Der Chevalier von Maison-Rouge
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Der Chevalier Maison-Rouge (Episode von 1793.)





01 – 04. Bändchen





I.

Die Freiwilligen


Es war am Abend des 10. März 1793.

Auf Notre-Dame hatte es zehn Uhr geschlagen, und jede Stunde war, sich nach einander lösend, wie ein aus einem ehernen Neste geschleuderter Nachtvogel traurig, eintönig, vibrierend entflogen

Die Nacht war auf Paris herabgesunken, nicht geräuschvoll, stürmisch, von Blitzen durchzuckt, sondern kalt und nebelig,

Paris selbst war nicht das uns bekannte Paris, blendend am Abend von tausend Feuern, die sich in seinem vergoldeten Kothe wiederstrahlen, Paris mit den geschäftigen Spaziergängern, mit dem freudigen Geflüster, mit den bacchischen Vorstädten, die Pflanzschule verwegener Händel, kühner Verbrechen, der Ofen mit dem tausendfachen Gebrülle, sondern eine verschämte, schüchterne Altstadt, deren seltene Einwohner liefen, um von einer Straße in die andere zu gelangen, und in ihre Gänge oder unter ihre Thorwege stürzten, wie von den Jägern umstellte wilde Thiere sich in ihre Höhlen werfen.

Es war endlich, wie gesagt, das Paris des 10. März 1793.

Einige Worte über die äußere Lage, welche diese Veränderung in dem Angesicht der Hauptstadt herbeigeführt hatte, und wir werden mit den Ereignissen beginnen, deren Erzählung den Gegenstand dieser Geschichte bilden soll.

Frankreich hatte durch den Tod von Ludwig XVI. mit ganz Europa gebrochen. Mit den drei Feinden, die es Anfangs bekämpft, nämlich mit Preußen, dem Reiche und Piemont, hatten sich England, Holland und Spanien verbunden. Nur Schweden und Dänemark behaupteten ihre Neutralität; diese beiden Staaten waren indessen beschäftigt, Katharina II, Polen zerreißen zu sehen.

Die Lage war furchtbar. Weniger verachtet als physische Macht, aber auch weniger geschätzt als moralische seit den September-Metzeleien und der Hinrichtung am 21. Januar war Frankreich buchstäblich von ganz Europa blockiert wie eine einfache Stadt. England war an seinen Küsten, Spanien an den Pyrenäen, Piemont und Oesterreich an den Alpen, Holland und Preußen im Norden der Niederlande, und aus einem einzigen Punkte, vom Oberrhein bis zur Scheide, marschierten zweimal hundert fünfzig tausend Mann gegen die Republik.

Ueberall waren die französischen Generale zurückgedrängt. Miaczinski war genöthigt gewesen, Aachen aufzugeben und sich gegen Lüttich zu ziehen. Steingel und Neuilly waren in Limburg zurückgeworfen; Mrianda, welcher Maastricht belagerte, hatte sich gegen Tongres gewendet. Gezwungen, sich fechtend zurückzuziehen, hatten sich Valence und Dompierre einen Theil ihres Materials nehmen lassen. Mehr als zehntausend Ausreißer hatten bereits die Armee verlassen und sich im Innern zerstreut. Der Convent, der seine Hoffnung nur noch aus Dumouriez setzte, hatte diesem Couriere auf Couriere mit dem Befehle zugeschickt, sich von den Ufern des Biebos wegzubegeben, wo er eine Landung in Holland vorbereitete, um das Commando der Maas-Armee zu übernehmen,

Empfindlich im Herzen, wie ein belebter Körper, fühlte Frankreich in Paris, das heißt gerade in seinem Herzen, jeden Schlag, den ihm die Invasion, die Empörung oder der Verrath in den entferntesten Punkten beibrachten. Jeder Sieg war ein Freudensturm, jede Niederlage ein Anfall allgemeinen Schreckens. Man begreift daher leicht, was für einen Aufruhr die auf einander folgenden neuen Stöße und Verluste, welche Frankreich erlitten, in der Hauptstadt zur Folge hatten.

Am Tage vorher, am 9. März, hatte eine der stürmischsten Sitzungen im Convent stattgefunden: alle Officiere hatten Befehl erhalten, sich noch in derselben Stunde zu ihren Regimentern zu begeben, und Danton, dieser kühne Beantrager unmöglicher Dinge, welche dennoch in Erfüllung gingen, hatte die Tribune besteigend ausgerufen: »Ihr sagt, es fehle an Soldaten! bieten wir Paris eine Gelegenheit, Frankreich zu retten, verlangen wir dreißig tausend Mann von ihm und schicken wir sie Dumouriez, und Frankreich ist nicht nur gerettet, sondern auch Belgien gesichert und Holland erobert.«

Dieser Antrag wurde mit enthusiastischem Geschrei aufgenommen. Man eröffnete Register in allen Sectionen, welche am Abend sich zu versammeln eingeladen wurden. Die Theater waren geschlossen worden, um jeder Zerstreuung vorzubeugen; und man hatte die schwarze Fahne als Zeichen der Trauer aus dem Rathhause ausgezogen.

Bor Mitternacht waren dreißig tausend Namen in riefe Register eingeschrieben.

Nur geschah an diesem Abend, was auch in den Septembertagen geschehen war: bei jeder Section verlangten die Freiwilligen, als sie sich einschrieben, daß vor ihrem Aufbruch die Verräther bestraft würden.

Die Verräther waren in Wirklichkeit die Contrerevolutionären, die verborgenen Verschwörer, welche die von Außen bedrohte Revolution im Innern bedrohten. Doch das Wort nahm, wie man leicht begreift, die Ausdehnung, die ihm die äußersten Parteien, welche in diesem Augenblick Frankreich zerrissen, zu geben beliebten. Die Verräther waren die Schwächeren. Die Schwächeren aber waren die Girondisten. Die Montagnards beschlossen, die Girondisten wären die Verräther.

Am andern Tag, dieser andere Tag war der 10. März, waren alle Abgeordnete von der Partei der Montagnards in der Sitzung gegenwärtig. Die bewaffneten Jacobiner hatten eben die Tribune gefüllt, nachdem sie die Frauen vertrieben, als der Maire mit dem Gemeinderath erschien, den Bericht der Commissäre des Convents über die aufopfernde Ergebenheit der Bürger bestätigte, aber zugleich auch den am vorhergehenden Tage einstimmig ausgesprochenen Wunsch wiederholte, man möge ein außerordentliches Tribunal, bestimmt ein Urtheil über die Verräther zu fällen, errichten.

Sogleich verlangt man einen Bericht des Comtt6. Das Comité versammelt sich aus der Stelle und zehn Minuten nachher erscheint Robert Lindey und meldet, es werde ein aus neun, von allen Formen unabhängigen, Richtern bestehendes Tribunal ernannt werden; dieses Tribunal habe sich durch alle Mittel Ueberzeugung zu verschaffen, und solle in zwei permanente Sectionen getheilt werden, die auf Verlangen des Conventes oder unmittelbar diejenigen zu verfolgen haben, welche das Volk irre zu leiten suchen würden.

Die Ausdehnung war, wie man sieht, groß. Die Girondisten begriffen, daß es ihre Verurtheilung war. Sie erhoben sich in Masse und riefen: »Eher sterben, als zu Errichtung dieser venetianischen Inquisition einwilligen!« Als Antwort aus diesen Ausruf verlangten die Montagnards laut die Abstimmung. »Ja,« rief Feraud, »ja, stimmen mir ab, damit die Welt die Menschen kennen lernt, welche die Unschuld im Namen des Gesetzes ermorden wollen.«

Man stimmt in der That ab und gegen allen Anschein erklärt die Majorität:

1) daß Geschworenengerichte eingesetzt werden sollen,

2) daß die Geschworenen in gleicher Anzahl in den Departements genommen werden sollen

3) daß sie durch den Convent ernannt werden sollen.

In dem Augenblick, wo diese drei Bestimmungen gegeben wurden, vernahm man ein gewaltiges Geschrei. Der Convent war an Besuche des Pöbels gewöhnt. Er ließ fragen, was man wolle; man antwortete ihm es sei eine Deputation der Freiwilligen, welche in der Getreidehalle zu Mittag gespeist haben und vor ihm zu defilieren verlangen.

Sogleich wurden die Thüren geöffnet und sechs hundert mit Säbeln, Pistolen und Piken bewaffnete Leute erschienen halb betrunken und defilierten unter dem Beifallgeklatsche der Menge, während sie mit lautem Geschrei den Tod der Verräther forderten..

»Ja,« antwortete ihnen Collot-d'Herbois, »ja, meine Freunde, trotz der Intriguen werden wir Euch und die Freiheit retten.«

Und diese Worte wurden mit einem mit aus die Girondisten begleitet, der ihnen begreiflich machte, daß sie noch nicht ganz außer Gefahr waren.

Sobald die Sitzung des Convents beendet war, verbreiteten sich die Montagnards bei den andern Clubs, liefen zu den Cordeliers und zu den Jacobinern und schlugen vor, die Verräther außer das Gesetz zu stellen und sie noch in dieser Nacht zu erwürgen.

Die Frau von Louvet wohnte in der Rue Saint-Honoré, in der Nähe der Jacobiner. Sie hört Geschrei, geht hinab, tritt bei dem Club ein, vernimmt den Antrag und steigt in aller Eile wieder hinaus, um ihren Gatten zu benachrichtigen. Louvet bewaffnet sich, läuft von Thüre zu Thüre, um seine Freunde in Kenntniß zu setzen, findet sie Alle abwesend, erfährt von dem Diener von einem derselben, daß sie bei Pétion sind, begibt sich aus der Stelle dahin, sieht sie ruhig über ein Decret sich berathen, das sie am andern Tage vorlegen sollen, und von dem sie, getäuscht durch eine zufällige Majorität, glauben, sie werden es durchsetzen. Er erzählt ihnen, was vorgeht, theilt ihnen seine Befürchtungen mit, sagt ihnen, man habe Schlimmes gegen sie bei den Jacobinern und den Cordeliers im Sinne und fordert sie kurz auf, ihrerseits eine energische Maßregel zu ergreifen.

Da erhebt sich Pétion, ruhig und unempfindlich wie gewöhnlich, geht an das Fenster, öffnet es, schaut den Himmel an, streckt den Arm hinaus, zieht seine Hand triefend zurück und spricht:

»Es regnet, heute Nacht wird nichts vorfallen.«

Durch das halb geöffnete Fenster dringt das letzte Vibriren der Glocke ein, welche eben zehn Uhr geschlagen hat.

Dies war in Paris am Tage vorher und an demselben Tage vorgefallen; dies fiel an dem Abend des zehnten März vor und machte, daß in dieser Dunkelheit und in diesem bedrohlichen Schweigen die Häuser, bestimmt, den Lebenden Obdach zu gewähren, stumm und düster geworden, nur mit Todten bevölkerten Gräbern glichen.

In der That, lange Patrouillen von Nationalgarden, denen Leute zum Recognosciren vorangingen, mit gefälltem Bajonett Truppen von Bürgern von den Sectionen, aus den Zufall bewaffnet und an einander geschlossen, Gendarmen, welche jeden Winkel einer Thüre und jeden halb geöffneten Gang durchforschten, dies waren die einzigen Bewohner der Stadt, die sich in die Straßen wagten, so sehr begriff man instinktartig, daß etwas Unbekanntes, Schreckliches im Werke war.

Ein feiner, eisiger Regen, derselbe Regen, der Pétion beruhigt hatte, vermehrte noch die schlechte Laune und das Mißbehagen dieser zum Ueberwachen dienenden Menschen, bei denen jedes Zusammentreffen einer Vorbereitung zum Kampfe glich, und die, nachdem sie sich erkannt hatten, die Parole austauschten. Wenn man dann sah, wie die Einen und die Andern nach ihrer Trennung sich umwandten, hätte man auch glauben sollen, sie befürchteten gegenseitig, von hinten überfallen zu werden.

An diesem Abend, wo Paris einem jener panischen Schrecken preisgegeben war, welche sich so oft erneuerten, daß es hätte ein wenig daran gewöhnt sein sollen, an diesem Abend, wo dumpf davon die Rede war, die lauen Revolutionäre niederzumetzeln, welche, nachdem sie, der Mehrzahl nach mit einer gewissen Beschränkung, für den Tod des Königs gestimmt hatten, heute vor dem Tode in im Temple mit ihren Kindern und ihrer Schwägerin eingeschlossenen Königin zurückwichen, schlüpfte eine Frau, gehüllt in einen Mantel von lila Kattun mit schwarzen Tüpfeln, den Kopf bedeckt oder vielmehr begraben durch den Capuchon dieses Mantels, längs den Häusern der Rue Saint-Honoré hin, verbarg sich in einer Thürvertiefung oder an einer Mauerecke, so oft eine Patrouille erschien, blieb unbeweglich wie eine Statue, hielt den Athem an, bis diese Patrouille vorübergegangen war, und setzte dann ihren raschen, unruhigen Lauf wieder fort, bis sie eine Gefahr ähnlicher Art zum Stillestehen und zur Unbeweglichkeit zwang.

Sie hatte so bereits, und zwar ungestraft, in Folge der Vorsichtsmaßregeln, die sie nahm, einen Theil der Rue Saint-Honoré durchlaufen, als sie plötzlich an der Ecke der Rue de Grenelle, nicht auf eine Patrouille, aber auf eine kleine Truppe von den braven Freiwilligen stieß, welche in der Getreidehalle gespeist hatten, wobei ihre Vaterlandsliebe durch die zahlreichen Toasts, die sie auf ihre künftigen Siege ausgebracht, in Begeisterung gerathen war.

Die arme Frau gab einen Schrei von sich und suchte durch die Rue du Coq zu entfliehen.

»Heda, heda, Bürgerin!« rief der Anführer der Freiwilligen, denn schon, so sehr ist das Bedürfnis, befehligt zu werden, dem Menschen natürlich, denn schon hatten diese würdigen Patrioten sich Anführer ernannt. »Heda, wohin gehst Du?«

Die Flüchtige antwortete nicht und setzte ihren Lauf fort.

»Schlagt an!« sprach der Führer; »das ist ein verkleideter Mann, ein Aristokrat, der sich aus dem Staube macht.«

Und das Geräusch von zwei oder drei Flinten, welche unregelmäßig auf Hände fielen, die zu sehr schwankten, um sicher zu sein, kündigte der armen Frau den Vollzug der unseligen Bewegung an.

»Nein, nein!« rief sie, indem sie plötzlich anhielt und zurückkehrte, »nein Bürger, Du täuschest Dich: ich bin kein Mann.«

»Dann hierher getreten und kategorisch geantwortet,« sprach der Anführer. »Wohin gehst Du, reizende Nachtschöne?

»Bürger, ich gehe nirgends hin, ich kehre nach Hause zurück.«

»Ah! Du kehrst nach Hause zurück?«

»Ja.«

»Das heißt für eine ehrliche Frau ein wenig spät nach Hause kehren, Bürgerin.«

»Ich komme von einer Verwandtin, welche krank ist.«

»Arme kleine Katze,« sprach der Anführer, indem er mit der Hand eine Geberde machte, vor der die erschrockene Frau rasch zurückwich; »und wo ist unsere Karte?«

»Meine Karte? Wie so, Bürger? Was willst Du damit sagen und was verlangst Du von mir?«

»Hast Du das Decret der Gemeinde nicht gelesen?«

»Nein.«

»Du hast es also ausrufen hören?«

»Nein. Mein Gott, was enthält denn dieses Decret?«

»Vor Allem sagt man nicht mehr mein Gott, sondern oberstes Wesen.«

»Verzeih', ich habe mich getäuscht. Es ist eine alte Gewohnheit.«

»Eine schlechte Gewohnheit, eine aristokratische Gewohnheit.«

»Ich werde mich zu verbessern suchen, Bürger. Doch Du sagtest. . .«

»Ich sagte, das Decret der Gemeinde verbiete nach zehn Uhr Abends ohne eine Bürgerkarte auszugehen. Haft Du Deine Bürgerkarte?«

»Ach! Nein.«

»Du hast sie bei deiner Verwandtin liegen lassen?«

»Ich wußte nicht, daß ich mit einer solchen Karte versehen sein sollte.«

»Dann gehen wir aus den ersten Posten, dort wirft Du Dich dem Kapitän hübsch erklären, und wenn er mit Dir zufrieden ist, läßt er Dich durch zwei Mann in Deine Wohnung zurückführen, wenn nicht, so behält er Dich bis aus weitere Erkundigung. In Rotten links, Geschwindschritt, vorwärts, Marsch.«

Bei dem Schreckensschrei, den die Gefangene ausstieß, begriff der Anführer der Freiwilligen, daß die arme Frau diese Maßregel ungemein fürchtete.

»Oh! oh!« sagte er, »ich bin fest überzeugt, wir haben ein ausgezeichnetes Wildpret gefangen. Vorwärts, vorwärts, meine kleine Ci-devant.«

Und der Anführer nahm den Arm der Beschuldigten, legte ihn unter den seinigen und zog sie, trotz ihres Geschreis und ihrer Thränen, nach dem Posten des Palais-Egalité.

Man war bereits aus der Höhe der Barriere des Sergents, als plötzlich ein junger Mann von hoher Gestalt, in einen Mantel gehüllt, sich um die Ecke der Rue des Petits-Champs wandte und gerade in dem Augenblick erschien, wo die Gefangene durch ihre Bitten ihre Freiheit wieder zu erlangen suchte. Aber ohne auf sie zu hören, schleppte sie der Anführer der Freiwilligen unbarmherzig fort. Die Frau stieß einen Schrei halb aus Schrecken, halb aus Schmerz aus.

Der junge Mann sah diesen Kampf, hörte diesen Schrei, sprang von einer Seite der Straße aus die andere und befand sich vor der kleinen Truppe.

»Was gibt es, und was thut man dieser Frau?« fragte er denjenigen, welcher der Anführer zu sein schien.

»Ehe Du mich befragst, mische Dich zuerst in Deine Angelegenheiten.«.'!

»Wer ist diese Frau, Bürger, und was wollt Ihr von ihr?« wiederholte der junge Mann mit einem Tone, welcher noch gebieterischer klang, als das erste Mal.

«Ader wer bist Du selbst, daß Du mich befragst?«

Der junge Mann schlug seinen Mantel aus einander und man sah ein Epaulette aus einem militärischen Kleide glänzen.

»Ich bin Officier, wie Ihr sehen könnt,« sagte er.

»Officier. . . bei was?«

»Bei der Bürgergarde.''

»Nun, was macht das uns?« entgegnete ein Mann von der Truppe; »kennen wir das, die Officiere von der Bürgergarde?«

»Was sagt er?« fragte ein Anderer mit dem schleppenden, ironischen, dem Mann des Volkes, oder vielmehr des Pariser Pöbels, der sich zu ärgern anfängt, eigenthümlichen Tone.

»Er sagt, wenn die Epaulette dem Officier nicht Respect verschaffe, so werde der Säbel die Epaulette respectiren machen,« entgegnete der junge Mann.

Zu gleicher Zeit that der unbekannte Vertheidiger der jungen Frau einen Schritt rückwärts, schob die Falten seines Mantels noch weiter zurück und ließ bei dem Schimmer eines Scheinwerfers einen soliden, breiten Infanteriesäbel glänzen. Dann ergriff er mit einer raschen Bewegung, welche eine gewisse Vertrautheit mit bewaffneten Kämpfen bezeichnete, den Führer der Freiwilligen am Kragen seiner Carmagnole, setzte ihm die Spitze seines Säbels an die Gurgel und sprach:

»Nun wollen wir wie zwei gute Freunde plaudern.«

»Aber, Bürger . . .« sagte der Anführer der Freiwilligen, während er sich loszumachen suchte.

»Ah! ich sage Dir zum Voraus, daß ich Dir bei der geringsten Bewegung, die Du machst, bei der geringsten, die Deine Leute machen, den Degen durch den Leib jage.«

Während dieser Zeit hielten beständig zwei von der Truppe die Frau.

»Du hast mich gefragt, wer ich sei,« fuhr der junge Mann fort, »Du hattest kein Recht dazu, denn Du befehligst keine regelmäßige Patrouille. Ich will es Dir jedoch sagen: ich heiße Maurice Lindey und habe am zehnten August eine Kanonierbatterie commandirt. Ich bin Lieutenant der Nationalgarde und Secretaire der Section der Brüder und Freunde, Genügt Dir das?«

»Ah! Bürger Lieutenant,« antwortete der Anführer, Sets bedroht durch die Klinge, deren Spitze er immer schwerer fühlte, »das ist etwas Anderes. Wenn Du wirklich bist, was Du sagst, nämlich ein guter Patriot . . .«

»Oh! ich wußte wohl, daß wir uns nach ein paar Wetten verstehen würden,« sagte der Officier. »Nun antworte ebenfalls: warum schrie diese Frau und was thatet Ihr derselben?«

»Wir führten sie aus den Wachtposten.«

»Und warum führtet Ihr sie aus den Wachtposten?«

»Weil sie keine Bürgerkarte hatte, und weil das letzte Decret der Gemeinde Jeden zu verhaften befiehlt, der sich nach zehn Uhr Abends in den Straßen von Paris blicken läßt. Vergissest Du, daß das Vaterland in Gefahr ist, und daß die schwarze Fahne aus dem Stadthause weht?«

»Die schwarze Fahne weht aus dem Stadthause, und das Vaterland ist in Gefahr, weil zweimal hundert tausend Sklaven gegen Frankreich marschieren,« entgegnete der Officier, »und nicht weil eine Frau nach zehn Uhr in den Straßen umherläuft! Doch gleichviel, Bürger, es besteht ein Decret der Gemeinde: Ihr seid in Eurem Rechte, und wenn Ihr mir das sogleich geantwortet hättet, wäre die Erklärung kürzer und minder stürmisch gewesen. Es ist gut, Patriot zu sein, es ist aber auch nicht übel, höflich zu sein, und der erste Officier, den die Bürger respectiren müssen, ist, wie mir scheint, derjenige, welchen sie selbst ernannt haben. Nun führt diese Frau fort, wenn Ihr wollt, Ihr seid frei.«

»O Bürger,« rief, den Arm von Maurice ergreifend, die Frau, welche der ganzen Debatte mit tiefer Angst gefolgt war, »O Bürger! gebt mich nicht der Willkür dieser rohen, halbtrunkenen Menschen preis.«

»Gut,« sprach Maurice; »nehmen Sie meinen Arm und ich werde Sie mit ihnen bis aus den Posten geleiten,

»Auf den Posten,« wiederholte die Frau voll Schrecke, »aus den Posten! und warum mich aus den Posten führen, da ich Niemand etwas Böses gethan habe?«

»Man führt Sie aus den Posten,« sprach Maurice, »nicht weil sie etwas Böses gethan haben, nicht weil man voraussetzt, Sie könnten etwa Böses thun, sondern weil ein Decret der Gemeinde ohne eine Karte auszugehen verbietet, und weil Sie keine haben.«

»Aber, mein Herr, ich wußte nicht . . .«

»Bürgerin, Sie finden auf dem Posten brave Leute welche Ihre Gründe zu schätzen wissen und von denen Sie nichts zu befürchten haben.«

//Mein Herr,« sprach die junge Frau, den Arm den Officiers drückend, »es ist nicht mehr die Beleidigung, was ich fürchte, es ist der Tod: wenn man mich aus den Posten führt, bin ich verloren.«




II.

Die Unbekannte


In dieser Stimme lag ein solcher Ausdruck von Furcht und angeborener Höhe, daß Maurice bebte. Diese vibrierende Stimme drang auch wie ein elektrischer Schlag bis in sein Herz.

Er wandte sich gegen die Freiwilligen um, welche unter sich berathschlagten. Gedemüthigt dadurch, daß sie ein einziger Mann im Schach gehalten, beriethen sie sich in der sichtbaren Absicht, den verlorenen Boden wiederzugewinnen; sie waren acht gegen Einen; drei hatten Flinten die Anderen Pistolen und Piken. Maurice hatte nur seinen Säbel; der Kampf konnte nicht gleich sein.

Die Frau begriff das selbst; sie ließ ihren Kopf aus die Brust sinken und stieß einen Seufzer aus.

Die Stirne gefaltet, die Lippe verächtlich ausgezogen, den Säbel immer noch aus der Scheide, blieb Maurice unentschlossen zwischen seinen Gefühlen als Mensch, die ihn diese Frau vertheidigen hießen, und seinen Bürgerpflichten, welche ihm sie preiszugeben riethen.

Plötzlich sah man an der Ecke der Rue des Bons-Eufants den Blitz von mehreren Flintenläufen glänzen und man hörte den abgemessenen Marsch einer Patrouille, welche, eine Versammlung erblickend, ungefähr zehn Schritte vor der Gruppe Halt machte und durch die Stimme ihres Corporals: »Wer da?« rief.

«Freund!« rief Maurice entgegen. »Freund, hierher, Lorin.«

Derjenige, an welchen diese Aufforderung gerichtet war, setzte sich in Marsch, trat an die Spitze und näherte sich, rasch gefolgt von acht Mann.

»Ah! Du bist es, Maurice,« sagte der Corporal, ah, Libertin! was machst Du in den Straßen zu dieser Stunde?«

»Du siehst es, ich komme von der Section der Brüder und Freunde.«

»Ja, wir kennen das, um in die der Schwestern und Freundinnen zu gehen.

		»Horch, Schöne, aus die Kunde,
		Daß in der Geisterstunde
		Von heißer Lieb entsandt
		Heut' eine treue Hand
		Den Riegel sachte ziehe,
		Der sonst, wenn's dunkelt hinter Dir,
		Verschließt die schwere Thür.

Ist es nicht so?«

»Nein, mein Freund, Du täuschest Dich; ich wollte unmittelbar noch Hause zurückkehren, als ich die Bürgerin fand, welche sich unter den Händen von Bürgern Freiwilligen sträubte; ich lief herbei und fragte, warum man sie verhaften wolle.«

»Daran erkenne ich Dich,« versetzte Lorin;


»So ist in Frankreich ächter Rittersinn.«

Dann sich gegen die Freiwilligen umwendend:

»Und warum wolltet Ihr diese Frau verhaften?« fragt der poetische Corporal.

»Wir haben es dem Lieutenant schon gesagt,« antwortete der Anführer der kleinen Truppe, »weil sie kein Sicherheits-Karte hatte.«

»Bah! bah!« rief Lorin, »das ist ein schönes Verbrechen.«

»D« kennst also die Bestimmung der Gemeinde nicht? fragte der Anführer der Freiwilligen.

»Doch! doch! aber es gibt auch eine andere Bestimmung, welche diese aufhebt.«

»Welche?«

»Hört:

		»Aus dem Pindus und Parnaß
		Sollen ohne allen Paß
		In dem Schmuck der Jugend
		Schönheit, Anmuth, Tugend
		Frei zu jeder Tagesstunde
		Fröhlich halten ihre Runde,
		So gebeut es Amor.

»Ha! was sagst Du zu diesem Decret, Bürger? es ist galant, wie mir scheint.«

»Ja, doch es scheint mir nicht peremptorisch. Einmal kommt es nicht im Moniteur vor, dann sind wir weder aus dem Pindus, noch aus dem Parnaß, und endlich ist es nicht Tag; auch ist die Bürgerin vielleicht weder jung, noch schön, noch anmuthig.«

»Ich wette das Gegentheil,« rief Lorin. »Laß sehen, Bürgerin, beweise mir, daß ich Recht habe, schlage Deine Hemde zurück, damit alle Welt beurtheilen kann, ob Du den Bedingungen des Decrets entsprichst.«

»Ah! mein Herr,« sagte die junge Frau, indem sie sich an Maurice preßte, »nachdem sie mich gegen Ihre Feinde beschützt haben, beschützen Sie mich auch gegen Ihre Freunde. … ich flehe Sie an.«

»Seht Ihr, seht Ihr,« rief der Anführer der Freiwilligen, »sie verbirgt sich. Meiner Meinung nach ist es eine Spionin der Aristokraten, eine Schelmin, eine Straßenläuferin.«

»Oh! mein Herr,« sprach die junge Frau, indeß sie Maurice einen Schritt vorwärts gehen ließ und ein durch Schönheit, Jugend und Erhabenheit bezauberndes Gesicht entblößte, das durch die Helle des Scheinwerfers beleuchtet wurde, »oh! schauen Sie mich an: sehe ich aus, als wäre ich das, was sie sagen?«

Maurice war geblendet. Nie war ihm etwas dem, was er jetzt erblickt hatte, Aehnliches im Traum erschienen. Wir sagen, was er erblickt hatte, denn die Unbekannte verschleierte abermals ihr Gesicht, und zwar so schnell, als sie es entblößt hatte.

»Lorin,« sagte leise Maurice, »fordere die Gefangene, im sie nach Deinem Posten zu bringen, Du hast als Anführer der Patrouille das Recht dazu.«

»Gut!« erwiderte der junge Corporal, ich verstehe auch ein halbes Wort.«

Dann wandte er sich gegen die Unbekannte um und sprach:

»Vorwärts, meine Schöne, da Du uns nicht den Beweis geben willst, daß Du den Bedingungen des Decrets entsprichst, mußt Du uns folgen,«

»Warum Euch folgen?« versetzte der Anführer der Freiwilligen.

