Für Jetzt und Für Immer 
Sophie Love


Die Pension in Sunset Harbor #1
Emily Mitchell, 35, lebt und arbeitet in New York City und kämpfte sich durch einige misslungene Beziehungen. Als sie von ihrem Freund, mit dem sie schon seit sieben Jahren zusammen ist, an ihrem Jahrestag zum Essen ausgeführt wird, ist sich Emily sicher, dass es dieses Mal anders sein wird, dass sie diesmal endlich einen Ring bekommen wird. Als er ihr stattdessen eine kleine Parfümflasche schenkt, weiß Emily, dass es an er Zeit ist, mit ihm Schluss zu machen – und ihr komplettes Leben von vorne zu beginnen. Emily ist mit ihrem unbefriedigenden, anstrengenden Leben unzufrieden und beschließt, dass sie eine Veränderung braucht. Spontan beschließt sie, zu dem verlassenen Haus ihres Vaters, einem ausladenden, historischen Anwesen an der Küste Maines, in dem sie als Kind magische Sommer verbracht hatte, zu fahren. Doch das Haus, das lange Zeit vernachlässigt wurde, muss dringend repariert werden und der Winter ist nicht gerade die beste Jahreszeit in Maine. Emily war seit zwanzig Jahren nicht mehr dort gewesen, seit dem tragischen Unfall, der das Leben ihrer Schwester veränderte und ihre Familie zerstörte. Ihre Eltern schieden sich, ihr Vater verschwand und Emily konnte es nie wieder über sich bringen, einen Fuß in das Haus zu setzen. Doch jetzt fühlt sich Emily durch ihr hektisches und kompliziertes Leben aus irgendeinem Grund zu dem einzigen Ort hingezogen, den sie mit ihrer Kindheit verband. Sie hat vor, nur ein Wochenende dort zu verbringen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Doch etwas in dem Haus – seine zahlreichen Geheimnisse, die Erinnerungen an ihren Vater, der Ausblick aufs Meer, die Lage in einer Kleinstadt – und vor allem der mysteriöse Grundstückspfleger – lassen sie nicht mehr los. Kann sie an diesem für sie unerwarteten Ort Antworten auf ihre Fragen finden?Kann ein Wochenende zu einem ganzen Leben werden?FÜR JETZT UND FÜR IMMER ist das erste Buch einer hinreißenden Debüt-Romanreihe, die Sie zum Lachen und Weinen bringen und dafür sorgen wird, dass Sie das Buch bis spät in die Nacht nicht aus der Hand legen können – und dass sie sich immer wieder neu in die Romantik verlieben. Buch 2 erscheint bald.







F Ü R J E T Z T U N D F Ü R I M M E R



(DIE PENSION IN SUNSET HARBOR—Buch 1)



S O P H I E L O V E


Sophie Love



Sophie Love ist seit jeher ein Fan von Liebesromanen, weshalb sie sich sehr freut, ihre erste Reihe an Liebesbüchern: FÜR JETZT UND FÜR IMMER (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR – BUCH 1) zu veröffentlichen. Sophie würde gerne von Ihnen hören. Besuchen Sie deshalb bitte ihre Webseite www.sophieloveauthor.com (http://www.sophieloveauthor.com), um ihr eine E-Mail zu schreiben, in den E-Mail-Verteiler aufgenommen zu werden, kostenlose E-Books sowie die neuesten Nachrichten zu erhalten und um mit ihr in Kontakt zu bleiben!



Copyright © 2016 by Sophie Love. Alle Rechte vorbehalten. Außer, wie gemäß dem U.S Copyright Gesetz von 1976 ausdrücklich erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Erlaubnis der Autorin vervielfältigt, verbreitet oder in irgendeiner Weise oder in irgendeiner Form übertragen, in einer Datenbank oder in einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch zugelassen. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Menschen weitergegeben werden. Wenn Sie sich dieses E-Book mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie sich bitte eine zusätzliche Kopie für jeden weiteren Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen, es jedoch nicht selbst gekauft haben und es auch nicht für ausschließlich Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und erwerben eine eigene Kopie. Vielen Dank für Ihren Respekt für die harte Arbeit dieser Autorin. Bei diesem Buch handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Veranstaltungen und Vorkommnisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder sind fiktiv eingesetzt. Jede Ähnlichkeit mit reellen Personen, lebend oder tot, ist reiner Zufall. Buchumschlagabbildung Copyright kak2s, unter Lizenz von Stutterstock.com.


INHALT



KAPITEL EINS (#ub7c4194f-b936-58d6-a27e-4d707b07210e)

KAPITEL ZWEI (#u028e671a-0bfb-5df3-8a2c-5b7b0f7e5843)

KAPITEL DREI (#uae2e2bba-49d4-598b-b5c5-bcb2dc6d6c17)

KAPITEL VIER (#u6a6faee9-9880-5557-805b-158aec975d3b)

KAPITEL FÜNF (#litres_trial_promo)

KAPITEL SECHS (#litres_trial_promo)

KAPITEL SIEBEN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ACHT (#litres_trial_promo)

KAPITEL NEUN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ELF (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo)

KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo)

KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo)




KAPITEL EINS


Emily strich mit ihren Händen über das schwarze, seidene Material ihres Kleides, um zum wahrscheinlich hundertsten Mal die Falten glatt zu streichen.

&bdquo;Du siehst nervös aus“, sagte Ben. &bdquo;Du hast dein Essen kaum angerührt.“

Ihre Augen huschten zu dem halb gegessenen Hühnchen auf ihrem Teller und wieder zurück zu Ben, der ihr gegenüber an dem wunderschön gedeckten Esstisch saß, sein Gesicht wurde durch das Kerzenlicht erleuchtet. Er hatte sie anlässlich ihres siebten Jahrestages in eines der romantischsten Restaurants in New York ausgeführt.

Natürlich war sie nervös.

Vor allem, seit die kleine Tiffany Box, die sie vor ein paar Wochen versteckt in seiner Sockenschublade gefunden hatte, an diesem Abend nicht mehr dort gelegen hatte. Sie war sich sicher, dass er ihr heute Nacht endlich einen Antrag machen würde.

Der Gedanke ließ ihr Herz vor Aufregung hämmern.

&bdquo;Ich habe einfach nur keinen Hunger“, antwortete sie.

&bdquo;Oh“, erwiderte Ben leicht besorgt. &bdquo;Heißt das, dass du keine Nachspeise willst? Ich hatte mich schon auf die gesalzene Karamellmouse gefreut.“

Sie wollte definitiv keine Nachspeise, aber sie hatte eine leichte Vermutung, dass Ben den Ring vielleicht in der Mouse versteckt haben könnte. Es wäre eine kitschige Art, ihr einen Antrag zu machen, aber sie würde ihn annehmen, egal auf welche Weise. Zu behaupten, dass Ben Bindungsängste hatte, wäre eine Untertreibung. Sie hatten zwei Jahre miteinander ausgehen müssen, bevor er ihr überhaupt gestattet hatte, eine Zahnbürste in seiner Wohnung zu lassen – und vier Jahre, bevor er sie endlich einziehen ließ.

Wenn sie auch nur Kinder erwähnte, wurde er weiß wie ein Blatt Papier.

&bdquo;Bitte, bestell die Mouse, wenn du sie willst“, sagte sie. &bdquo;Ich habe ja noch mein Glas Wein.“

Ben zuckte leicht mit den Schultern und rief nach dem Kellner, der sofort seinen leeren Teller und ihr halb gegessenes Hühnchen abräumte.

Ben streckte seine Hände aus und hielt ihre in seinen umschlossen.

&bdquo;Habe ich dir schon gesagt, dass du heute Abend wunderschön aussiehst?“, fragte er.

&bdquo;Noch nicht“, antwortete sie mit einem gerissenen Lächeln, das er erwiderte.

&bdquo;Wenn das so ist, du schaust wunderschön aus.“

Dann griff er in seine Tasche.

Ihr Herz schien still zu stehen. Das war der Moment. Es passierte wirklich. All diese Jahre voller Verzweiflung und Geduld, die einem buddhistischen Mönch gleichkam, zahlten sich endlich aus. Sie stand kurz davor, ihrer Mutter zu beweisen, dass sie Unrecht hatte. Diese schien nicht müde zu werden, Emily zu sagen, dass sie niemals einen Mann wie Ben vor den Traualtar bringen würde. Ganz zu schweigen von ihrer besten Freundin Amy, die in letzter Zeit die Angewohnheit entwickelt hatte, Emily nach einem Glas Wein zu beschwören, keine Zeit mehr mit Ben zu verschwenden, da man mit fünfunddreißig definitiv &bdquo;noch nicht zu alt war, um die wahre Liebe zu finden“.

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, als Ben die Tiffany Schachtel aus seiner Hosentasche hervorholte und sie über den Tisch in ihre Richtung schob.

&bdquo;Was ist das?“, brachte sie hervor.

&bdquo;Öffne es“, antwortete er mit einem Grinsen.

Er kniete nicht auf einem Bein, bemerkte Emily, aber das war in Ordnung. Wegen ihr musste es nicht traditionell sein. Sie brauchte einfach einen Ring. Jeder Ring wäre in Ordnung.

Sie nahm die Schachtel in die Hand, öffnete sie – und zog die Augenbrauen zusammen.

&bdquo;Was…zur Hölle…?“, stammelte sie.

Sie starrte schockiert auf den Inhalt der kleinen Box. Es war eine 30 ml Parfümflasche.

Ben grinste, als ob er von seinem Werk begeistert wäre.

&bdquo;Ich wusste auch nicht, dass sie Parfüm verkaufen“, entgegnete Ben. &bdquo;Ich dachte, sie verkauften nur überteuerten Schmuck. Willst du mich ansprühen?“

Emily, die plötzlich ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren konnte, brach in Tränen aus. All ihre Hoffnungen fielen um sie herum zusammen. Sie fühlte sich wie eine Idiotin, weil sie sich dem Glauben hingegeben hatte, dass er ihr heute Abend womöglich einen Antrag machen würde.

&bdquo;Warum weinst du?“, fragte Ben mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er schien auf einmal gekränkt zu sein. &bdquo;Die Leute schauen schon.“

&bdquo;Ich dachte…“, stammelte Emily, während sie sich mit der Serviette die Augen abtupfte. &bdquo;Weil wir hier im Restaurant sind und es unser Jahrestag ist…“ Sie brachte die Worte nicht heraus.

&bdquo;Ja“, erwiderte Ben mit kalter Stimme. &bdquo;Es ist unser Jahrestag, weshalb ich dir ein Geschenk gekauft habe. Es tut mir leid, wenn es nicht gut genug ist, aber du hast ja immerhin gar keines für mich.“

&bdquo;Ich dachte, dass du mir einen Antrag machen würdest!“, erklärte Emily schließlich weinend, als sie ihre Serviette auf den Tisch warf.

Die Hintergrundgeräusche in dem Restaurant verstummten, da alle Menschen aufgehört hatten zu essen, sich umdrehten und sie nun anstarrten. Doch es war ihr mittlerweile egal.

Bens Augen weiteten sich aus Angst. Er schaute sogar noch verängstigter aus als damals, als sie die Möglichkeit erwähnt hatte, eine Familie zu gründen.

&bdquo;Warum willst du heiraten?“, fragte er.

In dem Moment wurde Emily einiges klar. Sie schaute ihn an, als ob sie ihn das erste Mal sähe. Ben würde sich nie verändern. Sie hatte Jahre damit verbracht, auf etwas zu warten, das so offensichtlicherweise niemals eintreten würde, und diese mini Flasche Parfüm war der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

&bdquo;Es ist vorbei“, sagte Emily. &bdquo;Ich bin nicht mehr blind. Das hier – du, ich – war nie richtig gewesen.“ Sie stand auf und warf ihre Serviette auf den Stuhl. &bdquo;Ich ziehe aus“, erklärte sie. &bdquo;Ich werde heute Nacht bei Amy schlafen und dann morgen meine Sachen holen.“

&bdquo;Emily“, widersprach Ben und griff nach ihrer Hand. &bdquo;Können wir bitte darüber reden?“

&bdquo;Warum?“, schoss sie zurück. &bdquo;Damit du mich dazu überreden kannst, weitere sieben Jahre zu warten, bevor wir uns ein eigenes Haus kaufen? Ein weiteres Jahrzehnt bevor wir ein gemeinsames Bankkonto führen? Siebzehn Jahre, bevor du überhaupt darüber nachdenkst, dass wir uns gemeinsam eine Katze anschaffen könnten?“

&bdquo;Bitte“, flüsterte Ben, während er den Kellner anschaute, der ihre Nachspeise brachte. &bdquo;Du machst eine Szene.“

Emily wusste das, doch es war ihr egal. Sie würde ihre Meinung nicht ändern.

&bdquo;Es gibt nichts mehr, über das wir reden könnten“, entgegnete sie. &bdquo;Es ist vorbei. Genieß deine Mousse aus gesalzenem Karamell!“

Und mit diesen letzten Worten stürmte sie aus dem Restaurant.




KAPITEL ZWEI


Emily starrte auf ihre Tastatur und befahl ihren Fingern, sich zu bewegen, etwas zu tun, irgendetwas. Eine weitere E-Mail erschien in ihrem Posteingang und sie schaute sie mit ausdruckslosem Gesichtsausdruck an. Das Geräusch der Bürogespräche um sie herum bemerkte sie kaum. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Ihr kam es so vor, als würde sie alles durch einen Schleier wahrnehmen. Die Tatsache, dass sie auf Amys klumpiger Couch kaum geschlafen hatte, trug auch ihren Teil dazu bei.

Sie war schon seit einer Stunde auf der Arbeit, doch sie hatte noch nichts geschafft, außer ihren Computer einzuschalten und eine Tasse Kaffee zu trinken. In ihrem Gehirn schwirrten Erinnerungen an die vergangene Nacht herum. Jedes Mal, wenn sie an den schrecklichen Abend dachte, verfiel sie in leichte Panik.

Ihr Handy begann zu blinken und sie schaute auf das Display, nur um festzustellen, dass Bens Name zum hundertsten Mal aufleuchtete. Sie hatte nicht einen einzigen seiner Anrufe beantwortet. Was gäbe denn schon noch zu reden? Er hatte sieben Jahre lang Zeit gehabt, für sich zu entscheiden, ob er mit ihr zusammen sein wollte oder nicht – ein Rettungsversuch in letzter Minute würde jetzt gar nichts bringen.

Das Telefon in ihrem Büro klingelte, wodurch sie sich ziemlich erschreckte, bevor sie nach dem Hörer griff.

&bdquo;Hallo?“

&bdquo;Hi Emily, ich bin’s, Stacey aus der fünfzehnten Etage. Mir ist gesagt worden, dass du heute Morgen an dem Meeting hättest teilnehmen sollen, und wollte nachfragen, warum du nicht dort warst.“

&bdquo;Verdammt!“, rief Emily, während sie den Hörer auf die Station schmiss. Sie hatte das Meeting komplett vergessen.

