Gabriele
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Gabriele





Erster Theil





Erstes Kapitel

Eine verarmte Dame aus der großen Welt


Es gibt keine Frauen mehr! nein, mein lieber Graf, es gibt keine Frauen mehr,« rief schmerzvoll die Marquise von Fontenoy-Mareuil, indem sie sich zu dem Grafen Rhinville wendete, der neben ihr im Wagen saß. Der Graf seufzte, schien aber keineswegs aufgelegt zu sein, eine Behauptung, die im ersten Augenblicke fremdartig und gewagt erscheinen konnte, zu bezweifeln oder zu bestreiten.

Da die Marquise keinen Widerspruch fand, so sah sie sich genöthigt, dem Vergnügen einer weiteren Erörterung zu entsagen. Der Graf, seit langer Zeit Vertrauter ihrer Gedanken, war entweder überwunden, ober fürchtete, es zu werden, er antwortete nicht und zeigte auch nicht einmal Ueberraschung, als die Marquise obige Behauptung aufstellte, die freilich zu oft in ihren Gesprächen vorkam, als daß er nicht hätte daran gewöhnt sein sollen.

So saßen sie denn schweigend neben einander, während der Wagen rasch dahin rollte, sie hatten einander wenig zu sagen,'denn in dem Wen Alter Beider fallen die Worte langsam, trübselig und sparsam. In der Jugend theilt man einander seine Gedanken und Gefühle weit schneller mit – da folgen die Ausdrücke und die Sätze lebhaft und zusammenhängend, man offenbart, oder läßt erathen, die Gedanken, Pläne, Hoffnungen, die Schmerzen und die Freuden des Daseins. Man spricht oft, ohne es zu wissen, zu gleicher Zeit; man hat einander so viel zu sagen! – Zwei Greise dagegen würden fast immer schweigsam sein, wenn nicht besondere Gründe sie bewögen, das Schweigen zu brechen, und dennoch bleiben gegen ihren Willen die Sätze oft unvollendet. Zuweilen sogar halten sie mitten im Gespräch inne, wenn sie einander ansehen; – sie sagen nichts, sie betrachten die weißen Haare, die Runzeln, welche ihre Stirnen falten, jene Spuren der Zeit und der Schmerzen, die ihren Gesichtern eingeprägt sind. Sie lesen darin die Leiden und Sorgen der Vergangenheit, die Trübseligkeit der Gegenwart, die wenigen Hoffnungen, welche die Zukunft darbietet, und somit bleibt ihnen für dieses Leben nur noch wenig zu besprechen übrig.

Die Marquise von Fontenoy-Mareuil schien indessen ungeachtet ihrer siebzig Jahre heute durch irgend eine wichtige Angelegenheit bewegt zu sein, denn sie wiederholte lebhaft: »Und weil es keine Frauen mehr gibt, Herr Graf, geht Frankreich verloren, – gehen die jungen Leute verloren – und geht mein Enkel . . .« Hier hielt sie inne, zögernd, eine entschiedene Anklage gegen den Gegenstand ihres Stolzes und ihrer Zärtlichkeit auszusprechen.

Der Graf konnte sich eines feinen Lächelns nicht enthalten, indem er entgegnete:

»Ich hätte ganz das Gegentheil vermuthet.«

Die Marquise war in diesem Augenblicke nicht zum Scherzen aufgelegt, auch blieb sie ernst und traurig, indem sie hinzufügte: »Ohne Zweifel gibt es noch junge Mädchen, Gattinnen und Mütter. – Man heirathet noch die Frauen, die reich, man verliebt sich noch in die, welche hübsch sind, aber hierauf beschrankt sich auch jetzt die ganze Macht der Frauen. – Die Salons existieren nicht mehr, die Conversation hat aufgehört; der gute Geschmack ist mit beiden verschwunden und der Geist der Gesellschaft hat allen Glanz verloren. Ihr habt einen König, welcher Minister ein- und absetzt – eine Deputirtenkammer, die Gesetze gibt und widerruft, – eine Pairskammer, die gar nichts thut; – aber habt Ihr eine Macht, welche liebenswürdige Menschen schafft? – welche die jungen Leute den Gesetzen der feinen Lebensart unterwürfig macht? die sie lehrt, daß der gute Geschmack ein Beweis von Geist, und die edlen Manieren die Folge edler Gesinnungen sind? Die ihnen imponiert durch die öffentliche Stimme, durch Gesetze der Feinheit und Vernunft, wie sie in keinem Gesetzbuche stehen? – Durch welche Macht werden ihnen hinlängliche Zweifel an ihren Vollkommenheiten erweckt, damit sie sich bemühen, Männer von Verdienst zu werden, ohne aufzuhören, liebenswürdige Männer zu sein? – Kurz, diese Macht, mein Freund, diese mit so vielen anderen vernichtete Macht – sie bestand einst!

»Es waren die Frauen!

»Damals würde die Furcht vor dem Urtheil der Salons, in welchen er leben sollte, dem Herzog Yves von Mauléon niemals erlaubt haben, sich gänzlich von seiner Familie zu trennen; er, der Sprößling zweier edlen Häuser, der Erbe eines so großen Namens, würde nie gewagt haben, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht die unsrige ist, und dort« – damit hielt sie wieder inne; – was sie noch hinzu zu fügen hatte, schien nicht über ihre Lippen zu wollen.

»Es ist also wahr, was man sagt?« erwiderte der

Graf, »was ich gehört habe – —«

. »Was haben Sie gehört? – was hat man Ihnen gesagt? – reden Sie! – ich will Alles wissen!« entgegnete die Marquise besorgt.«

»Nichts sehr Bedeutendes, nichts, was die Ehre einer Familie prostituieren könnte,« antwortete Herr von Rhinville.

Und doch, will Alles wissen,« wiederholte sie gebieterisch.

Ungeachtet der Unruhe und des Kummers, die sich auf den Zügen der Marquise malten, konnte der Graf ein leichtes lächeln nicht unterdrücken, indem er ausrief:

»Thorheiten eines Jünglings, die man sich lachend erzählt, woran die Welt sich belustigt und sie sehr schnell vergißt. Man sagt, er habe, als er mündig geworden und in den Besitz von 15 bis 20,000 Livres Renten gelangt sei (dem einzigen Ueberrest der unermeßlichen Besitzungen seiner Vorfahren) diese Summe zu unverhältnißmäßig mit seinem Range und seinen Neigungen gefunden, und da er mit seinen zwanzig Jahren und seinem Herzogstitel nicht leben wollte, wie ein alter Gewürzkrämer, so habe er seine Besitzungen verkauft, und die vierhundert-tausend Franken, die er daraus gelöst, in vier Theile legend, habe er den Vorsatz gefaßt, davon vier Jahre zu leben, als hätte er hunderttausend Livres jährliche Renten. Man fügt hinzu, Ihr Enkel sei diesem Vorsatze so treu geblieben daß der gestrige Tag zugleich das Ende der vier Jahre und der vierhundert-tausend Franken gesehen habe.«

Ein trauriger Seufzer entstieg dem Herzen der Marquise, indem sie sprach:

Vierhundert-tausend Franken sind nicht die Hälfte der jährlichen Recenüen, welche der Herr Marquis von Fontenoy-Mareuil im Jahre 1789 hatte, als wir uns vermählten; und dazu kam noch sein Gouvernement der Bretagne und sein Amt als erster Stallmeister von Madame.«

Der Graf machte eine Bewegung des Mitgefühls und der Betrübniß und das Schweigen begann wieder.

Es lagen so viele traurige Erinnerungen für Beide in diesen wenigen Worten!

Die Marquise, klein und zierlich, mit feinen Zügen, zartem blassem Gesicht, wenigen, sehr weißen, aber sorgfältig geordneten Haaren, einer sauberen Haube, weißem Hut und Schleier, einem Kleide von brauner Seide und einer großen, mit breiten schwarzen Blonden besetzten Mantille, hatte, ungeachtet ihres Alters, etwas Angenehmes, welches Folge eines feinen Anstandes und geläuterten Geschmackes war. Ihre Manieren waren einfach und natürlich; die Frauen von sehr hohem Range haben selten einen Anschein von Ziererei; des Platzes, den sie einnehmen und der Berücksichtigung, die man ihnen schuldig ist, gewiß, bringen sie nicht jene ängstliche Unsicherheit mit in die Gesellschaft, welche die Grazie des Geistes, wie die der Persönlichkeit lähmt. Die Gesellschaft, die sie umgibt, kennt sie, ihre Ansprüche sind festgestellt; unbestritten und sicher in der Gesellschaft, sind sie es auch in sich selbst.

Den höheren Classen sind die feinen und eleganten Manieren eben so natürlich, als den Handwerkern und Landleuten ihre treuherzigen und plumpen Gewohnheiten; dagegen aber pflegt eine gewisse Geziertheit in den Manieren der Mittelklassen zu herrschen; die Unsicherheit noch unbestätigter Ansprüche, der Wunsch, einen höheren Platz einzunehmen, die Furcht, zu gering geachtet zu werden, eine gewisse Eitelkeit, die durch höher Stehendes verletzt wird, und doch verachtet, was unter ihr ist, veranlassen unzählige Verlegenheiten, die sich' auf die sonderbarste, oft lächerlichste Weise verrathen. In allen Classen jedoch gleichen Verstand und Einsicht Alles aus, geben der Haltung Ruhe, der Rede Anmuth und den Manieren Natürlichkeit, durch das beruhigende Bewußtsein des eigenen Werthes; doch von allen Vorzügen ist Seelengröße der erste und verleiht als solcher am meisten den unnachahmlichen Anstand der mit Würde vereinten Grazie.

Die Revolutionen und Alles, was den Ansichten, welche die Marquise in frühester Jugend schon angenommen hatte. Widersprechendes geschehen und gesagt war, hatten dieselbe nicht im Geringsten geändert, zwei ihrer Ansichten besonders beherrschten alle anderen und dienten ihnen gleichsam zur Stütze und Grundlage, nämlich:

Die Größe ihrer edeln Familie und

Der Einfluß der Frauen auf die Gesellschaft.

Diese entthronten Gottheiten um jeden Preis zu beleben, zu erhalten und wiederherzustellen, schien ihr eine heilige Pflicht; ihre Lage betrübte sie weit weniger wegen der Entbehrungen, die sie ihr auferlegte, als weil, sie, als eine Person ihres Ranges, sich gezwungen sah, sich denselben zu unterwerfen, und nur um der beeinträchtigten Ehre dieses Ranges willen litt sie. – Sie fühlte die Würde und moralische Wichtigkeit der Frauen verletzt durch die wenige Beachtung, die in jetziger Zeit einer Frau von ihrem Alter und Range gewidmet wird.

Wenn die übertriebenen Ansichten der Marquise über diese Punkte zuweilen an das Lächerliche streiften, so bewiesen sie doch ungleich öfter eine ungemeine Größe und Erhabenheit ihres Charakters, indem ihre Persönlichkeit in einem Grundsatze sich auflöste. Vergessenheit seiner selbst und Aufopferung der eigenen Persönlichkeit adelt immer, wenn auch der Geist über die Ursachen und Folgerichtigkeit sich täuschen sollte.

Für den Theil der Vorstadt Saint-Germain, welchem die Marquise und der Graf angehörten, schien der jetzige Stand der Dinge noch zu fremd, zu undenkbar, um dauernd sein zu können – und ohne sich je daran gewöhnen zu können, ertrugen sie ihn als einen Zustand der Krisis, die freilich etwas lange wahrte, aber, wie Alles, was gegen die Gesetze der Natur ist, durchaus aufhören mußte.

Das Schicksal einiger Familien war so lange schon so innig mit dem Geschick Frankreichs verknüpft gewesen, daß es ihren Nachkommen schien, als müsse eine Trennung der gegenseitigen Interessen den Untergang beider herbeiführen.

In einem kriegerischen Staate immer zum Kampfe bereit, weihte der Adel der Vorzeit Schwert und Ergebenheit der Treue. – Später umgab er den friedlichen Thron mit der Anmuth des Geistes, dem Reize feiner Sitten und der Eleganz des Luxus, diesem glänzenden Schmucke eines müßigen und sorglosen Hofes; endlich nachdem er dem Königthume aus das Schlachtfeld und zu den Festen gefolgt war, begleitete er dasselbe sogar bis zum Schaffot, und der königliche Märtyrer erschien vor dem Könige des Himmels nicht ohne ein blutiges, aber glänzendes Gefolge, welches sein Geschick theilte, da es dasselbe nicht abzuwenden vermocht hatte.

Wie könnte dieser Adel willig anerkennen, was ihn nicht anerkennt? Einige aus dieser Gesellschaft halten es für unmöglich, daß dies Land, wo sie nichts mehr gelten, ferner bestehen könne; in ihren Augen ist daselbst Alles aufgehoben, und was ohne sie besteht, das besteht für sie wenigstens nicht mehr.

Es mußte einige Hoffnung sich mit der ihren Geist jetzt beherrschenden Idee vereinigen, um die Marquise an dem heutigen Tage ihre siebzig Jahre, ihre Gewohnheiten, die sie sonst um diese Tageszeit an ihr Zimmer fesselten, ihre Schwäche, die ihr das Fahren unangenehm machte und die Schmerzen der Vergangenheit, die sie oft stumpf und untheilnehmend machten, vergessen zu lassen; denn seit dem Abend zuvor war sie aufgeregt, unruhig und ungeduldig und hatte den Grafen dringend gebeten, pünktlich zu sein, und nicht zu vergessen, daß sie in der Mittagsstunde ihn erwarten werde, um sich in seiner Begleitung nach der Poststraße zu begeben.

Wirklich sah man am Morgen dieses von der Marquise so ungeduldig erwarteten Tages, gegen Mittag in dem weiten Hofe eines Hotels der Straße St. Dominique einen eleganten Wagen halten; ein Mann hatte denselben, ungeachtet ein Diener ihn unterstützte, langsam verlassen; kaum hatte er indessen den Fuß auf die Erde gesetzt, als er mit ziemlicher Leichtigkeit und lächelnd um sich blickend, die Stufen der Freitreppe hinauf hüpfte; es war der Graf von Rhinville, der Freund der Marquise von Fontenoy-Mareuil.

,Es war nicht leicht, auf den ersten Anblick sein Alter genau zu bestimmen, und der geübteste Beobachter würde einen Augenblick geschwankt haben, zu entscheiden, ob er einen sehr alten Mann vor sich sähe, dessen Aeußeres die angestrengteste Sorgfalt gegen die Verheerungen der Zeit geschützt hatte, oder einen jungen Mann, dessen Frische und Kraft einem stürmischen Leben unterlegen war.

Aber die Ungewißheit würde geendet haben, bevor die 33 Stufen der zu der Wohnung der Dame führenden Treppe erstiegen waren, dann, nachdem ein Blick ihn versichert hatte, daß er ohne Zeugen war, krümmte sich dieser hohe Wuchs, welchen eine elegante, fast jugendliche Kleidung begünstigte; eine Hand stützte sich auf das Geländer, die andere lag schwer auf dem Arme des Dieners, jeder Schritt geschah mit Anstrengung, die Runzeln dieses plötzlich ernst gewordenen Gesichtes schienen tiefer eingegraben zu sein unter dem leichten Anfluge eines erborgten Rothes, das nicht genügend war, sie gänzlich zu verdecken, und so war es denn nicht mehr zu bezweifeln, daß die glänzend schwarzen, sorgfältig geordneten Haare, die diesen Kopf zierten, auf einem um wenigstens dreißig Jahre jüngeren gewachsen waren.

Indeß erhob sich seine Haltung wieder und sein Schritt wurde fester; sein Mund lächelte wieder mit einem gewissen Stolze, indem der Greis, der gern einem Jüngling gleichen wollte, in ein sehr geräumiges und sehr einfach meublirtes Vorzimmer trat, wo er sich ausruhte. —

Alsbald erhob sich die einzige in diesem Zimmer befindliche, mehr einer schlichten Bürgerfrau, als der Kammerfrau einer vornehmen Dame gleichende Person, und ohne abzuwarten, daß der Diener den Namen seines Herrn genannt hatte, öffnete sie leise eine Thür, trat ohne Geräusch in ein Schlafzimmer und indem sie sich ehrfurchtsvoll der alten Dame, die schon bemüht war, ihre Handschuhe anzuziehen, näherte, meldete sie mit leiser Stimme:

»Der Herr Graf von Rhinville.«

»Ich bin bereit, Graf,« sprach sogleich die Marquise, indem sie ihren großen Fauteuil verließ und sich rasch der Thür zuwendete. »Tausend Dank für Ihre Gefälligkeit und Pünktlichkeit,« fügte sie hinzu; dann, im Begriff das Zimmer zu verlassen, wendete sie sich noch einmal zu ihrer Kammerfrau:

»Mademoiselle Huguet, ich werbe heute erst spät Abends nach Hause kommen,« sprach sie zu dieser, mit der ihr eigenen vornehmen Anstande; die Kammerfrau verneigte sich und die Marquise verließ, ihre Fingerspitzen auf die ihr dargebotene Hand des Grafen legend, mit diesem ihre Wohnung.

Das Zimmer, welches die Marquise so eben verlassen hatte, stellte, durch seine Größe, Höhe, Verzierungen und Meubles, so ziemlich die Wohnung einer großen Dame aus früherer Zeit dar; Mademoiselle Huguet repräsentierte recht gut eine Ausgeberin und auch nöthigenfalls Gesellschafterin.

Die Manieren der Marquise hatten ganz jene imponierende Würde, welche wahre Größe und Selbstgefühl anzeigt – dies war aber auch Alles, was ihr geblieben war von ihrer früheren Wichtigkeit, ihrem Rang, dessen Macht mit ihrem Vermögen und ihren Würden in der Gesellschaft verloren gegangen war.

Die Marquise von Fontenoy-Mareuil war gänzlich verarmt; die Revolutionen hatten einer Familie, welche zu den reichsten und mächtigsten Frankreichs gehört hatte, ihre Besitzungen geraubt; die Devise ihrer Waffen erinnerte noch an ihre Rechte und bezeugte ihren Rang, welcher sie berechtigt hatte, Ansprüche auf den Thron zu machen, wenn die Großen sich einen Herrscher unter ihres Gleichen wählten.

Die Marquise war so gänzlich verarmt, daß sie nur der Freundschaft der Prinzessin von T. die beiden Zimmer, die ihre Wohnung ausmachten, verdankte – sie war also Mitbewohnerin des Hotels ihrer Freundin, die sie nicht hatte bewegen können, mehr als diese beiden Zimmer anzunehmen.

