Vorher Plündert Er Blake Pierce Ein Mackenzie White Krimi #9 Von Blake Pierce Bestseller Autor von VERSCHWUNDEN (ein #1 Bestseller mit über 900 Fünf Sterne Bewertungen) kommt VORHER PLÜNDERT ER, Buch #9 in der spannenden Mackenzie White Mysterie Reihe. FBI Spezialagentin Mackenzie White ist ratlos. Leichen erscheinen, unerkenntlich gemacht, ihre Körper wurden aus hohen Höhen heruntergeschleudert. Ein geistesgestörter Serienmörder, besessen von Höhen, tötet seine Opfer in den höchsten Höhen. Das Muster scheint zufällig. Ist es das?Nur in dem sie in die dunklen Kanäle des Geistes des Mörders eindringt, beginnt Mackenzie zu verstehen, was sein Motiv ist – und wo er das nächste Mal zuschlagen wird. In einem tödlichen Katz- und Mausspiel bringt Mackenzie sich an ihre Grenze, um ihn zu stoppen – aber sogar dann, kann es vielleicht zu spät sein. Ein dunkler Psychothriller mit herzzerreißender Spannung, VORHER PLÜNDERT ER ist Buch #9 in einer neuen fesselnden Reihe – mit einem geliebten neuen Charakter – der Sie bis spät abends lesen lässt. V O R H E R P L Ü N D E R T E R (EIN MACKENZIE WHITE MYSTERY—BUCH 9) B L A K E P I E R C E Blake Pierce Blake Pierce ist die Autorin der Bestseller RILEY PAIGE Krimi Serie, die bisher acht Bücher umfasst. Blake Pierce ist außerdem die Autorin der MACKENZIE WHITE Krimi Serie, bestehend aus bisher fünf Büchern; von der AVERY BLACK Krimi Serie, bestehend aus bisher vier Büchern; und der neuen KERI LOCKE Krimi Serie. Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi und Thriller Genres. Blake liebt es von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com) und bleiben Sie in Kontakt! Copyright © 2018 durch Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie im US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen werden oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem ohne die vorherige Genehmigung des Autors gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Genuss lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch für eine andere Person freigeben möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Ihre Verwendung erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dieses Buch ist reine Fiktion. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Ereignisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig. Buchumschlagsbild Copyright Joe Prachatree, mit Lizenz von Shutterstock.com BÜCHER VON BLAKE PIERCE RILEY PAIGE KRIMI SERIE VERSCHWUNDEN (Band #1) GEFESSELT (Band #2) ERSEHNT (Band #3) GEKÖDERT (Band #4) GEJAGT (Band #5) VERZEHRT (Band #6) VERLASSEN (Band #7) ERKALTET (Band #8) VERFOLGT (Band #9) VERLOREN (Band #10) BEGRABEN (Book #11) GEBUNDEN (Book #12) MACKENZIE WHITE MYSTERY REIHE BEVOR ER TÖTET (Buch #1) BEVOR ER SIEHT (Buch #2) EHE ER BEGEHRT (Buch #3) BEVOR ER NIMMT (Buch #4) BEVOR ER BRAUCHT (Buch #5) BEVOR ER FÜHLT (Buch #6) BEVOR ER SÜNDIGT (Buch #7) VORHER JAGT ER (Buch #8) VORHER PLÜNDERT ER (Buch #9) VORHER SEHNT ER SICH (Buch #10) AVERY BLACK KRIMI SERIE GRUND ZU TÖTEN (Band #1) GRUND ZU FLÜCHTEN (Band #2) GRUND ZU VERSTECKEN (Band #3) GRUND ZU FÜRCHTEN (Band #4) GRUND ZU RETTEN (Band #5) KERI LOCKE KRIMI SERIE EINE SPUR VON TOD (Band #1) EINE SPUR VON MORD (Band #2) EINE SPUR VON LASTER (Band #3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4) INHALT PROLOG (#uff60af4a-3710-5fb4-ad42-f86b146bbd2d) KAPITEL EINS (#u4fc09459-420b-5cd4-b849-8bf46abe2d6b) KAPITEL ZWEI (#u89ab8bad-1669-5040-bdcc-31187255bfbf) KAPITEL DREI (#uab28e5fc-3fca-50e7-9a5c-721732f00299) KAPITEL VIER (#u2a6dbc0d-e19d-5eac-86fc-0eb77e687ed0) KAPITEL FÜNF (#u9971e06a-0193-5849-bd49-12f25d1953f5) KAPITEL SECHS (#u70538ff2-3e39-584b-a5dd-32cbe06aca6f) KAPITEL SIEBEN (#u8bcf520f-9104-5342-83f8-d45fdda9e711) KAPITEL ACHT (#u7ddd204d-e3d5-56d2-81b5-6f5d43023b0d) KAPITEL NEUN (#u80ebd521-1b06-5272-8fd1-57efc3d6aae0) KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ELF (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNDUNZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREISSIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) PROLOG Als junges Mädchen war Malory Thomas mit einem Jungen zu dieser Brücke gekommen. Es war Halloween und sie war vierzehn gewesen. Sie hatten auf das Wasser geblickt, das fünfundfünfzig Meter unter ihnen lag und hatten nach den Geistern geschaut, die von dieser Brücke in den Tod gesprungen waren. Es war eine Geistergeschichte, die durch die Schule gegangen war, eine Geschichte, die Malory schon ihr ganzes Leben lang gehört hatte. Sie hatte sich in dieser Nacht von dem Jungen küssen lassen, aber hatte seine Hand weggeschoben, als diese unter ihr T-Shirt glitt. Jetzt dreizehn Jahre später dachte sie an diese kleine unschuldige Geste, als sie von derselben Brücke hing. Sie hieß die Miller Moon Brücke und war bekannt für 2 Dinge; ein toller und abgelegener Knutschtreff für Teenager und die Nummer eins Selbstmordstelle im ganzen Landkreis – vielleicht im ganzen Staat Virginia, soweit sie wusste. In dem Moment waren Malory Thomas die Selbstmorde allerdings egal. Alles, woran sie denken konnte war, sich am Rand der Brücke festzuhalten. Sie hing mit beiden Händen an der Seite, ihre Finger hatten sich in die schroffe Holzkante gekrallt. Ihre rechte Hand konnte nicht so gut greifen, wegen der riesigen Schraube die durch das Holz ging, und wegen der Strebe entlang der Seite an denen Eisenbalken darunter befestigt waren. Sie versuchte ihre rechte Hand zu bewegen, um einen besseren Halt zu bekommen, aber ihre Hand war zu schweißig. Sogar sie nur einen Zentimeter zu bewegen, ließ bei ihr Angst aufkommen, dass sie den Halt ganz verlieren und nach unten in das Wasser fallen würde. Und da war nicht viel Wasser. Alles was unten auf sie wartete waren gezackte Felsen und unzählige Münzen, welche dumme Kinder von der Brücke geworfen hatten, um sinnlose Wünsche zu erfüllen. Sie sah über das Geländer am Rand der Brücke, sah alte verrostete Schienen, die in der Dunkelheit um Mitternacht sehr alt aussahen. Sie sah die Umrisse des Mannes, der sie hier hingebracht hatte – weit entfernt von diesem tapferen Teenager vor dreizehn Jahren. Nein … dieser Mann war hasserfüllt und finster. Sie kannte ihn nicht gut, aber wusste genug, um sicher zu wissen, das etwas mit ihm nicht stimmte. Er war krank, nicht ganz richtig im Kopf, nicht gut. “Lass los”, sagte er. Seine Stimme war beängstigend, irgendwas zwischen Batman und Dämon. „Bitte“, bat Malory. „Bitte … Hilfe.“ Es war ihr sogar egal, dass sie nackt war, ihr nacktes Hinterteil baumelte vom Rand der Miller Moon Bridge. Er hatte sie ausgezogen und sie hatte Angst gehabt, dass er sie vergewaltigen würde. Aber das hatte er nicht. Er hatte sie nur angestarrt, war mit seiner Hand an ein paar Stellen langgefahren und hatte sie dann zum Rand der Brücke gezwungen. Sie dachte sehnsüchtig an ihre Klamotten, die auf den Holzbrettern hinter ihm verteilt lagen und sie hatte die kranke Art von Gewissheit, dass sie sie niemals mehr tragen würde. Mit der Sicherheit verkrampfte sich ihre rechte Hand, die versuchte, sich an die Form der Schraube darunter zu gewöhnen. Sie schrie auf und fühlte ihr ganzes Gewicht sich auf ihre linke Hand verlagern – ihre schwächere Hand. Der Mann bückte sich, kniete sich hin und schaute sie an. Es war, als wenn er wüsste, was kommen würde. Sogar ehe sie wusste, dass das Ende kam, wusste er es. Sie konnte kaum seine Augen in der Dunkelheit sehen, aber sie konnte genug sehen, um zu sehen, dass er glücklich war. Aufgeregt, vielleicht. „Es ist okay“, sagte er in der merkwürdigen Stimme. Und als wenn die Muskeln in ihren Fingern ihm gehorchten, gab ihre rechte Hand auf. Malory spürte, wie ihr Unterarm nach unten fiel, während ihre linke Hand versuchte, ihre dreiundsechzig Kilo hochzuhalten. Und einfach so hielt sie sich nicht mehr länger an der Brücke fest. Sie fiel. Ihr Magen drehte sich und ihre Augen schienen in ihrer Augenhöhle zu zittern, während sie versuchte herauszufinden, wie schnell die Brücke sich von ihr entfernte. Für einen Moment fühlte sich der Wind um sie herum fast angenehm an. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, während sie nach irgendeiner Art Gebet suchte, dass sie in ihren letzten Momenten murmeln konnte. Sie schaffte nur wenige Wörter – Unser Vater, wer … - und dann fühlte Malory Thomas wie ihr Leben in einem scharfen und krachenden Schlag aus ihrem Körper wich, als sie auf die Steine unten krachte. KAPITEL EINS Mackenzie White war irgendwie in eine Routine verfallen. Das gefiel ihr nicht unbedingt so gut, weil sie nicht die Art von Frau war, der Routine gefiel. Wenn die Dinge länger immer gleich blieben, fühlte sie den Drang sie ein wenig aufzumischen. Nur ein paar Tage, nachdem sie endlich das lange und miserable Kapitel des Mordes an ihrem Vater hinter sich gebracht hatte, war sie zurück in ihre Wohnung gekommen und hatte realisiert, dass sie und Ellington jetzt zusammenlebten. Sie hatte kein Problem damit; sie hatte sich darauf gefreut, tatsächlich. Aber es gab Nächte in den ersten paar Wochen, wo sie nicht schlafen konnte, weil sie erkannte, dass ihre Zukunft jetzt sicher schien. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie keinen echten Grund irgendetwas zu jagen. Da war der Fall ihres Vaters, der an ihr gehangen hatte, seitdem sie zum ersten Mal ein Abzeichen und eine Waffe in Nebraska getragen hatte. Das war jetzt aufgeklärt. Es hatte auch die Unsicherheit gegeben, wo ihre Beziehung mit Ellington hinging. Jetzt lebten sie zusammen und waren schon fast krankhaft glücklich. Sie hatte Erfolg auf Arbeit, verdiente sich Respekt bei jedem innerhalb des FBI‘s. Sogar McGrath schien endlich warm mit ihr geworden zu sein. Die Dinge fühlten sich fest an. Und Mackenzie konnte nicht anders, als sich zu fragen: War das einfach die Ruhe vor dem Sturm? Wenn ihre Zeit als Detektivin in Nebraska und als Agentin beim FBI sie etwas gelehrt hatte, dann das das Leben einem jede Art von Komfort oder Sicherheit ohne große Warnung nehmen konnte. Dennoch war die Routine nicht allzu schlimm. Nachdem Ellington sich von den Wunden aus dem Fall der den Mörder ihres Vaters zur Strecke gebracht hatte, erholt hatte, war er dazu verdonnert worden zu Hause zu bleiben und sich auszuruhen. Sie kümmerte sich so gut es ging, um ihn und entdeckte, dass sie recht fürsorglich sein konnte, wenn sie es musste. Nachdem Ellington sich ganz erholt hatte, waren ihre Tage recht gewöhnlich. Sie waren sogar schön, trotz der schrecklichen Verhäuslichung die sie fühlte. Sie würde zur Arbeit gehen und am Schießstand anhalten, ehe sie nach Hause fuhr. Wenn sie nach Hause kam, würden ein von zwei Dingen passieren: Entweder hatte Ellington bereits Abendessen vorbereitet und sie würden zusammen essen wie ein altes verheiratetes Ehepaar oder sie gingen direkt ins Schlafzimmer, wie ein neuverheiratetes Paar. All das ging ihr durch den Kopf während sie und Ellington im Bett lagen. Sie lag auf ihrer Seite im Bett und las halbherzig ein Buch. Ellington lag auf seiner Seite im Bett und versuchte eine E-Mail über einen Fall zu schreiben, an dem er gearbeitet hatte. Sieben Wochen waren vergangen, seit sie den Nebraska Fall abgeschlossen hatten. Ellington war gerade erst wieder zurück zur Arbeit gegangen und die Routine des Lebens war für sie zu einer nüchternen Realität geworden. “Ich will dich etwas fragen”, sagte Mackenzie. „Und ich will, dass du ehrlich bist.