Die Lüge eines Nachbarn Blake Pierce Ein Chloe Fine Suspense Psycho-Thriller #2 Ein Meisterwerk der Spannung! Blake Pierce ist es auf hervorragende Weise gelungen, Charaktere mit einer psychologischen Seite zu entwickeln, die so gut beschrieben sind, dass wir uns in ihren Köpfen fühlen, ihren Ängsten folgen und ihren Erfolg bejubeln. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wach halten. Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden) Die Lüge eines Nachbarns (Ein Chloe Fine Psycho-Thriller) ist das zweite Buch einer neuen psychologischen Thriller-Serie von Nr. 1 Bestseller-Autorin Blake Pierce, deren kostenloser Bestseller Verschwunden (Buch 1 der Railey Paige Krimi-Serie) über 1. 000 Fünf-Sterne-Bewertungen erhalten hat. Während sie sich immer noch mit den Geheimnissen ihrer Vergangenheit konfrontiert sieht, stürzt sich Cloe Fine, die 27-jährige Agentin des FBI Spurensicherungs-Teams, in ihren ersten Fall: der Aufklärung des Mordes an einem Kindermädchen in einer scheinbar perfekten Vorstadt. Während sie immer tiefer in eine Welt voller Geheimnisse, Untreue, Täuschung und Falschheit eintaucht, erkennt Chloe schnell, dass jeder von ihnen schuldig sein könnte. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass ihr eigener Vater immer noch im Gefängnis ist, muss sie auch ihre eigenen Dämonen bekämpfen und ihre persönlichen Geheimnisse lüften, die drohen, sie zu Fall bringen, bevor ihre Karriere überhaupt richtig begonnen hat. DIE LÜGE EINES NACHBARN ist ein emotional geprägter Psycho-Thriller mit vielschichtigen Charakteren, kleinstädtischem Ambiente und atemberaubender Spannung. DIE LÜGE EINES NACHBARN ist das zweite Buch einer fesselnden neuen Serie, die Sie bis spät in die Nacht wach halten wird. Buch 3 der CHLOE FINE Reihe wird demnächst erscheinen. d i e l ü g e e i n e s N a c h b a r n (ein spannender Chloe Fine Psycho-Thriller—Buch 2) b l a k e p i e r c e Blake Pierce Blake Pierce ist der Autor der meistverkauften RILEY PAGE Krimi-Serie, die 13 Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Blake Pierce ist ebenfalls der Autor der MACKENZIE WHITE Krimi-Serie, die neun Bücher umfasst (und weitere in Arbeit); der AVERY BLACK Mystery-Serie, bestehend aus sechs Büchern; der KERI LOCKE Mystery-Serie, bestehend aus fünf Büchern; der Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); der KATE WISE Mystery-Serie, bestehend aus zwei Büchern (und weitere in Arbeit); der spannenden CHLOE FINE Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); und der spannenden JESSE HUNT Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit). Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt Blake es, von seinen Lesern zu hören. Bitte besuchen Sie www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com/), um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben. Copyright © 2018 by Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Deutsche Übersetzung: Franziska Humphrey. Außer wie im US Copyright Act von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Kopie für jeden Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Sie gekauft wurde, senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dieses Werk ist Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Zwischenfälle sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig. Copyright Umschlagfoto: emin kuliyev, unter Lizenz von Shutterstock.com (http://Shutterstock.com). DEUTSCHE BÜCHER VON BLAKE PIERCE JESSIE HUNT PSYCHO-THRILLER SERIE DIE PERFEKTE FRAU (Buch 1) DER PERFEKTE BLOCK (Buch 2) CHLOE FINE PSYCHO-THRILLER-SERIE NEBENAN (Buch 1) DIE LÜGE EINES NACHBARN (Buch 2) SACKGASSE (Buch 3) KATE WISE MYSTERY-SERIE WENN SIE WÜSSTE (Buch 1) WENN SIE SÄHE (Buch 2) DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE BEOBACHTET (Buch 1) WARTET (Buch 2) LOCKT (Buch 3) RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE VERSCHWUNDEN (Buch 1) GEFESSELT (Buch 2) ERSEHNT (Buch 3) GEKÖDERT (Buch 4) GEJAGT (Buch 5) VERZEHRT (Buch 6) VERLASSEN (Buch 7) ERKALTET (Buch 8) VERFOLGT (Buch 9) VERLOREN (Buch 10) BEGRABEN (Buch 11) ÜBERFAHREN (Buch 12) GEFANGEN (Buch 13) RUHEND (Buch 14) MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE BEVOR ER TÖTET (Buch 1) BEVOR ER SIEHT (Buch 2) BEVOR ER BEGEHRT (Buch 3) BEVOR ER NIMMT (Buch 4) BEVOR ER BRAUCHT (Buch 5) EHE ER FÜHLT (Buch 6) EHE ER SÜNDIGT (Buch 7) BEVOR ER JAGT (Buch 8) VORHER PLÜNDERT ER (Buch 9) VORHER SEHNT ER SICH (Buch 10) AVERY BLACK MYSTERY-SERIE DAS MOTIV (Buch 1) LAUF (Buch 2) VERBORGEN (Buch 3) GRÜNDE DER ANGST (Buch 4) RETTE MICH (Buch 5) ANGST (Buch 6) KERI LOCKE MYSTERY-SERIE EINE SPUR VON TOD (Buch 1) EINE SPUR VON MORD (Buch 2) EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch 3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch 4) EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch 5) INHALT PROLOG KAPITEL EINS KAPITEL ZWEI KAPITEL DREI KAPITEL VIER KAPITEL FÜNF KAPITEL SECHS KAPITEL SIEBEN KAPITEL ACHT KAPITEL NEUN KAPITEL ZEHN KAPITEL ELF KAPITEL ZWÖLF KAPITEL DREIZEHN KAPITEL VIERZEHN KAPITEL FÜNFZEHN KAPITEL SECHZEHN KAPITEL SIEBZEHN KAPITEL ACHTZEHN KAPITEL NEUNZEHN KAPITEL ZWANZIG KAPITEL EINUNDZWANZIG KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG KAPITEL DREIUNDZWANZIG KAPITEL VIERUNDZWANZIG KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG KAPITEL SECHSUNDZWANZIG KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG KAPITEL ACHTUNDZWANZIG KAPITEL NEUNUNDZWANZIG KAPITEL DREISSIG KAPITEL EINUNDDREISSIG PROLOG Als Kindermädchen zu arbeiten, war nicht ganz das Leben, was sich Kim Wielding für sich selbst vorgestellt hatte, aber es machte eigentlich Spaß. Was etwas überraschend war, wenn man in Betracht zog, dass sie in ihren frühen Zwanzigern eine Karriere in Washington, DC verfolgen wollte, sich in den Wahlkampf stürzte und Reden für Underdog-Kandidaten schrieb. Sie hätte den Job fast bekommen. Fast. Das Leben verlief manchmal auf seltsame Weise. Jetzt, im Alter von sechsunddreißig Jahren, waren diese Träume von der Arbeit in DC längst verschwunden. Sie hatte sie durch einen anderen Traum ersetzt: sie wollte in ihrer Freizeit als Kindermädchen einen großen amerikanischen Roman schreiben. Sie war irgendwie in den Job hineingestolpert, nachdem ein vielversprechender Kandidat, für den sie gearbeitet hatte, elendig besiegt worden war. Das war es gewesen, was dazu geführt hatte, dass sie für eine Weile in den Hintergrund getreten war. Und während sie wartete, war ihr eine sehr einfache Beschäftigungsmöglichkeit in den Schoß gefallen. Sie hatte noch nicht einmal darüber nachgedacht, in irgendeiner Form auf Kinder aufzupassen, aber es lag ihr. Kim erinnerte sich an ihren ersten Job als Kindermädchen, während sie in der Küche des Hauses von Bill und Sandra Carver saß. Es war schwer zu glauben, dass es bereits etwas über zehn Jahre her war. Eine Zeitspanne, in der die Erinnerungen an ihre Arbeit in DC verschwommen waren. Das Schreiben von Reden, voll von Hoffnung und einem kleinen Stückchen Unwahrheit. Ihr Laptop stand vor ihr. Sie hatte vierzigtausend Wörter in ihrem Buch erreicht. Sie dachte, dass dies ungefähr die Hälfte sein würde. Vielleicht wäre sie in etwa sechs Monaten oder so fertig. Es hing alles davon ab, in welche Richtung sich die Leben der drei Carver Kinder entwickelten. Das älteste Kind, Zack, war dieses Jahr in der neunten Klasse und sein liebster Zeitvertreib war es, Football zu spielen. Das mittlere Kind, Declan, spielte Fußball. Und wenn die jüngste, Madeline, beim Turnen blieb, würde Kim in den nächsten Monaten wie wild hin und her hetzen müssen. Sie schloss den Deckel ihres Laptops und sah sich in der Küche um. Sie taute zum Abendessen ein Hühnchen auf. Die Arbeitsplatten waren bereits abgewischt, das Geschirr gespült und die vierte Ladung Wäsche befand sich in der Waschmaschine. Bis die Kinder nach Hause kamen, hatte sie nichts weiter zu tun. So hatte sie die letzten fünfundvierzig Minuten an ihrem Buch arbeiten können. Sie warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sich der Tag von ihr davongeschlichen hatte – etwas was, wie sie allmählich zu verstehen begann, Kindermädchen häufig passierte. In fünfzehn Minuten würde sie losgehen müssen, um die Kinder von der Schule abzuholen … und das war keine kleine Leistung, da die Carver-Kinder verschiedene Altersstufen hatten, die jüngste in der Grundschule, das mittlere Kind in der Mittelschule und das älteste Kind in der High-School. Alles in allem war es mehr als eine Stunde Fahrt- und Verkehrszeit, um sie alle von der Schule abzuholen und mit ihnen nach Hause zurückzukehren. Es klang aber schlimmer, als es war, da Kim vor kurzem entdeckt hatte, wie wundervoll Hörbücher sein können, um die Zeit im Auto zu überbrücken. Sie stand auf und prüfte das Hühnchen, das nun fast vollständig aufgetaut in der Spüle lag. Dann nahm sie die Wäsche aus der Maschine und stopfte sie in den Trockner. Sie holte alle Gewürze heraus, die sie für das Abendessen brauchen würde. Als sie das Paprikagewürz auf die Arbeitsplatte stellte, klopfte jemand an die Haustür. Dies kam im Hause der Carvers sehr häufig vor. Sandra Carver war ein Amazon-Junkie und Bill Carver hatte immer Baupläne und Entwürfe, die per FedEx zu ihm geschickt wurden. Kim griff nach ihrer Handtasche und dachte, dass sie, nachdem sie die Pakete ins Haus gebracht hatte, losgehen würde, um die Kinder abzuholen. Sie öffnete die Tür und richtete ihren Blick sofort auf den Fußboden der Veranda, um nach dem Amazon-Paket zu suchen. Deshalb brauchte ihr Gehirn auch eine ganze Sekunde, um zu verstehen, dass dort eine Person vor ihr stand. Als sie aufschaute, um das Gesicht zu sehen, wurde ihr Blickfeld durch – etwas – blockiert. Was auch immer es war, es schlug gegen ihren Kopf. Es traf sie genau zwischen den Augen, am oberen Ende des Nasenrückens. Das schmetternde Geräusch in ihrem Schädel war ohrenbetäubend, aber sie hatte kaum Zeit, es zu bemerken, bevor das Gefühl des Fallens alles andere überkam. Als sie rückwärts auf den Parkettboden der Carvers fiel, schlug ihr Hinterkopf heftig auf. Sie spürte, wie Blut aus ihrer Nase floss, als sie versuchte, rückwärts zu krabbeln. Die Person auf der Veranda kam herein. Sie schloss lässig die Tür hinter sich. Kim versuchte zu schreien, aber in ihrer Nase war zu viel Blut, das in ihren Rachen und Mund hinunterlief. Sie hustete und würgte fast, als die Person einen großen Schritt vorwärts trat. Sie hob den dumpfen Gegenstand wieder hoch – ein Rohr, dachte Kim vage, als der Schmerz wie ein Orkan durch sie hindurchfegte – und dies war das Letzte, was sie sah. Kurz vor diesem letzten Schlag hatte sie einen wirklich seltsamen Gedanken. Kim Wielding starb, als sie sich fragte, was wohl mit dem Hühnchen passieren würde, das noch immer in der Spüle der Carvers auftaute. KAPITEL EINS Wegen der Art und Weise, wie ihr Leben begonnen hatte – mit einer toten Mutter, einem inhaftierten Vater und Großeltern, die ihr immer im Nacken saßen – bevorzugte es Chloe Fine oft, Dinge alleine zu machen. Viele Leute bezeichneten sie als extrem introvertiert und was sie anging, war das völlig in Ordnung. Es war diese Persönlichkeit, die sie dazu getrieben hatte, in der Schule außergewöhnlich gute Schulnoten zu bekommen und die ihr geholfen hatte, ihr Studium und das Training an der FBI-Akademie zu bewältigen. Aber es war auch diese gleiche Persönlichkeit, die sie dazu veranlasst hatte, in ihre neue Wohnung einzuziehen, ohne dass sie eine einzige Person hatte, die ihr dabei half. Sicher, sie hätte eine Umzugsfirma anheuern können, aber ihre Großeltern hatten sie den Wert des Geldes gelehrt. Und da sie starke Arme, einen starken Rücken und einen sturen Kopf besaß, entschied sie sich, alleine umzuziehen. Schließlich hatte sie nur zwei schwere Möbelstücke. Alles andere sollte eine Kleinigkeit sein. Wie sich herausstellte, war dies nicht der Fall, als es ihr schließlich gelang, ihre Kommode die Treppe hinauf zu hieven – mithilfe