Indiana
George Sand




George Sand

Indiana





Erstes Kapitel


An einem regnerischen, kühlen Herbstabend saßen in einem kleinen Schloß der Brie drei Personen und sahen, in Nachdenken versunken, das Holz im Kamin verbrennen und den Zeiger an der Uhr langsam vorrücken. Zwei dieser Schweigsamen schienen sich der Langweile geduldig zu ergeben. Der dritte der Anwesenden dagegen bewegte sich auf seinem Sitze unruhig hin und her, erstickte halblaut ein melancholisches Gähnen und schlug mit der Feuerzange auf die funkensprühenden Holzstücke.

Es war der Herr des Hauses, der Oberst Delmare, ein alter Degenknopf auf Halbsold, früher schön, jetzt von schwerfälliger Körperfülle, mit kahler Stirn, grauem Bart und ein Paar Augen, vor deren Blick alles zitterte, Frau, Diener, Pferde und Hunde. In seiner Ungeduld begann er endlich mit schwerem Schritte die ganze Länge des Salons auf und ab zu messen, in jener militärisch steifen Haltung, welche den Mann der Parade und den Musteroffizier charakterisiert.

Aber jene Tage des Glanzes, wo der Leutnant Delmare mit der Luft des Feldlagers Ruhm und Triumphe einatmete, waren längst vergangen. Der höhere Offizier außer Dienst, von dem undankbaren Vaterland vergessen, sah sich jetzt verurteilt, die Folgen einer spät geschlossenen Ehe zu tragen. Er war Gatte einer jungen, hübschen Frau, Besitzer eines bequemen Schlosses und dazu ein in seinen Spekulationen glücklicher Fabrikherr. Während er seinen alten, im Geschmack der Zeit Ludwig XV. möblierten Salon durchschritt, warf er bei jeder Wendung seiner Promenade einen scharfen Blick auf die beiden Genossen dieses schweigsamen Abends und wandte dabei seiner Frau jene argwöhnische Aufmerksamkeit zu, mit welcher er nun seit drei Jahren diesen gebrechlichen und kostbaren Schatz hütete.

Denn seine Frau war erst neunzehn Jahre alt, und wenn man sie in der Ecke dieses ungeheuren Kamins von weißem Marmor sah, so schmächtig, so bleich, so traurig, den Ellbogen auf ihre Knie gestützt, so jung, inmitten dieser alten Haushaltung, so mußte man wohl die Gattin des Obersten Delmare beklagen und vielleicht den greisen Oberst noch mehr.

Die dritte Person, ein Mitbewohner dieses einsamen Hauses, saß an der anderen Seite des Kamins. Es war ein Mann in der vollen Kraft und Blüte seiner Jugend, dessen reiches, hellblondes Haar und wohlgepflegter Backenbart in grellem Gegensatz zu dem grauen Haar, der fahlen Gesichtsfarbe und den rauhen Zügen des Hausherrn standen; aber man brauchte nicht Künstler zu sein, um den rauhen und strengen Ausdruck Herrn Delmares den regelmäßigen nichtssagenden Gesichtszügen des jungen Mannes vorzuziehen; wenn er schon wegen der kräftigen Bildung seiner Formen, der glatten Weiße seiner Stirn, der Ruhe und Klarheit seiner Augen, seiner schönen Hände und sogar wegen der ausgesuchten Eleganz seiner Jagdkleidung in den Augen jeder Frau, die in der Liebe dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts huldigte, für einen schönen Kavalier gelten durfte. Aber vielleicht bestand zwischen dieser schwächlichen leidenden Frau und diesem schläfrigen und mit gutem Appetit gesegneten Manne durchaus gar keine Sympathie. Gewiß ist, daß sich das Argusauge des Eheherrn vergeblich anstrengte, zwischen diesen beiden so ungleichen Wesen einen wärmeren Blick oder ein schnelleres Aufatmen der Brust zu entdecken.

Das einzige glückliche Geschöpf in dieser Gruppe war ein schöner Jagdhund, welcher seinen Kopf auf die Knie des am Kamin sitzenden Mannes gelegt hatte. Er zeichnete sich durch seinen schlanken Wuchs, seine spitze, fast der eines Fuchses ähnlichen Schnauze und sein kluges Gesicht aus, welches ganz von verwirrten Haaren starrte, zwischen denen zwei große, gelbe Augen hervorglänzten. Diese Augen, die in der Hitze der Jagd so blutgierig blicken können, zeigten jetzt einen Ausdruck von unbeschreiblicher Zärtlichkeit, und wenn der Herr, der Gegenstand dieser Liebe, das silbergraue Seidenhaar des schönen Hundes streichelte, glänzten dessen Augen vor Vergnügen, während sein langer Schwanz den Kamin taktmäßig fegte. Endlich ließ das Tier ein leichtes schüchternes Bellen hören und setzte seine beiden Pfoten auf die Schultern seines geliebten Herrn.

»Leg' dich, Ophelia, leg' dich!« gebot der junge Mann und richtete in englischer Sprache einen ernsten Tadel an das gelehrige Tier, welches beschämt zu Frau Delmare kroch, als wolle es sie um ihren Schutz bitten. Aber Frau Delmare verharrte in ihrem träumerischen Sinnen und ließ Ophelias Kopf ohne Liebkosung auf ihren beiden weißen Händen ruhen, die sie über ihrem Knie gefaltet hielt.

»Dieser Hund ist also im Salon völlig eingebürgert?« sagte der Oberst, heimlich erfreut, einen Ableiter für seine üble Laune zu finden. »In den Stall, Ophelia! fort, dummes Tier!«

Wenn jemand jetzt Frau Delmare beobachtet hätte, so würde er bei diesem geringfügigen Anlaß das schmerzliche Geheimnis ihres ganzen Lebens haben erraten können. Ein unmerklicher Schauer überlief ihren Körper und ihre Hände umklammerten heftig den Hals des Tieres, wie um es zu beschützen. Herr Delmare zog seine Jagdpeitsche aus der Rocktasche und ging mit drohender Miene auf die arme Ophelia los. Frau Delmare wurde noch blässer als gewöhnlich; ihr Busen wogte krampfhaft und mit einem Ausdruck unaussprechlichen Schreckens, ihre großen blauen Augen auf ihren Gatten richtend, rief sie:

»Um Gottes willen, mein Herr, töten Sie das unschuldige Tier nicht!«

Diese wenigen Worte genügten, den Zorn des alten Soldaten zu dämpfen.

»Das ist ein Vorwurf,« sagte er peinlich berührt, »mit dem du mich seit dem Tage verfolgst, wo ich auf der Jagd in meinem Unmut dein Windspiel niederschoß. Ist denn ein Hund, der auf keinen Zuruf hört und das Wild verscheucht, ein so großer Verlust? Übrigens hast du ihn erst seit seinem Tode lieben gelernt, vorher beachtetest du ihn nicht; aber jetzt ist es eine willkommene Gelegenheit, mir Vorwürfe zu machen.«

»Habe ich dir je einen Vorwurf gemacht?« fragte Frau Delmare sanft.

»Das habe ich nicht behauptet,« erwiderte der Oberst, in fast väterlichem Tone, »aber in den Tränen gewisser Frauen liegen herbere Vorwürfe, als in den härtesten Worten. Zum Henker, du weißt wohl, daß ich in meiner Nähe nicht gern weinen sehe.«

»Du siehst mich niemals weinen, denke ich.«

»Aber ich sehe fortwährend deine geröteten Augen, und das ist meiner Treu noch schlimmer!«

Während dieser ehelichen Auseinandersetzung war der junge Mann aufgestanden und hatte mit der größten Ruhe Ophelia hinausgeführt, dann setzte er sich wieder Frau Delmare gegenüber, nachdem er ein Licht angezündet und es auf den Rand des Kamins gestellt hatte. Sobald das Antlitz der jungen Frau durch das Licht eine schärfere Beleuchtung erhielt, bemerkte Herr Delmare ihre leidende Miene, ihre krankhafte Gesichtsfarbe und den matten Blick ihrer umränderten Augen. Er trat zu ihr und fragte sie mit der Unbeholfenheit eines Mannes, dessen Herz und Charakter selten in Einklang sind, kurz und abgebrochen:

»Wie befindest du dich heute, Indiana?«

»Wie gewöhnlich, ich danke dir,« antwortete sie, ohne Überraschung oder Groll zu zeigen.

»Wie gewöhnlich! Das ist eine Antwort, die weder gut noch schlecht bedeutet. Ich weiß, daß du dich nicht wohl befindest, das hast du selbst Sir Ralph gesagt. Oder ist das nicht wahr? Sprechen Sie, hat sie es gesagt?«

»Sie hat es mir gesagt,« antwortete Sir Ralph phlegmatisch, ohne den vorwurfsvollen Blick zu beachten, den Indiana ihm zuwarf.

In diesem Augenblicke trat eine vierte Person ein, Es war das Faktotum des Hauses, ein ehemaliger Sergeant im Regiment des Herrn Delmare.

»Er habe Grund zu glauben,« erklärte er, »daß sich Kohlendiebe in den vergangenen Nächten um die jetzige Stunde in den Park eingeschlichen hätten. Er wolle, ehe er die Türen schlösse, seine Runde machen und bat um eine Flinte.« Herr Delmare holte sogleich zwei Jagdflinten und gab Lelièvre eine davon.

»Wie?« rief Frau Delmare entsetzt, »du wolltest einiger Säcke Kohlen wegen einen armen Bauer töten?«

»Ich schieße jeden Menschen, der sich des nachts bei mir einschleicht, wie einen Hund nieder,« antwortete Delmare gereizt. »Das Gesetz gibt mir die Vollmacht dazu.«

»Das ist ein abscheuliches Gesetz!« erwiderte Indiana. Sie war im Begriff, heftig zu werden, bezwang sich jedoch und fügte in sanfterem Tone hinzu: »Aber deine Gicht? Du wirst morgen Schmerzen haben, wenn du in diesem Regen hinausgehst.«

»Du hast gewaltige Furcht, deinen alten Gatten pflegen zu müssen!« antwortete Delmare, indem er unter Verwünschungen über sein Alter und seine Frau mit heftigen Schritten hinausging.




Zweites Kapitel


Indiana Delmare und Sir Ralph Brown beobachteten, als sie allein waren, dieselbe kalte Gleichgültigkeit wie vorher. Endlich brach sie das Stillschweigen und sagte im Tone sanften Vorwurfs:

»Es war doch nicht recht, lieber Ralph; ich hatte dich gebeten, Herrn Delmare nicht zu verraten, daß ich mich leidend fühle. Er ist der letzte, der von meiner Krankheit wissen soll.«

»Ich begreife dich nicht, Liebe,« antwortete Sir Ralph; »du hast unrecht, dich so gegen den Oberst zu erbittern; er ist ein Mann von Ehre.«

»Und wer sagt denn das Gegenteil, Sir Ralph? …«

»Ei, du selbst, ohne es zu wissen. Deine Traurigkeit, dein krankhafter Zustand und, wie er selbst bemerkt, deine roten Augen sagen jedermann, daß du nicht glücklich bist …«

»Schweigen Sie, Sir Ralph, Ich habe Ihnen nicht erlaubt, so viel Dinge zu wissen.«

»Nun ja, ich bin dir nicht fein genug, ich kenne die Subtilitäten deiner Sprache nicht, ich weiß nicht, was man in englischer oder französischer Sprache den Frauen sagen muß, um sie zu trösten. Ein anderer hätte die Kunst besser verstanden dein Vertrauen zu gewinnen, und vielleicht wäre es ihm gelungen, dein Herz, das gegen mich kalt und verschlossen bleibt, zu beruhigen. Ich mache nicht zum erstenmal die Erfahrung, wie in Frankreich die Worte eine größere Herrschaft haben als die Gedanken. Besonders die Frauen …«

»O, du hegst eine tiefe Verachtung gegen die Frauen, lieber Ralph. Ich stehe hier allein gegen zwei und muß mich also drein ergeben, niemals recht zu haben.«

»Gib uns unrecht, liebe Cousine, indem du deine frühere Heiterkeit, Frische und Lebhaftigkeit wieder annimmst. Denke an die Insel Bourbon und unsere köstliche Einsiedelei in Bernica, an unsere heitere Kindheit und unsere Freundschaft, die so alt ist, wie du …«

»Ich denke auch an meinen Vater …,« sagte Indiana mit schmerzlichem Nachdruck, indem sie Ralphs Hand ergriff.

