Wenn es Doch Nur Für Immer Wäre Sophie Love Die Pension in Sunset Harbor #4 Sophie Loves Fähigkeit, bei ihren Lesern Magie zu bewirken, zeigt sich in ihrem höchst inspirierenden Ausdruck und den gedankenanregenden Beschreibungen…FÜR JETZT UND FÜR IMMER ist der perfekte Liebes- oder Strandroman, der sich von anderen abhebt: seine mitreißende Begeisterung und die wunderschönen Beschreibungen machen deutlich, wie komplex die Liebe und auch die Gedanken der Menschen sein können. Dieses Buch ist perfekt geeignet für Leser, die nach einem Liebesroman mit Tiefgang suchen. Midwest Book Review (Diane Donovan zu Für jetzt und für immer) WENN ES DOCH NUR FÜR IMMER WÄRE ist das dritte Buch in der Romanreihe DIE PENSION IN SUNSET HARBOR, die mit dem Buch FÜR JETZT UND FÜR IMMER beginnt, welches Ihnen kostenlos zum Download zur Verfügung steht! Die fünfunddreißigjährige Emily Mitchell kündigte ihren Job und ließ sowohl ihre Wohnung als auch ihren Ex-Freund in New York City zurück, um in das verlassene Haus ihres Vaters an der Küste Maines zu fliehen, denn sie brauchte dringend eine Veränderung in ihrem Leben. Sie war fest entschlossen, es in eine Pension umzuwandeln. Sie hätte jedoch nie erwartet, dass ihre Beziehung zu dem Grundstückspfleger Daniel ihr Leben auf den Kopf stellen würde. Emilys Gedanken kreisen immer noch um Daniels Antrag. Endlich scheint alles in ihrem Leben glatt zu laufen. Sie freut sich auf ein aufregendes Verlobungsjahr, die Suche nach einem Ort für die Feierlichkeiten und nach einem Hochzeitskleid, das Erstellen einer Gästeliste und das Auswählen eines Datums. Doch nicht alles läuft wie geplant. Die endlosen Ereignisse des Verlobungsjahres bereiten ihr mehr Stress als Freude und setzten ihre Beziehung unter Druck, als sie und Daniel gezwungen werden, schwierige Entscheidungen zu treffen. Die neue Elternrolle gestaltet sich auch nicht gerade einfach, denn Chantelle bekommt Probleme in der Schule und gleichzeitig steht ihnen ein Sorgerechtsstreit bevor. Je näher Weihnachten und Neujahr rücken, desto stärker wächst der Stress an. Während in der Pension neue Gäste ankommen und neue Mitarbeiter eingestellt werden, tauchen weitere Antiquitäten von unschätzbarem Wert auf und Emily lüftet ein schockierendes Geheimnis, das sie in der Suche nach ihrem Vater vielleicht sogar einen Schritt weiterbringen könnte. Werden sie und Daniel heiraten? Oder wird der Stress der Verlobung ihrer Beziehung endgültig ein Ende setzen? WENN ES DOCH NUR FÜR IMMER WÄRE ist das vierte Buch einer aufregenden Romanreihe, die Sie zum Lachen und Weinen bringen wird. Sie werden das Buch die ganze Nacht nicht aus der Hand legen können und sich noch einmal neu in die Romantik verlieben. Buch 5 erscheint bald.  Ein sehr gut geschriebener Roman, in dem es um die inneren Kämpfe geht, die eine Frau (Emily) durchstehen muss, um ihr wahres Ich zu finden. Der Autorin gelang die Ausarbeitung der Charaktere und die Beschreibung der Handlung wunderbar. Romantik ist zwar Teil der Geschichte, doch sie ist nicht erdrückend. Ein Lob an die Autorin für diesen wunderbaren Auftakt einer Reihe, die verspricht, äußerst unterhaltsam zu werden. Books and Movies Reviews, Roberto Mattos (zu Für jetzt und Für immer) W E N E S D O C H N U R F Ü R I M M E R W Ä R E (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR—BUCH 4) S O P H I E L O V E Sophie Love Sophie Love ist seit jeher ein Fan von Liebesromanen, weshalb sie sich sehr freut, ihre erste Reihe an Liebesbüchern: FÜR JETZT UND FÜR IMMER (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR – BUCH 1) zu veröffentlichen. Sophie würde gerne von Ihnen hören. Besuchen Sie deshalb bitte ihre Webseite www.sophieloveauthor.com (http://www.sophieloveauthor.com), um ihr eine E-Mail zu schreiben, in den E-Mail-Verteiler aufgenommen zu werden, kostenlose E-Books sowie die neuesten Nachrichten zu erhalten und um mit ihr in Kontakt zu bleiben! Copyright © 2016 by Sophie Love. Alle Rechte vorbehalten. Außer, wie gemäß dem U.S Copyright Gesetz von 1976 ausdrücklich erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Erlaubnis der Autorin vervielfältigt, verbreitet oder in irgendeiner Weise oder in irgendeiner Form übertragen, in einer Datenbank oder in einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch zugelassen. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Menschen weitergegeben werden. Wenn Sie sich dieses E-Book mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie sich bitte eine zusätzliche Kopie für jeden weiteren Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen, es jedoch nicht selbst gekauft haben und es auch nicht für ausschließlich Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und erwerben eine eigene Kopie. Vielen Dank für Ihren Respekt für die harte Arbeit dieser Autorin. Bei diesem Buch handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Veranstaltungen und Vorkommnisse sind entweder das Produkt der Fantasie der Autorin oder sind fiktiv eingesetzt. Jede Ähnlichkeit mit reellen Personen, lebend oder tot, ist reiner Zufall. Buchumschlagabbildung Copyright STILLFX, unter Lizenz von Stutterstock.com. BÜCHER VON SOPHIE LOVE DIE PENSION IN SUNSET HARBOR DIE PENSION IN SUNSET HARBOR FÜR JETZT UND FÜR IMMER (Buch 1) FÜR IMMER UND EWIG (Buch 2) FÜR IMMER MIT DIR (Buch 3) WENN ES DOCH NUR FÜR IMMER WÄRE (Buch 4) FÜR IMMER UND EINEN TAG (Buch 5) FÜR IMMER UND NOCH EIN TAG (Buch 6) INHALT KAPITEL EINS (#u4b87b5a5-0d23-5461-b295-708ca7746be7) KAPITEL ZWEI (#ue507bb55-ac10-5a15-a709-ba46bf5c11ce) KAPITEL DREI (#ubab8929c-85e3-5054-91df-97de9c7b18ac) KAPITEL VIER (#ue2528cdb-1dbf-5e7e-9e89-cf7fe90c139b) KAPITEL FÜNF (#u304b928a-e214-5963-b1a9-709b229faf25) KAPITEL SECHS (#u662e02dc-2672-564f-b5d1-cb8433a0ee01) KAPITEL SIEBEN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHT (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUN (#litres_trial_promo) KAPITEL ELF (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINS Der Ring war noch viel schöner als in Emilys Erinnerung. Ein gewundenes Silberband war mit dem Blau, das sie an das Meer erinnerte, verschlungen. Darauf saß eine Perlengruppe. Er war wunderbar, einzigartig und absolut perfekt. Eine Schneeflocke landete auf Emilys Hand und brachte sie wieder in die Gegenwart zurück. Sie sah zu Daniel, der immer noch vor ihr kniete. Im Hintergrund schlugen die Wellen an den Strand, die Sterne glänzten am Himmel und Sand klebte an Daniels Hose. Er hatte Tränen in den Augen und Emily konnte spüren, wie sie auch in ihren Augen aufstiegen. Sie konnte sich nicht bewegen, nicht aufstehen. Das einzige, zu dem sie fähig schien, war, Daniel festzuhalten und ihn nie wieder loszulassen. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und zog seinen Körper dicht zu sich heran. Dann übersäte sie seinen Nacken mit Küssen und fuhr ihm mit den Fingern durch das Haar. „Ich liebe dich so sehr“, flüsterte sie. „Und ich liebe dich mehr, als Worte je beschreiben können“, erwiderte Daniel atemlos. Dann fügte er mit einem leisen Lachen hinzu: „Du zitterst ja.“ Emily musste kichern, sie fühlte sich sorglos und frei. „Das liegt am Schnee“, erklärte sie. Schließlich lösten sie sich voneinander und Daniel griff nach Emilys Hand, an der er sie auf die Füße zog. „Sollen wir zurückgehen?“, fragte er. Emilys Gedanken kehrten zu der Thanksgiving-Feier zurück, die gerade in ihrer Pension stattfand. Es hatte sich praktisch die ganze Stadt hier versammelt und mit Sicherheit war die Abwesenheit von ihr und Daniel mittlerweile bemerkt worden. Doch sie wollte nicht zurückgehen. Noch nicht. Sie wollte hier mit Daniel diesen perfekten Moment so lange wie möglich auskosten. Emily schüttelte den Kopf und rieb sich die Gänsehaut von den Armen. „Können wir noch ein bisschen länger hierbleiben?“ Daniel schenkte ihr ein zärtliches Lächeln. „Natürlich.“ Er zog sie wieder in seine Arme. Zusammen wiegten sie hin und her, so als ob sie zu einer Musik tanzen würden, die nur sie hören konnten. „Ich kann es kaum abwarten, Chantelle davon zu erzählen“, murmelte Daniel nach einer Weile. Bei dem Gedanken an Daniels Tochter durchfuhr Emily ein plötzlicher Schub Aufregung. Das kleine Mädchen würde sich so für sie freuen. Auf einmal erschien ihr die Idee, zur Pension zurückzukehren, um einiges verlockender. Emily wollte unbedingt Chantelles Gesicht sehen, wenn sie ihr die Neuigkeit verkündeten. Das Mädchen, das solch einen schrecklichen Start ins Leben gehabt hatte, würde nun endlich sein Märchenende bekommen. „Komm, lass uns zurückgehen“, sagte Emily, während sie sich aus Daniels Umarmung löste und stattdessen seine beiden Hände ergriff. „Bist du dir sicher?“, fragte er. Sie nickte. In diesem Augenblick wünschte sich Emily nichts sehnlicher, als Chantelle von den Neuigkeiten zu erzählen. Plötzlich fühlte sie sich selbstbewusst und stolz und wollte auch, dass die ganze Welt davon wusste. Sie wollte sich auf die Dachterrasse ihrer Pension stellen und die Neuigkeiten über die ganze Stadt hinwegschreien, damit jeder im Umkreis von mehreren Kilometern sie hören könnte. Doch während sie den Strand in Richtung Pension entlanggingen, stieg in Emily wieder eine gewisse Nervosität auf. Sie hielt nicht gerne große Ansprachen, aber sie würde es niemals schaffen, zurück ins Haus zu schleichen, ohne über ihre Abwesenheit befragt zu werden. Ganz zu schweigen von dem Ring. Der war wohl kaum unauffällig. Jeder, der Augen im Kopf hatte, würde ihn sofort glitzern sehen. Unwillkürlich tauchten in Emilys Kopf all die Gesichter auf, die sie anstarren würden – einige davon mit unterstützender Miene, andere eher auf abwehrende Weise. Jetzt im Moment gehörte ihre Verlobung nur ihr und Daniel und niemandem sonst. Es war etwas ganz Privates, ein Zustand reinen Glücks. Doch sobald sie die Neuigkeiten verkündeten, öffneten sie diesen Bereich ihres Lebens für Kritik und gegensätzliche Meinungen. Vielleicht kommt es ja auch ganz anders, dachte Emily, während sie entlangschlenderte. Vielleicht hatten sich die Stadtbewohner in ihrer Abwesenheit ja an den Mimosas vergriffen und waren so mit Trinken, Tanzen und fröhlichem Beisammensein beschäftigt, dass sie ihre Rückkehr gar nicht bemerken würden. Schließlich erreichten sie den kleinen Pfad, der vom Strand hinauf zu der Straße führte, in der sie lebten. Emily kletterte den steilen Abhang zuerst hinauf, Daniel folgte ihr. Als sie durch die Bäume auf den Gehweg traten, konnten sie die Lichter der Pension sehen und die Musik und das Lachen hören, das der Wind zu ihnen hinübertrug. In ihrem Bauch flatterten Schmetterlinge umher. „Bereit?“, fragte Daniel, als er neben sie trat. Emily holte tief Luft. Trotz ihrer Nervosität fühlte sie sich so selbstsicher wie nie zuvor, so als ob sie es mit der ganzen Welt aufnehmen könnte. Hand in Hand liefen sie langsam die Einfahrt entlang, vorbei am Kutscherhaus, in dem Daniel einmal gewohnt hatte, und anschließen die Stufen der Veranda hinauf und durch die Eingangstür der Pension in Sunset Harbor. Sofort wurden sie von Wärme und Helligkeit umfangen. Der beruhigende Duft nach Thanksgiving-Essen – Truthahn, Preiselbeeren, Mais, Kürbiskuchen – lag in der Luft. Augenblicklich spürte Emily die Liebe, die in der Pension herrschte. In diesem Moment stürmte eine lachende Serena aus dem Esszimmer in den Flur. Als sie Daniel und Emily erblickte, lächelte sie sie aus ihren rotbemalten Lippen an. Ihre Wangen waren leicht gerötet und Emily fragte sich unwillkürlich, ob das wohl etwas mit dem andauernden Flirt zu tun hatte, der an diesem Abend zwischen ihr und Owen, dem Klavierspieler, stattfand. „Oh hey“, sagte Serena, als sie Emilys Blick auffing. „Ich habe mich schon gefragt, wohin ihr zwei verschwunden seid.“ Emily und Daniel sahen sich verschmitzt an. Auf frischer Tat ertappt. Plötzlich brachte Emily kein Wort über die Lippen, wie ein Kind, das gerade dabei erwischt worden war, wie es Kekse aus der Dose stahl. Sie sah Daniel hilfesuchend an, doch es machte einen noch schlimmeren Eindruck als sie. Er wirkte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Serena runzelte die Stirn. Dann verengte sie argwöhnisch die Augen und ihr Mund verzog sich zu einem leichten Grinsen. Sie ahnte offensichtlich, dass die beiden etwas angestellt hatten. „Hm“, meinte sie, während sie wie ein Detektiv vor ihnen auf- und abging. „Schnee im Haar. Sand auf der Hose. Ich nehme an, ihr wart am Strand.“ Sie tippt sich auf das Kinn. „Aber warum nur?“ Sie hielt einen Augenblick inne, bevor sich ein Ausdruck der Erleuchtung auf ihrem Gesicht ausbreitete. Nach Luft schnappend griff sie nach Emilys linker Hand und suchte nach der Bestätigung ihrer Vermutung. Beim Anblick des Rings weiteten sich ihre Augen und ihr Mund fiel auf. „Oh. Mein. Gott! Ihr seid verlobt!