Ein Thron für Schwestern 
Morgan Rice


Ein Thron für Schwestern #1
Morgan Rice hat eine brillante neue Fantasy-Serie geschaffen, die uns in das Reich von Ehre, Mut und Magie entführen wird. Morgan ist es gelungen eine neue Generation von Charakteren zu schaffen, die uns auf jeder Seite in Atem halten wird.. Eine Empfehlung für alle Leser, die gut geschriebene Fantasy zu schätzen wissen. Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Aufstand der Drachen) Die neue und unvergessliche Fantasy Serie von Bestseller Autorin Morgan Rice. In EIN THRON FÜR ZWEI SCHWESTERN, versuchen Sophia, 17, und ihre jüngere Schwester Kate, 15, verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrem schrecklichen Waisenhaus. Als Waisen fühlen sie sich ungeliebt und nicht gewollt und träumen doch von einem besseren Leben, auch wenn das bedeutet, auf den Straßen von Ashton, einer von Gewalt gebeutelten Stadt, zu leben. Sophia und Kate sind nicht nur beste Freundinnen, sondern sind sich auch gegenseitig Stütze und Beistand – und doch haben sie ganz unterschiedliche Erwartungen an das Leben. Sophia, die romantischere und elegantere der beiden, träumt davon an den Hof zu gehen und sich in einen Adligen zu verlieben. Kate, die Kämpferin, träumt hingegen davon, die Schwertkunst zu erlernen, gegen Drachen zu kämpfen und Kriegerin zu werden. Sie beide eint jedoch das Geheimnis, übernatürliche Kräfte zu besitzen. Sie können die Gedanken anderer lesen. In einer Welt die es darauf anlegt, sie zu zerstören, wird diese Fähigkeit zu ihrer einzigen Rettung. Als sie sich alleine auf die Suche machen, kämpft jede für sich ums überleben. Sie müssen Entscheidungen treffen, die sie sich nicht hätten erträumen können. Diese Entscheidungen könnten sie in den Besitz großer Macht bringen – oder sie vollkommen zerstören. EIN THRON FÜR ZWEI SCHWESTERN ist das erste einer berauschenden neuen Fantasy Serie und gefüllt mit Liebe, Herzschmerz, Tragik, Action, Magie, Zauberei, Schicksal und nervenzerreißender Spannung. Dieser fesselnde Band ist voll von Charakteren, in die der Leser sich verlieben wird und entführt ihn in eine Welt, die er nie wieder vergessen wird. Buch 2 – EIN GERICHTSHOF FÜR DIEBE – erscheint schon bald. Eine mit Spannung geladene Fantasy die mit Sicherheit Fans früherer Morgan Rice Romane sowie des Vermächtnis-Zyklus von Christopher Paolini gefallen wird. Anhänger der Jugendliteratur werden dieses neuste Werk von Rice verschlingen und nach mehr verlangen. The Wanderer, A Literary Journal (in Bezug auf Der Aufstand der Drachen)







EIN THRON FÜR SCHWESTERN



(BUCH 1)



MORGAN RICE


Morgan Rice



Als Autorin von Fantasy-Epen wie der siebzehn-bändigen Reihe DER RING DER ZAUBEREI; der zwölf-bändigen Bestseller Serie DER WEG DER VAMPIRE; der bisher zwei-bändigen post-apokalyptischen Bestseller Serie DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS; der sechs-bändigen epischen Fantasy Serie VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN und dem neuen Fantasy-Epos Serie FÜR RUHM UND KRONE gehört Morgan Rice zu den Bestsellern in ihrem Genre. Morgans Bücher sind als Hör- und Printbücher in mehr als 25 Sprachen erhältlich.

Morgan hört gerne von Ihnen, schauen Sie also gerne einmal bei www.morganricebooks.com (http://www.morganricebooks.com) vorbei und melden Sie sich für die Mailingliste an, erhalten Sie ein kostenloses Buch, erhalten Sie kostenlose Werbegeschenke, laden Sie sich eine kostenlose App herunter, erhalten Sie die neusten exklusiven Nachrichten, verbinden Sie sich bei Facebook und Twitter und bleiben Sie in Kontakt!


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“Wenn Sie glauben, dass es keinen Grund gibt, nach dem Ende der SORCERER’s SERIEN weiterzuleben, dann liegen sie falsch. In AUFSTIEG DES DRACHEN bietet Morgan Rice etwas, was eine weitere brilliante Reihe zu werden verspricht, sie zieht uns in eine Fantasie voll von Trolls und Drachen, mit Mut, Ehre, Werten, Magie und Glauben an das Schicksal. Morgan hat es wieder einmal geschafft eine starke Reihe an Charakteren zu erstellen, die uns auf jeder Seite begeistern … Empfohlen für die dauerhafte Bücherei von allen Lesern, die gut geschriebene Fantasy lieben.”

--Bücher und Filme Bewertung

Roberto Mattos



“Eine aktionsgeladene Fantasy die sicher die Fans von Morgen Rices vorherigen Novellen erfreuen wird, zusammen mit den Fans von Büchern wie THE INHERITANCE CYCLE von Christopher Paolini … Fans von junger Erwachsener Fiktion werden dieses neueste Werk von Rice verehren und noch mehr haben wollen.”

--The Wanderer, Ein Literatur Journal (in Bezug auf Rise of the Dragons)



“Eine inspirierte Fantasie, die die Elemente von Mystery und Intrigien in seine Hauptgeschichte bringt. A Quest of Heroes geht vor allem um Mut und darüber einen Sinn im Leben zu erkennen, der zu Wachstum, Reife und Exzellenz führt … Für diejenigen die gehaltreiche Fantasie Abenteuer suchen, die Protagonisten, Mittel und Aktionen bieten ein kräftiges Set an Zusammentreffen, die sich gut auf Thors Evolution von einem verträumten Kind in einen jungen Erwachsenen konzentriert, mit unmöglichen Überlebenschancen …Nur der Anfang von dem, was verspricht eine epische, junge Erwachsenereihe zu werden.”

--Midwest Book Review (D. Donovan, E-Book Bewerter)



“THE SORCERERS RING hat alle Zutaten für einen sofortigen Erfolg: Handlung, Gegenanschläge, Mystery, tapfere Ritter und blühende Beziehungen reichlich versehen mit gebrochenen Herzen, Enttäuschung und Betrug. Das unterhält Sie für Stunden und befriedigt alle Altersstufen. Empfohlen für die Bücherei von allen Fantasy Lesern.”

--Bücher und Film Bewertungen, Robert Mattos



“In diesem aktionsgeladenen ersten Buch in der epischen Fantasie Sorcerers Ring Reihe (im Moment 14 Bücher), stellt Rice seinen Lesern die 14-jährige Thorgrin “Thor” Mc Leod vor, dessen Traum es ist, die Silver Legion, der Elite Ritter beizutreten, die dem König dienen … Rice’s Schrifstil ist solide und die Voraussetzung faszinierend.”

--Publishers Weekly


Weitere Morgan Rice Bücher



EIN THRON FÜR SCHWESTERN

EIN THRON FÜR SCHWESTERN (Buch 1)

EIN GERICHT FÜR DIEBE (Buch 2)



DER WEG DES STAHLS

EHRE WEM EHRE GEBÜHRT (Buch 1)



FÜR RUHM UND KRONE

SLAVIN, KRIEGERIN, KÖNIGIN (Buch 1)

SCHURKIN, GEFANGENE, PRINZESSIN (Buch 2)

RITTER, THRONFOLGER, PRINZ (Buch 3)

REBELL, SCHACHFIGUR, KÖNIG (Buch 4)

SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER (Buch 5)

HELD, VERRÄTER, TOCHTER (Buch 6)

HERRSCHER, RIVALE, VERBANNTE (Buch 7)

SIEGER, BESIEGTER, SOHN (Buch 8)



VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN

DER AUFSTAND DER DRACHEN (Buch 1)

DER AUFSTAND DER TAPFEREN (Buch 2)

DAS GEWICHT DER EHRE (Buch 3)

DIE SCHMIEDE DES MUTS (Buch 4)

EIN REICH DER SCHATTEN (Buch 5)

DIE NACHT DER VERWEGENEN (Buch 6)



DER RING DER ZAUBEREI

QUESTE DER HELDEN (Buch 1)

MARSCH DER KÖNIGE (Buch 2)

FESTMAHL DER DRACHEN (Buch 3)

KAMPF DER EHRE (Buch 4)

SCHWUR DES RUHMS (Buch 5)

ANGRIFF DER TAPFERKEIT (Buch 6)

RITUS DER SCHWERTER (Buch 7)

GEWÄHR DER WAFFEN (Buch 8)

HIMMEL DER ZAUBER (Buch 9)

MEER DER SCHILDE (Buch 10)

REGENTSCHAFT DES STAHLS (Buch 11)

LAND DES FEUERS (Buch 12)

DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (Buch 13)

DER EID DER BRÜDER (Buch 14)

DER TRAUM DER STERBLICHEN (Buch 15)

DAS TOURNIER DER RITTER (Buch 16)

DAS GESCHENK DER SCHLACHT (Buch 17)



DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS

ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (Buch 1)

ARENA ZWEI (Buch 2)

ARENA DREI (Buch 3)



GEFALLENE VAMPIRE

VOR DEM MORGENGRAUEN (Buch 1)



DER WEG DER VAMPIRE

GEWANDELT (Buch 1)

VERGÖTTERT (Buch 2)

VERRATEN (Buch 3)

BESTIMMT (Buch 4)

BEGEHRT (Buch 5)

VERMÄHLT (Buch 6)

GELOBT (Buch 7)

GEFUNDEN (Buch 8)

ERWECKT (Buch 9)

ERSEHNT (Buch 10)

BERUFEN (Buch 11)

BESESSEN (Buch 12)


Wussten Sie, dass ich mehrere Reihen geschrieben habe? Wenn Sie noch nicht alle meine Reihen gelesen haben, klicken Sie auf das Bild darunter, um eine Reihe herunterzuladen!






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Copyright © 2017 durch Morgan Rice. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie im US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen werden oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem ohne die vorherige Genehmigung des Autors gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Genuss lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch für eine andere Person freigeben möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Ihre Verwendung erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dieses Buch ist reine Fiktion. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Ereignisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig.


INHALT



KAPITEL EINS (#u6bfe2b94-f74d-5eb6-a957-1d6da5e8c505)

KAPITEL ZWEI (#uda799a1d-6bf2-541c-9b8f-02acbac09a1c)

KAPITEL DREI (#uca817a55-8643-579a-8928-a1fc72ed4d09)

KAPITEL VIER (#u8d026d1d-49f6-5e69-8a23-a44757030f9c)

KAPITEL FÜNF (#u4597b8a2-4bb9-59f8-923e-c960e9c6f371)

KAPITEL SECHS (#ud7cf81a0-dd5c-597a-a9ee-711c46557283)

KAPITEL SIEBEN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ACHT (#litres_trial_promo)

KAPITEL NEUN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ELF (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo)

KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL DREIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL VIERUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG (#litres_trial_promo)




KAPITEL EINS


Von all den Dingen, die sie im Haus der Herrenlosen am meisten hasste, war es das Schleifrad, was Sophia am meisten fürchtete. Sie stöhnte, während sie gegen einen Arm drückte, der mit einem riesigen Pfahl verbunden war, der im Boden verschwand, während um sie herum die anderen Waisen gegen ihre eigenen drückten. Sie keuchte und schwitzte, während sie dagegendrückte, ihr rotes Haar war matt von der Arbeit, ihr derbes graues Kleid färbte sich weiter vom Schweiß. Ihr Kleid war jetzt kürzer als sie wollte, es rutschte mit jedem Schritt hoch und zeigte ihr Tattoo auf ihrer Wade, in Form einer Maske, dass sie als das markierte, was sie war: eine Waise, ein Eigentum.

Die anderen Mädchen hatten noch schlimmere Dinge. Mit siebzehn war Sophia zumindest die Älteste und Größte von ihnen. Die einzige ältere Person in dem Zimmer war Schwester O’Venn. Die Nonne der maskierten Göttin trug das strahlenschwarze Gewand des Ordens zusammen mit einer Spitzenmaske, von der jede Waise schnell lernte, dass sie dadurch schauen konnte und noch den kleinsten Fehler entdeckte. Die Schwester hielt den Lederriemen in der Hand, den sie nutzte, um Bestrafungen zu erteilen, sie spannte ihn in ihren Händen, während sie im Hintergrund eintönig redete, die Wörter des Buchs der Maske murmelnd, Predigten über die Notwendigkeit, verlassene Seelen wie sie zu perfektionieren.

“Hier lernt ihr, nützlich zu sein”, stimmte sie an. “Hier lernt ihr wertvoll zu sein, was ihr nicht ward, für die abgestürzten Frauen, die euch geboren haben. Die maskierte Göttin sagt uns, dass wir unseren Platz in der Welt durch unsere Bemühungen formen müssen und heute drehen eure Bemühungen den Mahlstein, der das Korn malt und – pass auf, Sophia!”

Sophia zuckte zusammen, als sie den Einschlag auf ihrem Gürtel fühlte, als er ausschlug. Sie presste die Zähne zusammen. Wie oft hatten die Schwestern sie schon geschlagen? Weil sie etwas Falsches oder weil sie etwas nicht schnell genug getan hatte? Weil sie schön genug war, dass man es als Sünde an und für sich bezeichnen konnte? Weil sie das flammend rote Haar einer Unruhestifterin hatte?

Wenn sie nur ihre Begabung kennen würden. Sie schauderte bei dem Gedanken daran. Für das, würden sie sie totschlagen.

