Das Mormonenmädchen Erster Band
Balduin Möllhausen




Balduin Möllhausen

Das Mormonenmädchen





Erster Band





Einleitung


Zum bessern Verständniß nachfolgender Blätter, namentlich aber, um nicht gezwungen zu sein, den Faden der Erzählung durch Erläuterungen zu unterbrechen, und zwar Erläuterungen, die an manchen Stellen ungeeignet erscheinen dürften und sich daher nur auf bloße Andeutungen beschränken müßten, ist es vielleicht angemessen, einige Worte über das Mormonenthum und dessen Geschichte vorauszuschicken. —

Die Mormonen[1 - Ich gebe eine kurze Beschreibung des Mormonenthums, zusammengestellt aus Notizen, welche ich dem officiellen »Report« des Vereinigte Staaten-Capitäns Howard Stansbury, vom Jahre 1852, und der Abhandlung über das Mormonenthum den von den Utahindianern später erschlagenen Capitäns Gunnison, ebenfalls vom Jahre 1852, entnommen und mit meinen eigenen, im persönlichen Verkehr mit den Mormonen gewonnenen und gesammelten Erfahrungen in Verbindung gebracht habe.], die in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit der ganzen civilisirten Welt in so hohem Grade auf sich gezogen haben, bilden eine Religionssecte, deren eigenthümliche Einrichtungen gewiß einer besondern Erwähnung und Beschreibung verdienen.

Ihre Hauptstadt und Hauptansiedelungen befinden sich im Thale des großen Salzsees. Dieser liegt in der Mitte zwischen den Ländern des Mississippi und Kalifornien, also westlich von den Staaten, wo die Menschen durch Geschäftssinn und Betriebsamkeit das erreichen, was westlich auf gierige Weise dem goldhaltigen Boden entnommen wird.

Die Thäler an und um den großen Salzsee sind ganz abgesondert von bewohnbaren Landstrichen. Gegen Norden und Süden erstrecken sich unabsehbare wüste Regionen; gegen Osten dehnt sich, wie eine lange Scheidewand, die Kette der Felsengebirge aus, während im Westen Sandsteppen mit starren Gebirgszügen abwechseln und einen schwer zugänglichen Damm bilden.

Das Land der Mormonen wird auch das große Becken (great basin) genannt, weil aus dieser Region das Wasser nicht abfließt. Dieses Becken ist das Hochland (4000 Fuß über dem Meeresspiegel, zwischen der Sierra Nevada westlich, und dem Wahsatch-Gebirge östlich. Es besteht eigentlich aus einer Wüste mit einigen fruchtbaren Streifen unter den Abhängen der Höhen und an den Flüssen. Größtentheils ist das Gebiet gebirgig, indem Bergketten von 2-3000 Fuß Höhe, meist den Rocky Mountains parallel laufend, dasselbe durchschneiden; in dem östlichen Theile des nach jeder Richtung etwa 500 englische Meilen breiten Landes haben sich die Mormonen angesiedelt.

Man kann nicht behaupten, daß die Mormonen in ihren jetzigen Territorien sehr von der Natur begünstigt wären, indem verhältnißmäßig nur spärlich gutes Wasser dort vorhanden ist, das Holz, wenigstens in der nächsten Nachbarschaft, fast ganz mangelt, und gute Weiden nur an den Gebirgsabhängen und in den Niederungen zu finden sind. Dagegen erweisen sich die culturfähigen Thäler an den Flüssen sehr fruchtbar, und es ist kaum anzunehmen, daß fürʼs Erste das Land mit so vielen Bewohnern bevölkert werden wird, wie es zu ernähren vermag.

Der Glaube dieser Secte nun, die mit so ungeheuern Anstrengungen und Opfern darauf hinarbeitet, ihre Religion über den ganzen Erdball zu verbreiten, ist begründet auf der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß alle christlichen Secten oder Gentiles[2 - Gentiles, der englischen Bibel entnommen, zu übersetzen mit: »Heiden.«], wie sie dieselben nennen, auf Wegen wandeln, die nicht zum Himmelreich führen, und daß die ewige Seligkeit nur den Anhängern der »Melchisedek-Priesterschaft« zu Theil werden könne.

Diese wurde, gemäß der Versicherung der Mormonen, vor achtzehnhundert Jahren von der Erde entfernt, seit welcher Zeit keine wirklich wahre Religion existirt hat, bis im Jahre 1826 Joseph Smith, dem Gründer des Mormonenthums, ein Engel erschien, und ihn in der Wahrheit unterrichtete. Derselbe führte ihn an eine Stelle, wo eine steinerne Kiste vergraben lag. In dieser befanden sich goldene Tafeln, aus welchen, in der von ihm so benannten reformirten ägyptischen Sprache, Gesetze geschrieben standen. Der Engel nahm eine Anzahl der religiösen Anweisungen aus der Kiste und übergab sie Joseph Smith, ertheilte ihm aber auch zugleich die Kraft, das, was auf den Tafeln eingegraben war, zu lesen und zu verstehen. Joseph Smith übersetzte nun die wunderbare Schrift und veröffentlichte sie unter dem Namen »Das Buch Mormon«. Er wurde dann auf göttlichem Wege der Melchisedek-Priesterschaft einverleibt, und erhielt die Fähigkeit, alle Sprachen zu verstehen. Er und seine Gefährten wurden eben so als Apostel eingesetzt, um das Evangelium zu, predigen und die »Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage« (the letter-day saints) unter den Völkern zu gründen. Im Jahre 1830 wurde diese Kirche zuerst organisirt, indem sechs Mitglieder zusammentraten, deren Schüler und Nachfolger in kurzer Zeit zu einer Gesellschaft von vielen Tausenden anwuchsen.

Die Mormonen erklären, daß die Bibel der Protestanten göttlichen Ursprungs sei, doch versichern sie zugleich, es sei so viel in derselben verändert und verdorben worden, daß eine neue Uebersetzung nöthig gewesen, welche ihr Prophet ausführte. Von dem Buch Mormon glauben sie ebenfalls, es komme von Gott und sei ebenso, wie die heilige Schrift, maßgebend für das Bekenntniß. Sie glauben streng an Wunder, und daß die Aeltesten der Kirche Kranke durch Auflegen der Hände zu heilen im Stande seien. Die Art ihres Gottesdienstes ist ähnlich dem der Protestanten, indem gepredigt und gesungen wird. Musik begleitet die Lieder der Sänger und spielt zu Anfang und zum Schluß des Gottesdienstes.

Die häuslichen Einrichtungen der Mormonen sind unendlich weit verschieden von denen jeder andern christlichen Secte, was vorzugsweise in dem System der »geistigen Ehe« (spiritual wife system) seine Erklärung findet.

Als man die Mormonen aus Illinois vertrieb, wurde Vielweiberei als eine der Hauptklagen gegen sie ausgeführt, damals indessen streng von ihnen abgeläugnet. Doch ist dies längst erwiesen und seit Jahren wird kein Geheimniß mehr daraus gemacht, daß Vielweiberei bei ihnen gebräuchlich.[3 - Am oberen Missouri erlebte ich es noch vor wenig Jahren, daß unter den dort versammelten Mormonen nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer die Vielweiberei abläugneten. Offenbar geschah dieses, um die verheiratheten Frauen zu täuschen, von denen manche vielleicht Anstand genommen hätten, ihren Gatten nach dem Salzsee, von wo ihnen die Rückkehr abgeschnitten, zu folgen, um sich dort noch anderen Lebensgefährtinnen zur Seite stellen zu lassen.] Selbst die Prediger erklären öffentlich von der Kanzel, daß es ihnen frei stehe, tausend Weiber zu nehmen, wenn es ihnen beliebe, und sie fordern Jeden auf, aus der Bibel das Gegentheil zu beweisen.

Joseph Smithʼs Ansichten über die Vielweiberei sind wahrscheinlich nie veröffentlicht worden, doch machte er seinen Anhängern bekannt, er habe, so wie Diejenigen, die er für würdig halte, ähnlich den alten Heiligen, Jacob, David und Salomon, den Vorzug, so viele Weiber zu nehmen, wie er zu ernähren im Stande sei, um ein heiliges Haus für den Dienst des Herrn zu gründen. Sie geben zu, daß in dem Buche Mormon vorgeschrieben sei: jeder Mann solle ein Weib, und jede Frau nur einen Mann haben; da nun das Wort »nur« bei den Frauen allein angewendet ist, so bleibt dem Manne natürlich die Vielweiberei gestattet, und sie erklären, daß die Principien dieser Einrichtung durchaus sittlich und heilig seien. Sie behaupten sogar, daß Christus drei Frauen gehabt habe, nämlich Maria, Martha und die andere Maria, die er liebte, und daß er alle auf der Hochzeit zu Kana geheirathet habe.[4 - The Mormons or the latter day saints in the valley of the great Salt Lake, by J. W. Gunnison, pag. 68.]

