Salvator Alexandre Dumas der Ältere Alexandre Dumas Die Mohicaner von Paris Zweite Abteilung Salvator Erster Band I Steeple-Chase Am 27. März geriet die kleine Stadt Kehl, – wenn man überhaupt Kehl eine Stadt nennen kann, – die Stadt Kehl, sagen wir, gerieth in Aufruhr durch die Ankunft den zwei Postchaisen, welche die einzige Straße der Stadt mit einer solchen Geschwindigkeit hinabfuhren, daß man befürchten konnte, in dem Augenblicke, wo sie auf die Schiffbrücke gelangen, die nach Frankreich führt, werde das geringste Verfehlen der Richtung Pferde, Postillons, Postchaisen und Reisende in den Fluß mit den poetischen Legenden werfen, der Frankreich im Osten als Grenze dient. Die zwei Postchaisen, welche an Schnelligkeit zu wetteifern schienen, hemmten indessen den Gang bei zwei Dritteln der Straße, und hielten am Ende der dem Thore eines Gasthauses an, über dem ein blechenes Schild knarrte, darstellend einen Mann mit einem dreieckigen Hute auf dem Kopfe, mit langen Stiefeln an den Beinen, bekleidet mit einem blauen Rocke mit rothen Revers, geschmückt mit einem Riesenzopfe, unter dessen bespornten Füßen man die drei Worte: Zum großen Friedrich, lesen konnte. Der Wirth und seine Frau, die bei dein donnerartigen Lärmen, den in der Ferne die Räder der zwei Wagen machten, auf ihre Thürschwelle gelaufen waren und durch die Geschwindigkeit der Wagen die Hoffnung verloren hatten, Reisende zu beherbergen, welche mit solcher Sturmeseile fuhren, – der Wirth und seine Frau, als sie zu ihrer unaussprechlichen Freude die zwei Postchaisen vor ihrem Hause anhalten sahen, stürzten, der Wirth an den Schlag des ersten Wagens, die Wirthin an den Schlag des zweiten. Aus dem ersten Wagen stieg rasch ein Mann von etwa fünfzig Jahren, angethan mit einem bis ans Kinn zugeknöpften blauen Ueberrocke, mit schwarzen Beinkleidern und einen breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe. Er hatte einen steifen Schnurrbart, ein festes Auge, eine wohlgebogene Braue, bürstenförmig geschnittene Haare: die, Braue war schwarz wie das Auge, die sie beschattete, aber Haare und Schnurrbart fingen an zu ergrauen. Aus dem zweiten Wagen stieg mit Würde ein majestätischer, kräftig gebauter Bursche aus, so weit man ihn unter seiner Polonaise mit goldenen Schnüren und Borten und unter seinem ungarischen Mantel, oder, um den wahren Namen seines Kleides zu sagen, unter seiner mit Stickereien überladenen Guba, in die er vom Kopfe bis zu den Füßen gehüllt war, beurtheilen konnte. Sah man diesen reichen Pelz, die Leichtigkeit, mit der er getragen wurde, die männliche Miene von demjenigen, welcher ihn trug, so hätte man gewettet, der Reisende sei ein edler walachischer Hospodar, der den Jassy oder Bucharest komme , oder wenigstens ein reicher Magyar, der von Pesth komme und sich nach Frankreich begebe, um eine diplomatische Note ratifizieren zu lassen. Doch den edlen Fremden von nahe betrachtend, hätte man alsbald gesehen, die Wette sei verloren; denn trotz des dicken Backenbarts, der sein Gesicht umrahmte, trotz des aufgestutzten Schnurrbarts, den er mit einer affektierten Sorglosigkeit hakenförmig drehte, würde man sehr rasch unter diesem aristokratischen Anscheine Merkmale der Gemeinheit erkannt haben, die den Unbekannten vom fürstlichen oder aristokratischen Range, den man ihm beim ersten Anblicke gewährt, zu dem eines Intendanten von vornehmem Hause oder eines Officiers dritten Ranges erniedrigt hätten. Und, in der That, wie der Leser ohne Zweifel schon Herrn Sarranti in dem aus dem ersten Wagen aussteigenden Reisenden erkannt hat, ebenso hat er, wir sind hiervon überzeugt, Meister Gibassier in dem erkannt, welcher aus dem zweiten Wagen ausstieg. Man erinnert sich, daß Herr Jackal, der mit Carmagnole nach Wien abreiste, Gibassier beauftragt hatte, Herrn Sarranti in Kehl zu erwarten. Gibassier hatte sich vier Tage im Gasthanse zur Post breit gemacht; am Abend des fünften hatte er sodann am Horizont Carmagnole erscheinen sehen, welcher als Courier durchreiste und im Vorübergehen ihn, im Auftrage von Herrn Jackal, benachrichtigte, da Herr Sarranti am Morgen des 26. ankommen müsse, so habe er, Gibassier, sich nach Steinbach zu begeben, wo er im Gasthofe zur Sonne eine Postchaise, die ihn erwarte, und in dieser Postchaise alle zur Ausführung der Befehle, die er erhalten, nothwendigen Verkleidungen finden werde. Diese Befehle waren sehr einfach, aber darum, weil sie einfach, nicht leichter ausführbar: sie bestanden darin, daß er Herrn Sarranti nicht aus dem Gesichte verlieren, sich auf der ganzen Reise wie sein Schatten an ihn anhängen und in Paris angekommen sich beharrlich ihm anschließen solltet und Alles dies so geschickt, daß Herr Sarranti keinen Verdacht schöpfen könnte. Herr Jackal Verließ sich auf die wohlbekannte Gewandtheit von Gibassier, was die Veränderung seines Costume und seines Gesichtes betraf. Gibassier reiste auf der Stelle nach Steinbach ab, fand das Gasthaus, in dem Gasthofe den Wagen und in dem Wagen eine ganze Auswahl von Trachten, unter denen er als die wärmste für die Reise die wählte, mit der wir ihn in dem Augenblicke, wo er wieder vor uns erschienen ist, aufgeputzt gesehen haben. Doch zu seinem großen Erstaunen verging der Tag des 26. und ein Theil der Nacht folgte, ohne daß er einen Reisenden ankommen sah, dessen Signalement mit dem, welches man ihm gegeben, übereinstimmte. Endlich, gegen zwei Uhr Morgens, hörte er das Klatschen einer Peitsche und das Klingen von Schellen. Er ließ anspannen, blieb nur so lange, als er brauchte, um sich zu versichern, der durch das doppelte Geräusch angekündigte Fremde sei wirklich Herr Sarranti, und fast sicher, er habe seinen Mann, befahl er dem Postillon, in gewöhnlichem Train abzufahren. Zehn Minuten nachher ging Herr Sarranti, der nur die erforderliche Zeit, um die Pferde zu wechseln und eine Tasse Fleischbrühe zu sich zu nehmen, geblieben war, ebenfalls wieder ab und eilte dem nach, der ihm zu folgen beauftragt war. Was Gibassier vorhergesehe, geschah. Zwei Stunden von Steinbach hatte ihn Herr Sarranti schon eingeholt; da aber nach den Reglements der Post kein Reisender dem Andern ohne die Erlaubnis von diesem vorfahren soll, weil er auf der nächsten Station die einzigen Pferde des Stalles nehmen könnte, so folgten sich die zwei Wagen eine Zeit lang, ohne daß der zweite dem ersten vorzufahren wagte. Ungeduldig, ließ Herr Sarranti endlich Gibassier um Erlaubnis hierzu bitten. Die Erlaubnis wurde mit einer Artigkeit gegeben, welche Herrn Sarranti bewog, selbst aus seinem Wagen zu steigen, um dem ungarischen Edelmanne zu danken; nachdem dies geschehen war, grüßte man sich Von beiden Seiten, Herr Sarranti stieg wieder in seinen Wagen und fuhr, durch die Erlaubnis begünstigt, wie der Wind weiter. Gibassier folgte ihm, doch diesmal, indem er dem Postillon einschärfte, welchen Train auch Herr Sarranti fahren möge, ebenso zu fahren. Der Postillon gehorchte, und wir haben die zwei Postchaisen in starkem Galopp in die Stadt Kehl einfahren und vor dem Gasthause zum Großen Friedrich anhalten sehen. Nachdem sie sich höflich, jedoch ohne ein Wort auszutauschen, gegrüßt hatten, traten beide Reisende in das Wirthshaus ein, gelangten in das Speisezimmer, setzten sich Jeder an einen Tisch, und verlangten zu frühstücken, Herr Sarranti in vortrefflichem Französisch , Gibassier mit einem unverkennbaren deutschen Accente. Immer stillschweigend, kostete Gibassier verächtlich von allen Schüsseln, die man ihm vorsetzte, und als er seine Rechnung bezahlt hatte und sah, daß Herr Sarranti aufstand, stand er auch auf und kehrte langsam und in der Stille zu seinem Wagen zurück. Die zwei Postchaisen setzten sodann ihren zügellosen Lauf wieder fort, wobei der Wagen von Herrn Sarranti immer dem von Gibassier voranfuhr, jedoch nur um etwa zwanzig Schritte. In dem Augenblicke, wo man gegen Abend in Nancy ankam, hatte der Postillon von Herrn Sarranti, der es, als erster Brautführer von einem seiner Vettern, sehr unangenehm gefunden hatte, seinen Schmaus wegen einer Station von elf Lieues, hin und zurück, verlassen zu müssen, der Postillon von Herrn Sarranti, durch seinen Kameraden davon unterrichtet, sein Reisender wünsche schnell zu fahren und bezahle gut, hatte seine Pferde einen rasenden Galopp laufen lassen, durch den er gute anderthalb Stunden an den zwei Posten gewonnen haben würde und zu rechter Zeit zurückgekommen wäre, um den Ball zu eröffnen, hätten nicht in dem Momente, wo man am Abend in Nancy ankam, Pferde, Postillon und Wagen auf einem jähen Abhange einen so entsetzlichen Purzelbaum gemacht, daß ein Schmerzensschrei der Brust des empfindsamen Gibassier entschlüpfte , der aus seiner Postchaise hinzueilte um Herrn Sarranti Hilfe zu leisten. Gibassier handelte so zu Befreiung seines Gewissens, denn nach dem Purzelbäume, den er den Wagen halte machen sehen, war er der Ueberzeugung, der Reisende, den derselbe enthielt, bedürfe mehr der Tröstungen eines Priesters, als des Beistandes eines Reisegefährten. Zu seinem großen Erstaunen fand er Herrn Sarranti frisch und gesund, und selbst der Postillon hatte nur eine Schulter ausgerenkt und einen Fuß verstaucht. Hatte aber die Vorsehung, als eine gute Mutter, was sie war, die Menschen bewahrt, so hatte sie dagegen ihre Genugthuung an den Thieren und am Wagen genommen; eines von den Pferden blieb auf der Stelle todt, das andere schien den Schenkel gebrochen zu haben. Eine von den Achsen des Wagens war gebrochen, und eine ganze Seite des Kastens, die, auf welche man umgeworfen hatte, war völlig zerbröckelt. Man konnte also im Ernste nicht daran denken, sich wieder auf den Weg zu begeben. Herr Sarranti stieß einige Fläche aus, die keinen Charakter von englischer Geduld offenbarten. Er mußte indessen seinen Entschluß fassen, was er ohne Zweifel zu thun im Begriffe war, hätte nicht der Magyar Gibassier in einer halb französischen, halb deutschen Sprache, die aber in Wirklichkeit weder das Eine, noch das Andere war, seinem unglücklichen Reisegefährten einen Platz in seinem Wagen angeboten. Das Anerbieten kam so gelegen und schien so sehr von gutem Herzen gemacht zu sein, daß Herr Sarranti es ohne Bedenken annahm. Man brachte das Gepäcke aus dem ersten Wagen in den zweiten, man versprach dem Postillon, ihm Hilfe von Nancy zu schicken, wovon man nur noch eine Stunde entfernt war, und man fuhr mit derselben Geschwindigkeit weiter. Nachdem die ersten Artigkeiten ausgetauscht waren, vermied Gibassier, der keine Gewißheit hatte, er spreche das reine Deutsch, und befürchtete, Herr Sarranti, obgleich Corse kenne dieses Idiom gründlich, Gibassier, sagen wir, vermied sorgfältig jede Frage und beschränkte sich darauf, daß er die artigen Worte seines Gefährten mit Ja und Nein erwiderte, deren Accent sich immer mehr der französischen Sprache näherte. Man kam nach Nancy; man hielt im Hotel du Grand-Stanislas an, das zugleich das Posthaus ist. Herr Sarranti stieg aus, wiederholte seine Danksagungen gegen den Magyaren, und wollte sich zurückziehen. »Sie haben Unrecht, mein Herr,« sagte Gibassier; »Sie schienen mir Eile zu haben, nach Paris zu kommen: Ihr Wagen wird vor morgen nicht wieder hergestellt sein, und Sie verlieren einen Tag.« »Das wäre mir um so ärgerlicher,« erwiderte Sarranti, »als mir derselbe Unfall schon bei meiner Abfahrt von Regensburg widerfahren ist, und ich dabei vierundzwanzig Stunden verloren habe.« Gibassier erklärte sich nun erst den Vorzug, der ihn in Steinbach so sehr beunruhigt hatte. »Doch,« fuhr Herr Sarranti fort, »ich werde nicht warten, bis mein Wagen wieder-hergestellt ist, sondern einen andern kaufen.« Und er gab in der That dem Postmeister Befehl, ihm einen Wagen zu kaufen, – was für einer es auch wäre, Calèche, Coupé, Landau oder sogar Cabriolet, – mit dem er seine Reise auf der Stelle fortsetzen könnte. Gibassier dachte, so rasch auch der Wagen gefunden wäre, hätte er doch wohl Zeit, zu Mittag zu speisen, während sein Reisegefährte ihn untersuchen, um den Preis handeln würde und seine Bagage darauf packen ließe. Er hatte seit Morgens um acht Uhr nichts zu sich genommen, und obschon sein Magen im äußersten Falle an Genügsamkeit mit dem eines Kamels zu rivalisieren vermochte, ließ gerade, weil dieser Fall eintreten konnte, der kluge Gibassier, nie, wenn sie sich hat« die Gelegenheit , sich zu verproviantieren, ungenutzt vorübergehen. Ohne Zweifel hielt es Heer Sarranti seinerseits für geeignet, dieselben Vorsichtenmßregeln zu nehmen, wie der würdige Magyar, denn Beide setzten sich, wie sie es am Morgen gethan, jeder an einen andern Tisch, klingelten, Inn den Kellner zu rufen, und sprachen mit einer Betonung, welche eine lobenswerthe Einhelligkeit der Meinungen andeutete, nur die drei Worte: »Kellner, ein Mittagsbrod!« II Das Hotel du Grand-Turc, Place Saint-André-des-Arcs Für diejenigen, welche sich darüber wundern sollten, daß sie Herrn Sarranti das Anerbieten, – so annehmbar es für einen Mann, der Eile hatte, war, – das ihm Gibassier machte, nicht haben annehmen sehen, bemerken wir, daß, wenn Jemand schlauer ist, als der Polizeiagent, der einen Menschen verfolgt, wie schlau auch dieser Polizeiagent sein mag, dies der Verfolgte ist. Es regte sich also im Geiste von Herrn Sarranti ein unbestimmter Verdacht in Betreff dieses Magyaren, der so schlecht Französisch sprach, und dennoch, wenn man etwas Französisch zu ihm sagte, ziemlich verständig auf Alles antwortete, was man ihm sagen mochte, dagegen wenn man Deutsch, Polnisch oder Walachisch mit ihm sprach, – drei Sprachen, in denen Herr Sarranti vollkommen Meister war, – in den Tag hinein ja oder nein antwortete, sich sogleich in seine Guba hüllte und den Anschein gab, als schliefe er. In Folge dieses Verdachts war Herr Sarranti, der sich während der anderthalb Meilen, die er mit ihm, von dem Orte, wo der Wagen gebrochen, bis zu dem Gasthanse gemacht, wo er sein Mittagsbrod bestellt hatte, sehr unbehaglich gefühlt, entschlossen, den Beistand seines gefälligen, aber schweigsamen Reisegefährten auszuschlagen. Darum hatte Herr Sarranti, der nicht warten konnte, bis der seinige wiederhergestellt war, und nicht in dem des edlen Ungarn Platz nehmen wollte, einen Wagen verlangt. Gibassier war zu schlau, um dieses Mißtrauen nicht zu bemerken. Während er zu Mittag speiste, befahl er auch, sogleich anzuspannen, da er nothwendig am andern Tage in Paris ankommen müsse, wo er ungeduldig vom österreichischen Gesandten erwartet werde. Als die Pferde angespannt waren, grüßte Gibassier Herrn Sarranti mit einer herzlichen Kopfbewegung, drückte seine Pelzmütze auf seine Ohren nieder und ging ab . . . Da Herr Sarranti ebenfalls Eile hatte, so war es wahrscheinlich, er werde dem directen Wege wenigstens bis Ligny folgen. Dort würde er ohne Zweifel Bar-le-Duc zu seiner Rechten lassen, um, auf der Straße von Ancervillee Saint-Dizier und Vitry-le-Francais zu erreichen. Nur bei Vitry-le-Francais entstand ein Zweifel. Würde Herr Sarranti, hier angekommen, eine krumme Linie beschreibend, über Chalons gehen, oder unmittelbar über Fère-Champenoise, Coulanniers, Crécy und Lagny reisen? Das war eine Frage, die sich erst in Vitry-le-Francais entscheiden ließ. Gibassier bezeichnete seinen Weg über Toul, Ligny, Saint-Dizier;, doch eine halbe Meile von Vitry hielt er an, und er hatte mit seinem Postillon eine Besprechung von ein paar Minuten, nach welchen sich der Wagen auf die Seite geworfen mit einer gebrochenen Vorderachse auf der Erde fand. Gibassier war ungefähr seit einer halben Stunde hier in dieser so wohl bekannten traurigen Lage, welche von Herrn Sarranti so gut geschätzt werden mußte, als die Postchaise von diesem oben auf einer Anhöhe erschien. Als er sich dem umgeworfenen Wagen näherte, streckte Herr Sarranti den Kopf zum Schlage hinaus, und er sah aus der Straße seinen Magyaren, der mit Hilfe des Postillon vergebliche Versuche machte, um seine Chaise in den Stand zu bringen, die Reise fortsetzen zu können. Es wäre von Herrn Sarranti eine Verletzung aller Pflichten der Höflichkeit gewesen, hätte er Gibassier in einer solchen Verlegenheit gelassen, während Gibassier bei einem ähnlichen Umstande sich und seinen Wagen zu seiner Verfügung gestellt hatte. Er bot ihm also ebenfalls an, zu ihm einzusteigen, was Gibassier mit einer merkwürdigen Discretion annahm, indem er Vitry-le-Francais als das Ziel der Verlegenheit festsetzte,. welche er Seiner Excellenz Herrn von Bornis zu verursachen einwilligte. – Das war der Name, unter welchem Herr Sarranti reiste. Man transportierte auf den Wagen von Herrn von Bornis den Riesenkoffer des Magyaren, und man schlug den Weg nach Vitry-le-Francais ein, wo man zwanzig Minuten nachher ankam. Man hielt vor der Post an. Herr von Bornis verlangte Pferde: Gibassier irgend eine Carriole, um seine Reise fortzusetzen. Der Postmeister zeigte unter seiner Remise ein altes Cabriolet, das, so alt es war, den Bedürfnissen von Gibassier zu entsprechen schien. Beruhigt über das Schicksal seines Gefährten, nahm Herr von Bornis von diesem Abschied und gab, wie dies Gibassier gedacht hatte, Befehl, der Straße nach Fère-Champenoise zu folgen. Gibassier schloß seinen Handel mit dem Postmeister und reiste ab, indem er dem Postillon den Befehl gab, derselben Straße zu folgen, welche der Reisende, der ihm voranging, eingeschlagen hatte. Der Postillon sollte fünf Franken in dem Augenblicke erhalten, wo man den Wagen erblicken würde. Der Postillon trieb seine Pferde zum schnellsten Laufe an, doch man kam zur Station, ohne etwas gesehen zu haben. Auf der Station fragte man Postmeister und Postillon: keine Postchaise war seit dem vorhergehenden Tage vorübergekommen. Die Sache war klar: Sarranti mißtraute. Er hatte die Straße nach Fère-Champenoise angegeben und die nach Châlons eingeschlagen. Gibassier war zurückgeblieben. Es war keine Minute zu verlieren, um in Meaux vor Sarranti anzukommen. Gibassier ließ sein Cabriolet hier, nahm aus seinem Koffer das vollständige Costume eines Cabinetscouriers, Blau und Gold, zog eine Lederhose und weiche Stiefeln an , warf auf seinen Rücken den Depechensack, entledigte sich seines Backenbartes und seines Schnurrbartes und verlangte einen Postklepper. In einem Augenblicke war der Postklepper gesattelt und Gibassier auf dem Wege nach Sésanne. Er hoffte Meaux über la Ferté-Gaucher und Coulomniers zu erreichen. Er hielt weder um zu trinken, noch um zu essen, machte dreißig Lieues in einem Zuge und kam vor dem Thore von Meaux an. Keine der, welche Gibassier beschrieb, ähnliche Postchaise war passirt. Gibassier hielt an, ließ sich in der Küche Mittagsbrod servieren, aß, trank und wartete. Ein gesatteltes Pferd wartete auch. Nach einer Stunde traf der mit so großer Ungeduld erwartete Wagen ein. Es war finstere Nacht. Sarranti ließ sich ein Bouillon in seinen Wagen bringen und gab Befehl, nach Paris über Claye zu fahren: – das genügte Gibassier. Er ging zum Hofthore hinaus, schwang sich auf sein Pferd und erreichte bald, indem er einen Seitenweg durch ein Gäßchen einschlug, die Straße nach Paris. Nach Verlauf von zehn Minuten sah er hinter sich die zwei Laternen der Postchaise von Sarranti glänzen. Das war fortan Alles, was er brauchte: er sah und wurde nicht gesehen. Es handelte sich nur darum, auch nicht gehört zu werden. Er wählte die Seite des Weges und galoppierte immer ein Kilometer vor dem Wagen. Man kam in Bondy an. Hier war in einem Nu der Cabinetscourier in einen Postillon verwandelt, und gegen ein Trinkgeld von fünf Franken, trat der Postillon, der fahren sollte, mit Dankbarkeit seine Tour ab. Herr Sarranti erschien. So nahe bei Paris war es nicht der Mühe wert anzuhalten; er steckte den Kopf durch den Schlag und verlangte Pferde. »Hier sind schon, Herr, und zwar famose,« antwortete Gibassier.« Es war in der That ein Paar von den trefflichen Schimmeln des Perche , welche immer wiehern und stampfen. »Wollt ihr wohl ruhig sein, ihr Teufelsmähren!« rief Gibassier, während er sie ihren Platz mit der Geschicklichkeit eines vollendeten Postillon an der Deichsel einnehmen ließ. Als sodann die Pferde angespannt waren, fragte der falsche Postillon, mit dem Hute in der Hand, an den Wagenschlag tretend: »Wo werden Sie absteigen, Herr?« »Place Saint-André-des-Arcs, Hotel du Grand-Turc,« antwortete Herr Sarranti. »Gut!« rief Gibassier, »es ist, als ob Sie schon dort wären!« »Und wann werden wir da sein ?« fragte Herr Sarranti. »Oh! in anderthalb Stunden ; die Funken müssen davon fliegen!« »Rasch, vorwärts! zehn Franken Trinkgeld, wenn wir in einer Stunde an Ort und Stelle sind.« »Man wird da sein, Bürger!« sagte Gibassier. Und er schwang sich auf das Sattelpferd und ging im Galopp ab. Diesmal war er sicher, Sarranti werde ihm nicht entkommen. Man erreichte die Barrière. Die Douaniers nahmen die rasche Durchsuchung vor, mit der sie die Reisenden beehren, welche mit Extrapost reisen, sprachen das sacramentliche Wort: »Weiter!« und Herr Sarranti, der sieben Jahre früher aus Paris durch die Barrière de Fontainebleau abgegangen war, kehrte dahin durch die Barrière de la Petite-Villette zurück. Eine Viertelstunde nachher fuhr man in starkem Trabe in den Hof des Hotel du Grand-Turc, Place Saint-André-des-Arcs, ein. Es waren im Gasthause nur zwei Zimmer, welche auf demselben Boden einander gegenüberlagen, unbesetzt: die Nummer 6 und die Nummer 11. Der Kellner führte Herrn Sarranti, und dieser wählte die Nummer 6. Als der Kellner hinabging, rief Gibassier: »He! sagen Sie doch, Freund!« »Was gibt es, Postillon?« fragte verächtlich der Kellner. »Postillon! Postillon!« wiederholte Gibassier; »ganz gewiß bin ich Postillon. Nun? ist dabei eine Schande?« »Nicht daß ich wüßte; nur nenne ich Sie Postillon, weil Sie Postillon sind!« »Gut!« sprach Gibassier. Und er machte brummend zwei Schritte gegen seine Pferde. »Was wollen Sie denn von mir’s« fragte der Kellner. »Ich? Nichts.« »Sie riefen ja vorhin . . . « »Was?« »»Sagen Sie doch, Freund!«« »»Ah! es ist wahr . . . Nun, die Sache verhält sich so: Herrn Poirier . . . Sie kennen ihn wohl?« »Welchen Herrn Poirier?« »Ei! Herrn Poirier . . . « »Ich kenne keinen Herrn Poirier.« »Herrn Poirier, der Pächter bei uns: Sie kennen ihn nichts Herrn Poirier, der eine Herde von vierhundert Stück Vieh hat! Sie kennen Herrn Poirier nicht?« »Ich sage Ihnen, daß ich ihn nicht kenne.« »Desto schlimmer! er wird mit dem Wagen von elf Uhr kommen, mit dem Wagen von Plat d’Etain. Sie kennen ihn wohl, den Wagen von Plat d’Etain?« »Nein.« »Sie kennen also Nichts-? Was haben Sie denn Ihr Vater und Ihre Mutter gelehrt, wenn Sie weder Herrn Poirier, noch den Wagen von Plat d’Etain kennen? . . . Ah! man muß zugestehen, es gibt sehr fehlerhafte Eltern!« »Wo wollen Sie denn aber hinaus mit Ihrem Herrn Poirier?« »Ah! ich wollte Ihnen hundert Saus in seinem Auftrage geben; doch wenn Sie ihn nicht kennen . . . « »Man kann Bekanntschaft machen.« »Doch wenn Sie ihn nicht kennen . . . « »Wozu denn aber diese hundert Sons? Er gibt mir nicht hundert Sous wegen meiner schönen Augen . . . « »Oh! nein, da Sie schielen, mein Freund.« »Gleichviel! warum beauftragt Sie Herr Poirier, mir hundert Saus zu geben?« »Um ihm ein Zimmer im Hotel aufzubewahren, weil er im Faubourg Saint-Germain zu thun hat; und er sagte zu mir: »»Charpillon!«« Das ist mein Name, Charpillon vom Vater auf den Sohn.« »Das freut mich sehr, Herr Charpilon.« »Er sagte zu mir: »»Charpilon, Du wirst hundert Sous dem Mädchen vom Hotel du Grand-Turc, Place Saint-André-des-Arcs, geben, damit es mir ein Zimmer aufbewahrt.«« Wo ist das Mädchen?« »Das ist unnöthig, ich werde ihm das Zimmer so gut aufbewahren, als das Mädchen.« »Ei nein! da Sie ihn nicht kennen . . . « »Ich brauche ihn nicht zu kennen, um ihm ein Zimmer aufzubewahren.« »Ah! das ist wahr; Sie sind nicht ganz so dumm, als Sie aussehen!« »Ich danke.« »Hier sind die hundert Saus; Sie werden ihn wohl erkennen, wenn er kommt.« »Herrn Poirier?« »Ja.« »Besonders, wenn er seinen Namen sagt.« »Oh! er wird ihn sagen; er hat keine Gründe, seinen Namen zu verheimlichen.« »Dann wird man ihn in das Zimmer Nummer 11 führen.« »Sehen Sie einen dicken Kumpan, mit einem Nasenwärmer der ihm das halbe Gesicht bedeckt, und einem Ueberrocke den kastanienbraunem Castorin, so können Sie dreist sagen: »»Das ist Herr Poirier!«« Und hiernach: gute Nachts lassen Sie Nummer 11 gut heizen, denn Herr Poirier ist sehr verfroren . . . Ah! und warten Sie doch, ich glaube, es wäre ihm nicht unangenehm, wenn er ein guten Abendbrod in seinem Zimmer fände.« »Schon!« »Und ich vergaß noch . . . « sagte der falsche Charpillon. »Was?« »Die Hauptsache! Er trinkt nur Bardeauxwein.« »Wohl! er wird eine Flasche Bordeaux auf seinem Tische finden.« »Dann wird er nichts mehr zu wünschen haben, als Augen zu besitzen, wie die Deinigen, um gegen Bondy sehen zu können, wenn Charenton brennt.« Und mit einem gewaltigen Gelächter, das von dem Vergnügen zeugte, welches ihm dieser feine Scherz bereitete, verließ der falsche Postillon das Hotel du Grand-Turc. Eine Viertelstunde nachher hielt ein Cabriolet vor der Thüre des Gasthauses; ein Mann stieg aus unter dem von Charpillon angegebenen Signalement und wurde, nachdem er sich als denselben Herrn Poirier, den man erwartete, zu erkennen gegeben, vom Kellner unter zahllosen Bücklingen in das Zimmer Nummer 11 geführt, wo ein gutes Abendbrod aufgetragen war, und wo eine Flasche Bordeaux-Wein, in einer vernünftigen Entfernung dem Feuer stehend, den Grad von Lauigkeit erreichte, welchen ihm, ehe sie ihn trinken, die wahren Feinzüngler geben. III Man wird immer nur durch die Seinigen verrathen Fünf Minuten nachher war Herr Poirier im Besitze des Zimmer Nr. 11, und er kannte alle Winkel und Ecken desselben, als ab er dieses Zimmer sein ganzes Leben bewohnt hätte. Herr Poirier war der Charakter, der am schnellsten mit den Menschen Bekanntschaft machte, und das Temperament, das sich am schnellsten mit den Orten familiarisirte: er erklärte indessen dem Kellner, er brauche Niemand zu seiner Bedienung, er liebe es, allein und ruhig zu essen, ohne Jemand zu haben, der ihm sein Glas voll schenke, ehe es leer sei, oder ihm seinen Teller wegnehme, so lange sich noch Speisen darauf finden. Sebald er allein war und auf der Treppe die Tritte des Kellners hatte erlöschen hören, öffnete der falsche Poirier oder der richte Gibassier, wie man will, die Thüre wieder. Gerade in demselben Augenblicke öffnete Herr Sarranti auch die seinige. Gibassier hielt seine Thüre nicht geschlossen, sondern an das Gesims angelehnt. Herr Sarranti gab dem Zimmermädchen, das sein Bett gemacht hatte, ein paar Befehle, welche andeuteten, er werde in ein paar Stunden zurück sein. »Ho! Ho!