Der Frauenkrieg
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexander

Der Frauenkrieg





Erstes bis drittes Bändchen





I


In einiger Entfernung den Libourne, der so heiteren Stadt, welche sich in dem raschen Gewässer der Dordogne spiegelt, zwischen Fronsac und Saint-Michel la-Rivire lag einst ein hübsches Dorf mit weißen Mauern und rothen Dächern, halb verborgen unter Linden und Buchen. Die Straße von Libourne nach Saint-André-de-Cubzac ging mitten durch die symmetrisch aneinander gereihten Häuser. Hinter einer den diesen Häuserreihen auf etwa hundert Schritte, schlängelte sich der Fluß, dessen Breite und Macht schon an diesem Orte die Nähe des Meeres zu bezeichnen anfangen.

Aber der Bürgerkrieg ist hier durchgezogen: er hat zuerst die Bäume umgeworfen, sodann die Häuser entvölkert, welche seiner ganzen launenhaften Wuth preisgegeben und nicht im Stande wie die Bewohner zu fliehen, in ihrer Weise gegen die Barbarei innerer Empörungen protestierend, auf den Rasen stürzten. allmählich aber hat die Erde, welche dazu geschaffen zu sein scheint, Allem, was da war, als Grab zu dienen, den Leichnam dieser einst so lustigen Häuser bedeckt. Das Grau ist auf dem trügerischen Grunde gewachsen, und der Reisende, der dieser Straße folgt, vermuthet nicht entfernt, wenn er auf den ungleichen Hügeln eine von den großen Herden trifft, wie man sie bei jedem Schritte im Süden weiden sieht, daß Schäfer und Schafe auf dem Kirchhofe wandeln, wo ein Dorf schläft.

Doch in der Zeit, von der wir sprechen, das heißt gegen die Mitte des Monats Mai 1650, blühte das fragliche Dorf auf den zwei Seiten der Straße, welche dasselbe wie eine große Pulsader nährte, mit dem erfreulichsten Aufschwunge der Vegetation und des Lebens. Der Fremde, der damals dahin gekommen wäre, hätte sie ganz nach seinem Geschmacke gefunden, diese Bauern, welche damit beschäftigt waren, ihre Pferde an den Pflug zu spannen oder von demselben abzuspannen, diese Fischer, welche ihre Netze, in denen der weiß und rosenfarbige Fisch der Dordogne zappelte, an dass Ufer zogen, und diese Hufschmiede, wie sie auf den Amboß schlugen, daß unter ihren Armen eine Funkengarbe empor sprang, welche die Schmiede mit jedem Hammerschlage erleuchtete.

Am meisten aber, besonders wenn ihm ein langer Weg den Appetit gegeben hätte, der bei den Straßenläufern sprichwörtlich geworden ist, würde ihn etwa fünfhundert Schritte von dem Dorfe ein niedriges, langes, nur aus einem Erdgeschoße und einem Stockwerke bestehenden Haus erfreut haben, das durch seinen Kamin gewisse Dünste und durch seine Fenster gewisse Gerüche von sich gab, welche, noch mehr als die Figur einen vergoldeten Kalbes, gemalt auf eine Platte von rothem Blech, die an einer eisernen, in dem Gesimse den ersten Stockwerkes befestigten Stange ächzte, dem Fremden andeuteten, daß er endlich zu einem von den gastfreundlichen Häusern gelangt war, deren Bewohner es gegen eine gewisse Entschädigung übernehmen, die Kräfte der Reifenden wiederherzustellen.

Warum lag der Gasthof zum Goldenen Kalb, wird man mir sagen, fünfhundert Schritte vom Dorfe, statt in seiner natürlichen Reihe unter den auf den beiden Seiten des Weges gruppierten lachenden Häusern zu stehen?

Einmal war der Wirth, wenn auch gleichsam verloren in diesem Winkel der Erde, was die Küche betrifft ein Künstler ersten Ranges. Wohnte er nun am Anfang oder in der Mitte, oder am Ende von einer der langen Häuserzeilen, welche daß Dorf bildeten, so lief er Gefahr, mit einigen von den Sudelköchen vermischt zu werden, die er als seine Genossen zuzulassen genöthigt war, weiche er aber nie als seines Gleichen zu betrachten sich entschließen konnte. Wenn er sich dagegen von denselben trennte und vereinzelte, so zog er die Blicke der Kenner auf sich, welche sobald sie nur einmal seine Küche gekostet hatten, sich einander sagten: Gehst Du von Libourne nach Saint-André-de-Cubzac oder von Saint-André-de-Cubzac nach Libourne so versäume es nicht zum Frühstück, Mittagessen, oder zum Abendbrod in dem Wirthshause zum Goldenen Kalb, fünfhundert Schritte von dem kleinen Dorfe Matifou anzuhalten.

Und die Kenner hielten an, verließen das Haus zufrieden, schickten anderes Kenner dahin, so daß der gescheite Wirth allmählich sein Glück machte, was ihn indessen – eine seltene Erscheinung – nicht abhielt, seine Wirthschaft auf derselben gastronomischen Höhe zu erhalten, woraus sich schließen läßt, daß Meister Biscarros, wie wir bereite gesagt haben, ein wahrer Künstler war.

An einem der schönen Abende des Monat Mai, wo die Natur im Süden bereits erwacht, auch im Norden zu erwachen anfängt, entströmten dichterer Rauch und noch lieblichere Gerüche als gewöhnlich den Kaminen und Fenstern des Gasthofes zum Goldenen Kalbe, während auf der Schwelle den Hauses Meister Biscarros in Person, weiß gekleidet nach dem Gebrauche der Opferpriester aller Zeiten und aller Länder, mit seinen erhabenen Händen Feldhühner und Wachteln kaufte, welche zu einem von den seinen Mahlen bestimmt waren, die er so gut zu ordnen verstand und in Folge seiner Vorliebe für die Kunst, welche er trieb, in ihren kleinsten Einzelheiten selbst zu besorgen gewohnt war.

Der Tag neigte sich also. Die Gewässer der Dordogne, welche in einer von den gekrümmten Abschweifungen, die ihren Lauf bezeichnen, sich ungefähr eine Viertelmeile von der Straße entfernt hielten, um an dem Fuße des kleinen Fort Vayres hinzuströmen, fingen an unter dem dunkeln Laubwerk weiß zu werden. Ein ruhiger, schwermüthiger Charakter verbreitete sich mit der Abendluft über der Landschaft: Die Arbeiter verharrten bei ihren ausgespannten Pferden, die Fischer bei ihren triefenden Netzen; das Geräusch den Dorfes erstarb und nach dem Schalle des letzten Hammerschlages, der den arbeitsamen Tag schloß, ließ sich der erste Gesang der Nachtigall in einem nahen Gesträuche vernehmen.

Bei den ersten Noten, welche der Kehle den gefiederten Musikers entstiegen, fing Meister Biscarros ebenfalls an zu singen, ohne Zweifel um die Nachtigall zu begleiten. Die Folge dieser harmonischen Nebenbuhlerschaft und der Aufmerksamkeit, welche der Wirth seiner Arbeit schenkte, war, daß er eine Truppe bestehend aus sechs Reitern nicht bemerkte, die am Ende des Dorfes Matifou erschien und nach seinem Gasthause vorrückte.

Aber ein Ausruf, der aus einem Fenster des ersten Stockes kam, die schnelle, geräuschvolle Bewegung, mit der diesen Fenster geschlossen wurde, bewirkte, daß der würdige Gastwirth seine Nase in die Höhe streckte. Er sah nun den Reiter, welcher an der Spitze seiner Truppe unmittelbar auf ihn zumarschirte.

Unmittelbar ist nicht ganz das richtige Wort, und wir beeilen uns, es zurückzunehmen; denn dieser Mann hielt von zwanzig zu zwanzig Schritten an, warf nach rechts und links beobachtende Blicke und erforschte mit dem Auge Fußpfade, Bäume und Gehölze. Dabei hielt er mit der einen Hand eine Muskete auf seinem Knie, um zum, Angriff, wie zur Vertheidigung bereit zu sein, und machte von Zeit zu Zeit seinen Gefährten, die in Allem seine Bewegungen nachahmten, ein Zeichen, sich in Marsch zu setzen. Dann wagte er wieder einige Schritte, und dasselbe Manoeuvre begann abermals.

Biscarros folgte mit den Augen diesem Reiter, dessen Marsch ihn so mächtig in Anspruch nahm, daß er während dieser ganzen Zeit die Federn, welche er zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger hielt, dem Vogel aus dem Leibe zu rupfen vergaß.

»Das ist ein vornehmer Herr, der mein Haus sucht,« sprach Biscarros, »dieser würdige Edelmann scheint kurzsichtig zu sein. Mein goldenen Kalb ist doch frisch gemalt und das Schild springt bedeutend vor. Wir wollen und ein wenig in das Licht stellen.«

Meister Biscarros pflanzte sich mitten auf der Straße auf, wo er das Geflügel mit Geberden voll Erhabenheit und Majestät zu rupfen fortfuhr.

Diese Bewegung brachte die von dem Wirthe erwartete Wirkung hervor. Kaum erblickte ihn der Reiter, als er gerade auf ihn zuritt und mit höflicher Benennung zu ihm sagte:

»Um Vergebung, Meister Biscarros, habt Ihr nicht auf dieser Seite eine Truppe von Kriegsleuten gesehen, welche meine Freunde sind und mich suchen müssen? Kriegsleute will viel sagen, Leute vom Schwerte ist das rechte Wort, bewaffnete Leute, ja, bewaffnete Leute, das drückt meinen Gedanken besser aus. Habt Ihr also eine kleine Truppe bewaffneter Leute gesehen?«

Biscarros fühlte sich im höchsten Maße geschmeichelt, als er seinen Namen nennen hörte, und grüßte ebenfalls auf das Freundlichste. Es war ihm entgangen, daß der Fremde mit einem Blicke, den er auf sein Gasthaus warf, den Namen und die Eigenschaft auf dem Schilde gelesen hatte, wie er jetzt auch die Identität auf dem Gesichte des Eigenthümers las.

»Was bewaffnete Leute betrifft, meins Herr,« antwortete er nach kurzem Nachdenken, »so habe ich nur einen Edelmann und seinen Stallmeister gesehen. Beide hielten vor ungefähr einer Stunde bei mir an.«

»Ah, ah!« sprach der Fremde, das Kinn eines bartlosen und dennoch bereits männlichen Gesichtes streichelnd, »ah, ah! Ein Edelmann und sein Stallmeister befinden sich in Eurem Wirtshause, und Beide bewaffnet, behauptet Ihr?«

»Mein Gott, ja, mein Herr. Soll ich diesem Edelmann sagen lassen, daß Ihr ihn zu sprechen wünscht?«

»Ist dies aber auch schicklich?« versetzte der Fremde. »Einen Unbekannten stören, hieße vielleicht gar sich zu vertraulich benehmen, besonders wenn dieser Unbekannte von Stande ist. Nein, nein, Meister Biscarros, habt nur die Güte, mir denselben zu schildern, oder vielmehr mir ihn zu zeigen, ohne daß er mich sieht.«

»Euch denselben zeigen, ist schwierig, mein Herr, in Betracht, daß er sich selbst zu verbergen scheint; denn er schloß sein Fenster in dem Augenblick, wo Ihr und Eure Gefährten auf der Straße sichtbar wurdet; Euch denselben schildern, ist viel leichter. Es ist ein kleiner, blonder, zarter junger Mensch, kaum sechzehn Jahre alt, und scheint gerade nur die Kraft zu haben, um den Hofdegen zu tragen, der an seinem Wehrgehänge befestigt ist.

Die Stirne den Fremden faltete sich unter dem Schatten einer Erinnerung.

»Sehr gut,« sprach er, »ich weiß, was Ihr sagen wollte ein junger Mensch, blond, von weibischem Aussehen, auf einem Barber reitend und gefolgt den einem alten Stallmeister; der so steif ist, wie der Piquebube. Das ist es nicht, was ich suche.«

»Ah! den sucht der Herr nicht?« sprach Biscarros.

»Nein.«

»Nun, in Erwartung dessen, welchen der Heer sucht und der unfehlbar hier vorbeikommen muß, weil es nur eine Straße gibt, könnte der Herr bei mir eintreten und sich und seine Gefährten erfrischen.«

»Ich danke, ich kann nicht mehr, als Euch danken und Euch bitten, mir zu sagen, wie viel Uhr es sein mag.«

»Es schlägt so eben sechs Uhr im Dorfe, mein Herr; hört Ihr den schweren Klang der Glocke?«

»Wohl. Nun noch einen letzten Dienst, Herr Biscarros.«

»Mit Vergnügen.«

»Sagt mir wenn es Euch gefällig ist, wie ich mir einen Nachen und einen Schiffer verschaffen könnte.«

»Um über den Fluß zu setzen?«

»Nein, um darauf spazieren zu fahren.«

»Nichts leichter. Der Fischer, welcher mir meine Fische liefert . . . Liebt Ihr Fische, mein Herr?« sagte Biscarros in Form einer Parenthese und zu seinem Gedanken zurückkehrend, den Fremden zu einem Abendbrod in seinem Gasthause zu veranlassen.

»Das ist eine mittelmäßige Speise,« antwortete der Fremde; »wenn der Fisch jedoch gehörig gewürzt ist, sage ich nicht pfui.«

»Ich habe stets vortreffliche Fische, mein Herr.«

»Dann wünsche ich Euch Glück. Kommen wir jedoch auf den zurück, welcher sie Euch liefert.«

»Das ist richtig. Um diese Zeit hat er sein Tagewerk vollbracht und sitzt ohne Zweifel beim Essen. Ihr könnt von hier aus seine Barke an den Weiden, ganz da unten neben der Ulme, angebunden sehen. Sein Haus ist hinter jenem Weidengebüsch verborgen. Ihr findet ihn sicherlich bei Tische.«

»Ich danke, Meister Biscarros, ich danke,« sprach der Fremde, gab seinen Gefährten ein Zeichen, ihm zu folgen, ritt rasch nach den Bäumen zu und klopfte an die bezeichnete Hütte. Die Frau des Fischers öffnete.

Der Fischer saß, wie Meister Biscarros gesagt hatte, bei Tische.

»Nimm Deine Ruder,« sprach der Reiter, »und folge mir. Es ist ein Thaler zu verdienen.«

Der Fischer stand mit einer Hast auf, welche zum Beweise diente, wie wenig freigebig der Wirth zum Goldenen Kalbe seine Händel mit ihm abschloß.

»Wollt Ihr nach Vayres hinab fahren?« fragte er,

»Nein, Ihr sollt mich nur bis mitten in den Fluß führen und einige Minuten mit mir daselbst bleiben.

Der Fischer machte große Augen bei Auseinandersetzung dieser seltsamen Laune. Da aber ein Thaler zu verdienen war und er zwanzig Schritte hinter dem Reiter, welcher an seine Thüre geklopft hatte, die Gesichter seiner Gefährten erblickte, so machte er keine Schwierigkeiten, wobei er wohl bedachte, daß der Mangel an gutem Willen auf seiner Seite die Anwendung der Gewalt herbeiführen würde, und daß er bei einem solchen Streite die angebotene Belohnung verlieren müßte.

Er erwiederte also schleunig dem Fremden, er stünde mit seiner Barke und seinen Rudern zu Diensten.

Die kleine Truppe rückte nun unmittelbar gegen den Flusse vor, und während der Fremde hielt an den Rand des Wassers ritt, hielt sie aus der Höhe der Böschung stille, und stellte sich, ohne Zweifel aus Furcht vor einem Ueberfalle, so auf, daß sie nach allen Seiten sehen konnte. Von dem Punkte aus, wo die Truppe stand, konnte sie zugleich die Ebene beherrschen, die sich hinter ihr ausdehnte, und die Einschiffung beschützen, die zu ihren Füßen vorging.

Der Fremde, ein großer, blonder, bleicher junger Mann, von gescheitem Gesichte, obgleich ein dunkler Kreis seine blauen Augen umgab und ein Ausdruck cynischen Charakters seine Lippen umschwebte, der Fremde, sagen wir, untersuchte sorgfältig seine Pistolen, steckte seine Muskete in das Bandelier, ließ einen langen Raufdegen in der-Scheide spielen und heftete seine Blicke aufmerksam aus das entgegengesetzte Ufer, einen weiten Wiesengrund, der von einem Fußpfade durchschnitten war, welcher vom steilen Ufer des Flusses ausging und in gerader Linie nach dem Dorfe Ison zuließ dessen gebräunten Glockenthurm und weißlichen Rauch man in dem vergoldeten Dunste des Abends erschaute.

Ebenfalls auf der andern Seite und ungefähr in der Entfernung von einer Viertelmeile erhob sich rechte das kleine Fort Vayres.

»Nun,« sprach der Fremde, welcher ungeduldig zu werden anfing, sich an seine als Wachen aufgestellten Gefährten wendend, kommt er? Seht Ihr ihn rechts oder links, hinten oder vorne erscheinen?«

»Ich glaube,« sprach einer von den Männern, »ich sehe eine schwarze Gruppe auf dem Wege von Ison; aber ich bin meiner Sache noch nicht ganz gewiß, denn die Sonne blendet mich. Halt! ja, ja, so ist es. Einer, zwei, drei, vier, fünf Männer; ein goldbordirter Hut und ein blauer Mantel. Es ist der Bote, den wir erwarten; er hat sich zu größerer Sicherheit ein Geleite mitgenommen.«

»Er hat Recht gehabte,« antwortete phlegmatisch der Fremde. »Nimm mein Pferd, Ferguzon.«

Derjenige, an welchen dieser Befehl in einem halb freundschaftlichem halb gebietenten Tone gerichtet war, beeilte sich zu gehorchen und stieg an der Böschung hinab. Mittlerweile sprang der Fremde vom Pferde, warf in dem Augenblick, wo der Andere sich ihm näherte, demselben den Zügel zu und schickte sich an, in den Nachen zu gehen.

»Höre sprach Ferguzon und legte ihm seine Hand auf den Arm, »keine unnütze Verwegenheit, Cauvignac; bemerkst Du die geringste verdächtige Bewegung von Seiten Deines Mannes, so jage ihm eine Kugel in den Kopf. Du siehst, der listige Gevatter fährt eine ganze Truppe mit sich.«

»Ja, sie ist aber weniger stark, als die unserige. Außer der Ueberlegenheit des Muthes haben wir noch die der Anzahl, und es ist somit nichts zu befürchten. Ah! es erscheinen bereits ihre Köpfe.«

»Wie werden sie es machen?« sprach Ferguzon, »Sie können sich keinen Nachen verschaffen. Doch wohl, dort findet sich einer wie durch ein Zauberwerk.«

»Es ist der meines Vetters, des Fährmannes von Ison,« sprach der Fischer, den diese Vorbereitungen ungemein zu interessieren schienen, während er jedoch zitterte, es könnte ein Seetreffen an Bord seiner Schaluppe und der seines Vetters stattfinden.

»Gut, der Blaumantel schifft sich eine,« sagte Ferguzon; »meiner Treue allein, streng nach den Bedingungen des Vertrages.«

»Wir wollen ihn nicht warten lassen,« versetzte der Fremde, sprang ebenfalls in das Schiff und machte dem Fischer ein Zeichen, sich an seinen Posten zu begeben.

»Wohl aufgepasst, Roland!« rief Ferguzon, zu seinen klugen Ermahnungen zurückkehrend: »der Fluß ist breit. Nahe Dich nicht zu sehr dem entgegengesetzten Ufer, denn Du könntest eine Ladung von ihren Musketen bekommen, die wir nicht zurückzugeben vermöchten. Halte Dich, wenn es möglich ist, diesseits der Abgrenzungslinie.«

Derjenige, welchen Ferguzon bald Roland, bald Cauvignac genannt hatte und der auf diese beiden Namen antwortete, ohne Zweifel, weil der eine sein Taufname, der andere sein Familienname oder sein Kriegsname war, machte ein Zeichen mit dem Kopf.

»Du hast nichts zu befürchten,« sprach er, »ich dachte so eben daran: Unklugheiten zu begehen ist gut für diejenigen, welche nichts einzusetzen haben. Aber die Angelegenheit ist zu vortheilhaft, als daß ich alberner Weise den Verlust der Frucht wagen sollte. Wird eine Unklugheit bei dieser Gelegenheit begangen, so geschieht es nicht von meiner Seite. Vorwärts, Schiffer!«

Der Fischer band sein Seil los, stieß seinen langen Bootshaken in die Erde, und die Barke fing an sich vom Ufer zu entfernen; zu gleicher Zeit ging die Schaluppe des Fährmannes von Ison vom entgegengesetzten Ufer ab.

In der Mitte des Flusses war eine kleine Verpfählung, die sich drei Fuß über das Wasser erhob, und darüber wehte eine weiße Fahne, welche den langen Transportschiffen, die auf der Dordogne herabkamen, eine gefährliche Felsbank andeutete. Bei niedrigem Wasserstande konnte man sogar die Oberfläche dieser Felsen schwarz und glatt über dem Strome sehen; in diesem Augenblicke aber, wo die Dordogne voll war, deuteten nur die kleine Fahne und ein leichtes Strudeln des Wassers die Gegenwart der Klippen an.

Die zwei Ruderer begriffen ohne Zweifel, daß hier die Zusammenkunft der Parlamentäre stattfinden konnte, und lenkten ihre Fahrzeug deshalb in dieser Richtung. Der Fährmann von Ison kam zuerst an Ort und Stelle und band auf Befehl seines Passagiers sein Schiff an einen von den Ringen der Verpfählung.

In diesem Augenblick wandte sich der Fischer, welcher vom entgegengesetzten Ufer abgefahren war, nach seinem Reisenden um in der Absicht, dessen Befehle einzuholen; er war aber nicht wenig erstaunt, als er in seiner Barke nur einen verlarvten und in seinen Mantel eingewickelten Menschen fand.

Die Angst, welche ihn nie verlassen hatte, verdoppelte sich jetzt und er fragte nur stammelnd die fremde Person um ihre Befehle.

»Binde Deinen Kahn an dieses Holz an,« sprach Cauvignac, die Hand nach einem von den Pfählen ausstreckend, »so nahe als möglich zu dem Schiffe jenes Herrn.«

Und seine andeutende Hand ging zu dem Herrn über, den der Fährmann von Ison gebracht hatte.

Der Ruderer gehorchte und durch die Strömung Bord an Bord gelegt, erlaubten die Barken den zwei Bevollmächtigten, folgende Unterredung zu eröffnen.




II


»Wie? Ihr seid verlarvt, mein Herr?« fragte zugleich erstaunt und trotzig der mit dem Fährmann von Ison angekommene, ein dicker Mann von ungefähr fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahren, mit finsteren, starren Auge, dem eines Raubvogels ähnlich, mit grauwerdendem Schnurrbarte und Kinnbarte, der, wenn er keine Maske vorgenommen, wenigstens seine Haare und sein Gesicht so gut als möglich unter einem betressten Hute und seine Kleider und seinen Körper unter einem langen blauen Mantel verborgen hatte.

Die Person näher betrachtend, welche ihn angeredet hatte, konnte sich Cauvignac nicht enthalten, sein Erstaunen durch eine unwillkürliche Bewegung zu verrathen.

»Nun, mein Herr?« fragte der alte Edelmann »was habt Ihre?»

»Nichts, mein Herr; ich hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Aber ich glaube, Ihr erwiest mir die Ehre, das Wort an mich zu richten; was sagtet ihr?»

»Ich fragte, warum Ihr verlarvt wäret?»

»Die Frage ist freimüthig und ich beantworte sie mit derselben Freimüthigkeit: ich habe mich verlarvt, um mein Gesicht zu verbergen.«

»Ich kenne es also?«

»Ich glaube nicht; aber hättet Ihr es einmal gesehen, so könntet Ihr es später wiedererkennen, was wenigstens meiner Meinung nach, völlig unnütz ist.«

»Ihr seid offen, mein Herr.«

»Ja, wenn mir meine Offenheit keinen Schaden bringen kann.«

»Und diese Offenherzigkeit geht so weit, daß Ihr die Geheimnisse Anderer enthüllt?«

»Ja, wenn mir diese Enthüllung etwas einbringen kann.«

»Ihr treibt ein sonderbares Geschäft.«

»Den Teufel, man thut, was man kann, mein Herr. Ich bin nach und nach Advocat, Arzt, Soldat und Parteigänger gewesen. Ihr seht, daß es mir nicht an Gewerben fehlt.«

»Und was seid Ihr gegenwärtig?«

»Ich bin Euer Diener,« sprach der junge Mann und verbeugte sich mit geheuchelter Ehrfurcht.

»Habt Ihr den fraglichen Brief?«

»Habt Ihr das verlangte Blanquett?«

»Hier ist es.«

»Wollen wir austauschen?«

»Noch einen Augenblick, mein Herr; Eure Rede gefällt mir, und ich wünschte dieses Vergnügen nicht sobald zu verlieren.«

»Meine Rede gehört, wie ich selbst, ganz Euch; plaudern wir also, wenn es Euch angenehm ist.«

»Wollt Ihr, daß ich in Euren Nachen hinüberkomme, oder zieht Ihr es vor, in den meinigen zu steigen, damit wir in dem frei bleibenden Schiffe unsere Ruderer entfernt von uns halten können.«

»Unnöthig, mein Herr, Ihr sprecht ohne Zweifel eine fremde Sprache?«

»Ich spreche Spanisch.«

»Ich auch, plaudern wir also in dieser Sprache, wenn es Euch beliebt.«

»Vortrefflich! Welcher Grund,« fuhr der Edelmann fort, indem er sich von diesem Augenblicke an des verabredeten Idioms bediente, »welcher Grund bewog Euch, den Herzog von Epernon die untreue der fraglichen Dame zu enthüllen?«

»Ich wollte diesem würdigen Herrn einen Dienst leisten und mich bei ihm in Gunst setzen.«

»Ihr grollt also Fräulein von Lartigues?«

»Ich? ganz im Gegentheil, ich habe sogar, ich muß es gestehen, einige Verbindlichkeiten gegen sie, und es würde mir sehr leid thun, wenn ihr Unglück widerführe.«

»Ihr habt also den Herrn Baron von Canolles zum Feinde?«

»Ich habe ihn nie gesehen, ich kenne ihn nur dem Rufe nach, und es ist nicht zu leugnen, er besitzt den eines galanten Cavaliers und eines braven Edelmannes.«

»Es ist also nicht ein Beweggrund des Hasses, der Euch zu Eurer Handlungsweise antreibt?«

»Pfui doch! wenn ich einen Haß gegen den Herrn Baron von Canolles hätte, so würde ich ihn bitten, sich mit mir die Hirnschale zu zerschmettern oder die Gurgel abzuschneiden, und er ist ein zu galanter Mann, um je eine Partie dieser Art auszuschlagen.«

»Ich muß mich also an das halten, was Ihr mir gesagt habt.«

»Das wird, glaube ich das Beste sein.«

»Wohl, Ihr habt den Brief, der zum Beweis für die Untreue von Fräulein von Lartigues dient.«

»Hier ist er! es ist, ohne Vorwurf, das zweite Mal, daß ich ihn zeige.«

Der alte Edelmann warf von ferne einen traurigen Blick auf das feine Papier, durch welches die Charaktere durchschienen.

Der junge Mann entfaltete langsam den Brief.

»Ihr erkennt wohl die Handschrift, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dann gebt mir das Blanquett, und Ihr bekommt den Brief.«

»Sogleich! Erlaubt Ihr mir noch eine Frage?«

»Sprecht, mein Herr.«

Und der junge Mann machte den Brief wieder zu und steckte ihn in seine Tasche.

»Wie habt Ihr Euch dieses Billet verschafft?«

»Das will ich Euch wohl sagen.«

»ich höre.«

»Es ist Euch nicht unbekannt, das die etwas verschwenderische Regierung des Herzogs von Epernon diesem in Guienne große Verlegenheiten zugezogen hat.«

»Weiter.«

»Es ist Euch nicht unbekannt, daß die furchtbar geizige Regierung von Herrn von Mazarin diesem in der Hauptstadt große Verlegenheiten zugezogen hat.«

»Was haben Herr von Mazarin und Herr von Epernon bei dieser Sache zu thun?«

»Wartet: aus diesen zwei entgegengesetzten Regierungen ist ein Zustand der Dinge hervorgegangen, der ganz bedeutend einem allgemeinen Kriege gleicht,wobei Jeder Partei ergreift: Herr von Mazarin führt in diesem Augenblick Krieg für die Königin; Ihr führt Krieg für den König; der Herr Coadjutor führt Krieg für Herrn von Beaufort; Herr von Beaufort führt Krieg für Frau von Montbazon; Herr von Larochefoucault fährt Krieg für Frau von Longueville; der Herr Herzog von Orleans führt Krieg für Fräulein Soyon; das Parlament führt Krieg für das Volk; endlich hat man Herrn von Condé, der für Frankreich Krieg führte, in das Gefängniß gesteckt. Da ich nun wenig dabei gewinnen würde, wenn ich für die Königin, für den König, für den Herrn Coadjutor, für Herrn von Beaufort, für Frau von Montbazon, für Frau von Longueville, für Fräulein Soyon, für das Volk oder für Frankreich Krieg führte, so kam mir der Gedanke, keine Partei zu erwählen, sondern derjenigen zu folgen, zu welcher ich mich für den Augenblick hingezogen fühle. Alles ist daher bei mir eine Angelegenheit des Augenblicks. Was sagt Ihr zu diesem Gedanken?«

»Er ist sehr geistreich.«

»Ich sammelte dem zufolge eine Armee; Ihr seht sie am Ufer der Dordogne aufgestellt.«

»Fünf Mann, den Teufel!«

»Es ist einer mehr, als Ihr selbst habt, es wäre also sehr Unrecht von Euch, sie zu verachten.«

»Aeußerst schlecht gekleidet,« fuhr der alte Edelmann fort, welcher sehr übler Laune und folglich im Zuge des Herabsetzens war.

»Es ist wahr,« sprach der Andere, »Sie gleichen sehr den Gefährten von Falstaff. Falstaff ist einer von meinen Bekannten, ein englischer Edelmann; aber diesen Abend bekommen sie neue Kleider, und wenn Ihr sie morgen wieder trefft, werdet Ihr sehen, das es wirklich hübsche Bursche sind.«

»Kommen wir auf Euch zurück; ich habe nichts mit Euren Leuten zu thun.«

»Nun wohl, indeß wir Krieg auf meine Rechnung führten, begegneten wir dem Einnehmer des Bezirkes, welcher, den Beutel Seiner Majestät füllend, von Dorf zu Dorf ging. So lange nur noch eine einzige Steuer einzuziehen übrig blieb, gaben wir ihm ein treues Geleite, und als ich seinen Sack so dick werden sah, hatte ich redlich gestanden grobe Lust, mich auf die Partei des Königs zu schlagen. Aber die Ereignisse verwickeln sich teufelsmäßig: eine Bewegung übler Laune gegen Herrn von Mazarin, die Klagen, die wir von allen Seiten gegen den Herrn Herzog von Epernon hörten, machten, daß wir in uns gingen. Wir dachten, es wäre Gutes, viel Gutes bei der Sache der Prinzen, und meiner Treue! wir ergriffen sie mit allem Eifer. Der Einnehmer schloß seine Runde mit dem vereinzelten Häuschen, das Ihr da unten halb unter Pappeln und Adamsfeigenbäumen verborgen seht.«

»Das von Nanon!« murmelte der Edelmann, »ja, ich sehe es!«

»Wir lauerten auf ihn, als er heran kam, wir folgten ihm, wie wir es seit fünf Tagen thaten, wir setzten etwas unterhalb Saint-Michel mit ihm über die Dordogne, und wir wir mitten im Flusse waren, theilte ich ihm unsere politische Bekehrung mit und lud ihn mit aller Höflichkeit, der wir fähig sind, ein, uns das Geld zuzustellen, welches er bei sich hatte. Könnt Ihr wohl glauben, mein Herr, daß er sich weigerte? Meine Gefährten durchwühlten nun seine Taschen, und da er schrie, daß ein Scandal daraus hätte entstehen können, so bedachte mein Lieutenant, ein Junge voll Mittel, derjenige, welchen ihr da unten in einem rothen Mantels und mein Pferd an der Hand haltend erblickt, er bedachte, sage ich, daß das Wasser die Luftströmungen auffange und eben dadurch die Fortsetzung den Schalles unterbreche; es ist dies ein physikalischer Grundsatz, den ich in meiner Eigenschaft als Arzt begriff und beifällig aufnahm. Derjenige also welcher den Vorschlag gemacht hattet zog den Kopf des Widerspenstigen gegen den Fluß und hielt ihn einen Fuß unter dem Wasser, nicht weiter. Der Einnehmer schrie nicht mehr, oder besser gesagt, man hörte ihn wenigstens nicht mehr schreien. Wir konnten uns also im Namen des Prinzen alles Geldes bemächtigen, das er bei sich führte, und eben so auch der Correspondenz, die man ihm übergeben hatte. Ich gab das Geld meinen Soldaten, welche, wie Ihr sehr richtig bemerkten desselben bedurften, um sich neu zu equipiren, und behielt die Papiere, dieses unter anderen. Es scheint, der brave Einnehmer diente Fräulein von Lartigues als galanter Mercur.«

»In der That,« murmelte der alte Edelmann, »es war, wenn ich mich nicht täusche, eine Creatur von Nanon: und was ist aus diesem Elenden geworden?«

»Ah, Ihr sollt sehen, ob wir wohl gethan haben, diesen Elenden, wie Ihr ihn nennt, in das Wasser zu tauchen; ohne dies hätte er sicherlich die ganze Erde in Aufruhr gebracht; denn denkt Euch, als wir ihn und dem Flusse zogen, war er, obgleich er kaum eine Viertelstunde darin verweilt hatte, vor Wuth gestorben.«

»Und Ihr habt ihn ohne Zweifel abermals hineingetaucht?«

»Wie Ihr sagt.«

»Aber wenn der Bote ertränkt worden ist?«

»Ich habe nicht gesagt, er wäre ertränkt worden.«

»Streiten wir nicht über Worte: wenn der Bote todt ist. . .«

»Ah, was das betrifft, ja wohl.«

»So wird Herr von Canolles nicht in Kenntniß gesetzt worden sein und folglich nicht zu dem Rendezvous kommen?«

»Oh! nur Geduld, ich führe den Krieg gegen die Mächte und nicht mit Privatleuten. Herr von Canolles hat ein Duplikat von dem Briefe bekommen, der ihm Rendezvous gab. Nur glaubte ich, die eigene Handschrift hätte einigen Werth und behielt sie.«

»Was wird er denken, wenn er die Handschrift nicht erkennt?«

»Die Person, welche ihn zu sehen wünscht, habe sich aus größerer Vorsicht der Hilfe einer fremden Hand bedient.«

Der Fremde betrachtete Cauvignac mit einer gewissen Bewunderung, veranlaßt durch, so viel, mit einer solchen Geistesgegenwart vermischte, Unverschämtheit.

Er wollte sehen, ob es kein Mittel gäbe, diesen kühnen Spieler einzuschüchtern.

»Aber die Regierung, aber die Nachforschungen,« sagte er, denkt Ihr nicht zuweilen daran?«

»Die Nachforschungen?« versetzte der junge Mann lachend, »ah, ja wohl! Herr von Epernon hat etwas ganz Anderen zu thun, als Nachforschungen anzustellen; und dann habe ich Euch nicht gesagt, daß das was ich that, geschehen sei, um mich in Gunst bei ihm zu setzen? Er wäre also sehr undankbar, wenn er mir diese nicht bewilligte.«

»Ich verstehe nicht ganz,« erwiederte der alte Edelmann ironisch. »Wie Euch, der Ihr nach Eurem eigenen Geständnisse die Partei den Prinzen ergriffen habt, ist der seltsame Gedanke gekommen, Herrn von Epernon einen Dienst zu leisten?«

»Das ist die einfachste Sache der Welt: die Einsicht der Papiere, welche ich bei dem Einnehmer vorfand, hat mich von der Reinheit der Absichten den Königs überzeugt. Seine Majestät ist völlig gerechtfertigt in meinen Augen, und der Herr Herzog hat tausendmal Recht gegen die unter seiner Verwaltung Stehenden. Hier ist also die gute Sache und deshalb habe ich für die gute Sache Partei ergriffen.

»Das ist ein Räuber, den ich hängen lassen werde, wenn er je in meine Hände fällt,« brummte der alte Edelmann und zog dabei an den krausen Haaren seines Schnurrbarts.

»Ihr sagt?« fragte Cauvignac, unter seiner Maske mit den Augen blinzelnd.

»Nichts. Nun eine Frage; was werdet Ihr mit dem Blanquett machen, das Ihr von mir,fordert?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich einen Entschluß hierüber gefaßt habe. Ich forderte ein Blanquett, weil es die bequemste, die tragbarste, die elastischste Sache der Welt ist. Wahrscheinlich werde ich es für irgend einen außerordentlichen Umstand aufbewahren; möglicher Weise verschleudere ich es auch für die nächste beste Laune, die mir in den Kopf kommt; vielleicht lege ich es Euch schon vor dem Ende dieser Woche vor; vielleicht gelangt es auch erst in drei bin vier Monaten mit einem Dutzend von Interessenten wie ein in den Handel geworfener Wechsel zu Euch. Aber seid unbesorgt, jedenfalls werde ich es nicht zu etwas mißbrauchen, worüber wir, Ihr und ich, zu erröthen haben. Man ist im Ganzen Edelmann.

»Ihr seid Edelmann?

»Ja, mein Herr, und zwar einer von den besten.«

»Dann lasse ich ihn rädern,« murmelte der Unbekannte; »dazu soll ihm sein Blanquett nützen.«

»Seid Ihr entschlossen, mir das Blanquett zu geben?« fragte Cauvignac.

»Ich muß wohl,«– antwortete der alte Edelmann.

»Ich nöthige Euch nicht, wohl verstanden. Es ist ein Tausch, den ich Euch vorschlage. Behaltet Euer Papier und ich behalte das meinige.«

»Den Brief?«

»Das Blanquett?«

»Und er streckte mit einer Hand den Brief aus, während er mit der andern eine Pistole spannte.

»Laßt Eure Pistole in Ruhe,« sprach der Fremde und öffnete seinen Mantel, »denn ich habe auch Pistolen, und zwar ebenfalls gespannte.«

»Hier ist Eiter Brief.«

Der Austausch der Papiere wurde nun auf eine redliche Weise vorgenommen, und jede der beiden Parteien prüfte stillschweigend, nach Maße und mit Aufmerksamkeit das, welches man ihr zugestellt hatte.

»Nun, mein Herr,« sprach Cauvignac, »welchen Weg nehmt Ihr?«

»Ich muß auf das rechte Ufer den Flusses.«

»Und ich auf das linke,« antwortete Cauvignac.

