Alarm
Alfred Schirokauer




Alfred Schirokauer

ALARM





1


John Rutland warf die Serviette auf den Tisch, der Butler zog den Stuhl unter ihm fort. Das Diner hatte wieder genau 9? Minuten gedauert. Es war die hastige lieblose Mahlzeit eines einsamen Mannes.

Rutland ging zur T?r der Bibliothek. Wisdom, der Butler, ?ffnete sie, der Herr nickte ihm kurz zu, Wisdom fl?sterte: Gute Nacht, Sir, und damit war sein Dienst f?r heute erledigt.

Abend f?r Abend, wenn den leitenden ersten Direktor von Killick & Ewarts, der gr??ten Waffenfabrik und m?chtigsten Schiffsbauwerft Englands, nicht gesellschaftliche Pflichten riefen, schlo? sich um halb neun hinter ihm die T?r der Bibliothek seines stillen Hauses in Egerton Terrace im Viertel Brompton zu London.

Unten im Souterrain sa? geruhsam die Dienerschaft und plauderte. Dem weiblichen Teil des Personals spendete der geheimnisvolle Herr des Hauses einen unersch?pflichen Gespr?chsstoff.

Ich bin ?berzeugt, sagte Amy, das sehr h?bsche Stubenm?dchen, das erst kurze Zeit hier in Stellung war und sich bisher vergeblich bem?ht hatte, einen bewu?t aufmerkenden Blick Rutlands zu erhaschen, ich bin ?berzeugt, er ha?t die Frauen.

Die K?chin Jane, die seit f?nf Jahren hier unten das Regiment f?hrte, sch?ttelte gelassen ihr ?ppiges Doppelkinn.

Unsinn, Kind, wehrte sie, M?nner mit solch guten traurigen Augen hassen uns Frauen nicht. Ich sage, was ich immer gesagt habe, dem hat ein Weib mal sehr b?se mitgespielt. Ich kenne das. In meiner vorigen Stellung 

Und sie berichtete zum f?nfhundertdreiundsechzigsten Male die Geschichte ihrer verflossenen Stellung. Keiner wagte, sie zu unterbrechen. Denn Jane neigte dazu, sehr ungehalten zu werden und darauf hinzuweisen, da? diese behagliche K?che ihr Reich sei, aus dem sie rechtm??ig unliebsame Pers?nlichkeiten ausweisen k?nne. Und darum getraute sich niemand, ihren Redeflu? zu d?mmen.

Amy spielte nerv?s mit den Spitzen ihrer T?ndelsch?rze. Der Chauffeur tat, als ob er gespannt dem M?rchen aus f?nfhundertzweiundsechzig und einer Nacht lausche. Er trug Heiratsgedanken im Busen, bei denen das hochziffrige Sparkassenbuch der K?chin eine gewisse Rolle spielte. Der Butler Wisdom paffte dicke Wolken der Teilnahmslosigkeit aus seiner kurzen Shagpfeife. Er war viel zu erhaben, sich an Dienstbotentratsch aktiv zu beteiligen.

Als Jane ihre Memoiren der fr?heren Stellung beendet hatte, rief Amy erl?st: Aber, das war doch ein ganz alter Mann. Den Fall kann man doch nicht mit unserem hier vergleichen! Das Sonderbare ist doch gerade, da? unser Herr trotz seiner Jugend niemals ausgeht, wenn er nicht bei offiziellen Festlichkeiten das Werk vertreten mu?.

Killick & Ewarts hie?en sie im Hause das Werk.

Nun, so jung ist er grade nicht, fiel der Chauffeur ein wenig eifers?chtig ein. Das h?bsche M?del gefiel ihm nicht ?bel. Leider war bei ihr von einem geladenen Sparkassenbuch nichts bekannt. Seine Vierzig hat er auf dem Buckel. Die Schl?fen sind ja ganz wei?.

Das kommt von der vielen Arbeit, belehrte die K?chin autoritativ. Ich gebe ihm h?chstens f?nfunddrei?ig.

Auch die kaum, stimmte Amy eifrig bei. Diese schlanke Gestalt und der jugendliche Gang und die helle junge Stimme! Und ?berhaupt.

Sie machte eine umfassende verliebte Bewegung mit der kleinen, wohlgepflegten manik?rten Hand, die keine allzu schwere Hausarbeit verriet.

Der Butler rauchte stumm in unnahbarer W?rde. Der Chauffeur begr?ndete, durch Amys offene Neigung aufgestachelt, seine Ansicht, da? der Herr mindestens Vierzig sei.

Er hatte Unrecht. Rutland war vierunddrei?ig. Aber auch die K?chin irrte, wenn sie das Wei? seiner Schl?fen auf seine Arbeit zur?ckf?hrte. Sein Haar war vor sechs Jahren ergraut in drei furchtbaren Tagen und N?chten, die er auf einer Planke im Stillen Ozean getrieben war. Doch davon wu?ten nur er und drei kleine zierliche japanische Perlenfischerinnen, die den Bewu?tlosen an die Felsenk?ste der Insel Kyushu geborgen hatten.  

Die Dienerschaft t?uschte sich auch in dem Glauben, da? ihr Herr von halb neun bis zw?lf in der Bibliothek arbeitete.

Abend f?r Abend kam die Zeit, da Rutland aus den Akten und Papieren, ?ber die er gebeugt sa?, aufschreckte und gehetzte scheue Blicke in die dunklen Ecken des gro?en matterleuchteten Raumes schleuderte. Dann standen dort b?se Erinnerungen und stumme, mahnende Gespenster.

Da sank er in sich zusammen, und das Gedenken finsterer Vergangenheit sauste ?ber ihn hin. Lange kauerte er so, gekr?mmt und gebeugt unter der erbarmungslosen Faust der Geister aus verklungenen Tagen. Bis er sich j?hlings aufraffte, emporsprang, mutig und entschlossen in die d?steren unheimlichen Winkel des Zimmers vordrang, den Spuk zu zertreten. Dann schritt er stundenlang auf und nieder und zwang seine Gedanken mit aller z?hen Energie und Verbissenheit seines Charakters in andere Richtung, die zerm?rbende Erinnerung zu bet?uben.

Diese n?chtlichen Wanderungen in die br?tenden schwarzen Ecken der Bibliothek waren seine furchtbarsten Augenblicke.

In dieser krampfhaften Niederzwingung der Vergangenheit gebar er die titanischen Pl?ne und Ideen, da keimten die Entschl?sse von weltumspannender Weite, die ihn in f?nf Jahren zum gebietenden Leiter dieses englischen Riesenwerkes erhoben hatten. Alles, was er ersonnen hatte, war ein Narkotikum gegen die folternde R?ckschau seines Hirns. Freilich hatte er es k?hl und berechnend im hellen Lichte des folgenden Tages in klug erwogene Tat umgesetzt. Doch erstanden waren diese k?hnen, ?ber alle Kontinente greifenden Projekte aus dem Nachtmar der gespenstisch raunenden Vergangenheit.

Und aus einer leidenschaftlichen, fressenden Sehnsucht!

Es war gegen neun Uhr. Da schlug der Klopfer der Haust?r gegen den metallenen Buckel. Betroffen horchte Rutland auf. Wer klopfte zu dieser Stunde an seine T?r? Eine b?se Ahnung umsp?lte ihm eiskalt das Herz. Er starrte auf die T?r der Bibliothek.

Dort stand Wisdom, der Butler. Er suchte seine pflichtm??ige Gemessenheit und Hoheit zu wahren. Doch in den Augen flackerte eine Erregung, die er nicht zu meistern vermochte.

Eine Dame, Sir, w?nscht Sie zu sprechen, meldete er beherrscht. Aber es schien Rutland, als vibriere seine Stimme.

Es war das erstemal, da? eine Frauenhand an diese Pforte pochte.

Eine Dame? fragte er bezwungen ruhig und f?hlte, wie ihm das Herz in der Brust flatterte.

Ja, Sir. Sie will ihren Namen nicht nennen. Ich soll nur melden: eine Lady. Der Herr w?rde schon wissen.

Eine kurze, belastete Pause.

Dann befahl Rutland mit bem?hter Gleichg?ltigkeit:

F?hren Sie die Dame herein.

Sehr wohl, Sir. Wisdom verneigte sich und ging.

Rutland blickte auf die T?r. Seine H?nde zitterten, trotz aller Anstrengungen, sich in der Gewalt zu halten.

Eine hochgewachsene Frau trat ein, schlank, trotz des dichten Persianerpelzes, der sie umschlo?. Der helle Chinchilla-Kragen war hochgeschlagen und verh?llte Kinn und Mund. Der kleine, tief in die Stirn gedr?ckte Hut verbarg den oberen Teil des Gesichts. Nur die gro?en dunklen Augen waren sichtbar und leuchteten.

Sie blieb an der Schwelle stehen, Rutland schwankte sacht. Wisdom schlo? die T?r. Die Frau stand. Ihre Augen gl?hten in Erwartung.

Da stie? Rutland einen Schrei aus, unbeherrscht und wild, wie ein Jauchzen. Im n?chsten Augenblicke war er an der T?r. Die Frau lag st?hnend vor Gl?ck an seiner Brust. 




2


Sekunden verrannen, erf?llt nur von dem Keuchen der ekstatischen Wiedersehensfreude von Mann und Weib. Er hielt sie umklammert, sie hing matt mit gel?sten Gliedern in seinen Armen, die Schl?fe gegen seine Brust gepre?t, als lausche sie auf den Schlag seines Herzens.

Endlich richtete sie sich mit einem ?chzenden Seufzer der Erf?llung auf, er ?ffnete die Arme. Mit einer br?sken Bewegung, wie ein ungeduldiger Fl?gelschlag, warf sie den Pelz von den Schultern, aus der dunklen Umh?llung sch?lte sich die schmale Geschmeidigkeit ihres weichen biegsamen K?rpers.

Er fa?te ihre Arme unterhalb der Schultern. Hielt sie vor sich. Sie war ihm an Gr??e gleich. Ihre Gesichter standen dicht voreinander, ihr erregungshei?er Atem dampfte sich entgegen. Er saugte mit lechzenden, verdurstenden Augen die Sch?nheit ihrer Z?ge in sich hinein.

Dann zog er sie wieder an sich. Sie pre?te sich gegen ihn, schmiegte sich in ihn ein, er f?hlte jetzt ihren von dem Pelze befreiten K?rper durch das d?nne Seidenkleid hindurch, f?hlte ihr Blut in den Gliedern sieden, f?hlte ihre Glut, ihre Hingabe, ihr sehns?chtiges Entgegenstr?men. Die j?h erf?llte jahrelange Sehnsucht, das urpl?tzlich befriedigte Verlangen nach ihr bet?ubte ihn, ?berflutete sein Gehirn. Mit letzter verd?mmernder Kraft ri? er sich von ihr, gab sie frei.

Sein heftiger R?ckzug weckte sie gewaltsam. Sie ?ffnete die Augen weit und blinzelte erstaunt. Dann warf sie mit einem ruckartigen Schleudern des Kopfes die aufgescheuchte Leidenschaft von sich. Mit einer fast schmerzlichen Bewegung ihrer sch?nen gro?en Hand strich sie das Haar aus der Stirn, blau-schwarzes, selbst in der halben Beleuchtung des Zimmers glitzerndes und spr?hendes Haar, das sich in nat?rlichen Locken um den edel geformten Kopf wellte, strich es zur?ck aus der intelligenten Stirn, zur?ck hinter das kleine Ohr-, das in mattrosa Perlmutter aus dem tiefen Schwarz hervorleuchtete.

Wieder seufzte sie mit festgeschlossenen Lippen und stie? den Atem mit einem hellen Laut durch die leicht gebogene k?hne Nase, Erbe ihrer arabischen Ahnen. Die Nasenfl?gel zitterten. Dann lie? sie die Arme schlaff herunterfallen, eine Geste wunder Entt?uschung. Ihre Augen wanderten durch die Bibliothek, feucht schimmerndes Schwarz in zartem, bl?ulich-porzellanenem Schmelze, und sagte mit einer weichen, kosenden, jetzt etwas belegten Altstimme auf deutsch, ihrer Vatersprache: So also wohnst du!

Er nickte fassungslos und befangen. Wie alle klugen Frauen in heiklen best?rzenden Lagen, ?bernahm sie die Haltung und F?hrung. Sie b?ckte sich zu dem Pelze nieder, der auf dem Teppich am Boden lag. Er sprang hinzu, raffte ihn auf, warf ihn ?ber einen Sessel.