einer Sackkarre, mehrerer Zurrgurte und einer glücklicherweise breiten Treppe, die zu ihrer Wohnung in den zweiten Stock führte. Ja, sie hatte es geschafft, aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie dabei ein oder zwei Muskeln in ihrem Rücken gezerrt hatte. Sie hatte die Kommode bis zum Schluss gelassen, da ihr bewusst war, dass dies der schwierigste Teil des Umzugs sein würde. Sie hatte absichtlich alle Kisten nur leicht gepackt, da sie wusste, dass es ein Ein-Frauen-Job werden würde. Vermutlich hätte sie Danielle anrufen können und sie hätte geholfen, aber Chloe war nie der Typ gewesen, der die Familie um Gefälligkeiten bat. Chloe wich ein paar Kisten mit Büchern und Heften aus und ließ sich in den Sessel fallen, den sie schon seit ihrem zweiten Jahr im Studium hatte. Der Gedanke, Danielle hier bei sich zu haben, um alle ihre Sachen zu sortieren und die Wohnung einzurichten, war verlockend. Die Dinge zwischen ihnen beiden waren nicht mehr ganz so angespannt, seit Chloe die Wahrheit darüber herausgefunden hatte, was zwischen ihren Eltern passiert war, als sie junge Mädchen waren, aber da war definitiv noch etwas anderes. Sie waren sich der Last ihres Vaters, die auf ihren Schultern ruhte, beide sehr bewusst – die Wahrheit über das, was er getan hatte und die Geheimnisse, die er verborgen hatte. Chloe hatte das Gefühl, dass sie beide mit diesen Geheimnissen auf ihre eigene Art und Weise umgingen und sie wusste auf eine fast hellseherische Art, wie sie nur nahe Geschwister teilen konnten, dass sich ihre Meinungen dazu sehr unterschieden. Was sie Danielle gegenüber nie zugeben würde, war, wie sehr sie ihren Vater vermisste. Danielle hatte es ihm immer übelgenommen, nachdem er ins Gefängnis gesteckt worden war. Aber Chloe war diejenige gewesen, die diese Vaterfigur in ihrem Leben vermisst hatte. Sie war immer diejenige gewesen, die gewagt hatte zu hoffen, dass die Polizei vielleicht etwas falsch gemacht hatte – dass ihr Vater auf gar keinen Fall ihre Mutter getötet hatte. Und es war diese Hoffnung und dieser Glaube gewesen, der zu dem kleinen Abenteuer führte, das sie gemeinsam unternommen hatten und welches in der Festnahme von Ruthanne Carwile und einem völlig neuen Blickwinkel auf den Fall Aiden Fine resultierte. Das, was für Chloe irgendwie nach hinten losgegangen war, war jedoch die Tatsache, dass sie ihn durch die Aufdeckung dieser kleinen Geheimnisse nur noch mehr zu vermissen begann. Und sie wusste, dass Danielle das schrecklich und auf eine Art vielleicht sogar masochistisch finden würde. Trotzdem wollte sie Danielle anrufen, um ihren kleinen und doch hart erarbeiteten Sieg des Umzugs in ihr neues zu Hause zu feiern. Es handelte sich nur um ein kleines Zwei-Zimmer-Apartment im Stadtteil Mount Pleasant in Washington, DC – klein, kaum erschwinglich, aber genau das, wonach sie gesucht hatte. Es war ungefähr zwei Monate her, seit sie das letzte Mal Zeit miteinander verbracht hatten – was seltsam war, wenn man bedachte, was sie bei ihrem letzten Zusammentreffen gemeinsam durchgemacht hatten. Sie hatten ein paar Mal miteinander telefoniert und obwohl es angenehm war, war es doch sehr oberflächlich gewesen. Und Oberflächlichkeit lag Chloe nicht besonders. Scheiß drauf, dachte sie und griff nach ihrem Handy. Was sollte schon passieren? Als sie nach Danielles Nummer suchte, wurde ihr die Realität der Situation bewusst. Sicher, es waren nur zwei Monate gewesen, seit alles passiert war, aber sie waren jetzt andere Menschen. Danielle hatte begonnen, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Sie hatte einen Job, der potenziell gut bezahlt werden könnte – eine Rolle als Barkeeperin und stellvertretende Managerin in einer gehobenen Bar in Reston, Virginia. Chloe selbst war noch immer dabei, sich daran zu gewöhnen, von kürzlich verlobt zu alleinstehend überzugehen und sie schien außerdem völlig vergessen zu haben, wie man einen potenziellen Partner fand. Du kannst so etwas nicht erzwingen, dachte sie. Besonders nicht mit Danielle. Mit klopfendem Herzen wählte sie die Nummer. Sie erwartete ehrlich, dass der Anruf zur Mailbox geleitet werden würde. Als das Telefon dann nach dem zweiten Klingelton von einer quietschfidel klingenden Danielle beantwortet wurde, brauchte Chloe einen Moment, um zu reagieren. „Hallo Danielle.“ „Chloe, wie geht es dir?“, fragte sie. Es war so seltsam Danielles Stimme mit einem Hauch von Fröhlichkeit zu hören. „Ziemlich gut. Ich bin heute in die Wohnung eingezogen. Ich habe gedacht, es wäre schön mit dir zu feiern. Wenn du mich besuchst, könnten wir eine Flasche Wein trinken und wirklich ungesunde Sachen essen. Aber dann ist mir wieder eingefallen, dass du ja einen neuen Job hast.“ „Ja, Arbeit macht das Leben süß“, sagte Danielle mit einem Lachen. „Magst du den Job?“ „Chloe, ich liebe ihn. Ich meine, sicher, es sind erst drei Wochen, aber es fühlt sich so an, als wäre ich dafür geboren. Ich weiß, es ist bloß Barkeepern, aber …“ „Nun, du bist aber auch stellvertretende Managerin, oder?“ „Ja. Ein Titel, der mir noch immer Angst macht.“ „Es freut mich, dass es dir gefällt.“ „Und wie geht es dir? Wie ist die Wohnung? Wie war der Umzug?“ Sie wollte nicht, dass Danielle wusste, dass sie alles alleine transportiert hatte, also antwortete sie ihr nur vage – was sie hasste. „Ganz gut. Ich muss noch alles auspacken, aber bin froh, dass ich jetzt in der Wohnung bin, weißt du?“ „Ich werde dich aber definitiv bald auf ein Glas Wein und das fettige Essen besuchen kommen. Wie läuft es sonst so?“ „Ehrlich?“ Danielle war für einen Moment still, bevor sie antwortete: „Oh-oh.“ „Ich habe über Dad nachgedacht. Darüber ihn zu besuchen.“ „Und warum in Gottes Namen würdest du das tun?“ „Ich wünschte, ich hätte eine gute Antwort für dich“, sagte Chloe. „Nach allem was passiert ist, habe ich das Gefühl, dass ich es muss. Ich muss alles verstehen.“ „Meine Güte, Chloe. Lass es ruhen. Sollte dich dein neuer Job nicht genug damit auslasten, andere Verbrechen aufzuklären? Man … und ich dachte immer, ich wäre diejenige, die ihr ganzes Leben in der Vergangenheit verbringt.“ „Warum ärgert es dich so sehr?“, fragte Chloe. „Dass ich ihn sehen will …“ „Weil ich denke, wir haben ihm beide schon genug unserer Lebenszeit gewidmet. Und ich weiß, wenn du ihn besuchst, wird mein Name aus einem eurer Münder kommen und ich würde es bevorzugen, wenn dies nicht passiert. Ich bin fertig mit ihm, Chloe. Ich wünschte, du wärst es auch.“ Ja, das wünschte ich auch, dachte Chloe, behielt den Kommentar aber für sich. „Chloe, ich liebe dich, aber wenn du planst, dich für den Rest unserer Unterhaltung über ihn auszutauschen, werde ich mich jetzt verabschieden.“ „Wann arbeitest du wieder?“, fragte Chloe. „Diese Woche jeden Abend außer Samstag.“ „Vielleicht komme ich am Freitagnachmittag vorbei. Und ich erwarte, dass du mir das Getränk servierst, das du für deine Spezialität hältst.“ „Dann plane lieber nicht mit dem Auto nach Hause zu fahren“, sagte Danielle. „Ist notiert.“ „Und bei dir? Wann beginnt dein neuer Job?“ „Morgen früh.“ „Mitten in der Woche?“, fragte Danielle. „Es ist eine Art Orientierung. Hauptsächlich Meetings und solche Sachen für die ersten paar Tage.“ „Ich freue mich für dich“, sagte Danielle. „Ich weiß, wie sehr du dir dies gewünscht hast.“ Es war schön, dass Danielle etwas Nettes über ihre Arbeit sagte. Nicht nur das, sondern überhaupt so zu tun, als würde es sie interessieren. Für einen Moment herrschte eine tiefe Stille zwischen ihnen, die Danielle barmherzig beendete, indem sie etwas eher Untypisches sagte: „Pass auf dich auf, Chloe. Bei der Arbeit … mit Dad … und allem anderen.“ „Das werde ich“, sagte Chloe, die der Kommentar etwas überraschte. Danielle beendete das Gespräch und Chloe sah sich im Wohnbereich ihres neuen Apartments um. Es war schwierig bei all der Unordnung, die Gesamtheit der Wohnung zu sehen, aber sie fühlte sich an diesem Ort bereits zu Hause. Es gab nichts Besseres, als ein merkwürdiges Gespräch mit Danielle, damit sich ein Ort wie zu Hause anfühlte, dachte sie dann. Langsam streckte sie ihren Rücken aus, erhob sich aus dem Sessel und bewegte sich zur nächsten Kiste. Sie begann sie auszupacken und bekam langsam ein Gefühl dafür, wie ihr Leben aussehen würde, wenn sie es nicht schaffen würde, Beziehungen aufrechtzuerhalten. Sei es mit ihrer Schwester, ihrem Vater oder ihrem Ex-Verlobten, sie hatte nicht die beste Erfolgsbilanz, wenn es darum ging, Menschen nahe bei sich zu behalten. Beim Gedanken an ihren Ex-Verlobten stieß sie auf mehrere gerahmte Bilder, die unten in der ersten Kiste lagen. Es gab insgesamt drei Bilder; Fotos von ihr und Steven. Zwei waren aus früheren Tagen, als sie nur miteinander ausgegangen waren. Aber das dritte war ein Foto von ihnen, nachdem er ihr einen Antrag gemacht hatte … nachdem sie Ja gesagt hatte und fast begonnen hatte zu weinen. Sie nahm die Bilder aus der Kiste und stellte sie auf die Küchentheke. Sie kramte herum und fand ihren Mülleimer auf der anderen Seite des Zimmers neben ihrer Matratze. Dann holte sie die Bilder und ließ sie in den Mülleimer fallen. Das Geräusch des zerbrechenden Glases in den Bilderrahmen war ein bisschen zu entzückend. Ganz einfach, dachte sie. Ich kann es kaum erwarten, dieses Debakel hinter mir zu lassen. Warum kannst du dich nicht genauso leicht von dem Unsinn mit deinem Vater lösen? Sie hatte darauf keine Antwort. Und die Sache, die sie am meisten erschreckte, war, dass sie glaubte, die Antwort könnte sich in einem Gespräch mit ihm zeigen. Bei diesem Gedanken schien die Wohnung leerer zu sein als zuvor und Chloe fühlte sich plötzlich sehr einsam. Der bloße Gedanke daran brachte sie dazu, zum Kühlschrank zu gehen und den Sechserpack Bier zu öffnen, den sie früher am Morgen gekauft hatte. Sie öffnete die erste Flasche und war ein wenig alarmiert darüber, wie gut ihr der erste Schluck schmeckte. Sie tat ihr Bestes, um sich an diesem Nachmittag bis in die Nacht hinein zu beschäftigen, nicht mit Auspacken, sondern, indem sie langsam durch die Kisten ging und versuchte zu entscheiden, ob sie jeden einzelnen Gegenstand wirklich brauchte. Die Trophäe, die sie beim Debattier-Club in der High-School gewonnen hatte, fand ihren Weg in den Mülleimer. Die Fiona Apple CD, die sie gehört hatte, als sie in ihrem zweiten Jahr an der High-School ihre Jungfräulichkeit verlor, behielt sie. Alle Bilder ihres Vaters wanderten in den Müll. Zuerst tat es ihr weh, dies zu tun, aber als sie an ihrer vierten Flasche Bier war, ging es leichter. Sie schaffte es, sich durch zwei Kisten zu arbeiten … Und sie hätte wahrscheinlich noch mindestens eine weitere Kiste geschafft, wenn sie nicht zum Kühlschrank gegangen wäre und festgestellt hätte, dass sie irgendwie den ganzen Sechserpack ausgetrunken hatte. Sie schaute auf die Uhr am Herd und schnappte nach Luft, als sie die Uhrzeit sah. Es war 0:45 Uhr in der Nacht. So viel zum Thema vor meinem ersten Arbeitstag ausreichend Schlaf zu bekommen, dachte sie. Was ihr jedoch noch mehr Sorgen bereitete, als der möglicherweise müde Morgen an ihrem ersten Tag beim FBI, war die Tatsache, dass sie einen ganzen Sechserpack getrunken hatte. Nachdem sie ihre Zähne geputzt hatte, fiel sie erschöpft ins Bett. Der Raum um sie herum drehte sich ein wenig, als sie realisierte, dass sie sich an diesem Abend wirklich sehr darum bemüht hatte, alle Erinnerungen an ihren Vater zu löschen. KAPITEL ZWEI Chloe war sich nicht sicher gewesen, was sie erwarten sollte, als sie am nächsten Morgen beim FBI-Hauptquartier ankam. Aber was sie mit Sicherheit nicht erwartet hatte, war, von einem älteren Agenten im Eingangsbereich empfangen zu werden. Sie sah ihn, als er sie entdeckte und war sich nicht ganz sicher, was sie machen sollte, als er direkt auf sie zuging. Für einen Moment dachte sie, der Mann wäre Agent Greene, der Mann, der für sie als Ausbilder und Partner in ihrem Fall fungiert hatte, der dazu führte, die Wahrheit über ihren Vater aufzudecken. Aber als sie sein Gesicht besser erkennen konnte, sah sie, dass es sich um einen völlig anderen Mann handelte. Er wirkte hart, so als wäre er aus Stein. Sein Mund bildete eine gerade Linie in seinem Gesicht. „Chloe Fine?