»Allerdings, wir führen die Bürgerin aus den Posten des Stadthauses, wo wir die Wache haben, und dort werden wir die Sache näher untersuchen.«

»Keines Wegs, keines Wegs,« entgegnete der Anführer der ersten Truppe. »Sie gehört uns und wir werden sie bewachen.«

»Ah! Bürger, Bürger,« rief Lorin, »wir werden uns ärgern.«

»Aergert Euch oder ärgert Euch nicht, das ist uns, beim Teufel! Gleichgültig. Wir sind wahre Soldaten der Republik, und während Ihr in den Straßen patrouillirt, gehen wir hin und vergießen unser Blut an der Grenze.«

»Nehmt Euch in Acht, daß Ihr es nicht aus dem Wege vergießt, Bürger, und das könnte Euch wohl begegnen, wenn Ihr nicht artiger seid,«

»Die Artigkeit ist eine Aristokraten-Tugend, und wir sind Sans-culottes,« erwiderten die Freiwilligen,

»Schweigt doch,« versetzte Lorin, »sprecht nicht von dergleichen Dingen vor dieser Frau. Sie ist vielleicht eine Engländerin. Aergere Dich nicht über eine solche Vermuthung, mein schöner Nachtvogel,« fügte er bei, indem er sich galant an die Unbekannte wandte:

		»Höret, was ein Dichter sprach,
		Leise hallen wir es nach:
		Was ist der Britten weites Reich?,
		Ein Schwanennest in ungemeßnem Teich.«

»Ah! Du verräthst Dich,« rief der Anführer der Freiwilligen; »ah! Du gestehst zu, daß Du eine Creatur von Pitt, ein Besoldeter von England, ein . . .«

»Stille,« sagte Lorin, »Du verstehst nichts von der Poesie, mein Freund; ich will auch in Prosa mit Dir sprechen. Höre, wir sind sanfte, geduldige Nationalgarden, aber insgesamt Kinder von Paris, was so viel sagen will, daß wir, wenn man uns die Ohren erhitzt, gehörig zuschlagen.«

»Madame,« sprach Maurice, »Sie sehen, was vorgeht, und errathen, was vorgehen wird: in fünf Minuten werden sich zehn bis zwölf Menschen für Sie erwürgen, Verdient die Sache, der sich diejenigen, welche Sie vertheidigen wollen, angenommen haben, das Blut, das deßhalb, fließen soll?«

»Mein Herr,« antwortete die Unbekannte die Hände faltend, »ich kann Ihnen nur Eines sagen: wenn Sie mich verhaften lassen, wird daraus für mich und Andere so großes Unglück entstehen, daß ich Sie bitte, mir lieber das Herz mit der Waffe, die Sie in der Hand halten, zu durchbohren und meinen Leichnam in die Seine zu werfen.«

»Es ist gut, Madame,« versetzte Maurice; «ich nehme Alles auf mich.«

Und er ließ die Hände der schönen Unbekannten, die er in den seinigen hielt, fallen und sprach zu den Nationalgarden:

»Bürger, als Euer Officier, als Patriot, als Franzose befehle ich Euch, diese Frau zu beschützen, und Du, Lorin, wenn diese ganze Canaille ein Wort sagt, zum Bajonnet gegriffen!«

»Ergreift die Waffen!« sprach Lorin!

»Oh! mein Gott! mein Gott!« rief die Unbekannte, indem sie ihren Kopf in ihren Capuchon hüllte und sich an einen Weichstein anlehnte. »Oh! mein Gott! beschütze ihn.«

Die Freiwilligen versuchten es, sich in Vertheidigungsstand zu setzen. Einer von ihnen drückte sogar eine Pistole ab, deren Kugel den Hut von Maurice durchbohrte.

»Kreuzt die Bajonnete,« rief Lorin. »Ram, plan, plan, plan, plan, plan, plan.«

Es trat dann in der Finsterniß ein Augenblick des Kampfes und der Verwirrung ein, wobei man ein paar Flintenschüsse, Verwünschungen, Geschrei, Blasphemien hörte, doch Niemand kam, denn es ging, wie gesagt, ein dumpfes Gerücht von einer bevorstehenden Metzelei, und man glaubte, diese Metzelei beginne. Es öffneten sich nur zwei oder drei Fenster, um sich sogleich wieder zu schließen.

Minder zahlreich und minder gut bewaffnet, wurden die Freiwilligen in einem Augenblick kampfunfähig macht. Zwei von ihnen waren schwer verwundet, vier Andere, jeder mit einem Bajonnet auf der Brust, gleichsam an die Wand geklebt.

»So ist es gut,« sprach Lorin, »ich hoffe, Ihr werdet nun sanft sein, wie die Lämmer Dich, Bürger Maurice, Dich beauftrage ich, diese Frau auf den Posten des Stadthauses zu führen. Du begreifst, daß Du für sie verantwortlich bist.«

»Ja,« erwiderte Maurice, und fügte dann leise bei:

»Und das Losungswort?«

»Oh! Teufel,« versetzte Lorin, sich hinter dem Ohre kratzend, »das Losungswort. . . es ist . . .«

»Befürchtest Du etwa, ich könnte einen schlechten Gebrauch davon machen?«

»Oh! meiner Treue, mache einen Gebrauch davon, welchen Du willst, das ist Deine Sache.«

»Du sagst also?«

»Ich sage, daß ich es Dir sogleich nennen will; doch zuerst laß mich diese Bursche wegschaffen. Dann wäre es mir nicht unangenehm, Dir, ehe ich von Dir gehe, mit ein paar Worten einen guten Rath zu geben.«

»Es sei, ich werde Dich erwarten.«

Lorin kehrte zu den Freiwilligen zurück, welche die Nationalgarden immer noch im Respect erhielten,

»Nun,« sagte er, »habt Ihr genug?«

»Ja, Hund von einem Girondisten,« erwiderte der Anführer.

»Du täuschest Dich, mein Freund,« sprach Lorin voll Ruhe, »wir sind bessere Sans-culottes als Du, in Betracht, daß wir zu dem Club der Thermopylen gehören, dessen Vaterlandsliebe man hoffentlich nicht in Zweifel ziehen wird. Laßt die Bürger gehen,« fuhr Lorin fort, »sie ziehen nichts in Zweifel.«

»Es ist darum nicht minder wahr, daß diese Frau eine Verdächtige ist. . .«

»Wenn sie eine Verdächtige wäre, so würde sie sich während der Schlacht geflüchtet haben, statt zu warten, wie Du siehst, bis die Schlacht beendigt war.«

»He,« rief einer von den Freiwilligen, »was der Bürger da sagt, ist ziemlich richtig.«

»Uebrigens werden wir es erfahren, da sie mein Freund auf den Posten führt, während wir aus die Gesundheit der Nation trinken gehen.«

»Wir gehen trinken?« fragte der Anführer.

»Gewiß, ich habe gewaltig Durst, und ich kenne eine hübsche Schenke an der Ecke der Rue Thomas du Louvre!«

»Ei! warum sagst Du das nicht sogleich? Es ärgert ms, daß wir an Deinem Patriotismus gezweifelt haben; und zum Beweis, umarmen wir uns im Namen der Nation und des Gesetzes.«

Und die Freiwilligen und die Nationalgarden umarmten sich voll Begeisterung. In jener Zeit übte man ebenso gern die Umhalsung, als die Enthalsung.

»Vorwärts, Freunde,« riefen nun die zwei vereinigten Truppen, »an die Ecke der Rue Thomas du Louvre.«

»Und wir!« sagten die Verwundeten mit kläglicher Stimme, »wird man uns hier zurücklassen?«

»Oh! ja wohl, zurücklassen!« sagte Lorin; »Brave zurücklassen, welche für das Vaterland kämpfend gefallen sind, es ist wahr, gegen Patrioten kämpfend, doch aus Irrthum, das ist abermals wahr; man wird Euch Tragbahren schicken. Mittlerweile singt die Marseillaise, das wird Euch zerstreuen.

		»Allez enfants de la patrie,
		Le jour de gloire est arrive«

Dann näherte er sich Maurice, der mit seiner Unbekannten an der Ecke der Rue du Coq stehen blieb, während die Nationalgarden und die Freiwilligen Arm in Arm nach der Place du Palais-Egalité hinausgingen, und sagte:

»Maurice, ich habe Dir einen Rath versprochen, höre ihn, Komm lieber mit uns, als daß Du Dich gefährdest, indem Du die Bürgerin beschützest, die mir allerdings reizend vorkommt, aber darum nur um so verdächtiger ist, denn die reizenden Frauen, welche um Mitternacht in den Straßen umherlaufen. . .«

»Mein Herr,« versetzte die Unbekannte, »ich bitte Sie beurtheilen Sie mich nicht nach dem Anschein.«

»Vor Allem sagen Sie: mein Herr, was ein großer Fehler ist, hörst Du, Bürgerin? Oh! nun sage ich selbst Sie.«

»Ja, ja, Bürger, laß Deinen Freund seine gute Handlung vollenden.«

»Wie dies?«

»Dadurch, daß er mich bis in meine Wohnung zurückführt und mich den ganzen Weg entlang beschützt.«

»Maurice, Maurice,« versetzte Lorin, »Du gefährdest Dich furchtbar.«

»Ich weiß es wohl,« antwortete der junge Mann; »doch was willst Du? wenn ich die arme Frau verlasse, wird sie aus jedem Schritt von Patrouillen festgenommen werden.«

»Oh! ja, ja, während ich mit Ihnen, mein Herr, während ich mit Dir, Bürger, will ich sagen, gerettet bin.«

»Du hörst es, gerettet!« sprach Lorin. »Sie läuft also große Gefahr?«

»Höre, mein lieber Lorin,« entgegnet Maurice, »wir wollen gerecht sein. Es ist eine gute Patriotin oder eine Aristokratin. Ist es eine Aristokratin, so hatten wir Unrecht, sie zu beschützen; ist es eine gute Patriotin, so entspricht es unserer Pflicht, sie zu behüten.«

»Verzeih, verzeih, lieber Freund, es thut mir leid für Aristoteles; doch Deine Logik ist albern. Du bist wie derjenige, welcher sagte:

		»Iris stahl mir die Vernunft,
		Fordert Weisheit dann von mir.«

»Höre Lorin,« sprach Maurice, »ich bitte Dich, laß Dorat, Parny, Gentil-Bernard ruhen. Sprechen wir im Ernste: willst Du mir das Losungswort geben oder nicht geben?«

»Das heißt, Maurice, Du versetzt mich in die Nothwendigkeit, meine Pflicht meinem Freunde, oder meinem Freund meiner Pflicht zu opfern. Ich befürchte aber sehr, Maurice, die Pflicht wird geopfert werden.«

»Entschließe Dich zu dem Einen oder zu dem Andern, mein Freund. Doch im Namen des Himmels, entschließe Dich aus der Stelle.«

»Du wirft keinen Mißbrauch davon machen?«

»Ich verspreche es Dir.«

»Das ist nicht genug; schwöre!«

»Aus was?«

»Schwöre auf den Altar des Vaterlands.«

Lorin nahm seinen Hut ab, streckte ihn gegen Maurice auf der Seite der Cocarde aus, und Maurice, der die Sache ganz einfach fand, leistete, ohne zu lachen, den verlangten Eid auf den improvisirten Altar.

»Uno nun,« sagte Lorin, »und nun höre das Losungswort: Gallien und Lucretia. Vielleicht begegnen Dir einige, die Dir sagen wie mir: Gallien und Lucretia; bah! laß es gut sein, das ist immer noch römisch.«

»Bürgerin,« sprach Maurice, »nun bin ich zu Ihren Diensten. Ich danke, Lorin.«

»Glückliche Reise,« versetzte dieser, während er sich Wieder mit dem Altar des Vaterlandes bedeckte; und getreu seinem anakreontischen Geschmack entfernte er sich, während er murmelte:

		»Lenore, Du hast sie gelaunt,
		Die Sünde im Rosengewand;
		Du hast sie gefürchtet und dennoch begangen,
		Du hast sie ersehnt mit heimlichem Bangen,
		Sag an, ob sie schrecklich?. . .«




III.

Die Rue des Fossés-Saint-Victor


Als sich Maurice mit der jungen Frau allein fand, fühlte er sich ein wenig verlegen. Die Furcht, bethört zu sein, der Reiz dieser wunderbaren Schönheit, ein unbestimmter innerer Vorwurf, der das reine Gewissen des exaltirten Republikaners bedrückte, hielten ihn im Augenblick zurück, wo er der jungen Frau seinen Arm zu geben im Begriff war.

»Wohin gehen Sie, Bürgerin?« sagte er zu ihr.

»Ach! mein Herr, sehr weit,« antwortete sie.

»Aber doch . . .«

»In die Gegend des Jardin des Plantes.«

»Es ist gut: gehen wir.«

»Oh! mein Gott, mein Herr,« sprach die Unbekannte, »ich sehe wohl, daß ich Sie belästige; doch glauben Sie mir, ohne das Unglück, das mir begegnet ist, und wenn ich nicht große Gefahr zu laufen überzeugt wäre, würde ich Ihren Edelmuth nicht so mißbrauchen.«

»Aber, Madame,« sprach Maurice, der bei diesem Zusammensein unter vier Augen die von dem Wörterbuch der Republik vorgeschriebene Sprache vergaß und zu seiner gewöhnlichen Sprache zurückkehrte, »wie kommt es, aufrichtig gestanden, daß Sie sich zu dieser Stunde aus den Straßen von Paris befinden? Sehen Sie, ob Sie, uns ausgenommen, eine einzige Person erblicken?«

»Mein Herr, ich habe es Ihnen gesagt: ich machte einen Besuch im Faubourg du Roule. Ich entfernte mich um Mittag von Hause, ohne etwas von dem zu wissen, was vorgeht, und kehrte nun zurück, ohne mehr erfahren zu haben: meine ganze Zeit verging in einem etwas entlegenen Hause.«

»Ja,« murmelte Maurice, »in irgend einem Hause von Ci-devant, in einem Aristokratenschlupfwinkel. Gestehen Sie, Bürgerin, daß Sie, während Sie ganz laut Beistand von mir verlangen, ganz leise darüber lachen, daß ich Ihnen denselben gewähre.«

»Ich!« rief sie, »und warum dies?«

»Allerdings; Sie sehen, daß ein Republikaner Ihnen als Führer dient; nun, dieser Republikaner verräth ganz einfach seine Sache.«

»Aber, Bürger,« versetzte die Unbekannte, »Sie sind im Irrthum, ich liebe die Republik eben so sehr als Sie.«

»Wenn sie eine gute Patriotin sind, haben Sie nichts zu befürchten. Woher kommen Sie?«

»Oh! mein Herr, ich bittet!« sagte die Unbekannte.

Es lag in diesem mein Herr ein solcher Ausdruck tiefer, zarter Schamhaftigkeit, daß sich Maurice in den darin enthaltenen Gefühlen nicht täuschen zu können glaubte.

»Diese Frau kommt sicherlich von einem Liebesrendezvous,« sagte er.

Und ohne zu begreifen, warum, fühlte er, wie sich bei diesem Gedanken sein Herz zusammenschnürte.

Bon diesem Augenblick an versank er in ein Stillschweigen.

Die zwei nächtlichen Wanderer hatten indessen die Rue de la Verrerie erreicht, nachdem sie drei oder vier Patrouillen begegnet waren, welche sie mit Hilfe des Losungswortes frei ziehen ließen, als bei einer letzten der Officier Schwierigkeiten zu machen schien.

Maurice glaubte dem Losungsworte seinen Namen und seine Wohnung beifügen zu müssen.

»Gut,« sagte der Officier, »daß ist für Dich, aber die Bürgerin?«

»Die Bürgerin?«

»Wer ist sie?«

»Es ist . . . die Schwester meiner Frau.«

Der Officier ließ sie vorüber.

»Sie sind also verheirathet, mein Herr?« flüsterte die Unbekannte.

»Nein, Madame; warum dies?«

»Weil es dann kürzer gewesen wäre, Sie hätten gesagt, ich sei Ihre Frau,« erwiderte sie lachend.

»Madame,« sprach Maurice, »der Name Frau ist ein heiliger Titel, den man nicht leichtsinnig geben muß. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.«

Nun war die Reihe an der Unbekannten, sie fühlte ebenfalls, wie ihr Herz sich zusammenschnürte, und Versank auch in ein Stillschweigen.

In diesem Augenblick gingen sie über den Pont Marie.

Die junge Frau marschierte immer schneller, je mehr man sich dem Ziele des Laufes näherte.

Man kam über den Pont de la Tournelle.

»Wir sind, glaube ich, in Ihrem Quartier,« sagt Maurice, als er den Fuß aus den Quai Saint-Bernard setzte

»Ja, Bürger,« sprach die Unbekannte, »doch gerade! hier bedarf ich Ihres Beistands am meisten.«

»In der That, Madame, Sie verbieten mir, indiscret zu sein, und thun zu gleicher Zeit Alles, was Sie können, um meine Neugierde rege zu machen. Ich bitte, etwas Vertrauen, ich habe es, wie ich glaube, wohl verdient. Werden Sie mir nicht die Ehre erweisen, mir zu sagen, mit wem ich spreche?«

»Mein Herr,« versetzte die Unbekannte lächelnd, »Sie sprechen mit einer Frau, die Sie von der größten Gefahr, welcher sie je preisgegeben war, gerettet haben, und die Ihnen ihr ganzes Leben dankbar sein wird.«

»Ich verlange nicht so viel von Ihnen, Madame; seien Sie minder dankbar und sagen Sie mir in dieser Sekunde Ihren Namen.«

»Unmöglich.«

»Sie hätten ihn doch dem ersten besten Sectionär genannt, der Sie aus den Posten geführt haben würde.«

»Nein, niemals!« rief die Unbekannte.

»Dann wären Sie in den Kerker gebracht worden.«

»Ich war zu Allem entschlossen.«

»Aber der Kerker in diesem Augenblick . . .«

»Ist das Schaffot, ich weiß es.«

»Und Sie hätten das Schaffot vorgezogen?«

»Dem Verrath . . . meinen Namen nennen hieß verrathen!«

»Ich sagte Ihnen wohl, daß Sie mich eine sonderbare Rolle für einen Republikaner spielen ließen!«

»Sie spielen die Rolle eines edelmüthigen Mannes. Sie finden eine arme Frau, die man beleidigt, Sie verachten sie nicht, obgleich sie vom Volke ist, und da sie abermals beleidigt werden kann, so führen Sie diese Frau, um sie aus dem Schiffbruch zu retten, bis zu dem elenden Quartiere zurück, das sie bewohnt: das ist das Ganze.«

»Ja, Sie haben Recht, dem Anscheine nach; das hätte ich glauben können, wenn ich Sie nicht gesehen, wenn Sie nicht mit mir gesprochen hätten. Doch Ihre Schönheit, Ihre Sprache bezeichnen eine Frau von Distinction; gerade aber diese Distinction, im Gegensatz mit Ihrer Kleidung und diesem elenden Quartier, beweist mir, daß Ihr Ausgang zu dieser Stunde irgend ein Geheimnis verbirgt; Sie schweigen . . . sprechen wir nicht mehr davon. Sind wir noch fern von Ihrer Wohnung, Madame?«

In diesem Augenblick traten sie in die Rue des Fossés» Saint-Victor, durch die Rue de Seine.

»Sie sehen jenes kleine, schwarze Gebäude?« sagte die Unbekannte, indem sie die Hand gegen ein Haus ausstreckte, das jenseits der Mauern des Jardin des Plantes lag.

»Sehr gut, Madame. Befehlen Sie, ich bin da, um zu gehorchen.«

»Sie werden ärgerlich?«

»Ich! nicht im Geringsten; was ist übrigens Ihnen daran gelegen?«

»Es ist mir viel daran gelegen, denn ich habe mir von Ihnen noch etwas zu erbitten.«

»Was?«

»Einen sehr herzlichen und liebevollen Abschied, einen Freundesabschied!«

»Einen Freundesabschied! oh! Sie erweisen mir zu viel Ehre, Madame. Ein seltsamer Freund, der nicht einmal den Namen seiner Freundin weiß, und dem die Freundin ihre Wohnung verbirgt, ohne Zweifel aus Furcht vor der Unannehmlichkeit, ihn wiederzusehen.«

Die junge Frau neigte das Haupt und antwortete nicht.

»Madame,« fuhr Maurice fort, »wenn ich ein Geheimnis errathen habe, so dürfen Sie mir deßhalb nicht grollen, ich trachtete nicht darnach.«

»Ich bin an Ort und Stelle, mein Herr,« sprach die Unbekannte.

Man war vor der Rue Saint-Jacques, welche von hohen, schwarzen Häusern eingefaßt, von dunkeln Gängen und von Gäßchen durchzogen war, in denen Lohgerber und ähnliche Handwerker ihre Geschäfte betrieben, denn zwei Schritte daran läuft das kleine Flüßchen Bièvre.

»Hier?« sagte Maurice, »hier wohnen Sie?«

»Ja.«

»Unmöglich!«

»Es ist dennoch so. Leben Sie wohl, mein braver Ritter, leben Sie wohl, mein edler Beschützer!«

»Leben Sie wohl, Madame,« erwiderte Maurice mit einer leichten Ironie; »aber sagen Sie mir, um mich zu beruhigen, daß Sie keine Gefahr mehr laufen.«

»Keine.«

»Dann entferne ich mich.«

Und Maurice machte eine kalte Verbeugung und wich zwei Schritte zurück.

Die Unbekannte blieb einen Augenblick auf demselben Platze,

»Ich möchte nicht gern so von Ihnen Abschied nehmen,« sagte sie, »geben Sie mir Ihre Hand, Herr Maurice.«

Maurice näherte sich der Unbekannten und reichte ihr seine Hand.

Er fühlte, daß ihm die junge Frau einen Ring an, den Finger gleiten ließ.

»Oh! oh! was machen Sie denn da? Sie bemerken nicht, daß Sie einen von Ihren Ringen verlieren?«

»Oh! mein Herr,« erwiderte sie, »was Sie da thun, ist sehr schlimm.«

»Nicht wahr, Madame, es fehlte mir nur noch das Laster, undankbar zu sein?«

»Ich bitte Sie, mein Herr . . . mein Freund, verlassen sie mich nicht so, sprechen Sie, was wünschen Sie, was verlangen Sie?«.

»Nicht wahr, um bezahlt zu sein?'' versetzte der junge Mann voll Bitterkeit.

»Nein,« sprach die Unbekannte mit einem bezaubernden Ausdruck, »aber um mir das Geheimnis zu vergeben, das ich gegen Sie zu bewahren genöthiqt bin.«

Als Maurice in der Dunkelheit diese schönen, beinahe thränenfeuchten Augen glänzen sah, als er diese warme Hand in seinen Händen zittern fühlte, als er diese Stimme hörte, welche beinahe zum Tone der Bitte herabgesunken war, ging er plötzlich vom Zorn zu einem Gefühl der Begeisterung über.

»Was ich verlange?« rief er, »ich verlange, Sie wiederzusehen.«

»Unmöglich.«

»Wäre es nur ein einziges Mal, eine Stunde, eine Minute, eine Secunde.«

»Unmöglich, sage ich Ihnen.«

»Wie!« fragte Maurice. »Sagen Sie mir im Ernst, ich Sie nie wiedersehen wer«e?«

»Nie!« antwortete die Unbekannte wie ein schmerzliches Echo.

»Oh, Madame, Sie spotten meiner offenbar,« sprach Maurice.

Und er erhob sein edles Haupt und schüttelte seine langen Haare nach der Weise eines Mannes, der einer Gewalt entkommen will, die ihn unwillkürlich umfesselt hält.

Die Unbekannte schaute ihn mit, einem unbeschreiblichen Ausdruck an. Man sah, daß sie nicht ganz dem Gefühl entgangen war, das sie einflößte.

«Hören Sie,« sprach sie nach einem kurzen Stillschweigen, das nur durch einen Seufzer unterbrochen worden war, welchen Maurice vergebens zu ersticken gesucht hatte. »Hören Sie! schwören Sie mir bei Ihrer Ehre, Ihre Augen von dem Momente an, wo ich es sagen werde, bis zu dem, wo Sie sechzig Secunden gezählt haben, geschlossen zu halten; doch hier . . . bei Ihrer Ehre. . . .«

»Und wenn ich schwöre, was wird geschehen?«

»Es wird geschehen, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit beweise, wie ich sie nie einem Menschen zu beweisen gelobe, würde man auch mehr für mich thun, als Sie für mich gethan haben, was übrigens schwer wäre.«

»Aber darf ich denn nicht wissen…?«

»Nein, vertrauen Sie mir, und Sie werden sehen.«

»In der That, Madame, ich weiß nicht, ob Sie ein Engel «der ein Teufel sind.«

»Schwören Sie?«

»Nun ja, ich schwöre.«

»Was auch geschehen mag, Sie werden die Augen nicht öffnen. . . was auch geschehen mag, verstehen Sie wohl? Und sollten Sie sich von einem Dolchstoße getroffen fühlen.«

»Bei meinem Ehrenwort, Sie betäuben mich mit dieser Forderung.«

»Ei, so schwören Sie doch, mein Herr, Sie wagen, wie mir scheint, nicht viel.«

»Nun! ich schwöre, was mir auch begegnen mag,« sagte Maurice und schloß halb die Augen.

Er blieb stehen.

»Lassen Sie mich Sie nur noch einmal sehen, nur ein einziges Mal, ich stehe Sie an,« sprach er.

Die junge Frau schlug ihren Capuchon mit einem Lächeln zurück, das nicht ganz von Coquetterie frei war; und bei dem Schimmer des Mondes, der in diesem Augenblick zwischen zwei Wollen durchschlüpfte, konnte er zum zweiten Male diese langen, in ebenholzschwarzen Locken herabhängenden Haare, den vollkommenen Bogen einer doppelten, wie mit chinescher Tusche gezeichneten Augbraue, zwei mantelartig geschlitzte, sammetne, schmachtende Augen, eine Nase von der ausgezeichnetsten Form und Lippen, frisch und glänzend wie Korallen sehen.

»Oh! Sie sind schön, sehr schön, zu schön!« rief Maurice.

»Schließen Sie die Augen,« sagte die Unbekannte.

Maurice gehorchte.

Die junge Frau nahm seine zwei Hände in die ihrigen und drehte ihn, wie sie wollte. Plötzlich schien sich eine duftende Wärme seinem Gesichte zu nähern, und ein Mund streifte seinen Mund und ließ zwischen seinen beiden Lippen den Ring, den er ausgeschlagen hatte.

Es war ein Gefühl, rasch wie der Gedanke, brennend wie eine Flamme. Maurice hatte eine Empfindung, welche beinahe dem Schmerze glich, so unerwartet war sie, so sehr war sie in die Tiefe des Herzens gedrungen und hatte die geheimsten Fibern desselben beben gemacht.

Er machte eine ungestüme Bewegung und streckte die Arme vor sich aus.

»Ihr Schwur!« rief eine bereits entfernte Stimme, Maurice drückte seine krampfhaft zusammengezogenen Hände auf seine Augen, um der Versuchung, meineidig zu werden, zu widerstehen. Er zählte nicht mehr, er dachte nicht mehr, er blieb stumm, unbeweglich, schwankend.

Nach einem Augenblick hörte er etwas wie das Geräusch einer Thüre, die sich auf fünfzig oder sechzig schritte von ihm schloß. Dann wurde wieder Alles still im schweigsam.

Nun löste er seine Finger, öffnete die Augen wieder und schaute umher wie ein Erwachender, und er hätte vielleicht geglaubt, er erwache wirklich und Alles, was ihm begegnet, sei nur ein Traum gewesen, hätte er nicht zwischen seinen Lippen den Ring festgehalten, der dieses unglaubliche Abenteuer zu einer unbezweifelbaren Wahrheit machte.




IV.

Sitten der Zeit


Als Maurice Lindey wieder zu sich kam und umher schaute, sah er nur düstere Gäßchen, welche sich rechts und links hinzogen; er suchte zu forschen, zu erkennen, doch sein Geist war verwirrt; die Nacht war düster, der Mond, der einen Augenblick früher vorgetreten, um das reizende Gesicht der Unbekannten zu beleuchten, hatte sich wieder, hinter Wolken verborgen. Nach einem Augenblick grausamer Ungewißheit schlug der junge Mann den Weg nach, seinem Hanse ein, das in der Rue du Roule lag.

Als Maurice in die Rue Saint-Avoye kam, staunte er über die Menge der Patrouillen, welche in dem Quartiere des Temple kreisten.

»Was gibt es denn, Sergent?« fragte er den Anführer einer sehr geschäftigen Patrouille, welche die Rue des Fontaines durchsucht hatte.

»Was es gibt?« versetzte der Sergent; »mein Officier man hat in dieser Nacht die Frau Capet und ihr ganze Geniste entführen wollen.«

»Und wie dies?«

»Eine Patrouille von Ci-devant, welche sich, ich weiß nicht wie, das Losungswort verschafft hatte, war in de Tracht von Chasseurs der Nationalgarde in den Tempel gedrungen und sollte sie entführen. Derjenige, welche den Corporal vorstellte, nannte zum Glück den Officier der Garde, als er mit ihm sprach, mein Herr; so hat sich der Aristokrat selbst verkauft!«

»Teufel!« rief Maurice. »Und man hat die Verschwörer festgenommen?«

»Nein; die Patrouille erreichte die Straße und zerstreute sich von da aus.«

»Hat man Hoffnung, diese Bursche einzufangen?«

»Oh! es ist Einer dabei, welchen zu bekommen von großer Wichtigkeit wäre, der Anführer, ein magerer, langer Mensch, der unter die Leute der Wache durch einen der Municipale vom Dienst eingeführt wurde. Hat uns der Schurke laufen gemacht! Doch er wird eine Hinterthüre gefunden haben und durch die Madelonnettes entflohen sein.«

Unter allen andern Umständen wäre Maurice bei den Patrioten geblieben, welche über dem Heile der Republik wachten; doch seit einer Stunde war die Liebe für das Vaterland nicht mehr sein einziger Gedanke. Er setzte also seinen Weg fort, die Neuigkeit, welche er erfahren, zerschmolz allmählig in seinem Geiste und sie verschwand unter dem Ereigniß, das ihm begegnet war. Uebrigens waren diese angeblichen Entführungsversuche sehr häufig geworden, die Patrioten selbst wußten, daß mau sich derselben bei gewissen Veranlassungen als politischer Mittel bediente, weshalb diese Nachricht dem jungen Republikaner keine große Unruhe einflößte.

Als Maurice nach Hause kam, fand er seinen Willjährigen: zu dieser Zeit hatte man keine Bedienten mehr; Maurice, sagen wir, fand seinen Willjährigen, der ihn erwartete und in der Erwartung eingeschlafen war und im schlafe vor Unruhe schnarchte.