Wenn ein verheiratheter Mann sich eine zweite Gehülfin zu nehmen wünscht, so muß er, nachdem er mit dem Mädchen und dessen Eltern einig geworden, auch noch die Erlaubniß des Oberherrn oder Präsidenten einholen. Die neue Frau wird ihm alsdann feierlich »angesiegelt« (sealed) und steht fortan in jeder Beziehung in gleichem Range mit der ersten Frau. Solche Ehen halten die Mormonen für durchaus tugendhafte und ehrenvolle, und alle nachfolgenden Gattinnen behaupten in der Gesellschaft dieselbe Stellung, als wenn sie die einzigen und zuerst erwählten wären. Ueberhaupt erklären die Mormonen derartige Ehebündnisse für fester und bindender, als die aller anderen Religionen und Secten, um so mehr, als nach ihrem Dafürhalten das künftige Leben, sowohl bei dem Manne, wie bei der Frau, in unmittelbarer Beziehung zu den ehelichen Verhältnissen in dieser Welt steht. Die Kirche lehrt, daß ein Weib ohne einen Gatten eben so wenig zu den himmlischen Freuden gelangen kann, als ein Mann, der nicht im Besitz von wenigstens einer Gattin ist, und der Grad der Seligkeit der Letzteren hängt mit von der Zahl der Frauen ab, die ihm auf Erden angehört haben.

Jeder Gedanke an Sinnlichkeit, als Grund zu falschen Bündnissen, wird streng verworfen, indem das Hauptaugenmerk Aller ist, so schnell wie möglich eine heilige Generation zu gründen, welche das Königreich des Herrn auf Erden bauen soll.

Da das Oberhaupt oder der Präsident der Kirche allein die Macht besitzt, solche Ehen zu gestatten oder auch wieder aufzulösen, so läßt es sich erklären, welchen großen Einfluß diese Macht Dem geben muß, der sie in Händen hält, und welche Umsicht und Weisheit von Demjenigen erwartet wird, der als vertrauter Rathgeber der Familien, als kirchliches und politisches Oberhaupt der Gemeinde gegenübersteht.

Jede unverheirathete Frau hat ferner ein Recht, im Falle sie vernachlässigt oder vergessen wird, zu ihrem Seelenheil einen Gatten zu fordern. Der Präsident muß dann auf die eine oder die andere Art für sie sorgen, und besitzt sogar die Macht, jeden beliebigen Mann, den er für passend erachtet, zu der Heirath zu zwingen, so wie jeder Mann verpflichtet ist, die Seele eines Mädchens, welches ihm angeboten wird, durch Heirath zu retten.

Mancherlei sind noch die Eigentümlichkeiten des Mormonenthums, doch versuche ich hier nur solche Punkte besonders hervorzuheben, welche in nachfolgender Erzählung berührt worden sind, ohne daß ihnen zugleich eine Erklärung beigefügt worden wäre.

Was die weltliche Stellung der Mormonen betrifft, so ließe sich erwarten, daß in einem Hausstande, in welchem sich bis zu dreißig Frauen befinden, fortwährend Hader und Zank herrschen müßte; doch, ganz im Gegentheil, waltet in den meisten Häusern Friede, Eintracht und schwesterliche Zuneigung unter den Gefährtinnen. Manchem jungen Mädchen mag es indessen einige Ueberwindung kosten, vielleicht die zweiunddreißigste Frau eines Mannes zu werden, so wie es in mancher jungen Frau, welche so lange die einzige Lebensgefährtin ihres Gatten war, traurige Gefühle erwecken muß, wenn sie von Zeit zu Zeit von einer neuen Verlobung und Hochzeit ihres Gemahls in Kenntniß gesetzt wird. —

Die Geschichte des Mormonenthums seit seinem Entstehen bis zur jetzigen Zeit ist mit wenigen Worten erzählt.

In dem Jahre 1831 bis 1832 wurde im Staate Missouri, nicht weit von der Stadt Independence, von den Mormonen unter der Leitung des Joseph Smith die Stelle zum neuen Jerusalem ausgewählt und die Stadt Zion gegründet. Hier nun, an den äußersten Gränzen der Civilisation, glaubten sie ungestört wohnen und die in ihrer Nachbarschaft lebenden, damals noch sehr dünn gesäeten Ansiedler leicht zu ihrem Glauben bekehren zu können.

Zwei Jahre verbrachten sie dort in Frieden, als die Bevölkerung der Provinz Jackson sich zusammenrottete und sie vertrieb. Sie suchten darauf ihre Zuflucht in der Provinz Clay, doch nur, um abermals von dort nach Caldwell, im Staate Missouri, verdrängt zu werden.

Ihre Zahl nahm indessen mit jedem Tage zu, so daß sie sich bald stark genug glaubten, ferneren Unterdrückungen Widerstand entgegensetzen zu dürfen. Als sie abermals verjagt wurden, wobei es schon zu ernstlichen Kämpfen kam, zogen sie nach dem Staate Illinois, wo sie auf dem Ufer des Mississippi vorläufig Ruhe fanden. Sie gründeten daselbst die Stadt Nauvoo und erbauten einen prachtvollen Tempel. Bei der Eigenthümlichkeit ihrer Religion war es indessen vorherzusehen, daß sie nicht lange mit ihren Nachbarn in Frieden leben würden, und im Jahre 1841 bis 1842 gab die Vielweiberei, über welche damals die ersten Gerüchte in Umlauf gekommen waren, Grund zu Anfeindungen.

Immer neue Verbrechen, vom Diebstahl bis zum Mord, (ob mit Recht oder Unrecht, ist nicht festgestellt) wurden den Mormonen zur Last gelegt, bis endlich die Feindseligkeiten wieder ausbrachen und damit endigten, daß der Prophet Joseph Smith und sein Bruder Hyrum erschossen und Nauvoo niedergebrannt wurde.

Brigham Young wurde darauf zum Präsidenten gewählt, und unter seiner Führung zogen die Mormonen an den oberen Missouri, zwanzig Meilen oberhalb der Mündung des Platte, wo sie sich dann abermals ansiedelten, zugleich aber ihre besten Jäger ausschickten, um das Land nach allen Richtungen hin durchforschen zu lassen.

Im Jahre 1847 begaben sich hundertunddreiundvierzig ihrer Männer vom Missouri aus auf den Weg nach dem Westen. Ihnen folgte die ganze Gemeinde in kleinen Abtheilungen nach, und so erreichten sie denn endlich nach einer langen und mühevollen Wanderung den großen Salzsee, wo sie ihr Reich zu gründen beschlossen.

Das Land wurde eingesegnet, der Plan zu einer Stadt entworfen, und bald entstanden unter ihren Händen, obgleich sie durch Hungersnoth und Krankheit vielfach zu leiden hatten, blühende Ansiedelungen. Dieselben hoben sich um so schneller, als Tausende und aber Tausende von Bekehrten den ersten Ansiedlern nachfolgten und bald ein Reich bilden halfen, über welches Brigham Young unter dem Namen eines Gouverneurs des Utah-Territoriums noch heute herrscht. —

Es ist bekannt, daß die Mormonen darnach trachten, durch die Gründung von Schulen, Universitäten, durch Fabriken jeder Art und durch fortwährende Hebung und Ausdehnung des Ackerbaues und der Viehzucht sich baldmöglichst unabhängig von dem Verkehr mit anderen Völkern zu machen, obgleich sie sich Bürger der Vereinigten Staaten nennen und die Regierung in Washington anerkennen. In wie weit ihnen dieses gelingen wird, muß die Zukunft lehren; denn wie ihre Regierungsform und ihr Widerwille, sich in die von Washington ausgehenden Anordnungen zu fügen, schon einmal zu dem in nachfolgenden Blättern erwähnten Bruch mit den Vereinigten Staaten Veranlassung gab, so dürfte die Frage der Vielweiberei über kurz oder lang, nachdem der jetzt wüthende Bürgerkrieg in Nordamerika sein Ende gefunden, noch einmal, dann aber auch schärfer in den Vordergrund treten.

Was an der Religion der Mormonen zu billigen oder zu tadeln ist, werden die Theologen aller Secten, Jeder auf seine Art, gewiß schon längst entschieden haben; der Laie aber, der ein andächtiger Verehrer der Natur und ihrer weisen Gesetze, mißbilligt Alles, was gegen diese verstößt, und es bilden sich bei ihm allmälig ganz besondere Ansichten über jede Religion, die neben ihrem eigenen Glauben keinen andern als selig machend anerkennt.