Sie setzte sich. Ihr Rock raschelte rauschend in die Stille der Verlegenheit.

Darf ich dir etwas anbieten? fragte er in ihren Lauten, die er als Knabe gelernt hatte. Seine Eltern waren Kinder deutscher Einwanderer in Kalifornien.

Sie sch?ttelte den Kopf. Es ist besser, deine Dienerschaft sieht mich so wenig als m?glich, sagte sie, und ihre Stimme hatte jede Schwingung der Erregung verloren. Gib mir eine Zigarette.

Er reichte ihr das silberne K?stchen. Sie klemmte das Mundst?ck zwischen starke aufblitzende Z?hne und bot dem Streichholz, das er ihr hielt, die Lippen hin. Das Licht der kleinen rotblauen Flamme beleuchtete ihr Gesicht, die schmalen ovalen Wangen, den k?stlichen Mund, das selbstbewu?te Kinn, den wei?en Hals mit den durchschimmernden violetten Adern, die langschattigen Wimpern. Es schien ihm, als dringe in der Helle des pl?tzlichen Lichtes auch ihr Duft, diese Mischung von diskretem Parf?m und Ausstr?mung ihres Haares und ihrer Haut st?rker, verwirrender auf ihn ein.

Das Streichholz erlosch. Sie blies d?nne blaugraue Strahlenschwaden durch die Nase und sah stumm aus enggezogenen, sinnlich pr?fenden Augenschlitzen zu ihm hin?ber. Er f?hlte wieder die Verf?hrung ihn umfangen. Begehren ri? ihn zu der Frau, nach der er sechs Jahre verzehrend verlangt hatte.

Er warf sich ihr gegen?ber in einen Sessel und umkrampfte die Armlehnen, als suche er Fesseln gegen seine W?nsche und Bet?rung.

Wie kommst du hierher? fragte er. Doch er mu?te sich r?uspern, die Sperrungen aus der Kehle r?umen, ehe verst?ndliche Worte kamen.

Wir sind hierher an die Botschaft versetzt. Der Herzog ist erster Botschaftsrat, Vertreter des Gesandten geworden.

Er machte eine Bewegung mit dem Kopfe, als fange er ihre Nachricht aus der Luft auf.

Sie fuhr fort: Gestern sind wir aus Madrid eingetroffen.

Er schwieg. 

Da sprach sie weiter: Mein Mann ist heute abend dienstlich beim Botschafter. Da habe ich die erste Gelegenheit benutzt  

Sie l?chelte, sah pl?tzlich lieb und m?dchenhaft aus unter diesem L?cheln, das die Unendlichkeit ihrer Liebe blo?stellte.

Ich danke dir, sagte er verstehend, r?ckte den Stuhl dicht an sie heran, da? ihre Glieder sich ber?hrten, und reichte ihr die Hand. Sie umspannte sie fest. Und da flammte sie auf.

Du, fl?sterte sie, John, sei ehrlich zu mir. Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Endlos. Wenn du mich nicht mehr liebst, sag es offen. Ich habe mich ver?ndert, ich wei?. Ich bin alt und h??lich geworden unter dieser zerreibenden Sehnsucht nach dir. Wenn man eine Frau mit neunzehn zuletzt gesehen hat  

Jetzt l?chelte er. Sein gerades scharfes Gesicht, das herbe Gesicht eines gro?en Konzernmenschen, quer und kantig, war mit einem Male jung und entspannt. Als habe eine Hand dar?ber gewischt, alle Runen und Runzeln getilgt, tauchte w?hrend dieses kurzen L?chelns ein h?bsches schalkhaftes Jungengesicht unter der Maske des gro?en ernsten Chefs einer Weltfirma hervor.

Du bist sch?ner geworden und lockender, bekannte er. Dann erloschen die Z?ge des Sportjungen, und im Sessel sa? wieder der erstarrte Lenker der gewaltigsten Waffenfabrik und Schiffswerft dieser Erde.

Es war, als sei wieder der Vorhang gefallen ?ber das kurze Aufflackern einer erstickten Innigkeit und N?he.

Doch sie zwang sich mutig vorw?rts. Sie wollte zu ihm hindurchdringen.

Du hast es weit gebracht, raunte sie und versuchte abermals ihr zauberbelebtes L?cheln.

Er machte eine schroffe, abweisende Bewegung mit der Hand.

Es ist alles nur Verzweiflung, pre?te er hervor.

Sie bog sich im Sessel noch dichter an ihn heran.

Verzweiflung? Wor?ber?

Um dich!

Die Worte flammten auf, wie ein lauter Aufschrei, obwohl er kaum fl?sterte. Sie schlugen Angelita in den Stuhl zur?ck. Sie lag gegen die Lehne mit geschlossenen, zuckenden Lidern. Die Zigarette in ihrer Hand qualmte mit einem d?nnen blauen Rauchstreifen, der kerzengrade zur H?he stieg. Ihre Lippen bewegten sich lautlos.

Da f?gte er leise hinzu: Mein Leben war nur Sehnsucht nach dir, meine Arbeit Bet?ubung.

Sie hatte ihre Rechte von ihm losgerissen. Jetzt tastete sie wieder nach ihm, umklammerte ihn und schwieg. Die Zigarette verbrannte ihre Finger. Sie warf den glimmenden Stummel in die Schale.

Dann kamen die Worte leise, singend fast:

Ich wu?te, da? du mich nicht mehr hassest. Ich f?hlte es. Schon lange, lange. Ich habe diese Versetzung nach London betrieben. Ich ging an meiner Sehnsucht zugrunde.

Er beugte sich ?ber ihre Hand und pre?te lange seine Lippen auf die duftende hei?e Haut.

Ich habe dich nie geha?t, bekannte er.

Doch, beharrte sie, den Kopf gegen die hohe Lehne des Stuhles zur?ckgeschmiegt. Damals in Tokio hast du mich geha?t. W?re ich nicht feige gewesen, h?tte ich dich get?tet. Nein, es war nicht Feigheit. Es war auch nicht Ha?. Es war alles nur Liebe, diese Liebe zu dir, die alles birgt, was an mir lebt und atmet.




3


In Tokio hatten sie sich kennengelernt.

Rutland f?hrte damals das k?mmerliche Dasein eines Gelegenheitsdolmetschers, suchte seine englischen, deutschen, spanischen und japanischen Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen. Diesen Mann traf er nach vielen Wochen des Elends in der d?steren Halle des Imperial-Hotels, dieses bedr?ckend w?sten, planlosen Zyklopenbaues.

Es war Septimus Egan, der Japanvertreter von Killick & Ewarts. Der Dolmetscher mit den tragischen Augen, den wei?en Schl?fen und dem Gesicht eines Drei?igj?hrigen gefiel ihm. Besser noch gefiel ihm sein intelligentes Japanisch.

Mann, wo haben Sie das her? fragte Egan perplex.

Ich habe es gelernt, erwiderte Rutland lakonisch und so abschlie?end, da? der gro?e Vertreter der Weltfirma keinen weiteren Aufschlu? zu fordern wagte. Er verhandelte just wegen der Lieferung dreier Schlachtkreuzer an die japanische Marine. Die Auftr?ge gingen durch viele Instanzen, langsam, schwerf?llig, mit unendlichem Zeitverlust und aufreibender Saumseligkeit, wie jeder beh?rdliche Weg in Nippon. Auf dieser langen Route war mancher, der nicht englisch sprach. Egan hatte bislang seinen japanischen Dolmetschern wenig vertraut. In Unterhandlungen mit der Regierung waren sie weder unparteiisch noch zuverl?ssig. Mit Freuden griff er die Dienste dieses jungen verschlossenen wei?en Mannes auf.

Sie sind Amerikaner? fragte er.

Nein, Engl?nder, sagte Rutland.

Egan stutzte. Der Mann sprach doch das Englisch eines Weststaatlers von Nordamerika. Irgend etwas schien ihm verd?chtig. Er beobachtete ihn scharf diese erste Zeit. Seine Menschenkenntnis erkannte sehr bald die Treue und Ehrlichkeit Rutlands und eine erstaunliche T?chtigkeit im Verhandeln mit diesen verschlagenen hartn?ckigen kleinen gelben Leuten sowie eine verbl?ffende Kenntnis und Erfahrung in Dingen der Kriegsschiffe, Gesch?tze, Ausr?stung.

Woher wissen Sie das alles? fragte Egan und starrte dem schweigsamen Manne in die traurigen grauen Augen.

Ich war im Kriege auf einem Hilfskreuzer!

Auf welchem?

Der Macedonia. Es klang Egan irgendwie unwahr, Rutland hatte einen Herzschlag lang gez?gert, ehe er den Namen seines Schiffes nannte.

Sind Sie denn Seemann?

Ja, Mr. Egan. Er griff in die Tasche und zeigte seine Papiere. Sie waren zerrissen und vom Seewasser verwaschen. Denn, erl?uterte er b?ndig, den Handelsdampfer, auf dem er gefahren war, hatte der Taifun gegen die Klippen Japans geworfen. Die Papiere waren in Ordnung. Erster Offizier John D. Rutland auf dem Handelsdampfer Nancy, Heimathafen Liverpool.

Und dennoch ward Egan in diesen ersten Wochen das Gef?hl nicht los, da? irgendein tragisches Geheimnis hinter seinem Dolmetscher stehe. Unter der Hand erkundigte er sich bei der britischen Botschaft in Tokio nach dem Untergang des Handelsdampfers Nancy. Es stimmte. Von dem ?berlebenden Ersten Offizier J. D. Rutland wu?te man dort freilich nichts. Aber das wollte wenig besagen. Engl?nder waren keine Anh?nger amtlichen Meldewesens.

Mit der Zeit wurden die M?nner intimer, und Egans Argwohn schwand. Sie wurden Freunde. Doch immer blieb Rutland einsilbig und zur?ckhaltend. Nie sprach er von sich und seiner Vergangenheit. Da Egan ein Mann war, den die Vergangenheit weit weniger interessierte als die Gegenwart und Zukunft, tat Rutlands Schweigsamkeit ?ber sich ihrem guten Verh?ltnisse keinen Abbruch. Er war in Japan, Gesch?fte zu machen und Geld zu verdienen, gro?e Gesch?fte und gro?es Geld. Hierbei hatte er einen genialen Helfer und K?nner gefunden. L?ngst war Rutland nicht nur sprachgewandter Dolmetscher, sondern Berater und Kampfgenosse. Egan beteiligte ihn, er lie? ihn an seinen reichen Gewinnen teilnehmen. Er f?hrte ihn, den die Kleidung, die er sich jetzt leisten konnte, in einen vollendeten Weltmann verwandelt hatte, in die diplomatischen Kreise ein, in denen er, eins der angesehensten Mitglieder der europ?ischen Kolonie, verkehrte. Der stille Mann mit dem sch?nen energischen Gesicht fand begeisterte Aufnahme unter den Damen des Gesandtenviertels.

Auf dem Tennisplatze der englischen Botschaft begegnete er der Gattin des Ersten Sekret?rs der spanischen Botschaft, der Herzogin Angelita Breton de Los Herreros.

Sie spielten gegeneinander in dem Tourniere des diplomatischen Korps, beide Meister des Raketts. Aus dem Spiele wurde fanatischer Ernst, erstand eine Liebe, eine Leidenschaft, eine Raserei der Herzen und der Sinne.

Angelita forderte von dem Herzog ihre Freiheit. Seit dreiviertel Jahren war sie sein Weib. Sie ha?te ihn. Seine K?lte hatte in der Tochter des deutschen F?rsten Oybin nie etwas anderes als eine Repr?sentantin seines Namens, ein Mittel seiner Stellung und seines politischen Ehrgeizes gesucht.

Als Antwort auf ihre k?hne Forderung befragte er den Botschaftsarzt, f?rchtete, der tropische Sommer Japans habe ihr Hirn angegriffen. Da floh sie zu dem Geliebten. Klopfte eines gluthei?en Tages an die T?r des kleinen japanischen Hauses, das er in der Torisaka bewohnte.

Er stie? sie von sich, entsetzt, in panischem Schrecken.

Ich kann nicht in eine fremde Ehe einbrechen, wiederholte er immer wieder, starrsinnig wie unter einer Suggestion, unbeugsam.

Da spr?hte in ihr Hohn und Ha? empor.

Feigling, schrie sie ihm entgegen. Du wei?t wohl, da? der Herzog der beste Florettfechter Spaniens ist?