« sagte Gibassier zu sich selbst, »es scheint, trotz der vorgerückten Stunde will mein Nachbar einen kleinen Gang machen. Sehen wir, nach welcher Seite er wandeln wird.« Gibassier löschte die zwei Kerzen aus, welche auf seinem Tische brannten, und öffnete sein Fenster, ehe Herr Sarranti die Schwelle der Hausthüre überschritten hatte. Einen Augenblick nachher sah er ihn hinausgehen und den Weg durch die Rue Saint-André-des-Arcs nehmen. »Ich bin sicher, daß er zurückkommen wird,« sagte er zu sich selbst, »da er nicht errathen konnte, ich sei da, um die Befehle zu behorchen, die er gab. Bah! keine Trägheit, treiben wir unser Handwerk gewissenhaft und erfahren wir, wohin er geht.« Er ging rasch hinab und folgte ihm durch die Rue de Bussy, über den Marché Saint-Germain, die Place Saint-Sulpice und in die Rue du Pot-de-Fer, wo er ihn in ein Haus eintreten sah, ohne nur die Nummer anzuschauen. Gibassier war neugieriger als er: Herr Sarranti war in Nummer 28 eingetreten. Gibassier ging die Straße hinauf, zog sich längs dem Hotel Coffé-Brissac hin und wartete. Er wartete nicht lange: Herr Sarranti trat nur ein und kam wieder heraus. Doch sodann, statt die Rue du Pot-de-Fer hinabzugehen, ging er dieselbe hinauf, das heißt, er ging an Gibassier vorbei, der sich kluger und schamhafter Weise gegen die Mauer umwandte, und schlug den Weg durch die Rue de Vaugirard ein. Nachdem er eine Zeit lang dieser Straße gefolgt, sodann längs dem Odeon-Theater auf der Seite des Eingangs der Schauspieler hinmarschiert war, die Place Saint-Michel überschritten hatte, drang Herr Sarranti in die Rue des Postes ein und gelangte vor ein Haus, dessen Nummer er diesmal anschaute. Dieses Haus, unsere Leser kennen es schon, oder wenn sie es nicht wiedererkennen, so werden sie es auf die erste Bezeichnung erkennen. Neben der Impasse des Vignes und gegenüber der Rue du Pauits-aui-parle liegend, war es kein anderes, als jener Zauberbecher, durch welchen, Korkkügelchen ähnlich, diese so vergeblich von Herrn Jackal im Hause gesuchten und so wunderbar von ihm bei seinem gefahrvolIen Hinablassen zu Gibassier wiedergefundenen Carbonari verschwunden waren. Der Exgaleerensklave erbleichte, als er die berüchtigte Rue du Puits-qui-parle erblickte und in dieser Straße den Brunnen, in dem er so lange und traurige Stunden zugebracht hatte. Ein unbekannter Schauer durchzog seinen ganzen Leib, und ein kalter Schweiß befeuchtete seine Stirne. Zum ersten Male seit seinem Abgange aus dem Hotel-Dieu, um nach Kehl zu reisen, empfand er einen schmerzlichen Eindruck. Die Straße war einsam. Herr Sarranti, als er vor dem Hause angelangt war, blieb stehen und erwartete ohne Zweifel, um einzutreten, die vier anderen Gefährten, die zur Einführung nöthig, welche, wie man sich erinnert, zu fünf und fünf stattfand. Bald erschienen drei in Mäntel gehüllte Männer und gingen gerade auf Herrn Sarranti zu, und nachdem sie das Erkennungszeichen ausgetauscht hatten, warteten alle Vier auf den Fünften. Gibassier schaute umher, um zu sehen, ab der Fünfte nicht komme, und als er nicht einmal einen Schatten erscheinen sah, dachte er, das sei der rechte Augenblick, um einen Meisterstreich auszuführen. Durch Herrn Jackal in die Mysterien dieses Hauses eingeweiht, mit den Maurerzeichen aller geheimen Gesellschaften vertraut, schritt er gerade aus die Gruppe zu, nahm die erste Hand, die sich gegen ihn ausstreckte, und machte das Erkennungszeichen, dieses Zeichen bestand darin, daß man dreimal die Hand von innen nach außen drehte. Hieraus steckte einer von den Männern den Schlüssel in das Schloß , und alle Fünf traten ein. Das Innere des Hauses war ausgebessert und so wieder angemalt, daß keine Spur mehr von der Passage von Carmagnole durch die Mauer und vom Sturze von Vol-au-Vent durch den Fensterrahmen blieb. Diesmal war zwar nicht davon die Rede, in die Katakomben hinabzusteigen. Vier einander unbekannte Chefs hatte man zusammenberufen, um die vertraulichen Mittheilungen von Herrn Sarranti zu empfangen. Dieser kündigte ihnen an, binnen drei Tagen werde der Herzog von Reichstadt in Saint-Leu-Taverny sein; und er gedenke dort bis zu dem Augenblicke verborgen zu bleiben, wo man nöthig hätte, dem Volke die Fahne zu zeigen, in deren Namen man sich erhob. Da es die Gewohnheit der Affiliirten war, um die Polizei irre zu führen, jede Gelegenheit zu benutzen, die sich ihnen zu einer Versammlung bot, so wurde verabredet, es sollten sich, weil am anderen Tage das Leichenbegängniß des Herrn Herzog de la Rochefoucauld stattfand, alle Logen und alle Vente entweder in der Himmelfahrtskirche oder in den umliegenden Straßen einfinden.« Hier würde man die letzten Instructionen der obersten Venta empfangen. In jedem Falle sollte bis zur Ankunft des Herzogs von Reichstadt ein Ausschuß in Permanenz bleiben. Man trennte sich um ein Uhr des Morgens. Gibassier befürchtete nur Eines: vor der Thüre den Assiliirten zu treffen, dessen Platz er eingenommen; dieser war nicht da. Ohne Zweifel war er gekommen; doch da er seine vier Gefährten nicht hatte kommen sehen, so hatte es ihm Langweile gemacht, auf sie zu warten, und er war im Glauben, die Sache sei verschoben, nach Hause zurückgekehrt. Herr Sarranti verließ seine vier Gefährten vor der Thüre, und Gibassier, der nicht bezweifelte, er kehre nach dem Hotel du Grand-Turc zurück, verschwand an der Ecke der ersten Straße, lief über Hals und Kopf, kam ihm zehn Minuten zuvor, trat in das Gasthaus ein, setzte sich zu Tische und aß mit dem Hunger eines Reisenden« welcher mit verhängten Zügeln fünfunddreißig bis vierzig Meilen gemacht, und die Befriedigung eines Menschen hat, der sich bewußt ist, er habe gewissenhaft seine Pflicht erfüllt. Er empfing auch den süßen Lohn für alle seine Mühewaltungen, als er auf der Treppe den Tritt von Herrn Sarranti hörte, den er schon studiert hatte, um ihn unter tausend zu erkennen. Die Thüre von Nummer 6 öffnete sich und schloß sich wieder. Alsdann hörte Gibassier das Knirschen des Schlüssels, der zweimal im Schlosse gedreht wurde. Das war ein sicheres Zeichen, daß Herr Sarranti nach Hause gekommen war, um nicht mehr auszugehen, – wenigstens bis am andern Morgen. »Gute Nacht, lieber Nachbar,« murmelte Gibassier. Dann klingelte er dem Kellner. Der Kellner erschien. »Sie werden bei mir morgen früh oder vielmehr heute um sieben Uhr,« sagte Gibassier sich verbessernd, »einen Commissionär eintreten lassen. Er wird einen sehr pressanten Brief in die Stadt zu tragen haben.« »Will der Herr den Brief mir geben,« erwiderte der Kellner, »so wird man ihn wegen einer solchen Kleinigkeit nicht aufwecken.« »Einmal ist mein Brief keine Kleinigkeit,« sagte Gibassier, »und dann wird es mir gar nicht unangenehm sein, wenn man mich so frühzeitig weckt.« Der Kellner verbeugte sich zum Zeichen des Gehorsams und nahm das Couvert weg; nur bat ihn Gibassier, im Zimmer ein herrliches kaltes Huhn, und was von seiner zweiten Flasche Bordeaux übrig war, zu lassen, indem er sagte, wie König Ludwig XIV. liebe er es nicht« zu schlafen, ohne ein en cas[1 - Für den Fall, daß er Hunger bekäme.] im Bereiche seiner Hand zu haben. Der Kellner stellte aus den Kamin das unberührte Huhn und die angegriffene Flasche. Hiernach entfernte er sich mit dem Versprechen, den Commissionär am Morgen auf den Schlag sieben Uhr eintreten zu lassen. Als der Kellner weggegangen war« schloß Gibassier seine Thüre doppelt, öffnete den Secretär, in welchem eine Feder, Tinte und Papier zu finden er sich vorher schon versichert hatte, und fing an für Herrn Jackal seine Reiseeindrücke von Kehl nach Straßburg zu schreiben. Wonach er sich zu Bette legte. Um sieben Uhr klopfte der Commissionär an die Thüre. Schon auf, schon angekleidet, schon bereit, ins Feld zu ziehen, rief Gibassier: »Herein!« Der Commissionär trat ein. Gibassier warf einen raschen Blick auf ihn, und ehe dieser Mensch nur ein Wort gesprochen, erkannte er den Vollblut-Auvergnat: er konnte ihm seine Botschaft mit vollem Vertrauen übergeben. Er gab ihm zwölf Sous statt zehn, erklärte ihm alle Winkel des Palastes der Rue de Jerusalem, und sagte ihm, die Person, an welche der Brief gerichtet sei, müsse an diesem Morgen von einer großen Reise zurückgekommen sein, oder werde im Verlaufe des Tages zurückkommen. Sei diese Person zurückgekommen, so soll er ihr den Brief zu eigenen Händen im Aufträge von Herrn Bagnères de Toulon, – das war der aristokratische Name von Gibassier, – übergeben; sei sie noch nicht angekommen, so soll er den Brief bei ihrem Secretär zurücklassen. Der Auvergnat ging völlig unterrichtet ab. Es verlief eine Stunde. Die Thüre von Herrn Sarranti blieb geschlossen; nur hörte man ihn hin und hergehen und die Meubles seines Zimmers verrücken. Um etwas zu thun, beschloß Gibassier, zu frühstücken. Er klingelte dem Kellner, ließ sich sein Gedeck legen, sein Huhn und seinen Rest von Bordeaux vorsetzen, und schickte den Kellner wieder weg. Gibassier hatte schon seine Gabel in den Schlägel seines Huhns gesteckt, er hatte schon sein Messer dem Gelenke des Flügels genähert, in dessen Gliederfuge er es schlüpfen zu lassen sich anschickte, als die Thüre feines Nachbars auf ihren Angeln knarrte. »Teufel!« sagte er, indem er aufstand, »mir scheint, wir gehen sehr frühzeitig aus.« Seine Augen richteten sich auf die Pendeluhr: sie bezeichnete ein Viertel nach acht. »Ei! Ei!« fügte er bei, »es ist nicht mehr so früh.« Herr Sarranti ging die Treppe hinab. Wie am Tage vorher lief Gibassier ans Fenster, aber er öffnete es diesmal nicht, sondern schob nur die Vorhänge auseinander: doch er wartete vergebens: Herr Sarranti erschien nicht auf dem Platze. »Ho! Ho!« sagte Gibassier zu sich selbst, »was macht er denn unten? sollte er seine Rechnung bezahlen? denn er kann unmöglich so schnell hinausgegangen sein, daß ich zu spät ans Fenster gekommen wäre . . . Wenn er nicht etwa an der Mauer hingegangen ist,« dachte er; »selbst in diesem Falle könnte er noch nicht fern sein.« Und rasch das Fenster öffnend neigte sich Gibassier hinaus, um den Platz in allen Richtungen auszukundschaften. Nichts, was Sarranti glich. Er wartete ungefähr vier bis fünf Minuten, und da er nicht errathen konnte, warum Herr Sarranti nicht hinausging, so schickte er sich an hinabzugehen, um sich nach ihm zu erkundigen, als er ihn endlich die Thürschwelle überschreiten und sich, wie am vorhergehenden Tage, nach der Rue Saint-André-des-Arcs wenden sah. »Ich vermuthe wohl, wohin Du gehst,« murmelte Gibassier; »Du gehst in die Rue du Pot-de-Fer. Du hast gestern Niemand zu Hause getroffen, und Du willst sehen, oh Du heute glücklicher bist. Ich könnte es wohl unterlassen, Dir zu folgen, doch die Pflicht vor Allem.« Und er nahm seinen Hut und sein Cache-nez, ließ sein Huhn unberührt, und erkannte die Güte der Vorsehung, die ihm diesen kleinen Morgengang auferlegte, um seinen Appetit zu reizen. Doch zu seinem großen Erstaunen wurde er auf der letzten Stufe der Treppe von einem Manne angehalten, in dem er an seinem Gesichte und an seiner Miene sogleich einen untergeordneten Agenten der Polizei erkannte. »Ihre Pariere?« fragte ihn dieser. »Meine Papiere?« wiederholte Gibassier erstaunt. »Bei Gott! Sie wissen wohl, daß man, um in einem Hotel-garni zu wohnen, Papiere haben muß.« »Das ist richtig,« sagte Gibassier, »nur glaubte ich nicht, man habe um von Bondy nach Paris zu gehen, einen Paß nöthig.« »Hat man seine Wohnung in Paris, oder man wohnt bei einem Freunde – nein; wohnt man aber in einem Hotel garni – ja.« »Ah! das ist richtig«« sprach Gibassier, der besser als irgend Jemand aus der Erfahrung, die er in der Vergangenheit hierüber gemacht hatte, die Nothwendigkeit eines Passes, um ein Lager zu finden, kannte; »man wird Ihnen auch seine Papiere zeigen.« Und er störte in allen Taschen seiner Castorine. Die Taschen der Castorine von Gibassier waren leer. »Was Teufels habe ich denn mit meinen Papieren gethan?« sagte er. Der Agent machte eine Geberde, die man mit den Worten übersetzen konnte: »Sobald ein Mensch seine Papiere nicht sogleich findet, findet er sie nie.« Und durch einen Wink empfahl er Wachsamkeit zwei in schwarze Ueberröcke gekleideten Männern, welche, dicke Stöcke tragend, unter dem Thore des Gasthauses warteten. »Ah! alle Wetter!« sagte Gibassier; »ich weiß, was ich mit meinen Papieren gemacht habe.« »Desto besser!« erwiderte der Agent. »Ich habe sie im Posthause von Bondy gelassen, als ich meine Courier-Verkleidung ablegte, um meine Postillons-Tracht anzuziehen.« »Wie?« fragte der Agent. »Ja,« sagte Gibassier lachend ; »zum Glücke brauche ich keine Papiere.« »Wie, Sie brauchen keine Papiere?« »Nein.« . Und sich dem Ohre des Agenten nähernd, sagte er: »Ich bin Einer der Ihrigen.« »Der Unserigen ?« »Ja, lassen Sie mich also passieren.« »Ah! Ah! Sie haben Eile, wie es scheint?« »Ich folge Jemand,« sagte Gibassier mit einer Miene des Einverständnisses und mit dem Auge blinzelnd. »Sie folgen Jemand?« »Ich folge einem Verschwörer, und zwar einem der Gefährlichsten.« »Wahrhaftig! Und wo ist dieser Jemand?« »Ei! Sie mußten ihn sehen: es ist der Mann, der so eben hinabging ; fünfzig Jahre, ergrauender Schnurrbart, bürstenförmig geschnittene Haare, militärische Tournure. Sie haben ihn nicht gesehen?« »Doch, ich habe ihn gesehen.« »Nun wohl ,« sagte Gibassier immer lachend, »er war es, den Sie verhaften mußten, und nicht ich.« »Ja, doch da er seine Papiere hatte, und zwar vollkommen in Ordnung, so ließ ich ihn passieren, und da Sie die Ihrigen nicht haben, so verhafte ich Sie.« »Wie! Sie verhaften mich?« »Allerdings; glauben Sie etwa,-ich werde mir Zwang anthun?« »Sie verhaften mich?« »Ja, Sie.« »Mich, den speziellen Agenten von Herrn Jackal?« »Der Beweis?« »Gut! ich werde Ihnen den Beweis geben, und das wird nicht schwierig sein.« »Geben Sie also.« »Doch mittlerweile entflieht vielleicht mein Mann!« rief Gibassier. »Ja, ich begreife, und Sie würden gern dasselbe thun wie er.« »Ich, entfliehen? Ah! warum denn? Man sieht wohl, daß Sie mich nicht kennen! Entfliehen, nein; ich finde meine neue Lage zu unangenehm . . . « »Gut! Gut!« sagte der Agent, »genug der Worte.« »Wie, genug der Worte . . . « »Ja, folgen Sie mir, oder . . . « »Oder?« »Oder man wird bewaffnete Mannschaft requirieren.« »Da ich Ihnen aber sage,« wiederholte Gibassier schäumend vor Zorn, »ich gehöre zur speciellen Polizei von Herrn Jackal.« Der Agent schaute ihn mit einer Miene der Verachtung an, welche bedeutete: »Sie abgeschmackter Mensch!« Und er zuckte die Achseln und winkte den zwei Agenten in schwarzem Ueberrock ihm zu Hilfe zu kommen. Sie kamen als zu dieser Uebung dressierte Leute herbei. »Nehmen Sie sich in Acht, mein Freund!« sagte Gibassier. »Ich bin nicht der Freund von Individuen, welche keinen Paß haben,« erwiderte der Agent. »Herr Jackal wird Sie streng bestrafen!« »Mein Befehl ist, auf die Polizei-Präfectur die Reisenden zu fuhren, welche keinen Paß haben; Sie haben keinen Paß, ich führe Sie auf die Polizei-Präfectur; nichts kann einfacher sein-« - »Aber, Donnerwetter, ich sage Ihnen . . . « »Zeigen Sie Ihr Auge.« »Mein Auge?« versetzte Gibassier. »Es ist gut für subalterne Agenten wie Sie, ein Auge zu haben; doch ich, ich . . . « »Ja, Sie haben zwei, ich begreife; nun wohl! dann werden Sie den Weg besser erkennen, dem wir folgen. Vorwärts!« »Sie wollen es?« »Ich glaube wohl, daß ich es will.« »Halten Sie sich nur an sich selbst wegen des Schlimmen, das Ihnen widerfahren wird.« »Vorwärts! Vorwärts! es ist genug in den Tag hinein geschwatzt; folgen Sie mir gutwillig, oder man wird genöthigt sein, Gewalt anzuwenden.« Und der Agent zog aus seiner Tasche ein hübsches kleines Paar Daumeneisen, das nur die Ehre haben wollte, Bekanntschaft mit den Händen von Gibassier zu machen. »Gut,« sagte Gibassier, der wohl einsah, in welcher falschen Stellung er sich befand, und in welche noch falschere er sich bringen konnte, »ich folge Ihnen.« »Dann werde ich die Ehre haben, Ihnen den Arm anzubieten, während diese zwei Herren hinter uns gehen sollen,« sagte der Agent, »denn Sie scheinen mir ein Bursche zu sein, der im Stande ist, sich an der nächsten Straßenecke aus dem Staube zu machen.« »Ich habe meine Pflicht gethan,« sprach Gibassier, indem er die Hand zum Himmel erhob, als wollte er ihn zum Zeugen nehmen, daß er in der That bis zum Ende gekämpft habe. »Rasch, Ihren Arm, und noch etwas Besseres!« Gibassier wußte, wie sich der Arm eines Menschen, den man verhaftet, aus den Arm des Mannes legt, der verhaftet. Er ließ sich also nicht mehr bitten und gewährte dem Agenten jede Leichtigkeit. Dieser erkannte einen Kunden. »Ah!« sagte er, »es ist nicht das erste Mal, daß Ihnen das begegnet, mein guter Mann.« Gibassier schaute den Agenten mit der Miene eines Mannes an, der in seinem Innern sagt: »Gut! doch wer zuletzt lacht, lacht am Besten.« Dann sprach er entschlossen laut: »Lassen Sie uns gehen!« Und Gibassier und der Agent verließen das Hotel du Grand-Turc wie zwei gute alte Freunde. Die zwei Polizeimenschen in schwarzem Ueberrocke kamen sodann, mit der zarten Aufmerksamkeit, daß sie sich den Anschein gaben, als gehörten sie, wie Grippe-Soleil, nicht zu der Gesellschaft von Monseigneur. IV Der Triumph von Gibassier Gibassier und der Agent wandten sich also oder der Polizeiagent wandte vielmehr Gibassier nach der Rue de Jerusalem. Man begreift, daß nach den durch den Beglaubiger der Passe genommenen Maßregeln jede Flucht unmöglich war. Fragen wir übrigens zum Ruhme von Gibassier bei, daß ihm der Gedanke, zu fliehen, nicht einmal kam. Mehr noch: das spöttische Aussehen seiner Physiognomie, das Lächeln des Mitleids, das auf seinen Lippen schwebte, wenn er den Agenten anschaute, die sorglose, ungezwungene, hochmüthige Art, wie er sich auf die Polizei-Präfectur führen ließ, offenbarten ein ruhiges Gewissen. Mit einem Worte, er schien seinen Entschluß gefaßt zu haben und ging mehr als ein stolzer Märtyrer, denn als ein ergebenes Opfer einher. Von Zeit zu Zeit warf ihm der Agent einen Seitenblick zu. Je näher Gibassier der Präfectur kam, desto mehr, statt sich zu verdüstern, heiterte sich seine Stirne auf; er dachte an den Sturm von Fluchen, den der Zorn von Herrn Jackal bei seiner Rückkehr auf das Haupt des unglücklichen Agenten würde fallen lassen. Diese Heiterkeit, welche wie eine Glorie um die reinen Stirnen glänzt, fing an den Führer von Gibassier zu erschrecken. Während des ersten Viertels vom Wege hatte er keinen Zweifel gehabt, er bringe einen wichtigen Fang; auf halbem Wege zweifelte er; aus drei Vierteln war er überzeugt, er habe eine Dummheit begangen. Der Zorn von Herrn Jackal, mit dem ihn Gibassier bedroht hatte, fing schon an, wie es ihm schien, schwer über seinem Haupte zu tosen. Eine Folge hiervon war, daß nach und nach der Arm des Agenten sich lockerte und dem Arme von Gibassier die Freiheit seiner Bewegungen ließ. Gibassier bemerkte diese relative Freiheit, die ihm gewährt wurde; da er sich aber nicht in der Ursache täuschte, welche die Armmuskeln seines Gefährten lockerte, so schien er nicht darauf Acht zu geben. Der Agent, der Danksagungen von seinem Gefangenen zu erhalten hoffte, ward äußerst unruhig, als er bemerkte, so wie sein eigener Arm sich abspanne, schließe sich der von Gibassier fester an. Er hatte einen Gefangenen gemacht, der ihn nicht loslassen wollte. »Teufel,« sagte er zu sich selbst, »sollte ich mich geirrt haben?« Er blieb einen Augenblick stehen, um zu überlegen, schaute Gibassier vom Kopfe bis zu den Füßen an, und da er sah, daß dieser ihn seinerseits von den Füßen bis zum Kopfe mit einer spöttischen Miene anschaute, welche immer mehr beunruhigend wurde, so sagte er zu ihm: »Mein Herr, Sie kennen die Strenge unserer Pflichten. Man sagt zu uns: »»Verhafte!«« und wir verhaften ; daraus geht zuweilen hervor, daß wir in beklagenswerthe Irrthümer verfallen. Es ist wahr, daß wir meistens Verbrecher festnehmen, es geschieht aber auch manchmal aus Irrthum, daß wir die Hand an ehrliche Leute legen.« »Sie glauben?« fragte Gibassier mit höhnischer Miene. »Und zwar an sehr ehrliche Leute,« wiederholte der Agent. Gibassier schaute ihn mit einer Miene an, welche bezeichnete: »Ich bin ein lebendiger Beweis hiervon.« Die Heiterkeit dieses Blickes verrückte dem Polizeimann vollends den Kopf, und im Tone ausnehmender Höflichkeit fügte er bei: »Mein Herr« ich befürchte, ich habe einen Mißgriff dieser Art begangen, doch es ist noch Zeit, ihn wieder gut zu machen.« »Ei! was wollen Sie damit sagen?« fragte verächtlich Gibassier. »Ich will sagen, mein Herr, ich befürchte einen ehrlichen Mann verhaftet zu haben.« »Ich glaube es wohl, bei Gott! daß Sie das befürchten müssen,« erwiderte der Galeerensklave, indem er ihn mit strengem Auge anschaute. »Ich hielt Sie beim ersten Anblicke für eine zweideutige Person; doch ich sehe nun, daß dem nicht so ist, und daß Sie im Gegentheile von den Unsern sind.« »Von den Ihrigen?« sagte verächtlich Gibassier. »Und,« fügte der Agent demüthig bei, »wie ich so eben bemerkte, da es noch Zeit ist, diesen kleinen Mißgriff wieder gut zu machen . . . « »Nein, mein Herr, es ist nicht mehr Zeit,« entgegnete lebhaft Gibassier, »denn in Folge dieses Mißgriffes ist der Mann, über den ich zu wachen beauftragt war, entkommen . . . Und was für ein Mann? Ein Verschwörer, der vielleicht in acht Tagen die Regierung umgestürzt haben wird . . . « »Mein Herr, wenn Sie wollen, so unternehmen wir Beide sogleich seine Verfolgung, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir Beide . . . « Es lag nicht in den Wünschen von Gibassier, mit irgend Jemand die Ehre des Fanges von Herrn Sarranti zu theilen. Er unterbrach auch seinen subalternen Collegen: »Nein, mein Herr, und Sie werden, wenns beliebt, vollenden, was Sie angefangen haben.« »Oh! Nein,« erwiderte der Agent. »Oh! ja«« sprach Gibassier. »Nein, und zum Beweise gehe ich.« »Sie gehen?« »Ja.« »Sie gehen, wie?« »Wie man geht. Ich bezeuge Ihnen meine Ehrfurcht und wende Ihnen den Rücken zu.« Und der Agent pirouettirte in der That auf seinen Absätzen und wandte Gibassier den Rücken zu, doch dieser packte ihn nun seinerseits beim Arme, ließ ihn einen Halbkreis links beschreiben, und sagte: »Nein, Sie haben mich verhaftet, um mich nach der Polizei-Präfectur zu führen, und Sie werden mich dahin führen. »Ich werde Sie nicht dahin führen.« »Oh! Sie werden mich dahin führen, alle Teufel! oder Sie werden sagen, warum nicht. Verliere ich meinen Mann« so muß Herr Jackal wissen, wer ihn mich verlieren gemacht hat.« »Nein, mein Herr, nein!« »Dann verhafte ich Sie und führe Sie auf die Präfectur, verstehen Sie wohl?« »Sie verhaften mich?« »Ja, ich.« »Und mit welchem Rechte?« »Mit dem Rechte des Stärkeren.« »Ich werde meine zwei Männer rufen.« »Thun Sie das nicht, oder ich rufe die Vorübergehenden. Sie wissen, daß Sie nicht angebetet sind, meine Herren von der Rothen, und ich erzähle, nachdem Sie mich ohne Grund verhaftet haben, wollen Sie mich freilassen, weil Sie wegen Ihres Mißbrauchs der Gewalt bestraft zu werden befürchten . . . wir sind, bei meiner Treue! so nahe am Flusse! . . . « Der Polizeimann wurde weiß wie ein Leintuch; die Vorübergehenden fingen in der That an sich anzuschaaren. Er wußte aus der Erfahrung, daß das Volk zu jener Zeit keine sehr große Zärtlichkeit für die Monchards hegte. Erschaute Gibassier mit einer so flehenden Miene an, daß dieser auf dem Punkte war, sich erweichen zu lassen. Doch genährt von den Maximen von Herrn von Talleyrand, drängte Gibassier diese erste Bewegung zurück: er mußte vor Allem bei Herrn Jackal gerechtfertigt sein. Er schloß daher seine Hand in Form einer Zange um das Faustgelenke des Agenten und führte ihn, vom Gefangenen Gendarme werdend, er mochte wollen oder nicht, auf die Präfectur. Der Hof der Präfectur war voll von einer ungewöhnlichen Menge. Was wollte diese Menge hier? Wir sagten in einem vorhergehenden Kapitel, man habe unbestimmt durch die Luft etwas wie die ersten Winde eines Aufstandes ziehen gefühlt. Diese Menge, welche den Hof füllte, bestand aus Personen, die eine Rolle beim Aufstande spielen sollten und hierher kamen, um das Losungswort zu holen. Gibassier, der seit Euer Jugend gewohnt war, in den Hof der Präfectur mit Handschellen einzutreten und sich, in einem vergitterten Wagen daraus zu entfernen, empfand eine Freude ohne Beimischung, als er in diesen Hof führend, statt geführt zu werden, eintrat. Der Eintritt von Gibassier war in der That ein Triumpheinzug. Er hielt den Kopf hoch und die Nase im Winde, während sein unglücklicher Gefangener ihm folgte wie eine rhedelos gemachte Fregatte dem hochbordigen Schiffe folgt, welches sie, alle Segel im Winde und mit wehender Flagge, im Schlepptau führt. Es herrschte einen Augenblick Zweifel in dieser ehrenwerthen Menge. Man glaubte Gibassier in seiner Bastide[2 - Bastide im Süden von Frankreich Landhaus, Lufthaus, wird im Scherze häufig für Galeeren gebraucht.] in Toulon, und nun erschien Gibassier plötzlich wie ein Chef in Funktion. Gibassier aber, als er sah, in welchem Zweifel man über ihn schwebte, grüßte nach rechts und nach links, die Einen mit einer freundschaftlichen Miene, die Anderen mit einer Protectorsmiene; so daß sich auf diese Begrüßung ein sanftes Gemurmel erhob und Mehrere mit einem Eifer auf ihn zukamen, der von ihrem Glücke, einen alten Collegen wiederzufinden, zeugte. Man wechselte tausend Händedrücke und tausend Complimente, und dies zur großen Verwirrung des Agenten, den Gibassier mit Mitleid anzuschauen anfing. Dann stellte man Gibassier dem Aeltesten der Brigade vor, einem ehrwürdigen Fälscher, der, unter gewissen zwischen ihm und Herrn Jackal verhandelten Bedingungen, in die Welt zurückgekehrt war. Er kam von Brest; er hatte auch Gibassier nicht gekannt, und Gibassier kannte ihn nicht; doch der Letztere hatte so oft bei seinen Abendgesellschaften an der Küste des Mittelländischen Meeres von diesem ausgezeichneten Greise reden hören, daß er seit langer Zeit seine ehrwürdigen Hände zu drücken wünschte. Der Aelteste empfing ihn väterlich. »Mein Sohn,« sprach er zu ihm, »längst wünschte ich Sie zu sehen. Ich habe Ihren Vater sehr gut gekannt . . . « »Meinen Vater?