Weihnachten Für Immer Sophie Love Die Pension in Sunset Harbor #8 Sophie Loves Fähigkeit, bei ihren Lesern Magie zu bewirken, zeigt sich in ihrem höchst inspirierenden Ausdruck und den gedankenanregenden Beschreibungen…FÜR JETZT UND FÜR IMMER ist der perfekte Liebes- oder Strandroman, der sich von anderen abhebt: seine mitreißende Begeisterung und die wunderschönen Beschreibungen machen deutlich, wie komplex die Liebe und auch die Gedanken der Menschen sein können. Dieses Buch ist perfekt geeignet für Leser, die nach einem Liebesroman mit Tiefgang suchen. Midwest Book Review (Diane Donovan zu Für jetzt und für immer) Die 35-jährige Emily Mitchell war aus New York City in das verlassene Haus ihres Vaters an der Küste von Maine gekommen, um ihrem Job, ihrer Wohnung und ihrem Ex-Freund zu entfliehen. Sie brauchte eine Veränderung in ihrem Leben und beschloss, aus dem alten Haus eine Pension zu machen. Sie hatte jedoch nie erwartet, dass ihre Beziehung zu ihrem Hausmeister Daniel ihr Leben auf den Kopf stellen würde. Weihnachten und Neujahr nähern sich schnell in Sunset Harbor, und die Geburt ihrer Tochter steht unmittelbar bevor. Während sie ihre neue Privatinsel weiterentwickeln, entsteht eine neue Geschäftsmöglichkeit - eine, die Emily nie vorausgesehen hatte und die alles verändern könnte. Roys verbliebene Lebenszeit geht schnell zu Ende, und als Weihnachten vor der Tür steht und alle mit der Vorbereitung beschäftigt sind, weiß Emily, dass dies das wertvollste ihres Lebens sein wird. Es wird eine inspirierende Ferienzeit sein, die ihr Leben für immer verändert. WEIHNACHTEN FÜR IMMER ist das Buch Nr. 8 einer bezaubernden neuen Liebesroman Reihe, die Sie zum Lachen und Weinen bringen und Sie nachts vom Schlafen abhalten wird – und Sie sich wieder neu in die Romantik verlieben lässt. Ein sehr gut geschriebener Roman, in dem es um die inneren Kämpfe geht, die eine Frau (Emily) durchstehen muss, um ihr wahres Ich zu finden. Der Autorin gelang die Ausarbeitung der Charaktere und die Beschreibung der Handlung wunderbar. Romantik ist zwar Teil der Geschichte, doch sie ist nicht erdrückend. Ein Lob an die Autorin für diesen wunderbaren Auftakt einer Reihe, die verspricht, äußerst unterhaltsam zu werden. Books and Movies Reviews, Roberto Mattos (zu Für jetzt und Für immer) FÜR IMMER WEIHNACHTEN (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR — BUCH 8) S O P H I E L O V E Sophie Love #1 Bestsellerautorin Sophie Love ist die Autorin der Liebesroman Reihe DIE PENSION IN SUNSET HARBOR, die bislang sieben Bücher umfasst (und fortgesetzt wird), und die mit FÜR JETZT UND FÜR IMMER (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR - BUCH 1) beginnt. Sophie Love ist auch die Autorin der Debüt-Liebesroman Reihe DIE LIEBE AUF REISEN, die mit DAS FESTIVAL DER LIEBE beginnt (DIE LIEBE AUF REISEN – BUCH 1). Sophie würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie deshalb bitte ihre Webseite www.sophieloveauthor.com (http://www.sophieloveauthor.com/), um ihr eine E-Mail zu schreiben, in den E-Mail-Verteiler aufgenommen zu werden, kostenlose E-Books sowie die neuesten Nachrichten zu erhalten und um mit ihr in Kontakt zu bleiben! Copyright © 2017 by Sophie Love. Alle Rechte vorbehalten. Außer, wie gemäß dem U.S. Copyright Gesetz von 1976 ausdrücklich erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Erlaubnis der Autorin vervielfältigt, verbreitet oder in irgendeiner Weise oder in irgendeiner Form übertragen, in einer Datenbank oder in einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch zugelassen. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. Wenn Sie dieses E-Book mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte eine zusätzliche Kopie für jeden weiteren Leser. Wenn Sie dieses Buch lesen, es jedoch nicht selbst gekauft haben und es auch nicht ausschließlich für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und erwerben eine eigene Kopie. Vielen Dank für Ihren Respekt für die harte Arbeit dieser Autorin. Bei diesem Buch handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Veranstaltungen und Vorkommnisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder sind fiktiv. Jede Ähnlichkeit mit reellen Personen, lebend oder tot, ist reiner Zufall. Buchumschlagabbildung Copyright Ioana Catalina E, unter Lizenz von Stutterstock.com. Deutsche Übersetzung: Anna Grossmann (https://www.amazon.de/-/e/B07CKLLXQ4) Deutsche Übersetzung: Anna Grossmann (https://www.amazon.de/-/e/B07CKLLXQ4) BÜCHER VON SOPHIE LOVE DIE PENSION IN SUNSET HARBOR FÜR JETZT UND FÜR IMMER (Buch 1) FÜR IMMER UND EWIG (Buch 2) FÜR IMMER MIT DIR (Buch 3) WENN ES DOCH NUR FÜR IMMER WÄRE (Buch 4) FÜR IMMER UND EINEN TAG (Buch 5) FÜR IMMER UND NOCH EINEN TAG (Buch 6) FÜR DICH, FÜR IMMER (Buch 7) FÜR IMMER WEIHNACHTEN (Buch 8) DIE LIEBE AUF REISEN DAS FESTIVAL DER LIEBE (Buch 1) ITALIENISCHE NÄCHTE (Buch 2) EINE LIEBE IN PARIS (Buch 3) INHALT KAPITEL EINS (#u1d17a63b-5403-4e51-9e7c-b0e4a101d41b) KAPITEL ZWEI (#ue02a7602-c79f-5514-ae97-c877bb42c77d) KAPITEL DREI (#u50025440-9870-5107-98ab-8d90b3bdc2fd) KAPITEL VIER (#u7892f7fe-3e4b-5965-b21e-f11afb91f46c) KAPITEL FÜNF (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHS (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBEN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHT (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ELF (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINS Dr. Arkwright lächelte Emily zu und nahm das Maßband von ihrem Bauch. „Ich kann bestätigen, dass Ihr Fälligkeitstermin der 13. Dezember sein wird“, sagte sie. „Sie sind jetzt in der 37. Woche und das Baby wäre nun keine Frühgeburt mehr.“ Emily sah Daniel an und grinste. Es war so aufregend zu wissen, dass Baby Charlotte in nur drei Wochen bei ihnen sein würde. Sie setzten sich alle auf ihre Plätze und Dr. Arkwright fuhr fort. „Sie dürfen jetzt nicht mehr fliegen“, sagte sie zu Emily. „Wenn Sie also einen Babymoon planen, werden Sie den leider nicht im Ausland verbringen können.“ „Babymoon?“ Emily lachte. „Davon habe noch nie gehört.“ Die Ärztin kicherte zurück. „Das ist heutzutage total angesagt. Ich habe Mütter und Väter, die luxuriöse Babymoons planen, weil sie wissen, dass es für lange Zeit ihre letzte Chance ist.“ Emily fand die Idee amüsant. Mit allem, was in der Pension vor sich ging, war es sehr unwahrscheinlich, dass sie die Zeit finden würden (ganz zu schweigen von dem Geld), sollten sie überhaupt in Urlaub fahren wollen! Die Ärztin klatschte in die Hände. „Wir sind für heute fertig.“ „Großartig“, sagte Emily und hievte sich vom Sitz hoch. „Oh, ich habe es beinahe vergessen. Ich habe etwas für Sie.“ Sie griff in ihre Handtasche und holte Romans letztes Album heraus. Er hatte es sehr gern für die Ärztin unterschrieben, obwohl es ihn auch sehr amüsierte. Dr. Arkwright sah, was Emily in der Hand hielt und ihr Gesicht nahm einen purpurroten Ton an. Sie nahm es eilig. „Vielen Dank“, flüsterte sie. Emily und Daniel verließen die Praxis und gingen zum Parkplatz. Für den Montag nach Thanksgiving war das Wetter bemerkenswert warm. „Wie groß sind die Chancen, dass wir dieses Jahr keinen Schnee haben werden?“, fragte Emily Daniel, als sie den Pick-up erreichten. „Ehrlich gesagt, ich kann mir kein Weihnachten ohne Schnee vorstellen“, sagte er. „Ich bin mir sicher, dass das Wetter sich bald ändern wird.“ Sie stiegen beide in den Pick-up. „Das gute Wetter war irgendwie nützlich“, fügte Emily hinzu. „Überleg mal, wie viel Arbeit wir dank dessen auf der Insel erledigen konnten!“ Daniel drehte seinen Schlüssel im Zündschloss und der alte Pick-up erwachte zum Leben. „Ich weiß“, sagte er, während er begann, aus der Parklücke zu fahren. „Wir sind dem Zeitplan voraus. Und wenn man bedenkt, dass bis April alles fertig sein muss, ist das eine sehr gute Sache.“ Emily dachte daran, dass die Insel schon Monate vorher ausgebucht war, schon lange bevor die Hütten überhaupt ein Dach hatten. „Wie läuft es mit Stu, Clyde und Evan?“, fragte sie ihn. „Fantastisch“, antwortete er. „Ich wusste nicht, dass sie es draufhaben. Ich dachte immer, sie wären faul.“ Emily lachte, behielt aber ihre eigenen Gedanken über Daniels Freunde für sich. Sie hatte sie in den Wochen, in denen sie für Verpflegung und Essen gearbeitet hatten, liebgewonnen, aber diesen ersten Eindruck von ihnen würden sie schwer vergessen machen können! „Nun, ich bin froh, dass sie hart arbeiten“, sagte sie zu Daniel. „Wir brauchen dringend das Einkommen von der Insel, wenn die Pension weiter so schlecht läuft. Daniel sah zu ihr auf den Beifahrersitz. „Ist es wirklich so schlimm?“ Emily verzog das Gesicht. „Ja. Leider. Wir haben keine Reservierungen für den Winter. Tatsächlich kommt niemand bis März. Nicht ins Kutscherhaus, nicht ins Trevor‘s oder ins Haupthaus. Ich musste auch die Schichten aller Angestellten ändern. Nur noch Lois und Parker sind da, um einige Schichten zu machen. Vanessa und Marnie haben zugestimmt, den ganzen Winter frei zu nehmen, aber Matthew ist nicht begeistert von den Kürzungen. Er versucht, für ein neues Auto zu sparen. Ich fühle mich schlecht. Glücklicherweise ist das Restaurant immer noch fast jeden Tag ausgebucht, also kann Harry ihm dort etwas Arbeit geben. Das Spa ist immer noch beliebt, also sollte uns beides über Wasser halten können. Aber es wird für ein paar Monate ziemlich eng.“ Das Timing war beides, ein Segen und ein Fluch. Ein Segen, weil es Emily Zeit geben würde, die sie mit ihrem Neugeborenen verbringen konnte, aber ein Fluch, weil Babys teuer waren und das letzte, was sie wollte war, sich um Geld zu sorgen! „Wird es nicht“, sagte Daniel entschlossen. „Ich werde meinen Holzladen vor dem neuen Jahr in Betrieb nehmen, wenn es sein muss. Du und Baby Charlotte bekommt alles, was ihr braucht. Das verspreche ich dir.“ Emily lächelte und rieb ihren runden Bauch. Daniel war sehr darauf bedacht, ihnen das bestmögliche Leben zu bieten. Es machte sie so glücklich. Sie hatte so viel Glück, ihn in ihrem Leben zu haben. Sie hoffte nur, er brannte nicht zu schnell aus. Es war immer ein Balanceakt mit Daniel und es erwischte ihn oft auf dem falschen Fuß! „Vielleicht sollten wir versuchen, Amy dazu zu bringen, ihre Hochzeit in der Pension zu feiern, so wie sie es einst mit Fraser geplant hatte?“, schlug Emily vor. Daniel bellte ein Lachen aus, als hätte er noch nie etwas so Lächerliches gehört. „Ich bezweifle sehr, dass sie das nach dem letzten Mal will. Es würde sicherlich einige unangenehme Erinnerungen aufkommen lassen? Und warum sollte Harry an dem Ort heiraten wollen, an dem er arbeitet?“ Er schüttelte völlig amüsiert den Kopf. „Es ist eine Schande. Vielleicht können sie einen anderen ihrer reichen Freunde davon überzeugen, dieses Jahr zu heiraten. Was ist mit Jane?“ „Absolut nicht!“, antwortete Emily. „Jane ist nicht der Heiratstyp.“ Aber sein Vorschlag brachte sie zum Nachdenken. Als sie sich in ein angenehmes Schweigen verloren, versuchte Emily, sich ein paar kreativere Möglichkeiten vorzustellen, um die Pension im Winter zu vermarkten. Sie hatten sich so sehr auf die Insel, das Spa, das Restaurant und die Flüsterkneipe konzentriert, dass sie es versäumt hatten, die Pension und alles, was sie zu bieten hatte, zu bewerben. Winterhochzeiten könnten ein guter Ansatz sein, besonders mit dem Ballsaal für Zeremonien und den Gästezimmern in der Pension, die ausschließlich den Hochzeitsgästen vorbehalten wäre. Sie musste ein Meeting mit Bryony, ihrer erstklassigen Marketing-Expertin, ansetzen. Daniel bog von der Hauptstraße ab und fuhr die kleinere Straße in Richtung zu Chantelles Schule hinunter. Ihr Termin bei der Ärztin hatte länger gedauert und so war jetzt keine Zeit mehr, nach Hause zu fahren, bevor Chantelle abgeholt werden musste. „Hast du mal wieder etwas von Raven Kingsley gehört?