La San Felice Band 3
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B3





Dritter Theil





Erstes Capitel.

Die Häuslichkeit eines Gelehrten


Es war neun Uhr Morgens.

Die durch das während der Nacht stattgehabte Gewitter gereinigte Atmosphäre war wundervoll klar. Die Barken der Fischer durchfurchten schweigend den Golf zwischen dem doppelten Azur des Himmels und des Meeres.

Von dem Fenster des Speisezimmers aus hätte der in demselben auf- und abgehende Chevalier die Häuser, welche in einer Entfernung von sieben Meilen den schwarzen Abhang von Ana Capri wie weiße Punkte marmorierten, sehen und zählen können, wenn seine Gedanken in diesem Augenblicke nicht durch etwas Anderes beschäftigt worden wären.

Er dachte nämlich an jene von Buffon in seinen Epochen der Natur aufgestellte, dem Chevalier etwas gewagt erscheinende Hypothese, daß die Erde durch Zusammenstoß mit einem Kometen von der Sonne abgesprengt worden.

Gleichzeitig aber empfand er auch eine unbestimmte Unruhe, welche ihm durch den lang andauernden Schlaf seiner Gattin verursacht ward.

Es war seit seiner Vermählung heute das erste Mal, daß er beim Heraustreten aus seinem Cabinete gegen acht Uhr Morgens Luisa nicht mit Zubereitung der Taffe Kaffee, Brotes, der Butter, der Eier und der Früchte beschäftigt fand, welche das gewöhnliche Frühstück des Gelehrten ausmachten, ein Frühstück, welches dann sie, die es mit der doppelten Aufmerksamkeit einer ehrerbietigen Tochter und einer zärtlichen Gattin bereitet, mit jugendlichem Appetite zu theilen pflegte.

Nach beendetem Frühstücke, das heißt gegen zehn Uhr Morgens, küßte der Chevalier mit der Regelmäßigkeit, die er in allen Dingen beobachtete, wenn ihn nicht irgend eine naturwissenschaftliche oder philosophische Frage ganz vorzugsweise beschäftigte, seine junge Gattin auf die Stirn und machte sich auf den Weg nach der Bibliothek des Prinzen, einen Weg, den er, wenn das Wetter nicht allzu schlecht war, sowohl um des Vergnügens und der Zerstreuung willen als in Folge des ärztlichen Rathes seines Freundes Cirillo, stets zu Fuße machte und der, da er sich von Mergellina bis zum königlichen Palaste erstreckte, ziemlich anderthalb Kilometer oder zwanzig Minuten betrug.

In diesem Palaste wohnte der Kronprinz in der Regel sechs Monate des Jahres hindurch. Während der andern sechs Monate wohnte er in der sogenannten Favorite oder in Capodimonte. Für diese Zeit war dem Chevalier eine Equipage zur Verfügung gestellt.

Wenn der Prinz in dem königlichen Palaste wohnte, so kam er unabänderlich gegen elf Uhr in seine Bibliothek herunter und fand hier seinen Bibliothekar gewöhnlich auf einer Leiter stehend, um ein seltenes oder neues Buch zu suchen.

Sobald San Felice den Prinzen bemerkte, machte er eine Bewegung, um von der Leiter hinabzusteigen; der Prinz gab dies aber nicht zu. Es entspann sich dann eine fast stets literarische oder wissenschaftliche Conversation zwischen dem Gelehrten auf seiner Leiter und dem Schüler auf seinem Sessel.

Zwischen zwölf und halb ein Uhr Mittags, kehrte der Prinz wieder in seine Gemächer zurück.

San Felice stieg dann eiligst von der Leiter herunter, um den Prinzen bis an die Thür zu geleiten, zog die Uhr heraus und legte sie auf einen Schreibtisch, um die Stunde nicht zu vergessen, was ihm sonst bei einer fesselnden Arbeit sehr leicht hätte begegnen können.

Zwanzig Minuten vor zwei Uhr legte der Chevalier seine Arbeit in ein Schubfach, welches er verschloß, steckte die Uhr wieder ein und nahm seinen Hut, welchen er in Folge jener Ehrerbietung, die zu jener Zeit alle wirklich royalistisch Gesinnten gegen Alles, was mit dem Königthume zusammenhing, an den Tag legten, bis zu der auf die Straße hinausführenden Thür in den Händen hielt.

Zuweilen, wenn er gerade eine seiner Anwandlungen von Zerstreutheit hatte, legte er den ganzen Weg von dem Palaste bis zu seiner Wohnung, an deren Thür er allemal beinahe in demselben Augenblicke anpochte, wo es zwei Uhr schlug, mit bloßem Kopfe zurück.

Entweder öffnete Luisa ihm selbst oder sie erwartete ihn auf der Rampe.

Das Diner war stets bereit. Man setzte sich zu Tische und Luisa erzählte, was sie gemacht, was für Besuche sie empfangen und welche kleinen Ereignisse sich in der Nachbarschaft zugetragen hatten.

Der Chevalier seinerseits erzählte, was er unterwegs gesehen, die Neuigkeiten, welche der Prinz ihm mitgetheilt, und die politischen Nachrichten, welche aber ihn sowohl als auch Luisa in nur höchst mittelmäßigem Grade interessierten.

Nach der Mahlzeit setzte Luisa, je nach dem sie gelaunt war, sich an das Clavier oder nahm ihre Guitarre und sang ein heiteres Liedchen von Santa Lucia oder eine schwermüthige sicilianische Melodie.

Zuweilen machten beide Gatten auch einen Spaziergang auf der malerischen Straße des Pausilippo, oder zu Wagen bis nach Bagnoli oder Pozzolo.

Auf diesen Promenaden wußte San Felice stets irgend eine historische Anecdote zu erzählen, oder irgend eine interessante Bemerkung zu machen, denn seine umfassenden Kenntnisse gestatteten ihm, sich nie zu wiederholen und stets zu fesseln.

Gegen Abend kehrte man nach Hause zurück. In der Regel fand sich dann ein Freund von San Felice oder eine Freundin von Luisa ein, um den Abend im Sommer unter dem Palmbaume, im Winter im Salon bei ihnen zuzubringen.

Ein sich an diesen Abenden sehr häufig einfindender Gast war, wenn er nämlich nicht in Petersburg oder Wien weilte, Dominico Cimarosa, der Componist der »Horazier der »heimlichen Ehe«, der »Italienerin in London«, des »Directors in Verlegenheit«.

Dieser berühmte Maestro machte es sich zum Vergnügen, Luisa die noch nicht aufgeführten Piecen seiner Opern singen zu lassen.

Sie besaß außer einer vortrefflichen Schule, welche sie zum Theile ihm verdankte, jene frische, klare, unverkünstelte Stimme, welche man bei Sängerinnen von Profession so selten findet.

Zuweilen kam auch ein junger, talentvoller Maler, der dabei auch ein talentvoller Musiker und namentlich vortrefflicher Guitarrespieler war. Er hieß Vitaliani, wie jener Knabe, welcher mit zwei andern Knaben, Emanuele de Deo und Gagliani, den Schlachtopfern der ersten Reaction, auf dem Blutgerüste starb.

Zuweilen, obschon selten, denn seine zahlreichen Patienten ließen ihm wenig Zeit dazu, fand sich auch der gute Doctor Cirillo ein, welchem wir schon zwei- oder dreimal begegnet sind und dem wir noch öfter begegnen werden.

Fast alle Abende erschien die Herzogin Fusco, wenn sie nämlich in Neapel war.

Oft kam auch eine in jeder Beziehung merkwürdige Dame, eine als Publicistin und Improvisatrice ebenbürtige Nebenbuhlerin der Frau von Staël. Es war dies Eleonore Fonseca Pimentele, eine Schülerin von Metastasio, welcher ihr schon, als sie noch ganz klein war, eine große, glänzende Zukunft verheißen hatte.

Zuweilen kam noch die Gattin eines Gelehrten, eines Collegen von San Felice, die Signora Baffi, welche ebenso wie Luisa kaum halb so alt war als ihr Gatte, und den sie dennoch liebte, wie Luisa den ihrigen.

Diese Abendgesellschaften dauerten gewöhnlich bis elf Uhr, nur selten länger. Man plauderte, man sang, man declamierte, man schlürfte Eis, man aß Kuchen.

Zuweilen, wenn der Abend schön und das Meer ruhig war, wenn der Mond den Golf mit Silberflimmern bestreute, stieg man in eine Gondel und dann schwebten von dem Spiegel des Meeres melodische Klänge empor, welche den guten Cimarosa in Entzücken versetzten.

Zuweilen auch declamierte, stehend wie eine Sibylle des Alterthums, Eleonora Pimentele, während ihr langes schwarzes Haar über einer einfachen griechischen Tunica im Winde flatterte, Strophen, die an Pindar und Alkäos erinnerten.

Den nächstfolgenden Tag begann dieselbe Existenz mit derselben Pünktlichkeit wieder und nie war dieselbe durch etwas gestört oder getrübt worden.

Wie kam es daher, daß Luisa, welche der Chevalier, als er um zwei Uhr Morgens nach Hause gekommen, anscheinend so fest schlafend gefunden und die in der Regel um sieben Uhr aufzustehen pflegte, heute um neun Uhr noch nicht ihr Zimmer verlassen und die Zofe auf alle Fragen des Chevalier geantwortet hatte:

»Signora schläft und hat gebeten, daß man sie nicht wecken möge.«

Eben schlug es aber schon ein Viertel auf zehn und der Chevalier schickte sich, seiner Unruhe nicht mehr Meister, eben an, selbst an Luisa's Thür zu pochen, als seine Gattin plötzlich auf der Schwelle des Speisezimmers erschien.

Ihre Augen schienen ein wenig angegriffen zu sein und ihre Wangen waren etwas bleich, aber eben deswegen vielleicht schöner, als der Chevalier die jemals gesehen.