Er weckte ihn mit allen Rücksichten, die man seines Gleichen schuldig ist, ließ sich seine Stiefeln ausziehen, schickte ihn weg, um nicht in seinen Gedanken gestört zu 5in, legte sich zu Bette und entschlummerte, da es spät und er jung war, trotz aller Gedanken, welche seinen Geist durchkreuzten.

Am andern Morgen fand er einen Brief auf seinem Nachttisch.«

Dieser Brief war von einer zarten, zierlichen, unbekannten Schrift., Er betrachtete das Siegel, es hatte als Devise, nur das einzigliche Wort: Nothing, Nichts.

Er öffnete den Brief, er enthielt nur folgende Worte:

»Dank!«

»Ewige Erkenntlichkeit gegen ein ewiges Vergessen!«

Maurice rief seinen Bedienten: die wahren Patrioten läuteten nicht, die Glocke erinnerte an die Knechtschaft auch machten viele Willjährige, wenn sie bei ihren Herrn eintraten, dies zur Bedingung bei den Diensten, die sie ihnen zu leisten einwilligten.

Der Willjährige von Maurice hatte ungefähr dreißig Jahre vorher aus dem Taufsteine den Namen Jean erhalten; doch im Jahre 92 entkaufte er sich, da Jean nach der Aristokratie und dem Deismus roch, und nannte sich Scävola.

»Scävola,« fragte Maurice, »weißt Du, was dieser Brief bedeutet?«

»Nein, Bürger.«

»Wer hat ihn Dir übergeben?«

»Der Concierge.«

»Und wer hat ihn demselben gebracht?«

»Ohne Zweifel ein Commissionär, da kein Stempel der Station daraus ist.«

»Gehe hinab und bitte den Concierge, herauszukommen.«

Der Concierge kam heraus, weil ihn Maurice darum bat, und weil Maurice bei allen Willjährigen, mit denen er in Verbindung stand, sehr beliebt war; doch der Concierge erklärte, jeden andern Miethsmann würde er gebeten haben, herabzukommen.

Der Concierge nannte sich Aristides.

Maurice befragte ihn. Ein unbekannter Mann hatte den Brief gegen acht Uhr Morgens gebracht.

Der junge Mann mochte immerhin seine Fragen verdoppeln, sie unter allen möglichen Seiten darstellen, der Concierge konnte ihm nichts Anderes antworten. Maurice bat ihn, zehn Franken anzunehmen, und forderte ihn auf, diesem Mann, wenn er sich wieder zeigen würde, zu folgen, ohne daß es absichtlich zu sein scheine, und ihm dann zu sagen, wohin er gegangen sei.

Wir müssen sogleich bemerken, daß der Mann zur größten Zufriedenheit von Aristides, der durch den Auftrag, einem von seines Gleichen zu folgen, sich etwas gedemüthigt fühlte, nicht wieder kam.

Sobald Maurice allein war, zerknitterte er den Brief voll Aerger, zog den Ring von seinem Finger, legte ihn mit dem zerknitterten Brief aus den Nachttisch und wandte sich mit der Nase gegen die Wand um, in der tollen Anmaßung, abermals einschlafen zu wollen; doch nach Verlauf einer Stunde kam Maurice von dieser Prahlerei zurück, küßte den Ring und las den Brief abermals: der Ring war ein sehr schöner Saphir.

Der Brief war, wie gesagt, ein reizendes kleines Billet, das aus eine Meile nach der Aristokratie roch.

Als Maurice sich dieser Prüfung hingab, öffnete sich seine Thüre. Maurice steckte seinen Ring wieder an seinen Finger und verbarg den Brief unter seinem Kopfkissen. War es die Scham einer entstehenden Liebe? War es die Beklommenheit eines Patrioten, welcher nicht will, daß man erfahre, er stehe in Verbindung mit Leuten, die so unklug seien, ein Bittet zu schreiben, dessen Wohlgeruch allein sowohl die Hand, die es geschrieben, als die, welche es entriegelte, gefährden konnte?

Der Eintretende war ein als Patriot gekleideter junger Mann, doch als Patriot von der höchsten Eleganz, seine Carmagnole war von feinem Tuch, seine Hose von Casimir und seine Strümpfe von feiner Seide. Was seine phrygische Mütze betrifft, so hätte sie in Beziehung auf ihre zierliche Form und ihre schöne Purpurfarbe die von Paris selbst beschämt.

Er trug dabei in seinem Gürtel ein Paar Pistolen aus der königlichen Exfabrik von Versailles und einen geraden, kurzen Säbel, dem der Zöglinge des Marsfeldes ähnlich.

»Ah! Du schläfst, Brutus, und das Vaterland ist in Gefahr,« sagte der Eintretende. »Pfui doch!«

»Nein, Lorin,« versetzte Maurice lachend, »ich schlafe nicht, ich träume.«

»Ja, ich begreife.«

»Wohl, ich, ich begreife nicht.«

»Bah!«

»Von wem sprichst Du? Wer ist diese Eucharis?«

»Nun! die Frau.«

»Was für eine Frau?«

»Die Frau der Rue Saint-Honoré, die Frau der Patrouille, die Unbekannte, für welche wir, Du und ich, gestern Abend unsern Kopf gefährdet haben!«

»Oh! ja,« sprach Maurice, der vollkommen wußte, was sein Freund sagen wollte, aber sich nur den Anschein gab, als verstünde er ihn nicht, »die unbekannte Frau!«

»Nun! wer war es?«

»Ich weiß es nicht,«

»War sie hübsch?«

»Bah!« machte Maurice, verächtlich die Lippen verziehend.

»Eine bei irgend einem Liebesrendezvous vergessene arme Frau.

		»Zu uns arme Menschenkinder
		Plagt die Liebe unabläßig.«

»Es ist möglich,« murmelte Maurice, dem der Gedanke, welchen er Anfangs gehabt hatte, zu dieser Stunde gewaltig widerstrebte, und der lieber in seiner schönen Unbekannten eine Verschwörerin, als eine verliebte Frau sehen wollte.

»Und wo wohnt sie?«

»Ich weiß es nicht.«

»Gehe doch! Du weißt es nicht, unmöglich!«

»Warum?«

»Du hast sie zurückgeführt.«

»Siehst mir aus dem Pont Marie entkommen.«

»Dir entkommen!« rief Lorin mit einem ungeheuren Gelächter.

»Eine Frau Dir entkommen, gehe doch.«

		»Kann die Taub dem Geier entfliehen,
		Wenn der Lüfte Tyrann in den Krallen sie hält?
		Umsonst wird die Gazell zu retten sich mühen,
		Wenn brüllend das Tigerthier über sie fällt.«

»Lorin,« sprach Maurice, »wirst Du Dich denn nie daran gewöhnen, zu sprechen wie alle andere Menschen? Du peinigst mich furchtbar mit Deiner grausamen Poesie.«

»Wie, ich soll sprechen wie alle andere Menschen! mir scheint, ich spreche besser als jeder Andere. Ich spreche wie der Bürger Demoustier in Prosa und in Versen. Was meine Poesie betrifft, mein Lieber, so kenne ich eine Emilie, die sie nicht schlecht findet; doch kommen wir aus die Deinige zurück.«

»Aus meine Poesie?«

»Nein, aus Deine Emilie.«

»Habe ich eine Emilie?«

»Gehe doch, Deine Gazelle wird sich zur Tigerin gemacht und Dir die Zähne gezeigt haben, so daß Du zwar geplagt, aber verliebt bist.«

»Ich verliebt?« versetzte Maurice, den Kopf schüttelnd.

»Ja, Du verliebt.«

		»Nun kein Geheimnis mehr
		Cytberens Streiche treffen sicherer
		Als die von Zeus dem Donnerfürsten.«

»Lorin,« sagte Maurice, indem er sich mit einem gebohrten Schlüssel bewaffnete, der auf dem Nachttisch lag, »ich erkläre Dir, daß ich pfeife, sobald Du noch einen einzigen Vers sprichst.«

»So laß uns von Politik sprechen. Ich bin übrigens!« diesem Behufe gekommen; weißt Du das Neueste?«

»Ich weiß, daß die Witwe Capet entspringen wollte.«

»Bah! nur dieses.«

»Was gibt es noch mehr?«

»Der berüchtigte Chevalier von Maison-Rouge ist in Paris.«

»In der That!« rief Maurice, indem er sich aufsetzte.

»Er selbst, in Person.«

»Wann ist er gekommen?«

»Gestern Abend.«

»Wie dies?«

»Verkleidet als Chasseur der Nationalgarde. Eine Frau, von der man glaubt, sie sei eine als Frau aus dem Volk verkleidete Aristokratin, brachte ihm Kleider in die Barrière; einen Augenblick nachher kamen sie Arm in Arm herein. Erst als sie vorübergegangen waren, sah die Schildwache Verdacht. Der Mann von der Wache hatte die Frau mit einem Päckchen hinausgehen sehn und sah sie mit einer Art von Militär am Arm zurückkommen; das war verdächtig; er machte Lärm und in lief ihnen nach. Sie verschwanden in einem Hotel der Rue Saint-Honoré, dessen Thüre sich wie durch ein Zauber öffnete. Das Hotel hatte einen zweiten Ausgang nach den Champs-Elysees. Guten Abend. . . der Cevalier von Maison-Rouge und seine Mitschuldige sind verschwunden. Man wird das Hotel niederreißen und den Eigenthümer guillotiniren; doch das wird den Chevalier nicht abhalten, den Versuch zu erneuern, der bereits vor vier Monaten zum ersten und zum zweiten Male gescheitert ist.«

»Er ist also nicht verhaftet?«

»Ah! ja wohl, verhafte Protheus, mein Lieber, Du weißt, was Aristäus durchzumachen hatte, um damit zum Ziele zu gelangen.


»Pastor Aristäus fuiegens Peneïa tempe.«

»Nimm Dich in Acht,« sprach Maurice, indem er den Schlüssel an den Mund setzte.

»Nimm Dich bei Gott selbst in Acht, denn diesmal wirst Du nicht mich sondern Virgil auspfeifen.«

»Es ist richtig, und so lange Du ihn nicht übersetzest habe ich nichts zu sagen. Doch kehren wir zu dem Chevalier von Maison-Rouge zurück.«

»Ja, wir müssen gestehen, daß es ein tüchtig! Mann ist.«

»Um solche Dinge zu unternehmen, bedarf es eines großen Muthes.«

»Ja, eines großen Muthes.«

»Ja, oder einer großen Liebe.«

»Glaubst Du an die.Liebe des Chevalier für die Königin?«

»Ich glaube nicht daran, ich sage es nur wie Jedermann.« Uebrigens hat sie so viele Andere verliebt gemacht, daß man nicht staunen dürfte, wenn sie auch ihn verführt hätte. Sie hat wohl Barnave verführt, wie man sagt,.

»Gleichviel, der Chevalier muß ein Einverständniß m Temple selbst haben.«

»Das ist möglich:

		»Denn es sprengt die heiße Liebe
		Schloß und Gitter.«

»Lorin!«

»Ah! es ist wahr.«

»Du glaubst das also wie die Andern?«

»Warum nicht?«

»Weil Deiner Rechnung nach die Königin zweihundert Liebhaber gehabt hätte.«

»Zweihundert, dreihundert, vierhundert. Sie ist schön genug hierzu. Ich behaupte nicht, sie habe dieselben geliebt, aber die Leute haben sie geliebt. Jedermann sieht die Sonne, und die Sonne sieht nicht Jedermann.«

»Du sagst also, der Chevalier von Maison-Rouge?«

»Ich sage, daß man in diesem Augenblick ein wenig Treibjagen auf ihn hält, und wenn er den Leithunden Republik entgeht, muß er ein feiner Fuchs sein.«

»Und was macht die Gemeinde bei allem dem?«

«Die Gemeinde wird ein Decret verkündigen, in Folge dessen jedes Haus wie ein offenes Register aus seiner Facade den, Namen der Bewohner und Bewohnerinnen aufzuweisen hat. Das ist die Verwirklichung jenes Traumes der Alten. Warum gibt es nicht ein Fenster an den Herzen der Menschen, damit Jedermann sehen könnte, was darin vorgeht!«

»Oh! ein vortrefflicher Gedanke,« rief Maurice.

»Ein Fenster an das Herz des Menschen zu setzen?«

»Nein, sondern eine Liste an die Thüre der Häuser zu hängen.«

Maurice dachte in der That, es wäre dies ein Mittel, seine Unbekannte oder wenigstens eine Spur zu finden die ihn weiter leiten würde.

»Nicht wahr?« versetzte Lorin. »Ich habe bereits gewettet, diese Maßregel werde uns fünfhundert Aristokraten in die Hände liefern. Ah! bald hätte ich vergessen, wir haben diesen Morgen im Club eine Deputation von Freiwilligen empfangen; sie kamen, geführt von unsern Gegnern in der vergangenen Nacht, welche ich erst verließ, als sie ganz und gar betrunken waren; sie kamen, sage ich, mit Blumengewinden und Immortellenkränzen.«

»In der That!« versetzte Maurice lachend; »und wie viel waren es?«

»Dreißig; sie hatten sich rasiren lassen und trugen Sträuße am Knopfloch. »»Bürger des Clubs der Thermopylen,«« sprach der Redner, »»als wahre Patrioten wünschen wir, daß die Einigkeit der Franzosen nicht durch ein Mißverständniß gestört werde, und wir kommen, um auf's Neue Brüderschaft zu schließen.««

»Sodann . . .«

»Sodann schloßen wir auf's Neue Brüderschaft, und bei der Wiederholung machte man einen Altar für das Vaterland mit dem Tisch des Secretaire und zwei Flaschen, in welche man Sträuße steckte. Da Du aber Held des Festes warst, so rief man Dich dreimal aus, um Dich zu bekränzen, und als Du nicht antwortetest, insofern Du nicht da warst, indeß man immer etwas bekränzen muß, so bekränzte man die Büste von Washington. Das ist die Ordnung, in der die Ceremonie stattgefunden hat.«

Als Lorin diese wahrhaftige Erzählung beendigte, welche zu jener Zeit nichts Burleskes hatte, hörte man Geräusch auf der Straße, und Anfangs entfernte, bald aber immer näher kommende Trommeln ließen den damals so gewöhnlichen Lärmen des Generalmarsches vernehmen.

»Was ist das?« fragte Maurice.

»Es ist eine Verkündigung des Beschlusses der Gemeinde,« antwortete Lorin.

»Ich laufe nach der Section,« rief Maurice, indem er aus dem Bette sprang und seinen Willfährigen rief, um sich ankleiden zu lassen.

»Und ich, ich gehe zu Bette,« versetzte Lorin: »ich habe in dieser Nacht wegen Deiner wüthenden Freiwilligen nur zwei Stunden geschlafen. Schlägt man sich bloß ein wenig, so läßst Du mich schlafen, schlägt man sich viel, so kommst Du und holst mich.«

»Warum hast Du Dich denn so schön gemacht?« fragte Maurice, einen Blick aus Lorin werfend, der eben ausstand, um sich zu entfernen.

»Weil ich, um zu Dir zu kommen, genöthigt bin, durch die Rue Béthisy zu gehen, und weil es in der Rue Béthisy im dritten Stocke ein Fenster gibt, das sich immer öffnet, wenn ich vorübergehe.«

»Und Du befürchtest nicht, man könnte Dich für einen Muscadin[1 - Muscadin nannte man während der Revolution in Frankreich die nach der Mode gekleideten Herren, besonders wegen der wohlgerüche, die sie verbreiteten, im Gegensatz zu den Sans-culottes.] halten?«

»Ich ein Muscadin! oh, ja wohl! ich bin im Gegentheil als ein tüchtiger Sans-culotte bekannt. Doch, man muß dem schönen Geschlecht« ein Opfer bringen. Der Cultus des Vaterlandes schließt den der Liebe nicht aus. Der eine heischt im Gegentheil den andern.«

		»Beschlossen hat die Republik,
		Daß man der Griechen Vorbild folge,
		Der Freiheit Alter sei ein Seitenstück
		Für den der Grazien beim Volke.

Wage es, dies auszupfeifen, und ich zeige Dich als Aristokraten an und lasse Dich so rasiren, daß Du nunmehr eine Perrücke trägst. Guten Tag, mein Freund.«

Lorin reichte Maurice herzlich seine Hand, die der junge Secretaire ebenso herzlich drückte, und ging dann ein Lied an Chloris trällernd, weg.




V.

Was für ein Mann der Bürger Maurice Lindey war


Während sich Maurice Lindey, nachdem er sich hastig angekleidet, auf die Section der Rue Lepelletier begibt deren Secretaire er ist, wie man weiß, versuchen wir es vor den Augen des Publikums die Vorgänge dieses Mannes zu schildern, der sich aus der Scene durch eine von jenen Aufschwingungen des Herzens gezeigt hat, wie sie bei edlen und mächtigen Naturen häufig vorkommen.

Der junge Mann hatte am Tage zuvor die Wahrheit gesprochen, als er sagte, er heiße Maurice Lindey und wohne in der Rue du Roule. Er hätte beifügen können, er sei ein Kind jener Halbaristokratie, welche der Robe bewilligt wird. Seine Vorfahren hatten sich seit zweihundert Jahren durch die ewige parlamentarische Opposition ausgezeichnet, welche die Namen Molé und Maupon berühmt gemacht. Sein Vater, der gute Lindey, der sein ganzes Leben damit hinbrachte, daß er gegen den Despotismus seufzte, starb, als am 14. Juli 89 die Baistille in die Hände des Volkes fiel, vor Schrecken darüber, daß er den Despotismus durch eine kriegführende Freiheit ersetzt sah, und hinterließ seinen einzigen Sohn, unabhängig durch das Vermögen und Republikaner durch das Gefühl.

Die Revolution, welche so bald auf dieses große Ereigniß folgte, fand Maurice mit allen Bedingungen der Stärke und der männlichen Reise, wie sie dem Athleten entsprechen, der aus den Kampfplatz zu treten im Begriff ist, und seine republikanische Erziehung verstärkte sich durch ein beständiges Besuchen der Clubs und das Lesen aller Pamphlete der Zeit. Gott weiß, wie viel Maurice dergleichen hatte lesen müssen. Tiefe und aus Schlüssen beruhende Verachtung der Hierarchie, philosophische Erwägung der Elemente, die den Körper bilden, absolute Ableugnung jedes Adels, der nicht persönlich ist, unparteiische Schätzung der Vergangenheit, glühender Eifer für die neuen Ideen, Sympathie für das Volk, gemischt mit der aristokratischsten der Organisationen, dies war in moralischer Hinsicht nicht derjenige, welchen wir gewählt haben, sondern der, welchen das Tagebuch, aus dem wir diesen Gegenstand schöpfen, uns als Helden dieser Geschichte gegeben hat.

In physischer Hinsicht war Maurice Linden ein Mann von fünf Fuß acht Zoll, fünf und zwanzig bis sechs und zwanzig Jahre alt, muskelig wie ein Herkules, schön in in jener französischen Schönheit, welche bei einem Franken eine besondere Race hervorhebt, das heißt eine reine Stirne, blaue Augen, kastanienbraune gelockte Haare, rosige Wangen und Zähne wie Elfenbein.

Nach dem Portrait des Mannes, die Stellung des Bürgers.

Maurice, wenn nicht reich, doch wenigstens unabhängig, Maurice, der einen geachteten und besonders populären Namen führte, Maurice, bekannt durch seine liberale Erziehung und durch seine Grundsätze, welche noch liberaler waren als seine Erziehung, Maurice hatte sich gleichsam an die Spitze einer Partei, bestehend aus allen jungen patriotischen Bürgern, gestellt. Vielleicht galt er bei den Sans-culottes für etwas lau und bei den Sectionären für etwas parfümiert. Doch er wußte sich Verzeihung für seine Lauheit bei den Sans-culottes dadurch zu verschaffen, daß er wie ärmliche Rohre die knotigsten Knüttel zerbrach, für seine Eleganz bei den Sectionären, daß er sie auf, zwanzig Schritte durch einen Faustschlag zwischen die zwei Augen fortschleuderte, wenn ihn diese zwei Augen auf eine Weise anschauten, die ihm nicht behagte.

In physischer, in moralischer, in bürgerthümlicher Beziehung hatte nun Maurice der Einnahme der Bastille beigewohnt; er war bei dem Zuge nach Versailles gewesen, er hatte wie ein Löwe am zehnten August gekämpft und an diesem merkwürdigen Tage, man muß ihm diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, ebenso viele Patrioten als Schweizer getödtet: denn er wollte so wenig den Mörder unter der Carmagnole als den Feind der Republik unter dem rothen Kleide dulden.

Er hatte sich, um die Vertheidiger des Schlosses zu Uebergabe zu ermahnen und um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern, vor die Mündung einer Kanone geworfen, welche ein Pariser Artillerist eben losbrennen wollte, er war zuerst durch ein Fenster in den Louvre eingedrungen, trotz des Kleingewehrfeuers von fünfzig Schweizern, und eben so vielen im Hinterhalt liegenden Edelleuten und als er die Zeichen der Capitulation erblickte, hatte sich sein furchtbarer Säbel bereits durch zehn Uniformen Bahn gebrochen; da er nun nach Muße seine Freunde Gefangene niedermetzeln sah, welche ihre Waffen wegwarfen, ihre Hände flehend ausstreckten und um ihr Leben baten, fing er an wie wüthend auf eben diese Freunde einzuhauen, was ihm einen Ruf, würdig der schönen Tag von Rom und Griechenland, verschaffte.

Sobald der Krieg erklärt war, trat Maurice unter die Schaaren und ging nach der Grenze mit den erste fünfzehn hundert Freiwilligen ab, welche die Stadt gegen die Feinde schickte, und denen jeden Tag fünfzehn hundert andere folgen sollten. In der ersten Schlacht, die er mitmachte, nämlich bei Jemappes, erhielt er eine Kugel, die sich, nachdem sie die stählernen Muskeln seiner Schulter getheilt, auf dem Knochen abplattete. Der Vertreter des Volkes kannte Maurice und schickte ihn zur Heilung nach Paris zurück. Einen ganzen Monat wälzte sich Maurice, vom Fieber verzehrt, auf seinem Schmerzenslager; doch der Januar fand ihn wieder auf den Beinen und er befehligte, wo nicht dem Namen, doch wenigstens in. Sache nach den Club der Thermopylen, das heißt, hundert junge Leute von der Pariser Bürgerschaft, welche sich bewaffnet hatten, um sich jedem Versuche zu Gunsten des Tyrannen Capet zu widersetzen; mehr noch: die Stirne gefaltet durch einen düsteren Zorn, das Auge erweitert, das Herz gepreßt durch eine seltsame Mischung von moralischem Haß und körperlichem Mitleid, wohnte Maurice, den Säbel in der Faust, der Hinrichtung des Königs bei und blieb, allein vielleicht von dieser ganzen Menge, stumm, als das Haupt dieses Sohnes vom heiligen Ludwig niederfiel, dessen Seele zum Himmel ausstieg; nur hob er, sobald dieses Haupt gefallen war, seinen furchtbaren Säbel in die Luft und alle seine Freunde riefen: »Es lebe die Freiheit!« ohne zu bemerken, daß diesmal seine Stimme ausnahmsweise sich nicht mit der ihrigen vermischt hatte.

«Dies war der Mann, der am Morgen des elften März nach der Rue Lepelletier ging, der Mann, dem unsere Geschichte mehr Relief in den Einzelheiten eines stürmischen Lebens geben wird, wie man es zu jener Zeit führte.

Gegen zehn Uhr kam Maurice in die Section, deren Secretaire er war.

Die Bewegung war groß. Es handelte sich darum, eine Adresse an den Convent zu Unterdrückung der Complotte der Girondisten zu beschließen. Man erwartete Maurice voll Ungeduld.

Es war nur von der Rückkehr des Chevalier von Maison-Rouge und von der Kühnheit die Rede, mit der dieser erbitterte, unermüdliche Verschwörer zum zweiten male nach Paris gekommen war, wo man doch, wie er wußte, einen Preis auf seinen Kopf gesetzt hatte. Man brachte mit dieser Rückkehr den Versuch vom vorhergehenden Tag in Verbindung, und Jeder drückte seinen Haß und seine Verachtung gegen die Aristokraten und Verräther aus.

Doch gegen die allgemeine Erwartung war Maurice, unempfindlich und schweigsam, faßte geschickt die Proclamation ab, beendigte in drei Stunden sein ganzes Geschäft, fragte, ob die Sitzung ausgehoben sei, nahm auf eine bejahende Antwort seinen Hut, ging hinaus und wanderte der Rue Saint-Honoré zu.

Als er in diese Straße gelangte, kam ihm Paris ganz neu vor. Er sah die Ecke der Rue du Coq, wo ihm in der Nacht die schöne Unbekannte, sich unter den Händen der Soldaten sträubend, erschienen war. Dan, folgte er, von der Rue du Coq bis zum Pont Marie, demselben Wege, den er an ihrer Seite durchlaufen hatte blieb stehen, wo sie von den verschiedenen Patrouillen aufgehalten worden waren, und wiederholte an den einzelnen Stellen, die ihn daran erinnerten, als hätten sie ein Echo ihrer Worte behalten, das Gespräch, das sie miteinander gepflogen; nur war es ein Uhr Nachmittags und die Sonne, welche diesen ganzen Spaziergang beleuchtete machte aus jedem Schritte die Erinnerungen der Nacht hervorspringend.

Maurice schritt über die Brücken und trat bald in die Rue Victor, wie man sie damals nannte.

»Arme Frau!« murmelte Maurice, »sie bedachte gestern nicht, daß die Nacht nur zwölf Stunden währt und daß ihr Geheimnis wahrscheinlich nicht länger als du Nacht dauern würde. Bei der Helle der Sonne werde ich die Thüre wiederfinden, durch die sie geschlüpft ist, und wer weiß, ob ich sie nicht selbst an irgend einem Fenster erblicke.«

Er trat sodann in die alte Rue Saint-Jacques und stellte sich, wie die Unbekannte am Tage zuvor gestanden hatte. Einen Augenblick schloß er die Augen: der arme Narr glaubte vielleicht, der Kuß vom vorhergehenden Abend würde zum zweiten Male auf seinen Lippen brennen. Doch er fühlte nichts davon, als die Erinnerung. Die Erinnerung brannte allerdings immer noch.

Maurice öffnete die Augen wieder, sah die zwei Gäßchen, das eine rechts, das andere links. Sie waren kothig, schlecht gepflastert, mit Schranken versehen und von kleinen, über einen Bach gesprengten Brücken durchschnitten. Man sah hier Arkaden von Balken, Schlupfwinkel, zwanzig schlicht befestigte, verfaulte Thüren. Es war die plumpe Arbeit in ihrem ganzen Elend, das Elend in seiner ganzen Häßlichkeit. Da und dort fand sich ein Garten, bald durch Hecken, bald durch Zäune von Weinpfählen, zuweilen auch durch Mauern geschlossen; Häute trockneten unter Schoppen und verbreiteten den abscheulichen Geruch der Lohgerberei, bei dem einem übel wird. Maurice suchte, stellte zwei Stunde lang zusammen und fand nichts, errieth nichts; zehnmal drang er in dieses Labyrinth, zehnmal kehrte er zurück, um sich zu orientieren. Doch alle seine Versuche waren vergeblich, alle seine Nachforschungen fruchtlos. Die Spuren der jungen Frau schienen durch den Nebel und den Regen verwischt worden zu sein.

»Vorwärts!« sprach Maurice zu sich selbst, »ich habe geträumt. Diese Cloake kann nicht einen Augenblick meine schönen Fee von der letzten Nacht als Aufenthaltsort gedient haben.«

Es lag in dem wilden Republikaner eine Poesie, viel wahrer, als die in seinem Freunde mit den anakreontischen Versen, denn aus diesen Gedanken kehrte er zurück, um die Glorie nicht zu trüben, die das Haupt seiner Unbekannten beleuchtete. Allerdings kehrte er in Verzweiflung zurück.

»Lebe wohl! schöne Geheimnisvolle,« sagte er, »Du hast mich als Dummkopf oder als Kind behandelt. Würde sie denn hierher gegangen sein, wenn sie wirklich hier wohne? Nein, sie ging nur hier durch, wie der Schwan über einen verpesteten Sumpf zieht. Und wie die des Vogels in der Luft, ist ihre Spur unsichtbar.«




VI.

Der Temple


An demselben Tage, zur selben Stunde, wo Maurice schmerzlich enttäuscht, über den Pont de la Tournelle zurückging, machten.mehrere Municipale, begleitet von Santerre, einen strengen Besuch in dem großen Thurme des Temple, den man seit dem 13. August 1792 in ein Gefängniß verwandelt hatte.

Dieser Besuch galt besonders einer Wohnung im dritten Stocke, welche aus einem Vorzimmer und drei Stuben bestand.

Eine von diesen Stuben war von zwei Frauen, einem jungen Mädchen und einem Kind von neun Jahren, insgesamt in Trauer, bewohnt.

Die Aeltere von diesen zwei Frauen mochte sieben und dreißig bis acht und dreißig Jahre alt sein; sie saß an einem Tische und las.

Die Zweite saß und arbeitete an einer Stickerei; sie mochte acht und zwanzig bis neun und zwanzig Jahre alt sein.

Das junge Mädchen war vierzehn und stand bei dein Kinde, das, krank und liegend, die Augen schloß, obgleich bei dem Geräusch, welches die Municipale machten, das Schlafen durchaus unmöglich war.

Die Einen schüttelten die Betten, die Andern entfalteten die Leinwandstücke, wieder Andere, welche ihre Nachforschungen beendigt hatten, schauten mit einer frechen Starrheit die unglücklichen Gefangenen an, die ihre Augen hartnäckig die Eine aus ihr Buch, die Andere aus ihre Stickerei, die Dritte auf ihren Bruder geheftet hielten.

Die Aelteste von diesen Frauen war groß, bleich und schön; diejenige, welche las, schien besonders ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihr Buch zusammenzudrängen, obgleich aller Wahrscheinlichkeit nach nur ihre Augen lasen und nicht ihr Geist.

