La San Felice Band 9
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B9





Neunter Theil





Erstes Capitel.

Der König bekommt endlich wieder Appetit


Die Auftritte, welche auf dem Verdeck stattgehabt und die wir zu schildern versucht, hatten, wie man leicht begreift, in dem großen Saale ihr Seitenstück gefunden.

Die außerordentliche Bewegung des Schiffes, das Heulen des Sturmes, das Rollen des Donners, die eiligen Manövers, Nelsons Fragen, Henrys Antworten – nichts war den erlauchten Flüchtlingen entgangen.

Ganz besonders aber in dem Augenblick, wo das Schiff, aus den Klippen hervorkommend, jenen furchtbaren Windstoß empfangen, der es beinahe ganz auf die Seite gelegt, hatten der König, die Königin und Emma Lyonna selbst geglaubt, ihr letztes Stündlein habe geschlagen.

Die schräge Richtung des »Vanguard« war von der Art gewesen, daß die Kugeln aus ihren zwischen den Geschützen stehenden Behältnissen gefallen waren und, mit furchtbarem Getöse das Zwischendeck entlang rollend, durch diesen inneren Donner, den man sich nicht erklären konnte, den Passagieren den abenteuerlichsten Schrecken eingejagt hatten.

Was den armen kleinen Prinzen betraf, so haben wir gesehen, was er während der Ueberfahrt gelitten hatte. Die Seekrankheit war bei ihm bis zum Paroxysmus gestiegen. Bei jeder heftigen Bewegung des Schiffes war er von fürchterlichen Krämpfen befallen worden, die um so schmerzhafter waren, als er seit dem Morgen dieses Tages sich geweigert hatte, etwas zu sich zu nehmen, selbst nicht aus der Hand Emma's, obschon er fortwährend auf den Knieen dieser ruhte. Zwei Tage lang aß er nichts und Erbrechen und Krämpfe wechselten bei ihm unaufhörlich mit einander ab.

Als der »Vanguard« sich auf die Seite legte, erhielt der arme kleine Prinz einen so furchtbaren Stoß und erschrak so gewaltig, das ein Blutgefäß in der Brust sprang.

Das Blut stürzte ihm aus dem Munde und nach kurzem Todeskampfe hauchte er an Emmas Brust den letzten Seufzer aus.

Er war so schwach gewesen und der Uebergang vom Leben zum Tode war bei ihm ein so leichter, daß Emma, obschon sie über diesen Blutsturz und die darauf folgenden krampfhaften Bewegungen erschrak, seine Unbeweglichkeit für die Ruhe hielt, welche auf eine Krisis folgt.

Als sie nach einigen Augenblicken die wahre Ursache dieser Unbeweglichkeit erkannte, rief sie in ihrem Schrecken, ohne sich Zwang anzuthun, sei es nun, daß sie die philosophische Standhaftigkeit der Königin kannte, sei es, daß sie in ihrem Schrecken keiner Mäßigung fähig war:

»Großer Gott, Madame, der Prinz ist todt!«

Diese Worte äußerten auf Caroline und auf Ferdinand ganz entgegengesetzte Wirkungen.

Die Königin antwortete:

»Armes Kind! Du gehst uns um so kurze Zeit in das Grab voran, daß es nicht der Mühe verlohnt, Dich zu beweinen. Wenn ich aber jemals die Krone wiedererlange, dann wehe Denen, welche die Ursache deines Todes sind.«

Ein unheimliches Lächeln begleitete diese Drohung.

Dann streckte sie die Arme nach Emma aus und sagte:

»Gib mir den Knaben.«

Emma gehorchte, denn sie glaubte nicht, daß man einer Mutter, wie wenig Zärtlichkeit sie auch besäße, den Leichnam ihres Kindes verweigern dürfe.

Was Ferdinand betraf, so hatte die drohende Gefahr die Seekrankheit, von welcher er anfangs befallen gewesen, bei ihm bis auf die letzten Spuren verscheucht.

Da er, nachdem Nelson ihm den Wunsch zu erkennen gegeben, er möge in dem oberen Zimmer bleiben, um nicht durch seine königliche Gegenwart das Manövrieren zu stören, nicht auf die Campanje hinaufzusteigen wagte, so hatte er alle Qualen der Gefahr durchgemacht; Qualen, die um so größer waren, als er die Gefahr, weil sie ihm unbekannt war, nicht ermessen konnte und weil, so drohend sie sich auch gestaltete, seine Phantasie ihm dieselbe immer noch viel drohender erscheinen ließ.

Als daher die aus ihren Behältnissen fallenden Kanonenkugeln mit Donnergepolter über das Zwischendeck hinwegrollten, verlor er, wie Emma gesagt, vor Schrecken beinahe den Verstand, und als sie rief: »Großer Gott, Madame, der Prinz ist todt!« wiederholte er diesen Ruf auf den Knien, indem er zugleich seine Verachtung gegen den heiligen Januarius aussprach, der ihn in solcher Bedrängniß verließ, und mit lauter Stimme versprach er dem heiligen Francisco de Paula, obgleich derselbe tausend Jahre jünger ist, eine Kirche nach dem Vorbild der St. Peterskirche zu Rom.

Dieser Augenblick war es, wo Emma, nachdem sie die Leiche des jungen Prinzen auf die Knie seiner Mutter gelegt und sich frei sah, ihr Zimmer verließ, bis an den Fuß der Campanjetreppe eilte und Nelson rief.

Nelson warf einen raschen Blick um sich herum, sah, wie wir bereits bemerkt, die Königin auf ein Sopha hingestreckt, während sie die Leiche ihres Sohnes in den Armen hielt, und den König, der angesichts seiner eigenen Gefahr jedes väterliche Gefühl vergaß und knieend sein Rettungsgelübde aussprach, ohne daß es ihm einfiel, die Personen seiner Familie, welche ihm die theuersten sein mußten, in dieses Gelübde einzuschließen und dem Schutze des Heiligen zu empfehlen.

Nelson beeilte sich demgemäß seine erlauchten Passagiere zu beruhigen.

»Madame,« sagte er zur Königin, »gegen das Unglück, welches Sie so eben betroffen, vermag ich nichts. Es ist dies eine Sache zwischen Gott, welcher Trost gibt, und Ihnen. Wohl aber kann ich Ihnen wenigstens versichern, daß, was die Ueberlebenden betrifft, dieselben so ziemlich außer aller Gefahr sind.«

»Hören Sie wohl, theure Königin!«, sagte Emma, indem sie Carolinens Kopf in ihren Armen aufrichtete. »Hören Sie, Sire,« setzte sie zu dem König gewendet hinzu.

»Leider nein!« sagte der König. »Sie wissen ja, Mylady, daß ich von ihrem Kauderwälsch kein Wort verstehe.«

»Mylord sagt, die Gefahr sei vorüber.«

Der König richtete sich empor.

»Ha!« rief er, »hat Mylord dies wirklich gesagt?«

»Ja, Sire.«

»Und nicht blos aus Gefälligkeit, nicht um uns zu beruhigen?«

»Nein, Mylord hat es gesagt, weil es die Wahrheit ist.«

Der König stand auf und stäubte sich mit der Hand die Knie ab.

»Sind wir in Palermo?« fragte er.

»Nein, noch nicht ganz, « antwortete Nelson, welchem diese Frage durch Emma Lyonna übermittelt ward; »da es aber möglich ist, daß mit Tagesanbruch der Wind nach Norden oder nach Süden umspringt, so können wir vielleicht den nächstfolgenden Abend dort sein. Wir sind blos auf Befehl der Königin von unserem Wege abgewichen.«

»Auf meine Bitte, wollen Sie sagen, Mylord,« bemerkte die Königin. »Jetzt können Sie jeden beliebigen Weg verfolgen. Ich habe keine Bitte mehr auszusprechen als zu Gott und für das Kind, welches todt auf meinen Knien liegt.«

»Dann,« sagte Nelson, »werde ich mir meine weiteren Instructionen von dem Könige erbitten.«

»Meine Instructionen,« sagte der König, »lauten, sobald Sie mir sagen, daß es für mich keine Gefahr mehr gibt, dahin, daß ich lieber nach Palermo will als sonst wohin. Aber,« fuhr er in Folge des immer noch andauernden Rollens des Schiffes taumelnd fort, »wie mir scheint, ist dieses verteufelte Schiff noch so ziemlich beweglich, und wenn auch wir geneigt sind, dem Sturme glückliche Reise zu wünschen, so scheint doch er seinerseits keine Lust zu haben, dasselbe zu uns zu sagen.«

»Wir sind auch in der That noch nicht ganz fertig mit ihm,« sagte Nelson. »Ich müßte mich indessen sehr irren, wenn seine größte Macht nicht nun erschöpft wäre.«

»Nun, wie lautet dann Ihre Meinung, Mylord?«

»Meine Meinung wäre, daß der König und die Königin wohlthun würden, wenn Sie sich die Ruhe, der Sie mir zu bedürfen scheinen, gönnten und sich in Bezug auf alles Weitere auf mich verließen.«

»Was sagen Sie dazu, meine Theure?« fragte der König.