“ „Okay“, sagte er. Er beendete den Satz, an dem er gerade tippte und schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit. „Warst du auch schon mal in dieser Art von Routine?“, fragte sie. „Welche Routine?“ Sie zuckte die Achseln und legte ihr Buch weg. „Häuslich sein. Gebunden sein. Zur Arbeit zu gehen, nach Hause kommen, Abendessen, ein wenig Fernsehen, manchmal Sex haben und ins Bett gehen.“ „Wenn das Routine ist, dann hört sich das ziemlich gut an. Vielleicht lässt du das manchmal vor dem Sexpart weg. Warum fragst du? Stört dich die Routine?“ “Sie stört mich nicht”, sagte sie. „Es fühlt sich einfach … merkwürdig an. Es fühlt sich an, als wenn ich meinen Teil nicht mache. Als wenn ich faul oder passiv bin, bei … naja bei irgendwas, auf das ich mich nicht festlegen kann.“ “Glaubst du, das kommt von der Tatsache, dass du endlich den Fall deines Vaters abgewickelt hast?”, fragte er. „Vielleicht.“ Da war noch etwas anderes. Aber es war nichts, was sie ihm sagen konnte. Sie wusste, es war recht schwierig ihn emotional zu verletzen, aber sie wollte das nicht riskieren. Der Gedanke, den sie bei sich behielt, war, das jetzt, wo sie eingezogen war und sie glücklich waren und es wie Profis gehandhabt hatten nur noch ein Schritt übrig blieb. Es war kein Schritt, den sie diskutiert hatten und ehrlich kein Schritt den Mackenzie diskutieren wollte. Heirat. Sie hoffte, dass Ellington da ebenfalls noch nicht angekommen war. Nicht, dass sie ihn nicht liebte. Aber nach dem Schritt … naja, was blieb da noch? „Las mich dich etwas fragen“, sagte Ellington. „Bist du glücklich? Also jetzt im Moment in genau diesem Moment, wenn du weißt, dass morgen genau das gleiche passiert wie heute. Bist du glücklich?“ Die Antwort war einfach, aber ließ sie sich dennoch unbehaglich fühlen. „Ja“, sagte sie. „Warum stellst du es dann infrage?“ Sie nickte. Er hatte recht und es ließ sie sich ehrlich fragen, ob sie zu kompliziert war. Sie würde in ein paar Wochen dreißig werden, also war das vielleicht, wie ein normales Leben so war. Sobald alle Dämonen und Geister der Vergangenheit begraben wurden, war das vielleicht wie das Leben sein sollte. Und das war okay, nahm sie an. Aber etwas daran fühlte sich stagnierend an und sie fragte sich, ob sie sich jemals erlauben würde, glücklich zu sein. KAPITEL ZWEI Die Arbeit half nicht bei der Monotonie was Mackenzie als Die Routine bezeichnete – groß D und groß R. In den fast zwei Monaten, die seit den Ereignissen in Nebraska vergangen waren, hatte Mackenzies Arbeit daraus bestanden, eine Gruppe von Männern zu beobachten, die der Prostitution verdächtigt wurden – sie verbrachte ihre Tage in einem Auto oder in verlassenen Gebäuden, hörte sich raue Gespräche an, die sich alle als nichts herausstellten. Sie hatte auch neben Yardley und Harrison an einem Fall gearbeitet, der eine mutmaßliche Terrorzelle in Iowa beinhaltete – was sich auch als nichts herausgestellt hatte. Am Tag nach ihrem angespannten Gespräch über Glück saß Mackenzie an ihrem Tisch und informierte sich über einen der Männer, den sie wegen Prostitution beobachtet hatte. Er war nicht Teil eines Prostituiertenrings, aber er war fast sicher in irgendeiner Art von gestörter Prostitution verwickelt. Es war schwer zu glauben, dass sie dazu berechtigt war, eine Waffe zu tragen, Mörder zu jagen und Leben zu retten. Sie begann sich wie eine künstliche Angestellte zu fühlen, jemand der keine echte Funktion hatte. Frustriert stand sie auf, um sich einen weiteren Kaffee zu holen. Sie war nie jemand gewesen, der jemandem etwas Schlechtes wünschte, aber sie fragte sich, ob die Dinge im Land wirklich so gut waren, dass ihre Leistungen wirklich nirgendwo mehr gebraucht wurden. Während sie in den kleinen lobbyähnlichen Bereich ging, wo die Kaffeemaschinen standen, sah sie Ellington, der sich seinen eigenen Becher holte. Er sah sie kommen und wartete auf sie, obwohl sie an seiner Haltung erkennen konnte, dass er in Eile war. „Ich hoffe, dein Tag war aufregender als meiner“, sagte Mackenzie. „Vielleicht“, erwiderte er. „Frag mich noch mal in einer halben Stunde. McGrath hat mich gerade in sein Büro zitiert.” “Für was?”, fragte Mackenzie. “Keine Ahnung. Hat er dich nicht angerufen?” “Nein”, erwiderte sie und fragte sich, was los war. Obwohl es kein direktes Gespräch darüber mit McGrath gegeben hatte, seit dem Nebraska Fall, hatte sie einfach angenommen, dass sie und Ellington weiterhin Partner sein würden. Sie fragte sich, ob die Abteilung vielleicht endgültig entschieden hatte, sie aufgrund ihrer Beziehung zu trennen. Wenn das so war, konnte sie die Entscheidung verstehen, aber sie würde ihr nicht unbedingt gefallen. „Mir wird langweilig am Tisch“, sagte sie und goss sich Kaffee ein. „Tu mir einen Gefallen und schau, ob ich dabei sein kann, was immer er dir auch zuteilt.“ „Klar“, sagte er. „Ich halt dich auf dem Laufenden.“ Sie ging zurück in ihr Büro und fragte sich, ob diese kleine Pause der Normalität vielleicht die war auf die sie gewartet hatte – Der Riss an der Wurzel der Routine, die sie gefühlt hatte und die zu zerplatzen begann. Es kam nicht oft vor, dass McGrath nur einen von ihnen in sein Büro rief – nicht in letzter Zeit zumindest. Sie fragte sich, ob sie vielleicht unter irgendeiner Art Beobachtung stand, von der sie nichts wusste. Schaute McGrath intensiver in den letzten Fall in Nebraska, um sicherzugehen, dass sie nach Regel gehandelt hatte? Wenn das der Fall war, dann steckte sie vielleicht in der Klemme, denn sie hatte definitiv nicht alles nach Vorschrift gehandhabt. Sie wunderte sich betrübt, worüber es beim Meeting mit Ellington und McGrath ging, das war immerhin das Interessanteste was ihr in der letzten Woche oder so passiert war. Das ging ihr durch den Kopf, als sie sich wieder vor den Computer setzte und wieder einmal fühlte sie sich wie das fünfte Rad am Wagen. *** Fünfzehn Minuten später hörte sie Fußschritte. Das war nichts Neues, sie arbeitete bei offener Bürotür und sah Menschen den ganzen Tag den Flur hoch und runtergehen. Aber das war anders. Das hörte sich wie mehrere Schritte von Fußschritten an, die im Einklang liefen. Es gab auch ein Gefühl der Stille – eine gedämpfte Spannung, wie die Atmosphäre vor einem gewaltsamen Sommersturm. Neugierig schaute Mackenzie von ihrem Laptop hoch. Als die Fußschritte lauter wurden, sah sie Ellington. Er schaute schnell durch die Tür, sein Gesicht angespannt mit Emotionen, die sie nicht richtig zuordnen konnte. Er trug eine Kiste in seiner Hand, während zwei Sicherheitsmänner ihm dicht auf den Fersen folgten. Was zum Teufel? Mackenzie sprang von ihrem Tisch auf und rannte in die Halle. Gerade als sie um die Ecke kam, sah sie, wie Ellington und die beiden Wachmänner in den Aufzug stiegen. Die Türen schlossen sich und wieder konnte Mackenzie kaum einen Blick auf diesen angespannten Blick auf seinem Gesicht werfen. Er ist gefeuert worden, dachte sie. Der Gedanke war total irrsinnig, soweit sie sich bewusst war, aber so sah es aus. Sie rannte zu den Treppen, drückte die Tür schnell auf und lief hinunter. Sie nahm gleich zwei Stufen gleichzeitig und hoffte herauszukommen, ehe Ellington und seine Wachmänner das taten. Sie rannte die drei Treppen hinunter, kam an der Seite des Gebäudes heraus, direkt neben dem Parkplatz. Sie kam zusammen mit Ellington und den Wachmännern aus der Tür, die das Gebäude verließen. Mackenzie rannte über den Rasen, um ihnen den Weg abzuschneiden. Die Wachmänner sahen alarmiert aus, als sie sie kommen sahen, einer von ihnen hielt einen Moment an und sah sie an, als wenn sie eine Bedrohung sein könnte. „Was ist los?“, fragte sie den Wachmann und sah Ellington an. Er schüttelte seinen Kopf. „Nicht jetzt“, sagte er. “Lass es einfach.” “Was ist los?”, fragte sie. „Die Wachmänner … die Kiste … wurdest du gefeuert? Was zum Teufel ist los?” Er schüttelte wieder den Kopf. Da war nichts Gemeines oder Abweisendes daran. Sie nahm an, es war das Beste, was er in dieser Situation tun konnte. Vielleicht war etwas passiert, worüber er nicht reden durfte. Und Ellington so treu wie immer, würde nicht sprechen, wenn er gebeten wurde, nicht darüber zu sprechen. Sie hasste es das zu tun, aber sie drängte ihn nicht weiter. Wenn sie direkte Antworten haben wollte, dann gab es nur einen Ort, wo sie die bekommen würde. Damit rannte sie wieder zurück in das Gebäude. Dieses Mal lief sie zum Aufzug, fuhr in den dritten Stock und verschwendete keine Zeit, sie ging den Flur herunter und direkt in McGraths Büro. Sie störte sich nicht daran mit seiner Sekretärin zu sprechen, als sie zur Tür ging. Sie hörte die Frau ihren Namen rufen, als sie versuchte sie aufzuhalten, aber Mackenzie ging dennoch hinein. Sie klopfte nicht, sie ging direkt in sein Büro. McGrath saß an seinem Tisch und schien überhaupt nicht überrascht zu sein, sie hier zu sehen. Er drehte sich zu ihr und die Ruhe auf seinem Gesicht machte sie wütend. „Bleiben Sie ruhig, Agentin White“, sagte er. „Was ist passiert?“, fragte sie. „Warum habe ich gerade Ellington gesehen, der mit einer Kiste seiner persönlichen Sachen aus dem Gebäude eskortiert wurde?“ „Weil er von seinen Aufgaben freigestellt wurde.“ Die Einfachheit dieser Aussage machte es nicht einfacher, das zu hören. Ein Teil von ihr fragte sich, ob das irgendwie ein großes Missverständnis gewesen war. Oder ob das hier alles ein riesiger Witz war. „Warum?“ Sie sah dann etwas, was sie noch nie gesehen hatte: McGrath schaute weg, sichtlich unbehaglich. „Das ist eine private Angelegenheit“, sagte er. „Ich verstehe, dass sie eine Beziehung haben, aber diese Information darf ich gesetzlich nicht preisgeben, wegen der Art der Situation.“ In all der Zeit, in der sie für McGrath gearbeitet hatte, hatte sie noch nie so viel gesetzlichen Mist aus seinem Mund gehört. Sie schaffte es, ihre Wut zu unterdrücken. Immerhin ging es hier nicht um sie. Irgendwas war anscheinend mit Ellington los, von dem sie nichts wusste. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie. „Können Sie mir so viel sagen?“ „Das liegt nicht an mir, das zu beantworten, tut mir leid“, sagte McGrath. