La San Felice Band 13
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

La San Felice B13





Dreizehnter Theil





Erstes Capitel.

Das freie Gastmahl


Dieser Abend, welcher den Cardinal über das aufklärte, was zur Verzweiflung getriebene Menschen auszurichten vermögen, setzte ihn in Schrecken.

Er hatte die ganze Nacht den Wiederhall jenes Musketenfeuers gehört, ohne jedoch zu wissen, wovon die Rede war,

Bei Tagesanbruch erfuhr er zu seinem Schrecken das in der Nacht stattgehabte Blutbad. Er stieg sofort zu Pferde, und wollte sich selbst genaue Kenntniß von den Vorgängen der Nacht verschaffen.

Demzufolge erreichte er, von Cesare, Malaspina, Lamarra und zweihundert Mann seiner besten Cavalleristen begleitet, das Thor des heiligen Januarius passierend, die Strada Foria, ritt mitten durch die auf dem Largo delle Pigne stehenden Sanfedisten hindurch und durch die Strada dei Studi weiter nach der Toledostraße.

Auf dem Lorgo Spirito ward er von Fra Diavolo und Mammone empfangen und sah an den düsteren Mienen der beiden Anführer sofort, daß der Bericht über die von den Sanfedisten erlittenen Verluste durchaus nicht übertrieben war.

Man hatte noch nicht Zeit gehabt, die Todten wegzuschaffen und das Blut fortzuschwemmen.

Als der Cardinal auf dem Largo della Carità ankam, wollte sein Pferd nicht weiter, denn es hatte keinen Schritt thun können, ohne auf einen Todten zu treten.

Der Cardinal machte Halt, stieg ab, trat in das Kloster Monte Oliveto und schickte Lamarra und Cesare auf Entdeckung aus, indem er ihnen zugleich bei Strafe seiner Ungnade befahl, ihm nichts zu verschweigen.

Mittlerweile rief er Fra Diavolo und Mammone zu sich und befragte sie über die Ereignisse in der Nacht.

Von dem, was in der Toledostraße vorgegangen war, wußten sie noch gar nichts.

Der Mangel an Zusammenhang der zwischen den verschiedenen sanfedistischen Corps bestand, hielt die Communicationen ab, das zu sein, was sie bei einer regulären Armee gewesen wären.

Die beiden Anführer erzählten, daß sie gegen drei Uhr Morgens von einer Rotte Teufel angegriffen worden seien, die, ohne daß sie gewußt, woher dieselbe käme, und in dem Augenblick, wo sie es am wenigsten geahnt, über sie hergefallen wäre.

Ihre unversehens angegriffenen Leute hatten keinen Widerstand geleistet und der Cardinal hatte das Resultat dieses Ueberfalls gesehen.

Die Republikaner waren übrigens verschwunden wie ein Traum, nur hatte dieser Traum zum Beweis seiner Wirklichkeit einhundertundfünfzig Feinde auf dem Schlachtfeld zurückgelassen.

Der Cardinal runzelte die Stirne.

Dann kamen Cesare und Lamarra ihrerseits.

Die Nachrichten, die sie brachten, lauteten ebenfalls sehr schlimm.

Lamarra meldete, daß das der sanfedistischen Coalition angehörige albanesische Bataillon vom ersten bis auf den letzten Mann niedergemacht worden sei.

Cesare hatte erfahren, daß von dem Posten und der Batterie in der Chiaja nur noch neun Mann übrig waren.

Die von dem englischen Kriegsschiff gelieferten vier Kanonen waren vernagelt und folglich unbrauchbar, und die russischen Artilleristen hatten sich bei ihren Geschützen niedermachen lassen.

Nun hatte in derselben Nacht, das heißt in der so eben verflossenen, der Cardinal durch einen Boten, der in Salerno an’s Land gestiegen war, den vom 14. Juni datierten Brief der Königin erhalten, in welchem Briefe die Königin ihm sagte, daß Nelson’s Flotte, nachdem sie Palermo verlassen, um den Thronerben nach Ischia zu bringen, zurückgekehrt sei, um denselben Thronerben auf die von Nelson empfangene Nachricht, daß die französische Flotte von Toulon ausgelaufen sei, wieder ans Land zu setzen.

Es war allerdings nicht sehr wahrscheinlich, daß diese Flotte nach Neapel käme; dennoch aber war es möglich, und dann wäre Ruffo’s Unternehmen verloren gewesen.

Ueberdies konnte etwas, was schon einmal geschehen war, auch zum zweiten Male geschehen.

Nach-der Einnahme von Cotrone war die Plünderung so ergiebig gewesen, daß drei Viertel der Sanfedisten, die sich nun genugsam bereichert zu haben glaubten, mit Waffen, Gepäck und Beute desertiert waren.

Nun aber war die Hälfte von Neapel bereits durch die Lazzaroni geplündert und die sanfedistische Armee konnte nicht annehmen, daß die andere Hälfte der Gefahren verlohne, welchen ein jeder sich aussetzte, wenn er blieb.

Der Cardinal machte sich keine Täuschung Seine Armee war mehr eine Rotte hungriger Raben, Wölfe und Geier, als ein Heer von Kriegern, welche für den Triumph einer Idee oder eines Princips kämpfen.

Das Erste, was man zu thun hatte, war daher, dem Plündern der Lazzaroni Einhalt zu thun, damit auf alle Falle noch etwas für die übrigbliebe, welche einen Marsch von hundert Meilen in der Hoffnung gemacht, selbst zu plündern.

Demzufolge und seinen Entschluß mit der Schnelligkeit der Ausführung fassend, welche eine der hervorragendsten Seiten seines Genies war, ließ der Cardinal sich Feder, Tinte und Papier bringen und verfaßte eine Proclamation, in welcher er das fernere Plündern und Morden auf’s Strengste untersagte und zugleich versprach, daß den Insurgenten, welche sofort die Waffen niederlegten, nichts zu Leide geschehen solle, denn es sei Absicht des Königs, ihnen volle und unumschränkte Amnestie zu gewähren.

Man wird zugeben, daß es schwer ist, dieses Versprechen mit den strengen Befehlen des Königs und der Königin in Bezug auf die Rebellen zu vereinigen; wenn man nicht annehmen will, daß der Cardinal wirklich die Absicht hatte, kraft seiner Vollmacht als Alterego des Königs so viel Patrioten zu retten, als in seiner Macht stünde.

Die Folge bewies übrigens, daß dies in der That seine Absicht war.

Er setzte in seiner Proclamation noch hinzu, daß alle Feindseligkeiten gegen jedes Castell und jede Befestigung in dem Augenblick aufhören würde, wo sie zum Zeichen, daß sie die angebotene Amnestie annähmen, die weiße Fahne aufpflanzten, und er bürgte mit seiner Ehre für das Leben der Officiere, welche zu ihm kommen würden, um zu parlamentiren.

Diese Proclamation ward noch denselben Tag gedruckt und an allen Straßenecken, sowie auf allen öffentlichen Plätzen der Stadt, angeschlagen.

Da es leicht möglich war, daß die Patrioten von San Martino, wenn sie nicht in die Stadt herabkämen, von diesen neuen Verfügungen des Cardinals keine Kenntniß erhielten, so schickte er Scipio Lamarra mit einer weißen Fahne und von einem Trompeter begleitet zu ihnen, um ihnen diesen Waffenstillstand melden zu lassen.

Die Patrioten von San Martino, welche von ihrem Erfolg in der vergangenen Nacht und von dem erlangten Resultat noch ganz berauscht waren, denn sie zweifelten nicht, daß sie dieses friedliche Entgegenkommen des Cardinals ihrem Siege verdankten – antworteten, sie seien entschlossen, mit den Waffen in der Hand zu sterben und würden sich zu nichts verstehen, bevor nicht Ruffo und die Sanfedisten die Stadt geräumt hätten.

Aber auch diesmal war Salvato, der die Klugheit des Diplomaten mit dem Muthe , des Soldaten verband, nicht der Meinung Monthonnet’s, der im Namen seiner Cameraden beauftragt ward, eine ablehnende Antwort zu ertheilen.

Er begab sich mit den Vorschlägen des Cardinals in der Hand zu dem legislativen Körper, und nachdem er diesem den wahren Stand der Dinge auseinandergesetzt, kostete es ihm keine große Mühe, ihn zu bestimmen, Conferencen mit dem Cardinal zu eröffnen; weil diese Conferenzen, wenn sie zu einem Vertrag führten, das einzige Mittel seien, den compromittirten Patrioten das Leben zu retten.

Da die Castelle unter dem legislativen Körper standen, so ließ demgemäß letzterer Massa, dem Commandanten des Castello Nuovo, und Aurora, dem Commandanten des Castell d’Uovo, sagen, daß er, wenn sie nicht direct mit dem Cardinal unterhandeltem in ihrem Namen selbst unterhandeln würde.

Etwas Derartiges konnte man jedoch Manthonnet nicht befehlen, denn dieser hing, da er nicht in ein Fort eingeschlossen war, sondern das Kloster San Martino besetzt hielt, nur von sich selbst ab.

Der legislative Körper forderte gleichzeitig Massa auf, sich mit dem Commandanten des Castells San Elmo zu besprechen, nicht damit dieser dieselben Bedingungen erwähne, welche den Commandanten der neapolitanischen Castelle angeboten worden wären – in seiner Eigenschaft als französischer Officier konnte er für sich allein und nach Gutdünken unterhandeln – sondern damit er die Capitulation der anderen Festungen billige und den Tractat mit unterzeichne, weil seine Unterschrift mit Grund als eine Bürgschaft mehr für dir Ausführung der Verträge zu betrachten war, denn er war ganz einfach ein Feind, während die Anderen Rebellen waren.