So viel zur Einleitung. Was nun nachfolgendes Werk selbst betrifft, so kann ich nur wiederholen, daß ich bei dessen Ausführung ganz dieselben Zwecke im Auge behielt, wie bei ähnlichen, früher von mir veröffentlichen Erzählungen.

Die möglichen Falls an mich herantretenden Fragen, ob »das Mormonenmädchen« ein Roman, eine Reisebeschreibung oder aus Naturschilderungen zusammengesetzt sei, beantworte ich dahin, daß ich versuchte, das Eine mit dem Andern zu einem abgerundeten Ganzen zu verbinden. Eine durch solche Zwecke bedingte Arbeit ist eine oft schwer zu lösende Aufgabe, darf deshalb aber wohl um so mehr freundliche Nachsicht beanspruchen.

Wie der historische Roman das unterhaltende Element gleichzeitig mit dem belehrenden umfaßt, so leitet mich in meinen Erzählungen der Wunsch, in ähnlicher Weise das Nützliche mit dem Unterhaltenden zu vereinigen. Wenn Charaktere, in welchen sich alle unedlen Leidenschaften vertreten finden, als Hauptfiguren in Romanen erscheinen dürfen, sollte da die Natur, mit Allem, was sie belebt, nicht dasselbe Recht besitzen, mit Vorliebe behandelt zu werden? Das Ehrfurcht Gebietende und Grausige der Natur aber empfinden wir mit andächtigerer Verehrung und tieferem Schrecken, weil wir das menschliche Geschick wie ein schwaches Rohr davon erdrückt zusehen fürchten; das Lächeln der Natur dagegen dringt inniger zum Herzen, weil es einen erhabenen Gegensatz bildet zu den empörten Leidenschaften der Menschen. —

Wenn es auch nicht Schuld der Mormonen ist, die nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Expedition, zu welcher ich zählte, im Thale des Colorado zu vernichten gedachten,[5 - Möllhausen, Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas bis zum Hochplateau von Neu-Mexico, I. pag. 409] daß ich noch unter den Lebenden weile, so bin ich bei nachfolgenden Schilderungen doch keineswegs von Haß gegen sie beseelt gewesen. Frei von Vorurtheilen gegen Secten und Stände, habe ich meine Personen fast durchgehende der Wirklichkeit entnommen, was mir um so leichter wurde, weil ich die meisten derselben, wenn auch nicht immer auf vertrautem Fuße mit ihnen stehend, persönlich oder auch nur von Ansehen kannte, und in letzterem Falle, oft ohne mein Dazuthun, mit den nöthigen Aufschlüssen über sie versehen wurde. Vergebliche Mühe aber würde es sein, nach Diesem oder Jenem forschen zu wollen, indem außer den, mir durch ihre treu geleisteten Dienste unvergeßlichen Eingeborenen, kein Einziger unter seinem wirklichen Namen eingeführt ist.

Und so übergehe ich diese Arbeit vertrauensvoll der Oeffentlichkeit.

Wer kein warmes Herz hat für die Natur, wer das Fremdartige, ja, das Unbekannte störrisch nach den heimathlichen Verhältnissen abgemessen haben will, und die der Wirklichkeit entnommenen Bilder nicht zu scheiden vermag von solchen, welche die Phantasie gezwungen war, zu ergänzen, der lege diese Bücher ungelesen, unbeachtet zur Seite; deren Inhalt wird ihn nicht befriedigen. Doch wer es liebt, die Blicke über die nächsten Gränzen hinaus zu werfen, an sicherer Hand die endlosen Urwildnisse des fernen Westens im Geiste zu durchwandern; wer einen Genuß darin sucht, die einst an Ort und Stelle empfangenen überwältigenden Eindrücke, wenn auch aus zweiter Hand, in sich aufzunehmen und das gewissermaßen mitzuempfinden, was noch jetzt in der Erinnerung zu warmem Enthusiasmus fortreißt, der entdeckt in nachfolgenden Blättern vielleicht Manches, was ihn mit der Erzählungsform aussöhnt und dazu bewegt, freundlich über einzelne schwer zu umgehende Mängel hinwegzusehen.




1

Der Sandsturm


Wo in dem ungeheuern »Becken,« begränzt durch die starren, nackten Joche des Wahsatch-Gebirges und der unabsehbaren Züge der theilweise in ewigem Schnee prangenden Sierra Nevada, dürrer, vegetationsloser Sand auf umfangreichen Strecken die Oberfläche des Bodens bildet, da ist es für den Menschen nicht rathsam, anders, als in größeren Gesellschaften die schrecklichen Wüsten jagend oder forschend zu durchkreuzen. Selbst den vereinigten Kräften treu zusammenhaltender Gefährten gelingt es oft kaum, dem drohenden Untergange zu entrinnen, der den Wanderer jener Regionen in den verschiedenartigsten und gräßlichsten Gestalten beständig angrinst. Bald sind es der Wassermangel und das Verschmachten und Dahinsterben der dem Reisenden unersetzlichen Lastthiere, bald die durch Heißhunger zur Tollwuth gereizten wilden Bestien, bald die, in ihren Neigungen sich kaum noch von den Thieren des Waldes unterscheidenden Eingeborenen, oder der von dem Sturmwind in dichten Wolken emporgewirbelte erstickende Flugsand, lauter Schrecknisse, die auch den kühnsten Geist zu beugen, den wildesten Muth zu brechen vermögen. —

Wenn nun die Reise ganzer Karavanen durch die unwirthlichen Theile des »großen Beckens« mit einem steten Kampf um das nackte Leben verglichen werden darf, um wie viel mehr ist der einzelne Wanderer, der dorthin verschlagen wurde, dem Verderben ausgesetzt! Und dennoch – —

Ungefähr drei Tagereisen weit westlich von der südlichen Spitze des »Großen Salzsees,« also vielleicht doppelt so weit von der Mormonenstadt, scheiden die Pah-o-tom- oder Cederberge, eine von Südwesten nach Nordosten laufende Felsenkette, das »Quell-« oder »einsame Felsen-Thal« von der unabsehbaren, sich gegen Westen ausdehnenden sandigen Einöde. Eine alte, wenig befahrene Emigrantenstraße führt durch einen Paß dieses Gebirges und verliert sich schon nach kurzer Zeit in halb zugewehten Spuren von Wagenrädern und Packthierpfaden, die sich wieder in verschiedene Richtungen von einander trennen und, je weiter nach der Wüste hinein, um so schwächer und undeutlicher werden, bis sie endlich ganz in dem losen Sande verschwinden. Es geht daraus hervor, daß vielfach nach einem geeigneten Wege durch die wasserarme muldenförmige Sandsteppe geforscht wurde, daß die Bemühungen sich größtentheils als fruchtlos erwiesen, und daß man endlich zu der Ansicht gelangte, schwere und langsam reisende Trains lieber auf einem Umwege auf der Nordseite des Salzsees herumziehen zu lassen, als deren Existenz in einer näheren, aber gefährlicheren Richtung auf das Spiel zu setzen. —

Es war in den Frühstunden eines klaren, sonnigen Herbsttages, als eine einsame Wanderin aus der letzten Biegung des eben bezeichneten Passes trat und den Punkt erreichte, von welchem aus sie die erste Aussicht auf die gefürchtete Wüste gewann.

Der trostlose, vielleicht kaum geahnte Anblick mußte überaus niederdrückend auf sie einwirken, denn in dem Grade, in welchem das traurige Panorama sich immer weiter und weiter vor ihr ausdehnte, wurde der rüstige Schritt, in welchem sie sich genähert hatte; langsamer und unsicherer. Als aber endlich die schreckenerregende Landschaft in ihrer todtenähnlichen Stille und Regungslosigkeit vor ihr lag, ihre zagenden Blicke ungehindert auf der Linie des Horizonts herumirrten und auf weiter nichts trafen, als auf Wüstensand und auf ferne, duftig schimmernde Felsgruppen, die wie verloren aus der gelben Ebene emportauchten, da schien ein unüberwindliches Grauen sich ihrer zu bemächtigen und die Kraft ihrer Füße zu lähmen.

Sie stand still, und indem sie nach der nordwestlichen Richtung über Meilen und Meilen hinwegschaute, füllten ihre Augen sich mit Thränen. Die Aufgabe, welche sie sich gestellt hatte, erweckte jetzt offenbar Furcht und Entsetzen in ihr, denn zagend und schüchtern blickte sie rückwärts in den Paß hinein, von woher sie eben erst gekommen war.

Sie mochte ihrer Heimath in der Mormonenstadt gedenken, die sie vor wenigen Tagen erst verlassen hatte, denn bange Zweifel bewegten gar seltsam ihre bleichen, abgehärmten Züge, während ein bitterer Seelenschmerz ihre Brust krampfhaft hob und senkte.