“ Emily spürte, wie sich ihre Wangen röteten. Das war das erste Mal, dass jemand das Wort „verlobt“ im Zusammenhang mit ihr sagte, und es fühlte sich surreal an. All diese Jahre lang hatte sie sich danach gesehnt und davon geträumt und nun hatte sie endlich dieses Stadium der „Verlobung“ erreicht. Schnell nickte sie. Serena kreischte und zog sie beide in eine unbeholfene Umarmung, in der Ellbogen und Arme aneinanderstießen. „Bin ich die erste, die es erfährt?“, wollte Serena wissen, als sie sich von ihnen löste. Dabei war die wachsende Aufregung in ihrer Stimme unüberhörbar. „Ja“, bestätigte Daniel. „Aber könntest du bitte Chantelle zu uns bringen? Ich will, dass sie es weiß, bevor der Rest davon erfährt.“ „Natürlich!“, rief Serena. Mit vor Tränen glänzenden Augen warf sie einen letzten Blick auf Emilys Ring, bevor sie überschwänglich davonsprang. Emily stieß eine Mischung aus nervösem Kichern und verlegenem Stöhnen aus. Daniel drückte ihre Hand aufmunternd. Es fühlte sich so an, als würde er ihr gratulieren, die Reaktion der ersten Person überstanden zu haben, und ihr gleichzeitig Mut für die nächste Enthüllung zusprechen, die weitaus wichtiger sein würde. Emily holte tief Luft. Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Das war er. Der große Moment. Als sich die Tür zum Esszimmer einen Spalt breit öffnete, schwollen die Geräusche der Feier an. Dann tauchte Chantelles Gesicht auf, das sich schüchtern umsah. Emily hörte Serenas Stimme auf der anderen Seite, die Chantelle dazu ermutigte, in den Flur hinauszutreten. „Geh schon, du musst dir keine Sorgen machen!“ Chantelle trat vollständig aus dem Zimmer. Sofort schloss Serena die Tür hinter ihr, woraufhin der Feierlärm wieder nachließ. Plötzlich empfand Emily die Stille als erdrückend. Am einen Ende des Flurs stand eine verängstigt aussehende Chantelle. Am anderen Ende standen Emily und Daniel, denen man ihre Nervosität ebenso ansehen konnte. Emily bedeutete dem Kind, näher zu kommen und sofort stürmte Chantelle auf sie zu. „Stecke ich in Schwierigkeiten?“, fragte sie mit leiser, zitternder Stimme. „Serena meinte, dass ihr mit mir sprechen wollt.“ „Auf keinen Fall!“, rief Emily. Dann zog sie Chantelle in eine feste Umarmung. „Du steckst definitiv nicht in Schwierigkeiten!“ Dabei strich sie über Chantelles weiches, blondes Haar. „Daddy und ich wollen dir nur etwas sagen. Es ist nichts Schlimmes.“ Chantelle löste sich aus der Umarmung, um Emily mit gerunzelter Stirn und skeptischem Blick in ihren blauen Augen anzuschauen. Obwohl sie gerade einmal sieben Jahre alt war, hatte sie schon gelernt, Erwachsenen misstrauisch und argwöhnisch gegenüberzutreten. „Schickt ihr mich zurück nach Tennessee?“, vermutete Chantelle geradeheraus, wobei sie ihr Kinn mit gespielter Gleichgültigkeit anhob. „Nein!“, rief Daniel und schüttelte den Kopf. Wenn die Vorstellung nicht so traurig wäre, dann hätte die ganze Situation etwas Lustiges an sich. Um Chantelles Ängste so schnell wie möglich auszulöschen, ging Daniel neben seiner Tochter in die Hocke, sodass er auf einer Augenhöhe mit ihr war. Dann nahm er ihre Hände in seine, holte tief Luft und verkündete: „Emily und ich werden heiraten.“ Zuerst tat sich gar nichts, während Chantelle die Neuigkeiten verarbeitete. Dann wich die Angst aus ihrem Gesicht und ihre Augen weiteten sich verwundert. Anschließend breitete sich ein großes Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Wirklich?“, kreischte sie, während sie sie verzückt ansah. „Ja, wirklich“, bestätigte Emily. Sie streckte ihre Hand aus, damit Chantelle den Ring betrachten konnte. Die Augen des Mädchens wurden sogar noch größer, als sie ungläubig auf den wunderschönen Ring an Emilys Finger starrte. Chantelle hielt Emilys Hand umklammert. „Ich dachte…“, stammelte sie. „Ich dachte, ihr wollt mich loswerden. Aber in Wirklichkeit ist er in Erfüllung gegangen.“ „Wer ist in Erfüllung gegangen?“, wollte Emily neugierig wissen. „Mein Thanksgiving-Wunsch“, antwortete Chantelle. Ihr Griff, mit dem sie immer noch Emilys Hand umklammerte, verstärkte sich. „Ich habe mir gewünscht, dass ihr heiratet, damit wir für immer eine Familie sein können.“ Bei Chantelles ernsten Worten bildete sich ein Kloß in Emilys Hals. Sie fing Daniels Blick auf. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, dass sein Herz genau wie ihr eigenes gerade schmolz. In diesem Moment fühlte sich Emily mehr vom Universum geliebt als je zuvor. Aus irgendeinem Grund standen ihr die Sterne günstig und hatten ihr Daniels Liebe und Chantelles Verehrung geschenkt. Alles fühlte sich richtig an. „Kann ich diejenige sein, die es allen erzählt?“, fragte Chantelle plötzlich. „Du meinst, allen Gästen dort drinnen?“, vergewisserte sich Emily, während sie auf die Esszimmertür zeigte, aus der Gelächter und Unterhaltungsfetzen zu ihnen herausdrangen. „Mhm. Also, darf ich oder wollt ihr es selbst verkünden?“ „Bitte, du hast das Sagen!“, rief Emily aus, erleichtert, dass ihr jemand diese Aufgabe abnahm. „Kann ich es jetzt machen?“, wollte Chantelle wissen, während sie auf- und absprang. Emily grinste. Chantelles Reaktion hatte sie perfekt auf diesen Moment vorbereitet. Ihre Aufregung und Freude beruhigten Emilys Nerven. Solange Chantelle glücklich war, dann war es egal, wie die anderen Gäste reagieren würden! „Jetzt sofort“, stimmte Emily zu. Als sie Emilys Zustimmung hörte, kreischte Chantelle auf und sprang den Flur entlang. Sie war so schnell, dass Daniel und Emily hinter ihr herrennen mussten, um Schritt zu halten. Dann platzte sie so abrupt in den Raum, dass sich alle überrascht von der plötzlichen Störung umdrehten. So laut sie konnte schrie Chantelle: „Sie werden heiraten! Sie werden heiraten!“ An der Türschwelle warteten Emily und Daniel ein paar Sekunden lang, bis Chantelles Worte bei allen durchgedrungen waren. Dann beobachteten sie die überraschten Ausdrücke auf den Gesichtern ihrer Freunde und Nachbarn – von Cynthia, die übertrieben laut nach Luft schnappte, bis hin zu Vanessa, die sich eine Hand auf den Mund schlug. Schließlich mussten alle breit grinsen. Yvonne und Keiran, Suzanna und Wesley, all die Menschen, die sie mittlerweile so gernhatte und ihre Freunde nannte, begannen zu klatschen. „Herzlichen Glückwunsch!“, rief Yvonne und stürmte als erste auf Emily zu, um sie zu umarmen. Keiran folgte ihr auf den Fuß. Er schüttelte Daniels Hand und zog Emily in seine Arme, nachdem Yvonne sie gehen gelassen hatte. Alle überschütteten Daniel und Emily mit Umarmungen und Küssen, Glückwünschen und Freudensbekundungen. Emily konnte die Liebe der Gemeinschaft spüren, die sie umgab. Noch nie zuvor hatte sie das Gefühl gehabt, so unterstützt zu werden. Warum um alles auf der Welt hatte sie sich Sorgen gemacht? „Wir müssen auf das glückliche Paar anstoßen“, meinte Derek Hansen in seiner starken Bürgermeisterstimme. Die Menschen begannen, ihre Gläser mit Champagner zu füllen. Emily bekam auch eines in die Hand gedrückt. Neben ihr füllte Serena ein Champagnerglas mit Cola, sodass Chantelle mit ihnen anstoßen konnte. Emilys Gedanken schwirrten wild umher, so überwältigt war sie vor Freude. Das alles fühlte sich wie ein Traum an. Dann hoben alle Anwesenden ihre Gläser, wobei das Licht des Kronleuchters gespiegelt und tausend glitzernde Punkte an die Wände, auf den Boden und die Decke gezaubert wurden. „Auf Emily und Daniel“, rief Bürgermeister Hansen. Anschließend fügte er an Daniel gewandt hinzu: „Und darauf, seine Seelenverwandte zu finden!“. In Emilys Richtung sagte er: „Und darauf, seinem Traum zu folgen.“ Alle jubelten und stießen miteinander an, während sich Emily die Tränen der Freude aus den Augen wischte. So ein schönes Thanksgiving hatte sie noch nie erlebt. * Die Feier hielt bis spät in die Nacht an. Sie war erfüllt von Freundschaft und Freude und Emily war glücklicher als sie es je für möglich gehalten hatte. Zudem war sie überaus dankbar. Doch irgendwann kam die Feier zu ihrem Ende, die Gäste machten sich allmählich auf den Weg hinaus in die frische Nacht und schließlich legte sich Stille über die Pension. Sogar als sie und Daniel ins Bett gingen, brummte Emilys Kopf immer noch vor lauter Energie. Ihre Gedanken wollten nicht stillstehen, weshalb sie sich immer wieder herumwälzte und nicht zur Ruhe kommen konnte. „Kannst du nicht schlafen?“, fragte Daniel, dessen Gesicht zur Hälfte in dem flauschigen Kissen versunken war, auf dem er lag. Dann grinste er. „Ich auch nicht.“ Emily drehte sich zu ihm um und fuhr mit ihren Fingern über seine nackte, muskulöse Brust. „Ich muss die ganze Zeit an die Zukunft denken“, sagte sie. „Ich bin so aufgeregt.“ Daniel streckte seine Hand aus und strich damit über Emilys Wange. „Ich weiß, wie ich deine Gedanken ablenken könne“, meinte er. Dann drückte er seine Lippen auf ihre. Emily ließ sich in den Kuss fallen, wobei sie spürte, wie alle Gedanken aus ihrem Geist wichen und sie sich völlig von ihren Gefühlen tragen ließ. Sie zog Daniel dichter an sich heran und spürte sein Herz neben ihrem eigenen schlagen. Daniel erweckte immer solch eine feurige Leidenschaft in ihr, doch was sie jetzt gerade empfand, hatte sie noch nie zuvor verspürt. Plötzlich flog die Schlafzimmertür auf. Grelles Licht drang wie die Scheinwerfer eines Autos vom Flur her in das Zimmer. Sofort sprangen Emily und Daniel auseinander. Auf der Türschwelle stand Chantelle. „Ich kann nicht schlafen!“, verkündete sie, während sie hereinstürmte. Emily lachte. „Dann geht es uns wohl allen gleich“, meinte sie. Chantelle sprang zu Emily und Daniel ins Bett, wo sie sich in die Mitte kuschelte. Das brachte Emily unwillkürlich zum Lachen. Chantelle war das einzige auf der Welt, das ihr Liebesspiel mit Daniel unterbrechen konnte, ohne dass es sie frustrierte. „Wenn du und Daddy verheiratet seid, bedeutet das dann, dass du für immer meine Mommy sein wirst?“, fragte Chantelle. Emily nickte. Doch dann musste sie darüber nachdenken. Sie und Daniel hatten mit ihrem Freund Richard, einem Anwalt für Familienrecht, darüber gesprochen, ob sie Chantelle offiziell adoptieren konnten. Würde eine Heirat ihre Seite in dem Prozess gegen Chantelles leibliche Mutter stärken? Sheila war eine Drogenabhängige ohne eigene Wohnung, zwei Dinge, die bereits für Daniel und Emily sprachen. Würde ihre Heirat nun auch ihren Teil dazu beitragen? Sie sah Daniel über Chantelles Kopf hinweg an, doch beide waren schon eingeschlafen. Der Anblick ließ Emilys Herz vor Freude beben. In diesem Moment beschloss sie, ihre Anstrengungen bei dem Rechtsstreit zu verdoppeln. Je früher, desto besser. Sie wollte um mehr als alles andere in der Welt eine richtige Familie sein. Und mit dem glitzernden Ring am Finger hatte sie das Gefühl, dass dieser Traum endlich in Reichweite gerückt war. KAPITEL ZWEI Am Morgen nach Thanksgiving wachte Emily voller Freude auf. Noch nie zuvor war sie so glücklich gewesen. Der wunderschöne Schein der Wintersonne drang durch die Spitzenvorhänge, was ihre Freude sogar noch vergrößerte. Nach einem kurzen Moment des Zweifels schloss Emily, dass sie nicht träumte, Daniel hatte ihr wirklich einen Antrag gemacht und bald würden sie heiraten. Als ihr plötzlich klar wurde, was sie noch alles zu tun hatte, sprang sie aus dem Bett. Sie musste Anrufe tätigen! Wie hatte sie vergessen können, Jayne und Amy die Neuigkeiten zu verkünden? Und was war mit ihrer Mutter? Sie war so in dem Augenblick, in ihrer Freude und dem Feiern mit ihren Freunden gefangen gewesen, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet hatte. Schnell duschte sie sich und zog sich an, dann rannte sie mit ihrem Handy in der Hand hinaus auf die Veranda. Während sie durch ihre Kontakte scrollte, tropfte Wasser aus ihrem noch immer nassen Haar auf ihr Oberteil. Bei der Nummer ihrer Mutter angekommen, zögerte sie und ihre Finger begannen zu zittern. Sie hatte einfach nicht den Mut, auf den Hörer zu drücken. Sie wusste, dass ihre Mutter nicht so reagieren würde, wie sie es sich erhoffte; stattdessen würde sie Charlotte gegenüber argwöhnisch sein und annehmen, das Daniel Emily nur heiratete, um eine Mutter für sein Kind zu bekommen. Deshalb beschloss Emily, die Lage bei Jayne zu sondieren. Ihre beste Freundin sagte ihr immer geradehinaus, was sie dachte, doch in ihrer Stimme schwang nie diese Enttäuschung mit wie es normalerweise bei Emilys Mutter der Fall war. Sie wählte Jaynes Nummer und lauschte dem Klingeln. Dann nahm jemand ab. „Em!“, rief Jayne. „Ich habe dich auf laut gestellt.“ Emily hielt inne. „Warum das denn?“ „Wir sind gerade im Konferenzzimmer. Ames und ich.