»Wie wollen wir das machen? Meine Leute sind auf der Seite, wohin Ihr wollt, die Eurigen auf der wohin ich will.«

»Nichts ist leichter. Schickt meine Leute in Eurem Nachen zurück, ich schicke Euch die Eurigen in meinem.«

»Ihr habt einen raschen, erfindungsreichen Geist.«

»Ich war zum Heerführer geboren.«

»Ihr seid es.«

»Ah! das ist wahr,« sprach der junge Mann, »ich hatte es vergessen.«

Der Fremde machte dem Fährmann ein Zeichen, seine Barke loszubinden und ihn auf das entgegengesetzte Ufer in der Richtung eines Gebüsches zu führen, daß sich bis an die Straße ausdehnte.

Der junge Mann erwartete vielleicht irgend einen Verrath und erhob sich halb, um ihm mit den Augen zu folgen, die Hand stets an die Krabbe seiner Pistole gelegt und bereit, bei der geringsten verdächtigen Bewegung Feuer auf den Fremden zu geben. Aber dieser ließ sich nicht einmal herbei, das Mißtrauen, dessen Gegenstand er war, zu bemerken, begann, dem jungen Manne mit einer wirklichen oder geheuchelten Sorglosigkeit den Rücken zuwendend, den Brief zu lesen, und war bald völlig in die Lecture versunken.

»Erinnert Euch wohl des Augenblicks,« sprach Cauvignac, »es ist morgen Abend um acht Uhr.«

Der Fremde antwortete nicht, und schien sogar nicht einmal gehört zu haben.

»Ah,« sagte Cauvignac leise und mit sich selbst sprechend, während er beständig den Kolben seiner Pistole streichelte, »bedenkt man, daß ich, wenn es mir gefiele, die Erbfolge des Gouverneur der Guienne öffnen und dem Bürgerkrieg Einhalt thun könnte! Aber ist der Herzog von Epernon todt, wozu soll mir dann sein Blanquett nützen, und ist der Bürgerkrieg geendigt, wovon solle ich leben? In der That, es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß ich ein Narr werde! Es lebe der Herzog von Epernon! Es lebe der Bürgerkrieg! Vorwärts, Schiffer, an Deine Ruder, wir wollen rasch nach dem rechten Ufer steuern und diesen würdigen Herrn nicht lange auf seine Escorte warten lassen.«

Einen Augenblick nachher landete Cauvignac an dem linken Ufer der Dordogne, gerade in der Minute, wo der alte Edelmann ihm Ferguzon und seine fünf Banditen in dem Schiffe des Fährmannes von Ison zurückschickte. Er wollte ihm an Pünktlichkeit nicht nachstehen und wiederholte seinen Schiffer den Befehl, die vier Leute des Unbekannten in seine Barke aufzunehmen und nach dem rechten Ufer zu führen. Mitten im Flusse begegneten sich die zwei Truppen und grüßten einander höflich. Dann landete jede an dem Punkte, wo sie erwartet wurde. Der alte Edelmann drang mit seiner Escorte in das Gehölze, das sich von dem Ufer des Flusses nach der Landstraße ausdehnte, und Cauvignac schlug an der Spitze seines Heeres den Weg nach Ison ein.




III


Eine halbe Stunde nach der so eben von uns erzählten Scene öffnete sich dasselbe Fenster, das so rasch geschlossen worden war, vorsichtig wieder, und auf das Gesimse dieses Fensters lehnte sich, nachdem er zuvor aufmerksam rechts und links geschaut hatte, mit dem Ellenbogen eins junger Mensch von sechzehn bis achtzehn Jahren, in schwarzer Kleidung mit bauschigen Manschetten an der Handwurzel. Ein Hemd von feinem gesticktem Batist trat stolz aus seinem Leibrocke hervor und fiel wellenförmig auf seine mit Bindern überladenen Beinkleider. Seine kleine, zierliche, fleischige Hand zerknitterte ungeduldig damlederne, auf den Nähten gestickte Handschuhe. Ein perlgrauer Filzhut, der sich an seinem Ende unter der Krümmung einer herrlichen blauen Feder bog, beschattete seine langen Haare mit den goldenen Reflexen, welche auf eine wundervolle Weise ein ovales Gesicht mit weißer Hautfarbe, mit rosigen Lippen und schwarzen Brauen umgaben. Aber dieses anmuthige Gesamtwesen, das aus dem jungen Manne einen der reizendsten Cavaliere machen mußte, war für den Augenblick durch einen Ausdruck übler Laune verdüstert, welche ohne Zweifel von einer vergeblichen Erwartung herrührte, denn der junge Mann befragte mit seinen verweinten Augen die in der Ferne bereits in den Abendnebel getauchte Landstraße.

In seiner Ungeduld schlug er seine linke Hand mit den Handschuhen. Bei dem Lärm den er machte, schaute der Wirth, welcher seine Feldhühner vollends gerupft hatte, empor, nahm seine Mütze ab und fragte:

»Um welche Stunde werdet Ihr zu Nacht speisen, gnädiger Herr, denn man erwartet nur Eure Befehle, um aufzutragen?«

»Ihr wißt wohl, daß ich nicht allein zu Nacht speise, und daß ich einen Gefährten erwarte,« versetzte dieser. »Wenn Ihr ihn kommen seht, könnt Ihr Euer Mahl auftragen lassen.«

»Ah, mein Herr,« antwortete Meister Biscarros, »es ist nicht um Euren Freund zu tadeln, denn es steht ihm sicherlich frei, zu kommen oder nicht zu kommen, aber ich halte es für eine schlechte Gewohnheit, auf sich warten zu lassen.«

»Es ist nicht seine Gewohnheit, und ich staune über dieses Zögern.«

»Ich gehe weiter, ich staune nicht nur, sondern ich bekümmere mich darüber. Der Braten wird verbrannt sein.«

»Nehmt ihn vom Spieße.«

»Dann wird er kalt sein.«

»Setzt einen andern an das Feuer.«

»Er wird nicht gar werden.«

»Dann, mein Freund, macht es, wie Ihr wollt,« sprach der junge Mann, der sich trotz seiner schlimmen Laune eines Lächelns über die Verzweiflung des Wirthes nicht erwehren konnte. »Ich überlasse die Sache ganz Eurer erhabenen Weisheit.«

»Es gibt keine Weisheit, und wäre es die des Könige Salomo,« versetzte der Wirth, »welche ein gewärmtes Mittagsbrod eßbar machen könnte.«

Und auf dieses Axiom, das Boileau vierzig Jahre später in Verse brachte, kehrte Biscarros, schmerzlich den Kopf schüttelnd, in sein Haue zurück.

Der Jüngling, als wollte er seine Ungeduld hintergehen, zog sich in sein Zimmer zurück, ließ einen Augenblick seine Stiefeln auf dem Boden klingen und eilte bei dem entfernten Geräusche von Pferdetritten, daß er gehört zu haben glaubte, abermals an das Fenster.

»Endlich,« rief er, »endlich ist er da, Gott sei gelobt!«

Er sah wirklich jenseits des Gebüsches, wo die Nachtigall sang, deren melodischen Tönen der junge Mann in seiner großen Unruhe ohne Zweifel keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, den Kopf eines Reiters erscheinen. Zu seinem Erstaunen aber erwartete er vergebens, der Reiter wurde auf dem Wege ausmünden. Der Ankömmling zog sich nach rechts drang in das Gehölze, oder vielmehr sein Hut sank in demselben, ein sicherer Beweis, daß er abgestiegen war. Einen Augenblick nachher gewahrte der Beobachter durch die vorsichtig auf die Seite geschobenen Zweige eine graue Kasake und den Blitz von einem der letzten Strahlen der untergehenden Sonne, der sich auf dem Laufe einer Muskete spiegelte.

Der junge Mann blieb in Gedanken versunken an seinem Fenster. Der in dem Gehölze verborgene Reiter war offenbar nicht der Gefährte, den er erwartete, und der Ausdruck von Ungeduld, der sein Gesicht zusammenzog, machte einem Ausdruck der Neugierde Platz.

Bald zeigte sich ein zweiter Hut an der Biegung der Straße: der junge Mann zog sich so weit zurück, daß er nicht mehr gesehen werden konnte.

Dieselbe graue Kasake, dasselbe Manoeuvre des Pferdes, dieselbe glänzende Muskete. Der Zweite richtete an den, welcher zuerst gekommen war, einige Worte, welche unser Beobachter der Entfernung wegen nicht hören konnte, und in Folge der Kunde, die ihm sein Gefährte ohne Zweifel gab, drang er in die mit dem Gehölze parallel liegende Baumgruppe, stieg ebenfalls vom Pferde, kauerte sich hinter einen Felsen und wartete.

Von dem erhabenen Punkte, wo sich der junge Mann befand, sah er den Hut über dem Felsen; neben dem Hute funkelte ein leuchtender Punkt, es war das Ende des Musketenlaufes.

Ein Gefühl unbestimmter Bangigkeit regte sich in dem jungen Manne, der, immer mehr zurückweichend, die Scene beobachtete.

»Oh, ah!« fragte er sich, »bin ich es oder sind es die tausend Louisd’or, die ich bei mir trage, woran man sich vergreifen will? Aber nein, vorausgesetzt Richon kommt an, und ich kann mich diesen Abend auf den Weg begeben, so gehe ich nach Libourne und nicht nach Saint-André-de-Cubzac. Folglich komme ich nicht an dem Orte vorüber, wo diese Bursche sich verborgen halten. Wenn nur mein alter Pompée da wäre, ich könnte ihn um Rath fragen. Aber wenn ich mich nicht täusche, ja, meiner Treue! hier erscheinen noch zwei Männer, sie stoßen zu den Andern. Ei, ei, das sieht ganz aus, wie ein Hinterhalt.«

Der junge Mann machte abermals einen Schritt rückwärts.

In diesem Augenblick erschienen wirklich zwei Menschen an demselben Punkte des Weges. Aber diesmal hatte nur einer von ihnen die graue Kasake an. Der Andere ritt auf einem mächtigen Rappen, war in einen großen Mantel gehüllt, trug einen verbrämten Filzhut mit einer weißen Feder, und man sah unter dem Mantel, den der Abendwind emporhob, eine reiche Stickerei glänzen, welche sich über einen nacaratfarbigen Leibrock hinschlängelte.

Man hätte glauben sollen, der Tag verlängere sich, um diese Scene zu beleuchten, denn die letzten Strahlen der Sonne entzündeten, sich aus einem von den schwarzen Wolkenlagern lösend, welche sich zuweilen auf eine so pittoreske Weise am Horizont ausstrecken, plötzlich tausend Rubine an den Fensterscheiben eines hübschen Hausen, das etwa hundert Schritte von dem Flusse lag, und ohne dieses, verloren zwischen den Zweigen einer dichten Baumgruppe, von dem jungen Menschen nicht bemerkt worden wäre. Diese Lichtverstärkung erlaubte wahrzunehmen, einmal, daß die Blicke der Spione sich abwechselnd dem Eingange des Dorfes und dem kleinen Hause mit den funkelnden Fensterscheiben zuwandten; dann, daß die grauen Kasaken die größte Achtung vor der weißen Feder zu haben schienen, mit der sie nur mit entblößtem Haupte sprachen, und endlich, daß eine Frau, als sich eines von den erleuchteten Fenstern öffnete, auf dem Balcon erschien, sich einen Augenblick vorbeugte, als ob sie ebenfalls Jemand erwartete, und dann, ohne Zweifel aus Furcht gesehen zu werden, wieder zurückkehrte.

Zu gleicher Zeit senkte sich die Sonne hinter den Bergen und je mehr sie sich senkte, desto mehr schien das Erdgeschoß des Hauses in den Schatten zu fallen, und die Fenster allmählich verblassend, stieg das Licht, auf das Schieferdach und verschwand endlich, nachdem es noch einen Augenblick auf einem Bündel vergoldeter Pfeile gespielt hatte, welche die Wetterfahne bildeten.

Für jeden verständigen Geist gab es hier hinreichend Andeutung, und auf diese Andeutung konnte man, wenn nicht Gewißheit, doch wenigstens Wahrscheinlichkeiten gründen.

Es unterlag kaum einem Zweifel, daß diese Menschen das kleine vereinzelte Haus bewachten, auf dessen Balcon sich einen Augenblick eine Frau gezeigt hatte. Es unterlag kaum einem Zweifel, daß diese Frau und diese Männer eines und dieselbe Person, aber in verschiedenen Absichten, erwarteten. Es war ferner wahrscheinlich, daß diese Person durch das Dorf und folglich vor dem Gasthause vorüberkommen mußte, das auf halben Weges zwischen dem Dorfe und dem Gehölze lag, wie das Gehölze halbwegs des Gasthofes und den berührten kleinen Hauses war. Es erschien endlich unzweifelhaft, daß der Reiter mit der weißen Feder der Anführer der Reiter mit den grauen Kasaken war, und den derselbe aus dem Eifer zu schließen, den er, sich in seinen Steigbügeln erhebend, um weiter zu sehen, entwickelte, von Eifersucht getrieben und auf eigene Rechnung lauerte.

In dem Augenblick, wo der junge Mann in seinem Innern diese Reihenfolge von Schlüssen vollendete, die sich aneinander ketteten, wurde die Thüre seines Zimmers geöffnet, und Meister Biscarros trat ein.

»Mein lieber Wirth,« sagte der junge Mann, ohne demjenigen, welcher zu so gelegener Zeit bei ihm eintrat, Zeit zu lassen, den Beweggrund seinen Besuchen zu erklären, einen Beweggrund, den er überdies errieth, »mein lieber Wirth, kommt hierher und sagt mir, wenn meine Frage keine Unbescheidenheit ist, wem jenes kleine Haus gehört, welches man da unten wie einen weißen Punkt mitten unter den Pappeln und, Adamsfeigenbäumen erblickt?«

Der Wirth folgte mit den Augen der Richtung den Zeigefingers und erwiederte, sich an der Stirne kratzend, mit einem Lächeln, das er spöttisch zu machen suchte:

»Mutter Treue, bald dem Einen, bald dein Andern, . . . Euch, wenn Ihr einen Grund habt, die Einsamkeit zu suchen, mag es Euer Wunsch sein, Euch selbst zu verbergen, oder irgend Jemand sonst zu verbergen.«

Der Jüngling erröthete.

»Aber wer bewohnt gegenwärtig dieses Haus?« fragte er.

»Eine junge Dame, die sich für eine Wittwe ausgibt, und die der Schatten ihres ersten und vielleicht auch ihren zweiten Gatten von Zeit zu Zeit besucht. Nur ist Eines zu bemerken: diese zwei Schatten verständigen sich ohne Zweifel unter einander und kommen nie zu gleicher Zeit.«

»Und seit wann,« fragte lächelnd der junge Mann, »bewohnt die schöne Wittwe das vereinzelte, wie es scheint, so bequeme Haus?«

»Seit ungefähr zwei Monaten. Sie lebt indessen sehr zurückgezogen, und ich glaube, es kann sich Niemand rühmen, sie seit diesen zwei Monaten gesehen zu haben; denn sie geht äußerst selten ans, und wenn sie ausgeht, nur verschleiert. Eine reizende kleine Kammerfrau kommt jeden Morgen zu mir und bestellt die Speisen für den Tag: man bringt sie zu ihr, sie empfängt die Platten in der Hausflur, bezahlt die Rechnung reichlich und schließt die Thüre unmittelbar vor der Nase des Kellners. Diesen Abend zum Beispiel findet dort ein Mahl statt und für sie bereitete ich die Wachteln und Feldhühner, die Ihr mich habt rupfen sehen.«

»Und wem gibt sie Abendbrod?«

»Ohne Zweifel einem von den zwei Schatten, von denen ich vorhin sprach.«

»Habt Ihr zuweilen diese zwei Schatten gesehen?«

»Ja, aber nur vorüber kommen, wenn die Sonne untergegangen war, oder am Morgen, ehe der Tag graute.«

»Ich bin darum nicht minder überzeugt, daß Ihr, sie wahrnehmen mußtet, mein lieber Herr Biscarros, denn bei dem ersten Worte, das Ihr sprecht, sieht man, daß Ihr ein Beobachter seid. Laßt hören, was habt Ihr Besonderes an dem Wesen dieser zwei Schatten wahrgenommen?«

»Der eine ist der eines Mannes von sechzig bis fünfundsechzig Jahren, und dieser sieht mir aus, als wäre er der des ersten Gatten, denn er kommt wie ein Schatten, welcher des rechtlichen Vorzugs zur Zeit sicher ist. Der andere ist der eines jungen Mannes von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren. Dieser ist, ich muß es gestehen, etwas schüchterner und hat ganz das Aussehen einer gefolterten Seele. Ich wallte auch wetten, es ist der des zweiten Gatten.«

»Um welche Zeit sollt Ihr dem Befehle gemäß das Abendbrod heute liefern?«

»Um acht Uhr.«

»Es ist halb acht,« sprach der junge Mann, eine sehr schöne Uhr, die er bereits wiederholt um Rath gefragt hatte, aus seiner Tasche ziehend. »Ihr habt also keine Zeit zu verlieren.«

»Oh, seid unbesorgt, es wird bereit sein. Ich kam nur herauf, um von dem Eurigen zu sprechen und Euch zu sagen, daß ich es völlig wieder angefangen habe. Da Euer Gefährte so lange zögert, so macht nur, daß er erst in einer Stunde kommt.«

»Hört, mein lieber Wirth,« sprach der junge Cavalier mit der Miene eines Menschen, für den die wichtige Angelegenheit seines pünktlich aufgetragenen Mahles nur eine secundäre Sache ist, quält Euch nicht wegen unseres Abendbrodes, selbst wenn die Person, die ich erwarte, käme, denn wir haben miteinander zu reden. Ist das Essen nicht bereit, so sprechen wir vorher, ist es bereit, so sprechen wir nachher.«

»In der That, mein Herr,« sagte der Wirth, »Ihr seid ein sehr gefälliger Edelmann, und da Ihr Euch auf mich verlassen wollt, so werdet Ihr gewiß auch mit mir zufrieden sein.«

Biscarros machte hiernach eine tiefe Verbeugung, welche der junge Mann mit einem leichten Zeichen des Kopfes erwiederte, und er trat ab.

»Und nun begreife ich Alles,« sagte der junge Mann zu sich selbst und nahm neugierig wieder seinen Posten am Fenster ein. »Die junge Dame erwartet irgend Einen, der von Libourne kommen muß, und die Männer im Gehölze beabsichtigen den Gast anzugehen, ehe dieser Zeit gehabt hat, an die Thüre zu klopfen.«

In derselben-Minute und gleichsam um die Vorhersehung unseres scharfsichtigen Beobachters zu rechtfertigen, ließ sich der Tritt eines Pferdes auf der Linken vernehmen. Rasch wie der Blitz sondierte das Auge des jungen Mannes das Gehölze, um das benehmen der im Hinterhalte liegenden Leute zu beobachten. Obgleich die Nacht bereits die Gegenstände in einer Halbdunkelheit zu vermengen anfing, kam es ihm doch vor, als schöben die Einen die Zweige auf die Seite, während die Andern sich erhoben, um über die Felsen zu schauen, und Alle sich zu einer Bewegung vorbereiteten, die ganz den Anschein eines Angriffs hatte. Zu gleicher Zeit drang ein hartes Geräusch wie das einer Muskete, welche man spannt, an sein Ohr, und machte sein Herz beben. Da wandte er sich rasch nach den Seite von Libourne, suchte denjenigen zu erschauen, welchen dieses mörderische Geräusch bedrohte, und sah, die Nase im Wind, den Arm auf der Hüfte gerundet; auf einem völlig losgekoppelten Pferde im Trabe einen jungen Menschen erscheinen, dessen mit weißem Atlas ausgefütterter Mantels anmuthig die rechte Schulter enthüllte. Von ferne erschien dieses Gesicht voll Eleganz, voll welcher Poesie und freudigen Stolzes; von Nahem war es ein Antlitz mit feinen Linien, mit belebtem Teint, mit glühendem Auge, mit einem Munde, halb geöffnet durch die Gewohnheit des Lächelns, mit zartem schwarzem Schnurrbart und kleinen weißen Zähnen. Ein triumphierendes Schwingen der Reitpeitsche, ein kurzes Pfeifen, dem ähnlich, welches bei den Petits-maitres jener Zeit, nach dem Beispiele von Herrn Gaston von Orleans, Mode war, machten vollends aus dem Ankömmling den Cavalier nach den bei dem Hofe von Frankreich, welcher bei allen Höfen Europas bereits den Ton anzugeben begann, in Kraft stehenden Gesetzen.

Fünfzig Schritte hinter ihm, und ein Pferd reitend, dessen Gang er nach dem des Pferdes seines Herrn regelte, kam ein sehr anmaßender und aufgeblasener Lackei, welcher einen nicht minder ausgezeichneten Rang unter den Bedienten, als sein Herr unter den Edelleuten einzunehmen schien.

Der schöne Jüngling, der an dem Fenster des Gasthofes stand, konnte sich, ohne Zweifel noch zu jung, um kalt einer Scene, wie sie ihm verheißen war, beizuwohnen, eines Bebens bei dem Gedanken nicht erwehren, daß die zwei Unvergleichlichen, welche so sorglos und sicher verrückten, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu dem Hinterhalte gelangend, der ihrer harrte, den Waffen ihre Feinde unterliegen sollten.

Ein rascher Kampf schien sich in ihm zwischen der Schüchternheit seines Alters und seiner Nächstenliebe zu entspinnen. Endlich gewann das edle Gefühl die Oberhand, und als der Reiter vor der Thüre des Gasthauses vorüberzog, ohne auf seine Seite zu schauen, rief der junge Mann, einer raschen Aufwallung, einem unwiderstehlichen Entschlusse nachgebend, dem schönen Reisenden zu:

»Holla! mein Herr, haltet an, wenn es Euch gefällig ist, denn ich habe Euch etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Bei dieser Stimme und bei diesen Werten hob der Reiter den Kopf empor und hielt als er den jungen Mann an dem Fenster sah, sein Pferd mit einer Handbewegung an, die dem besten Stallmeister Ehre gemacht hätte.

»Haltet Euer Pferd nicht an, mein Herr,« fuhr der junge Mann fort, »nähert Euch mir im Gegentheil, als ob es ohne besondere Absicht geschähe und wie wenn Ihr mich kennen würdet.«

Der Reisende zögerte einen Augenblick; als er aber an der Miene desjenigen, welcher zu ihm sprach, wahrnahm, daß er es mit einem jungen Edelmanne von guter Haltung und schönem Antlitz zu thun hatte, nahm er den Hut in die Hand und ritt lächelnd vor.

»Hier bin ich zu Euren Diensten, mein Herr,« sprach er, »was steht zu Befehl?«

»Kommt immer näher, mein Herr,« fuhr der Unbekannte am Fenster fort, »denn was ich Euch zu sagen habe, läßt sich nicht laut sagen. Setzt Euren Hut auf; man muß glauben, wir kennen uns seit langer zeit, und Ihr wollt mich in diesem Gasthause besuchen.«

»Mein Herr,« sprach der Reisende, »ich begreife nicht.«

»Ihr werdet sogleich begreifen. Mittlerweile bedeckt Euch; kommt noch näher, immer näher; reicht mir die Hand. So ist es gut. Ich bin entzückt, Euch zu sehen. Nun überschreitet diesen Gasthof nicht, oder Ihr seid verloren.«

»Was gibt es denn? In der That, Ihr erschreckt mich,« sprach lächelnd der Reisende.

»Ihr begebt Euch in jenes kleine Haus, wo das Licht glänzt, nicht war?« Der Reiter machte eine Bewegung. »Auf dem Wege nach jenem Hause aber, dort wo sich die Straße biegt, indem düsteren Gebüsche haben sich vier Menschen in Hinterhalt gelegt und warten auf Euch.«

»Ah,« sprach der Reiter und schaute mit allen seinen Augen den kleinen, bleichen jungen Mann an, »ah! Ihr seid Eurer Sache gewiß?«

»Ich habe gesehen, wie sie nach einander ankamen, von ihren Pferden stiegen und sich theils hinter den Bäumen, theils hinter den Felsen verbargen. Als Ihr so eben aus dem Dorfe herausrittet, hörte ich sie ihre Musketen spannen.

»Gut!« versetzte der Reiter, welcher ebenfalls sich zu beunruhigen anfing.

»Ja, mein Herr, es ist, wie ich Euch sage,« fuhr der junge Mann mit dem grauen Hute fort, »und wenn es heller wäre, vermöchtet Ihr sie vielleicht zu sehen und zu erkennen.«

»Oh, ich brauche sie nicht zu erkennen,« sprach der Reisende; »ich weiß sehr wohl, wer diese Menschen sind. Aber, wer hat Euch gesagt, mein Herr, daß ich in jenes Haus gehe und daß man auf mich lauert?«

»Ich habe es errathen.«

»Ihr seid ein reizender Oedipus. Ich danke Euch. Ah! man will mich also todt schießen! Wie viel Mann sind es zu dieser Operation?«

»Vier, von denen der eine der Führer zu sein scheint.«

»Dieser Führer ist älter als die Andern, nicht wahr?«

»Ja, so viel ich von hier aus beurtheilen konnte,«

»Gebückt?«

»Weiße Feder, gestickter Leibrock, brauner Mantel, sonderbare, aber gebieterische Geberden.«

»Ganz richtig, es ist der Herzog von Epernon.«

»Der Herzog von Epernon!« rief der junge Edelmann.

»Ah! gut, ich erzähle Euch da meine Angelegenheiten,« sagte lachend der Reisende; »doch gleichviel, Ihr leistet mir einen so wichtigen Dienst, daß ich es nicht so genau nehme. Und wie sind die Leute von seinem Gefolge gekleidet?«

»Graue Kasaken.«

»Ganz richtig, das sind seine Stockträger.«

»Aus denen aber heute Musketenträger geworden sind.«

»Bei meiner Ehre»sehr verbunden! Wißt Ihr nun, was Ihr jetzt thun solltet, mein edler Mann?«

»Nein, aber sagt mir Eure Meinung, und wenn das, was ich thun soll, Euch dienen kann, so bin ich zum Voraus dazu geneigt.«

»Habt Ihr Waffen?«

»Ja, ich habe meinen Degen.«

»Habt Ihr Euren Bedienten?«

»Allerdings, aber er ist nicht hier, ich habe ihn Einem, den ich erwarte, entgegen geschickt.«

»Nun, Ihr solltet mir hilfreiche Hand leisten.«

»Wozu?«

»Um diese Elenden anzugreifen und sie und ihren Führer um Gnade bitten zu zu lassen.«

»Seid Ihr verrückt, mein Herr!« rief der junge Mann in einem Tone, welcher bewies, daß er nicht im Mindesten zu einem solchen Unternehmen geneigt war.

»In der That, ich bitte Euch nur Verzeihung,« sprach der Reisende, »ich vergaß, daß Euch die Sache nichts angeht.«

Dann sich gegen seinen Bedienten umwendend, welcher, da er sah, daß sein Herr anhielt, die gehörige Entfernung beobachtend, ebenso angehalten hatte, sagte er:

»Castorin, komm hierher.«

Zu gleicher Zeit legte er die Hand auf die Holfter seines Sattels, als wollte er sich des guten Zustandes seiner Pistolen versichern.

»Ah, Herr!« rief der, junge Edelmann und streckte den Arm gleichsam um ihn zurückzuhalten aus: »Herr, im Namen des Himmels! wagt Euer Leben nicht bei einend solchen Abenteuer. Tretet vielmehr in den Gasthof ein, um bei demjenigen, welcher Eurer harrt, keinen Verdacht zu erwecken. Bedenkt, es handelt sich um die Ehre einer Frau.«

»Ihr habt Recht,« sprach der Reiter, »obgleich es sich bei diesem Verhältnis nicht gerade um die Ehre, sondern um das Glück handelt. Castorin, mein Freund,»fuhr er sich an seinen Lackeien wendend, fort, »wir gehen für den Augenblick nicht weiter.«

»Wie« rief Castorin, in seinen Hoffnungen beinahe eben so sehr getäuscht, wie sein Gebieter, »was sagt der gnädige Herr?«

»Ich sage, Mademoiselle Francinette werde diesen Abend des Glückes Dich zu sehen beraubt sein, weil wir die Nacht im Gasthofe zum Goldenen Kalbe zubringen. Gehe also hinein, bestelle nur Abendbrod und laß mir ein Bett bereiten.«

Und du der Reiter ohne Zweifel bemerkte, daß Costorin Einwendungen machen wollte, begleitete er die letzten Worte mit einer Bewegung des Kopfes, die keine längere Erörterung zuließ. Castorin verschwand unter der großen Thüre, das Ohr gesenkt und ohne daß er ein einzigen Wort mehr wagte.

Der Reisende folgte Costorin einen Augenblick mit den Augen, schien dann, nachdem er nachgedacht hatte, seinen Entschluß zu fassen, stieg ab, ging hinter seinem Lackeien durch das Thor, warf ihm die Zügel seines Pferdes zu und war mit zwei Sprüngen vor dem Zimmer des jungen Edelmannes, der, als er plötzlich seine Thüre aufgehen sah, sich einer Bewegung des Erstaunens vermischt mit Furcht nicht erwehren konnte, welche jedoch der Ankömmling wegen der Dunkelheit nicht wahrnahm.

»Also,« sprach der Reisende, sich heiter dem jungen Manne nähernd und herzlich eine Hand schüttelnd, die man ihm nicht reichte, »also es ist abgemacht, ich verdanke Euch das Leben.«

»Ah, Herr, Ihr übertreibt den Dienst, den ich Euch geleistet habe,« entgegnete der Jüngling und suchte einen Schritt rückwärts.

»Nein, keine Bescheidenheit, es ist, wie ich Euch sage. Ich kenne den Herzog: er ist roh wie der Teufel! Ihr aber seid ein Muster von Scharfsichtigkeit, ein Phönix christlicher Menschenfreundlichkeit. Doch sagt mir, Ihr, der Ihr so liebenswürdig, so mitleidig seid, habt Ihr Eure Güte so weit getrieben, daß Ihr Kunde bis in das Haus gelangen ließet?«

»In welches Haus?«

»In das Haus, wohin ich mich begab, wo man mich erwartet.«

»Nein,« sprach der junge Mann, »ich gestehe, ich dachte nicht daran, und hätte ich auch daran gedacht, so wären mir doch keine Mittel zu Gebot gestanden. Ich bin selbst erst seit zwei Stunden hier und kenne Niemand in jenem Hause.«

»Ah! Teufel!« rief der Reisende mit einer Bewegung der Unruhe. »Arme Nanon, wenn Ihr nur nichts geschieht!«

»Nanon! Nanon von Lartigues!« rief der junge Mann erstaunt.

»Ah! Ihr seid ein Zauberer?« sprach der Reisende. »Ihr seht Menschen sich an der Straße in Hinterhalt legen und errathet, an wen sie sich machen wollen. Ich sage Euch einen Taufnamen und Ihr errathet den Familiennamen. Erklärt mir dies geschwinde, oder ich zeige Euch an und lasse Euch von dem Parlament von Bordeaux zum Scheiterhaufen verurtheilen.«

»Diesmal werdet Ihr zugestehen,« versetzte der junge Mann, daß es nicht viel Witz brauchte, um Euch auf die Fährte zu kommen. Sobald Ihr den Herzog von Epernon als Euren Nebenbuhler genannt hattet, war es offenbar, daß, wenn Ihr eine gewisse Nanon nanntet, dies die Nanon von Lartigues sein mußte, die Schöne, die-Reiche, die durch ihren Geist Glänzende, von der der Herzog bezaubert ist und welche in seinem Gouvernement herrscht, weshalb sie von der ganzen Guienne beinahe eben so sehr verflucht wird, als er selbst. Und Ihr wart auf dem Wege zu dieser Frau?« fuhr der Jüngling mit dem Tone des Vorwurfs fort.

»Meiner Treue! ja, ich gestehe es, und da ich sie einmal genannt habe, so verleugne ich sie nicht. Überdies wird Nanon mißkannt und verleumdet. Nanon ist eine reizende Person, ihren Versprechungen äußerst getreu, so lange sie ein Vergnügen darin findet, dieselben zu halten, und demjenigen ganz ergeben, welchen sie liebt, so lange sie ihn liebt. Ich sollte diesen Abend mit ihr speisen, aber der Herzog hat den Fleischtopf umgeworfen. Wünscht Ihr, daß ich Euch morgen Nanon vorstelle? Was Teufels! der Herzog wird wohl früher oder später nach Agen zurückkehren müssen.

»Ich danke,« erwiederte der junge Edelmann mit trockenem Tone. »Ich kenne Fräulein von Lartigues nur dem Namen nach und wünsche sie nicht anders kennen zu lernen.«

»Ihr habt bei Gott Unrecht. Nanon ist in jeder Beziehung ein gutes Mädchen.«

Der junge Manns faltete die Stirne.

»Ah, um Vergebung,« versetzte der Reisende erstaunt, »aber ich glaubte, in Eurem Alter . . .«

»Mein Alter ist allerdings das, in welchem man dergleichen Vorschläge gewöhnlich annimmt,« versetzte der Jüngling, als er die schlimme Wirkung bemerkte, welche sein strenges Wesen hervorbrachte, »und ich würde ihn ebenfalls gern annehmen, wäre ich nicht hier auf der Durchreise und genöthigt, meinen Weg noch in dieser Nacht fortzusetzen.«

»Oh! bei Gott, Ihr werdet wenigstens nicht gehen, bevor ich weiß, wer der edle Ritter ist, der nur auf eine so zuvorkommende Weise das Leben gerettet hat.«

Der junge Mann schien zu zögern; dann nach einem Augenblick:

»Ich hin der Vicomte von Cambes.«

»Ah, ah,« rief der Andere, »ich hörte von einer reizenden Vicomtesse von Cambes sprechen, welche eine bedeutende Anzahl von Gütern rings um Bordeaux besitzt und die Freundin der Frau Prinzessin ist.«

»Das ist meine Verwandtin,« sprach der Jüngling lebhaft.

»Meiner Treue, ich wache Euch mein Compliment, Vicomte, denn man nennt sie unvergleichlich. Ich hoffe, wenn mich die Gelegenheit in dieser Hinsicht begünstigt, werdet Ihr mich derselben vorstellen. Ich bin der Baron von Canolles, Kapitän in Navailles, und benütze für den Augenblick einen Urlaub, den mir der Herzog von Epernon auf Empfehlung von Fräulein von Lartigues bewilligt hat.«

»Der Baron von Canolles!« rief der Vicomte und schaute diesen mit der ganzen Neugierde an, welche in ihm der in den galanten Abenteuern jener Zeit berühmte Name erweckte.

»Ihr kennt mich,« sprach Canolles.

»Nur dem Rufe nach,« antwortete der Vicomte.

»Dein schlimmen Rufe nach, nicht wahr? Was wollt Ihr? Jeder folgt seiner Natur und ich, ich liebe das bewegte Leben.«

»Es steht Euch vollkommen frei, mein Herr, zu leben, wie es Euch zusagt.« erwiederte der Vicomte. »Erlaubt mir jedoch eine Bemerkung.«

»Welche?«

»Es wird hier eine Frau furchtbar Euretwegen gefährdet, und der Herzog wird sich dafür, daß er durch Euch hintergangen worden ist, rächen.«

»Teufel! Ihr glaubt?«

»Allerdings, wenn auch eine . . . leichtsinnige . . . Frau, ist darum Nanon von Lartigues nicht minder Frau, und durch Euch compromittiert. Es ist folglich Eure Sache, über ihr zu wachen.«

»Ihr habt meiner Treue Recht, junger Nestor, und ich besaß bei dem Zauber Eurer Unterhaltung meine Pflichten als Edelmann. Wir werden verrathen worden sein, und der Herzog weiß ohne Zweifel Alles. Wäre nur Nanon davon in Kenntniß gesetzt: sie ist geschickt, und ich würde mich auf sie verlassen, daß sie es dahin brächte, daß der Herzog um Verzeihung bitten müßte. Laßt hören, versteht Ihr den Krieg, junger Mann?«

»Noch nicht,« antwortete der Vicomte lachend; »aber ich glaube da, wohin ich gehe, werde ich ihn lernen.«

»Wohl, seine erste Lection! Ihr wißt, daß man im guten Kriege, wenn die Kraft unnütz ist, List anwenden muß; helft mir also eine List ausführen.«

»Gern. Aber sprecht, auf welche Art?«

»Das Wirthshaus hat zwei zwei Thüren.«

»Das weiß ich nicht.«

»Aber ich weiß es; eine geht auf die Landstraße, die andere auf das Feld. Ich entferne mich durch diejenige, welche auf das Feld geht, beschreibe einen Halbkreis und klopfe an das Haue von Nanon, welches ebenfalls eine Hinterthüre hat.«

»Ja, damit man Euch dort ertappt?« rief der Vicomte. »Ihr seid in der That ein guter Taktiker.«

»Damit man mich ertappt?« versetzte Canolles.

»Allerdings. Des Harrens müde, und da er Euch nicht wieder von hier herauskommen sah, wird der Herzog nach dem Hause zurückgekehrt sein.«

»Ja, ich gehe aber nur hinein und sogleich wieder zurück.«

»Seid Ihr einmal innen, so kommt Ihr nicht wieder heraus.«

»Junger Mann,« sprach Canolles, »Ihr seid offenbar ein Zauberer.«

»Ihr werdet ertappt und vielleicht unter ihren Augen getödtet, das ist das Ganze.«

»Bah!« sagte Canolles, »es gibt Schränke.«

»Oh!« rief der Vicomte.

Dieses Oh! Wurde mit einem so beredten Tone ausgesprochen, es enthielt so viele verschiedene Vorwürfe, es lag darin so viel Schamhaftigkeit, so viel Zartgefühl, daß Canolles plötzlich inne hielt und trotz der Dunkelheit seinen durchdringenden Blick auf den jungen Mann heftete, der sich mit dem Ellbogen auf das Fenster lehnte.

Der Vicomte fühlte das ganze Gewicht dieses Blickes und versetzte mit heiterer Miene:

»Ihr habt im Ganzen Recht,– Baron, geht; verbergt Euch nur gut, damit man Euch nicht ertappt.«

»Nein, ich habe Unrecht,« sprach Canolles, »und Ihr habt Recht. Aber wie sie benachrichtigen?«

»So scheint mir, ein Brief . . .«

»Wer wird ihn zu ihr tragen?«

»Ich glaubte einen Lackeien bei Euch gesehen zu haben. Ein Lackei wagt unter solchen Umständen nur einige Stockschläge, während ein Edelmann sein Leben einsetzt.«

»Ich will meinen Kopf verlieren, wenn Castorin den Auftrag nicht vortrefflich vollzieht, umso mehre als ich vermuthe, daß der Bursche ein Einverständniß im Hause hat.«

»Ihr seht, daß sich Allen auf diese Art ordnen läßt,« sprach der Vicomte.