Man antwortete demgemäß dem Cardinal, er habe sich an die ablehnende Antwort der Patrioten von San Martino nicht zu kehren und die von ihm angebotene Amnestie sei angenommen.

Man ersuchte ihm demgemäß den Tag und die Stunde zu bestimmen, wo die Anführer der beiden Parteien zusammenkommen könnten, um die Grundlinien der Capitulation zu entwerfen.

Während dieses selben Tages, am 19. Juni, ereignete sich jedoch etwas, was sich schon längst hatte erwarten lassen.

Die Calabresen, die Lazzaroni, die Bauern, die Sträflinge und alle jene Raub- und Blutmenschen, welche Sciarpa, Mammone, Fra Diavolo, Panedigrano und anderen Banditen desselben Schlages folgten, um nach Herzenslust plündern und morden zu können, alle diese Menschen, mit einem Worte, beschlossen, als sie die Proclamation des Cardinals sahen, welche den Metzeleien und dem Sengen und Brenners ein Ziel setzte, diesem Befehl nicht zu gehorchen; sondern weiter zu plündern und zu morden.

Der Cardinal schauderte, als er fühlte, wie die Waffe, womit er bis jetzt gesiegt, seinen Händen entsank.

Er gab Befehl, den Gefangenen, welche man in die Gefängnisse bringen wolle, dieselben nicht mehr zu öffnen. Er verstärkte die russischen, türkischen und schweizerischen Corps, welche sich in der Stadt befanden, denn dieselben waren die einzigen, auf die er zählen konnte.

Nun begannen das Volk oder vielmehr die Mörder- und Räuberbanden, welche die Stadt ins Flammen setzten und mit Blut überschwemmtem als sie sahen, daß die Gefängnisse vor den Gefangenen, welche sie dahin brachten, geschlossen blieben, sie ohne Richterspruch zu erschießen und aufzuknüpfen.

Die weniger Grausamen führten die ihrigen zu dem königlichen Commandanten in Ischia, hier aber fanden die Patrioten Speciale, welcher sich begnügte, Todesurtheile über sie zu fällen, ohne sie erst zu verhören, wenn er es nämlich nicht vorzog, sie, um schneller mit ihnen fertig zu werden, ohne Richterspruch in’s Meer werfen zu lassen.

Von der Höhe von San Martino, von der Höhe des Castello d’Uovo und von der Höhe des Erster Nuovo sahen die Patrioten mit Entsetzen und mit Wuth Alles, was in der Stadt, in dem Hafen und auf dem Meere vorging.

Empört über dieses Schauspiel standen die Patrioten schon im Begriff, wieder zu den Waffen zu greifen, als der Oberst Mejean, wüthend darüber, daß er weder mit dem Directorium noch mit dem Cardinal Ruffo unterhandeln gekannt, den Republikanern sagen ließ, er habe im Castell San Elmo fünf oder sechs Geißeln, die er ihnen ausliefern würde, wenn die Metzeleien nicht aufhörten.

Unter der-Zahl dieser Geißeln befand sich ein Cousin des Chevalier Micheroux, Lieutenant des Königs, und ein dritter Bruder des Cardinals.

Man setzte Seine Eminenz von dem Stande der Dinge in Kenntniß.

Wenn die Metzeleien fortdauerten, so sollten eben so viel Geißeln, als man Patrioten gemordet hätte, von den Mauern des Castells San Elmo herabgestürzt werden.

Die gegenseitigen Meldungen wurden immer schlimmer und führten natürlich beide Parteien zu einem Vertilgungskriege. Es stand in keiner Weise zu bezweifeln, daß muthige und verzweifelte Männer die von ihnen angedrohten Repressalien auch wirklich in Ausführung bringen würden.

Der Cardinal begriff, daß kein Augenblick zu verlieren sei.

Er rief alle Anführer sämtlicher unter seinem Commando stehenden Corps zusammen und bat sie, ihre Soldaten unter der strengsten Disciplin zu halten, indem er ihnen zugleich, wenn ihnen dies gelänge, die glänzendsten Belohnungen in Aussicht stellte.

Man formierte nun Patrouillen, die blos aus Unterofficieren bestanden. Die Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen, und durch Drohungen, Versprechungen und freigebige Geldspenden brachte man es endlich dahin, daß die Flammen erloschen und das Blut aufhörte zu fließen. Neapel athmete auf.

Es bedurfte aber nicht weniger als zweier Tage, um zu diesem Resultat zu gelangen.

Am 21. Junis beschlossen die Patrioten von San Martino und der beiden Castelle, den Waffenstillstand und die Ruhe, welche nach so vielen Anstrengungen die Folge desselben war, zu thun, was die Alten thaten, wenn sie zum Tode verurtheilt waren. Sie beschlossen das sogenannte freie Mahl zu halten.

Nur Cesare fehlte, um die furchtbaren Worte: Morituri te salutant! entgegenzunehmen.

Es war ein trauriges Fest, bei welchem jeder sein eigenes Leichenbegängniß zu feiern schien, etwas Aehnliches wie jenes letzte Gastmahl der Senatoren von Capua, an dessen Ende mitten unter verwelkten Blumen und beim Tone verhallender Musik man den Giftbecher kreisen ließ, aus welchem achtzig Gäste den Tod tranken.

Der Platz, welchen man dazu wählte, war der vor dem Nationalpalast, heutzutage Platz des Plebiscit.

Damals war er bei weitem nicht so umfangreich, als er gegenwärtig ist.

Der ganzen Länge der Tafel nach wurden Masten ausgepflanzt. Auf jedem derselben flatterte eine weiße Flagge, auf der mit schwarzen Buchstaben die Worte geschrieben standen:

»Freiheit oder Tod!«

Unter dieser Flagge und in der Mitte eines jeden Mastes befand sich eine Gruppe von drei Fahnen, deren unterste Enden die Stirne der Gäste streiften.

Die eine dieser Fahnen war dreifarbig. Es war die Fahne der Freiheit.

Die andere war roth. Sie war das Symbol des Blutes, welches vergossen worden, und dessen, welches noch vergossen werden sollte.

Die- dritte war schwarz. Sie war das Emblem der Trauer, welche das Vaterland einhüllen würde, wenn die einen Augenblick verscheuchte Tyrannei wieder darüber herrschte.

In der Mitte des Platzes, am Fuße des Freiheitsbaumes erhob sich der Altar des Vaterlandes.

Man begann damit, daß man hier die Todtenmesse zu Ehren der für die Freiheit gefallenen Märtyrer hielt.

Der Bischof della Torre, Mitglied des gesetzgebenden Körpers, hielt die Leichenrede.

Dann setzte man sich zu Tische.

Das Mahl war düster, traurig, fast stumm.

Nur dreimal ward es durch einen doppelten Toast auf die Freiheit und den Tod unterbrochen – diese beiden großen Gottheiten, welche von den unterdrückten Völkern angerufen werden.

Von ihren Vorposten aus konnten die Sanfedisten dieses letzte Gastmahl mit ansehen, aber sie verstanden die erhabene Trauer desselben nicht.

Nur der Cardinal berechnete, welche verzweifelten Anstrengungen Menschen fähig sind, welcher sich mit dieser erhabenen Ruhe auf den Tod vorbereiten, und er ward, mochte nun Furcht oder Bewunderung die Ursache sein, in seinem Entschluß, mit ihnen zu unterhandeln, dadurch nur um desto mehr bestärkt.




Zweites Capitel.

Die Capitulation


Am19. Juni waren, wie wir bereits gesagt, die Präliminarien der Capitulation zu Papier gebracht worden.

Während des 20. hatte man mitten unter einer Emeute, welche die Stadt mit Blut überschwemmte und zuweilen, einen zufriedenstellenden Ausgang der Unterhandlungen als geradezu unmöglich erscheinen ließ, darüber verhandelt.

Am 2l. Mittags war die Emeute beschwichtigt und um vier Uhr Nachmittags hatte das freie Gastmahl stattgefunden.

Endlich am 22. Morgens kam der Oberst Mejean, von der royalistischen Cavallerie escortirt, von dem Castell San Elmo herab, um sich mit dem Directorium zu besprechen.

Salvato sah alle diese Vorbereitungen zum Frieden mit großer Freude.

Die Plünderung von Luisas Hause, das allgemein verbreitete Gerücht, daß sie die Backer denunziert und dass diese Denunciation die Ursache des Todes derselben gewesen, flößten ihm für die Sicherheit der Geliebten die lebhaftesten Besorgnisse ein. Für seine Person jeder Furcht unzugängig, war er doch, wenn es sich um Luisa handelte, furchtsamer und schüchterner als ein Kind.

Auch eine zweite Hoffnung begann in seinem Herzen zu erwachen. Seine Liebe zu Luisa war immer höher gestiegen und selbst der Besitz hatte sie noch gesteigert.

Da das Verhältniß zwischen Beiden mittlerweile zur allgemeinen Kenntniß gekommen, so war es unmöglich, daß Luisa in Neapel bliebe, und hier die Rückkehr ihres Gemahls abwarte.

Nun aber war es, wahrscheinlich, daß sie die den Patrioten gestellte Alternative, in Neapel zu bleiben oder zu, fliehen, benutzen würde, um nicht blos Neapel, sondern auch Italien zu verlassen. Dann gehörte sie wirklich ihm, dann ward sie die Seine auf immer und nichts konnte sie von ihm trennen.

In Bezug auf die Capitulation, welche unter seinen Befehlen diskutiert worden, hatte er Luisa mehrmals absichtlich den Artikel 5 dieser Capitulation erklärt, welcher dahin lautete; daß allen darin inbegriffenen Personen die Wahl zustände, entweder in Neapel zu bleiben, oder sich nach Toulon einzuschiffen.