“Ignorierst du mich, du dummes Mädchen?”, fragte die Nonne. Sie schlug immer und immer wieder.

“Mit den Knien an die Wand, alle!”

Das war das Schlimmste: es machte nichts, ob du alles richtig machst. Die Schwestern würden jeden schlagen, für das Scheitern eines einzigen Mädchens.

“Ihr müsst daran erinnert werden”, spie Schwester O’Venn, als Sophia ein Mädchen laut aufschreien hörte, “wer ihr seid. Wo ihr herkommt.” Ein weiteres Mädchen wimmerte, als die Lederriemen auf Fleisch trafen. “Ihr seid die Kinder, die niemand wollte. Ihr seid Eigentum der maskierten Göttin, die euch durch ihre Gnade ein Zuhause gibt.”

Sie machte ihre Runde durch das Zimmer und Sophia wusste, dass sie die Letzte sein würde. Der Gedanke dahinter war, sie sich schuldig fühlen zu lassen für den Schmerz der anderen und ihnen Zeit zu geben, sie dafür zu hassen, dass sie ihnen das hier angetan hatte, ehe sie ihre Schläge bekam.

Die Schläge, auf die sie kniend wartete.

Wenn sie nur gehen könnte.

Der Gedanke kam Sophia, so unverhofft, dass sie überprüfen musste, ob es keine Art Nachricht von ihrer jüngeren Schwester war oder dass sie es nicht von anderen aufgeschnappt hatte. Das war das Problem mit ihrer Gabe; sie kam, wann sie wollte, nicht wenn man sie rief. Trotzdem schien es, dass der Gedanke ihrer war und mehr als das, er war wahr.

Lieber den Tod riskieren, als hier noch einen Tag länger bleiben.

Natürlich, wenn sie sich traute wegzugehen, wäre die Strafe noch schlimmer. Sie fanden immer einen Weg, es noch schlimmer zu machen. Sophia hatte Mädchen gesehen, die gestohlen hatten oder tagelang ausgehungert wurden. Wie sie tagelang hungerten, gezwungen auf den Knien zu bleiben und geschlagen wurden, wenn sie versuchten zu schlafen.

Aber das war ihr egal. Etwas in ihr hatte eine Linie überschritten. Die Angst berührte sie nicht, sie wurde überschwemmt von der Angst darüber, was sowieso bald passieren würde.

Immerhin wurde sie heute siebzehn.

Sie war jetzt alt genug, um ihre Schulden der jahrelangen “Pflege” durch die Nonnen zurückzuzahlen – sie würde verpflichtet und verkauft werden wie Vieh. Sophia wusste, was mit Waisen passierte, die alt genug waren. Im Vergleich dazu, spielte das Schlagen keine Rolle.

Sie hatte tatsächlich bereits seit Wochen darüber nachgedacht. Sie hatte den Tag gefürchtet, ihren Geburtstag.

Und jetzt war er da.

Zu ihrem eigenen Schreck handelte Sophia. Sie stand ruhig auf und sah sich um. Die Aufmerksamkeit der Nonne lag auf einem anderen Mädchen, das sie brutal auspeitschte, sie konnte also ruhig zur Tür gleiten. Wahrscheinlich merkten es die anderen Mädchen gar nicht oder wenn sie es taten, hatten sie zu viel Angst etwas zu sagen.

Sophia trat auf einen der schlichten, weißen Korridore des Waisenhauses, sie bewegte sich ruhig und ging vom Arbeitsraum weg. Es gab noch andere Nonnen da draußen, aber solange sie sich mit einem Ziel bewegte, reichte es vielleicht, dass sie sie nicht davon abhielten, weiterzugehen.

Was hatte sie gerade getan?

Sophia ging weiter wie betäubt durch das Haus der Herrenlosen, kaum glaubend, dass sie das gerade tat. Es gab Gründe, warum die Vordertüren geschlossen waren. Die Stadt dahinter, direkt außerhalb der Türen, war ein rauer Ort – und noch härter für diejenigen, die ihr Leben schon als Waisen begonnen hatten. Ashton hatte wie jede andere Stadt, Diebe und Schlägertypen – dennoch gab es auch die Jäger, welche die fliehenden Abhängigen zurückholten und das freie Volk, das auf sie spucken würde, einfach weil sie war, was sie war.

Dann war da ihre Schwester. Kate war erst fünfzehn. Sophia wollte sie nicht in Probleme bringen. Kate war stark, stärker als sie, dennoch war sie trotzdem noch Sophias kleine Schwester.

Sophia ging in Richtung des Klosters und des Hofes, wo sie sich mit den Jungen aus dem Waisenhaus von nebenan trafen, sie versuchte herauszufinden, wo ihre Schwester sein könnte. Sie könnte nicht ohne sie gehen.

Sie war schon fast da, als sie ein Mädchen aufschreien hörte.

Sophia lief in Richtung des Geräuschs und erwartete fast, dass ihre kleine Schwester in irgendeine Art Kampf geraten war. Als sie den Hof erreichte, konnte sie Kate im Zentrum der schlagenden Pöbel nicht finden, aber dafür ein anderes Mädchen. Diese hier war noch jünger, vielleicht dreizehn und sie wurde von drei Jungen geschubst und geschlagen, die schon fast alt genug sein müssten, um in Lehrstellen oder in die Armee zu gehen.

“Hört auf!”, schrie Sophia und überraschte sich selbst genauso sehr wie die Jungen. Normalerweise war die Regel, dass man einfach vorbeiging, egal was im Waisenhaus passierte. Du bleibst ruhig und denkst an deine Stellung. Jetzt trat sie dennoch nach vorne.

“Lasst sie in Ruhe.”

Die Jungs hörten auf und starrten sie an.

Der Älteste schaute sie mit einem bösartigen Grinsen an.

“Sieh an, sieh an, Männer”, sagte er, “sieht aus, als wenn wir hier noch jemanden haben, der nicht da ist, wo er sein sollte.”

Er hatte stumpfe Züge und die Art von totem Blick in seinen Augen, den man nur von den Jahren im Haus der Herrenlosen bekam.

Er trat vorwärts, und ehe sie noch reagieren konnte, griff er Sophias Arm. Sie schlug nach ihm, aber er war zu schnell und schubste sie auf den Boden. In solchen Momenten wünschte Sophia sich, dass sie die Kampffähigkeiten ihrer jüngeren Schwester hätte, ihre Fähigkeit, sofortige Brutalität heraufzubeschwören, deren Sophia trotz all ihrer List nicht fähig war.

Die wird eh als Hure verkauft … da kann ich sie auch schon vorher rannehmen.

Sophia war erschrocken von seinen Gedanken. Diese hatten ein fast schlüpfriges Gefühl dabei und sie wusste, dass es seine Gedanken waren. Ihre Panik wurde noch stärker.

Sie begann zu kämpfen, aber er hielt ihre Arme leicht fest.

Es gab nur eins, was sie tun konnte. Sie sammelte ihre ganze Konzentration und berief sich auf ihre Begabung, hoffte, dass es dieses Mal funktionieren würde.

Kate, rief sie in Gedanken, der Hof. Hilf mir!



*



“Eleganter, Kate!”, rief die Nonne. “Noch eleganter!”

Kate hatte keine Zeit für Eleganz, aber dennoch gab sie sich Mühe, als sie Wasser in einen Kelch füllte, der von der Schwester gehalten wurde. Schwester Yvaine betrachtete sie kritisch unter ihrer Maske.

“Nein, du hast es immer noch nicht verstanden. Und ich weiß, dass du kein ungeschicktes Mädchen bist. Ich habe gesehen, wie du die Räder im Hof gedreht hast.”

Sie hatte Kate nicht dafür bestraft, was zeigte, dass Schwester Yvaine nicht die Schlimmste von allen hier war. Kate versuchte es noch einmal, ihre Hand zitterte.

Sie und die anderen Mädchen sollten lernen, wie man elegant an vornehmen Tischen serviert, aber die Wahrheit war, das Kate nicht dafür gemacht war. Sie war zu klein und zu eng bemuskelt für die Art von dankbarer Weiblichkeit, an die die Nonnen dachten. Es gab einen Grund, warum sie ihr rotes Haar kurz hielt. In der idealen Welt, wo sie frei war zu wählen, hoffte sie auf eine Lehrstelle bei einem Schmied oder vielleicht eine dieser Gruppen von Spielern, die in der Stadt arbeiteten – oder vielleicht sogar auf eine Chance in die Armee zu kommen, wie die Jungs das machten. Diese Art von Unterricht mit anmutigem Eingießen wäre das richtige für ihre große Schwester, mit ihrem Traum von der Aristokratie gewesen, die hätte das genossen, - sie nicht.

Als wenn der Gedanke es heraufbeschworen hatte, zuckte Kate zusammen, als sie die Stimme ihrer Schwester in ihren Gedanken hörte. Sie wunderte sich, denn ihr Talent war nicht immer verlässlich.

Aber dann kam es wieder und da war auch Gefühl dahinter.

Kate, der Hof! Hilf mir!

Kate konnte die Angst dort fühlen.

Sie trat von der Nonne weg, unfreiwillig zügig und verschüttete dabei den Krug mit Wasser auf dem Steinboden.

“Es tut mir leid”, sagte sie. “Ich muss gehen.”

Schwester Yvaine starrte immer noch auf das Wasser.

“Kate, mach das sofort sauber!”

Aber Kate rannte bereits. Sie würde wahrscheinlich später dafür geschlagen werden, aber sie war auch schon vorher geschlagen worden. Es bedeutete nichts. Aber der einzigen Person auf der Welt zu helfen, um die sie sich sorgte, dass bedeutete etwas.

Sie rannte durch das Waisenhaus. Sie kannte den Weg, denn sie hatte jede Ecke und jeden Winkel dieses Hauses in den Jahren kennengelernt, seit der schrecklichen Nacht, in der sie hier abgegeben wurde.

Manchmal stahl sie sich spät abends raus, weg von dem unaufhörlichen Schnarchen und dem strengen Geruch des Schlafzimmers und genoss den Ort im Dunkeln, wenn sie die Einzige war, die auf war, wenn das Läuten der Städteglocken das einzige Geräusch war und sie ein Gefühl für jeden Winkel lernte. Sie spürte, dass sie es eines Tages brauchen würde.

Und jetzt brauchte sie es.

Kate konnte das Geräusch ihrer Schwester hören, die kämpfte und nach Hilfe rief. Instinktiv duckte sie sich in ein Zimmer, sie griff nach einem Schürhaken vom Feuerrost und ging weiter. Was sie damit tun würde, wusste sie noch nicht.

Sie rannte auf den Hof und ihr Herz sank, als sie sah, wie ihre Schwester von zwei Jungen festgehalten wurde, während ein anderer an ihrem Kleid fummelte.

Kate wusste genau, was sie tun musste.

Eine Urwut überkam sie, eine die sie nicht kontrollieren konnte, selbst wenn sie es wünschte und so rannte Kate mit Gebrüll vorwärts, schwang den Schürhaken in die Richtung des Kopfes des ersten Jungen. Er drehte sich um, als Kate zuschlug, es traf ihn also nicht so, wie sie wollte, aber es war genug, um ihn umzuwerfen, er berührte die Stelle, die sie getroffen hatte.

Sie schwang den Schürhaken erneut, erwischte ihm an Knie, als er stand und er begann zu taumeln. Sie schlug den dritten Schlag in den Magen, bis er umkippte.

Sie schlug weiter, sie wollte den Jungen keine Zeit zum Erholen geben. Sie war in einer Vielzahl von Kämpfen in den Jahren im Waisenhaus verwickelt gewesen und sie wusste, dass sie sich nicht auf Größe oder Stärke verlassen konnte. Rage, war das Einzige, was sie lenkte. Und Gott sei Dank hatte Kate ziemlich viel davon.

Sie schlug und schlug, bis die Jungen zurückwichen. Sie waren vielleicht darauf vorbereitet, der Armee beizutreten, aber die maskierten Brüder auf deren Seite hatten ihnen nicht das Kämpfen beigebracht. Das hätte es schwer gemacht, sie zu kontrollieren. Kate schlug einen der Jungen ins Gesicht, dann holte sie erneut aus, um aufeinen weiteren Ellbogen mit dem Schlag von Eisen auf Knochen zu schlagen.

“Steh auf”, sagte sie zu ihrer Schwester und streckte ihre Hand aus. “Steh auf!”

Ihre Schwester stand wie betäubt da, nahm Kates Hand, als wenn sie jetzt die jüngere Schwester wäre. Kate begann zu rennen und ihre Schwester rannte mit. Sophia schien wieder zu sich selbst zu finden, während sie rannte, ein wenig von der alten Sicherheit schien zurückzukommen, während sie die Korridore des Waisenhauses entlang liefen.

Hinter ihnen konnte Kate Rufe hören, von den Jungen oder Schwestern oder beides. Sie kümmerte sich nicht darum. Sie wusste, dass es keinen Ausweg gab.

“Wir können nicht zurückgehen”, sagte Sophia. “Wir müssen das Waisenhaus verlassen.”

Kate nickte. So etwas wie das hier wäre mehr, als nur Schläge zur Bestrafung. Aber dann erinnerte sich Kate.

“Dann gehen wir”, antwortete Kate im Laufen. “Aber zuerst muss ich noch –“

“Nein”, sagte Sophia. “Wir haben keine Zeit. Lasse alles hier. Wir müssen gehen.”

Kate schüttelte ihren Kopf. Es gab Dinge, die sie nicht zurücklassen konnte.

