Überfahren Blake Pierce Ein Riley Paige Krimi #12 Ein Meisterwerk der Spannung! Die Autorin schafft es auf hervorragende Weise den Charakteren eine psychologische Seite zu geben, die so gut beschrieben ist, dass wir uns in ihre Köpfe versetzt fühlen, ihren Ängsten folgen und über ihren Erfolg jubeln. Die Handlung ist sehr intelligent und wird Sie das ganze Buch hindurch unterhalten. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wach halten. Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden) Gefesselt ist Band #12 in der Bestseller Riley Paige Krimi Serie, die mit dem #1 Bestseller VERSCHWUNDEN (Band #1) beginnt – einem kostenlosen Download mit über 1. 000 fünf Sterne Bewertungen! In diesem aufreibenden Krimi werden tote an Scheinen gefesselte Frauen gefunden, und das FBI auf der Suche nach einem weiteren Massenmörder in ein Wettrennen gegen die zeit getrieben. Die FBI Spezialagentin Riley Paige hat endlich einen würdigen Gegner gefunden: einen sadistischen Mörder, der seine Opfer an schienen bindet, so dass sie von heranfahrenden Zügen getötet werden. Ein Mörder, der klug genug ist seiner Verhaftung in mehreren Staaten zu entgehen – und charmant genug, um unsichtbar zu bleiben. Sie wird schnell lernen, dass sie all ihre Fähigkeiten braucht, um seine kranke Gedankenwelt zu durchdringen – eine Gedankenwelt, bei der Riley nicht weiß, ob sie sie kennenlernen möchte. Und am Ende steht eine Überraschung, die selbst Riley sich nie hätte träumen lassen. Ein düsterer Krimi von psychologischer Tiefe und aufreibender Spannung, Gefesselt ist Band #12 einer spannenden Serie – mit einer populären Heldin – die sie bis spät in die Nacht weiterlesen lassen wird. Book #13 in the Riley Paige series will be available soon. Ü B E R F A H R E N (EIN RILEY PAIGE KRIMI –– BAND 12) B L A K E P I E R C E Blake Pierce Blake Pierce ist die Autorin der RILEY PAIGE Bestseller Krimiserie, die bisher zwölf Bände (weitere Bände folgen) umfasst. Blake Pierce ist ebenso die Autorin der MACKENZIE WHITE Krimiserie, bestehend aus acht Bänden; der AVERY BLACK Krimiserie, aus sechs Bänden bestehend; der KERI LOCKE Krimiserie, aus fünf Bänden bestehend; ebenso die neue Serie DAS MAKING of RILEY PAIGE, die mit Band #1 BEOBACHTET beginnt. Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi- und Thriller-Genres. Blake freut sich von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com) und bleiben Sie in Kontakt! Copyright © 2018 Blake Pierce Alle Rechte vorbehalten. 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Copyright Umschlagsbild Photographee.eu, genutzt unter der Lizenz von Shutterstock.com ANDERE BÜCHER VON BLAKE PIERCE DIE MAKING OF RILEY PAIGE SERIE BEOBACHTET (Band #1) RILEY PAIGE KRIMI SERIE VERSCHWUNDEN (Band #1) GEFESSELT (Band #2) ERSEHNT (Band #3) GEKÖDERT (Band #4) GEJAGT (Band #5) VERZEHRT (Band #6) VERLASSEN (Band #7) ERKALTET (Band #8) VERFOLGT (Band #9) VERLOREN (Band #10) BEGRABEN (Band #11) ÜBERFAHREN (Band #12) GEFANGEN (Band #13) MACKENZIE WHITE KRIMI SERIE BEVOR ER TÖTET (Band #1) BEVOR ER SIEHT (Band #2) BEVOR ER BEGEHRT (Band #3) BEVOR ER NIMMT (Band #4) BEVOR ER BRAUCHT (Band #5) EHE ER FÜHLT (Band #6) EHE ER SÜNDIGT (Band #7) BEVOR ER JAGT (Band #8) VORHER PLÜNDERT ER (Band #9) AVERY BLACK KRIMI SERIE DAS MOTIV (Band #1) LAUF (Band #2) VERBORGEN (Band #3) GRÜNDE DER ANGST (Band #4) RETTE MICH (Band #5) ANGST (Band #6) KERI LOCKE KRIMI SERIE EINE SPUR VON TOD (Band #1) EINE SPUR VON MORD (Band #2) EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Band #3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4) EINE SPUR VON HOFFNUNG (Band #5) INHALT PROLOG (#u8be4c848-70aa-56e4-bcdc-3b30f1e2a298) KAPITEL EINS (#u747ca930-4034-5d2f-a1fd-e348f9544b88) KAPITEL ZWEI (#u952a3789-1867-5c32-894d-28a5c6553be7) KAPITEL DREI (#u617c4b19-b1ee-5488-aa0f-0215182a1c30) KAPITEL VIER (#u742db23a-2ea3-4275-9607-5e02d1484a84) KAPITEL NEUN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ELF (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo) KAPIEL VIERZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNUNDDREIßIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZIG (#litres_trial_promo) PROLOG Als sie langsam wieder zu sich kam, spürte Reese Fisher, dass ihr ganzer Körper schmerzte. Ihr tat der Nacken weh und ihr Schädel pochte so, als würde er gleich explodieren. Als sie die Augen öffnete, wurde sie sofort vom grellen Sonnenlicht geblendet. Sie presste die Augenlieder wieder fest zusammen. Wo bin ich? dachte sie. Wie bin ich hierhergekommen? Neben dem Schmerz verspürte sie auch eine kribbelnde Taubheit, besonders in den Gliedmaßen. Sie versuchte ihre Arme und Beine zu bewegen um das Kribbeln loszuwerden, stellte jedoch fest das es unmöglich war. Sie konnte ihre Arme, Hände und Beine aus irgendeinem Grund nicht mehr bewegen. Sie überlegte… Hatte ich irgendeinen Unfall? Vielleicht hatte sie ein Auto erfasst. Oder vielleicht war sie aus ihrem eigenen Auto herausgeworfen worden und lag nun auf dem harten Asphalt. Ihr Verstand schien keinen klaren Gedanken fassen zu können. Wieso konnte sie sich an nichts erinnern? Und wieso konnte sie sich nicht bewegen? War ihr Genick gebrochen oder so? Nein. Sie spürte doch den Rest ihres Körpers. Sie konnte sich nur nicht bewegen. Sie konnte auch die heiße Sonne auf ihrem Gesicht spüren und wollte ihre Augen deshalb nicht wieder öffnen. Sie versuchte zu überlegen wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte vor diesem…was auch immer das hier gerade war? Sie erinnerte sich –– oder meinte sich erinnern zu können –– wie sie in Chicago in den Zug gestiegen war, wie sie einen guten Sitzplatz gefunden hatte und dass sie dann auf ihrem Weg zurück nach Hause nach Millikan gewesen war. Aber war sie jemals in Millikan angekommen? War sie aus dem Zug gestiegen? Ja, meinte sie sich zu erinnern. Es war ein heller, sonniger Morgen am Bahnhof gewesen und sie freute sich auf den nicht mal zwei Kilometer langen Spaziergang nach Hause. Doch dann… Was? Der Rest ihrer Erinnerung war unzusammenhängend, traumartig sogar. Es war wie einer dieser Träume, in denen man sich in schrecklicher Gefahr befindet aber unfähig ist wegzurennen, unfähig sich überhaupt zu bewegen. Sie hatte sich wehren wollen, sich aus irgendeiner Gefahr befreien wollen, aber sie hatte es nicht gekonnt. Sie konnte sich außerdem an jemandes bösartige Gegenwart erinnern –– ein Mann, dessen Gesicht sie sich nun beim besten Willen nicht mehr ins Gedächtnis rufen konnte. Was hat er mit mir gemacht? fragte sie sich. Und wo bin ich? Sie merkte, dass sie zumindest ihren Kopf bewegen konnte. Sie drehte sich weg von der prallen Sonne und konnte sich endlich dazu bringen ihre Augen zu öffnen und sie auch offen zu halten. Zuerst bemerkte sie geschwungene Linien, die sich von ihr in die Ferne streckten. Doch in diesem Moment schienen sie irgendwie abstrakt und unbegreiflich. Dann verstand sie, wieso ihr Nacken so schmerzte. Er lag auf einem langen sich in die Ferne windenden Stück rötlichen Stahls, glühend heiß von der grellen Sonne. Sie versuchte sich ein wenig zu winden und fühlte sogleich etwas spitzes und unebenes unter ihrem Rücken. Es fühlte sich an wie Schotter. Nach und nach erkannte sie die abstrakten Linien und ihr wurde klar, was sie waren. Trotz der Sonne wurde ihr ganzer Körper kalt, als sie es verstand. Sie lag auf Eisenbahngleisen. Aber wie war sie hierher gelangt? Und wieso konnte sie sich nicht bewegen? Sie zappelte und bemerkte, dass sie sich doch bewegen konnte, zumindest etwas. Sie konnte sich winden, ihren Körper drehen und auch ihre Beine, obwohl sie die irgendwie nicht voneinander trennen konnte. Die kribbelnde Taubheit die sie nicht vermocht hatte loszuwerden verwandelte sich nun zu Wallungen von Angst. Sie war hier irgendwie angebunden –– gebunden an Eisenbahngleise, ihr Hals festgemacht am Gleis. Nein, sagte sie sich. Das ist unmöglich. Es musste einer dieser Träume sein –– ein Traum, in dem man unbeweglich und hilflos und in schrecklicher Gefahr ist. Sie schloss ihre Augen wieder in der Hoffnung, dass der Alptraum weichen würde. Doch plötzlich fühlte sie eine heftige Vibration in ihrem Nacken und ein Rumpeln erreichte ihre Ohren. Das Rumpeln wurde immer lauter. Die Vibration wurde stechend stark und sie riss ihre Augen wieder auf. Obwohl sie nicht sehr weit entlang der Gleise sehen konnte, wusste sie genau was die Quelle der Vibration war, dieses Crescendos an Lärm. Es war ein nahender Zug. Ihr Puls hämmerte in ihren Schläfen und der Terror schüttelte ihren gesamten Körper. Ihr Winden und Zappeln wurde verzweifelt und wild, blieb jedoch absolut vergeblich. Sie konnte ihre Arme und Beine nicht befreien und sie konnte ihren Hals nicht vom Gleis losreißen. Das Rumpeln war nun zu einem ohrenbetäubenden Donnern geworden und plötzlich kam er in ihr Sichtfeld… …der rötlich-orangene Vorderteil einer riesigen Diesellokomotive. Sie stieß einen Schrei aus –– einen Schrei der, wie sie selbst kurz registrierte, sich unnatürlich laut anhörte. Dann begriff sie, dass es gar nicht ihr eigener Schrei war, den sie gehört hatte. Es war der kreischend schrille Laut der Zugpfeife. Nun fühlte sie eine komische Wut in sich hochkochen. Der Lokführer hatte die Pfeife betätigt… Warum zum Teufel hält er nicht einfach an? Aber natürlich war das unmöglich –– jedenfalls nicht schnell genug bei seiner gegenwärtigen Geschwindigkeit. Sie konnte ein fürchterliches Quietschen vernehmen als er den Versuch unternahm den Berg von Metall unter seiner Kontrolle zum Stehen zu bringen. Die Lokomotive füllte jetzt ihr gesamtes Sichtfeld –– durch die Windschutzscheibe starrte ein paar Augen… …Augen, die mit demselben Ausdruck von Horror schauten, den sie in ihrem Inneren verspürte. Es war wie in einen Spiegel zu schauen–– jedoch wollte sie nicht sehen, was sie dort sehen konnte. Reese Fisher schloss ihre Augen und wusste, dass sie es zum letzten Mal in ihrem Leben tat. KAPITEL EINS Als Riley das Auto vor ihrem Haus anhalten hörte fragte sie sich… Bin ich wirklich in der Lage das durchzuziehen? Sie betrachtete ihr Gesicht im Badezimmerspiegel und hoffte, dass es nicht zu leicht erkennbar war, dass sie geweint hatte. Dann ging sie hinunter ins Wohnzimmer, wo sich ihre gesamte Familie schon versammelt hatte –– ihre Haushälterin, Gabriela; ihre fünfzehnjährige Tochter, April; Jilly, die Dreizehnjährige, die Riley gerade adoptierte. Und von all ihnen umgeben, von zwei großen Koffern geflankt, stand der fünfzehnjährige Liam und lächelte Riley etwas traurig an. Es geschieht nun wirklich, dachte sie. Genau jetzt. Sie ermahnte sich, dass es alles für das Beste war. Trotzdem konnte sie nichts gegen ihre Traurigkeit tun. Dann klingelte es an der Tür und Jilly eilte zur Tür um diese zu öffnen. Ein Mann und eine Frau in ihren späten Fünfzigern traten ein, strahlend über die ganzen Gesichter. Die Frau trat sofort zu Liam herüber, der Mann ging auf Riley zu. „Sie müssen Ms. Paige sein”, sagte er. „Nennen sie mich bitte Riley“, erwiderte sie mit leicht heiserer Stimme. „Ich bin Scott Schweppe, Liams Onkel“, stellte sich der Mann vor. Er drehte sich zu seiner Frau die währenddessen Liam umarmte. „Und das ist meine Frau, Melinda.“ Mit einem leicht unbeholfenen Grinsen fuhr er fort: „Aber ich nehme an, das wissen Sie alles schon. Auf jeden Fall freue ich mich so sehr, Sie kennen zu lernen.“ Riley schüttelte seine entgegengestreckte Hand. Sie empfand seinen Händedruck als stark und voller Wärme. Im Gegensatz zu Riley versuchte Melinda gar nicht erst ihre Tränen zurückzuhalten. Als sie zu ihrem Neffen hinaufschaute, sprach sie zu ihm: „Oh, Liam! So eine lange Zeit ist es gewesen! Du warst noch so klein, als wir Dich zum letzten Mal gesehen hatten. Jetzt bist Du so ein stattlicher junger Mann!“ Riley holte mehrere Mal tief und langsam Luft. Das ist wirklich das Beste für alle, sagte sie sich. Vor einigen Tagen wäre das, was gerade passierte, das letzte was sie erwartet hätte. Es schien als wäre es gestern gewesen, dass Liam bei Riley und ihrer Familie eingezogen war. Er war ja auch tatsächlich erst seit zwei Monaten bei ihnen, hatte aber von Anfang an gut hineingepasst und alle im Haushalt waren ihm schon sehr zugetan. Jetzt hatte es sich aber herausgestellt, dass der Junge Verwandte hatte, die wollten, dass er bei ihnen lebte. „Bitte setzen sie sich. Machen sie es sich bequem“, bot Riley dem Paar an. Melinda tupfte ihre Augen mit einem Taschentuch ab und setzte sich zusammen mit Scott auf die Couch. Auch alle anderen fanden einen Sitzplatz außer Gabriela, die in die Küche eilte um Snacks und Getränke zu holen. Riley fühlte sich ein wenig erleichtert, als April und Jilly anfingen Smalltalk mit Scott und Melinda zu führen –– sie fragten sie über ihre zweitägige Reise von Omaha aus, darüber, wo sie in der Nacht Rast gemacht hatten und wie das Wetter die Zeit über gewesen war. Jilly schien bei guter Laune zu sein, Riley meinte jedoch Betrübtheit in Aprils Verhalten zu bemerken. Immerhin stand sie Liam näher als alle anderen. Riley beobachtete das Paar aufmerksam während sie ihnen zuhörte. Scott und sein Neffe sahen sich sehr ähnlich –– der gleiche schlaksige Körperbau, dieselben auffällig roten Haare und ein sonnengesprosster Teint. Melinda hingegen war ein stämmiger Typ und sah aus wie eine überaus durchschnittliche, gutmütige Hausfrau. Gabriela kam bald mit einem Tablett wieder, auf dem sich Kaffee, Zucker und Sahne, sowie köstliche selbstgebackene guatemalische Plätzchen –– Chumpurradas –– befanden. Sie servierte das alles während die anderen redeten. Riley bemerkte, dass Liams Tante sie ansah. Mit einem warmen Lächeln sagte Melinda: „Riley, Scott und ich können Ihnen nicht genug danken.