“, fragte der Agent. „Ja?“ „Director Johnson möchte vor der Orientierung mit Ihnen sprechen.“ Sie war aufgeregt und ängstlich zugleich. Director Johnson hatte Ausnahmen für sie gemacht, als sie mit Greene zusammengearbeitet hatte. Hatte er vielleicht irgendwelche Zweifel? Hatten ihn ihre Handlungen im letzten Fall vielleicht in irgendwelche Schwierigkeiten gebracht? War sie so weit gekommen, nur um ihre Träume am ersten Tag zerstört zu sehen? „Weswegen?“, fragte Chloe. Der Agent zuckte mit den Schultern, als ob es ihm wirklich egal wäre. „Hier entlang, bitte“, sagte er. Er führte sie zu den Aufzügen und für einen Moment fühlte sich Chloe, als würde sie in die Vergangenheit zurückversetzt werden. Sie konnte sich selbst vor zwei Monaten sehen, wie sie in diesen gleichen Aufzug stieg, mit genau derselben Sorge im Bauch und dem Wissen, dass sie Director Johnson treffen würde. Und genau wie beim letzten Mal wurde der Knoten der Sorge in ihrem Körper noch größer, als sich der Aufzug nach oben bewegte. Der versteinert wirkende Agent führte sie aus dem Aufzug, als er in der zweiten Etage anhielt. Sie gingen an mehreren Büros und Räumen vorbei, bevor der Agent außerhalb Johnsons Räumlichkeiten stehenblieb. Die Sekretärin an ihrem Schreibtisch nickte höflich und sagte: „Sie können hineingehen. Er erwartet Sie.“ Der steinerne Agent nickte ihr ähnlich zu – allerdings nicht annähernd so höflich – und deutete auf die Bürotür. Es schien klar, dass er nicht hineingehen würde. Chloe bemühte sich, ruhig und zurückhaltend zu wirken, als sie zur Tür von Director Johnsons Büro ging. Wovor habe ich solche Angst?, fragte sie sich. Als ich das letzte Mal in sein Büro gerufen wurde, erhielt ich Verantwortlichkeiten und Pflichten, die die meisten neuen Agenten in meiner Situation nicht bekommen. Das stimmte, aber es beruhigte ihre Nerven nicht. Director Johnson saß an seinem Schreibtisch und las aufmerksam etwas an seinem Laptop, als sie das Büro betrat. Als er aufblickte, richtete er seine gesamte Aufmerksamkeit auf sie; er schloss sogar den Deckel des Laptops. „Agentin Fine“, sagte er. „Danke, dass Sie hergekommen sind. Es wird nur eine Sekunde dauern. Ich möchte nicht, dass Sie etwas von der Orientierung verpassen – die, wie ich Ihnen jetzt schon sagen kann – ziemlich kurz und schmerzlos sein wird.“ Agentin Fine genannt zu werden, war für Chloe noch immer seltsam, aber sie versuchte es nicht zu zeigen. Sie setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und lächelte, so ruhig sie konnte. „Kein Problem“, sagte sie. „Bin ich … nun, stimmt etwas nicht?“ „Nein, nein, nichts dergleichen“, sagte er. „Ich möchte Ihnen eine Option bezüglich Ihrer beruflichen Pflichten unterbreiten. Ich sehe, dass Sie eine Karriere beim Team für Beweissicherung anstreben. Ist das etwas, was Sie schon immer machen wollten?“ „Ja, Sir. Ich habe ein gutes Auge fürs Detail.“ „Ja, das habe ich gehört. Agent Greene hat Sie sehr gelobt. Und abgesehen von einigen kleinen Schwierigkeiten bei den Ereignissen von vor zwei Monaten muss ich zugeben, dass auch ich sehr beeindruckt war. Sie haben eine Selbstsicherheit und unbeirrte Gewissheit, die bei neuen Agenten sehr selten ist. Aus diesem Grund und wegen des Feedbacks, das ich von Agent Greene und einigen Ihrer Dozenten an der Akademie erhalten habe, möchte ich Sie bitten, Ihre Wahl der Abteilung zu überdenken.“ „Gibt es eine bestimmte Abteilung, an die Sie gedacht haben?“, fragte Chloe. „Kennen Sie das ViCAP-Programm?“ „Das Programm gegen Gewaltkriminalität? Ja, ich weiß ein bisschen darüber.“ „Der Titel ist ziemlich selbsterklärend, aber ich denke, das Programm ist sehr gut für Ihr Talent der Beweisführung geeignet. Wenn ich ehrlich bin, hat das Team für Beweissicherung dieses Mal eine recht große Gruppe von Agenten im ersten Jahr. Anstatt sich dort in der Menge zu verlieren, denke ich, dass Sie gut ins ViCAP-Team passen könnten. Ist das etwas, was Sie interessieren könnte?“ „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht.“ Johnson nickte, aber Chloe war sich ziemlich sicher, dass er sich bereits entschieden hatte. „Wenn Sie Lust dazu haben, möchte ich, dass Sie es ausprobieren. Wenn Sie nach ein paar Tagen feststellen, dass es nicht zu Ihnen passt, werde ich mich persönlich darum kümmern, dass Sie nahtlos wieder ins Team für Beweissicherung an Ihre bisherige Stelle zurückversetzt werden.“ Ehrlich gesagt, war sie sich nicht sicher, was sie sagen oder tun sollte. Was sie jedoch wusste, war, dass sie sich recht erfolgreich und stolz fühlte, dass ihr Director sie ausschließlich aufgrund ihrer Fähigkeiten und dem positiven Feedback ihrer Kollegen in einer bestimmten Abteilung einsetzen wollte. „Ja, damit kann ich arbeiten“, sagte sie schließlich. „Fantastisch. Es gibt bereits einen Fall, in dem ich Sie einsetzen möchte. Sie werden morgen früh damit anfangen. Bisher hat ihn die Polizei in Maryland bearbeitet, aber heute Morgen haben sie um unsere Unterstützung gebeten. Ich werde Sie neben einer anderen Agentin einsetzen, die keinen Partner hat. Der, der ihr zugeteilt worden war, hielt dem Druck nicht stand und hat gestern gekündigt.“ „Darf ich fragen warum?“ „Beim Programm gegen Gewaltkriminalität sind einige der Verbrechen ziemlich grausam. Es passiert einigen neuen Rekruten … sie schaffen es durch das Training, sehen die Fallbeispiele und sogar die echten Szenarien. Aber am Ende wird ihnen klar, dass dies ihr Leben sein wird … und für manche ist das zu viel.“ Chloe sagte nichts. Sie versuchte sich vorzustellen, eine solche Entscheidung treffen zu müssen, konnte es aber nicht. Solange sie sich erinnern konnte, hatte sie immer einen Job wie diesen gewollt – bereits seit sie den Unterschied zwischen richtig und falsch kannte. „Werde ich zusätzliches Training brauchen?“ „Ich würde mehr Feuerwaffen-Training empfehlen“, sagte Johnson. „Ich werde sicherstellen, dass dies alles für Sie arrangiert wird. Ihre bisherigen Ergebnisse im Bezug auf Schusswaffen für Ihre Einschreibung beim Team zur Beweissicherung sehen ziemlich gut aus, aber Sie möchten vielleicht ein paar zusätzliche Fähigkeiten in diesem Bereich haben, wenn Sie richtig im Bereich ViCAP einsteigen – sollten Sie sich entscheiden, weiterzumachen.“ „Ich verstehe.“ „Nun, es sei denn, Sie haben irgendwelche Fragen, würde ich sagen, Sie können mit der Orientierung unten beginnen. Sie haben noch drei Minuten, bevor es losgeht.“ „Keine weiteren Fragen. Ich danke Ihnen für die Gelegenheit. Und für Ihr Vertrauen.“ „Selbstverständlich. Ich erledige den gesamten Papierkram und jemand wird Sie wegen Ihrer Aufgabe bis zum Ende des Tages anrufen. Und Agentin Fine … ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ich denke, Sie werden eine bemerkenswerte Bereicherung für ViCAP sein.“ Als sie aufstand, um sein Büro zu verlassen, realisierte sie, dass sie nie besonders gut darin gewesen war, Komplimente anzunehmen. Vielleicht lag es daran, dass sie in ihren jüngeren Jahren nie sehr viele davon erhalten hatte. Jetzt lächelte sie nur unbeholfen und verließ das Büro. Der nervöse Knoten, der sich in ihrer Magengrube befunden hatte, war nun verschwunden und wurde durch ein Gefühl des Schwebens ersetzt, dass sich so anfühlte, als würden ihre Füße nicht einmal mehr den Boden berühren, während sie in Richtung Aufzug ging. *** Die Orientierung war genau, was sie erwartet hatte. Sie bestand aus einer Liste von Dingen, die sie tun und lassen sollten, die von einer Reihe erfahrener Agenten vermittelt wurde. Es gab Beispiele für Fälle, in denen Fehler aufgetreten waren, Fälle, über die Agenten in der Vergangenheit gekündigt hatten oder sogar Selbstmord begingen. Die Ausbilder erzählten traurige Geschichten von ermordeten Kindern und Serienvergewaltigern, die bis heute noch nicht festgenommen worden waren. Als diese Geschichten erzählt wurden, hörte Chloe in der Menge das Gemurmel angespannter Gespräche. Zwei Sitze zu ihrer Linken hörte sie eine Frau zu dem Mann neben sich flüstern. „Anscheinend hat mein Partner diese Geschichten vor uns gehört. Vielleicht hat er deshalb gekündigt.“ Sie sagte es auf eine zickige Art und Weise, wie ein gemeines Mädchen, was Chloe augenblicklich nervte. Bei meinem Glück ist das die Agentin ohne Partner, mit der Johnson mich zusammenbringen möchte, dachte Chloe. Die Sitzung endete schließlich zur Mittagspause. Die Ausbilder auf der Bühne teilten die Menge in Gruppen nach den einzelnen Abteilungen ein. Als Chloe hörte, wie das Team für Beweissicherung aufgerufen wurde, verspürte sie ein klein wenig Kummer. Sie sah dabei zu, wie etwa zwanzig Rekruten auf die Bühne gingen und sich auf der rechten Seite versammelten. Zu wissen, dass sie vor weniger als drei Stunden zu ihren Mitgliedern gehört hatte, ließ sie etwas isoliert fühlen, vor allem als sie sah, dass einige der Agenten bereits Freundschaften geschlossen hatten. Als die Agenten für das Programm gegen Gewaltkriminalität aufgerufen wurden, stand sie auf und ging zur Bühne. Die Gruppe war wesentlich kleiner, als die des Teams für Beweissicherung. Einschließlich ihrer selbst zählte sie nur neun. Und eine von ihnen war tatsächlich die Frau, die die Bemerkung gemacht hatte, dass ihr Partner gekündigt hatte. Sie konzentrierte sich so sehr auf diese Frau, dass sie den Mann nicht bemerkte, der neben ihr lief, als sie zur Bühne gingen. „Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht“, sagte er, „aber ich habe das Gefühl, dass ich mein Gesicht verstecken sollte. Teil eines Programms zu sein, in dem das Wort Gewalt vorkommt, … lässt mich glauben, dass die Leute mich verurteilen.“ „Ich glaube nicht, dass ich es je auf diese Weise betrachtet habe“, sagte Chloe. „Nun, neigen Sie denn zur Gewalt?“ Er sagte es mit einem Grinsen und es war dieses Grinsen, was dazu führte, dass sie erkannte, dass dieser Mann extrem gutaussehend war. Die Bemerkung über seine Tendenz zur Gewalt machte dies aber ein wenig zunichte. „Nicht, dass ich wüsste“, antwortete sie unbeholfen, als sie die Bühne erreichten, wo sich ihre Gruppe versammelt hatte. „Okay“, sagte der Ausbilder, ein älterer Herr in Jeans und einem schwarzen T-Shirt. „Zuerst Mittagessen, danach treffen wir uns im Konferenzraum drei, um einige Details zu besprechen und Fragen und Antworten durchzugehen. Vorher jedoch eine Sache …“ Er machte eine Pause und schaute auf ein Blatt Papier, während er mit einem Finger darauf suchte. „Gibt es hier eine Chloe Fine?“ „Das bin ich“, sagte Chloe, die fast in Schweiß ausbrach, da sie vor dieser Gruppe von Leuten, die sie nicht kannte, herausgezogen wurde. „Ich muss bitte kurz mit Ihnen sprechen.“ Chloe ging auf den Ausbilder zu und sah, dass er auch noch eine andere Agentin nach vorne winkte. „Agentin Fine, ich sehe hier, dass Sie eine neue Ergänzung zum ViCAP-Team sind, direkt der Empfehlung von Director Johnson folgend.“ „Das ist richtig.“ „Es ist schön, Sie bei uns zu haben. Ich möchte Sie mit Ihrer Partnerin, Agentin Nikki Rhodes, bekannt machen.“ Er deutete auf die andere Agentin, die er zu sich gebeten hatte. Und siehe da, es war die zickige Frau von vorher. Nikki Rhodes lächelte Chloe auf eine Weise an, die deutlich machte, dass sie wusste, wie schön sie war. Und sogar Chloe musste es zugeben. Groß, perfekt gebräunte Haut, funkelnde blaue Augen, beneidenswert glattes blondes Haar. „Schön Sie kennenzulernen“, sagte Rhodes. „Gleichfalls“, sagte Chloe. „Gehen Sie beide und genießen das Mittagessen“, sagte der Ausbilder. „Soweit ich gehört habe, werden Sie morgen früh einen gemeinsamen Fall übernehmen. Sie waren beide Klassenbeste. Ich erwarte also, ein paar großartige Dinge über Sie zu hören.