« versetzte Gibassier, der nie einen Vater von sich gekannt hattet »dieser Bursche ist glücklicher als ich.« »Es ist ein wahres Glück,« fuhr der Aelteste fort, »an Ihnen die Züge dieses rechtschaffenen Mannes wiederzufinden. Bedürfen Sie einiger Rathschläge, so wenden Sie sich an mich, mein Sohn; ich stelle mich zu Ihrer Verfügung.« Die ganze Gesellschaft schien neidisch auf dieses Patent eines großen Mannes zu sein, das ihr Aeltester Gibassier gegeben hatte. Sie umringte den Galeerensklaven, und nach fünf Minuten hatte Herr Bagnères de Toulon vor den Augen des durch einen solchen Triumph völlig verdummten Agenten tausend Dienstanerhieten und tausend Freundschaftsbetheuerungen empfangen. Gibassier scheute ihn mit der Miene eines Mannes an, welcher fragt: »Nun, habe ich Sie belogen?« Der Agent neigte dass Haupt. »Sagen Sie nun,« sprach Gibassier zu ihm, »gestehen Sie offenherzig, daß Sie nur ein Esel sind?« »Ich gestehe es offenherzig,« antwortete der Polizeimann, der wohl noch etwas ganz Anderes gestanden haben würde, hätte ihn Gibassier darum gebeten. »Nun wohl,« sagte Gibassier, »sobald Sie dies gestehen, ist die Ehre befriedigt, und ich verspreche Ihnen, mild gegen Sie bei der Rückkehr von Herrn Jackal zu sein.« »Bei der Rückkehr von Herrn Jackal?« fragte der Agent. »Ja, bei der Rückkehr von Herrn Jackal werde ich mich damit begnügen, daß ich ihm Ihren Mißgriff als ein Uebermaß von Eifer vorstelle. Sie sehen, daß ich ein guter Teufel bin.« »Herr Jackal ist schon zurückgekommen,« sagte der Agent, der, befürchtend, den guten Willen von Gibassier erkalten zu sehen, sich beeiferte, ihn unverzüglich zu benützen. »Wie! Herr Jackal ist zurückgekommen?« rief Gibassier. »Ja, allerdings.« »Und seit wann?« »Seit diesem Morgen um sechs Uhr-« »Und Sie sagten mir das nicht!« rief Gibassier mit donnernder Stimme. »Sie haben es mich nicht gefragt, Excellenz,« antwortete demüthig der Agent. »Sie haben Recht, mein Freund,« erwiderte Gibassier sich besänftigend. »Mein Freund!« murmelte der Agent; »Du hast mich Deinen Freund genannt, o großer Mann! befiehl, was ich für Dich thun kann!« »Zu Herrn Jackal wollen wir gehen, alle Teufel! und zwar ohne eine Minute zu Verlieren.« »Gehen wir,« sagte der Agent, indem er Schritte von einem Metre machte, während die Normaltrennung seiner Beine nur zwei und ein halber Fuß war. Gibassier grüßte die Versammlung zum letzten Male mit der Hand winkend, durchschritt den Hof, vertiefte sich ein paar Schritte unter dem Gewölbe, das dem Thore gegenüber liegt, wühlte links dieselbe kleine Treppe, die wir Salvator haben wählen sehen, stieg zwei Stockwerke hinauf, eilte durch einen düsteren Corridor rechts und kam vor die Thüre des Cabinets von Herrn Jackal. Der Aufwärter vom Dienste, der nicht Gibassier, sondern den Agenten erkannte, öffnete sogleich die Thüre von Herrn Jackal. »Nun, was machen Sie, Dummkopf?« fragte Herr Jackal. »Habe ich Ihnen nicht gesagt , ich sei nur für Gibassier zu Hause?« »Hier bin ich, lieber Herr Jackal!« rief Gibassier. Sodann sich gegen den Agenten umwendend: »Sie hören, er war nur für mich zu Hause?« Der Agent hielt sich mit beiden Händen an, um nicht auf die Kniee zu fallen. »Auf,« sagte Gibassier, »folgen Sie mir; ich habe Ihnen versprochen mild zu sein, und ich werde mein Versprechen halten.« Und er trat bei Herrn Jackal ein. »Wie, Sie sind es, Gibassier?« sagte der Chef: »ich hatte Ihren Namen aufs Gerathewohl genannt . . . « »Und ich bin äußerst stolz auf diese Erinnerung, mein Herr,« erwiderte Gibassier. »Sie haben also Ihren Mann verlassen?« fragte Herr Jackal. »Ach! Herr,« antwortete Gibassier, »er hat mich verlassen.« Herr Jackal faltete ernst die Stirne. Gibassier gab dem Agenten einen Stoß mit dem Ellenbogen, als als wollte er ihm sagen: »Sie sehen, daß Sie mich in eine abscheuliche Patsche gebracht haben.« »Herr,« sagte Gibassier auf den Schuldigen deutend, »befragen Sie diesen Mann; ich will seine Lage nicht erschweren; er wird Ihnen Alles sagen.« Herr Jackal hob seine Brille bis oben auf seine Stirne empor, um denjenigen zu erkennen, mit welchem er es zu thun hatte. »Ah! Du bist es, Fourrichon,« rief er; »nähere Dich und sage, in wie fern Du Ursache bist, daß meine Befehle nicht vollzogen worden sind.« Fourrichon sah, daß es nicht möglich war, Umschweife zu machen. Er faßte seinen Entschluß, und wie ein Zeuge vor vor einem Gerichte, sagte er die Wahrheit, die volle Wahrheit, nichts als die Wahrheit. »Sie sind ein Esel,« rief Herr Jackal dem Agenten zu. »Seine Excellenz der Herr Graf Bagnères de Toulon hat mir schon die Ehre erwiesen, dies zu sagen,« erwiderte der Polizeimann mit tiefer Zerknirschung. Herr Jackal schien zu suchen, wer die illustre Person sein könnte, welche ihm über Fourrichon eine so sehr mit der seinigen übereinstimmende Meinung aussprechend zuvorgekommen war. »Das bin ich,« sagte Gibassier, sich verbeugend. »Ah! sehr gut, sehr gut,« rief Herr Jackal, »Sie haben sich zum Agentilhom[3 - Agent-ilhomme im Französischen.] gemacht?« »Ja, Herr,« erwiderte Gibassier: »doch, ich muß Ihnen sagen, daß ich diesem Unglücklichen, kraft seiner tiefen Reue, Ihre ganze Nachsicht für ihn anzurufen versprochen habe. Er hat, bei meinem Worte! aus zu viel Eifer gesündigt.« »Auf die Bitte unseres Freundes Gibassier,« sprach mit Majestät Herr Jackal, »bewilligen wir Euch volle Vergebung Eurer Sünde. Geht im Frieden und sündigt fortan nicht mehr. Sodann, während er mit der Hand den unglücklichen Agenten entließ, der rückwärts wegging, sagte Herr Jackal: »Mein lieber Gibassier, wollen Sie mir die Ehre erweisen, die Hälfte meines Frühstücks anzunehmen?« »Mit wahrer Freude, Herr Jackal,« antwortete Gibassier. »Sehen wir also ins Speisezimmer,« sprach Herr Jackal, indem er ihm den Weg zeigte. Gibassier folgte Herrn Jackal. V Das zweite Gesicht Herr Jackal bezeichnete Gibassier mit der Hand einen Stuhl. Dieser Stuhl stand ihm gegenüber, auf der andern Seite des Tisches. Während er ihm den Stuhl bezeichnete, winkte er ihm, sich zu setzen; Gibassier aber, dem daran lag, Herrn Jackal zu zeigen, die Gesetze der Höflichkeit seien ihm nicht fremd, sagte: »Erlauben Sie mir vor Allem, lieber Herr Jackal, Ihnen zu Ihrer Rückkehr nach Paris Glück zu wünschen.« »Empfangen Sie von meiner Seite dieselben Glückwünsche zu demselben Gegenstande,« antwortete artiger Weise Herr Jackal. »Gern will ich glauben, daß Ihre Reise glücklich abgelaufen ist.« »Aeußerst glücklich, lieber Herr Gibassier; doch ich bitte, lassen wir die Complimente ruhen: machen Sie es wie ich, setzen Sie sich.« Gibassier setzte sich. »Nehmen Sie eine Cotelette.« Gibassier stach in eine Cotelette. »Reichen Sie Ihr Glas.« Gibassier reichte sein Glas. »So,« sagte Herr Jackal, »nun essen Sie, trinken Sie und hören Sie.« »Ich bin ganz Ohr,« erwiderte Gibassier, indeß er mit kräftigen Zähnen in seine Cotelette biß. »Sie haben also,« fuhr Herr Jackal fort, »Sie haben durch die Eselei dieses Agenten Ihren Mann aus dem Blicke verloren, lieber Herr Gibassier?« »Ach!« antwortete Gibassier, indem er den entblößten Knochen seiner Cotelette auf einen Teller legte, »Sie sehen mich hierüber in Verzweiflung! . . . Mit einer Mission von dieser Wichtigkeit betraut sein, sie zu seinem Ruhme, – man darf das Wort wohl sagen, – vollführen und im Hafen scheitern!« »Das ist Unglück.« »Lebte ich hundert Jahre, ich würde es mir nicht verzeihen.« sagte Gibassier. Und er machte eine Geberde der Verzweiflung. »Nun wohl,« sprach Herr Jackal nachdem er ein Glas Bordeaux geschlürft und seine Zunge hatte schnalzen lassen, »ich werde nachsichtiger sein, ich werde Ihnen verzeihen.« »Nein, nein, Herr Jackal, nein, ich nehme Ihre Verzeihung nicht an,« rief Gibassier; »ich habe mich benommen wie eine Auster; kurz gesagt, ich bin noch dümmer gewesen als der Agent.« »Was wollten Sie gegen ihn thun, mein lieber, Herr Gibassier! Mir scheint, es gibt ein auf diesen Gegenstand passendes Sprichwort: »»Gegen die Gewalt . . . «« »Ich mußte ihn mit einem Faustschlage zurichten und Herrn Sarranti nachlaufen.« »Sie hätten nicht zwei Schritte gemacht, ohne von den Agenten von der Wache verhaftet zu werden.« »Ho!« machte Gibassier, drohend wie Ajax den Göttern mit der Faust. »Ich wiederhole aber« daß ich Ihnen verzeihe!« sagte Herr Jackal. »Verzeihen Sie mir,« sprach Gibassier, auf die ausdrucksvolle Pantomime, der er sich überließ, verzichtend, »so haben Sie ein Mittel, unsern Mann wiederzufinden Sie werden mir erlauben, unser Mann zu sagen, nicht wahr?« »Ah! nicht schlecht!« erwiderte Herr Jackal, entzückt über diese Probe von Verstand, die ihm Gibassier dadurch gegeben, daß er errathen hatte, wenn er nicht unruhig sei, so habe er keinen Grund, es zu sein. »Nicht schlecht! und ich ermächtige Sie, mein lieber Gibassier, und wäre es nur, um Sie zu belohnen, Herrn Sarranti unsern Mann zu nennen; denn er gehört am Ende eben so sehr Ihnen, der Sie ihn verloren, nachdem Sie ihn entdeckt hatten, als mir, der ich ihn wiedergefunden, nachdem Sie ihn verloren hatten.« »Das ist nicht möglich,« sagte Gibassier erstaunt. »Was ist nicht möglichst« »Daß Sie ihn wiedergefunden haben.« »Es ist dennoch so.« »Wie kann das sein? es ist kaum eine Viertelstunde, daß ich ihn verloren habe.« »Und es sind kaum fünf Minuten, daß ich ihn wiedergefunden habe.« »So halten Sie ihn also in Ihren Händen?« »Oh! nein; Sie wissen, daß wir auf eine ganz besondere Art mit ihm verfahren müssen. Ich werde ihn haben, oder Sie werden ihn vielmehr haben . . . Nur verlieren Sie ihn nicht, denn ich könnte ihn schicklicher Weise nicht anschlagen lassen.« Es war auch die Hoffnung von Gibassier, ihn wiederzufinden. Es war am Tage vorher in der Rue des Postes zwischen den vier Verschwornen und Herrn Sarranti Rendez-vous in der Himmelfahrts-Kirche verabredet worden; Herr Sarranti konnte aber einen Zweifel fassen und sich nicht in diese Kirche begeben. Überdies wollte Gibassier nicht das Ansehen haben, er besitze zum Voraus dieses Merkzeichen. Er war also entschlossen, auf Rechnung seines Genies das Wiederentdecken von Herrn Sarranti zu setzen. »Und wie werde ich ihn wiederfinden?« fragte Gibassier. Indem Sie seine Spur verfolgen.« »Ich habe sie aber verloren . . . « »Gibassier« es gibt keine verlorene Spur bei einem Jäger wie ich und einem Leithunde wie Sie.« »Dann,« sprach Gibassier, überzeugt, Herr Jackal prahle und wolle ihn auf das Aeußerste treiben, »dann ist kein Augenblick zu verlieren.« Und er stand auf, als wollte er Herrn Sarranti nachlaufen. »Im Namen Seiner Majestät, der Sie die Krone zu retten die Ehre haben, danke ich Ihnen für, diesen edlen Eifer, lieber Herr Gibassier,« sagte Herr Jackal. »Ich bin der demüthigste« aber der ergebenste Unterthan Seiner Majestät,« erwiderte Gibassier, indem er sich mit Bescheidenheit verbeugte. »Gut!« sprach Herr Jackal; »und seien Sie überzeugt, daß Ihre Ergebenheit belohnt werden wird. Die Könige sind es nicht, die man des Undanks beschuldigen kann.« »Nein, es sind die Völker,« erwiderte Gibassier, philosophisch die Augen zum Himmel aufschlagend. »Ah! . . . « »Bravo!« »In jedem Falle, lieber Herr Jackal, abgesehen vom Undanke der Könige und von der Dankbarkeit der Völker, lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich ganz zu Ihrer Verfügung bin.« »Sie werden mir wohl die Freundschaft erweisen, einen Flügel von diesem Huhne zu essen.« »Wenn er uns aber entkommt, während wir von diesem Flügel essen werden?« »Er entkommt uns nicht; er wartet auf uns.« »Wo dies ?« »In der Kirche.« Gibassier schaute Herrn Jackal mit wachsendem Erstaunen an. Wie war Herr Jackal über diesen Punkt beinahe so gut unterrichtet als er? Gleichviel, er beschloß zu sehen, wie weit das Wissen vom Herrn Jackal gehe. »In der Kirche!« rief er. »Ich hätte es vermuthen müssen.« »Und warum dies?« fragte Herr Jackal »Weil ein Mann« der mit dieser Blitzesschnelligkeit auf den Landstraßen fährt, keine andere Entschuldigung hat, als er eile zu seinem Seelenheile.« »Immer besser, lieber Herr Gibassier,« sagte der Polizeichef. »Ich sehe, Sie sind ein wenig Beobachter, und ich wünsche Ihnen Glück hierzu, weil es fortan Ihr Geschäft sein wird, zu beobachten. Ich wiederhole Ihnen also, in der Kirche werden Sie Ihren Mann finden.« Gibassier wollte sehen, ob Herr Jackal bis ans Ende unterrichtet sei. »In welcher Kirche?« fragte er in der Hoffnung, eine schwache Seite bei ihm zu finden. »In der Himmelfahrts-Kirche,« antwortete einfach Herr Jackal. Gibassier ging von einem Erstaunen zum andern über. »Sie kennen wohl die Himmelfahrts-Kirche?« sagte Herr Jackal, als er sah, daß Gibassier nicht antwortete.« »Bei Gott!« erwiderte Gibassier. »Doch vom Hörensagen, ohne Zweifel, denn ich glaube nicht, daß Sie ein Mann von sehr inbrünstiger Frömmigkeit sind.« »Ich habe meinen Glauben wie Jedermann.« antwortete Gibassier, indem er seine Augen gottselig zum Himmel aufschlug. »Es wäre mir nicht unangenehm, hierüber erbaut zu werden,« sagte Herr Jackal« während er Gibassier den Kaffee einschenkte, »und hätten wir einige Augenblicke mehr, so würde ich Sie gern bitten, mir Ihr theologisches System auseinanderzusetzen. Wir haben, wie Sie wissen, große Theologen in der Rue de Jerusalem. Die Gewohnheit des Klosterlebens mußte Sie zur Meditation führen. Es wäre mir also, fehlte es uns nicht an Zeit, ein wahres Vergnügen, Sie eine These über diesen Gegenstand behaupten zu sehen. Leider rückt die Stunde vor, und wir haben wahrhaftig heute keine Muße. Doch Sie geben mir Ihr Wort, daß die Partie nur aufgeschoben ist.« Gibassier hörte mit den Augen blinzelnd und schlürfte dabei seinen Kaffee. »Sie werden also Ihren Mann in der Himmelfahrts-Kirche treffen,« fuhr Herr Jackal fort. »In der Frühmette, in der Complete oder in der Vesper?« fragte Gibassier, »mit einem unbeschreiblichen Ausdrücke von Bosheit und Naivität. »Zur Stunde der großen Messe.« »Gegen halb zwölf Uhr also?« »Seien Sie um halb zwölf Uhr dort, wenn Sie wollen; doch unser Mann wird kaum vor Mittag kommen.« Das war in der That die verabredete Stunde. »Es ist elf Uhr!« rief Gibassier auf die Pendeluhr schauend. »Warten Sie doch, Sie Ungeduldiger! Sie werden sich wohl Zeit lassen, Ihr Gloria zu sprechen!« Und er goß ein Gläschen Liqueur in die Tasse von Gibassier. »Gloria in excelsis!« sprach Gibassier, indem er die Tasse mit beiden Händen aufhob, wie wenn er ein Rauchfaß aufgehoben hätte. Herr Jackal neigte das Haupt wie ein Mann, der überzeugt ist, er verdiene diese Ehre. »Lassen Sie mich Ihnen nun Eins sagen,« sprach Gibassier, »was nichts Ihrem Verdienste benimmt, vor dem ich mich verbeuge und dem ich volle Ehre widerfahren lasse.« »Nun?« »Ich wußte Alles dies wie Sie.« »Ah! wahrhaftig!« »Ja, und ich habe es auf folgende Art erfahren.« Alsdann erzählte Gibassier Herrn Jackal die ganze Geschichte der Rue des Postes, wie er sich für einen Assiliirten ausgegeben, wie er in das Haus eingetreten, wie verabredet worden sei, daß man sich am Mittag in der Himmelfahrts-Kirche einfinden sollte . Herr Jackal hörte mit einer Aufmerksamkeit, welche eine stumme Huldigung für den Scharfsinn von Gibassier war. »Sie glauben also,« sagte er, als Gibassier geendigt hatte, »Sie glauben, es werden viele Menschen bei dieser Beerdigung sein?« »Wenigstens hunderttausend Personen.« »Und in der Kirche ?« »Alles, was sie fassen kann: wenigstens zwei- bis dreitausend Individuen.« »Es wird nicht leicht sein, Ihren Mann unter einer solchen Menge zu finden, mein lieber Gibassier.« »Gut! das Evangelium sagt: »»Suche, und Du wirst finden.«« »Nein, ich will Ihnen die Mühe ersparen, zu suchen.« »Sie?« »Ja, auf den Schlag zwölf Uhr werden Sie ihn an den dritten Pfeiler, links vom Eingange in die Kirche, angelehnt und mit einem Dominicanermönche sprechend finden. Die Gabe des doppelten Gesichtes war diesmal Herrn Jackal so reichlich gewährt, daß Gibassier sich verneigte, ohne etwas zu sagen, und gebeugt unter einer solchen Ueberlegenheit seinen Hut nahm und abging. VI Zwei Landstraßen-Cavaliere Gibassier eilte aus dem Hotel der Rue de Jerusalem gerade in dem Augenblicke weg, wo, nachdem er das Portrait des heiligen Hyacinth bei Carmelite abgegeben hatte, Dominique mit großen Schritten die Rue de Tournon hinabging. Der Hof der Präfectur war leer; eine Gruppe von drei Männern stationierte allein hier. Bon dieser Gruppe trennte sich ein Mensch, und Gibassier erkannte in diesem magern Männchen mit dem olivenfarbigen Teint, mit den glänzend schwarzen Augen, mit den schimmernden Zähnen, der sich ihm näherte, Gibassier erkannte, sagen wir, seinen Collegen Carmagnole, den Vertrauten von Herrn Jackal, denselben, der ihm nach Kehl die Befehle des gemeinschaftlichen Herrn überbracht hatte. Gibassier wartete mit einem Lächeln auf den Lippen. Die zwei Männer grüßten sich. »Sie gehen in die Himmelfahrts-Kirche?« fragte Carmagnole. »Haben wir nicht den sterblichen Ueberresten eines großen Philanthropen die letzte Ehre zu erweisen?« erwiderte Gibassier. »Ganz richtig, und ich lauerte auf Sie bei Ihrem Abgange von Herrn Jackal, um einen Augenblick von unserer doppelten Sendung mit Ihnen zu reden.« »Mit großem Vergnügen. Plaudern wir gehend oder gehen wir plaudernd. Die Zeit wird uns nicht lang scheinen, mir besonders.« Carmagnole verbeugte sich. »Sie wissen, was wir dort thun sollen ?« »Ich, ich gehe dahin, um nicht aus dem Gesichte einen Mann zu verlieren, welchen ich an den dritten Pfeiler linke angelehnt und mir einem Mönche sprechend finden werde,« sagte Gibassier, der sich nicht von seinem Erstaunen über die Genauigkeit, mit der Herr Jackal unterrichtet war, erholen konnte. »Und ich, ich gehe dahin, um diesen Mann zu verhaften.« »Wie, um ihn zu verhaften?« »Ja, in einem gegebenen Augenblicke: dies Ihnen zu sagen hin ich beauftragt.« »Sie sind beauftragt, Herrn Sarranti zu verhaften?« »Nein, Herrn Dubreuil; das ist der Name seiner Wahl, – er wird sich nicht zu beklagen haben.« »Dann weiden Sie ihn als Verschwörer Verhaften?« »Nein, als Aufruhrstifter.« »Wir werden also einen ernsten Aufruhr haben?« »Ernst, nein; doch wir werden einen haben.« »Finden Sie es nicht unklug, mein lieber College,« sagte Gibassier, indem er stehen blieb, nun seinen Worten mehr Gewicht zu gehen, »finden Sie es nicht unklug, einen Ausstand an einem Tage wie dieser zu riskieren, wo ganz Paris auf den Beinen ist?« »Ja, allerdings, doch Sie kennen das Sprichwort: »»Wer nichts wagt, gewinnt nichts.«« »Gewiß; diesmal spielen wir aber um Alles gegen Alles.« »Nur spielen wir mit falschen Würfeln.« Diese Bemerkung beruhigte Gibassier ein wenig. Und dennoch blieb sein Gesicht unruhig oder vielmehr nachwirkend. Waren es die, Leiden, welche Gibassier in der Tiefe des Puits-qui-parle ausgestanden hatte, und die sich, nur Tage vorher durch die Erinnerung wiederlebt, so übersetzten? hatten die Strapazen einer hastigen Reise und einer raschen Rückkehr aus seine Stirne das trügerische Siegel des Spleen gedrückt? Immerhin ist gewiß, daß der Graf Bagnères de Toulon in diesem Augenblicke einer großen Sorge oder einer lebhaften Unruhe preisgegeben schien. Carmagnole bemerkte dies und konnte sich nicht enthalten, ihn nach der Ursache in dem Augenblicke zu fragen, wo er sich mit ihm um die Ecke des Quai und der Place Saint-Germain-l’Auxerrois wandte. »Sie sehen sorgenvoll aus,« sagte er zu ihm. Gibassier erwachte aus seiner Träumerei und schüttelte den Kopf. »Wie?« sagte er. Carmagnole wiederholte die Frage. »Ja, es ist wahr,« erwiderte Gibassier; »Eines setzt mich in Erstaunen, mein Freund.« »Teufels das ist eine große Ehre für dieses Eine.« »Beschäftigt mich also.« »Sprechen Sie! und kann ich Sie von dieser Sorge befreien, so werde ich mich als den glücklichsten Menschen betrachten.« »Hören Sie. Herr Jackal hat mir gesagt, ich werde unsern Mann auf den Schlag zwölf Uhr in der Himmelfahrts-Kirche um dritten Pfeiler links dem Eingange finden.« »Am dritten Pfeiler, ja.« »Und mit einem Mönche sprechend.« »Mit seinem Sohne, dem Abbé Dominique.« Gibassier schaute Carmagnole mit derselben Miene an, mit der er Herrn Jackal angeschaut hatte. »Nun,« sagte er, »ich hielt mich für stark; es scheint, ich täuschte mich.« »Warum diese Demuth?« fragte Carmagnole. Gibassier blieb einen Augenblick stumm; er machte offenbar unerhörte Anstrengungen, um mit den Augen des Luchses die Finsternis, die ihn verblendete, zu durchdringen. »Nun wohl,« sagte er, »es ist hierin eine äußerst falsche Kunde.« »Warum dies?« »Oder, wenn sie wahr ist, so erfüllt sie mich zugleich mit Erstaunen und mit Bewunderung.« »Für wen?« »Für Herrn Jackal.« Carmagnole nahm seinen Hut ab, wie es der Chef einer Seiltänzerbande thut , wenn man dem Maire und den bestehenden Behörden spricht. »Und was für eine Kunde ist das?« fragte er. »Das ist die vom Pfeiler und vom Mönche. Daß Herr Jackal die Vergangenheit weiß, daß Herr Jackal sogar die Gegenwart weiß, ich gebe es zu . . . « Carmagnole folgte jedem Satze von Gibassier mit einer bejahenden Kopfbewegung. »Daß er aber auch die Zukunft weiß, das übersteigt meine Fassungskraft, Carmagnole.« Carmagnole lachte seine weißen Zähne zeigend. »Und wie erklären Sie sich, daß er die Vergangenheit und die Gegenwart weiß?« fragte Carmagnole »Daß Herr Jackal errathen hat, Herr Sarranti werde in die Kirche gehen, nichts kann einfacher sein: in dem Augenblicke, wo man den Umsturz einer Regierung versuchend sein Leben wagt, ist es ganz natürlich, daß man die Hilfe der Religion und den Beistand der Heiligen anfleht. Daß er errathen hat, Herr Sarranti werde die Himmelfahrts-Kirche wählen, nichts kann einfacher sein, da diese Basilika dazu bestimmt ist, heute als Herd der Empörung zu dienen.« Carmagnole billigte fortwährend durch Kopfbewegungen. »Daß er errathen hat, Herr Sarranti werde dort eher um Mittag als um elf Uhr, um halb zwölf Uhr, um drei Viertel aus zwölf Uhr sein, nichts ist leichter: ein Verschwörer, der einen Theil der Nacht in der Ausübung seines Handwerks zugebracht hat, würde, ist er nicht ein ultrarobuster Bursche, nicht in der ersten Frühmesse absichtlich schnattern gehen. Daß er entdeckt hat, er werde sich an einen Pfeiler anlehnen, darin finde ich auch nichts Wunderbares; nach drei bis vier Tagen und eben so vielen Nächten auf der Reise ist es nicht erstaunlich, daß er sich, eine gewisse Müdigkeit fühlend, um auszuruhen, an einen Pfeiler anlehnt. Daß er endlich durch eine logische Deduktion errathen hat, ich werde meinen Mann eher links, als rechts finden, das begreife ich auch, da die linke Seite natürlich von einem Chef der Opposition gewählt werden muß. Alles dies ist geschickt, außerordentlich, aber durchaus nicht wunderbar, da es mir gelingt, mir darüber Aufschluß zu geben. Was mich aber wundert, was mich in Erstaunen seht, was mich verdutzt, was mich in eine unbegreifliche Verwirrung versenkt . . . « Gibassier hielt inne, als wollte er durch einen doppelten Verstandesaufwand dazu gelangen, das Räthsel zu errathen. »Nun, das ist?« fragte Carmagnole. »Wie Herr Jackal die Nummer des Pfeilers, an den er sich anlehnen würde, die Stunde, zu der er sich daran anlehnen würde, und den Umstand hat errathen können, es werde ein Mönch kommen und mit ihm sprechen, indeß er daran angelehnt wäre.« »Wie!« sagte Carmagnole, »dies ist es, was Sie in Verlegenheit setzt und Ihre Stirne mit einer Wolke bedeckt, Herr Graf?« »Nichts Anderes, Carmagnole,« antwortete Gibassier. »Nun, das ist so einfach, als alles Uebrige.« »Bah!« »Es ist sogar noch einfacher.« »Wirklich?« »Bei meiner Ehre!« »Wollen Sie mir die Freundschaft erweisen, mir dieses Geheimniß zu enthüllen?« »Mit dem größten Vergnügen.« »Ich höre.« »Kennen Sie die Barbette?« »Ich kenne eine Straße dieses Namens, welche bei der des Trois-Pavillons anfängt und bei der Vielle-Rue-du-Temple endigt.« »Das ist es nicht.« »Ich kenne die Porte Barbette, welche einen Theil der Ringmauer von Philipp-August bildete und ihren Namen Etienne Barbetea Straßenaufseher von Paris, Münzmeister und Handlungsvorstand, verdankte.« »Das ist es auch nicht.« »Ich kenne das Hotel Barbette, wo Isabelle von Baiern den Dauphin Karl VII. gebar. Der Herzog von Orleans kam aus diesem Hotel, als er am 23. November 1407. in einer sehr regnerischen Nacht ermordet wurde.« »Genug!« rief Carmagnole, der erstickte wie ein Mensch, den man eine Säbelklinge verschlingen läßt, »genug! einige Worte mehr, Gibassier, und ich verlange für Sie einen Lehrstuhl der Geschichte.« »Das ist wahr,« erwiderte Gibassier, »immer war es die Gelehrsamkeit, was mich zu Grunde gerichtet hat; doch von welcher Barbette sprechen Sie? von der Straße, vom Thore oder vom Hotel?« »Weder von der einen, noch vom andern, illustrer Baccalaureus,« sagte Carmagnole, indem er Gibassier mit Bewunderung anschaute und seine Börse von seiner rechten Tasche in seine linke übergehen ließ, das heißt, die ganze Dicke seines Leibes zwischen sie und seinem Gefährten setzte, denn vielleicht mit Recht glaubte er, er habe Alles zu erwarten von Seiten eines Menschen, der zugestand, er wisse so viele Dinge, und ohne Zweifel noch mehr wußte, als er zugestand. »Nein,« fuhr Carmagnole fort, »meine Barbette ist eine Stühlevermietherin in der Saint-Jacques-Kirche und wohnt in der Impasse des Vignes.« »Ah! was ist eine Stühlevermietherin von der Impasse des Vignes,« sagte Gibassier verächtlich, »und was für eine armselige Gesellschaft besuchen Sie, Carmagnole?« »Man muß ein wenig von Allem sehen, Herr Graf.« »Nun?« »Ich sage also, die Barbette vermiethe Stühle, und zwar Stühle, auf welche mein Freund Longue-Avoine . . . Sie kennen Longue-Avoine?« »Vom Gesichte.