Doch nur wenige Minuten dauerte dieser Kampf; wie ein drohendes Gespenst schien es in ihrer Erinnerung aufzutauchen, und indem ein Schauder ihre schlanke Gestalt erschütterte, wendete sie sich hastig der Richtung zu, in welcher ihr Ziel lag.

»Ich werde es nicht ausführen können,« flüsterten ihre noch jugendfrischen Lippen, und in dem leisen Ton ihrer Stimme offenbarte sich eine ganze Welt voll Zweifel und Schmerz. »Meine Kräfte reichen nicht aus – und dennoch müssen sie ausreichen!« fuhr sie lauter fort, und ihre Worte zitterten vor inniger, wehmüthiger Bewegung, als die Bürde, welche sie in einer Decke gehüllt vor sich trug, Leben verrieth. »O, sie müssen ausreichen, für mein armes Kind – und sie werden es, denn die Mutterliebe ist stark. Und wäre die Wüste noch zehnmal so breit, ich würde meinen Engel sicher hinübertragen. Wer aber würde es wohl wagen, ihm Leid zuzufügen? Weder die Wölfe, noch die grausamen Indianer. O, die Indianer, auch sie haben Kinder, und wenn sie meinen süßen Knaben sehen, so werden ihre Herzen sich beim Anblick der lieblichen Erscheinung erweichen; sie werden ihn beschützen und ihn mir tragen helfen, mein liebes, liebes einziges Kind!«

Indem die junge Frau so sprach, hatte sie die Bürde, welche von einer andern, auf ihrem Rücken hängenden im Gleichgewicht gehalten wurde, behutsam vor sich auf die Erde gelegt. Dann bei derselben niederknieend, öffnete sie die leichte Hülle vollständig, worauf sie ihre Blicke mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe und Seligkeit an den großen blauen Augen eines etwa ein Jahr alten Knaben haften ließ, der neugierig und zufrieden zu ihr emporschaute.

Es war ein rührendes, Wehmuth erzeugendes Bild, die junge Mutter, die nur noch Blicke und Gedanken für ihr Kind hatte und in ihrer Sorge um dasselbe die ganze übrige Welt, selbst ihren tiefen, unheilbaren Kummer vergaß. Ihr feines, regelmäßig schönes Antlitz war wohl abgehärmt, und ein eigenthümlicher Zug um den Mund verlieh demselben das Gepräge lange erduldeter Leiden; allein indem sie mit Stolz ihren Liebling betrachtete, hatten ihre etwas eingefallenen Wangen sich vor innerer Aufregung wieder hoch geröthet, und selbst als glückliches, harmlos tändelndes junges Mädchen konnte sie kaum anziehender und bezaubernder gewesen sein, als jetzt, da Mutterwürde ihre ganze Erscheinung verschönte und veredelte.

Ihre starken gelbblonden Haare waren nachlässig in einen Knoten am Hinterkopf zusammengeschürzt; einzelne Strähnen aber hatten sich während der Wanderung aus dem Knoten losgestohlen und hingen, indem sie sich über das Kind hinneigte, als lange seidenweiche Locken zu demselben nieder, welches dann lallend und schäkernd nach den beweglichen Ringen haschte. Die großen hellblauen Augen, beschattet von blonden Brauen und Wimpern, hatten einen schwermüthigen Ausdruck, jedoch mehr in Folge der gegenwärtigen trostlosen Lage, als weil ihnen derselbe vielleicht ungeboren gewesen wäre, und nur so lange, wie sie auf dem vollen Antlitz des kleinen Knaben ruhten, strahlten sie im innigsten Entzücken, um gleich darauf wieder um so trauriger in die Ferne zu spähen.

In ihrer übrigen Erscheinung, in den schmalen Händen und Füßen, wie in der ganzen Haltung verrieth die junge Frau, daß sie den höheren Ständen entstamme. Ihre Gestalt war groß und kräftig gebaut, und dabei trug sie dieselbe mit einer gewissen Anmuth, die auf eine sehr sorgfältige Erziehung deutete und weder durch Beschwerden und Entbehrungen, noch durch Erschöpfung hatte gänzlich verwischt werden können.

In ihrer Bekleidung war, wenn man die große Entfernung von der verfeinerten Civilisation berücksichtigte, Wohlhabenheit unverkennbar, denn Alles bestand aus so kostbaren Stoffen, wie sie in der Salzsee-Stadt wohl nur unter bedeutenden Geldopfern zu erschwingen gewesen; dagegen hatte der Staub die Farben des Zeuges schon sehr entstellt und die letzte Probe von Schwärze von den starken, festbesohlten Schuhen mit fortgenommen.

Die Ausrüstung der einsamen Wanderin bestand aus einem Bündel Kleidungsstücke, einer wollenen Decke, einem Säckchen mit einer Mischung von braunem Zucker und feingeriebenem Mais- und Weizenmehl, dem bekannten, sehr nahrhaften Pinole, und einem mäßig großen Lederschlauch mit Wasser. Wenn zu diesem aber noch der kräftige Knabe hinzugefügt wurde, so bildete das Ganze eine Last, die auf die Dauer auch für den stärksten Mann zu viel hätte werden müssen, zumal auf einem Boden, auf welchem die Füße bei jedem Schritt tief in das lose Erdreich einsanken, oder auch streckenweise gegen scharfes Gestein und dornenreiches Gestrüpp zu kämpfen hatten.

Doch was jeden andern ruhig überlegenden Menschen mit Besorgniß und Grauen erfüllt hätte, das beschäftigte nur zeitweise den Geist der jungen Mutter, und wenn das Bewußtsein ihrer hülflosen Lage wirklich zuweilen ihren letzten Muth zu brechen drohte, dann brauchte sie nur rückwärts zu schauen, um ihren wankenden Entschluß wieder zu befestigen und die sich ihr entgegenstellenden Hindernisse vor ihrer wild erregten Phantasie verschwinden zu machen. Hatte sie doch auf ihrer Flucht von der Mormonenstadt absichtlich, um einer Verfolgung zu entgehen, und die ihr Nachsetzenden zu täuschen, die eigentliche Emigrantenstraße verlassen und den längst nicht mehr benutzten Weg durch die Wüste eingeschlagen. Was waren ihr drei, vier Wochen der Einsamkeit in der schrecklichen Wildniß, die sie nur dem Namen nach kannte? Sie wußte, welche Richtung sie beizubehalten hatte, um weiter oberhalb wieder in die Emigrantenstraße zu gelangen, die zur Zeit noch von Auswanderern belebt sein mußte, und das war ihr genug. Fort, weit fort vom Salzsee drängte es sie; fort von dem Lande, wo sie ein Paradies zu finden erwartete, und wo sie schmählich hintergangen worden war; fort, gleichviel, ob mit Gefahr ihres Lebens, wenn nur ihr Kind, ihr lieblicher Engel, gerettet wurde. —

»Ja, ich trage Dich durch diese Wüste,« wiederholte sie fest und muthig, indem sie die niederhängenden Locken aus dem Gesicht des kleinen Knaben tanzen ließ, daß dieser jubelnd und kreischend mit beiden Händchen um sich schlug. »Du bist nicht schwer – doch, Du bist sehr schwer und wohlgenährt, aber nicht zu schwer für Deine Mutter, und auf der Emigrantenstraße werden wir barmherzige Menschen finden, die sich unserer annehmen und uns nach Kalifornien bringen. Dort aber will ich arbeiten und sparen, bis ich die Mittel zusammen habe, die Rückreise nach der lieben süßen Heimath jenseit des Oceans antreten zu können. – O Heimath! Wäre ich ihm doch nie gefolgt! Er war gut, er war edel, bis die neue Lehre ihn verdarb. Armes, armes Kind, was wirst Du dereinst sagen, wenn Du erfährst, wie Dein Vater an mir, Deiner bedauernswerthen Mutter, gehandelt? Im Vertrauen auf seine Liebe und durchdrungen von den scheinbar geläuterten christlichen Lehren gab ich meine glückliche Heimath auf, um ihm zu folgen. Ahnungslos und mit treuer Hingebung begleitete ich ihn auf der weiten Wanderung nach dem so verlockend geschilderten Ziel, um hier zum Bewußtsein einer schrecklichen Lage zu gelangen!«

Hier schwieg die junge Frau, und bittere, heiße Thränen rollten über ihre bleichen Wangen auf den lächelnden Knaben hinab. Die Worte, die sie anfangs, als ob er sie verstanden hätte, an ihren Liebling richtete, waren allmälig in ein Selbstgespräch übergegangen, oder vielmehr in laute Betrachtungen, die sie leiser und leiser vor sich hinmurmelte.

Nach einer kurzen Pause fuhr sie, wie aus einem Traume erwachend, heftig empor; ihre Wangen rötheten sich schnell wieder, und in seltsamem Feuer leuchteten ihre sonst so milden Augen.