“ Rhodes lächelte sie an und Chloe spürte, dass es falsch war. Sie hasste es, automatisch davon auszugehen, dass jemand kein aufrichtiger oder authentischer Mensch war, aber bei solchen Dingen hatte ihr Bauchgefühl schon immer recht gehabt. Der Ausbilder hatte sich umgedreht und dem Rest der Gruppe zugewandt und ließ die beiden Frauen alleine. Als Rhodes bemerkte, dass die Augen des Vorgesetzten nicht mehr auf ihr ruhten, drehte sie sich um und ging los, ohne noch irgendetwas zu sagen. Chloe blieb kurz hinter dem Rest der Gruppe zurück und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Heute Morgen war sie aufgewacht und hatte sich darauf gefreut, ihre Karriere als Mitglied des Teams für Beweissicherung zu beginnen. Für die absehbare Zukunft war im Wesentlichen alles geplant gewesen. Und jetzt war sie hier in einer Abteilung, mit der sie nicht vertraut war und einer Partnerin, die einen Stock im Arsch hatte. „Sie scheint nicht gerade ein Menschenfreund zu sein, nicht wahr?“, sagte jemand hinter ihr. Sie drehte sich um und sah den Mann, der mit ihr gemeinsam zur Bühne gelaufen war – der Gutaussehende, der sie gefragt hatte, ob sie irgendwelche gewalttätigen Tendenzen hatte. „Nein, es scheint nicht so.“ „Stellen Sie sich vor, Sie hätten die meisten Ihrer Kurse in der Akademie mit ihr gehabt“, sagte er. „Es war elendig. Apropos … ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sie in einem meiner Kurse oder Module gewesen sind.“ „Ja … ich bin sozusagen neu. Ich wurde heute Morgen in diese Abteilung gesteckt.“ Ein leichter Ausdruck von Schock zeigte sich auf seinem Gesicht. „Oh, in Ordnung. Willkommen bei ViCAP. Ich bin Kyle Moulton und wenn Ihre neue Partnerin nicht mit Ihnen Mittagessen möchte, würde ich gern ihren Platz einnehmen.“ „Nur zu“, sagte Chloe und schloss sich schließlich dem Rest der Gruppe an. „Es passt zum Rest meines Tages, um es milde auszudrücken.“ „Wieso das?“ „Weil auch sonst nichts wie geplant verlaufen ist.“ Moulton nickte nur, als sie gemeinsam das Auditorium verließen. Obwohl Moulton ein Fremder war (wenn auch ein Hübscher), war es schön, ihn an ihrer Seite zu haben, als sie zum Mittagessen gingen, welches woanders im Gebäude für sie bereitstand. Sie hatte Angst, sie könnte sich alles noch einmal anders überlegen, müsste sie allein in diese ungewisse Zukunft treten. „Pläne werden sowieso überbewertet“, sagte Moulton. „Nicht für mich. Pläne bedeuten Struktur. Pläne bedeuten Vorhersehbarkeit.“ „Ich glaube nicht, dass Vorhersehbarkeit in der Stellenbeschreibung unserer Positionen genannt wurde“, witzelte Moulton. Chloe lächelte und nickte, hatte es aber nie so gesehen. Genau genommen, machte es ihr ein bisschen Angst. Was wirklich keinen Sinn ergab. Denn ihr ganzes Leben war nie mehr als ein unvorhersehbarer Haufen völligen Mists gewesen, also warum sollte ihre Karriere anders sein? Glücklicherweise hatte sie gelernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen. Und wenn ihr eine eingebildete Zicke wie Nikki Rhodes begegnete und den Weg versperrte, konnte sich Rhodes entweder ändern oder verdammt noch mal Platz machen. KAPITEL DREI Am nächsten Morgen wurde Chloe unangenehm daran erinnert, wie der Rest ihrer Karriere strukturiert sein würde. Ihr Telefon klingelte um 5:45 Uhr. Der Anruf kam von einer der Führungskräfte, die unter Director Johnson arbeiteten. Sie hatte es kaum geschafft, ein heiseres „Hallo?“ zu krächzen, bevor der Mann am anderen Ende zu sprechen begann. „Hier spricht Assistant-Director Garcia. Spreche ich mit Agentin Chloe Fine?“ „Ja, das bin ich.“ Sie setzte sich im Bett auf und ihr Herz hämmerte laut, als sie von einem Adrenalinstoß durchflutet und der Rest des Schlafs abgeschüttelt wurde. „Sie werden Agentin Rhodes um sieben Uhr in Bethesda treffen. Sie werden gemeinsam an einem, wie wir glauben, so gut wie gelösten Fall von Bandengewalt arbeiten. Wahrscheinlich war es MS-13. Fragen sollten direkt unter dieser Nummer an mich gerichtet werden. Agentin Rhodes erhält genau dieselben Informationen. Nach diesem Anruf wird die Adresse per Textnachricht an Ihr Telefon gesendet. Haben Sie irgendwelche Fragen, Agentin Fine?“ Chloe war sich sicher, dass sie einige Fragen hatte, aber sie fielen ihr auf die Schnelle nicht ein. „Nein, Sir.“ „Gut. Seien Sie vorsichtig und klug dort draußen, Agentin Fine.“ Und das war es. So hatte sie ihren ersten Auftrag erhalten. Sie wusste, dass sie in der Zukunft nicht so kommen würden; so viel wurde ihnen gestern bei der Orientierung gesagt. Trotzdem war es eine effektive Art ihren ersten Arbeitstag zu beginnen. Sie hatte bereits am Vorabend ihre Kleidung bereitgelegt und geduscht und alles getan, um sicherzustellen, dass sie an ihrem ersten Tag nicht zu spät kam, zu was auch immer sie erwarteten würde. Sie zog sich an, schnappte sich einen Bagel mit Frischkäse und goss sich eine Thermoskanne Kaffee ein. Gestern Abend hatte sie die Kaffeemaschine auf 5:00 Uhr morgens programmiert. Währenddessen erreichte sie die Textnachricht von Assistant-Director Garcia mit der Adresse in Bethesda. Als Chloe zu ihrem Auto ging, waren seit dem Anruf nur fünfzehn Minuten vergangen. Sie war schon mehrmals in Bethesda, Maryland, gewesen und wusste deshalb, dass es sich lediglich um eine kurze Fahrt handelte – etwas weniger als eine halbe Stunde, vor allem, weil sie so früh losgefahren war und den elendigen morgendlichen Pendlerverkehr vermied. Sobald sie die Straßen von DC verlassen hatte, gab sie die Adresse in ihr GPS-Gerät ein und sah, dass sie tatsächlich nur zweiundzwanzig Minuten entfernt war. Sie wollte Danielle anrufen. Sie hatte das Gefühl, auf einen der denkwürdigsten und bedeutungsvollsten Momente in ihrem Leben zuzusteuern und hatte das Bedürfnis, es mit jemandem zu teilen. Aber sie wusste, dass Danielle noch schlafen würde und dass sie ihre Aufregung wahrscheinlich auch nicht verstehen könnte. Und das war für Chloe in Ordnung. Sie hatten verschiedene Interessen und Leidenschaften und keine von ihnen war je besonders gut darin gewesen, ihren Enthusiasmus vorzutäuschen. Sie erreichte die Adresse zwei Minuten vor dem Zeitpunkt, den ihr das GPS genannt hatte. Es war ein heruntergekommenes, einstöckiges Apartmentgebäude, die Art, wie sie jedes Wochenende mindestens ein Dutzend Mal von der Polizei wegen Gewalt, Drogen, sexuellen Übergriffen und allen anderen nur vorstellbaren Dingen besucht wurde. Sie hatte erwartet, vor Rhodes da zu sein, aber war ein wenig niedergeschlagen zu sehen, dass die andere Agentin nicht nur bereits dort war, sondern auch schon die Verandatreppe hinauf zum Tatort ging. Genervt parkte sie am Straßenrand und eilte den Bürgersteig entlang. Sie schaffte es auf die Veranda genau in dem Moment, als Rhodes die Tür öffnete, um hineinzugehen. „Guten Morgen“, sagte Rhodes, aber es war klar, dass sie es nicht meinte. „Guten Morgen. Was haben Sie gemacht … sind Sie hierher geflogen?“ Rhodes zuckte nur mit den Schultern. „Ich brauche nicht sehr lange, um mich morgens fertigzumachen. Es ist okay, Agentin Fine. Es ist kein Wettrennen.“ Als sie eintraten, sahen sie einen Mann in der Mitte eines kleinen, vollgestopften Wohnzimmers stehen. Er drehte sich zu ihnen um und seine Augen blieben für einen Moment an Agentin Rhodes hängen. Sie trug eine schlichte schwarze Hose und ein konservatives weißes Oberteil. Ihre Haare waren geglättet worden und obwohl sie behauptet hatte, sie brauche sehr wenig Zeit, um sich fertigzumachen, war es offensichtlich, dass sie an diesem Morgen Make-up aufgelegt hatte. „Sind Sie vom FBI?“, fragte der Mann. „Ja“, sagte Chloe schnell, als ob sie sicherstellen wollte, dass der Mann wusste, dass hier zwei Agentinnen anwesend waren, nicht nur eine große Blonde. „Agentin Rhodes und Fine“, sagte Rhodes. „Und Sie sind?“ „Inspektor Ralph Palace, Mordabteilung Maryland. Ich mache nur ein paar letzte Notizen, denn soweit ich es verstehe, ist dies jetzt Ihr Fall.“ „Was können Sie uns bereits über den Fall sagen?“, fragte Chloe. „Es ist ziemlich simpel. Ein Mord mit Bandenzusammenhang. MS-13 ist in dieser Gegend weit verbreitet, also denken wir, sie waren es. Die Leichen eines Mannes, seiner Frau und ihres 13-jährigen Sohnes wurden gestern Nachmittag von hier entfernt, ungefähr sieben Stunden nachdem wir den Anruf erhalten hatten. Es gab Berichte über Schüsse und dann sah dieser Ort so aus.“ Er wedelte mit den Armen und deutete auf das Durcheinander in der Wohnung. „Ein paar schlichte polizeiliche Nachforschungen ergaben, dass der Vater einst Verbindungen zu einer rivalisierenden Bande hatte, den Binzos.“ „Wenn die MS-13 involviert ist, warum ist dann die Einwanderungsbehörde nicht alarmiert worden?“, fragte Chloe. „Weil es noch nicht bewiesen ist“, sagte Palace. „Bei Bandenverbrechen mit Migrationshintergrund müssen wir uns ziemlich sicher sein. Ansonsten können wir Klagen und Missstände wegen der ungerechten Behandlung ethnischer Gruppen erwarten.“ Er schüttelte seinen Kopf und seufzte. „Wenn Sie es also auf die eine oder andere Art beweisen könnten, wäre das großartig.“ Er ging zur Haustür und nahm dabei eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche. Es war keine Überraschung, dass er sie direkt an Rhodes reichte. „Rufen Sie mich an, wenn Sie noch irgendetwas brauchen.“ Rhodes machte sich nicht die Mühe zu antworten, als sie die Karte einsteckte. Chloe nahm an, dass sie die Art Mädchen an der High-School und an der Uni gewesen war, die sich daran gewöhnt hatte, dass sie die ganze Zeit von Jungs angegafft wurde. Diese Begegnung mit Inspektor Palace war zweifellos nur ein weiterer dieser langweiligen Momente gewesen. Chloe nahm sich einen Moment Zeit, um sich umzusehen. Der Couchtisch vor dem Sofa war umgestürzt worden. Etwas – es sah aus wie eine dunkle Limonade – war während des Gerangels vom Tisch umgekippt. Die dunkle Flüssigkeit hatte sich mit etwas, das ganz deutlich getrocknetes Blut war, auf dem blassen zotteligen Teppich, der vom Wohnzimmer bis hin zur angrenzenden Küche reichte, vermischt. An den Wänden waren noch mehr Blutspritzer. Auch in der Küche war Blut auf dem Linoleumfußboden verschmiert. „Wie wollen Sie es aufteilen?“, fragte Rhodes. „Ich weiß es nicht. Wenn Schüsse abgefeuert wurden, besteht eine gute Chance, dass einer in eine Wand oder den Boden ging. Und der Unordnung nach zu urteilen, war es keine einfache Schießerei. Es gab einen Kampf. Und das sagt mir, dass es auch irgendwo Fingerabdrücke gibt.“ Rhodes nickte. „Wir müssen auch herausfinden, wie der Mörder hereingekommen ist. Haben Sie einen Blick auf die Haustür geworfen? Es gibt keine Anzeichen von gewaltsamem Eindringen. Das bedeutet also, eines der Familienmitglieder hat den Kerl hineingelassen – vielleicht jemand, den sie gut kannten und dem sie vertrauten.“ Chloe stimmte zu und war beeindruckt von Rhodes und der Art, wie sie die Tür bereits geprüft hatte, noch bevor sie hineingegangen waren. „Warum sehen Sie sich nicht draußen um und suchen nach Anzeichen für gewaltsames Eindringen?“, schlug Rhodes vor. „Ich werde nachsehen, ob ich Anzeichen finden kann, welche Art Waffen hier benutzt wurden … sehen, ob es irgendwelche Kugelfragmente oder ähnliches gibt.