Er ging auf sie zu, um sie sowohl wegen ihres langen Schlafens als wegen der Unruhe, die sie ihm verursacht, auszuschelten. Als er aber das sanfte Lächeln heiterer Ruhe wie einen Morgensonnenstrahl ihr reizendes Antlitz verklären sah, da konnte er sie blos betrachten, selbst lächeln, ihr blondes Haupt zwischen beide Hände fassen und sie auf die Stirn küssen, indem er zugleich mit jener mythologischen Galanterie, welche zu jener Zeit noch nichts Altväterisches hatte, zu ihr sagte:

»Wenn die Gattin des alten Tithonos sich hat erwarten lassen, so ist es geschehen, um sich als Geliebte des Mars zu verkleiden.«

Eine lebhafte Röthe überzog Luisas Antlitz. Sie lehnte ihr Haupt an die Brust des Chevaliers, als ob sie an seinem Herzen Schutz und Zuflucht suchen wollte.

»Ich habe diese Nacht fürchterliche Träume gehabt, mein Freund,« sagte sie, »und dies hat mich ein wenig krank gemacht.«

»Und haben diese furchtbaren Träume Dir nicht blos den Schlaf, sondern auch den Appetit geraubt?«

»Dies fürchte ich allerdings,« sagte Luisa, indem sie sich an den Tisch setzte.

Sie machte eine Anstrengung, um zu essen, aber es war ihr nicht möglich. Die Kehle schien ihr von einer eisernen Faust zusammengeschnürt zu werden.

Ihr Gatte betrachtete sie mit Erstaunen und sie fühlte, wie sie unter diesem wiewohl mehr unruhigen als fragenden Blick bald roth bald blaß ward, als plötzlich dreimal und gemessen an die Thür des Gartens gepocht ward.

Wer der Einlaßbegehrende auch sein mochte, so war er für Luisa eine willkommene Erscheinung, weil er als Ableiter für die Unruhe des Chevaliers und für ihre eigene Verlegenheit dienen konnte.

Sie erhob sich daher rasch, um zu öffnen.

»Wo ist denn Nina?« fragte San Felice.

»Das weiß ich nicht,« antwortete Luisa. »Vielleicht ist sie ausgegangen.«

»Zur Stunde des Frühstücks? Wenn sie weiß, daß ihre Herrin leidend ist? Unmöglich, mein liebes Kind.«

Es ward zum zweiten Male angepocht.

»Erlaube, daß ich gehe und öffne,« sagte Luisa.

»Nein. An mir ist es, dies zu thun. Du leidest, Du bist angegriffen. Bleib ruhig sitzen. Ich will es!«

Der Chevalier sagte allerdings zuweilen: »Ich will es!« aber in so sanftem Tone und mit so zärtlichem Ausdruck, daß es stets die Bitte eines Vaters an seine Tochter, aber niemals der Befehl eines Mannes an seine Frau war.

Luisa ließ daher den Chevalier die Rampe hinunter und selbst die Thür des Gartens öffnen gehen.

Aengstlich jedoch über jeden neuen Umstand, der in ihrem Gatten Argwohn in Bezug auf das, was während der Nacht hier geschehen, erwecken konnte, eilte sie an das Fenster, steckte rasch den Kopf hinaus und sah, ohne jedoch ermitteln zu können, wer es war, einen Mann, der schon ein gewisses Alter erreicht zu haben schien und, durch seinen breitkrämpigen Hut geschützt, mit einer Aufmerksamkeit, welche sie schaudernd bemerkte, die Thür, an welche Salvato angelehnt gewesen, und die Schwelle besichtigte, auf welche er niedergesunken.

Die Thür öffnete sich und der Mann trat ein, ohne daß Luisa ihn bis diesen Augenblick zu erkennen vermochte.

An dem freudigen Klange der Stimme ihres Gatten, welcher den Besucher aufforderte, ihm zu folgen, errieth Luisa, daß es ein Freund war.

Sehr bleich und sehr aufgeregt nahm sie wieder ihren Platz am Tische ein.

Ihr Gatte trat ein, während er Cirillo vor sich herdrängte.

Sie athmete auf.

Cirillo war ihr sehr gewogen und sie besaß auch ihrerseits große Vorliebe für ihn, weil er, da er früher Arzt des Fürsten Caramanico gewesen, oft mit Liebe und Verehrung von diesem sprach, obschon er die Bande des Blutes, welche den Fürsten an Luisa fesselten, nicht kannte.

Als sie ihn erblickte, erhob sie sich daher und stieß einen Freudenruf aus. Cirillo konnte ihr nichts Schlimmes bringen.

Ach, oft hatte sie während der Nacht, die sie fast gänzlich am Bett des Verwundeten zugebracht, an den guten Doctor gedacht und bei ihrem geringen Vertrauen auf Nanno's Kunst wohl zehnmal im Begriff gestanden, Michele nach ihm zu schicken.

Sie hatte aber nicht gewagt, diesen Wunsch in Ausführung zu bringen. Was hätte Cirillo wohl von dem Geheimniß denken müssen, womit sie ihrem Gemal das furchtbare Ereigniß, welches unter ihren Augen stattgefunden, verschwieg, und wie sollte er die Gründe würdigen, welche sie zu haben glaubte, über dieses Ereigniß absolutes Schweigen zu beobachten?

Aber nichtsdestoweniger erschien es ihr eigenthümlich, daß Cirillo, den man seit mehreren Monaten nicht gesehen, sich einmal einfand und zwar gerade an dem Morgen, der auf die Nacht folgte, wo seine Anwesenheit im Hause so sehr herbeigewünscht worden.

Cirillo ließ, als er eintrat, seinen Blick eine Sekunde lang auf Luisa weilen. Dann rückte er, der Einladung des Chevaliers folgend, seinen Stuhl an den Tisch, woran seine Freunde frühstückten.

Der orientalischen Gewohnheit gemäß, die auch die Neapels, dieser ersten Station des Orients, ist, servierte Luisa ihm eine Taffe schwarzen Kaffee.

»In der That,« sagte San Felice, indem er seine Hand auf Cirillos Knie legte, »es bedurfte eines Besuchs um halb zehn Uhr Morgens, damit wir Ihnen die Vernachlässigung verzeihen, welche Sie uns jetzt so lange bewiesen. Man könnte zwanzigmal sterben, lieber Freund, ehe man erführe, ob Sie nicht selbst gestorben sind.«

Cirillo betrachtete San Felice mit derselben Aufmerksamkeit, womit er dessen Gattin angesehen. So sehr er aber bei letzterer die geheimnißvolle Spur einer aufgeregten, umruhigen Nacht gefunden, eben so sehr fand er bei ersterem die naive, heitere Ruhe der Sorglosigkeit und des Glückes.

»Also,« sagte er zu San Felice, »es macht Ihnen Vergnügen, mich diesen Morgen zu sehen, mein lieber Chevalier?«

Er betonte die beiden Worte: diesen Morgen mit unverkennbarer Absicht.

– »Es macht mir stets Vergnügen, Sie zu sehen, lieber Doctor,« fuhr der Chevalier fort, »Morgens wie Abends, und Abends wie Morgens. Gerade heute Morgen aber freue ich mich mehr als je, Sie zu sehen.«

»Warum? Sagen Sie mir das.«

»Aus zwei Gründen. Trinken Sie doch Ihren Kaffee! Ach, was den Kaffee betrifft, so haben Sie heute allerdings Unglück, denn Luisa hat ihn nicht selbst bereitet. Die Faulenzerin ist – zu welcher Stunde glauben Sie wohl, daß sie aufgestanden ist? Rathen Sie.«

»Fabiano!« rief Luisa erröthend.

»Da sehen Sie, sie schämt sich selbst. Um neun Uhr ist sie aufgestanden.«

Cirillo bemerkte Luisas Erröthen, auf welches eine tödtliche Blässe folgte.

Ohne noch zu wissen, was der Grund dieser Aufregung war, empfand Cirillo Mitleid für die arme Frau.

»Sie wünschten also aus zwei Gründen, mich zu sehen, mein lieber San Felice,« sagte er. »Welche waren die ?«

»Erstens, entgegnete der Chevalier, »denken Sie sich, daß ich gestern die Epochen der Natur von dem Herrn Grafen von Buffon aus der Bibliothek des Palastes mitgebracht habe. Der Prinz hat dieses Buch heimlich kommen lassen, denn es ist von der Censur verboten, vielleicht – etwas Gewisses weiß ich natürlich nicht – vielleicht weil es nicht ganz mit der Bibel übereinstimmt.«

»O, das wäre mir ganz gleich,« antwortete Crillo lachend, »dafern es nur mit dem gesunden Menschenverstand übereinstimmte.«

»Ah,« rief der Chevalier, »dann glauben Sie also wohl nicht wie er, daß die Erde ein durch den Zusammenstoß mit einem Kometen losgesprengtes Stück Sonne ist?«

»Eben so wenig als ich glaube, daß die Erzeugung der lebenden Wesen durch organische Kügelchen geschieht, was ebenfalls eine Theorie dieses Autors, und nach meiner Meinung eine nicht weniger abgeschmackte als die erste ist.«

»Das lasse ich mir gefallen. Ich bin also nicht so unwissend, wie ich fürchtete.«

»Sie, lieber Freund! Sie sind der gelehrteste. kenntnißreichste Mann, den ich kenne.«

»O, o, o! mein lieber Doctor, sprechen Sie leise, damit es Niemand höre. Also die Frage ist entschieden und ich brauche mir nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Die Erde ist nicht ein Stück Sonne. Einer der beiden Punkte wäre somit aufgeklärt und da es der weniger wichtige war, so habe ich denselben vorangestellt. Den zweiten haben Sie vor Augen. Was sagen Sie zu diesem Gesicht?«

Und er zeigte auf Luisa.