»Ich, seine vor Gott und den Menschen rechtmäßig angetraute Gattin, ich, die ich an weiter nichts dachte, als ihm das Leben zu versüßen, ich mußte es dulden, daß er, heidnischen Gebräuchen huldigend, noch eine zweite Frau durch die Banden der Kirche an sich fesselte!« rief sie glühend vor Scham und Zorn aus, indem sie ihre Hände über dem Kinde krampfhaft in einander ballte. »Getäuscht, betrogen, schändlich betrogen, wie so viele meines Geschlechts, die in blindem Vertrauen ihren Gatten hieher nachfolgten! Betrogen und verhöhnt, und mir bleibt nur die Schande, oder der Tod in der Wüste!«

»Wasser!« stammelte der Knabe, und reckte der verzweifelnden Mutter die Aermchen entgegen.

»Nein, nein, nicht der Tod,« begütigte die junge Frau, über ihre eigenen Worte erschreckt zusammenfahrend; »nein, lieber alle Schande, allen Hohn der Welt ertragen. Hast ja sonst Niemand mehr als Deine Mutter, Deine Mutter, die über Dich wachen und für Dich sorgen wird,« fügte sie liebreich hinzu, indem sie den Schlauch entkorkte und von dem klaren Quellwasser in eine blecherne Tasse laufen ließ.

»Trinke, mein süßes Kind,« sagte sie dann, den Knaben aufrichtend und die Tasse an seinen Mund haltend, »trinke nach Herzenslust, auch ich will ein Schlückchen nehmen, damit ich nicht entkräftet werde.«

Der Knabe trank mit vollen Zügen; die junge Frau dagegen betrachtete unterdessen mit einem Seitenblick den noch vollen Schlauch. Sie hatte ihn erst in der Frühe an einer Gebirgsquelle gefüllt, und mochte darüber nachsinnen, wo und wann sie die nächste Gelegenheit finden würde, sich mit einem neuen Wasservorrath zu versehen.

»Wenn der Inhalt nicht ausreichte,« flüsterte sie unbewußt, und ein leises Beben ergriff sie; »aber er muß ausreichen, wenn ich enthaltsam bin und mir nur den Gaumen netze. Das Wild wird mir schon rechtzeitig eine andere Quelle zeigen. Drei Tagereisen von hier soll ein Bach am Rande der Wüste dahinrieseln; gebrauchte ich auch vier, fünf Tage, so würde mein Knabe noch keine Noth leiden —«

In diesem Augenblick gab das Kind zu verstehen, daß es sich zur Genüge gelabt habe. Es waren noch einige Tropfen in der Tasse zurückgeblieben. Die Mutter netzte mit denselben, wie sie eben gesagt hatte, ihren Gaumen, und dann ihre geringen, aber unschätzbaren Habseligkeiten wieder vorsichtig zusammenpackend, traf sie Anstalt, ihre Wanderung fortzusetzen. Als sie aber ihren Knaben von der Erde aufheben wollte, da weigerte sich dieser, ihr Folge zu leisten. Ein leiser Wind war von Südwesten her aufgesprungen und trieb spielend lange Streifen leichter loser Sandtheilchen über den trügerischen Erdboden dahin. Die beweglichen Sandtheilchen aber hatten des Kindes Aufmerksamkeit erregt, und wie jüngst die Locken der Mutter, so suchte es jetzt diese sich anzueignen.

»Komm, mein Kind,« sagte die Mutter zärtlich, und ihr gramerfülltes Antlitz erhellte sich zu einem flüchtigen Lächeln, »komm, die Frühstunden eignen sich am besten zur mühevollen Wanderung; nachher, wenn wir erst eine größere Strecke zurückgelegt haben, dann wollen wir rasten und mit dem Sande spielen.«

»Spielen, spielen!« rief das Kind, sich eigenwillig auf die Seite werfend.

Die Mutter lächelte wieder, hob den Kleinen trotz seines heftigen Sträubens empor, befestigte ihn so vor sich in die Decke, daß er um sich zu schauen vermochte, und nachdem sie sodann ihren breitrandigen Strohhut etwas seitwärts gezogen, um dem Kinde Schutz gegen die hellen Strahlen der Sonne zu gewähren, ergriff sie ihren langen Wanderstab, und ohne Seufzer oder Klage, aber stets noch plaudernd mit dem Kinde, schritt sie gerade in die Wüste hinein. —

Die Sonne war um diese Zeit vollständig hinter der östlichen nackten Bergreihe hervorgetreten, und indem sie ein blendendes falbes Licht über die Ebene und die dünenartigen Sandanhäufungen nahe der Felsenkette verbreitete, erwärmte sie schnell die nahe dem Erdboden lagernden Luftschichten, daß diese, sich langsam mit den oberen kühleren vermischend, sichtbar in wellenförmiger Bewegung flimmerten und bebten. Der Wind strich leise dahin, und immer weiter dehnten sich die tanzenden Flugsandstreifen aus, auch in größerer Entfernung leicht erkennbar an der helleren Farbe.

Außer der wandernden Mutter mit ihrem Kinde war im weitesten Umkreise kein lebendes Wesen zu entdecken. Kein Laut, kein Ton, ob nun drohend oder jammernd, deutete darauf hin, daß die Natur auch in diesem traurigen Erdenwinkel vereinzelte ihrer Geschöpfe untergebracht habe. Es war, als habe ein Fluch auf der ganzen Landschaft geruht, ein Fluch, der jedes organische Leben schon im Keime erstickte, und nur das kümmerliche Gedeihen der den Menschen und Thieren feindlichen Dornengewächse gestattete.

Doch blind für alles dieses verfolgte die Wanderin ihren Weg. Sie hatte den nebelähnlichen Gipfel eines am nordwestlichen Horizont auftauchenden Berges zu ihrem Ziel gewählt, und unbekümmert um die tödtliche Einsamkeit, lenkte sie ihre Schritte auf denselben hin. Die zunehmende Wärme und die schwere Last trieben den Schweiß in Perlen von ihrer Stirn, allein sie achtete nicht darauf. Sie fühlte sich noch stark, so stark, als ob ihre Kräfte nie zu erschöpfen gewesen wären. Ihr Kind war eingeschlafen; vorsichtig vermied sie jede Bewegung, die dasselbe hätte wecken können, und mit innerer Zufriedenheit bemerkte sie, daß der Sand immer lustiger und höher vor dem wachsenden Winde dahinstäubte. Sie hoffte, ihren erwachenden Kleinen mit dem sonderbaren Schauspiele zu erfreuen; gewährte es ihr doch selbst einige Unterhaltung, zu beobachten, wie die weißen Streifen sich bald verlängerten, bald verkürzten, oder sich auch zu großen regsamen Flächen vereinigten und dann wieder schnell in kleine Felder auseinanderrissen.

Plötzlich fuhr sie, indem sie zur Seite schaute, erschreckt zusammen. Ihre Blicke waren auf einen klaren See gefallen, der seine zitternden Fluthen mit reißender Schnelligkeit bis auf etwa hundert Schritte an sie heranwälzte und sich dann zu beiden Seiten von ihr ausdehnte. Sie faßte sich indessen schnell wieder, und die Hand auf ihre Brust legend, wie um das heftige Pochen des Herzens zu beruhigen, blickte sie, ohne die Eile ihrer Schritte zu mäßigen, eine Zeit lang mit besorgnißvoller Theilnahme auf den trügerischen Wasserspiegel.

»O, wenn es doch Wasser wäre,« sagte sie mit einem tiefen Seufzer, »süßes, klares Wasser; ich brauchte dann nicht zu sparen. Aber es ist Täuschung, für den Durstigen bittere, martervolle Täuschung,« fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß der See mit seiner leicht gekräuselten Oberfläche gleichen Schritt mit ihr hielt und, wenn sie sich ihm zu nähern trachtete, neckisch vor ihr zurückwich.

»Und dort die Inseln mit den schattigen Baumgruppen,« nahm sie nach einer längeren Pause ihr Selbstgespräch wieder aus, »wie würde mein Knabe sanft schlummern unter dem schattigen Laubdach, oder spielen am Rande des seichten Gewässers! Aber es ist Täuschung; dort verschwindet eine Insel, die Bäume schrumpfen zu Artemisia-Büschen zusammen, hier steigt eine andere Insel aus den Fluthen empor – aber ich will nicht mehr daraus hinblicken, es stimmt mich trübe.«

So sprechend, senkte sie die Augen vor sich auf die Erde, in welche ihre Füße stellenweise bis an die Knöchel einsanken.