Die Prinzessin hatte sich mit Mademoiselle Huguet und einem Geschäftsträger vereinigen müssen, um der Marquise ohne ihr Wissen eine Pension zu ersetzen, die schon seit 1830 auf der Civilliste gestrichen war und ihre einzige, sehr mäßige Einnahme ausmachte.

Glücklicherweise kam die Gewohnheit der Marquise, sich nicht mit Geldsachen zu befassen, und die Sorge für die kleinen täglichen Bedürfnisse einer zuverlässigen Vertrauten zu überlassen, den Bemühungen der Freundschaft zu Hilfe. Die Marquise besaß weder Hotel noch Schloß, weder Equipage noch Dienerschaft, aber sie bewohnte ein prachtvolles Hotel, brachte den Sommer in sehr schönen Schlössern zu, fuhr aus, so oft es ihr beliebte, wurde ehrfurchtsvoll und sorgsam bedient von Mademoiselle Huguet, und die ganze Dienerschaft der Prinzessin stand zu ihrer Disposition. Indessen besaß sie nicht das Geringste und ihr Enkel, der junge Herzog Yves von Mauléon, war so eben mit der Vergeudung seines väterlichen Erbtheils fertig geworden.

So war denn von zwei Familien, deren Ursprung sich in dem Dunkel von Jahrhunderten verlor, die Provinzen besaßen, Herzogskronen getragen, und dem Königthum seine Rechte streitig gemacht hatten, Niemand übrig geblieben, als eine von den Wohlthaten einer Freundin lebende Matrone und ein junger Mann von sechsundzwanzig Jahren, der Abends zuvor das Wenige, was er noch besaß, im Jockey-Clubb durch eine Wette über eine Parthie Billard zu Pferde verloren hatte, welche der Marquis von M. L. gewann.

Und an diesem Tage war es, wo die Marquise sich genöthigt sah, sich der Equipage eines alten Freundes zu bedienen, um sich an einen Ort, wo sie erwartet wurde, zu begeben.

Der Graf von Rhinville, seit langer Zeit mit den traurigen Gedanken der Marquise vertraut, und das Vorurtheil ahnend, welches sie beunruhigte, wünschte angelegentlich, eine peinliche, traurige Erinnerung durch eine schone Hoffnung zu verdrängen und sagte langsam:

»Man sagt – auch – daß dieses junge Mädchen – einst vier Millionen erben wird.«

»Wenigstens!« erwiderte die Marquise lächelnd.

»Und die Heirath ist gewiß?« fragte der Graf.

»So ziemlich,« antwortete die Marquise.

»Und die Millionen wurden erworben von. . .«

Die Marquise ließ ihn seine Rede nicht vollenden und fügte hinzu:

»Eine einzige Tochter – sechzehn Jahre – die Mutter Witwe —«

»Welche wünscht, daß ihre Tochter Herzogin werde,« sagte der Graf lächelnd.

»Sehen Sie, mein Freund,« sagte mit leichter Bitterkeit die Marquise, »wenn unser Recht, unsere Tugenden und Geistesgaben uns nichts mehr helfen können, müssen wir die Fehler und Verkehrtheiten Anderer zu unserem Vortheil benutzen.«

»Und ungeachtet dessen, was man seit Jahrhunderten gesagt und gethan hat,« fuhr der Graf mit spöttischem Lächeln fort – »sind ein Titel – ein Name —«

»Reize, die den Reichthum aller Zeiten aufwiegen,« fragte die Marquise hinzu; »die bürgerliche Eitelkeit widersteht ihnen nicht, sie ist noch eben so schwach, oder wenn Sie wollen, noch eben so stark, als zu der Zeit, wo Moliere den zum Edelmann gewordenen Bürger verspottete; sie äußert sich nur jetzt anders. – O! jetzt macht man sich auf andere Weise lächerlich, was aber Niemand verhindert, auch die alten Schwächen beizubehalten.«

Beide lachten, die gute Laune war wieder hergestellt. Der Graf von Rhinville, aus langer Gewohnheit Freund der Marquise, lachte über ihre don-mots – schmeichelte ihren Hoffnungen, stimmte in alle Pläne ein, wohingegen sie seine Neigungen theilte, welche sich übrigens alle auf ihn selbst bezogen. Auf dieser gegenseitigen Nachgiebigkeit und Fügsamkeit beruhte eine innige Verbindung, die schon vierzig Jahre bestanden hatte – ohne Unruhe und ohne Empfindlichkeit, vielleicht, weil sie ohne Leidenschaft und ohne Zärtlichkeit war.

Der Graf von Rhinville war ein Egoist, der aus Liebe zur Ruhe und aus Furcht vor der Sorge, welche eine Familie veranlaßt, unverheirathet geblieben war, alle Empfindungen seines Herzens und alle Scharfe seines Geistes in der Sorge für sich selbst vereinigend. Niemand konnte dem Dasein, welches der Himmel ihm geschenkt hatte, eine größere Sorgfalt widmen, und nie hatte Gott das Geschenk seines Ebenbildes in Hände gelegt, die würdiger gewesen wären, den Werth einer solchen Gabe zu erkennen, und besorgter für ihre Erhaltung, ihr Wohlsein und ihre Sicherheit.

Alle Begebenheiten, alle Ereignisse berührten ihn nur in Bezug auf sich selbst, ein für sein Vaterland unglücklicher Krieg würde ihn weniger betrübt haben, als ein Unfall, der seinen täglichen Spaziergang verhinderte; seine Freunde warfen ihm vor; in der Revolution von 1830 nur eine Umwälzung gesehen zu haben, die, weil die beiden äußersten Enden der Straße, in der er wohnte, verbarrikadiert waren, ihn einige Tage verhinderte, auszufahren und ihn zwang, sich einem Platzregen auszusetzen. Sie gaben ihm Schuld, daß er um nichts Theil nähme, nichts liebte, daß er in allen seinen Ansichten und Meinungen wandelbar sei, sobald sein Vortheil es erheischte – sie hatten Unrecht, – er wechselte niemals, er hatte immer denselben Hauptgedanken, immer dieselbe Theilnahme – nämlich seine ausschließliche Liebe zu dem Grafen von Rhinville.

Seine Wohnung war bequem, warm, hatte eine vorzügliche Lage, und ein Thermometer diente dazu, die Veränderungen der Atmosphäre anzuzeigen, damit dieselbe immer gleiche Wärme haben möge; dieses, wie die Sorge, daß seine Kleidung den Orten, die er besuchte, wie auch der Jahres- und Tageszeit immer genau angemessen war, gab zu hinreichenden und beständigen Geschäften Veranlassung.

Wie wäre ihm eine Minute geblieben, um sich mit Anderen beschäftigen zu können! Hatte er doch kaum Zeit, für sich selbst Alles, was er für nöthig hielt, zu besorgen. Wie aber jedes, auch noch so materielle Wesen irgend eine Art von Leidenschaft hat, so hatte der Graf von Rhinville den sehr lebhaften-Wunsch, für einen Mann von sehr hoher Geburt zu gelten. Sein etwas zweifelhafter Adel wurde in seinen Augen durch seine genaue Verbindung mit der, allen neuen Adel so sehr verachtenden Marquise außer allen Zweifel gesetzt. Die Aufmerksamkeiten, die er ihr bewies, vereinigten sich vortrefflich mit den täglichen Gewohnheiten einer verarmten Dame und sie hatte ihn bei den vornehmsten und stolzesten ihres Gleichen eingeführt.

Es bestand also eine stillschweigende Uebereinkunft zwischen ihnen, – sie hatten sich über diesen Punkt niemals ausgesprochen, aber immer vortrefflich verstanden. Der Graf von Rhinville lebte in und für sich selbst, die Marquise hingegen lebte außer sich selbst, und vielleicht paßten diese, in vieler Hinsicht so ungleichen Personen eben sowohl wegen ihrer Verschiedenheit so gut zusammen, als wegen der gleichen geselligen Interessen, die sie vereinigt hatten.

Nachdem sie einige Minuten geschwiegen hatte, rief die Marquise lebhaft:

»Endlich sind wir da – und werden sie sehen!«

In demselben Augenblicke hielt der Wagen vor einem Kloster in der Poststraße.

Es ist jetzt mit den Sprachzimmern und Gittern eines Klosters, wie mit manchen Einrichtungen aus einer früheren Zeit, deren Gestalt und Name sich noch erhalten haben, während der Geist, der sie stiftete und die Resultate dieser Stiftung, nicht bis auf unsere Zeit gekommen sind.

Das Kloster hatte seine Gitter, seine Sprachzimmer, seinen Thurm, seine Clausur, aber wahrscheinlich nur zur Erinnerung, denn sie schlössen nicht gegen den Willen der hier Eingeschlossenen eine Thür, welche das Gesetz offen hielt, und hinderten auch nicht die Unterhaltung mit Fremden und den Bewohnern des Hauses.

Kaum waren die Marquise und der Graf eingetreten, als eine Nonne ihnen entgegen kam und sie bat, mit ihr in den Salon zu gehen, welcher im Innern des Klosters lag und wo die Superiorin sich in einigen Minuten einfinden wollte; man mußte über einen Hof gehen, um dahin zu gelangen und indem sie die Schwelle überschritten, kam ein alter Mann, der hier wie zu Hause zu sein schien, aus einer der kleinen Thüren, die auf den Hof führten, blich stehen, und dann sich der Marquise nahend, grüßte er sie mit größter Demuth, indem er sagte:

»Sie ist hier, Frau Marquise – ich habe sie her geführt.« Alsdann grüßte er eben so demüthig den Grafen von Rhinville; aber dieser, statt den Gruß zu erwidern, zog seine Hand, die aus Gewohnheit schon nach dem Hute gegriffen hatte, zurück und erwiderte, sich noch mehr als gewöhnlich emporrichtend, weder mit Blick noch Geberde die so demüthige und angelegentliche Begrüßung des alten Mannes. Die Marquise schien hierüber mehr verdrießlich als verwundert zu sein, und die beiden Greise wechselten einen unerklärbaren Blick, in welchem Seitens des Grafen eine grausame Verachtung, Seitens des Andern ein tiefes Gefühl schmerzlicher Ergebung lag.

Der Graf zog die Marquise, ohne ihr Zeit zu lassen, mehr als einige Worte zu erwidern, mit sich fort zum Salon, und ließ den, der sie auf diese Weise angeredet hatte, allein, mitten im Hofe, wo er einige Augenblicke nachdenkend und unbeweglich stehen blieb; dann legte er langsam seine magere Hand an Stirn und Augen, als wolle er seine Gedanken sammeln, er sprach darauf mit schwacher Stimme einige unzusammenhängende Worte aus und kehrte mit langsamen Schritten und gesenktem Haupte in das Haus zurück.

Welcher Unterschied zwischen dem geputzten, lächelnden, geschmückten Grafen und dem verlassenen, traurigen und muthlosen Unbekannten. Wenige, ganz weiße Haare, eine tödtliche Blässe, ein Mund, der nicht mehr lächeln, aber Augen, die noch weinen konnten; eine Niedergeschlagenheit und Nichtbeachtung seiner selbst, welche bewies, daß er von Anderen nichts mehr erwarte; Alles an ihm zeigte von tiefer und schmerzlicher Empfindung, während die Sicherheit und Selbstzufriedenheit, die von dem Gesichte des Grafen strahlte, das gänzliche Nichtvorhandensein aller und jeder Gefühlswärme anzeigte.

Im Salon angelangt, wollte die Marquise ihre Bekanntschaft mit dem fremden Greise entschuldigen, denn sie sagte:

»Es ist ein sehr frommer Mann, der sein ganzes Leben guten Werken gewidmet hat.«

»Ein Heuchler!« erwiderte der Graf heftig.

»Er kennt – die Mutter – dieses jungen Mädchens,« fügte die Marquise leise hinzu, er ist es, der diese Heirath . . .«

Der Graf schien durch eine Bewegung andeuten zu wollen, daß diese Erklärung seine alte Freundin hinreichend gerechtfertigt habe, doch diese Bewegung verlor sich in einer des Erstaunens und der Ungeduld, indem er denselben Unbekannten einen jungen Mann anreden sah, der so eben von einer alten Nonne geleitet, über den Hof kam und dem ihn anredenden Alten freundschaftlich die Hand schüttelte; und dieser junge Mann war Niemand anders, als der junge Herzog Yves von Mauléon, der in den Salon eintrat, den Grafen begrüßte, ehrfurchtsvoll die Hand seiner Großmutter küßte und dann, ohne ein Wort zu reden, stehen blieb.

Yves von Mauléon war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte eine sehr edle Gestalt, ein sehr schönes Gesicht, alle seine Bewegungen hatten eine Feinheit und würdevolle Anmuth, die man jetzt nur noch selten findet, und die in Folge der jetzigen politischen Verhältnisse bald ganz verschwinden wird. Seine ganze Erscheinung war von der Art, daß man seinen Rang errathen haben würde, wenn auch sein Anzug der des ärmsten Bettlers gewesen wäre; der Ausdruck seines Gesichts athmete, so zu sagen, eine Selbstachtung, welche die Ehrfurcht Anderer hervorrief. Seine schöbe Stimme und reine sanfte Aussprache zeugten von edeln Gewohnheiten und einer vornehmen, sorgfältigen Erziehung, sein ganzes Wesen zeigte mit Kraft gepaarte Würde, und man fühlte sich eben so geneigt, ihn zu fürchten, als ihn zu lieben. Seine hohe schöne Stirn schien der Sitz des Verstandes zu sein, seine Augen waren blau und sanft, sein Haar hell-kastanienbraun – zuweilen spielte ein verachtender Zug um seine Lippen, aber nichts war anmuthiger und hinreißender, als sein Lächeln, welches jedoch nur selten den Ausdruck des Stolzes – Erbtheil seiner Familie, verdrängte.

In diesem Augenblicke zeigte er sich ernst und ruhig, keine seiner Mienen verrieth irgend eine Bewegung, aber starke Seelen verbergen oft die heftigsten Empfindungen unter dem Anschein von Gleichgültigkeit.

»Nun, mein Lieber!« sagte die Marquis« nach einigen Minuten des Schweigens, mit einem neugierigen Blicke, der sein Innerstes durchdringen zu wollen schien.

»Hier bin ich, meine Mutter!« diese einzigen Worte erwiderte er langsam, mit einem sanften und trüben Lächeln; worauf er, als hätten diese Worte Alles beantwortet, auf's Neue in sein voriges Schweigen' versank.

Der Salon, in dem sie waren, hatte die ganze Tiefe des Hauses, mithin zwei Fenster und eine Thür nach dem Hofe zu, und diesen gegenüber ebenfalls zwei Fenster und eine Thür, die nach dem, Garten führte, oder vielmehr nach einem großen mit Bäumen bepflanzten und der Erholung der Pensionairinnen gewidmeten Hofe.

In diesem Augenblicke kamen die jungen Mädchen vom Mittagsessen und ihre fröhlichen Ausrufungen kündigten die Stunde der Freiheit an; die Spiele begannen, sie entschädigten sich für das Schweigen im Refectorium durch allgemeines und lebhaftes Geschwätz und Gelächter, und der junge Mann sowohl, als seine beiden ehrwürdigen Begleiter schenkten diesen Scenen, die in ihnen Erinnerungen an wohl bekannte Freuden weckten, Blicke der Theilnahme und des Wohlwollens. Aber noch hatten sie nicht dazu kommen können, einander ihre Betrachtungen mitzutheilen, als die nach dem Garten führende Thür unter lautem Gelächter heftig geöffnet wurde und in derselben ein junges schönes Mädchen erschien, mit lebhaften, von der gehabten Bewegung erhöhten Farben, schwarzem Haar und heiteren, fast noch kindlichen Gesichtszügen, während ihre Gestalt die einer völlig erwachsenen Jungfrau war. Sie zog unter fortwährendem lautem Lachen ein zweites, zartes, blondes, furchtsames und bleiches Wesen nach sich, die ungern dem Willen ihrer lebhaften und unbesonnenen Gefährtin sich zu fügen schien.

»Nun!« rief die Erste, »meine Wette ist gewonnen!« und erröthend bis unter die Locken und über ihre Dreistigkeit zitternd, drehte sie sich lebhaft, um in den Garten zu fliehen, als ein Schrei der Ueberraschung und des Schreckens zu gleicher Zeit den Lippen des blassen jungen Mädchens und denen des jungen Mauléon entfuhr.

»Was ist Dir denn, Elénore?« rief die dreiste Brünette; und indem sie die schüchterne, unbeweglich dastehende Freundin in ihre Arme nahm, trug sie dieselbe mitten in eine Gruppe von Pensionairinnen zurück, deren etwa dreißig erschreckt und aufmerksam in der Nähe der Thür stehen geblieben waren, die eine von ihnen hinter den beiden Wettläuferinnen geschlossen hatte.

Dieses Alles war so schnell, so unerwartet geschehen, daß die Ueberraschung dem jungen Manne den Ausruf entrissen hatte; die Anderen, zu beschäftigt mit dem, was sie sahen, hatten denselben nicht einmal vernommen und konnten ihn folglich nicht um die Veranlassung und Bedeutung desselben befragen.

»Das sind sehr lärmende und unbesonnene Mädchen,« bemerkte die Marquise.

»Ja – aber schön sind sie – alle Beide,««widerte der Graf.

Niemals übten Nebenumstände Einfluß auf sein Urtheil aus – er sah die Sachen immer genau so, wie sie waren, und fügte daher hinzu: »Die Brünette scheint mir von einer bewunderungswürdigen Schönheit und ich erinnere mich kaum, so frische, rosige Wangen bei einer Haut von so reinem Weiß gesehen zu haben, und welche Heiterkeit und Lebhaftigkeit in diesen strahlenden Augen!«

»Ei!« entgegnete die Marquise lachend, »erinnere ich mich doch kaum, Sie, mein lieber Graf, so entschieden einen Gegenstand bewundern gesehen zu haben; mir hingegen gefällt die Blondine besser: sie ist furchtsam und schüchtern, und wurde wider ihren Willen von der Andern mit fortgerissen; übrigens hat sie die zarten und feinen Formen und den Anstand der höheren Stände. – Was sagt Yves dazu? er muß über solche Sachen besser urtheilen können als wir, mein alter Freund.«

Das Gesicht des jungen Mannes war vollkommen kalt und ruhig, obgleich ein wenig bleicher als vor dem Eintritt des jungen Mädchens.

