Geködert Blake Pierce Ein Riley Paige Krimi #4 Ein Meisterwerk der Spannung! Der Autorin gelingt es die psychologische Seite ihrer Charaktere so detailliert und eindringlich zu beschreiben, dass wir uns in ihren Verstand hineinversetzen können, ihre Ängste spüren und auf ihren Erfolg hoffen. Der Plot ist sehr intelligent und wird Sie durch das gesamte Buch hindurch unterhalten. Voller unerwarteter Wendungen, werden Sie das Buch bis spät in die Nacht nicht mehr aus den Händen legen können. Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu VERSCHWUNDEN) GEKÖDERT ist Band #4 in der Bestseller Riley Paige Krimi Serie, die mit dem #1 Bestseller VERSCHWUNDEN (Band #1) beginnt! Entlang eines einsamen Highway Abschnittes in Delaware werden Frauen tot aufgefunden. Einige verschwinden wie von der Erdoberfläche, die Leichen von andere werden in bizarren Posen arrangiert. Als in den Morden ein Muster ersichtlich wird, ist klar, dass das FBI einem wahnsinnigen Serienmörder auf der Spur ist – der Mädchen für seine teuflischen Pläne ködert – und, dass er nicht aufhören wird zu töten. Das FBI, verzweifelt darum bemüht den Fall zu lösen, drängt Spezialagentin Riley Paige sich des Falles anzunehmen. Aber die brillante Riley, noch immer von vergangenen Fällen gequält, hat endlich Ruhe in ihrem Zuhause gefunden und ist entschlossen ihrer Tochter April wieder auf die Füße zu helfen. Doch als die Morde immer verstörender werden – und ihr ehemaliger Partner Bill sie anfleht – weiß Riley, dass sie nicht länger ablehnen kann. Rileys Jagd führt sie tief in die verstörende Welt von Anhaltern, Ausreißern und Frauen, um die sich niemand kümmert. Als sie herausfindet, dass verschiedene Frauen festgehalten und am Leben gehalten werden und noch eine Chance besteht sie zu retten, weiß sie, dass sie nicht aufhören wird, bis sie den Fall gelöst hat. Sie lässt sich durch nichts und niemanden aufhalten und bringt sich selber bis an ihre Grenzen. Rileys Leben bricht auseinander und ihre fragile Psyche kann den Stress kaum noch ertragen. In einem Wettlauf gegen die Zeit muss sie sich in den Verstand des Mörders versetzen, um die Frauen zu retten – und sich selbst. GEKÖDERT, ein düsterer, spannungsgeladener Psychothriller ist Band #4 dieser fesselnden neuen Serie – mit einer geliebten neuen Heldin – werden Sie nicht mehr aus den Händen legen können. Band #5 in der Riley Paige Serie bald erhältlich. G E K Ö D E R T (EIN RILEY PAIGE KRIMI - BAND #4) B L A K E P I E R C E Blake Pierce Blake Pierce ist die Autorin der Bestseller Riley Paige Krimi Serie, die bisher die spannungsgeladenen Thriller VERSCHWUNDEN (Band #1), GEFESSELT (Band #2), ERSEHNT (Band #3) und GEKÖDERT (Band #4) umfasst. Blake Pierce ist außerdem auch die Autorin der MACKENZIE WHITE Krimi Serie und der AVERY BLACK Krimi Serie. Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi und Thriller Genres. Blake liebt es von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com) und bleiben Sie in Kontakt! Copyright © 2016 Blake Pierce Aus dem Englischen von Marina Sun Alle Rechte vorbehalten. Außer durch eine Genehmigung nach dem U.S. Copyright Act von 1976, darf kein Teil dieses Buches ohne ausdrückliche Genehmigung der Autorin vervielfältigt, vertrieben oder in irgendeiner Form übermittelt, in Datenbanken oder Abfragesystemen gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Es darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit anderen teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen, aber nicht gekauft haben, oder es nicht für Sie gekauft wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie eine eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit der Autorin respektieren. Dieses Buch ist eine fiktive Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind von der Autorin frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Ähnlichkeiten mit echten Personen, lebendig oder verstorben, sind zufällig. Copyright Umschlagsbild GongTo, genutzt unter der Lizenz von Shutterstock.com BÜCHER VON BLAKE PIERCE RILEY PAIGE KRIMI SERIE VERSCHWUNDEN (Band #1) GEFESSELT (Band #2) ERSEHNT (Band #3) GEKÖDERT (Band #4) MACKENZIE WHITE KRIMI SERIE BEVOR ER TÖTET (Band #1) AVERY BLACK KRIMI SERIE GRUND ZU TÖTEN (Band #1) Inhalt PROLOG (#udd1198d9-ec5c-58c3-a780-04e4591f53b5) KAPITEL EINS (#u91915118-4833-5287-8aa5-77aa750b03bd) KAPITEL ZWEI (#ud56f1a7d-00e1-5a20-bfc9-3c6fcc05bc7e) KAPITEL DREI (#uac552884-cb91-5573-bc92-3207d9497e1f) KAPITEL VIER (#u417cc888-52c5-51e2-ac4a-20b22198e583) KAPITEL FÜNF (#ued296b67-4d92-50f2-877c-2471c3a980d4) KAPITEL SECHS (#u769fe310-a3a1-51d7-a318-dc8c894b2bff) KAPITEL SIEBEN (#u335c2b46-99e8-5502-9a6a-9ac4b3dd01f8) KAPITEL ACHT (#u434ab19e-63ef-53b6-9565-2c24123cf453) KAPITEL NEUN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ELF (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWÖLF (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNZEHN (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL NEUNUNDDREIẞIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL EINUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL DREIUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL VIERUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SECHSUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG (#litres_trial_promo) KAPITEL ACHTUNDZWANZIG (#litres_trial_promo) PROLOG Der Mann machte sich Sorgen, während er im Auto saß. Er wusste, dass er sich beeilen musste. Heute Nacht war es wichtig, dass alles nach Plan verlief. Aber würde die Frau diese Straße zur üblichen Zeit entlangfahren? Es war bereits elf Uhr Abends und es wurde knapp. Er erinnerte sich an die Stimme, die er gehört hatte, die durch seinen Kopf gehallt war und ihn hergebracht hatte. Die Stimme seines Großvaters. "Du solltest besser mit ihrem Zeitplan Recht haben, Scratch." Scratch. Der Mann in dem Auto mochte diesen Namen nicht. Es war nicht sein richtiger Name. Es war ein Volksmärchenname für den Teufel. Soweit es seinen Großvater betraf, war er ein "schwarzes Schaf." Sein Großvater nannte ihn länger Scratch, als er zurückdenken konnte. Obwohl ihn jeder andere beim richtigen Namen nannte, war Scratch ihm im Gedächtnis geblieben. Er hasste seinen Großvater. Aber er konnte ihn nicht aus seinem Kopf verbannen. Scratch schlug sich mehrmals mit der flachen Hand gegen den Kopf, im Versuch die Stimme zu verjagen. Es tat weh, aber für einen Moment beruhigte es seine Sinne. Aber dann hörte er das stumpfe Lachen seines Großvaters, das irgendwo dort drinnen echote. Zumindest war es jetzt ein wenig leiser. Er sah nervös auf seine Uhr. Kurz nach elf. War sie heute Abend spät dran? Nahm sie einen anderen Weg? Nein, das war nicht ihre Art. Er hatte ihre Bewegungen tagelang beobachtet. Sie war immer pünktlich, hielt sich immer an ihren Zeitplan. Wenn sie nur wüsste, wie viel auf dem Spiel stand. Großvater würde ihn bestrafen, wenn er es vermasselte. Aber es war sehr viel mehr als das. Der Welt selbst lief die Zeit davon. Er hatte eine große Verantwortung, und sie lag schwer auf seinen Schultern. Scheinwerfer tauchten am Ende der Straße auf und er seufzte vor Erleichterung. Das musste sie sein. Die Landstraße führte nur zu ein paar Häusern. Zu dieser Zeit war normalerweise niemand auf der Straße, bis auf diese Frau, die von ihrer Arbeit direkt zu dem Haus fuhr, wo sie ein Zimmer gemietet hatte. Scratch hatte seinen Wagen gedreht und in der Mitte der Straße angehalten, sodass er ihr gegenüberstand. Er stand vor seiner Motorhaube und benutzte mit zitternden Händen eine Taschenlampe, um hineinzuleuchten. Er hoffte, es würde funktionieren. Sein Herz hämmerte wild, als der andere Wagen vorbeifuhr. Stopp! flehte er leise. Bitte halt an! Kurz darauf hielt der andere Wagen an. Er musste sich ein Lachen verkneifen. Scratch drehte sich um, und blickte zu den Lichtern. Ja, es war ihr zerbeulter kleiner Wagen, genau wie er gehofft hatte. Jetzt musste er sie nur noch zu sich locken. Sie drehte ihr Fenster herunter und er schenkte ihr sein freundlichstes Lächeln. "Ich fürchte, ich stecke hier fest", rief er. Er wandte den Strahl seiner Taschenlampe kurz auf das Gesicht des Fahrers. Ja, das war zweifellos sie. Scratch bemerkte, dass sie ein charmantes, offenes Gesicht hatte. Und sie war dünn, was seinen Plänen noch gelegener kam. Es war eine Schande, dass er ihr das würde antun müssen. Aber es war, wie sein Großvater immer sagte. "Es ist für das Wohl aller." Das stimmte und Scratch wusste es. Wenn die Frau es nur verstehen könnte, dann würde sie sich vielleicht freiwillig opfern. Schließlich war das Opfer einer der größten Vorzüge der menschlichen Natur. Sie sollte froh sein, dienen zu können. Aber er wusste, dass das zu viel erwartet wäre. Die Dinge würden brutal und unschön werden, so wie immer. "Wo liegt das Problem?" rief die Frau zurück. Ihm gefiel die Art, wie sie redete. Er wusste nicht genau, warum. "Ich weiß es nicht", sagte er. "Hat einfach den Geist aufgegeben." Die Frau streckte ihren Kopf aus dem Fenster. Er sah ihr direkt ins Gesicht. Das mit roten Locken umrandete, sommergesprosste Gesicht war offen und freundlich. Sie schien in keinster Weise verärgert darüber zu sein, dass er ihr Umstände bereitete. Aber würde sie vertrauensvoll genug sein, aus dem Wagen zu steigen? Wahrscheinlich, wenn sie sich wie die anderen Frauen verhielt. Großvater sagte ihm immer, wie unglaublich hässlich er war, und er konnte nicht anders, als selbst so von sich zu denken. Aber er wusste, dass andere Menschen - insbesondere Frauen - ihn wohlwollend betrachteten. Er zeigte auf die offene Motorhaube. "Ich habe keine Ahnung von Autos", rief er ihr zu. "Ich auch nicht", erwiderte die Frau. "Nun, vielleicht können wir zusammen herausfinden, wo das Problem liegt", sagte er. "Macht es Ihnen etwas aus, es zu versuchen?" "Überhaupt nicht. Erwarten Sie nur nicht, dass ich hilfreich bin." Sie öffnete die Tür, stieg aus, und kam zu ihm. Ja, alles verlief perfekt. Er hatte sie aus ihrem Auto geködert. Aber die Zeit drängte noch immer. "Lassen Sie uns einen Blick darauf werfen", sagte sie, trat neben ihn und sah auf den Motor. Jetzt verstand er, was er an ihrer Stimme mochte. "Sie haben einen interessanten Akzent", bemerkte er. "Sind Sie aus Schottland?" "Irland", erwiderte sie fröhlich. "Ich bin erst seit zwei Monaten hier. Ich habe eine Green Card bekommen, damit ich hier mit einer Familie arbeiten kann." Er lächelte. "Willkommen in Amerika", sagte er. "Danke. Bisher bin ich einfach nur begeistert." Er zeigte auf den Motor. "Einen Moment", sagte er. "Was denken Sie, was das da ist?" Die Frau beugte sich weiter vor, um einen besseren Blick zu haben. Er schlug die Halterung beiseite und ließ ihr die Motorhaube auf den Kopf fallen. Er öffnete die Haube und hoffte, dass er sie nicht zu hart getroffen hatte. Glücklicherweise war sie nur bewusstlos, ihr Gesicht und Oberkörper schlaff über dem Motor ausgestreckt. Er sah sich um. Niemand war zu sehen. Niemand hatte mitbekommen, was passiert war. Er erbebte vor Freude. Er nahm sie in den Arm und bemerkte, dass sowohl ihr Gesicht, als auch die Vorderseite ihres Kleides jetzt mit Öl verschmiert waren. Sie war leicht wie eine Feder. Er trug sie zur Rückseite seines Autos und legte sie auf den Rücksitz. Er war sich sicher, dass sie für seine Zwecke gut geeignet war. * Als Meara wieder zu Bewusstsein kam, wurde sie von einer ohrenbetäubenden Kakophonie von Geräuschen überwältigt. Es schien jede Art von Geräusch zu sein, die man sich nur vorstellen konnte. Da waren Gongs, Glocken, Schellen, Vogelklänge, und verschiedene Melodien, als kämen sie aus hunderten von Spieluhren. Sie schienen absichtlich feindselig zu sein. Sie öffnete ihre Augen, aber sie konnte nichts fokussieren. Ihr Kopf schien vor Schmerz zu bersten. Wo bin ich? fragte sie sich. Irgendwo in Dublin? Nein, sie war jetzt in der Lage, Teile wieder zusammenzusetzen. Sie war vor zwei Monaten hergekommen und hatte sofort angefangen zu arbeiten. Sie musste in Delaware sein. Mit Mühe erinnerte sie sich, wie sie angehalten hatte, um einem Mann mit seinem Wagen zu helfen. Dann war etwas passiert. Etwas Schlimmes. Aber was war dieser Ort, mit all den schrecklichen Geräuschen? Sie wurde gewahr, dass sie wie ein Kind getragen wurde. Sie hörte die Stimme des Mannes, der sie trug, über den Lärm hinweg. "Keine Sorge, wir haben es rechtzeitig geschafft." Langsam war sie wieder in der Lage ihre Augen zu fokussieren. Ihr Blick viel auf eine unzählbare Anzahl von Uhren in jeder Form und Farbe. Sie sah große Standuhren, umrahmt von weiteren kleineren Uhren, einige Kuckucksuhren und andere mit kleinen Paraden von mechanischen Leuten. Auch die Regale waren mit Uhren vollgestellt. Sie schlagen alle zur vollen Stunde, dachte sie. Aber in all dem Lärm konnte sie die Zahl der Schläge nicht