Der Arzt auf Java
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Der Arzt auf Java





Erster Band





I.

Der Orkan


An einem Novemberabend 1847 wurde die Stadt Batavia von einem jener furchtbaren Orkane heimgesucht, welche nur den indischen Meeren eigenthümlich sind und schon so oft die Insel Jana verheerten. Der Wind, der während des Tages nur heftig gewesen war, begann gegen 6 Uhr Abends in einzelnen Stößen zu stürmen. Das Meer wuchs und brach sich schäumend an dem Damme, der den Hafen bildet und ohne welchen Batavia nur eine Rhede haben würde.

Wer noch keinen Orkan in Indien sah, weiß nicht was ein solcher zu bedeuten hat. Es ist eine Verbindung aller Elemente zur Vernichtung des Menschen und seiner Werke. Das Meer scheint die Städte verschlingen, der Wind sie in das Meer schleuderte zu wollen. Die Blitze sind nicht mehr einzelne Strahlen, sondern ganze Feuergarben.

Um 9 Uhr Abends brach einer dieser Orkane in seiner ganzen Heftigkeit über Batavia aus. Der Wind heulte, knickte die höchsten Bäume, warf die Hütten der Neger nieder, hob die Bambusdächer von den Magazinen, bedeckte den Boden mit ihren Trümmern und spielte mit den stärksten Stämmen derselben, wie ein gewöhnlicher Wind mit einem Strohhalm.

Das Schauspiel der Rhede war besonders entsetzlich. Wüthende Wogen, Häuserhoch, stürzten sich schäumend und heulend auf die Küste und glichen eben so vielen Ungeheuern mit aufgesperrten Rachen, bereit, die Arbeiter zu verschlingen, welche von dem Ufer die Gegenstände zu entfernen bemüht waren, die man hier ihrem eignen Gewichte überlassen hatte.

Die Wassermassen, welche über den Hafendamm schlugen, gelangten bis zu den Schiffen, hoben sie bis zur Höhe der Dächer der Häuser, schleuderten sie gegen einander und zerschmetterten sie so mit einem entsetzlichen Gekrach. Der Regen goß in Strömen herab.

Wir sagten, daß es 9 Uhr Abends war, als der Orkan in seiner ganzen Wuth ausbrach. Zu dieser Stunde hat die Bevölkerung Batavias für gewöhnlich die obere Stadt erreicht. Batavia besteht nämlich aus zwei übereinander liegenden Städten. In der einen lebt und wohnt man, in der andern treibt man seinen Handel.

Außer diesen beiden gibt es noch eine dritte, Stadt, die wir hier aber nur nebenher erwähnen und die man das Lager der Chinesen nennt.

Die untere Stadt, längs der Brücke, in der Mitte von Sümpfen gelegen, umgeben mit einem Wald von Wurzelträgern, welche oft ihre Wurzeln in dem Meere baden und da, wo sie sich von dem Ufer desselben entfernen, kaum einen schmalen Streifen frei lassen, die untere Stadt, sagen wir, wird so ungesund, wenn mit dem Abend die Dünste über dem sumpfigen Boden aufsteigen, daß Niemand es wagt, die Nacht dort zuzubringen. Zwischen 6 und 7 Uhr, wenn die Dunkelheit von dem Himmel mit jener eigenthümlichen Schnelligkeit der tropischen Gegenden herab sinkt, verlassen alle Bewohner die Factoreien, die Comptoire, die Magazine, in denen sie während des Tages ihre Geschäfte verrichteten.

Die Regierungsgebäude, das Theater, die öffentlichen Anstalten, die Häuser der Europäer, sind auf dem Berge erbaut, welcher die Rhode beherrscht und durch ihre Höhe gegen die pestartigen Ausdünstungen, die von der Küste herkommen, gesichert.

Die chinesische und malayische Stadt liegt auf der andern Seite dieses Berges.

Die Gewalt des Windes war so furchtbar, daß ungeachtet der Gefahr, in welcher die Magazine standen, da man sie am nächsten Tage gänzlich vernichtet zu finden glaubte, Niemand es wagte, seine Wohnung zu verlassen. Dennoch ging ungeachtet des Regens, ungeachtet des Sturmes, ungeachtet der Blitze, ein Mann allein rasch den Abhang hinab, der von der obern Stadt zu der untern führt. Man hätte glauben können, dieser Mann wäre gleichgültig gegen das Schauspiel der Vernichtung gewesen, welches sich rings um ihn her zeigte, hätte er sich nicht bei jedem Schritte, den er auf seinem Wege machte, festzuklammern gesucht, und nicht durch den Sturm fortgerissen oder umgeworfen zu werden. Das Wasser rieselte von seinen Kleidern, die Zweige der Bäume peitschten ihm das Gesicht, Stücke der Dächer schlugen um ihn her nieder und drohten ihn in ihrem Falle zu zerschmettern, ohne daß er sich um etwas Anderes zu kümmern schien, als seinen Weg bei dem Scheine der Blitze zu erkennen. So stieg er bis zur Rhede hinab, ließ den Hafen dann zu seiner Linken, wendete sich rechts und folgte dem Quai in seiner ganzen Länge Bei jedem Schritte bedeckte das Meer ihn mit Schaum. An dem Ende des Quais angelangt, blieb er stehen. Er wartete auf einen Blitz. Der Himmel öffnete sich und durch diese Oeffnung einen Flammenstrom herabsendend, erkannte er einen schmalen Pfad, der zwischen dem sumpfigen Wasser hinführte. Er verfolgte diesen Pfad, ging noch ungefähr 5 Minuten weiter und blieb endlich vor einem Bambushause stehen, welches größer war, als die Magazine der untern Stadt und dessen Zugänge mit Ballen und Collis jeder Größe bedeckt waren, geschützt durch große, getheerte Leinwanddecken.

Der Mann klopfte an die Thür. Es erfolgte keine Antwort. Er versuchte die Thür zu öffnen, doch sie widerstand seinen Anstrengungen. Dies schien ihn zu überraschen, denn in den Städten des indischen Archipels haben die meisten Wohnungen nur der Form wegen eine Thür.

Er hob ein großes Stück Holz auf, das der Orkan bis hierher geschleudert hatte und bediente sich desselben wie eines Hammers, um gegen die widerstrebende Thür so laute Schläge zu führen, daß sie selbst den Lärm des Sturmes übertönten. Ein schwacher Lichtschein drang durch die Bambusritze des ersten Stockwerkes und eine weibliche Stimme fragte in holländischer Sprache: »Wer ist da?«

»Oeffnen Sie,« erwiederte der Unbekannte, »öffnen Sie schnell!«

»Wer sind Sie und was wollen Sie?«

»Oeffnen Sie nur zuerst; Sie müssen sehen und hören, daß es bei solchem abscheulichen Wetter nicht Zeit ist, vor der Thür ein Gespräch zu führen.«

»Ich kann nicht öffnen, bevor ich weiß, was Sie hier suchen, und bei einem solchen Sturme und in einer so dunklen Nacht läuft man nicht in guter Absicht auf der Straße umher.«

»Meine Absicht ist gleichwohl höchst unschuldig und friedlich,« erwiederte der Unbekannte. »Meine Frau ist krank und von allen Aerzten Batavias und der im Hafen liegenden Schiffe aufgegeben und ich komme, den Doctor Basilius, dessen Gelehrsamkeit alle Welt rühmt, um seinen Rath zu bitten.«

»Wenn Sie deshalb kommen, so warten Sie einen Augenblick.«

Das Frauenzimmer, welches diese Antwort gegeben hatte, kam hierauf herunter, zog einen eisernen Riegel von der Thür und öffnete diese halb. Dann hielt sie zu dem Spalt ihre durchsichtige Hornlaterne hinaus, so daß der Schein derselben auf das Gesicht des Unbekannten fiel. Sie erkannte dabei, daß sie es mit einem Manne von ungefähr 25 Jahren, mit regelmäßigen Zügen und einem sanften, interessanten Gesichte, zuthun hatte. Ungeachtet seines niederländischen Ursprungs umgaben lange schwarze Haare sein Gesicht und hoben dessen matte Blässe hervor. Seine großen Augen, dunkelblau wie Saphir, obgleich geröthet durch Nachtwachen und Thränen, waren voll Ausdruck. Er trug europäische Kleidung, die zwar sauber war, aber dennoch lange Dienste verrieth. Des Wetters ungeachtet hatte er keinen Mantel, aber selbst die Aermlichkeit seines Anzugs hob seinen eleganten Wuchs und sein anständiges Benehmen noch mehr.

Der Anblick eines so schönen jungen Mannes, in welchem sie im Augenblick einen Landsmann erkannte, mußte natürlich unsere Holländerin beruhigen, eine junge und schöne Friesin, kaum 18 Jahre alt und noch immer in ihre Nationaltracht gekleidet.

Sie senkte die Laterne herab, um dem Fremden zu zeigen, daß er eine Stufe hinauf zu steigen hätte und sagte dabei: »Treten Sie ein und verschließen Sie die Thür, denn der Regen verfolgt Sie bis in das Haus.«

Der junge Mann folgte dieser Weisung, und während er die Straßenthür schloß, öffnete die junge Friesin die Thür eines Zimmers, in das sie den Fremden eintreten ließ.

Es war ein kleines, achteckiges Gemach, ganz mit Teppichen behangen, auf denen sich phamitastische Bilder zeigten. Dies Zimmer mußte zu verschiedenartigem Gebrauche dienen, denn auf einem Lacktische in der Mitte sah man eine halbleere Arakflasche, Gläser, geöffnete Handelsbücher und auf der Ecke dieses Tisches, eben so wie in allen Winkeln des Zimmers, auf allen Möbeln, halbgeöffnete Ballen, die Stücke Seidenzeuge, Shawls und Kästchen erblicken ließen. Die letztern enthielten allem Anschein nach Opium, denn der scharfe Geruch desselben zog die Kehle zusammen. Außerdem erblickte man überall Elfenbeinarbeiten, die mit übermenschlicher Geduld und dem feinsten Geschmack geschnitzt waren, kostbare Porzellanbüchsen mit Thee, aus denen ein kräftiger Duft ausstieg, der während der langen Reise verfliegt, welche diese wohlriechenden Blätter zu machen haben, um Europa zu erreichen.

Das junge Mädchen warf einen dieser Ballen auf den Boden und reichte dem Fremden einen Bambusstuhl, nicht ohne ein mürrisches Gesicht zu machen, indem sie bemerkte, daß dieser mit seinen Schuhen und dem Wasser, das seinen Kleidern entfloß, die blendend weißen Matten, die den Boden bedeckten, kothig gemacht hatte.

Der junge Mann setzte sich, aber indem er umher sah, um den zu entdecken, welchen er suchte.

»Sie wollen den Doctor sehen?« fragte die Friesin.

»Ich möchte ihn nicht nur sehen,« erwiederte der Fremde, »sondern ich wünschte auch, daß er mich nach meiner Behausung begleitete, denn meine Frau ist ihrem Ende nahe; meine Frau, verstehen Sie wohl? Das heißt, das einzige Wesen, welches mich liebt und das ich auf dieser Welt liebe. Mein Gott, wenn ich daran denke, daß jede Minute, die ich verliere, ein Schritt mehr ist, den sie dem Tode entgegen geht. – Ach, Fräulein, bat der junge Mann schluchzend, indem er beide Hände gegen seine Landsmännin ausstreckte, um des Himmelswillen, führen Sie mich schnell zu Ihrem Herrn.«

»Ach, armer Herr,« sagte das junge Mädchen, »was verlangen Sie da?«

»Ich erbitte von Ihnen das Leben meiner Frau, denn man behauptet, daß nur Er allein sie retten kann.«

»Aber wissen Sie denn nicht« daß der Doctor Basilius seit seinen Streitigkeiten mit dem Polizeirichter, sich um keinen Menschen auf der Welt mehr aus dem Hause bringen läßt? Er empfängt seine Freunde bei sich, ertheilt ihnen Gesundheitsrathschläge, wie er sagt, wenn sie ihn darum bitten, aber darauf beschränkt sich auch seine Einmischung zwischen den Krankheiten und den Kranken. Was noch mehr ist – ich glaube, daß mein Herr seit zwei Jahren nicht in die obere Stadt hinaufgekommen ist.«

»Ach, sprechen Sie für mich,« rief der junge Mann, »um des Himmelswillen, sprechen Sie für mich, Fräulein, ich beschwöre Sie! Wenn Sie wüßten, wie ich meine Esther liebe! Er rettet, wenn er sie am Leben erhält, zwei menschliche Wesen, zwei Geschöpfe Gottes, zwei Brüder, die ihm das Leben verdanken. Mein Gott, mein Gott,« fuhr der junge Mann schluchzend fort, »seit 24 Stunden kämpft sie gegen den Tod und wie ich diese Zeit überlebt habe, weiß ich selbst nicht. – Lassen Sie mich zu dem Doctor, ich beschwöre Sie! Ich muß seine Knie umfassen und ihn bei Allem, was ihm in dieser und jener Welt heilig ist, anflehen, meine Frau zu retten, wenn sie noch gerettet werden kann.«

Die junge Friesin schüttelte zum Zeichen des Zweifels den Kopf und betrachtete den Fremden mit zärtlicher Theilnahme. »Ach,« sagte sie, indem sie die Stimme dämpfte, »Sie kennenden Doctor Basilius nicht?«

»Nein,« erwiederte der junge Mann, »ich bin kaum seit zwei Monaten in Batavia und seit dieser Zeit hat Esther das Bett nicht verlassen; ich blieb beständig an ihrem Lager.«

»Wer hat Sie denn an den Doctor gewiesen?« fragte die Friesin.

»Der Apotheker, von dem ich die Arzneien bekam. Er rühmte mir seine seltene Gelehrsamkeit und pries ihn als den einzigen Arzt, der vielleicht das Uebel bekämpfen könnte, welches meine Frau dem Grabe zuführt.«

»Und hat der Apotheker Ihnen nichts weiter über das Leben des Doctor Basilius gesagt?« fragte das junge Mädchen zögernd. »Theilte er Ihnen nicht mit, welches seine Gewohnheiten, seine Abenteuer sind? Setzte er Sie nicht in Kenntniß von den tausend Gerüchten, welche die Bosheit auf seine Rechnung in Umlauf brachte?«

»Nein, er sagte mir nur: »Gehen Sie zu diesem Manne; er kann Ihr Retter sein.« – Darauf bin ich gekommen.«.

»Ja, aber hat er nicht hinzugefügt: »Nehmen Sie Ihre Börse, junger Mann, und sorgen Sie dafür, daß sie gut gefüllt sei, ehe Sie es wagen, sich dem Doctor zu zeigen?«

»Ach, Fräulein, erwiederte der Unbekannte, »das wäre eine nutzlose Mahnung gewesen. Ich bin ein armer Handlungscommis, der nur von seiner Arbeit lebt und unglücklicher Weise mußte ich, um Esther nicht fremden Händen zu überlassen, gleich nach meiner Ankunft in Batavia auf die Stelle verzichten, wegen welcher ich 500 Meilen weit herkam. Bis ich daher eine Andere Stelle gefunden habe, bin ich ganz ohne alle Hilfsmittel.«

»Also indem Sie herkamen —?«

»Rechnete ich nur auf die Barmherzigkeit des Doctors.«

Die junge Holländerin stieß einen Seufzer aus und murmelte: »Armer junger Mann!«

»Was sagen Sie?« fragte der Unbekannte immer besorgter und besonders immer ungeduldiger.

»Ich sage, daß, wenn Sie nicht reich sind mein lieber Landsmann, der Doctor schwerlich einwilligen wird, Ihre Frau zu besuchen.«

»O mein Gott,« rief der Fremde, »da meine arme Esther zum Tode verurtheilt ist, mag man auch mein Leben nehmen!«

»Wenn ich es wagte —« sagte die junge Friesin schüchtern und indem sie einen Zipfel ihrer seidenen Schürze drehte.

»Was? Sprechen Sie! Erblicken Sie irgendein Mittel der Hilfe, so lassen Sie mich nicht darauf warten!«

»Ich habe einige Ersparnisse, von denen mein Herr nichts weiß; Sie sind ein Landsmann, Sie leiden, Ihr Schmerz thut mir weh, ich weiß nicht warum, aber ich habe gleich bei den ersten Worten Ihnen meine Theilnahme geschenkt. Es ist so selten, daß ein Mann seine Frau so liebt, wie Sie die Ihrige zu lieben scheinen. – Nun, nehmen Sie diese Ersparnisse an; Sie geben sie mir zurück, wenn Ihre Frau hergestellt ist, oder wenn Sie einen Posten haben.«

Der Fremde wollte dankend antworten und streckte schon die Hand aus, um die des jungen Mädchens zu drücken, als ein heftiger Schlag auf einen Gong durch das ganze Haus ertönte. Die junge Holländerin erbebte und ohne sich so viel Zeit zu lassen, dem Fremden nur noch ein Wort zu sagen, eilte sie hastig durch eine Seitenthür. Als der junge Mann allein geblieben war, verbarg er den Kopf in die Hände; er hielt jede Hilfe für verloren, sein Muth verließ ihn und er weinte heftig, doch still. Sein Schmerz nahm ihn so ganz ein, daß er die Rückkehr der hübschen Friesin nicht bemerkte. Sie tippte ihn mit dem Finger auf die Schulter. Er erbebte, hob den Kopf empor und als er das lächelnde Gesicht des jungen Mädchens sah, blieb er regungslos und erwartete mit offenem Munde ihre Worte. »Kehren Sie nach Hause zurück,« sagte sie. »Der Dr. Basilins wird Ihre Frau besuchen.« Plötzlich von dem äußersten Schmerz zur unbändigsten Freude übergehend, sank der junge Mann nieder auf s eine Knie, küßte die weißen, rundlichen Hände seiner Landsmännin und rief: »Ich danke Ihnen, mein rettender Engel! Denn ich zweifle nicht, daß das Opfer Ihrer Ersparnisse den Doctor bestimmt hat.« »Nein,« entgegnete das junge Mädchen, »ich begreife es selbst nicht. Ich habe nicht nöthig gehabt, an den Doctor nur die geringste Bitte zurichten. Als ich zitternd vor Furcht, ausgezankt zu werden – denn er hat mir verboten, jemals mit den Besuchern zu sprechen – eintrat, hat er die Augen von der Calcutter Zeitung nicht emporgehoben, sondern nur die Worte gesagt: »Sagen Sie Herrn Eusebius van der Beek, daß ich mich zu seiner Frau begeben werde.«

Er weiß meinen Namen?« rief der junge Mann verwundert.

»Ach mein Gott, was weiß er denn nicht!« sagte die junge Holländerin mit dem Ausdruck der Furcht. »Und gleichwohl habe ich ihn nicht ein einziges Mal aus dem Hause gehen sehen, seitdem ich bei ihm bin und das ist schon beinahe zwei Jahre her.«

»Sonderbar,« sagte Eusebius; »indeß das Wesentliche ist erreicht. Ach, wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, denn ich habe Ihr großmüthiges Anerbieten nicht vergessen, wenn es auch nicht mehr nöthig war. Sobald meine arme Esther genesen ist – wenn dies je geschieht, – führe ich sie zu Ihnen, um Ihnen zu danken.«

»Ist sie eine Holländerin?« fragte das junge Mädchen.

»Aus Harlem, eben so wie ich.«

»Und – hübsch?«

»Beinahe eben so sehr wie Sie,« sagte Eusebius heiter.

»Bringen Sie sie nicht her, nein, ich werde sie aufsuchen. Doch gehen Sie; beeilen Sie sich; der Doctor wird ausgehen und wenn er Sie noch fände, würde er mich der Schwatzhaftigkeit beschuldigen.«

»Aber warten Sie wenigstens, bis ich Ihnen die Adresse meiner Wohnung gegeben habe.«

»Das ist nicht nöthig; der Doctor wird sie schon finden; hätte er sie verlangt, so würde er danach gefragt haben. Gehen Sie, gehen Sie nur.«

Und die hübsche Friesin drängte Eusebius van der Beek zur Thür hinaus, indem sie ihm die Hand drückte, um diese etwas unhöfliche Weise seiner Entfernung zu entschuldigen. Der junge Mann versuchte leise zu widerstehen. In diesem Augenblicke ertönte ein noch heftigerer Schlag auf den Gong, daß das ganze Haus davon widerhallte. Die junge Friesin sammelte alle ihre Kräfte, stieß die Thür auf und Eusebius hinaus, der sich so auf der Straße befand, bevor er noch seine Adresse hatte angeben können. Er hörte dann sogleich, wie die Thür wieder verschlossen und verriegelt wurde und dies geschah mit einem Eifer, welcher bewies, daß der Doctor Basilius in seinem Hause eine strenge Autorität ausübe.

Er rief die Holländerin, indeß vergebens, Keine Stimme antwortete ihm. Er wollte ein Gespräch anknüpfen, doch das Licht, welches bis dahin geschimmert hatte, verschwand.

»Acht« rief er verzweiflungsvoller wie je, »das ist ein grausamer Spott, und um sich meiner zu entledigen, hat das junge Mädchen mir gesagt, der Doctor Basilius würde meine Frau besuchen. Wie sollte ihm dies möglich sein, da er meine Adresse nicht kennt und das Haus überdies am äußersten Ende der oberen Stadt liegt, in einem der namenlosen Gäßchen, welche an das chinesische Viertel grenzen!«

Er rief von Neuem und als er wieder keine Antwort erhielt, brach er in Klagen aus.

»Mein Gott! mein Gott!« sagte er dumpf in sich hinein, »sollen denn alle diese Bemühungen vergeblich gewesen sein? Der unglückselige Arzt kann meine Wohnung in der Dunkelheit nimmermehr finden und wenn der Tag anbricht, ist meine arme Esther todt.«

Er verdoppelte sein Geschrei, und als im Hause Alles still blieb, erhob er das Stück Holz, dessen er sich schon früher bedient hatte und stieß es mit aller Gewalt gegen die Thür, um die Aufmerksamkeit der Bewohner zu erwecken. Doch Alles blieb nutzlos; das Haus schien ausgestorben zu sein und nur das Echo antwortete auf die Schläge des armen Eusebius van der Beek.




II

Der Doctor Basilius


Eusebius dachte nach diesen Versuchen, das Beste würde sein, wenn er wartete, bis Doctor Basilius sein Haus verließe, wie er dies zu thun versprochen hatte; dann wollte er ihn anreden und ihm bis zu seiner Wohnung führen.

Der Sturm dauerte noch immer fort, das Toben des Meeres und das Pfeifen des Windes hatten sich nicht vermindert. Der Regen stürzte mit solcher Gewalt herab, daß es schien, als wären die Wolken durch Wasserstrahlen mit der Erde vereinigt. Aber der Schmerz, den Eusebius empfand, war so gewaltig und sein Geist von dem, was um ihn her vorging, so weit entfernt, daß er nicht einmal daran dachte, unter den Theerdecken Schutz zu suchen und frei dem Regen ausgesetzt blieb. Uebrigens glich der Sturm der Elemente nur dem in seinem Innern.

So wartete er eine Stunde lang. Als er denn sah, daß die Thür noch immer geschlossen blieb und daß kein Geräusch im Innern des Hauses verrieth, der Doctor treffe Anstalt, sein Versprechen zu erfüllen, klopfte er abermals wüthend an die Thür. Doch wieder vergebens. Jetzt fühlte er sich entmuthigt, vernichtet, überzeugt, daß die junge Holländerin seiner Leichtgläubigkeit gespottet hatte und daß der Doctor sich seinetwegen nicht bemühen wolle. Er kehrte daher niedergeschlagen auf dem Wege zurück, den wir ihn kommen sahen. Auf der Hälfte der Anhöhe blieb er stehen, um noch einen letzten Blick zurückzuwerfen. Soweit seine Augen bei der Dunkelheit und dem stürzenden Regen reichten, war die Straße öde.

»Ha, der Elende!« rief er, die Arme emporstreckend, als wollte er den Fluch Gottes auf ihn herabrufen. »Er hat in seinen Händen die Rettung eines seiner Mitmenschen und er hält sie geschlossen, weil man kein Geld hat, es ihm zum Austausch für ein Leben zu geben.«

Dann blickte er rings an dem Horizont umher und sagte: »Arme Esther, Du bist verurtheilt und ich kann keine barmherzige Seele finden, Dich dem unerbittlichen Schicksal zu entreißen, mit zwanzig Jahren zu sterben! Doch ich will kämpfen bis zum Ende und Dein Leben vertheidigen, bis Gott selbst es meinen Händen entreißt.«

Als hätte er einen Entschluß gefaßt, lief er plötzlich wie wüthend vorwärts, hatte nach wenigen Secunden den Berg vollends erstiegen und klopfte an die Thür der Wohnung eines der berühmtesten Aerzte Batavias. Auch dort weigerte sich die Dienerschaft, ihn bis zu ihrem Herrn vorbringen zu lassen. Doch Dieser hörte sein Geschrei, seine Thränen, seine Bitten, und kam zu ihm. Eusebius setzte ihm seinen Wunsch auseinander.

»Von welcher Krankheit ist Ihre Frau ergriffen?« fragte der Arzt.

»Die Aerzte haben sie bisher auf Schwindsucht behandelt,« erwiederte Eusebius.

Der Arzt schüttelte den Kopf, ging zu einem Tische, schrieb einige Zeilen auf ein Stück Papier und reichte dieses dem jungen Manne, indem er sagte: »Lassen Sie ihre Frau morgen nach dem Hospitale bringen; hier ist eine Anweisung zum Eintritte. Verlangen Sie für sie ein Bett, indem Saale D und ich werde ihr meine Aufmerksamkeit widmen. Aber ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß diese Krankheit, in Europa beinahe immer tödtlich, hier nicht ein einziges Beispiel der Heilung bietet, obgleich dieser Empyriker Basilius behauptet, er könne die Schwindsüchtigen im dritten Grade (Stadium) heilen.«

»Basilius! Immer wieder Basilius!« rief Eusebius, indem er zum Zimmer hinausstürzte, ohne auch nur die Schrift anzunehmen, die der Doctor ihm bot. »Ha! Er muß kommen, er muß sie sehen und sollte ich ihn mit dem Tode bedrohen, um ihn dahin zu bringen, sollte ich Feuer an sein Haus legen, damit er es verläßt und ich ihn zu Esther schleppen kann!«

Außer sich über den Vorschlag, seine Frau nach dem Hospital bringen zu lassen, wollte Eusebius zurückkehren, um seine Drohung auszuführen, als er überlegte, daß er seine Wohnung schon vor längerer Zeit verlassen hatte, daß Esther seitdem allein war und daß sie seines Verstandes vielleicht dringend bedurfte.« Der Gedanke, daß Esther ihn riefe und daß das arme Geschöpf vielleicht glaubte, er hätte sie verlassen, brach ihm das Herz. Statt nach dem Hafen zurückzukehren, eilte er vorwärts nach der oberen Stadt. Einige Zeit ging er an den Mauern entlang, welche die Gärten der prachtvollen Villa’s der reichen Holländer umgaben; dann drang er in die verworrene Masse der schmutzigen und ungesunden Gassen, welche die Juden bewohnen, die gleich den Chinesen und Malayen in Batavia ihr eigenes Viertel haben. Endlich kam er zu seinem Hause. Es war ein Gebäude, das, ursprünglich von Bambus aufgeführt, allmälig aber in Verfall gerathen und mit Stücken von Matten und Segeltuch ausgebessert war. Man konnte sich nichts Elenderes denken, als diese Wohnung; sie hatte nur ein Erdgeschoß. Ein schwacher Lichtschimmer drang durch eine Matte, die zugleich als Thür und als Fenster diente. Das Licht rührte von der Nachtlampe her, die neben dem Bett der Kranken brannte. Als Eusebius es sah, erbebte er.

»Ach, mein Gott!« sagte er, »so schwach auch dieses Licht ist, hat es doch vielleicht meine arme Esther überlebt.«

Seine Angst war so gewaltig, daß er zögerte, einzutreten. Endlich sammelte er seine Kräfte, hob die Matte auf, eilte in das Zimmer und zu der Matratze, auf welcher Esther ruhte. Die junge Frau lag regungslos und schien zu schlafen. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Mund halb geöffnet, ihr Athem unhörbar.

»Ach,« sagte Eusebius, »sie schläft!« Dann fuhr ihm ein anderer, fürchterlichen Gedanke durch den Kopf wie ein finsterer Blitz. Er beugte sich über die Lippen der Schlafenden, um ihren Athem zu hören, als eine Art von Gekicher, welches aus einer Ecke des Zimmers ertönte, ihn erbeben machte. Er wendete sich um und erblickte indem Halbdunkel einen Mann, der, aus einem Bambusschemel saß und im Munde eine Pfeife hielt, die seine Athemzüge glühend machten wie einen Ofen.

»He! he! he!« sagte dieser Mann, »es scheint, Sie sind um die Schule gegangen, mein junger Freund! Denn obgleich der Weg von dem Hafendamme bis hierher weit ist, warte ich doch schon länger als eine Stunde auf Sie.«

»Wer sind Sie, mein Herr?« rief Eusebius verwundert.

»Ei, der Doctor Basilius,« entgegnete der Raucher.

Eusebius wendete hierauf seinen Blick auf den sonderbaren Gast, der sich bei ihm eingeführt hatte. Der Doctor Basilius war ein dicker, kurzer, rundbäuchiger Mensch und dies widerlegte die geheimnißvollen Gerüchte, welche über diabiabolische Natur des Doctors in Umlauf waren, denn man ist gewohnt, sich Satan lang und mager zu denken.

Es wäre schwierig gewesen, sein Alter genau zu bestimmen. Er konnte ebenso gut 35 Jahre alt sein und älter aussehen, wie er war, oder 55 und jünger erscheinen. Sein Gesicht hatte jene ziegelrothe Farbe, wie man sie häufig bei Menschen findet, die dem weißen Stamme angehören, aber lange Jahre hindurch der Seeluft und der Gluth der tropischen Sonne ausgesetzt waren. Seine dicken Backen hatten eine beträchtliche Entwicklung erfahren und seine Kinnbacken, die sein Gesicht unten breiter machten als oben, verliehen seiner Physiognomie einen einfältigen Ausdruck, der nur durch seinen eigenthümlichen Blick beseitigt wurde.