»Ja; habt Ihr Dinte, Papier und Feder?«

»Nein,« sagte der Vicomte, »doch es gibt da unten.«

»Um Vergebung,« versetzte Canolles, »aber in der That, ich weiß nicht, wie mir diesen Abend geschieht, und ich mache Dummheit auf Dummheit. Gleichviel, ich danke für Euren guten Rath, Vicomte, und werde ihn sogleich befolgen.«

Und ohne mit den Augen den jungen Mann zu verlassen, den er seit einigen Momenten mit besonderer Beharrlichkeit prüfend anschaute, erreichte Canolles die Thüre und stieg die Treppe hinab, während der Vicomte sehr beunruhigt murmelte:

»Wie er mich anschaute sollte er mich erkannt haben!«

Canolles war indessen hinab gegangen, und nachdem er einen Augenblick als tief bekümmerter Mann die Wachteln, die Feldhühner und die Leckerbissen betrachtet hatte, welche Meister Biscarros selbst in dem Tischkorbe auf dem Kopfe seines Küchengehilfen aufhäufte, und die ein Anderer vielleicht essen sollte, obgleich sie für ihn bestimmt waren, fragte er nach dem Zimmer, das ihm Castorin hatte bereiten müssen, ließ sich Dinte, Feder und Papier bringen und schrieb folgenden Brief an Nanon:

»Liebe Dame,

»Hundert Schritte von Eurer Thüre könnt Ihr, wenn Euch die Natur die Fähigkeit verliehen hat, in der Nacht zu sehen, in einer Baumgruppe den Herzog von Epernon erblicken, der mich erwartet, um mich todt schießen zu lassen und Euch hernach furchtbar zu compromittiren. Aber ich wünsche eben so wenig das Leben zu verlieren, als Euch Eure Ruhe verlieren zu lassen. Bleibt also im Frieden auf jener Seite. Ich, was mich betrifft, will ein wenig den Urlaub benutzen, den Ihr einst unterzeichnen ließet, damit ich von meiner Freiheit Gebrauch mache, um Euch zu sehen. Wohin ich gehe, weiß ich nicht, und ich weiß sogar nicht, ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Wie dem sein mag, ruft Euren Flüchtling zurück, sobald der Sturm vorüber ist. Man wird Euch im Goldenen Kalbe sagen, welchen Weg ich eingeschlagen habe. Hoffentlich werdet Ihr mir für das Opfer Dank wissen, das ich mir auferlege. Eure Interessen sind mir teurer, als mein Vergnügen. Ich sage mein Vergangen, denn es hätte mir Freude gemacht, Herrn von Epernon und seine Sbirren unter ihrer Verkleidung durchzuprügeln. Glaubt also, liebe Seele, daß ich Euer Ergebener und vor Allem sehr Treuer bin.«

Canolles unterzeichnete, das von der gascognischen Prahlerei, deren Wirkung auf die Gascognerin Nanon er kannte, ganz kochende Billet, rief dann seinen Bedienten und sagte zu diesem:

»Hierher, Meister Castorin, und gestehe offenherzig, wie weit Du mit Mademoiselle Francinette gekommen bist?«

»Gnädiger Herr,« antwortete Castorin ganz erstaunt über diese Frage, »ich weiß nicht, ob ich soll . . .«

»Sei unbesorgt, Meister Dummkopf, ich habe keine Absicht auf sie, und Du hast nicht die Ehre, mein Nebenbuhler zu sein. Ich verlange von Dir nur eine einfache Auskunft,«

»Ah! dann ist es etwas Anderes, gnädiger Herr. Mademoiselle Francinette besitzt Verstand genug, um meine Eigenschaften zu würdigen.«

»Du stehst also auf das Beste mit ihr, Taugenichts? Sehr gut. Nimm diesen Billet, umgehe den Wiesengrund . . .«

»Ich weiß den Weg genau,« sprach Castorin mit einer anmaßenden Miene.

»Das ist richtig. Klopfe an der Hinterthüre; ohne Zweifel kennst Du auch die Hinterthüre?«

»Allerdings.«

»Immer besser. Schlage diesen Weg ein, klopfe an die Thüre und übergib diesen Brief Mademoiselle Francinette.«

»Ich kann also in diesem Falle . . .« rief Castorin freudig.

»Du kannst sogleich abgehen und hast zehn Minuten für den Gang hin und zurück. Dieser Brief muß im Augenblick Fräulein Nanon von Lartigues übergeben werden.«

»Aber, gnädiger Herr,« entgegnete Castorin, der ein mißliches Abenteuer roch, »wenn man mir die Thüre nicht öffnet?«

»So bist Du ein Dummkopf; Du mußt doch eine besondere Art des Anklopfens haben, bei der man einen artigen Menschen nicht außen läßt; ist es anders, so bin ich ein sehr beklagenswerther Edelmann, daß ich einen solchen Lumpenkerl in meinen Diensten habe.«

»Ich habe meine Weise,« erwiederte Castorin mit seiner siegreichsten Miene. »Ich klopfe zuerst zweimal in gleichen Zwischenräumen, dann zum dritten Male.«

»Ich frage Dich nicht, auf welche Weise Du klopfst, gleichviel, wenn man Dir nur öffnet. Erwischt man Dich, so verschlinge das Papier; thust Du es nicht, so schneide ich Dir bei Deiner Rückkehr die Ohren ab, wenn dies nicht bereite geschehen ist.«

Castorin ging wie der Blitz ab. Aber unten an der Treppe blieb er stille stehen und steckte das Billet, gegen alle Regel, oben in seinen Stiefel; dann entfernte er sich durch die Thüre des Geflügelhofes, machte einen langen Umkreis, wobei er durch das Gebüsch schlich wie ein Fuchs und über die Gräben setzte wie ein Windhund, klopfte an die geheime Thüre, auf die Weise, welche er seinem Gebieter zu erklären versucht hatte, und dieses Klopfen war auch so wirksam, daß sich sogleich die Thüre öffnete.

Zehn Minuten nachher kam Castorin, ohne daß ihm irgend etwas Mißliches begegnet war, zurück und meldete seinem Herrn, das Billet wäre in die schönen Hände von Fräulein Nonen übergeben worden.

Canolles hatte diese zehn Minuten benutzt, um seinen Mantelsack zu öffnen, seinen Schlafrock herauszunehmen und sich den Tisch decken zu lassen. Er hörte zu seiner großen Befriedigung den Bericht von Castorin, machte einen Gang in die Küche, gab mit lauter Stimme seine Befehle und gähnte unmäßig, wie ein Mensch, der ungeduldig den Augenblick, des Schlafengehens erwartet. Ließ der Herzog von Epernon ihn belauern, so sollte er durch dieses Manoeuvre auf den Glauben kommen, der Baron hätte nie die Absicht gehabt, weiter als zu dem Gasthause zu gehen, wohin er als ein einfacher und harmloser Reisender gekommen wäre, um Abendbrod und ein Nachtlager zu fordern. Dreier Plan hatte wirklich das von dem Baron gewünschte Resultat; ein Mensch, der einem Bauern glich, trank in dem dunkelsten Winkel der Wirthsstube, rief dem Kellner, bezahlte seine Zeche, stand auf und entfernte sich ein Lied trällernd. Canolles folgte ihm an die Thüre und sah, wie er sich nach der Baumgruppe wandte. Zehn Minuten nachher hörte er den Tritt mehrerer Pferde: der Hinterhalt war aufgehoben.

Der Baron kehrte nun zurück, und da sein Geist in Beziehung auf Nanon völlig frei war, so dachte er nur daran, den Abend auf die vergnüglichste Weise zuzubringen. Er befahl demzufolge Castorin, Karten und Würfel bereit zu legen, und als hierfür gesorgt war, zu dem Vicomte von Cambes zu gehen und nachzufragen, ob er ihm wohl die Ehre erweisen würde, ihn zu empfangen.

Castorin gehorchte und fand auf der Schwelle des Zimmers einen alten Stallmeister mit weißen Haaren, welchen die Thüre halb geöffnet hielt und auf sein Compliment mit einer verdrießlichen Miene antwortete:

»Unmöglich, der Herr Vicomte hat in diesem Augenblick Geschäfte.«

»Sehr gut,« sprach Canolles, »ich werde warten.«

Und als er ein gewaltigen Geräusch in der Gegend der Küche vernahm, begab er sich, um die Zeit zu tödten, dahin und sah nach, was sich in diesem wichtigen Theile den Hauses ereignete.

Es war der arme Küchenjunge, welcher mehr todt als lebendig zurückkehrte. An der Biegung des Wegen war er von vier Männern angehalten worden, die ihn über den Zweck seines nächtlichen Spazierganges befragten, und als sie hörten, er habe Abendbrod zu der Dame des vereinzelten Hauses zu tragen, ihn seiner Mütze, seines weißen Wammses und seiner Schürze beraubten. Der Jüngste von den vier Männern zog sodann die Insignien seines Standes an, stellte den Korb im Gleichgewicht auf seinen Kopf und setzte statt des Küchenlehrlings den Weg nach dem kleinen Hause fort. Zehn Minuten nachher kehrte er zurück und besprach sich ganz leise mit demjenigen, welcher der Anführer der Truppe zu sein schien. Dann gab man dem Küchenjungen sein Wamms, seine Mütze und seine Schürze zurück, zurück, setzte ihm seinen Korb wieder auf den Kopf und ertheilte ihm einen Fußtritt, am ihn in die Richtung zu bringen, die er verfolgen sollte. Mehr verlangte der arme Teufel nicht. Er lief aus Leibeskräften und fiel halb todt vor Schrecken auf die Thürschwelle, wo man ihn aufhob.

Diesen Abenteuer war sehr unverständlich für alle Welt, mit Ausnahme den Canolles. Da dieser aber, keinen Grund hatte, eine Erläuterung darüber zu geben, so ließ er Wirth, Kellner, Mägde und Küchenjungen sich in Vermuthungen verlieren, und während sie nach Kräften schwärmten, ging er zu dem Vicomte hinauf, öffnete in der Voraussetzung, die erste Anfrage, die er durch die Vermittelung von Castorin gestellt hatte, überhebe ihn eines zweiten Schrittes dieser Art, die Thüre ohne weitere Umstände und trat ein.

Eine beleuchtete und mit zwei Gedecken versehene Tafel stand mitten im Zimmer und erwartete, um vollständig zu sein, nur die Platten, mit denen sie geschmückt werden sollte.

Canolles bemerkte diese zwei Gedecke und betrachtete dieselben als ein freudiges Vorzeichen.

Als aber der Vicomte ihn erblickte, stand er mit einer so ungestümen Bewegung auf, daß man leicht sehen kannte, der Besuch habe den jungen Mann überrascht und das zweite Gedecke sei nicht, wie er sich Anfangs geschmeichelt hatte, für ihn bestimmt.

Dieser Zweifel wurde durch die ersten Worte bestätigt, die der Vicomte an ihn richtete.

»Darf ich wohl fragen, Herr Baron,« sagte dieser, stets ceremoniös gegen ihn vorschreite, »welchem neuen Umstande ich die Ehre Eures Besuches zu verdanken habe?«

»Ei,« erwiederte Canolles, etwas verblüfft durch diesen sonderbaren Empfang, »einem ganz natürlichen Umstande. Ich bekam Hunger und dachte, Ihr müßtet auch bekommen haben. Ihr seit allein, ich bin auch allein und wollte die Ehre haben, Euch den Vorschlag zu machen, mit mir zu Nacht zu speisen.

Der Vicomte schaute Canolles mit sichtbarem Mißtrauen an und schien einigermaßen in Verlegenheit zu sein, wie er ihm antworten sollte.

»Bei meiner Ehre, sprach Canolles lachend, »man sollte glauben, ich machte Euch bange. Seid Ihr Malteserritter? Bestimmt man Euch für die Kirche, oder hat Euch Eure Familie im Abscheu vor den Canolles aufgezogen? . . . Bei Gott, ich werde Euch nicht in einer Stunde zu Grunde richten, die wir mit einander bei Tische zubringen.«

»Ich kann unmöglich zu Euch hinab kommen, Baron.«

»Gut, so kommt nicht herab,i aber da ich zu Euch herauf gekommen bin . . .«

»Noch viel unmöglicher, mein Herr. Ich erwarte Jemand.«

Diesmal wurde Canolles gleichsam aus dem Sattel gehoben.

»Ah! Ihr erwartet Jemand?« sprach Canolles.

»Ja.«

»Meiner Treue,« sagte Canolles nach kurzem Stillschweigen, »meiner Treue, es wäre mir lieber, Ihr hättet mich meinen Weg fortsetzen lassen, auf die Gefahr, was mir auch begegnet sein dürfte, statt durch den Widerwillen, den Ihr gegen mich an den Tag legt den Dienst zu verderben, den Ihr mir leistetet, und wofür ich Euch nicht genug gedankt zu haben scheine.

Der Jüngling erröthete, näherte sich Canolles und sprach mit zitternder Stimme:

»Um Vergebung, mein Herr, ich begreife meine ganze Unhöflichkeit, und wenn es nicht wichtige Angelegenheiten, Familienangelegenheiten wären, die ich mit der Person zu besprechen habe, welche ich erwarte, so würde ich es mir zugleich zur Ehre und zum Vergnügen schätzen, Euch als Dritten zu empfangen, obschon . . .«

»Oh, vollendet,« sprach Canolles, »was Ihr mir auch sagen möget, ich in entschlossen, mich nicht darüber zu ärgern.«

»Obschon,« fuhr der junge Mann fort, »unsere Bekanntschaft eine von den unvorhergesehenen Wirkungen des Zufalls, eines von den ephemeren Verhältnissen ist . . .«

»Und warum dies?« fragte Canolles. »Auf diese Art schließen sich im Gegentheil die langen und aufrichtigen Freundschaften. Man braucht nur der Vorsehung aus dem, was Ihr dem Zufall zuschreibt, ein Verdienst zu machen.«

»Die Vorsehung, mein Herr,« versetzte der Vicomte lachend, »will, daß ich in zwei Stunden abreise, und aller Wahrscheinlichkeit nach einer, der Eurigen entgegengesetzten Straße folge. Empfangt also mein ganzes Bedauern, daß ich nicht wie ich es wünschte, diese Freundschaft annehmen kann, die Ihr mir auf eine so herzliche Weise bietet, und deren vollen Werth ich zu schätzen weiß.«

»Meiner Treue,« sprach Canolles, »Ihr seid ein seltsamer Junge, und Euer edelmüthiges Wesen hatte mir Anfangs einen ganz andern Begriff von Eurem Charakter gegeben. Doch es mag sein, wie Ihr es wünscht. Ich habe allerdings nicht das Recht, Forderungen zu stellen, denn ich bin Euch zu Dank verpflichtet, und Ihr habt viel mehr für mich gethan, als ich von einem Unbekannten zu erwarten befugt war. Ich kehre zurück, um allein zu Nacht zu speisen; aber in der That, Vicomte, es wird mir schwer, denn das Selbstgespräch gehört nicht zu meinen Gewohnheiten.«

Ungeachtet dessen, was Canolles gesagt hatte, und trotz den Entschlusses, sich zu entfernen, den seine Worte ankündigten, zog er sich nicht zurück. Irgend etwas, worüber er sich keine Rechenschaft geben konnte, fesselte ihn an den Boden. Er fühlte sich unwiderstehlich zu dem Vicomte hingezogen; aber dieser nahm eine Kerze, näherte sich Canolles reichte ihm die Hand und sprach mit einem reizenden Lächeln:

»Mein Herr, wie es auch sein mag, und so kurz unser Zusammentreffen auch gewesen ist, so glaubt mir doch, daß es mich entzückt, wenn ich Euch zu irgend Etwas nützlich gewesen bin.«

Canolles sah nur das Compliment: er nahm die Hand, die ihm der Vicomte darreichte und die, statt den männlichen, freundschaftlichen Druck zu erwiedern, sich lau und zitternd zurückzog. Er begriff, daß, so umwickelt er auch mit einer höflichen Phrase war, der Abschied, den ihm der junge Mann gab, darum nicht minder als ein Abschied betrachtet werden mußte, und entfernte sich, völlig in seinen Hoffnungen getäuscht und ganz in Gedanken versunken.

An der Thüre begegnete er dem zahnlosen Lächeln des alten Dieners, der die Kerze aus den Händen des Vicomte nahm, Canolles auf eine unterthänige Weise bis an sein Zimmer begleitete und dann sogleich wieder zu seinem Herrn hinaufstieg, welcher ihn oben an der Treppe erwartete.

»Was macht er?« fragte der Vicomte mit leiser Stimme.

»Ich glaube, er entschließt sich, allein zu Nacht zu speisen.« antwortete Pompée

»Dann wird er nicht mehr heraufkommen.«

»Ich hoffe es wenigstens.«

»Bestelle die Pferde, Pompée, es ist immerhin gewonnene Zeit. Aber,« fügte der Vicomte horchend bei, »was für ein Lärm ist das?«

»Man sollte glauben, es wäre die Stimme von Herrn Richon.«

»Und die von Herrn von Canolles.«

»Sie zanken sich, wie es scheint,«

»Im Gegentheil, sie erkennen sich. Hört!«

»Wenn nur Richon nicht schwatzt!«

»Oh, es ist nichts zu befürchten, er ist ein umsichtiger Mann.«

»Stille . . .«

Die zwei Horcher schwiegen, und man vernahm die Stimme von Canolles.

»Zwei Gedecke, Meister Biscarros!« rief der Baron, »zwei Gedecke! Herr Richon speist mit mir.«

»Nein, wenn es Euch gefällig ist,« antwortete Richon. »Unmöglich!«

»Ah! Ihr wollt also allein zu Nacht speisen, wie der junge Edelmann.«

»Welcher Edelmann?«

»Der da oben.«

»Wie heißt er?«

»Vicomte von Cambes.«

»Kennt Ihr den Vicomte?«

»Bei Gott! er hat mir das Leben gerettet.«

»Er?«

»Ja, er.«

»Wie dies?«

»Speist mit mir zu Nacht, und ich erzähle Euch die Geschichte während des Mahles.«

»Ich kann nicht; ich speise mit ihm.«

»In der That, er erwartet Jemand.«

»Das bin ich, und da ich bereits zu spät komme, so erlaubt mir, daß ich Euch verlasse, nicht wahr, Baron?«

»Nein, Donner und Teufel! ich erlaube es nicht!« rief Canolles. »Ich habe mir in den Kopf gesetzt, in Gesellschaft zu speisen, und Ihr eßt mit mir oder ich esse mit Euch. Meister Biscarros, zwei Gedecke!«

Aber während Canolles sich umwandte, um zu sehen, ob dieser Befehl vollzogen werde, hatte Richon die Treppe erreicht und stieg rasch die Stufen hinauf. Als er auf die letzte Stufe gelangte, begegnete seine Hand einer kleinen Hand, die ihn in das Zimmer des Vicomte von Cambes zog, dessen Thüre sich hinter ihm schloß und deren Verschluß zu größerer Sicherheit noch durch zwei Riegel verstärkt wurde.

»In der That,« murmelte Canolles, während er vergeblich mit seinen Augen den verschwundenen Richon suchte und sich an seinen einsamen Tisch setzte, »in der That, ich weiß nicht, was man in diesem verfluchten Lande gegen mich hat. Die Einen laufen mir nach, um mich zu tödten, die Andern fliehen mich, als ob ich die Pest hätte. Beim Teufel, mein Appetit stirbt dahin. Ich fühle, daß ich traurig werde, und bin fähig mich zu betrinken, wie ein Landsknecht. Hollah, Castorin! Hierher, damit ich Dich durchprügle. Sie schließen sich da oben ein, als ob sie sich verschwören wollten! Ah, doppelter Ochs, der ich bin, in der That, sie konspirieren! So ist es: damit erklärt sich Alles. Für wen aber konspirieren sie? für den Coadjutor, für die Prinzen, für das Parlament, für den König, für Herrn von Mazarin? Meiner Treue, sie mögen konspirieren, für oder gegen wen sie wollen, mir gleichviel, mein Appetit hat sich wieder eingestellt. Castorin, laß auftragen und schenke mir ein; ich verzeihe Dir.«

Und Canolles hielt sich philosophisch an das erste Abendbrod, das für den Vicomte von Cambes bereitet worden war und von Meister Biscarros, in Ermanglung neuer Mundvorräthe, ihm aufgewärmt serviert werden wußte.

Während der Baron von Canolles vergeblich einen Menschen suchte, der sein Abendbrod mit ihm theilen sollte, und seiner fruchtlosen Nachforschungen müde allein zu Nacht zu speisen sich entschloß, wollen wir sehen, was bei Nanon vorging.

Nanon, was ihre Feinde auch gesagt und geschrieben haben mögen, und unter die Zahl ihrer Feinde muß man die meisten Schriftsteller rechnen, welche sich mit ihr beschäftigten, war zu jener Zeit ein reizendes Geschöpf von fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren, klein von Wuchs, mit brauner Haut, aber mit geschmeidigem, anmuthigem Wesen, mit lebhaften, frischen Farben, mit tiefschwarzen Augen, deren durchsichtige Hornhaut in allen Regenbogenfarben, in allen Reflexen und Feuern spielte, wie die der Katzen. Heiteren Angesichts, scheinbar lachend, war Nanon jedoch weit entfernt, ihren Geist allen Launen, allen Nichtswürdigkeiten hinzugeben, welche mit tollen Arabesken den seidenen und goldenen Einschlag sticken, aus dem gewöhnlich das Leben einer Petite-maitre besteht. Reiflich und lange in ihrem eigensinnigen Kopfe abgewogen, nahmen im Gegentheil die ernsthaftesten Erörterungen ein im höchsten Maße verführerisches, leuchtendes Aeußere an, wenn sie sich durch ihre vibrierende Stimme mit dem stark gascognischen Accente verdolmeschten. Niemand hatte unter dieser rosigen Maske mit den feinen, lachenden Zügen, unter diesen glühenden Blicke voll wollüstiger Versprechungen die unermüdliche Beharrlichkeit, die unüberwindliche Standhaftigkeit und Tiefe des Staatsmannes errathen, und dennoch waren dies die Eigenschaften oder die Fehler von Nanon, je nachdem man sie von der Vorderseite oder von der Rückseite der Medaille betrachten will, dennoch war dies der berechnende Geist, das ehrgeizige Gemüth, dem ein Körper voll Eleganz als Hülle diente.

Nonen war von Agen. Der Herr Herzog von Epernon, der Sohn des unzertrennlichen Freundes von Heinrich IV., desjenigen, welcher mit ihm im Wagen saß, in dem Augenblicke, wo ihn das Messer von Ravillac traf, und über welchen der Verdacht schwebte, der bis auf Catharina von Medicis zurückging, der Herzog von Epernon hatte, zum Gouverneur der Guienne ernannt, wo ihn sein hochmüthiges Wesen, seine Anmerkungen und seine Erpressungen allgemein verhaßt machten, dieses kleine Bürgermädchen, die Tochter eines einfachen Advokaten, ausgezeichnet. Er machte ihr den Hof und legte mit großer Mühe und nach einer Vertheidigung, welche mit der Geschicklichkeit eines großen Taktikers ausgehalten wurde, der seinen Sieger den Preis den Sieges fühlen lassen will. Aber als Lösegeld für ihren nun verlorenen Ruf beraubte Nanon den Herzog seiner Macht und seiner Freiheit. Nach Verlauf einer Verbindung von sechs Monaten mit dem Gouverneur von Guienne wer es wirklich sie, welche die schöne Provinz regierte, und sie gab mit Wucher allen denen, welche sie einst verletzt oder gedemüthigt hatten, die empfangenen Beleidigungen zurück. Königin aus Zufall, wurde sie Tyrannin aus Berechnung. Bei ihrem feinen Geiste hatte sie das Vorgefühl, daß man die wahrscheinliche Kürze der Herrschaft durch den Mißbrauch ersetzen müßte.

Sie bemächtigte sich demzufolge Alles dessen, was in ihr Bereich kam, riß Schätze, Einfluß, Ehrenstellen an Sich. Sie wurde reich, sie ernannte zu Aemtern, und empfing die Besuche von Mazarin und den ersten Herren des Hofes. Mit wunderbarer Geschicklichkeit die verschiedenen Elemente, über welche sie zu verfügen hatte, zusammenfassend, machte sie sich daraus ein ihrem Ansehen nützliches, ihrem Vermögen vortheilhaftes Amalgam. Jeder Dienst, den Nanon leistete, hatte seinen bestimmten Preis. Ein Grad im Heere, eine Stelle in der bürgerlichen Verwaltung, Alles war in einen Tarif gebracht. Nanon bewilligte einen solchen Grad oder eine solche Stelle, aber man mußte ihr dafür in schönem, gutem Gelde oder durch ein königlichen Geschenk Zahlung leisten. Wenn sie sich so einen Bruchstückes von Gewalt zum Vortheile irgend einen Menschen entäußerte so nahm sie dieses Bruchstück unter einer andern Form wieder ein. Sie gab die Gewalt, behielt aber das Geld, das der Nerv davon ist.«

Dies erklärt die Dauer ihrer Herrschaft: denn die Menschen zögern in ihren Hasse, einen Feind zu stürzen, dem noch ein Trost bleibt. Die Rache will eine völlige Niederlage, ein gänzliches Zugrunderichten. Die Völker jagen ungerne einen Tyrannen fort, der ihr Gold mit sich nehmen und lachend weggehen würde. Nanon von Lartigues besaß zwei Millionen.

Sie lebte auch mit einer Art von Sicherheit auf dem Vulkan, der beständig um sie herum bebte. Sie hatte gefühlt, wie der Volkshaß der Fluth ähnlich stieg, immer größer wurde und mit seinen Wellen die Gewalt von Herrn von Epernon peitschte, der an einem Tage des Zorns von Bordeaux vertrieben, Nanon mit sich zog, wie die Barke dem Schiffe folgt. Nanon beugte sich unter dem Sturme, bereit sich wieder zu erheben, sobald der Sturm vorübergegangen wäre. Sie nahm Herrn von Mazarin zum Muster und trieb, eine demüthige Schülerin, von ferne die Politik des gewandten, geschmeidigen Italieners. Der Cardinal bemerkte diese Frau, welche durch dieselben Mittel, die aus ihm einen ersten Minister und den Besitzer von fünfzig Millionen gemacht hatten, sich vergrößerte und bereicherte. Er bewunderte die kleine Gascognerin; er that noch mehr, er ließ sie gewähren. Man wird vielleicht später erfahren, warum.

Dessen ungeachtet und obgleich Einige, die sich sehr gut unterrichtet nannten, die Behauptung aussprachen, sie stehe in unmittelbarem Briefwechsel mit Herrn von Mazarin, sprach man doch wenig von den politischen Intriguen der schönen Nanon. Canolles selbst, der übrigens hübsch, jung und reich, nicht begriff, das man Intrigant zu sein nöthig haben könnte, wußte nicht, woran er sich in dieser Beziehung zu halten hatte.

Was ihre Liebesintriguen betrifft, mag es nun sein, daß Nanon, mit ernsteren Sorgen beschäftigt, diese auf spätere Zeiten verschob, mag der Lärm, den die Liebe von Herrn von Epernon für sie machte, den Lärm gleichsam verschlungen haben, den Liebschaften zweiten Ranges hätten machen können, jedenfalls waren selbst ihre Feinde nicht verschwenderisch an Scandal gegen sie gewesen, und in seiner persönlichen und nationalen Eitelkeit, konnte Canolles mit einem gewissen Rechte glauben, Nanon habe sich vor seiner Ankunft unüberwindlich gezeigt. Wurde Canolles wirklich der erste Liebeserguß diesen bis dahin nur dem Ehrgeize zugänglichen Herzens zu Theil, oder hatte die Klugheit seinen Vorgängern eine unbegrenzte Discretion gerathen, Nanon mußte als Geliebte ein reizendes Weib, Nanon mußte beleidigt eine furchtbare Feindin sein.

Die Bekanntschaft von Nanon und Canolles hatte sich auf die natürlichste Weise gebildet; Canolles, Lieutenant im Regimente Navailles, wollte Kapitän werden. Er mußte zu diesen Behufe an Herrn von Epernon, den commandirenden General der Infanterie, schreiben. Nanon las den Brief, sie antwortete wie gewöhnlich, im Glauben, sie behandle eine Geschäftsache, und bewilligte Canolles eine Zusammenkunft in diesem Sinne. Canolles wählte unter seinen Familienjuwelen einen prachtvollen Ring, der wenigstens fünfhundert Pistolen werth war. Es war dies immer noch minder theuer, als sich eine Compagnie zu kaufen, und begab sich sodann zu dem Rendezvous. Aber der Sieger Canolles, dem sein prunkables Geleite von gutem Glück voranging, brachte diesmal die Berechnungen und das Besteuerwesen des Fräulein von Lartigues in Verwirrung. Es war das erste Mal, daß er Nanon sah, es war das erste Mal, daß Nanon ihn sah. Sie waren beide jung, schön und geistreich. Die Zusammenkunft ging in gegenseitigen Artigkeiten hin, von dem Geschäfte war nicht mit einer Sylbe die Rede, und dennoch wurde das Geschäft abgemacht. Am andern Morgen erhielt Canolles sein Kapitänspatent, und als der kostbare Ring von seinem Finger, an den von Nanon überging, war es nicht mehr der Preis des befriedigten Ehrgeizes, sondern das Pfand glücklicher Liebe.

Zu Erklärung den Aufenthaltes von Nanon in der Nähe des Dorfes Matifou wird die Geschichte genügen. Der Herzog von Epernon hatte sich, wie wir erwähnten, in Guienne verhaßt gemacht. Nanon, der man die Ehre erwies, sie in einen bösen Genius zu verwandeln, hatte sich verwünscht gemacht. Ein Aufstand verjagte Beide von Bordeaux und trieb sie nach Agen. In Agen aber begann der Aufruhr abermals. Eines Tage warf man auf einer Brücke den vergoldeten Wagen um, in welchem Nonen den Herzog einholen sollte. Nanon befand sich, ohne daß man wußte wie, im Flusse, und Canolles zog sie heraus. In einer Nacht brach in dem Hause von Nanon Feuer aus. Canolles drang bis in ihr Schlafzimmer und rettete sie aus den Flammen. Nanon dachte, ein dritter Versuch könnte den Bewohnern von Agen wohl gelingen. – Obgleich Canolles sich so wenig als möglich von ihr entfernte, so hätte er doch nur durch ein Wunder stets im bestimmten Augenblicke bei ihr sein können, um sie der Gefahr zu entziehen. Sie benutzte einen Abgang den Herzogs, der eine Runde in seinem Gouvernement versuchen wollte, und eine Eskorte von zwölfhundert Mann, von welcher ein Theil zu dem Regiment Navailles gehörte, um sich aus der Stadt zu gleicher Zeit mit Canolles zu entfernen, wobei sie aus dem Schlage, ihrer Carrosse den Pöbel verhöhnte, der gern den Wagen in Stücke geschlagen hätte, aber nicht den Muth dazu besaß.

Dann wählten der Herzog und Nanon, oder Canolles hatte vielmehr insgeheim das kleine Landhaus gewählt, wo Nanon wohnen sollte, bis man ihr ein Haus in Libourne eingerichtet haben würde. Canolles erhielt einen Urlaub, scheinbar um einige Familienangelegenheiten in der Heimath abzumachen, in Wirklichkeit aber, um das Recht zu haben, sein Regiment zu verlassen, das nach Agen zurückgekehrt war, und um sich nicht zu weit von Matifou zu entfernen, wo seine beschützende Gegenwart nothwendiger wurde, als je. Die Ereignisse begannen wirklich einen beunruhigenden Ernst anzunehmen. Die Prinzen von Condé, von Conti und Longueville boten, am vorhergehenden 17. Januar verhaftet und in Vincennes eingesperrt, den vier oder fünf Parteien, welche Frankreich zu dieser Zeit theilten, ernten vortrefflichen Vorwand zum Bürgerkriege. Der Widerwille des Volkes gegen den Herzog von Epernon, von dem man wußte, daß er ganz und gar dem Hofe angehörte, Wuchs immer mehr, obgleich man vernünftiger Weise hätte hoffen sollen, er könnte nicht mehr zunehmen. Eine von allen Parteien, welche in der seltsamen Lage, in der sich Frankreich befand, nicht mehr wußten, woran sie waren, gewünschte Katastrophe stand nahe bevor. Nanon verschwand wie die Vögel, welche den Sturm kommen sehen, vom Horizont und kehrte in ihr Blätternest zurück, um dunkel und unbekannt das Ereigniß abzuwarten.

Sie gab sich für eine Wittwe aus, welche die Einsamkeit sucht: so hatte sie, wie man sich erinnern wird, Meister Biscarros bezeichnet.

Herr von Epernon war also am Tage vorher zu der reizenden Einsiedlerin gekommen und hatte ihr angekündigt, er würde zu einer Rundreise von acht Tagen abgehen. Sobald er sich entfernt hatte, schickte Nanon durch den Einnehmer, ihren Günstling, ein Wort an Canolles, der sich, seinen Urlaub benützend, in der Gegend aufhielt. Nur verschwand dieses kleine Wort im Original, wie wir erzählt haben, unter den Händen des Boten, und es wurde daraus eine Einladungsabschrift von der Feder von Cauvignac. Der sorglose Baron beeilte sich, dieser Einladung Folge zu leisten, als ihn der Vicomte von Cambes vierhundert Schritte von seinem Ziele zurückhielt.

Das Uebrige wissen wir.

Nanon erwartete also Canolles, wie eine liebende Frau wartet, das heißt, zehnmal in der Minute ihre Uhr aus der Tasche ziehend, jeden Augenblick sich dem Fenster nähernd, aus jedes Geräusche horchend und mit dem Blicke die rothe, glänzende Sonne befragend, welche hinter den Berg hinabsank, um dem ersten Schatten der Nacht Platz zu machen. Zuerst klopfte man an die Vorderthüre, und sie schickte hastig Francinette dahin. Aber es war nichts Anderes, als der vorgebliche Küchenjunge, welcher das Abendbrod brachte, wozu der Gast fehlte. Nanon tauchte ihre Blicke in das Vorzimmer und sah den falschen Boten von Meister Biscarros, welcher seinerseits in das Schlafzimmer schaute, wo ein kleiner Tisch mit zwei Gedecken bereit stand. Nanon empfahl Francinette die Fleischspeisen warm zu halten, schloß traurig die Thüre und kehrte an ihr Fenster zurück, das ihr, so viel man bei der ersten Dunkelheit sehen konnte, eine leere Straße zeigte.

Ein zweiter Schlag, ein Schlag besonderer Art, erscholl an der Hinterthüre und Nanon rief: »Er ist es!« Aber befürchtend, er könnte es abermals nicht sein, blieb sie unbeweglich mitten im Zimmer stehen. Einen Augenblick nachher öffnete sich die Thüre, und Mademoiselle Francinette erschien, mit bestürzter Miene, stumm und das Billet in der Hand haltend, auf der Schwelle. Die junge Frau erblickte das Papier, lief auf die Zofe zu, entriß ihr dasselbe, öffnete es und las mit der größten Angst.

Nanon war wie vom Blitze getroffen, Sie liebte Canolles in hohem Maße, aber bei ihr war der Ehrgeiz ein Gefühl, das der Liebe gleich kam, und wenn sie den Herzog verlor, verlor sie nicht nur ihr zukünftiges Glück sondern vielleicht auch Alles, was ihr das frühere Glück gebracht hatte. Doch es war eine Frau von Kopf; sie fing damit an, daß sie die Kerze auslöschte, welche ihren Schatten hätte zeigen können, und lief an das Fenster. Es war die höchste Zeit. Vier Männer näherten sich dem Hause, von dem sie nur noch etwa zwanzig Schritte entfernt waren. Der Mann mit dem Mantel ging voraus und in dem Mann mit dem Mantel erkannte Nanon ganz genau den Herzog. In diesem Augenblick trat Mademoiselle Francinette ein Licht in der Hand, ein. Nanon warf einen Blick der Verzweiflung auf den Tisch, auf die zwei Gedecke, auf die zwei Fauteuils, auf die zwei gestickten Kopfkissen, welche ihre freche Weiße auf dem carmoisinrothen Grund der Damastvorhänge ausbreiteten, auf das appetitliche Nachtnegligé endlich, das so gut mit allen diesen Vorbereitungen im Einklange stand.

»-Ich bin verloren,« dachte sie.

Aber beinahe in demselben Augenblicke kam diesem feinen Gedanke, und ein Lächeln umschwebte die Lippen von Nanon. Rasch wie der Blitz ergriff sie das für Canolles bestimmte einfache Kristallglas und warf es auf den Zufall in den Garten, zog aus einem Etui den goldenen Becher mit dem Wappen des Herzogs, legte neben den Teller sein Gedeck von Vermail, lief dann, zwar kalt vor Schrecken, aber mit einem in Eile gebildeten Lächeln, die Stufen hinab und gelangte in dem Augenblick zur Thüre, wo ein ernster, feierlicher Schlag daran ertönte.

Francinette wollte öffnen, aber Nanon ergriff sie beim Arme, stieß sie auf die Seite und sagte mit dem raschen Blicke, welcher bei ertappten Frauen den Gedanken so gut ersetzt:

»Es ist der Herr Herzog, den ich erwarte, und nicht Herr von Canolles.«

Dann zog sie selbst die Riegel zurück und warf sich dem Manne mit der weißen Feder, der eines seiner wildesten Gesichter bereit hielt, um den Hals.

»Ah!« rief Nanon, »mein Traum hat mich also nicht getäuscht. Kommt, mein lieber Herzog, Ihr sollt bedient werden, wir speisen sogleich zu Nacht.«

Epernon war ganz verblüfft; da jedoch die Liebkosung einer hübschen Frau immer gut hinzunehmen ist, so ließ er sich küssen.

Alsbald aber erinnerte er sich wieder, welche niederschmetternde Beweise er gegen sie besaß und sagte:

»Einen Augenblick, mein Fräulein, erklären wir uns, wenn es Euch gefällig ist.«

Und er machte mit der Hand den Männern, die ihm folgten, ein Zeichen. Sie wichen ehrfurchtsvoll zurück, jedoch ohne sich gänzlich zu entfernen; er war allein mit ernstem, abgemessenem Schritte in das Haus.