“, fragte er, während er fuhr. „Wann ist das nächste Treffen, bei dem entschieden wird, ob sie mit ihrem Hotel weitermachen kann?“ „Ich weiß es noch nicht“, sagte Emily. „Ich warte darauf, den Termin zu erfahren. Sie werden ein Bulletin veröffentlichen, sobald der Planungs-Ausschuss seine Sitzung hatte. Ich bin mir sicher, dass es noch eine ganze Weile dauern wird.“ „Machst du dir keine Sorgen?“, fragte Daniel. „Doch, natürlich. Konkurrenz, besonders von jemandem wie Raven, ist immer eine furchterregende Aussicht. Wir hatten es bisher einfach. Der Markt gehörte uns.“ „Das nennst du einfach?“ Daniel scherzte und bezog sich auf die Jahre und Monate der Arbeit, die sie damit verbracht hatten, die Pension zum Erfolg zu führen. „Du weißt, was ich meine“, sagte Emily. „Wir mussten uns vorher nie wirklich Gedanken über einen Bankrott machen.“ „Und das müssen wir jetzt?“, fragte Daniel, sein schalkhafter Gesichtsausdruck war augenblicklich verschwunden. Emily biss sich auf die Lippe. „Vielleicht ein bisschen“, sagte sie. „Wenn die Dinge nicht bald aufgehen. Aber keine Sorge, ich werde mir etwas einfallen lassen. Einen Weihnachtsball. Und Roman singt. Und wir nehmen hundert Dollar für ein Ticket!“ Sie machte nur Witze. Den Promi-Status von Roman für ihren eigenen Gewinn auszunutzen, war nichts, was sie jemals tun würde. Aber ein Weihnachtsball für die Stadt könnte eine gute Idee sein. Daniel sah immer noch besorgt aus. „Liebling“, sagte Emily fest zu ihm. „Ich habe das im Griff. Mach dir keine Sorgen. Nichts, nicht einmal Raven Kingsleys neues Hotel, wird uns aufhalten. Versprochen. Wir sind zu entschlossen, um jetzt zu versagen.“ Sie sprach selbstsicher, aber es gab auch Zweifel in ihrem Hinterkopf. Was, wenn das der Winter war, den sie nicht überstehen würden? Was wäre, wenn ihr perfektes Leben um sie herum zusammenbrechen würde? * Daniel fuhr auf den Parkplatz der Schule. Der Schultag war schon vorbei und alle Kinder spielten auf dem großen Spielplatz unter Aufsicht ihrer Lehrer. Emily erblickte Chantelle, die mit Bailey und Laverne spielte. Es war so eine Erleichterung, dass die Mädchen wieder Freunde waren. Sie stieg aus dem Pick-up aus und winkte Chantelles Lehrerin auf den Stufen vor der Schule zu. Sie winkte auch Tilly zu, der Empfangsdame der Schule, mit der sich Emily kürzlich angefreundet hatte. Tilly hatte gerade ihren Nachmittagskaffee auf der Treppe mit dem Rest der Lehrerschaft. Sie winkte Emily herzlich zu. Chantelle musste ihre Eltern bemerkt haben, weil sie zu ihnen gelaufen kam. „Wisst ihr was!“, schrie sie. „Wir führen in diesem Jahr eine seussifizierte Weihnachtsgeschichte in der Schule auf! „Was ist das?“, fragte Emily. „Es ist eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dicken, aber alle Reime sind wie bei Dr. Seuss“, erklärte ihr Chantelle.“ Und ich spiele den Geist der vergangenen Weihnacht!“ Emily kannte das Stück gut genug, um zu wissen, dass dies einer der zentralen Rollen darin war. Nach Ebenezer Scrooge hatte der Geist sicherlich den meisten Text. „Gut gemacht Schatz!“, sagte sie und umarmte Chantelle fest. Sobald sie sie losgelassen hatte, hob Daniel sie in die Luft. „Was für eine coole Rolle!“, rief er aus. „Ich bin so stolz auf dich!“ Er stellte sie wieder auf ihre Füße und Chantelle holte etwas aus ihrer Tasche. „Das ist mein Text“, sagte sie und hielt ein dickes Heft hoch, auf dessen Cover eine unverkennbare Illustration im Seuss-Stil abgebildet war. „Das Stück wird am Freitag, den 18. Dezember aufgeführt.“ Emily sah Daniel mit hochgezogenen Augenbrauen an. Baby Charlotte würde bis dahin auf der Welt sein! Plötzlich fühlte sich alles unglaublich real an. Und so, so aufregend. „Das ist nicht sehr lang, um all deinen Text zu lernen“, sagte Daniel zu Chantelle. „Drei Wochen?“ „Ich weiß“, erwiderte sie und sah plötzlich sehr ernst aus. „Aber ich kann das schaffen.“ „Natürlich kannst du das“, sagte Emily zu ihr. Sie kletterten alle in den Pick-up und Daniel drehte den Zündschlüssel. Der Truck wurde mit einem stotternden Geräusch zum Leben erweckt. „Wenn wir nach Hause kommen, kann ich dann anfangen, die Pension für Weihnachten zu dekorieren?“, fragte Chantelle vom Rücksitz aus. Emily lachte und sah sie über die Schulter hinweg an. „Wir haben gerade erst Thanksgiving gehabt.“ „Ich weiß“, antwortete Chantelle. „Aber ich liebe Weihnachten so sehr. Ich kann es kaum erwarten, meine Herbstblätter gegen Schneeflocken zu tauschen.“ Daniel begann zu kichern. Sein Blick wanderte zu Chantelle im Rückspiegel. „Du kannst die Pension dekorieren, wenn du willst“, sagte er. Emily lächelte vor sich hin. Sie liebte Chantelles Kreativität und sie liebte die Art und Weise, wie ihr Zuhause für jedes Fest und jede Jahreszeit von der Hand des Kindes verwandelt wurde. Sie würde es nicht gegen alles in der Welt eintauschen wollen - nicht einmal die Plastikspinnen von Halloween, die sich auf der Rückseite von Möbeln wiederfanden, oder die winzigen amerikanischen Flaggen zwischen den Dielen vom 4. Juli. Ihr Leben war perfekt. Sie drückte die Daumen, dass es so bleiben würde. * Ein paar Minuten später kehrten sie nach Hause zurück und Daniel parkte vor der Pension. Der große Parkplatz war jetzt völlig leer. Da keine Autos da waren, sah die Einfahrt plötzlich gewaltig aus. Sie gingen die Verandatreppe hinauf und durch die große Tür der Pension hinein. Als sie eintraten, entdeckte Emily zu ihrer Überraschung, dass die Dekorationen vom Herbst schon weg waren. Sie war nur ein paar Stunden weg gewesen, aber jemand hatte die Pension wieder in eine leere Leinwand verwandelt. Wer könnte das getan haben? Sie dachte an Lois und Marnie, die vielleicht während ihrer Schicht etwas von ihrer Zeit genutzt hatten, um Ordnung zu schaffen, oder vielleicht hatte Vanessa es während ihrer Reinigung getan. Aber dann hörte sie Stimmen aus dem Wohnzimmer und wusste sofort, wer aufgeräumt hatte. Sie ging ins Wohnzimmer und dort saß die Schuldige: Amy. Amy war so organisiert, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie die Thanksgiving-Dekorationen nicht sofort am nächsten Tag weggeräumt hatte. Sie war jedoch nicht allein. Auf der Couch neben ihr, am brennenden Kamin, mit Mogsys Kopf auf ihrem Schoß und einem Getränk, das aussah wie Kakao mit Marshmallows, saß Patricia. Nicht nur, dass Emilys Mutter seit ihrem ersten Genuss von Smøres Gefallen an Marshmallows gefunden hatte, sie hatte auch die Liebe eines stinkenden, mausernden Hundes zu schätzen gelernt. Und, noch wichtiger, sie war für das ganze Thanksgiving-Wochenende geblieben. Für Emily grenzte es an ein Wunder, dass sie und ihre Mutter drei Tage zusammen verbracht hatten, ohne sich gegenseitig umzubringen. Die Dinge schienen sich tatsächlich zum Besseren zu wenden. In der Tat war Emily ein wenig melancholisch, weil ihre Mutter heute wieder fahren würde. „Amy!“, rief Chantelle, als sie Emilys Freundin auf der Couch sitzen sah. „Wir dürfen die Pension für Weihnachten schmücken. Hast du die Sachen bekommen?“ Emily runzelte die Stirn und sah verwirrt zu Daniel. Aufgrund seines Gesichtsausdrucks konnte sie sehen, dass er genauso amüsiert war wie sie. „Natürlich habe ich das“, erwiderte Amy grinsend. Sie nahm eine große Tragetasche von der Seite der Couch, wo sie bisher außer Sicht gewesen war. Emily konnte glitzernden silbernen Stoff, glitzernde Schneeflocken und Plastikeiszapfen sehen, die oben aus der überfüllten Tasche hervorlugten. „Was ist das alles?“, rief sie aus. „Du hast intrigiert! Ihr beide!“ Sie kitzelte Chantelle an den Rippen und das kleine Mädchen kreischte. Dann wand sie sich aus Emilys Fingern und eilte zu Amy. Sie griff nach der Tasche und spähte hinein. „Das ist so cool“, sagte sie zu Amy. „Können wir jetzt anfangen?“ Amy sah Emily an, als wartete sie auf deren Zustimmung. „Schau mich nicht an“, lachte Emily und hob ihre Hände. „Ihr zwei habt offensichtlich Pläne!“ Sie eilten beide in den Korridor und begannen, Lichterketten an der Decke zu befestigen und Kunstschnee auf die Fensterscheiben zu sprühen. Emily beobachtete sie von der Tür aus, ihre Schulter an den Türpfosten gelehnt. Sie war jetzt schon sehr in Weihnachtsstimmung. „Mein Rücken bringt mich um“, sagte Daniel, der sich hinter sie gestellt hatte. „Ich werde ein schönes langes Bad nehmen.“ „Gute Idee“, sagte sie. „Ruh dich aus.“ Daniel arbeitete im Moment so hart und versuchte, gut für die Familie zu sorgen. Sie wollte nicht, dass er sich ebenso verletzte wie vor kurzem sein Boss Jack. Das wäre eine Katastrophe. Er musste auf sich aufpassen. Er küsste sie auf die Wange, dann ging er nach oben, vorbei an Amy und Chantelle. „Komm schon, Mama!“, rief Chantelle. „Du musst auch helfen!“ Emily fühlte sich in diesem späten Stadium ihrer Schwangerschaft oft sehr müde. Aber sie wollte Chantelle nicht enttäuschen. Sie blickte zu Patricia hinüber, die gerade ein Designmagazin durchblätterte, während sie an ihrem Schokoladengetränk nippte. „Mama? Willst du auch helfen?“ Patricia sah überrascht aus. „Oh. Gut. Ich nehme an, das könnte ich.“ Emily grinste, insgeheim sehr erfreut darüber, dass ihre Mutter mitmachen würde. Sie wandte sich wieder an Chantelle. „Wir kommen!“ Dann gingen Patricia und sie in den Flur und durchsuchten Amys Wundertasche. Emily nahm glitzerndes Lametta heraus und begann, es um das Treppengeländer zu wickeln, während Patricia ein funkelndes Material auswählte, das sie kunstvoll um die Bilderrahmen drapierte. Es war ein wunderbarer Moment für Emily, so voller Frieden und Glück. „Wann wirst du heiraten, Amy?“, fragte Chantelle, während sie Schneeflocken mit Klebeband an die Wände heftete. „Ich habe das Datum noch nicht festgelegt“, sagte Amy lächelnd. „Ich kann mich nicht entscheiden, zu welcher Jahreszeit meine Hochzeit stattfinden soll. Oder in welchem Land.