Sie rannte stattdessen in die Richtung ihres Schlafzimmers und hielt dabei Sophia am Arm fest, sodass sie hinterherlaufen musste.

Der Schlafsaal war ein trostloser Ort mit Betten, die ein wenig mehr als Holzbretter waren, die aus der Wand wie Regale hervorstanden. Kate war nicht so dumm, irgendwas was ihr bedeutete in der kleinen Truhe am Fußende des Betts zu verstecken, wo jeder es stehlen konnte. Stattdessen ging sie zu der Spalte zwischen den Flurböden und fummelte mit ihren Fingern daran herum, bis sich eins löste.

“Kate”, Sophia keuchte und rang nach Atem, “es ist keine Zeit.”

Kate schüttelte ihren Kopf.

“Ich lasse es nicht hier.”

Sophia wusste, weswegen sie hier hergekommen waren; die einzige Erinnerung, die sie von dieser Nacht hatte, von ihrem alten Leben.

Endlich hatten Kates Finger das Metall gefunden und sie hielt die Kette hoch, die in dem schwachen Licht glänzte.

Als sie ein Kind war, war sie sich sicher gewesen, dass es echtes Gold war; ein Vermögen, das darauf wartete, ausgegeben zu werden. Als sie älter wurde, hatte sie gesehen, dass es eine billige Legierung war, aber bis dahin war es schon weit mehr als Gold für sie geworden. Das kleine Bild darin, eine lächelnde Frau und ein Mann, der seine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte, war das nahste an eine Erinnerung, dass sie an ihre Eltern hatte.

Kate trug es normalerweise nicht, aus Angst, dass die anderen Kinder oder die Nonnen es ihr wegnehmen würden. Jetzt stopfte sie es in ihr Kleid.

“Lass uns gehen”, sagte sie.

Sie rannten zu den Türen des Waisenhauses, die angeblich immer offen waren, weil die maskierte Göttin die Türen verschlossen vorgefunden hatte, als sie die Welt besuchte und diejenigen drinnen verdammt hatte. Kate und Sophia rannten durch die Drehungen und Wendungen der Flure, kamen auf dem Flur heraus und sahen sich nach den Verfolgern um.

Kate konnte sie hören, aber dann war nur die gewöhnliche Schwester an der Tür: eine fette Frau, die sich bewegte, um den Weg zu versperren, als die beiden sich ihr näherten. Kate wurde rot, als sie sich an all die Jahre mit den Schlägen erinnerte, die von ihr ausgeführt worden waren.

“Da seid ihr”, sagte sie in strengem Ton. “Ihr ward beide sehr ungehorsam und –“

Kate hielt nicht an; sie schlug ihr mit dem Schürhaken in den Bauch, hart genug, sodass sie sich zusammenkrümmte. In dem Moment wünschte sie sich, es wäre eines dieser eleganten Schwerter, die Hofbeamte trugen oder vielleicht eine Axt.

Aber so musste sie sich damit begnügen, die Frau solange in Schacht zu halten, bis sie und Sophia an ihr vorbeiwaren.

Aber dann, als Kate durch die Tür rannte, hielt sie an.

“Kate”, schrie Sophia mit Panik in ihrer Stimme. “Los komm! Was machst du den?!”

Aber Kate konnte es nicht kontrollieren. Sogar mit den Schreien der Verfolger. Sogar mit dem Wissen, dass sie ihrer beider Freiheit riskierte.

Sie machte zwei Schritte nach vorne, hielt den Schürhaken hoch und schlug ihn wieder und wieder auf den Rücken der Nonne.

Die Nonne grunzte und heulte mit jedem Schlag und dieses Geräusch war Musik in Kates Ohren.

“Kate!”, flehte Sophia, am Rande der Tränen.

Kate starrte die Nonne lange an, zu lange, sie wollte dieses Bild der Rache, der Gerechtigkeit im Gedächtnis behalten. Es würde sie nähren, das wusste sie, für was auch immer schreckliche Schläge, die folgen würden.

Dann drehte sie sich um und rannte mit ihrer Schwester vom Haus der Herrenlosen davon, wie zwei Flüchtende von einem sinkenden Schiff. Der Gestank und der Lärm und die Hektik der Stadt trafen Kate, aber dieses Mal wurde sie nicht langsamer.

Sie hielt die Hand ihrer Schwester und lief.

Und lief.

Und lief.

Und trotz allem nahm sie einen tiefen Atemzug und lächelte.

Auch wenn es vielleicht kurz war, sie hatten ihre Freiheit gefunden.




KAPITEL ZWEI


Sophia hatte noch nie so viel Angst gehabt, aber gleichzeitig hatte sie sich noch nie so lebendig oder so frei gefühlt.

Während sie mit ihrer Schwester durch die Stadt rannte, hörte sie Kate vor Aufregung jubeln und das beruhigte sie einerseits und machte ihr andererseits Angst. Es machte es zu real. Ihr Leben würde nie wieder dasselbe sein.

“Sei ruhig”, drängte Sophia. “Du wirst sie uns noch auf den Hals hetzen.”

“Sie kommen sowieso”, antwortete ihre Schwester. “Wir können es auch gleich genießen.”

Um ihren Punkt noch zu unterstreichen, wich sie einem Pferd aus, nahm einen Apfel aus einem Korb und rannte über Ashtons Kopfsteinpflaster.

Die Stadt war emsig von dem Markt, der jeden sechsten Tag kam und Sophia sah sich um, erstaunt von all den Lichtern und Geräuschen und Gerüchen. Wenn es nicht wegen des Markts wäre, hätte sie keine Ahnung, was es war. Im Haus der Herrenlosen hatten diese Dinge keine Bedeutung, nur die endlosen Gebetsrunden und Arbeit, Bestrafung und auswendig lernen.

Lauf schneller, sendete ihre Schwester.

Das Geräusch der Pfiffe und Rufe irgendwo hinter ihnen, ließen sie zu einer neuen Geschwindigkeit auflaufen. Sophia führte den Weg an, in eine Allee, dann kämpfte sie zu folgen, als Kate über eine Mauer kletterte. Ihre Schwester war trotz all ihrer Ungestümtheit zu schnell, wie ein fester, aufgerollter Muskel, der darauf wartet, zu springen.

Sophia schaffte es kaum darüber zu klettern, als mehr Pfiffe zu hören waren und als sie fast oben war, wartete Kates starke Hand auf sie, wie immer. Dabei erkannte sie, wie unterschiedlich sie waren: Kates Hand war rau, schwielig, muskulös, während Sophias Finger lang und weich und zart waren.

Zwei Seiten derselben Münze, hatte ihre Mutter immer gesagt.

“Sie haben die Wachmänner hinzugeholt”, rief Kate ungläubig, als wenn das irgendwie unfair wäre.

“Was hast du erwartet?”, antwortete Sophia. “Wir laufen weg, ehe sie uns verkaufen können.”

Kate ging die engen Kopfsteinpflasterstufen herunter, dann in Richtung eines offenen Platzes, der voll mit Menschen war. Sophia zwang sich dazu langsamer zu gehen, während sie sich dem Markt näherten, sie hielt Kates Vorderarm fest, um sie vom Laufen abzuhalten.

Wir passen hier besser rein, wenn wir nicht laufen, sandte Sophia, zu atemlos, um zu sprechen.

Kate sah nicht überzeugt aus, aber passte sich dennoch Sophias Schritt an.

Sie gingen langsam, drückten sich an den Menschen vorbei, die zur Seite traten, anscheinend unwillig Kontakt mit jemandem zu haben, der aus einer niedrigeren Schicht kam, als sie selbst. Vielleicht dachten sie, dass die beiden für irgendeinen Auftrag losgeschickt wurden.

Sophia zwang sich selbst so auszusehen, als wenn sie nur herumschlenderte, während sie die Menge als Tarnung nutzten. Sie sah sich um, sah hoch zu der Turmuhr über dem Tempel der maskierten Göttin, die verschiedenen Ställe und die Geschäfte mit Glasfront hinter ihnen. Da war eine Gruppe Spieler in einer Ecke des Platzes, die eine dieser traditionellen Märchen in aufwendigen Kostümen spielten, während eine der Zensoren vom Rande der Menschenmenge aus zuschaute. Ein Anwerber für die Armee stand auf einer Kiste und versuchte die Truppen für den aktuellen Krieg zu rekruten, der diese Stadt einnehmen konnte, ein drohender Kampf über den Knife Wasserkanal.

Sophia sah, wie ihre Schwester den Anwerber ansah, und zog sie zurück.

Nein, sandte Sophia. Der ist nichts für dich.

Kate wollte gerade antworten, als plötzlich die Rufe hinter ihnen wieder ertönten.

Sie rannten los.

Sophia wusste, dass ihnen jetzt niemand helfen würde. Das war Ashton, was hieß, sie und Kate waren diejenigen, die hier falsch waren. Niemand würde versuchen zwei Mädchen auf der Flucht zu helfen.

Als sie hochsah, sah Sophia tatsächlich jemanden, der begonnen hatte sich in ihre Richtung zu bewegen, um ihnen den Weg abzuschneiden.

Niemand würde zwei Waisen davonkommen lassen, vor dem was sie schuldeten, vor dem was sie waren.

Hände griffen nach ihnen und jetzt mussten sie sich ihren Weg durchkämpfen. Sophia schlug eine Hand von ihrer Schulter, während Kate mit dem Schürhaken stach.

Eine Lücke öffnete sich vor ihnen und Sophia sah ihre Schwester zu einem verlassenen Holzstapel rennen, der an der Steinwand lag, wo Bauarbeiter wohl versucht hatten, eine Fassade hochzuziehen.

Noch mehr klettern?, sendete Sophia

Sie werden uns nicht folgen, konterte ihre Schwester.

Was wahrscheinlich stimmte, wenn auch nur, weil die jagende Meute von einfachen Leuten ihre Leben nicht einfach so riskieren würde. Sophia fürchtete sich dennoch. Trotzdem fiel ihr aber gerade nichts Besseres ein.

Ihre zitternden Hände schlossen sich um den Holzstapel des Gerüsts und sie begann zu klettern.

Schon nach wenigen Sekunden begannen ihre Arme zu schmerzen, aber zu dem Zeitpunkt gab es nur noch weitermachen oder fallen, und selbst wenn unten kein Kopfsteinpflaster wäre, wollte Sophia nicht fallen, wenn ihre Verfolger hinter ihnen her waren.

Kate wartete bereits oben, grinste als wenn das Ganze eine Art Spiel wäre. Ihre Hand war da und sie zog Sophia hoch und dann liefen sie weiter – dieses Mal auf Dächern.

Kate lief voraus zu einer Lücke, die auf ein weiteres Dach führte. Sie hüpfte auf das Strohdach, als wenn sie sich nicht um das Risiko dabei kümmerte. Sophia folgte ihr und schluckte den Drang laut aufzuschreien hinunter, als sie fast ausrutschte und dann hüpfte sie mit ihrer Schwester auf einen niedrigeren Bereich, wo ein Dutzend Schornsteine Rauch aus dem Ofen bliesen.

Kate versuchte wieder zu laufen, aber Sophia spürte eine Chance, griff nach ihr und riss sie zurück auf das Strohdach, versteckt zwischen den Schornsteinen.

Warte, sendete sie.

Zu ihrer Überraschung wehrte Kate sich nicht. Sie sah sich um, als sie sich in dem flachen Bereich des Daches zusammenkauerten, die Hitze die von dem Feuer von unten heraufstieg ignorierte sie und sie musste erkannt haben, wie versteckt sie hier waren. Der Rauch vernebelte das meiste um sie herum und ließ sie im Nebel sitzen, so waren sie noch mehr versteckt. Es war wie eine zweite Stadt hier oben mit Wäscheleinen mit Kleidung, Fahnen und Wimpel, die all die Deckung boten, die sie brauchten. Wenn sie still blieben, würde sie hier wahrscheinlich niemand finden. Noch würde jemand anderes so dumm sein, zu riskieren auf das Strohdach zu treten.



Sophia schaute sich um. Es war auf seine eigene Art friedlich hier oben. Es gab Stellen, an denen die Häuser nah genug waren, sodass die Nachbarn sich gegenseitig berühren konnten und noch weiter vorne sah Sophia einen Nachttopf, der auf der Straße geleert wurde. Sie hatte noch nie die Gelegenheit gehabt, die Stadt aus dieser Perspektive zu sehen, die Türme des Klerus und der Schöpfer, die Uhrmacher und die Weisen, die sich über den Rest erhoben, der Palast der auf seinen eigenen Mauern saß, wie ein glänzender Karfunkel auf der restlichen Haut.

Sie duckte sich mit ihrer Schwester, ihre Arme um Kate geschlungen und wartete darauf, dass die Geräusche der Verfolger unten vorbeigingen.

Vielleicht, nur vielleicht würden sie hier herauskommen.




KAPITEL DREI


Der Morgen wurde zum Nachmittag als Sophia und Kate sich endlich aus ihrem Versteck trauten. Wie Sophia es sich gedacht hatte, hatte sich niemand getraut auf die Dächer zu klettern, um nach ihnen zu suchen und obwohl die Geräusche der Verfolger nah gewesen waren, waren sie doch nie nah genug gekommen.

Jetzt schienen sie komplett verschwunden zu sein.

Kate schaute sich um und schaute auf die Stadt unter ihnen. Die Emsigkeit des Morgens war weg, ersetzt durch einen entspannteren Schritt und Menschenmenge.

“Wir müssen hier runter”, flüsterte Sophia ihrer Schwester zu.

Kate nickte. “Ich verhungere.”

