La San Felice Band 7 Alexandre Dumas der Ältere Dumas (père), Alexandre La San Felice B7 Siebenter Theil Erstes Capitel. Die Flucht Von diesem Augenblicke an war die Flucht, wie wir gesagt haben, beschlossen und auf demselben Abend des 21. December festgesetzt. Man kam überein, daß der König, die ganze königliche Familie – mit Ausnahme des Kronprinzen, seiner Gemahlin und seiner Tochter – Sir William, Emma Lyonna, Acton und die vertrautesten Diener des Palastes auf dem »Vanguard« die Ueberfahrt nach Sicilien machen sollten. Der König hatte, wie man sich erinnern wird, Caracciolo versprochen, daß, wenn er Neapel verließe, dies nicht anders geschehen solle, als auf dem Schiffe dieses Admirals. Durch die Furcht aber wieder unter das Joch der Königin gebeugt, vergaß er sein Versprechen und faßte aus zwei Gründen einen andern Entschluß. Der erste dieser Gründe, der von ihm selbst ausging, war die Scham, die er dem Admiral gegenüber empfand, Neapel zu verlassen, nachdem er versprochen, daselbst zu bleiben. Der zweite, welcher von der Königin ausging, war, daß Caracciolo, die patriotischen Prinzipien des ganzen neapolitanischen Adels theilend, den König, anstatt ihn nach Sicilien zu führen, den Jakobinern ausliefern könnte, die, sobald sie sich im Besitze einer solchen Geißel sähen, ihn dann zwingen würden, die Regierung einzusetzen, welche sie wollten, oder die noch schlimmer, ihm vielleicht den Proceß machten, wie die Engländer mit Karl dem Ersten und die Franzosen mit Ludwig dem Sechzehnten gethan. Als Trost und zur Entschädigung für die ihm entzogene Ehre beschloß man, daß der Admiral die haben solle, später den Herzog von Calabrien mit dessen Familie und Gefolge nach Sicilien zu bringen. Man unterrichtete die alten Prinzessinnen von Frankreich von dem gefaßten Entschluß, forderte sie auf, mit Hilfe ihrer sieben Leibgarden nach eigenem Belieben für ihre Sicherheit zu sorgen, und schickte ihnen fünfzehntausend Ducati, um ihnen die zu ihrer Flucht nothwendigen Geldmittel zu gewähren. Nachdem man diese Pflicht gegen sie erfüllt, bekümmerte man sich nicht weiter um sie. Den ganzen Tag über schaffte man die Schmucksachen, das Geld, die kostbaren Geräthschaften, die Kunstwerke und Statuen, welche man mit nach Sicilien nehmen wollte, in den geheimen Gang hinab. Der König hätte gern auch seine Känguruhs mitgenommen, aber dies war ein Ding der Unmöglichkeit und er begnügte sich damit, daß er sie durch einen eigenhändigen Brief der Fürsorge des Obergärtners von Caserta empfahl. Der Verrath der Königin und Acton's, wovon der Brief des Kaisers ihm den Beweis geliefert, lag ihm schwer auf dem Herzen. Er blieb in seine Gemächer eingeschlossen und weigerte sich, irgend Jemand zu empfangen, möchte es sein wer es wollte. Diese Instruction ward auch streng in Bezug auf Francesco Caracciolo befolgt, welcher, da er von seinem Schiffe aus das Kommen und Gehen und die Signale an Bord der englischen Schiffe gesehen, sogleich argwohnte, daß etwas im Werke sei, eben so auch in Bezug auf den Marquis Vanni, welcher, nachdem er die Thür der Königin verschlossen gefunden und durch den Fürsten von Castelcicala erfahren, daß die Abreise im Werke sei, verzweiflungsvoll an die Thür des Königs zu pochen kam. Dieser hatte einen Augenblick lang die Idee, den Cardinal Ruffo kommen zu lassen und als Begleiter und Rathgeber auf der Reise mitzunehmen. Er hatte jedoch die feindselige Gesinnung, welche zwischen Ruffo und Nelson herrschte, recht wohl bemerkt. Uebrigens ward, wie man weiß, der Cardinal von der Königin gehaßt, und Ferdinand gab, wie immer, seiner Ruhe vor den zarten Rücksichten der Freundschaft und der Dankbarkeit den Vorzug. Dabei sagte er sich, daß der Cardinal als kluger Mann sich recht wohl allein aus der Affaire ziehen würde. Die Einschiffung ward auf sieben Uhr Abends festgesetzt. Demgemäß ward verabredet, daß sämtliche Personen, welche sich in Gesellschaft der Majestäten auf dem »Vanguard« einschiffen sollten, sich um zehn Uhr in dem Gemache der Königin zu versammeln hätten. Schlag zehn Uhr trat der König ein, seinen Hund an der Leine führend. Es war dies der einzige Freund, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, und deshalb nahm er ihn mit. Er hatte auch an Ascoli und Malaspina gedacht, aber er hatte auch zugleich bei sich gemeint, daß diese ebenso wie der Cardinal sich allein aus der Affaire zu ziehen wissen würden. Er sah sich in dem großen, nur schwach erleuchteten Raum um – man hatte nämlich gefürchtet, daß eine helle Erleuchtung die beabsichtigte Flucht verrathen könne – und er sah, daß sämtliche Flüchtlinge in verschiedene Gruppen vereinigt oder vielmehr zerstreut standen. Die Hauptgruppe bestand aus der Königin, ihrem Lieblingssohne, dem Prinzen Leopold, dem jungen Prinzen Albert, den vier Prinzessinnen und Emma Lyonna. Die Königin saß auf einem Sopha neben Emma Lyonna, die den Prinzen Albert, ihren Liebling, auf dem Schoße hielt, während der Prinz Leopold seinen Kopf an die Schulter der Königin lehnte. Die vier Prinzessinnen saßen theils um ihre Mutter herum, theils lagen sie auf dem Teppich. Acton, Sir William und der Fürst von Castelcicala standen miteinander sprechend in der Brüstung eines Fensters und hörten den Wind pfeifen und den Regen gegen die Fensterscheiben anschlagen. Eine andere Gruppe von Ehrendamen, unter welcher man die Gräfin von San Marco, die intime Vertraute der Königin, bemerkte, stand um einen Tisch herum. Fern von Allen und in dem Dunkel kaum sichtbar, zeigte sich die Gestalt des Secretärs Dick, welcher nur erst diesen selben Tag so geschickt und treu die Befehle seines Herrn und der Königin ausgeführt, welche er hinfort auch ein wenig als seine Herrin betrachten konnte. Beim Eintritt des Königs erhoben sich Alle und wendeten sich nach ihm herum. Er gab jedoch ein Zeichen mit der Hand, daß Jeder an seinem Platze bleiben solle. »Laffen Sie sich nicht stören,« sagte er. »Laffen Sie sich nicht stören. Es lohnt nicht mehr der Mühe.« Und er setzte sich in einen Lehnstuhl in der Nähe der Thür, durch welche er eingetreten war, und nahm Jupiters Kopf zwischen seine Knie. Der kleine Prinz Albert, welcher von der Königin nicht sonderlich geliebt, die jedem Kinde so kostbare und so nothwendige Liebe, die er von seiner Mutter vergebens erwartete, bei Andern suchte, glitt, als er die Stimme seines Vaters vernahm, von Emmas Schoß herab, kam auf den König zu und bot ihm seine bleiche, ein wenig krankhaft aussehende, von einem Wald blonden Haares umrahmte Stirn. Der König strich das Haar des Knaben auf die Seite, küßte ihn auf die Stirn und schickte ihn, nachdem er ihn einen Augenblick lang an seine Brust gedrückt und gedankenvoll betrachtet, zu Emma Lyonna zurück, welche der Knabe seine »kleine Mutter« nannte. Dumpfes Schweigen herrschte in dem düstern Gemach, und Diejenigen, welche sprachen, thaten dies in leisem Tone. Es war halb elf Uhr, als der Graf von Thurn, der mit dem Marquis von Nizza, dem Commandanten der portugiesischen Flotte, unter Nelsons Befehle stand, durch das kleine Pförtchen und die Wendeltreppe sich in den Palast begeben sollte. Er hatte zu diesem Zwecke den Schlüssel zu einem der Gemächer des Königs erhalten, welches mittelst einer einzigen festen, beinahe massiven Thür mit diesem Ausgang in Verbindung stand, der in den Kriegshafen führte. Die Pendule schlug mitten unter dem herrschenden Schweigen halb elf. Unmittelbar darauf hörte man an die Verbindungsthür pochen. Warum pochte der Graf von Thurn, anstatt zu öffnen, da er ja den Schlüssel hatte? Unter den Umständen, in welchen man sich befand, ward Alles, was in einer andern Situation blos eine Ursache zur Unruhe gewesen wäre, zu einer Ursache der Furcht und des Schreckens. Die Königin zuckte zusammen und erhob sich. »Was gibt’s?