La San Felice Band 6
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B6





Sechster Theil





Erstes Capitel.

Nicolino's Verhör


Die wenigen Augenblicke, welche vergingen, bis, nachdem der Commandant Don Roberto sich entfernt, der Gefangene eintrat, wurden von dem Fiscalprocurator dazu angewendet, daß er ein Richtergewand über seine gewöhnlichen Kleider warf, eine ungeheure Perrücke, welche nach seiner Meinung seinem Gesichte Majestät verleihen sollte, auf seinen magern, langen Kopf und auf diese Perrücke wiederum eine viereckige Mütze setzte.

Der Protokollant begann damit, daß er die beiden mit einem N bezeichneten Pistolen und den Brief der Marquise von San Clemente als Ueberführungsbeweise auf den Tisch legte. Dann schritt er zu derselben Toilette, welche sein Vorgesetzter gemacht, natürlich mit Beobachtung des Rangunterschieds, das heißt, sein Gewand war enger, seine Perrücke weniger umfangreich und sein Barett weniger hoch.

Hierauf nahm er an dem kleinen Tische Platz. Der Marquis Vanni setzte sich an den großen, und da er ein ordnungsliebender Mann war, so schob er das vor ihm liegende Papier so zusammen, daß kein Bogen über den andern hervorragte, überzeugte sich, daß Tinte in dem Fasse war, untersuchte den Schnabel seiner Feder, spitzte ihn mit einem Federmesser, egalisierte die beiden Spitzen durch Abkippen auf dem Nagel, zog aus seiner Tasche eine mit dem Porträt des Königs geschmückte goldene Tabatière, stellte sie so, daß sie ihm bequem zur Hand war, weniger um daraus zu schnupfen, als damit mit jener gleichgültigen Miene des Richters zu spielen, welcher mit dem Leben eines Menschen eben so sorglos spielt, wie mit seiner Dose, und erwartete Nicolino Caracciolo in der Haltung, von welcher er glaubte, daß sie die geeignetste sei, um Wirkung auf den Gefangenen zu äußern.

Unglücklicherweise war Nicolino Caracciolo durchaus nicht der Mann, der sich durch die Attitüden des Marquis Vanni hätte imponieren lassen. Die Thür, welche sich hinter dem Commandanten geschlossen, öffnete sich zehn Minuten später vor dem Gefangenen und Nicolino Caracciolo trat mit einer Eleganz gekleidet, welche den wenig comfortablen Aufenthalt in einem Gefängniß durchaus nicht verrieth, mit lächelnder Miene herein und trällerte dabei das »Pria che spunti l'aurora« aus der Oper »Il Matrimonio segreto.«

Begleitet war er von vier Soldaten und hinter ihm drein folgte der Gouverneur. Zwei Soldaten blieben an der Thür stehen, die zwei andern schlossen sich rechts und links an den Gefangenen an, welcher gerade auf den für ihn bereitgestellten Sitz zuging, sich, ehe er sich setzte, mit der größten Aufmerksamkeit rings umschaute, auf französisch die drei Sylben: »Tiens! tiens! tiens!« welche, wie man weiß, bestimmt sind, komisches Erstaunen auszudrücken, murmelte und dann, sich mit der größten Höflichkeit an den Fiscalprocurator wendend, fragte:

»Haben Sie, Herr Marquis, vielleicht zufällig die »Geheimnisse Adolpho‘s« gelesen?«

»Was ist das, die »Geheimnisse Adolpho‘s?« fragte Vanni, indem er seinerseits antwortete, wie Nicolino gewohnt war es zu thun, nämlich durch eine anderweite Frage.

»Es ist ein neuer Roman von einer Engländerin Namens Anna Radcliffe.«

»Ich lese keine Romane, verstehen Sie, mein Herr,« antwortete der Richter in würdevollem Tone.

»Daran thun Sie Unrecht, sehr Unrecht. Es gibt deren sehr amüsante, und ich möchte wohl einen in meinem Gefängniß zu lesen haben, wenn es hell genug dazu wäre.«

»Mein Herr, ich wünsche, daß Sie vor Allem Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken – «

»Worauf denn, Herr Marquis?«

»Daß wir hier sind, um uns mit etwas ganz Anderem zu beschäftigen als mit Romanen. Setzen Sie sich.«

»Ich danke Ihnen, Herr Marquis; ich wollte Ihnen blos sagen, daß in den »Geheimnissen Adolpho‘s« die Beschreibung eines Zimmers vorkommt, welches diesem hier vollkommen ähnlich ist. In diesem Gemach hielt der Räuberhauptmann mit seiner Bande Sitzung.«

Vanni rief seine ganze Würde zu Hilfe.

»Angeklagter, ich hoffe, daß diesesmal –«

Nicolino unterbrach ihn.

»Erstens heiße ich nicht Angeklagter, das wissen Sie.«

»Vor dem Gesetze gibt es keine socialen Rangunterschiede, Sie sind angeklagt.«

»Als Verbum laß' ich den Ausdruck gelten, als Substantivum aber nicht. Wessen bin ich denn angeklagt?«

»Sie sind eines Complotts gegen den Staat angeklagt.«

»Aber, mein Himmel, da verfallen Sie schon wieder in Ihre Manie!«

»Und Sie in Ihren Mangel an Ehrerbietung gegen die Gerechtigkeit.«

»Wie? Ich beweise Mangel an Ehrerbietung gegen die Gerechtigkeit? Ach, mein Herr Marquis, ganz gewiß halten Sie mich für einen Andern, denn Niemand respektiert und verehrt die Gerechtigkeit mehr als ich. Die Gerechtigkeit ist ja das Wort Gottes auf Erden. O nein, ich bin nicht so gottlos, daß ich unehrerbietig gegen die Gerechtigkeit sein sollte. Gegen die Richter ist es freilich etwas Anderes, und in Bezug auf diese möchte ich meine Unschuld nicht so keck behaupten.«

Vanni stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße.

»Haben Sie sich endlich entschlossen, die Fragen, die ich heute an Sie richten werde, zu beantworten?«

»Es kommt darauf an, was für Fragen Sie an mich stellen werden.«

»Angeklagter!« rief Vanni in heftigem Tone.

»Schon wieder!« rief Nicolino, die Achseln zuckend. »Was kann es Ihnen verschlagen, ob Sie mich Prinz oder Herzog nennen? Ich gebe keiner dieser beiden Benennungen einen Vorzug vor der andern. Ich nenne Sie Marquis, und ganz gewiß, ob ich kaum den dritten Theil der Lebensjahre zähle, welche Sie hinter sich haben, bin ich Prinz oder Herzog seit längerer Zeit, als Sie Marquis sind.«

»Genug über dieses Capitel! Wie alt sind Sie?«

O Nicolino zog eine prachtvolle Uhr aus der Tasche.

»Einundzwanzig Jahre, drei Monate, acht Tage, fünf Stunden, sieben Minuten und zweiunddreißig Secunden. Diesmal, hoffe ich, werden Sie mich nicht eines Mangels an Genauigkeit beschuldigen.«

»Wie heißen Sie?«

»Immer noch Nicolino Caracciolo.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Castell San Elmo, Kerker Nummer drei, in der zweiten Etage, unter dem Zwischenstock.«

»Ich frage Sie nicht, wo Sie jetzt wohnen, sondern wo Sie wohnten, als man Sie festnahm.«

»Als man mich festnahm, wohnte ich gar nicht; ich war auf der Straße.«

»Gut, gut, es kommt auf Ihre Antwort weiter nichts an. Man weiß, wo Sie gewohnt haben.«

»Dann sage ich wie Agamemnon zu Achilles: Warum, Freund, fragst Du mich, da Du es doch schon weißt?«

»Waren Sie bei der Versammlung der Verschwörer, die in der Nacht vom 22.

zum 23. Dezember in den Ruinen des Palastes der Königin Johanna stattfand?«

»Einen Palast der Königin Johanna in Neapel kenne ich nicht.«

»Wie, Sie kennen nicht die Ruinen des Palastes der Königin Johanna auf dem Pausilippo, dem Hause, welches Sie bewohnen, beinahe gerade gegenüber?«

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, wenn ein Mann aus dem Volke, ein Fiakerkutscher, ein Fremdenführer, ja sogar ein Minister des öffentlichen Unterrichts – Gott weiß, woher man in unserer Zeit die Minister nimmt! – einen solchen Irrthum begeht, so ist es leicht begreiflich; wenn aber Sie, ein Archäolog, in der Architectur um dritthalb Jahrhunderte und in der Geschichte um fünfhundert Jahre sich irren, so verzeihe ich Ihnen dies nicht. Sie wollen sagen: Die Ruinen des Palastes Anna‘s Caraffa, der Gattin des Herzogs von Medina, des Günstlings Philipp des Vierten, welche nicht den Erstickungstod starb wie Johanna die Erste, noch an Gift, wie Johanna die Zweite – bemerken Sie wohl, daß ich diese Thatsache nicht behaupte, denn dieselbe ist zweifelhaft geblieben – sondern an der Läusesucht wie Sylla und Philipp der Zweite – das ist nicht erlaubt, Herr Marquis, und wenn ein solcher Irrthum bekannt würde, so wäre es um Ihren Ruf als wissenschaftlich gebildeter Mann geschehen.«

»Nun gut, denn, in den Ruinen des Palastes der Anna Caraffa, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Ja, es ist mir lieber. Die Wahrheit ist mir stets lieb. Ich gehöre zur Schule des Philosophen von Genf und mein Wahlspruch ist: Vitam impendere vero. Doch, ich will lieber nicht Latein sprechen; Sie möchten mich nicht verstehen.«

»Waren Sie während der Nacht vom 22. zum 23. December in den Ruinen des Palastes der Anna Caraffa? Antworten Sie: Ja oder Nein!« rief Vanni wüthend.