Da zuckte er zusammen. Der Hieb sa?. Er sprach nichts mehr, bis sie ging, nachdem sie ihm ihre t?dliche Verachtung noch einmal ins Gesicht gespien hatte. Ging gebrochen zur?ck zu ihrem Manne und ihrer verlorenen Ehe.




4


In der Bibliothek im Hause der Egerton Terrace zu London schwelte wieder ein Schweigen, das geladen war von ahnender Ergriffenheit und erinnerungsschw?lem Gedenken.

Dann sagte Angelita, ohne sich zu bewegen, ganz leblos: Ich mu? dich etwas fragen, John.

Er neigte kaum merklich den Oberk?rper.

Bitte. Doch er sprach das Wort nicht, es blieb eine pantomimische Geste.

Pl?tzlich erwachte sie aus der Erstarrung, beugte das Gesicht heftig zu ihm hin?ber und sprach lebhaft und eindringlich:

Es hat mich alle diese Jahre gequ?lt. Ich habe gegr?belt und gegr?belt und nie eine Antwort gefunden. Warum hast du mich damals in Tokio zur?ckgesto?en?

Sie fragte es ganz matt, die Stimme wie Sammet, ohne Groll, bebend vor Z?rtlichkeit und Verlangen nach Verstehen.

Er bewegte sich nicht, sa? steif und scheinbar unber?hrt von ihrer leidenschaftlichen Innigkeit. Nur die grauen klaren Seemannsaugen wurden tiefer und dunkler.

Als keine Antwort kam, fuhr sie fort, Liebkosung in der Stimme: Damals nannte ich dich Feigling. Gegen mein Wissen und meine ?berzeugung. Meine grenzenlose Entt?uschung schrie es hinaus, meine verletzte Eitelkeit wollte dir weh tun, mein verwundetes Frauentum wollte dich erniedrigen. Geglaubt habe ich niemals, da? du mich aus Furcht vor dem Herzog abwiesest. Aber warum? Warum? Sag es mir heute!

Seine Augen glitten ?ber sie hin. Und als er sie dicht vor sich sah, zu ihm geneigt, ganz menschlich, ganz weiblich, ganz traut und zu ihm geh?rig, l?ste sich etwas Totes in ihm und schmolz dahin. Die Vereisung dieser langen erfrorenen Jahre taute auf. Da war endlich ein Mensch, der Mensch seines Lebens, der ihn rief, liebend und hingebend, der einzige Mensch auf dieser Erde, der ihm nicht fremd war und bedrohend, dem alles zustr?mte, was in ihm nicht Pflicht und Arbeit war, der Inbegriff war alles Guten und Zarten, alles Gef?hls und alles Gl?cks dieser Welt. Ein Verlangen umkrallte ihn, seine Brust zu erschlie?en, dieses Geheimnis von sich zu schleudern, das ihn umschiente, den Stahlpanzer, der ihn umg?rtete, zu zerschlagen und zu zerfetzen und endlich wieder frei zu atmen, nach dem Bekenntnis. Er ?ffnete die Lippen zur Beichte.

Doch die jahrelange Schulung in der Beh?tung seiner Worte, sein Verstand und seine automatisch arbeitende Vernunft wich von dem geraden Wege des Gest?ndnisses ab, trotzte dem weichen Impulse in seiner Brust.

Ich tat es, sagte er rauh, weil ich damals nichts war und nicht wagte, die Herzogin Breton de Los Herreros an mich zu binden.

Ihr bewegliches Gesicht stutzte in Staunen, dann verengten sich die Augen im Zweifel. Mit einem sanften L?cheln bedeutete sie: So w?re heute diese Hemmung gefallen?

Er schnellte empor. Ging rasch durch das Zimmer.

Dann blieb er vor ihr stehen und stie? fast barsch hervor: Heute verk?rpere ich zu viele und zu wichtige wirtschaftliche Interessen Englands, um mir einen gesellschaftlichen Skandal gestatten zu d?rfen.

Da federte ihr geschmeidiger K?rper auf unter dem Seidenkleide. Ihr Scho? b?umte sich gegen den Rock. Dann lag ihr Leib steif in dem Sessel. Die gro?en dunklen Augen, dieses Erbteil der maurischen Beherrscher Spaniens, mit denen die Mutter sie verband, gl?hten r?tlich auf in einem hei?bl?tigen Zorn und lebten allein in ihrem erbleichten Gesicht. Doch ebenso rasch l?ste sich der Bann der Emp?rung, der K?rper wurde wieder saftvoll und gelenkig, die Augen blickten vers?hnt und voller Liebe zu ihm empor. Mit einem leisen Erschauern, als friere sie pl?tzlich, sagte sie klanglos:

Ich bin nicht zu dir gekommen, um dich zum zweiten Male auf die Probe zu stellen, John. Zeit und Leid d?mpfen. Ich bin nicht mehr die impulsive Frau, die ohne ?berlegung ins Leben hinausl?uft und Gefolgschaft fordert.

Er stand vor ihr und schwieg und f?hlte, wie t?richt, elend, klein und j?mmerlich er dieser Frau gegen?ber war, die heute abend wieder ihre Liebe zu ihm getragen hatte, ohne pr?den Stolz, hoch ?ber jeder Vergeltung f?r die Beleidigung, die er ihr damals angetan hatte. Er rang und k?mpfte mit sich und seinem Geheimnis, w?hrend sie leise weiter sprach:

Ich wollte nichts als dir sagen, da? ich in London bin und  dich  liebe!

Ich liebe dich auch! schrie er unterdr?ckt und verrenkte die Finger.

Ich wei? es, nickte sie. Sonst w?re ich nicht hier.

Warum bist du nie zu mir gekommen, als ich in Madrid war? fragte er unvermittelt. Du mu?t doch geh?rt haben, da? ich dort war  bald nach unserer Trennung in Japan.

Sie sah zu ihm empor. Ja, ich wu?te es, aber damals glaubte ich noch, da? ich dich hasse. Sie l?chelte weh.

Ich war oft vor deinem Palais, bekannte er.

Ich wei?.

Das wei?t du?!

Sie nickte schelmisch. Ich habe dich einmal gesehen. Und dann immer erwartet. Tagelang habe ich am Fenster meines Boudoirs gesessen und auf dich gewartet.

Geliebte ! fl?sterte er ersch?ttert.

Sie hob in einer hilflosen Bewegung beide Arme und lie? sie wieder matt in den Scho? zur?ckfallen. Aber jetzt, John, jetzt wollen wir 

Sie sprang auf. Pl?tzlich standen sie wieder voreinander. Gesicht dicht an Gesicht.

Jetzt will ich wissen, was uns wieder trennt, rief sie inbr?nstig aufflammend. Es schien, als wollten ihre Lebenskr?fte, ihr Ungest?m, ihre blutvolle Lebendigkeit das eng umschlie?ende Kleid sprengen. Durch das lange Leid um dich bin ich so sehr ein Teil von dir geworden  wie mein Kopf  mein Herz. Nichts von dir kann mich mehr beleidigen, so geh?rst du zu mir. Meine Sehnsucht nach dir hat mich in dich hineingebrannt. Nie waren zwei Menschen mehr eins, durch Schmerz und Entbehren zusammengeschwei?t. Ich wei?, es ist etwas au?er dir, das nicht du bist, eine Macht, die st?rker ist als meine Liebe, als deine Liebe, als meine Anziehung, als mein Reiz, meine Ausstrahlung auf dich. Ich m?chte dieses Fremde, dieses t?dlich Feindliche, erw?rgen  morden, wenn es lebte. Aber es ist nichts Lebendiges, Greifbares. Es ist etwas Geisterhaftes. Das f?hle ich.

Sie stand von Leidenschaft gesch?ttelt vor ihm. Jahrelang Gestautes barst aus ihr hervor. Ergebnis von tausend Stunden verzweifelnden, hirnzermarternden Suchens und Gr?belns.

Er f?hlte die lautere Flamme weiblicher Menschlichkeit, die ihm aus ihr entgegenschlug, empfand die reine Glut, in der sie brannte, und  wandte das Gesicht ab.

Ich kann es dir nicht sagen, qu?lte er hervor zwischen festgeschlossenen Z?hnen.

Sie schluckte.

Dann rannte sie wieder mit ihrem vollbl?tigen Temperament gegen das Bollwerk seiner erbitternden Verstocktheit an.

John, rief sie, ich kann nicht glauben, da? es etwas gibt, das du mir nicht sagen kannst. Warum denn nicht? Warum denn blo? nicht?! Ich bin dir doch so nah wie ein Mensch dem andern sein kann. Oder nicht?!

Sie blickte ihn fordernd an und warf mit einem nerv?sen Ruck die Locken hinter das Ohr zur?ck.

Doch, gestand er.

Und dennoch gibt es zwischen uns etwas, das du mir nicht sagen kannst?! Etwas Lebenswichtiges, das immer wieder zwischen uns steht! Nur deshalb will ich es wissen. Ich will mich nicht in Geheimnisse dr?ngen, die mich nicht k?mmern. Aber dieses  dieses W?rgende, Feindliche! Sag es mir, sag es mir! Und wenn du ein Verbrecher w?rst, wenn du gemordet h?ttest  was w?re mir das? Sag es mir doch ganz menschlich  ich verstehe alles  alles, was dich betrifft!

Sie wartete. Er wich ihrem Blicke aus.

Vielleicht warst du noch sehr jung, hast ges?ndigt  was hei?t zwischen uns ges?ndigt?! Ein albernes leeres Wort. Vor mir kannst du nicht ges?ndigt haben. Ich liebe dich, wie du bist  mit allem  mit deiner Vergangenheit, wie sie auch ist. Nur sprich endlich! Hab Vertrauen! Vernichte nicht unser Leben durch eine falsche unselige Scham. La? mich begreifen, warum du mich immer wieder von dir st??t, und la? mich dir dann sagen, da? es nichts an meiner Liebe und meinem Aufgehen in dir ?ndert. Allein finde ich nicht den Schl?ssel zu diesem vernichtenden Geheimnis.

Sie sah, wie er grausam mit sich rang. Da trat sie zu ihm, legte die Hand  sie zitterte  auf seinen Arm und fl?sterte innig:

Es ist nicht Neugier  es ist doch nur Zu-Dir-Geh?ren, Mit-Dir-Sein-Wollen, Mit-Dir-Tragen.

Da war er ?berw?ltigt. Da ri? er sie in die Arme und dicht an ihrem Munde raunte er: Du Herrliche  du Wunder! Ich will es dir sagen. Nichts soll mehr zwischen uns stehen. Setz dich!

Er pre?te sie in den Sessel nieder. Ging, sich sammelnd, durch das Zimmer. Sie wartete, blickte zu Boden in dem Gef?hle, ihn jetzt nicht st?ren, nicht unterbrechen, das Losringen des Bekenntnisses von seiner Seele durch ihre betonte Gegenwart nicht hemmen zu d?rfen.

Er ging mit kleinen Schritten auf und nieder. Seine Brust arbeitete. Fast sieben Jahre trug er wortlos sein tragisches Geschick. Das eingefressene Schweigen scharrte m?hsam nach Worten.

Da schlug die gro?e Standuhr in der Ecke mit ihrem herrlichen Orgeltone zehnmal. Angelita sprang empor. Stand vernichtet  ver?ngstigt.

Ich  mu?  fort, st?hnte sie verzweifelt.

Verwirrt fand er sich zur?ck aus der Qual der Losl?sung von dem Mysterium seines Lebens und starrte sie ohne Verstehen an.

Ich mu? fort, wiederholte sie verst?rt. Der Herzog darf nicht wissen, da? ich das Haus verlassen habe. Er ist fanatisch eifers?chtig.

Er war noch immer so verloren an den Entschlu?, endlich zu sprechen, zu bekennen, da? er nicht begriff.

Ich mu? vorsichtig sein, klagte sie.

Warum gehst du nicht fort von ihm, wenn du ihn nicht liebst? fragte er hart.

Wozu? Eine Ehe besteht nicht zwischen uns. Schon damals in Japan nicht mehr. Wo ich bin, ist doch gleich, wenn ich nicht bei dir bin. Wozu dann Skandal und Aufregungen, Er?rterungen, Mi?helligkeiten?! Wozu? Alles ist doch so gleichg?ltig, wenn ich nicht mit dir leben darf. Alle diese Jahre habe ich nur f?r diese Stunde der Aufkl?rung gelebt.

Sie suchte mit den Augen ihren Pelz. Er holte ihn. W?hrend er ihr beim Anlegen half, fragte er: Wann kommst du wieder?