Aber er behielt keine Zeit zu antworten, denn die Priorin des Klosters trat ein und sagte:

»Verzeihen Sie, Frau Marquise, daß ich nicht hier war, um die Ehre zu haben, Sie bei Ihrem Eintritt zu empfangen; verzeihen Sie auch die Unschicklichkeit zweier Pensionairinnen, die Sie gestört und sich auf die lächerlichste Weise hier eingeführt haben; ich habe sie aus einem Fenster des oberen Stockwerkes, wo ich durch den Besuch einer unserer Schülerinnen, welche wiederzusehen ich sehr erfreut war, zurückgehalten wurde, gesehen und fürchte, daß diese beiden jungen Mädchen in Ihnen eine sehr unvorteilhafte Vorstellung von der Erziehung, die man in diesem Hause erhält, erweckt haben werden – doch bin ich es der Wahrheit schuldig, dieses Vorurtheil zu widerlegen. Nur eine von diesen beiden jungen Damen ist bei uns erzogen worden und auch diese – Fräulein Elénore hat schon seit drei Monaten uns verlassen.«

Bei dem Namen Elénore machte Yves eine leichte Bewegung und horchte mit erhöhter Aufmerksamkeit der Erzählung der Priorin.

»Ihre Erziehung war vollendet, und sie verließ, siebzehn Jahre alt, unser Haus, in welches sie erst vor einigen Wochen zum Besuch zurückkehrte; übrigens Werden Sie, meine Herrschaften, bemerkt haben, daß sie wider ihren Willen zu dieser Unbesonnenheit gezwungen wurde. Wir Alle lieben dieses sehr sanfte, junge Mädchen und haben uns Alle gefreut, und sie mit offenen Armen empfangen, als sie für einige Zeit um ein Zimmer in unserem Hause bat. Ihr etwas trauriger, aber sehr friedlicher Charakter hat wenig Ähnlichkeit mit der lärmenden Fröhlichkeit der Andern – aber die Andere. . .«

Die Marquise, wahrscheinlich fürchtend, daß die Wichtigkeit und Umständlichkeit, mit der man in der Zurückgezogenheit auch die unbedeutendsten Begebenheiten behandelt, die Erzählung der Priorin zur Unendlichkeit ausdehnen würde – unterbrach sie – sagend:

»O Madame! wer würde nicht mit Nachsicht solche unschuldige, jugendliche Unbesonnenheiten beurtheilen? Bitte! reden wir nicht mehr davon!«

»Die Andere,« wiederholte die Priorin, als habe sie die Marquise nicht verstanden, »ist – nicht unser»Schülerin – sie ist erst vor drei Monaten zu uns gekommen.«

Eine Bewegung der Marquise schien sagen zu sollen: Genug hiervon! —

Indessen die Priorin fuhr nach einem verlegenen Schweigen fort: »Dennoch muß ich Ihnen, Madame, sagen, die Andere ist – Fräulein . . .«

Die Priorin hielt inne, als wagte sie nicht den Namen des jungen Mädchens auszusprechen. Die Marquise zeigte sehr deutlich Neugierde, und der seit einigen Minuten zerstreut gewesene junge Mann hörte von Neuem mit Aufmerksamkeit und Bangigkeit zu.

»Kurz,« fuhr die Priorin lächelnd fort, »dieses junge Fräulein ist weder in unserm Hause, noch in irgend einem andern erzogen worden, sie hat gar keine Erziehung erhalten – sie ist wirklich beinahe eine junge Wilde.«

»Wie so?« sagte die Marquise mit zunehmender Theilnahme.

»Ja, ich halte es für meine Pflicht,« fuhr die Priorin ernst und mit fast strengem Tone fort, »Ihnen ganz die Wahrheit zu sagen. Auf dem Lande allein herangewachsen, erhielt sie weder gute, noch böse Eindrücke – sie ist eine schöne, aber unausgebildete Natur. Es würde zu weitläufig sein, Ihnen, Frau Marquise, zu erzählen, durch welche wenig vernünftigen Gründe ihre Mutter diese sonderbare Erziehung zu rechtfertigen sucht; aber vor drei Monaten wurde dieses junge Mädchen uns zugeführt, um hier zum heiligen Abendmahle vorbereitet zu werden; sie war in Beziehung auf diesen wichtigen Schritt, dem unmittelbar ihre Verheirathung folgen soll, gänzlich vernachlässigt. Wir zögerten, diesen wichtigen, und bedenklichen Auftrag zu übernehmen, und ohne die inständigen, Bitten eines sehr rechtschaffenen, frommen Mannes, Der jeden seiner Lebestage mit guten Werken bezeichnete, würden wir diese Pensionairin, die übrigens in ihrem Zimmer bleiben und nicht mit unsern andern Schülerinnen verkehren sollte, zurückgewiesen haben.

»Aber von dem zweiten Tage ihres Hierseins an, war sie nicht zu verhindern, sich während der Erholungsstunden mit ihnen zu vereinigen.

»Die Kinder versuchten ihre Kräfte in den gymnastischen Uebungen, die jetzt in allen Erziehungsanstalten eingeführt sind; die Neuangekommene, allein mit ihrer Mutter, die sie zu besuchen gekommen war, beobachtete sie lange mit einem verächtlichen und spöttischen Blicke, darauf flog sie, ohne ein Wort zu sagen, mitten unter sie, theilte mit immer wachsendem Eifer ihre Uebungen und übertraf sie alle in einem so hohen Grade von Kraft und Gewandtheit, daß sie einstimmig den Beifall und die Bewunderung aller erstaunten jungen Pensionärinnen erhielt.

»Sie erhöhte das allgemeine Vergnügen, erfand neue Spiele, neue Uebungen und ihre Heiterkeit theilte sich so sehr Allen mit, daß sie Lehrerinnen und Schülerinnen ohne Ausnahme entzückte. Unterdessen erbat und erhielt ihre Mutter für sie Erlaubniß, an den Spielen, wie an dem Unterrichte, so oft sie es wünschte, Theil nehmen zu dürfen, und ich, Frau Marquise, ich widersetzte mich diesem Wunsche nicht, denn ich hatte erkannt, daß diesem ungestümen, sonderbaren Kinde alles Böse gänzlich fremd war, daß ihre Sitten mehr ungewöhnlich, als gemein waren und ihr Charakter zwar anscheinend heftig, aber dennoch gut und sanft ist. Die Sorgfalt, die ihre erste Abendmahlsfeier, welche sie vor vierzehn Tagen begangen hat, veranlaßte, raubte überdem so viel Zeit, daß wir uns außerdem wenig mit ihrer Ausbildung beschäftigen konnten, die noch sehr viel zu wünschen übrig läßt. Bei ihrer Jugend, denn sie ist kaum sechzehn Jahre alt, obgleich man sie ihrer Erscheinung nach für älter halten möchte, würde das Versäumte wohl nachzuholen sein; – aber – es scheint – daß sie – uns verlassen wird —«

Bei diesen –Worten warf die Priorin einen Blick auf den jungen Mann, der in tiefe Träumereien versunken blieb. »Und ich habe geglaubt, Madame,« fügte sie hinzu, »daß ich es Ihnen und der Ehre Ihres Hauses schuldig sei, Ihnen mitzutheilen, was ich so eben die Ehre hatte, Ihnen zu sagen. Die hier erzogenen jungen Damen gleichen in keiner Hinsicht der, die Sie jetzt gleich wiedersehen werden, weshalb ich vorher Mit Ihnen zu reden wünschte. . . Jetzt, nachdem Sie Diejenige, um welcher willen Sie hierher gekommen sind, so heftig gesehen haben, erlauben Sie mir, Sie um Nachsicht für dieselbe zu bitten und lassen Sie mich selbst zu Gabriele Rémond gehen, um sie vorzubereiten und zu Ihnen zu führen. Ihre Mutter ist zu dieser feierlichen Zusammenkunft hierher gekommen und erwartet dieselbe mit Ungeduld.«

Ein seines Lächeln begleitete diese Worte, mit denen die Priorin das Zimmer verließ.

Der junge Mann, der, wahrend die Priorin sprach, immer bleicher werdend, unbeweglich stehen geblieben war, ging, sobald dieselbe das Zimmer verlassen hatte, langsam nach der zum Hofe führenden Thür, legte die Hand auf den Griff derselben und sagte:

»Leben Sie wohl, meine Mutter!«

»Ist es möglich!« rief die Marquise, schnell zu ihm eilend; »was ist Dir?«

Er blieb einige Augenblicke ungewiß, eine leichte Unzufriedenheit zeigte sich in seinen Mienen; er schien einen geheimen Gedanken aussprechen zu wollen, aber die Folgen eines Geständnisses zu fürchten.

»Rede doch!« sagte seine Großmutter.

Nach einigem Zögern und mit veränderter Miene sagte er sanft und gleichgültig: »Diese Klosterfrau, meine Mutter, hat ganz gewiß einen Theil des Bösen verschwiegen und das Gute übertrieben, um alle Verantwortlichkeit von sich, abzuwälzen. – Dennoch hat sie Ihnen zu verstehen gegeben, daß diese Heirath lächerlich ist und ich – ich will nicht – ich will nicht etwas thun, was lächerlich ist!«

»O Himmel!« sagte die Marquis», ergriffen und entmuthigt auf ihren Stuhl zurücksinkend; »Du willst nicht?«

»Es ist ein sehr schönes Mädchen! – bewunderungswürdig, schön,« sagte der Graf von Rhinville, bemüht, dem jungen Manne Ideen zu erwecken, die auf einen Mann, von seinem Alter Einfluß haben mußten.

Die Marquise war ganz vernichtet und in schmerzliches Erstaunen aufgelöst; ihr Gesicht war sich nicht mehr ähnlich, ihre Hände zitterten, ihre Gestalt sank zusammen . . . ihr Gedanke bei Tage, ihr Traum bei Nacht – die leidenschaftlich genährte einzige Hoffnung ihres Lebens wurde durch die Worte ihres Enkels mit Vernichtung bedroht.

»Mein Freund!« rief sie, sich zum Grafen wendend, »verstehen Sie, was er sagt? – es ist nicht möglich! – Du willst nicht, mein Sohn? – Du willst nicht? – Wer würde ehemals das zu sagen gewagt haben? Wer würde gewagt haben, sich dem, was das Wohl der Familie erheischte, zu widersetzen?

»O mein Gott! welche Zeit habe ich erleben müssen! denn in meiner Kindheit war gehorchen eine Verpflichtung, welcher die Jugend nie sich zu entziehen wagte; und während ich alt geworden hin, haben die Sitten sich so geändert, daß die Kinder den Gehorsam gegen ihre Eltern kaum noch kennen! Und dennoch, mein Sohn! wünsche ich für mich etwas? Störte, hinderte ich jemals Deine Freuden? War ich es nicht, die Deine Thorheiten enschuldigte. Deine Fehler beschönigte, die es unbemerkbar zu machen suchte, wenn Du die Gesellschaft deiner Großmutter und die edlen Häuser, die Dir offen standen, flohest, um am Ende von Paris Freunde aufzusuchen und gefährliche Verbindungen zu unterhalten, die Deinem Stande wenig angemessen sind? – Und soll ich jetzt Dich, Deinen berühmten Namen in Elend und Schande – versenken sehen?«

Hören Sie auf, meine Mutter!« rief Yves lebhaft, »selbst Sie dürfen solche Worte nicht in meiner Gegenwart aussprechen, ich ertrage es nicht.«

Die ganze nicht achtende und leidenschaftliche Hoheit des Ausdrucks zeigte sich bei diesen Worten auf dem Gesichte des jungen Mannes.

Nachdem Alle einige Minuten geschwiegen hatten, sagte er, wieder sanft und ruhig: »Wenn ich thue, was Sie wünschen, habe ich nichts von der Zukunft zu erwarten.« – Dann nahm er einen Stuhl, setzte sich und sagte mit festem Tone: »Ich bleibe.«

Unter den wohlwollenden Gewohnheiten, die vorzugsweise der seinen Gesellschaft eigen sind, ist auch das Bestreben, den Frieden um sich her zu erhalten, um denselben selbst zu genießen; – so suchte auch der Graf von Rhinville die Unterhaltung jetzt so zu leiten, daß sie die schmerzlichen Eindrücke, welche das Gemüth des jungen Mannes erlitten hatte, verwischen möge.

»Es ist jetzt in Frankreich nichts mehr lächerlich, als die Armuth,« sagte er. »Hörten Sie in den Zirkeln, wo Sie lebten, Herr von Mauléon, nicht, wenn man sich nach Jemand erkundigt«, immer zuerst die Frage:

»Was hat er?«

»In den Zirkeln, wo wein Enkel hätte leben müssen,« sagte die Marquise, bedurfte es, um Jemand aufzunehmen, nur einer befriedigenden Antwort der Frage:

»Wer ist er?«

»Es gibt vielleicht auch Zirkel,« sagte der junge Mann mit nachdenkender Miene, langsam, wie zu sich selbst, »wo, ehe man einen Unbekannten aufnimmt, man erst fragt:

Was hat er gethan? wo man nach dem Verdienst classificirt wird, wo das Talent den Vorrang hat. Diese Gesellschaft, wenn sie besteht, ist die einzige, wo das Leben einigen Werth haben kann, wo ohne Zweifel das Glück gefunden wird, welches weder durch Eitelkeiten noch durch Lustbarkeiten zu erringen ist!«

Der junge Mann sagt, diese Worte mit einer gewissen Traurigkeit, zum größtem Erstaunen der beiden Andern, die bedenkend, wie er sein Geld und seine Zeit bis dahin angewendet hatte, sich eines Lächelns nicht enthalten konnten.

Yves machte es eben so, und heftig aufspringend, nachlässig gähnend und ein kindisches, leichtfertiges Wesen annehmend, sagte er: – »Wo habe ich auch nur meinen Verstand diesen Morgen? – Ich bin zu früh aufgestanden, das macht krank – versenkt in sonderbare Betrachtungen! Nachdenken ist ein widernatürlicher Zustand und Grübeln eine Krankheit.«

Dann fügte er mit immer zunehmender Heiterkeit, die der Marquise eben so sonderbar, als die vorhergegangene Traurigkeit, vorkam, hinzu:

»Die ernsthaften Gedanken sind gut für die Thoren – sich amüsiren – das ist Alles und Nichts in der ganzen Welt, kann für eine Stunde Langweile entschädigen.«

Der Graf bemerkte verwundert die Bewegung und da« Unzusammenhängende in den Reden des Herrn von Mauléon, der gewöhnlich, ungeachtet seiner thörigten Handlungsweise, in allen seinen Gesprächen und Manieren viel Ruhe und Würde an den Tag legte; und nicht wissend, was er dem so überreizten jungen Manne antworten sollte, schwieg er lieber ganz.

Die Marquise, eine neue Caprice ihres Enkels fürchtend, beobachtete ebenfalls ein ungeduldiges und angstvolles Schweigen.

Yves versuchte noch einige scherzhafte Redensarten, aber die Worte fehlten ihm, und wohl bemerkend, daß seine künstliche Lustigkeit ihren Zweck gänzlich verfehlte, versank er wieder in tiefe Träumereien.

So schwiegen sie denn alle Drei, aber in den Zügen des jungen Mannes sprach sich, Spott und Verachtung aus, als wollte er sich an dem Geschicke rächen, oder es herausforden, indem er dem beschiedenen Loose nur noch Verachtung entgegensetzte, obgleich dasselbe tiefe und lebhafte Bewegung in seiner Seele zu wecken schien.




Zweites Kapitel

Eine reich gewordene Frau aus dem Volke


»Nun, was ist Dir denn, Gabriele? Du bist roth wie eine Kirsche und zitterst wie Espenlaub,« sagte Madame Rémond zu ihrer Tochter etwas rauh, aber voll Liebe und Herzlichkeit. Das junge Mädchen konnte, außer Athem und zugleich lachend und weinend, nur einzelne Sylben stammeln, statt zu antworten.

»Wenn Du wüßtest. . . Mütterchen . .. ich habe eine Wette gewonnen . . . aber ich bin recht erschrocken, als ich in den Salon kam, und die gute Elénore, die ich mit fortgerissen hatte, ihr wurde unwohl! . . . Du ließest mich rufen und sie ist noch ohne Bewußtsein! Sie leidet an solchen Anfällen, das ist wahr. . . aber dies Mal bin ich vielleicht daran Schuld! Ich bin trostlos.« Und nachdem sie diese Worte gesagt hatte, lachte das junge Mädchen unwillkürlich.

»Warum gingst Du in den Salon – und weshalb fürchtest Du Dich?^ fragt, Madame Rémond, während sie Haar und Halstuch des wilden Mädchens in Ordnung brachte, wobei sie jedoch mit Entzücken die Jugendfrische ihres schönen Kindes betrachtete.

»Ist schon jemand Fremdes da?« fragte sie.

»Ja, . . . eine Dame und zwei Herren, glaube ich; aber ich habe nicht Zeit gehabt, sie genau zu betrachten,« erwiderte Gabriele, noch ganz erhitzt.

,Sie werden es wahrscheinlich sein,« sagte Madame Rémond mit einem so bemerkbaren ungewöhnlichen, etwas listigen Ausdrucke, daß ihre Tochter sie neugierig ansah.

»Sei nur nicht gleich so furchtsam,« fuhr die Mutter fort; »Du brauchst Dich vor Niemand zu fürchten. . . Niemand hat Dir Etwas zu befehlen; und wer hat Dir denn auch jemals Etwas gesagt, oder Etwas abgeschlagen? Wer hat Dich jemals gezwungen, Etwas zu lernen?

Das junge Mädchen sah die Mutter, ohne sie zu unterbrechen, aufmerksam an. Diese fuhr also fort, wobei sie sich zwar immer mehr ereiferte, aber doch immer, so laut sie ihre Stimme auch erhob, ihren guten und zärtlichen Ton beibehielt:

»Hast Du je arbeiten müssen? Gott sei Dank, Du, mein liebes Kind, kannst, wenn Du willst, den ganzen Tag die Hände in den Schooß legen.«.

Gabriele, immer erstaunter, suchte zu errathen, wo das hinaus sollte.

