten werden.« »Welches ist dein Plan?« »Wir haben alles mitgenommen, was wir bei den Bebbeh gefunden haben. Jetzt nun wird das Gute von dem Schlechten getrennt. Alles Wertvolle schicke ich auf weiten, aber sicheren Umwegen zu den Unserigen; alles Schlechte aber nehmen wir Andern, die wir zu den Dschiaf gehen, mit uns. Unterwegs lassen wir es stellenweise zurück. Auf diese Art lenken wir die Verfolgung auf uns; die Bebbeh glauben, sie seien von einer Abteilung der Dschiaf überfallen worden, und meine Leute kommen mit der Beute sicher zu den Lagerplätzen und Dörfern der Bejat.« »Dieser Plan ist gut ausgedacht.« »Aber nun wohl ohne Erfolg. Der gefangene Bebbeh gehörte zu der Abteilung, die wir überfallen haben; er wußte, daß wir Bejat sind, und wird alles verraten. Er hat sicher geahnt, was wir beabsichtigten. Er hat ein sehr gutes Pferd. Wie nun, wenn er, noch während wir mit dem Ueberfalle beschäftigt waren, die Schnelligkeit seines Tieres benutzt hat, um die befreundeten Lager in der Nähe in Alarm zu bringen?« »Das wäre schlimm für euch und auch für uns, denn er hat uns bei euch gesehen,« antwortete ich. »Er kennt auch unsern Lagerplatz, und es steht zu erwarten, daß der Eingang zu diesen Felsen den Bebbeh bekannt ist.« Kaum hatte er das letzte Wort gesprochen, so erscholl vom Eingang her ein lauter Ruf: »Allah ‚l Allah! Da sind sie! Nehmt sie lebendig gefangen!« Wir drehten uns um und erkannten den entflohenen Bebbeh, welcher mit funkelnden Augen auf mich zusprang; hinter ihm quoll ein zahlreiches Gefolge durch die Enge auf den Platz, und zugleich erhob sich ein fürchterliches Geheul, mit zahlreichen Flintenschüssen untermischt. Wir hatten den Vorgang außerhalb des Lagers gar nicht beachtet und sogar vergessen, den Eingang bewachen zu lassen. Ich hatte übrigens nicht die mindeste Zeit zum Nachdenken, denn der Bebbeh, in welchem ich jetzt einen Khan oder Scheik vermutete, kam auf mich zu. Er trug weder Lanze noch Büchse bei sich, ganz so wie seine Gefährten; aber in seiner Hand funkelte der gewundene afghanische Dolch. Ich empfing den kühnen Gegner mit freien Händen, ohne nach einer Waffe zu greifen. Mit der Linken umfaßte ich mit raschem Griff seine Rechte, welche den Dolch hielt, und meine Rechte legte ich ihm um den Hals. »Stirb, Räuber!« rief er, unter einem gewaltigen Ruck, seine bewaffnete Faust freizumachen. »Du irrst,« antwortete ich. »Ich bin kein Bejat; ich wußte nicht, daß ihr überfallen werden solltet!« »Du bist ein Dieb, ein Hund! Du hast mich gefangen genommen; jetzt aber sollst du mein Gefangener werden. Ich bin Scheik Gasahl Gaboya, dem noch keiner entgangen ist!« Wie ein Blitz zuckte mir die Erinnerung durch das Hirn, daß ich diesen Namen schon als denjenigen eines der tapfersten Kurden gehört hatte. Da galt es kein Bedenken mehr. »So nimm du mich gefangen, wenn du kannst!« antwortete ich. Bei diesen Worten ließ ich beide Hände von ihm ab und trat zurück. Er mochte dies als eine Schwäche von mir erkennen, stieß einen triumphierenden Schrei aus und erhob den Arm hoch zum Stoße. Das wollte ich haben: ich rannte ihm meine Faust mit solcher Gewalt in die entblößte Achselhöhle, daß seine Füße augenblicklich den Halt verloren. Sein Körper beschrieb einen weiten Bogen und stürzte sechs Schritte von mir entfernt zu Boden, und ehe er sich wieder aufraffen konnte, schlug ich ihm die geballte Faust auf die Schläfe, so daß er liegen blieb. »Auf die Pferde, und mir nach!« rief ich. Ein Blick zeigte mir die ganze Szene. Es waren ungefähr zwanzig Bebbeh eingedrungen. Die Bejat standen mit ihnen im Kampfe. Master Lindsay hatte zwei gegen sich und entledigte sich soeben des einen mit einem Schlage seines Büchsenkolbens; die beiden Haddedihn hatten sich nebeneinander an den Felsen gelehnt und ließen keinen an sich kommen, und der kleine Halef kniete auf einem niedergeworfenen Feinde, dessen Kopf er mit dem Kolben seiner Pistole bearbeitete. »Sihdi, nicht fliehen! Wir werden mit ihnen fertig!« beantwortete der mutige Hadschi meinen Ruf. »Draußen sind mehrere; die Bejat sind überfallen. Vorwärts! Schnell!« Ich entriß dem an der Erde liegenden Gasahl Gaboya seinen Dolch, um ein Andenken an diesen unglücklich beginnenden Tag mitzunehmen, und sprang auf mein Pferd. Um den gehörigen Anlauf zu bekommen und zugleich auch den Freunden Luft zu verschaffen, zog ich den Rappen empor, gab ihm die Sporen und trieb ihn mitten in die Bebbeh hinein. Hier ließ ich ihn nach allen Seiten ausschlagen, bis ich die vier Gefährten beritten sah, und trieb ihn dann mit einem weiten Satze in den Busch hinein, den er mit seinen Hufen niederriß. Draußen mußte ich sofort halten, da man nur im Schritte vorwärts kommen konnte; doch erhielten die vier Kameraden immerhin Raum genug, um mir augenblicklich folgen zu können. Sobald ich die Felsen hinter mir hatte und mich mit einem Blick überzeugte, daß alle vier entkommen waren, gab ich dem Hengste die Schenkel und galoppierte in die offene Ebene hinaus. Die Andern folgten. Eine kurze Umschau erklärte mir den ganzen Sachverhalt. Dieser Scheik Gasahl Gaboya war wirklich ein kluger Mann; denn anstatt seine Abteilung zu warnen, die doch zum Widerstande zu schwach gewesen wäre, war er bemüht gewesen, die ganze Umgegend in Aufruhr zu versetzen, und während die mit Beute beladenen Bejat ahnungslos ihrem Lager zuzogen, war dasselbe bereits von drei Seiten, wenn auch in sehr weiter Entfernung, so eingeschlossen, daß die Räuber froh sein mußten, mit dem nackten Leben zu entkommen. Hinter uns tobte der Kampf. Wie es den Bebbeh dort gelungen war, unbemerkt und plötzlich an die Bejat zu kommen, das zu untersuchen, hatte ich keine Zeit. Links von uns sah ich eine breite Linie von Reitern im Galopp sich dem Kampfplatze nahen. Und rechts von uns war die ganze Gegend bis hinaus zum äußersten Horizont mit beweglichen Punkten bestreut; auch das waren Reiter. »Vorwärts, Effendi!« rief Mohammed Emin. »Sonst schließen sie uns ein! Bist du mit heiler Haut davongekommen?« »Ja. Und du?« »Eine kleine Schramme.« Wirklich blutete er an der Wange, aber der Riß konnte nicht gefährlich sein. »Kommt heran!« bat ich. »Wir bilden eine gerade Linie. Wer uns von der Seite sieht, wird uns von weitem für einen einzigen Reiter halten.« Diese List wurde befolgt, aber die Bebbeh, welche sich hinter uns befanden, konnten nicht getäuscht werden, und wir bemerkten gar bald, daß wir von einer ansehnlichen Schar verfolgt wurden. »Sihdi, werden sie uns einholen?« fragte Halef. »Wer weiß es! Es kommt darauf an, welche Art von Pferden sie reiten. Aber, Hadschi Halef Omar, was ist‘s mit deinem Auge? Ist es schlimm?« Sein Auge war geschwollen, trotzdem nur wenige Minuten seit dem Ueberfalle vergangen waren. »Es ist nichts, Sihdi,« antwortete er. »Dieser Bebbeh war fünfmal länger als ich und hat mir einen kleinen Hieb gegeben. Hamdulillah, er wird es nicht wieder tun!« »Du hast ihn doch nicht getötet?« »Nein. Ich weiß, daß du dies nicht willst, Effendi.« Es gewährte mir allerdings eine nicht geringe Freude, daß keiner der Feinde von uns an seinem Leben geschädigt worden war. Dies mußte uns, selbst vom Standpunkte der reinen Berechnung aus betrachtet, lieb und beruhigend sein; denn wenn wir den Bebbeh ja in die Hände fielen, so hatten sie doch wenigstens keine Blutrache an uns zu nehmen. Wir setzten unsern Galopp wohl über eine Viertelstunde lang fort. Der Kampfplatz war uns dabei aus den Augen geschwunden, aber die Verfolger waren hinter uns geblieben. Sie hatten sich geteilt. Diejenigen, welche gute Pferde hatten, waren uns näher gekommen, während die Anderen weit zurückblieben. »Emir, sie werden uns einholen, wenn wir nicht schneller reiten,« meinte Amad el Ghandur. »Wir dürfen unsere Tiere nicht jetzt gleich zu sehr anstrengen. Uebrigens haben sich die Verfolger getrennt, und es ist besser, einmal mit ihnen zu reden, als sich von ihnen abhetzen zu lassen.« »Maschallah! Du willst mit ihnen sprechen?« rief Mohammed Emin. »Allerdings. Ich hoffe, sie so weit zu bringen, daß sie von der Verfolgung abstehen. Reitet weiter! Ich werde hier halten bleiben.« Sie ritten im gleichen Tempo weiter. Ich aber stieg vom Pferde, nahm meine Waffen zu mir, setzte mich zur Erde und richtete das Gesicht gegen die Verfolger. Als sie noch ungefähr tausend Schritte entfernt waren, nahm ich mein Turbantuch herab und wehte damit durch die Luft. Sie fielen sofort aus dem Galopp in Schritt und hielten auf der Hälfte der soeben angegebenen Entfernung an. Nach einer kurzen Besprechung kam einer von ihnen näher herbeigeritten und fragte: »Warum sitzest du an der Erde? Ist es List oder Wahrheit?« »Ich will mit euch reden.« »Mit uns allen oder nur mit einem?« »Mit einem, den ihr euch wählen und mir dann senden werdet.« »Du hast deine Waffen bei dir.« »Er kann die seinigen auch mitbringen.« »Lege sie weit von dir; dann wird einer von uns kommen.« »Dann muß auch er die Waffen zurücklassen!« »Er wird sie ablegen.« Ich erhob mich, legte die beiden Dolche und die Revolver auf die Erde und hing die Büchse und den Stutzen an den Sattel. Dann setzte ich mich wieder nieder. Diese Leute konnten unmöglich wissen, wie viele und was für Waffen ich bei mir trug; es wäre mir also leicht gewesen, wenigstens die Revolver bei mir zu behalten; aber ich wollte ehrlich gegen sie sein, um von ihnen ebenso ehrlich behandelt zu werden. Ich zählte elf Mann. Der mit mir gesprochen hatte, kehrte zu ihnen zurück und sprach mit ihnen. Dann stieg er ab, legte seine Büchse, seinen Wurfspieß und sein Messer nieder und kam langsam auf mich zugeschritten. Er war ein schöner, schlank gebauter Mann von vielleicht fünfzig Jahren. Seine schwarzen Augen funkelten mich feindselig an, aber er setzte sich still und wortlos grad vor mich hin. Da ich schwieg und er ungeduldig war, begann er doch endlich die Unterhaltung, indem er fragte: »Was willst du von uns?« »Ich will mit dir sprechen.« »So sprich!« »Ich kann nicht.« »Allah! Warum?« Ich zeigte hinter mich. »Siehe, ich trug mehr Waffen bei mir, als ihr erwarten konntet, und habe sie alle von mir getan. Auch du hast mir versprochen, die deinigen abzulegen. Seit wann sind die Bebbeh Lügner geworden?« »Lüge ich etwa?« »Was tut die Keule unter deinem Gewande?« Ich sah an einer Erhöhung seines Brustkleides, daß er eine Keule darunter verborgen hatte. Er errötete sichtlich, griff unter das Gewand und warf die Waffe hinter sich. »Ich hatte sie vergessen,« entschuldigte er sich. Der Umstand, daß er sie fortwarf, überzeugte mich, daß es nicht auf eine Treulosigkeit gegen mich abgesehen gewesen war. Er hatte mir nicht getraut und sich also heimlich vorsehen wollen. Ich begann: »So! Nun sei Frieden zwischen uns, bis unsere Unterredung zu Ende ist. Versprichst du mir dies?« »Ich verspreche es.« »Reiche mir deine Hand darauf!« »Hier, nimm sie!« »Warum verfolgt ihr uns?« fragte ich nun. Er blickte mir ganz erstaunt in das Angesicht. »Bist du toll?« rief er. »Ihr beraubt uns; ihr kommt als Feinde, als Räuber über unsere Grenzen, und du fragst, warum wir euch verfolgen!« »Wir kamen weder als Räuber noch als eure Feinde.« Er machte ein noch viel überraschteres Gesicht. »Nicht? Allah ‚l Allah! Und nahmt uns doch unsere Herden und unsere Zelte nebst allem, was darinnen war!« »Du irrst! Nicht wir, sondern die Bejat haben dies getan!« »Aber ihr seid doch Bejat!« »Nein! Wir sind fünf friedliche Männer. Einer von ihnen und ich sind Krieger aus dem fernen Frankistan; der dritte ist mein Diener, ein Araber, der jenseits weit hinter Mekka geboren wurde, und die beiden letzten sind Beni Arab aus dem Westen von hier, die noch niemals eure Feinde gewesen sind.« »Das sagst du, um mich zu täuschen. Auf diese Weise werdet ihr uns nicht entkommen. Ihr seid Bejat!« Ich warf den Burnus zurück und schob den weiten Aermel meiner Jacke empor; dann entfernte ich auch das Unterkleid. »Hat ein Bejat, ein Kurde, oder ein Araber einen solchen Arm?« fragte ich. »Er ist weiß,« antwortete er. »Ist dein ganzer Körper so?« »Natürlich. Kannst du lesen?« »Ja,« antwortete er stolz. Ich nahm mein Notizbuch heraus und hielt es ihm hin. »Ist dies die Schrift eines Kurden oder Arabers?« »Das ist eine fremde Schrift.« Ich steckte das Buch wieder ein und öffnete den Paß. »Kennst du dieses Siegel?« »Katera Allah – bei Gott! Das ist das Siegel des Großherrn!« »Und dieses Siegel mußt du achten, denn du bist ein Krieger des Pascha von Sulimania, der dem Sultan Rechenschaft geben muß. Glaubst du nun, daß ich kein Bejat bin?« »Ich glaube es.« »Ebenso wahr ist auch das, was ich dir von den Andern sagte.« »Aber ihr wart ja bei den Bejat!« »Wir trafen sie eine Tagreise im Norden von hier. Sie nahmen uns als ihre Gäste auf und sagten, daß sie zu einem Feste der Dschiaf reiten wollten. Wir wußten nicht, daß sie Feinde der Bebbeh sind; wir ahnten also auch nicht, daß sie euch überfallen und berauben wollten. Gestern abend schliefen wir unter ihrem Schutze ein; sie aber schlichen sich fort, und als sie wiederkehrten, erkannten wir erst, daß wir das Brot von Räubern und Dieben gegessen hatten. Ich zankte darüber mit Khan Heider Mirlam, und unterdessen wurden wir von euch angegriffen.« »Oh! Allah gebe, daß Heider Mirlam uns nicht entkommt! Habt ihr euch gegen die Unserigen gewehrt?« »Ja. Wir mußten es, weil sie uns angriffen.« »Habt ihr einen getötet?« »Keinen einzigen.« »Beschwöre es!« »Ich schwöre nicht; ich bin ein Christ.« »Ein Christ!« meinte er überrascht und mit einer mitleidigen Miene. »O, nun weiß ich, daß du wirklich kein Kurde und kein Turkomane bist, denn ein Moslem wird niemals sagen, daß er ein Christ sei. Nun glaube ich auch, daß ihr keinen von den Unserigen getötet habt, sondern geflohen seid. Wie kann ein Christ einen Moslem töten!« Es lag so viel Verachtung in seinem Tone, daß ich ihm am liebsten eine kräftige Ohrfeige gegeben hätte; aber um unseres eigenen Vorteiles willen mußte ich seine Beleidigung ruhig ertragen. Ich befand mich in einer keineswegs sehr angenehmen Lage, denn die zurückgebliebenen Bebbeh waren mittlerweile auch herbeigekommen und hatten sich mit den Andern vereinigt, so daß nur fünfhundert Schritte von mir entfernt über dreißig Feinde hielten. Die geringste Unvorsichtigkeit konnte mein augenblickliches Verderben sein. »Du siehst also, daß wir nicht eure Feinde sind, und wirst uns ungehindert gehen lassen?« »Wohin wollt ihr gehen?« »Gegen Bagdad hin.« »Bleibe hier. Ich werde mit den Bebbeh reden!« Er stand auf und ging zurück, ohne im Vorüberschreiten seine weggeworfene Keule eines Blickes zu würdigen. Es war eine lange, sehr lange Unterredung, die nun erfolgte; man sprach für und wider, wie ich aus den Gebärden ersah, und es war über eine Viertelstunde vergangen, ehe er zu mir zurückkehrte. Er setzte sich nicht wieder; darum stand ich gleichfalls auf. »Du könntest gehen,« entschied er; »aber wir haben deine Gefährten noch nicht gesehen. Rufe sie herbei! Auf meinen Wink werden auch vier Bebbeh erscheinen; dann sind wir gleich.« Dieser Vorschlag war ganz außerordentlich gefährlich. Ich hatte mich gar noch nicht wieder nach den Gefährten umgesehen, um nichts an Respekt bei dem Abgesandten einzubüßen; aber als ich mich jetzt umdrehte, sah ich sie in einer Entfernung von wenigstens zweitausend Schritten von uns halten. Sollten sie diesen günstigen Vorsprung aufgeben, um sich vielleicht fangen zu lassen? Ich mußte vorsichtig handeln. »Du irrst,« antwortete ich; »dann sind wir nicht gleich.« »Warum nicht? Ihr seid fünf und wir auch.« »Sieh den Vorsprung, den meine Brüder jetzt haben, und denke an den, welchen sie dann haben werden, wenn sie hier sind und ihr ihnen nicht den Frieden bietet!« Er machte eine Armbewegung der unendlichsten Geringschätzung. »Fürchte nichts, Giaur! Wir sind Bebbeh und keine Bejat. Wir werden euch ganz denselben Vorsprung wieder lassen.« Unter andern Verhältnissen hätte ich diesem Manne für seinen »Giaur« sicherlich ganz anders geantwortet; jetzt aber hielt ich es für das Klügste, diese Beleidigung gar nicht gehört zu haben. Darum erwiderte ich nur: »Ich traue dir! Werden deine vier Männer bewaffnet kommen?« »Wie du es willst.« »Sie mögen ihre Waffen behalten, und auch wir beide wollen die unserigen wieder nehmen.« Er nickte stumm und kehrte zurück. Ich steckte Dolche und Revolver wieder in den Gürtel und stieg zu Pferde. Dann winkte ich den Gefährten. Die Atmosphäre war so rein und klar, daß sie selbst auf eine solche Entfernung hin meine Armbewegung erkennen konnten. Sie folgten dem Winke und kamen herbei. Bald hielten wir in einer Reihe nebeneinander und fünf Bebbeh uns gegenüber. »Welcher ist der andere Franke?« fragte der Anführer. Ich deutete auf Lindsay und antwortete: »Dieser!« Ueber die ernsten Züge der Kurden glitt eine Art von Lächeln, und der Sprecher meinte: »Ich glaube, daß er ein Franke und ein Christ ist, denn er hat die Nase eines Khansir[16 - Schwein.], die man Rüssel nennt.« Das war denn doch mehr, als ich ihm erlauben durfte. »Diese Art von Nasen habe ich in Alep und Diarbekr bei vielen Gläubigen gesehen,« antwortete ich. Er fuhr empor: »Schweig, Giaur!« Ich ließ mein Pferd einen Schritt vortreten. »Höre, Mann, du sagtest vorhin, daß du lesen könnest. Hast du vielleicht auch den Kuran gelesen?« »Was geht es dich an!« »Ich frage allerdings nicht viel nach dem Buche des Propheten, denn ich bin ein Christ; du aber bist ein Moslem und solltest tun, was Mohammed befiehlt! Hat er nicht gesagt: »Wer einen Feind ehrt, den lieben die Tapferen; wer aber einen Feind schändet, den lieben die Feiglinge!« Du hast deine Lehre von dem Propheten erhalten und denkst, du hättest die richtige; wir haben die unserige von Isa Ben Marryam erhalten und glauben, daß sie die richtige sei; wir haben also beide das Recht, uns Giaurs zu nennen. Du hast es getan, ich aber nicht; denn es ist nicht fein und schön, einen Menschen ärgern zu wollen. Wer seinen Mitmenschen in den Staub tritt, der beschmutzt sich selbst. Merke dir das, Bebbeh!« Er blieb vor Erstaunen über meine vermeintliche Kühnheit eine ganze Weile wortlos; dann aber riß er zornig den Dolch aus dem Gürtel. »Mensch, willst du, du, du mir Lehren geben? Du, ein Christ, den Allah und der Prophet verdammen mögen! Soll ich dich zerreißen, wie man einen Lappen zerreißt? Ich war bereit, euch ziehen zu lassen; nun aber gebiete ich euch: Macht euch von hinnen, ihr Unreinen! Euren Abstand sollt ihr wieder erhalten; dann aber möge euch der Scheïtan in die Dschehenna führen!« Ich sah, daß dies seinen vier Männern aus dem Herzen gesprochen war; aber ich sah auch, daß die Blicke der beiden Haddedihn und Halefs mit zorniger Erwartung auf mir hafteten. Auch der Engländer beobachtete mich scharf, um sein Tun ganz nach dem meinigen zu richten. Da er von der Unterhaltung nichts verstand, so mußte ich ihn aufmerksam machen: »Sir, wenn ich schieße, so schießt auch, aber nur auf die Pferde!« »Yes! Schön! Prachtvoll!« antwortete er. Nun erklärte ich dem Bebbeh in ruhigem Tone: »Gut, wir werden reiten; vorher aber muß ich dir eins erst sagen: Glaube nicht, daß wir um Frieden gebeten haben, weil wir uns vor euch fürchten! Wir lieben nur deshalb den Frieden, weil wir nicht das Blut von Menschen vergießen wollen. Du hast es anders gewollt; so siehe nun, was die Folgen sind!« »Ihr? Euch nicht fürchten?« höhnte er. »Hast du nicht hier dich vor uns in den Staub gesetzt und um Barmherzigkeit gebeten, Giaur?« »Sage dieses Wort nicht noch einmal, Bebbeh, sonst kommt es über dich wie der Blitz über den Baum! Ich wollte den Frieden haben, um euretwillen, und ich will euch beweisen, daß wir euch verachten. Wir wollen nicht einen Vorsprung von euch geschenkt haben, sondern der Kampf mag sofort beginnen. Kommt heran!« »So sei es!« rief er und griff nach seinem Dolch. In demselben Augenblick aber schoß mein Pferd mit einem langen Satze an dem seinigen vorüber; ich ergriff ihn beim Arm und riß ihn vom Pferde. Vier Schüsse krachten – noch zwei, und als ich den Rappen rasch wandte, sah ich die Pferde der Bebbeh sich mit ihren Reitern am Boden wälzen. »Fort! Schnell!« Wir jagten vorwärts. Ich riß den Bebbeh zu mir empor und gab ihm einige saftige Ohrfeigen mit den Worten: »Das ist für den »Giaur«!« Dann ließ ich ihn fallen. Er kam hart neben den Hufen des Pferdes, doch ohne von ihnen verletzt zu werden, zur Erde nieder. Das alles war so schnell geschehen, daß erst jetzt die Bebbeh unter einem lauten Wutgeheul ihre Pferde in Bewegung setzten. »Habe ich recht oder unrecht gehandelt?« fragte ich die Haddedihn während des Reitens. »Emir,« antwortete Mohammed Emin, »du hast recht gehandelt; der Mann hat nicht nur dich, sondern auch uns beleidigt. Er darf kein Krieger mehr sein, denn er ist von einem Christen in das Gesicht geschlagen worden. Das ist schlimmer als der Tod und wird fürchterlich gerächt. Hüte dich, jemals in die Hände der Bebbeh zu fallen; du müßtest unter entsetzlichen Martern sterben!