Ich wei? es nicht. Sobald ich kann. Und dann  wirst du mir alles sagen?

Er nickte schwer.

Ich will es nicht in Eile und Hast h?ren, und dann mit deinem noch warmen Bekenntnis, der h?chsten Gabe deiner Liebe und deines Vertrauens, davoneilen. Ich habe Jahre gewartet. Ich kann noch Tage warten. Ich habe dich nun ja gesehen und gef?hlt und geatmet. Gute Nacht, du geliebter Mensch, der du mein Leben bist!

Da schrie er aufgew?hlt auf, und Tr?nen st?rzten ihm aus den Augen, zum ersten Male, seit er ein Mann geworden war.




5


Angelita war l?ngst gegangen, hinaus in den triefenden gelben Nebel der Londoner Januarnacht. Sie duldete nicht, da? er sie begleitete.

Wir m?ssen vorsichtig sein, so lange ich die Herzogin Breton de Los Herreros bin, l?chelte sie traurig zum Abschied. An der n?chsten Ecke finde ich sicher eine Taxi  nein, la? keine holen.

Sie war gegangen. Die d?stere Bibliothek war wieder leer und stumm, wie sie seit Jahren gewesen war. Doch anders  anders. Ihr Odem lebte zwischen den dunklen W?nden. Es war nicht mehr die Verzweiflungsst?tte eines vergr?mten, verlassenen Mannes, der sich heimlich in Sehnsucht und in spukhafter Erinnerung eines furchtbaren blutigen Tages seiner Vergangenheit aufrieb und zerfleischte. Die Gnade seines Lebens hatte nun dieses Zimmer, dieses Totenhaus geweiht und verkl?rt. Alles war anders geworden, geheiligt und neu belebt.

Rutland sa? wieder an dem Schreibtische vor den Papieren und Akten seines Werkes. Sein Gesicht war gel?st, die Schultern zuckten. Der Panzer seiner Z?ge und seiner Brust war geborsten. Er f?hlte und wu?te, hatte es voll Ohnmacht in jeder Sekunde ihrer Gegenwart empfunden, wie leblos, kalt, brutal und engstirnig er ihrem gro?en hei?en Frauentume gegen?berstand und ihrer r?ckhaltlosen freien Menschlichkeit. Er sch?mte sich seiner schmerzlichen Unzul?nglichkeit. Es war ihm unm?glich gewesen, gleich durch die eiserne Schicht  hart wie die Stahlplatten, die sein Werk fabrizierte , die sein Gef?hlsleben umpanzerte, hindurchzudringen. Er bekannte sich, da? er klein gewesen war, ihrer Gr??e, ihrem gro?z?gigen Allesgew?hren gegen?ber  damals in Japan und heute wieder.

Alle diese Jahre in diesem Hause hatte er nur dieses Wiedersehen erharrt, nur ihm gelebt, ohne Hoffnung, da? es je Wirklichkeit werden k?nne , und als sie gekommen war, hatte die leichenhafte Vergangenheit wieder ?ber die lebensvolle Gegenwart triumphiert.

Er erhob sich und durchma? den Raum.

Sie hatte den Weg gewiesen. Er wollte ihn gehen.

Er wollte beichten, ihr alles bekennen und erkl?ren.

Es w?rde f?r ihn eine Befreiung sein und f?r sie ein Begreifen. Ein tragisches, vielleicht vernichtendes. Sie w?rde dann einsehen, da? von allen Menschen dieser Erde er am unf?higsten war, in eine fremde Ehe hineinzugreifen, er am wenigsten dazu berechtigt war, ja, da? er vor sich und seinem Gewissen ein Recht auf Leben nur beanspruchen konnte, wenn ihm die Ehe das unantastbarste Heiligtum unter allem Heiligen dieser Welt war. Das w?rde sie dann begreifen und erkennen und sein l?hmendes, entmannendes Entsetzen vor jedem leidenschaftsbet?ubten Tasten an fremde Eherechte verstehen und nachempfinden.

Ja, heute konnte er dar?ber sprechen. Heute vielleicht doch. Damals, in Tokio, stand er diesem eben erst erlebten Grauen noch zu nahe, damals bluteten noch alle Wunden. Doch jetzt lag das alles weit zur?ck, vieles war vernarbt. Jetzt wollte er ihr alles erl?utern, erkl?ren und bekennen. 

Als Angelita in ihr Haus in Halkin Street, dicht hinter dem Schlo?garten des Buckingham-Palace, zur?ckkehrte, das sie mit allem Zierat und aller Behaglichkeit von dem Amtsvorg?nger des Herzogs ?bernommen hatten, erwartete Breton sie bereits voller Eifersucht und sch?umender Ungeduld.

Sonst vermi?ten die Eheleute einander nicht, lebten fremd und unbeteiligt Seite an Seite dahin. Doch heute abend hatte der Herzog bei der R?ckkehr von dem Chef nach seiner Gattin gefragt. Er hatte seine triftigen Gr?nde.

Der Botschafter hatte seinem Ersten Rate nahegelegt, seine Besuche in der diplomatischen und gesellschaftlichen Welt m?glichst zu beschleunigen, die Gegenvisiten w?rden sicher umgehend erfolgen, dann sollten er und die Herzogin ihre erste Festlichkeit veranstalten, um rasch in London und der Society warm zu werden.

Aber dieser Wunsch des Botschafters, der ein Befehl an seinen Untergebenen bedeutete, h?tte nicht unbedingt eine Aussprache der Ehegatten zu dieser Abendstunde erfordert. Im Laufe der politischen Debatte, die, nach diesem gesellschaftlichen Wink, zwischen den beiden spanischen Edelleuten einsetzte, ?berreichte der Chef dem Herzog ein Schreiben des Au?enministers in Madrid, das wichtige diplomatische Anweisungen enthielt.

Lesen Sie es ruhig, l?chelte Seine Exzellenz, wenn sich auch einige Bemerkungen ?ber Ihre Gattin und Sie darin finden.

Breton las das umfangreiche amtliche Schreiben.

Er l?chelte geschmeichelt bei dem Passus: Sie werden an dem Herzog eine vortreffliche St?tze finden. Er d?rfte unser bester kommender Mann und Diplomat sein.

Er las mit Gleichg?ltigkeit die Worte: Die reizende, geistvolle und intelligente Herzogin ist sicher ein Gewinn f?r unsere Vertretung in London. Sie d?rfte neben Ihrer hochverehrten Gattin, liebe Exzellenz, die weibliche Anmut und Sch?nheit Spaniens vorteilhaft vertreten.

Er stutzte und beherrschte sich, wie er, der hervorragende Diplomat, sich ?berall beherrschte, au?er in seinem Hause, au?er seiner Frau gegen?ber  ein Gehenlassen, eine Art Ausgleich, den er mit vielen M?nnern des ?ffentlichen Lebens teilte, als ihm aus diesem Briefe die Enth?llung einer kleinen politischen Intrigue entgegen sprang.

?brigens wird die Duquesa sich in London sicher sehr wohl f?hlen. Denn sie ist, wenn ich mich so ausdr?cken darf, die Mutter der Idee, Breton nach London zu schicken. Wir hatten ihn wegen seines fr?heren l?ngeren Aufenthaltes in Japan und der dort gesammelten Erfahrungen eigentlich f?r den ersten Posten in Tokio bestimmt. Aber que femme veut, dieu le veut.

Seine Majest?t bestimmte Breton f?r London  auf eine Anregung der Herzogin hin. Sie hatte auch mir davon gesprochen in ihrer feinen unmerklich verf?hrerischen Art. Ich hatte, wie gesagt, andere Pl?ne. Auf einem Ball im Stadtschlosse ehrte der K?nig sie durch eine Ansprache.

Sie ?u?erte den Wunsch, nach London zu gehen. Und Seine Majest?t in seiner g?tigen Ritterlichkeit sagte zu. Nun, liebe Exzellenz, auch in London k?nnen wir t?chtige Leute brauchen.

Der Herzog verzog keine Linie seines markanten schmalen altaristokratischen Gesichtes.

Ich wollte gern noch einige Zeit unter Ihrer bew?hrten Schulung arbeiten, Exzellenz, ehe ich die Verantwortung eines so wichtigen leitenden Postens ?bernahm, log er gleisnerisch. Meine Frau hat nur meinem Wunsche Ausdruck verliehen. Und ging ?berlegen zur Er?rterung der politischen Anregungen des ministeriellen Schreibens ?ber.

Doch in ihm bohrten und schw?rten die verr?terischen Worte des Leiters der ausw?rtigen Angelegenheiten des K?nigreiches.

Also sie hatte diese ?berraschende, ihm bisher unverst?ndliche, seine Laufbahn hemmende und verz?gernde Mission nach London verursacht! Seine Eifersucht brannte in seinem Gem?te wie Salzs?ure im weichen Fleische. Denn das wu?te er sofort, da? hinter dieser politischen List ein Mann stand. Ein Mann, der sie nach London lockte.

Er liebte Angelita nicht. Hatte sie nie geliebt. Es war f?r ihn eine spanische Konvenienzehe gewesen. Weiter nichts.

Die Breton de Los Herreros waren ein uraltes, aber armes Geschlecht. Ein Breton war schon in der Schlacht von Xeres de la Frontera ruhmreich gefallen, jenem Kampfe, der den Arabern die Herrschaft in Spanien sicherte. Es waren Haudegen gewesen und t?chtige Staatsm?nner, doch keine guten Kaufleute und Erwerber. Selbst jener Breton, der Pizarro in das Goldland Peru begleitet hatte, kehrte  fast als einziger  arm, wie er hingezogen war, in das Vaterland zur?ck.

Angelita war die Tochter des F?rsten Olbrich Oybin aus einem alten deutschen, ehemals reichsunmittelbaren Geschlechte, das im Rheinlande wertvolle Kohlengruben und Montanwerke besa?. Da ihm auch reiche Silber- und Erzminen in den Pyren?en geh?rten, waren von alters her die Beziehungen der Oybin zu Spanien eng und gepflegt gewesen.

F?rst Olbrich hatte im Verfolg dieser spanischen Verbindung eine Tochter des andalusischen Hochadels, die Condesa Geronima de la Matanza heimgef?hrt. Reichtum gesellte sich zu Reichtum. Die Matanza hatten fast zur gleichen Zeit, zu der jener Breton arm wie ein Pilger aus Peru heimgekehrt war, in der Havanna vorsichtiger f?r sich und ihre Nachkommen gesorgt. Sie geh?rten noch heute zu dem beg?tertsten Adel des Landes.

Doch aus den Tagen der Maurenherrschaft haftete diesem Geschlechte ein Makel an. Don Ruiz de la Matanza hatte aus dem feenhaften Lustschlosse Abdul Raman III., aus Medina-Az-Zahra zu Cordoba, diesem M?rchen aus Elfenbein und Ebenholz, eine Tochter des gro?en und weisen Kalifen entf?hrt. Trotz der dreitausendsiebenhundert Pagen und zw?lftausend Eunuchen, die seine sechstausend Lieblingsfrauen bewachten. Seitdem str?mte das orientalische Blut der Omajjaden in den altspanischen Adern der Grafen de la Matanza.

Nach der Vertreibung der Araber aus dem Lande im Jahre 1492 war dieser fremde Einschlag ein Sch?nheitsfehler des Stammbaumes geworden, doch nicht seiner Fr?chte. Er gab den Frauen dieses Geschlechts die sehnsuchtsvollen hei?en Augen, den dunklen Elfenbeinhauch der Haut, die hemmungslose Glut der Sinne und Gef?hle. Er verlieh ihnen die Sch?nheit zweier sch?ner St?mme. In Angelita, der Tochter dieser sch?nen Mutter, kreuzte sich die dritte Rasse, die deutsche.

Ramon Breton de Los Herreros heiratete die Prinzessin Angelita Oybin bewu?t wegen ihres Geldes. Die diplomatische Laufbahn fordert Reichtum. Er war ein ehrgeiziger, zielbewu?ter Streber schon als Zwanzigj?hriger. Er sah Angelitas bizarre Sch?nheit. Sie lockte ihn nicht. Ihre Intelligenz war ihm eher peinlich. Seine eigene Klugheit gen?gte ihm. Mit dieser anspruchsvollen Gabe war er selbst hinl?nglich versehen. Durchtr?nkt von einem durch lange Generationen gen?hrten Familiend?nkel und Adelsstolz war er einer der Wenigen, die heute noch das Araberblut in seinem Weibe als Makel kannten und empfanden. Er sah auf sie von Anfang an, ob dieser uralten Rassenmischung, etwa mit jener t?richten Verachtung herab, die ein hundertprozentiger Yankee gegen den Abk?mmling eines Negers hegt.