« fragte sie. Der König begnügte sich hinzuschauen. Er wußte nichts von den getroffenen Verfügungen. »Nun,« sagte Acton immer ruhig und logisch, »es kann ja weiter Niemand sein als der Graf von Thurn.« »Aber warum pocht er, da ich ihm ja einen Schlüssel gegeben habe?« »Wenn Eure Majestät erlaubt, sagte er, »so will ich gehen und nachsehen.« »Ja, gehen Sie,« antwortete die Königin. Acton zündete ein Licht an und ging hinaus in den Corridor. Die Königin folgte ihm mit besorgten Blicken. Das bisher unheimliche Schweigen ging in Todtenstille über. Nach Verlauf von einigen Augenblicken trat Acton wieder ein. »Nun?« fragte die Königin. »Die Thür,« antwortete er, »ist wahrscheinlich lange nicht geöffnet worden und der Schlüssel ist daher im Schlosse zerbrochen. Der Graf pochte, um zu erfahren, ob es ein Mittel gäbe, die Thür von innen zu öffnen. Ich habe es versucht, aber es ist nicht möglich.« »Was sollen wir dann thun?« »Wir müssen die Thür einschlagen lassen.« »Haben Sie dem Grafen Befehl dazu gegeben?« »Ja, Madame, und er führt ihn bereits aus.« In der That vernahm man das Getöse von kräftigen, gegen die Thür geführten Streichen und dann das Krachen der brechenden Thür. Dieser Lärm hatte etwas Unheimliches und Furchterregendes. Tritte näherten sich, die Thüre des Salons öffnete sich und der Graf von Thurn trat ein. »Ich bitte Eure Majestäten,« sagte er, »um Verzeihung für den Lärm, den ich gemacht, und für die Mittel, die ich gezwungen gewesen bin anzuwenden. Das Zerbrechen des Schlüssels war aber ein Unfall, den man unmöglich voraussehen konnte.« »Es ist eine Vorbedeutung,« sagte die Königin. »Wenn es eine Vorbedeutung ist,« entgegnete der König mit seinem natürlichen gesunden Verstand, »so ist es auf alle Fälle die, daß wir besser thun würden, zu bleiben als fortzugehen.« Die Königin fürchtete, daß ihr erhabener Gemahl eine Anwandlung von Willenskraft haben könnte. »Gehen wir,« sagte sie daher hastig. »Es ist Alles bereit, Madame,« sagte der Graf von Thurn, »ich bitte jedoch um die Erlaubniß, dem König eine Ordre mitzutheilen, welche ich heute Abend von dem Admiral Nelson erhalten habe.« Der König erhob sich und näherte sich dem Armleuchter, in dessen Nähe der Graf von Thurn ihn mit einem Papier in der Hand erwartete. »Lesen Sie, Sire,« sagte der Graf. »Die Ordre ist englisch geschrieben,« sagte der König, »und ich verstehe nicht englisch.« »Ich werde es Eurer Majestät übersetzen. Die Ordre lautet: »An den Admiral Grafen von Thurn.     »Golf von Neapel, am 21. December. »Die neapolitanischen Fregatten und Corvetten sind zum verbrannt werden bereit zu machen.« »Was sagen Sie?« fragte der König. Der Graf von Thurn wiederholte: »Die neapolitanischen Fregatten und Corvetten sind zum verbrannt werden bereit zu machen.« »Wissen Sie gewiß, daß Sie sich nicht irren?«, fragte der König. »Ich irre mich nicht, Sire.« »Und warum sollen Fregatten und Corvetten verbrannt werden, die so viel Geld gekostet und zu deren Erbauung zehn Jahre Zeit erforderlich gewesen sind?« »Damit sie nicht den Franzosen in die Hände fallen, Sire!« »Aber könnte man sie nicht mit nach Sicilien führen?« »Lord Nelsons Ordre lautet einmal so, Sire, und eben deswegen habe ich die Eurer Majestät mittheilen wollen, ehe ich sie an den Marquis von Nizza befördere, welcher mit der Vollziehung beauftragt ist.« »Sire, Sire,« sagte die Königin, indem sie sich dem König näherte, »wir verlieren kostbare Zeit um einer Bagatelle willen.« »Zum Teufel, Madame,« rief der König. »Sie nennen das eine Bagatelle! Sehen Sie das Budget der Marine während der letzten zehn Jahre nach und Sie werden finden, daß diese Bagatelle sich auf mehr als hundertundsechzig Millionen beläuft.« »Jetzt schlägt es elf Uhr, Sire,« sagte die Königin, »und Mylord Nelson erwartet uns.« »Sie haben Recht,« sagte der König, »und Mylord Nelson ist nicht der Mann, der gern wartet, wäre es selbst auf einen König oder eine Königin. – Sie werden die Befehle des Mylord Nelson befolgen, Herr Graf, Sie werden meine Flotte verbrennen. Was England nicht zu nehmen wagt, verbrennt es. Ach, mein armer Caracciolo, Du hattest wohl Recht, und ich habe sehr unrecht gethan, daß ich deinen Rathschlägen nicht gefolgt bin. Gehen wir, meine Herren; gehen wir, meine Damen; lassen wir Mylord Nelson nicht warten.« Und der König ging, das Licht aus Acton's Händen nehmend, voran. Alle Uebrigen folgten ihm. Nicht blos die neapolitanische Flotte war verurtheilt, sondern der König hatte nun auch seine eigene Verurtheilung unterzeichnet. Wir haben seit jenem 21. Dezember 1798 so viel königliche Fluchten gesehen, daß es heutzutage beinahe nicht mehr der Mühe verlohnt, sie zu beschreiben. Ludwig der Achtzehnte, der am 20. März die Tuilerien verließ; Carl der Zehnte, der am 29. Juli die Flucht ergriff; Ludwig Philipp, welcher am 24. Februar dasselbe that, haben uns eine dreifache Varietät dieser gezwungenen Abreisen gezeigt. Auch vor nur erst wenigen Jahren haben wir in Neapel den Enkel denselben Corridor wie der Großvater passieren, dieselbe Treppe hinabsteigen und den geliebten Boden des Vaterlands gegen die bittere Verbannung umtauschen gesehen. Nur sollte der Großvater zurückkehren, während der Enkel aller Wahrscheinlichkeit nach auf immer verbannt ist. Zu jener Zeit aber war es Ferdinand, welcher zu dieser nächtlichen verstohlenen Abreise den Weg zeigte. Schweigend ging er entlang, aufmerksam horchend und mit pochendem Herzen. Auf der Mitte der Treppe, an einem auf den sogenannten Riesenhügel gehenden Fenster angelangt, glaubte er Geräusch auf diesem Hügel zu hören, welcher ziemlich steil von dem Palaisplatze nach der Straße Chiatamone hinabführt. Er blieb stehen, und da dasselbe Geräusch zum zweiten Mal an sein Ohr schlug, so blies er sein Licht aus, und Alle befanden sich nun im Finstern. Man mußte demgemäß tastend und Schritt um Schritt die schmale, schwierig zu begehende Treppe weiter hinabsteigen. Sie war sehr steil und, da sie kein Geländer hatte, gefährlich. Indessen man gelangte ohne Unfall bis auf die letzte Stufe hinab und fühlte den freien feuchten Hauch der äußeren Luft. Man war nun blos noch wenige Schritte von den Einschiffungsplatz entfernt. In dem Kriegshafen war das zwischen den Steindämmen des Molo und denen des Handelshafens gefangen gehaltene Meer ziemlich ruhig. Man fühlte aber, daß der Wind heftig wehte, und hörte das Tosen der Wogen, welche sich wüthend an den Gestade brachen. Als man auf die Art Kai gelangte, welcher sich an den Mauern des Schlosses hinzieht, warf der Graf von Thurn einen raschen fragenden Blick gegen Himmel. Dieser war mit schweren, rasch und tiefgehenden Wolken bedeckt. Es war als ob ein Luftmeer über dem der Erde rollte und sich herabsenkte, um seine Wogen mit dem des letzteren zu mischen. In dem engen Zwischenraume, der zwischen den Wolken und dem Wasser vorhanden war, brausten die Stöße jenes furchtbaren Südwestwindes, welcher die Schiffbrüche und Unfälle veranlaßt, deren Zeuge der Golf von Neapel in den schlimmen Tagen des Jahres so oft ist. Der König bemerkte den unruhigen Blick des Grafen von Thurn. »Wenn das Wetter zu ungünstig ist,« sagte er, »so sollten wir uns in dieser Nacht nicht einschiffen.« »Aber es ist Mylords Ordre,« antwortete der Graf »Indessen wenn Eure Majestät sich durchaus weigern –« »Es ist Mylords Ordre! es ist Mylords Ordre!« wiederholte der König ungeduldig. »Wenn aber nun Lebensgefahr dabei ist? Wollen Sie uns für uns stehen, Graf?