“ „Oh –– es war mir eine Freude“, erwiderte Riley. „Es war wunderbar ihn bei uns zu haben.“ Scott schüttelte den Kopf und sagte: „Ich wusste nicht, wie schlimm es mit meinem Bruder, Clarence, geworden ist. Wir hatten uns seit langer Zeit voneinander entfremdet. Das letzte Mal hörte ich vor Jahren von ihm, als Liams Mutter ihn verlassen hatte. Wir hätten in engerem Kontakt bleiben sollen, auch wenn nur um Liams Willen.“ Riley war sich nicht sicher, was sie sagen sollte. Wie viel hatte Liam seiner Tante und seinem Onkel von dem, was vorgefallen war, erzählt? Sie erinnerte sich nur zu klar an alles. April hatte gerade erst begonnen mit Liam auszugehen und er gefiel Riley gleich. Doch nach einem entsetzen Anruf von April eilte Riley zu Liams Haus nur um ihn dort grausam von seinem Vater verprügelt vorzufinden. Riley gelang es denn Mann zu bändigen, jedoch konnte sie Liam unmöglich in seiner Obhut lassen. Riley nahm Liam mit nach Hause und richtete ihm einen Schlafplatz im Wohnzimmer ein. Natürlich waren dies prekäre Wohnbedingungen. Liams Vater rief seinen Sohn immerzu an und schrieb ihm SMS, in denen er versprach sich zu ändern und nicht mehr zu trinken –– es war pure emotionale Erpressung, und es war ungeheuerlich schwer für Liam. Scott fuhr fort: „Ich war total überrumpelt als Clarence mich letzte Woche aus dem nichts anrief. Er klag so, als hätte er seinen Verstand verloren. Er wollte meine Hilfe um Liam zurückzubekommen. Er sagte…naja, er sagte so Sachen, das war ganz schön krass, das kann ich ihnen sagen.“ Riley konnte sich zu gut vorstellen, was für „Sachen“ Liams Vater gesagt haben konnte –– einschließlich dem, was für eine abscheuliche und gemeine Person Riley wäre, dass sie ihm Liam einfach weggenommen hatte. „Clarence sagte, er würde aufhören zu trinken“, sagte Scott. „Aber ich war sicher, dass er schon während des Anrufs wieder betrunken war. Liam dorthin zurückzuschicken wäre eine schreckliche Idee. Es war klar, dass es nur einen Ausweg aus dieser Situation gibt.“ Riley zuckte bei diesen Worten zusammen. „…nur einen Ausweg...“ Natürlich war genau dieser eine Ausweg nicht Liam weiterhin in Rileys Familie zu lassen. Es war einfach gesunder Menschenverstand. Er sollte gehen und bei seiner nächsten Verwandtschaft leben. Melinda drückte Scotts Hand und sagte zu Riley: „Scott und ich haben ein leeres Nest, wissen sie. Wir haben unsere drei Kinder schon großgezogen, zwei Söhne und eine Tochter. Unser Mädchen macht gerade ihren Abschluss an der Universität und die Jungs sind beide verheiratet und erfolgreich und bereit eigene Familien zu gründen. Wir sind also nun ganz allein in unserem großen Haus und wir vermissen es junge Stimmen zu hören. Es ist das perfekte Timing für uns. Erneut zuckte Riley ein wenig. „…das perfekte Timing…“ Natürlich war es das perfekte Timing. Was hinzukam war, dass es die perfekten Menschen waren –– oder so perfekt wie Eltern überhaupt sein konnten. Wahrscheinlich sehr viel besser als ich, dachte Riley sich. Sie selbst war sehr weit davon entfernt alles in ihrem eigenen komplizierten Leben auf die Reihe zu bekommen –– die Verantwortung des Elterndaseins sowie die oftmals in Konflikt dazu stehenden, manchmal gefährlichen, Pflichten einer FBI Agentin. Tatsächlich fand sie es manchmal unmöglich all das zu vereinen und Liam hier zu haben, hatte ihr Leben nicht gerade einfacher gemacht. Sie hatte oft das Gefühl nicht genug Aufmerksamkeit für die Kinder aufbringen zu können –– inklusive für Liam. Sie hatte wirklich sehr viel auf sich genommen, als sie ihn zu sich nahm. Und überhaupt, wie sollte er denn weiterhin in diesem Wohnzimmer leben bis zum Zeitpunkt, an dem er an die Uni ging? Ja, und wie wollte sie denn bitte überhaupt seine Ausbildung bezahlen? Nein, das alles war wirklich das Beste für sie alle. Jilly und April hielten das Geplauder am Laufen und fragten das Paar über deren schon erwachsene Kinder aus. In der Zwischenzeit füllte sich Rileys Kopf mit Sorgen. Sie hatte das Gefühl Liam in der kurzen Zeit schon so gut kennengelernt zu haben. Was wussten diese Leute überhaupt nach Jahren der Entfremdung von ihm und von seinem Vater? Sie wusste, dass Scott der Inhaber eines erfolgreichen Fahrradladens war. Er war außerdem in erstaunlich guter Form für sein Alter. Würde er es verstehen, dass Liam von Natur aus tollpatschig und unsportlich war? Liam war alles andere als eine Sportskanone und liebte es zu lesen und sich seinen Schulaufgaben zu widmen. Er war außerdem der Kaptein des Schachklubs seiner Schule. Würden Scott und Melinda sich auf ihn einlassen können und in der Lage sein eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen? Würden sie sich genauso gerne mit ihm unterhalten, wie Riley es tat? Würden sie seine Interessen teilen? Oder würde er sich einsam und fehl am Platz fühlen? Doch Riley musste sich selbst daran erinnern, dass sie gar nicht in der Position war sich über diese Dinge Sorgen zu machen. Das ist wirklich alles das Beste für alle, sagte sie sich erneut vor. Bald –– viel schneller als es Riley lieb gewesen wäre –– hatten Scott und Melinda ihre Kekse gegessen und den Kaffee getrunken und dankten Gabriela für die köstliche Stärkung. Es war Zeit für sie aufzubrechen. Schließlich war es eine lange Fahrt zurück bis nach Omaha. Scott griff nach Liams Koffern und machte sich auf den Weg zum Auto. Melinda ergriff herzlich Rileys Hand. Sie sprach: „Noch einmal, wir können ihnen wirklich nicht genug danken dafür, dass sie sich um Liam kümmerten als er dies am meisten brauchte.“ Riley nickte nur und Melinda folgte ihrem Mann nach draußen. Jetzt befand sich Riley Angesicht zu Angesicht mit Liam. Er schaute sie mit weit offenen Augen an, so als hätte er jetzt erst verstanden, dass er sie alle verließ. „Riley“, sagte er mit seiner charmanten, etwas quietschenden Teenagerstimme, „wir hatten keine Möglichkeit einmal zusammen Schach zu spielen.“ Riley überkam ein Gefühl von Reue. Liam hatte April beigebracht zu spielen, aber irgendwie hatte Riley es nie geschafft selber eine Partie mit ihm zu spielen. Jetzt hatte sie auf einmal das Gefühl, dass es zu viele Dinge gab, für die sie es nicht geschafft hatte Zeit zu finden. „Keine Sorge“, sagte sie. „Wir können online spielen. Ich meine, Du wirst doch in Kontakt bleiben, oder? Wir erwarten alle, von Dir zu hören. Oft. Wenn wir nichts hören komme ich nach Omaha. Ich denke nicht, dass Du das FBI vor Deiner Tür stehen haben willst.“ Liam lachte. “Keine Sorge”, sagte er. “Ich bleib in Kontakt. Und wir werden unbedingt mal Schach spielen.” Dann fügte er mit einem Grinsen hinzu: „Ich werde Dich im Schach total fertig machen, das weißt Du doch, oder?“ Riley lachte und umarmte ihn. „Ja, in Deinen Träumen vielleicht“, sagte sie. Natürlich wusste sie, dass er Recht hatte. Sie war eine ziemlich gute Schachspielerin aber nicht einmal annähernd gut genug um gegen so einen herausragenden Jungen wie Liam zu gewinnen. Liam sah aus, als wäre er den Tränen nahe und stürzte zur Tür hinaus. Er stieg zu Scott und Melinda ins Auto und die drei fuhren davon. Während Riley am Fenster stand und ihnen nachsah hörte sie wie Jilly und Gabriela in der Küche aufräumten. Dann fühlte sie wie jemand ihre Hand drückte. Sie drehte sich um und sah, dass es April war und dass sie sie besorgt ansah. „Alles ok, Mom?“ Riley konnte es kaum glauben, dass ausgerechnet April ihr in diesem Moment Mitgefühl entgegenbrachte. Schließlich was Liam ihr Freund gewesen, als er hier eingezogen war. Jedoch hatten sie seit diesem Zeitpunkt eine Pause in ihrer romantischen Beziehung eingelegt. Sie mussten unter diesen Umständen „hermanos solamente“ bleiben, wie Gabriela es bezeichnete –– Bruder und Schwester, sonst nichts. April war dieser Veränderung mit Anmut und Reife begegnet. „Alles in Ordnung“, antwortete Riley. „Wie geht es Dir?“ April blinzelte ein wenig, aber sie schien eine bemerkenswerte Kontrolle über ihre Emotionen zu haben. „Ich bin ok“, erwiderte sie. Riley erinnerte sich an den Plan, den April und Liam für die Sommerferien hatten. Sie fragte: „Hast Du immer noch vor den Sommer im Schachcamp zu verbringen?“ April schüttelte den Kopf. „Es wäre einfach nicht dasselbe ohne Liam.“ „Verstehe ich“, sagte Riley. April drückte Rileys Hand ein wenig fester und sagte: „Wir haben wirklich etwas Gutes getan, oder? Ich meine, dass wir Liam geholfen haben“. „Das haben wir auf jeden Fall“, antwortete Riley und erwiderte Aprils Händedruck. Dann stand sie einen Moment da und betrachtete ihre Tochter. Sie schien so unglaublich erwachsen in diesem Augenblick und Riley war zutiefst stolz auf sie. Natürlich, wie alle Mütter dies tun, machte sie sich Gedanken um Aprils Zukunft. In letzter Zeit war sie besonders besorgt, nachdem April ihr mitgeteilt hatte, dass sie eine FBI Agentin werden wollte. War dies das Leben, dass Riley sich für ihre Tochter wünschte? Abermals ermahnte sie sich… Was ich mir wünsche ist in diesem Fall bedeutungslos. Ihr Job als Mutter war es alles dafür zu geben die Träume ihrer Tochter möglich zu machen. April begann ein wenig unruhig beim liebenden Anblick ihrer Mutter zu werden. „Ähm, stimmt was nicht, Mom?“ fragte April. Riley lächelte nur. Sie hatte auf den richtigen Moment gewartet um etwas Wichtiges anzusprechen. Und wenn dies nicht der richtige Augenblick war, dann wusste sie es auch nicht. „Komm mal mit hoch“, bat Riley April. „Ich habe eine Überraschung für Dich.“ KAPITEL ZWEI Als Riley April die Treppe hinaufführte, fragte sie sich, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie konnte aber fühlen, dass April aufgeregt und gespannt auf die „Überraschung“ war. Sie meinte, dass April auch ein bisschen nervös schien. Bestimmt nicht nervöser als ich es bin, dachte Riley. Aber jetzt war es zu spät sich es noch einmal anders zu überlegen. Sie betraten Rileys Schlafzimmer. Riley warf nur einen Blick auf den Gesichtsausdruck ihrer Tochter und entschied sich dafür keine Erklärungen im Vorab zu geben. Sie ging zu ihrem Schrank hinüber, in dem sich ein kleiner neuer schwarzer Safe auf einem der Regalbretter befand. Sie tippte den Code in des Tastenfeld ein, entnahm etwas aus dem kleinen Kasten und legte es auf das Bett. April riss die Augen weit auf beim Anblick des Gegenstandes. „Eine Pistole!“ sie schaute auf. „Ist sie für…?“ „Dich?” erwiderte Riley. “Naja, gesetzlich ist es immer noch meine Waffe. Die Gesetze Virginias lassen keinen Waffenbesitz vor dem achtzehnten Lebensjahr zu. Aber Du kannst bis dahin mit dieser hier üben. Wir werden uns damit langsam vorarbeiten, aber wenn Du sie gut beherrschst, wird sie Deine sein.“ Aprils Mund stand offen. „Willst Du sie haben?“ fragte Riley. April schien nicht so recht zu wissen, was sie antworten sollte. War es ein Fehler? fragte Riley sich. Vielleicht war April doch noch nicht bereit hierfür. Riley fuhr fort: „Du sagtest, Du wolltest eine FBI Agentin werden.“ April nickte eifrig. „Naja“, sagte Riley, „deshalb dachte ich es wäre vielleicht eine gute Idee mit Waffentraining anzufangen. Was meinst Du?“ „Ja –– oh, ja“, erwiderte April. „Das ist fantastisch. Wirklich total großartig. Danke, Mom. Ich bin nur etwas überwältigt. Ich hätte das wirklich nicht erwartet.” “Ich auch nicht”, sagte Riley. “Ich meine, ich habe nicht erwartet gerade jetzt irgendetwas in diese Richtung zu machen. Eine Waffe zu besitzen ist eine riesige Verantwortung –– eine die viele Erwachsene nicht meistern können.“ Riley nahm die Pistole aus dem Koffer und zeigte sie April. Sie sagte: „Das ist eine Ruger SR 22 –– eine .22 Kaliber semiautomatische Handfeuerwaffe.“ „Eine .22?“, fragte April. „Glaub mit, das hier ist kein Spielzeug. Ich möchte vorerst nicht, dass Du mit einem größeren Kaliber trainierst. Eine .22 kann genauso gefährlich sein wie jede andere Waffe–– vielleicht sogar gefährlicher. Mehr Menschen werden durch dieses Kaliber getötet, als durch irgendein anderes. Behandle die Pistole mit Vorsicht und Respekt. Du wirst sie nur fürs Training handhaben und in der übrigen Zeit bleibt sie in meinem Schrank. Sie wird in einem Waffensafe aufbewahrt werden, für den man einen Code braucht. Fürs Erste werde ich die einzige bleiben, die diesen kennt.