»Dieses Gesicht ist reizend wie immer, antwortete Cirillo; nur ein wenig matt und bleich, vielleicht in Folge des Schreckens, welchen Signora in der vergangenen Nacht gehabt haben kann.«

Der Doctor sprach die letzten Worte mit besonderem Nachdruck.

»Was für einen Schrecken?« fragte Felice.

Cirillo sah Luisa an.

»Ist diese Nacht nichts vorgefallen, was Sie erschreckt hätte, Signora?« fragte er dann.

»Nein, nichts, gar nichts, lieber Doctor,« antwortete Luisa, indem sie Cirillo einen bittenden Blick zuwarf.

»Nun dann,« bemerkte Cirillo in leicht hingeworfenem Tone, »dann haben Sie schlecht geschlafen, weiter ist es nichts.«

»Ja,« sagte San Felice lachend, »sie hat böse Träume gehabt und gleichwohl lag sie, als ich aus dem englischen Gesandtschaftshotel nach Hause kam, in so festem Schlafe, daß ich sie küßte, ohne daß sie davon erwacht wäre.«

»Und zu welcher Stunde kamen Sie nach Hause zurück?«

»Gegen halb drei Uhr.«

»Sehr richtig«, sagte Cirillo; »da ist Alles vorüber gewesen.«

»Was ist vorüber gewesen?«

»Nichts,« sagte Cirillo. »Es ist blos in der vergangenen Nacht ein Mensch vor Ihrer Thür ermordet worden, weiter ist es nichts.«

Luisa ward so bleich wie das battistene Negligé, mit welchem sie bekleidet war.

»Aber, fuhr Cirillo fort, »da der Mord um zwölf Uhr stattgefunden, da Signora zu dieser Stunde geschlafen hat und da Sie selbst erst um halb drei Uhr nach Hause gekommen sind, so haben Sie natürlich nichts davon wissen können.«

»Nein und Sie sind der Erste, der mir etwas davon erzählt. Unglücklicherweise ist ein Mord in den Straßen von Neapel nichts Seltenes, ganz besonders nicht in Mergellina, wo die Straßenbeleuchtung so mangelhaft ist und alle Welt um neun Uhr Abends schon im Schlafe liegt. Ach, nun verstehe ich, warum Sie heute so früh gekommen sind.«

»Sehr richtig, mein Freund. Ich wollte wissen, ob jener Mord, welchem etwas ganz Außergewöhnliches zu Grunde zu liegen scheint, nicht, da er unter Ihren Fenstern geschehen, Störung in Ihrem Hause hervorgerufen habe.«

»Nein, durchaus nicht. Sie sehen dies selbst. Auf welche Weise haben aber Sie denn diesen Mord erfahren?«

»Ich ging nur wenige Augenblicke, nachdem er stattgefunden, an Ihrem Hause vorüber. Der Ermordete – es muß ein überaus starker und muthiger Mann gewesen sein – hat zwei Sbirren getödtet und zwei andere verwundet.«

Luisa verschlang jedes Wort, welches aus dem Munde des Doctors kam. Alle jene Einzelheiten, welche man nicht vergißt, waren ihr unbekannt.

»Wie?« fragte San Felice, indem er die Stimme senkte, »die Mörder waren Sbirren?«

»Unter dem Commando Pasquales de Simone, antwortete Cirillo, indem er eben so leise sprach als der Chevalier.

»Glauben Sie denn an alle diese Verleumdungen?« fragte San Felice.

»Ich muß wohl daran glauben.«

Cirillo faßte den Chevalier bei der Hand und führte ihn an das Fenster.

»Sehen Sie,« sagte er, den Finger ausstreckend, »auf der andern Seite des Löwenbrunnens, an der Thür jenes Hauses, welches die Ecke des Platzes und der Straße bildet, sehen Sie dort jene zwischen vier Kerzen ausgestellte Bahre?«

»Ja.«

»Wohlan. Dieselbe enthält die Leiche eines der beiden verwundeten Sbirren. Er starb unter meinen Händen und hat mir, ehe er starb, noch Alles erzählt.«

Cirillo drehte sich rasch um, um sich von der Wirkung zu überzeugen, welche die Worte, die er so eben gesprochen, auf Luisa geäußert hätten.

Sie war aufgestanden und trocknete sich mit ihrem Tuche den Schweiß von der Stirn.

Sie begriff recht wohl, daß diese Worte um ihretwillen gesagt worden. Die Kräfte wurden ihr untreu und sie sank mit gefalteten Händen auf ihren Stuhl nieder.

Cirillo machte ihr durch eine Geberde bemerklich, daß auch er verstand und beruhigte sie durch einen Blick.

»Mein lieber Chevalier, fuhr er fort, »ich freue mich, daß dies Alles in partibus geschehen, das heißt ohne daß Sie oder Signora etwas davon gesehen oder gehört haben. Da Signora aber dennoch ein wenig leidend ist, so erlauben Sie mir wohl, sie zu befragen und ihr ein kleines Recept zu schreiben. Da nun die Aerzte stets sehr indiscrete Fragen thun, da ferner die Damen in Bezug auf ihre Gesundheit gewisse verschämte Geheimnisse haben, über welche sie sich nur unter vier Augen aussprechen können, so werden Sie mir gestatten, Signora, Sie in Ihr Zimmer zu geleiten und Sie dort ganz in aller Ruhe und Bequemlichkeit zu befragen.«

»Es ist nicht nöthig, lieber Doctor. Eben schlägt es zehn Uhr. Ich habe mich um zwanzig Minuten verspätet. Bleiben Sie bei Luisa und nehmen Sie sie in die Beichte, während ich mich nach meiner Bibliothek verfüge. Apropes, Sie wissen wohl, was diese Nacht im Hotel der englischen Gesandtschaft geschehen ist?«

»Ja, wenigstens so ziemlich.«

»Wohlan, ich bin überzeugt, daß dies schon bedeutende Folgen herbeigeführt hat. Der Prinz kommt sicherlich früher herunter als gewöhnlich, ja er erwartet mich vielleicht schon; Sie haben mir heute Morgen Neuigkeiten mitgebracht, vielleicht kann ich Ihnen heute Abend, wenn Sie wieder hier vorbeikommen, auch einige mittheilen. Doch was schwatze ich denn. Man kommt ja hier nicht vorbei; man kommt blos hierher, wenn man sich verirrt. Mergellina ist der Nordpol von Neapel und ich sitze hier zwischen Eisbergen.«

Dann küßte er seine Gattin auf die Stirn und sagte:

»Auf Wiedersehen, theures Kind. Erzähle nur dem Doctor alle deine kleinen Geschichten. Bedenke, daß deine Gesundheit meine Freude und daß dein Leben mein Leben ist. Auf Wiedersehen, lieber Doctor.«

Dann warf er einen Blick auf die Wanduhr.

»Ein Viertel auf elf!« rief er, »ein Viertel auf elf!« Und Hut und Parapluie gen Himmel reckend, eilte er die Stufen der Rampe oder Terrasse hinunter.

Cirillo sah ihn sich entfernen, hatte aber nicht einmal so viel Geduld, daß er gewartet hätte, bis der Chevalier zum Garten hinaus war, sondern drehte sich sofort nach Luisa herum.

»Er ist hier, nicht wahr?« fragte er im Tone der ängstlichsten Theilnahme.

»Ja, ja, ja!«, murmelte Luisa, indem sie vor Cirillo auf die Knie niedersank.

»Todt oder lebendig?«

»Lebendig!«

»Gott sei gepriesen!« rief Cirillo, »und Sie, Luisa?«

Er betrachtete sie mit einem Gemisch von Bewunderung und Zärtlichkeit.

»Und ich?« fragte sie an allen Gliedern zitternd.

»Sie,« sagte Cirillo, indem er sie aufhob und an sein Herz drückte, »Sie sollen gesegnet sein.«

Und Cirillo sank nun einerseits auf einen Stuhl nieder und trocknete sich die Stirn.




Zweites Capitel.

Die beiden Verwundeten


Luisa begriff nicht den Auftritt, der so eben stattgefunden. Sie errieth blos, daß sie einer Person das Leben gerettet, welche Cirillo theuer war – dies war Alles.

Als sie den guten Doctor unter der Last der Gemüthsbewegung, die er erfahren, erbleichen sah, goß sie ihm ein Glas frisches Wasser ein und reichte es ihm.

Er trank es halb aus.

»Und nun,« sagte Cirillo, indem er sich rasch erhob, »nun lassen Sie uns keine Minute versäumen. Wo ist er?«

»Dort,« sagte Luisa, indem sie nach dem Ende des Corridors zeigte.

Cirillo machte eine Bewegung in der angedeuteten Richtung. Luisa hielt ihn zurück.

»Aber –« sagte sie zögernd.

»Nun, aber?« wiederholte Cirillo.

»Hören Sie mich und ganz besonders entschuldigen Sie mich, mein Freund,« sagte sie zu ihm mit ihrer liebkosenden Stimme und indem sie ihre beiden Hände auf seine Schultern legte.

»Ich höre, sagte Cirillo lächelnd. »Er liegt doch nicht etwa in den letzten Zügen?«

»Nein, Gott sei Dank. Er befindet sich sogar, glaube ich, so gut, als ein Mensch in seiner Lage sich befinden kann, wenigstens war dies der Fall, als ich ihn vor zwei Stunden verließ. Dies ist es, was Sie erfahren mußten, ehe Sie ihn sehen. Ich wagte nicht, Sie rufen zu lassen, weil Sie der Freund meines Gatten sind und weil ich instinctartig fühlte, daß mein Gatte von all diesem nichts erfahren dürfe. Ich wollte keinem Arzte, dessen ich nicht sicher wäre, ein wichtiges Geheimniß anvertrauen, denn es liegt hier ein wichtiges Geheimniß zu Grunde, nicht wahr, mein Freund?«

»Ja, ein furchtbares Geheimniß, Luisa.«

»Ein königliches Geheimniß, nicht wahr?«, hob diese wieder an.