“ Chantelles Augen weiteten sich, als wäre ihr der Gedanke an eine Hochzeit in Übersee nie in den Sinn gekommen. „Du könntest in Lappland heiraten! Rentiere und weißer Schnee!” Amy lachte. „Ich dachte mehr an die Bahamas. Schildkröten ... und weißer Strand.” „Das klingt auch gut”, räumte Chantelle ein. „Wenn du Hilfe brauchst, um sie zu planen”, sagte Emily, „ich würde sehr gerne helfen. Du warst so großartig bei meiner Hochzeit, ich würde dir gerne diesen Gefallen erwidern.” Amy sah berührt aus. „Wirklich, Em? Das wäre das Beste. Aber ehrlich gesagt, du bist diejenige, die eine Menge Zeug zu organisieren hat, bevor ich überhaupt bereit bin zu heiraten. Du wirst das erste Mal ein Kind zur Welt bringen! Und was ist mit einem Babymoon? Dir bleibt nicht mehr viel Zeit!” Emily lachte und schüttelte den Kopf. „Nicht du auch noch! Ein Babymoon? Meine Ärztin hat uns auch schon gefragt, ob wir einen machen würden. Ist das so eine neue Sache?” „Was ist ein Babymoon?”, stimmte Chantelle ein. Amy sah geschockt aus. „Ich kann nicht glauben, dass keiner von euch davon gehört hat. Ein Babymoon ist die letzte Chance für die zukünftigen Eltern, einen Urlaub zu machen, bevor die Anforderungen eines Neugeborenen ihre ganze Zeit beanspruchen.” „Ich habe noch nie etwas so Blasiertes gehört”, sagte Patricia schnaubend. Emily ignorierte ihre Mutter und bemerkte, dass Chantelle ein wenig besorgt wegen der Aussicht war, dass sie und Daniel für ein paar Tage weg sein würden. Sie hatte immer Schwierigkeiten, wenn sie sie verließen, weil ihr schrecklicher Lebensanfang sie gelehrt hatte, dass, wenn Leute weggingen, sie nicht unbedingt wieder nach Hause zurückkamen. Es war solch eine harte Arbeit, die Narben, die Sheilas Erziehung verursacht hatte, zu heilen. „Mach dir keine Sorgen, Liebes”, sagte Emily zu ihr. „Ich darf nicht mehr fliegen, also würde es nicht viel Sinn machen.” „Emily!”, rief Amy ungläubig. „Der Punkt ist, dass du und Daniel eine letzte Chance für einen romantischen Ausflug bekommt. Dein Leben wird sich für immer verändern. Willst du kein letztes Hurra? Es ist ja nicht so, dass ihr weit weg fahren müsstet. Ihr könnten nach Québec City fahren. Es ist sehr schön dort zu dieser Jahreszeit.” Zum ersten Mal begann Emily wirklich darüber nachzudenken, ob ein Babymoon Spaß machen würde. Nur sie und Daniel. All die Anstrengungen, ihre Geschäfte zu führen und all die Angst vor der Geburt, für kurze Zeit hinter sich lassend. „Denkst du nicht, dass es ein bisschen knapp wird?”, fragte Emily. „Der Geburtstermin ist in drei Wochen.” „Aber nur etwa zwanzig Prozent der Babys werden am Fälligkeitstag geboren” , antwortete Amy. „Du hast dich übrigens verspätet, Emily”, sagte Patricia. „So wie auch Charlotte. Und ich auch. Wenn es so ist wie bei mir, wird sie zu später kommen. Ich war 42 Wochen plus sieben Tage mit euch beiden.” „Auf keinen Fall!”, jammerte Emily. Es war ihr bisher nie in den Sinn gekommen, dass eine Schwangerschaft länger als 40 Wochen dauern könnte. „Das klingt extrem unangenehm.” „Überhaupt nicht”, antwortete Patricia. „Dein Körper weiß, was er zu tun hat. Du musst ihm vertrauen.” „Ich wusste nicht einmal, dass man so lange drüber sein kann”, sagte Amy. Patricia nickte. „Zu meiner Zeit hat man vermieden, induziert zu werden, wenn man konnte, und darauf vertraut, dass die Natur ihr Ding machen würde. Es kommt häufiger vor, als die Leute glauben. Manche Babys müssen einfach ein bisschen länger im Ofen gebacken werden.” Amy und Chantelle lachten, aber Emily wurde bei dem Gedanken mulmig. Die Schwangerschaft war anstrengend! Sie wollte nicht länger als nötig schwanger sein! Aber vielleicht hatte ihre Mutter in diesem Punkt recht. Die älteren Generationen waren viel weniger verwöhnt und pingelig. Sie hatten keine Babymoons oder ähnliches. Manchmal war die praktische, unkomplizierte Art, die Dinge anzugehen, besser. Sie dekorierten die Flure und gingen ins Esszimmer, wo sie funkelnde Schneeflocken auf allen Tischen platzierten und die Herbstthemen durch Winterthemen ersetzten. Es sah wunderschön aus und Emily wurde noch aufgeregter wegen Weihnachten. Aber die Aufregung reichte nicht aus, um sie davon abzuhalten zu gähnen. Die Dekorationsarbeiten waren ziemlich anstrengend und sie hatte in letzter Zeit nicht mehr so viel Energie wie sonst. „Ich muss mich ein bisschen ausruhen”, gestand sie. „Wenn ich im Ballsaal mitmache, könnte ich dabei einschlafen!” Sie bemerkte, dass Amy und Chantelle gegenseitig schelmische Blicke austauschten. „Was ist los?”, fragte sie und legte die Hände auf ihre Hüften. „Nichts”, sagte Amy in einem Ton, der das Gegenteil nahelegte. „Können wir es ihr zeigen?”, fragte Chantelle Amy. „Es liegt an dir. Du bist diejenige, die wollte, dass es eine Überraschung ist.” „Mir was zeigen?”, fragte Emily nach. Aber Chantelle und Amy redeten nur miteinander. Sie wurde ungeduldig. „Leute, ich möchte wissen, was das für eine Überraschung ist!”, jammerte sie. „Okay”, sagte Chantelle. „Komm mit.” Sie nahm ihre Hand und führte sie in den niedrigen Flur, der in den Ballsaal mündete. Aber anstatt geradeaus zu gehen, bog sie nach rechts ab, entlang des noch kleineren Durchgangs, der bis zu den Nebengebäuden und der Garage führte. Sie blieben an einer der Türen stehen. Emily runzelte die Stirn, sie war so neugierig. „Wir waren nicht sicher, wo wir das machen könnten”, sagte Chantelle. „Weil wir nicht eines der Pensionszimmer nehmen wollten. Dann hat Amy eines der Nebengebäude vorgeschlagen. Also ...“ Sie machte eine Pause für einen dramatisches Effekt und öffnete dann die Tür. Emily blinzelte und keuchte. Der kleine Raum war komplett umgebaut worden. Statt freigelegter Ziegelmauern war er verputzt und gelb gestrichen worden. Statt des Zementbodens war Vinyl ausgelegt worden und darüber lag ein flauschiger Teppich. Der Raum war voller Lichter - Nachtlichter und Lichterketten und sich drehende Musiklichter, die Sterne auf die Wände projizierten. „Was ist das?“, fragte Emily verblüfft. „Das Spielzimmer!“, rief Chantelle aus. Dann sprach Amy. „Wir dachten, dass es schön wäre, wenn die Mädchen abseits vom Rest der Pension einen Platz zum Spielen hätten. Irgendwo, wo sie so viel Lärm machen können, wie sie wollen, ohne die Gäste zu stören. Und irgendwo, wo sie ihre Spielsachen aufbewahren können, damit sie nicht überall rumliegen.“ Emily war so berührt. Das Zimmer war schön. Es musste jetzt nur noch mit Spielzeug gefüllt werden! „Ich liebe es, vielen Dank, Leute“, sagte sie und umarmte abwechselnd Amy und Chantelle. Sie gingen zurück ins Wohnzimmer, damit Emily sich ausruhen konnte, bevor sie mit der restlichen Dekoration weiter machten. Sobald sie sich erholt fühlte, nahmen sie die Mammutaufgabe, den Ballsaal zu schmücken, in Angriff. „Du weißt, dass noch etwas fehlt, oder?“, fragte Emily, nachdem sie die letzten Lichterketten aufgereiht hatte. „Was denn?“, fragte Chantelle. „Ein Weihnachtsbaum!“, rief Emily. Chantelles Augen wurden groß. „Ja sicher. Aber wir brauchen mehr als einen, nicht wahr? Wir brauchen einen für den Ballsaal und einen für den Flur. Und einen fürs Trevor‘s. Und das Spa. Und das Restaurant.“ „Klingt so, als ob du einen ganzen Wald brauchst“, scherzte Amy. „Wie wäre es, wenn wir alle morgen in den Wald gehen?“, schlug Emily vor. „Yvonne hat mir von einer tollen Weihnachtsbaumfarm außerhalb der Stadt erzählt. Es ist nicht die, bei der wir letztes Jahr waren, diese hier soll wirklich riesig sein. Wir könnten einen Tagesausflug daraus machen.“ „Kann Oma Patty auch mitkommen?“, fragte Chantelle. Emily schüttelte den Kopf. „Sie muss heute wieder fahren“, sagte sie. Chantelle machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Emily hasste es, sie traurig zu sehen. „Warum fragst du sie nicht?“, schlug sie vor. Patricia hatte sie mit ihrem Besuch überrascht. Vielleicht würde sie noch bleiben, wenn sie klarstellen würden, dass sie sie auch haben wollten. Chantelle verließ den Ballsaal und rannte den Korridor entlang, wo sich Patricia im Wohnzimmer ausruhte. „Oma Patty!“, schrie Chantelle. Ihre Stimme war laut genug, dass selbst sie sie hören konnte, als sie durch das Haus watschelte und versuchte, sie einzuholen. „Kannst du morgen mit uns Weihnachtsbäume kaufen gehen?“ Emily betrat das Wohnzimmer, in dem Moment als Patricia den Kopf schüttelte. „Ich habe einen Flug gebucht, um nach Hause zu fliegen“, sagte Patricia. „Der Flieger geht heute Abend.“ „Bitte“, sagte Chantelle. Sie hockte sich neben Patricia auf die Couch und schlang ihre Arme um ihren Hals. „Ich möchte wirklich, dass du bleibst.“ Patricia war von der Zuneigung verblüfft. Sie tätschelte Chantelles Arm und sah Emily an, die in der Tür stand. Emily lächelte, berührt von der süßen Szene, von der Liebe, die Chantelle zu geben hatte, sogar denen, die sich so benahmen, als wäre ihnen nicht daran gelegen. Ihre Fähigkeit zu Vergebung und Freundlichkeit inspirierte Emily immer wieder. „Nun, ich möchte nicht länger stören“, sagte Patricia, während sie mit Chantelle sprach und ihre Worte an Emily richtete. „Du störst nicht“, sagte Emily. „Wir lieben es, dich hier zu haben. Und es ist nicht so, dass in der Pension im Moment viel los ist. Es ist die perfekte Zeit zu bleiben. Wenn du willst.“ „Bitte!“, bettelte Chantelle. Schließlich lächelte Patricia. „Okay. Ich werde bleiben und dir helfen, einen Baum zu finden.“ Emily wusste, dass Patricia gerührt war, eingeladen zu werden und nach all ihrem schlechten Benehmen und den schrecklichen Kämpfen, die sie gehabt hatten, willkommen zu sein. Emily überkam ein überwältigendes Gefühl von Dankbarkeit und sie erkannte, dass sich das Leben immer zum Besseren wenden konnte. Es schien, dass man nie zu alt war, um zum ersten Mal Weihnachtsstimmung zu empfinden! KAPITEL ZWEI Chantelle sah überglücklich aus, als Emily und Daniel sie am nächsten Tag von der Schule abholten. Patricia saß geduldig auf dem Rücksitz. Sie sah in ihrem zweiteiligen Outfit und ihrer Blazer-Kombi sehr fehl am Platz aus, aber Chantelle schien das nicht zu kümmern. Sie sprang strahlend auf den Rücksitz, ihre Wangen waren rosig vom kalten Wetter. „Weihnachtsbaum-Zeit!“, erklärte sie. Daniel fuhr sie. Das Wetter war immer noch wenig winterlich, obwohl es viel kälter war als in den Tagen zuvor. Es gab aber keinen Frost, wie es sonst zu dieser Jahreszeit üblich war. Emily war dankbar, dass das Wetter so mild war. Das bedeutete, dass Evan, Clyde und Stu ihre Arbeit auf der Insel ungehindert fortsetzen konnten. Die Weihnachtsbaum-Farm war ziemlich weit weg von Sunset Harbor. Sie hätten natürlich auch zum Depot in Ellsworth fahren können, aber das war für Chantelle keine magische Erfahrung! Also fuhren sie weiter zu der Farm in der Taunton Bay. Als sie die kleine, holprige, mit Schlaglöchern übersäte Straße hinunterfuhren, die zu der Farm führte, konnte Emily sehen, dass sich die zusätzliche Fahrtstrecke lohnte. Die Weihnachtsbaum-Farm war riesig und dank der abschüssigen Hügel, die den ganzen Weg von der Straße bis zum See hinunterliefen, hatten sie einen herrlichen Blick auf alle Bäume. „Es ist wie ein ganzer Weihnachtswald“, sagte Chantelle ehrfürchtig. Daniel fuhr zu dem behelfsmäßigen Verkaufsplatz hinauf, der eigentlich nur ein Stück abgeflachter Boden war, bedeckt mit Heu, um zu verhindern, dass es zu matschig wurde. Es gab ein kleines holzgetäfeltes Haus auf einer Seite, mit einem handgemachten Schild, das verkündete: Weihnachtsbäume! Emily sah zu Patricia neben Chantelle auf dem Rücksitz. Sie trug ihren typischen hochnäsigen Gesichtsausdruck und spähte aus dem Fenster mit einem ängstlichen Ausdruck wegen dem schmutzigen Boden, den sie gleich betreten sollte. Aber sie hielt ihre Zunge im Zaum und Emily lächelte vor sich hin. Es fühlte sich an wie ein kleiner Sieg. Alle kletterten aus dem Pick-up, gerade in dem Moment, als sich die Haustür öffnete. Ein Mann trat heraus und winkte ihnen zu. Er wirkte sehr fröhlich und hatte einen runden Bauch. Emily fragte sich, ob er jemals in Erwägung gezogen hatte, einen Weihnachtsmann zu spielen, denn er sah ganz wie einer aus. „Hallo Leute!“ sagte er grinsend. „Ich bin Terry. Seid ihr hier, um euren eigenen Baum zu schlagen?“ „Das sind wir“, sagte Daniel. Chantelle eilte zu dem Mann. „Eigentlich brauchen wir fünf Bäume. Wir haben eine Pension, weißt du, und ein Restaurant und ein Spa und alle brauchen einen Baum. Und auch der Ballsaal.“ „Wie wäre es, wenn wir mit einem beginnen?“, schlug Emily vor und dachte daran, dass im Moment keine Gäste in der Pension waren, um die Bäume zu genießen. „Wenn wir mehr brauchen, können wir für einen weiteren Tagesausflug zurückkommen.