»Was habt Ihr denn, mein lieber Herzog?« sagte Nanon, mit einer so gut geheuchelten Heiterkeit, daß man sie hätte für natürlich halten sollen. »Habt Ihr vielleicht das letzte Mal, da Ihr hierher kamt, etwas vergessen, daß Ihr Euch so ängstlich nach allen Seiten umschaut?«

»Ja,« sprach der Herzog- »ich habe vergessen, Euch zu sagen, ich wäre kein Dummkopf, kein Géronte, wie Herr Cyano von Bergerac sie in seinen Komödien bringt, und da ich vergessen habe, Euch zu sagen, so komme ich in Person zurück, um es Euch zu beweisen.« .

»Ich begreife Euch nicht Monseigneur,« erwiederte Nanon mit der ruhigsten, offensten Miene. »Ich bitte, erklärt Euch.«

Der Blick des Herzogs heftete steh auf die zwei Fauteuls, ging von den zwei Fauteuils auf die zwei Gedecke und von den zwei Gedecken auf die zwei Kopfkissen über. Auf diesen verharrten seine Augen länger, und die Röthe des Zornes stieg dem Herzog ins das Gesicht.

Nanon hatte Alles dies vorhergesehen und erwartete den Erfolg der Prüfung mit einem Lächeln, das ihre Zähne, so weiß wie Perlen, enthüllte. Nur glich dieses Lächeln erneut Zusammenziehen der Nerven, und diese Zähne würden wohl geklappert haben, hätte sie die Furcht nicht aneinander geschlossen gehalten.

Der Herzog wandte seinen zornigen Blick auf sie.

»Ich warte immer noch auf das Belieben von Monseigneur,« sprach Nanon mit einer anmuthigen Verbeugung.

»Das Belieben von Monseigneur,« antwortete er, »besteht darin, daß Ihr mir erklären sollt, warum dieses Abendbrod?

»Weil ich, wie gesagt, einen Traum hatte, der mir ankündigte, daß Ihr, obgleich Ihr mich gestern verlassen, doch heute zurückkommen würdet. Meine Träume täuschen mich nie. Ich ließ also ein Abendbrod nach Eurem Geschmacke bereiten.«

Der Herzog machte eine Grimasse, welche seiner Absicht nach für ironisches Lächeln gelten sollte.

»Und diese zwei Kopfkissen?« sagte er.

»Sollte Monseigneur im Sinne haben, zum Nachtlager nach Libourne zurückzukehren? Diesmal hätte mein Traum gelogen, denn er kündigte mir an, Monseigneur würde bleiben.«

Der Herzog machte eine zweite Grimasse, welche noch bezeichnender war als die erste.

»Und diesen reizende Negligé, Madame? und diese ausgezeichneten Wohlgerüche?«

»Es ist eines von denjenigen, welche ich anzuziehen pflege, wenn ich Monseigneur erwarte. Diese Wohlgerüche kommen von den Säckchen Peau d’Espagnet, welche ich in meine Schränke lege, und die Monseigneur, wie er mir oft gesagt hat, allen andern Odeurs vorzieht, weil es auch der Lieblingsgeruch der Königin ist.«

»Ihr erwartetet mich also?« fuhr der Herzog mit einem ironischen Lachen fort.

»Ah, Monseigneur,« sprach Nanon, ebenfalls die Stirne faltend, »Gott vergebe mir! ich glaube, Ihr habt Lust in die Schränke zu schauen. Solltet Ihr zufällig eifersüchtig sein?«

Der Herzog nahm eine majestätische Miene an.

»Eifersüchtig, ich? oh, nein! Gott sei Dank! ich habe diese Lächerlichkeit nicht an mir. Alt und reich, weiß ich natürlich wohl, daß ich getäuscht werden muß; aber denjenigen, welche mich täuschen, will ich wenigstens beweisen, daß ich nicht ihr Thor bin.«

»Und wie werdet Ihr ihnen dies beweisen?« sprach Nanon. »Ich bin begierig, es zu erfahren.«

»Oh, das wird nicht schwierig sein; ich brauche ihnen nur diesen Papier zu zeigen.«

Der Herzog sog ein Billet aus seiner Tasche.

»Ich habe keine Träume mehr,« sagte er; »in meinem Alter träumt man nicht mehr, selbst im wachen Zustande, aber ich erhalte Briefe. Lest diesen, er ist interessant.«

Nanon nahm zitternd den Brief, den ihr der Herzog reichte, und bebte, als sie die Schrift sah; aber diesen Beben war unmerklich, und sie las:

»Monseigneur der Herzog von Epernon wird benachrichtigt, daß diesen Abend ein Mann, der sich seit sechs Monaten eines vertraulichen Umgangs mit Fräulein Nanon von Lartigues erfreut, zu dieser kommen und bei ihr Abendbrod nehmen und die Nacht zubringen.

»Da man Monseigneur den Herzog von Epernon nicht in irgend einer Ungewißheit lassen will, so setzt man ihn davon in Kenntniß, daß sich dieser glückliche Nebenbuhler Baron von Canolles nennt.«

Nanon erbleichte, der Streich traf mitten in das Herz.

»Ah, Roland! Roland!« Murmelte sie, »ich glaubte doch von Dir befreit zu sein!«

»Bin ich unterrichtet?« sprach der Herzog triumphierend.

»Ziemlich schlecht,« antwortete Nanon, »und wenn Eure politische Polizei nicht besser ist, als Eure Liebespolizei, so beklage ich Euch.«

»Ihr beklagt mich?«

»Ja; denn dieser Herr von Canolles, dem Ihr die unentgeltliche Ehre erweist, ihn für Euren Nebenbuhler zu halten, ist nicht hier, und Ihr könnt überdies warten und Ihr werdet dann sehen, ob er kommt.«

»Er ist gekommen!«

»Ei!« rief Nanon, »das ist nicht wahr!«

Diesmal lag ein Ausdruck tiefer Wahrheit in dem Tone der Angeschuldigten.

»Ich will sagen: er ist bis auf vierhundert Schritte hierher gekommen und hat zu seinem Glücke in dem Gasthause zum Goldenen Kalb angehalten.«

Nanon begriff, daß der Herzog viel weniger weit vorgerückt war, als sie Anfangs geglaubt hatte. Sie zuckte die Achseln; denn ein anderer Gedanke, den ihr ohne Zweifel der Brief eingegeben hatte, welchen sie in ihren Händen hin und her drehte, keimte in ihrem Innern.

»Ist es möglich,« sagte sie, »daß ein Mann von Geist, einer der gewandtesten Politiker des Königreichs, sich von anonymen Briefen fangen läßt?«

»Anonym so lange Ihr wollt, aber wie erklärt Ihr mir diesen Brief?«

»Oh! die Erklärung ist nicht schwierig, es ist eine Folge des schönen Benehmens unserer Feinde in Agen. Herr von Canolles bat Euch in Familienangelegenheiten um einen Urlaub, den Ihr ihm bewilligtet. Man wußte, daß er hier durchkam und baute auf seine Reise diese lächerliche Anschuldigung.«

Nanon gewahrte, wie daß das Gesicht des Herzogs, statt sich zu entrunzeln, immer düsterer wurde.

»Die Erklärung wäre gut,« sagte er, »wenn diesem Briefe, den Ihr Euren Feinden zuschreibt, nicht eine gewisse Nachschrift beigefügt wäre, die Ihr in Eurer Unruhe zu lesen vergessen habt.«

»Ein tödtlicher Schauer durchlief den ganzen Körper der jungen Frau. Sie fühlte, daß sie den Kampf, wenn ihr der Zufall nicht zu Hilfe käme, nicht länger aushalten könnte.

»Eine Nachschrift?« wiederholte sie.

»Ja, lest,« sagte der Herzog.

Nanon versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihre Züge sich nicht mehr zu diesem Anscheine der Ruhe hergaben. Sie begnügte sich also, mit dem sichersten Tone, den sie anzunehmen vermochte, zu lesen:

»Ich habe in meinen Händen den Brief von Fräulein von Lartigues an Herrn von Canolles, durch welchen das Rendezvous, das ich Euch melde, auf diesen Abend festgesetzt ist. Ich gebe diesen Brief für ein Blanquett, das mir der Herr Herzog durch einen einzigen Menschen in einem Schiffe auf der Dordogne vor dem Dorfe Saint-Michel-la-Rivière um sechs Uhr Abends einhändigen läßt.«

»Und Ihr hattet diese Unklugheit!« rief Nanon.

»Eure Handschrift ist mir so kostbar, liebe Dame, daß ich dachte, ich könnte einen Brief von Euch nicht zu theuer bezahlen.«

»Ein solches Geheimnis der Indiscretion eines Mitwissers aussetzen! Ah, Herr Herzog! . . .«

»Dergleichen vertrauliche Mittheilungen, Madame, nimmt man in Person in Empfang, und so habe ich es auch mit dieser gemacht. Der Mann, der sich auf die Dordogne begab, war ich selbst.«

»Ihr habt also meinen Brief?«

»Hier ist er.

Durch eine rasche Anstrengung des Gedächtnisses suchte Nanon sich dessen zu erinnern, was der Brief enthielt, aber es war ihr unmöglich. Ihr Gehirn fing an sich zu verwirren.

Sie war also genöthigt, ihren eigenen Brief zu, übernehmen und wieder zu lesen. Er enthielt kaum drei Zeilen: Nanon erfaßte sie mit einem gierigen Blicke und erkannte zu ihrer unbeschreiblichen Freude, daß dieser Brief sie nicht völlig compromittirte.

»Lest laut,« sprach der Herzog, »ich bin wie Ihr, ich habe den Inhalt dieses Briefes vergessen.«

Nanon fand das Lächeln wieder, das sie einige Secunden vorher vergeblich gesucht hatte, und las, der Aufforderung des Herzogs gehorchend:

»Ich werde um acht Uhr zu Nacht speisen. Seid Ihr frei? Ich bin es. In diesem Falle seid pünktlich, mein lieber Canolles, und fürchtet nichts für unser Geheimniß.«

»Das ist klar, wie es mir scheint!« rief der Herzog bleich vor Wuth.

»Das spricht mich frei,« dachte Nanon.

»Ah! Ah!« fuhr der Herzog fort, »Ihr habt ein Geheimnis mit Herrn von Canolles?«

Nanon begriff, daß ein Zögern von einer Secunde sie in das Verderben stürzen würde. Ueberdies hatte sie alle Muße gehabt, den ihr von dem anonymen Briefe eingeflößten Plan in ihrem Gehirn reifen zu lassen.

»Nun ja,« sprach sie, den Herzog fest anschauend, »ich habe ein Geheimnis mit diesem Herrn.«

»Ihr gesteht es zu?« rief der Herzog von Epernon.

»Ich muß wohl, da man Euch nichts verbergen kann.«

»Oh!« schrie der Herzog.

»Ja, ich erwartete Herrn von Canolles,« fuhr »Nanon ruhig fort.

»Ihr erwartetet ihn?«

»Ja, ich erwartete ihn.«

»Ihr wagt es, dies zu gestehen?«

»Laut, Wißt Ihr wohl, was Herr von Canolles ist?«

»Ein Dummkopf, den ich grausam für seine Unklugheit bestrafen werde.«

»Er ist ein hochherziger und braver Edelmann, den Ihr auch fortan wohlwollend behandeln werdet.«

»Oh! ich schwöre, bei Gott, daß dem nicht so sein soll.«

»Keinen Schwur, Herr Herzog, wenigstens nicht, ehe ich gesprochen habe,« antwortete Nanon.

»Sprecht, aber sprecht geschwinde.«

»Ihr habt also nicht wahrgenommen, Ihr, der Ihr die tiefsten Falten des Herzens durchforschte versetzte Nanon, welchen Vorzug ich Herrn von Canolles gönnte? Ihr habt sie nicht wahrgenommen, die Bitten, die ich zu seinen Gunsten an Euch richtete, das Kapitänspatent, welches ich ihm verschaffte, die Bewilligung von Geldern zu einer Reise nach der Bretagne mit Herrn de la Meilleraye, den Urlaub neulich, mit einem Wort, Ihr habt mein beständiges Trachten, mir ihn zu verpflichten, nicht wahrgenommen?«

»Madame, Madame,« sprach der Herzog, »Ihr überschreitet die Grenzen.«

»Um Gotteswillen, Herr Herzog, wartet bis zum Ende.«

»Was brauche ich nach ferner zu warten, und was habt Ihr mir nach zu sagen?«

»Daß ich für Herrn von Canolles die zärtlichste Theilnahme hege.«

»Ich weiß es, bei Gott! ich weiß es wohl!«

»Daß ich ihm mit Leib und Seele ergeben bin.«

»Madame, Ihr mißbraucht . . .«

»Daß ich ihm bis zum Tode dienen werde, und zwar weil . . .«

»Weil er Euer Liebhaber ist; das ist nicht, schwer zu errathen.«

»Weil er,« fuhr Nanon mit einer dramatischen Bewegung, den zitternden Herzog beim Arm ergreifend, fort, »weil er mein Bruder ist.«

Der Arm des Herzogs fiel an seiner Lende herab.

»Eure Bruder!« sprach er.

Nanon machte ein Zeichen mit dem Kopfe, begleitet von einem triumphierenden Lächeln.

Nach einem kurzen Augenblicke rief der Herzoge:

»Das erfordert Erläuterung.«

»Ich will sie Euch geben,« versetzte Nanon. »Um welche Zeit ist mein, Vater gestorben?«

»Vor ungefähr acht Monaten.«

»Um welche Zeit habt Ihr das Kapitänspatent für Herrn den Canolles unterzeichnet?«

»Ich denke, um dieselbe Zeit,« fuhr der Herzog fort.

»Vierzehn Tage hernach,« sagte Nanon.

»Vierzehn Tage hernach . . . es ist möglich.«

»Es ist traurig für mich,« fuhr Nanon fort, »die Schande einer andern Frau zu enthüllen, dieses Geheimniß aufzudecken, das unser Geheimnis ist, versteht Ihr wohl? Aber Eure seltsame Eifersucht treibt mich an, Euer grausamen Benehmen zwingt mich dazu. Ich ahme Euer Beispiel nach, Herr Herzog ich begehe eine Sünde gegen die Großmuth.«

»Fahrt fort, fahrt fort!« rief der Herzog, welcher bereits sich an die Phantasieen zu halten anfing, welche die schöne Gascognerin schmiedete.

»Nun wohl, mein Vater war ein Advokat, dem es nicht an einer gewissen Berühmtheit fehlte. Vor achtundzwanzig Jahren war mein Vater noch jung; mein Vater war stets schön gewesen. Er liebte schon vor seiner Verheirathung die Mutter von Herrn von Canolles, deren Hand man ihm verweigert hatte, weil sie adelig und er bürgerlich war. Die Liebe übernahm es, wie dies so oft geschieht, den Fehler der Natur gut zu machen, und während einer Reise von Herrn von Canolles . . . Begreift Ihr nun?«

»Ja, aber wie kommt es, daß diese Freundschaft für Herrn von Canolles Euch so spät erfaßt hat?«

»Weil ich erst bei dem Tode meines Vaters das Band erfuhr, das uns vereinigte; weil dieses Geheimniß in einem Briefe enthalten war, den mir der Baron selbst, mich seine Schwester nennend, überreichte.«

»Und wo ist dieser Brief?« fragte der Herzog.

»Vergeßt Ihr den Brand, der Alles bei mir verzehrt hat, meine kostbarsten Juwelen, meine geheimsten Papiere?«

»Das ist wahr.«

»Zwanzigmal wollte ich Euch diese Geschichte erzählen, überzeugt, Ihr würdet Alles für denjenigen thun, welchen ich ganz leise meinen Bruder nenne; aber er hat mich stets zurückgehalten, stets gebeten den Zins seiner noch lebenden Mutter zu schonen. Ich achtete seine Bedenklichkeiten, weil ich sie verstand.«

»Ah! Wirklich?« sprach der Herzog beinahe gerührt. »Armer Canolles!«

»Und dennoch war es sein Glück, daß er sich weigerte,« fuhr Nanon fort.

»Es zeugt von einem zarten Geheimniß,« versetzte der Herzog, »und sein Skrupel macht ihm Ehre.«

»Ich hatte noch mehr gethan, ich hatte ihm einen Eid geleistet, diesen Geheimniß niemals irgend jemand in der Welt zu enthüllen. Aber Euer Verdacht machte den Becher überströmen. Wehe mir! ich habe meinen Eid vergessen; wehe mir! ich habe das Geheimniß meinen Bruders verrathen.«

Und Nanon zerfloß in Thränen.

Der Herzog fiel vor ihr auf die Kniee und küßte ihre schönen Hände, die sie ganz niedergeschlagen hängen ließ, während ihre Augen, zum Himmel emporgerichtet, Gott um Vergebung wegen ihren Meineiden zu bitten schienen.

»Ihr sagte Wehe mir!« rief der Herzog, »Sagt doch: Glück für Alle! Die verlorene Zeit soll dem lieben Canolles wieder eingebracht werden. Ich kenne ihn nicht, aber ich will ihn kennen lernen. Ihr stellt Canolles vor, und ich werde ihn lieben, wie einen Sohn.«

»Sagt, wie einen Bruder,« versetzte Nanon lächelnd.

Dann zu einem andern Gedanken übergehend, rief sie den Brief zerknitternd, den sie in das Feuer zu werfen sich stellte, während sie ihn sorgfältig in die Tasche steckte, um später den Urheber damit zu fassen:

»Ungeheuer von Anzeigern!«

»Aber ich bedenke,« sagte der Herzog, »warum kommt denn der Junge nicht? Warum sollte ich warten, um ihn zu sehen? Ich werde ihn sogleich im Goldenen Kalbe holen lassen.«

»Ah! ja, damit er erfährt, daß ich nichts zu verbergen vermag, und daß ich Euch mit Hintansetzung meines Eides Alles gesagt habe.«

»Ich werde diskret sein.«

»Ah! mein Herr Herzog. nun muß ich Euch den Krieg ankündigen,« versetzte Nanon mit jenem Lächeln, das die Teufel von den Engeln entlehnt haben.

»Und warum denn, meine teure Schöne?«

»Weil Ihr einst lüsterner nach einem-Zusammensein unter vier Augen waret, als jetzt. Glaubt mir, wir wollen zu Nacht speisen, und morgen früh ist es noch Zeit, Canolles holen zu lassen.« (Von jetzt bis morgen kann ich Canolles benachrichtigen, dachte Nanon.)

»Es sei,« sprach der Herzog, »setzen wir uns zu Tische.«

Und von einem Reste von Zweifel gepeinigt, fügte er ganz leise bei:

»Von jetzt bis morgen werde ich sie nicht verlassen, und wenn sie nicht eine Zauberin ist, wird sie kein Mittel finden, ihn zu unterrichten.«

»Also,« sprach Nanon und legte ihren Arm auf die Schulter den Herzogs, »also ist es mir erlaubt, meinem Freunde eine Bitte für meinen Bruder vorzutragen?«

»Wie!« Versetzte Epernon, »Alles, was Ihr wollt, Geld . . .«

»Oh! Geld,« sagte Nanon, »dessen bedarf er nicht; er hat mir den prächtigen Ring gegeben, den Ihr bemerkt habt, und der von seiner Mutter kommt.«

»Avancement also?«

»Ja, Avancement. Wir machen ihn zum Obersten, nicht wahr?«

»Teufel! zum Obersten; wie rasch Ihr verfahrt, meine Geliebte! Er müßte zu diesem Behufe der Sache des Königs einen Dienst geleistet haben.«

»Er ist bereit, alle Dienste zu leisten, die man ihm nennen wird.«

»Oh!« sprach der Herzog, Nanon aus einem Winkel seines Auges betrachtend, »oh! ich hätte wohl einen Vertrauensauftrag für den Hof.«

»Einen Auftrag für den Hof!« rief Nanon.

»Ja,« versetzte der alte Hofmann, »aber das würde Euch trennen.«

Nanon sah, hast sie diesen Ueberrest von Mißtrauen vollends vernichten mußte.

»Oh! fürchtet dieß nicht, mein lieber Herzog. Was liegt in her Trennung, wenn diese von Vortheil für ihn sein kann. Verbannt ihn, schickt ihn aus dem Vaterlande, wenn es zu seinem Besten gereicht, und kümmert Euch nicht mehr um mich. Bleibt mir nur die Liebe meines teuren Herzogs, ist das nicht mehr, als ich brauche, um glücklich zu sein?«

»Gut, es ist abgemacht,« erwiederte der Herzog, »morgen früh lasse ich ihn holen und gehe ihm seine Instruktionen. Und nun, wie Ihr gesagt habt,« fügte er mit einem sehr besänftigten Blick auf die zwei Fauteuils, auf die zwei Gedecke und die zwei Kopfkissen beim »und nun wollen wir zu Nacht speisen, meine Schönste.«

Und jedes von ihnen setzte sich zu Tisch, das Gesicht so lächelnd, daß selbst Francinette, so genau sie auch als vertraute Kammerfrau hie Art und Weise des Herzogs und den Charakter ihrer Gebieterin kannte, glaubte, ihre Gebieterin wäre vollkommen ruhig und der Herzog völlig beruhigt.




IV


Der Reiter, welchen Canolles mit dem Namen Richon begrüßt hatte, war in den ersten Stock des Gasthofes zum Goldenen Kalb hinaufgestiegen und speiste in Gesellschaft des Vicomte zu Nacht.

Er war es, den der Vicomte ungeduldig erwartete, als ihn her Zufall zum Zeugen der feindseligen Vorkehrungen des Herrn von Epernon machte und ihn in den Stand setzte, dem Baron von Canolles den von uns bezeichneten Dienst zu leisten.

Er hatte Paris acht Tage vorher und Bordeaux an demselben Tage verlassen, und brachte also die neusten Nachrichten über die Wirren, die von Paris bis Bordeaux entstanden und ein immer mehr beunruhigendes Ansehen gewannen. Während er bald von der Einkerkerung der Prinzen, der Angelegenheit den Tages, bald von dem Parlament von Bordeaux, der Macht den Ortes, bald von Mazarin, dem König des Augenblicks, sprach, betrachtete der junge Mann stillschweigend sein männliches, gebräuntes Antlitz, sein sicheres, durchdringendes Auge, seine weißen, scharfen, unter dem langen schwarzen Schnurrbart schimmernden Zähne, und alle die verschiedenen Zeichen, welche aus Richon das Musterbild des wahren Glücksritters machten.

»Also,« sprach der Vicomte nach einem Augenblick, »also ist die Frau Prinzessin zu dieser Stunde in Chantilly?«

Bekanntlich bezeichnete man auf diese Art die zwei Herzoginnen von Condé, nur fügte man bei der Herzogin von Condé Mutter den Titel Wittwe bei.

»Ja,« antwortete Richon, »und sie erwartet Euch dort sobald als möglich.«

»Und in welcher Lage ist sie in Chantilly?«

»In einer wahren Verbannung; man bewacht sie wie ihre Schwiegermutter mit der größten Sorgfalt, denn man vermuthet bei Hofe, daß sie sich nicht allein an Klagen beim Parlamente halten werde, sondern etwas Wirksameres zu Gunsten der Prinzen machinire. Leider fehlt es wie immer an Geld. . . Doch bei, dieser Gelegenheit: habt Ihr das, was man Euch schuldig war, eingezogen? Es ist dies eine Frage, die man an Euch zu stellen mich ganz besonders beauftragt.«

»Mit großer Mühen,« antwortete der Vicomte, »brachte ich zwanzigtausend Livres zusammen, die ich in Gold bei mir habe; das ist Alles.

»Das ist Alles! Teufel, Vicomte, man sieht wohl, daß Ihr Millionär seid: so verächtlich von einer solchen Summe in einem solchen Augenblick sprechen! Zwanzigtausend Livres; wir sind minder reich als Herr von Mazarin, aber reicher als der König.«

»Ihr glaubt also Richon, die Frau Prinzessin werde die bescheidene Gabe annehmen?«

»Mit Dankt Ihr bringt Ihr genug, um ein Heer damit zu bezahlen.«

»Glaubt Ihr, daß wir dessen bedürfen werden?«

»Wessen? Eines Heeres? Gewiß, und wir beschäftigen uns damit, eines zu sammeln. Herr von Larochefoucault hat vierhundert Edelleute angeworben, unter dem Vorwande, sie dem Leichenbegängnisse seines Vaters beiwohnen zu lassen. Der Herzog von Bouillon geht mit derselben Anzahl, wenn nicht mit einer größeren, nach Guienne ab. Herr von Turenne verspricht einen Gang gegen Paris zu machen, in der Absicht, Vincennes zu überfallen und die Prinzen durch einen Handstreich zu entführen: er wird dreißigtausend Mann, seine ganze Nordarmee, die er dem königlichen Dienste abspenstig macht, bei sich haben. Oh! seid unbesorgt, die Dinge sind in gutem Zuge,« fuhr Richon fort; »ich weiß nicht, ob wir große Geschäfte machen werden, sicherlich aber machen wir gewaltigen Lärmen. . .«

»Seid Ihr dem Herzog von Epernon nicht begegnet?« unterbrach ihn der junge Mann, dessen Augen funkelten bei dieser Aufzählung von Kräften, welche ihm den Triumph der Partie verhieß, der er angehörte.

»Dem Herzog von Epernon?« fragte der Glücksritter ganz verwundert, »wo soll ich ihm denn begegnet sein? Ich komme nicht von Agen, sondern von, Bordeaux.«

»Ihr könntet ihn einige Schritte von hier getroffen haben,« versetzte der Vicomte lächelnd.

»Ah! Richtig, wohnt nicht die schöne Nanon von Lartigues in der Gegend?«

»Zwei Musketenschüsse von hier.«

»So erklärt mir die Anwesenheit des Baron von Canolles im Gasthofe zum Goldenen Kalb.«

»Kennt Ihr ihn?«

»Wen? den Baron? Ja. Ich könnte mich sogar seinen Freund nennen, wäre Herr von Canolles nicht von vortrefflichem Adel, indeß ich ein armer Bürgersmann bin.

»Bürgersleute wie Ihr, Richon, sind so viel werth als Prinzen, in der Lage in der wir uns befinden. Ihr wißt übrigens, daß ich Euren Freund, den Baron von Canolles, vor Prügeln oder vielleicht vor etwas noch Schlimmerem bewahrt habe.«

»Ja, er hat mir ein paar Worte davon gesagt, aber ich horte ihn nicht sehr aufmerksam an, denn ich hatte Eile zu Euch zu gelangen. Seid Ihr sicher, daß er Euch nicht erkannt hat?«

»Man erkennt diejenigen schlecht, welche man nie gesehen hat.«

»Ich errieth auch nur, was ich ihm erwiedern sollte.«

»In der That,« sagte der Vicomte, »er schaute mich sehr aufmerksam an.«

Richon versetzte lächelnd:

»Ich glaube es wohl, man trifft nicht jeden Tag Edelleute Eurer Art.«

»Er scheint mir ein lustiger Cavalier zu sein,« sprach der Vicomte nach kurzem Stillschweigen.

»Lustig und gut; ein reizender Geist und ein großes Herz. Der Gascogner ist, wie Ihr wißt, nie mittelmäßig: entweder ist er vortrefflich oder er taugt nichts. Dieser ist von gutem Gehalt. In der Liebe wie im Kriege ist er zugleich ein Petit-maitre und ein braver Kapitän; es thut mir leid, daß er gegen uns hält. Ihr hättet in der That, da der Zufall Euch in Verbindung mit ihm brachte, diesen Umstand benutzen sollen, um ihn für unsere Sache zu gewinnen.«

Eine flüchtige Röthe zog wie ein Meteor über die bleichen Wangen des Vicomte hin.

»Euer Freund kam mir unbedeutend vor,« sagte der Vicomte.

»Ei, mein Gott,« erwiederte Richon mit der schwermüthigen Philosophie, die man zuweilen bei Männern von kräftigem Schlage trifft, »sind wir denn so ernsthaft und vernünftig, wir, die wir in unseren unklugen Händen die Fackel des Bürgerkrieges halten, wie wir es mit einer Kirchenkerze thun würden? Ist der Herr Coadjutor, welcher Paris mit einem Worte beschwichtigt oder in Aufruhr bringt – ein sehr ernster Mann? Ist Herr von Beaufort, der einen so großen Einfluß in der Hauptstadt ausübt, das man ihn den König der Hallen nennt, ein sehr ernster Mann? Ist Frau von Chevreuse, welche nach Belieben Minister macht und absetzt, eine sehr ernste Frau? Ist Frau den Longueville, welche drei Monate im Stadthause gethront hat, sehr ernst? Ist endlich die Frau Prinzessin von Condé, welche sich gestern noch mit Kleidern, Juwelen und Diamanten beschäftigte, eine sehr ernste Frau? Ist der Herr Herzog von Enghien ein sehr ernster Parteiführer, er, der noch unter den Händen von Frauen mit Puppen spielt, und vielleicht seine erste Hose anzieht, um ganz Frankreich umzuwälzen? Ich selbst, wenn man mir erlaubt, meinen Namen nach so vielen erhabenen Namen anzuführen, bin ich eine so ernste Person, ich, der Sohn eines Müllers aus Angoulême, ich, ein ehemaliger Diener des Herrn von Larochefoucault, ich, dem eines Tages mein Herr statt einer Bürste oder eines Mantels ein Schwert gegeben hat, das ich, mich zum Kriegsmanne improvisierend, muthig an meine Seite schnallte? Und dennoch ist der Sohn des Müllers von Angoulême, der ehemalige Kammerdiener von Herrn den Larochefoucault, Kapitän geworden. Er bringt eine Compagnie auf die Beine, welche vier bis fünfhundert Mann vereinigt, mit deren Leben er spielt, als hätte ihm Gott das Recht dazu gegeben. Er steht auf der Leiter zur Größe, wird Oberster, Gouverneur, und wer weiß was sonst noch werden. Es geschieht vielleicht, daß er zehn Minuten lang, eine Stunde, sogar einen Tag das Geschick des Königreichs in seinen Händen hält. Ihr seht, das hat große Aehnlichkeit mit einem Traume, und doch werde ich es für eine Wirklichkeit halten, bis zu dem Tage wo irgend eine mächtige Katastrophe mich erweckt . . .«

»Und an diesem Tage,« versetzte der Vicomte, »wehe allen Denen, welche Euch erwecken, Richon, denn Ihr werdet ein Held sein . . .«

»Ein Held oder ein Verräther, je nachdem wir die Stärkeren oder die Schwächeren sind. Unter dem vorigen Cardinal hätte ich die Augen zweimal aufgemacht, denn der Einsatz beim Spiele wäre mein Kopf gewesen.«

»Stille, Richon, sucht mich nicht glauben zu machen, Betrachtungen dieser Art halten einen Mann wie Euch zurück, Euch, den man als einen der bravsten, Soldaten des Heeres anführt.«

»Ei, allerdings,« entgegnete Richon, mit einer unübersetzbaren Bewegung der Schultern, »ich war brav als König Ludwig XIII. mit seinem bleichen Gesichte, seinem blauen Ordensbande und seinem wie ein Karfunkel glänzenden Auge, an seinem Schnurrbarte kauend, mit schriller Stimme uns zurief: »»Der König sieht Euch, vorwärts; meine Herren!«« Aber wenn ich nicht, mehr hinter mir, sondern mir gegenüber auf der Brust des Sohnes dasselbe blaue Band, das ich noch auf, der Brust des Vaters sehe, wiederfinden und meinen Soldaten zurufen sollt: Feuer auf den König von Frankreich!«« an diesem Tag,« fuhr Richon den Kopf schüttelnd fort, »an diesem Tag, Vicomte, fürchte ich bange zu haben und schief zu schießen . . .«

»Was ist Euch denn heute Unangenehmes widerfahren, das Ihr die Dinge in so schlimmem Lichte betrachtet, mein lieber Richon?« fragte der junge Mann. »Der Bürgerkrieg, ich weiß wohl, ist, eine traurige Sache, zuweilen aber sehr nöthig.«

»Ja, wie die Pest, wie das gelbe Fieber,wie das schwarze Fieber, wie das Fieber aller Farben. Glaubt Ihr z.B., Herr Vicomte, es sei sehr nothwendig, das ich, der ich diesen Abend mit so großem Vergnügen dem Baron Canolles die Hand gedrückt habe, ihm morgen den Degen in den Leib renne, weil ich der Frau Prinzessin diene, die meiner spottet, und er Herrn von Mazarin, der seiner spottet, und dennoch wird es so sein.«

Der Vicomte machte eine Bewegung des Abscheus.

»Wenigstens, wenn ich mich nicht täusche,« fuhr Richon fort, »und er mir nicht auf irgend eine Weise die Brust durchbohrt. Ah, Ihr begreift den Krieg nicht, Ihr Andern, Ihr seht nur ein Meer von Intriguen und stürzt Euch darein als in Euer natürliches Element. Ich sagte es einst Seiner Hoheit und man gab mir Recht, Ihr lebt in einer Sphäre, von der aus das Artilleriefeuer, das uns tödtet; Euch nur wie ein einfaches Feuerwerk erscheint.«

»In der That, Richon,« Ihr macht mir bange,« sagte der Vicomte, »und wenn ich nicht überzeugt wäre, das ich Euch zu meinem Schutze hätte, würde ich es nicht wagen, mich auf den Marsch zu begeben. Aber unter Eurem Geleite,« fügte der junge Mann, dem Parteigänger seine kleine Hand reichend, bei, »fürchte ich nichts.«

»Unter meinem Geleite,« sagte Richon, »ah! ja, Ihr erinnert mich daran. Ihr müßt meines Geleites entbehren, Herr Vicomte, und die Partie ist abgebrochen.«

»Sollt Ihr denn nicht mit mir nach Chantilly zurückkehren?«

»Das heißt, ich sollte in einem Fall zurückkehren, wenn ich hier nicht nothwendig wäre. Aber meine Wichtigkeit hat, wie ich Euch sagte, so sehr zugenommen, daß ich bestimmten Befehl von der Frau Prinzessin erhielt, die Gegend des Fort, auf welches man eine bestimmte Absicht zu haben scheint, nicht zu verlassen.«

Der Vicomte stieß einen Ausruf des Schreckens aus.

»So reisen ohne Euch!« rief er, »reisen mit dem würdigen Pompée der noch tausendmal mehr Hasenfuß ist, als ich, die Hälfte von Frankreich allein oder beinahe allein durchziehen! Oh! nein, ich reise nicht, das schwöre ich Euch, ich würde vor Angst sterben, ehe ich ankäme.«

»Oh, Herr Vicomte,« versetzte Richon in ein schallendes Gelächter ausbrechend, »Ihr denkt also nicht mehr an den Degen, der an Eurer Seite hängt?«

»Lacht immerhin, ich reise nicht. Die Frau Prinzessin hat mir versprochen, Ihr würdet mich geleiten, und nur unter dieser Bedingung machte ich mich anheischig.«

»Wie Ihr wollt, Vicomte,« versetzte Richon mit geheucheltem Ernste. Jedenfalls zählt man auf Euch in Chantilly, und nehmt Euch in Acht, die Prinzen verlieren leicht die Geduld, besonders wenn sie Geld erwarten.«

»Und zu allem Unglück,« sagte der Vicomte, »soll ich noch in der Nacht abreisen.«

»Desto besser,« sprach Richon lachend, »man wird nicht sehen, daß Ihr bange habt, und Ihr findet am Ende noch Feigherzigere, als Ihr seid, und schlagt sie in die Flucht.«

»Ihr glaubt?« sagte der Vicomte, trotz dieser Verheißung nur schlecht beruhigt.

»Ueberdies gibt es ein Mittel, Alles auszugleichen,« sagte Richon. »Ihr habt wegen des Geldes Furcht, nicht wahr? Gut, so laßt es mir, und ich schicke es durch drei bis vier sichere Männer ab. Alles wohl beachtet, ist es übrigens doch das sicherste Mittel, das Geld an Ort und Stelle gelangen zu lassen, wenn Ihr es selbst dahin bringt.«

»Ihr habt Recht, ich reise, Richon, und da man, völlig wacker sein muß, so behalte ich das Geld. Ich glaube, daß Ihre Hoheit nach dem, was Ihr sagt, noch mehr des Geldes bedarf, als meiner. Käme ich ohne Geld, so würde mir vielleicht nicht der beste Empfang zu Theil.

»Ich sagte Euch schon von Anfang, Ihr hättet das Aussehen eines Helden. Auch gibt es überall Soldaten des Königs, und wir sind noch nicht im Kriege begriffen. Traut indessen nicht zu viel und befehlt Pompée seine Pistolen zu laden.«

»Ihr sagt mir das, um mich zu beruhigen?«

»Allerdings, wer die Gefahr kennt, läßt sich nicht überraschen. Geht also, die Nacht ist schön und Ihr könnt vor Tag in Monlieu sein.«

»Und wird unser Baron unsere Abreise nicht bespähen?«

»Oh, in diesem Augenblick thut er, was wir gethan haben, das heißt, er speist zu Nacht, und wenn sein Abendbrod dem unserigen gleich kommt, so ist er ein zu guter Gast, um die Tafel ohne einen mächtigen Beweggrund zu verlassen. Ueberdies will ich hinabgehen und ihn zurückhalten.«

»Dann entschuldigt mich wegen meiner Unhöflichkeit gegen ihn. Er so nicht, wenn er mich eines Tags in minder edelmüthiger Stimmung als heute trifft, Streit mit mir anfangen. Euer Baron muß in dieser Beziehung ein raffinierter Mensch sein.«

»Ihr habt das rechte Wort gesagt, und er wäre in der That der Mann, Euch bis an das Ende der Welt zu folgen, nur um den Degen mit Euch zu kreuzen. Doch seid ruhig, ich werde Euch entschuldigen.«

»Ja, wartet aber nur, bis ich abgegangen bin.«

»Ich werde nicht verfehlen, dies zu thun.«

»Und Ihr habt keinen Auftrag an Ihre Hoheit?«

»Ich glaube wohl, Ihr erinnert mich an den allerwichtigsten Auftrag.«

»Habt Ihr geschrieben?«

»Nein, es sind ihr nur zwei Worte zu überbringen.«

»Welche?«

»Bordeaux – ja!«

»Sie weiß, was dieß bedeutet?«

»Vollkommen. Auf diese zwei Worte kann sie ganz sicher abreisen. Ich stehe für Alles.«

»Vorwärts, Pompée,« sagte der Vicomte zu dem, alten Diener, der in diesem Augenblick den Kopf durch die halb geöffnete Thüre streckte, »vorwärts, mein Freund, wir müssen reisen,«

»Oh, oh! Reisen!« rief Pompée, »der Herr Vicomte denkt nicht daran. Es kommt ein furchtbarer Sturm.«

»Was sagt Ihr da; Pompée?« versetzte Richon, »es ist keine Wolke am Himmel.«

»Aber in der Nacht können wir uns verirren.«

»Das wäre schwierig; Ihr braucht nur der Landstraße zu folgen. Ueberdies ist prächtiger Mondschein.«

»Mondschein! Mondschein!« murmelte Pompée, »Ihr begreift wohl, daß ich dies nicht meinetwegen sage, Herr Richon.«

»Allerdings,« versetzte Richon, »ein alter Soldat!«

»Wenn man den Krieg gegen die Spanier mitgemacht hat, und in der Schlacht von Corbie verwundet worden ist . . .« fuhr Pompée, sich brüstend, fort.«

»So hat man vor nichts mehr Furcht, nicht wahr? Gut, das kommt vortreffliche denn der Herr Vicomte ist nicht in jeder Beziehung beruhigt, das sage ich Euch wohl.«

»Oh, oh,-»rief Pompée erbleichend, »Ihr habt Furcht?«

»Mit Dir nicht, mein braver Pompée,« erwiederte der junge Mann, »ich kenne Dich und weiß, daß Du Dich tödten lassen würdest, ehe man an mich käme.«

»Allerdings, allerdings,« sprach Pompée, »wenn Ihr aber zu sehr Angst hättet, so müßte man warten bis morgen.«

»Unmöglich, mein guter Pompée; packe also dieses Gold auf Dein Pferd. Ich folge Dir sogleich.«

»Das ist eine schwere Summe für einen Nachtritt,« sprach Pompée den Sack abwägend.