Sie versanken in ein tiefes Stillschweigen.

»Indiana,« begann Ralph nach einer Pause, »was fehlt dir? Du lebst in einem Wohlstande, der dem Reichtum vorzuziehen ist, hast einen trefflichen Gatten, der dich vom ganzen Herzen liebt, und, ich wage es zu sagen, einen aufrichtigen, ergebenen Freund.«

Frau Delmare drückte leise Ralphs Hand, änderte aber ihre Stellung nicht; ihr Kopf blieb auf ihren Busen geneigt und ihr feuchtes Auge auf die Kohlenglut im Kamin gerichtet.

»Deine Traurigkeit, liebe Freundin,« fuhr Ralph fort, »ist ein krankhafter Zustand. Wer von uns kann dem Trübsinn, dem Spleen entgehen! Blicke um dich und du wirst viele Leute finden, die dich mit Recht beneiden. So ist aber der Mensch, immer richtet sich sein Sehnen auf das, was er nicht hat.«

Sir Ralph befand sich hier nicht in seinem Elemente. Es fehlte ihm weder an Verstand, noch an Bildung, aber eine Frau zu trösten, war eine Aufgabe, die seine Kräfte überstieg. Er begriff den Kummer anderer so wenig und fühlte seine Ungeschicklichkeit so sehr, daß er es selten wagte, eine Pflicht der Freundschaft zu erfüllen, die er für die peinlichste hielt.

Während wieder Schweigen herrschte, vernahm man nur noch die tausend leisen Stimmen, welche in dem brennenden Holze knisterten, das Pfeifen des Windes und das Rauschen des gegen die Fenster schlagenden Regens. Dieser Abend war einer der trübsten, welche Frau Delmare in ihrem kleinen Schloß der Brie zugebracht hatte. Auch lastete eine unbestimmte Ahnung auf ihrem, jedem Eindruck leicht zugänglichen Gemüte. Sie besaß allen Aberglauben einer nervösen Kreolin; gewisse Stimmen der Natur, das eigentümliche Licht des Mondes ließen sie an ein bevorstehendes Unglück glauben, und die Nacht hatte für diese träumerische und melancholische Frau eine Sprache voll Geheimnisse und Visionen, welche sie je nach ihren augenblicklichen Sorgen und Körperleiden zu deuten pflegte.

»Du wirst mir wieder sagen, ich sei töricht,« bemerkte sie, indem sie ihre Hand, welche Sir Ralph noch immer hielt, zurückzog; »aber es droht jemandem … wahrscheinlich mir … eine Gefahr; ich fühle mich aufgeregt, als wenn mir eine neue Gestaltung meines Schicksals bevorstände … Ich fürchte mich,« fügte sie schaudernd hinzu.

Und ihre Lippen wurden so bleich wie ihre Wangen, Erschrocken über ihre tötliche Blässe, zog Sir Ralph die Klingel, um Hilfe herbeizurufen. Niemand kam, und da Indiana immer schwächer wurde, legte er sie auf eine Chaise longue, eilte durch alle Zimmer, Wasser und flüchtige Salze suchend, ohne sie zu finden, zerriß alle Klingeln und rang die Hände vor Ungeduld und Unmut über sich selbst.

Endlich kam er auf den Gedanken, die Glastür, die nach den Park führte, zu öffnen, und nach Lelièvre und nach Indianas Kammermädchen, der Kreolin Noun, zu rufen.

Einige Augenblicke nachher kam Noun aus einer der finstersten Alleen des Parkes hervor und fragte lebhaft, ob Frau Delmare sich kränker als gewöhnlich fühle.

»Ja, sehr krank,« antwortete Herr Brown.

Beide traten in den Salon und eilten der ohnmächtig gewordenen Frau Delmare zu Hilfe.

Noun war ihre Milchschwester und ist gemeinsam mit ihr erzogen worden. Beide liebten sich zärtlich. Noun, groß, stark, strahlend von Gesundheit, lebhaft, flüchtig und voll des heißen, leidenschaftlichen Blutes der Kreolen, übertraf an glänzender Schönheit den bleichen, zarten Reiz Indianas, die gegenseitige große Anhänglichkeit ließ jedoch ein Gefühl weiblicher Rivalität zwischen ihnen nicht aufkommen.

Als Frau Delmare wieder zu sich kam, fiel ihr die Aufregung in den Zügen ihres Kammermädchens, die Unordnung und Nässe ihres Haares, die Unruhe, die sich in ihrem ganzen Wesen zeigte, sofort auf.

»Beruhige dich doch, mein armes Kind,« sagte Indiana freundlich.

Noun drückte die Hand ihrer Herrin an ihre Lippen und frug in einer seltsamen Angst und Verstörtheit:

»Ach Gott, gnädige Frau, wissen Sie, warum Herr Delmare im Park ist?«

»Warum?« wiederholte Indiana, »wenn ich mich recht erinnere, so wollte er –«

»Herr Delmare behauptet, es seien Diebe im Park,« unterbrach sie Noun mit bebender Stimme; »er macht mit Lelièvre die Runde, beide mit Flinten bewaffnet …«

»Nun?« sagte Indiana, welche irgend eine Schreckensnachricht zu erwarten schien.

»Nun,« erwiderte Noun, indem sie in höchster Aufregung die Hände rang, »ist der Gedanke nicht entsetzlich, daß sie einen Menschen töten wollen?«

»Töten?« rief Frau Delmare auffahrend.

»Ja, ja, sie werden ihn töten!« sagte Noun mit unterdrücktem Schluchzen. Sie ging an das Fenster des Salons und von da wieder an die Chaise longue ihrer Herrin zurück und lauschte mit angstvoller Miene auf das geringste Geräusch.

»Aber hast du denn ganz den Verstand verloren?« rief Sir Ralph unwillig. »Siehst du nicht, daß du deine Herrin erschreckst?« Fast in demselben Augenblicke machte der Knall eines Flintenschusses die Fensterscheiben erklirren. Noun sank auf ihre Knie.

»Was für erbärmliche unnötige Weiberfurcht!« schalt Sir Ralph, »man wird ein Kaninchen geschossen haben.«

»Nein, Ralph,« entgegnete Frau Delmare, mit festem Schritt nach der Tür gehend, »ich sage dir, es ist Menschenblut vergossen worden.«

Noun stieß einen durchdringenden Schrei aus.

Jetzt hörte man im Park Lelièvres Stimme. »Gut gezielt, Herr Oberst!« rief er. »Der Räuber liegt auf der Erde! …«

Sir Ralph begann nun ebenfalls unruhig zu werden. Er folgte Frau Delmare, und einige Augenblicke nachher brachte man einen blutenden Menschen ins Haus, der kein Lebenszeichen gab.

»Nicht so viel Lärm und Geschrei!« rief der Oberst in einem Tone, der fast lustig klang, seinen erschreckten Dienern zu, welche sich um den verwundeten drängten; »meine Flinte war nur mit Salz geladen. Ich glaube sogar, ich habe ihn nicht einmal getroffen; er ist aus Schreck heruntergefallen.«

»Und dieses Blut,« fragte Frau Delmare vorwurfsvoll, »fließt es auch bloß aus Schreck?« Mit einer Entschlossenheit, die ihr niemand zugetraut hätte, trat sie zu dem verwundeten und leuchtete mit einem Lichte in sein Gesicht. Statt eines Strolches, wie man erwartet hatte, erblickte man einen jungen Mann mit edlen Zügen, sorgfältig, wie zur Jagd gekleidet. Eine Hand war nur leicht verwundet, aber seine zerrissenen Kleider und seine Ohnmacht ließen auf einen schweren Fall schließen.

»Kein Wunder!« sagte Lelièvre, »er ist ja zwanzig Fuß hoch heruntergefallen. Er ritt gerade auf der Mauerkante, als der Oberst auf ihn schoß. Infolge des Schmerzes ließ er los. Ich habe ihn selbst herunterfallen sehen.«

»Wenn dieser Mensch tot ist, so ist es meine Schuld nicht,« sagte der Oberst, »untersuche einmal die Hand, Indiana, und wenn du ein einziges Schrotkorn darin findest …«

»Ich glaube dir gern,« antwortete Indiana, welche mit einer Kaltblütigkeit und einer moralischen Kraft, deren niemand sie für fähig gehalten hätte, aufmerk sam den Puls und die Halsadern untersuchte. »Auch ist er nicht tot,« fügte sie hinzu, »sondern bedarf schleuniger Hilfe.«

Darauf ließ sie den Verwundeten in den Billardsaal bringen, welcher zunächst lag. Auf einige Bänke breitete man eine Matratze aus, und, von ihren Frauen unterstützt, verband Indiana die verwundete Hand, während Sir Ralph, welcher chirurgische Kenntnisse besaß, einen reichlichen Aderlaß vornahm.

Der Oberst war unter dem Hauseingang bei seinen Dienern geblieben. Er war jetzt ganz zahm geworden, wie immer, sobald er seinem Zorn genug getan hatte. Jeder der Diener teilte seine Ansicht, daß es doch höchst verdächtig sei, wenn jemand sich des nachts über die Mauern einschleicht. Der Gärtner zog seinen Herrn leise beiseite und flüsterte ihm zu, der Eindringling sehe aufs Haar einem jungen Gutsbesitzer ähnlich, der erst seit kurzem in der Nachbarschaft wohne, und den er drei Tage vorher bei dem ländlichen Feste von Rubelles mit Fräulein Noun habe sprechen sehen.

Diese Mitteilung gab Herrn Delmares Ideen eine andere Richtung; seine breite, glänzende und kahle Stirn wurde von einer starken Ader durchfurcht, deren Anschwellen stets der Vorläufer eines Sturmes war,

»Teufel!« sagte er zu sich selbst, indem er die Fäuste ballte, »meine Frau zeigt für diesen Gelbschnabel, der sich bei mir über die Mauern einschleicht, eine ganz auffallende Teilnahme. Dahinter muß ich kommen!«

Bleich und zitternd vor Zorn trat er in den Billardsaal.




Drittes Kapitel


»Beruhige dich,« sagte Indiana, »der Mann wird sich in einigen Tagen wieder erholen, wenigstens hoffen wir es, obgleich er die Sprache noch nicht wiedergefunden hat …«

»Darum handelt es sich nicht,« sagte der Oberst mit gepreßter Stimme, »für mich handelt es sich darum, den Namen dieses interessanten Kranken zu erfahren, und mir zu erklären, wie er so zerstreut sein konnte, die Parkmauer mit der Haustür zu verwechseln.«

»Er ist mir gänzlich unbekannt,« antwortete Frau Delmare mit einer so stolzen Kälte, daß ihr furchtbarer Gatte einen Augenblick wie betäubt war. Aber bald kam er wieder auf seinen eifersüchtigen Verdacht zurück und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ich werde es erfahren, Indiana, sei versichert, ich werde es erfahren …«

Frau Delmare tat, als bemerke sie seine Wut nicht. Um vor seinen Dienern nicht loszubrechen, ging der Oberst hinaus und rief den Gärtner.