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich bin eigentlich ziemlich beschäftigt.“ Mackenzie nickte und ging aus dem Büro und schloss die Tür hinter sich. Die Sekretärin warf ihr von ihrem Platz aus einen wütenden Blick zu, den Mackenzie ignorierte. Sie ging zurück in ihr Büro und überprüfte ihre Mails, um zu bestätigen, dass der Rest ihres Tages eine langsame Leere von nichts war. Sie rannte dann aus dem Gebäude und gab sich dabei Mühe nicht auszusehen, als wenn sie irgendetwas aufwühlte. Das Letzte was sie brauchte, war, dass die Hälfte des Gebäudes merkte, dass Ellington weg war und dass sie ihm hinterherlief. Sie hatte es endlich geschafft die neugierigen Augen und die schon fast legendären Gerüchte über ihre Vergangenheit auf der Arbeit zu überwinden und sie wäre verdammt, wenn sie ihnen einen weiteren Grund geben würde, um neue Gerüchte zu entfachen. *** Sie war sicher, dass Ellington einfach zurück in ihre Wohnung gegangen war. Als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, war er der Mann, der vielleicht als erste einfach in eine Bar gehen würde, um seine Sorgen zu ertränken. Aber er hatte sich im letzten Jahr verändert – genauso wie sie. Sie nahm an, sie schuldeten das dem Anderen. Es war ein Gedanke, den sie im Kopf behielt, während sie die Tür zu ihrer Wohnung öffnete (ihre Wohnung, erinnerte sie sich selbst) und hoffte, ihn drinnen zu finden. Sie fand ihn im kleinen zweiten Schlafzimmer, den sie als Büro benutzen. Er packte Dinge aus, die er in der Kiste hatte, und warf sie halbherzig in die Schublade des Tisches, den sie sich teilten. Er schaute hoch, als er sie sah, und schaute dann schnell weg. “Tut mir leid”, sagte er und drehte seinen Kopf. Du erwischt mich gerade nicht an meinem besten Tag.“ Sie näherte sich ihm aber widerstand dem Drang eine Hand auf seine Schulter oder einen Arm um seinen Rücken zu legen. Sie hatte ihn noch nie so durcheinander gesehen. Es alarmierte sie ein wenig, aber mehr als alles andere wollte sie wissen, ob es irgendwas gab, womit sie ihm helfen konnte. „Was ist passiert?“, fragte sie. „Scheint doch recht offensichtlich, oder?“, fragte er. „Ich wurde auf unbestimmte Zeit suspendiert.“ „Für was zum Teufel?“ Sie dachte wieder an McGrath und wie unbehaglich er ausgesehen hatte, als sie ihm dieselbe Frage gestellt hatte. Dann drehte er sich endlich zu ihr um, und als er das tat, konnte sie die Scham auf seinem Gesicht sehen. Als er antwortete, zitterte seine Stimme. „Sexuelle Belästigung.“ Für einen Moment machten die Wörter keinen Sinn. Sie wartete darauf, dass er lächelte und ihr sagte, dass er nur Witze machte, aber das passierte nicht. Stattdessen schaute er sie an und wartete auf eine Reaktion. „Was?“, fragte sie. „Wann war das?” “Vor drei Jahren”, sagte er. “Aber die Frau ist erst vor drei Tagen mit dieser Anschuldigung gekommen.” „Und ist die Beschuldigung wahr?“, fragte sie. Er nickte und setzte sich. „Mackenzie, es tut mir leid. Ich war damals jemand ganz anderes, weißt du?“ Sie war für einen Moment wütend, aber sie war sich nicht sicher auf wen: Ellington oder die Frau. „Welche Art von Anschuldigungen?“, fragte sie. “Ich habe vor drei Jahren eine jüngere Agentin ausgebildet”, sagte er. „Sie hat es wirklich gut gemacht und so sind wir mit ihr und ein paar Agenten feiern gegangen. Wir hatten alle ein wenig was getrunken und sie und ich waren die Einzigen, die übrig waren. Zu der Zeit habe ich nie daran gedacht, sie anzumachen. Aber ich bin dann zur Toilette gegangen, und als ich zurückkam, war sie da und hat auf mich gewartet. Sie hat mich geküsst und es wurde heiß. Sie hat sich dann zurückgezogen – vielleicht hat sie erkannt, dass es ein Fehler war. Und ich habe versucht weiter zumachen. Ich denke, wenn ich nicht getrunken hätte, dann hätte ich es wahrscheinlich einfach dabei belassen. Aber ich habe nicht aufgehört. Ich habe versucht, sie wieder zu küssen und habe nicht bemerkt, dass sie nicht zurückküsste, bis sie mich weggeschubst hat. Sie hat mich weggeschubst und mich nur angestarrt. Ich habe ihr gesagt, dass es mir leidtut – und ich habe das auch so gemeint – aber sie ist einfach rausgerannt. Und das wars. Ein kleines trauriges Zusammentreffen auf der Toilette. Niemand hat etwas von dem anderen erzwungen und es gab kein Anfassen oder sonstiges Fehlverhalten. Als ich am nächsten Tag zur Arbeit kam, hatte sie darum gebeten, einem anderen Agenten zugeteilt zu werden. Innerhalb von zwei Monaten war sie weg, ich glaube, sie wurde nach Seattle versetzt.“ “Und warum kommt sie jetzt damit?”, fragte Mackenzie. „Weil das heutzutage gängig ist“, keifte Ellington. Dann schüttelte er seinen Kopf und seufzte. „Tut mir leid. Das war dumm das zu sagen.“ “Ja, das war es. Erzählst du mir da die ganze Geschichte. Ist das alles, was passiert ist?” „Das ist alles“, sagte er. „Ich schwöre es.“ „Du warst verheiratet oder? Wann ist das passiert?“ Er nickte. “Das ist keiner meiner Momente, auf die ich stolz bin.” Mackenzie dachte an das erste Mal, wo sie bedeutende Zeit mit Ellington verbracht hatte. Das war während des Scarecrow Killer Falls in Nebraska. Sie hatte sich ihm praktisch an den Hals geworfen, während sie sich inmitten ihres eigenen persönlichen Dramas befand. Sie konnte sagen, dass er interessiert gewesen war, aber am Ende hatte er ihre Annäherungsversuche abgelehnt. Sie fragte sich, wie schwer die Begegnung mit dieser Frau auf ihm gelastet hatte in der Nacht, als sie sich ihm angeboten hatte. „Wie lange dauert die Suspendierung?“, fragte sie. Er zuckte mit den Achseln. „ Das hängt davon ab, wenn sie sich entscheidet, keine große Sache daraus zu machen, dann nicht weniger als einen Monat. Wenn sie das an die große Glocke hängt, könnte es auch länger dauern. Am Ende könnte es auch zur vollständigen Kündigung führen.“ Mackenzie drehte sich dieses Mal weg. Sie konnte nicht anders, als sich ein wenig egoistisch zu fühlen. Sicherlich war sie verärgert, dass ein Mann, um den sie sich sorgte, so etwas durchmachen musste, aber die Wurzel des Ganzen war, dass sie mehr darüber besorgt war, ihren Partner zu verlieren. Sie hasste es, dass ihre Prioritäten so durcheinander geworfen wurden, aber so fühlte sie sich in dem Moment. Das und starke Eifersucht, die sie verabscheute. Sie war nicht der eifersüchtige Typ … warum war sie also eifersüchtig auf die Frau, die die sogenannte Anschuldigung gemeldet hatte? Sie hatte nie an Ellingtons Ehefrau mit dieser Art von Eifersucht gedacht, warum also diese Frau? Weil sie alles verändert, dachte sie. Diese langweilige Routine, in die ich gefallen bin und an die ich mich gewöhnt habe, beginnt zu bröckeln. „Was denkst du?“, fragte Ellington. Mackenzie schüttelte ihren Kopf und schaute auf ihre Uhr. Es war erst ein Uhr nachmittags. Schon bald würde man ihre Abwesenheit auf der Arbeit bemerken. „Ich glaube, ich muss zurück zur Arbeit“, sagte sie. Und damit drehte sie sich um und ging aus dem Zimmer.“ „Mackenzie“, rief Ellington. „Warte.“ “Es ist okay”, rief sie ihm zu. „Ich sehe dich später.“ Sie ging, ohne Auf Wiedersehen zu sagen, einem Kuss oder einer Umarmung. Auch wenn sie es gesagt hatte, die Dinge waren nicht in Ordnung. Wenn die Dinge in Ordnung wären, müsste sie nicht die Tränen zurückhalten, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Wenn die Dinge okay wären, müsste sie nicht versuchen die Wut herunterzuschlucken, die versuchte in ihr aufzukommen und ihr sagte, dass sie dumm war zu glauben, dass das Leben jetzt okay wäre, dass sie endlich ein normales Leben führte, wo die Geister der Vergangenheit nicht alles beeinflussten. Als sie das Auto erreichte, schaffte sie es die Tränen zum Halt kommen zu lassen. Ihr Handy klingelte, Ellingtons Name erschien. Sie ignoriert es, startete den Motor und fuhr direkt zur Arbeit. KAPITEL DREI Die Arbeit bot nur Distanz für ein paar weitere Stunden. Auch wenn Mackenzie bei Harrison vorbeischaute, um sicherzugehen, dass er keine Hilfe brauchte bei den kleinen Betrugsfällen, an denen er arbeitete, war sie schon um 18.00 Uhr fertig. Als sie wieder an der Wohnung ankam, war es 18:20 Uhr und Ellington stand hinter dem Herd. Er kochte nicht oft und wenn, dann weil er unruhige Hände hatte und nichts Besseres zu tun hatte. „Hey“, sagte er und schaute von dem Topf hoch, dessen Inhalt aussah wie eine Art Eintopf. „Hey“, sagte sie als Antwort und legte ihre Laptoptasche auf das Sofa und ging in die Küche. „Tut mir leid, dass ich vorhin so gegangen bin.“ „Kein Grund sich zu entschuldigen“, sagte er. “Natürlich gibt es den. Das war unreif. Und wenn ich ehrlich bin, ich weiß nicht, warum mich das so sehr aufregt. Ich bin mehr darüber besorgt, dich als Partner zu verlieren, als darüber was das mit deiner persönlichen Akte machen wird. Wie verrückt ist das?“ Er zuckte die Achseln. „Es macht Sinn.“ “Das sollte es, macht es aber nicht”, sagte sie. „Ich kann nicht darüber nachdenken, dass du eine andere Frau küsst, besonders nicht so. Auch wenn du betrunken warst und selbst wenn sie die Dinge angefangen hat, ich kann mich dich nicht so vorstellen. Und ich will diese Frau am liebsten umbringen, weißt du?“ „Das tut mir total leid“, sagte er. „Das ist eines dieser Dinge im Leben, die ich gerne rückgängig machen würde. Einer dieser Dinge, von denen ich dachte, das sie in die Vergangenheit gehören und ich damit durch bin.“ Mackenzie ging zu ihm und legte zögernd ihre Arme um seine Hüfte. „Bist du in Ordnung“, fragte sie. “Ich bin nur wütend. Und ich schäme mich.” Ein Teil von Mackenzie hatte Angst, dass er nicht ehrlich zu ihr war. Etwas an seiner Haltung, etwas an der Art, wie er sie nicht richtig ansehen konnte, wenn er darüber redete. Sie wollte daran denken, dass es einfach war, weil es nicht leicht war, so etwas beschuldigt zu werden, daran erinnert zu werden, an eine Dummheit, die man in der Vergangenheit getan hatte. Ehrlich, sie war sich nicht sicher, was sie glauben wollte. Seitdem sie ihn aus dem Gebäude hatte kommen sehen mit dieser Kiste in seinen Händen, waren ihre Gedanken durcheinander und verwirrt. Sie wollte ihm ihre Hilfe beim Abendessen machen anbieten, hoffte, dass ein wenig Normalität ihnen vielleicht helfen konnte, wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Aber ehe die Wörter aus ihrem Mund kommen konnten, klingelte ihr Handy. Sie war überrascht und ein wenig besorgt, als sie sah, dass es McGrath war. “Tut mir leid”, sagte sie zu Ellington und zeigte ihm das Display. „Ich sollte da wahrscheinlich rangehen.“ „Er will dich wahrscheinlich fragen, ob du dich jemals sexuell von mir belästigt gefühlt hast“, sagte er verächtlich. „Er hatte bereits früher die Chance dazu“, sagte sie, ehe sie von den zischenden Geräuschen der Küche wegtrat, um den Anruf zu beantworten. „Hier ist White“, sagte sie und sprach klar und schon fast mechanisch, wie immer wenn sie einen Anruf von McGrath beantwortete. „White“, sagte sie. „Sind Sie schon zu Hause?