Der Wind hatte sich erst wenig verstärkt, doch fiel es ihr auf, daß die Schicht des treibenden Flugsandes bedeutend höher geworden war, und die weißen Streifen nicht mehr, wie kurz vorher, auseinanderrissen, sondern, so weit die Luftspiegelung nicht den Erdboden mit einem bläulichen Schleier verhüllte, eine einzige bewegliche Decke bildeten.

Da fuhr ein heftigerer Windstoß über die Ebene, und indem die junge Frau ihre heiße Stirn demselben darbot, gewahrte sie, daß eine dichte Staubwolke den Spiegel des Sees trübte und zerriß.

»Ich werde meinem Knaben das schöne Schauspiel nicht mehr zeigen können, wenn der Wind noch zunimmt,« sagte sie, mit einer Anwandlung von Bedauern den zerstörten See betrachtend.

»Trinken!« rief das Kind mit noch geschlossenen Augen, im nächsten Augenblick hob es aber den Kopf empor, und mit dringenderem Ausdruck wiederholte es seinen Wunsch nach Wasser.

Die Mutter stand still und warf einen Blick rückwärts. Ueber der zurückgelegten Bahn lagerte ein dichter Schleier des treibenden Sandes; das Gebirge und der Paß waren aber noch sichtbar, und leicht berechnete sie, daß sie schon gegen sechs englische Meilen gewandert sei.

»Es ist freilich noch früh, aber trinken sollst Du, mein Kind,« sagte sie zärtlich, indem sie sich ihrer Bürde entledigte. »Ja, trinken und auch etwas essen, damit mein Engel keine Noth leidet.«

Mit diesen Worten öffnete sie das Säckchen mit dem Pinole, und nachdem sie von dem feinen, versüßten Mehl in die Tasse gethan, fügte sie so viel Wasser hinzu, bis dadurch eine Art von Suppe entstand.

Bei dieser Arbeit wurde sie daran gemahnt, daß ein Sturm in der Wüste doch wohl weniger harmlos sei, wie sie bis dahin geglaubt hatte, denn nur mit der größten Mühe vermochte sie den zudringlichen Sand, der geschickt jede kleine Oeffnung zu finden wußte, von dem Pinole und dem Wasser fern zu halten. Ernste Befürchtungen stiegen aber immer noch nicht in ihr auf, selbst auch dann noch nicht, als sie nach Befriedigung der Wünsche des Kindes die Wanderung wieder antrat und der wirbelnde Sand ihr schon bis über die Kniee reichte.

Der trügerische See war um diese Zeit wieder vollständig verschwunden; die junge Frau konnte daher die Aufmerksamkeit ihres Kindes nicht mehr auf den scheinbar Wellen schlagenden Wasserspiegel hinlenken, dafür aber gewährte der treibende Sand, der immer höher und höher stieg, ihm eine doppelte Unterhaltung, und mehrfach mußte die Mutter sich niederbeugen, um ihn nach den flüchtigen Sandtheilchen haschen zu lassen, die unhörbar und hastig der ihnen vom Winde angedeuteten Bahn nacheilten.

»Wenn die Masse nur nicht zu hoch steigt,« dachte die jetzt schon ermüdende Wanderin mit einem tiefen Seufzer, der in seltsamem Widerspruch stand zu dem Kreischen und Jubeln des entzückten Knaben. —

Doch der Sand und der zum Sturm anwachsende Wind nahmen keine Rücksicht auf das brechende Mutterherz oder auf das Engelsantlitz des kleinen Knaben. Heftiger wühlten die kreisenden Luftströmungen in dem losen Erdreich, höher und dichter jagten sich die falben Staubwollen. Schien es anfangs, als wate die Mutter mit dem Kinde in einem gelben See, so hätte man sie jetzt, aus der Ferne gesehen, für einen kühnen Schwimmer halten mögen, der, Kopf und Schultern über den Fluthen, mit aller Kraft gegen eine verderbliche Strömung ankämpfe. —

Die Besorgnisse der jungen Frau hatten sich schon längst in die ernstesten Befürchtungen verwandelt. Als sie aber die den Gaumen ausdörrenden Staub- und Sandtheilchen nicht mehr von dem Kinde fernzuhalten vermochte, und dieses einmal über das andere Mal winselnd und jammernd nach Wasser rief, da bemächtigte sich ihrer das furchtbarste Entsetzen. Sie wollte zurückeilen in den Schutz der Gebirgsschluchten und dort in der Nähe der Quelle eine Aenderung des Wetters abwarten; doch zu weit befand sie sich schon von dem Paß entfernt, und der Rest des Tages und ein Theil der Nacht wären darüber hingegangen, ehʼ sie, bei der nunmehr schon eingetretenen Erschöpfung, den ersehnten Schutz erreicht hätte. Sie fühlte, sie hatte sich zu viel zugetraut; auch sie besaß nur die Kräfte einer Sterblichen, und von einem Sandsturm, wie er jetzt ihr und ihres Kindes Leben bedrohte, hatte sie ja nie eine Ahnung gehabt.

Verzweifelnd blickte sie zu den fernen Gebirgszügen hinüber. Nur die höchsten Gipfel unterschied sie noch von ihrem niedrigen Standpunkte aus. Alles Uebrige war eine pfeilschnell dahinstreichende, erstickende Masse und blendender, unveränderlicher Sonnenschein, und immer lauter und schärfer pfiff der Wind.

Das Kind, nachdem es noch eine Weile gejammert und vergeblich gesucht hatte, durch Reiben mit den Händen den ätzenden Staub aus den Augen zu entfernen, hatte diese zuletzt gar nicht mehr zu öffnen gewagt, und war vor Schmerz und Erschöpfung wieder eingeschlummert. Die Mutter dagegen bot dem Unwetter noch immer Trotz, als die Sandschicht schon weit über ihren Kopf hinausragte. Der Berggipfel, nach welchem sie die Richtung ihrer Reise bestimmte, war ihr längst nicht mehr sichtbar; eben so waren die übrigen Gebirgszüge ihrem Gesichtskreise entschwunden. Nur der Wind und die Sonne blieben ihre Wegweiser, der Wind, der ihr mit schwereren und schärferen Steinchen die Haut peitschte, und die Sonne mit blutrother, durch den Sandnebel verfinsterter Scheibe.

Mechanisch setzte sie einen Fuß vor den andern, und matt hingen die Lider über die brennenden Augen. Ein grimmer Schmerz durchwühlte ihre Brust, ein Schmerz, zu herbe, zu tief, als daß er sich in Thränen seinen Weg hätte bahnen können. Was die junge Frau schon erduldet und gelitten, das kam jetzt nicht mehr in Betracht; sie hegte nur noch einen einzigen Gedanken, und der betraf ihr Kind und die mögliche Rettung desselben. Nur flüchtig gedachte sie der Heimath, die sie erst vor wenigen Tagen heimlich verlassen; sie gedachte derselben ohne Reue über ihr Thun, aber ein Schauder ergriff sie, als das Bild ihres Gatten ihr vor die Seele trat, das Bild Desjenigen, der sie so schändlich hintergangen hatte.

»Fortgetrieben hast Du mich in den Tod,« sagte sie verzweiflungsvoll vor sich hin, und trotz des wehenden Sandes suchte sie die Augen weit genug zu öffnen, um zwischen den Falten der Decke hindurch einen Blick auf ihr fieberhaft schlummerndes Kind zu erhaschen. »Fort in den Tod, mich und Dein Kind, wenn ein guter Gott sich nicht unserer erbarmt!« – sie wollte weiter sprechen, aber ein heftiger Windstoß erstickte ihre Stimme, und kaum noch fähig, sich aufrecht zu erhalten, schloß sie die Augen. —

»Ich kann nicht weiter,« flüsterte sie nach einigen Minuten, und indem sie zu der dunkelbraun-rothen Scheibe der Sonne emporschaute, entdeckte sie, daß sie von ihrer alten Richtung abgewichen war. »Nein, ich kann nicht mehr! O, hätte ich nur einige Stunden länger bei der Quelle verweilt, ich würde die drohende Gefahr kennen gelernt und sie vermieden haben. Armes, armes Kind, Deine eigene Mutter hat Dich in den Tod getragen, wenn nicht —«

Hier stockte ihre Stimme wieder, und mit einem unbestimmten Gefühl von Furcht und Hoffnung sank sie auf die Kniee. Sie glaubte den Ton menschlicher Stimmen vernommen zu haben, und aufmerksam lauschte sie in die Ferne.

Längere Zeit hindurch traf nur das Brausen und Pfeifen des Windes ihr Ohr; dann aber unterschied sie ganz deutlich, und zwar in nicht allzu großer Entfernung, das dumpfe Getöse, mit welchem eine Anzahl Pferde den Boden mit ihren Hufen stampften, und das Schnauben, mit welchem sie Staub und Sand aus ihren Nüstern zu entfernen trachteten.