« In zehn Minuten hatten die Bebbeh wieder zwei Abteilungen gebildet; nur war die vordere jetzt weniger zahlreich, da fünf ihrer Pferde erschossen waren. Ich wartete noch eine Weile, bis der Abstand zwischen ihnen sich noch mehr vergrößert hatte, und gebot dann Halt. Die sechs vordersten Reiter hätten uns den ganzen Tag nicht aus den Augen verloren, denn ihre Pferde waren ausgezeichnet. Darum mußten wir diese Tiere erschießen. Dies erklärte ich den Haddedihn, stieg vom Pferde und ergriff die Büchse. »Schießen?« fragte Lindsay, der diese Anstalt beobachtete. »Ja. Die Pferde weg.« »Yes! Interessant! Viel Geld wert!« Ich bat noch, nicht eher loszudrücken, als bis jeder sicher sei, nicht den Mann, sondern das Pferd zu treffen. Die Verfolger kamen herbeigesaust und befanden sich bereits in Schußweite, als sie unsere Absicht zu ahnen begannen. Anstatt zerstreut abzuschwenken, hielten sie an. »Fire!« kommandierte Master Lindsay. Obgleich die Araber das englische Wort nicht verstanden, wußten sie doch, was es zu bedeuten habe. Wir drückten ab, ich und Lindsay noch einmal, und bemerkten sofort, daß kein Fehlschuß gefallen war: – die sechs Pferde bildeten mit ihren Reitern auf dem Boden einen Knäuel, dessen Entwirrung abzuwarten, es uns leider an der nötigen Zeit gebrach. Nun stiegen wir wieder zu Pferde. Bald blieben die Verfolger weit zurück, und nach einer Weile befanden wir uns allein auf der Ebene. Diese erreichte jedoch sehr bald ihr Ende. Es erhoben sich Berge vor uns, und auch von den Seiten traten Höhen zu uns heran. Wir hielten unwillkürlich die Pferde an, ohne uns irgend ein Zeichen dazu gegeben zu haben. »Wohin?« fragte Mohammed. »Hm!« brummte ich. Ich war noch nie im Leben so unsicher über die einzuhaltende Richtung gewesen, wie jetzt. »Ueberlege, Emir!« sagte Amad. »Wir haben jetzt Zeit. Unsere Pferde mögen sich verschnaufen.« »Ebenso leicht könnte ich sagen, ihr sollt überlegen,« antwortete ich. »Ich weiß nicht genau, in welcher Gegend wir uns befinden, aber ich denke, daß im Süden von uns Nweizgieh, Merwa, Beytosch und Deira liegen. Diese Richtung würde uns nach Sulimania bringen – —« »Dahin gehen wir nicht!« unterbrach mich Mohammed Emin. »So haben wir uns für den Paß zu entschließen, von dem wir gestern abend sprachen. Wir können unsere gegenwärtige Richtung beibehalten, bis wir den Fluß Berozieh erreichen, den wir eine Tagreise lang aufwärts verfolgen müssen, um hinter Banna in die Berge zu kommen.« »Ich stimme bei,« sagte Mohammed. »Dieser Fluß hat für uns auch den Vorteil, daß er Persien von dem Ejalet scheidet, und wir können also die Ufer wechseln, je nachdem es unsere Sicherheit erfordert.« Wir ritten nun weiter gegen Süden. Die Gegend stieg aus der Ebene immer mehr zur Höhe; Berge und Täler wechselten in immer größerem Gegensatze. Am späten Nachmittag befanden wir uns mitten im Gebirge und kamen, kurz vor Sonnenuntergang, auf einer einsamen, dicht bewaldeten Höhe zu einer kleinen Hütte, aus deren Dachöffnung Rauch emporstieg. »Hier wohnt jemand, Sihdi,« meinte Halef. »Jedenfalls ein Mensch, der uns nichts schaden kann. Ich werde mir ihn ansehen; bleibt bis dahin hier halten!« Ich stieg ab und schritt auf das Häuschen zu. Es war aus Steinen erbaut, deren Ritzen man mit Moos verstopft hatte. Das Dach wurde von einer mehrfachen Lage dichter Zweige gebildet, und die Türöffnung war so niedrig, daß kaum ein Kind aufrecht eintreten konnte. Als meine Schritte im Innern des primitiven Bauwerkes zu hören waren, erschien an der Tür der Kopf eines Tieres, das ich für einen Bären hielt; bald aber überzeugte mich die Stimme dieses zottigen Geschöpfes, daß ich es mit einem Hund zu tun habe. Dann erklang von innen ein scharfer Pfiff, und an Stelle dieses Kopfes erschien ein zweiter, den ich beim ersten Anblick ebensowenig zu klassifizieren vermochte. Ich sah nämlich weiter nichts als Haare, die verworrener gar nicht gedacht werden konnten, und eine tiefschwarze, breite Nase und zwei funkelnde Aeuglein, die denen eines zornigen Schakals glichen. »Ivari ‚l ker – guten Abend,« grüßte ich. Ein tiefes Brummen antwortete. »Wohnst du allein hier?« Das Brummen stieg noch um einige Töne tiefer. »Gibt es noch andere Häuser hier in der Nähe?« Jetzt wurde das Brummen wahrhaft fürchterlich; ich glaube, die Stimme dieses Geschöpfes reichte wenigstens bis zum großen C herab. Dann kam die Spitze eines Spießes zum Vorschein – sie ward immer weiter hervorgeschoben, bis sie sich grad vor meiner Brust befand. »Komm heraus!« bat ich im höflichsten Tone. Wahrhaftig, das Brummen stieg noch eine kleine Terz tiefer, also Contra-A, und die Spitze der Waffe zielte grad auf meine Kehle. Das war mir denn doch zu ordnungswidrig. Ich faßte also den Spieß und zog. Der rätselhafte Bewohner der Hütte hielt seine Waffe fest, und da er mir nicht gewachsen war, so zog ich ihn aus der Türe: erst das Haargestrüpp mit der schwarz glänzenden Nase, dann zwei Hände von ganz derselben Farbe und mit breiten Krallen; hierauf folgte ein zerlöcherter Sack, ähnlich denen, worin unsere Kohlenhändler ihre Ware aufzubewahren pflegen, dann zwei schmierige Lederfutterale, parallel miteinander, und endlich zwei Gegenstände, über die ein anderer sicher im unklaren geblieben wäre, die ich als Scharfsinnigster der Scharfsinnigen infolge ihrer Umrisse sofort als die Stiefel erkannte, die der Koloß von Rhodus einmal getragen haben mußte. Sobald diese Stiefel die Tür passiert hatten, richtete sich das Wesen vor mir empor, und nun hatte auch der Hund Platz genug, sich in ganzer Figur zu zeigen. Auch bei ihm sah man nur einen jedem Gleichnis spottenden Haarfilz, eine schwarze Nase und zwei Augen, und beide Kreaturen schienen sich mehr vor mir zu fürchten, als ich vor ihnen. »Wer bist du?« fragte ich jetzt im barschesten Tone. »Allo[17 - Kurdische Zusammenziehung des Namens Allahverdi.]!« brummte es, aber es waren doch menschliche Laute. »Was bist du?« »Kümürdar[18 - Köhler.].« Ah, das war also die einfache Erklärung der schwarzen Nase und der dito Hände; aber diese Nägel brauchte er sich doch nicht wachsen zu lassen. Ich merkte, daß ihm meine Barschheit imponierte. Er war ganz zusammengeknickt, und auch sein Hund zog den Schwanz ein. »Gibt es hier noch Leute?« erkundigte ich mich weiter. »Nein.« »Wie lange muß man gehen, um zu Menschen zu kommen?« »Mehr als einen Tag.« »Für wen brennst du die Kohlen?« »Für den Herrn, der Eisen macht.« »Wo wohnt er?« »In Banna.« »Du bist ein Kurde?« »Ja.« »Bist du ein Dschiaf?« »Nein.« »Ein Bebbeh?« »Nein.« Aber bei diesem Worte spuckte er mit einem sehr feindseligen Räuspern aus. Diese ästhetische Anstrengung erregte, wie ich leider gestehen muß, unter den gegenwärtigen Umständen meine innerste Sympathie. »Zu welchem Stamme gehörst du denn?« »Ich bin ein Bannah.« »Blick einmal da hinüber, Allo! Siehst du die vier Reiter?« Er kratzte sich die langen Haarzotteln aus dem Gesicht, um seinen Augen einen größeren Spielraum zu geben, und richtete den Blick nach der von mir angedeuteten Richtung. Trotz des Kohlenüberzuges, hinter dem sich seine eigentliche kurdische Oberhaut verbarg, sah ich doch, daß ein tiefer Schreck über seine Physiognomie zuckte. »Sind es Kurden?« fragte er besorgt. Ah, jetzt hatte ich ihn doch so weit, daß er freiwillig redete. Als ich seine Frage verneinte, fuhr er fort: »Was sind sie denn?« »Wir sind drei Araber und zwei Christen.« Er blickte mich groß an. »Christen! Was ist das?« »Das werde ich dir später erklären, denn wir werden diese Nacht bei dir bleiben.« Jetzt erschrak er noch viel mehr als vorher. »Herr, tut dies nicht!« »Warum nicht?« »Es wohnen böse Geister im Gebirge!« »Das ist uns lieb, denn wir wollen gerne einmal Geister sehen.« »Es regnet auch zuweilen!« »Das Wasser wird dir gar nichts schaden.« »Dabei donnert es manchmal!« »Das gehört dazu.« »Es sind Bären hier.« »Wir essen gerne den Schinken derselben.« »Es kommen oft Räuber in die Berge!« »Die schießen wir tot.« Endlich, als er bemerkte, daß keine Ausrede verfing, kam er mit der Wahrheit zum Vorschein; er sagte in bittendem Tone: »Herr, ich fürchte mich vor euch!« »Das hast du nicht nötig. Wir sind keine Räuber und Mörder. Wir wollen hier an deinem Hause schlafen und werden morgen weiter ziehen. Dafür, daß du es erlaubst, sollst du einen silbernen Piaster erhalten.« »Einen silbernen? Einen ganzen?« fragte er erstaunt. »Ja, oder auch zwei, wenn du freundlich bist.« »Herr, ich bin sehr freundlich!« Bei dieser Versicherung lachte alles an dem Kerl: die Augen, der Mund, den ich erst jetzt bemerkte, die Nase und die Hände, welche ganz vergnügt zusammenklappten. Es war wirklich außerordentlich, was dieser edle Bannahkurde für einen Bartwuchs besaß. Ich hatte so etwas fast noch gar nicht gesehen. Er hätte getrost mit der Pastrana reisen können. Seine Freude schien auch seinen Hund anzustecken, denn dieser zog den Schwanz behutsam hervor und versuchte ein verschämtes Wedeln, wobei er mit der Pfote spielend nach meinem Dojan langte, der ihn aber so wenig zu bemerken schien, wie der Großmogul einen Kaminkehrerjungen. »Bist du in den Bergen gut bekannt?« setzte ich meine Erkundigung fort. »Ja, überall!« »Kennst du den Berozieh-Fluß?« »Ja, er ist die Grenze.« »Wie weit läufst du bis zu ihm?« »Einen halben Tag.« »Kennst du Banna?« »Ich bin des Jahres zweimal dort.« Er kannte auch Amehdabad und Bayendereh. »Aber wo Bistan liegt, das weißt du nicht?« hob ich wieder an. »Ich weiß es sehr genau, denn mein Bruder ist dort.« »Mußt du alle Tage arbeiten?« »Ich arbeite, wie es mir gefällt!« antwortete er stolz. »So kannst du nach Belieben von hier weg?« »Herr, ich weiß nicht, warum du so fragst!« Dieser Pfahlbautenmann war vorsichtig; das gefiel mir von ihm. »Ich will dir sagen, warum ich frage,« antwortete ich ihm. »Wir sind hier fremd und kennen die Wege durch die Berge nicht; darum brauchen wir einen ehrlichen Mann, der uns führt. Wir geben ihm dafür alle Tage zwei Piaster.« »O Herr, ist dies wahr? Ich bekomme alle Jahre zehn Piaster und Mehl und Salz. Soll ich euch führen?« »Wir wollen dich heute erst kennen lernen. Wenn wir mit dir zufrieden sind, so wirst du dir mehr Geld verdienen, als du sonst in einem Jahre hast.« »Rufe diese Männer herbei! Ich will ihnen Mehl geben und Salz und einen Topf zum Backen; auch Wild habe ich, soviel ihr wollt, und Gras sollen eure Pferde haben, soviel sie fressen können. Da oben ist eine Quelle, und euer Lager werde ich so weich machen, wie den Diwan einer Sultana Valide!« Dieser brave Allo war auf einmal ganz und gar umgewandelt – »und das hat mit seinem Klingen nur der Piaster getan!« Ich winkte die Gefährten herbei, welche durch unsere lange Unterredung hart auf die Probe gestellt worden waren. Sie beeilten sich darum und waren über den Anblick des Köhlers nicht weniger erstaunt, als ich vorher. Besonders der Engländer schien vor Verwunderung sprachlos; doch auch der Bannah bewunderte die Nase Master Lindsays mit einer Miene, die an Wahrheit des Ausdruckes nichts zu wünschen übrig ließ. Endlich kam dem Englishman die Sprache wieder: »Pfui Teufel!« rief er. »Wer ist das? Ein Gorilla?« »Nein, sondern ein Kurde vom Stamme der Bannah.« »O weh! Wasch dich!« brüllte er den armen Kerl an; da aber dieser sein Englisch nicht verstand, so blieb es mit der Kohle einstweilen noch beim alten. Mittlerweile waren die Pferde angepflockt und die Decken auf dem Moose ausgebreitet. Wir setzten uns nieder, und ich gab Mohammed die nötige Auskunft über den Köhler, der unser Führer sein wolle. Wir beschlossen, ihn scharf zu beobachten. Dieser schleppte jetzt aus der Hütte einen Sack groben Mehles und brachte dann ein Tongefäß voll Salz. Hierauf folgte ein Topf, der Jahre hindurch mysteriösen Zwecken gedient zu haben schien. Sodann öffnete er eine kleine Grube hinter dem Hause. Sie war mit Steinen ausgekleidet und enthielt seinen Fleischvorrat, der in zwei Hasen und einem bereits »angespeisten« Rehe bestand. Nun konnten wir wählen. Wir entschieden uns für das Reh. Es wurde an dem Wasser gehörig ab- und ausgespült; dann machten wir ein Feuer nebst Bratspießvorrichtung, und während Halef die Pferde tränkte und der Kurde mit seinem langen Messer Futter für sie schnitt, gab ich mich der so viel Aufmerksamkeit erheischenden, aber auch lohnenden Beschäftigung des Bratspießdrehens hin. »Schmutziger Kerl!« brummte der Engländer; »aber auch fleißig. Schade!« »Warum schade?« »Miserabler Topf! Yes! Wäre so schön gewesen, wenn Topf reinlicher wäre. Könnte so schön darin braten!« »Aber was denn, zum Kuckuck?« »Pudding.« »Pudding? Ah! Wie kommt Ihr auf einmal auf Pudding, Sir?« »Hm! Bin ich nicht Englishman?« »Allerdings. Aber sagt mir doch um aller Welt willen, was für einen Pudding Ihr hier backen wolltet?« »Irgend einen. Yes!« »Ich kenne über zwanzig Puddingarten, aber keine einzige, die wir hier bereiten könnten.« »Ah! Oh! Warum?« »Weil alles fehlt.« »Alles? O, no! Haben Reh, Mehl, Salz – alles!« »Reh, Mehl, Salz – alles! Schön, Sir, ich werde mir dieses köstliche Rezept merken! Was man sonst zum Fleischpudding zu brauchen pflegt: Speck, Eier, Zwiebel, Pfeffer, Zitrone, Petersilie, Senf-Sauce, verdirbt nur das Gericht.« »So ist es! Well!« Er erhielt statt seines Pudding ein tüchtiges Stück Rehkeule, von dem er auch nichts übrig ließ. Als ich den Braten zu zerlegen begann, stand der Kurde an der Ecke seines Häuschens und leckte sehnsüchtig den Ruß von seinen Fingern. »Komm her, Allo, und iß mit!« lud ich ihn ein. Im Nu hatte ich ihn an meiner Seite, und ich sah es ihm an, daß wir von diesem Augenblick an dicke Freunde seien. »Was kostet dein Reh?« fragte ich ihn. »Herr, ich schenke es euch. Ich fange mir ein anderes.« »Ich werde es dir dennoch bezahlen. Hier nimm!« Ich langte in das verborgene Fach meines Gürtels und holte zwei Piaster hervor, die ich ihm gab. »O, Herr, deine Seele ist voller Barmherzigkeit! Willst du nicht auch die Hasen braten?« »Wir nehmen sie morgen mit.« In der Nähe des Häuschens lag ein großer Haufen Laub. Dieses schleppte der Kurde nun herbei, um uns ein fünffaches Lager zu bereiten. Mit Hilfe unserer Decken brachte er es wirklich ganz prachtvoll zustande, so daß wir uns am andern Morgen gestanden, lange nicht so gut geschlafen zu haben. Vor dem Aufbruche aß ein jeder von uns ein Stück von dem übrig gebliebenen Rehbraten. »Habt es bezahlt, Master,« sagte Lindsay; »werde es Euch wiedergeben.« »Kleinigkeit!« »Wird dieser Gorilla uns führen, und wieviel erhält er?« »Zwei Piaster pro Tag.« »Werd ich ihm geben. Verstanden?« »Gut, Sir!« Da auch die Haddedihn einverstanden waren, den Kurden als Führer mitzunehmen, so nahm ich diesen ins Examen. »Hast du einmal vom Kiupri-See gehört?« »Ich war dort.« »Wie weit ist es bis dorthin?« »Wollt ihr viele Dörfer sehen oder wenige?« »Wir wollen wenig Menschen treffen.« »So werdet ihr sechs Tage brauchen.« »Welches ist der Weg?« »Man geht von hier bis an den Berozieh und am Wasser empor bis nach Amehdabad; dann geht ein Paß nach rechts ab, welcher nach Kizzelzieh führt, und dort sieht man das Wasser, welches in den Kiupri-See läuft.« Das war zu meiner Verwunderung und Genugtuung ganz genau derselbe Weg, den ich vorgezeichnet hatte. Der Bulbassi-Kurde, der mir diese Gegenden beschrieben hatte, war also doch ein guter Berichterstatter gewesen. »Willst du uns führen?« fragte ich neuerdings. »Herr, ich kann euch führen, bis man nach Bagdad zu die Ebene erreicht!« antwortete er. »Wie hast du diese Pfade kennen gelernt?« »Ich habe die Händler geführt, die beladen in die Berge kommen und dann leer wieder gehen. Damals war ich noch nicht Kümürdar.« Dieser Mann war trotz seines Schmutzes eine wahre Perle für uns. Er schien ein wenig beschränkt zu sein, aber ein ehrliches, anhängliches Gemüt zu haben. Darum beeilte ich mich, ihn zu dingen. »Du sollst uns bis zur Ebene führen und alle Tage deine zwei Piaster erhalten. Wenn du uns treu dienst, so darfst du dir auch ein Pferd kaufen, das wir dir dann schenken. Bist du zufrieden?« Ein Pferd! Das war ein unendlicher Reichtum für ihn. Er ergriff meine Hand und drückte sie mit großer Inbrunst an die Stelle seines Bartes, unter der man aus anatomischen Gründen seinen Mund vermuten mußte. »O Herr! Deine Freundlichkeit ist größer als diese Berge! Darf ich auch meinen Hund mitnehmen, und werdet ihr ihm Futter geben?« »Ja. Wir können Wild genug für ihn schießen.« »Ich danke dir; ich habe keine Flinte und muß das Wild in der Schlinge fangen. Wann wirst du mir das Pferd kaufen?« »So bald als möglich.« Er hatte Salz, und ich trug ihm auf, einen Vorrat davon mitzunehmen. Welch ein kostbarer Artikel das Salz ist, lernt man erst dann erkennen, wenn man es monatelang entbehren muß. Die meisten Beduinen und auch viele Kurden sind nicht an seinen Genuß gewöhnt. Allo war schnell mit seinen Vorbereitungen zu Ende. Er versteckte sein Mehl und Salz in das erwähnte Loch, ergriff sein Messer nebst dem fürchterlichen Spieß und tat seinen Hund an die Leine, die er sich um die Hüften schlang. Eine Kopfbedeckung gab es bei ihm nicht. Wir begannen diesen Tagmarsch mit erneutem Vertrauen auf unser gutes Glück. Unser Führer leitete uns scharf nach Süd, bis wir am Mittag den Berozieh erreichten. Hier machten wir Rast und badeten in den Wellen des Flusses. Glücklicherweise ließ Allo sich von mir bereden, ein Gleiches zu tun. Er gebrauchte den reichlich vorhandenen Sand als Seife und verließ als ein anderer Mensch die wohltätigen Wellen. Wir schlugen jetzt eine östliche Richtung ein, mußten aber manche Umwege machen, da am Flusse viele Ansiedlungen und Nomadenlager waren, die wir zu umgehen für notwendig hielten. Am Abend übernachteten wir am Ufer eines Baches, der rechts vom Gebirge herab dem Berozieh entgegeneilte. Wir hatten am nächsten Morgen kaum eine Stunde zurückgelegt, als der Kurde stehen blieb und mich an mein Versprechen erinnerte, ihm ein Pferd zu kaufen. In der Nähe habe er einen Bekannten, dessen Pferd feil sei. »Wohnt er in einem großen Dorfe?« fragte ich. »Es sind nur vier Häuser da.« Das war mir lieb, denn ich wollte so viel wie möglich alles Aufsehen vermeiden und ich konnte den Kurden doch auch nicht allein fortlassen, da ich mich noch nicht überzeugt hatte, ob er verschwiegen sei. »Wie alt ist das Pferd?« »Es ist noch jung, fünfzehn Jahre.« »Schön. Wir werden miteinander gehen, um es zu besehen, während die anderen auf uns warten. Suche einen Ort, wo sie unentdeckt bleiben können!« Nach einer Viertelstunde sahen wir unten am Wasser einige Häuser liegen. »Das ist es,« sagte Allo. »Warte hier, ich werde deine Freunde verstecken.« Er führte sie weiter, kehrte aber schon nach einigen Minuten zurück. »Wo sind sie?« »In einem Dickicht, wohin niemand kommt.« »Du wirst den Leuten da unten nicht sagen, wer ich bin, auch nicht, wohin wir gehen, und daß vier auf uns warten!« »Herr, ich sage kein Wort. Du bist so gut mit mir, und ich liebe dich. Habe keine Sorge!« Ich ritt die nicht sehr steile Anhöhe hinab und befand mich bald vor einem Haus, unter dessen vorspringendem Dache verschiedene Pack- und Reitsättel hingen. Hinter dem Hause war eine Art Corral, in dem einige Pferde herumsprangen. Ein alter, hagerer Kurde trat uns entgegen. »Allo, du?« fragte er erstaunt. »Der Prophet segne dein Kommen und alle deine Wege!« Und leise setzte er hinzu: »Wer ist dieser große Herr?« Der Gefragte war so politisch, laut zu antworten: »Dieser Herr ist ein Effendi aus Kerkuk, der nach Kelekowa will, um dort mit dem Pascha von Sinna zusammenzutreffen. Da ich die Wege kenne, so soll ich ihn führen. Hast du das Pferd noch, das dir übrig ist?« »Ja,« antwortete der Mann, dessen Blick voll Bewunderung an meinem Pferde hing. »Es befindet sich hinter dem Hause. Komm!« Ich wollte die beiden nicht allein lassen und stieg daher schleunigst ab, um ihnen zu folgen, nachdem ich mein Pferd angehängt hatte. Das betreffende Tier gehörte nicht zu den schlechtesten; ich hielt es nicht für so alt, wie mir Allo angegeben hatte, und da Pferde da waren, die mir weniger wert zu sein schienen, so wunderte ich mich, daß grad dieses dem Besitzer feil sei. »Was soll es kosten?« erkundigte ich mich. »Zweihundert Piaster,« lautete die Antwort. »Führe es vor!« Er zog es aus der Umzäunung, ließ es gehen, traben und auch galoppieren und machte dadurch meinen Verdacht rege; denn es war wirklich mehr wert als den geforderten Preis. »Lege den Packsattel an und eine Last darauf!« Es geschah, und das Tier folgte gehorsam jedem Fingerzeig. »Hat dieses Tier einen Fehler?« »Keinen einzigen, Chodih!« beteuerte er. »Es hat einen, und es ist besser, wenn du ihn mir sagst. Das Pferd ist für deinen Freund Allo, den du nicht betrügen wirst.« »Ich betrüge ihn nicht.« »Nun wohl, so will ich versuchen, den Fehler zu entdecken. Nimm das Gepäck herab und leg einen Reitsattel auf!« »Warum, Herr?« Diese Frage verriet mir, daß ich auf der richtigen Fährte sei. »Weil ich es so haben will!« antwortete ich kurz. Er gehorchte, und dann hieß ich ihn aufsteigen. »Herr, ich kann nicht,« entschuldigte er sich. »Warum nicht?« »Ich habe das Gewitter[19 - Das Reißen.] im Beine. Ich kann nicht reiten.« »So werde ich es selbst tun!