« »Ich werde Alles, was in der Macht eines mit Wind und Meer kämpfenden Menschen steht, thun, um Sie an Bord des »Vanguard« zu bringen.« »Aber zum Teufel, das ist keine Garantie. Würden Sie sich wohl in einer solchen Nacht einschiffen?« »Eure Majestät sehen, daß ich blos auf Sie warte, um Sie an Bord des Admiralschiffes zu bringen.« »Ich meine, wenn Sie an meiner Stelle wären?« »Wenn ich an Euer Majestät Stelle wäre und Befehle nur von den Umständen und von Gott zu empfangen hätte, dann würde ich mir die Sache allerdings noch reiflicher überlegen.« »Nun, fragte die Königin ungeduldig, ohne jedoch – so mächtig ist das Gesetz der Etikette – vor ihrem Gemahl in das Boot zu steigen zu wagen, »nun, worauf warten wir?« »Worauf wir warten?« rief der König. »Hören Sie nicht, was der Graf von Thurn sagt? Das Wetter ist schlecht, er bürgt nicht für unser Leben und sogar Jupiter gibt mir, an seiner Leine zerrend, den Rath, in den Palast zurückzukehren.« »Nun, so kehren Sie doch dahin zurück, Sire, und lassen Sie uns Alle in Stücke reißen, wie Sie heute einen Ihrer treuesten Diener in Stücke reißen gesehen haben. Was mich betrifft, so ist mir das Meer mit seinen Stürmen immer noch lieber als Neapel mit seiner Bevölkerung.« »Meinen treuen Diener beklage ich mehr als irgend Jemand, ich bitte Sie, mir dies zu glauben – besonders jetzt, wo ich weiß, was ich von seinem Tode zu denken habe. Was jedoch Neapel und seine Bevölkerung betrifft, so bin nicht ich es, der etwas davon zu fürchten hätte.« »Ja, ich weiß das. Da dieses Volk in Ihnen einen Repräsentanten sieht, so betet es Sie an. Ich aber, die ich nicht so glücklich bin, mich dieser Sympathien zu erfreuen, ich gehe.« Und trotz des der Etikette gebührenden Respects stieg die Königin zuerst in das Boot. Die jungen Prinzessinnen und der Prinz Leopold, welche daran gewöhnt waren, der Königin mehr als dem König zu gehorchen, folgten ihr, wie junge Schwäne ihrer Mutter folgen. Nur der kleine Prinz Albert ließ Emma Lyonnas Hand los, lief auf den König zu, faßte ihn am Arme und sagte, indem er ihn nach dem Boote fortzuzerren suchte: »Komm mit, Papa!« Der König war gewohnt, nur dann Widerstand zu leisten, wenn er von Jemand anders unterstützt ward. Er schaute sich um, ob Jemand da wäre, der ihm Beistand leisten könnte. Aller Augen senkten sich aber vor seinem Blick, obschon in demselben mehr der Ausdruck einer Bitte als einer Drohung lag. Die Königin hatte bei den Einen die Furcht, bei den Andern den Egoismus zu Bundesgenossen. Er fühlte sich vollständig allein und verlassen, senkte das Haupt, ließ sich von dem kleinen Prinzen führen, zog seinen Hund, den Einzigen, der wie er der Meinung war, daß man das Land nicht verlassen solle, nach, stieg seinerseits in das Boot und setzte sich auf eine besondere Bank, indem er sagte: »Da Ihr es einmal Alle wollt – komm, Jupiter, komm!« Kaum hatte der König Platz genommen, so commandierte der Lieutenant, welcher für das Boot des Königs die Stelle des Hochbootsmannes versah: »Abstoßen!« Zwei mit Stangen bewaffnete Matrosen stießen das Boot von dem Kai ab, die Ruder senkten sich und die Barke schwamm nach dem Ausgange des Hafens. Die zur Aufnahme der übrigen Passagiere bestimmten Boote näherten sich eins nach dem andern dem Einschiffungsplatz, empfingen ihre edle Ladung und folgten der königlichen Barke. Diese verstohlene Flucht in der Nacht, trotz Sturmgeheul und Wogengebraus, bildete einen schroffen Gegensatz zu jenem Freudenfest des 2. September, wo man unter den glühenden Strahlender Herbstsonne, auf dem spiegelglatten Meer, unter den Tönen von Cimarosa's Musik, bei Glockengeläute und Kanonendonner, dem Sieger von Abukir entgegengefahren war. Kaum waren drei Monate vergangen und schon sah man, um diesen Franzosen zu entfliehen, deren Niederlage man allzufrüh gefeiert, sich genöthigt, um Mitternacht, im Finstern, bei hochgehendem Meer, die Gastfreundschaft desselben »Vanguard« in Anspruch zu nehmen, den man damals im Triumphe empfangen. Jetzt handelte es sich vor allen Dingen darum, zu wissen, ob man ihn erreichen könnte. Nelson hatte sich dem Eingange des Hafens so weit genähert, als die Sicherheit seines Schiffes ihm erlaubte. Dennoch war immer noch zwischen dem Kriegshafen und dem Admiralschiffe eine Viertelmeile zurückzulegen. Während dieser Fahrt konnten die Boote zehnmal umschlagen und untergehen. In der That, je mehr die königliche Barke – und man wird uns erlauben, daß wir unter diesen ernsten Umständen uns ganz besonders mit dieser beschäftigen – je mehr die königliche Barke sich dem Ausgange des Hafens näherte, desto wirklicher und drohender erschien die Gefahr. Das Meer warf, wie wir bereits bemerkt, unter der Gewalt des Südwestwindes, der von den Küsten Afrikas und Spaniens kommt, zwischen Sicilien und Sardinien, zwischen Ischia und Capri durchgeht, ohne von den Balearischen Inseln bis zum Fuße des Vesuv auf irgend ein Hinderniß zu stoßen, ungeheure Wellen, welche, indem sie sich dem Lande näherten, sich auf sich selbst zurückwarfen und diese gebrechlichen Fahrzeuge in ihren nassen Wölbungen zu verschlingen drohten, welche in der Finsterniß wie die Rachen gefräßiger Ungeheuer erschienen. Als man sich der Grenze näherte, wo man aus einem verhältnißmäßig ruhigen in ein wüthendes Meer übergehen sollte, fühlte selbst die Königin, wie ihr der Muth zu entsinken und ihr Entschluß wankend zu werden drohte. Der König saß stumm und unbeweglich, hielt seinen Hund zwischen den Knien und krampfhaft am Halse gefaßt, während er mit starrem, von der Furcht erweitertem Auge die langen Wogen betrachtete, welche wie eine Heerde Seerosse gegen den Molo anrannten, an dieser granitenen Schranke zerschellend einen unheimlichen Klageton hören ließen und einen ungreifbaren, zitternden Schaum über die Mauer spritzten, welcher in der Finsterniß wie ein Silberregen aussah. Trotz dieses furchtbaren Schauspiels, welches das Meer darbot, versuchte der Graf von Thurn, den empfangenen Befehlen gemäß, das Hinderniß zu überwinden und den Widerstand zu zähmen. Im Vordertheile der Barke mit jenem sichern. Gleichgewicht des Seemanns, welches nur eine Frucht mehrjähriger Schifffahrt ist, wie an den Boden angewurzelt stehend, bot er dem Wind, der ihm den Hut genommen, und dem Meer, welches ihn mit seinem Schaum bedeckte, kühn Trotz und ermuthigte die Ruderer durch den von Zeit zu Zeit wiederholten monotonen, aber festen, lauten Ruf: »Immer frisch! immer frisch!« Die Barke schwamm weiter. Als sie aber an der von uns erwähnten Grenze anlangte, ward der Kampf ernsthaft. Dreimal überstieg das siegreiche Fahrzeug die Wogen und glitt den entgegengesetzten Abhang hinab, dreimal aber warf die nächstfolgende Welle es wieder zurück. Der Graf von Thurn sah selbst ein, daß es Wahnsinn wäre, mit einem solchen Gegner zu kämpfen, und drehte sich herum, um den König zu fragen : »Sire, was befehlen Sie? Er hatte aber nicht einmal Zeit diese Frage vollständig auszusprechen. Während der Bewegung, die er machte, während der Secunde, die er so unklug war die Führung der Barke aufzugeben, schlug eine Welle, höher und wüthemder als alle vorhergegangenen, über das Fahrzeug hinweg und bedeckte es mit Wasser. Die Barke erzitterte und krachte. Die Königin und die jungen Prinzen, welche glaubten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, erhoben ein lautes Geschrei und der Hund ließ ein dumpfes Geheul hören. »Zurück!« rief der Graf von Thurn. »Bei einem solchem Wetter in See stechen wollen, hieße Gott versuchen. Uebrigens wird das Meer gegen fünf Uhr Morgens wahrscheinlich ruhig werden.