“ “Ja, Sir.” “Ich brauch sie hier. Ich muss mit ihnen unter vier Augen sprechen. Ich werde in der Tiefgarage sein. Stockwerk 2 Reihe D.“ “Sir, geht es um Ellington?” “Treffen Sie mich einfach da, White. Kommen Sie so schnell wie sie können.“ Er beendete den Anruf damit und ließ Mackenzie mit toter Leitung in der Hand stehen. Sie legte das Handy langsam weg und schaute Ellington an. Er nahm die Pfanne vom Herd und ging zum Tisch im Essbereich. „Ich muss es mitnehmen“, sagte sie. „Verdammt. Geht es um mich?“ “Er wollte es nicht sagen”, sagte Mackenzie. „Aber ich glaube nicht. Das ist etwas anderes. Er war wirklich geheimnisvoll.” Sie war sich nicht sicher warum, aber sie ließ die Anweisung ihn in der Tiefgarage zu treffen weg. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, passte etwas daran nicht. Dennoch nahm sie eine Schüssel aus dem Schrank, gab etwas von Ellingtons Abendessen hinein und küsste ihn auf die Wange. Beide wussten, dass es sich mechanisch und gezwungen anfühlte. „Halt mich auf dem Laufenden“, sagte Ellington. „Und sage mir Bescheid, wenn du irgendetwas brauchst.“ „Natürlich“, sagte sie. Sie merkte, dass sie nicht einmal ihr Holster und die Glock abgelegt hatte und ging direkt zur Tür. Und erst als sie im Flur war und zum Auto ging, erkannte sie, dass sie eigentlich recht erleichtert war, wegzukommen. *** Sie musste zugeben, dass es sich ein wenig wie ein Klischee anfühlte, leise um Level 2 in der Tiefgarage herumzuschleichen gegenüber vom Hauptquartier. Treffen in Tiefgaragen war Stoff aus schlechten Polizeifilmen. Und in diesen Dramen führten schattige Tiefgaragentreffs normalerweise zu irgendeiner Art Drama. Sie sah McGraths Auto und parkte ihr eigenes Auto ein wenig weiter entfernt. Sie schloss ab und ging dorthin, wo McGrath wartete. Ohne eine Einladung ging sie zur Beifahrerseite, öffnete sie und setzte sich. „Okay“, sagte sie. „Das Geheimnis bringt mich um. Was ist los?” “An sich ist nichts los”, sagte McGrath. „Aber wir haben einen Fall, ca. eine Stunde oder so entfernt in einer kleinen Stadt namens Kingsville. Kennen Sie die?“ „Habe ich schon mal gehört, war aber noch nie da.“ „Es ist genauso ländlich, wie man es sich vorstellt, liegt in dem letzten Stück der Hinterwälder vor all der Unruhe und den Autobahnen, die nach DC führen“, erklärte McGrath. „Aber vielleicht ist es auch gar kein Fall. Ich möchte, dass Sie das herausfinden.“ “Okay”, sagte sie. “Aber warum konnten wir das Treffen nicht in Ihrem Büro haben?” „Weil das Opfer der Neffe des stellvertretenden Direktors ist. Zweiundzwanzig Jahre alt. Es sieht so aus, als wenn jemand ihn von der Brücke geworfen hat. Die einheimische Polizei in Kingsville sagt, es ist wahrscheinlich nur Selbstmord aber der Stellvertretende Direktor Wilmoth will sichergehen.“ “Hat er einen Grund anzunehmen, dass es Mord war?”, fragte sie. „Naja, es ist schon die zweite Leiche in den letzten vier Tagen, die am Grund einer Brücke gefunden wurde. Es ist wahrscheinlich Selbstmord, wenn Sie mich fragen. Aber ich hab den Befehl vor einer Stunde bekommen. Direkt von Direktor Wilmoth. Er möchte sichergehen. Er will auch so schnell wie möglich informiert werden und er möchte, dass das unauffällig vonstatten geht. Daher die Anfrage mich hier, anstatt in meinem Büro zu treffen. Wenn irgendjemand Sie und mich in einem Meeting außerhalb der Bürozeiten gesehen hätte, dann hätten sie angenommen, dass es um Ellington ging oder dass ich Sie für einen Spezialeinsatz brauche. „Okay … ich fahre also nach Kingsville, versuche herauszufinden, ob es ein Selbstmord oder Mord war, und erstatte dann Bericht?“ „Ja. Und wegen der kürzlichen Vorfälle mit Ellington, werden Sie alleine fahren. Was kein Thema sein sollte, weil ich sie heute Abend wieder zurückerwarte, mit den Neuigkeiten, dass es Selbstmord war.“ „Verstehe. Wann muss ich los?“ “Jetzt”, erwiderte er. “Am besten nicht aufschieben, oder?” KAPITEL VIER Mackenzie entdeckte, dass McGrath nicht übertrieben hatte, als er Kingsville, Virgina als Hinterwald beschrieben hatte. Es war eine kleine Stadt, die in Bezug auf ihre Identität, irgendwo zwischen Deliverance und Amityville lag. Es hatte eine unheimliche ländliche Stimmung, aber mit dem rustikalen Kleinstadtcharme, den die meisten Menschen von den kleineren Südstädten erwarteten. Es war Nacht geworden, als sie am Tatort eintraf. Die Brücke kam langsam in Sicht, als sie ihr Auto vorsichtig eine dünne Schotterstraße hinunter lenkte. Die Straße selbst war keine staatliche Straße, dennoch war sie nicht gänzlich der Öffentlichkeit verschlossen. Als sie weniger als fünfzig Meter von der Brücke entfernt war, sah sie, dass die Kingsville Polizei eine Reihe von Sägeböcken aufgestellt hatte, um Menschen davon abzuhalten, weiter zu gehen. Sie parkte neben den paar einheimischen Polizeiautos und stieg dann aus. Ein paar Flutlichter waren aufgestellt worden, alle schienen auf das abschüssige Ufer auf der rechten Seite der Brücke zu leuchten. Als sie sich dem Abhang näherte, trat ein jung aussehender Polizist aus einem der Autos. „Sind Sie Agentin White?“, fragte der Mann und sein südlicher Akzent, durchfuhr sie wie ein Rasiermesser. „Das bin ich“, antwortete sie. “Okay. Vielleicht ist es einfacher, wenn Sie über die Brücke gehen und auf der anderen Seite des Ufers hinuntergehen. Diese Seite ist total steil.“ Dankbar für den Tipp ging Mackenzie über die Brücke. Sie nahm ihre kleine Taschenlampe und beleuchtete die Gegend, während sie die Brücke überquerte. Die Brücke war recht alt, sicherlich war sie schon vor langer Zeit für jegliche Nutzung geschlossen worden. Sie wusste, dass es viele Brücken in Virginia und West Virginia gab, die ähnlich wie diese waren. Diese Brücke hieß Miller Moon Brücke laut den Grundinformationen, die sie sich bei Google während Halts an Ampeln unterwegs besorgt hatte, und stand schon seit 1910 dort und wurde für die Öffentlichkeit im Jahr 1969 geschlossen. Und obwohl das die einzige Information war, die sie über die Lage bekommen hatte, gab ihr ihre aktuelle Ermittlung noch mehr Einzelheiten. Es gab nicht viel Graffiti an der Brücke, aber der Abfallberg war bemerkbar. Bierflaschen, Sodadosen und leere Tüten von Chips, die an den Rand der Brücke geschmissen worden waren, drückten sich gegen den Metallrand, welche die Eisenschienen hielt. Die Brücke war nicht so lang; ca. 50 Meter, gerade lang genug, um sich über das abschüssige Ufer und den Fluss darunter zu spannen. Es fühlte sich robust unter ihren Füßen an, aber die reine Struktur davon war in gewisser Weise recht schwach. Sie war sich sehr wohl bewusst, dass sie auf Holzbrettern und Stützbalken in fast zwei sechzig Meter Höhe lief. Sie ging zum Ende der Brücke und merkte, dass der Polizeibeamte recht gehabt hatte. Das Land war zugänglicher auf dieser Seite. Mit Hilfe der Taschenlampe fand sie einen Trampelpfad, der sich durch das hohe Gras wand. Die Böschung ging in einem neunzig Grad Winkel herunter, aber hier und da ragten Boden- und Felsvorsprünge hervor, die den Abstieg recht einfach machten. “Warten Sie eine Minute”, sagte eine Männerstimme von unten. Mackenzie schaute nach vorne, in Richtung Glanz der Scheinwerfer und sah einen Schatten hervortreten. „Wer ist da?“, fragte der Mann. „Mackenzie White, FBI“, sagte sie und suchte nach ihrem Ausweis. Der Schatten wurde ein paar Sekunden später zu einer Person. Er war ein älterer Mann mit einem riesigen buschigen Bart. Er trug eine Polizeiuniform, die Marke über seiner Brust sagte, dass er der Sheriff von Kingsville war. Hinter ihm konnte sie die Figuren von vier weiteren Beamten sehen. Einer machte Fotos und bewegte sich langsam im Schatten. „Oh, wow“, sagte er. “Das ging schnell”. Er wartete darauf, dass Mackenzie näher kam, und streckte dann seine Hand aus. Er gab ihr einen herzlichen Händedruck und sagte, „Ich bin Sheriff Tate. Nett Sie kennenzulernen.“ „Gleichfalls“, erwiderte Mackenzie, als sie das Ende der Böschung erreicht hatte und sich wieder auf ebenem Boden befand. Sie nahm sich einen Moment Zeit, um den Tatort anzuschauen, der professionell von den Fluchtlichtern an den Seiten der Böschung beleuchtet wurde. Das Erste was Mackenzie bemerkte, war, dass der Fluss nicht wirklich mehr ein Fluss war – nicht unter der Miller Moon Brücke auf jeden Fall. Dort gab es nur etwas, was aussah wie übrig gebliebene Pfützen von abgestandenem Wasser, dass sich an die Seiten und scharfen Kanten von Felsen und großen Felsbrocken schmiegte, die das Gebiet eingenommen hatten, durch den der Fluss hätte führen sollen. Einer der Felsbrocken unter den Trümmern war riesig und hatte leicht die Größe von zwei Autos. Auf der Spitze dieses Brockens lag eine Leiche. Der rechte Arm war sichtbar gebrochen und fast unmöglich unter die Reste des Köpers gebogen. Eine Blutspur lief den Brocken hinunter, schon fast getrocknet, aber dennoch nass genug, dass es aussah, als würde sie noch weiter laufen. “Schlimmer Anblick, oder?”, fragte Tate und stellte sich neben sie. „Ja. Was können Sie mir zum jetzigen Zeitpunkt mit Sicherheit sagen? „Also das Opfer ist ein zweiundzwanzigjähriger Mann. Kenny Skinner. Soweit ich weiß, ist er mit jemand höher gestellten in Ihrem Büro verwandt.“ „Ja. Der Neffe des stellvertretenden FBI Direktors. Wie viele Männer wissen davon im Moment?“ „Nur ich und mein Vorgesetzter“, erwiderte Tate. „Wir haben bereits mit Ihren Kollegen in Washington gesprochen. Wir wissen, dass wir darüber Stillschweigen bewahren sollen.“ „Danke“, sagte Mackenzie. „Soweit ich weiß, gab es eine weitere Leiche, die hier vor ein paar Tagen entdeckt wurde?“ “Vor drei Tagen, ja”, sagte Tate. „Eine Frau namens Malory Thomas.“ „Irgendwelche Anzeichen von Fremdeinwirkung?“ „Naja, sie war nackt. Und ihre Kleidung wurde oben auf der Brücke gefunden. Aber abgesehen davon war da nichts. Man hat angenommen, dass es ein weiterer Selbstmord war.“ „Haben Sie davon viele von hier?“ „Ja“, sagte Tate mit einem nervösen Lächeln. „Das kann man so sagen. Vor drei Jahren haben sich sechs Menschen getötet, in dem sie von dieser Scheißbrücke gesprungen sind. Es war wie eine Art Rekord pro Lage für den Staat Virginia. Das Jahr danach waren es drei. Letztes Jahr waren es fünf.“ “Waren sie Einheimische?”, fragte Mackenzie. „Nein. Von diesen vierzehn Menschen lebten nur vier innerhalb eines achtzig-Kilometer-Radius.“ „Und wissen Sie, ob es vielleicht eine Art Großstadtlegende oder einen Grund dafür gibt, dass diese Menschen sich ihr Leben an dieser Brücke nehmen?