»Ich,« entgegnete die Königin, »sage, daß Mylords Rathschläge immer gut zu befolgen sind, besonders wenn es sich um Dinge der Seefahrt handelt.«

»Sie hören, Mylord, was die Königin sagt,« bemerkte der König. »Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken. Was Sie thun, wird wohlgethan sein.«

Nelson verneigte sich und da er unter seiner rauhen Außenseite ein stets religöses, zuweilen sogar poetisches Herz barg, so kniete er, ehe er das Zimmer verließ, vor der Leiche des kleinen Prinzen nieder.

»Schlaf‘ in Frieden, königliches Kind,« sagte er. »Du hat keine Rechenschaft vor Gott abzulegen, welcher in seiner geheimnißvollen Güte den Todesengel gesendet hat, um Dich schon an der Schwelle des Lebens zu erwarten. Möchten wir uns derselben Reinheit erfreuen, wenn wir unsererseits vor dem Throne des Ewigen erscheinen, um ihm für unsere Thaten Rede zu stehen. Amen.«

Dann erhob er sich, verneigte sich nochmals und entfernte sich.

Als er seinen Platz auf dem Commandoposten wieder einnahm, begann der Tag zu grauen, und der erschöpfte Sturm hauchte seine letzten Seufzer aus, furchtbare Seufzer, gleich denen des Titanen, welcher bei jeder Bewegung, die er in seinem Grabe macht, den Boden Siciliens erschüttert.

Jeder Andere als Nelson, welchem dieses Schauspiel weniger vertraut gewesen, würde durch die majestätische Größe desselben überrascht worden sein.

Unter dem Winde, welcher immer mehr nachließ, ragte gleich einem bläulichen Nebel die äußerste Kette der Apenninen empor. Links erstreckte sich die Unermeßlichkeit, das Schlachtfeld, wo der Wind und das Meer sich ein letztes Treffen lieferten. Rechts erkannte man unter einem ziemlich reinen Himmel die Küsten Siciliens, über welchen wie eine Laune der Schöpfung der Koloß Aetna emporragte, dessen Haupt sich in den Wolken verlor.

Rückwärts ließ man jene unter den Wogen bleichenden Felsen, die Trümmer erloschener oder zerbröckelter Vulkane, denen man nur durch ein Wunder entronnen. Unter dem Schiffe endlich zeigte das aufgewühlte Meer tiefe Thäler, in welche der »Vanguard« ächzend hinabfuhr und die sich über ihm schließen zu wollen schienen wie ein Grab.

Nelson warf einen Blick auf dieses glänzende Blatt der Natur, welches sich unter seinen Augen entrollte. Er hatte aber dieses Schauspiel zu oft gesehen, als daß es, wie prachtvoll es auch war, seine Aufmerksamkeit lange beschäftigen gekonnt hätte.

Er rief Henry.

»Was denken Sie jetzt von dem Wetter?« fragte er ihn.

Es war augenscheinlich, daß der geschickte Capitän, an welchen Nelson sich wendete, nicht erst diesen Augenblick abgewartet hatte, um sich eine Meinung in dieser Beziehung zu bilden. Da er jedoch sich nicht leichthin aussprechen wollte, so betrachtete er abermals die vier Himmelsgegenden mit forschendem Blick und versuchte durch die Dünste und Wolken hindurch die geheimnißvollen Tiefen des Raumes zu durchdringen.

»Mylord,« sagte er dann, »meine Meinung ist, daß wir mit dem Sturm fertig sind und daß in einer Stunde sein letzter Hauch erloschen sein wird. Dann aber glaube ich, daß ein Umspringen des Windes entweder nach Süden oder nach Norden erfolgen wird. In dem einen wie in dem anderen Falle werden wir damit sehr gut nach Palermo steuern können.«

»Ganz dasselbe habe ich zu den Majestäten gesagt und ihnen versprechen zu können geglaubt, daß sie nächsten Abend in dem Palast des Königs Roger schlafen werden.«

»Dann, sagte Henry, »handelt es sich um weiter nichts mehr, als Ihr Wort, Mylord, wahrzumachen und dies soll meine Sorge sein.«

»Sie sind eben so müde als ich, Henry,« entgegnete Nelson, »denn Sie haben ebensowenig geschlafen als ich.«

»Wohlan, in diesem Falle können wir, wenn Sie damit einverstanden sind, Mylord, uns in die Arbeit des Tages auffolgende Weise theilen: Sie ruhen jetzt fünf bis sechs Stunden, Mylord. Während dieser Zeit wird der Wind die ihm beliebige Evolution ausführen. Sie wissen, Mylord, wenn ich auf Backbord- und Steuerbordseite vor mir und hinter mir Wasser habe, so gerathe ich in nicht größere Verlegenheit als ein Anderer. Möge daher der Wind von Norden oder von Süden kommen, so werde ich die Richtung nach Palermo nehmen und wenn Sie aufwachen, Mylord, werden wir auf dem besten Wege dahin sein. Dann gebe ich Ihnen Ihr Commando wieder zurück, Mylord, welches Sie behalten werden, so lange es Ihnen Vergnügen macht.«

Nelson war im höchsten Grade erschöpft und hatte übrigens wie immer, obschon er von seiner Jugend an zur See gewesen, die Seekrankheit. Er gab deshalb Henry's Bitten nach, übertrug ihm das Commando des Schiffes und zog sich in seine Cajüte zurück, um einige Stunden Ruhe zu genießen.

Als er wieder auf der Campanje erschien, war es elf Uhr Morgens. Der Wind war nach Süden umgesprungen und wehte frisch. Der »Vanguard hatte das Cap Orlando umsegelt und legte acht Knoten in der Stunde zurück.

Nelson warf einen Blick auf das Schiff. Es bedurfte des erfahrenen Blickes eines Seemanns, um zu erkennen, daß ein Sturm gewesen war, und daß derselbe Spuren in dem Takelwerk des Schiffes zurückgelassen hatte.

Mit dankbarem Lächeln reichte Nelson dem Capitän Henry die Hand und schickte ihn fort, damit er seinerseits ausruhe.

In dem Augenblicke aber, wo Henry die Treppe der Campanje hinabstieg, rief Nelson ihn noch einmal zurück, um ihn zu fragen, was man mit der Leiche des kleinen Prinzen gemacht habe. Dieselbe war unter der Aufsicht Doctor Beatys und des Caplans Monsieur Scott in die Cajüte des Lieutenants Parkenson gebracht worden.

Der Admiral überzeugte sich, ob das Schiff gut orientiert sei, befahl dem Steuermann immer dieselbe Richtung einzuhalten, und ging dann in das Zwischendeck hinab.

Der königliche Knabe lag in der That auf dem Bett des jungen Lieutenants. Man hatte ein Tuch über ihn geworfen und der auf einem Stuhle sitzende Caplan las, ohne zu bedenken, daß er, ein Protestant, für einen Katholiken betete, das Gebet für die Todten.

Nelson kniete nieder, sprach ebenfalls ein leises Gebet, hob das Tuch, welches das Gesicht der kleinen Leiche bedeckte, empor und warf einen letzten Blick darauf.

Obschon der kleine Todte bereits in leichenhafter Erstarrung dalag, so hatte der Tod ihm doch die heitere Ruhe seiner Züge zurückgegeben, während die Schmerzen des Todeskampfes sie ihm für den Augenblick geraubt hatten. Sein langes blondes Haar, von derselben Farbe wie das seiner Mutter, fiel in Locken auf seine bleichen Wangen und den von blauen Adern marmorierten Hals herab.

Ein Hemd mit umgeschlagenem Spitzenkragen umrahmte seine Brust. Man hätte meinen sollen, er schliefe.

Nur ward dieser Schlaf, anstatt von seiner Mutter oder Emma, von einem Priester bewacht.

Nelson konnte, obschon er kein sonderlich weiches Herz besaß, nicht umhin zu bedenken, daß der kleine Prinz, welcher hier allein schlief, während ein protestantischer Priester für ihn betete, nur wenige Schritte entfernt, sein Vater, seine Mutter, vier Schwestern und einen Bruder hatte, von welchen allen auch nicht eins auf den Gedanken kam, der Leiche den frommen Besuch zu machen, den er ihr machte. Eine Thräne stieg ihm ins Auge und fiel auf die halb durch die prachtvolle Spitzenmanschette bedeckte Hand des kleinen Todten.