« Die über den ihnen erheilten Befehl augenscheinlich nicht wenig erfreuten Matrosen ruderten sofort in den Hafen zurück und wollten an der nächstgelegenen Stelle des Kaies anlegen. Zweites Capitel. Worin Michele sich mit dem Beccajo in allem Ernste veruneinigt Die fürstlichen Flüchtlinge waren nicht die einzigen, welche in jener furchtbaren Nacht mit dem Sturme und dem Meere zu kämpfen hatten. Gegen halb drei Uhr war der Chevalier San Felice, seiner Gewohnheit gemäß, nach Hause zurückgekommen und hatte mit einer Aufregung, die sonst gar nicht in seiner Gewohnheit lag, zweimal gerufen: »Luisa! Luisa!« Luisa eilte sofort hinaus in den Corridor, denn als sie die Stimme ihres Gatten vernahm, verrieth der Ton derselben ihr sofort, daß etwas Außerordentliches vorgegangen war, und als sie ihn sah, ward sie davon überzeugt. Der Chevalier war in der That sehr bleich. Von den Fenstern der Bibliothek aus hatte er gesehen, was in der Straße San Carlo geschehen war, nämlich die Ermordung des unglücklichen Ferrari. Da der Chevalier trotz seines sanften Aeußern außerordentlichen Muth besaß, und zwar jenen Muth, welcher großen Herzen ein tiefes Gefühl von Menschlichkeit verleiht, so war seine erste Bewegung gewesen, hinunter und dem Courier zu Hilfe zu eilen, in welchem er den des Königs recht wohl erkannte. An der Thür der Bibliothek ward er jedoch von dem Kronprinzen aufgehalten, der mit seiner schmeichelnden kalten Stimme ihn fragte: »Wo wollen Sie hin, San Felice?« »Wo ich hin will, wo ich hin will?« antwortete San Felice. »Wissen Eure Hoheit denn nicht, was vorgeht?« »O doch, ich weiß es. Man ermordet einen Menschen. Ist es aber etwas so Seltenes, wenn in den Straßen von Neapel ein Mensch ermordet wird, daß Sie sich in so hohem Grade damit beschäftigen?« »Aber der, welchen man jetzt ermordet, ist ein Diener des Königs.« »Ich weiß es.« »Es ist der Courier Ferrari.« »Ich habe ihn erkannt.« »Aber warum erwürgt man einen Unglücklichen unter dem Rufe: Nieder mit den Jakobinern! da doch im Gegentheil dieser Unglückliche einer der treuesten Diener des Königs ist?« »Wie? Warum? Haben Sie die Correspondenz Macchiavellis, des Vertreters der herrlichen florentinischen Republik in Bologna, gelesen?« »Allerdings habe ich sie gelesen, gnädigster Herr.« »Nun, dann kennen Sie also wohl die Antwort, welche er den florentinischen Magistratspersonen in Bezug auf die Ermordung Ramiro's d’Orco gab, dessen Körper man geviertheilt an den vier Ecken des Marktplatzes von Imola auf vier Pfähle gespießt gefunden?« »Ramiro d’Orco war wohl ein Florentiner?« »Ja und deswegen glaubte der Senat von Florenz das Recht zu haben, von dem Gesandten nähere Auskunft über diesen seltsamen Mord zu verlangen.« San Felice dann eine Weile nach und sagte dann: »Ja; Macchiavelli antwortete: Erlauchte Herren, ich kann Ihnen über den Tod des Ramiro d’Orco weiter nichts sagen, als daß Cäsar Borgio der Fürst ist, welcher es am besten versteht, die Menschen, je nach ihrem Verdienst, zu erheben und zu vernichten!« »Wohlan, entgegnete der Herzog von Calabrien mit mattem Lächeln, »dann steigen Sie nur wieder auf Ihre Leiter, mein lieber Chevalier, und erwägen Sie die Antwort Macchiavellis.« Der Chevalier stieg wieder auf seine Leiter und hatte noch nicht die drei ersten Stufen erstiegen, so begriff er auch schon, daß eine Hand, welche Interesse an Ferraris Tod besaß, die Schläge, die ihn getroffen, geleitet hatte. Eine Viertelstunde später rief man den Prinzen im Auftrag seines Vaters. »Verlassen Sie den Palast nicht eher, als bis Sie mich wieder gesehen haben werden,« sagte der Herzog von Calabrien zu dem Chevalier, »denn aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich Ihnen etwas Neues mitzutheilen haben.« In der That trat noch vor Ablauf einer Stunde der Prinz wieder ein. »San Felice,« sagte er, »Sie erinnern sich wohl noch des mir gegebenen Versprechens, mich nach Sicilien zu begleiten?« »Ja, Hoheit.« »Sind Sie immer noch bereit, dieses Versprechen zu halten?« »Ja wohl, nur –« »Was?« »Als ich meiner Gattin erzählte, welche Ehre Eure Hoheit mir zu erzeigen gesonnen sind –« »Nun?« »Verlangte sie mich begleiten zu dürfen.« Der Prinz stieß einen Freudenruf aus. »Dank für diese gute Nachricht, Chevalier!« rief er. »Ah, dann wird also die Prinzessin eine Begleiterin haben, die ihrer würdig ist. Ihre Gattin, San Felice, ist das Musterbild der Frauen, dies weiß ich, und Sie werden sich erinnern, daß ich sie zur Ehrendame der Prinzessin verlangte, denn sie wäre nicht blos dem Namen, sondern auch der That nach eine wirkliche Ehrendame gewesen. Sie wollten aber damals nicht. Heute kommt sie von selbst zu uns. Sagen Sie ihr, mein lieber Chevalier, daß sie willkommen sein wird.« »Ich werde es ihr sagen, Hoheit.« »Warten Sie doch. Ich habe Ihnen noch nicht Alles gesagt.« »Ich höre.« »Noch diese Nacht reisen wir Alle ab.« Der Chevalier machte große Augen. »Ich glaubte,« sagte er, »der König hätte beschlossen, nur im äußersten Nothfalle fortzugehen.« »Ja, aber durch Ferraris Ermordung sind alle seine Entschlüsse über den Haufen geworfen worden. Um halb elf Uhr verläßt er das Schloß und begibt sich mit der Königin, den Prinzessinnen, meinen beiden Brüdern, den Gesandten und den Ministern an Bord von Lord Nelsons Schiff.« »Aber warum nicht an Bord eines neapolitanischen Schiffes? Nach meiner Ansicht ist es eine Beleidigung für die ganze neapolitanische Marine, wenn er auf diese Weise einem englischen Schiffe den Vorzug gibt.« »Die Königin hat es so gewollt, und ohne Zweifel zur Entschädigung soll ich die Reise mit dem Schiffe des Admirals Caracciolo machen. Folglich werden Sie sich mit mir an Bord dieses Schiffes begeben.« »Zu welcher Stunde?« »Dies weiß ich selbst noch nicht. Ich werde es Ihnen sagen lassen. Auf alle Fälle halten Sie sich bereit. Wahrscheinlich wird es zwischen zehn Uhr und Mitternacht geschehen.« »Sehr wohl, Hoheit.« Der Prinz ergriff die Hand des Chevaliers, sah ihn an und sagte: »Sie wissen, daß ich auf Sie rechne.« »Sie haben mein Wort, Hoheit,« antwortete San Felice, sich verneigend; »und die Ehre, Sie zu begleiten, ist für mich zu groß, als daß ich nur einen Augenblick lang zögern sollte, sie anzunehmen.« Nachdem der Chevalier dies gesagt, nahm er Hut und Regenschirm und entfernte sich. Die immer noch grollende Menge erfüllte die Straßen. Auf dem Platze des Palastes selbst hatte man zwei oder drei Feuer angezündet, woran man Fleischstücke von Ferraris Pferd auf den glühenden Kohlenbriet. Was den unglücklichen Courier betraf, so war er in Stücke zerrissen worden. Der Eine hatte die Beine, der Andere die Arme genommen; dann hatte man Alles auf spitzige Stöcke – die Lazzaronis hatten damals noch weder Piken noch Bajonette – gespießt und trug diese scheußlichen Trophäen unter dem Rufe: »Es lebe der König! Nieder mit den Jakobinern!« in den Straßen umher. Am Riesenhügel begegnete der Chevalier dem Beccajo, welcher sich des Kopfes des Gemordeten bemächtigt, ihm eine Orange in den Mund gesteckt hatte und diesen Kopf auf der Spitze eines Stockes umhertrug. Als der Beccajo einen Mann in guter Kleidung – was in Neapel das Kennzeichen des Liberalismus war – erblickte, kam er auf die Idee, den Chevalier zu zwingen, Ferraris Kopf zu küssen. Wir haben jedoch schon gesagt, daß der Chevalier nicht der Mann war, welcher sich fürchtete. Er weigerte sich, dem an ihn gestellten Verlangen zu willfahren und stieß den elenden Mörder mit Entrüstung zurück. »Verwünschter Jakobiner!« rief der Beccajo; »ich will, daß Du diesen Kopf küssest und, mannaggia la Madonna, Du wirst ihn küssen!« Mit diesen Worten drang er wieder auf den Chevalier ein. Dieser, welcher weiter keine Waffe hatte, als seinen Regenschirm, setzte sich mit demselben zur Wehre. Bei dem Rufe: »Der Jakobiner! der Jakobiner!