Wenn in der That irgend eine Verwandtschaft zwischen dem Doctor Basilius und dem Geiste der Finsterniß bestand, so mußte man sie in den Augen des Doctors suchen. Obgleich sie in den Höhlen tief zurücklagen und halb durch dicke Augenbrauen verborgen wurden, waren die Augen des Doctor Basilius dennoch feurig und stechend und dieser Ausdruck stand in Harmonie mit der eigenthümlichen Feinheit feines Mundes, dessen Lippen sich an den Enden mit seinem Lächeln bogen, das vollständig gegen den übrigen Theil dieser höllischen Hülle abstach.

Seine Stirn war hoch und ganz kahl, so daß man einen doppelten Vorsprung bemerken konnte, welcher sich an der Stelle befand, welche die Mythologie den Hörnern der Satyre und die Magie des Mittelalters denen Satan’s anweist. Der Mangel der Haare war durch eine gewebte rothe Mütze ersetzt, welche sich über die Ohren ziehen ließ, wenn der Doctor sich gegen die Kälte oder den Regen schützen wollte, die er aber in Form einer chinesischen Kappe in die Höhe zog, wenn er glaubte, daß seine Ohren durch die Wirkung der Luft keine Gefahr liefen.

Seine Kleider glichen durchaus nicht denen, welche gewöhnlich seine Standesgenossen tragen. Ueber die Beinkleider von gestreiftem Baumwollzeuge hatte er, um sich gegen den Regen zuschützen, ein Paar jener gelb getheerten Hosen gezogen, deren die Matrosen sich auf dem Meere bedienen; ein Paletot von blauem Tuch, sehr grob, aber warm und bequem und ein rothes Madrastuch, um den Hals durch eine gewaltige Tuchnadel in Form eines Ankers befestigt, vollendeten eine Kleidung, die an den Ufern des Zuyderzees außerordentlich passend hätte erscheinen können, die aber sich dessen in Juba nicht rühmen durfte.

Wie wir erwähnten, hatte der Doctor auf einem Bambusschemel Platz genommen, und um den Schemel in einen Stuhl zu verwandeln, denselben in eine Ecke gestellt. Um sich die Langeweile zu vertreiben, rauchte er aus einer Pfeife von versilbertem Kupfer, die er mit einer Opiummischung gestopft hatte.

»Aber wie sind Sie denn hergekommen, Herr Doctor?« fragte Eusebius van der Beek verwundert.

»Durch die Luft und auf einem Besenstiel,« sagte der Doctor mit einem kurzen scharfen Lachen, welches ihm eigenthümlich war und so ziemlich dem Zirpen der Grille glich. »Sie begreifen wohl, daß ich bei einem solchen Winde nicht lange brauchte, um den Weg zurückzulegen.«

»Sie sind gekommen, Doctor,« sagte Eusebius, »und meine Dankbarkeit kümmert es nicht, welche Bewegungsmittel Sie angewendet haben. Ich danke Ihnen, guter Doctor, ich danke Ihnen.«

Er suchte nach der Hand des Doctors, um sie ihm voll Innigkeit zu drücken.

»Sehen Sie sich vor,« sagte der Doctor, indem er sie lebhaft zurückzog, »Sie möchten sich an meinen Krallen verbrennen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Eusebius. »Sollten Sie der Einzige in dieser guten Stadt Batavia sein, welcher nicht weiß, daß Satan und ich ein paar gute Freunde sind; daß der Fürst der Finsterniß jeden Morgen mit mir meinen Milchcaffee und jeden Abend meinen schwarzen Caffee trinkt und daß ich es seinen Rathschlägen verdanke, wenn ich bei drei oder vier Gelegenheiten etwas weniger als ein Esel erschien, wie meine Herren Confratres?«

»Allerdings, Herr Doctor, habe ich darüber sprechen hören. Aber wie können dergleichen Albernheiten in unserer Zeit Glauben finden?«

»Ei, ei, mein junger Freund, man muß auf nichts schwören. Ueberdies ist die Dankbarkeit eine Last, die sich schwer bis an das Ende tragen läßt und viele Personen wären sehr froh, sich ihrer entledigen zu können, selbst um den Preis einer Albernheit.«

»Ach, Herr Doctor, glauben Sie mir, daß ich nicht zu Denen gehöre und ich mich mein ganzes Leben lang der Verpflichtung erinnern werde, welche ich Ihnen für die Schnelligkeit und Uneigennützigkeit schulde, mit der Sie mir zu Hilfe geeilt sind.«

»He! he! he!« rief der Doctor mit einem so wüthenden Gelächter, daß es in einen heftigen Husten überging. – »Er unterhält mich, der junge Mensch; er unterhält mich ganz gewaltig. – Fahren Sie fort, mein kleiner Freund;ich liebe es, die Aeußerungen des Herzens sich in einem Wasserfalle von Worten ergießen zusehen; sie beweisen eine schöne Seele bei Dem, welcher sich ihnen hingibt und ich bewundere die schönen Seelen. – Sie sagten also —?«

»Daß Sie zur Vergeltung des Dienstes, den Sie mir leisten werden, Doctor, wenn Sie meine Esther heilen, über mich verfügen dürfen, wie es Ihnen gut dünkt, und daß ich, welchen Preis Sie auch von meiner Dankbarkeit fordern werden, stets bereit sein will, Ihnen mein Leben zu opfern, weil Sie mir mehr als das Leben gegeben haben, indem Sie das meiner Frau erhielten, die ich mehr liebe, als mich selbst.« »Mein Gott, das ist ja ein förmlicher Vertrag, den Sie mir da vorschlagen, mein lieber junger Mann. Ganz gewiß nehmen Sie die Schilderung, welche die guten Seelen Ihnen von mir gemacht haben, buchstäblich. Doch die Dankbarkeit führt Sie zu weit. – Die Dankbarkeit – Pest! sehen Sie sich wohl vor, denn das ist ein Gefühl, dem man mißtrauen muß.«

»Doctor, sagte der arme Eusebius, welcher über die spöttische Weise, mit welcher Basilius seine Danksagungen aufnahm, so gekränkt war, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen – »Doctor, verspotten Sie mich?«

»O, ich werde mich wohl davor hüten,« sagte der Doctor mit lautem Gelächter; »habe ich jemals an irgend Etwas gezweifelt? Ich glaube an Alle Versprechungen; man meint es stets aufrichtig, wenn man sie leistet, aber wenn man sie halten soll, dann ist es freilich etwas anderes und die redlichen Leute bedauern es, sie gemacht zu haben, selbst wenn sie sie erfüllen.«

»Doctor, ich schwöre Ihnen —«

»Ich glaube von Ihnen, mein junger Freund, genau das, was ich von allen anderen Menschen glaube, das heißt, daß Sie es ehrlich meinen bei einem Versprechen und daß sie eben so ehrlich beim Vergessen sein werden.«

»Doctor, ich schwöre Ihnen —«

»Hören Sie,« sagte der Doctor, indem er Eusebius unterbrach, »Sie haben dort rechts von der Kommode ein Stückchen Spiegel. Nehmen Sie es vor das Gesicht und sagen Sie mir dann, was Sie sehen.«

»Mein eigenes Bild-«

»Nun wohl, ebenso gut können Sie schwören, daß Sie in zwanzig Jahren noch an Ihren Eid denken werden, wie Sie hoffen dürfen, daß in zwanzig Jahren Ihr Spiegelbild ebenso aussehen wird, wie heute. Aber gleichviel; fahren Sie nur fort, mein junger Freund. Ich habe zehnmal so viel Vergnügen daran, die Leute von ihrer Dankbarkeit sprechen zu hören, als es mir machen würde, die Wirkungen derselben zu unterzeichnen. Immer weiter also, immer weiter;legen Sie sich keinen Zwang auf.«

»Doctor,« sagte der unglückliche Eusebius, der seinen sonderbaren Gast überzeugen wollte, daß er nicht ein Undankbarer sei, wie die Mehrzahl der Menschen, »ich hoffe, daß mir das Glück vorbehalten sein wird, Ihnen zu beweisen, daß Sie eine zu schlechte Meinung von der Menschheit haben. Aber jetzt scheint es mir, verlieren wir zu viel Zeit. Soll ich die Kranke wecken?«

»Wozu?«

»Ei, Herr Doctor, damit Sie ihr geben, was ihr Zustand erheischt.«

»Ihr Zustand erheischt für den Augenblick nichts,« erwiederte der Doctor mit schneidendem Gelächter. »Sie schläft, wie Sie noch nie geschlafen hat. Sie werden keinen ihrer Athemzüge hören können.«

»Das ist wahr,« sagte der junge Mann besorgt und that einen Schritt gegen das Bett. Der Doctor zog ihn an dem Rockschoße zurück.»Lassen Sie sie noch schlafen,« sagte er. »Indem Schlafe schöpft die Natur neue Kräfte Wer sagte Ihnen denn, ob nicht der Tod sogar, den man so sehr fürchtet, weiter nichts ist, als eine lange Ruhe, die uns zu einem neuen Leben vorbereitet? Hören Sie, ich glaube meiner Treu, ich habe da eben ein System aufgestellt. He he he he! Es ist vielleicht nicht so ganz abgeschmackt.«

»Soll ich Ihnen nicht wenigstens, damit Sie Ihre Zeit nicht verlieren, die Krankheit Esther’s näher beschreiben?«

»Zuerst, mein junger Freund, müssen Sie wissen, daß wir unsere Zeit nicht verlieren. Wir philosophiren, und das ist im Gegentheil die beste Verwendung, welche der Mensch den Stunden seines Lebens geben kann. Was die Auseinandersetzung der Krankheit Ihrer Frau betrifft, so kenne ich alle Symptome, die Sie mir angeben möchten, ebenso gut, wie Sie. Wie es Gesetze für die Geburt gibt, so gibt es auch welche für den Tod. Daher ist jede Wissenschaft leicht, sobald man es gelernt hat, in dem großen Buche zu lesen, welches für die Blinden geschrieben ist, und das man die Natur nennt. Lassen wir daher Ihre Frau schlafen und sprechen wir von anderen Dingen!«

Eusebius stieß einen Seufzer aus, aber er glaubte, er müsse sich den Launen des Doctors fügen und fragte daher: »Von was würde es Ihnen angenehm sein, zu sprechen?«

»Von Allem, was Sie wollen, mein junger Freund. Ich trinke ohne Unterschied den Arak und unsern vortrefflichen Schidam, Constantia und den Palmenwein. Ich habe Stunden lang mit einem ehrwürdigen Brahminen von Jaggernaut gesprochen und am Tage darauf, als ich alle Weisheit der 36 Seelenwanderungen Brahma’s erschöpft hatte, unterhielt ich mich deshalb nicht minder gut bei dem Geschwätz der Lascaren der Jonke auf welcher wir den heiligen Fluß hinabfuhren.«

»Nun denn, Herr Doctor,« sagte der junge Mann, indem er ungeachtet der instinktmäßig wachsenden Bedrückung seines Herzens ein vertrauensvolles und heiteres Wesen anzunehmen suchte, »dann sagen Sie mir, wie es kommt daß Sie mir so schnell Ihre Theilnahme geschenkt haben – da Sie doch —«

Eusebius sah, daß er auf eine gefährliche Bahn eingelenkt hatte, und zögerte, seinen Satz zu beenden.

»Da ich doch?« wiederholte der Doctor, und als er sah, daß Eusebius in seinem Schweigen beharrte, sagte er: »Da ich doch das Bischen Wissenschaft, welches ich besitze, oder das man mir zutraut, nur um schweres Geld verkaufe, nicht wahr? – Das wollten Sie sagen, oder das war wenigstens Ihr Gedanke.«

»Ach« Herr Doctor —«

»Er beleidigt mich nicht. Zum Henker, der Priester lebt vom Altare und der Arzt vom Tode. Glauben Sie denn, wenn ich mir die Mühe geben wollte, könnte ich Ihnen nicht deutlich und unwiderleglich beweisen« daß eben so, wieder Arzt, auch jeder andere Mensch welchem Stande er immer angehöre, sich von dem Unglück seines Nächsten mästet? Nur wird das Uebel, welches er dem Einen zufügt, ihm durch den Andern vergolten. Bloß das Gute vergilt der Mensch niemals. Aber das würde uns zu weit führen. Kommen wir also auf unsere Frage zurück. Es gibt etwas, das ich dem Golde vorziehe, vielleicht, weil ich von diesem so viel habe« daß ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll.«

Eusebius sah den Doctor verwundert an.

Ach ja,«« sagte dieser, »das ist auch ein Beweis der guten Meinung, welche die Menschen von dem Menschengeschlecht haben. Es wundert Sie, daß ich gestehe, daß ich reich bin? Man sagt dergleichen Dinge aus zwei Ursachen nicht. Erstens, weil der reiche Mensch stets fürchtet, daß man ihn bestehle, und zweitens, weil er noch weit mehr fürchtet, daß man den Quellen seines Reichthums nachforschen werde. Diese Quellen aber, mein Freund, bestehen größtentheils in Bestechung, Wucher, Betrug, Diebstahl, selbst in Mord. Sie begreifen wohl die Mißachtung« welche auf unsere meisten Millionäre fallen würde« wenn man bis zu ihren Quellen zurückginge. Die Reisenden« welche die Ufer des Nil aufgesucht haben und bis zu dem vierten Breitengrade gelangten, haben nichts gefunden, als stinkende Sümpfe, deren Ausdünstungen tödten. Mein junger Freund« ein großes Vermögen stammt meistens aus Sümpfen her, die noch viel stinkender sind, als die des Nils. Athmen Sie die Ausdünstungen nicht zu sehr in der Nähe ein, oder Sie laufen Gefahr, dabei mehr Kohlensäure als Sauerstoff in ihre Lungen einzusaugen. Bei mir ist das etwas Anderes; ich bin ein unverschämter Schuft, und sage ganz laut, woher mein Reichthum stammt. Gleich dem Doctor Fausts habe ich mich dem Satan verschrieben und dieser ließ mich aus dem Becher der Wissenschaft trinken. Ich kämpfe gegen Gott, indem ich die Leute gesund mache; aber ich stelle meinen Preis vor der Genesung, denn wenn ich es erst hinterher thäte« so würde ich fadenscheinige Hosen und Löcher in den Ellenbogen meines Rockes haben.«

»Das ist es eben, was mich die Frage an Sie richten ließ, Doctor, auf die Sie noch nicht geantwortet haben.«

»Nun wohl, so thue ich das jetzt, mein junger Freund. Es geschah, weil es etwas gibt, das ich dem Golde vorziehe, und das ist meine Laune. Deshalb. gebe ich so wenig auf Ihre Dankbarkeit – Rauchen Sie Opium, mein Herr van der Beek?«

»Nein, Doctor.«

»Sie haben Unrecht; das Opium ist etwas ganz Vortreffliche. Man sagt, es mache mager: sehen Sie mich an. Man sagt, es gewähre einen matten Blick: sehen Sie in meine Augen.«

Indem der Doctor so sprach, schlug er sich auf seinen wohlgerundeten Bauch, der einen hohlen Klang gab, wie eine große Kiste, und schoß aus seinen Augen Blitze, welche Eusebius blendeten.

»Man sagt, es verkürze das Leben,« fuhr der Doctor fort. »Irrthum, Lüge, Verleumdung! Es verdoppelt es, denn es macht aus unserm Schlafe ein zweites Leben.«

»Doctor,« sagte Eusebius ängstlich, »was den Schlaf betrifft – finden Sie nicht, daß der meiner Frau sich auf eine beunruhigende Weise verlängert?«

»Wissen Sie, daß die Orientalen, die Türken, die Araber, selbst die Chinesen, welche wir als Anfänge der Schöpfung, als mißlungene Werke der Menschheit betrachten, das Leben viel logischer aufzufassen verstehen, wie wir Menschen des Occidents? Was ist denn unsere einfältige und lärmende Trunkenheit, die Trunkenheit des Weins, oder des Biers, die materielle Anfüllung, die den Menschen unter das Thier herabsetzt, neben dieser Begeisterung durch einen wohlriechenden Dunst, der bei dem beständigen Streben nach Oben in den Kopf steigt, statt sich in den Magen hinabzusenken, neben dieser feenhaften Betäubung, die unsere Seele von ihrer irdischen Hülle loslöst und ihr gestattet, von Paradies zu Paradies zu fliegen?«

»Doctor, lieber Doctor, lassen Sie uns von Esther sprechen, ich beschwöre Sie!«

»Nun wohl, wenn Sie es durchaus wollen,« sagte der Doctor Basilius, ohne sich Mühe zu geben, seine üble Laune zu verbergen.

»Sie müssen also wissen« Doctor, daß sie schon, ehe wir Harlem verließen, einen hartnäckigen Husten hatte, der mich beunruhigte.«

»So, Sie sind von Harlem?« sagte der Doctor Basilius, scheinbar ohne die Ungeduld zu bemerken, welche Eusebius über diese Unterbrechung empfand. – »Ein hübsches kleines Städtchen, meiner Treu!«

»Eine reizende Stadt, Doctor; nur gestatten Sie —«

»Aber,« fuhr er fort, »wenn Sie wirklich aus Harlem sind, so vermuthe ich, daß Sie auch die berühmte nächtliche Runde von Rembrandt kennen, die sich gegenwärtig in der Gallerie des Herrn van Tomme befindet?«

»Ja, Doctor,« erwiederte Eusebius, »aber ich wollte Ihnen sagen —«

»Mein Lieber, ich will Ihnen etwas sagen, was viel interessanter ist, als Alles, was Sie mir mittheilen können. Ich spreche von dem Meisterwerk eines Menschen, welches leben wird so lange die Leinwand, auf welche dieses Meisterwerk aufgetragen ist, und die Farben, mit denen es gemalt wurde, halten, das heißt, Jahrhunderte, während der Mensch, dieses Meisterwerk Gottes, aus Fleisch und Bein bestehend, 30, 40, 50, 60 Jahre lebt, dann aber in Fäulniß untergeht! – Puh! wie Hamlet sagt!«

»Doctor,« sagte Eusebius, indem er unwillkürlich erbebte, »ich schwöre Ihnen, daß Sie mir Furcht einflößen.«

»Nun wohl,« fuhr Basilius fort, als hätte er Eusebius Worte nicht gehört, »dieses berühmte Bild ist nur eine Copie, mein lieber Herr van der Beek. Wenn Sie das Original kennen lernen wollen, so brauchen Sie nur zu mir zukommen, und Sie werden dort nicht nur die nächtliche Runde sehen, sondern auch meine ganze Gallerie; denn Sie müssen wissen, daß ich eine sehr schöne Gemäldegallerie in meinem elenden Häuschen am Quai von Batavia besitze. Wie ich Ihnen eben sagen wollte, habe ich dort, Dank meinem Reichthume, um mich alle positiven Genüsse der Orientalen und alle intellectuellen der Europäer vereinigt. Sie werden daher auch bei mir Alles finden, die Meisterwerke der Kunst und der Natur, Rembrandt, Tizian, Rubens; die besten Weine Ungarns, Frankreichs und Spaniens, und endlich die schönsten Proben der drei Stämme, welche die Welt bevölkern, des schwarzen Stammes, des weißen und des gelben.«

»Mein Gott, mein Gott,« murmelte der junge Mann halblaut, indem er in heftiger Aufregung in dem Gemach umher ging und dabei einen Blick auf die junge Frau warf, die noch immer regungslos und stumm dalag, »mein Gott, ist es denn möglich, daß dieser unbarmherzige Schwätzer eben der Doctor Basilius sei, von dem man so wunderbare Curen erzählt hat?«

Dann blieb er endlich vor dem Doctor stehen, wie ein Mensch, der einen Entschluß gefaßt hat, und sagte: »Herr Doctor, besichtigen Sie zunächst meine Frau, ich beschwöre Sie, und dann wollen wir von Allem sprechen, was Ihnen gefällig ist.«

»Es sei,« entgegnete der Doctor; »zuvor aber noch einige Worte – Sie heißen Eusebius van der Beek?«

»Ja, Herr Doctor.«

»Sie sind aus Harlem und der Sohn des Jacobus van der Beek?«

»Mein Vater hieß Jacobus van der Beek.«

»Der Mann der Esther Menuis, Tochter des Notars Wilhelm Menuis und seiner Frau der Johanna Katharina Mortico?«

»Das ist Alles genau so. Sie sprechen wie ein Kirchenbuch.«

»Schwester,« fuhr der Doctor fort, »eines gewissen Basilius Mortiec, der sich vor zwanzig Jahren in Harlem einschiffte und seitdem nicht wieder erschienen ist?«

»Nein, niemals. Sollten Sie etwa diesen Onkel gekannt haben, dessen meine Frau sich kaum erinnert?«

»Ich habe von ihm sprechen hören, ja, ich habe ihn sogar persönlich gekannt.– Er war ein Contrebandirer, Pirat, Corsar; ich weiß nicht, wo er sich hat hängen lassen.«

»O mein Gott!«

»Ach, beklagen Sie ihn nicht, Er war ein elender Schuft.«

»Doctor, er war der Onkel meiner armen Esther; Sie müssen mir daher verzeihen, wenn ich Sie bitte, in meiner Gegenwart nicht schlecht von einem so nahen Verwandten zu sprechen. Wir Holländer von altem Schrot und Korn sind in der Achtung unserer Familie erzogen worden.«

»Sie sind wahrlich ein eigenthümlicher junger Mann. Sprechen wir also nicht weiter von Ihrem Onkel.«

»Nein, Doctor, aber um des Himmels Willen, sprechen wir von seiner Nichte.«

»Es ist sonderbar,« sagte Basilius, als ober zu sich selbst spräche, aber dennoch laut genug, um von Eusebius verstanden zu werden – »es ist sonderbar, wie hartnäckig der Mensch darauf besteht, seinem Unglück entgegen zu gehen.«

»Ich sagte also,« nahm Eusebius wieder das Wort, ohne auf die Bemerkung des Doctors zu achten; dieser aber unterbrach ihn ungeduldig und rief: »Mein Gott, Sie sagten mir, daß Ihre Frau Sie schon vor der Abreise von Harlem durch einen hartnäckigen Husten beunruhigt hätte.« Eusebius wollte fortfahren, er aber unterbrach ihn und sagte: »Lassen Sie mich Ihnen das Uebrige erzählen, und Sie werden sehen, daß es nutzlos ist, sich wegen einer Sache zu quälen, die ich besser weiß, wie Sie selbst. – Unterbrechen Sie mich also nicht. – Während der ersten Tage strengte die Seefahrt Ihre Frau ungemein an. Sie mußte liegen bleiben, der Husten dauerte fort, der Auswurf wurde stärker.«

»Ja, Doctor, so war es.«

»Lassen Sie mich doch sprechen. – Am fünften Tage nach Ihrer Abfahrt bekam Ihre Frau ein heftiges Blutbrechen, dieses wurde mit Hilfe von Fovler-Syrup gehoben«, aber Ihre Frau fuhr fort, sich über heftige Schmerzen in der Brust zu beklagen. Der Husten hatte sich vermindert, aber die Verdauung war gestört. Das dauerte vier oder fünf Tage; dann fühlte Ihre Frau sich wohler und hielt sich für geheilt. Da das Wetter schön und das Meer ruhig war, so fand sie sich acht Tage darauf kräftig genug, um auf das Deck zu steigen und an Ihrem Arm umherzugehen. Die Schmerzen in der Brust und selbst in den Eingeweiden hatten aufgehört, der Appetit kehrte zurück und mit ihm fand Ihre Frau einen Theil Ihrer Kräfte und ihre ganze Jugend und Heiterkeit wieder, als Sie nach einer Fahrt von fünf Monaten in Batavia landeten. Weder Sie noch Ihre Frau dachten weiter an die Schwindsucht; man hätte glauben können es wäre von dieser Krankheit nie die Rede auf der Erde gewesen, und der gute Gott hätte sie in der hohlen Hand zurückbehalten, wie die Hoffnung in der Büchse der Pandora geblieben war.«

»Ja, so ist es, so ist es in der That, Doctor,« rief Eusebius, noch erschrockener über die Wissenschaft des Mannes, als über die Art von Gotteslästerung, die er sich hatte entschlüpfen lassen, indem er seine Worte mit jenem teuflischen Gelächter begleitete« welches wir bereits an ihm bezeichnet haben.

»Warten Sie doch auf das Ende, um mir Ihren Beifall zu zollen! Gleich den großen Künstlern bewahre ich mir den Haupteffect vor – Zwei Tage nach Ihrer Landung, als Sie eben von einem Besuche bei dem Kaufmann zurückkehrten, dem Sie empfohlen waren, und bei dem Sie am nächsten Montag eintreten sollten, klagte Ihre Frau über Schmerzen in der Seite und über Mattigkeit der Glieder; der Husten kehrte an demselben Abend zurück, und der Auswurf am nächsten Tage. Bei der Untersuchung zeigte es sich, daß die rechte Lunge beinahe ganz oder doch zum größten Theil verzehrt, und auch die linke angegangen sei. Ihre Frau hatte, was wir die galoppirende Schwindsucht nennen; der Athem wurde immer schwieriger und pfeifender, die Circulation des Blutes schneller und ungleicher der Puls hatte von 95 bis 115 Schläge in der Minute. Am Morgen waren Brust, Gesicht und Hände mit einem kalten, klebrigen Schweiße bedeckt; die Kräfte schwanden, das Gefühl der Liebe selbst nahm ab; binnen einigen Tagen hatte das Alter sich der Frau bemächtigt, die noch kurz zuvor so heiter, so liebevoll, so zärtlich gewesen war. Sie zeigte sich gleichgültig gegen Alles, selbst gegen die Beweise Ihrer Zärtlichkeit, sorglos in Allem, selbst in Beziehung auf den Tod – Ist das nicht Alles so gewesen?«

»Ja, Doctor, von Punct zu Punct. Aber wie können Sie wissen —?«

»He, he, he, he!« sagte der Doctor. »Wahrlich, ich muß lachen, wenn Ihre schönen europäischen Romane den Augen ihrer Leser die Brustkranken zeigen, lieblich und rosig, wie die abscheulichen Pastellbilder, welche die Franzosen Gemälde nennen. Köstliche Kranke, welche die Luft von Nizza einathmen, oder das Wasser von Cauxbonnes trinken, voll Anmuth husten und mit Gefühl ohnmächtig werden. – Sagen Sie, mein Herr van der Beek, hat Ihre Esther in den letzten Tagen diesen hübschen kleinen Brustkranken geglichen?«

»Ach nein, Doctor, aber ungeachtet der Veränderungen, welche die Krankheit bei ihr hervorgebracht hat, liebe ich sie nicht weniger, wie sonst, und beschwöre Sie daher nochmals, heilen, retten Sie sie!«

»Mein lieber Freund,« sagte der Doctor mit seinem wunderlichen Lachen, »ich wünschte nichts sehnlicher; aber es ist ein wenig spät.«

»Wie so, ein wenig spät!« rief Eusebius, indem er den Arzt mit starren Blicken ansah.

»Allerdings, denn Ihre Frau hat die Seele um 8 1/2Uhr Abends ausgehaucht, gerade in dem Augenblicke, als Sie den ersten Schlag an die Thüre meines Hauses thaten.«

Eusebius stieß einen fürchterlichen Schrei aus und stürzte auf das Bett zu; der Körper seiner Esther war schon eiskalt und zeigte jene Steifheit, welche die Wissenschaft mit dem Namen der Leichenstarre bezeichnet.

»Ach, es ist unmöglich!« schrie der unglückliche junge Mann, indem er sich über das Bett warf, seine Frau in die Arme nahm und seine Lippen auf die bereits eiskalten der Todten preßte. – »Ach mein Gott, mein Gott, Doctor, kommen Sie mir zu Hilfe! – Aber sie ist nicht todt, sie kann nicht todt, sie kann nicht gestorben sein, ohne mir, Lebewohl zu sagen – Und ich, der ich Alles ruhig anhörte, was dieser Mensch mir sagte! Esther! Esther! – Ach, Doctor, ich beschwöre Sie – als ich sie verließ, war sie ruhig, lächelnd; sie sagte mir, daß sie sich seit dem Anfange Ihrer Krankheit nie sowohl gefühlt hätte!«

»So ist es stets, mein junger Freund,« sagte der Doctor. »Das Leben ist Denen, die es verlassen wollen, ein Lächeln schuldig.«




III.

Der Vertrag


Als Eusebius die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß seine Frau todt sei, verfiel er in die fürchterlichste Verzweiflung; er stieß herzzerreißendes Geschrei aus, stürzte sich auf den leblosen Körper, den er mit seinem Athem zu erwärmen versuchte, riß sich die Haare aus und erhob händeringend die Arme zum Himmel.