“ „Natürlich“, antwortete April. „Ich will das Ding hier auch nicht einfach rumliegen haben“. Riley fügte hinzu: „Und ich würde es bevorzugen, wenn Du es Jilly gegenüber nicht erwähnen würdest.“ „Was ist mit Gabriela?“ Das war eine gute Frage, wusste Riley. Was Jilly anging so war es einfach eine Frage der Reife. Sie wäre womöglich neidisch geworden und würde eine eigene Pistole haben wollen, was ausgeschlossen war. Gabriela aber, so vermutete Riley, würde beunruhigt sein von dem Gedanken, dass April mit einer Waffe trainierte. „Vielleicht erzähle ich es ihr“, sagte Riley. „Aber jetzt erstmal nicht.“ Riley entnahm das leere Magazin und sagte: „Du musst immer wissen, ob Deine Waffe geladen oder ungeladen ist.“ Sie reichte April, deren Hände etwas zitterten, die ungeladene Pistole. Sie wollte beinahe einen Witz machen… „Sorry, ich habe keine mehr in Pink bekommen.“ Doch im letzten Moment überlegte sie es sich andres. Das hier war kein Gegenstand für Scherze. April fragte: „Aber was mach ich damit? Wo? Wann?“ “Jetzt gleich”, antwortete Riley. “Komm. Gehen wir.” Riley legte die Pistole zurück in den Koffer und trug ihn die Treppe hinunter. Glücklicherweise war Gabriela gerade in der Küche zugange und Jilly saß im Wohnzimmer, sodass sie nicht erörtern mussten, was sich im Koffer befand. April ging in die Küche und teilte Gabriela mit, dass Riley und sie für eine Weile weg sein würden. Sie ging ins Wohnzimmer und gab dasselbe an Jilly weiter. Das jüngere Mädchen saß gerade gebannt vor dem Fernseher und nickte nur. Riley und April verließen beide das Haus und stiegen ins Auto. Riley fuhr sie zu einem Waffenladen der „Smith Firearms“ hieß, wo sie die Pistole vor einigen Tagen gekauft hatte. Drinnen umgaben sie Feuerwaffen jeder Art und Größe, ausgestellt in Glasvitrinen oder einfach an der Wand hängend. Sie wurden von Brick Smith, dem Ladenbesitzer, begrüßt. Er war ein großer, bärtiger Mann, gekleidet in ein Plaid-kariertes Hemd und herzlich lächelnd. „Hallo, Ms. Paige“, sagte er. „Es ist gut sie wiederzusehen. Was bringt sie heute zu mir?“ Riley antwortete: „Das hier ist meine Tochter, April. Wir sind hergekommen um die Ruger auszuprobieren, die ich neulich hier gekauft hab.“ Brick Smith wirkte leicht amüsiert. Riley dachte zurück an den Tag, an dem sie ihren Freund, Blaine, hierher gebracht hatte um ihm eine Waffe zur Selbstverteidigung zu kaufen. Damals schien Brick etwas verblüfft eine Frau zu treffen, die einem Mann eine Waffe kaufte. Sein Erstaunen schwand erst dann, als er herausfand, dass Riley eine FBI Agentin war. Nun war er kein bisschen überrascht. Er gewöhnt sich so langsam an mich, dachte Riley. Gut. Das tut nicht jeder. „Nun gut“, sagte er, während er April ansah. „Sie haben mir nicht gesagt, dass sie die Waffe für ihre Kleine kaufen.“ Der Ausdruck irritierte Riley ein wenig… „…ihre Kleine…“ Sie fragte sich, ob das April beleidigte. Riley blickte April flüchtig an und stellte fest, dass diese immer noch etwas überfordert aussah. Ich vermute, dass sie sich gerade vielleicht auch wie ein kleines Mädchen fühlt, dachte Riley. Brick Smith führte Riley und April durch eine Tür hinter den Laden, auf einen überraschend großen Schießplatz, wo er sie dann allein ließ. „Als allererstes“, fing Riley an und zeigte auf eine lange Liste, die an der Wand angebracht war, „ließ diese Regeln. Frag mich, wenn Du etwas nicht verstehen solltest.“ Riley schaute zu wie April die Regeln las, die natürlich alle Sicherheitsvorkehrungen beinhalteten, einschließlich der Anweisung eine Feuerwaffe nie in irgendeine andere Richtung als in Richtung der Geschoßfänge zu richten. Während April mit ernster Miene las spürte Riley eine merkwürdige Art déjà vu. Sie dachte daran, wie sie Blaine hierher gebracht hatte um eine Pistole zu kaufen und seine neue Waffe auszuprobieren. Es war eine etwas bittere Erinnerung. Beim Frühstück nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht gestand Blaine zögerlich… „Ich glaube, ich brauche eine Waffe. Zur persönlichen Sicherheit.“ Natürlich hatte Riley sofort verstanden, was er meinte. Sein Leben war in Gefahr seit er sie kennengelernt hatte. Und wie sich später herausstellte, hatte er die Pistole tatsächlich nur wenige Tage später gebraucht um nicht nur sich, sondern Rileys gesamte Familie vor einem gefährlichen entflohenen Sträfling, Shane Hatcher, zu beschützen. Blaine hatte den Mann damals beinahe umgebracht. Riley hatte immer noch qualvolle Schuldgefühle wegen diesem schrecklichen Vorfall. Ist niemand in meinem Leben sicher? fragte sie sich. Wird jeder den ich kenne irgendwann eine Waffe brauchen, alles wegen mir? April hatte die Regeln durchgelesen und beide gingen zu einem der leeren Stände hinüber. Dort legte April Sicht- und Gehörschutz an und Riley nahm die Pistole aus ihrer Box und legte sie vor April hin. April schaute die Waffe entmutigt an. Gut, dachte Riley. Sie soll ruhig davon eingeschüchtert sein. April sagte: „Die ist anders, als die Waffe, die Du für Blaine gekauft hattest.“ „Das ist richtig“, antwortete Riley. „Ich habe ihm eine Smith and Wesson 686, einen .38 Kaliber Revolver gekauft. Das ist eine viel mächtigere Waffe. Aber er hat sie auch für einen ganz anderen Zweck gebraucht, als Du –– er wollte sich nur verteidigen können. Er hatte nicht vor den Strafverfolgungsbehörden beizutreten, wie Du es vorhast.“ Riley nahm die Pistole in die Hand und zeigte sie April. „Es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen einer Pistole und einer Halbautomatik. Halbautomatik hat viele Vorteile, aber auch einige Nachteile –– gelegentliche Fehlzündungen, Doppelzuführungen, Auswurf- und Ladehemmungen. Ich wollte nicht, dass Blaine sich mit so etwas im Ernstfall herumschlagen muss. Was Dich betrifft –– nun ja, Du kannst gleich von Anfang an alles über diese Dinge lernen, in einem sicheren Rahmen ohne Gefahr für Dein Leben.“ Riley begann damit, April zu zeigen, was sie zu allererst wissen musste –– wie man die Patronen ins Magazin einführte und das Magazin in die Pistole, und dann, wie man die Waffe wieder entlud. Während dieser Demonstration erklärte Riley: „Diese Waffe kann entweder mit Spannabzug oder mit Nichtspannabzug verwendet werden. Der Nichtspannabzug erlaubt es Dir viele schnelle Schüsse hintereinander zu tätigen bis Dein Magazin leer ist. Das ist der große Vorteil einer semiautomatischen Pistole.“ Sie legte den Finger auf den Abzug und fuhr fort: „Der Spannabzug lässt Dich hingegen selbst die Abzugsarbeit machen. Wenn Du anfängst den abzuziehen spannst Du den Hammer auf und wenn Du den Abzug durchgedrückt hast feuert die Waffe. Wenn Du dann einen weiteren Schuss tätigen willst, musst Du das Ganze von vorne beginnen. Das ist viel mehr Arbeit –– Dein Finger arbeitet gegen drei bis fünf Kilo Gegendruck –– daher schießt man langsamer. Das ist auch womit ich mit Dir beginnen möchte.“ Sie drückte einen Knopf und brachte dadurch die Papierzielscheibe auf eine Entfernung von etwa sechs Metern zum Stand. Danach zeigte sie April die korrekte Standhaltung und Händepositionierung und erklärte wie man zielt. Riley sagte: „Ok, Deine Waffe ist jetzt nicht geladen. Lass uns ein paar Leerschüsse probieren.“ Wie damals auch mit Blaine, erklärte Riley April wie man richtig atmete –– langsam einatmen während des Zielens, dann langsam ausatmen während sie den Abzug drückte damit der Körper so still wie möglich war zum Zeitpunkt, an dem der Schuss sich löste. April zielte vorsichtig auf den vage menschlich anmutenden Umriss auf der Zielscheibe und drückte den Abzug mehrere Male. Daraufhin setzte sie nach Rileys Anweisungen das geladene Magazin in die Pistole ein, nahm wieder die korrekte Haltung ein und feuerte einen einzigen Schuss. April gab einen erschrockenen Aufschrei von sich. „Habe ich was getroffen?“, fragte sie. Riley zeigte auf die Zielscheibe. „Naja, du hast auf jeden Fall die Zielscheibe getroffen. Und fürs erste Mal ist das gar nicht mal so schlecht. Wie hat es sich angefühlt?“ April kicherte nervös. „Irgendwie überraschend leicht, ich habe erwartet, dass es einen größeren…“ „Rückstoß gibt?“ „Ja. Und es war nicht so laut, wie ich erwartet hatte.“ Riley nickte und sagte: „Das ist eines der schönen Dinge an einer .22. Du wirst kein Zurückzucken oder andere schlechte Gewohnheiten entwickeln. Wenn du dich dann zu seriöseren Waffen vorarbeitest, wirst Du in der Lage sein mit ihrer Kraft umzugehen. Los, mach das Magazin ruhig leer.“ Als April langsam die restlichen neun Patronen abfeuerte bemerkte Riley eine Veränderung in ihrem Gesicht. Es war ein entschlossener, kämpferischer Gesichtsausdruck, den Riley bei April schon früher einmal gesehen hatte. Riley versuchte sich zu erinnern… Wann war das? Es war nur einmal, dachte sie. Dann schlug die Erinnerung wie ein Blitz ein… Riley hatte das Monster namens Peterson hinunter zum Fluss verfolgt. Er hielt April gefangen, an Händen und Füßen gefesselt mit einer Pistole an ihrer Schläfe. Als Petersons Waffe nicht feuerte, fiel Riley ihn an und stach auf ihn ein. Sie kämpften im Fluss bis er es schaffte ihren Kopf zu ergreifen und ihn Unterwasser zu halten um sie zu ertränken. Sie schaffte es für einen Moment hochzukommen, da bot sich ihr ein Anblick, den sie nie vergessen würde… Obwohl sie immer noch an den Handgelenken und Knöcheln zusammengebunden war, stand April auf den Beinen mit der Pistole, die Peterson fallengelassen hatte, in den Händen. April schmetterte den Handgriff gegen Petersons Kopf… Der Kampf endete einige Augenblicke später, als Riley Petersons Gesicht mit einem Stein einschlug. Jedoch hatte sie sich nie dafür verzeihen können, dass sie es zugelassen hatte, dass April in solche Gefahr gekommen war. Und nun stand sie hier, ihre April, und feuerte auf die Zielscheibe mit demselben entschlossenen Gesichtsausdruck von damals. Sie ist mir so ähnlich, dachte Riley. Und wenn April mit Leib und Seele dabei sein würde, würde sie eine genauso gute FBI Agentin wie Riley werden, womöglich sogar besser, da war Riley sich sicher. Aber war das gut oder schlecht? Riley wusste nicht, ob sie sich schuldig oder stolz fühlen sollte. Jedoch schoss April während ihrer halbstündigen Übungseinheit mit immer mehr Selbstbewusstsein und mit immer höherer Zielsicherheit auf die Zielscheibe. Als sie das Waffengeschäft verließen und nach Hause aufbrachen war es definitiv Stolz, den Riley fühlte. April war aufgeregt und gesprächig und stellte jede Menge Fragen zum Training, das ihr bevorstand. Riley antwortete so gut es ging und versuchte ihre Zwiegespaltenheit, was Aprils Zukunftspläne anging, nicht durchscheinen zu lassen. Als sie schon in der Nähe des Hauses waren rief April: „Schau, wer da ist!“ Rileys Herz wurde schwer, als sie den teuren BMW vor dem Haus stehen sah. Sie wusste, dass er der Person gehörte, die sie gerade am wenigsten sehen wollte. KAPITEL DREI Als Riley ihr eigenes eher bescheidenes Auto hinter dem BMW parkte, wusste sie schon, dass die Atmosphäre in ihrem Haus gleich eine sehr unangenehme sein würde. Sobald der Motor aus war, schnappte April die den Waffenkoffer und wollte aussteigen. „Lass die lieber erstmal hier“, sagte Riley. Sie wollte die Waffe auf gar keinen Fall dem unerwünschten Besuch erklären müssen. „Wahrscheinlich hast Du Recht“, antwortete April und schob die Box unter den Sitz. „Und denk dran –– kein Wort zu Jilly“, ermahnte Riley. „Ich weiß“, erwiderte April. „Sie hat aber bestimmt schon bemerkt, dass Du was für mich besorgt hast und wird neugierig sein. Naja, am Sonntag bekommt sie ja ein eigenes Geschenk von Dir, spätestens da wird sie’s vergessen haben.“ Was für ein eigenes Geschenk? überlegte Riley. Dann kam es ihr –– am Sonntag hatte Jilly Geburtstag. Riley fühlte, wie ihr Gesicht rot wurde. Sie hatte fast vergessen, dass Gabriela eine Familienfeier für Sonntagabend geplant hatte. Außerdem hatte sie Jilly noch kein Geschenk besorgt. Vergiss das bloß nicht! ermahnte sie sich streng. Riley verriegelte das Auto und April und sie gingen ins Haus. Wie erwartet saß der Besitzer des Luxusautos –– Riley’s Ex-Mann –– im Wohnzimmer. Jilly saß ihm in einem Sessel gegenüber und ihre steinerne Miene verriet, dass sie nicht im Geringsten erfreut über seinen Besuch war. „Was tust Du hier, Ryan?“, fragte Riley. Ryan wandte sich zu ihr mit dem charmanten Lächeln, dass schon so oft ihre Entschlossenheit ihn endgültig aus ihrem Leben zu verbannen gedämpft hatte. Verdammt, er sieht genauso gut aus wie immer, dachte sie. Sie wusste allerdings, dass er viel Zeit dafür aufwandte um so auszusehen, und dass er viele Stunden im Fitnessstudio verbrachte. Ryan entgegnete: „Hey, ist das etwa wie man Familie begrüßt? Ich bin doch immer noch Teil der Familie, oder?