»Wie nennt sich jener Herr, der unserem Spitzbuben ähnelt, wie du sagst?«

»Herr von Ramière; er hat vor kurzem das kleine englische Haus des Herrn von Cercy gekauft.«

»Was ist er für ein Mensch? Ist er ein Edelmann, ist er hübsch?«

»Sehr schön und ein Edelmann, wie ich glaube …«

»Das konnte ich mir denken!« erwiderte der Oberst mit Nachdruck. »Sag' mir, Louis, hast du diesen Geck niemals hier herumschweifen sehen?«

»Herr Oberst … schon vergangene Nacht …« erwiderte Louis verlegen, »habe ich deutlich einen Mann an den Fenstern der Orangerie gesehen.«

»Und du bist nicht über ihn hergefallen?«

»Herr Oberst, ich wollte es tun, aber da sah ich eine weißgekleidete Dame aus der Orangerie heraustreten und ihm entgegengehen. Vielleicht sind es der Herr Oberst und die gnädige Frau, dachte ich, die vor Tagesanbruch einen Spaziergang machen, und legte mich wieder zu Bette. Aber diesen Morgen hörte ich, daß Lelièvre von einem Diebe sprach, dessen Fußspuren er im Park gesehen haben wollte, und ich sagte mir, dahinter steckt etwas.«

»Ich verstehe, du erlaubst dir, Gedanken zu haben. Du bist ein Einfaltspinsel. Wenn du noch einmal einen solchen unverschämten Gedanken äußerst, so schneide ich dir die Ohren ab. Verstanden!«

Der Oberst trat wieder in das Billardzimmer, und ohne darauf zu achten, daß der Verwundete endlich Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins gab, begann er die Taschen des Rockes zu untersuchen, welcher über einen Stuhl gehängt war. Der Verwundete streckte seinen Arm aus und sagte mit schwacher Stimme:

»Sie wünschen zu wissen, wer ich bin, mein Herr. Ich werde es Ihnen sagen, sobald wir allein sind. Bis dahin ersparen Sie mir die Verlegenheit, in der lächerlichen und unangenehmen Lage, in der ich mich befinde, Ihnen meinen Namen zu nennen.«

»Ich gestehe Ihnen,« antwortete der Oberst scharf, »ich habe sehr wenig Mitleid mit Ihrer Lage. Doch da ich hoffe, daß wir uns bald allein gegenüberstehen werden, so will ich mir das Vergnügen Ihrer näheren Bekanntschaft bis dahin aufsparen. Wollten Sie aber wohl mir unterdessen sagen, wohin ich Sie bringen lassen soll?«

»In das Wirtshaus des nächsten Dorfes, wenn Sie so gütig sein wollen.«

»Aber der Herr ist nicht transportabel,« wandte Indiana lebhaft ein. »Nicht wahr, Ralph?«

»Der Zustand des Herrn beschäftigt dich viel zu sehr,« sagte der Oberst. »Geht hinaus,« wandte er sich an die Diener. »Der Herr befindet sich besser und wird mir jetzt seine Gegenwart in meinem Hause erklären können.«

»Ja, mein Herr,« antwortete der Verwundete, »es wäre mir aber lieber, wenn alle Anwesende mein Geständnis hörten, denn es liegt mir sehr daran, nicht für das zu gelten, was ich nicht bin. Erfahren Sie denn, welcher Anlaß mich zu Ihnen führte: ›Mein Herr, Sie haben durch außerordentlich einfache und nur Ihnen bekannte Mittel eine Maschine konstruiert, welche an Leistungsfähigkeit alle anderen Werke dieser Art in hiesiger Gegend übertrifft. Mein Bruder besitzt im südlichen Frankreich ein ziemlich ähnliches Etablissement, das aber ungeheure Summen verschlingt. Daher entschloß ich mich, Sie um einige gute Ratschläge zu bitten. Aber man ließ mich nicht bei Ihnen vor, sondern antwortete mir, es sei niemand erlaubt, Ihr Etablissement zu besehen. Durch diese Zurückweisung gereizt, beschloß ich, selbst mit Gefahr meines Lebens und meiner Ehre, das Unternehmen meines Bruders zu retten. Ich erstieg in der Nacht Ihre Mauer und suchte in das Innere Ihrer Fabrik zu dringen. Ich wollte mich in irgend einem Winkel verbergen und Ihre Arbeiter bestechen, um die Maschine kennen zu lernen und einen rechtlichen Mann Nutzen daraus ziehen zu lassen, ohne Ihnen zu schaden. Das ist mein Vergehen, wenn Sie noch eine andere Genugtuung verlangen, bin ich bereit, sie Ihnen zu geben, sobald ich wieder hergestellt sein werde.«

»Ich denke, wir könnten die Sache als abgetan ansehen, mein Herr,« antwortete der Oberst. »Ihr habt die Erklärung mit angehört, ihr anderen. Geht jetzt hinaus und laßt mich mit diesem Herrn über meine Maschineneinrichtung sprechen.«

Die Diener gehorchten. Der von seiner langen Rede geschwächte Verwundete sank auf Indianas Arm zurück und verlor zum zweitenmal das Bewußtsein.

Herr Delmare zog Sir Ralph beiseite. »Freund,« flüsterte er, ihm die Hand fast wund drückend, »das ist eine schlau angelegte Intrigue! Ich bin zufrieden, vollkommen zufrieden mit dem geschickt ersonnenen Vorwand, wodurch dieser junge Mann meine Ehre in den Augen meiner Leute bewahrt hat. Aber beim Teufel! er soll die Schmach teuer bezahlen, die er mir angetan hat. Und dieses Weib, das ihn pflegt und sich den Anschein gibt, als kenne sie ihn nicht! O, die List ist den Frauen angeboren! …«

Sir Ralph ging eine Weile im Saale auf und ab. Dann trat er wieder zum Oberst und zeigte mit dem Finger auf Noun, welche mit verstörten Blicken und totbleichen Wangen in der Unbeweglichkeit der Verzweiflung hinter dem Kranken stand.

Ralph erinnerte sich, daß Noun in dem Augenblicke, wo er sie gesucht hatte, im Park gewesen war, er dachte an ihre durchnäßten Haare, ihre feuchte und schmutzige Fußbekleidung. Diese unbedeutenden Umstände waren ihm, als Frau Delmare in Ohnmacht lag, nicht sehr aufgefallen, aber jetzt kehrten sie wieder in sein Gedächtnis zurück, ebenso wie jenes Entsetzen, jene krampfhafte Aufgeregtheit und der Schrei, den Noun ausgestoßen hatte, als sie den Flintenschuß hörte …

Herr Delmare verstand Ralphs Andeutungen sogleich und brauchte nur das Gesicht dieses Mädchens zu beobachten, um zu merken, daß sie allein die Schuldige war. Demungeachtet mißfiel ihm die eifrige Sorge seiner Frau um den Helden dieses galanten Abenteuers.

»Indiana,« sagte er, »entferne dich. Es ist spät und du bist nicht wohl; Noun wird bei dem Herrn bleiben, um ihn diese Nacht zu pflegen, und wenn er morgen besser ist, werden wir ihn in seine Wohnung bringen lassen.«

Frau Delmare, welche dem Ungestüm ihres Gatten mutig zu widerstehen wußte, gab stets seiner Sanftmut nach. Sie bat Sir Ralph, noch ein wenig bei dem Kranken zu bleiben, und zog sich in ihr Zimmer zurück.

Nicht ohne Absicht hatte der Oberst diese Anordnung getroffen. Als alles zur Ruhe und das Haus still war, schlich er sich leise in den Saal, wo Herr von Ramière lag. Hinter einem Vorhang verborgen, belauschte er das Gespräch des jungen Mannes mit dem Kammermädchen und bald stellte sich heraus, daß zwischen beiden ein Liebesverhältnis bestand. Die un gewöhnliche Schönheit der jungen Kreolin hatte in der Umgegend Aufsehen gemacht. Mehr als ein hübscher Offizier von den in Melun liegenden Lanciers hatte sich um sie bemüht, aber nur Herr von Ramière hatte Erhörung gefunden.

Der Oberst Delmare trug so wenig Verlangen, in das Liebesgeheimnis tiefer einzudringen, daß er sich zurückzog, sobald er sich von der Schuldlosigkeit seiner Gattin versichert hatte.

Als Frau Delmare erwachte, sah sie Noun verwirrt und traurig an der Seite ihres Bettes, doch schrieb sie dies der Aufregung und Anstrengung der Nacht zu. Noun gewann völlig ihre Unbefangenheit wieder, als sie den Oberst ruhig in das Zimmer seiner Frau eintreten und von dem Vorfall sprechen hörte, wie von einer ganz harmlosen Sache.

Am frühen Morgen hatte sich Sir Ralph nach dem Befinden des Kranken erkundigt. Der Sturz von der Mauer hatte keine gefährliche Folge, die Wunde an der Hand war bereits zugeheilt. Herr von Ramière hatte gewünscht, sogleich nach Melun gebracht zu werden, und seine Börse unter die Dienerschaft verteilt, um sich deren Schweigen zu erkaufen, damit seine Mutter, die nur einige Stunden von hier wohnte, wie er sagte, nicht erschreckt werde. Der Oberst und Sir Ralph hatten das Zartgefühl, Nouns Geheimnis zu bewahren und sie nicht einmal ahnen zu lassen, daß sie es wüßten. Bald war in der Familie Delmare von diesem Vorfall nicht mehr die Rede.




Viertes Kapitel


Es dürfte vielleicht zweifelhaft erscheinen, daß Herr Raymon von Ramière, ein junger Mann von glänzenden Eigenschaften, an die Erfolge im Salon und an vornehme Abenteuer gewöhnt, zu dem Kammermädchen auf einem kleinen Gute eine dauernde Neigung gefaßt habe. Herr von Ramière schätzte die Vorteile der Geburt nach ihrem wahren Werte. Er hatte sogar Grundsätze, wenn er seiner besseren Einsicht folgte, aber er war ein Mann mit ungezähmten Leidenschaften, und wenn diese die Oberhand über ihn gewannen, war er keiner ruhigen Überlegung mehr fähig.

Herr von Ramière war in die junge Kreolin mit den großen, schwarzen Augen, welche bei dem Feste von Rubelles die Bewunderung der ganzen Umgegend auf sich gezogen hatte, verliebt; nichts weiter. An dem Tage, wo er über dieses leicht besiegte Herz triumphierte, kehrte er voll Schrecken über seinen Sieg in seine Wohnung zurück und sagte, sich vor die Stirn schlagend:

»Wenn sie mich nur nicht ernstlich liebt!«

Also erst, nachdem er alle Beweise ihrer Liebe angenommen hatte, fing er an, diese Liebe zu ahnen. Dann fühlte er Reue; aber er ließ sich lieben nach wie vor, er liebte selbst aus Dankbarkeit, er überstieg die Mauern im Park des Herrn Delmare aus Liebe zur Gefahr; aus Ungeschicklichkeit tat er einen furchtbaren Sturz und war vom Schmerz seiner jungen und schönen Geliebten so gerührt, daß er sich in seinen eigenen Augen gerechtfertigt fand, wenn er fortfuhr, den Abgrund zu erweitern, in den sie versinken mußte.