Der Doctor Basilius blieb während dessen ruhig auf seinem Schemel sitzen, stopfte seine Pfeife mehrmals neu und rauchte sie mit der vollkommensten Gleichmüthigkeit. Er sprach kein Wort und machte keine Bewegung, um diese Aeußerungen des Schmerzes zu unterbrechen; allmälig beruhigte sich derselbe oder er erlosch vielmehr wie eine Flamme« die allzu schnell gebrannt und ihren Nahrungsstoff verzehrt hat. In Folge einer nervösen Krisis fühlte Eusebius seine Augen sich mit Thränen füllen; er weinte heftig und seine Seele wurde erleichtert. Dann setzte er sich auf den Rand des Bettes, schob die Haare zurück, mit denen er in dem Uebermaß seines Schmerzes das Gesicht der Todten bedeckt hatte, ergriff die Hand Esthers und sagte, indem er sich zu Basilius zurückwendete:

»Ach« mein Herr, Sie können nicht begreifen, was ich verliere! Denken Sie sich, daß wir mit einander erzogen wurden, daß wir Thür an Thür wohnten, daß ich alle ihre Freuden theilte, alle ihre Spiele, wie sie meine Noth. Sie war so hübsch mit zehn Jahren, als sie mich schon ihren kleinen Mann nannte, sie hatte so lange blonde Locken, so schöne blaue Augen, wie die Vergißmeinnichte, die wir am Rande des Baches pflückten und aus denen ich ihr Kränze wand, mit denen ich ihre Stirn schmückte. Ach, wer hätte mir damals gesagt, daß ich sie so bald bleich, kalt, todt sehen würde! O mein Gott, mein Gott! meine Esther!« rief Eusebius, indem er auf’s Neue laut schluchzte.«

»Das ist das gewöhnliche Gesetz, mein Junge,« sagte der Doctor, indem er mit dem Gefühle der Wollust die Dünste des Opiums ein schlürfte; »wir blühen nur, um zu verweilen; wir wachsen, um gemäht zu werden, und dürfen uns noch glücklich schätzen, wenn die Sichel des Todes uns in der Zeit unserer Jugend, unserer Schönheit trifft; wenn wir die Luft um uns her noch würzen und nicht erst, wenn der Herbstwind uns ausgetrocknet«, der Winter uns mit Schnee bedeckt hat. – Auch ich, so wie Sie mich hier sehen, war ein hübsches, blondes, rosiges Kind. He, he, he! Wer sollte das jetzt noch glauben! Wie?«

Dabei brach er in jenes krampfhafte Lachen aus, welches einen so eigenthümlichen Eindruck machte, besonders da es an dem Sterbebette einer Todten ausgestoßen wurde.

Eusebius erbebte und stand auf, aber er sank wieder zurück, denn seine Beine versagten ihm den Dienst. »Mein Gott, mein Gott!« rief er, »was soll nun aus mir werden.«

»Ganz gut,« sagte der Doctor, »beklagen Sie sich über Ihr eigenes Unglück, mein guter Freund; lassen Sie in Ihrem Schmerze dem menschlichen Egoismus freien Lauf; gestehen Sie, daß Sie Ihre Frau Ihretwegen und nicht wegen der armen Todten beklagen und Sie haben die Wahrheit gesagt.« »Egoismus!« rief Eusebius; »Sie nennen das, was ich empfinde, Egoismus? Nun wohl, Doctor, dieser Egoismus wird auch mich tödten, denn ich fühle es, daß ich nicht im Stande bin, Die zu überleben, die ich so sehr geliebt habe.«

»Desto besser für Sie, mein junger Freund,« sagte der Doctor, »und wenn Sie Ihr Wort halten, so werde ich Sie ebenso wenig bedauern, wie die junge Frau, die soeben das Leben verlassen hat, ohne von demselben etwas Anderes gekannt zu haben, als dessen Schönheiten.«

Eusebius preßte sein Gesicht in beide Hände, ohne zu antworten. Indeß hörte man von Zeit zu Zeit sein Schluchzen, welches jedes Mal von dem schneidenden Gelächter des Doctors begleitet wurde.

Plötzlich sprang Eusebius auf, denn dieses Lachen schnitt ihm in das Herz. Es war ihm unmöglich, dasselbe länger zu ertragen.

»Herr,« sagte er zu dem Doctor, »ich bin in Verzweiflung, daß ich einem Manne Ihres Alters und Ihres Standes eine Lehre geben muß. Aber wahrlich, seitdem Sie hier sind, haben Sie nicht einen Augenblick aufgehört, die Rücksicht zu verletzen, die Sie meinem Schmerze schuldig gewesen wären.«

»In meinem Alter, mein junger Freund,« erwiederte ruhig der Doctor, »hängt man an seinen Gewohnheiten, und ich habe die, nur das zu achten, was ich verstehe.«

»Nun wohl, mein Herr,« sagte Eusebius mit trockenen Augen und schneidender Stimme, »ich werde ebenso handeln und meine Zeit dabei nicht verlieren, die Erklärung Ihres auffallenden Skepticismus zu suchen. – Haben Sie die Güte, sich zu entfernen; Ihre Gegenwart, die meine Thränen trocknet, ist mir unerträglich.«

Der Doctor zog gelassen eine große Uhr aus der Tasche und sagte, indem er auf das Zifferblatt derselben sah: »Die Dankbarkeit, von der Sie soeben sprachen und die ich dafür erlangt hatte, daß ich umsonst wegen einer Person, die ich nicht kannte, mich bemühte, hat gerade eine Stunde und 47 Minuten gedauert. He, he, he! das ist sehr lange, junger Freund;ich habe Viele gesehen, bei denen sie nicht solange dauerte.«

Er nahm seinen Hut von gewichstem Leder den er in eine Ecke geworfen hatte, auf, zog seine getheerten Lederhosen in die Höhe und schritt auf die Thür zu.

Die Antwort erschien Eusebius hart, und da sie nicht ganz unbegründet war, machte er unwillkürlich eine Bewegung, den Doctor zurückzuhalten.

Dieser stand bereits auf der Schwelle der Thür, allein als er Eusebius Bewegung sah, blieb er stehen. »Soeben,« sagte er, »haben Sie geschworen, daß Sie Ihre Frau nicht überleben werden. Wenn es sich nicht um die Dankbarkeit handelt, kann man dem Worte eines redlichen Menschen glauben, und Sie behaupten ein redlicher Mensch zu sein. Ist es wirklich Ihre Absicht, zu sterben, da Ihre Frau todt ist?« »Ja,« entgegnete Eusebius finster. »Nun gut, dann will ich Ihnen beweisen, junger Mann, daß meine Freundschaft für Sie,« so unerklärlich sie Ihnen auch erscheint, kein eitles, Wort ist; Nehmen Sie diesen Dolch; es ist ein malaiischer Crid. Er ist mit dem berüchtigten amerikanischen Gifte bestrichen, von dem Sie ohne Zweifel schon haben sprechen hören und welches man Curare nennt. Der leiseste Stich in irgend einen Theil des Körpers, vorausgesetzt, daß Blut danach fließt, genügt, um einen raschen und schmerzlosen Tod herbeizuführen – Nimm Du diesen Dolch, Eusebius van der Beek, nimm ihn und ich spreche Dich dann von jeder Dankbarkeit frei.« »Ich danke Ihnen,« rief Eusebius und ergriff den Dolch bei der Klinge.« »Ei, mein lieber Freund, sehen Sie sich doch vor!« rief der Doctor. »Sie möchten sich aus Versehen ritzen und sich dann darüber nicht trösten können.«

Darauf brach er in sein verhängnißvolles Lachen aus und sagte: »Auf Wiedersehen, mein junger Freund, auf Wiedersehen!« und ging hinaus.«

»Leben Sie wohl!« rief Eusebius ihm nach.

Als er sich allein erblickte, kniete er neben der Todten nieder und wollte beten, aber sein Gedächtniß rief ihm kein einziges von den Gebeten seiner Kindheit zurück. Seine Lippen weigerten sich, den Namen Gottes, der Jungfrau und der Heiligen zu stammeln.

Man hätte glauben können, die Anwesenheit des diabolischen Doctors hätte aus der ärmlichen Wohnung alle religiösen Gefühle vertrieben, welche bei dem äußersten Schmerze der Trost der Menschen sind.

Eusebius warf die Blicke auf ein Gefäß mit Blumen, welche Esther den Tag zuvor von ihm erbeten und die er für sie gepflückt hatte. Er machte daraus einen Kranz und ein Bouquet. Den Kranz schlang er um den Kopf Esthers, das Bonquet gab er ihr in die Hand. Dann nahm er sie in seine Arme drückte sie in dem Bett zurück, daß an ihrer Seite ein Platz leer blieb und legte sich neben sie. Einige Zeit hielt er die Todte fest umschlossen und bedeckte ihre Lippen und ihre Augen mit Küssen, dann ließ er seinen linken Arm um den Hals Esthers gelegt, so daß er sie fortwährend an sein Herz preßte, und mit der rechten Hand ergriff er den Crid, den er neben sich auf den Rand des Bettes gelegt hatte, und drückte die Spitze des selben auf seine Brust.

In diesem Augenblicke gewahrte er an dem Fußende des Bettes den Doctor Basilius, der zurückgekehrt war, ohne daß Eusebius ihn gesehen oder gehört hatte, und der ihn jetzt mit leisem Kichern betrachtete.

Eusebius richtete sich empor, wie durch eine Feder in die Höhe geschnellt, und stürzte mit der Schnelligkeit des Blitzes auf den Doctor zu. Dieser erwartete ihn festen Fußes und ohne daß sein Gesicht die geringste Besorgniß verrieth, nur hatte sein Gelächter den widerlichen Schrei der Hyäne angenommen. Als er aber den jungen Mann in Bereiche seiner Hand erblickte, ergriff er das Gelenk der Hand, welche die vergiftete Waffe schwang und drückte es so gewaltig, daß der Crid den halb gebrochenen Fingern des armen Eusebius entfiel, der vor Schmerz laut aufschrie. Ohne ihm Zeit zu lassen, sich zu besinnen, faßte der Doctor ihn darauf um den Leib, und mit der Gewandtheit eines Ringes von Profession hob er ihn vom Boden empor, schwang ihn einige Mal im Kreise umher und schleuderte ihn dann ganz betäubt zu Boden. Darauf drückte, er ihm ein Knie auf die Brust, umschlang mit der linken Hand beide Handgelenke, um jeden Widerstand unmöglich zu machen und mit der rechten Hand den zu Boden gefallenen Crid ergreifend, drückte er ihm die Spitze desselben auf die Brust.

»He, he, he!« sagte der Doctor kichernd, »wir wollten also den Dolch gegen den wenden, der ihn uns gegeben hatte? Das ist nicht hübsch, mein Herr Eusebius.«

»Ich sagte es Ihnen schon, Herr,« rief Eusebius, indem er, jedoch vergebens, strebte, sich frei zu machen, »daß Ihre Anwesenheit mir verhaßt ist.«

»Undankbarer!« sagte der Doctor. »Ich liebe Dich wie mein eigenes Fleisch und Blut!«

»Wenn Sie mich lieben, weshalb dann diese Spöttereien über meinen Schmerz? Wenn Sie mich lieben, weshalb haben Sie mir dann diesen Dolch gegeben und hindern mich, desselben mich zu bedienen!«

»Dich hindern, Dich seiner zu bedienen? Das habe ich keineswegs gethan. Nur die Art, wie Du Dich seiner bedienen wolltest, sagte mir nicht zu.«

»Sie waren hinausgegangen und ich glaubte Sie los zu sein. Weshalb kehrten Sie zurück? Sprechen Sie!«

»Vielleicht, Inn Dich zu retten, vielleicht auch ganz einfach, um der Entwicklung des kleinen Lustspiels beizuwohnen, das Du mir versprachst! Rathe!«

»Nun wohl, so machen Sie sogleich aus dem Lustspiel ein Trauerspiel Sie haben den Dolch, und das Leben scheint mir doppelt unerträglich, wenn ich es Ihnen verdanke. Tödten Sie mich! Tödten Sie mich!« rief Eusebius und machte eine Bewegung, sich dem Dolche entgegen zu stürzen; »das ist der einzige Dienst, den Sie mir leisten können, der einzige, den ich von Ihnen empfangen will.«

»Ganz gut! Beschimpfungen, hübsche kleine Beschimpfungen, ohne Schleier und Schminke. Du verbesserst Dich schon, Eusebius van der Beck, und das ist mir lieber, als Deine Allbernheiten. – Laß hören; wir wollen also noch immer unsere schöne Esther wieder finden und das Leben erscheint uns unerträglich, da wir sie nicht mehr haben, um es zu schmücken?«

»Mache ein Ende, Henker,« sagte Eusebius mit einer gewaltigen Anstrengung, sich von dem Doctor loszumachen.

»Ein wenig Geduld, mein junger Freund, ein wenig Geduld. In ihr liegt das Geheimniß des Lebens, die ganze Quelle der Kraft.«

Er nahm den Dolch zwischen die Zähne, schob Eusebius Kleider zurück, um seine Brust zu entblößen, und that dies Alles mit einem so großen Gleichmuth, als handelte es sich um eine einfache chirurgische Operation. Darauf bedrohte er Eusebius aufs Neue mit der Spitze des Dolches und sagte: »Bist Du denn wirklich so gewiß, dort oben Die wieder zu finden, die Du liebst?«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Du Dich tödten willst, oder verlangst, getödtet zu werden, um mit Esther Vereinigt zu sein, nicht wahr?«

»Ohne Zweifel.«

»Nun wohl, wenn nun statt die Seelen zu vereinigen, der Tod ganz einfach die Körper trennte? Wenn sie nun bei dem Rendez-vous ausbliebe oder vielmehr, wenn Keiner von Euch Beiden bei demselben erschiene? Es gibt ein Nichts, an welches sehr verständige Menschen glauben.«

»Mein Gott, mein Gott!« sagte Eusebius, indem er vor Verzweiflung keuchte, »dieser Mensch, dieser Elende, dieser Teufel, wird also nicht müde, mich zu martern?«

»Nicht im Geringsten. Seit drei Stunden bist Du auf falschem Wege und ich versuche es, Dich auf den richtigen Weg zurückzuführen. Uebrigens,« fügte der Doctor hinzu, als ob er zu sich selbst spräche, brauche ich Dich nicht unter meinem Knie zu halten« um Dir das Leben zu nehmen, sobald ich will. Du mußt Dich in dieser Stellung sehr übel befinden und die meinige ist auch gerade nicht bequem. Laß uns daher aufstehen und mit einander plaudern.«

Und das Beispiel dem Worte hinzufügen, löste der Doctor den Schraubstock, in welchem er die beiden Handgelenke seines Gefangenen gehalten hatte, stand auf, reichte Eusebius die Hand und half ihm ebenfalls auf die Beine. Dann fügte er hinzu: »Reichen Sie mir einen Sessel, mein lieber Eusebius.«

Eusebius gehorchte. ohne sich erklären zu können weshalb, dem Einfluße, den der Wille des Arztes auf ihn ausübte und zog den Bambusschemel in die Mitte des Gemaches. Er aber blieb daneben stehen.

»Ich danke Ihnen,« sagte der Doctor. Darauf machte er es sich auf seinem Sitze so bequem als möglich und fuhr fort: »Jetzt, da Sie ein wenig ruhiger sind, lassen Sie uns sehen, mein lieber Eusebius, ob es Ihnen nicht etwas weniger eilig scheint, mit Ihrem Leben ein Ende zu machen!«

»Wozu hätte ich nöthig, länger zu warten?« fragte der junge Mann. »Ist meine Esther nicht todt?« – und er deutete auf den starren Leichnam seiner Frau.

»Ja, ist gestehe es, sie ist todt. – Aber bist Du denn überzeugt, armer Dummkopf, daß das Leben, weil Du deiner Frau, die Du liebtest, beraubt bist, in Zukunft für Dich weder Trost noch Freude haben würde?«

»Ist es das, wohin Sie zielen? Hielten Sie nur deshalb meinen Arm zurück, um eine solche Posse aufzuführen, so ist Ihre wohlwollende Sorgfalt nutzlos. Ich sagte es Ihnen bereits, mein Herr, und ich wiederhole es Ihnen, daß ich nur Esther geliebt habe, daß ich nie eine Andere lieben werde, als sie, und wenn ich mich nicht heute von einem mir lästigen Leben befreie, so wird es morgen sein.«

»Nun schön! Das nenne ich Gefühl! Ich sehe daß Sie so sehr lieben, wie ein sterbliches Herz zu lieben vermag. Meine Neugier ist befriedigt, denn bei mir, Eusebius van der Beek, das lassen Sie sich ein für alle Mal gesagt sein, herrscht weder Wohlwollen noch Eigennutz. Ich empfinde Neugier, das ist Alles. Ich mache Experimente mit den Seelen wie meine Amtsgenossen mit den Körpern. He! he! he! Das ist zuweilen eben so unsauber, aber stets Viel unterhaltender.«

»Kommen wir zu Ende,« sagte Eusebius, mit dem Fuße stampfend, »denn diese Unterhaltung wird mir über alle Beschreibung lästig. Was wollen Sie noch von mir, wenn Ihre Neugier befriedigt ist?

»Lassen Sie mich mein Geschick erfüllen, dann ist nichts weiter nöthig, als mir den Dolch zurückzugeben und in wenigen Stunden werden Sie wissen, was die Liebe über ein lebhaft von ihr erfülltes Herz vermag.«

»Sie sind wahrlich zu eilig, mein junger Freund«« sagte der Doctor. »Zum Glück habe ich Zeit und bin weit davon entfernt, Ihre Ungeduld zu theilen. Da Sie nun aber diesen Dolch gegen mich erhoben haben und Sie nur noch durch meinen Willen allein leben, habe ich von jetzt an das Recht, die Tage, die Stunden, die Minuten, zu leiten, die Sie noch auf dieser Erde zuzubringen haben. Ich glaube, Sie sind zu ehrlich, um mir dieses Recht zu bestreiten.«

»Was wollen Sie damit sagen? Erklären Sie sich! Sprechen Sie!« sagte Eusebius.

»Nun wohl denn« Eusebius van der Beek,« entgegnete der Doctor, »Du, der Du ein vernünftiger Mensch bist – wie hast Du glauben können, daß der Doctor Basilius, der sich um keines Menschen Willen in seiner Bequemlichkeit stören läßt, und der noch gestern es verweigerte, nach Buytenzorg zu gehen, um den Gouverneur von Java, der morgen todt sein wird, zu behandeln, während er mit einer Fingerspitze voll von dem Pulver, das er in seinem Säckchen hat, gerettet werden könnte, anderthalb Meilen Weges zu Fuße und bei einem solchen Wetter, wie das mit dem der Teufel uns diesen Abend beschenkte, zurückgelegt haben soll, nur um der Beerdigung einer Leiche beizuwohnen und Deine Klagen anzuhören? Denn Du wirst wohl glauben, daß ich, als ich mein Haus verließ, bereits wußte, daß Deine Frau todt sei, nicht wahr?«

Der junge Mann war, wie es scheint, auf dem Puncte angelangt, auf welchem der Doctor ihn zu sehen wünschte, denn er reichte ihm den Dolch und sagte: »Eusebius van der Beek, wenn du wirklich entschlossen bist, so halte ich Dich nicht länger zurück. Geh und sieh in jenen unbekannten Regionen, von denen noch kein Reisender zurückgekehrt ist, nach, ob sie die Hölle oder das Paradies der Christen, die mit Huris bevölkerten Gärten des Vaters der Gläubigen, der Ort der Seelenwanderungen Brahma’s das Elysium der Griechen oder das finstere schweigende Nichts der Atheisten sind. Aber wie Du auch das Land finden magst, wo das Jenseits des Grabes liegt, wirst Du Esther nicht entdecken«, wie Du auch suchst.«

»Mein Gott! mein Gott!« rief Eusebius, indem er sich die Haare raufte.

»Nimm dabei,« fuhr der Doctor fort, die eine Vermuthung an, daß Esther nicht todt ist.«

»Esther wäre nicht todt!« rief Eusebius, indem er auf das Bett zusprang und beide Hände auf die Brust seiner Frau legte, während er den Doctor mit irren Blicken ansah.

»Ich sage Dir nicht, daß Esther nicht todt ist, sondern nur, daß Du es annehmen sollst, oder daß ich, wenn Du todt wärest, die Macht besäße, sie wieder zum Leben zu erwecken.«

»Ha!« rief der junge Mann, »das wäre entsetzlich!«

»Schön,« sagte der Doctor, »jetzt habe ich Deine schwache Seite, die Grenze Deiner Liebe gefunden, Du konntest Dich nicht entschließen, ohne Esther zu leben; aber Du würdest Dich noch viel weniger darein ergeben, sie ohne Dich leben zu lassen.«

Eusebius gewann, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, seine Ruhe wieder, ließ den Körper seiner Frau, den er bisher in seinen Armen gehalten hatte, sinken« näherte sich dem Doctor und sagte: »Sie täuschen sich, mein Herr; geben Sie mir die Versicherung, daß Esther nicht todt ist; geben Sie mir ferner die Versicherung, daß sie weder ihrer entsetzlichen Krankheit noch dem Schmerz über meinen Tod erliegen wird; geben Sie mir endlich die Versicherung, daß sie das Glück hienieden noch finden könnte, selbst in den Armen eines Andern, und augenblicklich verlasse ich das Leben, das Herz von Schmerz erfüllt, aber mit dem erhabenen Troste, daß meine Erinnerung unerlöschlich in dem Herzen meiner Gefährtin leben wird.«

Es lag eine solche Aufrichtigkeit, ein solcher Enthusiasmus, in dem Tone, mit welchem Eusebius diese Worte sprach, daß der Doctor sich dem Eindrucke derselben nicht zu entziehen vermochte, und statt ihm mit seinem gewöhnlichen höhnischen Lachen zu antworten, verschwand der spöttische Ausdruck, der auf seinem Gesichte stereotyp zu sein schien, für einen Augenblick »Nun wohl,« sagte er, Esther ist nicht todt und wird auch nicht sterben.«

Eusebius unterbrach ihn durch eine Bewegung, die vielleicht eben so sehr eine Drohung, wie seine Freude aussprach, denn der arme zwischen Schmerz und Hoffnung hin- und hergeworfene Geist schwebte in der That an den Grenzen des Wahnsinns.

»Aber,« fuhr der Doctor fort« »vielleicht wäre es für sie und für Dich besser gewesen, wenn ich nicht zu rechter Zeit gekommen wäre, um ihr den Trank zu reichen, der nach der Krisis, in der sie augenblicklich liegt, nach meinem Willen dazu dienen wird, sie entweder für immer in den Sarg zu legen oder ihr Leben und Gesundheit zurückzugeben.«

»Also,« rief Eusebius athemlos, »hängt es noch immer von Ihnen ab, ob meine Esther lebe oder sterbe?«

»Ja und Du siehst daher, daß ich wohlgethan habe, zurückzukehren und Dich an Deinem Selbstmord zu verhindern.«

»Dann wird also weder sie noch ich sterben.«

»Vielleicht.«

»Ach,« rief der junge Mann, indem er sich wieder auf das Bett Esther’s warf, »meine Esther, ich kann Dich also noch glücklich sehen!«

»Ja,« sagte der Doctor; »aber ich mache Dich auf Eines aufmerksam, und zwar, daß Ihr Beide eine noch viel schwerere Prüfung zu bestehen haben werdet, als die war, welche Ihr soeben bestanden habt. Wir werden sehen, Freund Eusebius, ob die Zärtlichkeit für Deine Frau, eine Zärtlichkeit, welche so groß war, daß sie Dich dem Tode trotzen ließ, auch der Zeit und der Sättigung widerstehen wird.«

»Ach, Doctor, können Sie glauben —?«

»Ich glaube, daß eine einzige Liebe einer menschlichen Existenz nicht genügen kann; ich glaube, daß die Worte: Ich liebe Dich! nicht lange aus demselben Munde in dasselbe Ohrtönen; ich glaube endlich, wie ich Dir vorhin sagte, daß diese junge Frau in dem Glanze ihrer Schönheit und ihrer Jugend sterbend, das Herz von Glauben erfüllt, in der That glücklicher gewesen wäre und beneidenswerther, als lebend und durch Dich betrogen.«

»Betrogen durch mich! Ich meine Esther betrügen!« rief Eusebius« die Hände zum Himmel erhebend. »Ach, wenn Sie in dem Herzen lesen könnten, das Esther ganz erfüllt, dann würden Sie sehen, daß kein Gedanke, der sich nicht auf sie bezieht, darin Platz finden kann.«

»Blicke um Dich, junger Mann,« sagte der Doctor, »und Du wirst sehen, daß Alles in der Natur sich ändert, verwandelt; das Menschenherz allein kann daher nicht unwandelbar bleiben.«

»Ach, wenn ich nur einen Augenblick glauben könnte, daß Sie Recht haben, Doctor, wenn wirklich eine Zeit kommen sollte, wo ich Esther nicht mehr liebte, oder sie so vergäße, daß ich im Stande wäre, sie zu betrügen, sollte es auch wegen des schönsten Geschöpfes der Erde sein, Doctor, Doctor, dann würde ich diesen Dolch aufraffen und ihn mir in das Herz stoßen, nicht mehr, um sie nicht zu überleben, auch nicht, daß sie mich nicht überlebte, sondern um mich zu bestrafen. Aber nein, das ist ganz unmöglich!«

»Es freut mich, daß Du diese Ueberzeugung hegst, Eusebius, denn, da es von mir allein abhängt, ob Esther wieder auflebe oder nicht, und da ich sie nur unter gewissen Bedingungen in das Leben zurückrufen wollte, fürchtete ich, Du würdest diese Bedingungen verweigern, wenn Du sie kenntest.«

»Nennen Sie dieselben, Doctor, und ich bewillige sie im voraus, welcher Art sie auch sein mögen – sollte ich auch selbst meine Seele verpfänden!« fügte er mit finsterer Stimme hinzu.

»He, he, he, he!« sagte der Doctor, »was Teufel sollte ich denn mit Deiner Seele machen? Habe ich selbst eine, so ist sie unsterblich, und in diesem Falle bedarf ich der Deinigen nicht; habe ich keine, so hast Du auch keine,« denn ich bin ein Mensch, wie Du, nur ein wenig älter und ein wenig häßlicher; Du kannst mir daher nicht verkaufen, was Du nicht hast.«

»Was wollen Sie denn aber von mir? Sprechen Sie; ich bin bereit, den Vertrag zu unterzeichnen.«

»Einen Vertrag, Unsinniger? Ich habe soeben an Gott gezweifelt und Du hältst mich nun für unlogisch genug, an den Teufel zu glauben. – Es ist hier weder von einem Pact noch von Zauberei die Rede, sondern nur von einem Manne, der von den Mysterien der Seele, den Springfedern und dem Mechanismus des menschlichen Körpers mehr weiß, als Du, und dieser Mann sagt Dir: Dieses Weib kann leben; liebst Du sie aber wirklich, wie Du behauptest, dann hüte Dich wohl, ihre Auferstehung zu wünschen.«

»Eine Auferstehung, die mir meine Esther zurückgäbe, die es mir möglich machte, ihre Stimme wieder zu hören! Ach, Sie lästern!«

»Mag sein, daß ich lästere. – Aber laß uns die Geschäfte als Geschäfte behandeln. Es ist kein Pact, den ich Dir vorschlagen will, sondern ein einfacher Handel, Wenn Du jemals bereust, was ich heute für Esther gethan haben werde, wenn es Dir begegnete, den abscheulichen Doctor Basilius zu verwünschen, weil er diese Frau in das Leben zurückrief, dann gehört Dein Leben mir; das ist Alles. Bemerke, daß ich sage: Dein Leben, ohne mich um Deine Seele zu kümmern, wenn Du eine hast. Es ist Deine Fleischhülle, die ich gegen die Ewigkeit des Gefühls, welche Du behauptest, auf das Spiel setze, weder mehr, noch weniger.«

»Das Wunder« welches mir meine Esther zurückgäbe, beklagen – Den verwünschen, der sie dem Tode entriß? Ach Doctor, das glauben Sie selbst nicht.«

»Ich glaube es, so fest, daß hier eine Art von einem kleinen Contract ist, den ich aufgesetzt habe, um die Vollziehung unseres Uebereinkommens zu sichern.«

»Geben Sie, Doctor; ich unterzeichne.«

»Oho« man unterzeichnet dergleichen nicht, ohne zu lesen. Später würdest Du mich beschuldigen, Dich in eine Falle gelockt zu haben.

Er zog aus der, Tasche eine Schreibtafel und aus dieser ein beschriebenes Blatt Papier.

»Du siehst,« sagte er, »daß diese Schrift ganz in der Ordnung ist. Hier ist der Stempel der ehrenwerthen niederländischen Compagnie, die, wenigstens offen, nichts mit Lucifer gemein hat. Du kannst Dich auch überzeugen, daß das Papier nicht nach Schwefel riecht,« sagte der Doctor, indem er dem jungen Manne das Blatt reichte. Eusebius nahm es und las:

»Des Lebens überdrüssig, verheiratet an eine Frau, die ich nicht mehr liebe, dahin gelangt, den Tag zu verwünschen, an welchem der Doctor Basilius Die in das Leben zurückrief, mit welcher ein verhängnißvolles Geschick mich auf ewig verbunden hat, gebe ich mir freiwillig den Tod und will, daß man Niemand wegen meines Selbstmordes belästige.