« »Stühle, auf welche sich zu sehen mein Freund Longue-Avoine nicht verachtet.« »Und welche Beziehung hat diese Frau, die Stühle vermiethet, auf die sich zu setzen Ihr Freund Longue-Avoine nicht verachtet, zu dem Geheimnisse, das ich zu ergründen wünschte?« »Eine unmittelbare Beziehung.« »Lassen Sie hören,« sagte Gibassier, während er mit den Augen blinzelnd stehen blieb und seine Daumen auf seinem Bauche sich drehen ließ, das heißt, alle Mittel der Stimme und der Geberde anwandte, um zu sagen: »Ich verstehe nicht!« Carmagnole hielt lächelnd und sich an seinem Triumphe weidend auch an. Es schlug drei Viertel auf zwölf Uhr in der Himmelfahrts-Kirche. Die zwei Männer schienen jeden fremden Gedanken zu verjagen, um die Stunde schlagen zu hören. »Drei Viertel auf zwölf Uhr,« sagten sie. »Gut! wir haben Zeit.« Dieser Ausruf bewies, mit welcher Aufmerksamkeit Jeder die Conversation verfolgte, in die er mit seinem Gefährten vertieft war. Da sich aber die Aufmerksamkeit noch lebhafter bei Gibassier, als bei Carmagnole erregt fand, insofern Gibassier es war, der fragte, und Carmagnole, der antwortete, so sagte Gibassier: »Ich höre.« »Sie wissen vielleicht nicht, mein lieber College, da Sie nicht dieselben Neigungen wie ich für unsere heilige Religion haben, Sie wissen nicht, daß die Stühlevermietherinnen sich kennen wie die fünf Finger der Hand.« »Ich gestehe, daß ich das durchaus nicht wußte,« erwiderte Gibassier mit jener erhabenen Offenherzigkeit der starken Männer. »Nun wohl,« sagte Carmagnole, ganz stolz, einen so gelehrten Mann etwas gelehrt zu haben, »diese Stühlevermietherin der Saint-Jacques-Kirche . . . « »Die Barbette?« unterbrach Gibassier, nur zu beweisen, daß er nicht ein Wert dem Gespräche verlor. »Die Barbette, ja, steht in einer engen Freundschafteverbindung mit der Stühlevermietherin von Saint-Sulpice, welche Stühlevermietherin in der Rue du Pot-de-Fer wohnt.« »Ah!« rief Gibassier durch einen Schein geblendet. »Sie fangen an dabei zu sein, nicht wahr ?« »Das heißt, ich erschaue undeutlich, ich wittere, ich errathe.« »Nun wohl, unsere Stühlevermietherin von Saint-Sulpice ist, wie ich Ihnen vorhin sagte, Concierge des Hauses, bis zu dessen Thüre Sie gestern Abend Herrn Sarranti gefolgt sind, und in welchem sein Sohn, der Abbé Dominique, wohnt.« »Immer zu,« sprach Gibassier, der um keinen Preis der Welt den Faden, den er so eben erwischt hatte, verlieren wollte. »Nun wohl, der erste Gedanke, der Herrn Jackal kam, als er diesen Morgen den Brief empfing, in welchem Sie ihm Ihre Reisebeschreibung von gestern gaben, war, da er sah, Sie haben Herrn Sarranti bis zur Thüre eines Hauses der Rue du Pot-de-Fer verfolgt, mich holen zu lassen, um mich zu fragen, ob ich nicht Jemand in diesem Hause kenne. Sie begreifen, lieber Gibassier, meine Freude war groß, als ich erkannte, es sei dasjenige, dessen Bewachung der Thürschnur der Freundin der Freundin meines Freundes anvertraut sei. Ich nahm mir nur die Zeit, ein bejahendes Zeichen zu machen, und lief zu Barbette. Ich wußte, ich werde Longue-Avoine bei ihr finden: das ist die Stunde, wo er seinen Kaffee zu sich nimmt. Ich lief also nach der Impasse des Vignee; Longue-Avoine war dort. Ich sagte ihm zwei Werte in’s Ohr; er sagte vier ins Ohr von Barbette, und diese ging auf der Stelle ab, um einen kleinen Besuch ihrer Freundin, der Stühlevermietherin von Saints-Sulpice, zu machen.« »Ah! Nicht schlecht, nicht schlecht,« sprach Gibassier, der die ersten Sylben der Charade zu errathen anfing. »Fahren Sie fort, ich verliere kein Wort.« »Diesen Morgen gegen halb neun Uhr begab sich also die Barbette in die Rue du Pot-de-Fer. Ich sagte Ihnen, glaube ich, mit vier Worten habe sie Longue-Avoine über die Sache unterrichtet. Das Erste, was sie nun in der Ecke von einer der Fensterscheiben erblickte, war ein Brief an Herrn Dominique Sarranti adressiert. »Sprich !«« sagte die Barbette zu ihrer Freundin, »»Dein Mönch ist also noch nicht zurückgekehrt?«« »»Nein,«« erwiderte die Andere, »»doch ich erwarte ihn jede Stunde.«« »»Es ist erstaunlich, daß er so lange ausbleibt.«« »»Weiß man je, was das macht, die Mönche? Doch warum sprichst Du von ihm?«« »»Weil ich dort ganz einfach einen Brief an seine Adresse sehe,«« antwortete die Barbette. »»Ja, das ist ein Brief, den man gestern Abend für ihn gebracht hat.«« »»Es ist possierlich,«« sagte die Barbette, »»man sollte glauben, es sei eine Frauenhandschrift.««« »»Bei meiner Treue, nein,«« entgegnete die Andere. »»Ah! ja wohl, Frauen . . . Seit den fünf Jahren, die der Abbé Dominique hier wohnt, habe ich nicht die Schnauze von einer einzigen gesehen.«« »»Ah! Sie mögen immerhin sagen . . . «« »»Nein, nein, da es ein Mann ist, der ihn hier geschrieben hat, und er hat mir sogar noch sehr bange gemacht.«« »»Oh ! sollte er Sie beleidigt haben, Gevatterinß«« »»Nein, Gott sei Dank, das kann ich nicht sagen. Aber sehen Sie, es scheint, ich dusselte ein wenig; ich öffnete die Augen, und plötzlich sah ich vor mir einen großen, ganz schwarzen Mann.«« »»War es zufällig der Teufel?«« »»Nein; denn nach seinem Abgange hätte ich den Schwefel gerochen . . . Da fragte er mich, ob der Abbé Dominique zurückgekommen sei. »Nein,« antwortete ich ihm, »noch nicht.« »– Wohl, so sage ich Ihnen, daß er heute Abend oder morgen früh zurückkommen wird.« Das war gräßlich genug, wie mir scheint!«« »»Ja.«« »– Ah!« erwiderte ich, »– er wird heute Abend oder morgen früh zurückkommen? Nun wohl, das freut mich, so wahr ich Perine heiße.« »– Ist er Ihr Beichtvater?« fragte er mich lachend. »– Mein Herr-Hi antwortete ich, »– erfahren Sie, daß ich nicht jungen Leuten von seinem Alter beichte.« »– Ah! . . . Nun, so thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie ihm . . . Doch nein, es ist besser . . . Haben Sie eine Feder, Papier und Tinte?« »– Bei Gott! eine schöne Frage!« »—Ich will ihm schreiben; geben Sie mir, was ich hierzu brauche.« Ich gab ihm seine Tinte, seine Feder und sein Papier, und er schrieb diesen Brief. »– Haben Sie nun Oblaten oder Siegellack?« fragte er. »– Oh! was das betrifft, nein,« antwortete ich ihm,« »das habe ich nicht.« »»Sie hatten dass nicht?«« bemerkte die Barbette. »»Doch! Warum soll ich aber Unbekannten ein Geschenk mit meinem Siegellack und mit meinen Oblaten machen?«« »»In der That, das wäre mit der Zeit ein Ruin.« »»Ah! es ist nicht gerade wegen des Ruins; doch es hat das Ansehen, als mißtraute man den Leuten, wenn man von ihnen etwas zum Versiegeln der Briefe verlangt.«« »»Ja, und dann geniert das, will man den Brief lesen, wenn sie abgegangen sind; aber«« fuhr die Barbette fort, indem sie einen Blick auf den Brief warf, »»wie kommt es, daß er gesiegelt ist?«« »»Oh! sprechen Sie mir nicht hiervon! er störte in seinem Portefeuille und suchte so lange, bis er eine alte Oblate fand.«« »»So daß Sie nicht wissen, was der Brief enthält?«« »»Bei meiner Treue, nein. Wozu sollte es mich auch nützen, zu wissen, daß Herr Dominique sein Sohn ist, daß er Herrn Dominique heute um Mittag in der Himmelfahrts-Kirche an den dritten Pfeilen, links vom Eingange, angelehnt erwarten wird, und daß er unter dem Namen Dubreuil in Paris ist?«« »»Sie haben den Brief also doch gelesen?«« »»Oh! ich habe ihn ein wenig klaffen lassen: ich wurde neugierig, zu erfahren, warum er durchaus eine Oblate haben wollte.«« »Gerade in diesem Augenblicke hörte man die Glocke von Saint-Sulpice. »»Ah!«« rief bis Partière der Rue du Pot-de-Fer, »»und ich vergaß . . . «« »»Was denn?«« »»Daß um neun Uhr ein Begräbniß stattfinden. Gut! und mein Schlingel von einem Manne ist trinken gegangen! Immer dieselben Streiche, was! Er macht immer dieselben Streiche! Durch wen soll ich meine Thüre bewachen lassen? Durch meine Katze?«« »»Nun, bin ich denn nicht da?«« fragte die Barbette. »»Wahrhaftig?«« sagte die Andere, »»Sie würden mir einen solchen Dienst thun?«« »»Oh! wie einfältig! muß man sich nicht auf dieser Welt einander beistehen ?«« »Und auf diese Versicherung ging die Stühlevermietherin von Saint-Sulpice, um ihren Geschäften obzuliegen.«« »Ja, ich begreife,« sagte Gibassier, »und die Barbette, als sie allein war, ließ den Brief ebenfalls klaffen.« »Ah! sie hielt ihn über den Dampf des Siedekessels, öffnete ihn und schrieb ihn ab, so daß wir zehn Minuten nachher den ganzen Brief hatten.« »Und der Brief sagte?«« »Was die Portiere von Nr. 28 schon gesagt hatte. Uebrigens ist hier der Text,« erwiderte Carmagnole. Und er zog ein Papier aus seiner Tasche und las laut, während Gibassier leise las: »Mein lieber Sohn, ich bin seit heute Abend unter dem Namen Dubreuil in Paris: mein erster Besuch hat Dir gegolten. Man sagt mir, Du seist nicht zurückgekehrt, man habe Dir aber meinen ersten Brief zugeschickt, und Du kannst folglich nicht säumen. Kommst Du heute Nacht oder morgen früh an, so findest Du mich um Mittag in der Himmelfahrts-Kirche: ich werde an den dritten Pfeiler, vom Eingange links, angelehnt sein.« »Ah!« sagte Gibassier, »sehr gut!« Und da sie so von ihren Angelegenheiten und von denen Anderer plaudernd zur letzten Stufe der Vorhalle der Himmelfahrts-Kirche gelangt waren, so traten sie in die Kirche ein, als es eben Mittag schlug. Am dritten Pfeiler links stand Herr Sarranti angelehnt, während bei ihm knieend Dominique, ohne von Jemand gesehen zu werden, ihm die Hand küßte. Wir täuschen uns, er war von Gibassier und von Carmagnole gesehen worden. VII Wie man einen Aufstand macht Ein Blick genügte den zwei Männern; sie drehten sich sogleich auf den Absätzen und wandten sich nach der entgegengesetzten Seite, das heißt gegen den Chor. Als sie sich aber wieder umdrehten und zurückkamen, kniete Dominique immer noch auf derselben Stelle, doch Herr Sarranti war nicht mehr da. Es hätte, wie man sieht, wenig gebraucht, daß die Unfehlbarkeit von Herrn Jackal von Gibassier in Zweifel gezogen werden konnte, nichtsdestoweniger war seine Bewunderung für den Polizeichef nur größer; die Scene, die er bezeichnet, das Gemälde, das er beschrieben, hatten nur die Dauer des Blitzes gehabt, doch Scene und Gemälde hatten existiert. »Ei! Ei!« sagte Carmagnole« »ich sehe immer noch den Mönch, doch ich sehe unseren Mann nicht mehr.« Gibassier erhob sich auf den Fußspitzen, schoß seinen geübten Blick in die Tiefen der Kirche, und lächelte. »Ich sehe ihn,« legte er. »Wo denn?« »Zu unserer Rechten, in schräger Linie.« »Ich folge.« »Schauen Sie.« »Ich schaue.« »Was sehen Sie?« »Einen Academisten, der schnupft.« »Das ist, um sich wach zu erhalten; er glaubt, er sei in einer Sitzung . . . Und was sehen Sie hinter dem Academiker?« »Einen Schlingel, der eine Uhr stiehlt.« »Das ist, um seinem alten Vater die Stunde zu sagen, Carmagnole . . . Und hinter dem Schlingel?« »«Einen jungen Mann« der ein Billet in das Gebetbuch eines Mädchens steckt.« »Seien Sie überzeugt« daß dies kein Beerdigungsbillet ist. Und hinter diesem glücklichen Paare?« »Einem guten Mann« der so traurig aussieht, als ob er begraben würde. Ich habe diesen Mann bei allen Beerdigungen gesehen.« »Mein lieber Carmagnole, ohne Zweifel hat er im Grunde seines Herzens den melancholischen Gedanken, er werde der seinigen nicht beiwohnen . . . Nun sind Sie aber bald dabei, mein Busenfreund. Was sehen Sie hinter dem traurigen Greise?« »Ah! es ist wahr, unsern Mann. Er spricht mit Herrn von Lafayette.« »Wahrhaftig! das ist Herr von Lafayette?« sagte Gibassier mit jener Ehrfurcht, welche die gemeinsten und elendsten Leute für den edlen Greis hegten. »Wie!« rief Carmagnole mit Erstaunen, »Sie kennen Herrn von Lafayette nicht?« »Ich habe Paris am Abend vor dem Tage verlassen, wo ich ihm als peruanischer Kazike, der herbei gekommen, um die französische Constitution zu studieren, vorgestellt werden sollte.« In diesem Augenblicke, und als die zwei Gefährten, die Hände auf dem Rücken und mit sehr harmloser Miene, langsam gegen die Gruppe zugingen, – welche in der That aus dem General Lafayette, Herrn von Marande, dem General Pajol Dupont (del’ Eure), und Einigen von den Männern bestand, welche ihre Opposition der allgemeinen Popularität bemerkbar machte, – in diesem Augenblicke, sagen wir, waren sie von Salvator seinen Freunden bezeichnet worden. Gibassier hatte nichts von dem verloren, was in der Gruppe der jungen Leute vorgegangen war. Gibassier schien mit einer besonderen Fähigkeit in Betreff des dritten Sinnes begabt; ersah zugleich rechts und links wie die Schieler, und vorne und hinten wie die Kamäleone. »Mein lieber Carmagnole,« sagte Gibassier, indem er ihm mit einem Augenwinkel die Gruppe der fünf jungen Leute bezeichnete, »ich glaube, diese Herren erkennen uns: es wäre gut, wenn wir uns trennen würden, wohlverstanden auf einen Moment. Überdies würden wir unsern Mann nur um so besser belauern, und es gibt einen Ort, wo wir uns mit Sicherheit immer wiederfinden.« »Sie haben Recht,« erwiderte Carmagnole, »man vermöchte nicht vorsichtig genug zu Werke zu gehen. Die Verschwörer sind schlauer, als man glaubt.« »Sie sprechen da eine sehr gewagte Ansicht aus, Carmagnole; doch gleichviel, es ist nichts Schlimmes dabei, glauben zu lassen, was Sie sagen.« »Sie wissen, daß wir nur Einen zu verhaften haben?« »Allerdings; was würden wir mit dem Mönche thun? Er brächte uns die ganze Geistlichkeit auf den Nacken.« »Und zu verhaften unter seinem Namen Dubreuil, wegen des in der Kirche verursachten Aergernisses.« »Wegen keiner andern Sache.« »Gut!« sagte Carmagnole« indem er sich gegen rechts wandte, während sich sein Gefährte gegen links wandte. Dann stellte sich Jeder, eine krumme Linie beschreibend, Carmagnole auf die Rechte des Vaters und Gibassier auf die Linie des Sohnes. Die Messe begann in diesem Augenblicke. Sie wurde mit Salbung gelesen, mit Sammlung gehört. Nach Beendigung der Messe traten die jungen Leute der Schule von Chalons, welche den Sarg bis in die Kirche getragen hatten, hinzu, um ihn wieder aufzunehmen und bis auf den Friedhof zu tragen. Aber in dem Augenblicke, wo sie sich bückten, um ihre Anstrengungen zu vereinigen und die Last mit einer gleichzeitigen Bewegung aufzuheben, schien eine Person von hoher Gestalt, schwarz gekleidet, doch ohne Auszeichnung, aus der Erde hervorzukommen, und rief mit dem Tone eines Mannes, der das Recht hat, zu befehlen: »Rühren Sie diesen Sarg nicht an, meine Herren!« »Und warum nicht?« fragten erstaunt die jungen Leute.« »Ich habe Ihnen keine Rechenschaft zu geben,« antwortete der schwarze Mann; »rühren Sie den Sarg nicht an.« Hierauf wandte er sich an den Todtencommissär und fragte: »Wo sind Ihre Träger,« mein Herr ?« Der Todtencommissär trat vor und erwiderte: »Ei! ich glaubte, diese Herren sollten den Leichnam tragen . . . « »Ich kenne diese Herren nicht,« unterbrach heftig der schwarze Mann. »Ich frage Sie, wo Ihre Träger seien: lassen Sie dieselben auf der Stelle kommen.« Man begreift, welchen Aufruhr in der Kirche dieser seltsame Zwischenfall hervorbrachte Ein ungeheures Getöse ähnlich dem, welches von den Wellen während der unheilschwängern Minuten, die dem Sturme vorhergehen, aufsteigt, erhob sich auf allen Seiten; ein furchtbares Gebrülle drang aus der Brust der Menge hervor. Der Unbekannte fühlte sich ohne Zweifel durch eine unwiderstehliche Macht unterstützt, denn er empfing diesen Lärmen mit einem Lächeln der Verachtung. »Träger!« wiederholte er. »Nein, nein, nein, keine Träger!« riefen die Zöglinge. »Keine Träger!« wiederholte die Menge. »Mit welchem Rechte,« fuhren die Zöglinge fort, »mit welchem Rechte wollen Sie uns verhindern, die sterblichen Ueberreste unseres Wohlthäters zu tragen, während wir von der Familie die Erlaubnis erhalten haben?« »Das ist falsch,« erwiderte der Unbekannte, »die Familie widersetzt sich im Gegentheile förmlich, daß der Körper anders als auf die gewöhnliche Art getragen werde.« »Ist das wahr, meine Herren?« fragten die jungen Leute, sich an die Grafen Gaëtan und Alexandre de la Rochefoucauld wendend, welche in diesem Augenblicke herbeikamen, um ihren Platz hinter dem Leichname ihres Vaters zu nehmen; »ist das wahr, meine Herren, verbieten Sie uns, die Ueberreste unseres Wohlthäters und Ihres Vaters, der auch der unsere war, zu tragen?« Alles dies ging unter einem unbeschreiblichen, erschrecklichen Tumulte vor. Als man aber diese Frage hörte, als man sah, daß der Graf Gaëtan zu antworten sich anschickte, rief man von allen Seiten: »Stille! Stille! Stille!« Die Stille trat wie durch einen Zauber ein, und man hörte den Grafen Gaëtan mit zugleich ernstem, sanftem und dankbaren Tone antworten: »Weit entfernt, sich zu widersetzen, hat Sie die Familie hierzu ermächtigt, und sie ermächtigt Sie abermals.« Auf diese Worte erfolgte ein Freudengeschrei, das von der Firste bis zur Basis der Kirche erscholl. Der Todtencommissär hatte indessen die Träger herbeikommen lassen, und diese hatten schon die Tragbahre ergriffen; als sie aber die Worte des Grafen Gaëtan hörten, übergaben sie den Sarg wieder den jungen Leuten, und diese setzten ihn auf ihre Schultern und gingen mit frommem Wesen aus der Kirche ab. Man durchschritt ziemlich ruhig den Hof, dann trat man in die Rue Saint- Honoré ein. Der Mann, der das Aergerniß verursacht hatte, war wie durch Zauber verschwunden. Man mochte sich immerhin in allen Gruppen fragen, Niemand hatte ihn weggehen sehen, Niemand hatte ihn vorüberkommen sehen. Sobald man in der Rue Saint-Honoré war, bildete sich der Zug wieder: zuerst die Söhne des Herzogs de la Rochefoucauld, sodann hinter ihnen nahmen in großer Anzahl Pairs von Frankreich, Abgeordnete, Personen ausgezeichnet durch ihr persönliches Verdienst oder hervorragend durch ihre Stellung, Freunde oder Verwandte des Herzogs, nach und nach ihren Platz. Der Herzog de la Rochefoucauld war Generallieutenant. Eine Ehrenescorte war ihm gegeben worden. Alles schien also beschwichtigt, als in dem Augenblicke, wo man es am wenigsten erwartete, derselbe Mann, der schon das Aergerniß in der Kirche verursacht hatte, plötzlich wiedererschien, als ob er zum zweiten Male unter der Erde hervorkäme. Die Menge, sobald sie ihn erkannte, stieß einen Schrei der Entrüstung aus. Er aber ging auf den Officier zu, der die Ehrenescorte kommandierte, und sagte ihm ein paar Worte ins Ohr, die Niemand hörte. Sodann ermahnte er ihn laut, den Agenten Beistand zu leisten, um die jungen Leute zu verhindern, den Sarg zu tragen, und ihn auf den Leichenwagen niedersetzen zu machen, der bestimmt sei, den Herzog aus Paris zu führen. Bei dieser mit Anrufung der bewaffneten Macht zum zweiten Male erneuerten Prätension erhob sich auf allen Seiten drohendes Geschrei. Unter diesem Geschrei unterschied man deutlich die Worte: »Nein, nein, willigen Sie nicht ein . . . Es lebe die Garde! Nieder mit den Monchards! Nieder mit dem Polizeicommissär! An die Laterne mit dem Polizeicommissär!« Und als natürliches Accompagnement dieses Geschreies entstand vom Schweife bis zum Kopfe dieser Menge eine Bewegung ähnlich der der Wellen der Fluth. Die letzte Woge drang so nahe zum Commissär, daß sie ihn nöthigte, zurückzuweichen. Er wandte sich nach der Seite,« woher das Geschrei kam, warf dieser ganzen Menge einen drohenden Blick zu, und sagte zum Officier: »Mein Herr, ich fordere Sie zum zweiten Male auf, mir Beistand zu leisten!« Der Officier warf einen Blick auf seine Leute: er sah sie fest und düster. Sie würden gehorchen, welcher Befehl auch gegeben werden sollte. Neues Geschrei erhob sich: »Es lebe die Garde! Nieder mit den Mouchards!« »Mein Herr,« sagte heftig der schwarze Mann zum Officier, »zum dritten und letzten Male fordere ich Sie auf, mir Beistand zu leisten. Ich habe förmliche Befehle erhalten, und wehe Ihnen, wenn Sie mich verhindern, sie zu vollziehen!« Besiegt durch den gebieterischen Ton des Commissärs und durch die drohende Form der Aufforderung, gab der Officier einen Befehl mit halber Stimme, und in einem Augenblicke strahlten die Bajonnete am Ende der Flinten. Unheil weissagendes Geschrei, Rache- und Todesgeschrei erscholl von allen Seiten. »Nieder mit der Garde! Tod dem Commissär! Nieder mit dem Ministerium! Tod Herrn von Corbière! An die Laterne mit den Jesuiten! Es lebe die Preßfreiheit!« Will nun der Leser vom Ganzen auf die Einzelheiten und von der Menge aus Einige der Individuen übergehen, die sie bildetest, so wird er, von uns geführt, einen Blick auf die Haltung der Personen unseres Buches werfen, in dem Momente, wo der Sarg, getragen von den Zöglingen der Schule von Chalons, die Stufen der Himmelfahrts-Kirche hinabkam und sich nach der Rue Saint-Honoré wandte. Herr Sarranti und der Abbé Dominique, der Eine gefolgt den Gibassier, der Andere den Carmagnole, hatten sich beim Ausgange aus der Kirche einander genähert, ohne daß es absichtlich zu geschehen schien, und ohne daß sie sich auch nur entfernt zu kennen schienen, und hatten einen Platz am Ende der Rue de Mondovi, das heißt, bei der Place de Orangerie und gegenüber dem Tuilerien-Garten eingenommen. Herr von Marande und seine Freunde waren in der Rue du Mont-Thabor gruppiert, und warteten, daß sich der Zug in Marsch setze. Salvator und unsere vier jungen Leute waren in der Rue Saint-Honoré, an der Ecke der Rue Neuve-du-Luxembourg, stehen geblieben. Bei der Bewegung, welche den der Menge bewerkstelligt worden war, hatten sich die Reihen enger angeschlossen, und die jungen Leute befanden sich zwanzig Schritte von dem Gitter, das die Umfriedung der Himmelfahrts-Kirche bildete. Sie wandten sich um, als sie das Geschrei ausstoßen hörten, mit dem die entrüstete Bevölkerung, mitten unter einem Leichenbegängnisse, die Intervention der bewaffneten Macht empfing. Doch unter Allen denjenigen, die so ihre Entrüstung kundgaben, waren die am meisten Entrüsteten die Menschen mit gemeinen Gesichtern und mit scheelen Blicken, welche mit einer geschickten Verschwendung in der Menge ausgestreut zu sein schienen. Jean Robert und Petrus wandten sich mit Ekel ab. Ihr Wunsch in diesem Augenblicke wäre gewesen sich aus diesem Gedränge zu ziehen, über dem man etwas Unheil Verkündendes, Drohendes schweben fühlte; doch sie sahen sich fest gefaßt; es war unmöglich, sich zu rühren, und alle ihre dem Gefühle der Selbsterhaltung zugewandten Anstrengungen mußten sich darauf beschränken, daß sie nicht erdrückt würden. Salvator, der sonderbare Mann, der eben so vertraut mit den Mysterien der Aristokratie als mit den Arcanen der Polizei zu sein schien, Salvator kannte übrigens die Mehrzahl von diesen Menschen, nicht nur von Gesichte, sondern seltsamer Weise auch den Namen nach; und diese Namen waren für Jean Robert, den Dichter mit dem erhabenen Instincte, Absteckpfähle eingepflanzt auf einem unbekannten, zu den, von Dante besuchten, höllischen Kreisen hinabgehenden Wege. Diese Menschen, es waren Longue-Avoine, Maldaplomb, Brin-d’Acier, Maillochen, kurz die ganze Schaar, die unsere Leserin der Rue des Postes das kleine Haus haben belagern sehen, in welchem Einer von ihnen, der arme Vol-au-Vent, einen so gefährlichen und so sehr mißglückten Sprung gemacht hatte; es waren, auf verschiedene Weise gruppiert und mit dem Auge und der Geberde mit Salvator korrespondierend, der ihnen durch diese zwei mimischen Mittel die größte Vorsicht empfahl, es waren Croc-en-Jambe und sein Gevatter la Gibelotte, völlig ausgesöhnt, der Letztere beständig seine Gegenwart durch den scharfen Baldriangeruch offenbarend, der so unangenehm den Geruchssinn von Ludovic in der Schenke an der Ecke der Rue Aubry-le-Boucher berührte, wo diese lange Geschichte beginnt, die wir unsern Lesern zu erzählen im Zuge sind; es waren Fasiou und der göttliche Copernic, mehr noch verbunden durch das Interesse, das Copernic hatte, sich nicht mit Fasiou zu entzweien, als durch das, welches Fasiou hatte, sich nicht mit Copernic zu veruneinigen. Copernic hatte also Fasiou die unbedachtsame Geberde vergeben, welche der Pitre auf Rechnung einer Nervenzuckung setzte, die er nicht habe bemeistern können; nur ließ Copernic Fasiou schwören, die Sache werde ihm nicht mehr begegnen, ein Eid, den Fasiou mit dem stillschweigenden Vorbehalte leistete, mit dessen Hilfe man nach der Behauptung der Jesuiten schwören kann, ohne verbunden zu sein, etwas zu halten. Zehn Schritte von den zwei Künstlern, und glücklicher Weise durch eine compacte Masse von ihnen getrennt, waren Jean Taureau, unter seinem Arme haltend, – wie ein Gendarme seinen Gefangenen hält, wie Gibassier seinen Agenten hielt, – unter seinem Arme haltend das große blonde Mädchen, die Venus der Hallen, mit dem schlangenartig wogenden Leibe, die man Fisine nannte. Wir sagen glücklicher Weise, denn Jean Taureau hatte Fasiou gerochen, wie Ludovic la Gibelotte gerochen hatte, obgleich wir den armen Jungen durchaus nicht beschuldigen, er habe denselben Geruch ausgedünstet, – und man weiß, welchen tiefen Haß, welchen eingewurzelten Widerwillen der robuste Zimmermann gegen seinen schwächlichen Nebenbuhler hegte. Unfern von da waren die zwei Kameraden, welche den jungen Leuten in der Schenke eine Schlacht geliefert halten. Sac-à-Plâtre, dieser Maurer der bei einem Brande vom zweiten Stocke sein Kind und seine Frau in die Arme des farnesischen Hercules, genant Jean Taureau, geworfen und dann sich selbst hinabgestürzt hatte; Sac-à-Plâtre weiß wie die Substanz, die er anzurühren pflegte, und die ihm diesen Spitznamen eingetragen hatte, Sac-à-Plâtre hing am Arme eines Riesen, der so schwarz war, als er, Sac-à-Plâtre, weiß: dieser Riese, welcher der Titan, der Gemahl der Nacht zu sein schien, war der übermäßig große Kohlenbrenner, den Jean Taureau, an einem Tage der Schulfuchserei, Toussaint-Louverture genannt hatte. Es waren überdies alle die in Trauer gekleideten Personen, die wir im Hofe der Präfectur, die letzten Befehle von Herrn Jackal und das Signal zum Abgange erwartend, gesehen haben. In dem Augenblicke, wo sich die Soldaten mit gefälltem Bajonnet dem Sarge näherten, warfen sich etliche und zwanzig Personen, einer ersten Bewegung des Edelmuths nachgebend, zwischen sie und die Zöglinge der Schule von Chalons, die den Leichnam trugen. Der Officier, aufgerufen, ob er den Muth hätte, sich der Bajonnete seiner Soldaten gegen junge Leute zu bedienen, deren einziges Verbrechen es sei, daß sie ihrem Wohlthäter ihre Ehrfurcht bezeigen, der Officier antwortete, der Befehl sei förmlich, und er wolle nicht seiner Stelle entsetzt werden. Nun forderte er seinerseits und ein letztes Mal diejenigen, welche ihn an der Erfüllung seiner Pflicht verhindern wollten, auf, sich zurückzuziehen, und sich an die durch diese lebendige Mauer beschützten Träger wendend, befahl er diesen, den Sarg auf die Erde niederzusetzen. »Thut es nicht! gehorcht nicht!