In diesem Augenblick fühlte er eine leichte Hand, welche sich sanft auf seine Schultern legte.

Er drehte sich um und streifte zwei duftige Lippen. Es war die Hand, es waren die Lippen Emma's.

In den Armen dieser und nicht in denen seiner Mutter war, wie man sich erinnert, der Knabe gestorben, und während seine Mutter schlief oder mit geschlossenen Augen über ihren Racheplänen brütete, war es abermals Emma, welche, da sie nicht wollte, daß die rohen Hände eines Matrosen diesen zarten Körper berührten, die fromme Pflicht der Bestattung zu erfüllen kam.

Nelson küßte ihr ehrerbietig die Hand. Selbst das glühendste Herz kann sich, wenn es nicht aller Poesie entkleidet ist, in Gegenwart des Todes einer heiligen Scheu nicht erwehren.

Als Nelson wieder auf die Campanje hinaufkam, fand er hier den König.

Noch erfüllt von dem erschütternden Anblick, dessen Erinnerung er mit hinweggenommen, war Nelson darauf gefaßt, ein Vaterherz trösten zu sollen. Er täuschte sich. Der König befand sich wieder wohl, der König hatte wieder Hunger, der König kam, um Nelson auf die Schüssel Maccaroni aufmerksam zu machen, ohne welche für ihn kein Diner möglich war.

Dann, weil man jetzt den ganzen lipariotischen Archipel vor Augen hatte, erkundigte er sich nach dem Namen einer jeden dieser Inseln, indem er mit dem Finger darauf zeigte und Nelson erzählte, er habe in seiner Jugend ein Regiment gehabt, welches aus lauter jungen Männern von diesen Inseln bestanden habe und welche er seine Liparioten genannt.

Hierauf folgte die Erzählung von einem Fest, welches er vor einigen Jahren den Officieren dieses Regiments gegeben, einem Fest, bei welchem er, Ferdinand, als Koch gekleidet, die Rolle des Gastwirths gespielt, während die Königin, im Costüme einer Bäuerin und von den schönsten Damen ihres Hofes umgeben, die der Gastwirthin ausgefüllt hatte.

An diesem Tage hatte Ferdinand selbst einen ungeheuren Kessel Maccaroni bereitet und niemals, wie er versicherte, so gute wieder gegessen.

Da er übrigens am Tage vorher eine Fische in dem Golf von Mergellina selbst gefangen und am zweitletzten Tage ein Rehe, seine Wildschweine, seine Hasen und seine Fasanen in dem Walde von Persano selbst erlegt, so hatte dieses Gastmahl in ihm unaussprechliche Erinnerungen zurückgelassen, welche sich durch einen tiefen Seufzer und die inbrünstigen Worte verriethen:

»Wenn ich nur in meinen sicilischen Wäldern eben so viel Wild finde, als ich dessen in meinen festländischen Forsten habe, oder vielmehr hatte.«

So verlangte dieser König, dem die Franzosen sein Königreich geraubt, dieser Vater, dem der Tod einen Sohn entrissen, zum Toast für dieses zweifache Unglück von Gott nur Eins, nämlich, daß ihm wenigstens noch wildreiche Wälder blieben!

Gegen zwei Uhr Nachmittags passierte man das Cap Cefalu.

Zwei Dinge beschäftigten Nelsons Gedanken und bewogen ihn, mit seinem Blick bald das Meer, bald die Küste zu befragen: Wo war Caracciolo und seine Fregatte? Wie sollte er es anfangen, mit dem Südwind in die Bai von Palermo einzulaufen?

Nelson, der fast sein ganzes Leben auf dem atlantischen Meer zugebracht, hatte nur geringe Kenntniß von den Gewässern, in welchen er sich jetzt befand und die er selten beschifft hatte.

Allerdings hatte er, wie wir gesehen, zwei sicilianische Matrosen an Bord. Wie aber konnte er, Nelson, der erste Seemann seiner Zeit, einen schlichten Matrosen zu Rathe ziehen, wenn es galt ein Kriegsschiff von zweiundsiebzig Kanonen in die Meerenge von Palermo hineinzusteuern?

Wenn man bei Tage anlangte, so konnte man einen Lootsen herbeisignalisieren und langte man in der Nacht an, so konnte man bis zum nächstfolgenden Morgen laviren.

Dann aber stand zu erwarten, daß der König in seiner Unkenntniß der Schwierigkeiten fragen würde:

»Hier ist ja Palermo! Warum laufen wir nicht in den Hafen ein?«

Nelson hätte dann antworten müssen:

»Weil ich das Fahrmesser des Hafens nicht genau genug kenne, um die Einfahrt auf eigene Faust unternehmen zu können.«

Niemals aber hätte Nelson sich dazu verstanden ein solches Geständniß zu thun.

Gab es übrigens wohl in diesem so schlecht organisierten Lande, wo das Leben des Menschen die wohlfeilte aller Waaren ist, auch überhaupt ein Lootsenbureau?

Dies mußte man übrigens bald erfahren, denn man begann schon den Berg Pellegrino zu erspähen, welcher sich westlich von Palermo erhebt und hinstreckt, und gegen fünf Uhr Abends, das heißt mit dem Sinken des Tages, konnte man in Sicht der Hauptstadt Siciliens sein.

Gegen zwei Uhr war der König wieder in die große Cajüte hinabgestiegen, und da man seine Maccaroni genau nach seinen Instructionen bereitet, so hatte er ganz vortrefflich gespeist.

Die Königin war, Unwohlsein vorschützend, auf ihrem Bett liegen geblieben, die jungen Prinzessinnen und der Prinz Leopold dagegen hatten sich mit ihrem Vater zu Tische gesetzt.

Gegen halb vier Uhr, in dem Augenblick, wo man im Begriff stand, das Cap zu passieren, begab sich der König, gefolgt von Jupiter, welcher die Ueberfahrt ziemlich gut ertragen, und dem jungen Prinzen Leopold, wieder zu Nelson auf die Campanje.

Der Admiral war unruhig, denn er befragte das Meer mit seinem Blick vergebens. Nirgends gewahrte man die »Minerva«.

Es wäre ein großer Triumph für Nelson gewesen, wenn er eher angelangt wäre als der neapolitanische Admiral. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber war dieser vor Nelson eingetroffen.

Gegen vier Uhr passierte man das Cap. Der Wind wehte stark aus Südsüdost. Man konnte nicht anders in den Hafen gelangen, als wenn man lavierte; dabei aber lief man große Gefahr, auf einer Untiefe sitzen zu bleiben oder auf eine Klippe zu stoßen.

Sobald der Hafen daher in Sicht war, gab Nelson Signale, daß man ihm einen Lootsen senden möge.

Mit Hilfe eines vortrefflichen Fernrohres konnte Nelson alle auf der Rhede liegenden Schiffe unterscheiden und ohne Mühe vor allen andern die »Minerva«, welche gleich einem Soldaten mit geschultertem Gewehr ihren Commandanten erwartete, und sich mit völlig unversehrtem Takelwerk auf ihren Ankern schaukelte.

Aergerlich biß Nelson sich auf die Lippen. Was er gefürchtet, war geschehen.

Es dauerte nicht lange, so brach die Nacht ein. Nelson verdoppelte seine Signale und ließ endlich, ungeduldig darüber, daß er kein Boot kommen sah, einen Kanonenschuß abfeuern, nachdem er vorher die Vorsicht gebraucht, der Königin melden zu lassen, daß dieser Kanonenschuß den Zweck habe, einen Lootsen herbeizurufen.

Die Dunkelheit war schon so dicht, daß der Hintergrund den Blicken entschwand und man nur noch die zahlreichen Lichter Palermos sah, welche so zu sagen die Finsterniß durchlöcherten.

Nelson wollte eben Befehl zum Abfeuern eines zweiten Kanonenschusses geben, als Henry, welcher das Meer mit einem vortrefflichen Nachtglas durchforschte, meldete, daß ein Boot auf den »Vanguard« zugerudert komme.

Nelson nahm das Glas aus Henrys Händen und sah wirklich eine mit einem dreieckigen Segel versehene Barke herankommen, die mit vier Matrosen bemannt war, und von einem Manne befehligt ward, welcher den groben Regenmantel der sicilianischen Seeleute trug.

»Barke, ahoi!« rief der wachthabende Matrose auf dem »Vanguard«, »was wollt Ihr?«

»Lootse!«, antwortete einfach der Mann in dem Regenmantel.

»Werft diesem Manne ein Tau zu und zieht seine Barke an das Schiff,« sagte Nelson.