“ “Es gibt natürlich Geistergeschichten”, sagte Tate. „Aber es gibt für jede stillgelegte Brücke im Land eine Geistergeschichte. Ich weiß es nicht. Ich schiebe die Schuld auf die verkorkste Generationslücke. Die Kinder heutzutage werden in ihren Gefühlen verletzt und denken, sie selbst sind die Antwort. Das ist ziemlich traurig.“ „Was ist mit Obdachlosen?“, fragte Mackenzie. „Wie ist die Quote hier in Kingsville?“ „Es gab zwei im letzten Jahr. Und bis jetzt einen in diesem Jahr. Es ist eine ruhige Stadt. Jeder kennt jeden, und wenn Sie jemanden nicht mögen, dann halten Sie sich einfach von ihm fern. Warum fragen Sie? Glauben Sie, der Mörder ist darunter?“ “Ich weiß es nicht”, erwiderte Mackenzie. „Zwei Leichen in einer Zeitspanne von vier Tagen, am selben Ort. Ich denke, es lohnt sich da näher nachzuschauen. Wissen Sie, ob Kenny Skinner und Malory Thomas sich kannten?“ “Wahrscheinlich. Aber ich weiß das nicht so genau. Wie ich gesagt habe … jeder kennt jeden in Kingsville. Aber wenn Sie fragen, ob Kenny sich vielleicht selbst getötet hat, weil Malory das getan hat, dann bezweifle ich das. Es gibt fünf Jahre Altersunterschied und sie haben auch nicht mit denselben Leuten herumgehangen, soweit ich weiß.“ „Darf ich mir das Mal ansehen?“, fragte Mackenzie. „Natürlich“, sagte Tate und ging sofort von ihr weg und gesellte sich zu den anderen Beamten, welche den Tatort durchkämmten. Mackenzie näherte sich besorgt dem Brocken und der Leiche von Kenny Skinner. Je näher sie an die Leiche kam, umso mehr wurde sie sich bewusst, wie viel Schaden entstanden war. Sie hatte schon recht grausame Dinge während ihrer Arbeit gesehen, aber das hier war einer der Schlimmsten. Die Blutspur kam von einer Stelle, in der Kennys Kopf gegen den Stein geschlagen war. Sie machte sich nicht die Mühe, sich das näher anzuschauen, den das beleuchtete schwarz und rot durch die Lichter war nichts, woran sie später noch denken wollte. Der große Bruch am Hinterkopf betraf den Rest seines Schädels und verzerrte die Gesichtszüge. Sie sah auch, wo seine Brust und sein Bauch aussahen, als wären sie von innen aufgeblasen worden. Sie gab sich Mühe da dran vorbeizuschauen, schaute sich Kennys Kleidung an und suchte auf seiner Haut nach irgendwelchen Zeichen von Fremdeinwirkung. In dem grellen und dennoch unwirksamen Licht der Scheinwerfer war es schwer sich sicher zu sein, aber nach mehreren Minuten konnte Mackenzie nichts finden. Als sie wegtrat, begann sie sich zu entspannen. Anscheinend hatte sie sich angespannt, während sie die Leiche untersucht hatte. Sie ging zurück zu Sheriff Tate, der mit einem weiteren Beamten sprach. Sie hörten sich an, als wenn sie Pläne darüber machten, die Familie zu benachrichtigen. „Sheriff, glauben Sie, jemand könnte für mich die Aufzeichnungen dieser vierzehn Selbstmorde in den letzten drei Jahren heraussuchen?“ „Ja, das kann ich machen. Ich werde gleich anrufen und sicherstellen, dass alles auf der Polizeistation auf sie wartet. Und wissen Sie …. Da gibt es jemanden, den Sie vielleicht anrufen wollen. Es gibt eine Frau in der Stadt, die von zu Hause aus als Psychiaterin arbeitet und als Lehrerin für Behinderte. Sie hängt mir schon seit letztem Jahr oder so wegen all der Selbstmorde in Kingsville in den Ohren, die nicht einfach nur Selbstmorde sein können. Sie kann Ihnen vielleicht etwas sagen, was Sie nicht in den Berichten finden.“ “Das wäre toll.” “Ich werde veranlassen, dass jemand ihre Kontaktinformation in die Berichte beifügt. Ist das in Ordnung?“ „Im Moment, ja. Könnte ich Ihre Nummer haben, um Sie leichter zu kontaktieren?“ „Sicherlich. Aber das verdammte Ding ist störanfällig. Ich muss es mal aktualisieren. Hätte ich schon vor fünf Monaten tun sollen. Wenn Sie mich also anrufen und es direkt zur Mailbox geht, dann ignoriere ich Sie nicht. Ich werde Sie sofort zurückrufen. Es ist ein blödes Ding, das Handy. Ich hasse Handys sowieso.“ Nach seinem Meckern über die moderne Technologie gab Tate ihr seine Handynummer und sie speicherte sie in ihrem Handy. „Ich sehe Sie dann“, sagte Tate. „Der Gerichtsmediziner ist auf dem Weg. Ich bin verdammt froh, wenn wir diese Leiche entfernen können.“ Es schien unsensibel, so etwas zu sagen, aber wenn Mackenzie zurück schaute und den wunden und gebrochenen Zustand der Leiche sah, konnte sie nicht anders als dem zustimmen. KAPITEL FÜNF Es war 10:10 Uhr, als sie in die Polizeistation kam. Der Ort war völlig still, die einzige Bewegung kam von einer gelangweilt aussehenden Frau, die hinter einem Tisch saß, der – wie Mackenzie annahm, als Abfertigung der Kingsville Polizei diente – und zwei Beamte, die animiert auf dem Flur hinter dem Abfertigungstisch über Politik sprachen. Trotz der glanzlosen Atmosphäre des Ortes schien es gut zu laufen. Die Frau an der Abfertigung hatte bereits alle Akten kopiert, die Sheriff Tate erwähnt hatte und hatte alles in einen Aktenordner geheftet, als Mackenzie ankam. Mackenzie dankte ihr und fragte dann nach einer Motel Empfehlung in dieser Gegend. Wie es sich herausstellte, hatte Kingsville nur ein einziges Motel, weniger als drei Kilometer von der Polizeistation entfernt. Zehn Minuten später schloss Mackenzie die Tür zu ihrem Raum im Motel 6 auf. Sie war schon an schlimmeren Orten gewesen während ihrer Anstellung im Büro, aber sie wollte ja auch keine tollen Yelp oder Google Berichte schreiben. Sie schenkte dem Zustand ihres Zimmers wenig Aufmerksamkeit, legte die Akten auf den kleinen Tisch neben dem Einzelbett und verschwendete keine Zeit damit, sich darin zu vertiefen. Sie machte sich eigene Notizen, während sie sich durch die Akten las. Das Erste und vielleicht Alarmierendste, was sie entdeckte, war, dass von vierzehn Selbstmorden, die in den letzten drei Jahren aufgetreten waren, elf von ihnen an der Miller Moon Brücke passiert waren. Die anderen drei beinhalteten zwei Suizide in Verbindung mit einem Gewehr und ein einzelner, hatte sich am Dachbalken erhängt. Mackenzie wusste genug über Kleinstädte, um den Reiz dieses ländlichen Merkmals, wie die Miller Moon Brücke zu verstehen. Die Geschichte und der insgesamt vernachlässigte Zustand waren ansprechend, besonders bei Teenagern. Und wie die Aufzeichnungen vor ihr zeigten, waren sechs der vierzehn Selbstmörder unter 21 Jahre alt gewesen. Sie grübelte über den Aufzeichnungen; sie waren nicht so genau detailliert dargestellt, wie sie es gerne gehabt hätte, sie waren über dem Nennwert von dem, was sie bei den meisten Kleinstadtpolizeibehörden gesehen hatte. Sie schaute sich ihr Geschriebenes an und fand eine umfangreiche Liste mit Details, die ihr dabei half, besser zu dem Grund der zahlreichen Tode zu kommen, die mit der Miller Moon Brücke in Verbindung standen. Nach ungefähr einer Stunde hatte sie genug, um ein paar grobe Meinungen zu begründen. Erstens hatte genau die Hälfte der vierzehn Selbstmörder einen Abschiedsbrief hinterlassen. Die Briefe machten klar, dass sie die Entscheidung getroffen hatten, ihre Leben zu beenden. Jede Aufzeichnung hatte eine Fotokopie des Briefes dabei und alle von ihnen drückten in der einen oder anderen Form Reue aus. Sie sagten ihren Liebsten, dass sie sie liebten und drückten Schmerz aus, den sie nicht überwinden konnten. Die anderen sieben konnte man schon fast als typische mutmaßliche Mordfälle sehen: Leichen, die aus dem Nichts entdeckt wurden, in schlimmen Zustand. Einer der Selbstmörder war eine siebzehnjährige Frau, die Hinweise auf eine kürzlich stattgefundene sexuelle Handlung gezeigt hatte. Als die DNA ihres Partners an und in ihrem Körper gefunden wurde, hatte er Beweise in Form von Textnachrichten erbracht, dass sie zu ihm nach Hause gekommen war und sie Sex gehabt hatten und sie dann gegangen war. Und so wie es aussah, hatte sie sich ungefähr drei Stunden später von der Miller Moon Bridge gestürzt. Der einzige Fall von den Vierzehn bei denen sie sehen konnte, dass es ein näheres Hinsehen gerechtfertigt hätte, war der traurige und bedauernswerte Selbstmord eines sechzehnjährigen Jungens. Als er auf diesen blutigen Brocken unter der Brücke entdeckt wurde, hatte er Prellungen auf seiner Brust und Arme, die nicht zu den anderen Verletzungen passten, die er vom Fall selbst hatte. Innerhalb von ein paar Tagen hatte die Polizei entdeckt, dass der Junge regelmäßig von seinem alkoholkranken Vater geschlagen worden war, der trauriger weise drei Tage nach der Entdeckung der Leiche seines Sohns einen Selbstmordversuch unternahm. Mackenzie beendete ihre Ermittlungen mit der neu zusammengestellten Akte über Malory Thomas. Ihr Fall stand ein wenig heraus von den anderen, weil sie nackt gewesen war. Die Berichte sagten, dass ihre Kleidung auf einem ordentlichen Haufen an der Brücke gefunden worden war. Es gab keine Anzeichen von Missbrauch, kürzlicher sexueller Aktivität oder Fremdeinwirkung. Aus irgendwelchen Gründen sah es so aus, als wenn Malory Thomas entschieden hatte, diesen Sprung so zu machen, wie sie auf die Welt gekommen war. Das scheint merkwürdig, dachte Mackenzie. Fehl am Platz, sogar. Wenn man sich umbringen wollte, warum will man sich so darstellen, wenn die Leiche gefunden wird? Sie grübelte einen Augenblick und erinnerte sich dann an diese Psychologin, die Sheriff Tate erwähnt hatte. Natürlich war es jetzt wo es Mitternacht war, zu spät um anzurufen. Mitternacht, dachte sie. Sie sah auf ihr Handy und war überrascht, dass Ellington nicht versucht hatte, sie zu erreichen. Sie nahm an, er spielte den Schlauen – wollte sie nicht stören, bis er dachte, dass sie in einem guten Zustand war. Und ehrlich gesagt, war sie sich nicht sicher, in was für einem Zustand sie war. Er hatte also mal einen Fehler in seinem Leben gemacht, lange, ehe er sie kennengelernt hatte … warum zum Teufel war sie so verärgert darüber? Sie war sich nicht sicher. Aber sie wusste, dass sie es war … und in dem Moment war das alles, was zählte. Ehe sie sich ins Bett legte, schaute sie auf die Visitenkarte, welche die Frau in der Polizeistation in die Akte gelegt hatte. Es war der Name, die Nummer und die E-Mail-Adresse der einheimischen Psychologin Dr. Jan Haggerty. Da sie so gut vorbereitet wie möglich sein wollte, schrieb Mackenzie eine E-Mail und ließ Dr. Haggerty wissen, dass sie in der Stadt war, warum sie hier war und forderte so schnell wie möglich ein Treffen. Mackenzie dachte, wenn sie morgen nach 9 Uhr noch nichts von Haggerty gehört hatte, würde sie anrufen. Ehe sie das Licht ausmachte, dachte sie daran Ellington anzurufen, nur um zu sehen, wie es ihm ging. Sie kannte ihn gut genug; er badete wahrscheinlich im Selbstmitleid und trank mehrere Biere, um hinterher auf der Couch einzuschlafen. Ihn sich in diesem Zustand vorzustellen, machte die Entscheidung für sie leichter. Sie machte die Lichter aus und in der Dunkelheit hatte sie das Gefühl, das sie in einer Stadt war, die dunkler als andere war. Die Art von Stadt, die hässliche Narben versteckte, für immer im Dunkeln, nicht wegen der ländlichen Lage, sondern wegen eines bestimmten Flecks auf einer Schotterstraße etwa sechs Meilen von dort, wo sie derzeit ihren Kopf ruhte. Und obwohl sie sich Mühe gab, die Gedanken zu beseitigen, schlief sie mit den Bildern von Teenagern ein, die von der Miller Moon Brücke in den Tod sprangen. KAPITEL SECHS Sie wurde von dem Klingeln ihres Handys geweckt. Die Nachttischuhr sagte ihr, dass es 6:40 Uhr war, als sie danach griff. Sie sah McGraths Namen auf dem Display und hatte gerade noch genug Zeit sich zu wünschen, dass es stattdessen Ellington wäre, und beantwortete den Anruf. „Hier ist Agentin White.