»Was zum Teufel hätte ich dort zu suchen gehabt? Erinnern Sie sich denn nicht mehr des Unwetters, welches in der Nacht vom 22. zum 23. December tobte?«

»Dann will ich Ihnen sagen, was Sie dort thun wollten. Sie wollten sich verschwören.«

»Ach lieber gar! Wenn es regnet, verschwöre ich mich niemals. Schon bei schönem Wetter ist dies etwas Langweiliges.«

»Haben Sie an jenem Abend Jemanden Ihren Ueberrock geliehen?«

»Wie könnte ich so einfältig sein, in einer solchen Nacht, wo es in Strömen goß, meinen Ueberrock zu verborgen? Selbst wenn ich deren zwei gehabt, hätte ich sie lieber einen über den andern gezogen.«

»Kennen Sie diese Pistolen?«

»Wenn ich sie kennte, so würde ich sagen, man habe sie mir gestohlen, und da Ihre Polizei sehr schlecht eingerichtet ist, so würden Sie den Dieb nicht ausfindig machen, was für Ihre Polizei sehr demüthigend wäre. Nun aber will ich Niemanden demüthigen und deshalb sage ich: Ich kenne diese Pistolen nicht.«

»Dieselben sind aber doch mit dem Buchstaben N bezeichnet.«

»Nun, bin ich denn in ganz Neapel der einzige Mensch, dessen Name mit einem N anfängt?«

»Kennen Sie diesen Brief?«

Und Vanni zeigte dem Gefangenen den Brief der Marquise von San Clemente.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, dann müßte ich diesen Brief erst genauer sehen.«

»Treten Sie näher.«

Nicolino sah die beiden Soldaten, welche rechts und links neben ihm standen, nach einander an.

»Ė permesso?« fragte er.

Die beiden Soldaten traten auf die Seite, Nicolino näherte sich dem Tisch, ergriff den Brief und betrachtete ihn.

»Aber pfui! wie können Sie einen Mann von Ehre fragen, ob er einen Brief von Damenhand kennt? O, Herr Marquis!«

Mit diesen Worten hielt er den Brief ganz ruhig an einen der Armleuchter und verbrannte ihn.

Wüthend sprang Vanni auf.

»Was machen Sie da!« rief er.

»Nun, sehen Sie es denn nicht? Ich verbrenne diesen Brief. – Briefe, die von Frauen geschrieben worden, muß man stets verbrennen, sonst könnten die armen Wesen ja leicht compromittiert werden.«

»Soldaten!« schrie Vanni.

»Bemüht Euch nicht,« sagte Nicolino, indem er Vanni die Asche des verbrannten Papieres ins Gesicht blies, »es ist geschehen.«

Und dann setzte er sich ruhig wieder auf seinen Schemel.

»Es ist gut,« sagte Vanni. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

»Ich habe weder zuerst noch zuletzt gelacht, Herr Marquis,« entgegnete Nicolino in stolzem Tone. »Ich rede und handle als ehrlicher Mann, das ist Alles.«

Vanni stieß eine Art Gebrüll aus, aber er war mit seinen Fragen noch nicht zu Ende, denn er schien sich gewaltsam zu fassen, obschon er seine Tabatière in der rechten Hand wüthend schüttelte.

»Sie sind der Neffe von Francesco Caracciolo, nicht wahr?« hob Vanni wieder an.

»Ich habe diese Ehre, Herr Marquis,« antwortete Nicolino, indem er sich verneigte.

»Sehen sie ihn oft?«

»So oft als ich kann.«

»Sie wissen wohl, daß er von schlechten Grundsätzen angesteckt ist?«

»Ich weiß blos, daß er der ehrlichste Mann in Neapel und der treueste Unterthan des Königs ist, selbst Sie nicht ausgenommen, Herr Marquis.«

»Haben Sie gehört, daß er mit den Republikanern zu thun gehabt habe?«

»Ja, in Toulon, wo er sich so rühmlich gegen sie geschlagen, daß er den verschiedenen Treffen, die er ihnen geliefert, seinen Admiralsrang verdankt.«

»Wohlan,« sagte Vanni, als ob er einen plötzlichen Entschluß faßte, »ich sehe schon, daß Sie nicht sprechen wollen.«

»Wie? Sie finden, daß ich nicht genug spreche? Ich spreche ja beinahe ganz allein.«

»Ich meine, daß wir auf gütlichem Wege kein Geständniß von Ihnen erlangen werden.«

»Auf dem Wege der Gewalt aber auch nicht, das sage ich Ihnen im Voraus.«

»Nicolino Caracciolo, Sie wissen nicht, bis wie weit sich meine richterliche Gewalt erstrecken kann.«

»Bis wie weit sich die Tyrannei eines Königs erstrecken kann, weiß ich allerdings nicht.«

»Nicolino Caracciolo, ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich mich genöthigt sehen werde, die Tortur gegen Sie in Anwendung zu bringen.«

»Thun Sie das, Herr Marquis, thun Sie das. Es wird dann jedenfalls die Zeit vertreiben helfen. Man langweilt sich im Gefängniß ohnehin so sehr.«

Und indem Nicolino Caracciolo dies sagte, dehnte er die Arme und gähnte.

»Meister Donato,« rief der Fiscalprocurator aufgebracht, »zeigt dem Angeklagten die Folterkammer.«

Meister Donato zog an einer Schnur und die Vorhänge öffneten sich.

Nicolino sah nun den Henker, seine beiden Gehilfen und die furchtbaren Marterwerkzeuge, von welchen er umgeben war.

»Ah,« rief Nicolino, der sich fest vornahm, vor nichts zurückzubeben. »Das ist eine Sammlung, die sehr interessant zu sein scheint. Kann man sie vielleicht etwas näher betrachten?«

»Sie werden sogleich Gelegenheit haben, sie nur allzu nahe zu betrachten, unglücklicher verstockter Sünder, und sich dann darüber beklagen.«

»Sie irren sich, Herr Marquis,« antwortete Nicolino, indem er ein schönes edles Haupt schüttelte. »Ich beklage mich niemals, ich begnüge mich damit, daß ich verachte.«

»Donato! Donato!« rief der Fiscalprocurator, »ergreift den Angeklagten!«

Das Gitter drehte sich in seinen Angeln, so daß das Verhörzimmer mit der Folterkammer in Verbindung gesetzt ward, und Donato kam auf den Gefangenen zu.

«Ihr seid wohl Fremdenführer?« fragte der junge Mann.

»Ich bin der Henker,« antwortete Meister Donato.

»Herr Marquis von Vanni,« sagte Nicolino, indem er ein wenig bleich ward, aber mit lachendem Munde und ohne einen anderen Beweis von Gemüthsbewegung zu geben, »stellen Sie mich diesem Herrn vor. Den Regeln der englischen Etikette gemäß würde er weder das Recht haben mit mir zu sprechen, noch mich anzurühren, wenn ich ihm nicht vorgestellt werde. Sie wissen, daß wir seit der Einführung der Frau Gesandtin von England bei Hofe unter englischen Gesetzen leben.«

»Auf die Folter! auf die Folter!« heulte Vanni.

»Herr Marquis,« sagte Nicolino, »ich glaube, Sie berauben sich durch Ihre Uebereilung eines großen Vergnügens.«

»Welches?« fragte Vanni keuchend.

»Des Vergnügens, mir selbst den Gebrauch einer jeden dieser sinnreichen Maschinen zu erklären. Wer weiß, ob diese Erklärung nicht hinreicht, das zu besiegen, was Sie meine Verstocktheit nennen.«

»Du hast Recht, obschon dies für Dich ein Mittel ist, die Stunde, welche Du fürchtest, hinauszuschieben.«

»Ist es Ihnen lieber, wenn sofort ans Werk gegangen wird?« sagte Nicolino, indem er Vanni fest anschaute. »Was mich betrifft, so ist es mir ganz gleich.«

Vanni schlug die Augen nieder.

»Nein,« antwortete er, »es soll von mir nicht gesagt werden, daß ich einem Angeklagten, wie strafbarer auch sei, den verlangten Aufschub verweigert habe.«

In der That sah Vanni ein, daß in der Aufzählung, welche er vornehmen sollte, für ihn ein bitterer Genuß und eine düstere Rache liegen würde, weil er dann der physischen Tortur eine vielleicht noch weit schlimmere moralische vorangehen lassen konnte.

»Ah,« rief Nicolino lachend, »ich wußte wohl, daß man durch vernünftige Vorstellungen. Alles von Ihnen verlangen kann. Vor allen Dingen, Herr Fiscalprocurator, wollen wir mit diesem Seil beginnen, welches an einem Flaschenzuge von der Decke herabhängt.«

»Ja, damit wird allerdings der Anfang gemacht.«

»Das nenne ich doch gut getroffen. – Also dieses Seil?«

»Man nennt es die Wippe, mein junger Freund.«

Nicolino verneigte sich.