“ Chloe nickte zustimmend, konnte aber bereits spüren, dass Rhodes versuchte, sich als Leiterin der Ermittlungen zu positionieren. Aber Chloe nahm es in Kauf. Auf der Grundlage dessen, was Palace ihnen erzählt hatte – und der Tatsache, dass dieser Fall zwei brandneuen Agenten unter Aufsicht eines Vorgesetzten zugewiesen worden war – wusste sie, dass dies nur eine kleine Aufgabe im großen Ganzen sein würde. Wenn Rhodes also bereits jetzt eine Art Machtspiel beginnen wollte, war dies nichts, weshalb sie sich irgendwie verbiegen würde. Zumindest noch nicht. Chloe ging zurück nach draußen und ließ sich das Szenario durch den Kopf gehen. Wenn der Mörder jemand war, der die Familie kannte, warum gab es dann einen Kampf? Wenn der Mörder eine Waffe benutzt hatte, hätten drei Schüsse direkt hintereinander nicht viel Zeit für irgendeinen Kampf gelassen. Aber an der Tür gab es tatsächlich keine Anzeichen darauf, dass sie aufgedrückt wurde. Also war eine Art gewaltsames Eindringen wahrscheinlicher, als dass der Mörder einfach hereingelassen wurde. Aber wenn nicht an der Haustür, wo dann? Sie ging langsam um das Gebäude herum und bemerkte, dass man es wirklich kaum als Apartmentgebäude bezeichnen konnte. Sie war sich ziemlich sicher, dass es mehr so etwas wie sozialer Wohnungsbau war, möglicherweise als staatliche Hilfe angeboten. Das Gebäude befand sich am Rande einer Gruppe von vier identischen Häusern, die durch einen Streifen von überwiegend totem Gras voneinander getrennt wurden. Auf der linken Seite gab es nichts. Mit Ausnahme eines kleinen Gastanks und eines kaputten Wasserhahns, neben dem ein Wasserschlauch nutzlos auf dem Boden aufgewickelt lag, war sie ohne weitere Merkmale. Aber als sie an die Hinterseite gelangte, sah sie gleich mehrere Möglichkeiten. Zuerst einmal gab es drei Fenster. Eines schaute in die Küche und die anderen beiden in Schlafzimmer. Es gab außerdem ein paar Betonstufen, die zu einer Hintertür hinaufführten. Sie prüfte die Tür und fand sie unverschlossen vor. Sie öffnete sich in einen sehr kleinen Raum, der wie ein Hauswirtschaftsraum aussah. Es gab ein paar dreckige Schuhe auf dem Fußboden und ein zerrissener schmutziger Mantel hing an einem Haken an der Wand. Sie überprüfte die Tür und den Rahmen und stellte fest, dass alles in Ordnung war. Aus ihrer Sicht konnte sie nicht erkennen, dass diese Tür zu irgendeinem Zeitpunkt in jüngster Vergangenheit aufgezwungen worden war. Sie ging zu jedem Fenster, suchte nach etwas Verdächtigem und wurde nicht enttäuscht. Am dritten Fenster, hinter welchem sie das Hauptschlafzimmer vermutete, waren zwei kleine Holzstückchen aus dem Rahmen entfernt worden. Sie waren grob herausgebrochen, so, als wären sie abgeschlagen worden. Eins befand sich am unteren Rand, dort wo der Rahmen um die Kante der Scheibe lag. Das andere war am oberen Rand des unteren Teils des Rahmens. Was auch immer passiert war, um das Holz herauszubrechen, es hatte außerdem einen Riss im Glas verursacht, der jedoch nicht stark genug war, um es zu zerbrechen. Sie wollte nichts anfassen, aus Angst, irgendwelche zurückgebliebenen Fingerabdrücke zu beschädigen. Aber als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie sehen, dass aufgrund dieser fehlenden Holzstückchen, jemand von draußen in der Lage gewesen wäre, das Schloss am Fenster zu öffnen. Sie ging durch die Hintertür zurück ins Haus und begab sich ins Hauptschlafzimmer. Es gab keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass jemand durch das Fenster geklettert war. Sie wusste aber auch, dass gründliches Abstauben eine andere Geschichte erzählen könnte. „Was machen Sie da?“ Sie drehte sich um und sah Rhodes in der Tür zum Schlafzimmer stehen. Sie hatte einen skeptischen Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie Chloe beobachtete. „Dieses Fenster wurde von außen manipuliert“, sagte Chloe. „Wir müssen Abdrücke sammeln.“ „Haben Sie Beweishandschuhe?“, fragte Rhodes. „Nein“, sagte Chloe. Sie fand es ironisch; hätte sie ihren Tag als Mitglied des Teams für Beweissicherung begonnen, wie es ursprünglich geplant gewesen war, hätte sie sie heute bei sich gehabt. Aber nachdem Johnson gestern ihre Abteilung gewechselt hatte, hatte sie nicht daran gedacht, Beweissicherungsausrüstung mitzubringen. „Ich habe welche in meinem Auto“, sagte sie. Dann warf sie Chloe mit einem genervten Blick ihre Schlüssel zu. „Im Handschuhfach. Und bitte schließen Sie das Auto wieder ab, wenn Sie fertig sind.“ Chloe murmelte ein gedämpftes „Danke“, als sie an Rhodes vorbeiging, um den Raum zu verlassen. Sie fragte sich, warum Rhodes Beweishandschuhe in ihrem Auto aufbewahren würde. Wenn sie selbst, Chloe, es richtig verstanden hatte, würde jeder Agent vom FBI mit den für den jeweiligen Fall benötigten Materialien und der entsprechenden Ausrüstung versorgt. Hatte Rhodes die richtigen Materialien erhalten? War ihre späte Ergänzung zum ViCAP-Programm bereits zurückgekommen, um sie in den Arsch zu beißen? Sie ging hinaus und fand eine Schachtel mit Latexhandschuhen in Rhodes Handschuhfach. Sie hatte auch ein kleines Spurensicherungsset, das sie ebenfalls herausnahm. Es war eine kleine Notfallausrüstung, aber besser als nichts. Und obwohl es zeigte, dass Rhodes vorbereitet war, deutete es ebenfalls an, dass sie sich nicht sonderlich bemühen würde, Chloe zu helfen. Warum würde sie ein Geheimnis darum machen, dass sie Handschuhe und Spurensicherungsausrüstung in ihrem Handschuhfach hatte, es sei denn, sie wollte sie für sich selbst behalten? Entschlossen, sich nicht zu sehr von solchen Details aufreiben zu lassen, zog Chloe die Handschuhe an, während sie zurück ins Haus ging. Als sie wieder an Rhodes vorbeikam, reichte Chloe ihr das Spurensicherungsset. „Ich dachte, das könnten wir auch gebrauchen.“ Rhodes sah sie bissig an, als Chloe zum Fenster zurückkehrte. Sie überprüfte die abgeplatzten Stücke vom Rahmen und stellte fest, dass ihre Vermutung richtig gewesen war. Es würde jemandem von außerhalb erlauben, genug Druck auf das Schloss auszuüben, damit es aufsprang. „Agentin Fine?“, sagte Rhodes. „Ja?“ „Ich weiß, dass wir uns nicht sehr gut kennen, also werde ich dies so höflich sagen, wie ich kann: Können Sie bitte darauf achten, was zum Teufel Sie tun?“ Chloe drehte sich zu Rhodes um und sah sie trotzig an. „Entschuldigen Sie bitte?“ „Um Himmels willen! Schauen Sie auf den Teppich unter Ihren Füßen!“ Chloe sah nach unten und ihr Herz wurde schwer. Dort befand sich ein Fußabdruck, nur ein Teil, aber eindeutig die obere Hälfte eines Fußabdrucks. Er bestand aus Staub und Dreck. Und sie war darauf getreten. Scheiße … Schnell trat sie einen Schritt zurück. Rhodes nahm ihren Platz am Fenster ein und kniete sich hin, um sich den Abdruck anzuschauen. „Hoffentlich haben Sie ihn nicht so sehr ruiniert, dass er unbrauchbar ist“, spie sie. Chloe biss sich auf die Zunge, um nicht gereizt zu antworten. Schließlich hatte Rhodes recht. Aus irgendeinem Grund hatte sie etwas so Auffälliges wie einen Fußabdruck übersehen. Ich bin einfach zu sehr mit mir beschäftigt, dachte sie. Vielleicht hat Johnsons Wechsel der Abteilungen mehr Auswirkungen auf mich, als ich dachte. Aber sie wusste, dass es eine schlechte Ausrede war. Denn bisher war dieser Tatort im Wesentlichen nichts anderes, als das Sammeln von Beweisen – und das war es ja, was sie von Anfang an machen wollte. Mit einem verlegenen und wütenden Gefühl verließ Chloe den Raum, um wieder zu Atem zu kommen und ihre Gedanken zu sammeln. „Großer Gott“, sagte Rhodes, als sie den Fußabdruck untersuchte. „Fine … warum schauen Sie sich nicht dort draußen um und sehen, ob Sie etwas Nützliches finden können? Es gibt Einschusslöcher in der Küchenwand, die ich mir noch nicht anschauen konnte, als sie draußen waren. Ich werde das hier zu Ende bringen …, wenn es überhaupt zu retten ist.“ Wieder musste Chloe einige abscheuliche Kommentare herunterschlucken. Sie war hier im Unrecht und das bedeutete, dass sie darüber hinwegsehen musste, dass Rhodes sich wie eine Zicke benahm. Also blieb sie ruhig und ging zurück in den zentralen Bereich der Wohnung, in der Hoffnung, einen Weg zu finden, es wiedergutzumachen. Sie ging in die Küche und sah die Einschusslöcher, die Rhodes erwähnt hatte. Sie sah die Gehäuse in jedem Loch, mehrere Zentimeter tief im Gips. Sie war sich sicher, dass sie nur darauf basierend bereits herausfinden konnten, um welche Art Waffe es sich gehandelt hatte. Soweit es Chloe betraf, waren die Einschusslöcher ein Selbstläufer – ein einfacher Hinweis, der ihnen gerade genug Information liefern würde, um den Fall weiterlaufen zu lassen. Vielleicht gibt es ja noch etwas anderes, dachte sie. Sie ging zurück zum Flur und blieb dort stehen, wo der Flur mit dem Wohnbereich verbunden war. Wenn der Mörder tatsächlich durch das Fenster im Schlafzimmer hereingekommen war, war dies höchstwahrscheinlich der Standort, von dem die Schießerei begonnen hatte. Der Mangel an Blut oder Chaos im Schlafzimmer deutete darauf hin, dass dort nichts Gewalttätiges passiert war. Sie schaute zur Couch und sah die Blutspritzer auf dem Boden davor. Wahrscheinlich der erste Schuss, dachte sie. Sie sah sich die Szene genau an und konnte sich alles in ihrem Kopf vorstellen. Der erste Schuss hatte jemanden auf der Couch getötet. Das hätte bewirkt, dass jeder andere auf der Couch schnell aufgesprungen war und vielleicht dabei den Couchtisch umgestoßen hatte. Vielleicht war derjenige darüber gestolpert oder hatte versucht, darüber zu springen. Unabhängig davon zeigte das Blut und die verschüttete Limonade auf der anderen Seite des umgestürzten Couchtisches, dass diese Person es nicht nach draußen geschafft hatte. Es wunderte sie trotzdem. Sie ging langsam durchs Wohnzimmer und folgte dem Weg, den die Kugeln vermutlich geflogen waren. Die Menge an getrocknetem Blut auf der Rückseite der Couch gab ihr genug Anzeichen dafür, zu schlussfolgern, dass die dort sitzende Person sofort gestorben war. Sie konnte in der Couch kein Einschussloch sehen, was bedeutete, dass das Opfer irgendwo am Kopf getroffen wurde. Chloe konnte leicht zwei Einschusslöcher in der Küchenwand sehen, etwa drei Zentimeter voneinander entfernt. Sie konnte sie von der Couch aus sehen. Aber wenn es dort zwei verirrte Schüsse gab, gab es vielleicht noch mehr woanders. Wenn es noch mehr gab, würde ihr das vielleicht erlauben, auf eine genauere Abfolge der Ereignisse in der gesamten Szene zu schließen. Sie ging zum Couchtisch und hockte sich hin. Wenn hier jemand gestolpert wäre, bevor er erschossen wurde, hätte der Mörder nach unten gezielt. Sie sah sich nach anderen verirrten Schüssen um und fand keine. Der Mörder hatte offenbar sein Ziel getroffen. Sie sah jedoch etwas anderes, nachdem sie nicht einmal gesucht hatte. Rechts von ihr stand ein kleiner Schreibtisch an der Wand. Auf ihm standen eine dekorative Schüssel und ein gerahmtes Bild. Zwischen die Tischbeine gedrückt, gab es einen verschlissenen Weidenkorb mit alter Post und Büchern. Zwischen diesem Korb und den hinteren Beinen des Tisches befand sich ein Handy. Sie hob es auf und sah, dass es ein iPhone war. Sie drückte auf die Einschalttaste und der Bildschirm wurde erleuchtet. Das Hintergrundbild war eine Abbildung von Black Panther. Sie drückte die Home-Taste und erwartete, dass der Sperrbildschirm angezeigt werden würde. Als dies nicht der Fall war, war sie überrascht. Stattdessen öffnete es sich ohne Probleme. Es war wohl das Telefon des Sohns, dachte sie. Und vielleicht haben es die Eltern so eingestellt, dass es keine Gerätekennung gab, sodass sie jederzeit Zugriff darauf hatten. Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie sah. Sie sah das Gesicht eines kleinen Jungen mit seltsamen zombie-ähnlichen Merkmalen. Sie prüfte den Rand des Bildschirms und sah dann die verräterischen Anzeichen von Snap-Chat. Vor sich sah sie ein Video (oder einen „Schnappschuss“), der noch nicht gesendet worden war. „Heilige Scheiße“, flüsterte sie. Dann bemerkte sie, wie warm sich das Telefon anfühlte. Sie sah auf die Batterieanzeige in der oberen rechten Ecke und stellte fest, dass sie rot war. Sie rannte mit dem Telefon in der Hand in Richtung Flur. „Rhodes, sehen Sie ein Ladegerät dort drinnen?“, schrie sie. Es gab eine kleine Pause, bevor Rhodes antwortete. „Ja. Auf dem Nachttisch.“ Als sie die Worte vollständig ausgesprochen hatte, war Chloe bereits im Raum angekommen. Sie sah das Ladegerät, von dem Rhodes sprach und rannte sofort darauf zu. „Was ist es?“, fragte Rhodes. Chloe kam nicht umhin zu denken: Das möchten Sie gerne wissen, Sie Zicke? Aber sie blieb ruhig, bis sie das Telefon ans Ladegerät angeschlossen hatte. „Ich glaube, der Sohn war auf Snap-Chat, als der Mörder hereinkam. Und ich glaube, er wollte einen Schnappschuss an einen Freund senden. Nur, dass er nie die Chance dazu bekommen hat, ihn abzuschicken.