“ „Hi Emily!“, rief Amy fröhlich. “Geht es um das Jobangebot?” Emily brauchte einen Moment, um zu verstehen, worüber sie redeten. Das Kerzenunternehmen, das Amy auf der Universität in ihrem Studentenzimmer gegründet hatte, florierte richtig. Sie hatte Jayne angestellt und setzte nun alles daran, Emily mit ins Boot zu holen. Keine von beiden konnte wirklich verstehen, warum Emily es vorzog, lieber in einer Kleinstadt als in New York zu wohnen, und warum sie sich dafür entschieden hatte, eine Pension zu führen, anstatt mit ihren zwei besten Freundinnen in einem protzigen Büro zusammen zu arbeiten. Und was sich ihrem Verständnis vollkommen entzog, war die Tatsache, dass sich Emily um das Kind eines anderen Mannes kümmerte (der noch dazu einen Bart trug!), ganz ohne die Absicherung, eines Tages eigene Kinder mit ihm zu bekommen. „Nicht wirklich“, sagte Emily. „Es geht um…“ Sie verstummte, denn ihr Mut schwand dahin. Dann riss sie sich zusammen. Sie hatte nichts, wofür sie sich schämen musste. Auch wenn ihr Leben eine andere Richtung eingeschlagen hatte als das ihrer zwei besten Freundinnen, war daran überhaupt nichts falsch. Ihre Entscheidungen waren ihre Sache und sollten respektiert werden. „Daniel und ich werden heiraten.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte zunächst einen Moment lang Schweigen, dann ertönte schrilles Kreischen. Emily zuckte zusammen. Sie konnte sich ihre Freundinnen geradezu mit ihren perfekt manikürten Nägeln, ihrer durch die Feuchtigkeitscreme nach Rose und Camille riechenden Haut und ihrem glänzenden Haar vorstellen, wie sie von ihren Stühlen aufsprangen. Durch den Lärm konnte Emily ausmachen, dass Jayne „Oh mein Gott!“ und Amy „Alles Gute!“, schrien. Sie seufzte erleichtert auf. Ihre Freundinnen hielten zu ihr. Das war eine Sorge weniger. Schließlich ebbte das unverständliche Kreischen ab. „Du bist aber nicht schwanger, oder?“, fragte Jayne, die wie immer kein Taktgefühl besaß. „Nein!“, rief Emily mit einem Lachen. „Jayne, halt den Mund“, schimpfte Amy. „Erzähl uns alles. Wie hat er um deine Hand angehalten? Wie sieht der Ring aus?“ Emily erzählte ihnen vom Strand, den Liebeserklärungen im Schnee und dem wunderbaren, perlenbesetzten Ring. Ihre Freundinnen seufzten an genau den richtigen Stellen. Emily spürte, dass sich die beiden für sie freuten. „Wirst du seinen Namen annehmen?“, bohrte Jayne weiter nach. „Oder einen Doppelnamen führen? Mitchell-Morey ist ganz schon umständlich. Wie wäre es mit Morey-Mitchell? Emily Jane Morey-Mitchell. Hmm. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Vielleicht solltest du einfach deinen eigenen Namen behalten, findest du nicht? Das wäre immerhin eine aussagekräftige, mutige und feministische Entscheidung.“ Emilys Gedanken schwirrten, während Jayne in ihrer üblichen aufgedrehten Weise vor sich hin brabbelte und ihr kaum eine Pause ließ, um eine ihrer Fragen zu beantworten. „Wir sind aber schon deine Brautjungfern, oder?“, endete Jayne auf ihre typische, direkte Art. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, gab Emily zu. Jayne und Amy mochten zwar in der Tat ihre ältesten Freundinnen sein, doch seit ihrem Umzug nach Sunset Harbor hatte sie auch hier neue Freunde gefunden. Dazu gehörten Serena, Yvonne, Suzanna, Karen und Cynthia. Und was war mit Chantelle? Es war Emily wichtig, dass sie eine tragende Rolle bei der ganzen Sache spielte. „Wo findet das ganze denn statt?“, wollte Jayne wissen, die die Tatsache, dass Emily sie beide nicht als Brautjungfern in Betracht gezogen hatte, ein wenig verärgerte. „Das weiß ich auch noch nicht“, sagte Emily. Plötzlich wurde ihr klar, wie viel Arbeit noch vor ihnen lag. Es gab noch so viel zu organisieren. So viel zu bezahlen. Auf einmal war sie von der ganzen Sache überwältigt. „Meinst du, es wird eine große Hochzeit oder ehr eine kleine?“, warf Amy ein. Ihre Frage war nicht so emotional beladen wie die von Jayne, doch trotzdem lastete ihr eine gewisse negative Stimmung an. Emily fragte sich, ob Amy immer noch wegen ihrer geplatzten Verlobung mit Fraser sauer war. Vielleicht nahm sie es Emily übel, einen Ring und einen Verlobten zu haben, während sie selbst beides verloren hatte. „Wir haben noch keine Details besprochen“, erklärte Emily. „Es ist alles noch so neu.“ „Aber du träumst schon seit Jahren davon“, entgegnete Amy. Emily runzelte die Stirn. Es stimmte, sie hatte schon lange davon geträumt, zu heiraten. Aber sie hatte sich nie vorgestellt, wie ihr Leben verlaufen würde. Die Liebe, die sie mit Daniel teilte, war einzigartig und unerwartet und ihre Hochzeit würde genauso sein. Sie musste alles noch einmal überdenken, damit es für sie beide perfekt war und zu ihrer besonderen Beziehung und ihrem Leben passte. „Kannst du uns zumindest ein Datum nennen?“, wollte Jayne wissen. „Unser Kalender ist randvoll.“ Emily stammelte. „Ich weiß es noch nicht.“ „Der Monat tut’s für jetzt auch“. Jayne gab nicht auf. „Den kann ich euch auch noch nicht sagen.“ Jayne seufzte frustriert auf. „Wie wäre es mit dem Jahr?“ So langsam wurde Emily ungehalten. „Ich weiß es einfach nicht!“, schrie sie. „Ich habe mir um all das noch keine Gedanken gemacht!“ Nun herrschte Stille. Emily konnte sich die Szene bildhaft vorstellen: Ihre Freundinnen, die in ledernen Bürostühlen an einem riesigen Glastisch saßen, wechselten einen Blick, während Emilys Stimme aus dem Telefon zwischen ihnen dröhnte und sich in dem ausladenden Konferenzzimmer multiplizierte. Sie krümmte sich innerlich vor Verlegenheit. Dann brach Jayne die Stille. „Pass bloß auf, dass die Verlobung nicht zu einer von denen wird, die niemals enden“, sagte sie mit neutraler Stimme. „Du weißt ja, wie manche Männer sind. Man könnte meinen, sie hätten bei ihrem Antrag gar nicht bedacht, dass danach eine Hochzeit erwartet würde. Sie denken wohl, dass sie sich ihr restliches Leben lang entspannt zurücklehnen können und niemals auf der gestrichelten Linie unterschreiben müssen.“ „So ist das nicht“, widersprach Emily angespannt. „Wenn du meinst“, entgegnete Jayne schnippisch. „Aber du solltest ihn auf jeden Fall auf einen Termin festnageln. Und wenn er den Anschein macht, die Verlobung immer weiter hinauszuziehen, dann pack deine Sachen und lauf davon.“ Emily ballte ihre Hand zu einer Faust. Sie wusste, dass sie sich von Jayne – einer ewigen Bindungsphobikerin, die noch nie in einer längeren Beziehung gewesen war – nicht vorschreiben lassen sollte, wie sie sich zu fühlen hatte, doch ihre Freundin hatte gewisse Zweifel in ihr gesät. So unsinnig sie auch waren, konnte Emily doch spüren, dass sie noch tagelang an Jaynes Worten knabbern würde. „Ich habe eine Idee“, schaltete sich Amy diplomatisch ein. „Warum kommen wir dich nicht besuchen, um mit dir anzustoßen und dir bei den Planungen zu helfen?“ Trotz ihrer leichten Verärgerung über Jaynes Worte, gefiel Emily die Vorstellung, dass ihre Freundinnen vorbeikommen und ihr bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen würden. Wenn sie erst mal hier in Emilys Revier waren, dann würden die beiden mit eigenen Augen sehen, welche Liebe sie und Daniel verband. Dann würden sie sehen, wie glücklich sie war und sie folglich mehr unterstützen. „Das wäre wunderbar“, sagte Emily. Nachdem sie ein Datum ausgemacht hatten, das allen passte, legte Emily auf. Doch dank Jaynes Worten schwirrten ihre Gedanken wild umher und die Flamme der Aufregung in ihrem Inneren war ein bisschen gedämpft worden. Diese Gefühle vermischten sich mit der Tatsache, dass sie immer noch den gefürchteten Anruf bei ihrer Mutter hinter sich bringen musste, der mit Sicherheit alles andere als gut verlaufen würde. Sie hatte versucht, ihre Mutter zu Thanksgiving einzuladen, doch die Frau hatte es als Beleidigung aufgefasst. Nichts, was Emily tat, war je gut genug für Patricia Mitchell. Wenn sie sich schon bei Amys und Jaynes Fragen unwohl gefühlt hatte, dann würden die ihrer Mutter sie am Boden zerstören. Und das war gerade einmal ihre Familie! Wenn sie dann noch Daniels Seite dazurechnete, verstärkten sich ihre nagenden Ängste. Warum musste es den Rest der Welt überhaupt geben? In Sunset Harbor erschien Emily alles perfekt. Doch außerhalb der Stadtgrenze gab es missbilligende Freunde und problematische Mütter. Und abwesende Väter. Zum ersten Mal seit dem Antrag dachte Emily an ihren Vater, der nun schon seit zwanzig Jahren vermisst wurde. Erst vor kurzem hatte sie einen Stapel Briefe im Haus gefunden, die bewiesen, dass er noch lebte. Anschließend hatte ihr Nachbar Trevor Mann betätigt, Roy vor ein paar Jahren auf dem Grundstück gesehen zu haben. Ihr Vater lebte, doch selbst dieses Wissen änderte nichts. Emily hatte immer noch keinen Weg gefunden, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sie zum Altar führte, war also praktisch nonexistent. Emily spürte, wie sich ihre Gefühle in ihr aufstauten und drohten, ihre Freude zu ersticken. Sie sah auf den Bildschirm ihres Handys hinab, auf dem sie die Nummer ihrer Mutter eingegeben, sich jedoch nicht getraut hatte, auf den Hörer zu drücken. Bevor Emily die Möglichkeit hatte, über ihren Schatten zu springen und ihre Mutter anzurufen, hörte sie Fußschritte auf der Treppe hinter ihr. Als sie herumwirbelte, sah sie, dass Daniel und Chantelle auf sie zukamen. Daniel hatte dem kleinen Mädchen eines ihrer Vintage-Outfits angezogen – ein rostrotes Glockenkleid aus Kord zusammen mit einem schwarz-weißen Cardigan im Blumenmuster und einer dazu passenden Strumpfhose. Sie sah zauberhaft aus. Er selbst trug wie immer abgetragene Jeans und ein T-Shirt, sein Haar stand in alle Richtungen ab und sein Kinn wurde von Stoppeln umrandet. „Wir wollten frühstücken gehen“, sagte Daniel. „Etwas Besonderes machen. Eine Art Frühstücksfeier.“ Emily steckte ihr Handy zurück in ihre Hosentasche. „Tolle Idee.“ Da war sie gerade noch einmal darum herumgekommen, ihre Mutter anzurufen. Doch Emily wusste, dass sie das nicht ewig würde aufschieben können. Früher oder später würde sie die scharfe Zunge von Patricia Mitchell zu spüren bekommen. * In der warmen Luft in Joe’s Diner hing der Geruch von Sirup. Die Familie ließ sich in eine der roten Plastiknischen sinken, wobei sie jedoch nicht umhinkam, die Blicke und das Geflüster um sie herum zu bemerken. „Es wissen schon alle“, raunte Emily Daniel mit leiser Stimme zu. Dieser verdrehte die Augen. „Natürlich tun sie das.“ Dann fügte er sarkastisch hinzu: „Es überrascht mich sogar, dass es so lange gedauert hat. Immerhin haben wir die Neuigkeit erst vor einem halben Tag verkündet und ich bin mir sicher, dass Cynthia Jones nur eine oder zwei Stunden braucht, um durch die ganze Stadt zu radeln und den neuesten Klatsch zu verbreiten.“ Chantelle kicherte. Zumindest schienen die Blicke und das Geflüster freundlicher Natur zu sein, dachte Emily. Alle schienen sich für sie zu freuen. Trotzdem war es Emily ein wenig peinlich, dass sich alle Aufmerksamkeit auf sie richtete. Schließlich passierte es ja nicht alle Tage, dass man die Blicke aller Anwesenden auf sich zog, wenn man ein Waffelhaus betrat. In ihrem Kopf schwirrten immer noch die Fragen herum, die sich nach ihrem Gespräch mit Amy und Jayne in ihre Gedanken geschlichen hatten, und sie fragte sich, ob jetzt wohl ein günstiger Moment wäre, um einige von ihnen mit Daniel zu besprechen. In diesem Augenblick trat der grauhaarige Joe mit einem Notizblock in den runzligen Händen zu ihnen an den Tisch. „Ich höre, es gibt etwas zu feiern?“, sagte er lächelnd, während er Daniel auf den Rücken klopfte. „Wann ist denn der große Tag?“ Emily sah Daniel zögern. Er schien genauso verwirrt zu sein wie sie sich fühlte. Alle wollten Antworten auf Fragen, die sie sich selbst noch nicht einmal gestellt hatten. „Das steht noch nicht fest“, stammelte Daniel. „Wir haben noch keine Details besprochen.“ Dann bestellten sie Waffeln und Pfannkuchen und nachdem Joe davongegangen war, um ihr Frühstück zuzubereiten, fasste Emily den Mut, Daniel ein paar Fragen zu stellen. „Wann denkst du sollten wir einen Termin festlegen?“, wollte sie wissen. Daniel sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Oh. Ich weiß nicht. Willst du das jetzt schon besprechen?“ In Emilys Kopf tauchte wieder Jaynes Warnung auf. „Wir müssen ja kein festes Datum ausmachen, aber sprechen wir hier über Monate oder nächstes Jahr? Willst du eine Sommerhochzeit? Oder doch lieber im Herbst, da wir ja in Maine wohnen?“ Trotz ihres Lächelns fühlte sie sich innerlich zerrissen. An dem Ausdruck auf Daniels Gesicht konnte sie erkennen, dass er noch gar nicht so weit in die Zukunft geplant hatte. „Darüber muss ich nachdenken“, sagte er unverbindlich. „Ich will eine Sommerhochzeit“, warf Chantelle ein. „Am Hafen. Mit Daddys Boot.