Memoiren einer Favorite
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Memoiren einer Favorite





Erster Band





Prolog


Am 14. Januar 1815, gegen fünf Uhr abends, ließ ein Priester, dem eine alte Frau, die ihm als Führer zu dienen schien, voranschritt, die Spuren seiner Tritte in dem Schnee zurück, welcher sich von dem Dorfe Wimille nach dem zwischen Boulogne-sur-Mer und Calais gelegenen kleinen Hafen Ambleteuse erstreckte, in welchem Jakob der Zweite, nachdem er aus England verjagt worden, im Jahre 1688 landete.

Der Priester ging mit raschem Schritte und verriet dadurch, daß man ihn mit Ungeduld erwartete. Er hüllte sich dabei dicht in seinen Mantel, um sich gegen den kalten, scharfen Wind zu schützen, der von der englischen Küste herüberwehte.

Die Flut war eben im Steigen begriffen und man hörte das Brüllen der Meereswogen, gemischt mit dem trockenen Geräusch des Gerölles, welches vom Wasser am Strande hin- und hergeworfen wurde.

Nachdem man ungefähr eine halbe Wegstunde auf der durch eine Doppelreihe kränklicher, entlaubter Ulmen angedeuteten Straße zurückgelegt, schlug die alte Frau rechts vom Wege einen unter dem Schnee kaum sichtbaren Fußsteig ein, welcher nach einer kleinen Hütte führte, die auf der Mitte eines die Landschaft beherrschenden Hügelabhanges stand.

Ein leuchtender Punkt, der wahrscheinlich durch eine durch die Fensterscheiben hindurch sichtbare Kerze oder eine Lampe verursacht ward, war das einzige, was das Vorhandensein dieser Hütte verriet, die sonst in dem Abenddunkel vollständig unsichtbar gewesen wäre.

Zehn Minuten genügten, um die beiden Wanderer an die Schwelle der Tür gelangen zu lassen. Die alte Frau streckte eben die Hand nach dieser Tür aus, als dieselbe sich von selbst öffnete und eine jugendliche Stimme mit einem leichten Anflug von englischem Akzent sagte:

»Kommen Sie, Herr Abbé. Meine Mutter erwartet Sie mit Ungeduld.«

Die alte Frau trat auf die Seite, um den Priester vorangehen zu lassen, hinter welchem sie ebenfalls in die Hütte trat. Das junge Mädchen schloß die Tür wieder und zeigte in dem zweiten Zimmer, dem einzigen erleuchteten, auf eine Frau, welche sich mit Mühe im Bette emporrichtete.

»Ist er da?« fragte die Kranke mit matter Stimme und auf englisch.

»Ja, Mama,« antwortete das junge Mädchen in derselben Sprache.

»O, dann möge er hereinkommen!« rief die Kranke auf französisch. Mit diesen Worten sank sie wieder auf ihr Bett zurück.

Der Priester trat in das zweite Zimmer und näherte sich dem Bette. Das junge Mädchen und die alte Frau blieben in dem ersten Gemach.

Die Kranke schien durch die Anstrengung, die sie soeben gemacht, ganz erschöpft zu sein und zeigte, ohne den Kopf vom Pfühl zu erheben, mit matter Hand auf einen Sessel, indem sie dem Geistlichen durch diese Gebärde zu verstehen gab, daß er sich dem Bette nähern und Platz nehmen solle.

Der Priester verstand diese Gebärde, näherte sich dem zu Häupten des Bettes stehenden Sessel und setzte sich.

Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während dessen man weiter nichts hörte als den gepreßten Atemzug der Sterbenden und das Schluchzen, welches das junge Mädchen vergebens zu unterdrücken versuchte.

Während dieser Minute des Wartens hatte der Priester Zeit, einen Blick um sich zu werfen.

Das Innere des Gemaches bot ein eigentümliches Gemisch von Luxus und Elend dar. Die Möbel und Wände waren allerdings die einer ärmlichen Hütte, die Bettwäsche der Kranken aber war von der feinsten holländischen Leinwand. Das Negligé, in welches sie sich gehüllt, war von prachtvollem Batist und das Tuch, welches, unter ihrem Halse zusammengeknüpft, einen Wald von herrlichem kastanienbraunem Haar zusammenhielt, war mit jenen kostbaren Spitzen eingefaßt, welchen England den Namen gegeben hat.

Dem Bette gegenüber und nur durch das Fenster getrennt, welches durch einen elenden Kattunvorhang verhüllt war, machten sich durch den Glanz ihres Kolorits zwei Bildnisse bemerkbar, die augenscheinlich ihr Dasein dem Pinsel eines großen modernen Meisters verdankten.

Sie stellten das eine eine Frau, das andere einen Mann vor, beide schienen eines des andern Seitenstück zu sein, und waren von Lebensgröße.

Das Bildnis des Mannes stellte einen höheren Offizier der englischen Marine vor. Seine blaue Uniform trug auf der linken Seite unter dem Bath-Orden, der in England so hoch geschätzt und nur für geleistete sehr wichtige Dienste verliehen wird, noch drei andere Orden, in welchen ein in diesen Dingen bewanderter Kenner den Orden des heiligen Ferdinand und des Verdienstes, den Orden des heiligen Joachim von Malta, welchen Paul der Erste von Rußland gestiftet und der mit ihm starb, und drittens endlich den ottomanischen Halbmond erkannt haben würde, der in seiner Sichel den Namenszug des Sultan Selim des Dritten in Diamanten trug.

Ganz besonders auffallend aber ward dieses Bildnis durch die ruhmreiche Verstümmelung gemacht, deren Opfer das Original gewesen sein mußte. Eine breite Narbe durchfurchte nämlich die Stirn, unter welcher sich eine schwarze Binde hinzog, die ein verlorenes Auge verdeckte, während der an einem Knopf der Uniform befestigte rechte Ärmel der Uniform verriet, daß der Arm oberhalb des Ellbogens amputiert worden war.

Der Mann, welchen dieses Bild vorstellte, war von Wuchs eher klein als groß. Er hatte blondes Haar. Das ihm noch gebliebene Auge schien geniale Blitze zu schießen und die Adlernase verriet ebenso wie das kräftig geformte Kinn Willenskraft und Mut, die charakteristischen Eigenschaften eines Kriegshelden.

Die Frau dagegen war das vollkommene Urbild der Anmut und Schönheit. Ihr jeden Schmuck entbehrendes kastanienbraunes Haar fiel in üppigen Locken auf ihren Hals und ihre Brust herab. Sie hatte schwarze Augen und schwarze Wimpern. Ihre Gesichtsfarbe war frisch und zart, die Nase gut geformt, der Mund klein wie der eines Kindes und ließ, halbgeöffnet wie eine Rose an einem Frühlingsmorgen, zwei Perlenreihen sehen oder vielmehr erraten.

Sie trug eine Kaschmirtunika von griechischem Schnitt und einen über die rechte Schulter geworfenen Purpurmantel. Ihr Leib ward von einem breiten, mit Gold gestickten Gürtel von kirschrotem Samt umschlossen, dessen Agraffe aus einer Kamee bestand, die das von der Seite gesehene Haupt eines Greises darstellte. Dieses prachtvolle Bildnis war augenscheinlich das der Kranken, in deren Zügen man jetzt noch, trotz ihrer fünfzig Jahre und der Verheerungen einer grausamen Krankheit, Überreste einer außerordentlichen Schönheit erkennen konnte, welche der Maler auf die Leinwand festgebannt.

Während der Priester diese sozusagen unwillkürliche Beaugenscheinigung vornahm, öffnete die Kranke wieder langsam die Augen und heftete sie mit dem Ausdrucke der Unruhe auf ihn. Es war, als suchte sie in dem Gesichte des Mannes, den sie hatte rufen lassen, um ihn zum Vermittler ihrer Versöhnung mit Gott zu machen, was sie wohl von der himmlischen Barmherzigkeit zu fürchten und zu hoffen habe.

Der Priester war ein Mann von fünfundsechzig Jahren, mit einem sanften, ruhig heiteren, von spärlichem, dünnem weißen Haar beschatteten Gesicht. Man las in seinen Zügen die Einfalt seiner Seele und erkannte in seinem Blick einen Funken jener unaussprechlichen Liebe, welche Leonardo da Vinci in die Augen des Heilands gelegt hat.

Die Kranke schien durch den Anblick des Priesters wieder ein wenig beruhigt zu werden.

»Mein Vater,« sagte sie, »ich habe in allen heiligen Büchern gelesen, daß Gottes Barmherzigkeit unendlich ist; ich habe Sie aber holen lassen, um diese Worte nochmals aus dem Munde eines Dieners dieses Gottes selbst zu hören. Meine Sünden, meine Fehler, ja meine Verbrechen,« setzte sie, die Stimme senkend, hinzu, »sind so groß, daß, wenn ich nicht in Verzweiflung sterben soll, ich nicht weniger als des Wortes eines heiligen Mannes wie Sie bedarf.«

Der Priester betrachtete erstaunt diese Frau mit der sanften Stimme, dem offenen Gesichtsausdrucke und dem Auge, welchem selbst das Fieber, welches sie verzehrte, seinen engelgleichen Ausdruck nicht rauben konnte und die gleichwohl sagte, sie sei eine Verbrecherin.

»Meine Tochter,« antwortete er, »die Todesangst verwirrt Ihre Sinne. Das Weib ist allerdings ein schwaches Geschöpf und durch ihre Stellung in der Gesellschaft der Gefahr ausgesetzt, Sünden und Fehler zu begehen; wenn ich aber recht verstanden habe, so klagen Sie sich an, nicht bloß Sünden und Fehltritte, sondern geradezu Verbrechen begangen zu haben.«

»Ja, Verbrechen, mein Vater, Verbrechen! O, ich weiß wohl, daß ein Held mich seine Geliebte und eine Königin mich ihre Freundin nannten, ich weiß wohl, daß in dem Enthusiasmus meiner Jugend, in dem Strudel meines Glücks ich meine Handlungen nicht so beurteilte. Seitdem aber er tot ist, seitdem sie tot ist, seitdem ich in Not und Elend geraten bin, und seitdem die Not, diese Rache des Himmels, mich zum Zweifel geführt hat – seit dieser Zeit sehe ich mich so wie ich bin, mein Vater, das heißt mit einem durch die Schwelgerei befleckten Körper und mit von Blut geröteten Händen.«

»Meine Tochter, die Barmherzigkeit des Herrn ist unendlich,« hob der Priester wieder an, »und Jesus verzieh im Namen seines Vaters der reuigen Magdalena ebenso wie der Ehebrecherin.«

Die Kranke streckte die Hand aus, legte dieselbe auf den Arm des Priesters, richtete sich empor, um sich ihm zu nähern, und fragte:

»Würde er auch der Herodias verziehen haben?«

Beinahe mit Entsetzen bog der Priester sich zurück.

»Wer sind Sie denn?« fragte er.

»Ja, in der Tat, Sie haben recht, mein Vater,« antwortete die Kranke, »wenn ich Ihnen meinen Namen sage, so sage ich Ihnen damit alles. O entfernen Sie sich nicht von mir, wenn ich es Ihnen gesagt haben werde«,« setzte sie hinzu.

»Meine Tochter,« sagte der Priester, »selbst einen Vatermörder würde ich trösten und bis aufs Blutgerüst begleiten.«

»O, das Blutgerüst, das ist die Sühne!« rief die Kranke. »Wenn ich anstatt in meinem Bett auf dem Blutgerüst stürbe, dann würde ich nicht zweifeln.«

»Haben Sie denn einen Mord begangen?« fragte der Priester schaudernd.

»Nein, mein Vater, aber ich habe einen Mord begehen lassen.«

»Waren Sie sich dabei des Verbrechens bewußt, welches Sie begingen?«

»O nein, nein, ich glaubte dem König, ich glaubte Gott zu dienen; ich diente aber bloß meiner Rache. Wie wollen Sie, daß Gott mir verzeihe, mir, die ich nicht verziehen habe?«

Der Priester sah sie an.

»Sie sind Engländerin?« fragte er dann.

»Ja, mein Vater,« antwortete die Kranke.

»Und Protestantin?«

»Ja.«

»Warum haben Sie aber dann nicht einen Geistlichen von Ihrer Religion holen lassen? Es gibt einen in Boulogne.«

»Ich weiß es —«

Die Kranke schüttelte den Kopf und stieß einen Seufzer aus.

»Nun und?« fragte der Priester wieder. »Unsere Geistlichen sind zu streng, mein Vater. Unsere Religion ist zu schroff. Ich habe es nicht gewagt.«

»Es ist das ein großes Lob, welches Sie der unsrigen zollen, meine Tochter, da Sie aber diese Meinung von unserer Religion haben, warum haben Sie dann nicht schon längst im Schoße derselben Zuflucht gesucht?«

»Wenn sie mich nun zurückgewiesen hätte, mein Vater?«

»Unsere Religion weist niemanden zurück, meine Tochter. Sagte Jesus nicht zu dem guten Schächer: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, noch heute sollst du bei mir im Paradiese sein?«

»Der gute Schächer hing aber am Kreuze. Er starb mit dem Heiland.«

»Wer in ihm stirbt, der stirbt auch mit ihm und die Reue ist besser als das Kreuz. Bereuen Sie, meine Tochter?«

»O,« sagte die Kranke, indem sie beide Hände gen Himmel hob, »o, ich bereue aufrichtig und inbrünstig, das schwöre ich Ihnen.«

»Bereuen Sie bloß aus Furcht vor dem Tode?«

»O nein, mein Vater; ich bereue, weil mir, wie dem heiligen Paulus auf dem Wege nach Damaskus, die Schuppen von den Augen gefallen sind, und weil ich mich so sehe, wie ich bin.«

»Wohlan, Sie wissen, daß Gott dem heiligen Paulus nicht bloß verzieh, sondern auch einen seiner Apostel aus ihm machte. Dennoch hatte der heilige Paulus die Mäntel derer gehalten, welche den heiligen Märtyrer Stephan steinigten.«

»Wie gut sind Sie, mein Vater, daß Sie mich auf diese Weise ermutigen und trösten.«

»Das ist meine Pflicht, meine Tochter. Wenn ein Schaf trotz der Warnungen des Hundes sich eigenwillig von der Herde entfernt, dann nimmt der gute Hirt es auf seine Schultern und trägt es zurück in die Hürde. Wie weit mehr Grund hat er aber, es mit Freuden aufzunehmen, wenn es von selbst zurückkehrt. Sprechen Sie, erzählen Sie mir Ihre Fehltritte. Ich bin bereit, dieselben zu hören, und wenn dieselben die einem armen Priester erteilte Vollmacht nicht überschreiten, so werde ich sie Ihnen im Namen Gottes verzeihen.«

»Eine solche Erzählung würde lang und nutzlos sein. Mein Name wird genügen. Wenn Sie meinen Namen hören, so werden Sie alles wissen.«

Der Priester sah sie abermals mit Überraschung an. »Nun, dann nennen Sie mir Ihren Namen,« sagte er.

Die Sterbende neigte sich zu ihm und murmelte mit zitternder, kaum vernehmlicher Stimme die zwei Worte:

»Lady Hamilton.«

»Dieser Name sagt mir nichts, meine Tochter,!« antwortete der Priester, »ich kenne denselben nicht, sondern höre ihn jetzt zum erstenmal.«

»O, mein Gott,« rief die Kranke fast mit dem Ausdruck der Freude, »dann gibt es also einen Menschen, der mich nicht kennt! Es gibt also einen Mund, der mir nicht geflucht hat?«

Und sie sank, ein Dankgebet zu Gott murmelnd, auf ihrem Bett zurück.

Plötzlich aber zuckte ein Ausdruck der Angst und des Schreckens über ihr Gesicht. »O dann,« sagte sie, »bin ich aber verloren, mein Vater, denn ich werde weder Kraft noch Zeit genug haben, Ihnen alles zu erzählen, und wenn ich Ihnen nicht die nagenden Folterqualen der Armut, die fieberhaften Verlockungen des Goldes, die unwiderstehlichen Vorspiegelungen der Leidenschaft schildern kann, wenn Sie von meinem Leben bloß die Fehler, aber nicht die Versuchungen kennen, dann werden Sie mir niemals verzeihen. O, wenn Sie lesen könnten —«

»Was denn?«

»Meine Lebensgeschichte, die ich selbst als eine erste Sühne in allen ihren Einzelheiten niedergeschrieben, besonders damit sie später meiner Tochter zur Warnung dienen und sie abhalten möge, den Weg zu betreten, den ich gewandelt, und in die Fehler zu verfallen, in welche ich gefallen bin.«

»Und warum sollte ich diese von Ihnen geschriebene Lebensgeschichte nicht lesen?«

»O, mit dem Blute meines Herzens ist sie geschrieben, das schwöre ich Ihnen.«

»Warum sollte ich sie nicht lesen, frage ich.«

»Weil ich Engländerin bin und diese Geschichte daher in englischer Sprache niedergeschrieben habe.«

»Ich habe fünf Jahre, von 1790 bis 1795, in England gelebt und spreche das Englische wie meine Muttersprache.«

»O, mein Vater, mein Vater!« rief die Sterbende, indem sie die Hand des Priesters ergriff. »Sie hat fürwahr Gott mir gesendet und ich beginne an seine Verzeihung zu glauben. Hier, mein Vater,« setzte sie mit fieberhafter Hast hinzu, indem sie dem Priester einen Schlüssel gab, den sie an dem Zipfel ihres Taschentuchs angebunden und unter ihrem Kopfkissen versteckt gehalten; »nehmen Sie diesen Schlüssel, öffnen Sie das Schubfach dieser Toilette und Sie werden darin ein Manuskript mit dem Titel »My Life« finden. Nehmen Sie dieses, lesen Sie es und wenn Sie mir Verzeihung bringen, so kommen Sie so schnell als möglich wieder. Bin ich dagegen auf ewig verdammt, so schicken Sie mir bloß das Manuskript zurück. Ich werde dann wissen, was das heißt.«

Der Priester erhob sich, öffnete das Schubfach und nahm aus demselben das bezeichnete Manuskript.

»Meine Tochter,« sagte er, »diese Lektüre muß einen Teil der Pflichten meines Berufes ausmachen. Sie werden mich daher erst morgen zu derselben Stunde wiedersehen.«

»Gott wird so gnädig sein, mich bis dahin leben zu lassen,« sagte die Kranke, »besonders —«

Sie zögerte.

Der Priester sah sie an. Sein Blick war eine Ermutigung.

»Besonders,« hob sie wieder an, »wenn Sie mich segnen.«

»Ich segne Sie, arme Frau!« sagte der Priester, »und möge Gott Sie segnen, wie ich es tue.«

Als er in das erste Zimmer zurückkam, sah er hier das junge Mädchen und die alte Frau auf den Knien liegen.

»Gott behüte Sie, mein Kind; leben Sie wohl,« sagte er zu dem jungen Mädchen, indem er seine rechte Hand auf das Haupt desselben legte.

Die alte Frau ergriff seine linke Hand und küßte dieselbe.

Der Priester verließ das Haus.

Die Kranke folgte, so lange sie ihn sehen konnte, ihm, die Arme nach ihm ausbreitend, mit den Augen.

Das junge Mädchen zeigte sich auf der Schwelle des Zimmers.

»Wie fühlst du dich jetzt, Mama?« fragte es.

»O, besser, besser, meine Horatia. Noch ein Besuch wie der, den dieser Mann mir soeben gemacht, und er wird meine Vergangenheit mit sich hinweggenommen haben.«


* * *

Am nächsten Tage zu derselben Stunde kam der Priester wieder. Dicht hinter ihm folgten zwei Chorknaben, von welchen der eine den Weihkessel, der andere das Kreuz trug.

Die Kranke war ruhiger, aber auch noch schwächer als am Abend vorher. Es war klar, daß nur der Glaube und die Hoffnung, diese beiden Töchter des Himmels, sie noch aufrecht hielten.

Der Priester näherte sich mit von Menschenliebe und Mitleid strahlendem Antlitze dem Bette. Das junge Mädchen und die alte Frau, diese beiden Wesen, welche zwei zu beiden Seiten der Pforte des Lebens stehende Bildsäulen zu sein schienen, um die Jugend und das hinfällige Alter zu repräsentieren, richteten die Kranke auf ihrem Pfühl empor.

Zwei Schritte von ihr blieb der Priester stehen. Sie wartete mit gefalteten Händen und die Augen gen Himmel richtend.

»Glauben Sie an die sieben Sakramente?« fragte er.

»Ja, ich glaube daran,« antwortete sie.

»Glauben Sie an die wirkliche Gegenwart des Heilands im heiligen Abendmahle?«

»Ja, ich glaube daran.«

»Glauben Sie an die oberste Gewalt des römischen Papstes und an seine Unfehlbarkeit in Glaubenssachen?«

»Ja, ich glaube daran.«

»Glauben Sie an die römischen Symbole und mit einem Worte an alles, was die römische, apostolische und allgemeine Kirche glaubt?«

»Ja, ich glaube daran.«

Der Priester schöpfte mit der hohlen Hand ein wenig Wasser aus dem Weihkessel, ließ es auf das Haupt der Sterbenden träufeln und sagte:

»Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Möge das Wasser der Taufe deine Fehltritte, deine Sünden und selbst deine Verbrechen hinweg nehmen!«

Die Sterbende stieß einen Freudenruf aus, ergriff die von der Berührung mit dem geweihten Wasser noch nasse Hand des Priesters, drückte sie begierig an ihre Lippen und küßte sie. Dann rief sie mit überwallendem Gefühle der Erhebung:

»Mein Gott, nimm meine Seele auf zu Dir!«

Und sie sank auf das Kopfkissen zurück. Ihr Gesicht hatte einen solchen Ausdruck von heiterer Ruhe gewonnen, daß die alte Frau und das junge Mädchen glaubten, sie schliefe, und nur der Priester verstand, daß bloß der Tod diese himmlische Ruhe geben konnte.

Sie war wirklich tot.

Wie sie am Abende zuvor gesagt, hatte der Priester bei seinem zweiten Besuche die Vergangenheit mit sich fortgenommen und das Wasser der Taufe hatte, indem es von ihrer Stirn bis zur Seele drang, alles, Schmutz und Blut, hinweg gewaschen.


* * *

Wir lassen nun folgen, was der Priester in dem »Meine Lebensgeschichte« betitelten Manuskripte gelesen.



In der Hoffnung, daß Gott meiner Reue und meiner

Demuth verzeihen wird, schreibe ich die folgenden Seiten.

1. Jänner 1814.


Emma Lyonna, verw. Hamilton




Erstes Capitel


Meine ersten Erinnerungen gehen bis zum Jahre 1767 zurück. Ich zählte damals drei oder vier Jahre. Die genaue Zeit meiner Geburt habe ich niemals gekannt. Ich sehe mich bloß gleichsam durch einen Nebel hindurch mit meiner Mutter eine große Straße mitten durch ein Gebirge wandern. Bald trug sie mich auf ihrem Rücken, bald ging ich neben ihr her und hielt mich an ihre Hand oder an ihr Kleid.

Von Zeit zu Zeit ward der Weg von Bächen durchschnitten. Dann nahm mich meine Mutter auf die Arme, durchwatete den Bach und setzte mich am andern Ufer wieder auf den Boden nieder.

Es mußte während des Winters oder wenigstens gegen Ende des Herbstes sein. Ich empfand fortwährend Kälte und zuweilen Hunger.

Wenn wir durch eine Stadt oder ein Dorf kamen, blieb meine Mutter vor dem Laden eines Bäckers stehen und bettelte mit flehender Stimme um ein Stück Brot, welches man ihr auch fast allemal gab. Während der Nacht blieben wir selten in den Städten oder in den Dörfern, sondern vielmehr in einem alleinstehenden Gehöft. Hier bat meine Mutter, daß man ihr erlauben möge, in der Scheune oder in dem Stalle zu schlafen. Die Nächte, wo man uns erlaubte, in dem Stalle zu schlafen, waren meine Festnächte. Ich wurde dann warm, und fast allemal, ehe wir uns wieder auf den Weg machten, gab mir am Morgen die Pächterin oder die Magd, welche die Kühe zu melken kam, eine Tasse laue Milch, die für mich um so größere Delikatesse ausmachte, als ich nicht daran gewöhnt war.

Nach der Entfernung, die wir zurücklegten und angenommen, daß wir täglich vier bis fünf Meilen machten, dauerte unsere Reise beinahe eine Woche.

Endlich langten wir in der Stadt Hawarden an, welche das Ziel unserer Wanderung war.

Mein Vater, der John Lyons hieß, war gestorben, und meine Mutter hatte die Stadt, wo sie ihn verloren, verlassen, um ihre in Hawarden wohnende Familie um einige Unterstützung zu meiner Erziehung und ihrem eigenen Unterhalt zu bitten.

Hier breitet sich abermals eine Dunkelheit von einigen Monaten über mein Gedächtnis, und ich finde mich, eine kleine Herde Schafe hütend, in einer Meierei wieder, wo meine Mutter als Magd beschäftigt war.

Im Verhältnis zu der Vergangenheit fühlte ich mich jetzt glücklich. Der Frühling war gekommen, und mit ihm die Wärme und das Grün. Der Abhang des Hügels, auf welchen ich meine kleine Herde zur Weide trieb, war ein ungeheurer Thymian- und Heidekrautteppich, welchen meine Schafe lustig abweideten und worauf ich mir Blumenkränze wand.

Abends trieb ich meine Herde in das Gehöft zurück und schlief mit in der Hürde. Ein Korb, welcher Brod, ein wenig Butter oder Käse, zuweilen auch ein hartgekochtes Ei enthielt, genügte zur Befriedigung meiner Bedürfnisse für den ganzen Tag.

Mein Hund teilte mein Brod und schien mit dieser Kost ebenso zufrieden zu sein wie ich. Wenn mir gefrühstückt und zu Mittag gegessen hatten, löschten wir unseren Durst an einer benachbarten durchsichtigen Quelle, welche ein krystallenes Becken füllte, ehe sie sich weiter ergoß, und wie ein Silberfaden den Abhang des Hügels hinabströmte.

So vergingen drei oder vier Jahre, ohne daß ein Ereignis die süße Eintönigkeit dieses Lebens unterbrochen und eine Spur in meinem Gedächtnis zurückgelassen hätte.

Eines Tages, als ich wie gewöhnlich mich über die Quelle neigend trank, nachdem ich mir einen Kranz von Heiderosen und Gänseblümchen aufgesetzt, hielt ich zum erstenmal in dem Augenblicke, wo meine Lippen das Wasser berühren wollten, inne. Ich gewahrte, daß ich hübsch war.

Indes ich drücke mich nicht richtig aus, wenn ich sage, ich hätte gesehen, daß ich hübsch war. Ich wußte ja nicht, was hübsch sein hieß. Ich hatte mich noch nie einem Spiegel gegenüber befunden, in welchem ich mich hätte sehen können. Das Gesicht aber, welches das Wasserbecken zurückwarf, gefiel mir; ich lächelte es an, und näherte meine Lippen dem Wasser, weniger um zu trinken, als vielmehr um ihm einen Kuß zu geben.

Von diesem Augenblicke an machte ich aus dem Rande der Quelle mein Toilettekabinett und flocht hier meine Blumenkränze und probierte dieselben auch, bis ich zufrieden mit mir war eine Zufriedenheit, welche ich dadurch kundgab, daß ich mein eigenes Konterfei küßte.

Eines Tages wäre diese Zärtlichkeit, die ich für mich selbst hegte, mir beinahe verderblich geworden. Meine Hände glitten auf dem Rasen aus, ich fiel in die Quelle, und ohne meinen Hund, der mich an meinen Kleidern festhielt, wäre ich ertrunken.

Ich hatte von dem, was gut, und von dem, was schlimm ist, so wenig Begriff, daß ich, um meine Kleider zu trocknen, mich ganz nackt auszog und mich, um mich selbst zu trocknen, danebenlegte.

In diesem Augenblick hörte ich mich rufen. Ich sprang auf und sah meine Mutter, die mich suchte. Ich lief auf sie zu. Sie schalt mich tüchtig aus, ohne daß ich den Grund ihres Scheltens recht begriff.

In unserer Existenz war übrigens seit kurzem eine Verbesserung eingetreten. Meine Mutter hatte von dem Lord Halifax eine kleine Summe erhalten, die teils für sie selbst, teils für mich bestimmt war. Die mir zugeteilte Summe sollte zur Bestreitung der Kosten für meine Erziehung dienen.

Ich habe niemals recht den Grund dieser Freigebigkeit von Seiten des Lord Halifax verstanden und meine Mutter wollte mir auch keine nähere Auskunft darüber geben. Auf dem Pachthofe ging bloß das Gerücht, daß in meinen Adern wohl ein edleres Blut ranne als das des armen John Lyons.

Gott bewahre mich davor, daß ich meine Mutter beschuldigen sollte. Wenn dem aber so gewesen wäre, wie das Gerücht erzählte, so würde ich darin die Erklärung jener unklaren Wünsche und jenes unaufhörlichen Strebens nach einem Range finden, den ich erreicht habe, für welchen ich aber sicherlich nicht bestimmt war.

Meine Mutter hatte mir mitgeteilt, daß ich von dem nächstfolgenden Tage an aufhören würde meine Schafe zu hüten. Ich sollte in ein Pensionat für junge Mädchen kommen, die ich zuweilen Donnerstag oder Sonnabend in der Nähe des Pachthofes spazieren gehen sah.

Mein erstes Wort war:

»Mama, bekomme ich dann auch einen schönen Strohhut und ein schönes blaues Kleid wie jene Mädchen?«

»Jawohl,« antwortete meine Mutter. »Dies ist die gemeinsame Kleidung aller Schülerinnen dieser Anstalt.«

Ich hüpfte vor Freuden. Ich glaubte, ich müßte mich sehr gut in solchen Kleidern ausnehmen, deren Besitz ich mir niemals zu träumen gewagt. Ich küßte meine Schafe eines nach dem andern und überließ sie dann einem jungen Hirten, der mein Nachfolger sein sollte.

Den längsten Abschied nahm ich von meinem Hund. Das arme Tier, welches mir vor kaum einer Stunde das Leben gerettet, hing mit ungemeiner Liebe und Treue an mir. Ich liebkoste den armen Black einmal über das andere und konnte mich kaum von ihm trennen, um meiner Mutter zu folgen.

Das treue Tier hätte die schönste Lust gehabt, mir nachzulaufen. Es schien zwischen seiner Liebe und seiner Pflicht zu schwanken, die Pflicht trug jedoch den Sieg davon. Black begleitete mich bis an eine Stelle, wo er, ohne seine kleine Herde aus dem Gesicht zu verlieren, mir mit den Augen folgen konnte. Er setzte sich auf einen Felsen, hielt den Kopf nach mir gewendet, schickte mir von Zeit zu Zeit ein klagendes Gebell nach und blieb unbeweglich und winselnd an derselben Stelle sitzen, bis ich hinter einem Hügelvorsprung für ihn verschwand. Obschon ich ihn aber nicht mehr sehen konnte, hörte ich ihn doch immer noch heulen und winseln.

Noch denselben Tag brachte mich meine Mutter in die Stadt, von welcher der Pachthof ungefähr eine halbe Stunde entfernt war. Sie wollte hier das erste Quartal meiner Pension bezahlen und mir das Maß zu meiner neuen Kleidung nehmen lassen, die in dem Institut selbst gefertigt ward, damit zwischen den Zöglingen in dieser Beziehung kein Unterschied obwalte.

Es geschah dies am Mittwoch. Am nächstfolgenden Montag sollte ich in das Pensionat eintreten. Die Direktorin versprach den Spaziergang des nächsten Sonntags nach dem Pachthofe zu lenken, damit man mir meine Uniform anprobieren könne. Es war das ein großes Fest für die Schülerinnen, welche hier mit frischen Eiern und warmer Milch traktiert werden sollten.

Die Zeit der Ankunft der Schülerinnen war auf neun Uhr bestimmt, und meine Mutter hatte sich anheischig gemacht, alles bereit zu halten.

Es war dies das erste mal, daß ich Gelegenheit hatte, die Macht des Geldes schätzen zu lernen. Meine Mutter, die am Tage vorher noch eine arme Magd gewesen, mit welcher man rauh und kurz, wie zu einem Dienstboten der niedrigsten Gattung sprach, schien stillschweigend und ohne daß man es anzuerkennen brauchte, zum Range einer Aufseherin über die anderen Dienstleute erhoben worden zu sein, und zwar bloß, weil man eine Hundertpfundnote in ihrer Hand gesehen, welches Geld doch, wenn es aus der ihm beigemessenen Quelle kam, sie eher hätte herabsetzen als erhöhen sollen.

Am Abend schlief ich bei meiner Mutter in einem Bett, welches man mir aus einer auf Stühle gelegten Matratze bereitete und unter welches sich mein treuer Black schlich, der, als er mich wiedersah, mir seine Freude auf eine Weise bezeigte, als wenn er gefürchtet hätte, mich auf immer verloren zu haben.

Während der drei oder vier Jahre, welche verflossen waren, ohne eine andere Veränderung als die der Jahreszeiten herbeizuführen, war es mir nie eingefallen, einen Tag länger als den andern zu finden. Ich hatte niemals den Gang der Zeit zu beschleunigen gewünscht. Ich stand mit dem Tage auf, ich legte mich mit der Nacht nieder, ich teilte mein Brot mit Black, verkrümelte den Rest für die Vögel, flocht mir Blumenkränze, spiegelte mich in der Quelle, träumte ohne zu wissen wovon, und der Abend kam dann, ohne daß ich gemessen hätte, wie weit er ursprünglich von dem Morgen entfernt gewesen.

Jetzt war dem nicht mehr so. In meinem Gemüt hatte ein vollständiger Umsturz stattgefunden. Die Minuten waren Stunden, die Stunden Tage und die Tage Jahre geworden. Es war mir, als würde ich niemals den glückseligen Sonntag erleben, wo ich meine Lumpen gegen jenes blaue Kleid, welches für mich zweimal die Farbe des Himmels trug, und den reizenden Strohhut, die Glorie meines ersten unklaren Ehrgeizes, vertauschen sollte.

Ich hatte, obschon ich vollkommen wach war, verworrene, unzusammenhängende Visionen, wie man deren in den Träumen hat. Ich wollte einen Berg ersteigen, der hoch genug wäre, um mich über den Gürtel der Berge, die uns umgaben, hinausschauen zu lassen. Ich hatte keinen Begriff von dem, was es jenseits dieser Berge geben könne, ganz gewiß aber mußte es etwas Schöneres sein als das, was ich hier sah.

Ach, leider habe ich mein ganzes Leben lang Berge ersteigen und über den Horizont hinausschauen wollen, welchen mir Gott gezogen.

Der so heißersehnte Tag brach endlich an. Die ganze ihm vorangehende Nacht konnte ich nicht schlafen, und lange schon vor dem ersten Strahl der Morgenröte war ich auf den Füßen.

Meine Mutter stand fast gleichzeitig mit mir auf. Auch sie hatte sich neue Kleider gekauft und widmete an diesem Tage ihrer Toilette eine ganz ungewöhnliche Sorgfalt. Ihr Kostüm war das der Gebirgsbewohner von Wales, und ich bemerkte jetzt zum ersten Male, daß meine Mutter sehr schön gewesen sein mußte und daß sie auch jetzt noch hübsch war.

Als sie mit ihrer Toilette fertig war, nahm sie mich vor und kämmte mir mein prachtvolles, natürlich gelocktes Haar und wollte, als sie sah, daß ich bloß mein Hemd anhatte, mir die Kleider vom vorigen Tage wieder anziehen. Ich weigerte mich jedoch hartnäckig, dies tun zu lassen, und sagte, ich hätte, als ich sie am Abend vorher ausgezogen, dies in der bestimmten Hoffnung getan, daß ich sie zum letzten mal abgelegt.

Da das Kostüm meiner Mutter mir sehr hübsch vorkam, so fragte ich sie hierauf, ob ich reich genug wäre, um mir ebenfalls ein solches anschaffen zu können, und sie versprach mir ein noch viel hübscheres, wenn nach Ablauf eines Monats die Direktrice der Pension ihr sagen würde, daß sie mit mir zufrieden sei.

Ich nahm mir fest vor, nach Ablauf eines Monats mein Kostüm zu haben. Um meine gestern angehabten Kleider nicht wieder anziehen zu müssen, legte ich mich wieder ins Bett und wartete bis um neun Uhr.

Endlich verkündete mir ein lustiges Geplauder, ähnlich dem eines Schwarmes Elstern, die Ankunft meiner künftigen Genossinnen. Meine Mutter, welche meine Ungeduld kannte, trat sofort mit einer Unterlehrerin ein. Sie brachte mir meine Uniform.

Meine Ausstattung bestand aus zwei vollständigen, der Form nach vollkommen gleichen Anzügen, nur war der für die Sonntage bestimmte von feinerem Stoff und schönerem Gewebe. Alle anderen Gegenstände, von den Strümpfen an bis zu den Halskrägen, waren in halben Dutzenden da.

Ich konnte gar nicht glauben, daß alle diese Schätze, welche man auf mein Bett niederlegte, wirklich mir gehörten.

Meine Mutter fragte, was alles kostete, und bezahlte es. Nun erst hielt ich mein Eigentum für gesichert. Diese Akquisition kostete vierhundert Francen.

Auch eine so große Summe Geldes hatte ich niemals beisammen gesehen.

Meine Toilette begann. Das Maß war von einem geschickten Schneider genommen worden, denn es paßte alles wunderschön. Nach Verlauf von zehn Minuten war ich fertig.

Ein Stück Spiegelglas, ein neuer Luxus im Zimmer meiner Mutter, gestattete mir, mich zu sehen. Ich stieß einen Freudenschrei aus. Ich fand mich weit hübscher als in der Quelle. Mein großer Strohhut mit den blauen Bändern stand mir ganz besonders zum Entzücken, und in der Folgezeit, selbst in der Periode meines größten Glückes, wählte ich, wenn ich meine Schönheit recht zur Schau tragen wollte, keinen anderen Kopfputz als den der kleinen Pensionärin von Hawarden.

Mit einem Sprunge war ich aus meinem Zimmer im Hofe, und aus dem Hofe auf dem Rasenplatz. Die ganze Pension war da, ziemlich sechzig Mädchen im Alter von acht bis fünfzehn Jahren.

Sie betrachteten mich mit mehr Neugier als Sympathie.

Eine von den großen sagte:

»Sie ist nicht ganz übel, dieses kleine Bauernmädchen.«

Eine andere antwortete:

»Ja, aber sie sieht ziemlich linkisch aus.«

Das Herz schnürte sich mir zusammen.

Bei meinem Eintritt in das Leben ward ich auf diese Weise mit Verachtung und Spott empfangen.

Stumm und unbeweglich blieb ich stehen und fühlte, wie die Schamröte mir bis in die Stirn emporstieg.

»Kleine,« sagte eine zu mir, »geh einmal hinein und sage, man solle uns die Eier und die Milch bringen.«

Mein Stolz empörte sich.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte ich; »ich sollte meinen, daß ich nicht eure Magd sei.«

»Nein, das bist du nicht,« sagte die Pensionärin, welche zuerst gesprochen; »da deine Mutter aber die Magd des Gehöftes ist, so hat diese vielleicht die Güte, uns zu bedienen; wir haben Hunger.«

In diesem Augenblicke trat meine Mutter zur Haustür heraus. Weinend lief ich auf sie zu und warf mich ihr in die Arme.

Sie fragte mich, warum ich weinte, da ich sie doch nur wenige Minuten vorher in so heiterer Stimmung verlassen.

Mit kurzen Worten erzählte ich ihr alles.

Die Pächterin hörte zu, dann näherte sie sich den Pensionärinnen.

»Meine jungen Damen,« sagte sie, »mein Pachthof ist kein Gasthaus. Ich verkaufe meine Eier, meine Butter und meine Milch auf dem Markt, aber nicht hier. Auf die Bitte meiner Freundin, Mistreß Lyons, war ich gern bereit, Ihnen dies alles anzubieten; wenn aber die Gastfreundschaft ihre Pflichten hat, so hat sie auch ihre Rechte, und eins dieser Rechte ist, nicht beleidigt zu werden. Dieses Recht beanspruche ich nicht bloß für mich, sondern auch für alle Personen, welche zu meinem Hause gehören.«

»Sehr gut gesprochen,« sagte die Direktrice der Pension; »ich danke Euch für diese Lehre, die Ihr meinen Schülerinnen gegeben. Ich stand im Begriff, es selbst zu tun, aber ich würde meine Sache nicht so gut gemacht haben. Diejenigen von diesen jungen Damen, welche sich der Ehre, die Ihr ihnen erzeigt, würdig machen wollen, werden selbst ihr Frühstück bei Euch holen, und ich danke Euch dafür im voraus im Namen aller Eurer Gäste und in dem meinigen. Wer nicht geht und sich das Frühstück holt, bekommt keines damit ist die Sache abgemacht. Also, wer mich lieb hat, der folge mir.«

Und die Direktrice der Pension, welche Mistreß Colman hieß, lenkte, mit ihrem Beispiele vorangehend, ihre Schritte nach dem Hause, während sämtliche Pensionärinnen ihr folgten, mit Ausnahme der drei, welche direkt oder indirekt das Wort an mich gerichtet hatten.

Einen Augenblick später kam Mistreß Colman aus dem Hause heraus. In der einen Hand hielt sie einen Korb voll Eier, in der andern einen großen Krug mit dampfender Milch. Die beiden Lehrerinnen kamen hinter ihr her, und trugen ebenso wie sie einen Krug Milch und einen Korb Eier.

Die Pächterin und meine Mutter folgten mit zwei riesigen, soeben aus dem Ofen gekommenen Broten mit brauner appetitlicher Rinde.

Jede der Pensionärinnen trug ihren Teller, ihre Gabel, ihr Messer und ihren Löffel.

Alle setzten sich auf den Rasenplatz um Mistreß Colman und ihre beiden Lehrerinnen herum. Nur die drei Rebellen bildeten, stehen bleibend, eine Gruppe für sich.

»Mistreß Davidson,« sagte ich zu der Pächterin, »wollt Ihr mir sechs Eier in einem kleinen Korb, einen Krug Milch und drei Tassen geben?«

Sie erriet meine Absicht, küßte mich auf die Stirn und gab mir, was ich von ihr verlangte.

Mit meinem kleinen Korbe, meinem Kruge Milch und meinen drei Tassen trat ich aus dem Hause heraus und ging auf die drei Verbannten zu.

»Meine jungen Damen,« sagte ich zu ihnen, »wollen Sie mir verzeihen, daß ich die Ursache der Strafe bin, zu welcher man Sie verurteilt hat?«

»Wir danken,« sagte die größte der drei Schülerinnen, »wir haben keinen Hunger.«

»Emma,« sagte die Direktrice der Pension, »komm her, gib mir einen Kuß und setze dich neben mich. Du bist ein gutes kleines Mädchen.«

Ich setzte meinen Korb mit Eiern, meinen Krug Milch und meine drei Tassen zu den Füßen der drei Schmollenden nieder und nahm dann neben Mistreß Colman Platz.

Sie hatte die Wahrheit gesprochen, ja ich war wirklich ein gutes kleines Mädchen. Ist es meine Schuld oder die der Welt, wenn ich das sündhafte Geschöpf geworden bin, welches jetzt vor dir, o mein Gott, das Knie beugt?




Zweites Capitel


Nach dem Frühstück, welchem die drei großen Pensionärinnen beiwohnten, ohne daran teilzunehmen, kehrten sämtliche junge Mädchen, von Mistreß Colman geführt, nach der Stadt zurück.

Am Morgen, noch ehe mir das im vorigen Capitel Erzählte begegnet war, wäre es mein größter Wunsch gewesen, noch denselben Tag und ohne Verzug in Mistreß Colmans Institut einzutreten und meinen Platz unter ihren Zöglingen einzunehmen.

Mein Enthusiasmus hatte sich jedoch bedeutend abgekühlt und ich bat meine Mutter um die Erlaubnis, diese Nacht noch auf dem Pachthofe bleiben zu dürfen. Es ward demgemäß verabredet, daß sie mich erst den nächstfolgenden Morgen nach der Pension bringen sollte.

Als Mistreß Colman, welche die Sinnesänderung, die in mir vorgegangen, bemerkte, und welche schon fürchtete, eine Schülerin zu verlieren, mich verließ, überhäufte sie mich mit Liebkosungen und bewog auch einige der kleinsten Schülerinnen, Freundschaft mit mir zu machen. Ich fühlte jedoch recht wohl, daß ich für diese jungen Damen nie etwas anderes sein würde, als das kleine Bauernmädchen, die Tochter der Magd des Pachthofes.

Ich hebe diese auf den ersten Anblick vielleicht kindisch erscheinenden Umstände ganz besonders hervor, weil sie in Verbindung mit denen, von welchen ich später Gelegenheit haben werde zu sprechen, einen ungemein großen Einfluß auf mein Leben äußerten.

Die Blumen verdanken ihren Glanz und ihren Wohlgeruch, die Früchte ihren Wohlgeschmack und ihre Schönheit nicht bloß der mehr oder minder geschickten und eifrigen Pflege des Gärtners, der sie zieht, sondern auch den atmosphärischen Verhältnissen, in welche der Zufall sie versetzt.

Mein angeborener Fehler war der Stolz. Der darüber hinwegwehende Wind der Verachtung und des Spottes fachte, anstatt ihn auszulöschen, ihn nur zu desto hellerer Flamme an, und ebenso wie Satan, der anfangs der schönste und geliebteste Engel war, ging ich, die ich weiter nichts war als ein armes menschliches Geschöpf, durch meinen Stolz unter.

Als Mistreß Colman mit ihren Pensionärinnen fort war, lenkte ich meine Schritte nach dem Hügel, wohin ich drei oder vier Jahre lang meine kleine Herde getrieben.

Dieser Hügel war Sonntags das Ziel des Spazierganges, welchen einige in der Stadt wohnende Leute zu machen pflegten. Die Bewohner des Pachthofes hatten mich nun alle in meinem neuen Glanze gesehen und der Eindruck, den ich durch meinen ersten Anblick auf sie hervorgebracht, konnte sich nicht erneuern. Ich suchte daher die Blicke und Komplimente anderer.

Ich erstieg den Hügel mit meinem großen Strohhut auf dem Kopfe. Mein langes Haar flatterte im Winde, meine Wangen waren gerötet von dem Hauch der Jugend und der Gesundheit. Ich ging an mehreren Gruppen von Spaziergängern vorbei oder überholte dieselben. Alle sahen mich an, und einige Stimmen sagten:

»Das ist ein schönes Kind.«

Ein einziger fragte:

»Aber ist das nicht Mistreß Davidsons kleine Schafhirtin?«

Ach leider ja, ich war es.

Diese Bemerkung vergiftete, obschon durchaus nichts Böswilliges darin lag, mir doch die ganze Freude, welche mir die vorher gehörten Lobsprüche bereitet. Ich versank in trauriges Hinbrüten und setzte mit niedergeschlagenen Augen meinen Weg weiter fort, während ich die Blumen, die ich gepflückt, um mir einen Kranz daraus zu winden, eine nach der andern aus den Händen fallen ließ.

Plötzlich hörte ich ein freudiges Gebell, und Black, der mich von weitem erkannt, kam mir entgegengesprungen und richtete sich an mir empor. Das arme Tier nahm keine Rücksicht auf die Kleider, die ich jetzt trug, sondern glaubte, es sei ihm erlaubt, der künftigen Pensionärin der Mistreß Colman immer noch auf dieselbe Weise zu begegnen wie der kleinen Schafhirtin. Der Befehl: »Marsch, fort, Black!« von einem Schlag auf seine unehrerbietigen Pfoten, der ihm ein Schmerzgewinsel entlockte, begleitet, war die einzige Anerkennung, welche dieser Freund, einer der ältesten, die ich jemals gehabt, und wahrscheinlich der treueste, den ich jemals haben werde, für seine freudige und zärtliche Kundgebung erhielt. Black entfernte sich, die Ohren hängen lassend und den Kopf schüttelnd, als ob er ein Zwiegespräch mit sich selbst führte.

Der kleine Hirt, der in der Bewachung der Schafe mein Nachfolger geworden, erhob sich, als er mich näher kommen sah. Es war augenscheinlich, daß er mich nicht erkannte; erst als ich mich ihm bis auf einige Schritte genähert hatte, rief er:

»Ah, Sie sind es, Miß Emma! Ach, wie schön Sie sind!«

Ich lächelte ihm zu. Es war dies das erste aufrichtige Kompliment, welches man mir bis jetzt gemacht.

Ich wußte es ihm Dank. Man wird den Einfluß sehen, welchen diese wenigen Worte später auf mein Schicksal äußerten.

»Guten Tag, Dick,« sagte ich zu ihm. »Du bist ein wackerer Junge und du wärest auch schön, wenn du schöne Kleider hättest.«

»Ach,« antwortete er, »ich bin weiter nichts als ein armer Bauernknabe und ich werde wahrscheinlich nie andere Kleider bekommen. Mit Ihnen dagegen ist es etwas anderes. Wie es scheint, hat man erfahren, daß Sie ein vornehmes Fräulein sind.«

Er spielte mit diesen Worten auf das Gerücht an, welches sich, seitdem meine Mutter von Lord Halifax hundert Pfund Sterling geschenkt erhalten, in bezug auf ein Verhältnis verbreitet, in welchem sie früher zu diesem Herrn gestanden haben sollte.

Ich gab hierauf keine Antwort, denn ich verstand nicht recht, was der Knabe sagen wollte.

Ich erkundigte mich nach seiner Schwester, einem Mädchen von ungefähr demselben Alter wie ich. Sie diente als Magd in einem benachbarten Pachthof und hieß Amy Strong.

»O,« sagte er, »die befindet sich wohl und würde sich gewiß sehr freuen, wenn sie Sie so schön gekleidet sähe.«

»Glaubst du?« fragte ich.

»Jawohl,« entgegnete er, »sie hat Sie sehr lieb, Miß Emma, und beneidet niemanden um das Gute, was ihm beschieden ist.«

Ich befand mich jetzt in der Nähe der Quelle. Ich neigte mich darüber, um mich darin zu betrachten, wagte aber, ich weiß selbst nicht warum, in Richards oder, wie man diesen Namen in England abzukürzen pflegt, in Dicks Gegenwart nicht meinem Spiegelbild einen Kuß zu geben, wie ich zu tun pflegte, wenn ich allein war.

»Ja, ja,« sagte Dick lachend, »betrachten Sie sich nur noch ein wenig in unseren Quellen. Mit der Zeit werden Sie in die Stadt kommen, Miß Emma, und sich dann in großen vergoldeten Spiegeln betrachten, wie sie in dem Laden des Kaufmanns von Hawarden zu sehen sind. Wenn Sie einmal an diesem Hause vorbeikommen, so können Sie stehen bleiben und sich in aller Bequemlichkeit vom Kopf bis zu den Füßen betrachten, ohne daß es Sie etwas kostet.«

Ich setzte mich in der Nähe der Quelle nieder. Ich dachte nicht mehr daran, in derselben eine unvollständige Vervielfältigung meines Bildes zu suchen, sondern träumte, daß ich mich in einem großen schönen Spiegel mit vergoldetem Rahmen betrachtete. Ich versetzte mich im Geiste in ein elegantes Zimmer mit türkischem Teppich, himmelblauseidenen Vorhängen und kostbaren verzierten Möbeln. Ich schloß die Augen, um nichts mehr von der Wirklichkeit zu sehen und mich ganz meinem Traume hinzugeben. Ach, wie oft hatte ich dergleichen Träume! Es waren prophetische blendende Visionen der Zukunft.

Woher kamen mir diese Visionen von unbekannten Dingen? Vielleicht hatten meine ersten Blicke rasch entschwundenen Glanz widergespiegelt, der aber in meinem jungen Gedächtnis gleichsam den Reflex einer früheren Welt zurückgelassen.

Wenn ich mit meiner Mutter von diesen unklaren Erinnerungen sprach, begnügte sie sich mir zu antworten, ich hätte wahrscheinlich eine Fee zur Patin gehabt, welche mich des Nachts in Palästen habe herumwandeln lassen.

Auch dieses Mal faßte meine Patin mich bei der Hand und indem ich meine Augen, welche soeben noch alle Farben des Regenbogens widerspiegelten, aufschlug, sagte ich zu dem kleinen Hirten:

»Lebewohl, Dick. Morgen komme ich in Mistreß Colmans Pension. Alle Donnerstage und Sonnabende aber werde ich wieder auf den Pachthof kommen und mich dann und wann auch hier einfinden, um dich zu besuchen.«

Und ich entfernte mich, ohne an Black zu denken. Dieses arme Tier, welchem mein Empfang unerklärlich gewesen, konnte sich auch meinen Abschied nicht erklären. Er folgte mir einige Schritte weit, aber nicht so weit als das erstemal, und setzte sich, um mich den Hügel hinabgehen zu sehen.

Ich warf einen letzten Blick auf diesen kleinen Platz, welcher das Paradies meiner Jugend gewesen und den ich im Geiste jetzt noch sehe mit seiner Gruppe von Zwergeichen und Wachholderbäumen, mit seiner von rosigem Heidekraut bedeckten Kuppe, mit seiner aus dem Schoße der Erde hervorsprudelnden und in kleinen Wasserfällen sich in das Tal hinabstürzenden Quelle.

Dick hatte sich auf den Boden niedergestreckt und schälte mit seinem Messer die Rinde eines Stockes ab. Seine Schafe weideten hier und da einige Schritte von ihm. Black saß zwischen ihnen und mir und betrachtete mich mit traurigem Blick, wie verkannte Freunde zu tun pflegen. Ich dachte nicht einmal daran, ihn zu rufen und zu trösten. Das arme Tier hatte, als es mich sah, versucht, mir begreiflich zu machen, daß es mich immer noch liebe; aber es war nicht wie Dick imstande gewesen, mir zu sagen, daß ich schön sei.

Dies war meine erste Undankbarkeit.

Dagegen wird man sehen, wie dankbar, wie allzu dankbar ich gegen Dick war.

Am nächstfolgenden Tage führte verabredetermaßen meine Mutter mich zu Mistreß Colman.