“ „White, wo sind wir bei dem Fall mit Neffen von Direktor Wilmoth?“ „Naja, im Moment sieht es wie ein eindeutiger Selbstmord aus. Wenn es sich so herausstellt, wie ich mir denke, dann werde ich heute Nachmittag wieder in DC sein.“ „Keine Fremdeinwirkung?“ „Nicht, dass ich sehen kann. Wenn es Ihnen nichts ausmacht zu fragen … sucht Direktor Wilmoth nach Fremdeinwirkung?“ „Nein. Aber lassen Sie uns ehrlich sein … ein Selbstmord in der Familie für einen Mann in seiner Position wird nicht gut aussehen. Er will einfach nur Einzelheiten ehe die Öffentlichkeit diese bekommt.“ „Einverstanden.“ „White, habe ich Sie geweckt?“, fragte er schroff. „Natürlich nicht, Sir.“ “Halten Sie mich auf dem Laufenden”, sagte er und beendete den Anruf. Was für eine tolle Art geweckt zu werden, dachte Mackenzie, während sie aufstand. Sie ging duschen, und als sie fertig war, lief sie mit einem Handtuch um sich herumgeschlungen aus dem Bad, als ihr Handy klingelte. Sie erkannte die Nummer nicht, also ging sie gleich ran. Mit noch nassem Haar antwortete sie: „Hier ist Agentin White.“ „Agentin White, hier ist Jan Haggerty“, sagte eine düster klingende Stimme. „Ich habe gerade ihre E-Mail gelesen.“ “Danke, dass Sie mich so schnell zurückrufen”, sagte Mackenzie. „Ich weiß, es ist viel für jemanden in Ihrem Beruf, aber gibt es eine Chance, dass wir uns irgendwann heute noch für ein Gespräch treffen können?“ „Das ist kein Problem“, sagte Haggerty. „Mein Büro ist in meinem Zuhause und mein erster Termin ist erst um halb 10 heute Morgen. Wenn Sie mir eine halbe Stunde oder so geben, um mich auf den Tag vorzubereiten, dann habe ich heute Morgen Zeit. Ich mache Kaffee.“ „Hört sich gut an“, sagte Mackenzie. Haggerty gab Mackenzie ihre Adresse und beendete den Anruf. Mit einer halben Stunde Freizeit entschied Mackenzie sich etwas Erwachsenes zu tun und rief Ellington an. Es würde keinen von ihnen gut tun, sich vor dem Thema zu verstecken und einfach zu hoffen, dass der andere es einfach vergessen hatte oder es unter den Teppich kehrte. Als er den Anruf beantwortete, hörte er sich müde an. Mackenzie nahm an, dass sie ihn geweckt hatte, was nicht überraschend war, da er an freien Tagen ausschlief. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie auch ein wenig Hoffnung in seiner Stimme hörte. „Hey“, sagte er. „Guten Morgen“, erwiderte er. “Wie gehts dir?” “Ich weiß nicht”, sagte er fast sofort. “Verstimmt würde es wohl am ehesten beschreiben. Aber ich werde es überleben. Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicher bin ich, dass dies vorübergehend ist. Ich habe einen Fleck in meiner persönlichen Akte, aber solange ich zurück zur Arbeit kann, werde ich das glaube ich schaffen. Wie geht es dir? Wie ist der supergeheime Fall?“ “Ziemlich vorbei, denke ich”, erwiderte sie. Als sie ihn letzte Nacht auf dem Weg nach Kingsville angerufen hatte, hatte sie nicht zu viele Informationen mit ihm geteilt, sie hatte ihn einfach nur wissen lassen, dass es kein Fall war, bei dem sie in Gefahr sein würde. Sie war vorsichtig gewesen, nicht zu viele Informationen preiszugeben. Manchmal passierte das unter Agenten, wenn ein Fall abgeschlossen war oder nahe dran war, abgeschlossen zu werden. „Gut“, sagte er. „Weil ich mag es nicht, wie die Dinge zwischen uns waren, als du gegangen bist. Ich weiß nicht … naja, ich weiß nicht, wofür ich mich entschuldigen soll. Aber ich fühle mich trotzdem so, als wenn ich dir damit einen schlechten Dienst erwiesen habe.“ „Es ist, wie es ist“, sagte Mackenzie und hasste den Klang bei solch einem Klischee, der aus ihrem Mund kam. „Ich sollte heute Abend wieder da sein. Dann können wir darüber reden.“ „Hört sich gut an. Sei vorsichtig.“ “Du auch”, sagte sie mit einem erzwungenen Kichern. Sie beendeten den Anruf, und obwohl sie sich ein bisschen besser fühlte, jetzt wo sie mit ihm gesprochen hatte, konnte sie die Anspannung nicht ignorieren, die sie immer noch spürte. Sie fuhr hinaus nach Kingsville auf der Suche nach etwas zu essen, um sich die Zeit zu vertreiben, ehe sie zu Dr. Haggertys Haus fuhr. *** Dr. Haggerty lebte alleine in einem zweistöckigen Kolonialstil Haus. Es lag im Zentrum eines wunderschönen Gartens. Eine dichte Gruppe von Ulmen und Eichen im Garten schwebten hinter dem Haus, wie die natürliche Form der Schlagschatten. Dr. Haggerty wartete an der Tür auf Mackenzie mit einem Lächeln und dem Geruch von frisch aufgebrühtem starken Kaffee direkt hinter ihr. Sie sah aus wie in den späten Fünfzigern mit einem Haaransatz, der immer noch den größten Teil seines Kastanienbrauns enthielt. Ihre Augen schauten Mackenzie aus einer kleinen Brille an. Als sie Mackenzie einlud hineinzukommen, winkte sie sie mit ihren dünnen Armen und einer Stimme, die ein wenig lauter als Flüstern war, durch die Vordertür. “Danke, dass Sie sich mit mir treffen”, sagte Mackenzie. „Ich weiß, dass es kurzfristig ist.“ „Kein Problem“, sagte sie. „Unter uns gesagt, ich hoffe, wir können einen guten Grund finden, damit Sheriff Tate endlich dem Landkreis in den Ohren liegen kann, um endlich diese verdammte Brücke zu demolieren.“ Haggerty goss Mackenzie eine Tasse Kaffee ein und die zwei Frauen setzten sich an einen kleinen Tisch in einer idyllischen Frühstücksnische in der Küche. Durch ein Fenster an der Seite konnte man auf die Eichen und Ulmen im Hof sehen. „Ich nehme an, Sie wurden über die Neuigkeiten von gestern Nachmittag informiert?“, fragte Mackenzie. „Das wurde ich“, sagte Haggerty. „Kenny Skinner. Zweiundzwanzig Jahre alt, stimmt’s?“ Mackenzie nickte, während sie von ihrem Kaffee trank. „Und Malory Thomas sieben Tage vorher. Also … können Sie mir sagen, warum Sie an dem Sheriff Fall um die Brücke dran sind?“ “Naja, Kingsville hat wenig zu bieten. Und auch wenn niemand in dieser Kleinstadt es zugeben will, es gibt nichts in Kleinstädten für Teens und junge Erwachsene. Und wenn das passiert, dann werden solche krankhaften Denkmäler wie die Miller Moon Brückee zur Ikone. Wenn Sie sich die Stadtverzeichnisse anschauen, dann sehen Sie, dass schon seit 1956 Menschen von dieser Brücke gesprungen sind, als sie noch in Nutzung war. Junge Menschen sind heutzutage so viel Negativität und Selbstwert Themen ausgesetzt, dass so etwas Ikonisches wie diese Brücke so viel mehr werden kann. Kinder suchen nach einem Weg aus der Stadt bis hin ins Extreme und dann geht es nicht mehr länger darum, aus der Stadt zu flüchten … es geht darum, dem Leben zu entkommen.“ „Sie glauben also, die Brücke bietet Selbstmördern einen einfachen Weg?“ “Keinen einfachen Weg”, sagte Haggerty. „Es ist schon fast wie ein Leuchtfeuer für sie. Und die, die schon vorher von der Brücke gesprungen sind, haben ihnen den Weg gezeigt. Die Brücke ist nicht einfach mehr nur eine Brücke. Es ist eine Selbstmordplattform.“ „Letzte Nacht hat Sheriff Tate auch gesagt, dass Sie es kaum glauben können, dass diese Selbstmorde einfach alles nur Selbstmorde sind. Können Sie das ausführen?“ “Ja … und ich glaube, ich kann Kenny Skinner als Beispiel nehmen. Kenny war ein beliebter Typ. Unter uns gesagt, er würde eigentlich nichts Ungewöhnliche machen. Er wäre wahrscheinlich völlig zufrieden gewesen, den Rest seines Lebens hier zu verbringen und bei Kingsville Reifen und Traktor Zubehör zu arbeiten. Aber er hatte ein gutes Leben hier, wissen Sie? Soweit ich weiß, war er so eine Art Frauenschwarm und in einer Stadt wie dieser – man in so einem Land wie diesem – garantiert das spaßige Wochenenden. Ich persönlich habe letzten Monat mit Kenny gesprochen, als ich über einen Nagel gefahren bin. Er hat es für mich repariert. Er war höflich, hat gelacht ein gut erzogener Mann. Es fällt mir schwer zu glauben, dass er sich auf so eine Art umbringt. Und wenn Sie sich die Liste der Menschen ansehen, die in den letzten drei Jahren von dieser Brücke gesprungen sind, dann gibt es mindestens ein oder zwei mehr, die ich verdächtig finde … Menschen die ich niemals mit Selbstmord in Verbindung gebracht hätte.“ “Sie glauben also, es gibt Fremdeinwirkungen?”, fragte Mackenzie. Haggerty nahm sich einen Moment Zeit. „Das ist nur eine Ahnung, die ich habe, aber ich würde mich nicht wohlfühlen, das mit absoluter Sicherheit zu sagen.“ „Und ich nehme an, dieses Gefühl basiert auf ihrer professionellen Meinung und nicht nur von jemandem, der von so vielen Selbstmorden in der kleinen Stadt betroffen ist“, fragte Mackenzie. „Das ist korrekt“, sagte Haggerty, aber sie schien schon fast ein wenig beleidigt von der Natur dieser Frage. “Haben Sie vielleicht zufällig mal Kenny Skinner oder Malory Thomas als Klienten gehabt?” „Nein. Und auch keins der anderen Opfern bis ins Jahr 1996.“ „Haben Sie denn wenigstens einen der Selbstmörder von der Brücke getroffen?“ „Ja, einmal. Und bei dem, habe ich es kommen sehen. Ich habe alles getan, was ich konnte, um die Familie zu überzeugen, dass sie Hilfe braucht. Aber als ich sie endlich dazu gebracht hatte, das überhaupt in Erwägung zu ziehen, ist sie von der Brücke gesprungen. Sie sehen also … in dieser Stadt steht die Miller Moon Brücke für Selbstmord. Und deswegen hätte ich es gerne, wenn die Gemeinde sie abreißt.“ “Weil Sie glauben, dass es alle mit Selbstmordgedanken anzieht?” „Genau.