Das konnte Sophia verstehen. Der geklaute Apfel war lange weg und der Hunger begann, auch in ihrem Magen zu wachsen.

Sie kletterten wieder auf die Straße und Sophia schaute sich dabei um. Auch wenn die Geräusche der Verfolger lange weg waren, war ein Teil von ihr überzeugt, dass jemand hervorspringen würde, sobald ihre Füße den Boden berührten.

Sie suchten sich ihren Weg durch die Straßen und versuchten so weit wie möglich außer Sichtweite zu bleiben. Es war unmöglich Menschen in Ashton zu vermeiden, weil es einfach so viele waren. Die Nonnen hatten ihnen nicht so viel von der Welt beigebracht, aber Sophia hatte gehört, dass es noch größere Städte hinter den Händlerstaaten gab.

Im Moment war das schwer zu glauben. Überall waren Menschen, wohin sie nur schaute, wenn auch die größte Bevölkerung der Stadt wohl im Moment auf der Arbeit war. Kinder spielten auf der Straße, Frauen gingen zum Markt und zu den Geschäften, Arbeiter trugen Werkzeuge und Leitern. Es gab Tavernen und Spielhäuser, Läden die Kaffee aus dem neu entdeckten Land hinter dem Ozean verkauften, Cafés in denen die Menschen genauso interessiert an Gesprächen wie am Essen waren. Sie konnte kaum glauben, die Menschen lachen zu sehen, so glücklich, so sorglos, nichts weiter tuend, als zu faulenzen und sich zu amüsieren. Sie konnte kaum glauben, dass es so eine Welt wirklich gab. Es war ein schockierender Kontrast zu der erzwungen Ruhe und Gehorsamkeit des Waisenhauses.

Hier gibt es so viel, schickte Sophia ihrer Schwester hinüber und beobachtete die Essensstände überall und fühlte, wie die Magenschmerzen mit jedem vorbeiziehenden Geruch stärker wurden.

Kate sah sich überall mit praktischem Blick um. Sie suchte eines der Cafés aus, ging vorsichtig darauf zu, während die Menschen draußen über einen Möchte GernPhilosophen lachten, der versuchte darüber zu argumentieren, wie viel man von der Welt wirklich kennenlernen konnte.

“Es wäre einfacher, wenn du nicht betrunken wärst”, unterbrach ihn jemand.

Ein Anderer drehte sich in Richtung Sophia und Kate, als sie sich näherten. Die Feindschaft war spürbar.

“Wir wollen solche Leute wie euch hier nicht”, keifte er. “Raus hier!”

Die schiere Wut dabei war mehr als Sophia erwartet hatte. Trotzdem ging sie zurück auf die Straße und zog Kate mit sich, sodass ihre Schwester nichts tun würde, was sie später bereuen würden. Sie hatte ihren Schürhaken irgendwo unterwegs auf der Flucht verloren, aber sie hatte immer noch einen Blick, der sagte, dass sie auf irgendetwas schlagen wollte.

Sie hatten keine Wahl: sie würden ihr Essen stehlen müssen. Sophia hatte auf die Großzügigkeit von jemandem gehofft. Doch das war nicht die Art und Weise, wie die Welt funktionierte, das wusste sie.

Es war Zeit ihre Talente einzusetzen, das erkannten sie beide und sie nickten sich stumm gleichzeitig zu.

Sie standen auf entgegengesetzten Seiten der Allee und schauten und warteten, während die Bäckerin arbeitete. Sophia wartete, bis die Bäckerin ihre Gedanken lesen konnte, und sagte ihr dann, was sie sie hören lassen wollte.

Oh nein, dachte die Bäckerin. Die Rollen. Wie konnte ich sie nur drinnen vergessen?

Kaum hatte die Bäckerin den Gedanken gehabt, handelten Sophia und Kate, sie rannten nach vorne, in der Sekunde in der die Frau ihnen den Rücken zugedreht hatte, um die Rollen zu holen. Sie bewegten sich schnell, jeder griff sich einen Armvoll Kuchen, genug um ihre Mägen zufüllen, die schon fast vor Hunger platzen.

Dann duckten sie sich beide in einer Gasse und kauten heißhungrig. Schon bald fühlte Sophia, dass ihr Bauch voll war, ein merkwürdiges und angenehmes Gefühl, eins, das sie noch nie erlebt hatte. Das Haus der Herrenlosen gab nicht mehr als das nötigste für seine Bewohner aus.

Jetzt lachte sie, als Kate versuchte, ein ganzes Gebäck in den Mund zu schieben.

Was, fragte ihre Schwester.

Es ist einfach schön, dich glücklich zu sehen, schickte Sophia zurück.

Sie war sich nicht sicher, wie lange dieses Glück andauern würde. Sie hielt mit jedem Schritt nach den Jägern Ausschau, die hinter ihnen her sein könnten. Das Waisenhaus würde sich nicht mehr darum bemühen, sie zurückzugewinnen, als ihre Verträge es wert waren, aber wer konnte das wissen, wenn es um die Rachsucht der Nonnen ging? Zumindest müssten sie sich vor Wachmännern in Acht nehmen und nicht nur, weil sie geflohen waren.

Diebe wurden immerhin in Ashton gehängt.

Wir dürfen nicht mehr so aussehen, wie ausgerissene Waisenkinder oder wir können nie durch die Stadt laufen, ohne das die Leute uns anstarren und versuchen uns einzufangen.

Sophia schaute ihre Schwester an, überrascht von dem Gedanken.

Willst du Kleider stehlen? schickte Sophia zurück.

Kate nickte.

Der Gedanke brachte noch eine extra Note an Angst und dennoch wusste Sophia, dass ihre Schwester – die immer praktisch war – recht hatte.

Sie standen gleichzeitig auf und verstauten die restlichen Kuchen an ihren Hüfttaschen. Sophia hielt nach Kleidung Ausschau, als sie spürte, wie Kate sie am Arm berührte. Sie folgte ihrem Blick und sah es: eine Wäscheleine, ganz oben auf dem Dach. Sie war unbewacht.

Natürlich war sie das, erkannte sie erleichtert. Wer würde schon eine Wäscheleine bewachen?

Trotzdem konnte Sophia ihr Herz klopfen hören, als sie auf ein weiteres Dach kletterten. Sie hielten inne, schauten sich um und holten dann die Leine ein, wie ein Fischer, vielleicht sein Fischernetz eingeholt hätte.

Sophia stahl ein Kleid aus grüner Wolle, zusammen mit einem cremefarbenden Unterkleid, wahrscheinlich die Art Kleid, die die Frau eines Farmers tragen würde, aber es war trotzdem unglaublich prächtig für sie. Zu ihrer Überraschung wählte ihre Schwester ein Unterhemd, Reithosen und Wams, die sie eher aussehen ließen, wie ein kurzhaariger Junge, als das Mädchen das sie war.

“Kate”, beschwerte sich Sophia. “Du kannst nicht so herumrennen!”

Kate zuckte die Schultern. “Keiner von uns soll so aussehen. Dann kann ich mich auch gleich bequem anziehen.”

Da war etwas Wahres dran. Die prunkvollen Gesetze besagten klar, welche Klasse von Gesellschaft was tragen konnte, die Herrenlosen und die Abhängigen. Hier waren sie also und brachen die Gesetze, warfen ihre Lumpen weg, das Einzige was sie tragen durften und zogen sich besser an, als sie waren.

“Okay”, sagte Sophia. “Ich werde nicht streiten. Außerdem wird das vielleicht alle abhalten, die nach zwei Mädchen suchen”, sagte sie mit einem Lächeln.

“Ich sehe nicht aus wie ein Junge”, schnappte Kate in offensichtlicher Empörung zurück.

Sophia lächelte dabei. Sie retteten ihre Kuchen, stopften sie in ihre neuen Taschen und gingen weiter.

Der nächste Teil war schwerer, um darüber zu lächeln; es gab noch so viele Dinge, die sie tun mussten, wenn sie wirklich überleben wollten. Sie mussten einen Unterschlupf finden, das war das eine, und dann mussten sie schauen, was sie tun sollten, wo sie hingehen sollten.

Eins nach dem anderen, ermahnte sie sich selbst.

Sie kletterten wieder runter zur Straße und dieses Mal ging Sophia voran, versuchte eine Route durch den ärmeren Bereich der Stadt zu finden aber für ihren Geschmack immer noch zu nah am Waisenhaus.

Sie sah eine Reihe von ausgebrannten Häusern vor ihnen, die sich offensichtlich nicht von einem der Feuer erholt hatten, das manchmal durch die Stadt fegte, wenn der Fluss niedrig war. Es wäre ein gefährlicher Ort zum Ausruhen.

Trotzdem ging Sophia darauf zu.

Kate warf ihr einen fragenden, skeptischen Blick zu.

Sophia zuckte mit den Schultern.

Gefährlich ist besser als nichts, sandte sie.

Sie näherten sich vorsichtig und gerade als Sophia ihren Kopf um die Ecke steckte, wurde sie von ein paar Personen erschreckt, die vor ihr aus den Trümmern entstiegen. Sie erschienen so rußgeschwärzt, von den verkohlten Überresten, daß Sophia für einen Moment glaubte, sie wären im Feuer gewesen.

&bdquo;Raus hier! Das ist unser Revier!“

Einer von ihnen kam auf Sophia zu und sie kreischte, während sie einen unfreiwilligen Schritt zurückmachte. Kate sah aus, als wenn sie kämpfen wollte, aber dann zog der andere Typ einen Dolch, der heller schien, als alles andere hier.

“Das ist unser Revier! Sucht euch eure eigene Ruine oder ich lasse euch dafür bluten.”

Die Schwester rannten, legten so viel Distanz zwischen ihnen und dem Haus wie sie konnten. Mit jedem Schritt war Sophia sich sicher, dass sie die Fußschritte der Messer schwingenden Schläger hören konnte, oder die der Wachmänner oder der Nonnen irgendwo hinter ihnen.

Sie liefen so lange, bis ihre Beine wehtaten und der Nachmittag zu dunkel wurde. Zumindest konnten sie sich damit trösten, dass sie mit jedem Schritt weiter vom Waisenhaus entfernt waren.

Endlich erreichten sie den besseren Teil der Stadt. Aus irgendwelchen Gründen erhellte sich Kates Gesicht beim Anblick davon.

“Was ist los?”, fragte Sophia.

“Die Penny Bücherei”, antwortete ihre Schwester. “Dort können wir rein. Ich schleiche mich manchmal dort hin, wenn die Schwestern uns Botengänge machen lassen und der Bibliothekar lässt mich immer rein, auch wenn ich kein Geld habe, um zu zahlen.”

Sophia hatte nicht viel Hoffnung, dass sie dort Hilfe finden würden, aber sie hatte auch keine bessere Idee. Sie ließ sich von Kate führen und sie liefen auf einen geschäftigen Platz zu, wo sich Geldverleiher mit Advokaten mischten und es sogar ein paar Kutschen gemischt mit den normalen Pferden und Fußgängern gab.

Die Bücherei war einer der größeren Gebäude hier. Sophia kannte die Geschichte: Einer der Reichen der Stadt hatte sich entschieden die Armen zu bilden und hatte ein Teil seines Reichtums hinterlassen, um diese Art von Bücherei zu bauen, die die meisten einfach in ihren Landhäusern verschlossen. Natürlich bedeuteten die Kosten von einem Penny immer noch, dass die Ärmsten der Stadt die Bücherei nicht besuchen konnten. Sophia hatte nie einen Penny. Die Nonnen sahen keinen Grund, ihren Schützlingen Geld zu geben.

Sie und Kate näherten sich dem Eingang und sie sah einen älteren Mann hier sitzen, in etwas abgenutzten Kleidern, offensichtlich ebenso ein Wächter, wie ein Bibliothekar. Zu Sophias Überraschung lächelte er, als sie sich näherten. Sophia hatte noch nie gesehen, dass sich jemand freute, ihre Schwester zu sehen.

&bdquo;Fräulein Kate“, sagte er. &bdquo;Du warst ja schon eine Weile nicht mehr hier. Und du hast eine Freundin mitgebracht. Geht durch, geht durch. Ich werde dem Wissen nicht im Weg stehen. Earl Varrish’s Sohn hat vielleicht eine Penny Steuer auf das Wissen gelegt, aber der alte Earl hat nie daran geglaubt.“

Er schien ganz aufrichtig darüber, aber Kate schüttelte bereits ihren Kopf.

&bdquo;Das ist nicht das was wir brauchen Geoffrey“, sagte Kate. &bdquo;Meine Schwester und ich ... wir sind vom Waisenhaus weggelaufen.“

Sophia sah den Schock auf dem Gesicht des alten Mannes.

“Nein”, sagte er. “Nein, solche dummen Sachen solltet ihr nicht tun.”

“Es ist schon getan”, sagte Sophia.

“Dann könnt ihr nicht hier sein”, sagte Geoffrey. “Wenn die Wachmänner kommen und euch hier bei mir finden, dann werden sie annehmen, dass ich dabei involviert war.”

Sophia wäre schon gegangen, aber es schien, dass Kate trotzdem weiter probieren wollte.

“Bitte Geoffrey”, sagte Kate. “Ich muss –“

“Ihr müsst zurückgehen”, sagte Geoffrey. “Bittet um Vergebung. Eure Situation tut mir leid, aber das ist die Situation, die das Schicksal euch gegeben hat. Geht zurück, ehe die Wachmänner euch erwischen. Ich kann euch nicht helfen. Ich werde vielleicht sogar bestraft werden, dass ich den Wachmännern nicht gesagt habe, dass ich euch gesehen habe. Das ist alles an Freundlichkeit, das ich euch geben kann.”