Sie sprang von ihrem Schreibtisch auf und rannte durch das Büro zum Aufzug. Ihr hektisches Auftreten schien ihre Kollegen zu amüsieren, die wie Kinder anfingen, miteinander zu tuscheln. Als sie den Aufzug erreichte, schlug sie mit der Hand auf den Knopf.

&bdquo;Komm schon, komm schon, komm schon.!“

Es dauerte eine Ewigkeit, doch schließlich kam der Aufzug an. Als die Türen aufgingen, stürmte Emily hinein, nur um direkt in jemanden hineinzulaufen, der gerade hinaustreten wollte. Sie stolperte atemlos zurück und erkannte, dass sie in ihre Chefin Izelda hineingelaufen war.

&bdquo;Es tut mir schrecklich leid“, stammelte Emily.

Izelda musterte sie von oben bis unten. &bdquo;Was genau? Dass Sie in mich hineingelaufen sind oder dass Sie das Meeting verpasst haben?“

&bdquo;Beides“, antwortete Emily. &bdquo;Ich war gerade auf meinem Weg dorthin. Ich hatte es total vergessen.“

Sie konnte die Augen all ihrer Kollegen in ihrem Rücken spüren. Das letzte, was sie jetzt brauchte, war eine Portion öffentliche Erniedrigung, doch genau das genoss Izelda sehr.

&bdquo;Haben Sie einen Kalender?“, fragte Izelda kühl, während sie ihre Arme vor der Brust verschränkte.

&bdquo;Ja.“

&bdquo;Und wissen Sie auch, wie er funktioniert? Wie man schreibt?“

Hinter sich konnte Emily hören, wie mehrere ihrer Kollegen ihr Lachen unterdrückten. Ihr erster Instinkt war es, wie eine Blume den Kopf hängen zu lassen. Vor anderen Menschen heruntergeputzt zu werden war einer ihrer schlimmsten Albträume. Aber genau wie gestern Abend im Restaurant erlebte sie auch jetzt einen Moment der Klarheit. Izelda war keine Autoritätsperson, zu der sie aufschauen und deren Launen sie sich beugen musste. Sie war einfach nur eine bittere Frau, die ihre Wut an jedem ausließ, den sie traf. Und diese flüsternden Kollegen hinter ihr bedeuteten gar nicht.

Eine plötzliche Welle der Erkenntnis überrollte Emily. Ben war nicht das einzige, was sie an ihrem Leben nicht mochte. Sie hasste auch ihren Job. Diese Menschen, dieses Büro, Izelda. Sie steckte schon seit Jahren hier fest, genauso wie sie jahrelang mit Ben festgesteckt hatte. Und sie würde es nicht länger einfach so hinnehmen.

&bdquo;Izelda“, sagte Emily. Zum ersten Mal sprach sie ihre Chefin mit ihrem Vornamen an. &bdquo;Ich werde jetzt ganz ehrlich mit dir sein. Ich habe das Meeting vergessen, es ist mir einfach entfallen. Es ist nicht die größte Katastrophe der Welt.“

Izelda starrte sie mit bösem Blick an.

&bdquo;Wie kannst du es wagen!“, bellte sie. &bdquo;Du wirst den ganzen Monat bis Mitternacht arbeiten, bis du den Wert der Pünktlichkeit erkennst!“

Mit diesen Worten stürmte Izelda an ihr vorbei. Im Davongehen stieß sie an Emilys Schulter, ihrer Ansicht nach war das Thema anscheinend erledigt.

Doch in Emilys Augen war es das ganz und gar nicht, weshalb sie ihren Arm ausstreckte und nach Izeldas Schulter griff, wodurch sie sie zum Stehen brachte.

Izelda drehte sich mit bösem Blick um und schlug Emilys Hand weg, als ob sie von einer Schlange gebissen worden wäre.

Doch Emily gab nicht nach.

&bdquo;Ich war noch nicht fertig“, fuhr Emily mit ruhiger Stimme fort. &bdquo;Das schlimmste auf der Welt ist dieser Ort. Es bist du. Es ist dieser dumme, unbedeutende, seelen-zerstörende Job.“

&bdquo;Wie bitte?“, schrie Izelda, ihr Gesicht war vor Wut schon ganz rot.

&bdquo;Du hast mich schon verstanden“, entgegnete Emily. &bdquo;Ich bin mir sogar sicher, dass mich jeder gehört hat.“

Emily warf über ihre Schulter einen Blick auf ihre Kollegen, die sprachlos zurück starrten. Niemand hatte von der ruhigen, fügsamen Emily erwartet, so auszurasten. Sie erinnerte sich an Bens Warnung am vergangenen Abend, dass sie &bdquo;eine Szene mache“. Und nun stand sie hier und veranstaltete eine weitere. Nur würde sie es diesmal genießen.

&bdquo;Du kannst deinen Job nehmen, Izelda,“ fügte Emily hinzu, &bdquo;und ihn dir in den Arsch schieben.“

Sie konnte das Keuchen hinter sich praktisch hören.

Sie schob sich an Izelda vorbei in den Aufzug, wo sie sich auf dem Absatz umdrehte. Dann drückte sie den Knopf für das Erdgeschoss zum, wie sie erleichtert erkannte, letzten Mal in ihrem Leben. Sie sah, wie ihre geschockten Kollegen sie anstarrten, bevor die Türen sich schlossen und ihnen die Sicht nahm. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, denn jetzt fühlte sie sich freier und leichter als jemals zuvor.



*



Emily rannte die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf, doch eigentlich war es ja gar nicht ihre Wohnung – das war sie nie gewesen. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie in Bens Welt eindringen würde, dass sie sich selbst so klein und unauffällig wie möglich machen sollte. An der Tür kämpfte sie mit den Schlüsseln und war froh, dass er auf der Arbeit war, und sie sich nicht mit ihm auseinandersetzen musste.

Sie trat ein und betrachtete alles mit neuen Augen. Nichts hier drinnen entsprach ihrem Geschmack. Alles schien eine neue Bedeutung zu bekommen; die fürchterliche Couch, wegen der sie sich mit Ben gestritten hatte, da sie eine neue kaufen wollte (diesen Streit hatte er gewonnen); der dämliche Couchtisch, den sie hinauswerfen wollte, weil ein Bein kürzer war als das andere, weshalb er immer wackelte (aber Ben hing aus &bdquo;sentimentalen Gründen“ daran, also blieb er); der übergroße Fernseher, der zu viel gekostet hatte und zu viel Platz einnahm (aber Ben hatte darauf bestanden, dass er ihn bräuchte, um Sportsendungen zu sehen, denn diese wären das &bdquo;einzige“, was ihn bei Verstand hielt). Sie schnappte sich ein paar Bücher aus dem Regal, wobei ihr auffiel, dass ihre Liebesromane auf das unterste Brett verbannt worden waren (Ben machte sich immer Sorgen, dass seine Freunde ihn für weniger intelligent halten würden, wenn sie die Liebesbücher im Regal sähen – er zog akademische Texte und Philosophen vor, auch wenn es so schien, als ob er nie auch nur eines von ihnen gelesen hätte).

Sie warf einen Blick auf die Fotos auf dem Kaminsims, um zu sehen, ob es etwas gab, das es Wert wäre, es mitzunehmen, doch ihr fiel auf, dass jedes Bild, in dem sie zu sehen war, mit Bens Familie geschossen wurde. Bei dem Geburtstag seiner Nichte, bei der Hochzeit seiner Schwester. Es gab kein einziges Bild von ihr mit ihrer Mutter, dem einzigen weiteren Menschen in ihrer Familie, und schon gar keines von Ben, während er Zeit mit den beiden verbrachte. Plötzlich erkannte Emily, dass sie in ihrem eigenen Leben fremd gewesen war. Sie war jahrelang dem Weg eines anderen Menschen gefolgt, anstatt sich ihren eigenen zu suchen.

Sie stürmte durch die Wohnung ins Badezimmer. Hier standen die einzigen Sachen, die ihr etwas bedeuteten – ihre schönen Bade- und Pflegeprodukte sowie ihr Makeup. Aber sogar das war für Ben ein Problem gewesen. Er hatte sich andauernd darüber beschwert, wie viele Produkte sie hatte, und was für eine Geldverschwendung sie doch wären.

&bdquo;Es ist mein Geld, also kann ich es ausgeben, für was auch immer ich will!“, schrie Emily ihr Spiegelbild an, während sie all ihre Sachen in eine Reisetasche packte.

Sie wusste, dass sie wie eine Verrückte aussehen musste, wie sie so durch das Badezimmer stürmte und halbleere Shampoo-Flaschen in ihre Tasche warf, doch es war ihr egal. Ihr Leben mit Ben war nicht als eine Lüge, die sie so schnell wie möglich beenden wollte.

Als nächstes rannte sie ins Schlafzimmer, wo sie einen Koffer unter dem Bett hervorzog. Schnell füllte sie ihn mit all ihren Kleidern und Schuhen. Sobald sie ihre Sachen eingesammelt hatte, zog sie alles hinaus auf die Straße. Dann ging sie, als endgültige symbolische Geste, zurück in die Wohnung und legte ihren Schlüssel auf Bens &bdquo;sentimental wertvollen“ Couchtisch, dann ging sie hinaus, mit dem Vorsatz, nie wieder zurückzukommen.

Erst, als sie auf dem Bordstein stand, wurde Emily allmählich bewusst, was sie getan hatte. In nur wenigen Stunden hatte sie es geschafft, ohne Job und ohne Wohnung dazustehen. Plötzlich wieder in Single zu sein war eine Sache, doch ihr gesamtes Leben wegzuschmeißen war etwas ganz Anderes.

Kleine Panikwellen begannen, durch ihren Körper zu schießen. Ihre Hände zitterten, während sie ihr Handy herauszog und Amys Nummer wählte.

&bdquo;Hey, was ist los?“, meldete sich Amy.

&bdquo;Ich habe etwas Verrücktes getan“, antwortete Emily.

&bdquo;Erzähl weiter…“, drängte sie Amy.

&bdquo;Ich habe meinen Job gekündigt.“

Sie hörte Amy am anderen Ende der Leitung tief ausatmen.

&bdquo;Oh, Gott sei Dank“, erklang schließlich die Stimme ihrer Freundin. &bdquo;Ich dachte schon, du würdest mir sagen, dass du wieder zu Ben zurückgegangen wärst.“

&bdquo;Nein, nein, sogar das Gegenteil. Ich habe meine Tasche gepackt und bin gegangen. Jetzt stehe ich auf der Straße wie eine Stadtstreicherin.“

Amy begann zu lachen. &bdquo;Das stelle ich mir gerade bildlich vor.“

&bdquo;Das ist nicht lustig!“, erwiderte Emily, panischer denn je zuvor. &bdquo;Was soll ich denn jetzt tun? Ich habe meinen Job gekündigt. Ohne Job werde ich keine neue Wohnung finden!“

&bdquo;Du musst aber zugeben, dass es zumindest ein bisschen lustig ist“, entgegnete Amy kichernd. &bdquo;Bring einfach alles rüber“, fügte sie lässig hinzu. &bdquo;Du kannst bei mir bleiben, bis du dir etwas überlegt hast.“

Aber Emily wollte das nicht. Sie hatte praktisch Jahre ihres Lebens damit verbracht, in der Wohnung eines anderen Menschen zu leben und sich in ihrem eigenen Zuhause wie eine Hausiererin zu fühlen. Es kam ihr so vor, als ob Ben ihr einen Gefallen damit getan hätte, sie bei sich wohnen zu lassen. Das wollte sie nicht mehr. Sie musste ihr eigenes Leben führen, auf ihren eigenen zwei Beinen stehen.

&bdquo;Ich schätze dein Angebot“, sagte Emily, &bdquo;aber ich muss erst einmal meinen eigenen Weg gehen.“

&bdquo;Das verstehe ich“, erwiderte Amy. &bdquo;Was hast du jetzt vor? Wirst du die Stadt für eine Weile verlassen? Deinen Kopf frei bekommen?“

Diese Worte brachten Emily zum Nachdenken. Ihr Vater besaß ein Haus in Maine. Als Kind hatten sie dort ihre Sommer verbracht, doch es stand seit seinem Verschwinden vor zwanzig Jahren leer. Es war alt, voller Charakter, und war einmal aus historischer Sicht prächtig gewesen. Es machte mehr den Anschein eines ausgedehnten Bed & Breakfast, weshalb ihr Vater nicht gewusst hatte, was er aus dem Haus machen sollte.

Damals war es kaum präsentabel gewesen und Emily wusste, dass es jetzt, nach zwanzig Jahren Vernachlässigung, auf keinen Fall in einem guten Zustand sein konnte; es würde sich auch nicht gleich anfühlen, allein in dem Haus zu sein – vor allem jetzt, da sie kein Kind mehr war. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass gerade kein Sommer war. Es war Februar!

Und doch erschien ihr die Idee, ein paar Tage in einem Schaukelstuhl auf der Veranda eines Ortes, der ihr gehörte (zumindest so einigermaßen), zu verbringen und das Meer zu betrachten, fürchterlich romantisch. Für das Wochenende aus New York rauszukommen, wäre eine gute Möglichkeit, ihren Kopf freizubekommen und sich zu überlegen, was sie als nächstes tun könnte.

&bdquo;Ich muss los“, sagte Emily.

&bdquo;Warte“, widersprach Amy. &bdquo;Sag mir zuerst, wo du hingehst!“

Emily holte einmal tief Luft.

&bdquo;Ich gehe nach Maine.“




KAPITEL DREI


Emily musste mit verschiedenen U-Bahnen fahren, um den Langzeitparkplatz in Long Island City zu erreichen, wo ihr altes, heruntergekommenes Auto stand. Sie hatte es schon seit Jahren nicht mehr verwenden, denn Ben hatte immer darauf bestanden, selber zu fahren, damit er mit seinem kostbaren Lexus angeben konnte. Als sie über den riesigen, schattenreichen Parkplatz lief und ihren Koffer hinter sich herzog, fragte sie sich, ob sie überhaupt noch fahren könnte. Das war auch eines der Dinge, die sie im Laufe ihrer Beziehung hatte schleifen lassen.

Allein schon der Weg hierher, zu diesem Parkplatz am Rande der Stadt, hatte sich endlos angefühlt. Während sie sich ihrem Auto näherte, hallten ihre Schritte auf dem gefrorenen Parkplatz wider und sie fühlte sich fast schon zu müde und erschöpft, um weiter zu gehen.

Machte sie gerade einen Fehler?, fragte sie sich. Sollte sie umkehren?