»Man bindet dem Delinquenten die Hände auf den Rücken, hängt ihm mehr oder weniger schwere Gewichte an die Füße, zieht ihn mittelt dieses Seils bis an die Decke und läßt ihn dann ruckweise bis auf einen Fuß vom Boden wieder herabfallen.«

»Das muß ein untrügliches Mittel sein, die Leute groß zu ziehen. Und,« fuhr Nicolino fort, »diese Art Helm, der dort an der Wand hängt, wie heißt dieser?«

»Dies ist die Cuffia del silenzio, welcher Name sehr bezeichnend ist, denn je mehr Schmerzen man empfindet, desto weniger kann man schreien. Man steckt nämlich den Kopf des Delinquenten in diese eiserne Hülle, welche sich mit Hilfe dieser Schraube, wenn man dieselbe dreht, enger zusammenzieht. Bei der dritten Umdrehung schon treten die Augen aus ihren Höhlen und die Zunge aus dem Munde.«

»Aber mein Gott, was muß da erst bei der sechsten geschehen!« rief Nicolino in demselben spöttischen Ton wie früher. »Und dieser blecherne Sessel mit eisernen Nägeln und einer Art Kohlenbecken darunter, hat dieser auch seinen Nutzen?«

»Sie werden es sehen. Man setzt den Delinquenten nackt darauf, bindet ihn mit den Armen fest an den Sessel und zündet dann in dem Kohlenbecken Feuer an.«

»Das ist aber immer noch nicht so bequem wie der Rost des heiligen Laurentius. Sie können ihn nicht umdrehen. Und diese Keile, dieser Hammer und diese Bretter?«

»Das sind die sogenannten spanischen Stiefel. Man steckt die Beine dessen, an welchem man diese Tortur in Anwendung bringen will, zwischen vier Bretter, bindet diese mit einem Strick zusammen und treibt mittelt dieses Hammers diese Keile zwischen die mittelsten Bretter.«

»Warum treibt man sie nicht sogleich zwischen Röhre und Schienbein? Das wäre ja viel kürzer! – Und dieses von flaschenförmigen Gefäßen umgebene Gestell?«

»Dieses dient zur Anwendung der Wassertortur. Man legt den Delinquenten auf das Gestell, so daß er mit Kopf und Füßen niedriger liegt als mit dem Magen, und füllt ihm dann mittelst eines Trichters fünf bis sechs Kannen Wasser ein.«

»Ich bezweifle, daß die Gesundheiten, welche man in dieser Weise auf Sie trinkt, Herr Marquis, Ihnen viel Glück bringen.«

»Wünschen Sie noch weitere Erklärungen?«

»Nein, ich danke. Es flößt mir dies allzu große Verachtung gegen die Erfinder aller dieser Maschinen, ganz besonders aber gegen Die ein, welche sich derselben bedienen. Ich will weit lieber Angeklagter als Richter, lieber Delinquent als Henker sein.«

»Sie weigern sich also, Geständnisse zu machen?«

»Mehr als je.«

»Bedenken Sie, daß nun nicht mehr Zeit ist, zu scherzen.«

»Mit welcher Tortur beliebt es Ihnen, den Anfang zu machen?«

»Mit der Wippe,« antwortete Vanni, wüthend über diese Kaltblütigkeit. »Henker, zieht diesem Herrn den Rock aus.«

»Ich bitte um Verzeihung. Wenn Sie mir erlauben, so will ich dies selbst thun. Ich bin sehr kitzlig.«

Und mit der größten Ruhe entledigte Nicolino sich seines Rocks, seiner Weste und seines Hemds und enthüllte auf diese Weise einen jugendlichen weißen, vielleicht ein wenig magern, aber vollkommen ebenmäßig geformten Oberkörper.

»Noch einmal frage ich: Wollen Sie gestehen oder nicht?« rief Vanni, indem er verzweifelt seine Tabatière schüttelte.

»Aber,« antwortete Nicolino, gilt das, was ein Edelmann gesagt, nicht ein- für allmal? Freilich, setzte er verächtlich hinzu, »Sie können davon nichts wissen.«

»Bindet ihm die Hände auf den Rücken, rief Vanni; »hängt ihm ein Gewicht von hundert Pfund an jeden Fuß und zieht ihn an die Decke.«

Die Gehilfen des Henkers stürzten sich auf Nicolino, um den Befehl des Fiscalprocurators zu vollziehen.

»Einen Augenblick, einen Augenblick!« rief Meister Donato; »nur behutsam und vorsichtig. Die Sache muß lange dauern. Verrenkt, aber zerbrecht nicht. Die Aristokratie kann dies verlangen.«

Und nachdem er dies gesagt, band er selbst unter Beobachtung der größten Vorsicht und Behutsamkeit, wie er gesagt, dem Angeklagten die Hände auf den Rücken, während die beiden Gehilfen die Gewichte an den Füßen befestigten.

»Du willst also nicht gestehen? Du willst also nicht gestehen?« rief Vanni, indem er sich Nicolino näherte.

»O doch; kommen Sie ein wenig näher,« antwortete Nicolino.

Vanni näherte sich; Nicolino spie ihm ins Gesicht.

»Tod und Teufel!« schrie Vanni; »zieht ihn auf! zieht ihn auf!«

Der Henker und seine Gehilfen schickten sich an, diesem Befehle zu gehorchen, als plötzlich der Commandant Roberto Brandi rasch hereintrat, sich dem Fiscalprocurator näherte und sagte:

»Ein sehr eiliges Billet von dem Fürsten von Castelcicala.«

Vanni ergriff das Billet, indem er die Henker durch einen Wink bedeutete, zu warten, bis er gelesen hätte.

Dann öffnete er das Billet, hatte aber kaum die Augen darauf geworfen, als tödtliche Blässe sein Gesicht überzog.

Er las es zweimal durch und ward noch blässer.

Dann, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, fuhr er sich mit dem Tuch über die von Schweiß triefende Stirn.

»Bindet den Delinquenten los, sagte er, »und bringt ihn in sein Gefängniß zurück.«

»Aber was wird aus der Tortur?« fragte Meister Donato.

– »Diese wird vorläufig aufgeschoben,« antwortete Vanni.

Und mit diesen Worten eilte er aus dem Gewölbe hinaus, ohne nur einem Secretär zu befehlen, ihm zu folgen.

»Und Ihr Schatten, Herr Fiscalprocurator,« rief Nicolino ihm nach. »Sie vergessen Ihren Schatten!«

Man band Nicolino los und er legte sein Hemd, eine Weste und einen Ueberrock mit derselben Ruhe wieder an, wie er sie ausgezogen.

»Der Teufel hole das Handwerk!« rief Meister Donato.

»Man ist seiner Sache nie sicher.«

Nicolino schien durch diesen Ausdruck getäuschter Erwartung gerührt zu werden.

»Wie viel verdient Ihr jährlich, mein Freund?« fragte er den Henker.

»Ich habe vierhundert Ducati festen Gehalt, Excellenz, und bekomme für jede Hinrichtung zehn und für jede Tortur vier Ducati. Es sind nun aber schon über drei Jahre her, daß in Folge der Starrköpfigkeit des Tribunals Niemand hingerichtet worden ist, und Sie sehen selbst, in dem Augenblicke, wo ich Sie foltern soll, erhalte ich Contreordre. Ich stünde mich sicherlich weit besser, wenn ich als Henker meine Entlassung gäbe und Sbirre würde, wie mein Freund Pasquale de Simone.«

»Hier, lieber Freund,« sagte Nicolino, indem er drei Goldstücke aus der Tasche nahm; »Ihr dauert mich. Hier sind zwölf Ducati. Es soll Niemand sagen können, daß man Euch umsonst bemüht habe.«

Meister Donato und seine beiden Gehilfen verneigten sich.

Nicolino wendete sich hierauf zu Roberto Brandi, welcher von dem, was vorgegangen war, nichts begriff und sagte:

»Nun, haben Sie nicht gehört, Herr Commandant? Der Herr Fiscalprocurator hat Ihnen befohlen, mich wieder ins Gefängniß zurückzubringen.«

Und nachdem er sich selbst wieder in die Mitte der Soldaten gestellt, welche ihn her escortiert, verließ er den Verhörsaal und kehrte in seinen Kerker zurück.

Der Leser erwartet vielleicht nun die Erklärung der Veränderung, welche in der Physiognomie des Marquis Vanni stattgefunden, als er das Billet des Fürsten von Castelcicala las, und des Befehls, die Tortur auf einen andern Tag zu verschieben, nachdem er gelesen.

Diese Erklärung ist sehr einfach. Wir brauchen zu diesem Zweck dem Leser blos den Inhalt des Billets selbst mitzutheilen.

Derselbe lautete:

»Der König ist vorige Nacht wieder angekommen. Die neapolitanische Armee ist geschlagen. In vierzehn Tagen werden die Franzosen hier sein.



    »C.«



Nun hatte der Marquis Vanni bedacht, daß der Augenblick, wo die Franzosen im Begriff stünden, in Neapel einzuziehen, nicht geeignet sei, die Tortur an einem Gefangenen in Anwendung bringen zu lassen, der keines andern Verbrechens angeklagt war, als Anhänger der Franzosen zu sein.