Seine Stimme war streng und dennoch konnte Sophia die Freundlichkeit in seinen Augen sehen und dass es ihn schmerzte, diese Wörter zu sagen. Fast, als wenn er mit sich selbst kämpfte, als wenn er nur spielte, streng zu sein, nur um seinen Standpunkt einzufahren.

Trotzdem sah Kate bedrückt aus. Sophia hasste es, ihre Schwester so zu sehen.

Sophia zog sie zurück und weg von der Bücherei.

Als sie gingen, sprach Kate endlich mit gesenktem Kopf.

“Was jetzt?”, fragte sie.

Sophia hatte auch keine Antwort darauf.

Sie gingen weiter, aber sie war schon erschöpft von dem langen Gehen. Es begann auch zu regnen, in dieser beständigen Art, die annehmen ließ, dass es auch sobald nicht aufhören würde. Nur an wenigen Orten regnete es so wie in Ashton.

Sophia wurde vom Kopfsteinpflaster angezogen und ging in Richtung Fluss, der durch die Stadt lief. Sophia war sich nicht sicher, was sie dort zu finden hoffte, unter den Lastkähnen und den flachen Kähnen. Sie zweifelte, dass die Hafenarbeiter oder Huren ihnen irgendeine Hilfe sein konnten und diese schienen der Hauptbestandteil dieses Stadtteils zu sein. Aber zumindest war es ein Ziel. Wenn schon nichts anderes, konnten sie einen Ort zum Verstecken an den Ufern finden und dem friedlichen Segeln der Schiffe zuschauen und von anderen Orten träumen.

Dann entdeckte Sophia einen flachen Überhang in der Nähe der vielen Brücken der Stadt. Sie näherte sich. Sie taumelte genauso wie Kate vom Gestank und von der Rattenplage. Aber ihre Müdigkeit machte sogar den schäbigsten Abfall zu einem Palast. Sie mussten aus dem Regen kommen. Sie mussten aus dem Blickfeld kommen. Und dann, was blieb ihnen noch? Sie mussten eine Stelle finden, wo niemand anderes, nicht einmal Landstreicher sich trauten hinzugehen. Und das war es.

“Hier?” fragte Kate angeekelt. “Können wir nicht zurück zum Schornstein gehen?”

Sophia schüttelte ihren Kopf. Sie bezweifelte, dass sie ihn wiederfanden und selbst wenn, dort würden die Verfolger zuerst schauen. Das war der beste Ort, den sie finden konnten, ehe der Regen noch schlimmer wurde und es Nacht wurde.

Sie setzte sich und versuchte ihre Tränen ihrer Schwester wegen zu verstecken.

Langsam und widerwillig setzte Kate sich neben sie, schlang ihre Arme um ihre Knie und schaukelte sich selbst, als wenn sie die Grausamkeit und die Ungehobeltheit und die Hoffnungslosigkeit der Welt so ausschließen könnte.




KAPITEL VIER


In Kates Träumen waren ihre Eltern noch am Leben und sie war glücklich. Wann immer sie davon träumte, schien es, als wenn sie da waren, obwohl die Gesichter eher selbst ausgedacht waren, anstatt Erinnerungen, da nur das Medaillon noch Hinweise gab. Kate war nicht alt genug gewesen, als sich alles verändert hatte.

Sie befand sich in irgendeinem Haus auf dem Land, wo der Blick aus den Fenstern auf Obstgärten und Felder fiel. Kate träumte von der warmen Sonne auf ihrer Haut, der sanften Brise, die durch die Blätter draußen wehte.

Der nächste Teil schien nie Sinn zu machen. Sie kannte nicht genug Details oder sie erinnerte sich nicht richtig. Sie versuchte ihren Traum zu zwingen, die ganze Geschichte zu erzählen, aber sie bekam nur Bruchstücke stattdessen:

Ein offenes Fenster mit Sternen draußen. Die Hand ihrer Schwester, Sophias Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, sie solle sich verstecken. Sie suchte nach ihren Eltern im Gewirr des Hauses…

Sie versteckten sich im Dunkeln des Hauses. Sie hörte das Geräusch von Jemanden, der sich dort bewegte. Dahinter war Licht, obwohl es Nacht draußen war. Sie fühlte, dass sie nah dran war, an dem Punkt etwas zu entdecken, was mit ihren Eltern in der Nacht passiert war. Das Licht vom Fenster wurde heller und heller und –

“Wach auf”, sagte Sophia und schüttelte sie. “Du träumst Kate.”

Kates Augen flackerten auf. Träume waren immer so viel besser als die Welt, in der sie lebten.

Sie blinzelte von dem Licht. Unmöglich, dass es schon Tag war. Ihr erster Tag, an dem sie eine ganze Nacht draußen geschlafen hatte, ohne den Geruch und der Schreie der Waisenhausmauern, ihr erster Morgen, an dem sie woanders aufwachte. Selbst an so einem feuchten Ort war sie erfreut darüber.

Sie bemerkte nicht nur den Unterschied von der fehlenden Nachmittagssonne; sondern auch dass der Fluss vor ihnen zum Leben erwacht war, mit Lastkähnen und Boote, die sich beeilten, so schnell wie möglich flussaufwärts zu kommen. Einige bewegten sich mit kleinen Segelbooten, andere mit Stangen, mit denen sie sich vorwärts drückten oder Pferde, die sie von der Seite des Flusses aus zogen.

Um sie herum konnte Kate den Rest der Stadt aufwachen hören. Die Glocken des Tempels läuteten die Stunde, dazwischen konnte sie die Gespräche einer ganzen Stadt hören, von den Menschen, die sich auf den Weg zur Arbeit machten oder woanders hin. Heute war der Erste, ein guter Tag, um Dinge zu beginnen. Vielleicht würde das Glück für sie und Sophia bedeuten.

“Ich habe immer noch denselben Traum”, sagte Kate. “Ich träume von … von der Nacht.”

Sie schienen immer davor zurückzuschrecken, es auszusprechen. Es war merkwürdig, wo sie doch wahrscheinlich direkter sprechen konnten, als irgendjemand anderes in der Stadt, dass sie und Sophia sich immer noch scheuten, über diese eine Sache zu sprechen.

Sophias Ausdruck verdunkelte sich und Kate fühlte sich sofort schlecht deswegen.

“Ich träume auch manchmal davon”, gab Sophia traurig zu.

Kate drehte sich zu ihr, konzentriert. Ihre Schwester musste es wissen. Sie war älter gewesen, sie musste mehr gesehen haben.

“Du weißt, was passiert ist, oder?”, fragte Kate. “Du weißt was mit unseren Eltern passiert ist.”

Es war eher eine Feststellung, als eine Frage.

Kate suchte das Gesicht ihrer Schwester nach Antworten ab und sie sah es, es war nur ein Flattern, etwas das sie versteckte.

Sophia schüttelte ihren Kopf.

“Es gibt Dinge, über die man lieber nicht nachdenkt. Wir müssen uns darauf konzentrieren, was wir als Nächstes machen und nicht auf die Vergangenheit.”

Es war nicht gerade eine befriedigende Antwort, aber Kate hatte auch nicht mehr erwartet. Sophia würde nicht darüber sprechen, was in der Nacht passiert war, als ihre Eltern gegangen waren. Sie wollte nicht darüber reden und sogar Kate musste zugeben, dass es ihr unbehaglich dabei war, wenn sie daran dachte. Außerdem mochte man es im Haus der Herrenlosen nicht, wenn die Waisen versuchten, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Sie nannten es undankbar und es war nur eine weitere Sache, die eine Bestrafung wert war.

Kate kickte eine Ratte von ihrem Fuß und setzte sich gerade hin und schaute sich um.

“Wir können nicht hier bleiben”, sagte sie.

Sophia nickte.

“Wir werden sterben, wenn wir hier auf den Straßen bleiben.”

Das war ein harter Gedanke, aber wahrscheinlich war es auch wahr. Es gab so viele Wege, auf den Straßen dieser Stadt zu sterben. Kälte und Hunger waren nur der Anfang der Liste. Mit Straßengangs, Wachmänner, Krankheiten und alle anderen Risiken da draußen, sah sogar das Waisenhaus sicher aus.

Nicht dass Kate zurückgehen würde. Sie würde es eher in Schutt und Asche brennen, ehe sie noch einmal durch die Tür trat. Vielleicht würde sie es irgendwann sowieso abbrennen. Sie lächelte bei dem Gedanken.

Sie spürte Hunger und Kate zog den letzten Kuchen hervor und begann ihn herunterzuschlingen. Dann erinnerte sie sich an ihre Schwester. Sie brach ihn in zwei Hälften und gab ihr die eine davon.

Sophia sah sie hoffnungsvoll, aber mit Schuld an.

“Es ist okay”, log Kate. “Ich habe noch einen in meinem Kleid.”

Sophia nahm es zögernd. Kate spürte, dass ihre Schwester wusste, dass sie log, aber zu hungrig war, um es abzulehnen. Ihre Verbindung war so nahe, dass Kate den Hunger ihrer Schwester fühlen konnte und Kate konnte sich nicht selbst erlauben glücklich zu sein, wenn ihre Schwester es nicht war.

Die beiden krochen endlich aus ihrem Versteck.

“Also, große Schwester”, fragte Kate, “irgendwelche Ideen?”

Sophia seufzte traurig und schüttelte ihren Kopf.

“Naja, ich verhungere”, erwiderte Kate. “Es wäre besser mit vollem Bauch zu denken.”

Sophia nickte zustimmend und sie gingen beide zurück auf die Hauptstraße.

Schon bald fanden sie ein Ziel – ein anderer Bäcker – und stahlen Frühstück auf dieselbe Art, wie sie ihr letztes Essen gestohlen hatten. Als sie sich in eine Straße hockten und sich vollstopften, war es verführerisch zu glauben, dass sie den Rest ihres Lebens so leben konnten, indem sie ihr geteiltes Talent nutzen, um das zu holen, was sie brauchten, wenn niemand hinsah. Aber Kate wusste, dass das so nicht funktionierten würde. Nichts Gutes hielt ewig an.

Kate sah auf das emsige Treiben der Stadt vor ihr. Es war überwältigend. Und die Straßen schienen sich auf ewig zu strecken.

“Wenn wir nicht auf der Straße bleiben können”, sagte sie, “was sollen wir dann machen? Wo sollen wir hingehen?”

Sophia zögerte einen Moment, sie sah genauso unsicher wie Kate aus.

“Ich weiß es nicht”, gab sie zu.

“Naja, was können wir tun?”, fragte Kate.

Das schien keine so große Liste zu sein, wie sie hätte sein sollen. Die Wahrheit war, dass Waisen wie sie, keine Optionen in ihrem Leben hatten. Sie waren auf ein Leben vorbereitet, dass sie als Auszubildende oder Bedienstete, Soldaten oder noch schlimmeres sah. Es gab keine echte Erwartung, dass sie jemals frei wären, denn selbst die, die wirklich nach einem Ausbildungsplatz suchten, bekamen nur einen Hungerlohn bezahlt, nicht genug, um jemals ihre Schulden abzuzahlen.

Und um ehrlich zu sein, hatte Kate wenig Geduld für Nähen oder Kochen, für die Etikette oder ein Kurzwarengeschäft.

“Wir könnten einen Händler finden und versuchen uns selbst auszubilden”, schlug Kate vor.

Sophia schüttelte ihren Kopf.

“Selbst wenn wir jemanden finden, der uns nehmen würde, würden sie vorher von unseren Familien hören wollen. Wenn wir keinen Vater vorweisen können, der für uns bürgt, dann werden sie wissen, was wir sind.”

Kate musste zugeben, dass ihre Schwester nicht ganz unrecht hatte.

“Naja dann könnten wir uns als Kahnjungen verpflichten und den Rest des Landes sehen.”

Sogar als sie das sagte, wusste sie, dass das wahrscheinlich genauso skurril war, wie ihre erste Idee. Ein Kahnkapitän würde trotzdem Fragen stellen und wahrscheinlich würde irgendein Verfolger für geflohene Waisen sich die Lastkähne genauer nach den Geflohenen anschauen. Sie konnte sich auf jeden Fall nicht auf Hilfe von jemanden verlassen, nicht nachdem was in der Bücherei passiert war, mit dem einzigen Mann in dieser Stadt, den sie als Freund betrachtet hatte.

Wie naiv sie gewesen war.

Sophia schien ebenfalls die Größe dessen zu erfassen, was sie erwartete. Sie schaute mit einem wehmütigen Ausdruck auf ihrem Gesicht weg.

“Wenn du alles tun könntest”, fragte Sophia, “wenn du überall hingehen könntest, wo würdest du hingehen?”

Kate hatte darüber noch nie so richtig nachgedacht.

“Ich weiß nicht”, sagte sie. “Ich meine, ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag überleben werde.”

Sophia blieb lange Zeit still. Kate konnte sie denken fühlen.

Endlich sprach Sophia.

“Wenn wir versuchen, etwas Normales zu machen, wird es genauso viele Hindernisse geben, als wenn wir nach den größten Dingen der Welt greifen. Vielleicht sogar noch mehr, denn die Menschen erwarten von Menschen wie uns, dass wir uns mit weniger zufriedengeben. Also was willst du mehr als alles andere?”

Kate dachte darüber nach.

“Ich will unsere Eltern finden”, antwortete Kate und realisierte es erst, als sie es aussprach.

Sie konnte den Schmerz fühlen, der bei diesen Worten durch Sophia rannte.