Einer von den Municipalen näherte sich ihr, packte mit rohem Wesen das Buch, das sie in der Hand hielt, und schleuderte es mitten in das Zimmer.

Die Gefangene streckte die Hand nach dem Tische aus, ergriff einen zweiten Band und fuhr fort zu lesen.

Der Montagnard machte eine wüthende Geberde, um ihr den zweiten Band zu entreißen, wie er es mit dem ersten gethan hatte. Aber bei dieser Geberde, bei der die Gefangene, welche am Fenster stickte, bebte, sprang das Märchen vor, umschlang mit seinen Armen den Kopf der Leserin und flüsterte weinend:

»Oh! arme, arme Mutter!«

Dann küßte das Mädchen die Leserin.

Die Gefangene drückte hierauf ihren Mund aus das Ohr des Mädchens, als ob sie dasselbe küssen wollte, und sprach zu ihm:

»Marie, es ist ein Billet in der Mündung des Ofens verborgen, nimm es weg.«

»Vorwärts! vorwärts!« rief der Municipal, indem er das Mädchen brutal zurückzog und von seiner Mutter trennte. »Werdet Ihr Euch bald genug geküßt haben?«

»Mein Herr,« versetzte das Mädchen, »hat der Convent beschlossen, daß die Kinder ihre Mütter nicht mehr küssen dürfen?«

»Nein; doch er hat beschlossen, daß die Verräther, die Aristokraten und die Ci-devant bestraft werden sollen, und wir sind deshalb hier, um Euch zu befragen. Laß hören, Antoinette, antworte.«

Diejenige, welche man aus eine so plumpe Weise anredete, wurdigte den Fragenden nicht einmal eines Blickes. Sie wandte im Gegentheil den Kopf ab und eine leichte Rothe zog über ihre von dem Schmerz gebleichten und von den Thränen durchfurchten Wangen.

»Es ist unmöglich,« fuhr dieser Mann fort, »daß Du nichts von dem Versuche der letzten Nacht gewußt hast. Woher kommt er?»

Dasselbe Stillschweigen von Seiten der Gefangenen.

»Antworten Sie, Antoinette,« sprach Santerre, indem er sich ihr näherte, ohne den Schauer des Abscheus zu bemerken, der die junge Frau bei dem Anblick dieses Mannes ergriff, welcher am Morgen des ein und zwanzigste Januar Ludwig XVI. aus dem Temple geholt hatte, um ihn nach dem Blutgerüste zu führen. »Antworten Sie! Man hat in dieser Nacht gegen die Republik conspirirt und Sie der Gefangenschaft zu entziehen gesucht, die Ihnen in Erwartung der Strafe für Ihre Verbrechen, von den Willen des Volkes auferlegt worden ist. Sprechen Sie wußten Sie, daß man conspirirte?«

Marie bebte bei dem Tone dieser Stimme, die sie zu fliehen schien, indem sie, so viel sie konnte, auf ihren Stuhle zurückwich. Doch sie antwortete eben so wenig auf diese Frage, als aus die zwei andern, ebenso wenig Santerre, als dem Municipal.

»Sie wollen also nicht antworten?« rief Santerre heftig mit dem Fuße stampfend.

Die Gefangene nahm ein drittes Buch vom Tische.

Santerre wandte sich um: die rohe Macht dieses Menschen der achtzig tausend Mann befehligte und nur eine Geberde nöthig gehabt hatte, um die Stimme des sterbenden Ludwig XVI. zu bedecken, brach sich an der Würde einer armen Gefangenen, deren Kopf er ebenfalls fallen machen konnte, die er aber nicht zu beugen vermochte.

«Und Sie, Elisabeth!« sprach er zu der andern Frau, welche einen Augenblick ihre Stickerei unterbrochen hatte, um die Hände zu falten und zu beten, nicht zu diesen Menschen, sondern zu Gott, »werden Sie antworten?«

»Ich weiß nicht, was Sie fragen, und kann Ihnen folglich nicht antworten,« erwiderte sie.

»Ei, Mord und Tod! Bürgerin Capet,« versetzte Santerre ungeduldig, »es ist doch klar, was ich sage. Ich sage, daß man,gestern einen Versuch gemacht hat, um Euch entweichen zu lassen, und daß Ihr die Schuldigen kennen müßt.«

»Wir haben keine Verbindung mit Außen und können also weder wissen, was man für uns thut, noch was man gegen uns thut.«

»Es ist gut,« sprach der Municipal, »wir wollen einmal sehen, was Dein Neffe sagt.«

Und er näherte sich dem Bette des jungen Dauphin.

Bei dieser Drohung erhob sich Marie Antoinette plötzlich und rief:

»Mein Herr, mein Sohn ist krank und schläft. . . wecken Sie ihn nicht auf.«

»So antworte.«

»Ich weiß nichts.«

Der Municipal ging gerade auf das Bett des kleinen Gefangenen zu, der sich, wie gesagt, stellte, als schliefe er.

»Auf! Aus! erwache, Capet,« sagte er und schüttelte den Kleinen ungeschlacht am Arme.

Das Kind öffnete die Augen und lächelte.

Die Municipale umgaben sodann sein Bett.

Von Schmerz und Furcht bewegt, machte die Königin ihrer Tochter ein Zeichen; diese benutzte den günstigen Augenblick, schlüpfte in ein anstoßendes Zimmer, öffnete eine von den Mündungen des Ofens, zog ein Billet heraus, verbrannte es, kehrte dann sogleich in das Zimmer zurück und beruhigte ihre Mutter mit einem Blicke.

»Was wollt Ihr von mir?« fragte das Kind.

»Wissen, ob Du in dieser Nacht nichts gehört hast?«

»Nein, ich habe geschlafen.«

»Du liebst es sehr, zu schlafen, wie es scheint.«

»Ja, weil ich träume, wenn ich schlafe.«

»Und was träumst Du?«

»Daß ich meinen Vater wiedersehe, den Ihr getötet habt.«

»Du hast also nichts gehört?« fragte ungestüm Santerre.

»Nichts.«

»Diese jungen Wölfe sind in der That sehr gut mit der Wölfin einverstanden,« sprach der wüthende Municipal »und es hat dennoch ein Complott stattgefunden.«

Die Königin lächelte.

»Die Oesterreicherin verspottet uns,« rief der Municipal. »Nun wohl, da dem so ist, so wollen wir das Decret der Gemeinde in seiner ganzen Strenge vollziehen Erhebe Dich, Capet.«

»Was wollt Ihr machen?« rief die Königin, die sich selbst vergaß. »Seht Ihr nicht, daß mein Sohn krank ist, daß er das Fieber hat? Wollt Ihr ihm denn den Tod bereiten?«

»Dein Sohn,« entgegnete der Municipal, »ist ein Gegenstand beständiger Unruhe für den Rath des Temple. Er ist ein Zielpunkt aller Verschwörungen. Man schmeichelt sich mit der Hoffnung, Euch insgesammt zu entführen. Nun wohl, man komme. Tison!. . . Ruft Tison.«

Tison war ein Taglöhner, der die gemeineren Hausgeschäfte im Temple zu verrichten hatte. Er kam.

Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, von dunkler Hautfarbe, mit einem rohen Gesichte und schwarzen, struppigen Haaren, welche bis aus die Augbrauen Herabfielen.

»Tison,« sprach Santerre, »wer hat gestern den Gefangenen Speise gebracht?«

Tison nannte einen Namen.

»Und wer brachte ihnen ihr Weißzeug?«

»Meine Tochter.«

»Deine Tochter ist also Wäscherin?«

»Gewiß.«

»Und Du hast ihr die Kundschaft der Gefangenen gegeben?«

»Warum nicht? Eben so gut, daß sie das gewinnt, als wenn es eine Andere gewinnen würde. Es ist nicht mehr das Geld der Tyrannen, sondern das der Nation, da die Nation für sie bezahlt.«

»Man hat Dich beauftragt, die Wäsche sorgfältig zu untersuchen.«

»Nun! entledige ich mich nicht meiner Pflicht? Zum Beweis: Gestern fand ich ein Sacktuch, an das man zwei Knoten gemacht hatte; ich überbrachte es dem Rath und dieser befahl meiner Frau, die Knoten zu lösen, es zu dängeln und dann Madame Capet zu übergeben, ohne ihr etwas zu sagen.«

Bei der Erwähnung von zwei Knoten an einem Sacktuch bebte die Königin, ihre Augen erweiterten sich und Madame Elisabeth und sie tauschten einen Blick.

»Tison,« sprach Santerre, »Deine Tochter ist eine Bürgerin, deren Vaterlandsliebe Niemand in Verdacht zieht, doch von heute an ist ihr der Eintritt in den Temple nicht mehr gestattet.«

»O mein Gott!« rief Tison erschrocken, »was sagt Ihr mir da, »wie ich soll meine Tochter nur wiedersehen, wenn ich ausgehe!«

»Du wirft nicht mehr ausgehen,« sprach Santerre.

Tison schaute umher, ohne sein irres Auge aus irgend einem Gegenstand verweilen zu lassen; plötzlich aber rief er:

»Ich werde nicht mehr ausgehen l Ah! so ist es? Nun! ich will ganz von hier fort. Ich nehme meine Entlassung, ich bin kein Verräther, kein Aristokrat, daß man mich hier gefangen halten könnte. Ich sage Euch, daß ich von hier fort will.«

»Bürger,« sprach Santerre, »gehorche den Befehlen der Gemeinde und schweige, oder Du könntest Dich schlecht dabei befinden; das sage ich Dir. Bleibe hier und überwache, was vorgeht. Man beobachtet Dich, hüte Dich also.«

Die Königin, welche sich vergessen glaubte, erheiterte sich allmählig wieder und legte ihren Sohn in sein Bett.

»Laß Deine Frau herauskommen,« sprach der Municipal zu Tison.

Dieser gehorchte, ohne ein Wort zu sagen. Die Drohungen von Santerre hatten ihn sanft wie ein Lamm gemacht.

Die Frau Tison eilte herbei.

»Komm hierher, Bürgerin,« sprach Santerre; »wir werden in das Vorzimmer gehen, und während dieser durchsuchst Du die Gefangenen,«

»Höre doch, Frau,« sagte Tison, »sie wollen unsere Tochter nicht mehr in den Temple kommen lassen.«

»Wie? sie wollen unsere Tochter nicht mehr in de Temple kommen lassen. Wir werden unsere Tochter nicht mehr sehen?«

Tison schüttelte den Kopf.

»Was sagt Ihr mir denn da?«

»Ich sage, daß wir einen Bericht an den Rath des Temple machen werden, und daß der Rath entscheiden soll Mittlerweile . . .«

»Mittlerweile will ich meine Tochter wiedersehen,« versetzte die Frau.

»Stille!« rief Santerre, »man hat Dich hierher berufen, um die Gefangenen zu durchsuchen; durchsuche sie, dann wird man sehen.«

»Aber . . .«

»Oh! oh!« machte Santerre, die Stirne faltend, »mit scheint, die Leute werden verdorben.«

»Thue, was der Bürger General sagt, thue es, Frau, Du hörst, er sagt, nachher werde man sehen.«

Hierbei schaute Tison Santerre mit einem demüthigen Lächeln an.

»Es ist gut,« sprach die Frau; »geht, ich bin bereit, sie zu durchsuchen!«

Die Männer gingen hinaus.

»Meine liebe Madame Tison,« sagte die Königin, »glauben Sie mir. . .«

»Ich glaube nichts, als daß Du die Schuld von allem Unglück des Volkes bist, Bürgerin Capet,« versetzte das furchtbare Weib, mit den Zähnen knirschend. »Finde ich etwas Verdächtiges bei Dir, so sollst Du auch sehen.«

Vier Männer blieben an der Thüre, um die Frau Tison zu unterstützen, wenn die Königin Widerstand leisten würde.

Man fing bei der Königin an.

Man fand bei ihr ein Sacktuch mit drei Knoten, das unglücklicher Weise eine bereit gehaltene Antwort auf das von Tison erwähnte zu sein schien, einen Bleistift, ein Skapulier und Siegellack.

»Ah! ich wußte das wohl,« rief die Tison, »ich sagte es den Municipalen, die Oesterreicherin schreibe! vor Kurzem fand ich einen Tropfen Siegellack auf der Dille des Leuchters.«

»Oh! Madame,« sprach die Königin mir flehendem Tone, »zeigen Sie nur das Skapulier . . .«

»Ah! ja wohl,« versetzte die Frau, »Mitleid mit Dir… Hat man Mitleid mit mir? . . . Man nimmt mir meine Tochter.«

Madame Elisabeth und Madame Royale hatten nichts bei sich.

Die Frau Tison rief die Municipale zurück, und diese kamen. Santerre an ihrer Spitze; sie übergab ihnen die bei der Königin gefundenen Sachen, welche von Hand zu Hand gingen und der Gegenstand von zahllosen Muthmaßungen waren; das Sacktuch mit den drei Knoten besonders nahm lange die Einbildungskraft der Verfolger des königlichen Geschlechts in Anspruch,

»Nun wollen wir Dir das Decret des Convents vorlesen,« sagte Santerre.

»Was für ein Decret?« fragte die Königin^

»Das Decret, welches befiehlt, daß Du von Deinem Sohne getrennt werden sollst.«

»Es ist also wahr, dieser Beschluß ist gefaßt worden?«

»Ja. Der Convent ist zu sehr für die Gesundheit Deines Kindes besorgt, das ihm von der Nation zur Bewachung anvertraut worden ist, um es in Gesellschaft einer so entsittlichten Mutter, wie Du bist, zu lassen.«

Die Augen der Königin schleuderten Blitze.

»Erhebt wenigstens eine Anklage, Ihr Tiger!«

»Das ist bei Gott nicht schwierig,« versetzte ein Municipal, »höre!«

Und er sprach eine von jenen schändlichen Anklagen wie sie Sueton gegen Agrippina vorbringt.

»Oh!« rief die Königin hoch aufgerichtet, bleich, erhaben vor Entrüstung, »ich appellire an das Herz von allen Müttern.«

»Ruhig! ruhig!« versetzte der Municipal, »das Alles schön und gut; doch wir sind schon seit zwei Stunden hier, und können nicht den ganzen Tag verlieren. Steh auf, Capet, und folge uns.«

»Nie! nie!« rief die Königin, indem sie zwischen den Muncipale und den jungen Ludwig stürzte und das Bett zu vertheidigen sich anschickte, wie es eine Tigerin in ihrer Höhle thut, »nie werde ich mir mein Kind entreißen lassen.«

»Oh! meine Herren,« sprach Elisabeth mit einem bewunderungswürdigen Ausdruck der Bitte die Hände faltend, »meine Herren, im Namen des Himmels, haben Sie Mitleid mit zwei Müttern,«

»Sprechen Sie,« versetzte Santerre, »nennen Sie du Namen, gestehen Sie den Plan Ihrer Genossen, erklären Sie, was die zwei Knoten an dem mit Ihrer Wäsche durch die Tochter Tison überbrachten Sacktuch und die an dem Sacktuch, das man in Ihrer Tasche gefunden, bedeuten sollen, und man wird Ihnen Ihren Sohn lassen.«

Ein Blick von Madame Elisabeth schien die Königin anzuflehen, sie möge dieses furchtbare Opfer bringen.

Doch diese trocknete sich stolz eine Thräne, welche wie ein Diamant im Winkel ihres Auges glänzte, und sprach:

»Lebe wohl, mein Sohn. Vergiß nie Deinen Vater, der im Himmel ist, Deine Mutter, welche sich bald mit ihm wiedervereinigen wird; sprich jeden Abend und jeden Morgen das Gebet, das ich Dich gelehrt habe. Lebe wohl, mein Sohn.«

Sie gab ihm einen letzten Kuß, erhob sich kalt und unbeugsam und sagte:

»Ich weiß nichts, meine Herren, thun Sie, was Sie wollen.«

Doch diese Königin hätte mehr Kraft gebraucht, als das Herz einer Frau, und besonders das einer Mutter enthält. Sie fiel vernichtet aus einen Stuhl zurück, während man das Kind wegtrug, dessen Thränen flossen, das die Arme nach ihr ausstreckte, aber keinen Schrei hören ließ.

Die Thür schloß sich hinter den Municipalen, welche das königliche Kind wegtrugen, und die drei Frauen blieben allein.

Es trat einen Augenblick verzweifeltes Stillschweigen ein, das nur durch Schluchzen unterbrochen wurde.

Die Königin sprach zuerst.

»Meine Tochter,« sagte sie, »das Billet?«

»Ich habe es verbrannt, wie Sie mich geheißen, meine Mutter.«

»Ohne es zu lesen?«

»Ohne es zu lesen.»

»So fahre wohl, letzter Schimmer, äußerste Hoffnung!« sprach Madame Elisabeth.

»Oh! Sie haben Recht, Sie haben Recht, meine Schwester, das heißt zu viel leiden.«

Dann sich gegen ihre Tochter umwendend:

»Doch Du hast wenigstens die Handschrift gesehen, Marie?«

»Ja, meine Mutter, einen Augenblick.«

Die Königin stand auf, schaute nach der Thüre, ob sie nicht beobachtet würde, nahm eine Nadel aus ihren Haaren, näherte sich der Wand, zog aus einer Spalte ein kleines, in Form eines Billets gefaltetes Papier, zeigte dieses Billet der Prinzessin und sagte:

»Sammle alle Deine Erinnerungen, ehe Du mir antwortest, meine Tochter; war die Handschrift dieselbe wie diese hin?«

»Ja, ja, meine Mutter,« rief die Prinzessin, ich erkenne sie!«

»Gott sei gelobt!« sprach die Königin, voll Inbrunst auf die Kniee fallend. »Wenn er seit diesem Morgen schreiben konnte, so ist er gerettet. Dank! mein Gott! Dank! ein so edler Freund verdiente wohl eines Deiner Wunder.«

»Von wem sprechen Sie denn«, meine Mutter?« fragt die Prinzessin. »Wer ist dieser Freund? Sagen Sie mir seinen Namen, daß ich ihn Gott in meinen Gebet empfehlen kann.«

»Du hast Recht, meine Tochter; vergiß diesen Namen nie, denn er ist der eines Edelmanns voll Ehre und Muth, dieser ist nicht aus Ehrgeiz ergeben, denn er hat sich nicht in den Tagen des Unglücks enthüllt. Er hat nie die Königin von Frankreich gesehen, oder die Königin von Frankreich hat vielmehr ihn nie gesehen, und er gibt sein Leben hin, um sie zu vertheidigen. Vielleicht wird er belohnt, wie man heut zu Tage jede Tugend belohnt, durch einen furchtbaren Tod. . . Doch wenn er stirbt . . oh! dort oben, dort oben werde ich ihm danken . . . es ist . . .«

Die Königin schaute unruhig umher, dämpfte ihre Stimme und sprach:

»Es ist der Chevalier von Maison-Rouge. . . bete für ihn.«




VII.

Spielerschwur


Der Entführungsversuch, so bezweifelbar er auch gewesen war, weil er nicht einmal einen Anfang der Ausführung gehabt hatte, erregte doch auf das Lebhafteste den Zorn und das Interesse der Andern. Was übrigens diesem Ereigniß eine beinahe materielle Wahrscheinlichkeit verlieh, war der Umstand, daß der Sicherheitsausschuß in Erfahrung brachte, seit drei Wochen, oder seit einem Monat sein Emigranten in Menge aus verschiedenen Punkten der Grenze nach Frankreich zurückgekehrt. Es war klar, daß Menschen, welche ihren Kopf wagten, dies nicht ohne eine Absicht thaten, und diese Absicht war ohne allen Zweifel, zur Entführung der königlichen Familie beizutragen.

Aus den Vorschlag des Conventsmitgliedes Osselin war bereits das furchtbare Decret bekannt gemacht worden, das jeden Emigranten, der wieder einen Fuß nach Frankreich gesetzt zu haben überwiesen, jeden Franzosen, der Auswanderungspläne gehabt zu haben überwiesen, jeden Bürger, der bei seiner Flucht oder bei seiner Rückkehr eines Emigrirten oder einen Emigranten unterstützt zu haben, jeden Bürger endlich, der einem Emigrirten eine Zufluchtsstätte gewährt zu haben überwiesen würde, zum Tode verurtheilte.

Dieses furchtbare Gesetz war die Einweihung der Schreckensregierung. Es fehlte nichts mehr, als das Gesetz der Verdächtigen.

Der Chevalier von Maison-Rouge war ein zu thätiger und zu, verwegener Feind, als daß seine Rückkehr nach Paris und seine Erscheinung im Temple nicht die strengsten Maßregeln nach sich gezogen haben sollte. Schärfere Durchsuchungen, als man je vorgenommen, fanden in in einer Menge von verdächtigen Häusern statt. Doch außer der Entdeckung von einigen emigrirten Frauen, welche sich fangen ließen, und ein paar Greisen, die sich nicht die Mühe geben wollten, den Henkern die wenigen Tage, die ihnen blieben, streitig zu machen, hatten die Nachforschungen kein Resultat.

Die Sectionen waren, wie man sich leicht denken kann, einige Tage lang in Folge dieses Ereignisses sehr beschäftigt, und der Secretaire der Section Lepelletier, einer der einflußreichsten von Paris, hatte wenig Zeit, an seine Unbekannte zu denken.

Anfangs, als er die Rue Vieille-Saint-Jacques verließ, beschloß er zu vergessen; er versuchte es auch, dies zu thun, doch es ging, wie sein Freund Lorin gesagt hatte:

		»Sobald man denkt, daß man vergessen soll,
		Komm, die Erinnerung.«

Maurice hatte indessen nichts gesagt, nichts gestanden. Er hatte in seinem Innern die Einzelheiten dieses Abenteuers verschlossen, welche der Nachforschung seines Freund entgehen konnten. Doch dieser kannte Maurice als eine heitere, offenherzige Natur, er sah ihn jetzt unablässig träumerisch, die Einsamkeit suchend, und vermuthete, wie er sagte, der Schelm Cupido sei hier eingedrungen. Es ist zu bemerken, daß Frankreich unter seinen achtzehn Jahrhunderten der Monarchie wenige so mythologische Jahre gehabt hat, als das Jahr der Gnade 1793.

Der Chevalier war indessen nicht gefangen; Man hörte nicht mehr von ihm sprechen. Ihres Gemahls und ihre Kindes beraubt, begnügte sich die Königin zwischen ihre Tochter und ihrer Schwägerin zu weinen, wenn sie allein war.

Der junge Dauphin begann unter den Händen des Schusters Simon das Märtyrthum, das ihn in zwei Jahren mit seinem Vater und mit seiner Mutter vereinigen sollte Es trat ein Augenblick der Ruhe ein.

Der Vulkan der Montagnards ruhte, ehe er die Girondisten verschlang.

Maurice fühlte das Gewicht dieser Ruhe, wie mag die Schwere der Atmosphäre bei stürmischem Wetter fühlt; er wußte nicht, was er mit einer Muße machen sollte, die ihn ganz und gar der Gluth eines Gefühles preisgab, welches, wenn es auch nicht Liebe war, doch sehr der Liebe glich; er las den Brief wieder, küßte seinen schönen Saphir und beschloß, trotz des Schwures, den er geleistet, einen letzten Versuch zu wagen, der indessen, wie er sich gelobte, der letzte sein sollte.

Es war dem jungen Mann wohl eingefallen, er sollte sich nach der Section des Jardin des Plantes begeben und dort Erkundigungen bei dem Secretaire, seinem Kollegen, einziehen. Doch der erste Gedanke, und wir könnten wohl sagen, der einzige Gedanke, den er gehabt, seine schöne Unbekannte wäre in irgend ein politisches Komplott verwickelt, hielt ihn zurück: der Gedanke, eine Indiskretion von seiner Seite könnte diese reizende Frau auf den Revolutionsplatz führen und diesen Engelskopf auf dem Blutgerüste fallen machen, bewirkte, daß ein gräßlicher Schauer die Adern von Maurice durchlief. Er beschloß also, das Abenteuer allein und ohne irgend eine Kündigung zu versuchen. Sein Plan war übrigens sehr einfach. Die an jeder Thüre angebrachten Listen sollten ihm die ersten Anzeichen geben; Fragen bei den Concierges müssten sodann das Geheimnis vollends aufklären. In seiner Eigenschaft als Secretaire der Rue Lepelletier war er vollkommen befugt, zu fragen.

Uebrigens wußte Maurice den Namen seiner Unbekannten nicht; doch er sollte durch Analogien geführt werden. Ein so reizendes Geschöpf mußte notwendig einen mit ihrer Form im Einklang stehenden Namen haben, den Namen einer Sylphide, einer Fee, eines Engels. Denn bei ihrer Ankunft auf Erden hätte man ihre Erscheinung als die eines erhabenen, übernatürlichen Wesens begrüßen müssen.

Der Name würde ihn also unfehlbar führen.

Maurice zog eine Carmagnole von grobem, braunem Tuch an, setzte eine rothe Festtagsmütze auf und trat seine Forschungsreise an, ohne Jemand davon in Kenntniß zu setzen.

Er hielt in der Hand einen von jenen Knüppeln, die man eine Constitution nannte, eine Waffe, welche, von seiner Faust geführt, den Werth einer Herkuleskeule hatte. In seiner Tasche trug er seine Bestallung als Secretaire der Section Lepelletier mit sich. Dadurch warm also zu gleicher Zeit seine körperliche Sicherheit und seine moralische Gewährschaft gegeben. Er fing damit an, daß abermals die Rue Saint-Victor und die Rue Vieille-Saint-Jacques durchlief, und bei dem Scheine des abnehmenden Tages alle die Namen las, welche mit einer mehr oder minder geübten Hand auf die Füllung jeder Thüre geschrieben waren.

Maurice war bei seinem hundertsten Hause und schlich bei seiner hundertsten Liste, ohne daß ihn etwas hätte glauben machen können, er wäre entfernt auf der Spur seiner Unbekannten, die er nur unter der Bedingung erkennen wollte, daß sich seinen Augen ein Name, in der Art dessen, was er geträumt, bieten würde, als ein braver Schuhmacher, der die Ungeduld aus dem Gesichte des Lesers wahrnahm, seine Thüre öffnete, mit seinem ledernen Riem und seiner Pfrieme heraustrat und Maurice über seine Brille anschaute.

»Willst Du Auskunft über die Miethsleute dies Hauses haben, Bürger?« sagte er; »in diesem Fall sprich ich bin bereit, Dir zu antworten.«

»Ich danke, Bürger,« stammelte Maurice, »ich such den Namen eines Freundes.«

»Nenne den Namen, Bürger, ich kenne Jedermann in diesem Quartier; wo wohnte Dein Freund?«

»Er wohnte, wie ich glaube, in der Rue Vieille-Saint-Jacques, doch ich befürchte, er ist ausgezogen.«

»Aber wie hieß er? Ich muß seinen Namen wissen.

Maurice zögerte einen Augenblick; dann sprach er de ersten den besten Namen aus, der sich seinem Gedächtniß bot.

»René,« sagte er.

»Und sein Stand?«

Maurice war umgeben von Lohgerbereien.

»Lohgerbergeselle.«,

»In diesem Fall,« sprach ein Bürger, der stehen geblieben war und Maurice mit einer gewissen Gutherzigkeit anschaute, in welche sich indessen etwas Mißtrauen mischte »in diesem Falle müßte man sich an den Meister wenden.

»Das ist richtig,« sagte der Portier, »das ist ganz richtig; die Meister wissen die Namen ihrer Arbeiter und hier kommt der Bürger Dirmer, der ist Vorsteher einer Gerberei und hat mehr als fünfzig Arbeiter in seinem Geschäft; er kann Dir Auskunft geben.«

Maurice wandte sich um und sah einen guten Handwerksmann von hohem Wuchse, von einem gefälligen Gesichte und einem Reichthum in der Kleidung, der den wohlhabenden Geschäftsmann ankündigte.

»Nur müßte man, wie der Bürger Portier gesagt hat, den Namen dieses Freundes wissen,« fuhr der Handwerksmann fort.

»Ich habe ihn genannt, René.«

»René ist nur ein Taufnamen, und ich frage nach dem Familiennamen.«

»Meiner Treue,« versetzte Maurice, den dieses Verhör ungeduldig zu machen anfing, »den Familiennamen weiß ich nicht.«

»Wie!« sprach der Bürger mit einem Lächeln, worin Maurice mehr Ironie, als jener durchscheinen lassen wollte, zu entdecken glaubte, »wie, Bürger, Du weißt den Familiennamen Deines Freundes nicht!«

»Nein!«

»Dann wirst Du ihn wahrscheinlich nicht finden.«

Und der Bürger grüßte höflich, machte ein paar Schritte und trat in ein Haus der Rue Vieille-Saint-Jacques.

«Allerdings, wenn Du seinen Familiennamen nicht weißt . . .« sagte der Portier.

»Nein, ich weiß ihn nicht!« versetzte Maurice, dem es um eine Gelegenheit zu haben, seine schlimme Laune überströmen zu lassen, nicht unangenehm gewesen wäre, wenn man Händel mit ihm gesucht hätte, und der, es ist nicht zu leugnen, nicht weit davon entfernt war, selbst Streit zu suchen, «und was hernach?«

»Nichts, Bürger, gar nichts; nur da Du den Namen Deines Freundes nicht weißt, ist es, wie Dir der Bürger Dirmer gesagt hat, wahrscheinlich, daß Du ihn nicht finden wirst.«

Und der Bürger Portier kehrte, die Achseln zuckend in seine Loge zurück.

Maurice hatte gute Lust, den Bürger Portier durchzuprügeln, doch dieser war alt und seine Schwäche rettete ihn. Zwanzig Jahre weniger und Maurice hätte das schmähliche Schauspiel der Gleichheit vor dem Gesetze, aber die Ungleichheit vor der Kraft gegeben.

Der Tag neigte sich überdies und Maurice hatte nur noch einige Minuten Licht.

Er benutzte es, um in das erste Gäßchen und da, in das zweite einzudringen; er prüfte jede Thüre, untersuchte jeden Winkel, er schaute über jeden Zaun, er hob sich über jede Mauer, warf einen Blick in das Innere jedes Gitters, durch jedes Schlüsselloch, klopfte endlich, einige verlassene Magazine, ohne Antwort zu erhalte und verbrauchte beinahe zwei Stunden in dieser fruchtlosen Nachforschung.