Sobald er wieder hergestellt war, hatte der Winter kein Eis, die Nacht keine Gefahren, das Gewissen keine Stacheln, um ihn abzuhalten, die Kreolin zu besuchen und ihr zu schwören, daß er nie eine andere als sie geliebt hätte, daß er sie allen Königinnen der Welt vorzöge und was der überschwenglichen Beteuerungen mehr waren, die bei jungen, armen und leichtgläubigen Mädchen stets ein williges Ohr finden werden. Im Januar reiste Frau Delmare mit ihrem Gatten nach Paris; Sir Ralph Brown zog sich auf sein Gut zurück und Noun, welche zur Aufsicht des Landhauses ihrer Gebieter zurückblieb, konnte ungehindert ihre Freiheit genießen. Das war ein Unglück für sie. Der Wald mit seiner Poesie, die im Rauhreif geschmückten Bäume und ihre magische Wirkung im Mondlicht, das Geheimnis der kleinen Pforte, all dieses Beiwerk einer Liebesidylle hielt Herrn von Ramière in seinem Rausche gefangen. Im weißen Nachtgewande glich Noun, mit ihrem langen schwarzen Haar, einer Königin, einer Fee. Wenn er sie aus dieser Burg von rotem Backstein heraustreten sah, glaubte er, eine Burgfrau des Mittelalters zu erblicken, und in dem mit exotischen Blumen geschmückten Kiosk, wo sie ihn mit den Reizen der Jugend und Leidenschaft berauschte, vergaß er gern alles, dessen er sich später mit schwerem Herzen erinnern mußte. Aber dennoch war Noun nichts weiter als das Kammermädchen einer hübschen Frau. Der Mut, mit welchem sie ihren Ruf ihm zum Opfer brachte und der wohl verdient hätte, seine Liebe für sie noch zu erhöhen, hatte für ihn keinen Wert. Die Gattin eines Pairs von Frankreich, die sich auf solche Weise aufgeopfert hätte, wäre eine köstliche Eroberung gewesen; aber ein Kammermädchen! Was bei der einen Heroismus war, ward bei der anderen Frechheit, Gemeinheit.

Raymon liebte elegante Sitten, Poesie in der Liebe. Für ihn galt ein Mädchen von Nouns niederem Stande nicht als Frau. Man hatte ihn für die Welt erzogen, alle seine Gedanken auf ein hohes Ziel gelenkt, alle seine Fähigkeiten für ein fürstliches Glück entwickelt, und nur wider seinen Willen hatte ihn die Glut seines Blutes in eine bürgerliche Liebeständelei verstrickt. An den Tagen, wo seine Leidenschaft für die Geliebte am heftigsten war, hatte er wohl daran gedacht, sie zu sich zu erheben, ihre Verbindung gesetzmäßig zu machen … Ja, daran hatte er gedacht; aber die Liebe verschwand mit den Gefahren des Abenteuers und dem reizenden Zauber des Geheimnisses. Wenn er sie wahrhaft geliebt hätte, so hätte er, selbst wenn er ihr seine Zukunft, seine Familie und seinen Ruf zum Opfer brachte, immer noch glücklich mit ihr sein können. Aber sein Gefühl war erkaltet, sollte er das Mädchen heiraten, um sie bei seiner Familie verhaßt, bei ihresgleichen verächtlich, bei ihren Domestiken lächerlich zu machen, um sie in eine Gesellschaft zu führen, wo sie nicht an ihrem Platze war und den tiefsten Demütigungen ausgesetzt sein würde?

Nein, man wird ihm recht geben müssen, daß das nicht möglich, daß es nicht edel gewesen wäre, daß er einen solchen Kampf gegen die Gesellschaft nicht aufnehmen konnte.

Als Herr von Ramière alles dies erwogen hatte, sah er ein, daß es besser sei, dieses unglückliche Band zu lösen. Seiner Mutter, die nach Paris zurückgekehrt war, um den Winter dort zuzubringen, konnte dieser kleine Skandal nicht lange verborgen bleiben. Schon wunderte sie sich über seine häufigen Reisen nach Cercy, ihrem Landhause, und es fiel ihr auf, daß er ganze Wochen daselbst zubrachte. Unmöglich konnte er eine so gute Mutter noch länger täuschen und seiner Gegenwart berauben. Er verließ Cercy und kam nicht mehr zurück.

Noun weinte, wartete, und wagte endlich, an ihn zu schreiben. Armes Mädchen! Das war der letzte Todesstoß. Der Brief eines Kammermädchens! Die Zeilen diktierte ihr Herz … aber die Ausdrucksweise, die Orthographie! Ach, das arme, halb wild aufgewachsene Kind der Insel Bourbon wußte nicht einmal, daß es Sprachregeln gebe.

Raymon konnte es nicht über sich gewinnen, den Brief bis zu Ende zu lesen. Er warf ihn schnell ins Feuer, um nicht über sich selbst erröten zu müssen.

In der vornehmen Gesellschaft hatte man die Abwesenheit des Herrn von Ramière bemerkt; das will in jenen Kreisen, wo sich alle gleichen, sehr viel sagen. Raymon war hier gesucht, für ihn hatte diese Menge von gleichgültigen oder spöttischen Larven aufmerksame Blicke und teilnehmendes Lächeln. Er war dankbar für die geringsten Zeichen der Anhänglichkeit, begierig nach der Achtung aller, stolz auf eine große Menge von Freundschaften.

In dieser Welt, deren Vorurteile so unerbittlich sind, hatte ihm alles, selbst seine Fehler, zum Glück gereicht, und wenn er nach der Ursache dieser allgemeinen Veliebtheit forschte, so fand er sie in sich selbst. Er verdankte sie aber auch seiner Mutter, deren ausgezeichneter Geist und fleckenloser Wandel ihr eine große Bedeutung gaben. Von ihr hatte er die trefflichen Grundsätze ererbt, welche ihn stets zum Guten zurückführten und ihn trotz des Ungestüms seiner fünfundzwanzig Jahre in der öffentlichen Achtung erhielten. Man war auch viel nachsichtiger gegen ihn, als gegen andere, weil seine Mutter die Kunst verstand, ihn zu entschuldigen, während sie ihn tadelte, und ihm Nachsicht zu erzwingen, indem sie sich den Schein gab, darum zu bitten.

Bei einem Ball des spanischen Gesandten erschien Raymon zuerst wieder in der Pariser Welt.

»Herr von Ramière, wenn ich nicht irre?« sagte eine hübsche junge Frau zu ihrer Nachbarin.

»Es ist ein Komet, der in ungleichen Zwischenräumen erscheint. Schon lange hat man von diesem jungen Manne nichts gehört.«

Die Dame, welche so sprach, war eine bejahrte Sizilianerin.

»Eine sehr liebenswürdige Erscheinung,« sagte die andere, »nicht wahr, gnädige Frau?«

»Reizend, auf Ehre,« stimmte die alte Sizilianerin bei.

»Ich wette,« bemerkte ein schneidiger Gardeoberst, »Sie sprechen von dem Liebling der auserlesenen Salons, dem braunen Raymon?«

»Es ist ein schöner Studienkopf,« erwiderte die junge Frau.

»Und was Ihnen noch angenehmer sein wird, ein unruhiger Kopf,« erwiderte der Oberst.

Die junge Frau war seine Gattin.

»Warum ein unruhiger Kopf?« fragte die Sizilianerin.

»Ganz südliche Leidenschaften, der schönen Sonne von Palermo würdig, gnädige Frau.«

Zwei oder drei junge Damen bogen ihre liebreizenden, mit Blumen geschmückten Köpfe vor, um die Worte des Oberst zu hören.

»In der Garnison hat er dieses Jahr eine wahrhafte Verheerung angerichtet,« fuhr dieser fort. »Wir werden gezwungen sein, mit ihm Streit zu suchen, um ihn los zu werden.«

»Wenn er den Frauen so gefährlich ist, um so schlimmer,« sagte ein junges Mädchen, dem man die Spottlust ansah, »ich kann die Menschen nicht leiden, die alle Welt liebt.«

»Sprechen Sie nicht so,« erwiderte die Sizilianerin, indem sie dem Fräulein von Nangy mit ihrem Fächer einen leichten Schlag auf die Hand gab. »Sie wissen nicht, was ein Mann, welcher geliebt sein will, hier zu bedeuten hat.«

»Sie glauben also, daß es nur auf das Wollen ankommt?« entgegnete das junge Mädchen mit den großen spöttisch blickenden Augen.

»Mein Fräulein,« sagte der Oberst, der sich ihr näherte, um sie zum Tanz aufzufordern, »sehen Sie sich vor, daß der schöne Raymon Sie nicht hört.«

Fräulein von Nangy lachte; aber den ganzen Abend wagte die liebliche Mädchengruppe, der sie angehörte, nicht mehr von Herrn von Ramière zu sprechen.




Fünftes Kapitel


Herr von Ramière irrte in dem wogenden Gedränge der geschmückten Menge herum.

Beim Wiedereintritt in diese ihm heimische Welt schämte er sich fast über die tolle unziemliche Leidenschaft, die ihn diesen Kreisen so lange entfremdet hatte. Er sah auf die im Glanz der Lichter so reizenden Damen, und alle diese wundervollen Schönheiten, diese fast königlichen Toiletten, diese zierlichen Tournüren schienen ihm über die Herabwürdigung, durch die er sich erniedrigt hatte, stumme Vorwürfe zu machen. Doch wie verhärtet er auch war, die Tränen eines armen betrogenen Mädchens schmerzten ihn.

Die Ehre dieses Abends gehörte einer jungen Dame, deren Namen niemand kannte und die durch die Neuheit ihrer Erscheinung in der großen Welt das Vorrecht genoß, die allgemeine Aufmerksamkeit zu fesseln. Schon die Einfachheit ihres Anzuges hätte hingereicht, sie inmitten der Diamanten, Federn und Blumen, welche die anderen Damen schmückten, hervorzuheben. Perlenreihen in ihr schwarzes Haar geflochten, machten ihren ganzen Schmuck aus. Das matte Weiß ihres Halsbandes, ihr weißes Kreppkleid und ihre bloßen Schultern schienen, von fern gesehen, völlig ineinander zu verschmelzen und kaum hatte die Wärme der Gemächer auf ihre Wangen jenen zarten Hauch von Rot hervorzubringen vermocht, den die mitten im Schnee erblühte bengalische Rose trägt. Sie war sehr klein, sehr zierlich und schlank. Beim Tanz war sie so leicht, daß man glaubte, ein Luftzug müsse hinreichen, sie emporzuheben. Wenn sie saß, sank sie in sich zusammen, als fehle ihrem allzu biegsamen Körper die Kraft, sich aufrechtzuerhalten; und wenn sie sprach, lächelte sie, aber mit einem schwermütigen Blick. Man verglich diese junge Frau mit einem durch Zauberkraft hervorgerufenen entzückenden Phantom, welches mit dem Licht des jungen Morgens wie ein Traumbild zerrinnen müsse.

Während man sie umdrängte, um sie zum Tanz aufzufordern, bemerkte eine Dame, welche in den Gesellschaften die Rolle eines Almanachs spielte: »Diese junge Frau ist die Tochter jenes alten Narrn Carvajal, der in Spanien der Partei Josephs anhing und später auf der Insel Bourbon in zerrütteten Vermögensumständen gestorben ist. Diese schöne exotische Blume ist sehr unglücklich verheiratet worden, aber ihre Tante steht bei Hofe gut angeschrieben.«

Raymon hatte sich der schönen Indierin genähert. Eine seltsame Bewegung bemächtigte sich seiner bei ihrem Anblick; dieses bleiche, schwermütige Antlitz hatte er schon irgendwo gesehen, vielleicht in einem seiner Träume; seine Blicke hefteten sich mit der süßen Wonne auf sie, die man beim Wiedererscheinen eines schmeichelnden Traumgesichtes empfindet, welches man für immer verloren zu haben fürchtete. Er erfuhr endlich, daß diese Dame sich Frau Delmare nannte, und nahte sich ihr, sie zum Tanz aufzufordern.