»Ich hinterlasse mein Vermögen meinen natürlichen Erben, aber ich will, daß mein Körper dem Doctor Basilius überantwortet werde, oder Dem den er, wenn er selbst todt sein sollte«, zu der Besitznahme beauftragt hat und der dann über meine Leiche verfügen kann, wie ihm gut dünkt.«



    »Freitag den 13. November 1847.«

»Eine Feder und Tinte, Doctor,« sagte Eusebius, nachdem er gelesen hatte. Der Doctor legte seine Hand auf den Arm des jungen Mannes und sagte: »Ich habe Dich schon darauf aufmerksam gemacht, daß Du zu eilig bist. Bedenke also, daß ich Dich zu nichts zwinge; es waltet bei unserm Vertrage weder Ueberredung, noch Betrug, noch Zwang, und an Geist und Körper gesund und aus freiem Willen unterzeichnest Du daher dieses Papier.« »Bei gesundem Geiste und Körper und aus freiem Willen,« wiederholte Eusebius. »Ich mache Dich nur auf das Eine aufmerksam, welche Gerüchte man auch über mich verbreiten mag, hast Du dies Blatt einmal unterzeichnet, so ist Dein Herz für mich ein offenes Buch, in welchem ich Deine geheimsten Gedanken lesen kann, mag ich Dir nun nahe oder fern sein, lebend oder todt; durch das, was vorging, und besonders durch das, was sogleich vorgehen wird, mußt Du erkennen, daß meine Macht, so weit die Wissenschaft im Jahre der Gnade 1847 geht, für diese Welt sehr groß ist. Gehst Du aber diesen Vertrag ein, so kann ich Dein Leben nehmen, Dich tödten, wenn es mir gut dünkt und Dein Tod würde für die, welche ein Recht hätten, mich deshalb zur Verantwortung zuziehen, so wie für Dich selbst, ewig nur ein Selbstmord sein. Ueberlege also nochmals, ehe Du Dich der Prüfung unterwirfst, und wenn du davor erschrickst, ist es noch Zeit, zurückzutreten. Sage ein letztes Lebewohl an Deine Frau, die es nicht hören kann und nie erfahren wird, daß Du Dich schwach zeigtest und ohne Schmerz wird sie Von dem Schlafe zu dem Tode übergehen.«

Eusebius war einen Augenblick verwundert, doch ohne zu zögern, und endlich rief er: »O nein, es hieße Gott und die Menschen, das Herz und die Seele, schmähen, wollte ich Ihre fürchterlichen Zweifel theilen. Wir werden leben, Esther, fuhr er fort, indem er sich gegen die junge Frau wendete und aus ihrem Anblick neue Kräfte schöpfte, »wir werden leben, um uns zu lieben, Eins für das Andere, und wie groß auch das Elend und die Leiden sein mögen, die das Leben uns bewahrt, werde ich muthig den Kampf bestehen, gestützt auf Dich, meine Esther, stark durch Deine Liebe; ich werde mitten in unseren Leiden Trost und Frieden finden. – Eine Feder und Tinte!«

»Ihr werdet weder Elend noch Leiden zu bestehen halten, sondern im Gegentheil reich und nach dem Urtheil der Welt glücklich sein. – Bist Du nun noch immer entschlossen, den Vertrag zu unterzeichnen, Eusebius?«»Ich habe nur den Vorwurf an Sie zurichten, daß Sie zögern, mir zu geben, was ich verlange; ich habe weder Feder noch Tinte hier, aber ein so mächtiger Mensch, wie Sie sind, kann durch solche Kleinigkeiten nicht in Verlegenheit gerathen.« »In der That,« sagte der Doctor, »habe ich stets eine Feder bei mir, um meine Recepte zu schreiben, und was die Tinte betrifft, so wollen wir, wenn es hier keine gibt, uns der Traditionen erinnern. He, he, he, he! ein Tropfen Blut reicht hin.« »Ein Tropfen Blut! Es sei,« sagte Eusebius und streifte den linken Aermel auf. Der Doctor zog aus dem Futter seines Paletots eine Stahlfeder hervor, deren Spitze fein wie die einer Lanzette war und drückte sie Eusebius in die Mittelader. Eusebius stieß einen leisen Schrei aus und ein Tropfen Blut, roth wie ein flüssiger Rubin, trat hervor. Der Doctor fing ihn mit dem Spalt seiner Feder auf und reichte diese« Eusebius, indem er nochmals sagte: Es ist also weder Zwang noch Betrug, sondern Dein freier Wille?« »Es ist mein vollkommen freier Wille,« entgegnete Eusebius, nahm die Feder aus der Hand des Doctors Basilius und unterzeichnete, ohne zu zögern Und zu zittern.

Bereust Du,« sagte der Doctor, »so kannst Du dies Papier noch zerreißen.«

Statt der Antwort überreichte Eusebius ihm das Blatt. »Es gehört Ihnen,« sagte er, »aber Esther ist mein.«

»Das ist nur gerecht,« entgegnete der Doctor, indem er das Papier zusammenfaltete und in seine Brieftasche steckte. »Ich gehe; von hier bis zur Thür kannst Du mich noch zurückrufen; habe ich aber einmal die Schwelle überschritten, dann ist es zu spät.«

»Gehen Sie, Doctor, gehen Sie,« sagte der junge Mann, »und der Himmel geleite Sie!«

»Gehe zum Teufel mit Deinen Wünschen, rief der Doctor, und der Thür sich nähernd, blieb er auf der Schwelle noch einen Augenblick —stehen, als wollte er Eusebius Zeit geben, ihn zurückzurufen, wenn er den geschlossenen Vertrag etwa bereute; dann hob er die Matte auf, streckte den Arm hinaus, um zu erfahren, ob der Regen aufgehört hatte und nachdem er Eusebius noch ein Zeichen mit der Hand gegeben, trat er über die Schwelle. Die Matte sank hinter ihm nieder.

In demselben Augenblick war dem jungen Holländer, als bedecke eine Wolke seine Augen; seine Füße wankten, und er empfand eine Schläfrigkeit, die er sich nicht zu erklären wußte. Erhörte ein Brausen, ähnlich dem des Meeres, wenn es gegen die Klippen schlägt, und durch dieses Brausen, welches nur das zu den Schläfen stürmende Blut war, vernahm er das höhnische, kurz abgestoßene Lachen des Doctor Basilius.

Er näherte sich darauf dem Bette, um zusehen, ob er, wie der Doctor es versprochen hatte, Zeichen des zurückkehrenden Lebens an Esther bemerkte; aber seine Augen schlossen sich unwillkürlich, seine Beine versagten ihm den Dienst, er sank nieder auf den Fußboden und schlief ein, den Kopf auf die Matratze gestützt, auf der die junge Frau noch regungslos und stumm ausgestreckt lag, allem Anschein nach todt.




IV.

Die Erbschaft


Es war heller Tag, als Eusebius van der Beek die Augen öffnete. Die Sonne stand in ihrem schönsten Glanze am Himmel und ihre Strahlen, welche durch die Ritzen der Bambuswände fielen, zeichneten tausend wechselnde Arabesken auf den Boden.

Als Eusebius zu sich kam, wußte er nicht, ob er noch schlief oder träumte. Er hatte nicht nur die Erinnerung an das, was vor seinem Schlafe vorging, vergessen, sondern auch seine gegenwärtige Existenz.

In diesem Augenblicke hörte er sich durch eine sanfte, ihm bekannte Stimme rufen, durch die Stimme Esthers.

»O, mein Gott, mein Gott!« sagte der arme junge Mann, der seine Gedanken nicht so gleich zu sammeln vermochte, und sich nur daran erinnerte, daß er seine Frau todt auf dem Bette gesehen hatte. »O mein Gott, ich kann mir noch immer nicht denken, daß das wirklich wahr ist!«

»Eusebius, mein Freund,« fuhr die sanfte Stimme fort, »wo bist Du denn?«

Mit einem Satz war Eusebius van der Beek auf den Beinen. Er erblickte nun Esther lebend. Sie hatte sich in dem Bette aufgerichtet, sie lächelte und vor dem Stückchen Spiegelglas, dessen der Doctor sich bedient hatte, und seine verzweifelten Vergleiche anzustellen, ordnete sie ihr Haar. Die Coquetterie und das Leben waren zugleich in dem Herzen dieser Frau erwacht. Eusebius stieß einen Schrei aus, sprang auf das Bett, schloß Esther in seine Arme, nahm sie auf seine Knie und bedeckte sie mit wahnsinnigen Küssen.

»Ja, ja, ja, Du bist es wirklich!« rief er. »Ach laß mich Dich betrachten, laß mich die milde Wärme des Blutes fühlen, das durch Deine Adern rinnt. Ach ja, es klopft das Herz, das ich für immer stillstehend glaubte! Sie sehen, diese Augen, die ich für immer geschlossen hielt. Ach, sprich zu mir, meine Esther, sprich zu mir, damit ich wieder Deine liebe Stimme höre, die nicht mehr in mein Ohr klingen sollte!«

»Aber, was hast Du denn, Eusebius?« fragte die junge Frau, indem sie ihn mit freundlichem Lächeln ansah. »Du siehst ja ganz verwirrt aus! Wie blaß Du bist! Deine Kleider sind in Unordnung. Ich fürchte mich vor Dir. Mein Gott, was ist denn geschehen?«

»Nichts, meine Esther. Ein abscheulicher Alp hat mich während meines Schlafes gedrückt.Denke Dir, meine Freundin, daß ich Dich für todt hielt und dieser Traum hatte in meinem Geiste und meinem Herzen so ganz den Schein der Wirklichkeit angenommen, daß ich mich bei Deinem ersten Rufe nicht entschließen konnte, die Augen auf dies Bett zu richten, auf dem ich Dich stumm und kalt gesehen hatte.«

»Welche Thorheit!« sagte Esther, indem sie ihren Mann küßte. »Welche Thorheit! Ich habe im Gegentheil nie einen so schönen Traum gehabt. Es schien mir, als hätte ich Flügel und flöge durch die Wolken bis zu dem Throne, auf welchem Gott strahlend in der Mitte seiner Engel saß. Er setzte mir einen Kranz auf den Kopf und gab mir einen Strauß in die Hand, doch nicht von irdischen und vergänglichen Blumen, wie die hier,« sagte die junge Frau, indem sie mit Geringschätzung auf den Kranz und das Bouquet deutete, mit welchen ihr Mann sie während ihres Schlafes geschmückt hatte, – »sondern himmlische Lilien, mit Kelchen von Diamanten und Blättern von Smaragden. Dann ertönte durch die Wohlgerüche athmende Atmosphäre ein Gesang, von dem man nicht wußte, woher er kam, der aber reizend, köstlich, berauschend war. Ach, mein theurer Eusebius, nie habe ich so gut geschlafen, nie habe ich mich sowohl und glücklich gefühlt, wie diesen Morgen. Es ist mir, als flöße mein Blut wärmer und rascher durch meine Adern. Sieh, mein Eusebius, fügte die junge Frau hinzu, indem sie ihren Kopf an die Brust ihres Mannes lehnte, und ihn mit einem Blicke voll Liebe und Coquetterie ansah, »sieh, mein Eusebius, was ich Dir sagen will, gleicht vielleicht einer Handlung der Zerknirschung; aber es scheint mir, als liebte ich Dich heute ganz anders, wie gestern, als hätte ich etwas Reineres, Schöneres aus dem Paradiese zurückgebracht, von dem ich träumte, als sei ich besser, wie Du, bei dem ich den häßlichen Druck nicht mehr fühle, der mich marterte, der mich erstickte, der mein Herz selbst unter Deinen Umarmungen zusammenpreßte.«

»Esther, Esther,« murmelte Eusebius mit gerührter Stimme, denn allmälig gelangte er dahin, zu zweifeln, daß die Ereignisse dieser Nacht etwas Anderes gewesen wären, als ein Traum. »Esther, erinnerst Du Dich, daß außerordentliche, beinahe übernatürliche Umstände Deinem Traum vorangegangen sind oder ihn begleitet haben?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe den Schlaf der Engel geschlafen, und überlasse Dir das Monopol Deines abscheulichen Alpdrückens. Der gute Schlaf, die süße Ruhe werden mir so wohlgethan haben!«

»Ganz gewiß war es ein Traum,« sagte Eusebius, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr, »und da es ein Traum war, bin ich recht einfältig, mir darüber Gedanken zu machen.«

»Gib Dein finsteres Wesen auf, ich befehle es Dir,« sagte Esther. »Erinnerst Du Dich nicht mehr an das Versprechen, das Du mir gabst, als ich eines Abends in dem Kahne, in welchem wir auf dem See umherfuhren, auf unser’m schönen See mit dem grünen Wasser, Dir die Erlaubniß ertheilte, diese Hand, welche schon so oft die Deinige gedrückt hat, von meinem Vater zu verlangen?«

»O doch, meine Esther; ich versprach Dir, daß Du als unumschränkte Königin in unserem kleinen Königreiche herrschen solltest.«

»Richtig. Nun wohl, Deine Königin gebietet Dir, ihr zuzulächeln und um Dich für Deinen Gehorsam zu belohnen, bewahrt Sie Dir eine Ueberraschung.«

»Welche denn, mein Liebchen? Zieh mich in Dein Vertrauen; das Vergnügen, welches Du mir dadurch bereitest, wird nicht minder lebhaft sein, das schwört ich Dir.«

»Nun wohl, mein geliebter Eusebius, so erfahre denn, daß ich mich heute kräftig genug fühle, um aufzustehen und coquett genug bin, um hübsch sein zu wollen. Ich werde daher das beste meiner armen Kleider wählen, und Du führst mich hinaus in das Freie, damit ich mich in den Strahlen der schönen Sonne wärme, die durch die Ritzen unserer elenden Wohnung dringen, und, um uns die Art, wie sie zu uns gelangen, vergessen zu machen, reizende Figuren auf den Fußboden zeichnen.«

Eusebius ließ die Augen umherschweifen, und erblickte unter einem der Sonnenstrahlen einen Gegenstand, der blendend funkelte, wie zerbrochenes Glas. Er sprang vom Bett herab, bückte sich und hob den Dolch auf, den der Doctor Basilius ihm gegeben, und der bei dem Drama der vergangenen Nacht eine so bedeutende Rolle gespielt hatte. Ja, es war die dunkelblaue malaiische Klinge von eigenthümlicher Gestalt. Eusebius erbebte, betrachtete sie einen Augenblick mit dumpfem Schweigen, legte sie dann auf den Tisch und kehrte zurück, um sich aufs das Bett zu setzen, bebend und mit finster gefurchter Stirn Esther fragte ihn nach der Erklärung dieser Umwandlung, und was das für eine Waffe sei, die sie noch nie bei ihrem Manne gesehen hatte. Dieser war jetzt unfähig, ein solches Geheimniß in sein Herz zu verschließen, und er erzählte ihr Alles, was sich während ihres eigenthümlichen Traumes zugetragen hatte. Die junge Frau hörte ihn ruhig an, und ohne den geringsten Schrecken zu äußern.

»Nun wohl,« sagte sie, als ihr Mann geendigt hatte, »ich sehe dabei nichts, was Dir Furcht oder Kummer verursachen könnte; ich bin im Gegentheil dem guten Doctor sehr dankbar, weniger noch für das Leben, das er mir erhielt, als für den weisen Gedanken, den er hatte, für unser Beider Existenz ein neues Band zu schaffen.«

»Aber glaubst Du denn, daß das wirklich sei?« rief Eusebius erschrocken

»Ich weiß es nicht,« entgegnete Esther, »ob es wahr ist, oder nicht, aber ich finde es meinestheils trostreich, zu denken, daß das Ende meiner Liebe auch das Ende meines Lebens ist. Der Doctor ist jedenfalls ein rechtschaffener Mensch und so bald ich ihn sehe, falle ich ihm um den Hals, um ihm zu danken.«

»O, darüber bin ich ruhig; sein Gesicht wird Dich von dieser Laune heilen.«

»Er sieht also sehr fürchterlich aus?«

»Das nicht gerade; sein Gesicht wär es sogar ziemlich gutmüthig ohne sein Lachen, welches ein Echo von dem Gelächter Satans zu sein scheint, und ohne seine Augen, die zuweilen Blitze schießen, wie die eines Raubthiers.«

»Jedenfalls, mein Freund, hält dieses Auge nicht, was es verspricht, da wir ihm nach Deiner Erzählung Beide das Leben verdanken.«

»Ja! Nur beunruhigt mich Eines.«

»Und was?«

»Ich erkläre mir das sonderbare Interesse nicht, welches er für Dich zeigte.«

»Was kümmern uns die Ursachen dieses Interesses, mein Freund, da wir die Wirkungen zu würdigen vermögen? Bedenke doch, mein armer Eusebius, daß man sich ohne ihn in diesem Augenblicke wahrscheinlich damit beschäftigte, für mich das Todtenhemd zu nähen und die Bretter zusammen zu nageln, die unsere traurigen Ueberreste aufnehmen sollten! Du konntest Dich nicht entschließen, ohne mich zu leben, und ich schwöre Dir, Eusebius, daß ich Dir dies nie vergessen werde. Bedenke, daß ohne ihn jetzt für uns Alles vorbei wäre, daß nicht mehr die Luft, die Wonne der Liebe, unsere Küsse, genießen könnten! Ihm verdanken wir das Alles, Eusebius; der Mensch hat für uns die Stelle Gottes eingenommen.«

»Ohne Zweifel,« erwiederte der junge Mann, »aber man müßte wahnsinnig sein, wollte man annehmen, daß er uns diesen Dienst aus reiner Menschenliebe leistete. Es liegt eine geheime und fürchterliche Drohung unter dem Guten, das er uns that.«

»Einstweilen aber leben wir, sind jung und.lieben uns-«

Plötzlich sah sie ihren Mann ernst an und sagte: »Solltest Du etwa fürchten, mich bald nicht mehr zu lieben und für Dein Leben zu zittern anfangen?«

»Ach, Esther!« sagte der junge Mann vorwurfsvoll.

Esther lachte.

»O, was mich betrifft, mein Geliebter,« sagte sie, indem sie ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes stützte, »so bin ich überzeugt, daß mein Herz nie anders, als für Dich schlagen wird, und ich überlasse mich unserem neuen Schicksal ohne die geringste Besorgniß.«

»Ich auch,« entgegnete Eusebius, »und was ich darüber sage, geschieht nur, um nicht ohne Widerstand eine Phantasmagorie anzunehmen, die mir jetzt, wo es Tag ist und Du lebst, höchstens dazu gut zu sein scheint, kleine Kinder zu erschrecken.«

»Verzeihung, mein Freund,« sagte Esther, »aber in dieser Hinsicht theile ich nicht ganz Deine Meinung. Es liegt nicht nur etwas Uebernatürliches in der Erscheinung, sondern meine Genesung wirft alle Systeme der Aerzte und alle Logik der Wissenschaft über den Haufen.«

»Glaubst Du nicht etwa,« sagte Eusebius unwillkürlich erhebend, »wie hier alle Welt, daß der Doctor Basilius im Verkehr mit dem Geiste der Finsterniß steht?«

»Wir wollen nicht suchen, dieses Geheimniß zu erforschen, mein Freund,« erwiederte Esther mit ernstem Tone. »Begnügen wir uns, die Wohlthat zu genießen, und beweisen wir ihm – da Du sagst, er zweifle daran, – daß zwei Menschen altern können, ohne an etwas Anderes zu denken, als sich zu lieben und daß sie durch diese Welt schreiten können, gleichgültig gegen Alles, was nicht ihr beiderseitiges Glück betrifft.«

Und zur Unterstützung dieses Systems entwickelte die junge Frau so viel Coquetterie, zeigte sie sich so zärtlich, so liebevoll, daß sie endlich die Wolken verbannte, welche die Stirn ihres Mannes trübten. Sie stand auf und gestützt auf Eusebius Arm ging sie einige Male in dem Gemacht umher, bis sie es endlich wagen durfte, an der Thür die freie Lust einzuathmen.

»Gewiß ist es,« sagte sie, als Eusebius ihr den Bambusschemel gebracht hatte, auf dem auch der Doctor Basilius gesessen hatte, »daß ich meine Genesung fühle und Du mußt nun daran denken, mein Freund, Arbeit zu finden, denn die unglückliche Krankheit, durch die Du den Platz, auf den wir rechneten, verloren hast, muß unsere Finanzen furchtbar in Unordnung gebracht haben.«

»Ach, ja wohl,« sagte der junge Mann, indem er traurig auf seinen Koffer blickte, aus dem alle die Gegenstände verschwunden waren, welche er allmälig verkauft hatte, um die Kosten für die Behandlung seiner Frau zu bestreiten.

»Ich ich weiß es, oder ich errathe es vielmehr, daß Du große Opfer brachtest,« sagte Esther, welche diesen Blick auffing. »Armer Freund, ich sah Deine Opfer wohl, aber meine Erschöpfung war so groß, daß ich nicht die Kraft fand, Dir dafür zu danken. Doch beruhige Dich, ich werde hundertfach Deine Liebe und meine augenblickliche Undankbarkeit wieder vergüten,« fuhr die junge Frau fort, indem sie sich an den Hals ihres Mannes hing, und ihre Lippen auf die seinigen preßte. Dann rief sie plötzlich: »Aber mir fällt eben ein – weshalb solltest Du Dich nicht an Doctor Basilius wenden, um eine Stelle zu bekommen? Er sagte, daß er sich falls für mich interessire, und da er mir das Leben wieder gegeben hat, kann er uns jetzt nicht verhungern lassen.«

Bei diesen Worten flog eine neue Wolke über Eusebius Stirn und er kehrte rasch in die Hütte zurück. Esther folgte ihm und fand ihn auf dem Bett sitzen, den Kopf in beide Hände gestützt.

»Was hast Du denn?« fragte sie, indem sie seine Hände zurückzog und ihm einen Kuß auf die Stirn drückte.

»Ach, sprich mir nicht mehr von diesem Menschen!« rief Eusebius, indem er seine Frau abwehrte; »wir danken ihm schon zu viel. Wenn er aber während der Augenblicke, die er hier zubrachte, Dir das Leben zurückgab, so hat er dafür die Luft Vergiftet, die ich athme. Soll ich es Dir gestehen? Seit diesem Morgen bin ich nicht mehr derselbe; seit diesem Morgen erkenne ich mich selbst nicht wieder. Ich sollte ganz von Dank ergriffen sein, Dich gerettet zu sehen, ich sollte die Welt, die Menschen, vergessen, um nur an Dich allein, an Dein Leben, zu denken, das so wunderbar zurückkehrte, als ich Dich schon todt glaubte. – Nun wohl, das teuflische Lachen dieses Menschen verfolgt mich selbst in Deinen Armen, seine Stimme vermischt sich mit der Deinigen und dann – beklage mich, Esther – dann fühle ich mich unglücklich, dann bemächtigt sich meiner der Zweifel. Es scheint mir, als sei ich in die Gewalt einer fremden Macht gefallen, als habe ich nicht mehr meinen freien Willen. Ach, Esther, das ist eine entsetzliche Marter, und wenn sie sich verlängert, dann, meine geliebte Esther, fürchte ich, daß es für mich kein Glück mehr auf Erden gibt.«

Esther wollte seine Besorgnisse, die ihr grundlos schienen, verspotten, als an den Eingang des ärmlichen Hauses geklopft wurde.

»Herein!« rief Eusebius, der von ganzer Seele eine Zerstreuung für den Gemüthszustand herbeiwünschte, in welchem er sich befand. Die Matte wurde bei diesem Rufe zur Seite gezogen und es trat ein schwarz gekleideter Mann ein.

»Herr Eusebius van der Beek?« fragte er.

»Der bin ich,« erwiederte Eusebius, indem er aufstand, »was wünschen Sie, mein Herr?«

»Sind Sie wirklich Herr Eusebius van der Beek, Gatte des Fräulein Esther Menuis?« fragte der schwarze Mann weiter.

»Ich bin Eusebius van der Beek,« entgegnete dieser, »und hier ist meine Frau, Esther Menuis.«

Madame ist also die Tochter des Wilhelm Menuis, Notar in Harlem, und der Johanna Katharina Mortico, seiner Gattin?«

»Ja,« entgegnete Eusebius, beinahe erschrocken über diesen feierlichen Eingang.

»Dann sind Sie es, Herr Eusebius van der Beek, und Sie, Madame Esther Menuis, mit denen wir es zu thun haben und es bleibt uns nur noch übrig, den schmerzlichen Auftrag zu erfüllen, der uns zufiel.«

»Mein Gott, sprechen Sie, mein Herr!« sagte Esther. »Sprechen Sie doch! Sie machen uns erbeben!«

»Vor einer Stunde, mein Herr, sind Wir berufen worden, um die Siegel bei Herrn Johann Heinrich Basilius Mortico anzulegen, der in dieser Stadt bekannter unter dem Namen des Doctor Basilius ist. Wir begaben uns nach seiner Wohnung und auf dem Kamin fanden wir ein Testament, welches sich gegenwärtig beidem Herrn Arnald Maes, Notar in Batavia, deponirt befindet. Durch dieses Testament setzte der Doctor Basilius Johanna Esther Menuis, Tochter seiner verstorbenen Schwester Johanna Katharina Mortico, verehelichten Menuis, zur einzigen und alleinigen Universalerbin aller seiner Güter ein.«

»Der Doctor Basilius ist also todt?« rief Eusebius ganz verwirrt.

»Ach, ja wohl, mein Herr,« erwiederte der Mann des Gesetzes mit officiell-finsterem Tone, indem er eine dazu passende Miene annahm. – »Ihr unglücklicher Verwandter ist diesen Morgen ertrunken, als er ein auf der Rhede liegen des Schiff besuchen wollte.«

Eusebius war durch diese Nachricht so betäubt, daß er nicht einmal fragte, wie das Ereigniß sich zugetragen hatte.

»Mein Onkel!« rief Esther. »Es war mein Onkel! Nun ist Alles erklärt. Daher also die auffallende Theilnahme, die er für mich zeigte!«

»Und hat man seinen Leichnam gefunden?« fragte Eusebius.

»Ja, mein-Herr; er ist nach seiner Wohnung gebracht worden; Sie können ihm die letzte Ehre erweisen.«

»Aber ist er denn auch gewiß todt, wirklich todt?« fragte Eusebius.

Der Mann des Greises sah den jungen Menschen ganz verstört an und sagte dann: »Alle Aerzte der Stadt haben seinen Tod bestätigt, doch hängt es nur von Ihnen ab, sich selbst davon zu überführen.«

»Das will ich auch thun, und zwar auf der Stelle!« rief Eusebius. Und ohne sich die Zeit zu lassen, seine in Unordnung gerathenen Kleider zu ordnen, stürzte er.fort, während Esther; deren Seele nicht die gleichen Qualen litt, wie die ihres Gatten, Thränen über das Unglück dieses Onkels vergoß. von dem sie in ihrer Kindheit hatte sprechen hören, der Harlem in dem Alter von 20 Jahren verließ und der sich ihr nun durch eine Wohlthat offenbarte.«

»Ihr Herr Gemahl scheint dem Verstorbenen außerordentlich anzuhängen, Madame,« sagte der Mann des Gesetzes, indem er sich bei Esther verabschiedete. »Haben Sie die Güte, ihm die Versicherung zu geben, daß ich zu seinen Befehlen stehe bei allen Förmlichkeiten, die er zu erfüllen haben wird.«

Er grüßte Esther, wie ein untergeordneter Mann des Gesetzes eine reiche Erbin zu grüßen pflegt, das heißt, mit der tiefsten Demuth, und entfernte sich mit der Absicht, Eusebius einzuholen. Dieser aber war schon verschwunden.




V.

Irrthümer des Eusebius van der Beek


Eusebius ging so rasch, daß der Mann des Gesetzes ihn nicht einzuholen vermochte. Binnen weniger als einer Viertelstunde war er in der unteren Stadt. Seit dem Morgen hatte er, wie er Esther gestanden, nicht aufgehört, an den Doctor Basilius zu denken. Sein Verstand weigerte sich, zu glauben, »daß dieser Mensch mit einer übernatürlichen Macht begabt sei; und gleichwohl konnte Eusebius die Thaten, deren Zeuge er gewesen, nicht mit der gewöhnlichen Ordnung der Dinge vereinigen. Allein indem er die Möglichkeit läugnete, fühlte er sich dennoch seit dem Morgen von einem tiefen Schrecken ergriffen, wenn er daran dachte, daß dieser entsetzliche Mensch – wenn er den Worten des entsetzlichen Doctors glauben durfte – allen Kämpfen seiner Seele beiwohnte, alle Regungen seines Herzens kannte. Seit dem Morgen schien es ihm, als läge seine Brust offen da für ein gewaltiges Auge, welches ihn tiefer erforschte. Ach, das sich so gestaltende Leben wurde für Eusebius, wie er Esther gestanden hatte, immer unerträglicher, allein der plötzliche und unerwartete Tod des Doctor Basilius vereinfachte die Frage bedeutend. Er fügte eine materielle Möglichkeit den anderen Möglichkeiten hinzu, welche Eusebius Verstand gleich einem Walle aufstellte, um die Verirrungen seiner Einbildungskraft zu hemmen. Er dachte nicht an das Vermögen, welches ihn auf so wunderbare Weise mitten in seinem Elende aufsuchte, um ihn zu einem der reichsten Bewohner Batavia’s zu machen. Aber ohne sich über das Unglück Dessen zu freuen, den er als den Retter Esther’s betrachten mußte, besaß er doch nicht genug Tugend, um sich über ein Ereigniß zu betrüben, welches ihn von einer Vormundschaft befreite, die seinem Herzen, ungeachtet der Unschuld und der Reinheit seiner Gesinnungen, verhaßt war. Das dringendste Bedürfniß, das er jetzt empfand, war, sich zu überzeugen, daß der Doctor Basilius nicht im Stande gewesen sei, sich dem allgemeinen Unglücke der Menschheit zu entziehen. Der Tod, dem der Arzt nicht zu entrinnen vermocht hatte, war die Verneinung der Gewalt, die er sich über das Leben anmaßte. Indem Eusebius die Gewißheit erlangte, daß der Doctor Basilius wirklich todt sei, kehrte er zu der glücklichen Gemüthsruhe zurück, die er seit einigen Stunden verloren hatte.