»O wenn es Rettung wäre!« stöhnte die gequälte Mutter leise, und weiter neigte sie sich über ihren Knaben hin, um ihm Schutz gegen den Andrang des Wetters zu gewähren.

»Bei Gott! ich sage Euch, es ist vergebliche Mühe, wir mögen eben so gut umkehren und Zuflucht im Gebirge suchen,« übertönte eine rauhe Stimme das Schnauben und Pferdegetrappel.

Die junge Frau hätte aufjauchzen mögen, als sie die Nähe weißer Menschen erkannte, aber Entsetzen lähmte ihr im nächsten Augenblick wieder die Zunge, sobald sie die Stimme ihres Gatten vernahm, die Stimme desjenigen, den sie auf der ganzen Welt am meisten fürchtete.

»Sie kann nicht weit sein!« rief derselbe mit vor Ingrimm bebender Stimme aus; »sie hat an der Quelle übernachtet, und Ihr Alle habt ihre Spuren noch im Ausgange des Passes gesehen. Wären wir nur eine halbe Stunde früher inʼs Freie gelangt, so hätten wir wenigstens noch ihren Kopf aus der Ferne entdecken müssen; denn noch ist es keine zwei Stunden her, seit der Sand Manneshöhe erreichte.«

Die junge Frau, mehr einem Instinct, als einer ruhigen Ueberlegung folgend, schmiegte sich noch fester an den Boden. Sie berechnete aus dem Geräusch, daß die Reiter an ihr vorüberziehen würden, und hoffte daher unentdeckt zu bleiben.

»Eine Frau, welche dem Gatten entflieht, sollte man ruhig laufen lassen, anstatt ihr in einem solchen verfluchten Wetter nachzujagen!« sagte die erste Stimme jetzt wieder mit noch ausgeprägterem Mißmuth.

Die junge Frau schauderte; die Reiter befanden sich ihr gerade gegenüber, kaum fünfzehn Schritte weit von ihr entfernt, und der Wind trug ihr jede einzelne Silbe ihres Gespräches zu.

»Mögen die Gebeine der Abtrünnigen im Sande bleichen, wenn es mir nur gelingt, des Knaben wieder habhaft zu werden,« entgegnete derjenige, den die junge Frau als ihren Gatten erkannt hatte; »ja, ich muß ihn wiederhaben, denn einestheils ist es mein Kind, und anderntheils knüpfen sich zu große Rechte an seine Person. Alles, Alles wäre verloren, geriethe er in unrechte Hände. Wir müssen ihn finden, und wir finden ihn auch, und sollten wir ihn halbtodt unter dem Sande —«

Weiter vernahm die Mutter nichts mehr, die Reiter galoppirten schon wieder außerhalb der Hörweite dahin, und immer schwächer drang zeitweise nur noch das Schnauben und Stampfen der Pferde zu ihr herüber.

»Wer wohl heiligere Rechte an Dich besäße?« sagte sie, in Thränen ausbrechend, indem sie dem erwachenden Kinde mit Küssen den Mund schloß, denn noch immer befürchtete sie, daß ein Ruf oder ein Aufschrei des Knaben die Reiter zurückrufen würde. »O wer besäße wohl heiligere Rechte an ein Kind, als die Mutter desselben?

Aber still, mein Engel, sie sollen Dich nicht haben, um Dich ihren schändlichen Zwecken dienen zu machen. Ich rette Dich, und sollten wirklich meine Gebeine im Sande bleichen. Du mußt, Du wirst gerettet werden, oder es giebt keine Gerechtigkeit mehr im Himmel. Auch trinken sollst Du, so viel Du nur willst, und wenn der Sturm sich gelegt hat, dann kehren wir zur Quelle zurück, um dort beständigeres Wetter abzuwarten; sei darum ruhig, mein Herzenskind, Deine Mutter ist bei Dir.«

Während die von Angst und Sorge erfüllte Mutter in dieser Weise dem jammernden Knaben beruhigend zusprach, suchte sie ihm, da der dicht wirbelnde Sand den Gebrauch der Tasse nicht gestattete, das Wasser gleich aus dem Schlauch einzuflößen. Es gelang ihr dies nur mit vieler Mühe. Nachdem sie endlich seinen Durst gestillt und auch selbst einen bescheidenen Trunk zu sich genommen, legte sie sich so neben ihn hin, daß er nicht von dem Sturm getroffen werden konnte. Mittelst der Decke stellte sie sodann, dieselbe unter ihren Schultern befestigend, eine Art Zeltdach für sie Beide her, und da sie sich überzeugte, daß in dem geschützten Winkelchen der Staub nicht mehr mit erstickender Gewalt in die Luftröhren eindrang, so drückte sie ihr Kind fest an sich, um in dieser Lage das Niedergehen des Windes abzuwarten. Das Kind entschlief bald wieder; auch die Mutter vermochte nicht lange dem Schlaf Widerstand zu leisten; sie war zu erschöpft von der beschwerlichen Wanderung, zu gebrochen durch die andauernde Seelenqual.

Der Sturm, dagegen schien unermüdlich zu sein. Mit wachsender Gewalt wühlte er den lockern Boden auf, um die für seine Kräfte nicht zu schweren Steinchen und Sandtheile zu einem dichten Nebel emporzuwirbeln. Auch über die Mutter und ihr Kind strich er hin; er fand dort eine geeignete Stelle, einen Theil seiner Last abzusetzen, und schleunigst baute er vor und hinter ihnen, wie um sie allmälig zu begraben, kleine Wälle auf.

Hui! wie der Sand über den entstehenden Hügelchen kreiste und kreiste, ehe er sich niederließ, und wie die sinkende Sonne so braunroth und trübe, so ganz ohne Strahlen durch die verdichtete Atmosphäre auf das Werk des Sturmes niederschaute! Aber um die Sandhügelchen herum, unter welchen zwei lebende Wesen immer schwächer athmeten, schlich näher und näher, die gierigen Krallen nach seinen Opfern ausstreckend, der grimme, unbarmherzige Tod. —




2

Die Matrosenschänke


Die Vereinigte Staaten-Regierung hatte den Mormonen den Krieg erklärt, und am Missouri wurden an allen den Zwecken entsprechenden Punkten mächtige Wagentrains befrachtet und ausgerüstet, theils um die nach dem Salzsee bestimmten Truppen durch die endlosen Steppen und Wüsten zu begleiten, theils um den schon in der Nähe des Salzseethales lagernden Commandos Lebensmittel und Kriegsmaterial zuzuführen. Doch Kriege wurden zu damaliger Zeit von den Bürgern der Vereinigten Staaten noch außerordentlich leicht genommen, namentlich aber ein Feldzug gegen die Mormonen, zu welchem man nicht einmal Freiwillige aufzubieten brauchte. Man hielt nämlich eine reguläre Armee von sechs- bis achttausend Mann für hinreichend, eine doppelt so starke Macht der entschlossensten und zugleich fanatisirten Männer nach allen vier Himmelsgegenden auseinander zu jagen, und gab sich nicht einmal die Mühe, den Mormonen die Wege, auf welchen sie ihre Hülfsmittel erhielten, abzuschneiden. Ja, man ging sogar so weit, den aus allen Richtungen, gehorsam den Befehlen ihres Propheten, herbeieilenden »Heiligen« und Proselyten, gegen gute Bezahlung Alles einzuhändigen, was sie wünschten, und wären es auch die für das warme Herzblut und die gesunden Glieder der Vereinigte Staaten-Truppen bestimmten Kugeln gewesen.

Die Aussicht auf einen bevorstehenden Krieg erweckte daher mehr freudiges Interesse, als Bedauern, und wenn sich das Interesse wirklich hin und wieder zum Enthusiasmus steigerte, so war damit sicher in den meisten Fällen die Hoffnung auf gewinnbringende Lieferungen für die Armee verknüpft, oder die feste Erwartung, endlich einmal wieder die höchst langweiligen Zeitungen mit den Berichten der Wunder der Tapferkeit, vorzugsweise ausgeführt von den früheren Zöglingen der vortrefflichen Officierschule zu Westpoint, angefüllt zu sehen.

Ja, auch dort lebte man noch in dem kindlichen Glauben, daß eine hübsche Haltung, Glanzstiefel, wohlgebürstete Uniformen und Lorgnetten die Hauptbedingungen seien, eine Armee furchtbar zu machen.

Die letzten Jahre der nordamerikanischen Geschichte haben indessen hinlänglich das Gegentheil bewiesen, und selbst die eiteln Franzosen und die dünkelhaften Engländer würden es nicht mehr wagen, in üblicher geringschätziger Weise über eine kriegsgewohnte Nation ein ganzes Volk in Waffen, zu urtheilen, trotzdem dasselbe an äußerem Glanz mit keinem von Beiden zu wetteifern vermöchte.