»Es ist keine Gefahr dabei, wenigstens behauptet es Richon. Sind die Pistolen in den Holftern, ist der Degen in der Scheide, die Muskete am Haken?«

»Ihr vergeßt,« antwortete der alte Diener, »daß man sich, wenn man sein ganzes Leben Soldat gewesen ist, nicht aus einem Versehen ertappen läßt. Ja, Herr Vicomte, Alles ist an seiner Stelle.«

»Seht,« sagte Richon, »kann man mit einem solchen Gefährten Furcht haben? Glückliche Reise also, Vicomte!«

»Ich danke für den Wunsch, aber der Weg ist lang,« antwortete der Vicomte, mit einem Reste von Angst, den das martialische Gesicht von Pompée nicht zu zerstreuen vermochte.«

»Bah!« sprach Richon, »jeder Weg hat einen Anfang und ein Ende. Meine unterthänigste Empfehlung an die Frau Prinzessin. Sagt ihr, ich gehöre ihr und Herrn von Larochefoucault bis zum Tode, und vergeßt nicht die zwei fraglichen Worte: Bordeaux – ja! Ich suche Herrn von Canolles auf.«

»Sagt mir doch, Richon,« sprach der Vicomte, diesen beim Arme in dem Augenblick zurückhaltend, wo er den Fuß auf die erste Stufe der Treppe setzte, »wenn dieser Canolles ein so braver Soldat und ein, so guter Edelmann ist, wie Ihr sagt, warum macht Ihr nicht einen Versuch, ihn für unsere Partei zu gewinnen? Er könnte uns entweder in Chantilly oder schon auf der Reise einholen. Da ich ihn bereits ein wenig kenne, so würde ich ihn vorstellen.«

Richon schaute den Vicomte mit einem so seltsamen Lächeln an, das, dieser, welcher ohne Zweifel an den Zügen des Parteigängers erkannte, was in seinem Geiste vorging, rasch beifügte:

»Uebrigens will ich nichts gesagt haben, macht unten, was Ihr machen zu müssen glaubt. Gott befohlen!«

Und er reichte ihm die Hand und kehrte rasch in sein Zimmer zurück, sei es aus Furcht, Richon könnte die plötzliche Röthe sehen, die sein Gesicht bedeckte sei es, daß er bange hatte, von Canolles gehört zu werden, dessen schallendes Gelächter bis in den ersten Stock drang.

Er ließ also den Parteigänger die Treppe hinabsteigen, gefolgt von Pompée, welcher das Felleisen mit einer scheinbaren Nachlässigkeit trug, um nicht errathen zu lassen, was es enthalten könnte. Nachdem einige Minuten vorübergegangen waren, betastete er sich, um zu sehen, ob er nichts vergessen hatte, löschte seine Kerzen aus, stieg ebenfalls behutsam die Treppe hinab, wagte einen schüchternen Blick durch den erleuchteten Spalt einer Thüre des Erdgeschosses, hüllte sich in einen Mantel, den ihm Pompée reichte, setzte seinen kleinen Fuß auf die Hand des Stallmeisters, schwang sich leicht auf sein Pferd, brummte einen Augenblick über die Langsamkeit des alten Soldaten und verschwand im Schatten.

In der Sekunde Richon in das Zimmer von Canolles trat, den er unterhalten sollte, während der kleine Vicomte Anstalten zu seiner Abreise traf, erscholl ein Freudengeschrei aus dem Munde des halb auf seinem Stuhl zurückgelehnten Barons, was zum Beweise diente, daß dieser nicht grollte.

Auf dem Tische, mitten zwischen zwei durchsichtigen Körpern, welche volle Flaschen gewesen waren, stand untersetzt und stolz auf ihre Rundheit eine Phiole umflochten von Rohren, durch deren Zwischenraum das lebhafte Licht von vier Kerzen Funken von Topasen und Rubinen hervorspringen ließ. Es war eine Flasche von jenen alten Collioure-Weinen, von denen ein bereits erwärmter Gaumen den honigartigen Saft zu schlürfen liebt; schöne getrocknete Feigen, Mandeln, Biscuite, scharfe Käse, eingemachte Trauben offenbarten die interessierte Berechnung des Wirthes, eine Berechnung, für deren weise Genauigkeit zwei leere Flaschen und eine dritte halbvolle zum Belege dienten. Es war in der That gewiß, das Jeder, der ein solches herausforderndes Dessert berühren würde, so nüchtern er auch war, eine bedeutende Stimme Flüssigkeit aufbrauchen mußte.

Canolles setzte seinen Stolz nicht in ein Einsiedlerleben. Als Hugenott (Canolles war von einer protestantischen Familie und bekannte sich wohl oder übel zu der Religion seiner Väter), als Hugenott, sagen wir, glaubte Canolles vielleicht auch nicht an die Heiligsprechung der frommen Einsiedler, die den Himmel Wasser trinkend und Wurzeln essend gewonnen hatten. So traurig oder so verliebt er auch sein mochte, so war er doch nie unempfindlich für den Geruch eines guten Mittagsbrodes oder für den Anblick jener Flaschen von besonderer Form mit rothem, gelbem oder grünem Wuchse, welche unter getreuem Korke das Reinste vom Gascogner, Champagner- oder Burgunderblute verschlossen halten. Bei diesem Umstande hatte also Canolles wie gewöhnlich den Reizen des Anblicks, nachgegeben. Von dem Anblick war er auf den Geruch, von dem Geruch auf den Geschmack übergegangen, und da von den fünf Sinnen, womit ihn die gute gemeinschaftliche Mutter, welche man Dame Natur nennt, drei völlig befriedigt waren, so fasten sich die zwei andern in Geduld und warteten, bis die Reihe an sie käme, mit einer Resignation voll Glückseligkeit.

In diesem Augenblick trat Richon ein und fand Canolles sich auf seinem Stuhle wiegend.

»Ah!« rief dieser, »Ihr kommt zur rechten Zeit, mein lieber Richon; ich mußte irgend Jemand finden, um das Lob von Meister Biscarros auszusprechen, und war beinahe darauf angewiesen, ihn gegen diesen Schafskopf von Castorin zu rühmen, der nicht weiß, was trinken heißt, und den ich nie essen lehren konnte.« Schaut diese Etagère an, lieber Freund, und werft einen Blick auf diesen Tisch, an dem ich Euch Platz zu nehmen bitte. Ist er nicht ein wahrer Künstler, ein Mensch, den ich meinem Freunde, dem Herzog von Epernon empfehlen will, dieser Wirth zum Goldenen Kalbe? Hört die Einzelheiten meines Mahles und urtheilt selbst, mein lieber Richon, Ihr, der Ihr ein Kenner seid. Kraftsuppe, Hors-d’oevore von marinierten Austern, Sardellen und kleinem Geflügel, Kapaun mit Oliven, nebst einer Flasche Medoc, von der hier der Leichnam steht, ein junges Feldhuhn mit Trüffeln, Erbsen in Caramel, eine Gelèe von Vogelkirschen mit der hier liegenden Flasche Chambertin angefeuchtet; sodann dieses Dessert und diese Flasche Collioure, welche sich zu vertheidigen sucht, aber das Schicksal der andern theilen wird, besonders wenn wir zu zwei Krieg gegen dieselbe führen. Ich bin bei Gott! sehr guter Laune, und Biscarros ist ein großer Meister. Seht Euch hierher, Richon, Ihr habt zu Nacht gespeist, ich habe auch gespeist; doch gleichviel, wir fangen wieder von vorne an.«

»Ich danke, Baron,« sprach Richon lachend, »ich habe keinen Hunger mehr.«

»Streng genommen, will ich das zugeben, man kann keinen Hunger mehr haben, hat aber stets Durst. Kostet einmal diesen Collioure.«

Richon reichte ihm sein Glas.«

»Ihr habt also,« fuhr Canolles fort, »mit Eurem kleinen einfältigen Vicomte zu Nacht gespeist? Ah! ich bitte um Vergebung, Richon, Nein, ich täusche mich, es ist im Gegentheil ein reizender Junge, dem ich das Vergnügen schulde, das Leben von seiner schönen Seite zu kosten, statt die Seele durch drei bis vier Löcher hinzugeben, die der brave Herzog von Epernon meiner Haut beizubringen gedachte. Ich bin also diesem jungen Vicomte, diesem bezaubernden Ganymed zu Dank verpflichtet. Ah, Richon, Ihr habt ganz das Aussehen, als wäret Ihr das, was man den Euch sagt, das heißt, der wahre Diener von Herrn von Condé«

»Stille, Baron!« rief Richon; »habt keine solche Gedanken, Ihr macht mich vor Lachen sterben.«

»Von Lachen sterben! Geht doch, nein, mein Lieber.

		Igne tantum perituri
		Quia estis . . .
		Landeriri.

Ihr kennt doch den Klagegesang, nicht wahr? Es ist ein Weihnachtslied von Eurem Patron, verfaßt auf den germanischen Fluß Ryenus als er eines Tags einen seiner Gefährten beruhigte, der durch das Wasser sterben zu müssen bange hatte. Teufel von einem Richon! Ich habe einen Abscheu vor Eurem kleinen Edelmanne, der sich auf diese Art um den nächsten besten vorüberziehenden Cavalier bekümmert.«

Und Canolles warf sich in seinem Stuhle lachend und seinen Schnurrbart mit einem solchen Anfalle von Heiterkeit kräuselnd zurück, daß Richon nothwendig daran Theil nehmen mußte.

»Also ernsthaft, mein lieber Richon,« sagte Canolles, »nicht wahr, Ihr conspirirt?«

Richon fuhr zu lachen fort, aber auf eine minder offenherzige Weise.

»Wißt Ihr, daß ich große Lust hatte, Euch und Euren kleinen Edelmann verhaften zu lassen? Bei Gott, das wäre lustig und besondere ganz leicht gewesen. Ich hatte die Stockträger meines Gevatters Epernon bei der Hand. Ah! Richon in der Wachtstube und der kleine Edelmann ebenfalls!«

In diesem Augenblick hörte man den Galopp von zwei sich entfernenden Pferden.

»Oho!« sprach Canolles horchend. »Was ist das, Richon, wißt Ihr es?«

»Ich glaube es zu vermuthen.«

»So sprecht.«

»Der kleine Edelmann reist ab.«

»Ohne von mir Abschied zu nehmen?« rief Canolles. »Das ist offenbar ein armseliger Wicht.«

»Nein, mein lieber Baron, es ist ein Mensch, der Eile hat, und nichts Anderes.«

Canolles faltete die Stirne und erwiederte:

»Was für sonderbare Manieren! Wo ist dieser Junge erzogen worden? Richon, mein Freund, ich sage Euch, daß er Unrecht thut. Unter Edelleuten benimmt man sich nicht so. Bei Gott, ich glaube, wenn ich ihn hier hätte, ich würde ihm die Ohren reiben. Der Teufel hole seinen guten Tropfen von einem Vater, der ihm aus Knickerei ohne Zweifel keinen Lehrer gegeben hat.«

»Ärgert Euch nicht, Baron,« sprach Richon lachend, »der Vicomte ist nicht so schlecht erzogen, als Ihr wohl glauben möget, denn er hat mich bei seinem Abgange beauftragt, Euch sein Bedauern auszudrücken, und mir anempfohlen, Euch tausend schmeichelhafte Dinge zu sagen.«

»Gut, gut,« erwiederte Canolles, »Weihwasser von Hof, das aus einer großen Unverschämtheit eine kleine Unhöflichkeit macht, weiter nichts. Beim Henker, ich bin in einer sehr wilden Laune. Sucht Streit mit mir, Richon! Ihr wollt nicht? Wartet. Gottes Tod, Richon, ich finde Euch sehr häßlich.«

Richon fing an zu lachen und versetzte:

»Mit dieser Laune, Baron, wäret Ihr, wenn Ihr spieltet im Stande, mir hundert Pistolen abzugewinnen. Das Spiel begünstigt, wie Ihr wißt, großen Ärger.«

Richon kannte Canolles und wußte, was er that, wenn er der schlimmen Laune des Barons einen solchen Abfluß öffnete.

»Ah, bei Gott, das Spiel!« rief er, »ja, das Spiel, Ihr habt Recht! Mein Freund, das ist ein Wort, welches mich mit Euch aussöhnt, Richon, ich finde Euch sehr angenehm. Ihr seid schön, wie Adonis, und ich verzeihe Herrn von Cambes. Castorin, Karten!

Castorin lief von Biscarros begleitet herbei. Beide richteten einen Tisch zu, und die zwei Gefährten fingen an zu spielen. Castorin, dem es seit zehn Jahren von einer Martingale träumte, und Biscarros, der das Geld mit gierigem Auge betrachtete, blieben auf jeder Seite des Tisches stehen, um zuzuschauen. In weniger als einer Stunde gewann Richon, trotz dessen, was er prophezeit hatte, seinem Gegner achtzig Pistolen ab. Canolles, welcher kein Geld mehr bei sich hatte, befahl nun Castorin ans seinem Mantelsacke zu holen.

»Unnöthig,« sprach Richon, dem dieser Befehl nicht entgangen war; »ich habe keine Zeit, um Euch Revanche zu geben.«

»Wie! Ihr habt keine Zeit?« sagte Canolles.

»Nein, es ist elf Uhr, und um Mitternacht muß ich auf meinem Posten sein.«

»Geht doch, Ihr scherzt wohl.«

»Mein Herr Baron,« erwiederte Richon mit ernstem Tone, »Ihr seid Militär und kennt folglich die Strenge des Dienstes.«

»Warum seid Ihr dann nicht abgegangen, ehe Ihr mir das Geld abgewonnen hattet?« sprach Canolles, halb lachend, halb mürrisch.

»Macht Ihr es mir vielleicht zum Vorwurfe, daß ich Euch einen Besuch abstattete?« fragte Richon.

»Gott behüte! Ich habe nur nicht die geringste Lust zu schlafen und werde mich hier furchtbar langweilen. Wenn ich Euch den Vorschlag machte, Euch zu begleiten, Richon?«

»So würde ich diese Ehre zurückweisen, Baron. Angelegenheiten, wie die, mit welcher ich beauftragt bin, werden ohne Zeugen abgemacht.«

»Ganz gut; in welcher Richtung geht Ihr?«

»Ich bitte Euch, mich dies nicht zu fragen.«

»In welcher Richtung ist der Vicomte gereist?«

»Ich muß Euch hierauf antworten, daß ich es nicht weiß.«

Canolles schaute Richon an, um sich zu versichern, ob kein Hohn in dieser unhöflichen Antwort läge; aber das gutmüthige Auge und das offenherzige Lächeln des Gouverneur von Vayres entwaffneten, wenn nicht seine Ungeduld, doch wenigstens seine Neugierde.

»Ihr seid diesen Abend ganz aus Geheimnissen zusammengesetzt, mein lieber Richon; doch Ihr habt vollkommene Freiheit. Ich hätte mich vor drei Stunden, wenn man mir gefolgt wäre, auch bedeutend geärgert, obgleich der Folgende nicht minder enttäuscht worden wäre, als ich. Also noch ein Glas Collioures Wein und glückliche Reise.«

Hiernach füllte Canolles die Gläser, und Richon entfernte sich, nachdem er auf die Gesundheit des Barons getrunken hatte, ohne das es diesem nur in den Kopf kam, er wolle zu erfahren suchen, auf welchem Weg er sich entfernte. Aber allein mitten unter halb abgebrannten-Kerzen, leeren-Flaschen und zerstreuten Karten fühlte sich der Baron in eine von jenen traurigen Stimmungen versetzt, die man nur versteht, wenn man sie selbst erlebt hat; denn seine Heiterkeit von dem ganzen Abend war mit einem Verdrusse gemacht worden, über welchen er sich zu betäuben gesucht hatte, ohne daß es ihm völlig gelungen war.

Er schleppte sich also nach seinem Schlafzimmer und warf dabei durch die Scheiben des Ganges einen Blick voll Sommer und Zorn nach dem vereinzelten Hause, von dem ein Fenster mit einem röthlichen Reflexe beleuchtet war, und das von Zeit zu Zeit von Schatten durchzogen wurde, woraus deutlich genug hervorging, daß Fräulein von Lartigues eine Nacht minder einsam als die seinige zubrachte.

Auf der ersten Stufe der Treppe stieß Canolles mit seinem Stiefel an etwas. Er blickte sich und hob einen von den kleinen perlgrauen Handschuhen des Vicomte auf, den dieser bei seinem eiligen Abgange aus dem Gasthause von Meister Biscarros hatte fallen lassen und ohne Zweifel nicht für kostbar genug hielt, um seine Zeit mit Suchen zu verlieren.

Was auch Canolles in einem Augenblicke der Menschenfeindlichkeit, der einem getäuschten Liebhaber wohl zu verzeihen war, denken mochte, es herrschte in dem einen einsamen Hause keine größere Freude, als im Gasthofe zum Goldenen Kalb.

Unruhig und bewegt wälzte Nanon die ganze Nacht hindurch tausend Pläne in ihrem Gehirne umher, um Canolles in Kenntniß zu setzen; sie suchte Alles, was an Geist und List in dem Kopfe einer wohl organisierten Frau enthalten ist, zu benützen, um sich der precären Lage zu entziehen in der sie sich befand. Es, handelte sich nur darum, dem Herzog eine Minute zu stehlen, um mit Francinette zu sprechen, oder zwei Minuten, um eine Zeile an Canolles auf ein Stück Papier zu schreiben.

Aber es war, als vermuthete der Herzog Alles, was in ihr vorging, als läse er die Unruhe ihres Geistes durch die heitere Maske, mit der sie ihr Gesicht bedeckt hatte, und als hätte er sich selbst geschworen, ihr nicht einen Augenblick die Freiheit zu lassen, die ihr doch so nothwendig war.

Nanon hatte Migräne: Herr von Epernon wollte ihr nicht erlauben, aufzustehen, um ihr Riechfläschchen zu holen, und holte es selbst.

Nanon stach sich mit einer Nadel, wodurch plötzlich ein Rubin an der Spitze ihres zarten Fingers erschien; sie wollte in ihrem Necessaire ein Stückchen von dem berühmten Rosataffet holen, den man zu jener Zeit zu schätzen anfing. Unermüdlich in seiner Zuvorkommenheit stand Herr von Epernon auf, schnitt das Stückchen Rosataffet mit einer verzweiflungsvollen Geschicklichkeit ab und verschloß das Necessaire wieder.

Nanon stellte sich, als wäre sie in tiefen Schlaf versunken: sogleich fing der Herzog auch an zu schnarchen; da öffnete Nanon ihre Augen wieder und versuchte es bei dem Scheine der Nachtlampe, welche in ihrer alabasternenden Umhüllung auf dem Tische stand, aus dem in der Nähe ihres Bettes und im Bereiche ihrer Hand liegenden Leibrocke des Herzogs dessen Schreibtafel zu ziehen; aber in dem Augenblick wo sie bereits den Bleistift in ihren Fingern hielt und ein Blatt Papier ausgerissen hatte, öffnete der Herzog ein Auge und sagte:

»Was macht Ihr, mein Herzchen?«

»Ich suchte, ob kein Kalender in Eurer Schreibtafel wäre.«

»Wozu?«

»Um zu sehen, auf welchen Tag Euer Namensfest fällt.«

»Ich heiße Louis, und mein Namenstag fällt auf den 24. August, wie Ihr wißt: Ihr habt also gehörig Zeit, Euch darauf vorzubereiten.«

Und er nahm ihr die Schreibtafel wieder aus der Hand und steckte sie in seinen Rock.

Nanon hatte bei dem lebten Manoeuvre wenigstens einen Bleistift und ein Stück Papier gewonnen. Sie steckte Beides unter ihren Kopfpfühl und warf sehr geschickt die Nachtlampe um, in der Hoffnung, in der Finsterniß schreiben zu können; aber der Herzog läutete und verlangte mit gewaltigem Geschrei Licht, indem er behauptete, er könne ohne Licht nicht schlafen. Francinette lief so schnell herbei, daß Nanon nicht Zeit gehabt hatte, nur die Hälfte ihren Satzes zu schreiben, und der Herzog befahl aus Furcht, es könnte sich dieser Unfall wiederholen, die zwei Kerzen auf den Kamin zu stellen. Nun erklärte Nanon, sie könne nicht bei Licht schlafen; drehte ganz fieberhaft vor Ungeduld die Nase gegen die Wand und erwartete den Tag mit einer leicht begreiflichen Bangigkeit.

Dieser Tag begann an dem Gipfel der Pappelbäume zu erscheinen und ließ die zwei Kerzen erbleichen. Der Herzog von Epernon der sich ein Verdienst daraus machte, die Gewohnheiten den militärischen Lebens zu befolgen, erhob sich bei dem ersten Strahle, welcher durch die Fensterläden drang, kleidete sich allein an, um seine kleine Nanon nicht einen Augenblick zu Verlassen, hüllte sich in einen Schlafrock und läutete, um zu erfahren, ob nichts Neues vorgefallen wäre.

Francinette erwiederte diese Frage, indem sie dem Herzog ein Päckchen mit Depeschen übergab, welche Courtauvaux, sein Lieblingspiquer, in der Nacht gebracht hatte.

Der Herzog fing an dieselben zu entsiegeln und las sie mit einem Auge das andere Auge, von der Herzog den verliebtesten Ausdruck zu geben suchte, verließ Nanon nicht.

Nanon hätte den Herzog in Stücke zerrissen, wenn sie es im Stande gewesen wäre.

»Wisst Ihr,« sagte der Herzog, nachdem er einen Theil der Depeschen gelesen hatte, »wißt Ihr, was Ihr thun solltet, liebe Freundin?«

»Nein, Monseigneur,« antwortete Nanon, »aber wenn Ihr Befehle geben wolltet, so wurde man sich darnach richten.«

»Ihr solltet Euren Bruder holen lassen. Ich erhalte so eben von Bordeaux einen Brief, welcher die von mir gewünschte Auskunft enthält; er könnte sogleich abreisen, und bei seiner Rückkehr hätte einen Vorwand, ihm das Commando zu übergeben, das Ihr für ihn nachsucht.«

Das Antlitz des Herzogs drückte das unzweideutigste Wohlwollen aus.

»Auf,« sagte Nanon zu sich selbst, »Muth gefaßt! ich darf hoffen, das Canolles in meinen Augen lesen oder ein halbes Wort verstehen wird.«

Dann antwortete sie laut:

»Schickt selbst, mein lieber Herzog;« denn sie vermuthete, der Herzog würde sie nicht gewähren lassen, wenn sie die Sache besorgen wollte.

Der Herzog von Epernon rief Francinette und beauftragte sie, sich nach dem Gasthause zum Goldenen Kalbe zu begeben, ohne eine andere Instruktion als die Worte:

»Sagt dem Herrn Baron von Canolles, Fräulein von Lartigues erwarte ihn beim Frühstück.«

Nanon warf Francinette einen Blick zu, aber so beredt dieser Blick auch war, so konnte Francinette doch nicht darin lesen: »Sagt dem Herrn Baron von Canolles, ich sei seine Schwester.«

Francinette ging ab; sie begriff, daß ein Betrug hinter dieser Sache verborgen war, der eine gefährliche Wendung nehmen konnte.

Mittlerweile stand Nanon auf und stellte sich hinter den Herzog, um Canolles mit dem ersten Blicke auffordern zu können, er möge auf seiner Hut sein, und zugleich beschäftigte sie sich damit, eine Phrase bereit zu halten, mit deren Hilfe der Baron schon bei den ersten Worten von Allem unterrichtet werden sollte, was er wissen mußte, um nicht falsche Noten in dem Familientrio anzuschlagen, das nun aufgeführt werden würde.

Sie umfaßte mit dem Augenwinkel die ganze Straße bis zu der Biegung, wo sich der Herzog von Epernon am Abend vorher mit seinen Sbirren verborgen hatte.

»Ah!« sagte plötzlich der Herzog, dort kommt Francinette zurück.«

Und er heftete seine Augen, auf die von Nanon, welche nun genöthigt war ihren Blick von der Straße abzuwenden, um den des Herzogs zu erwiedern.

Das Herz von Nanon schlug, daß es die Brust hatte zersprengen sollen; sie hatte nur Francinette sehen können, und hätte so gern Canolles gesehen, um in seinem Gesichte irgend eine beruhigende Linie zu suchen.

Man kam die Stufen herauf der Herzog schickte sich zu einem zugleich vornehmen und freundschaftlichen Lächeln an. Nanon drängte die Röthe zurück, die ihr in die Wangen stieg, und belebte sich zum Kampfe.

Francinette klopfte leicht an die Thüre.

»Herein!« rief der Herzog.

Nanon nahm die Phrase, mit der sie Canolles begrüßen wollte, auf die Zungenspitze.

Die Thüre öffnete sich; Francinette war allein.

Nanon befragte das Vorzimmer mit einem gierigen Blicke; es war Niemand ins Vorzimmer.

»Madame,« sprach Francinette mit dem unstörbaren Gleichgewichte einer Komödien-Soubrette, »der Herr Baron von Canolles ist nicht mehr im Gasthause zum Goldenen Kalb.«

Der Herzog machte große Augen und wurde düster.

Nanon warf den Kopf zurück und athmete.

»Wie,« sagte der Herzog, »der Herr Baron von Canolles ist nicht mehr im Gasthause zum Goldenen Kalb?«

»Du täuschest Dich sicherlich, Francinette,« fügte Nanon bei.

»Madame,« erwiederte Francinette, »ich wiederhole, was mir Herr Biscarros selbst gesagt hat.«

»Er wird Alles errathen haben, dieser liebe Canolles,« murmelte ganz leise Nanon. »Eben so gescheit, eben so gewandt, als muthig und schön.«

»Holt mir sogleich den Meister Biscarros,« sagte der Herzog mit der Miene seiner schlimmen Tage.

»Oh! ich denke mir,v sprach Nanon rasch, »er wird erfahren haben, Ihr wäret hier, und befürchtete ohne Zweifel, er könnte stören. Der arme Canolles ist so schüchtern!«

»Er, schüchtern!« rief der Herzog, »es scheint mir, er steht nicht in diesem Rufe.«

»Nein, Madame,« versetzte Francinette, »der Herr Baron ist wirklich abgereist.«

»Aber Madame,« sagte der Herzog, »wir kommt es, das der Baron Furcht vor mir gehabt hat, während Francinette nur beauftragt war, ihn in Eurem Namen einzuladen? Ihr habt ihm also gesagt, ich wäre hier, Francinette?«

»Ich konnte es ihm nicht sagen, Herr Herzog, »denn er war nicht mehr da.«

Trotz dieser Erwiederung von Francinette, welche mit der Eile der Offenherzigkeit und Wahrheit gegeben wurde, schien der Herzog wieder von seinem ganzen Mißtrauen erfaßt zu werden. Nanon war voll Freude und hatte nicht mehr die Kraft, etwas zu sagen.

»Soll ich immer noch Meister Biscarros holen?«, fragte Francinette.

»Mehr als je,« erwiederte der Herzog mit seinem rauhen Tone, »oder vielmehr, ja wartet. Bleibt hier, Eure Gebieterin könnte Eurer bedürfen, und ich will Courtauvaux abschicken.«

Francinette verschwand. Fünf Minuten nachher erschien Courtauvaux an der Thüre.

»Gehe zu dem Wirthe zum Goldenen Kalbe,« sprach der Herzog, »sage ihm, er solle hierher kommen und den Küchenzettel zu einem Frühstück mitbringen. Gib ihm diese zehn Louisd’or damit er ein gutes Mahl bereitet. Vorwärts.«

Courtauvaux empfing das Gold auf seinem Rockschoße und entfernte sich, um den Befehl seines Gebieters zu vollziehen.

Er war ein Diener von gutem Hause, der sein Handwerk so genau kannte, als alle Crispine und alle Mascavilles jener Zeit. Er suchte Biscarros auf und sagte zu ihm:

»Ich habe den gnädigen Herrn überredet, ein feines Frühstück bei Euch zu bestellen; er hat mir acht Louisd’or gegeben, zwei behalte ich natürlich für die Commission; hier sind sechs für Euch, kommt geschwinde.«

Zitternd vor Freude band Biscarros eine weiße Schürze um seine Hüften, steckte die sechs Louisd’or ein, drückte Courtauvaux die Hand und eilte dem Piqueur nach, der ihn im schnellsten Laufe nach dem kleinen Hause führte.

Diesmal bebte Nanon nicht: die Versicherung von Francinette hatte sie vollkommen beruhigt; sie fühlte sogar das lebhafteste Verlangen, mit Biscarros zu sprechen. Er wurde daher, sobald er ankam, eingeführt.

Biscarros trat, seine Schürze artig in den Gürtel zurückgeschlagen und die Mütze in der Hand, ein.

»Ihr habt gestern einen jungen Edelmann bei Euch gehabt,« sagte Nanon, »den Herrn Baron von Canolles, nicht wahr!«

»Was ist aus ihm geworden?« fragte der Herzog.

Sehr in Unruhe, denn der Piqueur und die sechs Louisd’or ließen ihn ahnen, daß eine große Person unter dem Schlafrock verborgen war, antwortete Biscarros Anfangs ausweichend:

»Gnädiger Herr, er ist abgereist.«

»Abgereist,« sagte der Herzog, »wirklich abgereist.«

»Wirklich abgereist.«

»Wohin ist er gegangen?« fragte Nanon.

»Das kann ich nicht sagen, denn in Wahrheit, ich weist es nicht, Madame.«

»Ihr wißt wenigstens, welchen Weg er eingeschlagen hat?«

»Den Weg nach Paris.«

»Um wie viel Uhr hat er diesen Weg eingeschlagen?« fragte der Herzog.

»Gegen Mitternacht.«

»Und ohne etwas zu sagen?« fragte schüchtern Nanon.

»Ohne etwas zu sagen; er hat nur einen Brief zurückgelassen, mit dem Befehl, ihn an Mademoiselle Francinette zu übergeben.«

»Und warum habt Ihr den Brief nicht abgegeben, Schuft?« sagte der Herzog. »Ist das Eure Achtung vor dem Befehle eines Edelmannes?«

»Ich habe ihn übergeben gnädiger Herr.«

»Francinette!« rief der Herzog.

Francinette, welche horchte, machte nur einen Sprung von dem Vorzimmer in das Schlafzimmer.

»Warum hast Du den Brief Deiner Gebieterin nicht übergeben, den Herr von Canolles für sie zurückließ?« fragte der Herzog.

»Aber Monseigneur . . .« murmelte die Kammerfrau ganz erschrocken.

»Monseigneur,« dachte Biscarros, sich in die entfernteste Ecke des Zimmers kauernd; »Monseigneur . . . das ist ein verkleideter Prinz.«

»Ich habe ihn nicht verlangt,« sprach Nanon ganz bleich.

»Gib,« sagte der Herzog und streckte die Hand aus.

Die arme Francinette reichte ihm langsam den Brief dar während sie ihrer Gebieterin einen Blick zuwandte, mit dem sie sagen wollte:

»Ihr seht, daß es nicht mein Fehler ist; dieser Dummkopf, von einem Biscarros hat Alles verdorben.«

Ein doppelter Blitz schoß aus dem Augapfel von Nanon und erdolchte ihn gleichsam in seiner Ecke.

Der Unglückliche schwitzte große Tropfen und hätte gern die Louisd’or gegeben, die er in seiner Tasche hatte, wäre er, den Stiel einer Casserole in der Hand, vor seinem Herde gestanden.

Während dieser Zeit nahm der Herzog den Brief, öffnete ihn und las. So lange er las, stand Nanon kälter und bleicher als eine Bildsäule da und fühlte kein Leben mehr in ihrem Herzen.

»Was bedeutet dieses verwirrte Geschreibsel?« sagte der Herzog.

Nanon begriff nach diesen paar Worten, daß der Brief sie nicht gefährdete, und erwiederte:

»Lest laut und ich kann es Euch vielleicht erklären.«

»Teure Nanon,« las der Herzog.

Und nach diesen Worten wandte er sieh nach der jungen Frau um, welche, sich immer mehr beruhigend, seinen Blick mit bewunderungswürdiger Keckheit aushielt.

»Teure Nanon,« fuhr der Herzog fort, »ich benütze den Urlaub, den ich Euch zu verdanken habe, und mache zu meiner Zerstreuung einen kleinen Galopp auf der Straße nach Paris. Auf Wiedersehen; ich empfehle Euch mein Glück.«

»Oh! er ist ein Narr, dieser Canolles!«

»Ein Narr! Warum?« fragte Nanon.

»Reist man so ohne allen Grund um Mitternacht ab?«

»In der That,« sagte Nanon mit sich selbst sprechend.

»Sprecht, erklärt mir diese Abreise!«

»Ei mein Gott! Monseigneur,« erwiederte Nanon mit einem reizenden Lächeln, »nichts ist leichter.«

»Sie nennt ihn auch Monseigneur!« murmelte Biscarros. »Offenbar ein Prinz.«

»Sprecht, sprecht!«

»Wie, Ihr wißt nicht, um was es sich handelt?«

»Nicht entfernt.«

»Wohl, Canolles ist siebenundzwanzig Jahre alt; er ist jung, schön, sorglos. Welcher Thorheit glaubt Ihr, daß er den Vorzug gönnt? der Liebe. Er wird an dem Gasthause des Meister Biscarros eine hübsche Reisende haben vorüberkommen sehen, und ist ihr dann wahrscheinlich gefolgt.«

»Verliebt! Ihr glaubt?« rief der Herzog, lächelnd bei dem ganz natürlichen Gedanken, daß Canolles, wenn er in irgend eine Reisende verliebt wäre, nicht in Nanon verliebt sein könnte.

»Ganz gewiß verliebt. Nicht wahr, Meister Biscarros?« sagte Nanon, entzückt, als sie sah, daß der Herzog ihren Gedanken annahm. »Antwortet offenherzig: habe ich nicht richtig errathen?«

Biscarros dachte, der Augenblick wäre gekommen, die Gunst der jungen Frau wieder zu gewinnen, und antwortet, während er auf seinen Lippen ein Lächeln von vier Zoll in der Weite hinstreifen ließ:

»In der That, die gnädige Frau könnte Recht haben.«

Nanon machte einen Schritt gegen den Wirth und sprach unwillkürlich zitternd:

»Nicht wahr?«

»Ich denke wohl,« antwortete Biscarros mit schlauer Miene.

»Ihr denkt?«

»Ja, wartet nur; in der Thai, Ihr öffnet mir die Augen.«

»Ah! Erzählt uns das, Meister Biscarros,« versetzte Nanon, welche sich dem ersten Verdachte der Eifersucht hinzugeben anfing; »sagt, wer sind die reisenden Frauen, welche in dieser Nacht in Eurem Gasthause angehalten haben?«

»Ja, sprecht,« sagte der Herzog, seine Seine ausstreckend und sich mit den Ellbogen auf die Lehnen seines Stuhles stützend.

»Es sind keine reisende Frauen angekommen,« antwortete Biscarros,

Nanon athmete.

»Sondern nur,« fuhr der Wirth fort, ohne zu vermuthen, daß jedes von seinen Worten das Herz von Nanon hüpfen machte, »sondern nur ein blonder, zierlicher, kleiner Edelmann, der nicht aß, nicht trank und Furcht hatte, sich bei Nacht auf den Weg zu begeben. Ein Edelmann, welcher Furcht hatte,« fügte Biscarros mit einer kleinen Kopfbewegung voll Schlauheit bei: »Ihr begreift, nicht wahr?«

»Ah! Ah! Ah!« rief voll Heiterkeit der Herzog, geradezu in die Angel beißend.

Nanon erwiederte sein Lachen mit einer Art den Zähneknirschen.

»Fahrt fort,« sagte sie, »das ist reizend. Ohne Zweifel erwartete der junge Edelmann Herrn von Canolles?«

»Nein, nein, er erwartete zum Abendbrod einen großen Herrn mit einem Schnurrbart und hat sogar Herrn von Canolles etwas angefahren, als er mit ihm zu Nacht speisen wollte; aber der wackere Edelmann ließ sich durch eine solche Kleinigkeit nicht aus der Fassung bringen. Das ist ein unternehmender Kamerad, wie es scheint, und nach der Abreise den Grafen, der rechts abgegangen war, eilte er dem Kleinen nach, welcher sich nach Links gewendet hatte.

Als Biscarros nach dein Schlusse seiner Rede das frohe Gesicht des Herzogs wahrnahm, glaubte er in eine Tonleiter, so furchtbaren Lachens ausbrechen zu dürfen, daß die Fensterscheiben zitterten.

Völlig beruhigt, hätte der Herzog Biscarros umarmt, wäre er auch nur im Geringsten Edelmann gewesen. Nanon hörte bleich, ein krampfhaftes, eisiges Lächeln auf den Lippen, jeden Wort, das von dem Mund des Wirthes fiel, mit dem verzehrenden Glauben, welcher die Eifersüchtigen antreibt, in langen Zügen und bis auf die Hefe den Trank zu trinken, der sie tödtet.

»Aber was bringt Euch auf den Glauben,« sprach sie, »dieser kleine Edelmann sei eine Frau, Herr von Canolles sei verliebt in diese, und er laufe nicht aus Langweile und Laune auf der Landstraße umher.«

»Was mich auf diesen Glauben bringt?« antwortete Biscarros, dem daran lag, die Ueberzeugung im Innern seiner Zuhörer festzustellen; »ich will es Euch sagen.«

»Ja, sagt es uns, mein lieber Freund,« versetzte der Herzog; »Ihr seid in der That sehr belustigend.«

»Monseigneur ist allzu gütig!« sprach Biscarros. »Vernehmt also.«

Der Herzog wurde ganz Ohr. Nanon hörte die Fäuste zusammenpressend.