“ Für einen Augenblick sprach niemand. Die Stimmung was spürbar angespannt und Ryans Gesicht verzog sich zu einer Miene von Enttäuschung. Riley fragte sich, welche Art von Begrüßung er erwartet hatte. Er hatte sie alle seit drei Monaten nicht einmal besucht. Bevor er verschwand, hatten sie versucht wieder zueinander zu finden und er hatte einige Monate mehr oder weniger mit ihnen zusammengelebt. Er zog jedoch nie wirklich richtig ein. Er hatte das schöne, große Haus behalten, wo Riley, April und er einst zu dritt wohnten. Das war vor ihrer Trennung und der Scheidung. Die Mädchen waren froh gewesen ihn da zu haben –– bis er Interesse verlor und wieder einmal verschwand. Das hatte die Mädchen sehr verletzt. Und nun war er wieder da, aus dem nichts und ohne Vorwarnung. Die Stille stand weiterhin im Raum. Dann verschränkte Jilly die Arme und blickte ihn düster an. Sie drehte sich zu Riley und April und fragte: „Wo wart ihr beiden denn überhaupt?“ Riley musste schlucken. Sie hasste es Jilly anzulügen, aber das war sicherlich der denkbar schlechteste Moment ihr über Aprils Pistole zu erzählen. Glücklicherweise sagte April schnell: „Wir mussten bloß was erledigen.“ Ryan schaute zu April. „Hey Süße“, sprach er sie an, „bekomme ich nicht mal eine Umarmung?“ April machte keinen Augenkontakt. Sie stand einfach nur da und trat von einem Fuß auf den anderen. Endlich sagte sie mürrisch: „Hi, Daddy.“ Sie sah aus, als würde sie gleich losweinen und drehte sich um, um die Treppen zu ihrem Zimmer hoch zu trotten. Ryan’s Mund stand offen. “Was war denn das?”, fragte er. Riley setzte sich auf die Couch und überlegte, wie sie sich in der Situation nun am besten verhalten sollte. Sie fragte erneut: „Was tust Du hier, Ryan?“ Ryan zuckte mit den Schultern. „Jilly und ich unterhalten uns gerade über ihre Schulaufgaben –– jedenfalls versuche ich sie dazu zu bringen, mir etwas über ihre Schulaufgaben zu erzählen. Haben sich ihre Noten verschlechtert? Ist es das, was sie mir nicht erzählen möchte?“ „Meine Noten sind in Ordnung“, sagte Jilly. „Dann erzähl mir doch von der Schule, wieso sagst Du nichts?“, machte Ryan weiter. „In der Schule ist alles in Ordnung –– Mr. Paige“, antwortete Jilly. Riley zuckte und Ryan sah aus, als hätte ihn die Äußerung verletzt. Jilly hatte damit begonnen Ryan „Dad“ zu nennen, nicht lange bevor er verschwand. Davor hatte sie ihn „Ryan“ genannt. Riley war sich sicher, dass sie Jilly nie „Mr. Paige“ hatte zu ihm sagen hören. Jetzt drückte das Mädchen ihre Haltung ihm gegenüber sehr klar aus. Jilly erhob sich aus ihrem Sessel und sagte: „Wenn es allen Recht ist, ich habe noch Hausaufgaben.“ „Brauchst Du Hilfe dabei?“, versuchte es Ryan. Jilly ignorierte die Frage und stieg schwermütig die Treppen hinauf. Ryan schaute Riley mit einem verwundeten Gesichtsausdruck an. „Was ist hier los?“, wollte er wissen, „wieso sind die Mädchen so sauer auf mich?“ Riley seufzte bitter. Manchmal war ihr Ex noch genauso unreif wie sie es beide gewesen waren, als sie so jung heirateten. „Ryan, was in aller Welt hattest Du erwartet?“, fragte sie mit aller Geduld die sie in diesem Moment nur aufbringen konnte. „Als Du eingezogen bist waren die Mädels außer sich vor Freude dich einfach nur da zu haben. Besonders Jilly. Ryan, der Vater des armen Mädchens war ein gewalttätiger Säufer. Sie hat sich fast prostituiert nur um von ihm wegzukommen –– und sie ist erst dreizehn! Es hat ihr so viel bedeutet eine väterliche Figur wie dich in ihrem Leben zu haben. Verstehst Du nicht, wie zerstört sie gewesen sein muss, als Du einfach abgehauen bist?“ Ryan starrte sie bloß verwirrt an, als hätte er keinen blassen Schimmer wovon sie sprach. Aber Riley erinnerte sich nur zu gut daran, was er ihr damals am Telefon gesagt hatte. „Ich brauche Zeit für mich. Dieses ganze Familiending –– ich dachte, ich wäre bereit dafür, aber ich war es einfach nicht.“ Zu der Zeit schien er nicht besonders besorgt um Jilly. „Riley, Jilly war Deine Entscheidung. Ich bewundere Dich dafür. Aber ich habe mich nie freiwillig dafür gemeldet. Ein fremder Problemteenager ist zu viel für mich. Das ist einfach nicht fair.” Aber hier saß er nun und tat beleidigt, weil Jilly ihn nicht mehr “Dad” nennen wollte. Es machte Riley richtig wütend. Sie verstand zu gut, wieso die beiden Mädchen aus dem Zimmer gestürzt waren. Sie hätte es selbst ja liebend gern getan. Leider musste aber jemand den Erwachsenen in der Situation spielen, und da Ryan dazu offensichtlich nicht in der Lage war, musste sie den Job übernehmen. Bevor sie sich überlegen konnte, was sie als nächstes sagen sollte erhob sich Ryan aus seinem Sessel und setzte sich neben sie auf die Couch. Er streckte seine Hand aus, um die zu umarmen. Riley schubste ihn weg. „Ryan, was tust Du?“ „Was meinst Du denn was ich tue?“ Ryans Stimme klang nun amourös und verführerisch. Rileys Wut wuchs von Sekunde zu Sekunde. „Denk nicht mal dran“, sagte sie. „Wie viele Freundinnen bist Du denn schon durchgegangen, seitdem Du hier weg bist?“ „Freundinnen?“, fragte Ryan und versuchte offenbar überrascht zu klingen. „Du hast mich klar und deutlich gehört. Oder hast Du es etwa vergessen? Eine von ihnen rief hier ausversehen an, als Du noch hier rumhingst. Sie klang betrunken. Du sagtest, dass sie Lina hieß. Aber ich glaube kaum, dass Lina die letzte war. Wie viele kamen noch nach ihr? Weißt Du das überhaupt? Kannst Du Dich überhaupt an all ihre Namen erinnern?” Ryan antwortete nichts. Nun sah er beschämt aus. Alles macht auf einmal Sinn für Riley. Die gesamte Sache hatte sich schon mal ereignet und sie fühlte sich dumm, dass sie es nicht hatte kommen sehen. Ryan war gerade einfach ohne Freundin und dachte sich, dass Riley unter den Umständen schon den Zweck erfüllen würde. Die Mädchen interessierten ihn in Wirklichkeit gar nicht. Nicht einmal seine eigene Tochter. Sie waren nur ein Vorwand um mit Riley zusammenzukommen. Riley biss die Zähne zusammen. Sie stieß aus: „Ich denke Du gehst jetzt besser.“ „Wieso? Was ist denn? Hast Du gerade etwa jemanden?” „In der Tat, das habe ich.“ Nun sah Ryan ernsthaft überrascht aus, als könnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, wieso Riley an irgendeinem anderen Mann interessiert sein könnte. Dann sagte er: „Oh Gott, es ist nicht wieder dieser Koch, oder?“ Riley stieß ein wütendes Grollen aus. Sie sagte: „Du weißt ganz genau, dass Blaine ein Meisterchef ist. Du weißt, dass er ein sehr schönes Restaurant besitzt und dass seine Tochter Aprils beste Freundin ist. Er ist auch toll mit den Mädchen –– alles was Du nicht bist. Und ja, wir sind zusammen, und es wird langsam ziemlich ernst. Deshalb möchte ich jetzt wirklich, dass Du gehst. Ryan starrte sie einen Moment lang an. Endlich sagte er mit einer kalten Stimme: „Wir waren gut zusammen.“ Sie antwortete nichts. Ryan stand von der Couch auf und machte sich auf den Weg zur Tür. „Lass mich wissen, wenn Du Dich anders entscheiden solltest“, sagte er, als er das Haus verließ. Riley war versucht ihm hinterherzurufen… „Ich würde an Deiner Stelle nicht darauf zählen.“ …aber sie schaffte es, sich zurückzuhalten. Sie bleib einfach reglos sitzen, bis sie Ryans Auto davonfahren hörte. Dann atmete sie aus. Riley saß in der Stille und dachte über das, was vorgefallen war, nach. Jilly hat ihn „Mr. Paige“ genannt. Das war gemein, dennoch fand sie, dass Ryan es verdient hatte. Doch auch wenn es so war –– wie sollte sie auf diese Art von Härte in Jilly reagieren, was sollte sie zu ihr sagen? Dieses Muttersein-Ding ist schwer, dachte sie sich. Sie wollte gerade Jilly herunterrufen, um mit ihr über ihr Verhalten zu sprechen, als ihr Handy vibrierte. Der Anruf kam von Jenn Roston, einer jungen Agentin mit der sie an ihren letzten Fällen zusammengearbeitet hatte. Als Riley abnahm konnte sie die Angespanntheit in Jenns Stimme hören. „Hey Riley. Ich dachte mir, dass ich Dich anrufen sollte um…“ Es blieb still. Riley fragte sich, was Jenn bedrückte. Dann fing Jenn wieder an zu sprechen: „Hör mal, ich wollte nur Dir und Bill danken, dafür dass… Du weißt schon… als ich…“ Riley hätte beinahe unterbrochen… „Sprich nicht weiter. Nicht am Telefon.“ Glücklicherweise schwand Jenns Stimme und sie führte ihren Gedanken nicht zu Ende. Riley wusste auch so, wofür Jenn sich bei ihr bedankte. Während ihrem letzten Fall war Jenn für fast einen gesamten Tag eigenmächtig abwesend gewesen. Riley überredete Bill sie zu decken. Schließlich hatte Jenn Riley auch einmal in einer ähnlichen Situation gedeckt. Jedoch war Jenns Abwesenheit durch die Forderungen ihrer ehemaligen Pflegemutter bedingt, die dazu noch eine abgebrühte Kriminelle war. Jenn hatte ihre rechtmäßigen Pflichten vernachlässigt um ein Problem für „Tante Cora“ zu lösen. Riley wusste nicht genau, worum es sich gehandelt hatte. Sie hatte nicht gefragt. Sie hörte Jenns Stimme heiser werden. „Riley, ich habe nachgedacht. Vielleicht sollte ich einfach meine Dienstmarke zurückgeben. Was passiert ist, könnte wieder passieren. Und nächstes Mal ist es womöglich noch schlimmer. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es vorbei ist.“ Riley spürte, dass Jenn ihr nicht den wahren Grund nannte. Tante Cora übt wieder Druck auf sie aus, dachte Riley. Es war kaum eine Überraschung. Wenn Tante Coras Griff fest genug war, konnte Jenn eine echte Insider-Ressource der FBI für sie darstellen. Riley dachte kurz nach… Sollte Jenn vielleicht wirklich aus dem Dienst scheiden? Aber sie kam schnell zum Schluss… Nein. Schließlich hatte Riley eine ähnliche Beiziehung zu einem Meisterverbrecher gehabt –– dem genialen entflohenen Häftling Shane Hather. Sie endete, nachdem Blaine Hatcher beinahe tödlich anschoss und Riley diesen festnehmen konnte. Hatcher war jetzt wieder in Sing Sing und hatte seitdem mit niemandem ein Wort gesprochen. Jenn wusste mehr als jemand anderes über Rileys Beziehung zu Hatcher, außer natürlich Hatcher selbst. Mit dieser Information wäre es Jenn ein Leichtes gewesen Rileys Karriere zu zerstören. Jetzt war es an der Zeit für Riley dieselbe Loyalität Jenn entgegenzubringen. Riley sagte: „Jenn, weißt Du noch, was ich Dir sagte, als Du das erste Mal mit mir darüber sprachst?“ Jenn blieb stumm. Riley fuhr fort: „Ich habe Dir gesagt wir werden das bewältigen. Du und ich, zusammen. Du kannst jetzt nicht aufgeben. Du hast zu viel Talent. Hörst Du?“ Jenn sagte weiterhin nichts. Stattdessen hörte Riley ein Biepen ihres Telefons, der sie über einen Zweitanruf informieren sollte. Ignorier es einfach, sagte sie sich. Das Biepen wiederholte sich. Rileys Bauchgefühl sagte ihr, dass der andere Anruf wichtig war. Sie seufzte. Sie wandte sich wieder an Jenn: „Hör mal, ich hab‘ einen anderen Anruf. Bleib dran, ok? Ich versuch schnell zu machen.” “Ok”, sagte Jenn. Riley wechselte zum anderen Anruf und hörte die grimmige Stimme ihres Teamchefs der BAU –– der Verhaltensanalyseeinheit –– Brent Meredith. „Agentin Paige, wir haben einen Fall. Es handelt sich um einen Serienmörder im Mittleren Westen. Ich will Sie in meinem Büro sehen.“ „Wann?“, fragte Riley. „Vor einer Stunde“, brummte Meredith. “Noch eher, wenn‘s geht.“ Riley konnte aus seinem Ton schließen, dass es sich wirklich um eine dringende Angelegenheit handelte. „Ich fahre sofort los“, antwortete sie. „Wer ist noch im Team?“ „Das können Sie entscheiden“, sagte Meredith. „Sie haben zusammen mit Agenten Jeffreys und Roston gute Arbeit im Fall Sandmann geleistet. Nehmen Sie die beiden, wenn Sie wollen. Und beeilen Sie sich gefälligst alle!“ Ohne ein weiteres Wort beendete Meredith den Anruf. Riley schaltete zurück zu Jenn. Sie sagte: „Jenn, Deine Dienstmarke wirst Du noch brauchen. Jedenfalls vorerst einmal. Ich brauche Dich für einen Fall. Wir treffen uns in Brent Merediths Büro. Und beeil Dich!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, legte Riley aus. Während sie die Nummer ihres Partners, Bill Jeffreys, wählte dachte sie… Vielleicht ist ein neuer Fall genau was Jenn gerade braucht. Riley hoffte inständig, dass es so war. Gleichzeitig fühlte sie, wie ihre eigene Alarmbereitschaft stieg als sie ins Büro eilte. Sie fragte sich, worum es im neuen Fall ging. KAPITEL VIER Ungefähr eine halbe Stunde später fuhr Riley auf den Parkplatz in Quantico ein. Als sie Meredith gefragt hatte, wie bald er sie sehen wollte, hatte sie eine ernstliche Dringlichkeit in seiner Stimme gespürt… „Vor einer Stunde. Noch eher, wenn’s geht.“ Natürlich war es fast immer so, dass die Zeit davonlief, wenn Meredith sie zuhause anrief. Manchmal ganz wörtlich, wie in ihrem letzten Fall. Der sogenannte Sandmann hatte Sanduhren benutzt um die Stunde zu bestimmen, zu der sein nächster brutaler Mord verrichtet werden würde. Etwas in Merediths Ton verriet aber, dass die Situation heute auf irgendeine Weise einzigartig war. Als sie parkte bemerkte sie Bill und Jenn, die auch gerade in ihren Autos auffuhren. Sie stieg aus und wartete auf sie. Ohne viele Worte machten sich die drei auf den Weg zum Gebäude. Riley sah, dass Bill und Jenn genau wie sie ihre Reisetaschen mitgenommen hatten. Sie wussten alle, dass sie höchstwahrscheinlich kurzerhand Quantico verlassen würden. Sie identifizierten sich am Eingang und betraten das Gebäude um Chief Merediths Büro aufzusuchen. Sobald sie zu seiner Tür gelangt waren sprang der kräftige und imposante Afro-Amerikaner hinaus zu ihnen auf den Flur. Er war offensichtlich über ihre Ankunft in Kenntnis gesetzt worden. „Keine Zeit eine Konferenz abzuhalten“, grummelte er die drei Agenten an. „Wir müssen im Gehen sprechen.