“ Sie spielte das Video ab, das auf dem Bildschirm angezeigt wurde, als sie das Telefon gefunden hatte. Darauf war ein kleiner Junge, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Er streckte die Zunge heraus, sein Gesicht wurde vom Filter mit der zombie-ähnlichen Animation bedeckt. Innerhalb von zwei Sekunden ertönte der erste Schuss. Das Telefon wackelte und dann ertönte ein zweiter Schuss. Der Junge schien auf den Boden zu fallen, das Telefon ruckelte wieder herum und dann wurde der Bildschirm schwarz – wahrscheinlich landete es dort, wo sie es später hinter dem kleinen Schreibtisch gefunden hatte. Damit endete der Schnappschuss. Die ganze Aufnahme war ungefähr 5 Sekunden lang. „Spielen Sie es noch einmal ab“, sagte Rhodes. Chloe ließ das Video nochmals laufen und achtete dabei auf die verwackelten Momente. Etwa eine Viertelsekunde lang hatte sich im Flur eine Gestalt gebildet, die ins Wohnzimmer kam. Es war kurz, aber es war da. Und weil das Telefon relativ neu war, war das Bild trotz der hektischen Bewegungen relativ klar. Chloe konnte mit ihrem ungeübten Auge kein Gesicht erkennen, aber sie wusste, dass das FBI kein Problem haben würde, eine Bild-für-Bild-Analyse durchzuführen und das Filmmaterial zu verbessern. „Das ist buchstäblich die rauchende Pistole“, sagte Rhodes. „Wo haben Sie das Telefon gefunden?“ „Unter dem Schreibtisch im Wohnzimmer, gegen die Wand gedrückt.“ Chloe konnte sehen, dass Rhodes von dem Fund begeistert war, ihr aber nicht zu viel Anerkennung schenken wollte. Stattdessen nickte sie zustimmend und machte sich wieder an die Arbeit, die Fußabdrücke unter dem Fenster abzustauben. Sie beide hatten das Gefühl, dass Dank des Snap-Chat-Videos ihre Arbeit hier fast erledigt war. Sie hatten das perfekte Beweisstück und alles, was sie danach tun würden, wäre aufgrund von Methodik und Routine. Chloe dachte, sie könnte genauso gut mitspielen und keine weitere Spannung zwischen ihnen beiden verursachen. Sie nahm das Telefon mit sich zurück ins Wohnzimmer. Sie ging dann in die Küche und begann, die Kugeln aus der Wand zu graben. Aber sie wusste, dass der Schlüssel zu dem Fall in dem Telefon lag, dass sie bei sich trug. Es würde den Mörder dieser Familie vor Gericht bringen. Und in ihrem Hinterkopf konnte sie nicht anders, als das Gefühl zu haben, dass dies zu einfach gewesen war. Sie war sich sicher, dass Rhodes über dasselbe nachdenken würde – und darüber, wie sie es für Chloe vielleicht nach hinten losgehen lassen könnte. KAPITEL VIER Zwei Stunden später kehrten sie zum FBI-Hauptquartier zurück und Chloe war sich sicher, dass sie mehr als genug Beweise hatten, um bis zum Ende des Tages einen Verdächtigen verhaften zu können. Das Snap-Chat Video war das aussagekräftigste Beweisstück, was sie gefunden hatten, aber sie hatten auch zwei gute Fingerabdrücke entdeckt, den Fußabdruck auf dem Schlafzimmerteppich und zwei Haare, die am unteren Rand des Schlafzimmerfensters feststeckten. Sie präsentierten Assistant-Director Garcia ihre Funde, als sie sich um einen winzigen Konferenztisch im hinteren Teil seines Büros zusammengesetzt hatten. Als Chloe ihm zeigte, was sie auf dem Telefon gefunden hatte, konnte sie sehen, wie er versuchte, ein zufriedenes Lächeln zu unterdrücken. Er war außerdem erfreut darüber zu sehen, wie professionell und nach Vorschrift Rhodes alle Beweise, die sie gefunden hatten, zusammengetragen und katalogisiert hatte. Vielleicht sollte sie auch die Abteilung wechseln, dachte Chloe etwas giftig. „Das ist unglaubliche Arbeit“, sagte Garcia, als er vom Tisch aufstand und sie betrachtete, als wären sie preisgekrönte Schüler. „Sie haben schnell und gründlich gearbeitet und ich kann keinen Grund sehen, warum wir aufgrund dieser Beweise keine solide Verhaftung erreichen sollten.“ Beide Agenten bedankten sich. Chloe fühlte sich ein wenig besser, als sie bemerkte, dass Rhodes Komplimente genauso unangenehm fand, wie sie selbst. „Nun, Agentin Fine, ich habe kurz vor Ihrer Ankunft hier einen Anruf von Director Johnson erhalten. Er möchte sich in etwa fünfzehn Minuten mit Ihnen treffen. Agentin Rhodes, warum gehen Sie nicht hinunter ins Labor, um zu sehen, was mit all den Beweismitteln passiert, wenn sie hergebracht werden?“ Rhodes nickte und spielte noch immer die Rolle der guten Schülerin. Chloe jedoch fühlte sich wieder in Panik versetzt. Als sie Johnson gestern besucht hatte, hatte er sie ziemlich überrumpelt. Was plante er denn jetzt? Sie behielt ihre Fragen für sich und ging den Flur entlang zu seinem Büro. Als sie den kleinen Empfangsbereich betrat, sah sie, dass seine Tür geschlossen war. Seine Sekretärin deutete auf einen der Stühle an der Wand, während sie mit jemandem am Telefon sprach. Chloe setzte sich und nahm sich endlich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, was der heutige Tag für sie und für ihre Karriere bedeutet hatte. Einerseits hatte sie ein signifikantes Beweisstück entdeckt, welches wahrscheinlich zur Verhaftung eines Bandenmitglieds führen würde, das eine ganze Familie getötet hatte. Im selben Moment hatte sie jedoch auch einen Anfängerfehler begangen, als sie einen möglicherweise ziemlich guten Fußabdruck beschädigt hatte. Sie dachte, dass auf lange Sicht gesehen, der Fußabdruck dank der Snap-Chat-Beweise keine Rolle spielen würde. Trotzdem war es ihr unglaublich peinlich gewesen, so von Rhodes zurechtgewiesen zu werden. Sie dachte, im günstigsten Fall würden sich die Dinge miteinander aufheben – ihr fantastischer Fund und ihr idiotischer Fehler. Als sich die Tür zu Johnsons Büro öffnete, wurden ihre Gedanken unterbrochen. Sie blickte zur Tür und sah, wie Johnson seinen Kopf herausstreckte. Er sah sie an, sagte aber nichts. Er winkte sie nur zu sich in sein Büro. Es war unmöglich zu sagen, ob dies ein Ausdruck von Eile oder Ärger war. Sie betrat sein Büro und als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, deutete er auf den Stuhl auf der anderen Seite seines Schreibtischs – ein Platz, der Chloe immer vertrauter wurde. Als er sich hinter seinem Schreibtisch gesetzt hatte, dachte Chloe, sie könnte seinen Gesichtsausdruck endlich lesen. Sie war sich ziemlich sicher, dass er irgendwie irritiert war. „Sie sollten wissen“, sagte er, „dass ich gerade mit Agentin Rhodes telefoniert habe. Sie hat mir erzählt, wie Sie am Tatort einen Fußabdruck praktisch mit Ihren Füßen zertrampelt haben.“ „Das ist richtig.“ Er nickte enttäuscht. „Ich bin hin- und hergerissen, weil sie einerseits genauso neu ist wie Sie selbst. Und anzurufen, nur um Sie anzuschwärzen, kotzt mich an. Aber im selben Moment bin ich froh, dass sie es mir erzählt hat. Auch wenn dies Ihr erster Tag ist, ist es wichtig, diese Art von Dingen im Auge zu behalten. Sie verstehen natürlich, dass ich nicht jeden Agenten, der einen Fehler gemacht hatten, in mein Büro rufe, um ihn danach zu fragen. Aber bei Ihnen dachte ich, ich sollte mal nachhaken, da ich Sie sozusagen in letzter Minute ziemlich überrumpelt habe. Haben Sie das Gefühl, dass Sie das etwas aus der Bahn geworfen hat?“ „Nein. Ich habe es einfach übersehen. Ich war extrem auf das Fenster fixiert und habe den Abdruck nicht einmal gesehen.“ „Das ist verständlich, wenn auch ein wenig unbeholfen. Assistant-Director Garcia sagte mir jedoch, dass Sie Beweise gefunden haben, die direkt zu einer Festnahme führen sollten – ein Mobiltelefon mit einem offenen Snap-Chat-Fenster. Richtig?“ „Ja, Sir.“ Und aus Gründen, die sie selbst nicht verstand, hatte sie das Gefühl, sie wollte hinzufügen: Aber jeder hätte es finden können. Es war pures Glück. „Ich halte mich für einen relativ verzeihenden Mann“, sagte er. „Aber ich möchte, dass Sie wissen, dass viele weitere Fehler, wie der mit dem Fußabdruck, einige ziemlich ernsthafte Folgen haben können. Im Moment möchte ich Sie und Rhodes mit einem anderen Fall beauftragen. Oder haben Sie ein Problem mit ihr zu arbeiten?“ Das Wort Ja lag auf ihren Lippen, aber sie wollte nicht kleinlich wirken. „Nein, ich denke, das kriege ich hin.“ „Ich habe mir ihre Akte angesehen. Ihre Lehrer sagen, dass sie sehr scharfsinnig ist, aber die Tendenz hat, Dinge alleine zu machen. Mein Rat an Sie wäre also, sie nicht die volle Kontrolle über einen Fall übernehmen zu lassen.“ Ja, das habe ich auch schon bemerkt, dachte Chloe. „Und um fair zu sein, ich habe sie deswegen gewarnt“, fuhr er fort. „Ich sagte ihr auch, dass ich es nicht schätze, wenn brandneue Agenten versuchen, andere unter den Bus zu werfen. Ich erwarte also, dass sie sich beim nächsten Fall anders verhält. Assistant-Director Garcia und ich werden von hier an alles beaufsichtigen, nur um sicherzustellen, dass alles nach Vorschrift erledigt wird.“ „In Ordnung. Ich weiß das zu schätzen.“ „Abgesehen von der Beinahe-Zerstörung eines Abdrucks denke ich, dass Sie heute gute Arbeit geleistet haben. Ich möchte, dass Sie den Rest des Tages damit verbringen, einen Bericht über den Tatort und Ihre Interaktion mit Agentin Rhodes zu verfassen.“ „Ja, Sir. Noch etwas?“ „Das ist alles für den Moment. Nur … wie gesagt …, wenn Sie beginnen, das Gefühl zu haben, dass meine kurzfristige Änderung Ihrer Pläne Ihre Arbeit beeinträchtigt, lassen Sie es mich wissen.“ Sie nickte, als sie aufstand. Als sie das Büro verließ, fühlte sie sich, als wäre sie gerade noch einmal davongekommen – wie ein Kind, das in das Büro des Schuldirektors gerufen worden war und lediglich mit einem Schlag aufs Handgelenk entlassen wurde. Und dass Johnson das meiste ihrer Arbeit des heutigen Tages gepriesen hatte, beruhigte sie. Sie ging zurück zu ihrem kleinen Arbeitsplatz – der mehr wie eine glorifizierte Arbeitsnische war – und ihre Gedanken wirrten umher. Sie fragte sich, ob es jemals einen neuen Agenten gegeben hatte, der gleich zweimal in weniger als achtundvierzig Stunden in das Büro des Directors gerufen worden war. Sie fühlte sich deshalb sowohl begeistert, als auch gleichzeitig irgendwie sehr überwacht. Als sie auf den Fahrstuhl wartete, sah sie einen anderen Agenten um die Ecke kommen. Chloe erinnerte sich vage an sein Gesicht von der kleinen Gruppe von Agenten, die am Vortag in die ViCAP-Gruppe aufgenommen worden waren. „Sie sind Agentin Fine, nicht wahr?“, sagte er mit einem Lächeln. „Das bin ich“, antwortete sie und wusste nicht, wohin das Gespräch führen sollte. „Ich bin Michael Riggins. Ich habe gerade von dem Fall gehört, der Ihnen und Rhodes zugewiesen wurde. Bandenbedingter Familienmord. Soweit ich gehört habe, steht bereits eine Verhaftung an. Das muss eine Art Rekord sein, oder?“ „Ich habe keine Ahnung“, sagte sie, obwohl auch sie das Gefühl hatte, dass alles sehr schnell gegangen war. „Hey, wissen Sie, nicht alle neuen Agenten sind heute ins Feld hinausgegangen“, sagte Riggins. „Einige steckten in Recherchen oder Papierkram. Ich habe gehört, dass einige von uns heute nach der Arbeit gemeinsam etwas trinken gehen. Sie sollten vorbeikommen. Es ist das Lokal zwei Blocks entfernt, Reed’s Bar. Wir könnten eine echte Erfolgsgeschichte brauchen, um unsere Stimmung zu heben. Aber vielleicht laden Sie Rhodes nicht ein. Alle … nun, niemand scheint sich wirklich für sie zu interessieren.