“ Das schien Chantelle zu gefallen und sie nickte zustimmend. Terry zeigte ihnen die Werkzeuge, die sie brauchen würden, dann winkten sie zum Abschied und gingen in den Weihnachtsbaum-Wald. Emily dachte an die Farm, die sie letztes Jahr besucht hatten. Dort war viel Trubel gewesen, der aber mehr mit Traktorfahrten und heißer Schokolade zu tun gehabt hatte. Sie mochte diese ursprüngliche Erfahrung hier mehr, besonders weil ab dem Moment, als sie den Wald betraten, alles um sie herum sehr ruhig wurde. „Es ist, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt“, sagte sie und wiegte mit ihren Hände schützend ihre Murmel. Sie blickte zurück, um zu sehen, wie es Patricia ging. Obwohl sie auf Zehenspitzen ging und einen leicht verkniffenen Ausdruck trug, beklagte sie sich überhaupt nicht. Emily fragte sich, ob sie sich vielleicht amüsieren würde und nur zu stolz war, es zuzugeben. „Oma Patty“, sagte Chantelle, eilte zurück und griff nach ihrer Hand. „Ich denke, hier drüben sind wirklich dunkelgrüne. Komm schon!“ Emily lächelte vor sich hin, als sie ihre Tochter dabei beobachtete, wie sie ihre Mutter mit sich zog. Sie konnte sich an keine Zeit erinnern, in der Patricia so nachgiebig gewesen war und sich einer Aktivität angeschlossen hatte. Chantelle färbte eindeutig auf sie ab. Daniel legte einen Arm um Emilys Schultern und brachte ihren Körper dicht an seinen. „Das ist wunderbar, nicht wahr?“, sagte er. „Ich mag es, wie begeistert sie von solchen Dingen ist. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie sehr sie Chanukka genießen wird.“ „Wann beginnt es in diesem Jahr?“, fragte Emily ihn. „Am Sechzehnten.“ „Also erst, wenn Charlotte schon da ist?“, fragte sie grinsend und dachte darüber nach, in dieser wunderbaren Jahreszeit, in der alle feierten, ein Neugeborenes im Haus zu haben. „Vielleicht kommt sie sogar an diesem Tag auf die Welt“, sagte er lächelnd. „Wäre das nicht schön?“ Emily nickte zustimmend. Es wäre sicher wunderbar für Daniel, wenn seine Tochter an einem so bedeutenden Tag zur Welt käme. In diesem Moment hörten sie Chantelle durch die Bäume rufen. „Mama! Papa! Wir haben ihn!“ Sie lächelten einander an und trotteten dann auf ihre Stimme zu. Chantelle stand neben einem wunderschönen Baum mit den dunkelsten Kiefern, die Emily je gesehen hatte. Er war wunderbar symmetrisch, die Art von perfektem Baum, der in Zeitschriften verwendet werden würde. Und natürlich war er enorm. „Oma Patty hat ihn ausgesucht“, sagte Chantelle und sah Patricia stolz an. „Hat sie das?“, fragte Emily, erfreut zu sehen, wie sehr sich die beiden näherkamen. Selbst Patricia sah zufrieden aus. „In diesem Fall“, sagte Daniel, „sollte Oma Patty den ersten Schnitt machen.“ „Oh Gott, nein“, sagte Patricia und schüttelte ihre Hände in Richtung der Säge, die Daniel ihr hinhielt. „Oh, ja!“, schrie Chantelle, sprang auf und ab und klatschte in die Hände. „Bitte Oma Patty! Es macht echt Spaß. Ich verspreche dir, du wirst es genießen.“ Patricia zögerte, dann gab sie schlussendlich nach. „Also gut. Wenn du darauf bestehst.“ Sie nahm die Säge von Daniel und starrte den Baum an, als wäre er ein Feind. Daniel bückte sich und drückte die großen Äste aus dem Weg, um den Stamm dort freizulegen, wo sie sägen sollte. Patricia hockte sich hin, offensichtlich in dem Versuch, ihr Knie nicht den schlammigen Boden berühren zu lassen. Emily konnte nicht anders, als innerlich zu lachen. Ihre Mutter sah aus wie ein Frosch! Patricia griff zu und sägte am Stamm des Baumes. Sie quietschte begeistert und schaute zurück auf die Familie, die weiter zusah. „Du hast recht“, sagte sie zu Chantelle. „Das macht Spaß!“ Emily gluckste laut. Nur ein paar Tage in Maine mit ihrer Familie und Patricia hatte Smøres gegessen und einen Baum abgesägt! Terry kam mit seinem Traktor an und legte den Baum auf den Anhänger. „Alle Mann an Bord“, sagte er. Alle stiegen zu dem Baum nach hinten, aber Patricia rührte sich nicht. Sie sah fassungslos aus. „Wollt ihr etwa, dass ich damit fahre?“ Chantelle hüpfte auf der Holzbank auf und ab. „Es macht Spaß! Du musst mir vertrauen!“ „Habe ich eine Wahl?“, fragte Patricia. Chantelle schüttelte den Kopf und grinste immer noch frech. Patricia seufzte und stieg auf den Anhänger. Sobald alle saßen, fuhr Terry sie zu ihrem Auto zurück und half Daniel dabei, den sehr großen Baum auf dem Dach seines Pick-ups zu sichern. Dann bezahlten sie für den Baum und verließen die Farm; alle fühlten sich beschwingt. „Ich kann es kaum erwarten, ihn zu dekorieren“, sagte Chantelle. „Hilfst du mir, Oma Patty?“ Patricia nickte. „Ja, aber danach muss ich gehen. Okay?“ Chantelle schmollte und sah ein wenig traurig aus. „Wenn du unbedingt musst. Aber ich liebe es, wenn du hier bist. Kommst du zu Weihnachten zurück?“ Emily beobachtete ihre Mutter im Rückspiegel. Sie konnte sich nicht einmal an das letzte gemeinsame Weihnachtsfest erinnern. Selbst als sie mit Ben in New York gelebt hatte, hatten sie Weihnachten eher mit seiner Familie verbracht als mit Patricia. Es war nicht so, als ob die Frau jemals besonders in Weihnachtsstimmung geraten wäre und es schien eine dumme Idee zu sein. Emily befürchtete, dass sie sich dadurch selbst Kummer bereiten würden und fragte sie sich, ob die sanfte Seite von Patricia, die sie in den letzten Tagen gesehen hatte, so weit gehen konnte. „Vielleicht”, sagte sie ausweichend. „Ich denke, deine Mutter und dein Vater haben zu diesem Zeitpunkt viel zu tun. Das Baby wird bis dahin da sein, oder?“ „Noch besser!“, argumentierte Chantelle weiter. „Sie muss ihre Oma Patty kennenlernen.“ Als ihr klar wurde, dass sie Patricias widerspenstige Seite getroffen hatte, machte Chantelle einen weiteren Vorschlag. „Oder wenn nicht Weihnachten, dann vielleicht Silvester? Wir haben eine Party in der Pension. Du kannst mitfeiern.“ Patricia blieb bei ihren ausweichenden Antworten. „Wir müssen sehen“, war das einzige Zugeständnis, das sie machen konnte. Chantelle sah als nächstes zu Emily hinüber. „Denkst du Opa Roy würde Weihnachten kommen wollen?“, fragte sie. Emily fühlte sich augenblicklich angespannt. Es war noch weniger wahrscheinlich, dass ihr Vater wegen der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes kommen würde. „Wir können ihn fragen“, sagte Emily und die Unterhaltung verstummte. Sie erreichten die Pension und Daniel parkte. Stu, Clyde und Evan waren zu Hause, also kamen sie heraus, um den Baum hinein zu tragen. Dann richteten die vier Männer ihn zusammen auf und stellten ihn im Foyer in Position. „Das ist ja mal ein großer Baum“, sagte Clyde pfeifend. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah auf Chantelle hinab. „Wie willst du den Engel auf die Spitze setzen? Selbst wenn du auf meinen Schultern bist, glaube ich nicht, dass du es schaffen wirst.“ Um seinen Standpunkt zu untermauern, fegte er eine kichernde Chantelle in seine starken Arme und hob sie auf seine Schultern. Er fing an, mit ihr herum zu marschieren. Emily bemerkte, dass Patricia zusammenzuckte. Wahrscheinlich sorgte sie sich wegen des harten Holzbodens unter ihnen, ein Mutterinstinkt, den sogar Patricia besaß! „Ich hole die Leiter“, sagte Stu und ging in Richtung Garage. Evan und Clyde halfen auch, indem sie alle Kisten mit den Dekorationen von der Garage ins Foyer trugen. Dann machten sich die drei Männer auf den Weg in die Stadt, um ein Spiel zu sehen und nach einem langen Arbeitstag auf der Insel etwas zu trinken. „Wir müssen Weihnachtsmusik anmachen“, sagte Emily und ging zum Empfang, wo das Soundsystem aufgebaut war. Sie fand eine alte Christmas Crooners CD und legte sie ein. Frank Sinatras Stimme füllte die Halle. „Und“, fügte Daniel hinzu. „Wir brauchen heiße Schokolade!“ Chantelle nickte begeistert und alle eilten in die Küche. Daniel kochte Milch auf dem Herd, während Chantelle in der Vorratskammer nach übrig gebliebenen Marshmallows suchte. Sie kam nicht nur mit Marshmallows, sondern auch mit Regenbogenstreuseln und Schlagsahne zurück. „Ausgezeichnet“, sagte Daniel, als er ihnen jeweils eine Tasse heiße Schokolade einschenkte und sie dann mit Sahne, Marshmallows und Streuseln übergoss. Emily hatte in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen, dass Patricia so etwas konsumierte! Patricia Smøres essen zu waren schon ein Novum gewesen, aber das hier war eine ganz andere Sache. Es war, als wäre Patricias Widerstand gegen den Geist der Weihnacht nach sechzig Jahren aufgelöst worden! Sie gingen zurück in die Halle, wo der riesige Weihnachtsbaum stand und darauf wartete, dekoriert zu werden und machten sich an die Arbeit. Natürlich übernahm Chantelle die Führung. „Wir brauchen noch Lichter hier drüben, Papa“, sagte sie zu Daniel und deutete auf eine kahle Stelle. „Und Oma Patty, diese Rentiere müssen an diesem Zweig sein.“ Emily beugte sich zu ihrer Mutter und sagte: „Chantelle hat eine ganz bestimmte Vision.“ Patricia lachte. „Ja, das glaube ich auch. Sie hat ein Auge für Details. Sie wird eines Tages eine wundervolle Innenarchitektin sein.“ Emily konnte sich das auch vorstellen. Entweder das oder irgendeine Art von Event-Organisator. Sie berührte ihre Murmel und fragte sich, welche Art von Persönlichkeit Baby Charlotte hätte, ob sie ihrer Schwester ähneln würde - Leiterin, Organisatorin, Darstellerin - oder ob sie ganz anders sein würde. Vielleicht würde sie eher wie Emily sein und weniger zum Rampenlicht neigen, mehr Lust haben, ein Buch zu lesen und die Hunde auf ruhige, ländliche Spaziergänge mitnehmen. Oder vielleicht wäre sie wie ihr Vater, praktisch und fleißig und manchmal zur Gewalt neigend. Oder, wie Emily oft dachte, sie könnte nach der Tante kommen, nach der sie benannt wurde - süß, einfallsreich, wissbegierig, ruhig. Sie konnte es kaum erwarten, es herauszufinden. „Oma Patty“, sagte Chantelle dann und beendete Emilys Träumerei. „Wie war Mama, als sie in meinem Alter war?“ Patricia war damit beschäftigt, ein großes Stück glitzerndes Lametta über die Äste zu streichen und es so durch sie zu weben, dass es nicht abfallen würde. „Mit acht Jahren? Lass mich nachdenken. Ihr Haar war damals sehr lockig, viel mehr als jetzt. Sie trug diese schönen karierten Kleider. Erinnerst du dich, Liebling?“ Emilys Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit. Das karierte Kleid und die juckende Strumpfhose, mit der ihre Mutter sie immer angezogen hatte, waren eine Quelle zahlreicher Kämpfe. Emily hatte gehasst, dass sie darin nicht rennen oder auf Bäume klettern durfte, weil Patricia nicht wollte, dass sie ihre Kleider schmutzig machte. „Ich erinnere mich“, antwortete sie. Patricia fuhr fort. „Ihr Vater hat ihr damals auch Klavierunterricht gegeben. Sie war ziemlich gut darin, aber verlor dann das Interesse.“ Emily wünschte jetzt, dass sie dabeigeblieben wäre. Dass sie weiterhin neben ihrem Vater auf diesem angeschlagenen Klavierstuhl gesessen und Lieder aus Musicals und alte Klassiker gelernt hätte. Das waren kostbare Zeiten gewesen und sie hatte nicht das Beste daraus gemacht. Sie hatte nicht gewusst, dass es ihr einmal so wichtig erscheinen würde. „Opa Roy?“, fragte Chantelle. „Ja“, sagte Patricia. Sie lächelte. „Er war sehr begabt am Klavier. Und er liebte es. Deshalb musste er eines in diesem Haus haben, obwohl wir nur ein paar Wochen im Jahr hier waren. Aber er zündete dann das Feuer an und spielte uns auf dem Klavier vor und Emily hatte sich in immer in eine Decke einwickelt und war eingeschlafen.“ Sie stieß einen melancholischen Seufzer aus. „Es gab immer wundervolle Momente zwischendurch, nicht wahr, mein Schatz?