So eilig auch Eusebius Gang war, hinderte er ihn doch nicht, zu bemerken, daß die Matrosen des Hafens, besonders aber die Malaien, in Gruppen beisammen standen und lebhaft mit einander sprachen. Das schien ihm ganz natürlich zu sein, denn er erinnerte sich daran, daß der Doctor Basilius von der maritimen Bevölkerung des Quartiers angebetet. wurde, welches er sich zu seinem Wohnsitze wählte, und zwar mit einer Vorliebe, deren Grund zu erforschen alle Bewohner Batavia’s vergebens gesucht hatten, da dieses Stadtviertel für die Europäer tödtlich war. Man wunderte sich daher auch, daß der Doctor Basilius der mephitischen Luft zu widerstehen vermochte, welche aus den umliegenden Sümpfen aufstieg, und seine unbestreitbare Gesundheit hatte nur dazu beigetragen, die sonderbaren Gerüchte zu beglaubigen, die über seinen Verkehr mit dem Bösen verbreitet waren.«

Eusebius van der Beek legte am Tage, und diesmal bei schönem Wetter, denselben Weg zurück, den wir ihn in der Nacht und bei dem Orkane einschlagen sahen, und stand bald vor dem Hause des Doctors. Gleich dem Abend zuvor schien es unbewohnt zu sein. Kein Geräusch, ertönte aus denn Innern, nichts verrieth, daß hier irgend ein trauriges Ereigniß stattgefunden hatte, indeß stand die am verflossenen Abend so sorgfältig verschlossene Thür offen, so daß der Wind sie auf den Angeln hin und her schaukelte. Eusebius konnte daher ungehindert eintreten und ging geradewegs nach dem Zimmer, in welchem die schöne Holländerin ihn hatte warten lassen. Die Ballen, die Collis, die Kästchen, standen an ihrem Platze, die Friesin aber war nicht zugegen. Eusebius rief, doch Niemand antwortete. Er ging darauf zu der Thür, durch welche das junge Mädchen verschwunden war, als der Doctor den Abend zuvor sie rief. Diese Thür führte auf einen dunklen Gang. Er verfolgte denselben und bemerkte an seinem äußersten Ende einen Lichtstrahl, der unter einer Thür durchfiel. Der Schein schien von der Flamme einer Fackel herzurühren, denn er flackerte stark. Eusebius öffnete die Thür und Wich überrascht zurück, als er sich auf der Schwelle eines Zimmers erblickte, welches so ganz auf holländische Weise eingerichtet war, daß er sich ohne die glühenden Strahlen der Sonne, welche durch die bleieingelegten Scheiben hereinfielen, an den neblichen Ufern des Zuyderzees geglaubt haben würde.

In einer Ecke, der Thür gerade gegenüber, stand eine Bettstelle von Eichenholz, deren gewundene Säulen Vorhänge von grüner Serge trugen. Von der Stelle aus, auf der sich Eusebius befand, war es unmöglich, in das Bett zu blicken; diesem gegenüber stand ein Tisch und auf dem Tische ein kupfernes Crucifix, umgeben von vier brennenden Kerzen, und ein Teller mit Weihwasser; dabei lag ein kleiner trockener Buchsbaumzweig.

Zwischen dem Bette und dem Tische kniete ein schwarz gekleidetes junges Mädchen und betete.

Bei dem Geräusch der sich öffnenden Thüre wendete das Mädchen sich um und Eusebius erkannte die schöne Holländerin. Diese gab dem jungen Manne ein Zeichen, neben ihr Platz zu nehmen und fuhr in ihren Gebeten fort. Es war jetzt Eusebius klar, daß er sich in dem Sterbezimmer befand und daß Doctor Basilius auf dem Bette lag, dessen wir erwähnten. Gern hätte er sich davon überzeugt, aber er mußte dann den Tisch von der Stelle rücken und über die Schulter der Friesin sehen, und er zögerte, eine so unpassende Handlung zu wagen; Er kniete daher an dem Fuße des Bettes nieder und versuchte zu beten, aber es wollte ihm nicht gelingen, so sehr waren seine Gedanken beschäftigt. Er betrachtete seine Nachbarin, um auf deren Gesicht die Wahrheit zu lesen. Sie betete fromm, aufrichtig und große Thränen rannen über ihre durch den Schmerz gebleichten Wangen.

»Es scheint nach Allem,« dachte Eusebius, »daß dieser entsetzliche Doctor ein ziemlich guter Teufel war, denn der Kummer dieses jungen Mädchens scheint wahrhaft aus dem Herzen zukommen.«

Und um ihr in seiner Eigenschaft als Erbe zu danken, reichte Eusebius dem jungen Mädchen die Hand. Diese irrte sich in der Bedeutung dieser Bewegung, stand auf, gab Eusebius den mit Weihwasser gut getränkten Buchsbaumzweig in die Hand, trat zur Seite, um den jungen Mann die fromme Pflicht erfüllen zu lassen, nach der er begierig zu sein schien. Eusebius stand der Leiche gegenüber. Es war in der That die des Doctor Basilius. Dieser war also wirklich todt. Sein Tod war so plötzlich und so rasch erfolgt, daß er seine Züge durchaus nicht verändert hatte. Seine Augen waren geschlossen, sein Athem erloschen, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen – das war Alles.

Er hatte zu kurze Zeit in dem Wasser gelegen, als daß sein Gesicht die bläulichen Flecken angenommen haben konnte, welche die Ertrunkenen oder Erstickten gewöhnlich zeigen. Nur lagen seine grauen Haare, ganz von dem Seewasser durchnäßt, dicht auf der Stirn angeklebt, die sie bis zu den Augen beinahe vollständig bedeckten.

Aber der Mund hatte nichts von seinem Ausdruck verloren; dieser überlebte die starre Regungslosigkeit des übrigen Gesichtes und es schien Eusebius, als müßte er ihn sich zusammenziehen sehen und das scharfe Gelächter des Doctors hören.

Die Hände waren über der Brust gefaltet und voll Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit hatte die fromme Holländerin sie mit einem Rosenkranz umwunden.

Eusebius benutzte einen Augenblick, in welchem die junge Friesin sich in ihre Gebete vertieft hatte und berührte die Finger des Todten sie waren kalt wie Marmor.« Jetzt durfte er nicht mehr daran zweifeln, daß der Doctor Basilius in den ewigen Schlaf versunken war.

Indem Eusebius sich entfernte, stieß er einen Seufzer aus, der, wenn er auch keine Befriedigung verrieth, doch wenigstens zeigte, daß sein Herz von einer großen Last befreit war.

Als er sich wieder in dem kleinen Wohnzimmer befand, bemerkte er, daß die schöne Holländerin ihm gefolgt war. Da sie durch die Anwesenheit der Leiche nicht mehr zurückgehalten wurde, fiel sie Eusebius um den Hals und küßte ihn schluchzend.

»Ach mein Gott, mein Gott!« rief sie; »der arme Doctor Basilius! Ein so guter Herr! Ihn so schnell zu verlieren! Was soll aus mir werden! Großer Gott!«

»Aber wie hat sich denn das Ereigniß zugetragen?« fragte Eusebius, der noch keine Nachricht davon hatte.

»Er wollte Kranke an Bord einer chinesischen Jonke besuchen. Sein Boot wurde durch eine Welle von der Seite gefaßt, umgeworfen und er fiel in das Meer. Als man ihn aus dem Wasser zog, war er todt.«

»O mein Gott!« sagte Eusebius.

»Welch’ ein Verlust für uns Alle, lieber Herr!« sagte die Friesin. »Er war so gut, so mildthätig.«

»Aber,« erwiederte Eusebius, »mir scheint, als hätten Sie gestern Abend eine ganz andere Sprache geführt, mein liebes Kind.«

»Ach, mein Herr, da müssen Sie mich falsch verstanden haben. Hätte ich ohne Undankbarkeit wohl etwas Anderes von dem Manne sagen können, dessen Brot ich zwei Jahre lang gegessen hatte, von einem Manne, der bei mir Vaterstelle vertrat!«

»Wie?« fragte Eusebius erstaunt, »der Doctor Basilius vertrat bei Ihnen Vaterstelle?«

»Ganz gewiß, und wäre er am Leben geblieben, so war ich für meine Lebenszeit versorgt. Was soll nun aus mir werden? Jesus, mein Heiland!«

Bei diesen letzten Worten verfiel die Friesin wieder in ihre Klagen und diese waren so rührend, daß Eusebius, welcher, wie gestehen müssen, über die Verhältnisse des jungen Mädchens in dem Hause des Doctors Gedanken gehegt hatte, die für die Keuschheit des schönen Kindes nicht sehr vortheilhaft waren, nicht mehr wußte, was er denken sollte.

»Mein Kind,« sagte er, »ich verspreche Ihnen, mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich habe das Anerbieten, welches Sie mir gestern Abend machten, nicht vergessen und werde es nie vergessen. Wir werden eine Stelle für Sie finden.«

»Eine Stelle in dieser Stadt, lieber Herr?«entgegnete die schöne Holländerin, »niemals, niemals! Sie wissen wohl nicht, daß ein ehrliches.Mädchen die Stellung nicht annehmen kann, die man einer Europäerin in den meisten Häusern Batavia’s bietet.«

»Wenn Sie es verziehen, mein Kind, so bezahle ich Ihre Ueberfahrt und Sie kehren nach Hause zurück.«

»Ach, lieber Herr, meine Eltern sind todt und ich finde dort nur noch Gräber! Aber das ist gleichviel. Und obgleich ich die Erfahrung gemacht habe, was eine so lange Ueberfahrt unter Männern ohne Sitte und ohne Religion für die Tugend eines jungen Mädchens Gefährliches hat, werde ich doch Ihr Anerbieten benützen, Herr van der Beek, und nach Holland zurückkehren. Ich bin es dem Andenken meines Wohlthäters schuldig, rein und rechtschaffen zu bleiben.«

In diesem Augenblicke hörte man in dem oberen Stockwerke des Hauses lautes Geschrei ertönen. Die Holländerin erbleichte sichtlich, als sie es vernahm.

»Was ist das?« fragte Eusebius.

»Ich weiß es nicht recht,« erwiederte das junge Mädchen, indem es sich bemühte, die Aufmerksamkeit des jungen Mannes hiervon abzulenken. »Ohne Zweifel Malayen, die sich prügeln.

»Nein,« sagte Eusebius entschieden. »Es ist Weibergeschrei. Sie sind also nicht allein in diesem Hause?« Und ehe noch die Holländerin sich seiner Absicht widersetzen konnte und ungeachtet der Bitten, die sie an ihn richtete, eilte Eusebius eine Treppe hinan, die zu den Zimmerndes obern Stockwerkes zu führen schien. Er« schritt durch vier oder fünf Zimmer, welche mit unordentlich umherliegenden Dingen angefüllt waren, gerade wie das Gemach im Erdgeschosse. Während er weiter schritt, hörte er fortwährend dasselbe Geschrei, nur stärker und schneidender. Es schien über seinem Kopfe zu ertönen und gleichwohl sah er keine Treppe, die nach einem höheren Stockwerke führte. Endlich bemerkte er in der Ecke eines Zimmers eine Art von Bambusleiter; er erstieg sie und als er die Decke erreichte, erkannte er eine Fallthür. »Er hob sie mit dem Kopfe in die Höhe, blickte durch die Oeffnung und gewahrte ein eigenthümliches Schauspiel. Die Art von Belvedere, in welches Eusebius eingedrungen war, hatte die Gestalt einer Negerhütte von Madagascar.

Ueber einem offenen Gitterwerk, durch dessen freien Raum man die Stadt, das Gehölz der Wurzelbäume und die Rhede überblickte, bildeten große Bambusstäbe, an dem obern Ende zusammengebunden und mit Cocosnußzweigen oder vielmehr des Leichnams. Es war der des Doctor Basilius. Es war das bleiche, doch ruhige Gesicht mit den an die Stirne geklebten Haaren und dem verzerrten Munde, welches der junge Mann in dem Gemache des Erdgeschosses, von wo er kam, auf dem Bette hatte liegen sehen.

Eusebius fühlte seine Knie unter sich brechen, sein Haar sich auf der Stirne sträuben; er wich zurück, ohne den Blick von dem Leichnam abwenden zu können, erreichte die Fallthür, glitt die Bambusleiter herab und entfloh, ohne die Negerin darin zu hindern, dem Verstorbenen ihre Thränen und die blutigen Zeugen ihrer Verzweiflung zu widmen.

Als Eusebius van der Beek wieder in dem heitern Zimmer war, hatte seine Aufregung einen solchen Grad erreicht, daß er sich setzen mußte. Große Schweißtropfen perlten von seiner Stirn; seine Zähne schlugen krampfhaft auf einander; sein Herz klopfte so. gewaltig, daß es ihn zu.ersticken drohte. Um Luft in das Gemach einzulassen, in welchem er sich befand, zog er die chinesische Jalonsie in die Höhe, die das Fenster schloß. Dasselbe ging auf einen Garten, der mit europäischen Gebüschen bepflanzt war, die in diesem kalkigen Boden verkümmert wuchsen, wie die tropischen Bäume in unsern Treibhäusern.

Zwei Malayen waren schweigend mit einer Arbeit beschäftigt, welche Eusebius so aufmerksam machte, daß er für den Augenblick darüber seinen Schrecken vergaß. Die beiden Männer hatten.in der Mitte des Gartens eine Art von Scheiterhaufen errichtet, der bereits bis zu der Höhe von sechs Fuß gelangt war, und noch immer legten sie symmetrisch Holzstücke auf, so daß er riesige Dimensionen annahm. Zwischen jede Holzlage schoben sie kleine Bündel Reisstroh, harzige Baumzweige und besonders Zweige von Terebinthen und Kampherbäumen.

Eusebius sprang, im höchsten Grade verwundert, durch das Fenster und näherte sich den beiden Malayen, die sich dadurch in ihrer Arbeit nicht stören ließen.

»Was Teufel macht Ihr denn da?« fragte er sie.

»Seht Ihr es denn nicht?« erwiederte Einer von ihnen in schlechtem Holländisch. »Das gleicht doch nicht etwas Anderem, als einem Scheiterhaufen.«

»Und was wollt Ihr damit anfangen?«

Der Malaye zuckte die Achseln, kletterte auf den Holzstoß hinauf und ordnete einige Stücke, die sein Arbeitsgenosse nachlässig gelegt hatte.

Eusebius wiederholte seine Frage.

»Nun,« entgegnete der Malaye, »soll der Todte etwa in das Meer geworfen werden, wie ein Hund?«.

Indem er so sprach, deutete er nicht etwa auf das Erdgeschoß, wo Eusebius den Todten in einem Ebenholzbette erblickt hatte, sondern auf eine Art von Hindu-kiosk am Ende des Gartens. Durch unbesiegliche Neugier getrieben, schritt Eusebius auf diesen Kiosk zu. Es war ein ziemlich umfangreiches Gebäude, dessen weiß getünchte Mauern auf grob gehauenen Quadersteinen ruhten und phantastische Gestalten darstellten, Männer mit Thier- oder Elephantenköpfen, vierarmige Körper, Hermaphroditen, Kurz das ganze Personal der Hindu-Theogonie.«

An der Thür stand ein Greis mit weißem Bart, welcher das Gewand der Brahminen der Küste von Malabar trug und die Arbeit der beiden Malayen zu überwachen schien.

»Der Todte?« fragte Eusebius kurz.

Ohne zu antworten, deutete der Greis mit dem Finger über seine Schulter nach dem Innern des Kiosk und trat zur Seite, um ihn hindurch zulassen. Eusebius erblickte sich jetzt in einem geräumigen Gemache, welches durch ein Dutzend Hängelampen von antiker Form beleuchtet wurde, in denen Flammen brannten, die helles Licht verbreiteten. In der Mitte stand ein Bett, oder vielmehr ein Haufe von übereinander gelegten Kissen und auf diesen Kissen lag ein Leichnam, den Eusebius sogleich für den des Doctor Basilius erkannte. Er wich in nichts von den beiden andern Leichen ab, die er bereits gesehen hatte; dem Körper gegenüber unter einer Nische, in welcher ein Bild des Gottes Brahma stand, und vor welcher drei der erwähnten Lampen brannten, saß ein Weib auf einem goldenen Sessel, den Rücken gegen die Mauer gestützt.

Diese dritte Erscheinung der Leiche machte Eusebius vollends verwirrt. Er fühlte sich plötzlich in die Welt der Phantome versetzt und wußte nicht mehr, ob er lebte oder ob er träumte; sein Blut stürmte mit Gewalt gegen sein Gehirn und brauste vor seinen Ohren; er glaubte, sein Verstand würde ihn verlassen; allein sobald seine Blicke auf das Weib gefallen waren, welches neben dem Todten wachte, vermochte er sich nicht von demselben abzuwenden. Es war ein junges Mädchen, dessen Haut nicht die Broncefarbe der Indianerinnen der Halbinsel oder der Malayen der Sunda-Inseln zeigte, sondern das helle Gelb, wie man es bei den Frauen von Visapour sieht. Sie hatte jene Regelmäßigkeit der Züge, welche den kaukasischen Stamm charakterisirt, und ihre großen Augen waren, was bei Frauen dieser Farbe eine sehr seltene Ausnahme ist, von dem reinsten Dunkelblau. Ihre Schultern waren entblößt. Ihre Brust wurde mit einer Art von Küraß von sehr leichtem Holz bedeckt, verziert mit Gold und Silber und mit Edelsteinen. Diese Hülle zeigte die Umrisse des Busens und ging nicht tiefer, als bis zum Wagen herab. Eine Mousselinschärpe umschloß ihren Gürtel, und die durchsichtigen Falten desselben dienten als Uebergang der Nacktheit des obern Theiles des Körpers zu der faltenreichen Fülle, in welcher die Hüften und die untern Theile verschwanden, die bis zu den Füßen beinahe ganz verdeckt waren.

Ihre Arme, ihr Hals und ihre Finger waren mit einer Menge von Hals- und Armbändern und Ringen von eigenthümlichen Formen und wunderbarer Arbeit bedeckt. Ihr Kopf trug keine dieser Zierathen; ein einfacher Kranz von Blumen und Blättern des Lotos vermählte sich mit ihren schwarzen Haaren, glänzend wie das Gefieder des Raben.

Sie saß stumm und regungslos, wie eine Bildsäule; ihre Augen allein verriethen ihr Leben und ihre auf Eusebius gerichteten Blicke schienen ihn zu sich zu rufen.

»Wer sind Sie?« fragte Eusebius-.

Das gelbe Mädchen sah ihn an und schien ihm durch ein Zeichen zu verstehen geben zu wollen, daß sie ihn nicht verstünde. Der junge Mann ergriff ihre Hand; sie ließ dies geschehen. Diese Hand war eisig kalt und dennoch war es Eusebius, als gösse sie Feuer in seine Adern.

»Kommen Sie!« sagte er, indem er ihr ein Zeichen gab, aufzustehen. Das gelbe Mädchen senkte langsam die Augenwimpern und machte mit dem Kopfe ein verneinendes Zeichen, indem es auf den Leichnam zeigte. Eusebius erinnerte sich jetzt an den Gebrauch der Indianer Malabars, welcher verlangt, daß die Frau den Scheiterhaufen des Mannes besteige. Er deutete auf den Holzstoß, den man durch die Thür des Kiosk unter der Arbeit der beiden Indianer sich vergrößern sah, und richtete auf das gelbe Mädchen einen fragenden Blick. Sie nickte traurig mit dem Kopfe, nahm dann aus ihrem Haar eine Lotosblume und überreichte sie dem Holländer. Ohne.zu wissen, was er that, nahm Eusebius die Blume und rief dabei aus: »Aber das ist unmöglich! Dieser barbarische Gebrauch, in Indien selbst abgeschafft, kann hier nicht mehr bestehen. Ueberdies war der Mann nicht Ihr Gatte, und die religiösen Vorurtheile können Sie nicht dazu verdammen, mit ihm den Scheiterhaufen zu besteigen. Ich werde den Gouverneur aufsuchen, und nicht dulden, daß ein so junges und so schönes Mädchen einen so grausamen Tod stirbt.

In diesem Augenblick glaubte Eusebius das scharfe, höhnische Gelächter des Doctor Basilius zu vernehmen. Er wendete sich um, indem er erwartete, den Doctor vor sich stehen oder wenigstens auf seinem Lager aufgerichtet zu sehen; aber die Leiche lag ruhig und regungslos an ihrem Platze; keine Muskel des Gesichtes zuckte.

Eusebius erlag jetzt dem wachsenden Entsetzen, dem er einen Augenblick durch den Anblick der wunderbaren Schönheit entrissen worden war, die diese dritte Leiche bewachte; er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, und entfloh, ohne rückwärts zu blicken.




VI.

Der Datou-Noungal


Als Eusebius sich auf dem Quai erblickte, fühlte er seine Brust von einer gewaltigen Last erlöst und athmete frei auf. Es schien ihm, als käme er aus der Welt der Todten, um wieder in das gewöhnliche Leben einzutreten. Er er freute sich an der Bewegung, welche in diesem Augenblicke die Rhede und die Straßen zeigten. Wagen kamen und gingen und kreuzten sich nach allen Richtungen. Die Menschenmenge, die sich in allen möglichen Trachten durcheinander drängte, in allen Sprachen schrie und fluchte, schien ihm ein materielles Zeugniß für die Wirklichkeit seiner Existenz zu sein, und bewies ihm endlich, daß er der Welt der Phantome entronnen war, die sich ihm durch so furchtbare Visionen offenbart hatte.

Seine erste Bewegung war, sich selbst zu fragen was er thun sollte, und einen Entschluß zu fassen. Aber die Erinnerung an das Vorgefallene war noch so gewaltig in ihm, daß er sich vornahm, sie aus seinem Gehirn zu verbannen und sich zu irgend einem Handeln erst dann zu entschließen, wenn er sich mit Esther berathen haben würde, deren vortreffliches Herz und gesunden Sinn er zu würdigen verstand.

Einstweilen ging er die Quais entlang, um wieder einige Ruhe und Fassung zu.erlangen.

Wir erwähnten bereits, daß die Stadt Batavia nicht an dem Ufer des Meeres erbaut ist, sondern von demselben durch einen Kanal getrennt wird, der ungefähr eine halbe Meile lang ist und zu der Rhede führt.

Der Eingang dieses Kanals war ehedem die Mündung eines kleinen Flusses, dessen Anschwemmungen eine mächtige Schranke bildeten. Die Holländer sind die Leute der Seearbeiten. Um die fortwährenden Anschwemmungen zu verhindern, welche die Rhede bedrohten, und besonders die Verbindungen mit derselben immer schwieriger machten, haben sie den Lauf des Flusses verlegt und dessen Ufer in einen Canal verwandelt. Zwei Dämme haben den Lauf des Flusses durch die Sümpfe, die das Ufer einfassen, geregelt. Zu einem dieser Dämme richtete Eusebius seinen Spaziergang. Als er das äußerste Ende desselben erreicht hatte, wurde seine Aufmerksamkeit durch das Schauspiel erregt, welches das Untersegelgehen eines großen malayischen Brahubot, der die Fluth benutzen wollte, um das offene Meer zu erreichen.

Dieser Brahu war ein Fahrzeug von ungefähr 40 Tonnen, mit schlankem, wohlgeschnittenem Kiel. Das Vorderdeck war mit zwei Sechspfündern bewaffnet, welche so befestigt waren, daß sie für den Fall, wenn das Fahrzeug gejagt wurde, statt zu jagen, nach dem Hintertheil gerollt werden konnten. Auf beiden Seiten standen drei zweipfündige Caronaden. Das Schiff hatte zwei Maste, ein doppeltes Steuer und geflochtene Segel, dessen horizontale Takelage durch eine große Menge Bambusstangen gehalten wurde.

Die Equipage dieses Fahrzeugs bestand aus einem Dutzend Malayen. Die Einen beschäftigten sich damit, die Steuer in Ordnung zu bringen, während die Andern den Augenblick benutzten, in welchem der Brahu an. dem Damme angelegt hatte, um die letzten Vorräthe an Bord zubringen.

Der Capitän, der sich mit dem Rücken gegen einen der Strebepfeiler des Dammes lehnte, überwachte das Alles, indem er nachlässig seinen Betel kaute. Durch ein falsches Manöver der Matrosen an Bord faßte eine Welle das Steuer von der Seite, so daß es eine plötzliche Bewegung machte. Die schwere Maschine, welche noch nicht befestigt war, schlug mit ihrem Stabe einen Menschen nieder, und der Unglückliche, der dadurch betäubt wurde, hatte nicht so viel Geistesgegenwart, sich anzuklammern, und stürzte in das Meer. Seine Kameraden warfen ihm augenblicklich Taue zu; aber da die Strömung an diesem Orte sehr heftig war, trug sie ihn mit sich fort, so daß er die rettenden Seile nicht erfassen konnte und das Boot in das Meer gelassen werden mußte, um ihm zu Hilfe zu kommen.

Der Capitän des Brahu, unter dessen Augen sich dieser Auftritt zutrug, war dabei so gleichgültig geblieben, daß Eusebius sich fragte, ob der Mensch wirklich der Patron des kleinen Fahrzeuges sei, und ob der Unglückliche, der dahin schwamm, um aller Wahrscheinlichkeit nach eine Beute der Haifische zu werden, welche die Rhede Batavia’s unsicher machen, einer der Untergebenen Dessen sei, der für sein Geschick eine so geringe Theilnahme zeigte. Indeß konnte er daran nicht zweifeln, denn ehe die Malayen das Boot von den Ballen und Collis frei machten, wendeten sie sich zu ihm, als erwarteten sie seine Befehle und legten die Hand erst an die Ruder, als der Capitän ihnen mit einem Zeichen zurief: »Fort!«

Eusebius sah hierauf diesen Menschen aufmerksamer an. Er konnte ungefähr 35 Jahre alt sein, war kräftiger und runder, wie die Männer des gelben Stammes gewöhnlich sind, und auch seine Augen waren größer und weniger geschlitzt, als die seiner Landsleute; seine Nase endlich, beinahe adlerförmig gebogen, entfernte ihn vollends von dem Neger und näherte ihn dem Europäer.

Das Ganze seiner Physiognomie zeigte übrigens ein Gemisch von Wildheit, Verwegenheit und List.

Der Mensch trug noch überdies ein eigenthümliches Gewand: es bestand aus weiten schwarzseidenen Beinkleidern, über dem Knie befestigt; eine Art von Wamms von indischer Leinwand, mit glänzenden bunten Blumen, bedeckt, umschloß seine Brust. Sein Kopf war mit einem goldgestickten Mousselinstücke umwunden, dem er die Gestalt eines Turbans gegeben hatte; ein Crid mit Elfenbeingriff, reich mit Gold ausgelegt, »steckte in seinem Gürtel, Von Welchem sein Betelbeutel herabhing. Aber was Eusebius am aufallendsten erschien, war, daß er zwischen den Falten des Seemannshemdes die feinen biegsamen Ringe eines Panzerhemdes erblickte.

Der Capitän bemerkte die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er war, näherte sich Eusebius mit dem ungezwungensten Wesen von der Welt, und indem er die Araknuß, die er aus seinem Betelbeutel gezogen hatte, mit Kalk bestreute, sagte er in dem reinsten Holländisch und mit einem Tone, bei welchem der junge Mann erbebte: »Das ist ein sehr ungeschickter Schelm, nicht wahr, mein Herr?«

»Aber es scheint mir nicht ganz die Schuld des Unglücklichen zu sein,« entgegnete Eusebius.

»Mag es seine Schuld sein oder nicht, so wird der Sprung mir doch jedenfalls einige Tausend Piaster kosten.«

»Wer denn der Mensch ein Sclave und haben Sie ihn so theuer bezahlt?« fragte Eusebius.

»Nein,« erwiederte der Malaye; »aber es ist dennoch nicht minder wahr, daß der Schelm mich zu Grunde richtet.«

»Indeß, Capitän,« erwiederte Eusebius lächelnd, »scheint der Sprung, der Sie, wie Sie sagen, zu Grunde richtet, Sie nicht eben sehr aufzuregen?«

»Wozu nützte die Aufregung?« entgegnete der Seemann. »Ich bin Muselmann, mein Herr; was geschrieben ist, ist geschrieben und meine üble Laune könnte daran nichts ändern. Aber wenn Sie durchaus eine Erklärung meiner Worte wünschen, so sehen Sie dorthin.«

Eusebius Blicke folgten der ihnen gegebenen Richtung und er sah eine Flottille chinesischer Jonken, die auf das offene Meer hinaussegelte.

»Die langzopfigen Schelme dort,« fuhr der Malaye fort, »ahnen den Dienst nicht, welchen ihnen der Narr leistet, den man so eben den Haifischen streitig macht.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Eusebius.

»Zum Henker, Herr van der Beek —« Eusebius erbebte, denn woher wußte dieser Seemann, den er nie gesehen hatte, seinen Namen? – »das ist gleichwohl sehr klar. Wir werden eine Stunde darüber verlieren, den Tölpel aufzufischen. Binnen dieser Stunde sind die verdammten Jonken in die Windlinie gekommen, und ich mag dann immerhin meine 30 Lascaren auf ihre Ruder drücken lassen, so bleibt es noch immer sehr zweifelhaft, ob ich diese liebenswürdigen Anbeter des Gottes Foo noch vor der Nacht erreiche.«

»Und weshalb liegt Ihnen denn daran, sie noch vor der Nacht zu erreichen?«

»Weshalb?« erwiederte der Capitän lachend, mit einem scharfen abgesetzten Lachen, über welches Eusebius erbebte, so sehr erinnerte es ihn an das des Doctor Basilius – »Weshalb? Nun, ganz einfach, um mich zu überzeugen, ob ihre Waaren unter Deck gehörig geordnet sind, und um die armen Barken einer Ueberlast zu entledigen, die ihren Lauf hemmen könnte.«

»Ei,« sagte Eusebius, indem er den Capitän noch aufmerksamer betrachtete, »Sie sind Pirat?«

»Zum Henker,« sagte dieser, »sehe ich etwa aus, wie ein ehrlicher Mensch? Sie wären der Erste, der sich in meinem Gesichte täuschte.«

»Und Sie scheuen sich nicht, dies zu gestehen, und es dem Ersten Besten zu sagen, während Sie sich noch auf der holländischen Rhede und unter den Kanonen des Gouvernements befinden?« fragte Eusebius, ganz erstarrt über solche Verwegenheit.

»Zunächst,« erwiederte der Malaye mit spöttischem Lächeln, »sage ich es allerdings, aber ich sage es Ihnen, und Sie sind für mich nicht der Erste Beste. Erkennen Sie Dies hier, mein Herr Erbe?« fuhr der Malaye fort, indem er ihm die Lotosblume zeigte, welche die Indianerin ihm gegeben hatte, und die er auf seiner Fluchtfallen ließ.

»Wahrlich,« sagte Eusebius, »wenn es nicht Wahnsinn wäre, so müßte ich glauben, Sie sind —«

Er hielt inne, erschrocken über das, was er sagen wollte. Der Capitän brach in ein lautes Gelächter aus.