»Ruhig! Wer hat Ihnen dies gesagt?«

»Der Name eines der Mörder selbst.«

»Sie erkannten diesen?«

»Michele, mein Milchbruder, erkannte Pasquale de Simone. Aber lassen Sie mich ausreden. Ich wollte Ihnen also sagen, daß ich nicht wagte, Sie rufen zu lassen, und da ich auch keinen andern Arzt holen lassen wollte, als Sie, so bat ich eine zufällig anwesende Person, dem Verwundeten die erste Pflege zu widmen.«

»Gehört diese Person dem Fache der Heilkunde an?« fragte Cirillo.

»Nein, aber sie behauptet im Besitze von Geheimmitteln zu sein.«

»Also irgend ein Charlatan.«

»Nein; aber entschuldigen Sie mich, lieber Doctor; ich bin so unruhig, daß mein armer Kopf sich verwirrt. Mein Milchbruder Michele, der, welchen man Michele den Narren nennt, Sie kennen ihn wohl?«

»Ja, und beiläufig gesagt, fordere ich Sie sogar auf, ihm nicht zu trauen. Er ist ein engagierter Royalist, in dessen Gegenwart ich nicht hier vorbeikommen möchte, wenn mein Haar à la Titus gestutzt wäre und ich Pantalons anstatt kurzer Beinkleider trüge. Er spricht von weiter nichts, als daß die Jacobiner gehängt und verbrannt werden müßten.«

»Ja, aber er ist nicht fähig, ein Geheimniß zu verrathen, bei welchem ich in irgend einem Grade betheiligt wäre.«

»Das ist wohl möglich. Unsere Leute aus dem Volke sind ein Gemisch von Gutem und Bösem, nur behauptet bei der Mehrzahl von ihnen das Böse die Oberhand. Was wollten Sie mir also von Ihrem Milchbruder Michele erzählen?«

»Unter dem Vorwande, mir wahrsagen zu lassen – ich schwöre Ihnen, mein Freund, daß diese Idee von ihm, aber nicht von mir ausging – hatte er mir eine albanesische Zigeunerin zugeführt. Sie hatte mir allerhand thörichte Dinge prophezeit und war mit Einem Worte noch da, als ich jenen unglücklichen jungen Mann bei mir aufnahm. Sie ist es, die mit Hilfe der Kräuter, deren Heilkraft sie zu kennen vorgibt, das Blut gestillt und den ersten Verband angelegt hat.«

»Hm!« sagte Cirillo in unruhigem Tone.

»Was meinen Sie?«

»Sie hatte doch keinen Grund zu Feindseligkeiten gegen den Verwundeten, nicht wahr nicht?«

»Nein; sie kennt ihn nicht, und schien im Gegentheile an seiner Lage großes Interesse zu nehmen.«

»Dann fürchten Sie also nicht, daß sie, um einen Zweck der Rache zu erreichen, vielleicht giftige Kräuter in Anwendung gebracht habe?«

»Mein Gott!« rief Luisa erbleichend, was sagen Sie! Doch nein, es ist unmöglich. Der Verwundete schien, abgesehen von großer Schwäche, sogleich Linderung zu fühlen, als der Verband angelegt war.«

»Diese Frauen, sagte Cirillo, wie mit sich selbst sprechend, »besitzen zuweilen in der That ganz vortreffliche Geheimnisse. Im Mittelalter, ehe die Wissenschaft mit Avicenna aus Persien und mit Averrhoé aus Spanien zu uns kam, waren sie die Vertrauten der Natur, und wenn die heutige Medicin weniger stolz wäre, so würde sie gestehen, daß sie ihnen einige ihrer besten Entdeckungen verdankt. Nur, meine theuere Luisa,« fuhr er fort, indem er sich wieder zu der Gattin des Chevalier wendete, »nur sind diese Geschöpfe sehr wild und eifersüchtig, und es würde dem Kranken Gefahr bringen, wenn die Wahrsagerin erführe, daß außer ihr noch ein anderer Arzt ihm seine Sorgfalt widmet. Suchen Sie daher sie zu entfernen, damit ich den Verwundeten allein sehen kann.«

»Daran hatte ich auch schon gedacht, mein Freund, und ich wollte Sie eben davon in Kenntniß setzen,« sagte Luisa. »Jetzt, wo Sie Alles wissen und wo Sie sogar meinen Befürchtungen entgegengekommen sind, bitte ich Sie, mich zu begleiten. Sie werden in ein Nebenzimmer treten, ich werde Nanno unter irgend einem Vorwand entfernen und dann, o bester Doctor, sagte Luisa, indem sie die Hände faltete, wie sie vor Gott gethan haben würde, »dann werden Sie ihn retten, nicht wahr?«

»Die Natur rettet, nicht wir, mein Kind, antwortete Cirillo; »wir unterstützen die Natur blos, das ist Alles, und ich hoffe, daß sie auch bereits für unsern lieben Verwundeten Alles gethan haben wird, was sie thun kann. Doch verlieren wir keine Zeit. In dergleichen Fällen hängt die Heilung in hohem Grade von der Schnelligkeit der Hilfeleistung ab. Wenn man sich auch auf die Natur verlassen muß, so darf man doch auch nicht verlangen, daß sie Alles thue.«

»Nun, dann kommen Sie,« sagte Luisa.

Sie ging voran und der Doctor folgte ihr.

Man durchschritt die lange Reihe von Gemächern, welche zu dem Hause San Felice gehörten, dann öffnete man die Verbindungsthür, welche in das benachbarte Haus führte.

»Ah,« sagte Cirillo, als er diese Combination des Zufalls bemerkte, welche bei diesem Ereigniß so gut zu Statten gekommen war, »das ist ganz vortrefflich. Ich verstehe, ich verstehe. Er ist nicht bei Ihnen, sondern bei der Herzogin Fusco. Es gibt eine Vorsehung, mein Kind.«

Und mit einem Blick gen Himmel dankte Cirillo jener Vorsehung, an welche die Aerzte im Allgemeinen sonst so wenig zu glauben pflegen.

»Dann muß er also versteckt gehalten werden, nicht wahr?« fragte Luisa.

Cirillo verstand, was Luisa sagen wollte.

»Ja, vor Jedermann ohne alle Ausnahme, verstehen Sie wohl? Würde eine Anwesenheit in diesem Hause, obschon es nicht das Ihrige ist, bekannt, so würde zunächst Ihr Gemahl auf grausame Weise compromittiert werden.«

»Dann,« rief Luisa freudig, »hatte ich mich also doch nicht geirrt und ich habe wohl daran gethan, mein Geheimniß für mich zu behalten, nicht wahr?«

»Ja, Sie haben wohl daran gethan, und ich will nur noch ein Wort hinzufügen, um Ihnen jedes Bedenken zu benehmen. Würde dieser junge Mann erkannt und festgenommen, so wäre nicht blos sein Leben in Gefahr, sondern auch das Ihrige, das Ihres Gemahls, das meinige und das noch vieler anderer Leute, welche mehr werth sind, als ich.«

»O, Niemand besitzt größeren Werth als Sie, mein Freund, und Niemand weiß das besser als ich. Doch wir sind nun an der Thür, lieber Doctor. Wollen Sie einstweilen hier bleiben und mich zuerst eintreten lassen?«

»Thun Sie es,« sagte Cirillo, indem er auf die Seite trat.

Luisa legte die Hand auf das Schloß und ließ die Thür sich ohne das mindeste Knarren in ihren Angeln drehen.

Ohne Zweifel waren alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, damit die Thür sich so ohne Geräusch öffne.

Zum großen Erstaunen Luisa's fand sie den Verwundeten allein mit Nina, welche einen kleinen Schwamm in der Hand haltend ihm denselben auf die Brust hielt und mittelt eines sanften Druckes den Saft der von der Wahrsagerin gepflückten Kräuter darauf träufeln ließ.

»Wo ist Nanno? Wo ist Michele?« sagte Luisa.

»Nanno ist fort,« sagte Nina; »sie sagte, es ginge nun Alles gut und sie habe für den Augenblick hier nichts weiter zu thun, während sie anderwärts sehr viel zu thun habe.«

»Und Michele?«

»Michele sagte, in Folge der Ereignisse der vorigen Nacht würde es wahrscheinlich auf dem Altmarkt Lärm geben und da er einer der Anführer seines Quartiers ist, so meinte er, wenn es Lärm gäbe, so wolle er auch mit dabei sein.«

»Dann bist Du also allein? »Ganz allein.«

»Kommen Sie herein, kommen Sie herein, Doctor,« sagte Luisa, »das Feld ist frei.«

Der Doctor trat ein.

Der Kranke lag auf einem Bett, dessen Kopfende dicht an der Wand stand. Seine Brust war vollkommen entblößt, bis auf eine Leinwandbinde, welche kreuzweise um die Schultern herumgezogen, den Verband auf der Wunde festhielt. Diese Stelle der Wunde war es, auf welche Nina, indem sie sanft mit dem Schwamm darüber hinwegfuhr, den Saft der Kräuter träufelte.

Salvato lag unbeweglich da, und hielt die Augen in dem Moment, wo Luisa die Thür öffnete, geschlossen. Sofort öffneten sie sich auch und sein Gesicht gewann einen Ausdruck von Freude, welche beinahe den des Leidens verschwinden ließ.

Durch die Signora aufgefordert einzutreten, erschien Cirillo seinerseits.

Der Verwundete betrachtete ihn anfangs mit Unruhe. Wer war dieser Mann? Wahrscheinlich ein Vater, vielleicht ein Gatte.

Plötzlich aber erkannte er ihn, machte eine Bewegung, wie um sich zu erheben, murmelte den Namen Cirillo und reichte ihm die Hand.

Dann sank er, erschöpft durch die kurze Anstrengung, die er gemacht, auf den Pfühl zurück.

Cirillo legte den Finger an den Mund und gab ihm dadurch zu verstehen, daß er weder sprechen noch sich bewegen solle.