»Sie erinnern sich meiner nicht,« sagte er, »aber ich, Madame, ich habe Sie nicht vergessen können. Und doch sah ich Sie nur einen Augenblick wie im Traume, aber dieser Augenblick zeigte Sie mir so gut, so mitleidsvoll …«

Frau Delmare erbebte.

»Ach ja, mein Herr,« sagte sie lebhaft, »ich erkenne Sie wieder.«

Dann errötete sie und schien zu fürchten, gegen die Schicklichkeit verstoßen zu haben. Sie blickte sich um, ob jemand sie gehört habe. Ihre Schüchternheit erhöhte ihre natürliche Anmut, und Raymon fühlte sich von dem Ton dieser Stimme, die ein wenig verschleiert und so sanft war, daß es schien, sie sei nur zum Gebet geschaffen, aufs innigste gerührt.

»Ich fürchtete schon,« sagte er, »niemals Gelegenheit zu finden, Ihnen zu danken. Wie glücklich bin ich, daß mir dieser Augenblick erlaubt, die Schuld meines Herzens abzutragen! …«

»Es wäre mir noch angenehmer,« entgegnete sie, »wenn Herr Delmare seinen Anteil daran haben könnte; wenn Sie ihn näher kennen lernten, würden Sie finden, daß er ebenso gut wie heftig ist. Sie würden ihm verzeihen, daß er Sie unabsichtlich verletzt hat, denn sein Herz hat gewiß mehr geblutet als Ihre Wunde.«

»Sprechen wir nicht von Herrn Delmare, gnädige Frau. Ich war im Unrecht gegen ihn und er nahm sich selbst sein Recht; ich kann es nur vergessen, aber Ihnen, Madame, die Sie mir Ihre zarte Sorge zu teil werden ließen, werde ich diesen Edelmut Zeit meines Lebens nie vergessen, und noch weniger werden Ihre engelreinen Züge, Ihre himmlische Sanftmut und diese barmherzigen Hände, welche Balsam auf meine Wunde träufelten und die ich nicht küssen konnte, aus meiner Erinnerung weichen.«

Während Raymond dies sagte, hatte er Indianas Hand erfaßt, um mit ihr zum Kontretanz anzutreten. Er drückte diese Hand sanft in der seinigen und alles Blut der jungen Frau strömte nach ihrem Herzen.

Als er sie zu ihrem Sitz zurückführte, begann sich die Ballgesellschaft zu lichten. Raymon setzte sich neben sie. Er besaß jene Unbefangenheit des Benehmens, welche eine gewisse Erfahrung des Herzens gibt. Doch bei dieser einfachen Frau fühlte er sich befangener, als er es je gewesen war. Trotzdem gab die erlangte Übung seinen Worten jene überzeugende Kraft, welcher sich die unerfahrene Indiana hingab, ohne zu wissen, daß das alles nicht erst für sie erfunden worden war.

Im allgemeinen, und die Frauen wissen das recht gut, ist ein Mann, welcher geistreich von Liebe spricht, nur sehr wenig verliebt. Raymon machte in diesem Falle eine Ausnahme; er drückte seine Leidenschaft mit Kunst aus und fühlte sie warm, nur war es nicht Leidenschaft, welche ihn beredt machte, sondern die Beredtsamkeit machte ihn leidenschaftlich. Er kannte Frauen, die scharfblickend genug waren, um solchen heftigen Ergüssen zu mißtrauen; aber Raymon hatte aus Liebe sogenannte Torheiten begangen; er hatte ein junges, wohlerzogenes Mädchen entführt, sehr hochgestellte Frauen kompromittiert und drei aufsehenerregende Duelle gehabt. Ein Mann, der das alles wagen darf, ohne lächerlich oder verabscheut zu werden, steht über jeden Angriff erhaben und ist in der vornehmen Welt ein ziemlich seltenes Wunder, das die Frauen nicht mit Verachtung strafen.

Als Raymon Frau Delmare und ihre Tante, Frau von Carvajal, zu ihrem Wagen führte, gelang es ihm, Indianas kleine Hand an seine Lippen zu drücken. Nie hatte der verstohlene und glühende Kuß eines Mannes die Hand dieser Frau berührt, obgleich sie unter einem heißen Klima geboren und neunzehn Jahre alt war; neunzehn Jahre der Insel Bourbon bedeuten fünfundzwanzig unter unserer milderen Sonne. Der nervösen jungen Frau hätte dieser Kuß fast einen lauten Schrei entlockt. Man mußte sie beim Einsteigen in den Wagen unterstützen. Eine solche Feinheit der Organisation war Raymon noch nicht vorgekommen.

»Wenn ich sie noch einmal sehe,« gestand er sich auf dem Heimwege, »würde ich den Kopf verlieren.«

Am folgenden Tage hatte er Noun vollständig vergessen; alles, was er noch von ihr wußte, war, daß sie Frau Delmare angehöre. Die bleiche Indiana beschäftigte alle seine Gedanken, wenn Raymon fühlte, daß er verliebt wurde, pflegte er sich zu betäuben, nicht um die keimende Leidenschaft zu ersticken, sondern im Gegenteil, um die Vernunft zum Schweigen zu bringen, welche ihn ermahnte, die Folgen zu bedenken.

Schon am folgenden Tage hatte er ausfindig gemacht, daß Herr Delmare in Geschäftsangelegenheiten nach Brüssel gereist war. Bei seiner Abreise hatte er seine Gattin Frau von Carvajal anvertraut, die ihm wenig sympathisch, aber Indianas einzige Verwandte war. Im Glücksspiel des Krieges emporgekommen, entstammte Delmare einer armen unbekannten Familie, deren er sich zu schämen schien, wenigstens fühlte er, daß er seiner Frau nicht zumuten dürfe, mit seinen ungebildeten Verwandten sich auf einen vertrauteren Fuß zu stellen. Trotz seiner Abneigung gegen Frau von Carvajal konnte er nicht umhin, ihr große Achtung zu beweisen.

Frau von Carvajal, einer vornehmen spanischen Familie angehörig, war eine jener Frauen, welche um keinen Preis unbedeutend sein wollen. Zur Zeit, als Napoleon Europa beherrschte, hatte sie den Kaiser vergöttert und mit ihrem Gatten und Schwager die Partei der Josephinos ergriffen, aber ihr Gatte hatte bei dem Fall der kurzlebigen Dynastie des Eroberers sein Leben eingebüßt, und der Vater Indianas war in die französischen Kolonien geflüchtet. Darauf begab sich Frau von Carvajal nach Paris, wo sie durch Börsenspekulationen mit den Trümmern ihres früheren Glanzes sich einen neuen Wohlstand geschaffen hatte. Durch Geist, Intriguen und äußerliche Frömmigkeit hatte sie sich noch überdies in die Gunst des Hofes zu setzen gewußt, so daß ihr Haus eines der angesehensten war.

Als Indiana nach ihres Vaters Tode nach Frankreich kam, als die Gattin des Oberst Delmare, fühlte sich Frau von Carvajal durch eine so wenig glänzende Verbindung nicht sehr geschmeichelt. Doch Delmares Tätigkeit und richtiger Blick in Geschäften wog ein Vermögen auf. Frau von Carvajal erwarb für Indiana das kleine Schloß Lagny und die daranstoßende Fabrik. Dank den speziellen Kenntnissen des Herrn Delmare und den Geldsummen, welche Sir Ralph Brown, der Cousin seiner Frau, vorstreckte, nahmen in zwei Jahren die Geschäfte des Obersten eine glückliche Wendung und Frau von Carvajal, in deren Augen Vermögen die beste Empfehlung war, zeigte ihrer Nichte vielen Anteil und versprach ihr den Rest ihrer Hinterlassenschaft. In Bezug auf Politik bestanden zwischen dem Oberst und Frau von Carvajal große Meinungsverschiedenheiten. Der Ruhm seines großen Kaisers war ihm unantastbar, er verteidigte ihn mit blinder Hartnäckigkeit und mußte sich daher viel Gewalt antun, um in dem Salon der Frau von Carvajal, wo man nur noch die Restauration pries, nicht beständig in Streit zu geraten.

Von allen diesen Verhältnissen hatte sich Herr von Ramière binnen wenigen Tagen Kenntnis verschafft. Auch erfuhr er, daß er Indiana sehen könne, wenn er sich unter die Protektion der Frau von Carvajal begab, und am Abend des dritten Tages stellte er sich bei ihr vor. Indiana füllte geduldig auf dem Stickrahmen ihrer Tante den Grund einer Tapisseriearbeit aus. Sie war in diese mechanische Beschäftigung ganz versunken und überhörte die Stimme des Dieners, welcher einen Besuch anmeldete. Kaum erhob sie die Augen von ihrer Stickerei, als sie sich wie von einem elektrischen Schlage getroffen fühlte, und sich an ihrem Arbeitstische festhalten mußte, um nicht umzusinken.




Sechstes Kapitel


Es waren vier oder fünf ehrwürdig aussehende Damen anwesend, welche Raymon in diesem Salon nicht erwartet hatte. Es war unmöglich, ein Wort zu sprechen, das nicht in allen Winkeln des Gemaches gehört wurde. Diese alten Betschwestern, welche Karten spielten, schienen nur da zu sein, um die Gespräche der jungen Leute unter ihre Zensur zu stellen, und in ihren strengen Zügen glaubte Raymon die geheime Freude des Alters zu lesen, welches eine Genugtuung darin findet, die Jugend in ihrem Vergnügen zu verkümmern. Raymon hatte auf eine vertraulichere Unterhaltung gerechnet, als der Ball erlaubte, und fand das Gegenteil. Diese unverhoffte Schwierigkeit gab jedoch seinen Blicken höheres Feuer, den einzelnen Fragen, die er an Frau Delmare richtete, größere Innigkeit. Das arme Kind war auf einen solchen Angriff gar nicht vorbereitet. Ihre Verlegenheit wurde durch Raymons Kühnheit vermehrt. Frau von Carvajal, welche den Geist des Herrn von Ramière hatte rühmen hören, verließ ihr Spiel, um mit ihm ein lebhaftes Gespräch über die Liebe anzuknüpfen, in welches sie viel spanische Leidenschaft und deutschen Idealismus einmischte. Indem Raymon in das von der Tante angeschlagene Gesprächsthema mit feuriger Beredsamkeit einging, sagte er der Nichte alles, was sie anzuhören sich geweigert haben würde. Die arme junge Frau gestand errötend, daß sie von diesen Dingen nichts verstände, und Raymon der trunken vor Freude, ihre Wangen sich färben und ihren Busen schwellen sah, nahm sich vor, es ihr zu lehren.