&bdquo;Da ist es ja.“

Emily drehte sich um und sah, wie der Parkplatzwächter mit einem schon fast mitleidigen Lächeln auf ihr heruntergekommenes Auto schaute. Er streckte seine Hand aus, in der er ihre Schlüssel hielt.

Der Gedanke daran, jetzt noch eine achtstündige Fahrt vor sich zu haben, kam ihr wie eine überwältigende, unmöglich zu meisternde Herausforderung vor. Sie war bereits jetzt schon so unglaublich erschöpft, sowohl physisch als auch emotional.

&bdquo;Wollen Sie sie nicht nehmen?“, fragte er schließlich.

Emily blinzelte, sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie mit ihren Gedanken abgeschweift war.

Sie stand dort und wusste irgendwie, dass dieser Moment entscheidend war. Würde sie zusammenbrechen und zu ihrem alten Leben zurücklaufen?

Oder wäre sie stark genug, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen?

Emily schüttelte die dunklen Gedanken ab und zwang sich dazu, stark zu sein. Zumindest für jetzt.

Sie nahm die Schlüssel und ging stolz zu ihrem Auto. Dabei versuchte sie, mutig und selbstsicher zu sein, doch insgeheim war sie nervös, dass es gar nicht mehr anspringen würde, oder dass sie sich nicht mehr daran erinnern könnte, wie man fuhr, wenn er denn doch noch funktionierte.

Sie saß in dem eiskalten Auto, schloss ihre Augen und schaltete den Motor ein. Sie beschloss, dass es ein gutes Zeichen wäre, wenn er ansprang. Wenn er kaputt wäre, könnte sie umkehren.

Sie hasste es, zugeben zu müssen, dass sie sich insgeheim wünschte, dass der Motor nicht mehr funktionierte.

Sie drehte den Schlüssel um.

Er sprang an.



*



Es war für Emily eine große Überraschung und ein Trost zugleich, dass sie immer noch wusste, was sie zu tun hatte, auch wenn die ersten Meter etwas holprig waren. Alles, was sie tun musste war, auf das Gaspedal zu treten und zu fahren.

Es war eiskalt, die Welt flog an ihr vorbei und Stück für Stück schüttelte sie ihre trübe Stimmung ab. Sie schaltete sogar das Radio an, als sie sich daran erinnerte, dass es in dem Auto eines gab.

Bei dröhnender Musik und mit heruntergelassenen Fenstern hielt Emily das Lenkrad fest in ihren Händen. In ihren Gedanken sah sie wie eine der glamourösen Damen in einem der 1940er Jahre Schwarz-Weiß-Filme aus, denen der Wind durch ihre perfekt frisierten Haare wehte. In Wirklichkeit hatte die kalte Februarluft ihre Nase so rot wie eine Beere anlaufen lassen und ihr Haar in ein ungekämmtes Nest verwandelt.

Schon bald hatte sie die Stadt hinter sich gelassen und je weiter in den Norden sie fuhr, desto dichter waren die Straßen von immergrünen Bäumen gesäumt. Sie ließ sich im Vorbeifahren Zeit, ihre Schönheit zu bewundern. Wie einfach sie sich von dem Gedränge und der Geschäftigkeit des Großstadtlebens hatte anstecken lassen. Wie viele Jahre hatte sie vorbeiziehen lassen, ohne die Schönheit der Natur zu bewundern?

Schon bald wurden die Straßen breiter, die Anzahl der Spuren nahm zu und schließlich war sie auf der Autobahn. Sie ließ den Motor aufheulen, zwang ihr heruntergekommenes Auto, immer schneller zu fahren. Durch die Geschwindigkeit fühlte sie sich lebendig und voller Energie. All die Menschen, die in ihren Autos unterwegs waren, und endlich war sie, Emily, auch einer von ihnen. Aufregung schoss durch ihren Körper, als sie immer weiter nach vorne schoss und die Geschwindigkeit so weit erhöhte, wie sie es sich traute.

Ihr Selbstvertrauen erreichte neue Höhen, während die Straße unter den Rädern ihres Wagens vorbeizog. Als sie über die Grenze des Bundesstaates Connecticut fuhr, wurde ihr erst wirklich klar, war sie eigentlich hinter sich ließ. Ihre Arbeit, Ben, sie war endlich all den Ballast losgeworden.

Je weiter sie in den Norden fuhr, desto kälter wurde es und Emily sah schließlich ein, dass es einfach zu kalt war, um das Fenster offen zu lassen. Sie ließ es hochfahren und rieb ihre Hände aneinander, wobei sie sich wünschte, etwas zu tragen, dass dem Wetter angemessener wäre. Sie hatte New York in ihrem unbequemen Arbeitsanzug verlassen und aus einem Impuls heraus ihren Blazer und ihre Stilettos aus dem Fenster geworfen. Jetzt trug sie nur eine dünne Bluse und die Zehen ihrer nackten Füße schienen sich in Eisblöcke verwandelt zu haben. Das Bild des Filmstars aus den 1940er Jahren verblasste in ihren Gedanken, als sie ihr Spiegelbild in dem Rückspiegel erblickte. Sie sah ganz schön durch den Wind aus. Doch das war ihr egal. Sie war frei, das war alles, was zählte.

Stunden vergingen und plötzlich lag Connecticut hinter ihr, es war nur noch eine ferne Erinnerung, nur ein Ort, den sie auf dem Weg in eine bessere Zukunft durchquert hatte. Die Landschaft des Bundesstaates Massachusetts war viel offener. Anstatt der dunkelgrünen Blätter der immergrünen Bäume hatten diese hier ihr Sommerkleid abgeworfen und ragten nun wie dürre Skelette auf beiden Seiten der Straße empor. Zwischen ihnen konnte man hin und wieder Schnee und Eis auf dem harten Boden sehen. Über Emily begann der Himmel, seine Farbe von einem klaren Blau zu einem matschigen Grau zu ändern, was sie daran erinnerte, dass es dunkel sein würde, wenn sie endlich in Maine ankäme.

Sie fuhr durch Worcester. Viele der Häuser dort waren groß, aus Holz gebaut und in verschiedenen Pastelltönen gestrichen. Emily musste sich unwillkürlich fragen, welche Menschen hier wohnten, was für Leben sie führten und welche Erfahrungen sie machten. Sie war nur wenige Stunden von ihrem Zuhause entfernt, doch bereits jetzt erschien ihr schon alles fremd – all die Möglichkeiten, all die verschiedenen Orte, an denen man leben und die man besuchen könnte. Wie hatte sie sieben Jahre lang nur eine Variante des Lebens sehen können, indem sie die alte, bekannte Routine verfolgte und jeden Tag die ganze Zeit auf etwas mehr gewartet und gewartet und gewartet hatte. All diese Zeit hatte sie darauf gewartet, dass Ben sich zusammenreißen würde, damit das nächste Kapitel ihres Lebens beginnen konnte. Doch die ganze Zeit lang hatte sie selbst die Macht gehabt, ihre eigene Geschichte voranzutreiben.

Als sie der Route 290 folgte, fuhr sie über eine Brücke, wo die Straße zur Route 495 wurde. Hier gab es keine Bäume mehr, die sie bewundern konnte, sie wurden von steilen Gesteinsformationen abgelöst. Ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie die Mittagszeit hatte verstreichen lassen, ohne etwas zu essen. Sie überlegte, ob sie an einem LKW-Rastplatz anhalten sollte, doch das Verlangen, in Maine anzukommen, war zu groß. Sie könnte etwas essen, wenn sie dort ankam.

Weitere Stunden vergingen, als sie schließlich die Grenze zu dem Bundesstaat New Hampshire überquerte. Der Himmel brach auf, die Straßen waren breit und auf beiden Seiten erstreckte sich, soweit man sehen konnte, flaches Land. Emily fragte sich unwillkürlich, wie groß die Welt wohl war, wie viele Menschen wirklich in ihr lebten.

Ihr Optimismus trug sie an Portsmouth vorbei, wo Flugzeuge über ihr herabschossen, ihre Motoren heulten laut, als sie die Landebahn anzielten. Emily gab Gas und fuhr an der nächsten Stadt vorbei, bei der auf beiden Seiten der Straße Frost auf dem Boden lag, dann ging es durch Portland, wo die Straße neben den Bahnschienen entlanglief. Sie nahm jedes Detail in sich auf und wurde von einer neuen Ehrfurcht vor der Größe der Welt erfüllt.

Sie rauschte über die Brücke, die aus Portland hinausführte, als sie plötzlich den Drang verspürte, anzuhalten und den Ausblick auf den Ozean zu genießen. Doch der Himmel wurde immer dunkler und sie wusste, dass sie sich beeilen musste, um es vor Mitternacht nach Sunset Harbor zu schaffen. Die Stadt lag noch eine dreistündige Fahrt entfernt und die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte bereits 9 Uhr abends an. Ihr Magen protestierte wieder, weil sie auch das Abendessen verpasst hatte.

Auf das, was sich Emily bei ihrer Ankunft am meisten freute, war die Aussicht, die restliche Nacht komplett durchzuschlafen, denn ihre Erschöpfung machte sich schon bemerkbar; Amys Couch war nicht besonders bequem gewesen, ganz zu schweigen von dem emotionalen Aufruhr, mit dem Emily die ganze Nacht lang gekämpft hatte. Doch in ihrem Haus in Sunset Harbor wartete ein wunderschönes, aus dunkler Eiche geschaffenes Himmelbett in dem großen Schlafzimmer auf sie, in dem ihre Eltern glücklichere Zeiten verbracht hatten. Der Gedanke, komplett alleine dort zu sein, war verlockend.

Trotz der Tatsache, dass sich am Himmel Schnee ankündigte, entschied sich Emily dagegen, die ganze Strecke nach Sunset Harbor auf der Autobahn zurückzulegen. Ihr Vater war sehr gerne die weniger genutzten Strecken gefahren – eine Reihe von Brücken erstreckten sich über eine Vielzahl an Flüssen, die in diesem Teil Maines in den Ozean flossen.

Sie fuhr von der Autobahn ab, erleichtert, zumindest die Geschwindigkeit reduzieren zu können. Die Straßen hier waren zwar gefährlicher, doch die Landschaft war umwerfend. Emily schaute hinauf zu den Sternen, die über dem klaren, glitzernden Wasser blinkten.

Sie fuhr auf der Route 1 an der Küste entlang und öffnete ihren Geist für die Schönheit um sie herum. Der Himmel veränderte sich von einem Grau zu einem Schwarz, was sich im Wasser widerspiegelte. Es fühlte sich so an, als würde sie durch das Universum fahren, bis in die Unendlichkeit.

Das Ziel der Reise war der Anfang des Rests ihres Lebens.



*



Erschöpft von der endlosen Fahrt musste sie sich zwingen, ihre Augen offen zu halten, doch sie merkte auf, als die Scheinwerfer des Autos endlich ein Schild erleuchteten, dass ihr die Ankunft in Sunset Harbor ankündigte. Vor Erleichterung und Aufregung schlug ihr Herz schneller.

Sie kam an dem kleinen Flughafen vorbei und fuhr über die Brücke, die auf die Mount Desert Insel führte. In einem Anflug von Nostalgie erinnerte sie sich an Zeiten, zu denen sie in dem Familienauto gesessen und über dieselbe Brücke gerauscht war. Sie wusste, dass das Haus jetzt nur noch zehn Meilen entfernt lag, was bedeutete, dass sie in maximal zwanzig Minuten ankommen würde. Ihr Herz fing vor Aufregung an, wild zu schlagen. Die Erschöpfung und der Hunger schienen verschwunden zu sein.

Sie sah das kleine hölzerne Schild, das sie in Sunset Harbor willkommen hieß, was ihr ein Lächeln entlockte. Große Bäume säumten beide Seiten der Straße. Emily fand es tröstlich, dass es immer noch die gleichen Bäume waren, die sie als Kind schon bewundert hatte, als ihr Vater eben diese Straße entlanggefahren war.

Ein paar Minuten später fuhr sie über eine Brücke, über die sie als Kind an einem wunderschönen Herbstabend spazieren gegangen war, wobei das rote Laub unter ihren Füßen geraschelt hatte. Die Erinnerung daran war noch so lebendig, dass sie sogar die lila Wollhandschuhe vor Augen sah, die ihre Hände bedeckten, während sie mit ihrem Vater Hand in Hand dort entlanggelaufen war. Sie konnte damals nicht älter als fünf Jahre gewesen sein, doch die Erinnerung daran war noch so frisch, als ob es erst gestern geschehen wäre.

Weitere Erinnerungen drängten sich in ihre Gedanken, als sie an anderen Orten vorbeifuhr – dem Restaurant, in dem man unglaublich leckere Pfannkuchen essen konnte, der Campingplatz, der den ganzen Sommer lang mit schottischen Gruppen gefüllt gewesen war, der einspurige Pfad, der hinab zu der Salisbury Cove, einer Bucht, führte. Als sie das Schild erreichte, das den Acadia Nationalpark ankündigte, legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, denn sie wusste, dass sie nur noch zwei Meilen von ihrem Ziel entfernt war. Es sah so aus, als ob sie das Haus gerade noch rechtzeitig erreichen würde; es hatte gerade erst angefangen zu schneien und ihr altes Auto würde es wahrscheinlich nicht durch einen Schneesturm schaffen.

Wie aufs Stichwort begann ihr Auto, irgendwo unter der Motorhaube ein seltsames schleifendes Geräusch zu machen. Emily biss sich vor Verzweiflung auf die Lippe. Ben war immer der Praktische von den beiden gewesen, der Bastler in der Beziehung. Ihre mechanischen Fähigkeiten waren bedauerlich. Sie betete, dass das Auto wenigstens noch die letzte Meile aushalten würde.

Aber das schleifende Geräusch wurde immer lauter und wurde kurz darauf von einem seltsamen Surren begleitet, dann kam noch ein nerviges Klicken und schließlich ein Pfeifen hinzu. Emily schlug mit ihren Fäusten gegen das Lenkrad und stieß einen leisen Fluch aus. Der Schnee fiel immer schneller und dicker vom Himmel, gleichzeitig begann ihr Auto, immer größere Probleme zu machen, bis es schließlich ruckelnd zum Stehen kam.

Während sie dem Zischen des Motors lauschte, saß Emily hilflos da und überlegte, was sie tun könnte. Die Uhr zeigte Mitternacht an. Sonst war auf der Straße nichts los, niemand war zu dieser Zeit unterwegs. Es war totenstill und stockdunkel, da es keine lichtspendenden Straßenlaternen gab und die Sterne und der Mond von Wolken verdeckt waren. Das alles erschuf eine gruselige Atmosphäre und Emily war der Meinung, dass es sich perfekt als Kulisse für einen Horrorfilm eignen würde.