“ „Über was musst du denn nachdenken?“, hakte Emily nach, wobei sie Chantelle ignorierte. „Es gibt nur vier Optionen. Sonnenschein, stürmischer Wind, Schnee oder warme Brisen. Was ist dir lieber?“ Daniel schien von Emilys leicht scharfem Tonfall überrascht zu sein. Chantelle schien es genauso zu gehen. „Ich weiß es nicht“, stammelte Daniel. „Alle davon haben ihre Vor- und Nachteile.“ Emily spürte, wie die Emotionen in ihr aufkochten. Hatte Jayne Recht? Hatte Daniel ihr einen Antrag gemacht, ohne davon auszugehen, dass es am Ende wirklich eine Hochzeit geben würde? „Hast du schon jemandem davon erzählt?“, fragte Emily weiter. So langsam bildeten sich vor Frustration Falten auf Daniels Stirn. „Es ist noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden her“, antwortete er, ohne seine Verärgerung zu unterdrücken. Zwischen zusammengebissenen Zähnen stieß er dann hervor: „Können wir den Augenblick nicht einfach genießen?“ Chantelle sah mit besorgtem Blick zwischen Emily und Daniel hin und her. Sie stritten sich nicht häufig und dass sie es nun taten, schien sie offensichtlich zu beunruhigen. Das kleine Mädchen so besorgt zu sehen, rüttelte Emily wach. Welche Probleme sie auch immer hatten, es war nicht fair, Chantelle mit hineinzuziehen. Diese Angelegenheit musste von ihr und Daniel gelöst werden. „Du hast Recht“, sagte Emily seufzend. Dann streckte sie ihre Hand nach der von Chantelle aus und drückte sie aufmunternd. In diesem Moment kam Joe mit einem Stapel Pfannkuchen an. Sofort begannen alle, still zu essen. Emily frustrierte es, dass sie sich Jaynes und Amys Worte so zu Herzen genommen hatte. Das war einfach nicht fair. Gestern noch hatte sie auf Wolke sieben geschwebt. „Kann Bailey ein Blumenmädchen sein?“, fragte Chantelle. „Und ich eine Brautjungfer?“ „Das wissen wir noch nicht“, erklärte Emily, wobei sie versuchte, ihre Gefühle im Zaum zu halten. „Aber ich will mit dir zum Altar gehen“, fügte Chantelle hinzu. „Es wird doch einen Gang zum Altar geben, nicht wahr? Ihr werdet doch in einer Kirche heiraten?“ Das kleine Mädchen wühlte in ihrem Rucksack herum, aus dem sie kurze Zeit später einen rosa Notizblock und einen glitzernden Stift herausholte. „Lasst uns eine Liste schreiben“, verkündete sie. Trotz ihrer unterschwelligen Sorge munterte es Emily auf, Chantelle so voller Organisiereifer zu sehen. Normalerweise war sie immer so ernst, fast schon erwachsen und ihrem Alter weit voraus. „Als erstes braucht ihr einen Veranstaltungsort“, sagte sie mit strenger Stimme, die in Emily die Vorstellung auslöste, dass Chantelle eines Tages die Pension leiten würde. „Du hast Recht“, stimmte Emily hinzu, deren Augen nicht von Daniel wichen. „Wir sollten uns zuerst einen Veranstaltungsort suchen und von diesem Punkt aus den Rest planen.“ Sie wollte sich ihre gute Laune um keinen Preis verderben lassen. „Lasst uns keine übereilten Entscheidungen treffen.“ Zum ersten Mal, seit sie Daniel mit ihren Fragen gelöchert hatte, schien dieser sich zu entspannen. Das Runzeln auf seiner Stirn verschwand, was Emily erleichtert bemerkte. Durch das Fenster des Diners konnte Emily sehen, wie ein großer Baum im Stadtzentrum aufgestellt wurde. Bei all der Aufregung hatte sie den Christbaum der Stadt, der jedes Jahr am Tag nach Thanksgiving aufgestellt wurde, komplett vergessen. Als Kind hatte sie es sich immer angesehen, wenn die Familie die Winterferien in Sunset Harbor verbracht hatte. Sie erinnerte sich daran, dass die Lichter des Baums jedes Jahr am Abend angezündet wurden. „Wir sollten uns heute Abend das Beleuchten des Baums ansehen“, schlug Emily vor. Chantelle sah von ihrem Notizblock hoch, der mittlerweile mit einer langen Liste an Stichpunkten in ihrer krakeligen Schrift gefüllt war. „Oh ja, bitte!“ Sie schien sich für die Sache zu begeistern. „Natürlich“, meinte Emily. „Aber zuerst sollten wir unseren eigenen Baum aufstellen. Wenn die Stadt einen hat, dann braucht die Pension auf jeden auch einen. Was meinst du, Chantelle?“ Emily wurde bei dem Gedanken daran, dass in der Pension bald ein riesiger Christbaum stehen würde, ganz aufgeregt. Als Kind hatte ihr Vater immer nur einen kleinen Baum im Wohnzimmer aufgestellt, da sie ja immer nur die Ferien in dem Haus verbracht hatten. Aber jetzt, da es ihr Zuhause war, würde sie einen riesigen drei Meter hohen Baum in den Eingangsbereich stellen. Vielleicht würde er sogar dreieinhalb Meter hoch sein! Sie und Chantelle könnten ihn gemeinsam schmücken und mithilfe einer Trittleiter die obersten Äste dekorieren. Bei dem Gedanken daran wurde sie von kindlicher Aufregung erfüllt. „Oh bitte, Daddy, können wir das machen?“, wollte Chantelle von ihrem Vater wissen, der seine Pfannkuchen still aß. „Können wir einen Christbaum aufstellen?“ Daniel nickte. „Sicher doch.“ „Und uns dann ansehen, wie der Baum in der Stadt beleuchtet wird?“ „Mhm.“ Emily runzelte die Stirn, denn sie fragte sich, was wohl in Daniel vorging, warum er sich nicht wie sie und Chantelle freute, sich so etwas Wunderbares mit der Familie anzusehen. Daniel war ihr selbst jetzt, da sie einen Ring am Finger hatte und mehr als bereit war, sich ihm ein Leben lang zu verschreiben, ein Rätsel. Sie fragte sich, ob sie jemals wirklich wissen würde, was in seinem Kopf vorging oder ob sie sich immer noch das gleiche fragen würde, wenn sie Mrs. Daniel Morey war. KAPITEL DREI Dorys Christbaumschule befand sich nur eine kurze Fahrt entfernt in einem Vorbezirk von Sunset Harbor. Die Familie fuhr zusammen in Daniels rostigem Pickup-Truck dorthin. Wo auch immer man hinsah, fand man noch Reste des Schnees von Thanksgiving und als Emily den Ring an ihrem Finger berührte, erinnerte sie sich an den Schnee, der um sie und Daniel herum zu Boden gefallen war, während er ihr einen Antrag gemacht hatte. Sie bogen auf einen notdürftigen Parkplatz ein und sprangen aus dem Truck. Anscheinend hatten auch viele andere Familien die gleiche Idee gehabt. Überall standen Eltern herum, während ihre Kinder aufgeregt umherrannten und durch die Baumreihen sprangen. Statt von Dory wurden sie von einem jungen Mädchen begrüßt, die an der Schwelle zur Pubertät stand, und die sich als Grace, Dorys Tochter, vorstellte. Ihr Haar war genauso blond wie das von Chantelle. Zudem trug sie eine mit Dollarscheinen gefüllte Bauchtasche sowie einen Notizblock, auf dem sie Rechnungen schreiben konnte. „Diese Bäume sind zum Fällen bereit“, sagte sie mit einem selbstsicheren Lächeln, während sie auf das Kiefernfeld deutete. „Sie alle wurden vor sieben bis neun Jahren gepflanzt.“ Sie grinste Chantelle an. „Sie sind ungefähr so alt wie du, nicht wahr?“ Chantelle nickte schüchtern. „Sobald ihr einen Baum findet, der euch gefällt“, fuhr Grace fort, „fällt ihr ihn und bringt ihn zu der Stelle, an der sie verladen werden. Dort wird euch mein Vater zusammen mit dem Baum zur Pressmaschine fahren, ihn einwickeln und dann könnt ihr ihn bei mir bezahlen. Wir verkaufen auch heiße Schokolade und geröstete Maronen, wenn ihr etwas Warmes haben wollt, während ihr euch umseht.“ Emily holte für jeden von ihnen eine heiße Schokolade in einem Styroporbecher und eine Tüte Maronen, die sie sich teilen konnten. Anschließend machten sie sich auf den Weg zu den Feldern. Chantelle rannte schon voraus, sie war aufgeregter als Emily sie je gesehen hatte. Der kräftige Kieferduft weckte in Emily Weihnachtsgefühle. Sie freute sich schon darauf, ihr erstes Weihnachten zusammen mit Daniel und Chantelle, ihrer Familie, am Kamin zu feiern. Es würde das erste Weihnachten von so vielen sein, die da noch kommen mochten. Sie und Daniel folgten Chantelle Hand in Hand, ohne ein Wort zu verlieren. Dann lehnte sich Emily an Daniel. „Was denkst du, wie alt Grace ist?“, fragte sie. „Elf, zwölf“, schätzte Daniel. „Warum?“ „Einfach so“, erwiderte Emily. „Sie erinnert mich an Chantelle. Deshalb stelle ich mir vor, sie sie wohl sein wird, wenn sie älter ist.“ Vor ihnen rannte Chantelle zwischen den Baumreihen umher, wobei sie immer wieder anhielt, um ihr Höhe, Astdichte und Farbfülle zu bewerten, bevor sie zum nächsten Baum sprang. Emily konnte sich sehr gut vorstellen, wie sich Chantelle als älteres Kind mit einem Klemmbrett in der Hand bei ihrem ersten Job das Taschengeld aufbesserte. Doch während Emily über die Zukunft nachdachte, wanderten ihre Gedanken auch wieder in die Vergangenheit zurück. Chantelle, die Charlotte so sehr glich, erinnerte Emily auch an den Verlust ihrer Schwester, und an die Tatsache, dass diese niemals aufwachsen und in den Weihnachtsferien einen Job annehmen würde. Vor vielen Jahren war Charlotte durch eben diese Baumschule gesprungen, voller Versprechen und endloser Möglichkeiten, doch dann war ihr Leben von einem Moment auf den nächsten ausgelöscht worden. Emily richtete ihren Blick nach vorne auf Chantelle, die sich in ihren Gedanken jedoch in Charlotte verwandelt hatte. Dann spürte Emily, wie sie selbst immer kleiner wurde, bis sie wieder in ihrem Kinderkörper steckte. Plötzlich wurden ihre Hände von Handschuhen gewärmt. Schnee fiel um sie herum und legte sich auf die Äste der Kiefern. Emily streckte ihre kleine behandschuhte Hand aus und schüttelte an einem der Äste. Sofort schoss eine Schneewolke in die Luft, dann verstreute sich der weiße Puder. Vor ihr lachte Charlotte sorglos und fröhlich, ihr warmer Atem zeichnete sich deutlich in der Luft ab. Sie trug ebenfalls Handschuhe und ihre knallroten Lieblingsstiefel bildeten einen starken Kontrast zu dem Weiß. Emily beobachtete, wie Charlotte unter dem größten Baum der ganzen Schule anhielt und voller Staunen nach oben sah. „Ich will den hier!“, rief das kleine Mädchen. Emily ging schnell zu ihr, wobei sie in ihrer Eile den Schnee aufwirbelte. Als sie Charlotte erreichte, sah sie ebenfalls zu dem riesigen Baum hinauf. Er war atemberaubend, so groß, dass sie kaum die Spitze sehen konnte. Das Geräusch von knirschenden Fußschritten im Schnee lenkte Emilys Aufmerksamkeit von dem Baum ab und sie warf einen Blick über ihre Schulter. Dort in langen Schritten kam ihr Vater auf sie zu. „Ihr Mädchen müsst ein wenig langsamer sein“, schnaufte er, als er bei ihnen ankam. „Ich hätte euch fast verloren.“ „Wir haben den Baum gefunden!“, rief Emily begeistert. Charlotte stimmte mit ein und beide sprangen auf und nieder und deuteten nach oben. „Der ist aber ein bisschen groß“, meinte Roy. Heute sah er erschöpft aus. Deprimiert. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe. „Er ist nicht zu groß“, widersprach Emily. „Die Decken sind sehr hoch.“ Charlotte hielt wie immer zu ihrer Schwester. „Er ist nicht zu groß! Können wir ihn bitte mitnehmen, Daddy?“ Roy Mitchell rieb sich mit einer Hand gereizt über das Gesicht. „Fordere meine Geduld nicht heraus, Charlotte“, schnauzte er. „Such dir etwas Kleineres aus.“ Emily sah, wie Charlotte zusammenzuckte. Keine von beiden mochte es, ihren Vater wütend zu machten, doch keine von ihnen wusste, wie sie das geschafft hatten. Es schien, als würden ihn in dieser Zeit die kleinsten Dinge wütend machen. Er war immer von irgendetwas abgelenkt und sah ständig über seine Schulter nach Schatten, die nur er sehen konnte. Doch Emilys größte Sorge galt Charlotte. Immer nur Charlotte. Das kleine Mädchen sah aus, als würde es jeden Moment in Tränen ausbrechen. Emily umschloss die behandschuhte Hand ihrer Schwester mit ihrer eigenen. „Komm mit“, rief sie mit heiterer Stimme. „Dort drüben gibt es kleinere Bäume!“ Durch den Trost, den ihre Schwester ihr entgegenbrachte, hellte sich Charlottes Laune sofort wieder auf. Zusammen rannten sie im Schnee davon und überließen es ihrem abgelenkten Vater, dessen Gesicht ein Stirnrunzeln zierte, ihnen hinterherzueilen. In diesem Moment kehrte Emily in die Gegenwart zurück. Der Schnee der Vergangenheit fiel nicht mehr in der Gegenwart, die Christbäume, die vor Jahrzehnten hier gestanden hatten, waren gefällt und mit diesen neuen, jungen Bäumen ersetzt worden. Sie befand sich wieder im Hier und Jetzt, doch sie brauchte einen Augenblick, um sich mit ihrer Umgebung vertraut zu machen und zu realisieren, dass Chantelle und nicht Charlotte vor ihr stand. Während Emilys Blackouts waren sie noch tiefer in das Feld hineingelaufen. Hier waren die Bäume so groß, dass sie alles überschatteten und das Tageslicht aussperrten. Emily schauderte. Nun, da sich die Wintersonne versteckte, war es auf einmal viel kälter. Vor ihr sah Chantelle zu dem größten Baum der ganzen Baumschule auf. Er maß mindestens viereinhalb Meter. „Das ist er!