Was Nicolino betraf, der trotz seines Muthes von einer schweren Prüfung bedroht gewesen, so kehrte er in den Kerker Nummer 3 in der zweiten Etage unter dem Zwischenstock, wie er sagte, zurück, ohne zu wissen, welchem glücklichen Zufalle er es zu verdanken hatte, so wohlfeilen Kaufs davongekommen zu sein.




Zweites Capitel.

Der Abbé Pronio


Ungefähr zu derselben Stunde, wo der Fiscalprocurator Vanni seinen Gefangenen wieder in den Kerker zurückführen ließ, erschien der Cardinal Ruffo, einem dem König während der Nacht gegebenen Versprechen gemäß, an der Thür der königlichen Gemächer.

Da Befehl ertheilt worden war, ihn vorzulassen, so gelangte er ohne Hinderniß bis zu dem König.

Der König hatte eben eine Unterredung unter vier Augen mit einem Manne von etwa vierzig Jahren.

Daß dieser Mann ein Abbé war, sah man an der kaum bemerkbaren Tonsur, welche mitten unter einem Wald von schwarzem Haar fast gänzlich verschwand. Uebrigens war er von rüstigem Körperbau und schien eher geschaffen, die Uniform eines Carabiniers als das geistliche Gewand zu tragen.

Ruffo trat einen Schritt zurück.

»Ich bitte um Verzeihung, Sire,« sagte er. »Ich glaubte Euer Majestät allein zu treffen.«

»Treten Sie nur ein, treten Sie nur ein, mein lieber Cardinal!« sagte der König. »Sie stören durchaus nicht. Ich stelle Ihnen den Abbé Pronio vor.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sire,« sagte Ruffo lächelnd.

»Ich kenne den Abbé Pronio nicht.«

»Ich auch nicht,« sagte der König. »Der Herr Abbé tritt eine Minute vor Ihnen, Eminentissime, ein; er kommt im Auftrage meines Beichtvater Monseigneur Rossi, Bischofs von Nicosia. Eben hatte er den Mund geöffnet, um mir zu erzählen, was ihn hierherführt. Er wird es nun, anstatt mir allein, uns beiden erzählen. Alles, was ich nach den wenigen Worten, welche der Herr Abbé gesprochen, weiß, besteht darin, daß er ein Mann ist, welcher gut spricht und noch besser zu handeln verspricht. Erzählen Sie Ihre Angelegenheit. Der Herr Cardinal Ruffo ist ein Freund von mir.«

»Ich weiß es, Sire,« sagte der Abbé, indem er sich vor dem Cardinal verneigte, »und zwar einer Ihrer besten Freunde.«

»Wenn ich nicht die Ehre habe, den Herrn Abbé Pronio zu kennen, so sehen Sie, daß dagegen der Herr Abbé Pronio mich kennt.«

»Und wer kennte Sie nicht, Herr Cardinal, Sie, den Befestiger von Ancona! Sie, den Erfinder eines neuen Ofens zur Herstellung von glühenden Kugeln.«

»Ah, da sind Sie gefangen, Eminentissime!« sagte der König lachend. »Sie erwarteten, daß man Ihnen Complimente über Ihre Beredsamkeit und Frömmigkeit mache, und siehe da! man macht Ihnen deren über Ihre kriegerischen Leistungen.«

»Ja, Sire. Wollte Gott, daß Eure Majestät das Commando der Armee lieber Seiner Eminenz anvertraut hätte, anstatt dem hergelaufenen Prahlhans.«

»Herr Abbé, das was Sie da sagen, ist eine große Wahrheit,« bemerkte der König, indem er Pronio die Hand auf die Schulter legte.

Ruffo verneigte sich.

»Ich glaube aber, sagte er, »der Herr Abbé ist nicht blos gekommen, um Wahrheiten zu sagen, welche er mir erlauben wird für Schmeicheleien zu nehmen.«

»Sie haben Recht, Eminenz,« sagte Pronio, indem er sich seinerseits verneigte. »Eine von Zeit zu Zeit und wenn die Gelegenheit sich dazu darbietet, ausgesprochene Wahrheit kann allerdings zuweilen dem Unklugen schaden, der sie jagt, aber niemals dem König, der sie hört.«

»Sie besitzen Geist, mein Herr,« sagte Ruffo.

»Das habe ich mir auch gleich gedacht,« sagte der König, »und dennoch ist er weiter nichts als schlichter Abbé, während ich zur Schande meines Cultusministeriums in meinem Königreiche so viel Esel habe, welche Bischöfe sind.«

»Aber Alles dies sagt uns nicht, was den Abbé zu Euer Majestät führt.«

»Ja, sagen Sie es, sagen Sie es, Herr Abbé. Der Cardinal erinnert mich daran, daß ich noch mehr zu thun habe. Wir hören Sie.«

»Ich werde mich kurz fassen, Sire. Gestern neun Uhr Abends war ich bei meinem Neffen, welcher Postmeister ist.«

»Sehr richtig,« sagte der König.

»Ich sann eben nach, wo ich Sie schon gesehen hätte. Jetzt besinne ich mich. Dort war es.«

»Ja wohl, Sire. Zehn Minuten vorher war ein Courier vorbeigekommen, hatte Pferde bestellt und zu dem Postmeister gesagt: »Laffen Sie vor allen Dingen nicht warten; es ist für einen sehr vornehmen Herrn.« Dann war er lachend weitergesprengt. Ich ward nun neugierig, diesen vornehmen Herrn zu sehen. Als der Wagen hielt, näherte ich mich demselben und erkannte zu meinem großen Erstaunen den König.«

»Er hat mich erkannt und nichts von mir verlangt! Das ist schon sehr hübsch von ihm, nicht wahr, Eminentissime?«

»Ich behielt es mir für diesen Morgen vor, Sire,« antwortete der Abbé, indem er sich verneigte.

»Sprechen Sie weiter! Sie sehen, daß der Cardinal Ihnen zuhört.«

»Mit der größten Aufmerksamkeit, Sire.«

»Der König, den man in Rom wußte, fuhr Pronio fort, »kam allein in einem Cabriolet zurück, von einem einzigen Cavalier begleitet, welcher die Kleider des Königs trug, während der König die Kleider dieses Cavaliers anhatte. Dies war ein Ereigniß.«

»Und zwar ein stolzes,« sagte der König.

»Ich befragte die Postillone von Fondi, und von Postillon zu Postillon bis auf den von Albano zurückgehend, hatten die unsrigen erfahren, daß eine große Schlacht geliefert, daß die Neapolitaner geschlagen worden und daß der König – wie soll ich sagen, Sire?«, fragte der Abbé, sich ehrerbietig verneigend, »daß der König –«

»Ausgerissen war. Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich mich dieses etwas unedlen Ausdrucks bediene,« sagte der König lachend, »ich weiß aber, daß er hier am rechten Orte ist.«

»Ich kam nun,« fuhr der Abbé fort, »auf den Gedanken, daß, wenn die Neapolitaner wirklich auf der Flucht wären, sie in einem Striche bis nach Neapel rennen würden, und daß es folglich nur ein Mittel gäbe, die Franzosen aufzuhalten, welche, wenn man sie nicht aufhielte, den Besiegten auf den Fersen folgen würden.«

»Und welch ein Mittel wäre dies?« fragte Ruffo.

»Die Abruzzen und die Terra di Lavoro zu revolutionisieren und, da man den Franzosen keine Armee mehr entgegenstellen kann, ihnen ein Volk entgegenzustellen.«

Ruffo sah Pronio an.

»Sollten Sie vielleicht zufällig ein Mann von Genie sein, Herr Abbé?« fragte er ihn.

»Wer weiß,« antwortete dieser.

»Die Sache sieht mir ganz so aus.«

»Laffen Sie ihn weitersprechen, lassen Sie ihn weiter sprechen,« sagte der König.

»Demzufolge nahm ich heute Früh ein Pferd von meinem Neffen und ritt in einem Strich bis Capua. Hier zog ich auf der Post Erkundigungen ein und hörte, daß der Königin Caserta sei. Nun begab ich mich nach Caserta und erschien kühn an der Thür des Königs, als käme ich im Auftrage des Monseigneur Rossi, Bischofs von Nicosia und Beichtvaters Seiner Majestät.«

»Sie kennen aber wohl Monseigneur Rossi?« fragte Ruffo.

»Nein, ich habe ihn niemals gesehen, entgegnete der Abbé, »aber ich hoffte, daß der König im Hinblick auf meine gute Absicht mir die Lüge verzeihen würde.«

»Jawohl, ich verzeihe Ihnen,« sagte der König »Herr Cardinal, ertheilen Sie ihm sofort die Absolution.«

»Nun, Sire, wissen Sie Alles,« sagte Pronio. »Wenn der König auf mein Insurrectionsprojekt eingeht, so wird eine Pulverschlange nicht schneller auffliegen. Ich proclamire den heiligen Krieg, und ehe acht Tage vergehen, insurgire ich das ganze Land von Aquila bis Teano.«

»Und Sie wollen dies ganz allein machen?«, fragte Ruffo.

»Nein, Monseigneur. Ich werde mir zwei Männer der That zugesellen.«

»Und wer sind diese beiden Männer?«

»Der eine ist Gaëtano Mammone, mehr unter dem Namen des Müllers von Sora bekannt.«

»Habe ich,« fragte der König, »diesen Namen nicht bei Gelegenheit der Ermordung jener beiden Jakobiner della Torre nennen gehört?«

»Das ist wohl möglich,« antwortete der Abbé Pronio. »Es geschieht selten, daß Gaëtano Mamone nicht zugegen ist, wenn zehn Meilen in der Runde Jemand umgebracht wird. Er wittert das Blut.«

»Sie kennen ihn also?« fragte Ruffo.