erfassen. Sie drehte den Kopf, um zu sehen, wer sie trug. Er sah auf sie herab. Ja, er war es – der Mann, der sie um Hilfe gebeten hatte. Sie war dumm gewesen, für ihn anzuhalten. Sie war ihm in die Falle gegangen. Aber was hatte er mit ihr vor? Als der Lärm der Uhren versiegte, verloren ihre Augen wieder den Fokus. Sie konnte sie nicht offen halten. Sie fühlte, wie sie das Bewusstsein verlor. Ich muss wach bleiben, dachte sie. Sie hörte ein metallisches Rasseln, dann spürte sie, wie sie sanft auf eine kalte, harte Oberfläche gelegt wurde. Da war ein weiteres Rasseln, gefolgt von Schritten und schließlich dem Geräusch einer sich öffnenden und schließenden Tür. Die unzähligen Uhren tickten weiter. Dann hörte sie weibliche Stimmen. "Sie lebt." "Zu dumm für sie." Die Stimmen waren leise und kratzig. Meara schaffte es, ihre Augen wieder zu öffnen. Sie sah, dass der Boden aus grauem Beton bestand. Sie drehte sich mühsam um und sah drei menschliche Formen in ihrer Nähe auf dem Boden sitzen. Oder zumindest dachte sie, dass sie Menschen waren. Es schienen junge Mädchen zu sein, Teenager, aber sie waren mager, nicht mehr als Skelette, und ihre Knochen waren deutlich unter ihrer Haut zu erkennen. Eine schien kaum bei Bewusstsein zu sein, ihr Kopf hing nach vorne, ihre Augen starrten auf den grauen Boden. Sie erinnerten sie an Fotos, die sie von Gefangenen in Konzentrationslagern gesehen hatte. Lebten sie überhaupt? Ja, sie mussten noch leben. Sie hatte sie gerade sprechen hören. "Wo sind wir?" fragte Meara. Sie musste sich anstrengen, um die gezischte Antwort zu hören. "Willkommen", sagte eine von ihnen, "in der Hölle." KAPITEL EINS Riley Paige sah den ersten Schlag nicht kommen. Trotzdem reagierten ihre Reflexe gut. Sie spürte, wie die Zeit sich verlangsamte, als der erste Schlag in Richtung ihres Magens blitzte. Sie wich ihm perfekt aus. Dann flog ein weiter linker Haken auf ihren Kopf zu. Sie sprang zur Seite und wehrte ihn ab. Als er mit einem letzten Schlag auf ihr Gesicht zielte, riss sie die Arme hoch und ließ den Schlag gegen ihre Handschuhe prallen. Dann nahm die Zeit ihre übliche Geschwindigkeit wieder auf. Sie wusste, dass die Kombination der Schläge nicht länger als zwei Sekunden gedauert hatte. "Gut", nickte Rudy. Riley lächelte. Rudy tänzelte jetzt vor ihr umher, duckte sich und war mehr als bereit für ihren Angriff. Riley tat es ihm gleich, täuschte an, duckte sich weg, versuchte ihn raten zu lassen, welchen Zug sie machen würde. "Keine Eile", sagte Rudy. "Denk darüber nach. Stell es dir wie ein Schachspiel vor." Sie spürte ein kurzes Aufblitzen von Ärger, während sie weiter in Bewegung blieb. Er schonte sie. Warum musste er sie schonen? Aber sie wusste, dass es einerlei war. Das war ihr erstes Mal im Boxring mit einem richtigen Gegner. Bis jetzt hatte sie ihre Kombinationen an einem Sandsack geübt. Sie musste sich daran erinnern, dass sie bei dieser Art von Kampf nur ein Anfänger war. Es war besser, nichts zu überstürzen. Es war Mike Nevins' Idee gewesen, mit dem Boxen anzufangen. Der, für das FBI als Berater tätige, forensische Psychiater, war ein guter Freund von Riley. Er hatte ihr durch eine Vielzahl persönlicher Krisen geholfen. Sie hatte sich kürzlich bei Mike darüber beschwert, dass es ihr schwerfiel, ihre aggressiven Impulse unter Kontrolle zu behalten. Sie verlor zu oft ihr Temperament. Sie war angespannt. "Versuche es mit Boxen", hatte Mike gesagt. "Das ist ein guter Weg, um Dampf abzulassen." Jetzt war sie sich ziemlich sicher, dass Mike Recht hatte. Es fühlte sich gut an, schnell zu reagieren, mit wahren Bedrohungen umzugehen, anstatt mit eingebildeten, und es war entspannend, mit Bedrohungen umzugehen, die dennoch nicht wirklich tödlich waren. Es war auch gut, dass sie einem Fitnessstudio beigetreten war, das sie von dem Hauptquartier in Quantico wegbrachte. Sie verbrachte dort zu viel Zeit. Das war eine willkommene Abwechslung. Aber sie hatte schon zu lange getrödelt. Und sie konnte in Rudys Augen sehen, dass er sich auf einen weiteren Angriff vorbereitete. Sie wählte mental ihre nächste Kombination. Sie warf sich ihm abrupt entgegen. Ihr erster Schlag war ein linker Stoß, dem er auswich und den er mit einer rechten Geraden parierte, die ihren Kopfschutz streifte. Sie ließ einen rechten Stoß folgen, den er mit seinem Handschuh abwehrte. Sofort setzte sie zu einem linken Haken an, dem er durch einen Sprung zur Seite auswich. "Gut", sagte Rudy wieder. Für Riley fühlte es sich nicht gut an. Sie hatte nicht einen Treffer gelandet, während er sie sogar mit seiner Verteidigung erwischt hatte, und sie spürte, wie sich der Ärger ihn ihr aufstaute. Aber sie erinnerte sich daran, was Rudy ihr am Anfang gesagt hatte: "Erwarte nicht, viele Treffer zu landen. Das tut niemand wirklich. Zumindest nicht beim Sparring." Sie beobachtete jetzt seine Handschuhe und spürte, dass er bereit war, erneut anzugreifen. Aber in diesem Moment fand eine seltsame Verwandlung in ihrer Vorstellung statt. Die Handschuhe verwandelten sich in eine einzelne Flamme – die weiße, zischende Flamme einer Propangasfackel. Sie war wieder in der Dunkelheit eingesperrt, eine Gefangene des sadistischen Mörders Peterson. Er spielte mit ihr, ließ sie der Flamme ausweichen, um der sengenden Hitze zu entkommen. Aber sie hatte es satt, erniedrigt zu werden. Diesmal war sie entschlossen, zurückzuschlagen. Als die Flamme auf ihr Gesicht zusprang, duckte sie sich und warf ihm einen heftigen Schlag entgegen, der nicht sein Ziel traf. Die Flamme tänzelte um sie herum und sie konterte mit einer Geraden, die ebenfalls ihr Ziel verfehlte. Aber bevor Peterson einen weiteren Zug machen konnte, landete sie einen Aufwärtshaken, von dem sie spürte, wie er gegen sein Kinn prallte. "Hey!" rief Rudy. Seine Stimme brachte Riley zurück in die Gegenwart. Rudy lag flach auf dem Rücken auf der Matte. Wie ist er nach da unten gekommen? fragte Riley sich. Dann wurde ihr klar, dass sie ihn geschlagen hatte – und zwar hart. "Oh mein Gott!" rief sie. "Rudy, es tut mir leid!" Rudy grinste und rappelte sich wieder auf. "Braucht es nicht", sagte er. "Das war gut." Sie nahmen ihr Sparring wieder auf. Der Rest der Stunde verlief ereignislos und keiner von beiden landete einen Treffer. Aber jetzt fühlte sich die ganze Sache auch für Riley gut an. Mike Nevins hatte Recht. Das war genau die Therapie, die sie brauchte. Trotzdem fragte sie sich, wann sie wohl in der Lage sein würde, diese Erinnerungen abzuschütteln. Vielleicht nie, dachte sie. * Riley schnitt enthusiastisch in ihr Steak. Der Chef in der Küche von Blaine's Grill, hatte bei verschiedenen, weniger konventionellen Gerichten einen guten Job gemacht, aber das Workout im Fitnessstudio, hatten ihr Appetit auf ein gutes Steak und einen Salat gemacht. Ihre Tochter, April, und ihre Freundin, Crystal, hatten Hamburger geordert. Blaine Hildreth, Crystals Vater, war in der Küche, aber er würde jeden Moment zurück sein, um seinen Mahi-Mahi aufzuessen. Riley sah sich mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung in dem gemütlichen Speiseraum um. Ihr wurde klar, dass ihr Leben nicht genug dieser warmen Abende, mit Freunden, Familie und einem guten Essen, beinhaltete. Ihre Arbeit bot weitaus hässlichere und beunruhigendere Szenen. In einigen Tagen würde sie vor einem Bewährungsausschuss für einen Kindsmörder aussagen, der hoffte, vorzeitig entlassen zu werden. Und sie musste sicherstellen, dass es ihm nicht gelang. Erst vor wenigen Wochen hatte sie einen verstörenden Fall in Phönix abgeschlossen. Sie und ihr Partner, Bill Jeffreys, hatten einen Mörder gefasst, der es auf Prostituierte abgesehen hatte. Riley kämpfte immer noch mit dem Gefühl, durch die Lösung des Falles keinen wirklichen Beitrag geleistet zu haben. Jetzt wusste sie mehr als ihr lieb war, über die Welt der Ausbeutung von Frauen und Mädchen. Aber sie war entschlossen, diese Gedanken vorerst aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie spürte, wie sie sich nach und nach entspannte. Mit einem Freund und ihren beiden Kindern in einem Restaurant zu essen, erinnerte sie daran, wie es sein könnte, ein normales Leben zu führen. Sie lebte in einem schönen Haus und kam einem netten Nachbarn näher. Blaine kam zurück und setzte sich. Riley fiel wieder einmal auf, dass er attraktiv war. Seine leichten Geheimratsecken gaben ihm ein angenehm reifes Aussehen und er war schlank und fit. "Sorry", sagte Blaine. "Das Restaurant läuft problemlos, wenn ich nicht hier bin, aber sobald ich in Sichtweite bin, scheint jeder plötzlich meine Hilfe zu benötigen." "Ich weiß, wie das ist", nickte Riley. "Ich hoffe, dass mich das BAU für eine Weile vergisst, wenn ich außer Sichtweite bleibe." April sagte, "Keine Chance. Die rufen dich bald an. Dann bist du wieder auf dem Weg in einen anderen Teil des Landes." Riley seufzte. "Ich könnte mich daran gewöhnen, nicht ständig angerufen zu werden." Blaine kaute genüsslich auf einem Bissen Mahi-Mahi. "Hast du darüber nachgedacht, den Job zu wechseln?" fragte er. Riley zuckte mit den Schultern. "Was sollte ich stattdessen tun? Ich bin den größten Teil meines erwachsenen Lebens Agent gewesen." "Oh, ich bin sicher, dass es eine Menge gibt, was eine Frau mit deinen Talenten machen könnte", sagte Blaine. "Die meisten davon sicherer, als ein FBI Agent zu sein." Er dachte einen Moment nach. "Ich könnte dich mir als Lehrer vorstellen", fügte er hinzu. Riley lachte leise. "Denkst du, das wäre sicherer?" fragte sie. "Hängt davon ab, wo du unterrichten würdest", erwiderte Blaine. "Was ist mit dem College?" "Hey, das ist eine Idee, Mom", sagte April. "Dann müsstest du nicht immer reisen. Und du würdest trotzdem Menschen helfen." Riley schwieg, während sie darüber nachdachte. Am College zu unterrichten wäre wahrscheinlich ähnlich wie der Unterricht, den sie an der Akademie in Quantico geleitet hatte. Das hatte ihr Spaß gemacht. Es gab ihr immer die Möglichkeit, sich ein wenig zu erholen. Aber würde sie ein Vollzeit-Lehrer sein wollen? Konnte sie wirklich den ganzen Tag in einem Gebäude verbringen, ohne aktiv zu sein? Sie spießte einen Champignon mit ihrer Gabel auf. Dann würde ich vielleicht wie einer von diesen hier enden, dachte sie. "Was wäre mit Privatdetektiv?" fragte Blaine. "Ich denke eher nicht", sagte Riley. "Dreckige Geheimnisse von in Scheidung lebenden Paaren ausgraben erscheint mir nicht erstrebenswert." "Das ist nicht alles, was Privatermittler machen", beharrte Blaine. "Was wäre mit der Untersuchung von Versicherungsbetrug? Hey, ich habe diesen Koch, der angeblich einen schlechten Rücken hat und arbeitsunfähig ist. Ich bin sicher, das spielt er nur vor, aber ich kann es nicht beweisen. Du könntest mit ihm anfangen." Riley lachte. Blaine machte natürlich nur einen Scherz. "Oder Sie könnten nach vermissten Leuten suchen", warf Crystal ein. "Oder vermissten Haustieren." Riley lachte wieder. "Also das würde mir wirklich das Gefühl geben, die Welt ein Stückchen besser zu machen!" April beteiligte sich nicht mehr an der Unterhaltung. Riley sah, dass sie jemandem schrieb und kicherte. Crystal lehnte sich über den Tisch zu Riley. "April hat einen neuen Freund", sagte Crystal. Dann formte sie ein stummes, "Ich mag ihn nicht." Riley war genervt, dass ihre Tochter alle anderen am Tisch ignorierte. "Hör auf damit", sagte sie zu April. "Das ist unhöflich." "Was ist daran unhöflich?" wollte April wissen. "Wir haben uns darüber unterhalten", mahnte Riley. April ignorierte sie und tippte eine Nachricht. "Leg das weg", sagte Riley streng. "In einer Minute." Riley unterdrückte ein Stöhnen. Sie hatte schon vor einer Weile gelernt, dass "in einer Minute" so viel hieß wie "nie." In dem Moment vibrierte ihr eigenes Telefon. Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie es nicht ausgestellt hatte, bevor sie das Haus verlassen hatte. Sie sah auf das Telefon, das eine Nachricht von ihrem FBI Partner, Bill, zeigte. Sie dachte darüber nach, sie ungelesen zu lassen, aber konnte sich letztendlich nicht dazu bringen. Als sie die Nachricht aufrief, sah sie aus den Augenwinkeln, wie April sie angrinste. Ihre Tochter genoss ganz offensichtlich die Ironie der Situation. Insgeheim kochend, las Riley Bills Textnachricht. Meredith hat einen neuen Fall. Er will ihn mit uns besprechen. ASAP. Der leitende Spezialagent Brent Meredith war Rileys und Bills Boss. Sie fühlte ihm gegenüber enorme Loyalität. Er war nicht nur ein guter und fairer Chef, er hatte sich auch mehr als einmal für Riley eingesetzt, nachdem sie im Büro in Schwierigkeiten geraten war. Dennoch war Riley entschlossen, sich nicht wieder in die Sache hineinziehen zu lassen, zumindest vorerst nicht. Ich kann jetzt nicht verreisen, schrieb sie zurück. Bill antwortete, Es ist direkt hier in der Gegend. Riley schüttelte entmutigt den Kopf. Es würde nicht einfach werden standhaft zu bleiben. Sie schrieb ihm zurück, Ich melde mich wieder bei dir. Da sie darauf keine Antwort erhielt, legte sie das Telefon zurück in ihre Tasche. "Ich dachte du hast gesagt, das sei unhöflich, Mom", sagte April in einer leisen, schmollenden Stimme. April schrieb noch immer Nachrichten. "Ich bin fertig mit meinen", sagte sie und versuchte nicht so genervt zu klingen, wie sie sich fühlte. April ignorierte sie. Dann vibrierte Rileys Handy noch einmal. Im Stillen fluchte sie. Sie sah, dass es eine Nachricht von Meredith selbst war. Seien Sie morgen früh um 9 Uhr im BAU. Riley suchte fieberhaft nach einem Weg abzusagen, als eine weitere Nachricht folgte. Das ist ein Befehl. KAPITEL ZWEI Rileys Stimmung sank, als sie die beiden Fotos auf dem Bildschirm über dem Konferenztisch des BAUs betrachtete. Das eine zeigte ein sorgenfreies Mädchen mit hellen Augen und einem gewinnenden Lächeln. Auf dem anderen sah man ihre Leiche, schrecklich ausgemergelt und mit ihren Armen in seltsamer Position. Da ihr befohlen worden war, an diesem Meeting teilzunehmen, wusste Riley, dass es ein weiteres Opfer wie dieses geben musste. Sam Flores, ein kluger Labortechniker mit einer schwarz umrandeten Brille, führte die anderen Agenten, die mit ihm am Tisch saßen, durch die Fotos. "Diese Bilder zeigen Metta Lunoe, siebzehn Jahre alt", sagte Flores. "Ihre Familie lebt in Collierville, New Jersey. Ihre Eltern haben sie im März als vermisst gemeldet – eine Ausreißerin." Er fügte dem Bildschirm eine Karte von Delaware hinzu und zeigte mit dem Laserpointer auf eine bestimmte Stelle. Er sagte, "Ihre Leiche wurde am sechzehnten Mai in einem Feld vor Mowbray, Delaware, gefunden. Ihr Genick wurde gebrochen." Flores zeigte ein weiteres Fotopaar – auf dem einen ein anderes, lebhaftes junges Mädchen, auf dem anderen das gleiche Mädchen, fast bis zur Unkenntlichkeit dahingeschwunden, ihre Arme in ähnlicher Weise ausgestreckt. "Das ist Valerie Bruner, ebenfalls siebzehn, eine als vermisst gemeldete Ausreißerin aus Norbury, Virginia. Sie ist im April verschwunden." Flores zeigte einen weiteren Punkt auf der Karte. "Ihre Leiche wurde am zwölften Juni auf einer Landstraße in der Nähe von Redditch, Delaware, gefunden. Scheinbar die gleiche MO wie bei dem anderen Mord. Agent Jeffreys wurde zu den Ermittlungen hinzugezogen." Riley horchte überrascht auf. Wie hatte Bill an einem Fall arbeiten können, von dem sie nichts wusste? Dann erinnerte sie sich. Im Juni hatte sie im Krankenhaus gelegen und sich von den schrecklichen Qualen erholt, die sie in Petersons Käfig hatte aushalten müssen. Aber Bill hatte sie häufig im Krankenhaus besucht. Er hatte nie erwähnt, dass er an einem Fall arbeitete. Sie drehte sich zu Bill. "Warum hast du mir nicht davon erzählt?" fragte sie. Bills Gesicht wirkte grimmig. "Es war kein guter Zeitpunkt", sagte er. "Du hattest deine eigenen Probleme." "Wer war dein Partner?" fragte Riley. "Agent Remsen." Riley kannte den Namen. Bruce Remsen war aus Quantico versetzt worden, bevor sie wieder zur Arbeit gekommen war. Dann, nach einer Pause, fügte Bill hinzu, "Ich konnte den Fall nicht lösen." Riley wusste, was sein Gesichtsausdruck und seine Stimme bedeuteten. Nach Jahren der Freundschaft und Partnerschaft, verstand sie Bill so gut wie kaum jemand. Und sie wusste, dass er von sich selbst enttäuscht war. Flores rief die Fotos der nackten Rücken der Mädchen auf, die der Gerichtsmediziner gemacht hatte. Die Leichen waren so ausgemergelt, dass sie fast surreal erschienen. Beide Rücken zeigten alte Narben und frische Striemen. Riley wurde von einem nagenden Unbehagen gepackt. Das Gefühl überraschte sie. Seit wann wurde ihr anders, bei dem Anblick von Leichenfotos. Flores sagte, "Sie waren beide so gut wie verhungert, bevor ihnen das Genick gebrochen wurde. Sie wurden außerdem brutal geschlagen, vermutlich über einen langen Zeitraum. Die Leichen wurden an den beiden gezeigten Stellen abgelegt. Wir haben keine Ahnung, wo sie tatsächlich getötet worden sind." Riley versuchte, sich nicht von der wachsenden Unruhe überwältigen zu lassen und dachte über Ähnlichkeiten mit Fällen nach, die Bill und sie in den letzten Monaten aufgeklärt hatten. Der sogenannte "Puppenmörder" hatte seine Opfer an einfach zu findenden Stellen abgelegt und sie dort wie Puppen drapiert. Der "Kettenmörder" hatte seine Opfer in Ketten gewickelt und aufgehängt. Jetzt zeigte Flores das Foto einer anderen jungen Frau – eine fröhlich aussehende Rothaarige. Daneben war das Foto eines verbeulten, leeren Toyotas. "Das Auto gehört einer vierundzwanzig Jahre alten, irischen Einwanderin namens Meara Keagan", sagte Flores. "Sie wurde gestern Morgen vermisst gemeldet. Ihr Auto wurde verlassen in der Nähe ihres Wohngebäudes in Westree, Delaware, gefunden. Sie hat dort für eine Familie als Zimmer- und Kindermädchen gearbeitet. Jetzt sprach Spezialagent Brent Meredith. Er war ein respekteinflößender, großer Afroamerikaner mit kantigen Gesichtszügen und geradlinigem Auftreten. "Sie hat vorgestern um elf Uhr Abends ihre Schicht beendet", sagte Meredith. "Das Auto wurde früh am nächsten Morgen entdeckt." Der leitende Spezialagent Carl Walder lehnte sich in seinem Stuhl vor. Er war wiederum der Boss von Brent Meredith – ein Mann mit einem sommersprossigen, runden Gesicht und gelockten, kupferfarbenen Haaren. Riley mochte ihn nicht. Sie hielt ihn nicht für sonderlich kompetent. Es half auch nicht, dass er sie schon einmal gefeuert hatte. "Warum denken wir, dass dieses Verschwinden in Zusammenhang mit den anderen Morden steht?" fragte Walder. "Meara Keagan ist älter als die anderen Opfer." Jetzt meldete sich Lucy Vargas zu Wort. Sie war eine schlaue, junge Anfängerin mit dunklen Haaren, dunklen Augen und einem ebenso dunklen Teint. "Sie können es auf der Karte sehen. Keagan ist in dem gleichen Gebiet verschwunden, in dem die beiden Leichen gefunden worden sind. Es könnte Zufall sein, aber das ist eher unwahrscheinlich. Nicht über einen Zeitraum von fünf Monaten und alle so nahe beieinander." Trotz ihrem zunehmenden Unbehagen, verspürte Riley eine gewisse Befriedigung, als Walder zusammenzuckte. Unabsichtlich hatte Lucy ihn zurechtgewiesen. Riley hoffte, dass er keinen Weg finden würde, um sich später an ihr dafür zu rächen. Walder traute sie solche kleinlichen Schikanierungen zu. "Das ist korrekt, Agentin Vargas", nickte Meredith. "Wir nehmen an, dass die jüngeren Mädchen entführt wurden, als sie versucht, haben per Anhalter zu fahren. Vermutlich entlang der Bundesstraße, die durch dieses Gebiet läuft." Er zeigte auf eine bestimmte Linie auf der Karte. Lucy fragte, "Ist per Anhalter zu fahren nicht verboten in Delaware?" Dann fügte sie sofort hinzu, "Auch wenn das natürlich schwierig durchzusetzen ist." "Da haben Sie Recht", sagte Meredith. "Und es ist nicht einmal eine Autobahn, oder die Hauptverkehrsstraße, also würden Anhalter wahrscheinlich diese nutzen. Der Killer offensichtlich auch. Eine Leiche wurde entlang dieser Straße gefunden und die anderen in weniger als zehn Meilen Entfernung. Keagan wurde etwas sechzig Meilen weiter nördlich auf der gleichen Strecke entführt. Bei ihr hat er einen anderen Köder genutzt. Wenn er seinem üblichen Muster folgt, dann wird er sie festhalten, bis sie kurz vor dem Hungertod ist. Dann wird er ihr das Genick brechen und die Leiche auf gleiche Weise ablegen." "Das werden wir nicht zulassen", sagte Bill mit gepresster Stimme. Meredith sagte, "Agenten Paige und Jeffreys, ich will, dass Sie sich sofort des Falles annehmen." Er schob einen Ordner mit Fotos und Berichten über den Tisch in Richtung Riley. "Agentin Paige, hier sind alle Informationen, die Sie benötigen, um auf dem neuesten Stand zu sein." Riley griff nach dem Ordner. Aber ihre Hand zuckte in einem Anflug von Panik zurück. Was ist denn los mit mir? Ihr Kopf schwamm und undeutliche Bilder fingen an vor ihren Augen Form anzunehmen. War das der posttraumatische Stress von dem Peterson Fall? Nein, das war etwas anderes. Etwas vollkommen anderes. Riley sprang auf und floh aus dem Konferenzraum. Während sie über den Flur zu ihrem Büro eilte, wurden die Bilder schärfer. Es waren Gesichter – Gesichter von Frauen und Mädchen. Sie sah Mitzi, Koreen, und Tantra – junge Callgirls, deren seriöse Aufmachung die Erniedrigungen versteckte, sogar vor ihnen selbst. Sie sah Justine, eine alternde Nutte, an einer Bar über einen Drink gebeugt, müde und verbittert und bereit einen hässlichen Tod zu sterben. Sie sah Chrissy, durch ihren gewalttätigen Zuhälter-Freund gefangen in einem Bordell. Und vor allem sah sie Trinda, ein fünfzehn Jahre altes Mädchen, die bereits den Albtraum sexueller Ausbeutung gelebt hatte und sich nicht mehr vorstellen konnte, ein anderes Leben zu haben. Riley erreichte ihr Büro und klappte auf ihrem Bürostuhl zusammen. Jetzt verstand sie die plötzliche Abscheu. Die Bilder, die sie gesehen hatte, waren ein Auslöser gewesen. Sie hatten die düsteren Zweifel an die Oberfläche gebracht, die sie wegen des Phönix Falles verspürte. Sie hatten einen brutalen Mörder gestoppt, aber sie hatten den Mädchen und Frauen, die sie getroffen hatten, keine Gerechtigkeit gebracht. Die ganze Welt der Ausbeutung blieb unberührt. Sie hatten nicht einmal die Oberfläche angekratzt. Und jetzt wurde sie auf eine Weise verfolgt und gequält, die sie noch nie erlebt hatte. Das schien ihr schlimmer als die Folgen ihrer Gefangenschaft zu sein. Schließlich konnte sie ihre private Angst und Wut im Boxring lassen. Sie hatte keine Möglichkeit diese neuen Gefühle loszuwerden. Würde sie in der Lage sein, an einem ähnlichen Fall wie in Phönix zu arbeiten? Sie hörte Bills Stimme an der Tür. "Riley." Sie sah zu ihrem Partner, der ihr einen traurigen Blick zuwarf. Er hielt den Ordner, den Meredith versucht hatte ihr zu geben. "Ich brauch dich an diesem Fall", sagte Bill. "Es ist persönlich für mich. Es macht mich verrückt, dass ich ihn nicht lösen konnte. Und ich frage mich immer, ob ich nicht richtig bei der Sache war, weil meine Ehe in die Brüche gegangen ist. Ich habe Valerie Bruners Familie kennengelernt. Das sind gute Leute. Aber ich bin nicht in Kontakt geblieben, weil ... na ja, ich habe sie enttäuscht. Ich muss die Sache mit ihnen in Ordnung bringen." Er legte den Ordner auf Rileys Schreibtisch. "Schau es dir an. Bitte." Er verließ Rileys Büro Sie starrte unentschlossen auf den geschlossenen Ordner. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Sie wusste, dass sie sich zusammenreißen musste. Während sie darüber nachdachte, erinnerte sie sich an etwas von ihrer Zeit in Phoenix. Sie war in der Lage gewesen, ein Mädchen namens Jilly zu retten. Oder zumindest hatte sie es versucht. Sie nahm ihr Telefon und wählte die Nummer für eine Unterkunft für Teenager in Phoenix, Arizona. Eine vertraute Stimme antwortete. "Hier ist Brenda Fitch." Riley war froh, dass Brenda abgenommen hatte. Sie hatte die Sozialarbeiterin bei ihrem letzten Fall kennengelernt. "Hi, Brenda", sagte sie. "Hier ist Riley. Ich dachte, ich horche mal nach, wie es Jilly geht." Jilly war ein Mädchen, das Riley vor dem Sexhandel bewahrt hatte – ein schlaksiges, dunkelhaariges, dreizehn Jahre altes Mädchen. Jilly hatte keine Familie, außer ihrem gewalttätigen Vater. Riley rief öfter an, um herauszufinden, wie es Jilly ging. Riley hörte ein Seufzen von Brenda. "Es ist gut, dass Sie anrufen", sagte Brenda. "Ich wünschte mehr Leute würden sich kümmern. Jilly ist noch bei uns." Rileys Stimmung sank. Sie hoffte, dass sie eines Tages anrufen würde und gesagt bekam, dass Jilly von einer liebevollen Pflegefamilie aufgenommen worden war. Heute war nicht dieser Tag. Jetzt machte Riley sich Sorgen. Sie sagte, "Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, stand die Sorge im Raum, dass Sie sie zurück zu ihrem Vater schicken müssen." "Oh, nein, das haben wir gerichtlich geklärt. Wir haben sogar eine einstweilige Verfügung erwirkt, damit er sich von ihr fernhält." Riley seufzte erleichtert auf. "Jilly redet immerzu über Sie", sagte Brenda. "Würden Sie gerne mit ihr reden?" "Ja. Bitte." Brenda setzte Riley in die Warteschleife. Riley fragte sich plötzlich, ob das wirklich eine so gute Idee war. Jedes Mal, wenn sie mit Jilly sprach, fühlte sie sich danach schuldig. Sie konnte nicht genau sagen, woher das Gefühl kam. Schließlich hatte sie Jilly vor einem Leben der Ausbeutung und Misshandlung bewahrt. Aber für was habe ich sie gerettet? Welche Art von Leben stand Jilly jetzt bevor? Sie hörte Jillys Stimme. "Hey, Agentin Paige." "Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mich nicht so nennen sollst?" "Sorry. Hey, Riley." Riley lachte leise. "Selber hey. Wie geht es dir?" "Okay, denke ich." Ein Schweigen folgte. Typisch Teenager, dachte Riley. Es war immer schwer, Jilly zum Sprechen