« rief man von allen Seiten. »Wir sind da, um Euch zu unterstützen!« Und die jungen Leute schienen wirklich durch ihre festen Worte und ihre kräftige Haltung entschlossen, eher Alles zu wagen, als zu gehorchen. Der Officier gab seinen Leuten den Befehl, die Bewegung fortzusetzen. Die Bajonnete, die sich wieder einen Augenblick erhoben hatten, senkten sich aufs Neue. »Tod dem Commissär! Tod dem Officier!« brüllte die Menge. Der schwarze Mann hob den Arm empor: das Pfeifen eines Casse-tête wurde hörbar, und an den Schlaf getroffen, stürzte ein Mann, in seinem Blute gebadet, zu Boden. Wir hatten zu jener Zeit noch nicht die furchtbaren Aufstände vom 5. und 6. Juni, vom 13. und 14. April durchgemacht, und ein erschlagener Mann war noch Etwas. »Mord! Mord!« rief die Menge. Als hätten sie nur auf diesen Ruf gewartet, zogen zwei- bis dreihundert Agenten unter ihren Ueberröcken ihre Casse-têtes hervor, welche dem ähnlich, dessen Wirkung man so eben gesehen hat. Der Krieg war erklärt. Diejenigen, welche Stöcke hatten, hoben sie auf, diejenigen, welche Messer hatten, zogen sie aus ihren Taschen. Gut geschürt, wie man mit dem Kunstausdrucke sagt, kam der Aufstand zum Ausbruche. Jean Taureau, der Mann mit dem sanguinischen Muthe, das heißt der Mann der ersten Bewegung, Jean Taureau vergaß die stummen Ermahnungen von Salvator. »Ah! Ah!« sagte er, indem er den Arm von Fisine losließ und in seine Hände spuckte, »ich glaube, wir werden uns messen.« Und, als wollte er seine Kräfte versuchen, nahm er bei den Flanken den ersten den besten Agenten, der sich in seinem Bereiche fand, und schickte sich an, ihn gleichviel wohin zu werfen. »Herbei! zu Hilfe!l zu Hilfe, Freunde!« rief der Agent mit einer Stimme, welche immer mehr unter dem Drucke der eisernen Hände von Jean Taureau erlosch. Brin-d’Acier hörte diesen Nothschrei, und wie eine Schlange durch die Menge schlüpfend, näherte er sich von hinten und hob schon gegen Jean Taureau einen kurzen, ausgebleiten Stock auf, als sich Sac-à-Plâtre zwischen den Mouchard und den Zimmermann stürzte und den Stock packte, während der Lumpensammler, der, bei der Gruppe angelangt, wahrscheinlich seinen Namen rechtfertigen wollte, Brin-d’Acier ein Bein unterschlug und ihn rückwärts fallen machte. Bon diesem Augenblicke an war es ein entsetzliches Gemenge, und man fing an schrille Schreie der mit der Volksmasse vermischten Weiber zu vernehmen. Von Jean Taureau, wie Antäus von Hercules, um den Leib gepackt, ließ der Agent seinen Casse-tête los, und er rollte zu den Füßen von Fisine. Diese hob ihn auf, und, den Aermel bis an den Ellenbogen zurückgestreift, die blonden Haare im Winde flatternd, schlug sie, nach rechts und nach links, auf Alles, was sich ihr zu nähern versuchte. Zwei bis drei Schläge, männlich von der Bradamante versetzt, konzentrierten auf ihr die Aufmerksamkeit von ein paar Polizeimännern, und sie wäre unfehlbar todtgeschlagen worden, als sich Copernic und Fasiou einen Durchgang zu ihr öffneten. Der Anblick von Fasiou, der sich Fisine näherte, machte, daß Jeau Taureau einen gewaltsamen Entschluß faßte. Er schleuderte den Agenten durch die Menge, wandte sich gegen den Pitre um und sagte: »Das ist Einer.« Und den Arm ausstreckend, packte er Fasiou beim Kragen. Doch kaum hatte die Hand das Kleid berührt, als Jean Taureau einen Streich mit einem ausgebleiten Stocke empfing, der ihn Fasiou los lassen machte. Er erkannte die Hand, die ihn geschlagen hatte. »Fisine!« rief er schäumend vor Zorn, »Du willst also, daß ich Dich umbringe?« »Du, großer Feiger!« sagte sie; »wage es doch ein wenig, Deine Hand gegen mich zu erheben!« »Nicht gegen Dich« sondern gegen ihn.« »Seht doch diesen Taugenichts,« sagte sie zu Sac-à-Plâtre und zu Croc-en-Jambe, »will er nicht einen Mann erwürgen, der mir das Leben gerettet hat?« Jean Taureau stieß einen Seufzer aus, der einem Gebrülle glich; dann sprach er zu Fasiou: »Geh! und ist Dir Dein Leben lieb, so zeige Dich so wenig als möglich auf meinem Wege!« Während diese Dinge rechts in der Gruppe von Jean Taureau und seinen gewöhnlichen Wirthshauskameraden vorgingen, wollen wir sehen, was sich links in der Gruppe von Salvator und unseren vier jungen Leuten zutrug. Salvator hatte, wie wir gesehen, Justin, Petrus, Jean Robert und Ludovic die strengste Neutralität empfohlen, und dennoch hatte Justin, dem Anscheine nach der Ruhigste von Allen, dieser Ermahnung zuwider gehandelt. Sagen wir, wie sie gestellt waren. Justin stand links von Salvator, die drei anderen jungen Leute standen hinter ihnen. Plötzlich hörte Justin drei Schritte von sich einen schmerzlichen Schrei, sodann eine Kinderstimme, welche ihm zurief: »Zu Hilfe, Herr Justin! Herbei!« Bei seinem Namen angerufen, eilte Justin vorwärts, und er erblickte Babolin zu Boden geworfen und mit gewaltigen Fußtritten von einem Agenten mißhandelt. Mit einer Bewegung rasch wie der Gedanke stieß er den Agenten heftig zurück und neigte sich, um Babolin sich wieder auf seine Füße stellen zu helfen. Doch in dem Augenblicke, wo er sich bückte, sah Salvator, wie sich der Casse-tête eines Agenten über ihm erhob. Er stürzte auch vor und streckte dabei die Hand aus, um Justin mit seinem Arme einen Wall zu machen, doch zu seinem großen Erstaunen blieb der Casse-tête aufgehoben, ohne niederzufallen, während eine Stimme freundlich zu ihm sagte: »Ei! guten Morgen, Herr Salvator! wie freut es mich, daß ich mit Ihnen zusammentreffe!« Diese Stimme war die von Herrn Jackal. VIII Die Verhaftung Herr Jackal hatte Justin als den Freund von Salvator und den Geliebten von Mina erkannt und war, die Gefahr wahrnehmend, die ihn bedrohte, zugleich mit Salvator vorgestürzt, um ihn dieser Gefahr zu entreißen. So waren ihre zwei Hände zusammengetroffen. Hieraus sollte sich aber die Protection von Herrn Jackal nicht beschränken. Er gab durch einen Wink seinen Leuten den Befehl, die Gruppe der jungen Leute zu respektieren, zog Salvator beiseit und sagte zu ihm, indem er seine Brille emporhob, um, während er sprach, nichts von dem zu verlieren, was in der Menge vorging. »Mein lieber Salvator, einen guten Rath.« »Reden Sie, lieber Herr Jackal.« »Einen Freundesrath . . . Sie wissen, ob ich Ihr Freund bin?«- »Ich rühme mich wenigstens dessen,« erwiderte Salvator. »Nun wohl« rathen Sie Justin und andern Personen, die Sie interessieren dürften,« – und er bezeichnete mit dem Auge Petrus, Jean Robert und Ludovic, – »rathen Sie ihnen, sage ich; sich zu entfernen, und . . . machen Sie es wie sie.« »Ah!« rief Salvator, »und warum dies, Herr Jackal?« »Weil ihnen Unglück widerfahren könnte.« »Bah!« »Ja,« machte Herr Jackal mit dem Kopfe. »Wir werden also einen Ausstand haben?« »Ich befürchte es sehr. Was vor sich geht, hat ganz das Ansehen, als führte es uns dahin, und so fangen alle Aufstände an.« »Ja, sie fangen alle auf dieselbe Art an,« erwiderte Salvator. »Freilich,« fügte er bei, »freilich endigen nicht alle auf dieselbe Art.« »Das wird gut endigen, dafür stehe ich Ihnen,« sprach Herr Jackal. »Ah! sobald Sie dafür stehen . . . « »Ich habe keinen Schatten von Zweifel in dieser Hinsicht.« »Teufel!« »Sie begreifen also, wie, trotz des spciellen Schutzes, den ich Ihren Freunden zu gewähren geneigt hin, ihnen, wie ich sagte, Unglück widerfahren könnte; bitten Sie dieselben daher, sich zu entfernen.« »Ich werde mich wohl hüten.« »Und warum?« »Weil sie bis zum Ende zu bleiben beschlossen haben.« »In welcher Absicht?« »Aus Neugierde.« »Bah! das wird nicht sehr interessant sein.« »Um so mehr, als man nach dem, was Sie mir gesagt haben, einer Sache sicher sein kann: daß der Sieg auf Seiten des Gesetzes bleiben wird.« »Nichtsdestoweniger laufen Ihre jungen Leute Gefahr . . . « »Nun?« »Wenn sie bleiben . . . « »Was?« »Ei! was man bei einem Aufstande Gefahr läuft: ein wenig gequetscht zu werden.« »In diesem Falle, Sie begreifen das, mein lieber Herr Jackal, beklage ich sie nicht.« »Ah! Sie beklagen sie nicht?« »Nein« sie werden nur haben, was sie verdienen.« »Wie, was sie verdienen?« »Allerdings, sie wollten einen Ausstand sehen: sie mögen die Folgen ihrer Neugierde erdulden.« »Sie wollten einen Ausstand sehen?« wiederholte Herr Jackal. »Ja,« erwiderte Salvator. »Sie wußten also, es werde ein Ausstand stattfinden? Ihre Freunde hatten also Wind von dem, was vorgehen sollte?« »Ah! vollkommenen Wind, lieber Herr Jackal. Die ältesten Matrosen errathen die Stürme nicht mit mehr Scharfsinn, als meine Freunde den Aufstand gewittert haben.« »Wahrhaftig?« »Allerdings. Gestehen Sie übrigens, lieber Herr Jackal: man müßte sehr böswillig sein, um nicht zu begreifen, was vorgeht.« »Gut! und was geht denn vor?« sagte Herr Jackal, indem er seine Brille auf seine Nase setzte. »Sie wissen es nicht?« »Durchaus nicht.« »Nun wohl« so fragen Sie diesen Herrn, den man dort verhaftet.« »Wo denn?« fragte Herr Jackal, ohne seine Brille aufzuheben, was bewies, daß er so gut als Salvator die Verhaftung, die man bewerkstelligte, gesehen hatte. »Welchen Herrn?« »Ah! es ist wahr, Sie haben ein so kurzes Gesicht, daß Sie es nicht zu sehen vermöchten. Versuchen Sie es indessen . . . Dort, zwei Schritte von einem Mönche.« »Ja, in der That, ich glaube, ich erblicke etwas wie einen weißen Rock.« »Ah! beim Himmel!« rief Salvator, »das ist ja der Abbé Dominique, der Freund des armen Colombau. Ich glaubte, er sei in der Bretagne im Schlosse Penhoël.« »Er war wirklich dort,« erwiderte Herr Jackal; »doch er ist heute Morgen angekommen.« »Heute Morgen? Ich danke Ihnen für Ihre gute Auskunft, Herr Jackal,« sagte lächelnd Salvator. »Nun wohl, neben ihm, sehen Sie?« »Ah! bei meiner Treue, ja, ein Mann, den man verhaftet, es ist wahr. Ich beklage diesen Bürger von ganzem Herzen.« »Sie kennen ihn also nicht?« »Nein.« »Kennen Sie diejenigen, welche ihn verhaften?« »Ich habe ein so schwaches Gesicht, und dann sind es Viele, wie mir scheint.« »Besonders die Zwei, die ihn am Kragen halten.« »Ja, ja, ich kenne diese Bursche. Doch wo Teufels habe ich sie gesehen? das ist die Frage?« »Sie erinnern sich dessen also nicht?« »Wahrhaftig, nein.« »Wünschen Sie, daß ich Ihnen auf die Spur helfe!« »Sie werden mir ein wahres Vergnügen machen.« »Nun wohl, Sie haben den Einen, den Kleineren, in dem Augenblicke gesehen, wo er nach dem Bagno abging, und Sie haben den Andern, den Größeren, in dem Augenblicke gesehen, wo er aus demselben zurückkam.« »Ja! Ja! Ja!« »Sind Sie nun dabei?« »Das heißt, ich kenne sie wie Vater und Mutter; es sind Angestellte meiner Administration. Was Teufels machen sie dort?« »Ei! ich glaube, sie arbeiten für Ihre Rechnung, mein lieber Herr Jackal!« »Bah!« versetzte Herr Jackal, »vielleicht arbeiten die Bursche auch für die ihrige. Das begegnet ihnen manchmal.« »Ei! in der That,« sagte Salvator« »sehen Sie, da ist Einer, der seinem Gefangenen die Uhrkette abschneidet.« »Ich sagte es Ihnen ja! . . . Ah! lieber Herr Salvator, die Polizei ist sehr schlecht bestellt!« »Wem sagen Sie das, Herr Jackal?« Und da er wahrscheinlich nicht länger in der Gesellschaft von Herrn Jackal gesehen werden wollte, so machte Salvator einen Schritt rückwärts und grüßte ihn. »Entzückt, das Glück gehabt zu haben, Ihnen zu begegnen, Herr Salvator,« sagte der Polizeichef, während er sich seinerseits entfernte und sich mit raschem Schritte nach der Gruppe wandte, wo Gibassier und Carmagnole Herrn Sarranti zu verhaften suchten. Wir sagen suchten, denn, obschon von den zwei Agenten am Kragen gepackt, betrachtete sich Herr Sarranti entfernt nicht als verhaftet. Er hatte Anfangs parlamentirt. Auf die Worte: »Im Namen des Königs, ich verhafte Sie!« zu gleicher Zeit von Carmagnole und von Gibassier in seine Ohren gesprochen, hatte er erwidert. »Sie verhaften mich! und warum?« »Keinen Scandal!« sagte halblaut .Gibassier; »wir kennen Sie.« »Sie kennen Mich?« rief Sarranti, indem er einen Blick rechts und links auf die zwei Polizeimenschen warf. »Ja, Sie heißen Dubreuil,« antwortete Carmagnole. Man erinnert sich, daß Herr Sarranti seinem Sohne geschrieben hatte, er sei in Paris unter dem Namen Dubreuil, und daß Herr Jackal, um aus der Verhaftung keine politische Angelegenheit zu machen, seinen zwei Agenten empfohlen hatte, den hartnäckigen Verschwörer unter diesem Namen zu verhaften. Als Dominique sah, daß man seinen Vater verhaftete, stürzte er, von einer ersten Bewegung fortgerissen, auf ihn zu. Herr Sarranti hielt ihn aber durch einen Wink zurück. »Mischen Sie sich nicht in diese Angelegenheit, mein Herr,« sagte er zum Mönche. »Ich bin das Opfer eines Irrthums, und morgen, dessen bin ich sicher, werde ich in Freiheit gesetzt werden.« Der Mönch verbeugte sich vor dieser Ermahnung, die er wie einen Befehl empfing, und machte einen Schritt rückwärts. »Gewiß,« sprach Gibassier; »täuschen wir uns, so wird Ihnen Ihr Recht widerfahren.« »Und vor Allem,« fragte Sarranti, »kraft welchen Befehles verhaften Sie mich ?« »Kraft eines Vorführungsbefehles gegen einen gewissen Herrn Dubreuil, der Ihnen so sehr gleicht, daß ich meine Pflicht zu verletzen glauben würde, wenn ich mich Ihrer nicht versicherte.« »Und warum, wenn Sie den Scandal so sehr befürchten, verhaften Sie mich eher hier als anderswo?« »Weil man die Leute verhaftet, wo man sie trifft!« antwortete Carmagnole. »Abgesehen davon, daß wir Ihnen seit heute Morgen nachlaufen,« fügte Gibassier bei.« »Wie, seit heute Morgen?« »Ja,« erwiderte Carmagnole, »seitdem Sie das Hotel verlassen haben.« »Welches Hotel?« fragte Sarranti. »Das Hotel der Place Saint-André-des-Arcs,« sagte Gibassier. Bei dieser letzten Bezeichnung durchzuckte es wie ein Blitz den Geist von Sarranti. Es schien ihm, er sehe auf dem Gesichte, er höre in der Stimme von Gibassier Züge und Töne, die ihm nicht unbekannt waren. Dann lehrte Alles in sein Gedächtniß zurück, die Reise, der Ungar, der Courier mit den Depechen, der Postillon, Alles dies unbestimmt wie durch eine Wolke, dennoch aber klar genug, daß er mehr instinctartig als anders keinen Zweifel hegte. »Elender!« rief der Corse erbleichend wie ein Todter, indem er die Hand unter seinen Rock steckte. Gibassier sah die Klinge eines Dolches glänzen, und der Tod wäre vielleicht auf diesen Strahl mit derselben Geschwindigkeit gefolgt, mit der der Donner auf den Blitz folgt, hätte nicht Carmagnole, der die Bewegung gesehen und begriffen hatte, mit beiden Händen die Hand, welche die Waffe hielt, gepackt. Da er sich zugleich von den beiden Händen gepreßt fühlte, so machte sich Sarranti, Alles zusammenraffend, was der menschliche Wille an Stärke in einem äußersten Augenblicke geben kann, von dem doppelten Drucke los, sprang, den Dolch in der Hand, mitten unter eine compacte Gruppe und rief : »Gebt Raum! gebt Raum!« Doch Gibassier und Carmagnole sprangen hinter ihm und hatten überdies durch einen verabredeten Ruf an alle ihre Gefährten appelliert. In einem Augenblicke bildete sich ein undurchdringlicher Kreis um Sarranti, zwanzig Casse-têtes waren aufgehoben, und ohne Zweifel sollte er erschlagen wie ein Stier unter dem Schlagbeile der Fleischer niederstürzen, als eine Stimme erscholl, welche rief: »Lebendig! man greife ihn lebendig.« Die Agenten erkannten die Stimme, der man so gut gehorchte, von Herrn Jackal und stürzten sich, da sie wußten, sie kämpfen unter den Augen ihres Chefs, auf Herrn Sarranti. Es herrschte einen Augenblick ein entsetzliches Gemenge. Ein Mann zerarbeitete sich aufrecht stehend unter zwanzig Männern; dann fiel er auf ein Knie; dann verschwand er gänzlich. Als er seinen Vater zum zweiten Male fallen sah, eilte ihm Dominique zu Hilfe; doch die Menge, welche Angstschreie ausstoßend entfloh, wälzte sich in diesem Momente wie ein Strom nach der Straße und trennte den Sohn vom Vater. Um nicht fortgerissen zu werden, klammerte sich der Mönch an das Gitter eines Hotels an; als aber die Menge sich verlaufen hatte, waren Herr Sarranti und die häßliche Gruppe, unter der er sich zerarbeitete, verschwunden. IX Die officiellen Journale Wir haben einige Proben von den Scenen gegeben, welche die Polizei von Herrn Delavau am 30. März des Jahres der Gnade 1827 spielte. Woher kam dieser Scandal! was war die Ursache dieser seltsamen, gegen die sterblichen Ueberreste des edlen Herzogs verübten Entheiligung? Niemand wußte es. Das Ministerium konnte Herrn de la Rochefoucauld-Liancourt die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung nicht vergeben. Ein la Rochefoucauld der Opposition angehören und mit ihr stimmen! wahrhaftig, das war ein Verbrechen der beleidigten Majestät, und das Ministerium durfte es nicht versäumen, es zu bestrafen. Man vergaß den la Rochefoucauld der Fronde. Dieser war allerdings bestraft worden , zuerst durch einen Büchsenschuß mitten ins Gesicht, sodann durch eine Untreue mitten ins Herz. Das Ministerium hatte, in der That Herrn de la Rochefoucauld, – dem modernen, wohlverstanden, – alle seine unentgeldliche Functionen, und alle die aus Wohlthätigkeitsanstalten bezügliche, die er übte, entzogen; doch nicht damit zufrieden, daß es ihn in seinem Leben verletzt, wollte es ihn auch noch in seinem Tode dadurch schlagen, daß es die dankbare Menge verhinderte, durch einen äußerlichen Act die Ehrfurcht und die Liebe kundzutun, die der Bevölkerung von Paris die lange Laufbahn des Herzogs eingeflößt hatte, welche ausschließlich dem materiellen und moralischen Wohle: dem Almosen und dem Unterrichte, gewidmet war. Die Menge wußte also, woher der Befehl kam, und ganz laut nannte sie Herrn von Corbière, den man, mit Recht oder mit Unrecht, zum Sündenbocke des Ministeriums von 1827 gemacht hatte. Wir werden, in der Folge dieser Erzählung die entsetzlichen Scenen der Unordnung, die fehlgeschlagenen Ausstände sehen, welche von der Polizei herrührten. Für den Augenblick halten wir die Hauptscenen von diesem Tage für genügend, um eine Idee von dem entsetzlichen Gemenge und dem blutigen Kampfe zu geben, wozu die Obsequien des ehrwürdigen Herzogs veranlaßten. Sagen wir, welche Ursachen diesen Strom von Männern, Frauen und Kindern, der Dominique von Herrn Sarranti, den Vater vom Sohne trennte, austreten gemacht hatten. In dem Augenblicke, wo der Aufruhr aufs Höchste gestiegen war, in dem Momente, wo sich das Todesgeschrei, das Gebrülle der Männer, die Wehklagen der Frauen, das Wimmern der Kinder von allen Seiten hörbar machten, das heißt, wo die Soldaten, mit gefällten Bajonneten auf die Zöglinge der Schule von Chalons zu marschierend, mit Gewalt sich des Sarges bemächtigen wollten, ertönte plötzlich kläglich ein durchdringender Schrei, gefolgt von einem unheimlichen Geräusche, und durch diesen Schrei, durch dieses Geräusch wurden auf der Stelle und wie durch ein Wunder alles Geschrei, alle Geräusche, alles Gebrülle, dieses menschlichen Oceans gehemmt. Es trat ein Augenblick erschrecklicher Stille ein; man hätte glauben sollen, das Leben sei gleichzeitig aus jeder Brust entschwunden. Dieser Schrei war von den Fenstern ausgegangen, welche wie Logen über dem Theater angebracht waren, wo das ruchlose Drama gespielt wurde. Dieser Schrei, die Menge hatte ihn ausgestoßen, als sie einen von den jungen Leuten, welche den Sarg trugen, vom Bajonnet eines Soldaten verwundet sah; dieses unheimliche Geräusch, das man gehört, war das dumpfe Geräusch vom Sarge des Herzogs, der, im Kampfe von den Soldaten nach rechts gezogen, von den jungen Leuten nach links gezogen, schwer auf das Pflaster niederfiel. In demselben Augenblicke, als hätte der Blitz mitten unter sie geschlagen, traten die Zuschauer dieser gräßlichen Sirene, von einem unsäglichen Schrecken ergriffen zurück und ließen in dem ungeheuren leeren Raume, der sich bei ihrem Rückzuge bildete, die jungen Leute ganz bestürzt allein. Schlecht gedeutet den denjenigen, welche die Erschütterung fühlten, ohne ihre Ursache zu kennen, veranlaßte diese Bewegung die Lawine, die wir in alle anliegende Straßen und besonders in die Rue Mondovi sich haben wälzen sehen. Einer von den jungen Leuten lag auf dem Boden beim Sarge: er hatte einen Bajonnetstich in die Seite bekommen. Seine Gefährten hoben ihn in ihren Armen auf und trugen ihn in ihren Reihen fort. Man konnte seinem Wege nach der Blutspur, die er zurückgelassen, folgen. Der Officier, der Polizeicommissär und die Soldaten waren Herren der Stellung geblieben. Das Gesetz hatte den Sieg davon getragen, wie Salvator sagte, der immer an demselben Platze, mit einem Arme Justin, mit dem andern Jean Robert zurückhielt, während er zu Petrus und Ludovic sagte: »Bei Ihrem Kopfe, rühren Sie sich nicht!« Niedergeschlagen und beschämt, näherten sich die Soldaten dem halb zerbrochenen Sarge und hoben den Mantel und die auf dem Boden zerstreuten, mit Koth bedeckten Insignien des Verstorbenen auf. Nach diesem ersten furchtbaren, ungeheuren, tödtlichen Schrei, nach dieser ersten Bewegung, welche die Menge in allen Richtungen, wo sie sich Verlaufen zu können glaubte, hinausdrängte, trat, wie gesagt, eine Todesstille ein, eine erhabene Stille, welche energischer als alles Geschrei. In der That, die höchste Protestation, die nachdrücklichste Vertheidigung, die ungestümste Entrüstung hätten nicht mehr bittere Vorwürfe, mehr blutige Drohungen enthalten, als diese gesammelte, ehrfurchtsvolle Haltung der Menge dem Leichname gegenüber, als diese stumme, stillschweigende Mißbilligung den Entheiligern gegenüber. Mitten unter diesem Stillschweigen stürzte der Urheber dieser ganzen Ruchlosigkeit, der schwarze Mann, der Polizeicommissär, in den Kreis, winkte den Trägern herbeizukommen, hieß sie den Sarg auf den Leichenwagen setzen, und befahl dem Officier mit einer gebieterischen Geberde, ihm im Nothfalle beizustehen. Plötzlich aber wurden der Officier und der Commissär leichenbleich, und ihr Gesicht bedeckte sich mit einem kalten Schweiße, als sie durch die Spalten des an mehreren Stellen zerbrochenen Sarges gegen sie, wie eine Drohung aus dem Grabe, einen der abgezehrten Arme des Leichnames sich ausstrecken sahen, der, vom Leibe getrennt, nahe daran schien, auf das Pflaster zu fallen. Sagen wir für diejenigen, welche uns beschuldigen dürften, wir machen Gräßliches mit kaltem Blute, daß aus der in Folge dieses ärgerlichen Ereignisses vorgenommenen Untersuchung hervorging, man habe, als der Sarg des Herzogs de la Rochefoucauld nach Liancourt, in die Familiengruft der la Rochefoucauld, geführt wurde, einen Theil der Nacht, welche der Bestattung vorherging, damit zubringen müssen, nicht nur den Sarg auszubessern, der, wie gesagt, halb zerbrochen war, sondern auch um wieder in ihre natürliche Lage die Glieder zu bringen, die sich vom Körper abgelöst hatten.[4 - Achille von Baulabelle, Histoire des Deux Restaurations.] Fügen wir schleunigst bei, —und wir werden auf diesen traurigen Gegenstand nicht mehr zurückkommen, – daß die Volksentrüstung nur einen Schrei von einem Ende Frankreichs zum andern ausstieß. Alle Journale, welche nicht dem Ministerium gehörten, gaben ihren Bericht über die entsetzliche Scene mit allem Zorne und mit aller Verachtung, welche diese schändliche Profanation verdiente. Die zwei Kammern waren das Echo dieses Schreies; die Pairskammer besonders, schwer getroffen in einem ihrer Mitglieder, beschränkte sich nicht daraus, daß sie energisch diese ruchlose Gewalttat tadelte, die den Leichnam eines Mannes schlug, dessen einziges Verbrechen es gewesen war, daß er gegen die Regierung gestimmt hatte; sie beauftragte ihren Großreferendär, sich nach den Thatumständen zu erkundigen, und als der hohe Würdenträger der Kammer das Resultat seiner Untersuchung mittheilte, klagte er laut die Polizei an, sie habe willkürlich dieses Aergerniß verursacht, ein um so mehr tadelnswerthes Aergerniß, als zahlreiche Vorgänge das Fortbringen eines Sarges mit den Armen rechtfertigten, und bei manchen Veranlassungen, besonders bei den Obsequien von Delille, Béclard und Emmery, dem Superior des Seminars von Saint-Sulpice, die Polizei das Tragen ihrer Ueberreste sowohl durch ihre Freunde, als durch ihre Zöglinge erlaubt hatte. Der Sarg von Herrn Emmery, unter Anderem, war auf diese Art von den Zöglingen seines Seminars bis aus den Kirchhof von Issy getragen worden. Herr von Corbière hörte alle diese Vorwürfe und nahm sie mit der ihm natürlichen hochmüthigen Kälte auf, welche manchmal in der Kammer so furchtbare Stürme gegen ihn erregte, und er glaubte nicht nur kein Wort des Tadels an den Agenten richten zu müssen, der die Leiche des redlichen Mannes beschimpft hatte, welcher von ihm, dem Minister im Leben beschimpft worden war, sondern er bestieg sogar die Tribüne und antwortete: »Hätten sich die Redner, die wir gehört, darauf beschränkt, ihre peinlichen Gefühle auszudrücken, so würde ich ihren Schmerz geehrt und ein Stillschweigen beobachtet haben. Aber auch Klagen gegen die Administration . . . Das Benehmen des Polizeipräfecten und seiner Agenten ist gewesen, was es sein mußte, und sie hätten anders handelnd, als sie es gethan, ihre Pflicht verletzt und sich meinem gerechten Tadel preisgegeben.