« kamen alle jene Verworfenen, für welche dieser Ruf ein Versammlungssignal war, herbeigeeilt und schon bildete sich ein drohender Kreis um den Chevalier, als ein junger Mann diesen Ring durchbrach, den Beccajo durch einen Stoß vor die Brust zehn Schritte weit hinwegschleuderte, seinen Säbel zog, und sich vor den Chevalier stellte. »Das wäre kein übler Jakobiner!« rief er dann. »Der Chevalier San Felice, Bibliothekar Seiner königlichen Hoheit des Prinzen von Calabrien, sollte ein Jakobiner sein! Ich frage,« fuhr er fort, indem er mit seinem Säbel die Mühle machte, »ich frage, was wollt Ihr denn von dem Chevalier San Felice?« »Capitän Michele!« riefen die Lazzaroni. »Es lebe der Capitän Michele! Er ist einer der Unsern!« »Jetzt gilt es nicht, zu rufen: Es lebe der Capitän Michele! sondern vielmehr: Es lebe der Chevalier San Felice! und zwar sogleich.« Die Menge, welcher es ganz gleich ist, ob sie schreit: »Es lebe der und der !« oder: »Nieder mit dem und dem!« dafern sie nur überhaupt schreien kann, heulte wie aus einer einzigen Kehle: »Es lebe der Chevalier San Felice!« Nur der Beccajo schwieg »Na,« sagte Michelle zu ihm, »wenn Du auch vor der Thür seines Gartens Dir deine Narbe geholt hat, so ist dies doch kein Grund für Dich, nicht auch zu rufen: Es lebe der Chevalier!« »Und wenn es mir nun nicht beliebt, so zu rufen?« entgegnete der Beccajo. »Auf das, was Dir beliebt, kommt es jetzt nicht an, sondern nur auf das, was mir beliebt. Entweder,« fuhr Michele fort, »rufst Du: Es lebe der Chevalier San Felice! und zwar auf der Stelle, oder ich schlage Dir auch noch das andere Auge aus deinem Kopf.« Und Michele schwang seinen Säbel über den Kopf des Beccajo, welcher sehr bleich ward, und zwar mehr aus Angst als vor Zorn. »Mein Freund, mein guter Michele,« sagte der Chevalier, »laß diesen Menschen in Ruhe. Du siehst ja, daß er mich nicht kennt.« »Aber wenn er Sie nicht kennt, warum wollte er Sie denn zwingen, den Kopf des Unglücklichen zu küssen, welchen er umgebracht hat? Allerdings wäre es immer noch besser, diesen Kopf, welcher der eines ehrlichen Mannes ist, zu küssen als den einigen, welcher einem Schurken angehört.« »Hört Ihr es!« heulte der Beccajo. »Er nennt Jakobiner ehrliche Leute!« »Schweig, Elender! Dieser Mann war kein Jakobiner, das weißt Du recht wohl. Es war Antonio Ferrari, der Courier des Königs und einer der entschlossensten Diener Seiner Majestät. Wenn Ihr mir nicht glaubt, so fragt hier den Chevalier. Herr Chevalier, sagen Sie diesen Leuten, welche nicht bös sind, aber das Unglück hatten, einem Bösewicht zu folgen, sagen Sie ihnen, wer der arme Antonio war.« »Meine Freunde, sagte der Chevalier, »Antonio Ferrari, welcher umgebracht worden, ist in der That das Opfer eines beklagenswerthen Irrthumes, denn er war einer der eifrigsten Diener eures guten Königs, welcher in diesem Augenblicke seinen Tod beweint.« Die Menge hörte mit Bestürzung zu. »Jetzt wage noch zu sagen, daß dieser Kopf nicht der Ferraris ist und daß Ferrari nicht ein ehrlicher Mann war! Sag' es! So lag es doch, damit ich Gelegenheit habe, Dir die andere Hälfte deines Gesichtes herunter zu hauen.« Und Michele hob seinen Säbel über den Beccajo. »Gnade!« rief dieser, indem er auf die Knie niedersank. »Ich will Alles sagen, was Du verlangt.« »Und ich, ich will nur Eins sagen, nämlich, daß Du ein Bube bist. Mach, daß Du fortkommt, und wenn Du mir jemals wieder in den Weg geräthst, so trage Sorge, mir auf zwanzig Schritte rechts oder links auszuweichen.« Der Beccajo entfernte sich unter dem Hohngeschrei dieser Menge, welche ihm einen Augenblick vorher noch Beifall zujauchzte und die sich in zwei Banden theilte. Die eine folgte dem Beccajo, indem sie ihn mit Schimpfreden überhäufte, die andere dagegen Michele und dem Chevalier, indem sie rief: »Es lebe Michele! Es lebe der Chevalier San Felice!« Michele blieb an der Thür des Gartens stehen, um seine Escorte zu verabschieden. Der Chevalier ging in sein Haus hinein und rief, wie wir bereits erwähnt, Luisa. Wir haben so eben erzählt, was er von den Fenstern der Bibliothek aus mit angesehen und was ihm auf dem Riesenhügel begegnet war – zwei Dinge, die unserer Meinung nach hinreichend waren, um seine Blässe zu erklären. Kaum hatte er Luisa den Grund mitgetheilt, der ihn zurückführte, so ward sie ihrerseits bleicher als er. Sie entgegnete jedoch kein Wort, sie machte keine Bemerkung, sondern fragte blos: »Wann wird die Abreise erfolgen?« »Zwischen zehn Uhr und Mitternacht,« antwortete der Chevalier. »Ich werde bereit sein,« sagte sie. »Mache Dir keine Sorge um mich, mein Freund.« Und sie zog sich unter dem Vorwande, ihre Anstalten zur Abreise zu treffen, in ihr Zimmer zurück, indem sie zugleich Befehl gab, das Diner wie gewöhnlich um drei Uhr zu servieren. Drittes Capitel. Das Verhängniß Luisa hatte sich nicht in ihr Zimmer zurückgezogen, sondern in das Salvatos. In dem Kampfe zwischen der Pflicht und der Liebe hatte die erstere gesiegt, nachdem sie aber ihre Liebe der Pflicht geopfert, glaubte sie eben dadurch das Recht erworben zu haben, der Liebe ihre Thränen zu weihen. Schon seit dem Tage, wo sie zu ihrem Gatten gesagt: »Ich werde mit Dir gehen,« hatte sie viel geweint. Da sie nicht wußte, auf welchem Wege die Salvato ihre Briefe zusenden sollte, so hatte sie nicht an ihn geschrieben, wohl aber zwei anderweite Briefe von ihm empfangen. Diese so feurige Liebe, diese so innige Freude, welche sie in jeder Zeile der Briefe des jungen Mannes fand, zerriß ihr das Herz, besonders wenn sie bedachte, welcher bitteren Täuschung Salvato zur Beute fallen würde, wenn er, erfüllt von Hoffnung und Gewißheit, das Fenster offen und Luisa in dem Zimmer glaubend, wo sie in diesem Augenblick so heiße Thränen des Schmerzes vergoß, Luisa abwesend und das Fenster verlassen fände. Dennoch bereute sie nicht, was sie versprochen, oder wozu sie vielmehr sich erboten. Hätte sie noch einmal die Wahl gehabt, so würde sie jetzt, wo die Stunde der Abreise bevorstand, doch abermals so gehandelt haben, wie sie gethan. Sie rief Giovannina. Diese kam herbeigeeilt. Sie hatte von der Küche aus Michele gesehen und ahnte, daß etwas ganz Außerordentliches geschehen sei. »Nina,« sagte ihre Herrin zu ihr, »diese Nacht verlassen wir Neapel. Ich beauftrage Dich, die Gegenstände, deren ich zum alltäglichen Gebrauche bedarf, zusammen und in einige Kisten zu packen. Du kennst diese Gegenstände ebenso gut als ich, nicht wahr?« »Allerdings kenne ich sie,« antwortete die Dienerin, »und ich werde thun, was Sie mir befehlen, Signora. Vorher aber werden Sie die Güte haben, mir über etwas Aufschluß zu geben.« »Worüber? sprich, Nina,« antwortete Luisa, ein wenig verwundert über die steigende Festigkeit, womit die Dienerin auf den ihr erheilten Befehl geantwortet. »Nun, ich meine über die Worte: Wir verlassen Neapel, nicht wahr, so sagten Sie, Signora?« »Allerdings sagte ich so.« »Gedenken Sie mich mitzunehmen, Signora?« »Wenn Du Lust hat, mitzugehen, ja; solltest Du dagegen keine Lust haben –« Nina sah ein, daß sie ein wenig zu weit gegangen war. »Wenn ich nur von mir abhinge, so würde ich Ihnen mit dem größten Vergnügen folgen bis ans Ende der Welt,« sagte sie »unglücklicherweise aber habe ich Familie.« »Eine Familie zu haben, ist niemals ein Unglück, mein Kind,« sagte Luisa mit ihrer sich stets gleichbleibenden Sanftmuth. »Entschuldigen Sie, Signora, wenn ich ein wenig zu frei mit der Sprache herausgehe –« »Du bedarfst keiner Entschuldigung. Du hast eine Familie, sagtest Du, und diese Familie, wolltest Du sagen, wird nicht erlauben, daß Du Neapel verlässest.