“, rief sie und grinste dabei von Ohr zu Ohr. Emily lächelte. Sie würde nicht wie ihr Vater die Laune des Mädchens verderben. Wenn Chantelle den größten Baum, den es hier gab, wollte, dann würde sie ihn auch bekommen. Sie trat neben sie und legte ihren Kopf in den Nacken, um die Baumspitze sehen zu können. Genau wie damals als Kind erschien ihr der Baum majestätisch. „Das ist er“, stimmte Emily zu. Chantelle klatschte vor Freude in die Hände. Obwohl Daniel Emilys Meinung nach nicht sonderlich begeistert von ihrer Wahl zu sein schien, wandte er nichts dagegen ein. Er beugte sich vor und half Chantelle, den ersten Axtschlag auszuführen. Während Emily Vater und Tochter zusammen lachen sah, breitete sich ein warmes Gefühl in ihr aus. Daniel reichte die Axt an Emily weiter, damit sie auch mitmachen konnte, und so wechselten sie sich immer nach jedem Schlag ab und fällten den Baum gemeinsam. Als er schließlich umfiel, jubelten sie alle. Schon kam Graces Vater mit dem Wagen an. „Wow, da hast du dir aber ein ordentliches Gerät ausgesucht“, scherzte er mit Chantelle, als sie versuchte, ihm dabei zu helfen, den riesigen Baum auf den Wagen zu heben. „Das ist der größte, den ich finden konnte!“, erwiderte Chantelle mit einem Grinsen. Zusammen kletterte die Familie auf den Wagen und kuschelte sich zusammen. Dann begannen die Räder sich zu drehen und fuhren langsam zum Eingang der Baumschule. „Du warst einen Moment lang komplett abwesend“, meinte Daniel während der Fahrt zu Emily. „Hattest du einen weiteren Flashback?“ Emily nickte. Die Erinnerung an Charlottes am Boden zerstörte Miene und die Schärfe in der Stimme ihres Vaters hatte sie erschüttert. Selbst in der Erinnerung war er ein Mann, den vieles beschäftigte. Sie fragte sich, ob das wohl etwas mit Antonia zu tun hatte, der Frau, mit der er eine Affäre gehabt hatte, oder mit ihrer Mutter, die zuhause in New York saß, oder vielleicht mit etwas ganz Anderem. Obwohl Emily davon überzeugt war, dass sich ihr Vater irgendwo da draußen befand, war ihr Roy immer noch ein Mysterium. „Immer mehr Erinnerungen an meinen Vater kehren zurück“, gab Emily zu, „seit ich diese Briefe gefunden habe. Ich würde zu gern wissen, weshalb er damals abgehauen ist. Ich dachte immer, dass plötzlich etwas geschehen sein musste, als ich eine Jugendliche war, doch nun denke ich, dass ihn etwas schon vorher beschäftigte. Um ehrlich zu sein, schon so lange, wie ich mich an ihn erinnern kann. Bei jedem Flashback sehe ich die Sorgen in seinen Augen.“ Daniel drückte sie fest an sich. Es fühlte sich gut an, ihm wieder nah zu sein. Vorhin in Joe’s Diner hatte er so distanziert gewirkt. „Es tut mir leid, wenn ich vorhin so still war“, sagte Daniel, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. „In der Weihnachtszeit werden auch meine Erinnerungen geweckt.“ „Wirklich?“, fragte Emily nach. „Was für Erinnerungen?“ Daniel öffnete sich ihr so selten, dann sie jede Chance nutzte, um ihm mehr zu entlocken. „Das mag dich vielleicht überraschen, aber ich bin eigentlich Jude“, erklärte er. „Mein Vater jedoch nicht. Er war Christ. Als er noch zuhause lebte, feierten wir Weihnachten und Hanukkah, doch als er fortging, verschwand Weihnachten mit ihm. Meine Mutter feierte nur Hanukkah. Als ich wieder Kontakt mit meinem Vater hatte, feierte er wiederum nur Weihnachten in seinem Haus. Das war seltsam. Eine komische Art aufzuwachsen, wie du dir sicher vorstellen kannst.“ „Das hört sich schwierig an“, stimmte Emily zu, während sie gleichzeitig versuchte, ihre Überraschung darüber, dass Daniel in Wirklichkeit Jude war, zu verstecken. Sie fragte sich, was sie sonst alles nicht über ihn wusste und wurde plötzlich von einer Angst ergriffen, wie sie ihre Kinder erziehen würden, wenn es denn überhaupt Kinder gab. Sie würde natürlich beide Feste gerne feiern, doch Daniel schien traumatische Erinnerungen an die Feiertage zu haben, weshalb das Thema womöglich nicht so einfach anzugehen sein würde. Nachdem sie wieder am Eingang der Baumschule angekommen waren, bezahlten sie bei der mutigen und fröhlichen Grace und warteten darauf, dass der Baum verpackt wurde. Emily war froh, neue und glückliche Erinnerungen mit ihrer Familie zu schaffen. Doch trotzdem musste sie an ihren Vater denken, an das, was wohl mit ihm geschehen war, und welche Geheimnisse er wohl gehabt hatte. Doch am meisten fragte sie sich, wo er jetzt war und ob sie ihn jemals würde ausfindig machen können. * Zurück in der Pension schafften Emily und Daniel den Baum an eine passende Stelle im Eingangsbereich. Schon kamen einige Gäste, die sich im Wohnzimmer aufhielten, heraus und sahen begeistert dabei zu, wie der Baum aufgestellt wurde. Emily erinnerte sich an den Stapel Kartons auf dem Dachboden, in denen die alte Dekoration ihres Vaters verstaut war, weshalb sie davoneilte, um sie zu holen. Anschließend saßen sie und Chantelle zusammen am Küchentisch, wo sie die Dekoration durchsahen. „Das ist wunderschön“, sagte Chantelle, während sie ein gläsernes Rentier hochhielt. Bei dem Anblick lächelte Emily in sich hinein, denn sie musste daran denken, wie sie und Charlotte ihr Taschengeld zusammengelegt hatten, um es zu kaufen. Jedes Jahr sparten sie ihr Geld, um sich noch weitere davon zu kaufen, bis in ihrer Kollektion jedes von Santas Rentieren vertreten war. Dann hatte Charlotte jedes von ihnen markiert, damit man sie auseinanderhalten konnte. Emily nahm das gläserne Rentier aus Chantelles Hand und sah auf dem Huf nach. Dort befand sich ein kleines eingeritztes Zeichen in Form eines Ds für Donner, doch es konnte genauso gut auch ein B für Blitz sein. Sie lächelt in sich hinein. „In den Kisten ist ein ganzes Set davon“, meinte Emily, als ihr Blick auf eine verknotete Lichterkette fiel. „Irgendwo da drinnen.“ Sie wühlten so lange herum, bis sie jedes einzelne von Santas Rentieren gefunden hatten, inklusive Rudolph, dessen Nase Charlotte mit rotem Nagellack angemalt hatte. Emily verspürte einen Stich, als ihr wieder einfiel, dass sie nie dazu gekommen waren, Santa und Schlittendekorationen zu kaufen, welche als einzige noch fehlten und am teuersten waren, da Charlotte gestorben war, bevor sie genug Geld gespart hatten. „Schau dir das mal an!“, rief Chantelle, womit sie Emily aus ihren Gedanken riss. Sie hielt ihr einen abgenutzten Eisbären vor die Nase. „Percy!“, rief Emily und nahm ihn in die Hand. „Percy, der Eisbär!“ Sie lachte, unsagbar froh, dass sie solch eine obskure Erinnerung aus ihrem Gedächtnis fischen konnte. Sie hatte so viele davon verloren und doch gewann sie sie allmählich wieder zurück. Das gab ihr Hoffnung, die Rätsel ihrer Vergangenheit eines Tages entschlüsseln zu können. Sie und Chantelle sahen die Dekorationen durch, wählten die Stücke aus, die sie verwenden wollten und packten die anderen wieder vorsichtig ein. Als sie damit fertig waren und sie sie an den Baum hängen wollten, war es draußen schon dunkel. Daniel entzündete ein Feuer im Kamin, dessen orangenes Licht bis in den Eingangsbereich schien, als die Familie damit begann, den Baum zu schmücken. Chantelle hängte jede ihrer ausgewählten Dekorationen an den Baum und zwar mit genau der Präzision und Vorsicht, die Emily an dem Mädchen schon häufiger bemerkt hatte. Es schien, als würde das Mädchen jeden Moment genießen und die schrecklichen Erinnerungen ihrer frühen Kindheit mit neuen ersetzen. Schließlich war es an der Zeit, den Engel auf die Baumspitze zu setzen. Chantelle hatte lange darüber nachgedacht, welche Dekoration den besonderen Platz einnehmen würde, und hatte sich letztendlich für einen handgestrickten Engel ausgewählt, der mit einem Rotkehlchen, einem Stern und einem dicken, kuscheligen Schneemann um den Platz konkurriert hatte. „Bist du bereit?“, fragte Daniel Chantelle, als er zur Stufenleiter trat. „Ich werde dich hochnehmen müssen, damit du an die Spitze kommst.“ „Ich darf den Engel an die Spitze setzen?“, fragte Chantelle mit großen Augen. Emily lachte. „Natürlich! Das ist immer die Aufgabe des Jüngsten!“ Sie beobachtete, wie Chantelle auf Daniels Rücken kletterte, wobei sie den Engel mit ihren Händen fest umschlossen hielt, um ihn nicht fallen zu lassen. Dann trug Daniel sie Schritt für Schritt nach oben. Zusammen streckten sie sich und Chantelle befestigte die Dekoration an der hohen Spitze des Baumes. Sobald der Engel dort oben saß, wurde Emily plötzlich in die Vergangenheit gezogen. Der Flashback kam so schnell, dass sich ihr Atem beschleunigte. Der abrupte Wechsel von der hellen, warmen Pension zu dem kälteren, dunklen Haus dreißig Jahre zuvor löste eine Panik in ihr aus. Emily sah zu Charlotte auf, die gerade den Engel, an dem sie den ganzen Tag lang gebastelt hatten, an dem Baum befestigte. Ihr Vater hielt Charlotte, damals noch ein pausbäckiges Kleinkind, fest, wobei er von den zahlreichen Sherries, die er an diesem Abend schon getrunken hatte, leicht schwankte. Emily hatte Angst, dass ihr angetrunkener Vater Charlotte in den Kamin fallen lassen würde. Emily war fünf Jahre alt und zum ersten Mal wurde ihr das Konzept des Todes bewusst. Mit einem Keuchen kehrte Emily in die Gegenwart zurück und stellte fest, dass sie sich mit der Hand an der Wand abstützten musste, um sich auf den Beinen zu halten. Sie war am Hyperventilieren, doch schon war Daniel an ihrer Seite und legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Emily?“, fragte er besorgt. „Was ist passiert? Hattest du wieder eine Erinnerung?“ Sie nickte, unfähig, Worte zu formen. Die Erinnerung war so lebendig und erschreckend gewesen, obwohl sie genau wusste, dass Charlotte an jenem Winterabend nichts zugestoßen war. Emily freute sich über die meisten wiedererlangten Erinnerungen, doch diese hier hatte sich wie ein dunkles und unheilvolles Omen für kommende Ereignisse angefühlt. Daniel rieb weiterhin über Emily Rücken, während diese versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Chantelle sah besorgt zu ihr auf und es war schließlich das Gesicht des Kindes, das Emily aus dem eisernen Griff ihrer Erinnerungen riss. „Es tut mir leid. Es geht mir gut“, sagte sie, der es ein wenig peinlich war, den anderen einen solchen Schreck versetzt zu haben. Sie sah zu dem Engel mit dem paillettenbesetzen Kleid auf. Charlotte und sie hatten mehrere Stunden damit verbracht, die einzelnen Pailletten an dem Stoff zu befestigen. Jetzt glitzerten sie in dem sanften Licht, das aus dem Kamin im Wohnzimmer hinausschien, in Regenbogenfarben. Emily hatte das Gefühl, als würden sie ihr zuzwinkern. Nicht zum ersten Mal spürte sie Charlottes Nähe, mit der sie ihr Liebe, Frieden und Vergebung entgegenbrachte. Emily versuchte, sich an diesem Gefühl festzuhalten und darin Trost zu finden. „Wir sollten zum Marktplatz gehen“, meinte Emily schließlich. „Wir wollen doch schließlich nicht verpassen, wie die Lichter am Baum entzündet werden.“ „Bist du dir sicher, dass es dir gut geht?“, fragte Daniel, der immer noch einen besorgten Eindruck machte. Emily lächelte. „Mir geht es gut. Das verspreche ich.“ Doch ihre Worte schienen Daniel nicht ganz zu überzeugen. Sie bemerkte, dass er sie immer noch aus den Augenwinkeln beobachtete, während sie sich warm anzogen. Trotzdem stellte er ihre Entscheidung nicht weiter in Frage, weshalb die Familie hinaus zum Pickup-Truck ging und in die Stadt fuhr. KAPITEL VIER Trotz der bitteren Kälte hatte sich ganz Sunset Harbor auf dem Marktplatz versammelt, um die Beleuchtung des Baumes zu sehen. Sogar Colin Magnum, der das Kutscherhaus für den restlichen Monat gebucht hatte, war hier und genoss die Feierlichkeiten. Karen aus dem kleinen Supermarkt verteilte frisch gebackene Zimtrollen, während Cynthia Jones mit Thermoflaschen voller heißer Schokolade herumlief. Emily nahm die Getränke und das Essen dankend entgegen, deren Wärme sich in ihrem Bauch ausbreitete, während sie dabei zusah, wie Chantelle glücklich mit ihren Freunden spielte. In der Menge konnte Emily Trevor Mann ausmachen. Bei seinem Anblick wurde sie von einer nagenden Angst befallen. Von dem Moment an, da Trevor beschlossen hatte, Emily um alles auf der Welt aus der Pension zu vertreiben, waren sie Feinde gewesen. Das hatte sich erst im Laufe des vergangenen Monats geändert, als er herausfand, dass er einen nicht-operablen Hirntumor besaß. Nun war Trevor nicht mehr Emilys Feind, sondern ihr engster Verbündeter. Er hatte ihre gesamten Steuerrückstände beglichen – im Wert von mehreren hunderttausend Dollar – und lud sie nun regelmäßig auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen zu sich nach Hause ein. Es schmerzte Emily, ihn leiden zu sehen. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, erschien er schwächer und mehr von seiner Krankheit mitgenommen zu sein. Als er nun sah, dass Emily sich ihm näherte, begann sein Gesicht zu strahlen. „Wie geht es Ihnen?