« Die Kammer dankte dem Großreferendär für seinen Bericht und beschloß, das Ende des gerichtlichen Verfahrens, das begonnen hatte, abzuwarten. Wohlverstanden, das Verfahren hatte ein Ende, aber kein Resultat. Während die unabhängigen oder die Oppositions-Journale am andern Tage in ihrer ersten Colonne die Entrüstung, deren Dolmetscher sie nur waren, kundgaben, veröffentlichten die Regierungsjournale eine offenbar vom Ministerium oder von der Präfectur gekommene Note; denn, obgleich in drei verschiedenen Zeitungen gedruckt, glich sie sich doch dem Inhalte und der Form nach. Es folgt hier ungefähr der Text dieser Note, deren Zweck es war, die Verantwortlichkeit der Scenen vom vorhergehenden Tage auf die Rechnung der Bonapartisten zurückzuwerfen. »Die Hydra der Anarchie erhebt wieder ihr Haupt, das man für immer abgeschlagen glaubte; die Revolution, die man erloschen glaubte, ersteht wieder aus der Asche. Sie rückt hervor, ganz bewaffnet, im Schatten und in der Stille, und die Monarchie wird sich aufs Neue ihrer ewigen Feindin gegenüber finden. »Achtung, treue Diener Seiner Majestät, auf, ergebene Unterthanen! der Altar und der Thron, der Priester und der König sind bedroht! »Die bedauernswerthen Ereignisse von gestern haben zu Scenen der Gewalt Anlaß gegeben; Geschrei der Drohung, Geschrei des Aufruhrs, Todesgeschrei ist ausgestoßen worden. »Glücklicher Weise hielt der Polizeipräfect schon seit vierundzwanzig Stunden in seinen Händen die Hauptfäden des Complottes. Dank sei es dem glühenden Eifer dieses geschickten Beamten, ist das Complott gescheitert, und er hofft den Sturm beschwichtigt zu haben, der noch einmal das Staatsschiff zu verschlingen drohte. »Der Chef dieser weit umfassenden Verschwörung ist verhaftet worden. Er ist in den Händen der Gerichte, und die Freunde der Ordnung, die treuen Unterthanen des Königs werden erkennen, von welcher Wichtigkeit dieser Fang, wenn sie erfahren, daß der Chef dieses Complottes, dessen Zweck es war, den König vom Throne zu stürzen und den Herzog von Reichstadt darauf zu setzen, kein Anderer ist, als der berühmte Corse Sarranti, welcher kürzlich aus Indien angekommen, wo das Complott geboren wurde. »Man schauert, denkt man an die Gefahr, mit der die Regierung Seiner Majestät bedroht war. Doch der Abscheu wird bald auf die Entrüstung folgen, und man wird nicht einmal mehr wissen, woran man sich in Betreff dieser Leute zu halten hat, welche, nachdem sie dem Usurpator gedient, seinem Sohne dienen, wenn man erfährt, daß eben dieser Sarranti, der sich seit einigen Tagen in der Hauptstadt verbarg, derselbe ist, der Paris vor sieben Jahren unter dem Gewichte einer Anklage wegen Diebstahls und Mords verlassen hat. »Diejenigen, welche die Journale jener Zeit gelesen haben, erinnern sich vielleicht, daß das Dörfchen Viry-sur-Orge im Jahre 1829 der Schauplatz eines entsetzlichen Verbrechens war. Einer der angesehensten Männer des Cantons fand, als er eines Abends nach Hause kam, seine Kasse erbrochen, seine Frau ermordet, seine zwei jungen Neffen entführt und den Hofmeister verschwunden. »Dieser Hofmeister war kein Anderer als Herr Sarranti. »Eine gerichtliche Untersuchung hat schon begonnen.« X Seelengemeinschaft Der ausdrucksvolle Blick, den Herr Sarranti dem Abbé Dominique zugeworfen, und die paar Worte, die er im Augenblicke seiner Verhaftung gesprochen, geboten dem armen Mönche eine völlige Zurückhaltung, eine äußerste Discretion. Von seinem Vater getrennt, lief Dominique rasch in der aufsteigenden Richtung der Rue de Rivoli fort. Hier fand er wieder eine aufgeregte, stürmische Gruppe, und er begriff, daß diese Gruppe, welche auf die Tuilerien zueilte, Herrn Sarranti zum Mittelpunkte hatte. Er folgte daher, doch von fern, und wie er es kluger Weise wegen seiner so leicht erkennbaren Tracht thun mußte. Dominique war wirklich damals vielleicht der einzige Dominicaner, der in Paris wohnte. An der Ecke der Rue Saint-Nicaise hielt die Gruppe an, und von der Ecke der Place des Pyramides, wohin er gelangt war, sah Dominique denjenigen, welcher der Chef der Agenten zu sein schien, einen Fiacre rufen, und in diesen Fiacre, der auf seinen Ruf herbeikam, Herrn Sarranti einsteigen. Er folgte dem Fiacre, schritt über den Carrouselplatz so rasch als es ihm seine Kleidung erlaubte, und erreichte den Einlaß des Quai des Tuileries in dem Momente, wo der Fiacre sich um den Pont-Neuf wandte. Der Wagen fuhr offenbar nach der Polizeipräfectur. Der Abbé Dominique, als er den Fiacre an der Ecke des Quai des Lunettes verschwinden sah, fühlte alles Blut seiner Adern nach seinem Herzen fließen und tausend traurige Gedanken ihm zu Gehirne steigen. Er kehrte ganz vernichtet, den Leib gebrochen, die Seele voll tödtlicher Bangigkeit, nach Hause zurück. Zwei Tage und zwei Nächte in der Diligence zugebracht, die Gemüthsbewegungen aller Art des Tages, die Ungewißheit hinsichtlich der Ursachen, welche die Verhaftung seines Vaters motivierten, das war mehr als es brauchte, um den kräftigsten Körper zu beugen, um die muthigste Seele zu zähmen. Als er in sein Zimmer kam, war es schon Nacht. Er warf sich auf sein Bett, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, und versuchte es, ein wenig zu ruhen. Aber es setzten sich tausend Gespenster zu Häupten seines Bettes, und nach einer Viertelstunde war er wieder auf und ging hastig in seinem Zimmer umher, als müßte er, um zu schlafen, den Rest von Kraft oder von Fieber, der in ihm brannte, brechen. Die Unruhe trieb ihn hinaus. Da es Nacht geworden war, so bezeichnete ihn sein, in der Dunkelheit verlorenen Rock nicht mehr der allgemeinen Aufmerksamkeit. Er ging nach der Polizeipräfectur, in der sein Vater gewisser Maßen verschlungen worden war; – ein Schlund dem ähnlich, in welchen sich der Taucher von Schiller versenkt, und aus welchem man, wie der Taucher, erschrocken über die Ungeheuer aller Art, die man darin gesehen, hervorkommt. Er wagte es indessen nicht, einzutreten. Wußte man, daß Sarranti sein Vater war, so war sein Name eine Denunciation. War Herr Sarranti nicht unter dem Namen Dubreuil verhaftet worden? war es nicht besser, ihn unter der Wohlthat dieses falschen Namens einsperren zu lassen, der den gefährlichen, hartnäckigen Verschwörer nicht verrieth? Dominique wußte noch nicht, aus welchem Grunde sein Vater nach Frankreich zurückkam, doch er errieth wohl, es geschehe wegen der Sache, der er sein ganzes Leben geweiht hatte: wegen der Sache des Kaisers, oder, vielmehr da der Kaiser todt war, wegen der des Herzogs von Reichstadt. Zwei Stunden lang irrte der Sohn wie ein Schatten um das Grab seines Vaters, und er ging von der Rue Dauphine nach der Place du Harlay, vom Quai des Lunettes nach der Place du Palais-de-Justice, ohne Hoffnung, denjenigen wiederzusehen, welchen er suchte, denn es wäre ein Wunder gewesen, wäre er mit dem Wagen zusammengetroffen, der ihn vom Depot nach einem andern Gefängnisse führte; doch dieses Wunder, Gott konnte es machen, und, gut, einfach und groß, hoffte Dominique instinctartig auf Gott. Diesmal sah er sich in seiner Hoffnung getäuscht. Um Mitternacht ging er wieder nach Hause, legte sich zu Bette, schloß die Augen und entschlummerte endlich erschöpft vor Müdigkeit. Doch kaum war er eingeschlafen, als die peinlichsten Träume ihn bestürmten. Der Alp schwebte, wie eine Riesenfledermaus, die ganze Nacht über seinem Kopfe, und als der Tag kann erwachte er; statt seine Kräfte wiederherzustellen, hatte der Schlaf seine Müdigkeit nur vermehrt. Er stand auf und suchte wach die Eindrücke des Schlafes wiederzufinden; es schien ihm, als wäre mitten unter diesem stürmischen Chaos ein Engel leuchtend und rein vorübergezogen. Ein junger Mann war zu ihm gekommen mit sanftem, ehrlichem Gesichte, hatte ihm die Hand gereicht und in einer unbekannten Sprache, die er jedoch verstanden, zu ihm gesagt: »Stütze Dich auf mich , und ich werde Dir beistehen.« Dieses Gesicht war ihm bekannt. Nur fragte es sich, wo, um welche Zeit, unter welchen Umständen hatte er es gesehen? War diese Person reell, oder war es nur eine von den unbestimmten Erinnerungen, die man von einem früheren Leben zu bewahren scheint, welches sich dem unseren nur in dem Blitze eines Traumes offenbart? war er nicht die Inkarnation der Hoffnung, dieser Traum des wachen Menschen? Dominique, indem er klar in der Finsternis seines Gehirnes zu sehen suchte, setzte sich ganz nachdenkend ans Fenster, auf denselben Stuhl, auf dem er am Abend vorher saß, um das Bild vom heiligen Hyacinth anzuschauen, das heute abwesend. Da kehrte das Andenken an Carmelite und Colombau in sein Herz zurück, und dieser zwei Freunde sich erinnernd, erinnerte er sich auch Salvators. Salvator war der Engel seiner Nacht, es war der schöne junge Mann mit dem sanften, ehrlichen Gesichte, der während seines Schlafes zu seinen Häupten stehend von seinem Bette das Gespenst der Verzweiflung vertrieben hatte. Da zog die schmerzliche Scene, unter der Salvator ihm erschienen war, wieder ganz vor seinen Augen vorüber. Er sah sich noch, wie er im Pavillon von Colombau im Bas-Meudon saß und langsam die Todtengebete sprach, während Thränen seinen zum Himmel emporgehobenen Augen entfielen. Plötzlich waren zwei junge Leute mit entblößtem und geneigtem Haupte in’s Sterbezimmer eingetreten; diese zwei jungen Leute waren Jean Robert und Salvator. Salvator, als er ihn erblickte, hatte eine Art von Freudengeschrei von sich gegeben, dessen Sinn er nie hätte begreifen können, hätte Salvator, sich ihm nähernd, nicht mit einer zugleich festen und bewegten Stimme zu ihm gesagt: »Mein Vater, ohne es zu vermuthen, haben Sie das Leben dem Manne gerettet, der vor Ihnen steht ; und dieser Mann, der Sie seitdem nie gesehen hat, der Ihnen seitdem nie begegnet ist, hat Ihnen eine tiefe Dankbarkeit geweiht . . . Ich weiß nicht, ob Sie meiner eines Tags bedürfen werden; doch bei dem Heiligsten, was je existiert hat, bei dem Leibe des Ehrenmannes, der so eben verschieden ist, schwöre ich Ihnen, daß das Leben, welches ich Ihnen verdanke, Ihnen gehört.« Und er, Dominique, hatte geantwortet: »Mein Herr, ich nehme dies an, obschon ich nicht weiß, wann und wie ich Ihnen den Dienst habe leisten können, von dem Sie sprechen; doch die Menschen sind Brüder und in die Welt gestellt, um einander zu helfen. Bedarf ich also Ihrer, so werde ich zu Ihnen kommen. Ihr Name und Ihre Adresse?« Man erinnert sich, daß Salvator an den Schreibtisch von Colombau gegangen war, seinen Namen und seine Adresse auf ein Papier, das er sodann Sarranti übergab, geschrieben hatte, und daß der Mönch das Papier zusammengefaltet in sein Gebetbuch gelegt hatte. Dominique ging rasch in seine Bibliothek, nahm das Buch vom zweiten Fache, und fand das Papier bei dem Blatte, wo er es niedergelegt hatte. Sodann, als hätte sich die Sache an demselben Tage zugetragen, erinnerte er sich der Kleidung, der Stimme, der kleinsten Einzelheiten der Person von Salvator, und er erkannte in ihm den jungen Mann mit der sanften Stirne und dem sympathetischen Lächeln, den er in seinem Traume wiedergesehen hatte. »Auf!« sagte er, »es ist nicht zu zögern, und das ist eine Eingebung Gottes. Dieser junge Mann erschien wohl, ich weiß nicht unter welchem Titel, mit einem der höheren Agenten der Polizei, mit demselben, mit dem ich ihn gestern in der Himmelfahrts-Kirche sprechen sah; durch diesen Agenten kann er erfahren, aus welchem Grunde mein Vater verhaftet worden ist. Kein Augenblick ist zu verlieren, laufen wir zu Herrn Salvator.« Er vollendete in Eile seine mönchische Toilette. In dem Momente, wo er weggehen wollte, trat die Concierge, in einer Hand eine Tasse Milch, in der andern ein Journal haltend, ein; aber Dominique hatte weder Zeit, sein Journal zu lesen, noch zu frühstücken. Er hieß die Concierge Alles auf die Console legen; sagte ihr, er werde wohl in ein paar Stunden zurückkommen, einstweilen jedoch müsse er ausgehen. Er stieg rasch die Treppe hinab und kam nach zehn Minuten in die Rue Macon, vor das Haus, wo Salvator wohnte. Vergebens suchte er den Klopfer oder die Klingel. Die Thüre öffnete sich, am Tage mittelst einer Art von Kette, welche eine Klinke zog; bei Nacht nahm man die Kette herein, und die Thüre war geschlossen. Mochte noch Niemand ausgegangen sein, war die Kette durch einen Zufall nach innen gefallen, es war nicht möglich, die Thüre zu öffnen. Ohne Zweifel würde er lange geklopft haben, hätte nicht die Stimme von Roland Salvator und Fragola verkündigt, es komme ein unerwarteter Besuch. »Das ist ein Freundesbesuch!« sagte Salvator. »Woran erkennst Du dies?« »Am munteren, einschmeichelnden Bellen des Hundes. Oeffne das Fenster-, Fragola, und sieh, wer dieser befreundete Besuch ist.« Fragola öffnete das Fenster und erkannte den Abbé Dominique, den sie am Tage des Todes von Colombau gesehen hatte. »Es ist der Mönch,« sagte sie. »Welcher Mönch? . . . der Abbé Dominique?« »Ja.« »Ah! ich sagte wohl, es sei ein Freund!« rief Salvator. Und er stieg rasch die Treppe hinab, Roland voran, der sich die Stufen hinabgestürzt hatte, sobald er die Thüre offen gesehen. XI Unnütze Erkundigungen Mit einer Geberde ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit reichte Salvator dem Abbé Dominique beide Hände. »Sie, mein Vater ?« rief er. »Ja,« antwortete ernst der Mönch. »Ah! seien Sie willkommen!« »Sie erkennen mich also ?« »Sind Sie nicht mein Retter?« »Sie haben es mir wenigstens gesagt, und zwar bei einem so schmerzlichen Umstande, daß es nicht nöthig ist, Sie daran zu erinnern.« »Und ich wiederhole es Ihnen.« »Erinnern Sie sich dessen, was Sie beifügten?« »Bedürfen Sie je meiner, so gehöre Ihnen das Leben, das ich Ihnen verdanke.« »Ich habe Ihr Anerbieten nicht vergessen, wie Sie sehen, ich bedarf Ihrer, und hier bin ich.« Diese Worte austauschend, waren sie in das nach einer antiken Zeichnung von Pompeji decorirte kleine Speisezimmer gekommen. Der junge Mann bot dem Mönche einen Stuhl, und während er Roland winkte, der den Rock des Abbé Dominique beroch, als suchte er, bei welcher Gelegenheit er ihn gesehen habe, setzte er sich zu ihm. Vom Gespräche durch seinen Herrn entfernt, hockte sich Roland unter den Tisch. Der Mönch legte seine bleiche, schmale Hand auf die Hand von Salvator. Trotz ihrer Blässe war seine Hand fieberhaft. »Ein Mann,« sprach der Abbé Dominique, »für den ich eine tiefe Zuneigung hege, ist, vor ein paar Tagen erst in Paris angekommen, gestern an meiner Seite, in der Rue Saint-Honoré, bei der Himmelfahrts-Kirche verhaftet worden, ohne daß ich es wagte, ihm Hilfe zu leisten, – zurückgehalten durch den Rock, mit dem ich bekleidet bin.« Salvator verbeugte sich. »Ich habe es gesehen, mein Vater,« sagte er, »und ich muß zu seinem Lobe beifügen, daß er sich kräftig vertheidigt hat.« Der Abbé schauerte bei dieser Erinnerung. »Ja,« sagte er, »ich befürchte, diese Vertheidigung, so gerecht sie auch ist, wird ihm als ein Verbrechen angerechnet.« »Sie kennen also diesen Mann?« fragte Salvator, indem er den Mönch fest anschaute. »Oh! ich habe Ihnen gesagt, daß ich eine tiefe Zärtlichkeit für ihn hege.« »Welches Verbrechens ist er angeklagt?« »Das ist es, was ich durchaus nicht weiß, und was ich gern wissen möchte, und der Dienst, um den ich Sie bitten wollte, besteht darin, Sie mögen mir erfahren helfen, aus welcher Ursache er verhaftet worden ist.« »Ist das Alles, was Sie von mir wünschen, mein Vater ?« »Ja: ich habe Sie nach dem Bas-Meudon in Begleitung eines Mannes kommen sehen, der mir ein höherer Agent der Polizei zu sein schien. Gestern habe ich Sie mit diesem Manne sprechend wiedergesehen. Ich dachte, durch ihn könnten Sie vielleicht das Verbrechen erfahren, dessen mein . . . Freund beschuldigt ist« »Wie heißt Ihr Freund, mein Vater?« »Dubreuil.«« »Sein Stand?« »Es ist ein vormaliger Militär, der, wie ich glaube, von seinem Vermögen lebt.« »Woher kommt er?« »Von fernen Ländern, aus Asien . . . « »Es ist also ein Reisender?« »Ja,« antwortete der Abbé, traurig den Kopf schüttelnd; »sind wir nicht alle Reisende?« »Ich ziehe einen Ueberrock an, mein Vater, und ich gehöre Ihnen. Ich will Sie nicht länger aufhalten; denn, glaube ich der Traurigkeit Ihres Gesichtes, so sind Sie einer tiefen Besorgniß preisgegeben.« »Einer sehr tiefen,« antwortete der Mönch. Salvator, der nur eine Blouse anhatte, ging in’s anstoßende Zimmer und erschien in einem Augenblicke wieder im Ueberrocke.« »Nun bin ich zu Ihren Befehlen, mein Vater,« sagte er. Der Abbé stand rasch auf, und Beide gingen die Treppe hinab. Roland hob den Kopf empor und folgte ihnen mit seinem verständigen Blicke, bis sie die Thüre wieder zugemacht hatten; als er aber sah, daß man seiner wahrscheinlich nicht bedurfte, da man ihm nicht zu kommen winkte, so ließ er seinen Kopf wieder zwischen seine zwei Pfoten fallen und beschränkte sich darauf, daß er einen tiefen Seufzer ausstieß. An der Hausthüre blieb Dominique stehen. »Wohin gehen wir ?« fragte er. »Auf die Polizeipräfectur.« »Ich bitte Sie um Erlaubnis, einen Fiacre zu nehmen,« sagte der Mönch. »Mein Rock ist so kenntlich; und es könnten vielleicht so schwere Inconvenienzen für meinen Freund daraus entstehen, wenn man wüßte, ich beschäftige mich mit ihm, daß dies, wie ich glaube, eine unerläßliche Vorsicht ist.« »Ich wollte Ihnen das vorschlagen,« erwiderte Salvator. Man rief einen Fiacre, und die zwei jungen Männer stiegen ein; Salvator stieg am Ende des Pont Saint-Michel wieder aus. »Ich werde Sie an der Ecke des Quai und der Place Saint-Germain-’Auxerrois erwarten,« sagte der Mönch. Salvator nickte beistimmend mit dem Kopfe; der Fiacre fuhr durch die Rue de la Barrillerie weiter. Salvator ging den Quai des Orfévres hinab. Herr Jackal war nicht auf der Präfectur. Die Scenen vom vorhergehenden Tage hatten Paris in Aufregung gebracht. Man befürchtete, oder vielmehr, sagen wir es, man hoffte einige Zusammenschaarungen. Alle Polizeiagenten, Herr Jackal an der Spitze, waren auswärts, und der Huissier wußte die Stunde seiner Rückkehr nicht. Man konnte also nicht auf ihn warten: besser war es, ihn zu suchen. War es tiefe Kenntniß von Herrn Jackal, war es, Verschwörerinstinct, Salvator wußte, wo er ihn finden würde. Er ging den Quai hinab und wandte sich rechts auf den Pont-Neuf. Er hatte nicht zehn Schritte gemacht, als er einem Wagen begegnete; er hörte das Geräusch einer Hand, welche an die Scheibe des Schlages als Zeichen eines Rufes klopfte: er blieb stehen. Der Wagen hielt auch an. Der Schlag wurde geöffnet. »Steigen Sie ein!« sagte eine Stimme. Salvator wollte sich mit der Nothwendigkeit, einen Freund einzuholen, entschuldigen, als er in dem Manne, der diese Einladung an ihn richtete, den General Lafayette erkannte. Er zögerte nicht und nahm bei ihm Platz. Der Wegen ging wieder ab; jedoch sachte. »Sie sind Herr Salvator, nicht wahr?« fragte der General. »Ja, General, und ich habe zweimal die Ehre gehabt, mich mit Ihnen als Abgeordneter der hohen Venta zusammenzufinden.« »So ist es; ich habe Sie wiedererkannt, und darum habe ich Sie angehalten. Sie sind Logenchef, nicht wahr?« »Ja, General.« »Wie viel Leute haben Sie?« »Ich vermöchte es nicht genau zu sagen, doch ich habe viele.« »Zweihundert? dreihundert?« Salvator lächelte. »General,« sagte er, »am Tage, wo Sie meiner bedürfen werden, verspreche ich Ihnen dreitausend Soldaten.« Der General schaute Salvator an. Salvator neigte den Kopf mit einer Geberde der Bestätigung. Es lag ein so redlicher Ausdruck von Vertrauen in der Physiognomie des jungen Mannes, daß man unmöglich zweifeln konnte. »Je mehr Sie haben« desto wichtiger ist es, daß Sie die Neuigkeit erfahren.« »Welche?« »Die Wiener Affaire hat fehlgeschlagen.« »Ich vermuthete es,« sagte Salvator. »Ich habe euch gestern meine Leute ermahnt, sich nicht in die Bewegung zu mischen.« »Und Sie haben wohl daran gethan. Man will heute einen Aufstand.« »Ich weiß das.« »Doch Ihre Leute . . . ?« »Der für gestern gegebene Befehl besteht auch noch für heute. Darf ich Sie nun fragen, General, ob die Nachricht, die Sie mir mittheilen, aus sicherer Quelle kommt?« »Ich habe sie von Herrn von Marunde, der sie vom Herzog von Orleans hat.« »Und der Prinz hat ohne Zweifel einige Details erfahren ?« »Positive Details. Ein Courier ist gestern angekommen, unter dem Vorwande von Handelsangelegenheiten, abgesandt vom Hause Arnstein und Eskeles in Wien an das Haus Rothschild in Paris, in Wirklichkeit aber, um den Prinzen zu unterrichten.« »Das Complott ist also angezeigt?« »Man weiß nicht, ob es durch eine Machination der Polizei oder durch einen von den Zufällen, welche das Angesicht der Reiche erhalten oder verändern, gescheitert ist. Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, was dort beschlossen wurde?« »Ja, einer von den Hauptchefs der Verschwörung hat uns Alles gesagt. Der Herzog von Reichstadt ist durch die Vermittlung seiner Geliebten mit einem ehemaligen Diener von Napoleon, dem General Lebastard de Prémont, in Verbindung gebracht worden. Der junge Prinz willigte ein, zu fliehen, und diese Flucht sollte an dem Tage stattfinden, wo ein Buchstabe am Worte Χαιϱε mit Metallbuchstaben geschrieben über die Thüre einer zwischen dem Meidlinger Thore und dem Fuße des Grünen Berges liegenden Villa fehlen würde. Das ist Alles, was ich weiß.« »Nun wohl, am 24. März fehlte das ε. Abends um sieben Uhr warf der Herzog einen Mantel auf seine Schultern und ging aus. Als er an das Methlinger Thor kam, versperrte ihm ein Wächter, – die Wächter des Palastes von Schönbrunn sind Gendarmen des Hofes, – versperrte ihm ein Wächter den Weg.« »»Ich bin es,«« sagte der Prinz, »»erkennen Sie mich nicht?«« »»Doch, Hoheit,«« antwortete der Wächter sich verbeugend: »»aber . . . «« »»Werden Sie in zwei Stunden noch hier auf der Wache sei?«« »»Nein, Hoheit; es ist halb acht Uhr, und auf den Schlag neun Uhr löst man mich ab.«« »»Nun, so sagen Sie Ihrem Nachfolger, ich sei ausgegangen, damit er mich, wenn er mich zufällig nicht kennt, wieder hineinläßt. Nach einem heißen Liebesabenteuer wäre es traurig, eine kalte Nacht auf der Landstraße zuzubringen.«« »Und diese Worte sprechend, drückte der Prinz dem Gendarmen vier Goldstücke in die Hand. »»Sie werden mit Ihrem Nachfolger theilen,«« sagte er; »»es wäre nicht gerecht, wenn derjenige, welcher mich hinausläßt, Alles hätte, und derjenige, welcher mich hineinlassen wird, nichts bekäme.«« »Der Soldat nahm die vier Goldstücke, und der Herzog ging durch das Gitter. Am Fuße des Grünen Berges wartete ein Wagen mit einer Escorte von vier Männern zu Pferde; der Herzog stieg in den Wagen, und er ging im Galopp ab; die vier Reiter folgten. Der Eine von diesen vier Männern war der General Lebastard de Prémont; er sollte die ersten drei Posten zu Pferde machen, dann zum Herzog einsteigen und seine Reife mit ihm fortsetzen. Man wandte sich um das Schloß Schönbrunn, und man kam über Baumgarten und Hütteldorf nach Weidlingen. Hier ist eine Brücke über die Wien geschlagen. Auf dieser Brücke fand sich ein umgeworfener Wagen, der Kälber nach dem Markte führte. Die Kälber waren mitten auf der Brücke angehäuft und versperrten den Weg. »»Macht die Straße frei!«« sagte der General zu seinen Gefährten. »Diese stiegen ab und schickten sich an, das Hinderniß zu beseitigen. »Doch in demselben Augenblicke sah man den Helm und die Epauletten eines Oberofficiers glänzen, der aus dem nahen Wirthshause herauskam: es war der General Houdon. Hinter ihm marschierten ungefähr zwanzig Mann. »»Kehre um!«« sagte der General zu dem als Postillon verkleideten Manne. »Dieser, der die Dringlichkeit der Lage begriff, ließ schon seine Pferde sich drehen, als man den Galopp eines Trupps von Reitern hörte, welche auf der Landstraße, der man gefolgt war, herbeikamen. »»Fliehen Sie, General!« rief der Herzog; »»wir sind verrathen!«« »»Aber Sie, Hoheit . . . ?«« »»Ach! ich . . . seien Sie unbesorgt, mir wird man nichts zu Leide thun . . . Fliehen Sie! Fliehen Sie!«« »»Aber, Hoheit . . . «« »»Ich sage Ihnen, Sie sollen fliehen, oder Sie sind verloren . . . und wenn es sein muß, befehle ich es Ihnen im Namen meines Vaters.«« »»Im Namen des Kaisers,«« rief eine starke Stimme, »»haltet an.«« »»Sie hören?«« sagte der Herzog. »»Fliehen Sie, ich will es, ich bitte Sie darum.«« »»Ihre Hand, Hoheit . . . «« »Der Herzog steckte seine Hand zum Schlage hinaus, der General drückte seine Lippen darauf; dann stieß er seinem Pferde die Sporen in den Bauch und setzte über die Brustmauen. Man hörte das Geräusch des Pferdes und des Mannes, wie sie in den Fluß fielen, und dann nichts mehr. Die Nacht war zu finster, als daß man sehen konnte, was aus ihnen geworden war. Was den Herzog betrifft, er wurde nach Wien in die kaiserliche Burg zurückgeführt.« »Und,« fragte Salvator, »Sie denken, General, ein einfacher Zufall habe den Wagen umgeworfen und die Soldaten auf jede Seite der Brücke geführt?« »Das ist möglich; doch es ist nicht die Meinung des Herzogs von Orleans: er glaubt, die Polizei von Herrn von Metternich sei durch die französische Polizei in Kenntniß gesetzt worden. In jedem Falle sind Sie nun unterrichtet . . . Vorsicht, Klugheit!« Der General ließ seinen Wagen halten. »Seien Sie unbesorgt!« sagte Salvator. Sodann, als er auszusteigen.zögerte, fragte Lafayette: »Nun?« »Werden Sie mir, wenn ich aussteige, dieselbe Gunst bewilligen, welche der Herzog von Reichstadt dem General Lebastard de Prémont bewilligt hat?« Und er nahm die Hand des Generals, um sie zu küssen; dieser zog aber seine Hand zurück, bot ihm beide Wangen dar, und sprach: »Umarmen Sie mich, und küssen Sie mir zu Gefallen die erste hübsche Frau, der Sie begegnen werden.« Salvator umarmte den General, und stieg aus dem Wagen, der seinen Weg nach dem Luxembourg fortsetzte. Salvator aber kehrte durch die Rue Dauphine und über den Pont des Arts zurück. Der Fiacre wartete an der Ecke des Quai und der Place Saint-Germain-l’Auxerrois. Die Bangigkeiten des armen Dominique wären noch viel erschrecklicher gewesen, hätte der General Lafayette ihm gesagt, was er. Salvator erzählt hatte! Salvator theilte mit zwei Worten Dominique die Abwesenheit von Herrn Jackal mit und erklärte ihm, ohne ihm zu sagen, wer ihn aufgehalten, die Ursache seines Verzugs. Doch wir wiederholen, Salvator wußte, wo er Herrn Jackal finden konnte. Er befahl, in der That ohne das geringste Zögern, dem Fiacre mit dem Bruder Dominique an der Ecke der Rue Neuve-du-Luxembourg zu halten, und durch den Hof des Louvre gehend , indeß der Fiacre den Quais folgte, erreichte er die Rue Saint-Honoré. Wie er es vorhergesehen, war von der Saint-Roche-Kirche an die Rue Saint-Honoré versperrt. Es gibt in Paris Neugierige des Tages und Neugierige des andern Tages: die Neugierigen des Tages, die das Ereigniß machen, und die Neugierigen des andern Tages, die den Schauplatz des Ereignisses in Augenschein nehmen. Es besichtigten aber zehn bis zwölftausend Neugierige des andern Tages mit ihren Frauen und ihren Kindern den Schauplatz des Ereignisses. Man hätte glauben sollen, es sei eine Promenade nach Saint-Cloud oder nach Versailles an einem Festtage. Mitten unter diesen Neugierigen hoffte Salvator Herrn Jackal wiederzufinden. Er mischte sich unter dieses Gedränge. Wir werden nicht sagen, wie viel Blicke, ehe er zur Rue de la Paix kam, mit dem seinigen correspondirt halten, wie viel Hände die seinige berührt hatten, und dennoch war kein Wort gewechselt worden; nur eine Geberd, welche bedeutete: »Nichts.