Das Schiff lag so, daß es der Barke die Backbordseite zukehrte. Die Barke zog ihr Segel ein. Die vier Matrosen griffen zu den Rudern und die Barke näherte sich dem »Vanguard«.

Man warf dem Looten ein Tau zu. Er ergriff es und kletterte, als geübter Seemann die Vorsprünge und Simse benutzend, zu einer der Stückpforten in die obere Batterie hinein.

Es dauerte nicht lange, so erschien er auf dem Verdeck. Er lenkte seine Schritte gerade auf den Commandoposten zu, wo Nelson, der Capitän Henry, der König und und der Kronprinz seiner harrten.

»Ihr habt lange auf Euch warten lassen,« sagte Henry auf italienisch zu ihm.

»Ich habe mich gleich nach dem ersten Kanonenschuß aufgemacht, Capitän,« antwortete der Lootse.

»Hattet Ihr denn die Signale nicht gesehen?«

Der Lootse gab keine Antwort.

»Wohlan,« sagte Nelson, »verlieren wir keine Zeit. Fragen Sie ihn auf italienisch, Henry, ob er den Hafen genau kennt und dafür steht, das Schiff ohne Unfall bis auf seinen Ankerplatz zu führen.«

»Ich spreche Ihre Sprache, Mylord,« antwortete der Lootse in vortrefflichem Englisch. »Ich kenne den Hafen ganz genau und stehe für Alles.«

»Nun, dann ist's gut,« sagte Nelson. »Uebernehmt somit das Commando, nur vergeßt dabei nicht, daß Ihr ein Schiff commandiert, welches eure Souveräne an Bord führt.«

»Ich weiß, daß ich diese Ehre habe, Mylord.«

Dann und ohne sich des Sprachrohrs zu bedienen, welches Henry ihm darbot, commandierte er mit lauter, von einem Ende des Schiffes bis zum andern hallender Stimme das Manöver in so gutem Englisch und in so echt technischen Ausdrücken, als ob er in der Marine des Königs Georg gedient hätte.

Gleich einem Roß, welches einen geschickten Reiter auf dem Rücken fühlt und einsieht, daß jeder Widerstand gegen den Willen desselben vergeblich sein würde, neigte sich der »Vanguard« unter dem Commando des Lootsen und gehorchte nicht blos ohne Widerstreben, sondern auch, so zu sagen, mit einem gewissen Grad von Eifer, welcher von dem König nicht unbemerkt blieb.

Ferdinand näherte sich dem Looten, von welchem Nelson und Henry, von einem und demselben Gefühl des Nationalstolzes bewogen, sich entfernt hatten.

»Mein Freund,« fragte ihn der König, »glaubst Du, daß ich heute Abend ans Land gehen kann?«

»Ich wüßte nicht, was Euer Majestät daran hindern sollte. Ehe noch eine Stunde um ist, gehen wir vor Anker.«

»Welches ist das beste Hotel in Palermo?«

»Der König wird doch nicht in einem Hotel absteigen, so lange der Palast des Königs Roger vorhanden ist?«

»Dort aber erwartet mich Niemand. Ich werde dort nichts zu essen finden, und die Castellane, welche meine Ankunft nicht ahnen, haben wahrscheinlich Alles, selbst meine Betten, gestohlen.«

»Euer Majestät werden im Gegentheil dort Alles in bester Ordnung finden. Der Admiral Caracciolo, welcher heute Morgen acht Uhr in Palermo anlangte, hat für Alles gesorgt.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich bin der Lootse des Admirals und kann Euer Majestät versichern, daß er, nachdem er um acht Uhr vor Anker gegangen, sich um neun Uhr bereits im Palast befand.«

»Dann hätte ich für weiter nichts zu sorgen als für einen Wagen.«

»Da der Admiral vorausgesehen, daß Euer Majestät im Laufe des Abends anlangen würden, so stehen schon seit fünf Uhr drei Carossen am Hafendame in Bereitschaft.«

»In der That,« sagte der König, »der Admiral Caracciolo ist ein kostbarer Mann, und wenn ich jemals eine Reise zu Lande mache, so werde ich ihn zu meinem Reisemarschall nehmen.«

»Dies wäre eine große Ehre für ihn, Sire; weniger um des Postens an und für sich, als vielmehr um des Vertrauens willen, welches ihm dadurch zu erkennen gegeben würde.«

»Hat sein Schiff während des Sturmes bedeutende Beschädigungen erlitten?«

»Nein, gar keine.«

»In der That,« sagte der König sich hinter dem Ohr kratzend, »ich hätte besser gethan, wenn ich das ihm gegebene Wort gehalten hätte.«

Der Lootse stutzte.

»Was gibt’s?« frug der König.

»Nichts, Sire, ich denke blos, der Admiral würde sich sehr glücklich fühlen, wenn er die Worte, die ich soeben gehört, selbst aus Euer Majestät Munde vernähme.«

»Ah, ich kann es mir nicht verhehlen,« sagte der König und fuhr dann, sich zu Nelson wendend, fort: »Wissen Sie, Mylord, daß der Admiral schon heute Morgen acht Uhr, ohne die mindeste Beschädigung an seinem Schiffe erlitten zu haben, hier vor Anker gegangen ist? Er muß ein Zauberer sein, da ja der »Vanguard«, obschon von Ihnen, das heißt von dem ersten Seemann der Welt, commandiert, seine Stengen, sein großes Focksegel und sein – wie heißt es gleich? – sein Bugsprietsegel verloren hat.«

»Soll ich Mylord übersetzen, was Eure Majestät soeben gesagt hat?« frug Henry.

»Warum nicht?«, entgegnete der König.

»Buchstäblich?«

»Ja wohl buchstäblich, wenn es Ihnen Vergnügen macht.«

Henry übersetzte dem Admiral die von dem König gesprochenen Worte.

»Sire,« antwortete Nelson kaltblütig, »es stand Euer Majestät frei, zwischen den »Vanguard« und der »Minerva« zu wählen. Sie haben den »Vanguard« gewählt, und Alles, was Holz, Eisen und Leinwand vereint leisten kann, das hat der »Vanguard« geleistet.«

»Gleichviel,« sagte der König, dem es Vergnügen machte, sich an Nelson für den Druck zu rächen, welchen England durch den Admiral auf ihn ausübte und der seine verbrannte Flotte noch nicht vergessen konnte; »wenn ich mit der »Minerva« gesegelt wäre, so wäre ich schon heute Morgen in Palermo angelangt und hätte einen guten Tag auf dem Lande verlebt. Indessen es schadet weiter nichts. Ich bin Ihnen deswegen nicht weniger dankbar, Mylord. Sie haben gethan, was in Ihren Kräften stand.«

Dann setzte er mit seiner erheuchelten Gutmüthigkeit hinzu: »Wer thut, was er kann, thut, was er soll.«

Nelson biß sich auf die Lippen, stampfte mit dem Fuße, ließ den Capitän Henry auf dem Deck und kehrte in seine Cajüte zurück.

In diesem Augenblicke rief der Lootse:

»Jeder auf seinen Posten zum Ankerwerfen!«

Das Ankerwerfen ist ebenso wie das Ankerlichten einer der feierlichen Augenblicke eines großen Kriegsschiffes.

Sobald als daher der Befehl, daß Jeder sich zum Ankerwerfen auf seinen Posten begeben solle, ertheilt war, herrschte an Bord das tiefste Schweigen.

Dieses selbst von den Passagieren beobachtete Schweigen hat etwas Magisches. Achthundert Menschen stehen aufmerksam und stumm da und harren eines Wortes.

Der manövrierende Officier wiederholte mit dem Sprachrohr in der Hand den Befehl und der Hochbootsmann übersetzte denselben in die Töne seiner Signalpfeife.

Sofort begannen die im Takelwerk stehenden Matrosen gemeinschaftlich die Segel zu reffen. Die Raaen drehten sich wie auf einen Zauberschlag, und der »Vanguard« bewegte sich zwischen den schon vor Anker liegenden Schiffen hindurch, ohne an eines derselben anzustoßen, so daß er trotz des geringen Raumes, der ihm zu seinen Evolutionen vergönnt war, stolz und wohlbehalten die für ihn zum Ankerplatz bestimmte Stelle erreichte.

Während dieses Manövers waren die meisten der Segel gerefft worden und hingen jetzt drapiert unter den Raaen. Die, welche noch offen waren, dienten blos dazu, die allzugroße Schnelligkeit des Schiffes zu mäßigen.

Der Lootse hatte den sicilianischen Matrosen, welcher dem Admiral Nelson bereits über die Strömungen und Gegenströme der Meerenge Auskunft gegeben, an das Steuerruder gestellt.

»Anker geworfen!« rief der Lootse.