»Ich vermuthete nichts und hielt den kleinen blonden Cavalier für einen Mann, als ich Herrn von Canolles mitten auf der Treppe begegnete; in der linken Hand hielt er seine Kerze, in der rechten einen kleinen Handschuh, den er leidenschaftlich betrachtete und beroch.«

»Oh! oh! Oh!« rief der Herzog, dessen Heiterkeit immer mehr zunahm, je mehr er für sich zu fürchten aufhörte.

»Einen Handschuh!« wiederholte Nanon, indem sie sich zu erinnern suchte, ob sie nicht ein solches Pfand im Besitze ihres Ritters gelassen hätte, »einen Handschuh von dieser Art?«

Und sie zeigte dem Wirthe einen von ihren Handschuhen.

»Nein,« sagte Biscarros, »einen Männerhandschuh.«

»Einen Männerhandschuh! Herr von Canolles betrachtete und beroch einen Männerhandschuh! Ihr seid ein Narr!«

»Nein, denn es war ein Handschuh von dem kleinen Edelmann, von dem hübschen, blonden Cavalier, der nicht aß, nicht trank und bei Recht Furcht hatte; ein ganz kleiner Handschuh, in den die Hand von Madame kaum hineingekommen wäre, obgleich Madame gewiß eine sehr schöne Hand hat.«

Nanon stieß einen halblauten, dumpfen Schrei aus, als ob sie von einem unsichtbaren Pfeile getroffen worden wäre.

»Ich hoffe,« sagte sie mit einer heftigen Anstrengung, »Ihr seid nun hinreichend unterrichtet, Monseigneur, und wißt Alles, was Ihr zu wissen wünscht.«

Und die Lippen bebend, die Zähne geschlossen, die Augen starr, zeigte sie mit dem Finger Biscarros die Thüre; als der letztere aber auf dem Antlitz der jungen Frau diese Zeichen des Zornes wahrnahm, ohne die Sache begreifen zu können, blieb er mit offenem Munde und aufgesperrten Augen stehen.

»Ist die Abwesenheit dieses Cavaliers ein so außerordentliches Unglück,« dachte er, »so wird seine Rückkehr ein großen Glück sein. Wir wollen diesem edlen Herrn mit einer süßen Hoffnung schmeicheln, damit er guten Appetit bekommt.«

In Folge diesen Schlusses nahm Biscarros seine liebenswürdigste Miene an, setzte mit einer Bewegung von Anmuth seinen rechten Fuß vor und sprach:

»Dieser Cavalier ist allerdings abgereist, kann aber jeden Augenblick wiederkommen.«

Der Herzog lächelte bei dieser Bemerkung.

»So ist wahr,« sagte er, »warum sollte er nicht wiederkommen? Vielleicht ist er bereite zurückgekehrt. Gebt nach, Herr Biscarros, und bringt mir Antwort.«

»Aber das Frühstück!« sagte Nanon lebhaft. »Ich sterbe vor Hunger.«

»Das ist richtig,« versetzte der Herzog, »Courtauvaux kann gehen. Courtauvaux, komm hierher, gehe in das Gasthaus des Meister Biscarros und sieh nach, ob der Herr Baron von Canolles nicht zurückgekommen ist. Findest Du ihn nicht dort, so frage, erkundige Dich, suche in der Umgegend. Ich will mit diesem Herrn frühstücken. Vorwärts.«

Courtauvaux entfernte sich, und Biscarros, der das verlegene Stillschweigen der zwei Personen bemerkte, machte Miene, ein neues Auskunftsmittel von sich zu geben.

»Seht Ihr nicht, daß Madame Euch gehen heißt?« sprach Francinette.

»Einen Augenblick, seinen Augenblick!« rief der Herzog, »der Teufel, nun verliert Ihr den Kopf meine liebe Nanon; und das Frühstück! Ich bin wie Ihr, ich habe Hunger zum Sterben. Nehmt, Meister Biscarros, fügt diese sechs Louisd’or den andern bei, es ist die Bezahlung für die angenehme Geschichte, die Ihr uns erzählt habt.«

Dann befahl er dem Historiker, dem Koche Platz zu machen, und wir müssen gestehen, Meister Biscarros glänzte nicht weniger in dem zweiten Geschäfte, als in dem ersten.

Nanon hatte indessen nachgedacht und mit einem Blicke die ganze Lege umfaßt, in welche sie die Vermuthung von Meister Biscarros versetzte. Einmal, war die Vermuthung richtig? und dann, war sie dies auch, ließ sich das Benehmen von Canolles nicht entschuldigen? In der That, welch’ eine grausame Täuschung für einen braven Edelmann, wie er, mußte dieses mißglückte Rendezvous sein! Welche Schmach war diese Späherei des Herzogs von Epernon und diese Canolles auferlegte Notwendigkeit, gleichsam dem Triumphe seines Nebenbuhlers beizuwohnen! Nanon war so verliebt, daß sie, sein Benehmen einem Anfalle von Eifersucht zuschreibend, Canolles nicht nur entschuldigte, sondern auch beklagte und sich beinahe dazu Glück wünschte, so sehr von ihm geliebt zu werden, daß dadurch eine kleine Rache von seiner Seite hervorgerufen worden war. Aber vor Allem mußte das Uebel an der Wurzel abgeschnitten werden, sie mußte den Fortschritt dieser kaum entstehenden Liebe hemmen.

Hier durchzuckte ein furchtbarer Gedanke den Geist von Nanon, ein Gedanke, der die arme Frau beinahe niederschmetterte.

Wenn diesen Zusammentreffen von Canolles und dem kleinen Edelmann ein Rendezvous wäre!

Aber nein, sie war toll, denn der junge Edelmann wartete auf einen Herrn mit einem Schnurrbart. Er benahm sich auf eine unhöfliche Weise gegen Canolles, und Canolles selbst erkannte das Geschlecht den Unbekannten vielleicht nur an dem zufällig von ihm aufgefundenen kleinen Handschuhe.

Gleichviel man mußte Canolles in den Weg treten.

Sich mit ihrer ganzen Energie bewaffnend, kehrte sie zu dem Herzog zurück, der Biscarros, mit Complimenten und Empfehlungen überladen, so eben entlassen hatte.

»Welch ein Unglück, Monseigneur,« sagte sie, »daß die Unbesonnenheit des närrischen Canolles ihn einer Ehre beraubt, wie Ihr sie ihm angedeihen lassen wolltet. Dem Gegenwärtigen war seine Zukunft gesichert, der Abwesende verliert sie vielleicht ganz und gar.«

»Doch wenn wir ihn wiederfinden?« sagte der Herzog.

»Oh! es ist keine Gefahr,« erwiederte Nanon, »handelt es sich um eine Frau, so ist er nicht zurückgekehrt!«

»Was ist zu thun, mein Herzchen?« sprach Herr von Epernon. »Die Jugend ist das Alter des Vergnügens; er ist jung und belustigt sich.«

»Aber ich,« versetzte Nanon, »ich, die ich vernünftiger bin, als er, wäre der Meinung, man sollte diese unzeitige Freude ein wenig stören.«

»Ah, zänkische Schwester!« rief der Herzog.

»Er wird mir vielleicht im Augenblick grollen,« fuhr Nanon fort, »aber sicherlich später Dank wissen.«

»Nun, so laßt hören, habt Ihr einen Plan? Mir ist es ganz lieb, wenn Ihr einen habt, so nehme ich ihn an.«

»Allerdings.«

»So sprecht.«

»Wolltet Ihr ihn nicht zur Königin schicken, um eine dringende Nachricht zu überbringen?«

»Wohl, aber wenn er noch nicht zurückgekommen ist?«

»Laßt ihm nachsetzen, und da er sich auf der Straße nach Paris befindet, so ist immerhin so viel Weg zurückgelegt.«

»Ihr habt bei Gott Recht.«

»Beauftragt mich hiermit, und Canolles hat den Befehl schon an diesem Abend oder spätestens morgen, dafür stehe ich Euch.«

»Aber wen werdet Ihr schicken?«

»Braucht Ihr Courtauvaux?«

»Ich durchaus nicht.«

»Gebt ihn mir, und ich schicke ihn mit meinen Instruktionen ab.«

»Oh, der diplomatische Kopf! Ihr werdet es weit bringen, Nanon.«

»Dürfte ich ewig meine Erziehung unter einem so guten Herrn machen,« sprach Nanon, »mehr begehre ich nicht.«

Und sie schlang ihren Arm um den Hals des alten Herzogs, der vor Freuden bebte.

»Was für einen köstlichen Scherz bereiten wir unserem Seladon,« sagte sie.

»Das wird reizend zu erzählen sein, meine Liebe.«

»In der That, ich möchte ihm gerne selbst nachlaufen; um das Gesicht zu sehen, das er dem Boten machen wird.«

»Leider, oder vielmehr glücklicher Weise ist das möglich, und Ihr seid genöthigt, bei mir zu bleiben.«

»Ja, aber wir wollen keine Zeit verlieren. Schreibt Euren Befehl, Herzog, und stellt Courtauvaux zu meiner Verfügung.«

»Der Herzog nahm eine Feder und schrieb auf ein Stück Papier nur die zwei Worte:

»Bordeaux – Nein!«

Und er unterzeichnete.

Dann schrieb er auf diese lakonische Depeche die Adresse:

»An Ihre Majestät die Königin Anna von Oesterreich, Regentin von Frankreich.«

Nanon aber schrieb zwei Zeilen, die sie dem Papiere beifügte, nachdem sie dieselben dem Herzog gezeigt hatte.

Diese zwei Zeilen lauteten:

»Mein lieber Baron, beifolgende Depeche ist, wie Ihr seht, für Ihre Majestät die Königin bestimmt. Bei Eurem Leben überbringt sie auf der Stelle. Eo handelt sich um das Wohl des Königreiches.



    Eure gute Schwester Nanon.«

Nanon hatte kaum dieses Billet vollendet, als man das Geräusch eiliger Schritte unten an der Treppe vernahm, und Courtauvaux öffnete, rasch heraufsteigend, die Thüre mit dem freudigen Gesichte eines Menschen, welcher eine Nachricht bringt, von der er weiß, daß sie ungeduldig erwartet wird.

»Hier ist Herr von Canolles, welchen ich nur hundert Schritte von diesem Hause getroffen habe,« sagte der Piqueur.

Der Herzog stieß einen Ausruf wohlgefälligen Erstaunens aus. Nanon erbleichte murmelte: »Es steht also geschrieben, daß ich ihn nicht vermeiden soll,« und lief nach der Thüre.

In diesem Augenblick erschien auf der Schwelle eine neue Person, gekleidet in ein prachtvollen Gewand, ihren Hut in der Hand haltend und auf das Anmuthigste lächelnd.




V


Hätte der Blitz zu den Füßen von Nanon eingeschlagen, so würde es sein größeres Erstaunen hervorgebracht haben, als diese unerwartete Erscheinung verursachte, und es hätte ihr keinen schmerzlicheren Ausruf entrissen, als der war, welcher unwillkürlich ihrem Munde entfuhr.

»Er!« rief sie.

»Allerdings, meine gute kleine Schwester,« antwortete eine freundliche Stimme. »Doch um Vergebung,« fuhr der Eigenthümer dieser Stimme fort, als er den Herrn Herzog von Epernon erblickte, »um, Vergebung, ich belästige Euch vielleicht?«

Und er verbeugte sich bis auf den Boden vor dem Gouverneur von Guienne, der ihn mit einer wohlwollenden Geberde empfing.

»Cauvignac,« murmelte Nanon, aber so leise, daß dieser Name eher mit dem Herzen, als mit den Lippen ausgesprochen wurde.

»Seid willkommen, Herr von Canolles,« sagte der Herzog mit der freundlichsten Miene. »Eure Schwester und ich haben seit gestern Abend nur von Euch gesprochen, und seit gestern Abend verlangen wir nach Euch.«

»Ah, Ihr verlangt nach mir! in der That?« sagte Cauvignac, und warf einen Blick auf Nanon, in welchem ein unbeschreiblicher Ausdruck von Ironie und Zweifel lag.

»Ja,« sagte Nanon, »der Herr Herzog hat die Güte gehabt, zu wünschen, daß Ihr ihm vorgestellt würdet.«

»Nur die Furcht, lästig zu sein,« sprach Cauvignac, abermals sich vorbeugend, »hat mich abgehalten, früher um diese Ehre zu bitten.«

»In der That, Baron,« erwiederte der Herzog, »ich habe Euer Zartgefühl bewundert, muß Euch aber einen Vorwurf darüber machen.«

»Mir, Monseigneur, einen Vorwurf über mein Zartgefühl? Ah! Ah!«

»Ja, und wenn Eure gute Schwester nicht für Eure Angelegenheiten gesorgt hätte . . .«

»Ah!« sprach Cauvignac, einen Blick beredten Vorwurfes auf Nanon werfend; »ah, meine gute Schwester hat für die Angelegenheiten . . .«

»Ihres Bruders gesorgt,« versetzte Nanon lebhaft. »Was ist natürlicher?«

»Und heute noch, wem verdanke ich das Vergnügen, Euch zu sehen?«

»Ja,« sprach Cauvignac, »wem verdankt Ihr das Vergnügen, mich zu sehen, Monseigneur?«

»Wohl dem Zufall, einzig und allein dem Zufall, welcher Eure Rückkehr bewirkte.«

»Ah!« sagte Cauvignac zu sich selbst, »es scheint, ich war abgereist.«

»Ja, Ihr waret abgereist, schlechter Bruder, und zwar, ohne mich durch mehr als zwei Worte, welche meine Unruhe noch verdoppelten, davon in Kenntniß zu setzen.«

»Was wollt Ihr, meine liebe Nanon, man muß den Verliebten wohl etwas hingehen lassen,« erwiederte der Herzog lächelnd.

»Oh! Oh! die Sache wird verwickelt,« sprach Cauvignac zu sich selbst. »Ich bin verliebt, wie es scheint.«

»Gesteht, daß Ihr es seid,« sagte Nanon.

»Ich werde es nicht leugnen,« versetzte Cauvignac mit einem siegreichen Lächeln und suchte aus allen Augen irgend einen kleinen Brocken Wahrheit zu ziehen, mit dessen Hilfe er eine gute, große Lüge zusammensetzen könnte.

»Ja, ja,« sagte der Herzog, »aber wir wollen frühstücken, wenn es Euch gefällig ist. Ihr erzählt uns Eure Liebschaft während des Frühstücks. Francinette, ein Gedeck für Herrn von Canolles. Ihr habt hoffentlich noch nicht gefrühstückt Kapitän?«

»Nein, Monseigneur, und ich gestehe sogar, daß die frische Morgenluft meinen Appetit wunderbar geschärft hat.«

»Sagt die Nachtlust, schlimmer Mann,« versetzte der Herzog; »denn seit gestern lauft Ihr auf der Landstraße umher.«

»Meiner Treu,« sprach Cauvignac ganz leise, »der Schwager hat es richtig errathen. Nun, es sei, ich gestehe, die Nachtluft.«

»Wohl,« sagte der Herzog, reichte Nanon den Arm und ging von Cauvignac gefolgt, in den Speisesaal. »Hier findet Ihr hoffentlich hinreichend Stoff, um Euren Appetit zu befriedigen, so gut er auch beschaffen sein mag.«

Biscarros hatte sich wirklich selbst übertroffen. Die Gerichte waren nicht zahlreich, aber ausgesucht. Der gelber-Wein von Guienne und der rothe Wein von Burgund fielen wie Perlen von Gold und Cascaden von Rubinen aus der Flasche.

Cauvignac schlang.

»Dieser Junge arbeitet auf das Anmuthigste,« sagte der Herzog. »Aber Ihr, Nanon, eßt Ihr nicht?«

»Monseigneur, ich habe seinen Hunger.«

»Die liebe Schwester,« rief Cauvignac. »Und wenn ich bedenke, daß das Vergnügen, mich zu sehen, ihr den Appetit benommen hat! In der That, ich bin ihr böse, daß sie mich in diesem Grade liebt.«

»Dieses Hühnerflügelchen,« sagte der Herzog.

»Für meinen Bruder, Monseigneur,« erwiederte die junge Frau, welche sah, wie sich der Teller von Cauvignac mit einer furchtbaren Geschwindigkeit leerte, und die Wiederkehr seiner Spöttereien nach dem Verschwinden der Speisen befürchtete.

Cauvignac bot seinen Teller mit dem dankbarsten Lächeln. Der Herzog legte den Flügel auf den Teller, und Cauvignac setzte seinen Teller vor sich.

»Was macht Ihr Gutes, Canolles?« sprach der Herzog mit einer Vertraulichkeit, welche Cauvignac als ein bezauberndes Vorzeichen erschien. »Wohl verstanden, ich spreche nicht von der Liebe.«

»Sprecht im Gegentheil davon, Monseigneur, thut Euch keinen Zwang auf,« sagte der junge Mann, welchem der Medoc und der Chambertin, durch auf einander folgende und gleiche Dosen zusammengefügt, die Zunge zu lösen anfingen.

»Oh! Monseigneur, er versteht sehr gut einen Spaß,« sagte Nanon.

»Wir können ihn also auf das Kapitel von dem kleinen Edelmann bringen?« fragte der Herzog.

»Ja;« sagte Nanon, »von dem kleinen Edelmann, den Ihr gestern Abend getroffen habt.«

»Ah! ja, auf meinem Wege,« sprach Cauvignac.

»Und dann im Gasthause von Meister Biscarros,« fügte der Herzog bei.

»Und dann in dem Gasthause von Meister Biscarros,« versetzte Cauvignac. »Das ist meiner Treue wahr!«

»Ihr seid ihm also wirklich begegnet?« fragte Nanon.

»Diesem kleinen Edelmann? Ja.«

»Wie sah er aus? Laßt hören, sagt es mir offenherzig.«

»Meiner Treue,« versetzte Cauvignac, »es war ein reizendes Männchen, blond, schlank, zierliche.«

»So ist es,« sprach Nanon, sich in die Lippen beißend.

»Und Ihr seid verliebt in ihn?«

»In wen?«

»In den blonden, kleinen, schlanken, zierlichen Edelmann.«

»Oho! Monseigneur! Was wollt Ihr damit sagen?« rief Cauvignac.

»Tragt Ihr immer noch den kleinen perlgrauen Handschuh an Eurem Herzen?« fuhr der Herzog lachend fort.

»Den kleinen perlgrauen Handschuh?«

»Ja, den welchen Ihr gestern Abend so leidenschaftlich berochet und küßtet.«

Cauvignac verstand nichts von Allem dem.

»Den Handschuh, der Euch den Betrug, die Me-ta-mor-pho-se (der Herzog legte auf jede Sylbe einen Nachdruck) errathen ließ.«

Cauvignac begriff aus diesem einzigen Worte Alles.

»Ah!« rief er, »der Edelmann war also eine Frau? Bei meinem Ehrenworte! ich vermuthete es.«

»Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« murmelte Nanon.

»Gebt mir doch zu trinken,« meine Schwester,« sagte Cauvignac. »Ich weiß nicht, wer die Flasche geleert hat, welche vor mir steht, er es ist nichts mehr darin.«

»Nun, nun,« rief der Herzog, »da gibt es Mittel; denn seine Liebe hindert ihn nicht zu essen und zu trinken, und die Angelegenheiten des Königs werden nicht darunter leiden.«

»Die Angelegenheiten des Königs darunter leiden! Nie! Die Angelegenheiten des Königs vor allen Dingen. Die Angelegenheiten des Königs, das ist heilig! Aus die Gesundheit Seiner Majestät, Monseigneur!«

»Man kann also auf Eure Ergebenheit zählen, Baron?«

»Auf meine Ergebenheit für den König!«

»Ja.«

»Ich glaube wohl, daß man darauf zählen kann. Ich würde mich für ihn in Stücke hauen lassen.«

»Und das ist ganz einfach,« sprach Nanon, welche befürchtete, Cauvignac könnte in seiner Begeisterung für den Medoc und den Chambertin die Person vergessen, deren Rolle er spielte, um in seine eigene Individualität zurückzufallen, »und das ist ganz einfach, Seid Ihr nicht durch die Güte des Herrn Herzogs Kapitän im Dienste Seiner Majestät?«

»Ich werde es nie vergessen,« sprach Cauvignac mit einer thränenreichen Rührung, während er die Hand auf sein Herz legte.

»Wir werden es noch besser machen, Baron, wir werden es in der Zukunft besser machen.«

»Ich danke, Monseigneur, ich danke.«

»Und wir haben bereits angefangen.«

»Wirklich!«

»Ja, Ihr seid zu schüchtern, mein junger Freund,« versetzte der Herzog von Epernon. »Wenn Ihr einer Protection bedürft, wendet Euch an mich; nun, da es unnöthig ist, Umwege zu machen, nun, da Ihr Euch nicht mehr zu verbergen braucht, nun, da ich weiß, daß Ihr der Bruder von Nanon seid . . .«

»Monseigneur,« rief Cauvignac, »ich werde mich fortan unmittelbar an Euch wenden.«

»Ihr versprecht es mir?«

»Ich gelobe es.«

»Ihr werdet wohl daran thun. Indessen soll Euch Eure Schwester erklären, um was es sich handelt. Sie hat Euch einen Brief von mir zu übergeben. Vielleicht liegt Euer Glück in der Botschaft, die ich Euch auf ihre Empfehlung anvertraue. Nehmt den Rath Eurer Schwester, nehmt ihn, junger Mann, nehmt ihren Rath, es ist ein guter Kopf, ein ausgezeichneter Geist, ein edles Herz; liebt Eure Schwester, Baron, und Ihr könnt meiner Gunst versichert sein.«

»Monseigneur,«« rief Cauvignac, »meine Schwester weiß, wie sehr ich sie liebe, und daß ich nichts Anderes wünsche, als sie glücklich, mächtig und reich zu sehen . . .«

»Diese Wärme gefällt,mir,« sagte der Herzog. »Bleibt also bei Nanon, während ich mich mit einem gewissen Burschen beschäftigte. Doch bei dieser Gelegenheit Baron,« fuhr der Herzog fort, »Ihr könntet mir vielleicht Auskunft über diesen Banditen geben?«

»Gern,« antwortete Cauvignac, »nur muß ich wissen, von welchem Banditen Monseigneur spricht; es gibt viele und aller Art zur Zeit.«

»Ihr habt Recht; aber dieser ist einer von den Unverschämtesten, welche mir je vorgekommen sind.«

»Wirklich!« rief Cauvignac.

»Denkt Euch, daß mir dieser Elende für den Brief, den Eure Schwester gestern an Euch schrieb und den er sich durch eine schändliche Gewaltthat verschafft hatte, ein Blanquett auspreßte.«

»Ein Blanquett wirklich? Aber welches Interesse habt Ihr denn, diesen Brief einer Schwester an ihren Bruder zu besitzen?« rief Cauvignac mit naiver Miene.

»Vergeßt Ihr, daß ich nichts von dieser Verwandtschaft wußte?«

»Ah, das ist wahr.«

»Und daß ich so albern war, Ihr vergeht mir Nanon? fuhr der Herzog, der jungen Frau die Hand reichend, fort, »und daß ich so albern war, eifersüchtig auf Euch zu sein?«

»Wirklich? eifersüchtig auf mich! Ah, Monseigneur, Ihr hattet sehr Unrecht.«

»Ich wollte Euch also fragen, ob Ihr nicht irgend einen Verdacht in Beziehung auf den Menschen hättet, welcher die Rolle des Angebers bei mir spielte?«

»In der That, nein . . . Aber Ihr begreift, Monseigneur, solche Handlungen bleiben nicht unbestraft, und Ihr werdet eines Tage erfahren, wer diese begangen hat.«

»Ja, gewiß, ich werde es eines Tage erfahren,« erwiederte der Herzog, »und ich habe zu diesem Behufe – meine Maßregeln getroffen. Doch es wäre mir lieber, ich wüßte es sogleich.«

»Ah!« versetzte Cauvignac, die Ohren spitzend, »ah, Ihr habt zu diesem Behufe Eure Maßregeln getroffen?«

»Ja, ja,« fuhr der Herzog fort, »und der Barsche müßte viel Glück haben, wenn ihn sein Blanquett nicht an den Galgen brächte.«

»Und wie wollt Ihr dieses Blanquett von den andern Befehlen, welche Ihr gebt, unterscheiden, Monseigneur?« fragte Cauvignac.

»Ich habe ein Zeichen daran gemacht.«

»Ein Zeichen?«

»Ja, unsichtbar für Jedermann, aber ich, werde es mit Hilfe eines chemischen Verfahrens erkennen.«

»Halt, halt, halt!« sprach Cauvignac; »das ist sehr geistreich, Monseigneur. Aber man muß nur aus der Hut sein, daß er die Falle nicht vermuthet.«

»Oh! es ist keine Gefahr. Wer soll es ihm sagen?«

»Ah! Das ist wahr,« versetzte Cauvignac, »nicht Nanon, nicht ich . . .«

»Ich auch nicht,« sprach der Herzog.

»Ihr auch nicht! Ihr habt also Recht, Monseigneur, Ihr müßt unfehlbar eines Tagen erfahren, wer dieser Mensch ist und dann . . .«

»Und dann, da ich meinen Wortes quitt gegen ihn bin, denn man wird ihm für das Blanquett das, was er wünschte, gegeben haben, lasse ich ihn hängen.«

»Amen!« sprach Cauvignac.

»Und nun fuhr der Herzog fort, »da Ihr mir keine Auskunft über diesen Burschen geben könnt . . .«

»Nein, in der That, Monseigneur, ich kann es nicht«

»Wohl, ich lasse Euch, wie ich vorhin sagte, mit Eurer Schwester. Nanon,« fuhr der Herzog fort, gebt diesem jungen Manne genaue Instructionen, und er soll besonders keine Zeit verlieren.«

»Seid ruhig, Monseigneur.«

»Also Gott befohlen.«

Und der Herzog machte mit der Hand einen anmuthigen Gruß gegen Nanon, eine freundschaftliche Geberde gegen ihren Bruder, und stieg mit dem Versprechen, wahrscheinlich noch an demselben Tage zurückzukehren, die Treppe hinab.

Nanon begleitete den Herzog auf den Vorplatz.

»Pest!« sprach Cauvignac, »der würdige Herr hat wohl daran gethan, mich in Kenntniß davon zu setzen. Er ist nicht so dumm, als er aussieht! Aber was soll ich mit dem Blanquett machen? Verdammt! was man mit einem Wechsel machte ich werde es discontiren.«

»Nun, mein Herr,« sprach Nanon zurückkehrend, und die Thüre schließend, »nun kommt es an uns Beide.«

»Ja, liebes Schwesterchen,« antwortete Cauvignac, »denn ich bin nur gekommen, um mit Euch zu plaudern. Aber um gut zu plaudern, muß man sitzen. Setzt Euch doch, ich bitte.«

Und Cauvignac zog einen Stuhl zu sich, und bedeutete Nanon durch ein Zeichen dieser Stuhl sei für, sie bestimmt.

Nanon setzte sich mit einem Stirnefalten, das nichts Gutes ankündigte.

»Vor Allem,« sprach Nanon, »warum seid Ihr nicht da, wo Ihr sein solltet.«

»Ah! liebes Schwesterchen, das ist nicht höflich. Wenn ich da wäre, wo ich sein soll, so wäre ich nicht hier, und Ihr hättet folglich nicht das Vergnügen, mich zu sehen.«

»Habt Ihr nicht in den geistlichen Stand einzutreten gewünscht?«

»Ich nicht; sagt, die Personen, welche sich für mich interessieren, Ihr besonders wünschtet mich eintreten zu sehen. Persönlich hatte ich nie einen inneren Beruf für die Kirche.«

»Eure Erziehung ist doch eine völlig religiöse gewesen.«

»Ja, meine Schwester, und ich glaube sie auch benützt zu haben.«

»Keine Lästerung, mein Herr, wir wollen nicht über heilige Dinge spotten.«

»Ich spotte nicht, mein Schwesterchen, ich erzähle nur. Hört: Ihr habt mich zu den Minimen von Angoulême geschickt, wo ich meine Studien machen sollte.«

»Nun?«

»Nun, ich habe sie gemacht. Ich verstehe Griechisch wie Homer, Lateinisch wie Cicero und die Theologie wie Johannes Huß. Da ich bei diesen würdigen Brüdern nichts mehr zu lernen hatte, so ging ich von ihnen, immer Eurem Wunsche gemäß zu den Carmelitern von Rouon über, um das Gelübde abzulegen.«

»Ihr vergeßt, daß ich Euch eine jährliche Rente den hundert Pistolen versprach, und daß ich mein Versprechen gehalten habe. Hundert Pistolen für einen Carmeliter war, wie es mir scheint, mehr als hinreichend.«

»Ich leugne es nicht, meine liebe Schwester, aber unter dem Vorwande, ich wäre noch nicht Carmeliter, hat das Kloster beständig diese Rente eingezogen.«

»Und wenn es sich auch so verhielte, habt Ihr nicht, indem Ihr Euch der Kirche weihtet, das Gelübde der Armuth abgelegt?«

»Meine Schwester, wenn ich das Gelübde der Armuth ablegte, so habe ich auch, ich schwäre es Euch, dasselbe streng erfüllt; denn Niemand war ärmer als ich.«

»Aber wie seid Ihr aus dem Kloster gekommen?«

»Ah! Gerade wie Adam aus dem irdischen Paradiese: das Wissen hat mich zu Grund gerichtet, meine Schwester, ich war zu gelehrt.«

»Wie, Ihr waret zu gelehrt?«

»Ja, denkt Euch, daß ich unter den Carmelitern, welche sich durchaus nicht des Rufes erfreuen, als stünden sie auf der Stufe von Pico de Mirandola, von Erasmus und Descartes, für ein Wunder galt, wohl verstanden für ein Wunder der Wissenschaft. Dadurch erfolgte, daß man, als der Herr Herzog von Longueville durch Rouen kam, um diese Stadt aufzufordern, sich zu Gunsten des Parlaments zu erklären, mich zu Herrn von Longueville absandte, um eine Zwiesprache mit ihm zu pflegen, was ich in so zierlichen, gewählten Worten that, daß Herr von Longueville nicht nur mit meiner Beredsamkeit sehr zufrieden war, sondern auch fragte, ob ich nicht sein Secretär werden wollte. Es war gerade zur Zeit, als ich Profeß thun sollte.«

»Ja, ich er erinnere mich, und Ihr batet mich sogar unter dem Vorwande, von der Welt Abschied zu nehmen, um hundert Pistolen, die ich Euch eigenhändig zukommen ließ.«

»Das sind die einzigen, welche ich erhalten habe, so wahr ich ein Edelmann bin.«

»Aber Ihr solltet auf die Welt Verzicht leisten?«

»Ja, das war meine Absicht, doch es war nicht die der Vorsehung, welche ohne Zweifel Pläne mit mir hegt. Sie hat durch das Organ des Herrn von Longueville anders über mich verfügt; ich sollte nach ihrem Willen nicht Mönch bleiben. Ich fügte mich also in den Willen dieser guten Vorsehung, und ich muß sagen, ich bereue es nicht.«

»Ihr seid also nicht mehr beim geistlichen Stande?«

»Nein, wenigstens nicht für den Augenblick, liebe Schwester. Ich wage nicht zu behaupten, ich werde nie mehr zu demselben zurückkehren; denn welcher Mensch kann am Abend sagen, was er am Morgen thun wird? Hat nicht Herr von Rancé den Brappisten-Orden gestiftet? Vielleicht mache ich es wie Herr von Rancé und erfinde irgend einen neuen Orden. Aber ich habe nun den Krieg gekostet, und das hat mich für einige Zeit profan und unrein gemacht. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mich reinigen«

»Ihr, ein Kriegsmann!« sprach Nanon die Achseln zuckend.

»Warum nicht? Ich sage Euch nicht, ich sei ein Duguesclin, ein Dunois, ein Bayard, ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Nein ich bin nicht so stolz, zu behaupten, ich habe mir nicht einige leichte Vorwürfe zu machen, und ich werde nicht wie der erhabene Condottiere Sforza fragen, was Furcht sei. Ich bin ein Mensch, und wie Plautus sagt: homo sum et nihil humani a me alienum puto; was bedeutete ich bin ein Mensch und nichts Menschlichen ist mir fremd. Ich habe Furcht, wie es einem Menschen Furcht, zu haben erlaubt ist, was mich jedoch nicht abhält, bei Gelegenheit brav zu sein. Ich spiele sogar, wenn ich dazu genöthigt werde, ganz angenehm mit dem Degen und mit der Pistole. Aber meine wahre Neigung, mein entschiedener Beruf, seht Ihr, das ist die Diplomatie. Wenn ich mich nicht sehr täusche, meine liebe Nanon, werde ich ein großer Politiker. Die Politik ist eine schöne Laufbahn, denkt an Mazarin, wenn er nicht gehängt wird, muß er es weit bringen. Nun, ich bin wie Herr von Mazarin. Eine von meinen Befürchtungen, die größte sogar, ist auch die, gehängt zu werden.«

»Ihr seid also Kriegsmann?«

»Und Hofmann nöthigen Falles. Ah! mein Aufenthalt bei Herrn von Longueville hat mir viel genützt.«

»Und was habt Ihr bei ihm gelernt?«

»Was man bei den Prinzen lernt: Krieg führen, intrigieren, verrathen.«

»Und das brachte Euch?«

»Zu der höchsten Stellung.«

»Die Ihr wieder verloren hab?«

»Herr von Condé hat die seinige auch verloren. Man ist nicht Herr der Ereignisse. Liebe Schwester, so wie Ihr mich hier seht, habe ich Paris regiert.«

»Ihr!«

»Ja, ich!«

»Wie lange?«

»Sieben Viertelstunden, die Uhr in der Hand.«

»Ihr habt Paris regiert?«

»Als Kaiser.«

»Wie dies«

»Auf eine ganz einfache Weise. Ihr wißt, daß der Herr Coadjutor, Herr von Gondy, der Abbé von Gondy . . .«

»Sehr wohl.«

»Unumschränkter Herr der Stadt war. Nun in diesem Augenblicke gehörte ich dem Herrn Herzog den Elboeuf. Er ist ein lothringischer Prinz, man braucht sich nicht zu schämen, Herr von Elboeuf zu gehören. Herr von Elboeuf wer aber für den Augenblick der Feind des Coadjutors. Ich zettelte also einen Aufruhr zu Gunsten von Herrn von Elboeuf an und fing . . .«

»Wen? den Coadjutor?«

»Nein, ich hätte nichts mit ihm anzufangen gewußt, und wäre nur dadurch in Verlegenheit gerathen. Ich fing seine Geliebte, Fräulein von Chevreuse.«

»Aber das ist abscheulich,« rief Nanon.

»Nicht wahr, es ist abscheulich, daß ein Priester eine Geliebte hat? Gerade das ist es, was ich mir auch sagte. Es war nur meine Absicht, sie zu entführen und sie so weit wegzubringen, daß er sie nie mehr sehen würde. Ich ließ ihm also meine Absicht mittheilen; aber dieser Teufel von einem Menschen hat Gründe, denen man nicht widerstehen kann. Er bot mir tausend Pistolen.«

»Arme Frau, sich so verhandelt zu sehen!«

»Wie! sie mußte im Gegentheil entzückt darüber sein, denn das bewies ihr, wie sehr Herr von Gondy sie liebte! Nur die Männer der Kirche haben eine solche Ergebenheit für ihre Geliebte. Ich glaube, das rührt davon her, daß ihnen diese Sache verboten ist.«

»Ihr seid also reich?«

»Ich?« rief Cauvignac.

»Allerdings, mittelst dieser Räubereien.«

»Sprecht mir nicht hiervon. Hört, Nanon, ich habe Unglück gehabt: die Kammerjungfer von Fräulein von Chevreuse, welche mir Niemand abkaufen wollte, und die folglich bei mir blieb, stahl mir das Geld.«

»Es bleibt Euch doch hoffentlich die Freundschaft von denjenigen, welchen Ihr, den Coadjutor verletzend, diente.«

»Ah, Nanon, man sieht wohl, daß Ihr die Prinzen nicht kennt! Herr von Elboeuf hat sich mit dem Coadjutor ausgesöhnt. In dem Vertrag, welchen sie mit einander abschlossen, wurde ich aufgeopfert. Ich sah mich also genöthigt, in den Sold von Herrn von Mazarin zu treten, Herr von Mazarin aber ist ein Knauser. Da er die Belohnung nicht in das Gleichgewicht mit dem Dienste setzte, so willigte ich in ein Anerbieten, das man mir machte, und unternahm eine neue Meuterei zu Ehren des Rathes Broussel, welche zum Zwecke hatte, den Kanzler Seguier todtzuschlagen; aber meine ungeschickten Leute schlugen ihn nur halb todt. Mitten unter diesem Streite lief ich die größte Gefahr, die mich je bedroht hatte. Herr von Meilleraye drückte eine Pistole, wenige Schritte von mir entfernt, auf mich ab. Zum Glücke bückte ich mich, die Kugel flog über meinem Kopfe hin, und der berühmte Marschall tödtete nur ein altes Weib.«

»Welch ein Gewebe von Abscheulichkeiten!« rief Nanon.

»Nein, meine liebe Schwester, das sind die Nothwendigkeiten des Bürgerkrieges.«

»Ich begreife jetzt, wie ein Mensch, der zu solchen Dingen fähig ist, wagen konnte, was Ihr gestern gewagt habt.«

»Was habe ich denn gethan?« fragte Cauvignac mit der unschuldigsten Miene der Welt, »was habe ich gewagt?«

»Ihr habt es gewagt, eine so angesehene Person wie Herrn von Epernon in das Gesicht zu betrügen. Aber das begreife ich nicht, das habe ich, ich gestehe es, nie gedacht, daß ein von meinen Wohlthaten überhäufter Bruder kalt den Plan fassen könnte, seine Schwester zu Grunde zu richten.«

»Meine Schwester zu Grunde richten. . . ich?« sagte Cauvignac.

»Ja, Ihr!« versetzte Nanon; »ich brauchte nicht Eure Erzählung abzuwarten, welche mir beweist, daß Ihr zu Allem fähig seid, um die Handschrift des Billets zu erkennen. Seht! Wollt Ihr leugnen, das dieser anonyme Brief von Eurer Hand ist?«

Entrüstet legte Nanon den verrätherischen Brief, welchen ihr der Herzog am Abend vorher zugestellt hatte, ihrem Bruder vor die Augen.

Cauvignac las ihn, ohne ans der Fassung zu kommen-.