Er näherte sich dem Verwundeten, löste die Binde, welche die Brust umschlossen hielt, besichtigte aufmerksam die Ueberreste der von Michele gestampften Kräuter, kostete die daraus gepreßte Flüssigkeit und lächelte, als er die dreifach zusammenziehende Combination der Feldraute, des Wegerich und des Wermuth erkannte.

»Das ist gut, sagte er zu Luisa, auf welcher wiederum der Blick und das Lächeln des Kranken haftete. »Sie können mit diesen Mitteln fortfahren. Ich hätte vielleicht nicht dieselben, ganz gewiß aber keine bessern verordnet.«

Dann wendete er sich wieder zu dem Verwundeten und untersuchte ihn mit der größten Aufmerksamkeit.

In Folge der Einwirkung der zusammenziehenden Kräuter, welche den Verband bildeten, und des Saftes derselben, womit die Wunde fortwährend benetzt worden, hatten die Lefzen der Wunde sich schon bedeutend genähert. Sie waren rosenfarben, sahen sehr gut aus und es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß ein innerer Bluterguß erfolgt war. Hatte auch der Anfang eines solchen stattgefunden, so war er doch sicherlich durch das unterbrochen worden, was die Chirurgen den »Klumpen« (geronnenes Blut) nennen, ein bewundernswürdiges Werk der Natur, welche für die von ihr geschaffenen Wesen mit einer Intelligenz kämpft, die von der Wissenschaft niemals erreicht werden wird.

Der Puls war schwach, aber gut.

Es blieb nun noch übrig zu wissen, in welchem Zustand die Stimme wäre. Cirillo begann damit, daß er sein Ohr an die Brust des Kranken legte und auf seinen Athenzug horchte. Ohne Zweifel war er damit zufrieden, denn er richtete sich auf und beruhigte durch ein Lächeln Luisa, welche alle seine Bewegungen mit den Augen verfolgte.

»Wie fühlen Sie sich, mein lieber Salvato?« fragte er den Verwundeten.

»Schwach, aber sonst sehr wohl,« antwortete er. »Ich möchte immer so bleiben.«

»Bravo!« rief Cirillo. »Die Stimme ist besser, als ich hoffte. Nanno hat eine herrliche Cur ausgeführt und ich glaube, Sie können, ohne sich allzusehr anzustrengen, einige Fragen beantworten, deren Wichtigkeit. Sie selbst fühlen werden.«

»Ich begreife,« sagte der Kranke.

In der That würde Cirillo in jedem andern Falle das Verhör, welches er mit Salvato anzustellen im Begriff stand, auf den andern Tag verschoben haben, die Situation war aber so ernst, daß er keinen Augenblick zu verlieren hatte, um die Maßregeln zu ergreifen, welche diese Lage nöthig machte.

»Sobald Sie sich ermüdet fühlen, schweigen Sie,« sagte er zu dem Verwundeten, »und wenn die Fragen, die ich an Sie stellen werde, von Luisa beantwortet werden können, so bitte ich diese, Ihnen die Mühe des Selbstantwortens zu ersparen.«

»Sie heißen Luisa?«, sagte Salvato.

»Es war dies auch der Vorname meiner Mutter. Gott hat also für die, welche mir das Leben gegeben, und für sie, die es mir gerettet, nur einen und denselben Namen geschaffen. Ich danke ihm dafür.«

»Mein Freund,« sagte Cirillo, seien Sie mit Ihren Worten nicht so verschwenderisch. Ich mache mir Vorwürfe über jedes Wort, welches ich Sie nöthige auszusprechen. Sprechen Sie daher keines aus, was überflüssig wäre.«

Salvato nickte zum Zeichen des Gehorsams leicht mit dem Kopf.

»Zu welcher Stunde,« fragte Cirillo, halb zu Salvato, halb zu Luisa gewendet, »zu welcher Stunde kam der Verwundete wieder zum Bewußtsein?«

Luisa beeilte sich für Salvato zu antworten:

»Um fünf Uhr Morgens, mein Freund; gerade als der Tag zu grauen begann.«

Der Verwundete lächelte; bei den ersten Strahlen dieser Morgenröthe hatte er Luisa erblickt.

»Was dachten Sie, als Sie sich in diesem Zimmer fanden, und eine unbekannte Person in Ihrer Nähe sahen?«

»Mein erster Gedanke war, ich sei todt, und ein Engel des Herrn sei herniedergestiegen, um mich in den Himmel emporzutragen.«

Luisa machte eine Bewegung, um sich hinter Cirillo zu verstecken, Salvato aber streckte die Hand mit so plötzlicher Bewegung nach ihr aus, daß Cirillo die Gattin des Chevalier festhielt, damit der Verwundete sie sehen könnte.

»Er hat Sie für den Engel des Todes gehalten,« sagte Cirillo zu ihr. »Beweisen Sie ihm, daß er sich geirrt hat und daß Sie im Gegentheile der Engel des Lebens sind.«

Luisa seufzte, legte die Hand aufs Herz, ohne Zweifel, um das Klopfen desselben zu beschwichtigen, und indem sie, ohne Kraft zum Widerstande, dem Zwange nachgab, welchen Cirillo ihr auflegte, näherte sie sich dem Verwundeten.

Die Blicke Beider kreuzten sich, um sich nicht wieder zu trennen.

»Haben Sie eine Vermuthung, wer Ihre Mörder gewesen seien?« fragte Cirillo.

»Ich kenne dieselben,« sagte Luisa rasch, »und ich habe sie Ihnen schon genannt. Es sind Leute, die im Dienste der Königin stehen.«

Der Empfehlung Cirillos, Luisa so oft als möglich für sich antworten zu lassen, folgend, begnügte Salvato sich damit, daß er eine bejahende Geberde machte.

»Und vermuthen Sie auch, in welcher Absicht diese Leute Sie zu ermorden versucht haben?«

»Sie haben es mir selbst gesagt,« antwortete Salvato. »Es geschah, um mir die Papiere abzunehmen, deren Ueberbringer ich war.«

»Wo befanden sich diese Papiere?«

»In der Tasche des Rockes, welchen Nicolino mir geliehen.«

»Und diese Papiere?«

»In dem Augenblicke, wo ich die Besinnung verlor, war es mir, als würden sie mir geraubt.«

»Ermächtigen Sie mich, Ihren Rock zu visitieren?«

Der Verwundete gab durch Kopfnicken eine Zustimmung zu erkennen.

Luisa mischte sich ein.

»Ich will Ihnen den Rock geben, wenn Sie ihn haben wollen, sagte sie, »aber es wird nichts nützen, denn die Taschen sind leer.«

Cirillo schien mit den Augen zu fragen:

»Woher wissen Sie das?«

»Unsere erste Sorge, antwortete Luisa auf diese stumme Frage, »war darauf gerichtet, wo möglich einen Aufschluß ausfindig zu machen, der uns die Identität des Verwundeten feststellen helfen könnte. Hätte er eine Mutter oder eine Schwester in Neapel gehabt, so wäre es meine Pflicht gewesen, dieselbe auf jede Gefahr hin von dem Vorfalle zu unterrichten. Wir fanden aber nichts, nicht wahr, Nina?«

»Nein, wir fanden nichts, Signora.«

»Und was waren es für Papiere, welche sich in diesem Augenblicke in den Händen Ihrer Feinde befinden? Können Sie sich noch darauf besinnen, Salvato?«

»Es war nur ein einziges, der Brief des Generals Championnet, welcher dem Gesandten Frankreichs empfahl, das gute Einvernehmen zwischen den beiden Staaten so lange als möglich zu erhalten, weil er jetzt noch nicht in den Stand gesetzt sei, den Krieg zu beginnen.«

»Sprach er auch von den Patrioten, welche sich mit ihm in Mittheilungen gesetzt haben?«

»Ja, um ihm zu sagen, daß er sie beschwichtigen solle.«

»Hat er auch ihre Namen genannt?«

»Nein.«

»Wissen Sie dies gewiß?«

»Ja, ganz gewiß.«

Erschöpft durch die Anstrengung, welche es ihm kostete, diese rasch auf einander folgenden Fragen zu beantworten, schloß der Verwundete die Augen und ward bleich.

Luisa stieß einen lauten Schrei aus. Sie glaubte, er werde wieder ohnmächtig.

Bei diesem Schrei öffneten Salvatos Augen sich wieder und ein Lächeln – war es das der Dankbarkeit oder der Liebe? – umspielte seine Lippen.

»Es ist nichts, Signora,« sagte er, »es ist nichts.«

»Gleichviel, sagte Cirillo, »jetzt kein Wort weiter. Ich weiß, was ich wissen wollte. Hätte blos mein Leben auf dem Spiele gestanden, so würde ich Ihnen das unbedingteste Schweigen empfohlen haben, aber Sie wissen, daß ich nicht allein bin und Sie verzeihen mir.«

Salvato ergriff die Hand, welche der Doctor ihm bot, und drückte sie mit einer Kraft, welche bewies, daß seine Energie ihn nicht verlassen hatte.

»Und nun,« sagte Cirillo, »schweigen Sie und beruhigen Sie sich. Das Uebel ist weniger groß, als ich fürchtete und als es hätte sein können.«

»Der General aber,« sagte der Verwundete trotz des ihm erheilten Befehls zu schweigen, »der General muß erfahren, woran er sich zu halten hat.«

»Der General,« antwortete Cirillo, »wird, ehe drei Tage vergehen, einen Boten oder eine Botschaft erhalten, die ihn über Ihr Schicksal beruhigen wird. Er soll erfahren, daß Sie gefährlich aber nicht tödlich verwundet sind. Er soll erfahren, daß Sie sich außerhalb des Bereichs der neapolitanischen Polizei befinden, so geschickt diese auch sein mag. Er soll erfahren, daß Sie eine Krankenwärterin haben, welche Sie für einen Engel des Himmels gehalten, ehe Sie wußten, daß es eine einfache barmherzige Schwester war. Er soll endlich erfahren, mein lieber Salvato, daß jeder Verwundete an Ihrer Stelle sein möchte und von seinem Arzt weiter nichts verlangen würde, als daß er ihn nicht zu schnell heilen möge.«

Cirillo erhob sich, ging an einen Tisch, auf welchem Schreibmaterialien lagen, und während er ein Recept schrieb, suchte und fand Salvato die Hand Luisa's, welche diese ihm erröthend überließ.