« Dem Hotel de Mayence gegenüber hielt Salvator an. Er hatte getroffen, was er suchte. Bekleidet mit einem Ueberrocke à la prapriétaire, auf dem Kopfe einen Hut à la Bolivar, einen Regenschirm unter dem Arme, und eine Prise Tabak aus einer Dose à la Charte nehmend, perorirte und erzählte Herr Jackal ganz emphatisch, und zwar zum größten Nachtheile der Polizei, wohlverstanden, die Ereignisse des vorhergehenden Tages. In einem Momente, wo Herr Jackal seine Brille aufgehoben hatte, kreuzte sich sein Blick mit dem von Salvator; dieser Blick blieb unempfindlich, und Salvator begriff dennoch, daß Herr Jackal ihn gesehen hatte. Der Blick von Herrn Jackal nahm wirklich ein paar Secunden nachher dieselbe Richtung, und dieser neue Blick drückte die Frage aus: »Haben Sie mir etwas zu sagen?« »Ja,« antwortete Salvator- »Gehen Sie voran; ich folge Ihnen.« Salvator ging voran und trat unter einen Thorweg. Herr Jackal folgte ihm dahin. Salvator trat gerade auf ihn zu, verbeugte sich leicht, jedoch ohne ihm die Hand zu geben, und sagte: »Sie mögen mir glauben, wenn Sie wollen, Herr JackaL doch Sie suchte ich.« »Ich glaube Ihnen, Herr Salvator,« erwiderte der Polizeichef mit seinem feinen Lächeln. »Ja, der Zufall hat mich vortrefflich bedient,« sprach Salvator. »Ich komme von der Präfectur.« »Wahrhaftig!« rief Herr Jackal, »Sie haben sich die Mühe genommen, zu mir zu gehen?« »Ja, und Ihr Huissier wird es bestätigen. Nur war ich, da er mir nicht sagen konnte, wo ich Sie finden werde, gezwungen, es zu errathen , und ich habe Sie meinem guten Sterne vertrauend aufgesucht.« »Sollte ich das Glück haben, Ihnen irgend einen Dienst leisten zu können, mein lieber Herr Salvator?« fragte Herr Jackal. »Ei! mein Gott! ja,« antwortete der junge Mann, »Sie können dieses Glück haben, wenn Sie überhaupt wollen.« »Lieber Herr Salvator, Sie sind zu geizig mit solchen Gelegenheiten, als daß ich sie mir würde entschlüpfen lassen.« »Und das ist sehr einfach, wie Sie sehen werden. Der Freund von einem meiner Freunde ist gestern Abend im Getümmel verhaftet worden.« »Ah!« machte Herr Jackal. »Das setzt Sie in Erstaunen ?« fragte Salvator. »Nein, denn ich hörte sogar, es habe gestern eine große Menge Verhaftungen stattgefunden. Bringen Sie mich auf die Spur, lieber Herr Salvator.« »Das ist sehr leicht; ich habe Ihnen denselben in dem Augenblicke, wo man ihn verhaftete, gezeigt.« »Ah! . . . es ist gerade dieser? . . . Seltsam! . . . « »Würden Sie ihn unter den Gefangenen wiedererkennen?« »Ich kann nicht dafür stehen: ich habe ein so kurzes Gesicht! Doch wenn Sie mir mit seinem Namen helfen wollen . . . « »Er heißt Dubreuil.« »Dubreuil? Warten Sie doch,« sagte Herr Jackal, indem er sich mit der Hand vor die Stirne schlug, wie ein Mensch, der seine Gedanken zu sammeln sucht. »Dubreuil? . . . Ja, ja, ja, ich kenne diesen Namen.« »Ei! wenn Sie Auskunft nöthig hätten, so könnte ich Ihnen unter der Menge die zwei Agenten suchen, die ihn verhaftet haben? Ihre Gesichter sind mir so gegenwärtig, daß ich sie wiedererkennen würde, dessen bin ich sicher . . . « »Sie glauben?« »Um so mehr, als ich sie schon in der Kirche bemerkt hatte . . . « »Nein, das ist unnöthig . . . Wünschen Sie einige Auskunft über den Unglücklichen?« »Ich wünsche ganz einfach zu wissen, aus welchem Grunde dieser Unglückliche, wie Sie ihn nennen, verhaftet worden ist. »Ah! das kann ich Ihnen in diesem Augenblicke nicht sagen.« »In jedem Falle werden Sie mir wohl sagen, wo Sie glauben, daß er ist.« »Auf dem Depot, natürlich . . . wenn ihn nicht etwa eine besondere Bezichtigung nach der Conciergerie oder nach der Force bringen gemacht hat.« »Diese Auskunft ist unbestimmt.« »Was wollen Sie, mein lieber Herr Salvator? Sie fassen mich ganz unverhofft an.« »Sie, Herr Jackal! faßt man Sie je so?« »Gut! nun sind Sie wie die Anderen. Weil ich Herr Jackal heiße, so ziehen Sie Analogien aus meinem Namen, und Sie glauben, ich sei fein wie ein Fuchs!« »Ei! das ist Ihr Ruf.« »Nun wohl! ich bin das Gegentheil von Figaro: ich bin weniger werth als mein Ruf, das schwöre ich Ihnen. Nein, ich bin ein guter Kerl, und das macht meine Stärke. Man heilt mich für schlau, man fürchtet meine Feinheiten, und läßt sich durch meine Gutmüthigkeit fangen. An dem Tage, wo ein Diplomat nicht mehr lügt, wird er alle seine Collegen täuschen, denn nie werden sie glauben können, er spreche die Wahrheit.« »Herr Jackal, machen Sie mich nicht glauben, Sie haben Befehl gegeben, einen Mann zu verhaften, ohne die Ursache zu wissen, aus der Sie ihn verhaften ließen.« »Ei! hört man Sie, so sollte man glauben, ich sei König von Frankreich!« »Nein, doch Sie sind König von Jerusalem.« »Vicekönig, und! . . . Präfect allerhöchstens! Sind nicht Herr von Corbière und Herr Delavau da, die vor mir in meinem Reiche regieren?« »Also,« sagte Salvator, den Polizeichef fest anschauend, »Sie weigern sich also, mir zu antworten?« »Ich weigere mich nicht, Herr Salvator, nur ist mir das buchstäblich unmöglich. Was kann ich Ihnen sagen? . . . Man hat Herrn Dubreuil verhaftet?« »Ja, Herrn Dubreuil.« »Nun wohl, dafür ist ein Grund vorhanden.« »Dieses: Grund ist es gerade, was ich zu wissen verlange.« »Er wird die Ordnung gestört haben.« »Nein, denn ich habe ihn in dem Augenblicke, wo er verhaftet wurde, angeschaut.« »Nun, dann wird man ihn für einen Andern gehalten haben.« »Das geschieht also zuweilen?« »Ei!« erwiderte Herr Jackal, indem er sich die Nase mit Tabak vollstopfte, »nur unser Heiliger Vater ist unfehlbar, und auch . . . « »Erlauben Sie mir, Ihre Worte auszulegen, mein lieber Herr Jackal.« »Thun Sie das; doch wahrhaftig, Sie erweisen ihnen zu viel Ehre.« »Ist Ihnen das Gesicht des Verhafteten unbekannt?« »Ja, ich sah ihn gestern zum ersten Male.« »Sein Name ist Ihnen unbekannt?« »Sein Name Dubreuil . . . ja.« »Und die Ursache seiner Verhaftung, ist Ihnen unbekannt ?« Herr Jackal drückte seine Brille wieder auf seine Augen nieder. »Völlig unbekannt,« sagte er. »Woraus ich schließe,« fuhr Salvator fort, »daß die Ursache seiner Verhaftung von geringer Bedeutung ist, und daß sie folglich nicht von langer Dauer sein dürfte.« »Ah! Gewiß!« antwortete mit einer väterlichen Miene Herr Jackal. »Ist es das, was Sie wissen wollten?« »Ja.« »Warum sagten Sie es denn nicht früher? Ich will nicht gerade behaupten, daß der Freund Ihres Freundes zur Stunde, wo ich mit Ihnen spreche, freigelassen ist; doch da er Ihr Schützling ist, so haben Sie durchaus nichts zu befürchten, und sobald ich auf die Präfectur komme, öffne ich diesem Burschen beide Flügel der Thüre.« »Ich danke!« sprach Salvator, indem er den Polizeimann tief anschaute. »Ich darf also auf Sie zählen?« »Das heißt, Ihr Freund kann auf beiden Ohren schlafen. Ich habe in meinen ernsten Cattons nicht ein einziges Actenfascikel mit dem Namen Dubreuil. Ist das Alles, was Sie von mir wünschen?« »Nichts Anderes.« »Wahrhaftig, Herr Salvator,« sagte der Polizeimann, als er sah, daß die Menge sich verlief, und daß die Zusammenschaarung beinahe zerstreut war; »wahrhaftig, die Dienstes die Sie von mir verlangen, haben große Aehnlichkeit mit den Zusammenrottungen; man glaubt sie fest zu halten, und sie zerplatzen einem in der Hand wie Seifenblasen.« »Das ist so,« erwiderte Salvator lachend, »weil die Zusammenrottungen verpflichten wie die Dienste. Darum sind sie so selten und folglich so kostbar.« Herr Jackal hob seine Brille empor, schaute Salvator an, stopfte sich die Nase mit Tabak voll, drückte seine Brille wieder nieder und sagte: »Nun also?« »Aus Wiedersehn, lieber Herr Jackal,« antwortete Salvator. Und er grüßte den Polizeimann, dem er die Hand eben so wenig gab, da er ihn verließ, als da er ihn angeredet hatte, schritt über die Rue Saint-Honoré von rechts nach links und begab sich wieder zu Dominique, der ihn in seinem Fiacre an der Ecke der Rue Neuve-du-Luxembourg erwartete. Er öffnete sodann den Schlag des Fiacre reichte Dominique beide Hände und sprach: »Sie sind Mann, Sie sind Christ, Sie wissen folglich, was der Schmerz ist, was die Resignation ist . . . « »Mein Gott!« rief der Mönch, seine weißen Hände faltend. »Nun wohl, die Lage Ihres Freundes ist ernst, sehr ernst!« »Er hat Ihnen also Alles gesagt?« »Er hat mir im Gegentheile nichts gesagt, und das ist es, was mich erschreckt. Er kennt Ihren Freund nicht von Gesichte; er hat gestern zum ersten Male den Namen Dubreuil aussprechen hören, und er weiß die Ursache seiner Verhaftung nicht . . . Mißtrauen Sie, ich wiederhole es Ihnen, die Sache ist ernst, sehr ernst!« »Was ist zu thun?« »Gehen Sie nach Hause . . . Ich will meinerseits nachforschen, forschen Sie Ihrerseits nach, und zählen Sie auf mich.« »Freund,« sprach Dominique, »da Sie so gut sind . . . « »Was?« fragte Salvator, den Mönch anschauend. »Lassen Sie mich Sie um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen nicht Alles gesagt habe.« »Ist es noch Zeit? Sprechen Sie!« »Nun denn, der Verhaftete heißt nicht Dubreuil, ist nicht mein Freund.« »Nicht?« »Er heißt Sarranti und ist mein Vater.« »Ah!« rief Salvator, »ich weiß nun Alles.« Sodann den Mönch anschauend. »Treten Sie in die erste die beste Kirche ein, die Sie treffen, und beten Sie!« »Und Sie?« »Ich . . . ich werde zu handeln suchen.« Der Mönch nahm die Hand von Salvator und küßte sie, ehe dieser Zeit gehabt hatte, sich zu widersetzen. »Bruder, Bruder,« sprach Salvator, »ich habe Ihnen gesagt, ich gehöre Ihnen mit Leib und Seele, doch man darf uns nicht beisammen sehen. Gott besohlen!« Er schloß den Schlag wieder und entfernte sich rasch. »Nach der Saint-Germain-des-Prés-Kirche!« sagte der Mönch. Und während der Fiacre den Weg nach dem Pont de la Concorde mit dem gewöhnlichen Gange eines Fiacre einschlug, ging Salvator schleunigst wieder die Rue de Rivoli hinaus. XII Das Gespenst Die Saint-Germain-des-Prés-Kirche, mit ihrer romanischen Vorhalle, ihren massiven Pfeilern, ihren gedrückten Bögen, ihrem Dufte vom achten Jahrhundert, ist eine der düstersten Kirchen von Paris, und folglich eine von denjenigen, wo man am leichtesten die Vereinzelung des Leibes und die Erhebung der Seele finden kann. Es hatte also nicht ohne Grund Dominique, der nachsichtige Mönch, aber der strenge Mensch, Saint-Germain-des-Prés gewählt, um hier mit Gott von seinem Vater zu reden. Er betete lange, und es war über fünf Uhr Nachmittags, als er, die Hände in seinen weiten Aermeln verloren, den Kopf auf seine Brust gesenkt, daraus wegging. Er wandelte langsam nach der Rue du Bot-de-Fer, immer hoffend, – indessen mit einer sehr schüchternen und unbestimmten Hoffnung, – aus dem Gefängnisse abgegangen, werde sein Vater gekommen sein, um nach ihm zu fragen. Seine erste Frage an die gute Frau, welche beim Abbé die Functionen einer Concierge und einer Löhnerin kumulierte, war auch, daß er sich erkundigte, ob in seiner Abwesenheit Niemand nach ihm gefragt habe. »Doch, mein Vater,« antwortete die Concierge, »ein Herr . . . « Dominique bebte. »Sein Name?« fragte er. »Er hat ihn mir nicht gesagt.« »Sie kennen ihn nicht?« »Nein . . . es ist das erste Mal, daß er kommt.« »Sie sind sicher, daß es nicht der ist, welcher mir gestern einen Brief gebracht hat?« »Ah! Nein, diesen hätte ich wohl erkannt: es gibt nicht zwei so finstere Gesichter in Paris.« »Armer Vater!l« murmelte Dominique. »Nein,« fuhr die Concierge fort, »die Person, welche zweimal gekommen ist, – denn sie ist zweimal gekommen: einmal um Mittag, und das andere Mal um vier Uhr; – die Person, welche zweimal gekommen ist, ist mager und kahl. Es ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, mit kleinen, wie die eines Maulwurfs tief im Kopfe liegenden Augen und ganz krankem Aussehen. Sie werden ihn übrigens wahrscheinlich sogleich sehen, denn er hat gesagt, er wolle einen Gang machen und werde dann wiederkommen . . . Soll ich ihn herauflassen?« »Gewiß,« erwiderte der Abbé zerstreut; denn in diesem Augenblicke war ihm an nichts gelegen, als an dem, was von seinem Vater kam. Und er nahm seinen Schlüssel und schickte sich an, hinaufzugehen. »Aber,« sagte die gute Frau, »Herr Abbé . . . « »Was?« »Sie haben also auswärts gefrühstückt?« »Nein,« antwortete der Abbé, den Kopf schüttelnd. »Als o haben Sie den ganzen Tag nichts gegessen?« »Ich habe nicht daran gedacht. Sie werden mir etwas beim Restaurateur holen . . . was Ihnen beliebt.« »Wenn der Herr Abbé wollte,« sagte die gute Frau, indem sie einen Blick auf ihren Ofen warf, »ich habe einmal eine gute Fleischbrühe . . . « »Wohl!« »Sodann würde ich ein paar Cotelettes auf den Rost legen; das wäre für den Herrn Abbé viel besser als Fleisch vom Restaurateur.« »Thun Sie, was Sie wollen.« »Ja fünf Minuten werden die Fleischbrühe und die Cotelettes bei Ihnen sein.« Der Abbé nickte beipflichtend mit dem Kopfe und ging die Treppe hinauf. Als er in sein Zimmer eintrat, öffnete er das Fenster. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne glitten golden durch die Zweige der Bäume des Luxembourg, deren Knospen zu schwellen anfingen. Es war in der Luft der in’s Veilchenblaue spielende kleine Nebel, der das Herannahen des Frühlings verkündigt. Der Abbé setzte sich, stützte seinen Ellenbogen auf das Fenstergesims, schaute und horchte auf die Schwärme von Sperlingen, welche zwitscherten, ehe sie in ihre Hagebuchen zurückkehrten. Die Concierge, wie sie es zu thun versprochen, brachte die Fleischbrühe und die zwei Cotelettes herauf; ohne den Mönch in seiner Meditation zu stören, denn sie war gewohnt, ihn so meditieren zu sehen, setzte sie sodann den Tisch vor ihn, und auf den Tisch sein Mittagsbrod. Der Abbé hatte die Gewohnheit angenommen, Brod auf sein Fenster zu zerkrümeln, und an dieses Bettelgeschenk gewöhnt, eilten die Vögel herbei wie römische Clienten zur Thüre von Lucullus oder von Cäsar. Einen Monat lang war das Fenster geschlossen geblieben; einen Monat lang hatten die Vögel vergebens ihrem Freunde gerufen; einen Monat lang hatten sie sich vergebens auf den äußeren Rand dieses Fensters gesetzt und neugierig durch die Scheide geschaut. Das Zimmer war leer: der Abbé Dominique war in Penhoël. Als aber die Vögel das Fenster offen sahen, da verdoppelte sich ihr Geschwätz. Man hätte glauben sollen, sie verkündigen einander die frohe Neuigkeit. Endlich wagten es einige von ihnen, mit besserem Gedächtnisse, um den Mönch zu flattern. Das Geräusch der Flügel entzog ihn seiner Träumerei. »Ah!« sagte er, »arme Kleine, ich vergaß euch, und ihr erinnert euch; ihr seid besser als ich.« Und er nahm sein Brod, wie er es früher gethan, und zerkrümelte es auf das Fenster. Sogleich waren es nicht mehr zwei oder drei kühne Sperlinge, die sich zu nähern wagten: es war der ganze Flug seiner alten Pensionäre, der um ihn wirbelte. »Frei, frei, frei!« murmelte Dominique; »ihr seid frei, reizende Vögel», und mein Vater, er ist Gefangener!« Und er fiel in seinen Lehnstuhl zurück, wo er einige Augenblicke in eine tiefe Träumerei versenkt blieb. Dann trank er endlich maschinenmäßig seine Fleischbrühe und aß seine Cotelettes mit der Kruste von dem Brode, von dem er die Krume den Vögeln gegeben hatte. Die Sonne sank indessen immer tiefer gegen den Horizont; sie vergoldete nur noch das äußerste Ende der Zweige und die Spitzen der Kantine. Die kleinen Vögel waren entflogen, und man hörte in der Ferne, in den Hagebuchen, ihr Geschwätz, das mehr und mehr erlosch. Immer maschinenmäßig, streckte Dominique die Hand aus und entfaltete sein Journal. Die zwei ersten Colonnen enthielten die wortreiche Erzählung der Ereignisse des vorhergehenden Tages. Der Abbé Dominique, der wenigstens eben so gut, als ein Journal des Ministeriums wußte, woran er sich in dieser Hinsicht zu halten hatte, übersprang die zwei Colonnen; als er aber zur dritten kam, zog es wie eine Blendung vor seinen Augen vorüber; sein ganzer Leib zitterte, ein Schauer lief in ihm vom Kopfe bis zu den Füßen, ein kalter Schweiß überströmte seine Stirne: er hatte dreimal wiederholt, ehe er etwas gelesen, seinen Namen oder vielmehr den seines Vaters gesehen. Aus welcher Veranlassung war der Name von Herrn Sarranti dreimal in den Colonnen dieses Journals wiederholt? Der arme Dominique hatte eine Erschütterung empfunden ähnlich der, welche die Gäste von Balthasar treffen mußte, als die unsichtbare Hand mit Flammenschrift die drei tödtlichen Worte an die Wand schrieb. Er rieb sich die Augen, als blendete ihn ein Blutbild; er versuchte es, zu lesen, doch die Zeitung zitterte dergestalt in seinen beiden Händen, daß die Linien ihm blendend schillerten wie der Reflex eines Spiegels, den man bewegt. Endlich breitete er das Blatt auf seinem Schooße aus, befestigte es auf beiden Seiten mit seinen Händen, und las beim letzten Scheine des Tages. Sie errathen, nicht wahr, was er las? Er las die in die Journale eingerückte entsetzliche Notiz, die wir Ihnen vor Augen gelegt haben; die Notiz, in der sein Vater des Diebstahls und des Mordes eingeklagt war. Der Blitz hätte nicht so ungeschlacht und so tödtlich einen Menschen niedergeschmettert, als es dieser erschreckliche Artikel that: Plötzlich aber sprang er von seinem Stuhle an seinen Secretär und rief: »Ab! Gott sei gelobt! Diese Verleumdung, mein Vater, wird in die Hölle zurückkehren, von der sie ausgegangen ist!« Und er nahm aus der Schublade das uns bekannte Papier, die geschriebene Beichte von Herrn Gérard. Er drückte heiße Küsse auf die Rolle, welche das Leben eines Menschen enthielt ; mehr als sein Leben, seine Ehre! – die Ehre seines Vaters! Er öffnete sie, um sich zu versichern, es sei wirklich die kostbare Rolle, und er täusche sich nicht in seiner Hast; und als er die Handschrift erkannt und den Namen, mit dem sie unterzeichnet war, wieder gelesen hatte, küßte er sie aufs Neue; dann schob er sie unter seinen Rock, preßte sie an seine Brust, verließ das Zimmer, schloß die Thüre und stieg rasch die Treppe hinab. Ein Mann stieg die Treppe zu gleicher Zeit herauf, da der Abbé Dominique hinabging. Doch der Abbé Dominique schenkte diesem Manne keine Aufmerksamkeit; er ging an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken, beinahe ohne ihn zu sehen, als er sich am Aermel seines Rockes zurückgehalten fühlte. »Verzeihen Sie, Herr Abbé,« sagte derjenige, welcher ihn zurückhielt, »ich ging zu Ihnen.« Der Ton dieser Stimme machte Dominique beben; sie war ihm nicht unbekannt. »Zu mir? . . . Später,« erwiderte Dominique; »ich habe nicht Zeit, wieder hinaufzugehen.« »Und ich habe keine, wiederzukommen,« sprach der Mann, indem er diesmal den Arm des Mönches mit dem Aermel ergriff. Dominique fühlte etwas wie einen tiefen Schrecken auf sich niederfallen. Diese eisernen Hände, die ihm den Arm zusammendrückten, schienen die Hände eines Skelettes zu sein. Er suchte denjenigen zu sehen, welcher ihn so auf seinem Wege aufhielt; doch die Treppe war in der Finsternis, ein einziger Strahl des Tages drang durch ein Ochsenauge ein und beleuchtete einen schmalen Raum. »Wer sind Sie, und was weilen Sie von mir?« fragte der Mönch, der seinen Arm vergebens loszumachen suchte. »Ich bin Herr Gérard,« erwiderte der Mann, »und ich komme wegen des Bewußten.« Dominique stieß einen Schrei aus. Doch die Sache schien ihm so unmöglich, daß er, ehe er daran glaubte, dem Zeugnisse seiner Ohren das Zeugniß seiner Augen beifügen wollte. Er nahm den Mann nun auch bei beiden Armen, und sprang mit ihm bis in den röthlichen Strahl, den einzigen, der die Treppe beleuchtete. Der Kopf des Gespenstes befand sich im Lichte. Es war in der That Herr Gérard. Der Abbé wich, das Auge erschrocken, die Haare zu Berge stehend, seine Kinnbacken an einander klappernd, bis an die Wand zurück. Hier blieb er in der Haltung eines Mannes, der einen Leichnam in seinem Sarge sich würde erheben sehen, und ließ mit einer dumpfen Stimme das einzige Wort entschlüpfen: »Lebendig!« »Allerdings lebendig,« sagte Herr Gérard. »Gott hat Mitleid mit meiner Reue gehabt und mir einen guten, jungen Arzt geschickt, durch den ich geheilt worden bin.« »Sie?« rief der Abbé, der sich einem entsetzlichen Traume preisgegeben glaubte. »Nun wohl« ja. Ich begreife, daß Sie mich für todt gehalten haben, doch ich bin es nicht.« »Sind Sie schon zweimal heute hier gewesen?« »Und ich komme zum dritten Male . . . Ich wäre zehnmal gekommen; Sie begreifen, es lag mir daran, daß Sie mich nicht fortwährend für todt hielten.« »Doch warum eher heute, als an einem andern Tage?« fragte maschinenmäßig der Abbé, indem er den Mörder mit starren Augen anschaute. »Sie haben also die Zeitungen nicht gelesen?« sagte Herr Gérard. »Doch, ich habe sie gelesen,« antwortete mit dumpfer Stimme der Mönch, der den Abgrund, vor dem er sich fand, zu ermessen anfing. »Wenn Sie sie gelesen haben, so müssen Sie den Zweck meines Besuches begreifen.« Dominique begriff in der That, und ein kalter Schweiß floß über seinen ganzen Leib. »Da ich lebe,« fuhr Herr Gérard, die Stimme dämpfend, fort, »so ist meine Beichte nichtig.« »Richtig?« wiederholte maschinenmäßig der Mönch. »Ja, ist es nicht den Priestern bei Strafe ewiger Verdammnis verboten, die Beichte zu offenbaren, ohne die Erlaubnis des Beichtenden erhalten zu haben?« »Diese Erlaubnis haben Sie mir gegeben,« rief der Mönch. »Wenn ich todt wäre, ja, allerdings: doch da ich lebe, nehme ich sie zurück.« »Unglücklicher!« rief der Mönch, »und mein Vater ?« »Er vertheidige sich, er klage mich an, er beweise; doch Sie Beichtvater, Stille!« »Es ist gut!« sagte Dominique, einsehend, daß er sich nicht gegen ein Verhängniß sträuben konnte, das sich ihm unter der Form von einem der Grunddogmen der Kirche bot , »es ist gut, Elender! Ich werde schweigen!« Und mit der Hand Gérard zurückstoßend, machte er eine Bewegung, um wieder in seine Wohnung hinaufzugehen. Doch Herr Gérard klammerte sich an ihn an. »Was wollen Sie noch von mir?« fragte der Mönch. »Was ich will?« sagte der Mörder. »Ich will das Papier, das ich Ihnen in einem Augenblicke des Deliriums gegeben habe.« Dominique drückte seine beiden Hände an seine Brust. »Sie haben es,« rief Gérard; »es ist da . . . geben Sie es mir zurück.« Und der Mönch fühlte aufs Neue an seinem Arme den Druck der eisernen Hand, während der ausgestreckte Finger des Mörders beinahe das Manuscript berührte. »Ja, es ist da,« sprach der Abbé Dominique; »doch wo es ist, da wird es, ich schwöre es bei meinem Priesterworte, auch bleiben.« »Sie würden also Ihren Eid brechen? Sie würden also die Beichte offenbaren?« »Ich habe Ihnen gesagt, ich nehme den Vertrag an, und so lange Sie leben, werde ich schweigen.« »Warum behalten Sie dann dieses Papier?« »Weil Gott gerecht ist; weil es, durch Zufall oder durch Gerechtigkeit, sein kann, daß Sie während des Processes meines Vaters sterben, weil ich endlich, ist mein Vater verurtheilt, auf dem Schaffot zu sterben, dieses Papier gegen Gott erheben und sprechen werde: »»Herr, der Du das höchste Wesen und der gerechte Gott bist, schlage den Schuldigen und rette den Unschuldigen!«« Das, Elender, ist mein Menschen- und Priesterrecht, und ich werde von meinem Rechte Gebrauch machen.« Hierauf schob er Herrn Gérard, der sich vor ihn gestellt hatte, als wollte er ihm den Weg versperren, heftig beiseit, ging die Treppe hinauf, dem Mörder durch eine gebieterische Geberde verbietend, ihm zu folgen, trat in seine Wohnung ein, deren Thüre er schloß, fiel vor einem Crucifix auf die Kniee und sprach: »Mein Gott und-Herr, Du, der Du Alles siehst, Du, der Du Alles hörst, Du hast so eben gesehen und gehört, was vorgefallen ist; mein Gott und Herr, es wäre eine Ruchlosigkeit, die Hand der Menschen bei Allein dem anzurufen . . . Dir die Gerechtigkeit!« Dann fügte er mit dumpfem Tone bei: »Und übst Du nicht Gerechtigkeit, mir die Rache!