“ Als sie Meredith nacheilten bemerkte Riley, dass sie direkt auf Quanticos Landebahn zusteuerten. Wir haben es ja wirklich eilig, dachte Riley. Es war ungewöhnlich, nicht einmal ein kurzes Treffen abzuhalten, um sie über den neuen Fall aufzuklären. In großen Schritten neben Meredith schreitend fragte Bill ihn: „Worum geht’s denn, Chief?“ Meredith antwortete: „In diesem Moment liegt ein enthaupteter toter Körper auf den Eisenbahnschienen in der Nähe von Barnwell, Illinois. Es ist eine Linie, die von Chicago ausgeht. Eine Frau wurde vor nur wenigen Stunden an die Gleise gebunden und von einem Güterzug überfahren. Es ist der zweite solche Mord in vier Tagen und scheinbar gibt es überwältigende Ähnlichkeiten zwischen den Fällen. Es sieht ganz nach einer Serie aus.“ Meredith legte in seinem Schritt zu und die drei Agenten hasteten ihm nach, um nicht zurückzubleiben. Riley fragte: „Und wer hat das FBI angerufen?“ Meredith antwortete: „Ich habe den Anruf von Jude Cullen bekommen, dem Deputy Chief der Eisenbahnpolizei des Raums Chicago. Er meinte, er brauche sofort Fallanalysten vor Ort. Ich habe ihm aufgetragen, den Körper zu lassen, wo er ist, bis ihn sich meine Agenten angeschaut haben. Meredith schnaubte. „Das ist ziemlich viel verlangt. Drei weitere Güterzüge und ein Passagierzug sollen heute noch die Strecke fahren. Die Verzögerungen richten jetzt schon richtiges Chaos an, deshalb müssen Sie sobald wie möglich zum Tatort um den Körper inspizieren zu können. Erst danach kann er bewegt werden und die Züge können wieder fahren. Naja und dann…“ Meredith schnaubte wieder. „Dann müssen Sie den Killer aufhalten. Und ich bin mir sicher, dass wir uns alle darüber einig sein können: er wird wieder morden. Abgesehen davon wissen sie jetzt genau so viel über den Fall wie ich. Cullen wird Ihnen alle anderen Einzelheiten selbst erzählen müssen.“ Die Gruppe betrat das Rollfeld der Landebahn, wo ein kleiner Jet mit laufenden Motoren bereits auf sie wartete. Gegen den Lärm anbrüllend, rief Meredith ihnen zu: „Sie werden am O’Hare Airport von ein paar Eisenbahnpolizisten empfangen. Die fahren Sie dann direkt zum Tatort.“ Meredith machte kehrt und begab sich auf den Weg zurück zum Gebäude. Riley und ihre Kollegen stiegen die Treppe hinauf und gingen an Bord. Die Hastigkeit ihrer Abreise hinterließ ein Gefühl des Schwindels bei Riley. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Meredith sie jemals so hinausgehetzt hatte. Aber es überraschte nicht, wenn man bedachte, dass der Zugverkehr durch den Vorfall behindert war. Riley konnte sich nur ausmalen, welch enorme Schwierigkeiten dies gerade bereitete. Sobald das Flugzeug in der Luft war holten die drei Agenten ihre Laptops heraus um zu versuchen die wenigen Informationen, die zu diesem Zeitpunkt womöglich bereits vorlagen, zu recherchieren. Riley stellte schnell fest, dass die Neuigkeiten bezüglich des letzten Mordes sich bereits verbreitet hatten, obwohl der Name des Opfers noch nicht vorlag. Sie fand aber heraus, dass der Name des vorherigen Opfers Fern Bruder war. Es handelte sich um eine 25-jährige Frau, dessen enthaupteter Körper auf den Zuggleisen in der Nähe von Allardt, Indiana aufgefunden wurde. Riley fand nicht sehr viel mehr über die Morde. Sollte die Eisenbahnpolizei bereits Verdächtige haben oder ein Motiv vermuten, so hatte diese Information die Öffentlichkeit noch nicht erreicht –– und das war gut so, wie Riley wusste. Trotzdem war es frustrierend gerade nicht mehr herausfinden zu können. Da sie sich gegenwärtig nicht mit dem Fall beschäftigen konnte, versank Riley in Gedanken darüber, was soweit heute geschehen war. Sie fühlte immer noch den Schmerz, den der Verlust von Liam hinterlassen hatte –– allerdings erkannte sie auch… „Verlust“ ist nicht wirklich das treffende Wort. Nein, sie und ihre Familie hatten ihr Bestes für den Jungen gegeben. Und nun ergab es sich noch besser für Liam, dass er in der Obhut von Menschen war, die ihn liebten und sich gut um ihn sorgen würden. Gleichzeitig fragte Riley sich… Wieso fühlt es sich dann wie ein Verlust an? Riley war auch zwiegespalten was Aprils Pistole und ihr Schießtraining anging. Die Reife, die April gezeigt hatte, machte Riley auf jeden Fall stolz, genauso wie ihre zunehmende Treffsicherheit. Auch war Riley zutiefst berührt, dass April in ihre Fußstapfen folgen wollte. Und doch… Riley konnte nicht anders, als sich vor Augen zu führen… Ich bin auf dem Weg zu einem enthaupteten Körper. Ihre gesamte Karriere war eine lange Aneinanderreihung von Grausamkeiten. War das wirklich das Leben, dass sie sich für April wünschte? Es ist nicht meine Entscheidung, dachte Riley. Es ist ihre. Riley fühlte sich auch komisch wegen des schwierigen Gesprächs, dass sie vorhin mit Jenn gehalten hatte. So vieles war unausgesprochen geblieben und Riley hatte keine Ahnung, was gerade möglicherweise zwischen Jenn und Tante Cora vorgehen könnte. Jetzt war aber natürlich auch nicht der richtige Zeitpunkt das alles anzusprechen –– nicht jetzt in Bills Gegenwart. Riley konnte nicht anders, als sich zu fragen… Hat Jenn Recht? Sollte sie vielleicht doch ihre Dienstmarke ablegen? Machte Riley alles vielleicht schlimmer für die junge Agentin, indem sie sie ermutigte weiterhin beim FBI zu bleiben? Und war Jenn gerade in der richtigen Verfassung um einen neuen Fall anzufangen? Riley schaute zu Jenn hinüber, die in ihrem Sitz versunken angestrengt auf ihren Computer starrte. Jenn schien gerade voll und ganz bei der Sache zu sein –– sehr viel mehr als Riley, jedenfalls. Rileys Gedanken wurden von Bills Stimme unterbrochen. „An die Bahngleise gefesselt. Das klingt fast wie…“ Riley sah, dass auch Bill auf seinen Bildschirm schaute. Er hielt inne, aber Jenn führte seinen Satz zu Ende. „Wie einer dieser alten Stummfilme, oder? Ja, das dachte ich mir auch.“ Bill schüttelte den Kopf. „Ich will mich natürlich nicht darüber lustig machen, aber… ich muss andauernd an einen schnurrbärtigen Bösewicht im Zylinderhut denken, der ein junges Fräulein an die Gleise fesselt bis irgendein flotter Held eintrifft um sie zu retten. War das nicht das Standardszenario all dieser Stummfilme?“ Jenn zeigte auf ihren Bildschirm. „Naja, eigentlich nicht wirklich. Ich habe das mal recherchiert. Es ist ein Motiv, ein Klischee. Und jeder meint es irgendwann mal so gesehen zu haben. Aber es ist nie tatsächlich so in irgendeinem Stummfilm verfilmt worden. Jedenfalls nicht als ernsthafte Geschichte.“ Jenn drehte ihren Bildschirm zu Bill und Riley, sodass sie ihn sehen konnten. Sie führte aus: „Das erste fiktionale Beispiel eines Bösewichts, der jemanden an Bahngleise fesselt scheint lange vor dem Film erschaffen geworden zu sein. Es handelt sich um das 1867 erschienene Theaterstück „Unter dem Gaslicht“. Aber –– passt auf! –– der Bösewicht fesselte einen Mann an die Gleise und es war die Protagonistin, die ihn befreien musste. Dasselbe Motiv kommt in einer Kurzgeschichte und einigen anderen Theaterstücken dieser Zeit vor.“ Riley sah, dass Jenn ziemlich vereinnahmt war von dem, was sie herausgefunden hatte. Jenn fuhr fort: „Was alte Filme angeht, es gab da grad mal zwei Stummkomödien, in denen genau das passierte –– eine kreischende, hilflose junge Dame wurde von einem heimtückischen Schurken an die Bahngleise gefesselt und wurde dann von einem schönen Helden wieder befreit. Aber die waren der Lacher halber, so wie Zeichentrickfilme am Samstagmorgen.“ Bills Augen weiteten sich vor Interesse. „Parodien auf etwas, was nie wirklich existiert hatte“, sagte er. „Genau“, sagte Jenn. Bill schüttelte den Kopf. Er sagte: “Aber Dampflokomotiven waren zu diesen Zeiten eine alltägliche Sache –– in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, meine ich. Gab es keine Stummfilme, die jemanden darstellten, der in Gefahr war von einem Zug überfahren zu werden?“ „Doch, klar“, sagte Jenn. „Manchmal fielen Figuren auf die Gleise oder wurden geschubst und durch den Fall K.O. geschlagen. Aber das ist nicht dasselbe Szenario, oder? Außerdem waren die Filmfiguren meistens Männer, wie in dem Theaterstück, und mussten von der weiblichen Heldin gerettet werden.“ Riley war nun ganz Ohr. Sie wusste genau, dass Jenn nicht ihre Zeit vergeudete, wenn sie solche Dinge recherchierte. Sie mussten alles wissen, was einen Killer womöglich antreiben könnte. Es könnte sich als nützlich erweisen die kulturellen Vorläufer der Szenarien, mit denen sie zu tun hatten, zu kennen und zu verstehen–– selbst, wenn diese womöglich fiktional waren. Oder in diesem Fall, nichtexistent, dachte Riley. Alles, was den Killer möglicherweise beeinflusst hatte, könnte relevant werden. Sie dachte einen Moment lang nach, fragte dann Jenn: „Bedeutet das, dass es keine realen Fälle gab, in denen Menschen umgebracht wurden, indem sie an Bahngleise gefesselt wurden?“ „Nein, es ist tatsächlich auch mal passiert“, antwortete Jenn, auf den Bildschirm zeigend. „Zwischen 1874 und 1910 sind mindestens 6 Menschen so umgekommen. Ich kann gerade keine anderen Beispiele seit dieser Zeit ausfindig machen, außer dieses eine, das erst vor Kurzem passiert ist. Es ging um ein entfremdetes Ehepaar in Frankreich. Der Mann hatte damals seine Frau an ihrem Geburtstag an die Gleise gefesselt und warf sich gleichzeitig selber vor den Zug um mit ihr zu sterben –– ein erweiterter Selbstmord also. Ansonsten scheint das eine ziemlich unübliche Art um jemanden umzubringen. Und in keinem dieser Fälle handelte es sich um eine Mordserie.“ Jenn drehte ihren Computerbildschirm wieder zu sich und schwieg. Riley ließ sich eine Phrase, die Jenn benutzt hatte, durch den Kopf gehen … „…eine ziemlich unübliche Art jemanden umzubringen.“ Riley dachte sich… Unüblich, aber nicht unerhört. Jetzt fragte sie sich, ob die Mordfälle zwischen 1874 und 1910 alle von diesen alten Theaterstücken inspiriert waren, in denen die Figuren an Gleise gefesselt wurden. Riley konnte sich in der jüngsten Vergangenheit auch an andere grauenhafte Umsetzungen von Kunst ins eigentliche Leben erinnern –– dort waren Mörder von Büchern oder Filmen oder Videospielen inspiriert worden. Vielleicht hatten sich die Dinge gar nicht so sehr verändert. Vielleicht hatten sich die Menschen gar nicht so sehr verändert. Und was war mit dem Killer, nach dem sie sich bald auf die Suche machen würden? Es schien lächerlich anzunehmen, dass sie nach einem Psychopaten suchten, der einen heimtückischen, melodramatischen, Schnurrbart-zwirbelnden Bösewicht nachahmte, welcher nie wirklich existiert hatte –– nicht einmal im Film. Aber was könnte dann diesen Killer antreiben? Die Situation war ihr klar und allzu gut bekannt. Riley und ihre Kollegen würden diese Frage so bald wie möglich beantworten müssen, sonst würden weitere Menschen sterben. Riley sah Jenn dabei zu, wie diese an ihrem Laptop arbeitete. Es war ein ermutigender Anblick. Gegenwärtig schien Jenn ihre Sorgen was die mysteriöse “Tante Cora” anging beiseite gelegt zu haben. Doch wie lange wird das anhalten? fragte sich Riley. Jenns Anblick rief Riley zurück zu ihren eigenen Rechercheaufgaben. Sie hatte nie an einem Fall gearbeitet der Züge involvierte und musste sich daher noch vieles aneignen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Bildschirm. * Genau wie Meredith es versprochen hatte, wurden Riley und ihre Kollegen in O’Hare von zwei uniformierten Eisenbahnpolizisten empfangen. Alle stellten sich vor und Riley stieg zusammen mit Bill und Jenn in den Dienstwagen. „Wir sollten uns beeilen“, sagte der Polizist, der im Beifahrersitz saß. Die Eisenbahnlobby macht dem Chief grade echt die Hölle heiß, weil die Leiche immer noch auf den Gleisen ist.“ Bill fragte: „Wie lange brauchen wir denn dahin?“ Der Polizist am Lenkrad antwortete: „Normalerweise `ne Stunde, aber wir werden nicht solange brauchen.“ Er schaltete die Lichter und Sirene ein und das Auto begann sich durch den dichten Feierabendverkehr zu winden. Es war eine angespannte, chaotische, sehr schnelle Fahrt, die sie schließlich zu einem kleinen Städtchen Namens Barnwell, Illinois brachte. Kurz nachdem sie den Ort passierten, kamen sie an einer Eisenbahnkreuzung vorbei. Der Polizist im Beifahrersitz zeigte aus dem Fenster. „Es sieht ganz danach aus, als wäre der Killer in einem Geländewagen genau hier von der Straße abgebogen und die Gleise entlang gefahren bis zu dem Ort, an dem er mordete.