»Ich sei der Doctor Basilius, nicht wahr? He, he, he! man könnte sich schon einander unähnlicher sehen. Aber beruhigen Sie sich; ich bin nicht der Doctor Basilius, nein! Der Doctor Basilius ist todt, ganz ordentlich todt. Wie! Während Eine Leiche schon hinreicht, um das Ableben eines Menschen zu bezeugen, genügen Ihnen drei Leichen nicht? Was verlangen Sie denn, junger Mann? Noch einmal, der Onkel Ihrer Frau ist nicht mehr auf dieser Welt, und der, den Sie vor Augen haben, der, mit welchem Sie sprechen, der, welchen Sie anstarren, als ob er ein Gespenst wäre, fuhr diesen Morgen in die Haut des Datou-Noungal, nächst Gott Herr der Barke Mahommedia, welcher Datou-Noungal sich diese Nacht zwischen zwei und drei Uhr Morgens umbrachte, weil er seinen Beuteantheil in dem Spiel verloren hatte, das er an einem Tage der Thorheit für immer abgeschworen. – Ich bin Noungal, für den Augenblick, nichts Anderes. – Vielleicht verwandle ich mich eines Tages wieder; vielleicht hängt das auch ein wenig von Deiner Weisheit ab, Eusebius van der Beek.«

Wäre es dem malayischen Capitän zweckmäßig erschienen, noch eine halbe Stunde fort zusprechen, so würde der arme Eusebius, vernichtet durch das, was er sah und hörte, nicht die Kraft gehabt haben, ihn zu unterbrechen. Aber der Datou-Noungal hielt inne und Eusebius fragte: »Was wollen Sie damit sagen? Erklären Sie sich. Jedes Ihrer Worte ist für mich ein Räthsel, dessen Lösung zu suchen ich den Muth nicht habe. Seit den 24 Stunden, seit denen der Doctor Basilius sich in mein Leben mischte, weiß ich nicht mehr, ob ich wirklich noch lebe, oder nur unter dem Eindrucke eines entsetzlichen Alps mich bewege. – Ich zweifle an mir, an den Anderen, an Gott, an Allem, und die Wölbung des Himmels er scheint mir nur noch wie ein ungeheueres Netz, unter welchem sich Opfer bewegen, die gleich mir zu Spielwerken übernatürlicher Ereignisse bestimmt sind, gegen welche der menschliche Verstand und die Anwendung des freien Willens nichts auszurichten vermögen.«

, »Ich rathe Ihnen also, sich über Ihren Antheil zu beklagen, und das noch dazu gegen mich! Binnen einigen Stunden habe ich das offene Meer erreicht und einige hundert Meilen von hier entfernt, werde ich meinen Schnabel und meine Krallen gegen die nichtswürdigen Seevögel wetzen, die ihr böses Geschick in meine Gewässer führt, während Herr Eusebius van der Beek in die volle Gallione beißt.«

»Ich will die Erbschaft nicht! Ich weise sie zurück!« rief Eusebius. »Sie sind nie der Onkel Esther’s gewesen?«

»Nun, was kümmert das Sie, wenn Der, welchen man Basilius nannte, ihn vertrat?«

»Nein, um diese Erbschaft anzunehmen, müßte ich einen Pact mit einer höllischen Macht schließen, die ich verneine, und die ich dennoch anzuerkennen gezwungen bin.«

»Sie sind ein Kind,« sagte der Datou-Noungal, indem er aus dem Busen ein Papier zog, welches Eusebius voll Schrecken für das erkannte, unter welches er in der vergangenen Nacht seinen Namen gesetzt hatte. – »Hier ist der Vertrag, der Sie dem verbindet, welcher auf Erden künftig Basilius vertritt, obgleich diese Schrift nicht in feurigen Buchstaben auf schwarzem Papier geschrieben ist, und den Stempel der Regierung trägt, und nicht den der Hölle. In unseren Tagen, mein Freund, ist ein Wechsel der wahre höllische Vertrag. Glauben Sie mir, ein Mensch, der einen Wechsel unterzeichnet hat, gehört sich selbst nicht mehr an. Er wird, wenn er zur Verfallzeit nicht zur Stunde, zur Minute, zur Secunde, bezahlt, eine Sache seines Gläubigers. Shylok war nur ein Dummkopf, daß er blos zwei Pfund Fleisch verlangte; er hätte 120, 130, 140 fordern sollen; die würde er bekommen haben. Die neuern Wucherer sind nicht so einfältig; sie fordern den ganzen Körper, und den überläßt man ihnen ohne Schwierigkeit. In der That genügt nicht der freiwillig auf ein Papier als Unterzeichnung geschriebene Name, mag derselbe nun mit Tinte oder mit Blut geschrieben sein, dazu, diesen Menschen für immerzu fesseln, und sind wir nicht unwiderruflich mit einander verkettet, seit dem Augenblick, in welchem Du im Umtausch gegen das Leben Deiner Frau, das ich Dir gab, mir geschworen hast, die Instincte zu bezwingen, die ich bei Dir vermuthete? Du, der Schwiegersohn eines Notars, bist in dergleichen Dingen nicht stärker? Das nennt man einen synallagmatischen Vertrag, und dieser ist von dem Augenblicke an gültig, in welchem eine der beiden Parteien die Vollstreckung beginnt.«

»Aber indem ich dies Versprechen gab,«. rief Eusebius aus, »glaubte ich es einem Nebenmenschen zu geben. Ich verpflichtete mich gegen einen Menschen und nicht gegen einen Dämon!«

»Das heißt, Du rechnetest darauf, frei zubleiben, und ganz einfach Deinem Versprechen ungetreu zu werden, wenn Du von Deines gleichen erlangt hättest, was Du von ihm hofftest; das heißt, Du hattest die Hoffnung, der Mensch, gegen den Du Dich verpflichtetest, könnte Dich nicht zu der Erfüllung Deiner Verpflichtung zwingen, noch Dich für die Verletzung derselben bestrafen. Du dachtest, einen Menschen zu übertölpeln, mein armer Eusebius; zu Deinem Unglück wird es aber nicht so sein. Wenn Du indeß, um Dein ängstliches Gewissen zu beruhigen, der Versicherung bedarfst, daß ich weder der Ahriman der Perser, noch der Typhon der Egypter, noch der Python der Griechen, noch der Satan Milton’s, noch der Mephisto des Faust, noch der Bophomet der Templer, noch der Teufel endlich bin, so gebe ich Dir diese Versicherung. Zweifelst Du übrigens an meinem Worte, und ich gestatte Dir diesen Zweifel, so betrachte meine Sandalen und meinen Turban, vide pedes, vide caput, und Du wirst weder Hörner noch einen gespaltenen Fuß erblicken.«

»Wer sind Sie dann aber?«

»Ein Wille, fest gerichtet auf ein Ziel der Unsterblichkeit.«

»Des Körpers oder der Seele?«

»Des Körpers, Dummkopf. Die Seele ist durch ihr eigentliches Wesen unsterblich, während der Körper vergänglich ist.«

»So sind Sie also unsterblich?«

»Ich bin nicht unsterblich, aber ich zähle schon so etwas wie 130 bis 140 Jahre. Ich wünsche wenigstens, meine drei Jahrhunderte zu erreichen; denn was wir in der Welt seit 120 Jahren erblicken, ist so merkwürdig! Dieses Verlangen hat mich dahin gebracht, eine Wissenschaft neu zu beleben, die man für erstorben hielt, die Kabala. Dieses Verlangen verlieh mir Macht und eine Gewalt, deren Ausdehnung Du bereits erprobtest.«

»Und Sie können gegen den Tod kämpfen?« fragte Eusebius mit wachsendem Entsetzen.

»Wie mir scheint, hast Du das gesehen. – Höre – ich werde Dir eine jener unbekannten Wahrheiten sagen, die dazu bestimmt sind, sich im Laufe der Jahrhunderte Bahn zu brechen. Der Tod ist ein Phantom der Unwissenheit; er besteht gar nicht; der Körper ist die Hülle der Seele, das ist Alles. Wenn dieser Körper gänzlich vernichtet oder schwer und unverbesserlich verletzt ist, verläßt sie ihn, und wirft ihn, gleich verächtlichen Lumpen, an dem ersten besten Eckstein von sich. Nun wohl, ich, mein lieber Freund,« fügte der Doctor hinzu, indem er in jenes Lachen ausbrach, welches Eusebius bis in das Mark erkältete, »ich verstehe es, die Kleidung zu wechseln, ehe sie fadenscheinig wird; das ist Alles.«

»Wie ist das möglich?«

»Ja, verzeih’, das Wie kann ich Dir nicht mittheilen, denn wenn Du es erführest, wärest Du eben so weise wie ich. Was Du wissen darfst, obgleich ich nicht verpflichtet bin, es Dir zusagen, was Du wissen darfst, ist, daß, wenn Eusebius van der Beek eines schönes Tages, seiner Frau Esther Menuis überdrüssig, sich sagen sollte: Zum Teufel, wo hatte ich denn den Kopf, als ich mitten in der Nacht den Doctor Basilius aufsuchte, den der Himmel verdummen möge! weshalb mußte dieser höllische Doctor das Leben da zurückführen, wo der Tod schon eingetreten war? und an diesem Tage dann die Seele des Eusebius van der Beek ihren Körper verlassen wollte, den Körper, der noch frisch, jung und sauber wäre, der noch gute dreißig Jahre des Bestehens vor sich hätte, und in eben dem Augenblick, gleichviel wo, ein elender Räuberhauptmann, ein nichtswürdiger Pirat, zugegen wäre, der es als sehr angenehm betrachtete, in Erwartung von etwas Besserem diese dreißig Jahre in dem erwähnten Körper hinzubringen? —«

»So war also der diesen Morgen verkündete Tod —?«

»Nichts als ein Wechsel des Futterals.«

»Und Sie werden so leben?«

»Bis zum Ende der Jahrhunderte, wie ich vermuthe. Da die Weisheiten und die Albernheiten der Menschen diese des Lebens oft überdrüssig machen, rechne ich darauf, bis zum Tage des jüngsten Gerichtes.«

»O,« sagte Eusebius, »auch bin ich nicht Euer, mein Meister, und jetzt, da Ihr mich gewarnt habt, werde ich mich wohl zu hüten wissen, und ich verspreche Euch, daß Ihr in Gefahr schweben sollt, Euer Leben in der Haut des Datou-Noungal zu beendigen.«

»Glaubst Du?« sagte der Malaye lachend.

»Ich Esther ungetreu werden? Niemals!«

»Warte nur; aber ich will Dir noch mehr Freiheit geben, als Du glaubst.«

»Wie so das?«

»Die Treulosigkeiten des Körpers sollen nicht zählen; die bezahlst Du mit Deinem Vermögen, und das ist in der Ordnung; die Treulosigkeiten der Seele allein sollen rechnen; nur diese wirst Du mit Deinem Körper bezahlen.«

»Dann bin ich vollkommen ruhig,« sagte Eusebius, indem er sich bemühte, ebenfalls zu lachen.

»Nun wohl, trittst Du die Erbschaft an, oder nicht?«

»Ich trete sie an,« sagte Eusebius entschlossen, »ich trete sie an! Reich und glücklich werde ich noch leichter den höllischen Versuchungen widerstehen, die Sie ohne Zweifel gegen mich aufbieten wollen. Ich verwende einen Theil meines Vermögens zu guten Werken, gewinne so den Himmel für mich und erlange die Oberhand über Sie, der Sie, Ihres Läugnens ungeachtet, Ihre höllische Macht von der Hölle selbst empfangen haben müssen.«

»Versuche es,« erwiederte der Capitän, »versuche es, und viel Vergnügen. Das Leben ist kurz, das Deinige besonders ist nicht dazu bestimmt, lang zu sein; trachte daher danach, daß es gut sei. Auf Wiedersehen, Eusebius.«

Bei diesen Worten wendete er dem jungen Manne den Rücken, als hätte er Wichtigeres zuthun, wie dieses Gespräch fortzusetzen, gab seinen Matrosen ein Zeichen, und da diese ihren Kameraden an Bord zurückgebracht hatten, und die Vorbereitungen, unter Segel zu gehen, beendet waren, ergriffen auf dieses Zeichen vier Männer die Ruder eines Bootes und legten dann an der Seite des Dammes an. Der malayische Schiffscapitän sprang in das Boot hinab und dieses ruderte sogleich dem Schiffe zu. An dem Brahu angelangt, erstieg der Schiffscapitän leicht die Seiten des Schiffes, und übernahm dann sofort das Commando. Der Wind faßte die Segel, der Brahu setzte sich in Bewegung und umschiffte den Damm. In diesem Augenblicke stieg der Datou-Noungal auf das Hinterdeck und sendete Eusebius als letztes Lebewohl sein unheimliches, höhnisches Lachen zu.

Erst als das kleine Fahrzeug, welches Flügel zu haben schien, am Horizont verschwunden war, dachte Eusebius daran, nach seiner, Wohnung zurückzukehren. Er erreichte dieselbe in einem schwer zu beschreibenden Zustande fieberhafter Ueberreizung. Noch an demselben Tage brach ein hitziges Fieber in ihm aus, und ein Arzt, den Esther während der Nacht rufen ließ«erklärte, er halte es für unmöglich, daß der Kranke länger als drei Tage den wüthenden Anfällen widerstehen könnte.




VII.

Ein sonderbares Codicill


Der Mann des Gesetzes, den wir sahen, wie er Eusebius van der Beek und Esther Menuis den Tod ihres Onkels, des Doctor Basilius, anmeldete, war der erste Schreiber des Notar Maes. Dieser wohnte auf dem Platze Weltevrede, einem der schönsten Plätze von Batavia. Er war ein großes Original, dem es indeß nicht an Character mangelte und der wohl der Mühe lohnt, daß wir seiner physischen und moralischen Beschreibung eine oder zwei Blätter widmen.

In physischer Beziehung war Meister Maes groß, dick, aufgedunsen. Er hatte die Figur eines Regimentstambours und daneben ein unbärtiges Gesicht, eine Roxelanennase und eine Haut von Rosen und Lilien, welche den sondersbarsten Contrast zu seiner herkulischen Gestalt bildeten.

Moralisch betrachtet war Meister Maes doppelt, das heißt, es gab bei ihm zwei Menschen in einer und derselben Haut. Der Eine dieser beiden Menschen war Meister Maes, der Notar, der Andere Herr Maes schlechthin. Es konnte nichts Ruhigeres, Pünctlicheres, Methodischeres, Geregelteres geben, als Meister Maes, den Notar. Hätte ein Client seine Anwesenheit um vier Uhr Morgens verlangt, so würde er nicht anders ausgegangen sein, als im schwarzen Anzuge mit weißer Halsbinde und frischen Handschuhen, gerade wie die Etiquette in Batavia es verschrieb. Niemand konnte sich erinnern, ihn zu Fuß auf einer der Straßen der Stadt gesehen zu haben, so. lange die Sonne am Horizonte stand. Bei der Ausübung seines Amtes lächelte er nie; seine Physiognomie blieb stets ernst und roch beständig etwas nach dem Testamente, selbst, wenn es sich um einen Heirathscontract handelte.Er sprach zu seinen Clienten nur in der dritten Person, und wußte geschickt das Gespräch zu lenken, wenn es sich auf Gegenstände verirrte, die außerhalb der Functionen seines Amtes lagen.

Am Abend aber, punct sechs Uhr, legte Meister Maes mit einem lauten Seufzer der Befriedigung seine Haltung, seine Kleidung und seine finstere Physiognomie ab. Ein Lächeln der Zufriedenheit ergoß sich über sein breites Gesicht; er entledigte sich des schwarzen Frackes und der schwarzen Beinkleider, die ihn so weit und so bequem umschlossen, daß Madame Maes, eine anständige und sehr ordentliche Frau, obgleich lebhaft und ungestüm, darüber unglücklich, war; er legte dann einen Anzug von weißem; Piqué an, und versuchte so lebhafte Sprünge zu machen, wie sein schwerfälliger Bau es ihm gestattete, trank vier oder fünf Gläser Gingerbeer Zug auf Zug und wurde Meister Maes kurzweg, das heißt, ein heiterer Gesellschafter, der nicht nur nach seinem Mittagsessen die Genüße einer Pfeife Opium nicht verschmähte, sondern sich sogar zuweilen in die engen Gäßchen und unter die Strohdächer von Mynheer Cornelis verirrte, und der in solchen Fällen regelmäßig seinen Abend in dem chinesischen Viertel, in dem kleinen Theater des Platzes Voyang Tschina beschloß, wohin er, wie böse Zungen behaupteten, viel weniger ging, um die dramatische Literatur des himmlischen Reiches zu studiren, als die häuslichen Sitten der hübschen Malayinnen, welche diesem Theater seine verführerischesten Besucherinnen lieferten.

Herr Maes war zu der Stunde, in welcher wir ihn einführen, noch nicht bis zu der lustigen Phase seiner täglichen Existenz gelangt. Es konnte etwa halb sechs Uhr Nachmittags sein; er befand sich in seinem Cabinet, einem Schreibtische gegenüber, der mit Papieren und Actenheften überhäuft war, die er mit einer Genauigkeit untersuchte, welche wohl geeignet war, seinen Clienten ein festes Vertrauen einzuflößen. Von Zeit zu Zeit jedoch wandte sein gewaltiger Körper sich schmerzhaft in seiner schwarzen Kleidung. Sein Hals streckte sich krampfhaft aus seiner weißen Binde hervor, als wären Beide ungeduldig, sich ihrer Fesseln zu entledigen und ehe er dann die Blicke wieder auf seine Papiere richtete, sah er melancholisch nach einer großen Uhr, die mit einer verzweiflungsvollen Langsamkeit und Monotonie verrückte.

Die Thür öffnete sich.

»Herr Notar,« sagte eintretend einer der Schreiber-, »Madame van der Beek-Menuis wünschte Sie zu sprechen, wenn es Ihnen nicht zu lästig wäre.«

»Lassen Sie sie eintreten, Wilhelm Ryck,« erwiederte Meister Maes. »Man muß die Clienten nie warten lassen, und noch viel weniger die Clientinnen,« fügte der Notar mit einem bedeutsamen Lächeln hinzu. Und da er einsah; daß der junge Mann diesen Worten eine leichtfertige Deutung geben könnte, verbesserte sich Meister Maes, indem er sagte: »besonders wenn es so ehrenwerthe Clientinnen sind, wie Madame van der Beek-Menuis. Lassen Sie sie also eintreten, mein Freund.«

Der Notar warf einen flüchtigen Blick in einen kleinen Spiegel, der über einem Divan von carmoisinrother Seide hing, um sich zu überzeugen, daß seine ungeduldige Regung von vorhin die Falten seiner Kravatte und die Harmonie seiner Kleidung nicht gestört hätte.

Der Schreiber führte Madame van der Beek ein. Die kürzlich überstandene Krankheit Esthers, die Befugnisse die sie für die Gesundheit ihres Mannes hegte, ließen ihre Spuren auf dem Gesichte der jungen Frau zurück. Sie war sehr blaß, aber deshalb vielleicht nur um so hübscher.

Der Notar schob ihr artig einen Stuhl zu.

»Vor allen Dingen, Madame,« sagte er mit dem theilnahmvollsten Tone, »will ich mich nach der Gesundheit des Herrn van der Beek erkundigen.«

»Es geht mit meinem Manne besser,« antwortete die junge Frau. »Zum Glück für ihn sind von allen Orakeln die mindest zuverlässigenden der medicinischen Facultät, denn sein Arzt hat mich wahrhaft in Verzweiflung gebracht.«

Meister Maes lächelte und Madame van der Beek fuhr fort: »Die Jugend und die kräftige Constitution meines Mannes haben über die Krankheit triumphirt und er ist glücklich von dem entsetzlichen Delirium geheilt, während dessen er von furchtbaren Visionen gemartert wurde. Auf diesen Zustand fieberhafter Aufregung folgte eine noch beunruhigendere Betäubung, über die wir jedoch zu triumphiren hoffen.«

»Ich glaube,« unterbrach sie der Notar, welcher dem Anstande ein hinlängliches Opfer gebracht zu haben meinte, und der bei der vorgerückten Stunde zu dem Geschäfte zu gelangen wünschte, »ich glaube, daß Madame van der Beek zu mir gekommen sind, um mit mir über die Erbschaft ihres Onkels, des Doctor Basilius, zu sprechen.«

»Ganz gewiß, mein Herr, denn Ihr Schreiber, den Sie gestern zu uns schickten, sprach von einem Codicill, welches gewisse Bedingungen enthielte, die die Bestimmungen aufheben könnten, deren wesentlichen Inhalt sie uns mitgetheilt hatten.«

»In der That, Madame; aber beginnen wir bei dem Anfange. Gestatten die Madame van der Beek mir daher zunächst den Erfolg von der Aufnahme des Inventars zu berichten, das ich dem Gesetze gemäß über die beweglichen und unbeweglichen Güter des verstorbenen Doctor Basilius aufnehmen mußte.«

»Wie Sie wollen, mein Herr,« erwiederte, sich verneigend, Madame van der Beck.

»Ich werde daher die Ehre haben, Madame zu sagen,« fuhr der Notar fort, »daß diese Erbschaft bedeutend ist, bedeutender, als dieselbe und ihr Gatte sie vernünftiger Weise vermuthen konnten. Ich finde ein Activum von nicht weniger als 1 1/2 Millionen Gulden. Was die Passiva betrifft, so hatte der Doctor Basilius eine solche Ordnung in seinen Geschäften, daß er nie eine Centime schuldig war.«

»Ach, mein Gott!« rief die junge Frau, »Mein armer Eusebius! Welche Freude für mich, ihn reich zu sehen, all den Luxus genießend, den wir gleich den übrigen Armen beneideten, als wir ihn in der Ferne erblickten, ohne Hoffnung, ihn jemals selbst kennen zu lernen.«

»Fügen die Madame nach hinzu,« sagte Meister Maes, »daß deren Befriedigung doppelt groß sein muß durch das Glück, den Gatten zu bereichern, denn die Erbschaft kommt von Ihrer Seite.«

Die bleichen Wangen Esthers färbten sich roth und sie sagte: »Ich gestehe Ihnen, mein Herr, daß ich meinen armen Eusebius innig liebe, denn er selbst hat mir so große Beweise seiner Liebe gegeben!«

Der Notar richtete einen Blick auf die Uhr und schien zu bereuen, von der Sache abgeschweift zu sein. Er fuhr daher eilig fort: »Ich habe die Ehre, der Madame van der Beek hier eine Abschrift des Inventars vorzulegen – das Vermögen des Doctor Basilius, gegenwärtig das der verehrten Dame, besteht demnach in Folgendem: Erstens in einer Pflanzung in dem Districte von Buytenzorg, geschätzt aus 600, 000 Gulden.

»Zweitens in 400, 000 Gulden, angelegt bei dem Hause van der Broik, einem der solidesten in Batavia.

»Drittens 230, 000 Gulden, baar vorgefunden in der Wohnung des Verstorbenen, und nach meinem Domicil gebracht.

»Viertens in verschiedenen Waaren, theils nach meinem Domicil, theils nach der Niederlage geschafft.«

Madame van der Beek unterbrach den Notar.«

»Ich zweifle nicht, mein Herr,« sagte sie, »daß Ihr Inventar vollkommen in der Ordnung ist. Ich bitte Sie daher, uns zu dem erwähnten Codicill kommen zu lassen.«

Diese Abweichung von der strengen Regel schien Meister Maes etwas in Verlegenheit zubringen. Er hustete, trocknete sich langsam das Gesicht mit dem Taschentuche, runzelte die Stirn, schob die Brille in die Höhe, die er trug, solange er Notar war, nicht nur als Schmuck seines Gesichtes, sondern auch als Anhängsel seines Amtes, und indem er mit seiner goldenen Uhrkette spielte.

»Ich werde die Ehre haben, der Madame van der Beek-Menuis zu sagen, daß ich es vorziehe, die Wiederherstellung des Herrn Eusebius van der Beek, ihres Gatten, zu erwarten, um ihr diese höchst sonderbare Klausel in dem Testamente des verstorbenen Herrn Doctor Basilius mitzutheilen, eine Klausel, welche übrigens lediglich Herrn van der Beek interessirt, wo nicht an und für sich selbst, wenigstens durch ihre Wirkungen. Herr van der Beek ist der natürliche und gesetzmäßige Vormund der Legatarin. Es scheint mir daher möglich, ausführbar und zweckmäßig, den Genannten in Besitz der Güter Ihres verstorbenen Onkels zu setzen, und so lange das Codicill ruhen zu lassen, welches nichts Dringendes enthält, besonders während der Krankheit des Herrn van der Beck. Nach seiner Genesung wird Herr van der Beek dieses Codicill seiner Frau mittheilen, nachdem er selbst davon Kenntniß genommen hat.«

»Wahrlich, mein Herr,« entgegnete die junge Frau, »Sie machen mich sehr gespannt. Indeß ist es nicht blos die Neugier, welche mich auf meinen Wunsch bestehen läßt. Eusebius kann noch längere Zeit nicht die Leitung unserer Angelegenheiten übernehmen; überdies halte ich es, nach manchen Aeußerungen seines Fieberwahnsinns, für zweckmäßig, daß die Erinnerung an gewisse Episoden seines Verkehrs mit meinem Onkel aus seinem Gedächtnisse entfernt werde. Ich beschwöre Sie daher, sprechen Sie und theilen Sie mir dieses Codicill in seiner ganzen Sonderbarkeit mit.«

»O, es ist in der That durchaus sonderbar, Madame,« entgegnete der Notar, »so sonderbar, daß ich nicht weiß, wie ich der Madame van der Beek-Menuis den Gedanken des Testators auf eine passende Weise erklären soll, ohne die Achtung zu verletzen, die ich derselben so wie mir selbst schuldig bin. – Wenn es noch allenfalls sechs Uhr Abends wäre,« fügte er lachend hinzu.

»Jedenfalls, mein Herr,« erwiederte Esther, indem sie ebenfalls zulächeln suchte, »brauchen Sie darauf nicht lange zu warten, denn eben schlägt es sechs Uhr.«

In diesem Augenblicke und während noch der letzte Schlag der sechsten Stunde ertönte, öffnete sich die Thür, und eine kleine Frau tobte wie ein Sturmwind herein. Es war die ehrenwerthe Madame Maes.

»Nun, woran denkst Du denn heute?« rief sie, ohne zu bemerken, daß ihr Mann nicht allein war. »Es sind wenigstens zehn Minuten her, seitdem es an der Gouvernementsuhr sechs schlug; die Schreiber haben das Comptoir verlassen; weshalb zögerst Du, es eben so zu machen, wie sie?«

Der Notar zeigte seiner Frau die Madame van der Beek, welche aufgestanden war.

»Wilhelmine,« sagte er, »dies ist Madame van der Beck, die ich die Ehre habe, Dir vorzustellen; Madame van der Beek – Madame Maes.«

Diese erwiederte den Gruß der jungen Frau durch eine tiefe Verbeugung.

Madame Maes war ein ganz eigenthümliches Gegenstück ihres Mannes. Sie war ungestaltet wie er, doch nicht in der Länge, sondern in der Breite, und hatte in dieser Richtung eine solche Entwickelung gewonnen, daß es wenig Thüren gab, durch die sie anders als von der Seite zu gelangen vermochte. Ihre kleinen lebhaften und funkelnden Augen, ihre aufgestülpte Nase, ihr breiter Mund, geschmückt mit zweiunddreißig Zähnen, die sie bei jeder Gelegenheit zeigte, gaben ihrer Physiognomie einen umso sonderbareren Ausdruck, als der Himmel sie reichlich mit der männlichen Zierde geschmückt hatte, die ihrem Gatten fehlte, so daß ihr ganzes Gesicht mit einem weißlichen Flaum bedeckt war.

Die Lebendigkeit der dicken Dame bildete einen sonderbaren Contrast zu ihrem Wesen. Sie war auf diese Lebendigkeit sehr stolz und schrieb sie ihrem Ursprunge zu, welcher ihrer Behauptung nach französisch war, da sie in Lüttich geboren wurde, als die wallonischen Provinzen französische Departements waren.

Die Nationalität, welche Wilhelmine (wie ihr Gatte sie beständig nannte) sich beilegte, rechtfertigte ihre Lebendigkeit, die um so auffallender war, da, wie wir erwähnten, ihre gewaltige Körperfülle nicht gut zu derselben paßte; diese Beweglichkeit stimmte auch wenig zu der phlegmatischen und gesetzten Haltung, welche Herr Maes von acht Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends bewahrte, und Madame Maes, die auf ihre französische Lebendigkeit eine echt holländische Strenge gepfropft hatte, die Folge der Dankbarkeit gegen ihr Adaptiv-Vaterland, begriff eben so wenig den Maes, den Epikuräer und Lebemann, den sie von sechs Uhr Abends bis acht Morgens besaß, wie den strengen und gemessenen Maes, der ihr von acht Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends entschlüpfte.

So kam es, daß der Tempel des Janus, der unter der Herrschaft des Augustus drei Mal geschlossen wurde, in der Häuslichkeit des Platzes Weltevrede dieses Vorzuges nur selten genoß.

Indeß schien Herr Maes über die Erscheinung seiner Frau sehr zufrieden zu sein, da sie kurz die Mittheilung abschnitt, die Madame van der Beek von ihm verlangte und die so schwer zu machen schien.