Es schlug neun Uhr Abends. Es war völlig Nacht geworden; man hörte kein Geräusch, man bemerkte keine Bewegung mehr in diesem öden Quartier, aus dem das Leben sich mit dem Tag zurückgezogen zu haben schien.

Voll Verzweiflung war Maurice im Begriff, ebenfalls auf seinen Rückzug zu denken, als er plötzlich bei der Biegung eines schmalen Ganges Licht glänzen sah. Er wagte sich sogleich in diesen düsteren Gang, ohne zu bemerken, daß in demselben Augenblick, wo er eindrang, ein neugieriger Kopf, der seit einer Viertelstunde aus einer Baumgruppe, welche die Mauer überragte, allen seine Bewegungen folgte, hastig hinter eben dieser Mauer verschwand. Einige Secunden, nachdem der Kopf verschwunden war, warfen sich drei Männer, die aus einer kleinen in derselben Mauer angebrachten Thüre hervorkamen, in den Gang, in welchem sich Maurice verloren hatte, während zu größerer Vorsicht ein Vierter die Thüre diese Ganges schloß.

Maurice fand am Ende des Ganges einen Hof: auf der andern Seite dieses Hofes glänzte das Licht. Er klopfte an die Thüre eines armseligen, einsamen Hauses; doch bei dem ersten Schlag, den er that, erlosch das Licht.

Maurice verdoppelte sein Klopfen, doch Niemand antwortete; er sah, daß man entschlossen war, nicht zu antworten; er begriff, daß er hier seine Zeit unnütz verlieren würde, durchschritt den Hof und kehrte unter den Gang zurück.

Zu gleicher Zeit drehte sich die Thüre des Hauses sachte auf ihren Angeln, drei Männer traten hervor und ein Pfiff machte sich hörbar.

Maurice wandte sich um und sah drei Schatten in der Entfernung von zwei Längen seines Stockes.

In der Finsterniß, bei dem Scheine des Lichtes, das für für die Augen besteht, welche seit langer Zeit an die Dunkelheit gewöhnt sind, schimmerten drei Klingen mit selben Reflexen.

Maurice begriff, daß er abgeschnitten war. Er wollte mit seinem Stocke ein Rad schlagen, doch der Gang war so eng, daß sein Stock die beiden Mauern berührte. In demselben Augenblick betäubte ihn ein heftiger Schlag aus den Kopf. Es war ein unvorhergesehener Angriff, den die vier Männer machten, welche aus der kleinen Thüre der Mauer hervorkamen, Sieben Männer warfen sich zu gleicher Zeit auf Maurice, schlugen ihn trotz seines verzweifelten Widerstandes nieder, umwickeln seine Hände mit Stricken und verbanden ihm die Augen.

Maurice hatte keinen Schrei ausgestoßen, nicht um Hilfe gerufen. Die Kraft und der Muth wollen immer sich selbst genügen und scheinen sich einer fremden Hilfe zu schämen,

Hätte Maurice aber auch gerufen, so wäre doch in diesem öden Quartiere Niemand gekommen. . Maurice wurde also gebunden und geknebelt, ohne daß er eine Klage von sich gab.

Er hatte sich überlegt, daß wenn man ihm die Augen verband, dies nicht geschah, um ihn sogleich zu tödten. In dem Alter von Maurice ist jede Frist eine Hoffnung.

Er sammelte daher seine ganze Geistesgegenwart und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

»Wer bist Du?« fragte eine noch von dem Kampf aufgeregte Stimme.

»Ich bin ein Mann, den man ermordet,« antwortete Maurice.

»Mehr noch, Du bist ein todter Mann, wenn Du laut sprichst, wenn Du rufst oder schreist.«

»Wenn ich hätte schreien wollen, so würde ich nicht bis jetzt gewartet haben.«

»Und Du bist bereit, meine Fragen zu beantworten?«

»Frage zuerst, und ich werde dann sehen, ob ich antworte.«

»Wer schickt Dich?«

»Niemand.«

»Du kommst also aus eigenem Antrieb?«

»Ja.«

»Du lügst.«

Maurice machte eine furchtbare Bewegung, um sei Hände zu befreien: die Sache war unmöglich.

»Ich lüge nicht,« sagte er.

»In jedem Fall, magst Du aus eigenem Antrieb kommen oder geschickt sein, bist Du ein Spion.«

»Und Ihr seid Feige!«

»Feige, wir!«

»Ja, Ihr seid sieben oder acht gegen einen geknebelten Mann, und Ihr beleidigt diesen Mann. Feige! Feig! Feige!«

Die Heftigkeit von Maurice schien seine Gegner statt sie zum Zorne zu reizen, vielmehr zu beschwichtigen. Gerade in seiner Heftigkeit lag der Beweis, daß dieser junge Mann nicht war, was man ihm zum Vorwurf machte; ein wahrer Spion hätte gezittert und um Gnade gebeten.

»Es ist dies keine Beleidigung,« sprach eine andere Stimme, die zwar sanfter, aber zugleich gebieterisch klang, als jede von denen, welche sich hörbar gemacht hatten.« »In diesen Zeitläuften kann man Spion sein, ohne unehrlich zu sein. Nur wagt man dabei sein Leben.«

»Seien Sie willkommen, Sie, der Sie dieses Wort gesprochen, ich werde redlich darauf antworten.«

»Was wollten Sie in diesem Quartier machen?«

»Ich suchte eine Frau.«

Ein Gemurmel der Ungläubigkeit empfing diese Entschuldigung. Dieses Gemurmel nahm immer mehr zu und wurde ein Sturm.

»Du lügst,« versetzte dieselbe Stimme. »Es gibt hier keine Frau, und wir wissen, was wir mit Frau sagen; es gibt keine Frau in diesem Quartier zu verfolgen. Gestehe Dein Vorhaben, oder Du wirst sterben.«

»Geht doch,« sprach Maurice, »Ihr werdet mich nicht tödten, wenn Ihr nicht wahre Räuber seid.«

Nach diesen Worten machte Maurice eine zweite, noch heftigere und unerwartetere Anstrengung, als das erste Mal, um seine Hände von dem Stricke zu befreien, mit dem sie umschlungen waren. Doch plötzlich zerriß ihm eine schmerzliche, scharfe Kälte die Brust.

Maurice fuhr unwillkürlich zurück.

»Ah! Du fühlst das,« sagte einer von den Männern. »Und, es gibt noch acht Zoll, ähnlich dem Zoll, mit dem Du Bekanntschaft gemacht hast,«

»So vollendet,« entgegnet Maurice voll Resignation. »Das wird doch wenigstens sogleich vorbei sein.«

»Wer bist Du, sprich?« sagte die sanfte und zugleich gebieterische Stimme.

»Meinen Namen wollt Ihr wissen?«

»Ja, Deinen Namen.«

»Ich bin Maurice Lindey.«

»Wie!« rief eine Stimme, »Maurice Lindey, der Revolutionär . . . . der Patriot! Maurice Lindey, der Secretaire der Section Lepelletier?«

Diese Worte wurden mit so viel Wärme ausgesprochen, daß Maurice einsah, sie seien entscheidend. Daraus antworten hieß auf die eine oder die andere Weise unabänderlich sein Schicksal feststellen.

Maurice war einer Lüge unfähig. Er richtete sich als wahrer Spartaner hoch auf und sprach mit fester Stimme:

»Ja, Maurice Lindey; ja, Maurice Lindey, der Secretaire der Section Lepelletier; ja, Maurice Lindey der Patriot, der Revolutionär, der Jacobiner; Maurice Lindey endlich, dessen schönster Tag der sein wird, wo er für die Freiheit stirbt.«

Eine Todesstille erfolgte aus diese Antwort.

Maurice Lindey bot seine Brust dar und erwartete von einem Augenblick zum andern, die Klinge, deren Spitze er nur gefühlt hatte, würde sich ganz und gar in seine Brust tauchen.

»Ist es wirklich wahr?« fragte nach einigen Secunden eine Stimme, welche eine gewisse Erschütterung verrieth. Höre, junger Mann, lügst Du nicht?«

»Durchsucht meine Taschen,« erwiderte Maurice, »und Ihr werdet meine Bestallung finden. Schaut auf meine Brust, und wenn sie mein Blut nicht verwischt hat, so findet Ihr meine Anfangsbuchstaben, ein M und ein L, auf mein Hemd gestickt,«

Sogleich fühlte sich Maurice durch kräftige Arme von der Erde aufgehoben. Er wurde während eines ziemlich kurzen Raumes getragen und hatte eine erste und dann eine zweite Thüre öffnen. Nur war die zweite schmaler, als die erste, denn die Männer die ihn trugen, konnten kaum durchkommen. Das Gemurmel und das Geflüster dauerte fort.

»Ich bin verloren,« sagte Maurice zu sich selbst, »sie werden mir einen Stein an den Hals hängen und mich in irgend ein Loch der Bièvre werfen.«

Doch nach einem Augenblick fühlte er, daß seine Träger ein paar Stufen hinaufstiegen. Eine lauere Luft traf an sein Gesicht und man legte ihn auf einen Stuhl. Er hörte eine Thüre doppelt schließen. Tritte entfernten sich. Er glaubte wahrzunehmen, daß man ihn allein ließ, horche mit so großer Aufmerksamkeit, als es nur immer ein Mensch thun kann, dessen Leben von einem Wort abhängt, und es kam ihm vor, als hörte er dieselbe Stimme, die sein Ohr bereits durch eine Mischung von Sanftheit und Entschiedenheit berührt hatte, zu den Andern sagen:

»Wir wollen uns berathen.«




VIII.

Geneviève


Es verging eine Viertelstunde, welche Maurice wie ein Jahrhundert vorkam. Nichts natürlicher, jung, schön, kräftig, unterstützt in seiner Kraft durch hundert ergebene Freunde, mit welchen und durch welche er zuweilen die Erfüllung großer Dinge träumte, fühlte er sich plötzlich, ohne irgend eine Vorbereitung der Gefahr ausgesetzt, sein Leben in einem schmählichen Hinterhalte zu verlieren.

Er begriff, daß man ihn in irgend ein Zimmer eingesperrt hatte; aber war er überwacht?

Er versuchte es abermals, seine Bande zu brechen. Seine stählernen Muskeln schwellten sich an, der Strick zog in das Fleisch, riß aber nicht.

Das Furchtbarste war, daß man ihm die Hände hinter den Rücken gebunden hatte, und daß er folglich seine Binde nicht von den Augen zu reißen vermochte: hätte er sehen können, so wäre er auch vielleicht zu fliehen im Stande gewesen.

Diese verschiedenen Versuche gingen vor sich, ohne daß sich Jemand widersetzte, ohne daß irgend Etwas sich um ihn her rührte; er schloß daraus, daß er allein war. Seine Füße traten aus etwas Weiches, Dumpfes, aus Sand, auf fette Erde vielleicht. Ein scharfer, durch, dringender Geruch machte sich fühlbar und bezeichnete die Anwesenheit vegetabilischer Substanzen. Maurice, dachte er wäre in einem Gewächshause oder in etwas Aehnlichem. Er machte ein paar Schritte, kam an eine Mauer drehte sich, um mit seinen Händen zu tasten, fühlte Gartengeräthschaften und stieß einen Freudenschrei aus.

Mit unerhörter Anstrengung gelang es ihm, all, diese Instrumente, eines nach dem andern, zu untersuchen. Seine Flucht wurde nun eine Frage der Zeit: schenkte ihm der Zufall oder die Vorsehung fünf Minuten und es sich fand unter diesem Geräthe ein schneidendes Werkzeug, so war er gerettet.

Er fand einen Spaten.

Bei der Art, wie man Maurice gebunden hatte, war es ein ganzer Kampf, um diesen Spaten so umzudrehen daß das Eisen nach oben kam. Aus diesem Eisen, daß er mit seinen Lenden an der Wand festhielt, durchschnitt oder durchsägte er vielmehr den Strick an seinen Faustgelenken. Die Operation dauerte lange, denn das Eisen des Spatens schnitt sehr langsam. Der Schweiß lief ihm von der Stirne; er hörte etwas wie ein sich näherndes Geräusch von Tritten, machte eine letzte, heftige, unerhörte, äußerste Anstrengung, und der halb durchgearbeitet! Strick brach.

Diesmal jauchzte er vor Freude, er war wenigsten! gewiß, daß er sich vertheidigend sterben würde.

Maurice riß die Binde von seinen Augen.

Er hatte sich nicht getäuscht; er befand sich zwar nicht in einem Treibhause, wohl aber in einem Pavillon in den man einige von den Pflanzen eingeschlossen hatte, welche die schlimme Jahreszeit nicht in der freie, Luft ertragen können. In einer Ecke lagen die Gärtnerwerkzeuge, von denen ihm eines einen so großen Diest geleistet hatte. Vor ihm war ein Fenster: er stürzte nach diesem Fenster; es war vergittert, und ein mit einen Carabiner bewaffneter Mann stand als Schildwache davor

Aus der andern Seite des Gartens, in einer Entfernnng von ungefähr dreißig Schritten, erhob sich ein kleiner Kiosk, der das Gegenstück von dem von Maurice bildete. Eine Jalousie war herabgelassen; doch durch diese Jalousie glänzte ein Licht.

Er näherte sich der Thüre und horchte: eine andere Wache ging vor der Thüre auf und ab.

Dies waren die Tritte, die er gehört hatte.

Doch im Hintergrund des Ganges erschollen verworrene Stimmen, die Berathung war offenbar in einen Streit ausgeartet. Maurice konnte nicht in ganzer Folge hören, was gesprochen wurde. Es drangen jedoch einige Worte bis zu ihm, und unter, diesen, als ob für sie allein die Entfernung minder groß gewesen wäre, hörte er die Worte: Spion, Dolch, Tod.

Maurice verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Eine Thüre öffnete sich und er hörte deutlicher.

»Ja,« sagte eine von den Stimmen: »ja, es ist ein Spion, er hat etwas entdeckt und ist sicherlich abgeschickt werden, um unsere Geheimnisse zu erlauern. Wenn wir ihn frei lassen, laufen wir Gefahr, von ihm angezeigt zu »erden.«

»Aber sein Wort?« sprach eine Stimme.

»Sein Wort wird er geben, doch er wird zum Verräther daran werden. Ist er ein Edelmann, daß man auf sein Wort bauen könnte?«

Maurice knirschte mit den Zähnen bei dem Gedanken, es hätten noch einige Menschen die Anmaßung, zu glauben, man müßte ein Edelmann sein, um die geschworene Treue zu wahren.

»Aber kennt er uns, um uns anzuzeigen?«

»Sicherlich kennt er uns nicht, er weiß nicht, was wir thun. Doch er weiß die Adresse, wird zurückkommen, und zwar dann in guter Begleitung.«

Dieses Beweismittel schien bündig zu sein.

»Nun,« sagte die Stimme, welche wiederholt Maurice so geklungen hatte, als müßte sie die des Chef sein, »es ist also entschieden?«

»Ja, hundertmal ja, ich begreife Sie nicht mit Ihrer Großmuth, mein Lieber; wenn der Wohlfahrtsausschuß uns in den Händen hätte, so würden Sie wohl sehen, ob er Umstände machte.«

»Sie beharren also bei Ihrem Entschluß, mein, Herren?«

»Gewiß, und Sie werden sich hoffentlich nicht widersetzen.«

»Ich habe nur eine Stimme, meine Herren; sie war dafür, daß man ihm die Freiheit geben sollte. Sie haben sechs, sie sind alle sechs für den Tod, den Tod also.«

Der Schweiß, der Maurice von «der Stirne floß, wurde völlig zu Eis.

»Er wird schreien, brüllen,« sagte die Stimme. »Haben Sie wenigstens Madame Dirmer entfernt?«

»Sie weiß nichts, Sie ist in dem Pavillon gegenüber.«

»Madame Dirmer,« murmelte Maurice; »ich fange an zu begreifen. Ich bin bei dem Rothgerbermeister, der in der Rue Vieille-Saint-Jacques mit mir sprach und über mich spottend sich entfernte, als ich ihm den Namen meines Freundes nicht nennen konnte. Doch was für ein Interesse kann ein Rothgerbermeister dabei haben, daß er mich ermordet?«

Maurice schaute umher und erblickte ein eisernes Piquet mit einem eschenen Stiele.

Er sprang aus dieses harmlose Werkzeug zu, das in seiner Hand eine furchtbare Waffe werden sollte.

Dann kehrte er hinter die Thüre zurück und stellte sich so, daß sie ihn bedeckte, wenn sie geöffnet wurde.

Sein Herz schlug, um seine Brust zu zersprengen, und in der Stille hörte man das Geräusch dieser Schläge.

Plötzlich schauerte Maurice vom Scheitel bis zu den Zehen: eine Stimme sagte:

»Wenn Ihr mir glauben wollt, so brecht Ihr ganz einfach eine Scheibe aus und streckt ihn durch die Gitterstangen mit einem Carabinerschuß nieder.«

»Oh! nein, nein, keinen Knall,« sagte eine andere Stimme: »ein Knall kann uns verrathen. Ah! Sie hier, Dirmer, und Ihre Frau?«

»Ich habe durch die Jalousie geschaut; sie vermuthet nichts, sie liest.«

»Dirmer, Sie mögen entscheiden; sind Sie für einen Carabinerschuß, oder für einen Dolchstoß?«

»So viel als möglich kein Feuergewehr. Den Dolch.«

»Es sei, den Dolch, Vorwärts!«

»Vorwärts!« wiederholten gleichzeitig fünf oder sechs Stimmen.

Maurice war ein Kind der Revolution, ein ehernes Herz, eine atheistische Seele, wie es viele zu seiner Zeit gab. Doch bei dem Wort vorwärts, das hinter der Thüre ausgesprochen wurde, die ihn allein vom Tod trennte, fiel ihm das Zeichen des Kreuzes ein, das ihn seine Mutter gelehrt hatte, als sie ihn, noch ein Kind, seine Gebete aus den Knieen sprechen ließ.

Die Tritte näherten sich, dann hielten sie an, dann knarrte der Schlüssel im Schloß und die Thüre öffnete sich langsam.

Während der zuletzt abgelaufenen Minute hatte sich Maurice gesagt:

»Verliere ich meine Zeit mit Schlagen, so werde ich getödtet. Stürze ich mich aus die Mörder, so überrasche ich sie; ich erreiche den Garten, das Gäßchen, ich rette mich vielleicht.«

Sogleich nahm er den Ansatz eines Löwen, stieß ein wildes Geschrei aus, worin mehr Drohung als Schrecken lag, warf die zwei ersten Männer nieder, welche, da sie glaubten, er wäre geknebelt und seine Augen wären verbunden, entfernt keinen solchen Angriff erwarteten, drängte die Andern bei Seite, legte mit Hilfe seiner stählernen Kniebeugen zehn Klafter in einer Secunde zurück, sah am Ende des Ganges eine nach dem Garten gehende, weit geöffnete Thüre, stürzte dahin, sprang zehn Stufen hinab befand sich im Garten, orientierte sich so gut als möglich und lies nach der Thüre.

Die Thüre war mit zwei Riegeln und mit dem Schlosse verschlossen. Maurice zog die Riegel, wollte da Schloß öffnen: es war kein Schlüssel daran.

Während dieser Zeit waren seine Verfolger aus die Freitreppe gelangt. Sie erblickten ihn.

»Dort ist er!« riefen sie, »schießt auf ihn, Dirmer schießt aus ihn, tödtet! tödtet ihn!«

Maurice brüllte; er war im Garten eingeschlossen er maß mit dem Auge die Mauern, sie waren zehn Fuß hoch

Alles dies nahm nur den Zeitraum einer Secunde ein.

Die Mörder stürzten ihm nach.

Maurice hatte einen Vorsprung von ungefähr dreißig Schritten; er schaute umher mit dem Blicke des Verdammten, der nur den Schatten einer Möglichkeit de, Rettung verlangt, um eine Wirklichkeit daraus zu machen

Er erblickte dm Kiosk, die Jalousie und hinter der Jalousie das Licht.

Er machte nur einen Sprung von zehn Fuß, packte die Jalousie, riß sie auf, drang, indem er es zerbrach, durch das Fenster und fiel in ein erleuchtetes Zimmer, worin eine Frau, beim Feuer sitzend, las.

Diese Frau stand erschrocken aus und rief um Hilfe.

»Geh aus die Seite, Geneviève,« rief die Stimme von Dirmer, »geh aus die Seite, daß ich ihn tödten kann.«

Und Maurice sah zehn Schritte von sich einen Carabinerlauf sich senken.

Doch kaum hatte die Frau ihn angeschaut, als sie einen furchtbaren Schrei ausstieß, und statt aus die Seite zu treten, wie ihr Gatte es ihr befahl, sich zwischen ihn und den Flintenlauf wars.

Diese Bewegung drängte die ganze Aufmerksamkeit von Maurice auf das edelmüthige Geschöpf zusammen, das so plötzlich sich zu seiner Beschützerin gemacht hatte.

Er stieß ebenfalls einen Schrei aus.

Es war seine so sehr gesuchte Unbekannte.

»Sie! . . .Sie! …« rief er.

»Stille,« sagte sie.

Dann wandte sie sich gegen die Mörder, welche sich, verrschiedene Waffen in der Hand, dem Fenster genähert haken, und rief ihnen zu:

»Oh! Ihr werdet ihn nicht tödten!«

»Es ist ein Spion,« rief Dirmer, dessen sanftes, freundliches Gesicht einen Ausdruck unversöhnlicher Entschlossenheit angenommen hatte; »es ist ein Spion, er muß sterben.«

»Ein Spion!« sagte Geneviève, »er ein Spion! Kommen Sie hierher, Dirmer. Ich habe Ihnen nur ein Wort zu sagen, um Ihnen zu beweisen, daß Sie sich sonderbar täuschen.«

«Dirmer näherte sich dem Fenster. Geneviève trat zu ihm, neigte sich an sein Ohr und sprach ein paar Worte leise mit ihm.

Der Meister Rothgerber schaute rasch empor.

»Er!« sagte er.

»Er selbst,« erwiderte Geneviève.

»Sind Sie dessen sicher?«

Die junge Frau antwortete diesmal nicht, sondern wandte sich gegen Maurice um und reichte ihm lächelnd die Hand.

Die Züge von Dirmer nahmen nun einen seltsamen Ausdruck von Zahmheit und Kälte an. Er ließ den Kolben seines Karabiners auf die Erde fallen. »Dann ist es etwas Anderes,« sagte er. Hierauf bedeutete er seinen Gefährten durch ein Zeichen, sie mögen ihm folgen, trat mit ihnen auf die Seite sprach ein paar Worte, wonach sie sich entfernten.

»Verbergen Sie diesen Ring,« flüsterte Geneviève während dieser Zeit; »Jedermann kennt ihn hier.«

Maurice zog rasch den Ring von seinem Finger und steckte ihn in seine Westentasche.

Einen Augenblick nachher öffnete sich die Thüre des Pavillon und Dirmer kam unbewaffnet auf Maurice zu.

»Verzeihen Sie, Bürger,« sagte er, »ich wußte früher nicht, wie sehr ich Ihnen verbunden bin! Doch meine Frau hatte, während sie sich des Dienstes erinnerte, den Sie ihr am Abend des zehnten März geleistet, Ihren Namen vergessen. Es war uns also völlig unbekannt, mit wem wir zu thun halten; glauben Sie mir, sonst hält wir nicht einen Augenblick an Ihrer Ehre gezweifelt, oder gegen Ihre Absichten Verdacht gehabt. Ich bitte Sie also noch einmal um Verzeihung!«

Maurice war im höchsten Maße erstaunt; er erhielt sich nur durch ein Wunder des Gleichgewichts aufrecht, fühlte, wie sich sein Kopf drehte, war nahe daran, zu fallen, und lehnte sich an den Kamin.

»Aber warum wollten Sie mich denn tödten?«

»Das ist gerade das Geheimnis, Bürger, und ich werde es Ihrer Rechtschaffenheit anvertrauen,« antworte Dirmer. »Ich bin, wie Sie wissen, Rothgerbermeister und Chef der Gerberei, Die meisten Säuren, die ich anwende um meine Häute zu bereiten, sind verbotene Waaren. Die Schmuggler, deren ich mich bediene, waren vor einer Anzeige gewarnt worden, welche dem Generalrathe gemacht werden sollte. Als ich sah, wie Sie Erkundigungen einzogen, bekam ich bange. Meine Schmuggler hatten noch mehr Angst als ich vor Ihrer rothen Mütze und besonders vor Ihrem entschiedenen Aussehen, und ich verberge Ihnen nicht, daß Ihr Tod beschlossen war.«

»Ich weiß es bei Gott wohl,« rief Maurice, »und Sie lehren mich da nichts Neues. Ich hörte Ihre Berathung mit an und sah Ihren Carabiner.«

»Ich habe Sie bereits um Verzeihung gebeten,« versetzte Dirmer mit einer Mime rührender Gutmüthigkeit. »Begreifen Sie nun, daß wir, ich und mein Associé Herr Morand, in Folge der Unordnungen der Zeit, im Zuge sind, ein ungeheures Glück zu machen. Wir haben die Lieferung der militärischen Taschen und lassen jeden Tag fünfzehn hundert bis zwei tausend verfertigen. Bei dem herrlichen Zustande der Dinge, in welchem wir leben, hat die Municipalität, der sehr viele Geschäfte obliegen, keine Zeit, unsere Rechnungen genau zu untersuchen, so daß wir, ich muß es gestehen, etwas im Trüben fischen; um so mehr, als uns die Zubereitungsstoffe, die wir uns, wie gesagt, durch Schmuggelei verschaffen, zwei hundert Procent Gewinn einbringen.«

»Teufel! das scheint mir ein ziemlich anständiger Gewinn zu sein,« sagte Maurice, »und ich begreife nun Ihre Furcht, eine Anzeige von mir könnte ihn aufhören machen. Nun aber, da Sie mich kennen, sind Sie beruhigt, nicht wahr?«

»Ich fordere nicht einmal mehr Ihr Wort von Ihnen,« erwiderte Dirmer.

Dann legte er die Hand auf die Schulter von Maurice, schaute ihn lächelnd an und sprach:

»Nun, da wir hier in kleinem Ausschuß und unter Freunden sind, kann ich Sie wohl fragen: was wollten Sie hier machen, junger Mann? Wohl verstanden,« fügte der Meister Rothgerber bei, »wenn Sie schweigen wollen, steht es Ihnen vollkommen frei.«

»Ich habe es Ihnen, glaube ich, gesagt,« stammelte Maurice.

»Ja,« versetzte der Bürger, »ich weiß, es war von einer Frau die Rede.«

»Mein Gott! verzeihen Sie mir, Bürger,« sprach Maurice, »ich begreife vollkommen, daß ich Ihnen eine Erklärung schuldig bin. Nun wohl, ich suchte eine Frau, welche mir eines Abends unter der Maske sagte, sie wohne in diesem Quartier. Ich kenne weder ihren Namen, noch ihre Stellung, noch ihre Wohnung. Ich weiß nur, daß ich wahnsinnig in sie verliebt bin und daß sie klein ist.«

Geneviève war groß.

Daß sie blond ist und eine sehr aufgeweckte Miene hat.«

Geneviève war braun, mit großen, nachdenkend, Augen.

»Kurz eine Grisette,« fuhr Maurice fort; »ich habe auch, um ihr zu gefallen, dieses Volkskleid angezogen.«

«Das erklärt Alles,« versetzte Dirmer mit einem evangelischen Glauben, den nicht der geringste hinterhältische Blick Lügen strafte.

Geneviève war erröthet und hatte sich, als sie diese Rothwerden fühlte, abgewendet.

»Armer Bürger Lindey!« sagte Dirmer lachend, »welch eine schlimme Stunde haben wir Sie zubringen lassen. Und Sie sind gewiß der Letzte, dem ich gern Leides gethan hätte; ein so guter Patriot, ein Bruder . . . Doch in der That, ich glaubte, ein Boshafter mißbrauche Ihren Namen,

«Wir wollen nicht mehr hiervon sprechen,« versetzte Maurice, welcher begriff, daß es Zeit war, sich zurückzuziehen; »bringen Sie mich wieder auf meinen Weg und vergessen wir die Sache.«

»Ich soll Sie wieder aus Ihren Weg bringen,« rief Dimer, »Sie wollen uns verlassen? Ah! nein, nein ich gebe, oder vielmehr mein Associé und ich geben dem braven Jungen, welche Sie so eben ermorden wollten Abendbrot . . . ich rechne darauf, daß Sie mit ihnen zu Nacht speisen; Sie sollen sehen, daß sie nicht so sehr Teufel sind, als es den Anschein hat.«

»In der That,« sagte Maurice, unendlich erfreut ein paar Stunden bei Geneviève bleiben zu können, in der That, ich weiß nicht, ob ich annehmen soll…

»Wie! ob Sie annehmen sollen,« versetzte Dinner »ich denke wohl: es sind gute, treuherzige Patrioten, wie Sie; überdies werde ich nur glauben, daß Sie mir verzeihen, wenn wir das Brot mit einander gebrochen haben.«

Geneviève sagte kein Wort. Maurice war aus der Folter.

»In Wahrheit,« stammelte der junge Mann», »ich befürchte, Sie zu belästigen, Bürger . . . diese Kleidung . . .mein schlechtes Aussehen . . . «

Geneviève schaute ihn schüchtern an und sagte:

»Unser Anerbieten kommt von gutem Herzen.«

»Ich willige ein, Bürgerin,« erwiderte Maurice sich verbeugend.