« Ich sah es ihm an, daß ich der Entdeckung jetzt nahe sei. Das Pferd ließ mich herantreten, doch sobald ich den Fuß erhob, um in den Bügelschuh zu treten, wich es zur Seite. Es wollte mir nicht gelingen, in den Sattel zu kommen, bis ich es hart an die Mauer des Gebäudes stellte. Jetzt saß ich auf, sofort aber ging es hinten in die Höhe, daß es sich fast nach vorn überschlug; dann stieg es vorn empor, beinahe mehr als kerzengerade; es bockte zur Seite und machte so gewaltige Luftsprünge, daß ich die erste Gelegenheit ergriff, mich aus dem Sattel zu werfen. Ich tat dies mit Vorbedacht so, daß ich zur Erde fiel und es den Anschein hatte, als ob ich abgeworfen worden sei. »Mann, dieses Pferd ist keinen Para, viel weniger zweihundert Piaster wert! Kein Mensch kann es reiten. Es ist verdorben worden.« »Herr, es ist gut. Vielleicht will es nur dich nicht dulden.« »Ich kenne das! Es hat lange Zeit unter einem schlechten Sattel und unter einem noch schlimmeren Reiter gelitten; das merkt sich so ein Tier. Wer soll es nun besteigen? Es ist höchstens noch als Packpferd zu verwenden.« »Brauchst du kein Packpferd, Herr?« »Nein. Jetzt nicht, sondern erst später.« »So kaufe es, denn du wirst nicht gleich ein Pferd finden, wenn du es brauchst.« »Soll ich mich mit einem Tiere schleppen, das mir jetzt zur Last ist?« »Du sollst es um hundertfünfzig Piaster haben!« »Ich gebe dir hundert, und keinen Para mehr.« »Herr, du scherzest!« »Behalte es! Ich finde in Banna ein anderes. Komm, Allo!« Ich bestieg meinen Rappen, und der Köhler folgte mir mit betrübter Miene. Wir hatten aber kaum fünfzig Schritte zurückgelegt, so hörten wir rufen: »Gib hundertdreißig, Herr!« Ich antwortete nicht. »Hundertzwanzig!« Ich ritt weiter, ohne mich umzublicken. »Komm zurück, Herr; du sollst es für hundert haben!« Jetzt blieb ich halten und fragte, ob er auch einen Reitsattel und eine Decke zu verkaufen habe. Als er bejahte, kehrte ich zurück und kaufte einen ganz passablen Sattel nebst Decke für vierzig Piaster. Und was das Vorteilhafteste war: der Händler nahm den Preis ganz willig in altem Beschlik[20 - Geringes Metallgeld.] an, der sich nach und nach in meiner Tasche angesammelt hatte. Ich legte, nachdem ich bezahlt hatte, dem Pferd den Sattel und das Zaumzeug an und nahm dann von dem Kurden Abschied. »Lebe wohl! Du wolltest deinen Freund betrügen, aber du wirst gleich sehen, daß er das Pferd für den dritten Teil seines Wertes hat.« Der Mann antwortete mir nur mit einem schlauen, überlegenen Lächeln. Auch Allo verabschiedete sich von ihm und wollte dann sein Pferd besteigen. Sein behaartes Gesicht, oder vielmehr nur die Teile desselben, die man sehen konnte, erglänzte vor Freude und Entzücken darüber, daß er nun hoch zu Roß in die Welt hineinreiten konnte. Aber der Kurde ergriff ihn beim Arme. »Um des Propheten willen, steige nicht auf! Das Pferd wird dich abwerfen, und du brichst den Hals.« »Dieser Mann hat recht,« stimmte ich bei. »Steig du jetzt auf mein Pferd. Es wird dich sicher tragen, und ich will mich hier auf dieses setzen, um ihm zu zeigen, daß es zu gehorchen hat.« Allo kletterte wirklich mit größtem Vergnügen auf den Rücken meines Hengstes, welcher sich dieses ehrenrührige Attentat ganz ruhig gefallen ließ, weil er mich in der Nähe wußte. Ich aber drängte den Klepper an die Mauer und kam glücklich in den Sattel. Wieder stieg er empor; ich ließ ihm einige Augenblicke lang den Willen, dann aber nahm ich ihn kurz und faßte ihn zwischen die Schenkel. Er wollte steigen – es ging nicht mehr; er brachte es bloß zu einem krampfhaften Spielen der Hufe, und endlich ging ihm der Atem aus, der Schweiß stand ihm auf allen Poren, und von seinem Maul tropfte der Schaum in großen Flocken – er stand, trotzdem ich ihm die Schenkel wieder nahm. »Er ist bezwungen, Mann,« lachte ich vergnügt. »Paß auf, wie er sich reiten läßt, und versuche nicht wieder, einen Freund zu übervorteilen! Allah sei mit dir!« Ich ritt voran, und mein Rih folgte mit edler Bescheidenheit dem Klepper. »Chodih,« fragte der Köhler, »nun ist wohl dieser Schwarze mein?« Hm! Auch eine Frage! »Nein,« antwortete ich. »Warum nicht?« »Dieser Schwarze würde dich abwerfen, sobald ich nicht mehr in seiner Nähe bin. Du sollst ihn nur heute reiten, denn morgen wird dieses Pferd hier gehorsam geworden sein.« »Und wird es mir auch dann gehören, wenn ich von euch scheide?« »Ja, wenn wir nämlich mit dir zufrieden sind.« »O ich werde alles tun, was du von mir forderst!« Wir gelangten an das Dickicht, wo sich die Gefährten verborgen hielten. Sie schlossen sich uns wieder an und zeigten sich sehr zufrieden über den guten Handel, den ich gemacht hatte. Nur Halef war ungehalten. »Sihdi,« sagte er, »das wird dir Allah nie vergeben, daß du deinen Rih eine solche Kröte tragen lässest. Er mag sich auf mein Pferd setzen, während ich den Rappen nehme.« »Laß ihn, Halef! Es würde ihn beleidigen.« »Maschallah, wie kann ein Kurde beleidigt werden, der Kohlen brennt und den Schmutz mit Fingern ißt!« Es blieb trotzdem bei meiner Anordnung. Am Nachmittag gelangten wir in die Höhe von Banna und nach einem scharfen Ritte öffnete sich vor uns der Paß, der nach Süden führt. Wir hatten unsere Pferde auf den unwegsamen Höhen sehr in Anspruch nehmen müssen; darum wollten wir ihnen heute eher Ruhe gönnen und zogen uns seitwärts des Passes in ein kleines, aber tiefes Tälchen zurück, dessen Seiten sehr dicht mit Zwergeichen bewachsen waren. Wir hatten Wild genug geschossen, um nicht hungern zu müssen, und losten nach dem Mahle um die Reihenfolge der Nachtwache. Hier in der Nähe des Passes hielten wir die Vorsicht ganz besonders für notwendig, denn die Kunde von dem Herdenraube war ganz sicher bereits bis Banna gedrungen, und es ließ sich vermuten, daß dabei die Rede auch von uns gewesen sei. Die Nacht verging ohne die geringste Störung, und mit dem Grauen des Tages ritten wir bereits in den Mund des Passes ein. Wir hatten diese Zeit gewählt, um völlig unbeachtet zu sein. Der Weg führte über nackte Höhen und kahle Steinflächen, durch dunkle Schluchten und melancholische Täler, in denen kaum ein Wässerlein zu finden war. Man sah und fühlte hier so recht deutlich, daß man sich auf einem Boden befand, den vielleicht noch kein Europäer betreten hatte. Es war nahe am Mittag, als wir ein Quertal zu durchschneiden hatten. Gerade als wir bei der gegenüberliegenden Ecke anlangten, blieb Dojan stehen und sah mich bittend an. Ich kannte seine Manieren; er hatte etwas Verdächtiges bemerkt und wollte nun die Erlaubnis haben, mich verlassen zu dürfen. Ich ließ halten und sah mich um, fand aber nicht die geringste Spur eines lebenden Wesens. »Jürü[21 - Gehe!], Dojan!« sagte ich, und sofort sprang der Hund in das Gebüsch hinein. Einige Augenblicke später hörten wir einen Schrei, und dann erscholl jener kurze Laut, welcher mir sagte, daß Dojan einen Menschen unter sich liegen habe. »Halef, komm!« Wir sprangen von den Pferden, warfen den Andern die Zügel zu und folgten dem Hunde. Wahrhaftig, neben einem stacheligen, heckenrosenartigen Busche lag ein Mann, und der Hund stand über ihm und hatte seine Zähne an dessen Gurgel. »Dojan, geri!« Der Hund ließ ab, und der Mann erhob sich. »Was tust du hier?« Er blickte mich an, als ob er sich die Antwort erst überlegen wolle, gab sie aber nicht, sondern tat einen plötzlichen Seitensprung und verschwand. Auf meinen Wink setzte der Hund dem Fremden nach. Keine Minute später hörten wir wieder den Angstschrei des Mannes und den bezeichnenden Laut des Hundes. Neben der Stelle, wo der Mann gelegen hatte, hing seine Flinte an einem abgebrochenen Zweige. Ich winkte Halef, sie zu nehmen, und dann drangen wir weiter vor. Wir fanden Mensch und Hund genau wieder in der vorherigen Lage. Der erstere wagte gar nicht, sich zu rühren und von dem Messer Gebrauch zu machen, welches er im Gürtel hatte. »Ich werde dir noch einmal erlauben, dich zu erheben, aber ich sage dir: wenn du abermals zu entfliehen suchst, so wird der Hund dich zerreißen,« warnte ich ihn. Dann rief ich Dojan abermals zurück. Der Fremde stand auf und blieb in demütiger Haltung vor mir stehen. »Wer bist du?« »Ich bin ein Bewohner von Soota,« antwortete er. »Ein Bebbeh?« »Nein, Herr. Wir sind Feinde der Bebbeh, denn ich bin ein Dschiaf.« »Woher kommst du?« »Aus Achmed Kulwan.« »Das ist weit. Was hast du dort getan?« »Ich sorge für die Herden des dortigen Kiaja.« »Wohin willst du?« »Nach Soota zu meinen Freunden. Die Dschiaf feiern ein großes Fest, welches wir mitmachen wollen.« Das stimmte. »Haben die Dschiaf auch Gäste bei diesem Feste?« »Ich habe gehört,« antwortete er, »daß Khan Heider Mirlam mit seinen Bejat kommen will.« Auch das stimmte. Dieser Mann schien kein Lügner zu sein. »Warum versteckst du dich vor uns?« »Herr, muß ein einzelner Mann sich nicht verstecken, wenn er sechs Reiter kommen sieht? Er weiß hier in den Bergen doch niemals, ob es Freunde oder Feinde sind.« »Aber warum versuchtest du, mir zu entfliehen?« »Weil ich dachte, du seist ein Feind, denn du hetztest deinen Hund auf mich.« »Bist du wirklich ganz allein hier?« »Ganz allein; das kannst du mir beim Barte des Propheten glauben!« »Ich will es dir glauben. Gehe voran!« Wir kehrten mit ihm zu den Gefährten zurück, wo er seine Aussage wiederholen mußte. Sie stimmten mit mir darin überein, daß der Mann ungefährlich sei. Er erhielt seine Flinte wieder und durfte gehen. Nachdem er sich bedankt und den Segen Allahs auf unsere Häupter herabgewünscht hatte, setzten wir den unterbrochenen Ritt weiter fort. Ich hatte bemerkt, daß Allo den Fremden recht nachdenklich betrachtet hatte; auch jetzt saß er sinnend auf dem Rappen, und eben wollte ich ihn nach dem Gegenstande seines Grübelns fragen, als er, wie sich endlich besinnend, aufblickte und schnell an meine Seite kam. »Chodih, dieser Mann hat euch belogen! Ich kannte ihn, aber ich wußte nicht mehr, wer er war. Jetzt nun habe ich mich besonnen. Er ist kein Dschiaf, sondern ein Bebbeh. Er muß ein Bruder oder Verwandter des Scheik Gasahl Gaboya sein. Ich habe sie beide in Nweizgieh gesehen.« »Wenn dies wahr wäre! Irrst du dich nicht?« »Es ist möglich, aber ich meine, recht gesehen zu haben.« Ich teilte den andern die Vermutung des Köhlers mit und fügte hinzu: »Fast möchte ich diesem Manne nachreiten!« Mohammed Emin schüttelte den Kopf. »Warum willst du die Zeit verschwenden und wieder umkehren? Wenn dieser Mann wirklich ein Bebbeh wäre, wie wollte er wissen, daß Heider Mirlam von den Dschiaf eingeladen ist? Solche Dinge werden vor dem Feinde stets geheim gehalten.« »Und,« fügte Amad el Ghandur hinzu, »wie könnte uns dieser Mann Schaden bringen? Er geht nach Norden, und wir reiten nach Süden. Man würde uns nicht einholen können, selbst wenn er in Banna von uns erzählte.« Diese Gründe waren allerdings sehr triftig, und daher gab ich es auf, wieder umzukehren. Nur der Engländer schien nicht befriedigt zu sein. »Warum den Kerl laufen lassen?« zürnte Sir David, als ich ihm alles erklärt hatte. »Hätte den Kerl erschossen. Ist nicht schade darum. Jeder Kurde ist ein Spitzbube! Yes!« »War der Bey von Gumri auch einer?« »Hm! Ja!« »Sir, Ihr seid sehr undankbar!« »Geht Euch nichts an! Dieser gute Bey hätte uns nicht so gut empfangen, wenn er nicht durch Marah Durimeh von uns gehört hätte. Gutes Weib, einziges Weib, diese alte Grand-mother[22 - Großmutter.]!« Durch den Namen Marah Durimeh wurden Erinnerungen in mir erweckt, welche mich für den Augenblick die Gegenwart vergessen ließen. Ich gab mich denselben schweigend hin, bis der Engländer daran mahnte, daß es Zeit sei, die Mittagsrast zu halten. Er hatte recht. Es war heute trotz des schlechten Weges eine tüchtige Strecke zurückgelegt worden, und so konnten wir uns und den Pferden die verdiente Ruhe gönnen. Wir fanden einen Platz, welcher ganz dazu geeignet war; da stiegen wir ab und legten uns, die Wache abgerechnet, zu einem kurzen Schlummer hin. Zweites Kapitel: Ein Ueberfall Als wir geweckt wurden, hatten sich die Tiere wieder erholt. Ich beschloß, einen Versuch zu machen, ob das neu erworbene Pferd den Köhler nun aufsitzen lasse. Er gelang. Das Tier mochte gemerkt haben, daß es bei uns nicht gequält werde. So konnte ich meinen Rih wieder besteigen, und dies war ein Glück, wie ich bald einsehen sollte. Die vorher so kahlen Höhen bewaldeten sich immer mehr, je weiter wir nach Süden kamen; es gab mehr Wasser hier. Infolgedessen wurde unser Ritt beschwerlicher. Von einem gebahnten Wege war keine Rede. Bald mußten wir eine schroffe Höhe erklettern, bald drüben wieder hinuntersteigen; bald ging es zwischen Felsen hindurch, bald durch sumpfiges Land oder über halb verfaulte Bäume hinweg. So gelangten wir am Nachmittag in ein schmales Tal, das nur in seiner Mitte einen wiesenähnlichen Streifen zeigte, hüben und drüben aber mit üppigem Baumwuchse bestanden war. In der Ferne erhob sich in bläulicher Färbung ein großer Berg, der uns mit seinen Vorhügeln den Weg zu verlegen schien. »Kommen wir dort vorüber?« fragte ich Allo. »Ja, Herr. Links gehen wir an seinem Fuße hin.« »Was sagt der Mann?« fragte Lindsay. »Daß unser Weg dort am linken Fuße des Berges vorüber gehe.« »Brauchen wir nicht zu wissen!« brummte er mürrisch. Er sollte sehr bald einsehen, daß diese Bemerkung des Führers für ihn von der größten Wichtigkeit gewesen war; denn kaum öffnete ich die Lippen, um eine Entgegnung auszusprechen, so krachten von beiden Seiten viele Schüsse, und zu gleicher Zeit sprengten mehr als fünfzig Reiter rechts und links unter den Bäumen hervor, um uns zu umzingeln. Das war eine fürchterliche Ueberraschung! Die sämtlichen Pferde meiner Gefährten waren getroffen und nur das meinige nicht. Ich hatte dies, wie ich später erfuhr, nicht dem Zufalle zu verdanken. Die Reiter suchten sich von den Bügeln zu befreien und zu ihren Waffen zu kommen. Wir waren im Nu von allen Seiten umgeben, und grad auf mich zu kamen zwei Reiter, welche ich augenblicklich wieder erkannte: Scheik Gasahl Gaboya und der Bebbeh, mit dem ich während unserer Verfolgung die Friedensunterhandlung geführt hatte. Man hatte nur auf unsere Pferde geschossen; man wollte uns also lebendig gefangen nehmen. Infolgedessen ließ ich den Stutzen hangen und griff zur schweren Büchse. »Wurm, jetzt hab ich dich!« rief der Scheik. »Du entkommst mir nicht wieder!« Er holte mit der Keule aus, aber in demselben Augenblick sprang Dojan an ihm empor und faßte mit seinen Zähnen den Oberschenkel des Feindes. Dieser stieß einen Laut des Schmerzes aus, und der Hieb, welcher mir gegolten hatte, traf den Kopf meines Pferdes. Es wieherte laut auf, schnellte sich mit allen vieren in die Luft und ließ mir also Zeit, dem Bebbeh einen Kolbenschlag auf die Schulter zu versetzen – dann stürmte es davon, vor Schmerz keiner Führung mehr gehorchend. »Dojan!« rief ich noch laut hinter mich, denn den braven Hund wollte ich nicht verlieren; dann streckten sich mir viele Lanzenspitzen entgegen; ich schlug sie mit der Büchse von mir ab, mehr wußte ich nicht; aber den Ritt, welcher nun kam, will ich mein Leben lang nicht vergessen. Kein Graben war zu tief, kein Stein zu hoch, kein Riß zu breit, kein Felsen zu glatt und kein Sumpf zu trügerisch – alles, alles, Bäume, Büsche, Felsen, Berg und Tal flogen an mir vorüber, bis ich nur nach und nach wieder die Herrschaft über das rasende Tier gewann. Dann befand ich mich allein in einer wilden, unbekannten Gegend; aber die Richtung hatte ich mir gemerkt, aus welcher ich gekommen war, und grad vor mir lag jener hohe Berg, von dem wir kurz vorher gesprochen hatten. Was war zu tun? Den Gefährten beispringen? Das war nicht mehr möglich, sondern es stand vielmehr zu erwarten, daß die Bebbeh auch mich verfolgen würden. Aber wie kamen diese Kurden so tief zwischen die Berge herein? Wie hatten sie erfahren, daß wir diesen Weg einschlagen würden? Das war mir ein Rätsel. Augenblicklich konnte ich für meine Kameraden nicht das Mindeste tun. Sie waren entweder tot oder gefangen. Vor allem mußte ich mich versteckt halten und erst morgen sehen, was auf dem Kampfplatze zu entdecken sei. Dann erst konnte ich etwas für sie tun. Zunächst untersuchte ich den Kopf meines Pferdes. Es war eine tüchtige Beule aufgelaufen. Ich führte den Hengst an ein nahes Wasser, wo er sich niederlegen mußte. Hier machte ich ihm Umschläge mit derselben Sorgfalt, mit welcher eine Mutter für ihr Kind bedacht wäre. Darüber war wohl eine Viertelstunde vergangen, als ich von ferne her ein Geräusch vernahm. Es war ein Aechzen und Schnauben, als wenn jemand den Atem verlieren will – im nächsten Augenblick kam es dahergesaust, stieß ein lautes Freudengeheul aus und sprang mit solcher Gewalt auf mich ein, daß ich in das Gras stürzte. »Dojan!« Der Hund heulte und winselte – seine Freude war nicht zu bändigen. Er sprang einmal auf mich und das andere Mal wieder auf das Pferd ein; ich mußte ihn gewähren lassen, bis er sich allmählich von selbst beruhigte. Auch er war ohne alle Verletzung davongekommen. Das kluge Tier schien sehr bald zu merken, weshalb ich mich um das Pferd bemühte; denn nachdem Dojan mir eine Weile zugesehen hatte, richtete er sich empor und begann die betroffene Stelle an dem Kopfe seines Freundes sehr sorgsam zu belecken. Rih litt es ruhig und stieß sogar von Zeit zu Zeit ein freundliches Schnauben aus. So lagen wir noch eine lange Zeit, bis ich es für geraten hielt, diesen Ort zu verlassen. Es war jedenfalls das beste, den Fuß jenes Berges aufzusuchen, von dem der Köhler gesprochen hatte. Ich setzte mich also wieder auf und ritt diesem nahen Ziele entgegen. Die Seiten des Berges waren mit dichtem Walde bedeckt, und nur tief unten im Tale, durch das uns jedenfalls unser Weg geführt hätte, war Raum zur freien Bewegung vorhanden. Dort erblickte ich eine weit vorstehende Waldesecke, von der aus man jeden Ankommenden bemerken konnte; ich hielt auf sie zu. Als ich sie erreichte, stieg ich ab, zunächst besorgt, für das Pferd ein sicheres Versteck zu suchen. Kaum aber war ich einige Schritte in den Forst eingedrungen, so gab mir Dojan das bekannte Zeichen, daß er etwas Auffälliges wittere. Die Sache war mir zu bedenklich, als daß ich ihn sich selbst überlassen mochte. Ich nahm ihn also an die Leine, band das Pferd an einen Baum und folgte ihm, mit dem schußfertigen Stutzen in der Hand. Ich schritt dem Hunde zu langsam vorwärts. Er zog so stark an der Schnur, daß sie zu zerreißen drohte; dann gab er zwischen zwei hohen Pinien Laut. Dort standen mehrere Farrn beieinander, und als ich die Wedel derselben mit dem Stutzen auseinander stieß, gewahrte ich, daß ein Loch, das zwei Fuß im Durchmesser haben mochte, hier schräg in die Erde führte. War ein Tier darin? Wohl nicht. Aber als ich mit dem Stutzen hineinstieß, fühlte ich doch, daß irgend ein Körper darin vorhanden sei, und dieser konnte nichts Feindliches sein, wie ich an dem Gebaren des Hundes bemerkte. Ich bedeutete ihm, hineinzugehen; aber er tat es nicht, sondern wedelte mit dem Schwanze und warf einen freundlichen, erwartungsvollen Blick in das Loch. Da entschloß ich mich, hineinzugreifen. Ich tat es und erfaßte – einen stark behaarten, zottigen Kopf. Ah, nun war das Rätsel gelöst! Es war der Hund des Köhlers, welcher da drinnen stak. Das Tier war entflohen, als es die Schüsse hörte, und von seiner Angst zufällig hierher geführt worden. »Eisa!« rief ich. Ich hatte nämlich beobachtet, daß der Köhler seinen Hund bei diesem Namen rief. Es blieb still in dem Loch; aber als ich den Ruf wiederholte, begann es sich zu regen. Ich schob die Farrnwedel beiseite, und was erblickte ich? Zunächst vernahm ich ein sehr vergnügtes Brummen im großen C oder Kontra-A; dann erschien ein wirres Haargestrüpp, zwischen dem nur eine breite Nase und zwei Aeuglein zu erkennen waren; hierauf kamen zwei Hände, die mit breiten Krallen versehen waren, und sodann ein zerlöcherter Sack, zwei schmierige Lederfutterale, parallel miteinander, und endlich an jedem der Futterale einer der bekannten Koloß-von-Rhodus-Stiefel – Allo stand vor mir, wie er leibte und lebte. Es war ein freudiger Schreck, der mich bei seinem Anblick ergriff; denn wenn dieser Mann sich gerettet hatte, so konnte es auch den andern gelungen sein, zu entkommen. »Allo, du hier?« rief ich. »Ja,« antwortete er ebenso einfach wie richtig. »Wo ist dein Hund?« »Zertreten, Chodih!« sagte er mit einem starken Anflug von Trauer in seinem Tone. »Wie bist du entkommen?« »Als alle hinter dir herritten, sah niemand auf uns, und ich sprang in die Büsche. Ich kam dann hierher, weil ich dir gesagt hatte, daß wir hier vorüber müßten. Ich dachte, daß du kommen würdest, wenn die Bebbeh dich nicht fänden.« »Wer ist noch entkommen?« »Ich weiß es nicht.« »Wir müssen hier warten, ob sich noch einer zu uns finden wird. Suche mir ein Versteck für mein Pferd.« »Ich weiß ein sehr gutes, Chodih.« »Ah! Du bist hier bereits bekannt?« »Ich habe auch hier schon Kohlen gebrannt. Folge mir mit dem Pferde!