»Er ist mein Freund, Eminenz.«

»Und wer ist der Andere?«

»Ein ungemein vielversprechender Bandit, Sire. Er heißt Michele Pezza, hat aber den Namen Fra Diavolo angenommen, wahrscheinlich weil es nichts Boshafteres gibt, als einen Mönch, und nichts Schlimmeres, als den Teufel. Kaum einundzwanzig Jahre alt, ist er schon Hauptmann einer Bande von dreißig Mann, welche sich in den Gebirgen von Mignano aufhält. Er liebte die Tochter eines Stellmachers in Itri, bewarb sich um ihre Hand, ward aber abgewiesen. Hierauf erklärte er seinem Nebenbuhler, welcher Peppino hieß, offen und ehrlich, daß er ihn umbringen würde, wenn er auf Francesca, so hieß das junge Mädchen, nicht verzichtete. Sein Nebenbuhler wollte nicht zurücktreten und Michele Pezza hielt ihm Wort.«

»Das heißt, er brachte ihn um, nicht wahr?« fragte Ruffo.

»Ja, Eminenz. Vor vierzehn Tagen drang er mit sechs der Entschlossensten seiner Bande während der Nacht durch den an die Gebirge stoßenden Garten in das Haus des Vaters Francescas, entriß ihm seine Tochter und führte sie mit sich fort. Wie es scheint, besitzt der Bursche ein nur ihm bekanntes Geheimniß, die Frauen in ihn verliebt zu machen. Francesca, welche Peppino liebte, betet jetzt Fra Diavolo an und raubt und mordet mit ihm, als ob sie ihr ganzes Leben lang weiter nichts gemacht hätte.«

»Und das sind die Männer, deren Sie sich zu bedienen gedenken?« fragte der König.

»Sire, mit Seminaristen kann man kein Land insurgiren.«

»Der Abbé hat Recht, Sire,« sagte Ruffo.

»Gut, zugegeben. Und mit diesen Mitteln versprechen Sie sich Erfolge?«

»Ich bürge dafür.«

»Und Sie wollen die Abruzzen und die Terra di Lavora insurgiren?«

»Vom Kind bis zum Greise. Ich kenne dort alle Welt und alle Welt kennt mich.«

»Sie scheinen mir Ihrer Sache sehr sicher zu sein, mein lieber Abbé,« sagte der Cardinal.

»So sicher, daß ich Sie ermächtige, Eminenz, mich erschießen zu lassen, wenn ich keinen Erfolg erziele.«

»Dann gedenken Sie wohl, Ihre Freunde Gaëtano Mammone und Fra Diavolo zu Ihren beiden Lieutenants zu machen?«

»Ich gedenke aus ihnen zwei Capitäne zu machen, wie ich bin. Sie sind nicht weniger werth als ich und ich bin nicht weniger werth als sie. Der König möge blos geruhen, mein Patent und die ihrigen zu unterzeichnen, damit wir den Bauern beweisen können, daß wir in seinem Namen handeln, und ich stehe für Alles.«

»Ei, ei!«, sagte der König. »Ich bin nicht übertrieben gewissenhaft, aber zwei solche Kerle zu meinen Capitänen zu ernennen! Sie gestatten mir wohl zehn Minuten Bedenkzeit, Herr Abbé?«

»Zehn, zwanzig, dreißig, Sire; ich fürchte nichts. Das Geschäft ist zu vortheilhaft, als daß Eure Majestät es von sich weisen könnten, und der Herr Cardinal den Interessen der Krone zu eifrig ergeben, als daß er Ihnen nicht dazu rathen sollte.«

»Wohlan, Herr Abbé,« sagte der König, »lassen Sie mich einen Augenblick mit dem Cardinal allein. Wir wollen uns über Ihren Vorschlag besprechen.«

»Ich werde mich in das Vorzimmer begeben, um in meinem Brevier zu lesen, Sire. Wenn Eure Majestät zu einem Entschluß gelangt sind, werden Sie mich rufen lassen.«

»Ja, gehen Sie, Herr Abbé, gehen Sie.«

Pronio verneigte sich und ging.

Der König und der Cardinal sahen einander an.

»Nun, was sagen Sie zu diesem Abbé, Eminentissime?« fragte der König.

»Ich sage: das ist ein Mann, Sire, und die Männer sind rar.«

»Eine Art heiliger Bernhard, der einen Kreuzzug predigt, bedenken Sie doch!«

»Ja, Sire, und er wird vielleicht mehr Glück machen, als der echte gemacht hat.«

»Sie sind also der Meinung, daß ich ein Anerbieten annehmen soll?«

»In der Lage, worin wir uns befinden, erachte ich es für klug und angemessen.«

»Aber sagen Sie mir, wenn man Enkel Ludwigs Vierzehnten ist und sich Ferdinand von Bourbon nennt, kann man doch nicht wohl mit diesem Namen Patente einen Räuberhauptmann und einen Menschen unterzeichnen, welcher das Blut trinkt, wie ein Anderer helles Wasser, denn ich kenne seinen Gaëtano Mammone wenigstens Rufe nach.«

»Ich begreife den Widerwillen, welchen Eure Majestät hiergegen hat. Unterzeichnen Sie aber doch blos das Patent des Abbé und ermächtigen Sie ihn, die der beiden Anderen zu unterzeichnen.«

»Sie sind ein anbetungswürdiger Mann, denn es gibt nichts, wodurch Sie in Verlegenheit gebracht werden könnten. Wollen wir den Abbé wieder hereinrufen?«

»Nein, Sire. Wir wollen ihm Zeit lassen, sein Brevier zu lesen. Wir haben unsererseits einige kleine Geschäfte abzumachen, welche wenigstens eben so großer Beschleunigung bedürfen, als die einigen.«

»Das ist wahr.«

»Gestern fragte Eure Majestät mich um meine Meinung in Bezug auf die Fälschung eines gewissen Briefes.«

»Ich entsinne mich dessen vollkommen und Sie verlangten von mir eine Nacht Bedenkzeit. – Haben Sie wirklich darüber nachgedacht, Eminentissime?«

»Ich habe gar nichts Anderes gethan, Sire.«

»Nun und?«

»Nun, es gibt eine Thatsache, welche Eure Majestäz nicht streitig machen werden, nämlich die, daß ich die Ehre habe, von der Königin verabscheut zu werden.«

»Das ist das Schicksal. Aller, die mir treu und anhänglich sind, mein lieber Cardinal. Wenn wir das Unglück hätten, uns zu veruneinigen, so würde die Königin Sie anbeten.«

»Da ich nun nach meiner Ansicht schon hinreichend von ihr verabscheut werde, so möchte ich, wenn es möglich wäre, Sire, wünschen, daß sie mich nicht noch mehr verabscheue.«

»In welcher Beziehung sagen Sie mir dies?«

»In Bezug auf den Brief des Kaisers von Oesterreich.«

»Was glauben Sie denn?«

»Ich glaube nichts, nach meiner Ansicht aber ist die Sache folgendermaßen zugegangen.«

»Lassen Sie hören,« sagte der König und stemmte sich, um bequemer zu hören, mit dem Ellbogen auf die Armlehne seines Sessels.

»Zu welcher Stunde reisten Eure Majestät mit André Baker an dem Tage, wo dieser junge Mann Ehre hatte, mit Euer Majestät zu dinieren, nach Neapel ab?«

»Zwischen fünf und sechs Uhr.«

»Wohlan, zwischen sechs und sieben Uhr, das heißt eine Stunde nachdem Eure Majestät abgereist waren, erhielt der Postmeister in Capua Befehl, dem Courier Ferrari, wenn derselbe das bei ihm zurückgelassene Pferd wieder holen würde, zu sagen, daß er nicht bis nach Neapel reiten brauche, da Eure Majestät in Caserta seien.«

»Und wer hat dem Postmeister diese Weisung theilt?«

»Ich möchte nicht gern Jemand nennen, Sire, aber ich hindere Eure Majestät nicht, es zu errathen.«

»Weiter, ich höre Sie!«

»Anstatt nach Neapel zu reiten, ritt Ferrari demgemäß nach Caserta.«

»Warum wollte man, daß er nach Caserta käme?«

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich um mit ihm einen Verführungsversuch vorzunehmen.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, mein lieber Cardinal, daß ich Ferrari nicht für fähig halte, mich zu verrathen. «

»Man hat sich nicht die Mühe zu geben gebraucht, von seiner Treue zu überzeugen. Ferrari stürzte, was weit besser war, mit dem Pferde, verlor die Besinnung und ward in die Apotheke geschafft.«

»Durch Acton's Secretär, wir wissen das.«

»Hier hat man aus Furcht, daß seine Ohnmacht nicht lange genug dauere und er vielleicht in dem Augenblick wieder zu sich käme, wo man es nicht erwartete, es räthlich gefunden, diese Ohnmacht mit Hilfe einiger Tropfen Laudamum zu verlängern.«

»Wer hat Ihnen dies gesagt?«

»Ich habe nicht nöthig gehabt, Jemanden zu befragen. Wer nicht betrogen sein will, darf sich auf Niemanden verlassen als auf sich selbst.«

Der Cardinal zog, indem er dies sagte, einen Kaffeelöffel aus der Tasche.