Luisa hatte bei dieser Erklärung jedesmal geseufzt, ihren Geliebten an ihr Herz gedrückt, aber nichts geantwortet.

Luisa hatte nämlich trotz ihrer innigen Liebe zu Salvato sich noch zu nichts entschlossen, und wich, indem sie die die Augen schloß, um die Zukunft nicht zu sehen, vor dem unermeßlichen Schmerze zurück, welchen diese Zukunft, wenn der Augenblick kam, entweder ihrem Gatten oder ihrem Geliebten verursachen mußte.

Allerdings, wäre Luisa frei gewesen, so wäre es für sie wie für Salvato das höchste Glück gewesen, dem Freunde ihres Herzens bis ans Ende der Welt zu folgen. Dann hätte sie ohne Schmerz ihre Freunde, Neapel und selbst dieses kleine Haus verlassen, in welchem ihre so ruhige und so reine Kindheit von Jugend an verflossen war.

Neben diesem höchsten Glück aber richtete sich ein Schatten empor, den sie nicht verscheuchen konnte.

Wenn sie fortging, so gab sie das Alter des Mannes, der an ihr Vaterstelle vertreten, dem Schmerz und der Vereinsamung preis.

Ach, leider hat jene berauschende Leidenschaft welche man die Liebe nennt, jene Seele des Weltalls, welche den Menschen seine schönsten Thaten und seine größten Verbrechen begehen läßt, und die, so lange der Fehltritt noch nicht geschehen, an Entschuldigungen so sinnreich ist, der Reue und den Gewissensbissen nichts weiter entgegenzusetzen als Theorien und Seufzer.

Auf Salvatos Bitten wollte Luisa nicht ja antworten, und nein zu antworten wagte sie nicht.

Sie hegte im innersten Herzen jene unbestimmte Hoffnung der Unglücklichen, welche nur noch auf ein Wunder der Vorsehung hoffen, um einer verzweifelten Lage entrissen zu werden, in welche sie durch einen Irrthum oder seinen Fehltritt versetzt worden.

Mittlerweile verging die Zeit, und wie wir schon gesagt, kam am 22. Juni Morgens der Oberst Mejean von dem Castell San Elmo herab, um, von der royalistischen Cavallerie escortirt, mit dem Directorium zu conferiren.

Der Zweck seines Besuches war, sich zum Vermittler zwischen den Patrioten und dem Cardinal anzubieten, weil das Directorium die Bedingungen, die es stellte, nicht zu erlangen hoffte.

Man erinnert sich der Antwort Manthonnet’s: »Wir werden nicht eher unterhandeln, als bis der letzte Sanfedist die Stadt verlassen hat.«

Da der gesetzgebende Körper wissen wollte, ob die Castelle im Stande wären, die stolzen Worte Manthonnets aufrecht zu erhalten, so ließ er den Commandanten des Castells Nuovo rufen.

Die Sitzungen des legislativen Körpers fanden gegenwärtig im Nationalpalast statt.

Oronzo Massa, dessen Namen wir schon mehrmals genannt, ohne übrigens bei seiner Person zu verweilen, hat in einem Buche wie das, welches wir uns die Aufgabe gestellt zu schreiben, Anspruch auf etwas mehr als bloße Eintragung seines Namens in die Martyrologie des Vaterlandes.

Er war von edler Familie geboren. Schon in jungen Jahren Artillerie-Officier, hatte er, als vor vier Jahren die Regierung die blutige, despotische Bahn betreten, welche durch die Hinrichtung Emmanueles di Dio, Vitaglianos und Gaglianis eröffnet worden, seinen Abschied genommen. Als die Republik proclamirt ward, verlangte er als gemeiner Soldat zu dienen. Die Republik machte ihn zum General.

Er war ein Mann von Beredsamkeit, Unerschrockenheit und erfüllt von erhabenen Gesinnungen.

Cirillo war es, der im Namen der legislativen Versammlung das Wort an Massa richtete.

»Oronzo Massa,« sagte er zu ihm, »wir haben Sie rufen lassen, um von Ihnen zu hören, welche Hoffnung uns noch für Vertheidigung des Castells und die Rettung der Stadt bleibt. Antworten Sie uns offen, ohne weder im Guten noch im Schlimmen etwas zu übertreiben.«

»Sie verlangen, daß ich Ihnen mit voller Offenheit antworte,« entgegnete Oronzo Massa. »Ich werde es thun. Die Stadt ist verloren. Keine Anstrengung selbst wenn jeder Mensch ein Curtius wäre, kann sie retten. Was das Castello Nuovo betrifft, so sind wir noch Herren desselben, aber blos aus dem Grunde, weil wir Soldaten ohne Erfahrung und ungeübte, durch einen Priester commandirte Banden gegen uns haben. Das Meer, der Binnenhafen und der äußere Hafen sind in der Gewalt des Feindes. Der Palast kann sich gegen Artillerie nicht mehr halten. Die Courtiue ist zerstört, und wäre ich Belagerer, anstatt Belagerter zu sein, so wäre das Castell binnen zwei Stunden in meiner Gewalt.

»Dann nehmen Sie also den Frieden an?«

»Ja, vorausgesetzt daß, wie ich freilich bezweifle, wir denselben unter Bedingungen abschließen, die mit unserer Ehre als Soldaten und Bürger vereinbar sind.«

»Und warum-zweifeln Sie, daß wir den Frieden unter ehrenvollen Bedingungen abschließen? Kennen Sie nicht die welche das Directorium vorschlägt?«

»O ja, ich kenne sie und eben deshalb zweifle ich, daß der Cardinal sie annimmt. Der durch den siegreichen Marsch, der ihn bis unter unsere Mauern geführt hat, übermüthig gemachte, durch den König und die Königin angestachelte Feind wird den Anführern der Republik nicht Leben und Freiheit lassen wollen. Nach meiner Ansicht werden sich daher wenigstens zwanzig Bürger zur Rettung der übrigen opfern müssen. Da dies meine Ueberzeugung ist, so verlange ich zuerst auf diese Liste gesetzt zu werden, oder vielmehr mich selbst darauf zu setzen.«

Und während die Anwesenden von einem Schauer der Bewunderung durchrieselt wurden, schrieb er, an das Bureau des Präsidenten tretend, auf den oberen Rand eines Bogens weißen Papieres mit fester Hand die Worte:

»Oronzo Massa. – Für den Tod.«

Lauter Beifall erscholl und wie mit einer einzigen Stimme riefen die Gesetzgeber:

»Alle! Alle! Alle!«

Der Commandant des Castell d’Uovo war in Bezug auf die Unmöglichkeit, sich zu halten, derselben Meinung wie sein Camerad Massa.

Es blieb nun nach Manthonnet, den man zu der Ansicht der noch übrigen Anführer bekehren mußte. Durch seinen wunderbaren Muth verblendet, war es stets der Letzte, welcher sich klugen Rathschlägen fügte.

Man bestimmte, daß der General Massa nach San Martino hinaufgehen und sich mit den am Fuße des Castells San Elmo postierten Truppen besprechen und, wenn er eine Verständigung mit diesen erzielte, den Oberst Mejean benachrichtigen sollte, daß seine Gegenwart dem Directorium nothwendig sei.

Der Commandant des Castello d’Uovo erhielt vom Cardinal freies Geleit.

Der Commandant Massa überzeugte Manthonnet, das Beste, was man thun könne, sei, auf die von dem Directorium vorgeschlagenen, ja sogar auf noch schlimmere Bedingungen hin zu unterhandeln, und setzte verabredetermaßen den Oberst Mejean in Kenntniß, daß man ihn erwartete, um diese Bedingungen dem Cardinal zu überbringen.

So kam es, daß am 22. Juni der Cammandant des Castells San Elmo seine Festung verließ und in die Stadt herabkam.

Er begab sich direct nach dem Hause, welches der Cardinal an der Magdalenenbrücke bewohnte, aber ohne dem Directorium zu verschweigen, daß er kaum hoffe, die gestellten Bedingungen von dem Cardinal angenommen zu sehen.

Er ward sofort bei dem Cardinal vorgelassen und überreichte diesem die schon von dem General Massa und dem Cammandanten Aurora unterzeichneten Artikel der Capitulation.

Der Cardinal, der ihn erwartete, hatte den Chevalier Micheroux, den englischen Cammandanten Foote, den Commandanten der russischen Truppen, Bailly, und den Cammandanten der ottomanischen Truppen, Achmet, bei sich.

Der Cardinal nahm die Capitulation, las sie und ging mit dem Chevalier Micheroux und den Anführern der englischen, russischen und türkischen Hilfstruppen in ein Nebenzimmer.

Zehn Minuten später trat er wieder ein, ergriff die Feder und schrieb ohne weitere Diskussion seinen Namen unter den Aurora’s.

Dann reichte er die Feder dem Commandanten Foote, dieser gab sie seinerseits weiter an den Commandanten Bailly und dieser an den Commandanten Achmet.

Die einzige Forderung, welche der Cardinal stellte, war, daß der Tractat, obschon am 22. unterzeichnet, auf den 18. zurückdatirt werde.

Diese Forderung, auf welche der Oberst Mejean ohne Zögern einging und die für alle Welt ein Geheimniß war, ist Dank der genauen Kenntniß, die wir von jener Epoche haben, und der Correspondenz des Königs und der Königin, welche wir im Jahre 1860 so glücklich waren in unsere Hände zu bekommen, für uns kein Geheimniß.

Der Cardinal wollte, daß das Datum des Tractats ein früheres wäre als das des Briefes, welchen er von der Königin erhalten und der ihm untersagte, unter irgend einem Vormund mit den Rebellen zu unterhandeln.