»Und erröthe und zittre nur nicht, wie eine arme Näherin, die einer vornehmen Dame ihre Arbeit bringt; dazu hast Du keine Veranlassung! Wenn ich in vornehmer Gesellschaft etwas verlegen wäre, so wäre es kein Wunder . . . ich wurde ja erzogen, (unter uns gesagt, denn Niemand ahnet es), ich wurde erzogen in einem Laden, wo kaum vier Mal jährlich ein Sonnenstrahl eindrang und wo niemals feine Manieren gesehen wurden; wenn ich also verlegen wäre, das wäre natürlich, und dennoch bin ich es nicht; ich habe die Sicherheit einer Herzogin und betrage mich gegen diese Herrschaften so, daß sie mich für ihres Gleichen halten müssen.«

Gabriele hörte aufmerksam zu, ohne die Mutter zu begreifen; diese fuhr fort:

»Es ist nicht um meinetwillen, aber sieh, Kind, die Menschen sind wunderlich; in den Augen der Welt ist es ehrenvoller, wenn man immer nur Geld verthan zu haben scheint, als wenn man sich merken läßt, daß man es sich hat sauer werden lassen, um welches zu gewinnen; und je weniger Du thust und je weniger Du nützest, je mehr giltst Du in der Welt. . . Auch lasse ich sie Alles glauben, was sie wollen . . . und übrigens, was Dich betrifft, ist es ja wahr . . . niemals in Deinem Leben bist Du in einen Laden eingetreten, als um Einkäufe zu machen . . . und jetzt, wo Du bald sechzehn Jahre alt sein wirst, sollst Du eine schöne vornehme Dame werden . . . Das wars, was ich Dir eben sagen wollte; ich will Dich verheirathen!«

»Ah! sagte das junge Mädchen, ohne daß es schien, als erwecke Das, was ihre Mutter ihr so eben gesagt hatte, irgend eine frohe oder traurige Vorstellung bei ihr, und als habe das Wort »Heirath« gar keine Bedeutung für sie.«

»Ich habe die beste Wahl für Dich getroffen,« fuhr Madame Rémond fort.

»Wie gut Du bist!« sagte Gabriele, ihre frischen Wangen an die Mutter schmiegend, um ihr durch einen Kuß zu Danken, wie sie gewöhnlich that, wenn sie irgend ein neues Putzstück oder Geschmeide bekam.

»Ja, gut bin ich, wenn auch ein wenig heftig; das kommt aber daher, daß nicht wie eine Prinzessin erzogen worden bin . . . Mein Vater war ein Handwerker . . . ein Schlosser, der durch Fleiß, Einsicht und Rechtlichkeit sein Glück gemacht hat . . . aber bei uns mußte auch jeder arbeiten; so ist das Geld ins Haus gekommen. Zuletzt hatte mein Vater eine Menge Eisenhämmer und Schmiedewerkstätten, die ihm unermeßliches Geld einbrachten, und einen so vorzüglichen Ruf, daß der reiche Eisenhändler Rémond mich zur Frau begehrte. Auch er war durch Arbeit reich geworden und hatte die Gewohnheiten eines Handwerkers beibehalten, aber ein braver Mann war er, der Niemand auch nur um einen Sou hätte betrügen mögen; und das hat Gott gesegnet. Alles gelang ihm! »Frau,« sagte er zuweilen zu mir, »ich glaube, wir werden noch Millionairs!« und dann lachte er, daß es eine Lust war, es zu sehen, und arbeiten darum nicht weniger; ja so arbeitete er, daß ihn eines Tages eine Brustentzündung befiel, an der er starb, der arme Mann.«

Die Frau Witwe Rémond nahm hierbei eine ernste Miene an, deren trauriger Widerschein das lachende Gesicht Gabrielens verdüsterte.

Aber plötzlich und ohne Uebergang, wahrscheinlich weil sie dem Schmerze dieser schon alten Erinnerung nun ihr Recht angethan hatte, sagte die betrübte Witwe lachend: »Und ich war Witwe mit mehreren Millionen und einer einzigen Tochter, meiner lieben Gabriele, um derentwillen ich mich nicht wieder habe verheirathen wollen, wofür ihr Glück mich hoffentlich entschädigen wird.«

Und die Mutter nahm den niedlichen Kopf ihres schönen Kindes zwischen ihre beiden Hände, und küsste ihre reine, weiße Stirn mit lebhafter, kräftiger Zärtlichkeit.

Madame Rémond war groß und in Folge ihrer in großer Thätigkeit verlebten Jugend beinahe männlich kräftig, doch gab eine bedeutsame Corpulenz ihr ungeachtet ihrer fünfzig Jahre ein fast jugendlich frisches Ansehen. Sie hatte sich zu dieser ersten Zusammenkunft mit einem goldfarbenen und mit Blumen von allen Farben durchwirkten Kleide von prachtvollem Lyoner Stoffe geschmückt, und also um den Wohlstands der ihr das Kostbarste zu tragen erlaubte, zu zeigen, ein Staatskleid für Winterabende zu einem Sommer-Negligee gemacht. Ein unermeßlicher Cashemir-Shawl breitete über ihre Schultern die Schönheit und Pracht der köstlichsten Gewebes, Die, welche ihn an einem der heißesten Sommertage trug, fast erstickend. Ein von unzähligen weißen Federn beschatteter Rosahhut umschloß ein Gesicht, dessen lebhafte Farben ins Carmolsin überzugehen anfingen, und eine Menge schlecht geordneter schwarzer Locken wetteiferten mit Goldkette, Armbändern, Schmucknadeln, Broche, Ohrgehängen und Ringen, welches Alles vom höchsten Werth und enormer Größe war, um den Putz dieser sonderbaren Erscheinung zu vervollständigen. Madame Rémond hatte an ihrer einzigen Person so viel Schmuck zusammengehäuft, daß alle Bräute des zwölften Stadtviertels daran genug gehabt haben würden.

Der schnelle Wechsel des Glückes hatte eine unbegreifliche Verwirrung in ihrem von Natur klugen und vernünftigen Geiste hervorgebracht. Arbeit und eine kleinliche Sparsamkeit hatten vierzig Jahre ihres Lebens ausgefüllt; plötzlich im Alleinbesitze eines unermeßlichen Vermögens, hielt sie es für das höchste Glück, recht viel Geld auszugeben und beständig müßig sein zu können; aber seit den zehn Jahren, daß sie Wittwe und reich war, langweilte der Müßiggang sie, und sie gab nie Geld aus, ohne sich Vorwürfe darüber zu machen.

Ihr ganzes Leben war ein Gemisch von kleinlicher Knickerei und übel angebrachter Verschwendung, von Eitelkeit, welche ihren Wohlstand zu zeigen bemüht war, und von Furcht, um die geringste Summe betrogen zu werden.

Ohne richtig beurtheilen zu können, was ihrer Bildung eigentlich fehle, fühlte Madame Rémond, daß ihr vergangenes Leben sie unfähig mache, und wünschte deshalb ihrer Tochter in Verhältnisse zu versetzen, denen die angestrengte Arbeit, der sie sich hatte unterziehen müssen, so fremd und fern als möglich war.

Vor seinem Tode hatte ihr Mann ein dreißig Meilen von Paris gelegenes altes Schloß mit bedeutenden Forsten und Ländereien gekauft. Dorthin brachte Madame Rémond ihre damals noch ganz kleine Tochter mit einer alten Erzieherin, welche gebeten wurde, sie nur lesen und schreiben zu lehren, und diese hütete sich wohl, ein Meheres zu thun.

Madame Rémond brachte einen Theil des Sommers auf diesem Gute zu, wo sie sich hauptsächlich mit der Bestellung eines großen Küchengartens und der Aufsicht über einen beträchtlichen Hühnerhof beschäftigte und ihrer Tochter die Anwendung, ihrer Zeit allein überließ, ohne sich auch nur Ein Mal zu erkundigen, wie sie dieselbe ausfüllte, überzeugt, daß sie ihr Kind ganz wie das einer großen Dame erzöge, wenn sie es von aller Arbeit und allem Widerspruch befreite. Was die Gegenstände betraf, die im Bereiche von Madame Rémonds Beurtheilungskraft lagen, so war ihre Beurtheilung derselben einfach, aber wahr, und voll Vernunft und Billigkeit; aber die Ansichten, die sie sich über die Verhältnisse der großen Welt gebildet hatte, entbehrten gänzlich des gesunden Menschenverstandes.

Die Leute aus den unteren Klassen glauben von den Verhältnissen der großen Welt lieber das Tollste und Ungereimteste, als daß sie die Einfachheit und Wahrheit derselben begreifen; über einige Punkte halte ihr natürlicher Verstand Madame Rémond durchaus nicht aufzuklären vermocht, und in der Ungewißheit, wie sie dieselbe erziehen müsse, hatte sie ihre Tochter einer gänzlichen Unwissenheit überlassen. Das Kind hatte, keinen Begriff von der Welt; die Gesellschaft und die Sitten, sowie die Gebräuche unserer Zeit, waren ihr durchaus unbekannt.

Während Gabriele so, sich selbst überlassen, heranwuchs, hielt ihre Mutter sich oft längere Zeit in Paris auf, wo sie am äußersten Ende der Straße Vivienne, da, wo sie an die Boulevards stößt, die erste Etage eines großen Hauses bewohnte, welches sie selbst hatte bauen lassen. Die Emporkömmlinge lieben besonders neue Straßen und neue Häuser; der Lärm der Boulevards, die Menschenmenge und deren außerordentliches Geräusch gefallen ihnen, und Madame Rémond fühlte sich sehr glücklich mitten in dem Gewühle von Handel treibenden Menschen, wo sie sich dem behaglichen Gefühle überließ, daß sie errungen hatte und besaß, was diese noch so eifrig erstrebten. Sie hatte sich mehrmals Wagen und Pferde angeschafft, aber aus einer ihr zur andern Natur gewordenen Gewohnheit machte sie alle Geschäftswege zu Fuß ab und glaubte sich der Equipage nur zu Spazierfahrten bedienen zu dürfen; Spazierenfahren langweilte aber Madame Rémond im höchsten Grade. Mit einigen alten Bekanntinnen zu plaudern, war ihr größtes Vergnügen; diese Bekanntinnen würden aber durch diese Equipage ihrer Freundin, die sie sich nicht anschaffen konnten, gedemüthigt sein, oder darüber gespottet haben. Madame Rémond ging also zu ihnen zu Fuße, und da sie immer noch die Sparsamkeit ihrer Kindheit und Jugend nicht abgelegt hatte, so verkaufte sie lieber die Pferde, die sie erhalten mußte, ohne Nutzen von denselben zu haben, bis ihre Eitelkeit sie einmal wieder bewog, Pferde anzuschaffen, indem sie sich überzeugte, daß es sich für eine Frau von ihrem Vermögen nicht schicke, ohne Equipage zu sein. Eben so war es mit ihrer Dienerschaft; bald vermochte ihre Eitelkeit sie, deren eine zahlreiche Menge anzuschaffen; dann wieder ärgerte sie sich über diese überflüssige Ausgabe, schickte alle ihre Leute fort und begnügte sich mit einer einzigen Frau, der sie selbst half, bei den häuslichen Verrichtungen und bei der Erhaltung und Reinigung eines weitläufigen Quartiers, in welchem sie eine Menge der kostbarsten Meublen angehäuft hatte.

So lebte die Marquise von Fontenoy-Mareuil, alles und jedes Vermögens entblößt, nach ihren alten. Gewohnheiten und Verhältnissen noch immer wie eine reiche Frau, und Madame Rémond, die vier Millionen besaß, quälte sich mit den gemeinsten Arbeiten und befleißigte sich der ängstlichen Sparsamkeit, zu der die Armuth zwingt.

Aber in diesem Augenblicke glänzte das Gesicht der Madame Rémond von mütterlicher Zärtlichkeit und Stolz auf ihren Reichthum, indem sie zu ihrer Tochter sagte:

»Jetzt also, Gabriele, werde ich Dir einen sehr großen Theil meines Vermögens geben.«

»Mir!« sagte da« junge Mädchen, »und wozu das? Habe ich denn irgend Etwas nöthig?«

»Es ist wegen Deines Mannes und für ihn,« antwortete Madame Rémond.

»Ach ja! ein Mann.« sagte Gabriele, lachend wie ein Kind. »Ich werde also einen Mann haben! Aber worum ihm Dein Geld geben, Mütterchen? Behalte es für Dich! . . . Er wird mich schon ohne das heirathen.«

»Glaubst Du?« sagte die Mutter mit zweifelndem Lächeln.

»Er wird arbeiten,« erwiderte das junge Mädchen, ohne jedoch an Dem, was sie sagte, großen Antheil zu zeigen.

»Er!« rief Madame Nemond überrascht.

»Er ist ein herzensguter Mensch, klug und verständig,« fügte Gabriele hinzu.

»Und woher kennst Du ihn denn?« fragte die Mutter mit zunehmendem Erstaunen.

»Woher ich meinen Vetter Georg kenne?« erwiderte Gabriele lachend, »ich kenne ja nur ihn!«

»Georg? Deinen Vetter Georg Nemond!« rief die Mutter mit Schrecken und Bestürzung. »Du glaubst, daß ich, Deine Mutter, ich, die ich Geld habe, so viel Geld, daß dieses Zimmer es nicht faßt, Dich eine solche Heirath schließen lassen würde! Eine solche Mißheirat! Deinen Vetter heirathen! Du! einen Bürgerlichen, der weder Geld noch Titel hat! Ich hätte vierzig Jahre lang gesammelt und mir Alles versagt; mein Vater, mein Mann und Ich, wir hatten unser ganzes Leben lang gearbeitet, damit unser einziges Kind, unser Aller Erbin, kurzweg Madame Rémond hieße? . . . Das wäre hübsch! Ein schöner Einfall! Vier Millionen, um Madame Rémond zu sein! Bist Du denn toll?«

»Aber es ist ja der Name meines Vaters und der Deinige,« sagte die überraschte Gabriele sanft.

»Dein Vater war ein braver Mann, der sich gut auf Geschäfte verstand; ich schmähe ihn nicht,« erwiderte die Mutter, durch den Vorwurf der Tochter etwas beschämt; »Georg ist auch ein braver Junge, aber er wird kein Glück machen. Er ist Schriftsteller, er soll Genie haben; aber was ist er? Was hat er für eine Stellung in der Welt? Wenn seine Mutter ihm nicht ein kleines Haus hinterlassen hätte, welches ihm etwa tausend Livres jährliche Renten einbringt, so könnte er Hungers sterben, wie die Dichter gewöhnlich.«

Dann nahm sie eine ernste Miene an und setzte hinzu:

»Aber davon ist nicht die Rede, Gabriele; es fragt sich, was Du sagen wolltest, und ob Du Neigung hast. . . für. . .«

»Für Niemand,« sagte das junge Mädchen aufstehend und mit gleichen Füßen in die Mitte des Zimmers springend, mit einer Leichtigkeit und einer Unbefangenheit, die die Wahrheit ihrer Worte bestätigte; »ich nannte meinen Netter, weil nie jemand Anderes hierher gekommen ist seit den drei Monaten, die ich hier bin, und weil er mehrmals, wenn er mich ansah, wiederholte: »Ihr Mann wird sehr glücklich sein, meine Cousine!«

»Ach! das hat er gesagt?«

»Aber mir,« fuhr Gabriele hüpfend fort, »mir ist das sehr gleichgültig! Er oder ein Anderer, ein Anderer oder er!. . .« Und sich ihrer Mutter nähernd und dieselbe umarmend, sagte sie: »Was Du willst, Mütterchen, ich thue es immer! Du bist eine gute Mutter; Du sollst auch von mir sagen können: Du bist eine gute Tochter.«

Dann fing sie wieder an zu tanzen, als ob die Heirath, von der die Rede war, nicht nur keinen ernsten Gedanken in ihr erweckte, sondern ihr auch nicht einmal die leiseste Bewegung von Antheil oder Neugierde einflößte, und Madame Rémond überließ das sorglose Kind ihren Launen, die sie immer ungehindert hatte befriedigen können.

»Höre doch wenigstens,« sagte sie endlich, »Du wirst eine Herzogin.«

»Eine Herzogin?« erwiderte das jung« Mädchen, mit einem Fuße in der Luft, und in diesem Worte, welches ihr nur unsichere Vorstellungen bot, eine bestimmte Bedeutung suchend.

»Ja,« entgegnete die Mutter, »Du wirst den Herrn Herzog Yves von Mauléon heirathen.«

»Yves von Mauléon!« wiederholte Gabriele; »das ist ein allerliebster Name.«

»Ein köstlicher Name! ein alter Name! Man sagt, daß das die besten sind, und dieser ist vielleicht zweitausend Jahre alt,« fügte Madame Rémond, welche über die Zeitläufte keine sehr richtige Vorstellung halte, mit Pathos hinzu.

Gabriele war immer noch in der Stellung ihrer Pirouette und ihr Geist verlor sich in Vermuthungen.

»Mein Mann wird Herzog sein? Ich habe niemals einen gesehen,« sagte sie; »es müßte denn. . . aber doch . . . eines Tages, als ich noch auf dem Lande, noch nie in Paris gewesen war, vor etwa zwei Jahren, zerbrach in unserer Nahe ein sehr schöner Wagen; man sagte, er gehöre dem Herrn Herzog von . . . Ach! ich weiß den Namen nicht mehr! . . . er war verwundet; er wußte aus dem umgeworfenen Wagen gehoben werden; ich sah mit den Andern zu; er war alt, sehr alt! Eine Mütze von schwarzer Seide . . . die Gicht. . . er konnte nicht gehen; man trug ihn an den Rand des Weges, er wurde »Herr Herzog« genannt . . . ich erinnere mich dessen. Ach! wie häßlich war er!«

Indem sie diese Worte gesagt hatte, beendigte Gabriele auch ihre Pirouette, vielleicht um die häßliche Gestalt zu verjagen, die sich ihrer Phantasie in der Erinnerung dargestellt hatte; und als sie still stand, berührte sie mit ihrem Gesicht beinahe das der Priorin, welche kam, um sie in den Salon zu führen, und die eine Bewegung der Ueberraschung nicht unterdrücken konnte, indem sie sah, wie das junge Mädchen die Augenblicke, welche der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens vorangingen, benutzte.

»Die Frau Marquise von Fontenoy-Mareuil ist im Salon,« sagte sie mit bedeutendem und zufriedenem Tone zu Madame Rémond, die dies nicht bemerkte, aber aufstand und zu ihrer Tochter, während sie deren Anzug in Ordnung brachte, sagte: »Komm, Gabriele, sei vernünftig! Du wirst Deinen Bräutigam kennen lernen, wie ich Dir schon gesagt habe.«

»Schon?« rief das junge Mädchen mit zum Lächeln verzogenem Munde, ohne sich jedoch um das, was ihr angekündigt wurde, sonderlich zu bekümmern.

Seit Gabriele denken konnte, hatte sie ihre Mutter von ihrer Heirath reden hören; denn Madame Rémond dachte schon an dieses Ereigniß und sprach ihre Gedanken darüber aus, ehe das Kind, der Gegenstand so schöner Hoffnungen, die Kräfte hatte, damit umgehen zu können. Und seit der glänzenden Taufe, deren die alten Bewohner des Viertels Saint-Martin sich genug erinnerten, um deren prachtvolle Feier beschreiben zu können, träumte sich Madame Rémond eine noch viel prachtvollere Feier für die Hochzeit der präsumtiven Erbin der Familie.