»Nun wohl, ich will meine Gefährten beruhigen,« sagte der Meister Rothgerber; »wärmen Sie sich mittlerweile, lieber Freund.«

Er ging hinaus. Maurice und Geneviève blieben

»Ah! mein Herr,« sprach die junge Frau mit einem Ton, dem sie vergebens den Ausdruck des Vorwurfs zu verleihen suchte; »Sie haben Ihr Wort gebrochen; Sie sind indiscret gewesen.«

»Wie! Madame,« rief Maurice, »sollte ich Sie gefährdet haben? Ah! dann verzeihen Sie mir; ich entferne mich, und nie. . .«

»Gott!« rief sie aufstehend, »Sie sind an der Brust verwundet! Ihr Hemd ist ganz von Blut gefärbt!«

Auf dem so feinen, so weißen Hemd von Maurice, einen seltsamen Widerspruch mit seinen plumpen Kleidern bildete, hatte sich in der That eine große, rothe Platte ausgebreitet.

«Oh! seien Sie unbesorgt, Madame,« sagte der junge Mann, »einer von den Schmugglern hat mich mit seinem Dolche gestochen.«

Geneviève erbleichte, nahm ihn bei der Hand und flüsterte ihm zu:

»Verzeihen Sie mir das Böse, das man Ihnen zugefügt, Sie haben mir das Leben gerettet, und ich wäre beinahe die Ursache Ihres Todes geworden.«

»Bin ich nicht gut belohnt, da ich Sie wieder gefunden! denn nicht wahr, Sie glaubten nicht einen Augenblick, ich habe eine Andere gesucht, als Sie.«

»Kommen Sie mit mir,« unterbrach ihn Geneviève;; .ich werde Ihnen Wäsche geben. Unsere Gäste sollen Sie nicht in diesem Zustande sehen: es wäre ein zu schrecklicher Vorwurf für sie.«

»Ich belästige Sie wohl, nicht wahr?« entgegnete Maurice seufzend.

»Nicht im Geringsten, ich erfülle eine Pflicht. Und fügte sie bei, »ich erfülle sie mit großem Vergnügen.«

Geneviève führte Maurice in ein Ankleidecabinet von einer Eleganz, die er in dem Hause eines Gerbermeister nicht zu finden erwartete. Es ist wahr, dieser Gerbermeister schien ein Millionär zu sein.

Dann öffnete sie alle Schränke und sprach:

»Nehmen Sie, Sie sind zu Hause.«

Und sie entfernte sich.

Als Maurice das Cabinet verließ, fand er Dirmer, welcher zurückgekehrt war.

»Vorwärts! vorwärts!« sagte er, »zu Tische; man erwartet nur Sie.«




IX.

Das Abendbrot


Als Maurice mit Dirmer und Geneviève in de Speisesaal trat, der in dem Hauptgebäude lag, wohin man ihn am Anfang geführt hatte, war das Abendbrot aufgetragen, aber der Saal noch leer.

Er sah nach und nach alle Gäste, sechs an der Zahl eintreten.

Es waren insgesamt Männer von angenehmen Aeußerem, meistens jung, nach der Mode des Tages gekleidet, und zwei oder drei hatten sogar die Carmagnole um die rothe Mütze.

Dirmer stellte ihnen Maurice vor und nannte sein Titel und Eigenschaften.

Dann wandte er sich gegen Maurice und sprach:

»Sie sehen, Bürger Lindey, Sie sehen hier alle Personen, die mich in meinem Gewerbe unterstützen; in Folge der Zeitläufe, in Folge der revolutionären Grundsätze, welche die Entfernung ausgehoben haben, leben wir Alle auf dem Fuße der heiligsten Gleichheit. Alle Tage vereinigt uns zweimal derselbe Tisch und ich bin glücklich, daß Sie die Güte haben, unser Familienmahl zu theilen. Auf, zu Tische, Bürger, zu Tische.«

»Und. . . und Herr Morand,« sagte schüchtern Geneviève, »warten wir nicht auf ihn?«

»Ah! es ist wahr,« antwortete Dirmer. »Der Bürger Morand, von dem ich Ihnen schon gesprochen habe, Bürger Lindey, ist mein Associé. Er ist, wenn ich so sagen darf, mit dem moralischen Theile des Hauses beauftragt; er besorgt die Schreibereien, führt die Kasse, ordnet die Rechnungen, gibt und empfängt das Geld und hat deshalb m meisten Geschäfte von uns Allen. Daher kommt es, daß er zuweilen länger ausbleibt. Ich will ihn benachrichtigen lassen.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und der Bürger Morand trat ein.

Es war ein Mann von kleinem Wuchse, braun, mit dicken Augenbrauen; eine grüne Brille, wie sie die Menschen tragen, deren Gesicht durch die Arbeit angestrengt ist, verbarg seine schwarzen Augen, verhinderte aber den Funken nicht, hervorzuspringen. Bei den ersten Worten, die er sprach, erkannte Maurice die zugleich sanfte und gebieterische Stimme, welche beständig bei der furchtbaren Berathung, die ihm beinahe das Leben gekostet hätte, für das mildere Verfahren gewesen war; er trug einen braunen Frack mit großen Knöpfen, eine Weste von weißer Seide, und sein ziemlich feiner Jabot wurde häufig während des Abendbrotes von einer Hand geplagt, deren Weiße und Zartheit, ohne Zweifel, weil es die eines Lederhändlers war, Maurice ungemein bewunderte.

Man nahm Platz. Der Bürger Morand wurde zur Rechten von Geneviève, Maurice zu ihrer Linken gesetzt; Dirmer setzte sich seiner Frau gegenüber; die andern Gäste nahmen ohne zu wählen ihren Posten um eine längliche Tafel.

Das Abendbrot war ausgesucht: Dirmer hatte de Appetit eines Gewerbsmannes und machte mit viel Herrlichkeit die Honneurs seines Tisches. Die Arbeiter, oder diejenigen, welche für solche galten, leisteten ihm in dieser Hinsicht gute Gesellschaft. Der Bürger Morand sprach wenig, aß noch weniger, trank beinahe nichts, und lacht selten. Maurice fühlte bald, vielleicht wegen der Erinnerungen, die seine Stimme wieder erregte, eine lebhaft Sympathie für ihn; nur war er im Zweifel über sei Alter, und dieser Zweifel beunruhigte ihn; bald hielt er ihn für einen Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, bald für einen ganz jungen Menschen.

Dirmer hielt sich, als sie sich zu Tische setzten, für verbunden, seinen Gästen eine Art von Grund für die Zulassung eines Fremden in ihren kleinen Kreis anzugeben.

Er entledigte sich dieser Verbindlichkeit als ein naiver und wenig an das Lügen gewöhnter Mann. Doch die Gäste schienen nicht sehr schwierig in Beziehung auf Gründen zu sein, denn trotz aller Ungeschicklichkeit, mit der der Lederhändler hierbei zu Werke ging, befriedigte seine kleine Einführungsrede Jedermann.

Maurice schaute ihn erstaunt an und sprach in seinen Innern:

»Bei meiner Ehre, ich glaube, ich täusche mich. Ist dies derselbe Mann, der mich vor drei Viertelstunden mit glühendem Auge und drohender Stimme, einen Carabiner, in der Hand, verfolgte und durchaus tödten wollte? In jenem Augenblick hätte ich ihn für einen Helden oder für einen Mörder gehalten, Alle Wetter! wie die Liebe zum Ledergeschäft einen Menschen verwandelt?«

Es walteten in der Tiefe des Herzens von Maurice während er alle diese Bemerkungen machte, ein Schmerz und eine Freude, beide so tief, daß der junge Mann sich nicht hätte genau sagen können, was die Lage seiner Seele war. Er befand sich endlich wieder bei der schönen Unbekannten die er so sehr gesucht: sie hatte, wie er es sich zuvor geträumt, einen süßen Namen. Er berauschte sich indem Glück, sie an seiner Seite zu fühlen; er verschlang ihre geringsten Worte, und der Ton ihrer Stimme, so oft sie erklang, machte die geheimsten Saiten seines Herzens vibriren. Doch dieses Herz war gebrochen durch das, was er sah.

Genevièvewar wohl so, wie er sie im Helldunkel erblickt: jenen Traum einer stürmischen Nacht zerstörte die Wirklichkeit nicht. Es war wohl die zierliche Frau mit dem traurigen Auge, mit dem erhabenen Geist. Es war wohl, was sich so oft in den letzten Jahren, die dem berüchtigten Jahre 93, in welchem man sich befand, vorhergegangen, ereignet hatte, es war wohl das Mädchen von Rang, wegen des immer tieferen Ruins, in den der Adel versunken, genöthigt, eine Verbindung mit dem Bürgerthum, mit dem Handel einzugehen. Dirmer schien ein braver Mann zu sein; er war unzweifelbar reich; sein Benehmen gegen Genevièvewar sichtbar das eines Menschen, der sich die Ausgabe stellt, eine Frau glücklich zu machen. Aber diese Gutmüthigkeit, dieser Reichthum, diese vortrefflichen Absichten, konnten sie die ungeheure Kluft ausfüllen, welche zwischen der Frau und dem Mann, zwischen dem poetischen, ausgezeichneten, reizenden Mädchen und dem Mann mit den materiellen Geschäften und dem gemeinen Aussehen befestigt war? Mit welchem Gefühle füllte Geneviève diese Kluft aus?. . . Ach! der Zufall sagte es um Maurice hinreichend, mit der Liebe. Und er mußte wohl auf die erste Meinung, die er von der jungen Frau gehabt, zurückkommen, nämlich auf die, daß sie an dem Abend, wo er ihr begegnet war, von einem Liebesrendezvous nach Hause kehrte.

Der Gedanke, daß Geneviève einen Mann liebe, marterte das Herz von Maurice.

Dann seufzte er, dann beklagte er es, daß er gekommen war, um eine noch stärkere Dose von dem Gifte zu nehmen, das man Liebe nennt.

In anderen Augenblicken, wenn er die so sanfte, so reine, so harmonische Stimme hörte, wenn er diesen so durchsichtigen Blick befragte, der nicht zu befürchten schien man könnte durch ihn in der Tiefe der Seele lesen, gelangt Maurice zum Glauben, ein solches Geschöpf wäre durchaus unfähig, zu täuschen, und dann fühlte er eine bittere Freude bei dem Gedanken, daß dieser schöne Körper, Seele und Materie, diesem guten Bürger mit dem ehrlichen Lächeln mit den Alltagsspäßen gehörte und immer nur ihm gehören würde.

Man sprach von Politik: das konnte kaum anders sein. Was in einer Zeit sagen, wo die Politik sich in Alles mischte, auf den Grund der Teller gemalt war, all Wände bedeckte, und zu jeder Stunde in den Straße proclamirt wurde.

Plötzlich verlangte einer von den Gästen, der bis dahin geschwiegen hatte, Kunde von den Gefangenen im Temple.

Maurice bebte unwillkührlich bei dem Klange dieser Stimme. Er erkannte den Mann, der, stets für die äußersten Mittel, ihn zuerst mit seinem Dolche gestochen und dann für seinen Tod gestimmt hatte.

Dieser Mann, ein Rothgerber, ein Werkführer, so bezeichnete ihn wenigstens Dirmer, erweckte bald die gute Laune von Maurice, als er die patriotischsten Gedanken und die revolutionärsten Grundsätze aussprach. Der junge Municipal war unter gewissen Umständen durchaus kein Feind von den kräftigen Maßregeln, wie sie damals so sehr in der Mode, und deren Apostel und Held Danton war. An der Stelle dieses Mannes, dessen Waffe und Stimme so schmerzliche Empfindungen bei ihm erregt hatten und noch erregten, hätte er denjenigen, welchen er für einen Spion gehalten, nicht ermordet, sondern in einen Garten geführt und hier, mit gleichen Waffen, einen Säbel in der Hand wie sein Gegner, ohne Gnade und Barmherzigkeit bekämpft. Das hätte Maurice gethan. Doch er begriff bald, wie es zu viel verlangen hieß, daß ein Rothgerbergeselle thun sollte, was Maurice gethan hätte.

Dieser Mann mit den äußersten Maßregeln, der in seinen politischen Ansichten dieselben heftigen Systeme haben schien, wie bei seinem Privatbenehmen, sprach also vom Temple und wunderte sich darüber, daß man seine Gefangenen einem permanenten, leicht zu bestechenden Rath und Minicipalen anvertraute, deren Treue schon mehr als einmal versucht worden war.

»Ja,« sprach der Bürger Morand, »doch man muß zugeben, daß bis jetzt bei jeder Veranlassung das Benehmen dieser Municipale das Vertrauen gerechtfertigt hat, welches die Nation in sie setzt, und die Geschichte wird einst sagen, nicht nur der Bürger Robespierre allein verdiene den Namen des Unbestechlichen.«

»Allerdings, allerdings,« versetzte der Andere, »doch daraus, daß eine Sache noch nicht geschehen ist, zu schließen, sie werde nie geschehen, wäre einfältig. Es ist gerade wie in der Nationalgarde,« fuhr der Werkführer fort; »die Compagnien der verschiedenen Sectionen werden jede nach ihm Reihe zum Dienst des Temple berufen und zwar ohne Unterschied. Gebt Ihr nicht zu, daß sich in einer Coipagnie von zwanzig bis fünf und zwanzig Mann ein Kern von acht bis zehn entschlossenen Burschen finden könnte, welche in einer schönen Nacht die Schildwachen ermorden und die Gefangenen entführen dürften?«

»Bah!« versetzte Maurice, »Du siehst, Bürger, daß dies ein schlechtes Mittel ist, denn vor drei Wochen oder einem Monat wollte man es anwenden, und es ist nicht gelungen.«

»Ja,« entgegnete Morand, »aber nur weil einer von den Aristokraten, welche die Patrouille bildeten, so unklug war, als er, ich weiß nicht mit wem sprach, sich das Wort mein Herr entschlüpfen zu lassen.«

»Und dann,« sagte Maurice, der durchaus beweisen wollte, die Polizei der Republik sei gut beschaffen, »und dann, weil man bereits die Rückkehr des Chevalier von Maison-Rouge nach Paris wahrgenommen hatte.«

»Bah!« rief Dinner.

»Man wußte, daß Maison-Rouge in Paris war fragte Morand mit kaltem Tone. »Und wußte man auch durch welches Mittel er dahin gekommen war?«

»Ganz genau.«

»Ah, Teufel!« versetzte Morand, indem er sich vorwärts neigte, um Maurice anzuschauen. »Ich wäre begierig, dies zu erfahren, bis jetzt hat man uns noch nichts Bestimmtes hierüber sagen können. Aber Sie, Bürger Sie, der Secretaire von einer der bedeutendsten Sectionen von Paris, Sie müssen besser unterrichtet sein?«

»Ganz gewiß,« erwiderte Maurice, »das was ich Ihnen sagen werde, ist auch strenge Wahrheit.«

Alle Gäste und selbst Genevièveschienen dem, wie der junge Mann zu sagen im Begriffe war, die größte Aufmerksamkeit zu schenken.

»Nun wohl.!« sprach Maurice, »der Chevalier von Maison-Rouge kam von der Vendée, wie es scheint; hatte mit seinem gewöhnlichen Glück ganz Frankreich durchzogen: während des Tags an der Barrière du Roule angelangt, wartete er hier bis Abends um neun Uhr. Um neun Uhr Abends ging eine Frau, als Frau aus dem Volke verkleidet, durch diese Barrière hinaus und brach dem Chevalier die Kleidung eines Chasseur der Nationalgarde; zehn Minuten nachher kehrte sie mit ihm zurück, die Schildwache, welche sie allein hatte hinausgehen sehe schöpfte Verdacht, als sie in Begleitung zurückkam. Sie machte Lärm auf dem Posten, der Posten kam heran die zwei Schuldigen begriffen, daß es auf sie abgesehen war, und warfen sich in ein Hotel, wo sich eine zwei Thüre nach den Champs-Elysées für sie öffnete. E scheint, daß eine ganz und gar den Tyrannen ergebe, Patrouille den Chevalier an der Ecke der Rue Barre-du-Bec erwartete. Das Uebrige wissen Sie,«

»Ah! ah!« sagte Morand, »was Sie uns da erzählen, ist seltsam.«

»Und besonders genau,« sprach Maurice.

»Ja, es sieht so aus; doch die Frau, weiß man, was aus ihr geworden ist?«

»Nein, sie ist verschwunden, und man weiß durchaus nicht, wer sie ist und was sie ist.«

Der Associé des Bürger Dirmer und der Bürger Dirmer selbst schienen freier zu athmen.

Geneviève hatte diese ganze Erzählung bleich, unbeweglich, stumm angehört.

»Aber wer kann sagen,« sprach der Bürger Morand mit seiner gewöhnlichen Kälte, »wer kann sagen, der Chevallier von Maison-Rouge habe zu der Patrouille gehört, welche den Lärmen im Temple veranlaßt?«

.Einer von meinen Freunden, ein Municipal, hatte an diesem Tage Dienst im Temple und erkannte ihn.«

»Er wußte also sein Signalement?«

«Er hatte ihn früher gesehen.«

»Und was für ein Mann ist dieser Chevalier von Maison-Rouge äußerlich?«

»Ein Mann von fünf und zwanzig bis sechs und zwanzig Jahren, klein, blond, von angenehmer Gesichtsbildung, mit herrlichen Augen und prächtigen Zähnen.«

Es trat ein tiefes Stillschweigen ein.

»Nun!« sagte Morand, »wenn Ihr Freund, der Municipal, den angeblichen Chevalier von Maison-Rouge erkannte, warum hat er ihn nicht verhaftet?«

»Einmal befürchtete er, weil er nichts von, seiner Ankunft in Paris wußte, durch eine Aehnlichkeit getäuscht zu werden, und dann ist mein Freund ein wenig lau; im Zweifel that er, was die Weisen und die Lauen thun: im Zweifel enthielt er sich.«

»Sie hätten nicht so gehandelt, Bürger?« sagte Dirmer heftig lachend.

»Nein, ich muß es gestehen, lieber würde ich mich täuscht haben, als daß ich einen so gefährlichen Mann, wie es der Chevalier von Maison-Rouge ist, hätte entwischen lassen.«

»Und was hätten Sie denn gethan, mein Herr?« fragte Geneviève.

»Was ich gethan hätte, Bürgerin?« versetzte Maurice, »oh mein Gott! das wäre kurz gewesen; ich hätte all Thore des Temple geschlossen; dann wäre ich gerade an die Patrouille zugegangen, hätte den Chevalier am Kragen gepackt und zu ihm gesagt: »»Chevalier von Maison-Rouge, ich verhafte Sie als Verräther an der Nation;'« und hätte ich ihn einmal am Kragen gehabt, so würde ich ihn nicht mehr losgelassen haben, dafür stehe ich.«

»Aber was wäre dann geschehen?« fragte Geneviève

»Man hätte ihm und seinen Mitschuldigen den Prozess gemacht und zu dieser Stunde wäre er guillotinirt.«

Geneviève schauerte und warf ihrem Nachbar einen Blick des Schreckens zu.

Doch der Bürger Morand schien diesen Blick nicht zu bemerken, leerte phlegmatisch sein Glas und sprach:

»Der Bürger Lindey hat Recht; es war nichts Anderes zu thun; doch leider hat man es nicht gethan.«

»Weiß man, was aus dem Chevalier von Maison-Rouge geworden ist?« fragte Geneviève.

»Bah!« versetzte Dirmer, »wahrscheinlich verlangte er nicht mehr und hat, als er seinen Versuch mißlungen sah, Paris unmittelbar verlassen.«

»Und vielleicht sogar Frankreich,« fügte Morand bei

»Keines Wegs, keines Wegs,« sprach, Maurice.

»Wie, er hat die Unklugheit gehabt, in Paris zu bleiben!« rief Geneviève.

»Er hat sich nicht von der Stelle gerührt.«

Eine allgemeine Bewegung des Erstaunens empfing die von Maurice mit so viel Sicherheit ausgesprochene Ansicht.

»Es ist eine Voraussetzung, was Sie da sagen, Bürger,« entgegnete Morand, »eine Voraussetzung, nichts Anderes.«

»Nein, ich behaupte eine Thatsache.«

»Oh! ich gestehe,« versetzte Geneviève, »ich meines Theils kann nicht glauben, was Sie sagen, Bürger, denn das wäre eine unverzeihliche Unklugheit.«

»Sie sind eine Frau, Bürgerin; Sie begreifen also Eines, was bei einem Mann von dem Charakter des Chevallier von Maison-Rouge alle mögliche Betrachtungen persönlicher Sicherheit überwiegen mußte.«

»Und was kann mehr Gewicht haben, als die Furcht, das Leben aus eine so schauderhafte Weise zu verlieren?«

»Ei mein Gott! Bürgerin, die Liebe,« sprach Maurice.

»Die Liebe!« wiederholte Geneviève.

»Allerdings. Wissen Sie denn nicht, daß der Chevallier von Maison-Rouge in Antoinette verliebt ist?«

Ein schüchternes, gezwungenes Gelächter der Ungläubigkeit machte sich auf zwei oder drei Seiten hörbar. Dirmer schaute Maurice an, als wollte er in der Tiefe seiner Seele lesen. Geneviève fühlte, wie Thränen ihre Augen befeuchteten, und ein Schauer, der Maurice nicht entgehen konnte, durchlief ihren ganzen Körper. Der Bürger Morand vergoß Wein von seinem Glase, das er in diesem Augenblick an seine Lippen setzte, und Maurice hätte über seine Blässe erschrecken müssen, wäre nicht die ganze Aufmerksamkeit des jungen Mannes in diesem Augenblick auf Geneviève zusammengedrängt gewesen.

»Sie sind bewegt, Bürgerin?« flüsterte Maurice.

»Haben Sie nicht gesagt, ich würde begreifen, da ich eine Frau sei? Nun wohl, uns Frauen rührt stets eine Ergebenheit, so sehr sie auch unsern Grundsätzen widersprechen mag.«

»Und die des Chevalier von Maison-Rouge ist um so größer, als man versichert, er habe nie mit der Königin gesprochen.«

»Ah! Bürger Lindey,« sprach der Mann mit den äußersten Mitteln, »mir scheint, erlaube, daß ich Dir dies sage, mir scheint, Du bist sehr nachsichtig gegen den Chevallier.«

»Mein Herr,« erwiderte Maurice, der sich vielleicht absichtlich des Wortes bediente, das gebräuchlich zu sein aufgehört hatte, »ich liebe alle stolze und muthige Naturen: was mich indessen nicht abhält, sie zu bekämpfen wenn ich ihnen in den Reihen meiner Feinde begegne, Ich verzweifle nicht, den Chevalier von Maison-Rouge eines Tags zu treffen.«

»Und . . .« machte Geneviève.

»Und wenn ich ihn treffe. . . nun so werde ich n ihm kämpfen.«

Das Abendbrot war beendigt. Geneviève gab das Beispiel zum Rückzug, indem sie zuerst aufstand.

In diesem Augenblick schlug die Pendeluhr.

»Mitternacht,« sagte Morand mit kaltem Tone.

»Mitternacht!« rief Maurice, »schon Mitternacht!

»Das ist ein Ausruf, der mir Vergnügen macht, sprach Dirmer; »er beweist mir, daß Sie sich nicht gelangweilt haben, und gewährt mir die Hoffnung, wir werden uns wiedersehen. Es ist das Haus eines guten Patrioten, das man Ihnen öffnet und, ich hoffe, Sie werde bald wahrnehmen, Bürger, daß es das eines Freundes ist.«

Maurice verbeugte sich, wandte sich gegen Geneviève und fragte:

»Erlaubt mir die Bürgerin auch, wiederzukommen?

»Ich erlaube es nicht nur, ich bitte Sie darum/ sprach lebhaft Geneviève. »Gute Nacht, Bürger.«

Und sie kehrte in ihre Wohnung zurück.

Maurice nahm Abschied von allen Gästen, grüßt besonders Morand, der ihm ungemein gefallen hatte drückte Dirmer die Hand und entfernte sich betäubt, ohne mehr freudig als betrübt über alle die so verschiedenartigen Ereignisse, welche diesen Abend belebt hatten.

»Ein ärgerliches, ärgerliches Zusammentreffen!« sagte nach dem Abgange von Maurice die junge Frau, indem sie in Gegenwart ihres Mannes, der sie in ihr Zimmer geführt in Thränen zerfloß.

»Bah! der Bürger Maurice Lindey, ein anerkannte Patriot, Secretaire einer Section rein, angebetet, volksthümlich, ist im Gegentheil eine sehr kostbare Erwerbung für einen armen Rothgerber, der eingeschmuggelte Waaren in seinem Hause hat,« entgegnete Dirmer lächelnd.

»Sie glauben also, mein Freund,« fragte schüchtern Geneviève.

»Ich glaube, daß es ein Patent des Patriotismus, ein Siegel der Absolution ist, das er aus unser Haus drück; und ich denke, von diesem Abend an wäre sogar in Chevalier von Maison-Rouge in unserem Hause in Sicherheit.«

Hiernach küßte Dirmer seine Frau mit einer viel mehr väterlichen als ehelichen Zuneigung auf die Stirne, ließ sie in dem kleinen Pavillon, der ihr allein geweiht war, und ging wieder in den andern Theil des Gebäudes, welchen er mit den Gästen, die wir an seinem Tische gesehen, wohnte.




X.

Der Schuhflicker Simon


Man war zum Anfang des Monats Mai gelangt; ein reiner Tag erweiterte die Brust, welche müde war, die eisigen Nebel des Winters einzuathmen, und die Strahlen einer warmen, belebenden Sonne fielen aus die schwarze Mauer des Temple herab.

Doch trotz dieses schönen Tages und obgleich man den Gefangenen anbot, sie könnten im Garten spazieren gehen, weigerten sich die drei Frauen, ihr Gefängniß zu verlassen; seit der Hinrichtung ihres Gemahls blieb die Königin hartnäckig in ihrem Zimmer, um nicht vor der Thüre des Gemaches, das der König im zweiten Stocke bewohnt hatte vorüber gehen zu müssen..

Wenn, sie zufällig seit der unseligen Epoche des 21. Januar Luft schöpfte, so geschah es oben auf dem Thurm dessen Zinnen man mit Läden verschlossen hatte.

Die Nationalgarden vom Dienste, welche davon Kenntniß gesetzt waren, daß die drei Frauen ihr Zimmer zu verlassen Erlaubniß erhalten hatten, warteten also vergebens den ganzen Tag, daß sie von dieser Erlaubnis Gebrauch machen würden.

Gegen fünf Uhr kam ein Mann herab und näherte sich dem den Posten commandirenden Sergenten.

»Ah! ah! Du bist es, Vater Tison,« sprach Letztere, der ein Nationalgarde von heiterer Laune zu sein schien.

»Ja, ich bin es, Bürger; ich bringe Dir vom Municipal Maurice Lindey, Deinem Freunde, der da oben ist, die vom Rathe des Temple meiner Tochter zugestandene Erlaubniß, diesen Abend ihrer Mutter einen Besuch zu machen.«

»Und Du gehst in dem Augenblick aus, wo Deine Tochter kommen wird, entarteter Vater?« sagte der Sergent.

»Oh! ich gehe sehr ungern weg, Bürger Sergent. Ich hoffte auch, mein armes Kind zu sehen, das ich seit zwei Monaten nicht gesehen habe, und es, was man sagt, tüchtig zu umarmen, wie ein Vater seine Tochter umarmt. Ja wohl, geh' spazieren! Der Dienst, der verdammte Dienst treibt mich fort; ich muß auf die Gemeinde gehen, um meinen Bericht abzustatten. Ein Fiacker erwartet mich vor der Thüre mit zwei Gendarmen, und dies gerade in dem Augenblick, wo meine arme Sophie kommen wird.«

»Unglücklicher Vater!« rief der Sergent.

		»Aus Liebe für das Vaterland
		Verstummt in dir des Blutes Stimme,
		Wenn jenes seufzt und diese fleht,
		So opfere der Pflicht . . .«

»Sage, Vater Tison, wenn Du zufällig einen Reim auf Stimme findest, so wirst Du mir es mittheilen. Er fehlt mir für den Augenblick.«

»Und Du, Bürger Sergent, wenn meine Tochter kommt, um ihre arme Mutter zu besuchen, welche beinahe stirbt, daß sie ihr Kind nicht sehen kann, so läßst Du sie vorbei.«

»Der Befehl ist in Ordnung,« erwiderte der Sergent, in welchem der Leser ohne Zweifel bereits unsern Freund Lorin erkannt hat; »ich habe also nichts zu sagen; Kommt Deine Tochter, so wird sie passieren.«

»Ich danke, braver Thermopyle, ich danke,« sprach Tison.

Und er entfernte sich, um der Gemeinde seinen Bericht zu machen, und murmelte:

»Ah! wie wird meine arme Frau glücklich sein.«

»Weißt Du, Sergent,« sprach ein Nationalgarde, als er Tison weggehen sah und die Worte hörte, die er entfernend sagte; »weißt Du, daß einen solche Dinge Herz schauern machen?«

»Was für Dinge, Bürger Devaur?« fragte Lorin.

»Wie!« versetzte der mitleidige Nationalgarde, »diesen im Mann mit dem so harten Gesichte, diesen Mann mit dem ehernen Herzen, diesen unbarmherzigen Wächter der Königin weggehen sehen, eine Thräne im Auge, halb vor Freude, halb vor Schmerz bei dem Gedanken, seine Frau werde seine Tochter umarmen, und er werde es nicht können! Sergent, man darf hierüber nicht zu viel nachdenken, denn in der That, das macht traurig.«

»Allerdings, und darum denkt dieser Mensch, der eine Thräne im Auge weggeht, wie Du sagst, selbst nicht nach.«

»Und worüber sollte er nachdenken?«

»Daß seit drei Monaten die Frau, welche er mit unbarmherziger Roheit behandelt, ihr Kind ebenfalls nicht gesehen hat. Er denkt nicht an ihr Unglück, er denkt nur an das seinige; das ist das Ganze. Diese Frau war allerdings Königin,« fuhr der Sergent in einem spöttischen Tone fort, dessen Sinn nicht leicht zu verdolmetschen war, »und man braucht für eine Königin nicht dieselben Rücksichten zu nehmen, die man für die Frau eines Tagelöhners nimmt.«

»Gleichviel, Alles dies ist sehr traurig,« versetzte Devaur.