So konnte er den Vorwand geltend machen, er habe den Brief erst erhalten, als die Capitulation bereits unterzeichnet gewesen sei.

Da wir es hier mit einem rein historischen Punkt zutun haben, so ist es von der größten Wichtigkeit, unseren Lesern genau den Text der zehn Artikel vorzulegen, welche nie anders als unvollständig oder gefälscht in die Oeffentlichkeit gelangt sind.

Es handelt sich um einen furchtbaren Prozeß, in welchem der Cardinal Ruffo, durch die Geschichte oder vielmehr einen Geschichtschreiber, einen parteiischen und schlecht unterrichteten Richter, in erster Instanz verurtheilt, gegen Ferdinand, Caroline und Nelson an die Nachwelt appelliert.

Die Capitulation lautete folgendermaßen:

»Art. l. – Das Castello Nuovo und das Castello d’Uovo werden dem Commandanten der Truppen Seiner Majestät des Königs beider Sicilien und der seiner Bundesgenossen, des Königs von England, des Kaisers aller Reussen und des Sultans der ottomanischen Pforte mit allen Vorräten an Munition und Proviant, Artillerie und in den Magazinen vorhandenen Effecten aller Art übergeben, welche nach Unterschrift der gegenwärtigen Capitulation durch die Inventur der betreffenden Commissäre zu specificiren sind.

»Art. 2. – Die die Garnison bildenden Truppen werden ihre Forts behalten, bis die Schiffe, von welchen sogleich die Rede sein wird und welche bestimmt sind, Alle, die es wünschen, nach Toulon zu gehen, dahin zu bringen, segelfertig sein werden.

»Art. 3. – Die Besatzungen ziehen mit militärischen Ehren ab, das heißt mit Waffen und Gepäck, unter Trommelschlag, mit brennenden Lunten und fliegenden Fahnen, jede mit zwei Stücken Geschütz. An dem Meeresstrande werden, sie die Waffen ablegen.

»Art. 4. – Die Personen und das bewegliche Eigenthum sämtlicher die beiden Garnisonen bildenden Individuen werden respektiert und dafür gebürgt.

»Art. 5. – Allen obenerwähnten Individuen steht die Wahl frei sich entweder auf Parlamentärschiffen, welche man dazu verwenden wird, um sie nach Toulon zu bringen, einzuschiffen, oder unbelästigt mit ihren Familien in Neapel zu bleiben.

»Art. 6. – Die in der gegenwärtigen Capitulation festgesetzten Bedingungen erstrecken sich auf alle in den Forts befindlichen Personen beiderlei Geschlechtes.

»Art. 7. – In gleicher Weise der Wohlthaten dieser Bedingungen theilhaftig sind alle von den Truppen Seiner Majestät des Königs beider Sicilien oder von denen seiner Bundesgenossen in den Gefechten, welche vor der Blockade der Castelle stattgefunden, gemachten Gefangenen insoweit sie den regulären Truppen angehören.

»Art. 8. – Der Erzbischof von Salerno, Micheroux, Dillon und der Bischof von Avellino bleiben als Geißeln in den Händen des Commandanten des Fortes San Elmo bis zur Ankunft der ausgewanderten Patrioten in Toulon.

»Art. 9. – Mit Ausnahme der soeben genannten Personen werden sämtliche in den Forts sitzende Geißeln und Staatsgefangenen sofort nach Unterzeichnung der vorliegenden Capitulation in Freiheit gesetzt werden.

»Art. 10. – Die Artikel der vorstehenden Capitulation können nicht eher zur Ausführung gelangen, als bis sie von dem Commandanten des Castells San Elmo gutgeheißen worden sind.

»Gegeben auf dem Castello Nuovo am 18. Juni 1799.

(Unterz.)Massa, Commandant des Castello Nuovo; Aurora, Commandant des Castello d’Uovo; Cardinal Ruffo, Generalvicar des Königreiches Neapel; Antonio, Chevalier Micheroux, Bevollmächtigter Seiner Majestät des Königs beider Sicilien bei den russischen Truppen; E. T. Foote, Commandant der Schiffe Sr. Majestät des Königs von Britannien; Bailly, Commandant der Truppen Sr. Majestät des Kaisers von Rußland; Achmet, Commandant der ottomanischen Truppen.

Unter den Unterschriften der verschiedenen bei der Capitulation betheiligten Anführer las man folgende Zeilen:

»Kraft des von dem Kriegsrath in dem Castell San Elmo am 3. Messidor über den vom 1. Messidor datierten Brief des Generals Massa, Commnudanten des Castello d’Uovo, gefaßten Beschlusses billigt der Commandant des Castells San Elmo die vorstehende Capitulation.«



»Fort San Elmo am 3. Messidor im Jahre VII der französischen Republik (21. Juni 1799).

    »Mejean.«

An demselben Tage, wo die Capitulation wirklich unterzeichnet ward, das heißt am 22. Juni; schrieb der Cardinal, hoch erfreut, zu einem so glücklichen Resultat gelangt zu sein, an den König einen umständlichen Bericht über die ausgeführten Operationen, und beauftragte den Capitän Foote, einen der Unterzeichner der Capitulation, diesen Brief dem Könige in eigener Person zu überbringen.

Der Capitän Foote machte sich mit dem »Seahorse« sofort auf den Weg nach Palermo.

Er war seit einigen Tagen im Commando dieses Schiffes auf den Capitän Ball gefolgt, welchen Nelson zu sich zurückberufen hatte.

Am nächstfolgenden Tage ertheilte der Cardinal alle erforderlichen Befehle zur möglichst schnellen Bereitmachung der Schiffe, mittelst deren die patriotische Garnison nach Toulon transportiert werden sollte.

Denselben Tag schrieb er an Ettore Caraffa, um ihn aufzufordern, die Forts von Civitella und Pescara unter denselben Bedingungen an Pronio zu übergeben, unter welchen das Castello Nuovo und das Castello d’Uovo übergeben worden waren.

Da er fürchtete, der Graf von Ruvo werde seinem Worte nicht trauen oder in seinem Briefe eine Hinterlist wittern, so ließ er fragen, ob es nicht in einem oder dem andern der Castelle einen Freund von Ettore Caraffa gäbe, zu welchem dieser volles Vertrauen hätte, um diesen Brief an ihn zu befördern und ihm einen genauen Begriff von dem Stande der Dinge zu geben.

Nicolino Caracciolo erbot sich Ueberbringer des Briefes zu sein, empfing denselben aus den Händen des Cardinals und brach auf.

Noch denselben Tag ward ein von dem Generalvicar unterzeichnetes Edict gedruckt, veröffentlicht und angeschlagen.

Dieses Edict erklärte, der Krieg sei beendete es gebe in dem Königreiche weder Parteien nach Factionen, weder Freunde nach Feinde, weder Republikaner nach Sanfedisten mehr, sondern blos nach ein Volk von Brüdern und Bürger unter einem und demselben Könige, der Alle mit gleicher Liebe umfassen wolle.

Die Gewißheit des Todes war bei den Patrioten so groß gewesen, daß selbst die, welche, weil sie den Versprechungen Ruffo’s doch nicht vollständig trauten, beschlossen hatten, in die Verbannung zu gehen, diese im Vergleiche zu dem Loose, welchem sie sich aufgespart glaubten, als ein Glück betrachteten.




Drittes Capitel.

Die Auserwählten der Rache


Mitten unter dem Chor von Freude und Traurigkeit, welches von dieser Masse Verbannter, jenachdem sie mehr am Leben oder am Vaterlande hingen, aufstieg, hielten zwei junge Wesen schweigend und wehmüthig in einem der Zimmer des Castello Nuovo sich umschlungen.

Diese beiden jugendlichen Wesen waren Salvato und Luisa.

Luisa hatte noch keinen Entschluß gefaßt, und erst am nächstfolgenden Tage, am 24. Juni, sollte sie wählen zwischen ihrem Gatten und ihrem Geliebten, ihrem Verweilen in Neapel oder der Abreise nach Frankreich.

Luisa weinte, hatte aber den ganzen Abend nicht die Kraft gehabt, ein Wort zu sprechen.

Salvato hatte lange ebenfalls stumm vor ihren den Knien gelegen. Dann endlich hatte er sie in seine Arme geschlossen und an sein Herz gedrückt.

Die Mitternachtsstunde schlug.

Luisa richtete ihre in Thränen gebadeten und fieberhaft glänzenden Augen empor und zählte nach einander die zwölf Schläge des Hammers auf die Glocke. Dann ließ sie ihren Arm um den Hals des jungen Mannes fallen und sagte:

»O nein, ich werde es niemals können!«

»Was wirst Du niemals können , meine geliebte Luisa?«

»Dich verlassen, mein Salvato! Niemals, niemals!«

»Ha!« rief der junge Mann, freudig aufathmend.

»Gott wird mit mir thun, was er will, und wir werden mit einander entweder leben oder sterben.«

Und sie brach in lautes Schluchzen aus.

»Höre,« hob Salvato wieder an, »wir sind ja nicht gezwungen, in Frankreich zu bleiben. Wo Du hingeben willst, da gehe ich auch hin.«

»Aber deine Stellung als Officier? Deine Zukunft?«

»Opfer um Opfer,« geliebte Luisa. Ich sage Dir nochmals, wenn Du vor den Erinnerungen, die Du hier zurücklässest, bis an’s Ende der Welt fliehen willst, so werde ich mit Dir dahin gehen. Da ich Dich so kenne, wie ich Dich kenne, mein Engel, so weiß ich auch, daß es meiner steten Gegenwart und meiner ewigen Liebe bedürfen wird, um Dich deine Leiden vergessen zu machen.«

»Aber ich werde nicht so von hier fortgehen wie eine Undankbare, wie eine Fliehende, wie eine Ehebrecherin. Ich werde ihm schreiben, ich werde ihm Alles sagen; Sein schönes großes, sein erhabenes Herz wird mir dereinst verzeihen, es wird mir Absolution für meinen ertheilen, und erst von diesem Tage an werde ich mir selbst verzeihen.«

Salvato ließ die Geliebte los , näherte sich einem Tische, legte ihr Papier, Feder und Tinte zurecht, kam dann zu Luisa zurück, küßte sie auf die Stirn und sagte:

»Ich lasse Dich allein, fromme Sünderin. Beichte Gott und ihm. Die, über welche der Heiland seinen Mantel breitete, war seiner Verzeihung nicht würdiger als Du.«

»Du verlässest mich!« rief die junge Frau beinahe erschrocken, allein bleiben zu sollen.