“ Kurz danach parkten sie an einem Waldstück. Ein anderes Polizeiauto und der Van des Gerichtsmediziners standen auch schon dort. Die Bäume waren nicht besonders dicht und die Cops führten Riley und ihre Kollegen direkt durch das Waldstück zu den Eisenbahngleisen, die nur etwa zwanzig Meter entfernt lagen. Genau in diesem Augenblick sah Riley den Tatort. Sie musste schlucken. Weit weg waren die kitschigen Vorstellungen über schnurrbärtige Bösewichte und hilflose junge Damen. Das hier war allzu echt –– und allzu grausam. KAPITEL FÜNF Eine ganze Weile lang starrte Riley den Körper auf den Gleisen an. Sie hatte alle möglichen, auf schreckliche Art und Weise entstellten Leichen gesehen. Trotzdem, dieses Opfer bot einen besonders schockierenden Anblick. Der Kopf der Frau war von den Eisenbahnrädern sauber abgetrennt worden, fast wie von der Klinge einer Guillotine. Riley stellte überrascht fest, dass der Körper der Frau unberührt von dem Zug geblieben schien, der über ihr entlang gerast war. Das Opfer war mit Panzertape gefesselt worden. Ihre Hände und Arme waren dicht an ihren Körper gefesselt und ihre Knöchel fest aneinander gebunden. Ihr Körper, gekleidet in ein attraktives Outfit, war in einer entsetzten, sich windenden Position erstarrt. Wo ihr Hals durchtrennt worden war, befand sich überall Blut –– auf den Schottersteinen, den Holzschwellen und dem Gleis. Der Kopf war einige Meter weit weggeschleudert worden. Die Augen und der Mund der Frau waren weit aufgerissen und starrten in einer Grimasse des unerträglichen Horrors in den Himmel. Riley sah mehrere Menschen um den Körper stehen, einige von ihnen in Uniform, andere nicht. Riley glaubte, dass es eine Gruppe aus Eisenbahn- und örtlichen Polizisten war. Ein uniformierter Mann näherte sich Riley und ihren Kollegen. Er fing an: „Ich nehme an Sie sind die FBI Leute. Ich bin Jude Cullen, Deputy Chief der Eisenbahnpolizei für die Umgebung von Chicago –– `Bull` Cullen, so nennt man mich.“ Er klang stolz auf den Spitznamen. Riley wusste durch ihre Recherche, dass „Bull“ ein generelles Slangwort für die Bezeichnung eines Eisenbahnpolizisten darstellte. Eigentlich hatte die Eisenbahnpolizei Titel des Agenten und des Spezialagenten, ähnlich wie bei der FBI. Anscheinend bevorzugte dieser Kollege es aber nicht durch seinen Titel hervorgehoben zu werden. „Es war meine Idee Sie hierher zu bringen“, fuhr Cullen fort. „Ich hoffe der Trip wird sich lohnen. Je schneller wir den Körper hier wegbewegen können, desto besser.“ Während Riley und ihre Kollegen sich vorstellten, musterte sie Cullen. Er schien außergewöhnlich jung und außerordentlich muskulös zu sein. Seine Arme wölbten sich in praller Muskulatur aus dem kurzärmligen Hemd seiner Unifom, welche eng an seinem Oberkörper anlag und diesen dadurch noch mehr betonte. Der Spritzname „Bull“ passte gut zu ihm, dachte sie. Jedoch war Riley immer eher unbeeindruckt von Männern, die so offensichtlich viel Zeit im Fitnessstudio verbrachten, um so auszusehen, als sich von ihnen angezogen zu fühlen. Sie fragte sich wie ein so durchtrainierter Typ wie Cullen überhaupt noch Zeit für andere Dinge fand. Dann bemerkte sie, dass er keinen Ehering trug. Sie schätzte, dass sein Leben sich um seine Arbeit und das Training im Fitnessstudio drehen musste, und um nicht viel mehr. Er war frohen Muts und schien nicht besonders geschockt von dem außergewöhnlich grausamen Anblick des Tatortes. Natürlich war er hier schon seit einigen Stunden –– lange genug um nicht mehr so mitgerissen davon zu sein. Trotzdem erschien er Riley auf den ersten Blick als ziemlich selbstverliebt und oberflächlich. Sie fragte ihn: „Konnte das Opfer identifiziert werden?“ Cullen nickte. „Ja, ihr Name war Reese Fisher, 35 Jahre alt. Sie lebte hier in der Nähe, in Barnwell, wo sie in der öffentlichen Bibliothek arbeitete. Sie war mit einem Chiropraktiker verheiratet.“ Riley schaute nach links und rechts entlang der Gleise. Dieser Abschnitt der Gleise war gekrümmt, sodass sie in keine der beiden Richtungen besonders weit schauen konnte. „Wo ist der Zug, der sie überfuhr?“, fragte sie Cullen. Cullen zeigte mit der Hand in die Richtung und sagte: „Ungefähr einen Kilometer hier entlang. Genau dort, wo er zum Stehen gekommen war.“ Riley bemerkte einen fettleibigen Mann in schwarzer Uniform, der sich über die Leiche beugte. „Ist das der Gerichtsmediziner?“, fragte sie Cullen. „Genau, lassen Sie mich vorstellen. Das ist der Barnweller Gerichtsmediziner, Corey Hammond.“ Riley hockte sich neben den Mann. Sie bemerkte, dass, im Gegensatz zu Cullen, Hammond den anfänglichen Schock immer noch nicht überwunden hatte. Sein Atem war keuchend, er schnappte immer wieder nach Luft –– zum Teil war dies wegen seines Gewichts, nahm Riley an, aber auch aus Ekel und vor Grauen. Er war sicherlich noch nie so etwas in seiner Arbeit begegnet. „Was können Sie uns soweit sagen?“ fragte Riley den Gerichtsmediziner. „Keine Zeichen sexueller Gewalt, soweit ich das beurteilen kann“, antwortete Hammond. „Das gilt auch für die Autopsie des ersten Opfers vor vier Tagen, der Fall in der Nähe von Allardt.“ Hammond zeigte auf zerrissene Stücke des breiten silbrigen Klebebands um den Hals und Schultern des Körpers. „Der Killer hat sich an Händen und Füßen gefesselt, hat ihren Hals an die Gleise festgeklebt und ihre Schultern mit dem Klebeband bewegungsunfähig gestellt. Sie muss wie eine Verrückte gekämpft haben um sich hier wegzureißen, aber sie hatte nie eine Chance.“ Riley drehte sich zu Cullen: „Sie wurde nicht geknebelt. Hätte sie irgendjemand schreien hören können?“ „Wir denken nicht“, sagte Cullen und zeigte Richtung Bäume. „Es gibt dort ein paar Häuser hinter dem Wald, aber die sind außer Hörweite. Einige meiner Jungs sind Tür zu Tür gegangen und haben die Leute befragt, ob jemand etwas gehört hat oder irgendwas mitbekommen hat zur Tatzeit. Niemand hat was gemerkt. Sie haben es erst im Nachhinein im Fernsehen und Online erfahren. Die Bewohner wurden dazu angehalten sich vom Tatort fernzuhalten. Soweit hatten wir keine Probleme mit Gaffern.“ Bill fragte: „Könnte irgendwas gestohlen worden sein?“ Cullen zuckte mit den Schultern. „Das glauben wir nicht. Wir haben ihre Handtasche gleich hier in der Nähe gefunden und Dokumente, Geld und Kreditkarten waren alle drin. Oh, und ihr Handy.“ Riley betrachtete den Körper und versuchte sich vorzustellen wie der Mörder es geschafft hatte, das Opfer in diese Position zu kriegen. Manchmal konnte sie ein starkes, sogar unheimliches Gefühl für den Mörder bekommen indem sie sich auf die Umgebung und die Umstände des Tatorts konzentrierte. Manchmal schien es ihr fast so, als könne sie in seine Gedanken eindringen, verstehen, was in seinem Kopf vor sich ging, als er die Tat begangen hatte. Aber jetzt nicht. Die Atmosphäre war zu ablenkend mit all diesen Leuten, die umherwanderten. Sie sagte: „Er musste sie irgendwie stillgestellt haben, bevor er sie so fesseln konnte. Was ist mit der anderen Leiche, dem Opfer von vor einigen Tagen? Hat der dortige Gerichtsmediziner irgendwelche Substanzen in ihrem Kreislauf gefunden?“ „Man hat Flunitrazepam in ihrem Kreislauf festgestellt“, sagte Hammond. Riley blickte zu ihren Kollegen hinüber. Sie wusste was Flunitrazepam war und sie wusste, dass Jenn und Bill das auch wussten. Der Handelsname der Substanz war Rohypnol und sie war gemeinhin als „Roofie“ bekannt, oder als K.O. Tropfen. Sie war illegal, aber es war allzu einfach sie sich auf der Straße zu besorgen. Und es hätte das Opfer jedenfalls effektiv ruhiggestellt und komplett hilflos gemacht, wenn auch nicht komplett bewusstlos. Riley wusste, dass Flunitrazepam einen Amnesie-Effekt hatte, wenn seine Wirkung abklang. Sie schauderte, als sie begriff… Die Wirkung der Droge hat möglicherweise direkt hier nachgelassen –– kurz vor ihrem Tod. Wenn dem so gewesen war, hatte die arme Frau keinerlei Erinnerung oder Einsicht darüber gehabt wie oder wieso diese schreckliche Sache mir ihr geschah. Bill kratze sich das Kinn, als der hinunter auf den Körper schaute. Er sagte: „Vielleicht war das also am Anfang eine Art Vergewaltigungsszenario, wo der Killer ihr die Droge in einer Bar oder auf einer Party in den Drink getan hat.“ Der Gerichtsmediziner schüttelte den Kopf. „Das ist unwahrscheinlich“, sagte er. „Es gab keine Spur von der Droge im Magen des ersten Opfers. Die Droge musste ihr injiziert worden sein.“ Jenn sagte: „Merkwürdig.“ Deputy Chief Bull Cullen sah Jenn neugierig an. „Wieso das?“, fragte er. Jenn zuckte leicht mit den Schultern. Sie sagte: „Es ist einfach irgendwie ein bisschen schwer vorstellbar. Flunitrazepam wirkt nicht sofort, egal wie es verabreicht wird. In Situationen der Rendezvous-Vergewaltigungen ist das meistens egal. Das nichtsehnende Opfer hat vielleicht ein paar Drinks mit ihrem baldigen Vergewaltiger, irgendwann fühlt sie sich dann benebelt ohne genau zu wissen wieso, und bald darauf ist sie dann komplett hilflos. Aber wenn unser Killer sie mit einer Nadel gestochen hätte, wüsste sie sofort, dass etwas nicht stimmt und hätte zumindest einige Minuten vor dem Einsetzen der Wirkung um sich zu wehren. Es klingt einfach nicht sehr…effizient.“ Cullen lächelte Jenn an –– ein bisschen flirtend, wie Riley fand. „Ich finde, das macht vollkommen Sinn“, entgegnete er. „Lassen Sie mich zeigen.“ Er stellte sich hinter Jenn, die merklich kleiner als er war. Es begann ihren Hals von hinten mit seinem Arm zu umgreifen. Jenn trat zur Seite. „Hey, was soll das?“, fragte sie. „Nur ’ne kleine Demonstration. Keine Sorge, ich tu’ Ihnen nicht wirklich weh.“ Jenn machte ein höhnisches Geräusch und hielt Abstand von ihm. „Da haben Sie verdammt Recht“, sagte sie. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiß, was Sie Sich denken. Sie meinen, der Mörder habe irgendeine Art Würgegriff benutzt.“ „Genau“, sagte Cullen, weiterhin lächelnd. „Genauer gesagt, einen sogenannten Blood Choke.“ Er winkelte seinen Arm entsprechend an, um seinen Punkt zu verdeutlichen. „Der Mörder schlich sich von hinten an sie an und legte dann seinen Arm auf diese Weise um ihren Hals. Das Opfer konnte immer noch atmen, aber ihre Halsschlagader war komplett blockiert, sodass die Blutzufuhr ins Gehirn gehindert war. Das Opfer verlor das Bewusstsein innerhalb weniger Sekunden. So war es einfach für den Killer die Injektion zu tätigen, die sie dann langfristiger ruhigstellte.“ Riley spürte die Spannung zwischen Cullen und Jenn. Cullen war offensichtlich ein klassischer „Mansplainer“ –– einer der Typen, die Frauen gerne von oben herab ihnen wohlbekannte Dinge erklärte –– und seine Einstellung Jenn gegenüber war nicht nur herablassend, sondern auch flirtend. Es war klar, dass Jenn ihn kein Stückweit leiden konnte, genau wie Riley selbst. Der Mann war oberflächlich, das stimmte zwar, und noch dazu mit dubiosen Vorstellungen darüber, wie man sich weiblichen Kollegen gegenüber verhielt und noch problematischeren Vorstellung über das angemessene Verhalten am Tatort. Trotzdem musste Riley zugeben, dass Cullens Theorie hieb- und stichfest war. Er war vielleicht persönlich unausstehlich, aber er war nicht dumm. Tatsächlich könnte er wirklich eine wahre Hilfe bei den Ermittlungen darstellen. Naja, das heißt, wenn wir es schaffen, seine Gegenwart zu ertragen, dachte Riley sich. Cullen stieg herab von den Gleisen und ging in die Richtung eines abgesperrten Geländes. Er sagte: „Wir haben hier Fahrzeugspuren gefunden, die von der Straße an der Eisenbahnkreuzung abführen und sich bis hierher ziehen. Es sind Spuren eines großen Fahrzeugs –– offensichtlich handelt es sich um einen Geländewagen. Es gibt auch einige Schuhabdrücke.“ Riley sagte: „Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen Fotos von denen machen. Wir schicken die nach Quantico und bitten unsere Techniker sie durch die Datenbanken zu jagen.“ Cullen stand einen Moment da, seine Arme in die Hüften gestemmt, und schaute sich die ganze Szenerie an, fast schon mit einem Eindruck von Genugtuung, wie Riley fand. Er sagte: „Ich muss schon sagen, das hier ist was Neues für mich und meine Jungs. Wir sind daran gewöhnt in Fällen von Diebstahl von Frachtgütern, Vandalismus und Kollisionen zu ermitteln. Morde und dergleichen sind selten. Und so was –– naja, so was haben wir noch nie hier erlebt. Natürlich ist es wahrscheinlich nichts wirklich Besonderes für Sie vom FBI. Sie sind an so was gewöhnt.“ Cullen bekam keine Antwort und blieb einen Moment lang still. Dann drehte er sich zu Riley und ihren Kollegen und sagte: „Nun, ich will nicht zu viel Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen. Geben Sie uns einfach ein Fahndungsprofil und wir übernehmen das von da an. Sie können heute noch zurückfliegen, außer Sie möchten unbedingt noch die Nacht hier verbringen.“ Riley, Bill und Jenn schauten einander überrascht an. Dachte er wirklich sie wären so schnell fertig mit ihrer Arbeit hier? „Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen“, sagte Riley. Cullen zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich bin mir sicher Sie haben mittlerweile schon irgendwelche Ideen zum Profil des Täters. Das ist immerhin der Grund aus dem Sie hier sind. Was können Sie mir dazu sagen?