Sie schnappte sich ihr Handy, als ob es ihre letzte Rettung wäre, doch musste feststellen, dass sie keinen Empfang hatte. Der Anblick der fünf leeren Balken ließ ihre Sorge größer werden, denn nun fühlte sie sich sogar noch isolierter und einsamer als zuvor. Zum ersten Mal, seit sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte, bekam Emily das Gefühl, eine fürchterlich dumme Entscheidung getroffen zu haben.

Sie stieg aus dem Auto aus und erzitterte, als die kalte Luft zusammen mit den Schneeflocken in ihre Haut stach. Sie ging um den Wagen herum, um sich den Motor anzusehen, doch sie wusste gar nicht, wonach sie eigentlich suchen sollte.

In dem Moment hörte sie das Poltern eines LKWs. Ihr Herz fing vor Freude an, schnell zu schlagen, als sie in die Ferne schaute und kaum merkbar Scheinwerferlichter ausmachte, die auf der Straße in ihre Richtung kamen. Sie begann, mit ihren Armen zu winken, um so den sich nähernden LKW auf sich aufmerksam zu machen.

Glücklicherweise fuhr er an den Straßenrand heran und kam dicht hinter ihrem Auto zum Stehen. Dabei stieß er heiße Abgase in die kalte Nachtluft aus und seine grellen Lichter erleuchteten die fallenden Schneeflocken.

Die Fahrertür öffnete sich quietschend und zwei in schweren Stiefeln steckende Füße landeten knirschend auf dem schneebedeckten Boden. Emily konnte nur die Umrisse der Person vor ihr ausmachen, plötzlich beschlich sie eine fürchterliche Panik, dass sie gerade die Aufmerksamkeit des örtlichen Mörders auf sich gezogen haben könnte.

&bdquo;Da hast du dich aber in eine ganz schön verzwickte Lage gebracht, hm?“, hörte sie die kratzende Stimme eines alten Mannes.

Emily rieb sich, in dem Versuch, ein Zittern zu unterdrücken, über die Arme, wobei sie die Gänsehaut, die sich unter ihrer Bluse gebildet hatte, spüren konnte. Sie war erleichtert, dass es ein alter Mann war.

&bdquo;Ja, ich weiß nicht, wie das passiert ist“, erwiderte sie. &bdquo;Es fing an, seltsame Geräusche zu machen und blieb dann einfach stehen.“

Der Mann trat näher an sie heran, sein Gesicht wurde durch die Lichter seines LKWs erleuchtet. Er war sehr alt und hatte weißes Haar in seinem faltigen Gesicht. Seine Augen waren zwar dunkel, doch sie strahlten vor Neugier, als er zuerst Emily und dann ihr Auto musterte.

&bdquo;Du weißt nicht, wie das passiert ist?“, fragte er lachend. &bdquo;Ich kann dir sagen, wie das passiert ist. Dieses Auto hier ist nicht viel mehr als ein Haufen Schrott. Ich bin überrascht, dass du überhaupt in der Lage warst, damit loszufahren“ Es schaut nicht so aus, als ob du dich gut darum gekümmert hättest, und dann entscheidest du dich dazu, im Schnee damit zu fahren?“

Emily war nicht in der Stimmung, aufgezogen zu werden, vor allem, weil der alte Mann Recht hatte.

&bdquo;Ich bin sogar den ganzen Weg von New York hierhergefahren. Es hat ganze acht Stunden durchgehalten“, antwortete sie, wobei sie es nicht verhindern konnte, dass sich ein trockener Tonfall in ihre Stimme schlich.

Der alte Mann pfiff. &bdquo;New York? Nun ja, ich hätte nie…Was bringt dich in die Gegend?“

Emily hatte keine Lust, ihre Geschichte preiszugeben, weshalb sie einfach antwortete, &bdquo;Ich bin auf dem Weg nach Sunset Harbor“.

Der Mann bohrte nicht weiter nach. Emily stand dort und beobachtete ihn, ihre Finger wurden schnell taub, während sie auf irgendeine Form der Hilfe wartete. Doch er schien mehr daran interessiert zu sein, um das alte, rostige Auto herumzugehen, mit der Spitze seines Stiefels gegen die Reifen zu treten, ein bisschen Farbe mit dem Fingernagel abzukratzen, ein bisschen zu spötteln und seinen Kopf zu schütteln. Dann öffnete er die Motorhaube und untersuchte den Motor für eine ganze Weile, wobei er gelegentlich vor sich hinmurmelte.

&bdquo;Also?“, erkundigte sich Emily schließlich, denn sie war von seiner Langsamkeit genervt. &bdquo;Was stimmt denn nun nicht?“

Er schaute mit einem leicht überraschten Gesichtsausdruck von dem Motor auf, fast so, als ob er vergessen hätte, dass sie da war, und kratzte sich am Kopf. &bdquo;Es ist kaputt.“

&bdquo;Das wusste ich schon“, erwiderte Emily gereizt. &bdquo;Aber kannst du es reparieren?“

&bdquo;Oh nein“, antwortete der Mann mit einem Glucksen. &bdquo;Kein bisschen.“

Emily wollte am liebsten schreien. Der Nahrungsmangel sowie ihre Müdigkeit durch die lange Fahrt entfalteten so langsam ihre Wirkung und brachten sie fast zum Weinen. Alles, was sie wollte, war, nach Hause zu gehen und zu schlafen.

&bdquo;Was soll ich denn jetzt tun?“, fragte sie sich verzweifelt.

&bdquo;Nun ja, es gibt verschiedene Optionen“, erwiderte der alte Mann. &bdquo;Du könntest zur Werkstatt laufen, sie ist nur etwa eine Meile entfernt.“ Dabei deutete er mit seinen kurzen, faltigen Fingern in die Richtung, aus der sie gekommen war. &bdquo;Oder ich könnte dich dorthin abschleppen, wo auch immer du hinwolltest.“

&bdquo;Würdest du das wirklich tun?“, fragte Emily, überrascht von seiner Freundlichkeit, etwas, an das sie durch ihre lange Zeit in New York nicht gewohnt war.

&bdquo;Natürlich“, entgegnete der Mann. &bdquo;Ich werde dich nicht mitten in der Nacht in einem Schneesturm hier zurücklassen. Ich habe gehört, dass es in der nächsten Stunde schlimmer werden soll. Wohin genau bist du denn unterwegs?“

Emily war von Dankbarkeit erfüllt. &bdquo;West Street. Nummer Fünfzehn.“

Der Mann legte seinen Kopf neugierig auf die Seite. &bdquo;West Street fünfzehn? Das alte, heruntergekommene Haus?“

&bdquo;Ja“, antwortete Emily. &bdquo;Es gehört meiner Familie. Ich muss einmal etwas alleine sein.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich kann dich dort nicht hingehen lassen. Das Haus fällt auseinander. Ich bezweifele, dass es überhaupt wasserdicht ist. Warum kommst du nicht mit zu mir? Wir leben über dem kleinen Einkaufsladen, meine Frau Bertha und ich. Es wäre uns eine Freude, dich bei uns aufzunehmen.“

&bdquo;Das ist sehr nett von dir“, erwiderte Emily. &bdquo;Aber ich will im Moment einfach nur alleine sein. Wenn du mich also zur West Street abschleppen könntest, wäre ich dir sehr dankbar.“

Der alte Mann musterte sie einen Moment lang, bevor er schließlich nachgab. &bdquo;Okay, junge Dame. Wenn du darauf bestehst.“

Emily war erleichtert, als er in seinen LKW stieg und damit vor ihr Auto fuhr. Sie beobachtete, wie er ein dickes Seil hervorholte und die beiden Fahrzeuge aneinanderband.

&bdquo;Willst du mit mir fahren?“, fragte er. &bdquo;Ich habe zumindest eine Heizung.“

Emily lächelte leicht, doch schüttelte ihren Kopf. &bdquo;Ich würde lieber –“

&bdquo;Alleine sein“, beendete der alte Mann gemeinsam mit ihr den Satz. &bdquo;Schon verstanden. Schon verstanden.“

Emily stieg wieder in das Auto und fragte sich, welchen Eindruck sie auf den alten Mann wohl gemacht hatte. Er musste denken, dass sie ein bisschen verrückt war, weil sie unvorbereitet und mit unpassenden Kleidern mitten in der Nacht bei einem anstehenden Schneesturm unbedingt zu einem heruntergekommenen, verlassenen Haus gefahren werden wollte, damit sie komplett alleine sein konnte.

Der LKW vor ihr erwachte brummend zum Leben und sie konnte spüren, wie er das Auto vorwärts zog. Als sie so davonfuhren, lehnte sie sich zurück und schaute aus dem Fenster. Auf der einen Seite der Straße, die die letzten paar Meilen zu dem Haus führte, lag der Nationalpark und auf der anderen war das Meer. Durch die Dunkelheit und den Vorhang aus fallendem Schnee konnte Emily den Ozean und die Wellen sehen, die gegen die Felsen krachten. Dann, als sie in die Stadt fuhren, verschwand das Meer aus ihrem Blickfeld, stattdessen fuhren sie an Hotels und Motels, Bootstour-Unternehmen und Golfplätzen vorbei und durch dichter besiedelte Gebiete hindurch. Doch Emily fand, dass man es im Vergleich zu New York kaum als dicht besiedelt bezeichnen konnte.

Dann bogen sie links auf die West Street ab und Emilys Herz setzte für einen Moment aus, als sie an dem großen Eckhaus aus rotem, mit Efeu bewachsenen Eckhaus vorbeifuhren. Es sah genauso aus wie vor zwanzig Jahren, als sie das letzte Mal hier gewesen war. Sie fuhren erst an dem blauen, dann dem gelben und dem weißen Haus vorbei und sie biss sich auf die Lippe, denn sie wusste genau, dass das nächste Haus, das graue Steinhaus, ihres wäre.

Als es vor ihr auftauchte, überkam Emily ein starkes Gefühl der Nostalgie. Mit fünfzehn war sie das letzte Mal hier gewesen, damals war ihr Körper bei der Aussicht auf eine mögliche Sommerromanze voller Hormone gewesen. Sie hatte zwar nie eine gehabt, doch sie erinnerte sich noch genau an den Kick des Möglichen, der sie damals wie eine Welle überrollt hatte.

Der LKW kam zum Stehen, genauso wie Emilys Auto.

Noch bevor sich die Räder vollständig aufgehört hatten zu drehen, war Emily schon aus dem Auto gesprungen und stand vor dem Haus, das einmal ihrem Vater gehört hatte. Ihre Beine zitterten, sie war sich nicht sicher, ob sie das vor Erleichterung, endlich angekommen zu sein oder vor lauter Emotionen, endlich, nach so vielen Jahren, wieder hier zu stehen, taten. Aber während die anderen Häuser in der Straße unverändert aussahen, besaß das Haus ihres Vaters nur noch einen Schatten seines früheren Glanzes. Die einst weißen Fensterläden strotzten jetzt nur so vor Dreck. Während sie früher offen gestanden hatten, waren sie jetzt jedoch alle geschlossen, wodurch das Haus sogar noch weniger einladend wirkte als vor all den Jahren. Das Gras auf dem ausladenden Rasen vor dem Haus, auf dem Emily endlose Sommertage mit dem Lesen von Romanen verbracht hatte, machte überraschenderweise einen gepflegten Eindruck und sogar die kleinen Büsche an beiden Seiten der Eingangstür waren geschnitten. Doch das Haus an sich… jetzt sie verstand die verwirrte Reaktion des alten Mannes, als sie ihm gesagt hatte, wohin sie unterwegs war. Es schaute so verwahrlost aus, so ungeliebt auf dem Weg in die Baufälligkeit. Es machte Emily traurig, zu sehen, wie viel des schönen, alten Hauses im Laufe der Jahre verfallen war.

&bdquo;Nettes Haus“, bemerkte der alte Mann, als er neben ihr zum Stehen kam.

&bdquo;Danke“, erwiderte Emily fast wie in Trance, ihre Augen klebten förmlich an dem alten Gebäude. Schnee wehte um sie herum. &bdquo;Und danke, dass du mich in einem Stück hierhergebracht hast“, fügte sie hinzu.

&bdquo;Kein Problem“, antwortete der alte Mann. &bdquo;Und du bist dir sicher, dass du heute Nacht hierbleiben willst?“

&bdquo;Ich bin mir sicher“, entgegnete Emily, doch in Wirklichkeit begann sie sich zu fragen, ob es nicht ein großer Fehler gewesen war, hierher zu kommen.

&bdquo;Lass mich dir mit deinen Taschen helfen“, sagte der Mann.

&bdquo;Nein, nein“, winkte Emily ab. &bdquo;Wirklich, du hast mehr als genug getan. Ich schaffe es von hier aus.“ Sie wühlte in ihrer Tasche herum und förderte einen zusammengekrümpelten Dollarschein heraus. &bdquo;Hier, Benzingeld.“

Der Mann schaute zuerst auf das Geld und richtete dann seinen Blick auf sie. &bdquo;Das werde ich nicht annehmen“, bemerkte er mit einem freundlichen Lächeln. &bdquo;Behalte dein Geld. Wenn du mir wirklich etwas zurückgeben willst, warum kommst du dann nicht irgendwann im Laufe deines Aufenthaltes einmal zu mir und Bertha auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen?“

Emily spürte, wie sich in ihrem Hals ein Kloß formte, während sie den Geldschein zurück in ihre Tasche steckte. Die Freundlichkeit dieses Mannes schockierte sie nach der ganzen Feindseligkeit in New York.

&bdquo;Wie lange hast du überhaupt vor zu bleiben?“, fragte er, als er ihr ein kleines Stück Papier mit einer Telefonnummer und einer Adresse reichte.

&bdquo;Nur übers Wochenende“, gab Emily zurück und nahm das Stück Papier an.

&bdquo;Nun ja, wenn du irgendetwas brauchst, dann ruf mich einfach an. Oder komm zur Tankstelle, wo ich arbeite. Sie ist direkt bei dem Tante-Emma-Landen. Du kannst sie gar nicht verpassen.“

&bdquo;Danke“, sagte Emily erneut und versuchte, so viel Dankbarkeit wie möglich in dieses Wort zu legen.

Sobald das Geräusch des Motors in der Entfernung verhallte, legte sich wieder Stille über sie und plötzlich wurde Emily von einem Gefühl des Friedens erfüllt. Der Schneefall hatte sogar noch zugenommen und hüllte die Welt in eine weiße Stille.

Emily ging zu ihrem Auto zurück, um ihre Sachen zu holen, dann stampfte sie mit dem schweren Koffer in den Armen den Weg entlang. Dabei baute sich immer mehr Emotionen in ihrer Brust auf. Als sie die Haustür erreichte, hielt sie kurz inne, um den altbekannten Knauf zu betrachten und sich daran zu erinnern, dass sie ihn schon hunderte Male gedreht hatte. Vielleicht war es doch eine gute Idee gewesen, hierher zu kommen. Seltsamerweise konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, genau dort zu sein, wo sie sein sollte.