“ Emily wusste, was sie meinte. Zwischen dem Schmerz, Charlotte verloren zu haben. Dass es nach ihrem Tod, als die Stille zwischen ihren Eltern wie eine unsichtbare Glaswand wuchs, einige Momente der Normalität, der Freude, gab. Manchmal, wenn die Stille mit Schönheit gefüllt und ihre Gedanken von Kummer befreit wurden. „Ich liebe Opa Roy“, sagte Chantelle zu Patricia. „War er ein sehr guter Ehemann?“ Patricia sah Chantelle an. Und zu Emilys Schock und Überraschung streckte sie die Hand aus und streichelte den Kopf des Mädchens. „Das war er. Nicht immer. Aber niemand ist perfekt.“ „Hast du ihn geliebt?“ „Von ganzem Herzen.“ „Und jetzt?“, fragte Chantelle. „Pst“, unterbrach Emily. „Das ist eine persönliche Frage.“ „Es macht mir nichts aus“, sagte Patricia. Dann sah sie Chantelle direkt an und sprach mit unbeirrter Stimme. „Wir haben viele Jahre als Ehemann und Ehefrau verbracht, viele gute Jahre. Aber wir waren nicht glücklich und das Wichtigste im Leben ist, glücklich zu sein. Es war sehr schwer sich von ihm zu trennen, aber am Ende war es das Beste. Und ja, ich liebe ihn immer noch. Sobald du jemanden liebst, kannst du niemals wirklich damit aufhören.“ Emily wandte sich ab und wischte die Träne, die sich in ihrem Augenwinkel gebildet hatte, weg. Während ihres ganzen Lebens hatte Patricia ihren Vater nur schlecht gemacht. Nie hatte sie von ihr gehört, dass sie Roy immer noch liebte. Ruhe trat ein und die Familie legte leise die letzten Dekorationen auf den Baum. Die melancholische Luft, die um sie herum schwebte, löste sich erst auf, als Daniel die Engelsstatue aus der Schachtel nahm. „Es ist Zeit“, sagte er und reichte sie Chantelle. Mit einem aufgeregten Lächeln auf ihrem Gesicht stieg Chantelle die Leiter hinauf, streckte ihren Arm so lange sie konnte und setzte den Engel auf den oberen Ast des Baumes. „Ta-da!“, jubelte sie. Daniel half ihr die Leiter hinunter und alle traten zurück, um ihre Arbeit zu bewundern. Emily war von Gefühlen überwältigt, als es ihr einfiel, dass dies der erste Baum war, den sie nach fast zwanzig Jahren mit ihrer Mutter geschmückt hatte. Patricia hatte sich kurz nach Charlottes Tod von dem Ritual zurückgezogen. Aber jetzt, mit einer neuen Familie um sie herum und einem neuen Kind, das in Emily wuchs, war sie zurückgekommen. Der Zeitpunkt fühlte sich für Emily ergreifend an, als hätte der Geist Charlottes dazu beigetragen. „Ich denke, das ist der schönste Baum, den ich je gesehen habe“, sagte sie und sah dankbar zu jedem ihrer Familienmitglieder. * Nachdem der Baum fertig war und die heißen Schokolade getrunken, war es Zeit für Patricia, sich zu verabschieden. „Ich wünschte, du würdest nicht gehen müssen“, sagte Chantelle und schlang ihre Arme um Patricias Taille. Emily beobachtete, wie ihre Mutter das Kind umarmte. Sie wirkte wesentlich weniger unbeholfener, als sie es normalerweise bei offensichtlichen Bekundungen von Zuneigung war. „Wir können telefonieren, wenn du willst“, sagte Patricia zu dem Kind. „Wirst du mit uns skypen?“, fragte Chantelle und auf ihrem Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen. „Werde ich was?“, fragte Patricia und sah verwirrt aus. „Video-Telefonie, Mama“, erklärte Emily. „Chantelle liebt das.“ „Wir skypen immer mit Opa Roy“, sagte Chantelle. „Können wir? Können wir? Können wir?“ Patricia nickte. „Na sicher. Wenn es das ist, was du willst.“ Sie sah echt gerührt aus, dachte Emily, dass Chantelle mit ihr in Kontakt bleiben wollte. „Und“, fügte Emily hinzu, „Bitte denke darüber nach, Weihnachten zu kommen. Wir würden dich gern hier haben.“ „Ich will euch nicht in die Quere kommen“, sagte Patricia. Daniel meldete sich zu Wort. „Du wärst nicht im Weg“, sagte er. „Wir haben momentan keine Buchungen. Wenn du ein bisschen mehr Freiraum möchtest, könnten wir dich sogar im Kutscherhaus unterbringen.“ „Okay“, sagte Patricia und sah aus, als wolle sie ihre Emotionen verbergen. „Ich werde es mir ganz bestimmt überlegen.“ Ihr Taxi kam und fuhr die lange Einfahrt herauf, die Reifen knirschten auf dem Kies. Daniel nahm Patricias Koffer und trug ihn die Verandatreppe hinunter. Der Rest der Familie folgte. Selbst Mogsy und Rain kamen heraus, um sie zu verabschieden; sie wedelten gemeinsam mit den Schwänzen, während sie durch die Pfosten spähten. Daniel legte den Koffer in den Kofferraum und umarmte dann Patricia zum Abschied. Chantelle klammerte sich an sie. „Ich liebe dich, Oma Patty“, rief sie aus. „Bitte komm bald zurück.“ „Das werde ich, Schätzchen“, sagte Patricia und streichelte ihr den Kopf. „Es wird nicht lange dauern.“ Dann war Emily an der Reihe. Sie umarmte ihre Mutter und war erfüllt von Dankbarkeit und Wertschätzung. Es mochte Jahre gedauert haben bis zu diesem Punkt - und dem schrecklichen, ernüchternden Schock wegen Roys Krankheit - aber es schien, als würden sich die Dinge zwischen ihnen zum Besseren wenden. „Bitte bleib in Kontakt“, sagte Emily zu ihrer Mutter. „Das werde ich“, antwortete Patricia. „Ich verspreche es.“ Sie ließen sich los und Patricia stieg in das Taxi. Emily schloss sich ihrer Familie an und spürte, wie Daniels Arm um ihre Schultern griff und Chantelles Hände sich an sie klammerten. Sie hielt sich ihren Bauch mit einer Hand und winkte mit der anderen ihrer Mutter zum Abschied. Sie blieben dort stehen, bis das Taxi verschwunden war. Als sie sich gerade umdrehten, um in die Pension zu gehen, hörte Emily das Telefon läuten. Sie ging zur Rezeption und beantwortete den Anruf. Amy war am anderen Ende. „Em, ich habe gerade das Bulletin vor dem Rathaus gesehen“, sagte sie. Emily hatte sich immer noch nicht an die Tatsache gewöhnt, dass Amy nun eine Bewohnerin von Sunset Harbor war und dass sie auf das Treiben ihrer kleinen Stadt achtete. „Was für ein Bulletin?“, fragte Emily. „Ravens Hotel! Das Treffen ist morgen. Dasjenige, dass sie bis nach Thanksgiving verschoben haben.“ „Morgen?“, rief Emily aus. „Das ist ein bisschen kurzfristig! Und kaum eine Verschiebung!“ „Ich weiß. Was glaubst du, warum es schon so schnell stattfindet?“ „Ich kann nur annehmen, dass die Zonenplanung zu einer schnellen und einstimmigen Entscheidung gekommen ist“, sagte Emily und erinnerte sich an den Prozess für ihre eigene Lizenz für das Betreiben der Pension. „Ein einstimmiges Ja oder einstimmiges Nein?“ „Wir werden es früh genug herausfinden.“ Amy klang unglaublich gestresst wegen dem Ganzen, was Emily etwas seltsam fand, wenn man bedenkt, dass sie am meisten von dem Ergebnis betroffen war. „Wir müssen zu dem Treffen gehen“, sagte sie brüsk. „Kannst du alles andere aus deinem Kalender streichen?“ „Könnte ich. Ich bin mir nur nicht sicher, warum ich das tun sollte. Ich habe meine Meinung schon gesagt.“ Sie konnte die Ungeduld in Amys Stimme hören. „Emily, du musst gehen. Du musst das verhindern! Wenn Raven ein Hotel in Sunset Harbor eröffnet, wird sich dein Geschäft schwertun.“ „Du solltest mehr Vertrauen in mich haben“, sagte Emily zu ihr. „Ich habe keine Angst vor ein bisschen Wettbewerb.“ „Das solltest du aber“, erwiderte Amy. „Vor allem von Raven Kingsley. Sie wird dich zerquetschen.“ Emily dachte an die Momente, die sie mit Raven verbracht hatte. Sie waren keine Freunde geworden, aber sie waren nett zueinander gewesen. Raven hatte ihr geholfen, als Daniel seinen Bootsunfall gehabt hatte und sie war sogar zu dem Thanksgiving-Dinner gekommen, das Emily gegeben hatte. Sie empfand Ravens Hotel als freundliche Konkurrenz. „Aus welchem Grund sagst du so etwas?“, fragte Emily und schüttelte den Kopf. „Raven ist wie jeder andere Geschäftsinhaber. Sie will hart arbeiten und Erfolg haben. Ich weiß, dass sie in der Vergangenheit ein Geier war, aber sie will sich hier niederlassen. Ihr Ehemann hat sie verlassen und sie möchte nun, dass die Kinder an einem Ort bleiben, um Stabilität zu erlangen.“ „Ich denke du bist naiv“, sagte Amy. „Ein Leopard ändert seine Flecken nicht.“ „Amy, meine Mutter hat gerade heiße Schokolade mit Sahne und Marshmallows getrunken und dabei geholfen, einen Weihnachtsbaum abzusägen. Leoparden, genauso wie Drachen, können tatsächlich ihre Flecken ändern.“ Aber Amy gab nicht nach. „Raven wird dich aus dem Geschäft drängen und sich dann in die nächste Stadt aufmachen. Das ist, was sie immer tut. Sie hat eine eingespielte Vorgehensweise, wie sie es macht, indem sie lokale Gebiete mit ihren großen, auffälligen Hotels zerstört. Es ist alles korporativ, seelenlos. Das letzte, was die Stadt braucht. Und sie hat so viele von ihnen, dass sie die Zimmerpreise spottbillig halten kann. Selbst wenn sie in den ersten fünf Jahren einen Verlust hinnehmen muss, wird sie es tun, nur damit sie die Konkurrenz ausschalten kann!“ Emily konnte die Raven, über den Amy sprach, nicht in der sehen, mit der sie Bekanntschaft gemacht und sich versöhnt hatte. Aber zu hören, was Amy über Raven dachte, ließ sie zu grübeln anfangen. „Komm einfach zu dem Treffen“, sagte Amy. „Okay“, sagte Emily. Als sie den Hörer auflegte, fragte sie sich, ob Amy recht hatte. Vielleicht war Raven so rücksichtslos wie sie es vorher gewesen war. Aber wenn Emily die Pension nicht mehr hatte, was würde aus ihr werden? Aus ihrer Familie? Plötzlich fühlte sie sich, als würde der Boden unter ihr instabil werden. Was, wenn das Traumleben, in dem sie lebte, doch nur vorübergehend war ...? KAPITEL DREI Am nächsten Tag, nachdem er Chantelle in der Schule rausgelassen hatte, fuhr Daniel Emily zu Harry und Amy, bevor er zur Arbeit ging. Als Emily an der Tür klingelte, öffnete ihr Amy und strahlte von einem Ohr zum anderen. „Bereit?“, fragte Emily. Amy grinste nur. „Darauf kannst du wetten!“ Für heute hatte Amy einen Tag geplant mit Terminen bei potenziellen Hochzeits-Locations und mehreren Hausbesichtigungen mit Immobilienmaklern. Und da Harry den ganzen Tag im Restaurant arbeitete, hatte ihr Emily ihre Unterstützung und ihren Rat angeboten. Sie war natürlich begeistert, dass sie helfen konnte. Sie stiegen in Amys weißen Chrysler und machten sich auf den Weg. „Wo ist die erste Besichtigung?“, fragte Emily vom Beifahrersitz aus. „Eastern Road“, sagte Amy, während sie über das Lenkrad auf den Verkehr blickte. Als kein Auto mehr kam, bog sie auf die Hauptstraße ab. „Ooh“, sagte Emily. „Das ist ein schöner Teil der Stadt. Auf der anderen Seite des Hafens von uns aus gesehen, aber immer noch nah.“ „Vor allem im Vergleich zu New York“, scherzte Amy. „Im Handschuhfach befindet sich eine Broschüre. Schau mal.“ Emily öffnete das Fach und fand die Hochglanzbroschüre. Sie blätterte durch die Seiten. Neben den rechtlichen Informationen und Eigentumsdetails - drei Schlafzimmer, bemerkte Emily mit einem wissenden Lächeln - fand sie eine Auswahl von Fotografien. Das Haus sah umwerfend aus. Wenn Harry und Amy in der Tat planten, bald eine eigene Familie zu gründen, wäre dies der richtige Ort dafür! Sie lächelte vor sich hin, dann aber erblickte sie den unverschämt hohen Preis und verschluckte sich beinahe. „Das Objekt hat einen separat zugänglichen Atelierraum“, informierte Amy Emily, während sie fuhr. „Sie benutzen es gerade als Kunststudio, aber ich würde es in ein Büro verwandeln. Wenn ich von zu Hause aus arbeiten würde, hätte ich gerne einen separaten Raum, weißt du?“ „Klar“, sagte Emily und dachte an die Schattenseiten des Lebens und Arbeitens an einem Ort, wie es ihr täglich Los war. „Dieser Ort wäre perfekt dafür.“ Sie fuhren am Hafen vorbei. Es war ein ruhiger Tag, also waren Stuart, Evan und Clyde zur Insel gefahren, um mit den Bauarbeiten weiterzumachen. Emily war sehr glücklich, dass das Wetter so mild gewesen war. Es sah definitiv so aus, als würde alles fertig werden, bevor die ersten Gästen im April kamen. Eine Sache weniger, um die sie sich sorgen musste! „Hast du noch mal über den Babymoon nachgedacht?