“ Riley hielt einen Moment lang inne. Dann sagte sie: „Wir können Ihnen ein paar Generalisierungen nennen. Statistisch gesehen haben die meisten Mörder, die den Körper am Tatort lassen, schon eine kriminelle Vergangenheit. Über die Hälfte sind im Alter von fünfzehn bis fünfunddreißig Jahren, über die Hälfte sind Afro-Amerikaner, sind zumindest Teilzeit angestellt und haben zumindest einen High School Abschluss. Einige solcher Mörder hatten in der Vergangenheit psychiatrische Probleme gehabt, einige waren beim Militär. Aber…“ Riley hielt wieder inne. „Was aber?“, wollte Cullen wissen. „Verstehen Sie doch –– nichts davon ist wirklich brauchbare Information, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Es gibt immer Sonderfälle und statistische Ausreißer. Und unser Mörder sieht jetzt schon nach einem aus. Zum Beispiel, die Art des Täters, über den wir sprechen, ist meistens in irgendeiner Weise sexuell motiviert. Aber das scheint hier nicht der Fall zu sein. Ich würde vermuten, dass er in vielerlei Hinsicht nicht typisch ist. Vielleicht ist er in keinerlei Hinsicht typisch. Wir haben hier weiterhin sehr viel Arbeit vor uns.“ Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft verdüsterte sich Cullens Gesichtsausdruck ein wenig. Riley fügte hinzu: „Und ich will, dass ihr Handy so schnell wie möglich nach Quantico gebracht wird. Das Handy des anderen Opfers auch. Unsere Techniker sollen überprüfen, ob sie irgendwelche Hinweise darin finden können.“ Bevor Cullen antworten konnte, fing sein eigenes Handy zu vibrieren an, woraufhin sein Blick noch finsterer wurde. Er sagte: „Ich weiß jetzt schon, wer das ist. Es ist die Eisenbahnadministration, die wissen will, ob sie die Züge wieder starten können. Die Linie hat drei wartende Güterzüge und einen Passagierzug, der schon stark verspätet ist. Es ist auch schon eine neue Crew vor Ort, um den Zug, der in die Tat verwickelt war weiterzufahren. Können wir den Körper schon bewegen?“ Riley nickte und sagte zum Gerichtsmediziner: „Sie können sie ruhig in den Wagen laden.“ Cullen drehte sich weg um den Anruf entgegenzunehmen, während der Gerichtsmediziner seine Mitarbeiter zusammenrief und sie begangen sich am Körper abzuarbeiten. Als Cullen auflegte, war er bei wahrhaft schlechter Laune. Er sagte zu Riley und ihren Kollegen: „Dann nehme ich an, dass Sie eine Weile lang hier unterkommen werden.“ Riley dachte sie verstand langsam, was ihn ärgerte. Cullen erwartete hier einen Sensationsfall aufzudecken und hatte nicht damit gerechnet, dass das FBI ihm seinen großen Auftritt nehmen würde. Riley sagte: „Hören Sie zu, wir sind hier, weil Sie uns hierher bestellt haben. Aber ich glaube Sie brauchen uns auch wirklich –– zumindest noch eine Weile.“ Cullen schüttelte den Kopf und trat von einem Fuß auf den anderen. Dann sprach er: „Tja, wir machen uns wohl lieber alle zur Barnwell Polizeistation auf. Etwa ziemlich unangenehmes erwartet uns dort.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging davon. Riley blickte noch einmal auf den Körper, der nun auf eine Trage geladen wurde. Sie fragte sich… Unangenehmer, als das hier? Sie schwieg, als sie und ihre Kollegen Cullen auf dem Weg zurück zu den Fahrzeugen folgten. KAPITEL SECHS Jenn Roston kochte innerlich als sie ihren Kollegen auf dem Weg vom Tatort weg folgte. Sie stampfte durch das Waldstück hinter Riley und Agent Jeffreys als Deputy Chief Jude Cullen sie zurück zu den Fahrzeugen führte. „Bull“ Cullen nennt er sich, dachte sie sich herablassend. Sie war froh zwei Menschen zwischen sich und diesem Mann laufen zu haben. Sie musste immerzu denken… Er versuchte einen Würgegriff an mir zu demonstrierten! Sie bezweifelte zwar, dass er nach einer Ausrede suchte, um sie anzugrabschen –– nicht nur jedenfalls. Aber er war auf jeden Fall darauf aus, seine körperliche Überlegenheit aufzuzeigen. Es war ja schon schlimm genug, dass er es für nötig erachtet hatte den Blood Choke und seine Wirkung für sie zu mansplainen –– als wüsste sie nicht selber Bescheid. Sie dachte sich, dass sie beide froh sein konnten, dass er es nicht geschafft hatte, seinen Arm um ihren Hals zu bekommen. Sie hätte sich womöglich nicht unter Kontrolle gehabt und, auch wenn der Mann so muskulös war, kurzen Prozess mit ihm gemacht. Natürlich wäre das überaus unangemessen an einem Tatort gewesen und es hätte auch nicht gerade beim Aufbau guter Zusammenarbeit zwischen den Ermittlungsteams geholfen. Jenn wusste also, dass es gut war, dass die Situation nicht außer Kontrolle geraten war. Obendrein war Cullen nun sauer, dass Jenn und ihre Kollegen doch nicht so schnell abrücken würden, wie er gehofft hatte, und dass er nicht den ganzen Ruhm für das Aufdecken des Falls für sich in Anspruch nehmen konnte. Pech gehabt, Arschloch, dache Jenn sich. Die Gruppe trat aus dem Wald heraus und stieg mit Cullen in das Polizeiauto ein. Der Mann sagte nichts, als er den Wagen zur Polizeistation führte und ihre FBI Kollegen blieben ebenso still. Sie nahm an, dass die beiden, genau wie sie selbst, an den grauenhaften Tatort und an Cullens Bemerkung, dass sie etwas sehr Unangenehmes auf der Station erwarte, dachten. Jenn hasste Rätsel, vielleicht weil Tante Cora sich oft so kryptisch und bedrohlich ausdrückte, wenn sie sie wiedermal zu manipulieren versuchte. Und sie hasste es auch mit dem Gedanken klarkommen zu müssen, dass etwas in ihrer Vergangenheit ihren gegenwärtigen Traum eine FBI Agentin zu sein, zerstören könnte. Als Cullen das Auto vor der Polizeistation parkte, stiegen Jenn und ihre Kollegen aus und folgten ihm hinein. Dort stellte Cullen sie dem Barnweller Polizeichef, Lucas Powell, vor –– einem Mann mittleren Alters mit schlaffem Doppelkinn. „Kommen Sie mit“, sagte Powell. „Ich hab‘ die Jungs gleich hier hinten. Meine Leute und ich wissen nicht so recht, wie man mit solch einer Angelegenheit am besten umgeht.“ Jungs? fragte sich Jenn. Und was meinte er mit „solch einer Angelegenheit“? Chief Lucas Powell führte Jenn, ihre Kollegen und Cullen direkt in den Interviewraum der Station. Dort drinnen am Tisch saßen zwei Männer, beide in gleichen neon-gelben Uniformwesten. Einer der beiden war schlank und groß, ein älterer aber noch vital aussehender Mann. Der andere war in etwa so groß wie Jenn selber und wahrscheinlich nicht viel älter als sie selbst. Sie hatten Kaffeetassen vor sich stehen und starrten auf den Tisch vor sich. Powell stellte den älteren Mann zuerst vor, danach den jüngeren. „Das ist Arlo Stine, der Schaffner. Und das ist Everett Boynton, der Zweitschaffner. Als der Zug angehalten hatte, waren sie diejenigen, die zurückgelaufen sind und den Körper auffanden.“ Die zwei Männer schauten kaum auf. Jenn schluckte. Sie waren bestimmt schrecklich traumatisiert. Es erwartete sie also tatsächlich etwas „ziemlich Unangenehmes“. Diese Männer zu befragen würde nicht einfach sein. Und was noch schlimmer war, war dass sie wahrscheinlich nichts zur Auflösung des Falles oder zur Identität des Mörders beitragen können würden. Jenn bleib zurück als Riley sich zu den Männern an den Tisch setzte und begann in einer ruhigen Stimme zu sprechen. „Es tut mir unglaublich leid, dass Sie mit sowas konfrontiert wurden. Wie fühlt Sie sich?“ Der ältere Mann, der der Hauptschaffner war, zuckte nur kaum merkbar mit den Schultern. „Ich werd’ darüber hinwegkommen“, sagte er. „Ob Sie’s glauben oder nicht, dass ist nicht das erste Mal, dass ich sowas sehe. Menschen auf den Gleisen, meine ich. Ich hab’ schon viel schlimmeres Gemetzel erlebt. Nicht dass man sich daran jemals wirklich gewöhnen könnte, aber…“ Stine nickte in Richtung des Zweitschaffners: „Aber Everett hier hat sowas noch nie durchgemacht.“ Der jüngere Mann schaute vom Tisch auf und blickte die Menschen im Raum an. „Ich werd’ schon ok sein“, sagte er mit einem zittrigen Nicken und versuchte so zu klingen, als ob er es wirklich glaubte. Riley sagte: „Es tut mir leid, Sie das fragen zu müssen, aber haben Sie das Opfer gesehen –– kurz bevor…?“ Boynton jaulte plötzlich auf und sagte nichts. Stine sagte: „Nur einen Moment, das war’s auch schon. Wir waren beide in der Lenkkabine. Ich war damit beschäftigt einen Routineanruf an die nächste Station zu machen und Everett machte gerade Berechnungen für die Kurve, in die wir gerade einfuhren. Als der Lokführer anfing zu bremsen und die Pfeife betätigte schauten wir auf und sahen…etwas, wir waren uns nicht wirklich sicher, was.“ Stine hielt inne und fügte dann hinzu: „Aber wir wussten natürlich dann später, als wir zurückliefen um nachzusehen.“ Jenn ging im Kopf einige Informationen durch, die sie auf dem Flug hierher recherchiert hatte. Sie wusste, dass Güterzugcrews sehr klein waren. Trotzdem, zumindest eine Person schien zu fehlen. „Wo ist der Lokführer?“, fragte sie. „Der?“, fragte Bull Cullen. „Der ist grade in der Zelle.“ Jenn Mund stand offen. Was ging hier vor? „Sie haben ihn in eine Gefängniszelle gesteckt?“ Powell sagte: „Wir hatten keine Wahl.“ Der ältere Schaffner fügte hinzu: „Der arme Kerl –– er will mit niemandem sprechen. Die einzigen Worte aus seinem Mund seit dem Vorfall sind ‚Sperrt mich ein.‘ Er hat es einfach immer und immer wieder wiederholt.“ Der örtliche Polizeichef sagte: „Genau. Das haben wir dann eben auch gemacht. Es schien in dem Moment die beste Lösung gewesen zu sein.“ Jenn fühlte, wie sie Zorn durchfuhr. Sie fragte: „Haben Sie denn keinen Psychologen bereitgestellt, mit dem er reden könnte?“ Der Eisenbahn Deputy Chief sagte: „Wir haben den Betriebspsychologen aus Chicago kontaktiert. So sind die Gewerkschaftsregeln. Aber wir wissen nicht, wann er sich hier blicken lässt.“ Riley schaute nun verblüfft drein. „Aber sicherlich macht der Lokführer sich keine Vorwürfe für das, was geschehen ist“, sagte sie. Der ältere Schaffner schaute sie genauso überrascht an. „Natürlich tut er das“, sagte er. „Es war nicht seine Schuld, aber er kann nicht anders. Er war der Mann am Schaltbrett. Er war derjenige, der sich am hilflosesten gefühlt hat. Es zerfrisst ihn innerlich. Es ist schrecklich, dass er sich so zurückgezogen hat, ich habe wirklich versucht mit ihm zu reden, aber er konnte mich nicht einmal anblicken. Wir sollten nicht rumwarten bis so ein verdammter Seelenklempner von der Bahn hier aufkreuzt. Regeln hin oder her, irgendwer sollte jetzt irgendwas für ihn tun. Ein guter Lokführer wie er verdient was Besseres.“ Jenns Zorn wuchs. Sie sagte zu Cullen: „Also Sie können ihn nicht einfach in dieser Zelle sich selbst überlassen. Ist mir egal, ob er darauf besteht allein sein zu wollen. Das kann nicht gut für ihn sein. Irgendjemand muss sich um ihn kümmern.“ Alle im Raum schauten sie an. Jenn hielt inne und sprach dann: „Bringen Sie mich zu ihm. Ich will ihn sehen.“ Riley schaute sie an und sagte: „Jenn, ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist.“ Aber Jenn ignorierte sie. „Wie heißt er?“, fragte Jenn die Schaffner. Boynton antwortete: „Brock Putnam.“ „Bringen Sie mich zu ihm“, beharrte Jenn. „Jetzt sofort.“ Chief Powell führte Jenn aus dem Interviewraum und den Gang entlang. Während sie ihm folgte, fragte sie sich, ob Riley womöglich Recht hatte. Vielleicht ist das doch keine so gute Idee. Immerhin wusste sie, dass Empathie wohl kaum zu ihren Stärken als Agentin zählte. Sie neigte dazu schroff zu sein und geradeheraus ihre Meinung kundzutun. Sie hatte auf jeden Fall nicht dieselbe Fähigkeit wie Riley im richtigen Moment das Mitgefühl einzuschalten. Und wenn Riley selber sich die Aufgabe nicht zugetraut hatte, wieso hatte Jenn gemeint, sie könnte es schaffen? Aber sie konnte nicht anders, als zu denken… Irgendjemand muss mit ihm reden. Powell brachte sie zu den Zellen –– alle hatten massive Türen mit winzigen Fenstern. Er fragte: „Wollen Sie, dass ich mit ihnen hineingehe?“ „Nein“, antwortete Jenn. „Es ist besser, wenn ich das im Einzelgespräch mache.“ Powell öffnete eine der Türen und Jenn trat ein. Powell ließ die Tür offen, trat aber weg. Ein Mann Anfang dreißig saß auf dem Gitterbett und starrte geradeaus vor sich hin auf die Wand. Er trug ein gewöhnliches T-Shirt und eine nach hinten verdrehte Baseballkappe. Jenn blieb im Türrahmen stehen und fing in einer leisen Stimme an… „Mr. Putnam? Brock? Mein Name ist Jenn Roston, ich bin von der FBI. Es tut mir so schrecklich leid, was passiert ist. Ich habe mich nur gefragte, ob Sie… reden wollen.“ Putnam zeigte keinerlei Anzeichen sie gehört zu haben. Er schien besonders entschlossen keinen Augenkontakt mit ihr oder mit irgendjemandem sonst zu machen, darüber was Jenn sich sicher. Und aus ihren Recherchen auf dem Weg hierher wusste Jenn genau, wieso er sich so fühlte. Sie musste laut schlucken, als ein Knoten der Beklommenheit ihren Hals füllte. Das hier war viel schwieriger als sie sich auch nur ausmalen konnte. KAPITEL SIEBEN Riley behielt ihr Auge unruhig auf der Tür, nachdem Jenn den Raum verlassen hatte. Während Bill weiterhin Fragen an den Schaffner und seinen Assistenten stellte, machte Riley sich Sorgen wie Jenn mit dem Lokführer klarkommen würde. Sie war sich sicher, dass der Lokführer sich schrecklich fühlen musste. Ihr gefiel die Idee auch nicht, weiterhin auf einen Bahnpsychologen zu warten –– womöglich war es noch dazu irgendein offizieller Heini, dem die Reputation des Betriebs wichtiger war als das Wohlergehen des Lokführers. Aber was sollten sie sonst tun? Und könnte die junge Agentin die Dinge für den Mann nicht noch zusätzlich verschlimmern? Riley hatte nie irgendein Indiz dafür gehabt, dass Jenn besonders gut mit Menschen umgehen konnte. Wenn Jenn den Mann nur noch mehr aus der Fassung brachte, wie würde das ihre eigene Arbeitsfähigkeit beeinflussen? Sie hatte jetzt schon darüber nachgedacht das FBI zu verlassen, auf den Druck ihrer kriminellen ehemaligen Pflegemutter hin. Trotz ihrer Bedenken, konnte Riley dem, was im Raum gesagt wurde, folgen. Bill sagte zu Stine: „Sie sagten, sie haben solche Sachen auch zuvor erlebt. Meinten Sie Morde auf den Gleisen?