*



Emily stand in dem Flur des alten Hauses ihres Vaters, der Staub wirbelte um sie herum auf, und sie rieb sich ihre Schultern in der Hoffnung, sich aufzuwärmen. Sie wusste nicht, was sie sich dabei gedacht hatte. Hatte sie etwa erwartet, dass dieses alte Haus, das zwanzig Jahre lang vernachlässigt worden war, auf sie wartete? Am besten noch beheizt?

Sie versuchte, den Lichtschalter zu betätigen, doch nichts passierte.

Natürlich, dachte sie. Wie konnte sie nur so dumm sein? Hatte sie wirklich geglaubt, dass der Strom noch angeschaltet wäre?

Sie hatte nicht einmal daran gedacht, eine Taschenlampe mitzubringen. Sie schimpfte sich selbst. Wie immer war sie zu voreilig gewesen und hatte nicht einen Moment damit verschwendet vorauszuplanen.

Sie stellte ihren Koffer ab und ging weiter in das Haus hinein, wobei die Bodendielen unter ihren Füßen knarzten. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die Rohfasertapete, genau wie sie es als Kind auch oft getan hatte. Sie konnte sogar die Streifen erkennen, die sich im Laufe der Jahre durch die immer gleiche Bewegung auf der Tapete gebildet hatten, erkennen. Sie ging an der langen, breiten, aus dunklem Holz gemachten Treppe vorbei, bei der ein Teil des Geländers fehlte, was ihr jedoch egal war. Wieder zurück in dem Haus zu sein fühlte sich mehr als bestärkend an.

Sie versuchte ihr Glück mit einem weiteren Lichtschalter, doch erneut tat sich nichts. Dann erreichte sie die Tür am Ende des Flurs, der zur Küche führte, und schob sie auf.

Sie schnappte nach Luft, als sie von einem Schwall kalter Luft getroffen wurde. Als sie den Raum betrat, fühlte sich der Marmorboden unter ihren nackten Füßen eisig an.

Emily versuchte, die Wasserhähne in dem Spülbecken aufzudrehen, doch nichts passierte. Bestürzt kaute sie auf ihrer Lippe. Keine Heizung, kein Strom, kein Wasser. Was hatte dieses Haus denn noch für sie auf Lager?

Sie lief das ganze Haus ab, auf der Suche nach irgendwelchen Schaltern oder Hebeln, die das Wasser, das Öl und den Strom kontrollierten. In dem Schrank unter der Treppe fand sie einen Sicherungskasten, doch auch das Umklappen der Schalter nützte nichts. Sie erinnerte sich daran, dass der Boiler im Keller stand, doch fand die Vorstellung, ohne Licht hinunterzugehen, furchteinflößend. Sie brauchte eine Taschenlampe oder eine Kerze, doch sie wusste, dass nichts davon in dem verlassenen Haus zu finden war. Trotzdem schaute sie in den Schubladen in der Küche nach, für den Fall, dass sich dort noch etwas versteckte – doch das einzige, was sie fand, war altes Geschirr.

In Emilys Brust machte sich Panik breit und sie zwang sich, nachzudenken. Sie ließ ihre Gedanken zu den Zeiten zurückwandern, die sie und ihre Familie in dem Haus verbracht hatten. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater immer dafür gesorgt hatte, dass Öl geliefert wurde, um das Haus in den Wintermonaten zu heizen. Es hatte ihre Mutter verrückt gemacht, weil es so teuer war und sie es für reine Geldverschwendung hielt, ein leeres Haus zu heizen. Doch Emilys Vater hatte stets darauf bestanden, dass das Haus warmgehalten werden müsste, um die Leitungen zu schützen.

Emily erkannte, dass sie Öl bestellen musste, wenn sie das Haus aufwärmen wollte. Doch da ihr Handy keinen Empfang hatte, wusste sie nicht, wie sie das anstellen sollte.

Plötzlich ertönte ein Klopfen an der Tür. Es war ein schweres, gleichmäßiges und beherrschtes Klopfen, das durch die leeren Flure hallte.

Emily erstarrte und spürte, wie ein Stich der Erwartung durch ihre Brust zuckte. Wer könnte zu dieser Zeit und bei diesem Schnee wohl vorbeikommen?

Sie verließ die Küche und lief mit ihren nackten Füßen lautlos über den Dielenboden im Flur. Ihre Hand verharrte über dem Knauf, bevor sie sich nach kurzem Zögern zusammenriss und die Tür öffnete.

Vor ihr stand ein Mann, der Emily mit seinem dunklen, kinnlangen Haar, in dem sich Schneeflocken verfangen hatten, an einen Holzfäller oder an den Jäger von Rotkäppchen erinnerte. Er entsprach nicht ihrem gewöhnlichen Typ, doch in seinen kühlen, blauen Augen und dem Dreitagebart an seinem definierten Kinn lag durchaus eine gewisse Schönheit und Emily war geschockt, wie sehr sie sich zu dem Mann hingezogen fühlte.

&bdquo;Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.

Der Mann sah sie mit zusammengekniffenen Augen an, als ob er sie genau mustern würde. &bdquo;Ich bin Daniel“, sagte er. Dabei streckte er ihr seine Hand entgegen. Als sie schüttelte sie, konnte die raue Haut seiner Hand spüren. &bdquo;Wer bist du?“

&bdquo;Emily“, antwortete sie und auf einmal wurde bewusst, wie schnell ihr Herz schlug. &bdquo;Das Haus gehört meinem Vater. Ich bin für das Wochenende hierhergekommen.“

Der misstrauische Ausdruck auf Daniels Gesicht verstärkte sich. &bdquo;Der Besitzer war seit zwanzig Jahren nicht mehr hier. Hast du die Erlaubnis, einfach so vorbeizuschauen?“

Sein Ton klang hart, schon fast feindlich, und Emily schreckte zurück.

&bdquo;Nein“, gab sie zu, es war ihr etwas unangenehm, die schmerzhafteste Erinnerung ihres Lebens – das Verschwinden ihres Vaters – ins Gedächtnis gerufen zu bekommen, doch gleichzeitig machte sie Daniels Schroffheit sprachlos. &bdquo;Aber ich habe seinen Segen, herzukommen, wann immer ich will. Was geht dich das überhaupt an?“ Sie passte ihren Tonfall an seine grobe Stimmlage an.

&bdquo;Ich kümmere mich um das Anwesen“, erwiderte er. &bdquo;Ich lebe im Kutschenhaus hier auf dem Grundstück.“

&bdquo;Du lebst hier?“, rief Emily aus. Ihre Vorstellung eines ruhigen Wochenendes in dem alten Haus ihres Vaters zerbrach gerade vor ihren Augen. &bdquo;Aber ich wollte dieses Wochenende alleine sein.“

&bdquo;Ja, das wollten wir wohl beide“, entgegnete Daniel. &bdquo;Ich bin es nicht gewohnt, dass Menschen unangekündigt hereinplatzen.“ Er warf einen misstrauischen Blick über ihre Schulter. &bdquo;Oder, dass jemand an dem Haus zu schaffen macht.“

Emily verschränkte ihre Arme vor der Brust. &bdquo;Wie kommst du darauf, dass ich mich an dem Haus zu schaffen gemacht habe?“

Zur Antwort zog Daniel eine Augenbraue hoch. &bdquo;Nun ja, wenn du nicht vorhattest, das ganze Wochenende im Dunkeln und in der Kälte herumzusitzen, dann würde ich erwarten, dass du etwas angestellt hast. Zum Beispiel den Boiler angeschmissen, die Rohre abgelassen, so etwas die Richtung.“

Emilys Schroffheit wandelte sich in Verlegenheit um. Sie errötete.

&bdquo;Du hast es nicht geschafft, den Boiler anzuschmeißen, oder?“, fragte Daniel. Auf seinen Lippen lag ein trockenes Lächeln, an dem Emily erkannte, dass ihre Notlage ihn amüsierte.

&bdquo;Ich hatte einfach noch keine Gelegenheit dazu“, erwiderte sie hochmütig in dem Versuch, den Schein zu wahren.

&bdquo;Soll ich es dir zeigen?“, fragte er schon fast gemächlich, als ob es ihm nichts ausmachen würde.

&bdquo;Würdest du das tun?“, fragte Emily nach, da sie von seinem Hilfsangebot zugleich etwas geschockt und verwirrt war.

Er trat auf die Willkommensmatte. Schneeflocken rieselten aus seiner Jacke und formten einen kleinen Schneesturm im Flur.

&bdquo;Ich würde ihn lieber selber anschmeißen, bevor du noch etwas kaputtmachst“, gab er, begleitet von einem lässigen Schulterzucken, als Erklärung zurück.

Emily bemerkte, dass sich der fallende Schnee vor ihrer Haustür in einen Blizzard verwandelt hatte. So sehr sie es auch nicht zugeben wollte, so war sie doch mehr als dankbar, dass Daniel aufgetaucht war. Wenn nicht, dann wäre sie über Nacht wahrscheinlich erfroren.

Sie schloss die Tür und die beiden liefen den Flur entlang zum Eingang des Kellers, der sich hinter der Treppe verbarg. Daniel war vorbereitet gekommen. Er zog eine Taschenlampe heraus, mit der er den Weg die Treppe hinunter in den Keller beleuchtete. Emily folgte ihm nach unten, die Dunkelheit und die Spinnweben verängstigten sie ein wenig, während sie weiter in die Finsternis vordrangen. Als Kind hatte sie vor dem Keller riesige Angst gehabt und war nur selten hinuntergestiegen. Der Raum stand voller altmodischer Maschinen und Anlagen, die das Haus versorgten. Sie wurde von ihrem Anblick überwältigt und musste sich erneut die Frage stellen, ob es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen.

Glücklicherweise brachte Daniel den Boiler innerhalb von wenigen Sekunden zum Funktionieren, als ob es das einfachste auf der Welt wäre. Es ärgerte Emily ein wenig, dass sie die Hilfe eines Mannes brauchte, wenn sie doch eigentlich hierhergekommen war, um ihre Unabhängigkeit wieder zu erlangen. Dann erkannte sie, dass Daniel trotz seiner rauen Attraktivität und der unbestreitbaren Tatsache, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte, so schnell es ging wieder gehen musste. Sie würde wohl kaum zu sich selbst finden, wenn er bei ihr im Haus war. Es war schlimm genug, dass er sich auf demselben Grundstück befand.

Als sie mit dem Boiler fertig waren, verließen sie den Keller. Emily war erleichtert, aus dem feuchten und moderigen Raum rauszukommen und wieder in den Hauptteil des Hauses zurückzukehren. Sie folgte Daniel, der den Flur entlang bis in den Haushaltsraum ging, der sich hinter der Küche befand. Dort machte er sich direkt daran, die Rohre abzulassen.

&bdquo;Bist du bereit dazu, das Haus den ganzen Winter lang zu heizen?“, rief er ihr von seiner Position unter der Arbeitsplatte aus zu. &bdquo;Ansonsten werden sie zufrieren.“

&bdquo;Ich bleibe nur übers Wochenende“, gab Emily zurück.

Daniel kroch unter der Arbeitsfläche hervor und setzte sich auf seine Beine zurück, sein Haar war zerzaust und stand in alle Richtungen ab. &bdquo;Du solltest mit einem alten Haus wie diesem hier nicht so herumspielen“, sagte er kopfschüttelnd.

Doch trotzdem kümmerte er sich um das Wasser.

&bdquo;Wo ist denn die Heizung?“, fragte Emily, sobald er fertig war. Es war immer noch eiskalt, obwohl der Boiler lief und die Rohre nun frei waren. Sie rieb sich in einem Versuch, ihren Blutkreislauf anzuregen, über die Arme.

Daniel lachte auf, während er seine dreckigen Hände an einem Handtuch abwischte. &bdquo;Sie schaltet sich nicht von alleine, weißt du? Zuerst musst du Öl bestellen. Alles, was ich tun konnte war, alles vorzubereiten.“

Emily seufzte frustriert. Dann war Daniel wohl doch nicht der strahlende Ritter, für den sie ihn gehalten hatte.

&bdquo;Hier“, sagte Daniel und reichte ihr eine Visitenkarte. &bdquo;Das ist Erics Nummer. Er wird dir das Öl liefern.“

&bdquo;Danke“, murmelte sie. &bdquo;Aber ich scheine hier draußen keinen Empfang zu haben.“

Ihre Gedanken kehrten zu ihrem Handy und den leeren Balken zurück, was sie wieder daran erinnerte, wie einsam sie wirklich war.

&bdquo;Ein Stück die Straße hinauf gibt es eine Telefonzelle“, merkte Daniel an. &bdquo;Aber ich würde es nicht riskieren, mitten in einem Blizzard dorthin zu gehen. Und außerdem wird der Laden jetzt sowieso geschlossen haben.“

&bdquo;Natürlich“, murmelte Emily, die von der Ausweglosigkeit der Situation frustriert war.

Daniel musste erkannt haben, wie verärgert und niedergeschlagen Emily war. &bdquo;Ich könnte ein Feuer für dich entzünden“, bot er mit einem Nicken in Richtung des Wohnzimmers an. Seine Augenbrauen hoben sich in Erwartung, fast schon schüchtern, was ihm plötzlich ein jungenhaftes Aussehen verlieh.

Emily wollte protestieren, ihm sagen, dass er sie in dem eiskalten Haus allein lassen sollte, weil das das Mindeste war, das sie verdiente, doch ein Teil in ihr zögerte. Vielleicht fühlte sie sich weniger einsam, wenn Daniel im Haus war, weniger von der Zivilisation abgeschnitten. Sie hatte nicht erwartet, dass sie mit dem Handy kein Empfang hatte, sie Amy nicht erreichen konnte, und dass die Realität, die erste Nacht alleine in dem kalten, dunklen Haus zu verbringen, beängstigend war.

Daniel musste den Grund ihres Zögerns erkannt haben, denn er ging aus dem Raum, noch bevor sie ihren Mund öffnen konnte, um etwas zu sagen.

Sie folgte im, insgeheim dankbar dafür, dass er die Einsamkeit in ihren Augen gesehen und ihr angeboten hatte, zu bleiben, auch wenn es unter dem Vorwand des Feuermachens war. Sie fand Daniel im Wohnzimmer, wo er im Kamin einen kleinen Haufen aus Holzstückchen, Kohle und Holzscheiten errichtete. Sofort schoss ihr eine Erinnerung an ihren Vater durch den Kopf, wie er vor dem Kamin kniete und fachmännisch ein Feuer entzündete. Er war bei dieser Aufgabe so sorgfältig vorgegangen als ob er ein großes Kunstwerk anfertigen würde. Sie hatte ihm tausende Male dabei zugesehen und es immer geliebt. Sie fand das Feuer hypnotisch und hatte Stunden damit verbracht, sich vor dem Kamin auf den Teppich zu legen und zu beobachten, wie die orangen und roten Flammen tanzten. Sie hatte so lange dort gesessen, dass die Hitze auf ihrer Haut stach.