« Er führte mich eine Strecke von vielleicht einer Viertelstunde aufwärts. Dort fand sich eine Felsenwand, die dicht und vollständig mit langen Brombeerranken bewachsen war. Er schob an einer Stelle die Ranken auseinander, und es war eine sehr beträchtliche, spaltenähnliche Vertiefung zu sehen, in der ein Pferd ganz gut Platz haben konnte. »Hier wohnte ich,« erklärte er mir. »Binde das Pferd da drinnen an; ich werde ihm Futter schneiden.« Es waren in der Spalte mehrere Hölzer eingeschlagen, die früher wohl als Tischbeine gedient haben mochten, obgleich dieser Tisch nach orientalischer Weise gewiß sehr niedrig gewesen war. An diese Tischbeine band ich das Pferd fest, so daß es das Versteck nicht ohne mein Wissen verlassen konnte. Draußen fand ich den Kurden beschäftigt, mit seinem Messer fettes Luftgras zu schneiden. »Gehe hinab, Chodih,« bat er. »Es könnte unterdes jemand kommen. Ich folge nach, sobald ich fertig bin.« Ich gehorchte seinem Rate und nahm in der Waldecke einen solchen Platz, daß ich alles sehen konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Nach einer Viertelstunde kam der Köhler. »Ist das Pferd sicher?« fragte ich und setzte, als er bejahte, hinzu: »Hast du Hunger?« Ein zweifelhaftes Brummen war die Antwort. »Ich habe leider nichts. Wir müssen uns gedulden bis morgen.« Er brummte abermals und sagte dann vernehmlich: »Chodih, werde ich auch für heute zwei Piaster erhalten?« »Du sollst vier bekommen.« Jetzt hörte man dem Brummen ein gelindes Entzücken an; dann blieb es lange zwischen uns still. Es wurde Nacht, und als eben das letzte Licht des scheidenden Tages im Verlöschen war, dünkte mir, als ob jenseits der schmalen Lichtung, welche uns zur Linken lag, eine Gestalt zwischen den Bäumen hindurchgehuscht wäre. Das war trotz der hereinbrechenden Dunkelheit so täuschend, daß ich mich erhob, um mich zu überzeugen. Der Kurde erhielt die Weisung, bei meinen Gewehren, welche mich gehindert hätten, zurück zu bleiben. Ich nahm den Hund wieder an die Leine und schlich mich vorwärts. Ich hatte eine tiefe Einbuchtung der Lichtung zu umgehen, war aber noch nicht bis zur Hälfte dieses Weges gekommen, als ich die betreffende Gestalt über die Lichtung herüberhuschen sah. Einige rasche Sprünge brachten mich nahe an die Stelle, an welcher die Gestalt vorüber mußte. Jetzt, jetzt langte sie in meiner unmittelbaren Nähe an. Ich wollte bereits zugreifen, als Dojan mich daran verhinderte. Er stieß ein freudiges Winseln aus. Die Gestalt hörte es und blieb erschrocken stehen. »Zounds! Wer ist hier?« Dabei streckten sich zwei lange Arme nach mir aus. »Lindsay! Sir David! Seid Ihr es wirklich?« rief ich. »Oh! Ah! Master! Yes! Well! Ich bin es! Und Ihr? Ah! Ah! Well! Ihr seid es auch! Yes!« Er war ganz bestürzt vor Freude, und mich machte er vor Ueberraschung bestürzt, denn er umfaßte mich, drückte mich an sich und versuchte, mir einen Kuß zu geben, wobei ihm seine kranke Nase keineswegs sehr förderlich und dienlich war. »Das hätte ich nicht gedacht, Sir David, Euch hier zu finden!« »Nicht? Der Gorilla – o no! Der Köhler hatte doch gesagt, daß wir hier vorüber müssen.« »Sehet Ihr, wie gut das war! Aber sagt, wie Ihr Euch gerettet habt!« »Hm! Das ging schnell. Pferd unter mir erschossen; würgte mich hervor; sah, daß alle hinter euch her waren, und sprang auf die Seite.« »Ganz so wie Allo!« »Allo? Auch so gemacht? Auch hier?« »Dort drüben sitzt er. Kommt!« Ich führte ihn zu unserem Observatorium. Die Freude des Kurden war groß, als er einen zweiten Gefährten gerettet sah. Er drückte sie durch Töne aus, die sich nur mit dem Brummen eines invaliden Spulrades vergleichen lassen. »Wie ist es Euch ergangen?« fragte mich Lindsay. Ich erzählte es ihm. »Also Euer Pferd unbeschädigt?« »Außer der Beule, ja.« »Das meinige tot! Braves Tier! Werde diese Bebbeh erschießen! Alle! Yes!« »Habt Ihr denn Euer Gewehr noch?« »Gewehr? Werde ihnen meine Büchse lassen! Hier liegt sie.« Ich hatte während der Dunkelheit diesen glücklichen Umstand gar nicht bemerkt. »So seid froh, Sir! Diese Büchse wäre unersetzlich gewesen.« »Habe auch Messer, Revolver und Patronen noch hier im Beutel.« »Welch ein Glück, daß Ihr sie nicht in der Satteltasche hattet! Aber habt Ihr keine Ahnung, ob noch einer von uns entkommen ist?« »Keiner. Halef lag noch unter seinem Pferde, und die Haddedihn staken mitten zwischen den Bebbeh.« »O wehe, dann sind alle drei verloren!« »Abwarten, Master! Allah akbar – Gott ist groß, sagen die Türken.« »Ihr habt recht, Sir. Wir wollen hoffen, dann aber, wenn wir uns täuschen sollten, auch alles tun, um die Gefährten zu befreien, im Falle sie noch leben und gefangen sein sollten.« »Richtig! Jetzt aber schlafen. Bin müde; habe weit laufen müssen! Schlafen ohne Decke! Armselige Bebbeh! Miserable Gegend! Yes!« Er schlief ein, und der Kurde mit ihm. Ich hingegen wachte noch lange und stieg später abermals mühsam empor, um nach dem Pferde zu sehen. Dann versuchte auch ich, zu schlafen, dem treuen Hunde das Wachen überlassend. Mein Schlaf wurde durch eine sehr energische Berührung gestört, welche ich an meinem Arme fühlte. Ich erwachte. Der Tag war erst im Grauen. »Was ist‘s?« fragte ich. Statt der Antwort deutete der Kurde zwischen die Bäume hindurch nach dem gegenüberliegenden Rande des Gebüsches – ein Rehbock war hervorgetreten und stand im Begriff, zur nahen Tränke zu gehen. Wir brauchten Fleisch, und obgleich ein Schuß uns verraten konnte, griff ich doch zur Büchse. Ich legte an und drückte ab. Bei dem Schalle fuhr Lindsay kerzengrad aus dem Schlafe empor. »Was ist‘s? Wo ist Feind? Wie? Wo? Yes!« »Da drüben liegt er, Sir.« Er sah in der angegebenen Richtung hin. »Ah! Roe-buck – Rehbock! Prächtig! Können sehr gut gebrauchen! Nichts gegessen seit gestern mittag. Well!« Allo eilte fort, um das erlegte Wild herbeizuholen. Schon einige Minuten später brannte an einer geschützten Stelle ein Feuer, über dem ein saftiger Braten schmorte. Nun war dem Hunger mit einem Male abgeholfen, und auch Dojan konnte befriedigt werden. Während des Essens kamen wir zu dem Entschluß, bis Mittag noch zu warten, dann aber nachzuforschen, wie es mit den Bebbeh stehe. Unter dem Gespräche erhob sich Dojan plötzlich und sah in die Tiefe des Waldes. Einige Zeitlang schien es, als sei er mit sich selbst im unklaren; dann sprang er mit einem Satz fort, ohne mich nur vorher angesehen zu haben. Ich erhob mich schnell, um nach dem Gewehr zu greifen und ihm nachzueilen, blieb aber sofort wieder stehen, als ich anstatt des erwarteten Angstrufes das laute, freudige Gewinsel des Tieres vernahm. Gleich darauf trat zu uns – mein kleiner Hadschi Halef Omar, zwar ohne sein Pferd, aber in voller Ausrüstung mit Büchse, Pistolen und mit dem Messer im Gürtel. »Hamdulillah, Sihdi, daß ich dich finde und daß du lebst!« begrüßte er mich. »Mein Herz war voll von Sorge um dich; aber es tröstete mich die Ueberzeugung, daß kein Feind deinen Rih einholen kann.« »Der Hadschi!« rief Lindsay. »Oh! Ah! Nicht massakriert! Herrlich! Unvergleichlich! Gleich mit Braten essen! Well!« Der gute Lindsay faßte die Sache sofort von ihrer praktischen Seite an. Halef war nicht wenig erfreut, ihn und den Führer wohl erhalten zu sehen; doch verschmähte er auch die leibliche Erquickung nicht, sondern langte gleich nach dem Bratenstücke, welches der Engländer ihm entgegenstreckte. »Wie bist du entkommen, Halef?« fragte ich ihn. »Die Bebbeh schossen auf unsere Pferde,« antwortete er. »Auch das meinige stürzte, und ich blieb im Bügel hangen. Sie bekümmerten sich nicht um uns, sondern sie wollten nur dich und deinen Rih haben; darum schlug Allah sie mit Blindheit, daß sie nicht sahen, wie dieser Kurde und der Master entkamen. Auch ich machte mich endlich frei, nahm meine Waffen und entfloh.« Welch eine Unachtsamkeit von den Bebbeh! Sie hatten nur auf die Pferde geschossen, um die Reiter lebendig zu fangen, und ließen diese doch entkommen! »Hast du nichts von den Haddedihn bemerkt, Halef?« »Ich sah noch während des Fliehens, daß man sie gefangen nahm.« »Oh, dann dürfen wir keine Zeit verlieren, sondern wir müssen aufbrechen!« »Warte, Sihdi, und laß dir erzählen! Als ich glücklich entronnen war, dachte ich, daß es wohl klüger sei, zu bleiben und die Feinde zu beobachten, als zu fliehen. Ich stieg also auf einen Baum, dessen Laub mich ganz verdeckte. Da blieb ich bis gegen den Abend; erst als es ziemlich dunkel war, konnte ich den Baum wieder verlassen.« »Was hast du gesehen?« »Die Bebbeh wollen nicht fort. Sie haben ein Lager geschlagen. Ich habe an achtzig Krieger gezählt.« »Woraus besteht das Lager?« »Sie haben sich Hütten aus Zweigen gebaut. In einer solchen Hütte liegen die Haddedihn gefangen, an den Händen und Füßen gebunden.« »Weißt du das genau?« »Ja, Sihdi. Ich habe gar nicht geschlafen, sondern das Lager während der ganzen Nacht umschlichen, weil ich glaubte, vielleicht bis zu den Gefangenen kommen zu können. Es ging nicht. Nur dir könnte es vielleicht gelingen, Sihdi; denn du hast mich dieses Anschleichen ja erst gelehrt.« »Konntest du nicht aus irgend einem Umstande auf den Grund ihres Verbleibens schließen? Ich kann nicht begreifen, warum sie den Ort nicht gleich verlassen haben.« »Ich auch nicht, Sihdi; aber ich habe nichts erfahren können.« »Ich muß dich übrigens loben, Hadschi Halef Omar, daß es dir gelungen ist, uns so nahe zu kommen, ohne daß wir dich bemerkten. Woraus schlossest du, daß ich mich grad hier befinden werde?« »Weil ich deine Art und Weise kenne, Sihdi, dir immer einen Ort zu suchen, wo du nicht gesehen wirst und dennoch alles sehen kannst.« »Ruhe dich jetzt aus. Ich will mir überlegen, was zu tun ist. Allo, führe mein Pferd zur Tränke und gib ihm neues Futter!« Der Köhler hatte sich noch gar nicht erhoben, um diesem Befehle Folge zu leisten, als der Hund leise anschlug. Am obersten Punkte unsers engen Gesichtskreises erschien ein Reiter, der sich schnell näherte und im Trabe an uns vorüberritt. »Hallo! Soll ich ihn wegputzen, Master?« fragte Lindsay. »Um keinen Preis!« »Ist aber ein Bebbeh!« »Laßt ihn! Wir sind keine Meuchelmörder!« »Hätten aber ein Pferd!« »Werde schon Pferde bekommen.« »Hm!« lächelte er. »Keine Meuchelmörder, aber doch Spitzbuben! Will Pferde stehlen! Yes!« Jetzt gab mir dieser eine Bebbeh von neuem zu denken. Weshalb hatte er die Seinigen verlassen, und wohin wollte er? Nach vielleicht einer Stunde wurde mir das Rätsel gelöst, denn er kehrte wieder zurück und ritt vorüber, ohne Ahnung, daß wir ihm so nahe seien. »Was hat er da unten gesagt, dieser Kerl?« sagte Lindsay. »Er ist ein Bote.« »Bote? Von wem?« »Von dem Scheik Gasahl Gaboya.« »An wen?« »An die Abteilung der Bebbeh, welche ungefähr eine halbe Stunde weiter unten den Weg besetzt hält.« »Woher wißt Ihr dies?« »Ich vermute es. Dieser Scheik hat auf irgend eine Weise erfahren, daß wir kommen werden, und den Weg an zwei Stellen verlegt, damit die zweite Truppe die gefangen nehme, die der ersten entgehen.« »Schön ausgedacht, Sir, wenn es wahr ist!« Dies mußte ich erforschen. Es ward nun verabredet, der Engländer solle nebst Allo bei meinem Pferde in unserem bisherigen Versteck bleiben, während ich mit Halef auf Kundschaft ausginge. Wenn ich aber bis zum Mittag des andern Tages nicht wieder zurückgekehrt sei, so möge Sir David unter Führung des Köhlers auf meinem Rappen nach Bistan reiten und dort bei Allos Bruder vierzehn Tage auf mich warten. »Komme ich mit Halef auch dann noch nicht,« – fügte ich bei – »so sind wir tot, und Ihr, Sir David, könnt mein Erbe antreten.« »Hm! Testament! Schauderhaft! Könnte ganz Kurdistan erschlagen! Erbe? Was denn?« fragte der wackere Sohn Albions. »Mein Pferd,« antwortete ich. »Mag es nicht! Wenn Ihr tot seid, soll dieses Land zugrunde gehen! Alle Pferde mit! Auch Ochsen, Schafe, Bebbeh, alles! Well!« »Nun wißt Ihr alles. Jetzt habe ich nur noch den Bannah-Kurden zu instruieren.« »Macht es ihm nur richtig klar, Sir! Kann kein einziges Wort mit ihm reden. Schöne Unterhaltung! Famoses Vergnügen! Prächtig! Konnte daheim in Alt-England bleiben! Brauche keine Fowling-bulls! Yes!« Ich war gezwungen, ihn seiner gelinden Verzweiflung zu überlassen. Nachdem ich Allo unterrichtet hatte, warf ich die beiden Gewehre über, um mich der Führung Halefs anzuvertrauen. Dieser leitete mich ganz genau auf demselben Wege zurück, den er am Morgen eingeschlagen hatte, und lieferte mir dabei den Beweis, daß er mir ein sehr gelehriger Schüler gewesen sei. Er hatte jede, auch die kleinste Deckung benutzt, das Terrain scharfsichtig beurteilt und die Füße immer so vorsichtig gehalten, daß es selbst einem Indianer nur mit Anstrengung gelungen wäre, die Fährte ohne Stocken zu verfolgen. Wir gingen beständig unter Bäumen, aber immer so, daß wir zwischen den Stämmen hindurch die offene Gegend vor Augen behielten. Ich hatte den Hund bei mir, und da wir gegen Wind gingen, so brauchten wir vor einer Ueberraschung keine Angst zu haben. Endlich waren wir der Gegend nahe gekommen, wo wir überfallen worden waren. Halef wollte mich noch weiter begleiten, ich aber gestattete es nicht. »Sollte ich gefangen werden,« sagte ich zu ihm, »so weißt du, wo du den Engländer zu finden hast. Für jetzt ist es das beste, du kletterst auf eine jener Pinien, welche so eng beisammen stehen, daß ihre Aeste ein dichtes Versteck bilden. Du kannst ja sehr gut den Knall meiner Büchse oder die raschen Laute meines Stutzens von der Stimme eines andern Gewehres unterscheiden. Ich bin nur dann in Gefahr, wenn du mich schießen hörst.« »Was soll ich dann tun?« »Sitzen bleiben, außer wenn ich laut nach dir rufe. Jetzt steige hinauf!« Ich nahm den Hund ganz hart an mich heran und schlich mich weiter. Es war allerdings eine gefährliche Sache, am hellen, lichten Tage sich so nahe an ein feindliches Lager zu wagen, daß man es genau übersehen und beobachten konnte. Nach einiger Zeit sah ich die erste Hütte durch die Bäume blicken. Sie war in Pyramidenform sehr urwüchsig aus Zweigen errichtet. Jetzt zog ich mich wieder zurück, um zunächst einen weiteren Halbkreis um den Ort zu ziehen; denn ich mußte sehen, ob sich etwa Bebbeh in der Tiefe des Waldes befänden. In diesem Falle hätte ich sie in meinem Rücken gehabt und wäre jedenfalls von ihnen entdeckt worden. Ich schlich von Baum zu Baum, immer die stärksten Stämme aussuchend und mit aller Aufmerksamkeit in die Einsamkeit des Forstes hineinhorchend. Bald bemerkte ich, daß meine Vorsicht gar nicht überflüssig gewesen sei; denn ich glaubte Menschenstimmen zu vernehmen, und zu gleicher Zeit stieß Dojan mich mit der Schnauze an. Das edle Tier wußte durch seinen Instinkt, daß es jetzt keinen Laut von sich geben dürfe, und sah mich mit seinen großen, klugen Augen unverwandt an. Als ich mich in der Richtung hielt, aus der die Laute gekommen waren, sah ich bald drei Männer unter einem Baume sitzen, den von drei Seiten ein junges, ungefähr fünf Fuß hohes Kirschlorbeergehölz umgab. Dieser Ort war wie geschaffen zum Belauschen. Und da ich annahm, daß das gestrige Ereignis auf alle Fälle der Gegenstand des Gespräches sei, so huschte ich von weitem um sie herum, legte mich sodann zu Boden und kroch bis zu den Kirschlorbeerbüschen heran, wo ich ihre Worte ganz deutlich vernehmen konnte. Wie erstaunte ich, als ich in einem von ihnen den Kurden erkannte, der zweimal unter Dojan gelegen hatte und den ich frei ließ, weil er sich für einen Dschiaf ausgab! Auch Dojan erkannte ihn wieder, denn seine Augen funkelten feindselig zu ihm hinüber, obgleich er keinen Laut von sich gab. Allo hatte also recht gesehen. Dieser Kurde war ein Bebbeh und hatte jedenfalls auf Wache gestanden, um unsere Ankunft zu melden. Ganz gewiß hatte er seitwärts im Verborgenen ein Pferd stehen gehabt und war uns vorausgeritten, während wir glaubten, daß er nordwärts gehe. »Sie waren dumm, alle!« hörte ich ihn sagen. »Am dümmsten aber war der Mann, welcher den schönen Rappen reitet.« War da vielleicht ich selbst gemeint? Sehr schmeichelhaft. »Wenn er die zurückgebliebenen Bejat nicht gefangen genommen und beleidigt hätte,« fuhr der Sprecher fort, »so hätten sie uns dann auch nicht sein Gespräch erzählt, welches sie belauscht hatten, und in welchem er den Weg angab, den sie einschlagen wollten.« Jetzt war auch dieses Rätsel gelöst. Als wir uns besprachen, uns von den Bejat zu trennen, war unser Plan belauscht worden. Die Bejat hatten ihn dann als Gefangene den Bebbeh verraten, jedenfalls um sich die Milde ihrer Besieger zu erwerben. »Dumm war er ferner,« meinte der Nachbar des vorigen, »daß er sich von dir betrügen ließ.« »Ja. Aber dumm war auch Gasahl Gaboya, daß er uns befahl, die Reiter und den Rappen zu schonen. Um die Männer war es nicht schade, sondern nur um das Pferd. Nun sind uns vier entflohen, der Anführer mit ihnen, und weil sie keine Pferde mehr haben, ist es ihnen möglich, über die wildesten Berge zu fliehen. Mit den Pferden aber mußten sie den Weg einhalten, den wir ihnen unten verlegt haben.« Die drei Bebbeh hatten Pilze gesammelt, welche sie hier ausschnitten und reinigten, ehe sie dieselben in das Lager bringen wollten. Dies gab Zeit und Gelegenheit zu einem vertraulichen Austausche der Meinungen. »Was hat der Scheik nun beschlossen?« fragte der dritte. »Er hat einen Boten hinab gesandt. Die andere Abteilung soll warten, bis die Sonne am höchsten steht. Hat sich dann von den Entflohenen noch keiner gefunden, so sollen die andern aufbrechen und zu uns stoßen, denn dann sind die Flüchtlinge sicher entkommen. Wir aber kehren heute noch zurück.« »Was geschieht mit den beiden Gefangenen?« »Das sind vornehme Männer, denn sie haben noch kein Wort gesprochen. Sie werden uns aber noch sagen, wer sie sind, und ein schweres Lösegeld bezahlen müssen, wenn sie nicht sterben wollen.« Ich hatte nun genug gehört und zog mich vorsichtig wieder zurück. Diese drei waren mit ihrer Arbeit fast zu Ende, und wenn sie sich erhoben, so konnte ich sehr leicht von ihnen bemerkt werden. Also ich war dumm, der dümmste von uns allen! Ich mußte dieses erfreuliche Kompliment leider hinnehmen, ohne es jetzt erwidern zu können. Am meisten machte mir der Umstand zu schaffen, daß bereits um Mittag aufgebrochen werden solle. Bis dahin also mußten die Haddedihn frei sein. Aber auf welche Weise? Jetzt erhoben sich die drei Männer; ich hatte mich also gar nicht zu früh entfernt. Der, der sich für einen Dschiaf ausgegeben hatte, sagte: »Geht! Ich werde erst nach den Pferden sehen.« Ihm folgte ich von weitem. Er führte mich, freilich ohne sein Wissen, nach einer Bodensenkung, auf deren Sohle ein Wässerchen floß. Hier waren über achtzig Pferde an die Stämme der Bäume und Sträucher gebunden, und zwar in je einer solchen Entfernung, daß sie genug Grünes fanden, ohne sich nahe kommen zu können. Der Platz war hell und sonnig, und vom ersten bis zum letzten Pferde hatte man vielleicht achthundert Schritte zu gehen. Ich konnte von oben alles genau betrachten. Es waren ganz prachtvolle Pferde da, und im Geiste las ich mir schon die sechs besten aus. Am meisten befriedigte es mich, daß nur ein einziger Kurde die Aufsicht über die Tiere hatte. Es war gar nicht schwer, ihn zu überwältigen. Mein unfreiwilliger Führer machte sich mit einem Braunblässen zu schaffen, der vielleicht das beste Pferd des ganzen Trupps war. Jedenfalls war er der Herr desselben und ich beschloß, ihm um seines liebenswürdigen Kompliments willen Gelegenheit zu geben, auf seinen eigenen Beinen nach Hause zu reiten. Er sprach einige Worte mit der Wache und ging dann dem Lager zu. Ich folgte ihm auch jetzt und hatte nun die Ueberzeugung, daß mir in der weiteren Umgebung des Lagers kein Mensch mehr begegnen würde. Ich konnte mich also in die unmittelbare Nähe desselben wagen. Nach einer sorgfältigen und sehr langsamen Rekognoszierung hatte ich sechzehn Hütten gezählt, die unter den Bäumen eine Art von Halbkreis bildeten. In der größten Hütte wohnte jedenfalls Scheik Gasahl Gaboya, denn sie war an ihrer Spitze mit einem alten Turbantuche geschmückt. Sie stand auf dem innersten Punkte des Halbkreises, so daß ich ihr leicht nahe kommen konnte, und neben ihr erhob sich die, in der sich die Gefangenen befanden; denn vor derselben saßen zwei Kurden, mit den Gewehren im Arme. Jetzt konnte ich zu Halef zurückkehren. Er saß noch auf dem Baume, von dem er nun herabstieg. Ich setzte ihm meinen freilich sehr kühnen und gefährlichen Befreiungsplan auseinander, dann versteckten wir uns an einem Platz, wo wir den Weg überblicken konnten. Und mit Ungeduld warteten wir auf die Zeit des Handelns. Ein solches Warten hat stets etwas Aufregendes, Verzehrendes, während der Augenblick der Tat die Nerven kalt und ruhig macht. Gegen zwei Stunden waren vergangen, da sahen wir ganz unten einen einzelnen Reiter erscheinen. »Dieser wird die Ankunft verkünden sollen,« meinte Halef. »Möglich. Hast du die hohe Eiche gesehen oberhalb der Einsenkung, in der sich die Pferde befinden?« »Ja, Sihdi.« »Schleiche dich jetzt hin und erwarte mich dort. Ich muß hören, was dieser Reiter zu sagen hat. Hier, nimm Dojan mit. Ich kann ihn jetzt nicht brauchen. Auch die Gewehre nimm zu dir!