“, fragte Amy. „Nicht wirklich“, sagte Emily ihr. „Ihr solltet das machen“, beharrte Amy. „Du hast fast keine Zeit mehr!“ Sie nickte zu Emilys ballonartigem Bauch. Dann fügte sie hinzu: „Es gibt einige schöne Hotels, die tolle Babymoon-Pakete anbieten.“ Emily kniff ihre Augen zusammen. „Hast du etwa nachgeforscht?“ Amy grinste teuflisch. „Nur ein wenig. Schau in die Tasche hinter deinem Sitz.“ Sie rollte jovial mit den Augen, lehnte sich hinter nach hinten und fand einen Stapel Hochglanzmagazine. Sie hievte sie raus. „Ein bisschen?“, scherzte sie. „Okay, vielleicht ein bisschen mehr“, gestand Amy. „Ich möchte wirklich nur, dass du eine Pause hast! Mein Favorit ist das ganz oben. Das Spa in Québec.“ Emily betrachtete das erste Angebot aus Amys Auswahl. In der Altstadt von Québec gelegen, sah es eher nach einem Schloss aus als nach einem Hotel. „Es ist mitten in der Altstadt“, sagte Amy. „Also gibt es jede Menge Kultur und so. Stadtmauern. Eine Zitadelle. Museen in Hülle und Fülle.“ „Bist du sicher, dass nicht du es bist, die da hinwillst?“ Emily witzelte und hob eine Augenbraue. Amy lachte. „Natürlich will ich das. Wenn ich dran bin. Aber mein Fokus liegt jetzt auf Hochzeit und Haus. Wenn es Zeit ist für meinen Babymoon, werde ich dorthin gehen, das verspreche ich.“ Sie beugte sich vor und tippte auf die Spitze des Magazins. Emily blickte wieder auf das beeindruckende Schloss. Vielleicht war es keine so schlechte Idee. Das Babymoon-Paket beinhaltet eine spezielle pränatale Massage für die Mutter und eine Stressabbau-Massage für den Papa. Noch dazu waren alle Produkte natürlich, ohne schädliche Chemikalien und das ganze Essen war organisch. Es schien idyllisch. Dr. Arkwright würde sicherlich zustimmen, dass Emily ihr Stresslevel reduzieren sollte. Besser spät als nie! „Daniel wird wahrscheinlich viele logische und praktische Gründe haben, warum wir nicht gehen sollten“, sagte Emily. Sie listete sie an ihren Fingern auf. „Chantelle. Die Insel. Die bevorstehende Geburt. Um nur ein paar zu nennen.“ Aber sie steckte das Magazin in ihre Handtasche, um es ihm später zu zeigen. Vielleicht konnte sie ihn überzeugen. Sie fuhren in die Einfahrt des Hauses für die erste Besichtigung. Emily war augenblicklich begeistert. Die große Rasenfläche war mit einer Hecke umrandet, die für mehr Privatsphäre sorgte und es gab eine Stellfläche für mindestens zwei Autos. Das Haus war in Wirklichkeit noch viel schöner als im Prospekt. Es hatte eine süße Veranda vor der Tür, nicht ganz so groß wie die umlaufende in der Pension, aber mit genug Platz für einen Schaukelstuhl und einen Bistrotisch mit Stühlen. „Ich kann schon jetzt sagen, dass ich es lieben werde“, sagte Emily. Aber Amy sah nicht so überzeugt aus. „Es ist nicht gerade überwältigend“, sagte sie. „Bist du verrückt?“ Emily keuchte. „Es sieht aus wie aus einem Film!“ „Ja“, fuhr Amy mit abgelenkter Stimme fort. „Einem langweiligen Film.“ Emily verdrehte die Augen wegen Amys Perfektionismus, aber gleichzeitig wusste sie, dass sie nicht so streng mit ihr sein sollte. Amys Leben war völlig anders als das von Emily. Ihr Business mit den Zimmern im Studentenwohnheim war erfolgreich gewesen und sie hatte ihre New Yorker Wohnung noch in ihren frühen Zwanzigern gekauft. Für Amy hatte ein eigenes Zuhause immer Unabhängigkeit bedeutet. Jetzt würde es Häuslichkeit bedeuten. Emily musste zugeben, dass es für Amys Geschmack vielleicht etwas zu bieder war. Es gab keinen Fahrstuhl und kein Verkehrslärm in der Ferne. Kurz gesagt, es gab keine Herausforderung. Wenn Amy in dieser neuen Phase ihres Lebens glücklich sein wollte, wurde Emily klar, musste sie ein außergewöhnliches Haus finden, nicht nur ein schönes. * Nach einem langen Tag, an dem sie das Häuser und Hochzeits-Locations angeschaut hatten, brauchte Emily ein Nickerchen in der Pension. Sie war in diesen letzten Wochen der Schwangerschaft unglaublich müde, aber sie wusste, dass sie sich schon mal daran gewöhnen musste, denn wenn Baby Charlotte auf der Welt war, würde es noch schlimmer werden! Sie döste im Bett, trieb in und aus dem Schlaf, nutzte die Gelegenheit eines leeren Hauses, um die Hunde am Ende des Bettes schlafen zu lassen - etwas, das normalerweise verboten war. Sie las die Broschüre für das Spa in Québec durch und überlegte, wie sie Daniel die Idee vermitteln sollte. Dann erinnerte sie sich an ihr Versprechen, das sie Chantelle gemacht hatte, Opa Roy zu Weihnachten einzuladen. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, Chantelle davon zu erzählen, dass ihr Vater seit mehreren Tagen nicht erreichbar gewesen war und dass die Voicemails, die sie für ihn hinterlassen hatte, unbeantwortet geblieben waren. In der Tat, erkannte sie jetzt, hatte sie nicht das Herz gehabt, es sich zu eingestehen. Sie hatte es komplett ausgeblendet, wollte nicht einmal für einen Bruchteil einer Sekunde darüber nachdenken, was es bedeuten könnte: dass ihr Vater gestorben war. Selbst jetzt weigerte sie sich, es wirklich in Betracht zu ziehen. Er hatte Vladi, seinen engen Freund, der sich um ihn zu kümmerte und der ältere Grieche hatte versprochen, anzurufen, wenn irgendetwas passiert ist. Sie entschied sich stattdessen zu glauben, dass Roy auf einem Abenteuer war und zu viel Spaß hatte, um zu bemerken, wie die Tage vorbeizogen. Sie nahm ihren Laptop und schrieb eine kurze E-Mail. Der telefonische Ansatz funktionierte eindeutig nicht und obwohl er viel weniger auf E-Mails reagierte, schien es eine gute Idee, den Kurs zu wechseln. Lieber Papa, Ich habe ein paar Mal angerufen, aber ich habe nichts von dir gehört, was hoffentlich bedeutet, dass du das Beste aus dem griechischen Wetter machst und mit Vladi auf dem Boot bist. Chantelle hat gefragt, ob du an Weihnachten zu uns kommst. Ich weiß, du hast deutlich gemacht, dass du nicht fliegen willst, besonders nicht in eine so kalte Gegend wie Maine, aber bitte bedenke es. Du weißt, du bist ihr Lieblingsmensch auf der ganzen weiten Welt! In Liebe, Emily. Sie drückte auf senden und stellte fest, dass ihre Wangen feucht von Tränen waren. Sie wischte sie weg. Als sie ihren Laptop weglegte, hörte sie das Geräusch der sich schließenden Haustür. Wahrscheinlich war es Lois, die ihre kurze Schicht an der Rezeption begann, oder Bryony, um sich in ihrer gewohnten Arbeitsumgebung in der Gästelounge einzurichten und an ihrer Winter-Marketing-Strategie zu arbeiten. Aber dann hörte sie schnelle Schritte die Treppe hochkommen und erkannte sie sofort als Daniels. „Mogsy! Rain! Aus dem Bett!“, sagte sie eilig und versuchte, sie runter zu schieben. Zu spät. Die Tür flog auf. „Hallo Süße!“, rief Daniel und grinste von einem Ohr zum anderen. „Was machst du so früh zu Hause?“, fragte sie freudig überrascht, aber auch schuldig. Als hätte er keine Sorge in der Welt, tänzelte Daniel herein und setzte sich auf das Ende des Bettes, während er Rain streichelte. „Jack ist heute Abend in der Holzwerkstatt“, sagte er und fuhr mit seiner Hand über ihr langes Ohr. „Wir haben einen riesigen Auftrag für eine Feenprinzessinnentreppe für eine Bar Mitzwa und, naja, du kennst Jack, jede Entschuldigung, um auf der Arbeit zu sein, anstatt zu Hause, kommt ihm gelegen.“ „Das ganze Ruhestands-Ding funktioniert nicht wirklich für ihn, oder?“ Emily lachte, ihr Blick fiel auf den Hund und dann wieder zu Daniel. „Nein“, gluckste Daniel als Antwort. Mogsy bettelte um Aufmerksamkeit und er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste die Hündin auf ihren Scheitel. „Gut, dass du bald deinen eigenen Laden eröffnest“, sagte Emily, immer noch ein wenig beunruhigt, dass Daniel sie nicht dafür ausgeschimpft hatte, dass sie die Hunde aufs Bett gelassen hatte. „Hast du es ihm schon gesagt?“ „Noch nicht. Aber ich glaube wirklich nicht, dass es ihm etwas ausmachen wird. Es wird ihm einen Vorwand geben, seiner Frau zu sagen, dass er wieder arbeiten muss. Sie könnte mich für eine Weile für einen Schuft halten, aber Jack wird wahrscheinlich sehr dankbar sein!“ „Bitte lass uns nach dreißig Jahren Ehe nicht so sein.“ Daniel kicherte. „Auf keinen Fall. Ich kann nicht sehen, dass wir uns jemals aufs Altenteil zurückziehen. Du?“ „Guter Punkt“, sagte Emily. Sie kniff die Augen zusammen und war sich immer noch nicht sicher, was wohl passieren würde. „Du bist sehr gut gelaunt.“ „Bin ich?“ „Ja. Du hast nicht einmal die Hunde auf dem Bett erwähnt.“ Daniel war verblüfft, als hätte er nicht einmal bemerkt, dass sie da waren. „Oh!“ Aber er zuckte nur mit den Schultern. „Es ist Zeit, Chantelle abzuholen. Willst du, dass ich es mache? Wenn du dich nicht so gut fühlst?“ „Nein, nein, ich will mitkommen“, antwortete Emily. „Wer weiß, wie oft ich sie noch abholen kann, wenn Charlotte geboren ist. Denk mal an Suzanna und Baby Robin. Ich sehe sie seit einiger Zeit kaum noch. Ich möchte das Beste aus den Dingen machen, so wie sie sind.“ Er half ihr auf die Beine. Emily fühlte sich immer noch sehr benommen, als hätte ihr Nickerchen nichts gebracht. Sie gingen nach unten, Daniel hielt Emilys Hand während sie vorsichtig die Stufen hinunter ging. Es war erstaunlich, wie beängstigend es war, eine große Treppe zu überwinden, jetzt wo sie fast platzte. Vor nicht allzu langer Zeit war sie mit Leichtigkeit diese Stufen auf und ab gelaufen! Jetzt sahen sie sehr steil aus. Draußen war das Wetter noch milder als an diesem Morgen. „Wie war der Ausflug mit Amy?“, fragte Daniel, während er ihr auf den Beifahrersitz half. „Großartig. Sie mochte weder eines der drei prächtigen Häuser, die wir uns heute angesehen haben, noch eine der außergewöhnlichen Hochzeits-Locations. Aber das erinnert mich daran, dass Amy dieses Spa für den Babymoon für uns in Québec gefunden hat. Ich weiß, dass du wahrscheinlich nicht gehen willst, aber vielleicht könnten wir darüber nachdenken.“ „Worüber soll ich da nachdenken?“, rief er aus. „Lass es uns einfach machen!“ Jetzt war Emily wirklich überrascht. Normalerweise brauchte es ein bisschen, um Daniel zu überzeugen. Sie hatte ihn eindeutig bei guter Laune erwischt. „Ist alle in Ordnung mit dir?“, fragte sie, nur halb im Spaß. „Mir geht es gut“, antwortete Daniel lachend. „Ich bin nur froh, dass ich heute ein bisschen mehr Zeit mit meiner Frau bekommen habe, das ist alles.“ „Das ist sehr süß“, erwiderte Emily, berührt, dass ihre Anwesenheit ihn so glücklich machen konnte. „Also willst du wirklich einen Babymoon machen?“ „Sicher“, sagte er achselzuckend. „Solange Chantelle nichts dagegen hat. Wie wäre es, wenn wir sie heute Nachmittag mit aufs Boot nehmen, um sie milde zu stimmen? Es sind immerhin 16 Grad!“ „Ich dachte, Clyde, Stu und Evan würden heute auf der Insel arbeiten. Machen sie das nicht?“ Daniel schüttelte den Kopf. „Sie sind heute mit einem gemieteten Trawler unterwegs. Sie sind damit entlang der Küste nach Beals gefahren. Es gibt dort eine große Baufachfirma, aber die Materialien sind viel zu schwer für unser Boot. Was bedeutet, dass die Insel für uns frei ist.“ „In diesem Fall müssen wir es machen“, stimmte Emily zu. Sie liebte Bootsausflüge und jede Gelegenheit, auf die Insel zu kommen, war willkommen, wenn man bedachte, dass das Wetter sich jeden Moment drehen konnte. Es schien wie ein Glücksfall, dass sich die Gelegenheit bot. Emily wäre ein Idiot, so etwas abzulehnen! Sie erreichten die Schule und parkten auf dem Parkplatz, bevor sie aus dem Wagen stiegen. Einen Moment später öffneten sich die Türen und Kinder eilten die Stufen hinunter. Chantelle erschien und ihre Augen suchten den Parkplatz nach Emilys Auto ab. Aber stattdessen fand sie den Pick-up. Durch ihren Gesichtsausdruck war klar, dass sie sich darüber freute, dass ihr Vater sie unerwartet abholte. Sie rannte auf sie zu. „Papa“, rief Chantelle und rannte in seine offenen Arme. „Was machst du hier?