“, fragte Emily, während sie ihn umarmte. Er fühlte sich dünner an und bei der Umarmung konnte sie seine Knochen spitz an ihrem Körper spüren. „Den Umständen entsprechend“, erwiderte Trevor und senkte den Blick. Es schockierte Emily, ihn so schwach und geschlagen zu sehen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragte sie vorsichtig und mit leiser Stimme, um den Stolz des Mannes nicht zu verletzen. Trevor schüttelte wie erwartet den Kopf. Es lag nicht in seiner Natur, Hilfe anzunehmen. Aber es lag auch nicht in ihrer Natur, ein Nein als Antwort zu akzeptieren. „Chantelle hat Schneeflockenketten zur Dekoration gebastelt“, sagte sie. „In Wirklichkeit sind es einfach nur Glitzerschnipsel, aber sie ist sehr stolz darauf und möchte allen Nachbarn welche schenken. Wäre es in Ordnung, wenn ich sie Ihnen morgen vorbeibringe?“ Das war ein gerissener Trick, doch Trevor fiel darauf herein. „Nun ja, ich schätze, wir könnten bei der Gelegenheit auch einen Tee trinken und ein Stück Kuchen essen“, entgegnete er. „Ich meine, wenn Sie sowieso schon vorbeikommen.“ Emily lächelte in sich hinein. Es gab Wege, Trevors Schutzpanzer zu durchdringen, und sie hatte soeben beschlossen, Ihren Nachbarn so bald wie möglich zu besuchen. „Wie dem auch sei“, fuhr Trevor fort und ergriff ihre Hand. Emily bemerkte, dass er kalt war und dass sich seine Haut feucht und klamm anfühlte. Auf seiner Augenbraue standen Schweißperlen. „Ich habe etwas für Sie“, eröffnete er. „Was denn?“, wollte Emily wissen, als er ein Stück Papier aus seiner Tasche zog. „Pläne“, antwortete Trevor, „von Ihrem Haus. Ich habe meinen Dachboden durchgesucht und versucht, die Dinge zu ordnen für…naja, Sie wissen schon.“ Seine Stimme brach. „Ich weiß nicht, wie die Pläne dort hineingerieten, aber ich dachte mir, dass Sie sie vielleicht haben möchten. Sie müssen wissen, dass sie von Ihrem Vater und seinem Anwalt gezeichnet wurden, und ich weiß ja, dass Sie nach allen möglichen Informationen über Ihren Vater suchen.“ „Das stimmt“, stammelte Emily, während sie die Papiere entgegennahm. Sie warf einen Blick auf die verblasste Zeichnung. Es waren die Pläne des Architekten. Sie schnappte nach Luft, als sie erkannte, dass die Pläne das gesamte Grundstück umfassten, inklusive des Schwimmbads im Außengebäude, demjenigen, in dem Charlotte ertrunken war. In Emilys Hals formte sich ein Knoten. Schnell faltete sie das Papier und steckte es in ihre Tasche. „Vielen Dank, Trevor“, sagte sie. „Ich werde mir die Papiere später anschauen.“ Dann trennten sie sich und Emily trat wieder zu Daniel und Chantelle. „Was wollte Trevor?“, fragte Daniel. „Gar nichts“, erwiderte Emily mit einem Kopfschütteln. Sie war noch nicht bereit, darüber zu reden, das soeben Erlebte setzte ihr immer noch zu. Die Papiere in ihrer Tasche schienen nach ihr zu rufen. Könnten Sie ein weiteres Teil des Puzzles sein, das das Verschwinden ihres Vaters erklärte? In diesem Moment begann der Countdown bis zum Entzünden. In Emilys Kopf schwirrten Erinnerungen an dieses Ereignis herum, das sie sich als Kind, im Grundschulalter und als Jugendliche angesehen hatte. Sie schien all diese vergessenen Erinnerungen zu durchleben, Jahr für Jahr. In manchen von ihnen kam eine lebende und lächelnde Charlotte vor, doch nur in den wenigsten. In den meisten gab es nur sie und ihren Vater, der immer tiefer in die Depression verfiel und jedes Mal abgelenkter zu sein schien. Dann leuchteten die weißen Lichter an dem Baum auf und alle begannen zu jubeln. Mit klopfendem Herzen kehrte Emily in die Gegenwart zurück. „Geht es dir gut?“, wollte Daniel besorgt wissen. „Du bekommst ständig Blackouts.“ Emily nickte, um ihn zu beruhigen, doch in Wahrheit zitterte sie. Ihre Gedanken kamen einfach nicht zur Ruhe. All diese Erinnerungen tauchten plötzlich wieder auf und sie musste sich unwillkürlich fragen, ob das Wissen, dass ihr Vater noch lebte, wohl der Grund dafür war. Er schien ihr so, als ob ihr Gehirn beschlossen hätte, dass sie nun in die Vergangenheit greifen und sich an ihren Vater erinnern durfte, weil sie jetzt nicht mehr in der Trauer versinken würde. Wenn Emily genug Geduld aufbrachte, dann würde sie sich vielleicht an etwas erinnern, das ihr bei der Suche nach ihm helfen würde und das ihr sagen könnte, wo genau er sich versteckte. * Erschöpft von dem schönen Abend brachten Emily und Daniel Chantelle ins Bett, sobald sie zuhause ankamen. Chantelle hatte darum gebeten, dass ihr jemand eine Geschichte vorlas, und Emily war ihrer Bitte nachgekommen. Doch am Ende der Geschichte schien Chantelle nachdenklich zu sein. „Was ist denn los?“, fragte Emily. „Ich dachte gerade an Mom“, erwiderte Chantelle. „Oh.“ In Emilys Magen bildete sich bei dem Gedanken an Sheila in Tennessee ein Knoten. „An was denn genau, Liebes?“ Chantelle sah Emily mit ihren großen, blauen Augen an. „Wirst du mich vor ihr beschützen?“ Emilys Herz zog sich zusammen. „Natürlich.“ „Versprich es mir“, verlangte Chantelle mit verzweifeltem, flehendem Ton. „Versprich mir, dass sie nie wieder zurückkommt.“ Emily zog das Mädchen dicht an sich. Das konnte sie nicht versprechen, denn sie wusste nicht, wie der Rechtsstreit um das Sorgerecht ausgehen würde. „Ich werde alles tun, was ich kann“, meinte Emily in der Hoffnung, dass ihre Worte ausreichen würden, um das verängstigte Kind zu beruhigen. Chantelle lehnte sich zurück und legte ihren Kopf auf das Kissen. Dabei breitete sich ihr blondes Haar aus und sie machte einen entspannten Eindruck. Schon ein paar Minuten später war sie eingeschlafen. Chantelles Bitte bezüglich ihrer Mutter hatte Emily wachgerüttelt. Sie und Patricia hatten sich vor nicht allzu langer Zeit unterhalten, als Emily vergebens versucht hatte, ihre Mutter dazu zu bewegen, Thanksgiving bei ihnen in der Pension zu verbringen. Ihre Mutter hatte sich geweigert zu kommen und das Haus in Sunset Harbor zu besuchen. Sie sah es als Roys Eigentum an, einem Ort, von dem sie verbannt worden war. Doch Emily fand trotzdem, dass Patricia ein Teil ihres Lebens war. Das bedeutete, dass Emily nun in den sauren Apfel beißen und ihr von der bevorstehenden Hochzeit erzählen musste. Emily stand von Chantelles Bett auf, schlang einen Schal um sich herum und trat dann hinaus auf die Veranda. Dort setzte sie sich auf den Schaukelstuhl, winkelte die Beine unter ihrem Körper an und warf einen letzten Blick zu dem Mond und den Sternen dort oben am Himmel. Etwas in ihrem glänzenden Licht gab ihr den Mut, ihre Kontakte durchzusuchen und die Nummer ihrer Mutter zu wählen. Wie immer antwortete Patricia mit einem barschen „Ja?“ „Mom“, sagte Emily. Dann holte sie tief Luft, um nicht den Mut zu verlieren. „Ich muss dir etwas sagen.“ Es hatte keinen Sinn, höfliche Konversation vorzutäuschen. Keine von beiden wollte das, weshalb Emily auch gleich zum Punkt kommen konnte. „Oh?“, erwiderte Patricia nur tonlos. Emily hatte ihrer Mutter im Laufe des vergangenen Jahres einige unwillkommene Überraschungen geliefert. Zuerst hatte sie ihr Zuhause in New York Hals über Kopf verlassen und sich nach sieben Jahren von Ben getrennt, dann war nach Sunset Harbor davongelaufen, hatte eine Pension eröffnet und sich so sehr in Daniel verliebt, dass sie zugestimmt hatte, ihm dabei zu helfen, sein Kind großzuziehen. Es überraschte Emily nicht, dass ihre Mutter jede einzelne ihrer Entscheidungen missbilligt hatte. Deshalb standen die Chancen schlecht, dass sie die Verlobung ihrer Tochter akzeptieren würde. „Daniel hat um meine Hand angehalten“, brachte Emily schließlich hervor. „Und ich habe ja gesagt.“ Genau wie von Emily vorhergesehen herrschte Schweigen. Ihre Mutter nutzte das Schweigen wie eine Waffe, mit der sie Emily stets genug Zeit ließ, um sich darum zu sorgen, was ihre Mutter wohl gerade dachte. „Wie lange genau bist du schon mit diesem Mann zusammen?“, fragte Patricia schließlich. „Fast ein Jahr“, erwiderte Emily. „Ein Jahr. Von weiteren fünfzig oder so, die ihr zusammen verbringen wollt.“ Emily seufzte tief auf. „Ich dachte, du würdest dich freuen, dass ich mich endlich mit jemandem niederlasse. Immerhin reibst du mir doch ständig unter die Nase, dass du in meinem Alter schon längst verheiratet warst.“ Emily krümmte sich innerlich beim Klang ihrer eigenen Stimme. Warum schaffte es ihre Mutter auch immer, das streitsüchtige Kind in ihr zu wecken? Warum wollte Emily unbedingt die Zustimmung ihrer Mutter, wenn diese sich so wenig um ihre Tochter kümmerte? „Ich nehme an, er braucht eine Mutter für sein Kind“, sagte Patricia. Mit zusammengebissenen Zähnen antwortete Emily: „Ihr Name ist Chantelle. Und deshalb hat er mir keinen Antrag gemacht. Das tat er, weil er mich liebt. Und ich sagte ja, weil ich ihn liebe. Wir wollen für immer zusammenbleiben, du solltet dich also daran gewöhnen.“ „Das werden wir ja sehen“, erwiderte Patricia monoton. „Ich wünschte, du könntest dich für mich freuen“, meinte Emily mit brüchiger Stimme. „Immerhin wirst du die Mutter der Braut sein. Die Leute werden erwarten, dich stolz und umgänglich zu sehen.“ „Wer sagt denn, dass ich überhaupt komme?“, raunzte Patricia zurück. Diese Worte waren für Emily wie ein Schlag ins Gesicht. „Was meinst du? Natürlich kommst du, Mom. Es ist schließlich meine Hochzeit!“ „Das ist ganz und gar nicht natürlich“, erwiderte Patricia. „Ich werde auf meine Einladung zur Hochzeit antworten, wenn ich sie erhalte.“ „Mom…“, stammelte Emily. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. Würde ihre Mutter wirklich nicht kommen, nur, um ihr eines auszuwischen? Was würden die Leute denken? Vielleicht, dass Emily ein Waisenkind war, wenn weder ihr Vater noch ihre Mutter auftauchten. Und auch keine Schwester. Auf gewisse Art war sie eine Waise. Sie kämpfte gegen die ganze Welt an. „Na gut“, schoss Emily hitzig zurück. „Tu doch, was du willst. Das hast du immer schon getan.“ Dann legte sie ohne sich zu verabschieden auf. Emily wollte nicht weinen. Sie weigerte sich dagegen. Nicht für ihre Mutter, das war es einfach nicht Wert. Doch für ihren Vater, das war eine ganz andere Sache. Sie vermisste ihn unheimlich und nun, da sie davon überzeugt war, dass er immer noch lebte, wollte sie ihn unbedingt sehen. Aber es gab keine Möglichkeit, ihn zu erreichen. Die Frau, mit der er Emilys Mutter betrogen hatte, war vor mehreren Jahren gestorben, und außerdem war auch sie von Roys Verschwinden genauso überrascht gewesen wie der Rest der Welt. Alles, was Emily wusste, war, dass es sie zwar schmerzen würde, wenn ihre Mutter nicht zur Hochzeit kam, doch es würde sie absolut zerstören, ihren Vater nicht dabei zu haben. In diesem Moment beschloss Emily, ihre Bemühungen, ihn zu finden, zu verdoppeln. Irgendjemand, irgendwo musste irgendetwas wissen. Emily ging wieder hinein. Sie war von dem langen Tag erschöpft, weshalb sie die Stufen zum Schlafzimmer hinaufstieg. Doch als sie dort ankam, konnte sie Daniel nicht finden. Die Panik, die unmittelbar in ihr aufgestiegen war, legte sich wieder, als Daniel mit seinem Handy in der Hand den Raum betrat. „Wo warst du?“, fragte Emily. „Ich habe gerade meine Mom angerufen“, erwiderte Daniel. „Um ihr von der Hochzeit zu erzählen.“ Fast hätte Emily vor Überraschung laut aufgelacht. Es war mehr als nur Zufall, dass sie beide gleichzeitig auf den Gedanken gekommen waren, ihre Mütter anzurufen. Es war eindeutig ein Zeichen für ihre Verbindung. „Wie ist es gelaufen?“, wollte Emily wissen, doch schon an Daniels Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, dass die Antwort nicht gerade positiv ausfallen würde. „Was denkst du denn?“, entgegnete Daniel mit hochgezogener Augenbraue. „Sie hat wieder die Chantelle-Karte gezogen und meinte, dass sie nur zur Hochzeit kommen würde, wenn sie regelmäßig Zeit mit Chantelle verbringen dürfte. Ich wünschte, sie könnte sehen, welch zerstörerische Kraft sie hat, damit sie versteht, warum ich nicht will, dass sie meinem Kind zu nahekommt. Zumindest nicht, solange sie noch so viel trinkt. Nach dem, was Chantelle mit ihrer Mutter durchgemacht hat, braucht sie die Gesellschaft von nüchternen Erwachsenen.“ Er ließ sich auf die Bettkante sinken. „Sie versteht meine Sichtweise einfach nicht. ‚Jeder trinkt‘, das sagt sie immer. ‚Ich bin auch nicht schlimmer als andere‘. Vielleicht ist sie das wirklich nicht, aber sie ist auch nicht das, was Chantelle braucht. Wenn ihr ihre Enkelin tatsächlich so sehr am Herzen liegen würde wie sie behauptet, dann würde sie ihretwegen diese Gewohnheit aufgeben.“ Emily kletterte hinter ihm auf das Bett und massierte die Spannung aus seinen Schultern. Daniel entspannte sich unter ihrer Berührung. Dann drückte sie ihm einen Kuss in den Nacken. „Ich habe auch gerade meine Mutter angerufen“, sagte sie. Daniel wandte sich ihr überrascht zu. „Wirklich? Wie ist es gelaufen?