« Er nahm den Hund und entfernte sich; ich aber beeilte mich, dem Zelte des Scheik so nahe zu kommen, daß ich hören konnte, was gesprochen wurde. Es gelang mir, soweit dies möglich war. Kaum hatte ich hinter einem Baumstamme Posto gefaßt, so kam der Reiter herangaloppiert. Er sprang vom Pferde. »Wo ist der Scheik?« hörte ich ihn fragen. »Dort in seinem Zelte!« Gasahl Gaboya trat heraus und ihm entgegen. »Was bringst du?« »Die Krieger werden gleich erscheinen.« »So habt ihr keinen der Entronnenen gesehen?« »Keinen.« »Ihr habt die Augen geschlossen gehalten.« »Wir haben gewacht die ganze Nacht und bis jetzt. Wir haben alle Seitentäler besetzt, aber niemand gesehen.« »Jetzt kommen sie!« rief es draußen vor dem Lager. Auf diesen Ruf eilte alles hinaus auf die Lichtung; sogar die beiden Wächter schlossen sich an. Sie wußten ihre beiden Gefangenen ja gefesselt! Die Gelegenheit war günstiger, als ich gehofft hatte. Mit einem Sprunge stand ich hinter dem Zelte der Gefangenen – zwei Messerschnitte, und ich befand mich in dem Innern desselben. Da lagen sie nebeneinander, an Händen und Füßen gebunden. »Mohammed Emin, Amad el Ghandur, auf! Schnell!« Zwei Sekunden genügten, die Stricke zu durchschneiden. »Kommt, schnell!« »Ohne Waffen?« fragte Mohammed Emin. »Wer hat sie euch abgenommen?« »Der Scheik hat sie.« Ich trat wieder hinten aus dem Zelte heraus und spähte in die Runde. Kein Mensch hatte acht auf das Lager. »Heraus und mir nach!« Ich sprang hinüber zum Zelte des Scheiks und huschte hinein, die Haddedihn mir nach. Sie befanden sich in einer fieberhaften Aufregung. Hier hingen ihre Waffen, auch zwei ausgelegte Pistolen und eine lange, persische Flinte, dem Scheik gehörig. Ich nahm Pistolen und Flinte an mich und blickte wieder hinaus; noch immer waren wir unbeachtet. Wir schlichen uns wieder hinaus und rannten dann dem Tale zu. Dies war wohl fünf Minuten entfernt, aber in zwei Minuten waren wir bei Halef. »Maschallah! Wunder Gottes!« rief er. »Jetzt zu den Pferden!« sagte ich. Der Wächter saß unten, mit dem Rücken gegen uns gekehrt. Auf einen Wink sprang der Hund hinab, und sofort lag der Mann am Boden. Er hatte einen Schrei ausgestoßen, zu einem zweiten hatte er wohl den Mut nicht. Ich bezeichnete die sechs besten Pferde und rief Amad el Ghandur zu: »Halte sie einstweilen! Halef, Mohammed, schnell die andern in den Wald!« Die beiden verstanden mich sofort. Eben erhob sich hinter uns ein lautes Bewillkommnungsgeschrei, als wir von Pferd zu Pferd sprangen, um die Leinen durchzuschneiden. Fünfundzwanzig Leinen pro Mann, das war sehr schnell abgetan, dann jagten wir die freien Tiere mit Schlägen und Steinwürfen in den Wald. Amad el Ghandur hatte Mühe, seine sechs Tiere festzuhalten. Ich hatte drei Gewehre umzuhängen und zwei Pistolen einzustecken. Dann bestieg ich den Blässen und nahm noch ein zweites Pferd an die Leine. »Auf und vorwärts! Es ist die höchste Zeit!« Ohne mich umzusehen, trieb ich meine Pferde die steile Böschung empor; dann nahm der schützende Wald uns auf. Hier ging es wegen des bösen Bodens nur langsam vorwärts, zumal wir einen Umweg machen mußten. Doch gelangten wir bald auf einen besseren Pfad, wo wir unsere Tiere ausgreifen lassen konnten. Da hörten wir hinter uns ein lautes Geschrei, aber uns blieb keine Zeit, über dessen wahre Ursachen Vermutungen anzustellen. Vorwärts! Wir hatten einen weiten Bogen zu reiten gehabt, und ganz dahinten, wo dieser Bogen begann, zeigten sich jetzt zwei Reiter. Sobald sie uns bemerkten, kehrte der eine wieder um, während der andere uns folgte. »Galopp, den schärfsten Galopp, sonst komm‘ ich um meinen Hengst!« rief ich. »Wir werden die Bebbeh gleich auf den Hacken haben!« Unsere Wahl war eine gute gewesen, denn die Pferde zeigten sich als vorzügliche Renner. Bald kam unsere Waldecke in Sicht. Wir erreichten sie und hielten hinter den Bäumen an. Ich sah nur Allo. »Wo ist der Emir?« fragte ich ihn. »Droben beim Pferde.« »Hier hast du eine Flinte. Steige auf diesen Fuchs; er ist dein!« Ich gab ihm die Flinte des Scheiks und rannte dann bergauf, der Höhle zu. Sie war eine Viertelstunde entfernt, aber ich glaube, ich war nicht später als in fünf Minuten oben. Da saß Lindsay. »Schon da, Master? Oh! Ah! wie gegangen, heh?« »Gut, gut! Aber wir haben jetzt keine Zeit, denn wir werden verfolgt. Rennt aus allen Leibeskräften hinab, Sir; unten steht ein Pferd für Euch!« »Verfolgt? Ah! Schön! Prächtig! Pferd für mich? Gut! Well!« Er stürzte mehr, als er ging, den Berg hinab. Ich band meinen Rappen ab und führte ihn den Berg hinunter. Das ging leider nicht so schnell, als ich es wünschte, und als ich unten anlangte, saßen die andern schon längst auf ihren Tieren, und Halef hielt das sechste Pferd an der Hand. »Das dauerte lang, Effendi,« sagte Mohammed Emin. »Sieh, es ist bereits zu spät!« Er deutete hinaus, wo eben der erste Reiter, welcher uns gefolgt war, sichtbar wurde. Ich blickte ihn scharf an und erkannte meinen Mann. »Erkennt ihr diesen Menschen?« fragte ich. »Ja, Sihdi,« antwortete Halef. »Es ist der Dschiaf von gestern.« »Er ist ein Bebbeh und hat uns verraten. Laßt ihn vorüber, und dann wird er unser.« »Aber wenn mittlerweile die andern kommen?« »So schnell geht das nicht. – Sir David! Wir reiten voran und nehmen diesen Reiter zwischen uns. Will er sich wehren, so schlagen wir ihm die Waffen aus der Hand.« »Schön, Master! Prächtig! Yes!« Jetzt verschwand der Bebbeh hinter der nächsten Krümmung des Weges, und wir verließen unser Versteck. Als ich mit Lindsay diese Krümmung erreichte, waren wir ihm auf fünfzig Schritte nahe. Er hörte uns kommen und drehte sich um. Er erkannte uns und war über unsern Anblick so erschrocken, daß er unwillkürlich sein Pferd anhielt. Er hatte uns vor sich geglaubt und erblickte uns nun hinter sich. Ehe er die Fassung wieder erlangte, hatten wir ihn gepackt. Da griff er nach dem Messer. Ich faßte seine Faust und drückte sie ihm so, daß er es fallen ließ. Und während Lindsay ihm die Lanze entwand, zerschnitt ich den Riemen, an dem seine Flinte ihm über den Rücken hing; sie fiel herab. Er war entwaffnet und sein Pferd jagte mit den unsrigen in vollem Lauf dahin. Da ergab er sich in sein Schicksal. So ging es immer dem Süden zu, und als wir einen tüchtigen Vorsprung gewonnen zu haben glaubten, mäßigten wir unser Tempo, und Allo ritt als Wegweiser voran. »Was tun mit diesem Kerl, Master?« fragte nun Lindsay. »Bestrafen!« »Yes! Falscher Dschiaf! Welche Strafe?« »Weiß es nicht. Wir werden darüber beraten.« »Schön! Session! Oberhaus! Unterhaus! Well! Wie habt Ihr die Haddedihn losgemacht?« Ich erzählte es ihm in kurzen Umrissen. Als ich an das Unschädlichmachen der Pferdewache kam, hielt ich plötzlich in meinem Berichte inne. »O wehe! Was habe ich getan!« »Was, Master? War ja alles gut!« »Ich habe in der Eile vergessen, meinen Hund von dem Manne wegzurufen!« »Oh! Ah! Unangenehm! Wird nachkommen!« »Nie! Er ist bereits tot, und die Wache auch.« »Warum gleich tot?« »Sobald er angerührt oder sonst bedroht wird, zerreißt er dem unter ihm liegenden Mann die Gurgel. Dann werden ihn die Bebbeh natürlich erschossen haben. Ich könnte wahrhaftig nur dieses Hundes wegen umkehren und mich in die größte Gefahr begeben. Aber leider wäre es erfolglos!« Ueber den Verlust des treuen, klugen Hundes geriet auch Halef in Bestürzung, und ich verbrachte die noch übrigen Stunden des Nachmittags in tiefer Verstimmung. Am Abend machten wir Halt, und nun erst wurde der Bebbeh gefesselt. Trotz unserer Eile hatte Halef Zeit gehabt, dem ledigen Pferde den erst angeschnittenen Rehbock aufzuladen, und so war für einen hinreichenden Imbiß gesorgt. Nach dem Mahle wurde der Gefangene ins Verhör genommen. Er hatte bisher noch kein Wörtchen gesprochen. Jedenfalls ließ er nur deshalb alles so geduldig über sich ergehen, weil er hoffte, daß die Seinen sehr bald erscheinen und ihn befreien würden. »Höre, Mann,« begann ich die Verhandlung, »was bist du? Ein Dschiaf oder ein Bebbeh?« Er antwortete nicht. »Beantworte meine Frage!« Er zuckte nicht mit der Wimper. »Halef, nimm ihm den Turban ab und schneide ihm die Haarlocke herunter!« Das ist die größte Entehrung, die einem Kurden und überhaupt einem Muselmann widerfahren kann. Als Halef, das Messer in der Rechten haltend, mit der Linken nach der Locke griff, bat der Mann: »Herr, laß mir mein Haar! Ich will antworten.« »Gut! Welchen Stammes bist du?« »Ich bin ein Bebbeh.« »Du hast uns gestern belogen!« »Einem Feinde braucht man nicht die Wahrheit zu sagen.« »Deine Grundsätze sind diejenigen eines Schurken. Du hast ferner das, was du behauptetest, bei dem Barte des Propheten beschworen!« »Einen Schwur, den man einem Ungläubigen gibt, braucht man nicht zu halten.« »Du hast ihn auch Gläubigen gegeben; es sind deren vier unter uns!« »Das geht mich nichts an.« »Ferner hast du mich einen Dummkopf genannt!« »Das ist eine Lüge, Herr!« »Du sagtest, wir alle seien dumm, ich aber sei der allerdümmste! Es ist wahr, denn diese meine eigenen Ohren haben es gehört – hinter dem Lager, als ihr dort die Pilze schnittet. Ich lag hinter dem Busche und hörte euch zu; dann nahm ich euch eure Gefangenen und eure Pferde. Du magst also sehen, ob ich wirklich ein so großer Dummkopf bin!« »Verzeihe, Herr!« »Ich habe dir nichts zu verzeihen, denn das Wort aus deinem Munde kann einen Emir aus Frankhistan nie beleidigen. Gestern ließ ich dich frei, weil du mir leid tatest; heut befindest du dich wieder in meiner Hand. Wer ist da wohl der Kluge von uns? – Bist du der Bruder des Scheik Gasahl Gaboya?« »Ich bin es nicht.« »Hadschi Halef, schneide ihm die Locke ab!« Das half auf der Stelle. »Wer hat dir gesagt, daß ich es bin?« fragte er. »Einer, der dich kennt.« »So sage, welches Lösegeld verlangst du?« »Ihr wolltet für diese beiden Männer« – ich deutete auf die Haddedihn – »Lösegeld verlangen; ihr seid Kurden. Ich nehme nie ein Lösegeld, denn ich bin ein Christ. Ich nahm dich nur deshalb gefangen, um dir zu zeigen, daß wir mehr Klugheit, Mut und Geschick besitzen, als ihr denkt. Wer hat heute zuerst bemerkt, daß die Gefangenen fort waren?« »Der Scheik.« »Wie bemerkte er es?« »Er trat in sein Zelt, da fehlten die Waffen der Gefangenen und auch die seinigen.« »Ich habe sie genommen.« »Ich denke, ein Christ nimmt nie etwas!« »Das ist richtig. Ein Christ nimmt nie unrechtes Gut, aber er läßt sich auch von keinem Kurden berauben. Ihr habt uns unsere Pferde erschossen, die uns lieb waren, und ich habe dafür sechs andere genommen, die uns nicht lieb sind. Wir hatten in unsern Satteltaschen viele Dinge, die wir notwendig brauchen; ihr habt sie genommen, und dafür habe ich mir die Flinte und die Pistolen des Scheik angeeignet. Wir haben getauscht; ihr habt diesen Tausch mit Gewalt begonnen, und ich habe ihn mit Gewalt beendet.« »Unsere Pferde sind besser, als die eurigen waren!« »Das geht mich nichts an, denn ehe ihr die unserigen getötet habt, fragtet ihr auch nicht danach, ob sie schlechter waren, als diejenigen, die ich euch dafür nehmen würde. Warum wurde mein Pferd nicht erschossen?« »Der Scheik wollte es haben.« »Glaubte er wirklich, daß er es bekommen werde? Und wenn dies der Fall gewesen wäre, so hätte ich es mir sicher wieder geholt. Wer entdeckte heute die Abwesenheit der Pferde?« »Auch der Scheik. Er lief in das Zelt der Gefangenen, und als dieses leer war, rannte er zu den Pferden; sie waren fort.« »Fand er gar nichts?« »Den Wächter, der unter einem Hunde lag.« »Was geschah mit ihm?« »Er wurde unter dem Hunde liegen gelassen zur Strafe dafür, daß er nicht aufgepaßt hatte.« »Fürchterlich! Seid ihr Menschen?« »Der Scheik hat es so geboten.« »Was wird da mit dir geschehen, der du auch nicht aufgepaßt hast? Ich habe hinter dem Kirschlorbeer gelegen, einen einzigen Schritt von dir entfernt; ich bin dann hinter dir zu den Pferden gegangen, von denen ich nicht wußte, wo sie waren, und dann bin ich dir nach dem Lager gefolgt.« »Herr, laß das den Scheik nicht wissen!« »Sei ohne Sorge! Ich habe es nur allein mit dir zu tun. Ich werde jetzt meinen Gefährten deine Antworten sagen, und dann mögen sie dein Urteil sprechen. Du sollst nicht von uns zwei Christen, sondern von diesen vier Muselmännern gerichtet werden!« Ich verdolmetschte meine Unterredung mit dem Bebbeh in das Arabische. »Was willst du mit ihm tun?« fragte mich Mohammed. »Nichts,« erwiderte ich ruhig. »Emir, er hat uns belogen, betrogen und dem Feinde in die Hand geliefert. Er hat den Tod verdient.« »Und was noch mehr ist,« fügte Amad el Ghandur hinzu, »er hat bei dem Barte des Propheten falsch geschworen. Er hat den dreifachen Tod verdient.« »Was sagst du dazu, Sihdi?« fragte Halef. »Jetzt nichts. Bestimmt ihr, was mit ihm werden soll!« Während die vier Mohammedaner beratschlagten, erkundigte sich auch der Engländer bei mir: »Nun? Was wird mit ihm?« »Ich weiß es nicht. Was würdet Ihr mit ihm tun?« »Hm! Niederschießen!« »Haben wir das Recht dazu?« »Yes! Sehr!« »Der Weg des Rechtes ist folgender: Wir beschweren uns bei unsern Konsulaten; von da geht die Beschwerde nach Konstantinopel, und dann erhält der Pascha von Sulimania den Befehl, den Uebeltäter zu bestrafen – wenn er ihn nicht belohnen soll.« »Schöner Weg des Rechtes!« »Aber der allein erlaubte für uns als Bürger unserer Staaten. Und ferner: Was werdet Ihr als Christ mit diesem Feinde tun?« »Geht mir mit Euren Fragen, Master! Ich bin Englishman. Macht, was Ihr wollt!« »Und wenn ich ihn nun laufen lasse?« »So mag er laufen! Ich fürchte mich nicht vor ihm; er braucht also meinetwegen nicht ganz totgeschlagen zu werden. Macht es lieber möglich, daß ich ihm meine Nase aufhängen kann; das wäre die beste Strafe für diesen Menschen, der uns gestern eine Nase gedreht hat, welche zwanzigmal imposanter war, als die meinige! Yes!« Der Bebbeh schien mittlerweile die Geduld zu verlieren. Er wandte sich in der jetzt eintretenden Pause wieder an mich: »Herr, was wird mit mir geschehen?« »Das wird ganz auf dich ankommen. Von wem willst du gerichtet sein? Von den vier Männern, die ihr Gläubige nennt, oder von den zwei Männern, denen ihr den Schimpfnamen »Giaur« zu geben pflegt?« »Chodih, ich bete zu Allah und dem Propheten; es mögen nur solche Männer über mich bestimmen, welche wahre Gläubige sind!« »Du sollst deinen Willen haben! Wir beide hätten dir verziehen und dich morgen früh zu den Deinigen zurückkehren lassen. Ich sage mich los. Mag dir werden, was du gewünscht hast, und mögest du nicht bereuen, das Wort eines Christen bezweifelt und seine Nachsicht von dir gewiesen zu haben!« Endlich waren die anderen zu einem Entschluß gekommen. »Emir, wir erschießen ihn!« sagte Mohammed. »Das leide ich auf keinen Fall!« antwortete ich. »Er hat den Propheten geschändet!« »Seid ihr die Richter darüber? Er mag dies mit dem Imam, mit dem Propheten oder mit seinem Gewissen abmachen!« »Er hat den Spion gemacht und uns verraten!« »Hat einer von uns sein Leben dadurch verloren?« »Nein; aber wir haben anderes verloren.« »Wir haben Besseres dafür genommen. Hadschi Halef Omar, du kennst meine Meinung; es betrübt mich, dich so blutgierig zu sehen.« »Sihdi, ich wollte es nicht!« entschuldigte er sich eifrig. »Nur die Haddedihn und der Bannah wollten es.« »So ist meine Meinung, daß der Bannah hierbei nichts zu sagen hat. Er ist unser Führer und wird dafür bezahlt. Aendert euer Urteil!« Sie flüsterten von neuem zusammen; dann teilte mir Mohammed Emin das Resultat mit: »Emir, wir wollen sein Leben nicht, aber er soll entehrt werden. Wir nehmen ihm die Locke und schlagen ihn mit Ruten in das Gesicht. Wer solche Schwielen trägt, hat keine Ehre mehr.« »Das ist noch fürchterlicher als der Tod und hat doch keinen Erfolg. Ich habe einem Bebbeh Ohrfeigen gegeben, weil er meinen Glauben beleidigte, und gestern kämpfte er doch an der Seite des Scheiks gegen mich. Haben ihn also diese Schläge geschändet?« »Die abgeschnittene Locke wird ihn sicher schänden!« »Er wird den Turban aufbehalten, so daß man es nicht sieht.« »Du selbst wolltest sie ihm doch vorhin abschneiden lassen!« »Nein; ich hätte es nicht getan. Es war nur eine Drohung, um ihn zum Sprechen zu zwingen. Ueberhaupt – warum wollt ihr diese Bebbeh noch mehr gegen uns erbittern? Sie fühlen sich im Rechte gegen uns, weil sie glauben, daß wir Verbündete der Bejat gewesen sind. Sie können es nicht wissen, daß wir einen solchen Raubzug nie gebilligt hätten; sie können es nicht wissen, daß ich dem Khan Heider Mirlam offen in das Gesicht gesagt habe, ich hätte die Bebbeh gewarnt, wenn es mir möglich gewesen wäre; sie haben uns bei Räubern getroffen und behandeln uns als Räuber. Jetzt sind wir ihnen glücklich entkommen, und vielleicht lassen sie von uns ab; wollt ihr sie durch eure Grausamkeit zwingen, uns weiter zu verfolgen?« »Emir, wir waren ihre Gefangenen; wir müssen uns rächen!« »Auch ich war Gefangener, öfters als ihr; aber ich habe mich nicht gerächt. Der Raïs von Schohrd, Nedschir-Bey, nahm mich gefangen. Ich befreite mich selbst und verzieh ihm; dann wurde er mein Freund. War das nicht besser, als wenn ich eine Blutschuld zwischen uns gelegt hätte?« »Emir, du bist ein Christ, und die Christen sind entweder Verräter oder Weiber!« »Mohammed Emin, sage dies noch einmal, so geht dein Weg von dieser Minute an nach rechts und der meinige nach links. Ich habe nie deinen Glauben geschmäht; warum tust du es mit dem meinen? Hast du jemals mich oder diesen David Lindsay-Bey als einen Verräter oder ein Weib gesehen? Ich könnte jetzt recht gut den Islam beleidigen; ich könnte sagen: die Moslemin sind undankbar, denn was ein Christ für sie tut, das vergessen sie. Aber ich sage es nicht, denn ich weiß, wenn einer sich einmal von seinem Fleische hinreißen läßt, so gibt es doch viele, die sich beherrschen können!« Da sprang er auf und streckte mir beide Hände entgegen. »Emir, verzeihe mir! Mein Bart ist weiß und der deinige noch dunkel, aber obgleich dein Herz jung und warm ist, so hat doch dein Verstand die Reife des Alters. Wir geben dir diesen Mann. Tue mit ihm nach deinem Wohlgefallen!« »Mohammed, ich danke dir! Ist auch dein Sohn einverstanden?« »Ich bin es, Effendi,« antwortete Amad el Ghandur. Nun wandte ich mich erfreut zu dem Gefangenen: »Du hast uns einmal Lügen gesagt. Willst du mir versprechen, heute mit mir die Wahrheit zu reden?« »Ich verspreche es!« »Wenn ich dir jetzt deine Fesseln nehme und du mir versprichst, dennoch nicht zu entfliehen, würdest du dein Wort halten?« »Herr, ich verspreche es!« »Nun wohl; diese vier Moslemim haben dir deine Freiheit wieder gegeben. Heute bleibst du noch bei uns, und morgen kannst du gehen, wohin es dir beliebt.« Ich band seine Hände und Füße los. »Herr,« sagte er, »ich soll dich nicht belügen, und nun sagst du selbst mir die Unwahrheit.« »Inwiefern?« »Du sagst, diese Männer hätten mir die Freiheit gegeben, und das ist nicht wahr. Nur du allein hast sie mir gegeben. Sie wollten mich erst erschießen; dann wollten sie mich peitschen und mir den Schmuck des Gläubigen nehmen; du aber hast dich meiner erbarmt. Ich habe jedes Wort verstanden, denn ich spreche das Arabische ebenso gut wie das Kurdische. Und nun weiß ich auch aus deinen Worten, daß ihr den Bejat nicht geholfen habt, sondern Freunde der Bebbeh gewesen seid. Emir, du bist ein Christ; ich habe die Christen gehaßt: heute lerne ich sie besser kennen. Willst du mein Freund und Bruder sein?« »Ich will!« »Willst du mir vertrauen und hier bleiben, obgleich morgen eure Verfolger hier eintreffen werden?« »Ich vertraue dir!« »Reiche mir deine Hand!« »Hier ist sie! Aber werden auch meine Gefährten sicher sein?« »Ein jeder, der zu dir gehört. Du hast kein Lösegeld von mir gefordert; du hast mir erst das Leben und dann die Ehre gerettet; dir und den Deinen soll niemand ein Haar krümmen!« So waren wir denn auf einmal aller Sorgen ledig! Ich hatte keine Ahnung gehabt, daß dieser Mann auch Arabisch verstand; doch war ich ganz glücklich, diesem Umstande einen solchen Sieg zu verdanken. Zur Feier desselben holte ich den letzten Rest von Tabak hervor, den meine Satteltasche barg; es war nicht viel, aber der duftende Rauch bewirkte dennoch eine Stimmung, welche ganz anders war als die, mit der wir unsere »Jury« begonnen hatten. Mit frohem Mute legten wir uns schlafen und hatten dabei sogar die Kühnheit, keine Wachen auszustellen. Des andern Morgens sah die Sache etwas weniger romantisch aus als gestern Abend bei der poetischen Beleuchtung des flackernden Lagerfeuers; aber ich beschloß dennoch, dem Bebbeh ein offenes Vertrauen zu zeigen. »Du bist nun frei,« sagte ich zu ihm. »Dort steht dein Pferd, und deine Waffen wirst du auf dem Rückwege finden.« »Die Meinigen werden sie finden; ich bleibe hier,« antwortete er. »Wenn sie nun nicht kommen?« »Sie kommen!« antwortete er in sehr bestimmtem Tone, »und ich werde dafür sorgen, daß sie nicht vorüber reiten.