« »Allerdings nicht, Signora, das weiß ich bestimmt,« antwortete Giovannina rasch. »Aber,« fuhr Luisa fort, indem sie bedachte, daß es für Salvato weniger grausam sein würde, wenn er in ihrer Abwesenheit Jemanden fände, mit dem er von ihr sprechen könnte, als wenn die Thür verschlossen und das Haus stumm wäre, »aber würde deine Familie Dir wohl erlauben, daß Du als eine vertraute, mit der Bewachung des Hauses beauftragte Person hier bliebest?« »O, was das betrifft, ganz gewiß!« rief Nina mit einer Lebhaftigkeit, welche Luisa, wenn sie die mindeste Ahnung von dem gehabt hätte, was in dem Herzen ihrer Dienerin vorging, die Augen hätte öffnen müssen. Dann sich mäßigend setzte Nina hinzu: »Es wird stets eine Ehre und eine Pflicht für mich sein, Ihrem Interesse dienen zu können, Signora.« »Nun dann, Nina, dann wirst Du, obschon ich an deinen Dienst gewöhnt bin, hier bleiben,« sagte Luisa. »Vielleicht dauert unsere Abwesenheit nicht lange. Während dieser Abwesenheit wirst Du zu Allen, welche sich einfinden werden, um mich zu sehen – merke wohl, was ich sage, Nina – Du wirst sagen, die Pflicht meines Gemahls sei, dem Prinzen zu folgen, und meine Pflicht sei, meinem Gatten zu folgen. Du wirst sagen – denn Du, die Du selbst nicht Neapel verlassen willst, begreift besser als irgend Jemand, wie schwer mir dieser Abschied ankommt – Du wirst sagen, daß ich mit thränenden Augen mein erstes und zur Stunde der Abreise mein letztes Lebewohl jedem der Zimmer dieses Hauses und jedem der in diesen Zimmern enthaltenen Gegenstände sagte. Und wenn von diesen Thränen spricht, weißt Du, daß Du es nicht eitle Worte sind, denn Du hast sie selbst fließen sehen.« Luisa brach bei diesen letzten Worten in lautes Schluchzen aus. Nina betrachtete ihre Herrin mit einer gewissen Freude und benutzte den Umstand, daß Luisa, weil sie das Tuch vor die Augen hielt, nicht den flüchtigen Ausdruck lesen konnte, der über ihr Gesicht zuckte. »Und,« hob sie zögernd an, »wenn nun Signor Salvato kommt, was soll ich diesem sagen?« Luisa nahm das Tuch vom Gesicht und antwortete mit erhabener heiterer Ruhe: »Daß ich ihn immer noch liebe und daß diese Liebe so lange dauern wird als mein Leben. Sage Michele, er solle nicht fortgehen. Ich habe vor meiner Abreise noch mit ihm zu sprechen und ich rechne darauf, daß er mich bis an das Boot geleitet.« Nina verließ das Zimmer. Als Luisa sich allein sah, drückte sie ihr Gesicht in das auf dem Bett liegen gebliebene Kopfkissen, ließ einen Kuß in der auf diese Weise bewirkten Vertiefung zurück und verließ das Zimmer ebenfalls. Es hatte eben drei Uhr geschlagen und der Chevalier trat mit seiner gewohnten Pünktlichkeit, die durch nichts gestört werden konnte, durch die Thür seines Arbeitscabinets in das Speisezimmer, während Luisa durch die ihres Schlafzimmers hereintrat. Michele stand draußen vor der Hausthür auf der Terrasse. Der Chevalier suchte ihn mit den Augen. »Wo ist denn Michele?« fragte er. »Er ist doch nicht schon wieder fort, hoffe ich?« »Nein,« sagte Luisa, »hier ist er. Komm doch herein, Michele! Der Chevalier fragt nach Dir und ich habe auch mit Dir zu sprechen.« Michele trat ein. »Du weißt wohl, was dieser junge Mann gethan hat?« fragte der Chevalier seine junge Gattin, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte. »Nein,« antwortete Luisa, »jedenfalls aber ist es etwas Gutes gewesen.« Dann setzte sie in wehmüthigem Tone hinzu: »In der Marinella nennt man ihn Michele den Narren. Die Freundschaft aber, die er für uns hegt, vertritt, wenigstens in meinen Augen, bei ihm die Stelle des Verstandes.« »Ach!«, rief Michele, »das war sehr gut gesagt.« »Es lohnt allerdings nicht der Mühe, davon zu sprechen,« fuhr San Felice mit seinem gutmüthigen Lächeln fort. »Ich bin so zerstreut, daß ich, als ich nach Hause kam, Dir nichts davon gesagt habe. Er hat mir sehr wahrscheinlich das Leben gerettet.« »Na, wenn es weiter nichts ist!« rief Michele dazwischen. »Das Leben gerettet! Wieso denn?« fragte Luisa mit einer auffallenden Veränderung in ihrem Ton. »Denke Dir, daß ein Bösewicht auf mich zukam, welcher mich zwingen wollte, den Kopf jenes unglücklichen Ferrari zu küssen, und der, weil ich dies nicht wollte, mich einen Jakobiner nannte! Es ist bei jetziger Zeit sehr gefährlich, ein Jakobiner genannt zu werden. Das Wort begann auch wirklich schon eine Wirkung zu äußern, Michele aber warf sich zwischen mich und die Menge, schwang seinen Säbel und der Mann ging fort, während er, glaube ich, noch Drohungen gegen mich ausstieß. Was konnte er denn gegen mich haben?« »Nicht gegen Sie, sondern wahrscheinlich gegen Ihr Haus. Sie erinnern sich, was Doctor Cirillo Ihnen von einem Mord erzählte, welcher in der Nacht vom 22. zum 23. September unter Ihren Fenstern verübt ward. Dieser Mensch ist nun eben einer von jenen fünf oder sechs Schurken, welcher von dem, den sie ermorden wollten, selbst so trefflich bedient wurde.« »Ah, also unter meinem Fenster hat er die Schmarre davongetragen, welche er unter dem Auge hat?« »Sehr richtig.« »Dann begreife ich, daß er diesen Ort mit ungünstigem Auge betrachtet. Aber was geht die Sache mich an?« »Eigentlich nichts, wenn sie aber auf dem Altmarkt Geschäfte abzumachen haben, so möchte ich sagen: Wenn es Ihnen gleich ist, Herr Chevalier, so gehen Sie nicht ohne mich hin.« »Ich verspreche es Dir Und nun umarme deine Schwester, mein Sohn, und setze Dich mit uns zu Tische.« Michele war gewöhnt an diese Ehre, welche der Chevalier und Luisa ihm von Zeit zu Zeit erzeigten. Er machte daher keine Schwierigkeiten, die Einladung anzunehmen, besonders jetzt, wo er, zum Capitän ernannt, einige der Sprossen der sozialen Stufenleiter erstiegen, welche ihn früher von seinem edlen Freunde trennten. Gegen vier Uhr fuhr ein Wagen an der Hausthür vor und Nina ließ den Secretär des Herzogs von Calabrien ein, welcher mit dem Chevalier in ein Cabinet ging, aber fast sofort wieder herauskam. Michele hatte gethan, als ob er nichts sähe. Als der Chevalier wieder aus seinem Cabinet herauskam und nachdem er den Secretär des Prinzen bis an seinen Wagen geleitet, gab er Luisa einen Wink, um sie zu fragen, ob er sie Michele anvertrauen könne. Luisa, welche wußte, daß Michele noch weit eher für sie als für den Chevalier das Leben lassen würde, antwortete mit »Ja«. Der Chevalier sah Michele einen Augenblick an. »Mein lieber Michele,« sagte er zu ihm, »Du wirst uns versprechen, keinem Menschen, wer er auch sei, auch ein einziges Wort von dem Geheimniß mitzutheilen, welches ich im Begriffe stehe Dir anzuvertrauen.« »Weißt Du, was es ist, Schwesterchen?« »Ja.« »Und es gilt also zu schweigen?« »Du hörst, was der Chevalier Dir sagt.« Michele machte sich ein Kreuz über den Mund. »Sprechen Sie. – Es ist so gut, als ob der Beccajo mir die Zunge ausgeschnitten hätte.« »Wohlan, Michele, diese Nacht reist Alles ab.« »Wie so, Alles? Wer denn?« »Der König, die Königin, die königliche Familie, wir selbst.« Luisa traten die Thränen in die Augen. Michele warf einen raschen Blick auf sie und sah diese Thränen. »Und nach welchem Lande reist man denn?«, fragte Michele. »Nach Sicilien.« Der Lazzarone schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die Ehre, zu den Rathgebern des Königs zu gehören,« sagte er dann; »wenn ich aber dazu gehörte, so würde ich zu ihm sagen: Sire, Sie haben Unrecht.« »Ach, warum hat er nicht so freimüthige Rathgeber, wie Du einer bist, Michele!« sagte Luisa. »Man hat es ihm gesagt, hob der Chevalier wieder an. »Der Admiral Caracciolo und der Cardinal Ruffo haben es ihm gesagt, die Königin hat aber Furcht, der Minister Acton hat Furcht und in Folge des heute von dem Volke verübten Mordes hat der König beschlossen abzureisen.