“ „Schrecklich“, erwiderte Emily und plötzlich konnte sie ihr Lachen nicht länger zurückhalten. Die ganze Sache hatte etwas Komisches an sich. Mit ihrem Lachen steckte sie auch Daniel an. Schon bald kicherten die beiden hysterisch, teilten ihr Mitleid mit dem jeweils anderen und wuchsen näher zusammen. „Ich habe nachgedacht“, sagte Daniel schließlich, als sein Lachen abgeklungen war. „Erinnerst du dich noch daran, als Gus hier war?“ „Ja, natürlich“, erwiderte Emily. Der ältere Herr war ihr erster richtiger Gast in der Pension gewesen. Dank ihm war sie der Insolvenz entkommen. Außerdem war er einer der liebenswürdigsten Menschen, die sie je getroffen hatte. „Wie könnte ich Gus vergessen? Aber was ist mit ihm?“ Daniel spielte gedankenlos mit dem Ärmel ihres Oberteils. „Erinnerst du dich daran, dass er zu einer Feier in Aubrey ging? In die Stadthalle?“ Emily nickte mit gerunzelter Stirn und fragte sich, warum Daniel davon sprach. „Warst du jemals dort gewesen?“, fragte dieser. Emilys Neugier wuchs immer weiter an. „In Aubrey? Oder in der Stadthalle?“ Dann lachte sie. „Um ehrlich zu sein, war ich weder hier noch dort.“ Daniel zögerte und brachte plötzlich kein Wort mehr über die Lippen. Emily wartete geduldig. „In der Stadthalle kann man heiraten“, sagte er schließlich, um auf den Punkt zu kommen. „Ich habe mich gefragt, ob wir, du weißt schon, einen Termin ausmachen sollen, oder wie man das auch immer nennt? Mit dem Hochzeitsplaner? Natürlich nur, wenn du lieber in Maine als in New York heiraten willst.“ Es wäre eine Untertreibung, zu behaupten, dass sie schockiert wäre. Emily war unglaublich erleichtert, dass Daniel etwas vorschlug, das mit der Planung ihrer Hochzeit zu tun hatte. „Ja, ich möchte gerne ich Maine heiraten“, stammelte Emily. „Ich fühle mich hier mehr zuhause als ich es je in New York tat. Und ich habe hier auch mehr Freunde. Ich will nicht, dass sie alle nur der Tradition wegen so weit reisen müssen.“ „Cool“, erwiderte Daniel, während er den Blick verlegen abwandte. „Wann wolltest du denn dort hingehen?“, fragte Emily. „Wie wäre es mit nächstem Wochenende?“, schlug Daniel vor, der seine Verlegenheit immer noch nicht ganz abgelegt hatte. „Wir könnten Chantelle mitnehmen. Das würde ihr bestimmt gefallen.“ Nächstes Wochenende? Emily wollte einen Freudensprung machen. So bald schon? Sie spürte, wie ihre Aufregung wuchs. Was war bloß mit ihrem widerwilligen Verlobten geschehen? Was hatte diesen plötzlichen Sinneswandel bewirkt? Vielleicht war Jaynes Warnung ja doch völlig unbegründet. Daniel wollte diese Hochzeit genauso sehr wie sie. Es war dumm von ihr gewesen, an ihm zu zweifeln. Doch schon gleich meldeten sich wieder leise Stimmen in ihrem Kopf. Sie fragte sich, ob die schrecklichen Telefonate mit ihren Müttern wohl etwas mit Daniels plötzlichem Interesse zu tun hatten. War er von Patricias Skepsis angetrieben worden und wollte nun seine ehrenhaften Absichten unter Beweis stellen? Oder sogar schlimmer noch: Hatte er das Ganze nur vorgeschlagen, um Emily aufzuheitern und sie für den Moment zu beruhigen? Nachdem sie beschlossen hatten, für nächsten Samstag einen Termin auszumachen, legten sie sich ins Bett. Daniel schlief schnell ein. Doch Emily, in deren Kopf nagende Zweifel herumschwirrten, lag in dieser Nacht noch lange wach. KAPITEL FÜNF Am frühen Samstagmorgen betrat Serena mit Zeitschriften beladen die Pension zu ihrer Frühschicht. „Das sieht wunderbar aus“, meinte sie mit einem Blick auf den riesigen Christbaum. „Was ist das alles?“, fragte Emily, während sie von ihrem Platz hinter dem Empfangstresen hervortrat. Serena kam näher und ließ die Zeitschriften vor Emily auf den Tresen fallen. Es waren Hochzeitsmagazine. „Oh“, meinte Emily leicht überrascht. Die ganze Woche lang war sie sehr beschäftigt gewesen und hatte sich noch keine einzige Zeitschrift angesehen. „Ich dachte mir, dass ihr vielleicht ein bisschen Inspiration gebrauchen könnt“, erklärte Serena. Emily blätterte eines der Magazine durch, doch nahm die Bilder kaum in sich auf. „Chantelle hat uns eine ganze Liste mit Dingen geschrieben, die wir klären müssen. Ganz oben steht der Veranstaltungsort.“ Serena lachte. „Ja, das hat sie mir gezeigt. Ich finde es schön, dass sie bei der Sache so involviert ist. Habt ihr schon einen Ort ausgewählt?“ Emily lächelte. „Wir haben dort in einer Stunde einen Termin.“ „Wirklich?“, entgegnete Serena, deren Augen vor lauter Aufregung strahlten. Zum ersten Mal seit dem Antrag verspürte Emily eine prickelnde Aufregung, wenn sie an das Planen und den eigentlichen Hochzeitstag dachte. „Er ist in Aubrey“, fuhr Emily fort. „Daniel hat vorgeschlagen, dass wir die Hochzeit in der Stadthalle abhalten könnten, von der Gus und seine Freunde so schwärmten.“ In diesem Moment hörte sie Daniels Fußschritte auf der Treppe und warf einen Blick über ihre Schulter. Er hatte sein bestes kariertes Hemd angezogen und sogar seine Haare zurückgekämmt. Emily lächelte in sich hinein, zufrieden, dass er sich zumindest ein wenig Mühe machte. Serena ließ ihre Augenbrauen wackeln und gab mit einem Grinsen ihre Zustimmung. „Chantelle sucht sich gerade noch die Schuhe aus, die sie tragen will“, sagte Daniel, als er die unterste Stufe erreichte. Emily bemerkte, dass sein Blick auf die glänzende Zeitschrift in ihren Händen fiel. Diese war geöffnet und zeigte gerade eine Reihe an wunderschönen Hochzeitskleidern. Emily war sich nicht sicher, doch sie meinte, einen Hauch Überraschung in Daniels Augen gesehen zu haben, und fragte sich, was das wohl zu bedeuten hatte. Wollte er keine weiße Hochzeit, bei der sie ein typisches Kleid sowie einen Schleier und er einen schwarzen Anzug tragen würde? War er davon ausgegangen, dass sie in ihren normalen Jeans und Hemden heiraten würden? Verärgert schlug sie die Zeitschrift zu. Einen Moment später erschien Chantelle am oberen Treppenabsatz. Sie hatte eines ihrer elegantesten Kleider zusammen mit einer weißen Strumpfhose sowie putzigen, glänzenden Schuhen angezogen. Sie sah aus wie eine Porzellanpuppe. Es erfüllte Emily mit Freude, zu sehen, wie viel Chantelle das alles bedeutete. Zumindest war einer von ihnen in Hochzeitsstimmung. Emily schnappte sich ihre Handtasche und Jacke und führte ihre Familie zur Tür hinaus zum Pickup, nachdem sie die Pension Serenas fähigen Händen überlassen hatte. „Freust du dich darauf, den Veranstaltungsort zu sehen?“, fragte Emily Chantelle, während sie das Mädchen durch den Rückspiegel beobachtete und Daniel auf die Hauptstraße bog. „Ja!“, rief diese. „Und darauf, das Essen zu probieren!“ Emily hatte die Menüprobe völlig vergessen. Sie fragte sich, ob sie überhaupt etwas runterbekommen würde, denn sie war vor ihrem ersten Treffen mit einem echten Hochzeitsplaner so nervös, dass ihr leicht schlecht wurde. Nach der zwanzigminütigen Fahrt nach Aubrey kamen sie an dem besagten Ort an. Chantelle schien von ihnen allen am aufgeregtesten zu sein. Während sie die Steinstufen hinaufsprang, verkündete sie lautstark ihr Verzücken an den hängenden Körben und den Buntglasfenstern. Emily fand, dass der Ort von außen wunderschön aussah, er verströmte einen alten und klassischen Charme. Umgeben wurde er von Apfelbäumen, die sich auf den Hochzeitsfotos wunderbar machen würden. An der Tür wurden sie von einer elegant gekleideten jungen Frau namens Laura empfangen, die sie nach drinnen führte. Emily schnappte nach Luft, als sie die Pracht im Inneren sah. Jetzt konnte sie sich alles ganz klar vorstellen: die Zeremonie, die Gäste, das Tanzen. Zum ersten Mal hatte sie ein Bild von ihrer Hochzeit mit Daniel vor Augen, von ihrem wunderschönen Kleid und wie es wohl wäre, den Gang hinunter zu laufen, während ihre geliebten Menschen zusahen. Ihr stockte der Atem. „Möchten Sie sich setzen?“, fragte Laura, wobei sie auf das Buffet deutete, das schon aufgebaut war. Bis auf Chantelle setzten sich alle. Diese ging jedoch im Saal auf und ab und begutachtete seine Größe und Einrichtung – angefangen von den Teppichen bis zu den Kunstwerken. „Beachten Sie sie gar nicht“, sagte Emily mit einem Grinsen zu Laura. „Sie ist unsere Gutachterin.“ Emily und Daniel kosteten die erste Zusammenstellung an Vorspeisen, die in kleinen Häppchen serviert wurde. Unwillkürlich fühlte sich Emily in dieser Situation etwas unwohl. Sie wusste nicht, ob es an Daniels Nervosität oder an ihrer eigenen lag, doch es fühlte sich seltsam an, neben ihm in solch einem formellen Umfeld zu sitzen und immer wieder unterschiedliche Gerichte zu kosten. Es fühlte sich so an, als würden sie hier nicht hergehören, als wären sie am falschen Ort. Während sie sich durch die verschiedenen Essensproben kosteten, konnte sie kaum seinen Blick erwidern. Glücklicherweise löste Chantelle mit ihrem Verhalten einen Teil der Spannung. Sie war in Höchstform, lief in dem Raum hin und her, als ob es ihr Zuhause wäre, und gab lautstark bekannt, welche Speisen sie mochte und welche nicht. „Ich denke, ihr solltet das hier als Vorspeise servieren“, sagte sie entschlossen, während sie auf Tomate-Mozzarella-Happen deutete. „Zum Hauptgang dann Fisch und als Nachspeise…“ Sie tippte sich auf das Kinn. An dieser Stelle musste sie wohl noch ein wenig nachdenken. „Käsekuchen.“ Alle lachten. „Aber du hast die drei teuersten Gerichte auf der Karte ausgewählt!“, wandte Emily kichernd ein. Dies schien Laura als Aufforderung aufzufassen, sich jetzt dem finanziellen Bereich zuzuwenden. „Wie hoch ist denn Ihr Budget für das Essen?“, fragte sie. „Wir haben noch nicht einmal das Budget für das die ganze Hochzeit festgelegt“, scherzte Daniel, doch Emily fand die ganze Sache nicht witzig. Das ging ihr alles ein bisschen zu nah. Warum hatten sie das eigentlich noch nicht getan? Warum hatten sie noch gar nichts festgelegt? Wenn sie darüber nachdachte, dann stellte sie fest, dass sie sich nach dem Ausmachen des Termins nicht mehr zusammengesetzt und über die Hochzeit gesprochen hatten. „Nun ja, das ist in Ordnung für den Moment“, erwiderte Laura, die ihnen ein professionelles, leeres Lächeln schenkte. „Es braucht Zeit, all diese Dinge durchzusprechen. Ich schätze, Sie wissen dann auch nicht, wie viele Gäste ungefähr kommen werden? Hier können wir bis zu zweihundert Menschen unterbringen.“ „Oh, äh…“ Emily kratzte sich im Nacken. Wenn sie nicht einmal wussten, ob ihre eigenen Mütter kamen, woher sollten sie dann bitte wissen, wie es um die anderen Gäste stand! „Wir sind gerade dabei, die Liste fertig zu stellen.“ „Kein Problem“, antwortete Laura, deren Blick zu ihrem Ringbuch huschte, auf dem glänzende Fotos von Speisen, Blumen und Dekorationen sowie eine Preisliste und Anpassungsvorschläge standen. Auf ihrem Gesicht lag immer noch das roboterhafte, professionelle Lächeln, doch Emily konnte in ihren Augen eine wachsende Verzweiflung lesen. Sie musste sich wohl fragen, wie sie ihnen beim Organisieren helfen konnte, wenn noch nicht einmal die grundlegenden Dinge feststanden. „Wir schlagen üblicherweise vor, den Haupttisch dort drüben zu platzieren“, erklärte Laura mit einer Geste in den hinteren Teil des Raumes in der Nähe der Bühne. „Dort sitzt normalerweise die zentrale Hochzeitsgesellschaft, das heißt, die Brautjungfern, Trauzeugen und die Familie. Sie haben die Wahl zwischen einem kleinen Tisch für sechs oder einem großen Tisch für bis zu sechzehn Leute. Können Sie mir eine grobe Anzahl an Gästen nennen?“ Emily spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Das was ein Desaster. Und Daniel schien sogar noch nervöser zu sein als sie. Um ehrlich zu sein sah man ihm direkt an, wie unwohl er sich fühlte. „Das ist etwas kompliziert“, erklärte Emily. „Mit unseren Familien. Vielleicht sollten wir zu einem anderen Thema wechseln und später darauf zurückkommen.“ Sie konnte die Spannung kaum noch aushalten. Laura machte ebenfalls einen nervösen Eindruck, denn so langsam wurde ihr klar, dass dies kein normales Beratungsgespräch war. „Ja, natürlich.“ Schnell blätterte sie mehrere Seiten in ihrem Heft weiter. „Also, hier drüben sind die großen Doppeltüren. Bei gutem Wetter können sie geöffnet werden. Bevorzugen Sie ehr eine Hochzeit im Frühjahr oder Sommer oder ist Ihnen Herbst beziehungsweise Winter lieber? Für nächsten Frühling und Sommer sind wir schon komplett ausgebucht, Sie müssten also warten, aber wir haben noch Termine im Herbst und Winter frei.