« Wir hatten nämlich die Nacht in einem kleinen Seitentale zugebracht, welches eine solche Krümmung besaß und dessen Eingang so schmal war, daß wir selbst am Tage vom Haupttale aus nicht bemerkt werden konnten. Der Bebbeh schritt diesem Ausgange zu und nahm hier eine solche Stellung, daß er weit nach rückwärts blicken konnte. Wir anderen warteten mit Neugierde der Dinge, die da kommen sollten. »Und wenn er uns abermals betrügt?« fragte Mohammed. »Ich vertraue ihm. Er wußte ja, daß er seine Freiheit wiederbekommen solle, und brauchte mir also gar nicht zu gestehen, daß er jedes Wort unserer Unterredung verstanden habe. Ich glaube sicher, daß er es redlich meint.« »Aber wenn er uns doch hintergeht, Emir, so schwöre ich bei Allah, daß er der erste ist, den meine Kugel trifft!« »Dann verdient er es nicht anders.« Auch David Lindsay schien nicht mit sich einig zu sein. »Master, dort sitzt er am Eingange,« sagte er; »und wenn er uns abermals belügen wird, so befinden wir uns in dem schauderhaftesten Loche, das es nur geben kann. Nehmt es nicht übel, wenn ich nach meinen Waffen und nach meinem neuen Pferde sehe!« Ich hatte allerdings eine außerordentliche Verantwortlichkeit auf mich geladen, und ich gestehe gern, daß mir selbst dabei nicht ganz wohl zu Mute war; doch sollte zum Glück die Entscheidung nicht lange auf sich warten lassen. Wir bemerkten, daß der Bebbeh sich erhob und, das Auge mit der Hand beschattend, aufmerksam in die Ferne blickte; dann suchte er sein Pferd auf, um dasselbe schleunigst zu besteigen. »Wohin?« fragte ich. »Den Bebbeh entgegen,« antwortete er; »sie kommen. Erlaube, daß ich sie vorbereite, Herr!« »Tue es!« Er ritt ab. Mohammed Emin aber meinte: »Emir, wirst du nicht einen Fehler begangen haben?« »Ich hoffe, daß mein Verhalten das richtige ist. Wir haben Frieden geschlossen, und wenn ich ihm Mißtrauen zeigte, so wäre dies grad das rechte Mittel, ihn wieder zu unserem Feinde zu machen.« »Aber er war in unserer Hand und sollte uns als Geisel dienen!« »Er wird auf alle Fälle wiederkehren. Unsere Pferde stehen so, daß wir mit einem Sprunge im Sattel sein können. Haltet die Waffen bereit, aber so, daß es nicht auffällig ist.« »Was soll das nützen, Emir? Es werden ihrer viele sein, und du willst ja, daß wir nur auf die Pferde und nicht auf die Reiter schießen.« »Mohammed Emin, ich sage dir: Wenn dieser Bebbeh einen Verrat beabsichtigt, so können wir uns durch den Tod der Pferde nicht retten, und ich bin der erste, welcher sein Gewehr auf die Reiter richtet. Bleibt ihr ruhig sitzen; ich aber werde mich an dem Eingang postieren. Ihr könnt euch dann nach dem richten, was ich tue.« Ich schritt mit meinem Pferde der Enge zu, durch welche man in das Tal gelangte, stieg dann auf und nahm den Stutzen zur Hand. Mich nur wenig vorbeugend, konnte ich das Blachfeld übersehen und erblickte in nicht gar zu bedeutender Entfernung einen dichten Reitertrupp, der still hielt, um auf die Rede eines einzigen zu hören. Dieser war der Bruder des Scheik. Nach einer Weile lösten sich zwei Reiter von dem Trupp ab und ritten auf das Tal zu, während die andern auf der Stelle, die sie inne hatten, halten blieben. Ich erkannte Scheik Gasahl Gaboya mit seinem Bruder und wußte nun, daß wir nichts mehr zu fürchten hatten. Als er herangekommen war und mich erblickte, parierte er sein Pferd. Der Ausdruck seines sonnverbrannten Angesichts war noch immer kein freundlicher, und seine Stimme klang fast drohend, als er fragte: »Was willst du hier?« »Dich empfangen,« antwortete ich kurz. »Aber dein Empfang ist nicht sehr höflich, Fremder!« »Verlangst du von einem Emir aus dem Abendlande etwa, dich freundlicher zu behandeln, als du ihm entgegenkommst?« »Mann, du bist sehr stolz! Warum sitzest du zu Pferde?« »Weil auch du beritten bist.« »Komm mit zu deinen Gefährten! Dieser Mann, der der Sohn meines Vaters ist, wünscht, daß ich sehe, ob wir euch verzeihen können.« »So komm; denn auch meine Männer wollen sich beraten, ob ihr bestraft oder begnadigt werden sollt!« Das war ihm denn doch zu viel. »Mensch,« rief er mir zu, »bedenke, wer ihr seid, und wer wir sind!« »Ich bedenke es,« antwortete ich ruhig. »Ihr seid nur sechs Männer!« Ich nickte lächelnd. »Und wir sind ein ganzes Heer!« Ich nickte noch einmal. »So gehorche, und laß uns ein!« Ich nickte zum dritten Male und drängte mein Pferd zur Seite, so daß der Scheik und sein Bruder den schmalen Eingang passieren konnten. Jetzt hatten wir gewonnen; denn wenn der Scheik gegen den Willen seines Bruders die Feindseligkeit fortsetzen wollte, so war er gänzlich in unsere Hand gegeben. Beide ritten auf die Gruppe meiner Gefährten zu, stiegen ab und setzten sich nieder. Ich tat dasselbe. »Ist‘s freundlich oder feindlich, Master?« fragte mich Lindsay. »Weiß noch nicht. Wollt Ihr etwas dabei tun?« »Versteht sich! Yes!« »Nach einer Minute erhebt Ihr Euch mit der gleichgültigsten Miene —« »Well! Fürchterlich gleichgültig!« »Ihr geht zum Eingange, um Wache zu halten —« »Watchman? Sehr schön! Prächtig!« »Wenn Ihr seht, daß die Bebbeh da draußen sich in Bewegung setzen, um hierher zu kommen, so ruft Ihr —« »Yes! Werde sehr laut schreien!« »Und wenn einer von diesen beiden hinaus will, ohne daß ich es ihm erlaubt habe, so schießt Ihr ihn nieder.« »Well! Werde meinen alten shoot-stick mitnehmen. All right! Bin David Lindsay! Mache keinen Spaß! Yes!« Die beiden Bebbeh hatten diese Unterhaltung natürlich auch gehört. »Warum redet Ihr in einer fremden Sprache?« fragte mißtrauisch der Scheik. »Weil dieser tapfere Emir aus dem Abendlande nur die Sprache seines Volkes redet,« antwortete ich, indem ich auf Lindsay deutete. »Tapfer? Meinst du wirklich, daß einer von euch tapfer sei?« Und mit einer sehr geringschätzenden Handbewegung fügte er hinzu: »Ihr seid vor uns geflohen!« »Du redest die Wahrheit, o Scheik,« erwiderte ich lachend. »Wir sind euch zweimal entkommen, weil wir kühner und tapferer sind, als ihr. Kein Bebbeh ist imstande, es mit einem Abendländer aufzunehmen.« »Mann, willst du mich beleidigen?« »Gasahl Gaboya, laß deine Seele ruhig bleiben, damit du dein Auge klar erhältst! Du kommst zu uns, um über den Frieden zu verhandeln. Willst du ihn wirklich haben, so bitte ich dich, höflicher als bisher zu sein. Wir sind nur wenige Männer und du selbst sagst, daß ihr ein ganzes Heer seid; aber dieses Heer hat nicht vermocht, uns festzuhalten. Ist dies eine Schande oder eine Ehre für uns? Nicht aus Feigheit vermieden wir den Kampf mit euch, sondern weil wir euer Leben schonen wollten.« »Fremdling, du redest irre!« fiel er ein. »Meinest du? Ich habe einen Mann von euch vor mir auf meinem Pferde gehabt; dein Bruder hier ist unser Gefangener gewesen, und als wir mitten in eurem Lager waren, um unsere beiden Gefährten zu befreien, da war sogar auch dein eigenes Leben in unsere Hand gegeben. Wir haben euch geschont und wollen euch jetzt noch schonen; aber wir verlangen nun auch, daß du klug genug sein sollst, die Lage zu erkennen, in der du dich befindest.« »Ich erkenne sie. Es ist die Lage des Siegers. Ich erwarte, daß ihr mich um Verzeihung bittet und alles herausgebt, was ihr uns gestohlen habt!« »Scheik, du irrst, denn du befindest dich in der Lage des Besiegten. Nicht wir sind es, sondern du selbst bist es, der um Verzeihung zu bitten hat, und ich erwarte, daß du es augenblicklich tust!« Der Bebbeh starrte mich vor Erstaunen wortlos an; dann aber brach er in ein lautes Gelächter aus. »Fremdling, hältst du die Bebbeh für Hunde und mich, ihren Scheik, für den Bastard einer Hündin? Ich habe den Bitten dieses meines Bruders nachgegeben und bin zu euch gekommen, um die Größe eurer Schuld mit den Augen der Gnade zu untersuchen. Eure Strafe sollte milde sein. Da ihr jedoch nicht erkennen wollt, was zu eurem Heile dient, so mag der Ruf der Feindschaft zwischen uns weiter klingen, und ihr sollt erkennen, daß es nur meines Befehles bedarf, um euch zu zermalmen.« »Gib diesen Befehl, Scheik Gasahl Gaboya!« antwortete ich kalt. Da aber nahm sein Bruder zum ersten Male das Wort: »Dieser Fremdling aus dem Abendland ist mein Freund; er hat mich von der Schande und von dem Tode errettet; ich habe ihm mein Wort gegeben, daß Frieden sein soll zwischen uns und ihm, und ich werde mein Wort halten!« »Halte es, wenn du es ohne mich vermagst!« antwortete der Scheik. »Ein Bebbeh bricht niemals sein Versprechen. Ich werde an der Seite meines Beschützers bleiben, solange er sich in Gefahr befindet, und ich will doch sehen, ob die Krieger unseres Stammes es wagen, Männer anzugreifen, die sich unter meinen Schutz begeben haben.« »Dein Schutz ist nicht der Schutz des Stammes. Deine Torheit wird dein Unglück sein, denn du wirst mit diesen Leuten fallen.« Der Scheik erhob sich und trat zu seinem Pferde. »Ist dies dein Beschluß?« fragte der Bruder. »Ja. Bleibst du hier, so kann ich nichts weiter für dich tun, als daß ich den Befehl gebe, nicht auf dich zu schießen.« »Dieser Befehl wird nutzlos sein. Ich werde jeden töten, der meinen Freund bedroht, selbst wenn du es wärest, und dann wird man auch mich nicht schonen.« »Tue was du willst! Allah hat zugegeben, daß du den Verstand verlierst; er mag seine Hand über dich halten, wenn ich dich nicht mehr zu schützen vermag. Ich gehe!« Während sein Bruder bei uns sitzen blieb, stieg er zu Pferde, um das Tal zu verlassen. Da aber erhob Lindsay seine Büchse und hielt die Mündung auf die Brust des Scheik gerichtet. »Stop, old boy – halt, alter Junge!« gebot er. »Steige ab, sonst schieße ich dich ein wenig tot! Well!« Der Scheik wandte den Kopf zu mir zurück und fragte: »Was will dieser Mann?« »Dich erschießen,« antwortete ich sehr ruhig, »weil ich dir noch nicht erlaubt habe, diesen Ort zu verlassen.« Er sah aus meiner kalten, unbeweglichen Miene, daß es mir ernst war; er sah auch, daß der Engländer den Finger bereits am Drücker hatte – er drehte sein Pferd wieder zurück und rief zornig: »Fremdling, du bist ein Schurke!« »Scheik, sage dieses Wort noch einmal, so gebe ich unserem Wächter ein Zeichen, und du bist eine Leiche!« »Aber dein Verhalten ist Verrat! Ich kam als der Abgesandte meines Stammes und habe freie Rückkehr zu fordern!« »Du bist nicht der Abgesandte, sondern der Anführer deines Stammes; das Recht der Unterhändler gilt nicht für dich.« »Weißt du, was das Recht der Völker ist?« »Ich weiß es, aber dir ist es nicht bekannt. Du hast vielleicht einmal davon sprechen hören, aber dein Geist ist nicht reif genug gewesen, es zu verstehen. Das Recht, von dem du redest, befiehlt Ehrlichkeit im Kampfe; es befiehlt, den Feind zu benachrichtigen, daß man ihn anzugreifen beabsichtigt. Hast du dies getan? Nein. Du bist über uns hergefallen wie ein Räuber, wie ein Geier, der die Taube zerreißt. Nun willst du dich wundern, daß du als Räuber behandelt wirst. Du bist zu uns gekommen, weil du uns für Memmen hältst, die sich vor deiner Begleitung fürchten; du sollst jedoch das Gegenteil erfahren. Du wirst diesen Ort nur dann verlassen, wenn es mir gefällig ist. Willst du den Ausgang erzwingen, so kostet es dich das Leben. Steige also ab, und setze dich wieder zu uns. Aber vergiß nicht, daß ich Höflichkeit von dir erwarte, und daß dein Tod ganz unvermeidlich ist, wenn deine Bebbeh es wagen sollten, uns hier anzugreifen!« Er folgte zögernd meinem Befehle, konnte es aber nicht unterlassen, drohend zu bemerken: »Meine Leute würden mich furchtbar rächen!« »Wir fürchten ihre Rache nicht, das hast du bereits gesehen und wirst es auch noch weiter erfahren! Nun aber laß uns mit Besonnenheit reden über die Angelegenheit, welche dich zu uns geführt hat. Sprich, Scheik Gasahl Gaboya; aber vermeide jede Beleidigung!« »Ihr seid unsere Feinde, denn ihr habt euch den Bejat angeschlossen, um uns zu berauben – — —« »Das ist ein Irrtum. Die Bejat trafen uns während eines Nachtlagers, und ihr Scheik Heider Mirlam lud uns ein, seine Gäste zu sein. Er sagte uns, daß er zu einem Feste der Dschiaf wolle, und wir glaubten es. Hätten wir gewußt, daß es seine Absicht sei, euch zu überfallen, so hätten wir uns ihm nicht angeschlossen. Er nahm eure Herden, während wir schliefen, und als ich die Wahrheit bemerkte, habe ich ihm meinen Zorn zu erkennen gegeben. Du überfielst uns und ließest uns verfolgen; wir fürchteten uns nicht; wir schonten euch und entkamen, nachdem ich euch bewiesen hatte, daß wir unschuldig seien. Du ließest uns dennoch nicht ruhig ziehen. Du legtest uns einen Hinterhalt. Wir nahmen deinen Spion gefangen und ließen Gnade walten. Du griffst uns an, und wir schonten euer Leben. Ich kam in euer Lager; ich holte meine gefangenen Gefährten; ihr waret in meine Hand gegeben, ich aber ließ nicht einen Tropfen Blutes fließen. Ihr jagtet uns nach; wir fingen deinen Bruder, doch wurde ihm kein Haar gekrümmt. Strenge deine Gedanken an, o Scheik, und begreife, daß wir nicht als Feinde, sondern als Freunde an euch gehandelt haben! Zum Dank dafür kommst du mit bösen Worten und Beleidigungen, und statt uns um Verzeihung zu bitten, verlangst du, daß wir dies tun sollen. Allah sei Richter zwischen uns und euch! Wir fürchten euch nicht; suche ja nicht zu erfahren, daß ihr uns zu fürchten habt!« Er hatte mir nur mit halber Aufmerksamkeit zugehört und entgegnete jetzt ziemlich höhnisch: »Deine Rede ist sehr lang, Fremdling, aber alles, was du sagst, ist unrichtig und falsch.« »Beweise dies!« »Dieser Beweis fällt mir leicht. Die Bejat sind unsere Feinde; ihr wart bei ihnen, folglich seid ihr unsere Feinde. Als meine Leute euch verfolgten, schosset ihr ihnen die Pferde tot. Ist dies Freundschaft?« »War es etwa Freundschaft, daß ihr uns verfolgt habt?« »Du hast mich an den Kopf geschlagen, daß ich die Besinnung verlor. Du schlugst dann den tapfersten meiner Krieger in das Gesicht und schleudertest ihn vom Pferde wie einen verächtlichen Wurm. Ist dies etwa Freundschaft?« »Du griffst mich an, folglich schlug ich dich nieder; dein tapferster Krieger verhöhnte mich, darum zeigte ich ihm, daß er ein Wurm gegen mich sei.« »Deine Schläge waren die größte Beleidigung, die es gibt; der Beleidigte fordert dein Blut!« »Meine Schläge müssen keine Beleidigung, sondern eine Ehre für ihn gewesen sein, da du ihm dann doch noch erlaubt hast, an deiner Seite zu kämpfen. Wenn er mein Blut verlangt, so mag er kommen, um es sich zu nehmen!« »Endlich hast du uns gestern die besten unserer Pferde gestohlen. Ist dies Freundschaft?« »Ich nahm euch diese Pferde, weil ihr die unserigen erschossen habt. Alle deine Vorwürfe sind falsch und grundlos. Wir haben weder Zeit noch Lust, unsere Geduld noch länger mißbrauchen zu lassen. Sage uns kurz, was du verlangst, und dann werde ich dir eine eben solche Antwort geben!« Nun rückte der Scheik mit seinen Bedingungen heraus, indem er begann: »Ich verlange, daß ihr zu uns kommt – — —« »Weiter!« sagte ich. »Ihr übergebt uns eure Pferde, eure Waffen und alles, was ihr bei euch tragt.« »Weiter!« »Du gibst dem Manne, den du geschlagen hast, Rechenschaft!« »Weiter!« »Dann könnt ihr ziehen, wohin ihr wollt.« »Ist dies alles?« »Ja. Du siehst, daß ich sehr gnädig bin!« »Worin soll die Rechenschaft bestehen, welche ich zu geben habe?« »In einer Entschädigung, deren Höhe wir bestimmen werden. Ich hoffe, daß du zu meinem Verlangen Ja sagen wirst!« »Ich sage nicht Ja, sondern Nein. Nicht ihr seid es, sondern wir sind es, die zu fordern haben. Und übrigens ist dein Verlangen unsinnig. Wie könnte ich eine Entschädigung zahlen, wenn ihr uns bereits alles genommen hättet! Wir raten euch, uns unangefochten ziehen zu lassen; das ist das beste für euch! Bedenke, daß du dich in meiner Hand befindest!« »Willst du mich ermorden lassen?« »Nicht ermorden, sondern töten, sobald die Bebbeh die geringste Feindseligkeit gegen uns begehen.« »Sie würden mich rächen; das habe ich dir bereits gesagt!« »Sie würden dich nicht rächen, sondern nur sich verderben. Blicke her, Scheik Gasahl Gaboya! In diesem Gewehr habe ich fünfundzwanzig Kugeln und in dieser Büchse zwei; jeder dieser zwei Revolver hat sechs Kugeln, und jede deiner Pistolen, die du hier in meinem Gürtel siehst, zwei; ich kann also dreiundvierzigmal schießen, ohne zu laden. Meine Gefährten sind nicht weniger gut bewaffnet, und wir befinden uns hier an einem Orte, dessen Eingang nur je ein einzelner Feind passieren könnte. Deine Leute würden daher fallen, ohne Gelegenheit zu finden, auch nur einen einzigen von uns zu verwunden oder gar zu töten. Folge mir und der Stimme deines Bruders: laß uns in Frieden ziehen!« »Soll ich mich von den Meinigen verlachen und verhöhnen lassen? Wie kannst du so viele Kugeln in deinem Gewehre haben! Deine Worte klingen nicht, als ob du die Wahrheit redest.« »Ich lüge nicht. Die Silahdar[23 - Waffenschmiede.] des Abendlandes sind geschickter als die eurigen. Blicke genau her; ich will dir diese Gewehre erklären!« Ich zeigte ihm die Einrichtung des Repetierstutzens und der Revolver, und seine besorgter werdende Miene bewies mir, daß meine Taktik die richtige sei. »Allah ist allmächtig!« murmelte er. »Warum gibt er nicht seinen Gläubigen die Weisheit, solche Gewehre zu verfertigen?« »Weil sie solche Gewehre mißbrauchen würden. Allah ist allgütig und allweise; er schenkt diese Gewehre nur dem Christen, der sich ihrer erst dann bedient, wenn seine Langmut nichts mehr fruchten will. Sage, was du beschlossen hast!« »Herr, ich habe eure Waffen gesehen; sie sind vorzüglich, aber wir fürchten sie dennoch nicht. Trotzdem will ich Gnade über euch ergehen lassen, wenn ihr mir gebt, was ich jetzt fordern werde.« »Was forderst du?« »Die sechs Pferde, die ihr uns genommen habt, und den Rappen, den du reitest. Außerdem gibst du mir dieses Gewehr mit fünfundzwanzig Kugeln und die beiden Pistolen mit sechs Kugeln nebst den Waffen, die du aus meinem Zelte genommen hast. Sonst nichts!« »Du wirst keines deiner Pferde erhalten, da ihr die unserigen erschossen habt; du wirst auch den Hengst nicht bekommen, denn er ist mehr wert, als tausend Pferde der Bebbeh. Auch meine Waffen brauche ich selbst. Um dir jedoch zu zeigen, daß ich gütig bin, sollst du deine Flinte und deine Pistolen wieder erhalten, sobald ich die Ueberzeugung besitze, daß ihr uns in Frieden ziehen laßt.« »Bedenke wohl, Fremdling, was du – — —« Er hielt inne, denn draußen fiel ein Schuß, noch einer und noch mehrere. Ich wandte mich zu dem Engländer: »Was gibt‘s, Sir?« »Dojan!« antwortete er. Dieses Wort elektrisierte mich so, daß ich in der nächsten Sekunde am Eingange stand. Wirklich, es war der Windhund. Die Kurden machten Jagd auf ihn; er aber war so klug, einen Bogen zu schlagen, um sie zu umgehen; doch schien diese List keinen Erfolg zu haben. Er war so angegriffen und ermüdet, daß die kleinen, struppigen Pferde der Bebbeh eine größere Schnelligkeit entwickelten, als er. Ich bemerkte, daß er sich in der größten Gefahr befand, erschossen zu werden. Ich sprang zu meinem Pferde. »Scheik Gasahl Gaboya, jetzt kannst du sehen, was ein Emir aus dem Abendlande für Waffen hat. Aber hüte dich, den Eingang zu überschreiten. Du bist mein Gefangener, bis ich wiederkehre!« Ich bestieg das Pferd. »Wohin, Sihdi?« fragte Halef. »Den Hund beschützen.« »Ich reite mit!« »Du bleibst. Sorge dafür, daß die beiden Bebbeh nicht entkommen!« Ich ritt hinaus auf das Blachfeld und gab mit dem ausgestreckten Arme den Kurden ein Zeichen, von dem Hunde abzulassen. Sie sahen es wohl, befolgten es aber nicht. Auch der Hund erblickte mich und kam, anstatt den eingeschlagenen Bogen weiter zu verfolgen, auf mich zugerannt. Diese Richtung führte ihn ganz nahe an seinen Verfolgern vorüber. Es kam mir gar nicht in den Sinn, mir das brave Tier, welches ich bereits verloren geglaubt hatte, erschießen zu lassen. Darum hielt ich, in Schußweite angekommen, mein Pferd an und zeigte ihm den Lauf meiner Büchse. Auf dieses Zeichen stand es vollständig bewegungslos. Ich legte an und warf mit zwei Schüssen die Pferde der beiden Kurden, die dem Hunde am nächsten waren, in das Gras. Dojan kam unbeschädigt vorüber, aber die Bebbeh erhoben ein Geschrei des Zornes und kamen auf mich losgesprengt. Vor Freuden, mich wiedergefunden zu haben, war der Hund mit einem einzigen Satze bei mir auf dem Pferde; ich aber stieß ihn sofort hinab, da er verderblich werden konnte. »Buraja, buraja – herbei, hierher!« hörte ich es am Eingange des Tales rufen. Es war der Scheik, der diese Gelegenheit benutzen wollte, aus seiner nichts weniger als angenehmen Lage zu entkommen. Die Kurden vernahmen diesen Ruf, spornten ihre Pferde an und schwangen die Waffen. Ich kam ihnen natürlich zuvor und sah, als ich den Eingang erreichte, den Scheik am Boden liegen, während Halef und der Engländer beschäftigt waren, ihn zu binden. Sein Bruder stand frei daneben, und seine ganze Haltung zeigte, daß er neutral bleiben wolle. »Emir, schone meine Brüder!« bat er. »Wenn du den Scheik bewachest!« antwortete ich. »Ich werde es tun, Herr!« Ich sprang vom Pferde und gebot den Gefährten, sich hinter die Felsen des Einganges zu legen. »Schießt nur auf die Pferde!« bat ich. »Hältst du so dein Wort, Emir?« zürnte Mohammed Emin. »Der Bruder des Scheik meint es ehrlich. Die erste Salve also nur auf die Pferde; dann werden wir weiter sehen!