zu bringen. "Was machst du so?" fragte Riley. "Wache gerade erst auf", antwortete Jilly und klang müde. "Gleich geht's zum Frühstück." Riley erinnerte sich erst jetzt daran, dass es in Phönix drei Stunden früher war. "Es tut mir leid, dass ich so früh anrufe", sagte Riley. "Ich vergesse immer wieder den Zeitunterschied." "Ist okay. Nett, dass du anrufst." Riley hörte ein Gähnen. "Gehst du heute zur Schule?" fragte Riley. "Ja. Sie lassen uns dafür jeden Tag aus dem Knast." Das war Jillys Running Gag, die Unterkunft "Knast" nennen, als wäre es ein Gefängnis. Riley fand es nicht sonderlich lustig. Sie erwiderte, "Na, dann lasse ich dich mal zum Frühstück gehen und dich fertig machen." "Hey, warte noch einen Moment", sagte Jilly. Wieder folgte ein Schweigen. Riley dachte, dass sie ein unterdrücktes Schluchzen von Jilly hörte. "Niemand will mich Riley", stieß Jilly dann hervor. Sie weinte leise. "Die Pflegefamilien sehen immer über mich weg. Sie mögen meine Vergangenheit nicht." Riley war erstaunt. Ihre "Vergangenheit"? dachte sie. Meine Güte, wie kann denn eine Dreizehnjährige eine "Vergangenheit" haben? Was ist nur los mit den Leuten? "Das tut mir leid", sagte sie laut. Jilly sprach verhalten durch ihre Tränen. "Es ist irgendwie ... na ja, du weißt, es ist ... ich meine, Riley, es scheint so, als wärst du die einzige, die sich etwas aus mir macht." Rileys Kehle wurde eng und ihre Augen stachen. Sie konnte nicht antworten. Jilly sagte, "Kann ich nicht bei dir wohnen? Ich mache auch nicht viele Umstände. Du hast eine Tochter, oder? Sie könnte wie meine Schwester sein. Wir könnten aufeinander aufpassen. Ich vermisse dich." Riley fiel es schwer zu sprechen. "Ich ... Ich glaube nicht, dass das möglich ist, Jilly." "Warum nicht?" Riley war fassungslos. Die Frage traf sie wie eine Kugel mitten ins Herz. "Es ist einfach ... nicht möglich", sagte Riley. Sie konnte Jilly leise weinen hören. "Okay", sagte Jilly niedergeschlagen. "Ich muss jetzt zum Frühstück gehen. Tschüss." "Tschüss" sagte Riley. "Ich rufe bald wieder an." Sie hörte ein Klicken, als Jilly den Anruf beendete. Riley beugte sich über ihren Schreibtisch, die Tränen an ihrem Gesicht herunterlaufend. Jillys Frage hallte ihr immer wieder durch den Kopf. "Warum nicht?" Es gab tausend verschiedene Gründe. Sie hatte schon mit April alle Hände voll zu tun. Ihre Arbeit war aufreibend, sowohl was die Zeit, als auch ihre Energie anging. Und war sie überhaupt dafür qualifiziert oder darauf vorbereitet, sich mit den psychologischen Schäden auseinanderzusetzen, die Jilly erlitten hatte? Natürlich war sie das nicht. Riley wischte sich über die Augen und setzte sich auf. In Selbstmitleid zu versinken würde niemandem helfen. Es war Zeit wieder an die Arbeit zu gehen. Dort draußen starben Mädchen und die brauchten sie. Sie nahm den Ordner und öffnete ihn. Sie fragte sich, ob es an der Zeit war, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. KAPITEL DREI Scratch saß auf der Hollywoodschaukel seiner Veranda und beobachtete die Kinder, die in ihren Halloweenkostümen unterwegs waren. Normalerweise genoss er die "Süßes oder Saures"-Tradition. Aber dieses Jahr schien es eine bittersüße Angelegenheit zu sein. Wie viele dieser Kinder werden in ein paar Wochen noch leben? fragte er sich. Er seufzte. Wahrscheinliches keines von ihnen. Der Tag rückte immer näher und niemand achtete auf seine Nachrichten. Die Hollywoodschaukel knarzte. Ein leichter, warmer Regen fiel und Scratch hoffte, dass die Kinder sich nicht erkälten würden. Er hatte einen Korb mit Süßigkeiten auf dem Schoß und er war sehr großzügig. Es wurde spät und bald würden keine Kinder mehr unterwegs sein. In seinem Kopf beschwerte sein Großvater sich noch immer, auch wenn der griesgrämige, alte Mann schon vor Jahren gestorben war. Und es machte auch keinen Unterschied, dass er jetzt erwachsen war. Er würde nie von den Kommentaren des alten Mannes frei sein. "Sieh dir den da an, in dem Umhang und der schwarzen Plastikmaske", sagte Großvater. "Nennt der das etwa ein Kostüm?" Scratch hoffte, dass er und sein Großvater sich nicht wieder streiten würden. "Er ist als Darth Vader verkleidet, Großvater", sagte er. "Mir ist egal, was zur Hölle er darstellen soll. Das ist ein billiges, gekauftes Kostüm. Wenn ich dich zum "Süßes oder Saures" begleitet habe, dann habe ich auch immer ein Kostüm für dich gemacht." Scratch erinnerte sich an diese Kostüme. Um ihn in eine Mumie zu verwandeln, hatte Großvater ihn in zerrissene Bettlaken gewickelt. Um aus ihm einen Ritter in glänzender Rüstung zu machen, hatte Großvater ihn in einen sperrigen Pappkarton gesteckt, der mit Aluminiumfolie beklebt war und er hatte eine Lanze getragen, die aus einem Besenstiel bestand. Die Kostüme von Großvater waren immer einfallsreich gewesen. Trotzdem erinnerte Scratch sich nicht gerne an diese Halloweens. Großvater würde immer fluchen und sich beschweren, während er ihn in diese Kostüme verfrachtete. Und wenn Scratch wieder nach Hause kam ... dann fühlte er sich für einen Moment wieder wie ein kleiner Junge. Er wusste, dass Großvater immer Recht hatte. Scratch verstand nicht immer warum, aber das war egal. Großvater hatte Recht und er hatte Unrecht. So war es nun einmal. So war es schon immer gewesen. Scratch war erleichtert gewesen, als er zu alt dafür wurde, von Haus zu Haus zu ziehen. Seitdem konnte er auf der Veranda sitzen und Süßigkeiten an die Kinder verteilen. Er freute sich für sie. Er war froh, dass sie ihre Kindheit genießen konnte, auch wenn es bei ihm anders gewesen war. Drei Kinder kamen die Veranda herauf. Ein Junge war als Spiderman verkleidet, ein Mädchen als Catwoman. Sie sahen aus, als wären sie etwa neun Jahre alt. Das Kostüm des dritten Kindes brachte Scratch zum Lächeln. Ein kleines Mädchen, etwa sieben Jahre alt, trug ein Bienenkostüm. "Süßes oder Saures!" riefen sie zusammen und stellten sich erwartungsvoll vor Scratch auf. Er lachte leise und suchte durch den Korb nach Süßigkeiten. Er gab ihnen welche, sie bedankten sich und gingen wieder. "Hör auf denen Süßes zu geben!" knurrte Großvater. "Wann hörst du endlich auf die kleinen Bastarde zu ermutigen? Scratch hatte sich Großvater nun seit einigen Stunden schweigend widersetzt. Er würde später dafür bezahlen. Großvater grummelte noch immer. "Vergiss nicht, wir haben morgen Abend Arbeit vor uns." Scratch antwortete nicht, sondern hörte einfach dem Knarzen der Hollywoodschaukel zu. Nein, er hatte nicht vergessen, was in der nächsten Nacht anstand. Es war eine dreckige Arbeit, aber sie musste getan werden. * Libby Clark folgte ihrem großen Bruder und ihrer Cousine in die dunklen Wälder, die hinter den Gärten der Nachbarschaft lagen. Sie wollte nicht hier sein. Sie wollte sich zu Hause in ihr Bett kuscheln. Ihr Bruder, Gary, führte sie an und leuchtete mit der Taschenlampe. Er sah seltsam aus in seinem Spiderman-Kostüm. Ihre Cousine Denise folgte Gary in ihrem Catwoman-Kostüm. Libby trottete hinter den beiden her. "Kommt schon ihr beiden", sagte Gary und schob sich weiter. Er schlüpfte mit Leichtigkeit zwischen zwei Büschen hindurch, genauso wie Denise, aber Libbys Kostüm war groß und rund und blieb an einigen Zweigen hängen. Jetzt hatte sie etwas Neues, um das sie sich Sorgen machten konnte. Wenn das Bienenkostüm ruiniert wurde, dann würde ihre Mutter einen Anfall bekommen. Libby schaffte es, sich zu befreien und hinter den anderen her zu stolpern. "Ich will nach Hause", sagte Libby. "Geh doch", erwiderte Gary ungerührt und ging weiter. Aber natürlich hatte Libby zu große Angst, um zurückzugehen. Sie waren schon viel zu weit. Sie traute sich nicht alleine zurück. "Vielleicht sollten wir alle zurückgehen", warf Denise ein. "Libby hat Angst." Gary hielt an und drehte sich um. Libby wünschte sich, sie könnte sein Gesicht hinter der Maske sehen. "Was ist los, Denise?" fragte er. "Hast du auch Angst?" Denise lachte nervös. "Nein", sagte sie. Aber Libby wusste, dass sie log. "Dann kommt schon, alle beide", sagte Gary. Die kleine Gruppe bewegte sich weiter. Der Boden war glitschig und matschig und Libby war bis zu den Knien in nassem Gestrüpp. Wenigstens hatte es aufgehört zu regnen. Der Mond zeigte sich langsam durch die dunklen Wolken. Aber es wurde auch kälter und Libby war nicht nur durchnässt, sie zitterte auch und sie hatte wirklich, wirklich Angst. Schließlich öffneten sich die Bäume und Sträucher in eine große Lichtung. Dampf stieg von dem nassen Boden auf. Gary hielt am Rand der Lichtung an und Denise und Libby taten es ihm gleich. "Hier ist es", flüsterte Gary und zeigte vor sich. "Schaut – es ist rechteckig, als hätte hier ein Haus oder sowas stehen sollen. Aber hier ist kein Haus. Hier ist gar nichts. Hier wachsen nicht mal Bäume und Büsche. Nur Unkraut. Weil das ein verfluchter Boden ist. Hier leben Geister." Libby rief sich in Erinnerung, was ihr Daddy gesagt hatte. "So etwas wie Geister gibt es nicht." Trotzdem zitterten ihr die Knie. Sie hatte Angst, dass sie sich in die Hose machen würde. Mommy würde das gar nicht gefallen. "Was ist das?" fragte Denise. Sie zeigte auf zwei Formen, die aus dem Boden kamen. Für Libby sah es aus, wie zwei große Röhren die oben gebogen waren und sie waren fast komplett mit Efeu überwachsen. "Ich weiß nicht", sagte Gary. "Sie erinnern mich an U-boot Periskope. Vielleicht beobachten die Geister uns. Geh und sieh nach, Denise." Denise entfuhr ein ängstliches Lachen. "Geh du doch gucken!" erwiderte sie. "Okay, mach ich", sagte Gary. Gary trat zögerlich auf die Lichtung und ging langsam auf eine der Formen zu. Etwa einen Meter davor blieb er stehen. Dann drehte er sich um und kam zurück zu seiner Cousine und seiner Schwester. "Ich weiß nicht, was es ist", sagte er. Denise lachte wieder. "Weil du gar nicht richtig geguckt hast!" sagte sie. "Habe ich wohl", hielt Gary dagegen. "Gar nicht! Du warst nicht 'mal nah dran!" "Ich war wohl nah dran. Wenn du so neugierig bist, dann geh doch selber hin." Denise sagte darauf erst einmal gar nichts. Dann ging sie in Richtung der Formen. Sie kam ein wenig näher als Gary an die Form heran, aber kam zurück ohne anzuhalten. "Ich weiß auch nicht, was es ist", sagte sie. "Jetzt bist du dran, Libby", bestimmte Gary. Libbys Angst wickelte sich wie Efeu um ihren Hals. "Zwing sie nicht dazu, Gary", sagte Denise. "Sie ist zu klein." "Sie ist nicht zu klein. Sie wird schon groß. Es ist Zeit, dass sie sich auch so verhält." Gary gab Libby einen heftigen Stoß. Sie stolperte auf die Lichtung. Sie drehte sich um und versuchte wieder zurückzugehen, aber Gary streckte seine Hand aus, um sie zu stoppen. "Nee-Nee", sagte er. "Denise und ich sind gegangen. Du musst auch gehen." Libby schluckte hart und drehte sich zu der leeren Fläche mit den zwei gebeugten Formen um. Sie hatte das schleichende Gefühl, dass sie sie ansahen. Sie wiederholte wieder die Worte ihres Daddys. "So etwas wie Geister gibt es nicht." Daddy würde über so etwas nicht lügen. Wovor sollte sie also Angst haben? Außerdem war sie wütend auf Gary, weil er so ein Fiesling war. Sie war fast so wütend, wie sie ängstlich war. Ich zeige es ihm, dachte sie. Mit zitternden Beinen machte sie einen Schritt nach dem anderen über die rechteckige Fläche. Während sie dem metallenen Ding näher kam, fühlte Libby sich tatsächlich mutiger. Als sie sogar weiter war als Denise oder Gary, fühlte sie sich sogar ein wenig stolz. Trotzdem konnte sie nicht sagen, was es war. Mit mehr Mut als sie sich selber zugetraut hätte, streckte sie ihre Hand danach aus. Sie fuhr mit den Fingern zwischen die Efeublätter und hoffte, dass ihre Hand nicht geschnappt werden würde oder gegessen oder noch schlimmeres. Ihre Finger trafen auf ein hartes, kaltes Metallrohr. "Was ist das?" fragte sie sich. Jetzt fühlte sie eine leichte Vibration in der Röhre. Und sie hörte etwas. Es schien von dem Rohr zu kommen. Sie lehnte sich näher heran. Das Geräusch war kaum wahrnehmbar, aber sie wusste, dass sie es sich nicht einbildete. Das Geräusch war echt und es klang wie eine Frau, die weinte und stöhnte. Libby riss ihre Hand zurück. Sie hatte zu viel Angst, um sich zu bewegen, zu sprechen oder sogar zu schreien. Sie konnte nicht einmal Atmen. Es fühlte sich an, wie das eine Mal, als sie von dem Baum gefallen und auf ihrem Rücken gelandet war. Dabei war alle Lauft aus ihren Lungen verschwunden. Sie wusste, dass sie weglaufen musste. Aber sie war wie festgefroren. Es war, als müsste sie ihrem Körper erst befehlen, sich zu bewegen. Dreh dich um und renn, dachte sie. Aber für einige schreckliche Sekunden, konnte sie es nicht. Dann schienen sich ihre Beine wie von selbst zu bewegen und sie rannte zurück zum Rand der Lichtung. Sie hatte panische Angst, dass etwas Schreckliches nach ihr greifen und sie zurückziehen würde. Als sie am Rand der Lichtung ankam beugte sie sich