Das Sprachrohr des diensthabenden Officiers und die Pfeife des Hochbootmannes wiederholten das Commando.

Sofort löste der Anker sich von der Flanke des Schiffes und stürzte mit Getöse in das Meer. Die massive Kette folgte ihm in Schlangenwindungen und ließ Funken aus der Klüse hervorsprühen. Das Schiff knurrte und knarrte, bis in das Tiefste seines Innern erbebend. Alle Balken und Planken knackten, und mitten in den einen Bug umspülenden Wogen machte sich ein letzter Stoß bemerkbar. Der Anker saß.

Nun war die Aufgabe des Lootsen gelöst und er hatte nichts weiter zu thun. Er näherte sich ehrerbietig dem Capitän Henry und verneigte sich vor diesem.

Henry bot ihm die zwanzig Guineen, welche er von Lord Nelson beauftragt war ihm zuzustellen.

Der Lootse schüttelte jedoch lächelnd den Kopf, drängte Henrys Hand zurück und sagte:

»Ich werde von meiner Regierung bezahlt. Uebrigens nehme ich auch kein anderes Geld als das mit dem Bilde des Königs Ferdinand oder des Königs Carl.«

Der König hatte den Looten keinen Augenblick aus den Augen verloren und in dem Augenblick, wo derselbe an ihm vorüberkam und sich verneigte, faßte er ihn bei der Hand.

»Sage, Freund, bat er ihn, »kannst Du mir einen kleinen Dienst leisten?«

»Der König befehle und wenn es in der Macht eines Menschen steht, seinen Befehl auszuführen, so wird dieser Befehl ausgeführt werden.«

»Kannst Du mich ans Land bringen?«

»Nichts leichter als dies, Sire; aber ist diese armselige Barke, die allerdings für einen Lootsen gut genug ist, wohl auch eines Königs würdig?«

»Ich frage Dich, ob Du mich ans Land setzen kannst.«

»Ja, Sire.«

»Nun gut, dann thue es.«

Der Pilote verneigte sich, kehrte noch einmal zu Henry zurück und sagte:

»Capitän, der König will ans Land gehen. Haben Sie daher die Güte, die Ehrentreppe niederholen zu lassen.«

Der Capitän Henry ward durch diesen Wunsch des Königs in nicht geringem Grade überrascht.

»Nun?« frug der König.

»Sire,« antwortete Henry, »ich muß Lord Nelson von dem Wunsche Eurer Majestät in Kenntniß setzen. Niemand darf ohne Befehl des Admirals das Schiff Seiner britischen Majestät verlassen.«

»Auch ich nicht einmal?« fragte der König. »Dann bin ich also wohl Gefangener auf dem »Vanguard?»

»Der König ist nirgends Gefangener,« entgegnete Henry, »je vornehmer aber der Gast ist, desto tiefer würde der Wirth die Ungnade empfinden, wenn ersterer fortginge, ohne von letzterem Abschied zu nehmen.«

Mit diesen Worten verneigte sich der König und lenkte seine Schritte nach der Cajüte des Admirals.

»Diese verwünschten Engländer!« murmelte der König zwischen den Zähnen hindurch. »Ich weiß nicht, was mich abhält, Jacobiner zu werden, damit ich nur nicht mehr von diesen Leuten Befehle empfangen muß.«

Der Wunsch des Königs setzte Nelson in nicht geringeres Erstaunen, als dies mit Henry der Fall gewesen. Der Admiral begab sich sofort auf die Campanje.

»Ist es wahr,« fragte er den König, ohne sich an die Etiquette zu kehren, welche verbietet, an einen Monarchen eine direkte Frage zu stellen, »ist es wahr, daß der König den »Vanguard« unverweilt verlassen will?«

»Nichts ist wahrer als dies, mein lieber Lord,« sagte der König.

»Ich befinde mich auf dem »Vanguard wunderschön, auf dem Lande werde ich mich aber noch besser befinden. Zum Seemann bin ich einmal nicht geboren.«

»Werden Euer Majestät von diesem Entschlusse nicht wieder zurückkommen?«

»Nein, gewiß nicht; das versichere ich Ihnen, mein lieber Admiral.«

»Die große Schaluppe ausgesetzt!« rief Nelson.

»Das ist nicht nöthig,« sagte der König. »Bemühen Sie nicht Ihre wackern Leute, die ohnehin schon so ermüdet sind.«

»Ich kann aber das, was der Capitän Henry mir gesagt hat, unmöglich glauben.«

»Und was hat der Capitän Henry Ihnen denn gesagt Mylord?«

»Daß der König sich in dem Boote des Looten ans Land setzen lassen wolle.«

»So ist es auch. Dieser Lootse scheint mir nicht blos ein geschickter Mann, sondern auch ein treuer Unterthan zu sein. Ich glaube deshalb mich ihm anvertrauen zu können.«

»Aber, Sire, ich kann nicht gestatten, daß ein anderer Schiffspatron als ich, daß ein anderes Boot als das des »Vanguard und daß andere Matrosen als die Seiner britischen Majestät Sie ans Land setzen.«

»Dann,« sagte der König, »ist es also, wie ich vorhin zu dem Capitän Henry sagte: Ich bin Gefangener.«

»Ehe ich den König nur einen Augenblick lang in diesem Glauben lasse, will ich mich lieber sofort in seinen Wunsch fügen.«

»Wohlan, auf diese Weise werden wir als gute Freunde scheiden, Mylord.«

»Aber die Königin?«, fragte Nelson.

»O, die Königin ist müde, die Königin ist leidend. Es wäre für sie und die jungen Prinzessinnen eine große Beschwerde, wenn sie den »Vanguard« noch heute Abend verlassen sollten. Die Königin wird daher erst morgen ans Land kommen. Ich empfehle sie Ihrer Obhut, Mylord, ebenso wie meinen ganzen übrigen Hof.«

»Soll ich mitgehen, Vater?« fragte der junge Prinz Leopold.

»Nein, nein,« antwortete der König.

»Was würde die Königin sagen, wenn ich ihren Günstling mitnähme?«

Nelson verneigte sich.

»Die Steuerbordtreppe niedergeholt!« rief er.

Die Treppe ward hinabgelassen, der Lootse schwang sich an einem Tau hinab und befand sich binnen wenigen Secunden in dem Boot, welches er an den Fuß der Treppe führte.

»Mylord Nelson,« sagte der König, »in dem Augenblick, wo ich Ihr Schiff verlasse, gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich niemals die Aufmerksamkeiten vergessen werde, womit wir an Bord des »Vanguard« überhäuft worden. Morgen sollen Ihre Matrosen einen Beweis meiner Zufriedenheit erhalten.«

Nelson verneigte sich zum zweiten Male, diesmal aber ohne zu antworten.

Der König ging die Treppe hinab und setzte sich in das Boot mit einem Seufzer der Herzenserleichterung, welcher von dem auf der ersten Stufe stehengebliebenen Admiral gehört ward.

»Vorwärts!« sagte der Pilote zu dem Matrosen, welcher die Ruderstange hielt.

Das Boot stieß von der Treppe ab und entfernte sich.

»Nun rasch, Jungens!« rief der Lootse.

Die vier Ruder tauchten gleichmäßig in die Wogen und schnell näherte das Boot sich der Marina, das heißt der Stelle des Hafendamms, wo der Toledostraße gegenüber die Equipagen des Königs warteten.

Der Lootse sprang zuerst ans Land, zog das Boot dicht daran und befestigte es.

Ehe er aber noch dem König die Hand reichen konnte, sprang dieser ebenfalls auf den Quai hinauf.

»Ha!« rief er mit einem Ausruf der Freude, »da bin ich also wieder auf festem Lande! Nun kann der Teufel den König Georg, die Admiralität, Lord Nelson, den »Vanguard« und die ganze Flotte Seiner britischen Majestät holen. Hier, mein Freund, dies ist für Dich.«

Und mit diesen Worten bot er dem Lootsen eine Börse.