»Dein Wort muß in seiner ganzen Reinheit aus deiner keuschen Seele, deinem hingebenden Herzen fließen. Meine Gegenwart würde den durchsichtigen Krystall nur trüben. In einer halben Stunde werde ich wieder da sein und dann werden, wir einander nicht wieder verlassen.«

Luisa bot dem Geliebten die Stirn. Er küßte sie und verließ dann das Zimmer.

Luisa erhob sich nun, näherte sich ihrerseits dem Tische und nahm an demselben Platz.

Alle ihre Bewegungen besaßen die Langsamkeit, welche sich des Körpers in feierlichen Augenblicken bemächtigt. Ihr stieres Auge schien durch Entfernung und Dunkel hindurch die Stelle erspähen zu wollen, wo der Streich sie treffen, und die Tiefe, bis zu welcher das Schwert des Schmerzes eindringen würde.

Ein wehmüthiges Lächeln umspielte ihre Lippen und sie murmelte kopfschüttelnd:

»O meine armer Freund, wie wirst-Du leiden!«

Dann setzte sie leiser und mit beinahe unverständlicher Stimme hinzu:

»Aber nicht eher, als bis ich selbst gelitten habe.«

Sie ergriff die Feder, ließ ihre Stirn auf die linke Hand sinken und schrieb:

Mein viel geliebter Vater ! Mein barmherziger Freund !

»Warum verließest Du mich, als ich Dir folgen wollte? Warum kamst Du nicht zurück, als ich von dem Gestade Dir, der Du im Sturme verschwandest, nachrief: Weißt Du nicht, daß ich liebe!

»Damals war es noch Zeit! Ich wäre mit Dir gegangen und gerettet gewesen. Du verließest mich und ich war verloren.

»Es waltet ein Verhängniß über uns.

»Ich will mich nicht entschuldigen. Ich will Dir nicht die Worte wiederholen, welche Du, die Hand nach dem Crucifix ausstreckend, am Sterbebette des Fürsten von Caramanico sprachst, als er und ich selbst darauf bestand, daß ich dein Weib würde. Nein, ich habe keine Entschuldigung, aber ich kenne dein Herz. Das Erbarmen wird stets größer sein als der Fehltritt.

»Durch dasselbe Verhängniß, welches mich verfolgt, politisch compromittirt, verlasse ich Neapel und gehe, das Loos der Unglücklichen, welche sich selbst verbannen und unter welchen ich die Unglücklichste bin, theilend, nach Frankreich.

»Die letzten Augenblicke meiner Verbannung gehören Dir, ebenso wie die letzten Stunden meines Lebens Dir gehören werden. Indem ich das Vaterland verlasse, bist Du es, an den ich denke; wenn ich das Dasein verlasse, wirst Du es sein, an den ich denken werde.

»Erkläre dieses unerklärliche Geheimniß. Mein Herz hat gefehlt, meine Seele aber ist rein geblieben. Den besten Theil meines Ich hast Du genommen und behalten. Höre mich, mein Freund; höre mich, mein Vater!

»Ich fliehe noch mehr vor Scham, Dich wiederzusehen, als aus Liebe zu dem Manne, dem ich folge. Für ihn würde ich mein Leben in dieser Welt hingeben, für Dicht aber meine Seligkeit im Jenseits opfern.

»Ueberall, wo ich sein werde, werde ich Dir Kenntniß von meinem Aufenthaltsort geben. Wenn Du meiner bedarfst, so rufe mich und ich werde kommen, um Dir zu Füßen zu sinken.

»Jetzt gestatte mir, Dich für ein unschuldiges Geschöpf zu bitten, welches nicht blos noch nicht weiß, daß es sein Leben einem Fehltritt verdankt, sondern welches noch nicht einmal weiß, daß es lebt. Es ist möglich, daß es sich allein auf Erden sieht. Sein Vater ist Soldat und kann im Kampfe fallen; seine Mutter ist eine Verzweifelte und kann sterben.

»Verspreche mir, daß, so lange Du lebst, mein Kind keine Waise sein wird.

»Ich nehme von dem bei den Backers deponierten Geld keinen einzigen Ducato mit.

»Brauche ich Dir wohl erst zu sagen, daß ich an dem Tode dieser Männer vollkommen unschuldig bin? und daß ich lieber alle Martern erdulden als ein Wort gesagt hätte, durch welches sie compromittirt worden wären?

»Von jenem Gelde wirst Du dem Kinde, welches ich Dir für den Fall meines Todes vermacht, einen Antheil aussetzen, dessen Betrag ich in dein alleiniges Ermessen stelle.

»Nachdem ich Dir dies Alles gesagt, wirst Du vielleicht glauben, mein angebeteter Vater, daß ich Dir Alles gesagt; aber dem ist nicht so. Meine Seele ist voll, mein Herz wallt über.

»Seitdem ich angefangen Dir diesen Brief zu schreiben, sehe ich Dich wieder; ich überschaue in meinem-Herzen die achtzehnjährige Güte, welche Du mir bewiesen, ich strecke Dir die Arme entgegen wie dem Gott, den man anbetet, den man beleidigt hat und vor welchem man sich niederwerfen möchte. O, warum bist Du nicht hier, anstatt zweihundert Meilen von mir entfernt zu sein? Ich fühle, daß ich zu Dir eilen würde und daß, wenn ich mich an dein Herz lehnen könnte, nichts im Stande sein würde, mich davon hinwegzureißen.

»Indessen, was Gott thut, das ist wohlgethan. In den Augen der Weit bin ich jetzt nicht blos ein undankbares Weib, sondern auch eine rebellische Unterthanin, und habe nicht blos von deinem verlorenen Glück, sondern auch von deiner compromittirten Loyalität Rechenschaft zu geben. Meine Abreise schützt Dich, meine Flucht rechtfertigt Dich, und Du brauchst blos zu sagen: »Von einer Ehebrecherin ist es nicht zu verwundern, daß sie auch eine Rebellin geworden ist.«

»Leb wohl, mein Freund; leb’ wohl, mein Vater! Wenn Du Dir von meinen Leiden einen Begriff machen willst, so denke an das, was Du selbst gelitten. Du hast nur den Schmerz; ich aber habe auch die Reue.

»Leb’ wohl, wenn Du mich vergissest und wenn ich Dir unnütz bin.«

»Wenn Du aber jemals meiner bedarfst: Auf Wiedersehen!

»Dein strafbares Kind, welches aber niemals aufhören wird an dein Erbarmen zu glauben.



    Luisa.«

Eben als Luisa diese letzten Worte schrieb, trat Salvato wieder ein.

Sie hörte ihn, drehte sich um und reichte ihm den Brief.

Als er aber das Papier ganz von Thränen benetzt sah und begriff, was sie, während er dasselbe läse, zu leiden haben würde, schob er es zurück.

Sie begriff dieses Zartgefühl ihres Geliebten.

»Ich danke Dir, mein Freund,« sagte sie.

Dann brach sie den Brief zusammen, siegelte ihn und schrieb die Adresse darauf.

»Aber,« sagte sie, »wir soll ich diesen Brief an den Chevalier San Felice befördern? Du siehst ein, nicht wahr, daß nur er und kein Anderer ihn empfangen darf.«

»Die Sache ist sehr einfach,« antwortete Salvato. »Der Commandant Massa hat freies Geleit. Ich werde ihn um Ueberlassung desselben bitten und den Brief selbst zu dem Cardinal mit der Bitte tragen, ihn nach Palermo zu befördern, und ihm sagen, wie viel darauf ankommt, daß er richtig in die Hände des Adressanden gelange.«

Luisa bedurfte Salvato’s Nähe im höchsten Grade. So lang er da war, verscheuchte seine Stimme die Phantome, welche sie umlagerten, sobald er sich wieder entfernt hatte.

Indessen, wie sie gesagt hatte, es war nothwendig, daß dieser Brief an den Chevalier gelangte.

Salvato stieg zu Pferde, Massa gab ihm außer seinem Geleitschein einen Mann mit , damit; dieser ihm seine weiße Fahne vorantrüge, so daß er ohne Unfall im Lager des Cardinals anlangte.

Dieser hatte sich noch nicht schlafen gelegt. Kaum ward Salvato angemeldet, so befahl der Cardinal, ihn sofort vorzulassen.

Der Cardinal kannte ihn dem Namen nach. Er wußte was für Wunder der Tapferkeit er während der Belagerung verrichtet. Selbst tapfer, wußte er die Tapferkeit zu würdigen.

Salvato setzte ihm die Ursache seines Besuches auseinander und fügte hinzu, er habe nicht blos deshalb in eigener Person kommen wollen, damit der Brief sicher bestellt werde. sondern auch um den außerordentlichen Mann zu sehen, welcher soeben das Werk der Restauration zu Stande gebracht. Trotz des Unheils, welches nach Salvatos Ansicht durch diese Restauration angerichtet ward, konnte er doch nicht umhin, anzuerkennen, daß der Cardinal in seinem Siege gemäßigt und mild gewesen und daß die Bedingungen, die er zugestanden, die eines edelmüthigen Siegers seien.