»Hier,« sagte er, »ist der Kaffeelöffel, mittelst welchem man dem Courier die Tropfen in den Mund geflößt. Es ist noch wenig davon in dem Löffel zurückgeblieben, was beweist, daß der Verwundete das Laudanum nicht selbst getrunken hat, weil er sonst diesen Bodensatz mit den Lippen hinweggenommen hätte, und der scharfe, durchdringende Geruch des Opiums verräth nach länger als einem Monat, welcher Substanz dieser Bodensatz angehört hat.«

Der König betrachtete den Cardinal mit jenem naiven Erstaunen, welches er allemal zu erkennen gab, wenn man ihm etwas demonstrierte, was er allein nicht gefunden hätte, weil es über die Tragweite seines Verstandes hinausging.

»Und wer hat dies gethan?« fragte er.

»Sire,« antwortete der Cardinal, »ich nenne Niemanden. Ich sage Man. Wer hat das gethan? Ich weiß es nicht. Man hat es gethan, das weiß ich.«

»Und dann?«

»Eure Majestät wollen der Sache auf den Grund gehen, nicht wahr?«

»Versteht sich, ich will der Sache auf den Grund gehen.«

»Wohlan, Sire, als Ferrari durch die Gewalt des Sturzes ohnmächtig und aus übergroßer Vorsicht durch Laudanum betäubt worden, nahm Man den Brief aus seiner Tasche, entsiegelte ihn, indem man das Siegel über eine brennende Kerze hielt. Man las den Brief, und da er das Gegentheil von dem enthielt, was Man hoffte, so entfernte Man die Schrift durch Benetzung mit Oxalsäure.«

»Aber wie können Sie genau wissen, daß man gerade diese Säure angewendet?«

»Hier ist das kleine Fläschchen, welches, ich sage nicht sie enthielt, sondern welches sie enthält. Es ist, wie Sie sehen, kaum die Hälfte des Inhalts zu der Operation nöthig gewesen.«

Und ebenso wie er den Kaffeelöffel aus der Tasche gezogen, zog der Cardinal jetzt ein halbleeres Flacon hervor, in welchem sich eine krystallhelle und augenscheinlich destillirte Flüssigkeit befand.

»Und Sie sagen,« fragte der König, »daß man mit dieser Flüssigkeit die Schrift entfernen kann?«

»Ich bitte Eure Majestät, mir irgendeinen werthlosen Brief zu geben.«

Der König nahm das erste beste beschriebene Blatt von einem Tisch, der Cardinal goß einige Tropfen der Flüssigkeit auf die Schrift, strich sie mit dem Finger so, daß vier bis fünf Zeilen damit bedeckt wurden, und wartete.

Nach einer Weile ward die Schrift gelb und verschwand allmälig ganz.

Der Cardinal spülte das Papier mit gewöhnlichem Wasser ab und zeigte dann dem König zwischen den ober- und unterhalb stehenden Linien einen leeren Raum, den er am Feuer trocknete und auf welchen er dann, ohne weitere Zurichtung, zwei oder drei Zeilen schrieb.

Diese Beweisführung ließ nichts zu wünschen übrig.

»Ah, San Nicandro! San Nicandro!« murmelte der König, »wenn man bedenkt, daß Du mich dies Alles hättest lehren können!«

»San Nicandro selbst nicht, Sire, denn er wußte es nicht, wohl aber hätte er es. Sie durch Andere lehren lassen können, welche kenntnißreicher waren als er.«

»Kommen wir auf unsere Angelegenheit zurück,« sagte der König seufzend.

»Was ist denn weiter vorgegangen?«

»Nachdem man auf diese Weise anstatt der Weigerung des Kaisers eine Zustimmung untergeschoben, hat man den Brief wieder versiegelt und zwar mittelt eines Petschafts, welches dem des Kaisers gleicht; nur hat man, da diese Operation in der Nacht bei Kerzenlicht erfolgte, dazu rothes Siegellack verwendet, welches ein wenig dunkler war als das des echten Siegels.«

Der Cardinal hielt, indem er dies sagte, dem König den Brief so vor die Augen, daß das Siegel nach oben gekehrt war. »Sire,« sagte er, »sehen Sie den Unterschied zwischen dieser aufgetragenen und der unterm Schicht? Auf den ersten Anblick scheint die Farbe dieselbe zu sein, besteht man sie aber genauer, so bemerkt man einen leichten, aber dennoch sichtbaren Unterschied.«

»Das ist wahr!« rief der König. »Es ist wirklich wahr.«

»Uebrigens, hob der Cardinal wieder an, »ist hier die Stange Siegellack, deren man sich beim Nachmachen des Siegels bedient hat. Euer Majestät sehen, daß die Farbe ganz dieselbe ist, wie die der oberen Schicht.«

Der König betrachtete mit Erstaunen die drei Beweisstücke, Löffel, Fläschchen und Siegellackstange, welche Ruffo ihm vor Augen gehalten und eins neben das andere auf den Tisch gelegt hatte.

»Und wie haben Sie sich diesen Löffel, dieses Fläschchen und dieses Siegellack verschafft?« fragte der König, den diese scharfsinnige Ermittelung der Wahrheit in solchem Grade interessierte, daß er davon aufs Genaueste unterrichtet zu sein wünschte.

»O, auf die einfachste Weise, Sire. Ich bin so ziemlich der einzige Arzt Ihrer Colonie San Leucio. Ich komme daher von Zeit zu Zeit in die Apotheke des Schlosses, um diese oder jene Medicamente zu holen. Heute Morgen kam ich wie gewöhnlich, aber mit einer gewissen bestimmten Absicht dahin und siehe da, ich fand diesen Löffel auf dem Nachttisch, dieses Fläschchen in dem Glasschrank und die Stange Siegellack auf dem Tische.«

»Und dies ist Ihnen genügend gewesen, um Alles zu entdecken?«

»Der Cardinal von Richelieu verlangte blos drei Zeilen von der Hand eines Menschen, um ihn an den Galgen zu bringen.«

»Ja,« sagte der König. »Unglücklicherweise aber gibt es Leute, welche man nicht an den Galgen bringen kann, mögen sie gethan haben, was sie wollen.«

»Sire,« sagte der Cardinal, indem er den König fest ansah, »halten Sie viel auf Ferrari?«

»Ja wohl, ich halte viel auf ihn.«

»Wohlan, Sire, es könnte, glaube ich, nichts schaden, wenn man ihn auf einige Zeit entfernte. Ich glaube, die Luft in Neapel ist für ihn in diesem Augenblick äußerst ungesund.«

»Glauben Sie?«

»Ich glaube es nicht blos, Sire, sondern ich bin davon überzeugt.«

»Nun, mein Himmel, die Sache ist ganz einfach. Ich werde ihn wieder nach Wien schicken.«

»Es ist dies allerdings eine anstrengende Reise, Sire, es gibt aber heilsame Anstrengungen.«

»Uebrigens können Sie sich denken, Eminentissime, daß ich mir die Sache vom Herzen schaffen will. Demzufolge schicke ich die Depesche, in welcher der Kaiser mir schreibt, daß er ins Feld rücken werde, sobald ich in Rom eingezogen sein würde, an ihm zurück und frage ihn meinerseits, was er davon denkt.«

»Und damit man nichts ahne, reisen Eure Majestät heute noch mit dem ganzen Hofe nach Neapel zurück, nachdem Sie Ferrari gesagt, daß er mich heute Nacht in San Leucio aufsuchen und meine Befehle eben so ausführen solle, als ob sie von Euer Majestät ausgingen.«

»Und Sie?«

»Ich, ich schreibe in Eurer Majestät Namen an den Kaiser, setze Ihre Zweifel auseinander und bitte ihn, die Antwort an mich zu senden.«

»Sehr schön; aber Ferrari wird in die Hände der Franzosen fallen. Sie können sich leicht denken, daß alle Straßen bewacht werden.«

»Ferrari nimmt den Weg über Benevento und Foggia nach Manfredonia. Hier schifft er sich nach Triest ein und nimmt dann wieder Postpferde bis Wien. Wenn der Wind gut ist, so erspart er zwei Tagreisen und vierundzwanzig Stunden Ermüdung. Die Rückreise macht er dann auf denselben Wege.«

»Sie sind ein wunderbarer Mann, mein lieber Cardinal. Nichts ist Ihnen unmöglich.«

»Und Eure Majestät sind mit diesem Allen einverstanden?«

»Ich müßte sehr difficil sein, wenn ich nicht damit einverstanden wäre.«

»Dann, Sire, wollen wir uns mit etwas Anderem beschäftigen. Sie wissen, jede Minute ist eine Stunde werth, jede Stunde einen Tag, jeder Tag ein Jahr.«

»Wir wollen uns mit dem Abbé Pronio beschäftigen, meinen Sie, nicht wahr?« fragte der König.

»Ganz recht, Sire.«

»Glauben Sie, daß er nun Zeit gehabt hat, sein Brevier zu lesen?« fragte der König lachend.

»Nun, wenn er nicht Zeit gehabt hat, es heute zu lesen,« sagte Ruffo, »so liest er es morgen. Er ist nicht der Mann, der um einer solchen Kleinigkeit willen sein Seelenheil gefährdet glaubte.«

Ruffo klingelte.