vornüber und schnappte nach Luft. Jetzt erst wurde ihr klar, dass sie die ganze Zeit nicht einmal geatmet hatte. "Was ist los?" fragte Denise. "Ein Geist!" japste Libby. "Ich habe einen Geist gehört!" Sie wartete nicht auf eine Antwort. Sie riss sich los und rannte so schnell sie konnte den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren. Sie hörte ihren Bruder und ihre Cousine hinter sich. "Hey, Libby, Stopp!" rief ihr Bruder. "Warte!" Aber sie konnte nicht aufhören zu rennen, bis sie sicher wieder zu Hause war. KAPITEL VIER Riley klopfte an Aprils Zimmertür. Es war Mittag und es schien höchste Zeit, dass ihre Tochter aufstand. Aber die Antwort war nicht, was sie sich erhofft hatte. "Was willst du?" kam die gedämpfte, mürrische Antwort von innen. "Willst du den ganzen Tag schlafen?" fragte Riley. "Ich bin jetzt wach. Ich komme gleich runter." Mit einem Seufzen ging Riley die Treppe wieder herunter. Sie wünschte sich Gabriela wäre hier, aber sie nahm sich immer etwas Zeit für sich selbst an den Sonntagen. Riley ließ sich auf die Couch fallen. Gestern war April den ganzen Tag mürrisch und distanziert gewesen. Riley wusste nicht, wie sie die unbestimmte Spannung zwischen sich lösen sollte und sie war erleichtert gewesen, als April am Abend zu einer Halloween-Party ging. Da sie im Haus einer Freundin, nur ein paar Blocks entfernt, war, hatte Riley sich keine Sorgen gemacht. Zumindest nicht, bis es schon nach ein Uhr morgens war und von ihrer Tochter noch jede Spur fehlte. Glücklicherweise war April aufgetaucht, während Riley noch überlegte, ob sie nachsehen gehen sollte oder nicht. Aber April war hereingekommen und die Treppe hinaufgestapft, ohne ein Wort mit ihrer Mutter zu wechseln. Und so wie es jetzt aussah, war sie auch an diesem Morgen nicht in der Stimmung, sich zu unterhalten. Riley war froh, dass sie zu Hause war und versuchen konnte herauszufinden, was los war. Sie hatte sich noch nicht entschlossen, den neuen Fall anzunehmen und war noch immer hin und hergerissen. Bill erstattete ihr weiter Bericht, also wusste sie, dass er und Lucy Vargas gestern unterwegs gewesen waren, um das Verschwinden von Meara Keagan zu untersuchen. Sie hatten die Familie befragt, für die Meara gearbeitet hatte, und auch die Nachbarn in ihrem Wohnhaus. Sie hatten keine Spuren gefunden. Heute übernahm Lucy eine generelle Suche und koordinierte einige Agenten, die Flyer mit Mearas Foto verteilten. Bill wollte nicht geduldig abwarten, bis Riley sich entschied, ob sie den Fall annahm oder nicht. Aber sie musste sich nicht sofort entscheiden. Jeder in Quantico wusste, dass Riley morgen nicht verfügbar sein würde. Einer der ersten Mörder, die sie zur Strecke gebracht hatte, würde vor dem Bewährungsausschuss in Maryland erscheinen. Nicht bei dieser Anhörung auszusagen, kam nicht in Frage. Während Riley ihre Möglichkeiten abwog, kam April angezogen die Treppe heruntergestampft. Sie lief in die Küche, ohne ihre Mutter auch nur eines Blickes zu würdigen. Riley stand auf und folgte ihr. "Was haben wir zu essen?" fragte April und sah in den Kühlschrank. "Ich könnte dir Frühstück machen", bot Riley an. "Schon okay. Ich finde was." April nahm ein Stück Käse heraus und schloss die Kühlschranktür. Am Küchentresen schnitt sie sich ein Stück Käse ab und schüttete sich einen Kaffee ein. Sie tat Milch und Zucker in den Kaffee, setzte sich an den Küchentisch und fing an den Käse zu knabbern. Riley setzte sich zu ihrer Tochter. "Wie war die Party?" fragte Riley. "War okay." "Du bist recht spät nach Hause gekommen." "Nein, bin ich nicht." Riley entschied sich nicht darüber zu streiten. Vielleicht erschien es einer Fünfzehnjährigen heutzutage nicht spät, bis ein Uhr Nachts auf einer Party zu sein. Woher sollte sie das wissen? "Crystal hat mir erzählt, dass du einen festen Freund hast", sagte Riley vorsichtig. "Ja", erwiderte April nur und nippte an ihrem Kaffee. "Wie heißt er?" "Joel." Nach einigen Augenblicken der Stille fragte Riley, "Wie alt ist er?" "Keine Ahnung." Riley spürte, wie Wut und Angst in ihr hochstiegen. "Wie alt ist er?" wiederholte Riley. "Fünfzehn, okay? Genau wie ich." Riley war sich sicher, dass April log. "Ich würde ihn gerne treffen", sagte Riley. April rollte mit den Augen. "Meine Güte, Mom. Wann bist du aufgewachsen? In den Fünfzigern oder so was?" Riley war getroffen. "Ich denke nicht, dass das so außergewöhnlich ist", sagte Riley. "Lass ihn doch vorbeikommen. Stell ihn mir vor." April setzte die Kaffeetasse so hart auf dem Tisch ab, dass sie überschwappte. "Warum versuchst du immer, mich zu kontrollieren?" schnappte sie. "Ich versuche nicht, dich zu kontrollieren. Ich möchte nur deinen Freund kennenlernen." April starrte einfach weiter mürrisch in ihren Kaffee. Dann sprang sie plötzlich auf und stürmte aus der Küche. "April!" rief Riley. Sie folgte April durch das Haus. April ging zur Haustür und schnappte sich ihre Tasche, die an der Garderobe hing. "Wo gehst du hin?" fragte Riley. April antwortete nicht. Sie öffnete die Tür, ging hinaus und ließ sie dann hinter sich zuschlagen. Riley blieb verblüfft stehen. Sicherlich würde April sofort wieder zurückkommen. Sie wartete eine ganze Minute. Dann ging sie zur Tür, öffnete sie und sah sich auf der Straße um. Kein Zeichen von April. Riley fühlte den bitteren Geschmack der Enttäuschung im Mund. Sie fragte sich, wie es wieder so weit gekommen war. In der Vergangenheit war es oft schwierig mit April gewesen. Aber nachdem sie drei – Riley, April, und Gabriela – zusammen in dieses Stadthaus gezogen waren, wirkte April sehr viel glücklicher. Sie hatte sich mit Crystal angefreundet und hatte im September einen guten Start in die Schule gehabt. Aber jetzt, nur zwei Monate später, hatte April sich von dem glücklichen Teenager zurück in den mürrischen verwandelt. Hatte ihr PTBS wieder eingesetzt? April litt unter einer verzögerten Reaktion nachdem der Mörder namens Peterson sie eingesperrt und versucht hatte, sie zu töten. Aber seit sie eine gute Therapeutin besuchte, schien sie sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Immer noch in der offenen Tür stehend, nahm Riley ihr Handy aus der Tasche und schrieb April. Komm zurück. Und zwar sofort. Der Text wurde als "versandt" markiert. Riley wartete. Nichts passierte. Hatte April ihr Handy zu Hause gelassen? Nein, das war nicht möglich. April hatte sich auf dem Weg nach draußen ihre Tasche geschnappt und sie ging nirgendwohin ohne ihr Handy. Riley guckte weiter auf ihr Display. Die Nachricht war immer noch als "versandt" markiert, nicht als "gelesen." Ignorierte April ihre Nachricht einfach? In dem Moment war Riley sich plötzlich sicher, dass sie wusste, wohin April gegangen war. Sie nahm einen Schlüssel vom Beistelltisch und trat auf ihre kleine Veranda hinaus. Sie ging die Eingangsstufen ihres Stadthauses hinunter und über den Rasen zum Nachbarhaus, wo Blaine und Crystal wohnten. Wieder starrte sie auf ihr Handy, während sie dort klingelte. Als Blaine die Tür öffnete und sie sah, zeigte sich ein breites Lächeln auf seinen Zügen. "Na so was!" sagte er. "Das ist ja eine Überraschung. Was bringt dich hierher?" Riley stammelte unbehaglich. "Ich habe mich nur gefragt ... Ist April vielleicht hier? Bei Crystal?" "Nein", sagte er. "Crystal ist auch nicht hier. Sie meinte, dass sie zum Café geht. Du weißt schon, ganz hier in der Nähe." Blaine zog besorgt die Augenbrauen zusammen. "Was ist los?" fragte er. "Gibt es ein Problem?" Riley stöhnte. "Wir haben gestritten", erwiderte sie. "Sie ist aus dem Haus gestürmt. Ich hatte gehofft, sie würde herkommen. Ich denke sie ignoriert meine Nachricht." "Komm rein", sagte Blaine. Riley folgte ihm ins Wohnzimmer. Sie setzten sich zusammen auf die Couch. "Ich weiß nicht, was mit ihr los ist", erzählte Riley. "Ich weiß nicht, was mit uns beiden los ist." Blaine lächelte wehmütig. "Das Gefühl kenne ich", nickte er. Riley war ein wenig überrascht. "Wirklich?" fragte sie. "Es sieht immer so aus, als würdest du mit Crystal hervorragend zurechtkommen." "Die meiste Zeit, sicherlich. Aber seit sie ein Teenager ist, haben wir auch unsere Kämpfe." Blaine sah Riley einen Moment mitfühlend an. "Sag's mir nicht", meinte er. "Es hat etwas mit einem festen Freund zu tun." "Scheint so", seufzte Riley. "Sie will mir nichts über ihn erzählen. Und sie weigert sich, ihn mir vorzustellen." Er schüttelte den Kopf. "Sie sind beide in dem Alter", sagte er. "Die Sache mit dem festen Freund ist, als ginge es um Leben und Tod. Crystal hat noch keinen, womit ich kein Problem habe, sie aber schon. Sie ist völlig verzweifelt deswegen." "Ich nehme an, ich war etwa im selben Alter", sagte Riley. Blaine lachte leise. "Glaub' mir, als ich fünfzehn war, konnte ich auch an nichts anderes denken, als an Mädchen. Möchtest du einen Kaffee?" "Sehr gerne, danke. Schwarz bitte." Blaine ging in die Küche. Riley sah sich um und ihr viel wieder einmal auf, wie schön alles dekoriert war. Blaine hatte einen wirklich guten Geschmack. Blaine kam mit zwei Bechern Kaffee wieder. Riley nahm einen Schluck. Er war köstlich. "Ich schwöre, ich wusste nicht, auf was ich mich einlasse, als ich Mutter geworden bin", sagte sie. "Ich nehme an, es hat nicht geholfen, dass ich noch viel zu jung dafür war." "Wie alt warst du?" "Vierundzwanzig." Blaine warf seinen Kopf zurück und lachte. "Ich war jünger. Ich habe mit zweiundzwanzig geheiratet. Ich dachte, dass Phoebe das schönste Mädchen ist, das ich je gesehen habe. Verdammt sexy. Ich habe dabei übersehen, dass sie außerdem manisch-depressiv war und schon damals zu viel trank." Riley horchte interessiert auf. Sie wusste, dass Blaine geschieden war, aber ansonsten nicht viel. Es schien, als hätten Blaine und sie jugendliche Fehler gemeinsam. Für sie war es einfach gewesen das Leben durch die rosarote Brille der physischen Anziehung zu sehen. "Wie lange hat die Ehe gehalten?" fragte Riley. "Etwa neun Jahre. Wir hätten es viel früher beenden sollen. Ich hätte es früher beenden sollen. Ich dachte immer, ich könnte Phoebe retten. Es war eine dumme Idee. Crystal wurde geboren, als Phoebe einundzwanzig und ich zweiundzwanzig war, ein Student in der Kochschule. Wir waren zu arm und zu unreif. Unser nächstes Kind wurde tot geboren und Phoebe hat das nie verwunden. Sie versank im Alkohol. Sie wurde gewalttätig." Blaines Blick war in die Ferne gerichtet. Riley spürte, dass er eine bittere Erinnerung durchlebte, über die er nicht reden wollte. "Als April ankam, war ich gerade im Training zur FBI Agentin", sagte sie. "Ryan wollte, dass ich aufhören, aber ich habe weitergemacht. Er war fest entschlossen, ein erfolgreicher Anwalt zu werden. Nun ja, wir haben beide die Karrieren bekommen, die wir wollten. Wir hatten einfach nichts gemeinsam um langfristig zusammenzubleiben. Wir konnten keine wirkliche Basis für unsere Ehe finden. Riley verstummte unter dem mitfühlenden Blick von Blaine. Es war eine Erleichterung mit einem anderen Erwachsenen darüber reden zu können. Ihr wurde langsam klar, dass es fast unmöglich war, sich in Blaines Gegenwart unwohl zu fühlen. Sie hatte das Gefühl, dass sie mit ihm über alles reden konnte. "Blaine, ich fühle mich hin und hergerissen", sagte sie. "Ich werde gerade dringend an einem wichtigen Fall gebraucht. Aber zu Hause herrscht ein solches Durcheinander. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht genug Zeit mit April verbringe." Blaine lächelte. "Oh, ja. Das alte Arbeit-Familie-Problem. Das kenne ich gut. Glaub' mir, ein Restaurant zu leiten ist unglaublich zeitaufwändig. Zeit für Crystal zu finden, ist eine Herausforderung." Riley sah in Blaines freundliche, blaue Augen. "Wie findest du das richtige Gleichgewicht?" fragte sie. Blaine zuckte mit den Schultern. "Gar nicht", sagte er. "Es ist nie genug Zeit für alles. Aber es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen, weil man das Unmögliche nicht schafft. Glaube mir, deine Karriere aufzugeben ist keine Lösung. Ich meine, Phoebe hat versucht die Mutter zu sein, die zu Hause bleibt. Das hat sie verrückt gemacht. Du musst einfach deinen Frieden damit schließen." Riley lächelte. Das klang nach einer wundervollen Idee – seinen Frieden damit schließen. Vielleicht könnte sie das tun. Es erschien ihr wirklich möglich. Sie streckte ihre Hand aus und berührte leicht Blaines. Er nahm ihre Hand und drückte sie. Riley spürte eine angenehme Spannung zwischen ihnen. Für einen Moment dachte sie, dass sie vielleicht eine Weile hier bei Blaine bleiben könnte, jetzt, wo ihre beiden Kinder anderweitig beschäftigt waren. Vielleicht könnte sie ... Aber noch bevor der Gedanke Form annehmen konnte, spürte sie, wie sie sich von ihm zurückzog. Sie war noch nicht bereit, sich auf diese frischen, neuen Gefühle einzulassen. Sie zog sanft ihre Hand zurück. "Danke", sagte sie. "Ich sollte besser nach Hause gehen. Vielleicht ist April sogar schon wieder da." Sie verabschiedete sich von Blaine. Sobald sie aus der Tür trat, vibrierte ihr Telefon. Es war eine Nachricht von April. Hab' gerade erst deine Nachricht bekommen. Sorry, dass ich mich so verhalten habe. Bin im Café. Bin bald wieder zurück. Riley seufzte. Sie hatte keine Ahnung, was sie darauf antworten sollte. Es schien ihr die beste Lösung zu sein, gar nicht zu antworten. Sie und April würden sich nachher ernsthaft unterhalten müssen. Riley hatte die Haustür noch nicht ganz hinter sich geschlossen, als ihr Telefon wieder vibrierte. Es war ein Anruf von Ryan. Ihr Ex war der Letzte, mit dem sie gerade reden wollte. Aber sie wusste, dass er nur weiter Nachrichten hinterlassen würde, wenn sie nicht mit ihm sprach. Sie nahm ab. "Was willst du, Ryan?" fragte sie kurz angebunden. "Ist das gerade ein schlechter Zeitpunkt?" Riley wollte sagen, dass es immer ein schlechter Zeitpunkt war, soweit es ihn betraf. Aber sie behielt den Gedanken für sich. "Nein, ist schon okay", sagte sie. "Ich habe darüber nachgedacht vorbeizukommen, um dich und April zu sehen", sagte er. "Ich möchte mit euch beiden reden." Riley unterdrückte ein Stöhnen. "Das passt mir gerade nicht wirklich." "Ich dachte du hast gesagt, dass es kein schlechter Zeitpunkt ist." Riley antwortete nicht. Das sah Ryan ähnlich, ihr die Worte im Mund umzudrehen, um sie zu manipulieren. "Wie geht es April?" fragte Ryan, als sie nicht antwortete. Sie konnte gerade noch ein Lachen unterdrücken. Sie wusste, dass er nur versuchte, ein Gespräch in Gang zu bekommen. "Nett, dass du fragst", erwiderte sie sarkastisch. "Es geht ihr gut." Das war natürlich eine Lüge. Aber Ryan in die Probleme zu ziehen, würde die Sache nur noch schlimmer machen. "Hör zu, Riley ...", Ryans Stimme verlor sich. "Ich habe viele Fehler gemacht." Ach was, dachte Riley. Sie schwieg. Nach einem kurzen Augenblick sagte Ryan, "In letzter Zeit läuft es nicht so gut für mich." Riley sagte immer noch nichts. "Na ja, ich wollte nur sichergehen, dass es dir und April gut geht." Riley konnte seine Dreistigkeit kaum fassen. "Es geht uns gut. Warum fragst du? Hat dich eine deiner neuen Freundinnen verlassen, Ryan? Oder läuft es nicht so wie du willst im Büro?" "Du bist zu hart zu mir, Riley." So wie sie das sah, war sie so freundlich, wie sie nur sein konnte. Sie verstand die Situation. Ryan war wahrscheinlich gerade einsam. Die Society-Frau, die bei ihm nach der Scheidung eingezogen war, hatte ihn vermutlich verlassen, oder eine neuere Affäre war schief gegangen. Sie wusste, dass Ryan es nicht aushalten konnte, alleine zu sein. Er würde sich immer als letzten Ausweg an Riley und April wenden. Wenn sie ihn zurückkommen lassen würde, konnte das nur anhalten, bis ihm die nächste Frau ins Auge fiel. Riley sagte, "Ich denke, dass du die Sache mit deiner letzten Freundin wieder in Ordnung bringen solltest. Oder der davor. Ich weiß nicht einmal, wie viele du seit unserer Scheidung durch hast. Wie viele, Ryan?" Sie hörte ein leichtes Nach-Luft-schnappen am anderen Ende. Riley hatte einen Nerv getroffen. "Ryan, um ehrlich zu sein, das ist gerade tatsächlich kein guter Zeitpunkt." Das war die Wahrheit. Sie hatte einen angenehmen Besuch gehabt, bei einem Mann, den sie mochte. Warum das jetzt verderben? "Wann ist dann eine gute Zeit?" fragte Ryan. "Ich weiß es nicht", sagte Riley. "Ich sage dir Bescheid. Tschüss." Sie beendete den Anruf. Während des Gesprächs war sie auf und ab gelaufen. Sie setzte sich hin und atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Dann schickte sie April eine Nachricht. Du solltest besser gleich nach Hause kommen. Es dauerte nur Sekunden, bis eine Antwort kam. OK. Ich bin auf dem Weg. Es tut mir leid, Mom. Riley seufzte. April klang wieder normal. Sie würde vermutlich eine Weile so bleiben. Aber etwas stimmte nicht. Was war nur mit ihr los? KAPITEL FÜNF In seinem spärlich beleuchteten Versteck raste Scratch zwischen den hunderten Uhren hin und her, in seinem Versuch alles vorzubereiten. Es war kurz vor Mitternacht. "Die mit dem Pferd drauf!" rief Großvater. "Die ist eine ganze Minute hinter den anderen!" "Mache ich gleich", erwiderte Scratch. Scratch wusste, dass er so oder so bestraft werden würde, aber es würde besonders schlimm sein, wenn er nicht alles rechtzeitig vorbereiten konnte. Jetzt gerade hatte er mit den Uhren alle Hände voll zu tun. Er stellte die Uhr mit den verschnörkelten Blumen aus Metall, die ganze fünf Minuten nachging. Dann öffnete er eine Standuhr und bewegte den Minutenzeiger nur ein klein wenig nach rechts. Er überprüfte die große Uhr mit dem Hirschgeweih. Sie ging oft nach, aber jetzt schien alles in Ordnung zu sein. Schließlich kam er dazu, die Uhr mit dem steigenden Pferd einzustellen. Das war auch gut so. Sie ging ganze sieben Minuten nach. "Das muss reichen", grummelte Großvater. "Du weißt, was du als Nächstes zu tun hast." Scratch ging gehorsam zum Tisch und hob die Peitsche auf. Es war eine neunschwänzige Katze, die gleiche, mit der Großvater ihn geschlagen hatte – länger als er denken konnte. Er ging zum Ende des Verstecks, das durch einen Maschendrahtzaun abgetrennt war. Hinter dem Zaun waren die vier weiblichen Gefangenen, ohne jeglichen Möbel, außer den hölzernen Feldbetten ohne Matratze. Hinter ihnen war eine Besenkammer, in der sie sich erleichterten. Der Gestank hatte schon vor einer Weile aufgehört, ihn zu stören. Die irische Frau, die er vor einigen Nächten geschnappt hatte, beobachtete ihn vorsichtig. Nach ihrer langen Diät von Wasser und Brotkrumen, waren die anderen ausgemergelt und lethargisch. Zwei von ihnen taten nicht mehr als weinen und stöhnen. Die vierte saß einfach auf dem Boden, in der Nähe der Exkremente, eingesunken und skelettartig. Sie gab keinen Laut von sich. Sie sah kaum noch lebendig aus. Scratch öffnete die Tür zu dem Käfig. Die irische Frau sprang nach vorne und versuchte zu entkommen. Scratch schlug ihr hart mit der Peitsche ins Gesicht. Sie zuckte zusammen und drehte sich weg. Er schlug ihr immer wieder auf den Rücken. Er wusste aus Erfahrung, dass es auch durch ihre zerrissene Bluse ausreichend schmerzen würde, vor allem auf ihren Schwellungen und Schnitten, die er ihr bereits zugefügt hatte. Dann erfüllte ein lautes Tosen die Luft, als all die Uhren gleichzeitig anfingen zu schlagen und Mitternacht anzeigten. Scratch wusste, was er jetzt tun musste. Während der Lärm weiterging, eilte er zu der schwächsten und dünnsten Frau, die eine, die kaum noch lebendig erschien. Sie sah ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Sie war die einzige, die schon lange genug hier war, um zu wissen, was er als Nächstes tun würde. Sie sah fast so aus, als wäre sie dafür bereit, als würde sie es sogar willkommen heißen. Scratch hatte keine Wahl. Er hockte sich neben sie und brach ihr das Genick. Während das Leben ihren Körper verließ, starrte er auf die verzierte, antike Uhr, die gleich auf der anderen Seite des Gitters stand. Ein handgeschnitzter Tod ging auf der Vorderseite hin und her, gekleidet in eine schwarze Robe, sein grinsendes Schädelgesicht unter seiner Kapuze hervorblickend. Er beendete das Leben von Rittern und Königen und Königinnen und Bauern ohne Unterschied. Es war Scratchs' Lieblingsuhr. Der Lärm erstarb langsam. Bald waren nur noch der Chor der tickenden Uhren und das Wimmern der noch lebenden Frauen zu hören. Scratch warf sich die tote Frau über die Schulter. Sie war so federleicht, dass es ihn keinerlei Anstrengung kostete. Er öffnete den Käfig, trat nach draußen, und schloss hinter sich wieder ab. Die Zeit, so wusste er, war gekommen. KAPITEL SECHS Eine ziemlich gute Vorstellung, dachte Riley. Larry Mullins' Stimme zitterte ein wenig. Während er seine vorbereitete Rede vor dem Bewährungsausschuss und den Familien seiner Opfer beendete, klang er, als stünde er kurz vor den Tränen. "Ich hatte fünfzehn Jahre, um zurückzublicken", sagte Mullins. "Kein Tag vergeht, an dem ich nicht mit Reue erfüllt bin. Ich kann nicht zurückgehen und ändern, was passiert ist. Ich kann Nathan Betts und Ian Harter nicht wieder zum Leben erwecken. Aber ich habe immer noch Jahre vor mir, in denen ich einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann. Bitte geben Sie mir die Möglichkeit, das zu tun." Mullins setzte sich. Sein Anwalt reichte ihm ein Taschentuch, und er wischte sich die Augen – auch wenn Riley keine tatsächlichen Tränen sehen konnte. Die Beamtin, die die Anhörung leitete und der Sachbearbeiter unterhielten sich flüsternd. Ebenso taten es die Mitglieder des Bewährungsausschusses. Riley wusste, dass sie bald an der Reihe war auszusagen. Währenddessen studierte sie aufmerksam Mullins' Gesicht. Sie erinnerte sich gut an ihn und dachte, dass er sich nicht sehr verändert hatte. Selbst damals war er gut gepflegt gewesen und hatte gewusst, sich mit einem Gefühl ernsthafter Unschuld zu artikulieren. Wenn er jetzt abgehärteter war, dann versteckte er es hinter einem Ausdruck demütigen Bedauerns. Damals hatte er als männliches Kindermädchen gearbeitet. Was Riley am meisten überraschte, war wie wenig er gealtert zu sein schien. Als er ins Gefängnis kam, war er fünfundzwanzig gewesen. Er hatte noch immer den gleichen, freundlichen, jungenhaften Ausdruck, wie schon damals. Das gleiche konnte man nicht von den Eltern der Opfer sagen. Die beiden Paare sahen aus, als wären sie vorzeitig gealtert und ihr Geist gebrochen. Rileys Herz flog ihnen entgegen, für all die Jahre der Trauer und des Schmerzes. Sie wünschte sich, sie hätte ihnen von Anfang an Gerechtigkeit widerfahren lassen können. Das hatte sich auch ihr erster FBI Partner, Jake Crivaro, gewünscht. Es war einer von Rileys ersten Fällen als Agent gewesen und Jake war ein herausragender Mentor. Larry Mullins war für den Tod eines Kindes auf einem Spielplatz verhaftet worden. Während ihrer Untersuchungen hatten Riley und Jake herausgefunden, dass noch ein weiteres Kind, in einer anderen Stadt, unter fast identischen Umständen gestorben war, während es sich unter Mullins' Aufsicht befand. Beide Kinder waren erstickt worden. Als Riley ihn gestellt, ihm seine Rechte vorgelesen, und ihm Handschellen angelegt hatte, bezeugten sein Grinsen und seine Schadenfreude ihr seine Schuld. "Viel Glück", hatte er sarkastisch zu ihr gesagt. Tatsächlich hatte sich das Glück gegen Riley und Jake gewandt, sobald Mullins verhaftet war. Er hatte immer wieder bestritten die Morde begangen zu haben. Und trotz Rileys und Jakes größtem Bemühen, blieben die Beweise gegen ihn gefährlich dünn. Es war unmöglich gewesen, mit Sicherheit festzustellen, wie die Jungen erstickt worden waren und es konnte keine Mordwaffe sichergestellt werden. Mullins selbst gab nur zu, dass er sie aus den Augen gelassen hatte. Er bestritt, sie ermordet zu haben. Riley erinnerte sich an etwas, das der Staatsanwalt zu ihr und Jake gesagt hatte. "Wir müssen vorsichtig sein, sonst kommt der Bastard davon. Wenn wir versuchen ihn in allen Fällen anzuklagen, verlieren wir den ganzen Fall. Wir können nicht beweisen, dass Mullins die einzige Person ist, die Zugang zu den Kindern hatte, als sie ermordet wurden." Dann kam die Vergleichsverhandlung. Riley hasste diesen Teil. Ihr Hass hatte mit diesem Fall begonnen. Mullins Anwalt hatte einen Deal angeboten. Mullins würde sich für beide Morde schuldig bekennen, aber nicht als vorsätzliche Morde, und seine Strafe würde gleichzeitig abgesessen werden. Es war ein lausiger Deal. Es ergab nicht einmal Sinn. Wenn Mullins die Kinder wirklich getötet hatte, wie konnte er dann gleichzeitig nur fahrlässig gewesen sein? Die beiden Folgerungen schlossen sich aus. Aber der Staatsanwalt sah keine andere Wahl und akzeptierte den Deal. Mullins wurde schließlich zu dreißig Jahren Haft verurteilt, mit der Möglichkeit auf Bewährung oder vorzeitige Entlassung bei guter Führung. Die Familien waren am Boden zerstört gewesen. Sie gaben Riley und Jake die Schuld dafür. Jake war kurz nach diesem Fall in den Ruhestand gegangen, als ein verbitterter und wütender Mann. Riley hatte den Familien der Jungen versprochen, alles zu tun, damit Mullins hinter Gittern blieb. Vor ein paar Tagen hatten Nathan Betts' Eltern angerufen, um sie über die Bewährungsanhörung zu informieren. Die Zeit war gekommen, dass sie ihr Versprechen hielt. Das allgemeine Flüstern erstarb. Die leitende Beamtin Julie Simmons sah zu Riley. "Spezialagentin Riley Paige möchte eine Aussage machen", sagte Simmons. Riley schluckte hart. Der Moment, auf den sie sich fünfzehn Jahre vorbereitet hatte, war gekommen. Sie wusste, dass der Bewährungsausschuss die Beweise kannte, so unvollständig sie auch sein mochten. Es hatte keinen Sinn, sie zu wiederholen. Sie musste einen persönlicheren Appell an sie richten. Riley stand auf und sprach. "So