Während der Cardinal mit der Miene befriedigten Stolzes Salvato’s Complimente hinnahm warf er die Augen auf den Brief, welchen Salvato ihm empfahl, und las darauf die Adresse des Chevalier San Felice.

Er stutzte.

»Ist dieser Brief,« fragte er, »vielleicht von der Gattin des Chevalier?«

»Ja, von ihr selbst, Eminenz.«

Der Cardinal ging einige mal unruhig im Zimmer auf und ab, dann blieb er plötzlich vor Salvato stehen und fragte, indem er ihn scharf ansah:

»Interessieren Sie sich für diese Dame?«

Salvato konnte einen Ausdruck des Erstaunens nicht zurückhalten.

»O,« sagte der Cardinal, »es ist nicht eine Frage der Neugier, die ich an Sie thue, und Sie werden dies sogleich sehen. Ueberdies bin ich Priester und ein Geheimniß, welches man mir anvertraut, wird von diesem Augenblick an geheiligtes Vermächtniß.«

»Ja, Eminenz ich interessiere mich für diese Dame und zwar im höchsten Grade.«

»Nun dann, Signor Salvato, lassen Sie mich als einen Beweis der Bewunderung, die ich für Ihren Muth hege, Ihnen leise, ganz leise sagen, daß die Person, für welche Sie sich interessieren, grausam compromittirt ist. Wäre sie in der Stadt und befände sie sich nicht in der Capitulation der Castelle inbegriffen, so müßte man sie sofort entweder in das Castello d’Uovo oder in das Castello Nuovo bringen, und es möglich machen, ihren Eintritt um fünf bis sechs Tage zurückzudatiren.«

»Aber hätte sie selbst im entgegengesetzten Falle immer noch zu fürchten, Eminenz?«

»Nein, meine Unterschrift würde sie hoffentlich decken. Nur tragen Sie in dem einen wie in dem andern Falle Sorge, daß sie gleich mit unter den Ersten eingeschifft werde. Eine sehr mächtige Person verfolgt sie und will ihren Tod.«

Salvato ward todtenbleich.

»Die Signora San Felice,« sagte er mit erstickter Stimme, hat das Castell Nuovo seit Beginn der Belagerung nicht verlassen. Sie hat deshalb Anspruch auf die Capitulation, welche der General Massa mit Ihnen Eminenz, unterzeichnet hat. Ich danke Ihnen jedoch, Herr Cardinal, deswegen nicht weniger für die Warnung, die Sie mir ertheilt, und die ich wohl beachten werde.«

Salvato verneigte sieh und wollte sich entfernen; der Cardinal legte ihm aber die Hand auf den Arm.

»Noch ein Wort,« sagte er.

»Ich höre, Eminenz,« antwortete der junge Mann.

Was auch der Cardinal sagen mochte, so war es augenscheinlich, daß er zögerte zu sprechen und daß ein Kampf in ihm vorging.

Endlich behielt die erste Bewegung die Oberhand.

»Sie haben,« sagte der Cardinal, »in Ihren Reihen einen Mann, der nicht mein Freund ist, den ich aber seines Muthes und seines Genies wegen schätze. Diesen Mann möchte ich retten!«

»Ist dieser Mann verurtheilt?« fragte Salvato.

»Ebenso wie die Chevaliere San Felice,« entgegnete der Cardinal.

Salvato fühlte wie der kalte Schweiß ihm an der Wurzel seines Haares perlte.

»Und durch dieselbe Person?« fragte Salvato.

»Ja, durch dieselbe Person,« wiederholte der Cardinal.

»Und Sie sagen, Eminenz, diese Person sei sehr mächtig?«

»Habe ich gesagt sehr mächtig? dann habe ich mich geirrt – ich hätte sagen sollen: allmächtig.«

»Ich kann wohl erraten, Eminenz, daß Sie mir den Mann nennen, welchen Sie mit Ihrer Achtung beehren und den Sie mit Ihrem Schutze decken?«

»Es ist der Admiral Francesco Caracciolo.«

»Und was soll ich ihm sagen?«

»Sie werden ihm sagen, was Sie wollen; Ihnen aber sage ich, daß sein Leben nicht in Sicherheit ist, oder vielmehr nicht eher in Sicherheit sein wird, als bis er mit beiden Füßen außerhalb des Königreiches steht.«

»Ich danke Ihnen, Eminenz, in seinem Namen,« sagte Salvato. »Es soll geschehen, wie Sie wünschen.«

»Dergleichen Geheimnisse vertraut man nur einem Mann an wie Sie, Signor Salvato, und man macht ihm nicht erst Verschwiegenheit zur Pflicht, denn man ist überzeugt, daß er den Werth derselben schon von selbst kennt.«

Salvato verneigte sich.

»Haben Sie,« fragte er, »mir noch andere Aufträge zu ertheilen, Eminenz?«

»Einen einzigen.«

»Welchen?«

»Ein eigentlicher Auftrag ist es nicht, sondern ich möchte Ihnen blos empfehlen, General, sich künftig mehr zu schonen. Die tapfersten meiner Leute, welche Sie im Kampfe gesehen, beschuldigen Sie der Tollkühnheit. Ihr Brief wird dem Chevalier San Felice zugestellt werden, Signor Salvato. Dies schwöre ich Ihnen hiermit zu.«

Salvato begriff, daß der Cardinal ihn mit diesen Worten verabschiedete.

Er verneigte sich und machte sich abermals unter dem Vortritt des Trägers der weißen Fahne ganz träumerisch auf den Rückweg nach dem Castello Nuovo.

Ehe er aber in dasselbe zurückkehrte, machte er auf dem Hafendamme Halt, stieg in ein Boot und ließ sich in den Kriegshafen rudern, wohin Caracciolo sich mit seiner Flottille geflüchtet hatte.

Die Matrosen hatten sich zerstreut. Nur einige von den Leuten, welche das Deck ihres Schiffes nur im äußersten Nothfalle verlassen, waren an Bord geblieben.

Er erreichte das Kanonenboot, welches Caracciolo in dem Gefechte am 13. Juni getragen.

Es waren nur drei Mann am Bord.

Der eine davon war der Hochbootsmann, ein alter Seemann, der alle Feldzüge des Admirals mitgemacht.

Salvato ließ ihn kommen und befragte ihn.

Noch denselben Morgen hatte der Admiral, als er sah, daß der Cardinal nicht direct mit ihm unterhandelt und daß er nicht in die Capitulation der Castelle inbegriffen war, sich als Bauer verkleidet ans Land setzen lassen und gesagt, man solle sich um seinetwillen keine Sorge machen, denn er habe, bis er das Königreich verlassen können ein sicheres Asyl bei einem seiner Diener, von dessen Treue und Hingebung er überzeugt sei.

Salvato kehrte in das Castello Nuovo zurück, ging in Luisas Zimmer zurück und fand sie vor dem Tische sitzend, den Kopf auf die Hand gestützt, ganz in derselben Haltung, wie er sie verlassen.




Viertes Capitel.

Die englische Flotte


Es war, wie man sich erinnern wird, am 24. Juni Morgens, wo die neapolitanischen Verbanntem das heißt diejenigen, welche glaubten, es sei ferner für sie sicherer, das Vaterland zu verlassen, als in Neapel zu bleiben, sich auf den dazu bereitgemachten Fahrzeugen einschiffen und unter Segel nach Toulon gehen sollten.

Während der ganzen Nacht vom 23. zum 24. Juni hatte man eine kleine Flotte von Tartanen, Felucken und Balancellen zusammengebracht und dieselbe mit Mundvorräthen versehen.

Der Wind kam aber von Westen und versetzte die Fahrzeuge in die Unmöglichkeit, die hohe See zu gewinnen.

Schon mit Tagesanbruch waren die Thürme des Castello Nuovo mit Flüchtlingen bedeckt, welche warteten, daß ein günstiger Wind das Signal zur Einschiffung gäbe. Verwandte und Freunde standen auf den Quais und wechselten Signale mit ihren Taschentüchern.

Mitten unter allen diesen sich bewegenden Armen und geschwenkten Taschentüchern unterschied man eine unbewegliche Gruppe, welche niemanden Zeichen gab, obschon eine derselben angehörige Person augenscheinlich Jemanden unter der am Meeresstrand stehenden Menge zu erkennen suchte.

Die drei Personen, welche diese Gruppe bildeten, waren Salvato, Luisa und Michele.

Salvato und Luisa standen sich Eines auf das Andere stützend. Sie waren allein auf der Welt und Eines dem Andern Alles. Man sah, daß sie mit dieser die Quais bedeckenden Menge nichts zu schaffen hatten.

Michele dagegen suchte zwei Personen: seine Mutter und Assunta.

Nach Verlauf von einigen Minuten erkannte er seine alte Mutter.

Was Assunta dagegen betraf, so blieb diese, sei es nun, daß ihr Vater und ihre Brüder sie abhielten, bei diesem letzten Stelldichein zu erscheinen, sei es, daß ihr Kummer so schmerzlich war, daß sie fürchtete, Michele’s Anblick werde ihr denselben unerträglich machen, unsichtbar, obschon Michele’s durchdringender Blick sich von den ersten Häusern der Strada del Piliero bis zur Immacolatella erstreckte.

Plötzlich ward die Aufmerksamkeit der Drei ebenso wie die der andern Zuschauer von diesem Gegenstand, so fesselnd derselbe auch war, abgezogen und nach der hohen See gelenkt.

In der That sah man hinter Capri am fernsten Horizont zahlreiche Segel auftauchen. Da diese den Wind im Rücken hatten , so wurden sie schnell größer und kamen näher.