Ein Lakai erschien an der Thür.

»Sage dem Abbé Pronio, daß wir ihn erwarten, sprach der König.




Drittes Capitel.

Ein Schüler Macchiavellis


Pronio ließ nicht auf sich warten.

Der König und der Cardinal bemerkten, daß die Lectüre des heiligen Buches ihm nichts von jenem ungezwungenen Wesen geraubt, welches sie an ihm bemerkt hatten.

Er trat ein, blieb auf der Schwelle stehen und verneigte sich ehrerbietig erst vor dem König, dann vor dem Cardinal.

»Ich erwarte Euer Majestät Befehle,« sagte er.

»Meine Befehle werden sehr leicht zu befolgen sein, mein lieber Abbé! Ich befehle, daß Sie Alles thun, was Sie mir zu thun versprochen haben.«

»Ich bin bereit, Sire.«

»Verständigen wir uns jetzt.«

Pronio sah den König an. Es war augenscheinlich, daß er diese Worte: »verständigen wir uns jetzt« nicht verstand.

»Ich frage, welches Ihre Bedingungen sind,« sagte der König.

»Meine Bedingungen?«

»Ja.«

»Ich stelle Euer Majestät keine Bedingungen.«

»Ich frage, wenn es Ihnen so lieber ist, welche Vergünstigungen Sie von mir erwarten?«

»Keine anderen, als Euer Majestät dienen zu dürfen, und wenn es sein muß, mein Leben für Sie zu lassen.«

»Das ist Alles?«

»Ja wohl.«

»Sie verlangen kein Erzbisthum, kein Bisthum, nicht einmal die kleinste Abtei?«

»Wenn ich Euer Majestät gut diene, wenn Alles beendet ist, wenn die Franzosen wieder zum Lande hinausgejagt sind, wenn ich Euer Majestät gut gedient habe, dann werden Sie mich belohnen. Habe ich Ihnen schlecht gedient, so lassen Sie mich erschießen.«

»Was sagen Sie zu dieser Sprache, Cardinal?«

»Ich sage, daß dieselbe mich nicht in Erstaunen setzt, Sire.«

»Ich danke Ihnen, Eminenz,« sagte Pronio, indem er sich verneigte.

»Dann,« sagte der König, »handelt es sich ganz einfach darum, Ihnen ein Patent zu geben.«

»Mir eins, Sire, Fra Diavolo eins und Mammone eins.«

»Sind Sie der Bevollmächtigte dieser Beiden?« fragte der König.

»Ich habe sie nicht gesehen, Sire.«

»Und ohne sie gesehen zu haben, stehen Sie für sie?«

»Wie für mich selbst.«

»Schreiben Sie das Patent für den Abbé, Eminentissime.«

Ruffo setzte sich an den Tisch, schrieb einige Zeilen und las dann Folgendes:

»Wir Ferdinand von Bourbon, König beider Sicilien und von Jerusalem, thun hiermit kund und zu wissen:

»Da wir zu der Beredsamkeit, dem Patriotismus und dem kriegerischen Talent des Abbé Pronio volles Vertrauen haben, so ernennen wir ihn hiermit zu unterm Capitän in den Abruzzen, in der Terra di Lavoro und im Nothfalle in allen andern Theilen unseres Königreichs.

»Wir billigen im Voraus Alles, was er zur Vertheidigung des Gebietes unseres Königreichs und zur Verhinderung des Eindringens der Franzosen thun wird, ermächtigen ihn, Patente gleich diesem zu Gunsten der beiden Personen auszufertigen, die er für würdig erachten wird, ihn in dieser edlen Aufgabe zu unterstützen, und versprechen, diese von ihm gewählten beiden Personen als Anführer von Volksmassen anzuerkennen.

»Urkundlich alles dieses haben wir ihm gegenwärtiges Patent ausgestellt.

»So geschehen auf unserem Schlosse Caserta, am 10. September 1798.«

»Ist es so recht?« fragte der König den Abbé, nachdem er das von dem Cardinal aufgesetzte Document von diesem vorlesen gehört.

»Ja, Sire,« entgegnete der Abbé, »nur bemerke ich, daß Euer Majestät nicht die Verantwortlichkeit der Unterzeichnung der Patente für die beiden Capitäne hat auf sich nehmen wollen, welche ich die Ehre hatte, Ihnen zu empfehlen.«

»Nein, aber ich habe Ihnen das Recht zuerkannt, diese Patente auszufertigen. Ich will, daß diese Leute Ihnen dafür verpflichtet seien.«

»Ich danke Euer Majestät, und wenn Sie dieses Patent mit Ihrer Unterschrift und Ihrem Siegel versehen wollen, so habe ich dann weiter nichts zu thun, als Ihnen meinen unterthänigsten Dank auszusprechen und mich zu entfernen, um Ihre Befehle in Ausführung zu bringen.«

Der König ergriff die Feder und unterzeichnete. Dann nahm er das Siegel aus seinem Sekretär und drückte es neben seine Unterschrift.

Der Cardinal näherte sich dem König und sagte ihm leise einige Worte.

»Sie glauben?« fragte der König.

»Es ist dies meine bescheidene Ansicht, Sire.«

Der König wendete sich nach Pronio herum.

»Der Cardinal,« sagte er, »behauptet, daß Sie, Herr Abbé, besser als sonst Jemand –«

»Sire,« unterbrach Pronio, sich verneigend, »ich bitte Euer Majestät um Verzeihung, aber seit fünf Minuten habe ich die Ehre, Capitän der freiwilligen Truppen des Königs zu sein.«

»Entschuldigen Sie, mein lieber Capitän,« sagte der König, lachend. »Ich vergaß es, oder vielmehr ich erinnerte mich dessen, indem ich eine Ecke Ihres Breviers aus Ihrer Tasche hervorragen sah.«

Pronio zog das Buch, welches die Aufmerksamkeit des Königs erregt hatte, aus der Tasche und bot es ihm dar.

Der König schlug die erste Seite auf und las:

»Den Fürst von Macchiavelli.«

»Was ist das?« fragte er, denn er kannte weder das Werk noch den Verfasser desselben.

»Sire,« antwortete Pronio, »es ist das Brevier den Könige.«

»Kennen Sie dieses Buch?« fragte der König den Cardinal.

»Ich weiß es auswendig.«

»Hm!«, sagte der König. »Ich habe niemals etwas Anderes auswendig gewußt als einige Gebete und glaube selbst diese, seitdem San Nicandro sie mich gelehrt, wieder ein wenig vergessen zu haben. Also, ich sagte Ihnen, Capitän, da Sie nun einmal so genannt sein wollen, daß der Cardinal behauptete – es war dies das, was er mir leise in's Ohr sagte – daß Sie besser als irgend Jemand verstehen würden, eine Proclamation an die Bewohner der beiden Provinzen zu entwerfen, in welchen Sie zunächst Ihr Commando auszuüben, haben werden.«

»Seine Eminenz ist ein guter Rathgeber, Sire.«

»Sie sind also einer Meinung?«

»Vollkommen.«

»Dann setzen Sie sich und entwerfen Sie die Proclamation.«

»Soll ich im Namen Eurer Majestät oder in dem meinigen sprechen?«, fragte Pronio.

»Im Namen des Königs, Herr Capitän, im Namen des Königs,« beeilte Ruffo sich zu antworten.

»Jawohl, im Namen des Königs, weil der Cardinal es will,« sagte Ferdinand.

Pronio verneigte sich gegen den König, um ihm für die Erlaubniß zu danken, daß er nicht blos im Namen seines Souveräns schreiben, sondern sich auch in seiner Gegenwart setzen durfte.

Dann schrieb er, ohne sich lange zu besinnen, ohne etwas auszustreichen, und in einem Fluse Folgendes:

»Während ich mich in der Hauptstadt der christlichen Welt befinde und beschäftigt bin, die heilige Kirche wieder herzustellen, drohen die Franzosen, welchen gegenüber ich Alles gethan habe, um den Frieden zu erhalten, in den Abruzzen einzudringen. Trotz der Gefahr, welcher ich mich dabei aussetze, wage ich mich durch ihre Reihen hindurch, um meine bedrohte Hauptstadt zu erreichen. Sobald ich einmal in Neapel bin, werde ich ihnen mit einer zahlreichen Armee entgegenmarschieren, um sie auszurotten. Mittlerweile erwarte ich, daß die Völker zu den Waffen greifen, daß sie der Religion zu Hilfe eilen, daß sie ihren König oder vielmehr ihren Vater vertheidigen, welcher bereit ist, sein Leben zu opfern, um seine Unterthanen, ihre Altäre ihre Güter, die Ehre ihrer Frauen und ihre Freiheit zu wahren. Ein Jeder, der sich nicht unter die Fahne des heiligen Krieges schaart, wird als Verräther am Vaterland betrachtet, und Jeder, der diese Fahnen, nachdem er einmal zu ihnen geschworen, wieder verläßt, als Rebell und als Feind der Kirche und des Staates betrachtet werden.



    »Rom, am 7. December 1798.«



Pronio überreichte seine Proclamation dem König, damit er sie lese. Der König gab sie jedoch weiter an den Cardinal und sagte:

»Ich verstehe nicht gut, Eminentissime.«

Ruffo begann nun seinerseits zu lesen.