Indiana schlief diese Nacht noch weniger als die vorhergehenden. Ihr Herz war seit langer Zeit für ein Gefühl reif, das ihr keiner der Männer hatte einflößen können, die sie bisher kennen gelernt hatte. Von einem wunderlichen, heftigen Vater erzogen, hatte sie nie das Glück genossen, welches die Zuneigung eines anderen gewährt. Herr von Carvajal war von seinen politischen Leidenschaften so eingenommen und durch die Vernichtung seiner ehrgeizigen Pläne so gereizt, daß er in den Kolonien der grausamste Pflanzer und der unangenehmste Nachbar wurde. Seine Tochter hatte unter seiner finsteren Laune entsetzlich gelitten. Aber indem sie fortdauernd die Leiden der Sklaverei vor Augen sah, hatte sie sich eine musterhafte äußere Geduld, eine bewundernswürdige Nachsicht und Güte gegen ihre Untergebenen, zugleich aber auch einen eisernen Willen und eine ungewöhnliche Widerstandskraft gegen alles erworben, was sie zu unterdrücken drohte. Als sie Delmare heiratete, hatte sie nur den Herrn und das Gefängnis gewechselt. Sie liebte ihren Gatten nicht, vielleicht nur aus dem Grunde, weil man es ihr zur Pflicht machte, ihn zu lieben.

Ein unbekanntes Übel nagte an ihrer Jugend. Sie war kraft- und schlaflos. Vergeblich suchten die Ärzte einen organischen Fehler in ihr zu entdecken, sie hatte keinen. Ihre gesamten Kräfte schwanden fast gleichmäßig, der Schlag ihres Herzens wurde immer schwächer, ihr Blut zirkulierte nur bei Fieberanfällen; noch einige Zeit, und die arme Gefangene wäre gestorben. Aber wie groß auch ihre Mutlosigkeit war, so blieb die unbewußte Sehnsucht nach einem anderen Herzen, das mit ihr fühlen konnte, doch immer wach. Das Wesen, welches sie bis dahin am meisten geliebt hatte, war Noun, die heitere, mutige Gefährtin ihrer Leiden; und der Mann, der ihr die meiste Teilnahme gezeigt hatte, war ihr phlegmatischer Vetter Sir Ralph. Aber welche Nahrung für die verzehrende Tätigkeit ihrer Gedanken konnte ihr von der Gesellschaft eines armen Mädchens, unwissend und verlassen wie Indiana selbst, und derjenigen eines Engländers geboten werden, der nur für die Fuchsjagd leidenschaftlich eingenommen war?

Frau Delmare war wirklich unglücklich, und das erstemal, da sie in ihrer eisigen Atmosphäre den warmen Hauch eines jungen, leidenschaftlichen Mannes fühlte, das erstemal, da ein zärtliches Wort ihr Ohr berauschte und ein bebender Mund ihre Hand wie mit einem glühenden Eisen berührte, dachte sie weder an ihre Pflicht, noch an die Klugheit, noch an die Zukunft; sie erinnerte sich nur der verhaßten Vergangenheit, ihrer langen Leiden, ihres despotischen Herrn. Sie dachte auch nicht daran, daß Ramière ein gewissenloser Lügner sein könne. Sie sah in ihm einen Mann, wie sie ihn wünschte, wie sie ihn geträumt hatte, und Raymon hätte sie betrügen können, wenn er nicht aufrichtig gewesen wäre. Und warum hätte er es nicht sein sollen bei einer so schönen und so liebenden Frau? Welche andere hatte ihm jemals so viel Reinheit und Unschuld des Herzens entgegengebracht? Von welcher anderen durfte er eine freundlichere Zukunft erhoffen? War diese unter dem Sklavenjoch seufzende Frau, welche nur auf eine Gelegenheit wartete, um ihre Kette zu zerbrechen, nicht von Natur zum Lieben geschaffen?

Demungeachtet bemächtigte sich Indianas bei dem Gedanken an Ramière ein Gefühl des Schreckens. Sie fürchtete für den Mann, der mit ihrem argwöhnischen, rachsüchtigen Gatten einen Kampf auf Leben und Tod beginnen würde. Das schüchterne Wesen, das nicht zu lieben wagte, aus Furcht, ihren Geliebten dem Tode preiszugeben, dachte nicht an die Gefahr, sich selbst ins Verderben zu stürzen. Am folgenden Tage faßte sie den Entschluß, Herrn von Ramière zu vermeiden. An demselben Abend gab einer der ersten Bankiers von Paris einen Ball. Frau von Carvajal wollte ihre Nichte hinführen; aber in der Befürchtung, Raymon dort zu treffen, gelobte sich Indiana, nicht hinzugehen. Zum Schein nahm sie den Vorschlag an. Als aber Frau von Carvajal in voller Toilette in das Zimmer ihrer Nichte trat, um sie abzuholen, erklärte Indiana, daß sie unwohl sei und sich kaum auf den Füßen halten könne. »Ich würde Ihnen nur Verlegenheiten bereiten,« sagte sie. »Gehen Sie ohne mich auf den Ball, gute Tante.«

»Ohne dich?« fragte Frau von Carvajal, welche ihre Toilette nicht umsonst gemacht haben wollte, »was soll ich alte Frau denn in der Gesellschaft, ohne die schönen Augen meiner Nichte, die mir erst Wert geben?«

»Ihr Geist wird den Mangel derselben ersetzen, liebe Tante,« entgegnete Indiana.

Die Marquise von Carvajal, die nichts weiter verlangte, als sich überreden zu lassen, ging allein. Und jetzt verbarg Indiana ihr Gesicht in ihre beiden Hände und begann zu weinen; denn sie hatte ein großes Opfer gebracht.

Das erste, was Raymon auf dem Balle erblickte, war die alte Marquise. Vergeblich suchte er aber in ihrer Nähe das weiße Kleid und die schwarzen Haare Indianas.

»Meine Nichte ist krank,« hörte er die Marquise zu einer anderen Dame sagen, »oder vielmehr, sie hat die Laune, allein zu Hause bleiben zu wollen, ein Buch in der Hand, um sich sentimentalen Träumereien hinzugeben.«

»Sollte sie mich vermeiden wollen?« dachte Raymon.

Sogleich verließ er den Ball und eilte in die Wohnung der Marquise. Dort fragte er den Diener, den er schlaftrunken im Vorzimmer fand, nach Frau Delmare.

»Die gnädige Frau ist krank.«

»Ich weiß es. Ich komme, um mich im Auftrage der Frau von Carvajal nach ihrem Befinden zu erkundigen.«

»Ich werde die gnädige Frau davon benachrichtigen …«

»Das ist überflüssig; Frau Delmare empfängt mich.«

Und Raymon trat ein, ohne sich anmelden zu lassen. Alle anderen Diener waren zu Bette gegangen. Eine einzige, mit einem grünen Schirme bedeckte Lampe erhellte schwach den großen Saal, Indiana hatte der Tür den Rücken gewendet, in einem großen Lehnstuhl sitzend, sah sie trüb den Flammen im Kamin zu.

In seinen Ballschuhen näherte sich Raymon unhörbar auf dem weichen Teppich. Er sah sie weinen, und als sie den Kopf wandte, fand sie ihn zu ihren Füßen, mit Heftigkeit ihre Hände fassend, die sie vergeblich ihm zu entziehen suchte. Im Nu war ihr Vorhaben, ihn aufzugeben, vergessen. Sie fühlte, daß sie diesen Mann, der keine Hindernisse scheute, mit Leidenschaft liebte und segnete den Himmel, welcher ihr Opfer verwarf. Statt Raymon zu zürnen, hätte sie ihm fast gedankt.

Raymon wußte bereits, daß er geliebt war. Er brauchte die Freude nicht zu sehen, welche durch Indianas Tränen glänzte, um zu begreifen, daß er alles wagen konnte. Ohne ihr seine unerwartete Gegenwart zu erklären, sagte er:

»Indiana, Sie weinen … warum weinen Sie? … Ich will es wissen.«

Sie erbebte, als sie sich bei ihrem Namen nennen hörte.

»Warum fragen Sie danach?« entgegnete sie; »ich darf es Ihnen nicht sagen …«

»Wohl, Indiana! Ich, ich weiß es. Ich kenne Ihre ganze Geschichte, es gibt nichts, was mir nicht jener Augenblick enthüllt hätte, wo man mich blutend zu Ihren Füßen legte und Ihr Gemahl zornig zusehen mußte, wie Sie mit Ihren weichen Armen meinen Kopf stützten und mit Ihrem sanften Atem mir neues Leben einhauchten. Er ist eifersüchtig! O, ich begreife es wohl; ich wäre es auch, oder vielmehr an seiner Stelle brächt' ich mich um. Denn Ihr Gatte sein, Indiana, und den Besitz Ihres Herzens nicht verdienen, heißt der schlechteste oder der elendeste der Menschen sein.«

»O, Himmel, schweigen Sie!« rief die junge Frau, indem sie ihm mit ihren Händen den Mund schloß; »schweigen Sie, denn Sie machen mich strafbar. Warum wollen Sie mir lehren, ihn zu verwünschen? Ich habe nichts Böses von ihm gesagt; ich hasse ihn nicht, ich schätze, ich liebe ihn! …«

»Sagen Sie lieber, Sie fürchten ihn, denn der Despot hat Ihr Herz gebrochen und die Furcht sitzt Ihnen zu Häupten, seid Sie das Opfer dieses Mannes geworden sind. Sie, Indiana, von diesem rohen Menschen entheiligt, dessen eiserne Hand die Blüten Ihres Gebens vernichtet hat! Armes Kind! So jung und so schön, und schon so viele Leiden ausgestanden … denn mich täuschen Sie nicht, Indiana, ich kenne alle Geheimnisse Ihres Schicksals, ich kenne Ihr Leid. Mag die Welt sagen: Sie ist krank. Ich weiß es besser: Ich weiß, wenn der Himmel Sie mir gegeben hätte, mir, dem Unglücklichen, der sich den Kopf zerschmettern möchte, weil er zu spät gekommen ist, dann wären Sie nicht krank. Indiana, ich schwöre es Ihnen bei meinem Leben, ich würde Sie auf den Armen getragen haben, um Ihre Füße vor jeder rauhen Berührung zu bewahren. An meinem Herzen wären Sie vor jedem Leiden geschützt gewesen; mein Blut hätte ich gegeben, um das Ihrige zu erneuen, und wenn Sie der Schlaf geflohen hätte, würde ich kniend vor Ihrem Bette gewacht und Ihren Träumen geboten haben, Ihnen Blumen zu streuen. Ich hätte die Flechten Ihres Haares geküßt, die Schläge Ihres Herzens gezählt, und bei Ihrem Erwachen, Indiana, hätten Sie mich zu Ihren Füßen gefunden, Ihnen dienend wie ein Sklave, Ihr erstes Lächeln erspähend, mir Ihren ersten Kuß erbittend.«

»Genug, genug!« rief Indiana ganz verwirrt. »Sprechen Sie nicht so zu mir, zu mir, die nicht glücklich sein darf; zeigen Sie mir den Himmel nicht auf der Erde, mir, die dem Tode verfallen ist.«

»Dem Tode!« rief Raymon, sie heftig in seine Arme drückend. »Du, sterben, Indiana, sterben, ehe du noch gelebt, ehe du geliebt hast! … Nein, ich werde dich nicht sterben lassen, denn mein leben ist jetzt an das deinige geheftet. Du bist das Weib, das meine Träume mir gezeigt haben, der glänzende Stern, der auf mich herableuchtete und mir zurief: »Wandle noch in diesem Leben des Elends, und der Himmel wird dir einen seiner Engel senden, um dich zu geleiten.« Du warst mir von Anbeginn bestimmt, Indiana! Die Menschen und ihre eisernen Gesetze haben über dich verfügt, aber du gehörst mir; du bist die Hälfte meiner Seele, die längst schon ihre andere Hälfte suchte. Als du auf der Insel Bourbon von einem Freunde träumtest, so war ich es, der dir erschien. Kennst du mich nicht? scheint es dir nicht, als ob wir uns schon damals gesehen hätten? Erkanntest du mich nicht wieder, als du mein Blut stilltest, als du deine Hand auf mein erloschenes Herz legtest, um ihm Leben und Wärme wiederzugeben? O, ich erinnere mich wohl. Als ich die Augen öffnete, sagte ich: »Da ist sie! so lebte sie in allen meinen Träumen, sie ist es, der ich ungekannte Seligkeiten verdanken soll.« Und so war das Leben, zu dem ich zurückkehrte, dein Werk, Dein Gatte, dein Herr hat mich, blutend von seiner Hand, zu deinen Füßen gelegt, und jetzt kann uns nichts mehr trennen …«

»Er! er kann uns trennen!« unterbrach ihn Indiana, welche mit Wonne zuhörte. »Ach! ach! Sie kennen ihn nicht; er ist ein Mann, der keine Verzeihung übt, ein Mann, den man nicht täuscht. Raymon, er wird Sie töten! …«

Und sie verbarg sich weinend an seinem Busen. Raymon drückte sie leidenschaftlich an sich.