Ich ward empfangen, wie man während der ersten Tage jede in eine Pension tretende Schülerin und jede ihr Noviziat antretende Nonne empfängt. Die Lehrerinnen waren instruiert, gegen mich mit aller möglichen Nachsicht zu verfahren, und Mistreß Colman selbst führte meine Mutter in den Schlafsaal, ließ sie das weiße Bett untersuchen, welches man für mich aufgeschlagen, und zeigte ihr, einen nach dem andern, alle Toilettengegenstände, die für mich bestimmt waren.

Alle diese neuen Gegenstände, welche für mich der Weg zum Luxus waren, ließen mich die verächtlichen Blicke meiner künftigen Genossinnen übersehen, und ich nahm von meiner armen Mutter, die weit bewegter war als ich, Abschied, ohne sonderlich viel Tränen zu vergießen.

Man befragte mich über das, was ich wußte. Das Examen dauerte nicht lange, denn ich wußte absolut weiter nichts, als meine Morgen- und Abendgebete nach dem anglikanischen Ritus, in welchem ich erzogen worden. Vom Lesen und Schreiben war niemals die Rede gewesen und ich kannte nicht einmal die Buchstaben.

Man sah sich deshalb genötigt, mich trotz meiner neun Jahre zunächst der Klasse zuzuteilen, in welcher die sogenannten Abcschützen, das heißt Kinder von fünf bis sechs Jahren saßen.

Es war dies eine große Demütigung für mich; mein Stolz aber, der mir oft so verderblich war, leistete mir in diesem Falle gute Dienste. Da ich der niedern Klasse, in welcher ich nun war, mich schämte, so machte ich unerhörte Anstrengungen, um mich in die höhern Klassen emporzuarbeiten.

Nach Verlauf von drei Monaten las ich ganz leidlich und fing an zu schreiben. Nun kam ich, in die Klasse, wo Rechnen und englische Sprache gelehrt ward. In dieser Klasse blieb ich sieben oder acht Monate, dann kam ich in die, welche man die »große« nannte.

Hier lehrte man Geographie, Geschichte, Musik und Zeichnen.

In diesen letzteren Künsten hatte ich schon einige Fortschritte gemacht, als eines Morgens meine Mutter laut weinend mich aufsuchte, um mir zu melden, daß mein Gönner, Lord Halifax, plötzlich gestorben sei. Er war mit dem Pferde gestürzt und hatte keinerlei Verfügung zu unsern Gunsten hinterlassen.

Meine Pension ward noch einen Monat lang bezahlt. Nach Ablauf dieses Monats aber sah sich meine Mutter wahrscheinlich genötigt, meine Erziehung zu unterbrechen, weil sie dann nicht mehr die Mittel besaß, die Kosten dafür zu bestreiten.

Die Neuigkeit, daß die kleine Bäuerin, deren Fortschritte die vornehmen Fräuleins oft gedemütigt, sich genötigt sehen würde, wieder die Schafe zu hüten, rief in der Klasse der Großen, zu welcher auch meine drei alten Feindinnen gehörten, die immer noch einen echt englischen Groll gegen mich bewahrten, allgemeine Freude hervor. In den unteren Klassen, wo ich mir einige Freundinnen erworben, bedauerte man mich.

Mistreß Colman tat, indem sie Abschied von mir nahm, als ob sie sich eine Träne trocknete, um ihren Schülerinnen ein gutes Beispiel zu geben, dabei aber hütete sie sich wohl, sich zu erbieten, meine Ausbildung unentgeltlich fortzusetzen, obschon sie mir mehr als einmal, besonders an den Tagen, wo meine Mutter sich einfand, um das vierteljährige Honorar für mich im voraus zu bezahlen, mehr als einmal gesagt hatte, ich würde in einem oder zwei Jahren die Ehre und der Stolz ihres Institutes sein.

Ich verließ das Pensionat und nahm weiter keinen Trost mit, als alle meine kleinen Toilettegegenstände und ein ganz neues Uniformkleid, dessen ich mich aber, wie Mistreß Colman mir einschärfte, nicht bedienen sollte, weil ich nicht mehr dem Pensionate angehörte.

Übrigens verließ ich Mistreß Colmans Haus, worin ich achtzehn Monate zugebracht, mit einer nach allen Seiten hin begonnenen, aber auch gleichzeitig in jeder Richtung unvollendeten Erziehung. Ich konnte lesen und schreiben, ich verstand ein wenig zu rechnen, ich hatte einige Kenntnisse in Geographie und Geschichte. Außerdem hatte ich drei Monate Zeichnen und Musik getrieben und besaß sonach, abgesehen vom Lesen und Schreiben, keine Fertigkeit, die mir hätte nützlich sein können.

Es war dies nicht genug, um mein Wohlergehen zu fördern, wohl aber mehr als nötig war, um mich meinem Verderben entgegen zuführen.

Meine Mutter hatte ebenfalls von dem Rückschlage des Unglücks, welches mich betroffen, zu leiden. Als die Pächterin sie wieder die arme, mittellose Witwe werden sah, die sie bei ihrer Ankunft gewesen, machte sie wieder aus ihr dasselbe, was sie anfangs gewesen, nämlich eine gewöhnliche Magd.

Was mich betraf, so taugte ich, durch meine begonnene Schulbildung zu einer halben Vornehmheit herangezogen, zu gar nichts mehr. Ich konnte nicht wieder auf den Pachthof zurückkehren, um wie eine Schäferin Marmontels in meinem himmelblauen Kleide und mit meinem großen Strohhut die Herde zu hüten. Man begann sich daher nach einem Unterkommen für mich umzusehen.

Eines Morgens kam Dicks Schwester, Amy Strong, um mir zu melden, daß dieses Unterkommen durch ihre Mutter gefunden sei. Ich sollte nämlich als Kinderwärterin und Elementarlehrerin zu Mr. Thomas Hawarden kommen, welcher, ich weiß nicht warum oder wie, den Namen der Stadt trug, die er bewohnte. Er war ein Schwager des letzten Alderman Boybel und Vater des berühmten Chirurgen von Leicester Square.

Die Stellung, die man mir anbot, war allerdings weit entfernt, meinen ehrgeizigen Träumen zu entsprechen; ich mußte aber leben und hatte daher keine Wahl der Mittel.

Man stellte meine Ausstattung aus den Trümmern der des Pensionats zusammen. Aus meinem himmelblauen Kleid ward ein gewöhnliches gefertigt, und da ich monatlich außer Kost und Wohnung zwölf Schillinge bekommen sollte, so erwartete man, daß ich durch angemessene Ersparnis die Mittel zur Vervollständigung meiner mangelhaften Garderobe erwerben würde.

Es war eine große Demütigung für mich, wieder nach Hawarden in einer Eigenschaft zurückzukehren, welche mit der einer dienenden Person nahe verwandt war. Es war dies aber einmal eine Laune des Gottes Zufall, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, mich bald zu erhöhen, bald zu erniedrigen. Du bist Zeuge, mein Gott, daß jetzt, in einer Erniedrigung, aus welcher ich keine Aussicht mehr habe mich emporzuarbeiten, ich dich mit dankbarerem Herzen anflehe, als ich es von der Höhe meiner Größe getan!




Drittes Capitel


Am 20. September 1776 trat ich in Mr. Thomas Hawardens Dienst.

Ich zählte damals zwölf bis dreizehn Jahre. Mr. Hawarden war ein Puritaner von altem Schrot und Korn, ernst und gerecht in allen Dingen. Seine Gattin war ihrerseits kalt und streng. Die Kinder, über welche ich Aufsicht führen sollte, waren die ihrer einzigen Tochter, welche während einer Reise des Vaters in Amerika an einer Brustkrankheit gestorben war.

Es waren ihrer drei. Die beiden ältesten zählten vier und fünf Jahre. Das jüngste befand sich noch in den Händen der Amme.

Eine große Pendeluhr schien die alles regelnde Gottheit des Hauses zu sein. Alle Sonnabende, wenn die Mittagsstunde schlug, ward sie aufgezogen und in Folge dieser Verrichtung, welche ich Mr. Hawarden auch nicht ein einziges Mal unterlassen sah, rollte die ganze Woche sich ab wie ein Räderwerk, das nicht weniger genau ineinandergriff wie das der Uhr selbst.

Der Leser wird mich fragen, wer die Uhr an Mr. Hawardens Stelle aufzog, wenn dieser Sonnabends mittags nicht zu Hause war? Hierauf antworte ich, daß Mr. Hawarden, welcher wußte, daß er an diesem Tage diese wichtige Funktion zu verrichten hatte, Sonnabends um halb zwölf Uhr nach Hause kam, wenn er ausgegangen war, oder erst um halb eins fortging, wenn er auszugehen hatte.

Während des ganzen Jahres, wo ich bei Mr. Hawarden war, sah ich ihn nicht einen Schritt schneller tun, als den andern, kein Wort lauter sprechen als das andere, nicht ein einziges Mal lächeln, nicht ein einziges Mal sich erzürnen, keine Gelegenheit zum Gutestun versäumen und nicht eine einzige Ungerechtigkeit begehen, wie unbedeutend dieselbe auch gewesen wäre.

Mistreß Hawarden war buchstäblich der Schatten ihres Ehegatten. Sie kam mir vor wie eine jener Püppchen, welche an den Wettergläsern das schöne Wetter und den Regen anzeigen. Das Weibchen, welches hinter dem Manne herauskommt oder hineingeht, wiederholt alle Bewegungen, welche dieser ausführt. Sie spannt ihren Regenschirm auf, wenn er zum Zeichen des herannahenden Sturmes den seinigen öffnet, und macht ihn zu, sobald er durch das Schließen des seinigen die Rückkehr des Sonnenscheins verkündet.

Mr. Thomas Hawarden mußte reich sein, obschon ich während eines ganzen Jahres in seinem Hause kein anderes Silber sah als die zwölf Schillinge, welche ich allemal am Ersten des Monats um zwölf Uhr morgens mit der gewohnten Pünktlichkeit des Hauses von Mistreß Hawardens elfenbeinweißer Hand ausgezahlt erhielt.

Das ganze Haus gehörte den beiden Gatten; von der einen Seite ging es auf die Hauptstraße der Stadt, von der andern auf einen Garten mit Gängen, die mit Meeressand bestreut waren, mit von Buchsbaum eingefaßten Beeten und pyramidenförmig zugestutzten Taxusbäumen.

Ein Gärtner hatte diesen kleinen Garten in Ordnung zu halten, und nie sah ich darin ein abgestorbenes Blatt oder eine geknickte Blume. Die Kinder gingen darin spazieren, aber sie wußten, daß sie nicht das Recht hatten darin zu spielen, und daß es ihnen verboten war, die Blumen oder Früchte anzurühren.

Im Sommer um sechs, im Winter um sieben Uhr stand man auf. Um acht Uhr begab sich die ganze Familie, Herrschaft und Dienstleute, bis zu dem Säugling und seiner Amme, in ein Zimmer, wo eine Bibel mit stählernen Schließhaken auf einem Lesepult angenietet war. Mr. Hawarden schlug diese Bibel auf, las ein Gebet und seine Frau antwortete Amen.

Dann schloß er die Bibel und man trat in das Speisezimmer, wo ein aus Milch, Butter und Eiern bestehendes Frühstück aufgetragen war. Eine große Teekanne, aus welcher jeder das Recht hatte, sich nach Belieben einzuschenken, obschon stillschweigend angenommen war, daß man dies nie mehr als zweimal täte, enthielt ungefähr ein Dutzend Tassen.

Wir waren fünf Personen bei Tische. Mr. Hawarden, Mistreß Hawarden, die beiden Kinder und ich, die ich infolge meiner Funktion als Lehrerin das übrigens, wie mir schien, von den andern Dienstleuten nicht sonderlich beneidete Recht besaß, mit am Tische der Herrschaft zu speisen.

Wenn die Wanduhr jenes Ausheben hören ließ, welches dem Schlage der Stunde vorangeht, erhob sich alles, so daß nur selten jemand noch nicht aufgestanden war, wenn die halbe Stunde schlug.

Schlag zwölf Uhr setzte man sich zur Mittagstafel nieder, mit Ausnahme Sonnabends, wo das Mittagsmahl sich um eine Minute infolge des Umstandes verzögerte, daß Mr. Thomas Hawarden erst seine Uhr aufziehen mußte.

Das Mittagsmahl war, ohne luxuriös zu sein, doch gut und wohlschmeckend. Das gewöhnliche Getränk war Bier, jeder aber erhielt außerdem aus einer Flasche, welche für Mittags- und Abendessen ausreichte, ein kleines Glas Bordeauxwein, die Kinder bloß ein halbes Glas.

Um fünf Uhr gab es Butterbrötchen oder Kuchen. Die Teekanne kam wieder zum Vorschein und lieferte ebenso wie beim Frühstück das einzige Getränk. Dieses Vesperbrot dauerte ebenso wie das Frühstück eine halbe Stunde.

Um acht Uhr ward zu Abend gegessen. Diese Mahlzeit war so ziemlich eine Wiederholung des Mittagsmahles, ausgenommen, daß die Kinder ihr nicht beiwohnten. Diese bekamen um halb acht Uhr eine Butter- oder Honigsemmel, je nach ihrer Wahl, und um acht Uhr wurden sie zu Bett gebracht.

Ich hörte sie nicht ein einziges Mal weinen, ausgenommen, wenn sie beim Fallen sich sehr wehe getan hatten.

Donnerstags nach dem Frühstücke wurde der Jagdwagen angespannt. Die Kinder, die Amme und ich stiegen hinein, und der Kutscher fuhr uns nach irgendeiner der Wiesen, welche sich in der Nähe der Stadt Hawarden befinden.

Nun hatten wir unser Fest. Die Last, welche in der eisigen Atmosphäre des Hauses unsere Brust bedrückte, hob sich wie durch die Sonnenstrahlen verflüchtigt. Sogar der Säugling in den Armen der Amme schien im Freien fröhlicher zu sein, als in der Stadt. Die Amme ging mit ihrem Pflegling spazieren. Die beiden anderen Kinder und ich sprangen im Grase herum, pflückten Blumen und verfolgten die Schmetterlinge.

Die Kinder beteten mich an, weil ich ebenso Kind war als sie selbst.

Sonnabend nach dem Vesperbrot wartete der angespannte Wagen an der Tür. Alle Welt stieg hinein mit Ausnahme des Gärtners, welcher in seinem Gartenhäuschen blieb und das Haus bewachte, und man begab sich aufs Land.

Mit diesem Ausdruck bezeichnete man ein ziemlich großes Haus, welches dritthalb Stunden von Hawarden, zwischen Chester und Flint an dem Ufer des Dee ungefähr eine Viertelmeile von der Stelle stand, wo dieser Fluß sich in das irische Meer oder vielmehr in den Golf ergießt, der damit in Verbindung steht.

Man brauchte, um diesen Weg zurückzulegen, zwei Stunden zehn Minuten niemals weniger und niemals mehr. Der Kutscher peitschte sein Pferd dreimal. Das erstemal beim Abfahren, das zweitemal auf der Hälfte des Weges, das drittemal bei der Ankunft in der Allee.

Der erste Anblick des Meeres war für mich ein tiefergreifender. Obschon der Golf des Dee ziemlich schmal ist, so konnte man doch von der Höhe eines kleinen Berges am Horizont das hohe Meer entdecken. Ich streckte nach diesem unendlichen Raume meine Arme mit ebenso leidenschaftlicher Gebärde aus, wie ich es nach der Ewigkeit getan haben würde.

Der Sonntag, welchen wir während der sieben schönen Monate des Frühlings, des Sommers und des Herbstes unabänderlich auf dem Lande zubrachten, war dem Gebet und dem Spazierengehen gewidmet. An diesem Tage hatte ich die Aufsicht über die Kinder, nicht bloß nach dem Frühstück, wie Donnerstags, sondern auch nach dem Mittagsmahle.

Hier bedurften wir keines Jagdwagens. Das am rechten Ufer des Dee zwischen dem Fluß und dem Golf stehende Landhaus ließ uns die Wahl zwischen dem Meeresstrande, um daselbst Muscheln zu suchen und dem Abhang des Flußufers, um daselbst Blumen zu pflücken. Das ganze zwischen dem Fluß und dem Meere liegende Terrain bot uns eine Promenade von ungefähr drei Viertelmeilen.

Hier war die Freiheit für uns noch größer als Donnerstags auf den Wiesen von Hawarden. Es waren im Grunde zwei Sonntage auf fünf Schattentage. Mein Leben ist nicht immer so gut geteilt gewesen.

Eines Tages es war an einem Sonntage in der ersten Woche des Monats Mai 1777 gegen zwei Uhr nachmittags sahen wir, als wir an diesem Tage zum zweitenmal ausgingen, am Meerestrande ein hübsches Boot, welches von vier oder fünf Ruderern bewacht ward. Die Bänke im Hinterteil des Bootes waren mit Teppichen und Sammetkissen belegt.

Einige Schritte von dieser Stelle saß ein Mann auf einem hölzernen Schemel und zeichnete eine Walliserin, die ihr Kind in den Armen hielt. Eine junge Dame stand neben dem Zeichner und sah, ihm über die Schulter schauend, seiner Arbeit zu.

Der Mann und die junge Dame waren, obschon ländlich, doch mit der größten Eleganz gekleidet. Man erriet sofort, daß es Bewohner von London waren, welche sich hierher nach Flintshire verirrt.

Die Kinder liefen, von Neugier getrieben, auf die Gruppe zu. Ich rief sie zurück; so gehorsam sie aber im Hause waren, ebenso eigenwillig und widerspenstig waren sie, wenn sie sich in Freiheit fühlten.

Sie antworteten nicht, sondern setzten ihren Weg fort, bis sie eines an der Seite der Dame, das andere an der Seite des Zeichners standen.

Beide drehten sich um.

»O, das ist ein schönes Kind,« sagte der Zeichner, indem er seine Hand auf den Kopf des kleinen Knaben legte, wie um ihn besser zu sehen.

»Wie heißest du, mein kleiner Freund?«

»Edward,« antwortete der Knabe.

»Und du, kleine Miß?« fragte er das Mädchen.

»Sarah,« antwortete diese.

»Ist das nicht seltsam, Arabella?« sagte der Zeichner zu der Dame, »das sind die Namen meiner beiden Kinder.«

Dann setzte er mit einem Seufzer hinzu:

»Sie standen, als ich sie das letzte mal sah, ungefähr in demselben Alter.«

Und er versank in Nachdenken und schien seine Zeichnung ganz zu vergessen.

Mittlerweile hatten sich die Augen der Dame auf mich gerichtet und schienen fest an meinem Gesicht zu haften.

»In der Tat,« murmelte sie »das ist ein herrliches Wesen. Sieh' doch, Romney!«

Und sie berührte ihn an der Schulter, um ihn aus einem Hinbrüten aufzurütteln. Er schüttelte den Kopf wie ein Mensch, der eine traurige Erinnerung aus seinem Gemüt hinweg zu bannen wünscht.

»Was sagst du, Arabella?« fragte er.

»Ich sage, du sollst dich umdrehen und hinter dich schauen.«

Der Maler richtete nun seinen Blick auf mich und schien im höchsten Grade erstaunt und betroffen zu sein.

»Treten Sie näher, Miß,« sagte die Dame zu mir, »gestatten Sie uns, Sie mit Muße zu betrachten. Sie sind so hübsch, daß Ihr Anblick Vergnügen bereitet.«

Mein Gesicht errötete vor Scham, mein Herz aber hüpfte vor Freuden. Es war jetzt nicht mehr ein kleiner Hirt, welcher mir sagte, daß ich schön sei, es waren nicht mehr neidische Pensionärinnen, welche mich hübsch fanden, während sie mir zugleich Ungeschick und Unbeholfenheit zum Vorwurf machten; es waren vielmehr ein Herr und eine Dame aus der Stadt, welche mich freimütig und ohne Einschränkung bewunderten.

Mechanisch näherte ich mich.

Der Maler bot mir die Hand, ich gab ihm die meinige.

»Und welch' eine Hand, ich will nicht sagen, hat sie, sondern wird sie haben,« fuhr der Maler fort. »Sieh nur, Arabella.«

»O, glaube mir, Romney, daß ich das Mädchen mit ebensoviel Vergnügen betrachte, als du. Eifersüchtig bin ich, Gott sei Dank, nicht. Darf man Sie fragen, wie Sie heißen, Miß?«

»Ich heiße Emma, Madame,« antwortete ich.

»Und wie alt sind Sie?« fragte der Maler.

»Ich soll ziemlich vierzehn Jahre alt sein.«

»Wie, Sie sollen?«

»Ja, genau hat meine Mutter mir mein Alter nie gesagt.«

»Sie ist die Tochter irgendeiner Herzogin,« sagte Romney.

»Nein, Sir!« antwortete ich; »ich bin die Tochter einer einfachen Bäuerin.«

»Und diese beiden Kinder?« fragte die Dame; »sind das Ihre Geschwister?«

»Nein, Madame. Ich bin bei dem Vater dieser Kinder, um sie zu beaufsichtigen und sie im Lesen und Schreiben zu unterrichten.«

»Sage selbst, Romney,« sagte die Dame, indem sie sich zu dem Maler herabneigte, um in gedämpftem Ton mit ihm zu sprechen, »welches Glück würde dieses Mädchen mit einem Gesicht wie dieses in London machen.«

»Ich bitte dich, Versucherin,« entgegnete der Maler, »führe das arme Kind nicht ins Verderben.«

»Dann fuhr er, zu mir gewendet, fort:

»Miß Emma, wären Sie wohl bereit, mir einen sehr großen Dienst zu leisten?«

»Sehr gern, Sir,« antwortete ich. »Was ist es für einer?«

»Wollen Sie mir fünf Minuten stehen, damit ich eine Skizze von Ihnen entwerfen kann?«

»Mit dem größten Vergnügen, Sir!«

»Nun, dann bleiben Sie, wie Sie in diesem Augenblicke sind.«

Ich verharrte in derselben Stellung.

Er drehte sich auf seinem Schemel halb herum und in weniger als zehn Minuten hatte er eine reizende Skizze meiner Person fertig.

Ich folgte dem Bleistift auf dem Papier mit begierigem Blick.

Als die Zeichnung fertig war, hielt der Maler sie mir vor die Augen.

»Erkennen Sie sich, Miß?«

»O,« sagte ich, diesmal vor Freude errötend, »so hübsch bin ich nicht.«

»Tausendmal hübscher sind Sie! Aber sieh, Arabella, um diese durchsichtigen Fleischtöne, um diesen feuchten Blick, um dieses wallende Haar richtig darzustellen, müßte man Ölfarben anwenden. Wenn Sie des Wohnens in der Provinz einmal überdrüssig sein werden, Miß, so kommen Sie nach London und ich gebe Ihnen für eine einstündige Sitzung, die Sie mir wohl bewilligen werden, so viel, als man Ihnen für die Erziehung dieser beiden Kinder auf ein ganzes Jahr gibt.«

»Jetzt nenne mich aber nicht mehr Versucherin, Romney,« sagte die Dame.

»Immer mache deinerseits deine Vorschläge, Arabella, ich hindere dich nicht daran.«

»Wohlan,« fuhr die Dame fort, »wenn Sie nach London kommen, Miß, und sich mit dem Posten einer einfachen Gesellschaftsdame für zehn Pfund monatlich begnügen wollen, so werden Sie mich stets bereit finden, Sie bei mir aufzunehmen. Gib mir ein Stück Papier und einen Bleistift, Romney!«

»Was willst du damit machen?«

»Ich will diesem schönen Kinde meine Adresse geben.«

»Wozu?« fragte Romney, die Achseln zuckend.

»Wer kann es wissen?« entgegnete Arabella.

»Du hättest wirklich den Mut, dieses Antlitz in deiner Nähe weilen zu lassen, Arabella?«

»Warum nicht?« antwortete die Dame mit herausfordernder Miene. »Ich gehöre zur Zahl derjenigen, welche die Vergleiche suchen, anstatt dieselben zu fliehen.«

Dann drehte sie sich nach mir herum und setzte hinzu:

»Hier, Miß, haben Sie auf alle Fälle meine Adresse.«

Und sie bot mir das Papier, auf welchem jetzt die Worte standen: »Miß Arabella, Oxfordstreet 23.«

Ich nahm das Papier, ohne recht zu wissen, was ich damit machen sollte, ohne Absicht, mich desselben zu bedienen, gerade wie Eva vielleicht den Apfel nahm, ohne ihn zu essen.

»Komm, Romney,« sagte die junge Frau, indem sie den Maler nach dem Boote zurückführte, »in einer Stunde erwartet man uns im Park Gate und wir haben die ganze Meerenge zu durchrudern.«

Der Maler erhob sich, warf der Bäuerin, welche ihm Modell gestanden, einen Louis'dor hin, ging zwei Schritte weit an mir vorüber und sagte:

»Wenn Sie nach London kommen, Miß, so ist es gut; kommen Sie nicht, so ist es vielleicht noch besser. »Mittlerweile,« fuhr er, mich mit der Hand grüßend, fort, »leben Sie wohl oder auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen!« rief Arabella, indem sie den Fuß in das Boot setzte.

Und das leichte Fahrzeug entfernte sich, von den vier Rudern getrieben, mit außerordentlicher Schnelligkeit.

Ganz in Gedanken versunken führte ich die Kinder nach Hause zurück.




Viertes Capitel


Wenn man sich der Wirkung erinnert, welche Dick an dem Tage auf mich hervorgebracht, wo er, indem er mir von einem großen Spiegel mit vergoldetem Rahmen erzählte, in welchem ich mich vom Kopf bis zu den Füßen sehen würde, mich in das Zauberreich der Fee Morgana versetzt, so kann man sich einen Begriff von den tollen Visionen machen, welche infolge meiner Unterredung mit dem Maler und seiner schönen Begleiterin in meinem Hirn durcheinanderwirbelten.

Ich verstand nicht die Hälfte der Worte, welche sie miteinander gewechselt, oder die sie an mich gerichtet, wohl aber hatte ich verstanden, daß der Maler mir gesagt, er würde mir fünf Pfund für jede Sitzung geben, die ich ihm bewilligte, und daß Miß Arabella mir zehn Pfund monatlich geben wollte, wenn ich mich dazu verstünde, ihre Gesellschaftsdame zu sein. Wenn ich also nach London ging, so hatte ich Aussicht, förmliche Reichtümer zu erwerben.

Allerdings hieß es keinen hohen Posten bekleiden, wenn man weiter nichts als Gesellschafterin einer Dame war, deren Verhältnisse mir etwas zweifelhaft erschienen. Für mich aber, die arme Tochter einer Bauernmagd, für mich, die ich noch vor drei Jahren die Schafe gehütet, für mich, die verachtete Pensionärin der Mistreß Colman, für mich, die ich jetzt gegen einen Lohn von vier Pence täglich Kinderlehrerin bei Mr. Thomas Hawarden war, für mich konnte es nur als ein großer Schritt zu dem verheißenen Glück betrachtet werden, wenn ich jährlich anstatt sieben oder acht Pfund, deren hundert und noch mehr verdiente.

Und dann London! London mit dem bezaubernden Namen, die Stadt, von welcher alle Welt sprach, wohin alle Welt wollte, wo aller Ehrgeiz mündete, wie jeder Fluß ins Meer; London! war es nicht schon viel, in London zu sein, in einer Stadt von anderthalb Millionen Einwohnern, anstatt in einem Marktflecken von Flintshire, mitten unter den Gebirgen von Wales, in der Nähe der öden Strandflächen des irischen Meeres!

Als ich am Montag früh wieder in Mr. Thomas Hawardens Haus zurückkehrte, erschien mir dieses daher eintöniger als je.

Ein Umstand trug bei, meine Traurigkeit und Unzufriedenheit noch höher zu steigern. Wie gewöhnlich ging ich am nächstfolgenden Donnerstag mit den Kindern auf die Wiese, um sie spielen zu lassen, ich sage spielen zu lassen, denn ich spielte nicht mehr mit ihnen. Ich saß auf einem umgestürzten Baum und irrte im Geiste in jener großen Stadt umher, welche jetzt das Ziel aller meiner Wünsche war, als ich das Geräusch von Tritten und plaudernde Stimmen hörte, welche mir immer näher kamen.

Ich richtete den Kopf empor. Es waren meine früheren Mitschülerinnen, welche ihre Schritte nach der Richtung lenkten, in welcher ich mich befand.

Seit meinem Austritt aus dem Pensionat hatte mir der Zufall keine meiner Mitschülerinnen wieder in den Weg geführt, dafür brachte er sie mir heute alle auf einmal.

Ich erhob mich, um Mistreß Colman zu grüßen. Sie schien mich kaum noch zu kennen und erwiderte meinen Gruß durch ein leichtes Kopfnicken, ohne ein Wort an mich zu richten. Meine drei Feindinnen aber erkannten mich. Indem sie an mir vorübergingen, sagte die größte, welche Clarisse Danby hieß, zu Clara Sutton, ihrer Nachbarin:

»Sieh, da ist unsere ehemalige Genossin Emma Lyons! Wie es scheint, verdient sie mit dem Kinderwarten auch nicht mehr als wie mit dem Schafhüten, denn sie hat noch ihr Kleid aus der Pension an.«

Und alle drei schlugen ein lautes Gelächter auf.

Einige der jüngeren Pensionärinnen erkannten mich, aber nur eine einzige verließ die übrigen, kam auf mich zu und umarmte mich. Sie hieß Fanny Campbell und war die Tochter eines Marinesergeanten.

Zweiundzwanzig Jahre später rettete dieser Kuß ihrem Bruder das Leben, dennoch aber wischte er nicht den Spott hinweg, der ihm vorangegangen war.

Ja, man hatte recht. Ich trug noch mein Kleid aus der Pension. Ich hatte das für die Sonntage bestimmte so geschont, daß es noch ganz gut war und es war mir auf diese Weise möglich geworden, die zwölf Schillinge, die ich monatlich erhielt, auf die Seite zu legen. Dies war mein Schatz, das heißt die Freiheit.

Ich hatte, seitdem ich bei Mr. Hawarden war, sonach sechs Pfund Sterling gesammelt. Meine sechs Goldstücke lagen in einem Schubfach der Kommode meines Zimmers verwahrt, zu welchem ich den Schlüssel stets bei mir trug, obschon dies in Mr. Hawardens Hause eine sehr überflüssige Vorsicht war, denn man hätte hier den Diamanten des Großmoguls ruhig auf offenem Tische liegen lassen können, ohne fürchten zu müssen, daß ihn jemand sich aneignete.

Ja, ich trug immer noch dasselbe Kleid, Clarisse Danby hatte die Wahrheit gesprochen. Wenn ich aber nach London ging, wenn ich Gesellschaftsdame bei Miß Arabella ward, wenn ich zehn Pfund monatlich bekam, wenn ich Mr. Romney, dem Maler, Modell stand, und wenn er mir für jede Sitzung fünf Pfund bezahlte, so konnte ich alle Monate, alle vierzehn Tage, ja alle Tage ein neues Kleid anziehen.

Nie bemächtigte sich eine Versuchung eines Frauenherzens rascher als die, welche mich in diesem Augenblick beschlich. Ich betrachtete den Zettel, den ich in meinem Halstuch verwahrt trug, und wiederholte wohl zehnmal:

»Miß Arabella, Oxfordstreet, 23.«

Übrigens hätte ich dieses Papier auch ohne Nachteil verlieren können, denn die Adresse stand auf unauslöschliche Weise in meinem Hirn eingegraben.

Als ich wieder in Mr. Hawardens Haus zurückkam, fand ich hier einen neuen Gast vor. Es war dies Mr. James Hawarden, der Sohn, derselbe, der, wie ich schon gesagt, Wundarzt in London war und in Leicester Square wohnte. Er kam eben von London. Er wollte acht Tage bei seinem Vater bleiben.

Acht Tage lang sollte ich also von London sprechen hören!

Mein Gesicht äußerte auf ihn dieselbe Wirkung, die es auf alle anderen Leute äußerte. Er richtete allerhand Fragen in bezug auf meine Familie und mich selbst an mich. Er fragte, was ich in Zukunft zu tun gedächte und warum ich nicht nach London ginge. Er wollte, sagte er, mir ein passendes Unterkommen verschaffen. Dann, und während mein Herz vor Begierde und Hoffnung pochte, und mir die Brust zu sprengen drohte, setzte er, nachdem er mich einen Augenblick lang mit einem Blick inniger Teilnahme betrachtet, hinzu:

»Nein; jedenfalls ist es besser, wenn Sie nicht hinkommen.«

Gern hätte ich ihn näher befragt, aber in Mr. Hawardens Gegenwart wagte ich es nicht. Endlich fügte es der Zufall, daß dieser das Zimmer verließ.

Kaum hatte die Tür sich hinter ihm geschlossen, so entschlüpften mir auch schon die Worte:

»Kennen Sie vielleicht Mr. Romney?«

»Welchen Romney?« fragte Mr. James Hawarden.

»Nun, den Maler,« antwortete ich. »Ah, wer kennt Romney nicht? Er ist ja der größte Porträtmaler der Neuzeit.«

Dann zuckte er die Achseln und setzte hinzu:

»Welch' ein Unglück!«

Ich sah ihn an und befragte ihn mit den Augen, denn mit dem Munde wagte ich es nicht.

»Ja,« fuhr er fort, »welch' ein Unglück, daß ein so großes Genie sich bei diesem Manne im Bunde mit so großer Immoralität zeigt. Er hatte eine anbetungswürdige Frau und zwei reizende Kinder, hat aber die eine wie die anderen verlassen, um mit Theaterdamen und Kurtisanen zu leben, welche seine Gesundheit ruinieren, und sein Geld verschwenden. Für seine Kunst ist ihm allerdings nichts zu teuer. Er würde ein Modell mit fünfundzwanzig Pfund Sterling bezahlen, wenn es ihm eine neue Schönheit darböte. Woher aber kennen Sie Romney?«

»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich errötend. »Es war bloß eine Verwandte von ihm in der Pension, in welcher ich mich befand.«

Mr. Hawarden trat wieder ein und ich schwieg. Der strenge Puritaner würde es sehr gemißbilligt haben, daß ich mit seinem Sohne eine Konversation über dergleichen Dinge führte.

Ich sprach überhaupt mit Mr. James Hawarden nicht wieder über Romney. Ich wußte ja nun alles, was ich wissen wollte. Mr. Hawarden hatte es mir selbst gesagt. Er war imstande, ein Modell, welches ihm irgend eine neue Schönheit darböte, mit fünfundzwanzig Pfund Sterling zu bezahlen.

Ich enthielt mich, mit ihm von Miß Arabella zu sprechen. Ich wollte nicht wissen, was sie eigentlich war, denn der Zweifel gestattete mir, von ihrem Anerbieten Gebrauch zu machen.

War übrigens das erste Wort aller, die mich sahen, nicht, daß ich nach London gehen sollte? Ebenso aber nahm auch jeder, nachdem er mehr über die Sache nachgedacht, seine Worte zurück und riet mir ab.

Was hatte London denn so Furchtbares? Auf die anderthalb Millionen Menschen, welche London bewohnten, kamen wenigstens zwei- bis dreihunderttausend junge Mädchen von meinem Alter. Waren diese denn deshalb, weil sie in London wohnten, verloren?

Nach Verlauf von acht Tagen reiste Mr. James Hawarden wieder ab. Sein Interesse an mir hatte sich während seines Aufenthaltes bei seinem Vater nur gesteigert, und als er mich verließ, sagte er, wenn ich jemals – obschon er es nicht wünschte – nach London käme, so bäte er mich, ihn nicht zu vergessen.

Es stand durchaus nicht zu fürchten, daß ich ihn vergäße. Ich hatte seine Adresse meinem Gedächtnis eben so eingeprägt wie die Miß Arabellas.

Einige Tage nach seiner Abreise fügte es der Zufall, daß ich, als ich das Haus verließ, um die Kinder, welche bei einer Verwandten von Madame Hawarden waren, abzuholen, an dem Laden des Spiegelhändlers vorbeikam, von welchem Dick mir vor vier oder fünf Jahren erzählt. Ich schrak förmlich zusammen, als ich mich in dem an einer Tür des Ladens ausgestellten Spiegel in Lebensgröße erblickte. Unwillkürlich blieb ich, wie durch mein eigenes Bild bezaubert, stehen.

In diesem Augenblick fühlte ich, daß man mich an der Schulter berührte. Ich drehte mich herum und erkannte Amy Strong, die ich seit beinahe einem Jahre nicht gesehen.

Sie war, ohne gerade elegant, doch besser gekleidet, als ihrem Stande zukam, und ich betrachtete sie daher mit Erstaunen.

Sie sah, daß ich im Begriff stand sie auszufragen. Sie ließ mir nicht Zeit dazu.

»Was machst du hier?« sagte sie zu mir.

Ich lachte.

»Du hast es doch gesehen,« antwortete ich.

»Ja, du betrachtetest dich in einem Spiegel, du fandest dich schön und du hattest recht. Ich möchte auch so schön sein wie du; dann wüßte ich wohl, was ich täte.«

»Und was würdest du tun?«

»Ich würde dann in dem Fürstentum Wales nicht mehr lange bleiben.«

»Wo würdest du denn hingehen?«

»Nach London. Alle Welt sagt, daß man mit einem hübschen Gesicht in London sein Glück macht. Geh doch hin, und wenn du Millonärin bist, so machst du mich zu deiner Kammerzofe.«

Ich stieß' einen Seufzer aus.

»Lust dazu hätte ich schon,« sagte ich.

»Nun, was hält dich dann ab?«

»Wie willst du, daß ich in meinem Alter allein nach London reise?«

»O, wenn es dir bloß an einer Reisegefährtin fehlt, so bin ich ja da.«

Ich sah sie an.

»Sprichst du im Ernste?« fragte ich sie.

»In vollem Ernste.«

»Aber man braucht viel Geld, um nach London zu gehen.«

»Nein, im Gegenteile, es kostet nicht viel. Man kann für ein Pfund hingelangen. Ich habe mich in Chester schon erkundigt. Für ein Pfund bekommt man einen Platz im Innern der Personenpost; wir nehmen zwei Plätze für zwei Pfund und in drei Tagen sind wir in London.«

»Aber deine Mutter?«

»Meine Mutter?« wiederholte Amy, den Mund verziehend. »Mit dieser bin ich, seitdem ich den Pachthof verlassen, nicht recht einig.«

»Dann bist du also nicht mehr bei Mistreß Rivers?«

So hieß die Pächterin, bei welcher Amy früher diente.

»Nein. Es wird am besten sein, wenn ich dir sogleich alles sage. Denke dir, daß ihr Sohn Charles, welcher Midshipman ist, sie besuchte und während seines Aufenthalts bei seiner Mutter mir den Hof machte. Ich fand Charles sehr hübsch und ließ mir seine Aufmerksamkeiten gefallen. Seine Mutter nahm das übel und jagte mich fort. Charles glaubte, er sei mir für den Dienst, um welchen er mich gebracht, eine Entschädigung schuldig und ehe er sich wieder auf sein Schiff begab, schenkte er mir fünfzehn Pfund. Fünf davon habe ich ausgegeben, um mir Kleider zu kaufen, deren ich sehr bedurfte. Folglich habe ich noch zehn. Willst du mit mir nach London kommen? Ich gebe dir fünf davon. O, du wirst mir sie schon wieder geben, dies soll mir durchaus keine Sorge machen.«

»Ich danke dir, Amy,« antwortete ich. »Ich bin aber beinahe eben so reich als du. Ich habe sieben Pfund im Vermögen.«

»Du hast sieben Pfund und ich habe deren zehn! Dann haben mir also zusammen siebzehn Pfund. Damit können wir ja eine Reise um die Welt machen, abgesehen davon, daß Charles sich an Bord eines Admiralschiffes befindet.«

»O,« sagte ich zu ihr. »wenn ich gewiß wüßte —«

»Was denn?« fragte Amy.

»Ob die Dame, welche mir ihre Adresse gegeben, wieder nach London zurückgekehrt ist.«

»Eine Dame hat dir ihre Adresse gegeben?«

»Ja.«

»Und sie wohnte in London?«

»Ja.«

»Und zu welchem Zweck hat sie dir ihre Adresse gegeben?«

»Ich soll Gesellschafterin bei ihr werden. Sie bietet mir zehn Pfund monatlich.

»Zehn Pfund monatlich und du zögerst noch!«

»Ich habe dir ja schon gesagt, daß ich sie vor kaum vierzehn Tagen am Meeresstrande, nicht weit von Mr. Hawardens Hause sah.«

»Wo wohnte sie denn hier?«

»Ich hörte, daß sie von Park Gate sprachen.«

»Sie sprachen? Dann war sie also nicht allein?«

»Nein, sie war von einem Maler begleitet, welcher seinerseits sich erbot, mir allemal, wenn ich ihm eine Stunde Modell stünde, fünf Pfund zu geben.«

»Wie! Du hast eine Dame gefunden, welche dir zehn Pfund monatlich bietet, wenn du ihre Gesellschafterin sein willst, und einen Maler, welcher dir fünf Pfund für die Sitzung bietet, und du hast dies alles zurückgewiesen! Wenn du katholisch wärest, so würde ich vermuten, daß du einmal nach dem Tode heiliggesprochen sein wolltest. Laß' uns unverweilt aufbrechen, Emma. Du wirst erst dein Glück und dann das meinige machen.«

»Wenn es nur möglich wäre zu erfahren, ob sie noch in Park Gate, oder ob sie wieder abgereist sind.«

»Nichts leichter als dies.«

»Wieso?«

»Nun, haben wir nicht Dick, der auch gern nach London gehen möchte, und den wir, da wir reich sind, mit in den Kauf nehmen werden? Welchen Tag gehst du mit deiner Herrschaft auf's Land?«

»Alle Sonntage.«

»Nenne mir die Namen deines Malers und deiner Dame.«

»Der Maler heißt Mr. Romney, die Dame Miß Arabella.«

»Mr. Romney Miß Arabella und im Park Gate nachfragen, ob sie noch da sind? Sei unbesorgt, ich werde nichts vergessen; Sonnabend abends reise ich mit Dick nach Chester. Sonntag zehn Uhr morgens werde ich am Meerestrande spazieren gehen, dort werden wir uns treffen und ich gebe dir Antwort.«

»Aber du wirst Dick um seinen Dienst als Schafhirt bringen.«

»O, Dick hütet die Schafe schon längst nicht mehr.«

»Was macht er denn?«

»Das weiß ich selbst nicht recht. Wahrscheinlich treibt er ein wenig Schmuggelhandel.«

»Ach, mein Gott, die Schmuggler kommen ja auf die Galeeren!«

»Ja, wenn man sie ertappt. Dick aber ist schlau und läßt sich nicht erwischen. Da er jedoch anfängt an unserer Küste sehr bekannt zu werden, so wäre es ihm nicht unlieb, ein wenig anderswohin zu können. Also Sonntag?«

»Ja, Sonntag! aber versprechen kann ich dir nichts.«

»Wer verlangt denn, daß du etwas versprechen sollst? Wenn wir dort sind, werden wir sehen. Auf alle Fälle vergiß weder dein Geld noch deinen Koffer.«

Und Amy entfernte sich mit sorglosem, leichtem Tritte, welcher bewies, daß sie, was sie selbst betraf, mit sich vollkommen einig war.

Ich blieb einen Augenblick unbeweglich und gedankenvoll noch auf derselben Stelle stehen; dann entfernte ich mich ebenfalls nachdem ich noch einen letzten Blick in den großen Spiegel geworfen.

Unglücklicherweise gab mir der Spiegel denselben Rat wie Amy Strong.




Fünftes Capitel


Am nächstfolgenden Sonntage gingen wir wie gewöhnlich und zu derselben Stunde wie am Sonnabende vorher auf's Land. Das Pferd erhielt die drei gewohnten Peitschenhiebe und nach Verlauf von zwei Stunden zehn Minuten stiegen wir aus.

Ich hatte Amy's Ratschläge nicht vergessen. Ich hatte meine sieben Pfund mitgenommen, zu welchen mittlerweile noch die zwölf Schillinge gekommen waren, welche Mr. Thomas Hawarden mir am Tage vorher ausgezahlt. Nur bedurfte ich nicht eines Koffers, um meine Garderobe zu verwahren, sondern eine mit den vier Zipfeln zusammengebundene Serviette genügte vollkommen.

Es wäre schwierig, die Gefühle auszudrücken, welche in mir erwachten, als ich das Haus betrat, welches ich jetzt vielleicht zum letzten Male wiedersah, wo ich wahrscheinlich meine letzte Nacht verbrachte, um mich dann in der folgenden als Flüchtling davon zu entfernen, ohne zu wissen, wohin ich ginge und in welche neue und unbekannte Welt ich mich unter der Obhut jener launenhaften Gottheit hineinwagte, welche man den Zufall nennt.

Ich überlegte für den Fall, daß meine Flucht fest beschlossen wäre, worin die Hindernisse bestünden, die ich zu überwinden haben würde. Unglücklicherweise waren dieselben nicht von der Art, daß ein so überspannter Kopf wie der meinige dadurch hätte aufgehalten werden können.

Die Kinderstube, welche auch zugleich mein Zimmer war, befand sich im Erdgeschosse und ging in den Garten. Die Tür des Gartens führte auf den Strand und auf diesem Strande konnten Amy und Dick, welche ihrerseits keiner Überwachung unterworfen waren, mich erwarten.

Am nächstfolgenden Tage zu der verabredeten Stunde war ich mit am Strande. Dick und Amy erwarteten mich gerade an der Stelle, wo ich einen Monat vorher Mr. Romney und Miß Arabella begegnet war.

Sie hatten, wie ich nun hörte, Park Gate schon vor drei Wochen verlassen. Wohin sie gereist waren, konnte man nicht sagen; da sie sich aber nach Chester hatten fahren lassen, so stand mit Wahrscheinlichkeit zu vermuten, daß sie nach London gegangen waren.

Amy war der Meinung, daß wir auf alle Fälle abreisen müßten. Es war dies auch die Meinung Dicks, dem noch mehr als seiner Schwester daran zu liegen schien, sich von der irischen Küste so bald als möglich zu entfernen.

Da sonach von drei Stimmen zwei sich für die Abreise erklärten, so trug die Majorität den Sieg davon.

Die Personenpost ging am nächstfolgenden Tage früh sechs Uhr ab und Amy war so vorsichtig gewesen, unsere zwei Plätze im Inneren und den ihres Bruders auf dem Dache zu bestellen.

Um Mitternacht – eher fortzukommen war mir unmöglich – sollten Amy und ihr Bruder an der Tür des Gartens sein. Ein Boot sollte uns erwarten und uns nach Chester bringen, wo wir wenigstens eine Stunde vor Abgang der Personenpost anlangen mußten.

Nachdem diese Verabredung getroffen war, entfernten sich Amy und Dick.

Der Tag verging mit seiner gewöhnlichen Regelmäßigkeit. Ich habe oft bemerkt, daß nichts schneller vergeht als die regelmäßigen Tage oder vielmehr, wenn sie einmal vorbei sind, nichts schneller zu sein scheint, weil, da sie durch kein hervorragendes Ereignis bezeichnet werden und nur unbestimmte Erinnerungen zurücklassen, diese Erinnerungen in der grauen, monotonen Färbung eines Lebens ohne Freude und ohne Schmerzen sich vermischen.

Der Abend kam. Man brachte die Kinder zur gewohnten Stunde zu Bett. Ich aß mit Mr. und Mistreß Hawarden zu Abend und kehrte dann Schlag zehn Uhr in mein Zimmer zurück.

Ich hatte die Vorsicht gebraucht, mir vorher Feder, Tinte und Papier hineinzutragen, denn ich hatte zwei Briefe zu schreiben, den einen an Mr. Hawarden, den andern an meine Mutter.

Ich schrieb an Mr. Hawarden, um ihm für die Güte zu danken, die er mir bewiesen, und um ihm zu sagen, daß ich niemals das Jahr vergessen würde, welches ich so glücklich gewesen, in seinem Hause zu verleben. Infolge eines Wunsches, der mächtiger wäre, als mein Wille, würde ich jedoch nach jenem Lande der Chimären gelockt, welches man London nennt. Ich ginge, mich seinem Gebet und dem seiner Gattin empfehlend, fort wie ein Seefahrer, der in ein gebrechliches Fahrzeug steigt und in ein ihm unbekanntes Meer hineinsteuert.

An meine Mutter schrieb ich, daß ich, weil ich in London bei einer reichen Dame anderweite Auseinandersetzungen fügte ich nicht hinzu einen ganz ausgezeichneten Platz gefunden hätte, der mir zehn Pfund Sterling monatlich eintragen würde, nach dieser Stadt abreiste. Wenn der Platz, fügte ich hinzu, wirklich so wäre, wie man mir gesagt, so würde ich nicht säumen, ihr meine Dankbarkeit für die Mühe und Sorgfalt zu beweisen, welche sie auf meine Erziehung verwendete. Ich sagte noch und dies war auch beinahe wahr wenn ich ihr noch nichts von diesem Platze gesagt, und wenn ich nicht persönlich von ihr Abschied nähme, so läge der Grund darin, daß ich, wenn sie mich einmal wieder in ihren Armen hielte, nicht mehr den Mut haben würde, mich von ihr zu trennen.

Nachdem ich diese Briefe geschrieben, versiegelte ich sie, schrieb die Adressen darauf und fühlte mich nun ein wenig ruhiger. In einem anderen Hause hätte ich fürchten können, daß die Herrschaft sich vielleicht später zu Bett legte als gewöhnlich, oder daß ein verspäteter Arbeiter mir im Garten begegne. In Mr. Hawardens Haus herrschte aber zu große Pünktlichkeit, als daß mir ein Unfall dieser Art hätte begegnen können.

Ich hörte es elf und dann halb zwölf in der Uhr im Speisezimmer schlagen, die ebenso genau gestellt wurde wie die Mr. Hawardens in der Stadt, ausgenommen daß sie anstatt Sonnabends mittags erst Sonntags zu derselben Stunde aufgezogen wurde.

Ich ließ noch ziemlich zehn Minuten vergehen. Ich küßte die beiden Kinder, welche durch die Regelmäßigkeit, womit sie schliefen, ihre unbestreitbare Abkunft verrieten. Dann öffnete ich das Fenster und stieg in den Garten hinaus, worauf ich die beiden Flügel, wenn auch nicht wieder zu schließen, doch möglichst fest anzudrücken suchte.

Am Fuße des Fensters mußte ich einen Augenblick stehen bleiben. Obschon ich nicht viel zu fürchten hatte, so pochte mir das Herz doch gewaltig. Übrigens war die Nacht dunkel und seitdem ich Hawarden bewohnte, hatte ich mir wieder die kindische Furcht angewöhnt, welche die Finsternis einflößt; eine Furcht, die ich, als ich auf dem Pachthofe war und ganze Tage im Gebirge zubrachte, niemals empfunden hatte.

Nach einigen Sekunden schwand diese Furcht, welche ihren Grund mehr in dem Schritt, den ich tat, als in den Verhältnissen hatte, unter welchen er geschah, aus meinem Gemüt hinweg. Meine Augen gewöhnten sich an das Dunkel. Dank dem Kies, womit der Weg bestreut war, sah ich denselben sich vor mir hinschlängeln wie ein langes graues Band.

Dieses Band führte gerade nach der Gartentür, durch welche hinaus man auf den Meeresstrand gelangte. Ich begann auf diese Tür zuzueilen. Als ich an derselben angelangt war, blieb ich stehen. Es war mir, als hätte ich auf der andern Seite der Wand sprechen hören. Es war dies jedoch durchaus nicht zu verwundern, da ja Dick und Amy mich hier erwarten sollten. Ich atmete wieder auf und fragte leise:

»Bist du es, Amy?«

Amys Stimme antwortete mir bejahend. Überdies hörte ich dieselbe Stimme, welche zu Dick sagte:

»Sie ist es; sie ist da.«

Es war augenscheinlich, daß trotzdem, was diesen Morgen verabredet worden, die beiden Geschwister gefürchtet hatten, ich würde nicht Wort halten.

Ich öffnete die Tür und brauchte zu diesem Zwecke bloß den Schlüssel umzudrehen. In der Tat war wohl nie eine Flucht, welche so seltsame Resultate zur Folge haben sollte, von so wenigen romantischen Abenteuern begleitet.

Hinter der Tür standen Dick und Amy. Ich bemerkte, daß Dick mit einer Kugelbüchse und mit einem Paar Pistolen bewaffnet war. Er war jetzt ein großer, starker Bursche von achtzehn Jahren, und schien viel Mut und Entschlossenheit zu besitzen.

Wir machten die Tür wieder zu. Dick, der sich des Schlüssels bemächtigte, verschloß sie von außen, damit, wenn wir fort wären, niemand in den Garten gelangen könnte, und warf den Schlüssel über die Mauer.

Ein kleines Boot erwartete uns, auf dem Strand liegend, in einer Entfernung von wenigen Schritten. Wir, Amy und ich, stiegen hinein. Dick schob es in das Wasser und sprang in dem Augenblick, wo es sich auf dem Meeresspiegel zu schaukeln begann, ebenfalls mit hinein. Dann bemächtigte er sich der Ruder und begann dieselben kräftig zu handhaben.

Es war, wie ich mich entsinne, in einer schönen Nacht des Jahres 1777, in der Nacht vom 15. zum 16. Juli, wo ich dieses friedliche Haus, welches ich nicht wieder sehen sollte, verließ und von allen meinen Erinnerungen der Jugend und Unschuld schied, die sich mir hinfort nur noch im Traume vergegenwärtigen sollten, so daß ich wie Francesca von Rimini sagen konnte: »Die bitterste Erinnerung im Schmerz ist die Erinnerung an die Tage des Glücks.«

Siebenunddreißig Jahre sind seit jener Nacht vergangen, aber wenn ich die Augen schließe und mich in meine Gedanken versenke, so ist es mir, als wäre es erst gestern gewesen, und ich sehe alle jene Gegenstände wieder, welche in jenem Augenblick mir ins Auge fielen und mein Gemüt beschäftigten.