»Ich danke, Sire,« antwortete der Lootse, indem er einen Schritt zurücktrat. »Euer Majestät haben gehört, was ich dem Capitän Henry antwortete: ich werde von meiner Regierung bezahlt.«

»Ja, und Du fügtest hinzu, Du empfängst kein anderes Geld als das mit dem Bilde des Königs Ferdinand oder des Königs Carl. So nimm doch.«

»Sire, wissen Sie gewiß, daß das Geld, welches Sie mir geben, nicht das Bildniß des Königs Georg trägt?«

»Du bist ein kecker Bursche, daß Du dem König eine Lection geben willst. Auf alle Fälle wisse, daß, wenn ich von England Geld empfangen habe, es mich theure Zinsen dafür hat bezahlen lassen. Das Geld hier ist für deine Leute und diese Uhr für Dich. Wenn ich jemals wieder König werde und Du mich um eine Gnade zu bitten hat, so komme zu mir, zeige mir diese Uhr und deine Bitte soll Dir gewährt werden.«

»Morgen, Sire,« sagte der Lootse, indem er die Uhr in Empfang nahm und die Börse seinem Matrosen zuwarf, »morgen werde ich im Palast sein, und ich hoffe, daß Eure Majestät mir nicht die Gnade verweigern werden, um welche ich die Ehre haben werde Sie zu bitten.«

»Nun, das muß ich sagen, entgegnete der König, »wie es scheint hast Du nicht Lust, lange Zeit zu verlieren.«

Dann sprang er von den drei Equipagen in die, welche ihm am nächsten hielt, und rief:

»Nach dem königlichen Palaste!«

Im Galopp rasselte der Wagen fort.




Zweites Capitel.

Worin die Gnade befand, welche der Loose sich auszubitten wünschte


Durch den Admiral Caracciolo von der Ankunft des Königs unterrichtet, hatte der Gouverneur des Schlosses die Behörden von Palermo amtlich davon in Kenntniß gesetzt.

Der Syndicus, die Municipaltät, die Magistratspersonen und die hohe Geistlichkeit von Palermo erwartete den König seit drei Uhr Nachmittags auf dem großen Hofe des Palastes.

Der König, welcher vor allen Dingen eine gute Mahlzeit und Schlaf bedurfte, sagte sich, daß er hier drei Reden anzuhören haben würde und schauderte von der Fußspitze bis in die Haarwurzeln.

Er nahm deshalb auch zuerst das Wort und sagte:

»Meine Herren, wie groß auch Ihr Rednertalent sein möge, so zweifle ich doch, daß es Ihnen möglich sein würde, mir etwas Angenehmes zu sagen. Ich habe Krieg gegen die Franzosen führen wollen, und man hat mich geschlagen. Ich wollte Neapel vertheidigen, und habe mich genöthigt gesehen, es zu verlassen. Ich habe mich eingeschifft und bin von einem schweren Sturme heimgesucht worden. Wenn Sie mir sagen wollten, daß meine Gegenwart Sie freue, so würden Sie mir damit sagen, daß Sie sich über die mir zugestoßenen Unfälle freuen, ganz besonders aber würden Sie, wenn Sie mir dies sagten, mich abhalten, meine Abendmahlzeit zu mir zu nehmen und mich dann schlafen zu legen, was im gegenwärtigen Augenblicke mir noch unangenehmer wäre, als von den Franzosen geschlagen zu werden, Neapel verlassen zu müssen und drei Tage lang die Seekrankheit zu haben, mit der Aussicht, von den Fischen gefressen zu werden. Ich versichere Ihnen, daß ich vor Hunger und Müdigkeit kaum noch auf den Füßen stehen kann. Somit, Herr Syndicus und meine Herren von der Municipalität, will ich Ihre Reden als gehalten betrachten. Ich schenke zehntausend Ducaten für die Armen. Sie können das Geld morgen abholen lassen.«

Als er hierauf den Bischof in der Mitte seiner Geistlichkeit bemerkte, setzte er hinzu:

»Monsignor, morgen werden Sie in der Kirche zur heiligen Rosalia eine feierliche Danksagung für die wunderbare Weise, auf welche ich dem Schiffbruch entronnen bin, veranstalten. Ich werde bei dieser Gelegenheit das dem heiligen Franciscus von Paula gegebene Gelübde erneuern, ihm eine Kirche nach dem Muster der Peterskirche in Rom zu erbauen, und Sie werden uns die verdienstvollsten Mitglieder Ihrer Geistlichkeit bezeichnen. Wie reducirt unsere Mittel auch jetzt sein mögen, so werden wir uns doch bemühen, diese Herren ihrem Verdienste gemäß zu belohnen.«

Dann wendete er sich zu den Magistratspersonen, an deren Spitze er den Präsidenten Cardillo erkannte.

»Ah, da sind Sie ja auch, Meister Cardillo,« sagte er zu ihm.

»Ja, Sire, «antwortete der Präsident, indem er sich bis zur Erde verneigte.

»Sind Sie immer noch ein schlechter Spieler?«

»Ja, immer noch, Sire.«

»Und leidenschaftlicher Jäger?«

»Mehr als je.«

»Nun, das ist schön. Ich lade Sie zu meinem Spiele ein, unter der Bedingung, daß Sie mich zu Ihren Jagden einladen.«

»Es ist eine doppelte Ehre, welche Eure Majestät mir auf diese Weise erzeigen.«

»Nun, meine Herren,« fuhr der König, sich zu Allen insgesamt wendend, fort, »wenn Sie so hungrig und so durstig sind wie ich, so habe ich Ihnen den guten Rath zu geben: Machen Sie es wie ich, das heißt, speisen Sie zu Abend und gehen Sie dann zu Bette.«

Diese Aufforderung war eine Verabschiedung in bester Form und die dreifache Deputation entfernte sich, nachdem sie den König nochmals begrüßt.

Ferdinand stieg, während vier Diener mit Fackeln vor ihm her schritten, die große Ehrentreppe hinauf, gefolgt von Jupiter, dem einzigen Gast, welchen es ihm beliebt hatte bei sich zu behalten.

Es war ein Diner von dreißig Couverts serviert.

Der König setzte sich an dem einen Ende der Tafel und ließ Jupiter an dem andern Platz nehmen, behielt einen Diener für sich und gab deren zwei seinem Hund, welchem er von allen Gerichten, die er genoß, ebenfalls vorlegen ließ.

Nie hatte Jupiter einem solchen Schmause beigewohnt.

Dann, nachdem das Souper beendet war, nahm Ferdinand ihn mit in sein Zimmer, ließ ihm am Fuße eines Bettes von den weichten Teppichen ein Lager bereiten, streichelte, ehe er sich selbst niederlegte, den schönen klugen Kopf des treuen Thieres und sagte:

»Ich hoffe, Du wirst nicht sagen wie – ich weiß nicht welcher Dichter: die Treppe des Fremden sei steil und das Brod der Verbannung sei bitter.«

Dann schlief er ein, träumte, er mache einen wunderbaren Fischfang in dem Golf von Castellamare und erlege in dem Walde von Ficuzza die Wildschweine zu Hunderten.

In Neapel war ein- für allemal Befehl gegeben, daß wenn der König um acht Uhr nicht geklingelt habe, dann der Kammerdiener in sein Schlafzimmer gehe und ihn wecke. Da aber hier in Palermo nicht derselbe Befehl ertheilt worden, so erwachte und klingelte der König erst um zehn Uhr.

Während des Morgens waren die Königin, der Prinz Leopold, die Prinzessinnen, die Minister und die Höflinge ebenfalls gelandet, und hatten ihre Wohnungen die einen im Palast, die andern in der Stadt, aufgesucht. Die Leiche des kleinen Prinzen war überdies in die Capelle des Königs Roger getragen worden.

Der König hing eine Weile seinen Gedanken nach und stand dann auf. Lastete dieser letzterwähnte Umstand, den er vollständig vergessen zu haben schien, jetzt, wo er außer Gefahr war, schwerer auf seinem väterlichen Herzen, oder überlegte er, daß der heilige Franciscus von Paula in dem Schutz, den er ihm gewährte, ein wenig karg gewesen und daß er, wenn er die versprochene Kirche baue, einen Schutz, der sich auf seine Familie so unvollständig erstreckt, etwas zu theuer bezahle?

Der König gab Befehl, daß die Leiche des jungen Prinzen den ganzen Tag in der Capelle ausgestellt bleibe und den nächstfolgenden Tag ohne irgend welche Feierlichkeit bestattet werde.

Der Todesfall sollte den andern Höfen angezeigt werden und der der beiden Sicilien, jetzt auf Sicilien allein reducirt, vierzehntägige Trauer in Violet anlegen.

Kaum hatte der König diesen Befehl ertheilt, so meldete man ihm, daß der Admiral Caracciolo, welcher, wie wir aus der Erzählung des Lootsen wissen, am Tage vorher als Quartiermeister für den König und die königliche Familie fungiert, um die Ehre bäte, von Seiner Maijestät empfangen zu werden, und deshalb im Vorzimmer warte.