Er brachte mit dieser Heirat seinem Ehrgeiz und seiner Karriere ein schweres Opfer. Doch er brachte es, weil sich ihm just keine andere gleich reiche Partie bot.

Angelita liebte den Bewerber, den sie bei einem Besuch ihrer m?tterlichen Verwandten in Spanien kennenlernte.

Sie sah nur den Mann mit den bedeutenden Z?gen und der schillernden Klugheit. Er war damals sechsundzwanzig und hatte bereits einen gewissen Ruf als junger Attach in Berlin erworben. Die Liebe blendete sie noch. Sie sah nicht seine Fehler, seine einseitige Beschr?nktheit, ahnte nichts von der K?hle seines ?beralterten Blutes.

Den Eltern war die Heirat in jeder Hinsicht willkommen.

Das erste Jahr ihrer Ehe bekehrte Angelita zur erbitterten Feindin ihres Mannes. Bald nach der Hochzeit, die mit vielem Pomp in M?hlheim gefeiert wurde, erhielt der Herzog den Posten des Dritten Sekret?rs an der Botschaft in Tokio.

Dort war sie seiner Willk?r preisgegeben, fern der deutschen Heimat, den Eltern, ihren Beziehungen. Sehr bald erkannte sie mit Ersch?tterung seine eisige, egoistische Natur und seine Grausamkeit der lateinischen Rasse. Auch seine leise Verachtung. Ihr stolzes Gem?t emp?rte sich. Hinzu kam, da? er sie als Weib vernachl?ssigte. Er war ein Gehirnmensch ohne Sinne , entartet in jahrhundertlangen Ehen im engsten Kreise verwandten Hochadels. Ein geschlechtlich m?der, erloschener Mann.

Als er sie kaum zum Weibe erweckt hatte, erstarb sein matt aufgeflackertes Verlangen. Sie verlor f?r ihn jede Lockung. Als Mann trennte er sich von ihrem Leben. Sie staunte, begriff nicht, z?gerte lange, ehe sie ihn ?ber sein Meiden befragte.

Ich habe wichtigere Dinge im Kopf als diese Cochonnerien, entgegnete er ver?chtlich.

Sie schwieg, litt und entbehrte. Aus ihrer Unzufriedenheit erwuchs Entfremdung, bald Feindschaft und Ha?.

Und dann trat John Rutland in ihr Dasein. Da forderte sie von dem Herzoge ihre Befreiung. Er schob ihr Ansinnen auf den Einflu? der entnervenden feuchten Hitze des Landes. Vielleicht aus wahrer ?berzeugung, vielleicht aus Diplomatie. Seinem spanischen, stockkatholischen Adelstick d?nkte eine Scheidung eine irre Unm?glichkeit des Standes und des Glaubens.

Er hatte indessen auch sehr weltliche Gr?nde, eine Scheidung seiner Ehe weit von sich zu weisen. Jeder Familienskandal mu?te seiner diplomatischen Laufbahn nachteilig werden. Und dann  mit Angelitas Trennung von ihm verlor er ihr reiches eingebrachtes Gut. Was wurde dann aus seiner kostspieligen Karriere? Er hatte diese Araberin aber nicht auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft, um nach einem Jahr wieder verm?genslos dazustehen. Caramba!

So tat er ihr Verlangen nach Scheidung als Wahnwitz ab.

Doch ihre Forderung hatte seine Eifersucht aufgest?rt. Keine Eifersucht auf ihre Liebe und ihre Person. Auf beides legte er minderen Wert. Doch Eifersucht auf seine Ehre und seinen Namen. Diese Idole bedeuteten ihm neben seiner Karriere, mit der sie eng verkn?pft und verwoben waren, die h?chsten Kostbarkeiten seines Lebens. Aus dieser Anbetung erwuchs auch seine bebende Angst vor dem Skandale.

Seine Eifersucht war mit einem guten Teile Furcht vor Hahnreitum und Schande vermischt. Er war zu klug, nicht zu wissen, da? die treibende Kraft bei dieser Revolte seines Weibes eine Liebe war. Er begriff, da? eine Frau ihre Freiheit nur begehrt, um sie einem anderen zu schenken. Er suchte den Nebenbuhler. Rutland traf sein forschender Argwohn nicht. Ein einfacher Dolmetscher stand f?r seinen Grandenhochmut viel zu tief, um bemerkt zu werden. Er suchte unter den Kollegen der anderen fremden Missionen. Und suchte vergebens.

Sp?ter, in Spanien, ging seine Unrast zur Ruhe. Angelita erschien ergeben und gef?gig. Aber heute abend hatte die Bemerkung im Briefe des Ministers die alte Furcht und Eifersucht sehr unsanft aufger?ttelt.

Als er heimkam und Angelita nicht antraf, erhielt sein Verdacht seine Best?tigung. Jetzt war ihm alles klar. Von damals, von Japan her, schlug sich die Br?cke her?ber nach England. Diese langj?hrige Ruhe und Ergebenheit war nur schlaues Abwarten und tr?gerischer Schein gewesen. Brieflich war sie mit dem Halunken in Verbindung geblieben. Wer war es? Nat?rlich einer, der damals in Tokio gewesen war. Wer von diesen M?nnern war jetzt in London? Er ri? die diplomatischen Jahrb?cher aus den Schr?nken, suchte, pr?fte, verglich.

Da klingelte es unten. Er horchte. Sie kam. Ging die Treppe hinauf zu ihren Zimmern. Er ?ffnete die T?r seines Arbeitsraumes, der im Zwischenstock lag. Er machte nur eine stumme, herrische Bewegung mit dem dunklen Spanierkopfe.

Sie blieb stehen.

Was w?nschst du? fragte sie kalt.

Ich habe mit dir zu sprechen, entgegnete er schroff.

Jetzt?

Jetzt!

Sie trat in das Arbeitszimmer und l?ftete den Pelz von den Schultern.

Wo warst du? fuhr er sie grob an und starrte ihr mit seinen harten, undurchsichtigen schwarzen Augen spionierend ins Gesicht.

Da schien es ihm, als sehe er an ihr eine nicht zu deutende, doch ganz unverkennbare Ver?nderung. In den Augen schimmerte etwas Neues, das er seit Jahren nicht an ihr gesehen hatte. Ein wei?er Funke des Gl?ckes, ein Glanz an Stelle der stumpfen Trauer, die immer wie ein Flor die bl?ulichen Aug?pfel umh?llt hatte, funkelte ihm entgegen.

Sie setzte sich und warf den Pelz mit einer harmlos tuenden, grazi?sen Bewegung in den Nacken.

Wo warst du? wiederholte er scharf.

Spazieren, erwiderte sie nachl?ssig.

Spazieren? Jetzt, um halb elf, l?ufst du spazieren? In diesem eiskalten Nebel?

Gerade das Ungewohnte des Nebels hat mich gelockt.

So!

Ja. Ich wei? aber wirklich nicht, mit welchem Recht du mich hier verh?rst.

Sie stand auf und ging auf die T?r zu.

Er packte ihr rechtes Handgelenk und ri? sie zur?ck.

Hiergeblieben! wetterte er, wir sind noch lange nicht zu Ende.

Sie suchte sich zu befreien. Er pre?te ihr Gelenk fester in aufsch?umender Wut, jenem Gef?hls?berschwang, den er sich in seinen vier W?nden gestattete, als Gegengewicht gegen die Beherrschung, die sein Beruf von ihm heischte.

Du tust mir weh, ?chzte sie und rang, ihre Hand aus seinem schmerzenden Griffe zu l?sen.

Ich werde dir noch ganz anders weh tun, keuchte er, ich werde dich  erw?rgen werde ich dich, wenn du mich ?ffentlich blamierst.

Ich blamiere dich nicht ?ffentlich.

So? Er schwenkte sie um ihre Achse. Sie schrie auf vor Schmerz. Dann erwachte der Stolz ihrer dreifachen Abstammung in ihr.

La? mich sofort los! drohte sie, oder 

Oder? fragte er ver?chtlich.

Ich verlasse noch heute nacht dein Haus.

Um zu deinem Galan zu laufen? h?hnte er.

Doch er lie? sie los.

Sie ging wieder auf die T?r zu. Er vertrat ihr den Weg.

Ich begreife durchaus, spottete er ruhiger, da? du dieser Er?rterung entgehen m?chtest. Leider kann ich deinen Wunsch nicht so rasch erf?llen. Ich ersuche dich um Aufkl?rung, warum du hinter meinem R?cken intrigiert hast.

Ich habe nicht hinter deinem R?cken intrigiert!

So?! Und wer hat den Minister des ?u?eren und den K?nig um meine Versetzung nach London gebeten?

Es war in Madrid durchaus nicht ?blich, den Missionsmitgliedern Gr?nde ihrer Verwendung im Auslande anzugeben.

Auch diesmal hatte der Herzog den Anla? seiner Berufung nach London nur durch die harmlose zuf?llige Indiskretion des Gesandten erfahren.

Der Schlag traf Angelita daher v?llig ?berraschend und unvorbereitet. Doch sofort fa?te sie sich. Wie allen Frauen, gab der Kampf um ihre Liebe auch ihr gesteigerte F?higkeiten.

Ich habe nicht um diese Versetzung nach London gebeten, sagte sie mit einem ver?chtlichen Ton auf dem letzten Worte. Ich habe lediglich, als Seine Majest?t und der Minister in einem Gespr?che andeuteten, wir w?rden nun wohl bald Madrid verlassen, ge?u?ert, ich w?rde mich freuen, wenn das Ziel deiner neuen Entsendung England w?re.

Weshalb? hieb Breton ihr entgegen.

Weil ich England liebe.

Auf einmal? Merkw?rdig! Von dieser gro?en Liebe habe ich bisher nie etwas gemerkt.

Du hast sehr vieles an mir bisher nicht bemerkt, entgegnete sie bitter und anz?glich.

Der Herzog ?berging diesen peinlichen Vorwurf. Er bog ab.

Du willst mir einreden, h?hnte er, eine Frau liebe jemals ein Land, ein Volk?

Ich habe nicht den Ehrgeiz, dich zu einem Sachverst?ndigen in Dingen der Frauenpsyche zu machen, antwortete sie und zuckte die Achseln.

Mag sein. Jedenfalls wei? ich, da? eine Frau ein Land immer nur liebt  wegen eines Mannes, der diesem Lande angeh?rt oder sich dort aufh?lt.

Du ?berraschst mich durch deine tiefe Frauenkenntnis, l?chelte sie ?berheblich.

Ihr L?cheln reizte ihn aufs neue. Ich wei? auch, wer dieser Mann ist, um dessentwillen du England so explosiv liebst, schrie er.

Sie f?hlte, wie sie erbla?te. Bot alle Kraft ihres starken Willens auf, unber?hrt zu erscheinen. Ich bin sehr neugierig, sagte sie, und es gelang ihr, der Stimme ihren nat?rlichen, gleichg?ltigen Klang zu geben.

Es war nicht sehr schwer, das herauszufinden, bekannte er herablassend. Ich brauchte nur festzustellen, wer von den M?nnern, die jetzt in London sind, damals in Tokio waren, als du an mich jene wahnsinnige Forderung wagtest.

Da schwieg sie. Ihre m?hsam errungene Sicherheit war pl?tzlich entwurzelt. Er wu?te alles!

Doch jetzt ?berkam sie der Trotz der Liebe. Mochte er wissen! Desto besser. Desto rascher die Entscheidung. Sie verlor jede Vorsicht. K?mpfte nun mit offenem Visiere.

Du hast wahrhaftig keine Ursache, dich zu wundern und den Moralhelden zu spielen, wenn ich dir untreu w?rde, rief sie in wei?gl?hender Emp?rung.

Ich habe keine Ursache?!

Ihr halbes Gest?ndnis warf ihn ?ber den Haufen.

Wei? Gott nicht!

Was sagst  du  da?! stammelte er.

Er hatte in Wahrheit doch nicht an einen Grund seiner Eifersucht geglaubt, trotz aller gro?en grimmigen Worte.

Ich sage, da? ich ein Recht habe, dich zu betr?gen, erwiderte sie k?hn.

Ein Recht?! fauchte er. Welches Recht?!

Soll ich dir das erst erl?utern? rief sie au?er sich.