»Ich trotze ihm!« rief er. »Liebe mich und ich bin unverwundbar. Dich aber werde ich der grausamen Macht dieses Tyrannen entreißen. Sage mir, du liebst mich, und ich ermorde ihn, wenn du ihn zum Tode verurteilst.«

»Sie flößen mir Entsetzen ein, schweigen Sie! Wollen Sie jemand töten, so töten Sie mich; denn ich habe einen ganzen Tag gelebt und verlange nichts mehr …«

»Stirb denn, aber vor Fülle des Glücks!« rief Raymon, seine Lippen auf Indianas Mund drückend.

Aber der Sturm war für diese schwache Blume zu überwältigend; sie erbleichte, legte die Hand an ihr Herz und verlor das Bewußtsein.

Anfangs glaubte Raymon, seine Liebkosungen würden sie wieder erwecken, aber vergeblich bedeckte er ihre Hände mit Küssen, vergeblich rief er sie mit den süßesten Namen. Seit langer Zeit ernstlich krank, war Frau Delmare Nervenzufällen unterworfen, welche stundenlang anhielten. Verzweifelnd mußte endlich Raymon Hilfe herbeirufen. Er zieht die Klingel. Eine Kammerfrau erscheint; aber ein Schrei entringt sich ihrer Brust, als sie Raymon erkennt. Dieser fand sogleich seine Geistesgegenwart wieder.

»Still, Noun!« flüsterte er der Kreolin ins Ohr. »Ich wußte, daß du hier bist; ich wollte zu dir; ich ahnte nicht, deine Gebieterin hier zu finden, sondern glaubte sie auf dem Ball. Als ich ins Zimmer trat, habe ich sie erschreckt, und sie sank in Ohnmacht. Sei klug, ich entferne mich.«

Raymon entfloh und ließ jede dieser Frauen im Besitz eines Geheimnisses zurück, das beiden verhängnisvoll werden mußte, wenn es sich ihnen enthüllte.




Siebentes Kapitel


Am folgenden Morgen erhielt Raymon wieder einen Brief von Noun. Diesen warf er nicht verächtlich von sich, im Gegenteil, er öffnete ihn eilig. Das Geheimnis des jungen Mädchens ließ sich nicht mehr verbergen. Schon hatten Kummer und Verzweiflung ihre Wangen gebleicht. Frau Delmare bemerkte diesen krankhaften Zustand, ohne die Ursache zu erraten. Noun fürchtete die Strenge des Obersten. Sie wußte wohl, daß sie die Verzeihung ihrer sanften Herrin erhalten würde, aber die Schande und der Schmerz, zu einem furchtbaren Geständnis gezwungen zu sein, würde sie töten. Was sollte aus ihr werden, wenn Raymon nicht dafür sorgte, sie vor den Demütigungen zu bewahren, die sie zu Boden drückten? Er mußte endlich an ihr Schicksal denken, oder sie warf sich zu den Füßen der Frau Delmare, um ihr alles zu gestehen. Das war der verzweifelte Inhalt des Briefes.

Herrn von Ramières erste Sorge war, Noun von ihrer Herrin zu entfernen.

»Hüte dich, ohne mein Einverständnis zu sprechen,« antwortete er ihr. »Richte es ein, daß du diesen Abend in Lagny bist, ich werde hinkommen.«

Während er sich nach Lagny begab, überlegte er, wie er sich benehmen solle. Noun war einsichtig genug, um nicht das Unmögliche von ihm zu verlangen. Sie hatte niemals gewagt, das Wort Ehe auch nur auszusprechen, und weil sie bescheiden und edelmütig war, meinte Raymon, er habe sie nicht betrogen und Noun hätte ihr Schicksal voraussehen müssen. Er wäre gern bereit gewesen, dem armen Mädchen die Hälfte seines Vermögens anzubieten, und ihr alle Unterstützung zu teil werden zu lassen, welche sie verlangen konnte. Seine Tage wurde aber dadurch peinlich, daß er gezwungen war, ihr zu sagen, er liebe sie nicht mehr; denn er konnte nicht täuschen. Er hatte Noun mit den Sinnen geliebt; Indiana liebte er mit ganzer Seele. Raymon war sehr unglücklich. Er kam an die Parkpforte von Lagny, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben.

Noun hatte keine so schnelle Antwort erwartet und deshalb wieder ein wenig Hoffnung gefaßt.

»Er liebt mich noch,« sagte sie sich, »er will mich nicht verlassen. In Paris, mitten unter all den Festen, hat er nur auf einige Augenblicke die arme Kreolin vergessen. Ach, wer bin ich, daß er mir all die großen Damen, alle schöner und reicher als ich, zum Opfer bringt?«

Und Noun vergegenwärtigte sich die verführerischen Reize des Luxus und prunkender Toiletten so lebhaft, daß sie darin das Mittel zu erblicken glaubte, ihre frühere Macht über Raymon wieder zu gewinnen. Sie legte die Kleider ihrer Herrin an, zündete in dem Zimmer, welches Frau Delmare bewohnte, ein großes Feuer an, schmückte den Kamin mit den schönsten Blumen, die sie im Treibhaus finden konnte, trug feines Obst und edle Weine auf und umgab sich, mit einem Worte, mit dem ganzen anheimelnden Zauber eines Boudoirs. Als sie sich in einem großen Spiegel besah, ließ sie sich nur selbst Gerechtigkeit widerfahren und dachte: Vielleicht gewinn ich alle die Liebe wieder, die er einst für mich empfunden hat.

Raymon hatte sein Pferd in einer Köhlerhütte im Walde gelassen und trat in den Park, zu dem er einen Schlüssel besaß. Fast alle Diener waren der Herrschaft gefolgt, der Gärtner stand in seinem Vertrauen, und er kannte alle Zugänge zu Lagny.

Die Nacht war kalt; ein dicker Nebel verhüllte die Bäume des Parks und Raymon irrte einige Zeit in den verschlungenen Alleen herum, ehe er die Tür des Kiosks fand, wo Noun ihn empfing. Sie war in einen Pelz gehüllt, dessen Kapuze über ihr Haupt gezogen war.

»Wir können hier nicht bleiben,« sagte sie, »es ist zu kalt, folge mir, aber sprich nicht.«

Raymon fühlte einen außerordentlichen Widerwillen, Indianas Heim als Liebhaber ihres Kammermädchens zu betreten. Doch diese Zusammenkunft sollte entscheidend werden.

Noun führte ihn über den Hof, öffnete geräuschlos die Pforte, ergriff ihn dann bei der Hand und geleitete ihn schweigend durch die düsteren Korridore; endlich zog sie ihn in ein rundes Gemach, wo blühende Orangerie süße Wohlgerüche verbreitete und helle Wachskerzen auf Kandelabern brannten,

Noun hatte bengalische Rosen entblättert und auf den Boden gestreut, den Diwan mit Veilchen geschmückt, eine sanfte Wärme strömte dem Eintretenden wohlig durch die Glieder, auf den Tischen schimmerten glänzende Kristallflaschen und Gläser. Raymon bedurfte nur kurzer Zeit, um zu erkennen, wo er war. Der feine Geschmack und die keusche Einfachheit, welche in dem ganzen Gemach herrschten, jene elegant gebundenen Bücher auf einem Bücherbrett von Mahagony, der mit einer zierlichen und unvollendeten Arbeit bespannte Stickrahmen, die Harfe, deren Saiten noch zu zittern schienen, die Kupferstiche, welche die zärtliche Liebe Pauls und Virginiens, die Berggipfel der Insel Bourbon und die Küsten von Saint-Paul darstellten, vor allem aber das kleine, unter Mousselinvorhängen halb verborgene Bett, weiß und züchtig, wie das einer Jungfrau. – Alles deutete auf Indiana. Während Raymon sich an dem feinen, unbestimmbaren Duft, den Indianas Gegenwart in diesem Heiligtum zurückgelassen hatte, berauschte, betrachtete Noun ihn mit unnennbarem Entzücken, in dem Glauben, der Anblick aller der ihm erwiesenen Aufmerksamkeiten versenke ihn in dieses süße Staunen.

Endlich brach er das Schweigen.

»Ich danke dir für alle die Vorbereitungen, die du für mich getroffen hast,« sagte er, »ich danke dir besonders, mir den Eingang in dieses Zimmer geöffnet zu haben, aber wir sind hier nicht an unserem Platz und ich muß Frau Delmare selbst in ihrer Abwesenheit respektieren,«

»Das ist sehr grausam,« entgegnete Noun, die ihn nicht verstanden hatte, aber sein kaltes, unzufriedenes Wesen beobachtete. »Ich hatte gehofft, dir zu gefallen, und ich sehe, du stößest mich zurück.«

»Nein, liebe Noun, ich werde dich nie zurückstoßen. Ich bin hieher gekommen, um ernstlich mit dir zu sprechen und dir Beweise von der Zuneigung zu geben, die ich dir schuldig bin. Ich erkenne dankbar deinen Wunsch an, mir zu gefallen; aber es wäre mir lieber, wenn ich dich nur im Schmuck deiner Jugend und deiner natürlichen Anmut vor mir sähe, anstatt mit diesem geborgten Flitter.«

Noun verstand ihn nur zur Hälfte, aber sie weinte.

»Ich bin sehr unglücklich,« sagte sie, »ich hasse mich, da ich dir nicht mehr gefalle. Ich hätte es voraussehen sollen, daß deine Liebe nicht lange anhalten werde. Daß du mich nicht heiraten würdest, wußte ich sehr wohl, aber wenn du mich wenigstens noch liebtest, so hätte ich ohne Klage alles getragen … O, ich bin verloren, entehrt! Vielleicht jagt man mich fort … Jeder wird das Recht zu haben glauben, mich mit Füßen zu treten … Ach, und doch würde ich dies alles freudig ertragen, wenn du mich noch liebtest.«

Noun war von Tränen fast erstickt; sie hatte die Blumen von ihrer Stirn gerissen und ihr langes Haar wogte wild auf ihre vollen glänzenden Schultern herab. Sie strahlte in Schmerz und Liebe. Überwältigt zog Raymon sie in seine Arme und ließ sie neben sich aufs Sofa sitzen. Durch dieses Zeichen der Zärtlichkeit beglückt, trocknete Noun ihre Tränen und warf sich zu Raymons Füßen.