“ „Ich nehme mein besonderes Mädchen mit auf eine Bootsfahrt zu unserer Insel, das ist was ich mache“, sagte Daniel. „Was sagst du dazu? Willst du eine Bootsfahrt machen?“ „JA!“, rief Chantelle und sprang auf und ab. Sie rannte schnell zum Spielplatz zurück, um sich von ihren Freunden zu verabschieden, bevor sie zum Pick-up zurückkehrte und hineinsprang. „Wow, das war schnell“, kommentierte Emily. Sie tätschelte ihren Bauch. „Ich vermisse es, so rennen zu können!“ „Arme Mama“, sagte Chantelle. „Es dauert nicht mehr lange jetzt. Sie wird vor Weihnachten da sein. Oh, das erinnert mich an etwas. Hast du mit Opa Roy über Weihnachten gesprochen?“ Emily spürte einen Schock in ihrer Brust. Wie sollte sie es dem Mädchen am besten beibringen? Sie wollte nicht, dass sie sich unnötigerweise Sorgen machte. „Ich habe ihm eine E-Mail geschickt“, sagte Emily ihr. „Aber warum versuchen wir nicht, ihn anzurufen, wenn wir auf der Insel sind?“ Chantelle nickte und schwieg für den Rest der Fahrt zum Hafen. Als sie ankamen, war kein Mensch zu sehen. Trotz des ruhigen Wetters hatten die meisten Leute ihre Boote bereits winterfest gemacht. Nur wegen der Renovierungsarbeiten auf der Insel war Daniels Boot überhaupt noch draußen. Und für sie ein Glücksfall, da sie so regelmäßig segeln konnten. Daniel sprang zuerst ins Boot, bevor er Chantelle und Emily half. Dann machten sie sich auf den Weg und durchschnitten das glitzernde Wasser in Richtung Insel. „Chantelle“, sagte Emily und wandte sich an das Mädchen. „Wie würdest du dich fühlen, wenn Papa und ich nur zu zweit auf einen Wochenendausflug gehen würden?“ Chantelle zögerte und zog ihre Lippen durch ihre Zähne. „Du kannst ehrlich sein“, fügte Daniel hinzu. „Wir wollen wirklich wissen, wie du dich dabei fühlst. Weil du schon manchmal ‚okay‘ gesagt hast, aber dann wirklich sehr traurig warst.“ Emily dachte an ihre vorherigen Zusammenbrüche. Sie hoffte, dass Chantelle sich von Daniels Bemerkungen nicht angegriffen fühlte und verstand, dass sie aus Sorge und Liebe entsprangen. „Ich nehme an, es hängt davon ab, wer mich betreut“, sagte Chantelle nachdenklich. „Wen würdest du mögen?“, fragte Emily. „Am glücklichsten bin ich, wenn ich bei meinen Freunden übernachte“, erklärte sie und klang reifer als je zuvor. „Bei Bailey und Toby. Und ich bevorzuge es auch, dass es ein kurzes Wochenende ist. Nach zwei Nächten mache ich mir Sorgen.“ „Okay“, sagte Emily und nickte, erfreut darüber, wie gut Chantelle jetzt in der Lage war, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu artikulieren. „Also soll ich sehen, ob ich eine Übernachtung mit Yvonne oder Suzanna arrangieren kann? Und wir bleiben nur für das Wochenende?“ „Ich denke, das wäre okay“, sagte Chantelle mit einem Nicken. Zu Emilys großem Vergnügen streckte Chantelle die Hand aus, um Emilys zu schütteln. Emily nahm ihre Hand und schüttelte sie kräftig. „Deal!“ In diesem Moment erreichten sie die Insel und Emily sah, dass der Trawler, den Daniel erwähnt hatte, neben dem wunderschönen neuen Steg festgemacht hatte. Obwohl es noch nicht lange her war, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen waren, war Emily immer noch sehr aufgeregt, den Fortschritt beim Bau der Hütten zu sehen. Die Hauptstrukturen waren nun abgeschlossen und sogar ein Teil der Landschaftsgestaltung hatte begonnen. Es war so aufregend, alles zusammen kommen zu sehen. Und auch eine Erleichterung, denn ihr Einkommen beruhte im Moment auf der Insel! Stu, Clyde und Evan hatten ihre Erwartungen wirklich übertroffen und die Firma, die Daniel mit der Leitung dieses Projekts beauftragt hatte, war wirklich fantastisch. „Ich gehe besser zu den Jungs“, sagte Daniel und sah in die Richtung des Sägens und Hämmerns. „Mal hören, wie es heute mit diesem neuen Baustoffhändler gelaufen ist. Ich bin in einer Minute zurück.“ Er ging in Richtung der Hütten. Emily und Chantelle ließen sich auf den Felsen nieder und schauten aufs Meer hinaus. Das Wasser war heute ruhig und der Anblick der Küste von Maine sah sehr schön aus. Es war ein ruhiger Moment, ein Stück Frieden in einem ansonsten hektischen Leben. „Können wir jetzt Opa Roy anrufen?“, fragte Chantelle nach einem Moment. „Du weißt, dass wir seit drei Tagen nicht mehr mit ihm gesprochen haben.“ Chantelle hatte es bemerkt, erkannte Emily. Natürlich hatte sie das. Das Kind war äußerst aufmerksam und die Tatsache, dass die täglichen Anrufe ihres Vaters aufgehört hatten, war nicht unbemerkt geblieben. „Denkst du, dass es ihm gut geht?“, fragte Chantelle. Emily spürte eine Schwere auf ihren Schultern. „Ich glaube, dass es ihm gut geht“, sagte sie zu Chantelle. „Ich denke nur, dass er wieder in seine alten Gewohnheiten geschlüpft ist.“ Obwohl Roy versprochen hatte, in Kontakt zu bleiben, wusste Emily, dass alte Angewohnheiten schwer abzulegen waren und es immer noch Zeiten gab, in denen er ihre Bemühungen mit Funkstille beantwortete. Es schmerzte genauso, wie damals, als sie jünger war, als sein langer, langsamer Rückzug aus der Familie nach Charlottes Tod begonnen hatte. Er hatte sich dann Stück für Stück von ihr entfernt und als verängstigtes, verwirrtes Kind hatte sie es einfach geschehen lassen. Aber nun nicht mehr. Sie hatte ein Recht auf ihren Vater, darauf, ihn zu bitten, in ihrem Leben zu sein und ihr Leben mit ihm zu teilen und zu erwarten, dasselbe von ihm zu hören. Sie nahm ihr Handy und wählte seine Nummer. Sie hörte es klingeln und klingeln. Es gab keine Antwort. Sie versuchte es erneut, da sie wusste, dass Chantelle nachdenklich aus dem Augenwinkel zusah. Bei jedem neuen Versuch, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, verknotete sich ihr Magen vor Angst. Nach dem fünften Versuch legte sie das Handy in ihren Schoß. „Warum antwortet er nicht?“, fragte Chantelle, ihre Stimme traurig und verängstigt. Emily wusste, dass sie dem Kind ein ermutigendes Gesicht zeigen musste, aber es war ein echter Kampf. „Er schläft viel“, sagte sie schwach. „Nicht drei Tage hintereinander“, antwortete Chantelle. „Er würde sein Telefon überprüfen, wenn er aufwacht und sehen, dass er deine Anrufe verpasst hat.“ „Er hat vielleicht nicht daran gedacht, nachzusehen“, sagte Emily und versuchte ein beruhigendes Lächeln. „Du weißt, wie er mit moderner Technologie ist.“ Aber Chantelle war zu schlau für Emilys Entschuldigungen und fand sie weder lustig noch beruhigend. Ihr Ausdruck blieb ernst und mürrisch. „Denkst du, er ist gestorben?“, fragte sie. „Nein!“ Emily schrie auf und fühlte, wie Wut ihre Sorgen ablöste. „Warum sagst du so etwas Schreckliches?“ Chantelle schien von Emilys Ausbruch überrascht zu sein. Ihre Augen waren weit vor Schock. „Weil er sehr krank ist“, sagte sie kleinlaut. „Ich meinte nur ...“ Ihre Stimme verstummte. Emily holte Luft, um sich zu beruhigen. „Es tut mir leid, Chantelle. Ich wollte nicht ausflippen. Ich bin nur so besorgt, weil ich seit einiger Zeit nichts mehr von Opa Roy gehört habe und was du gesagt hast wäre mein schlimmster Albtraum.“ Roy. Allein. Tot im Bett, mit niemandem an seiner Seite. Sie zuckte bei dem Gedanken zusammen, ihr Herz zog sich zusammen. Chantelle schaute Emily zögernd an. Sie schien sich ihrer selbst nicht sicher zu sein, als würde sie auf rohen Eiern laufen, besorgt, dass Emily wieder ausflippen würde. „Aber wir können es nicht wissen, oder? Ob er noch lebt?“ Emily zwang sich dazu, die Erwachsene zu sein, die Chantelle brauchte, auch wenn jede Frage wie eine frische Wunde schmerzte. „Wir wissen, dass er lebt, weil Vladi sich um ihn kümmert. Und wenn Vladi nicht angerufen hat, dann ist alles in Ordnung. Das war der Deal, erinnerst du dich?“ In Gedanken stellte sie sich das verwitterte Gesicht von Vladi vor, dem griechischen Fischer, mit dem ihr Vater Freundschaft geschlossen hatte. Vladi hatte versprochen, sie über Roys Zustand auf dem Laufenden zu halten, auch wenn Roy selbst wollte, dass sein Verfall von ihr ferngehalten wurde. Ob Vladi sein Versprechen gehalten hat, war eine andere Sache. Wem gegenüber wäre er loyaler? Ihr, einer junge Frau, die er nur ein paar Tagen kannte, oder seinem langjährigen Freund Roy? „Mama“, sagte Chantelle leise. „Du weinst ja.“ Emily berührte ihre Wange und stellte fest, dass sie tränennass war. Sie wischte sie mit ihrem Ärmel ab. „Ich habe Angst“, sagte sie zu Chantelle. „Deswegen. Ich vermisse Opa Roy so sehr. Ich wünschte nur, wir könnten ihn davon überzeugen, hier bei uns zu sein.“ „Ich auch“, sagte Chantelle. „Ich will, dass er und Oma Patty in der Pension leben. Es ist traurig, dass sie so weit weg sind.“ Emily legte ihren Arm um ihre Tochter und hielt sie fest. Sie konnte Chantelle leise schluchzen hören und fühlte sich furchtbar wegen ihrer Rolle im Unglück ihres Kindes. Vor ihr zu weinen war nie geplant gewesen. Aber irgendwie fragte sie sich, ob es Chantelle half, die Gefühle ihrer Mutter zu sehen, zu sehen, dass es in Ordnung war, manchmal schwach zu sein, Angst zu haben und sich Sorgen zu machen. Das Kind hatte so viele Jahre ihres Lebens damit verbracht, stark und mutig zu sein, vielleicht würde es ihr helfen, wenn sie ihre Mutter weinen sah und ihr zeigen, dass es in Ordnung war, manchmal die Kontrolle abzugeben. „Warum müssen Menschen sterben?“, fragte Chantelle dann, ihre Stimme gedämpft durch die Art, wie ihr Gesicht in Emilys Brust gedrückt wurde. „Weil...“ Emily begann, bevor sie innehielt und sehr genau darüber nachdachte. „Ich denke, weil ihr Geist woanders sein muss.“ „Du meinst im Himmel?“, fragte Chantelle. „Es könnte der Himmel sein. Es könnte aber auch woanders sein.“ „Papa glaubt nicht an so etwas“, sagte Chantelle. „Er sagt, niemand weiß, ob man irgendwohin geht, nachdem man gestorben ist und im Judentum liegt es an Gott zu entscheiden, ob man ins Jenseits kommt oder nicht.“ „Das ist, was Papa glaubt“, sagte Emily ihr. „Aber du kannst glauben, was immer du willst. Ich glaube etwas anderes. Und das ist auch in Ordnung.“ Chantelle blinzelte durch ihre nassen Wimpern, ihre großen blauen Augen auf Emily gerichtet. „Was glaubst du?“ Emily hielt inne und brauchte lange, um ihre Antwort zu formulieren. Endlich sprach sie. „Ich glaube, es gibt etwas, zu dem wir gehen, nachdem wir gestorben sind. Nicht unsere Körpern, die bleiben hier auf der Erde, aber unsere Geister erheben sich und gehen zum nächsten Ort. Wenn Opa Roy dort ankommt, wird er glücklich sein.“ Sie lächelte, getröstet von ihren eigenen Überzeugungen. „Es wird keinen Schmerz mehr für ihn geben.“ „Überhaupt kein Schmerz mehr?“ Chantelles süße Stimme sang. „Aber wie wird es sich anfühlen?“ Emily dachte über die Frage nach. „Ich denke, es wird sich so anfühlen, als wenn du die ganze Zeit einen Bissen von deinem Lieblingsessen nimmst.“ Chantelle sah sie durch ihre tränennassen Wimpern an und kicherte. Emily fuhr fort. „Als würde man Schokoladenkuchen für immer essen, aber nie krank werden. Jeder Bissen ist genauso groß wie der letzte. Oder dieses Gefühl, das du empfindest, wenn du auf etwas zurückblickst, an dem du seit Monaten arbeitest und deine Leistung siehst und erkennst, dass du es geschafft hast.“ „Wie meine Uhr?