« »Ah!« sagte Michele, »nun fange ich an zu begreifen, warum ich unter der Zahl der Mörder Pasquale de Simone und den Beccajo sah. Was Fra Pacifico betrifft, so war der arme Mann dabei wie ein Esel, ohne zu wissen warum.« »Aber Michele, fragte Luisa, »dann glaubst Du also, die Königin –« »Still, still, Schwesterchen! In Neapel sagt man dergleichen Dinge nicht, sondern begnügt sich, sie zu denken. Doch gleichviel! Der König hat Unrecht. Wäre der König in Neapel geblieben, so kämen die Franzosen nimmermehr herein. Eher ließen wir uns Alle todtschlagen. Ha, wenn das Volk wüßte, daß der König fort will!« »Ja, aber es darf es nicht wissen, Michele. Deshalb habe ich Dich schwören lassen, nichts von dem, was ich Dir mittheilen würde, weiter zu sagen. Also, diese Nacht reisen wir ab, Michele!« »Und mein Schwesterchen auch?«, fragte Michele in einem Tone, aus welchem er nicht alle Ueberraschung bannen konnte. »Ja, sie verlangt selbst mir zu folgen, das gute, liebe Kind,« sagte der Chevalier, indem er seine Hand über den Tisch ausstreckte, um die Luisa's zu suchen. »Ja,« sagte Michele, »Sie können sich rühmen, eine Heilige zur Gattin zu haben, Herr Chevalier.« »Michele!« sagte Luisa. »O, ich weiß, was ich sage. Und diese Nacht reisen Sie also ab? Madonna! Ich wollte, ich wäre Jemand, dann ginge ich auch mit.« »O, komm' mit, Michele! komm' mit!« rief Luisa, welche in Michele einen Freund sah, mit dem sie von Salvato sprechen konnte. »Unglücklicherweise ist es unmöglich, Schwesterchen,« antwortete der Lazzarone. »Ein Jeder hat seine Pflicht; Die deinige will, daß Du gehest, und die meinige befiehlt mir, zu bleiben. Ich bin Capitän und Volksanführer, und ich trage den Säbel nicht blos an der Seite, um über dem Kopfe des Beccajo die Windmühle zu machen, sondern um mich zu schlagen, um Neapel zu vertheidigen, um so viel Franzosen als möglich niederzuhauen.« Luisa machte eine unwillkürliche Bewegung. »O, sei unbesorgt, Schwesterchen, hob Michele lachend wieder an, »alle werde ich sie nicht umbringen.« »Wohlan, um der Sache ein Ende zu machen,« fuhr der Chevalier fort, »wir schiffen uns heute Nacht an der »Vittoria« ein, um hinter dem Castell dell' Uovo an Bord der Fregatte des Admirals Caracciolo zu gehen. Ich wollte Dich bitten, deine Schwester nicht zu verlassen und im Nothfalle für sie im Augenblicke der Einschiffung dasselbe zu thun, was Du vor zwei Stunden für mich thatest, das heißt, sie in deinen Schutz nehmen.« »O, in dieser Beziehung können Sie unbesorgt sein, Chevalier, für Sie würde ich mich tödten lassen, für Luisa aber ließe ich mich in Stücke reißen. Doch gleichviel, wenn das Volk etwas von dieser Abreise des Königs wüßte, so gäbe es keinen schlechten Aufruhr.« »Also,« sagte der Chevalier, indem er sich von der Tafel erhob, »ich habe dein Wort, Michele, Du verlässest Luisa nicht eher, als bis sie im Boote ist.« »Seien Sie unbesorgt; ich verlasse sie von hier bis dorthin eben so wenig, als ihr Schatten an einem sonnenhellen Tage, denn ich weiß heute nicht recht, was Jeder von uns mit dem einigen gemacht hat.« Der Chevalier, welcher seine sämtlichen Papiere in Ordnung zu bringen, seine Bücher einzupacken und alle angefangenen Manuscripte mitzunehmen hatte, kehrte in sein Cabinet zurück. Was Michele betraf, der nichts zu thun hatte, als sein Schwesterchen anzusehen, so heftete er seinen wohlwollenden Blick auf sie, und als er sah, wie zwei große Thränen still aus ihren schönen Augen die Wangen herabrollten, sagte er: »In der That, es gibt Menschen, die ungeheures Glück haben, und der Chevalier gehört zu diesen Menschen. Mannaggia la Madonna! Affunta würde für mich nicht thun, was Du für ihn thut.« Luisa erhob sich, aber so rasch sie auch in ihr Zimmer zurückkehrte und so schnell sie auch die Thür desselben hinter sich schloß, so hörte Michele doch das Geräusch des Schluchzens, welches sich jetzt, wo sie allein war, unaufhaltsam ihrer Brust entrang. Wir haben schon bei einer andern Gelegenheit, als Salvato und nicht Luisa Neapel verließ, mit dem Auge die langsame ungleiche Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatte der Uhr verfolgt. Dieser Bewegung folgten gleichzeitig mit uns zwei Herzen, da sie aber sich eins auf das andere stützten, so erschien diese Bewegung ihnen sicherlich weniger schmerzlich, als jenem armen, alleinstehenden Herzen, welches keine andere Stütze hatte, als das Gefühl der erfüllten Pflicht. Luisa war, wie gewöhnlich, durch ihr Zimmer blos hindurchgegangen und hatte sich auf den Fußspitzen in das Zimmer Salvato's begeben. Als sie den Corridor durchschritt, vernahm sie mit einem gewissen Grade von Erstaunen einige Töne von Giovannina's Stimme, welche ein heiteres neapolitanisches Liedchen sang. Bei den Tönen dieser etwas unzeitigen Heiterkeit seufzte Luisa und sagte bei sich selbst: »Das arme Mädchen! Sie ist froh, daß die Neapel nicht zu verlassen braucht, und wenn ich frei wäre und eben so wie sie in Neapel bliebe, so würde auch ich ein fröhliches neapolitanisches Liedchen singen.« Und sie kehrte in ihr Zimmer zurück und ihr Herz fühlte sich durch diese Heiterkeit, die zu ihrem Schmerz einen so schroffen Gegensatz bildete, noch mehr bedrückt als vorher. Wir brauchen nicht erst zu sagen, welche Gedanken Luisas Herz beschäftigten, sobald sie einmal das Heiligthum ihrer Liebe wieder betreten hatte. Ihr ganzes Leben ging an ihrem Auge vorüber. Wir sagen, ihr ganzes Leben, denn in ihrer Erinnerung hatte sie erst während der sechs Wochen gelebt, wo Salvato dieses Zimmer bewohnt hatte. Von dem Augenblicke an, wo der Verwundete auf sein Schmerzenslager getragen worden, bis zu dem, wo, auf ihren Arm gestützt, der Genesene durch das auf das kleine Gäßchen gehende Fenster das Haus verlassen, wo er, ehe er dieses Fenster verließ, in einem ersten und letzten Kusse seine Lippen auf die ihrigen gedrückt und seine Seele in ihre Brust gehaucht, von diesem Augenblicke an ging nicht blos jeder Tag, sondern auch jede Stunde des Tages, traurig oder freudig, düster oder heiter an ihr vorüber. Und wie immer folgte sie, die Augen des Körpers geschlossen haltend, aber mit den Augen der Seele dieser langen Kette, als sie plötzlich leise an ihre Thür pochen hörte, worauf Michele in seinem sanftesten Tone ihr durch das Schlüsselloch zuflüsterte: »Ich bin es, Schwesterchen.« »Komm' herein, Michele, komm' herein,« sagte sie. »Du weißt, daß Du herein darfst.« Michele trat ein. Er hielt einen Brief in der Hand. Luisa heftete mit ausgebreiteten Armen und während ihr der Athen in der Brust stockte, die Augen auf diesen Brief. War ihr in einem solchen Augenblicke der hohe Trost beschieden, von Salvato einen letzten Brief zu erhalten? »Es ist ein Brief von Portici,« sagte Michele. »Ich habe ihn aus den Händen des Briefträgers empfangen und bringe ihn Dir.« »O, gib her! gib her!« rief Luisa. »Er ist von ihm!« Michele übergab ihr den Brief und wollte die Thür schließen. Ehe er dies jedoch that, fragte er: »Soll ich bleiben oder soll ich gehen?« »Bleibe, bleibe!« rief Luisa. »Du weißt ja, daß ich vor Dir keine Geheimnisse habe.« Michele blieb, hielt sich aber in der Nähe der Thür. Luisa entsiegelte rasch den Brief und versuchte, wie immer, vergebens zu lesen. Die Thränen und die Gemüthsbewegung umschleierten ihre Augen mit einem Nebel, der sich erst nach einigen Sekunden ein wenig zerstreute. Endlich konnte sie lesen. »San Germano, am 19. December, Morgens.« »Er ist in San Germano, oder vielmehr er war dort, als er diesen Brief schrieb,« sagte Luisa zu Michele. »Lies, Schwesterchen,« antwortete dieser. »Es wird Dir wohlthun.