“ Mackenzie spürte, dass das Gespräch praktisch vorbei war. Und das war in Ordnung für sie. Sie konnte direkt sagen, dass Dr. Haggerty nicht der Typ dafür war, etwas zu übertreiben, nur um sicherzugehen, dass man sie endlich anhörte. Obwohl sie versuchte hatte, es herunterzuspielen, aus Angst falsch zu liegen, war Mackenzie sich ziemlich sicher, dass Haggerty wirklich daran glaubte, dass zumindest einige der Fälle keine Selbstmorde waren. Und das wenige an Skepsis war alles, was Mackenzie brauchte. Wenn es auch nur die kleinste Chance gab, dass einer dieser letzten Leichen keine Selbstmörder waren, dann wollte sie das mit Sicherheit wissen, ehe sie zurück nach DC fuhr. Sie trank ihren Kaffee aus und dankte Dr. Haggerty für ihre Zeit und ging dann wieder nach draußen. Auf dem Weg zu ihrem Auto schaute sie auf den Wald, der fast ganz Kingsville umgab. Sie schaute nach Westen, wo die Miller Moon Brücke lag, hinter einer Reihe von Nebenstraßen und einer Kieselstraße, die allen Reisenden zu sagen schien, dass sie am Ende von etwas angekommen waren. Während sie noch über diese blutbeschmierten Brocken unten an der Brücke nachdachte, schickte der Vergleich einen kleinen Schauer durch Mackenzies Herz. Sie schob das beiseite, startete den Motor und zog ihr Handy hervor. Wenn sie eine endgültige Antwort haben wollte, dann musste sie das so behandeln, als wenn es ein Mordfall wäre. Und mit dem Gedanken nahm sie an, musste sie mit den Familienmitgliedern der kürzlich Verstorbenen sprechen. KAPITEL SIEBEN Ehe sie die Familie von Kenny Skinner besuchte, holte Mackenzie sich die Erlaubnis von McGrath. Seine Antwort war kurz, klar und auf den Punkt gewesen: Es ist mir egal, ob Sie mit jemandem aus dem Scheiß Kleine Liga Baseball Team sprechen, finden Sie es einfach heraus. Die Bestätigung drängte sie in die Richtung des Hauses von Pam und Vincent Skinner. So wie McGrath es erklärte hatte, hieß Pam Skinner früher Pam Wilmoth. Eine ältere Schwester des stellvertretenden Direktor Wilmoth, die von zu Hause aus als Angebotsspezialistin für eine Umweltagentur arbeitete. Vincent Skinner war der Besitzer von Kingsville Reifen und Traktor Zubehör und hatte seinem Sohn Kenny einen Job angeboten, als er fünfzehn war. Als Mackenzie an die Tür klopfte, kam niemand von den Skinners, um sie zu begrüßen. Stattdessen war es der Pastor der Kingsville Presbyterianischen Kirche. Als Mackenzie ihm ihren Ausweis zeigte und ihm sagte, warum sie hier war, ließ er sie hinein und bat sie im Foyer zu warten. Die Skinner Familie lebte in einem netten Haus in einer Ecke, von der sie annahm, dass man sie als Kingsville Downtown bezeichnete. Sie konnte riechen, dass jemand kochte, der Duft zog über den Flur. Irgendwo im Haus konnte sie ein Handy klingeln hören. Sie hörte auch die gedämpfte Stimme des Pastors, die Pam und Vincent Skinner wissen ließ, dass dort eine Dame vom FBI war, die ihnen ein paar Fragen über Kenny stellen wollte. Es dauerte ein paar Minuten, ehe Pam Skinner kam, um sie zu treffen. Die Frau war ganz rot im Gesicht vom Weinen und sah aus, als wenn sie die Nacht zuvor nicht geschlafen hätte. „Sind Sie Agentin White?“, fragte sie. “Das bin ich.” “Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, mein Bruder hat mir gesagt, dass Sie irgendwann kommen werden.“ „Wenn es zu früh ist, kann ich auch –“ „Nein, nein ich möchte dass gerne hinter mich bringen“, sagte sie. „Ist Ihr Mann zu Hause?“ „Er soll im Wohnzimmer mit unserem Pastor bleiben. Vincent hat das unglaublich schwer genommen. Er ist letzte Nacht zwei Mal umgekippt und hat diese kleinen Momente, in denen er sich weigert zu glauben, was passiert ist und –“ Wie aus dem nichts entwich Pam ein lautes Schluchzen und sie lehnte sich gegen die Wand. Sie hielt den Atem an und schluckte es herunter, Mackenzie nahm an, dass es Trauer war, die herauskam.“ “Frau Skinner … ich kann auch später wiederkommen.“ „Nein, jetzt Bitte. Ich musste die ganze Nacht für Vincent stark bleiben. Ich kann ein paar weitere Minuten für Sie schaffen. Kommen Sie einfach in die Küche.“ Mackenzie folgte Pam Skinner in den Flur und in Richtung Küche, wo Mackenzie den Geruch wieder erkannte, den sie schon vorhin bemerkt hatte. Anscheinend hatte Pam ein paar Zimtrollen in den Ofen getan, vielleicht in einer Bemühung, ein wenig ihre Sorgen um ihren Mann zu vergessen. Pam überprüfte sie halbherzig, während Mackenzie sich auf einen Stuhl an der Küchentheke setzte. „Ich habe heute Morgen mit Dr. Haggerty gesprochen“, sagte Mackenzie. „Sie hat sich dafür ausgesprochen, die Miller Moon Brücke abzureißen. Der Name Ihres Sohnes kam dabei auf. Sie sagte, sie findet es schwer zu glauben, dass Kenny sich selbst das Leben genommen hat.“ Pam nickte empathisch. „Sie hat recht. Kenny würde sich niemals selbst töten. Der Gedanke ist total verrückt.“ “Haben Sie irgendwelche starken und glaubhaften Gründe anzunehmen, dass jemand Ihrem Sohn Schaden zufügen wollte?“ Pam schüttelte ihren Kopf, genauso wütend, wie sie ihn vorhin geschüttelt habe. „Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht. Und es hatte einige harte Wahrheiten über Kenny hervorgebracht, das ist sicher. Es gab einige Männer, die vielleicht nicht allzu gut auf ihn zu sprechen waren, weil Kenny dazu neigte, Frauen ihren Freunden auszuspannen. Aber es ist nie irgendwas Ernstes daraus geworden.“ „Und in den letzten Wochen haben Sie nicht gehört, wie Kenny irgendetwas sagte oder auf bestimmte Art reagiert hat, die andeuten könnte, dass er irgendwelche Gedanken darüber hatte, sich selbst zu verletzten?“ “Nein. Nichts dergleichen. Sogar wenn Kenny schlechte Laune hatte, hat er es geschafft, den Raum zu erhellen. Er wurde fast nie wütend über irgendwas. Er war kein perfektes Kind bei Weitem nicht, aber ich glaube nicht, dass es eine einzige Unze Wut oder Hass in ihm gab. Für mich ist es absolut unverständlich, dass er sich selbst hätte töten wollen.“ Ein weiteres Schluchzen kam in ihr hoch zwischen den Worten töten und sich selbst. „Wissen Sie, ob er irgendwelche Verbindungen zu der Brücke hatte?“, fragte Mackenzie. „Nicht mehr als die anderen Teenager und jungen Erwachsenen in der Stadt. Ich bin mir sicher, dass er dort getrunken oder geflirtet hat, aber nichts Außergewöhnliches.“ Mackenzie konnte spüren, wie der Damm in Pam Skinner brach. Eine weitere Minute oder zwei und sie würde zusammenbrechen. „Eine weitere Frage und bitte, ich muss das fragen. Aber wie sicher sind Sie, dass Sie ihren Sohn gut kannten? Glauben Sie, dass er vielleicht heimlich ein zweites Leben geführt hat, dass er vor Ihnen und Ihrem Ehemann versteckt hat?“ Sie dachte einen Moment nach, während Tränen aus ihren Augen traten. Langsam sagte sie, „Ich nehme an, alles ist möglich. Aber wenn Kenny irgendeine Art zweites Leben vor uns versteckt hat, dann hat er das mit der Kunst eines Spions getan. Und obwohl er ein tolles Kind war, war er nicht sehr engagiert bei den Dingen. Und so etwas zu verstecken wäre für ihn …“ „Ich verstehe“, sagte Mackenzie. „Ich werde Sie jetzt alleine lassen. Aber bitte, wenn Ihnen noch irgendwas in den folgenden Tagen einfällt, rufen Sie mich sofort an.“ Damit stand Mackenzie auf und legte ihre Visitenkarte auf die Theke. „Es tut mir so leid für Ihren Verlust, Frau Skinner.“ Mackenzie ging schnell, aber nicht auf unhöfliche Art. Sie konnte das Gewicht des Verlustes der Familie auf sich spüren, bis sie draußen war und die Tür hinter sich schloss. Und selbst dann auf dem Weg zu ihrem Auto konnte sie die Geräusche von Pam Skinner hören, die endlich ihre Trauer herausließ. Es war mehr als bewegend und brach Mackenzies Herz ein wenig. Sogar als sie auf der Einfahrt war, war ihr das Geräusch von Pam Skinners Schluchzen noch im Kopf, wie eine fallende Brise, die tote Blätter über eine verlassene Straße fegte. KAPITEL ACHT Es gab keinen Gerichtsmediziner im gesamten Landkreis. Sogar das Büro des Gerichtsmediziners lag eineinhalb Stunden von Kingsville entfernt in Arlington. Anstatt direkt nach DC zu fahren, nur um höchstwahrscheinlich direkt nach Kingsville zurückzukehren, ging Mackenzie in ihr Motel und machte eine Reihe von Anrufen. Zehn Minuten später hatte sie eine Skype Sitzung mit dem Gerichtsmediziner der Malory Thomas und Kenny Skinners Leichen untersucht hatte. Kenny Skinners Leiche war noch nicht vollständig präpariert und nicht bereit zum Untersuchen, das erschwerte die Dinge ein wenig. Trotzdem rief Mackenzie an und wartete auf eine Antwort. Der Mann am anderen Ende war einer, mit dem Mackenzie schon ein paar Mal zusammengearbeitet hatte, ein Mann mittleren Alters mit drahtigem Haar namens Barry Burke. Es war schön ein bekanntes Gesicht zu sehen, nach dem Morgen, den sie gehabt hatte. Sie konnte immer noch nicht ganz die Geräusche des Verlusts abschütteln, die aus Pam Skinner gekommen waren, als sie ihr Haus verlassen hatte. “Hi Agentin White”, begrüßte sie Burke. „Hey. Mir wurde gesagt, dass es nicht viel bei der Leiche von Kenny Skinner zu sehen gibt, richtig?“ „Tut mir leid, das ist richtig. Auch wenn ich mich geschmacklos anhöre, es ist ein ziemliches Durcheinander. Wenn Sie mir sagen, wonach Sie suchen, kann ich es auf die Spitze meiner Prioritätenliste setzen.“ „Irgendwelche frischen Kratzer oder Prellungen. Jedes Anzeichen, dass er vielleicht in einen Kampf verwickelt war.“ „Okay, das mach ich. Jetzt … nehme ich an, wollen Sie dasselbe über Malory Thomas wissen, oder?“ “Das stimmt. Haben Sie etwas?” „Vielleicht. Ich hasse es, dass zu sagen, aber wenn wir eine Leiche haben, bei der es recht offensichtlich ist, dass es ein Selbstmord war, gibt es bestimmte Dinge, die sofort ganz unten auf die Prioritätenliste fallen. Also ja … wir haben etwas bei Malory Thomas gefunden, dass um ehrlich zu sein, nichts sein könnte. Aber wenn Sie nach Kratzern suchen …“ „Was haben Sie?”, fragte sie. “Geben Sie mir eine Sekunde und ich schicke Ihnen ein Foto”, sagte er. Er klickte eine Weile herum und dann poppte das Büroklammerzeichen im Skype Fenster auf. Mackenzie klickte darauf und ein JPEG öffnete sich auf ihrem Bildschirm. Sie schaute auf die Unterseite der rechten Hand von Malory Thomas. Mackenzie zoomte das Foto ein wenig heran und sah sofort, wovon Burke gesprochen hatte. Zwischen dem ersten und zweiten Knochen von drei Fingern gab es offensichtliche Schnitte und Schürfwunden. Die Schnitte sahen sehr zerlumpt aus und waren zwar nicht blutig, sahen aber roh und grausig aus. Es gab zwei sehr große Kratzer am oberen Teil ihrer Handfläche, die aussahen, als wenn sie erst kürzlich da waren. Zu guter Letzt schien sich im Fleisch ihrer Hand genau über der Handfläche eine Art sehr blasser Einschnitt zu befinden, der eine kleine Halbkreisform bildete. Aus einigen Gründen hob sich diese mehr hervor, als die anderen. Es schien merkwürdig und normalerweise hieß das, dass es der Hinweis war, den sie suchte. “Hilft das?”, fragte Burke. “Weiß ich noch nicht”, erwiderte Mackenzie. “Aber es ist mehr, als ich vor einer Minute hatte.” „Auch das könnte von Bedeutung sein … eine Sekunde.“ Burke rollte für ungefähr zehn Sekunden vom Tisch weg und kam dann wieder ins Blickfeld. Er hielt eine kleine Plastiktüte in der Hand. Drinnen war etwas, was aussah wie ein Stück Baumrinde. Er hielt es näher in die Kamera. Mackenzie sah ein Holzstück, das ungefähr zweieinhalb Zentimeter breit und vier Zentimeter lang war. „Das war in ihrem Haar“, sagte Burke. „Und der einzige Grund, warum ich das interessant finde, ist, weil es das einzige Stück in ihrem Haar war. Wenn man so etwas normalerweise an einer Leiche findet, besonders im Haar, dann eine ganze Menge davon. Hobelspäne, Mulch und solche Sachen. Aber das war nur ein Stück.