“ Chloe wusste, dass es gemein war, aber sie konnte nicht anders, als bei dem Kommentar zu lächeln. „Vielleicht komme ich“, sagte sie. Es war die beste Antwort, die sie geben konnte … viel besser, als zu erklären, dass sie sehr introvertiert war und nicht der Typ, der sich einfach mit Leuten, die sie nicht kannte, in einer Bar aufhielt. Der Aufzug kam an und die Türen öffneten sich. Chloe stieg ein und Riggins winkte ihr zum Abschied zu. Es war bizarr, jemanden zu haben, der neidisch auf ihre Situation war, besonders nach dem Gespräch, das sie gerade mit Johnson geführt hatte. Es war ein Gefühl, was sie irgendwie dazu trieb, in die Bar gehen zu wollen, auch wenn es nur für ein einziges Getränk und eine halbe Stunde ihrer Zeit war. Die Alternative war, zurück in ihre Wohnung zu gehen und weiter auszupacken. Und das war nicht gerade etwas, was ihren Geist beflügelte. Der Fahrstuhl brachte sie in die dritte Etage, wo sich ihr Arbeitsplatz, gemeinsam mit denen anderer Agenten, befand. Als sie den Flur entlang ging, kam sie an Rhodes vorbei. Sie dachte daran Hallo zu sagen oder ihr ganz sarkastisch für das unverhoffte Treffen mit Johnson zu danken. Aber am Ende entschied sie sich, darüber hinwegzusehen. Sie würde nicht auf Rhodes kleine Spielchen hereinfallen. Und doch war es genug für Chloe, der Frau nur im Flur zu begegnen und böse Blicke auszutauschen: Ja, sie würde heute Abend in die Bar gehen. Und sollte sich ihr Tag nicht drastisch ändern, würde sie wahrscheinlich auch mehr als nur ein Getränk trinken. Das scheint in letzter Zeit öfter zu passieren, sagte sie sich. Es war ein Gedanke, der sie den Rest des Tages weiterverfolgte, aber genauso wie die wiederkehrenden Gedanken an ihren Vater, gelang es ihr, ihn in die dunklen Ecken ihres Bewusstseins zu verbannen. KAPITEL FÜNF Als sie um 18:45 Uhr in der Bar ankam, war es ziemlich genau, was sie erwartet hatte. Sie sah mehrere bekannte Gesichter, aber niemanden, den sie gut kannte. Und das lag daran, dass sie überhaupt keinen von ihnen gut kannte. Ein weiterer Nachteil des kurzfristigen Wechsels der Abteilungen durch Johnson war, dass es nur sehr wenige Personen in der ViCAP-Gruppe gab, die die gleichen Kurse oder Schulungsmodule besucht hatten, wie sie selbst. Die zwei Gesichter, die sie am ehesten erkannte, waren beide männlich. Der Erste war Riggins. Er saß mit einem anderen männlichen Agenten zusammen und unterhielt sich lebhaft über etwas. Und dann war dort auch noch Kyle Moulton, der gutaussehende Agent, der angeboten hatte, nach der ersten Orientierung mit ihr zum Mittagessen zu gehen – der Mann, der er ihr dadurch aufgefallen war, weil er sie gefragt hatte, ob sie irgendwelche gewalttätigen Tendenzen hätte. Sie war etwas entmutigt, als sie sah, dass er mit zwei anderen Frauen sprach. Es war allerdings keine Überraschung. Moulton war unglaublich gutaussehend. Er sah ein bisschen wie Brad Pitt in seinen früheren Jahren aus. Sie beschloss, ihn nicht zu unterbrechen und sich stattdessen bei Riggins hinzusetzen. So eingebildet es auch klingen mochte, sie fand es gut, mit jemandem Zeit zu verbringen, der ihre Leistung vom Morgen als etwas Bewundernswertes angesehen hatte. „Ist dieser Platz frei?“, fragte sie, als sie sich neben ihn auf den Stuhl setzte. „Selbstverständlich“, sagte Riggins. Er schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen. Seine leicht pummeligen Wangen wurden von seinem Lächeln breiter. „Ich bin froh, dass Sie sich entschieden haben, herzukommen. Kann ich Ihnen ein Getränk ausgeben?“ „Sicher. Nur ein Bier. Für den Moment.“ Riggins winkte dem Barkeeper zu und bat ihn, Chloes ersten Drink auf seine Rechnung zu schreiben. Riggins selbst trank Rum und Cola, wovon er noch ein zweites Glas bestellte, als er nach Chloes Getränk fragte. „Wie war Ihr erster Tag?“, fragte Chloe. „Es war okay. Die meiste Zeit meines Tages habe ich mit Nachforschungen verbracht – für einen Fall, bei dem ein zwischenstaatlicher Drogenkurier beteiligt war. Es klingt langweilig, aber es hat mir tatsächlich Spaß gemacht. Wie war ein ganzer Tag mit Rhodes an Ihrer Seite?“, fragte Riggins. „Sicher war es großartig, den Fall gleich zu lösen, aber sie hat bereits einen Ruf, dass sie schwer zu handhaben ist.“ „Es war ziemlich angespannt. Sie ist eine großartige Agentin, aber …“ „Sagen Sie es“, sagte Riggins. „Ich kann sie keine Zicke nennen, weil ich es nicht mag, eine Frau vor einer anderen Frau als zickig zu bezeichnen.“ „Sie ist keine Zicke“, sagte Chloe. „Sie ist nur sehr direkt und gründlich.“ Ihr Gespräch dauerte noch ein wenig an und es war alles sehr zwanglos. Chloe warf einen Blick hinüber zu Agent Moulton. Eine der Frauen war gegangen und nun sprach er nur noch mit der Anderen. Er lehnte sich dicht vor und lächelte. Chloe tendierte dazu, wenn es um Beziehungen ging, etwas naiv zu sein, aber sie war sich ziemlich sicher, dass Moulton in diese Frau verliebt war. Dies enttäuschte sie auf eine Weise, die sie nicht erwartet hatte. Es war erst zwei Monate her, seit sie und Steven sich getrennt hatten. Sie nahm an, dass sie sich nur für Moulton interessierte, weil er das erste freundliche Gesicht gewesen war, das mit ihr gesprochen hatte, nachdem ihr Johnson den Teppich unter den Füßen weggezogen hatte. Das, und außerdem war der Gedanke ganz alleine zurück in ihre neue Wohnung zu gehen, nicht sonderlich ansprechend. Die Tatsache, dass er unglaublich gutaussehend war, spielte auch eine Rolle. Ja, es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Ich kann zu Hause viel billiger trinken. „Sind Sie in Ordnung?“, fragte Riggins. „Ja, ich glaube schon. Es war nur ein langer Tag. Und so wie es aussieht, wird morgen genauso lang werden.“ „Fahren Sie oder laufen Sie nach Hause?“ „Ich fahre.“ „Oh … dann biete ich Ihnen lieber nicht an, Ihnen noch ein weiteres Getränk zu kaufen, oder?“ Chloe lächelte trotzdem. „Das ist sehr verantwortungsbewusst von Ihnen.“ Sie warf einen kurzen Blick zurück zu Moulton und der Frau, mit der er gesprochen hatte. Sie waren beide gerade dabei aufzustehen. Als sie auf dem Weg zur Tür waren, legte Moulton sanft seine Hand um den unteren Rücken der Frau. „Kann ich fragen, warum Sie einen Weg gegangen sind, der zu einer Karriere wie dieser geführt hat?“, fragte Riggins. Sie lächelte nervös und trank ihr Bier aus. „Familienangelegenheiten“, antwortete sie. „Danke, dass Sie mich eingeladen haben, Riggins. Aber ich muss jetzt nach Hause gehen.“ Er nickte, als würde er verstehen. Sie bemerkte auch, dass er sich langsam in der Bar umsah und feststellte, dass er der Einzige war, der noch übrigbleiben würde. Irgendwie kam ihr dabei der Gedanke, dass Riggins möglicherweise auch seine eigenen Geister hatte, mit denen er zu kämpfen hatte. „Passen Sie auf sich auf, Agentin Fine. Möge der morgige Tag genauso erfolgreich sein wie der heutige.“ Sie machte sich auf den Weg und dachte bereits darüber nach, wie sie ihren Abend beenden wollte. Sie hatte noch immer Kisten zum Auspacken, ein Bettgestell zum Aufstellen und eine Menge Wäsche und Küchenutensilien, die verstaut werden mussten. Nicht ganz das aufregende Leben, das ich erwartet hatte, dachte sie mit etwas Sarkasmus. Als sie auf dem Weg zu ihrem Auto war, das noch immer in der Tiefgarage unter dem FBI-Hauptquartier geparkt war, klingelte ihr Telefon. Als sie den Namen auf dem Bildschirm sah, wurde sie von Wut durchströmt und hätte es fast völlig ignoriert. Steven. Sie hatte keine Ahnung, warum er sie anrufen würde. Und deshalb entschied sie sich, zu antworten. Sie wusste, wenn sie es nicht täte, würde sie das Mysterium darum verrückt machen. Sie beantwortete den Anruf und mochte es überhaupt nicht, wie nervös sie sich augenblicklich fühlte. „Hallo Steven.“ „Chloe. Hallo.“ Sie wartete und hoffte, dass er ihr mitteilen würde, warum er angerufen hatte. Aber es war noch nie seine Art gewesen, gleich auf den Punkt zu kommen. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie. „Ja, alles ist gut. Entschuldigung … ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, was du denken würdest, wenn ich dich anrufe …“ Er verstummte und erinnerte Chloe damit an eine der vielen kleinen nervenden Eigenschaften, die er nie an sich selbst bemerkt hatte. „Was willst du, Steven?“ „Ich möchte mich mit dir treffen; zum Reden“, sagte er. „Nur um uns mal wieder zu sehen und zu hören, wie es uns so geht, weißt du?“ „Ich glaube nicht. Das wäre nicht die beste Idee.“ „Ich habe keine Hintergedanken“, sagte er. „Das verspreche ich. Ich habe nur … irgendwie das Gefühl, dass es Dinge gibt, für die ich mich entschuldigen muss. Und ich brauche … nun, ich denke, wir brauchen einen Abschluss, weißt du?“ „Sprich für dich selbst. Die Dinge sind für mich ziemlich abgeschlossen. Kein Abschluss nötig.“ „Gut. Dann betrachte es als einen Gefallen. Ich möchte nur eine halbe Stunde. Es gibt einige Dinge, die ich gerne loswerden möchte. Und wenn ich ehrlich bin … würde ich dich einfach gerne noch einmal sehen.“ „Steven … ich bin beschäftigt. Mein Leben ist im Moment verrückt und …“ Sie hielt inne und wusste nicht einmal, was sie noch sagen sollte. Und in Wirklichkeit war es ja nicht so, als hätte sie einen vollen Kalender mit sozialen Terminen, der sie daran hindern würde, ihn zu sehen. Sie wusste, dass es für Steven eine riesige Sache war, einen solchen Anruf zu tätigen. Er musste sich demütigen, was etwas war, das ihm noch nie leichtgefallen war. „Chloe …“ „Gut. Eine halbe Stunde. Aber ich komme nicht zu dir. Wenn du mich sehen willst, musst du nach DC kommen. Die Dinge hier sind im Moment verrückt und ich kann nicht …“ „Das kann ich machen. Wann passt es dir am besten?“ „Samstag. Zur Mittagszeit. Ich schicke dir eine Nachricht mit einem Ort, wo wir essen können.“ „Hört sich gut an. Vielen Dank, Chloe.“ „Gern geschehen.“ Sie hatte das Gefühl, dass sie noch mehr sagen sollte, irgendetwas, um die Anspannung zu lösen. Aber am Ende sagte sie nur: „Tschüss, Steven.“ Sie beendete das Gespräch und steckte ihr Handy in die Tasche. Sie kam nicht umhin, sich zu fragen, ob sie nur nachgegeben hatte, weil sie sich in einer ziemlich einsamen Position befand. Sie dachte an Agent Moulton und fragte sich, wo er und seine Freundin wohl hingegangen waren. Aber noch mehr als das, fragte sie sich, warum ihr das so viel ausmachte. Sie erreichte ihr Auto und fuhr nach Hause, als sich die Straßen von DC langsam im Sonnenuntergang verdunkelten. Es war eine bemerkenswerte Stadt. Trotz der ewigen Staus und der seltsamen Mischung aus Geschichte und Handel war sie irgendwie wunderschön. Es versetzte sie in einen melancholischen Zustand, als sie zu ihrer Wohnung fuhr – eine leere neue Wohnung an einem Ort, von dem sie sich glücklich schätzte, ihn gefunden zu haben, der sich jetzt aber wie eine isolierte einsame Insel anfühlte. *** Als ihr Telefon sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf riss, unterbrach es sie mitten in einem Traum. Sie versuchte, sich schnell daran zu erinnern, als er ihr entglitt, stoppte sich dann aber und fragte sich, ob es sich überhaupt lohnte. Die einzigen Träume, die sie in der letzten Zeit gehabt hatte, betrafen ihren Vater, gestrandet und allein im Gefängnis. Sie dachte manchmal, sie könnte sogar seine Stimme hören, wie er eine alte Johnny Cash Melodie summte, die er oft in ihrer Wohnung gesungen hatte, als sie ein kleines Mädchen gewesen war. „A Boy Named Sue“, dachte sie. Oder vielleicht nicht. Alle diese Songs begannen langsam gleich für sie zu klingen. Trotzdem war „A Boy Named Sue“ in ihrem Kopf, als sie auf ihrem Nachttisch nach ihrem Telefon suchte. Als sie ihr Handy aus dem Ladegerät zog, sah sie, dass es 6:05 Uhr morgens war – nur fünfundzwanzig Minuten früher, als sie ihren Wecker gestellt hatte. „Hier ist Agentin Fine“, antwortete sie. „Agentin Fine, es ist Assistant-Director Garcia. Ich brauche Sie sofort in meinem Büro. Versuchen Sie es innerhalb der nächsten Stunde. Ich habe heute Morgen einen dringenden Fall, auf den ich Sie und Agentin Rhodes so schnell wie möglich ansetzen möchte.“ „Ja, Sir“, sagte sie, als sie sich aufsetzte. „Ich bin sofort unterwegs.“ Im Moment war es ihr egal, dass es ein weiterer Tag mit Rhodes war. Alles, was sie interessierte, war, dass es bisher mit den Fällen 1:0 für sie stand und sie bestrebt war, diesen Rekord noch auszubauen. KAPITEL SECHS Dreißig Minuten später traf Chloe im Büro von Assistant-Director Garcia ein. Er saß an dem kleinen Konferenztisch im hinteren Teil seines Büros und sah sich einige Papiere an. Sie sah, dass er bereits zwei Tassen Kaffee, dampfend und schwarz, auf beiden Seiten des Tisches für sie bereitgestellt hatte. „Guten Morgen, Agentin Fine“, sagte er, als sie eintrat. „Haben Sie Agentin Rhodes gesehen oder mit ihr gesprochen?“ „Sie kam gerade an, als ich in den Aufzug stieg.