»Liebe mich doch noch,« sagte sie, seine Knie umfassend, »sage mir noch einmal, daß du mich liebst, und ich bin wieder glücklich.«

Ihre großen schwarzen Augen weilten auf ihm mit den zärtlichsten Blicken. Raymon vergaß alles, seine Entschlüsse, seine neue Liebe und den Ort, wo er war, indem er Nouns Liebkosungen erwiderte.

Nach und nach tauchte ein unbestimmter nebelhafter Gedanke an Indiana in Raymon auf. Die beiden Spiegelscheiben, welche Nouns Bildnis vervielfältigten, schienen sich mit tausend Phantomen zu bevölkern. Er glaubte in der Tiefe dieser doppelten Widerspieglung eine zartere Form zu erblicken und in dem letzten duftigen, dunklen Schatten, welchen Noun hineinwarf, den feinen, schmächtigen Wuchs Indianas zu erkennen.

Betäubt, wie Raymon von den starken Weinen, verstand Noun die wunderlichen Reden ihres Geliebten nicht, wenn sie nicht selbst trunken, wie er gewesen wäre, würde es ihr nicht entgangen sein, daß Raymon an eine ganz andere dachte. Sie hätte bemerkt, daß er die Schärpe und die Bänder küßte, die Indiana getragen hatte, die Wohlgerüche einatmete, die ihn an sie erinnerten, aber Noun bezog dies alles auf sich selbst, während Raymon von ihr nichts sah, als Indianas Gewand. Indiana sah er in der Wolke des Wunsches, welchen Nouns Hand entzündet hatte.

Als Raymon von seinem Rausch erwachte, drang der Tag durch die Spalten der Fensterladen, und lange blieb er regungslos in ein dumpfes Staunen versunken, den Ort, wo er sich befand, und das Bett, worauf er in seinen Kleidern geruht hatte, fast für ein Traumgesicht haltend. Im Zimmer der Frau Delmare hatte Noun alles wieder in Ordnung gebracht, nichts verriet das Gelage des gestrigen Abends.

Raymon stand auf und wollte hinausgehen; aber die Tür war verschlossen, das Fenster dreißig Fuß vom Boden entfernt.

Da warf er sich auf seine Knie.

»O Indiana,« rief er, die Hände windend, »kannst du mir eine solche Schmach verzeihen? Verwirf mich jetzt, vertrauende, sanfte Indiana; denn du weißt nicht, welchem schändlichen, gemeinen Menschen du die Schätze deiner Unschuld anvertrauen willst! Verstoße mich, tritt mich unter deine Füße!«

Da trat Noun in ihrer gewöhnlichen Kleidung ein. Als sie Raymon auf den Knien sah, glaubte sie, er bete. Sie wußte nicht, daß das nicht die Gewohnheit der vornehmen Leute ist. Schweigend wartete sie, bis es ihm gefallen würde, ihre Gegenwart zu bemerken.

Als Raymon sie sah, fühlte er sich gereizt und verlegen, ohne sich entschließen zu, können, sie zu schelten, oder ihr ein freundliches Wort zu gönnen.

»Warum hast du mich hier eingeschlossen?« fragte er endlich.

»Damit du nicht fortgehst,« antwortete Noun schmeichelnd. »Das Haus ist unbewohnt, der Gärtner kommt niemals in diesen Teil des Gebäudes, von dem ich allein den Schlüssel habe. Du bleibst also diesen Tag noch bei mir, du bist mein Gefangener.«

Diese Anordnung brachte Raymon zur Verzweiflung; denn er fühlte für seine Geliebte nichts mehr. Doch mußte er sich darein ergeben und vielleicht hielt ihn auch, trotz des peinlichen Gefühles, das ihn in diesem Zimmer ergriff, ein unwiderstehlicher Reiz darin fest.

Als Noun gegangen war, um ihm sein Frühstück zu bereiten, begann er beim Licht des Tages alle die stillen Zeugen von Indianas Einsamkeit näher zu betrachten. Er öffnete ihre Bücher, durchblätterte ihr Album und schloß sie dann eilig, denn er fürchtete noch immer, eine Profanation zu begehen und die unschuldigen Geheimnisse eines weiblichen Herzens zu verletzen. Endlich bemerkte er auf dem Wandgetäfel, dem Bette der Frau Delmare gegenüber, ein großes, mit doppelter Gaze bedecktes Gemälde in reichem Rahmen.

Vielleicht war es Indianas Bildnis. Begierig, es zu betrachten, stieg Raymon auf einen Stuhl, entfernte die Gaze und entdeckte mit Erstaunen das lebensgroße Porträt eines jungen Mannes.




Achtes Kapitel


»Es ist mir, als müßte ich diese Züge kennen,« sagte er zu Noun, als diese eben zurückkehrte, indem er sich bemühte, eine gleichgültige Miene anzunehmen.

»Pfui, mein Herr,« entgegnete das junge Mädchen, das Frühstück auf den Tisch setzend, »es ist nicht hübsch, in die Geheimnisse meiner Gebieterin einzudringen.«

Raymon erbleichte.

»Geheimnisse?« wiederholte er. »Wenn es hier Geheimnisse gibt, so bist du die Vertraute und doppelt strafbar, mich in dieses Zimmer geführt zu haben.«

»Ach nein, es ist kein Geheimnis,« sagte Noun lächelnd. »Könnte meine Herrin vor einem so eifersüchtigen Gatten Geheimnisse haben?«

»Wen stellt dieses Porträt vor?«

»Sir Ralph Brown, den Cousin der gnädigen Frau; es ist ihr Jugendfreund und ich könnte fast sagen, auch der meinige.«

Raymon betrachtete das Gemälde mit finsteren Blicken.

Wir haben bereits gesagt, daß Sir Ralph ein hübscher Mann war, von kräftiger Gestalt und reichem Haarwuchs, immer geschmackvoll gekleidet. Wenn er auch nicht der Mann dazu war, ein romantisches Frauenherz zu erobern, so hätte er doch die Eitelkeit einer nüchtern angelegten Natur befriedigen können. Er war in Jagdkleidern dargestellt, von seinen Hunden umgeben, an deren Spitze sein Lieblingshund, die schöne Ophelia, stand. Sir Ralph hielt in der Hand den Zügel eines prächtigen, englischen Pferdes, welches fast den ganzen Hintergrund des Gemäldes einnahm. Das Bild war bewundernswürdig ausgeführt und das Original kam ihn bei weitem nicht gleich.

Doch fragte sich Raymon unwillig:

»Wie, dieser vierschrötige Engländer genießt das Vorrecht, das geheimste Gemach der Frau Delmare zu schmücken? Sein fades Bild hängt immer da. Er überwacht, er verfolgt alle ihre Bewegungen; er besitzt sie zu jeder Stunde!«

»Ist das Gemälde immer mit der Gaze umhüllt?« fragte er das Kammermädchen.

»Immer,« antwortete sie, »wenn die gnädige Frau abwesend ist. Doch bemühe dich nicht, sie wieder vorzuhängen, Frau Delmare kommt in einigen Tagen zurück.«

»Dann, Noun, wäre es gut, wenn du ihr sagtest, daß dieses Gesicht einen sehr impertinenten Ausdruck hat … An Herrn Delmares Stelle würde ich nur eingewilligt haben, es hier aufzuhängen, nachdem ich ihm beide Augen ausgestochen hätte …«

»Was hast du denn gegen das Gesicht des guten Herrn Brown?« sagte Noun. »Er ist ein so trefflicher Herr! Früher hatte ich ihn nicht so gern, weil ich immer von meiner Herrin hörte, er sei selbstsüchtig, aber seit dem Tage, wo er dir so viel Teilnahme bewies …«

»Richtig,« unterbrach sie Raymon, »er stand mir bei, aber nur auf Frau Delmares Bitte.«

Der Tag rückte vor, ohne daß Noun wagte, Raymon an den eigentlichen Zweck seiner Anwesenheit zu erinnern. Endlich gegen Abend gewann sie es über sich und drang in ihn, ihr seine Absichten zu erklären.

Raymon hatte keine anderen, als sich von einem gefährlichen Zeugen und einer Frau, die er nicht mehr liebte, zu befreien. Doch wollte er ihr Schicksal sicher stellen und machte ihr die glänzendsten Anerbietungen.

Das arme Mädchen erblickte darin einen Schimpf; sie riß sich das Haar aus und hätte sich den Kopf zerschmettert, wenn Raymon sie nicht mit Gewalt zurückgehalten hätte.

»Es ist meine Schuldigkeit,« sagte er, »und du wärst sehr strafbar, wenn ein falsches Zartgefühl dich bewöge, meine Anerbietungen zurückzuweisen.«

Noun beruhigte sich und trocknete ihre Augen.

»Wohlan,« sagte sie, »ich nehme deine Vorschläge an, aber nicht für mich. Auch mußt du mir versprechen, mich ferner zu lieben. Deine Gleichgültigkeit würde mich umbringen. Kannst du mich nicht zu dir nehmen, um dir zu dienen? Sieh, ich bin nicht ehrgeizig. Laß mich in den Dienst deiner Mutter treten. Sie soll mit mir zufrieden sein, ich schwöre es dir; und wenn du mich auch nicht mehr liebst, so werde ich dich doch wenigstens noch sehen können.«

»Du verlangst etwas Unmögliches, liebe Noun. In dem Zustande, in welchem du dich befindest, kannst du nicht daran denken, in irgend jemandes Dienst zu treten, und meine Mutter zu täuschen, wäre eine Niederträchtigkeit, in welche ich niemals willigen kann. Geh nach Lyon oder Bordeaux, ich verpflichte mich, dir bis zu dem Augenblick, wo du dich wieder zeigen kannst, es an nichts fehlen zu lassen.«

»Nein,« rief das Mädchen, schmerzlich die Hände faltend. »Ich will nicht in einer fernen Stadt sterben, wo Sie mich vergessen.«

»Noun, wenn du fürchtest, daß ich dich täuschen will, so komm mit mir, derselbe Wagen soll uns an den Ort führen, den du selbst wählen magst; überall hin will ich dir folgen und dir die Pflege angedeihen lassen, die ich dir schuldig bin, nur nicht nach Paris.«

»Ja, um mich zu verlassen, wenn Sie mich in einem fremden Lande als unbequeme Last abgesetzt haben,« sagte sie mit bitterem Lächeln. »Nein, mein Herr, nein, ich bleibe! Ich will mich zu Frau Delmares Füßen werfen, ihr alles bekennen, und ich weiß, sie wird mir verzeihen, denn sie ist gut und liebt mich. Wir sind fast an demselben Tage geboren; sie ist meine Milchschwester. Sie wird mich nicht von sich stoßen, sie wird mit mir weinen, sie wird mich pflegen. Ach, sie ist das einzige Wesen auf der Welt, welches sich meiner erbarmen wird! …«

Dieser Entschluß brachte Herrn von Ramière fast zur Verzweiflung. Ehe er noch eine Antwort finden konnte, ließ sich im Hofe das Rollen eines Wagens hören. Noun eilte bestürzt ans Fenster.

»Es ist Frau Delmare!« rief sie, »fliehen Sie!«

Der Schlüssel zur verborgenen Treppe war in diesem Augenblick der Verwirrung nicht zu finden. Noun ergriff Raymon am Arm und zog ihn in den Korridor, aber kaum hatten sie die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sie in geringer Entfernung vor sich Frau Delmares Stimme hörten und ein Licht, das ein Diener trug, seinen flackernden Schein auf ihre entsetzten Gesichter warf. Noun hatte nur noch Zeit, umzukehren und mit Raymon, den sie nach sich zog, in das Schlafzimmer zurückzueilen.




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