Der König fühlte sich in Folge der Antipathie, welche Nelson ihm einzuflößen begann, um so mehr zu Caracciolo hingezogen. Deshalb beeilte er sich zu befehlen, daß man den Admiral in das kleine an sein Schlafgemach anstoßende Bibliothekzimmer treten lasse, wohin er, obschon noch nicht vollständig angekleidet, sich selbst verfügte. Seinem Gesicht einen möglichst heitern Ausdruck gebend sagte er:

»Ach, mein lieber Admiral, ich freue mich sehr, Dich zu sehen, vor allen Dingen um Dir zu danken, daß Du, da Du vor mir angelangt, auch sofort an mich gedacht hast.«

Der Admiral verneigte sich und ohne daß der freundliche Empfang des Königs den Ernst seines Gesichts milderte, antwortete er:

»Sire, dies war meine Pflicht als treuer und gehorsamer Unterthan Eurer Majestät.«

»Dann wollte ich Dir auch mein Compliment zu der Art und Weise machen, auf welche Du mit deiner Fregatte während des Sturmes manövriert hast«, fuhr der König fort. »Weißt Du, daß Nelson sich fürchterlich über Dich geärgert hat? Er war vor Wuth nahe daran zu bersten, und ich hätte gern gelacht, wenn ich nicht in so großer Angst gewesen wäre.«

»Der Admiral Nelson,« antwortete Caracciolo, » konnte mit einem schwer beschädigten Schiff wieder »Vanguard« nicht dasselbe leisten, wie ich mit meiner Fregatte, einem leichten Schiff von moderner Bauart, welches noch niemals Schaden gelitten. Der Admiral Nelson hat gethan, was er konnte.«

»Das sagte ich ihm auch, vielleicht mit anderer Bedeutung, aber genau in denselben Worten. Ich fügte sogar hinzu, daß es mir leid thäte, mein Dir gegebenes Wort gebrochen zu haben und mit ihm anstatt mit Dir gesegelt zu sein.«

»Ich weiß es, Sire, und ich fühle mich dadurch tief gerührt.«

»Du weißt es? Wer hat es Dir dem gesagt? Ah, jetzt fällt mir ein – der Lootse, nicht wahr?«

Caracciolo antwortete nicht auf die Frage des Königs, sondern sagte nach einer kurzen Pause:

»Sire, ich komme, um den König um eine Gnade zu bitten.«

»Dann hast Du den Augenblick sehr gut gewählt. Sprich, was begehrst Du?«

»Ich bitte den König, meine Entlassung als Admiral der neapolitanischen Flotte anzunehmen.«

Der König trat einen Schritt zurück, so wenig hatte er eine solche Forderung erwartet.

»Die Entlassung als Admiral der neapolitanischen Flotte?« wiederholte er; »warum denn?«

»Erstens, Sire, weil es Luxus ist, einen Admiral zu haben, wenn man keine Flotte mehr hat.«

»Ja, ich weiß es,« sagte der König mit einem sichtbaren Ausdruck des Zornes. »Mylord Nelson hat sie verbrannt. Früher oder später werden wir aber wieder Herren im eigenen Hause sein und dann eine neue bauen.«

»Aber,« antwortete Caracciolo kalt, »da ich Euer Majestät Vertrauen verloren habe, so werde ich diese neue Flotte nicht commandieren können.«

»Wie? Du hättest mein Vertrauen verloren? Du, Caracciolo?«

»Ich will wenigstens dies lieber glauben, Sire, als einem König, in dessen Adern das älteste königliche Blut von Europa fließt, den Vorwurf machen, daß er sein Wort gebrochen habe.«

»Ja, es ist wahr, sagte der König; »ich hatte Dir versprochen –«

»Erstens Neapel nicht zu verlassen, oder wenn Sie es verließen, dies nur auf meinem Schiffe zu thun.«

»Na, laß' es nur gut sein, mein lieber Caracciolo,« sagte der König, indem er dem Admiral die Hand bot.

Der Admiral ergriff die Hand des Königs, küßte dieselbe ehrerbietig, trat einen Schritt zurück und zog ein Papier aus der Tasche.

»Sire,« sagte er, »hier ist meine Entlassung, um deren Annahme ich Euer Majestät bitte.«

»Nein, ich nehme deine Entlassung nicht an; ich weise sie zurück.«

»Dazu haben Euer Majestät nicht das Recht.«

»Wie! Ich hätte nicht das Recht dazu? Ich hätte nicht das Recht, deine Entlassung zurückzuweisen?«

»Nein, Sire, denn Euer Majestät haben mir gestern versprochen, mir die erste Gnade, um die ich bitten würde, zu bewilligen. Wohlan, diese Gnade besteht eben darin, daß Sie meine Entlassung annehmen, Sire.«

»Gestern hätte ich Dir etwas versprochen? Du bist wohl nicht bei Sinnen?«

Caracciolo schüttelte den Kopf.

»Ich bitte um Entschuldigung, Sire, ich bin vollkommen bei Sinnen.«

»Gestern habe ich Dich ja aber nie gesehen.«

»Das heißt, Sie haben mich blos nicht erkannt, Sire. Vielleicht aber erkennen Sie diese Uhr?«

Und Caracciolo zog eine prachtvolle, mit dem Bildniß des Königs geschmückte und mit Diamanten besetzte Uhr aus dem Busen.

»Der Lootse!« rief der König, indem er die Uhr erkannte, welche er am Abend vorher dem Manne gegeben, der ihn so geschickt in den Hafen geführt.

»Der Lootse!«

»Der Lootse war ich, Sire,« antwortete Caracciolo, sich verneigend.

»Wie! Du, ein Admiral, hast Dich dazu verstanden, die Rolle eines Looten zu spielen?«

»Sire, wenn es sich um das Wohl und die Rettung des Königs handelt, gibt es keine untergeordnete Rolle.«

Ferdinands Züge gewannen einen Ausdruck von Wehmuth, der nur sehr selten an ihm wahrzunehmen war.

»In der That,« sagte er, »ich bin ein sehr unglücklicher Fürst. Entweder werden meine Freunde von mir entfernt, oder sie entfernen sich selbst von mir.«

»Sire,« antwortete Caracciolo, »Sie thun unrecht, wenn Sie das Ueble, welches Sie thun oder thun lassen, Gott zur Last legen. Gott hatte Ihnen einen nicht blos mächtigen, sondern auch berühmten König zum Vater gegeben. Sie hatten einen älteren Bruder, welcher das Scepter und die Krone von Neapel erben sollte. Gott gestattete, daß er von Wahnsinn heimgesucht und der Weg somit für Sie frei ward. Sie sind Mann, Sie sind König, Sie haben den Willen, Sie haben die Macht. Mit freiem Willen begabt, können Sie zwischen dem Guten und dem Bösen wählen. Sie wählen aber das Böse, Sire, so daß das Gute sich von Ihnen entfernen muß.«

»Caracciolo,« sagte der König mehr traurig als gereizt, »weißt Du, daß noch nie. Jemand mit mir so gesprochen hat, wie Du jetzt mit mir spricht?«

»Weil außer einem Mann, der wie ich den König liebt und das Wohl des Staates will, Euer Majestät Niemanden um sich hat als Höflinge, die nur sich selbst lieben und weiter nichts verlangen, als die Ehren des Glücks und des Reichthums.«

»Und wer ist dieser Mann?«

»Derselbe, den der König vergessen und in Neapel zurückgelassen, der Mann, den ich mit nach Sicilien gebracht – der Cardinal Ruffo.«

»Der Cardinal weiß eben so wie Du, daß ich stets bereit bin, ihn zu empfangen und anzuhören.«

»Ja, Sire, aber nachdem Sie uns empfangen und angehört, folgen Sie den Rathschlägen der Königin, Actons und Nelson's. Ich bin trostlos, Sire, daß ich auf diese Weise die Ehrfurcht, die ich einer erhabenen Person schuldig bin, aus den Augen setzen muß, aber ich erkläre: diese drei Namen werden in Zeit und Ewigkeit verwünscht sein.«

»Und glaubst Du, daß ich sie nicht auch verwünsche?« sagte der König. »Glaubst Du, ich sehe nicht, daß sie den Staat seinem Ruin und mich dem Verderben entgegenführen? Ich bin zwar ein Dummkopf, aber ein Narr bin ich nicht.«