»Traurig, aber nothwendig,« sprach Lorin; »es ist also wie Du gesagt hast, das Beste, nicht darüber nachzudenken.«

Und er fing an zu trällern:

		»Unter grünem Gebüsche,
		Wandelte gestern allein,
		Sanft lauschend dem Vogelgezische
		Risette im düsteren Hain.«

Lorin war so weit in seinem bukolischen Liebe, das sich plötzlich ein gewaltiges Geräusch aus der linken Seite des Postens hörbar machte: es war gemischt aus Schweren, Drohungen und lautem Weinen.

»Was ist das?« fragte Devaur.

»Man sollte glauben, es wäre die Stimme eines Kindes,« erwiderte Lorin horchend.

»In der That,« versetzte der Nationalgarde, »es ist ein armer Kleiner, den man schlägt; wahrlich, man sollte, nur diejenigen, die keine Kinder haben, Hierher schicken,

»Willst Du singen?« sagte eine rauhe, weingrüne Stimme.

Und die Stimme sang, gleichsam um ein Beispiel zu geben:

		»Madame Veto that versprechen,
		Ganz Paris den Hals zu brechen.

»Nein,« rief das Kind, »ich werde nicht singen.«

»Willst Du singen?«

Und die Stimme fing wieder an:

		»Madame Veto that versprechen . . .«

»Nein,« rief das Kind, »nein! Nein! nein!«

»Ah! kleiner Schurke,« rief die heisere Stimme.

Und das Geräusch eines pfeifenden Riemens durchschnitt die Luft. Das Kind heulte vor Schmerz

»Ah! all« Gewitter,« sagte Lorin, »das ist der schändliche Simon, der den kleinen Capet schlägt.«

Einige Nationalgarden zuckten die Achseln, zwei oder drei suchten zu lächeln. Devaur stand auf und entfernte sich.

»Ich sagte es wohl,« murmelte er, »die Väter sollten nie hierher kommen.«

Plötzlich öffnete sich eine niedrige Thüre und das königliche Kind machte, gejagt von der Peitsche seines Wächters, fliehend mehrere Schritte im Hof; doch hinter ihm erscholl etwas Schweres aus dem Pflaster und traf es an das Bein.

»Ah!« rief das Kind.

Und es wankte und fiel auf ein Knie.

»Bring mir meinen Leisten, kleines Ungeheuer, oder ich werde Dir . . .«

Das Kind stand auf und schüttelte dm Kopf, eine Weigerung bezeichnend.

»Ah! steht es so . . .« rief dieselbe Stimme, »«warte, Du sollst sehen . . .«

Und der Schuhflicker Simon stürzte aus seiner Stube hervor, wie ein wildes Thier aus seiner Höhle.

»Holla! holla!« sprach Lorin die Stirne faltend; »wo hinaus, Meister Simon?«

»Ich will diesen kleinen Wolf bestrafen,« erwiderte der Schuhflicker.

»Und warum ihn bestrafen?«

»Warum?«

»Ja.«

»Weil dieser kleine Schuft weder singen will, wie ein guter Patriot, noch arbeiten, wie ein guter Bürger.«

»Nun, was macht das Dir?« entgegnete Lorin, »hat Dir die Nation Capet anvertraut, damit Du ihn singen lehrst?«

»Ei, ei!« entgegnete Simon erstaunt, »in was mischt Du Dich, Bürger Sergent? Das frage ich Dich.«

»In was ich mich mische? ich mische mich in das was jeden Mann von Herz angeht. Es ist aber eine Mannes von Herz, der ein Kind schlagen sieht, unwürdig, zu dulden, daß man es schlägt.«

»Bah! der Sohn des Tyrannen.«

»Ist ein Kind, ein Kind, das keinen Theil an den Verbrechen seines Vaters gehabt hat, ein Kind, das nicht schuldig ist, und das man folglich nicht strafen darf.«

»Und ich, ich sage, daß man mir den Kleinen gegeben hat, daß ich mit ihm mache, was ich will. Ich will daß er das Lied von Madame Veto singt, und er wird es singen.«

»Elender!« rief Lorin, »Madame Veto ist die Mutter dieses Kindes; möchtest Du gern, daß man Deinen Sohn zwänge, zu singen, Du seist eine Canaille?«

»Ich!« brüllte Simon; »schlimmer, oh! schlimmer Aristokrat von einem Sergenten.«

»Ah! keine Beleidigungen,« sagte Lorin, »ich dir nicht Capet, und man läßt mich nicht mit Gewalt singen.«

»Ich werde Dich verhaften lassen, schlimmer Ci-devant.«

»Du,« versetzte Lorin, »Du wirst mich verhaften lassen; versuche es, einen Thermopylen verhaften zu lassen,

»Gut, gut, wer zuletzt lacht, lacht am besten; mittlerweile hebe meinen Leisten auf, Capet, und mache Deinen Schuh, oder tausend Donner! . . .«

»Und ich,« rief Lorin, welcher furchtbar erbleichte und die Fäuste geballt, die Zähne an einander gepreßt, einen Schritt vorwärts that, »ich sage Dir, daß er Deinen Leisten nicht aufheben wird, ich sage Dir, daß er keine Schuhe machen wird, hörst Du, schlimmer Geselle? Ah! ja, Du hast da Deinen großen Säbel, doch er macht mir ebenso wenig bange, als Du selbst. Wage es nur, ihn zu ziehen.«

»Ah! alle Teufel,« brüllte Simon, vor Wuth erbleichend.

In diesem Augenblick traten zwei Frauen in den Hof; die eine von ihnen hielt ein Papier in der Hand, sie wandte sich an die Schildwache.

»Sergent,« rief die Schildwache, »es ist die Tochter von Tison, welche ihre Mutter zu sehen verlangt.«

»Laß sie vorbei, da es der Rath des Temple gestattet,« sprach Lorin, der sich nicht einen Augenblick abwenden wollte, aus Furcht, Simon könnte seine Zerstreuung benützen, um das Kind zu schlagen,

Die Schildwache ließ die zwei Frauen vorüber; doch kaum waren sie vier Stufen der dunklen Treppe hinaufgestiegen, als sie Maurice Lindey begegneten, der für einen Augenblick in den Hof hinabging,

Es war beinahe Nacht geworden, so daß man die Züge ihrer Gesichter nicht unterscheiden konnte.

Maurice hielt sie an und fragte:

»Wer seid Ihr, Bürgerinnen, und was wollt Ihr?«

»Ich bin Sophie Tison,« sagte die eine von den zwei Frauen, »Ich habe die Erlaubniß erhalten, meine Mutter zu besuchen, und komme deshalb hierher.«

»Ja,« versetzte Maurice; doch die Erlaubniß ist nur für Dich allein, Bürgerin!«

»Ich habe meine Freundin mitgebracht, damit wir wenigstens zwei Frauen mitten unter den Soldaten seien.«

»Sehr gut; doch Deine Freundin wird nicht hinaufgehen.«

»Wie es Ihnen beliebt, Bürger,« sagte Sophie Tison, indem sie ihrer Freundin, welche, sich an die Wand anlehnend, von Erstaunen und Schrecken ergriffen zu sein schien, die Hand drückte,

»Bürger Schildwachen,« rief Maurice, indem er den Kopf erhob und sich an die Wachen wandte, welche in jedem Stocke ausgestellt waren, »laßt die Bürgerin Tison passieren; ihre Freundin darf aber nicht vorbei. Sie wird auf der Treppe warten, und Ihr seid dafür besorgt, daß man sie anständig behandelt.«

»Ja, Bürger,« antworteten die Wachen.

»Geht also,« sagte Maurice.

Die zwei Frauen gingen an ihm vorbei.

Maurice sprang die vier oder fünf Stufen vollends, hinab und schritt rasch in den Hof.

»Was gibt es?« fragte er die Nationalgarden »was veranlaßt diesen Lärmen? Man hört das Geschrei eines Kindes bis im Vorzimmer der Gefangenen.«

»Höre,« sagte Simon, der, an die Manieren de Municipale gewöhnt, als er Maurice erblickte, glaubte es käme ihm Verstärkung zu; »höre, dieser Aristokrat dieser Ci-devant verhindert mich, Capet durchzuprügeln.»

Und er deutete mit der Faust aus Lorin,

»Ja, bei Gott! ich verhindere ihn,« sagte Lorin von Leder ziehend, »und wenn Du mich noch ein einziges Mal Ci-devant, Aristokrat oder Verräther nennst, so renne ich Dir meinen Säbel durch den Leib.«

»Eine Drohung!« rief Simon; »Wache! Wache!«

»Ich bin die Wache,« sprach Lorin, »rufe mich also nicht, denn wenn ich auf Dich losgehe, bist Du des Todes.«

»Herbei, Bürger Municipal, Hilfe!« rief Simon, diesmal ernstlich von Lorin bedroht,

»Der Sergent hat Recht,« sagte kalt der Municipal, den Simon zu Hilfe rief; »Du entehrst die Nation, Feiger, Du schlägst ein Kind!«

»Und warum schlägt er es, begreifst Du es, Maurice! weil das Kind nicht Madame Veto singen, weil das Kind nicht seine Mutter schmähen will.«

»Elender!« rief Maurice.

»Und Du auch?« sagte Simon; »ich bin also von Verräthern umgeben.«

»Ah! Schurke,« versetzte der Municipal, indem er Simon an der Gurgel packte und ihm seinen Riemen aus den Händen riß; »versuche es, ein wenig zu beweisen, daß Maurice Lindey ein Verräther ist.«

Und er ließ mit aller Gewalt den Riemen auf die Schultern des Schuhflickers fallen.

»Ich danke, mein Herr,« sagte das Kind, das dieser Scene stoisch zuschaute; »doch er wird sich an mir rächen.«

»Komm, Capet,« sprach Lorin, »komm, mein Kind, wenn er Dich noch einmal schlägt, rufe um Hilfe, und man wird diesen Henker bestrafen. Vorwärts, kleiner Capet, kehre in Deinen Thurm zurück.«

»Warum nennen Sie mich Capet, Sie, der Sie mich beschützen, Sie wissen wohl, daß Capet nicht mein Name ist.«

»Wie, es ist nicht Dein Name,« versetzte Lorin, wie heißt Du denn?«

»Ich heiße Ludwig Carl von Bourbon. Capet ist der Name von einem meiner Ahnen. Ich kenne die Geschichte von Frankreich; mein Vater hat sie mich gelehrt.«

»Und Du willst ein Kind, das ein König die Geschichte von Frankreich gelehrt hat, Schuhe sticken lehren?« rief Lorin.

«Oh! sei unbesorgt,« sprach Maurice zu dem Kind, »ich werde meinen Bericht machen.«

»Und ich den meinigen,« versetzte Simon. »Ich werde unter Anderem sagen, daß Ihr statt einer Frau, welche in den Thurm einzutreten berechtigt war, zwei eingelassen habt.«

In diesem Augenblick kamen in der That zwei Frauen aus dem Thurm heraus Maurice lief auf sie zu.

»Nun, Bürgerin,« sagte er, indem er sich an diejenige wandte, welche aus seiner Seite war, »hast Du Deine Mutter gesehen?«

Sophie Tison trat sogleich zwischen den Municipal und ihre Gefährtin

»Ja, Bürger, ich danke,« sagte sie.

Maurice hätte gern die Freundin des Mädchens gesehen, oder wenigstens ihre Stimme gehört; doch sie war in ihren Mantel gehüllt und schien entschlossen, kein Wort zu sprechen. Es kam ihm sogar vor, als zitterte sie.

Diese Furcht erregte Verdacht bei Maurice.

Er stieg hastig hinauf und sah, als er in das erste Zimmer gelangte, durch das an der Thüre angebracht Fenster die Königin etwas verbergen, was er für ein Billet hielt.

»Oh! Oh!« sagte er, »sollte ich bethört worden sein?

Er rief seinem Collegen und sprach zu ihm:

»Bürger Agricola, tritt bei Marie Antoinette ein und verliere sie nicht aus dem Blicke.«

»Ho! ho!« versetzte der Municipal, »ist etwa . . .?

»Gehe hinein, sage ich Dir, und zwar ohne einen Augenblick, eine Minute, eine Secunde zu verlieren.«

Der Municipal trat bei der Königin ein.

»Rufe die Frau Tison,« sagte Maurice zu einem Nationalgarde

Fünf Minuten nachher erschien die Frau Tison strahlend.

»Ich habe meine Tochter gesehen,« sagte sie.

»Wo dies?« fragte Maurice.

»Hier, in diesem Vorzimmer.«

»Gut Und Deine Tochter hat die Oesterreicherin nicht zu sehen verlangt?«

»Nein«

»Sie ist nicht zu ihr hineingegangen?«

»Nein.«

»Und während Du mit Deiner Tochter plaudertest, ist Niemand aus dem Zimmer der Gefangenen herausgekommen?«

»Weiß ich es? Ich schaute meine Tochter an, die ich seit drei Monaten nicht gesehen hatte.«

»Erinnere Dich wohl . . .«

»Ah! ja, ich glaube mich zu erinnern.«

»Was?«

»Das junge Mädchen ist herausgekommen.«

»Marie Therese?«

»Ja.«

»Und sie hat mit Deiner Tochter gesprochen?«

»Nein.«

»Deine Tochter hat Dir nichts übergeben?«

»Nein«

»Sie hat nichts vom Boden ausgehoben?«

»Meine Tochter?«

»Nein, die von Marie Antoinette?«

»Doch, sie hat ihr Sacktuch ausgehoben.«

»Ah! Unglückliche!« rief Maurice.

Und er stürzte nach dem Strange der Glocke und zog heftig daran.

Es war die Lärmglocke.




XI.

Das Billet


Die zwei andern Municipale von der Wache eilten schnell herauf. Ein Detachement vom Posten begleitete sie.

Die Thüren wurden geschlossen, zwei Schildwachen versperrten die Ausgänge jedes Zimmers.

»Was wollen Sie, mein Herr,« sagte die Königin zu Maurice, da dieser eintrat: »ich war im Begriff, mich zu Bette zu legen, als der Bürger Municipal (die Königin deutete auf Agricola) plötzlich in dieses Zimmer stürzte, ohne mir zu sagen, was er wünschte.«

»Madame,« erwiderte Maurice sich verbeugend, »nicht mein College wünscht etwas, sondern ich.«

»Sie, mein Herr,« fragte Marie Antoinette, indem sie Maurice anschaute, dessen gutes Benehmen ihr einige Dankbarkeit eingeflößt hatte; »und was wünschen Sie?«

»Ich wünsche, daß Sie mir das Billet zustellen, da Sie so eben verbargen, als ich eintrat.«

Die Prinzessin Marie Therese und Madame Elisabet bebten. Die Königin wurde sehr bleich.

»Sie täuschen sich, mein Herr,« sagte sie, »ich verbarg nichts.«

»Du lügst, Oesterreicherin!« rief Agricola.

Maurice legte rasch seine Hand aus den Arm seine Collegen.

»Einen Augenblick, mein lieber College,« sagte er »laß mich mit der Bürgerin sprechen. Ich bin ein wenig Anwalt.«

»Gut also; doch alle Gewitter! schone sie nicht!«

»Sie verbargen ein Billet, Bürgerin,« sprach Maurice mit strengem Tone. »Sie müssen mir dieses Billet übergeben.«

»Was für ein Billet?«

»Dasjenige, welches Ihnen die Tochter Tison überbrachte, und das die Bürgerin Ihre Tochter (Maurice bezeichnete die junge Prinzessin) mit ihrem Sacktuch aufhob.«

Die drei Frauen schauten sich erschrocken an.

»Aber, mein Herr, das ist mehr als Tyrannei,« versetzte die Königin; »Frauen! Frauen!«

»Wir wollen nichts verwechseln,« sprach Maurice mit festem Ausdruck. »Wir sind weder Richter noch Henker sondern beaufsichtigende Personen, das heißt Ihre Mitbürger, beauftragt, Sie zu bewachen. Wir haben einen Befehl, ihn verletzen ist Verrath. Bürgerin, ich bitte Sie, geben Sie mit das Billet, das Sie verborgen haben.«

»Meine Herren,« sprach die Königin stolz, »da Sie Aufseher sind, so suchen Sie und berauben Sie uns des Schlafes diese Nacht wie immer.«

»Gott behüte uns, daß wir die Hand an Frauen legen. Ich werde die Gemeinde benachrichtigen lassen und wir erwarten ihre Befehle. Nur werden Sie sich nicht zu Bette legen, Sie schlafen in Lehnstühlen, wenn es Ihnen beliebt, und wir bewachen Sie. . . Wenn es sein muß, werden die Durchsuchungen beginnen.«

»Was gibt es denn?« fragte die Frau Tison, welche mit bestürzter Miene an der Thüre erschien.

»Was es gibt, Bürgerin? Dadurch, daß Du Deine Hand zu einem Verrathe hergegeben, hast Du Dich für immer des Vortheils beraubt, Deine Tochter zu sehen.«

»Meine Tochter zu sehen! . . . was sagst Du da, Bürger?« fragte die Tison, welche noch nicht recht begriff, warum sie ihre Tochter nickt sehen sollte.

»Ich sage Dir, daß Deine Tochter nicht hierher gekommen ist, um Dich zu sehen, sondern um der Bürgerin Capet einen Brief zu bringen, und daß sie nicht wiederkommen wird.«

»Aber wenn sie nicht wiederkommt, kann ich sie nicht nicht sehen, da es uns verboten ist, hinauszugehen?«

»Diesmal kannst Du Niemand einen Vorwurf darüber machen, denn es ist Deine Schuld,« sagte Maurice.

»Oh! oh!« schrie die arme Mutter, »meine Schuld! was sagst Du da, meine Schuld? Es ist nichts geschehen, dafür stehe ich. Oh! wenn ich glaubte, es wäre etwas geschehen, wehe Dir, Antoinette, Du müßtest es mir theuer bezahlen!«

Ganz außer sich wies diese Frau der Königin die Faust.

»Bedrohe Niemand,« sagte Maurice, »erlange vielmehr durch Sanftmuth, daß das, was wir fordern, gegeben wird; denn Du bist Frau, und die Bürgerin Antoinette, welche selbst Mutter, wird ohne Zweifel Mitleid einer Mutter haben. Morgen wird Deine Tochter verhaftet, morgen wird sie eingekerkert . . . entdeckt man sodann etwas, und Du weißt, daß man immer etwas entdeckt, wenn man will, so ist sie verloren, sie und ihre Gefährtin.«

Die Tison, welche Maurice mit wachsendem Schrecken zugehört hatte, wandte ihren beinahe irren Blick nach der Königin und rief:

»Du hörst, Antoinette! . . . meine Tochter!. . . Du wirst meine Tochter in das Verderben gestürzt haben.«

Die Königin schien ebenfalls erschrocken, nicht über die Drohung, welche in den Augen der Gefangenenwärtern funkelte, sondern über die Verzweiflung, die man darin las.

»Kommen Sie, Madame Tison,« sagte sie, »ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

»Holla! keine Schmeicheleien!« rief der College von Maurice; »Mord und Tod, wir sind nicht zu viel! Vor der Municipalität, stets vor der Municipalität!«

»Laß sie gewähren, Bürger Agricola,« sagte Maurice diesem in das Ohr; »wenn wir nur die Freiheit erhalten gleichviel aus welche Weise!«

»Du hast Recht, Bürger Maurice . . . aber . . . «

»Gehen wir hinter die Glasthüre, Bürger Agricola, und wenn Du mir glauben willst, wenden wir den Rücken ich bin überzeugt, die Person, gegen welche wir diese Nachgiebigkeit haben, wird es uns nicht bereuen lassen.«

Die Königin hörte diese Worte, welche, um von ihr gehört zu werden, gesprochen wurden, und warf dem jungen Manne einen dankbaren Blick zu. Maurice wand den Kopf sorglos ab und ging aus die andere Seite der Glasthüre. Agricola folgte ihm.

»Du siehst wohl diese Frau,« sagte er zu Agricola, »als Königin ist es eine große Verbrecherin, als Frau ist sie eine würdige, große Seele. Man thut wohl daran daß man die Kronen bricht, das Unglück läutert.«

»Alle Teufel, wie gut sprichst Du, Bürger Maurice! erwiderte Agricola. »Ich höre Dich gern, Dich und Deinen Freund Lorin. Sind das auch Verse, was Du da gesagt hast?«

Maurice lächelte.

Während dieser Unterredung fiel die Scene, welche Maurice vorhergesagt, wirklich auf der andern Seite der Glasthüre vor.

Die Frau Tison hatte sich der Königin genähert.

»Madame,« sprach diese zu ihr, »Ihre Verzweiflung bricht mir das Herz; ich will Sie nicht Ihres Kindes berauben, das schmerzt zu sehr; doch bedenken Sie, wenn ich tue, was diese Menschen verlangen, wird Ihre Tochter vielleicht ebenfalls verloren sein.«

»Thun Sie, was sie sagen,« rief die Tison, »thun' Sie, was sie sagen!«

»Doch zuvor erfahren Sie wenigstens, um was es sich handelt.«

»Um was handelt es sich?« fragte die Gefangenenwärterin mit ungestümer Neugierde.

»Ihre Tochter brachte eine Freundin mit.«

»Ja, eine Arbeiterin wie sie; sie wollte wegen der Soldaten nicht allein kommen.«

»Diese Freundin hat Ihrer Tochter ein Billet übergeben. Ihre Tochter ließ es fallen, Marie, welche vorüberging, hob es auf. Es ist allerdings ein sehr unbedeutendes Papier, aber boshafte Leute könnten einen Sinn darin finden. Hat Ihnen der Municipal nicht gesagt, wenn man finden solle, finde man immer?«

»Hernach? hernach?«

»Nun, das ist Alles: Sie wollen, daß ich dieses Papier aushändige; soll ich einen Freund opfern, ohne Ihnen vielleicht Ihre Tochter dafür zu geben?«

»Thun Sie, was sie sagen!« rief die Frau, »thun sie, was sie sagen!«

»Ader begreifen Sie doch, wenn dieses Papier Ihre Tochter gefährdet!« sprach die Königin,

»Meine Tochter ist wie ich eine gute Patriotin,« rief die Megäre. »Gott sei Dank! die Tison sind bekannt: thun Sie, was sie sagen.«

»Mein Gott! wenn ich Sie nur überzeugen könnte!« versetzte die Königin.

»Meine Tochter! man soll mir meine Tochter zurückgeben!« rief die Tison mit den Füßen stampfend. »Gib das Papier, Antoinette, gib es.«

»Hier ist es, Madame.«

Die König!« reichte der Unglücklichen ein Papier diese hob es freudig über ihren Kopf empor und rief:

»Kommt! kommt, Bürger Municipale. Ich habe das Papier! nehmt es und gebt mir mein Kind zurück.«

»Sie opfern unsere Freunde, meine Schwester,« sagte Madame Elisabeth.

»Nein, meine Schwester,« entgegnete traurig die Königin, »ich opfere nur uns, das Papier kann Niemand gefährden.«

Aus das Geschrei der Frau Tison kamen Maurice und sein College dieser entgegen; sie reichte ihnen sogleich das Billet. Die Municipale öffneten es und lasen:


»Im Osten! es wacht noch ein Freund!«

Maurice hatte nicht sobald die Augen aus das Papier geworfen, als er zu zittern anfing.

Die Handschrift schien ihm nicht unbekannt.

»Oh! mein Gott,« rief er, »sollte es die von Geneviève sein?« Oh! nein, das ist unmöglich, ich bin Narr. Sie gleicht ihr allerdings, doch was könnte Geneviève mit der Königin gemein haben? Er wandte sich ab und sah, daß Marie Antoinette ihn anschaute. Die Frau Tison aber verschlang Maurice, in Erwartung ihres Schicksals, mit den Blicken.

»Du hast ein gutes Werk gethan,« sprach er zu Tison, »und Sie, Bürgerin,« sagte er zur Königin, »Sie haben ein schönes Werk gethan.«

»Dann bestimme Sie mein Beispiel, mein Herr erwiderte Marie Antoinette, »verbrennen Sie dieses Papier und Sie werden ein Werk der Barmherzigkeit thun.«

»Du scherzest, Oesterreicherin,« rief Agricola, »sollen ein Papier verbrennen, das uns vielleicht eine ganze Brut von Aristokraten packen läßt; meiner Treue, nein das wäre zu albern.«

»In der That, verbrennt es,« sagte die Tison, es könnte meine Tochter gefährden.«

»Ich glaube wohl, Deine Tochter und die Anderen sprach Agricola und nahm aus den Händen von Maurice das Papier, das dieser sicherlich verbrannt hätte, wenn er allein gewesen wäre.

Zehn Minuten nachher wurde das Papier auf dem Bureau der Mitglieder der Gemeinde niedergelegt; man öffnete es sogleich und deutete es auf alle mögliche Weisen.

»Im Orient![2 - A Orient, im Osten] es wacht noch ein Freund,« sagte eine Stimme, »was Teufels kann das bedeuten?«

»Bei Gott,« entgegnete ein Geograph in Lorient, das ist klar, Lorient ist eine kleine Stadt der Bretagne und liegt zwischen Vannes und Quimper. Mord und Tod! Man sollte diese Stadt verbrennen, wenn es wahr ist, daß sie Aristokraten enthält, welche noch über der Oesterreicherin wachen.«

»Das dünkt mir um so gefährlicher,« sagte ein Andern, »als Lorient ein Seehafen ist, weshalb man dort ein Einverständniß mit England gründen kann.«

»Ich schlage vor,« sagte ein Dritter, »daß man eine Immission nach Lorient schickt und dort eine Untersuchung anstellt.«

Diese Motion machte die Minorität lachen, entflammte aber die Majorität; man beschloß, eine Kommission zu Ueberwachung der Aristokraten nach Lorient zu schicken.

Von der Berathung unterrichtet, sagte Maurice zu sich selbst:

»Ich vermuthe wohl, wo der Orient sein kann, von dem die Rede ist, aber sicherlich ist es nicht in der Bretagne.«

An, andern Tag verlangte die Königin, welche, wie gesagt, nicht mehr in den Garten hinabging, um nicht dem Zimmer vorüber zu müssen, wo ihr Gatte eingeschlossen gewesen war, auf den Thurm zu steigen, um mit ihrer Tochter und Madame Elisabeth Luft zu schöpfen.

Ihre Bitte wurde ihr sogleich bewilligt; doch nach ihr stieg Maurice hinauf; er blieb hinter einer Art von Schildthäuschen, das der obere Theil der Treppe bedeckte, stehen und erwartete verborgen das Resultat des Billets vom vorhergehenden Tage.

Die Königin ging Anfangs gleichgültig mit Madame Elisabeth und ihrer Tochter auf und ab; dann hielt an, während die zwei Prinzessinnen ihren Spaziergang fortsetzten, wandte sie sich gegen Osten und betrachtete aufmerksam ein Haus, an dessen Fenstern mehrere Personen erschienen. Die eine von ihnen hielt ein weißes Sacktuch.

Maurice zog ein Augenglas aus seiner Tasche, und während er es richtete, machte die Königin eine große Bewegung, als wollte sie die Neugierigen des Fensters auffordern, sich zurückzuziehen, Doch Maurice hatte bereits einen Männerkopf mit blonden Haaren und bleicher Gesichtsfarbe bemerkt, dessen Gruß beinahe bis zur Demut achtungsvoll war.

Hinter diesem jungen Mann, denn der Neugierige schien höchstens fünf und zwanzig bis sechs und zwanzig Jahren alt zu sein, stand eine Frau, halb durch ihn verborgen.

Maurice richtete sein Fernglas nach ihr und macht als er Geneviève zu erkennen glaubte, eine Bewegung die ihn in den Blick brachte. Sogleich warf sich die Frau welche ebenfalls ein Fernglas in der Hand hielt, rückwärts und zog den jungen Mann mit sich. War es wirklich Geneviève? Hatte sie ihrerseits Maurice auch erkannt. Hatte sich das neugierige Paar nur auf die Aufforderung der Königin zurückgezogen?

Maurice wartete einen Augenblick, um zu beobachte ob der junge Mann und die junge Frau nicht wieder erscheinen würden. Als er aber bemerkte, daß das Fenster leer blieb, empfahl er seinem Collegen Agricola die größte Wachsamkeit, stieg hastig die Treppe hinab und legte sich an der, Ecke der Rue Porte-Foin in Hinterhalt, um zu sehen, ob die Neugierigen des Hauses herausgingen. Vergeben Niemand erschien.

Er konnte dem Verdachte nicht widerstehen, der ihm das Herz seit dem Augenblick zernagte, wo die Gefährtin der Tochter Tison, so hartnäckig verborgen und stumm geblieben war, und nahm seinen Lauf nach der Rue Vieille-Saint-Jacques, wo er, den Geist ganz verstört von dem seltsamsten Argwohne, anlangte.

Als er eintrat, saß Geneviève in einem weißen Morgenmantel unter einer Jasminlaube, wo sie sich das Frühstück auftragen zu lassen pflegte. Sie bot Maurice wie gewöhnlich einen herzlichen guten Morgen und lud ihn ein, eine Tasse Chocolade mit ihr zu nehmen.

Dirmer, welcher mittlerweile auch herbeikam, drückte die größte Freude darüber aus, daß er Maurice zu dieser unerwarteten Stunde des Tages sehe. Doch ehe Maurice die Tasse Chocolade getrunken, die er angenommen, forderte Dirmer, stets voll Begeisterung für sein Gewerbe, seinen Freund den Secretaire von der Section Lepelletier auf, mit ihm einen Gang in die Werkstätten zu machen. Maurice willigte ein.

»Erfuhren Sie, mein lieber Maurice,« sprach Dirmer, indem er den jungen Mann beim Arm nahm und fortzog, »erfahren Sie eine höchst wichtige Neuigkeit.«

»Eine politische?« fragte Maurice, beständig von seiner Idee in Anspruch genommen.