Der Krieg gegen die Mormonen war also erklärt, ohne daß dadurch New-York von der Stelle gerückt worden wäre. Es herrschte daselbst noch immer dasselbe Leben und Treiben. Schiffe gingen, Schiffe kamen, Menschen und Waaren wurden hierhin und dorthin gestoßen und versendet, und unter denjenigen, die dort nach langer Seefahrt den Fuß wieder zum ersten Mal aufʼs Festland setzten, befand sich gewiß keine geringe Zahl solcher Leute, deren Endziel die heilige Stadt der Mormonen am großen Salzsee. —

Doch wer hätte sich wohl die Mühe geben mögen, unter allen Denen, die dort landeten, die Mormonen herauszusuchen, um so mehr, da dieselben kein äußeres Erkennungszeichen an sich trugen? Sie sahen eben aus, wie alle übrigen Menschen und schienen nicht minder Eile zu haben, wie die Hunderte und Tausende verschiedener Gestalten, die alle ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, ohne sich Einer um den Andern zu kümmern.

Wer nun in den letzten Nachmittagsstunden eines freundlichen Herbsttages, von der Landungsbrücke der zur Philadelphia-Eisenbahnlinie gehörenden Dampfboote aus, seine Blicke über den von der Fluth gestauten Hudson nach seiner Mündung zu hätte schweifen lassen, dem würde unter den zahllosen Fahrzeugen gewiß ein Schiff besonders aufgefallen sein, welches in der Mitte des Stromes regungslos vor Anker liegend, sich durch seine schlanken Spieren, straffe Takelage und durch die achtunggebietenden Reihen halb geöffneter Kanonenluken als ein Kriegsschiff bekundete. Von der Gaffel flatterten im Abendwinde die lustigen Sterne und Streifen der großen Republik, während der kurze gedrungene Schornstein noch immer die Rauchwolken der ersterbenden Maschinenfeuer in die mit Steinkohlendunst angefüllte Atmosphäre hinaufsandte und dem stattlichen Fahrzeug den äußern Charakter eines nach wildem Wettlauf dampfenden und rastenden Renners verlieh.

Wanderten die Blicke dann von den größeren Fahrzeugen zu den kleineren und allerkleinsten hinüber, so begegneten sie auch hier einem Boot, welches die Aufmerksamkeit länger fesselte, und zwar, weil es, wie die bewaffnete Schraubencorvette, den ernsten Zwecken des Krieges zu dienen schien. Es trug dieselben Farben, wie die Corvette, und auch in denselben Verhältnissen angebracht, wie bei jener, so daß man es auf den ersten Blick für einen Angehörigen derselben erkannte, auch ohne das U. S. M. auf den Hüten und blauen Hemden der vierrudernden Matrosen und des das kleine Steuer führenden Bootsmanns beobachtet zu haben.

Es waren übrigens vier dralle, kräftige Burschen die auf den Ruderbänken saßen. Ihre Physiognomien, soweit die vollen Backen- und Kehlbärte sie nicht beschatteten, waren braun wie Mahagoni, ihre knochigen Fäuste nicht minder; wo aber die Hemdenkragen vorn auf der Brust auseinanderschlugen, da erblickte man, wie auch auf den entblößten Unterarmen, ein solches Gewirr von blau tätowirten Ankern, Herzen, Anfangsbuchstaben des eigenen Namens und der Namen von Mädchen, denen einst ewige Treue geschworen worden war, daß ein vollblütiger Minetareh-Indianer auf die unauslöschlichen verschlungenen Linien hätte neidisch werden können.

Doch die tätowirten Zeichen waren ja nicht aus der Ferne zu unterscheiden; um so besser erkannte man aber dafür den prächtigen Rudertact, in welchem sie das Boot über die Fluthen dahintrieben. Handhabten sie doch die wuchtigen Riemen, als wenn es ebenso viele Pfeifenstiele gewesen waren, oder als ob sie sich, anstatt auf den Ruderbänken, an einem schönen Sonntag Mittag beim Wegstauen eines gut gerathenen Puddings befunden hätten.

Genug, jeder einzelne dieser Burschen zeigte das untadelhafte Bild einer richtig auskalfaterten Theerjacke Nr. 1. A., doch bei allem Dem waren sie nichts, im Vergleich mit dem Hochbootsmann, der hinten im Stern des Bootes saß und das leichte Fahrzeug mittelst zweier an dem kleinen Steuer angebrachten Schnürchen in seinem schnellen Lauf lenkte.

In der Bekleidung unterschied sich derselbe von seinen Gefährten nur dadurch, daß er ein silbernes Pfeifchen an einer silbernen Kette um den Hals trug, dagegen lag in seiner nachlässigen Haltung eine solche Würde, ein solches Selbstbewußtsein, wie nur eben ein Mensch empfinden kann, der nach langen Jahren schweren Dienstes endlich die erste Stufe zur höchsten Macht erstieg.

Sein Körper war groß, hager und von herkulischem Bau, die Bewegungen aber, trotz der fünfzig bis sechszig Jahre, die er schon flott gewesen, noch immer leicht und sicher, wie bei Jemandem, der das Bewußtsein hegt, nie eine falsche oder vorschnelle Bewegung auszuführen. Seine Fäuste glichen einem Paar eiserner Schraubstöcke; seine Arme festen Handspeichen; sein dunkelbraunes Gesicht aber, welches dünnes, schwarzes, mit etwas Grau untermischtes Haupthaar von oben, und ein dichter blauschwarzer Bart, der wie eine Binde von dem einen Ohr nach dem andern unter dem Kinn durchlief, von unten einrahmte, erinnerte nicht wenig an ein altes zerfetztes Logbuch, in welchem schon seit einem halben Jahrhundert die Stürme und Windstillen aller Breiten und Längen eingetragen worden.

Die ursprünglichen Gesichtsformen bei ihm herauszufinden, würde gewiß schwer gehalten haben, denn außerdem, daß die Haut durch die stets wechselnden atmosphärischen Einflüsse, wie bei einem Blatterkranken, verharrscht war, lief noch zum Ueberfluß von dem rechten Ohr quer über die Nase nach dem linken Auge eine furchtbare Narbe hinüber, die er offenbar dem Schlage mit einem Messer oder dem Hiebe mit einem kurzen schweren Cutlaß oder Enterschwert verdankte.

Sein gewiß nicht schönes Gesicht erhielt durch die verunstaltende Narbe einen merkwürdigen Ausdruck grimmiger Wildheit. Derselbe wurde indessen bedeutend gemildert durch die kleinen, etwas zusammengekniffenen Augen, die, verschlagen unter dichten buschigen Brauen hervorlugend, bei allem Ernst doch einen hohen Grad von Gutmüthigkeit verriethen.

Die unzähligen Ruder- und Segelboote, die, bald geführt von kundigen Händen, bald bemannt mit unbeholfenen Landratten und lustfahrenden Müßiggängern, nach allen Richtungen hin das Fahrwasser der eben beschriebenen Jolle kreuzten, derselben begegneten oder von ihr eingeholt wurden, schien der alte Bootsmann gar nicht zu bemerken. Er überließ es gleichsam dem Instinct seiner Hände, den Weg zwischen den vielen Hindernissen, ohne anzustoßen, hindurch zu steuern; denn seine Blicke waren beständig nach oben auf die Takelagen der doppelten und dreifachen Reihe von Kauffahrern gerichtet, die ihm die Aussicht auf die Stadt selbst verbargen.




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notes



1


Ich gebe eine kurze Beschreibung des Mormonenthums, zusammengestellt aus Notizen, welche ich dem officiellen »Report« des Vereinigte Staaten-Capitäns Howard Stansbury, vom Jahre 1852, und der Abhandlung über das Mormonenthum den von den Utahindianern später erschlagenen Capitäns Gunnison, ebenfalls vom Jahre 1852, entnommen und mit meinen eigenen, im persönlichen Verkehr mit den Mormonen gewonnenen und gesammelten Erfahrungen in Verbindung gebracht habe.




2


Gentiles, der englischen Bibel entnommen, zu übersetzen mit: »Heiden.«




3


Am oberen Missouri erlebte ich es noch vor wenig Jahren, daß unter den dort versammelten Mormonen nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer die Vielweiberei abläugneten. Offenbar geschah dieses, um die verheiratheten Frauen zu täuschen, von denen manche vielleicht Anstand genommen hätten, ihren Gatten nach dem Salzsee, von wo ihnen die Rückkehr abgeschnitten, zu folgen, um sich dort noch anderen Lebensgefährtinnen zur Seite stellen zu lassen.




4


The Mormons or the latter day saints in the valley of the great Salt Lake, by J. W. Gunnison, pag. 68.




5


Möllhausen, Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas bis zum Hochplateau von Neu-Mexico, I. pag. 409