»Ja, Du hast Recht, Wilhelmine,« sagte er, »die Stunde, zu welcher meine Arbeiten beendigt sein müssen, ist in der That erschienen, und diese Arbeiten sind unter unserem brennenden Himmel so peinlich, daß wir,« fügte er, gegen Esther gewendet, hinzu, »ebenso pünctlich darin sind, sie zu beendigen, wie sie anzutreten. Wenn Madame es mir gestatten, werden wir daher unser jetziges Gespräch auf einen andern Tag verschieben und ich werde dieselbe um die Bestimmung einer ihr passenden Stunde bitten, damit wir die Actenstücke unterzeichne.«

»Ich wiederhole Ihnen, mein Herr,« erwiederte Esther, »daß ich nicht weiß, ob wir diese Erbschaft antreten können, so lange wir die Bedingungen dieses merkwürdigen Codicills nicht kennen.«

»Wie!« rief Madame Maes, »Du hast der Madame van der Beek die Nichtswürdigkeit ihres alten schuftigen Onkels nicht mitgetheilt? Ei das wäre! Ich finde sie in der That sehr ruhig.für eine Frau, die wissen mußte, was vorgegangen ist.«

»Ich muß Dir bemerken, meine theure Wilhelmine,« entgegnete Herr Maes, indem er die Brille, die er bereits auf den Tisch gelegt hatte, wieder aufsetzte, »ich muß Dir bemerken, daß dies eine Geschäftsangelegenheit ist, in welcher Deine Einmischung unpassend wäre.«

»Und ich bemerke Ihnen, mein Herr,« entgegnete Wilhelmine mit bitterem Tone, »daß die Stunde der Geschäfte vorüber ist und daß diese junge Dame, welche mir der höchsten Theilnahme würdig erscheint, erfahre, wie weit die Schlechtigkeit gewisser Menschen gehen kann. – Uebrigens, mein Herr, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich der Dame die Sache mittheilen werde, wenn Sie es nicht thun.«

»in der That,« sagte Herr Maes, sich besinnend, »scheint mir diese Mittheilung im Grunde genommen so unwichtig zu sein, daß es besser ist, sie werde bei einem einfachen gesellschaftlichen Geplauder gemacht, als durch einen Vertreter des Gesetzes. Gleichwohl wünschte ich dieser Eröffnung einige Fragen vorauszuschicken, deren Unbescheidenheit zu verzeihen ich Madame van der Beek bitte. Diese Unbescheidenheit wird übrigens durch den Inhalt des erwähnten Codicills vollkommen erklärt werden.«

»Sprechen Sie, mein Herr!« sagte Esther ungeduldig.

»Zunächst, Madame, muß ich Sie fragen, – ob Ihre Ehe mit Herrn van der Beek eine Heirath aus Liebe ist?«

»O, gewiß mein Herr!« sagte Esther. »Wir waren Beide gleich arm und wußten durchaus nicht, was aus meinem Onkel Basilius Menuis geworden war; so arm, daß die Trauringe, welche wir wechselten, ganz einfache silberne Ringe sind.«

Und ihre Linke dem Notar reichend, zeigte sie ihm in der That an dem Mittelfinger einen Ring von diesem untergeordneten Metall.

Herr Maes übersah mit einem Blick die Hand und den Ring; er fand die erstere sehr schön und den letzteren sehr einfach.

»Sehen Sie wohl,« fügte Esther hinzu, »und dennoch würde ich diesen Ring nicht gegen den Diamanten des Groß-Mogol vertauschen.«

»Und Ihr Mann hat einen ähnlichen?« fragte der Notar-.

»Genau einen gleichen.«

»Und er hält auf seinen Ring eben so sehr, wie Sie auf den Ihrigen?«

»Ich würde darauf schwören.«

»Das ist schon etwas sehr Gutes,« sagte der Notar. »Nur sagen Sie mir noch, meine gute Dame, seit wie langer Zeit Sie verheirathet sind?«

»Seit länger als achtzehn Monaten.«

»Und während dieser achtzehn Monate, das ist die kitzliche Frage, Madame, indeß werden Sie sogleich die Wichtigkeit derselben erkennen – seit diesen achtzehn Monaten würden Sie für die Treue Ihres Mannes haften?«

»Mit meinem Leben!« rief ohne Zögern Esther.«

»Glückliche Frau,« sagte Madame Maes. »Ich hafte dafür, daß während des ersten Monats unserer Ehe dieses Ungeheuer – dabei deutete sie auf Herrn Maes – »schon drei oder vier Treulosigkeiten gegen mich begangen hatte.«

»Wilhelmine! Wilhelmine? sagte Herr Maes, »wenn Du uns jeden Augenblick unterbrichst, kommen wir nie zu Ende.« Sich zu Esther wendend, fügte er dann hinzu: »Ueber die Vergangenheit beruhigt, Madame, hegen Sie also durchaus keine Besorgniß wegen der Zukunft?«

»Durchaus nicht.«

»Nun wohl Madame, so erfahren Sie denn –«

»Ja, erfahren Sie, liebe Kleine, daß Ihr Onkel ein Ungeheuer war, ein Wüstling, der öffentlich in der schmachvollsten Zügellosigkeit lebte.«

»Wilhelmine!« ermahnte Herr Maes.

»Laß mich in Ruhe,« sagte Wilhelmine; »Du bist nicht besser, wie er. Ach, liebe Kleine,« fuhr die Frau des Notars fort, indem sie die Hände der Madame van der Beek in die ihrigen nahm und ihre kleinen grauen Augen mit dem Ausdrucke des Schmerzes zu der rothen Decke des Zimmers erhob, »wenn Sie wüßten, in was für ein abscheuliches Land Sie gekommen sind; wenn Sie den Grad der Irreligion und der Demoralisation kennten, zu welchem die Bewohner gelangt sind und der Herr dort vor Allen!«

»Aber werde ich denn endlich, Madame,«sagte Esther ungeduldig, »das berüchtigte Codicill kennen lernen —«

»Mein teures Kind, Ihr Ungeheuer von einem Onkel hatte einen wahren Harem, gleich dem Großtürken; über zwanzig Weiber, sagt man.«

»Drei; nur drei,« unterbrach sie Herr Maes, »und alle drei waren ausgezeichnet schön.«

»Hören Sie es? Hören Sie es?«

»Und mein Onkel,« sagte Esther, »hat einen Theil seines Vermögens diesen drei Weibern hinterlassen. Darin erblicke ich nur etwas sehr Natürliches. Mein Onkel war mir zu Nichts verpflichtet. Er machte mich zur Millionärin. Die Dankbarkeit verbietet mir, einen Tadel über seine Ausführung auszusprechen und seine Großmuth im Geringsten anzutasten.«

»Armer Engel des guten Gottes,« rief Madame Maes, indem sie Esther umarmte, »welch’ ein Zartgefühl, welch’ ein Herz! Ist es nicht abscheulich, so gute, so reine Geschöpfe, wie wir sind, den gemeinen Leidenschaften solcher Wesen überliefert zu sehen? Aber mein liebes Kind, das wäre nichts; das sind dergleichen Betrübnisse, denen wir uns unterwerfen müssen, ohne zu murren. Nein, nein, es ist schlimmer, als Sie denken. Stellen Sie sich vor, daß dieser höllische Basilius, der, übrigens ganz das Aussehen eines Schurken hatte, durch ein Testament die Ausschweifung ermuthigt und der Verderbtheit dieser drei Unglücklichen eine Prämie aussetzt.«

Esther wendete sich zu Herrn Maes, indem sie hoffte, daß derselbe durch einige Worte der Redseligkeit seiner Frau ein Ziel setzen würde.

»Er hat ein Drittel Ihres Vermögens Derjenigen der drei Weiber versprochen, der es gelingen würde, die Liebe Ihres Mannes zu erringen,« erwiederte ohne Zögern der Notar.

»Ihres Mannes! Ist das nicht entsetzlich, mein armes Kind? Man muß ein Mann sein, um so etwas Nichtswürdiges, so etwas Unanständiges, zu ersinnen.«

»Ich finde es nur komisch,« erwiederte Herr Maes, »besonders auf diese drei Weiber angewendet.«

»Wie so auf drei?« fragte Esther.

»Ohne Zweifel, liebe Kleine, so, daß wenn es diesen drei Geschöpfen gelingt, die Liebe Ihres Mannes Eine nach der Andern zu gewinnen, Sie nicht nur betrogen, gedemütigt, geopfert sind, sondern auch um Ihr Vermögen gebracht.«

»Ist das wahr, mein Herr?« fragte Esther zögernd, »ein so eigenthümliches Codicill ist kaum zu glauben.«

»Ach Madame,« entgegnete der Notar, indem er verzweiflungsvoll mit dem Kopfe nickte, »nichts ist wahrer.«

»Aber Sie werden klagen, meine liebe Madame van der Beek« rief Wilhelmine. »Aus Liebe zu dem heiligen Institute der Ehe müssen Sie klagen und die Gerichtshöfe werden einem so abscheulichen Verlangen Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

»Unsinn!« rief Herr Maes. »Klagen! Als ob dieser Teufel von Doctor nicht Alles vorausgesehen hätte! Sagt dieses Codicill nicht ganz deutlich, daß für den Fall, wenn es angetastet werden sollte, das erste Testament ungültig ist und das ganze Vermögen der Regierung zufällt? – Auf anderthalb Millionen Gulden zu verzichten – da haben Sie gut reden, Madame Maes.«

»Ach, mein Herr,« sagte Esther, »ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es nicht die Größe dieses Vermögens ist, die mich reizt, sondern die Furcht vor der Noth, die mich entscheidet Eusebius ist krank, sehr krank, und ich gestehe Ihnen, daß ohne die Erbschaft, welche uns auf so wunderbare Weise zufiel, unsere Hilflosigkeit so groß ist, daß ich gezwungen wäre, mich von ihm zu trennen und von der öffentlichen Barmherzigkeit die Sorgfalt für ihn zu erbitten, die ich ihm nicht gewähren könnte. Ich bin tief betrübt über das Aergerniß, welches dieses unglückselige Codicill veranlaßt, aber es erschreckt mich keineswegs. Die Liebe meines Eusebius für mich ist unwandelbar. Ich kenne sein Herz und bin überzeugt, daß nie eine Andere als ich darin Platz finden wird.«

»Arme Frau! Welch’ ein Glaube!« rief Madame Maes und trocknete sich eine Thräne.

Herr Maes hustete und fragte: »Sie nehmen also die Erbschaft an?«

»Ich nehme sie an.«

»Und Sie thun meiner Treu wohl daran; es gibt in der Welt so viel zu lieben, daß drei Ausnahmen von keinem großen Belange sind.«

»Herr Maes,« sagte Wilhelmine, »Sie sind ein durchaus verderbter Mensch; achten Sie wenigstens das Zartgefühl dieser jungen Frau.«

»Ei, Madame,« entgegnete der Notar, »ist es nicht sieben Uhr vorbei und folglich erlaubt, über den komischen Gedanken des Doctor Basilius zu scherzen?«

»Komisch! Komisch!« rief Madame Maes. »Das Ungeheuer findet den Gedanken komisch?«

»Mein Herr,« sagte Esther, »ich habe noch eine letzte Frage an Sie zu richten.«

»Sprechen Sie,« entgegnete der Notar, indem er seine Ernsthaftigkeit wieder annahm.

»Was ist aus diesen drei Frauenzimmern geworden?«

»Ich weiß es nicht. Als ich am Tage nach der Beerdigung in das Haus des Doctor Basilius kam, waren sie verschwunden.«




VIII.

Die Berathung


Gleich allen nervösen Krankheiten war auch die des Eusebius langwierig und schwer. Auf die Gehirnerschütterung, welche sich durch das rasende Delirium äußerte, welches Esther so sehr in Schrecken setzte, folgte ein hitziges Fieber, und auf dieses dann ein Zustand der Ermattung, nicht minder beunruhigend, als die vorhergehenden Phasen der Krankheit. Die geistige Kraft des jungen Mannes schien, wo nicht erloschen, doch wenigstens betäubt zu sein, die fürchterlichen Krisen, denen er unterworfen gewesen war, hatten ihm zugleich die Erinnerung und die Fassungskraft geraubt. Er sprach wenig und schien die meiste Zeit nicht einmal zu bemerken, was rings um ihn her vorging-. Von allen erloschenen Gefühlen erwachte zuweilen nur eines, und dieses wurde durch die Anwesenheit Esther’s an seinem Krankenbett hervorgerufen. Die Liebe zu seiner Frau war durch alles das vermehrt, was die anderen Gefühle verloren hatten. Esther schien der Schutzengel geworden zu sein, der in diesem, durch Leiden erschöpften Körper, die Seele zurückhielt, welche demselben zu entfliehen auf dem Puncte stand. Stundenlang blickte er, seine beiden Hände in den ihrigen liegend, seine Frau an, und wenn diese durch ein Zeichen, ein Wort, eine Bewegung, ihre Zärtlichkeit aussprach, belebte sich der für gewöhnlich matte, todte Blick ihres Gatten mit ungewöhnlichem Glanze, ohne daß der Mund des Kranken ein Wort aussprach, und erinnerte so durch seinen Ausdruck die junge Frau an die süßen und glühenden Schwüre der ersten Tage ihrer Leidenschaft. Wenn dagegen Esther gezwungen war, sich von dem Bette ihres Mannes zu entfernen, wurde Eusebius traurig, unruhig, unglücklich; verlängerte sich diese Abwesenheit, so fand er durch unerhörte Anstrengungen die Sprache wieder, und die Augen von Thränen erfüllt, rief er sie angstvoll. Kam sie zu ihm zurück, so betrachtete er sie mit fieberhafter Unruhe, und als wollte er dem Zeugniß seiner Augen nicht glauben, strich er ihr dann mit den Händen über das Gesicht, befühlte ihre Arme, ihre Knie, und gewann erst einige Ruhe wieder, wenn wenige Worte der Zärtlichkeit, eine Liebkosung, ein Kuß, dem unglücklichen jungen Manne hinlänglich bewiesen hatten, daß es wirklich seine Frau sei, die an seiner Seite stand.

Von der Vergangenheit, von der furchtbaren Nacht, in welcher er den Beistand des Doctor Basilius aufsuchte, von dessen Tod, von der großen Erbschaft, die dem armen Ehepaare zufiel war nie die Rede; Eusebius hatte Alles vergessen, oder es schien wenigstens so. Er bemerkte nicht einmal die Veränderungen, welche die Erbschaft in seinem Hauswesen hervorgebracht hatte; er nahm die Sorgfalt zahlreicher Diener, die ihn seit seiner Krankheit umringten, in Anspruch, als wäre er von jeher an eine solche Dienerschaft gewöhnt. Er wunderte sich nicht, statt der schmutzigen, finstern Wände der Hütte in der Krokot-Straße, die vergoldeten Tapeten, die reichen Vorhänge des Hotels auf dem Königsplatze zu sehen, in welchem Madame van der Beek seit ihrer Zusammenkunft mit dem Notar Maes ihre Wohnung aufgeschlagen hatte.

Es ist unnöthig, zu erwähnen, daß die Sorgfalt, welche Eusebius seiner Frau während der Krankheit derselben erwiesen hatte, jetzt von dieser reichlich vergelten wurde. Die besten Aerzte Batavia’s waren herbeigerufen worden, um dem Kranken ihre Pflege zu widmen. Als in dem Zustande ihres Mannes keine Besserung eintrat, vereinigte sie alle zu einer Consultation, und forderte sie auf, ihr Urtheil über das Hinschmachten auszusprechen, welches zu vollenden drohte, was von dem Fieber begonnen worden war.

Die Jünger des Aeskulap hatten dadurch, daß sie von Europa nach Indien gegangen waren, nichts von den Traditionen ihres Standes verloren, und die Aerzte Batavia’s waren in ihren Urtheilen ebenso von einander abweichend, wie bei ähnlichen Gelegenheiten die von Paris, London oder Amsterdam es nur irgend sein können. Sie theilten sich in zwei Parteien, indem Zwei von ihnen erklärten, Eusebius sei rettungslos verloren, während zwei Andere Esther die schönsten Hoffnungen verliehen. Ein Fünfter schwieg. Sein Ausspruch hätte die Wagschale nach der einen oder andern Seite niederdrücken können; aber wie sehr man auch in ihn drang, begnügte er sich doch damit, zu sagen, der Kranke könnte genesen, wenn sein Zustand sich nicht verschlimmerte; wäre dies aber der Fall, so stände er für nichts.

In Beziehung auf die anzuwendenden Mittelwaren die Meinungen indeß ungleich verschiedener, und als die Consultation beendigt war, befand sich die arme Esther in einem Zustande der Betäubung, welcher dem ihres Mannes wenig nachgab. Sie war allein und kam sich sehr verlassen vor. Bei der Gemüthsstimmung, in welche die Krankheit ihres Mannes sie versetzte, hatte sie keine Bekanntschaften gesucht. Ueberdies wirkte der schlechte Ruf des Doctor Basilius, und das Aergerniß, welches dessen sonderbares Testament erweckte, auch auf seine Erben zurück. Und die neuen Nachbarn in Weltevrede blickten auf Eusebius und Esther kaum mit besserem Auge, wie früher die des armen chinesischen Viertels, welches sie in ihrem Elend bewohnt hatten.

Der Notar Maes war die einzige Person von Wichtigkeit, mit welcher Madame van der Beek in Verbindung blieb. Er hatte sich so viel es in seiner Natur lag, gut und theilnahmvoll gegen sie bewiesen, und ehe das Gericht sie in Besitz der Reichthümer des Doctors setzte, schoß er den jungen Gatten bereitwillig die Summen vor, deren sie in ihrer Lage bedurften. Es war daher natürlich, daß Esther sich entschloß, bei dem Notar Maes Rath zu suchen. Um 1 Uhr Nachmittags trat sie in sein Arbeitscabinet. Sie fand ihn daher ernst und steif, wie er sich während der ersten Viertelstunde ihres Zusammentreffens gezeigt hatte.

Sie erklärte ihm die Ursache ihres Besuches. Der Notar hörte sie an, ohne mit den Wimpern zu zucken, und antwortete ihr dann mit dem Tone der Ueberzeugung: »Ich sehe keinen Grund, sich zu beunruhigen, Madame. Der Zustand des Herrn van der Beek ist ernst, aber zum Glück hat die göttliche Vorsehung das Heilmittel dem Uebel an die Seite gesetzt.«

»Das Heilmittel? Ach wenn Sie eines kennen, so sprechen Sie, Herr Maes; ich beschwöre Sie, und müßte ich auch das ganze Vermögen meines Onkels opfern, so würde ich dieses Mittel anwenden.«

»Sie haben gar nichts zu opfern, Madame, und weit entfernt, Sie irgend etwas zu kosten, wird dieses Mittel sogar Ihr Vermögen vermehren; es wird für Sie eine Quelle neuen Reichthums sein und Sie zu den reichsten Colonisten Batavia’s machen.«

»Aber was ist das für ein Hilfsmittel?«

»Die Arbeit!« sagte ernst Herr Maes.

»Die Arbeit?« wiederholte Esther verwundert.

»Ja, Madame. Van der Beek leidet, weil er unbeschäftigt ist, wie sein Magen leidet, weil man ihm nicht die passende Nahrung gibt. Ihn zu einer unbedingten geistigen Diät verurtheilen, heißt seinen Tod ebenso sicher herbeiführen, als wenn Sie ihn einer unbedingten physischen Diät unterwerfen wollten. Geben Sie ihm die Sorge, die Unruhe, die kleinen Leiden zurück, welche die wahren Triebfedern des Lebens sind, und Sie werden sehen, daß er seine Kraft und seine Jugend wieder gewinnt. Er rühre sich und er wird leben.«

»Aber Sie bedenken nicht, mein Herr,« sagte Esther, »daß mein Mann kaum zwei zusammenhängende Gedanken fassen kann, und nicht vier Worte hinter einander zu sprechen vermag.«

»Das Alles wird sich mit der Sorge um seine Interessen finden, meine theure Dame. Es ist mit der Arbeit, wie mit dein Spiele. Sobald ein Würfel eine seiner Seiten gezeigt hat, ergreift das Fieber Den, der ihn warf;der Dämon der Gewinnsucht schüttelt ihn, wie der Spieler selbst den Becher schüttelt, der sein Glück oder seinen Untergang in sich trägt. Die Arbeit, Madame van der Beek, ist das Universal-Heilmittel, das einzig wahre, das einzig sichere. Die Arbeit wird Ihrem Manne die Gesundheit zurückgeben. Sehen Sie, nehmen Sie mich zum Beispiel an,« fuhr der Notar fort. »Hätte ich keine Arbeit, so würde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen. Die Arbeit allein läßt mich den Jammer des Lebens, die Schmerzen des Herzens, vergessen.«

»Die Schmerzen des Herzens?« sagte Esther, ihn unterbrechend. »Ich hätte geglaubt, an der Seite der Madame Maes müßte diese Art der Schmerzen Ihnen vollkommen unbekannt sein.«

Der Notar erröthete, indeß gerieth er nicht in Verwirrung. »Ja,« fuhr er fort, ohne auf diese Bemerkung zu achten, »ja, die Arbeit triumphirt über den bittersten Kummer, wie über die physischen Leiden, und ich z. B., der ich unter der Last der Arbeit erliege, die in diesem brennenden Klima doppelt peinlich ist, ich lebe nur noch durch sie, für sie. Ich fühle, daß, wenn die Arbeit mir mangelte, ich ersticken würde, aus Mangel der nothwendigen Elemente, die Lebensthätigkeit meines fieberhaften Geistes zu erhalten. Folgen Sie meinem Rath, und versuchen Sie dieses Heilmittel bei Herrn van der Beck. Stacheln Sie durch die Sorgfalt für seine Interessen, die Trägheit seines Geistes auf. Ist er sich selbst zurückgegeben, so treibe er Geschäfte, gleich viel welche. Er kaufe eine Pflanzung, er errichte ein Handelshaus in Batavia, er baue Caffee, ernte Reis, raffinire Zucker, destillire Arak, verkaufe Indigo, Thee, Gewürze, was er will, wenn er nur irgend etwas verkauft, wenn er gleich mir Tag und Nacht für seine Geschäfte zu sorgen hat, und in kurzer Zeit weiden Sie ihn gesund und wohlgenährt sehen, wie mich.«

Madame van der Beet betrachtete staunend den riesigen Notar, und fragte sich, ob die Heilung nicht etwa schlimmer sein mochte, wie das Uebel. Daran wagte sie die Bemerkung: »Ich glaubte, mein Herr, wenn der Abend gekommen ist, mischten Sie einige Zerstreuung in Ihre Arbeiten?«

»Irrthum, Madame, sehr ernster Irrthum!« sagte Herr Maes, »und ich sehe wohl, daß Sie mich ebenso beurtheilen, wie der gemeine Haufe. Weil Meister Maes in Folge der Stellung, die er einnimmt, und der angesehenen Personen, mit denen er in Berührung steht, und die er als Gäste bei sich sehen muß, eine reiche und gut servirte Tafel führt, sagte er: Meister Maes ist ein Leckermaul. Und das ist ein Irrthum,« fuhr der Notar mit melancholischem Tone fort, »denn dieser Haufe weiß nicht, wie sehr ich dabei meinem Geschmack Zwang anthun muß. Er sagt: Der Notar Maes fährt gleich einem Nabob in einem vierspännigen Wagen spazieren, sobald die Nacht eingebrochen ist. Nein, der Notar Maes fährt nicht spazieren, sondern er besucht ganz einfach irgend eine Pflanzung, deren Besitzer eine Hypothek aufnehmen will. – Dieser Haufe sagt ferner: Der Notar Maes besucht sehr häufig den Campong – das italienische Viertel – und man sieht ihn dort öfter in den Coulissen des Theaters, als in dem Tempel. – Ach, Madame, der gemeine Haufe weiß nicht, daß mein Unglückliches Amt mich dazu zwingt.«

»Ihr Amt, mein Herr?«

»Ohne Zweifel, Madame! Dort weiß ich die lockern Herren zu finden, mit denen ich Geschäfte habe, denn es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß Unsere Kaufleute mit den Bewohnern des himmlischen Reiches in sehr lebhaftem Verkehr stehen. Nun wohl, es ist also aus Eifer für die Geschäfte, aus Sorge für die Interessen meiner Clienten, daß ich ganze Nächte mit diesen Schelmen mit geschlitzten Augen zubringe, Tsion und Arat mit ihnen trinke, bis sie unter den Tisch fallen; aber dies geschieht nur, weil man den verschlagenen Schelmen nicht andere beikommen kann, als wenn sie etwas Branntwein in dem Bauche haben. – Das Alles aber, Madame, gehört zu den Frohndiensten meines Amtes, und diese erscheinen mir sehr bitter, bei dem köstlichen Leben, welches meine theure Arbeit mir bereitet.«

»Sie fangen an, mich zu überzeugen, mein Herr,« sagte Esther mit einem unmerklichen Lächeln.

»Ich wünsche es,« entgegnete der Notar, »ich wünsche es dringend.«

, »Aber,« fuhr die junge Frau fort, »wie soll man etwas Aehnliches von einem armen Kranken erlangen?«

»Ach, Madame, dazu gibt es tausend Mittel.«

»Geben Sie mir eines an.« -

»Indem Sie ihm den Ertrag der Arbeit zeigen – Gold. – Der arme Herr van der Beek hat davon in seinem Leben noch nicht viel gesehen. Geben Sie ihm daher Gold zu sehen, zu berühren. Sagen Sie ihm: Eusebius, dies gehört uns, aber man will es uns nehmen, man bedroht uns in unserem Besitze. Gehört er zudem Menschengeschlechte, so werden Sie sehen, wie bei dem ersten Worte sein Blick sich belebt. Bei dem zweiten wird dieser Blick Licht in sein Gehirn werfen, und von dem Augenblick an wird er seinen Verstand und seine Kraft wiedergewinnen.«

»Aber wenn ich ihm sage, daß unser Vermögen bedroht ist, muß ich ihm die Testamentsklausel mittheilen.«

»Früher oder später muß er sie dennoch kennen lernen.«

»O nein, mein Herr, nie, nie!«

»Nun, dann ersinnen Sie irgend etwas Anderes, wodurch er erweckt wird, wenn Sie nicht wollen, daß diese Betäubung in den Tod übergehe.«

Die arme Esther war so betrübt, so unentschlossen, und besonders so ermüdet durch ihr Zögern, daß sie mit dem Entschluß nach Hause zurückkehrte, den Rath des Notar Maes zu versuchen.

Eines Tages, als Eusebius wieder mehrere Stunden mit dem Kopf gegen die Brust seiner Frau gelehnt zugebracht hatte, und diese, auf dem Bette sitzend, und die Hände des Kranken in den ihrigen haltend, eine größere Ruhe in der Physiognomie ihres Mannes und einen lebhafteren Ausdruck als gewöhnlich in seinem Blicke bemerkte, beschloß sie, zu sprechen.

»Freund,« sagte sie, »weißt Du, daß wir reich sind?« Eusebius schien gegen ihre Worte so gleichgültig zu sein, daß er mit den weichen Locken ihres schönen Haares spielte.

»Die Noth, durch die wir so viel zu leide hatten,« fuhr Esther fort« »brauchen wir jetzt nicht mehr zu fürchten. Sieh, fügte sie hinzu, indem sie auf die Decke des Bettes eine Handvoll Goldstücke warf, »wir besitzen tausendmal so viel Gold, als Du hier vor Augen siehst.«

Eusebius richtete einen Seitenblick auf das Gold, und als ob dessen Gewicht ihm lästig würde, stieß er es von seinem Schooße, so daß die Stücke auf den Teppich rollten. Als dann das liebliche Gesicht Esthers sich über ihn neigte, streiften seine Lippen leise die Stirn seiner Frau.

»Eusebius,« sagte sie, »fühlst Du Dich denn nicht glücklich, reich zu sein? Bist Du nicht stolz, Deine Frau in reichem Schmuck zusehen?

Eusebius sah sie mit einem Blicke der Liebe an.

»Weißt Du wohl,« sprach Esther weiter, »daß ich mich jetzt nicht mehr in den ärmlichen Kleidern zu zeigen wagte, die ich ehedem trug? – Es scheint mir, als würdest Du mich weniger lieben, wenn Du mich so sähest.«

Eusebius strengte sich an, und antwortete:

»Habe ich Dich nicht so zuerst gesehen? Habe ich Dich nicht so aufrichtig geliebt? Warst Du nicht schön, und liebte ich Dich nicht, ehe Du reich wurdest?«

Es war das erste Mal seit seiner Krankheit, daß er so auf den Gedanken seiner Frau einging, dennoch sagte diese, betrübt über den geringen Erfolg, den das durch den Notar gerathene Verfahren hatte: »Liebst Du mich denn noch immer?« – Dabei fand sie in dem Ausdrucke der Zärtlichkeit, der aus den Zügen ihres Mannes leuchtete, den Gedankens ein anderes Mittel zu versuchen.

»Ja,« erwiederte Eusebius, »und mehr, als ich Dich jemals geliebt habe.«

»Auf diese Liebe rechne ich,« sagte die junge Frau, »und dennoch fürchte ich zuweilen, daß sie mir entgehen möcht.«

Eusebius zuckte die Achseln und sagte: »Unmöglich!«

»Ich hoffe es,« entgegnete sie, »und gleichwohl scheint man darauf gefaßt sein zu müssen, daß die innigsten und aufrichtigsten Gefühle gleich allen Dingen hienieden ihr Ende erreichen.«

»Wer sagt das? Wer sagt das?« rief Eusebius, indem er sehr blaß wurde.

»Ein Mann, der eine tiefe Wissenschaft und eine große Menschenkenntniß besaß, ebender, welchem wir unser gegenwärtiges Glück verdanken.«

»Du willst von dem Doctor Basilius sprechen?«.

Von ihm selbst.«

»Ach, der Doctor Basilius!« rief Eusebius indem er krampfhaft sich im Bette aufrecht setzte, und seine Stirn in beide Hände preßte, als wollte er das anstürmende Blut zurückdrängen.–»Der Doctor Basilius! O mein Gott, es ist also wahr! Es ist also kein Traum?«

»Es ist wahr, daß seine Gelehrsamkeit mich gerettet hat, es ist wahr, daß seine Güte uns bereicherte,« sagte Esther, welche bei der Aufregung ihres Mannes vor Furcht bebte, zu weit gegangen zu sein. – »Das ist wahr.«

Aber Eusebius hörte sie nicht mehr. Bei dem Namen des Doctors war er leichenblaß geworden; seine irren Augen sahen nichts mehr; seine Zunge stammelte; es schien, als ob das fürchterliche Delirium, welches den ersten Abschnitt seiner Krankheit bildete, zurückkehren wollte.