Der Himmel war schwarz, aber nur infolge der Abwesenheit des Mondes. Tausende von Sternen funkelten in dem dunklen Azur und spiegelten sich in dem noch dunklern der Fluten des Meerbusens.

Mr. Hawardens Haus, an welchem wir still vorbeiglitten, indem wir eine sich schnell wieder verlierende Furche hinter uns ließen, hob sich zu unserer Rechten ab wie eine graue Masse.

Auf dem Gipfel des kleinen Hügels an der Küste, welche wir soeben verlassen, schimmerte ein Leuchtfeuer und auf der entgegengesetzten Küste bellte ein Hund in einem unsichtbaren Gehöft.

Gegen drei Uhr landeten wir am anderen Ufer des Meerbusens.

Dick ruderte sein Boot in die Nähe einer kleinen am Strande liegenden Schaluppe. Auf sein Anrufen richteten zwei Männer sich empor. Er wechselte einige Worte mit ihnen, übergab ihnen seine Waffen, drückte dem einen die Hand, umarmte den andern und reichte uns die Hand, um uns beim Aussteigen behilflich zu sein.

Wir schlugen den Weg nach Chester ein, welches ungefähr eine Stunde Weges von dem Strande entfernt lag. Für Landbewohner wie wir war eine Stunde Weges eine Kleinigkeit. Ich trug mein kleines Paket. Das Amys, welches ein wenig umfangreicher war als das meinige, ward von Dick getragen, welcher höchstwahrscheinlich für seine Person nichts weiter besaß, als was er auf dem Leibe trug.

Mit Tagesanbruch kamen wir in Chester an. Dick führte uns in eine Art Wirtshaus, welches nicht weit von dem Personenpostbureau stand. Amy und ich genossen hier jede eine Tasse Milch. Dick, der weniger der Lebensweise der Hirten huldigte als wir, trank ein Glas Branntwein. Die Stunde verging wohl oder übel und um sechs Uhr stiegen wir in den Postwagen.

Auf der Reise ereignete sich nichts, was hier besonders erwähnt zu werden verdiente. Wir passierten mehrere größere Städte Englands, Lichfield, Coventry, Oxford, und am dritten Tage, gegen vier Uhr nachmittags, langten wir in London an.

Dick hatte die Adresse eines kleinen Gasthauses, wo einige Erkennungsworte ihm sofortigen Willkommen bereiten mußten, denn der Wirt des Gasthauses stand, wie es schien, mit sämtlichen Schleichhändlern der Küste in Verbindung.

Dieses Gasthaus stand in Billiers-Street, einer kleinen Straße, die einerseits an die Themse, andererseits an den Strand stößt.

Ich gestehe, daß ich bei meinem Einzug in London mehr Schrecken als Bewunderung fühlte. Die sich nach allen Richtungen kreuzenden Wagen, dieses Getöse, unter welchem das des Donners vergebens versuchen würde, sich hörbar zu machen, diese mehr rennenden als gehenden Fußgänger, die Atmosphäre, welche, anstatt rein und durchsichtig wie auf dem Lande zu sein, jetzt grau und dick geworden war, das erbärmliche Gasthaus endlich, in welchem wir nach einer Reise von sechzig Stunden abstiegen, alles dies war nicht geeignet, meine Träume auf poetische oder goldene Weise zu verwirklichen.

Dick verlangte für Amy und mich ein Zimmer.

Da die Ungewißheit, in welcher ich mich in bezug auf die Anwesenheit der Miß Arabella in London befand, mir keinen Augenblick Ruhe ließ, so nahm ich, sobald ich Toilette gemacht und während Amy ausruhte, Dicks Arm und ließ mich von ihm nach Oxfordstreet führen.

Dick kannte den Weg, der nach diesem Ziele aller meiner Hoffnungen führte, ebensowenig als ich. Er erkundigte sich jedoch und dank seiner auf dem Wege, den wir zu verfolgen hatten, jeden Augenblick erneuten Fragen gelangten wir binnen weniger als einer Viertelstunde nach Oxfordstreet.

Die Nummer 23 stand auf der Tür eines allerliebsten kleinen Hotels eingraviert, und man sah durch das Gittertor hindurch und über den Hof hinweg das üppige Grün eines Gartens.

Ein Schweizer in kostbarer Livree stand unter dem Haupteingang. Nur mit einer gewissen Furcht richtete ich das Wort an eine Persönlichkeit, die mir so bedeutend erschien, und fragte sie mit vor doppelter Gemütsbewegung zitternder Stimme, ob Miß Arabella in London sei.

»Was wollen Sie von Mylady?« fragte der Schweizer.

»Ich hatte vor ungefähr einem Monate die Ehre sie in Chester zu treffen,« antwortete ich. »Sie sagte mir, ich sollte sie in London aufsuchen und hier ist die Adresse, welche sie mir gegeben.«

Der Schweizer zog die Schnur einer Glocke, die Glocke läutete und eine Art Zofe, eine Frau von etwa vierzig Jahren, kam die Treppe herunter.

»Antworten Sie diesem jungen Mädchen, Mistreß Norton,« sagte der Schweizer, indem er seine würdevolle Haltung und seine majestätische Unbeweglichkeit wieder annahm.

Ich wiederholte der Dienerin, was ich zu dem Schweizer gesagt, und überreichte ihr die Adresse, welche Miß Arabella mir gegeben.

»Ja, das ist in der Tat Mylady's Handschrift,« sagte die Dienerin, nachdem sie gelesen, »unglücklicherweise ist sie jetzt nicht in London.«

»O mein Gott! Wo ist sie denn? Ich bin ja einzig und allein in der Absicht nach London gekommen, um sie aufzusuchen.«

»Der letzte Brief, den wir von ihr erhalten haben, war von Dover. Sie meldete uns darin, daß sie sich nach Frankreich einschiffte.«

»Und,« fragte ich, während diese erste Täuschung mir das Herz zusammenschnürte, »wissen Sie nicht, wann sie vielleicht wiederkommt?«

»Nein, es ist bloß wahrscheinlich, daß sie zur Zeit der Wettrennen wieder hier sein wird.«

»Und wann werden diese Wettrennen stattfinden?«

»Vom 15. bis 25. August.«

»Was sollen wir tun?« fragte ich Dick, indem ich mich nach ihm herumdrehte.

»Wir können weiter nichts tun, als warten,« antwortete er.

»Wenn Sie Ihren Namen aufschreiben wollen, Miß,« sagte die Dienerin, »so wird man, sobald Mylady zurückkommt, ihr denselben geben.«

»Das werde ich sehr gern tun.«

Mit diesen Worten trat ich in die Loge des Schweizers und schrieb auf ein Blatt Papier:

»Emma Lyonna.«

»Sie werden die Güte haben,« setzte ich hinzu, »Mylady zu sagen, daß das junge Mädchen dagewesen ist, welchem sie in Wales am Meeresstrande begegnet ist und welchem sie ihre Adresse mit der Aufforderung gegeben, sie in London zu besuchen.«

»Und wo wird man Sie finden, wenn Mylady befiehlt, daß man Sie suche?«

»Das weiß ich selbst noch nicht und ich weiß auch nicht, was mittlerweile aus mir werden wird.«

»Vor der Hand,« setzte Dick hinzu, »wohnen wir —« Ich unterbrach ihn, denn ich begriff sofort, daß die Nennung unserer Herberge uns eben nicht sonderlich zur Empfehlung gereichen würde.

»Vor der Hand,« sagte ich, »wird man bei Mr. James Hawarden, Chirurg in Leicester Square, stets erfahren können, wo ich bin. Wünschen Sie, daß ich die Adresse dieses Herrn unter meinem Namen schreibe?«

»Das ist nicht nötig. Er hat Tom kuriert, als dieser das Bein gebrochen hatte.«

»Ich danke. Und nun,« sagte ich zu Dick, »sei so gut, mich zu Mr. Hawarden zu führen.«

Dick erkundigte sich nach dem Wege, den wir nun einzuschlagen hätten. Glücklicherweise war Leicester Square nicht sehr weit von Oxfordstreet entfernt und wir lenkten unsere Schritte sofort nach dem neuen Ziele.




Sechstes Capitel


Mr. James Hawarden war nicht zu Hause, doch sollte er noch vor sieben Uhr zurückkommen und es war jetzt halb sechs.

Man forderte mich auf, so lange zu warten.

Ich bat Dick, in unser Gasthaus, welches nicht weit von Leicester Square entfernt sein konnte, zurückzukehren und mich in einer Stunde abzuholen. In der Tat lag Leicester Square am Wege und ungefähr auf der Hälfte von Oxfordstreet bis zur Themse, auf welche die Fenster unseres Zimmers gingen.

Nach Verlauf einer halben Stunde hörte ich drei- oder viermal an die Tür pochen. Es war der Hausherr, welcher zurückkam und sich auf diese Weise ankündigte.

Er trat in die Art Sprechzimmer, wo ich ihn erwartete, und obschon es mittlerweile beinahe Abend geworden war, so erkannte er mich doch sofort. »Ah, Sie sind es, mein schönes Kind!« sagte er zu mir mit einem Lächeln, welches einen gewissen Anflug von Wehmut hatte.

»Ich dachte mir, als ich Hawarden verließ, wohl, daß ich Sie bald in London sehen würde.«

»Ist das ein Vorwurf, den Sie mir da machen, Sir?« fragte ich ihn.

»Nein, die Jugend ist abenteuersüchtig und die Schönheit hat ihre glücklichen oder verderblichen Geschicke, denen sie nicht entrinnen kann. Wollen Sie mit in mein Kabinett kommen? Dort können wir besser plaudern und ich vermute, daß Sie mir mancherlei mitzuteilen haben werden.«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, mich anzuhören, ja, Sir.«

»Nun so kommen Sie, mein Kind.« Mit diesen Worten ergriff er einen Armleuchter mit drei Kerzen und ging mir voran.

Wir traten in ein einfaches, aber zugleich elegantes Kabinett und nahmen darin Platz.

»Nun, Sie sind also da,« hob er dann an, »was gedenken Sie hier zu tun?«

»Sir,« sagte ich zu ihm, »als ich Sie fragte, ob Sie Mr. Romney kennten, und ich Ihnen sagte, er wäre mit einer der Pensionärinnen bei Mistreß Colman verwandt, belog ich Sie.«

Mr. Hawarden lächelte in eigentümlicher Weise.

»Sie irren sich, Sir,« sagte ich errötend.

»Ich habe Mr. Romney nur ein einziges mal gesehen. Er war am Meeresstrande in Gesellschaft einer Dame, welche Miß Arabella hieß.«

»Ja,« sagte Mr. Hawarden, »man hat mir allerdings erzählt, daß er mit ihr herumstreicht.«

»Jetzt,« hob ich wieder an, »lassen Sie mich Ihnen die Wahrheit sagen.«

Ich erzählte ihm nun unsere Begegnung in allen ihren Einzelheiten, wie Miß Arabella mir ihre Adresse gegeben und welche Anerbietungen wir beide gemacht.

Ich sagte ihm, ohne ihm etwas zu verschweigen, wie ich das Haus seines Vaters verlassen, wie ich nach London gekommen sei und welchen vergeblichen Besuch ich soeben in Oxfordstreet gemacht.

Er ließ mich reden, dann sah er mich fest an, und faßte meine beiden Hände in die seinigen.

»Mein Kind,« sagte er in sehr sanftem, aber zugleich gewissermaßen feierlichem Tone, »wenn man so alt ist, wie Sie und Ihre Schönheit besitzt, so gibt es zwei Wege, welche man im Leben verfolgen kann. Der eine führt einfach und gerade durch eine ruhige, eintönige Ebene und durch Ehe und Mutterschaft zu einem ehrenwerten und geehrten Alter. Der andere steigt bald, um die Aussicht auf einen glänzenden Horizont zu gewähren. Bald senkt er sich und führt durch schmutzige Moräste. Schlägt man diesen Weg ein, so erlangt man das Ziel des Lebens in drei Stationen. Die erste heißt Stolz, die zweite Reichtum, die dritte Schande. Sie stehen jetzt an dem Scheidepunkte dieser zwei Wege. Wissen Sie, welchen Sie wählen werden?«

»Ach, Sir, können Sie mich das fragen?«

»Ja, mein Kind, ich kann und muß Sie fragen, denn, bemerken Sie wohl, ich bin nicht bloß Sittenprediger, sondern auch, und zwar vorzugsweise, Philosoph. Nun glaube ich nicht, wie gewisse absolute Geister behaupten, daß der Mensch vollkommen seinen freien Willen habe. Ich glaube an die unwiderstehliche Macht der Materie über die Seele noch mehr als an die absolute Herrschaft der Seele über die Materie. Wenn Sie auch den geraden und einfachen Weg einschlagen, so werden doch bald die Dunkelheit der Nacht, bald der Rausch der Sinne Sie davon hinwegleiten. Gute Ratschläge und ein guter Führer werden Sie wieder auf den geraden Weg bringen. Ich werde, wenn Sie wollen, dieser Ratgeber und dieser Führer sein; es liegen aber in gewissen Organisationen gewisse Urbedingungen, über welche weder Ratschläge noch Beispiele zu triumphieren vermögen. Diese eigentümlich geschaffenen Organisationen stößt die Gesellschaft von sich, das Gesetz straft sie, die Wissenschaft aber beklagt sie und spricht sie zuweilen von aller Schuld frei. Dennoch aber ist es immer besser, wenn man den guten Weg einschlägt, als wenn man den schlimmen wählt. Es ist schon eine Gnade der Vorsehung, daß Sie jene Dame nicht zu Hause angetroffen haben. Wollen Sie mir versprechen, freiwillig nicht wieder zu ihr oder zu Mr. Romney zu gehen, so will ich mich dann in allem Ernste mit Ihnen beschäftigen.«

Ich schwieg.

»Sie zögern?« sagte er.

»Nein, Sir,aber ich hatte mich goldenen, melodischen Träumen hingegeben. Man hat mir so oft gesagt, daß ich, wenn ich nach London käme, mein Glück machen würde, und ich bin hierhergekommen, ohne mich weiter zu fragen, auf welche Weise dieses Glück sich mir bieten würde. Verlange ich zu viel, wenn ich Sie bitte, mir fünf Minuten Zeit zu lassen, damit ich erst diese Träume aus meinen Gedanken verbannen kann?«

»Armes Kind!« murmelte der Arzt.

Ich saß eine Weile stumm und gedankenvoll da. Ich fühlte seinen Blick auf mich geheftet. Es war mir, als dränge dieser Blick mir bis in die innerste Seele und verliehe derselben eine Willenskraft, die ihr bis dahin unbekannt gewesen.

»Sir,« hob ich nach Verlauf von einigen Augenblicken wieder an, »ich verspreche Ihnen, weder Miß Arabella noch Mr. Romney wiederzusehen zu suchen. Ich verspreche Ihnen, nicht zu diesen Personen zu gehen, aber aber wenn dieselben zu mir kommen, wenn ich ihnen begegne, ohne sie zu suchen, dann verspreche ich Ihnen nicht, daß ich die Kraft haben werde, der Versuchung zu widerstehen.«

»Sie werden getan haben, was Sie gekonnt,« antwortete Mr. Hawarden, »und mehr kann man von einer Tochter Eva's nicht verlangen.«

In diesem Augenblick ward zweimal an der Tür gepocht. Diese beiden Schläge verrieten die untergeordnete Stellung des Pochenden.

Ich erschrak.

»Was ist Ihnen?« fragte mich der Arzt.

»Sir,« sagte ich zu ihm, »wahrscheinlich ist es Dick, der Bruder meiner Freundin Amy Strong, welcher mich abholen will. Wenn Sie aber wollen, daß ich Ihre guten Ratschläge befolge, so lassen Sie mich nicht zu meiner Freundin zurückkehren. Sie ist es, die mich mit nach London gelockt hat, und wenn ich zu Grunde gehe, so ahne ich, daß es durch sie geschehen wird.«

»Gut. Sagen Sie, Sie blieben diese Nacht bei mir, und ich behielte Sie da, weil ich Ihnen versprochen hätte, Ihnen morgen ein Unterkommen zu verschaffen.«

Der Diener, der mich in das Sprechzimmer geführt, öffnete die Tür des Kabinetts und sagte, zu seinem Herrn gewendet:

»Sir, der junge Mensch, welcher die junge Dame gebracht hat, ist da und will sie wieder abholen.«

»Laßt ihn hereinkommen,« sagte Mr. Hawarden.

Dann öffnete er eine Tür, welche in einen Salon führte, in welchem eine junge Frau von drei- oder vierundzwanzig Jahren mit einer Stickerei beschäftigt saß, während ein zu ihren Füßen sitzendes Kind in einem Bilderbuch blätterte.

»Liebe Freundin,« sagte er, »hier ist das junge Mädchen, von welchem ich dir bei meiner Rückkunft von Hawarden erzählt. Sie kommt aus dem Hause meines Vaters. Sei so gut, ihr bis morgen Gastfreundschaft zu gewähren. Morgen hoffe ich für sie ein passendes Unterkommen zu finden.«

Die junge Frau erhob sich und kam mir entgegen. In diesem Augenblick erschien Dick unter der Tür.

»Dick,« sagte ich zu ihm, »entschuldige mich bei Amy; Mr. und Mistreß Hawarden wollen mich bei sich behalten. Wenn die Hoffnung, welche mein Gönner mir macht, sich verwirklicht, so schreibe ich dir augenblicklich.«

»Na, sagte ich dir nicht, Emma, daß man nie verzweifeln müsse. Gott ist gut und in London ist Platz für alle. Auf jeden Fall, Mr. Hawarden, werden Sie sich rühmen können, diesem Mädchen, welches gestern noch das schönste der Provinz war und heute wahrscheinlich das schönste in London ist, einen Dienst geleistet zu haben. Auf Wiedersehen, Emma! Mr. und Mistreß Hawarden, Gott vergelte es Ihnen.«

Mit diesen Worten entfernte sich Dick, nicht wenig erfreut über das Glück, welches ich gemacht. Dieses Glück war freilich nicht gerade das, welches ich zu suchen gekommen war. Das eigentliche Glück bestand nach meiner Ansicht in einem geräuschvollen, bewegten Leben mit plötzlichen unerwarteten Katastrophen und Glücksumständen. Die junge Frau, welche ihren Gatten soeben umarmt wie einen Vater, welche sich ruhig und lächelnd wieder zu dem Kinde gesetzt, das seinerseits nicht einmal die Augen von dem Bilderbuch emporgerichtet, um zu sehen, wer in das Zimmer träte diese junge Frau, welche ihre Stickerei wieder mit einer Hand ergriff, die niemals durch die Leidenschaften bewegt worden zu sein schien, welche ihre Blumen mit ruhiger, geduldiger Kunstfertigkeit nuancierte – diese Frau war freilich glücklich; es gab aber, wie der gelehrte Arzt so richtig auseinandergesetzt, Temperamente, welchen dieses kalte ruhige Glück nicht genügen konnte.

Und übrigens welche Aussicht hatte ich wohl, dasselbe Ziel zu erreichen, zu welchem sie gelangt war? War ich vielleicht auch reich geboren und von geehrter Familie wie sie, um mit achtzehn Jahren einen in der Wissenschaft berühmten Gemahl zu finden, der mich in einen eleganten, warmen, behaglichen Salon einführte? Nein, ich war ein armes Landmädchen, ohne Vermögen, beinahe ohne Erziehung. Ich wagte nicht zu antworten, wenn man mich fragte, was meine Mutter machte, und kaum konnte ich antworten, wenn man mich nach dem Namen meines Vaters fragte.

Ich war schön, dies war alles. Ich mußte daher von meiner Schönheit verlangen, was andere von ihrer Erziehung, ihrer Geburt, ihrem Vermögen verlangen. Da Gott mir weiter nichts gegeben als Schönheit, so hatte er ohne Zweifel beabsichtigt, mir dadurch alles andere, was mir fehlte, zu ersetzen.

Meiner Schönheit stand mehr die Entscheidung über mich, als mir die Entscheidung über meine Schönheit zu.

Dies waren die Betrachtungen, die ich bei mir anstellte, als ich diesen friedlichen Haushalt sah, wo der Mann las, die Frau stickte und das Kind in einem Bilderbuch blätterte.

Wie verschieden hiervon war die stolze und entschiedene Haltung einer Miß Arabella! Wie himmelweit verschieden hiervon war der glühende Enthusiasmus, das freie Leben und der künstlerische Ruhm eines Romney!

Ohne Zweifel waren die Frau und die Kinder, welche er verlassen, auch eine Frau, welche stickte, und Kinder, welche Bilderbücher ansahen, und wenn dies der Fall war, so hatte ich nicht den Mut, ihm seine Treulosigkeit zum Verbrechen anzurechnen. O törichte Jugend! O wahnsinnige Phantasie!

Ach, wenn ich, am Ende des Lebens angelangt, heute mit den Augen der Reue das betrachte, was ich damals mit den Augen der Illusion ansah, wie gern möchte ich, anstatt die glänzende und strafbare Emma Lyonna, die reiche und mächtige Lady Hamilton, lieber jene sanfte junge Frau gewesen sein und mein Leben mit Blumensticken mit meinem neben mir sitzenden Gatten und meinem zu meinen Füßen liegenden Kinde zugebracht haben!

Um sieben Uhr bereitete Mistreß Hawarden den Tee; um neun Uhr ward zu Abend gegessen. Der ganze Unterschied, den ich zwischen den Lebensgewohnheiten des älteren Mr. Hawarden und denen seines Sohnes bemerkte, bestand darin, daß das Kind mit uns zu Abend aß.

Um zehn Uhr wies man mir mein Zimmer an.

Dick hatte Sorge getragen, mir mein kleines Paket zu bringen. Die Sachen, welche es enthielt, und die fünf Pfund, welche mir nach Bestreitung meiner Reisekosten noch übrig blieben, machten meine ganze Habe aus.

Am nächsten Morgen wußte ich nicht, ob ich wieder in das Familienzimmer hinuntergehen sollte und wartete daher, bis man mir sagen würde, was ich zu tun hätte.

Nach einer Weile meldete man mir, daß das Frühstück aufgetragen sei, und ich ging hinunter.

Mr. James Hawarden war soeben erst wieder nach Hause gekommen. Ganz freudig kam er auf mich zu.

»Wohlan,« sagte er, »mein Vorhaben ist gelungen und es kommt nun bloß auf Sie an, mein Kind, ob Sie dem Wege folgen wollen, den ich Ihnen gestern andeutete. Einer meiner Klienten, Mr. Plowden, einer der ersten Juweliere von London, braucht eine Ladenmamsell. Ihre Augen werden allerdings seine Diamanten und Ihre Zähne seine Perlen ein wenig in den Schatten stellen, aber was tuts? Sie bekommen zum Anfang fünf Pfund monatlich und das Weitere wird sich finden. Wir haben verabredet, daß Sie schon morgen Ihren Posten antreten und ich werde Sie zu ihm führen.«

Der Arzt betrachtete, nachdem er dies gesagt, mich vom Kopf bis zu den Füßen und rief:

»Mein Himmel!«

Ich errötete.

»Sie finden meine Toilette sehr mangelhaft, nicht wahr?« fragte ich.

»Allerdings,« entgegnete er.

»Haben Sie nicht ein frischeres Kleid, welches ein wenig mehr nach der Mode ist?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Schön sind Sie, das steht außer Frage. Sie würden auch in jedem Gewand, in einer härenen Kutte, ja selbst unter Lumpen noch schön bleiben, dennoch aber bedarf es einer gewissen Ausstattung, wenn man in einem derartigen feinen Verkaufsgeschäft tätig sein will. Wenn man Zeit hätte; aber bis morgen —«

In diesem Augenblicke trat Mistreß Hawardens Zofe ein.

»Ist Mistreß Hawarden nicht hier?« fragte sie

»Nein; was wollt Ihr von ihr?« fragte der Arzt.

»Miß Cecily ist da und wünscht sie zu sprechen.«

»Ah, das ist ja gerade die Schneiderin,« rief Mr. Hawarden. »Sagt Miß Cecily, sie solle warten, und meiner Frau, sie solle zu mir hierherkommen.«

Die Dienerin verließ das Zimmer und fünf Minuten später trat Mistreß Hawarden ein.

»Ich habe dich rufen lassen, liebe Freundin,« sagte Mr. Hawarden zu seiner Gattin, »um dich zu fragen, ob Miß Cecily diesem jungen Mädchen hier bis morgen ein Kleid fertigen kann.«

»Das dürfte wohl schwierig sein,« entgegnete die Frau des Arztes, »aber warte —«

»Nun gut, ich warte.«

Mistreß Hawarden betrachtete mich aufmerksam, näherte sich mir und maß ihre Schulter mit der meinigen.

»Ich glaube, ich kann dich aus der Verlegenheit ziehen,« sagte sie dann, zu ihrem Gatten gewendet.

»O, ich verlasse mich ganz auf dich,« entgegnete er.

»Cecily,« fuhr Mistreß Hawarden fort, »bringt mir soeben ein einfaches, aber elegantes Kleid. Diese junge Dame ist gerade so groß wie ich, obschon vielleicht ein wenig schlanker. Auf alle Fälle aber kann, wenn du glaubst, daß es geht, diese junge Dame mein Kleid nehmen und Cecily wird mir dann, da ich warten kann, ein anderes fertigen.«

Mr. Hawarden küßte seine Gattin auf die Stirn.

»In der Tat,« sagte er, »du bist ein Engel; doch nein, ich irre mich, du bist eine Heilige, vielleicht bist du beides zu gleicher Zeit.«

Dann drehte er sich nach mir herum und fuhr fort:

»Nun, Miß, ist es Ihnen so recht und wollen Sie ein Kleid tragen, welches für meine Frau gefertigt worden?«

»Ich würde stolz darauf sein und mich glücklich schätzen.«

Mr. Hawarden zog die Klingel.

»Miß Cecily soll hierherkommen.«

Die Schneiderin trat ein.

»Ich verlasse Sie,« sagte Mr. Hawarden. »Das Weitere werden die Damen untereinander selbst abmachen.«

Mit diesen Worten entfernte er sich. Das Kleid paßte mir, als ob es für mich gefertigt wäre.

Am nächstfolgenden Tage, zehn Uhr morgens, war ich bei Mr. Plowden, das heißt in dem schönsten Juwelierladen am Strand, installiert, und Hawarden verabschiedete sich von meinem neuen Dienstherrn, indem er mich ihm empfahl, als ob ich sein eigenes Kind wäre.

Ich habe seitdem viel Kleider gehabt, niemals aber eines, in welchem ich hübscher ausgesehen und welches mir besser gestanden hätte, als das der sanften Mistreß Hawarden.




Siebentes Capitel


Wenn Mr. James Hawarden geglaubt hatte, mich, wenn er mich mitten unter die Diamanten, die Saphire, die Smaragden und Perlen des reichen Mr. Plowden versetzte, von der Versuchung oder die Versuchung von mir zu entfernen, so hatte er sich sehr getäuscht. Dieser gelehrte Anatom, der in der Brust und in den Eingeweiden seiner Kranken ihre physischen Gebrechen las, hatte nicht verstanden, in meinem Herzen das moralische Gebrechen zu lesen, von welchem es verzehrt ward.

Mich jeden Augenblick des Tages diese tausenderlei Kleinode aller Art und von jeder Gestalt, welche diesen so notwendigen, ja für jedes wirkliche Weib so unentbehrlichen Überfluß ausmachen, berühren, mich sie von weit weniger schönen Wesen als ich war, und welche von ihren Ehemännern oder von ihren Liebhabern zu dieser Quelle des Lichtes geführt wurden, um sich für Bälle, für die Theater, für Festlichkeiten zu schmücken, an den Hals, an die Handgelenke, an die Ohren halten lassen dies hieß das Pulver mit dem Feuer spielen lassen.

Zehn oder zwölf Tage nach meiner Anstellung besuchte mich Mr. Hawarden, um sich nach mir zu erkundigen.

Man sprach sich sehr belobend über mich aus. Mr. Plowden war ganz entzückt von mir. Er behauptete, die meisten Herren, welche Schmucksachen für ihre Frauen oder für ihre Liebhaberinnen kauften, nähmen dies bloß zum Vorwand, um mich zu sehen, und würden, wenn sie es sonst wagten, mit den gekauften Gegenständen lieber meine Ohren, meinen Hals und meine Arme schmücken, als die der eben erwähnten Damen.

Es lag hierin viel Wahres und auch ich konnte nicht umhin, die Wirkung zu bemerken, die ich hervorrief.

Mr. Hawarden, der sich über das mir gespendete Lob nicht wenig freute, bat Mr. Plowden mir zu erlauben, den nächsten Sonntag bei ihm zuzubringen, weil er, wie er sagte, mir eine Überraschung bereiten wolle. Den nächsten Tag frühzeitig würde er mich wieder zurückbringen.

Mein Dienstherr bewilligte dies um so eher, als Sonntags in London kein Kaufladen geöffnet wird, so daß die Gunst, die er mir zugestand, auch den Vorzug hatte, daß er dabei keinerlei Nachteil erlitt.

In Mr. Hawardens Hause ging es, wie der Leser aus den wenigen Worten, die ich darüber gesagt, schon abgenommen haben wird, nicht eben sehr lustig zu; die vierzehn Tage aber, welche ich in dem Bijouterieladen zugebracht, wo ich fortwährend beschäftigt gewesen, Schmucksachen vorzuzeigen und den Personen, welche dieselben zu sehen verlangten und anprobierten, allerhand Schmeicheleien zu sagen, hatten mich vierundzwanzig Stunden wenn auch nicht des Vergnügens, doch wenigstens der Ruhe schätzen gelehrt.

Überdies hatte Mr. Hawarden auch von einer Überraschung gesprochen, und ich war sehr neugierig, worin dieselbe bestehen würde. Am Sonntag fand ich mich demgemäß zur Stunde des Frühstücks in Leicester Square ein.

Mistreß Hawarden empfing mich mit ihrer gewohnten wohlwollenden Sanftmut.

Es war ein herrlicher Augusttag. Man ließ den Wagen anspannen und machte eine Spazierfahrt nach dem Hyde Park. Ich kannte bis jetzt von London weiter nichts als Villiersstreet, Oxfordstreet, Leicester Square und den Strand.

Diese aristokratische Promenade war daher der Beginn meiner Einführung in eine neue Welt. Diese Scharen von Reitern in dem reichen Kostüm, welches man zu jener Zeit trug, die eleganten Amazonen mit den wallenden Gewändern und Schleiern, dieser Glanz der vornehmen englischen Gesellschaft, alles setzte mich in Erstaunen.

Ich hätte die Hälfte meiner Lebenszeit darum gegeben, wenn mir vergönnt gewesen wäre, einen jener Phaëtons zu führen, welche mit Blitzesschnelle an uns vorüberfuhren, oder auf einem der schönen Pferde zu sitzen, welche in der für die Reiter reservierten Allee auf- und abgaloppierten.

Ganz gewiß hatte Mr. Hawarden, um mich von Ehrgeiz und Stolz zu heilen, ein Mittel in Anwendung gebracht, welches Gefahr lief, eine Wirkung hervorzubringen, die der von ihm erwarteten geradezu entgegengesetzt war.

Wir kehrten durch den Greenpark zurück, den wir, um dem Kinde ein Vergnügen zu machen, zu Fuße durchwandelten, und gingen dann wieder nach Hause, um den Vesperimbiß einzunehmen.

Ich fragte Mr. Hawarden, ob dies die Überraschung sei, von welcher er gesprochen.

»Nein,« sagte er. »Allerdings scheint unser Ausflug Ihnen Vergnügen gemacht zu haben, ich habe Ihnen aber noch etwas Besseres zu bieten. Ich werde Ihnen den berühmten Garrick zeigen.«

Ich wußte nicht im mindesten, wer Garrick wäre und suchte meine Unwissenheit auch durchaus nicht zu verbergen oder zu bemänteln, sondern bat um nähere Erklärung.

»Garrick,« sagte Mr. Hawarden, »ist der größte Schauspieler, der jemals gelebt hat.«

Ich machte große Augen.

»Er spielt heute Abend wahrscheinlich zum letzten mal, während dagegen eine junge Schauspielerin, der man eine große Zukunft verspricht, eine gewisse Mistreß Siddons, zum ersten Male auftritt. Sheridan, dessen Freund und Arzt ich gleichzeitig bin, hat mir Billetts zu einer Loge geschickt, und ich hatte die Absicht, Sie an diesem Genusse teilnehmen zu lassen.«

»Wie,« rief ich, »ich soll mit ins Theater gehen? Ich soll eine Komödie sehen?«

»Nein, eine Tragödie vielmehr, doch hoffe ich, daß Ihnen dieselbe ebenso sehr gefallen wird.«

Ich stieß einen Freudenschrei aus und klatschte in die Hände wie ein Kind, welches ich in der Tat auch noch war.

»Ach,« rief ich, »wie gut Sie sind, Mr. Hawarden. Wie, ich soll ein Trauerspiel sehen! Dann wird es Könige und Königinnen auf der Bühne geben, nicht wahr? Und wie heißt das Trauerspiel, welches wir sehen werden?«

»Es heißt ›Romeo und Julia‹, mein Kind, und ist eins der vier Meisterwerke Shakespeares.«

»Und das soll ich sehen!« rief ich vor Freude hüpfend. »Mein Gott, wie glücklich ich doch bin!«

»Na,« sagte Mr. Hawarden, »es macht wirklich Vergnügen, Ihnen Vergnügen zu machen.«

Ich war in der Tat vor Freude geradezu außer mir. Oft hatte ich wohl schon vom Theater sprechen gehört, aber ich hatte keinen Begriff davon, was es eigentlich wäre. Einige von Mistreß Colmans Schülerinnen, welche in Chester im Theater gewesen und dort herumziehende Schauspielertruppen gesehen, waren ganz entzückt wieder nach Hause gekommen. Wie mußte es erst in London sein.

»Wann geht es denn an?« fragte ich Mr. Hawarden.

»Schlag halb acht Uhr.«

»Und wann ist es aus?«

»Ziemlich um elf Uhr.«

»Dann dauert es also drei und eine halbe Stunde?«

»Ja, aber von diesen vierthalb Stunden,« sagte Mr. Hawarden lachend, »müssen die Zwischenakte in Abrechnung gebracht werden.«

»Aber nicht wahr, wir werden gleich zum Anfange dort sein?«

»Jawohl; wenn der Vorhang aufgeht, sind wir bereits in unserer Loge.«

»Ach mein Gott; jetzt ist es erst fünf Uhr!«

»Weniger fünf Minuten, aber die Zeit wird vergehen. Es gibt ja bis dahin noch eine Menge zu tun. Erstens haben wir den Tee zu trinken. Soeben bringt man denselben und ich ersuche Sie, ein wenig von diesem Pudding zu genießen, denn wir werden heute abend sehr spät soupieren. Ferner haben Sie Ihre Toilette zu machen.«

»Meine Toilette! Ich, Mr. Harvarden! Sie wissen doch, daß ich nur ein einziges Kleid habe, nämlich das, welches Mistreß Hawarden die Güte gehabt hat, mir zu geben. Ich müßte denn das berühmte blaue Kleid wieder anziehen, was ich aber, offen gestanden, nicht gern möchte.«

»Die blaue Farbe stand Ihnen aber sehr gut.«

»Ja, die Farbe wohl, aber das Kleid! Sie werden sich erinnern, daß dieses Ihnen selbst nicht gefiel.«

»Na,« sagte Mr. Hawarden, »es wird sich hoffentlich alles noch machen.«

Meine Augen wichen nicht von dem Zeiger der Uhr.

»Geht diese Uhr nicht zu spät?« fragte ich.

»In der Familie Hawarden,« sagte der Doktor lachend, »gehen die Uhren nie zu früh oder zu spät, sondern stets auf die Minute. Deswegen wird, sobald der Tee getrunken ist und die Kuchen gegessen sind, ein jedes sich auf sein Zimmer verfügen, denn es wird dann halb sieben Uhr sein und wir brauchen zehn Minuten, um von hier nach Drury Lane zu gelangen.«

Als die Kuchen gegessen und der Tee getrunken war, ging ich mechanisch in mein Zimmer hinauf, welches dasselbe war, in welchem ich geschlafen. Ich wußte nicht recht, was ich während der vierzig Minuten, die uns noch von dem glücklichen Augenblick des Aufbruchs trennten, machen sollte, als ich auf dem Bett ein reizendes Kleid von blauem Taffet liegen sah, welches aus dem Himmelszelte geschnitten zu sein schien.

Gleichzeitig trat die Zofe ein.

»Sie erlauben wohl, Miß,« fragte sie, »daß ich Ihnen beim Ankleiden ein wenig behilflich bin?«

Indem sie dies sagte, hob sie das Kleid mit beiden Händen empor.

Nun erst begriff ich, was bis jetzt in Mr. Hawardens Worten mir dunkel geblieben war. Er hatte nicht bloß daran gedacht, mich ins Theater zu führen, sondern mir auch dazu ein Kleid geschenkt.

Die Tränen traten mir in die Augen. Ich empfand das Bedürfnis, zu ihm zu eilen und ihm meine Dankbarkeit auszusprechen.

»Wo ist Mr. Hawarden?« fragte ich die Zofe.

»Er kleidet seine Gattin an, damit ich Ihnen behilflich sein kann und damit alle zur rechten Zeit fertig seien.«

Ich ward förmlich betrübt über diese vollendete Güte, denn ich fühlte, daß ich unfähig wäre, dieselbe jemals zu vergelten, ja auch nur gebührend dafür zu danken. Ich war mehr träumerisch als ungeduldig geworden. Ich dachte an diesen Mann, der allgemeine Berühmtheit genoß, der einer der ersten Ärzte von London, ein ausgezeichneter Anatom, ein Gelehrter ersten Ranges war und sich die Mühe nahm, seine Frau anzukleiden, damit die Tochter der armen Bauermagd, damit die ehemalige Kinderwärterin seines Vaters, damit Mr. Plowdens Ladenmamsell nicht zu spät ins Theater käme und auch nicht des mindesten Teils des Glücks verlustig ginge, welches sie sich versprach.

Es liegt in dem Genie eine barmherzige Güte für die Kleinen, eine erhabene Sanftmut gegen die Schwachen, wodurch es sich der Allmacht Gottes nähert.

Ein Viertel auf acht Uhr pochte der vortreffliche Mann selbst an meine Tür.

»Nun,« fragte er, »wie weit sind wir?«

Ich ging rasch hinaus, ergriff ihn bei der Hand und küßte ihm dieselbe, ehe er meine Absicht erraten konnte.

Er sah mich an. Ohne Zweifel war ich sehr hübsch, denn er zuckte zärtlich mitleidig die Achseln und sagte, indem er mich seiner Gattin zeigte, welche in diesem Augenblicke aus ihrem Zimmer trat:

»Gestehe, daß es ein großes Unglück wäre, wenn dieses Meisterwerk der Schöpfung auf Abwege geriete!«

Dann, und als ob er bereuete, meinem Stolze diese Nahrung gegeben zu haben, sagte er:

»Vorwärts, vorwärts in den Wagen! Ich habe diesem Kinde versprochen, noch vor dem Aufziehen des Vorhanges mit ihm an Ort und Stelle zu sein.«

In der Tat nahmen wir in unserer Loge gerade in dem Augenblicke Platz, wo die Ouvertüre begann. Ich hatte noch Zeit einen Blick auf den glänzenden Halbkreis zu machen. Sheridan, welcher damals Theaterdirektor war, hatte das Haus kürzlich von dem ersten Dekorateur Londons restaurieren lassen. Man konnte sich in einen Feenpalast versetzt glauben.

Was mich betraf, so war ich geblendet von dem Licht, magnetisiert von der Musik, bezaubert durch das Gold, die Diamanten und die Blumen, und nicht begreifend, wie man so viel Schätze hier zusammenbringen könnte, ohne gleichsam die ganze Welt zu ruinieren, nicht imstande zu sagen oder mir auch nur zu denken, wo ich wäre.

Der Vorhang ging auf. Ich sah nun weiter nichts mehr als einen öffentlichen Platz in Verona.




Achtes Capitel


Wer mir in allen Phasen meiner obskuren und unwissenden Kindheit gefolgt ist, kann sich eine Idee von der Wirkung machen, welche diese Vorstellung von ›Romeo und Julia‹ auf mich hervorbrachte, während die Hauptrollen von dem größten Tragöden, den England gehabt, und von der größten Tragödin, welche es haben sollte, gespielt wurden. Mein Hirn, das noch weiß war wie die unbeschriebenen Blätter eines Buches, nahm alle Eindrücke von Poesie, Liebe, Mitleid und Schrecken auf, welche in diesem bewundernswürdigen Gedicht enthalten sind, und die, indem sie sich meinem Gemüt einprägten, alle meine Sinne zum höchsten Grade des Enthusiasmus und der Begeisterung entflammten.

Ich war gerade ebenso alt wie Julia. Ich war schön und leidenschaftlich wie sie. Ich begriff diese plötzliche und exaltierte Liebe, welche sie für den jungen Montague empfindet und welche sie in der Vorahnung ihres nahen Todes gleich am ersten Tage oder vielmehr in der ersten Nacht, wo sie ihren Geliebten sieht, sagen läßt:

»Eile, Amme, eile; erkundige dich, ob er noch frei ist, denn wenn er vermählt ist, dann soll, dies schwöre ich, nur der Sarg mein Brautbett sein.«

Mr. Hawarden verfolgte auf meinem Gesicht die wechselnden Gefühle meines Herzens, und der erfahrene, scharfblickende Psychologe las darin alle Eindrücke, die ich empfand. Es war für ihn ein interessantes Studium, gemischt mit jener süßen Befriedigung, welche bei Anblick des Glücks oder des Vergnügens gewährt, welches man bereitet.

Und in der Tat, mein Glück und meine Freude waren groß. Besonders als die Balkonszenen kamen, von welchen die erste so poetisch, die zweite so leidenschaftlich ist, drückte ich beide Hände aufs Herz und hätte mit starrem Auge und atemlos ebenso wie Julia gewünscht, Romeo gleichzeitig da zu behalten und von der Bühne zu entfernen.

Man denke sich den Schrecken, der sich meiner bemächtigte, als Julia, indem sie den Trank zu sich nimmt, welcher sie in Schlaf versenken soll, bei dem Gedanken erbebt, daß sie allein in der Gruft ihrer Ahnen mitten unter den Toten erwachen und vielleicht diese Toten ebenfalls aus ihren Gräbern hervorgehen sehen wird.

Dann kam die Katastrophe, die auf mich um so mehr Wirkung äußerte, als sie nicht bloß für mich, sondern auch für die andern Zuschauer neu war. Man weiß, daß in der ursprünglichen Tragödie, so wie Shakespeare sie geschrieben, Romeo an Juliens Grabe stirbt, ohne zu wissen, daß sie nur schläft, und daß Julia erst nach Romeos Tod wieder zum Bewußtsein erwacht.

Durch einen Blitz des dramatischen Genies erleuchtet, hat Garrick gesehen oder vielmehr erraten, an welcher furchtbaren Szene der große Dramatiker vorübergegangen war, ohne sie zu ahnen. Er hat Julien in dem Augenblicke wieder aufgeweckt, wo Romeo, der sie tot glaubt, sich eben vergiftet hat, und anstatt die beiden Toten isoliert und folglich einsam zu machen, hat er den beiden Liebenden eine und dieselbe Todesqual bereitet, welche für den einen durch das Gift, für den andern durch den Dolch endet.

Auf diese Weise hat er den Auftritt vom Schmerz zur Verzweiflung, vom Schönen zum Erhabenen gesteigert.

In dem Augenblick, wo Julia sich den Tod gibt, sank ich zurück und ward ohnmächtig, während das ganze Haus, Garrick für seine bewunderungswürdige Neuerung und das glänzende Talent, welches er dabei entfaltet, dankend, in einen lauten Beifallssturm ausbrach.

Meine Ohnmacht war nicht gefährlich. Ein wenig frisches Wasser erweckte mich daraus. Ich konnte nichts weiter tun, als Mr. Hawardens Hände ergreifen und ihm dieselben drücken und ohne mich zu fragen, ob es passend oder unpassend sei, warf ich mich in die Arme seiner Gattin.

Wir kehrten nach Hause zurück. Das Abendessen erwartete uns, ich aber konnte, wie man sich leicht denken wird, keinen Bissen zu mir nehmen. Vor meinen Augen flackerten Tausende von Lichtern, mein Hirn war erfüllt von Poesie, mein Herz von Liebe und Zauber.

Ich bat Mr. Hawarden um die Erlaubnis, mich auf mein Zimmer begeben zu dürfen. Er gewährte sie mir. Dann ging er in seine Bibliothek und sagte:

»Ich weiß, was Sie wollen; Sie wollen wieder ins Theater. Hier gehen Sie hinein!«

Und mit diesen Worten gab er mir ein Buch in die Hand.

Es war ein Band von Shakespeare, in welchem die Tragödie von »Romeo und Julia« stand.

Ich stieß einen Freudenschrei aus. Mr. Hawarden hatte den inbrünstigsten Wunsch meines Herzens erraten und war demselben entgegengekommen.

Ich eilte in mein Zimmer, warf mich in einen Armsessel, las das Stück von der ersten Zeile bis zur letzten wieder durch.

Dann nahm ich wieder die Hauptszenen, die Liebesszenen zwischen Romeo und Julia vor, indem ich mit der Balkonszene begann und mit der in der Gruft endete.

Allerdings war ich unfähig, das Genie zu würdigen, welches dieses Meisterwerk der Poesie geschaffen; mein von Jugend, Hoffnung und Liebe erfülltes Herz ersetzte aber den Mangel an Wissenschaft durch innere Anschauung.

Übrigens hatte ich nichts vergessen, weder eine Gebärde des Schauspielers, noch eine Betonung der Schauspielerin. Und welch' ein Schauspieler, welch' eine Schauspielerin waren es. Garrick und Mistreß Siddons!

Gegen drei Uhr morgens legte ich, während Kopf und Herz in Flammen standen, durch die Müdigkeit jedoch überwältigt, mich endlich zu Bett.

Es geschah aber bloß um zu träumen, ich sei Julia und um einen eingebildeten Romeo in meine Arme zu schließen und mit ihm vor Liebe und Schmerz zu sterben.

Ich brauche nicht erst zu sagen, m welcher Gemütsverfassung ich in meinen Bijouterieladen zurückkehrte. Ich hatte Mr. Hawarden gebeten, mich das magische Buch mitnehmen zu lassen. Ich hielt es in dem Wagen, der mich wieder nach Hause zurückbrachte, an mein Herz gedrückt, als ob ich fürchtete, daß die darin enthaltene Poesie ihm Schwingen liehe, so daß es vielleicht von mir hinwegflöge.

Wie demütigend für meinen Stolz erschienen mir jetzt alle jene armseligen Aufmerksamkeiten, die ich den Kunden gegenüber zu beobachten genötigt war, jene Schmeicheleien, die meine Stellung mich zwang. ihnen zu machen, und die Anpreisung der Waren, welche ich ihnen vorlegte. So schön zu sein wie Julia, ein so von Liebe und Poesie erfülltes Herz zu besitzen wie das ihrige, und dagegen Bijouterien anzuprobieren, wäre es auch im Laden des ersten Juweliers von London, anstatt ein Atlaskleid durch einen Ballsaal zu schleppen, anstatt von der Höhe eines Balkons Liebesworte mit einem schönen Kavalier auszutauschen, anstatt auf den Gesang der Vögel zu hören und mit dem Geliebten zu erörtern, ob es der Gesang der Nachtigall oder der der Lerche ist man wird gestehen, daß eine tiefe Kluft zwischen dem lag, was war und was sein konnte, zwischen dem Traum und der Wirklichkeit.

Während des Tages wagte ich nicht zu lesen und wenn ich es auch gewagt, so hätte ich doch keine Zeit dazu gehabt. Mr. Plowdens Laden war einer der besuchtesten von London und ward nie leer, so daß ich unaufhörlich beschäftigt war. Ich erwartete daher mit großer Ungeduld die zehnte Abendstunde, wo das Geschäft geschlossen wurde.

Kaum war dies geschehen, so ging ich wieder in mein Zimmer hinauf.

Hier beschränkte ich mich nicht mehr darauf zu lesen, sondern lernte in einer einzigen Nacht beinahe das ganze Drama auswendig. Ganz besonders die Szenen, welche mich oder richtiger gesagt Julien persönlich angingen, waren Wort für Wort in meinem Gedächtnis geblieben und ich hatte mir nicht bloß die Verse, sondern auch die Gebärden und Betonung gemerkt, womit die große Schauspielerin, welche die Rolle der Julia gab, die Verse gesprochen hatte.

Ich begann nun diese Gebärden und Betonungen nachzuahmen, in meinem Stolze aber, und so vollkommen mir auch Mistreß Siddons in dem Augenblick, wo ich sie sah und hörte, erschienen war, glaubte ich jetzt, indem ich dieselben Verse deklamierte, es ließe sich dabei eine noch größere Geschmeidigkeit des Gebärdenspiels und eine größere Weichheit des Sprachorgans entwickeln.

In der Tat ließ Mistreß Siddons, wie ich mich später überzeugte, so vollkommen sie in den Rollen einer Lady Macbeth und ähnlichen auch war, doch in den sanftem, nuancierteren Juliens oder Desdemonas einiges zu wünschen übrig.

Dabei schien es mir, als wäre diese der großen Künstlerin mangelnde Anmut des Körpers, dieser Zauber der Stimme von der Natur mir verliehen. Meine geschmeidige hohe harmonische Gestalt konnte durch ihre natürlichen Undulationen jene Vollkommenheit des Schmachtens und der Weichheit erlangen, welche die Italiener mit dem unübersetzbaren Ausdruck morbidezza bezeichnen. Es war mir, als besäße ich, was so selten der Fall ist, alles das sanfte und tragische Sprachorgan und ein Gesicht, welches selbst, wenn es erheuchelte Gefühle zu erkennen gab, in der Traurigkeit die verkörperte Melancholie und in der Freude das blendendste Spiegelbild derselben zu sein schien.

Mein Körper war bis dahin rein geblieben, wenn auch die Durchsichtigkeit meiner Seele schon getrübt war. Meine Schönheit besaß jenen Sammethauch unbestreitbarer Unschuld, welche selbst in der nackten Venus Achtung gebietet. Mit einem Worte, ich säete schon das Feuer, aber ich verbrannte noch nicht.

Einen Teil der Nacht brachte ich damit zu, daß ich vor einem kleinen Spiegel, in dem ich kaum den fünften oder sechsten Teil meiner Person sehen konnte, deklamierte und gestikulierte.

Am nächstfolgenden Tage fragte Mistreß Plowden, entweder aus Naivetät oder aus Ironie, ob ich die Gewohnheit hätte, laut zu träumen, denn meine Zimmernachbarn hätten sich beschwert, daß ich sie im Schlafe gestört. Sie bat mich daher, möchte ich nun schlafend oder wachend träumen, den Klang meiner Stimme ein wenig zu mäßigen.

Dies hieß mit anderen Worten mir befehlen, der einzigen wirklichen Freude zu entsagen, welche mir, seitdem ich auf der Welt war, beschieden gewesen.

Ich setzte meine nächtlichen Studien fort, natürlich mit gedämpfter Stimme. Mein großer Traum wäre damals gewesen, mich einem Theaterdirektor vorzustellen und mich von ihm engagieren zu lassen.

Ich dachte daran, Mr. Sheridan empfohlen zu werden. Ich hatte seinen Namen nicht vergessen, obschon ich damals noch keinen Begriff von der Berühmtheit hatte, die sich daran knüpfte. Wie solle ich aber eine solche Bitte an Mr. Hawarden stellen? Woher sollte ich den Mut nehmen, ihm zu sagen, daß ich Mr. Plowdens Kaufladen mit dem Theater, daß ich den geraden Weg, den er mir eröffnet, mit dem krummen vertauschen wollte, den er mir zu verschließen geglaubt? Ich fühlte, daß ich diesen Mut, diese Kraft niemals haben würde.

Was sollte ich tun?

Warten, das heißt mich auf eins oder das andere jener seltsamen Ereignisse verlassen, welche plötzlich die Zukunft eines Lebens verändern, und mich in dem Schiffbruche an die dünne Planke der Hoffnung anklammern.

So vergingen vierzehn Tage, vielleicht die schmerzlichsten, welche ich bis damals zugebracht.

Ich war seit etwas länger als einem Monat bei Mr. Plowden und erlitt seit ungefähr vierzehn Tagen die Qualen, welche ich soeben zu schildern versucht, als eine elegante Equipage vor der Tür des Kaufladens hielt und ein Lakai in perlgrauer und kirschroter Livree die Tür des Wagens öffnete, aus welchem eine wunderbar schön gekleidete Dame stieg.

Als ich meinen Blick auf diese Dame warf, war ich nahe daran, einen lauten Schrei auszustoßen. Es war Miß Arabella!

Mit ihrem stolzen, entschiedenen Schritt trat sie in den Kaufladen. Es war, als sähe man die Göttin der Mode und des Reichtums, oder noch besser gesagt Fortuna in eigener Person.

Sie sah mich sofort, und ihr Blick kreuzte sich mit dem meinigen, keine Muskel ihres Gesichtes aber verriet, daß sie mich erkannte.

Es setzte mich dies durchaus nicht in Erstaunen. Ohne Zweifel hatte man vergessen, ihr meinen Namen zu geben. Sie glaubte, wenn sie sich nämlich meiner überhaupt noch erinnerte, jedenfalls, ich sei noch in Wales, und das einzige, was ihre Blicke, als sie mich in London in einem Bijouterieladen des Strand bei Mr. Plowden fand, auf meine Person lenken konnte, war ein durch die Ähnlichkeit hervorgerufenes Erstaunen.

Dieses Erstaunen gab sich aber auf keinerlei Weise kund. Sie ließ sich mehrere Schmucksachen zeigen, und obschon ich mit dieser Vorzeigung beauftragt ward, so sprach sie doch mit mir wie mit einer Person, die ihr vollkommen unbekannt gewesen wäre. Ihre Wahl richtete sich auf einen Schmuck von Smaragden und Diamanten, dreitausend Pfund an Wert.