Als das Recept geschrieben war, übergab Cirillo es der Zofe, welche sich sofort damit entfernte, um es ausführen zu lassen.

Dann rief er Luisa zu sich und sagte ihr so leise, daß der Verwundete es nicht hören konnte:

»Pflegen Sie diesen jungen Mann, wie eine Schwester ihren Bruder, oder vielmehr wie eine Mutter ihr Kind pflegen würde. Niemand, selbst nicht der Chevalier, darf etwas von seiner Anwesenheit hier erfahren. Die Vorsehung hat Ihre weichen, keuschen Hände erkoren, um ihnen das kostbare Leben eines seiner Auserwählten anzuvertrauen. Sie sind der Vorsehung dafür Rechenschaft schuldig.

Luisa ließ seufzend den Kopf sinken.

Ach, diese Ermahnung war überflüssig und die Stimme ihres Herzens empfahl ihr den Verwundeten nicht weniger zärtlich als die Cirillos, wie mächtig diese auch war.

»Uebermorgen komme ich, wenn mich sonst nichts abhält, wieder, fuhr Cirillo fort. »Schicken Sie daher nicht nach mir, denn nach Allem, was diese Nacht geschehen, wird die Polizei mich scharf ins Auge fassen. Es gibt jetzt weiter nichts zu thun, als was schon geschehen ist. Sehen Sie zu, daß der Verwundete keine materielle oder moralische Erschütterung erfahre. Für alle Welt und selbst für den Chevalier sind Sie die Patientin, welcher meine ärztlichen Besuche gelten.«

»Aber,« murmelte Luisa, »wenn mein Gatte dennoch erführe –«

»In diesem Falle nehme ich Alles auf mich,« antwortete Cirillo.

Luisa hob die Augen gen Himmel und athmete freier.

In diesem Augenblick kam Nina mit der verordneten Medicin zurück.

Mit Beihilfe der Zofe legte Cirillo frischgestampfte Kräuter auf die Brust des Verwundeten, befestigte die Binde, empfahl ihm Ruhe und nahm, in Bezug auf sein Leben so ziemlich beruhigt, Abschied von Luisa, indem er ihr nochmals versprach, den zweitnächsten Tag wiederzukommen.

In dem Augenblick, wo Nina hinter ihm die Hausthür verschloß, kam ein Carrozzello den Pausilippo herunter.

Cirillo winkte ihm und stieg hinein.

»Wohin soll ich Sie bringen, Eccellenza?« fragte der Kutscher.

»Nach Portici, mein Freund. Wenn wir in einer Stunde dort sind, so bekommst Du einen Piaster Trinkgeld.«

Und er zeigte ihm den Piaster, aber ohne ihm denselben zu geben.

»Viva San Gennaro!« rief der Kutscher.

Und er peitschte auf sein Pferd, welches im Galopp davonrannte.

Bei dieser Geschwindigkeit hätte Cirillo das Ziel seiner Fahrt in weniger als einer Stunde erreicht, als er aber die neue Straße de la Marina passieren wollte, fand er den Kai von einer ungeheuren Menschenmenge versperrt, welche ihm das augenblickliche Weiterfahren geradezu umöglich machte.




Drittes Capitel.

Fra Pacifico


Michele hatte sich nicht geirrt. Es hatte Lärm auf dem Altmarkt gegeben, nur hatte derselbe nicht ganz die Ursache, welche Luisas Bruder ihm beimaß, aber diese Ursache war wenigstens nicht die alleinige gewesen.

Versuchen wir zu erzählen, was in diesem tumultuarischen Quartier des alten Neapel geschehen war, einem Stadttheil, in welchem Lazzaroni, Camorristen und Guappi sich um die Herrschaft streiten, wo Masamiello seine Revolution improvisierte und von wo seit fünfhundert Jahren alle Emeuten ausgegangen sind, welche die Hauptstadt Siciliens bewegt haben, ebenso wie von dem Vesuv alle Erdbeben ausgegangen sind, welche Refina, Portici und Torre del Greco erschüttert haben.

Gegen sechs Uhr Morgens hatten die Nachbarn des Klosters vom heiligen Ephraim, welches in der Salita dei Capuccini steht, wie gewöhnlich den mit der Verproviantierung des Klosters beauftragten Mönch herauskommen und seinen Esel vor sich hintreibend die lange Straße hinabwandern sehen, welche vor dem Thor des heiligen Gebäudes nach der Straße de l'Infrascata führt.

Da diese beiden Wesen, das zweifüßige sowohl als das vierfüßige, bestimmt sind, in unserer Erzählung eine gewisse Rolle zu spielen, so verdienen sie, ganz besonders das zweifüßige, eine nähere Beschreibung.

Der Mönch, welcher die braune Kutte der Capuziner mit der den Rücken hinabhängenden Capuze trug, ging den Ordensregeln gemäß mit nackten Füßen in Sandalen mit Holzsohlen, die mit zwei gelbledernen Riemen um den Knöchel herum befestigt waren.

Sein Kopf war glatt rasiert bis auf den schmalen Kranz von Haaren, welcher bestimmt ist, die Dornenkrone des Heilands zu versinnlichen.

Um den Leib trug er jene wunderbare Schnur des heiligen Franciscus, welche auf die Verehrung, welche die Gläubigen dem Orden zollen, einen so großen Einfluß ausübt und deren drei symbolische Knoten an drei Gelübde erinnern, welche die Mönche dieses Ordens, indem sie der Welt entsagen, leisten, nämlich das Gelübde der Armuth, das Gelübde der Keuschheit und das Gelübde des Gehorsams.

Fra Pacifico, wörtlich der friedliche Bruder – so hieß der Bettelmönch, welchen wir soeben haben auftreten lassen – schien, indem er das Kleid des heiligen Franciscus anlegte, den Namen angenommen zu haben, welcher mit seiner physischen Erscheinung und seinem Charakter am meisten in Widerspruch zu stehen schien.

In der That war Fra Pacifico ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, fünf Fuß acht Zoll groß, mit musculösen Armen, massiven Händen, einer herkulischen Brust und rüstigen Beinen. Sein Bart war schwarz und dicht, die Nase gerade und mit weiten Nüstern, die Zähne glichen einer elfenbeinernen Zange, die Gesichtsfarbe war braun und die Augen hatten jenen furchtbaren Ausdruck, welcher in Frankreich nur den Männern von Avignon und Nimes und in Italien den Gebirgsbewohnern der Abruzzen eigen ist, den Abkömmlingen jener Samniter, welche es den Römern so viele Mühe kostete zu überwinden, oder jener Marsen, welche sie niemals überwanden.

Was seinen Charakter betraf, so war er von der Art, welche gallsüchtige Menschen in der Regel treibt, ohne alle Ursache Zwistigkeiten zu beginnen.

Zu der Zeit, wo er noch Seemann war – Fra Pacifico war nämlich früher Seemann gewesen und wir werden später erzählen, bei welcher Gelegenheit er den Dienst des Königs mit dem Gottes vertauschte – also zu der Zeit, wo er Seesoldat war, geschah es selten, daß Frau Pacifico, welcher sich damals Francisco Esposito[1 - Man bezeichnet in Neapel mit dem Namen Esposito oder »ausgesetzt« jedes Kind, welches von seinen Eltern verlassen, und dem Hospiz der Annunciata anvertraut worden, welches das Findelhaus von Neapel ist.] oder der Ausgesetzte nannte, weil sein Vater vergessen ihn anzuerkennen und seine Mutter nicht geglaubt hatte, sich die Mühe nehmen zu müssen ihn zu ernähren, zu jener Zeit, jagen wir, verging selten ein Tag, ohne daß der friedliche Bruder entweder an Bord eines Schiffes mit einigen seiner Cameraden oder auf dem Molo oder in der Strada dei Pilieri, oder in Santa Lucia mit irgend einem Camorristen oder einem Guappo handgemein ward, welcher auf das Land dieselben Rechte zu haben behauptete, wie der vorgenannte Francisco Esposito über den Ocean oder das mittelländische Meer zu haben vorgab. Francisco Esposito hatte als Matrose am Bord der von dem Admiral Caracciolo commandierten »Minerva« die Expedition nach Toulon als guter Bundesgenosse der französischen Royalisten, der er auch war, mitgemacht und diesen Beistand geleistet, als sie, nachdem Toulon an die Engländer verkauft worden, sich an den Jacobinern gerächt hatten.

Allerdings war er dafür von dem Admiral Caracciolo streng bestraft worden, denn dieser war nicht gemeint, daß das herzliche Einverständniß bis zum Meuchelmord getrieben werde, anstatt aber durch diese Züchtigung von seinem Haß gegen die Sansculotten geheilt zu werden, war dieser nur immer höher gestiegen, so daß schon der bloße Anblick eines Menschen, welcher, der neuen Mode huldigend, seinen Zopf und eine kurzen Beinkleider auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, um das Haar kurz und die Beinkleider lang zu tragen, ihm Convulsionen zuzog, welche im Mittelalter die Anwendung des Exorcismus nöthig gemacht hätte.

Trotz alledem aber war Francisco Esposito ein vortrefflicher Christ geblieben und hatte niemals verfehlt, Früh und Abends ein Gebet zu verrichten. Auf einer Brust trug er die Medaille mit dem Madonnenbild, welche seine Mutter ihm umgehängt, ehe sie ihn nach dem Findelhause getragen, an welcher sie sich aber wohl gehütet, irgend ein Kennzeichen zurückzulassen, welches den jungen Esposito zu der Hoffnung berechtigt hätte, später einmal reclamiert zu werden.