wie ich es verstehe, wird Larry Mullins die Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung gegeben, weil er ein 'vorbildlicher Häftling' ist." Mit einer Spur von Ironie fügte sie hinzu, "Herr Mullins, ich gratuliere Ihnen zu dieser Leistung." Mullins nickte, sein Gesicht zeigte keine Regung. Riley fuhr fort. "'Vorbildliche Führung' – was genau heißt das eigentlich? Es scheint mir, dass es weniger mit dem zu tun hat, was er getan hat, als mit dem, was er nicht getan hat. Er hat keine Gefängnisregeln gebrochen. Er hat sich benommen. Das ist alles." Riley bemühte sich ihre Stimme gleichmäßig zu halten. "Um ehrlich zu sein, bin ich nicht überrascht. Im Gefängnis gibt es keine Kinder, die er töten könnte." Im Saal wurde nach Luft geschnappt und ein Murmeln erhob sich. Mullins' Lächeln verwandelte sich in ein Starren. "Verzeihen Sie", sagte Riley. "Mir ist bewusst, dass Mullins sich nie zu vorsätzlichem Mord bekannt hat, und dass die Staatsanwaltschaft dieses Urteil nie verfolgt hat. Aber er hat sich trotzdem schuldig bekannt. Er hat zwei Kinder getötet. Es ist ausgeschlossen, dass er das mit guten Absichten getan haben kann." Sie hielt einen Moment inne und wählte ihre nächsten Worte sorgfältig. Sie wollte Mullins dazu bringen seine Wut, sein wahres Gesicht zu zeigen. Aber natürlich wusste der Mann, dass er, falls er das tat, seine 'vorbildliche Führung' gefährden und nicht entlassen werden würde. Ihre beste Strategie war es, den Mitgliedern des Bewährungsausschusses klar zu machen, was er getan hatte. "Ich habe Ian Harters leblosen vierjährigen Körper an dem Tag gesehen, an dem er getötet wurde. Er sah aus, als würde er mit offenen Augen schlafen. Der Tod hatte seine Gesichtszüge genommen und es war schlaff und friedlich. Trotzdem konnte man immer noch die Angst in seinen leblosen Augen sehen. Seine letzten Momente auf dieser Erde waren mit Entsetzen gefüllt. Ich wette, dass es für den kleinen Nathan Betts das Gleiche war." Riley hörte, wie beide Mütter anfingen zu weinen. Sie hasste es, diese schrecklichen Erinnerungen wieder aufzuwühlen, aber sie hatte schlicht keine andere Wahl. "Wir dürfen ihre Angst, ihr Entsetzen nicht vergessen", sagte Riley. "Und wir dürfen nicht vergessen, dass Mullins während der Verhandlungen kaum Emotionen und sicherlich kein Anzeichen für Reue gezeigt hat. Seine Reue kam sehr, sehr viel später – wenn sie überhaupt real ist." Riley atmete tief durch. "Wie viele Jahre hat er diesen Jungen genommen, wenn man sie zusammenzählt? Sehr viel mehr als hundert, wie es mir scheint. Er wurde zu dreißig Jahren verurteilt. Er hat nur fünfzehn davon abgebüßt. Das ist nicht genug. Er kann nicht lange genug leben, um all diese verlorenen Jahre zurückzuzahlen." Rileys Stimme zitterte jetzt. Sie wusste, dass sie sich unter Kontrolle halten musste. Sie konnte nicht in Tränen ausbrechen oder vor Wut schreien. "Ist es an der Zeit Larry Mullins zu vergeben? Das überlasse ich den Familien der Jungen. Es geht bei dieser Anhörung nicht um Vergebung. Das ist nicht der Punkt. Viel wichtiger ist, dass er immer noch eine Gefahr darstellt. Wir können nicht riskieren, dass mehr Kinder durch seine Hand sterben." Riley bemerkte, wie einige Leute des Bewährungsausschusses auf ihre Uhren sahen. Sie geriet leicht in Panik. Der Ausschuss hatte bereits zwei andere Fälle an diesem Morgen angehört und würde vier weitere vor dem Mittagessen anhören müssen. Sie wurden ungeduldig. Riley musste die Sache sofort abschließen. Sie sah sie direkt an. "Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte Sie inständig dieser Bewährung nicht zuzustimmen." Dann sagte sie, "Vielleicht möchte jemand anderes für den Gefangenen aussagen." Riley setzte sich. Ihre letzten Worte waren zweischneidig. Sie wusste sehr gut, dass niemand hier war, um zu Mullins' Gunsten auszusagen. Trotz all seiner 'guten Führung' hatte er nicht einen Freund oder Verteidiger. Weder, dachte Riley, verdiente er einen. "Möchte noch jemand eine Aussage machen?" fragte die leitende Beamtin. "Ich möchte ein paar Worte hinzufügen", meldete sich eine Stimme von der Rückseite des Raumes. Riley schnappte nach Luft. Sie kannte die Stimme gut. Sie wirbelte in ihrem Sitz herum und sah den vertrauten Mann mit der breiten Brust, der hinten im Raum stand. Es war Jake Crivaro – die letzte Person, die sie heute hier erwartet hatte. Riley war erfreut und überrascht. Jake kam nach vorne und nannte seinen Namen und Rang für die Mitglieder des Ausschusses, bevor er sagte, "Ich kann Ihnen sagen, dass dieser Mann ein meisterhafter Manipulator ist. Glauben Sie ihm nicht. Er lügt. Er hat keine Reue gezeigt, als wir ihn geschnappt haben. Was Sie hier sehen ist nur gespielt." Jake ging direkt zu dem Tisch hinüber und lehnte sich zu Mullins. "Ich wette du hast nicht erwartet, mich heute hier zu sehen", sagte er, seine Stimme voller Abscheu. "Das hätte ich um keinen Preis verpasst – du Kinder-mordendes kleines, schlüpfriges Arschloch." Die Beamtin schlug mit ihrem Hammer auf den Tisch. "Ordnung!" rief sie. "Oh, es tut mir leid", sagte Jake ironisch. "Ich wollte unseren vorbildlichen Gefangenen nicht beleidigen. Schließlich ist er jetzt rehabilitiert. Er ist jetzt ein reumütiges Kinder-mordendes, kleines, schlüpfriges Arschloch." Jake stand einfach da und sah auf Mullins hinunter. Riley beobachtete die Gesichtszüge des Gefangenen. Sie wusste, dass Jake sein Bestes tat, um einen Ausbruch von Mullins zu provozieren. Aber das Gesicht des Gefangenen blieb steinern und ruhig. "Herr Crivaro, bitte setzen Sie sich hin", befahl die Beamtin. "Der Ausschuss trifft jetzt seine Entscheidung." Die Mitglieder steckten die Köpfe zusammen und teilten ihre Notizen und Gedanken. Das Flüstern war lebhaft und angespannt. Währenddessen konnte Riley nichts anderes tun, als zu warten. Donald und Melanie Betts weinten. Darla Harter schluchzte, und ihr Mann, Ross, hielt ihre Hand. Er starrte Riley durchdringend an. Sein Blick schnitt durch sie wie ein Messer. Was dachte er über die Aussage, die sie gerade gemacht hatte? Dachte er, dass es ihre Verfehlungen all diese Jahre zurück wieder gutmachte? Der Raum war zu warm und sie fühlte, wie ihr Schweiß ausbrach. Ihr Herz schlug ängstlich. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Gruppe sich wieder trennte. Eines der Mitglieder flüsterte der Beamtin etwas zu. Sie drehte sich zurück und wandte sich wieder an die versammelten Menschen. "Bewährung ist abgelehnt", sagte sie. "Lassen Sie uns mit dem nächsten Fall fortfahren." Riley keuchte bei der Direktheit der Frau unwillkürlich auf, als wäre der Fall nichts anderes als ein Strafzettel für Falschparken. Aber sie ermahnte sich, dass der Ausschuss nur in Eile war, mit den restlichen Fällen des Morgens fortzufahren. Riley stand auf und beide Pärchen kamen auf sie zugeeilt. Melanie Betts warf sich in Rileys Arme. "Oh, danke, danke, danke, ..." sagte sie immer wieder. Die anderen drei Eltern reihten sich um sie, lächelten durch ihre Tränen und sagten immer wieder 'Danke.' Sie sah, dass Jake vor dem Saal im Flur stand. Sobald sie konnte, ließ sie die Eltern stehen und rannte auf ihn zu. "Jake!" rief sie, während sie ihm eine Umarmung gab. "Wie lange ist es her?" "Zu lange", sagte Jake mit seinem schiefen Lächeln. "Ihr Kinder schreibt nie und ruft nie an." Riley seufzte. Jake hatte sie immer wie eine Tochter behandelt. Und er hatte Recht, dass sie hätte in Kontakt bleiben sollen. "Also, wie geht es dir?" fragte sie. "Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt", erwiderte er. "Beide Knie und eine Hüfte wurden ausgetauscht. Meine Augen sind hinüber. Ich habe ein Hörgerät und einen Schrittmacher. Alle meine Freunde, außer dir, sind draufgegangen. Wie denkst du, dass es mir geht?" Riley lächelte. Er war stark gealtert, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Trotzdem sah er bei weitem nicht so gebrechlich aus, wie er sich selber darstellte. Sie war sich sicher, dass er immer noch seinen Job machen könnte, wenn er gebraucht würde. "Nun, ich bin froh, dass du sie überreden konntest dich hier hereinzulassen", sagte sie. "Das sollte dich nicht überraschen", sagte Jake. "Ich bin ein mindestens so guter Redner wie dieser Bastard Mullins." "Deine Aussage hat wirklich geholfen", sagte Riley. Jake zuckte mit den Achseln. "Ich wünschte, ich hätte ihn zu einem Ausbruch bewegen können. Es wäre schön gewesen zu sehen, wie er vor dem Ausschuss die Beherrschung verliert. Aber er ist kälter und klüger, als ich ihn in Erinnerung habe. Vielleicht hat der Knast ihm das beigebracht. Wie auch immer, wir haben auch so eine gute Entscheidung bekommen. Vielleicht bleibt er jetzt endgültig hinter Gittern." Riley schwieg einen Moment. Jake warf ihr einen neugierigen Blick zu. "Gibt es etwas, das du mir nicht sagst?" fragte er. "Ich fürchte, es ist nicht so einfach", seufzte Riley. "Wenn Mullins weiter Punkte für gutes Verhalten sammelt, dann wird seine vorzeitig Entlassung im nächsten Jahr wahrscheinlich unumgänglich. Es gibt nichts, was du oder ich oder sonst irgendjemand dagegen tun kann." "Verdammt", sagte Jake und sah dabei genauso bitter und wütend aus, wie vor all den Jahren zuvor. Riley wusste, wie er sich fühlte. Es brach ihr das Herz sich vorzustellen, dass Mullins freigelassen wird. Der heutige Sieg schien sehr viel bitterer als süß. "Nun, ich muss los", sagte Jake. "Es war schön, dich zu sehen." Riley sah traurig zu, wie ihr alter Partner ging. Sie verstand, warum er nicht bleiben und die negativen Gefühle weiter vertiefen wollte. Das war nicht seine Art. Sie machte sich in Gedanken eine Notiz, ihn bald wieder anzurufen. Sie versuchte auch eine positive Seite an dem gerade Geschehen zu finden. Nach fünfzehn langen Jahren hatten die Bettses und Harters ihr endlich vergeben. Aber Riley hatte nicht das Gefühl, ihre Vergebung mehr zu verdienen als Larry Mullins. In dem Moment wurde Larry Mullins in Handschellen aus dem Saal geführt. Er drehte sich zu ihr, lächelte breit und formte seine bösen Worte lautlos. "Bis nächstes Jahr." KAPITEL SIEBEN Riley saß in ihrem Auto auf dem Weg zurück nach Hause, als sie den Anruf von Bill bekam. Sie stellte ihr Telefon auf Lautsprecher. "Was gibt's?" fragte sie. "Wir haben eine weitere Leiche gefunden", sagte er. "In Delaware." "War es Meara Keagan?" fragte Riley. "Nein. Wir haben das Opfer noch nicht identifiziert. Sie sieht aus wie die anderen beiden, nur schlimmer." Riley ließ diese Fakten auf sich wirken. Meara Keagan wurde noch immer gefangen gehalten. Der Mörder könnte auch noch andere Frauen festhalten. Es war so gut wie sicher, dass die Morde nicht aufhören würden. Niemand wusste, wie viele es noch geben würde. Bills Stimme war aufgebracht. "Riley, ich drehe hier durch", sagte er. "Ich weiß, dass ich nicht klar denken kann. Lucy ist eine große Hilfe, aber sie ist immer noch ein Frischling." Riley verstand gut, wie er sich fühlte. Die Ironie war fast spürbar. Hier war sie und machte sich Vorwürfe wegen dem Larry Mullins Fall. Währenddessen war Bill in Delaware und hatte das Gefühl, als hätten seine vergangenen Verfehlungen das Leben einer dritten Frau gekostet. Riley dachte an die Fahrt zu Bill, wo auch immer er gerade war. Es würde vermutlich knapp drei Stunden dauern, dort hinzukommen. "Bist du fertig bei dir?" fragte Bill. Riley hatte sowohl Bill, als auch Brent Meredith informiert, dass sie für die Anhörung in Maryland sein würde. "Ja", sagte sie. "Gut", erwiderte Bill. "Ich schicke einen Helikopter, um dich abzuholen." "Bitte was?" fragte Riley mit einem Luftschnappen. "In deiner Nähe ist ein privater Flugplatz. Ich texte dir die Adresse. Der Helikopter ist wahrscheinlich schon da. Ein Kadett ist an Bord, der dein Auto zurückfahren wird." Ohne ein weiteres Wort beendete Bill seinen Anruf. Riley fuhr schweigend weiter. Sie war erleichtert gewesen, nachdem die Anhörung am Morgen geendet hatte. Sie wollte zu Hause sein, wenn ihre Tochter aus der Schule kam. Gestern hatte es keine weiteren Streits gegeben, aber April hatte auch nicht viel gesagt. Heute Morgen war Riley losgefahren, bevor April aufgewacht war. Aber die Entscheidung war offenbar für sie getroffen worden. Bereit oder nicht, sie würde an dem neuen Fall arbeiten. Das Gespräch mit April würde bis später warten müssen. Aber sie musste nicht lange nachdenken, bevor es ihr richtig erschien. Sie drehte um und folgte den Anweisungen, die Bill ihr geschickt hatte. Die beste Heilung für ihr Gefühl des Versagens war es, einen anderen Mörder zur Strecke zu bringen. Es war an der Zeit. * Riley starrte auf das tote Mädchen, das auf dem hölzernen Pavillonboden lag. Es war ein heller, kühler Morgen. Der Pavillon stand in der Mitte des Marktplatzes der Stadt, umgeben von ordentlich gepflegtem Rasen und Bäumen. Das Opfer sah den Mädchen auf den anderen Fotos erschreckend