»Der Doctor Basilius,« sagte er, »ja, ich erinnere mich! – Der malayische Dolch, der Vertrag, die drei Leichen, die Friesin, die Negerin, das gelbe Weib mit den entsetzlichen Augen, mit den Augen, die in das Herz dringen, wie die Klinge eines Messers. – Ach, es war also wahr; ich habe das Alles nicht geträumt? Ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gesehen! Zu mir Esther, zu mir; verlaß mich nicht, nicht eine Minute, hörst Du? Bleibe stets an meine Brust geschmiegt, an mein Herz gedrückt, sonst – sonst kommt der Mensch mit dem dämonischen Lachen und trennt uns!«

Und der Unglückliche ergriff seine Frau und zog sie so fest an seine Brust, wie in jener Nacht des Sturmes und der Todesqual, in welcher er sie zu verlieren gefürchtet hatte, und der Doctor sie ihm zurückgab.

Alle diese Bewegungen waren von unzusammenhängenden Worten begleitet. Esther fürchtete nicht nur das Delirium, sondern den Wahnsinn.

»Mein Freund, mein Freund,« sagte sie, indem sie ihm Gesicht und Hände mit Küssen bedeckte, »im Namen des Himmels, beruhige Dich!«

Statt sich aber zu beruhigen, zitterte er in ihren Armen, und die junge Frau sah voll Schrecken, wie seine Haare sich auf dem Kopfe sträubten, und kalter Schweiß ihm von der Stirn perlte.

»Nein,« sagte er, »nein, es gibt nur ein Mittel, um auszuweichen, und zwar, dies verfluchte Land zu verlassen, das ganz mit Geistern und Phantomen bevölkert ist, welche Dich mir rauben wollen, meine theure Innig geliebte! – Ach, laß uns fort, laß uns fort!«

Und mit einer gewaltigen Anstrengung sprang er aus dem Bette, riß Esther mit sich fort, und stürzte ohnmächtig mitten im Zimmer nieder.

Esther hielt ihn für todt, stieß lautes Geschrei aus und rief alle Aerzte herbei, welche Eusebius gepflegt hatten. Zum Glück kam keiner von ihnen, und nach Verlauf einer Viertelstunde öffnete Eusebius die Augen wieder.

Diese furchtbare Krisis war der Beginn seiner Genesung.




IX.

Abfahrtsversuche


Eusebius erwachte ein wenig ruhiger. Aber der Gedanke an die Abreise beherrschte alle übrigen. Esther war weit entfernt, gegen den Willen ihres Mannes zu kämpfen, sondern sagte, sie sei bereit, ihm an das Ende der Welt zu folgen, sobald er die Kraft hätte, die Reise zu ertragen, und diese Aussicht bewirkte bei Eusebius die wunderbare Genesung, zu deren Herbeiführung die Arzneikunst ohnmächtig gewesen war. Unter der Herrschaft des Gedankens, daß von der Herstellung seiner Gesundheit die schnellere oder minder schnelle Abreise abhängig sei, genas der Kranke in viel kürzerer Zeit, als man gehofft.hatte. Nach Verlauf von wenigen Tagen konnte Eusebius, der seit sechs Wochen zu Bett lag, gestützt auf den Arm seiner Frau, schon einen Gang außerhalb des Zimmers machen. Die Nahrungsmittel die er zu sich nahm, vermehrten dann allmälig seine Kräfte, und nach abermals einigen Tagen konnte er kurze Spazierfahrten wagen. Seitdem Tage der großen Krisis hatte er des Doctor Basilius nicht ein einziges Mal erwähnt, aber ebenso wenig auch einen Augenblick aufgehört, an ihn zu denken.

Eines Tages überraschte ihn Esther, wie er voll Entsetzen den malayischen Crid ansah, mit dem er sich hatte erstechen wollen. Wie kam die Waffe in diese neue Wohnung? Wer hatte sie hierher gebracht? Wer aus den Tisch gelegt, auf welchem der Genesende sie zum ersten Male erblickte? – Niemand vermochte das zu sagen. Eines besonders schien Esther auffallend, daß nämlich Eusebius bei dem Luxus, der ihn umgab, so einfach lebte, wie es nur irgend möglich war; daß er, der zehn Diener ungeachtet, sich, wo es irgend ging, selbst bediente; daß er, trotz des ausgesuchtesten Tisches, fortfuhr, auf seine frühere Weise zu leben, das heißt, nur die gewöhnlichsten Dinge zu essen und nichts als Wasser zu trinken. Dabei fuhr Eusebius fort, von seine Abreise, wie von einer nahe bevorstehenden Sache zusprechen. Da er aber ungeachtet dieser ersichtlichen Störung seines Gehirnes zärtlich und innige Esther blieb, und ihr nur eine solche Zuneigung gezeigt hatte, da Nichts ihn bestimmen konnte, nur wenige Augenblicke von ihr entfernt zu bleiben, gewöhnte die junge Frau sich an das, was sie als eine Monomanie betrachtete, und vergaß ihre Sorgen über dem, was sie als ihr Glück erkennen mußte.

Eines Tages jedoch verließ Eusebius seine Frau, indem er allein ausging, und zwei Stunden abwesend blieb. Als er zurückkehrte, erklärte er Esther, daß ihre Ueberfahrt an Bord des Dreimasters, der Ruyter, bedungen sei, der in 14 Tagen nach Rotterdam absegle.

Esther empfing diese Nachricht ohne Freude, wie ohne Trauer; es gefiel ihr überall gut, wenn sie an Eusebius Seite war. Nur sagte sie sich, daß ihr Mann vor ihrer Abreise nach Europa nothwendig die ziemlich verworrenen Angelegenheiten, welche die Erbschaft ihnen ließ, in Ordnung bringen müßte. Aber der Name des Doctor Basilius, der natürlich bei diesen Erklärungen nicht zu umgehen war, machte eine solche Wirkung auf ihren Mann, daß es der armen Frau schwer wurde, ihn neuerdings auszusprechen. Da indeß die Zeit zur Abfahrt heranrückte, war Esther, ermuthigt durch Herrn Maes, der ihre Meinung vollkommen theilte, fest entschlossen, die Frage nächster Tage zu berühren. Die Mühe wurde ihr erspart. Während der Nacht brach einer der fürchterlichsten Orkane, welche die Insel seit zehn Jahren heimgesucht hatten aus, warf sich über die Rhede Batavias, zertrümmerte die Masken und die Raaen der Fahrzeuge, die auf ihrem Ankerplatze aushielten, und schleuderte die übrigen an die Küste. Der Ruyter gehörte zu diesen letzteren. Er trieb vor seinem Anker her, wurde der Mündung des Antyol gegenüber von den Wogen gefaßt und von dem wüthenden Meere zertrümmert, so daß es unmöglich war, einen einzigen Mann von der Equipage zu retten.

Dieses Ereigniß machte einen tiefen Eindruck auf Eusebius, und stimmte ihn noch trauriger, noch gedankenvoller, wie er schon zuvor gewesen war; es steigerte seine wüthende Ungeduld, Java zu verlassen. Er folgte voll Eifer allen Bewegungen in dem Hafen und erkundigte sich täglich nach der Abfahrt jedes Fahrzeuges, das auf der Rhede vor Anker lag. Bei einer dieser Erkundigungen erfuhr er, daß ein neues Schiff von 800 Tonnen, der Cydnus, vollkommen für die Passage eingerichtet und sehr solid gebaut, unmittelbar nach Holland zurückkehren würde. Er ging zu dem Capitän, um mit ihm wegen der Ueberfahrt zu unterhandeln, dieser aber forderte ihn auf, vor allen Dingen das Schiff zu besichtigen, und sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß er dort alle die ihm versprochenen Vortheile fände. Eusebius willigte ein. Man hatte nichts übertrieben; er miethete zwei Cajüten und einen kleinen Salon im Hinterdeck, eine Wohnung, die für seine und Esthers Bedürfnisse wie geschaffen schien. Er entfernte sich daher sehr zufrieden mit der erhaltenen Auskunft und wollte eben das Boot wieder besteigen, das ihn an Bord gebracht hatte, als er in dem Augenblicke, wo er den Fuß auf die erste Sprosse der Leiter setzte, eine kleine Rauchsäule zu bemerken glaubte, fein wie ein Federkeil, die aus dem Deck heraufstieg.

Er machte den Capitän darauf aufmerksam. Dieser eilte nach dem Vorderdeck und gab der Mannschaft den Befehl, die große Lucke aufzuheben. Allein die Leute hatten kaum die Hände an das Werk gelegt, als eine Feuerzunge aus einem Rauchwirbel emporstieg, der im Nu schwarz und dicht den Besanmast einhüllte. Es war Feuer an Bord des Schiffes. Eusebius verließ es in aller Hast, allein statt nach Weltevrede zurückzukehren, blieb er an dem äußersten Ende des Hafendammes, an eben dem Orte, wo der malayische Capitän ihm Lebewohl gesagt hatte. Unwillkürlich sagte er sich, daß das Unglück, welches den Cydnus traf, ebenso wie das, welches den Ruyter vernichtet hatte, nicht von einer zufälligen Sache herrühre, sondern mit dem auf ihm lastenden Verhängniß in Verbindung stände. Er wollte sehen, ob das Feuer dieses Schiff verzehren würde, wie das Meer jenes verschlungen hatte. Er sah, wie die Matrosen des Cydnus, nach den Befehlen, die der Capitän ernst und ruhig durch sein Sprachrohr ertheilte, unterstützt von denen eines Kriegsschiffes, das in geringer Entfernung ankerte, alle menschlichen Mittel aufboten, um gegen das fürchterliche Element zu kämpfen. Trotz ihrer Kaltblütigkeit, ihres Muthes und ihrer Thätigkeit, und ungeachtet der Ordnung, welche bei allen Rettungsarbeiten herrschte, sah er, wie das Element über alle ihre Anstrengungen triumphirte. Es schien, als verbreite eine unsichtbare Hand den Brand, als blase eine geheime, erbitterte Macht das Feuer von neuem an, so oft die Mannschaft nahe daran war, sich zum Herrn desselben zu machen. Es schien, als sei das unglückliche Schiff durch das Verhängniß zum Untergange verurtheilt.

Man hatte gehofft, das Feuer unter Deck zu ersticken, indem man ihm jeden Zugang der Luft abschnitt und alle Pumpen in Bewegung setzte; aber der Hauptmast, dessen unteres Ende zerstört war, stürzte nieder, erschlug in seinem Fall zwei Menschen und öffnete zugleich der Luft einen Eingang und den Flammen einen Ausgang, so daß sie Raaen und Takelage erfaßten. Auf dem brennenden Deck wollten der Capitän und seine Mannschaft trotz der Gefahr, jeden Augenblick in den feurigen Schlund hinabzustürzen, nicht weichen. Sie waren entschlossen, ihr Schiff bis auf die letzte Planke zu vertheidigen. Man war schon bereit, das Fahrzeug im Falle der Noth mit Wasser zu füllen oder es in Grund zu bohren, allein indem der Capitän danach seine Anstalten traf, erreichte das Feuer das Segelwerk und der Capitän mußte den Bitten, oder vielmehr den ausdrücklichen Befehlen, des Hafenaufsehers weichen und seinen Bord verlassen.

Was bei dem Allen Eusebius unheimlich vorkam, war, daß es ihm, der regungslos, stumm, erstarrt, auf dem Hafendamme stand, so schien, als spielte er selbst eine Rolle bei diesem entsetzlichen Auftritt. Er folgte allen Einzelheiten desselben mit schneidender Angst; war es nicht das Verhängniß, welches ihn und zugleich auch das unglückliche Fahrzeug verfolgte? Traf das Schicksal ihn nicht durch die unglücklichen Opfer des Unterganges, den es vor seinen Augen herbeiführte.

Ungeachtet dessen, was er bei dem Ruyter gesehen hatte, konnte er sich nicht denken, daß das Unglück des Cydnus sich verwirklichen würde. Als aber endlich das Schiff, nachdem es längere Zeit den Anblick eines brennenden Herdes mitten im Ocean geboten hatte, mit lautem Stöhnen in den Fluthen versank, und von dem schönen Schiffe nur noch einige leichte Rauchwolken übrig blieben, die der Wind vor sich hertrieb, stieß Eusebius einen leisen Seufzer aus, und trocknete seine in Schweiß gebadete Stirn. In diesem Augenblicke wendete er sich erhebend um. Es war ihm, als hätte er das schneidende Gelächter des Doctor Basilius gehört. Er blickte voll Entsetzen umher, doch es zeigten sich auf dem Damme nur ebenso erschrockene Gesichter, wie sein eigenes; ehrliche Kaufleute, welche dieses Unglück voll Schrecken und Staunen mit angesehen hatten. Keine von allen diesen Physiognomien glich der des Doctor Basilius. Aber was bewies die Anwesenheit des Dämons? Für Eusebius war es offenbar, daß sein Kampf gegen den höllischen Malayen begonnen hatte. Er fühlte auf seinem Haupte dessen Riesenfaust lasten, und verwirrter und niedergeschlagener, als er bisher gewesen war, kehrte er in seinen Palast nach Weltevrede zurück.

Eusebius war so außer sich, daß er Esther das Vorgefallene verbarg, wie er ihr den dreifachen Anblick der Leichen in dem Hause des Doctor Basilius und den Auftritt mit dem Malayen, welcher eben dieser Doctor zu sein behauptete, verborgen hatte.

Diesmal aber machte der Schrecken und der neue Eindruck, den der Brand des Cydnus hervorbrachte, auf seinen Geist einen sehr günstigen Eindruck und bewirkte eine heilsame Reaction. Er erröthete über seine Niedergeschlagenheit und seine Muthlosigkeit; er sagte sich, wenn er das Spielwerk seiner Einbildungskraft gewesen sei, so würde die Zukunft ihn bald enttäuschen. Er nahm daher den Kampf an, denn seine Natur war jung und muthig, und er besaß Ausdauer und festen Willen. Wir sahen, daß er seine Frau um jeden Preis retten wollte, und daß ihm dies gelungen war. Er beschloß daher, den Phantomen, wenn es deren gab, die Spitze zu bieten: den Dämonen, wenn es Dämonen waren, seiner Einbildungskraft endlich, von welcher das Uebel herrührte; und um nicht länger Fremde zu unschuldigen Opfern des Verhängnisses zu machen, das auf ihm lastete, kaufte er ein kleines Schiff, dem er den Namen »Hoffnung« gab, und welches genügte, ihn mit seiner Frau nach Bombay zu fahren, wo, wie er hoffte, die Hand des Doctor Basilius ihn nicht mehr zu erreichen vermochte.

Von Bombay dachte er dann nach Holland zurückzukehren.

Er ließ das kleine Fahrzeug ausrüsten und mit der Equipage versehen, ohne irgend Jemand etwas zu sagen, selbst Esther nicht; wählte eine Mannschaft, auf deren Kraft und Muth er rechnen zu können glaubte, und einen Capitän, dessen Erfahrenheit ihm gerühmt worden war. Jeden Morgen ging er von Batavia hinab, um die Arbeiten an Bord zu überwachen, und indem er von der Höhe des Motenvliet hinabstieg, und an das chinesische Campong gelangte, blickte er über das Meer, auf welchem er die Maste der auf der Rhede liegenden Schiffe gewahrte. Er erwartete beständig, das seinige durch den Sturm vernichtet oder durch Feuer Verzehrt zu, sehen, jeden Morgen aber erblickte er es mit freudiger Befriedigung sich anmuthig an seinen Ankertauen schaukelnd, die Segel im Winde trocknend und die Flagge an dem Maste spielend.

Eines Tages kehrte er ganz vergnügt nach Weltevrede zurück, und theilte Esther die Ursache und den Erfolg seiner täglichen Ausflüge nach Batavia mit, indem er sie aufforderte, ihre Anstalten danach zu treffen, am nächsten Tage mit der Abendfluth abreisen zu können.

Die junge Frau war starr vor Staunen.

»Aber was fällt Dir ein?« sagte sie; »bis morgen wirst Du nicht die Zeit haben, dich mit Herrn Maes zu berathen!«

»Und wozu sollte ich mich mit ihm berathen?« fragte Eusebius.

»Um unsere Angelegenheiten zu ordnen.«

Eusebius schüttelte den Kopf.

»Bedenke doch, daß wir hier über eine Million Gulden Eigenthum zurücklassen,« sagte Esther.

»Was kümmert mich das?«

»Mein Freund, wir haben diese Erbschaft angenommen.«

»Nein,« sagte Eusebius entschlossen, »nein, dieses Geld würde uns Unglück bringen. Ich mag es nicht.«

»Gleichwohl, mein theurer Eusebius, kommt dieses Geld von meinem Onkel, und hat denn doch eine ehrenwerthe Quelle.«

»Ich sage Dir aber, ich mag es nicht!« antwortete Eusebius mit einer Heftigkeit, die für Esther bei ihrem Manne ganz neu war. »Hältst Du darauf, dieses Vermögen zu bewahren, das, wie Du ganz richtig sagst von Deinem Onkel herrührt, so bleibe hier! Mein Herz wird sein reinstes Blut vergießen, aber ich werde reisen, und ich werde glauben, Dir zu beweisen, daß ich Dich liebe, indem ich diesen Reichthum von mir stoße. Sieh also, ob Du ihn mir vorziehst.«

»Ach, Eusebius, kannst Du so sprechen?«

»Ich spreche wie ein Christ!«

»Dieses Vermögen beklage ich nicht meinetwegen!«

»Und wegen wessen denn sonst?«

, Eusebius,« sagte die junge Frau, indem sie erröthete und die Augen senkte, »wenn wir Kinder bekommen sollten —«

»Kinder,« sagte Eusebius und erbebte.

»Ist das nicht möglich? fragte Esther.

»Nun wohl,« sagte Eusebius, »bekommen wir Kinder, so mögen sie es machen, wie wir und arbeiten!«

»Ach, verzeihe mir, mein Freund, verzeihe mir,« sagte die junge Frau: »aber ich habe das Elend kennen gelernt. Ich sah, wie Du gegen dasselbe kämpftest, um mich in meiner entsetzlichen Krankheit zu pflegen; – ach! es ist mir eine furchtbare Angst davon zurückgeblieben.«

Eusebius war gedankenvoll, aber er gab nicht nach.

»Wenigstens,« sagte Esther, welche hoffte, daß eine Berathung mit Herrn Maes ihren Mann minder gleichgültig gegen das Vermögen machen würde, gegen welches er einen unbegreiflichen Widerwillen besaß, – »wenn Du dieses Geld nicht willst, so laß uns darüber zu Gunsten der Armen verfügen, und wenn wir selbst arm inmitten der Menschen sind, so möge ein gutes Werk zur Rechten Gottes für uns sprechen.«

»Nein,« entgegnete Eusebius, »was von dem Teufel kommt, kehrt zu dem Teufel zurück.«

Esther seufzte, und begann schweigend ihre Vorbereitungen zu der Abreise.

Am nächsten Tage, zur Stunde der Fluth, war der Wagen bereit, und trug sie nach dem Damm, wo die Jolle »die Hoffnung«, ihrer wartete.

Die Minuten wurden Eusebius lang wie, Jahrhunderte; es schien ihm, als liege der Raum der ganzen Welt zwischen dem Hafen und dem Fahrzeuge, das er auf der Rhede erblickte, und das er vielleicht nie erreichen sollte. Dennoch legte er an Bord derselben an, eilte mit leichtem Fuße die Leiter an der Seite der »Hoffnung« hinauf muß und hielt sich dabei von einem Augenblick zum andern überzeugt, daß sich irgend ein Ereigniß seiner Abreise entgegenstellen würde.Als er indeß an Bord stand, reichte er Esther die Hand, um sie nachzuziehen, doch in eben dem. Augenblicke, als die junge Frau den Fuß auf die erste Sprosse der Leiter setzte, erblaßte sie, ihr Kopf sank zurück, sie stieß einen leisen Schrei aus, und wurde ohnmächtig. Hätte Eusebius sie nicht gehalten, wäre der Unfall so plötzlich gekommen, daß die arme Frau in das Meer hinabstürzte. Die Matrosen eilten herbei und halfen Eusebius, seine Frau in die Kajüte des Hinterdecks tragen, während das Boot bei einem anderen Fahrzeuge anlegte, um den Beistand eines Arztes anzurufen. Als dieser kam, fühlte er den Puls Esthers, die wieder zum Bewußtsein zurückkehrte, lächelte denen, welche gespannt auf ihn blickten, ermuthigend zu, und bat um die Erlaubniß, leise einige Worte mit der Kranken wechseln zu dürfen.

Eusebius trat einige Schritte zurück, doch ohne seine Frau eine Secunde aus dem Auge zu verlieren. Als er sie blaß, stumm und regungslos sah, dachte er an jene Nacht, in welcher er sie für todt hielt. Er bemerkte, daß Esther bei den Worten des Doctors leicht erröthete.

»Mein Herr,« sagte endlich der Mann der Wissenschaft zu ihm, »denken Sie an eine lange Seefahrt?«

»Ich beabsichtige,« entgegnete Eusebius, »von hier nach Bombay und von Bombay nach Europa zu segeln.«

Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte:

»Eure solche Reise ist unmöglich.«

»Unmöglich!« rief Eusebius »und weshalb?«

»Weil ich glaube, daß Sie auf das Leben Ihrer Gemahlin Werth legen.«

»Ach, mehr als auf das meinige!« rief Eusebius.

»Nun wohl; eine solche Reise mit ihr zumachen, hieße ganz einfach, sie dem Tode überliefern, denn binnen hier und wenigen Monden wird sie Sie zum Vater machen.«

Eusebius stieß beinahe einen Schreckensschrei aus, als er diese Nachricht empfing, die ihn bei jeder andern Gelegenheit mit Freude erfüllt haben würde.

Zehn Minuten darauf trug das Boot Herrn und Madame van der Beek nach den Anlegeplatze des Hafendammes zurück, und in dem Augenblicke, als Eusebius den festen Boden betrat, rief er aus:.

»Ha, er war es! Der Dämon! – Nun wohl, kämpfen wir denn, da es gekämpft sein muß.«




X.

Der Verzückte


Eusebius kehrte traurig doch gefaßt in seine Wohnung zurück. Er sah sich durch einen Willen, der stärker war als der seinige, oder vielmehr durch eine übernatürliche Gewalt an Java gefesselt. Er fühlte die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen, sich dieser Gewalt zu entziehen. Allmälig jedoch kehrte das Vertrauen in seine Brust zurück. Er sagte sich, daß, Alles wohl erwogen, der Ausgang des zwischen ihm und dem Doctor Basilius begonnenen Kampfes von seinem Willen und seiner Beständigkeit abhing, daß es nur seine Sache sei, die Regungen seines Herzens zu ordnen, daß dieses Herz zu sehr von dem Bilde Esthers erfüllt sei, um jemals die Verwirklichung der finstern Prophezeihung des Doctors fürchten zu müssen. Er beschloß, mehr Vertrauen auf seine eigenen Gesinnungen und auf seine Liebe zu setzen, und zur großen Ueberraschung seiner Frau zeigte er sich an eben dem Abend, an welchem ihm diese dritte Täuschung geworden war, heiterer, als er es seit mehreren Monaten gewesen.

Als Esther ihn entschlossen sah, auf Java zu bleiben, wenigstens bis nach ihrer Niederkunft, wollte sie versuchen, ob die Rathschläge, die sie von dem Notar Maes empfangen hatte, nicht die so glücklich begonnene Heilung vollenden würden. Sie sprach mit Eusebius über die Sorgfalt, die ihrem Vermögen zu widmen sei, um es nicht schwinden zu sehen, von der Nothwendigkeit, eine Beschäftigung zu suchen, die seine finstern Gedanken etwas zu zerstreuen vermöchte, und zur großen Ueberraschung der jungen Frau hörte Eusebius ohne Widerspruch diese Worte, die noch den Tag zuvor seinen Unwillen und seinen Zorn erregt hatten. Dies kam daher, weil Eusebius seit seiner Rückkehr Von der »Hoffnung« neue Betrachtungen angestellt hatte.

Das Vatergefühl dieses innige und gebieterische Gefühl, hatte ihn ganz ergriffen und ihm eine vollkommen veränderte Ansicht der Dinge beigebracht. Der Mann, der für sich selbst gern und leicht auf all’ die Pracht verzichtet hätte, welche für und um ihn die Millionen des Doctor Basilius hervorriefen, der dies Alles aufgegeben hätte, um in die dunkle und bedrängte Existenz eines armen Handlungscommis zurückzukehren, war im Nu dieses Opfers unfähig geworden, in eben dem Augenblicke, als er erkannte, daß er nicht allein die Folgen desselben zu tragen haben würde, sondern daß er auch die geliebten Wesen mit sich ziehen müßte, für welche, wie er fand, die Erde nicht genug Freuden, Reichthümer und Genüsse haben konnte; daß er durch seinen Entschluß die Zukunft des Wesens gefährdet, welches unter dem Herzen, seiner angebeteten Esther sich regte und das er schon mit jener unendlichen Liebe umfaßte, welche er für dessen Mutter hegte.

Er hatte daher eine lange Berathung mit seiner Frau. Daraus entsprang bei ihm der Gedanke, einen gemischten Entschluß zu fassen, der die Pflichten für das ihm verheißene Kind mit denen seines Gewissens vereinigen sollte.

Der Entschluß, den er für sich selbst faßte, war, die Erbschaft des Doctor Basilius nur als ein Pfand anzutreten, das er früher oder später zurück zu geben hätte, entweder an die Armen oder an den Erblasser selbst, wenn es wahr war, daß er nicht durch eine Vision getäuscht wurde und daß derselbe sich noch am Leben befand. Dabei beschloß er indeß bei sich selbst, ein eigenes Vermögen mit dem fremden zu erwerben, das er augenblicklich in Händen hatte.

Als Eusebius diesen Entschluß einmal gefaßt hatte, gestattete er sich keine Schranke weiter. Gleich am nächsten Tage besuchte er seine Besitzung in der Provinz Buytenzorg, machte sich vertraut mit der Cultur der Kaffeepflanze, welche den größten Theil dieses ungeheuren Besitzthumes bedeckte, erkundigte sich nach den möglichen Verbesserungen, und zwei Tage darauf hatte er ein Comptoir und eine Niederlage in der unteren Stadt gemiethet, ein halbes Dutzend Commis angenommen und einen Monat später zählte das Haus Eusebius van der Beek zu den wichtigsten, nicht nur in Batavia, sondern in der ganzen Colonie.

Indeß obgleich alle Welt Eusebius van der Beek das unvermuthete Glück beneidete, war er keineswegs glücklich. An die Arbeit gefesselt, wie ein Sclave an seine Scholle, beschäftigte sein ausschließlicher Gedanke, sich schnell ein bedeutendes persönliches Vermögen zu erwerben, ihn so sehr, daß er, ohne es zu bemerken, Esther nicht mehr die Aufmerksamkeit und Liebe widmete, an die er sie gewöhnt hatte.

Er liebte sie deshalb im Grunde nur um so mehr, allein man hätte nicht nur in dem Herzen, sondern auch in den Gedanken von Eusebius müssen lesen können, um das zu begreifen.

Von Punct zu Punct das verwirklichend, was seine Frau in dem Munde des Notars nur für ein Utopien gehalten hatte, widmete er seinen Geschäften nicht nur seine Tage, sondern auch seine Nächte. Kaum brach die Morgenröthe an, so verließ er Batavia, um die Arbeiten seiner Neger in der Provinz Buytenzorg zu überwachen und am Abend kehrte er so schnell zurück, als die sechs Pferde, die vor seinen Wagen gespannt waren, ihn ziehen konnten. Gegen die Gewohnheit der Javaschen Kaufleute blieb er, auf die Gefahr hin, das Fieber zu bekommen, selbst nach Sonnenuntergang noch in der unteren Stadt, um die Handelsgeschäfte abzuthun. Aber ungeachtet seiner Thätigkeit, ungeachtet seiner gründlichen Kenntnisse segnete der Himmel seine Anstrengungen nicht, und die Bilanz, die er am Ende jedes Monats aufstellte, hatte schon sieben Mal nach einander nicht die geringste Zunahme des Vermögens dargethan, welches er von dem Doctor Basilius überkam.

Alles war eigenthümlich in Eusebius Leben. Er mochte so viel er wollte verkaufen, kaufen, wieder verkaufen, speculiren, wagen, vorsichtig sein, selbst die Geschäfte vernachlässigen, so blieb sich doch das Soll und Haben am Ende jedes Monats gleich und das Facit war das des ursprünglichen Vermögens. Aber in dem Maße, wie der Erfolg seinen Hoffnungen ermangelte, steigerte sich die Gewinnsucht, von der Eusebius beseelt war. Er wollte das Glück beherrschen und begann den Kampf Mann gegen Mann mit ihm. Seine Thätigkeit verwandelte sich in eine Art von Wuth, sein Eifer in Hartnäckigkeit. Er beschränkte die Zeit, die er seinem Schlafe gewidmet hatte, um neue Berechnungen anzustellen, die ihm zu dem so sehnlich gewünschten Vermögen verhelfen sollten, um sich dessen zu entledigen, welches so schwer auf seinem Gewissen lastete.

Zum zweiten Male litt seine Gesundheit unter diesem verzehrenden Fieber; zum zweiten Male hegte Esther lebhafte Besorgnisse. Eines Tages wagte sie einige Bemerkungen und flehte zugleich ihren Mann an, einiger Ruhe zu genießen. Aber Eusebius, der stets so freundlich, so gut gegen sie gewesen war, antwortete: »Es muß sein,« mit einem Tone, der keine Widerrede gestattete, und die arme Frau, deren beständiger Gedanke nur war, Dem zu gefallen, den sie liebte, hegte einen Augenblick die Furcht, ihm bereits mißfallen zu haben und gelobte sich selbst, in Zukunft zu schweigen und sich ergebungsvoll zu fügen.




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