Auch hatten die Worte: Mann und Heirath, Gabrielens Ohr seit ihrer frühesten Kindheit so oft berührt, daß sie sich daran gewöhnt hatte zu ein« Zeit, wo sie noch keine Vorstellungen in ihr erwecken konnten; sie hatte sie bis jetzt ohne besonderes Interesse aussprechen hören und folgte hüpfend und ohne etwas Besonderes zu denken, ihrer Mutter zum Salon, wo die Marquise mit ihrem Enkel und dem Grafen von Rhinville, alle drei schwelgend, feierlich und unruhig sie erwarteten.

,Ich habe die Ehre, Frau Marquise, Ihnen meine Tochter Gabriele vorzustellen,« sagte Madame Rémond, indem sie ceremoniös und laut und mit Pathos redend, eintrat.

Die Marquise war aufgestanden und nichts konnte auffallender sein, als der Unterschied zwischen diesen beiden Frauen, die durch Gehurt, durch Erziehung und Gewohnheiten so vollständig geschieden waren; deren Eine in einer schmutzigen Schlosserwerkstatt der Vorstadt Saint-Martin und die Andere in einem fürstlichen Hotel der Straße Varennes geboren war, während Eine den Dauphin, Ludwig den Funfzehnten, und die Andere einen armen Gastwirth zum Pathen gehabt hatte; deren Eine unter den Großen, Ausgezeichneten, Reichen, die Andere unter den Kleinen, Gemeinen und Armen gelebt hatte; hier waren diese beiden Frauen zusammen gekommen,um ihre beiden einzigen Kinder auf immer zu verbinden durch das innigste und unauflöslichste aller Verhältnisse! . . . Die Zukunft sollte sie vereinen und ihre Vergangenheit war so verschieden gewesen!

Madame Rémond warf einen Blick auf den einfachen Anzug der Marquis«; sie bemerkte nicht dessen geschmackvolle Einfachheit, sondern dessen wenigen Glanz, und der Vorzug des ihrigen erschien ihr unbestreitbar. Die Freude, die sie empfand, zeigte sich durch die zahlreichen, wahrhaft kindischen Bewegungen, die sie machte, um ein Stück nach dem andern ihres reichen Putzes in das schönste Licht treten zu lassen.

Die Leute aus den niederen Klassen gleichen sehr den Kindern; wie diese, haben sie wenig gesehen, haben nichts verglichen, und ihr Vertrauen zu sich selbst und Anderen hat sie nicht das Lächerliche errathen lassen. Sie sind ungekünstelt, genießen lebhaft und ohne es zu verhehlen, ihre Freuden. Madame Rémond triumphirte und zeigte es; die Marquise war gedemüthigt und verhehlte es.

Gabriele, dem Grafen gegenüber, betrachtete forschend und mit sonderbarem Ausdruck seine alte mit jugendlicher Kleidung geschmückte Gestalt.

Yves von Mauléon halte die kalte Verachtung, in die er, seinem Schicksal sich ergebend, sich eingehüllt hatte, festgehalten. Die Marquise näherte sich ihm und sagte, ihn bei der Hand nehmend mit liebenswürdiger Anmuth, obgleich ein wenig stolz:

»Madame, ich habe die Ehre, Ihnen meinen Enkel, den Herrn Herzog Aves von Mauléon, vorzustellen.«

Und der junge Mann, den Wink seiner Großmutter befolgend, näherte sich Gabrielen, die, sich lebhaft zu ihm wendend, mit einem nicht zu beschreibenden Ausdruck von freudiger Ueberraschung ausrief:

»Und ich glaubte, es sei dieser Herr!« hierbei deutete sie mit einer so höchst komischen Geberde auf den Grafen und warf dem jungen Manne einen so heiteren Blick kindlichen Erstaunens zu, daß ein allgemeines unwillkürliches Gelächter erscholl und die feierliche Stimmung der in diesem Salon vereinigten Personen in Heiterkeit verwandelte.

Madame Rémond machte hierüber eine Menge Scherze, die nach Niemandes Geschmack waren und denen Einhalt zu thun, die Marquise sich vergebens bemühte. Madame Rémond gab sich nicht so leichten Kaufs gefangen und hörte nicht eher auf zu reden, als bis sie den Vorrath ihrer Scherze erschöpft hatte; dann betrachtete sie den jungen Herzog mit der gewissenhaftesten Aufmerksamkeit, neigte, erhob und drehte ihren Kopf, um ihn von allen Seiten zu sehen, wie sie Waare betrachtet haben würde, um sich zu überzeugen, ob dieselbe wohlconditionirt, unverdorben und ohne Fehler sei,ob man sie nicht betrogen und übervortheilt habe und ob sie auch diesen jungen Mann ihrer zwei Millionen würdig erachten könne.

Man setzte sich, immer noch lachend; aber die Unterhaltung war sehr schwierig zwischen Personen, die einander so fremd waren und die den einzigen Gegenstand, der einen Berührungspunkt zwischen ihnen bildete, nicht erwähnen konnten. Gabriele war bis an die Augen erröthet, indem sie dem spöttischen Lächeln Yves von Mauléons begegnete, und sah schweigend zur Erde, ohne die geringste Bewegung zu machen. Ihr Geist war zu beschäftigt, um zu bemerken, daß ihr Körper unbeweglich war.

Der Graf, der zuerst über die ihm zu Theil gewordene Geringschätzung des jungen Mädchens gelächelt hatte, wurde durch ihre Freude beim Anblicke des jungen Mannes unangenehm berührt und war nicht mehr in der Stimmung, das Schweigen zu brechen.

Die Marquise versuchte mit dem bekannten Talente vornehmer Damen, über unbedeutende Dinge angenehm zu reden, das man in der großen Welt sich zu eigen macht, einige Worte zu sagen, aber Niemand antwortete ihr.

Herr von Mauléon hatte eine Art instinktmäßige Freude empfunden über die naive Freude Gabrielens, als sie ihn jung und schön fand; aber der Anschein von Rohheit des jungen Mädchens und von Lächerlichkeit der Mutter machte ihn unruhig, unzufrieden, unsicher, doch verbarg er seine heftige innere Aufregung unter angenommener schweigender Ruhe.

Jeder fühlte sich unbehaglich. Niemandem fiel ein gleichgültiger Gegenstand der Unterhaltung ein. Die Marquise fühlte Abneigung gegen Madame Rémond; und diese empfand eine Verlegenheit, über deren Veranlassung sie sich keine Rechenschaft zu geben wußte. Sie mochte wohl, dachte sie, »die Gesellschaft amüsiren;« aber ihre Scherze hatten nicht gefallen und so schwiegen Alle.

In diesem Augenblicke ging der Unbekannte, von dem wir schon geredet haben, wieder über den Hof und Madame Rémond sah ihn in einiger Entfernung vom Fenster unbeweglich stehen, und das, was im Salon vorging, mit unruhigen Blicken beobachten. Sie winkte ihm, herein zu kommen und rief: »Sieh da, Herr Simon!« Dieser aber entfernte sich schnell, ohne diesen Ruf zu beachten.

V,Der gute Herr Simon, er geht fort,« sagte Madame Rémond, »welcher brave Mann! nur »in wenig sonderbar, nicht wahr? Sie kennen ihn Alle?« Da sie hierbei zufällig den Grafen ansah, glaubte dieser sich verpflichtet, ein verächtliches »Nein« zu antworten, welches wenigstens den Willen, ihn nicht zu kennen, anzeigte.

Die Marquise erwiederte mit freundlichen Tone:

»Es ist einen Monat her,daß ich Herrn Simon zum ersten Male sah.«

»Erst einen Monat,« rief Madame Rémond erstaunt, »aber schon vor drei Wochen hat er mit mir von Ihnen und Ihrem Herrn Sohne geredet! Dieser wird Ihn ohne Zweifel kenne?« und ihre Augen und Stimme fragten den jungen Mann,welcher fast wider Willen antwortete: »Wir kennen uns schon über acht Jahre.« Der Graf und die Marquise sahen einander verwundert an. »Er ist ein sonderbarer Mann,« sagte Madame Rémond, froh, einen Gegenstand der Unterhaltung aufgefunden zu haben; und wenn ich Ihnen erzählen sollte, wie er er unsere Bekanntschaft gemacht hat . . . Aber; das kann Ihnen Gabriele erzählen; sie hat ja ohnehin noch gar nichts gesagt und die Gesellschaft muß sie doch auch reden hören. Nun Gabriele antworte, doch.«

»Da erst wurde Gabriele gewahr, daß ihre Mutter mit ihr redete, denn sie war so zerstreut, daß sie weder sah noch hörte, was um sie her vorging. »Was willst Du, Mama?« sagte sie überrascht. »Was ich will?« erwiderte die Mutter; »aber woran denkst Du denn? Hörtest Du nicht, daß ich Dich bat, zu erzählen, wie Du Simon kennen gelernt hast?« Die Marquise glaubte ohne Zweifel, das junge Mädchen werde mit linkischen Manieren irgend eine lächerliche Erzählung zum Besten geben und dadurch ihrem Enkel mißfallen, denn sie wollte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand lenken; aber die Mutter bestand auf ihrer Forderung und der junge Herzog nahm eine verächtlich resignirende Miene an, wie Jemand, der beschließt, sich über eine Qual, die man ihm auferlegt, lustig zu machen.

Gabriele verstand nicht die Kunst zu unterhalten, – die Gabe, über gleichgültige oder unnütze Sachen auf eine angenehme Weise zu schwatzen, um eine Lücke in der Unterhaltung auszufüllen, war ihr fremd. Sie hatte keinen Begriff von dem, was man Conversation nennt; aber jetzt sollte sie eine Begebenheit erzählen, etwas berichten, was sie gesehen hatte, fand also keine Schwierigkeit zu reden, und that es ohne Scheu, wie sie gesungen, getanzt haben würde, ohne Vorbereitung und Künstelei.

»Im letzten Frühjahr, ich war auf Schloß Arnouville . . .«

Bei diesem Namen zuckte die Marquise und sah den Grafen an; Gabriele fuhr fort, ohne dieses gewahr zu werden:

»Es ist ein schönes Schloß; der Park ist über dreihundert Morgen groß und von unermeßlichen Forsten umgeben. Alles dieses ist dreißig Meilen von Paris gelegen; ich habe meine Kindheit dort zugebracht und wurde durch nichts verhindert, die köstliche ländliche Freiheit nach Herzenslust zu genießen. Am äußersten Ende des Parks bilden bewunderungswürdig hohe Bäume, ein so dichtes Bosket, daß man in demselben, wie bei gutem Wetter vor den Strahlen der Sonne, so bei schlechtem Wetter vor Wind und Regen geschützt ist. Flieder, Geisblatt und Jasmin haben um dasselbe eine undurchdringliche Mauer gezogen. Dieses Bosket ist auf einer an die Heerstraße grenzenden Anhöhe, und oft vergnügte ich mich, in demselben versteckt, die Reisewagen und Wanderer zu beobachten; öfter noch blieb ich dort ganze Stunden, ohne irgend etwas zu sehen oder zu beobachten, auf dem Rasen liegend, eingewiegt durch den vom Winde mir zugewehten Duft des Jasmins und den Gesang der Nachtigall, den ich nachzuahmen suchte. Eines Morgens war ich, als der Tag anbrach, schon gekommen, um sie zu belauschen, ehe das Geräusch des Tages sie verscheuchte, und sie so lange anzuhören, bis es mir gelänge, ihre Melodien nachzumachen; ich hatte es dahin gebracht, alle Biegungen und Wendungen ihrer geläufigen kleinen Kehle in den verschiedensten Modulationen nachahmen zu können, als ich ganz nahe bei mir einen armen Greis bemerkte, der, mir zuhörte. Er kam öfter und sah immer so traurig aus, daß ich mich durchaus nicht vor ihm fürchtete. Indessen wunderte ich mich, ihn immer da zu sehen, und eine unwillkürliche Neugierde bewog mich eines Tages, eine kleine Treppe hinabzusteigen, die von der Terrasse auf die Straße führte; nur das eiserne Gitter, welches den Part umgibt, trennte uns; er hatte mich nicht kommen hören und sah mich nicht. Mit sich selbst redend, als sei er allein, sagte, er: »Dieses Kind ist so reich, so reich! ach, wenn es möglich wäre! . . .« »Da fiel es mir plötzlich ein, daß dieser Mann vielleicht mich meine, und daß die Reichthümer, in deren Besitz er mich glaubte, wohl seine Traurigkeit oder seinen Neid erregten; daß er vielleicht arm sei, und daß er hier an meiner Seite, die ich so viele, unnöthige Sachen hatte, einem armen Greise an dem Nöthigsten fehlen könne. Ich lief nach meinem Zimmer und holte von dem Golde, das meine Mutter mir ungezählt gab, und das da lag, ohne daß ich Gelegenheit oder Neigung hatte, es auszugeben. Ich nahm davon, so viel ich fassen konnte, eilte zurück, öffnete leise die Thür des Parks und stand neben dem unbekannten, ohne daß er mein Nahen bemerkt hatte; sanft ließ ich die Goldstücke in seinen neben ihm liegenden Hut gleiten. Aber plötzlich drehte er sich rasch um und verwundert und unzufrieden zwang er mich, mein Gold zurückzunehmen.

»Ich bedarf dessen nicht,« sagte er, »ich bedarf Ihres Goldes nicht.«

»Ich war verwirrt und fürchtete, ihn beleidigt zu haben, denn es soll ja Menschen geben, die sich der Armuth schämen. Er errieth meine Gedanken und sagte mit gutem, sanftem Tone:

»Herzlichen Dank für Ihre gute Absicht, Sie haben sich nicht geirrt, indem Sie mich für unglücklich hielten; aber mein Unglück ist nicht von der Art, daß ihm durch Gold abgeholfen werden kann;dennoch sind Sie es, Sie allein, die meinen Kummer lindern kann.«

»Und als ich ihn ausfragte und wissen wollte, welcher Art die Uebel seien, denen ich abhelfen könne, antwortete er mir nicht und sah mich lange schweigend an.

,Mama kam nun, mich abzuholen, schwatzte lange mit dem Unbekannten und forderte ihn auf, in den Park einzutreten. Er kam von da an öfter, sagte uns seinen Stand und Namen, und als wir bald darauf nach Paris zogen und ich einige Monate in einem Kloster zubringen sollte, wählte er für mich dieses, mit dessen Priorin er schon lange bekannt ist, und ich glaube sogar, daß Alles, was jetzt um Mich her vorgeht, durch Herrn Simons Einfluß geschieht. Auch erscheint er jetzt weniger traurig, einige Male habe ich ihn sogar lächeln sehen; aber was mich wundert, ist, daß er oft in so bittere Betrachtungen versunken zu sein scheint, daß er Alles um sich her vergißt; er glaubt dann allein zu sein, stößt Worte aus, die an Niemand gerichtet sind; eines Tages sogar, ach! ich werde es nie vergessen, flossen Thränen über seine bleichen Wangen, und er sagte: »Mein Gott! sie können also nicht vergessen! . . .« Und ich, seine Thränen sehend, wurde davon so schmerzlich bewegt, daß ich unwillkürlich ausrief: »Weinen denn Greise auch? ich glaubte, nur Kinder hätten Thränen! Ach! Sie müssen wohl viel Kummer haben.« Da sah er mich mit einer so traurigen und liebevollen Miene an, daß ich seitdem eine herzliche Freundschaft für ihn empfinde und viel darum gäbe, ihn trösten zu können,

»Dies ist Alles, was ich von Herrn Simon weiß.«

Gabriele schwieg und mit ihr Alle; der naive und anmuthige Ton, mit dem sie diese einfache Erzählung vorgetragen hatte, ihre Silberstimme, ihre bewegliche Physiognomie, die von der lachendsten Freude zu der sanftesten Traurigkeit übergegangen war, alle die köstlichen, kindlichen, frohen und ernsten Uebergänge ihrer Worte, ihrer Züge und ihrer Stimme, die vollständige und doch so einfache Uebereinstimmung in allem Diesem, hatte sich der Aufmerksamkeit derer, die verwundert, entzückt und hingerissen zuhörten, gänzlich bemächtigt. —

Und Gabriele, deren Blicke sich zum zweiten Male auf den jungen Herzog richteten, fand die seinigen mit einem unerklärlichen Ausdrucke auf ihr ruhen: ihre Augen begegneten sich, ein Funke entfloh Beider Seelen, um dieselben zu vereinigen. gibt es nicht eine Bewegung, welche sich plötzlich und unbegreiflich, zuweilen ohne ihr Wissen und ihren Willen, zweien Wesen mittheilt. Keine Betrachtung hat stattgefunden, kein Plan ist entworfen, keine Vorstellung hat sich gebildet: es ist eine Empfindung, die nur von selbst entsteht, die auch nur durch sich selbst wieder zu verhindern und zu zerstören ist; es ist eine unbekannte Gewalt: es ist noch nicht die Liebe, aber das Vorgefühl derselben. Das unbefangene Kind und der gelangweilte junge Mann hatten einen Augenblick diesen unwillkürlichen Eindruck Beide empfunden; er versöhnte den jungen Mann mit dieser Heirath, an die er früher nur mit Widerstreben dachte, und bei dem jungen Mädchen weckte er eine lebhafte freudige Theilnahme an den Plänen ihrer Mutter, und in diesem Augenblicke erfüllten sich die stolzen Pläne zweier liebenden Mütter durch einen sympathetischen Zug zweier liebender Herzen.

Die Marquise stand auf: ihr mütterliches Herz empfand mit weiblicher Feinheit, daß sie ihrem Enkel den Einfluß der sanften Worte Gabrielens bewahren müsse, und sie endete die Zusammenkunft durch einen Gruß an Madame Rémond, in welchen sie die möglichste Freundlichkeit zu legen suchte, um ihr dadurch zu erkennen zu geben, daß die Heirath beschlossen sei. Es blieben nur noch die einzelnen Umstände und die Zeit zu bestimmen. Also vereinigten sich die Bestrebungen Simons, der große Hochmuth der Madame Rémond und die Pläne der Marquise zu Einem Resultate, und das wilde Mädchen sollte Herzogin von Mauléon werden. Von dem Grafen von Rhinville geführt und von ihrem Enkel gefolgt, verließ die Marquise von Fontenoy-Mareuil den Salon, und Madame Rémond tröstete sich durch den Eindruck, den ihr reicher Putz unfehlbar gemacht haben mußte, über die wenige Gelegenheit, die sie gehabt hatte, die Fülle ihrer Beredsamkeit zu ergießen. Die Priorin des Klosters, die den Austritt der Marquise aus dem Salon abgewartet hatte, kam ihr im Hofe entgegen, um sie bis zum Wagen zu begleiten; während sie einige höfliche Redensarten wechselten, hafteten die Augen des jungen Mannes an einem Fenster des zweiten Stockwerkes, und als die Marquise fortgehen wollte, mußte sie ihren Enkel zweimal rufen, um ihn der Beobachtung, die ihn mitten auf dem Hofe festhielt, zu entziehen.