»Nun wohlan, Sire, dann kämpfen Sie doch!«

»Kämpfen, dies kannst Du leicht sagen, ich aber bin nicht ein Mann des Kampfes; Gott hat mich nicht für den Kampf geschaffen. Ich bin ein Mensch der Empfindungen und Vergnügungen, ein gutes Herz, welches man durch Quälereien reizt und erbittert. Jene sind ihrer Drei oder Vier, die sich die Macht streitig machen, das Eine greift nach der Krone, das Andere nach dem Scepter. Ich lasse sie gewähren. Das Scepter, die Krone, der Thron, dies ist mein Golgatha; ich habe von Gott nicht verlangt, König zu sein. Ich liebe die Jagd, den Fischfang, die Pferde, die schönen Mädchen, und habe keinen andern Ehrgeiz. Mit zehntausend Ducaten Rente und der Freiheit, nach meiner Weise zu leben, wäre ich der glücklichste Mensch der Erde gewesen. Aber nein, unter dem Vorwand, daß ich König bin, läßt man mich keinen Augenblick in Ruhe. Dies ließe sich allenfalls noch begreifen, wenn ich wirklich regierte. Es sind aber die Andern, welche unter meinem Namen regieren; es sind die Andern, welche den Krieg führen, und auf mich fallen blos die Schläge. Es sind die Andern, welche die Fehler begehen, während gleichwohl ich dieselben wieder gutmachen muß. Du bittet mich um deine Entlassung und Du hast sehr Recht. Dennoch aber sollst Du sie den Andern abverlangen, denn diese sind es, welchen Du dienst, nicht ich.«

»Eben deshalb, weil ich meinem König und nicht den Andern dienen will, wünsche ich in das Privatleben zurückzutreten, welche Sie, Sire, soeben auch als Gegenstand Ihrer Wünsche bezeichneten. Zum dritten Male, Sire, bitte ich daher inständig meine Entlassung anzunehmen und beschwöre Sie, wenn es sein muß, im Namen des Wortes, welches Sie mir gestern gegeben.«

Und Caracciolo bot, indem er dies sagte, dem König mit der einen Hand seine Entlassung und mit der andern eine Feder zum Unterzeichnen.

»Du willst es also?« fragte der König.

»Sire, ich flehe darum.«

»Und wenn ich unterzeichne, wo wirst Du dann hingehen?«

»Ich werde nach Neapel zurückkehren, Sire.«

»Und was willst Du dort in Neapel machen?«

»Meinem Vaterlande dienen, Sire. Neapel befindet sich in der Lage, wo es der Intelligenz und des Muthes aller seiner Söhne bedarf.«

»Sieh wohl zu, was Du in Neapel thust, Caracciolo.«

»Sire, ich werde mich bemühen, immer so zu handeln, wie ich zeither gehandelt – als ehrlicher Mann und als guter Bürger.«

»Das ist deine Sache. Du beharrt also auf deinem Verlangen?«

Caracciolo begnügte sich mit dem Finger auf die Uhr zu zeigen, die er auf den Tisch gelegt.

»Starrkopf!« sagte der König ungeduldig Dann ergriff er die Feder und schrieb unter das Entlassungsgesuch die Worte:

»Angenommen; der Chevalier Caracciolo möge aber nicht vergessen, daß Neapel sich in der Gewalt meiner Feinde befindet.« Dann unterzeichnete er wie gewöhnlich: »Ferdinand V.«

Caracciolo warf die Augen auf die drei Zeilen, welche der König soeben geschrieben, faltete das Papier wieder zusammen, steckte es in die Tasche, verneigte sich ehrerbietig vor dem König und schickte sich an, sich zu entfernen.

»Du vergissest deine Uhr,« sagte der König.

»Diese Uhr ist nicht dem Admiral, sondern dem Lootsen geschenkt worden. Gestern, Sire, existierte der Lootse nicht; heute existiert der Admiral nicht.«

»Ich hoffe aber,« sagte der König mit jener Würde, welche bei ihm von Zeit zu Zeit hindurchleuchtete wie ein Blitz, »ich hoffe, daß der Freund beide überleben werde. Nimm diese Uhr, und wenn Du jemals Dich versucht fühlen solltest, deinen König zu verrathen, so betrachte das Bildniß dessen, der sie Dir gegeben.«

»Sire, antwortete Caracciolo, »ich stehe nicht mehr im Dienste des Königs. Ich bin einfacher Bürger. Ich werde thun, was mein Vaterland mir befiehlt.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und der König blieb in nicht blos traurige, sondern träumerische Gedanken versinkend stehen.

Am nächstfolgenden Morgen fand, wie er befohlen, die Beerdigung seines Sohnes, des Prinzen Albert, statt, ohne allen Pomp, wie die eines gewöhnlichen Kindes.

Die Leiche ward in der Gruft der Schloßcapelle beigesetzt, welche unter dem Namen der Capelle des Königs Roger bekannt ist.




Drittes Capitel.

Das Königthum in Palermo


Wir haben gesehen, daß das Allererste, was der König noch vor seinem Cabinetsrath und gleich bei seiner Ankunft in Palermo reorganisiert hatte, seine Partie Reversi war.

Zum Glücke hatte, ganz wie Ferdinand gedacht, der Herzog von Ascoli, um den er sich nicht bekümmert, Mittel gefunden, um nach Sicilien zu gelangen. Der Herzog ward hierbei von jener naiven und unverbrüchlichen Anhänglichkeit getrieben, welche seine Haupttugend war, eine Tugend, welche ihm der König nicht mehr Dank wußte als dem Hunde Jupiter seine Treue.

Der Herzog von Ascoli hatte Caracciolo ersucht, ihn mitzunehmen. Da Caracciolo wußte, daß der Herzog von Ascoli der beste und uneigennützigste aller Freunde des Königs war, so hatte er dem Wunsche desselben sofort entsprochen.

Der König fand demgemäß unter der Zahl der Personen, welche schon am Abende seiner Ankunft sich bei ihm einfanden, um ihm ihre Aufwartung zu machen, den Herzog von Ascoli.

Seine Anwesenheit setzte jedoch den König nicht in Erstaunen und das Compliment, welches er ihm deswegen machte, bestand blos in den Worten:

»Ich wußte wohl, daß Du Mittel finden würdest zu kommen.«

Man erinnert sich überdies, daß unter der Zahl der Magistratspersonen, welche sich eingefunden hatten, um dem König ihre Aufwartung zu machen, sich ein alter Bekannter von ihm, der Präsident Cardillo, befand, welcher niemals nach Neapel kam, ohne die Ehre zu haben, einmal an der Tafel des Königs zu speisen, wogegen der König, so oft er nach Palermo kam, ihm die Ehre erwies, wenigstens einmal auf seinem prachtvollen Landgute Ilice zu jagen.

Zu Gunsten des Präsidenten Cardillo machte der König in Bezug auf seine Sympathien und Antipathien eine Ausnahme. Sehr aristokratisch gesinnt, obschon im höchsten Grade populär, haßte Ferdinand doch sämtliche adelige Beamte.

Der Präsident Cardillo hatte ihn jedoch durch zwei mächtige Verlockungen verführt. Der König liebte die Jagd, und der Präsident Cardillo war seit Nimrod und nächst dem König Ferdinand einer der gewaltigsten Jäger vor Gott, welche jemals existiert.

Der König verabscheute die Titusköpfe, so wie die Schnurr- und Backenbärte; der Präsident Cardillo aber hatte kein Haar, weder auf dem Kopf noch auf den Wangen oder dem Kinne.

Die majestätische Perrücke, unter welcher der würdige Beamte seine Kahlheit verbarg, besaß daher das seltene Vorrecht, von dem Könige gnädig empfangen zu werden.

Auch warf er sofort ein Auge auf ihn, um ihn nebst Ascoli und Malaspina zu den gewohnten Mitspielern seinen Partie Reversi zu machen.

Die andern Spieler ohne Karte, wie man von Ministern ohne Portefeuille sagen könnte, waren der Fürst von Castelcicala der Einzige der drei Mitglieder der Staatsjunta, welcher von der Königin gewürdigt worden war, ihren Schutz zu genießen und mit nach Sicilien genommen zu werden, der Marquis von Circello, welchen der König so eben zu einem Minister des Innern gemacht, und der Fürst von San Cataldo, einer der reichsten Grundbesitzer des südlichen Siciliens.

Dieses Gespann des Königs, wenn wir mit diesem Ausdrucke die drei Höflinge bezeichnen dürfen, welche die Ehre hatten, zu seinen Spielpartien auserwählt zu werden, war die seltsamste Sammlung von Originalen, die man sehen konnte.

Den Herzog von Ascoli, dem wir eigentlich mit Unrecht den Namen eines Höflings geben, kennen wir. Er war eine jener heiter ruhigen, muthigen und loyalen Persönlichkeiten, wie man sie bei Hofe so selten trifft. Seine Anhänglichkeit an den König war frei von allem Ehrgeize. Nie war es ihm eingefallen, um Geld oder Ehrenstellen zu bitten, oder, wenn der König ihm eine solche Gunst angeboten, ihn, wenn er es vergaß, wieder daran zu erinnern. Er war das Urbild eines echten Edelmanns, er liebte das Königthum als eine geheiligte Institution, hatte sich freiwillig Pflichten gegen dasselbe aufgelegt, und verwandelte eben so freiwillig diese Pflichten in Obliegenheiten, die er gern erfüllte.




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