“Unsere Eltern sind tot”, sagte Sophia. Sie hörte sich so bestimmt an, dass Kate sie wieder fragen wollte, was vor all den Jahren passiert war. “Es tut mir leid, Kate. Das war nicht, was ich meinte.”

Kate seufzte bitter.

“Ich möchte niemanden, der wieder kontrolliert was ich tue”, sagte Kate und wählte etwas, was sie fast genauso sehr wollte, wie die Rückkehr ihrer Eltern. “Ich will frei sein, wirklich frei.”

“Das will ich auch”, sagte Sophia. “Aber es gibt nur wenig wirklich freie Menschen in dieser Stadt. Die Einzigen sind wirklich …”

Sie sah auf die Stadt und ihrem Blick folgend, konnte Kate sehen, dass sie in Richtung Palast schaute, mit seinem schimmernden Marmor und seinen vergoldeten Dekorationen.

Kate konnte fühlen, was sie dachte.

“Ich glaube nicht, das eine Bedienstete im Palast zu sein, dich befreit”, sagte Kate.

“Ich habe nicht daran gedacht, eine Bedienstete zu sein”, keifte Sophia. “Was, wenn … wenn wir einfach da reingehen und eine von ihnen sind? Was, wenn wir alle davon überzeugen können, dass wir das sind? Was, wenn wir einen reichen Mann heiraten, der Verbindungen zum Hof hat?”

Kate lachte nicht, aber nur, weil sie sehen konnte, wie ernst es ihrer Schwester mit der ganzen Idee war. Wenn sie alles haben könnte, wäre das Letzte was Kate wollte, in den Palast zu gehen und eine vornehme Dame zu werden, einen Mann zu heiraten, der ihr sagte, was sie tun sollte.

“Ich will nicht von jemand anderem für meine Freiheit abhängig sein”, sagte Kate. “Die Welt hat uns eins beigebracht: wir müssen uns auf uns selbst verlassen. Nur auf uns selbst. Auf diese Weise können wir alles kontrollieren, was uns passiert. Und wir dürfen niemandem mehr vertrauen. Wir müssen lernen, auf uns selbst aufzupassen. Uns selbst zu ernähren. Vom Land zu ernähren. Lernen zu jagen. Zu bewirtschaften. Alles, wobei wir uns nicht auf andere verlassen müssen. Und wir müssen gute Waffen ansammeln und gute Kämpfer werden, wenn also jemand kommt, der uns beklauen will, können wir ihn töten.”

Und plötzlich erkannte Kate.

“Wir müssen diese Stadt verlassen”, drängte sie ihre Schwester. “Sie ist voll von Gefahren für uns. Wir müssen hinter der Stadt leben, auf dem Land, wo wenige Menschen leben und wo uns niemand Schaden zufügen kann.”

Je mehr sie darüber sprach, umso mehr erkannte sie, dass das das Richtige war. Es war ihr Traum. In dem Moment wollte Kate nichts weiter als zu den Toren der Stadt zu rennen und auf die offene Fläche dahinter.

“Und wir müssen lernen zu kämpfen”, fügte Kate hinzu, “Wenn wir größer und stärker werden und die besten Schwerter und Armbrüste und Dolche haben, dann kommen wir hier her zurück und töten alle, die uns im Waisenhaus wehgetan haben.”

Sie fühlte Sophias Hand auf ihrer Schulter.

“So kannst du nicht reden, Kate. Du kannst nicht einfach Leute umbringen, als wenn das nichts wäre.”

“Es ist nichts”, spie Kate. “Sie haben das verdient.”

Sophia schüttelte ihren Kopf.

“Das ist primitiv”, sagte Sophia. “Es gibt bessere Wege, um zu überleben. Und bessere Wege, sich zu rächen. Außerdem, ich will nicht nur Überleben, wie ein Bauer in den Wäldern. Wo ist da der Sinn? Ich will leben.”

Sie gingen eine Weile still und Kate nahm an, dass Sophia genauso in ihrem Traum gefangen war, wie sie selbst. Sie gingen die Straßen entlang, die mit Menschen gefüllt waren, die zu wissen schien, was sie mit ihrem Leben machen sollten, die einen Sinn im Leben zu haben schienen und für Kate, war es unfair, dass es so einfach für sie war. Dann wieder war es das vielleicht nicht. Vielleicht hatten sie alle keine große Wahl so wie sie oder Sophia, wenn sie im Waisenhaus geblieben wären.

Vorne lag die Stadt jenseits von Toren, die wahrscheinlich schon seit Hunderten von Jahren dort waren.

Der Platz dahinter war jetzt mit Häusern gefüllt, die direkt gegen die Mauern gedrückt waren auf eine Art, die sinnlos erschien. Es gab einen weiten offenen Platz dahinter, wo mehrere Bauern ihr Vieh zum Schlachter fuhren, Schafe und Gänse, Enten und sogar ein paar Kühe. Es gab auch Güterwagen, die darauf warteten, in die Stadt zu kommen.

Und dahinter war der Horizont mit Wald gefüllt. Wälder, in die Kate fliehen wollte.

Kate sah die Kutsche, bevor Sophia sie sah. Sie drängte sich ihren Weg durch die wartenden Wagen, die Insassen nahmen offensichtlich an, dass sie das Recht hatten, als erste in die Stadt zu treten. Vielleicht hatten sie das auch. Die Kutsche war vergoldet und geschnitzt, mit einem Familienwappen an der Seite, dass vielleicht Sinn gemacht hätte, wenn die Nonnen gedacht hätten, dass es sich lohnte solche Dinge zu unterrichten. Die Seidenvorhänge waren geschlossen, aber Kate sah einen aufgehen und dahinter eine Frau, die unter einer aufwendigen Vogelkopfmaske hervorschaute.

Kate fühlte sich voll mit Neid und Ekel. Wie konnten einige Menschen so gut leben?

“Schau dir die an”, sagte Kate. “Sie sind wahrscheinlich auf ihrem Weg zu einem Ball oder einer Kostümparty. Sie haben sich wahrscheinlich noch nie Sorgen über Hunger in ihrem Leben gemacht.”

“Nein, haben sie nicht”, stimmte Sophia zu. Aber sie hörte sich hoffnungsvoll an, vielleicht sogar bewundernd.

Dann erkannte Kate, was ihre Schwester dachte. Sie drehte sich erschrocken zu ihr um.

“Wir können ihnen nicht einfach folgen”, sagte Kate.

“Warum nicht?”, fragte ihre Schwester zurück. “Warum sollen wir nicht versuchen, zu erhalten, was wir wollen?”

Kate gab ihr keine Antwort. Sie wollte Sophia nicht sagen, dass es nicht funktionieren würde. Es konnte nicht funktionieren. Das war nicht die Art und Weise, wie die Welt zusammenpasste. Sie würden sie nur einmal anschauen und wissen, dass sie Waisen waren, dass sie Bauern waren. Wie konnten sie jemals darauf hoffen, in so eine Welt hineinzupassen?

Sophia war die ältere Schwester, sie sollte das alles bereits wissen.

Außerdem fielen Kates Augen in dem Moment auf etwas, das gleichermaßen verlockend für sie war.

Da waren Männer, die sich in der Nähe des Platzes aufstellten, sie trugen die Farben einer der Söldnerfirmen, die sich gerne im Krieg auf der anderen Seite des Flusses versuchten. Sie hatten Waffen in Autos und Kutschen verstaut. Einige von ihnen führten sogar ein improvisiertes Fechtturnier mit stumpfen Stahlschwertern aus.

Kate sah die Waffen und sie sah, was sie brauchte: Gestelle aus Stahl. Dolche, Schwerter, Armbrüste, Jagdfallen. Mit nur ein paar von diesen Dingen konnte sie lernen Fallen zu stellen und auf dem Land zu leben.

“Mach das nicht”, sagte Sophia ihrem Blick folgend und legte eine Hand auf ihren Arm.

Kate zog sich vorsichtig von ihr los. “Komm mit”, sagte Kate bestimmt.

Sie sah, wie ihre Schwester den Kopf schüttelte. “Du weißt, dass ich das nicht kann. Das ist nichts für mich. Das bin ich nicht. Das ist nicht, was ich will, Kate.”

Und zu versuchen sich einer Reihe von vornehmen Leuten anzupassen, war nicht, was Kate wollte.

Sie konnte die Bestimmtheit ihrer Schwester fühlen, sie konnte ihre eigene fühlen und sie hatte plötzlich eine Ahnung, wo das hinführte. Das Wissen trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie warf ihre Arme um ihre Schwester, gerade als ihre Schwester sie ebenfalls umarmte.

“Ich will dich nicht alleine lassen”, sagte Kate.

“Ich will dich auch nicht alleine lassen”, erwiderte Sophia, “aber vielleicht müssen wir es jede auf eigene Weise versuchen, zumindest für eine kleine Weile. Du bist genauso stur wie ich und wir haben beide unseren Traum. Ich bin davon überzeugt, dass ich es schaffen kann und dann kann ich dir helfen.”

Kate lächelte.

“Und ich bin überzeugt, dass ich es schaffen kann und dann kann ich dir helfen.”

Kate konnte jetzt auch die Tränen in den Augen ihrer Schwester sehen, aber mehr noch konnte sie die Traurigkeit fühlen, die sie durch die Verbindung die sie teilten, spürte.

“Du hast recht”, sagte Sophia. “Du würdest nicht zum Hof passen und ich würde nicht in irgendeine Wildnis passen oder zu lernen, wie man kämpft. Vielleicht müssen wir das getrennt machen. Vielleicht sind unsere besten Überlebenschancen, wenn wir getrennt sind. Immerhin wenn eine von uns erwischt wird, kann der andere kommen und sie retten.”

Kate wollte Sophia sagen, dass sie falsch lag, aber in Wahrheit machte alles was sie sagte Sinn.

“Ich werde dich hinterher finden”, sagte Kate. “Ich will lernen, wie man kämpft und wie man auf dem Land lebt und ich werde dich finden. Dann wirst du das sehen und du kannst zu mir kommen.”

“Und ich werde dich finden, wenn ich am Hof erfolgreich war”, entgegnete Sophia mit einem Lächeln. “Du kannst zu mir in den Palast kommen und einen Prinzen heiraten und diese Stadt beherrschen.”

Sie lächelte beide, Tränen rollten über ihre Wangen.

Aber du wirst nie alleine sein, fügte Sophia hinzu, die Wörter klangen in Kates Kopf. Ich werde immer so nah wie ein Gedanke sein.

Kate hielt die Traurigkeit nicht länger aus und sie wusste, sie musste handeln, ehe sie ihre Meinung änderte.

Sie umarmte ihre Schwester ein letztes Mal, ließ sie los und rannte in die Richtung der Waffen.

Es war Zeit alles auf eine Karte zu setzen.




KAPITEL FÜNF


Sophia konnte die Entschlossenheit in sich brennen spüren, während sie quer durch Ashton lief, zum ummauerten Bezirk, wo der Palast lag. Sie eilte die Straßen herunter, wich Pferden aus und hüpfte gelegentlich hinten auf einen Wagen, wenn es aussah, als wenn er in die richtige Richtung fuhr.

Sogar dann brauchte es noch Zeit die Weite des Platzes zu überqueren, an den Wächtern vorbei, durch das Händlerviertel, Knotty Hill und die anderen Bezirke durch, einer nach dem anderen, Sie waren so fremd und voll mit Leben für sie, nach ihrer Zeit im Haus der Herrenlosen, dass Sophia sich wünschte, sie hätte mehr Zeit, diese zu entdecken. Sie fand sich selbst vor einem großen, kreisförmigen Theater stehend und wünschte sich, dass sie genug Zeit hätte, hineinzugehen.

Die gab es aber nicht, denn wenn sie den Maskenball heute Abend verpasste, war sie sich nicht sicher, wie sie den Platz am Hof finden sollte, den sie wollte. Ein Maskenball, das wusste sogar sie, fand nicht oft statt und das wäre ihre größte Chance sich hineinzuschleichen.

Sie machte sich Sorgen über Kate, als sie lief. Es fühlte sich merkwürdig an, nach so langer Zeit, einfach in verschiedene Richtungen zu gehen. Aber die Wahrheit war, dass sie verschiedene Dinge vom Leben wollten. Sophia würde sie finden, wenn dies hier zu Ende war. Wenn sie sich ein Leben unter den Reichen von Ashton eingerichtet hatte, würde sie Kate finden und alles in Ordnung bringen.

Die Tore zum ummauerten Bezirk, der den Palast hielt, lagen vor ihr. Wie Sophia erwartet hatte, waren sie für den Abend geöffnet und hinter ihnen konnte sie förmliche Gärten in gepflegten Reihen von Hecken und Rosen sehen. Es gab sogar große Stücke Gras, die kürzer geschnitten waren, als es Felder je sein könnten und das an sich, schien ein Zeichen von Luxus, wenn jeder andere in der Stadt, ein Stück Land neben seinem Haus hatte, dass er zum Anbau von Nahrungsmitteln benutzte.

Alle paar Schritte in den Gärten waren Laternen auf Stangen aufgestellt. Sie waren noch nicht angezündet, aber in der Nacht, würden sie den ganzen Ort in ein helles Licht verwandeln und die Leute würden so leicht auf dem Rasen tanzen, wie in einem der großen Räume im Palast.

Sophia konnte sehen, wie die Menschen hineingingen, einer nach dem anderen. Ein goldlivrierter Diener stand am Tor, zusammen mit zwei Wachmännern im hellsten blau, ihre Flinten in perfekter Parade Darstellung geschultert, während Reiche und ihre Diener vorbeischlenderten.