Hinter einem Fenster zeigte sich nämlich ein von blonden Locken umwalltes, blasses, schwermütiges Gesicht, das ihn verstohlen betrachtend und eine Thräne trocknend sich herabneigte; und dieses Gesicht war das der sanften, bleichen Elénore, des furchtsamen, zitternden jungen Mädchens, das die ausgelassene Gabriele, bei der Ankunft der Marquise, aus einen Augenblick in den Salon gezogen hatte.

In dem Augenblicke, als die Thür sich öffnete. um der Marquise den Durchgang zu gewähren, erschien statt der Equipage des Grafen von Rhinville eine elegante Kalesche vom neuesten Geschmack, in die soeben mit Hilfe eines Bedienten eine noch junge Dame stieg, deren zierliche jugendliche Toilette den eigenthümlichen Pariser Anstrich hatte, dessen unnachahmlicher Reiz schwer zu zergliedern ist. Sie erblickend, sagte die Marquise voll Verwunderung:

»Frau von Savigny hier, zu dieser Stunde!«

Diese bemühte sich, einige Ueberraschung bei Erblickung der Marquise und ihres Enkels zu zeigen; aber bei genauer Beobachtung konnte man leicht errathen, daß ihr deren Aufenthalt in diesem Kloster wohl bekannt war, und daß es nicht bloßer Zufall war, daß sie beiderseits zu gleicher Zeit das Kloster verließen. Es lag sogar in dem gezwungenen, unzufriedenen Blicke, mit dem sie den jungen Mann maß, eine ganze Folge von Fragen oder vielmehr Vorwürfen über die Veranlassung dieses Besuches. Indessen wechselten sie einige unbedeutende verbindliche Redensarten, durch die Frau von Savigny der Marquise in Erinnerung brachte, daß sie in diesem Kloster erzogen war, und wobei sie ihr anbot, in ihrem Wagen mit nach Hause zu fahren; diese aber wollte den Grafen, durch dessen Gefälligkeit sie hergekommen war, nicht verlassen, und ungeachtet sich in den Augen der Frau von Savigny der lebhafte Wunsch, von Herrn von Mauléon begleitet zu werden, aussprach, so wagte sie doch nicht, dem jungen Manne diesen Vorschlag zu machen. Dieser schien überdem sehr bemüht, jede Gelegenheit, ihr einige Worte insgeheim sagen zu können, zu vermeiden. Frau von Savigny stieg allein in ihren Wagen, ließ den an ihrem weißen Hute befindlichen Spitzenschleier über ihr schon etwas verblühtes Gesicht fallen, lehnte oder vielmehr versenkte sich in die Kissen, faltete ihre zarten Hände mit Resignation, und vertiefte sich in jene Art von Träumereien, deren trübe Bitterkeit nicht ohne Reize ist, obgleich Leiden sie veranlassen und Entmuthigung ihnen folgen.

Sie war dreißig Jahre alt.

In dem Alter von dreißig Jahren hat alle Klugheit und Einsicht, die der Himmel einer Frau gegeben hat, den höchsten Grad ihrer Stärke und ihres Umfanges erreicht; dieses Alter ist das der höchsten physischen und moralischen Kraft; es ist der Punkt der vollendeten Entwickelung aller bis dahin im Wachsen und der Ausbildung begriffenen Fähigkeiten, und ist auch das Alter, wo die Schönheit die höchste Gewalt hat und den mächtigsten Reiz ausübt. Wie kommt es denn, daß man auf den umwölkten Stirnen so vieler Frauen dieses Alters einen Ausdruck von Schwäche, ja selbst von bitterem Schmerz sieht? Warum zeigen ihre abgemagerten Züge, ihre schon verblühten Wangen, die Spuren tausend heftiger innerer Bewegungen? Warum scheinen ihre, gebrechlichen Körper Leidende Seelen zu umschließen? Hat eine Frau in dem Alter schon die Freuden und Gefahren der Welt, die Wonnen und Schmerzen des Herzens, die Vorzüge und die Nachtheile der Schönheit kennen gelernt? Weiß sie schon, was die Gesellschaft Ehrenvolles und Nichtswürdiges bietet, was sie für Opfer verlangt und welches ihre Entschädigungen sind? Und diese verschiedenen Bilder verdrängen und verlöschen in der Seele die einfachen, reinen und trostreichen Eindrücke, die der Himmel der Jugend zur Stütze ihrer Schwäche gewährt! Die Fesseln der Moral und der Religion sind in den Stürmen der Leidenschaften zerbrochen! Die Leidenschaften sind zuletzt auch entflohen und alle süßen Täuschungen mit ihnen, und haben nichts zurückgelassen, als den Ueberdruß an der Vergangenheit, die Furcht vor der Zukunft, die Überzeugung von der Unbeständigkeit dieses und die Ungewißheit im Betreff des zukünftigen Lebens.

Frau von Savigny schien alle diese traurigen Einflüsse erlitten zu haben, denn ihr melancholisches Wesen zeigte noch den Eindruck derselben. Sie legte also den Weg von der Poststraße bis zu der Universitätsstraße, wo sie wohnte, traurig und sorgenvoll zurück, während die Marquise in dem Wagen des Grafen zurückkehrend, zufrieden genug mit der Tochter war, um die Mutter darüber zu vergessen, und während Yves, um durch Bewegung die seinen Geist beunruhigenden tausend widerstreitenden Gedanken zu bannen, zu Fuß nach Hause ging. bewegte sich nicht Alles vor dem Spiegel seiner Seele! Das bleiche Gesicht Elénorens, die heiteren, frischen Farben Gabrielens, das traurige Lächeln der Frau von Savigny! Die Erinnerung an Simon, diesen sonderbaren Mann, der diese Heirath für ihn eingeleitet hatte; die Hoffnungen seiner Großmutter, seine eigenen Pläne – oder vielmehr das Nichtvorhandensein aller eigenen Pläne, das ihn dem Willen Anderer unterwarf! Es waren eine Menge Erinnerungen – Bande, die ihn an die Vergangenheit fesselten, ohne ihm auch nur einen Wunsch, eine Hoffnung, ein Interesse für die Zukunft zu lassen, die die verächtliche Gleichgültigkeit, die seinen Zügen eingeprägt war, hätten verscheuchen können. Er hatte viel gelebt, das heißt, er hatte in wenig Jahren sich mit einer Menge Empfindungen und Verhältnissen umgeben, die sich nur gebildet hatten, um schnell zerstört zu werden; er hatte Wesen in sein Geschick verflochten, um sie bald wieder aus seinem Herzen und Gedächtniß zu verstoßen! Er hatte viel gelebt, weil er in wenigen Jahren eine Menge Freuden genossen hatte, die hingereicht hätten, manchem Anderen seine ganze Lebenszeit zu schmücken; weil er seine Freunde und seine Geliebten gewechselt hatte; weil er Alles versucht, Alles genossen hatte, ohne Vortheil für sich oder Andere daraus zu ziehen; weil er seine Zeit vergeudet hatte, um seine Genüsse zu verderben, seine Wünsche abzunutzen, seine Täuschungen zu zerstören: kurz, es blieb seiner Seele weder eine schone Hoffnung, noch eine wahrhafte Empfindung; er hatte keinen heiligen Glauben, keine kindliche Unbefangenheit mehr. Und das nannte er viel gelebt haben!




Drittes Kapitel

Yves von Mauléon


Um den aus sehr verschiedenen Nuancen zusammengesetzten Charakter des jungen Herzogs Yves von Mauléon beurtheilen zu können, muß der Leser wissen, wie er bisher gelebt hatte.

Ein Tag war wichtig in seinem Leben: der fünfundzwanzigste July 1830.

Es war für ihn ein wirklich sehr schöner Tag.

Um fünf Uhr Morgens war er schon aufgestanden, obgleich er die Nacht wenig geschlafen hatte; die Gedanken, die sich in seinem Geiste drängten, erregten ihn zu sehr, aber alle diese Gedanken waren beglückend, glänzend und heiter.

Yves von Mauléon war eben achtzehn Jahr alt geworden; er kam aus der Militairschule, er war Offizier! An diesem Tage sollte er seine Uniform zum ersten Male anprobiren und dem Kriegsminister seinen Dank abstatten, welcher seinem Oheim, dem General L.G., erlaubt hatte, ihn als General-Adjutant mit sich zu nehmen.

Um die Freude zu empfinden, oder nur zu begreifen, die sich seiner bemächtigt hatte, diese unendliche Freude, die in unaufhaltsamen Worten ausströmte, die auf seinem Gesichte glänzte und an seinen leisesten Bewegungen zu erkennen war, müßte man wissen, welche glühende Sehnsucht nach Freiheit seinen Geist in seiner letzten Schulzeit gequält hatte.

Mehrere Jahre hindurch hatten die Spiele in den Erholungsstunden, die Arbeiten in den Klassen und der Erfolg der Nacheiferung sein Leben befriedigend ausgefüllt; aber seit einem Jahre behielt eine unsägliche Langweile bei den Studien, wie bei den Vergnügungen die Oberhand, und Alles, auch die Gesellschaft und Fröhlichkeit feiner Kameraden war ihm in diesem Schülerleben lästig und unerträglich. Es ist unmöglich zu beurtheilen, was die Gleichförmigkeit dieses geregelten Lebens, diese kleinliche Strenge und besonders die scharfe Abgesondertheit von einer Welt, die im Alter von achtzehn Jahren so schön erscheint, zuweilen für unbeschreibliche Neugierde und Gluth, in den Seelen junger Leute erwecken. Es gibt deren, bei denen der Ueberdruß an dem, was sie umgibt, und die Sehnsucht nach neuen, unbekannten Gegenständen so weit gehen, daß ihre Gesundheit unter dieser verzehrenden Ungeduld leidet, und der junge Herzog von Maulcon gehörte zu denen, die diese ihrer Auflösung so nahe Kette wund rieb.

An dem Tage, wo er frei würde, fühlte er sich einer Last entledigt, die seiner Brust das Athmen, seinem gepreßten Herzen den ungehinderten Schlag, seinen Füßen das Gehen erschwert hatte; er fühlte mit Einem Worte, daß er frei war, daß kein Band, kein Hinderniß künftig seinen Willen hemmen konnte, daß alle Güter der Erde sich seinen Freuden darboten.

Und mit solchen Gefühlen zog er diese Uniform an, die, um Alles zu sagen, ihn vortrefflich kleidete und das billigende Lächeln rechtfertigte, welches jeder Spiegel von ihm erhielt. Den Abend vorher hatte seine Großmutter gesagt: »Yves, Du gleichst Deinem Vater,« und Frau von Savigny war da; und Frau von Savigny, in seinen Augen die schönste aller Frauen, die ihm alle entzückend schienen, hatte etwas verlegen hinzugefügt: »Der Herr Herzog von Mauléon galt, wie ich gehört habe, für den schönsten Mann in Paris.« »Ja,« antwortete die Marquise seufzend, »als er meine Tochter heirathete, gab es Niemand, der ihm die Schönheit der Figur und den Adel der Sitten hätte streitig machen können. Er sah vornehm aus, das heißt, seine ganze Erscheinung zeigte den Rang an, in dem er geboren war.«

Aber als Yves sich am folgenden Tage der Worte und der Verlegenheit der Frau von Savigny erinnerte, zeigte sich eine drohende Miene in seinem fröhlichen Gesichte, und die Freude, die er über dieselbe empfand, glich einer Aufforderung, und dies hatte folgenden Grund: Zwei Jahre zuvor, war er eines Tages, wo er Ferien hatte, bei seiner Großmutter eingetreten, während Frau von Savigny bei ihr war, und an diesem Tage erhob sie nicht einmal den Kopf, als er eintrat; ober, aufgefordert durch die Marquise, welche sagte: »Sehen Sie, Liebe, wie Yves wachst,« maß sie die ganze Person des jungen Mannes mit einem schnellen, aber so gleichgültigen, so sonderbar eisigen Blicke, den ein so verächtliches, boshaftes Lächeln begleitete, daß ihm plötzlich Manches klar wurde, was bis jetzt für ihn in tiefer Dunkelheit gehüllt gewesen war. Sogleich suchte sein Auge einen Spiegel und zum ersten Male besah er sich in demselben, ja, zum ersten Male. Er hatte sich wohl in seinem kleinen Toilettenspiegel besehen, er hatte tausendmal große Spiegel in den Salons gesehen, aber er hatte noch nichts gesehen, denn jetzt zum ersten Male sah er sich, wie er war, wie er der Frau von Savigny erschien, nämlich mit dem ganzen linkischen ungeschickten Wesen eines Schülers. Seine Gestalt hatte sich auf eine Weise entwickelt, der die Verhältnisse der Schuluniform, die er schon ein Jahr lang getragen hatte, nicht mehr entsprachen. Die Ärmel hatten sich so ehrfurchtsvoll von den Händen, die aus denselben hervorragten, entfernt, daß eine Vereinigung unmöglich gewesen wäre; eine noch feinere Taille als die unseres jungen Helden würde in diesem engen Rocke gepreßt gewesen sein, und sein langer steifer Hals ragte weit aus dem Kragen der unglücklichen Uniform hervor. Er war häßlich! was noch schlimmer war, er war lächerlich. . . ja, was am allerschlimmsten war, er war unbedeutend!. . . Eine plötzliche Erleuchtung vom Himmel, wie ein großer Redner gesagt hat, oder vielmehr das boshafte Lächeln einer hübschen Frau, hatte ihm dieses Alles im Spiegel gezeigt, und dieses Lächelns hatte er sich seitdem oft erinnert, wobei er eine unangenehme Empfindung hatte, die sich mitunter bis zur Wuth steigerte.

Aber den Abend zuvor hatte sie ihn, als er in den Salon trat, nicht wieder erkannt, und der Ausdruck ihres Gesichts, die Worte, die sie sprach, der Ton ihrer Stimme, Alles war so verändert, daß er sehr schnell begriff, daß auch er verändert war. Und als er sie hernach mit vielleicht zu dreisten und gewiß zu vielsagenden Augen beobachtete, sah er sie unter seinen Blicken erröthen und die ihrigen abwenden; er war kein lächerliches, unbedeutendes Wesen mehr! Ein unerklärliches Etwas klärte ihn hierüber auf und wirkte auch, ihrer selbst unbewußt, auf Frau von Savigny. Denn auch sie warf einen jener verstohlenen Blicke in den Spiegel, durch die, bei wichtigen Gelegenheiten, die Frauen sich über ihre Schönheit vergewissern wollen.

Die Rollen waren gewechselt; er trat in seine Rechte ein; für ihn wollte man schön sein; er war der Richter geworden: kurz, er war ein Mann!

Einige Augenblicke später kam, zu seinem großen Bedauern, Heinrich von Marcenay, und Yves nahm ihn mit nach dem Boulogner Wäldchen, weniger um die Rathschlage anzuhören, die sein Freund ihm ertheilte, als aus einer unwillkürlichen Bewegung, die ihn bewog, Frau von Savigny seinem gefährlichen, und wie er wenigstens damals glaubte, sehr verführerischen Einflusse zu entziehen.

Heinrich von Marcenay hatte jenes unverschämte Wesen, welches in der schlechten Gesellschaft für ausgezeichnet gilt: ohne Vermögen und ohne vornehme Herkunft, lebte er unter den Vornehmsten und Reichsten, und lebte wie sie; ein ungewohntes Wörtchen hatte sich plötzlich vor seinen anspruchslosen Namen geschlichen und er rechtfertigte seine Anmaßung mit einer so großen Verachtung derer, die nicht reich und vornehm waren, daß Niemand vorauszusetzen gewagt halte, daß er weder das Eine noch das Andere war.

Nur geschichtlich berühmte Namen hatten die Ehre, über seine Lippen zu geben, aber ohne Titel oder Bezeichnung des Ranges, um die innige Freundschaft dessen, der sie aussprach, mit ihren Inhabern anzudeuten.

Kleinliche unerklärliche Eitelkeit, die in unseren Tagen hätte verschwinden müssen, wenn die Eitelkeit überhaupt jemals etwas aufgeben könnte! Schlechte Bestätigung, die das, was sie verbergen möchte, dadurch erst darthut! Denn je höher der Rang ist, den man in der Gesellschaft einnimmt, je williger gönnt man Jedem den Platz, der ihm zukommt; wenn man selbst große Ansprüche zu machen das Recht hat, will man Niemand berechtigen, irgend Jemand die Rücksichten, die Titel, die Ehren, kurz, das Geringste, was ihm zukommt, zu verweigern. Dabei gewinnt nur der, welcher nichts zu verlieren hat.

Damals machte Yves diese Bemerkungen nicht! Heinrich imponirte ihm durch die fünf Jahre, die er älter als er war; seine Unerfahrenheit hielt ihn für einen Repräsentanten des feinsten Geschmacks, und der junge Offizier, begierig, die Welt, die sich vor seinen Blicken öffnete, kennen zu lernen, und mit Glanz in derselben aufzutreten, folgte fröhlich dem, welcher es übernahm, ihn hierbei anzuführen. Sein Vertrauen in den Freund, der sich ihm so bereitwillig zeigte, war eben so groß, als die gute Meinung, die Heinrich von sich selbst hatte, und das will viel sagen!

Dieser erfahrene Freund war es, der die Bewegung, welche die neuen über Frau von Savigny gemachten Bemerkungen bei dem jungen Manne erweckten, in Rachegedanken verwandelte: er, aus eigenem Antriebe, würde die erste Frau, die ihn liebte, nur mit Leidenschaft wieder geliebt haben; die Vorstellung, daß die schöne, so glänzende, so köstlich liebenswürdige Frau von Savigny ihn hätte auszeichnen können, würde ihm nicht einmal in den Sinn gekommen sein; er hätte nur gefühlt, daß er jetzt zu denen gehörte, denen eine Frau zu gefallen wünscht, und diese einzige Entdeckung hätte ihn bewegt, verwirrt, entzückt! Ach! wenn ihm in diesem Augenblicke eingefallen wäre, daß eine Frau wie Frau von Savigny ihn einst lieben könnte, sein Herz würde von Freude übergeflossen sein; er würde dem Himmel gedankt und die Frau angebetet haben, die ein solches Glück gewähren konnte, denn er halte noch seine ganze jugendliche Seele.