Nachdem sie ihre Wahl getroffen, sagte sie:

»Schicken Sie mir heute nachmittags fünf Uhr diesen Schmuck mit der quittierten Rechnung in mein Hotel.«

Zugleich sah sie mich an, und setzte dann zu Mr. Plowden gewendet hinzu:

»Schicken Sie diese junge Dame.«

Ich fühlte wie ein Schauer meinen ganzen Körper durchrieselte. Mr. Plowden antwortete, ihr Wunsch werde pünktlichst, erfüllt werden, und geleitete sie dann mit einer Menge Komplimenten und Verbeugungen wieder nach ihrem Wagen zurück.

»Diese junge Dame und keine andere,« sagte Miß Arabella nochmals, ehe sie m den Wagen stieg. »Verstehen Sie, Mr. Plowden? Wenn Sie mir jemand anders schicken, so bezahle ich Ihnen Ihren Schmuck nicht bloß nicht, sondern sende Ihnen denselben zurück, um nie wieder etwas bei Ihnen zu kaufen.«

»Seien Sie unbesorgt, Mylady,« sagte Mr. Plowden, »es soll alles geschehen, wie Sie befehlen.«

Miß Arabella winkte mit der Hand, und der Wagen fuhr in scharfem Trabe davon.

Ich stand da, wie vernichtet. Das unerwartete Ereignis, welches ich angerufen, ohne es auch nur bestimmt bezeichnen zu können, war, gleich jener durch den Stab eines Zauberers improvisierten magischen Erscheinungen, sofort herbeigeeilt. Ich hatte nicht Miß Arabella gesucht, sondern Miß Arabella hatte mich gefunden. Was auch die Folge dieser Begegnung sein mochte, so ward ich dem Mr. Hawarden gegebenen Wort keinesfalls untreu.

Abends um fünf Uhr ließ Mr. Plowden eine Droschke holen, denn er fand es nicht geraten, mich mit einem Schmucke von diesem Werte allein durch die Straßen von London gehen zu lassen. Es war die entscheidende Stunde, und es fand in mir ein heftiger Kampf statt. Ich war nahe daran, Mr. Plowden zu bitten, mir die Versuchung zu ersparen, der Versucher war aber in meiner Seele und behielt die Oberhand.

In Oxfordstreet Nr. 23 machte der Wagen Halt. Ich erkannte das Hotel mit dem Schweizer unter dem Tor und dem Garten im Hintergrund wieder. Der Schweizer zog mit jener wichtigen Miene, die er nie ablegte, die Klingel. Die Zofe erschien. Ich sagte, daß ich im Auftrag von Mr. Plowden käme, und ich hörte, daß bereits Befehl erteilt war, mich sofort vorzulassen.

Miß Arabella befand sich in einem kleinen Boudoir mit himmelblauen Atlastapeten und in Gold und Weiß gemalter Decke. Sie trug ein reiches türkisches Frauenkostüm mit Zechinenkopfputz und ein goldgesticktes Mieder von kirschrotem Sammet, welches einen Teil der Brust sehen ließ; ihre nackten Füße staken in orientalischen Pantoffeln, welche kirschrot und mit Gold gestickt waren wie der Gürtel.

So saß oder lag sie vielmehr auf schwellenden Polsterkissen. Sie befahl Mistreß Norton, ihrer Zofe, die Tür hinter mir zu schließen, und mich mit ihr allein zu lassen.

»Mylady,« sagte ich mit zitternder Stimme und ohne daß ich gewagt hätte die Augen zu ihr aufzuschlagen, »hier ist der Schmuck, den Sie bei Mr. Plowden ausgewählt, und die Rechnung, welche Sie verlangt. Mr. Plowden läßt Ihnen sagen, daß er die Rechnung nicht beigefügt haben würde, wenn Sie es nicht ausdrücklich verlangt hätten.«

Sie unterbrach mich.

»Also Sie sind es wirklich, Sie kleine Undankbare?« sagte sie. »Kommen Sie einmal her.«

Die Schönheit hat auf mich stets eine unwiderstehliche Gewalt ausgeübt, und die Miß Arabellas war wirklich blendend zu nennen.

Ich näherte mich ihr, kniete vor ihr nieder, wie ich vor der Göttin Venus zu der Zeit, wo die Götter auf Erden wandelten, getan haben würde, wenn ich ein junges Mädchen von Gnyda oder Paphos gewesen wäre.

»O Mylady,« sagte ich ganz überwältigt, »Sie tun mir unrecht. Mein erster Besuch in London war bei Ihnen. Um Ihnen zu gehorchen, um Ihnen auf meinen Knien zu dienen, wie ich in diesem Augenblicke tue, war ich nach London gekommen. Man hat Ihnen jedenfalls auch meinen Namen zugestellt, aber ohne Zweifel haben Sie ihn selbst vergessen.«

»Kommen Sie her!« sagte Miß Arabella nochmals.

Zugleich faßte sie mich bei der Hand, und ließ mich neben ihr auf dem Kissen Platz nehmen.

»Sie sehen doch,« fuhr sie dann fort, »daß ich Sie nicht vergessen, denn ich habe Sie ja bis in den Kaufladen dieses abscheulichen Plowden verfolgt. Warum sind Sie aber nicht wieder einmal hierher zu mir gekommen?«

Ich schlug die Augen nieder, denn ich stand im Begriff zu lügen. »Ich fürchtete, Sie wären noch nicht nach London zurück,« sagte ich.

»Aber warum haben Sie dann bei Mr. Hawarden verboten, daß man mir Ihre Adresse gebe?«

»O, das habe ich niemals verboten!« rief ich lebhaft.

»Ohne Zweifel hat Mr. Hawarden —«

Sie unterbrach mich und sagte: »Wahrscheinlich hat Mr. Hawarden Ihre Tugend schützen wollen, welche ohne Zweifel nach seiner Meinung bei mir gefährdet ist.«

Ich schlug errötend die Augen nieder.

»Sie verstehen noch nicht zu lügen,« sagte Miß Arabella. »Ich hatte dies buchstäblich erraten.«

Sie klingelte und Mistreß Norton trat wieder ein.

»Hier,« sagte sie, indem sie ihr ein bereits zurechtgelegtes Paket Banknoten gab, »hier tragt dies zu Mr. Plowden und sagt, ihm, daß ich den Schmuck behalte, aber auch die Person, welche ihn mir überbracht hat.«

»Wie, Mylady,« rief ich, »Sie wollen —«

»Wollen Sie mir vielleicht weiß machen, daß Sie sich nach Mr. Plowdens Kaufladen und Ihrem Beruf als Ladenmamsell zurücksehnen? Dies hieße meine Fertigkeit, in den Zügen der Menschen zu lesen, Lügen strafen. Hier,« setzte sie lachend hinzu, »hier können Sie ganz nach Belieben deklamieren; hier wird sich niemand beschweren, daß Sie zu laut träumen.«

»Wie, Sie wissen?« rief ich.

»Ich bin sehr neugierig, und Sie wissen, daß die Neugier der Erbfehler der schönen Frauen ist. Ich sage also, daß Sie hier ganz nach Ihrem Belieben deklamieren können, abgesehen davon, daß Sie so oft ins Theater gehen werden, als es Ihnen Vergnügen macht.«

»Wirklich, Mylady?«

»O, ich kann das sehr leicht tun. Ich habe eine Loge, aufs ganze Jahr, die fortwährend leer steht, und Sie können daher dieselbe nach Belieben benützen.«

Dann drehte sie sich zu der Zofe herum und sagte:

»Nun, worauf wartet Ihr noch, meine Liebe?«

»Ich wollte Ihnen bloß bemerklich machen, Mylady, daß Sie von fünf bis sechs Uhr einen Besuch erwarten. Wenn ich nun selbst zu Mr. Plowden gehe, so kann, obschon dies gar nicht weit ist, die bewußte Person während dieser Zeit kommen und würde dann niemand finden, der sie bei Ihnen meldete.«

»Da habt Ihr recht, liebe Norton,« sagte Miß Arabella. »Schickt daher lieber Mr. Tom zu Mr. Plowden, und wenn jene Person kommt, so werdet Ihr sie bitten, einen Augenblick in dem Salon zu warten und mir dann Meldung machen. Jetzt geht.«

Mistreß Norton entfernte sich.

»Nun wollen wir einmal diese Diamanten ansehen,« sagte Miß Arabella in gleichgültigem Tone. Ich überreichte ihr das Etui, indem ich sagte:

»Die Steine sind wahrhaft wunderschön.«

»Ach, ich habe deren schon so viel,« entgegnete Miß Arabella.

»Georg sagte mir aber gestern, die Steine, welchen er den Vorzug gäbe, wären die Smaragden, und man muß schon etwas für die Leute tun, von welchen man ha, das häßliche Wort, welches mir auf der Zunge schwebte, ich wollte sagen, von welchen man bezahlt wird, anstatt: von welchen man geliebt wird.«

Ich sah die schöne Dame an. Eine Art kalter Schweiß trat mir auf die Stirne. Ich begann zu glauben, daß Mr. Hawarden recht gehabt habe, aber es war zu spät.

»Helfen Sie mir diesen Schmuck anlegen,« sagte Arabella zu mir.

Mit diesen Worten streckte sie mir den Hals, dann eins nach dem andern die Ohren und dann die Arme entgegen. War ich, indem ich aus dem Kaufladen des Strand in das Hotel von Oxfordstreet übersiedelte, höher oder tiefer gestiegen? Diese Frage war nicht leicht zu beantworten. In dem Kaufladen des Strand war ich die Dienerin des Publikums, in Oxfordstreet war ich Miß Arabellas Kammermädchen.

Eben hatte ich ihr das zweite Armband angelegt, als Mistreß Norton wieder eintrat.

»Er ist da,« sagte sie.

»Wo ist er?«

»In dem Salon.«

»Führt diese junge Dame in das Zimmer, welches auf den Garten geht. Sehet zu, daß es ihr an nichts gebreche und beauftragt Sarah, sie zu bedienen.«

Mistreß Norton öffnete eine in dem Wandgetäfel angebrachte kleine Tür, und forderte mich auf, ihr zu folgen, während Miß Arabella sich erhob, einige Schritte in der Richtung des Salons tat und in ihrem süßesten Tone sagte:

»Treten Sie ein, mein Prinz.«




Neuntes Capitel


Meine Wohnung bestand aus drei hübschen kleinen Zimmern mit der Aussicht auf den Garten. Sie befanden sich in der Höhe eines gewöhnlichen Zwischenstocks. Das mittelste hatte einen Balkon, der in eine Art Terrasse auslief und von großen, grünen, dichtbelaubten Bäumen beschattet ward. Dieser Balkon war ganz von Efeu und wildem Wein überrankt und reichte rückwärts auch bis vor die Fenster der übrigen Zimmer.

Der Anblick dieses Balkons machte mein Herz vor Freude hüpfen, denn er erinnerte mich an die Dekoration des zweiten Aktes in ›Romeo und Julia‹. Wenn ich um Mitternacht beim Scheine des Mondes in einem weißen Pudermantel auf diesem Balkon stand, so hielt nichts mich ab zu glauben, ich sei Julia. Es fehlte mir dann bloß noch ein Romeo.

Kaum sah ich mich allein, so dachte ich an die neue Veränderung, die in meinem Leben vorgegangen war. Welchem Verhängnis ging ich entgegen?

Es war klar, daß ein stärkerer Wille als der meinige über meine Existenz verfügte, ohne mir die Macht zu lassen, ihm Widerstand zu leisten. Zuerst entreißt die unerwartete Unterstützung des Lord Halifax mich meiner Unwissenheit, um mir einen Grad von Erziehung und Bildung zu geben, der mir mehr schädlich als nützlich ist. Dann wird diese Unterstützung mir plötzlich wieder entzogen, und der Zufall führt mich in eine gute, rechtschaffene Puritanerfamilie, wo ich mein Leben wenigstens für einige Zeit festgestellt glaube, als plötzlich die unvorhergesehene Begegnung mit Amy Strong neue Projekte in meinem Gemüt allerdings nicht erst erweckt, wohl aber mit solcher Kraft entwickelt, daß ich vergebens der Hand zu widerstehen suche, welche mich fortreißt, und ich gehe nach London, indem ich dem Rufe einer Person folge, die ich nicht kenne. Die Vorsehung, welche diesmal mich ihres Blickes würdigt, entfernt diese Person aus meinem Wege. An ihrer Statt finde ich einen Mann von edlem Herzen und eine Frau mit sanftem, zärtlichem Gemüt. Für sie gehe ich in einem Augenblick aus dem Zustande einer Fremden in den einer Freundin über. Man sucht und findet für mich eine Stellung, die besser ist, als die, welche ich bei dem älteren Mr. Hawarden bekleidete, und weit besser als meine erste Stellung bei Mistreß Davidson. Die ehemalige Schafhirtin wird erste Ladenmamsell eines der reichsten Juweliere von London und hier faßt das Verhängnis, welchem ich entronnen bin, mich abermals und schleudert mich, ohne daß ich Zeit habe mich zu besinnen, in jene krumme gefährliche Bahn hinein, von welcher Mr. Hawarden mir eine so abschreckende Schilderung entworfen.

Was soll ich tun? Soll ich dieses verhängnisvolle Haus fliehen? Soll ich zu Mr. Hawarden eilen, ihm alles sagen, alles gestehen, selbst meinen Wunsch Schauspielerin zu werden? Soll ich mich unter seinen Schutz stellen und ihm zurufen: »Hier bin ich! Retten Sie mich! Retten Sie mich!« Wenn ich dies tun will, so muß es geschehen, ehe noch die Nacht verflossen ist, denn wenn diese über meiner Abwesenheit vergeht, so ist alles verloren.

Oder soll ich bleiben? Soll ich mein Boot der Strömung, welche es fortträgt, folgen lassen, ohne Lotse und ohne Steuerruder mitten unter den Strudeln und den Stromschnellen? Soll ich es so dem Ozean zutreiben lassen, das heißt einer unbekannten wunderbaren Zauberwelt oder vielleicht den Eisbergen des Polarmeeres?

Aber welcher Unterschied zwischen dem Leben dieser Frau, welche prachtvolle Pferde, elegante Equipagen, Lakaien in kostbarer Livree, ein luxuriöses Hotel, so viel Diamanten, daß sie nicht weiß, was sie damit machen soll, Logen in allen Theatern und einen Geliebten hat, zu welchem sie sagt: »Treten Sie ein, lieber Prinz, ich erwarte Sie!« und der Existenz jener armen Ladenmamsell, welche um acht Uhr morgens aufsteht, ihren Tag damit zubringt, daß sie Schmucksachen handhabt, von welchen ihre Hände nur die Spur des Drucks und ihre Augen den Reflex behalten; die um zehn Uhr sich zu Bett legt, und nicht einmal in ihrem Zimmer die Verse Shakespeares zu deklamieren wagt, weil sie fürchtet, daß die Nachbarn sich darüber beschweren, und daß ihr Dienstherr sie frage, ob sie laut träumt!

O Herr, mein Gott, selig sind die, welche die Kraft haben, dem Strom zu widerstehen; aber zu entschuldigen bei der Stellung, welche die menschlichen Gesetze ihnen in der Gesellschaft bereiten, sehr zu entschuldigen, o mein Gott, sind die, welche sich von dem Strome fortreißen lassen.

Leider gehörte ich zur Zahl dieser Letzteren. Der Abend verging und die Nacht kam, ohne daß ich den Mut gehabt hätte, zu einem Entschlusse zu kommen. Ich hätte wenigstens an Mr. Hawarden schreiben, ich hätte ihn bitten sollen, an meiner Statt seiner würdigen Gattin die Füße zu küssen.

Ich nahm aber nicht bloß meine Zuflucht nicht zu ihm, sondern ich schrieb ihm sogar nicht einmal. Ich schämte mich, ihn wiederzusehen und vermied daher seine Begegnung. Da ich fühlte, daß schon die Erinnerung ein Gewissenbiß war, so bemühte ich mich, zu vergessen, und da mir dies nicht gelang, so betäubte ich mich wenigstens.

Dies war meine zweite Undankbarkeit.

Und dennoch, woran lag es, daß ich nicht gerade das Gegenteil tat? Ich wollte schreiben; ich trat in ein kleines Kabinett, wo ich ein Bureau gesehen. In diesem Bureau hoffte ich Feder, Tinte und Papier zu finden. Ich fand aber von all' diesem nichts darin. Ich fand weiter nichts als ein Buch, ein Buch, welches ich mechanisch öffnete und las. Es führte den Titel: »Clarissa Harlowe«.

Ich wußte nicht, was ein Roman war, ebenso wie ich bei meiner Ankunft in London nicht gewußt hatte, was ein Theaterstück war.

Ich öffnete das Buch oder vielmehr ich öffnete eine neue Pforte, welche in die phantastische, unbekannte Welt führte, in die ich an dem Tage eingetreten war, wo der Vorhang eines Theaters vor mir aufgegangen.

Dieser, wie man versichert, zu einem moralischen Zweck geschriebene Roman äußerte auf mich eine Wirkung, welche der, die der Verfasser beabsichtigt, geradezu entgegengesetzt war. Lovelace erschien mir, anstatt als ein abscheulicher Verführer, vielmehr als ein verführerischer Gentleman. Ich beneidete Clarissa sozusagen um ihr Unglück, weil sie ja des Glücks der Liebe teilhaft geworden, und ich war vollkommen bereit, denselben Gefahren entgegenzugehen und mit demselben Ungemach zu kämpfen.

Von dem Augenblicke an, wo dieses Buch in meine Hände fiel, von dem Augenblick an, wo ich es aufschlug, war bei mir nicht mehr die Rede davon, an Mr. Hawarden zu schreiben, oder zu Mr. Plowden zurückzukehren. Die Fee hatte mich abermals mit ihrem Zauberstabe berührt; ich gehörte nicht mehr mir selbst an.

Mistreß Norton kam, um mich zu fragen, ob ich hinunterkommen und den Tee mit ihr trinken wollte; sie fand mich aber in meine Lektüre versunken.

Ich fragte sie, ob das, was sie soeben zu mir gesagt, ein Befehl von Miß Arabella oder eine Einladung von ihr selbst sei.

Sie antwortete, Miß Arabella habe Besuch und denke wahrscheinlich nicht an mich. Ich bat Mistreß Norton, mir meinen Tee und meine Butterbrote, die mein Imbiß und meine Abendmahlzeit sein sollten, auf mein Zimmer zu schicken und, mich ungestört bei meiner Lektüre zu lassen.

Einen Augenblick später und ohne daß ich bei dem Eintritte oder dem Fortgehen der Zofe auch nur die Augen von meinem Buche erhoben hätte, hörte ich den Lakai, der mir das Verlangte brachte. Ich gab ihm durch eine Gebärde zu verstehen, daß er alles auf den Tisch setzen und mich dann wieder allein lassen solle.

Da es wahrscheinlich sein eigener Wunsch war, meiner Bedienung überhoben zu werden, so gehorchte er.

Sobald er wieder hinaus war, verschloß ich die Tür, als ob ich fürchtete gestört zu werden. Ich vergaß den Tee, ich vergaß Mistreß Norton, ich vergaß Miß Arabella, ich vergaß die ganze Welt. Ich war Clarissa Harlowe geworden, so wie ich Julia geworden war.

Nach zwei oder drei Stunden dieser hartnäckigen Lektüre entstand jedoch ein solches Chaos in meinem Geiste, und das Blut drang mir mit solcher Gewalt nach dem Gehirn empor, daß ich das gebieterische Bedürfnis empfand, frische Luft zu schöpfen.

Ich öffnete mein Fenster und ging, mich auf eine der steinernen Bänke des Balkons zu setzen.

Es war eine schöne Sommernacht, eine jener Nächte, welche Shakespeare wählt, um sie mit einem seiner Träume zu bevölkern.

Der Mondschein, welcher durch die Bäume des Gartens fiel, spielte auf dem Rasen und auf dem schlafenden Wasser des Bassins. Julias Nachtigall sang in dem Gebüsch. Es war eine jener Nächte, welche, berauschender als die glühendste Sonne, die Liebe in einem jungen Mädchenherzen zur Reife bringen.

Durch die seidenen Vorhänge hindurch sah man die Fenster in Miß Arabellas Wohnung prachtvoll erleuchtet. Man hörte die Akkorde einer Harfe und die gedämpften Töne einer Frauenstimme.

Ich hatte noch niemals die Klänge dieses himmlischen Instruments vernommen und Kunst und Natur vereinigten sich, meinen Träumen ein Konzert zu geben.

Es waren gleichzeitig Juliens Nachtigall und Clarissas Harfe, welche mir sagten: »Alles liebt! Wir haben geliebt, liebe du nun auch!«

Plötzlich öffnete sich eines der Fenster und beleuchtete einen Teil des Gartens, während ich gänzlich im Schatten blieb, so daß ich sehen konnte, ohne gesehen zu werden.

Eine weibliche Gestalt erschien an diesem Fenster. Es war Miß Arabella.

Ich machte unwillkürlich eine Bewegung, um mich zurückzuziehen, da ich aber einsah, daß ich nicht gesehen werden konnte, so blieb ich wo ich war.

Zugleich mit dem Licht verbreitete sich ein Wohlgeruch von außen. Dann fragte eine Stimme:

»Wo sind Sie, Arabella? Wo sind Sie?«

»Hier, gnädigster Herr,« antwortete Miß Arabella.

»Was machen Sie an diesem Fenster, Königin meines Herzens?«

»Ich brannte und ich suche mich zu löschen.«

Ein schöner junger Mann, beinahe noch ein Kind, kaum ein Jüngling, erschien jetzt hinter ihr und stützte sich mit dem Ellbogen auf den Balkon. Die beiden Köpfe waren jetzt so nahe aneinander, daß Arabellas wallendes Haar mir, indem es sich mit den blonden Locken des jungen Mannes mischte, das Gesicht desselben zur Hälfte verbarg.

Dieser junge Mann war kein anderer als der Prinz von Wales, später Georg der Vierte. Er faßte Arabellas Haar mit vollen Händen und küßte es leidenschaftlich.

Ich versuchte zu hören, was sie sagten. Sie sprachen aber so leise, daß ihre Worte nicht bis zu mir drangen. Ich hörte küssen, dann umschlang der junge Mann Miß Arabella mit seinem Arme und zog sie in das Zimmer hinein.

Hinter ihnen schloß sich das Fenster, die dichten Vorhänge fielen herab und hemmten das Licht. Die poetische Erscheinung aus dem Reiche der Liebe war entschwunden und ließ mich einem mir bis dahin noch völlig unbekannt gewesenen Gefühl zur Beute.

Die Nachtigall fuhr fort zu singen, die Töne der Harfe aber waren verstummt.

Ich entsann mich der zweiten Liebesszene zwischen Romeo und Julia, und mehr als jemals schienen die süßen Modulationen darin zu liegen, welche mich im Theater so betroffen gemacht. Dennoch zögerte ich, wie dringend ich auch das Bedürfnis fühlte, die wunderbaren Verse des großen Dichters zu deklamieren, das harmonische Schweigen zu stören und eine Menschenstimme mit dem Gesang der Nachtigall und jenem unbeschreiblichen Geräusch zu mischen, welches in der durchsichtigen Finsternis einer Sommernacht dem Schwirren zu gleichen scheint, welches Oberons und Titanias Fittiche hervorbringen.

Dennoch aber floß, wie aus einem allzuvollen Kelche, jener erste Vers:[1 - Die Verdeutschung der Worte Shakespeare's ist die Schlegel-Tieck'sche]

		»Noch ist's nicht Zeit; oh bleib noch, Romeo!«

über meine Lippen. Dann sah ich mich, an allen Gliedern zitternd, um. Ich war wirklich allein. Ich ward dreister und rief mit lauterer Stimme:

		»Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
		Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.
		Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
		Glaub', Lieber, mir; es war die Nachtigall.

Atemlos hielt ich inne. Es war mir, als hätte ich das Geräusch eines sich öffnenden Fensters gehört. Ich schaute nach der Seite hin, von welcher das Geräusch gekommen war. Ich sah nichts. Alles war ruhig, alles schien einsam zu sein. Ich hatte ein niegeahntes Vergnügen daran finden gelernt, die Töne meiner eigenen Stimme zu hören, und ich fuhr fort:

		»Die Lerche war's, die Tagverkünderin,
		Nicht Philomele; sieh den neid'schen Streif.
		Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.
		Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
		Der munt're Tag erklimmt die durst'gen Höhen,
		Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod!«

Nachdem ich die erste Schüchternheit überwunden, fuhr ich, von der Melodie meiner eigenen Stimme berauscht, fort, mit dem ganzen Ausdruck, den ich darein zu legen vermochte, die Szene bis zu Ende zu deklamieren. Die Reihe des Antwortens war an mir, und gerade als ob Romeo zugegen gewesen wäre, um mich zu hören, oder als ob ein ganzes Publikum zugehört hätte, um mir dann Beifall zuzujubeln, antwortete ich:

		»Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht.
		Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus,
		Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,
		Dir auf den Weg nach Mantua zu leuchten;
		D'rum bleibe noch, zu geh'n ist noch nicht not.«

Es kam mir vor, als hätte ich in diesen letzten Vers nicht Leidenschaft genug gelegt und ich wiederholte ihn daher mit meiner ganzen Seele.

Diesmal war ich mit mir zufrieden.

Hierauf antwortete ich an Romeos Stelle mir selbst:

		»Lass' sie mich greifen, ja, lass' sie mich töten!
		Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.
		Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,
		Der bleiche Abglanz nur von Cynthia's Stirn.
		Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag
		hoch über uns des Himmels Wölbung trifft.
		Ich bleibe gern; zum Geh'n bin ich verdrossen,
		Willkommen, Tod! hat Julia dich beschlossen,
		Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.«

Ich dachte daran, wie schön Mistreß Siddons in diesem Augenblick gewesen war, das heißt, als sie, indem sie einsieht, daß sie sich irrt, gewahrt, in welche Gefahr ihr Irrtum oder vielmehr ihre Liebe Romeo gebracht hat, und ich rief in einem Tone, der vor Angst und Furcht nicht weniger erbebte als der ihrige:

		»Es tagt, es tagt! Auf! Eile fort von hier!
		Es ist die Lerche, die so heiser singt,
		Und falsche Weisen, rauhen Mißton gurgelt.
		Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß,
		Nicht diese: sie zerreißt die uns're ja.

		Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Kröte
		Die Augen; möchte sie doch auch die Stimme!
		Die Stimm' ist's ja, die Arm aus Arm uns schreckt,
		Dich von mir jagt, da sie den Tag erweckt.
		Stets hell und heller wird's; wir müssen scheiden!«

Kaum hatte ich diesen letzten Vers mit dem ganzen Ausdruck, den ich dareinzulegen vermochte, deklamiert, als eine Stimme »Bravo!« rief und lauter Beifall sich von der Seite her vernehmen ließ, auf welcher ich ein Fenster sich öffnen zu hören glaubte. Ich stieß einen Schrei aus, eilte in mein Zimmer zurück, schloß das Fenster wieder hinter mir und sank zitternd auf einen Divan. Ich hatte allein zu sein geglaubt. Ich irrte mich, ich hatte einen Zuhörer gehabt. Wer aber war dieser Zuhörer? Ganz gewiß ein junger Mann. Die Stimme war frisch und klangvoll. Was den Beifall betraf, so dauerte derselbe fort, selbst nachdem mein Fenster sich geschlossen. Es war als ob man, wie man im Theater zu tun pflegt, den Beifall verdoppelte, um den Künstler, dem dieser Beifall gilt, zum nochmaligen Erscheinen auf der Bühne zu veranlassen.

So unruhig und aufgeregt ich aber auch war, so hatte diese Unruhe nichtsdestoweniger etwas Süßes und Berauschendes. Diese Einzelheiten erscheinen dem Leser vielleicht kindisch, aber wie soll ich mir Verzeihung für meinen Fall erwecken, wenn ich nicht die Steilheit des Pfades veranschauliche, welchen ich hinabglitt?




Zehntes Capitel


Meine Nacht war nach den Gemütsbewegungen des Abends nur Folge und die Entwicklung dieser Gemütsbewegungen. Es war mir, als hätte auch ich einen Roman begonnen.

Zweierlei verfolgte mich in meinem Schlafe und drang durch das Tor der Sinne bis in mein Herz hinein.

Das eine war jene Vision, welche mir jene beiden so schönen Häupter dicht nebeneinander zeigte, wie sie ihr Haar, ihren Atem, ihre Seufzer mischten, ein Bild, welches sich kräftig von dem hellerleuchteten Hintergrund des Zimmers abhob.

Das andere war jener unsichtbare Zuhörer, welcher mir ohne Zweifel bei jenem nächtlichen Auftritt, wo ich allein zu sein glaubte, in allen Einzelheiten aufs genaueste gefolgt war.

Auf diese Weise vereinigte sich alles, um mich dem Untergange entgegen zu drängen die Ereignisse meiner Tage, die Träume meiner Nächte.

Miß Arabella war erst ziemlich spät sichtbar. Sie ließ mich rufen. Ich fand sie in demselben Boudoir, wo ich sie am Tage vorher gesehen.

»Liebe Kleine,« sagte sie im Tone einer Königin zu mir, »ich verlasse London auf einige Tage. Ich möchte Sie gerne mitnehmen, leider aber ist dies unmöglich. Bleiben Sie daher in meiner Abwesenheit hier. Ich weiß, daß Sie das Theater lieben. Meine Loge steht zu Ihrer Verfügung. Sie können allein hineingehen, wenn Sie wollen, aber Sie sind noch sehr jung, Sie sind sehr hübsch, und es wird daher gut sein, wenn Sie in Begleitung von Mistreß Norton hingehen. Das einzige, um was ich Sie bitte, ist, daß Sie keine Besuche empfangen. Wenn Sie bei meiner Rückkehr immer noch von Ihrer Manie für das Theater besessen sind, so werde ich zwei Worte mit Sheridan sprechen und Sie können dann versuchsweise einmal auftreten. Wenn Sie zufällig Romney begegnen, so suchen Sie es so einzurichten, daß er Sie nicht sieht. Wenn er Sie dennoch sieht, so vermeiden Sie es, mit ihm zu sprechen, und wenn er mit Ihnen spricht, so sagen Sie ihm nicht, bei wem Sie sind. Wir haben uns veruneinigt und sind jetzt Todfeinde.«

Ich versprach Miß Arabella, allen ihren Wünschen pünktlich nachzukommen.

»Und nun,« sagte sie zu mir, »ist es Ihnen vielleicht gefällig, mich umgestalten zu helfen?«

»Ich bin bereit, alles zu tun, was Sie mir befehlen wollen,« sagte ich. »Bin ich nicht bei Ihnen, um Ihnen zu gehorchen?«

»Ja, bis du andern befiehlst, was bei einem Gesichtchen wie das deinige nicht lange dauern kann.«

Indem Miß Arabella dies sagte, faßte sie mich beim Kinn.

»In der Tat,« fuhr sie fort, »ich glaube, Romney hatte recht, und es ist eine große Anmaßung von mir, dieses reizende Antlitz in der Nähe des meinigen weilen zu lassen. Weißt du, was ich bedauere?« setzte sie hinzu, indem sie mir mit den Händen durch die Locken meines Haares fuhr.

»Nein,« antwortete ich. »Ich wüßte wirklich nichts. Sie sind ja jung, schön, reich und werden geliebt.«

»Findest du mich wirklich schön, oder sagst du dies wie die andern, bloß um mir ein Kompliment zu machen?« fuhr sie fort, indem sie sich vor einen Spiegel stellte und ihr Gesicht dem meinigen näherte, wie um die beiden Gattungen unserer Schönheit zu vergleichen.

»Ja, Sie sind schön! sehr schön!« rief ich mit dem Ausdruck der vollkommensten Aufrichtigkeit.

»Wohlan,« sagte sie, »ich bedauere, daß ich anstatt einer schönen, sehr schönen Frau nicht ein schöner, sehr schöner Mann bin, denn wenn ich ein Mann wäre, so schwöre ich, daß ich um deinetwillen alle Torheiten der Welt begehen würde. Ha,« setzte sie hinzu, »ich fange damit schon an, selbst ohne Mann zu sein, denn ich vergesse mich, indem ich mit dir plaudere, und den Prinzen warten lasse.«

Sie küßte mich auf die Stirn und klingelte der Zofe. »Nun,« sagte sie, »sind meine Kleider noch nicht bereit? Der Schneider hatte dieselben doch bis um drei Uhr nachmittags zu liefern versprochen.«

»Die Kleider sind schon seit einer halben Stunde da, Mylady,« antwortete die Zofe.

»Nun, dann bringt sie mir.«

Die Zofe verließ das Zimmer und kam einige Augenblicke darauf mit einem vollständigen eleganten Herrenanzug zurück.

»Wie!« rief ich, »Sie wollen sich als Mann kleiden?«

»Ja; es ist ein Einfall des Prinzen. Wir wollen mit einigen seiner Freunde acht Tage auf dem Lande zubringen, auf die Jagd gehen und was weiß ich sonst noch alles vornehmen. Er sagte gestern zu mir: »Sie wissen nicht, was Sie machen sollen, Arabella? Sie sollen sich als Mann kleiden!« Ich ließ sogleich meinen Schneider rufen und bestellte bei ihm einen vollständigen Männeranzug, den er heute um drei Uhr abzuliefern hätte. Er versprach es mir und, wie du siehst, hat er Wort gehalten. »Nun,« fuhr Miß Arabella, sich nach der Zofe herumdrehend fort, »was wollt Ihr noch, liebe Norton?«

»Ich erwarte Ihre Befehle, um Sie ankleiden zu helfen, Mylady.«

»Dies wird Emma tun,« entgegnete Miß Arabella. »Nicht wahr, liebe Kleine, diesen Dienst wirst du mir leisten?«

»Ohne Zweifel.«

»Nun, dann geht, liebe Norton, und laßt die Postpferde kommen, damit ich in einer halben Stunde abreisen kann.«

Die Zofe entfernte sich.

Arabella musterte nun, einen nach dem andern, die verschiedenen Bestandteile ihres Anzugs. Alles war höchst geschmackvoll gearbeitet und darauf berechnet, die körperlichen Vorzüge der Person, welche diese Kleider tragen sollte, hervorzuheben. Der Rock war von dunkelgrünem Sammet mit goldenen Knopflöchern, die Weste von weißer Seide mit bunter Blumenstickerei; das Beinkleid von himmelblauem Sammet und die von seinem, seidenweichem Leder gefertigten Stiefel ließen, obschon sie bis über die Knie hinausragten, die Form des Beines erraten und zeigten den reizendsten kleinen Fuß, den man sehen konnte.

Arabella schien durch die Beaugenscheinigung aller dieser Gegenstände vollkommen zufriedengestellt zu werden.

»Glaubst du,« sagte sie zu mir, »daß ich mich darin leidlich ausnehmen werde?«

»O, Sie werden ganz bezaubernd darin sein,« antwortete ich.

»Schmeichlerin!« entgegnete sie, indem sie ihren Hausrock auszog. »Komm, hilf mir ein wenig.«

Mit diesen Worten nahm sie aus einem Schubfach ihrer Toilette ein Batisthemd mit einem Busenstreifen von prachtvollen englischen Spitzen und dergleichen Manschetten und gab es mir, um es ihr überwerfen zu helfen. Ihr Haar war bereits nach Männerart frisiert und stand wunderbar zu ihrem schönen Gesicht, dessen Ausdruck, wie sich nicht leugnen ließ, mehr der des Stolzes und der Dreistigkeit als der der Bescheidenheit war.

Sie legte dann vollends ihre Frauenkleider ab. An plastischer Schönheit hätte sie, wenn auch nicht mit den antiken Statuen, wohl aber mit denen des Mittelalters wetteifern können, die in Bezug auf üppige Anmut unbestreitbar über ersteren stehen. Sie war nicht die Venus des Praxiteles oder die Victoria des Phidias; jedenfalls aber eine der Grazien von Germain Pilon.

Einige Augenblicke lang betrachtete ich mit Bewunderung diese Vollkommenheit der Formen, welche im Altertum zur Anbetung begeistert haben würde.

»Nun,« sagte Arabella, »woran denkst du, kleine Zerstreute?«

»Ich sehe Sie an, Mylady, und sage mir im stillen, daß der Prinz sehr glücklich ist.«

Sie lächelte, zuckte in bezaubernder Weise die Achseln und bückte sich, damit ich ihr das Hemd überwerfen könnte.

Wie seltsam ist doch die Natur des Weibes! Ihr höchster Genuß liegt im Stolz und die süßesten Liebkosungen sind für sie die der Schmeichelei. Was war ich für Miß Arabella! Ein wenig mehr als ein Kammermädchen; gleichwohl war es augenscheinlich, daß sie meine Komplimente mit ebensoviel Begierde suchte wie die des Prinzen.

Die sämtlichen anderen Verrichtungen ihrer Toilette folgten mit derselben Langsamkeit und derselben Koketterie. Ohne Zweifel war es jetzt nicht das erste mal, daß die launenhafte Schöne Männerkleider anlegte.

Als wir die Toilette beendet hatten, war die Metamorphose vollständig und man hätte darauf schwören mögen, daß man einen jungen Gentleman von sechzehn bis höchstens achtzehn Jahren vor sich hätte, während sie als Weib fünfundzwanzig zu zählen schien, ja aller Wahrscheinlichkeit nach dieses Alter und somit die erste Blüte des Lebens bereits überschritten hatte.

In dem Augenblick, wo sie, indem sie mir über meine Ungeschicklichkeit in bezug auf ihr Halstuch Vorwürfe machte, dasselbe mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit, welche große Übung verriet, um ihren Hals geschlungen und damit ihre männliche Toilette vervollständigt hatte, trat Mistreß Norton wieder ein und meldete, daß die Postpferde da seien und daß der Wagen warte.

Miß Arabella warf einen letzten Blick auf sich selbst und dann auf mich. Es war augenscheinlich, daß in ihr ein eigentümlicher Kampf stattfand, von welchem ich mir keine Rechenschaft geben konnte.

Dann neigte sie sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr:

»Du weißt wohl nicht, was ich denke?«

»Nein,« antwortete ich mit der vollkommensten Aufrichtigkeit.

»Ich denke, daß ich lieber Mann sein und dich in diesem Wagen entführen, als Weib sein und hineinsteigen möchte, selbst wenn es geschieht, um einer Einladung des Erben der Krone von England zu folgen.«

Dann ergriff sie eine kleine Reitgerte, deren Griff mit einem prachtvollen Smaragd geschmückt war.

»Leb' wohl,« sagte sie; »ich werde so bald wie möglich wiederkommen. Mittlerweile lasse ich dich hier als Herrin des Hauses zurück.«

Und mit diesen Worten entfernte sie sich rasch, indem sie sich mit ihrer Reitgerte auf den Stiefel schlug und ihre Sporen auf dem Getäfel des Fußbodens klirren ließ.

Das Fenster ging auf die Straße. Ich eilte an dasselbe, um sie noch einmal zu sehen. Leichtfertig sprang sie in die mit vier Pferden bespannte Kalesche, lichtete den Kopf empor, sah mein an der Fensterscheibe klebendes Gesicht, drückte die Hand an die Lippen und streckte sie dann nach mir aus. Die Postillone knallten mit ihren Peitschen, und der Wagen rollte im Galopp davon.

Nun war ich allein in diesem lauen, von Wohlgerüchen erfüllten Zimmer, wo man unmöglich an etwas anderes denken konnte, als an Reichtum, Liebe und Wollust.

Ich blieb hier eine Stunde und ließ mich von dieser entnervenden Atmosphäre durchdringen, welche Bajä für die Tugend der römischen Matronen so gefährlich machte.

Wie weit war es von hier bis zu der milden und intelligenten Atmosphäre, welche ich in dem Hause von Leicester Square, oder zu der merkantilen und bürgerlichen, welche ich in Mr. Plowdens Kaufladen, und endlich zu der puritanischen und strengen, welche ich in dem Hause des älteren Mr. Hawarden geatmet!

»Ich lasse dich als Herrin des Hauses zurück,« hatte Miß Arabella beim Fortgehen zu mir gesagt. Warum das? Welche Rechte hatte ich? Wodurch hatte ich mir eine solche Gunst erworben?

Und dennoch, von welcher Art auch der Beweggrund sein mochte, dem ich sie verdankte, so war sie doch wirklich vorhanden. Ich bemerkte dies sehr bald an der Art und Weise, auf welche Mistreß Norton mich fragte, ob ich ihr noch irgendwelche Befehle zu erteilen hätte.

Befehle zu erteilen! Ich, die ich bis jetzt stets Befehle empfangen hatte! Ich darf es nicht verschweigen, daß ich immer noch von dem Gefühl meiner untergeordneten Stellung durchdrungen war. Vielleicht vergaß ich zuweilen den Punkt, von welchem ich ausgegangen war; sobald ich mich aber mit mir allein befand, fühlte ich mich eher aufgelegt, das Glück für seine Gunstbezeigungen, die mich bloß emporzuheben schienen, um meinen Fall desto tiefer zu machen, zu schelten, als ihm für diese ungeahnte Erhebung zu danken, welche, wie ich instinktartig fühlte, von seiten der Vorsehung nur ein Irrtum sein konnte. Ich antwortete, wenn Mistreß Norton mir das Vergnügen machen wollte, mit mir zu Mittag zu speisen und mich dann ins Theater zu begleiten, so würde ich ihr dafür sehr dankbar sein.

Mistreß Norton verlangte nichts Besseres, denn es war für sie ebenfalls ein hoher Genuß, ins Theater zu gehen.

Sie fragte mich, welchem ich den Vorzug gäbe.

Ich kannte nur eins, nämlich Drury Lane.

Man gab »Macbeth«. Es war dies ein Stück, in welchem Mistreß Siddons einen ihrer größten Triumphe feierte.

An diesem Abend waren die Eindrücke, die ich empfing, sehr verschieden von denen des ersten Abends. Ich durchlebte alle Phasen der Angst und des Schreckens. Jene Eigenschaften der Milde und Sanftmut, welche Mistreß Siddons in der Rolle der Julia abgingen, wurden jetzt durch die entgegengesetzten Eigenschaften ersetzt. Die Energie der Stimme, die Unbeweglichkeit ihrer Physiognomie gaben den ehrgeizigen Bestrebungen dieses Felsenherzens eine Vollkommenheit des Spiels, welche in der Szene, wo sie Macbeth zum Verbrechen treibt, ans Erhabene grenzte.

Ich meine die Szene, wo sie ihren von Banquos Geist bedrohten Gatten beruhigt, und dann die, wo sie in ihrem Schlafe, mehr noch durch ihre erschütterte Macht als durch die Reue verfolgt, im Nachtgewande mit offenen, aber der Sehkraft beraubten Augen, mit hohler, klangloser Stimme kommt, um klagend das Schauspiel jener nächtlichen Schrecken zu geben, welche den Mörder verfolgen.

Ich war, als ich wieder nach Hause zurückkehrte, vielleicht von noch größerer Bewunderung ergriffen, als das erste mal, dennoch aber weniger gerührt. Ich bewunderte, aber ich weinte nicht. Ich fühlte, daß ich, indem ich Macbeth gesehen, einer Kunstleistung beigewohnt hatte, während ich in »Romeo und Julia« meinen Anteil an einer Szene der Natur zu nehmen geschienen.

Aufgeregt kehrte ich in meine kleine Wohnung zurück und wollte unter dem Eindruck dessen, was ich soeben gehört und gesehen, ebenso wie ich an dem Abend getan, wo Mr. Hawarden mich in das Theater geführt, das Gesehene und Gehörte zu reproduzieren versuchen.

Ich sah aber sehr bald ein, daß weder meine Physiognomie noch meine Stimme für furchtbare Eindrücke geschaffen waren. Meine Stimme war zu sanft, meine Physiognomie zu zärtlich und zu jugendlich. Ich lachte über mich selbst, als ich sah, wie unmöglich es mir war, jene düstere Betonung und jene unwiderstehliche Versuchung nachzuahmen, welche Macbeth sagen läßt:

».....Bring forth men children only,

For this undaunted mettle

should compose Nothing but males.«

(Bringe mir männliche Kinder zur Welt,

denn dein unbesiegbares Herz

darf nur Männer zeugen.)

Wider Willen verfiel ich immer wieder in jene sanften, liebeskranken Biegungen der Stimme zurück, welche mich glauben ließen, daß ich in Julias Rolle neue und unbekannte Gefühle gefunden.

Meine Physiognomie stimmte damals wunderbar mit dem harmonischen Wohllaut meiner Worte zusammen. Ich fühlte mit einem Wort, daß es mir unmöglich sein würde, irgendeinen Macbeth mit mir bis zum Throne zu erheben, welche Anstrengungen ich auch zu diesem Zwecke machte, während ich nur zu sprechen, anzublicken und zu lächeln brauchte, um den widerspenstigsten Romeo bis auf den tiefsten Grund meines Grabes hinabzulocken.

Ich sah jetzt an meinem inneren Auge jene bezaubernde Ballszene vorübergehen, wo die beiden Liebenden, fast ohne zu sprechen, sich eines dem anderen widmen, so daß, als Romeo sich entfernt hatte, Julia, welche fühlte, daß der teure Unbekannte ihr Herz mit hinweg nimmt, ihre Amme ihm nachschickt und ausruft:

		»Geh', frage wie er heißt. Ist er vermählt,
		So ist das Grab zum Brautbett mir erwählt.«

Ich deklamierte diese Worte, indem ich die ganze Seele und die ganze Leidenschaft hineinlegte, deren mein Herz fähig war, bis ich plötzlich im Garten am Fuße des Balkons mich nicht mit dem Namen Emma, sondern mit dem Namen Julia rufen zu hören glaubte.

War es eine Verirrung meiner Einbildungskraft, eine Täuschung meiner Sinne? War ich in meinen Träumen so weit gekommen, daß sie sich gleichsam in Wirklichkeit verwandelten? Ich näherte mich leise dem Fenster, öffnete es und eine Stimme, so sanft wie ein Seufzer des Nachtwindes, rief abermals:

»Julia! Julia!«

Romeo war also gefunden. Romeo war am Fuße des Balkons, aber wer war er?




Elftes Capitel


Bei dieser Gewißheit, daß ein Unbekannter da war, hätte ich das Fenster wieder schließen, den Vorhang fallen lassen, in mein innerstes Zimmer fliehen und dasselbe verriegeln sollen. In jeder anderen Gemütsstimmung würde ich dies sicherlich auch getan haben, aber es war, als ob jenes Wesen, welches die heilige Schrift nicht zu nennen wagt, sondern bloß mit den Worten: »Der, welcher im Finstern wandelt,« bezeichnet, sich an mich geheftet hätte wie an eine Beute. Es schien geschworen zu haben, mich nicht eher loszulassen, als bis es mich in den tiefsten Abgrund hinabgezerrt hätte.

Anstatt daher das Fenster zu schließen, anstatt zu fliehen, lehnte ich das Ohr an den nicht ganz geschlossenen Fensterflügel und horchte.

Zu meinem großen Erstaunen sprach nun der Unbekannte mit sanfter, frischer Stimme die folgenden Verse, als ob es unsere Aufgabe wäre, jedes unsere Rolle vor einem unsichtbaren Publikum zu spielen, oder als ob ich wirklich Julia und er wirklich Romeo wäre.

Mit verhaltenem Atem lauschte ich und der Unbekannte sprach:

		»Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?
		Es ist der Ost, und Julia die Sonne.
		Geh' aus, du holde Sonne! Ertödte Lunen,
		Die neidisch ist, und schon vor Grame bleich,
		Daß du viel schöner bist, obwohl ihr dienend.
		O, da sie neidisch ist, so dien' ihr nicht.
		Nur Toren gehn in ihrer blassen kranken
		Vestalentracht einher; wirf du sie ab!
		Sie ist es, meine Göttin! meine Liebe!
		O, wüßte sie, daß sie es ist!«

Der Leser kennt die Zaubermacht, welche das Altertum dem Gesang der Sirenen zuschrieb, eine Macht, welcher Ulysses nur dadurch entrann, daß er seine Reisegefährten an die Masten seiner Schiffe festband und sich selbst die Ohren mit Wachs verstopfte. Leider ward ich durch kein Band gefesselt. Meine Ohren standen allen sinnlichen Melodien der Liebe geöffnet, die Stimme lockte mich mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich setzte den Fuß auf den Balkon. Mein Herz pochte immer starker, meine Lippen bebten.

Und als ob sie das Geheimnis meines Herzens gekannt hätte, fuhr die Stimme fort:

		»Sie spricht, doch sagt sie nichts; was schadet das?
		Ihr Auge spricht, ich will ihm Antwort geben.
		Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir.
		Ein Paar der schönsten Stern' am ganzen Himmel
		Wird ausgesandt, und bittet Juliens Augen
		In Ihren Kreisen unterdeß zu funkeln.
		Doch wären ihre Augen dort, die Sterne
		In ihrem Antlitz? Würde nicht der Glanz
		Von ihren Wangen jene so beschämen,
		Wie Sonnenlicht die Lampe? Würd' er auch,
		Aus luft'gen Höh'n sich nicht so hell ergießen,
		Daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen?«

Hingerissen von dieser magischen Poesie, und indem ich in den Geist meiner Rolle einzugehen begann, dachte ich an Mistreß Siddons und ließ den Kopf auf die Hand sinken. Mein unbekannter Romeo, welcher einen Augenblick zu warten schien, damit ich Zeit hätte, mich mit der Szene in die richtige Wechselwirkung zu setzen, fuhr fort:

		»O, wie sie auf die Hand die Wange lehnt!
		War' ich der Handschuh doch auf dieser Hand
		Und küßte diese Wange!«

Ich wußte nichts Besseres zu tun, als mit dem Dichter zu antworten:

		»Weh mir!«

In einem leidenschaftlichen Tone, welcher alle Fibern meines Herzens erbeben machte, hob die Stimme wieder an:

		»Sie spricht! O, sprich noch einmal, holder Engel!
		Denn über meinem Haupt erscheinest du
		Der Nacht so glorreich wie ein Flügelbote
		Des Himmels dem erstaunten, über sich
		Gekehrten Aug' der Menschensöhne, die
		Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschauen,
		Wenn er dahinfährt auf den trägen Wolken,
		Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.

Die Reihe des Sprechens war nun an mir. Ich drückte meine beiden Hände auf mein Herz und in einem Tone, der meinem Mitspieler, welchen ich in dem nächtlichen Dunkel erriet, nichts zu wünschen übrig ließ, antwortete ich:

		»O Romeo, warum denn Romeo?
		Verleugne deinen Vater, deinen Namen!
		Willst du es nicht, schwör' dich zu meinem Liebsten,
		Und ich bin länger keine Capulet!«

Die Stimme murmelte:

		»Hör' ich noch länger oder soll ich reden?«

Ganz in meine Rolle eingehend, hob ich, indem ich meiner Stimme den holdesten Ausdruck zu geben suchte, wieder an:

		Dein Nam' ist nur mein Feind, du bliebst du selbst,
		Und wärst du auch kein Montague.
		Was ist Denn Montague? Es ist nicht Hand, nicht Fuß,
		Nicht Arm noch Antlitz, noch ein anderer Teil.
		Was ist ein Name? Was uns Rose heißt,
		Wie es auch hieße, würde lieblich duften.
		So Romeo, wenn er auch anders hieße,
		Er würde doch den tötlichen Gehalt
		Bewahren, welcher sein ist ohne Titel.
		O, Romeo, leg deinen Namen ab
		Und für den Namen, der dein Selbst nicht ist,
		Nimm meines ganz.«

Ich gestehe, daß ich mit gewaltiger Gemütsbewegung die Antwort erwartete. Dieselbe ließ nicht lange auf sich warten, und Romeo hob mit einem zärtlichen Ton, welcher dem meinigen in keiner Beziehung nachstand, wieder an:

		»Ich nehme dich beim Wort,
		Nenn' Liebster mich, so bin ich neu getauft,
		Und will hinfort nicht Romeo mehr sein.«

Der Leser sieht uns, mich auf meinem Balkon, meinen unbekannten Romeo im Schatten verborgen, aber von mir durch einen so unbedeutenden Raum getrennt, daß mir, wenn wir die Hände ausgestreckt hätten, einander hätten berühren können. Ich brauche daher hier nur die Szene bis zu Ende abzuschreiben, und der Leser wird die weitere Inszenierung selbst übernehmen und sich die Gemütsbewegungen denken, welche sie in dem Herzen eines fünfzehnjährigen Mädchens erweckte, welches sozusagen sein doppeltes Debüt in einer berauschenden Poesie und in einer geheimnisvollen Liebe bestand. Ich werde daher die erläuternden Zwischenbemerkungen und die weitere Szene mit den Worten des großen Dichters folgen lassen.

		Ich.
		Wer bist du, der du, von der Nacht beschirmt,
		Dich drängst in meines Herzens Rat?

		Romeo.
		Mit Namen
		Weiß ich dir nicht zu sagen, wer ich bin.
		Mein eig'ner Name, teure Heil'ge, wird,
		Weil er dein Feind ist, von mir selbst gehaßt.
		Hätt' ich ihn schriftlich, so zerriß' ich ihn.

		Ich.
		Mein Ohr trank keine hundert Worte noch
		Von diesen Lippen, doch es kennt den Ton.
		Bist du nicht Romeo, ein Montague?

		Romeo.
		Nein, Holde; keines, wenn dir ein's mißfällt.

		Ich.
		Wie kamst du her? O sag' mir und warum?
		Die Gartenmau'r ist hoch, schwer zu erklimmen;
		Die Stätt' ist Tod; bedenk' nur, wer du bist!
		Wenn einer meiner Vettern dich hier findet!

		Romeo.
		Der Liebe leichte Schwingen trugen mich;
		Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren;
		Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann;
		D'rum hielten deine Vettern mich nicht auf.

		Ich.
		Wenn sie dich seh'n, sie werden dich ermorden.

		Romeo.
		Ach, deine Augen droh'n mir mehr Gefahr
		Als zwanzig ihrer Schwerter; blick' du freundlich,
		So bin ich gegen ihren Haß gestählt,

		Ich.
		Ich wollt' um alles nicht, daß sie dich säh'n.