“ “Eine merkwürdige Frage an Sie”, sagte Mackenzie. „Können Sie ein Foto davon machen und mir das an meine E-Mail schicken?“ “Hey, das ist einer der wenigsten seltsamen Anfragen, die ich diese Woche bekommen habe. Vorteile des Jobs, wissen Sie…“ „Danke für das Gespräch“, sagte Mackenzie. “Haben Sie eine Ahnung, wann Sie einen genaueren Blick auf Kenny Skinner werfen können?” „Ich hoffe in ein paar Stunden.“ „Ich hoffe, dass ich heute Abend wieder in DC bin. Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich wieder da bin und dann schaffe ich es hoffentlich vorbeizukommen.“ Mit diesen Plänen beendeten sie den Anruf. Mackenzie schickte das Bild von Malory Thomas Handfläche auf ihr Handy und ging dann hinaus. Sie dachte an die Kratzer und den kaum vorhandenen Einschnitt an der Hand der Frau sowie das einzelne Stück Holz. Es bedeutete alles etwas … sie konnte spüren, wie es in ihrem Kopf versuchte, zu klicken. Anstatt es im Motel auszutüfteln, dachte sie, gäbe es keinen besseren Ort darüber nachzudenken, als an dem Tatort des mutmaßlichen Verbrechens. Ihre einzige Hoffnung war, dass die Miller Moon Brücke weniger düster und unheimlich bei Tageslicht war. *** Als sie die Abzweigung erreichte, die auf den Kieselweg führte, der an der Miller Moon Brücke endete, war sie erleichtert zu sehen, dass ein Polizeiauto des Landkreises am Rand parkte. Der gelangweilte Beamte schaute hoch, als sie mit ihrem Auto an ihm vorbeifuhr. Sie zog ihr Abzeichen und er winkte ihr zu, ohne wirklich darauf zu schauen. Innerhalb von einem Kilometer erreichte sie das KEINE INSTANDHALTUNG Zeichen. An diesem Punkt wurde die Straße zu Kieseln. Sie fuhr langsam, hörte auf das Knirschen der Steinchen unter dem Auto, während Staub hochwirbelte. Nach eineinhalb Kilometern oder so kam die erste weiße Stütze der Miller Moon Brücke in Sicht, hob sich leicht in einem schrägen Winkel in die Luft. Sie fuhr um die Kurve und sah dann das ganze Ding, ausgestreckt über den steilen Abhang unter dem sich ein trockenes Flussbett befand. Obwohl es bei Tageslicht nicht so gruselig aussah, zeigte die Struktur sein Alter. Sie parkte mehrere Meter entfernt davon, wo die Holzbretter begannen. Sie versuchte sich vorzustellen, vor dreißig oder vierzig Jahren ein Auto auf die andere Seite zu fahren und schon der Gedanke daran, beängstigte sie. Als sie auf die Bretter trat, schaute sie auf die andere Seite. Es gab zwei Zementgrenzen, die ungefähr einen Meter hochstanden zwischen dem Ende der Brücke und dem Beginn einer Straße, die scheinbar lange nicht mehr benutzt worden war. Es fühlte sich wortwörtlich an, als wenn sie auf das Ende der Welt trat, wo alles zu einem Ende kam. Während sie langsam über die Brücke lief, suchte sie das Foto von Malorys Handfläche. Sie öffnete auch den Anhang in der E-Mail, die Burke ihr nach dem Skype Anruf geschickt hatte. Sie öffnete das Bild des kleinen Holzstücks und hatte beides bereit. Sie hatte keine Ahnung, nach was sie suchte, aber sie war sich sicher, dass sie es wissen würde, wenn ihre Augen darauf fielen. Wie sich herausstellte, dauerte das nicht so lange. Sie war gerade drei Meter über die Brücke gegangen, als sie die Anordnung der Balken und Streben bemerkte, die an den Seiten der Brücke entlangliefen. Alle liefen natürlich darunter als Stütze, aber auf der anderen Seite der weißen Schienen, welche die Brücke von der offenen Fläche dahinter trennten, gab es eine einzelne Eisenstrebe, die ca. einen halben Meter breiter als die Brücker war. Es war gerade breit genug, sodass sich jemand daraufstellen konnte. Sie schaute auf die Länge der Brücke und zählte drei verschiedene Streben. Sie ging zu den Schienen und kniete sich hin, um einen besseren Blick zu bekommen. Die Streben vor ihr unterstützten ebenfalls fünf kleinere Streben, die unter der Brücke verliefen. Diese kleineren waren mit den größeren durch große Schrauben verbunden. Die Schrauben waren mit etwas verdeckt, was wie glatte Metallklappen aussah, abgetragen und vom Alter verrostet. Mackenzie schaute sich das Foto von Malorys Handfläche an und zoomte es heran auf die Einkerbung auf ihrer Haut. Leicht rund sahen die Kurven ziemlich wie der Umfang der Metallkappen an der Strebe aus. Sie ließ ihre Finger vorsichtig über die Metalkappe gleiten. Ja, es war glatt – wahrscheinlich dort angebracht, um die rauere Endung von irgendeiner Schraube, die auch immer benutzt wurde, um die Strebe anzuhängen, zu verdecken – aber der Rand der Kappen war ein wenig rau an den Ecken. Mackenzie stand wieder auf und lief langsam ein wenig weiter die Brücke herunter. Sie sah denselben Entwurf einer nach dem anderen. Fünf Schrauben, die Enden davon waren von diesen glatten Eisenkappen verdeckt. Es gab dann einen Bruch in dem Leerraum der Kappen und es gab fünf weitere. Sie zahlte drei Sets von fünf in der ersten Eisenstrebe und dann fünf in der Nächsten. Sie kam nicht zur dritten Eisenstrebe am letzten Teil der Brücke. Als sie die Hälfte der Brücke erreicht hatte, kam sie zu einer Stelle, wo die hölzerne Basis des Brückenrahmens nur ein kleines Stück hinter der Eisenstrebe hervorschaute. Nicht viel … vielleicht sieben Zentimeter. Aber es war genug für Mackenzie, um zu bemerken, dass die Balken und Streben unter der Brücke teilweise aus Holz gemacht waren – vielleicht nur der Originalrahmen oder zusätzliche Konstruktionen. Sie ging wieder auf die Knie und lehnte sich ein wenig über das Geländer. Sie ließ ihre Hand ein wenig an dem Holz entlanglaufen. Es war alt und brüchig, aber recht hart. Sie verglich die Farbe und die Textur des Holzes mit dem kleinen Stück, dass Burke eingepackt und ihr gezeigt hatte. Sogar mit dem Blick auf ihrem Handy, konnte sie sagen, dass es dasselbe war. Aber wenn sie gesprungen ist, wie hat sie das in ihr Haar bekommen? Sie war sich ziemlich sicher, dass das Foto von Malorys Handfläche die Frage beantwortete. Wenn die Einkerbung auf ihrer Handfläche von einer dieser Kappen stammte, dann ist sie nicht gesprungen. Sie hing von der Brücke … vielleicht hat sie versucht, sich selbst zu retten. Und der Holzsplitter in ihrem Haar … wenn sie an dieser Stelle gehangen hat, dann ist es nicht schwer sich vorzustellen, dass dieses alte Holz in ihr Haar gesplittert ist, als sie versucht hatte ihren Griff zu verfestigen. Sie ließ ihren Daumen über die fünf Kappen entlang der Strebe vor sich gleiten, einer nach dem anderen. Am zweitletzten fühlte sie die Raue der Kappe. Es war sicherlich grob genug, um Malory die hauchdünnen Schürfwunden zu verpassen. Mit dem Herz in ihrer Brust hämmernd, schaute Mackenzie nach unten über die Schiene. Die Steine die Malory Thomas und Kenny Skinner getötet hatten, hatten hier unten gewartet. Sogar von dieser Höhe aus konnte sie die Verfärbung sehen, wo noch vor weniger als zwölf Stunden Blut gewesen war. Ich stehe hier, wo sie gestanden haben, dachte Mackenzie. Sie standen direkt hier, Momente vorher, ehe sie starben. Dann schaute sie wieder auf die Fotos der Einkerbung in Malorys Handfläche und dann wieder auf die Schraubenkappen. Und sie korrigierte ihren Gedanken: Sie standen hier, Momente ehe sie getötet wurden. KAPITEL NEUN Mackenzie hatte keinen Handyempfang, bis sie wieder auf dem Kieselweg war, also konnte sie McGrath mit einem Update auch die nächsten zehn Minuten nicht anrufen. Seine Sekretärin sagte, er wäre nicht im Büro und er antwortete auch nicht auf seinem Handy. Sie entschied sich keine Nachricht zu hinterlassen und rief stattdessen Sheriff Tate an. Tate ging ebenfalls nicht ran, sondern seine Mailbox und sie erinnerte sich daran, dass er ihr gesagt hatte, dass sein altes Handy manchmal nicht richtig funktionierte. Sie legte frustriert auf, aber ehe sie Zeit hatte, wütend zu werden, rief Tate sie zurück. „Ich habe Ihnen ja gesagt“, sagte er. „Dieses verdammte Handy. Egal, was kann ich für Sie tun, Agentin White?, fragte er. “Wie schnell können Sie mich mit ein paar ihrer besten Männer an der Polizeistation treffen?” „Ich bin jetzt in der Station. Und wenn es Kenny Skinner betrifft, dann ist die einzige andere Person, die davon weiß, mein Stellvertreter, wie ich schon letzte Nacht gesagt habe. Er kann in zwanzig Minuten hier sein. Warum? Was ist los?” “Es gibt ein paar Dinge, von denen ich Ihnen berichten will.” „Haben Sie etwas gefunden?“, fragte er sofort neugierig. Er hörte sich auch ein wenig aufgeregt an und Mackenzie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. „Ich würde lieber warten, bis ich Sie dort treffen kann. Übrigens … haben Sie irgendeinen Weg für mich, wie ich mich mit DC verbinden kann?“ „Nur ein Standard Telefon mit Tonwahl. Wir können Konferenzen machen, wenn nötig.“ Sie fühlte sich ein wenig verwöhnt, als sie enttäuscht davon war. Dennoch dankte sie ihm und beendete den Anruf. Sie war fünf Minuten von der Kingsville Polizeistation entfernt, als McGrath sie zurückrief. Nachdem sie die Einzelheiten durchgegangen war, die sie gefunden hatte, wurde er einen Moment ruhig. Endlich, als sie gerade auf den Parkplatz der Polizei fuhr, begann er zu sprechen. „Sind Sie sicher?“, fragte er. „Ich bin sicher genug, um zu sagen, dass es wirklich eine Ermittlung erfordert.“ „Das reicht mir. Finden Sie einen Weg mich mit in das Meeting zu nehmen, dass Sie haben werden. Ich möchte da dran bleiben.“ „Mache ich. Geben Sie mir ein paar Minuten.“ Sie parkte und betrat die Polizeistation. Sheriff Tate saß hinter dem kleinen Großraumbürobereich und wartete auf sie. Als sie in die Lobby kam, kam er ihr schnell entgegen. Während er sie auf die Rückseite des schmalen Gebäudes führte, sprach er leise mit ihr. “Ich habe es geschafft, einen meiner Männer dazu zu bringen, einen Weg zu finden, wie sie einen Videoanruf auf einem unserer Laptops machen können. Es ist zwar nicht so erstklassig, wie Sie in DC gewohnt sind, aber das ist alles, was wir hier draußen haben.“ „Das ist in Ordnung. Das wird schon ausreichen.“ Tate führte sie in den Konferenzraum, wo ein eher altes Macbook auf einem kleinen Holztisch lag. Ein weiterer Mann saß am Ende des Tisches und winkte ihr zu, als sie hereinkam. Dann stand er auf und gab ihr seine Hand. „Stellvertretender Sheriff Andrews“, sagte er. “Nett Sie kennenzulernen, Agentin White.“ Er war ein kleiner und kräftiger Mann, ein wenig von der schweren Seite mit der Art von kiesigem südländischen Charme, der entweder charmant oder abschreckend sein konnte. Mackenzie konnte sich nicht entscheiden, zu welcher Kategorie Andrews gehörte. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=43692759) на ЛитРес. 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