“ Emily achtete auf Daniels Reaktion darauf, dass ihre Hochzeit sogar schon nächsten September stattfinden konnte. Sein Gesicht verlor alle Farbe, was wiederum Emily noch nervöser machte. Chantelle schien die Spannung zu bemerken, denn ihr verzücktes Grinsen wich so langsam von ihrem Gesicht. Sie sah zwischen Emily und Daniel hin und her, wobei ihre Begeisterung mit jeder verstreichenden Sekunde nachließ. „Vielleicht sollten wir erst einmal nur Ihre Karte mitnehmen“, sagte Emily zu Laura, „und einen neuen Termin ausmachen, wenn mehr Details geklärt sind.“ Dann stand sie abrupt auf. „Oh, oh, okay“, erwiderte Laura bestürzt. In ihrer Eile, aufzustehen und Emilys Hand zu schütteln, ließ sie ihr Ringbuch fallen. Emily schüttelte ihre Hand nur kurz, bevor sie aus dem Gebäude stürzte. Hinter ihr folgten Daniel und Chantelle ihrem Beispiel und gaben der Planerin nur kurz ihre Hand. Als Emily durch die Türen nach draußen stürmte und die Stufen hinabsprang, hörte sie, wie Daniel Laura erklärte, dass er mit ihr in Kontakt bleiben würde. Draußen in der Kälte musste Emily ihre Tränen zurückhalten. Sie war erschüttert. Und zwar nicht nur von ihren fehlenden Plänen oder von Daniels Schweigen in den vergangenen Tagen, sondern auch von seiner Mikro-Mimik und dem, was sie daraus geschlossen hatte. Wollte Daniel sie wirklich heiraten oder war sein Antrag nichts weiter als ein impulsiver Moment, in den er sich hatte verwickeln lassen? Hatte er schon kalte Füße bei dem Gedanken, einen Termin in nicht allzu ferner Zukunft auszuwählen? Was, wenn er die feige Nummer spielte, und ihre Hochzeit jahrelang hinausschob und die Verlobung so lange wie möglich verlängerte, genau, wie Jayne es ihr gesagt hatte? „Emily“, versuchte Daniel zu ihr durchzudringen, als er und Chantelle zu ihr traten. Sie spürte, wie er mit seinen Fingern über ihre Hand strich, doch sie zog sich von ihm zurück, denn sie wollte nicht, dass er sie jetzt berührte. Daniel versuchte es nicht wieder. Sie hörte ihn seufzen. Dann stiegen alle still in den Pickup-Truck. Die Stimmung auf der Heimfahrt hätte sich nicht mehr von der auf der Hinfahrt unterscheiden können. Es schien fast so, als ob die Luft mit Unbehagen durchdrungen wäre. Plötzlich wirkte Chantelles putziges Outfit wie eine Fassade, so als ob Emily und Daniel es ihr nur angezogen hätten, um Laura den Eindruck einer glücklichen, unkomplizierten Familie zu vermitteln, obwohl die Wirklichkeit ganz anders aussah. Ihre Vergangenheiten – ihre eigene, die von Daniel und sogar die von Chantelle – verkomplizierten alles. Und das schlimmste war, dass ihre Vergangenheiten ihre Wesen, Persönlichkeiten und Fähigkeiten mit Druck und Stress umzugehen und sich in andere hineinzuversetzen verkomplizierte. Zum gefühlt hundertsten Mal seit seinem Antrag fragte sich Emily, was wohl in Daniels Kopf vorging. KAPITEL SECHS Als Emily Daniel erzählt hatte, dass sie Chantelle adoptieren wollte, hatten sie ihren Freund Richard Goldsmith, ein Sorgerechtsanwalt aus der Stadt, kontaktiert. Anschließend hatten sie sich in der Pension bei Kaffee und Kuchen mit ihm ganz informell unterhalten. Doch diesmal fand das Treffen in seinem Büro in der Stadt statt. Diesmal fühlte es sich ernst und sehr real an. Emily strich sich ihren Rock nervös glatt, als sie und Daniel das vornehme Büro betraten, das mit seinem roten Backstein, an dem Efeu nach oben kletterte, so aussah, als käme es direkt aus einem Buch. Unwillkürlich stieg in Emily eine gewisse Furcht hoch. Was, wenn Richard schlechte Neuigkeiten hatte? Was, wenn sie niemals Chantelles echte, legale Mutter sein würde, obwohl es sich das kleine Mädchen genauso sehr wünschte wie Emily selbst? Die Rezeptionistin, eine junge Frau mit feurig rotem Haar, hieß sie mit einem süßen, aufmunternden Lächeln willkommen. „Mr. Goldsmith wird sofort bei Ihnen sein“, sagte sie, ohne, dass sie sich hätten vorstellen müssen. „Er ist gerade noch bei einem anderen Klienten.“ Emily rutschte nervös umher und kaute auf ihrer Lippe. Klient. Es fühlte sich seltsam an, sich selbst solch einen Namen zu geben. Doch das war sie nun einmal und das war es, was sie sein musste, um ihr Ziel zu erreichen. Das Sorgerecht für Chantelle zu erwirken bestand nicht mehr aus einer freundlichen Unterhaltung auf ihrer Veranda bei einer Tasse Kaffee. Nun würden Anwälte und Gerichte, Richter und offizielle Papiere dazugehören. Das war die Wirklichkeit und sie musste sich daran gewöhnen. Emily riss sich zusammen. Sie konnte das schaffen. Sie musste es schaffen, denn sie liebte Chantelle viel zu sehr, als dass sie sie verlieren und unter dem Druck nachgeben könnte. Doch es gab auch noch einen anderen Teil in Emily, der immer noch mit dem katastrophalen Besuch des Hochzeitsortes und dem offensichtlichen Unwohlsein von Daniel zu kämpfen hatte, als es darum ging, sich für eine Jahreszeit zu entscheiden, in der ihre Hochzeit stattfinden sollte. Wenn er seine Meinung über diese Sache hier änderte, dann musste er den Mut haben und es ihr sagen, bevor die Dinge ernst wurden, Verträge unterschrieben waren und ihr Herz komplett investiert war. Die Worte ihrer Familie und Freunde, dass Daniel sie nur benutzte, weil er wollte, dass sie Chantelle für ihn großzog, und dass Emily es ihm zu einfach machte, hallten immer noch in ihrem Kopf wider. Sie hatte ihn auf dem Grundstück leben zu lassen, ohne Miete zu verlangen. Sie hatte sein Kind ohne Fragen bei sich aufgenommen und ihm so schnell für diese langen sechs Wochen vergeben, in denen er sein Kind über sie gestellt hatte. Doch was die anderen nicht akzeptieren oder verstehen konnten, war die Tatsache, dass all diese Dinge ihre Liebe zu ihm noch verstärkt hatten: sein Einfallsreichtum und seine Beharrlichkeit in den Jahren, die er in dem Kutscherhaus gelebt hatte; die Fürsorge und Pflege, die er dem Grundstück in den Jahrzehnten entgegen gebracht hatte, in denen es leer gestanden war; dass er das Grundstück am Leben gehalten hatte, falls Roy Mitchell wiederkam; die Tatsache, dass er sich für Chantelle ohne zu fragen einsetzte…mit alldem zeigte er, dass er ein echter Mann war, jemand, der nicht vor seiner Verantwortung zurückschreckte, und der das Wohl seines Kindes über sein eigenes stellte. Plötzlich schwang die Tür zu Richards Büro auf, was Emily aus den Gedanken riss, die sie so sehr eingenommen hatten. Richard stand im Türrahmen, während eine zierliche, blonde Frau in ein Taschentuch schniefte. Sie erinnerte Emily sofort an Sheila und auf einmal brachen Schuldgefühle über sie herein. Emily konnte Richards geflüsterte Worte nicht verstehen, doch sie vernahm seinen beruhigenden Ton. Dann verabschiedete er sich von der Frau, die sich an ihnen vorbeischob und hastig zur Tür hinaus verschwand. Sobald sie davongegangen war, wandte sich Richard an Emily und Daniel. „Bitte, kommt herein.“ „Geht es ihr gut?“, fragte Emily, während sie ihm in sein Büro folgten. Sie sorgte sich um die Frau, die er gerade hinausbegleitet hatte, aber gleichzeitig hatten ihre Tränen auch Emilys Neugier geweckt. Vielleicht stand sie kurz davor, einen ähnlichen Rechtsstreit zu beginnen wie sie und Daniel, oder vielleicht gehörte sie zur Gegenseite und ihr wurde gerade das Sorgerecht entzogen. War das fair? Hatte sie etwas getan, wie beispielsweise Drogen genommen oder ihr Kind vernachlässigt, um so etwas zu verdienen? Gab es überhaupt jemanden, der so etwas verdiente? Doch dann kam ihr Chantelle wieder in den Sinn. Nein, es war nicht fair. Aber hier ging es nicht darum, ob etwas fair war, sondern darum, ob es richtig war. „Ich kann leider nicht darüber sprechen“, antwortete Richard, womit er Emilys wilden Gedankengängen ein Ende setzte. Dann ließ er sich auf seinem großen Ledersessel nieder und rückte die Hosenbeine seines eleganten, grauen Anzugs zurecht. „Ich habe all meinen Klienten gegenüber die gleiche Verschwiegenheitspflicht. Ich hoffe, du verstehst das.“ Das seltsame, unwohle Gefühl, das Emily zuvor verspürt hatte, kehrte bei dem Wort abrupt zurück. Klient. Es erinnerte sie daran, wie erst diese Angelegenheit doch war. Sie bezahlten für dieses Treffen, für Richards Wissen und seine Zeit. Auf einmal war alles so formell geworden. Emily fragte sich, ob sie wohl besser einen Anzug hätte anziehen sollen. Daniel schien sich neben ihr genauso unwohl zu fühlen. Das erkannte sie an der Art, wie er andauernd mit den Knöpfen seines Hemdes spielte. Sie beide befanden sich in Richards elegantem Büro weit außerhalb ihrer Komfortzone. Richard setzte seine Brille ab und sah von ihrer Akte auf. „Also, es gibt hier zwei Optionen, über die wir sprechen müssen. Es liegt eigentlich nur an der Wortwahl, aber genau diese führt zu entscheidenden Unterschieden der beiden Kurse, die wir einschlagen können.“ „Und die wären…?“, fragte Emily nach. „Vormundschaft oder Adoption“, erklärte Richard. „Die Vormundschaft würde im Grunde eine rechtliche Beziehung zwischen Chantelle und Emily etablieren, aber Sheilas rechtliche Beziehung zu ihrem Kind nicht beenden. Auf der anderen Seite würden Sheilas Rechte und Pflichten Chantelle gegenüber durch eine Adoption ungültig und Emily stattdessen als ihre Mutter angesehen werden. In anderen Worten wäre sie ein Ersatz für Sheila auf allen rechtlichen Ebenen. Eine Adoption dient dazu, ein dauerhaftes und stabiles Zuhause zu schaffen, deshalb müssten wir Sheila dazu bringen, ihre Rechte über Chantelle aufzugeben und zu verstehen, dass diese Entscheidung unumkehrbar ist.“ Emily nickte und ließ seine Worte auf sich wirken. Sie dachte an Chantelle, die ihr in ihrem Zimmer das Versprechen abnehmen wollte, dass Sheila nie wieder zurückkommt. „Chantelle will keine Beziehung zu ihrer Mutter“, erklärte Emily. „Aber eine Vormundschaft wäre viel einfacher zu bekommen“, widersprach Richard, während er seine Hände auf dem Schreibtisch faltete. „Wenn Sheila nicht dazu bereit ist, ihre Rechte Chantelle gegenüber aufzugeben, was euren Erzählungen nach wahrscheinlich ist, dann müssen wir beweisen, dass es Chantelle bei euch nicht nur bessergeht, sondern, dass Sheila nicht in der Lage ist, sich um sie zu kümmern, und dass jeder Kontakt mit der Mutter dem Kind schaden würde.“ „Sie hat mir immer wieder gesagt, dass sie mich als ihre wirkliche Mutter möchte“, sagte Emily. „Dass sie Sheila nie wieder sehen will.“ Daniel schien die ganze Sache unwohl zu sein. „Ich denke nicht, dass es richtig wäre, Sheila komplett abzuschneiden.“ Richard hörte ihnen stumm zu. „Es geht nicht um Besuchsrechte oder ähnliches. Wenn du Chantelles rechtliche Mutter wirst, dann liegt die Entscheidung, ob sie Sheila jemals wiedersieht, bei dir. Außer, ihr wollt eine einstweilige Verfügung gegen sie erwirken. Es geht hier nur um die Rechtmäßigkeit, darum, wer die Entscheidungen über ihr Wohlergehen trifft.“ Das fühlte sich zu klinisch an. Wie konnten das Leben und das Wohl eines Kindes als bloße Rechtmäßigkeit gelten? Sie redeten gerade über ihr Herz. Sie konnte ihre Emotionen nicht trennen. Das war schlichtweg unmöglich. Emily berührte Daniels Hand sanft. „Es muss eine vollständige Adoption sein“, erklärte sie. „Ansonsten könnte Sheila sie uns irgendwann wegnehmen. Chantelle wacht bei der Vorstellung daran nachts weinend auf. Sie hat mich immer wieder gebeten, sie vor Sheila zu beschützen. Sie hat mich gefragt, ob ich ihre Mutter sein kann. Ich weiß, dass sie gerade einmal sieben Jahre alt ist, aber das Mädchen ist alt genug, um selber zu denken.“ Daniel gab mit einem einzigen, traurigen Nicken nach. Er tat Emily leid, doch gleichzeitig war sie sich sicher, dass dies die richtige Entscheidung für Chantelle sein würde. „Wir möchten eine Adoption“, bestätigte Daniel. Richard nickte. „In jedem Staat gibt es ein anderes Vorgehen“, erklärte er. „Aber hier in Maine müssen wir gegen Sheila einen Antrag auf Verzicht stellen. Das Gericht wird ihr die Unterlagen zuschicken, dann hat sie ein Recht auf Beratung. Es wird eine Art Vermittlungstreffen vor dem Familienrichter geben mit dem Ziel, zu einer friedlichen Lösung zu kommen. Schließlich wird ein Gerichtstermin anberaumt, an dem der Richter seine Entscheidung treffen wird. Natürlich wird alles viel einfacher verlaufen, wenn Sheila ihre Einwilligung gibt. Wenn sie Einspruch einreicht, dauert alles länger und es wird eine Abrisshörung, ein Anhörungsverfahren, eine gerichtliche Prüfung und schließlich eine finale Anhörung geben.“ „Wie viel wird das Kosten?“, wollte Daniel wissen. „Schon etwas“, meinte Richard. „Aber nicht so viel, wie du vielleicht denkst. Wir reden hier von etwa zweihundert Dollar pro Treffen, also insgesamt weniger als eintausend Dollar.“ Eintausend Dollar. Das würde reichen, um Chantelle zu ihrer Tochter zu machen. Eintausend Dollar plus Wochen und Monate nervlicher Belastung. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=43697879) на ЛитРес. 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