		Romeo.
		Vor ihnen hüllt mich Nacht in ihren Mantel.
		Liebst du mich nicht, so laß sie nur mich finden,
		Durch ihren Haß zu sterben, war' mir besser
		Als ohne deine Liebe Lebensfrist.

		Ich.
		Wer zeigte dir den Weg zu diesem Ort?

		Romeo.
		Die Liebe, die zuerst mich forschen hieß.
		Sie lieh mir Rat, ich lieh ihr meine Augen.
		Ich bin Steuermann, doch wärst du fern
		Wie Ufer, von dem fernsten Meer bespült,
		Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.

Diese letzten Worte wurden mit einer solchen Leidenschaft gesprochen, daß ich keine Gemütsbewegung zu heucheln brauchte, als ich antwortete:

		Ich.
		Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
		Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen,
		Um das, was du vorhin mich sagen hörtest.
		Gern hielt' ich streng auf Sitte, möchte gern
		Verleugnen, was ich sprach. Doch weg mit Förmlichkeit!
		Sag', liebst du mich? Ich weiß, du wirst's bejahen,
		Und will dem Worte trau'n, doch wenn du schwörst,
		So kannst du treulos werden; wie sie sagen,
		Lacht Jupiter des Meineid's der Verliebten.
		O holder Romeo! Wenn du mich liebst,
		Sag's ohne Falsch; doch dächtest du, ich sei
		zu schnell besiegt, so will ich finster blicken,
		Will widerspenstig sein und nein dir sagen,
		So du dann werben willst, sonst nicht um alles.
		Gewiß, mein Montague, ich bin zu herzlich;
		Du könntest denken, ich sei leichten Sinn's.
		Doch glaube, Mann, ich werde treuer sein
		Als sie, die fremd zu tun geschickter sind.
		Auch ich, bekenn' ich, hätte fremd getan,
		War' ich von dir, eh' ich's gewahrte, nicht
		Belauscht in Liebesklagen. Darum vergib!
		Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe,
		Die so die stille Nacht verraten hat.

		Romeo.
		Ich schwöre, Fräulein, bei dem heil'gen Mond,
		Der silbern dieser Bäume Wipfel säumt.

		Ich.
		O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren,
		Der immerfort in seiner Scheibe wechselt,
		Damit nicht wandelbar dein Lieben sei!

		Romeo.
		Wobei denn soll ich schwören?

		Ich.
		Laß es ganz.
		Doch willst du, schwör' bei deinem edlen Selbst,
		Dem Götterbilde meiner Anbetung,
		So will ich glauben.

		Romeo.
		Wenn die Herzensliebe,

		Ich.
		Gut, schwöre nicht. Obwohl ich dein mich freue.
		Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht.
		Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich;
		Gleicht allzusehr dem Blitz, der nicht mehr ist,
		Noch eh' man sagen kann: es blitzt. Schlaf süß!
		Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe
		Der Liebe wohl zur schönen Blum' entfalten,
		Bis wir das nächste Mal uns wiederseh'n.
		Nun gute Nacht! So süße Ruh' und Frieden,
		Als mir im Busen wohnt, sei dir beschieden.

		Romeo.
		Ach, du verlässest mich so unbefriedigt?

		Ich.
		Was für Befriedigung begehrst du noch?

		Romeo.
		Gib deinen treuen Liebesschwur für meinen.

		Ich.
		Ich gab ihn dir, eh' du darum gefleht;
		Und doch, ich wollt', er stünde noch zu geben.

		Romeo.
		Wollt'st du ihn mir entzieh'n? Wozu das, Liebe?

		Ich.
		Um unverstellt ihn dir zurückzugeben.
		Allein ich wünsche, was ich habe, nur:
		So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe
		So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe,
		Je mehr auch hab' ich; beides ist unendlich.
		Ich hör' im Haus Geräusch. Leb' wohl, Geliebter.

Hier fehlte uns eine dritte Person, denn in diesem Augenblicke verlangt das Stück, daß die Wärterin Julia ruft. Gerade aber, als ob der Zufall geschworen hätte, aus dieser Dichtung bis ans Ende eine Wirklichkeit zu machen, ließ sich in dem Augenblicke, wo Julias Name gerufen werden sollte, der Name Emma in meinem Zimmer hören.

Er ward durch eine Frauenstimme ausgesprochen und ich sah, daß sich jemand dem Fenster näherte.

Ich hatte nur eben Zeit, meinem Romeo anstatt in Versen in Prosa zu sagen:

»Warten Sie, ich komme sogleich wieder!«

Ich kehrte in mein Zimmer zurück und sah mich Amy Strong gegenüber, welche ich seit dem Tage meiner Ankunft in London und seit dem Augenblicke, wo ich sie in dem Gasthause in Villiersstreet verlassen, nicht wieder gesehen hatte. Das arme Mädchen schluchzte und weinte.

Obschon ihr Erscheinen mir nicht sehr gelegen kam, so warf ich mich doch mit der ganzen Hingebung eines vollen jungen Herzens, welches eine Freundin wieder findet und das Bedürfnis, sich mitzuteilen empfindet, in ihre Arme. Gleich aus den ersten Worten, welche sie zu mir sprach, ersah ich, daß sie mir eine lange Geschichte zu erzählen hatte und daß, indem sie zu einer solchen Stunde kam, ihre Absicht darauf hinauslief, mich erst den nächstfolgenden Morgen wieder zu verlassen.

Ich hatte noch Abschied von Romeo zu nehmen. Deshalb ließ ich Amy in mein Schlafzimmer treten, kehrte auf den Balkon zurück, neigte mich über das Geländer und streckte die Hand aus.

Zwei Hände erfaßten dieselbe, ein brennender Mund drückte sich darauf und unsere beiden Stimmen murmelten gemeinschaftlich:

»Morgen!«

Dann kehrte ich wieder in das Zimmer zurück. Mein Herz pochte gewaltig und alle meine Sinne waren erschüttert durch dieses neue und unbekannte Gefühl, welches infolge dieser berauschenden Poesie und dieses seltsamen Geheimnisses meine Adern durchglühte.




Zwölftes Capitel


Es wäre für Amy Strong nicht schwer gewesen, zu sehen, daß etwas Ungewohntes in meinem Leben vorging. Sie war jedoch mit der Angelegenheit, welche sie hierherführte, so sehr beschäftigt, daß sie nichts zu merken schien, sondern das, was ihr auf dem Herzen lag, sofort zur Sprache brachte.

Dick, man erinnert sich noch des Bruders meiner Freundin, jenes jungen Burschen, welcher mein Nachfolger im Dienste des Schafhütens gewesen, dann Schleichhändler geworden und mit uns von Chester nach London gekommen war. Dick, sage ich, war infolge des Verfahrens, womit England damals seine Marine rekrutierte, zum Matrosen gepreßt und der Mannschaft des Commodore John Payne zugeteilt worden.

Es galt nun, von dem genannten Offizier die Freilassung des jungen Mannes zu erwirken. Man hatte Amy Strong gesagt, daß der galante Commodore einem jungen, hübschen Gesichte nichts abschlagen könne, und sie hatte nun an mich gedacht, um mich zu bitten, ihr bei diesem Unternehmen behilflich zu sein.

Demgemäß hatte sie sich bei Mr. Hawarden nach mir erkundigt. Dieser hatte sie an Mr. Plowden verwiesen und Mr. Plowden hatte ihr Miß Arabellas Adresse gegeben und ihr gesagt, ich sei verschwunden, wahrscheinlich aber würde sie mich bei dieser Dame finden.

Sie war an diesem Abend schon zweimal dagewesen. Man hatte ihr gesagt, ich sei nicht zu Hause, und ich war auch in der Tat, wie man sich entsinnen wird, ins Drury-Lane-Theater gegangen.

Entschlossen jedoch, mich zu sehen, zu sprechen, zu welcher Stunde es auch sein möchte, war Amy zum drittenmal gekommen und hatte nicht eher mit Bitten nachgelassen, als bis man sie, obschon es beinahe Mitternacht war, in mein Zimmer geführt hatte.

Sie war, wie man gesehen, gerade an der Stelle der Szene erschienen, wo die Wärterin Julien ruft, und sie hatte sich dabei eine doppelte Variante erlaubt die erste insofern als sie mich bei dem Namen Emma anstatt bei dem Namen Julia rief, und die zweite, indem sie mich zwang, von meinem Romeo schon lange vor dem Augenblick Abschied zu nehmen, wo die wirkliche Julia Abschied von dem ihrigen nimmt.

Ich befand mich in jener glücklichen Stimmung des Geistes und des Herzens, wo man glaubt, man könne das ganze Menschengeschlecht glücklich machen. Ich versprach Amy Strong sofort, mich den nächstfolgenden Tag für Dicks Freilassung zu verwenden, und da sie zu einer so späten Stunde der Nacht nicht wieder nach Hause zurückkehren konnte, so bereiteten wir ihr ein Lager auf meinem Sopha, damit sie in meiner Nähe schlafen und wir den nächstfolgenden Tag die erforderlichen Schritte gemeinschaftlich tun könnten.

Demzufolge, was Amy erfahren, befand sich Sir John Payne am Bord seines Schiffes, des »Theseus«, welches in der Themse zwischen Greenwich und London vor Anker lag.

Amy hatte bemerkt, daß ich, ganz im Gegensatz zu ihr selbst, fröhlich und heiter war. Sie hatte mir ihr Unglück erzählt und ich erzählte ihr allerdings nicht mein Glück, denn ich hatte noch keinen Grund, mich glücklich zu fühlen, wenigstens aber war meine Einbildungskraft mit Träumen beschäftigt, welche, wenn sie für junge Mädchen auch nicht das Glück selbst, doch wenigstens das Spiegelbild desselben sind.

Es versteht sich von selbst, daß, solange wir wach blieben, mein unbekannter Romeo Stoff zur Unterhaltung lieferte. Mit dem Namen Romeo im Herzen und den Lippen auf meiner Hand an der Stelle, auf welche er die seinigen gedrückt, schlief ich ein.

Ich brauche nicht erst zu sagen, daß meine ganze Nacht ein einziger flammender Traum war.

Als ich am nächstfolgenden Morgen die Tür meines Zimmers öffnete, sah ich einen Brief auf dem Fußboden liegen. Man hatte denselben wahrscheinlich durch die Öffnung, welche sich zwischen dem Fußboden und dem auf den Balkon hinausführenden Fenster befand, in das Innere des Zimmers hineingeschoben. Die Aufschrift lautete: »An Julia.«

Ich öffnete den Brief und sah sofort begierig nach der Unterschrift. Der Name dessen, der den Brief geschrieben, konnte ebenso gut ein Taufname als ein Familienname sein. Er hieß nämlich Harry.

Nun las ich den Brief selbst, oder verschlang ihn vielmehr.

Ich hatte die Wahrheit so ziemlich erraten. Romeo-Harry war mein Nachbar. Er hatte mich auf meinem Balkon an dem Abend gesehen, wo ich, als ich mich mit der Nacht und der Nachtigall allein glaubte, die Szene Julias deklamiert hatte. Er war es gewesen, der mir am Schlusse der Szene seinen Beifall zu erkennen gegeben und mich dadurch bewogen hatte, die Flucht zu ergreifen. Den nächstfolgenden Tag war er auf den Einfall gekommen, in den Garten hinabzusteigen und ebenso wie Romeo, unbekümmert um die Gefahr, in welche er sich durch diese Unklugheit begab, mich dadurch an das Fenster zu locken, daß er die ersten Verse der schönen Gartenszene deklamierte.

Man weiß, daß ihm dies vollständig gelungen war. Die Erklärung, die er mir in Bezug auf sich selbst gab, war kurz. Er war Student auf der Universität Cambridge. Durch einen unwiderstehlichen Trieb zum Theater hingezogen, glaubte er, daß dies sein eigentlicher Beruf sei, und forderte mich auf, mit ihm gemeinschaftlich diese Laufbahn zu betreten, für welche ich unverkennbar ebenfalls geschaffen sei.

Er bat mich, in der nächstfolgenden Nacht wieder auf dem Balkon zu erscheinen und ihm die Antwort zu geben, von welcher, wie er mir versicherte, sein künftiges Lebensglück abhinge.

Ich habe bereits gesagt, daß dieser Brief, welcher durchaus nicht geeignet war, die Unruhe meines Herzens zu beschwichtigen, mit dem Namen Harry unterzeichnet war. Augenscheinlich war er nach unserer unterbrochenen Szene geschrieben. Der, welcher ihn geschrieben, hatte meinen Balkon erklettert und nachdem er sich überzeugt, daß ich nicht allein war und wahrscheinlich auch die ganze Nacht nicht allein sein würde, den Brief auf die schon beschriebene Weise in mein Zimmer geschmuggelt.

Ich ersah hieraus, daß, sofern mein Nachbar einige Kühnheit besaß, ich mich in meinem Zimmer nicht eben sehr sicher befand und daß ich ebenso wie die eigentliche Julia von der Gartenszene bald zur Balkonszene übergehen würde.

Ach, leider war es ebenfalls eine der Gefahren meiner Situation, daß ich meine Gedanken ohne Furcht bei einem Verhältnis der Art verweilen ließ, wie man mir jetzt angetragen. Wenn Julia, die Erbin des Hauses Capulet, das heißt eines der vornehmsten von Verona, wenn die Tochter, welche die Ehre einer Familie, aufrecht zu erhalten hatte, von der sie angebetet ward, von der sie in allen Grundsätzen der Tugend erzogen worden, infolge einer jener jugendlichen Verirrungen, wo das Herz über alle sozialen Rücksichten den Sieg davonträgt, ihrem Geliebten ihre Tugend, ihren Ruf, ihr Glück zum Opfer bringt, wie konnte dann ich, ein armes, alleinstehendes Mädchen ohne Namen, welches gewissermaßen mit Hilfe der öffentlichen Wohltätigkeit erzogen worden, welches seinen Vater niemals gekannt und von einer Mutter, die durch ihrer Hände Arbeit ihr Brot verdienen mußte, nur ungenügend überwacht werden konnte, wie konnte ich, welcher die beste Lehre von allen, die Lehre des guten Beispiels, fehlte, ich, die ich von meiner Handlungsweise niemandem Rechenschaft zu geben schuldig war, ich, die ich, wenn ich mich hingab, weder einen Namen noch eine Familie befleckte, ich, die ich dann mich allein dem Untergange weihte, wie könnte ich da, wo eine Julia erlegen war, wohl an Widerstand denken?

Ich dachte auch nicht daran. Ich dachte bloß an das Glück, meinen unbekannten Romeo wiederzusehen oder vielmehr zu sehen, denn in dem Dunkel hatte ich seine Züge nicht zu unterscheiden vermocht. Ich hatte an dem Ton und Ausdruck seiner Stimme bloß die Jugend erkannt und aus seiner Schrift und seinem Stil konnte ich Erziehung und Bildung erraten. Was Schönheit betraf, so war ich überzeugt, daß er diese besaß, denn es lagen in diesem ganzen Abenteuer von seiner Seite nicht bloß die Inspirationen der Jugend, sondern auch die der Schönheit.

Ich küßte den Brief und barg ihn an meinem Herzen.

Mittlerweile kleidete Amy sich an. Wir hatten beinahe anderthalb Stunden Wegs zurückzulegen, um die Stelle der Themse zu erreichen, wo die englische Flottille vor Anker lag. Dennoch aber konnten wir den Admiral nicht wohl eher als gegen Mittag zu sprechen verlangen und hatten daher vollauf Zeit, zu Hause zu frühstücken und uns dann auf den Weg zu machen.

Ich klingelte, um zu fragen, ob man uns dieses Frühstück in meinem Zimmer auftragen könnte. Der Diener antwortete, Miß Arabella habe bei ihrer Abreise befohlen, daß man mir gehorche wie ihr selbst.

Während des Frühstücks fragte man mich, ob ich wünschte, daß man den Wagen anspanne. Da ich nicht wissen lassen wollte, wo wir hingingen, so lehnte ich dieses Anerbieten ab und sagte bloß, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach erst abends wieder nach Hause kommen würde.

Gegen Mittag brachen wir auf. Amy, welche in dem Leben von London mehr bewandert war als ich, rief einen Mietwagen herbei, verständigte sich mit dem Kutscher über das Fahrgeld und wir fuhren dann weiter nach der Themse.

Ich überließ mich vollständig meiner Freundin Amy. Mein Gemüt war noch fast ausschließlich mit dem Ereignis der vergangenen Nacht beschäftigt. Jeden Augenblick legte ich die Hand aufs Herz, um mich zu überzeugen, daß ich Harrys Brief nicht verloren. Das einzige, was einen Schatten auf diesen holden Traum meines Herzens warf, war der Umstand, daß ich es mit einem schlichten Studenten, einem Künstler, der sich erbot, an meinem Arme den dornigen Pfad der Kunst zu wandeln, anstatt mit einem schönen Kavalier zu tun hatte, welcher mich in einer vierspännigen Equipage dem Ruhme einer Mistreß Siddons oder dem Reichtum einer Miß Arabella entgegenführte.

Aufgeschoben war jedoch nicht aufgehoben, das Theater war ein Piedestal, wo die Statue der Schönheit ihren Kultus ebenso gut hatte wie die des Talents, und da ich von meiner Schönheit überzeugt war leider hatte man mir dies, von dem armen Dick an, der mir es zuerst in den Gebirgen von Wales gesagt, bis zu Harry-Romeo, der mir es erst diesen Morgen geschrieben, tausendfach wiederholt da ich von meiner Schönheit überzeugt war, sage ich, und da ich auch Talent zu besitzen glaubte, so war dies alles nur eine Frage der Zeit, und ich hatte ja Zeit, um zu warten.

Man sieht, daß ich dem Programm, welches ich mir bei Abfassung meiner Lebensgeschichte vorgezeichnet, treu bleibe, und daß ich den Menschen, welche mich vielleicht allzuhart beurteilt, ebenso wie Gott, der einmal, hoffe ich, nachsichtiger gegen mich sein wird, meine innersten Gedanken darlege.

Wenn ich einen Roman schriebe, so könnte ich die Ereignisse verändern oder verkehren; ich könnte mein Unrecht beschönigen und meine Fehler entschuldigen. Ich habe aber dieses Buch »Mein Leben« betitelt. Deshalb habe ich auch nicht das Recht, an den Ereignissen meines Lebens etwas zu ändern, sondern muß sie in ihrer Reihenfolge und in ihrer wahren Gestalt entrollen.

Ich gestehe, daß dieses Buch, als von Menschenhand geschriebener Roman, schlecht abgefaßt, und, was noch schlimmer ist, schlecht gedacht sein würde, denn als Traum der Einbildungskraft könnte es keinen Einfluß auf das Leben anderer haben.

Dem ist jedoch nicht so. Ich löse ein Blatt Geschichte aus dem großen allgemeinen Buche des Menschengeschlechts, von der eisernen Feder des Schicksals geschrieben, welches mich wie ein unheilverkündendes Meteor durch mein Jahrhundert gefühlt und durch mich einen verderblichen Einfluß auf meine Zeitgenossen ausgeübt hat.

Ich muß alles sagen, selbst, meine verwerflichen Gedanken, ebenso wie ich alles enthüllen muß, selbst meine schlimmen Taten, denn die einen führen zu den andern. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich von allem, was mir begegnet, oder durch mich geschehen ist, nichts im voraus gewollt oder vorbereitet habe, sondern daß ich im Gegenteil stets einem Impuls gefolgt bin, dessen Ursachen von meinem Willen unabhängig und ganz besonders stärker gewesen sind als dieser.

Hierbei darf ich nicht unerwähnt lassen – denn ich muß auch alles sagen, was zu meiner Verteidigung dienen kann – daß meine schlimmsten Taten, oder vielmehr die schlimmsten Ereignisse meines Lebens fast stets eine gute Absicht, ein vortreffliches Prinzip gehabt haben. So hatte auch der Schritt, welchen ich in diesem Augenblick unternahm, welcher zu meinem tiefsten Fehltritt führte und mich dadurch aus den düstersten und tiefsten Abgründen der Gesellschaft auf ihre strahlendsten Gipfel erheben sollte, einen lobenswerten Zweck und ward mir durch die Humanität vorgezeichnet, denn ich tat ihn, um den Bruder meiner Freundin vor dem gefürchtetsten Schicksal eines freien Engländers zu retten.

Warum aber ging ich dabei mit so viel Bereitwilligkeit und Eifer zu Werke? Vielleicht bloß, weil Dick der erste gewesen war, der mir aufrichtig und mit voller Überzeugung gesagt hatte, daß ich schön sei.

Ich hatte mich so in meine Betrachtungen versenkt, daß ich weder auf den Weg, den wir zurückgelegt, noch auf die Zeit, die wir dazu gebraucht, geachtet hatte, als plötzlich der Wagen Halt machte.

Wir waren am Ufer des Flusses in einiger Entfernung von einem prachtvollen Kriegsschiff.

Erwartete man uns? Ich weiß es nicht, bin aber später oft auf den Gedanken gekommen, daß alles zwischen Amy und dem Commodore im voraus verabredet war.

Kaum waren wir nämlich aus dem Wagen gestiegen, so stieß ein mit sechs Ruderern bemanntes Boot von dem »Theseus« ab und kam auf uns zu. Alles war für mich so neu und ich war mit so viel widerstreitenden Empfindungen beschäftigt, daß mir dieser Umstand für den Augenblick gar nicht auffiel, sondern ich erst später daran dachte.

Binnen wenigen Minuten befanden wir uns an Bord des Schiffes.

Einer der ersten Gegenstände, die ich, indem ich die Schiffstreppe hinaufstieg, erblickte, war der arme Dick selbst, welcher schon Matrosenkleider trug. Er näherte sich mir und sagte in kläglichem Tone:

»Ach, Miß Emma, haben Sie Erbarmen mit dem armen Dick. Sein Schicksal ruht in Ihren Händen.«

Ich konnte nicht recht begreifen, wie mir auf einmal eine so große Macht zur Verfügung stünde,der arme unglückliche Knabe sah aber so traurig aus, daß ich ihm versprach, alles zu tun, was in meinen Kräften stünde.

Ein Midshipman stieß ihn brutal auf die Seite und führte uns in Sir John Paynes Kajüte.

Diese Kajüte war eins der elegantesten Boudoirs, die ich jemals gesehen, selbst zu der Zeit, wo ich mein Leben in den Boudoirs einer Königin zubrachte. Der Fußteppich war aus prachtvollen Tigerfellen zusammengesetzt und die Wand mit den schönsten ostindischen Kaschemirs bekleidet. Wenn man dieselben emporhob, so sah man Trophäen von Waffen, die den reichsten Bazars des Orients entstammten.

Der Sitz, auf welchem der Commodore saß oder vielmehr lag, war ein, türkischer Divan mit goldener Blumenstickerei, wie man deren bloß an den Gestaden des Bosporus und des Ganges träumt. Die Basis, auf welcher er ruhte, bestand aus zwei Kanonenläufen, welche wie Gold funkelten. An gewöhnlichen Tagen verschwanden dieselben vollständig unter dem sie bedeckenden Stoff. An den Tagen des Kampfes nahm man die Kaschemirs, welche die Trophäen, und die Kissen des Divans, welche die Geschütze bedeckten, hinweg und man sah sich aus dem Boudoir einer Modedame in das Arsenal eines englischen Commodore versetzt.

Sir John Payne, der einen Schlafrock von chinesischem Stoff trug, war bei unserem Eintritt mit Lesen beschäftigt.

Mit der Nachlässigkeit eines Menschen, der einen unerwarteten Besuch empfängt, drehte er sich nach uns herum, als er aber zwei Frauen erblickte, erhob er sich.

Ich warf auf ihn einen raschen Blick, der, wie rasch er auch war, mir möglich machte, alles zu sehen.

Sir John Payne war ein schöner Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, welcher den Grad, den er so jung bekleidete, augenscheinlich mehr seiner Geburt und seinem Reichtum als den Feldzügen verdankte, die er bis jetzt mitgemacht.

Alles an ihm, wie um ihn herum, verkündete Luxus. Das Messer, womit er sein Buch aufschnitt, hatte einen goldenen Griff, seine Finger waren mit Ringen belastet und eine neben ihm liegende Uhr mit Diamanten besetzt. Er hauchte, sozusagen, ein hocharistokratisches Parfüm aus.

Amy warf sich schluchzend, sie besaß die Fähigkeit des Weinens in bewundernswürdigem Grade, ihm zu Füßen, oder wollte dies vielmehr tun. Er wehrte ihr jedoch und fragte sie, was sie zu ihm führe.

Sie zog mich, als ob das Schluchzen ihr das Sprechen unmöglich machte, bei der Hand näher und forderte mich durch eine Gebärde auf, an ihrer Statt das Wort zu ergreifen.

Erst jetzt schien der Admiral mich zu bemerken. Er sah mich an, schien durch meine Schönheit in Erstaunen gesetzt zu werden und ließ mich an seiner Seite Platz nehmen.

Amy blieb stehen, bedeckte sich das Gesicht mit ihrem Tuche und sagte mit halberstickter Stimme zu mir:

»Sprich, sprich! Mylord wird dich lieber anhören und besser verstehen als mich.«




Dreizehntes Capitel


Ich war selbst sehr aufgeregt und setzte mit bewegter Stimme Admiral den Zweck unseres Besuchs auseinander, indem ich ihm zugleich versicherte, daß er sich, wenn er den armen Dick wieder freiließe, ein ewiges Recht auf meine Dankbarkeit erwerben würde.

Sei es nun, daß der Admiral dies wirklich glaubte, oder daß er mir eine Schmeichelei sagen wollte, kurz, er fragte mich, welchen Grund eine Person von meinem Stande haben könne, um sich für einen gemeinen Menschen wie der zu interessieren, dessen Freilassung ich soeben begehrte.

Mit einem Gemisch von Demut und Stolz antwortete ich hierauf, ich sei durchaus keine Person von Stand, sondern ein armes Landmädchen und Dicks Landsmännin.

Er ergriff mich bei der Hand, betrachtete dieselbe und schüttelte mit zweifelnder Miene den Kopf.

Meine Hände, welche ich mit einer Koketterie, die bei mir dem Alter voranschritt, stets sorgfältig gepflegt, waren in der Tat sehr schön.

»Diese Hände,« rief der Admiral lachend, »sind nicht die Hände einer Bäuerin.«

Ich versicherte dem Admiral, daß er sich irre.

»Dann,« sagte er, indem er von seinem kleinen Finger einen Diamantring zog, den er an den meiner Hand steckte, welcher der Stärke des seinigen entsprach, »dann fehlt bloß dieser Ring, um Hände einer Herzogin daraus zu machen.«

Ich fühlte, daß ich mehr vor Freude als vor Scham bis an die Augen errötete. Dennoch aber und obschon meine Hand mir mit dem Schmucke, den sie empfangen, noch weit schöner erschien, wollte ich dem Admiral den Ring, den er mir auf so galante Weise anbot, zurückgeben.

Er hielt jedoch meine Hand in der seinigen fest und sagte, wenn ich auf meiner Weigerung beharrte, so müßte ich mich darauf gefaßt machen, daß er auch bei der seinigen beharre.

Ich warf die Augen auf Amy. Diese sah mich durch ihre Tränen hindurch mit so bittendem Blick an, daß ich nicht den Mut hatte, längeren Widerstand zu leisten.

Ich behielt den Ring.

Amy schien nun wieder Mut zu fassen.

»Und mein armer Dick?« fragte sie.

»Hören Sie, was ich sage,« antwortete der Admiral. »Ich allein kann diese Frage nicht entscheiden. Ich kann wohl die Entlassung des jungen Mannes beantragen, dieselbe bedarf aber der Autorisation durch die Admiralität.«

»Ja,« sagte ich, indem ich Sir John Paynes Hände ergriff, »aber wenn Sie diesen Antrag stellen, so wird die Entlassung bewilligt werden, nicht wahr?«

»Ich hoffe es.«

»Sagen Sie, daß Sie dessen sicher sind.«

»Ich werde alles tun, was ich kann, um mich Ihnen angenehm zu machen,« sagte der Admiral indem er sich höflich verneigte.

»Ach, wenn es Ihnen gelänge,« rief ich, »wie dankbar wollte ich Ihnen sein!«

»Ist. das wahr, was Sie mir da sagen?« fragte der Admiral, indem er mich fest und mit wenn auch nicht liebendem, doch begehrlichem Blick betrachtete.

Ich errötete und senkte das Haupt, ohne zu antworten.

Es war mir jetzt, als sähe ich ihn einen Blick mit Amy wechseln; Amys Blick aber konnte ebenso wie der meinige ein bittender sein.

»Hören Sie,« hob er wieder an, »ich werde Ihnen einen Beweis meines guten Willens geben. Noch heute gehe ich nach London und tue daselbst die nötigen Schritte.«

»Ach, wie gütig Sie sind!«

»Und,« fragte Amy, »wann und wo werden wir Antwort erhalten?«

»Das ist sehr einfach,« sagte der Admiral. »Warten Sie.«

»Hier?« fragte ich zögernd, denn ich dachte an mein Stelldichein für den Abend.

»Nein, in London, in meinem Haus in Piccadilly.«

Ich sah Amy fragend an.

»Fragen Sie Emma,« sagte, sie. »Ich stehe ganz zu Ihren Befehlen, Mylord.«

»Ich werde warten, wo es Ihnen beliebt, Mylord,« antwortete ich, »in der Hoffnung, daß die Antwort, die Sie uns bringen, eine gute sein werde. Nur —« setzte ich hinzu.

»Nur —« wiederholte der Admiral.

»Nur muß ich bis zehn Uhr abends zu Hause sein.«

»Es wird Ihnen frei stehen, sich zu entfernen, sobald es Ihnen beliebt. Da aber die Antwort sich verzögern und mich selbst ziemlich lange aufhalten kann, so werden Sie eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen genießen. Dann gebe ich Ihnen Ihre Freiheit zurück, und bitte Sie um die meinige, was ich ganz gewiß nicht tun würde, wenn ich Sie nicht verließe, um Ihnen einen Dienst zu leisten.«

Er schlug auf eine laut dröhnende chinesische Glocke.

Ein Diener trat ein.

»Den Tee,« befahl der Admiral. Ohne Zweifel war alles schon im voraus angeordnet, denn wenige Augenblicke darauf trat der Diener wieder ein und brachte einen mit Konfitüren bedeckten Präsentierteller, den er auf einen Tisch setzte.

»Nun, meine schöne Bittstellerin, machen Sie jetzt die Honneurs beim Tee,« sagte der Admiral zu mir.

Ich gehorchte ihm errötend und verlegen und schenkte eine Tasse Tee ein, welche ich dem Admiral mit einer Hand präsentierte, indem ich ihm mit der anderen den Zucker darbot und dabei zugleich einen Knix machte, so wie man mich in der Pension gelehrt.

»In der Tat,« sagte Sir John zu mir, »man hatte mir nicht zu viel gesagt. Sie sind wirklich anbetungswürdig!«

Ich warf einen vorwurfsvollen Blick auf Amy.

Die dem Admiral soeben entschlüpfte Bemerkung bewies mir, daß mein Besuch nicht, wie ich glaubte, vorausgesehen, sondern erwartet worden war.

»Nehmen Sie es Amy übel, daß sie mir gesagt, sie hätte das schönste Wesen der Welt zur Freundin, und nehmen Sie mir es übel, daß ich Sie zu sehen gewünscht habe?« fragte der Admiral. »Wenn Sie dies täten, so wären Sie sehr grausam, denn Sie hätten, wenn Sie sich geweigert zu kommen, aus Ihrem Freund Dick einen Matrosen gemacht, was, wie mir scheint, durchaus nicht der Beruf des jungen Mannes ist, und Sie hätten mir nicht erlaubt, mich Ihren Diener zu nennen, was gleichwohl mein Beruf zu sein scheint.«

Ich wußte nicht, was ich auf dieses so leicht hingeworfene, aber durchaus nicht ehrerbietige Kompliment sagen sollte. Er hielt mir seine Tasse hin, damit ich einige Tropfen Sahne hineingösse, und er konnte sehen, wie meine Hand zitterte.

»Wie! hier vereiniget sich also alles – Tugend, Zartgefühl und Keuschheit – abgesehen von Schönheit und Jugend,« murmelte er.

Ich betrachtete ihn mit erstauntem Blick.

»Haben Sie vielleicht einmal Hamlet spielen sehen?« fragte er mich.

»Nein,« antwortete ich.

»Wohlan, was ich Ihnen soeben gesagt, ist dasselbe, was Hamlet zu Ophelia sagt, als er erstaunt ist, so viel Anmut, Liebe und Züchtigkeit in einer und derselben Person vereinigt zu finden.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Und,« fuhr Sir John fort, »da Ophelia nicht an die Liebe des Prinzen von Dänemark glaubt, so setzt er hinzu:

		»Zweifle an der Sonne Klarheit,
		Zweifle an der Sterne Licht,
		Zweifl', ob lügen kann die Wahrheit,
		Nur an meiner Liebe nicht.«

Sir John ergriff mich bei beiden Händen, gab seiner Stimme den zärtlichsten Ausdruck und fuhr fort:

»O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße und ich besitze nicht die Kunst meine Seufzer zu messen, aber daß ich dich bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir.«

»Und was antwortet Ophelia auf diese Verse?« fragte ich.

Sir John erhob sich.

»Hamlet,« sagte er, »läßt ihr nicht Zeit zum Antworten. Er entfernt sich und verläßt sich darauf, daß selbst in seiner Abwesenheit das Herz der Person, die er liebt, für ihn sprechen werde.«

»Sie verlassen uns also auch?« fragte ich Sir John.

»Nach drei Uhr würde ich die Lords der Admiralität nicht mehr beisammen finden und ich will wenigstens das Verdienst besitzen, mein Versprechen zu halten und Ihnen heute noch eine Antwort zu bringen, mag dieselbe nun gut oder schlimm ausfallen.«

»Und wir?« fragte Amy.

»Sie,« sagte Sir John, »Sie werden die Güte haben, mich in Piccadilly zu erwarten, wohin mein Diener Sie begleiten wird.«

»Werden Sie mittlerweile dem armen Dick wenigstens vierundzwanzig Stunden Urlaub geben?«

»Ja,« sagte Sir John lachend, »aber nur, dafern Miß Emma mir mit ihrem Worte dafür bürgt, daß der Bursche nicht desertiert, denn in diesem Falle würde Miß Emma mit ihrer eigenen Person für ihn haften.«

»Hörst du, Emma?« sagte Amy.

Ich reichte Sir John die Hand.

»Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Mylord,« sagte ich zu ihm.

»Nun,« sagte der Admiral, »wünsche ich weiter nichts, als daß der Bursche bis ans Ende der Welt davonlaufe. Wollen Sie mit mir kommen, damit ich Sie ans Land bringen kann?«

»Wir sind,« sagte ich, »Ihretwegen, Mylord, an Bord dieses Schiffes gekommen und von dem Augenblicke an, wo Mylord es verläßt, haben wir keinen Grund mehr, länger zu bleiben.«

Sir John schlug abermals auf die Glocke und derselbe Diener trat wieder ein.

»Die Jolle!« befahl der Admiral.

»Sie liegt bereit, Mylord.«

»Ihr werdet mit uns ans Land kommen, und diese Damen nach Piccadilly begleiten. Um sieben Uhr wird soupiert.«

Ich wollte in bezug auf dieses Souper eine Bemerkung machen, Sir John aber ließ mir nicht Zeit dazu, sondern bot mir den Arm und führte mich nach der Treppe. Sämtliche Offiziere waren von der Kajüte bis zur Treppe in doppelter Reihe aufgestellt.

Ich senkte nicht bloß die Augen, sondern auch das Haupt, denn alle Blicke lasteten gewissermaßen auf meiner Stirn und beugten dieselbe nieder.

Ich sah mich in der Jolle, ohne recht zu« missen, wie ich hineingekommen war. Ich hörte Sir Johns Stimme, welcher Dick befahl, uns zu folgen. Dann stieß das Boot leicht wie ein Vogel von dem Schiffe ab und näherte sich dem Ufer.

Hier wartete Sir Johns Equipage. Daneben stand unser bescheidener Mietwagen.

»Sie wollen doch nicht in diesem Fuhrwerke nach London zurückkehren?« fragte der Admiral.

»Wie sollen wir anders dahin zurückgelangen?« fragte ich.

»Piccadilly ist auf meinem Wege, ich werde Sie im Vorüberfahren dann absetzen.«

Er winkte seinem Diener, welcher den Kutscher unseres Mietwagens bezahlte. Dann öffnete er selbst den Schlag seines Wagens und ließ mich zuerst einsteigen, während Amy einige Worte mit Dick wechselte, um ihn an einen Ort zu bestellen, wo sie ihm von Sir Johns Schritten Rechenschaft geben könnte.

Dick, der weniger stolz war, als wir, bemächtigte sich des Mietmagens und ließ sich im Triumphe nach London zurückfahren.

Sir John setzte sich auf den Vordersitz und überließ uns die beiden Hinterplätze. Der Diener setzte sich neben den Kutscher, der Wagen rollte fort, während ich mich in ganz andere Träume versenkt sah, als die waren, mit welchen ich meine Wohnung verlassen.

Für mich hatte das Leben in der Tat ein sich unaufhörlich drehendes Rad zum Symbol. Aber in welcher Richtung drehte sich dieses Rad? Geschah es, um mich zu erhöhen, oder geschah es vielmehr, um mich zu erniedrigen?

War ich seit dem Tage, wo ich die Schafe hütete, etwas Besseres oder etwas weniger Gutes geworden?

Ich überließ mich diesen Betrachtungen so vollständig, daß ich kaum fühlte, wie Sir John sich meiner Hand bemächtigte. Ich ließ dieselbe willenlos und untätig in der seinigen.

Nach einer halben Stunde machte der Wagen Halt. Wir waren in Piccadilly.

Der Schlag öffnete sich und Sir John stieg zuerst aus, um uns die Hand zu bieten. Ich war dankbar dafür, daß ein Gentleman uns begegnete wie Herzoginnen, und mit unfreiwilliger Bewegung drückte ich die Hand, welche mir dargeboten ward.

»Ich danke,« murmelte der Admiral leise.

Rasch zog ich meine Hand zurück.

Er betrachtete mich mit einem gewissen Erstaunen; an meinem Lächeln aber sah er, daß in diesem Zurückziehen meiner Hand nichts Beleidigendes für ihn lag.

Es war jetzt über drei Uhr. Er hatte folglich keinen Augenblick zu verlieren, wenn er noch zur rechten Zeit auf die Admiralität kommen wollte. Er stieg daher wieder in seinen Wagen und wir gingen, von dem Diener geführt, in das Haus hinein.

Dieses Haus, welches so ziemlich auf der Mitte des Weges von London bis zu Sir John Paynes Station lag, war ein mit der größten Eleganz möbliertes allerliebstes kleines Hotel und hatte keinen andern Eigentümer oder Mieter als Dicks aristokratischen Gönner.

Der Lakai, den uns dieser zurückgelassen, führte uns eine jede in ihr Zimmer. Als ich das meinige betrat, blieb ich stehen und suchte in meinen Erinnerungen, wo ich dieses Zimmer schon gesehen hätte.

Es lag in der Wirklichkeit dieser Vision etwas Unmögliches. In die Richtung von Piccadilly hatte mein Weg mich niemals gefühlt und man weiß, daß, als ich nach London kam, dies zum erstenmal geschah.

Ich stand vor einem großen Goldrahmenspiegel in einem eleganten Zimmer mit himmelblau seidenen Vorhängen, Toilettenmöbeln und eine Kommode von Rosenholz. Unter meinen Füßen hatte ich einen türkischen Teppich, über meinem Kopfe einen Plafond mit Freskomalereien, welche dem Pinsel eines Boucher oder Watteau zu entstammen schienen.

Ganz gewiß hatte ich dieses Zimmer schon gesehen.

Ich setzte mich in einen Sessel, dessen seidener Überzug von derselben Farbe war wie die Vorhänge, und diese blaue Farbe führte mich durch die Analogie auf den Gedanken an mein erstes Kleid als Pensionärin.

Ich sah mich wieder mit jenem Kleide an der Quelle sitzen, in deren Nähe meine Schafe weideten. Ich dachte wieder an den Tag, wo Dick zu mir gesagt hatte:

»Betrachte dich in unsern Quellen, Emma; später einmal wirst du in die Stadt gehen und dich in großen Goldrahmenspiegeln betrachten, wie der ist, der an der Tür des Spiegelhändlers in Hawarden steht.«

Durch den Faden meiner Erinnerungen geführt, besann ich mich auf alles. Dieses Zimmer, dieser Spiegel, diese türkischen Teppiche, diese Vorhänge, die so blau waren wie mein Kleid im Pensionat, ja dies alles hatte ich in einem Traume meiner Kindheit gesehen und jetzt nach sieben oder acht Jahren fand ich es in der Wirklichkeit wieder. Und Dick, welcher jene Prophezeiung ausgesprochen, war jetzt auch Ursache der Verwirklichung derselben. Seltsame Verkettung von Umständen, welche meinem Herzen jene verhängnisvolle Idee eingepflanzt, daß eine Macht, die stärker wäre als mein Wille, über mein Schicksal verfügen und daß ich vergebens versuchen würde, mich dieser Macht zu widersetzen.

Nach ungefähr einer halben Stunde trat Amy Strong in mein Zimmer und fand mich in demselben Sessel, in welchen ich nach meinem Eintritt gesunken war. Mein Hinbrüten schien sie zu beunruhigen.

Sie versuchte mich daraus aufzurütteln, indem sie von Sir John Payne, von seiner Güte gegen Dick und von seiner Artigkeit gegen uns sprach.

Ich begnügte mich zu lächeln, ohne zu antworten, ich begriff den Zweck dieser Artigkeit, die Berechnung dieser Güte und ich fühlte, instinktartig, daß meine Ehre das Lösegeld für Dicks Freilassung sein würde.

Zum Unglück war Sir John Payne jung, schön und reich; zum Unglück war er auch artig und schien gutmütig zu sein. Alles vereinigte sich sonach, um mich ins Verderben zu stürzen, sogar die guten Instinkte meines eigenen Herzens, welche mich drängten, Dick zu retten und Amy zu trösten.

Um fünf Uhr machte ein Wagen vor dem Tore Halt.

Ich erschrak.

Amy eilte an das Fenster und stieß einen Freudenruf aus.

Ich brauchte nicht erst an das Fenster zu eilen, um zu fühlen, daß es Sir John war, welcher nach Hause zurückkam.

Einen Augenblick später öffnete sich die Tür und er trat mit heiterer Miene ein.

»Was geben Sie mir, Miß Emma,« sagte er zu mir, »wenn ich Ihnen eine gute Nachricht für Ihren Schützling bringe?«

»Was,« antwortete ich, indem ich mich erhob und ihm beide Hände entgegenstreckte, »was könnte ich Ihnen weiter geben als den Dank eines tiefgerührten Herzens, Mylord?«

»Gut,« sagte er. »Für jetzt begnüge ich mich mit diesem Dank. Unsere Rechnung werden wir später ausgleichen.«

»Dann ist Ihr Vorhaben also gelungen, Mylord?« fragte Amy.

»Wenigstens ist es auf dem besten Wege dazu,« entgegnete der Admiral. »Man hat mir die Freilassung Ihres Bruders für diesen Abend versprochen. Wir wollen sie, wenn es Ihnen recht ist, bei Tische erwarten. Sie müssen sehr hungrig sein, denn Sie haben weiter nichts als ein kleines Stück Kuchen genossen. Ich meinerseits gestehe, daß die weiten Wege, die ich gemacht, meinen Appetit ebenfalls nicht wenig gereizt haben.«

Ich wollte eine Bemerkung über die Notwendigkeit machen, in der ich mich befand, nach Oxfordstreet zurückzukehren, als der Diener eintrat und meldete, daß die Tafel serviert sei.

Sir John Payne bemächtigte sich meines Armes, führte mich nach dem in derselben Etage gelegenen Speisezimmer und rief:

»Kommen Sie, meine schönen Tischgenossinnen!«

Der Tag begann sich zu neigen und aus dem durch die dichten Vorhänge vermehrten Halbdunkel meines Zimmers traten wir in ein prächtig erleuchtetes Speisezimmer, dessen Lichter von dem Kristall der Gläser und dem funkelnden Silbergeschirr widergespiegelt wurden.

Es war in der Tat, als wenn von Feenhänden ein Souper für ihren König Oberon und ihre Königin Titania zubereitet worden wäre. Die Atmosphäre war lau und von einem gleichzeitig herben und süßen Parfüm erfüllt, welches durch alle Poren einzudringen schien.

Beim Anblick dieses Luxus und infolge dieser duftenden Atmosphäre bemächtigte sich meiner gleichsam ein plötzlicher Rausch. Ich fühlte, mich einer Ohnmacht nahe. Meine Füße zitterten und mein Kopf neigte sich auf die Schulter herab. Sir John fühlte, daß ich seinem Arm schwerer ward, und als er mir an dem matten Ausdruck meiner Augen und der schlaffen Haltung meines Körpers ansah, was in mir vorging, sagte er:

»Sie gehören zur Gattung der Sensitiven. Sie sind Weib und Blume zu gleicher Zeit. Glücklich der Mann, welcher den Wohlduft der Blume atmen und das Wort Liebe von den Lippen des Weibes pflücken wird.«

Ich stieß einen Seufzer aus und der Admiral führte mich, während ich förmlich taumelte, zu meinem Stuhle und nahm neben mir Platz.

Der Zauber des Reichtums ist für mich ebenso groß gewesen wie die Furcht vor dem Mangel. Stamme ich denn wirklich aus aristokratischem Blut und sind alle meine Bestrebungen darauf gerichtet, mir die durch meine illegitime Geburt zertrümmerte Stufe wieder zu erobern? Mein Leben ist in dieser Beziehung weiter nichts gewesen als ein langer Rausch, und wenn ich von dem Rang und dem Reichtum nichts mehr zu verlangen hatte, blendete als reiche und vornehme Dame mich wiederum der Ruhm, ebenso wie als armes Mädchen hoher Stand und Reichtum mich geblendet hatten.

Es war jetzt das erste mal, daß ich mich an eine reichservierte Tafel setzte. Es war das erste mal, daß die Gläser gleich Diamanten durch ihre Flammenreflexe mein Auge blendeten. Es war das erste mal, daß ich meine Lippen mit jenem französischen Schaumwein benetzte, welcher gleich dem des Altertums durch die Hände der Bacchantinnen in dem Becher der Freude gekeltert wird.

Nichts von diesem allen aber war imstande mich aus meinem Taumel zu erwecken, das Blut, welches rascher durch meine Adern kreiste, zu beruhigen und das Feuer, welches gleichsam stoßweise aus meiner Brust auf meine Stirn stieg, zu löschen. Als ich mich an den Tisch setzte, war ich schon trunken von Wohlgeruch und Kerzenglanz.

Beim Dessert trat ein Diener ein, welcher eine mit einem großen Siegel verschlossene Depesche überbrachte.

Sir John entsiegelte die Depesche, überzeugte sich, daß es wirklich Dicks Entlassung war, und überreichte sie Amy.

Amy erhob sich sofort und bat unter dem Vorwande, daß sie nicht länger zögern wolle, ihrem Bruder diese gute Nachricht mitzuteilen, um die Erlaubnis, sich zu entfernen.

Sir John hatte durchaus nichts dagegen, sondern lobte im Gegenteile diesen Beweis von schwesterlicher Gesinnung.

Ich sah ein, daß von den nächsten fünf Minuten meine ganze Zukunft abhinge.

Als ich sah, daß Amy sich erhob, tat ich dies ebenfalls. Sir John machte keine Bewegung, mich zurückzuhalten; ich hatte aber aus meinem Zimmer erst meine Mantille und meinen Hut zu holen.

Fest entschlossen, mich dem Bereich der Verführung zu entziehen, eilte ich nach dem Zimmer, welches ich mild durch eine Alabasterampel beleuchtet fand.

Es konnte nichts Reizenderes geben als dieses Zimmer, besonders in diesem gedämpften Lichtschein, welcher dem des Mondes in einer stillen Sommernacht glich. Stumm, unbeweglich, entzückt blieb ich einen Augenblick stehen und kämpfte mit dem Wunsche zu bleiben und dem, Amy zu folgen.

Ich begriff nun, daß ich eine Stütze außer mir suchen müßte. Ich drückte die Hand aufs Herz, ich suchte und fand hier Harrys Brief.

Nun atmete ich auf und wollte sofort aus dem Zimmer eilen, hinter mir aber hatte die in dem Schnitzwerk des Wandgetäfels angebrachte Tür sich geschlossen und war unsichtbar geworden. Es war, als beherrschte mich ein unwiderstehlicher Zauber, der mich in einen Feenpalast geführt hätte.

Ich drehte mich um und wollte die Klingel ziehen.

Zwischen mir und dem Kamin aber stand Sir John mit ausgebreiteten Armen und murmelte mit leiser Stimme das Wort:

»Undankbare!«

Bei dieser Stimme ergriff der eben erst beschwichtigte Taumel mich von neuem. Eine Flammenwolke zog an meinen Augen vorüber und ich sank in die mir geöffneten Arme.

Ich danke dir, mein Gott, dafür, daß mein erster Fehltritt seinen Grund in Herzensgute und Aufopferung für andere, aber nicht in sinnlicher Begierde oder im Hang zur Ausschweifung hatte.




Zweiter Band





Erstes Capitel


Nun war ich Sir John Paynes Geliebte. Es beginnt hiermit die Reihe der traurigsten, vielleicht aber nicht der strafbarsten Ereignisse meines Lebens. Ich habe Gott und den Menschen versprochen, sie aufrichtig zu bekennen und ich meide dieses Geständnis mit voller Aufrichtigkeit tun, um zu beweisen, daß ich es als Reuige tue.

Wenn die Reue über einen Fehltritt in dem Herzen nur infolge der materiellen Unannehmlichkeiten oder Vorurteile, die er nach sich zieht, entstünde, so würde mich nichts bewegen, diese, ich will nicht sagen erste Liebe denn wirklich geliebt habe ich nur einmal in meinem Leben wohl aber diese erste Verirrung zu bereuen. Sir John war ein Gentleman, nobel, freigebig, artig, und ich konnte während der fünf oder sechs Monate, welche unser Verhältnis dauerte, nur zufrieden mit ihm sein.

Das kleine Haus in Piccadilly ward mein, und wenn er mich besuchte, was so oft geschah, als die Pflichten seines Dienstes ihm Zeit dazu ließen so sah es aus, als käme er in meine und nicht in seine Behausung. Die Diener und die Equipage standen zu meinen Befehlen und nach dem Respekt, welchen die Diener mir bewiesen, bemaß ich den, welchen der Herr vor mir hatte.

Als ich in den Möbeln meines Zimmers jene neugierige Untersuchung anstellte, welche die Frauen in dem Gemach, welches sie bewohnen, niemals verfehlen vorzunehmen, fand ich in einer mit meiner Namenschiffre gestickten Börse fünf- bis sechshundert Stück Sterling und in einem Etui einen Schmuck von Türkisen und Diamanten.

Von diesem Augenblick an, wo ich einsah, daß dieses Geld für mich bestimmt war, teilte ich es in zwei gleiche Teile: einen für meine Mutter, den andern für mich. Den ersteren schickte ich auch sofort an meine Mutter ab, ohne ihr jedoch zu sagen, wo ich sei und wie ich zu diesem Gelde gekommen wäre.

Jetzt, wo ein trauriges, unglückliches Alter über mich hereinzubrechen droht, gereicht es mir zum Troste, zu bedenken, daß ich auf der Höhe meines Glücks oder meiner Schande niemals auch nur einen Augenblick lang versäumt habe, für das materielle Wohlbefinden der schlichten Frau zu sorgen, der ich dieses Leben verdanke, welches für mich gleichzeitig so glänzend und so schmerzlich war.

Übrigens wäre ich ohne zwei Gedanken, die mich vorzugsweise beschäftigten, vollkommen glücklich gewesen.

Der erste dieser Gedanken war der an meinen unbekannten Romeo, welcher mich sicherlich alle Abende vergebens am Fuße meines Balkons erwartete.

Der zweite war, was wohl Miß Arabella bei ihrer Rückkehr gesagt haben würde, als sie mich nicht mehr in ihrer Wohnung vorfand.

Ich hatte in der Tat eine seltsame Art und Weise, die Personen zu verlassen, welche mir Gutes erzeigt oder erzeigen gewollt eine Art und Weise, die ihnen eine ganz eigentümliche Meinung von mir beibringen mußte.

Einige Tage lang ward ich durch eine Art Scham bewogen, mich in Piccadilly eingeschlossen zu halten. Am dritten Tage empfing ich den Besuch Amys und ihres Bruders. Die äußere Erscheinung beider erweckte in mir die Vermutung, daß sie ebenfalls ihren Anteil an der Freigebigkeit des Commodore genossen hätten.

Endlich brachte Sir John Payne mich so weit, daß ich mich bereit erklärte, auszugehen. Das Theater war immer noch meine herrschende Leidenschaft und er mietete eine Loge im Drury Lane.

Er hatte, um mich dahin zu führen, den Tag gewählt, wo »Hamlet« gegeben ward. Mit einer gewissen Gemütsbewegung hörte ich die Verse, welche er an Bord des »Theseus« zu mir gesprochen, und indem ich mein Schicksal an das Opheliens kettete, folgte ich dem Unglücke der Tochter des Polonius mit ganzer Seele.

Die beiden Wahnsinnsszenen wurden für mich dasselbe, was die Gartenszene und die Balkonszene in »Romeo und Julia« für mich gewesen waren.

Auf dem Nachhausewege sprach ich von weiter nichts, als von Ophelia, ich träumte die ganze Nacht von ihr und wiederholte die mir im Gedächtnis zurückgebliebenen Bruchstücke der betreffenden Verse.

Shakespeares Werke gab es in der kleinen Bibliothek in Piccadilly nicht, wohl aber hatte Sir John sie an Bord des »Theseus«, und da er im Laufe des Tages sich dorthin zu begeben hatte, so versprach er einen meiner Diener mitzunehmen und mir durch diesen den gewünschten Band zu schicken.