« Dies alles war so schnell gegangen, daß die Bebbeh sich nun grad in Schußweite befanden. Ich hatte die beiden Läufe der Büchse abgeschossen und nahm den Stutzen zur Hand. Unsere Schüsse krachten – einmal und noch einmal. »Bounce – bardauz, da stürzen sie!« rief der Engländer. »Fünf, acht, neun Pferde! Yes!« Er erhob sich aus seiner knieenden Stellung, um, wie die andern, während ich fort schoß, sein Gewehr wieder zu laden. Auch Allo, der Köhler, hatte mit der Flinte des Scheiks einen Schuß abgegeben. Er war schuld, daß einer der Bebbeh verwundet wurde; die andern waren ihrer Kugel sicher. Die erste Salve hielt den Anprall der Kurden so lange auf, bis wieder geladen war; die zweite aber brachte ihn vollends zum Stehen. »Come on – vorwärts!« schrie Lindsay. »Hinaus! Totschlagen diese Houndcatchers, diese Hundejäger!« Er nahm die Büchse bei dem Laufe und wollte sich wirklich auf die Kurden werfen. Ich faßte ihn aber und hielt ihn zurück. »Seid Ihr des Teufels, Sir?« rief ich. »Wollt Ihr um Eure schöne Patent-Nase kommen? Bleibt doch, wo Ihr seid!« »Warum? Der Augenblick ist gut. Drauf, Master, drauf!« »Unsinn! Hier sind wir sicher, draußen aber nicht.« »Sicher? Hm! So legt Euch auf das Kanapee und haltet Mittagsruhe, Master! Dummheit, die Kerle laufen zu lassen! Well!« »Nur ruhiges Blut! Seht Ihr, daß sie sich zurückziehen? Sie haben eine gute Lehre erhalten, an die sie denken werden.« »Schöne Lehre! Kostet sie nur ein paar Pferde!« Da legte mir der Bruder des Scheiks die Hand auf den Arm. »Emir,« sagte er, »ich danke dir! Du konntest so viele und noch mehr von ihnen töten, als Pferde draußen liegen, und du hast es nicht getan. Du bist ein Christ, aber Allah wird dich schützen!« »Siehst du ein, daß unsere Waffen den euren überlegen sind?« »Ich sehe es.« »So geh hinaus zu den Bebbeh und erzähle es ihnen!« »Ich werde es tun. Was wird aber mit dem Scheik?« »Er bleibt hier. Ich gebe dir eine ganze Viertelstunde Zeit. Bist du dann noch nicht mit der Botschaft des Friedens zurückgekehrt, so wird der Scheik an dieser Wurzel da oben aufgehängt. Zweifle nicht daran! Ich bin es müde, mit einem unverständigen Feinde zu kämpfen.« »Und wenn ich Frieden bringe?« »So gebe ich den Scheik frei.« »Und was er von dir verlangte?« »Gebe ich nicht.« »Auch nicht seine Flinte und seine Pistolen?« »Nein. Er trägt die Schuld des Angriffes, den wir soeben abgeschlagen haben; er hat nicht die geringste Nachsicht mehr zu erwarten. Wir sind die Sieger. Tue, was du willst!« Er ging, und ich hatte nur zunächst darauf Bedacht, meine Gewehre wieder zu laden. Dabei lag mir der Hund zu Füßen und winselte vor Freude, obgleich ihm vor Erschöpfung die Zunge aus dem Maule hing. »Was denkst du, Emir,« fragte Amad el Ghandur; »hat er den Wächter der Pferde erbissen, bei dem er zurückgeblieben ist?« »Ich hoffe es nicht. Ich will annehmen, daß er den Mann verlassen hat, weil ihm die Zeit zu lang geworden ist. Er hat den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht bei ihm gewacht; das arme Tier ist fürchterlich ermattet. Halef, gib ihm zu fressen! Erst später wird er Wasser lecken dürfen.« Der Scheik lag gebunden am Boden und sprach kein Wort; aber seine Augen folgten jeder unserer Bewegungen. Man sah es ihm an, daß er niemals unser Freund sein könne. Wir harrten mit Spannung auf den Bescheid, den wir von den Bebbeh erhalten würden. Sie hielten eng beieinander, und wir sahen aus der Lebhaftigkeit ihrer Gestikulationen, daß ihre Beratung eine stürmische sei. Endlich kehrte unser Bote zurück. »Ich bringe den Frieden, Herr,« sagte er. »Unter welcher Bedingung?« »Unter keiner.« »Das hatte ich nicht erwartet. Du scheinst sehr eifrig für uns gesprochen zu haben. Ich danke dir!« »Verstehe mich wohl, ehe du mir dankest, Herr! Ich bringe dir zwar den Frieden, aber auch die Bebbeh gehen auf keine Bedingung ein.« »Ah! Und das nennen sie einen Frieden? Gut, so werde ich mich sicher stellen. Sage ihnen, daß ich den Scheik, deinen Bruder, als Geisel mit mir nehmen werde.« »Wie lange wirst du ihn behalten?« »So lange als es mir gefällt; so lange, bis ich sicher bin, daß ich nicht verfolgt werde. Dann wird er unbeschädigt entlassen.« »Ich glaube dir. Erlaube, daß ich es meinen Brüdern sage!« »Gehe hin und gebiete ihnen, sich bis an die Berge zurückzuziehen, welche die Ebene dort begrenzen. Sobald ich merke, daß sie uns folgen, stirbt der Scheik.« Er ging, und bald sahen wir, daß alle Bebbeh, beritten und unberitten, langsam nach Norden zogen. Er selbst aber kam wieder, um sein Pferd zu holen. »Emir,« sagte er, »ich war dein Gefangener; gibst du mich frei?« »Ja. Du bist mein Freund. Hier nimm die Pistolen deines Bruders. Nicht ihm, sondern dir gebe ich sie zurück. Die Flinte aber bleibt das Eigentum des Mannes, dem ich sie geschenkt habe.« Er blieb bei uns, bis man den Scheik auf sein Pferd gebunden hatte und wir vollständig marschbereit waren. Dann reichte er mir die Hand. »Lebe wohl, Herr! Allah segne deine Hände und deine Füße! Du nimmst einen Mann mit dir, der dein Feind und nun auch der meinige ist, und dennoch empfehle ich ihn deiner Güte; denn er ist der Sohn meines Vaters.« Er sah uns lange nach, bis wir verschwunden waren; der Scheik aber hatte keinen Blick für ihn gehabt; es war sicher, daß sie Feinde geworden waren. Wir behielten die südliche Richtung bei. Halef und Allo hatten den Scheik zwischen sich genommen, und außer einigen kurzen Bemerkungen, die zuweilen nötig waren, wurde der Weg mit Schweigsamkeit verfolgt. Ich merkte es den Gefährten an, daß mein Verhalten während der letzten Tage nicht ihren Beifall hatte. Es fiel zwar keine Bemerkung darüber, aber es war aus ihren Blicken, aus ihren Mienen und aus ihrem ganzen mürrischen Wesen zu erkennen. Ein offenes Aussprechen wäre mir lieber als diese Verschlossenheit gewesen. Auch die uns umgebende Natur war keine freundliche. Wir ritten über öde Bergkuppen, nackte Hänge, finstere Schluchten; es wurde am Abend so kalt und zugig, wie im Winter, und die Nacht, welche wir zwischen zwei gegeneinander geneigten Felsen zubrachten, vermochte es nicht, eine andere Stimmung in uns zu erwecken. Kurz vor Tagesgrauen nahm ich meine Büchse, um irgend ein Wild zu beschleichen. Nach langem Suchen gelang es mir, einen armen Dachs zu schießen, den ich als einzige Beute zum Lager brachte. Die Gefährten waren bereits alle munter. Ein Blick, den Halef mir unbeobachtet zuwarf, sagte mir, daß während meiner Abwesenheit irgend etwas vorgegangen sei. Um zu erfahren, was es sei, brauchte ich gar nicht lange zu warten; denn ich hatte mich kaum niedergelassen, so fragte Mohammed Emin: »Emir, wie lange sollen wir diesen Bebbeh noch mit uns schleppen?« »Wenn du ein längeres Gespräch beabsichtigst,« antwortete ich, »so entfernt vorher den Gefangenen, der jedenfalls ebenso gut das Arabische versteht, wie sein Bruder.« »Allo mag ihn in seine Obhut nehmen.« Ich folgte diesem Vorschlage, führte den Scheik an eine entferntere Stelle und ließ ihn da in der Obhut des Köhlers, dem ich bedeutete, daß er die größte Achtsamkeit auf den Gefangenen zu verwenden habe. Dann kehrte ich zu den andern zurück. »Jetzt sind wir unbelauscht,« meinte Mohammed Emin, »und ich wiederhole meine Frage, wie lange wir den Bebbeh mit uns herumschleppen sollen.« »Warum tust du diese Frage?« »Bin ich nicht berechtigt, sie zu tun, Effendi?« »Du hast ein Recht dazu, welches ich dir nicht bestreite. Ich wollte ihn bei mir behalten, bis ich sicher sein kann, daß wir nicht verfolgt werden.« »Wie willst du diese Sicherheit erhalten?« »Dadurch, daß ich mich überzeuge. Wir setzen unsern Weg bis Mittag fort; dann nehmt ihr an einer geeigneten Stelle gleich Nachtlager, ich aber reite zurück und bin überzeugt, daß ich die Bebbeh sicher entdecken werde, falls sie uns folgen. Morgen am Vormittag bin ich wieder bei euch.« »Ist ein solcher Feind so viele Mühe wert?« »Nicht er ist es wert, aber unsere Sicherheit erfordert es.« »Warum willst du es dir und uns nicht leichter machen?« »Auf welche Weise könnte dies geschehen?« »Du weißt, daß er unser Feind ist?« »Sogar ein sehr schlimmer Feind.« »Der uns wiederholt nach dem Leben trachtete?« »Allerdings.« »Der uns sogar verriet, als er sich in unsern Händen befand; denn er rief die Seinigen herbei, als du das Tal verlassen hattest, um den Hund zu verteidigen.« »Auch dies ist richtig.« »Nach den Gesetzen der Schammar hat er mehrfach den Tod verdient.« »Gelten diese Gesetze auch hier?« »Ueberall, wo ein Schammar zu richten hat.« »Ah, ihr wollt den Gefangenen richten? – Ich denke, ihr habt ihm bereits das Urteil gesprochen! Wie lautet es?« »Der Tod.« »Warum habt ihr dies Urteil nicht bereits vollstreckt?« »Konnten wir dies tun ohne dich, Emir?« »Ihr habt nicht den Mut, das Urteil ohne mich zu vollstrecken; aber ihr habt das Herz, den Gefangenen ohne mich zu richten? O, Mohammed Emin, du gehst auf falschem Wege, denn der Tod des Gefangenen wäre auch der deinige gewesen.« »Wie willst du mir das erklären?« »Sehr leicht. Hier sitzt mein Freund David Lindsay-Bey, und hier mein tapferer Hadschi Halef Omar. Glaubst du, daß sie dir erlaubt hätten, in meiner Abwesenheit den Bebbeh zu töten?« »Sie hätten uns nicht gehindert. Sie wissen, daß wir stärker sind, als sie.« »Es ist wahr, ihr seid die tapfersten Helden der Haddedihn, aber diese beiden Männer haben noch niemals Furcht und Angst gefühlt. Was denkst du wohl, was ich getan hätte, wenn ich nach meiner Rückkehr Zeuge eures Tuns geworden wäre?« »Du hättest es nicht mehr zu ändern vermocht.« »Das ist richtig, aber es wäre euer Tod gewesen. Ich hätte das Messer vor euch in die Erde gesteckt und mit euch gekämpft als Rächer dessen, der ermordet wurde, obgleich er sich unter meinem Schutze befand. Allah allein weiß, ob es euch gelungen wäre, mich zu überwinden.« »Emir, laß uns darüber schweigen. Du siehst ja, daß wir dich fragen, bevor wir handeln. Der Scheik hat den Tod verdient; laß uns über ihn beraten!« »Beraten? Wißt ihr nicht, daß ich seinem Bruder versprochen habe, ihn unverletzt ziehen zu lassen, sobald ich überzeugt bin, daß wir nicht verfolgt werden?« »Dies war ein voreiliges Versprechen. Du gabst es, ohne uns vorher zu fragen. Bist du etwa unser Gebieter, daß du dir jetzt angewöhnt hast, ganz aus eigener Macht zu handeln?« Das war ein Vorwurf, den ich nicht erwartet hatte. Ich schwieg einige Zeit, um mein Gewissen zu prüfen; dann antwortete ich: »Ihr habt recht, wenn ihr sagt, daß ich zuweilen gehandelt habe, ohne euch zu fragen. Dies geschah aber nicht, weil ich mich für den Höchsten von euch halte, sondern aus anderen Gründen. Ihr versteht nicht Kurdisch, und ich war also stets der einzige, der mit den Kurden zu sprechen hatte. Konnte ich euch da vor jeder Frage, die ich erhielt, und bei jeder Antwort, die ich erteilte, die Worte übersetzen? Hat man bei einem Entschluß, der schnell gefaßt werden muß, bei einer Tat, die nicht den mindesten Aufschub erleiden darf, Zeit und Gelegenheit, sich mit Gefährten zu beraten, die nicht einmal eine und dieselbe Sprache reden? Ist es nicht immer zu unserm Nutzen gewesen, wenn ihr das tatet, was ich euch riet?« »Seit wir mit den Bejat zusammengekommen sind, ist dein Rat niemals ein guter gewesen.« »Ich bin mir dessen nicht bewußt, obgleich ich nicht mit euch streiten will. Ich bin nicht Allah, sondern ich bin ein Mensch, der sich irren kann. Ihr habt mir bisher die Leitung freiwillig überlassen, weil ihr Vertrauen zu mir hattet; da ich nun aber sehe, daß dieses Vertrauen verschwunden ist, so trete ich ebenso freiwillig zurück. Mohammed Emin, du bist der älteste von uns; es sei dir gern die Ehre gegönnt, unser Anführer zu sein.« Das hatten sie nicht erwartet; aber der letzte Satz schmeichelte dem alten Haddedihn zu sehr, als daß er mein Anerbieten unerörtert zurückgewiesen hätte. »Ist dein fester Wille, Emir? Und du glaubst wirklich, daß ich euer Anführer sein kann?« »Ja, denn du bist ebenso weise, wie stark und tapfer.« »Ich danke dir! Aber ich kenne das Kurdische nicht.« »Ich werde dein Dolmetscher sein.« Der gute Mann begriff nicht, daß es infolge der eigentümlichen Zusammensetzung unserer kleinen Gesellschaft gar nicht möglich war, die absolute Führung in eine bestimmte Hand zu legen. »Uebrigens,« fügte ich hinzu, »kommen wir ja sehr bald in Gegenden, wo nur Arabisch gesprochen wird.« »Sind die anderen mit deinem Vorschlage einverstanden?« fragte Mohammed. »Hadschi Halef Omar wird tun, was ich will, und den Engländer werde ich jetzt einmal fragen.« Nachdem ich dem Engländer die Sachlage erklärt hatte, entgegnete er trocken: »Macht keinen Fehler, Master! Habe längst bemerkt, daß die Haddedihn irgend etwas auf dem Herzen haben. Wir sind Christen, wir sind ihnen viel zu human. Well!« »Ihr werdet das rechte getroffen haben. Nun soll ich euch fragen, ob Ihr Scheik Mohammed als Führer anerkennt?« »Yes, wenn er die Wege weiß. Im übrigen aber kümmere ich mich den Kuckuck um einen Führer. Ich bin Englishman und tue, was mir beliebt!« »Soll ich ihm dies sagen?« »Sagt es ihm, und sagt ihm meinetwegen noch verschiedenes, was Euch beliebt. Ich bin es zufrieden, selbst wenn dieser Köhler Allo den Meister spielen will.« Ich machte diese Meinung dem Haddedihn bekannt mit den Worten: »David Lindsay-Bey ist einverstanden. Ihm ist es gleich, wer Anführer ist, du oder Allo, der Kohlenbrenner. Er ist ein Emir aus Inglistan und tut nur das, was ihm gefällt.« Mohammed Emin zog die Brauen ein wenig zusammen; seine Herrschaft geriet gleich im Anfange ins Wanken. »Wer Vertrauen zu mir hat, der wird mit mir zufrieden sein,« meinte er. »Doch jetzt wollen wir über den Bebbeh sprechen. Er hat den Tod verdient. Soll er die Kugel oder den Strick erhalten?« »Keines von beidem. Ich habe dir bereits gesagt, daß ich mich mit meinem Worte für sein Leben verbürgt habe.« »Emir, das gilt nichts mehr, denn ich bin Anführer geworden. Was der Anführer sagt, das muß geschehen!« »Was der Anführer sagt, das wird geschehen, wenn die anderen damit einverstanden sind. Ich werde nicht zugeben, daß mein Wort gebrochen wird.« »Effendi!« »Scheik Mohammed Emin!« Da zog der kleine Halef eine seiner Pistolen hervor und fragte mich: »Sihdi, wünschest du, daß ich irgend jemandem eine Kugel durch den Kopf jage? Bei Allah, ich tue es sofort!« »Hadschi Halef Omar, laß deine Waffe stecken, denn wir sind Freunde, obgleich die Haddedihn dies zu vergessen scheinen,« antwortete ich ruhig. »Herr, wir vergessen es nicht,« verteidigte sich Amad el Ghandur; »du aber darfst auch nicht vergessen, daß du ein Christ bist, der sich in Gesellschaft von wahren Gläubigen befindet. Hier gelten die Gesetze des Kuran, und ein Christ soll uns nicht hindern, sie auszuüben. Du hast schon den Bruder dieses Scheiks verteidigt; ihn selbst lassen wir uns nicht entreißen. Warum gebietest du uns, nur auf die Pferde zu schießen? Sind wir Knaben, welche ihre Waffen nur zum Spielen erhielten? Warum sollen wir Verräter schonen? Die Lehre, welcher du folgest, wird dir noch das Leben kosten!« »Schweig, Amad el Ghandur, denn du bist allerdings noch ein Knabe, obgleich du einen Namen trägst, der »Held« bedeutet! Lerne erst Männer kennen, ehe du redest!« »Herr,« rief er zornig, »ich bin ein Mann!« »Nein, denn wärest du ein Mann, so wüßtest du, daß ein solcher nie sich zwingen läßt, sein Wort zu brechen!« »Du sollst es nicht brechen, denn nur wir sind es, die den Bebbeh bestrafen.« »Ich verbiete es!« »Und ich befehle es!« rief Mohammed Emin, indem er sich zornig erhob. »Hast du hier zu befehlen?« fragte ich ihn. »Hast du hier zu verbieten?« antwortete er mir. »Ja. Mein verpfändetes Wort gibt mir das Recht dazu.« »Dein Wort gilt nichts bei uns. Wir sind es müde, uns von einem Manne regieren zu lassen, der unsere Feinde liebt. Du hast vergessen, was ich an dir tat. Ich nahm dich auf als Gast bei mir; ich beschützte dich; ich gab dir sogar das Pferd, welches mir die Hälfte meines Lebens wert war. Du bist ein Undankbarer!« Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich und daß die Hand nach dem Dolche zuckte; aber es gelang mir, mich zu bezwingen. »Nimm das Wort wieder zurück,« antwortete ich kalt, indem ich mich erhob. Ich gab Halef einen Wink und schritt dann der Stelle zu, wo der gefangene Scheik mit dem Kohlenbrenner lag. Dort setzte ich mich nieder. Keine Minute später saß auch der Engländer bei mir. »Was gibt es, Master?« fragte er. »Zounds, Ihr habt ja Wasser im Auge! Mensch, sagt mir, wen ich erschießen oder erwürgen soll!« »Den, der diesen Gefangenen anzutasten wagt.« »Wer ist es?« »Die Haddedihn. Scheik Mohammed warf mir vor, daß ich undankbar sei. Ich habe ihm den Rappen wiedergegeben.« »Den Rappen? Seid Ihr verrückt, Master, ein solches Tier zurückzugeben, nachdem es Euer festes Eigentum geworden war. Aber ich hoffe, daß es sich noch ändern läßt!« Da kam Halef herbei, zwei Pferde führend; das eine war das seinige, und das andere war das überzählige, das ich den Bebbeh genommen hatte. Es trug mein Sattelzeug, das Halef dem Rappen abgenommen hatte. Auch meinem kleinen Hadschi stand ein Tropfen im Auge, und seine Stimme zitterte, als er sagte: »Du hast recht gehandelt, Herr. Der Scheïtan ist in die Haddedihn gefahren. Soll ich die Peitsche nehmen, um ihn wieder auszutreiben?« »Ich verzeihe ihnen. Laßt uns aufbrechen!« »Sihdi, was tun wir, wenn sie den Bebbeh töten wollen?« »Wir schießen sie augenblicklich nieder.« »Das ist mir recht und lieb! Allah steinige diese Schurken!« Der Gefangene ward wieder auf sein Pferd gebunden, und wir stiegen auf: ich natürlich nicht auf den Rappen, sondern auf den Bläßfuchs, der in Deutschland ein Vierhunderttalerpferd gewesen wäre. Der kleine Zug setzte sich in Bewegung und kam an den Haddedihn vorüber, die noch im Grase saßen. Sie mochten gemeint haben, daß wir nachgeben würden. Jetzt aber, da sie sahen, daß ich Ernst machte, sprangen sie empor. »Emir, wohin willst du?« fragte Mohammed Emin. »Fort,« antwortete ich kurz. »Ohne uns?« »Wie es euch beliebt!« »Wo ist der Rappe?« »Drüben, wo er angehobbelt war.« »Maschallah, er ist ja dein!« »Er ist wieder dein. Salama – Allah gebe dir Friede!« Ich gab meinem Pferde die Sporen, und wir sausten im Trabe davon. Kaum aber hatten wir eine kleine englische Meile zurückgelegt, so kamen uns die beiden nach. Amad el Ghandur hatte den Rappen bestiegen und führte sein Pferd an der Hand. Jetzt war es ganz unmöglich geworden, den Hengst zurückzunehmen. Mohammed Emin kam an meine Seite, während sein Sohn zurückblieb. »Ich denke, ich soll der Führer sein, Emir!« begann er. »Wir brauchen einen Führer, aber keinen Tyrannen!« »Ich will den Bebbeh bestrafen, der mich und meinen Sohn gefangen nahm. Was aber habe ich dir getan?« »Mohammed Emin, du hast dir die Liebe und Achtung von drei Männern geraubt, die für dich und deinen Sohn ihr Leben wagten und bis heute für euch ohne Zaudern in den Tod gegangen wären.« »Effendi, verzeihe!« »Ich zürne dir nicht.« »Nimm den Hengst zurück!« »Niemals!« »Willst du mein Alter züchtigen und meinen grauen Bart beschämen?« »Grad dein Alter und der Schnee deines Bartes sollten dir gesagt haben, daß der Zorn nie Gutes tut.« »Soll unter den Kindern der Beni Arab allüberall erzählt werden, daß der Scheik der Haddedihn ein Geschenk zurückerhielt, weil er nicht würdig war, es zu geben?« »Man wird es erzählen!« »Emir, du bist grausam, denn du wirfst Schande auf mein Haupt.« »Du selbst hast es getan. Ich war dein Freund und ich liebte dich; auch heute verzeihe ich dir. Ich weiß, welche Schande es sein wird, wenn du zurückkehrst zu den Deinen und den Hengst wieder bringst; ich möchte dir helfen, aber ich vermag es nicht.« »Du vermagst es. Du brauchst ja nur den Hengst wieder anzunehmen.« »Ich würde es tun, dir zur Liebe und Ehre, aber es ist unmöglich geworden. Blicke zurück!« Er sah sich um, schüttelte aber den Kopf. »Ich sehe nichts. Was meinst du, Emir?« »Siehst du nicht, daß der Rappe bereits einen Besitzer hat?« »Jetzt verstehe ich dich, Effendi. Amad el Ghandur wird absteigen.« »Aber ich werde das Pferd nicht nehmen. Er hat seinen Sattel aufgelegt und das Tier bestiegen; dies ist ein Zeichen, daß ihr es von mir zurückgenommen habt. Brächtest du es mir so herbei, wie ich es dir zurückgelassen habe, ungesattelt und unberührt, so würde ich denken, daß wir Freunde waren, und ich könnte die Schmach von dir nehmen. Amad el Ghandur hat mir vorgeworfen, daß ich ein Christ bin und als solcher handle; nun wohl, er ist ein Moslem, ohne als solcher zu handeln; denn er besteigt ein Pferd, dessen Rücken einen Christen trug. Erzähle dies den Gläubigen, mit denen du zusammenkommst!« »Allah il Allah! Was haben wir für Fehler begangen!