Gefühle wallten in Emily auf und drohten, sie zu ersticken. Bei dem Gedanken an ihren Vater, die Erinnerung war noch so klar in ihrem Geist, sammelten sich die lange Zeit unterdrückten Tränen in ihren Augen. Sie wollte nicht vor Daniel weinen, sie wollte nicht wie eine erbärmliche, hilflose Frau aussehen. Deshalb drängte sie alle Gefühle zurück und schritt zielstrebig in den Raum.

&bdquo;Ich weiß sogar, wie man ein Feuer entfacht“, sagte sie zu Daniel.

&bdquo;Oh, tust du das wirklich?“, erwiderte Daniel, der sie mit hochgezogener Augenbraue anschaute. &bdquo;Dann nur zu.“ Er hielt ihr die Streichhölzer entgegen.

Emily nahm sie ihm aus der Hand und zündete eines von ihnen an, die kleine orange Flamme zuckte zwischen ihren Fingern. In Wirklichkeit hatte sie ihrem Vater lediglich beim Feuermachen zugesehen, sie selbst hatte eigentlich noch nie eines entfacht. Innerhalb von Sekunden entzündete sich das Feuer, das altbekannte Geräusch tröstete sie und ließ sie in Nostalgie schwelgen, genau wie alles andere in diesem Haus auch. Als die Flammen begannen anzusteigen, war sie sehr stolz auf sich selbst. Doch anstatt den Kamin hinaufzuziehen, breitete sich schwarzer Rauch in dem Raum aus.

&bdquo;Verdammt!“, schrie Emily, als Rauchwolken sie umhüllten.

Daniel fing an zu lachen. &bdquo;Hattest du nicht gesagt, du wüsstest, wie man ein Feuer macht?“, fragte er, während er den Kaminschacht öffnete. Sofort wurde die Rauchwolke in den Kamin gezogen. &bdquo;Tada!“, fügte er grinsend hinzu.

Als der Rauch um sie herum immer dünner wurde, warf Emily ihm einen verärgerten Blick zu, sie war zu stolz, um ihm für seine Hilfe, die sie so offensichtlich gebraucht hatte, zu danken. Trotzdem war sie erleichtert, dass es endlich warm wurde. Sie spürte, wie ihr Kreislauf wieder in Schwung kam und die Wärme in ihre Zehen und ihre Nase zurückkehrte. Ihre steifen Finger lösten sich langsam.

Das Licht des Feuers erhellte das Wohnzimmer und tauchte es in ein sanftes, oranges Licht. Endlich konnte Emily all die antiken Möbel sehen, mit denen ihr Vater das Haus gefüllt hatte. Sie schaute sich um und warf einen Blick auf die schäbigen, vernachlässigten Gegenstände. Das große Bücherregal stand in einer Ecke, einst war es mit Büchern vollgestopft gewesen, die sie endlose Sommertage lang gelesen hatte, doch jetzt waren nur noch ein paar wenige übriggeblieben. Dann gab es noch den alten Flügel neben dem Fenster. Mit Sicherheit war er jetzt komplett verstimmt, doch vor all den Jahren hatte ihr Vater Lieder für sie gespielt, zu denen sie gesungen hatte. Ihr Vater war so stolz auf das Haus gewesen und es jetzt in dem strahlenden Licht zu sehen, das seinen ungepflegten Zustand enthüllte, machte sie traurig.

Über den zwei Sofas lagen weiße Tücher. Emily überlegte, ob sie sie entfernen sollte, doch das würde nur eine Staubwolke aufwirbeln. Nach dem Rauch, der aus dem Kamin gequollen war, glaubte sie nicht, dass ihre Lunge das aushalten würde. Und außerdem sah es ziemlich gemütlich aus, wie Daniel neben dem Kamin auf dem Boden saß, weshalb sie sich neben ihm niederließ.

&bdquo;Also“, meinte Daniel, während er seine Hände am Feuer wärmte. &bdquo;Wir haben es immerhin geschafft, dich aufzuwärmen. Aber im Haus gibt es keinen Strom und ich nehme nicht an, dass sich in deinem Koffer Laternen oder Kerzen befinden.“

Emily schüttelte den Kopf. Ihre Koffer waren voller unwichtiger Dinge, nichts, was man gebrauchen konnte, nichts, was sie hier wirklich weiterbrachte.

&bdquo;Mein Vater hatte früher immer Kerzen und Streichhölzer“, sagte sie. &bdquo;Er war immer vorbereitet. Ich nehme an, ich hatte erwartet, dass es immer noch einen Schrank mit diesen Dingen gäbe, aber nach zwanzig Jahren…“

Sie schloss ihren Mund, plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie eine Erinnerung an ihren Vater laut ausgesprochen hatte. Das tat sie nicht oft, normalerweise behielt sie ihre Gefühle für ihn tief in sich verborgen. Die Leichtigkeit, mit der sie gerade eben von ihm gesprochen hatte, überraschte sie.

&bdquo;Dann können wir ja einfach hier drinnen bleiben“, erwiderte Daniel mit sanfter Stimme, als ob er erkannt hätte, dass Emily gerade eine schmerzhafte Erinnerung durchlebte. &bdquo;Im Licht des Feuers kann man mehr als genug sehen. Willst du einen Tee?“

Emily runzelte die Stirn. &bdquo;Tee? Wie genau willst du ihn denn ohne Strom kochen?“

Daniel lächelte, als ob er eine Art Herausforderung annehmen würde. &bdquo;Schau zu und lern.“

Er stand auf und verschwand aus dem großen Wohnzimmer, nur, um wenige Minuten mit einem kleinen runden Topf zurückzukehren, der wie ein Kessel aussah.

&bdquo;Was hast du da?“, fragte Emily neugierig.

&bdquo;Oh, nur den besten Tee, den du jemals trinken wirst“, antwortete er und hängte den Kessel über die Flammen. &bdquo;Du hast noch nie einen echten Tee getrunken, bis du nicht einen versucht hast, der über einem Feuer gekocht wurde.“

Emily beobachtete ihn, wie das Licht des Feuers über seine Gesichtszüge zuckte und sie auf eine Weise betonte, die ihn sogar noch attraktiver machte. Die Tatsache, dass er sich so auf seine Arbeit konzentrierte, verstärkte seine Anziehungskraft.

&bdquo;Hier“, sagte er und hielt ihr einen Becher hin, wodurch er ihre Gedanken unterbrach sah sie abwartend an, als sie den ersten Schluck nahm.

&bdquo;Oh, der ist wirklich gut“, gab Emily erleichtert zurück, endlich die Kälte aus ihren Knochen vertreiben zu können.

Daniel begann zu lachen.

&bdquo;Was?“, verlange Emily zu wissen.

&bdquo;Ich habe dich einfach noch nicht lachen gesehen, das ist alles“, antwortete er.

Emily wandte ihren Blick ab, auf einmal fühlte sie sich etwas verlegen. Daniel war das genaue Gegenteil von Ben und doch fühlte sie sich stark zu ihm hingezogen. Vielleicht würde sie an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit ihrer Lust nachgeben. Immerhin war sie sieben Jahre lang mit Ben zusammen gewesen und verdiente ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig Aufregung.

Doch jetzt war nicht der richtige Moment dafür. Nicht mit all dem, was gerade vor sich ging, mit ihrem Leben, das ein totales Chaos und komplett durcheinander war, und mit den Erinnerungen an ihren Vater, die ihr durch den Kopf schwirrten. Sie hatte das Gefühl, dass sie seinen Schatten sehen konnte, wo immer sie auch hinschaute: wie er mit einer jungen Emily, die sich an ihn kuschelte, auf dem Sofa saß und ihr vorlas; wie er mit einem breiten Grinsen zur Tür hereinplatzte, nachdem er auf den Flohmarkt ein paar wertvolle Antiquitäten erstanden hatte. Aber wo waren all diese Antiquitäten jetzt? All die Figürchen und Kunstwerke, Gedenkgeschirr und Geschirrstücke aus der Zeit des Bürgerkriegs? Das Haus war nicht wie es in ihrer Erinnerung in der Zeit stehen geblieben. Stattdessen hatte sie solch drastischen Auswirkungen auf das Haus gehabt, wie sie es nicht für möglich gehalten hätte.

Erneut wurde Emily von einer Welle des Trauers überrollt, als sie sich in dem staubigen, ungepflegten Zimmer umsah, das einst voller Leben und Lachen gewesen war.

&bdquo;Wie konnte dieser Ort nur so zerfallen?“, rief sie plötzlich aus, wobei sie den anklagenden Ton nicht aus ihrer Stimmer verdrängen konnte. Sie runzelte die Stirn. &bdquo;Ich meine, deine Aufgabe ist es doch, darauf aufzupassen, oder etwa nicht?“

Daniel zuckte zurück, als ob er von ihrer plötzlichen Aggressivität überrascht wäre. Noch vor wenigen Augenblicken hatten sie einen sanften, zärtlichen Moment miteinander geteilt und nur wenige Sekunden später machte sie ihm Vorwürfe. Daniel warf ihr einen kalten Blick zu. &bdquo;Ich tue mein Bestes. Ich habe schließlich auch nur zwei Hände.“

&bdquo;Es tut mir leid“, sagte Emily, die sofort einen Rückzieher machte, denn sie mochte es nicht, der Grund für Daniels dunklen Gesichtsausdruck zu sein. &bdquo;Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich meine nur…“ Sie schaute in ihren Becher und schwenkte die Teeblätter darin. &bdquo;Als Kind war dieser Ort für mich wie aus einem Märchen. Er war so ehrfurchtgebietend, weißt du? So wunderschön.“ Sie schaute auf und stellte fest, dass Daniel sie intensiv musterte. &bdquo;Es ist traurig, ihn so zu sehen.“

&bdquo;Was genau hast du denn erwartet?“, gab Daniel zurück. &bdquo;Es ist zwanzig Jahre lang vernachlässigt worden.“

Emily wandte ihren Blick traurig ab. &bdquo;Ich weiß. Ich glaube, ich hatte mir immer gewünscht, dass die Zeit stehen geblieben ist.“

Stillgestandene Zeit, genau wie das Bild ihres Vaters, das sie in ihrem Kopf hatte. Darin war er immer noch vierzig Jahre alt, war keinen einzigen Tag gealtert und schaute immer noch so aus, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte. Emilys Entschluss, das Haus übers Wochenende wieder auf Vordermann zu bringen, wurde immer stärker. Sie wollte nichts mehr, als es zu restaurieren, um einen Teil seines früheren Glanzes wiederherzustellen. Vielleicht wäre das so, als würde sie ihren Vater wieder zurückholen. Sie könnte es für ihn tun.

Emily trank den letzten Schluck Tee aus und stellte die Tasse ab. &bdquo;Ich sollte ins Bett gehen“, sagte sie. &bdquo;Es war ein langer Tag.“

&bdquo;Natürlich“, erwiderte Daniel, während er aufstand. Er bewegte sich schnell, schlenderte aus dem Raum und den Flur entlang zur Haustür, ohne darauf zu achten, ob Emily mitkam. &bdquo;Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich einfach an, okay?“, fügte er hinzu. &bdquo;Ich wohne in dem Kutschenhaus dort drüben.“

&bdquo;Das wird nicht nötig sein“, erwiderte Emily empört. &bdquo;Ich komme alleine zurecht.“

Daniel riss die Haustür auf, wodurch ein starker Lufthauch voller Schnee hereinwehte. Er kauerte sich in seine Jacke, bevor er sie noch einmal über die Schulter hinweg anschaute. &bdquo;Mit Stolz wirst du hier nicht weit kommen, Emily. Es ist nicht schlimm, nach Hilfe zu fragen.“

Sie wollte ihm hinterherschreien, mit ihm streiten, um seine Behauptung, sie sei stolz, zu widerlegen, doch stattdessen starrte sie auf seinen Rücken, als er inmitten des umherwirbelnden Schnees im Dunkel der Nacht verschwand. Sie brachte kein einziges Wort heraus, sie war komplett sprachlos.

Emily schloss die Tür, womit sie die Welt da draußen und die Kraft des Blizzards hinaussperrte. Jetzt war sie ganz alleine. Von dem Feuer, das im Wohnzimmer brannte, drang Licht in den Flur, doch es war nicht stark genug, um die Treppe hinauf zu leuchten. Sie schaute die lange, hölzerne Treppe hoch, die in die Dunkelheit verschwand. Wenn sie nicht vorhatte, auf einem der staubigen Sofas zu schlafen, dann musste sie sich trauen, hinauf in die Finsternis zu gehen. Sie fühlte sich wieder wie ein Kind, das vor dem schattenreichen Keller Angst hatte, und das sich alle möglichen Monster und Schauergestalten vorstellte, die dort unten auf sie warteten. Nur war sie jetzt eine erwachsene Frau von fünfunddreißig Jahren, die zu große Angst hatte, nach oben zu gehen, weil sie wusste, dass der Anblick der Vernachlässigung schlimmer war, als jede Schauergestalt, die sie sich vorstellen konnte.

Stattdessen ging Emily zurück ins Wohnzimmer, um die letzte Wärme des Feuers in aufzusaugen. Im Bücherregal standen immer noch ein paar Exemplare – Der geheime Garten, Fünf Kinder, Es – Klassiker, die ihr Vater ihr vorgelesen hatte. Aber wo war der Rest? Was war mit den Besitztümern ihres Vaters geschehen? Sie waren an jenen unbekannten Ort verschwunden, wie auch ihr Vater selbst.

Als die Glut verlosch, legte sich wieder die Dunkelheit um sie, was zu ihrer düsteren Stimmung passte. Sie konnte die Müdigkeit nicht länger vertreiben, es war an der Zeit, die Stufen hinaufzugehen.

Gerade als sie das Wohnzimmer verließ, hörte sie ein seltsames, kratzendendes Geräusch an der Haustür. Zuerst dachte sie, dass ein wildes Tier nach Essensresten suchte, doch dafür war das Geräusch zu deutlich.

Mit klopfendem Herzen ging sie auf leisen Sohlen den Flur entlang zur Haustür, an die sie ihr Ohr drückte. Was auch immer sie dachte, gehört zu haben, war jetzt weg. Alles, was sie hören konnte, war der heulende Wind. Doch etwas reizte sie, die Tür zu öffnen.

Sie zog sie auf und sah, dass auf der Stufe davor Kerzen, eine Laterne und Streichhölzer lagen. Daniel musste zurückgekommen sein und sie für sie dorthin gelegt haben.