Ich erwartete meinen Shakespeare mit derselben Ungeduld, wie eine andere ein goldenes Armband oder einen Perlenschmuck erwartet hätte. Ich riß dem Diener das Buch förmlich aus der Hand, schloß mich in mein Zimmer ein und versenkte mich in diesem Ozean von Poesie.

Am Abend wußte ich die beiden Wahnsinnsszenen auswendig, und da ich mir die bald traurigen, bald heiteren Mienen gemerkt, womit Ophelia ihren Geliebten am St. Valentinstage besucht, oder das Grab ihres Vaters mit Blumen bestreut, so konnte ich mit jenem mimischen Talent, welches ich von jeher gehabt, nicht bloß die Gebärden, sondern auch die Modulationen wiederholen, welche ich am Abend vorher gesehen oder gehört hatte.

Alles dies geschah für mich allein und vor jenem vergoldeten Spiegel, der mir von Dick prophezeit worden.

Es fehlte mir dabei bloß eins, nämlich ein passendes Kostüm. Das Opheliens war indessen sehr leicht herzustellen, da es ja bloß in einem langen weißen Gewand besteht.

Ich beschloß mir die Befriedigung dieser Grille zu gestatten. Abends beim Souper bat ich Sir John um die Erlaubnis, den nächstfolgenden Tag auszugehen.

Erstaunt sah er mich an.

»Sie bitten mich um Erlaubnis?« sagte er zu mir. »Glauben Sie denn erst meiner Erlaubnis zu bedürfen, wenn Sie ausgehen wollen?«

»Nein,« sagte ich, »aber dennoch wäre ich nicht ausgegangen, ohne es Ihnen zu sagen.«

»Nun, da Sie dies einmal wollen, so setzen Sie vielleicht auch Ihrem Vertrauen die Krone auf, indem Sie mir sagen, warum Sie ausgehen wollen.«

»Ich will Kleiderstoffe einkaufen,« antwortete ich.

»Warum wollen Sie damit nicht Ihre Schneiderin beauftragen?« fragte er. Ich lachte.

»Weil ich mein Kleid selbst zu machen gedenke,« antwortete ich.

»Nun, lassen sie sich wenigstens die Adressen der renommiertesten Kaufläden geben.«

»Das ist nicht nötig. Das, was ich suche, finde ich bei dem ersten besten. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht lieber meine Zofe schicke, und ich werde dies auch tun, wenn Sie sich dazu verstehen, mich anderswohin zu begleiten.«

»Überall, wohin Sie mich führen, teure Emma, werde ich auf dem Wege nach dem Paradies zu sein glauben. Es wäre daher sehr töricht von mir, wenn ich mich weigern wollte.«

»Nun, dann ist die Sache abgemacht. Nach dem Frühstück werde ich meine Zofe in die Stadt schicken.«

»Und wir, wo werden wir hingehen?«

»Ins Freie, wenn es Ihnen beliebt. Ich habe ländliche Gelüste für morgen.«

»Und zu welcher Stunde soll unser Ausflug stattfinden?«

»Nach dem Frühstück, wenn es Ihnen recht ist, Mylord.«

Demgemäß ward alles verabredet. Am nächstfolgenden Morgen schickte ich, nachdem ich mich kaum vom Schlaf erhoben, meine Zofe mit dem Auftrage fort, eine Quantität von dem schönsten weißwollenen Stoff, den sie finden könnte, und außerdem einen großen schwarzen Tüllschleier zu kaufen. Sir John hörte mich meine Befehle erteilen, ohne meine Absichten zu verstehen, und wünschte wahrscheinlich sehnlich, daß ich ihm mein Geheimnis wenigstens zum Teil verraten möchte, aber ich sagte kein Wort.

Nach dem Frühstück stiegen wir in den Wagen und ich befahl dem Kutscher, uns aus der Stadt hinaus in die nächsten Felder zu fahren.

Die nächsten Felder von London sind aber immer noch ziemlich weit und wir brauchten über eine Stunde, ehe ich fand, was ich suchte. Endlich ließ ich den Wagen Halt machen und stieg aus.

»Soll ich Ihnen folgen?« fragte Sir John.

»Jawohl,« antwortete ich.

»Sie sollen mir nicht bloß folgen, sondern mir auch behilflich sein.«

»Wobei?«

»Das werden Sie sogleich sehen.«

Ich betrat die Wiese und begann Kornblumen, Rosmarin und Fenchel zu pflücken. Sir John sah mir zu und machte es wie ich. Als wir jedes einen großen Strauß Feldblumen beisammen hatten, stieg ich wieder in den Wagen.

»Das ist eine seltsame Idee,« sagte Sir John zu mir.

»Sie können sich ja die schönsten Blumen bei den ersten Gärtnern von London holen lassen, anstatt hierher zugehen und diese Heuernte einzufahren.«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich ein einfaches Landmädchen bin? Und müssen denn die Feldblumen in meinen Augen nicht mehr Wert haben als die Blumen der Städte?«

»Wäre ich so unglücklich, daß Sie die Zeit betrauern, wo Sie eine Nymphe der Wiesen von Flintshire waren, anstatt wie jetzt eine der Gottheiten Londons zu sein?«

»Nein, Mylord; obschon meine göttlichen Eigenschaften sehr zweifelhaft sind, da sie ja nur von einem einzigen Anbeter anerkannt werden.«

»O, was das betrifft,« antwortete Sir John, »so brauchen Sie sich bloß zu zeigen, um Ihren Kultus zu einem allgemeinen zu machen. Als Venus auf den Einfall kam, die Welt zu regieren, tauchte sie aus dem Meere auf und damit war alles gesagt.«

»Und,« fragte ich lachend, »geben Sie mir vielleicht den Rat, meinen künftigen Untertanen in demselben Kostüm zu erscheinen wie Miß Aphrodite?«

»O nein! die Sache bekam dem König Kandaules zu schlecht, als daß ich Lust hätte, den Versuch zu wiederholen.« Gegen drei Uhr kehrten wir nach Piccadilly zurück. Sir John ließ mich an der Tür unsers Hauses mit meinem Bündel Heu, wie er sagte, absteigen und setzte seinen Weg weiter fort, weil er noch Geschäfte auf der Admiralität zu besorgen hatte.

Ich fand, daß meine Zofe mit den von mir aufgetragenen Einkäufen wieder da war. Ich hatte ihr befohlen, gleich eine Näherin mitzubringen und diese war ebenfalls schon da. Ich entsann mich des Schnittes, welchen Opheliens Gewand gehabt, ganz genau. Das, was ich nicht graziös genug daran fand, verbesserte ich, und mit jener bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, ich will nicht sagen mich anzukleiden, wohl aber mich zu kostümieren, welche ich von jeher besessen, schnitt ich meine Tunika selbst zu und versprach zwei Pfund Sterling zwischen der Arbeiterin und meiner Zofe zu teilen, wenn das Gewand bis um neun Uhr abends fertig oder wenigstens geheftet wäre.

Beide machten, von der Aussicht auf Belohnung angespornt, sich sofort an die Arbeit. Was mich anging, so traf ich unter meinen Feldblumen eine geeignete Auswahl, und ließ sie in Wasser einweichen, damit sie sich bis zum Abend frisch erhielten.

Um sechs Uhr kam Sir John nach Hause zurück. Er war in sehr heiterer Laune. Er hatte um einen zweimonatlichen Urlaub nachgesucht, der ihm auch bewilligt worden, und seine Absicht war, diese zwei Monate ausschließlich mir zu widmen.

Ohne Sir John in dem absoluten Sinne zu lieben, welchen man dem Wort Liebe beilegt, empfand ich für ihn doch innige dankbare Anhänglichkeit, nicht wegen des Luxus, womit er mich umgeben, sondern wegen seiner Freundlichkeit gegen mich, denn mein aristokratischer Stolz ward durch die Formen, in welche Sir John seine Wohltaten kleidete, mehr gerührt, als durch die Wohltaten selbst.

Sir John hatte mich um die Erlaubnis gebeten, erst den nächstfolgenden Tag auf den »Theseus« zurückzukehren und wie man sich leicht denken kann, hatte ich diese Erlaubnis gewährt. Ich sagte ihm sogar, daß ich, um ihn für seinen übertriebenen Ehrgeiz zu belohnen oder zu bestrafen, je nachdem er die Sache nehmen wollte, eine Überraschung bereiten würde.

Um neun Uhr bat ich deshalb Sir John um die Erlaubnis, mich auf einige Augenblicke in mein Zimmer zu begeben. Er fragte mich lachend, ob dieses Verschwinden mit der in Aussicht gestellten Überraschung zusammenhinge, doch gab ich hierauf keine bestimmte Antwort.

Mein Gewand war fertig.

Ich löste mein langes Haar auf und wand mir einen jener Kränze, wie ich deren als Kind so viele gewunden, um sie sodann aufzusetzen und mich damit in der Quelle zu betrachten. Ich legte mein langes Gewand an, welches einen Teil meiner Brust und meine Arme unverhüllt ließ, raffte alle meine Erinnerungen zusammen, gesellte meine eigenen Inspirationen dazu und öffnete dann die Tür des Salons.

Zum ersten mal wollte ich den Eindruck beurteilen, welchen meine Schönheit, von dem doppelten Zauber der Mimik und der Poesie unterstützt, auf die Menschen ausüben könne.

Allerdings war der Mann, der in diesem Augenblick für mich die gesamte Männerwelt repräsentierte, sehr zu meinen Gunsten eingenommen, so daß ich seine Meinung nicht als allgemeines Gesetz betrachten konnte.

Dennoch aber wagte ich nicht, vor ihn zu treten, ohne vorher noch einen langen und letzten Blick in den verhängnisvollen Goldrahmenspiegel geworfen zu haben.

Das Kompliment, was dieser mir machte, war so vollständig, daß ich nicht mehr zweifelte, sondern keck eintrat.

Sir John stand an den Kamin gelehnt und hielt das Gesicht nach der Tür gewendet. Bei meinem Erscheinen stieß er einen Ruf der Überraschung und Bewunderung aus. Gleich mein erstes Auftreten war von Erfolg begleitet.

Es war dies, wie man leicht begreift, eine große Ermutigung. Ich begann sofort den halb heiteren, halb schwermütigen Gesang, welcher die Wahnsinnsszene eröffnet:

		»Wie erkenn' ich dein Treulieb
		Vor den andern nun?
		An dem Muschelhut und Stab
		Und den Sandelschuh'n.«

Sir John streckte die Arme nach mir aus; ich tat aber, als wenn ich ihn nicht sähe, und starr vor mich hinblickend fuhr ich fort:

		»Er ist lange tot und hin,
		Tot und hin, Fräulein!
		Ihm zu Häupten ein Rasen grün,
		Ihm zu Fuß ein Stein.«

Sir John klatschte Beifall.

Ich erhob jenen langgezogenen, klagenden Ruf, den ich von der Künstlerin gehört, welche die Rolle der Ophelia spielte, und mit schluchzender Stimme fuhr ich fort:

		»Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu seh'n,
		Geziert mit Blumensegen,
		Das unbetränt zum Grab' mußt' geh'n
		Von Liebesregen.«

Sir John kam einen Schritt auf mich zu. Nun erst schien ich ihn zu erblicken, und ich sprach die Worte, welche Ophelia an den König richtet.

		»Gottes Lohn! Recht gut.
		Sie sagen, die Eule war eines Bäckers Tochter.
		Ach, Herr! Wir wissen wohl, was wir sind,
		aber nicht, was mir werden können.
		Gott segne Euch die Mahlzeit!«

Ohne vermittelnden Übergang verfiel ich dann aus der tiefsten Melancholie in die tollste Heiterkeit und begann das bei uns so beliebte Lied:

		»Auf morgen ist Sankt Valentin's Tag,
		Wohl an der Zeit noch früh,
		Und ich, 'ne Maid am Fensterschlag,
		Will sein eure Valentin.

		Er war bereit, tat an sein Kleid,
		Tät auf die Kammertür,
		Ließ ein die Maid, die als 'ne Maid
		Ging nimmermehr herfür.«

Dann nahm ich jenen, auf einen Augenblick aufgegebenen starren Blick des Wahnsinns wieder an und fuhr fort:

		Ich hoffe, alles wird gut geh'n.
		Wir müssen geduldig sein; aber ich kann nicht umhin zu weinen,
		wenn ich denke, daß sie ihn in den kalten Boden gelegt haben.
		Mein Bruder soll davon wissen.
		Kommt; meine Kutsche!
		Gute Nacht, süße Damen.«

Und heiter ging ich hinaus, indem ich die nicht vorhandene Melodie eines unbekannten Liedchens trällerte.

»Sie sind eine Zauberin!« sagte der Admiral. »Ein solcher Wahnsinn könnte selbst den König Salomo um den Verstand bringen.«

Ich fuhr jedoch, ohne auf ihn zu hören, und indem ich in meine Stimme einen so schmerzlichen Ausdruck legte, daß ich selbst davor schauderte, fort:

		»Sie trugen ihn auf der Bahre bloß,
		Leider, ach leider!
		Und manche Trän' fiel in Grabesschoß.«

»Emma!« rief Sir John, »Emma! Antworten Sie mir, ich bitte darum.«

»Adieu, mein Turteltäubchen,« sagte ich zu ihm, indem ich in meiner Rolle fortfuhr. Dann fiel ich wieder in den ersten schmerzlichen Ausdruck, breitete meinen schwarzen Schleier auf den Fußteppich, entblätterte meine Blumen und sang dazu:

		»Hinunter! Man trage ihn hinunter!
		Wehe! Wehe! Dreimal Wehe!«

Sir John wollte mich unterbrechen, ich ließ ihm aber nicht Zeit dazu, bot ihm eine Blume und sagte mit lächelndem Munde:

		»Da ist Vergißmeinnicht, das ist zum Andenken:
		Ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner!
		Und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.
		Da ist auch Fenchel für Euch und Aglei.
		Da ist Raute für Euch und hier ist welche für mich.
		Ihr könnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen.
		Da ist Maßlieb. Ich wollte Euch ein paar Veilchen geben,
		aber sie welkten alle, da mein Vater starb.
		Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.«

Dann sank ich mit gen Himmel gerichteten Augen auf die Knie nieder und murmelte anscheinend gedankenlos:

		»Der kleine gute Robin
		Ist meine ganze Lust.«

Nun aber konnte der gute Sir John sich nicht mehr beherrschen. Er umschlang mich mit seinen Armen, hob mich auf, drückte mich an seine Brust und sagte:

»Genug, genug! Oder Sie machen mich wahnsinnig.«

Der Ausdruck seiner Augen und die Gemütsbewegung, welche sich in seiner Stimme verriet, strafte seine Worte durchaus nicht Lügen. Ich brach in ein lautes Gelächter aus.

»Wie?« sagte er, »Ist das wieder Wahnsinn? Spielen Sie Ihre Rolle weiter? Ins Himmelsnamen, antworten Sie mir ernsthaft.«

»Meine Rolle ist, Ihnen zu gefallen, Mylord, aber nicht Sie zu erschrecken. Ophelia ist in den Fluß gestürzt und ertrunken. Emma Lyonna aber lebt und liebt Sie.«

Freudig warf ich mich an seine Brust. Die Wirkung, welche ich hervorgebracht, stand nicht zu bezweifeln und diese Wirkung hatte meine kühnsten Hoffnungen übertroffen. Nur dachte ich in meinem innersten Herzen unwillkürlich fortwährend an meinen armen unbekannten Romeo, dessen sanfte Stimme mir unter den großen Bäumen von Miß Arabellas Garten so schön antwortete.




Zweites Capitel


Gern möchte ich schnell über diesen Teil meines Lebens hinweggehen, welcher, obschon in den Augen der Sittenprediger vielleicht der tadelnswerteste, doch der ist, welcher mir am wenigstens Reue einflößt.

Ich war ein armes, von meiner Kindheit an verlassenes Mädchen. Ich war niemandem Rechenschaft über meine Handlungsweise schuldig, nicht einmal meiner Mutter, für welche schon meine Geburt eine Antwort auf die Vorwürfe gewesen wäre, welche sie mir vielleicht gemacht hätte. Ich hing nur von mir ab, ich erwartete alles von mir; zu meinem Unglück schön, ward ich durch einen angeborenen Instinkt zu allen Freuden der Jugend, zu allen Verführungen des Luxus und des Reichtums hingetrieben. Welche moralische oder physische Stütze hätte ich in Anspruch nehmen können, selbst wenn ich die Absicht gehabt hätte, gegen die Versuchung zu kämpfen?

Da ich aber das Gute nicht von dem Bösen zu unterscheiden wußte, so betrat ich einen abschüssigen Pfad, der mir immer angenehmer, immer blumenreicher vorkam. Das Leben erschien mir in der Gestalt eines schönen, wie der Frühling mit Blumen bekränzten Jünglings. Ich ergriff den dargebotenen Arm dieses falschen Beschützers und stützte mich darauf, ohne zu wissen, welchem Ziele wir entgegengingen und in welchen Morast oder in welche dürre Wüste er mich führen würde.

Übrigens, und ich darf dies nicht verschweigen, hat eine der guten oder schlimmen Eigenschaften meiner Veranlagung darin bestanden, daß ich immer in der Gegenwart gelebt habe. Diese Gegenwart war, mit der Vergangenheit verglichen, zu der Zeit, von welcher ich jetzt spreche, ein Leben materieller Genüsse, die hoch über den sechzehn Jahren standen, die ich bis jetzt durchlebt.

Die Welt, die mich nicht kannte, machte mir keine Vorwürfe und ich selbst machte mir auch keine. Alles trieb mich daher zum Vergessen der Vergangenheit, zur Sorglosigkeit in bezug auf die Zukunft. Es war mir als hätte ich, so lange meine Schönheit dauerte, von der Unbeständigkeit des Glücks nichts zu fürchten, und indem ich an mein jugendliches Alter dachte und mich in meinem Spiegel betrachtete, sagte ich, daß ich, Gott sei Dank, noch lange schön zu sein hätte.

Man erinnert sich, daß Sir John Payne auf zwei Monat Urlaub genommen, und daß er diese zwei Monate ausschließlich mir widmen wollte. Nachdem ihm dieser Urlaub erteilt worden, fragte er mich, wo ich hinzugehen, was ich vorzunehmen wünschte.

Ich stellte die Wahl ganz ihm anheim. Ich kannte ja nichts außerhalb des Zirkels, in welchem ich bis jetzt gelebt. Ich wünschte nichts, sondern fühlte bloß einen unwiderstehlichen Zug nach dem Unbekannten.

Sir John entschied, daß wir nach Frankreich gingen. Ich klatschte vor Freuden in die Hände. Ich hatte viel von Frankreich sprechen hören, aber es war mir nie eingefallen, daß ich dieses Land selbst zu sehen bekommen könnte.

Ich verstand nicht Französisch, Sir John aber redete diese Sprache ganz geläufig und konnte mir alles, was ich nicht selbst verstand, übersetzen.

Wir brachen auf. Jener Drang nach dem Unbekannten war die Krankheit jener Zeit, und ich, das winzige Atom, ward von dem Strudel mit fortgerissen.

Es gibt Momente, wo die Nationen ihrer selbst überdrüssig und von der Wirklichkeit ermüdet, sich in den Traum flüchten und nicht bloß nach dem trachten, was nicht ist, sondern auch nach dem, was nicht sein kann.

So unwissend ich auch war, so berührte mich doch jener Hang Frankreichs zu dem Unmöglichen auf seltsame Weise. Not und Armut waren hier groß, der Luxus aber war noch größer. Die Fürsten und großen Herren ruinierten sich mit einem Eifer und mit einer Sorglosigkeit, welche nicht schlimmer hätte sein können, selbst wenn sie den Vulkan gekannt hätten, auf welchem die Gesellschaft damals einherwandelte.

Aber was fragte man darnach? Der Kardinal von Rohan suchte den Stein der Weisen; Cagliostro hatte, wie man versicherte, das Lebenselexier entdeckt; Mesmer die Heilung aller Krankheiten durch den Magnetismus; Franclin hatte den Blitz besiegt und führte ihn gefangen auf einem Drahte in die Tiefen der Erde; und Montgolfier stellte eine neue Straße in den unendlichen Räumen des Himmels in Aussicht. Die alte Welt konnte immerhin in den Abgrund versinken, eine neue tauchte empor.

Diese beiden Monate vergingen für mich in einem ununterbrochenen Taumel. Sir John hatte die schönsten Pferde, die schönsten Wagen, die ersten und besten Logen in allen Theatern. Ich sah Lekain, ich sah Mademoiselle Raucourt, Orosman, Athalia, Britannicus, ich hörte die »Ihpigenia in Tauris« von Gluck und die »Dido« von Piccini. Greuza, der Maler der Unschuld, fertigte mein Porträt und überall, wohin ich kam, wiederholte mir ein bezauberndes Murmeln, daß ich schön sei.

Ich fühlte mich so glücklich, daß Sir John eine Verlängerung seines Urlaubs um einen Monat zu erbitten wagte; man gewährte ihm diese Verlängerung, sagte ihm aber zugleich, daß er nach Ablauf dieses Monats sich zur Verfügung der Regierung bereit zu halten habe.

Der Krieg mit Amerika ward immer erbitterter, Frankreich drohte sich daran zu beteiligen, und England fühlte aller Wahrscheinlichkeit nach sehr bald das Bedürfnis, jenseits des atlantischen Meeres einen großen Schlag zu führen.

Sir John hütete, als er mir die Verlängerung seines Urlaubs mitteilte, sich wohl, mir etwas von der ihm dabei gestellten Bedingung zu sagen. Er wollte keinen Schatten auf meine Freude werfen. Wir blieben demgemäß noch einen Monat, dann aber mußten wir nach England zurückkehren.

Diese Reise blieb wie ein bezaubernder Traum ein Teil meiner steten Erinnerung. Ich hatte die Königin von Frankreich zweimal gesehen einmal in der Oper bei der Aufführung der »Dido« von Piccini, das zweitemal in der Comédie Française bei der Aufführung von »Orosman«.

Es war dies die glückliche Epoche ihres Lebens. Sie ward noch geliebt und verehrt, der Haß und die Verleumdung kamen erst später. Sie hatte ihrerseits mich ebenfalls bemerkt und gefragt, wer ich wäre. Die Erinnerung an mich blieb ihren Gedanken so gegenwärtig, daß, als drei Jahre später Madame Lebrun, ihre Malerin, nach London kam, diese mich im Namen der Königin bat, mich von ihr malen zu lassen. Es war dies eine zu große Ehre, als daß ich dieselbe zurückgewiesen hätte, und man versicherte mir, daß sie dieses Porträt ihrer Privatgalerie einverleibte.[2 - Dieses Porträt befindet sich gegenwärtig in der Gallerie des Louvre.]

Bei meiner Rückkunft nach London fand ich, wie ich gestehen muß, mein kleines Haus in Piccadilly ein wenig öde und es dauerte nicht lange, so bat Sir John, welcher ohne Zweifel fürchtete, daß ich mich langweilte, mich um die Erlaubnis, mir einige seiner Freunde vorzustellen. Wir empfingen demzufolge einmal wöchentlich, dann zweimal, dann dreimal, dann alle Tage.

Sir John, dem ich meine niedrige Herkunft eben sowenig verschwiegen hatte, wie ich das auch sonst getan hatte, fragte mich wie besorgt, ob ich imstande sein würde, die Rolle einer Herrin vom Hause zu spielen. Gleich vom ersten Tage an aber war er in dieser Beziehung beruhigt. Es ist dies eines der eigentümlichsten Geschenke, welche die Natur mir verliehen hat. Sie schuf mich zur großen Dame und in dieser Beziehung hatte ich mir keine Ausbildung anzueignen, sondern besaß sozusagen dieselbe bereits von meiner Geburt an.

Eines Abends erinnerte der Admiral mich an jene Scenen aus »Hamlet«, welche zu Anfang unseres Verhältnisses einen so tiefen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Er fragte mich, ob ich für die Freunde, welche den Thee mit uns einnahmen, nicht thun wolle, was ich für ihn allein gethan. Da die Frage mit leiser Stimme an mich gestellt ward, so konnte ich eben so leise antworten, daß es mir für den Augenblick an einigen der nothwendigen Requisiten, ganz besonders an wilden Blumen mangle, daß ich aber den nächstfolgenden Abend bereit sein würde, mein zweites Debüt vor ihm zu versuchen.

Unsere Freunde wurden eingeladen, nächstfolgenden Abend wieder zu kommen, und Sir John deutete ihnen an, daß ich ihnen eine Überraschung bereiten würde.

Am nächsten Tage durchwanderten wir, Sir John und ich, allerdings nicht die Wiesen, wie wir vor zehn Monaten gethan, denn die Felder waren jetzt mir Schnee bedeckt, wohl aber die Kaufläden, wo künstliche Blumen zu haben waren, um hier Kornblumen, Rosmarin und die Maßlieben zu finden, welche noch auf drei oder vier Monate von der Erde verbannt waren.

Ich weiß nicht, welches wehmütige Gefühl sich meiner bemächtigte, als ich diese künstlichen Blumen anstatt natürlicher zu einem Strauße zusammenband.

Sir John schien mir ebenfalls niedergeschlagen zu sein. Von Zeit zu Zeit bemerkte ich, daß er die Augen unverwandt auf mich geheftet hielt. Wenn dann unsere Blicke sich begegneten, so versuchte er zu lächeln.

Seit einigen Wochen ging er alle Tage auf die Admiralität und empfing fortwährend Botschaften von derselben entweder in seiner Wohnung oder auf dem »Theseus«. Beinahe alle Tage erteilte er geheime Befehle und traf Anstalten, welche er mir zu verheimlichen suchte.

Es war augenscheinlich, daß in unserem Geschicke irgendeine Veränderung vorzugehen im Begriffe stand.

Der Abend kam, die Freunde vom gestrigen Tage fanden sich wieder ein. Sie waren sehr neugierig in bezug auf die Überraschung, die ich ihnen bereitete und welche Sir John ihnen mit einer gewissen Feierlichkeit versprochen. Nach dem Tee oder vielmehr während des Tees begab ich mich aus dem Salon in mein Schlafzimmer. Hier verwandelte ich mich binnen wenigen Augenblicken in Ophelia, und gerade in dem Momente, wo man am wenigsten erwartete, mich wieder erscheinen zu sehen, öffnete ich die Tür.

Ein einstimmiger Ruf verkündete, daß ich den beabsichtigten Effekt machte.

Mein Erfolg war unermeßlich. Zum ersten Male debütierte ich vor Zuschauern.

Bis jetzt hatte ich bloß für mich allein oder für eine einzige Person deklamiert, ein einziges Mal war mir von einem unbekannten Zuhörer Beifall gespendet worden. Was Sir John betraf, so hatte ich von ihm mehr als Beifall erlangt und die Wirkung, welche ich dieses zweite Mal hervorbrachte, erschien mir noch größer als die erste.

Der Enthusiasmus war ein allgemeiner. Man rief »Da capo! da capo!« Man bat den Admiral, mich zu einer nochmaligen Vorführung der Szene zu bewegen, aber ich weigerte mich hartnäckig. Ich war überzeugt, daß die Fehler, welche den Augen meiner Zuschauer bei dieser ersten Probe entgangen waren, bei der zweiten klar zu Tage treten würden.

»Wenn jedoch,« sagte ich, »einer dieser Herren die Rolle des Romeo übernehmen wollte, so würde ich gern bereit sein, die Julia in der Balkonszene zu spielen.«

Unglücklicherweise waren Sir Johns Gäste im Bereiche des Vergnügens besser bewandert als in dem der Literatur und folglich mit der Muse Shakespeares nicht so vertraut, daß sie die von mir ihnen zugemutete Aufgabe zu lösen vermocht hätten.

Mit einem lebhaften Gefühl der Reue und Trauer dachte ich jetzt an den armen Harry, welcher mir in Miß Arabellas Garten einen so poetischen und liebeerfüllten Romeo improvisiert hatte.

Der Schleier der Nacht, der sich über sein Gesicht gebreitet und mir seine Züge verhüllt, so daß nur seine Stimme zu mir gedrungen war, ließ dieser Erinnerung etwas ungemein Romantisches und Geheimnisvolles.

»Wie schade,« sagte Sir John, »daß mein Freund Featherson nicht in London ist, er, der den Shakespeare so gut auswendig kann wie Garrid. Sobald ich Sheridan zu sehen bekomme, werde ich ihn fragen, wo er ist.«

»Er ist ja hier,« antwortete einer unserer Gäste.

»Wissen Sie das gewiß, Sir Georg?« fragte der Admiral.

»Jawohl. Ich habe ihn gestern gesehen und gesprochen.«

»Kann man erfahren, wo er wohnt?«

»Nichts leichter als dies. Ich werde mich bei seinem Onkel erkundigen, der sein Hotel auf dem Haymarket hat.«

Ich weiß selbst nicht, warum ich den Worten, welche der Admiral und Sir Georg gewechselt, mit der größten Aufmerksamkeit, ja sogar mit einem gewissen Herzklopfen zugehört hatte.

Der Admiral drehte sich nach mir herum. »Und,« fragte er, »wenn man nun Featherson ausfindig macht, werden Sie sich dann dazu verstehen, mit ihm die beiden Szenen zu spielen?«

»Jawohl, sehr gern,« antwortete ich. »Aber,« setzte ich lächelnd hinzu, »warum wollen Sie dieselben nicht selbst lernen?«

»Ach,« antwortete Sir John mit einem Seufzer, »ich könnte mich fast versucht fühlen, es zu tun. Harry wird sich jedoch dieser Aufgabe jedenfalls besser entledigen als ich.«

»Harry!« rief ich. »Wer ist dieser Harry?«

»Harry, meine liebe Emma, ist Feathersons Taufname.«

»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte ich.

»Haben Sie vielleicht einen Harry gekannt?« fragte mich Sir John mit einer gewissen Neugier.

»Allerdings habe ich diesen Namen einmal nennen gehört,« antwortete ich; »es war nicht der eines vornehmen Lord, sondern der eines armen Künstlers, und mein Harry,« setzte ich lachend hinzu, »hatte sicherlich mit Sir Harry Featherson nichts gemeinsam.«

Man kam überein, daß Sir Georg Sir Harry ausfindig machen und daß man, wenn man ihn fände, die Aufführung der beiden Szenen aus »Romeo und Julia« mit ihm arrangieren sollte.




Drittes Capitel


George hatte sich nicht getäuscht. Lord Featherson war nach einer Reise von fünf oder sechs Monaten auf dem Kontinent nach London zurückgekehrt.

Sir George hatte seine Adresse durch seinen Onkel erfahren. Er wohnte in einem prachtvollen Hause in Brook Street an der Ecke von Grosvenor Square.

Zu Hause getroffen hatte er ihn jedoch nicht, aber ohne zu sagen, wovon die Rede war, ihn für den nächstfolgenden Abend zu Sir John oder vielmehr zu mir bestellt.

Ich nahm an allem, was diesen Unbekannten betraf, ein eigentümliches Interesse, welches ich mir selbst nicht erklären konnte.

Mit Ungeduld erwartete ich den Abend des nächstfolgenden Tages. Ich verwandte auf meine Toilette mehr Sorgfalt als gewöhnlich und wäre, ich weiß selbst nicht warum, außer mir gewesen, wenn ich Sir Harry nicht einnehmend erschienen wäre.

Zwischen neun und zehn Uhr fanden sich unsere ersten Gäste ein. Jedesmal, wenn die Tür sich öffnete, drehte ich mich rasch herum, es war aber schon halb elf, als der Diener endlich Sir Harry Featherson meldete.

Meine Unruhe war Sir John nicht entgangen. Ebenso wie meine Blicke wendeten auch die seinigen jedesmal, wenn die Tür sich öffnete, sich nach derselben, und als man Sir Harry Featherson meldete, fühlte ich, wie Sir John mich scharf ins Auge faßte.

Sir Harry trat ein. Es war ein allerliebster junger Mann von drei- bis vierundzwanzig Jahren mit blauen Augen, prachtvollen Zähnen und zartem, frauenhaftem Teint. Er hatte während der sechs Monate, die er in Frankreich verlebt, sich einen hohen Grad französischer Ungezwungenheit angeeignet und schien auf der Überfahrt über den Kanal jene britische Steifheit abgestreift zu haben, welcher sich zu entledigen meinen Landsleuten so schwer wird.

Die erste Person, die er mit den Augen suchte, war Sir John. Er ging sofort auf ihn zu, unterwegs aber richteten sich seine Augen mit einem Ausdruck seltsamen Erstaunens auf mich, während seine Füße am Boden zu wurzeln schienen.

Ich errötete, ohne zu wissen warum.

Sir John sah Harrys Erstaunen und mein Erröten.

Sein Blick schweifte von ihm zu mir und von mir zu ihm.

Dieses Gefühl war aber für mich allein bemerkbar.

Nachdem er seinem Freund, den er lange nicht gesehen, die Hand gedrückt, führte er mir ihn zu, um mir ihn vorzustellen.

Sir Harry machte mir mit bewegter Stimme einige Komplimente und ich antwortete darauf, doch ich weiß nicht was für unzusammenhängende Worte. Seine Stimme machte einen gewaltigen Eindruck auf mich, denn sie besaß eine unglaubliche Ähnlichkeit mit der des unbekannten jungen Künstlers, welcher in Miß Arabellas Garten mit mir die Rolle des Romeo gespielt hatte.

Nachdem Sir Harry mich begrüßt, ging er, um seinen andern Freunden die Hand zu drücken. Der Admiral blieb allein bei mir.

»Sie kennen wohl Sir Harry?« fragte er mich im Tone sanften Vorwurfs, indem er mir die Hand drückte.

»Ich schwöre Ihnen,« antwortete ich, »daß ich ihn heute zum erstenmal sehe.«

»Sie wissen, Emma, daß ich alles glaube, was Sie mir sagen.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«

Er betrachtete mich mit zärtlichem Blick.

»Mit solchen Augen und mit einem solchen Munde lügt man nicht,« murmelte er, wieder mit sich selbst sprechend.

»Besonders,« setzte ich hinzu, »wenn man kein Interesse am Lügen hat.«

Ich war selbst fest überzeugt, daß ich die Wahrheit spräche und alles war in mir wahr, Ton sowohl als Blick.

Sir John ward dadurch vollständig beruhigt.

Sir George brachte nun das Gespräch auf den Gegenstand, wegen dessen man sich versammelte, und fragte Sir Harry, ob er immer noch so große Vorliebe für das Theater habe und ob er seinen Shakespeare immer noch auswendig wisse.

Sir Harry lächelte wie bei einer Erinnerung.

»Ich habe,« sagte er, »seit sechs Monaten viel vergessen, oder ich bin vielmehr bemüht gewesen, viel zu vergessen. Dennoch gibt es gewisse Dinge, die ich nicht vergessen kann.«

»Wissen Sie noch die beiden Liebesszenen zwischen Romeo und Julia?« fragte Sir John Payne.

Sir Harry lächelte wehmütig.

»Diese beiden Szenen,« sagte er, »gehören eben zur Zahl derjenigen, welche ich vergessen möchte, aber nicht vergessen kann.«

Ich sah ihn an, wie um ihn zu befragen, seine Physiognomie sagte aber durchaus nichts mehr, als was sein Mund gesagt hatte.

»Nun dann, Emma,« sagte Sir John, »setzen Sie meinen Freund Harry Featherson von unserem Wunsche in Kenntnis. Ganz gewiß wird er den Bitten einer schönen jungen Dame eher Gehör schenken als den unsrigen.«

»Um was handelt es sich?« fragte Sir Harry.

»Um eine Bemühung, der Sie sich hoffentlich unterziehen meiden, um dem Wunsche des Admirals und seiner ehrenwerten Freunde zu genügen,« antwortete ich. »Ich bin eine leidenschaftliche Verehrerin, ich will nicht sagen des Theaters, denn die Bühne werde ich wahrscheinlich niemals betreten, wohl aber der Deklamation. Neulich spielte ich einmal abends vor diesen Herren die Szene Ophelias aus dem vierten Alte von »Hamlet«, und ich machte mich verbindlich, die beiden Liebesszenen zwischen Romeo und Julia zu spielen, wenn jemand die Rolle des Romeo übernehmen wollte. Keiner dieser Herren wußte diese Rolle auswendig und man nannte Ihren Namen als den eines vollendeten Künstlers. Man beklagte Ihre Abwesenheit, versicherte aber dann, Sie seien wieder da. Sir George übernahm es endlich, Ihnen eine Einladung zum Tee bei uns zu überbringen, und alle nahmen sich für den Fall, daß Sie in die Ihnen gelegte Schlinge gingen, vor, Sie nicht eher wieder fortzulassen, als bis Sie sich verbindlich gemacht, wenigstens auf einen Abend mein Romeo zu, sein. Sie haben jetzt gehört, was Sir John Payne gesagt hat, und welche Hoffnung er auf die von mir Ihnen vorgetragene Bitte baut. Ich hoffe, daß Ihre Galanterie Sie bewegen wird, ihn nicht in seiner Erwartung zu täuschen.«

Sei es nun, daß meine Worte gut gewählt schienen, oder daß meine Stimme einen Ausdruck von sanfter Überredung angenommen, kurz, die sämtlichen Herren zollten mir lauten Beifall, als ob ich eine förmliche Tirade losgelassen hätte.

Nach einem solchen Erfolg bei dem Publikum wäre es sehr zu verwundern gewesen, wenn ich bei Sir Harry meine Absicht nicht erreicht hätte.

Dieser begnügte sich jedoch damit, daß er sich verneigte und mir stammelnd antwortete, er stehe mir zu Befehl.

Man umringte mich, man wünschte mir Glück und machte es sich zu einem förmlichen Fest, uns zu sehen und uns die beiden versprochenen Szenen spielen zu hören.

Die Frage war bloß, wo Sir Harry sein Kostüm als Romeo hernehmen sollte. Was mich betraf, so besaß ich das Julias bereits. Sir Harry antwortete jedoch, da man sich von dieser improvisierten Vorstellung ein so großes Vergnügen verspräche, so dürfe dasselbe durch nichts verzögert werden.

Er würde sich deshalb ein Kostüm verschaffen und den nächstfolgenden Abend die Szene mit mir spielen.

Dicht an das Haus stieß ein ziemlich großes Gewächshaus und schon den nächstfolgenden Morgen ließ Sir John Payne einen Tischler mit fünf bis sechs Gesellen holen, welche einen Balkon aufschlugen. Man umgab die Estrade mit Tropenpflanzen, schmückte sie mit Blumen und um zwei Uhr nachmittags war das Theater fertig.

In diesem Augenblicke kam ein Bote von der Admiralität, welcher sehr eilige Depeschen überbrachte.

Sir John las dieselben, ward bleich und sagte mit sichtbar veränderter Stimme zu dem Boten:

»Meldet den Lords, daß ich ihnen pünktlich gehorchen werde.«

Ich bemerkte die Aufregung des Admirals und während der Bote sich entfernte ging ich auf ihn zu, faßte ihn beim Arm und fragte ihn, ob die Depesche vielleicht eine schlimme Nachricht enthielte.

»Ja, eine sehr schlimme Nachricht,« entgegnete er, indem er sich bemühte zu lächeln. »Die Lords der Admiralität halten eine Nachtsitzung und ersuchen mich, derselben beizuwohnen.«

»Dann,« sagte ich, »verschieben wir unsere heutige Abendgesellschaft auf einen anderen Tag.«

»Nein,« sagte er, »im Gegenteil; wenn unsere Gesellschaft nicht heute Abend stattfindet, wer weiß dann, wann wir uns wieder zusammenfinden werden. Ich brauche erst um Mitternacht von hier fortzugehen und mir haben daher vollauf Zeit, unsere beiden Szenen zu spielen. Mittlerweile kommen Sie und schenken Sie mir einige Minuten; ich werde Ihnen dankbar dafür sein.«

Ich betrachtete ihn mit unruhigem Blick. Warum sollte Sir John, der mich doch ganz allein für sich besaß, mir für einige Minuten, die ich ihm schenkte, dankbar sein?

Ich wagte nicht ihn deshalb zu befragen, und da er seinen Arm um mich geschlungen, so ließ ich mich von ihm hinweg führen.

Der Abend kam. So wie die Zeit verging, ward Sir John immer trauriger und ich selbst fühlte mich, ich wußte nicht warum, von einem unglaublichen Frösteln ergriffen. Das Herz schnürte sich mir zusammen und dennoch besaß dieses Gefühl zugleich einen gewissen Reiz. Es war mir, als wenn ich etwas Unbekanntes zugleich fürchtete und hoffte.

Ich dachte mir Sir Harry in seinem schwarzen Kostüm. Ich glaubte, Romeos Wams müßte zu seinem aristokratischen Gesicht wunderschön stehen.

Im Laufe des Tages hatte er dieses Kostüm geschickt und man hatte es in die an das Treibhaus stoßende Wohnung des Gärtners getragen. Aus dieser sollte Harry herauskommen, um am Fuße meines Balkons zu erscheinen.

Um neun Uhr fand er sich in seiner gewöhnlichen Kleidung ein. Er schien vor Freude förmlich zu strahlen und diese Freude beleuchtete sein Gesicht wie eine Glorie.

Ich konnte nicht umhin ihn sehr schön zu finden und der Ton seiner Stimme machte, wie am Abend vorher, einen gewaltigen Eindruck auf mich.

Er kam auf mich zu, küßte mir die Hand und sagte zu mir:

»Guten Abend, teure Julia.«

Diesmal war ich unruhig und verlegen und gab keine Antwort. Ich wäre kaum imstande gewesen, eine zweite Rede nach Art der ersten zu halten.

Zum Glück war dies nicht nötig, weil schon alles im voraus besprochen war.

Um halb zehn Uhr beschäftigte sich jeder von uns mit den Einzelheiten seiner Toilette. Ich bin stets, selbst mit den kompliziertesten Toiletten sehr rasch fertig gewesen, denn ich trug, ausgenommen bei großer Gala, mein Haar stets ohne Puder.

Die Herren gingen hinunter in das Gewächshaus, welches ganz allerliebst erleuchtet war. Zwischen den beiden Szenen sollte uns der Tee serviert werden. Als ich fertig war, ward Sir Harry durch eine im Innern angebrachte Klingel in Kenntnis gesetzt, daß er nun auftreten könne.

Ich hatte mich nicht geirrt. Das mittelalterliche Kostüm stand ihm bewundernswürdig gut und er war auf diese Weise vollkommen schön.

Er näherte sich meinem Balkon wie ein vollendeter Künstler oder wie ein leidenschaftlicher Liebhaber und begann die schon in einem früheren Capitel mitgeteilten Verse zu deklamieren.

Gleich bei den ersten Worten zuckte ich zusammen. Es war wirklich dieselbe Stimme, es war wirklich dieselbe Betonung, die ich in Miß Arabellas Garten gehört.

Entweder lag hier ein unerhörtes Wunder von Ähnlichkeit vor, oder ich hatte meinen Harry wiedergefunden, den ich für immer verloren geglaubt.

Andererseits aber war es unmöglich, daß der edle Sir Harry Featherson derselbe wäre wie der bescheidene Künstler, mit dem ich mich auf so malerische und so geheimnisvolle Weise in Beziehung gesetzt.

Es war immer noch besser, an eine allerdings unwahrscheinliche, aber doch mögliche Ähnlichkeit der Stimme, als an eine mehr als unwahrscheinliche Identität zu glauben.

Auf alle Fälle fühlte ich mich durch den Zauber dieser Stimme unwiderstehlich hingerissen, und als ich auf dem Balkon erschien, trugen meine Züge ohne Zweifel den Ausdruck des Geistes meiner Rolle, denn die um Sir John versammelten Zuhörer spendeten mir einstimmigen Beifall.

Man weiß wie jener Liebesdialog beginnt, wo Julia anfangs spricht, ohne Romeo zu sehen und während sie sich allein glaubt, und wo Romeo spricht, während er die Geliebte in kurzer Entfernung erblickt, aber ohne das Wort an sie zu richten zu wagen, und wie die beiden Stimmen, welche sich die eine an die Einsamkeit, die andere an die Nacht richten, zuletzt einander antworten.

Die Szene war natürlich ganz dieselbe, wie ich sie früher mitgeteilt, nur ward sie diesmal noch durch den Glanz der Beleuchtung, den Anblick der Personen und das Bravorufen der Zuschauer belebt.

Ich habe von dem Beifall gesprochen, den man mir spendete, als ich auftrat. Dieser Beifall wendete sich auch Sir Harry zu, als dieser seinerseits sprach.

Die Szene hatte für mich mit einem seltsamen Realismus ihren Fortgang.

Ich war nicht mehr Emma Lyonna und mein Mitspieler war nicht mehr Sir Harry. Sir Harry war Romeo und ich war Julia.

Mein Blick lenkte sich infolge des Beifalls auf die Gruppe der Zuschauer, und es war mir, als sähe ich Sir John sich eine Träne trocknen.

Diese Träne fiel mir glühend aufs Herz.

Glücklicherweise hatte mein Anbeter seiner Rolle gemäß mich in diesem Augenblick ins Zimmer zu rufen, und ich verließ, um diesem Rufe zu entsprechen, den Balkon.

Während dieser wenigen Sekunden erholte ich mich, obschon es schien, als ob von diesem Augenblicke an der Strom meines Lebens eine andere Richtung genommen hätte.

Zwei- oder dreimal murmelte ich unwillkürlich mit leiser Stimme:

»Sir Harry! Sir Harry! Sir Harry!« als ob ich »Romeo« gemurmelt hätte.

Ich kehrte auf den Balkon zurück, meine Sehkraft war getrübt, mein Herz gleichsam berauscht, und als ich an den Vers kam:

		»Ha, meine Arme würden dich ersticken.«

da drückten sich meine Arme fest auf die Brust, und ich umarmte nicht einen Traum, nicht einen Schatten, nicht ein Phantom, sondern wie Psyche den Liebesgott selbst.

Als ich ganz verstört wieder in mein Zimmer zurückkehrte, während Romeo, noch am Fuße des Balkons stehend, die Verse sprach, welche seinem Abgang vorausgehen, sah ich mich Sir John dicht gegenüber.

Ich fuhr zusammen.

Er zog meinen Kopf an seine Brust, drückte ihn fest daran und sagte:

»Ach arme Julia! wie liebst du Romeo!«

Ich verstand den zärtlichen Vorwurf, der in diesen wenigen Worten lag. Ich verstand, daß Sir John das, was ich ihm in bezug auf Sir Harry gesagt, nämlich, daß ich diesen noch nie gesehen, bezweifelte.

»Hören Sie mich an, Sir John,« sagte ich zu ihm. »Ich habe noch niemals gelogen und Sie, der Sie so gut gegen mich gewesen sind, würde ich weniger belügen als sonst jemand. Ich werde Ihnen daher alles sagen.«

»O nein, nein,« hob er wieder an, indem er zu lächeln versuchte.

»Ich will es aber,« entgegnete ich beharrlich. Mit wenigen Worten erzählte ich ihm, was mir in Miß Arabellas Garten in jener Nacht begegnet war, wo ich, während ich allein zu deklamieren glaubte, dort einen unbekannten Mitakteur gefunden, ich sagte ihm von dem Briefe, den ich den nächsten Tag empfangen, und wie, weil ich gerade denselben Tag mit Amy zu Sir John gegangen, um ihn um Dicks Freilassung zu bitten, ich den angeblichen Studenten von Cambridge nie wiedergesehen.

Allerdings hatte ich gleich bei den ersten Worten, welche Sir Harry beim Eintritt in den Salon gesprochen, seine Stimme wiederzuerkennen geglaubt, allerdings hatte ich bei den ersten Versen, die er beim Auftreten als Romeo gesprochen, keinen Zweifel mehr gehegt, dennoch aber hatte ich, als ich Sir John versicherte, daß ich Sir Harry niemals gesehen, nichts als die reine Wahrheit gesagt.

»Was wollen Sie, mein Freund?« setzte ich hinzu. »Wenn es von Seiten eines schwachen Wesens wie ich nicht allzu anmaßend wäre, so würde ich sagen, mein Leben sei einem Verhängnis unterworfen, gegen welches ich nichts vermag.«

Sir John antwortete nicht, sondern seufzte bloß.

In diesem Augenblick hörte ich unsere Zuschauer, welche mich, wie man im Theater zu tun pflegt, herausriefen.

»Kommen Sie, liebes Kind,« sagte Sir John, »empfangen Sie die Huldigungen, welche Ihnen mit Recht gebühren.«

Und er führte mich mit sanfter Gewalt zurück in das Gewächshaus, wo ich, sobald ich erschien, von allen umringt und beglückwünscht ward, ausgenommen von Sir Harry, der sich abseits hielt, dessen Augen mir aber mehr sagten als alle Beifallsbezeigungen seiner Freunde, wie stürmisch und übertrieben dieselben auch waren.




Viertes Capitel


Die Vorstellung war noch nicht zu Ende. Nach der Balkonszene blieb uns noch die Fensterszene zu spielen übrig. Nach dem Ausdruck der Sehnsucht hatten wir den des Glücks zu malen.

Ich fürchtete diese zweite Leistung sehr und bat, Ermüdung vorschützend, Sir John leise und seine Freunde laut, mir das weitere zu erlassen.

Das krampfhafte Zucken meiner Muskeln aber, mein funkelnder Blick und der fieberhafte Klang meiner Stimme verrieten im Gegenteil, daß ich mehr der Ermüdung als der Ruhe bedurfte.

Die Zuhörer beharrten auf ihrem Verlangen. Mein Herz stimmte mit diesen Bitten zu sehr überein, als daß ich lange hätte widerstehen können. Ich gab nach.

Diesmal hatten wir, Sir Harry und ich, wie man sich erinnern wird, gemeinschaftlich auf dem Balkon zu erscheinen. Mein Arm mußte seinen Hals umschlingen, meine Augen sich in die seinigen verlieren und unser beider Herz vor Liebe beben.

Sir Harry sah sich daher in dieser improvisierten Kulisse einen Augenblick lang mit mir allein.

Er näherte sich mir, umschlang mich mit seinem Arm und drückte mich an sein Herz, indem er das einzige Wort murmelte:

»Endlich!«

Ich ward wie von einem elektrischen Schlag durchschauert. Meine Augen schlossen sich, ich schlang meine Arme um Romeos Hals, indem ich einen leisen Schrei entschlüpfen ließ.

Dann weiß ich nicht mehr, wie es geschah, aber es war als würden meine Lippen von einer Flamme berührt. Es war nicht der erste Kuß, den Julia empfing, wohl aber der erste, den Romeo ihr gab.

Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe.

Sir Harry zog mich in der Richtung des Fensters. Ich machte eine gewaltige Anstrengung über mich selbst und war wieder Herrin meines Willens. Eine ganze Nacht der Liebe hätte mich nicht besser auf jenen so berauschenden und zugleich so schmerzlichen Abschied vorbereiten können, welcher der ewigen Trennung der Liebenden von Verona vorangeht.

Unser Erscheinen ward mit einstimmigem Beifall begrüßt.

Die Reihe des Beginnens war an mir. Selbst die studierteste Kunst hätte in meine Stimme keinen so wahren Ausdruck legen können wie der Zustand, in welchem sich mein Herz befand.

Die schönen Verse Shakespeares entquollen meinem Munde wie der süßeste Honig, und als Sir Harry antwortete, er verlange nichts inniger, als bei mir zu bleiben und für mich zu sterben, verkündete ein dreifacher Beifallssturm, daß jeder bereit sei, es ebenso zu machen wie der falsche Romeo.

Unsere Szene hatte ihren Fortgang und machte alle Phasen durch, womit Shakespeares gewaltiges Genie sie koloriert hat. Als Romeo aber sich meinem Arm entwand, war es mir, als löste meine Seele sich von mir, und ich sank wie geknickt auf die Knie nieder.

Man nahm das, was nur eine Schwäche des Körpers war, für eine Begeisterung des Herzens.

Ich spielte den übrigen Teil der Szene über den Balkon hinausgebeugt und mich an das Geländer anklammernd.

Als Romeo sich, mir sein letztes Lebewohl zuschickend, entfernte, machte mein Trennungsschmerz sich auf eine Weise Luft, daß man nicht anders glauben konnte, als es sei wirklich der Schmerzensschrei eines Körpers, der seine Seele sich losreißen fühlte.

Vergebens würde ich versuchen, den Enthusiasmus, welchen diese Szene hervorrief, und den wahnsinnigen Beifall, der ihr folgte, zu schildern.

Was mich betraf, so war ich halb ohnmächtig auf dem Balkon zurückgeblieben.

Sir John näherte sich mir, richtete mich in seinen Armen empor und trug mich mehr, als er mich führte, in die Mitte seiner Freunde zurück.

Sir Harry bekam ebenfalls seinen Anteil an den Lobsprüchen, die er aber bescheiden ablehnte und ausschließlich mir zuwies.

Sir John faßte unsere beiden fieberhaft glühenden Hände in die seine, welche kalt und feucht war, und sagte:

»Wenn Romeo und Julia einander so geliebt hätten, wie ihr, so würde der Tod, so unerbittlich er sonst auch ist, nicht den Mut gehabt haben, sie zu trennen.«

Ich betrachtete ihn mit Erstaunen und zog meine Hand zurück, die er mir erst nach einem feurigen Druck zurückgab.

Wir tranken Tee, dann zog Sir John seine Uhr heraus.

»Meine Herren,« sagte er, »um zwölf Uhr bin ich genötigt, Sie zu verlassen. Die Admiralität hält eine Nachsitzung. Wir haben also noch eine Viertelstunde miteinander zuzubringen.«

Dann nahm er mich beiseite und fuhr fort:

»Ihnen, liebe Emma, sage ich nicht Lebewohl. Es ist möglich, daß die Sitzung zeitig genug endet, um mir zu gestatten, wiederzukommen und die Nacht bei Ihnen zuzubringen. Warten Sie jedoch nicht auf mich, sondern legen Sie sich zu Bett und schlafen Sie. Ich habe meinen Schlüssel. Machen Sie sich daher um mich keinerlei Unruhe.«

Ich weiß nicht, warum mich bei diesen Worten ein kalter Schauer durchrieselte.

»Können Sie denn nicht von dieser Sitzung wegbleiben?« fragte ich, ohne recht zu wissen, ob ich auch wirklich wünschte, daß er bliebe.