Der erste Gedanke aller dieser armen Flüchtlinge war, daß es die französisch-spanische Flotte sei, welche ihnen zu Hilfe käme, und man begann schon die Eile zu beklagen, womit man die Verträge unterzeichnet hatte.

Dennoch aber wagte keine einzige Stimme auf Zurücknahme der ertheilten Zustimmung anzutragen, oder wenn auch dieser Gedanke in einigen Gemüthern aufstieg, so erstickten diese ihn, ohne ihn vorher ihren Nachbarn mitzutheilen.

Einer von denen aber, welche mit dem Fernrohr in der Hand von dem platten Dache ihres Hauses mit der größten Spannung und Besorgniß diese Schiffe herannahen sahen, war unstreitig der Cardinal.

In der That hatte er denselben Morgen auf dem Landwege zwei Briefe, einen von dem König, den andern von der Königin, erhalten.

Wir theilen dieselben bruchstückweise mit, und der Leser wird daraus ersehen, in welche Verlegenheit der Cardinal dadurch versetzt werden mußte.



»Eminentissime!

    »Palermo, 20. Juni 1799.

»Antworten Sie mir noch in Bezug auf einen andern Punkt, der mir schwer auf dem Herzen liegt, den ich aber, offen gesprochen, für unmöglich halte. Man glaubt hier nämlich; daß Sie mit den Castellen unterhandelt haben und daß es diesem Vertrage, zufolge allen Rebellen, selbst Caracciolo, selbst Manthonnet, erlaubt sein wird, Neapel unbelästigt zu verlassen und sich nach Frankreich zu begeben. Sie können sich leicht denken, daß ich dieses Gerücht nicht glaube. Von dem Augenblick an, wo Gott uns befreite, wäre es unsinnig von uns, diese giftigen Nattern am Leben zu lassen, besonders Caracciolo, welcher alle Winkel und Schluchten unserer Küsten kennt. Ha, wenn ich mit den zwölftausend Mann Russen in Neapel einziehen könnte, welche man mir versprochen und welche jener Thugut, unser geschworener Feind, abgehalten hat, nach Italien abzumarschieren! Dann würde ich machen, was ich wollte. Der Ruhm aber Alles zu Ende zu führen, ist Ihnen und unseren wackeren Landleuten vorbehalten, und zwar ohne andern Beistand als den Gottes und seiner unendlichen Barmherzigkeit.



    »Ferdinand B.«

Wir lassen nun den Brief der Königin folgen und ändern, ebensowenig als bei dem so eben mitgetheilten Bruchstück, an dem Inhalt keine Sylbe. Man wird darin stets denselben Geist der Heuchelei und Hartnäckigkeit erkennen.

»Ich schreibe Ihnen nicht alle Tagen Eminenz, obschon ich dies gern möchte, denn ich respektiere Ihre schwierigen und mannigfachen Mühewaltungen und empfinde, wie ich ausdrücklich erkläre, die lebhafteste Dankbarkeit für die Versprechungen von Nachsicht und die Ermahnungen zur Unterwerfung, obschon die halsstarrigen- Patrioten sich immer noch nicht haben ergeben wollen.

»Es betrübt mich dies sehr um der Uebel willen, welche diese Halsstarrigkeit zur Folge haben wird und die Ihnen immer mehr den Beweis liefern, daß bei solchen Leuten keine Reue zu hoffen ist.

»Gleichzeitig mit diesem Briefe wird wahrscheinlich Nelson mit seinem Geschwader bei Ihnen ankommen. Er wird den Republikanern den Befehl überbringen, sich ohne Bedingung zu ergeben. Man sagt, Caracciolo werde entrinnen. Dies sollte mir sehr leid thun, denn ein solcher Schurke könnte furchtbar gefährlich werden. Deshalb wünschte ich sehr, daß diese Verräther außer Stand gesetzt würde, Unheil anzurichten.

»Ich fühle, wie sehr die Gräul, welche Sie, Eminenz, in Ihrem Briefe vom 17. dieses dem König erzählen, Ihr Herz betrüben müssen. Was wich jedoch betrifft, so scheint mir, daß wir gethan haben, was wir gekonnt, daß wir mit solchen Rebellen schon allzu nachsichtig umgegangen sind und daß wir, wenn wir mit ihnen unterhandeln, uns nur erniedrigen, ohne Nutzen davon zu haben.

»Ich sage Ihnen daher nochmals, mit San Elmo, welches sich in den Händen der Franzosen befinden, kann man unterhandeln; wenn dagegen die beiden anderen Castelle sich auf Nelsons Aufforderung nicht sofort und ohne alle und jede Bedingung ergeben so werden Sie mit Gewalt genommen und behandelt werden, wie sie es verdienen.

»Eine der ersten und nothwendigen Maßregeln ist, den Cardinal Erzbischof das Kloster Mante-Virgine oder in irgend ein anderes; dafern er nur außerhalb Diözese ist, gefangen zusetzen. Sie sehen selbst ein Eminenz, daß er nicht mehr Hirt einer Herde sein, welche er irre zu leiten gesucht, noch die Sacramente austheilen kann, mit welchen er so großen Mißbrauch getrieben.Mit einem Wort; es ist unmöglich, daß ein Mann der so unwürdig gesprochen und sein Amt gemißbraucht, ausübender Erzbischof von Neapel bleibe.

»Übrigens gibt es – und Sie werden dies nicht vergessen, Eminenz, – noch viele andere Bischhöfe, die sich in demselben Falle befinden, wie unser Erzbischof. So nenne ich z. B. La Torre, Natale, Vica Equense und Rossini trotz seines Te Deums. Dieser Letztere kann wegen seines in Tarent gedruckten Pastorale ebenso wie viele andere anerkannte Rebellen nicht in der Verwaltung seiner Kirche belassen werden.

»Dasselbe ist mit drei anderen Bischöfen der Fall, welches einen armen Priester denunziert, der kein anderes Verbrechen begangen, als das er gerufen: Es lebe der König! Es sind dies nichtswürdige Mönche und verworfene Priester, welche selbst den Abscheu der Franzosen erregt haben, und ich besteht auf ihrer Bestrafung, weil sie Einfluß auf die öffentliche Meinung äußern, denn welches Vertrauen können die Völker zu diesen angeblichen Seelenhirten haben, wenn sie dieselben gegen den König empören sehen? Und bedenken Sie, wie verderblich würde für diese selben Völker sein, diese Priester als Verräther, Rebellen und Abtrünnige noch ferner ihr heiliges Amt verwalten zu sehen.

»Ich spreche nicht von dem, was Neapel betrifft, denn Neapel ist noch nicht unser. Alle, welche dort herkommen erzählen uns entsetzliche Geschichten davon.

»Es betrübt mich dies tief, aber was können wir thun? Ich lebe fortwährend in Unruhe und Besorgniß und erwarte jeden Augenblick die Nachricht, daß Neapel genommen und die Ruhe daselbst wieder hergestellt ist. Dann werde ich Ihnen meine Ideen mittheilen und dieselben Ihren Kenntnissen und Ihrer Einsicht unterbreiten – einer Einsicht, welche ich mit jedem Tage mehr bewundere und wodurch Ew. Eminenz in den Stand gesetzt worden sind Ihre glorreiche Mission zu übernehmen und ein verlorenes Königreich ohne Geld und ohne Armee wiederzuerobern.

»Es bleibt Ihnen, Eminenz nun ein noch größerer Ruhm vorbehalten, nämlich der, dieses Königreich auf den Grundlagen einer wahren und soliden Ruhe neu zu organisieren.

»Mit jenen Gefühlen der Billigkeit und Dankbarkeit, welche ich meinem treuen Volke verdanke, gebe ich Ihnen Eminenz, anheim, zu bedenken, was während der letztvergangenen sechs Monate geschehen ist, und mit Ihrem Scharfsinn zu entscheiden, was Sie ferner zu thun haben.«

»Die beiden Hamilton begleiten Lord Nelson auf seiner Reise.

»Gestern sah ich Ihre Schwester, Eminenz, und Ihren Bruder Pepe Antonio, der sich vollkommen wohl befindet. Seien Sie überzeugt, Eminenz, daß meine Dankbarkeit sich auf alle Personen erstreckt, die Ihnen angehören, und daß ich überdies bleibe Ihre aufrichtige ewige Freundin



    »20. Juni 1799.
    »Caroline.«

Diese beiden Briefe, auf welche die Ankunft der Flotte folgte, brachten den Cardinal auf den Gedanken, sich in Bezug auf die Tracte der Aufgabe Nelsons zu widersetzen, während dagegen die Patrioten, als sie das neue, den Sieger von Abukir tragende Schiff die großbritannische Flagge aufhissen sahen, sich, weil sie zu dem englischen Admiral mehr Zutrauen hatten als zu Ruffo, freuten, anstatt nun mit einem Haufen Banditen mit einer großen Nation zu thun zu haben.

In dem Augenblick, wo Nelson die rothe Flagge aufgezogen und dieselbe durch einen Kanonenschuss bekräftigt hatte, sah man mitten in denn Rauche, der die Flanke des Schiffes einhüllte, die Jolle des Commandanten abstoßen.

Diese Jolle in welcher sich zwei Officiere, ein Bootsmann und zehn Ruderer befanden, steuerten in gerader Linie nach der Magdalenenbrücke und der Cardinal zweifelte nun keinen Augenblick mehr daran, daß er es sei, den die in der Jolle kommenden Officiere suchten.

In der That landeten sie in der Marinella.

Als der Cardinal sah, daß sie sich bei auf dem Quai herumschlendernden Lazzaroni erkundigten, und in der Voraussetzung, daß diese Erkundigungen den Zweck hatten, seine Wohnung zu erfahren, schickte er ihnen seinen Secretär Sacchinelli mit dem Auftrage entgegen, sie zu ihm zu führen.