Aber Heinrich warf so viel Eis in diese Flammen, daß er ihn die ganze Gefahr dieser unschuldigen Eindrücke kennen lehrte; er bewies ihm, daß wir nicht eine Tugend haben, die nicht bei unseren Freunden einen Fehler hervorruft. Die Hingebung, sagte er ihm, erzeugt Tyrannei; die Leidenschaft stößt die Neigung ein, dieselbe zu mißbrauchen z mit den Frauen zum Beispiel, fügte er hinzu, ist es so: um sicher zu sein, daß wir nie von ihnen betrogen werden, müssen wir sie betrügen. ^ Und er bewies ihm deutlich, daß zu großer Eifer den Wunsch eines noch ungewissen Erfolges beweist, während eine leichte Schattierung von Geringschätzung einen schon errungenen Erfolg anzeigt.

Er redete von Frau von Savigny, von der der junge Offizier nicht reden wollte, vielleicht aus Instinct, der ihn bewog, den boshaften Leichtsinn seines Freundes nicht aufzuregen, wie man etwas Verletzendes vermeidet; aber Heinrich sprach dennoch, und berührte alle Stellen, wo er Achtung, Begeisterung, Bewunderung, Zärtlichkeit zerstören wollte. Wie viel solche engherzige, neidische Menschen gibt es nicht, die daran arbeiten, in den Seelen Anderer Alles zu vertilgen, was die ihrige nicht fassen kann, und die, wie jener Tyrann, der ihr Vorbild ist, sich bestreben, Alles zu besiegen, was sich über ihren Gesichtskreis erhebt?

Frau von Savigny hatte, sagte er, aus Eigennutz einen alten, reichen Mann geheirathet, den sie nicht liebte. Frau von Savigny war eine Coquette und trachtete unaufhörlich nach Huldigungen, die ihrer Eitelkeit Bedürfniß waren; ihr Ruf als tugendhafte Frau beruhte auf Heuchelei und Gewandtheit; ihr Witz war Bosheit, und wahrscheinlich war Yves ein Opfer, von ihr auserkoren, ihren Reizen, denen vier in der Welt verlebte Jahre schon viel von ihrer Macht und ihren Blendwerken geraubt halten, neuen Glanz zu verleihen.

Der junge Herzog, welcher nicht errieth, daß das einzige Unrecht der Frau von Savigny vielleicht die Schärfe ihres Geistes war, die Niemand gestattete, neben ihr ungestraft ein Narr zu sein, theilte schon die Ansichten seines Freundes und faßte Rachepläne. Nicht blos mehr um der Liebe willen wünschte er zu gefallen.

Als sie aus dem Wäldchen zurückkehrte, hielt Yves sein Pferd an, um einem alten Schulkameraden die Hand zu reichen, einem armen, aber sehr fleißigen und wackeren jungen Manne, den er sehr liebte und schätzte; aber Heinrich erschöpfte sich in Bemerkungen, deren eine noch spitzfindiger und feiner als die andere war, um ihm begreiflich zumachen, daß, wenn er jedem rechtschaffenen, aber armen und schlecht gekleideten Bekannten, der ihm zufällig begegne, die Hand reichen wolle, Man bald das Allerschlimmste von ihm sagen werde, nämlich, daß er ein Mann sei, der schlechten Umgang habe.

Es waren noch nicht acht Tage, daß Yves von Mauléon einfach, gut, natürlich und wahr die Militairschule verlassen hatte und schon war er geziert, albern und unverschämt. Man sieht, daß er entschlossen war, keine Zeit zu verlieren; wenn er immer mit gleicher Schnelligkeit auf diesem Wege fortging, konnte er weit kommen.

In dieser Geistesverfassung hatte ihn der fünfundzwanzigste Juli 1830 gefunden; mit diesen Gedanken seines jungen Kopfes machte er sich auf den Weg zu dem Minister, der ihm eine Audienz gewährt hatte.

In dem Augenblicke, wo Yves von Mauléon in dem Vorzimmer eintrat, erblickte er einen alten Mann, dessen Stellung leidende Ergebung ausdrückte, und auf dessen Gesichte so viel trübe Mutlosigkeit lag, als auf dem des jungen Mannes glänzende Hoffnungen strahlten und dieser auffallende Unterschied war es vielleicht, der eben ihre gegenseitige Aufmerksamkeit erregte.

Wer hat nicht solche bleiche Greise gesehen, auf deren Gesicht das Leiden so tiefe Spuren hinterlassen hat, daß es schon Leiden ist, sie nur zu sehen. Man sieht sie allein, abgesondert, zuweilen aus einer Bank am äußersten Ende der Promenade sitzend; sie sehen aus, als fürchteten sie die Annäherung von Menschen, als suchten sie so wenig als möglich Platz einzunehmen, als schämten sie sich ihrer selbst und als fürchteten sie die Anderen. Nicht blos Alter oder Noth haben ihre Gesichter gefurcht; ein geheimes Leiden, trauriger als das Alter, bitterer als die Armuth, hat ihr Herz zernagt; es waren heftige Leidenschaften, schmerzliche Täuschungen, lange Ungewißheiten, solche Schicksale, die das Herz zusammenpressen, den Stolz beugen und den zartesten empfindlichen Fleck der Seele aufsuchen, um, ihr dort eine schmerzende, unheilbare Wunde zu schlagen. . . Yves von Mauléon hatte eine solche Gestalt gesehen und konnte die Augen, nicht wieder von derselben abwandten, als ein Thürsteher kam und anzeigte, daß der Minister bereit sei den Herrn Herzog Yves von Maulcon zu empfangen. Bei Nennung dieses Namens und bei der Bewegung, die der junge Mann machte, um aus der Thür zu gehen, stand der Greis außer sich auf.

Herr Herzog von Mauléon! Sie sind der Herr Herzog von Mauléon,« rief er, und streckte seine zitternden Hände noch ihm aus.

Yves blieb überrascht stehen und wollte ihn ausforschen, aber der Thürsteher wiederholte, daß der Minister warte und der junge Herzog mußte ihm wohl oder übel in das nächste Zimmer folgen, ohne seine Neugierde befriedigen zu können.

Der Minister empfing den jungen Mann mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen; er schien erfreut, eine so edle Gestalt als Repräsentanten einer so edeln Familie zu sehen. Damals sah die Monarchie noch etwas auf äußere Vorzüge derer, die sie zu hohen Aemtern anstellte; es war noch eine alte Gewohnheit aus der Zeit, wo, um befehlen zu können, man gefallen mußte. Die Demokratie denkt nicht an solche Armseligkeiten.

»Herr Herzog,« sagte der Minister, der damals Excellenz genannt wurde und der, da sein Titel der höchste von allen war, gern Jedem den ihm zukommenden Titel gab, »Sie treten in einer schönen Zeit in der Welt auf: der Thron befestigt sich, und das Königthum, das zu vertheidigen unsere Geburt uns verpflichtet, wird bald von denen, die seit einiger Zeit seine Größe und Macht zu schwächen suchten, nichts mehr zu fürchten haben. Der Adel wird wie die Monarchie seinen Glanz wieder erlangen; die großen Familien wie die Ihrige, die seit vierzig Jahren so viel gelitten haben, werden endlich den Rang, den sie zum Glücke Frankreichs nie hätten verlieren sollen, wieder einnehmen.«

Der Minister fügte diesen Worten noch mehrere Versicherungen des Wohlwollens für den jungen Herzog hinzu, über die Hoffnungen, zu denen seine Ahnen ihn berechtigten, über ihre Rechte, in den Carossen des Königs zu fahren, über die Verbindung ihrer beider Familien, über die Aemter und den Rang, den sie eingenommen hatten, über das Recht, welches Yves als letzter seines Namen an die Pairschaft halte, und über seine Absicht, für ihn bei dem Könige darum nachzusuchen. Dann sprach er von der Nothwendigkeit, die hohen Ehrenstellen nur mit solchen zu besetzen, deren Geburt ihre Ergebenheit verbürge, um nicht Andere dazu gelangen zu lassen. Er sagte auch einige Worte über die Nothwendigkeit, die Erben derer, die dem unglücklichen Königthume ihr Blut geweiht hatten, für ihr in den stürmischen Tagen der Revolution verloren gegangenes Vermögen zu entschädigen; dann verließ er den jungen Mann, dem er auf diese Weise eine, Laufbahn geöffnet hatte, an deren Ziele die glänzendsten Hoffnungen leuchteten.

Yves war geblendet. Er, den Abend zuvor noch ein der Schuldisciplin und der unter Kameraden herrschenden Gleichheit unterworfen gewesenes Kind, hatte jetzt auf einmal die Vortheile des Ranges, der ihn über sie erhob, erkennen gelernt. Es war nicht ein junger Unterlieutenant, welcher einem Minister seine Aufwartung hatte machen dürfen; es war der Herzog von Mauléon, Erbe eines der größesten Namen Frankreichs, den ein Prinz wie seines Gleichen behandelt hatte! Es war nicht blos eine militärische Laufbahn, die ihm mit der Zeit Ehre und Glück bringen konnte; es war die Aussicht auf königliche Gunst, auf Auszeichnungen, auf Macht vielleicht, welche sich seinen Blicken geöffnet hatte, und seine Freude am Morgen schien ihm von diesem Allem das Vorgefühl gewesen zu sein.

Yves vergaß seine eiteln und thörigten Gedanken von Vergnügen, ja selbst von Liebe; alles Dieses erlosch vor einem unbestimmten Ehrgeiz, von dem sein Herz überfloß; er fühlte, daß er zu denen gehörte, die befehlen, handeln, herrschen dürfen; und zum ersten Male hatte seine eingeengte, unruhige und unsichere Seele ein Ziel, das würdig war, alle ihre Gedanken zu beschäftigen, alle ihre Kraft in Anspruch zu nehmen.

Aber nicht der verblendende Glanz, der die Eitelkeit durch Rang, Titel und Ehren befriedigt, beherrschte diese junge Seele, nein! sie dachte an die, die ihren Namen berühmt gemacht und nicht an die, welche ihn schon glänzend erhalten hatten; an die, welche mit Genie, mit Kraft und Gewalt gehandelt hatten, aber nicht an die, welche ihr Leben in thörigten Freuden des Hofes vergeudeten. Yves von Mauléon träumte in diesem Augenblicke seine Zukunft nicht als die eines müßigen großen Herrn, sondern er schwang sich zu der denkbarsten Höhe der nützlichen Tätigkeit eines großen Mannes auf.

Der junge Offizier trat also ganz bewegt und triumphirend aus seinem Vorzimmer, als die bleiche und traurige Gestalt, die sein Name so bewegt hatte, sich ihm zeigte, mit Angst ihre finsteren Blicke auf Yves fröhliches Gesicht heftend. Dieser empfand ohne Zweifel schon die Wirkungen des geträumten Glückes; denn er konnte eine Bewegung der Ungeduld nicht unterdrücken, als er diesen traurigen Alten aufstehen und ihm in den Hof nachfolgen sah. Diese Ungeduld wuchs durch die Unmöglichkeit, ihm zu entschlüpfen. Heinrich von Marcenay, welcher mit Yves bis an die Thür des Ministeriums gekommen war, hatte ihn um sein Cabriolet gebeten, um einen Besuch zu machen, wie er gesagt hatte, und versprochen, es ihm sogleich zurück zu schicken; aber ohne Zweifel hatte der Besuch sich verlängert, oder er hatte mehrere gemacht, denn der junge Herzog sah sich gezwungen, zu Fuße zurück zu gehen und bemerkte zu seinem Verdruß, daß der Unbekannte ihm die ganze Straße St, Dominique entlang folgte, dabei aber sich seiner Aufmerksamkeit zu entziehen suchte.

Dieser Begleitung überdrüssig, ging der junge Herzog in das Haus eines Bekannten und sah, während er mit dem Portier sprach, daß der Unbekannte vorbeiging und sich die Nummer des Hauses, das er wahrscheinlich für die Wohnung des jungen Mannes hielt, in seine Brieftasche schrieb.

Der Freund, den er hatte besuchen wollen, war nicht zu Hause, er mußte also weiter gehen und that dies, nachdem er dem ihm lästigen Neugierigen einen hinreichenden Vorsprung gelassen hatte. Als Yves in den Winkel der kleinen Straße de la Planche kam, sah er den Unbekannten wieder, und neugierig, wer der sein mochte, auf den sein Name und seine Erscheinung einen so mächtigen Eindruck gemacht hatte, folgte er jetzt dem, der noch kurz zuvor ihm gefolgt war. Er sah ihn bei einem kleinen, sehr einfachen Hause anhalten, als wollte er hinein gehen, als in demselben Augenblicke eine junge Dame heraus kam, mit der er zwar ehrfurchtsvoll, aber doch herzlich und wie ein älterer Bekannter sprach, und die ihm sehr freundschaftlich antwortete. Aber wie erstaunte der jung? Mann, als er in der Dame Frau von Savigny erkannte! . . .

Yves blieb unbeweglich stehen und beobachtete, ohne ein Wort davon verstehen zu können, eine Unterhaltung, die ihm sehr lebendig zu sein schien; jetzt war sie beendigt und Frau von Savigny entfernte sich, ohne ihn, der verdrießlich und überrascht, ohne selbst zu wissen warum, da stand, zu bemerken. Aber als er zu sich selbst kam, beeilte er sich, einem unwillkürlichen Drange gehorchend, dem Unbekannten, der unterdessen, in das Haus gegangen war, zu folgen, und ohne mit der Thür zu fragen, kam er fast zugleich mit diesem neugierigen Manne, den er an Neugierde übertraf, in einem großen dunkeln Zimmer an, welches alles Schmuckes so gänzlich entbehrte, daß ein Tisch, ein Bett und einige Stühle dessen ganzes Ameublement ausmachten und die geschwärzten nackten Wände Um so schauerlicher hervortraten.

Aber in dem Augenblicke, wo der Greis, durch das Geräusch von Yves Eintritt veranlaßt, sich umdrehte, frappierte diesen zu gleicher Zeit das Erstaunen und Erschrecken des, Unbekannten und der Anblick eines alten Gemäldes, des einzigen, das an der schmucklosen Wand hing. Dieses Gemälde war eine genaue Copie von dem Gemälde seines im Jahre 1793 auf dem Schaffot gestorbenen Großvaters, des Marquis von Fontenoy-Mareuil, welches seine Großmutter als ein kostbares Heiligthum in ihrem Zimmer aufbewahrte.

Das erschreckte Gesicht des Greises, wie der Ausruf des Jünglings, gaben diesem Zusammentreffen, das dem Einen so überraschend zu sein schien wie dem Andern, etwas Fremdartiges.

Der Unbekannte rief mit sichtbarer Herzensangst:

– »Was wollen Sie? wer hat Sie hierher geführt? Um des Himmelswillen entfernen sie sich! Sie gehören nicht hierher; und ich, ich kann, ich will Ihre Gegenwart nicht ertragen! Um Gotteswillen, Herr von Mauléon, entfernen Sie sich!«

– »Mein Herr,« sagte Yves, erstaunt über die heftige Bewegung dieses Mannes und über den stehenden Ton, in dem er seine Bitte aussprach, »mein Name ist Ihnen bekannt, Sie wollten mit mir reden, Sie folgten mir nach; ich finde bei Ihnen das Portrait eines Mitgliedes meiner Familie; meine Neugierde, dächte ich, wäre entschuldigt, und so möchte ich, wenn es möglich wäre, die Beweggründe des Ihrigen wissen.«

Der Unbekannte suchte sich zu fassen und sagte mit etwas mehr Ruhe: »Mein Herr, Ihr Name, so unerwartet in meiner Gegenwart ausgesprochen, hat grausame Erinnerungen in mir aufgeregt, die ich schon lange auszulöschen bemüht war; ich war meiner selbst nicht mächtig.«

»Der Marquis von Fontenoy-Mareuil war mein Großvater,« sagte der junge Mann auf das Bild deutend: »Sie kannten ihn?«

»Ja, mein Herr,« antwortete der Greis nach einigem Zögern.

Yves beobachtete ihn aufmerksam und fand in seinen gefurchten Zügen einen Ausdruck von Seelenadel, den Zeit und Schmerz gebeugt, aber nicht gänzlich zerstört hatten, und mit der rücksichtsvollsten Höflichkeit fügte er hinzu:

»Sie waren vielleicht sein Freund?«

Er bereute jedoch bald diese einfachen Worte, die dem Unbekannten einen lebhaften Schmerz zu machen schienen . . . er stammelte unverständliche Worte . . . »Verzeihung,« fuhr Yves traurig fort, »ich habe, wie ich sehe, traurige Gedanken angeregt.«

Kaum waren diese Worte verhallt, als der Greis einen heftigen Nervenzufall bekam; seine schmerzlichen Klagetöne riefen einen alten Diener herbei, der, nachdem er einen ängstlichen Blick auf den jungen Mann geworfen hatte, sich seinem Herrn näherte . . .ihn unterstützte und ihn mühsam bis zum Bett führte, auf das er ihn sanft legte; dann sich Yves nähernd, sagte er: »Mein Herr ist, wie Sie sehen, Nervenzufällen ausgesetzt, die, ohne lebensgefährlich zu sein, ihn unbeschreiblich quälen, und die möglichste Ruhe erheischen« . . . Und da diese Worte ihm andeuteten, daß seine Entfernung gewünscht werde, mußte Yves von Mauléon, so leid es ihm that, der Befriedigung seiner Neugierde entsagen und entschloß sich, das Zimmer zu verlassen.

Er kam also nach Hause, ganz erfüllt von den Ereignissen des verflossenen Morgens und so mit sich selbst beschäftigt, daß er gar nicht dir ungewöhnliche Bewegung in den Straßen von Paris bemerkte.

Der andern Tag, es war am 26. Julius 1830, kam es zu Gefechten. Drei Tage hindurch war das Leben in Paris zu bewegt, zu thätig, zu außergewöhnlich und unvorhergesehen, als daß irgend Jemand, am wenigsten aber Yves, Zeit zum Nachdenken gehabt hätte. Dieser so plötzliche, so lebhafte, aber kurze Bürgerkrieg machte ihn starr vor Betäubung; er war durch nichts darauf vorbereitet; seine Jugend hatte ihn noch fremd gelassen mit dem Federkriege der Journale; die Cirkel, in denen er lebte, bestanden aus solchen Individuen, die nichts vorausgesehen hatten, und die Worte, die am vorigen Tage der Kriegsminister zu ihm gesagt hatte, kündigten eine solche Sicherheit an, daß Yves kaum glaubte, was er sah! . . .