Sophia eilte zum Tor. Sie hoffte, dass sie sich selbst in der Menge die hineinging, verlieren konnte, aber als sie dort ankam, war sie die Einzige. Das bedeutete, dass der Diener ihr die volle Aufmerksamkeit gab. Er war ein älterer Mann mit einer gepuderten Perücke, die sich bis in den Nacken kräuselte. Er sah Sophia mit etwas an, dass Verachtung nahe kam.

“Und was willst du?”, fragte er, in einem Ton, der so erhoben war, dass es auch der eines Schauspielers hätte sein können, der einen Adligen spielte, anstatt den Diener von den echten Adligen.

“Ich bin wegen des Balls hier”, sagte Sophia. Sie wusste, sie könnte nie als vornehm durchgehen, aber es gab immer noch Dinge, die sie tun konnte. “Ich bin die Dienerin von –“

“Mach dich nicht lächerlich”, gab der Diener zurück. “Ich weiß genau, wer hier rein darf und wer nicht und niemand von denen würde sich von einer Dienerin wie dich begleiten lassen. Wir lassen keine Hafenhuren herein. So eine Party ist das nicht.”

“Ich weiß nicht, was Sie meinen”, versuchte Sophia, aber der finstere Blick, den sie erhielt, sagte ihr, dass sie nicht einmal nahe dran war, dass ihr Versuch funktionierte.

“Dann lasse es mich erklären”, sagte der Diener am Tor. Er schien das zu genießen. “Dein Kleid sieht aus, als wenn es von einer Fischersfrau wäre. Du stinkst, als wenn du gerade aus einer Grube kommst. Und deine Stimme, sie hört sich an, als wenn du nicht einmal das Wort Redekunst buchstabieren und erst recht nicht anwenden könntest. Jetzt geh, bevor ich dich wegjagen und für heute Abend abschließen muss.”

Sophia wollte nicht diskutieren, aber die Grausamkeit seiner Wörter schienen ihre alle gestohlen zu haben. Noch mehr, sie hatten ihren Traum gestohlen, so einfach, als wenn der Mann danach gegriffen und ihn aus der Luft genommen hätte. Sie drehte sich um und rannte weg und der schlimmste Teil war das Gelächter, das ihr den ganzen Weg die Straße herunter folgte.

Sophia blieb an einer weiteren Tür stehen, völlig erniedrigt. Sie hatte nicht erwartet, dass das einfach wäre, aber sie hatte erwartet, dass irgendjemand in der Stadt freundlich wäre. Sie dachte, dass sie in der Lage wäre, als Bedienstete durchzugehen, wenn sie schon nicht für eine vornehme Frau durchging.

Vielleicht war das ihr Fehler. Wenn sie versuchte sich selbst neu zu erfinden, sollte sie es dann nicht ganz machen? Vielleicht war es noch nicht zu spät. Sie konnte nicht als die Art von Dienerin durchgehen, die ihre Herrin zu einem Ball begleitete, aber als was könnte sie durchgehen? Sie könnte die Art sein, die sie schon fast gewesen war, als sie das Waisenhaus verlassen hatte. Die Art von Dienerin denen man die niedrigsten Jobs gab.

Das könnte funktionieren.

Der Bereich um den Palast war ein Ort von vornehmen Stadthäusern, aber auch von all den Dingen, die ihrer Besitzer von der Stadt erwarteten: Damenschneiderin, Juweliere, Badehäuser und vieles mehr. Alles Dinge, die Sophia sich nicht leisten konnte, aber alles Dinge, die sie vielleicht trotzdem erhalten könnte.

Sie begann mit der Damenschneiderin. Das war der schwerste Teil und vielleicht, wenn sie erst einmal das Kleid hatte, würde der Rest einfach werden. Sie betrat den Laden, in dem viel Betrieb war, keuchend, als wenn sie bald zusammenbrechen würde und hoffte auf das Beste.

“Was machst du hier?”, fragte eine staalhaarige Frau, und schaute mit einem Mund voll Nadeln hoch.

“Verzeihung …”, begann Sophie. “Meine Herrin … sie wird mich schlagen, wenn ihr Kleid noch später kommt … sie sagte … ich soll den ganzen Weg laufen.”

Sie konnte nicht als eine Bedienstete durchgehen, die ihre Herrin begleitete, aber sie konnte die Dienerin der Adligen sein, die für Botengänge in der letzten Minute losgeschickt wurde.

“Und der Name deiner Herrin?”, fragte die Damenschneiderin.

Ist das wirklich die Art von Dienerin, die Milady D’Angelica schicken würde? Vielleicht weil sie dieselbe Größe haben und sie wissen will, ob es passt?

Das Aufflackern von Sophias Talent kam unaufgefordert. Sie hatte mehr Sinn als Verstand.

“Milady D’Angelica”, sagte sie. “Verzeihen Sie, aber sie sagte, ich soll mich beeilen. Der Ball –“

“Der wird nicht vor ein oder zwei Stunden losgehen und ich bezweifle, dass deine Herrin nicht eher da sein will, ehe sie keinen großen Auftritt haben kann”, antwortete die Damenschneiderin. Ihr Ton war jetzt ein wenig schärfer, obwohl Sophia annahm, dass das nur an der Person lag, für die sie vorgab zu dienen.

Die andere Frau gab nach. “Warte hier.”

Sophia wartete, auch wenn es das Schwerste überhaupt in dem Moment war. Es gab ihr zumindest die Gelegenheit zuzuhören. Der Diener im Palast hatte recht gehabt: Menschen sprachen unterschiedlich, weit entfernt von dem ärmsten Teil der Stadt. Ihre Vokale waren mehr gerundet, die Spitze der Wörter mehr geschliffen. Eine der Frauen, die dort arbeitete, schien aus einem der Handelsstaaten zu kommen, ihr Akzent ließ ihr R rollen, als sie mit den anderen sprach.

Es dauerte nicht lange, bis die ursprüngliche Schneiderin mit einem Kostüm zurückkam und es Sophia zur Kontrolle anhielt. Es war das schönste Kleid, was Sophia je gesehen hatte. Es schimmerte Silber und blau und es schien zu glänzen, während es sich bewegte. Das Mieder war mit Silberfaden bearbeitet und sogar die Unterröcke schimmerten in Wellen, was wie eine Verschwendung aussah. Wer würde die sehen?

“Milady D’Angelica und du haben dieselbe Größe, ja?”, fragte die Schneiderin.

“Ja, Ma’am”, erwiderte Sophia. “Deswegen hat sie mich geschickt.”

“Dann hätte sie dich gleich zuerst schicken sollen, anstatt eine Liste an Maßen.”

“Ich werde es ihr ausrichten”, sagte Sophia.

Das ließ die Damenschneiderin blass vor Schreck zurückweichen, als wenn der schiere Gedanke daran schon ausreichte, um ihr einen Herzstillstand zu bescheren.

“Das ist nicht nötig. Es ist sehr nah dran, aber ich muss ein paar Sachen anpassen. Bist du sicher, dass du ihre Größe hast?”

Sophia nickte. “Bis auf den Zentimeter Ma’am. Sie gibt mir nur dass zu essen, was sie isst, sodass wir gleich bleiben.”

Das war ein ausgelassenes und dummes Detail, aber die Schneiderin schien es zu schlucken. Vielleicht war es die Art von Extravaganz, von der sie glaubte, dass eine Adlige sich dazu herablassen würde. Wie dem auch sei, sie machte die Anpassungen so schnell, dass Sophia es kaum glauben konnte, endlich übergab sie ihr ein Paket, das in gemustertem Papier eingepackt war.

&bdquo;Die Rechnung geht auf Miladys Konto?“ fragte die Damenschneiderin. Es lag ein wenig Hoffnung da drin, als wenn Sophia ihr Geld übergeben würde, aber Sophia konnte nur nicken. &bdquo;Natürlich, natürlich. Ich vertraue darauf, dass Milady D’Agelica zufrieden sein wird.“

“Ich bin sicher, dass sie das sein wird”, sagte Sophia. Sie rannte praktisch zur Tür.

Tatsächlich war sie sich sicher, dass die Adlige wütend sein würde, aber Sophia plante nicht, auf den Teil der Geschichte zu warten.

Sie musste noch in andere Läden gehen, um andere Pakete für ihre “Herrin”, “abzuholen.”

Bei einem Schuster holte sie Stiefel aus dem feinsten farblosesten Leder, mit geätzten Linien, die eine Szene aus dem Leben der namenslosen Göttin zeigen. In einer Parfümerie erwarb sie eine kleine Flasche, die roch, als wenn der Hersteller irgendwie die Essenz von allem Schönen in eine wunderbare Kombination zusammengefasst hatte.

“Das ist meine beste Arbeit”, sagte er. “Ich hoffe, Lady Beaufort hat Freude daran.”

Bei jedem Halt suchte sich Sophia eine neue Adelsfrau aus, der sie diente. Das war einfach praktisch: sie konnte nicht garantieren, dass Milady D’Angelica in jedem Laden der Stadt gewesen war. Bei einigen Läden nahm sie die Namen von den Gedanken des Eigentümers. Bei anderen, wenn ihr Talent nicht kam, musste sie das Gespräch aufrechterhalten, bis sie eine Vermutung hatte oder wie in einem Fall, bis sie einen Blick auf das Protokollbuch über der Ladentheke erhaschen konnte.

Je mehr sie stahl, umso einfacher schien es zu werden. Jedes vorherige Stück ihres gestohlenen Outfits, diente als eine Art Qualifikation für das Nächste, denn natürlich hätten die anderen Ladenbesitzer niemals Sachen an die falsche Person gegeben. Als sie an dem Laden ankam, wo sie Masken verkauften, presste der Ladenbesitzer ihr quasi seine Waren in die Hand, ehe sie durch die Tür war. Es war eine Halbmaske einer geschnitzten Ebenholzes Szene nach Szene der maskierten Göttin, die sich um die Gastfreundschaft bemüht und sich mit Federn an den Rändern und den Schmuckstücken um die Augen herum, hervorhob. Wahrscheinlich waren sie dazu gedacht, es so aussehen zu lassen, dass die Augen des Trägers im reflektierten Licht schienen.

Sophia fühlte ein wenig Schuldgefühl aufblitzen, als sie es nahm und es zu ihrer nicht unbeträchtlichen Menge an Päckchen an ihren Armen hinzufügte. Sie stahl von so vielen Menschen, sie nahm Dinge, an denen die Hersteller gearbeitet und wofür andere gezahlt hatten. Oder wofür sie zahlen würden oder noch nicht gezahlt hatten. Sophia hatte noch nicht ganz herausgefunden, wie die Adligen Dinge kauften, ohne richtig dafür zu bezahlen.

Es war nur ein kurzes Schuldgefühl, denn diese Damen hatten so viel im Vergleich zu den Waisen im Haus der Herrenlosen. Alleine die Juwelen auf dieser Maske hätten ihre Leben verändert.

Jetzt erst mal musste Sophia sich umziehen, sie konnte nicht so dreckig von ihrer Nacht am Fluss auf eine Party gehen. Sie lief um das Badehaus herum, wartete, bis sie einen Eingang fand, an dem Kutschen an der Tür standen und der getrennte Baderäume für die Damen anzeigte. Sie hatte keine Münzen zur Bezahlung, aber sie ging trotzdem zur Tür und ignorierte den Blick, den der große, muskuläre Eigentümer ihr zuwarf.

“Meine Mistress ist drinnen”, sagte sie. “Sie hat mir befohlen, alles hier herzubringen, sobald sie mit dem Baden fertig ist oder es gibt Ärger.”

Er schaute sie von oben bis unten an. Wieder schienen die Pakete in Sophias Hände wie eine Eintrittskarte zu wirken. “Dann gehst du lieber rein, oder? Die Umkleiden sind links.”

Sophia ging hinein, legte ihre gestohlenen Preise in einen Raum, der voll von heißem Dampf von den Bädern war. Frauen kamen und gingen, sie trugen umwickelte Handtücher, die dazu dienten, sie zu trocknen. Keine von ihnen sah Sophia zweimal an.

Sie zog sich aus, schlang ein Handtuch um sich und lief zu den Bädern. Sie waren in dem Stil eingerichtet, dass sie auf der anderen Seite des Flusses bevorzugten, mit mehreren heißen, warmen und kalten Pools, Masseusen an der Seite und wartenden Dienern.

Sophia war sich ihrem Tattoo auf ihrem Fußknöchel nur allzu gut bewusst, das genau sagte, was sie war, aber es gab auch abhängige Diener hier mit ihren Mistressen, die sie mit duftendem Öl massierten oder mit Bürsten durch ihre Haare fuhren. Falls jemand das Tattoo bemerkte, nahmen sie wahrscheinlich an, dass Sophia aus diesem Grund hier war.

Dennoch nahm sie sich nicht die Zeit, die sie vielleicht hätte, um in den Bädern zu schwelgen. Sie wollte hier wieder raus sein, bevor irgendjemand Fragen stellte. Sie tauchte unter Wasser, schrubbte sich mit der Seife ab und versuchte den schlimmsten Dreck von sich zu waschen. Als sie aus dem Bad trat, versicherte sie sich, dass ihr Wickeltuch bis nach unten zu ihren Fußknöcheln ging.

Wieder in der Umkleide zog sie sich Schritt für Schritt zu ihrem neuen Ich an. Sie begann mit den Seidenstrümpfen und dem Unterrock, zog die Mieder an und die äußeren Röcke, Handschuhe und mehr.

“Braucht die Dame Hilfe mit ihrem Haar?”, fragte eine Frau und Sophia sah eine Frau ihr gegenüber, die sie beobachtete.