“ Garcia schien einen Moment lang darüber nachzudenken, vielleicht verwirrt, warum sie nicht einfach am Aufzug gewartet hatte, wenn sie Rhodes doch gesehen hatte. Dann fragte sie sich, wie viel Johnson ihm von dem kleinen Machtkampf in ihrer Partnerschaft erzählt hatte. Sie hatte im Auto bereits ihren eigenen Kaffee getrunken, also setzte sich Chloe vor eine der Tassen und nahm nur einen Schluck davon. Sie bevorzugte ein bisschen Sahne und etwas Zucker, wollte aber nicht schwierig wirken. Gerade als sie anfing zu nippen, betrat Rhodes den Raum. Das Erste, was sie tat, war, Chloe einen ärgerlichen Blick zuzuwerfen. Dann setzte sie sich vor die andere Tasse Kaffee. Garcia beäugte sie beide und schien die Spannung zu spüren, zuckte dann aber mit den Schultern. „Wir haben einen Mord in Landover, Maryland. Es ist ein Fall, der auf den ersten Blick ziemlich normal erschien. Bis jetzt hat ihn die Polizei von Maryland bearbeitet, aber sie haben um unsere Hilfe gebeten. Erwähnenswert ist auch, dass Jacob Ketterman aus dem Bereich der Öffentlichkeitsarbeit im Weißen Haus das Opfer kannte. Er hat früher mit ihr zusammengearbeitet. Er hat darum gebeten, dass wir uns den Fall ansehen, sozusagen als einen Gefallen. Und wenn es um das Weiße Haus geht, versuchen wir die Dinge geheim zu halten. Dieser Fall sollte einfach sein. Es ist ein ziemlich simpler Mord, so wie es aussieht. Das ist einer der Gründe, warum wir neue Agenten einsetzen. Es wird ein guter Test sein und es scheint keinen dringenden Zeitplan zu geben, obwohl wir den Fall natürlich gerne so schnell wie möglich klären möchten.“ Dann schob er ihnen zwei Exemplare seines Berichts zu. Die Details waren kurz und auf den Punkt gebracht. Als Chloe den Bericht las, rezitierte Garcia, was er bereits wusste. „Das Opfer ist die 36-jährige Kim Wielding. Sie arbeitete als Kindermädchen für Familie Carver, als sie getötet wurde. Soweit wir es beurteilen können, ist jemand ins Haus gekommen und hat sie getötet. Sie wurde zweimal mit etwas sehr Hartem am Kopf getroffen und dann erwürgt. Es gibt zwei ziemlich üble Einschläge an ihrem Kopf. Es muss noch geklärt werden, welches dieser Dinge sie getötet hat. Sie beide müssen für uns herausfinden, wer es getan hat.“ „War der Mord der einzige Grund, warum der Mörder ins Haus gekommen ist?“, fragte Chloe. „Es scheint so. Nichts wurde als gestohlen gemeldet. Das Haus schien genauso auszusehen, wie die Carvers es zuletzt gesehen hatten … mit Ausnahme ihres toten Kindermädchens. Die Adresse befindet sich in Ihren Unterlagen“, fuhr Garcia fort. „Ich habe gerade mit dem Sheriff in Landover telefoniert. Das Ehepaar Carver und ihre drei Kinder halten sich seit dem Mord vor zwei Tagen in einem Motel auf. Aber sie werden Sie heute Vormittag am Haus treffen, um alle Ihre Fragen zu beantworten. Und das ist alles, Agentinnen. Gehen Sie los und bringen Sie noch einen Gewinn für uns nach Hause. Gehen Sie zuerst runter zur Personalabteilung und lassen Sie sich ein Auto zuteilen. Sind Sie mit dem Prozess vertraut?“ Chloe war es nicht, nickte aber trotzdem. Sie nahm an, dass Rhodes die Feinheiten bereits kannte. So wie gestern alles gelaufen war, ging Chloe davon aus, dass Rhodes so ziemlich jede Information kannte, darüber wie das FBI funktionierte. Sowohl Chloe als auch Rhodes standen vom Tisch auf. Chloe nahm noch einen letzten Schluck von ihrem Kaffee, bevor sie Garcias Büro verließ. Sie gingen den Flur entlang zum Aufzug, ohne dass ein Wort zwischen ihnen fiel. Dies wird ein ziemlich langer Tag, wenn wir diese dummen Rivalitäten nicht überwinden, dachte Chloe. Als Chloe auf den Pfeil nach unten drückte, wandte sie sich an Rhodes und tat ihr Bestes, um das Eis nicht nur zu brechen – sie wollte es vernichten. „Agentin Rhodes, lassen Sie uns einfach darüber sprechen. Haben Sie ein Problem mit mir?“ Rhodes grinste und dachte einen Moment über ihre Antwort nach. „Nein“, sagte sie schließlich. „Ich habe kein Problem mit Ihnen, Agentin Fine. Ich bin jedoch etwas zögerlich, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der in letzter Minute in das ViCAP-Programm aufgenommen wurde. Ich frage mich, ob jemand Ihnen einen Gefallen tut – einen Gefallen, der anderen Agenten gegenüber unfair ist, die Unglaubliches leisten mussten, um Teil dieser Gruppe zu werden.“ „Nicht, dass es Sie etwas angeht, aber ich wurde gebeten, an diesem Programm teilzunehmen. Ich war mehr als zufrieden damit, meinen Platz im Team für Beweissicherung zu behalten.“ Rhodes zuckte mit den Schultern, als sich die Türen zum Fahrstuhl öffneten. „Ich bin mir nicht so sicher, dass die Beweissicherung so begeistert gewesen wäre, wie Sie gestern diesen Fußabdruck zertrampelt haben.“ Dazu schwieg Chloe. Sie könnte diesen kleinen Wortkrieg mit Rhodes fortsetzen, aber es würde ihre Arbeitsbeziehung mit ihr noch schlimmer machen, als sie es bereits war. Wenn sie es stoppen wollte, müsste sie sich Rhodes eben beweisen. Außerdem hatte sie gestern einen Fehler gemacht. Und der einzige Weg, den zu beheben, bestand darin, sich mit diesem neuen Fall zu beweisen. *** Als Rhodes beschloss, ohne jegliche Art von Unterhaltung zum Tatort zu fahren, beließ Chloe es dabei. Es lohnte sich nicht, sich darüber zu ärgern. Auf dem Weg nach Landover begann Chloe sich zu fragen, ob irgendwann in Rhodes Laufbahn etwas passiert war, dass Rhodes an den Ort gebracht hatte, an dem sie heute war – etwas, das sie veranlasst hatte, rechthaberisch zu sein und zu überkompensieren. Sie hatte während der halbstündigen Fahrt nach Landover viel Zeit, darüber nachzudenken, denn Rhodes machte sich noch immer keine Mühe, sich mit ihr zu unterhalten. Sie kamen um 8:05 Uhr am Haus der Carvers an. Es war ein wunderschönes Haus in einer sehr wohlhabenden Gegend. Die Art Residenz, mit perfekt eingefassten Rasenflächen, um die perfekten Ränder der Gehwege anzuzeigen. Vor der Garage parkte ein neuerer Kleinbus in der Einfahrt. Rhodes parkte dahinter und stellte den Motor ab. Dann sah sie hinüber zu Chloe und fragte: „Alles in Ordnung?“ „Ich glaube nicht, aber das spielt keine Rolle. Lassen Sie uns einfach auf den Fall konzentrieren.“ „Das habe ich gemeint“, spie Rhodes, als sie die Tür öffnete und ausstieg. Chloe gesellte sich zu ihr und im selben Augenblick stiegen ein Mann und eine Frau aus dem Kleinbus aus – die Carvers, wie sie vermutete. Eine kurze Vorstellungsrunde bestätigte, dass dies tatsächlich die Carvers waren, Bill und Sandra. Bill sah aus wie ein Typ, der nie wirklich viel Schlaf bekam, dem es damit aber trotzdem gutging. Sandra war sehr hübsch, die Art Frau, die sich wahrscheinlich nie viel Mühe geben musste. Aber sie sah auch müde aus, besonders wenn sie zum Haus hinübersah. „Wenn ich es richtig verstehe, wohnen Sie derzeitig in einem Motel?“, fragte Chloe. „Ja“, sagte Sandra. „Als es passierte, war Bill geschäftlich unterwegs. Die Polizisten sind immer wieder im Haus ein und aus gegangen und dort war … nun, es war einfach überall so viel Blut. Ich habe die Kinder aus der Schule abgeholt, bin mit ihnen Abendessen gegangen und habe sie dann in ein Motel gebracht. Ich erzählte ihnen, was passiert war und es schien einfach zu morbide zu sein, wieder hierherzukommen.“ „Ich bin gestern Morgen nach Hause gekommen“, sagte Bill. „Gestern gegen Mittag hat uns die Polizei erlaubt, ins Haus zurückzukehren. Aber die Kinder und Sandra waren einfach noch zu verängstigt.“ „Das ist wahrscheinlich das Beste“, sagte Rhodes. „Wir möchten gerne einen Blick auf den Tatort werfen, wenn das in Ordnung ist.“ „Ja, der Sheriff hat uns gesagt, dass Sie kommen würden“, sagte Sandra. „Er hat uns angewiesen, Sie wissen zu lassen, dass sich auf dem Küchentisch eine Akte mit allen Informationen befindet.“ „Bevor wir hineingehen“, sagte Chloe. „Ich habe mich gefragt, ob Sie uns etwas über Kim erzählen möchten?“ „Sie war so gutherzig“, sagte Sandra. „Und großartig mit den Kindern“, sagte Bill. Als er es sagte, schwankte seine Stimme ein wenig. Es war, als würde das gesamte Ausmaß dessen, was geschehen war, ihn erst jetzt treffen. „Wissen Sie, ob Sie mit irgendjemandem Feindseligkeiten hatte?“, fragte Chloe. „Nicht, dass wir wüssten“, sagte Sandra. „Wir haben uns die letzten zwei Tage dasselbe gefragt. Es ist einfach … es ergibt einfach absolut keinen Sinn.“ „Irgendwelche gescheiterten Beziehungen?“, fragte Rhodes. „Vielleicht ein Ex-Freund, mit dem sie zerstritten war oder sowas?“ „Sie hatte einen Ex, sicher“, sagte Bill. „Aber sie hat ihn selten erwähnt.“ „Aber sie hat ihn erwähnt?“, fragte Chloe. In Sandras Augen blitzte etwas auf, das wie Erkenntnis aussah. „Wissen Sie, sie hat gesagt, dass es etwas war, dem sie entfliehen musste. Und ich glaube nicht, dass es ein Witz war. Ich meine … sie hat wirklich nie über ihm gesprochen.“ „Kennen Sie seinen Namen?“, fragte Rhodes. „Nein“, sagte Sandra. Dann sah sie Bill fragend an, aber auch er schüttelte nur seinen Kopf. „Hat Kim jemals hier übernachtet?“, fragte Rhodes. „Ja. Wenn Bill und ich einen Kurzurlaub machten, würde sie hierbleiben. Wir haben ein Gästezimmer, von dem wir immer scherzten, dass es Kims Zimmer sei. Manchmal blieb sie auch einfach an Tagen, an denen die Kinder wirklich sehr mit ihren Hausaufgaben oder Schulsachen zu kämpfen hatten.“ „Welches Schlafzimmer ist das?“, fragte Rhodes. „Obergeschoss, das Erste auf der linken Seite“, sagte Bill. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, eine Weile hier zu warten, falls wir noch einmal mit Ihnen sprechen müssen, nachdem wir uns im Inneren umgesehen haben?“, fragte Chloe. „Wir müssen aber nicht mit hineinkommen, oder?“, fragte Sandra. „Nein“, sagte Rhodes. „Sie können gerne einfach hier draußen bleiben.“ Sandra schien darüber erleichtert zu sein. Sie sah das Haus trotzdem noch an, als würde sie erwarten, es könne jeden Moment ein Axtmörder aus der Tür stürmen. Das Ehepaar Carver blieb in der Einfahrt, während Chloe und Rhodes auf die Veranda zusteuerten. Die Veranda umgab das ganze Haus und hatte sogar eine Hollywoodschaukel und zwei Schaukelstühle. Chloe öffnete die Haustür und sie traten ein. Nach den Angaben von Garcia hatten die örtliche und staatliche Polizei die Aufräumarbeiten durchgeführt. Und soweit Chloe es beurteilen konnte, hatten sie großartige Arbeit geleistet. Natürlich wäre es sehr viel einfacher gewesen, den Tatort zu lesen, wenn die Beweise noch vorhanden wären – einschließlich des Bluts, das vergossen worden war. Wer auch immer das FBI beauftragt hatte, diesen Fall anzunehmen, hatte offensichtlich keine Ahnung, wie Forensik oder Beweissicherung durchgeführt wurden. Auf der Küchentheke sah Chloe eine Mappe liegen – der Bericht und die Akten des Sheriffs, vermutete sie. Sie ging durch den Eingangsbereich und durch das Wohnzimmer, um die Akten zu holen. Sie öffnete sie, blätterte durch den Report und suchte nach den Tatortfotos. Sie ging zurück zur Eingangstür, um sie Rhodes zu zeigen und gemeinsam studierten sie die fünf Bilder und verglichen sie mit der jetzt makellos sauberen Szene. Auf den Bildern sah man Blut überall im Eingangsbereich, bis hin zum Türrahmen. Die Leiche von Kim Wielding lag ausgestreckt auf dem Boden. Ihr linker Fuß war nicht weiter als fünfzehn Zentimeter von der Haustür entfernt. Auf dem zweiten Foto war es sehr deutlich zu erkennen, dass sie mit einem dumpfen Gegenstand ins Gesicht geschlagen worden war. Ihre Nase war teilweise eingedrückt und die untere Hälfte ihres Gesichts war blutüberströmt. „Wir können uns sicher sein, dass sie die Tür geöffnet hat“, sagte Rhodes. „Was bedeutet, dass sie die Person kannte“, fügte Chloe hinzu. „Oder, dass sie jemanden erwartet hat.“ Rhodes nahm die Bilder aus dem Ordner, sie riss sie nicht wirklich heraus, war aber auch nicht sonderlich vorsichtig damit. „Das kotzt mich an.“ „Was genau?“, fragte Chloe. „Dieser Fall. Ein einzelner Mord in einer gehobenen Nachbarschaft. Was können wir verdammt nochmal mit einem gesäuberten Mordtatort und ohne direkte Hilfe der örtlichen Polizei wohl tun?“ Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=43692687) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.