»Nun,« sagte er, »was habt Ihr gegen diesen Brief? Findet Ihr ihn etwa schlecht abgefaßt? Es würde mir sehr leid für Euch thun, denn es bewiese, daß Ihr keine Literatur besitzt.«

»Es handelt sich nicht um die Abfassung, mein Herr, sondern um die Sache selbst. Seid Ihr es oder seid Ihr es nicht, der diesen Brief geschrieben hat?«

»Ich hin es allerdings. Hätte ich die Sache leugnen wollen, so würde ich weine Handschrift verstellt haben; aber das war unnötig. Es lag nie in meiner Absicht, mich vor Euren Augen zu verbergen. Ich wünschte sogar, daß Ihr erkennen würdet, der Brief käme von mir.«

»Ihr gesteht es!« rief Nanon mit einer Geberde des Abscheus.

»Das ist ein Rest von Demuth, liebe Schwester. Ja, ich muß Euch sagen, ich wurde von einer Art von Rache angetrieben.«

»Von Rache?«

»Ja, von einer sehr natürlichen.«

»Rache gegen mich, Unglücklicher! Bedenkt Ihr auch, was Ihr sagt? Was habe ich Euch Böses zugefügt, daß Euch der Gedanke kommt, sich an mir zu rächen?«

»Was Ihr mir gethan habt? Ah! Nanon, versetzt – Euch an meine Stelle. Ich verlasse Paris, weil ich dort zu viel Feinde hatte; das ist des Unglück von allen Politikern. Ich wende mich an Euch, ich flehe Eure Hilfe an. Erinnert Ihr Euch? Ihr habt drei Briefe erhalten. Ihr werdet wohl nicht sagen, Ihr habet meine Handschrift nicht erkannt. Es war ganz die des anonymen Billets, und überdies hatte ich die Briefe unterzeichnet. Ich schrieb drei Briefe an Euch, um Euch um hundert armselige Pistolen zu bitten. Hundert Pistolen von Euch, die Ihr Millionen besitzt! Das war eine Erbärmlichkeit, aber Ihr wißt, hundert Pistolen sind meine Zahl. Nun wohl, meine Schwester stößt mich zurück. Ich zeige mich bei meiner Schwester: meine Schwester läßt mich abweisen. Natürlich erkundige ich mich. Vielleicht ist sie im Unglück, denke ich; das ist der Augenblick, um ihr zu beweisen, daß ihre Wohlthaten nicht auf ein undankbares Land gefallen sind. Vielleicht ist sie nicht mehr frei. Dann muß man ihr vergeben. Ihr seht, mein Herz suchte Entschuldigungen für Euch. Da erfahre ich, meine Schwester sei frei, glücklich, reich, sehr reich, und ein Fremder, ein Baron von Canolles, maße sich meine Rechte an und lasse sich von ihr an meiner Stelle protegieren. Nun verdrehte mir die Eifersucht den Kopf.«

»Sagt die Habgier. Ihr habt mich an den Herrn, von Epernon verkauft, wie Ihr Fräulein von Chevreuse an den Coadjutor verkauftet. Ich frage Euch, was ging es Euch an, daß ich mit Herrn von Canolles in Verbindung stand?«

»Nicht nichts, und ich hätte nicht daran gedacht, mich darüber zu beunruhigen, würdet Ihr Eure Verbindung mit mir fortgesetzt haben.«

»Wisst Ihr wohl, daß Ihr, wenn ich ein einziges Wort zu dem Herrn Herzog von Epernon sagte, wenn ich ihm ein unumwundenes Geständnis machte, verloren wäret? Ihr habt selbst so eben und aus seinem eigenen Munde gehört, was für ein Schicksal er demjenigen bestimmt, der ihm sein Blanquett gestohlen hat.«

»Sprecht nicht mehr davon; ich schauerte bis in das Mark meiner Knochen, und ich bedurfte meiner ganzen Selbstbeherrschung, um mich nicht zu verrathen.«

»Und Ihr zittert nicht, Ihr, der Ihr doch zugesteht, daß Ihr die Furcht kennt?«

»Nein; denn dieses unumwundene Bekenntniß würde beweisen, daß Herr von Canolles nicht Euer Bruder ist. Die Worte Eures Briefes nähmen, an einen Fremden gerichtet, eine ärgerliche Bedeutung an. Glaubt mir, ein Geständniß mit Umwegen, wie das, welches Ihr vorhin machtet, ist mehr werth. Undankbare, ich will nicht sagen Blinde, bedenkt doch, wie viele von mir vorhergesehene Vortheile aus der kleinen durch meine Sorge vorbereiteten Komödie entspringen. Erstens waret Ihr sehr verlegen und zittertet vor Angst, Herrn von Canolles kommen zu sehen, der, nicht in Kenntniß gesetzt, bei Eurem kleinen Familienromane furchtbar im Nebel herumgetappt wäre. Meine Erscheinung hat im Gegentheil Alles gerettet. Euer Bruder ist kein Geheimniß mehr. Herr von Epernon nahm ihn an und zwar, ich muß es sagen, auf eine sehr artige Weise. Nun braucht der Bruder sich nicht mehr zu verbergen, er ist vom Hause; folglich Briefwechsel, äußere und innere Rendezvous, vorausgesetzt, daß der Bruder mit den schwarzen Haaren und Augen die Unschicklichkeit nicht so weit treibt, daß er dem Herrn Herzog von Epernon gerade in das Gesicht schaut. Ein Mantel gleicht ungeheuer einem andern Mantel, und sieht Herr von Epernon einen Mantel von Euch gehen, wer wird ihm sagen, ob es der eines Bruders ist oder nicht? Ihr seid also frei wie der Wind. Nur habe ich mich um Euch zu dienen, umgetauft und nenne mich Canolles; das ist unbequem. Ihr solltet mir für dieses Opfer Dank wissen.«

Diesem Redestrom, einem Resultat einer unglaublichen Unverschämtheit, wußte Nanon ganz versteinert keine Gründe mehr entgegenzusetzen. Den Sieg, den er im Sturme davon getragen, benützend, fuhr Cauvignac fort:

»Und nun, liebe Schwester, da wir nach einer so langen Abwesenheit wieder vereinigt sind, da Ihr nach so vielen Kreuz- und Querzügen einen wahren Bruder wieder gefunden habt, gesteht, daß Ihr fortan, Dank sei es dein Schilde, den die brüderliche Liebe über Euch ausbreitet, auf beiden Ohren schlafen werdet. Ihr werdet so ruhig leben, als ob ganz Guienne Euch anbetete, was, wie Ihr wißt, nicht der Fall ist; aber Guienne muß nach unserer Pfeife tanzen. In der That, ich quartiere mich auf Eurer Schwelle ein; Herr von Epernon macht mich zum Obersten; statt sechs Mann habe ich zweitausend. Mit diesen zweitausend Mann erneute ich die Arbeiten des Hercules. Man ernennt mich zum Herzog; zum Pair; Frau von Epernon stirbt, Herr von Epernon heirathet Euch . . .«

»Vor Allem dem hört zweierlei,« sagte Nanon mit kurzem Tone.

»Was, liebe Schwester? Sprecht, ich bitte Euch.«

»Erstens werdet Ihr dem Herzog das Blanquett zurückgeben, sonst hängt man Euch. Ihr habt den Spruch aus seinem eigenen Munde gehört. Sodann entfernt Ihr Euch sogleich von hier, oder ich bin verloren, was für Euch zwar nichts ist, aber Ihr stürzt Euch mit mir ins Verderben, ein Grund, der Euch vielleicht bewegen wird, meinen Untergang in Betracht zu ziehen.«

»Zwei Antworten, liebe Dame: dieses Blanquett ist mein Eigenthum, und Ihr könnt mich nicht abhalten, mich hängen zu lassen, wenn es mir gefällt.«

»Immerhin!«

»Ich danke! aber seid unbesorgt, es wird dem nicht so sein. Ich habe Euch so eben meinen Widerwillen gegen diese Todesart ausgedrückt. Ich behalte also das Blanquett, wenn Ihr nicht etwa Lust habt, es mir abzukaufen, in welchem Falle wir mit einander handeln können.«

»Ich brauche es nicht, ich ertheile selbst Blanquette.«

»Glückliche Nanon!«

»Ihr behaltet es also?«

»Ja.«

»Auf die Gefahr, was auch daraus entstehen mag?

»Seid unbesorgt, ich weiß, wo ich es anbringe. In Euren Verlangen, Euch meiner zu entledigen, vergeßt Ihr Eines.«

»Was?«

»Den wichtigen Auftrag, von dem der Herzog gesprochen hat und der mein Glück machen soll.«

Nanon erbleichte.

»Aber, Unglücklicher,« sprach sie, »Ihr wißt wohl, daß dieser Auftrag nicht für Euch bestimmt ist. Ihr wißt wohl, daß die Lage der Dinge mißbrauchen ein Verbrechen wäre, das früher oder später seine Strafe nach sich ziehen müßte.«

»Ich will auch keinen Mißbrauch, sondern einen Gebrauch davon machen.«

»Überdies ist Herr von Canolles in dem Auftrage genannt.«

»Heiße ich nicht Baron von Canolles?«

»Ja, aber man kennt dort nicht allein seinen Namen, sondern auch sein Aeußeres. Herr von Canolles ist wiederholt bei Hofe gewesen.«

»Das lasse ich mir gefallen, daß ist ein guter Grund, und zwar der erste, den Ihr nur angebt; Ihr seht auch, ich füge mich darein.«

»Ueberdies würdet Ihr dort Eure politischen Feinde finden,« sprach Nanon, »und Euer Gesicht ist vielleicht, obgleich Ihr unter einer andern Gestalt erscheint, nicht minder bekannt, als das von Herrn von Canolles.«

»Oh! das würde nichts zu der Sache thun, wenn es, wie der Herzog gesagt hat, Zweck der Sendung ist, Frankreich einen großen Dienst zu leisten. Die Botschaft wird dem Boten durchhelfen. Ein Dienst von dieser Wichtigkeit schließt Begnadigung in sich, und die Amnestie des Vergangenen ist stets die erste Bedingung politischer Bekehrung. Glaubt mir also, liebe Schwester, es ist nicht an Euch, mir Bedingungen zu machen, sondern an mir, Euch die meinigen vorzuschlagen.«

»Laßt hören, worin bestehen sie?«

»Vor Allem, wie ich Euch so eben sagte, die erste Bedingung jedes Vertrages, das heißt allgemeine, Amnestie.«

»Ist das Alles?«

»Dann die Bezahlung unserer Rechnungen.«

»Ich bin Euch etwas schuldig, wie es mir scheint?«

»Ihr seid mir die hundert Pistolen schuldig, um die ich Euch bat, und die Ihr mir verweigertet.«

»Hier sind zweihundert.«

»Gut, daran erkenne ich Euch, Nanon.«

»Aber unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß Ihr das Schlimme, was Ihr angerichtet, wieder gut macht.«

»Das ist nur zu billig. Was soll ich zu diesem Behufe thun?«

»Ihr steigt zu Pferde und jagt aus der Straße zog Paris fort, bis Ihr Herrn von Canolles gefunden habt.«

»Dann verliere ich seinen Namen?«

»Ihr gebt ihm denselben zurück.«

»Und was soll ich ihm sagen?«

»Ihr stellt ihm diesen Befehl zu und versichert Euch, daß er auf der Stelle zu Vollstreckung desselben abreist.«

»Ist das Alles?«

»Ist es nothwendig, daß er erfährt, wer ich bin?«

»Im Gegentheil, es ist von größter Wichtigkeit, daß er es nicht weiß.«

»Ah! Nanon, solltet Ihr Euch Eures Bruders schämen?«

Nanon antwortete nichts sie dachte nach.

»Aber wie bin ich sicher,« sprach sie nach einem Augenblick, »daß Ihr meinen Auftrag getreulich erfüllen werdet? Wenn es etwas Heiliges für Euch gäbe, würde ich einen Eid von Euch Verlangen.«

»Thut etwas Besseres.«

»Was?«

»Versprecht mir hundert weitere Pistolen, wenn ich Euren Auftrag vollzogen habe.«

Nanon zuckte die Achseln und erwiederte: »Es ist abgemacht.«

»Nun, seht, ich fordere keinen Eid von Euch und Euer Wort genügt mir. Wir sagen also hundert Pistolen für die Person, die Euch in meinem Namen den Empfangsschein von Herrn von Canolles zustellt.«

»Ja; aber Ihr sprecht von einem Dritten: gedenkt Ihr nicht zufällig selbst zurückzukommen?«

»Wer weiß? Ein Geschäft ruft mich selbst in die Gegend von Paris.«

Nanon entschlüpfte unwillkürlich eine Bewegung der Freude.

»Oh! das ist nicht freundlich,« sprach Cauvignac lachend. »Doch gleichviel, liebe Schwester, ohne Groll.«

»Ohne Groll; aber zu Pferde.«

»So-gleich zu Pferde: laßt mir nur Zeit zum Steigbügeltrunke.«

Cauvignac goß in sein Glas den Rest der Flasche Chambertin, begrüßte seine Schwester mit einer Geberde voll Achtung, sprang zu Pferde und verschwand in einem Augenblick in einer Staubwolke.




VI


Der Mond begann sich zu erheben, als der Vicomte, gefolgt von dem treuen Pompée das Gasthaus des Meister Biscarros verließ und auf der Straße nach Paris forteilte.

Nach ungefähr einer Viertelstunde, während welcher sich der Vicomte ganz seinen Gedanken überließ und etwa anderthalb Lieues zurücklegte, wandte sich dieser gegen seinen Stallmeister um, welcher ernst drei Schritte hinter seinem Herrn ritt.

»Pompée,« fragte der junge Mann, »daß Du vielleicht meinen Handschuh von der rechten Hand?«

»Nicht, daß ich wüßte, gnädiger Herr,« antwortete Pompée .

»Was machst Du denn an Deinem Felleisen?«

»Ich sehe, ob es gut angebunden ist, und ziehe die Riemen fester, aus Furcht, es könnte klingen. Der Klang des Goldes bringt Unglück, gnädiger Herr, und veranlaßt besonders bei Nacht ein schlimmes Zusammentreffen.«

»Das ist wohl gethan, Pompée,« versetzte der Vicomte, »und ich sehe es gern, daß Du so sorgfältig und klug bist.«

»Das sind ganz natürliche Eigenschaften bei einem Soldaten, Herr Vicomte, Eigenschaften, welche sich vortrefflich mit dem Muthe vereinigen lassen. Da der Muth jedoch nicht Verwegenheit ist, so bedaure ich, offenherzig gestanden, daß Herr Richon uns nicht begleiten konnte; denn zwanzigtausend Franken sind besonders in so stürmischen Zeiten, wie die gegenwärtigen, schwer zu bewachen.«

»Was Du da sagst, ist sehr gescheit, Pompée antwortete der Vicomte, »und ich bin in jeder Beziehung Deiner Meinung.«

»Ich wage sogar zu behaupten,« fuhr Pompée in seiner Furcht durch die Billigung des Vicomte ermuthigt, fort, »daß es unklug ist, sich so preiszugeben, wie wir es thun. Reiten wir also neben einander, wenn es Euch gefällig ist, damit ich meine Muskete untersuchen kann.«

»Nun, Pompée?«

»Das Feuerrad ist in gutem Zustande, und wer uns anhalten wollte, könnte eine schlimme Viertelstunde durchzumachen haben. Oh! Oh! was seh’ ich dort?«

»Wo?«

»Vor uns, etwa ans hundert Schritte, gegen unserer Rechten. Schaut, in dieser Richtung.«

»Ich sehe etwas Weißes.«

»Oh! Oh!« sprach Pompée »Weißes; Lederwerk vielleicht. Auf meine Ehre, ich habe große Lust, die Hecke dort links zu benutzen; das heißt man in der Kriegssprache sich verschanzen. Verschanzen wir uns, Herr Vicomte.«

»Ist es Lederwerk, Pompée, so wird es von Soldaten des Königs getragen, und die Soldaten des Königs plündern die Vorüberziehenden nicht.«

»Laßt Euch nicht täuschen, Herr Vicomte. Man hört im Gegentheil nur von Straßenläufern sprechen, die sich einen Schild aus der Uniform Seiner Majestät machen, um tausend Niederträchtigkeiten zu begehen, von denen die einen immer verdammenswerter sind als die andern. Kürzlich erst hat man in Bordeaux zwei Chevauxlegers gerädert, welche . . . Ich glaube, ich erkenne die Uniform der Chevauxlegers, gnädiger Herr.«

»Die Uniform der Chevauxlegers ist blau, Pompée, und was wir sehen ist weiß.«

»Ja, aber oft ziehen sie eine Blouse über ihre Uniform an; das hatten die Elenden gethan, welche kürzlich in Bordeaux gerädert wurden. Diese dort gebärden sich gewaltig, wie es mir scheint; sie drohen; das ist ihre Taktik, Herr Vicomte; sie legen sich gewöhnlich am Wege in Hinterhalt und nöthigen, den Carabiner in der Faust, den Reisenden von ferne, seine Börse niederzuwerfen.«

»Aber, mein lieber Pompée,« sprach der Vicomte, der, obgleich selbst sehr erschrocken, doch seine Geistesgegenwart nicht verlor, »wenn sie von ferne mit ihrem Carabiner drohen, so thue dasselbe mit dem Deinigen.«

»Ja, aber sie sehen mich nicht,« erwiederte Pompée, »meine Kundgebung wäre also unnöthig.«

»Wenn sie Dich nicht sehen, so können sie Dir, wie es mir scheint, auch nicht drohen,« sprach der Vicomte.

»Ihr versteht durchaus nichts vom Kriege,« versetzte der Stallmeister in sehr übler Laune. »Es wird hier dasselbe geschehen, was mir in Corbie begegnet ist.«

»Hoffentlich nicht, denn, wenn ich mich recht erinnere, wurdest Du in Corbie verwundet.«

»Ja, und zwar furchtbar verwundet. Ich war bei Herrn von Cambes, einem verwegenen Mannes wir machten eine Nachtpatrouille um den Ort zu recognosciren, wo die Schlacht stattfinden sollte. Wir bemerken Lederwerk, ich fordere ihn auf, sich nicht durch unnöthige Tapferkeit einer Gefahr auszusetzen. Er ist halsstarrig und reitet gerade auf das Lederwerk zu. Ich drehe aus Zorn den Rücken. In diesem Augenblick kommt eine verfluchte Kugel . . . Vicomte, wir wollen klug sein!«

»Wir« wollen klug sein, Pompée, damit bin ich ganz einverstanden. Sie scheinen mir jedoch unbeweglich.«

»Sie riechen ihre Beute; wir wollen warten.«

Die Reisenden hatten zum Glück nicht lange zu warten. Nach einem Augenblick befreite sich der Mond von einer Wolke, deren Fransen er versilberte, und beleuchtete etwa fünfzig Schritte von den zwei Reisenden ein paar Hemden, welche mit ausgespannten Ärmeln hinter einer Hecke getrocknet wurden.

Das war das Lederwerk, welchen Pompée an seine unselige Patrouille bei Corbie erinnert hatte. Der Vicomte brach in ein Gelächter aus und gab seinem Pferde die Sporen. Pompée folgte ihm, rufend:

»Welch’ ein Glück, daß ich nicht meiner ersten Eingebung folgte! Ich wollte eine Kugel in dieser Richtung absenden, und hätte das Aussehen eines Don Quixote gehabt. Seht, Vicomte, wozu Klugheit und Kriegserfahrung nützen!«

Auf große Gemüthsbewegungen folgt immer eine Zeit der Ruhe. Nachdem die Reisenden an den Hemden vorüber waren, legten sie zwei Lieues in angenehmer Stimmung zurück. Das Wetter war herrlich; der Schatten fiel breit und schwarz wie Ebenholz von dem Gipfel eines Waldes herab, welcher eine von den Seiten des Weges begrenzte.

»Ich liebe den Mondschein durchaus nicht,« sagte Pompée. »Wird man von ferne erschaut, so läuft man stets Gefahr, unversehens überfallen zu werden. Ich habe oft von Kriegsleuten sagen hören, der Mond begünstige von zwei Menschen, die sich sehen, immer nur einen einzigen. Wir sind im vollen Lichte, Herr Vicomte, das ist unklug.«

»Nun, so laß’ uns im Schatten marschieren, Pompée.«

»Ja, aber wenn Menschen am Saume dieses Waldes im Hinterhalte lägen, so würden wir buchstäblich uns ihnen in den Rachen werfen. Im Felde nähert man sich nie einem Walde, den man nicht zuvor hat recognosciren lassen.«

»Leider fehlt es uns an einem Vortrabe zu diesem Behuf. Nennt man nicht so diejenigen, welche, den Wald recognosciren, mein braver Pompée?«

»Allerdings,« murmelte der Stallmeister; »dieser Teufel von einem Richon, warum ist er nicht mitgekommen? Wir hätten ihn als Vorhut abgeschickt, während wir selbst den Kern des Heeres gebildet haben würden.«

»Nun, Pompée, wozu entschließen wir uns? bleiben wir im Mondscheine oder gehen wir in den Schatten?«

»Wir wolle-n in den Schatten gehen, Herr Vicomte, es ist, glaube ich, doch klüger.«

»In den Schatten also.«

»Ihr habt Furcht, nicht wahr, Herr Vicomte?«

»Nein, mein lieber Pompée, das schwöre ich Dir.«

»Ihr hättet Unrecht, denn ich bin da und mache. Ihr begreift, wäre ich auch allein, so würde mich das doch wenig bekümmern. Ein alter Soldat fürchtet weder Gott, noch den Teufel. Aber Ihr seid so schwer zu bewachen, als der Schatz, den ich hinter mir habe, und diese doppelte Verantwortlichkeit erschreckt mich. Ah! Ah! was ist das für ein schwarzer Schatten den ich da unten sehe? Diesmal geht er.«

»Das ist nicht zu bezweifeln,« sprach der Vicomte.

»Wie ersprießlich ist es doch, in der Dunkelheit zu marschiren: wir sehen den Feind, und er sieht uns nicht. Kommt es Euch nicht vor, als trüge der Unglückliche eine Muskete?«

»Ja, aber dieser Mensch ist allein, Pompée, und wir sind zu zwei.«

»Herr Vicomte, diejenigen, welche allein marschiren, sind am meisten zu fürchten, denn dieses Alleinsein deutet entschlossene Charaktere an. Der berüchtigte Baron des Adrets marschierte immer allein. Ah! seht er schlägt auf uns an. Er wird schießen, bückt Euch!«

»Nein, Pompée, er nimmt nur die Muskete auf die andere Schulter.«

»Gleichviel, bücken wir uns immerhin, das ist so der Brauch. Wir wollen das Feuer, die Nase auf dem Sattelknopf, aushalten.«

»Aber Du siehst doch, daß er nicht schießt, Pompée.«

»Er schießt nicht?« sprach der Stallmeister, sich erhebend; »gut, er hat sich wohl gefürchtet, und ist von unserem entschlossenen Aussehen eingeschüchtert worden. Ah! er hat bange. Last mich zuerst mit ihm sprechen, und sprecht nach mir, schwellt aber Eure Stimme an.«

Der Schatten rückte immer mehr vor.

»Holla! Freund, wer seid Ihr?« rief Pompée.

Der Schatten hielt mit einer Bewegung sichtbaren Schreckens an.

»Schreit doch ebenfalls,« sagte Pompée.

»Es ist überflüssig,« erwiederte der Vicomte. »Der arme Teufel hat genug Angst.«

»Ah, er hat Angst,« sagte Pompée und ritt rasch den Carabiner in der Hand vor.

»Gnade, Herr,« sprach der Mensch auf die Kniee fallend; »ich bin ein armer Handelsmann und habe seit acht Tagen kein Sacktuch verlauft und folglich keinen Pfennig in der Tasche.«

Was Pompée für eine Muskete gehalten hatte, war ein Ellenstab, mit dem der arme Teufel seine Waaren maß.

»Erfahrt, mein Freund,« sprach Pompée majestätisch, »das wir keine Räuber, sondern Kriegsleute sind, welche bei Nacht marschiren, da sie nichts fürchten. Zieht also ruhig Eures Wegs, Ihr seid frei.«

»Nehmt, mein Freund,« fügte die sanftere Stimme, des Vicomte bei, »hier ist eine halbe Pistole für die Angst, die wir Euch gemacht haben und Gott geleite Euch.«

Der Vicomte reichte mit seiner kleinen, weißen Hand eine halbe Pistole dem armen Teufel, welcher sich, dem Himmel für dieses glückliche Zusammentreffen dankend, entfernte.

»Ihr habt Unrecht gehabt, Herr Vicomte, Ihr habt sehr Unrecht gehabt,« sprach Pompée nach zwanzig Schritten.

»Unrecht! Worin?«

»Darin, daß Ihr diesem Menschen eine halbe Pistole gabt. Bei Nacht muß man nie zugestehen daß man Geld hat. War nicht der erste Ruf dieses Hasenfußes, er habe keinen Pfennig bei sich?«

»Das ist richtig,« erwiederte der Vicomte lächelnd, »aber es war ein Hasenfuß, wie Ihr sagt, während wir, wie Ihr ebenfalls sagt, Kriegsleute sind, welche nichts fürchten.«

»Zwischen Fürchten und Mißtrauen, Herr Vicomte, ist ein eben so großer Unterschied, wie zwischen Bangigkeit und Klugheit. Ich wiederhole aber, es ist nicht klug, einem Unbekannten, den man auf der Landstraße trifft, zu zeigen, daß man Geld besitzt.«

»Wenn dieser Unbekannte aber allein und ohne Waffen ist?«

»Er kann einer bewaffneten Bande angehören; er kann ein Spion sein, den man vorgeschoben hat, um das Terrain zu recognosciren; er kann mit Massen zurückkommen, und was sollen zwei Menschen allein, so brav sie auch sein mögen, gegen Massen thun?«

Der Vicomte erkannte diesmal die Wahrheit des Vorwurfs, den ihm Pompée machte, oder schien sich vielmehr, um den Verweis abzukürzen, dem Urtheilsspruche zu unterwerfen, und man gelangte so an das Ufer des kleinen Flusses Sape bei Sainte-Genès.

Es war keine Brücke da, und man mußte durchwaten.

Pompée gab dem Vicomte nun eine gelehrte Theorie, wie man über Flüsse setzt, zum Besten, insofern jedoch eine Theorie keine Brücke ist, mußte man nichtsdestoweniger, sobald die Theorie abgemacht war, durchwaten.

Zum Glück war der Fluß nicht tief, und dieser neue Vorfall diente dem Vicomte abermals zum Beweise, daß von ferne betrachtet und besonders bei Nacht die Dinge viel furchtbarer sind, als von Nahem betrachtet.

Der Vicomte fing an sich wirklich zu beruhigen, und überdies sollte in etwa einer Stunde der Tag erscheinen, als die zwei Reisendem zu dem Walde gelangt, welcher Marsas umgibt, plötzlich anhielten. Sie hatten wirklich und zwar ganz deutlich hinter sich den Galopp von mehreren Pferden gehört.

Zu gleicher Zeit hoben ihre eigenen Pferde den Kopf in die Höhe, und eines desselben wieherte.

»Diesmal,« sprach Pompée mit erstickter Stimme, das Pferd seines Gefährten am Zügel fassend, »diesmal, Herr Vicomte, werdet Ihr hoffentlich ein wenig Gelehrigkeit zeigen und die Sache der Erfahrung eines alten Soldaten überlassen. Ich höre eine Truppe berittener Leute; man verfolgt uns. Ah! es ist die Bande Eures falschen Handelsmannes. Ich sagte es Euch wohl, Unkluger, der Ihr seid. Keinen falschen Muth, retten wir unser Leben und unser Geld; die Flucht ist zuweilen ein Mittel zu siegen. Horaz stellte sich, als wollte er fliehen . . .«

»Wohl, fliehen wir, Pompée, erwiederte der Vicomte zitternd.

Pompée gab beide Sporen; sein Pferd, ein vortrefflicher Rothschimmel, sprang unter dem Stachel mit einem Eifer, der das Berberroß des Vicomte entflammte, und Beide jagten wie der Blitz aus dem Pflaster fort, aus welchem Funken sprangen.

Dieser Lauf dauerte ungefähr eine halbe Stunde; aber statt Boden zu gewinnen, kam es den zwei Flüchtlingen vor, als näherten sich ihre Feinde.

Plötzlich erhob sich eine Stimme mitten aus der Finsterniß, eine Stimme, welche gemischt mit dem Pfeifen, hervorgebracht durch den Wind, den die zwei Reiter durchschnitten, die unheilschwangere Drohung der Geister der Nacht zu sein schien.

Diese Stimme machte, daß sich die grauen Haare auf dem Haupte von Pompée sträubten.

»Sie rufen: »»Haltet an!«« murmelte er, »sie rufen: »Haltet an!«

»Nun, sollen wir anhalten?« fragte der Vicomte.

»Im Gegentheil, verdoppeln wir unsere Geschwindigkeit, wenn es möglich ist! Vorwärts! Vorwärts!«

»Ja, ja, vorwärts! Vorwärts!« rief der Vicomte, diesmal eben so sehr erschrocken, als sein Vertheidiger.

»Sie kommen näher! hört Ihr sie?« sprach, Pompée .

»Ach, ja!«

»Es sind ihrer mehr als dreißig. Hört Ihr, sie rufen abermals. Wir sind verloren!«

»Reiten wir die Pferde todt!« sprach der Vicomte, am ganzen Leibe zitternd.

»Vicomte! Vicomte!« rief die Stimme. »Haltet an! haltet an! Angehalten, alter Schuft!«

»Das ist Einer, der uns kennt. Das ist Einer, der weiß, daß wir der Frau Prinzessin Geld bringen. Das ist Einer, der weiß, daß wir conspiriren. Wir werden lebendig gerädert!«

»Aufgehalten, aufgehalten!« fuhr die Stimme fort.

»Sie schreien, man solle uns aufhalten,« sagte Pompée, »sie haben Leute voraus; wir sind abgeschnitten.«

»Wenn wir uns auf die Seite werfen würden, in dieses Feld hier, und ließen unsere Verfolger vorüberziehen?«

»Das ist ein Gedanke,« sprach Pompée »vorwärts!«

Dies zwei Reiter ließen ihre Thiere zugleich den Zügel und das Knie fühlen, und wandten sich links. Das Pferd des Vicomte sprang, geschickt gehoben, über den Graben; aber das plumpere Roß von Pompée nahm zu wenig Rand; die Erde sank unter seinen Füßen, und es stürzte mit seinem Herrn nieder. Der arme Stallmeister stieß einen Schrei der Verzweiflung aus.

Der Vicomte, welcher bereits fünfzig Schritte auf dem Felde gemacht hatte, hörte diesen Unglücksruf, wandte, obgleich selbst voll Schrecken, sein Pferd um und kehrte zu feinem Gefährten zurück.

»Gnade!« rief Pompée. »Lösegeld! ich ergehe mich! ich gehöre zu dem Hause Cambes.«

Ein ungeheures Gelächter antwortete auf dieses klägliche Geschrei, und der Vicomte, welcher in diesem Augenblicke anlangte, sah Pompée den Steigbügel des Siegers umfassen, der ihn mit einer vom Lachen zusammengepreßten Stimme zu beruhigen suchte.

»Der Herr Baron von Canolles!« rief der Vicomte.

»Ja, bei Gott! Aber, Vicomte, es ist nicht schön, daß Ihr die Leute, welche Euch suchen, so rennen laßt.«

»Der Herr Baron von Canolles!« wiederholte Pompée, immer noch an seinem Glücke zweifelnd. »Der Herr Baron von Canolles und Herr Castorin.

»Ja, Herr Pompée,« sprach Castorin, sich auf den Steigbügeln erhebend, um über die Schultern seines Herrn zu sehen, welcher lachend sich auf den Sattelknopf beugte. »Was macht Ihr denn in diesem Graben?«

»Ihr seht es,« erwiederte Pompée; »mein Pferd stürzte in dem Augenblick, wo ich mich, Euch für Feinde haltend, zum Behufe einer kräftigen Vertheidigung verschanzen wollte. Herr Vicomte,« fuhr Pompée aufstehend und sich schüttelnd, fort, »es ist Herr von Canolles.«

»Wie mein Herr, Ihr hier?« murmelte der Vicomte, mit einer Art von Freude, welche unwillkürlich in seinem Tone durchdrang.

»Meiner Treue, ja, ich selbst,« antwortete Canolles und schaute den Vicomte mit einer Festigkeit an, welche sich durch das Auffinden des Handschuhes erklärte. »Ich langweilte mich zum Sterben in dem Gasthause. Richon verließ mich, nachdem er mir mein, Geld abgewonnen hatte. Ich erfuhr, Ihr wäret auf der Straße nach Paris abgereist. Glücklicher Weise hatte ich in derselben Richtung ein Geschäft und begab mich auf den Marsch, um Euch einzuholen. Ich vermuthete nicht, daß ich, um dies zu erlangen, mit Sturmeseile jagen mußte. Teufel, mein Herr, was für ein Reiter seid Ihr!«

Der Vicomte lächelte und stammelte einige Worte.

»Castorin,« fuhr Canolles fort, »hilf doch Herrn Pompée auf den Sattel; »Du siehst, daß es ihm trotz seiner Geschicklichkeit nicht gelingen will.«

Castorin stieg ab ab und unterstützte Pompée der nach und nach wieder seinen Sattel erreichte.

»Nun laßt uns weiter reiten, wenn es Euch gefällig ist,« sprach der Vicomte.

»Einen Augenblick,« sagte Pompée sehr verlegen, »einen Augenblick, Herr Vicomte, es scheint mir, es fehlt etwas.«

»Ich glaube wohl,« erwiederte der Vicomte, »es fehlt Dir das Felleisen.«

»Ah, mein Gott! rief Pompée, ein tiefes Erstaunen heuchelnd.

»Unglücklicher,« sprach der Vicomte, »solltest Du es verloren haben.«

»Es kann nicht fern sein, gnädiger Herr,« antwortete Pompée.

»Ist es nicht dieses?« fragte Castorin, den verlangten Gegenstand mühsam aufhebend.

»Allerdings,« rief Pompée.

»Gewiß,« sagte der Vicomte.

»Es ist nicht sein Fehler,« versetzte Canolles, der sich einen Freund aus dem alten Stallmeister machen wollte. »Bei dem Sturze werden die Riemen gebrochen sein, und das Felleisen hat sich losgemacht.«

»Die Riemen sind nicht gebrochen, gnädiger Herr, sondern abgeschnitten,« sagte Castorin.

»Oh, oh, Herr Pompée rief Canolles, »was soll das bedeuten?«

»Das soll bedeuten,« versetzte der Vicomte, mit ernstem Tone, »daß Herr Pompée in seiner Furcht von Räubern verfolgt zu werden, das Felleisen geschickt abgeschnitten hat, um nicht der Verantwortlichkeit des Schatzmeisters ausgesetzt zu sein. Wie nennt man diese List mit einem Kriegsausdrucke, Herr Pompée.

Pompée wollte sich mit seinem Jagdmesser entschuldigen, das er ungeschickter Weise gezogen hätte: da er aber keine genügende Erklärung geben konnte, so blieb in den Augen des Vicomte der Verdacht an ihm kleben, er habe das Felleisen seiner eigenen Sicherheit opfern wollen.

Canolles war in der besten Laune.

»Gut! gut! Gut!« sprach er, »laßt die Sache abgemacht sein. Bindet nur das Felleisen wieder fest. Castorin, hilf Herrn Pompée . Ihr habt Recht, Meister Pompée wenn Ihr die Räuber fürchtet, denn der Sack ist schwer und wäre eine gute Beute.«

»Scherzt nicht, gnädiger Herr,« murmelte Pompée zitternd; »jeder nächtliche Scherz ist zweideutig.«

»Ihr habt Recht, Pompée, immer Recht,« fuhr Canolles fort; »ich will auch Euch und dem Vicomte als Geleite dienen. Eine Verstärkung von zwei Männern wird Euch nicht unnütz sein.«

»Nein, gewiß nicht,« rief Pompée, »die Anzahl bildet die Sicherheit.«

»Und Ihr, Vicomte, was denkt Ihr von meinem Anerbieten?« sprach Canolles, als er sah, daß der Vicomte seinen höflichen Vorschlag mit weniger Begeisterung aufnahm, als sein Stallmeister.

»Ich, mein Herr,« versetzte der Vicomte, »ich erkenne darin Eure gewöhnliche Artigkeit und danke Euch aufrichtig dafür. Aber wir verfolgen nicht denselben Weg, und ich müßte Euch lästig zu werden befürchten.«

»Wie,« sprach Canolles ärgerlich, da er wahrnahm, daß der Streit in dem Gasthause auf der Landstraße wieder beginnen sollte, »wie, wir verfolgen nicht denselben Weg? Geht Ihr nicht nach . . .«

»Nach Chantilly,« rief eilig Pompée, zitternd bei dem Gedanken, seine Reise ohne einen andern Gefährten als den Vicomte fortsetzen zu müssen.

Dieser machte eine sehr bezeichnende Geberde der Ungeduld, und wenn es Tag gewesen wäre, hätte man sehen können, wie ihm die Röthe des Zorns in die Wangen stieg.

»Vortrefflich!« rief Canolles, ohne daß er den wüthenden Blick zu bemerken schien, mit welchem der Vicomte Pompée niederschmetterte. Chantilly ist gerade mein Weg. Ich gehe nach Paris, oder vielmehr,« fügte er lachend bei, »seht, Vicomte, ich habe nichts zu thun und weiß nicht, wohin ich gehe. Geht Ihr nach Paris, so gehe ich nach Paris; geht Ihr nach Lyon, so gehe ich nach Lyon; geht Ihr nach Marseille, ich habe längst eine Leidenschaft, die Provence zu sehen, und ich gehe nach Marseille; geht Ihr nach Stenay wo die Heere Seiner Majestät stehen, so gehen wir nach Stenay. Obgleich im Süden geboren, habe ich doch stete eine Vorliebe für den Norden gehabt.«

»Mein Herr,« versetzte der Vicomte mit einer gewissen Festigkeit, die er ohne Zweifel dem von Pompée in ihm angeregten Zorne zu danken hatte, »muß ich es Euch sagen, ich reise ohne Gesellschaft, wegen persönlicher Angelegenheiten von höchstem Belange, aus sehr ernsten Gründen, und wenn Ihr auf Eurer Absicht besteht, so nöthigt Ihr mich zu meinem großen Bedauern, Euch zu bemerken, daß Ihr mich in meinen Schritten belästigt.«

Es brauchte nichts Geringeres, als die Erinnerung an den kleinen Handschuh, welchen Canolles auf seiner Brust zwischen seinem Rocke und seinem Hemde verborgen hielt, daß der Baron, lebhaft und aufbrausend wie ein Gascogner, nicht losbrach. Doch er hielt an sich.