“Wenn es keine Umstände macht”, sagte Sophia und versuchte sich zu erinnern, wie die Adligen sprachen. Ihr fiel ein, dass es einfacher wäre, wenn niemand dachte, dass sie von hier kam, sie fügte also einen Hinweis auf einen Handelsstaatenakzent hinzu, den sie bei der Schneidern gehört hatte. Zu ihrer Überraschung ging das ganz einfach, ihre Stimme passte sich genauso schnell an, wie der Rest von ihr.

Das Mädchen trocknete und flocht ihre Haare in einen anspruchsvollen Dutt, dem Sophia kaum folgen konnte. Als es fertig war, setzte sie die Maske auf und ging hinaus, ging an den Kutschen vorbei, bis sie eine sah, die leer war.

“Sie da!”, rief sie, ihre neu erfundene Stimme hörte sich merkwürdig in ihren Ohren an. “Ja, Sie! Fahren Sie mich sofort zum Palast und halten Sie unterwegs nicht an. Ich bin in Eile. Und fragen Sie nicht nach einem Tarif. Sie können die Rechnung an Lord Dunham schicken und der kann sich glücklich schätzen, dass das alles ist, was ich ihn heute Abend koste.”

Sie wusste nicht einmal, ob es überhaupt einen Lord Dunham gab, aber der Name fühlte sich richtig an. Sie erwartete, dass der Kutschfahrer diskutieren würde oder zumindest über den Preis feilschen würde. Stattdessen verbeugte er sich einfach.

“Ja, meine Dame.”

Die Kutschfahrt durch die Stadt wahr bequemer, als Sophia sich vorgestellt hatte. Bequemer als das Gerüttel hinten auf dem Wagen und vor allem kürzer. In nur wenigen Minuten konnte sie die Tore sehen. Sophia fühlte, wie ihr Herz sich zusammenzog, denn es stand immer noch derselbe Diener am Tor. Konnte sie das schaffen? Würde er sie wiederkennen?

Die Kutsche wurde langsamer und Sophia zwang sich, sich herauszulehnen, hoffend, dass sie so aussah, wie sie sollte.

“Ist der Ball schon im Gang?”, fragte sie in ihrem neuen Akzent. “Bin ich richtig, um jetzt Eindruck zu machen? Noch wichtiger, wie sehe ich aus? Meine Bediensteten sagen mir, dass dies für Ihren Hof geeignet ist, aber ich fühle mich, als wenn ich wie eine Hafenhure aussehe.”

Sie konnte sich diesen kleinen Hieb nicht verkneifen. Der Bedienstete am Tor beugte sich tief.

“Meine Dame, Sie hätten zu keiner besseren Zeit kommen können”, versicherte er ihr, mit der Art von falscher Ehrlichkeit, von der Sophia annahm, dass sie den Adligen gefiel. “Und sie sehen absolut toll aus. Bitte gehen sie durch.”

Sophia schloss die Vorhänge, als die Kutsche weiterfuhr, aber nur, damit es ihre verblüffte Erleichterung verbarg. Das funktionierte. Es funktionierte wirklich.

Sie hoffte nur, dass die Dinge auch genauso gut für Kate funktionierten.






KAPITEL SECHS


Kate genoss die Stadt alleine mehr als sie gedacht hatte. Der Verlust ihrer Schwester tat immer noch weh und sie wollte immer noch nach draußen aufs offene Land gehen, aber im Moment war Ashton ihr Spielplatz.

Sie lief durch die Straßen der Stadt und es gab etwas besonders Ansprechendes daran, sich in der Menge zu verlieren. Niemand sah sie an, ebenso wenig wie die anderen Gassenkinder oder Lehrlinge, jüngere Söhne oder potenzielle Kämpfer der Stadt. In ihrem Jungen Kostüm und mit den kurzen Stacheln ihrer Haare hätte Kate als einer von ihnen durchgehen können.

Es gab so viel zu sehen in der Stadt und nicht nur die Pferde, auf die Kate ein begehrliches Auge warf, jedes Mal, wenn sie an einem vorbeikam. Sie hielt gegenüber eines Verkäufers an, der Jagdwaffen aus einem Waggon verkaufte, die leichten Armbrüste und gelegentliche Musketen sahen unglaublich groß aus. Wenn Kate eine hätte stehlen können, hätte sie es getan, aber der Mann hatte ein wachsames Auge auf jeden, der näherkam.

Dennoch war nicht jeder so vorsichtig. Sie schaffte es eine dicke Scheibe Brot von einem Kaffeetisch zu stehlen, ein Messer, von dort, wo es jemand benutzt hatte, um ein religiöses Merkblatt aufzustecken. Ihr Talent war nicht perfekt, aber zu wissen, was die Gedanken der Menschen waren und worauf ihre Aufmerksamkeit lag, war ein großer Vorteil, wenn es um die Stadt ging.

Sie machte weiter, suchte nach einer Möglichkeit noch mehr zu bekommen, dass sie für ein Leben auf dem Land brauchen würde. Es war Frühling und das hieß an den meisten Tagen einfacher Regen anstelle von Schnee. Was würde sie brauchen? Kate begann, die Dinge an ihren Fingern abzuzählen. Eine Tasche, Zwirn, um die Fallen für die Tiere zu erstellen, eine Armbrust, wenn sie eine bekommen könnte, ein Öltuch, um den Regen von einem Pferd abzuhalten. Definitiv ein Pferd, trotz aller Risiken, die ein Pferdediebstahl mit sich bringen könnte.

Nicht, dass irgendetwas wirklich sicher war. Es gab Galgenhaken an eine der Ecken, die die Knochen von lange toten Kriminellen enthielt, die so aufbewahrt wurden, dass die Lehre anhalten würde. Über eines der ältesten Tore, die im letzten Krieg ruiniert worden waren, hingen drei Schädel auf Spikes, die anscheinend die des Verräterkanzlers und seiner Verschwörer waren. Kate fragte sich, wie das noch jemand wissen sollte.

Sie ersparte sich einen Blick auf den Palast in der Ferne, aber das war nur, weil sie hoffte, dass es Sophia gut ging. Diese Art von Ort war für die Fans der Königinwitwe und ihre Söhne, die Adligen und ihre Diener, die versuchten, die Probleme der echten Welt mit ihren Partys und ihrer Jagd auszuschließen, nicht die echten Leute.

“Hey, Junge, wenn du ein paar Münzen ausgeben kannst, dann zeige ich dir, was eine schöne Zeit ist”, rief eine Frau von den Stufen eines Hauses, während Kate die Geräusche von Menschen hören konnte, die sich selbst zu sehr genossen, obwohl es noch nicht ganz dunkel war.

“Ich bin kein Junge”, erwiderte sie schnippisch.

Die Frau zuckte die Schultern. “Ich bin nicht wählerisch. Oder komm rein und verdien dir ein paar Münzen. Die alten Lauscher mögen die Jüngeren.”

Kate ging weiter und würdigte das nicht einmal mit einer Antwort. Das war nicht das Leben, das sie für sich geplant hatte, noch war Stehlen, um etwas zu erhalten, das was sie wollte.

Es gab andere Möglichkeiten, die interessanter schienen. Überall wo sie hinschaute, schien es Rekrutierer zu geben, für die eine oder andere kostenlose Firma, die ihre hohe Zahlung im Verhältnis zu anderen erklärte oder ihre bessere Zuteilung oder den Ruhm für die Kriege der in den Kriegen auf der anderen Seite des Knife Flusses gewonnen werden konnte.

Kate ging tatsächlich zu einem von ihnen hin, ein herzhaft aussehender Mann in seinen Fünfzigern, der eine Uniform trug, die besser zu einer Kriegsidee von einem Spieler als zum echten Krieg passte.

“Hey da, Junge! Suchst du nach einem Abenteuer? Einer Heldentat? Nach der Möglichkeit des Todes durch die Schwerte deiner Feinde? Dann bist zu zum falschen Ort gekommen!”

“Der falsche Ort?”, sagte Kate und kümmerte sich nicht einmal darum, dass er auch gedacht hatte, dass sie ein Junge wäre.

“Unser General ist Massimo Caval, der wohl vorsichtigste aller Kämpfer. Er macht keinen Kampf, außer er kann gewinnen. Er verschwendet seine Männer nicht in fruchtlosen Konfrontationen. Er macht nie –“

“Sie sagen also, er ist ein Feigling?”, fragte Kate.

“Ein Feigling ist das Beste was man in einem Krieg sein kann, glaub mir”, sagte der Rekruter. “Sechs Monate vor den feindlichen Truppen davonlaufen, während sie sich langweilen und nur gelegentlich plündern, um die Dinge zu beleben. Denk darüber nach, das Leben, die ... warte, du bist kein Junge, oder?“

&bdquo;Nein, aber ich kann trotzdem kämpfen“, insistierte Kate.

Der Rekruter schüttelte seinen Kopf. “Nicht für uns, das geht nicht. Geh!”

Trotz seiner Verteidigung der Feigheit sah der Rekruter aus, als wenn er ihr gleich eine Ohrfeige verpassen würde, wenn Kate weiter hier blieb, also ging sie weiter.

So viele Dinge in der Stadt machten wenig Sinn. Das Haus der Herrenlosen war ein grausamer Ort gewesen, aber zumindest hatte es eine Art Ordnung besessen. In der Stadt, so schien es, als wenn die Menschen mit wenig Input von den Machthabern der Stadt das taten, was sie wollten. Die Stadt selbst schien sicherlich keinen Plan zu haben. Kate überquerte eine Brücke, die aus Bühnen und Ständen gebaut war und sogar kleinen Häusern, bis es kaum noch genug Platz für seine eigentliche Nutzung gab. Sie lief die Straßen entlang, die sich auf sich selbst zurückwirbelten, sie lief Alleen herunter, die irgendwie zu Hausdächern auf einem niedrigeren Level wurden und Leitern platz machen.

Wenn man sich die Menschen auf der Straße anschaute, schien die ganze Stadt verrückt zu sein. Es schien an jeder Ecke jemand etwas zu schreien, die Grundlagen seiner persönlichen Philosophie erklärend, Aufmerksamkeit für die Leistung fordernd, die sie ausführen würden oder sie verurteilen die Beteiligung des Königsreichs an den Kriegen auf der anderen Seite des Flusses.

Kate duckte sich in einen Eingang, als sie die maskierten Figuren von Priestern und Nonnen sah, über den unergründlichen Geschäften der maskierten Göttin, aber nach dem dritten oder vierten Mal ging sie weiter. Sie sah, wie jemand mit einer Kette von Gefangenen umherschlug und sie fragte sich, welchen Teil der Gnade der Göttin das repräsentierte.

Überall in der Stadt gab es Pferde. Sie zogen Kutschen, sie trugen Reiter und einige der Größeren zogen Wagen voll mit allem von Steinen bis Bier. Sie zu sehen war eine Sache; eins zu stehlen war etwas ganz Anderes.

Am Ende suchte Kate sich einen Platz außerhalb eines Ostler Ladens, sie ging näher heran und wartete auf den richtigen Moment. Etwas so Großes wie ein Pferd zu stehlen, dafür brauchte sie mehr Zeit als nur einen Moment Unachtsamkeit, aber im Prinzip war es nicht anderes, als einen Kuchen zu stehlen. Sie konnte die Gedanken des Stallburschen fühlen, während diese abschweiften und wanderten. Jemand brachte eine fein aussehende Stute heraus und dachte dabei an die Adlige, für die sie gedacht war.

Verdammt, sie würde einen Damensattel brauchen, nicht das.

Der Gedanke war die Einladung, die Kate brauchte. Sie ging nach vorne, als der Stallbursche wieder hineinlief, wahrscheinlich dachte er, dass niemand das Pferd in dieser kurzen Zeit stehlen würde.

Kate wand sich ihren Weg durch die Fußgänger, die die Straßen säumten, sie stellte sich den Moment vor, wenn ihre Hände sich endlich um die Zügel schlingen würden –

“Erwischt!”, sagte eine Stimme, als eine Hand sich auf ihre Schulter legte.

Für einen Moment dachte Kate, dass jemand erahnt hatte, was sie machen wollte, aber als die Person die sie angefasst hatte, Kate zu sich umdrehte, erkannte sie die Wahrheit: es war einer der Jungen aus dem Waisenhaus.

Sie wand sich, um wegzulaufen und er schlug sie hart in den Magen. Kate fiel auf ihre Knie und sah die zwei anderen Jungen, die schnell auf sie zukamen.

“Sie haben uns nach dir geschickt, als du geflüchtet bist”, sagte der Älteste von ihnen. “Sie sagen Mädchen suchen nach mehr als nur Jungs und sie könnten uns allen Jäger hinterherschicken, wenn nötig.”

Er hörte sich bitter dabei an und Kate machte ihm keine Vorwürfe. Das Haus der Herrenlosen war ein teuflischer Ort, aber es war auch das einzige Zuhause, dass die Waisen hatten.

Aber sie machte ihm für den nächsten Schlag Vorwürfe, der ihren Kopf zurückwarf.

“Das ist für die Schläge, die du uns mit dem Schürhaken gegeben hast”, sagte er. “Und das hier ist für die Schläge, die uns der Priester danach gegeben hat.”

Er unterstrich das mit Ohrfeigen, die Kate erschütterten, wo sie kniete.

“Wir sind schon mehr als einen Tag da draußen”, sagte der Älteste. “Ich habe Hunger, ich bin müde und ich will zurück. Ich kann bald in die Armee gehen und du wirst mir das nicht kaputtmachen. Ich werde dich also dorthin hinziehen, aber nicht, ehe du mir sagst, wo deine Schwester ist.”




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