« Der alte Scheik dauerte mich, aber ich konnte ihm nicht helfen. Sollte ich eine Schande auf mich laden, um ihm die seine zu ersparen? Nein! Ich konnte gar nicht begreifen, was den beiden so verständigen Männern auf einmal in den Kopf gefahren war. Persönliche Rücksichten waren sicher nicht der Grund. Vielleicht war der Keim zu ihrem Verhalten schon lange Zeit in ihnen versteckt gewesen und von mir gepflegt worden durch die Nachsicht, mit der ich unsere Gegner behandelt wissen wollte. Die Schonung aber, die ich gegen die beiden Bebbeh gezeigt hatte, war dann der Tropfen gewesen, der das Gefäß überlaufen läßt. Aber trotzdem mir der Verlust des Hengstes zu Herzen ging, fiel es mir gar nicht ein, meine milden Anschauungen den rachsüchtigen Gewohnheiten dieser Nomaden zu opfern. Der Haddedihn ritt lange schweigend neben mir her. Endlich fragte er zagend: »Warum zürnest du so anhaltend?« »Ich zürne dir nicht, Mohammed Emin; aber es betrübt mich, daß dein Herz sich nach dem Blute derjenigen sehnt, denen dein Freund verziehen hatte.« »Wohlan, so werde ich diesen Fehler wieder gutmachen!« Er wandte sich um. Hinter mir ritt der Engländer mit Halef; dann kam Allo mit dem Gefangenen, zuletzt Amad el Ghandur. Ich wandte mich nicht zurück, weil ich glaubte, Mohammed Emin wolle mit seinem Sohne sprechen; auch Halef und Lindsay drehten sich aus demselben Grunde nicht um. Wir taten es erst, als wir die laute Stimme des Haddedihn vernahmen: »Reite zurück, und sei frei!« Der erste Blick überzeugte mich, daß er die Fessel des Gefangenen zerschnitten hatte, der seinem Pferd sofort in die Zügel griff, um im Galopp davon zu sprengen. »Scheik Mohammed, was hast du getan!« rief Halef. »Thunder storm, was fällt dem Menschen ein!« schrie der Engländer. »Habe ich recht gehandelt, Emir?« fragte Mohammed. »Wie ein Knabe hast du gehandelt!« zürnte ich. »Ich wollte deinen Willen tun,« entschuldigte er sich. »Wer hat dir gesagt, daß ich wünsche, ihn so schnell frei zu sehen? Die Geisel ist verloren, nun sind wir wieder in Gefahr!« »Allah istafer – Gott verzeihe ihm!« rief Halef. »Laßt uns dem Bebbeh nachjagen!« »Wir werden ihn nicht einholen,« wandte ich ein. »Unsere Pferde sind ihm nicht überlegen; nur der Rapphengst ist schneller.« »Amad, ihm nach!« gebot Mohammed Emin seinem Sohne. »Bringe ihn zurück oder töte ihn!« Der Angerufene wandte den Rappen und sprengte davon. Er hatte kaum fünfhundert Schritte zurückgelegt, so weigerte sich sein Pferd, ihn weiter zu tragen, doch war er nicht der Mann, sich so leicht abwerfen zu lassen; er zwang das Tier vorwärts. Natürlich ritten wir ihm nach. Er war hinter einer Krümmung verschwunden. Als auch wir dieselbe hinter uns hatten, sahen wir ihn in ziemlicher Ferne abermals mit dem edlen Tiere kämpfen. Er brachte alle seine Kraft und alle seine Geschicklichkeit zur Geltung, doch vergeblich; denn er flog endlich doch aus dem Sattel. Das Pferd aber wandte sich zurück, kam herbeigerannt und hielt an meiner Seite an, den schönen Kopf unter zärtlichem Schnauben an meinem Schenkel reibend. »Allah akbar – Gott ist groß!« meinte Halef; »er gibt einem Pferde ein besseres Herz, als viele Menschen es haben. Wie schade, Sihdi, daß deine Ehre nicht erlaubt, es wieder zurückzunehmen!« Der Haddedihn hatte einen nicht leichten Fall getan, er konnte sich nur schwer erheben; doch als ich ihn untersuchte, zeigte es sich, daß er ohne wirkliche Verletzung davongekommen war. »Dieser Hengst ist ein Teufel!« meinte er. »Er hat mich doch früher gern getragen!« »Du vergissest, daß er später mich getragen hat,« erklärte ich, »und ich habe es bisher immer verstanden, ein Pferd so zu gewöhnen, daß es nur denjenigen trägt, dem ich erlaube, es zu reiten.« »Ich besteige diesen Scheïtan niemals wieder!« »Du hättest klug getan, ihn bereits vorher nicht zu besteigen. Hätte ich in diesem Sattel gesessen, so würde uns Gasahl Gaboya nicht entkommen.« »Steige auf, Emir, und reite ihm nach!« bat Mohammed Emin. »Beleidige mich nicht!« »So soll der Bebbeh entkommen?« »Er wird es; doch nur durch deine Schuld!« »Schauderhaft!« klagte der Engländer. »Dumme Geschichte! Höchst unangenehm! Yes!« »Was ist zu tun, Sihdi?« fragte Halef. »Um den Bebbeh wieder zu erlangen? Nichts. Ich hätte ihm den Hund nachgeschickt, wenn dieser mir nicht so wertvoll wäre. Nun aber gilt es, einen Entschluß zu fassen.« Mich an die Haddedihn wendend, erkundigte ich mich: »Habt ihr heute früh, als ich fern war, um den Dachs zu schießen, in Gegenwart des Bebbeh von dem Weg gesprochen, den wir einschlagen wollen?« Sie zögerten mit der Antwort, Halef aber sagte: »Ja, Sihdi, sie sprachen davon.« »Aber nur Arabisch,« entschuldigte sich Mohammed. Wäre seine Erscheinung nicht so ehrwürdig gewesen, so wäre er einer geharnischten Zurechtweisung wohl nicht entronnen; so aber zwang ich mich zu einem ruhigen Tone: »Ihr habt nicht klug gehandelt. Was habt ihr gesagt?« »Daß wir nach Bistan gehen.« »Weiter nichts? Denke nach! Es kommt hier darauf an, jedes Wort zu wissen, das gesprochen worden ist. Eine Kleinigkeit, die ihr verschweigt, kann großen Schaden bringen.« »Ich sagte, daß wir von Bistan vielleicht nach Achmed Kulwan, jedenfalls aber nach Kizzeldschi reiten würden, um an den Kiupri-See zu kommen.« »Du warst ein Tor, Scheik Mohammed! Ich zweifle gar nicht, daß Scheik Gasahl Gaboya uns verfolgen wird. Glaubst du noch immer, unser Anführer sein zu können?« »Emir, verzeihe mir! Aber ich bin überzeugt, daß der Bebbeh uns nicht ereilen wird. Er hat zu weit zurückzureiten, um die Seinigen zu treffen.« »Meinst du? Ich bin bei vielen Völkern gewesen, deren Charakter ich kennen gelernt habe, und darum ist es nicht so leicht, mich zu täuschen. Der Bruder des Scheik ist ein ehrlicher Mann, aber er ist nicht der Anführer der Bebbeh. Er hat bei ihnen nur freien Abzug für uns erreichen können, und ich gebe meinen Kopf zum Pfande, daß sie uns gefolgt sind, ohne sich sehen zu lassen. Solange der Scheik sich in unseren Händen befand, waren wir sicher; nun aber müssen wir Besorgnis hegen. Sie werden sich rächen wollen für alles, auch für die Pferde, die wir ihnen töteten.« »Wir brauchen sie nicht zu fürchten,« tröstete Amad el Ghandur; »denn eben dieser Pferde wegen können uns nicht alle folgen. Und wenn sie kommen, werden wir sie mit unseren guten Gewehren empfangen.« »Das klingt gut, ist aber nicht so. Sie haben gesehen, daß wir ihnen im offenen Kampfe überlegen sind; sie werden uns abermals einen Hinterhalt legen oder uns gar des Nachts überfallen.« »Wir stellen Wachen aus!« »Wir sind nur sechs Mann, und wenigstens so viele Wachen brauchen wir, um uns leidlich sicher fühlen zu können. Wir müssen an etwas anderes denken.« Unser Führer, der Kohlenbrenner, hielt ein wenig seitwärts von unserer Gruppe. Er befand sich in Verlegenheit, denn er erwartete Vorwürfe darüber, daß er den Haddedihn nicht gehindert hatte, den Gefangenen zu befreien. »Wie weit nach Süden reiten die Bebbeh?« fragte ich ihn. »Bis zum See hinab,« antwortete er. »Kennen sie die Gegend genau?« »Ganz genau. Sie kennen,« sagte er, »so gut wie ich jeden Berg und jedes Tal zwischen Derghezin und Miek, zwischen Nweizgieh und Dschenawera.« »Wir müssen,« fuhr ich fort, »einen andern Weg einschlagen, als wir vorher wollten. Nach West dürfen wir nicht. Wie weit ist es von hier nach Ost bis an die Hauptkette des Zagrosgebirges?« »Acht Stunden, wenn wir durch die Luft reiten könnten.« »Da wir aber auf der Erde reiten müssen?« »Das ist verschieden. Ich kenne weiter unten einen Paß. Wenn wir gegen Sonnenaufgang reiten, so übernachten wir in einem sichern Walde und erreichen morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, das Zagrosgebirge.« »Dort muß aber wohl die persische Grenze sein, wenn ich nicht irre?« »Ja, denn dort grenzt das kurdische Land Teratul an den persischen Distrikt von Sakiz, der nach Sinna gehört.« »Gibt es dort Kurden von Dschiaf?« »Ja; aber sie sind sehr kriegerisch.« »Vielleicht nehmen sie uns dennoch gut auf, denn wir haben ihnen nichts getan. Auch ist es möglich, daß der Name des Khan Heider Mirlam uns bei ihnen als eine Empfehlung dienen kann. Führe uns zu dem Passe, von welchem du sprachst. Wir reiten nach Osten!« Dieses Gespräch war in kurdischer Sprache geführt worden; ich verdolmetschte es den Gefährten, und sie waren mit meiner Anordnung vollkommen einverstanden. Nachdem Amad el Ghandur wieder umgesattelt und sein voriges Pferd bestiegen hatte, setzten wir den Ritt fort. Mohammed Emin nahm den Hengst an die Seite. Im Laufe dieser unangenehmen Verhandlungen und Begebenheiten war eine geraume Zeit vergangen, und es war ziemlich Mittag, als wir den erwähnten Paß erreichten. Wir befanden uns mitten in den Bergen und wandten uns nun nach Ost, nachdem wir dafür gesorgt hatten, daß keine Spur diese Veränderung unserer Reiserichtung verraten könne. Bereits nach einer Stunde bemerkten wir, daß sich das Terrain wieder zu senken begann, und auf meine Erkundigung erfuhr ich von Allo, daß zwischen hier und der Zagroskette ein bedeutendes Längental quer zu durchreiten sei. Der am Morgen vorgefallene Zwist hatte in unserem sonst so brüderlichen Kreise eine tiefe Verstimmung zurückgelassen, die auf meinem Gesichte wohl am deutlichsten zu lesen war. Ich durfte mein Auge gar nicht auf den Hengst richten. Der Bläßfuchs war zwar auch kein übles Pferd, aber die Kurden verstehen ein Pferd nur zu Schanden zu reiten, und ich fühlte mich im Sattel wie ein Anfänger der edlen Turnkunst auf dem dürren Klepper, dessen verborgene Eigenschaften man erst zu studieren hat. Dem Hengst gönnte ich es freilich von ganzem Herzen, daß er jetzt so frei und leicht nebenher traben durfte. Gegen Abend erreichten wir den Wald, in dem wir unser Lager aufschlagen sollten. Wir hatten bisher keinen einzigen Menschen getroffen, waren aber auf einiges Wild gestoßen, das uns das Material zum Abendessen lieferte. Dieses wurde unter außerordentlicher Schweigsamkeit verzehrt, und dann legten wir uns zur Ruhe. Ich hatte die erste Wache und saß abseits der andern, an einen Baum gelehnt. Da kam Halef herbei, bückte sich über mich und fragte mit leiser Stimme: »Sihdi, dein Herz ist betrübt; aber ist das Pferd dir lieber als dein treuer Hadschi Halef Omar?« »Nein, Halef. Für dich würde ich zehn und noch mehr solche Pferde hingeben.« »So tröste dich, mein guter Sihdi, denn ich bin bei dir und bleibe bei dir, und kein Haddedihn soll mich von dir wegbringen!« Er legte seine Hand an seine Brust und streckte sich dann neben mir aus. Da saß ich nun in stiller Nacht, und das Herz wurde mir groß und weit unter der Gewißheit, die Liebe eines Menschenkindes zu besitzen, eines Menschenkindes, dem auch meine Zuneigung gehörte. Wie glücklich muß ein Mann sein, der eine stille Heimat hat, die unerreicht ist von der Brandung der Schicksalswogen, ein Weib, dem er vertrauen darf, und ein Kind, in welchem er sein veredeltes Ebenbild heranwachsen sieht! Auch das rauhe Herz eines Weltläufers fühlt zuweilen, daß es im Innern des Menschen hinter öden, einsamen Flächen auch Höhen gibt, welche die Sonne mit ihrem Strahle vergolden und erwärmen darf. Am andern Morgen setzten wir unsern Weg weiter fort, und es zeigte sich, daß Allo sich nicht getäuscht hatte; denn bereits noch vor Mittag lagen die Höhen des Zagros vor uns, und wir durften unsern ermüdeten Pferden eine kurze Ruhe gönnen. Wir lagerten in einem Tale, dessen steile Wände vollständig unzugänglich schienen. Wir ließen die Pferde frei weiden und lagerten uns in das hohe Gras, das so frisch und saftig war, weil das Tal von einem kleinen Bache bewässert wurde. Lindsay lag neben mir. Er knabberte an einem Knochen herum und brummte unverständliches Zeug dazu. Er war in übler Laune. Jetzt richtete er sich halb empor und deutete mit der Hand in die Richtung, der ich den Rücken zukehrte. Ich drehte mich um und erblickte drei Männer, die sich uns langsam näherten. Sie waren in dünnes, gestreiftes Zeug gekleidet, hatten keine Schuhe und keine Kopfbedeckung und waren nur mit einem Messer bewaffnet. Solchen armseligen Figuren gegenüber war es wohl nicht nötig, nach den Waffen zu greifen. Sie blieben vor unserer kleinen Gruppe stehen und grüßten ehrerbietig. »Wer seid ihr?« fragte ich. »Wir sind Kurden vom Stamme Mer Mamalli.« »Was tut ihr hier?« »Wir haben eine Blutrache und sind entflohen, um einen andern Stamm zu suchen, der uns Schutz gewährt. Wer seid ihr, Herr?« »Wir sind fremde Wanderer.« »Was tut ihr hier?« »Wir ruhen aus.« Der Sprecher schien diese kurzen Antworten gar nicht übel zu nehmen, sondern sagte: »In diesem Wasser sind Fische. Erlaubst du, daß wir uns einige fangen?« »Ihr habt ja weder Netz noch Angel!« »Wir sind geübt, sie mit den Händen zu fangen.« Auch ich hatte bemerkt, daß hier Forellen standen, und da ich neugierig war, zu sehen, wie man sie mit den Händen fangen könne, so sagte ich: »Ihr habt gehört, daß wir fremd hier sind; wir können euch das Fischen nicht verwehren.« Sofort begannen sie, mit ihren Messern Gras zu schneiden. Als sie die nötige Menge davon hatten, trugen sie Steine herbei, um eine bedeutende Krümmung des Baches abzudämmen. Zunächst wurde der untere und dann der obere Damm errichtet. Das Wasser lief ab, und nun konnte man allerdings leicht die trocken gelegten Fische ergreifen. Da die Sache trotz ihrer Einfachheit Interesse hatte, so griffen wir selbst mit zu. Der Fang war reichlich, und da die schlüpfrigen Tiere uns immer wieder entkamen, so richteten wir unsere Aufmerksamkeit mehr auf sie als auf die drei Kurden, bis plötzlich ein lauter Ruf unseres Führers erscholl: »Herr, paß auf, sie stehlen!« Ich blickte empor und sah die drei Kerls bereits auf unsern Pferden sitzen: der eine auf dem Hengste, der andere auf meinem Bläß und der dritte auf Lindsays Pferd. Sie sprengten, ehe die Gefährten sich von ihrem Schrecken erholen konnten, davon. »All devils, mein Pferd!« rief Lindsay. »Allah kerihm – Gott sei uns gnädig, der Hengst!« schrie Mohammed Emin. »Ihnen nach!« brüllte Amad el Ghandur. Ich war der einzige, welcher ruhig blieb. Wir hatten es hier weder mit Pferdedieben noch sonst gewandten Männern zu tun, sonst hätten sie uns nicht die andern Pferde zurückgelassen. »Halt! Wartet!« rief ich. »Mohammed Emin, bekennst du, daß der Rapphengst wieder dein Eigentum ist?« »Ja, Emir.« »Gut! Wiederschenken durfte ich ihn mir nicht lassen, aber leihen kann ich ihn einmal. Willst du ihn mir auf einige Minuten borgen?« »Er ist ja fort!« »Sag schnell, ob du ihn mir borgst?« »Ja, Emir.« »So kommt mir langsam nach!« Ich sprang auf das nächste beste Pferd und galoppierte den Spitzbuben nach. Was ich erwartet hatte, war bereits geschehen: eine Strecke weiter unten hing der eine Kurde mit Armen und Beinen auf dem Hengste, welcher die tollsten Sprünge machte, um den Dieb abzuwerfen. Ich war noch nicht ganz herangekommen, als der Kerl zu Boden flog. Der Rappe kam zurück und blieb auf meinen Zuruf bei mir halten. Schnell war ich im Sattel, ließ das andere Pferd stehen und trieb den Hengst vorwärts. Der Kurde hatte sich wieder aufgerafft und suchte zu entkommen. Ich zog ein Pistol hervor, faßte es am Laufe und erhob die Hand. Hart an ihm vorbeisausend, bog ich mich nieder und schlug ihm den Kolben auf den bloßen Kopf, daß er niederstürzte. Nun steckte ich das Pistol wieder ein und wand den Lasso von der Hüfte. Weit unten sah ich die beiden andern reiten. Ich legte dem Rappen die Hand zwischen die Ohren: »Rih!« Er flog dahin, schneller als ein Vogel in der Luft. In kaum einer Minute hatte ich den hintersten erreicht. »Halte an! Herab vom Pferde!« gebot ich ihm. Er blickte sich um; ich sah ihn erschrecken; aber er gehorchte nicht, sondern trieb sein Pferd zu größerer Eile an. Jetzt war ich bereits in gleicher Breite mit ihm und warf, an ihm vorüberschießend, den unfehlbaren Riemen. Ein Ruck erfolgte. Ich riß ihn eine Strecke mit vorwärts und hielt dann an, um abzuspringen. Der Mann lag regungslos am Boden. Trotz der außerordentlich kurzen Zeit war er infolge der Schnelligkeit meines Pferdes eine bedeutende Strecke mit fortgerissen worden, so daß er die Besinnung verloren hatte. Ich wand den Lasso ab, machte eine neue Schlinge, ließ den Kurden liegen, stieg wieder auf und ritt dem dritten und letzten nach. Auch ihn hatte ich bald erreicht. Das Terrain war sehr günstig, da weder rechts noch links ein Ausweg blieb. Ich gebot auch ihm, anzuhalten, fand aber kein Gehör. Da schwirrte der Lasso, und die Schlinge legte sich fest um seine Arme, welche an den Leib gezogen wurden. Noch ein paar Sprünge meines Pferdes, dann hielt ich es an; denn der Kurde lag ebenso wie der andere am Boden, nur daß er bei Besinnung war, da ich ihn nicht weit mit fortgerissen hatte. Ich sprang ab und schlang ihm den Riemen vollends um den Leib; dann richtete ich ihn empor. Sein Pferd war zitternd stehen geblieben. »Das also waren die Fische, die ihr fangen wolltet! Wie ist dein Name?« Er antwortete nicht. »Du warst ja vorhin nicht stumm. Erwarte keine Gnade, wenn du nicht antwortest! Wie heißest du?« Er schwieg auch jetzt. »So bleibe liegen, bis man die beiden andern bringt!« Ich gab ihm einen Stoß, daß er, weil er sich nicht zu rühren vermochte, steif zur Erde niederfiel. Auch ich setzte mich nieder, da ich die Gefährten von oben kommen sah. In kurzer Zeit waren wir wieder beisammen, hatten unsere Pferde wieder, die Diebe dazu, und – was uns das Willkommenste war – der wackere Allo war so weise gewesen, seine Decke abzuschnallen und, während wir Jagd auf die Kurden machten, die gefangenen Fische einzuwickeln. Er hatte sie mitgebracht, und nun wurde ein Loch in die Erde gemacht und ein Feuer darüber, um sie, wenn auch ohne Wasser und Fischgewürz, genießbar zu machen. Der gute David Lindsay hatte darob seine gute Laune wiedergefunden. In einer desto schlechteren Stimmung aber schienen sich die drei armen Teufel zu befinden, die sich das Vergnügen einer so kurzen Reitpartie gemacht hatten. Sie wagten kein Auge zu erheben. »Warum wolltet ihr uns die Pferde nehmen?« fragte ich die Gefangenen. »Weil wir sie so notwendig brauchen, da wir Flüchtlinge sind.« Das war allerdings eine Entschuldigung, die ich desto mehr geneigt war, zu berücksichtigen, als der Pferdediebstahl bei den Kurden ganz und gar nicht als ein ehrloses Gewerbe gilt. »Du bist noch jung. Hast du Eltern zurückgelassen?« »Ja, und die andern auch; dieser hier sogar sein Weib und ein Kind.« »Warum sprechen sie nicht?« »Herr, sie schämen sich!« »Du aber nicht?« »Muß nicht einer sein, der dir antwortet?« »Du scheinst kein übler Bursche zu sein, und da ihr mich dauert, so will ich sehen, ob ich bei meinen Gefährten für euch bitten kann.« Das war nun allerdings ein erfolgloses Bemühen, denn alle, auch Halef und der Engländer, bestanden darauf, daß eine Strafe unbedingt nötig sei. Lindsay wollte sie durchgeprügelt sehen, ließ aber diesen Antrag fallen, als ich ihm sagte, daß dies eine entehrende Handlung sei, während der Pferderaub als eine ritterliche Tat betrachtet werde. »Also nicht prügeln,« meinte er. »Well! Dann Schnurrbärte wegsengen! Ausgezeichnet! Pittoresk! Yes!« Ich mußte lachen und trug den andern den Plan Lindsays vor. Sie stimmten sofort ein. Die drei Männer wurden festgehalten und hatten nach Verlauf von zwei Minuten nur noch die Brandstummel ihrer Bärte im Gesicht. Dann durften sie gehen. Keiner von ihnen hatte sich gewehrt oder ein Wort gesprochen; aber als sie uns verließen, erschrak ich über die Blicke, mit denen sie Abschied von uns nahmen. Nach längerer Zeit machten auch wir uns zum Aufbruch bereit. Da trat Mohammed Emin zu mir heran: »Emir, willst du mir einen Gefallen tun?« »Welchen?« »Ich will dir für heute meinen Rappen borgen.« Der schlaue Mann! Er glaubte das Mittel gefunden zu haben, mich wieder mit sich auszusöhnen und mich nach und nach wieder in den Besitz des Pferdes zu bringen. »Ich brauche ihn nicht,« antwortete ich. »Aber es kann in jedem Augenblick die Gelegenheit kommen, ihn abermals zu gebrauchen, wie vorhin.« »Dann werde ich dich bitten.« »Es kann leicht sein, daß dir keine Zeit zu dieser Bitte bleibt. Reite ihn, Effendi, da ihn kein anderer reiten darf!« »Unter der Bedingung, daß er dein Eigentum verbleibt!« »Er soll es bleiben!« Ich war versöhnlich gestimmt und erfüllte ihm seinen Wunsch, freilich nur mit dem festen Vorsatz, das Pferd niemals wieder anzunehmen. Ich ahnte nicht, daß es anders kommen würde. Drittes Kapitel: Im Kampfe gefallen Es konnte nicht unsere Absicht sein, den Zagros zu übersteigen; vielmehr verfolgten wir das Tal, in dem wir uns befanden und das ziemlich genau nach Süden führte. Dann ritten wir über einige grüne Höhen und gelangten endlich, als die Sonne dem Untergange nahe war, an einen hohen, isolierten Felsen, hinter dessen Schutzseite wir unser Nachtlager aufzuschlagen beschlossen. Wir umritten ihn. Ich befand mich an der Spitze, bog um eine Felsenkante und – — hätte beinahe ein junges Kurdenweib überritten, das einen kleinen Knaben auf den Armen trug und heftig erschrocken war. Ganz in der Nähe stand am Saume eines Gebüsches ein steinernes Gebäude, das nicht die Wohnung eines gewöhnlichen Mannes zu sein schien. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/karl-may-2/von-bagdad-nach-stambul-21104622/) на ЛитРес. 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