Alle Sonntage, wo es ihm vergönnt war, nach Toulon zu gehen, hörte er die Messe mit musterhafter Andacht und hätte für alles Gold der Welt nicht die Kirche verlassen, um im Wirthshaus mit seinen Cameraden eine Flasche rothen Wein von Lamalgue, oder weißen Wein von Caffis zu leeren, bevor er den Priester in die Sacristei zurückkehren gesehen.

Dies hielt ihn jedoch nicht ab, diese Operation des Leerens einer Flasche weißer oder rother Flüssigkeit niemals vor sich gehen zu lassen, ohne daß es einige mehr oder weniger breite Hieb- oder mehr oder weniger tiefe Stichwunden auf der Liste jener freundschaftlichen Narben nachzutragen gab, welche die Folgen jener Messerduelle sind, die unter der Volksclasse, welcher Francisco Esposito angehörte und für welche der Todtschlag nur eine Geberde ist, so häufig vorkommen.

Man weiß wie die Belagerung von Toulon endete. Es geschah dies auf eine sehr unerwartete Weise.

Eines Nachts bemächtigte Buonaparte sich des kleinen Gibraltar. Am nächstfolgenden Tage nahm man die Forts Aiguiletto und Balagnier, deren Geschütze man sofort gegen die englischen, portugiesischen und neapolitanischen Schiffe kehrte.

Nicht einmal der Versuch einer Vertheidigung war möglich.

Caracciolo, welcher seine Fregatte zu bemeistern verstand wie ein Reiter sein Pferd, befahl, die »Minerva« von eben bis unten in Leinwand zu hüllen.

Francisco Esposito, einer der geschicktesten und kräftigsten Matrosen, ward in das oberste Takelwerk hinaufgeschickt, um hier das Bramsegel beizusetzen.

Trotz des ziemlich starken Rollens des Schiffes hatte er dieses Manöver eben zur größten Zufriedenheit eines Capitäns durchgeführt, als eine französische Kugel in der Entfernung eines halben Meters von dem Mast die Raa zerschlug, auf welcher seine beiden Füße standen.

Die Erschütterung brachte ihn aus dem Gleichgewichte, aber er hielt sich mit beiden Händen an das flatternde Segel, an welchem er durch die Kraft der Fäuste hängen blieb.

Die Lage war eine sehr gefährliche. Francisco fühlte wie das Segel allmälig zerriß. Wenn er sich einen Schwung gab, so konnte er den Augenblick, wo das Rollen ihm erlaubte in das Meer zu fallen, benutzen und er hatte in diesem Falle gegründete Aussicht gerettet zu werden, Wartete er dagegen, bis das Segel vollständig zerriß, so konnte er auf das Deck hinabstürzen und dann stand hundert gegen eins zu wetten, daß er den Hals brechen würde.

Er entschied sich für das Erste und that zugleich seinem Schutzheiligen, dem heil. Franciscus, das Gelübde, wenn er glücklich davonkäme, das Seemannskleid auszuziehen und das Mönchsgewand anzulegen.

Nun hatte der Capitän, der auf Esposito, trotz seines widerspenstigen Betragens, große Stücke hielt, weil er einer seiner besten Matrosen war, einer Schaluppe gewinkt, sich zu nähern und sich bereit zu halten, um Esposito den erforderlichen Beistand zu leisten.

Esposito stürzte aus einer Höhe von sechzig Fuß herab und nur drei Meter weit von der Schaluppe ins Wasser, so daß er in dem Augenblicke, wo er, von einem Sturze ein wenig betäubt, wieder auf die Oberfläche heraufkam, blos zwischen den ihm entgegengestreckten Händen und Rudern zu wählen hatte.

Er gab den Händen als den zuverlässigeren Werkzeugen den Vorzug, faßte die ersten, die er erreichen konnte, ward aus dem Wasser gehißt und wieder an Bord gebracht, wo Caracciolo sich beeilte, ihm sein Compliment über die Art und Weise zu machen, auf welche er seine Voltigierkünste ausgeführt.

Esposito hörte aber die Complimente seines Capitäns mit zerstreuter Miene an, theilte, als dieser sich nach dem Grunde dieser Zerstreutheit erkundigte, ihm das Gelübde mit, welches er gethan, und versicherte ihm, es würde ihm ganz gewiß in dieser oder jener Welt übel ergehen, wenn er dieses Gelübde selbst in Folge eines von seinem Willen unabhängigen Umstandes nicht erfüllte.

Caracciolo, welcher sich nicht das Verderben der Seele eines so guten Christen vorzuwerfen haben wollte, versprach Esposito, ihm gleich nach der Wiederankunft in Neapel seinen Abschied in aller Form, aber nur unter Einer Bedingung zu geben, nämlich der, daß er am Tage nach dem, wo er sein Gelübde abgelegt haben und folglich in den Orden eingetreten sein würde, sich in seinem neuen Gewande am Borde der »Minerva« einfände und in seiner Kutte denselben Sprung, den er in Matrosenkleidung gemacht, noch einmal versuchte, wohlverstanden, daß dieselbe Schaluppe und dieselben Leute zur Stelle wären, um ihm bei dem zweiten Sturze denselben Beistand zu leisten wie bei dem ersten.

Espositos Glaube war stark. Er antwortete, er habe zu dem Beistande seines Schutzpatrons so großes Vertrauen, daß er nicht zögere, auf diese Bedingung einzugehen und den Sprung noch einmal zu machen.

Caracciolo befahl hierauf, daß man ihm zwei Rationen Branntwein verabreiche und ihn dann in seine Hängematte schlafen schicke, während er zugleich vierundzwanzig Stunden lang von jedem Dienste befreit sein solle.«

Esposito dankte seinem Capitän, glitt durch die Luken hinab, trank die doppelte Ration Branntwein und schlief trotz der höllischen Musik, welche die drei französischen Forts aufführten, die gleichzeitig auf die Stadt und auf die drei verbündeten Geschwader feuerten, welche sich beeilten beim Feuerscheine des Arsenals, welches die Engländer vor ihrem Rückzuge in Brand gesteckt, den Hafen zu verlassen.

Trotz der französischen Kugeln, welche sie so weit als möglich verfolgten, trotz des Sturmes, welcher sie packte, sobald sie die offene See gewonnen, erreichte die Fregatte »Minerva«, von ihrem Capitäne geschickt und muthig geführt, Neapel, ohne viele Beschädigungen erlitten zu haben, und Caracciolo unterzeichnete gleich nach seiner Ankunft, dem gegebenen Versprechen treu, Espositos Abschied, indem er ihn noch einmal mündlich an die eingegangene Bedingung erinnerte, welche Esposito nochmals zu erfüllen versprach.

Francisco Caracciolo, der, wie wir schon erwähnt zu haben glauben, in Folge dieser selben Expedition nach Toulon zum Admiral ernannt ward, hatte Esposito, dessen Abschied und die Bedingungen, unter welchen ihm dieser gewährt worden, vollständig vergessen, als er am 4. October 1794, dem Tage des heiligen Franciscus, während er an Bord einer festlich beflaggten Fregatte war und wegen des Namensfestes des Kronprinzen, der ebenfalls Franciscus hieß, die üblichen Ehrensalven geben ließ, ein Dutzend Barken von Capuzinern mit Kreuz und Bannern besetzt von dem Strande abstoßen und als ob sie von einem erfahrenen Capitän geführt würden, in guter Ordnung auf die »Minerva« zu gerudert kommen sah. Einen Augenblick lang konnte er glauben, es handle sich um einen feindlichen Ueberfall, und er fragte sich schon, ob er nicht Appell schlagen solle, als er plötzlich die Matrosen, die, um dieses seltsame Schauspiel besser zu sehen, an dem Takelwerke hinaufgeklettert waren, rufen hörte:

»Francisco Esposito! Francisco Esposito!«

Caracciolo begann nun zu begreifen, um was es sich eigentlich handle, und als er die Augen wieder auf die mittlerweile nähergekommene Flottille warf erkannte er wirklich in der ersten Barke, das heißt in der, welche die andern zu führen und zu commandieren schien, Francisco Esposito, welcher in seinem Capuzinergewand mit seiner Donnerstimme das Lob seines Schutzheiligen singen half.

Die Barke, auf welcher Esposito sich befand, machte bescheidener Weise an der Backbordtreppe Halt, Caracciolo ließ ihm aber durch einen Lieutenant befehlen, am Steuerbord anzulegen und erwartete den Neubekehrten an der obersten Stufe der Ehrentreppe.

Esposito kam allein an Bord gestiegen, grüßte, als er die oberste Stufe erreicht hatte, auf militärische Weise und sprach blos die Worte:

»Hier bin ich, Herr Admiral. Ich komme, um mein Wort zu lösen.«

»So ist es die Art eines guten Seemanns,« sagte Caracciolo, »und ich danke Dir in meinem Namen und in dem aller deiner Cameraden, daß Du sie nicht vergessen hast. Es gereicht dies den Capuzinern von St. Ephraim eben so zur Ehre, wie der Mannschaft der »Minerva«. Wenn Du jedoch erlaubt, so werde ich mich mit deinem guten Willen begnügen, der, wie ich hoffe, Gott eben so angenehm sein wird, als er mir ist.«

Esposito schüttelte aber den Kopf und sagte:

»Entschuldigen Sie, Herr Admiral, aber das geht nicht so. «

»Warum nicht, wenn ich es zufrieden bin?«

»Sie werden doch am unserm armen Kloster nicht ein solches Unrecht begehen, Excellenz, und mich der Aussicht berauben, nach meinem Tode heiliggesprochen zu werden?«

»Erkläre Dich näher.«

»Ich sage, das, was heute geschehen wird, muß für die Capuziner von St. Ephraim ein großer Triumph sein.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Und dennoch ist das, was ich hier sage, so klar wie das Wasser des Löwenbrunnens, Herr Admiral. In den hundert Klöstern sämmtlicher Orden, welche Neapel bevölkern, gibt es keinen einzigen Mönch, der, welchem Orden er auch angehören möge, im Stande wäre, das zu thun, was mein Gelübde mich verpflichtet heute zu thun.«

»O, was das betrifft, so bin ich davon überzeugt,« sagte Caracciolo lachend.