»Mein Herr,« versetzte er mit ernstem Tone, »ich habe nie sagen hören, die Landstraßen gehören eigenthümlicher der einen Person, als der andern. Man nennt sie sogar, wenn ich mich nicht täusche, den Weg des Königs, zum Beweise, daß alle Unterthanen Seiner Majestät das gleiche Recht haben, sich derselben zu bedienen. Ich befinde mich also auf dem Wege des Königs, ohne die Absicht, Euch zu belästigen. Ich bin sogar hier, um Euch Dienste zu leisten, denn Ihr seid jung, schwach und ohne große Vertheidigungsmittel. Ich glaubte nicht auszusehen wie ein Mensch, der die Reisenden ausplündert; da Ihr Euch jedoch auf diese Art erklärt, so unterwerfe ich mich dem Spruche, meine ärgerliche Miene beklagend. Vergebt mir, daß ich Euch lästig war. Ich habe die Ehre, Euch mein Compliment zu machen. Glückliche Reise!«

Und Canolles ließ sein Pferd eine leichte Wendung machen und ritt, nachdem er den Vicomte gegrüßt hatte, auf die andere Seite der Straße, wohin ihm Castorin in der That und Pompée in der Absicht folgte.

Canolles spielte diese Scene mit so anmuthiger Höflichkeit, mit so verführerischer Geberde, indem er mit seinem breiten Hute seine so reine, von schwarzen, seidenen-Haaren beschattete Stirne wieder bedeckte, daß der Vicomte mehr von seiner vornehmen Miene, als von seinem Verfahren berührt wurde. Er hatte sich, wie gesagt, entfernt; Castorin folgte ihm gerade und steif in seinen Steigbügeln, Pompée welcher auf der andern Seite den Wegen geblieben war, stieß Seufzer aus, daß die Kieselsteine ans der Straße hätten zerspringen sollen; der Vicomte, welcher zahlreiche Betrachtungen angestellt hatte, beschleunigte nun den Gang seinen Pferdes, holte Canolles ein, welcher sich stellte, als sähe und hörte er ihn nicht, und flüsterte ihm, mit einer kaum verständlichen Stimme die Worte: »Herr von Canolles!« zu.

Canolles bebte und wandte sich um, ein Schauer der Lust durchlief seine Adern, und es kam ihm vor, als ob sich alle Musik der himmlischen Sphären vereinigte, um ihm ein göttliches Concert zu geben.

»Vicomte!« entgegnete er.

»Hört, mein Herr,« antwortete dieser mit einer weichen, samtartigen Stimme, »ich fürchte in der That, unhöflich gegen einen Mann von Eurem Verdienste zu sein. Vergebt mir meine Schüchternheit. Ich wurde von Aeltern erzogen, welche voll von Befürchtungen, entstanden aus Liebe für mich, waren: ich wiederhole, vergeht mir, ich habe nie die Absicht gehabt, Euch zu beleidigen, und zum Beweise unserer aufrichtigen Aussöhnung erlaubt mir, an Eurer Seite zu marschiren.«

»Wie?« rief Canolles, »hundertmal, tausendmal! Ich hege keinen Groll, und zum Beweise . . .«.

Und er reichte ihm die Hand, in welche ein zartes, leichtes, flüchtiges Händchen fiel oder vielmehr schlüpfte.

Der Rest der Nacht ging in tollen Plaudereien des Barons hin, und der Vicomte hörte beständig und lachte zuweilen.

Die zwei Diener folgten. Pompée erklärte Castorin, wie die Schlacht von Corbie verloren worden war, während man sie hätte vollkommen gewinnen kennen, würde man es nicht versäumt haben, ihn in den Rath zu rufen, welcher am Morgen der Schlacht gehalten wurde.

»Doch sagt,« sprach der Vicomte zu Canolles, als der erste Schimmer des Morgens anbrach, »wir habt Ihr Eure Angelegenheit mit dem Herzog von Epernon abgemacht?«

»Die Sache war nicht schwierig,« erwiederte Canolles. »Nach dem, was Ihr mir mittheiltet, hatte er mit mir und ich nicht mit ihm zu thun. Entweder ist er müde geworden, mich zu erwarten, und hat sich zurückgezogen, oder er ist halsstarrig gewesen, und wartet noch.«

»Aber Fräulein von Lartigues ist, fügte der Vicomte mit einem richten Zögern bei.

»Fräulein von Lartigues, Vicomte, kann nicht zugleich zu Hause mit Herrn von Epernon und im Goldenen Kalbe mit mir sein. Man muß von den Frauen nicht zu viel verlangen.«

»Das ist keine Antwort, Baron; ich frage Euch, wie Ihr Euch, verliebt in Fräulein von Lartigues, von Ihr trennen konntet?«

Canolles schaute den Vicomte mit bereits zu klar sehenden Augen an, denn es war Tag, und es lag aus dem Gesichte des jungen Mannes kein anderer Schatten als der seines Hutes.

Er fühlte sich nun von einer tollen Lust erfaßt, zu antworten, wie er dachte; aber Pompée, aber Castorin, aber die ernste Miene des Vicomte hielten ihn zurück. Dann regte sich noch ein Zweifel in ihm.

»Wenn ich mich täuschte, wenn es trotz dieses kleinen Handschuhs und dieser kleinen Hand ein Mann wäre. In der That, ein solcher Mißgriff müßte mich völlig niederschmettern!« sagte er zu sich selbst.

Er geduldete sich also und erwiederte die Frage des Vicomte mit jenem Lächeln, mit welchem man Alles beantwortet.

Man hielt in Barbezieux an, um zu frühstücken und die Pferde ausschnaufen zu lassen. Canolles frühstückte diesmal mit dem Vicomte, und bei dem Frühstücke bewunderte er diese Hand, deren nach Bisam duftende Hülle eine so große Aufregung ihn ihm hervorgebracht hatte. In dem Augenblick, wo man sich zu Tische setzte- war der Vicomte überdies genöthigt, seinen Hut abzunehmen und seine so glatten, so schönen, in eine so zarte Haut gepflanzten Haare zu entblößen, und jeder Andere, als ein bereits verliebter und folglich bereits blinder Mensch, wäre von seiner Ungewißheit befreit gewesen. Aber Canolles hatte zu sehr Furcht zu erwachen, um nicht die Dauer seines Traumes auszudehnen. Er fand etwas Reizendes in diesem Incognito des Vicomte, das ihm eine Menge von kleinen Vertraulichkeiten gestattete, welche ihm ein gänzlichen Erkennen oder ein volles Geständniß untersagt hätten. Er sprach also kein Wort, das den Vicomte auf den Verdacht bringen konnte, sein Incognito wäre verrathen.

Nach dem Frühstück begab man sich wieder auf den Weg, und man marschierte bis zum Mittagessen. Von Zeit zu Zeit brachte eine Müdigkeit, die er nicht länger verbergen konnte, auf das Gesicht des Vicomte eine bleichere Farbe oder in seinen Körper ein leichtes Beben, nach dessen Ursache ihn Canolles freundschaftlich fragte. Herr von Cambes lächelte dann und schien nicht mehr zu leiden. Er schlug sogar vor, den Schritt zu verdoppeln, was aber Canolles mit der Bemerkung zurückwies, man habe einen weiten Weg zu machen, und es sei folglich wesentlich, die Pferde zu schonen.

Noch dem Mittagessen fühlte der Vicomte eine gewisse Schwierigkeit, aufzustehen. Canolles erhob sich und unterstützte ihn.

»Ihr bedürft der Ruhe, mein junger Freund,« sagte er zu ihm; »eine auf diese Art fortgesetzte Reise würde Euch auf der dritten Etappe tödten. Wir reiten in dieser Nacht nicht, sondern schlafen im Gegentheil. Ihr sollt Euch eines guten Schlummere erfreuen, und das beste Zimmer den Gasthofs soll das Eurige sein, oder ich will sterben.«

Der Vicomte schaute Pompée mit so verblüffter Miene an, daß Canolles seine Lust zu lachen nicht unterdrücken konnte.

»Wenn man eine große Reise unternimmt, wie wir,« sprach Pompée »so müßte Jeder sein Zelt haben.«

»Oder ein Zelt für zwei,« versetzte Canolles mit der natürlichsten Miene der Welt, »das würde genügen.«

Ein Schauer durchlief den ganzen Körper den Vicomte.

Der Schlag war gethan und seine Wirkung entging Canolles nicht: aus einem Augenwinkel sah er, daß der Vicomte Pompée ein Zeichen machte. Pompée näherte sich seinem Herrn, dieser sagte ihm leise einige Worte, und bald ritt Pompée unter irgend einem Vorwande voraus und verschwand.

Anderthalb Stunden nach diesem Vorfall, worüber Canolles nicht einmal eine Erklärung forderte, erblickten die Reisenden, als sie in einen großen Flecken einritten, den Stallmeister auf der Schwelle eines Gasthauses von ziemlich gutem Aussehen.

»Ah! Ah,« sagte Canolles, »es scheint, wir werden die Nacht hier zubringen, Vicomte?«

»Ja, wenn Ihr wollt, Baron.«

»Ich will Alles, was Ihr wollt, denn, wie gesagt, ich reise für mein Vergnügen, während Ihr Eurer Äußerung nach in Geschäften reist. Nur befürchte ich, Ihr werdet in diesem Neste nicht bequem sein.«

»Oh!« erwiederte der Vicomte, »eine Nacht ist bald vorüber.«

Man hielt an und rascher als Canolles lief Pompée herbei und hielt seinem Herrn den Steigbügel. Canolles bedachte überdies, daß ein solcher Eifer eines Mannes gegen einen andern Mann lächerlich wäre.

»Rasch, mein Zimmer,« sagte der Vicomte. »In der That, Ihr habt Recht, Herr von Canolles,« fügte er, sich nach seinem Gefährten umwendend, bei, »ich bin wirklich sehr müde.«

»Hier, gnädiger Herr,« sprach die Wirthin und deutete auf ein ziemlich großer Zimmer; es ging nach dem Hofe, seine Fenster waren vergittert und darüber lagen die Speicher des Hauses.

»Wo ist mein Zimmer?« rief Canolles.

Und er warf lüstern seine Augen auf eine Thüre, welche an die des Vicomte stieß und deren Dünnleibigkeit einen sehr gebrechlichen Wall gegen eine so geschärfte Neugierde, wie die seinige, bildete.

»Das Eurige?« sprach die Wirthin, »folgt mir, gnädiger Herr, ich werde Euch führen.«

Und ohne daß es den Anschein hatte, als bemerkte sie seinen Ärger, führte sie ihn an das Ende einer ganz mit Thüren bevölkerten und von dem Zimmer des Vicomte durch die volle Breite des Hofes getrennten Hausflur.

Der Vicomte verfolgte dieses Manoeuvre von der Schwelle seines Zimmers.

»Nun bin ich meiner Sache gewiß,« sagte Canolles; »aber ich habe wie ein Dummkopf gehandelt, wollte ich jedoch eine böse Miene machen, so würde ich mein Spiel unwiederbringlich verlieren; nehmen wir also unser freundlichstes Gesicht an.«

Und er lehrte auf den Balcon zurück, der, wie gesagt, die äußere Hausflur bildete und rief:

»Gute Nachts lieber Vicomte, Ihr bedürft in der That der Ruhe; soll ich Euch morgen wecken? Nein. Nun, so werdet Ihr mich vielleicht wecken, wenn Ihr aufgestanden seid. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Baron,« erwiederte der Vicomte.

»Doch, fehlt es Euch an nichts? fuhr Canolles fort, »soll ich Euch nicht Castorin leihen, um Eure Nesteln zu lösen?«

»Ich danke, ich habe Pompée; er schläft im nächsten Zimmer.«

»Eine ganz gute Vorsichtsmaßregel; ich will Castorin dasselbe thun lassen. Eine Klugheitsmaßregel, nicht wahr, Pompée? Man kann in einem Wirthshause nicht vorsichtig genug sein. Gute Nacht, Vicomte.«

Der Vicomte antwortete durch einen ähnlichen Wunsch, und die Thüre schloß sich.

»Gut, gut, Vicomte,« murmelte Canolles, »morgen ist die Reihe an mir, die Wohnungen zu bestellen, und ich werde mich zu entschädigen wissen. Schön, er schließt Alles bis auf die doppelten Vorhänge; er breitet ein Tuch davor aus, damit sogar sein Schatten unsichtbar wird. Beim Teufel, es ist ein sehr schamhafter Junge, dieser kleine Edelmann, aber gleichviel Morgen.«

Und Canolles ging brummend in sein Zimmer zurück, kleidete sich sehr übler Laune aus, legte sich verdrießlich nieder und träumte, Nanon fände in seiner Tasche den perlgrauen Handschuh des Vicomte.




VII


Am andern Morgen war Canolles noch lustigerer Laune, als am Tage vorher; auch der Vicomte von Cambes gab sich einer offeneren Heiterkeit hin, und selbst Pompée wurde muthwillig, während er Castorin seine Feldzüge erzählte. Der ganze Morgen verging in Freundlichkeiten dieser Art.

Beim Frühstück entschuldigte sich Canolles, daß er den Vicomte verlassen müßte, aber er hätte einen langen Brief an einen in der Gegend wohnenden Freund zu schreiben, und würde sich überdies veranlaßt sehen, einen Besuch bei einem von seinen Freunden zu machen, dessen Haus unmittelbar an der Landstraße etwa drei bis vier Meilen von Poitiers liegen müßte. Canolles erkundigte sich nach seinem Freunde bei dem Wirthe, und dieser erwiederte, er würde etwas vor dem Dorfe Jaulnay das Haus desselben finden, das an zwei Thürmchen zu erkennen wäre. Da Castorin die kleine Truppe verlassen mußte, um den Brief an seine Adresse zu überbringen, da Canolles selbst einen Plan auszuführen hatte, so wurde der Vicomte gebeten, zum Voraus den Ort zu bezeichnen, wo man Nachtlager halten würde. Der Vicomte blickte auf eine kleine Karte, welche Pompée in einem Etui mit sich führte, und schlug das Dorf Jaulnay vor. Canolles machte keine Einwendung und trieb die Falschheit sogar so weit, daß er ganz laut zu Pompée sagte:

»Wenn man Euch wieder als Quartiermeister vorausschickt, wie gestern, so bestellt für mich wo möglich ein Zimmer in der Nähe den von Eurem Herrn, damit wir ein wenig mit einander zu plaudern im Stande sind.«

»Der mürrische Stallmeister wechselte einen Blick mit dem Vicomte und lächelte, entschlossen, nicht zu thun, was Canolles ihm sagte. Castorin, welcher vorher schon seine Instruktionen erhalten hatte, holte den Brief, und Canolles ertheilte ihm Befehl, sich zum Nachtlager in Jaulnay einzufinden.

In Beziehung auf das Gasthaus war kein Irrthum möglich, denn Jaulnay besaß nur das zum Grand-Charles-Martel.

Man begab sich auf den Marsch. Fünfhundert Schritte von Poitiers, wo man Mittagsbrod genommen hatte, schlug Castorin einen Seitenweg rechts ein; man ritt noch zwei Stunden; da erkannte Canolles, nach den Merkmalen, die er sich hatte nennen lassen, das Haus seines Freundes, zeigte es dem Vicomte, nahm Abschied von diesem, wiederholte Pompée den Auftrag, ihm das geeignete Zimmer zu besorgen, und schlug einen Seitenweg links ein.

Der Vicomte war völlig beruhigt; die Scene am Abend vorher war ohne Streit abgelaufen, und er hatte den ganzen Tag nicht die leichteste Anspielung gehört; er fürchtete daher von Seiten von Canolles nicht mehr den geringsten Widerstand gegen seinen Willen; und von dem Augenblick, wo der Baron für ihn nur ein einfacher, guter, lustiger, witziger Reisegefährte blieb, entsprach es ganz seinen Wünschen, den Marsch vollends mit ihm zu machen. Hielt der Vicomte die Vorsichtsmaßregel für überflüssig, oder wollte er sich nicht von seinem Stallmeister trennen und allein auf der Landstraße sein, – Pompée wurde nicht vorausgeschickt.

Man kam bei Nacht in das Dorf; der Regen stürzte in Strömen herab. Zum Glück war ein Zimmer geheizt. Dem Vicomte lag nur daran, eiligst die Kleider zu wechseln; er nahm daher dieses Zimmer und beauftragte Pompée, für das Quartier von Canolles zu sorgen.

»Es ist bereits geschehen,« sprach der selbstsüchtige Pompée, welcher vor Begierde, sich in das Bett zu legen, brannte; »die Wirthin hat versprochen, dafür besorgt zu sein.«

»Gut. Mein Necessaire?«

»Hier.«

»Meine Flacons?«

»Hier sind sie.«

»Ich danke. Wo schläfst Du, Pompée?«

»Am Ende der Hausflur.«

»Und wenn ich etwas brauche?v

»Hier ist eine Glocke; die Wirthin wird kommen.«

»Wohl. Diese Thüre schließt gut, nicht wahr?«

»Der Herr Vicomte kann selbst sehen.«

»Es sind keine Riegel daran?«

»Nein, aber ein Schloß.«

»Gut. »Ich werde mich von innen einschließen. Es ist kein anderer Eingang vorhanden?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

Pompée nahm das Licht und ging im Zimmer umher.

»Sieh nach, ob die Läden fest sind.«

»Die Haken sind eingelegt.«

»Gehe, Pompée.«

Pompée entfernte sich, und der Vicomte drehte den Schlüssel um.

Eine Stunde nachher verließ Castorin, der zuerst in dem Gasthause angelangt war und neben Pompée wohnte, ohne daß dieser es vermuthete, sein Zimmer auf den Fußspitzen und öffnete Canolles die Thüre.

Canolles schlürfte mit pochendem Herzen in das Haus, befahl Castorin die Thüre wieder zu verschließen, ließ sich das Zimmer des Vicomte bezeichnen und stieg hinauf.

Der Vicomte war im Begriff, sich zu Bette zu legen, als er Tritte in der Hausflur hörte.

Der Vicomte war, wie man bereite bemerken konnte, äußerst furchtsam. Diese Tritte machten, daß er bebte und mit der größten Aufmerksamkeit horchte.

Die Tritte hielten vor seiner Thüre an.

Eine Sekunde nachher klopfte man.

»Wer ist da?« fragte eine so sehr zitternde Stimme, das Canolles den Klang nicht erkannt haben würde, hätte er nicht bereits wiederholt Gelegenheit gehabt, die Variationen dieser Stimme zu studieren.

»Ich!« antwortete Canolles.

»Wie, Ihr?« versetzte die Stimme, von einem Schrecken zum andern übergehend.

»Ja, denkt Euch doch, Vicomte, es ist kein Platz mehr in unserem Gasthause, es ist kein einziges Zimmer mehr frei. Euer Dummkopf von einem Pompée hat nicht an mich gedacht. Es gibt kein anderes Wirthshaus im Dorfe, und da in Eurem Zimmer zwei Betten stehen . . .«

Der Vicomte warf voll Schrecken einen Blick auf die Zwillingsbetten, welche nur durch einen Tisch getrennt neben einander in dem Alkoven standen.

»Nun, Ihr begreift wohl,« fuhr Canolles fort, »ich bitte um das eine; öffnet mir rasch, ich flehe Euch an, denn ich sterbe vor Kälte.«

Man hörte jetzt ein Durcheinanderwerfen, ein Zerknittern von Kleidern und hastige Schritte.

»Ja, ja, Baron,« sagte der Vicomte mit einer Stimme, welche immer mehr Bestürzung verrieth; »ja, ich komme, ich eile.«

»Ich warte, aber ich bitte, öffnet schleunigst, wenn Ihr mich nicht in Eis verwandelt finden wollt.«

»Verzeiht, aber ich schlief.«

»Mir kam es vor, als hättet Ihr Licht.«

»Ihr täuscht Euch.«

Und das Licht wurde sogleich ausgelöscht; Canolles beklagte sich nicht darüber.

»Hier bin Ich . . . Ich finde die Thüre nicht,« fuhr der Vicomte fort.

»Ah! das glaube ich wohl,« erwiederte Canolles. »Ich höre Eure Stimme am andern Ende des Zimmers . . . hierher . . .«

»Ich suche die Glocke, um Pompée herbeizurufen.«

»Pompée ist am entgegengesetzten Ende der Hausflur und wird Euch nicht hören. Ich wollte ihn wecken, um zu fragen, wie die Sache steht, aber unmöglich: er schläft wie ein Dachs.«

»Dann werde ich die Wirthin rufe.«

»Bah! die Wirthin hat ihr Bett einem Reisenden abgetreten und ist auf dem Speicher schlafen gegangen. Niemand würde kommen, mein lieber Freund. Warum wollt Ihr übrigens Leute rufen? ich brauche Niemand.«

»Aber ich?«

»Ihr, Ihr öffnet mir Eure Thüre, und ich danke Euch dafür. Ich suche mein Bett, lege mich nieder, und damit ist es aus. Oeffnet also, ich bitte.«

»Es müssen sich doch andere Zimmer finden, und wären sie auch ohne Betten,« sprach der Vicomte ganz in Verzweiflung. »Wir wollen rufen, suchen. . .«

»Aber, lieber Vicomte, es hat halb elf Uhr geschlagen . . . Ihr werdet das ganze Wirthshaus aufwecken; man wird glauben, es brenne im Hause. Das gibt eine Geschichte, daß man die ganze Nacht nicht mehr schlafen kann, und das wäre Schade, denn ich sterbe vor Schlaf.«

Diese Worte schienen den Vicomte etwas zu beruhigen. Kleine Tritte näherten sich der Thüre und diese wurde geöffnet.

Canolles trat ein und schloß die Thüre wieder hinter sich. Der Vicomte hatte sich, nachdem er geöffnet, eiligst wieder entfernt.

Der Baron befand sich nun in einem beinahe dunkeln Zimmer, denn die letzten Kohlen des Kamins erloschen eben und gaben nur einen unzureichenden Schein von sich. Die Atmosphäre war lau und von allen Wohlgerüchen geschwängert, welche die verfeinerste, ausgesuchteste Sorgfalt der Toilette andeuten.

»Ah! danke Vicomte,« sprach Canolles, »denn man ist in der That hier besser, als in der Hausflur.«

»Ihr habt Lust zu schlafen, Baron?« sagte der Vicomte.

»Ja, gewiß. Zeigt mir mein Bett, Ihr, der Ihr das zimmer kennt, oder laßt mich die Kerze wieder anzünden.«

»Nein nein, das ist nicht nöthig,« erwiederte lebhaft der Vicomte, »Euer Bett ist links.«

Da die Linke des Vicomte die Rechte des Barons war, so ging der Baron rechts, traf ein Fenster, in der Nähe des Fenstern einen Tisch, und auf dem Tische ein Glöckchen, das der Vicomte in seiner Bestürzung vergebens gesucht hatte. Er steckte das Glöckchen für jeden Fall in die Tasche.

»Aber, was macht Ihr denn?« rief er. »Ich glaube, wir spielen blinde Kuh, Vicomte. Ihr solltet wenigstens Aufgepaßt! Rufen. Was Teufels stöbert Ihr denn im Schatten umher?«

»Ich suche das Glöckchen, um Pompée zu rufen.«

»Was wollt Ihr denn mit Pompée?«

»Ich will . . . ich will, er soll sich ein Bett neben dem meinigen machen.«

»Für wen?«

»Für sich.«

»Für sich . . . was sagt Ihr da, Vicomte? Lackeien in unserem Zimmer! Stille! Ihr habt Gewohnheiten, wie furchtsame junge Mädchen. Pfui! Wir sind große Bursche, daß wir uns selbst vertheidigen können. Nein, gebt mir die Hand und geleitet mich nach meinem Bette, das ich nicht finden kann . . . oder . . . zünden wir die Kerze wieder an.«

»Nein, nein, nein!« rief der Vicomte.

»Da Ihr mir die Hand nicht reichen wollt,« versetzte Canolles, so solltet Ihr mir wenigstens ein Fadenende geben, denn ich bin in einem wahren Labyrinte.«

Und er rückte mit ausgestreckten Armen in der Richtung vor, wo er die Stimme gehört hattet aber er sah es wie einen Schatten an sich hinschlüpfen und spürte einen Wohlgeruch, der an ihm vorüberzog; er schloß die Arme, hatte aber wie der Orpheus des Virgil nur die Luft umarmt.

»Dort! Dort!« rief der Vicomte am anderen Ende des Zimmers. »Ihr seid zunächst an Eurem Bette, Baron.«

»Welches von beiden gehört mir?«

»Gleichviel, ich lege ich nicht schlafen.«

»Wie, Ihr legt Euch nicht schlafen?« rief der Baron, sich bei diesem unklugen Worte umwendend; »was werdet Ihr denn thun?«

»Ich bringe die Nacht auf einem Stuhle zu.«

»Eure solche Kinderei werde ich nicht dulden; kommt, Vicomte, kommt.«

Und von einem letzten Lichtstrahle, der vom Kaminherde aufsprang und dann starb, geleitet, erblickte Canolles den Vicomte in eine Ecke zwischen dem Fenster und der Commode gekauert und ganz in einen Mantel gewickelt.

Dieser Strahl war nur ein Blitz; aber er genügte, um den Baron zu leiten und dem Vicomte begreiflich zu machen, daß er verloren war. Canolles ging mit ausgestreckten Armen gerade auf ihn zur und obgleich das Zimmer wieder völlig in Finsternis gehüllt war, begriff doch der arme junge Mann, daß er diesmal seinem Verfolger nicht entgehen würde.

»Baron! Baron!« stammelte der Vicomte, »geht nicht weiter, ich flehe Euch an; Baron, verlaßt Euren Platz nicht, keinen Schritt mehr, wenn Ihr ein Edelmann seid.«

Canolles blieb stille stehen; der Vicomte war so nahe bei ihm, daß er sein Herz schlagen hörte, daß er den warmen Duft seines Hauches fühlte; zu gleicher Zeit schien ihn ein köstlicher, berauschender Wohlgeruch, zusammengesetzt aus allen Ausströmungen der Jugend und Schönheit, ein Wohlgeruch, tausendmal süßer als der der Blumen, völlig zu umfangen, um ihm die Möglichkeit zu benehmen, dem Vicomte zu gehorchen und hätte er auch Lust dazu gehabt.

Er blieb indessen einen Augenblick, wo er war, seine Hände gegen diese Hände ausgestreckt, die ihn, zum Voraus zurückstießen, und fühlend, daß er nur noch eine Bewegung zu machen hatte, um den reizenden Körper zu berühren, dessen Geschmeidigkeit er so oft seit zwei Tagen bewundert hatte . . .

»Gnade! Gnade!« flüsterte der Vicomte mit einer Stimme, in der sich ein Anfang von Wollust mit dem Schrecken vermischte. »Gnade!« Und die Stimme erlosch auf den Lippen, und Canolles fühlte, wie dieser reizende Körper an dem Täfelwerk hinglitt und auf die Kniee fiel.

Seine Brust erweiterte sich; in der Stimme, die ihn anflehte, lag ein Ausdruck, der ihm zum Beweise diente, daß sein Gegner bereits halb besiegt war.

Er machte noch einen Schritt, streckte die Hände aus und begegnete den gefalteten, bittenden Händen des jungen Mannes, der diesmal nicht mehr die Kraft hatte, einen Schrei auszustoßen, und nur einen beinahe schmerzlichen Seufzer von sich gab.

Plötzlich vernahm man den Galopp eines Pferden unter dem Fenster; hastige Schläge erschollen an der Thüre des Wirthshauses; auf diese Schläge folgte ein gewaltiges Getöse. Man rief und pochte abwechselnd.

»Herr Baron von Canolles!« rief eine Stimme.

»Oh! Dank, mein Gott! ich bin gerettet,« murmelte der Vicomte.

»Die Pest diesem Thiere!« sprach Canolles, »konnte es nicht morgen früh kommen?«

»Herr Baron von Canolles!« rief die Stimme, »Herr Baron von Canolles, ich muß Euch sogleich sprechen.«

»Was gibt es denn?« fragte der Baron und machte einen Schritt rückwärts.

»Gnädiger Herr, gnädiger Herr!« sagte Castorin vor der Thüre, »man fragt nach Euch, man sucht Euch.«

»Wer denn, Dummkopf?«

»Ein Eilbote.«

»Von wem?«

»Von dem Herzog von Epernon.«

»Was will er von mir?«

»Dienst des Königs.«

Bei diesen magischen Worte, dem man gehorchen mußte, öffnete Canolles, fortwährend fluchend, die Thüre und ging die Treppe hinab.

Man hörte Pompée schnarchen.

Der Eilbote war eingetreten und wartete in der Wirtsstube; Canolles suchte ihn auf und las erbleichend den Brief von Nanon; denn der Eilbote war, wie man bereits errathen haben wird, Courtauvaux selbst, der ungefähr zehn Stunden nach Canolles abreiste und diesen, trotz aller Eile, erst auf der zweiten Etappe hatte einholen können.

Einige Fragen, welche Canolles an Courtauvaux richtete, ließen dem Baron keinen Zweifel darüber, wie nothwendig seine schleunige Abreise war. Er las den Brief zum zweiten Male und der Ausdruck: Eure teure Schwester Nanon, machte ihm begreiflich, was vorgefallen war, daß sich nämlich Fräulein von Lartigues dadurch aus der Verlegenheit gezogen hatte, daß sie ihn für ihren Bruder ausgab.

Canolles hatte wiederholt in nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken Nanon selbst von diesem Bruder sprechen hören, dessen Stelle er nun eingenommen. Dies vermehrte noch den Widerwillen, mit dem er dem Befehle des Herzogs Folge leistete.

»Es ist gut,« sagte er zu Courtauvaux, ohne ihm einen Credit in dem Wirthshause zu eröffnen? oder ihm seine Börse in die Hände zu leeren, was er bei jeder andern Veranlassung sicherlich gethan haben würde; »es ist gut: sagt Eurem Herrn, Ihr habet mich getroffen und ich habe auf der Stelle gehorcht.«

»Und Fräulein von Lartigues soll ich nichts sagen?«

»Sagt Ihr, ihr Bruder wisse das Gefühl zu schätzen, das sie bei ihrer Handlungsweise bestimmt habe, und sei ihr dafür verbunden. Castorin, sattle die Pferde!«

»Und ohne etwas Anderes zu dem Boten zu sprechen, der über diese unfreundliche Aufnahme ganz verblüfft war, ging Canolles zu dem Vicomte hinauf, den er bleich, zitternd und wieder angekleidet fand. Auf dem Kantine brannten zwei Kerzen.

Canolles warf einen Blick innigen Bedauerns auf den Alkoven und besonders auf die Zwillingsbetten, an deren einem ein leichter, kurzer Druck sichtbar war. Der Vicomte folgte diesem Blicke mit einem Gefühle der Schamhaftigkeit, das ihm die Röthe in das Gesicht steigen machte.

»Freut Euch, Vicomte,« sprach Canolles, »Ihr, seid nun für den Rest der Reise von mir befreit. Ich gehe im Dienste des Könige mit der Post.«

»Wann geht Ihr?« fragte der Vicomte mit einer noch nicht ganz beruhigten Stimme.

»Auf der Stelle; ich reife nach Nantes, wo der Hof sich aufhält, wie es scheint.«

»Gott befohlen, mein Herr,« vermochte der junge Mann kaum zu antworten, und er sank auf einen Stuhl zurück, ohne daß er seine Augen nach seinem Gefährten aufzuschlagen wagte.

Canolles machte einen Schritt gegen ihn.

»Ich werde Euch ohne Zweifel nicht mehr sehen,« sprach er mit tief bewegter Stimme.

»Wer weiß?« versetzte der Vicomte und suchte zu lächeln.

»Versprecht Eines einem Manne, welcher ewig Euer Andenken bewahren wird,« sagte Canolles und legte seine Hand mit einem Einklange der Stimme und der Geberde, der keinen Zweifel an seiner Aufrichtigkeit mehr übrig ließ, auf das Herz.

»Was verlangt Ihr?«

»Daß Ihr zuweilen an mich denken werdet.«

»Ich verspreche es Euch.«

»Ohne Groll . . .«

»Ja . . .«

»Eine Bekräftigung dieses Versprechens,« sagte Canolles.

Der Vicomte reichte ihm die Hand.

Canolles nahm diese zitternde Hand ohne eine andere Absicht, als sie in der seinigen zu drücken, aber mit einer Bewegung, welche starker war, als sein Wille, preßte er sie an seine glühenden Lippen und stürzte aus dem Zimmer, während er die Worte murmelte:

»Ah! Nanon, Nanon, kannst Du mich je für den Verlust entschädigen, den Du mir verursacht hast?«




VIII.

Chantilly


Folgen wir jetzt den Prinzessinnen des Hauses Condé in die Verbannung nach Chantilly von der Richon dem Vicomte eine so schauderhafte Schilderung gemacht hatte, so sehen wir:

Unter diesen Alleen von Kastanienbäumen, welche mit einem Blüthenschnee bestreut sind, auf diesen Rasen, welche sich bis zu den blauen Teichen ausdehnen, einen Schwarm von Spaziergängern lachend, plaudernd und singend, beständig sich umher bewegen. Da und dort erscheinen, mitten unter dem hohen Grase, gleichsam in den grünen Wogen verloren, einige Figuren von Lesern, welche sich in die Blätter der Modeschriftsteller jener Zeit, in die Werke von Herrn la Calprenède, von Herrn d’Urfé oder von Fräulein von Scudery vertieft haben; im Innern von Geißblatt- und Rebwind-Lauben hört man Lauten stimmen und unsichtbare Menschen singen. In der großen Aller, welche nach dem Schlosse führt, eilt von Zeit zu Zeit mit der Schnelligkeit den Blitzes ein Reiter, der Ueberbringer irgend eines Befehles, vorüber.

Auf der Terrasse gehen mittlerweile drei in Atlas gekleidete und in einiger Entfernung von stummen, ehrfurchtsvollen Pagen gefolgte Damen mit ernsten Mienen und Ceremoniösen, majestätischen Geberden hin und her; eine Frau von edler Haltung, trotz ihrer siebenundfünfzig Jahre, spricht im Lehrertone über Staatsangelegenheiten; eine äußerst steife junge Frau, in düsterem Gewande horcht zu ihrer Rechten, die Stirne faltend, auf die weisen Theorien ihrer Nachbarin; eine andere Alte, die steifste und abgemessenste von allen Dreien, weil sie ihrem Stande nach die am wenigsten erhabene ist, spricht, hört und überlegt zu gleicher Zeit.

Die Dame in der Mitte ist die Frau Prinzessin Wittwe, die Mutter des Siegers von Rocroy, Nördlingen und Lens, den man, seitdem er verfolgt wird und diese Verfolgung ihn nach Vincennes gebracht hat, den großen Condé zu nennen anfängt, ein Name, den ihm die Nachwelt bewahren wird. Diese Dame, aus deren Zügen man noch die Ueberreste jener Schönheit zu erkennen vermag, welche sie zu der letzten und vielleicht tollsten Liebschaft von Heinrich IV. gemacht hat, ist zugleich in ihrer Mutterliebe und in ihrem Stolze als Prinzessin durch einen fachino italiano beleidigt worden, den man Mazarini nannte, als er Bedienter des Cardinal Bentivoglio war, und den man nun Seine Eminenz den Cardinal Mazarin nennt, seitdem er der Liebhaber von Anna von Oesterreich und erster Minister von Frankreich geworden ist.

Er hat es gewagt, Condé in das Gefängniß zu sperren und die Mutter sowie die Gemahlin den edlen Gefangenen nach Chantilly zu verbannen.

Die Dame rechts ist Claire Clemence von Maillé, Prinzessin von Condé, die man einer aristokratischen Gewohnheit jener Zeit zufolge kurz Frau Prinzessin nennt, um damit zu bezeichnen, die Frau des Hauptes der Familie Condé sei die erste Prinzessin von Geblüt, die vorzugsweise Prinzessin: sie ist stets stolz gewesen, aber seitdem sie verfolgt wird, hat ihr Stolz um den Grad der Verfolgung zugenommen, und sie ist hochmüthig geworden. Dazu verdammt, eine secundäre Rolle zu spielen, so lange der Herr Prinz frei war, hat sie die Gefangenschaft ihres Gemahls zum Stande einer Heldin erhoben: sie ist beklagenswerther als eine Wittwe, und ihr Sohn, der Herzog von Enghien, welcher demnächst sein siebentes Jahr erreicht, erscheint interessanter als eine Waise. Die Augen sind auf sie gerichtet, und ohne Furcht, sich lächerlich zu machen, ist sie in Trauer gekleidet. Seitdem von Anna von Oesterreich diesen in Thränen zerfließenden Damen die Verbannung auferlegt worden ist, hat sich ihr gellendes Geschrei in dumpfe Drohungen verwandelt: aus Unterdrückten sind sie Rebellinnen geworden. Die Frau Prinzessin, ein Themistokles in der Nachthaube, hat ihren Miltiades im Unterrock, und die Lorbeeren von Frau von Longueville, welche einen Augenblick Königin von Paris gewesen ist, verhindern sie zu schlafen.

Die Duenna links ist die Marquise von Tourville, welche es nicht wagt, Romane zu schreiben, aber in der Politik componirt: sie hat nicht persönlich den Krieg geführt, wie der brave Pompée, und nicht wie er in der Schlacht von Corbie eine Kugel bekommen; aber ihr Gatte, ein ziemlich hochgeschätzter General, ist bei La Rochelle verwundet und bei Freyburg getödtet worden; Erbin seines Vermögens, glaubte sie natürlich zu gleicher Zeit euch Erbin seines militärischen Genies zu sein. Seit ihrer Ankunft bei den Prinzessinnen in Chantilly hat sie bereits drei Feldzugspläne gemacht, welche hintereinander die Bewunderung der Frauen des Gefolges erregten und nicht aufgegeben, aber auf den Tag verschoben wurden, wo man das Schwert ziehen und die Scheide wegwerfen würde. Sie wagt es nicht, die Uniform ihres Gemahls anzulegen, obgleich sie zuweilen große Lust dass zu hat, aber sie besitzt ein Schwert, welches in ihrem Zimmer über ihrem Kopfkissen hängt und von Zeit zu Zeit, wenn sie allein ist, zieht sie es mit einer höchst martialischen Miene aus der Scheide.

Trotz seines festlichen Aussehens dürfte also Chantilly nur eine große Kaserne sein, und wenn man gut suchen würde, fände man Pulver in den Kellern und Bajonette in den Hecken.

Die drei Frauen wenden sich bei ihrem düsteren Spaziergange immer wieder nach dem Hauptthore des Schlosses und scheinen auf die Ankunft irgend eines wichtigen Boten zu warten. Bereits hat die Frau Prinzessin Wittwe wiederholt den Kopf schüttelnd und seufzend gesagt:




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