ähnlich, die Riley von den ersten beiden Opfern gesehen hatte. Sie lag mit dem Gesicht nach oben und war so ausgemergelt, dass sie geradezu mumifiziert wirkte. Ihre dreckigen, zerrissenen Kleider hatten ihr vielleicht einmal gepasst, aber schienen nun auf groteske Weise zu groß zu sein. Sie hatte alte Narben und noch mehr neue Wunden, von etwas, das nach Peitschenschlägen aussah. Riley nahm an, dass es sie etwa siebzehn Jahre alt war, das gleiche Alter der anderen beiden Opfer. Oder vielleicht auch nicht, dachte sie. Schließlich war Meara Keagan vierundzwanzig. Der Mörder könnte seine MO ändern. Das Mädchen war zu eingefallen, um das Alter mit Bestimmtheit sagen zu können. Riley stand zwischen Bill und Lucy. "Sie sieht aus, als wäre sie länger ausgehungert worden als die anderen beiden", bemerkte Bill. "Er muss sie deutlich länger behalten haben." Riley hörte eine Welt von Selbstvorwürfen in Bills Worten. Sie sah ihren Partner an. Die Verbitterung zeigte sich auf seinem Gesicht. Riley wusste, was Bill dachte. Das Mädchen musste noch am Leben und gefangen gewesen sein, als er den Fall untersucht und keine Spuren hatte finden können. Er gab sich für ihren Tod die Schuld. Riley wusste, dass er sich nicht die Schuld geben sollte. Gleichzeitig fiel ihr aber auch nichts ein, was sie sagen konnte, damit er sich besser fühlte. Ihre eigenen Vorwürfe wegen des Larry Mullins Falles hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Riley drehte sich um und nahm ihre Umgebung in sich auf. Von hier aus war das einzige vollständig sichtbare Gebäude das Gerichtsgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite – ein großes Backsteingebäude mit einem Uhrenturm. Redditch war eine charmante kleine Kolonialstadt. Riley war nicht überrascht, dass die Leiche mitten in der Nacht hergebracht werden konnte, ohne dass es jemand bemerkte. Die ganze Stadt hatte tief und fest geschlafen. Der Platz war von Bürgersteigen umgeben, also hatte der Mörder keine Fußspuren hinterlassen. Die örtliche Polizei hatte den Platz abgesperrt und hielt Zuschauer ab. Aber Riley konnte sehen, dass sich an den Absperrbändern einige Reporter versammelt hatten. Sie war besorgt. Bis jetzt hatte die Presse die ersten beiden Morde noch nicht mit Meara Keagans Verschwinden in Verbindung gebracht. Aber mit diesem neuen Mord konnte es nicht lange dauern, bis jemand eins und eins zusammenzählte. Die Öffentlichkeit würde es früher oder später erfahren. Das würde die Ermittlungen deutlich erschweren. Neben ihnen stand der Polizeichef von Redditch, Aaron Pomeroy. "Wie und wann wurde die Leiche gefunden?" fragte Riley ihn. "Wir haben einen Straßenkehrer, der bei Tagesanbruch seine Arbeit beginnt. Er hat sie gefunden." Pomeroy sah erschüttert aus. Er war ein übergewichtiger, alternder Mann. Riley war sich sicher, dass selbst in einer so kleinen Stadt, ein Polizist in seinem Alter ein bis zwei Morde in seiner Laufbahn hatte aufklären müssen. Aber er hatte vermutlich niemals mit etwas so Verstörendem zu tun gehabt. Agentin Lucy Vargas hockte neben der Leiche und betrachtete sie aufmerksam. "Unser Mörder ist erstaunlich selbstbewusst", sagte Lucy. "Wieso meinst du das?" fragte Riley. "Nun ja, er stellt die Leichen für alle zur Schau", sagte sie. "Metta Lunoe wurde in einem offenen Feld gefunden, Valerie Bruner neben einer Straße. Nur etwa die Hälfte aller Serienmörder bringt die Opfer weg vom Tatort. Von denen wiederum nur etwa die Hälfte sie versteckt. Und die meisten Leichen, die leicht auffindbar sind, wurden einfach entsorgt. Diese Art von Zurschaustellung legt nahe, dass er ziemlich eingebildet ist." Riley war zufrieden, dass Lucy so gut aufgepasst hatte. Aber etwas sagte ihr, dass Arroganz zeigen nicht die Absicht des Mörders war. Er versuchte nicht anzugeben oder die Behörden zu verspotten. Er hatte etwas anderes vor. Riley wusste nur nicht genau, was. Aber sie war sich sehr sicher, dass es etwas damit zu tun hatte, wie die Leichen drapiert wurden. Es wirkte sowohl unbeholfen, als auch absichtlich. Der linke Arm des Mädchens war gerade über ihrem Kopf ausgestreckt. Ihr rechter Arm war ebenfalls gerade, aber leicht zu einer Seite ihres Körpers geneigt. Selbst der Kopf, mit seinem gebrochenen Genick, war gerade gerückt worden, um so gut wie möglich auf einer Linie mit dem Körper zu sein. Riley dachte an die Fotos der anderen Opfer. Sie bemerkte, dass Lucy ein Tablet in der Hand hielt. Riley bat sie, "Lucy, kannst du die Fotos der anderen beiden Leichen aufrufen?" Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Lucy das Gewünschte gefunden hatte. Riley und Bill stellten sich neben Lucy, um sich die beiden Fotos anzusehen. Bill zeigte und sagte, "Metta Lunoes Leiche ist das Spiegelbild von dieser hier – rechter Arm ausgestreckt nach oben, linker Arm ausgestreckt zur Seite. Valerie Bruners rechter Arm war ausgestreckt, aber ihr linker Arm war nach unten zeigend auf ihrem Körper." Riley bückte sich nach unten, nahm das Handgelenk des Opfers und versuchte es zu bewegen. Der ganze Arm war unbeweglich. Die Totenstarre hatte voll eingesetzt. Sie würden den Gerichtsmediziner brauchen, um den exakten Todeszeitpunkt zu bestimmen, aber Riley war sich sicher, dass das Mädchen schon mindestens neun Stunden tot war. Und wie die anderen Mädchen, war sie kurz nach ihrem Tod an diesen Ort gebracht worden. Je länger sie hinsah, desto mehr nagte etwas an Riley. Der Mörder hatte sich große Mühe gegeben, die Leiche genau so zu drapieren. Er hatte die Leiche über den Platz getragen, diese sechs Stufen hinauf, und hatte sie hier präzise abgelegt. Trotzdem ergab die Position keinen Sinn für sie. Die Leiche war nicht auf einer Linie mit den Pavillonwänden. Sie stand in keiner Beziehung zu der Öffnung des Pavillons oder dem Gerichtsgebäude oder sonst etwas, das Riley sehen konnte. Sie schien in einem zufälligen Winkel abgelegt zu sein. Aber dieser Typ geht nicht wahllos vor, dachte sie. Riley spürte, dass der Killer versuchte, etwas mitzuteilen. Sie hatte nur keine Ahnung, was das sein könnte. "Was hältst du von den Posen?" fragte Riley Lucy. "Ich weiß es nicht", erwiderte Lucy. "Nicht viele Mörder positionieren ihre Opfer. Es ist seltsam." Sie ist wirklich noch sehr neu in diesem Job, dachte Riley bei sich. Lucy hatte noch nicht verstanden, dass diese seltsamen Fälle genau die waren, zu denen sie immer gerufen wurden. Für erfahrene Agenten, wie Riley und Bill, war das Ungewöhnliche mittlerweile betäubend normal. Riley sagte, "Lucy, lass uns einen Blick auf die Karte werfen." Lucy rief die Karte auf, die anzeigte, wo die anderen beiden Leichen gefunden worden waren. "Die Leichen wurden in einem recht engen Umkreis abgelegt", sagte Lucy und zeigte auf das Tablet. "Valerie Bruner wurde weniger als zehn Meilen von Metta Lunoes Fundort entfernt entdeckt. Und dieser hier ist weniger als zehn Meilen von Valerie Bruners entfernt." Riley konnte sehen, das Lucy Recht hatte. Allerdings war Meara Keagan einige Meilen weiter nördlich verschwunden, in Westree. "Sieht jemand eine Verbindung zwischen den Orten?" fragte Riley Bill und Lucy. "Nicht wirklich", sagte Lucy. "Metta Lunoes Leiche war in einem Feld vor Mowbray. Valerie Bruners neben einer Landstraße. Und diese hier ist mitten in einer Kleinstadt. Es ist fast so, als würde der Mörder nach Orten suchen, die nichts gemeinsam haben." In dem Moment hörte Riley einen der Zuschauer rufen. "Ich weiß, wer es war! Ich weiß, wer es war!" Riley, Bill, und Lucy drehten sich gleichzeitig um. Ein junger Mann winkte und rief hinter der Absperrung. "Ich weiß, wer es war!" rief er wieder. KAPITEL ACHT Riley sah sich den rufenden Mann genau an. Sie konnte sehen, dass weitere Leute neben ihm nickten und zustimmend murmelten. "Ich weiß, wer es war! Wir wissen alle, wer es war!" "Josh hat recht", sagte eine Frau neben ihm. "Es muss Dennis gewesen sein." "Der ist ein Psychopath", sagte ein anderer Mann. "Der Typ war schon immer eine tickende Zeitbombe." Bill und Lucy eilten auf die Absperrung zu, wo der Mann weiter rief, aber Riley behielt ihre Position. Sie rief einem der Polizisten neben dem Absperrband zu. "Bringen Sie ihn her", sagte sie, auf den Mann zeigend, der nicht aufhörte zu rufen. Sie wusste, es war wichtig, ihn von der Gruppe zu trennen. Wenn jeder anfing seine Geschichte dazuzugeben, wäre die Wahrheit unmöglich zu entwirren. Wenn überhaupt Wahrheit in dem lag, was jeder rief. Außerdem fingen die Reporter an, sich um ihn zu schaaren. Riley hatte nicht vor, ihn vor ihren Nasen zu befragen. Der Polizist hob das Absperrband an und brachte den Mann zu ihnen. Er rief immer noch, "Wir wissen alle, wer es war! Wir wissen alle, wer es war!" "Beruhigen Sie sich", sagte Riley, nahm in am Arm und führte ihn weit genug weg von den anderen, um ungehört mit ihm sprechen zu können. "Fragen Sie jeden nach Dennis", sagte der aufgebrachte Mann. "Er ist ein Einzelgänger. Er ist seltsam. Er macht den Mädchen Angst. Er nervt die Frauen." Riley nahm ihren Notizblock heraus und Bill tat es ihr gleich. Sie sah eindringliches Interesse in Bills Augen. Aber sie wusste, dass sie die Sache langsam angehen lassen mussten. Sie wussten noch so gut wie nichts. Außerdem war der Mann so aufgebracht, dass Riley seinem Urteil nicht traute. Sie musste es von jemandem hören, der neutraler war. "Wie ist sein voller Name?" fragte Riley. "Dennis Vaughn", sagte der Mann. "Sprich du weiter mit ihm", sagte Riley zu Bill. Bill nickte und machte sich weiter Notizen. Riley ging zurück zum Pavillon, wo Polizeichef Aaron Pomeroy noch immer neben der Leiche stand. "Chief Pomeroy, was können Sie mir über Dennis Vaughn sagen?" Riley konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass der Name ihm nur zu vertraut war. "Was wollen Sie über ihn wissen?" fragte er. "Denken Sie, dass er ein Verdächtiger ist?" Pomeroy kratzte sich am Kopf. "Jetzt, wo sie es sagen, vielleicht ist er das. Zumindest sollte man wahrscheinlich mit ihm reden." "Warum das?" "Nun ja, wir haben seit Jahren Probleme mit ihm. Exhibitionismus, unzüchtiges Verhalten, diese Art von Dingen. Vor ein paar Jahren war es Voyeurismus und er hat Zeit im Psychiatrischen Zentrum Delaware verbracht. Letztes Jahr war er besessen von einem Highschool Cheerleader, hat ihr Briefe geschrieben und sie gestalkt. Die Familie des Mädchens hat eine einstweilige Verfügung erwirkt, aber er hat sie ignoriert. Also war er sechs Monate im Gefängnis." "Wann wurde er entlassen?" fragte sie. "Im Februar." Rileys Interesse stieg. Dennis Vaughn war aus dem Gefängnis gekommen, kurz bevor die Morde begannen. War das reiner Zufall? "Die Mädchen und Frauen hier fangen an sich zu beschweren", sagte Pomeroy. "Es geht das Gerücht um, dass er Fotos von ihnen macht. Nichts, wofür wir ihn verhaften könnten – zumindest noch nicht." "Was können Sie mir sonst noch sagen?" fragte Riley. Pomeroy zuckte mit den Schultern. "Na ja, er ist ein Gammler. Vielleicht dreißig Jahre alt und noch nie einen Job gehabt, zumindest nicht, dass sich jemand daran erinnern könnte. Hat Familie hier in der Stadt – Tanten, Onkel, Großeltern. Ich habe gehört, dass er in letzter Zeit recht mürrisch ist. Gibt der Stadt die Schuld, dass er ins Gefängnis musste. Er sagt seinen Verwandten immer wieder, 'Eines Tages.'" "'Eines Tages' was?" fragte Riley. "Das weiß niemand. Die Leute nennen ihn eine tickende Zeitbombe. Sie wissen nicht, was er als Nächstes tun könnte. Aber soweit wir wissen, ist er bisher nie gewalttätig gewesen." Rileys Gedanken rasten, im Versuch diese mögliche neue Spur auszuwerten. Unterdessen hatten Bill und Lucy ihr Gespräch mit dem Mann beendet und traten zu ihnen. Bill sah positiv und selbstbewusst aus – ein plötzlicher Wechsel zu seiner niedergeschlagenen Stimmung vorher. "Dennis Vaughn ist definitiv unser Killer", sagte er zu Riley. "Alles was der Kerl uns erzählt hat, passt perfekt auf das Profil." Riley antwortete nicht. Es wäre möglich, aber sie wusste, dass sie keine voreiligen Schlüsse ziehen durften. Außerdem machte die Überzeugung in Bills Stimme sie nervös. Seit sie heute Morgen hier angekommen war, hatte sie das Gefühl, dass Bill sich am Rande unberechenbaren Verhaltens befand. Angesichts seiner persönlichen Gefühle den Fall betreffend und seinen Schuldgefühlen, da er den Fall nicht früher hatte lösen können, war es verständlich. Aber es könnte auch ein ernsthaftes Problem werden. Sie brauchte ihn als sein übliches, solides Selbst. Sie wandte sich an Pomeroy. "Können Sie mir sagen, wo wir ihn finden?" "Sicher", sagte Pomeroy und zeigte auf die Straße. "Gehen sie die Hauptstraße runter, bis sie nach Brattleboro kommen. Dann biegen sie links ab, sein Haus ist das dritte auf der rechten Seite." Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=43692831) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.