»Unmöglich,« antwortete er.

Dann kehrte er an den Teetisch zurück, um welchen herum seine Freunde gruppiert waren, plauderte und machte eine sichtbare Anstrengung, seine Gemütsbewegung hinter einer erheuchelten Heiterkeit zu verbergen.

Die Viertelstunde verging. Man hörte die Mitternachtsstunde schlagen.

Sir John zog zum zweiten mal die Uhr. Sie stimmte mit dem Schlage der Turmuhr überein.

Die Herren begriffen, daß es Zeit für sie war, sich zu entfernen. Sie nahmen daher Abschied von mir, Harry ebenso wie die andern, aber mit einem Blick tiefer Trauer, dann kam Sir John auf mich zu, küßte mich auf die Stirn und sprach die beiden Verse Romeos:

»Es senke sich der Schlummer leis' auf dich herab,

So wie die Biene auf den Kelch der Rose.«

Ich konnte bloß durch ein Lächeln antworten, welches ebenso traurig war, wie das seinige. Er warf mir einen letzten Blick zu, ergriff Sir Harrys Arm und war mit ihm der letzte, der das Zimmer verließ.

Als die Tür sich hinter ihm schloß, fühlte ich mich so einsam und so bedrückt, als ob ich mich in der Gruft der Capulets befunden hätte.

Ich bewunderte, während ich zugleich erschrak, die seltsamen Verkettungen, womit das Schicksal die verschiedenen Episoden meines Lebens miteinander in Verbindung brachte, ohne daß mein Wille irgendwelchen Anteil daran hatte.

In der Tat hatte ich jenen unbekannten Künstler, jenen bescheidenen Sir Harry, der nur wie ein Phantom mitten in der Finsternis an mir vorübergegangen war und auch nur die Spur eines solchen hinterlassen hatte, beinahe vergessen. Plötzlich kommt Sir John auf den Einfall, seinen Freunden einen Begriff von meinem mimischen Talent zu geben. Ich spiele die Wahnsinnsszene der Ophelia. Man bittet mich, dieselbe zu wiederholen. Ich erbiete mich, wenn jemand mitspielen will, die eine oder die andere der beiden Liebesszenen aus »Romeo und Julia« aufzuführen. Niemand weiß die eine oder die andere auswendig. Einer von Sir Johns Freunden nennt Sir Harry Feathersons Namen. Dieser Name Harry macht mich stutzig. Sir Harry Featherson, der seit sechs Monaten verreist gewesen, ist seit kaum zwei oder drei Tagen zurückgekehrt. Der Admiral Sir John Payne beauftragt Sir George, ihn einzuladen. Er kommt und der Zufall, das Verhängnis will, daß Sir Harry Featherson und der Student Harry ein und dieselbe Person sind.

Was hatte ich mir bei diesem allem vorzuwerfen? Nichts, außer höchstens die Gefühle, die ich bei seinem Anblick, bei seinen Worten, bei seiner Berührung empfunden. Stand es aber wohl in meiner Macht, diese Gefühle zu empfinden oder nicht? Und war es nicht schon viel, daß ich die Kraft hatte, sie zu bemeistern?

Welche Einwirkung sollte diese neue Begegnung auf mein Leben äußern? Was dies betraf, so war ich fest entschlossen, die Verantwortlichkeit dafür nicht auf mich zu nehmen.

Ich hatte Sir John alles gesagt. Ich wollte ihm nun auch bei seiner Nachhausekunft sagen, von welcher Art die Empfindungen seien, welche Sir Harrys Nähe mir eingeflößt.

An ihm war es dann, über mein Leben zu entscheiden, indem er mich entweder von London entfernte oder mir erlaubte zu bleiben und folglich Sir Harry wiederzusehen.

Bei diesem Entschluß blieb ich stehen. Ich empfand für Sir John nicht das, was man eigentlich Liebe nennt, wohl aber war ich durchdrungen von Hochachtung wegen seines edelmütigen Charakters und von Dankbarkeit für seine mir bewiesene Güte und Freigebigkeit. Ihn täuschen, dies würde für mich, wie ich recht wohl fühlte, ewige Reue zur Folge gehabt haben.

Nachdem ich einmal diesen Entschluß gefaßt, fühlte ich mich ruhiger. Sir Johns Hand, dies wußte ich bestimmt, leitete mich sicherlich wie die eines Freundes, und ohne sein eigenes Interesse zu Rate zu ziehen, wählte er für mich die am wenigsten schmerzliche Bahn.

Ich verließ das Gewächshaus, kehrte in mein Zimmer zurück, kleidete mich aus und legte mich nieder. Da er mir gesagt, er würde, wenn es ihm möglich wäre, wieder nach Hause kommen, so erwartete ich ihn, denn ich war überzeugt, daß er sein Wort halten würde.

Ich fühlte jedoch, daß die Nacht für das Geständnis, welches ich ihm abzulegen hatte, niemals dunkel genug sein würde, und deshalb löschte ich alle Lichter aus, selbst das Nachtlicht.

Es verging ziemlich lange Zeit, während welcher meine Zofe und die andern Dienstleute sich zu Bett begaben. Ich hörte die Uhr eins, dann zwei schlagen, ohne daß es mir in der Ungeduld des Wartens und bei den vielen Gedanken, die mich beschäftigten, gelungen wäre, einzuschlafen.

Es hatte eben halb drei geschlagen, als es mir war, als hörte ich das Geräusch eines sich behutsam bewegenden Trittes auf dem Fußboden, dann hörte ich wie die Tür des an mein Schlafzimmer stoßenden Toilettekabinetts sich leise öffnete, dann trat ein Augenblick Schweigen ein.

Ich zweifelte nicht, daß es Sir John wäre, welcher wieder nach Hause käme. Er hatte den Schlüssel zu dem äußern Tor des Hotels, um zu jeder Stunde ins Haus gelangen zu können, und er überraschte mich auf diese Weise sehr oft.

Einen Augenblick lang schien der Entschluß, den ich gefaßt, nahe daran, wieder in den Hintergrund zu treten; ich raffte jedoch alle meine Willenskraft und, wenn ich so sagen darf, meine ganze Redlichkeit zusammen.

Endlich öffnete sich die Tür. Das Kabinett war ebenso finster wie mein Schlafzimmer. Er näherte sich daher tastend und durch meine Stimme geleitet, meinem Bett. Er schloß mich in seine Arme, ich drängte ihn aber sanft zurück, indem ich ihm sagte, ich hätte ihm ein Geständnis zu tun.

Hierauf erzählte ich ihm alle meine Empfindungen vom vorigen Abend ebenso wie von den früheren, von dem Augenblick an, wo ich Sir Harry nennen gehört, bis zu dem, wo ich die Gewißheit erlangt, daß Sir Harry Featherson und mein junger Student aus dem Garten eine und dieselbe Person seien. Ich verhehlte ihm nichts von dem, was ich empfunden, als der falsche Romeo mich mit seinem Arme umschlungen, als sein Mund den meinigen berührt, als er mir endlich jenen Abschiedsgruß zugeworfen, der mir alle Fassung geraubt, und ich ging sogar so weit, ihm zu sagen, daß selbst in diesem Augenblicke, wo ich in seiner Nähe wäre, wo ich in seinen Armen, an seinem Herzen ruhte, Sir Harry es wäre, an den ich dächte und nach dem ich mich sehnte.

Zu meinem großen Erstaunen ward dieses Geständnis durch einen Freudenschrei beantwortet.

Der Mann, welchem ich dieses Geständnis getan, war nämlich nicht Sir John Payne, sondern Sir Harry Featherson.

Ich erkannte ihn an diesem Rufe, an meinem in seinem Delirium tausendmal wiederholten Namen, an dieser Stimme, die mir bis in die Seele drang.

Nach dem Geständnisse, welches ich getan, konnte für mich von Widerstand keine Rede mehr sein, und ich gab mich dem Schicksale hin, welches einmal über mich verhängt war.

Mit zwei Worten erklärte Sir Harry mir die seltsame Verwechselung, welche dem Wunsche meines Herzens so wohl entsprach.

Der Admiral hatte in dem Augenblicke, wo er mit dem Geschwader, welches er kommandierte, nach Amerika abging, meine Liebe zu Sir Harry und Sir Harrys Liebe zu mir recht wohl bemerkt. Man hat seine Fragen und meine Antworten gesehen. Ohne Zweifel hat er sich überzeugen wollen, daß ich ihm die Wahrheit gesagt. Er hatte, als er das Gewächshaus verlassen, Sir Harry beim Arm genommen, ihn mit in seinen Wagen steigen lassen und die Frage sofort mit den Worten zur Sprache gebracht:

»Sie lieben Emma, und Emma liebt Sie?«

Sir Harry hatte ihm hierauf mit derselben Einfachheit wie ich alles gesagt. Sir John hatte einen Augenblick nachgedacht, dann Harrys Hand ergriffen, ihm einen Schlüssel hineingedrückt und dabei bloß die vier Worte gesagt:

»Machen Sie sie glücklich.«

Dann hatte er ihn umarmt und Abschied von ihm genommen. Dieser Schlüssel, den er ihm gegeben, war der zu dem kleinen Hause in Piccadilly. In dem Augenblicke, wo Sir Harry mir diese Geschichte erzählte, war der Admiral bereits in See gegangen und steuerte mit vollen Segeln nach Amerika.




Fünftes Capitel


So verfügte das Schicksal abermals über mich, ohne mir zwischen dem Guten oder dem Schlimmen freie Wahl zu lassen.

Das Haus, welches ich bewohnte, war von Sir John Payne in meinem Namen auf ein Jahr gemietet. Alles, was es enthielt, war deshalb mein, dennoch aber widerstrebte es mir, diese Gemächer, wo mich alles an Sir John Payne erinnerte, mit einem anderen Manne zu bewohnen.

Ich verlor keine Zeit, dies Sir Harry zu sagen, Er sah es ebenso ein als ich, und am nächsten Tage übergab ich, indem ich bloß den Türkis, welchen der Admiral am ersten Tage, wo ich ihn gesehen, mir an den Finger gesteckt und die wenigen Guineen, die sich noch in meiner Börse vorfanden, mitnahm, die Schlüssel des Hauses Sir Johns Intendanten und ging mit Sir Harry in die Wohnung, welche dieser in Brook Street an der Ecke von Grosvenor Square inne hatte.

Sir Harry war kaum dreiundzwanzig Jahre alt. Er war deshalb von dem ganzen Feuer der Jugend beseelt, und da er keine der Rücksichten zu nehmen hatte, welche dem Admirale Sir John Payne durch seine offizielle Stellung geboten wurden, so riß er mich mit sich in den heitern, glänzenden Strudel hinein, welchem er in seiner Eigenschaft als reicher, eleganter Gentleman angehörte.

Das Leben, welches Sir John Payne mit mir nur in Paris führen konnte, weil er in Paris volle Freiheit genoß, führte Sir Harry in London.

Bis jetzt hatte er, da er niemanden hatte, der die Honneurs seines Hauses gemacht hätte, keine Gesellschaften empfangen, sobald ich jedoch bei ihm war, versammelte er seine Freunde dreimal wöchentlich. Man legte an diesen Abenden Bank und verlor oder gewann ungeheure Summen. Ich lernte dadurch Geschmack am Spiele finden, eine verderbliche Gewohnheit, von der ich mich niemals wieder vollständig freimachen konnte.

Der Frühling kam und mit ihm die Wettrennen. Das in Epsom war damals noch etwas Neues und folglich in großer Aufnahme. Ich brauchte Sir Harry nicht erst zu bitten, mich hinzuführen, denn jede Gelegenheit, Ausgaben zu machen, war ihm willkommen.

Er kaufte einen Wagen und prachtvolle Pferde und an dem bestimmten Tage machten mir uns mitten in dem fürchterlichen Tumult, welcher sich bei dergleichen Gelegenheiten entwickelt, auf den Weg zum Wettrennen.

Ich werde nicht versuchen das Schauspiel zu schildern, welches zweimalhunderttausend Menschen darbieten, die von allen Gattungen Wagen, Chaisen, Landaus, Kaleschen, Phaëtons usw. nach dem betreffenden Schauplatz befördert wurden. Wer es gesehen hat, bedarf einer solchen Schilderung nicht, denn hätte er es auch nur einmal gesehen, so wird doch dieser Anblick ewig in seiner Erinnerung bleiben, und denen die es nicht gesehen haben, würde doch eine selbst noch so ausführliche Beschreibung kein angemessenes Bild davon gewähren.

Die Eleganz seiner Equipage, die Livree seiner Diener und sein Name verschafften Harry, sobald er sich nannte, einen Platz in den ersten reservierten Reihen.

Wir kamen hier zufällig neben eine Equipage, die nicht weniger elegant war als die unsrige.

Zwei Damen nahmen die Hintersitze dieses Wagens ein oder sie standen vielmehr, wie dies bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist, darauf und bedienten sich des niedergeschlagenen Verdecks zum Sitzen. Ich warf die Augen auf sie und zuckte zusammen.

Es waren zwei Pensionärinnen aus Mistreß Colmans Institut, welche mich zweimal beleidigt hatten, einmal auf dem Pachthofe, wo sie Milch essen wollten, und das zweite mal auf der Wiese, wo ich Mr. Thomas Hawardens Kinder spazieren führte.

Die Leser dieser Memoiren werden jedenfalls die Namen dieser beiden Personen längst vergessen haben, ich jedoch erinnerte mich derselben sofort. Die eine war Clarisse Dandy, die andere Clara Sutton.

Ein sehr eleganter Gentleman, der ohne Zweifel der Gatte der einen oder der anderen dieser Damen war, stand auf dem Kutschbock.

In demselben Augenblicke, wo ich sie erkannte, erkannten sie mich ebenfalls und nachdem sie eine Weile mich angesehen und miteinander geflüstert, stieg Clara Sutton auf den Vordersitz und sagte dem Herrn einige Worte ins Ohr. Der Herr drehte sich nach mir herum, sah mich aufmerksam an und befahl dann seinem Kutscher, diese Wagenreihe zu verlassen und anderswo Halt zu machen.

Der Kutscher gehorchte sofort und der Wagen entfernte sich, so daß ein leerer Raum entstand.

Sir Harry hatte von dem, was soeben geschehen, nichts gesehen, weil er aufmerksam nach den Rennpferden ausschaute.

Als er sich nach mir herumdrehte, sah er, daß mir große Tränen über die Wangen herabrollten. Es war dies seit langer Zeit das erste mal, daß ich weinte. Ich hatte es beinahe verlernt. Dieser Schimpf lehrte mich es wieder.

Sir Harry liebte mich wahrhaft und aufrichtig. Mit großer Beharrlichkeit fragte er, was die Ursache meines Kummers sei.

Ich verhehlte ihm denselben so lange ich konnte, endlich aber gab ich seinen Bitten nach und zeigte ihm den leeren Raum.

Er verstand nicht sogleich, was ich damit sagen wollte, und ich mußte ihm daher das Geschehene näher auseinandersetzen.

Er wollte wissen, wer die Personen wären, welche mir diese Beleidigung angetan, und ich erzählte ihm, es seien zwei meiner früheren Mitschülerinnen, welche, da sie mich erkannt und ohne Zweifel gewußt, mit welchem Rechte ich mich in Sir Harrys Wagen befände, sich geschämt, in meiner Nachbarschaft zu bleiben.

»Das ist nicht möglich!« rief Sir Harry erbleichend.

»Ach,« entgegnete ich, »leider ist es nur allzu wahr.«

»Das werden wir sogleich sehen,« sagte er.

Mit diesen Worten setzte er sich auf den Kutschbock, nahm dem Kutscher die Zügel ab und fuhr unsern Wagen wieder dicht neben den, in welchem sich die beiden Damen befanden. Kaum aber hatten wir diesen Platz eingenommen, als auf Befehl des Gentleman, welcher diese Damen begleitete, ihr Wagen sich abermals in Bewegung setzte und wieder den Platz wechselte.

Sir Harry ward leichenblaß. Er zog sein Notizenbuch aus der Tasche, riß ein Blatt heraus, schrieb auf dasselbe einige Worte mit Bleistift, rief einen seiner Diener und sagte:

»An Mylord Camberwell.«

Ich ahnte, daß diese mit Bleistift geschriebenen wenigen Worte nichts anderes als eine Herausforderung seien, und ich bat Sir Harry, das Blatt nicht abzusenden.

»Liebe Emma,« sagte er zu mir, »haben Sie die Güte, sich nicht in diese Angelegenheit zu mischen. Nicht Sie hat man beleidigt, sondern mich.«

Er sprach diese Worte in so festem Tone, daß ich einsah, es würde vergeblich sein, auf meinem Verlangen zu beharren.

Fünf Minuten später brachte der Diener die Antwort.

»Sehr schön,« sagte Harry, nachdem er gelesen.

Dann steckte er das Blatt in die Westentasche.

Ich bat ihn, das Wettrennen zu verlassen und mich nach London zurückzubringen.

»Nach den ersten drei Rennen soll es geschehen, liebe Emma,« entgegnete er.

»Ich habe mit Lord Greenville um zweitausend Guineen gewettet und will wissen, ob ich verloren oder gewonnen habe.«

Ich ahnte, daß dies nicht der eigentliche Grund von Sir Harrys Weigerung sei. Als das erste Rennen beendet war, ging er allerdings nach der Rennbahn; dies tat er aber bloß, um zwei seiner Freunde, von welchen der eine Sir George war, beiseite zu nehmen. Er sprach eine Weile mit ihnen, dann kehrte er mit lächelndem, obschon immer noch ein wenig bleichem Gesicht zu mir zurück und sagte:

»Nun, das erste Rennen habe ich gewonnen. Sie bringen mir Glück, liebe Emma.«

Mit diesen Worten nahm er seinen Platz neben mir wieder ein.

Beim zweiten Rennen verlor er, gewann aber beim dritten wieder, und dies war der Hauptgewinn.

Zwischen dem zweiten und dritten Rennen hatten seine Freunde sich ihm genähert, um mit ihm zu sprechen. Er hatte rasch einige Worte mit ihnen gewechselt und damit war alles gesagt.

Als das dritte Rennen vorüber war, befahl Sir Harry seinem Kutscher, uns nach London zurückzufahren.

Bei der zu diesem Zwecke erforderlichen Bewegung kreuzte Sir Harrys Wagen sich mit dem des Lord Camberwell, und die beiden Herren begrüßten einander mit der ausgesuchtesten Höflichkeit und mit lächelndem Munde.

Bangen Herzens kehrte ich nach London zurück.

Am Abend fanden sich Sir Harrys beide Sekundanten bei ihm ein. Die drei Herren begaben sich in ein Zimmer und hatten bei verschlossenen Türen eine Konferenz, welche beinahe eine Stunde dauerte.

Als sie fort waren, wollte ich etwas Näheres wissen, Sir Harry aber weigerte sich, mir irgendwelche Aufklärung zu geben.

Gegen neun Uhr abends schickte ihm Lord Greenville den Betrag der verlorenen Wette zweitausend Guineen, wie Sir Harry mir gesagt hatte.

»Hier,« sagte er zu mir, »ich habe in Ihrem Namen gewettet und diese Summe gehört daher Ihnen.«

Und er warf das Geld in das Schubfach meiner Toilette.

Ich achtete kaum auf das, was Sir Harry zu mir sagte, so sehr waren meine Gedanken mit dem Vorfalle in Bezug auf Lord Camberwell beschäftigt.

Ein Uhr morgens zog Sir Harry sich in sein Zimmer zurück, indem er mich in dem meinigen ließ. Ich sah ein, daß er der Einsamkeit und des Schlafes bedurfte, da er den nächstfolgenden Tag eine Ehrensache auszumachen hatte.

Was mich betraf, so machte ich mich darauf gefaßt, die ganze Nacht kein Auge zuzutun.

Sir Harry hatte die Verbindungstür, welche unsere beiden Zimmer trennte, verschlossen. Ich stand auf und lugte durch das Schlüsselloch. Er saß an seinem Sekretär und schrieb.

Er war ein wenig bleich, schien aber vollkommen ruhig zu sein.

Ich legte mich wieder zu Bett.

Ich hörte der Reihe nach alle Stunden der Nacht schlagen. Gegen sechs Uhr morgens schloß ich, von der Müdigkeit überwältigt, die Augen und schlief wider Willen ein.

Als ich wieder erwachte, war es heller Tag. Ich hatte zwar unruhig, aber doch drei Stunden lang geschlafen. Ich sprang aus dem Bett und öffnete die Tür von Sir Harrys Zimmer. Dieses Zimmer war leer.

Ich warf ein Negligé über, klingelte dem Diener und befragte ihn.

Sein Herr hatte am Abend vorher befohlen, daß der Wagen früh dreiviertel auf Sieben angespannt sein solle. Schlag sieben Uhr hatten Sir Harrys Sekundanten ihn abgeholt und alle drei waren dann zusammen fortgefahren. Es stand nicht zu bezweifeln – Sir Harry war fort, um sich zu schlagen.

Über zwei Stunden lang war ich eine Beute der furchtbarsten Angst und Unruhe. Gegen elf Uhr hörte ich endlich das Geräusch eines in den Hof herein rollenden Wagens.

Ich eilte an das Fenster und sah Sir Harry mit seinen Freunden aussteigen. Ich stieß einen Freudenschrei aus und eilte nach der Treppe.

Sir Harry hatte sich auf Pistolen geschlagen, sein Gegner hatte eine Kugel in den Schenkel bekommen; er selbst war unversehrt geblieben.

Dieses Duell machte in der eleganten Welt von London großes Aufsehen.

Natürlich stellte man die Sache in dem Lichte dar, welches mir am ungünstigsten war. Man behauptete, ich hätte Sir Harry erst aufgefordert, dem Wagen, der sich von uns entfernt, nachzufahren, während ich doch im Gegenteil in der Überzeugung, daß ich abermals beleidigt werden würde, alles mögliche getan, um Sir Harry abzuhalten, unsern ersten Platz zu verlassen.

Während der ganzen Zeit, welche Lord Camberwells Wiederherstellung in Anspruch nahm, schickte Sir Harry jeden Tag zu ihm, und ließ sich nach seinem Befinden erkundigen.

Der Sommer nahte heran. Sir Harry besaß ein prächtiges Landgut in Up-Park in der Grafschaft Sussex. Dorthin fühlte er mich nun und gewährte mir alle Rechte einer Frau vom Hause.

Der usurpierte Titel Mylady, welchen mir Sir Harrys Freunde, die Tischgenossen seines Schlosses und die Schmarotzer seines Reichtums gaben, genügte meiner Eigenliebe, so lange wir unter uns blieben. Sobald wir aber einmal die Mauern der prachtvollen Villa im Rücken hatten, war Mylady Featherson weiter nichts als die Abenteurerin Emma Lyonna, das heißt eine »Unterhaltene«, die vielleicht ein wenig schöner war als die andern, keinesfalls aber achtbarer als diese.

Die Folge hiervon war von Seiten unserer in gesetzlichen Verhältnissen lebenden Nachbarn eine Kundgebung von Verachtung, welche bei jeder Gelegenheit zu Tage trat und mich im tiefsten Herzen verwundete.

Allerdings, über den kleinen Hof, welchen Sir Harry mir bereitet, herrschte ich als Königin, ich war Königin der Wettrennen, der Feste und der Jagden.

Während der drei oder vier Monate, welche wir in Up-Park verbrachten, lernte ich reiten und erlangte hierin einen hohen Grad von Eleganz und Sicherheit. Abends fuhr ich fort Szenen aus Dramen vorzuführen und durch plastische Attitüden die berühmtesten Frauen des Altertums nachzuahmen.

Mit Hilfe der außerordentlichen Beweglichkeit meiner Züge und der prachtvollen Kostüms, die ich nach den besten Zeichnungen, welche man von jenen berühmten Persönlichkeiten auftreiben konnte, fertigen ließ, gelang es mir, eine genaue Vorstellung von denselben zu geben, und oft hatte ich nicht einmal nötig zu sagen, wer die Heldin aus der griechischen, jüdischen oder römischen Geschichte, die ich vorstellen wollte, war, denn die Zuschauer errieten es sofort von selbst.

Es möchte schwierig sein, zu sagen, auf welche Summe sich die täglichen Ausgaben für diese königliche Villegiatur beliefen.

Zwei- oder dreimal reiste Sir Harry selbst nach London, um das zur Fortführung dieses Luxus notwendige Geld zu holen.

Der Intendant, welcher für die ersten Bedürfnisse gesorgt, hatte endlich geschrieben, daß, da Sir Harrys Einkünfte schon auf zwei Jahre im voraus erschöpft wären, es schwierig sein würde, eher wieder Geld aufzutreiben, als bis Sir Harry, nachdem er sein fünfundzwanzigstes Jahr zurückgelegt, die Verwaltung seines Vermögens selbst in die Hände bekäme, welches dann allerdings ein ungeheures sein würde.

Gegen Ende des Monats Juli sah er sich in großer Geldverlegenheit, daß er, um nach London reisen und eines seiner gewohnten Anlehen dort aufnehmen zu können, sich wegen Bestreitung der Reisekosten an mich wendete.

Seine Freunde, welche diesen unvermeidlichen Ruin schon von weitem kommen gesehen, waren einer nach dem andern verschwunden. Die beiden letzten reisten mit ihm zugleich nach London ab und versprachen mit ihm wiederzukommen.

Ich allein, ich sah nichts, ich ahnte nichts, sondern glaubte, Sir Harrys Börse sei eben so unerschöpflich wie die des Fortunatus.

Drei Tage wartete ich, ohne mich sonderlich zu beunruhigen. Noch zwei Tage vergingen, ohne daß Nachricht kam – erst am Morgen des sechsten, seitdem Sir Harry Up-Park verlassen, empfing ich einen Brief von ihm. Dieser Brief war ein Donnerschlag. Er lautete wie folgt:


»Meine arme Emma!

Ich bin vollständig ruiniert wenigstens für den Augenblick. Ich schulde ziemlich fünfzigtausend Pfund Sterling. Meine Familie will mich den Klauen der Wucherer und Advokaten nur unter der Bedingung entreißen, daß ich mich vollständig ändere. Unter dieser Änderung versteht man zunächst und vor allen Dingen die Verzichtung auf das Teuerste, was ich in der Welt besitze, das heißt auf Sie. Um meines guten Verhaltens und Gehorsams während der zwei oder drei Jahre, die mich noch von meiner Volljährigkeit trennen, sicher zu sein, verbannt man mich nach Indien, wo meine Familie mir eine Kompagnie gekauft hat. Alles dieses ist erst diesen Morgen festgesetzt worden. Heute abend bringt man mich auf das Schiff und wenn Sie diesen Brief erhalten, so schwimme ich schon auf offenem Meere.

Leben Sie wohl, meine teure Emma! Sie haben mir acht Monate eines Glückes bereitet, welches nur wenigen Menschen beschieden ist. Verzeihen Sie, daß ich es Ihnen so übel vergelte.

Ich, der ich Sie geliebt, ich liebe Sie noch und werde Sie stets lieben.



    Harry.«

Noch an demselben Tage fanden sich Gerichtsbeamte ein, um eine Liste über die von Sir Harry Featherson in dem Schlosse zu Up-Park gelassenen Gegenstände aufzunehmen, welche den Gläubigern, deren gerichtlichen Schritten man Einhalt getan, zum Pfand dienen sollten.

In derselben Stunde verließ ich das Schloß und nahm weiter nichts mit, als die mir persönlich gehörenden Effekten und eine Summe von ungefähr zweihundertundfünfzig Pfund.




Sechstes Capitel


Diese Gemütserschütterung war eine der heftigsten, die ich in meinem Leben erfahren. Bis jetzt war ich von der Armut zum Luxus, vom Unglück zum Glück emporgestiegen. Plötzlich aber zerbrach gleichsam etwas in der Maschinerie meiner Existenz und ich hörte auf an meine Unverwundbarkeit zu glauben.

Ich liebte Harry von ganzer Seele, und meine Seele ward dadurch, daß diese Liebe mir geraubt ward, vollständig zerrissen. Diese Liebe wurzelte in meinem ganzen Sein und dieses hatte daher nicht eine Stelle, welche dadurch nicht schmerzhaft berührt worden wäre.

Auf die moralische Saite, die durch den ersten Schlag getroffen worden, folgte die materielle. Von dem Augenblicke an, wo ich mich von dem Schlage wieder emporrichtete, mußte ich mich mit den Sorgen für meinen Lebensunterhalt beschäftigen und für ein bekümmertes Herz ist dies eine furchtbare Aufgabe.

Wo sollte ich hin? Was sollte aus mir werden? Wo sollte ich ein Obdach finden? Auf welchen Stein sollte ich mein Haupt niederlegen?

Alles dies wußte ich nicht, und diese Fragen legte ich mir vor, während ich unter einem Baum der Allee saß, deren Staub ich noch acht Tage vorher unter den Rädern einer eleganten Equipage oder unter den Hufen eines stolzen Rosses aufgewirbelt.

Ich hatte mir in der benachbarten Stadt einen Wagen gemietet, diesen mit meinen zwei oder drei Koffern beladen und darin Platz genommen. Als der Kutscher mich fragte: »Wo soll ich Sie hinfahren, Madame?« wußte ich nicht, was ich ihm antworten sollte.

»Fahrt immer die Straße entlang,« sagte ich.

»Welche denn?« fragte er wieder.

»Diese da.«

»Aber bis wohin denn?«

»Bis in das erste Dorf oder bis an die erste Stadt.«

»Der erste Marktflecken ist Nutley.«

»Nun, dann fahret nach Nutley.«

Der Kutscher setzte, nicht wenig erstaunt, seine Pferde in Bewegung. Nach Verlauf von drei Stunden machte er Halt auf dem Marktplatze eines großen Dorfes, welches in einer reizenden Gegend am Fuße einer Anhöhe lag.

»Nun sind wir in Nutley,« sagte er zu mir.

»Erkundigt Euch, ob es hier ein kleines Haus zu vermieten gibt, welches von einer Dame allein mit ihrer Dienerin bewohnt werden kann.«

Er warf die Zügel dem Pferde auf den Hals und begann zu suchen, was ich begehrte.

Ich blieb stumm und unbeweglich im Wagen sitzen, wie viel Minuten oder wie viel Stunden weiß ich nicht zu sagen, ich hatte den Sinn für den Lauf der Zeit verloren.

Der Kutscher kam endlich zurück.

Am andern Ende des Dorfes hatte er wirklich ein kleines Haus gefunden, was nach seiner Meinung ganz für mich paßte.

»Fahret mich hin,« sagte ich zu ihm.

Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und hielt nach kurzer Zeit vor einem kleinen Hause, welches im Schatten einiger Bäume stand und von einem Blumengärtchen umgeben war.

Dieser Garten war mit einer lebendigen Hecke umzäunt und diese mit einem hölzernen Einlaßpförtchen versehen, welches ebenso wie die Fensterläden grün angestrichen war.

Die Eigentümerin hatte es in der Obhut einer alten Frau gelassen und diese beauftragt, es zu vermieten, wenn sie einen Liebhaber dazu fände.

Die Eigentümerin, die kein anderes Vermögen besaß als dieses kleine Haus und eine kleine Rente von fünfzig Pfund, wovon sie lebte, war zu ihrem Bruder, einem Stabsoffizier außer Dienst, gerufen worden, der kürzlich seine einzige Tochter verloren. Das Haus war so geblieben, wie sie es verlassen, das heißt vollständig möbliert – bescheiden, aber sauber.

Ich brauchte bloß einen Blick auf das Haus zu werfen, um zu sehen, daß es in jeder Beziehung dem Zustand meines Herzens und meiner Mittel entsprach. Es war abgelegen, so daß mein Herz hier die Ruhe finden konnte, deren es bedurfte. Es war bescheiden und ich gewann infolge dieses Umstandes, so wenig reich ich auch war, Zeit, einen Entschluß in Bezug auf das zu fassen, was mir in Zukunft zu tun übrigblieb.

Der Mietzins war dreißig Pfund jährlich. Ich bezahlte sechs Monate voraus unter der Bedingung, daß es mir freistünde, das Haus zu verlassen, wenn ich nichts weiter bezahlen wollte, und vorausgesetzt, daß ich es dann im Laufe der sechs ersten Monate verließe. Mein Vermögen schmolz demzufolge bis auf zweihundertunddreißig Pfund oder fünftausendsiebenhundertundfünfzig Francs zusammen.

Wenn ich in diesem Hause bleiben und darin fern von der Welt leben wollte, so hatte ich so ziemlich drei Jahre Ruhe vor mir.

Zwei Stunden später war ich in das Haus eingezogen, zu welchem selbst meine einfachste Toilette allerdings einen seltsamen Kontrast bildete. Dennoch, wenn ich mit dieser bescheidenen, aber reizenden Wohnung den Punkt verglich, von welchem ich ausgegangen war, so fand ich, daß ich bei meinem Sturze wenigstens noch in der Hälfte der Höhe mich festgeklammert hatte.

Für ein Pfund monatlich und freie Beköstigung verstand die alte Aufwärterin sich dazu, bei mir zu bleiben und alle häuslichen Vorrichtungen zu besorgen.

Das erste, woran ich dachte, mir einige Kleider fertigen zu lassen, welche mit der neuen Existenz, die ich zu führen im Begriff stand, besser übereinstimmten. Ich ließ sie von schwarzer Seide fertigen.

Auf alle Fragen nach meinem Namen antwortete ich, ich hieße Mistreß Heart, ich wäre Witwe und wolle die ersten Monate meines Schmerzes und meines Witwenstandes in Einsamkeit und Zurückgezogenheit zubringen.

Ich war noch sehr jung, um schon Witwe zu sein. Man glaubte von meiner Erzählung natürlich bloß soviel man wollte. Mir kam darauf wenig an, denn ich hatte ja mit niemandem Umgang.

Die ersten acht Tage meiner Zurückgezogenheit vergingen ganz in der Hingebung an jenen physischen und moralischen Schmerz, von welchem schwere Schicksalsschläge des Lebens begleitet zu sein pflegen.

Allmählich kehrte dann die Ruhe, wenn auch nicht in mein Herz, doch wenigstens in meinen Geist zurück, und ich konnte meine Lage mit prüfendem Blick ins Auge fassen.

Ich hatte einen Mann verloren, den ich liebte; aber war dieser Mann der Trauer wert, welche ich ihm widmete? War seine Handlungsweise gegen mich die eines Gentleman gewesen? Hatte er bei dem Ruin seines Vermögens an mich gedacht? Hatte er sich gefragt, was aus mir werden sollte? Hatte er versucht, mir eine jener Existenzen zu gründen, welche sonst den unglücklichen Frauen beschieden zu sein pflegen, die ihr Leben der Liebe geweiht haben?

Ich mußte mir gestehen, daß er von all diesem nichts getan.

Welch' ein Unterschied zwischen seiner Handlungsweise und der Sir John Paynes.

Von dem Augenblick an, wo ich dahin gelangt war, daß ich Sir Harry mit Unparteilichkeit beurteilte und nach seinem wahren Werte würdigte, war ich nahe daran, mich über seinen Verlust zu trösten. Er war allerdings ein schöner, eleganter junger Mann; mein Gedächtnis erinnerte mich aber unter den Freunden Sir Johns und den seinigen an fünf oder sechs junge Männer, die ebenso schön und ebenso elegant waren als er.

Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ich ohne den geheimnisvollen Vorfall, mit Hilfe dessen er sich in mein Leben eingeführt und der eine unauslöschliche Spur darin zurückgelassen, auf ihn nicht mehr geachtet haben als auf einen andern, und er wäre unbemerkt an mir vorübergegangen.

Was die Situation betraf, in der ich mich befand, so war dieselbe jedenfalls viel besser, als die bei meiner ersten Ankunft in London. Wenn ich in Zurückgezogenheit und Einsamkeit leben wollte, so hatte ich eine lange Reihe von ruhigen Tagen vor mir.

Wollte ich in London wieder mit demselben Glanz auftreten, wie ich es verlassen, so hatte ich einen oder zwei Monate Luxus jener Gesellschaft in die Augen zu werfen, unter welcher ich gelebt, und in welche ich stets unter denselben Bedingungen zurückkehren konnte.

Ich warf, nachdem ich diese Betrachtungen angestellt, einen Blick in meinen Spiegel. Ich sah jünger, schöner und frischer aus als jemals, und wenn auf meinem Gesicht noch einige Spuren von den vergossenen Tränen zurückgeblieben waren, so wurden sie bereits durch ein halbes Lächeln verwischt.

Nach dem geräuschvollen Leben, welches ich geführt, nach den festlichen Tagen, nach den durchspielten Nächten empfand ich nur ein Bedürfnis, nämlich das einiger Wochen Ruhe.

Die heitere Ruhe meines Herzens war getrübt wie die Reinheit eines Sees nach einem Sturme. Man mußte ihm Zeit lassen, seine Durchsichtigkeit wieder zu gewinnen.

Die ersten Tage der Einsamkeit, die ich in diesem kleinen Hause in Nutley verlebte, waren daher nicht ohne einen gewissen melancholischen Reiz, nach welchem ich mich zuweilen, selbst auf der Höhe meines Glanzes, zurückgesehnt habe.

Ich fragte mich, ob dieses ruhige, bequeme Leben, wo ein Tag dem andern glich, beim Lichte besehen, nicht eigentlich das sei, für welches die Natur uns bestimmt hat.

Dennoch aber antwortete auf diese Frage eine geheime Stimme, daß ich nicht zur Zahl der Menschen gehöre, für welche die Natur die Ruhe der Mittelmäßigkeit und die stillen Freuden der Einsamkeit aufgespart hat.

Ich gehörte vielmehr zu jenen außergewöhnlichen Organisationen, die den Kampf und den Sieg oder die Niederlage bedürfen, welche die Folge davon sind.

Auf welchem Theater sollte dieser Kampf meiner Zukunft gegen das Schicksal beginnen? Ich wusste es nicht; ich, die Athletin des Luxus und der Laune, fühlte aber, daß die augenblickliche Ruhe, in welche ich mich versenkt, nur die schnell vergängliche war, welche dem Kampfe vorangeht.

Ich blieb zwei Monate in Nutley, fast ohne die Schwelle meines Gartens zu überschreiten.

Während dieser zwei Monate hatten alle Bestrebungen meiner Jugend Zeit gehabt, in mir wieder aufzuleben. Die Wunde meines Herzens hatte sich um so leichter geschlossen, als ich mir sagte, daß bei Sir Harrys gezwungener Untreue meine Eigenliebe nicht zu leiden gehabt habe, denn unsere Trennung hatte ihren Grund nicht in einem Erkalten seiner Leidenschaft, sondern in dem Zwange, der durch Ereignisse auf ihn ausgeübt worden, welche mächtiger waren, als sein Wille.

Bei einem derartigen Bruche – ich sollte dieses weibliche Geheimnis vielleicht nicht der Öffentlichkeit preisgeben – blutet unser Dünkel mehr als unsere Liebe, und das Weib, welches zu sich sagen kann: »Ich habe mich von meinem Geliebten getrennt, aber ich bin überzeugt, daß er mich immer noch liebt.« ist weit näher daran, über die Trennung getröstet zu werden, als die, welche sich sagt: »Ich bin von meinem Geliebten getrennt, weil er mich nicht mehr liebt.«

Die Folge hiervon war, daß ich im Laufe des zweiten Monats meiner Einsamkeit mich von neuem nach jenem Strudel hingezogen fühlte, der mich seit einem Jahre mit sich fortgerissen.

Ich beschloß demgemäß nach London zurückzukehren, und das Glück aufs Neue zu versuchen.

Es war mir bis jetzt so treu gewesen, daß ich hoffen konnte, es werde mich nicht schon zu Anfange meiner Laufbahn wieder verlassen.

Übrigens hatte ich mich, so wie das Nachdenken oder vielmehr die Erinnerung in mich zurückgekehrt und es in meinem Geiste Tag geworden war, auf eine Hilfsquelle besonnen, die mir vielleicht noch übrigblieb.

Ich hatte mein kleines Haus in Piccadilly in meiner Eile, Sir Harry aus meiner Vergangenheit hinaus zu folgen, so schnell verlassen, daß ich nicht mehr an das reiche Geschenk gedacht hatte, welches Sir John mir in dem kostbaren Mobiliar gemacht, das in diesem Hause sich befand.

Jetzt empfand ich den inbrünstigen Wunsch, dieses Haus, den Zeugen der ersten Tage meines Glücks, das heißt meines Stolzes, wiederzusehen.

Für mich beruht nämlich – und dies ist eben das, was meinen Untergang herbeigeführt hat – das Glück mehr in der Befriedigung des Stolzes als in der Liebe.

Ich erinnerte mich unklar, Sir Johns Intendanten sagen gehört zu haben, daß die Miete des Hauses auf ein Jahr im voraus bezahlt wäre, und daß alles, was sich in diesem Hause befände, mir gehöre. Allerdings ward diese Schenkung durch keine Urkunde verbrieft, und wenn meine Erinnerung mich täuschte, wenn der Mietkontrakt in Sir Johns Namen anstatt in dem meinigen abgeschlossen – ein Umstand, womit ich mich niemals ernst beschäftigt – oder wenn der Intendant ein unredlicher Mann war, so war es mit dieser ganzen reichen Hoffnung aus.

Es trat ein Augenblick ein, wo ich den Zweifel nicht mehr ertragen konnte, und wo ich beschloß aufzubrechen und mich von der Wirklichkeit, mochte diese nun sein, welche sie wollte, zu überzeugen.

Es kam alle Tage eine Personenpost durch Nutley, welche von Lemes nach London und von London nach Lemes ging. Ohne meiner Aufwärterin zu sagen, ob ich wiederkäme oder nicht – was ich nicht nötig hatte, da ja die Miete auf mehr als drei Monate bezahlt war – übergab ich ihr die Schlüssel, nahm einen Platz in der Personenpost und reiste nach London ab, wo ich am nächstfolgenden Tage früh anlangte.

Ich rief eine Droschke herbei, ließ meinen Koffer aufladen und befahl mit bewegter Stimme und hochklopfendem Herzen, mich nach Piccadilly zu bringen.

Als die Droschke vor der mir so bekannten Fassade des trauten Hauses Halt machte, wo eine für mein Leben so wichtige Frage entschieden werden sollte, drohten meine Kräfte mir untreu zu werden, und ich zögerte an die Tür zu pochen.

Plötzlich aber und wie um diesem meinem Zögern ein Ende zu machen, öffnete sich die Tür, um eine Frauensperson hinaustreten zu lassen und ich stieß einen Freudenruf aus.

Diese Frauensperson war nämlich keine andere als Amy Strong, welche, wie man sich erinnert, von jeher einen so großen Einfluß auf die Ereignisse meines Lebens geäußert.

Auch diesmal schien das Fatum sie mir in den Weg zu führen.

Sie erkannte mich in demselben Augenblicke wo ich sie selbst erkannte, und wir warfen uns einander in die Arme.

Hinter ihr stand der Kastellan des Hauses ehrerbietig mit dem Hut in der Hand. Als er mich erkannte, öffnete er sofort beide Torflügel, damit der Wagen hereinfahren könnte.

Der Wagen fuhr herein und machte am Fuße der Treppe Halt. Der Kastellan öffnete den Schlag, und da ich zögerte, eine Frage an ihn zu richten, so sagte er:

»Sie sind sehr lange abwesend gewesen, Mylady, aber Sie werden alles noch so finden, wie Sie es verlassen haben.«

Mit diesen Worten überreichte er mir den Schlüssel zur ersten Etage, welche die war, die ich bewohnte.

Es war augenscheinlich, daß in der Tat nichts verändert worden war, und daß alles, was das Haus enthielt, wirklich mir gehörte.




Siebentes Capitel


Ich kehrte in diese beglückende Wohnung, die ich auf so unverhoffte Weise wiederfand, mit einem tiefen Gefühl von Freude zurück, und durch Tränen des Dankes gegen Sir John hindurch sah ich mein teures blaues Zimmer, das Zimmer meiner Träume, und den großen, mir von Dick prophezeiten Goldrahmenspiegel wieder.

Der armen Amy ging es nicht sonderlich gut. Ich war von jeher ihre Vorsehung gewesen, fünf oder sechsmal war sie hier gewesen, um etwas von mir zu erfahren und meine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Allemal aber hatte man ihr gesagt, daß ich nicht da sei und daß man meinen dermaligen Aufenthaltsort nicht kenne. Eben hatte sie einen letzten Schritt dieser Art und zwar ohne bessern Erfolg getan, als wir uns auf der Schwelle begegneten, welche sie trostlos wieder passierte und welcher ich mich zitternd näherte.

In der Vereinsamung, in der ich mich befand, erschien mir diese Begegnung wie ein Segen des Himmels. Ich schlug Amy vor, bei mir zu bleiben, und ohne daß etwas über die Stellung gesprochen ward, welche sie in dem Hause einnehmen sollte, nahm sie mein Anerbieten an.

Wenn ich die Situation richtig ins Auge faßte, so hatte ich nur zwei Wege einzuschlagen. Das Mobiliar des Hauses in Piccadilly gehörte mir, denn Sir John hatte es mir geschenkt. Durch den Verkauf konnte eine Summe von vielleicht zweitausend bis zweitausendundfünfhundert Pfund daraus gelöst werden.

Ich konnte also mit dem, was ich noch besaß, etwa sechzigtausend Francs oder eine Rente von hundert bis hundertundzwanzig Pfund Sterling realisieren.

Wenn ich mich dazu verstand, der Welt, dem Luxus, dem eleganten Leben zu entsagen, wenn ich wieder in mein kleines Haus zu Nutley zurückkehrte, so brauchte ich mich wegen der Zukunft nicht zu ängstigen, denn meine Existenz war dann gesichert.

Wollte ich dagegen die betretene Bahn, nämlich die der Abenteuer, der Laune und des Zufalls, weiter verfolgen, so mußte ich die Möbel und das Haus behalten, neue Liebesverhältnisse anknüpfen und es auf das weitere ankommen lassen.

Leider drängte mein Charakter mich nur allzusehr zu diesem letzteren Entschlusse, und Amy, welche mir gegenüber die Rolle spielte, welche vor sechstausend Jahren die Schlange der armen, leichtsinnigen Eva gegenüber gespielt, ermutigte mich, diesen Entschluß zu fassen.

Man errät, daß es dieser war, für den ich mich entschied.

Gott, der ein Gott des Erbarmens und nicht ein Gott der Rache ist, verlangt, hoffe ich, nicht, daß ich in allen seinen Einzelheiten das Jahr erzähle, welches zunächst verfloß und welches das neunzehnte meines Lebens war.

Alle Phasen jener beklagenswerten Existenz eines weiblichen Wesens, welches von seiner Schönheit lebt, wurden durchgemacht, alle Schmerzen derselben erschöpft, alle Schmach bis auf den letzten Tropfen getrunken.

Wenn ich alle diese Einzelheiten verschweige, so geschieht dies nicht, weil ich sie vergessen hätte. Ich unterlasse diese Erzählung bloß, weil die Kraft mir fehlt, denselben Weg in der Erinnerung noch einmal zu durchwandeln.

Ich werde daher bloß sagen, daß gerade ein Jahr nach meiner Rückkehr in das kleine Haus von Piccadilly ich dasselbe, nachdem ich meine Möbel, meine Schmucksachen, meine Spitzen verkauft, weit ärmer verließ, als ich das Schloß von Up-Park verlassen, denn ich besaß von allen Trümmern meines ehemaligen Glanzes weiter nichts mehr, als das seidene Kleid, welches ich auf dem Leibe trug.

Wie war ich auf eine so tiefe Stufe des Mangels und des Elends herabgesunken, daß selbst Amy, diese erste und hartnäckige Ursache meines Ruins, mich verlassen hatte?

Nur das Verhängnis, welches mich von der Stufenleiter der Menschheit herabstürzen wollte, um mich sämtliche Sprossen derselben von neuem erklettern zu lassen, könnte dies sagen.

Jeder einzelne Umstand jenes furchtbaren Tages ist meiner Erinnerung gegenwärtig.

Es war Freitags am 26. Oktober 1782, elf Uhr vormittags, an einem jener kalten, nebeligen Tage, wie es deren nur in London gibt, als ich das kleine Haus in Piccadilly verließ.

Mein Frühstück hatte in einem Stück Brot und einem Glas Wasser bestanden und ich wußte nicht gewiß, ob ich wieder ein Stück Brot zu meinem Mittagsmahle haben würde.

Ich ging Piccadilly hinauf bis Old Bondstreet, ohne zu wissen, wohin ich ging, ohne mir ein Ziel gesteckt zu haben. Ich ging immer geradeaus wie ein Blinder, indem ich an die mir Begegnenden anstieß und gegen andere Hindernisse anrannte.

Es dauerte nicht lange, so sah ich mich in Oxford Street. Nur der Zufall hatte mich hierhergeführt.

Hier orientierte ich mich. Ich befand mich Miß Arabellas Hotel beinahe gegenüber.

Ich blieb einen Augenblick stehen. Während dieses Augenblickes kam ein Wagen aus dem Hofe heraus und fuhr bis an den Fuß des Perrons.

Eine in eine kostbare, mit Spitzen besetzte Atlasmantille gehüllte Dame stieg in Begleitung eines eleganten Kavaliers ein. Der Wagen schloß sich wieder und fuhr, mich mit Kot bespritzend, vorüber.

Diese Dame war Miß Arabella. Was den Kavalier betraf, der wahrscheinlich ein neuer Bewunderer war, so kannte ich denselben nicht.

Der Wagen verschwand in Highstreet.

Warum blieb diese Person, die wahrscheinlich auch nicht von besserer Herkunft war als ich, die sicherlich nicht schöner war als ich, reich und glücklich, während ich, nachdem ich ebenso reich und ebenso glücklich gewesen wie sie, jetzt arm, und elend sie an mir vorüberfahren und mich mit Kot bespritzen sah?

Dies schien mir eine unerklärliche Grausamkeit des Schicksals zu sein.

Vielleicht eine halbe Stunde blieb ich unbeweglich an derselben Stelle stehen und wäre ohne Zweifel noch länger stehen geblieben, ohne zu wissen, warum ich nicht weiterging, wenn sich nicht allmählich eine Menschenmenge um mich gesammelt und ein Polizeier, sich hindurchdrängend, mich gefragt hatte, was ich gleich einer Bildsäule stumm und mit den Füßen im Kote stehen bliebe?

Ich antwortete, ich hätte eine Dame von meiner Bekanntschaft in ihrem Wagen aus dem Hause Nr. 23 herauskommen gesehen und erwartete nun ihre Rückkunft, um mit ihr zu sprechen.

»Geht nur Eures Weges weiter,« sagte der Polizeier in rauhem Tone zu mir; »zu dieser Stunde des Tages haben Frauenzimmer Eurer Art nicht das Recht, auf den Trottoirs stehen zu bleiben.«

Diese Worte drangen mir ins Herz wie ein glühendes Eisen. Ich raffte mich auf und ging durch Deanstreet nach dem Strand hinunter.

Kaum hatte ich einige Schritte zurückgelegt, so sah ich mich Mr. Plowdens Kaufladen gegenüber, in welchem ich, wie man sich erinnert, einen Monat als Ladenmamsell fungiert. Das Leben war hier für mich weder glücklich noch glänzend, wenigstens aber ruhig gewesen.

An der Stelle, wo ich während jenes Monats gesessen, sah jetzt ein anderes junges Mädchen von meinem Alter. An ihren sanften, zufriedenen Zügen sah man mit leichter Mühe, daß sie dadurch, daß sie Mr. Plowdens Ladenmamsell geworden, das Ziel ihrer Wünsche und ihres Ehrgeizes völlig oder doch beinahe erreicht hatte.

Die rauhen Worte des Polizeiers waren mir noch zu frisch in der Erinnerung, als daß ich vor Mr. Plowdens Laden ebenso stehengeblieben wäre, wie ich vor Miß Arabellas Hotel stehen geblieben war.

Ich ging den Strand hinauf bis King Williamstreet und dann diese entlang nach Leicester Square.

Gerade, als ob ich Stufe um Stufe die Leiter meiner Erinnerungen hinaufsteigen sollte, fand ich hier jenes kleine Haus Mr. Hawardens wieder, wo ich bei meiner ersten Ankunft in London so wohlwollende und gastfreie Aufnahme gefunden.

Vom Strand an war ich im Regen gegangen, welcher jetzt immer heftiger zu fallen begann. Meine Abgestumpftheit hatte jedoch einen solchen Grad erreicht, daß ich nicht bemerkte, wie ich bis auf die Haut durchnäßt war. Das kleine Haus hatte immer noch seinen soliden puritanischen Anstrich. Ich setzte mich auf die Stufen einer Art ambulanten Theaters, welches auf der Mitte des Platzes aufgeschlagen war.

Vor mir hatte ich die Tür von Mr. Hawardens Haus. Über zwei Stunden blieb ich so im Regen sitzen und fühlte, wie sich allmählich in mir der Hunger zu regen begann.

Dennoch war ich zu stolz, um in diesem gastlichen Haus ein Stück Brod zu erbetteln.

Unglücklicherweise waren zwei der Hilfsquellen, auf welche ich in der bedrängten Lage, in der ich mich befand, hätte rechnen können, mir gegenwärtig verschlossen. Mr. Sheridan, dessen Namen ich so oft genannt, war durch den Brand des Drury-Lane-Theaters, dessen Direktor er war, und wo ich ein Unterkommen hätte finden können, in die Unmöglichkeit versetzt, mir nützlich zu sein.

Was Romney betraf, so hatte dieser mir niemals seine Adresse gegeben. Ich glaubte mich bloß zu entsinnen, daß er in der Nähe von Cavendish-Square oder in Cavendish-Square selbst wohnte.

Diese Erinnerung war jedoch zu unbestimmt, als daß ich auf dieselbe hin sein Haus aufzusuchen vermocht hätte.

Ich bedurfte aber rascher und wirksamer Hilfe. Ich hatte Hunger, ich wußte nicht, wo ich etwas zu essen hernehmen, die Nacht brach ein und ich wußte nicht, wo ich ein Nachtlager finden sollte.