Aber, so jung, so feurig, versetzte das Gemetzel in den Straßen, der Lärm der Sturmglocken, der Kanonen, das Geschrei des Volks, ihn in eine Art von Taumel. Wenn durch irgend ein Ereigniß von außen das Vaterland in Gefahr gewesen wäre, wenn er mit Aufopferung seines Lebens einen Feind hätte verjagen, für den Sieg all sein Blut hätte vergießen können, würde er nicht gezaudert haben; aber hier, Alles war für ihn unsicher und ungewiß, die Großartigkeit und Erhabenheit der Ansichten des Volkes begeisterte ihn;das Unglück und die Tugend des angegriffenen Königshauses erregte sein Mitleid und seine Bewunderung; die Rechte, die dieses an ihn hatte, entschieden seinen Entschluß. Er war so eben zum Teilnehmer an seiner Größe ernannt, er glaubte sich ihm unzertrennlich in Unglück und Gefahr, und da er noch in keinem Regiment installiert war, eilte er nach St. Cloud, um seinen Arm und seinen Degen darzubieten. Man schickte ihn mit Nachrichten an den commandirenden General nach Paris zurück und in dem Augenblicke, wo er, nachdem er seinen Auftrag vollzogen hatte, durch eine der kleinen, an die Tuilerien grenzenden Straßen ging, erregte seine Uniform eine ihm gefährliche Aufmerksamkeit. Leute aus dem Volke und bewaffnete Kinder, die glaubten, daß er sie angreifen wolle, fielen über ihn her und er war nahe daran, in diesem ungleichen Kampfe zu unterliegen; schon berührte ein Degen seine Brust und ein Schüler zielte mit einem Pistol nach seinem Kopfe, als eine schützende Hand, von einem Ausrufe des Entsetzens begleitet, ihn dem gewissen Tode entriß. Ein Mann hatte sich zwischen ihn und die, welche ihn umringten, gestürzt, hatte sich des Pistoles bemächtigt, den Degen zurückgestoßen und dabei eine leichte Wunde in die Hand bekommen.

»Haltet ein, meine Freunde!« sagte dieser Mann; »wenn Ihr ein Opfer verlangt, tödtet mich, aber verschont diesen Jüngling; er hat Euch nichts zu Leide gethan; rettet ihn, rettet ihn – und tödtet lieber mich, ehe Ihr ihm nur ein Haar krümmt!«

Yves von Mauléon erkannte mit Verwunderung in seinem Retter denselben Greis, der ihn zwei Tage zuvor so geärgert hatte, und sein Erstaunen war gränzenlos, daß dieser Unbekannte sich so gänzlich für ihn aufopfern wollte.

»Sie tödten, Vater Simon!« sagte einer der Männer des Volks, »was denken Sie? halten Sie uns für Mörder?

»Ach! es ist der Vater Simon?« schrien Alle zugleich; »der gute Mann, der soviel Gutes thut, Kranke pflegt, Arme unterstützt . . . ihm sollten wir etwas zu Leide thun? Der Erste, der ihn anrührte. . .«

Und eine drohende Gebärde vollendete den Gedanken des Sprechers.«

»Wenn dieser Knabe da Euer Sohn oder Neffe ist,« sagte ein Anderer, »nun wohl! nehmt ihn mit, aber daß er nicht gegen das Volk fechte: das ist Alles, was wir verlangen.«

Und sie rannten fort, andern Kämpfen entgegen.

Yves war von diesem Manne gerettet: seine Neugierde verdoppelte sich.

»Wer sind Sie denn?« rief er, »welchen Antheil nehmen Sie an mir? darf ich nicht erfahren, wem ich die Rettung meines Lebens verdanke?«

Herr Simon antwortete nicht.

»Welchen unbekannten Freund sehe ich in Ihnen?« fuhr Yves fort. »Und nie kann ich ihm ausdrücken, was ich empfinde!«

Herr Simon zog seine Hand nicht zurück, und drückte zärtlich die Hand, welche die seinige umschloß. Yves glaubte eine Thräne auf den Wangen des immer noch schweigenden Greises zu sehen. Selbst bis zu Thränen gerührt, überließ sich Yves einer unwillkürlichen Bewegung, breitete, seine Arme gegen den Unbekannten aus, und sank in die seinigen mit einem Erguß von Dankbarkeit, in dem sich alle Unbefangenheit der Kindheit, mit aller Innigkeit der reiferen Jugend vereinigte

Von Freude hingerissen, schloß der Greis den Jüngling an sein Herz, aber bald machte dieser Rausch einem Schreckensgefühle Platz. Simon wankte, und rief aus: »Was machen Sie? Nein, nein, das, darf nicht sein!« und immer noch vor Freude zitternd, daß er ihn einen Augenblick an sein Herz hatte drücken können. »Armes Kind!« sagte er zärtlich. Und wenn der junge Mann ihn nicht gehalten hätte, würde er zu seinen Füßen gesunken sein, indem er diese Worte beständig wiederholte.

»Erklären Sie sich doch endlich,« sagte Yves ganz bestürzt.

»Erklären soll ich mich!« antwortete endlich Herr Simon, »mich erklären, wenn in jedem Augenblicke der Tod Sie bedroht! Wenn für Ihre Partei, und für die, welche derselben anhängen, nichts mehr zu hoffen ist! Kommen Sie,« sagte er, Yves nach der Straße Rivoli hinziehend, »sehen Sie, die Truppen verlassen die Stadt, und kaum hatten Sie St. Cloud verlassen, als das Schloß schon verödet war.«

»Und der König, wo ist er?« rief der junge Officier.

»Er entfernt sich, weil ihm Gefahr droht,« erwiderte Simon.

»Mein Platz ist bei ihm,« sagte Yves ruhig; »also leben Sie wohl; wein Wohlthäter wird mir vielleicht unbekannt bleiben, aber so lange ein Herz in meiner Brust schlägt, wird Ihr Name, Herr Simon, in dasselbe eingegraben sein.«

Herr Simon drückte die ihm dargebotene Hand des jungen Mannes, zögerte ein wenig und sagte dann verlegen: »Sie wollen fort? wer weiß, ob es Ihnen möglich sein wird, wieder Eintritt in Paris zu erhalten? Jetzt können Sie nicht mehr nach Hause gehen, morgen werden Sie vielleicht verfolgt . . . Nehmen Sie!«

Und ohne seine Rede zu vollenden, ohne den Gang seiner Gedanken zu erklären, gab er d«m jungen Manne eine kleine Brieftasche und entheilte seinen Fragen so schnell, daß er ihm nicht ein Wort mehr sagen konnte»Er öffnete die Brieftasche, hoffend, in derselben einige Erklärung zu finden; sie enthielt aber nichts, als einen Tausendfranken – Schein.

Der Tag begann zu sinken; einige Officiere kamen durch die Straße Rivoli, um Paris zu verlassen, und nahmen ihren jungen Kameraden mit, den seine Geistesgegenwart ganz verlassen hatte.

Den folgenden Tag machten sie sich zusammen auf den Weg nach Rambouillet, und gingen von da nach Cherbourg, wo der König sich einschiffte.

Dort wartete Yves Nachrichten von Paris ab, er hatte an seine Großmutter geschrieben, und auch gebeten, Herrn Simon die tausend Franken zurück zu zahlen. Nachdem er Geld und die Einwilligung seiner Großmutter zu der von ihm beabsichtigten Reise erhalten hatte, ging er nach London.

So verschwanden in Zeit von drei Tagen die glänzenden Hoffnungen, die zu hegen er die gegründetsten Ursachen gehabt hatte, und sein Eintritt in's praktische Leben war also rauh und sonderbar genug, und entsprach nicht den Träumen, mit denen er die Schule verlassen hatte. Yves wurde dadurch verwirrt, aber nicht entmuthigt; die großen Ereignisse, selbst die traurigsten, haben das Gute, daß sie dem Geiste, indem sie ihn an das Außerordentliche gewöhnen, die Hoffnungen aller möglichen Umgestaltungen darbieten. Wenn die Schläge des Schicksals so plötzlich zerstören, wie sollte man da nicht auch eine eben so plötzlich»Wiederherstellung für möglich halten? Yves fühlte, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, daß das Leben ihm das weite Feld darbot, welches die Revolutionen jedem Ehrgeizigen öffnen, und daß, wenn die vortheithaften Verhältnisse, in die der Zufall ihn gesetzt hatte, zerrüttet oder gar zerstört würden, derselbe Zufall ihm auch zu andern verhelfen könne, die er nur ihm zu danken haben würde.

Indessen hatten die wichtigen Begebenheiten, indem sie die tollen Freuden des jungen Mannes durch ernste Betrachtungen verdrängten, ihm keineswegs alle Neigung zu den Genüssen und Zerstreuungen geraubt, nach denen er sich so sehr gesehnt halte.

Der junge Herzog kam nach London mit einem, alten berühmten Namen, der Glorie der Verbannung, dem Verdienste der Treue, achtzehn Jahren und einer schönen sehr edlen Persönlichkeit; er wurde von der Londoner Aristokratie, die man mit Recht die große Welt nennen kann, weil sie alle Arten Größen, den Rang, das Vermögen, die Macht und das Genie in sich vereinigt, ausgezeichnet aufgenommen.

Yves bewunderte zuerst die Christliche ätherische Schönheit der jungen Engländerinnen, dann die ausgezeichnete Würde vieler Männer und ihre hohen Fähigkeiten. Er empfand ein Gefühl von Verehrung für das Land, wo man noch groß in's Leben eintreten sich darin erhalten kann, wo der Eine mit zwei und zwanzig Jahren Minister werden und der Andere diese Würde bis zum achtzigsten Jahre behaupten kann. Er empfand auch einen peinlichen Eindruck bei dem Rückblick auf sein Vaterland, Frankreich, wo seit fünfzig Jahren die Helden nur so kurze Zeit gelten; wo die Anerkennung sich eben so schnell abnutzt als die Personen; wo Jeder zerstört, um auch zerstört zu werden; wo alle Berühmtheiten, eine nach der andern, verschwinden, und nicht« beständig ist, als der Wechsel.

Ohne die schnell entstandene Revolution, von der Yves Zeuge gewesen war, würde er in England vielleicht nur die geselligen Interessen und die Sitten beachtet haben; wichtige Ereignisse hatten seine Augen für politische Wahrnehmungen geschärft, und er hatte für die politische Einrichtung des Landes, das ihn gastlich aufgenommen hatte, mehr Aufmerksamkeit als für seine Sitten und Gebräuche. Er sah also dieses Land in seinem schönsten Lichte, und da er weder Zeit noch Gelegenheit hatte, gründliche Betrachtungen anzustellen, blieb er befangen von dem ersten Eindrucke und behielt seine hohe Bewunderung; vielleicht auch, weil er fühlte, daß da, in dem Range, in dem er geboren war, er dem Glanze desselben den des Talentes hätte hinzufügen und Beides in Ehren genießen können.

Yves suchte die Vergessenheit seiner getäuschten Hoffnung in den Vergnügungen seines Alters, und sein Leben verfloß drei Monate in den Salons und den übrigen Theil des Jahres in den Schlössern angenehm genug, als es sich die Laufbahn der Gefahren und des Ruhmes in den Feldern der Vendeé, öffnete. Er glaubte die Theilnahme an diesen Kämpfen seiner Ehre schuldig zu sein und reiste ab.

Frankreich, hatte man ihm gesagt, erwartete nur ein Signal, um die, welche es unter fernem Himmel betrauerten, zurückzurufen: in Paris war Verwirrung, in der Armee Unmuth, in der Bretagne Gefahr. Dahin begab er sich. Unterweges träumte seine jugendliche Phantasie von Aufopferung und Ruhm; als er ankam, war schon keins von beiden mehr möglich.

Seine alte Großmutter, die Marquise von Fontenoy-Mareuil, wünschte ihn wieder zu sehen; sie wollte, sagte sie, ihn noch einmal sehen, ehe sie stürbe, Er kehrte nach Paris zurück.

Was er dort fand, warf Unruhe im seine Gedanken und Unsicherheit in seine Seele. Welche Pläne für die Zukunft sollte er entwerfen? an welche Hoffnung sich halten? und die erste Folge der Unsicherheit ist innere Leere und Langeweile! Heinrich von Martinay war da, mit seiner spöttischen Sorglosigkeit und seinen kleinlichen, immer zufriedenen, aber niemals befriedigten Eitelkeiten. Er bemächtigte sich des aus London Zurückgekehrten. Es war eine Gelegenheit, seine Kunstgriffe auszuüben, theils in der Wirkung, die er auf die Seele des jungen Mannes, theils in der, die er durch ihn bei Andern hervorbrachte.

Herrn Simon suchte Yves umsonst, er konnte ihn nicht wiederfinden; desto besser gelang es ihm mit Frau von Savigny, die er sehr oft sah und zuletzt so oft zu ihr ging, daß die Welt darüber sprach; seiner Langeweile wurde auch hierdurch nicht abgeholfen.

Eines Tages, als er mit Heinrich spazieren ging, erblickte er endlich Herrn Simon, und verließ stürmisch seinen Freund, um zu ihm zu eilen. Die Freude des Einen bei dieser unerwarteten Begegnung war eben so sichtbar, als die Verlegenheit des Anderen. Herr Simon kündigte Yves sogleich an, daß er im Begriff stehe, denselben Abend eine Reise anzutreten, damit Yves durchaus keine Versuche, ihn wieder aufzusuchen, machen sollte; aber bei der Annäherung Heinrichs, der sie eingeholt hatte, stammelte Herr Simon eine Art Entschuldigung, und verließ sie eiligst.

»Wirklich, mein Freund,« sagte Heinrich, »dies ist eine sonderbare Bekanntschaft für den Herzog von Mauléon!«

»Wissen Sie, wer dieser Mann ist,« rief Yves, Heinrich beim Arm nehmend und so ganz von Neugierde erfüllt und beschäftigt, daß er nicht einmal den höhnischen Ton, in dem Heinrich geredet, bemerkt hatte.

»Dieser Mann!« antwortete Heinrich verächtlich, »Jedermann kennt ihn und Niemand will ihn zu kennen scheinen; man weicht ihm gewöhnlich mit derselben Sorgfalt aus, die Sie anwenden, um ihn aufzusuchen.«

»Was hat man denn gegen ihn?« fragte Yves beunruhigt.

»Meiner Treu, ich weiß nicht einmal recht,« antwortete Heinrich mit gleichgültiger Nichtachtung; »man sagt, daß er in die blutigen Scenen der Revolution von siebzehnhundert und drei und neunzig auf eine schreckliche Weise verwickelt gewesen sein soll . . . ich weiß weder die näheren Umstände, noch überhaupt etwas Genaueres darüber . . . aber gewiß ist, daß man ihn wie einen verhaßten Menschen flieht.«

»Wirklich, Heinrich,« sagte Yves ernsthaft, »in Ihrer Nichtachtung und Ihren Worten scheint mir etwas Widersinniges zu liegen.«

»Hat man immer Zeit, Alles, was in der Welt geredet wird, zu beglaubigen? Dieser Mann sieht so beschämt, so verlegen aus, daß er dadurch alles Böse, was man von ihm denkt, bestätigt. Woher kennen Sie ihn denn?«

»Er hat mir einen großen Dienst erzeigt.«

»Das wundert mich gar nicht, er sucht Gelegenheiten, sich nützlich zu machen . . . er ist einer von Denen, die sich durch edle Thaten bemerkbar zu machen suchen. Aber sehen Sie, wenn er, statt sein Geld den Armen zu geben, es anwendete, um die Reichen zu amüsieren, würde ihm Niemand einen Vorwurf machen.«

Yves wollte Heinrich unterbrechen, dieser aber fügte mit bitterer Lustigkeit hinzu:

»Man muß den ganzen Muth seiner Lage haben; wenn man sich seines Schicksals, seiner Armuth, seiner Persönlichkeit schämt, wird man verachtet; wirklich ein tüchtiges Laster, mit dem man sich brüstet, ist vortheilhafter, als eine Tugend, über die man erröthet.«

»Sie scherzen,« sagte der junge Mann mit vorwurfsvollem Tone.

»Ich will Ihnen dafür tausend Beispiele anführen: ein großer Fehler, ein Laster, »in Verbrechen sogar, wenn es nur nicht vor den Richterstuhl der Assisen kommt, deren Bänke nach dem Volke riechen und mit schlechter Gesellschaft besetzt sind, alles Dieses, mein Freund, unverschämt zur Schau getragen, hält Niemanden in seiner Carriere auf, und verschließt ihm nicht dm Eintritt in die Salons.«

»Die öffentliche Meinung,« erwiderte Yves verdrießlich, »ist also keine entscheidende Macht?«

Heinrich antwortete mit ernsterem Ton«:

»Die öffentliche Meinung ist in der Zeit der Revolutionen so oft durch Leidenschaften irre geleitet, daß sie ihre Stärke, wie alle ihre Macht, die man mißbrauchte, verloren hat. Die Geschickten leiten, die Gleichgültigen verspotten sie und Jeder richtet sich in jetziger Zeit so ein, daß er sich um Andere nicht zu bekümmern braucht. Nehmen Sie Ihre Partei, mein Freund, amüsiren Sie sich; lassen Sie die Sachen wie sie sind; betrüben Sie sich nicht, wie Sie bis jetzt es thaten, über die Thorheiten und Irrthümer der Menschen; benutzen Sie dieselben zu Ihrem Vortheil; vermeiden Sie die langweiligen Grämler wie Simon; machen Sie keine moralischen Betrachtungen, das ist schlechter Geschmack, und vorzüglich machen Sie nicht, wie Manche, den Versuch, die Gesellschaft zu verbessern; wenn man mit seinen Heldenthaten zur unrechten Zeit kommt, wird man, wie Don Quichotte, verlacht.«

Auf solche Weise machte sich Heinrich für Yves zu einer Art Organ alles Dessen, was die Welt Entmuthigendes, Kleinliches und Armseliges hat. Die Lage des jungen Herzogs war an sich schon traurig genug; keine Zukunft bot sich ihm dar! Die Gesellschaft, die ihn umgab, galt gar nichts mehr, und da sein Vermögen sehr unbedeutend war, mußte er zurückgezogen und unthätig leben, ohne einen Wirkungskreis, um seinen Geist zu üben, ohne den Luxus, der durch seinen Glanz Ehre verleiht. Alles erschien ihm abgeschmackt; er versank in einen tiefen Lebensüberdruß, so daß seine Gesundheit darunter litt. Heinrich, der sich darüber beunruhigte, wollte ihn zerstreuen; in der Jugend, mit einem so glühenden Charakter, wie ihn Yves hatte, muß man große Thaten thun, um nicht große Thorheiten zu begehen: er mußte also, da ihm die Ersteren unmöglich waren, sich zu den Letzteren entschließen.




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