Pronio, welcher sich um den Ausdruck der Züge des Königs nicht sonderlich gekümmert, beobachtete dagegen die Wirkung, welche das Lesen der Proclamation auf das Gesicht des Cardinals äußerte, mit der größten Aufmerksamkeit.

Zwei- oder dreimal während des Lesens richtete Ruffo seine Augen auf Pronio und jedesmal sah er die Blicke des neuen Capitäns auf die einigen geheftet.

»Ich hatte mich in Ihnen nicht getäuscht, Herr Capitän,« sagte der Cardinal, als er fertig war, zu Pronio. »Sie sind ein gescheiter Mann.«

Dann wendete er sich zu dem König und fuhr fort: »Sire, ich glaube, Niemand in Ihrem ganzen Königreich hätte eine so geschickte Proclamation zu verfassen vermocht, und Eure Majestät können sie dreist unterzeichnen.«

»Das ist also Ihre Meinung, Eminentissime, und Sie haben nichts daran auszusetzen?«

»Ich bitte Eure Majestät auch nicht eine Sylbe daran zu ändern.«

Der König ergriff die Feder.

»Sie sehen es,« sagte er; »ich unterzeichne vertrauensvoll.«

»Ihr Taufname, Herr Capitän?«, fragte Ruffo, während der König unterzeichnete.

»Joseph, Monseigneur.«

»Und nun, Sire, sagte Ruffo, »da Sie einmal die Feder in der Hand haben, so können Sie Ihrer Unterschrift noch die Worte hinzusetzen:

»Der Capitän Joseph Pronio ist beauftragt, für mich und in meinem Namen diese Proclamation zu verbreiten und darauf zu sehen, daß den darin von mir ausgesprochenen Absichten treulich nachgegangen werde.«

»Das kann ich hinzufügen?« fragte der König.

»Ja, das können Sie, Sire.«

Der König schrieb ohne Widerrede die von Ruffo dictierten Worte.

»Es ist geschehen,« sagte er.

»Nun, Sire,« sagte Ruffo, »während der Capitän Pronio uns ein Duplicat von dieser Proclamation fertigen wird – Sie verstehen, Capitän, der König ist mit Ihrer Proclamation so zufrieden, daß er eine Abschrift davon zu haben wünscht – werden Eure Majestät eine Anweisung von zehntausend Ducati an die Ordre des Capitäns unterzeichnen.«

»Monseigneur!« rief Pronio.

»Laffen Sie mich nur machen, Herr Capitän.«

»Zehntausend Ducati! Ei! ei!« rief der König.

»Sire, ich bitte Eure Majestät –«

»Gut, gut,« sagte der König; »auf Corradino?«

»Nein, auf das Haus André Baker & Comp. Es ist dies viel sicherer und geht ganz besonders weit rascher.«

Der König setzte sich, schrieb die Anweisung und unterzeichnete sie.

»Hier ist das Duplicat der Proclamation,« sagte Pronio, indem er dem Cardinal die Abschrift überreichte.

»Jetzt haben wir es blos miteinander zu thun, Herr Capitän,« sagte Ruffo. »Sie sehen das Vertrauen, welches der König auf Sie setzt. Hier ist eine Anweisung auf zehntausend Ducati. Laffen Sie in einer Buchdruckerei von dieser Proclamation so viel tausend Exemplare drucken, als man in vierundzwanzig Stunden liefern kann. Die ersten zehntausend Exemplare werden heute noch in Neapel angeschlagen, wenn es möglich ist, ehe der König dort ankommt. Jetzt ist es Mittag. In anderthalb Stunden können Sie in Neapel und um vier Uhr können die Proclamationen gedruckt sein. Nehmen Sie zehntausend, zwanzigtausend, dreißigtausend davon mit, verbreiten Sie dieselben in Massen und sorgen Sie dafür, daß bis morgen Abend wenigstens zehntausend Exemplare sich in den Händen des Volkes befinden.«

»Und was soll ich mit dem übrigen Gelde machen, Monseigneur?«

»Dafür kaufen Sie Flinten, Pulver und Kugeln.«

Pronio wollte, außer sich vor Freude, sofort davoneilen.

»Wie!« sagte Ruffo »Sie sehen nicht, Capitän?«

»Was denn, Monseigneur?«

»Der König reicht Ihnen eine Hand zum Kusse.«

»O, Sire!« rief Pronio, die Hand des Königs küssend, »an dem Tage, wo ich mich für Eure Majestät tödten lasse, werde ich meine Schuld noch nicht abgetragen haben.«

Und Pronio entfernte sich, in der That bereit, sich für des König tödten zu lassen.

Der König erwartete Pronios Entfernung augenscheinlich mit Ungeduld. Er hatte an diesem großen Auftritt theilgenommen, ohne recht zu wissen, welche Rolle er dabei spielte.

»Wohlan,« sagte der König, als die Thür sich wieder geschlossen hatte, »wahrscheinlich ist abermals Nicandro daran Schuld, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich Ihren Enthusiasmus für diese Proclamation begreife, welche kein wahres Wort sagt.«

»Gerade eben weil sie kein wahres Wort sagt und weil weder Eure Majestät noch ich gewagt hätten schreiben, eben deshalb bewundere ich diese Proclamation.«

»Aber dann,« sagte Ferdinand, »erklären wenigstens, damit ich sehe, ob sie meine zehntausend Ducati werth ist.«

»Wenn Eure Majestät sie ihrem Werth nach sollten, so wären Sie gar nicht reich genug, dies zu thun.«

»Eselskopf«, sagte Ferdinand, indem er sich Faust vor die Stirn schlug.

»Wollen Eure Majestät mir beim Durchlesen der Abschrift folgen?«

»Ich folge Ihnen,« sagte der König und gab dem Cardinal die Abschrift der Proclamation. [Wir ändern kein Wort an dem Text dieser Proclamation, vielleicht einem der unverschämtesten historischen Documente, die Welt aufzuweisen hat.]

Ruffo las:

»Während ich mich in der Hauptstadt der christlichen Welt befinde und beschäftigt bin, die heilige Kirche herzustellen, drohen die Franzosen, welchen gegen über ich Alles gethan habe, um den Frieden zu erhalten, Abruzzen einzudringen!«

»Sie wissen, daß ich noch nicht bewundere.«

»Daran thun Sie Unrecht, Sire. Bemerken Tragweite dieser Worte. Sie sind in dem Augenblick wo Sie diese Proclamation schreiben, in Rom. Sie sind aller Ruhe und ohne andere Absicht, als die heilige wieder herzustellen. Sie lassen dort nicht die Freiheitsbäume umhauen, Sie wollen nicht die Consuln hängen lassen, Sie lassen das Volk nicht die Juden verbrennen oder in die Tiber werfen. Sie sind dort ganz in aller Unschuld und blos im Interesse des heiligen Vaters.«

»Ah,« rief der König, welcher allmälig anfing zu begreifen.

»Sie sind, fuhr der Cardinal fort, »nicht dort, um Krieg gegen die Republik zu führen, denn Sie haben ja den Franzosen gegenüber. Alles gethan, um mit ihnen in Frieden zu leben. Wohlan, obschon Sie Alles gethan haben, um mit ihnen in Frieden, das heißt auf freundschaftlichem Fuße zu leben, drohen die Franzosen doch, in die Abruzzen einzudringen.«

»Ah!« rief der König und verstand nun.

»Folglich,« fuhr Ruffo fort, »geht in den Augen Aller, welche dieses Manifest lesen, und die ganze Welt wird es lesen, der Friedensbruch, der Verrath nicht von Ihnen, sondern von den Franzosen aus. Trotz der Drohungen, welche der Gesandte Garat gegen Sie ausgestoßen, vertrauen Sie ihnen wie Bundesgenossen, welche Sie sich um jeden Preis erhalten wollen. Erfüllt von Vertrauen auf die Redlichkeit dieser Bundesgenossen gehen Sie nach Rom, und während Sie in Rom sind, während Sie nichts Arges ahnen, während Sie ganz ruhig und unbesorgt sind, greifen die Franzosen Sie unversehens an und schlagen Mack. Sie werden selbst zugeben, Sire, daß es durchaus nicht zu verwundern ist, wenn ein unversehens angegriffener General geschlagen wird.«

»Ja,« sagte der König, der immer mehr und mehr begriff, »das ist in der That wahr.«

»Eure Majestät fügen hinzu: Trotz der Gefahr, welcher ich mich dabei aussetze, wage ich mich durch ihre Reihen hindurch, um meine bedrohte Hauptstadt zu erreichen. Sobald ich jedoch einmal in Neapel bin, werde ich ihnen mit einer zahlreichen Armee entgegenmarschieren, um sie auszurotten.« – Sehen Sie, Sire, trotz der Gefahr, welcher Sie sich dabei aussetzen, wagen Eure Majestät sich durch die Reihen der Feinde hindurch, um die bedrohte Hauptstadt zu erreichen. Verstehen Sie, Sire? Sie fliehen nicht vor den Franzosen, Sie wagen sich durch ihre Reihen hindurch, Sie fürchten nicht die Gefahr, sondern bieten ihr vielmehr die Spitze. Und warum setzen Sie Ihre geheiligte Person in so verwegener Weise aufs Spiel? Um Ihre Hauptstadt zu erreichen, zu beschützen, zu vertheidigen, um mit einem Worte mit einer zahlreichen Armee dem Feinde entgegen zu marschieren, um die Franzosen auszurotten.«




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