»Ei, lieber Bürger,« erwiderte Dirmer lächelnd, »beschäftigen wir uns mit der Politik? Nein, nein, eine ganz industrielle, Gott sei Dank! Mein ehrenwerther Freund Morand, der, wie sie Sie wissen, einer der ausgezeichnetsten Chemiker ist, hat das Geheimnis eines rochen Maroquin gefunden, wie man ihn bis jetzt noch nicht gesehen, denn er ist unveränderlich. Diese Färbung will ich Ihnen zeigen. Übrigens werden Sie Morand bei der Arbeit sehen, das ist ein wahrer Künstler.«

Maurice begriff nicht ganz, wie man ein Künstler in rothem Maroquin sein konnte, aber er nahm nichtsdestoweniger den Vorschlag an, folgte Dirmer, durchschritt mit ihm die Werkstätten und sah in einer besonderen Abtheilung den Bürger Morand beim Werke: er hatte seine grüne Brille, trug sein Arbeitskleid und schien wirklich höchsten Grade beschäftigt, das schmutzige Weiß einer Schafshaut in Purpur zu verwandeln; seine Hände und seine Arme, die man unter den zurückgeschlagenen Aermeln erblickte, waren roth bis an die Ellenbogen. Er gab sich in der That mit freudigem Herzen ganz und gar der Cochenille hin, wie Dirmer sagte.

Völlig in seine Arbeit vertieft, grüßte er Maurice mit dem Kopf.

»Nun, Bürger Morand,« fragte Dirmer, was sagen wir?«

»Wir werden hundert tausend Livres jährlich durch dieses Verfahren allein gewinnen. Doch seit acht Tagen schlafe ich nicht mehr und die Säuren haben mir das Gesicht versengt.«

Maurice ließ Dirmer bei Morand und kehrte zu Geneviève zurück, während er leise murmelte:

»Man muß gestehen, daß das Gewerbe eines Municipals einen Helden dumm machen würde. Nach acht Tagen im Temple würde man sich für einen Aristokrat, halten und sich selbst anzeigen. Guter Dirmer! Braver Morand! Süße Geneviève? Und ich hatte sie einen Augenblick im Verdacht!«

Geneviève erwartete Maurice mit ihrem sanften Lächeln, um ihn bis zum Schein den Verdacht vergessen zu lassen, den er in der That gefaßt hatte. Sie war, was sie immer war, sanft, freundschaftlich, reizend.

Die Stunden, in denen Maurice Geneviève sah, waren die, in welchen er wirklich lebte. Die ganze übrige Zeit hatte er jenes Fieber, das man das Fieber von 93 nenne könnte, welches Paris in zwei Lager theilte und aus dem Dasein einen Kampf zu jeder Stunde machte.

Gegen Mittag mußte er jedoch Geneviève verlasse und nach dem Temple zurückkehren.

Am Ende der Rue Saint-Avoye begegnete er Lorin, der von seiner Wache abkam; er marschierte in geschlossen, Reihe, trat aber hervor und ging aus Maurice zu, dessen Gesicht immer noch das süße Glück ausdrückte, das der Anblick von Geneviève stets in sein Herz goß.

»Ah!« sagte Lorin, seinem Freunde herzlich die Hand schüttelnd:

		»Vergebens birgst Du Dein heimliches Sehnen,
		Nicht das Wort, Dein Seufzen thut's kund.
		Das Schmachten im Busen, im Auge die Thränen,
		Dein Herz überströmt von Liebe zur Stund.«

Maurice legte die Hand an seine Tasche, um seinen Schlüssel zu suchen. Dies war das Mittel, das er gewählt hatte, um der poetischen Begeisterung seines Freundes einen Damm zu setzen. Doch dieser sah die Bewegung und entfloh lachend.

»Ah! höre doch,« rief Lorin, der sich nach ein paar Schritten wieder umdrehte, »Du bist noch aus drei Tage im Temple, Maurice; ich empfehle Dir den kleinen Capet.«




XII.

Liebe


Maurice lebte in der That nach einiger Zeit sehr glücklich und sehr unglücklich. Es ist immer so beim Anfang großer Leidenschaften.

Seine gewöhnliche Arbeit bei der Section Lepelletier, seine Besuche am Abend in der Rue Vieille-Saint-Jacques, sein Erscheinungen da und dort im Club der Thermophylen füllten alle seine Tage aus.

Er verleugnete sich nicht, daß Geneviève jeden Abend in langen Zügen eine hoffnungslose Liebe trinken hieß.

Geneviève war eine von den züchtigen, aber scheinbar leichten Frauen, welche treuherzig einem Freunde die Hand reichen, unschuldig ihre Stirne seinen Lippen mit den, Vertrauen einer Schwester oder der Unwissenheit einer Jungfrau nahem, vor denen aber Liebesworte Blasphemie, und materielle Begierden Ruchlosigkeiten zu sein scheinen.

Gibt es in den reinsten Träumen, welche die erste Weise von Raphael auf die Leinwand befestigt hat, eine Madonna mit lächelnden Lippen, mit keuschen Augen, mit dem himmlischen Ausdrucke, so ist sie es, die man dem göttlichen Schüler von Perugnio entlehnen muß, um daraus das Portrait von Geneviève zu machen.

Inmitten dieser Blumen, deren Frische und Wohlgeruch sie besaß, abgesondert von den Arbeiten ihres Gatten und von ihrem Gatten selbst, erschien Geneviève Maurice so oft er sie sah, wie ein lebendiges Räthsel, dessen Sinn er nicht errathen konnte, und dessen Schlüssel er nicht fordern wagte.

Eines Abends, als er wie gewöhnlich mit ihr allein geblieben war, als sie Beide an dem Fenster saßen, durch welches er einst so geräuschvoll und hastig eingedrungen als die Wohlgerüche des blühenden Flieders mit dem sanften Abendwinde herbeischwammen, der auf den strahlenden Sonnenuntergang folgt, wagte es Maurice, nach eine langen Stillschweigen, und nachdem er während dieses Stillschweigens dem verständigen, andächtigen Auge von Geneviève gefolgt war, das einen aus dem Azur des Himmels hervortretenden silbernen Stern betrachtete, wagte es, sie zu fragen, wie es käme, daß sie so jung wäre, während ihr Gatte bereits das mittlere Lebensalter überschritten hatte, so erhaben in ihrem Wesen, während Alles bei ihrem Gatten eine gewöhnliche Erziehung, eine niedrige Geburt bezeichnete; so poetisch endlich, indeß ihr Gatte seine Aufmerksamkeit ganz allein dem Geschäfte des Abwägens des Ausbreitens und des Färbens der Häute seiner Fabrik widmete.

»Warum,« fragte Maurice, »warum bei einem Gerbermeister diese Harfe, dieses Piano, diese Pastellemalereien von denen Sie mir zugestanden haben, sie seien Ihr Wert. Warum endlich diese Aristokratie, die ich bei Andern verabscheue, während ich sie bei Ihnen anbete?«

Geneviève heftete auf Maurice einen Blick voll Unschuld und antwortete:

»Ich danke für diese Frage; sie beweist mir, daß Sie der zartfühlender Mann sind, und daß Sie sich nie bei irgend Jemand nach mir erkundigt habe.,«

»Nie, Madame: ich habe einen ergebenen Freund, der für mich sterben würde, ich habe hundert Kameraden, welche bereit sind, überallhin zu marschieren, wohin ich sie führen werde; doch wenn es sich um eine Frau handelt und besonders um eine Frau wie Geneviève, so kenne ich von allen diesen Herzen nur ein einziges, dem ich mich anvertraue, und das ist das meinige.«

»Ich danke, Maurice,« sprach die junge Frau. »Ich werde Sie also selbst von Allem unterrichten, was Sie zu wissen wünschen.«

»Zuerst Ihr Name als Mädchen?« fragte Maurice; »ich kenne Sie nur unter Ihrem Frauennamen.«

Geneviève begriff den verliebten Egoismus dieser Frage und lächelte.

»Geneviève du Treilly,« sagte sie.

Maurice wiederholte:

«Geneviève du Treilly.«

»Meine Familie,« fuhr Geneviève fort, »war zu Grunde gerichtet, seit dem amerikanischen Kriege, an welchem mein Vater und mein älterer Bruder Theil genommen hatten «

»Beide Edelleute?« versetzte Maurice.

»Nein, nein,« entgegnete Geneviève erröthend.

»Sie haben mir doch gesagt, Ihr Mädchenname sei Geneviève du Treilly gewesen«

»Ohne Partikel, Herr Maurice; meine Familie war reich, gehörte aber in keiner Hinsicht zum Adel.«

»Sie mißtrauen mir,« versetzte lächelnd der junge Mann.

»Oh! nein, nein,« erwiderte Geneviève. »In Amerika war mein Vater mit dem Vater von Herrn Morand in Verbindung getreten; Herr Dirmer war der Geschäftsfreund von Herrn Morand. Dieser sah, daß wir Grunde gerichtet waren, er wußte, daß Herr Dirmer ein unabhängiges Vermögen besaß, und stellte ihn meine Vater vor, der ihn wiederum mir vorstellte. Ich bemerkte daß man zum Voraus eine Heirath beschlossen hatte, ich begriff, daß dies der Wunsch meiner Familie war, ich liebte nicht, hatte nie geliebt, und willigte ein. Seit drei Jahren bin ich die Frau von Dirmer und ich muß sagen, seit drei Jahren ist mein Gatte so gut, so vortrefflich gegen mich gewesen, daß ich trotz der von ihnen wahrgenommenen Verschiedenheit des Geschmacks und des Alters die Verbindung nicht einen Augenblick bereut habe.«

»Doch als Sie Herrn Dirmer heiratheten, stand er noch nicht an der Spitze dieser Fabrik?«

»Nein, wir wohnten in Blois. Nach dem 10. August kaufte Herr Dirmer dieses Haus und die dazu gehörigen Werkstätten; damit ich nicht mit den Arbeiten vermengt wäre, und um mir sogar den Anblick der Dinge zu ersparen, welche meine, wie Sie sagten, ein wenig aristokratischen Gewohnheiten hätten verletzen können, schenkte er mir diesen Pavillon, wo ich allein, zurückgezogen, nach meinem Geschmacke, nach meinen Wünsche und glücklich lebe, wenn ein Freund, wie Sie, Maurice, kommt, um meine Träumereien zu zerstreuen oder zu theilen.«

Nach diesen Worten reichte Geneviève Maurice ein Hand, die dieser inbrünstig küßte.

Geneviève erröthete leicht.

»Nun, mein Freund,« sagte sie, indem sie ihre Hand zurückzog, »nun wissen Sie, wie es kommt, daß ich die Frau von Herrn Dirmer bin.«

»Ja,« versetzte Maurice, Geneviève fest anschauend »doch Sie sagen mir nicht, wie Herr Morand der Associé von Herrn Dirmer geworden ist?«

»Oh! das ist ganz einfach. Herr Dirmer hatte, wie ich Ihnen sagte, einiges Vermögen, doch nicht genug, um für sich allein eine Fabrik von der Wichtigkeit dieser zu übernehmen. Der Sohn von Herrn Morand, seinem Beschützer, wie ich Ihnen sagte, von diesem Freunde meines Vaters, wie Sie sich erinnern, schoß die Hälfte der Fonds zu, und da er Kenntnisse in der Chemie besaß, gab er sich der Ausbeutung mit jener Thätigkeit hin, welche Sie selbst bemerken konnten, und durch die der Handel von Herrn Dirmer, der von ihm mit dem ganzen materiellen Theile beauftragt wurde, eine ungeheure Ausdehnung gewonnen hat.«

»Und Herr Morand ist auch einer von Ihren guten Freunden, nicht wahr, Madame?«

»Herr Morand ist eine edle Natur, eines von den erhabensten Herzen, die sich unter dem Himmel finden,« antwortete Geneviève mit ernstem Tone.

»Wenn er Ihnen keine andere Proben davon gegeben hat,« sagte Maurice etwas gereizt durch die Wichtigkeit, welche die junge Frau dem Associé ihres Mannes beilegte, »als die, daß er die Kosten des Etablissement mit Herrn Dirmer theilte und eine neue Farbe für den Maroquin erfand, so erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß das Lob, das Sie ihm spenden, sehr pomphaft ist.«

»Er hat mir noch andere Beweise gegeben, mein Herr,« erwiderte Geneviève.

»Doch er ist noch jung, nicht wahr?« fragte Maurice, obgleich es bei seiner grünen Brille schwierig ist, zu sagen, welches Alter er hat.«

»Er ist fünf und dreißig Jahre alt.«

»Sie kennen sich seit langer Zeit?«

»Seit unserer Kindheit.«

Maurice biß sich aus die Lippen. Er hatte Morand stets im Verdacht gehabt, er liebe Geneviève.

»Ah!« sagte Maurice, »das erklärt seine Vertraulichkeit mit Ihnen.«

»In den Schranken gehalten, wie Sie stets gesehen haben, mein Herr,« entgegnete Geneviève lächelnd, »es scheint diese Vertraulichkeit, welche kaum die eines Freundes ist, bedurfte keiner Erklärung.«

»Oh! verzeihen Sie, Madame, Sie wissen, daß ich lebhafte Zuneigung ihre Eifersucht hat, und meine Freundschaft war eifersüchtig auf die, welche Sie für Herr Morand zu hegen schienen.«

Er schwieg. Geneviève schwieg ebenfalls. Es war an diesem Tage nicht mehr die Rede von Morand, und Maurice verließ diesmal Geneviève verliebter als je, denn er war eifersüchtig.

So blind auch der junge Mann war, welche Binde, ihm seine Leidenschaft um die Augen legte, welche Unruhe sie auch in sein Herz brachte, so fanden sich doch in der Erzählung von Geneviève viele Lücken, viele Stockungen, viele Verschweigungen, auf welche er im Augenblick nicht aufmerksam geworden war, die ihm aber später wieder den Kopf kamen, ihn seltsam peinigten, ohne daß er dabei die große Freiheit, welche ihm Dirmer ließ, mit Geneviève so oft und so lange, als es ihm gefiel, zu plaudern, und die Einsamkeit, in der sich Beide jeden Abend befanden, zu beruhigen vermochten. Mehr noch, Maurice, der der tägliche Gast des Hauses geworden war blieb nicht nur in völliger Sicherheit mit Geneviève welche übrigens gegen die Wünsche des jungen Mann durch ihre Engelreinheit beschützt zu sein schien, sondern begleitete sie auch bei den Gängen, die sie von Zeit zu Zeit im Quartiere zu machen genöthigt war.

Inmitten dieses vertraulichen Verhältnisses, das er im Hause gewonnen hatte, setzte ihn Eines in Erstaunen, dies war der Umstand, daß je mehr er, allerdings vielleicht, um die Gefühle besser bewachen zu können, die er bei ihm für Geneviève voraussetzte, daß je mehr er, sagen wir, nähere Bekanntschaft mit Morand zu machen suchte dessen Geist ihn, trotz seiner Vorurtheile, verführte, dessen erhabene Manieren ihn ungemein anzogen, dieser seltsam Mann sich absichtlich immer mehr von Maurice zu entfernen bemüht war. Er beklagte sich bitter bei Geneviève, denn er zweifelte nicht, daß Morand in ihm einen Nebenbuhler errathen hatte und daß es von seiner Seite die Eifersucht war, was ihn von ihm entfernte.

»Der Bürger Morand haßt mich,« sagte er eines Tages zu Geneviève.

»Sie,« entgegnete Geneviève, indem sie ihn mit ihrem schönen, erstaunten Auge anschaute; »Sie, mein Herr, Morand haßt Sie?«

»Ja, ich bin dessen sicher.«

»Und warum soll« er Sie hassen?«

»Soll ich es Ihnen sagen?« rief Maurice.

»Gewiß,« versetzte Geneviève.

»Nun wohl … weil ich . . .«

Maurice hielt inne. Er wollte sagen: »weil ich Sie liebe.«

»Ich kann Ihnen nicht mittheilen, warum,« sprach Maurice erröthend. Der wilde Republikaner war bei Geneviève schüchtern und verzagt wie ein Mädchen.

Geneviève lächelte.

»Sagen Sie,« versetzte sie, »sagen Sie, es finde keine Sympathie zwischen Ihnen statt, und ich werde Ihnen vielleicht glauben. Sie sind eine glühende Natur, ein glänzender Geist, ein Mann von ausgezeichnetem Charakter. Morand ist ein auf einen Chemiker gepfropfter Kaufmann. Er ist schüchtern, er ist bescheiden. Und diese Schüchternheit, diese Bescheidenheit verhindern ihn, den einen Schritt Ihnen entgegen zu thun.«

»Und wer verlangt, daß er mir den ersten Schritt entgegen thun soll? Ich habe fünfzig ihm entgegen gethan. Er hat mir nie geantwortet. Nein,« fuhr Maurice den Kopf schüttelnd fort, »nein, es ist sicherlich nicht dieses.«

»N»n, was ist es denn?«

Maurice zog es vor, zu schweigen.

Am andern Tage, nachdem er diese Erklärung mit Geneviève gehabt hatte, kam er Nachmittags um zwei Uhr zu ihr; er fand sie in einer Ausgangstoilette.

»Ah! seien Sie willkommen,« sagte Geneviève, »Sie werden mir als Ritter dienen.«

»Und wohin gehen Sie?« fragte Maurice.

»Ich muß nach Auteuil. Das Wetter ist köstlich und ich wünschte ein wenig zu Fuß zu gehen; unser Wagen wird uns bis jenseits der Barrière führen, dann gehen wir zu Fuße nach Auteuil, und wenn ich beendigt habe, was mir in Auteuil zu besorgen obliegt, kehren wir zurück und nehmen wieder unsern Wagen, der bei der Barrière auf uns wartet.«

»Oh!« rief Maurice entzückt, »welch einen herrlichen Tag bieten Sie mir!«

Die zwei jungen Leute entfernten sich. Jenseits der Barrière stiegen sie aus, sprangen leicht auf den Rand des Weges und setzten ihre Promenade zu Fuß fort.

Als sie nach Auteuil kamen, blieb Geneviève stehen.

»Erwarten Sie mich am Saume des Parkes,« sagt sie, »wenn ich meine Angelegenheiten beendigt habe, hole ich Sie wieder ab.«

»Zu wem gehen Sie?«

»Zu einer Freundin.«

»Zu der ich Sie nicht begleiten kann?«

Geneviève schüttelte lächelnd den Kopf und erwiderte:

»Unmöglich,«

Maurice biß sich aus die Lippen.

»Es ist gut,« sagte er, »ich werde warten.«

»Was denn?« fragte Geneviève.

»Nichts,« antwortete Maurice. »Werden Sie lange ausbleiben?«

»Wenn ich Sie zu belästigen geglaubt hätte, wenn ich gewußt hätte, daß Ihr Tag in Anspruch genommen ist,« versetzte Geneviève, »so hätte ich Sie nicht um den kleinen Dienst, mit mir zu kommen, gebeten; ich hätte mich von . . . .«

»Von Herrn Morand begleiten lassen,« unterbrach sie Maurice lebhaft.

»Nein, Sie wissen, daß Herr Morand in der Fabrik von Rambouillet ist und erst diesen Abend zurückkommen soll.«

»Ah! diesem Umstande habe ich den Vorzug zu verdanken?«

»Maurice,« sprach Geneviève mit sanftem Tone, ich kann die Person, mit der ich mich zusammen beschieden, nicht warten lassen: wenn es Ihnen lästig wird, mich zu führen, so kehren Sie nach Paris zurück, nur schicken Sie mir meinen Wagen.«

»Nein, nein, Madame,« versetzte Maurice lebhaft.

Und er grüßte Geneviève; diese stieß einen schwachen Seufzer aus und ging nach Auteuil hinein,

Maurice begab sich zu der verabredeten Stelle, spazierte auf und ab und schlug mit seinem Stocke, wie Tarquinius, alle Köpfe von Gräsern, Blumen oder Disteln ab, die er auf seinem Wege fand. Dieser Weg war indessen auf einen kleinen Raum beschränkt; wie alle sehr unruhige Menschen, drehte sich Maurice immer nach wenigen Schritten wieder um.

Was Maurice so sehr beunruhigte war, daß er durchaus hätte wissen mögen, ob ihn Geneviève liebte oder nicht liebte: ihr ganzes Benehmen gegen den jungen war das einer Schwester und einer Freundin; doch er fühlte, daß dies nicht mehr genügte. Er liebte mit seiner vollen Liebe. Sie war der einzige Gedanke seiner Tage, der unablässig erneuerte Traum seiner Nächte geworden. Früher verlangte er nichts Anderes, als Geneviève wiederzusehen, jetzt war dies nicht mehr genug: Geneviève mußte ihn lieben.

Geneviève blieb eine Stunde abwesend, die ihm ein Jahrhundert dünkte; dann sah er sie mit einem Lächeln auf den, Lippen erscheinen. Maurice trat im Gegentheil mit gefalteter Stirne auf sie zu. Unser armes Herz ist so beschaffen, daß es den Schmerz gerade aus dem Schoß des Glückes zu schöpfen trachtet.

Geneviève nahm lächelnd den Arm von Maurice.

»Hier bin ich,« sagte sie; »verzeihen Sie, mein Freund daß ich Sie habe warten lassen.«

Maurice antwortete durch eine Bewegung des Kopfes und Beide wählten den Weg durch eine weiche, reizende schattige, buschige Allee, welche sie auf einem Umweg nach der Landstraße zurückführen sollte.

Es war einer von den köstlichen Frühlingsabende wo jede Pflanze dem Himmel ihre Ausströmung zusendet, wo jeder Vogel, unbeweglich auf dem Zweige oder durch das Gesträuch hüpfend, Gott seine Liebeshymne zuwirft, einer von jenen Abenden endlich, welche in der Erinnerung zu leben bestimmt scheinen.

Maurice war stumm; Geneviève war nachdenkend, sie entblätterte mit einer Hand die Blumen eines Straußes, den sie mit ihrer andern Hand hielt, welche aus den Arm von Maurice gestützt war.

»Was haben Sie?« fragte plötzlich Maurice, »und was macht Sie heute so traurig?«

Geneviève hatte ihm antworten können: Mein Glück!

Sie schaute ihn mit ihrem sanften, poetischen Blick an und, sprach:

»Aber Sie selbst, sind Sie nicht trauriger als gewöhnlich?«

»Ich,« versetzte Maurice, »ich habe ein Recht, traurig zu sein, ich bin unglücklich; doch Sie . . .«

»Sie, unglücklich?«

»Allerdings; bemerken Sie nicht zuweilen am Zittern, meiner Stimme, daß ich leide? Begegnet es mir nicht, wenn ich mit Ihnen oder Ihrem Gatten spreche, daß ich plötzlich aufstehe und genöthigt bin, vom Himmel Luft zu verlangen, weil es mir vorkommt, als zerspränge mein Brust?«

»Welchem Umstande schreiben Sie dieses Leiden zu? fragte Geneviève verlegen

»Wenn ich ein geziertes Mädchen wäre,« sagte Maurice mit einem schmerzlichen Gelächter, »so würde ich Ihnen antworten, ich leide an den Nerven.«

»Und in diesem Augenblick leiden Sie?«

»Sehr.«

»Dann lassen Sie uns nach Hause zurückkehren.«

»Schon, Madame?«

.Allerdings.«

»Ah! es ist wahr,« murmelte der junge Mann, »ich vergaß, daß Herr Morand mit Einbruch der Nacht von Rambouillet zurückkommen soll, und daß die Nacht eben anbricht.«

Geneviève schaute ihn mit einem Ausdruck des Vorwurfes an.

»Ei! abermals,« sagte sie.

»Warum haben Sie neulich Herrn Morand ein so pomphaftes Lob gespendet?« versetzte Maurice. »Es ist Ihr Fehler.«

»Seit wann darf man in Gegenwart von Leuten, die man achtet, nicht sagen, was man von einem achtbaren Manne denkt?«

»Es ist eine sehr lebhafte Achtung, welche die Schritte so sehr beschleunigen macht, wie Sie es in diesem Augenblicke thun, aus Furcht, einige Minuten zu spät zu kommen.«

»Sie sind heute unendlich ungerecht, Maurice; habe ich nicht einen Theil des Tages mit Ihnen zugebracht?«

»Sie haben Recht, und ich bin in der That zu anspruchsvoll,« versetzte Maurice, der sich dem Ungestüm seines Charakters hingab. »Wir wollen Herrn Morand wiedersehen, vorwärts.«

Geneviève fühlte den Aerger von ihrem Geiste in ihr Herz übergehen.

»Ja,« sagte sie, »wir wollen Herrn Morand wiedersehen. Dieser ist wenigstens ein Freund, der mir nie eine

Pein bereitet.

»Solche Leute sind kostbare Freunde,« sagte Maurice, vor Eifersucht erstickend, »und ich weiß, daß ich meines Theils ähnliche kennen zu lernen wünschte«

Sie waren in diesem Augenblick aus der Landstraße. Der Horizont röthete sich; die Sonne fing an zu verschwinden und ließ ihre letzten Strahlen auf den, vergoldeten Simswerk des Doms der Invaliden funkeln. Ein Stern, der erste, derjenige, welcher schon an einem anderen, Abend die Blicke von Geneviève auf sich gezogen hat, glänzte im flüssigen Azur des Himmels.

Geneviève verließ den Arm von Maurice mit duldender Traurigkeit und sprach:

»Was haben Sie mich denn leiden zu machen?«

»Ah!« versetzte Maurice, »das geschieht, weil ich minder geschickt bin, als gewisse Menschen, die ich kenne, ich nicht weiß, wie man sich Liebe erringt.«

» Maurice! . . .« rief Geneviève.

»Oh! Madame, wenn er beständig gut, beständig gleich ist, so ist dies nur der Fall, weil er nicht leidet.

Geneviève stützte abermals ihre weiße Hand auf den mächtigen Arm von Maurice.

»Ich bitte Sie,« sagte sie mit bebender Stimme, »sprechen Sie nicht mehr, sprechen Sie nicht mehr.«

»Und warum?«

»Weil mir Ihre Stimme weh thut.«

»Also mißfällt Ihnen Alles an mir, sogar meine Stimme?«

»Schweigen Sie, ich beschwöre Sie.«

»Ich werde gehorchen, Madame.«

Und der ungestüme junge Mann fuhr mit der Hand über seine von Schweiß befeuchtete Stirne.

Geneviève sah, daß er wirklich litt. Die Natur von der Art von Maurice haben unbekannte Schmerzen.

»Sie sind mein Freund, Maurice,« sagte Geneviève, indem sie ihn mit einem himmlischen Ausdruck anschaute ein kostbarer Freund für mich: Maurice, machen Sie, daß ich meinen Freund nicht verliere.«

»Oh! Sie würden seinen Verlust nicht lange bedauern.«

«Sie täuschen sich, ich würde ihn lange bedauern, immer!«

»Geneviève! Geneviève!« rief Maurice, »haben Sie Mitleid mit mir!«

Geneviève schauerte.

Es war das erste Mal, daß Maurice ihren Namen mit so tiefen Ausdruck sprach,

»Nun wohl,« fuhr Maurice fort, »da Sie mich errathen haben, so lassen Sie mich Alles sagen, Geneviève; und sollten Sie mich auch mit einem Blicke tödten. . . ich schweige zu lange; ich werde sprechen, Geneviève.«

»Mein Herr,« rief die junge Frau, »ich habe Sie im Namen unserer Freundschaft angefleht, zu schweigen; mein Herr, ich flehe Sie abermals an, daß Sie meinetwegen schweigen, wenn Sie es nicht Ihretwegen thun wollen, kein Wort mehr, im Namen des Himmels, kein Wort mehr!«

»Die Freundschaft, die Freundschaft. Ah! wenn Sie eine Freundschaft der ähnlich, welche Sie für mich hegen, auch für Herrn Morand haben, so leiste ich Verzicht auf Ihre Freundschaft, Geneviève: ich brauche mehr als Andere.«

»Genug,« versetzte Madame Dirmer mit einer königlichen Geberde, »genug, Herr, Lindey; hier ist unser Wagen, wollen Sie mich zu meinem Gatten zurückführen.«

Maurice zitterte vor Fieber und Aufregung; als Geneviève, um zum Wagen zurückzukehren, der nur ein paar schritte entfernt stand, ihre Hand auf den Arm von Maurice legte, kam es dem jungen Mann vor, als wäre diese Hand von Flammen. Beide stiegen in den Wagen, fuhr durch ganz Paris, ohne daß Eines oder das Andere ein Wort gesprochen hätte. Nur hielt Geneviève auf der ganzen Fahrt ihr Sacktuch vor die Augen.

Als sie nach der Fabrik zurückkamen, war Dirmer in seinem Arbeitscabinet beschäftigt; Morand kehrte von Rambouillet nach Hause und wechselte eben die Kleider. Geneviève reichte Maurice in ihr Zimmer tretend die Hand und sagte zu ihm:

»Leben Sie wohl, Maurice, Sie haben es gewollt!

Maurice antwortete nicht, er ging gerade auf Kamin zu, wo ein Miniaturbild Geneviève vorstellt hing: er küßte es glühend, drückte es an sein Herz, brachte es wieder an seinen Platz und verließ das Zimmer.

Maurice kehrte in seine Wohnung zurück, ohne wissen wie; er durchschritt Paris, ohne etwas zu sehen ohne etwas zu hören; die Dinge waren vor ihm vorgefallen wie in einem Traum, und er konnte sich weder von seinen Handlungen, noch von seinen Worten, noch von dem Gefühl, das ihm dieselben eingeflößt, Rechenschaft ablegen. Es gibt Augenblicke, wo die heiterste, die kräftigste Seele sich zu Heftigkeiten hinreißen läßt, welche die untergeordneten Gewalten der Einbildungskraft fehlen.

Maurice ging nicht nach Hause, er lief: er entkleidete sich ohne die Hilfe seines Kammerdieners; er antwortete seiner Köchin nicht, die ihm ein bereitstehendes Abendbrot zeigte, nahm, die Briefe des Tages vom Tische, las sie alle, einen nach dem andern, oh ein einziges Wort zu verstehen. Der Nebel der Eifersucht, der Rausch der Vernunft waren noch nicht verschwunden.




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notes



1


Muscadin nannte man während der Revolution in Frankreich die nach der Mode gekleideten Herren, besonders wegen der wohlgerüche, die sie verbreiteten, im Gegensatz zu den Sans-culottes.




2


A Orient, im Osten