Bitte!

Da brach sie aus. Seit sechs Jahren bin ich nicht mehr dein Weib.

Mein Weib nicht, rief er betont, aber die Herzogin Breton de Los Herreros bist du.

Darauf pfeif ich!

Vor ihrer Heftigkeit wurde er beherrscht.

Du ergehst dich in Ausdr?cken einer Frau aus der Hefe des Volkes, tadelte er hochm?tig.

Es scheint eben auch alte Geschlechter zu geben, spottete sie, die noch nicht ganz degeneriert und verbraucht sind  deren Mitglieder noch das rote Blut, den Saft und die Kraft einer Frau aus der Hefe des Volkes haben.

Die Parade entwaffnete ihn. Des Herzogs bewegliches S?dl?ndergesicht erstarrte. Es dauerte einige Zeit, bis er das innere Gleichgewicht und die Sprache wiedergewonnen hatte.

Du suchst deine Schuld hinter P?beleien zu verstecken, verwies er mokant. Ich nehme das nicht so tragisch. Beleidigen kannst du mich nicht. Es ist die Semitin, die aus dir spricht.

Sie lachte heiser auf. Eine temperamentvolle kleine Prinzessin mu? sie gewesen sein, diese Omajjadin, da? sie nach sechshundert Jahren noch so lebendig aus mir spricht. Schade, da? ihr Bretons nicht auch eine so ausgiebige Ahnfrau gehabt habt!

Ohne auf ihren Spott zu achten, fuhr er fort: Aus dir h?hnt nur dein ohnm?chtiger Zorn, da? ich hinter deine Schliche gekommen bin. Aber das sage ich dir: merke ich die geringsten Beziehungen zwischen dir und diesem Laffen Lord Hastings 

Sie horchte auf. Er mi?verstand das j?he Heben ihres Kopfes.

Ja, ja, Lord Hastings! Ich habe wohl gemerkt, wie er sich in Tokio um dich bem?ht hat. Jetzt ist er hier im Ausw?rtigen Amt. Ich durchschaue euch. Aber wehe dir, wenn ich das Geringste zwischen euch merke. Dann t?te ich dich und ihn. Wenn meine Karriere zum Teufel gehen soll, zertrete ich sie selbst, ehe du mich der L?cherlichkeit preisgibst und sie mir verdirbst.

Sie h?rte kaum noch seine Worte. In ihr jubelte es, alles andere ?bert?nend.

Er war auf falscher F?hrte!

Alles war gerettet. Alles war gut. Verwegen, wie ihr Ahnherr, der R?uber der sch?nen Kalifentochter, hielt sie ihn auf der unrichtigen Spur.

H?te dich!  warnte er noch einmal ernst und schicksalsschwer.

Sie l?chelte ihn keck an. Lord Hastings ist ein  Mann. Und eine Frau aus der Hefe des Volkes kann man nicht durch leere Drohungen einsch?chtern, warf sie ihm hochfahrend ?ber die Schultern zu und ging hinaus.




6


Trotz Angelitas ungeduldigem Verlangen und Rutlands entschlu?froher Sehnsucht dauerte es lange, bis sie sich wiedersahen. Tags?ber arbeitete er in seinem B?ro im Verwaltungspalaste der Killick & Ewarts-Werke, w?hrend sie von den zahllosen Pflichten einer gro?en Dame der Gesellschaft gehetzt und getrieben wurde. Visiten, Empf?nge, Theater, Konzerte, Diners, B?lle forderten jetzt in der Season ihre Kraft und Teilnahme bis in die sp?te Nacht. Suchte sie sich einer dieser Veranstaltungen zu entziehen, um einen Abend der Freiheit zu gewinnen, erweckte sie sofort den sp?renden Verdacht des Herzogs. Er sagte dann ebenfalls kurz entschlossen ab und wich nicht aus dem Hause. Auch sonst gewahrte sie an vielem seine spionierende ?berwachung.

Dennoch gelang es ihr, den Geliebten t?glich auf kurze Augenblicke telephonisch zu sprechen. Bald rief sie ihn im B?ro, bald abends in seiner Wohnung an, wie die Gelegenheit sich bot. Nur kurze konventionelle Worte, doch sie h?rten gegenseitig ihre Stimmen, f?hlten ?ber die trennende Entfernung hin das Leben und die N?he des anderen. Und empfanden auch sonst zu allen Stunden die umtastenden, nahen, liebkosenden Gedanken, die einander suchten und fanden.

Angelitas Ungest?m umg?rtete sich mit einer z?hen, krampfhaften Geduld. Sie wollte die Beichte des Geliebten h?ren. Ohne Zaudern und Schwanken erwartete sie ihren Tag. Sie wu?te, da? er ihr und sie ihm geh?ren w?rde, wenn durch sein offenes Bekenntnis alle Hemmungen zwischen ihnen verscheucht, das l?hmende Gespenst aus seinem Hirn und Herzen vertrieben war. Dann w?rde er frei und bereit sein f?r bedenkenlose Liebe und ein Gl?ck ohne Ballast und Schwere. Dann w?rde er mannhaft handeln. Vielleicht mit ihr fliehen. Vielleicht bleiben und allem gesellschaftlichen Aufruhr und Entsetzen trotzen. Sie wu?te es nicht. Sie vertraute ihm. Nur eins war ihr gewi?, da? dann endlich, nach diesen verflossenen Jahren des Harrens, das Leben, das tiefste, wahre Leben des Gl?ckes mit ihm beginnen w?rde. In dieser Zuversicht war sie getrost und wollte diese kurze Spanne Zeit bis zu diesem alles l?senden Augenblicke in Geduld und Vorsicht und beherrschter Fassung ertragen.

Am Tage vor ihrer ersten gro?en Gesellschaft rief sie ihn an.

Der Herzog hatte auch bei den Spitzen der englischen Wirtschaft Karten abwerfen lassen. Zu diesen geh?rte der Pr?sident von Killick & Ewarts, dieser wichtige Faktor in der Land- und Seer?stung Spaniens. Nach dem Marokkokriege hatte das Kriegsministerium in Madrid den gr??ten Teil der Neuarmierung des Heeres und der Flotte von der englischen Weltfirma bezogen.

Rutland hatte bald darauf seine Visitenkarte in Halkinstreet durch den Butler Wisdom abgeben lassen.

So kam es, da? er zu diesem ersten Fest im Hause des Ersten Rates der spanischen Botschaft in London als Gast geladen war.

Ich freue mich auf morgen abend, rief Angelita durch den Fernsprecher.

Ich auch, antwortete Rutland, sehr.

Leider kann ich Sie nicht zu Tisch f?hren. Da ist eine K?nigliche Hoheit, der die Dame des Hauses zukommt.

Ich bedauere zum ersten Male meine schlichte Abstammung, scherzte er.

Ich auch. Sie bekommen ?brigens eine sehr sch?ne Tischdame.

Hoho, rief er ?berm?tig. Seit ihrem Besuche und seinem Entschlu?, ihr alles zu bekennen, war eine Erl?sung ?ber ihn gekommen. Es war, als h?tten schon jetzt die Geister der Vergangenheit ihre niederdr?ckende Macht ?ber ihn verloren. Er f?hlte sich frei und unbeschwert wie in den Tagen vor der gro?en Katastrophe seines Lebens.

Aber ich bitte mir aus, da? Sie sich nicht in sie verlieben.

Kann keine Garantie ?bernehmen. Wer ist es denn?

Die sch?ne Amerikanerin, die zur Zeit allen Londoner Lebem?nnern die K?pfe verdreht, Mrs. Jan Bouterweg. Sind Sie ihr schon begegnet?

Nein. Aber mit dem Manne habe ich t?glich zu tun. Wir haben sehr freundschaftliche Gesch?fte miteinander.

Ich bitte, diese freundschaftlichen Beziehungen nicht auf die Frau zu erstrecken, drohte sie l?chelnd.

Wollen sehen, was sich machen l??t. Dann ernst:

Ich freue mich so ungeduldig auf morgen.

Nach einer kleinen Pause des Gl?ckes, es war ihm, als f?hle er ihre sinnenwarme N?he ?ber den Draht hin erregend und k?rperlich, sagte sie unvorsichtig und leise: Vielleicht finden wir einen Augenblick zur Aussprache. Leb wohl! Oh, wenn es erst morgen abend w?re!

Dann hing sie ein. Ihre Zofe war in das Boudoir getreten. Sie traute keinem mehr in ihrem Hause. 

*

Vor der Villa des Herzogs Breton de Los Herreros staute sich eine prunkvolle Auffahrt. Die ragenden Gipfel der staatlichen, diplomatischen, wirtschaftlichen und k?nstlerischen Welt Londons kamen zu diesem Balle zu Gaste, mit dem der Vertreter des spanischen Botschafters und seine Gattin sich in der englischen Gesellschaft einf?hrten.

Zwei Zimmer des Erdgeschosses waren ausger?umt und dienten als Garderoben, links f?r die Damen, rechts f?r die Herren.

Rutland hatte gerade seinen Pelz den betreuenden H?nden eines Lakaien ?bergeben. Er plauderte dabei in strahlender Laune und herzpochender Erwartung mit zwei Herren der englischen Regierung, die nicht wenig verwundert waren, den verd?sterten Gebieter von Killick & Ewarts heute abend so aufger?umt und spr?hend zu finden.

Da rief der eine, der sich der offenen T?r zukehrte, leise: Dort ist die bezaubernde Gattin des amerikanischen Flottenkr?sus!

Unwillk?rlich wandte Rutland den Kopf. Der amerikanische Flottenkr?sus konnte nur Jan Bouterweg sein, mit dem er morgen den Vertrag ?ber den Bau von f?nf Vierzigtausend-Tonnen-Passagierdampfern abschlie?en wollte. Seiner diplomatischen Verhandlungskunst und gro?z?gigen Preisbildung war es gelungen, die Heimatskonkurrenz des USA.-Mannes siegreich aus dem Felde zu schlagen.

Er sah eine kleine, zierliche, pelzumbauschte Gestalt in die T?r der gegen?berliegenden Damengarderobe huschen und verschwinden. Es war nur eine fl?chtige Vision. Doch sie entschied.

Er hatte das Gesicht der Dame deutlich gesehen. Untr?glich deutlich.

Und taumelte. Mu?te sich an einen der Kleiderst?nder halten, um nicht kraftlos niederzuschlagen. So umst?rzend hatte der Anblick dieses sch?nen Frauengesichtes in sein Lebensmark gegriffen.

Sein Gesicht war kreidig-fahl, die Augen erloschen, die Hand, die sich an den Kleiderhalter krallte, zitterte; die Knie schlugen gegeneinander und knickten ein, vermochten den K?rper nicht zu tragen. Ein gef?llter Mann stand in der Herrengarderobe.

Jan Bouterweg, der seiner Frau auf dem Fu?e folgte, war breit l?rmend und jovial eingetreten. Der in Amerika eingeb?rgerte h?nenhafte Holl?nder wollte Rutland mit ausgestreckter Hand begr??en.

Hallo, Rutl , da stockte er perplex. Nanu, Mann, was ist Ihnen? Sehen ja aus wie der leibhaftige Tod!

Die anderen wurden aufmerksam.

Man umringte bewegt den Leiter von Killick & Ewarts, der gebrochen und schlotternd den Kleiderst?nder umklammerte. Rutland f?hlte die gebieterische Notwendigkeit des Augenblicks. Er ri? alle Spannkraft seines Willens zusammen.

Mir ist nichts, lallte er und blickte mit irrenden, toten Augen ?ber die best?rzten M?nner hin, die ihn umringten. Eine momentane Schw?che  ein Schwindel 

Einen Arzt! rief irgendwo eine Stimme.

Bitte nicht! wehrte Rutland matt. In ihm brannte nur der eine Gedanke: kein Aufsehen erregen! Fort aus diesem Hause, aus der N?he dieser Frau.

Ratlos umstand ihn der Chor der Herren.

Bitte, Mr. Bouterweg, entschuldigen Sie mich bei der Dame des Hauses und  f?gte er rasch hinzu  dem Herzog. Um alles in der Welt, machen Sie kein Aufheben von  dieser kleinen Sache. Er sprach m?hsam. St?ren Sie nicht das Fest. Ich f?hle mich  schon wohler. Bitte, meinen Pelz.

Der Lakai brachte ihn mit mitleidiger Miene.

Die G?ste standen unentschlossen und verdutzt in ihren Fr?cken umher.