Sie schnappte sich die Sachen und nahm widerstrebend sein Hilfsangebot an, auch wenn es ihren Stolz verletzte. Doch zur selben Zeit war sie so dankbar, dass sich jemand um sie sorgte. Sie hatte zwar ihr Leben aufgegeben und war zu diesem Ort geflohen, aber sie war nicht mehr komplett alleine hier.

Emily entzündete die Laterne und brachte endlich genug Mut auf, um in das obere Stockwerk zu gehen. Während das sanfte rote Licht der Laterne sie die Treppe hinaufführte, nahm sie den Anblick der Bilderrahmen an den Wänden in sich auf, deren Bilder im Laufe der Zeit verblasst waren und von Spinnenweben und Staub bedeckt waren. Die meisten Bilder waren Aquarelle aus der Gegend – Segelschiffe auf dem Meer, immergrüne Bäume im Nationalpark – doch nur eines davon war ein Familienportrait. Sie blieb stehen und starrte auf das Bild, sie betrachtete sich selbst als kleines Kind. Sie hatte dieses Bild komplett vergessen, hatte es in eine Ecke ihres Gedächtnisses verdrängt und zwanzig Jahre lang weggeschlossen.

Nachdem sie ihre Gefühle hinuntergeschluckt hatte, ging sie weiter die Treppe hinauf. Die alten Stufen knarzten laut unter ihren Füßen und sie stellte fest, dass einige von ihnen gesprungen waren. Sie waren durch jahrelange Nutzung abgetreten und konnte sie sich wieder daran erinnern, wie sie als Kind in ihren roten Sandalen genau diese Treppe hinauf und hinuntergerannt war.

Am oberen Ende der Treppe erleuchtete die Lampe den langen Korridor – die zahlreichen Türen aus dunklem Eichenholz sowie das Fenster am anderen Ende, das vom Boden bis zur Decke reichte und jetzt mit Brettern verschlagen war. Ihr altes Schlafzimmer befand sich hinter der letzten Tür auf der rechten Seite, gegenüber dem Badezimmer. Sie konnte es nicht ertragen, eines der beiden Zimmer zu betreten. Ihr Schlafzimmer enthielt zu viele Erinnerungen, die auf einmal freigesetzt würden. Und genauso wenig hatte sie Lust, nachzusehen, welche gruseligen Krabbeltiere sich in den letzten Jahren im Badezimmer eingenistet hatten.

Stattdessen stolperte Emily den Flur entlang, an einer antiken, verzierten Kiste vorbei, an der sie sich früher oft ihren Zeh gestoßen hatte, und betrat schließlich das Zimmer ihrer Eltern.

Im Licht der Laterne konnte Emily sehen, wie viel Staub auf dem Bett lag und wie sehr die Bettwäsche im Laufe der Jahre von den Motten zerfressen worden war. Die Erinnerung an das schöne Himmelbett ihrer Eltern zerbrach in ihrem Kopf, als sie mit der Realität konfrontiert wurde. Zwanzig Jahre Vernachlässigung hatten den Raum verwüstet. Die Vorhänge waren schmutzig und voller Spinnenweben, es sah so aus, als hätten in ihnen ganze Generationen an Spinnenfamilien gehaust. Eine dicke Staubschicht hatte sich auf alles gelegt, auch auf den Schminktisch am Fenster und den kleinen Hocker, auf dem ihre Mutter vor vielen Jahren gesessen und sich ihr Gesicht vor dem Spiegel mit nach Lavendel riechender Creme eingerieben hatte.

Emily konnte das alles vor sich sehen, all die Erinnerungen, die sie die ganzen Jahre lang vergraben hatte. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. All die Emotionen der letzten Tage brachen über sie herein und wurden von den Gedanken an ihren Vater und dem plötzlichen Schock, als sie erkannte, wie sehr sie ihn vermisste, verstärkt.

Draußen wurden die Geräusche des Blizzards immer lauter. Emily stellte die Laterne auf das Nachttischkästchen, wodurch eine Staubwolke aufwirbelte, und machte sich bettfertig. Die Wärme des Feuers war nicht so weit hinaufgedrungen und als sie sich auszog, fühlte sich der Raum eisig an. In ihrem Koffer fand sie ihr seidenes Nachthemd, doch sie erkannte, dass es ihr hier nicht viel nützen würde. Unattraktive, lange Unterhosen und dicke Bettsocken würden sich besser eignen.

Emily zog die staubige, karmesinrote und goldene Patchwork-Tagesdecke zurück und schlüpfte ins Bett. Einen Moment lang starrte sie an die Zimmerdecke hinauf und dachte über all das nach, was in den letzten Tagen geschehen war. Einsam, kalt und mit einem Gefühl der Hilflosigkeit blies sie die Flamme der Laterne aus, überließ sich der Dunkelheit und weinte sich in den Schlaf.




KAPITEL VIER


Emily wachte am nächsten Morgen mit einem Gefühl der Orientierungslosigkeit auf. Von den verschlagenen Fenstern drang nur wenig Licht in den Raum, sodass sie einen Moment brauchte, um zu erkennen, wo sie war. Ihre Augen passten sich langsam an das Dämmerlicht an, der Raum verfestigte sich vor ihr und dann kam auch die Erinnerung zurück – Sunset Harbor. Das Haus ihres Vaters.

Erst nach einem Moment wurde ihr wieder klar, dass sie weder Arbeit noch Wohnung hatte und komplett alleine war.

Sie zwang ihren erschöpften Körper aus dem Bett. Die Morgenluft war kalt. Ihre Erscheinung in dem Spiegel des Schminktisches erschreckte sie, ihr Gesicht war von den Tränen, die sie in der vergangenen Nacht vergossen hatte, angeschwollen, ihre Haut war abgespannt und blass. Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass sie ihrem Körper gestern nicht genug Essen gegeben hatte. Das einzige, was sie in der Nacht zuvor zu sich genommen hatte, war Daniels Tee gewesen, den er über dem Feuer gekocht hatte.

Neben dem Spiegel zögerte sie einen Moment, während sie ihren Körper in dem alten, schmutzigen Glas betrachtete und an die letzte Nacht zurückdachte – an das wärmende Feuer; daran, dass sie neben dem Kamin gesessen und mit Daniel Tee getrunken hatte; an Daniel, der sie wegen ihrer Unfähigkeit, für das Haus zu sorgen, aufgezogen hatte. Sie erinnerte sich an die Schneeflocken, die auf seinem Haar gelegen waren, als sie ihm die Tür geöffnet hatte und an die Art, wie er in dem Blizzard und in der pechschwarzen Nacht genauso so schnell verschwunden, wie er zuvor auf ihrer Türschwelle aufgetaucht war.

Ihr grummelnder Magen riss sie aus ihren Gedanken und holte sie zurück in die Gegenwart. Schnell zog sie sich an. Ihre verknitterte Bluse war viel zu dünn für die kalte Luft, weshalb sie sich die staubige Decke von Bett nahm und um die Schultern legte. Dann verließ sie das Schlafzimmer und ging barfuß nach unten.

Im unteren Stockwerk war alles still. Sie spähte durch die angelaufenen Scheiben der Haustür hinaus und war erstaunt zu sehen, dass der Schnee, obwohl der der Sturm vorüber war, nun fast einen Meter hoch lag und die Welt in ein glattes, stilles und endloses Weiß getaucht hatte. So viel Schnee hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Emily konnte die Fußspuren eines Vogels erkennen, der draußen auf dem Weg herumhüpfte, doch sonst unterbrach nichts die Schneedecke. Es schaute friedlich und gleichzeitig verlassen aus und erinnerte Emily an ihre Einsamkeit.

Nachdem sie festgestellt hatte, dass es keinen Sinn ergab, hinauszugehen, entschied sich Emily dazu, das Haus zu erkunden und nachzusehen, was sich noch alles in dem Gebäude befand, wenn denn überhaupt noch etwas da war. Das Haus war letzte Nacht so dunkel gewesen, dass sie sich nicht wirklich hatte umschauen können, doch jetzt bei Tageslicht fiel ihr diese Aufgabe einfacher. Zuerst ging sie, getrieben von ihrem grummelnden Magen, in die Küche.

Der Zustand des Raumes war sogar noch schlechter, als sie bei ihrer Erkundung letzte Nacht gedacht hatte. Der Kühlschrank – ein original cremefarbener 1950er Prestcold, den ihr Vater einmal auf einem privaten Flohmarkt gefunden hatte – funktionierte nicht. Sie versuchte sich daran zu erinnern, ob er jemals funktioniert hatte, oder ob er nur ein weiterer Grund für ihre Mutter gewesen war, sich aufzuregen, weil ihr Vater das Haus mit allem möglichen Krempel überhäuft hatte. Als Kind hatte Emily die Sammlungen ihres Vaters als langweilig empfunden, doch jetzt hielt sie diese Erinnerungen in Ehren und klammerte sich so fest daran wie es nur ging.

In dem Kühlschrank fand Emily nichts außer einem fürchterlichen Gestank, weshalb sie ihn schnell wieder zuwarf und die Tür mit dem Griff verschloss, bevor sie zu den Schränken hinüberging, in die sie hineinschauen wollte. Hier fand sie eine alte Dose Mais, das Etikett war von der Sonne so sehr verbleicht, dass man es nicht mehr lesen konnte, und eine Flasche Malzessig. Einen kurzen Moment lang dachte sie darüber nach, sich aus ihrem Fund eine Mahlzeit zuzubereiten, doch dann kam sie zu dem Schluss, dass ihre Verzweiflung doch noch nicht so groß war. Der Dosenöffner war sowieso komplett durchgerostet, weshalb sie die Dose selbst dann nicht hätte öffnen können, wenn sie wirklich so verzweifelt gewesen wäre.

Als nächstes ging sie in die Vorratskammer, wo sie die Waschmaschine und den Trockner fand. Der Raum war dunkel, denn das kleine Fenster war genau wie die anderen auch mit Sperrholz zugenagelt. Emily drückte einen Knopf auf der Waschmaschine und war nicht sonderlich überrascht, dass auch dieses Gerät nicht funktionierte. Da sie ihre Situation immer mehr frustrierte, beschloss Emily, anzupacken. Sie kletterte auf die Anrichte und versuchte, ein Stück Sperrholz wegzureißen. Es war schwieriger als gedacht, doch sie war fest entschlossen. Sie zog und zog mit der ganzen Kraft ihrer Arme. Schließlich begann das Holz zu zerbrechen. Emily zog ein letztes Mal und das Sperrholz gab nach, es löste sich komplett vom Fenster. Der Schwung war so groß, dass sie rückwärts von der Anrichte fiel und ihr das schwere Brett aus der Hand rutschte, das mit voller Wucht gegen das Fenster schlug. In demselben Moment, als sie zusammengekrümmt auf dem Boden landete, hörte Emily, wie die Fensterscheibe zerklirrte.

Eisige Luft drang in die Vorratskammer. Emily stöhnte und zog sich in eine sitzende Position, bevor sie ihren Körper überprüfte, um sicher zu gehen, dass sie sich nichts gebrochen hatte. Ihr Rücken schmerzte, weshalb sie ihn rieb, während sie zu dem zerbrochenen Fenster aufsah und feststellte, dass ein dünner Lichtstrahl hereinfiel. Es frustrierte Emily ungemein, dass sie bei dem Versuch, ein Problem zu lösen, die Dinge für sich selbst nur noch weiter erschwert hatte.

Sie atmete tief durch und stand auf, dann hob sie vorsichtig das Stück Holz von der Anrichte, wo es gelandet war. Dabei fielen Glassplitter auf den Boden, wo sie zerbrachen. Emily schaute sich das Brett genauer an und sah, dass die Nägel komplett verbogen waren. Selbst wenn sie einen Hammer finden würde – was auch dringend nötig war– wären die Nägel ohnehin zu verbogen, um sie wieder zu verwenden. Dann fiel ihr auf, dass sie es geschafft hatte, den Fensterrahmen zu zerbrechen, als sie das Brett weggezogen hatte. Das ganze Gebilde müsste ersetzt werden.

Emily war es viel zu kalt, um in der Vorratskammer herumzustehen. Durch das zerbrochene Fenster sah sie sich demselben endlosen Weiß gegenüber. Sie schnappte sich ihre Decke vom Boden und schlang sie sich wieder um ihre Schultern, bevor sie die Vorratskammer verließ und in das Wohnzimmer ging. Immerhin könnte sie hier ein Feuer entzünden und ihre Knochen aufwärmen.

Im Wohnzimmer lag immer noch der beruhigende Duft nach verbranntem Holz in der Luft. Emily kniete sich neben den Kamin und begann, kleinere Äste und Holzscheite zu einer Pyramide zu formen. Diesmal dachte sie gleich daran, den Kaminschacht zu öffnen, und war erleichtert, als die erste Flamme aufflackerte.

Sie setzte sich zurück auf ihre Fersen und begann, ihre Hände zu wärmen. Dann sah sie neben dem Kamin den Kessel, in dem Daniel den Tee gekocht hatte. Sie hatte das Wohnzimmer noch gar nicht aufgeräumt, weshalb der Kessel und die Tassen immer doch an derselben Stelle standen wie in der Nacht zuvor. Erinnerungen daran, wie Daniel und sie gemeinsam Tee getrunken und sich über das alte Haus unterhalten hatten, schossen ihr durch den Kopf. Ihr Magen knurrte und rief ihr wieder in Erinnerung, wie hungrig sie war, weshalb sie beschloss, einen Tee zu kochen, genauso, wie Daniel es ihr gezeigt hatte, denn sie hoffte, dass sie damit den Hunger zumindest für eine Weile verdrängen konnte.

Gerade als sie den Kessel über das Feuer gehängt hatte, hörte sie das Klingeln ihres Handys irgendwo in dem Haus. Obwohl es ein bekanntes Geräusch war, erschrak sie sehr, dass es jetzt durch die Flure hallte. Sie hatte keinen Gedanken mehr daran verschwendet, seit sie festgestellt hatte, dass sie keinen Empfang hatte, weshalb sie das Klingeln überraschte.

Emily sprang auf, ließ den Tee stehen und folgte dem Klingeln ihres Handys. Sie fand es auf der Kommode im Flur. Sie sah, dass es eine unbekannte Nummer war, weshalb sie etwas verwirrt abhob.

&bdquo;Oh, ähm, hi“, hörte sie die Stimme eines älteren Mannes am anderen Ende der Leitung. &bdquo;Sind Sie die Dame in der West Street fünfzehn?“ Die Verbindung war schlecht und sie konnte die sanfte, zögerliche Stimme des Mannes kaum verstehen.