»Wohlan, ich habe blos eine Wahl, Herr Admiral. Entweder ich ertrinke und dann bin ich ein Märtyrer, oder ich komme davon und bin ein Heiliger. In dem einen wie in dem andern Falle sichere ich die Suprematie meines Ordens über alle anderen und mache mein Kloster glücklich und angesehen.«

»Ja, aber ich will nicht, daß ein wackerer Bursche wie Du sich der Gefahr des Ertrinkens aussetze, und wenn ich nun einmal nicht will, daß das Experiment vorgenommen werde?«

»Ich bitte, Herr Admiral, thun Sie das nicht. Wenn meine Brüder sähen, daß ihre Spekulation fehlschlüge, so würden sie glauben, ich sei es, der um Gnade gebeten habe, und dann würde ich sicherlich in einen Kerker gesperrt, aus dem ich nicht wieder herauskäme.«

»Es liegt Dir also sehr viel daran, Mönch zu werden?«

»Es liegt mir nicht daran, es zu werden, mein Admiral. Seit gestern bin ich es und man hat sogar mein Noviziat um drei Wochen abgekürzt, damit der gefährliche Sprung am Tage des heiligen Franciscus geschehen könne. Sie werden selbst zugeben, daß dies der Sache eine weit größere Feierlichkeit verleiht.«

»Und was bringt Dir denn der Sprung ein, den Du ausführen wirst?«

»O, ich habe auch meine Bedingungen gestellt.«

»Dann hast Du, will ich hoffen, verlangt, wenigstens Superior zu sein.«

»O nein, so dumm bin ich nicht, mein Admiral.«

»Nun was hast Du Dir denn sonst ausbedungen?«

»Ich habe verlangt, daß man mir das Amt des Quästors oder Almosensammlers übertrage. Dieses Amt gewährt mancherlei Zerstreuung. Sollte ich Tag für Tag mit allen diesen Dummköpfen im Kloster eingesperrt sitzen, so stürbe ich vor langer Weile. Sie verstehen mich schon, Excellenz. Der Bruder Almosensammler hat nicht Zeit, sich zu langweilen. Er macht die Runde durch alle Stadttheile von Neapel, von der Marinella an bis zum Pausilippo, von Vomero bis an den Hafendamm. Oft begegnet man auf letzterem auch einen guten Freund und trinkt ein Glas Wein, welches Niemand bezahlt.«

»Wie, welches Niemand bezahlt? Esposito, mein Freund, wie mir scheint, bist Du auf Abwege gerathen.«

»O nein, im Gegentheil, ich gehe stets den geraden Weg.«

»Aber sagt das Gebot Gottes nicht: Du sollst nicht nehmen, was eines Andern ist?«

»Mein Herr Admiral, sind Ihnen die Vorrechte meines Ordens nicht bekannt? Man trinkt eine, zwei, drei Caraffen, nachdem man sie vorher mit dem Strickgürtel berührt, man bietet dem Weinhändler eine Prise Tabak und der Weinhändlerin den Aermel zum Küssen und die Sache ist abgemacht.«

»Das ist sehr richtig. An dieses Vorrecht hatte ich nicht gedacht.«

»Und übrigens, Herr Admiral,« fuhr Esposito mit selbstzufriedener Miene fort, »übrigens werden Sie bemerken, daß ich mich in meiner Kutte nicht gar schlecht ausnehme, Allerdings nicht so gut wie in der Uniform, das weiß ich wohl, aber die Menschen haben nicht alle einen und den selben Geschmack und man sagt in meinem Kloster –«

»Nun, was sagt man in deinem Kloster?«

»Man sagt, daß die Franciscaner und besonders die Capuziner von St. Ephraim sich nicht alle Tage der Fleisches enthalten, wo in dem Kalender Fasten vorgeschrieben ist.«

»Willst Du wohl schweigen! Wenn deine Brüder Dich nun hörten –«

»O, die könnten vielleicht noch ganz andere Geschichten erzählen. Indessen Sie haben Recht, Herr Admiral und ich bemerke übrigens auch, daß man unruhig und ungeduldig zu werden beginnt. Sehen Sie nur da drüben auf dem Kai!«

Der Admiral schaute in der von Esposito angedeuteter Richtung und sah in der That den Molo, den Kai, die Fenster der Straße del Piliero mit Zuschauern angefüllt, welche, von dem bevorstehenden Ereigniß unterrichtet, sich anschickten, dem Triumph der Capuziner von St. Ephraim über die Mönche der andern Orden Beifall zuzujubeln.

»Nun gut, es sei,« sagte Caracciolo. »Ich sehe schon, daß ich Dir den Willen thun muß. Heda, Leute!« rief er, »macht das Boot fertig.«

Seine Befehle wurden mit der Schnelligkeit ausgeführt, welche den Manövers der Seeleute eigen zu sein pflegt.

»Und,« fragte er dann Esposito, »von welcher Seite gedenkst Du den Sprung auszuführen?«

»Nun, von derselben, von der ich ihn schon ausgeführt habe, das heißt von der Backbordseite. Damals ist er mir zu gut gelungen. Uebrigens ist dies auch die dem Kai zugewendete Seite. Man darf nicht alle diese wackern Leute täuschen, welche sich eingefunden haben, um das Schauspiel mit anzusehen.«

»Nun gut denn, Backbord. Das Boot auf der Backbordseite ausgesetzt, Kinder!«

Kaum hatte Caracciolo seinen Befehl ertheilt, so war das Boot mit vier Ruderern, dem Hochbootsmann und zwei Mann Reserve auch schon im Wasser.

Nun ergriff der Admiral, in der Meinung, daß er dieses volksthümliche Schauspiel so feierlich als möglich machen müffe, sein Sprachrohr und rief:

»Alle Mann auf die Raaen!«

Augenblicklich sah man zweihundert Matrosen wie eine Schaar Affen in dem Takelwerk hinaufklettern und sich auf die Raaen, von der untersten bis zur obersten, stellen, während die Marinesoldaten unter Trommelschall sich auf dem Deck in Schlachtordnung mit der Front nach dem Kai aufstellten.

Die Zuschauer blieben, wie man sich leicht denken kann, nicht gleichgültig bei allen diesen Vorbereitungen, die gewissermaßen den Prolog zu dem großen Drama bildeten, dessen Aufführung sie entgegensahen. Sie klatschten in die Hände, schwenkten die Taschentücher und riefen, je nachdem sie dem Stifter des Capuzinerordens mehr oder weniger anhingen, theils: »Es lebe der heilige Franciscus!« theils: »Es lebe Caracciolo!«

Der Admiral Caracciolo war allerdings in Neapel bei nahe eben so populär als der heilige Franciscus.

Die zwölf Gondeln, in welchen sich die Capuziner befanden, bildeten nun einen großen Halbkreis, welcher von dem Spiegel bis zum Bug der »Minerva« reichte und zwischen ihnen und dem Rumpf des Schiffes einen weiten leeren Raum ließ.

Caracciolo warf einen Blick auf seinen ehemaligen Matrosen und sagte, als er ihn vollkommen entschlossen sah:

»Also, es ist wirklich dein Ernst?«

»Mehr als je, Herr Admiral,« antwortete Esposito.

»Willst Du aber nicht deine Kutte ablegen? Es würde dies deine Bewegungen sehr erleichtern.«

»Nein, Herr Admiral, der Mönch muß das Gelübde erfüllen, welches der Matrose gethan.«

»Und hast Du mir nichts für den Fall zu sagen, daß die Sache einen unglücklichen Verlauf nähme?«

»In diesem Falle, Excellenz, bitte ich Sie eine Messe für die Ruhe meiner Seele lesen zu lassen. Meine Collegen haben mir allerdings versprochen, deren hunderte zu lesen, aber ich kenne diese Leutchen schon. Wäre ich todt, so würde nicht ein einziger auch nur einen Finger bewegen, um mich aus dem Fegefeuer zu erlösen.«

»Ich werde nicht eine für Dich lesen lassen, sondern zehn.«

»Sie versprechen es mir?«

»Auf mein Ehrenwort.«

»Ich bin zufriedengestellt. Doch da fällt mir noch etwas ein. Haben Sie die Güte, Herr Admiral, denn ich glaube, es wird Ihnen vollkommen gleich sein, die Messen nicht auf den Namen Esposito, sondern auf den des Bruders Pacifico lesen zu lassen. Es gibt in Neapel so viele Espositi, daß der liebe Gott am Ende gar nicht wüßte, welcher damit gemeint sei.«

»Du nennst Dich also jetzt Fra Pacifico?«

»Ja, Herr Admiral. Ich habe mir damit einen Zügel gegen meinen früheren Charakter anlegen wollen.«

»Aber fürchtest Du nicht, daß Gott, der noch nicht Zeit gehabt hat, deine neueren Verdienste zu würdigen, Dich nicht erkenne?«

»Dann, Herr Admiral, wird der h. Franciscus, dessen Namen ich zu verherrlichen im Begriff stehe, da sein, um mit dem Finger auf mich zu zeigen, weil ich in einem Gewand den Tod erlitten haben werde.«




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notes



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Man bezeichnet in Neapel mit dem Namen Esposito oder »ausgesetzt« jedes Kind, welches von seinen Eltern verlassen, und dem Hospiz der Annunciata anvertraut worden, welches das Findelhaus von Neapel ist.