Guten Abend, meine Herren. Morgen wird wieder alles gut sein. Ein nichtiger Anfall meiner alten Tropenmalaria.

Er versuchte ein verzerrtes L?cheln.

Man wollte ihm helfen, ihn st?tzen, f?hren.

Er wehrte ab.

Danke sehr. Es ist wirklich nichts. K?mmern Sie sich nicht um mich. Und ich bitte Sie  sprechen Sie nicht mehr davon. Bitte Diskretion. Guten Abend. Nein, danke, Sie brauchen sich wirklich nicht zu bem?hen. Ich finde meinen Wagen schon allein.

Man ?ffnete ihm die T?r, die jemand im ersten Augenblick der Best?rzung zugeworfen hatte, und wagte nicht, sich dem st?rrischen kranken Manne aufzudr?ngen.

Er sp?hte ?ngstlich auf die T?r der Damengarderobe, schleppte sich dann hastig zum Portal, dr?ngte sich ?berst?rzt durch die dichte Schar der hereinflutenden G?ste, wurde verwundert angerufen, gefragt, l?chelte wieder verzerrt und ausweichend, war endlich drau?en, auf der Stra?e, arbeitete sich mit r?cksichtslosen Ellbogen durch die lebende Mauer der Gaffer hindurch, die den Eingang der Villa flankierte, scherte sich nicht um Murren, Unwillen und P?ffe, gewann die freie Dunkelheit, lief jetzt dahin, dicht an den Vorg?rten der H?user entlang, als hetze die aus dunklem Tore hervorgebrochene Vergangenheit hinter ihm her wie eine dem K?fig entsprungene Bestie.

Es war gut f?r seinen Ruf und sein Ansehen, da? ein schwerer schwefliger Nebel in den Stra?en hing und den laufenden eleganten Herrn gegen staunende Blicke barg und umh?llte.

An einer Querstra?e zwang der Verkehr ihn anzuhalten. Die Pause in der Bewegung gab ihm ein wenig ?berlegung zur?ck. Langsam schritt er weiter. Besonnenheit stieg in ihm auf.

Zum ersten Male war heute die Vergangenheit sichtbar vor ihn getreten.

In der ersten Zeit nach der Tat hatte er gef?rchtet und immer unter dem Drucke der Angst gelebt, einem Menschen aus dem alten Lebenskreise zu begegnen und erkannt zu werden. Mit den Jahren hatte sich diese Furcht gelegt, war schlie?lich v?llig von ihm gewichen, nachdem er in seinem Wirkungskreise mit zahllosen Amerikanern zusammengetroffen war, die einst in den Zeitungen sein Bild gesehen hatten als  den ber?chtigten Helden einer blutigen Sensation und einer schaurigen Untat, ohne da? ihnen das Geringste an ihm aufgefallen w?re.

Einmal hatte er auch beruflich mit amerikanischen Seeoffizieren zu tun, Leuten, die er fr?her dienstlich fl?chtig gekannt hatte. Auch sie hatten nichts gemerkt. Ja, einmal war sogar die Rede auf seinen Fall gekommen, man hatte ihm sein Schicksal haarklein erz?hlt, freilich entstellt, freilich in Muriels erlogenem Berichte. Und er hatte interessiert zugeh?rt, vollkommen gefa?t und unbeteiligt beherrscht.

Doch auf eine Begegnung mit Muriel war er nicht vorbereitet.

Dieses unerwartete Wiedersehen mit dem Unheil seines Lebens hatte ihn hinterr?cks niedergeworfen. Er f?hlte nichts mehr f?r diese Frau. Hatte seit der Katastrophe, seit der Ausl?sung seiner ersten vertrauenden Liebe in die m?rderische Tat nichts mehr f?r sie empfunden. Nicht Zorn, nicht Rachsucht, nicht Ha?, nichts.

Auch heute, als ihn ihre Gegenwart unerwartet ?berfallen hatte, entmannte ihn kein Empfinden seelischen Zusammenhanges. Es war nichts als spontane Angst vor der Entdeckung. Nichts anderes. Die nackte Furcht, da? nun alles vorbei sei. Da? alles zusammenst?rze, was er sich in diesen langen bitteren Jahren aufgebaut hatte. Da? sie aufschreien w?rde, mit dem Finger auf ihn zeigen und rufen:

Dort steht der M?rder Stephen Jerrams! Das war es, was ihm jede Vorsicht und jeden Halt geraubt hatte. Weiter nichts.

Ganz langsam schlich er jetzt dahin durch den dichten Nebel. Ziellos. Doch der Instinkt f?hrte ihn seiner Wohnung zu.

Hm. Sie war verheiratet! Mit seinem Millionen-Dollarkunden Jan Bouterweg. Ausgerechnet von allen Menschen auf der weiten Welt mit seinem Kunden Bouterweg!

Verr?cktes Leben!

Warum ?brigens nicht mit Bouterweg so gut wie mit irgendeinem anderen? Daran war im Grunde nichts Seltsames. Oder doch? Und gerade auf Angelitas erster Gesellschaft mu?te er sie treffen.

Sie hatte sich so auf ihn gefreut! Was w?rde sie denken, wenn sie erfuhr, da? ihm in ihrem Hause schlecht geworden sei? T?richt hatte er sich gehen lassen. Es kam aber zu pl?tzlich. Und dann  er mu?te fort aus diesem Hause. Durfte dieser Frau nicht vor die Augen treten. Sie h?tte ihn erkannt. Sie sicher.

Da? sie ausgerechnet Jan Bouterweg heiraten mu?te, seinen Millionenkunden, und mit ihm nach London kommen. Irrsinniger Zufall des Lebens!

Seine Gedanken irrten im Kreise.

Ohne Staunen, ohne es bewu?t zu bemerken, kam Rutland vor sein Haus und ging hinein. In der Halle erschien Wisdom, der Butler, und nahm dem Herrn den Pelz ab. Sein Gesicht war so verdutzt, da? es Rutland auffiel.

Ach so! sagte er. Ja, ich f?hlte mich nicht ganz wohl. Sagen Sie dem Chauffeur, da? er mich nun nicht abzuholen braucht, f?gte er t?richt hinzu, nur, um etwas zu sagen und ging im Frack, wie er war, in die Bibliothek.

Wisdom z?gerte vor der T?r, zuckte dann ergeben die Schultern und stieg hinab zur K?che, den anderen zu berichten, da? der Herr schon von der Gesellschaft heimgekehrt sei. 

Aber wenn er krank ist, m?ssen wir uns doch um ihn k?mmern! bedachte Jane, die K?chin, erregt.

Ich werde hinaufgehen und ihn fragen, ob er etwas braucht, schlug Amy, das Hausm?dchen, hilfsbereit vor und sprang auf. Eine herrliche Gelegenheit, sich dem Herrn bemerkbar zu machen! Doch Wisdom winkte sie hoheitsvoll auf ihren K?chenstuhl nieder.

Sie werden nichts dergleichen tun, Mi? Amy! gebot er gemessen. Wenn einer mit dem Herrn spricht, bin ich derjenige. Aber ich werde mich h?ten. Der Herr sah d?sterer aus, als ich ihn je gesehen habe.

D?sterer?! staunte die K?chin. Wo er diese letzten Tage, seit die geheimnisvolle Dame abends bei ihm war, so lustig und fr?hlich war. Sogar gepfiffen hat er in seinen Zimmern!

Der Chauffeur nickte gewohnheitsm??ig pflichtbewu?t dem Sparkassenbuche seiner Erkorenen Zustimmung.

D?sterer! erh?rtete Wisdom. Dann kniff er abschlie?end die schmalen Lippen ein. Er hatte schon fast mehr gesprochen, als sich mit seiner W?rde vertrug.

Alle schwiegen und horchten gespannt zur Decke hinauf. Die Bibliothek lag ?ber der K?che. Dort oben h?rten sie, wie so oft, den Schritt des Herrn, der den Raum durchma?, von einer Seite zur anderen, ruhelos, wie ein b?ses Gewissen, hatte die K?chin es einmal zur allgemeinen Emp?rung und unter scharfem Verweise Wisdoms genannt.

Wenn dahinter man blo? nicht diese geheimnisvolle Dame steckt, bedachte endlich eifers?chtig Amy. Und damit war wieder, wie allabendlich seit diesem ungew?hnlichen mysteri?sen Besuche, das ergiebige Thema der ruhevollen Unterhaltung des Personals im Gange.

Oben in seinem Zimmer erwog Rutland k?hl und ?berlegen die neue Lage. Er hatte sich nun wieder fest in der Hand. Tief in ihm wucherte nur noch eine Erbitterung auf sich ?ber seinen Mangel an Geistesgegenwart und Haltung dem Streiche des Schicksals gegen?ber. Doch das war nun vorbei und einmal geschehen.

Vielleicht war diese ?berrumpelung seiner Lebensgeister diesmal sogar das Beste f?r ihn gewesen. Seine Schw?che hatte ihm den willkommenen Anla? geboten, dieser Frau auszuweichen. Was w?re geschehen, wenn er sie nicht zuf?llig in der Diele erblickt h?tte?! Wenn er ihr erst oben im Saale pl?tzlich unvorbereitet gegen?bergestanden h?tte! Welch ein Gl?ck in diesem Ungl?ck, da? sein guter Stern ihn noch rechtzeitig gewarnt hatte. Doch nicht unfruchtbar dar?ber gr?beln!

Er zwang seine entrinnenden Gedanken zum ?bersinnen der jetzt gebotenen Schritte.

Morgen um zehn Uhr kam Bouterweg zu ihm ins B?ro, die notariellen Vertr?ge ?ber den Schiffskauf zu unterzeichnen. Dann war das Gesch?ft endg?ltig abgeschlossen, der Zweck der Europareise des m?chtigsten amerikanischen Reeders erf?llt. Er w?rde wohl bald mit seiner Gattin England verlassen.

Bis dahin mu?te er jeder M?glichkeit einer Begegnung mit ihr ausweichen. Verreisen! Ja, auf seinen Landsitz in Northampton fliehen. Dort war er sicher. Ja, sofort nach der Unterzeichnung der Vertr?ge nach Lowick Manor reisen. Dann war das Unheil beschworen.

Beruhigt, im Gef?hle der Geborgenheit und Abwendung der Gefahr, schritt er auf und nieder. Aber pl?tzlich stand mit einer greifbaren Deutlichkeit, wie kaum je zuvor, das bleiche Gesicht des get?teten Jerram in einer dunklen Ecke des weiten Raumes.

Lautlos ?ffnete Rutland den Mund. Unterdr?ckte m?hsam den Schrei des Entsetzens, der sich seiner Kehle entrang. Blickte sich wirr im Zimmer um. Auch dort war das wei?e Gesicht, mit der entsetzten, in Todesfurcht verzerrten Entstellung, die es trug, als er auf ihn abgedr?ckt hatte. Auch dort  dort 

Rutland pre?te die Lider ?ber die Augen und ballte in starrer t?richter Angst die H?nde in den Taschen der Frackhose.

Bl?dsinn! Wahn! Haltung! Er schritt zur T?r und drehte den gro?en L?ster an. Das Zimmer erstrahlte in hellem grellem Lichte. Der alberne Spuk in den Winkeln war gewichen.

Schwer atmend, immer mit dem l?stigen Druck im R?cken, als ob hinter ihm jemand schleiche, nahm Rutland die Wanderung wieder auf. Blickte sich ab und zu vorsichtig forschend um und h?tte sich vor Wut ?ber seinen ?berreizten Angstzustand ohrfeigen m?gen.

Die Toten ruhen, das wu?te er doch. Erb?rmliche Feigheit und gef?hlsduselige Schw?che!

Doch pl?tzlich, aus der Zerr?ttung seiner Nerven geboren, fl?sterte in ihm eine warnende Stimme. Es schien ihm mit einem Male unvorsichtig, morgen Bouterweg noch zu treffen. Wu?te selbst nicht, weshalb. Konnte sich keine logische vern?nftige Erkl?rung f?r dieses schwimmende Bedenken geben. Hatte einfach Angst und Besorgnis.

Er blickte sich mit hastenden Augen im Zimmer um. Nun ja, er konnte ja ganz zeitig verreisen. Eine Notiz ins B?ro schicken. Oder noch besser, vorgeben, da? er krank sei. Nach dem Anfall heute abend w?rde jeder ihm glauben.