“ „Oh, nein“, antwortete Stine. „Echte Morde wie dieser sind sehr selten. Aber Menschen kommen immer wieder auf den Gleisen um –– und es ist viel weitverbreiteter, als man meint. Es gibt jedes Jahr mehrere Tausend Opfer, einige einfach Verrückte, die auf den Nervenkitzel aus sind, aber es gibt auch viele Selbstmorde. In diesem Business nennen wir sie die ‚Übertreter.‘“ Der jüngere Mann rutschte nervös auf seinem Stuhl herum und sagte: „Ich will ganz bestimmt nie wieder so etwas sehen. Aber wenn man davon ausgeht, was Arlo mir erzählt… naja, ich nehme an, es ist ein Teil unserer Arbeit.“ Bill sagte zum Schaffner: „Sind Sie sicher, dass es nichts gab, was der Lokführer hätte tun können?“ Arlo Stine schüttelte den Kopf. „Verdammt sicher. Er hatte den Zug schon auf 55 Stundenkilometer heruntergebremst wegen der Kurve, die auf uns zukam. Aber selbst so wäre es nie im Leben möglich gewesen eine Diesellokomotive mit zehn Güterwagons schnell genug zum Stehen zu bringen um die Frau noch retten zu können. Man kann die Gesetze der Physik nicht brechen und einige Tausende Tonnen Stahl in einem Augenblick zum Halt bringen. Lassen Sie es mich Ihnen erklären…“ Der Schaffner began über den Bremsmechanismus zu reden. Es war höchst-technischer Stoff und war von keinem wirklichen Wert oder Interesse für Riley oder Bill. Aber Riley wusste, dass es besser war Stine einfach reden zu lassen –– wenn auch nur um seiner selbst willen. Währenddessen schaute Riley immer wieder zur Tür und fragte sich, wie Jenn mit dem Lokführer vorankam. * Jenn stand neben dem Bett und schaute nervös auf Brock Putnams Rücken während dieser nur still vor sich her starrte. Jetzt, wo sie tatsächlich bei dem Mann war, verstand sie, dass sie keine Ahnung hatte was sie als nächstes tuen oder sagen sollte. Aber soweit ihre Recherche während des Fluges sie aufgeklärt hatte, verstand sie, dass der Mann nicht in der Lage war gerade sie oder sonst jemanden anzusehen. Er war traumatisiert von einem einzigen Detail, dass Lokführer, die so etwas durchmachten, sehr oft verfolgte. Vor einigen Augenblicken hatten der Schaffner und sein Assistenzschaffner ausgesagt, dass sie nur einen kurzen Blick vom Opfer bekamen, bevor sie starb. Aber dieser Mann hatte viel mehr als einen bloßen Blick werfen können. Er hatte etwas einzigartig Grauenvolles von seiner Position aus durch die Windschutzscheibe sehen können –– etwas, was kein unschuldiger Mensch verdiente jemals sehen zu müssen. Würde es ihm helfen, es laut auszusprechen? Ich bin kein Seelenklempner, ermahnte sie sich. Trotzdem fühlte sie sich immer mehr genötigt, zu versuchen ihm zu helfen. Langsam und vorsichtig sagte Jenn… „Ich glaube, ich weiß was Sie gesehen haben“, sagte sie. „Sie können mit mir darüber sprechen, wenn Sie wollen.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu… „Aber nicht, wenn sie es nicht wollen.“ Eine Stille stellte sich ein. Ich nehme an, er will es nicht, dachte Jenn sich. Sie stand auf um zu gehen als der Mann in einem kaum hörbaren Flüstern sagte… „Ich bin dort gestorben.“ Die Worte jagten Jenn einen eisigen Schauer über den Rücken. Sie fragte sich erneut, ob sie irgendeine Berechtigung hatte, dieses Gespräch zu führen. Sie sagte nichts. Sie entschied, dass es das Beste wäre abzuwarten und zu sehen, ob er mehr sagen wollen würde. Sie wartete mehrere Sekundenlang, halb hoffend, dass der Mann still bleiben würde und sie somit leise wieder gehen können würde. Dann sagte er… „Ich habe es passieren sehen. Ich habe wie… in einen Spiegel geschaut.“ Er hielt einen Moment inne und setze nach… „Ich habe mich selbst sterben sehen. Also… wieso bin ich immer noch hier?“ Jenn schluckte laut. Ja, was ihm widerfahren war, hörte sich genau wie das an, worüber sie im Flugzeug gelesen hatte. Hunderte von Menschen starben jedes Jahr auf Bahngleisen. Und allzu oft erlebten die Lokführer einen schrecklichen Moment. Sie machten Augenkontakt mit der Person, die kurz vor dem Tod stand. Genau dasselbe war Brock Putnam passiert. Der Grund wieso er niemanden mehr ansehen konnte war, dass er dadurch den Moment des Grauens immer wieder aufs Neue durchleben musste. Und seine Identifizierung mit der armen Frau zerfraß ihn von innen heraus. Er versuchte mit der Situation umzugehen, indem er bestritt, dass ein anderer umgekommen war. Mit Schuld erfüllt, versuchte er sich einzureden, dass er selbst –– und nur er –– tot sei. Noch vorsichtiger als zuvor sprach Jenn weiter. „Sie sind nicht gestorben. Sie haben nicht in den Spiegel geschaut. Es war jemand anderes. Und es war nicht ihre Schuld. Es wäre nie im Leben möglich für Sie gewesen, das was geschehen ist, zu verhindern. Sie wissen das –– selbst wenn es Ihnen schwer fällt das zu akzeptieren. Es ist nicht ihre Schuld.“ Der Mann war immer noch mit dem Rücken zu ihr gedreht, aber ein Schluchzer entkam seiner Kehle. Jenn war einen Moment lang beängstigt. Hatte sie ihn über eine Art Schwelle geschubst? Nein, dachte sie sich. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass das hier gut war, dass es notwendig gewesen war. Die Schultern des Mannes bebten ein wenig als sein leises Schluchzen anhielt. Jenn berührte ihn an der Schulter. Sie sagte: „Brock, könntest Du etwas für mich tun? Ich möchte nur, dass Du mich ansiehst.“ Seine Schultern hörten auf zu beben und sein Schluchzen verstummte. Dann, ganz langsam, drehte er sich auf seinem Bett zu ihr um und schaute Jenn an. Seine hellblauen Augen waren groß und flehend und mit Tränen gefüllt –– und sie blickten direkt in Jenns eigene Augen hinein. Jenn musste ihre eigenen Tränen unterdrücken. So schroff, brüsk und manchmal sogar taktlos sie normalerweise auch war, kam es ihr, dass sie nie zuvor in ihrem Leben eine menschliche Begegnung mit jemandem gehabt hatte wie in diesem Augenblick, jedenfalls nicht in ihrer Arbeit. Sie schluckte laut und sagte dann: „Du schaust gerade nicht in einen Spiegel. Du schaust auf mich. Du schaust in meine Augen. Und Du bist am Leben. Du hast alles Recht der Welt am Leben zu sein.“ Brock Putnam öffnete seinen Mund um zu sprechen, aber keine Worte folgten. Stattdessen nickte er. Jenn atmete erleichtert auf. Ich hab’s geschafft, dachte sie. Ich habe ihn aus sich herausgeholt. Dann sagte sie: „Aber Du verdienst noch etwas anderes. Du verdienst es herauszufinden, wer diese grauenvolle Tat begangen hat –– nicht nur gegenüber dieser armen Frau, sondern auch Dir gegenüber. Und Du verdienst Gerechtigkeit. Du verdienst es, zu wissen, dass er nie wieder so etwas tun kann. Ich verspreche Dir –– Du wirst Gerechtigkeit bekommen. Ich werde sichergehen, dass es so kommt.“ Er nickte wieder, diesmal mit der Spur eines Lächelns. Sie lächelte und sagte: „Jetzt nichts wie raus hier. Du hast zwei Kumpel dort draußen, die sich Sorgen um Dich machen. Lass uns zu ihnen gehen.“ Sie stand von dem Gitterbett auf und Brock machte es ihr nach. Sie verließen die Zelle, außerhalb derer Chief Powell immer noch auf sie wartete. Powell war verblüfft über die Veränderung in Putnams Miene und Verhalten. Sie gingen alle zurück zum Interviewraum und betraten diesen. Riley, Bill und Cullen waren immer noch dort, genauso wie die beiden Schaffner. Stine und Boynton saßen einen Moment lang sprachlos da. Dann standen sie auf und umarmten Brock Putnam beide. Sie setzen sich alle zusammen an den Tisch und begannen sich leise zu unterhalten. Jenn schaute den Eisenbahn Deputy Chief streng an und sagte: „Machen Sie mal Feuer unter irgendjemandes Hintern dort und bestellen Sie den Bahnpsychologen so schnell wie möglich hierher.“ Dann drehte sie sich zum örtlichen Polizeichef und sagte: „Gehen Sie und holen Sie diesem Mann eine Tasse Kaffee.“ Powell nickte nur stumm und verließ den Raum. Riley nahm Jenn zur Seite und fragte sie leise: „Meinst Du, er wird jemals wieder arbeiten können?“ Jenn dachte einen Moment lang nach und antwortete: „Ich bezweifele es.“ Riley nickte und sagte: „Er wird wahrscheinlich den Rest seines Lebens damit zu kämpfen haben. Es ist eine horrende Sache mit so etwas Leben zu müssen.“ Dann lächelte sie und fügte hinzu: „Aber Du hast hier tolle Arbeit geleistet.“ Jenn fühlte sie mit Wärme überflutet durch Rileys Lob. Sie dachte daran zurück, wie ihr Tag angefangen hatte –– wie ihr Gespräch mit Tante Cora sie total aus der Bahn geworfen hatte und ihr das Gefühl gegeben hatte, wertlos und nicht gut genug zu sein. Vielleicht bin ich doch zu irgendetwas zu gebrauchen, dachte sie. Sie hatte ja immer gewusst, dass Empathie ein Charakterzug war, der ihr fehlte und den sie in sich kultivieren sollte. Und nun hatte sie scheinbar endlich die ersten Schritte in die Richtung getan eine mitfühlendere Agentin zu werden. Sie fühlte sich auch durch die Versprechung, die sie Brock Putnam gegeben hatte, angetrieben: „Ich verspreche Dir –– Du wirst Gerechtigkeit bekommen. Ich werde sichergehen, dass es so kommt.“ Sie war froh, es abgelegt zu haben. Nun war sie darauf verpflichtet. Ich werde ihn nicht enttäuschen, dachte sie. Währenddessen führten die zwei Schaffner und der Lokführer ihr Gespräch fort und tauschten sich über das schreckliche Erlebnis, dass sie alle teilen mussten, aus, aber welches besonders grauenhaft für Putnam gewesen war. Plötzlich öffnete sich die Tür des Raumes und Chief Powell schaute hinein. Er sagte zu Cullen und den FBI Agenten: „Sie kommen besser mit. Ein Augenzeuge hat sich gerade bei uns gemeldet.“ Jenn fühlte, wie große Aufregung sie ruckartig durchfuhr als sie mit den anderen Cullen den Gang hinunter folgten. War das der vielversprechende Umbruch im Fall, auf den sie alle gewartet hatten? KAPITEL ACHT Als Riley mit den anderen FBI Agenten und Cullen Powell folgte, fragte sie sich… Ein Zeuge? Kriegen wir echt so schnell schon eine heiße Spur? Jahrelange Erfahrung sagte ihr, dass es sehr unwahrscheinlich war. Selbst so konnte sie die Hoffnung nicht loslassen, dass es dieses Mal anders sein würde. Es wäre wunderbar, diesen Fall schließen zu können, bevor noch jemand zu Schade käme. Als die Gruppe in einem kleinen Konferenzraum ankam, befand sich dort eine kräftige Frau, die dort drin auf und ab lief. Sie war sehr stark geschminkt und ihr Haar war in ein unnatürliches Blond gefärbt. Sie eilte ihnen entgegen. „Oh, es ist schrecklich“, sagte sie. „Ich habe ihr Foto vor kurzem in den Nachrichten gesehen und ich habe sie sofort erkannt. So ein schrecklicher Tod. Aber ich hatte da so ein Gefühl –– ein schlechtes Gefühl. Eine Vorahnung, könnte man sogar sagen.“ Rileys Hoffnung schwand langsam. Es war normalerweise kein gutes Zeichen, wenn Zeugen von „Vorahnungen“ sprachen. Bill führte die Frau zu einem Stuhl. „Setzen Sie sich, Ma’am“, sagte er. „Beruhigen Sie sich und fangen Sie ganz von vorne an. Wie heißen Sie?“ Die Frau setzte sich, aber sie blieb auch im Sitzen unruhig. Bill setzte sich in einen Nachbarsitz und drehte sich ihr zu, um besser mit ihr reden zu können. Riley, Jenn und die anderen nahmen auch um den Tisch herum Platz. „Ihr Name?“, wiederholte Bill seine Frage. „Sarah Dillon“, sagte sie und lächelte breit. „Ich lebe gleich hier in Barnwell.“ Bill fragte: „Und wie kannten Sie das Opfer?“ Die Frau schaute ihn an, offensichtlich überrascht von der Frage. „Naja, ich habe sie nicht wirklich gekannt. Wir haben manchmal ein paar Worte gewechselt.“ Bill fragte: „Haben Sie sie heute morgen gesehen –– bevor sie umgebracht wurde?“ Sarah Dillon schien noch verwunderter als bisher. „Nein. Es ist schon einige Wochen oder sogar länger her, seitdem ich sie das letzte Mal gesehen habe. Wieso ist das denn so wichtig?“ Riley wechselte Blicke mit Bill und Jenn. Sie wusste, dass sie alle dasselbe dachten. Einige Wochen oder sogar länger? Natürlich war das überaus wichtig. Als Powell gesagt hatte, dass sich ein Zeuge gemeldet habe, hatte Riley gedacht, dass es jemand sein würde, der das Opfer persönlich kannte oder etwas Bedeutendes gesehen oder mitbekommen hatte –– die tatsächliche Entführung, zum Beispiel. Sie wusste natürlich, dass sie trotzdem jeder möglichen Fährte folgen mussten. Soweit hatten sie keine anderen Anhaltspunkte. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=43692807) на ЛитРес. 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