Emily runzelte die Stirn, denn sie wusste nicht, was sie aus dem Anruf machen sollte. &bdquo;Ja. Wer ist denn dran?“

&bdquo;Ich heiße Eric. Ich, äh, liefere Öl an alle Häuser in der Gegend. Ich habe gehört, dass Sie in dem alten Haus bleiben. Da habe ich mir gedacht, dass ich mit einer Lieferung vorbeikommen könnte. Ich meine natürlich nur, wenn Sie das auch wollen.“

Emily konnte es kaum glauben. Die Neuigkeit hatte sich in der kleinen Gemeinschaft anscheinend schnell herumgesprochen. Aber warte, wie war Eric an ihre Handynummer gekommen? Dann fiel ihr wieder ein, dass Daniel sich letzte Nacht ihr Handy angesehen hatte, nachdem sie ihm erzählt hatte, dass der Empfang sehr schlecht war. Er muss die Nummer gesehen und sich gemerkt haben, um sie an Eric weiterzugeben. So viel zu ihrem Stolz, denn sie konnte ihre Freude kaum verbergen.

&bdquo;Ja, das wäre wunderbar“, antwortete sie. &bdquo;Wann können Sie vorbeikommen?“

&bdquo;Nun ja“, gab der Mann in derselben nervösen, fast schon verlegen klingenden Stimme zurück. &bdquo;In Wirklichkeit bin ich schon mit meinem Truck auf dem Weg zu Ihnen.“

&bdquo;Wirklich?“, stammelte Emily, die ihr Glück kaum fassen konnte. Schnell warf sie einen Blick auf die Uhrzeit, die auf ihrem Handy aufleuchtete. Es war noch nicht einmal acht Uhr morgens. Entweder fing Eric sehr früh an zu arbeiten, oder er machte es speziell für sie. Sie fragte sich, ob der Mann, der sie gestern Nacht hierhergebracht hatte, für sie das Ölunternehmen informiert hatte. Entweder er oder…Daniel?

Sie schob den Gedanken weg und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Telefongespräch. &bdquo;Werden Sie herkommen können?“, fragte sie. &bdquo;Es liegt ziemlich viel Schnee.“

&bdquo;Machen Sie sich darüber keine Sorgen“, erwiderte Eric. &bdquo;Der Truck kommt mit Schnee zurecht. Sorgen Sie einfach nur dafür, dass der Weg zu dem Rohr frei ist.“

Emily dachte angestrengt nach und versuchte sich daran zu erinnern, ob sie irgendwo im Haus eine Schaufel gesehen hatte. &bdquo;Okay, ich werde mein Bestes geben. Vielen Dank.“

Er legte auf und Emily machte sich ans Werk. Sie rannte zurück in die Küche, wo sie in jedem Schrank nachschaute. Sie fand nicht einmal etwas annähernd Brauchbares, weshalb sie auch alle Schränke in der Vorratskammer überprüfte und dann in den Haushaltsraum ging. Schließlich fand sie an der Hintertür gelehnt eine Schneeschaufel. Emily hätte nie gedacht, dass sie sich eines Tages einmal so sehr über den Anblick einer Schaufel freuen würde, doch nun griff sie danach, als wäre es eine Rettungsleine. Ihre Begeisterung über ihren Fund war so groß, dass sie fast vergessen hätte, sich Schuhe anzuziehen. Doch gerade, als sie die Hintertür öffnen wollte, fiel ihr Blick auf ihre Laufschuhe, die aus der Tasche, die sie dort abgestellt hatte, herausschauten. Schnell zog sie sie an und riss mit ihrer wertvollen Schaufel in der Hand die Tür auf.

Sofort wurde ihr bewusst, wie stark der Schneesturm wirklich gewesen war. Den Schnee durch ein Fenster zu betrachten war eine Sache, aber ihn wie eine ein Meter hohe Mauer direkt vor sich zu haben, war eine ganz andere.

Emily verschwendete keine Zeit. Sie rammte die Schaufel in die Wand aus Schnee und Eis und begann, einen Pfad vom Haus weg zu schaufeln. Es war harte Arbeit, innerhalb von wenigen Minuten konnte sie spüren, wie der Schweiß ihren Rücken hinunterrann, ihre Arme schmerzten und sie war sich sicher, dass sie, wenn sie fertig war, Blasen an den Handflächen haben würde.

Nachdem sie sich durch einen Meter Schnee gearbeitet hatte, fand Emily so langsam ihren Rhythmus. Diese Arbeit, dieser Schwung, den man brauchte, um den Schnee wegzuschaufeln hatte etwas Befreiendes. Sogar die physischen Unannehmlichkeiten schienen an Bedeutung zu verlieren, weil sie sah, dass sich ihre Mühe lohnte. In New York war ihre Lieblingssportart das Laufen auf einem Laufband gewesen, doch das hier war ein besseres Training als alles, was sie je zuvorgetan hatte.

Emily schaffte es, hinter dem Haus einen drei Meter langen Weg zu schaufeln.

Aber als sie aufschaute, stellte sie verzweifelt fest, dass der Rohrleitungsausgang noch gut zwölf Meter entfernt war – doch bereits jetzt war sie schon komplett erschöpft.

Um sich nicht von ihrer Verzweiflung leiten zu lassen, beschloss sie, sich eine kleine Pause zu gönnen, um wieder zu Atem zu kommen. Währenddessen entdeckte sie das Haus des Grundstückspflegers, das ein Stück weiter hinten im Garten versteckt hinter immergrünen Bäumen und Büschen lag. Aus dem Kamin stieg eine kleine Rauchwolke auf und aus den Fenstern fiel Licht nach draußen. Emily musste sich unwillkürlich vorstellen, wie Daniel mit einem Tee dort drinnen saß und es kuschelig warm hatte.

Er würde ihr helfen, daran zweifelte sie nicht, doch sie wollte sich bewähren. Er hatte sie am Abend zuvor gnadenlos aufgezogen und wahrscheinlich heute Morgen Eric angerufen. Er musste sie für eine Dame in Nöten halten und Emily wollte ihm nicht die Genugtuung geben, ihn in seiner Annahme zu bestätigen.

Doch erneut beschwerte sich ihr Magen und sie war erschöpft. Viel zu erschöpft, um weiterzumachen. Emily stand in dem von ihr geschaffenen Weg, plötzlich überwältigt von ihrer Zwangslage. Sie war zu stolz, um nach der Hilfe zu fragen, die sie brauchte, und zu schwach, die notwendige Arbeit selber zu erledigen. In ihr baute sich Frustration auf, sodass sich in ihren Augen Tränen sammelten. Doch diese machten sie nur noch wütender auf ihre eigene Nutzlosigkeit. Innerlich schalt sie sich und beschloss, wie ein kleines Kind, nach Hause zu gehen, sobald der Schnee geschmolzen war.

Emily schmiss die Schaufel in den Schnee und stapfte zurück ins Haus, mittlerweile waren ihre Turnschuhe komplett durchgeweicht. An der Tür trat sie sich von den Füßen und ging zurück ins Wohnzimmer, um sich am Feuer aufzuwärmen.

Dort ließ sie sich auf das staubige Sofa fallen und schnappte sich ihr Handy, bereit, Amy anzurufen, um ihr die bereits erwarteten Neuigkeiten mitzuteilen, dass sie bei ihrem ersten und einzigen Versuch, selbstständig zu sein, versagt hatte. Doch die Batterie des Handys war leer. Mit einem unterdrückten Schrei schmiss Emily das nutzlose Teil auf das Sofa, bevor sie sich komplett erschlagen auf die Seite fallen ließ.

Zwischen ihren Schluchzern hörte Emily ein kratzendes Geräusch von draußen. Sie setzte sich auf, trocknete die Augen und rannte anschließend ans Fenster, um hinauszuschauen. Sofort sah sie, dass Daniel dort war und sich mit ihrer zurückgelassenen Schaufel durch den Schnee grub und das zu Ende brachte, was sie nicht geschafft hatte. Sie konnte kaum glauben, wie schnell er es schaffte, den Schnee wegzuräumen, wie geschickt er war und wie leicht ihm die Aufgabe fiel, als ob er dazu geboren wäre, das Land zu bearbeiten. Doch ihre Bewunderung hielt nur kurz an. Anstatt dankbar oder zufrieden zu sein, dass Daniel es geschafft hatte, einen Weg zu dem Rohrausgang frei zu schaufeln, war sie wütend auf ihn, sie richtete die Wut über ihre eigene Unfähigkeit gegen ihn.

Ohne darüber nachzudenken, was sie tat, schnappte sich Emily ihre nassen Turnschuhe und zog sie sich wieder an. In ihrem Kopf schwirrten die Gedanken umher; Erinnerungen all ihrer nutzlosen Ex-Lebenspartner, die ihr nicht zugehört hatten, die versucht hatten, sie zu ‚retten‘. Damit meinte sie nicht nur Ben, vor ihm hatte es Adrian gegeben, der so überfürsorglich war, dass er sie erdrückt hatte. Vor diesem war sie mit Mark zusammen gewesen, der sie wie eine zerbrechliche Vase behandelt hatte. Sie alle hatten von ihrer Vergangenheit gewusst – das mysteriöse Verschwinden ihres Vaters war nur die Spitze des Eisbergs – weswegen sie der Meinung gewesen waren, dass man sie beschützen musste. All diese Männer in ihrer Vergangenheit hatten sie schwach werden lassen, doch nun würde sie das nicht mehr dulden.

Sie stürmte in den Schnee hinaus.

&bdquo;Hey!“, schrie sie. &bdquo;Was machst du denn da?“

Daniel hielt nur kurz inne. Er schaute sie nicht einmal an, sondern schaufelte einfach weiter, bevor er ruhig antwortete, &bdquo;Ich mache den Weg frei.“

&bdquo;Das sehe ich“, gab Emily zurück. &bdquo;Was ich meine ist, warum du das tust, wenn ich dir doch gesagt habe, dass ich deine Hilfe nicht brauche?“

&bdquo;Weil du sonst erfrierst“, erwiderte Daniel lediglich, er sah sie immer noch nicht an. &bdquo;Und so auch das Wasser, jetzt, da ich es aufgedreht habe.“

&bdquo;Na und?“, entgegnete Emily. &bdquo;Was kümmert es dich, wenn ich erfriere? Es ist mein Leben. Ich kann erfrieren, wenn ich das will.“

Daniel beeilte sich mit seinen Antworten nicht und gab dem Streit, den sie so offensichtlich vom Zaun brechen wollte, auch keine neue Munition. Er schaufelte einfach weiter, ruhig, methodisch und so unbeeindruckt von ihrer Gegenwart, als ob sie gar nicht dastünde.

&bdquo;Ich werde mich nicht zurücklehnen und dich sterben lassen“, antwortete Daniel.

Emily verschränkte ihre Arme. &bdquo;Ich denke, das ist etwas melodramatisch, findest du nicht? Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Erkältung und dem Tod!“

Schließlich rammte Daniel die Schaufel in den Schnee und richtete sich auf. Sein Blick traf den ihren, sein Gesichtsausdruck war unleserlich. &bdquo;Dieser Schnee lag so hoch, dass er den Abluftschacht bedeckte. Wenn du den Boiler anschaltest, würden alle Ausstöße direkt ins Haus zurückgehen. Du wärest innerhalb von zwanzig Minuten an einer Kohlenstoffvergiftung gestorben.“ Er sprach die Worte so sachlich aus, dass Emily sprachlos war. &bdquo;Wenn du sterben willst, dann tu es, wenn du alleine bist. Aber es passiert nicht, solange ich in der Nähe bin.“ Dann warf er die Schaufel auf den Boden und ging zu dem Kutschenhaus zurück.

Emily stand dort und beobachtete, wie er davonging. Sie spürte, wie ihre Wut nachließ, nur, um von einem Schamgefühl ersetzt zu werden. Sie fühlte sich schrecklich, auf diese Weise mit Daniel gesprochen zu haben. Er versuchte nur zu helfen und sie hatte es ihm wie ein unerzogenes Kind zum Vorwurf gemacht.

Sie war versucht, ihm hinterherzulaufen, um sich bei ihm zu entschuldigen, doch in diesem Moment tauchte der Öl-LKW am Ende der Straße auf. Emilys Herz machte Luftsprünge, sie war erstaunt, wie sehr sie sich über die bloße Tatsache freute, Öl geliefert zu bekommen. In dem Haus in Maine zu sein war ein riesiger Unterschied zu ihrem Leben in New York.

Emily beobachtete, wie Eric aus dem Truck heraussprang und war überrascht, wie fit er in seinem Alter noch war. Er trug einen mit Ölflecken übersäten Overall wie Hausmeister in Zeichentrickfilmen. Sein Gesicht war von den Jahreszeiten gezeichnet, doch wirkte freundlich.

&bdquo;Hi“, sagte er genauso unsicher, wie er am Telefon geklungen hatte.

&bdquo;Ich bin Emily“, stellte sie sich vor und bot ihm ihre Hand zum Schütteln an. &bdquo;Ich bin wirklich froh, dass Sie hier sind.“

Eric nickte nur und machte sich gleich daran, die Ölpumpe zum Laufen zu bringen. Es war offensichtlich, dass er nicht gerne redete und Emily stand tatenlos neben ihm, sah ihm bei der Arbeit zu und lächelte jedes Mal schwach, wenn sie bemerkte, dass sein Blick zu ihr hinüberschweifte, als ob ihn die Tatsache, dass sie noch immer hinter ihm stand, verwirrte.

&bdquo;Können Sie mir den Boiler zeigen?“, fragte er, sobald alles gerichtet war.

Emily dachte an den Keller, an ihre Abneigung gegen die riesigen Maschinen darin, die das Haus versorgten, an die vielen tausenden Spinnen, die im Laufe der Jahre ihre Netze gesponnen hatten.

&bdquo;Ja, hier entlang“, erwiderte sie mit leiser, dünner Stimme.

Eric holte seine Taschenlampe heraus und zusammen gingen sie hinunter in den unheimlichen, dunklen Keller. Genau wie Daniel schien auch Eric eine Begabung für mechanische Arbeiten zu besitzen. Innerhalb von Sekunden sprang der riesige Boiler an. Emily konnte sich nicht beherrschen und warf ihre Arme um den älteren Mann.

&bdquo;Es funktioniert! Ich kann gar nicht glauben, dass es funktioniert!“

Eric versteifte sich bei ihrer Berührung. &bdquo;Nun ja, Sie sollten mit so einem alten Haus nicht herumspielen“, entgegnete er.

Emily ließ ihre Arme fallen. Es war ihr egal, dass noch eine weitere Person ihr dazu riet, aufzugeben, und ihr sagen wollte, dass sie nicht gut genug war. Jetzt funktionierten die Heizung und das Wasser, was bedeutete, dass sie nicht als Versagerin nach New York zurückkehren musste.

&bdquo;Hier“, sagte Emily, während sie ihren Geldbeutel hervorholte. &bdquo;Wie viel schulde ich Ihnen?“

Doch Eric schüttelte nur seinen Kopf. &bdquo;Es ist schon bezahlt“, antwortete er.




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