« Sie begann wieder – denn sie hatte sich unterbrochen, indem sie den Kopf zurückwarf und den Brief an ihr Herz drückte. »San Germano, am 19. December, Morgens. »Theure Luisa! »Lassen Sie mich mit Ihnen eine große Freude theilen. So eben habe ich den einzigen Menschen wiedergesehen, welchen ich mit einer Liebe liebe, die der gleich ist, welche ich Ihnen geschworen, obschon sie dennoch von ganz anderer Art ist. Ich habe nämlich meinen Vater wiedergesehen. »Was er ist und wo er ist, dies ist ein Geheimniß, welches ich selbst Ihnen gegenüber bewahren muß, welches ich Ihnen aber dennoch mittheilen würde, wenn ich bei Ihnen wäre. Ein Geheimniß vor Ihnen zu haben! In der That, ich lache selbst darüber. Hat man wohl Geheimnisse vor seiner zweiten Seele? »Ich habe eine Nacht, von neun Uhr Abends bis sechs Uhr Morgens, bei meinem Vater zugebracht, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen hatte. Die ganze Nacht hat er mir von dem Tode und von Gott gesprochen; die ganze Nacht habe ich ihm von meiner Liebe und von Ihnen erzählt. »Er ist, was selten vorkommt, ein hochgebildeter Geist und ein zärtliches Herz. Er hat viel geliebt und viel gelitten, aber, beklagen Sie ihn, er glaubt nicht. Beten Sie für meinen Vater, Sie, der Engel des Sohnes, und Gott, der Ihnen nichts verweigern kann, wird ihm vielleicht den Glauben schenken. »Ein anderes Weib als Sie, Luisa, würde sich schon gewundert haben, in diesen Zeilen nicht zwanzigmal die Worte zu finden: »Ich liebe Sie!« Aber dennoch haben Sie dieselben schon hundertmal gelesen, nicht wahr? Wenn ich mit Ihnen von meinem Vater spreche, von welchem ich mit Niemanden sprechen kann, wenn ich Ihnen meine Freude schildere, ihn wiedergesehen zu haben, nicht wahr, dann begreifen Sie wohl, daß dies nichts Anderes ist, als wenn ich mein Herz in Ihre Hände lege und vor Ihnen knieend zu Ihnen sage: »Ich liebe Sie, meine Luisa! Ich liebe Sie.« »Ich bin also jetzt nur noch zwanzig Meilen von Ihnen entfernt, meine schöne Fee des Palmbaumes, und wenn Sie diesen Brief empfangen, werde ich Ihnen noch näher sein. Die Brigands belästigen uns, morden uns, verstümmeln uns, aber sie halten uns nicht auf. Wir sind aber auch nicht eine Armee, wir sind nicht Soldaten, die sich auf dem Marsche befinden, um in ein Königreich einzufallen und eine Hauptstadt zu erobern. Wir sind eine Idee, welche die Runde um die Welt macht. Doch, da spreche ich ja gar Politik! »Ich wette, daß ich errathe, wo Sie meinen Brief lesen. Sie lesen ihn in unserm Zimmer, zu Häupten meines Bettes sitzend, in jenem Zimmer, wo wir uns wiedersehen werden und wo ich, indem ich Sie wiedersehe, die langen, fern von ihnen zugebrachten Tage vergessen werde.« Luisa unterbrach sich. Thränen umflorten ihre Augen und Schluchzen erstickte ihre Stimme. Michele eilte auf sie zu und kniete vor ihr nieder. »Muth, Muth, Schwesterchen!«, sagte er zu ihr. »Was Du thut, ist schön, und der gute Gott wird Dich dafür belohnen. Und wer weiß! Ihr seid beide jung. Vielleicht seht Ihr einander doch einmal wieder.« Luisa schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« sagte sie mit einer Bewegung, welche ihren festgeschlossenen Augen Thränen auspreßte. »Nein, wir werden einander nie wiedersehen. Und es ist auch besser, wenn ich ihn nicht wiedersehe. Ich liebe ihn zu sehr, Michele, und erst seitdem ich beschlossen, ihn nicht wiederzusehen, weiß ich wie sehr ich ihn liebe.« »Kurz, Du weißt,« sagte Michele, »daß in deiner Trauer etwas Gutes liegt, wenn Du ihn nicht wiedersieht. Nanno prophezeite eurer Liebe ein trauriges Ende.« »O,« rief Luisa, »was würde ich mich an alle Prophezeiungen der Welt kehren, wenn ich lieben könnte, ohne mich eines Verbrechens schuldig zu machen!« »Na, lies nur weiter. Dies wird besser sein,« sagte Michele. »Nein, sagte Luisa, indem sie den zur Hälfte gelesenen Brief in ihren Busen steckte, »nein, wenn er allzu viel von dem Glück des Wiedersehens spräche, so ließe ich mich vielleicht dadurch bestimmen, von der Abreise zurückzutreten. In diesem Augenblicke hörte sie die Stimme des Chevalier, welcher sie rief. Sie eilte in den Corridor hinaus, dessen Thür Michele hinter ihr und hinter sich verschloß. Die in den Salon führende Thür des Speisezimmers stand offen. In dem Salon befand sich der Doctor Cirillo. Eine lebhafte Röthe stieg in Luias Wangen empor. Auch der Doctor Cirillo war in ihr Geheimniß eingeweiht. Uebrigens war ihr nicht unbekannt, daß Salvato's Briefe ihr durch Vermittlung des liberalen Comités zugingen, dessen Mitglied Cirillo war. »Theure Freundin,« sagte der Chevalier zu Luisa, hier ist unser guter Doctor, den wir seit langer Zeit nicht gesehen und der sich nach deiner Gesundheit erkundigen will. Ich hoffe, er wird damit zufrieden sein.« Der Doctor begrüßte Luisa, bemerkte aber auf den ersten Blick die moralische Unruhe, von der sie erfüllt war. »Sie befinden sich besser,« sagte er, »aber vollkommen wiederhergestellt sind Sie noch nicht und es ist mir lieb, daß ich heute gekommen bin.« Der Doctor betonte das Wort heute. Luisa schlug die Augen nieder. »Wohlan,« sagte San Felice, »ich muß Sie mit ihr allein lassen. In der That, Ihr Aerzte genießt Vorrechte, welche die Ehemänner selbst nicht besitzen. Zum Glück für Sie hab' ich etwas zu besorgen, sonst würde ich ganz gewiß nicht verfehlen, an der Thür zu lauschen.« »Daran würden Sie sehr Unrecht thun, mein lieber Chevalier, entgegnete Cirillo, »denn wir haben einander Dinge von der höchsten politischen Bedeutung zu sagen, nicht wahr, Signora?« Luisa versuchte zu lächeln, ihre Lippen kräuselten sich aber blos, um einen Seufzer entschlüpfen zu lassen. »Na, vorwärts! Verlassen Sie uns doch, Chevalier!« rief Cirillo. »Die Sache ist ernster, als ich glaubte.« Und damit drängte er San Felice zu der Thür hinaus, welche er hinter ihm verschloß. Dann kehrte er zu Luisa zurück und ergriff ihre beiden Hände. »Nun sind wir allein, mein theures Kind,« sagte er zu ihr. »Sie haben geweint?« »Ja, und viel!«, murmelte sie. »Seitdem Sie einen Brief von ihm erhalten haben, oder schon vorher?« »Vorher und seitdem.« »Ist ihm ein Unfall zugestoßen?« »Nein, Gott sei Dank!« »Um so besser, denn er ist eine edle und kräftige Natur, einer jener Menschen, wie wir deren in unserm armen Königreich Neapel niemals genug haben werden. Sie haben also einen andern Grund, bekümmert zu sein?« Luisa gab keine Antwort, aber ihre Augen wurden wieder feucht. »Sie haben sich doch nicht etwa über San Felice zu beklagen?« fragte Cirillo. »O!« rief Luisa, die Hände faltend, »er ist der Engel der väterlichen Güte!« »Ich begreife. Er reist ab und Sie bleiben da.« »Er reist ab und ich folge ihm.« Cirillo betrachtete Luisa mit einem Blick des Erstaunens, welcher allmälig durch Thränen umschleiert ward. »Und Sie,« sagte er zu ihr, was für ein Engel sind Sie! Ich kenne im ganzen Himmel nicht einen einzigen, dessen Namen Sie nicht würdig wären zu tragen, und welcher würdig wäre, sich den Ihrigen beizulegen.« »Sie sehen wohl, daß ich kein Engel bin, denn ich weine ja. Die Engel weinen nicht darüber, daß sie ihre Pflicht thun.« »Thun Sie Ihre Pflicht und weinen Sie dabei, dann ist Ihr Verdienst nur um so größer. Thun Sie Ihre Pflicht, und ich, ich werde es mir zu der meinigen machen, ihm zu sagen, wie sehr Sie ihn lieben, wie viel Sie gelitten haben. Gehen Sie und von Zeit zu Zeit sagen Sie in Ihren Gebeten ein Wort von mir. Stimmen, wie die Ihrige, haben Zutritt zu dem Ohr des Herrn.« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632812) на ЛитРес. 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