Ich hob die Augen gen Himmel, um den Zorn desselben durch einen flehenden Blick zu entwaffnen zu suchen.

In diesem Augenblick fuhr ein Wagen wenige Schritte von der Stelle entfernt vorüber, wo ich saß.

Er machte Halt, der Schlag öffnete sich.

Eine Frau von vierzig bis fünfundvierzig Jahren in einem prachtvollen indischen Kaschemirshawl stieg aus und kam, trotz des auf mich und auf sie herabrieselnden Regens auf mich zu.

In den Zügen dieser Frau lag ein Gemisch von Zynismus und Gemeinheit, welches mit ihrer eleganten Toilette in offenem Widerspruch stand.

Da ich nicht glauben konnte, daß sie mit mir sprechen wollte, so ließ ich meine Stirn wieder auf meine beiden Hände herabsinken.

Sie berührte mich an der Schulter.

Ich richtete den Kopf wieder empor.

Die Frau stand vor mir. Sie heftete einen frechen Blick auf mich und murmelte ziemlich laut:

»Meiner Treu, sie ist hübsch; sie ist sehr hübsch!«

Erstaunt sah ich sie an.

Was wollte diese Frau von mir?

»Warum bleiben Sie hier im Regen sitzen?« fragte sie mich.

»Weil ich nicht weiß, wo ich hin soll,« antwortete ich.

»Na,« sagte sie, »wenn man ein so hübsches Gesicht hat, wie Sie, so kommt man nicht so leicht in Verlegenheit, ein Nachtlager zu finden.«

»Aber dennoch befinde ich mich in dieser Verlegenheit, wie Sie sehen.«

»Warum sind Sie so bleich?«

»Weil mich friert und hungert.«

»Sie sind doch nicht krank?«

»Nein, aber ich werde es wohl werden, wenn ich die Nacht auf der Straße zubringen muß.«

»Wer zwingt Sie denn, die Nacht auf der Straße zuzubringen?«

»Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich nicht weiß, wo ich hin soll?«

»Kommen Sie mit mir.«

Ich sah sie wieder an.

»Wer sind Sie?« fragte ich sie.

»Ich bin jemand, der Ihnen bietet, was Sie nicht haben, – Nahrung, Wohnung, Kleider, Geld.«

»Und was verlangen Sie dafür?«

»Das wird man Ihnen später sagen. Jetzt machen Sie schnell. An Zeit fehlt es mir allerdings nicht, wohl aber ruiniere ich meinen Shawl und meinen Hut, wenn ich noch länger hier mit Ihnen plaudere.«

Ich zögerte.

»Gute Nacht denn, schönes Kind,« sagte die elegante Frau und tat einen Schritt, um sich wieder zu ihrem Wagen zurückzuverfügen.

»Madame! Madame!« rief ich ihr nach.

»Nun, haben Sie sich entschlossen?«

»Wenn mir morgen die Absichten, welche Sie mit mir haben, nicht zusagen, wird es mir dann freistehen, Sie wieder zu verlassen?«

»Jawohl; aber es versteht sich, daß Sie mir dann die Auslagen wieder erstatten, die ich vielleicht für Sie gemacht haben werde.«

»Ich folge Ihnen, Madame.«

Ich erhob mich. Der Regen troff mir von den Kleidern herab.

»Setzen Sie sich auf den Vordersitz und schmiegen Sie sich so viel als möglich zusammen.«

Ich gehorchte.

Sie schüttelte den Kopf. »Sie befinden sich in einem traurigen Zustand! – Apropos, Sie haben doch nicht etwa eine Geschichte mit der Polizei auszumachen?«

»Ich?«

»Ja, Sie.«

»Wie sollte ich etwas mit der Polizei auszumachen haben? Ich habe erst diesen Morgen meine Wohnung verlassen.«

»Ah, Sie hatten eine Wohnung?«

»Ja.«

»Und wo befand sich Ihre Wohnung?«

»In Piccadilly.«

»Piccadilly ist aber keines unserer Quartiere.«

»Keines Ihrer Quartiere? Ich verstehe Sie nicht.«

Die elegante Frau sah mich wieder an und spitzte die Lippen.

»Das ist wohl möglich,« sagte sie.

»Sie haben wirklich ein ehrliches Gesicht und das macht sich sehr gut.«

»Madame,« sagte ich, über diese triviale Ausdrucksweise fast erschreckend, »wenn Sie das Anerbieten, welches Sie mir gemacht haben, bereuen, so bin ich bereit, wieder auszusteigen.«

»Nein, nein, bleiben Sie.«

Dann schlug sie die Wagentür selbst zu und sagte zu dem Kutscher:

»Nach Hause!«

Zehn Minuten später hielt der Wagen an der Tür eines Hauses in Haymarket, dessen Fenster sämtlich geschlossen waren.

Es fror mich sehr, als ich aber dieses Haus betrat und die Tür sich hinter mir schließen hörte, fror mich noch mehr.

Es war mir, als träte ich in ein Grab.

Es war auch in der Tat ein Grab, ein Grab der Keuschheit und Tugend, welches man niemals wieder verläßt, ohne die Spuren jenes moralischen Todes an sich zu tragen, welche noch weit furchtbarer sind als die des physischen.




Achtes Capitel


Mein dringendstes Bedürfnis, selbst noch vor dem der Speise und Trankes, war ein vollständiger Wechsel der Kleidung und ein Bad.

Mistreß Love – war dieses Wort, welches »Liebe« bedeutet, ein Spitzname, den ihr die Stammgäste ihres Hauses gegeben, oder eine Laune des Zufalls? – Mistreß Love begriff dieses doppelte Bedürfnis sehr gut, denn sofort nach unserer Ankunft gab sie Befehl, ein Bad zu bereiten und dann wurden frische Wäsche und ein Negligé in das Zimmer gebracht, welches sie für mich bestimmte.

Als ich dieses Zimmer betrat, sank ich fast bewußtlos, vernichtet, erstarrt und kaum bemerkend, was um mich her vorging, in einen Lehnstuhl.

Mistreß Love beaufsichtigte mit auffallendem Eifer alles selbst und ihr Blick verwendete sich keinen Augenblick von mir.

Als das Bad bereitet war, wollte sie selbst die Dienste einer Zofe bei mir verrichten. Sie unterzog sich diesem Amt mit einer Sorgfalt, die ich mir nicht erklären konnte, um die ich mich aber in der Stumpfheit, in welcher ich befangen war, weiter nicht kümmerte.

Mein Kleid klebte mir auf den Schultern – man trug zu jener Zeit sehr enge Kleider. Mistreß Love riß es ohne weiteres auf und durchschnitt den Senkel meines Schnürleibes mit der Schere.

Ehe noch viele Augenblicke vergangen waren, sah ich mich nackt. Obschon ich mich nur in Gegenwart einer Frau befand, so empfand ich doch ein rasch aufsteigendes Gefühl von Scham, welches meine Wangen rötete.

Ich flüchtete mich in meine Badewanne, deren durchsichtiges Wasser mir nur einen ungenügenden Schleier ließ.

Als ich in dieses laue Wasser hineinkam, empfand ich ein unaussprechliches Gefühl von Wohlbehagen. Meine Brust weitete sich und mein Atemzug ward regelmäßig und leicht.

»Ach, Madame,« sagte ich, ohne mich um den Grund zu kümmern, der meine seltsame Wirtin bewog, so an mir zu handeln, »wie danke ich Ihnen!«

»Schon gut, schon gut,« sagte sie. »Man wird Sie pflegen, liebe Kleine; seien Sie unbesorgt. Sie sind schön genug dazu.«

Dann zog sie die Klingel, verlangte eine Tasse Bouillon und fügte leise einen Befehl hinzu, den ich nicht verstand.

Es herrschte in diesem Hause ein seltsames Gemisch von Luxus und Gemeinheit. Ein Dienstmädchen, welches für eine Kammerzofe zu elegant und für eine Dame nicht elegant genug war, brachte eine ausgezeichnete Bouillon in einer Tasse von gewöhnlichem Porzellan.

Meine Lippen näherten sich dem Gefäß nur mit Widerstreben. Ich hatte seit einem Jahre luxuriöse Gewohnheiten angenommen. Ich, das arme Landmädchen, verstand jetzt nur von Silbergeschirr zu essen und aus Kristall oder chinesischem Porzellan zu trinken.

Als ich getrunken, setzte Mistreß Love sich an das Kopfende meiner Badewanne, nahm einen Kamm, band mein Haar auf und kämmte es mit einer Sorgfalt und Geschicklichkeit, welche einem Friseur von Profession zur Ehre gereicht hätte. Nachdem sie dies getan, band sie mir das Haar wieder auf und arrangierte es mit einer Eleganz, die ich, als ich mich in einem Spiegel betrachtete, anerkennen mußte.

In dem Augenblick, wo sie mit dieser Verrichtung fertig war, trat die Dienerin wieder ein und sagte Mistreß Love einige Worte ins Ohr. Diese Worte schienen ihr zur lebhaften Befriedigung zu gereichen.

»Jetzt, liebe Kleine« sagte sie, »ist es, glaube ich, Zeit, daß Sie das Bad verlassen. Ein allzulanges Verweilen im lauen Wasser ist nicht bloß der Gesundheit, sondern auch der Schönheit nachteilig. Steigen Sie daher heraus, damit ich Sie selbst abtrocknen kann.«

Ich hatte mir rasch die Gewohnheit angeeignet, mir alle Dienste bei der Toilette durch eine Zofe leisten zu lassen und ich folgte daher Mistreß Loves Aufforderung ohne weiteres Zögern.

Das gut verschlossene, mit Teppichen belegte Zimmer war mild erwärmt.

Ich stieg aus der Badewanne, ohne wie Venus Aphrodite den Schleier meines langen Haares zu haben.

Mistreß Love näherte sich mir mit einem Negligégewand; plötzlich aber wendete sie sich zu der Dienerin und sagte:

»Was ist das für grobe Leinwand? Haltet Ihr diese junge Dame denn für ein Schenkmädchen? Tragt diese Lappen fort und bringt Hemden und ein Negligé von Battist.«

Die Dienerin entfernte sich. Ich sah ihr erstaunt nach und suchte mich wie eine antike Statue mit meinen beiden Händen zu verschleiern.

Mistreß Love fing an zu lachen.

»Ah,« sagte sie, »Sie kommen wohl aus einem Pensionat für junge Damen? Wenn dies der Fall ist, so hätten Sie mir es sagen sollen. Dann hätte ich erst Handschuhe angezogen, ehe ich Sie berührt hätte, und würde nur in gedämpftem Tone mit Ihnen gesprochen haben. Stehen Sie jetzt gerade und halten Sie die Hände in die Höhe, damit das Blut abwärtsströme.«

»Aber, Madame —«

»Frieren Sie?«

»Nein.«

»Nun, dann lassen Sie sich um alles andere unbesorgt und gestatten Sie mir, Sie mit Muße zu betrachten. Ich sage es noch einmal, Sie sind schön, sehr schön.«

Diese Lobsprüche fingen an mich zu beunruhigen, ohne daß ich jedoch einen wirklichen Grund zur Unruhe gehabt hätte.

»Ich bitte Sie dringend, Madame,« sagte ich »gestatten Sie mir, mich wieder anzukleiden.«

»Man muß Ihnen doch erst passende Wäsche bringen. Obschon Sie sich übrigens so zieren, so bin ich doch überzeugt, daß Sie sich in dem Kostüm, welches Sie jetzt tragen, schon mehr als einmal im Spiegel betrachtet haben, denn sonst wären Sie nicht Weib. Indes, hier ist Ihre Wäsche, Sie können sich nun ankleiden. Gestatten Sie mir, Ihnen bloß noch eins zu sagen, nämlich daß, wenn Sie keine Törin sind, Sie Ihr Glück in den Händen haben; verstehen Sie mich?«

»Ja, Madame, ich verstehe, obschon nicht ganz.«

»Nun gut denn, Miß Clarissa, dann wird man Ihnen jemanden schicken, der sich deutlicher erklären wird. Kleiden Sie sich jetzt nach Belieben und mit Muße an und wenn Sie etwas brauchen, so klingeln Sie. Man wird Sie nicht warten lassen. Auf Wiedersehen, mein Kind! Zieren Sie sich nicht, und alles wird gut gehen.«

Mit diesen Worten entfernte sich Mistreß Love zugleich mit der Dienerin, welche die Wäsche auf einen Stuhl gelegt hatte.

Als ich allein war, blieb ich einen Augenblick gedankenvoll und unbeweglich stehen. Ich dachte nicht mehr daran, daß ich nackt war, oder vielmehr ich dachte daran, um einen Blick in den Spiegel auf mich selbst zu werfen. Mistreß Love hatte, wie mir wenigstens schien, mir kein übertriebenes Lob gespendet und ich konnte den Vergleich mit den schönsten Marmorwerken des Altertums in der Tat recht wohl aushalten.

Endlich, langsam, und Stück um Stück bekleidete ich mich mit der Wäsche, welche den aristokratischen Ansprüchen der Königin Anna von Österreich genügt haben würde. Alle meine luxuriösen Instinkte waren wieder erwacht und unaufhörlich summten Mistreß Loves Worte in meinem Ohr:

»Wenn Sie nicht töricht sind, so haben Sie Ihr Glück in den Händen.«

Und ich breitete die Arme diesem versprochenen Glück entgegen und murmelte:

»So möge es denn kommen! Ich bin bereit, es zu empfangen.«

Ich muß ein sehr schwaches und leicht in Versuchung führendes Wesen sein, denn ich hatte endlich begriffen, an was für einem Ort ich mich befand. Ich hatte das schändliche Handwerk erraten, welches meine freche Wirtin betrieb. Ich wußte, daß die Bewunderung, welche sie mir zollte, die des Roßkamms für das Pferd war, welches er kaufen oder verkaufen will, und bei dem Anblick meiner erfrischten Schönheit, bei der Berührung dieser feinen schmeichelnden Wäsche fand ich die Hoffnung wieder und erwachte wieder zum Leben.

In dem Augenblicke, wo ich mich in mein weites Negligé gehüllt und mit den nackten Füßen in allerliebste kleine seidene Pantoffeln gefahren war, sah ich meine Tür sich öffnen und man brachte einen vollständig gedeckten Tisch mit zwei Kuverts herein. Der Tisch trug eine Art Komfort und selbst Reichtum zur Schau. Ziseliertes Silbergeschirr, chinesisches Porzellan, holländische Leinwand – nichts fehlte.

Nun war, wie ich schon bemerkt, dieser Tisch nicht für mich allein gedeckt. Das zweite Kuvert ließ auf einen unbekannten Gast schließen. Fortuna nahm, indem sie zu mir zurückkehrte, wieder ihre geheimnisvollen Gewohnheiten an, diesmal aber schien es, als benähme sie sich gegen die arme Emma ziemlich kavaliermäßig.

Allerdings befand ich mich in einer so traurigen Lage, daß sie keine großen Rücksichten zu nehmen brauchte.

Als der Tisch vor den Kamin gestellt war, öffnete die Tür sich wieder und ein Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren trat ein.

Derselbe war elegant gekleidet, obschon die Eleganz seines Kostüms mehr in dem Schnitt als in dem Stoff und in der Kostbarkeit seiner Kleider bestand. Er trug einen schwarzbesetzten Rock von granatfarbenem Sammet, eine gestickte Weste von weißer Seide, Beinkleider von Atlas und schwarzseidene Strümpfe.

Ein weißes Halstuch, ein Hemd mit einem prachtvollen Busenstreif von englischen Spitzen, Schuhe mit Diamantschnallen und ein dreieckiger Hut mit schwarzer Seide garniert vervollständigten seine Toilette, welcher eine goldene Brille einen gewissen Charakter verlieh, der zwischen der Haltung eines Beamten und der eines Mannes der Wissenschaft schwankte.

Als ich ihn erblickte, erhob ich mich zugleich verlegen und erzürnt. Da ich aber auch sofort einsah, daß das Haus und die Situation, in der ich mich befand, mir nicht das Recht gaben, mich gegen irgend jemanden zu »zieren«, wie Mistreß Love sagte, so sank ich zitternd in meinen Lehnstuhl zurück.

Der Unbekannte, welcher mich bald blaß, bald rot werden sah, begriff, welche Unruhe mich bewegte, und indem er sich mir mit ausgesuchter Höflichkeit näherte, sagte er:

»Ich bitte um Entschuldigung, Miß, wenn ich vor Ihnen erscheine, ohne mich vorher anmelden zu lassen; ich möchte aber gern so bald als möglich erfahren, ob Sie eben so gut als schön sind.«

Ich stammelte einige unverständliche Worte. Wie tief ich auch in diesen meinen Tagen des Mangels und Elends gesunken war, so war ich es doch noch nicht so weit, daß ich ohne Vorbereitung und ohne Übergang das Eigentum des ersten besten gewesen wäre. Wider Willen traten mir die Tränen in die Augen.

»O,« rief ich, »dieses elende Weib! Sie hat keine Zeit verloren.«

Der Unbekannte betrachtete mich mit einem gewissen Erstaunen und wie um sich zu überzeugen daß es wirklich aufrichtige Tränen wären, die ich vergösse.

»Miß,« hob er wieder an, »meine Erfahrung in bezug auf menschliche Physiognomien verrät mir auf den ersten Blick, daß ich es mit einer Person von Distinktion zu tun habe, die durch ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände, nach welchen ich nicht das Recht habe zu fragen, in eine falsche Stellung versetzt worden ist. Ich beeile mich daher, Sie zu beruhigen. Ich komme nicht, um mit Ihnen von Liebe zu sprechen, obschon Ihre Schönheit jede andere Konversation von Ihnen fern zu halten scheint.«

»Ach, Sir,« rief ich, »die Schönheit ist zuweilen ein sehr großes Unglück.«

Der Unbekannte lächelte.

»Sie ist,« sagte er, »ein großes Unglück, über welches ich die Frauen, die davon heimgesucht worden, sich sehr leicht trösten gesehen habe. Die Schönheit, Miß, ist die sich auf Erden offenbarende Gottheit. Gestatten Sie daher einem Apostel des großen allgemeinen Kultus, Ihnen seine Huldigung zu Füßen zu legen.«

Ich lächelte trotz des pathetischen Tones, mit welchem der Unbekannte diese letzten Worte gesprochen hatte.

»Verzeihen Sie, Sir,« antwortete ich, »ich glaube, Sie haben mir eben versprochen, nicht von Liebe zu sprechen.«

»Und inwiefern bin ich meinem Versprechen untreu geworden? Eine Huldigung ist keine Liebeserklärung.«

Ich verstand immer weniger.

»Nach dem, was Ihre Wirtin mir mitgeteilt hat,« fuhr der Unbekannte fort, »bedürfen Sie der Speise und des Trankes. Setzen Sie sich daher zu Tische und essen Sie. Ich werde neben Ihnen Platz nehmen, um Ihnen Gesellschaft zu leisten und ganz besonders, um die Ehre zu haben, Sie zu bedienen.«

Ich konnte eine solche Einladung, besonders da ich buchstäblich vor Hunger ganz kraftlos war, nicht zurückweisen.

Ich rückte meinen Stuhl an den Tisch. Der Unbekannte, welcher sich noch nicht gesetzt, rückte ebenfalls einen Stuhl an den Tisch und nahm mir gegenüber Platz.

»Miß,« hob er dann an, indem er ein kaltes Huhn anspießte und es mit bewundernswürdiger Gewandtheit zu tranchieren begann, »ein lateinischer Dichter Namens Horaz sagt: ›Die Angelegenheiten, welche am leichtesten zu einem guten Resultat gelangen, sind die, welche man bei Tische verhandelt, denn der Wein ist für die Gedanken das, was das Wasser für die Pflanzen ist; er bringt sie zum Sprossen und Blühen!‹ Essen Sie daher und trinken Sie, besonders um Ihre Gefühle wieder in ein richtiges Gleichgewicht zu bringen. Dann wollen wir von dem Geschäft sprechen, welches mich hierherführt, und welches vielleicht für Sie und für mich eine Goldmine werden kann.«

Indem er gleichzeitig einen Flügel von dem Huhn auf meinen Teller legte, füllte er mein Glas zur Hälfte mit vortrefflichem, Bordeauxwein.




Neuntes Capitel


Der gebieterische Wille der physischen Bedürfnisse ist eine der größten Demütigungen für unsere arme Menschennatur, denn dadurch geben sich die Schwäche und Gebrechlichkeit derselben kund.

Ich habe schon gesagt, welche Veränderung jenes laue Bad, jene milde Atmosphäre, jene seidenweiche Wäsche in mir hervorruft. Ein delikates Souper, welches mir von meinem Unbekannten mit aller Rücksicht serviert ward, die er gegen eine Herzogin an den Tag gelegt haben würde, gab mir so viel Ruhe und Heiterkeit zurück, als mit einer so unsicheren Lage wie die meinige verträglich war.

Das Wichtigste hatte ich jedoch noch zu erfahren, nämlich die Geschäftsangelegenheit, welche der Unbekannte mir vorzutragen hatte. Wie oft ich ihn aber auch daran erinnerte, so ging doch die Mahlzeit vorüber, ohne daß er ein Wort davon gesprochen hätte.

Während dieser ganzen Zeit blieb er die personifizierte Artigkeit und Höflichkeit. Seine Konversation war die eines unterrichteten Mannes von Distinktion, obschon mit einem gewissen Anflug von Pedanterie, wie sie besonders Ärzten, Advokaten oder mit einem Worte Männern der Wissenschaft eigen zu sein pflegt.

Als das Souper beendet war, bat mein Tischgenosse mich um meine Hand.

Ich reichte sie ihm; er faßte sie zwischen die seinigen, fühlte mir an den Puls und sagte:

»Jetzt, Mademoiselle, wo in Ihren Empfindungen ein vollkommenes Gleichgewicht wieder hergestellt zu sein scheint, wo Ihr Puls regelmäßig seine achtundsechzigmal in der Minute schlägt, wo Ihr Magen mit Hilfe einer ruhigen und leichten Verdauung eine sanfte Wärme in Ihrem ganzen Körper verbreitet, wo folglich Ihr Hirn sich in dem geeignetsten Zustand befindet, um einen wichtigen Entschluß zu fassen, will ich Ihnen sagen, wer ich bin und welche Macht mich hierherführt.«

Ich öffnete Augen und Ohren gleichzeitig.

»Ich bin,« fuhr der Unbekannte fort, »der Doktor Graham, der Freund Mesmers und Cagliostros, der Demonstrator der megalanthropogenetischen Wissenschaft. Mein Ruf ist in London schon sehr groß und meine unbestreitbaren Erfolge haben mir den Weg zum Reichtum geöffnet.«

»Ach, Doktor,« sagte ich lächelnd, »ich freue mich sehr, die Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mannes wie Sie zu machen. Einer meiner Freunde, dessen Namen ich Ihnen nicht nennen kann, der aber auch ein Freund von Ihnen war, hatte mir immer versprochen, mich in eine der Sitzungen zu führen, welche Sie in Old Bailey gaben. Nicht wahr, dort hielten Sie Ihren Kursus?«

»Sehr richtig, Miß. Ich sehe, daß ich mich nicht irrte, als ich Sie gleich auf den ersten Blick für eine Person hielt, die durch ihren Geist einen eben so hohen Standpunkt einnimmt, als durch ihre Schönheit. Brauche ich Ihnen jetzt noch zu erklären, von welcher Art die wissenschaftliche Arbeit ist, mit welcher ich mich befasse?«

»Sie werden mir dadurch ein großes Vergnügen machen, Doktor, obschon ich weiß, daß diese wissenschaftliche Arbeit darin besteht, daß Sie an einer Wachsfigur in Lebensgröße die verborgensten Geheimnisse der Natur, von dem des Blutumlaufes bis zu dem noch verborgeneren der menschlichen Fortpflanzung, demonstrieren. Diese Wachsfigur, welche Sie die Göttin Hygiea getauft haben, liegt auf einem Bette, welches Sie das Bett Apollos nennen. Ist es so, Doktor?«

»Sie haben ganz recht, Miß. Wohlan, wenn meine Demonstrationen die Menge schon anlocken, wenn ich dieselben an einer einfachen Wachsfigur vornehme, bedenken Sie, wie noch viel ungeheurer der Andrang sein würde, wenn diese Demonstrationen mit einer lebenden Person vorgenommen würden, die mit einer so vollkommenen Schönheit wie die Ihre begabt wäre.«

»Aber, Doktor,« antwortete ich, »Sie, für den die Natur keine Geheimnisse hat, Sie müssen wissen, daß die Schönheit des Gesichtes nicht unbedingt von der Schönheit des Körpers begleitet ist und daß nur wenig Modelle, wie man sagt, als Muster für das Ensemble gelten können. Kleomenes mußte, wie ich von unterrichteteren Personen, als ich bin, sagen gehört, von fünfzig jungen Griechinnen die Schönheiten entlehnen, aus welchen er seine medizäische Venus zusammensetzte.«

»Gerade das ist es, was mich bis jetzt aufgehalten hat. Ich suchte dieses Modell; vor zwei Stunden glaubte ich noch, daß es nicht zu finden sei; gleichwohl aber bin ich ihm endlich in Ihnen begegnet.«

»In mir, Doktor? Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu sagen, daß Sie von mir noch nichts weiter kennen, als mein Gesicht und daß ich von der Vollkommenheit, welche Sie suchen, hundert Meilen weit entfernt sein kann.«

»Da irren Sie sich, Miß,« hob der Doktor mit der größten Ruhe wieder an. »Eben weil ich weiß, daß Sie die Verschmelzung aller Schönheiten sind, komme ich, um Ihnen eine Assoziation anzutragen, die uns beide zum Reichtum führen wird.«

»Wie, Sie wissen es?« fragte ich mit immer größerem Erstaunen. »Wer hat es Ihnen denn gesagt?«

»Man hat es mir nicht gesagt, Miß, ich habe es gesehen.«

»Sie haben es gesehen? Wo denn und wie denn?«

»Mistreß Love, welche schon längst von mir beauftragt ist, die vollkommene Schönheit zu suchen, ließ mich von Ihrer Ankunft benachrichtigen und ich eilte herbei. Als Sie aus dem Bade stiegen, befand ich mich in dem Nebenzimmer. Ich sah Sie durch eine im Wandgetäfel angebrachte Öffnung, und Sie blieben lange genug in jenem Zustande, daß keine Ihrer Vollkommenheiten mir entgehen konnte. Was Mängel betrifft, so habe ich deren vergebens gesucht. Es war mir nicht möglich, auch nur einen einzigen zu finden.«

Ich stieß einen Ruf des Entsetzens aus.

»Aber wissen Sie, daß Sie da etwas sehr Unrechtes getan haben, Doktor?« rief ich.

»Miß,« antwortete er ganz ruhig, »wenn ich die Ehre gehabt hätte, Sie vor zwei Stunden so zu kennen, wie ich Sie jetzt kenne, so würde ich mir nicht erlaubt haben, Sie auf diese Weise zu belauschen. Da ich Sie aber in dem Hause der Mistreß Love fand, da ich wußte, auf welche Weise Sie von dieser in Leicester-Square aufgenommen worden, so konnte ich nicht vermuten, daß ich da, wo ich einen einfachen böhmischen Kiesel zu finden erwartet, einem Diamanten begegnen würde.«

»O Doktor, Doktor!« rief ich.

Und ich barg das Gesicht in beiden Händen. Der Doktor wartete geduldig, bis ich die Hände wieder vom Gesichte nahm, und faßte sie dann in die seinigen.

»Hören Sie mich an,« sagte er, »der Zufall bietet Ihnen heute eine Gelegenheit, wie Sie nie wieder eine finden werden. Sie haben die Wahl zwischen langem Elend und Mangel und ewiger Schmach und einem raschen sicheren Reichtum, welcher keine andere Grenze haben wird, als Ihren Willen. Sie sind schön, Sie sind jung, Sie sind gebildet. Ehe Sie noch ein Jahr in diesem nichtswürdigen Haus verweilt haben, wird Ihre Jugend entschwunden, Ihre Schönheit verwelkt, Ihre Bildung untergegangen sein. Anstatt der öffentlichen Bewunderung eine Stunde für eine Summe zu schenken, welche nach Verlauf von drei Monaten Ihnen die Unabhängigkeit Ihres ganzen Lebens sichert, verkaufen Sie hier Ihre Tage und Ihre Nächte zu einem elenden Preise. Sie gehören dem ersten besten Trunkenbold. Sie sind das Spielwerk des ersten besten Matrosen, der eine Guinee in der Tasche hat; die Genossin verworfener Kreaturen, die Sklavin einer gemeinen Zwischenhändlerin. Bei dem Doktor Graham sind Sie die Göttin Hygiea; bei Mistreß Love sind Sie das Mädchen Heart. Hier gehört nichts Ihnen, nicht einmal der Hut, nicht einmal das Kleid, nicht einmal das Hemd, welches Sie auf dem Leibe tragen, während Sie auf dem Trottoir von Haymarket hin- und herwandeln. Dort, bei mir, werden Sie von heute an wieder Ihre entschwundene Größe aufbauen, von welcher Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach nichts geblieben ist als der Ring, welchen Sie am Finger tragen. Sie scheuen sich wohl, vor den Blicken der Zuschauer sich im Zustand der Nacktheit zu zeigen? Dies wurde ich begreifen, wenn Sie nicht so entzückend schön wären. »Die Scham,« sagt ein mir befreundeter Philosoph, »ist weiter nichts als das Gefühl einer Unvollkommenheit.« Sehen Sie doch die Tänzerin des großen Theaters. Ist sie unter ihrem Trikot und ihrem Tüllkleid bekleideter, als Sie unter Ihrem Gazeschleier hinter dem Geländer sein werden, welches verhindern wird, daß man in Ihre unmittelbare Nähe gelange? Es liegt, glauben Sie mir dies, in der Schönheit eine ehrfurchtgebietende Majestät und die bis zur Begeisterung gesteigerte Bewunderung schließt die Begierde aus. Urteilen Sie hierüber nach mir selbst. Ich sah Sie, als Sie aus dem Bade kamen, nicht wahr? Sie befinden sich hier in einem Hause, wo man bloß zu wünschen braucht, um zu besitzen. Was habe ich aber getan, nachdem ich Sie gesehen? Bin ich vielleicht ohne weiteres gekommen, um Ihnen zu sagen: ›Ich finde Sie nach meinem Geschmack; Sie müssen mir gehören?‹ Nein, ich komme vielmehr, um ehrerbietig und das Knie vor Ihnen beugend zu sagen: ›Königin der Schönheit, wollen Sie, daß ich Ihnen einen Altar errichte?‹ Sie sprachen von jenen jungen Mädchen in Sparta und Athen, welche als einfache Sterbliche jede ihren Anteil zu der göttlichen Schönheit lieferten. Zögerten sie wohl, sich dem großen Künstler, der sie in der Gegenwart vergötterte und in der Nachwelt berühmt machte, nackt zu zeigen? Nein, mit Stolz und Freude warfen diese Mädchen selbst den letzten Schleier weg und suchten ihre geheimsten Schönheiten geltend zu machen. Als die Kurtisane Mnesarete wegen Ruchlosigkeit gegen die Götter in Athen verurteilt werden sollte, was tat ihr Verteidiger Hyperides? Er löste ihren Gürtel und ließ ihre Tunika fallen, so daß er sie auf diese Weise zwang, unvermutet und plötzlich ihren Richtern in ihrer niederschmetternden Schönheit zu erscheinen, und der Areopag erklärte sie hierauf nicht bloß für unschuldig, sondern sank auch auf die Knie nieder. Wohlan, auch für Sie gilt es jetzt, entweder zu ewiger Schmach verurteilt oder zur Königin gekrönt zu werden. Es liegt, glauben Sie mir, mehr Keuschheit darin, wenn man seine Tunika einmal täglich vor zweihundert Personen fallen läßt, als wenn man zehnmal täglich unter vier Augen mit dem ersten besten den Gürtel löst. Ich verlasse Sie jetzt, überlegen Sie sich, was ich gesagt habe. Ich bin von der Richtigkeit Ihrer Ansichten so überzeugt, daß ich nur an Sie selbst appelliere, und Ihres Zartgefühls so sicher, daß ich Ihnen das Honorar für fünfzehn Abende, zu fünfundzwanzig Pfund jeder, das heißt dreihundertundfünfundsiebzig Guineen hier lasse. Wenn Sie meine Anträge ablehnen, so werden Sie mir diese dreihundertfünfundsiebzig Guineen zurücksenden, und ich werde dann wissen, was dies zu sagen hat. Wenn ich bis übermorgen nichts empfange, so werde ich Sie dann in meinem Wagen abholen. Berechnen Sie, was fünfundzwanzig Guineen täglich ein Jahr lang oder auch nur sechs Monate, oder auch nur drei Monate ausmachen zweitausendzweihundertfünfzig Pfund Sterling, beinahe ein Vermögen. Bedenken Sie, daß ich für diese ungeheure Summe von Ihnen weiter nichts verlange, als eine Stunde täglich, eine Stunde, während welcher Sie keine Gebärde zu machen und kein Wort zu sprechen brauchen, während welcher Sie die Augen schließen und zu schlafen scheinen, ja, wenn es sein muß, wirklich in magnetischem Schlafe befangen sein können. Ihr Gesicht wird mit einem Schleier bedeckt sein, der dicht genug ist, damit niemand, wenn er Ihnen den nächstfolgenden Tag begegnet, sagen könne: ›Dies ist die prachtvolle Statue, welche ich gestern gesehen.‹ Und nun, Miß Heart, reichen Sie mir Ihre schöne Hand zum Kusse. Ich entferne mich und ich hoffe.«

Und indem Doktor Graham auf meinem Tische vier Rollen, drei jede zu hundert und eine von fünfundsiebzig Guineen zurückließ, küßte er mir ehrerbietig die Hand, verneigte sich und verließ das Zimmer. Ich blieb erst stumm und beinahe unbeweglich sitzen. Meine einzige Bewegung bestand darin, daß ich dem Doktor mit den Augen folgte, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte. Auf alles, was er mir gesagt, hatte ich kein Wort der Entgegnung gefunden, in meinem Gemüt aber fand ein gewaltiger Kampf statt. Die Gastfreundschaft, welche ich empfangen und die sich durch Mangel, Not, Obdachlosigkeit und Hunger bis zu einem gewissen Grade erklären ließ, war unerträglich. Wenn ich nur drei Tage lang davon Gebrauch machte und mich in die Folgen davon fügte, so ward mein ganzes Leben dadurch befleckt und hatte nicht einmal die Entschuldigung eines Gewinnes, der mit dem Opfer im Verhältnis gestanden hätte.

Bei dem Doktor dagegen war, wie er gesagt hatte, die Nacktheit der Bildsäule durch den Schleier des Reichtums bedeckt. Ich spielte die Rolle der Danae, aber mit dem goldenen Regen, der in dieser Welt so vieles abwäscht. Auf der einen Seite handelte es sich um Entwürdigung, auf der andern nur um Keckheit.

Ich streckte die Hand aus. Ich nahm die vier Rollen eine nach der andern in die Hand; ich öffnete sie, ich ließ die Guineen in meinen Schoß fallen, ich wühlte mit den Händen in diesem Gold, ich ließ es in klirrenden Kaskaden aus den Händen wieder in meinen Schoß herabregnen, bis ich davon geblendet war.

Ich sagte mir, daß es bloß auf mich ankäme, zehn-, zwanzig-, ja hundertmal so viel zu haben, daß ja, da mein Gesicht verhüllt bleibe, mich niemand erröten machen könne, wenn er mich später wiedersähe. Ich sagte mir mit einem Worte alles, was der Stolz und die Notwendigkeit dem bedrängten wankenden Herzen eines menschlichen Wesens einflüstern können, welchem die Natur Instinkte eingepflanzt, gegen welche die Gesellschaft Gesetze gegeben und welches jung, schön, intelligent, vor Mangel und Hunger keine andere Zuflucht hat als die Prostitution.

Das Ergebnis aller dieser Betrachtungen bestand darin, daß ich die dreihundertfünfundsiebzig Pfund Sterling dem Doktor Graham nicht zurückschickte.

Am dritten Tage kam er demgemäß gegen elf Uhr morgens, wie er versprochen, um mich in seinem Wagen abzuholen.

Noch denselben Abend lag ich, das Gesicht mit einem dichten Schleier und den Körper mit einem durchsichtigen Schleier bedeckt, in dem magnetischen Schlafe, den ich gegen mein empörtes Schamgefühl zu Hilfe gerufen, auf dem Apollobette und diente dem Doktor Graham als Subjekt bei seinen megalantyropogenetischen Demonstrationen.




Zehntes Capitel


Nur London, dieses eigentümliche Gemisch von erkünstelter Verschämtheit und wirklicher Schamlosigkeit, erklärt das ungeheure Aufsehen, welches diese menschliche Schaustellung machte, welcher die Polizei, die in allen andern zivilisierten Ländern der Welt eingeschritten sein würde, nicht das mindeste Hindernis in den Weg legte.

Man schlug sich buchstäblich, um Eingang zu erzwingen, und obschon der Eintrittspreis ein Pfund Sterling betrug, so war doch der Salon, in welchem der Doktor Graham seine Vorlesungen hielt, alle Abende gefüllt.

Sobald als die Zuschauer fort waren, weckte mich der Doktor. Ich kleidete wich wieder an, wir soupierten gemeinschaftlich und zogen uns dann jedes in sein Zimmer zurück.

Niemals – ich muß dieses sagen – richtete während der zwei oder drei Monate, die ich bei ihm blieb, der Doktor auch nur ein Wort an mich, welches nicht ein Beweis von Sympathie und Achtung gewesen wäre.

Mir, die ich vor Gott geschworen, alles zu sagen, kommt es nun zu, den Leser in die geheimsten Tiefen, ich will nicht sagen des Frauenherzens, denn Gott bewahre mich davor, der Ausdruck meines ganzen Geschlechts sein zu wollen, wohl aber eines Frauenherzens hinabsteigen zu lassen.

Auch Rousseau hat in seinen »Bekenntnissen« nicht die Menschen, sondern den Menschen gemalt, und dieses Werk gilt trotz der seltsamen Enthüllungen, welche es enthält, für ein schönes Buch.

Ich möchte, indem ich keines der Geheimnisse meines Herzens den Augen des Physiologen entziehe, ein Buch schreiben, welches dem Rousseaus nicht den Rang streitig macht, wohl aber mit demselben wetteifert.

Ich komme demgemäß zu einem neuen Geständnis.

Alle Abende beim Souper erzählte mir der Doktor, ohne Zweifel damit ich nicht auf den Einfall käme, den Lauf seiner einträglichen Sitzungen zu unterbrechen, die einstimmigen Lobsprüche, welche an dem Bett, auf welchem ich ruhte, laut wurden, Lobsprüche, die für mich nicht einmal ein eitles Geräusch waren, denn die Schwere meines Schlafes konnte durch kein Geräusch, von welcher Art es auch sein mochte, durchdrungen werden.

Die Folge hiervon war, daß, weil mir fortwährend gesagt ward, selbst Venus habe in dem Netz, in welchem ihr Gemahl sie gefangen hielt, unter den Göttern des Olymps keine größere Bewunderung erregt als die, welche ich bei den Bewohnern der Erde erweckte, endlich in mir der Wunsch entstand, mit meinen eigenen Ohren jene berauschende Melodie zu hören, welche man das Lob nennt.

Ebenso wie alle meine Wünsche, ward auch dieser sehr bald unüberwindbar und da er selbst, ohne daß ich den Doktor davon zu unterrichten brauchte, leicht zu befriedigen war, so beschloß ich, ihm Raum zu geben.

Demzufolge tat ich am dritten oder vierten Tage gleich bei den ersten magnetischen Strichen, die Doktor Graham machte, als ob ich fest schliefe, und mit geschlossenen Augen, aber offenen Ohren und das Gesicht mit dem Battisttuche bedeckt, wodurch es den Blicken der Zuschauer entzogen ward, schickte ich mich an, jene Reihe glühender Lobsprüche zu hören, welche, wie der Doktor vorgab, meine Schönheit den Bewunderern der Form abnötigte.

Graham hatte durchaus nicht zu viel gesagt. Niemals stieg das Lob in duftigerem Weihrauch auf dem Altar der Göttin von Gnyda und Paphos empor, als um die Estrade herum, auf welcher ich lag.

Es war als ob jeder Bewunderer erriete, daß mein Schlaf ein verstellter sei und daß ich hören könnte, so daß er das Lob in der Hoffnung übertriebe, den Lohn dafür zu erhalten. Ich trank das süße Gift bis auf den letzten Tropfen.

Von diesem Augenblicke an nahm ich mir vor, wach zu bleiben. Das Honorar an Lobsprüchen hatte für mich mehr Wert als das an Geld.

Was den Doktor betraf, so machte er so glänzende Einnahmen, daß er, ohne daß ich es von ihm verlangte, das Honorar für meine Sitzungen verdoppelte und ich jeden Abend, anstatt fünfundzwanzig, nun fünfzig Pfund erhielt.

Fünf oder sechs Abende vergingen in jenem Rausche, von welchem jeder Erfolg begleitet zu sein pflegt. Mitten in dieser Sitzung aber drang mir ein Wort wie ein spitziges Eisen in das Herz, so daß ich zusammenzuckte.

»Wie schade,« sagte eine Stimme, »daß ein wahrscheinlich häßliches Gesicht eine so seltene Vollkommenheit der Formen verunziert.«

»Warum glauben Sie, daß diese prachtvolle Statue ein ihres Körpers unwürdiges Gesicht habe?« fragte eine zweite Stimme. »Graham sagt im Gegenteile, dieses Gesicht sei von vollendeter Schönheit.«

»Wenn dies der Fall wäre,« sagte die erste Stimme, »würde er es denn wohl so sorgfältig verhüllen?«

Die zweite Stimme fand ohne Zweifel diese Bemerkung so richtig, daß sie nichts darauf antwortete.

Am zweiten und am drittnächsten Tage wurden andere dergleichen Bemerkungen gemacht, welche meiner Eigenliebe die furchtbarsten Qualen bereiteten. Der Doktor Graham sah mir an meiner mürrischen Miene wohl an, daß mir etwas im Kopfe herumging, was ich nicht gestehen wollte.

Er befragte mich mit seiner gewohnten Artigkeit, aber ich gab ihm keine Erklärung.

Es verbreiteten sich in London in bezug auf mein Gesicht die widersprechendsten Gerüchte. Niemand wollte sich an die natürliche Ursache halten. Die einen sagten, sie wüßten aus guter Quelle, daß ich durch die Blattern entstellt worden, die andern, daß eine breite Brandwunde eine meiner Wangen durchfurche.

Alle diese Behauptungen hörte ich und es erwachte in meinem Herzen eine förmliche Wut darüber. Ich träumte den Augenblick, wo die von mir angesammelte Summe bedeutend genug sein würde, um mich der weiteren Fortsetzung dieser Schaustellung zu überheben, an deren schmachvolle Seite ich mich gewöhnt, während ich mich an die zweifelhafte Seite derselben nicht gewöhnen konnte.

Endlich eines Tages, als eine Diskussion dieser Art sich wieder in meiner Umgebung entsponnen hatte, konnte ich nicht mehr an mich halten. Eine Bewegung warf das Battisttuch, welches mein Gesicht verschleierte, herab und meine Züge erschienen völlig unverhüllt. Die Augen waren geschlossen, auf den Lippen aber ruhte der Ausdruck herausfordernden Trotzes.

Ein Ruf der Bewunderung ließ sich hören. Einen Augenblick glaubte ich, die Zuschauer würden in ihrem Enthusiasmus das Geländer niederbrechen. Der Doktor Graham sah sich genötigt, sich rasch zwischen sie und mich zu stellen.

Dieses Ereignis, welches die Wirkung des Zufalls zu sein schien, führte den Salons des Doktors eine neue Masse von Zuschauern zu. Noch denselben Abend war die Neuigkeit, daß ich von Gesicht eben so schön sei, wie von Körper, in aller Munde; den nächstfolgenden Tag stand sie in allen Zeitungen zu lesen.

Ebenso getäuscht wie die andern brachte Doktor Graham das Herabfallen meines Schleiers ebenfalls auf Rechnung eines Zufalls, dieser hatte aber für ihn ein so wunderbares Resultat herbeigeführt, daß er mich bat, mir künftig meine Schaustellung mit unverhülltem Antlitz gefallen zu lassen.

Ich tat, als ob ich seinen Bitten nachgäbe, während ich doch nur den Einflüsterungen meiner Koketterie folgte.

Mein Erfolg stieg immer höher. Die Einnahmen des Doktors erreichten die höchste Ziffer. Nach Verlauf eines Monats hatte er eine Summe von beinahe dreißigtausend Pfund Sterling realisiert.

Eines abends erschrak ich beim Klange einer Stimme, deren Ton mir nicht unbekannt war.

»Sie ist es,« murmelte die Stimme.

Einen Augenblick darauf fügte sie hinzu:

»Sie ist noch schöner, als ich glaubte.«

Ich wagte nicht; die Augen aufzuschlagen. Meine geschlossenen Augenlider waren der letzte Wall, hinter welchen sich meine Keuschheit geflüchtet hatte.

Augenscheinlich war es jemand, der mich kannte, jemand, dem ich im Laufe meines vergangenen Lebens begegnet war. Wie sehr ich aber auch mein Gedächtnis zu Hilfe nahm, so erinnerte dieser Klang mich doch an keine der Personen, welche ich während meines Verhältnisses zu Sir Harry Featherson, oder zu Sir John Payne, oder auch später gesehen.

Ich mußte daher noch weiter zurückgehen, zu Erinnerungen, welche der Zeit vor meiner Ankunft in London angehörten.

Ich brauche nicht erst zu sagen, daß die Stimme, die ich so eben gehört, die eines Mannes war.

Als die Sitzung geschlossen ward, blieb eine einzige Person hinter den anderen zurück. An ihrer Stimme erkannte ich in ihr die, auf deren Namen ich mich vergebens zu besinnen suchte.

»Mein lieber Graham,« sagte sie, »Sie müssen von Miß Emma Lyonna durchaus die Gunst erlangen, um welche ich Sie bitte.«

»Erstens heißt die Person, von welcher Sie diese Gunst zu erlangen wünschen, nicht Emma Lyonna, sondern Miß Heart,« antwortete der Doktor.«

»Es ist wohl möglich, daß sie sich Ihnen gegenüber, lieber Doktor, Miß Heart nennt, für mich aber heißt sie Emma Lyonna. Auf alle Fälle stellen Sie mich ihr vor. Ich hoffe, daß sie mich nicht ganz vergessen haben wird.«

»Heute Abend? Unmöglich!«

»Ich sage auch nicht heute Abend, sondern morgen.«

»Nun gut denn, morgen.«

»Abgemacht.«

»Falls sie sich nämlich nicht weigert.«

»In diesem Fall habe ich natürlich weiter nichts zu sagen, ich hoffe aber, daß sie sich nicht weigern wird. Adieu, mein lieber Graham.«

»Adieu, mein lieber Romney.«

Romney ! Also Romney war es!

Als der Doktor, nachdem er ihn hinausgeleitet, wieder zurückkam, fand er mich bereits angekleidet. Natürlich konnte ich nicht zuerst von Romney zu sprechen anfangen. Der Doktor hätte ja dann sofort gewußt, daß ich nicht geschlafen hatte.

Während des Soupers brachte er die Sache jedoch selbst zur Sprache und fragte mich, ob ich einen Maler Namens Romney kennte.

Ich antwortete in gleichgültigem Tone, daß ich vor drei oder vier Jahren an den Ufern des Dee allerdings einem Maler dieses Namens begegnet wäre, welcher eine Skizze von mir gemacht und mir fünf Guineen für jedes mal geboten, wo ich mich dazu verstehen würde, ihm als Modell zu dienen.

»Würden Sie sich dazu verstehen, ihn wiederzusehen?« fragte mich der Doktor. »Er befand sich heute Abend unter der Zahl meiner Zuhörer. Er hat Sie erkannt und wünscht lebhaft, Ihnen vorgestellt zu werden. Ihr Porträt von Romney gemalt, ist ein Paß, der Ihnen das Tor der Nachwelt öffnet.«

Ich antwortete, daß ich ihn mit Vergnügen wiedersehen würde; da ich ihn aber über gewisse Dinge meiner Vergangenheit zu befragen wünschte, so wollte ich ihn bei mir und ohne Zeugen empfangen.

Graham verneigte sich.

»Sie wissen,« sagte er, »daß Sie unumschränkte Herrin Ihres Tuns und Lassens sind. Versprechen Sie mir bloß, daß, welchen Einfluß Romney auch auf Sie äußern möge, Sie sich doch nicht von ihm bestimmen lassen wollen, unsere Sitzungen vor Ablauf von zwei Monaten aufzugeben. In zwei Monaten werde ich ein Vermögen realisiert und die Freude haben, auch Sie auf lange Zeit vor Mangel gesichert zu sehen.«

Ich gab Doktor Graham mein Wort, indem ich ihm einfach die Hand reichte. Er hatte sich gegen mich zu redlich benommen, als daß ich ihm nicht diesen Beweis von Dankbarkeit hätte geben sollen.

Als ich am nächstfolgenden Morgen meiner Gewohnheit gemäß allein mit dem Doktor frühstückte, fand ich unter meiner Serviette zwei Diamant-Ohrgehänge, die jedes fünfhundert Pfund Sterling wert waren.

Ich stand im Begriffe sie anzuprobieren, und mit dem Feuer, welches sie warfen, mich selbst zu blenden, als ich an der Tür jene fünf oder sechs lauten raschen Schläge vernahm, welche in London einen aristokratischen Besuch ankünden.

Ich zweifelte nicht, daß es Romney sei. In der Tat öffnete sich fünf Minuten später die Tür und ich sah meinen alten Bekannten vom Ufer des Dee eintreten.




Elftes Capitel


Ich hatte mir bereits gesagt, daß in Romneys Gegenwart nur eine große Unbefangenheit meine schiefe Stellung einigermaßen decken konnte. Hätte ich nach dem, was er am Abend zuvor gesehen, eine zurückhaltende Miene annehmen wollen, so wäre ich sehr töricht gewesen.

Ich erhob mich daher bei seinem Eintritt, ging ihm entgegen, bot ihm mit dem Lächeln einer alten Bekannten die Hand und hieß ihn willkommen.

»Meiner Treu, liebe Emma,« sagte er, »Sie bereiten mir fortwährend Überraschungen. Schon dreimal habe ich Sie gesehen. Zweimal glaubte ich, ich könnte Sie niemals schöner wiederfinden. Schon zweimal habe ich mich getäuscht und wahrscheinlich bin ich bestimmt, mich auch ein drittes Mal zu täuschen.«

»Wollen Sie mir eine Liebeserklärung machen?« fragte ich ihn. »Dann knien Sie gefälligst nieder. Wollen Sie aber bloß als Freund mit mir sprechen, so nehmen Sie gefälligst an meiner Seite Platz.«

»Da Sie die Sache so nehmen,« entgegnete Romney, »so erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich die Stellung eines Freundes erst dann einnehmen will, wenn ich die Hoffnung auf eine noch beneidenswertere verloren haben werde. Sehen Sie mich demgemäß zu Ihren Füßen, teure Emma. Ich sage Ihnen, daß Sie in der Tat das Schönste sind, was ich je auf Erden gesehen, und daß es in meinem Leben nur einen glücklicheren Tag geben wird, als den, wo ich Ihnen sage: Emma, gestatten Sie mir, Sie zu lieben, nämlich den, wo Sie zu mir sagen werden: Romney, ich liebe Sie.«

»Ich habe nichts dagegen, daß Sie mich lieben, mein bester Romney,« entgegnete ich. »Kommen Sie aber und lassen Sie uns plaudern. Ich muß nämlich von Ihnen selbst wissen, ob Sie mich noch würdig finden, Sie zu lieben, wenn ich Ihnen alles gesagt haben werde, was geschehen ist, seitdem mir uns gesehen.«

»Ah!« sagte er, »Sie begnügen sich nicht bloß damit, schön zu sein, sondern Sie besitzen auch Welt und Geist. Wollen Sie denn, daß ich geradezu den Verstand verliere?«

»Wenn dies der Fall wäre, so würde ich wahrscheinlich bloß die Hälfte der Arbeit zu verrichten haben, die andere Hälfte ist jedenfalls von Miß Arabella schon besorgt.«

»Haben Sie Miß Arabella wieder einmal gesehen?«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich Ihnen eine ganze Beichte abzulegen habe. Hören Sie mich daher an.«

Und halb ernst, halb traurig, immer aber kokett, denn ich wollte ihm gefallen, erzählte ich Romney alles, was in meinem Leben seit dem Tage geschehen, wo ich ihn zum ersten Mal gesehen wie ich ganz besonders in der Hoffnung, ihn wiederzusehen, nach London gekommen, wie ich, da ich ihn abgereist gefunden, Mr. Hawarden aufgesucht.

Dann entrollte ich ihm die ganze seltsame Kette der Ereignisse meines Lebens und wunderte mich unaufhörlich, daß ich ihn nicht ein einziges Mal in jener Welt von Gentlemen und Künstlern begegnet war, die ich während der vierzehn oder fünfzehn Monate gesehen, welche ich bei Sir John und Sir Harry verlebt.

Romney hatte seinerseits viel von mir sprechen gehört, ohne zu ahnen, daß die Rede von mir sei. Mein Auftreten als Ophelia und Julia hatte in der künstlerischen Welt Aufsehen gemacht und er hatte auch gewünscht, mich zusehen. Sein ganz der Kunst und den Vergnügungen gewidmetes Leben hatte ihn jedoch nach andern Richtungen hingelockt, und waren wir uns auf diese Weise nicht begegnet.

»Jetzt,« sagte Romney zu mir, »sind Sie zu reich, als daß ich mich erböte, Ihnen jede Sitzung mit fünf Guineen zu bezahlen, und Sie sind an der Reihe mir Almosen zu spenden. Sind Sie in Bezug auf Ihr Herz und Ihre Person noch frei?«




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notes



1


Die Verdeutschung der Worte Shakespeare's ist die Schlegel-Tieck'sche




2


Dieses Porträt befindet sich gegenwärtig in der Gallerie des Louvre.