“, fragte das kleine Mädchen. Emily nickte. „Genau. Und es ist die perfekte Art von Wärme, wie im Whirlpool im Spa.“ „Riecht es nach Lavendel wie im Spa?“ „Ja! Und da sind Regenbögen.“ „Was ist mit Tieren?“, fragte Chantelle. „Es würde keinen Spaß machen, wenn es keine Tiere gäbe, die man streicheln und mit denen man spielen könnte.“ „Wenn du denkst, dass es Tiere geben sollte“, sagte Emily zu ihr, „Dann gibt es Tiere.“ Chantelle nickte. Aber ihr Lächeln verblasste bald und sie kehrte zu ihrem nachdenklichen Ausdruck zurück. „Das ist nur etwas, an das wir glauben können. Wir wissen es nicht wirklich.“ Emily umarmte sie fest. „Nein. Niemand tut das. Niemand kann das. Alles was wir haben, ist unser Glauben. Was wir glauben wollen. Und ich glaube, das ist es, was auf Opa Roy wartet. Und genau das hat deine Tante Charlotte auch. Und sie schaut auf uns herunter, wann immer sie will und schickt uns kleine Zeichen, damit wir wissen, dass sie an uns denkt. Opa Roy wird das gleiche tun, wenn die Zeit kommt.“ „Ich werde ihn vermissen“, sagte Chantelle. „Auch wenn er dort warm und glücklich ist, werde ich ihn hier vermissen.“ Trotz all ihrer Zusicherungen über das Leben nach dem Tod konnte Emily nicht verhindern, was sie tief in sich spürte. Dass er sie immer noch allein lassen würde, um ihr Leben ohne ihn zu leben. Er würde für immer von ihr fort sein und für ihn wäre es ein wunderbarer Schritt ins Unbekannte, für sie würde es Schmerz und Einsamkeit und Elend bedeuten. Sie drückte Chantelle fest. „Ich werde ihn auch vermissen.“ KAPITEL VIER Die Lichter aus dem Rathaus strömten die Treppe hinunter, als Emily sie bestieg. Selbst von hier aus konnte sie zahlreiche Stimmen von drinnen hören. Es klang, als wäre die ganze Stadt aufgetaucht, um die Entscheidung der Planungs-Kommission wegen Ravens Hotel zu hören. Es würde Emily nicht überraschen, wenn jeder Einwohner von Sunset Harbor gekommen war. Selbst ob der kurzfristigen Ankündigung und dem Termin so kurz nach Thanksgiving kümmerten sich die Bewohner von Sunset Harbor zu sehr um ihre Stadt, um sich nicht die Zeit zu nehmen, an allen Treffen teilzunehmen. Sie öffnete die Tür und sah, dass jeder verfügbare Platz besetzt war. Raven Kingsley stand ganz vorn und plauderte mit Bürgermeister Hansen und seiner Assistentin Marcella. Das verhieß nichts Gutes, dachte Emily. Wenn Raven sie auf ihre Seite gebracht hätte, wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der Rest der Stadt umgedreht werden würde. Sie fühlte einen Zupfen an ihrem Ärmel und drehte sich zu Amy und Harry um. „Ich bin so froh, dass du gekommen bist“, sagte Amy. „Es gibt es ein paar Gerüchte, dass Raven heute das Spiel machen wird. Die Baubehörde wird sich nicht querstellen, wenn sie das alte Haus zugunsten eines moderneren Gebäudes einreißen will. Es sieht so aus, als würde alles auf die Einwohner ankommen.“ „Wir müssen dagegen ankämpfen“, sagte Harry. „Ein Hotel könnte eine Katastrophe für die Pension und mein Restaurant bedeuten. Wer wird den ganzen Weg zu unserer Seite des Hafens kommen wollen, wenn es irgendwo etwas Neueres und Billigeres in zentralerer Lage gibt? Mit Meerblick? Denk an all diese zufälligen Geschäftsbuchungen, die wir im Moment bekommen. Wir würden alle diese Gäste verlieren, da bin ich mir sicher.“ Harrys Sorgen verstärkten Emilys eigene Sorgen noch mehr. Sie wollte sich Raven nicht in den Weg stellen, besonders nachdem sie ihr von ihrer bitteren Scheidung erzählt hatte. Aber sie konnte nicht einfach so dastehen und ihren Lebensunterhalt auf eine solche Weise zerstören. Raven war, nach allem, was sie gehört hatte, nicht der Typ, um irgendwelche Gefangenen zu machen. Sie hatte diese rücksichtslose New Yorker Geschäftsmentalität - töten oder getötet werden. Emily war keine große Kämpferin. Sie hätte jetzt Trevor wirklich sehr gut an ihrer Seite können! „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagte Emily zu ihnen. „Ich möchte sie nicht daran hindern, ihren Job zu machen, nur weil ich Angst habe.“ „Dann tu es für deine Familie“, sagte Harry. „Für deine Freunde und die Stadt. Niemand will ein hässliches Gebäude an unserer Küste und wir wollen auch nicht, dass unsere beliebte Pension Bankrott geht. Es ist nicht gut für irgendjemanden.“ „Wofür stimmen die meisten Leute?“, fragte Emily. Amy zeigte auf die Ecke, auf die Patels. „Dagegen, natürlich.“ Dann zu den Bradshaws. „Dagegen.“ Sie zeigte neben Birk und Bertha. Birk besaß die Tankstelle und war die erste Person, die Emily in Sunset Harbor getroffen hatte. „Ich denke, sie sind dafür. Mehr Autos, die in die Stadt kommen, bedeuten für sie mehr Kunden.“ Emily kaute bestürzt auf ihrer Lippe. Die Realität eines neuen rivalisierenden Hotels, das in die Stadt kam, fühlte sich für sie sehr real an. Die Art, wie Bürgermeister Hansen wegen etwas, was Raven gerade gesagt hatte, schallend lachte, ließ sie sich noch schlechter fühlen. Harry stupste sie an. „Schau, das Treffen fängt an.“ Sie wandte sich der Bühne und dem kleinen hölzernen Podium zu. Der Raum wurde still, als Bürgermeister Hansen seinen Platz einnahm. Er schlug mit seinem Hammer, was an sich unnötig war, da alle ihm bereits ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten. „Guten Abend, alle zusammen“, sagte er. „Wir sind wegen der verschobenen Diskussion über Raven Kingsleys Vorschlag hier, das verfallene Grundstück am Meer abzureißen und dort ein neues Hotel zu bauen. Sie wissen vielleicht schon oder nicht, dass sich die Zonenplanungs-Kommission Anfang der Woche getroffen hat und einstimmig für die Pläne gestimmt hat.“ Emily sah Harry und Amy an. Sie verzogen beide ihre Gesichter. Emily spürte, wie ihr eigenes Gesicht ihre Emotionen widerspiegelte. Bürgermeister Hansen fuhr fort. „Natürlich sind wir eine kleine Stadt und die Ansichten unserer Bewohner sind genauso wichtig wie die Zoneneinteilung. Mehr noch, nachdem wir unseren lieben Freund Trevor Mann verloren haben.“ Er drückte eine Hand an sein Herz. Ein fröhliches Gelächter ging durch das Publikum, während sich alle an Trevor als leidenschaftlichen und manchmal bedrohlichen Beschützer ihrer Stadt erinnerten. „Ich glaube, viele von Ihnen hatten die Chance, über die Thanksgiving-Feiertage mit Raven zu sprechen“, beendete Bürgermeister Hansen. „Ich freue mich darauf, all Ihre Meinungen zu hören. Ich schlage vor, wir beginnen mit Emily Morey, weil ein neues Hotel ihr Geschäft am meisten beeinflussen würde. Emily, würden Sie gern das Wort ergreifen?“ Alle Augen wandten sich ihr zu. Emily überkam das vertraute Gefühl, im Rampenlicht zu stehen. Und sie war wirklich in der Klemme. Sie wollte Ravens Traum nicht einfach zerstören, nur weil es die Dinge für sie etwas komplizierter machen würde. Das war nicht in ihre Natur. Aber zur gleichen Zeit erinnerten Harrys und Amys angespannten Gesichter vor ihr sie daran, dass es Leute gab, die auf sie zählten. All ihre Angestellten, ihre Familie. Sie hatten die Pension massiv erweitert und hatten den Luxus, keine Konkurrenz zu haben. Ravens Vorhaben bedeutete zumindest einige Kürzungen für Emilys Pension, einschließlich Personalabbau. „Ich ...“ begann Emily und spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Sie sah Raven an, die neben Marcella auf der Bühne saß. Zum zweiten Mal, seit sie sie getroffen hatte, sah Emily ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht. Wie Emily hatte Raven bei ihrer Ankunft Feindseligkeit und Misstrauen von den Einheimischen erfahren. Emily war wahrscheinlich die einzige Person, die sie als freundliche Bekannte betrachtete. „Ich bin dafür“, platzte Emily plötzlich heraus. „Ich denke, es gibt einen Markt, den Ravens Hotel erobern könnte. Sie kümmert sich um Businessleute und Unternehmens-Konferenzen und ähnliches. Ich kümmere mich mehr um Familien, Hochzeiten und Feste. Wir haben Platz für uns beide.“ Sie sprach sehr schnell und versuchte, ihre Haltung zu erklären, bevor ihre Stimme von dem Aufschrei völlig verschluckt wurde. Aber es war nutzlos. Alle sprachen laut durcheinander und lenkten ihre Frustration auf sie, als wäre sie diejenige, die den Plan ursprünglich entwickelt hatte, anstatt die Person, die am meisten davon betroffen war, sollte es dazu kommen! Und noch schlimmer waren die geschockten Gesichter von Harry und Amy. Sie sahen aus, als hätte sie gerade das Schlimmste auf der Welt gesagt, als würde sie sie fürchterlich enttäuschen. Aber es wäre einfach nicht richtig oder fair, alle auf ihre Seite zu bringen, Ravens Projekt zu blockieren. Es wäre geradezu böswillig. Alles, was sie jetzt tun konnte war, darauf zu hoffen, dass genug andere Leute mit Nein stimmten, damit sie sich nicht mit dem Ergebnis ihrer Großzügigkeit befassen musste. Emily trat zurück und wollte raus aus dem Rampenlicht. Aber in einer kleinen Stadt wie Sunset Harbor gab es kein Versteck. Sie hatte ihr Bett gemacht, jetzt würde sie darin liegen müssen. * „Was zum Teufel war das, Emily?“, wollte Amy wissen, sobald das Treffen beendet war. „Jeder denkt, dass du bankrott gehen und die Stadt ruinieren willst!“ Ihre Freundin hatte sich weniger als fünf Schritte vom Rathaus entfernt, bevor sie ihren Angriff startete und sie auf der ersten Stufe aufgehalten hatte. Es war kälter geworden, seit sie ins Rathaus gegangen war und Emily zitterte von dem plötzlichen Temperaturabfall. Aber trotz der Kälte waren ihre Wangen vor Verlegenheit warm. Emily hasste es, eine öffentliche Szene zu machen, zumal die halbe Stadt sich aus der Halle hinter ihnen schälte. „Können wir später darüber reden?“, sagte Emily leise. „Nein!“, rief Amy aus. „Ich möchte wissen, was in dich gefahren ist. Warum benimmst du dich wie ein Schoßhund von Raven Kingsley?“ „Das ist wohl kaum das, was passiert ist“, widersprach Emily, angestachelt durch die Heftigkeit von Amys Worten. „Nur weil ich ihre Träume nicht zerstören will, bedeutet das nicht, dass ich mich verbiege, um ihr entgegen zu kommen.“ Amy legte ihre Hände auf ihre Hüften. „Komisch, denn es kommt sicher so rüber. Ich meine, erst vor ein paar Tagen hast du mir alle deine Sorgen erzählt, dass du im Winter Personal entlassen und keine Buchungen hast. Was glaubst du wird passieren, wenn du einen Konkurrenten wie Raven Kinsgley hast, der günstigere Zimmer, billigeres Essen, einen besseren Standort anbietet? Dann kannst du Harry auch gleich jetzt feuern.“ „Ames, bitte beruhige dich“, sagte Emily leise. Sie versuchte, nach ihrer Freundin zu greifen, aber Amy zog sich zurück. Sie war keine Heulsuse, war nie eine gewesen, aber Emily bemerkte, dass ihr Gesicht rot war von der Anstrengung, sich zusammen zu reißen. „Ich verstehe dich einfach nicht“, sagte Amy und wandte ihr Gesicht ab. „Ich verstehe nicht, was du tust.“ Emily konnte nichts darauf erwidern. Es war schwer sich zu erklären, abgesehen von der Tatsache, dass sie ein anständiges menschliches Wesen sein und Freundlichkeit verbreiten wollte. Sie hatte gesehen, wie Chantelle ihr Problem mit Laverne über Halloween gelöst hatte und hatte sich durch die Fähigkeit des Kindes zur Fürsorge und Vergebung gedemütigt gefühlt. „Sogar die Raven Kingsleys dieser Welt verdienen eine Chance“, sagte Emily. „Es tut mir leid, wenn du das Gefühl hast, dass ich Harry betrogen habe, oder sogar, dass ich mich selbst und meine Familie enttäusche, aber ich kann mich einfach nicht auf dieses Niveau herablassen, um den Traum eines anderen zu zerstören.“ Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=43697839) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.