Einen-Augenblick später meldete man, dem Cardinal die Capitäne Ball und Truebridge.

Die beiden Officiere traten in das Cabinet des Cardinals mit jener den Engländern eigenthümlichen Steifheit, einer Steifheit, die durch den hohen Rang, welchen Ruffo in der katholischen Prälatur einnahm, nicht vermindert ward, denn Ball und Truebridge waren Protestanten.

Es schlug vier Uhr. Truebridge , welcher der Ältere von beiden war, näherte sich dem Cardinal, welcher seinerseits den Beiden Officieren einen Schritt entgegengegangen war, und überreichte ihm ein großes Couvert mit dem rothten Wappensiegel Englands.

Da das Nachfolgende eine schwere Anklage gegen das Andenken Nelson’s enthält, so halten wir es für nicht unnöthig, nochmals zu sagen, daß alle hier angeführten Briefe bis auf die kleinsten Billets historisch sind, und daß wir, wenn es sein müßte, diese Briefe autographirt mittheilen könnten, denn die Originale stehen zu unserer Verfügung.

Der Cardinal richtete sein Benehmen nach dem der beiden Boten, machte eine leichte Verbeugung erbrach das rothe Siegel und las Folgendes:

»Am Bord des »Donnerers« [Dies war der Name von Nelson’s neuem, Schiff, welches am nächstfolgenden 29. Juni sich so eine so traurige Berühmtheit erwarb.] drei Uhr Nachmittags im Golf von Neapel.

»Eminenz!

»Mylord Nelson ersucht mich, sie zu benachrichtigen; daß er von dem Capitän Foote, Commandant der Fregatte »Seahorse« eine Abschrift von der Capitulation empfangen, welche Sie angemessen gefunden mit den Commandanten des Castello San Elmo, des Castello Nuovo und des Castello d’Uovo abzuschließen. Er mißbilligt diese Capitulationen vollständig und ist entschlossen, mit der imposanten Streitmacht, welche er die Ehre hat zu commandiren, nicht neutral zu bleiben. Demzufolge hat er die Capitäne Truebridge und Ball, welche die Schiffe »Culloden« und »Alexander« commandieren, an Sie abgesendet. Diese beiden Capitäne sind von Mylords Nelson’s Meinungen vollkommen unterrichtet und werden die Ehre haben, dieselben Ihnen, Eminenz, ausführlich darzulegen. Mylord hofft, daß Sie, Eminenz, derselben Ansicht sein werden wie er und daß er morgen mit Tagesanbruch mit Ihnen gemeinschaftlich operieren können wird. Das Ziel kann nur ein und dasselbe sein, nämlich den gemeinsamen Feind zu besiegen und die rebellischen Unterthanen der Gnade Seiner sicilischen Majestät anheimzugeben.

»Ich habe die Ehre zu sein



»Ew. Eminenz gehorsamer Diener

    »W. Hamilton,
    »außerordentlicher Gesandter Seiner britischen
    Majestät bei Seiner sicilischen Majestät.«

Welchen Widerstand Ruffo auch erwartet haben mochte, so hatte er doch niemals geglaubt, daß dieser Widerstand in so positiver und imposanter Weise zu Tage treten würde.

Er las den in französischer, das heißt in der diplomatischen Sprache geschriebenen Brief zum zweiten Male. Der Brief war von Sir William nicht blos mit seinem Namen, sondern auch mit einem vollen Titel unterzeichnet, und es war daher klar, daß Sir William nicht blos in Mylord Nelson’s, sondern auch in Englands Namen sprach.

In dem Augenblick, wo, wie wir gesagt haben, der Cardinal den Brief zum zweiten Mal gelesen, fragte der Capitän Truebridge sich leicht verneigend:

»Haben Sie gelesen, Eminenz?«

»Ja, mein Herr, ich habe gelesen,« antwortete der Cardinal, »ich gestehe Ihnen aber, daß ich nicht verstanden habe.«

»Sie werden aber aus Sir Williams Briefe ersehen haben, Eminenz, daß wir, Capitän Ball und ich, da wir von Mylords Absichten vollständig unterrichtet sind, alle Fragen beantworten können, welche es Ihnen belieben wird an uns zurichten.«

»Ich werde blos eine thun, mein Herr.«

Truebridge verneigte sich leicht.

»Bin ich, fuhr der Cardinal fort, meiner Vollmacht als Generalvicar entsetzt, und ist jetzt Mylord Nelson damit bekleidet?«

»Ob Sie, Eminenz, Ihrer Vollmacht als Generalvicar entsetzt sind und ob Lord Nelson damit bekleidet ist, wissen wir nicht, wohl aber wissen wir, daß Mylord Nelson die Befehle der sicilischen Majestäten empfangen, daß er die Ehre gehabt hat, Ihnen, Eminenz, seine Absichten kundzugeben und daß er für den Nothfall zwölf Linienschiffe zu seiner Verfügung hat, um seinen Absichten Nachdruck zu geben.«

»Und haben Sie mir in Mylord Nelsons Auftrage weiter nichts mitzutheilen, mein Herr?«

»O doch. Wir haben Sie, Eminenz, um eine positive Antwort auf die Frage zu bitten: Würde im Falle einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegen die Rebellen Mylord Nelson auf Ew. Eminenz Mitwirkung rechnen können.«

»Erstens, meine Herren, gibt es keine Rebellen mehr, denn die Rebellen haben ihre Unterwerfung erklärt. Von dem Augenblick an aber, wo es keine Rebellen mehr gibt, ist es überflüssig, gegen dieselben zu Felde zu ziehen.«

»Diese Subtilität hat Mylord Nelson vorausgesehen, und ich werde daher in seinem Auftrage die Frage so stellen: Werden Sie Eminenz für den Fall, daß Mylord Nelson gegen die, mit welchen Sie unterhandelt haben, marschieren würde, gemeinschaftliche Sache mit ihm machen?«

»Die Antwort wird ebenso klar sein, als die Frage, mein Herr. Nicht blos werden ich und meine Leute nicht gegen die marschieren, mit welchen ich unterhandelt habe, sondern ich werde mich auch mit meiner ganzen Macht einer Verletzung der von mir unterzeichneten Capitulation widersetzen.«

Die englischen Officiere wechselten einen Blick. Es war klar, daß sie diese Antwort erwartet hatten und daß es ganz besonders die war, welche sie zu holen gekommen waren.

Der Cardinal fühlte, wie ihm der Zorn durch alle Glieder rieselte.

Dabei bedachte er jedoch, daß die Sache eine sehe ernste Wendung nehmen könne und er deshalb jeden Zweifel beseitigen müsse, so daß eine nähere Erklärung mit Lord Nelson unumgänglich nothwendig werden wurde.

»Hat Mylord Nelson,« sagte er, »den Fall vorausgesehen daß ich eine Conferenz mit ihm zu haben wünsche, und sind Sie, meine Herren, für diesen Fall autorisiert, mich an Bord seines Schiffes zu bringen?«

»Mylord Nelson hat uns in dieser Beziehung nichts gesagt, Herr Cardinal, dennoch aber haben wir vollen Grund zu glauben, daß ein Besuch von Ihnen ihm stets zur Ehre und zum Vergnügen gereichen würde.«

»Mein Herr,« sagte der Cardinal, »dies erwartete ich von Ihrer Courtoisie. Wenn wir vielleicht aufbrechen wollen – ich bin bereit.«

Und er mochte eine Bewegung nach der Thür.

»Wir,« antwortete Truebridge, sind bereit, Ihnen zu folgen, Eminenz. Wenn Sie bereit sind, so bitten wir uns den Weg zu zeigen.«

Der Cardinal ging rasch die in den Hof führende Treppe hinunter, lenkte seine Schritte nach dem Strande und winkte der Schaluppe heranzukommen.

Die Schaluppe gehorchte, der Cardinal sprang, sobald sie nahe genug war, mit der Gewandtheit eines jungen Mannes hinein, und setzte sich zwischen die beiden Officiere auf den Ehrenplatz. Auf das Commando: »Vorwärts!« senkten sich die zehn Ruder in das Meer und die Schaluppe flog mit der Schnelligkeit eines Vogels über die Wogen hinweg.




Fünftes Capitel.

Die lesbische Nemesis


Der Cardinal war mit seinem Purpurgewand bekleidet. Nelson, der auf dem Deck seines Schiffes stand und das Fernrohr an sein noch übriges Auge hielt, erkannte ihn und ließ ihn durch hundert Kanonenschüsse begrüßen.

Als der Cardinal die Ehrentreppe erreichte, sah er Nelson, der ihn auf der ersten Stufe erwartete.

Beide verneigten sich gegen einander, konnten aber kein Wort wechseln.

Nelson sprach weder italienisch noch französisch; der Cardinal verstand allerdings das Englische, sprach es aber nicht.

Nelson zeigte dem Cardinal den Weg nach seiner Cajüte.

Hier fand er Sir William und Emma Lyonna. Er erinnerte sich nun jener Stelle im Briefe der Königin, wo es hieß:

»Die beiden Hamilton begleiten Lord Nelson auf seiner Reise.«

Dies ging folgendermaßen zu:

Der Capitäns Foote, welcher von dem Cardinal abgesendet worden war, um die Capitulation nach Palermo zu befördern, war auf der Höhe der lybarischen Inseln der englischen-Flotte begegnet, und da er Nelson’s Schiff an der Admiralsflagge erkannt, gerade auf dieses zugesteuert. Nelson seinerseits hatte das »Seahorse« erkannt und Befehl zum Beilegen gegeben.




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