Aber, was gewann er damit? Nur er kannte alle Einzelheiten dieses Riesengesch?ftes. Er allein hatte alle Verhandlungen gef?hrt. Kein anderer w?rde die Verantwortung ?bernehmen und diese Vertr?ge f?r ihn unterzeichnen. Er gab den Leuten nur unn?tig zu denken. Weiter nichts. Erregte Aufsehen, Aufmerksamkeit. Nein, es war ja l?cherlich! Was 

Da schrillte das Telephon auf seinem Schreibtische. Er machte einen nerv?sen Sprung vorw?rts, so aufgepeitscht war sein Gem?t.

Z?gernd, verzagt nahm er den H?rer auf.

Es war Angelita.

John, fl?sterte sie fassungslos, ich bin in Todesangst um dich!

Aber nein, Liebste. Es geht mir schon wieder sehr gut. Eine kleine Attacke meiner alten Malaria.

Bist du im Bett?

Noch nicht. Ich lege mich aber sofort.

La? dir einen Arzt kommen. Ich flehe dich an. Ich vergehe vor Angst um dich.

Aber Kind!

Soll ich zu dir kommen?!

Nein, nein! Um alles nicht! Du kannst doch von deiner Gesellschaft nicht fortlaufen!

Ich kann alles. F?r dich  alles!

Nein. Ich schw?re dir, es geht mir ausgezeichnet. Ich bin nur so traurig, da? ich dich heute abend nicht gesehen habe.

Wenn du nur gesund bist . Ich komme morgen  in jedem Falle.

Lieb, ich mu? morgen vormittag ins B?ro. Unbedingt. Ein wichtiger Abschlu?.

Nein, tu das nicht! Schone dich.

Ich mu?.

Dann komme ich abends.

Sei vorsichtig, Kind.

Mir ist alles gleich.

Ich wollte morgen eigentlich auf meinen Landsitz fahren. Ausspannen.

Fahr ?bermorgen. Ich mu? dich vorher noch sehen.

Gut. Mach dir keine Sorgen um mich.

Ich mu? jetzt zur?ck zu meinen G?sten. Gute Nacht, mein Geliebter. Gute Besserung!

Danke, du Gute.

Also morgen!

Sie hing ab. Ging zu ihrer Gesellschaft zur?ck, in sich gekehrt und verst?rt. Ihre G?ste waren ?ber sie verwundert und entt?uscht. Man hatte so viel von dem Charme, der Klugheit und den gesellschaftlichen Talenten der jungen Herzogin geh?rt. Alles Bluff.

Stumpf war sie und h?chst langweilig.

Lord Hastings war zugegen, scharf bewacht von dem Herzog. Angelita hatte mit ihm flirten wollen, den Gatten auf der falschen F?hrte zu halten. Sie verga? es in dem Leid und der Sorge um den Geliebten. Der Herzog wurde stutzig, glaubte dann aber in seiner Diplomatie diese List der Liebenden zu durchschauen. Diese Enthaltsamkeit, diese Fernhaltung war Schlauheit und T?cke. Doch ihn betrog man so leicht nicht. Er lie? sich nicht t?uschen. Er wachte! Jetzt war er seiner Sache sicherer als je. Und wehe den Betr?gern, wenn er sie erwischte! 

Rutland ging wieder durch das Zimmer. Jetzt war es entschieden. Morgen fr?h konnte er nicht abreisen. Erst ?bermorgen. Aber was lag daran! Er w?rde die Vertr?ge unterzeichnen. Nicht un?berlegt und vernunftswidrig handeln! Es war doch l?cherlich! Was konnte ihm in seinem B?ro geschehen?!!




7


Er ahnte nicht, was ihm dort geschehen konnte.

Denn kaum waren die Vertr?ge unterzeichnet, kaum hatte der Notar sich verabschiedet, da rief Jan Bouterweg in seiner saftigen holl?ndischen Urw?chsigkeit:

So, Rutland, nun wollen wir uns gegenseitig die Patsche hinhalten und uns gratulieren. Ich glaube, wir haben alle beide ein gutes Gesch?ft gemacht. Und nun wollen wir es feste begie?en.

Rutland sch?ttelte kr?ftig die dargebotene Tatze des Dutch-Amerikaners.

Ich kann leider nicht, lehnte er ab. So gern ich es t?te, lieber Bouterweg. Erstens f?hle ich mich nicht ganz wohl. Sie wissen ja, gestern abend. Und 

Och, ein guter Tropfen schadet nie. Im Gegenteil.

Und dann  ich habe noch einige wichtige Besprechungen.

Och, machte der blonde Riese wieder, ernsthaft traurig, ich habe mich so darauf gefreut, mit Ihnen unser h?bsches kleines Gesch?ft zu befeuchten.

Rutland machte eine liebensw?rdige bedauernde Geste mit beiden H?nden.

Mann, nu machen Sie es doch m?glich, dr?ngte der Reeder. Was soll ich denn meiner kleinen Frau sagen? Sie ist schon so neugierig auf Sie. Ich habe ihr doch Wunder was von Ihnen und Ihrer T?chtigkeit vorgeschw?rmt. Und nun wollten wir zusammen ein h?bsches kleines Fr?hst?ck 

Etwas hastig unterbrach Rutland: Ich w?rde gewi? sehr gern die Bekanntschaft Ihrer sch?nen Gattin machen  auch ich habe viel R?hmendes von Mrs. Bouterweg geh?rt. Aber   

Mit schwerf?lliger Begeisterung fiel der amerikanische Holl?nder ein: Es lohnt sich, sage ich Ihnen. Kommen Sie! Ohne zu prahlen, so eine Frau sehen Sie hier nicht alle Wochentage. Ihre englischen Damen in allen Ehren. Sind ne feine Sache. Prima Fregatten. Aber meine Kleine 

Er wiegte feinschmeckerisch den gro?en, vierkantigen, gutm?tigen Kopf und schnalzte knallend mit der Zunge 

So was w?chst hierzulande und, im Vertrauen, auch bei den Yankees nicht wild. Also, Mann, wenn Sie auch das nicht lockt, habe ich mein Verf?hrungspulver verschossen.

Bester Bouterweg, Sie d?rfen es mir nicht ?belnehmen. Ich kann nicht. Sie m?ssen mich bei Ihrer Gattin entschuldigen.

Das tun Sie man selbst, wenn Sie den Mut dazu aufbringen, lachte der Reeder und ging auf die T?r zu.

Verbl?fft starrte Rutland auf seinen Gast.

Wohin gehen Sie?! rief er mit sehr wenig Atem. Eine b?se Ahnung umkrallte ihm den Hals.

Bouterweg drehte sich in der T?r um.

Das brave T?ubchen wartet doch da drau?en im Vorzimmer, bis wir fertig sind. Weil wir Sie dann gemeinsam entf?hren wollten.

Damit ging er hinaus.

Jetzt hatte Rutlands Willenskraft und Geistesst?rke ihre Meisterprobe zu bestehen. Nur Sekunden blieben ihm zur verzweifelten Sammlung. Schon trat Bouterweg wieder herein, die kleine, grazi?se, elegante Frau, deren Kopf kaum an seine breite H?nenbrust heranreichte, t?ppisch vor sich herleitend.

Da ist der Mann, rief er mit seinem tiefen Seemannsba?  er war lange als Kapit?n gefahren , der uns unsere Prachtflotte bauen wird. Und der jetzt vor unserem h?bschen kleinen Fr?hst?ck kneifen will. Verf?hre du ihn, Muriel. Meinen bestrickenden, massierten Reizen ist es nicht gelungen.

Muriel l?ste sich von der wuchtigen ehem?nnlichen Fassade und ging auf Rutland zu. Hob die Hand und hob den Kopf. Der Rand des Hutes, der tief in die Stirne gedr?ckt war, bedeckte fast ihre Augen. Jetzt erst sah sie Rutlands Gesicht.

Da entrang sich ihrem Munde ein verflatternder Schrei, wie das Angstzirpen eines kleinen Vogels.

Die erhobene Hand blieb steif und leblos in der Luft stehen.

Ihre Wangen wurden wei? wie der Hermelinkragen ihres Mantels.

Rutlands Hand, die er zur Begr??ung ausgestreckt hatte, irrte haltlos umher.

Nanu ! Was ist  ?! rief Bouterweg verbl?fft.

Doch da hatte Muriel die erste verr?terische Best?rzung schon ?berwunden. Sie war nicht umsonst die Frau, die sich schon mit zwanzig aus der vernichtenden, blo?stellenden Katastrophe ohne Schaden f?r ihren Ruf herausgewunden hatte. So wenig ?berragend ihre Klugheit war, so bewundernswert war ihre gerissene Schlagfertigkeit und zielsichere Geistesgegenwart. Sie war ein Musterbeispiel f?r die ?berlegenheit des Weibes ?ber den Mann in best?rzenden Lebenslagen.

O nichts, zwitscherte sie mit ihrer ?berhellen, einschmeichelnden Stimme mit starkem amerikanischen Akzent. Ich hatte mir den m?chtigen Pr?sidenten dieser gro?en Gesellschaft nach deinen Schilderungen nur viel ?lter vorgestellt. Daher meine ?berraschung.

Sie gab ihm kr?ftig und burschikos die Hand. V?llig ihrer selbst sicher. Nur d?nne rote Streifen in dem noch blassen Gesicht verrieten die ungeheure Anstrengung ihres Willens.

Bouterweg lachte, da? das Tintenfa? auf dem Schreibtisch gl?sern klirrte.

So, so? dr?hnte er dazwischen, du hast dir eingebildet, ich verhandle hier mit einem Mummelgreise! Was sagen Sie, Rutland, mein P?ppchen dachte, in England werden die ?berseedampfer in einem Altersheime gebaut.

Er lachte, da? sein Riesenleib den Fu?boden erzittern lie?. 

Auch Rutland hatte sich wieder vollkommen im Zaume. So sehr, da? der umw?lzende Augenblick seines Lebens, in dem er dieser Frau zum ersten Male wieder von Angesicht zu Angesicht gegen?berstand, fast nichtig und unbedeutend an ihm vor?berging.

Noch gestern abend war diese M?glichkeit ihm zerschmetternd und seine ganze Zukunft vernichtend erschienen. Heute war die vollzogene Wirklichkeit schon etwas fast Selbstverst?ndliches und durchaus kein schicksalsgestaltendes Geschehnis. Er ?bersah dabei freilich, da? die grandiose Haltung Muriels diesem Ereignisse die Panikstimmung nahm.

Ich freue mich, sagte er, ohne da? in seine Stimme eine Gem?tsbewegung hineinklang  er empfand in diesem ersten Augenblicke sonderbarerweise auch nicht die geringste seelische Ersch?tterung , die Gattin meines lieben Gesch?ftsfreundes zu begr??en und bin froh, Sie, gn?dige Frau, durch meine Jugend zu ?berraschen. Ein solch angenehmes Erstaunen erwecke ich leider nicht alle Tage.

Oh, er fischt, der alte S?nder! lachte Bouterweg.

Auch ich freue mich sehr, Mr. , sie z?gerte vor dem angenommenen Namen, nur ganz leicht, ganz kurz, doch es entging Rutland nicht  Mr. Rutland  so war doch der Name?

Nun kennt sie den Namen Rutland nicht, den ich ihr t?glich stundenlang wiedergek?ut habe! entr?stete der Mann sich gutm?tig. Und nun sage du ihm, Darling, da? du ihm z?rnst und nie vergeben wirst und schrecklich beleidigt bist, wenn er nicht mitkommt und den Gesch?ftsabschlu? mit uns feiert!

Oh, rief sie ?berschwenglich, ich bin ?berzeugt, da? Mr. Rutland  es war wieder, als stolpere sie ?ber den Namen  uns diese Freude nicht vorenthalten wird.

Sie blickte kokett und faszinierend zu ihm auf. Der Blick schlug ihm mitten ins Herz. Lebhaft stand die Vergangenheit auf. Wie oft hatte sie ihn mit diesem niedlichen Getue und dieser bestrickenden Lockung angesehen in den alten, alten, toten Zeiten.

Ich komme, sagte er heiser, v?llig unber?hrt von dem flirtenden Reize ihrer sch?nen blauen Augen. Doch weiterer Widerstand schien ihm jetzt unn?tig und gef?hrlich.

Bravo, jubelte Bouterweg. Ich wu?te ja, dem Zauber widersteht kein gesunder Mann.

Schon hatte Muriel in ungezwungener Lebhaftigkeit ihren Arm bei Rutland eingehakt  er erschauerte unter der Ber?hrung , lustig hing Bouterweg sich in den anderen Arm seiner Frau.




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