« XIII Eine Soirée im Hotel Marande Einen Monat nach den Ereignissen, die wir in den vorhergehenden Kapiteln erzählt haben, am Sonntag den 30..April, bot die Rue Lafitte, – oder nennen wir sie vielmehr mit dem Namen, den sie damals trug, – die Rue d’Artois einen ungewohnten Anblick. Man denke sich in der That das Boulevard des Italiens und das Boulepard des Capucines bis zum Boulevard de la Madeleine, das Boulevard Montmartre bis zum Boulevard Bonne-Nouvelle, und andererseits, parallel, die ganze Rue de Provence und . die anliegenden Straßen buchstäblich von Equipagen mit funkelnden Laternen überströmt; man denke sich die Rue d’Artois beleuchtet von zwei mit Lämpchen beladenen riesigen Eibenbäumen, die sich auf jeder Seite der Thüre eines reichen Hotels erhoben; zwei Dragoner zu Pferde diese Thüre bewachend, zwei andere auf dem durch das Durchkreuzen der Rue de Provence gebildeten Scheidewege stationierend; – und man wird eine Idee von dem Schauspiele haben, das den Vorübergehenden die Umgebungen des Hotels Marande bieten, wenn seine schöne Herrin einigen Freunden eine von den Soiréen gibt, wobei ganz Paris sein will. Folgen wir einer von den Equipagen, welche die Reihe bilden, und treten wir mit ihr in den Ehrenhof ein: bleiben wir sodann in diesem Ehrenhofe stehen, in Erwartung von Einem, der uns einführt, und während wir warten, betrachten wir das Innere des Hotels. Das Hotel Marande lag, wie gesagt, in der Rue d’Artois« zwischen dem Hotel Cerutti, – das bis 1792 seinen Namen der Straße gegeben hatte, – und dem Hotel de l’Empire. Drei Corps de Logis bildeten, mit der Facademauer, ein ungeheures Rechteck. Rechts waren die Zimmer des Banquier, vorne die Salons des Politikers; links die Gemächer der schönen Person, die unsern Lesern schon mehrere Male unter dem Namen Lydie von Marande erschienen ist. Diese drei Corps de Logis standen so mit einander in Verbindung, daß der Herr das Auge überall haben konnte, – zu jeder Stunde des Tages, wie zu jeder Stunde der Nacht. Die Empfangsalons nahmen den ersten Stock dem Thorwege gegenüber ein. Doch an den großen Tagen öffnete man die Verbindungsthüren, und die Eingeladenen konnten dann ohne Indiskretion in die eleganten Boudoirs der Frau und in die strengen Orte der Zurückgezogenheit des Mannes dringen. Das ganze Erdgeschoß diente, der linke Flügel für Küche und Officin; das Centrum als Speisesaal und Vestibule; der rechte Flügel für Bureaux und Kasse. Steigen wir die Treppe mit marmornem Geländer und mit Stufen bedeckt mit einem Teppich von Sallandrouze hinauf und sehen wir, ob unter dieser ganzen Menge, welche die Vorzimmer füllt, nicht ein Freund existiert, der uns der schönen Wirthin des Hauses vorstellen kann. Wir kennen die bedeutendsten Eingeladenen; doch wir stehen nicht in so enger Verbindung mit ihnen, um einen solchen Dienst von ihnen zu verlangen. Höret, man meldet sie. Es ist Lafayette, es ist Casimir Perrier, es ist Reiher-Collard, es ist Béranger, es ist Pajol, es ist Köchlin, es ist endlich Alles das, was in Frankreich die in der Mitte zwischen der aristokratischen Monarchie und der Republik liegende Meinung vertritt; es sind diejenigen, welche mit dem Worte Charte im Munde dumpf an der großen Geburt von 1830 arbeiten, und hören wir unter allen diesen Parteichefs, die wir genannt haben, Lafitte nicht melden, so ist dies so, weil er sich in Maisons befindet und mit der Ergebenheit, welche der treffliche Banquier für seine Freunde hegt, den kranken Manuel pflegt, der binnen Kurzem sterben wird. Doch sieh, da ist Einer, der uns einführen wird, einmal die Schwelle überschritten, so werden wir gehen, wohin es uns beliebt. Es ist dieser junge Mann von mittlerer, eher großer, als kleiner, wunderbar gebauter Gestalt; dieser junge Mann nach der Mode der Zeit gekleidet, und zugleich mit jenem gewissen Etwas, das den Künstler bildet. Man sehe: dunkelgrüner Frack geschmückt mit dem Bande der Ehrenlegion, das er erhalten hat, – durch welchen Einfluß? er weiß es nicht; denn er hat es nicht verlangt, und sein Oheim ist zu egoistisch, als daß er daran gedacht hätte, es ihm zu verschaffen, und überdies ist er bei der Opposition: – schwarze Sammetweste mit einem Knopfe oben zugeknöpft, drei Knöpfen unten zugeknöpft, welche Weste durch ihre Oeffnung ein Jabot von englischen Spitzen passieren läßt; anliegende Beinkleider, ein nerviges, bewunderungswürdig gemachtes Bein zeichnend; durchbrochene schwarze seidene Strümpfe und Schuhe mit kleinen goldenen Schnallen, einen Frauenfuß enthaltend; – sodann über Alles dies der Kopf von Van Dyk mit sechsundzwanzig Jahren. Sie haben ihn erkannt, es ist Petrus. Er hat kurz zuvor ein reizendes Portrait von der Gebieterin des Hauses gemacht. – Er liebt es nicht, Portraits zu machen, doch sein Freund Jean Robert ist so sehr in ihn gedrungen, er möge das von Frau von Marande malen, daß der junge Künstler einwilligte. Allerdings hat ein hübscher Mund, sich mit dem befreundeten Munde von Jean Robert verbindend, indeß zugleich eine reizende Hand die seinige drückte, auf dem Balle der Frau Herzogin von Berry, – wo er, man weiß nicht auf welche Empfehlung, eingeladen war, – allerdings hat ein hübscher Mund mit einem bezaubernden Lächeln zu ihm gesagt: »Machen Sie das Portrait von Lydie; ich will es.« Und der Maler, da er nichts diesem hübschen Munde zu verweigern hatte, in welchem der Leser schon den von Regina von Lamothe-Houdan, Gräfin Rappt, erkannt hat, öffnete die Pforten seines Atelier Madame Lydie von Marande, welche, das erste Mal von ihrem Gatten geführt, – der dem Maler in Person für seine Gefälligkeit danken wollte, – die anderen Male nur in Begleitung eines einzigen Bedienten kam. Sodann, als das Gemälde vollendet war, – da man einsah, man bezahle nicht mit Banquebillets die Gefälligkeit eines Künstlers wie Petrus, eines Edelmannes wie der Baron von Courtenay, – neigte sich Frau von Marande an das Ohr des schönen Malers und sagte zu ihm: »Besuchen Sie mich, wann Sie wollen: nur benachrichtigen Sie mich am Tage vorher durch eine Zeile, damit Sie Regina bei mir finden.« Und Petrus ergriff die Hand von Frau von Marande und küßte sie mit einem Feuer, das die schöne Lydie sagen machte: »Oh! mein Herr« wie müssen Sie diejenigen lieben, welche Sie lieben!« Am andern Tage erhielt Petrus, durch die Vermittlung von Regina, eine sehr einfache Nadel, die kaum den halben Werth seines Bildes hatte, – eine doppelte Zartheit, welche mit seinem aristokratischen Charakter Petrus besser als irgend ein Anderer zu schätzen im Stande war. Folgen wir also Petrus: Sie sehen, daß er alles Recht hat, uns in seinem Gefolge in das Haus des Banquier der Rue d’Artois einzuführen und uns die Schwelle dieser Salons überschreiten zu lassen, wo uns so viele Illustrationen vorangegangen sind. Gehen wir unmittelbar zur Gebieterin des Hauses. Sie ist dort rechts in ihrem Boudoir. Die erste Bewegung von Jedem, der in dieses Boudoir eintritt, gehört ganz dem Erstaunen. Was ist aus allen den berühmten Personen geworden, die man gemeldet hat, und warum findet man hier, mitten unter zehn bis zwölf Frauen, kaum drei bis vier junge Leute? Das ist so, weil die politischen Illustrationen Herrn von Marande zu Liebe kommen; weil Frau von Marande die Politik haßt; weil sie erklärt, sie habe keine Meinung, sie finde nur, die Frau Herzogin von Berry sei eine reizende Frau, und König Karl X. müsse einst ein vollendeter Edelmann gewesen sein. Doch sind die Männer, – welche bald kommen werden, seien Sie ruhig! – sind die Männer oder vielmehr die jungen Leute in der Minderzahl, welch ein blendendes Luststück von Frauen! Beschäftigen wir uns zuerst mit dem Boudoir. Das ist ein hübscher Salon, der einerseits in ein Schlafzimmer und andererseits in eine Gewächshausgallerie geht. Er ist ausgeschlagen mit himmelblauem Atlaß mit schwarzen und rosenfarbigen Ornamenten; so daß die glänzenden Augen und die herrlichen Diamanten der schönen Freundinnen von Frau von Marande auf dem Azur wie Sterne am Firmament funkeln. Diejenige aber, welche man zuerst erblickt, diejenige, mit welcher wir uns besonders zu beschäftigen haben, die Sympathetischste, wenn nicht die Schönste, die Anziehendste, wenn nicht die Hübscheste, ist ohne Widerspruch die Herrin des Hauses, Madame Lydie von Marande. Wir haben, so weit es der Feder dies zu thun erlaubt ist, das Portrait ihrer drei Freundinnen von Saint-Denis gezeichnet; versuchen wir es nun das ihrige zu skizzieren. Madame Lydie von Marande schien kaum ihr zwanzigstes Jahr erreicht zu haben. Es war eine Person von reizendem Anblick für Jeden, der in der Frau einen Körper und nicht allein eine Seele finden will. Sie hatte Haare von einer köstlichen Nuance: blond, wenn sie dieselben in leichten Locken trug, kastanienbraun, wenn sie sie in geschlossenem Scheitel trug, immer glänzend und seiden. Ihre Stirne war schön; verständig und stolz, weiß wie Marmor, glatt wie dieser. Ihre Augen waren seltsam, weder völlig blau, noch völlig schwarz, doch an beiden Farben theilhabend, zuweilen in Nuancen von Opal spielend, andere Male düster wie Lasurstein, und dies je nach dem Lichte, das sie beleuchtete, oder vielleicht nach den Schlägen des Herzens, das sie belebte. Die Nase war fein, aufgestülpt, spöttisch; der Mund war wohl gezeichnet, jedoch ein wenig groß, frisch wie feuchte Koralle, lachend und sinnlich. Gewöhnlich sind ihre prallen Lippen leicht geöffnet und lassen das äußerste Ende einer doppelten Reihe von Perlen sehen; schließen sich diese Lippen, so geben sie, indem sie sich verbinden, dem ganzen oberen Theile des Gesichtes ein hoffärtiges, geringschätziges Wesen.« Das Kinn ist zierlich und rosenfarbig. Was aber diesem ganzen Gesichte seine wirkliche Schönheit, seine wahre Physiognomie, seinen originalen und, wir möchten beinahe sagen, seinen originellen Charakter verlieh, das war dieses schauernde Leben, das mit dem Blute unter der Haut zu laufen schien; das war dieser lebendige Teint; das waren diese so leicht mit Perlmutter nuancierten, so coquett mit Rosa gefärbten Wangen, daß sie zugleich die Durchsichtigkeit hatten, an der man die Frau des Südens erräth, und die Frische, an der man die Frau des Nordens erkennt. So, unter einem blühenden Apfelbaume, bekleidet mit der reizenden Tracht der Frauen aus der Gegend von Caux, wäre sie von einer Tochter der Normandie als Landsmännin reclamirt worden; und sich in einer Hängematte schaukelnd, im Schatten eines Bananenbaumes, würde sie für eine Schwester von einer Creolin von Guadelupe oder Martinique gehalten worden sein. Wir haben weiter oben zu verstehen gegeben, der ganze Körper, der diesen reizenden Kopf getragen, sei mit einer gewissen Fülle ausgestattet gewesen; doch diese Fülle , die bei der Frau von Albano anhielt, ohne die von Rubens zu erreichen, war, weit entfernt, unangenehm zu sein, an und für sich verführerisch; mehr als verführerisch: wollüstig. In der That, ein üppiger Hals, der nie zum carcere duro[5 - Zum harten Gefängniß.] des Corsetts verdammt gewesen zu sein schien, prallte bei jedem Athemzuge, stolz und reich, durch eine Gazewoge auf, ähnlich jenen Hälsen der schönen Töchter von Sparta und Athen, welche für die Venus und die Hebes von Praxiteles und Phidias standen. Hatte diese strahlende Schönheit, die wir so eben beschrieben, ihre Bewunderer, so müssen Sie begreifen, daß sie dagegen auch ihre Feinde und ihre Verleumder hatte. Ihre Feinde, das waren fast alle Frauen; ihre Verleumder, das waren alle diejenigen, welche sich für berufen gehalten hatten und nicht auserwählt worden waren; es waren die abgewiesenen Liebhaber; es waren diese Schönen und diese Elegants mit leerem Gehirne, die sich nicht darstellen, eine Frau begabt mit solchen Schätzen könne damit geizig sein. Frau von Marande war also mehr als einmal verleumdet worden; und dennoch, obschon sie diese köstliche Verführung der Frau, die Schwäche behalten hatte, hatten wenige Frauen die Verleumdung minder verdient als sie. So, als der Graf Herbel, als wahrer Voltairianer, was er war, zu seinem Neffen sagte: »Was ist Frau den Marande? Eine Magdalena unter der Gewalt ihres Mannes und in der Ohnmacht der Reue!« beging der General unserer Ansicht nach ein Unrecht, und wir werden später sagen, auf welche grammatikalische Art er die Wörter Gewalt und Ohnmacht hätte setzen müssen, hätte er die geringste Velleität gehabt, correct zu sprechen. Madame Lydie von Marande war, wie man bald sehen wird, nichts weniger als eine Magdalena. Nun aber, da wir sie genügend geschildert zu haben glauben, wollen wir das Boudoir vollends beschreiben und mit denjenigen, welche es einnehmen, Bekanntschaft machen oder erneuern. XIV Wo von Carmelite die Rede ist Wir haben gesagt, unter diesem ganzen Luststücke von Frauen seien nur vier bis fünf Männer gewesen. Benützen wir es, daß die Gesellschaft nicht zahlreicher ist, um uns in dieses Salongeschwätz zu mischen, das gewöhnlich so viel Worte gebraucht, um so wenig zu sagen. Der Lärmendste von diesen fünf Privilegirten des Boudoir von Frau von Marande war ein junger Mann, den wir unter schmerzlichen oder unheilvollen Umständen gesehen haben. Es war Herr Lorédan von Valgeneuse, der von Zeit zu Zeit, an welchem Orte des Boudoir er auch war, und mit welcher Dame er auch sprach, einen Blick schnell wie der Blitz und von seltsamer Bedeutung mit seiner Schwester, Fräulein Susanne von Valgeneuse, der Pensionsfreundin der armen Mina, wechselte. Herr Lorédan war ein wahrer Salonmensch; kein Mund wußte besser zu lächeln, kein Blick wußte besser zu komplimentieren; er besaß im höchsten Grade die Höflichkeit, welche an die Unverschämtheit grenzt, und von 1820 bis 1827, hatte ihn noch Niemand in der Kunst, seine Halsbinde anzulegen und daran, selbst ganz behandschuht, den Knoten nach der neusten Mode zu machen, ohne den Atlaß oder den Batist zu zerknittern, entthronen können. Er plauderte in diesem Augenblicke mit Frau von Marande, deren Rococo- Fächer er als wahrer Liebhaber der Vanloo und Boncher vom Trödel bewunderte. Derjenige, welcher nach Lorédan die Blicke der Frauen anzog, – weniger wegen seiner Schönheit und seiner Eleganz, als wegen seines schon durch drei bis vier Theatersuccesse und durch eine mehr noch originelle als geistreiche Conversation gegründeten Rufes, – war der Dichter Jean Robert. Unter der Zahl der gedruckten Einladungen, die seine ersten Triumphe um ihn regnen gemacht halten, und auf welche zu antworten er sich wohl hütete, hatten ein paar autographirte Einladungen der schönen Lydie, – welche aus ihrem Salon das literarische Rendez-vous machen wollte, wie ihr Gatte aus dem seinigen das politische Rendez-vous der großen Männer der Zeit zu machen beabsichtigte, – seine Bedenklichkeiten überwunden. Ohne einer der emsigsten Besuche von Frau von Marande zu sein, war er doch einer ihrer Habitués, und bei jeder Sitzung, die sie seit drei Wochen seinem Freunde Petrus gegeben hatte, war er gewissenhaft gegenwärtig gewesen, in der Absicht, mit der reizenden jungen Frau plaudernd ihrem Portrait Belebtheit zu geben. Man muß sagen, daß es auch diesmal Jean Robert geglückt war, und daß nie der Blick und das Lächeln den Lydie, der eine glänzender, das andere belebter gewesen waren. Herr von Marande machte hierüber an diesem Abend, – das Portrait war erst seit zwei Tagen im Hotel zurück, – Herr von Marande, sagen wir, machte hierüber an demselben Abend Jean Robert sein Compliment und dankte ihm für die Gefälligkeit, mit der er für Frau von Marande das Langweilige des Sitzens abgekürzt habe. Jean Robert wußte Anfangs nicht, ob Herr von Marande im Ernste sprach oder spottete; rasch auf das Gesicht des Banquier zurückgeworfen, glaubte sein Blick sogar einen Moment auf diesem Gesichte einen ironischen Ausdruck zu ertappen. Doch die Augen der zwei Männer hefteten sich auf einander mit einem gewissen Ernste, und sich verbeugend wiederholte nun Herr von Marande die Worte: »Herr Jean Robert, ich spreche im Ernste, und Frau von Marande vermöchte mir kein größeres Vergnügen zu machen, als wenn sie die Bekanntschaft eines Mannes von Ihrem Verdienste kultivieren würde.« Und er reichte ihm so treuherzig die Hand, daß ihm Jean Robert die seinige mit gleicher Treuherzigkeit gab, obschon diese Treuherzigkeit von Seiten des jungen Dichters nicht ganz von einem gewissen Zögern frei zu sein schien. Die dritte Person, mit der wir uns beschäftigen werden, ist unser Einführer Petrus. Wir wissen, welches Gestirn ihn anzieht. Nachdem die üblichen Complimente Frau von Marande, Jean Robert, seinem Oheim, dem alten General Herbel,– der in einer Ecke so mühsam verdaute, daß ihm seine Verdauung eine würdige und ernste Miene gibt, – gemacht und die Damen in Masse gegrüßt sind, hat er nach einem Augenblicke Mittel gefunden, sich auf die Causeuse zu stützen, auf der die schöne Regina, halb liegend, einen Strauß von parmesanischen Veilchen entblätterte, sicher, es werden, wenn sie aufgestanden sei und den Platz geändert habe, die von ihr enthaupteten Veilchen nicht verloren sein. Die fünfte Person ist ganz einfach ein Tänzer. Er gehört zu der von den Gebieterinnen des Hauses sehr geschätzten Race, mit denen sich aber die Poesie, der Roman und die Malerei nur zu beschäftigen haben, wie sich ein Inscenirer mit einem Comparsen beschäftigt. Wir sagten, Lorédan habe mit Frau von Marande geplaudert; auf den Marmor des Kamins gestützt, habe sie Jean Robert angeschaut; Petrus habe mit Regina gesprochen, lächelnd bei jedem Veilchen, das den schönen Händen seiner Gottheit entfiel; der General Herbel habe mühsam auf einem Sopha verdaut; der Tänzer endlich habe seine Contretänze eingeschrieben, um chronologisch auf seine Tänzerin zuzustürzen, so oft das Orchester, das sich erst um Mitternacht sollte hören lassen, in die duftende Atmosphäre der Salons seine Roten der Aufforderung zu einer neuen Quadrille werfen würde. Um genau zu sein, müssen wir sagen, daß das Bild, das wir zu malen versucht haben, keine Beständigkeit hatte. Von Minute zu Minute meldete man einen neuen Namen; die durch den Namen bezeichnete Person trat ein: war es eine Frau, so ging ihr Madame de Marande entgegen, und je nach dem Grade der Vertraulichkeit, in dem sie mit dieser Frau stand, küßte sie dieselbe oder beschränkte sie sich darauf, daß sie ihr die Hand drückte; war es ein Mann, so nickte sie mit dem Kopfe, begleitete dieses Nicken mit einem anmuthigen Lächeln und sogar mit ein paar Worten, bezeichnete sodann der Frau einen freien Sitz, dem Manne die Gewächshausgallerie, und ließ aus den Neuangekommenen werden, was sie wollten, gefiel es Ihnen nun, die Schlachten von Horace Vernet, die Seestücke von Gudin, die Aquarellen von Decamps zu betrachten, oder zogen sie es vor, eine Privatconversation anzuknüpfen, oder einen Fetzen an jene Art von allgemeiner Conversation zu nähen, welche immer in einem Salon umherflattert, und an die sich die Leute anhängen, welche weder zu zwei zu plaudern, noch, – was bedeutend schwieriger ist, – zu schweigen wissen! Einer, der ein Interesse gehabt hätte, dies wahrzunehmen, hätte bemerken können, daß trotz aller Ortsveränderungen, welche die Ankunft der neuen Gäste der Gebieterin des Hauses auferlegte, wo sich auch Frau von Marande, nachdem sie ihre Reverenz gemacht, nachdem sie ihren Kuß gegeben hatte, oder ihr Händedruck vollendet war, wiederfand, Herr Lorédan von Valgeneuse das Talent besaß, sich auch wieder bei ihr zu finden. Lydie bemerkte diese Beharrlichkeit, und mißfiel sie ihr nun wirklich, oder befürchtete sie, eine andere Person könnte sie auch bemerken, sie versuchte es, ihr zu entgehen; ein erstes Mal, indem sie sich an die Seite von Regina setzte und für einige Augenblicke das süße Gespräch der zwei jungen Leute unterbrach, – ein Egoismus, den sie sich sehr schnell zum Vorwürfe machte: – ein zweites Mal, indem sie sich unter die Fittige des alten Voltairianers flüchtete, den wir als einen so strengen Beobachter der Data bei seiner Unterredung mit der Marquise de la Tournelle gesehen haben. Diesmal wollte Frau von Marande hartnäckig aus dem Herzen des alten Grafen das Geheimniß ziehen, das ein gewöhnlich lächelndes, mehr als lächelnd, spöttisches Gesicht sorgenvoll machte. Aber kam nun der Kummer des Grafen aus seinem Herzen oder, – was für ihn noch viel ernster war, – aus seinem Magen, er schien ganz und gar nicht entschlossen, Frau von Marande zur Vertrauten seines Geheimnisses zu machen. Einige Worte von ihrem Gespräche gelangten bis zu Petrus und Regina und entzogen sie ihrer Entzückung. Die zwei jungen Leute wechselten einen Blick. Von Seiten Reginas bedeutete dieser Blick: »Wir sind sehr unklug, Petrus! seit einer halben Stunde plaudern wir mit einander eben so rückhaltlos, als ob wir im Gewächshause des Boulevard des Invalides wären.« »Ja,« antwortete der Blick von Petrus, »sehr unklug, es ist wahr, aber sehr glücklich, meine Regina!« Sodann, als sie einen Blick gewechselt hatten, wechselten die zwei jungen Leute aus der Ferne und durch ein einfaches Schauern der Lippen einen von jenen Küssen, die das Herz dem Herzen schickt: und als würde er auf eine natürliche Art durch das Gespräch seines Oheims mit Frau von Marande angezogen, näherte sich Petrus diesen und sagte, das Lächeln der Sorglosigkeit auf den Lippen als ein verzogenes Kind, das sich berechtigt glaubt, Alles zu sagen: »Mein Oheim, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß, wenn Sie nicht Frau von Marande, die Ihnen die Ehre erwiesen hat, Sie zweimal nach der Ursache Ihrer Sorgen zu fragen, – bei unserem Ahnherrn Josselin II., den man Josselin den Galanten nannte, anderthalb Jahrhunderte, ehe die Galanterie erfunden war, bei diesem auf dem Ehrenfelde der Liebe gestorbenen Ahnherrn schwöre ich Ihnen, mein Oheim, daß ich Sie Madame denunzieren und die wahre Ursache Ihres Kummers enthülle, so geheimnißvoll sie auch sein mag.« »Enthülle, mein Junge,« sagte der General mit einer gewissen Miene von Traurigkeit, welche in Petrus Zweifel erregte, ob sein Oheim allein unter der Bangigkeit einer mühsamen Verdauung leide, »enthülle, doch willst Du mir glauben, so wirst Du vor der Enthüllung Deine Zunge siebenmal im Munde umdrehen, aus Furcht, Dich zu verirren.« »Oh! ich fürchte nichts!« erwiderte Petrus. »So sprechen Sie geschwinde, Herr Petrus, denn ich sterbe vor Unruhe,« sagte Frau von Marande, welche auch ihre Zunge siebenmal im Munde umzudrehen schien, ehe sie den wahren Gegenstand des Gespräches, der sie hierher geführt hatte, in Angriff nahm. »Sie sterben vor Unruhe, Madame?« erwiderte der alte General; »nun wohl, das übersteigt ganz und gar meinen Scharfsinn! Sollte ich zufällig so glücklich sein, daß Sie irgend eine Gunst von mir zu verlangen hätten, und befürchten Sie, meine schlechte Laune könnte auf meine Antwort Einfluß üben?« »O tiefe Philosophie!« sagte Frau von Marande, »wer hat Ihnen denn so die Geheimnisse des menschlichen Herzens geoffenbart?« »Geben Sie mir Ihre schöne Hand, Madame.« Lydie reichte dem alten General die Hand, nachdem sie die Artigkeit gehabt hatte, ihren Handschuh auszuziehen. »Welch ein«Wunder!« sprach der General; »ich glaubte, es gebe keine solche Hände mehr.« Er zog sie an seine Lippen; sodann inne haltend, sagte er: »Oh! bei meiner Treue, es ist eine Ruchlosigkeit, wenn sechsundsechzigjährige Lippen einen solchen Marmor berühren!« »Wie!« versetzte Frau von Marande, sich zierend, »Sie weigern sich, meine Hand zu küssen, General?« »Diese Hand, gehört sie mir für eine Minute als volles Eigenthum?« »Als volles Eigenthum, General.« Der General wandte sich gegen Petrus um und sagte: »Nähere Dich, Junge, und küsse mir diese Hand.« Petrus gehorchte. »Gut! und nun nimm Dich in Acht, denn nach einem solchen Geschenke glaube ich, daß es mir freisteht, Dich zu enterben.« Dann sprach der alte Graf zu Frau von Marande: »Geben Sie Ihre Befehle, Madame, Ihr unwürdiger Diener erwartet sie auf den Knieen.« »Nein, ich bin Weib und halsstarrig. Ich will vor Allem wissen, was Sie sorgenvoll macht, mein lieber General.« »Sie haben diesen Burschen, der es Ihnen sagen wird! Ah! Madame, in seinem Alter hätte ich mich tödten lassen, um eine solche Hand zu küssen! Oh! daß das Paradies nicht wieder zu verlieren ist, und daß ich nicht Adam bin!« »Ah! General,« sagte Frau von Marande, »man kann nicht, zugleich Adam und die Schlange sein. – Nun, Herr Petrus, erzählen Sie uns, was Ihrem Oheim begegnet ist.« »Madame, vernehmen Sie, wie sich die Sache verhält. Mein Oheim, der die Gewohnheit hat, sich durch die Meditation auf alle wichtige Arte seines Lebens vorzubereiten, pflegt zu diesem Ende eine Stunde vor seinem Mittagessen allein zu bleiben, und ich glaube . . . « »Sie glauben?« »Ich glaube, daß er heute in seiner theuren Einsamkeit gestört worden ist.« »Das ist es nicht,« sagte der General, »Du hast die Zunge nur siebenmal gedreht, drehe sie vierzehnmal.« »Mein Oheim,« fuhr Petrus fort, ohne sich darum zu bekümmern, daß ihn der alte General Lügen strafte, »mein Oheim hat heute zwischen fünf und sechs Uhr einen Besuch von der Frau Marquise Yolande Pontaltais de la Tournelle erhalten.« Regina, welche nur auf eine Gelegenheit wartete, sich Petrus zu nähern, um keines seiner Worte zu verlieren, von denen jede Sylbe ihr Herz schlagen machte, – Regina, als sie den Namen ihrer Tante aussprechen hörte, glaubte, es sei dies eine Gelegenheit, am Gespräche Theil zu nehmen. Sie stand also von ihrer Causeuse auf und näherte sich sachte der Gruppe. Petrus sah sie nicht, hörte sie nicht, doch er fühlte sie kommen und schauerte an allen Gliedern. Seine Augen schlossen sich, seine Stimme erlosch. Regina begriff, was im Herzen ihres Herzens vorging, und sie empfand darüber eine seltsame Wollust. »Nun,« sagte sie mit einer Stimme so sanft wie das Vibriren einer Aeolsharfe, »sprechen Sie nicht mehr, weil ich da bin, Herr Petrus?« »O Jugend! Jugend!« murmelte der Graf Herbel. Es erhob sich in der That rings um diese Gruppe ein Wohlgeruch von Jugend, von Gesundheit, von Glück und von Heiterkeit, dem es gelang, die Stirne des alten Grafen zu entrunzeln. Nach dem Blicke, den er auf Petrus warf, hätte man denken sollen, er könne mit einem Worte Alles dies verschwinden machen, doch das Mitleid halte ihn, so egoistisch er war, ab, auf das Wolkenschloß zu blasen, wo sein Neffe wohnte. Er gab ihm dafür im Gegentheile die Flanke bloß. »Vorwärts, Junge! Vorwärts!« sagte er ; »Du brennst!« »Nun wohl, da es mein Oheim erlaubt,« fuhr Petrus fort, genöthigt, bei seiner erdichteten Erzählung zu beharren, »so sage ich Ihnen, daß die Marquise de la Tournelle wie alle . . . « Petrus wollte sagen wie alle alte Weiber, doch vier Schritte von sich erblickte er zu rechter Zeit das verdrießliche Gesicht einer alten Witwe, und sich verbessernd, sprach er: »Ich wollte Ihnen sagen, die Frau Marquise de la Tournelle habe wie alle Marquisen eine Carline, die man Croupette nennt.« »Ein reizender Name!« rief Frau von Marande. »Ich kenne den Namen nicht, doch ich kenne die Carline.« »Dann können Sie die Wahrheit der Erzählung würdigen,« fuhr Petrus fort. »Es scheint, diese Carline riecht auf eine extravagante Art nach Moschus . . . Bin ich dabei, mein Oheim?« »Ganz und gar,« erwiderte der alte General. »Es scheint auch, daß der Moschusgeruch die Eigenschaft hat, die Saucen gerinnen zu machen, und da Mademoiselle Croupette sehr naschhaft ist; da, so oft die Marquise de la Tournelle meinen Oheim besucht, Mademoiselle Croupette den Koch besucht, so wollte ich wetten« daß mein theuerster Oheim heute ein abscheuliches Mittagsbrod gehabt hat, und daß ihn das so düster und schwermüthig macht.« »Bravo, Junge, man kann unmöglich ein besserer Wahrsager sein: und gleichwohl glaube ich, daß ich, wenn ich gut suchen wollte, was Dich so heiter und zerstreut macht, noch richtiger treffen würde . . . Doch es drängt mich, zu erfahren, was diese schöne Sirene von mir will, und ich werde die Erklärung auf einen andern Tag verschieben.« Alsdann, sich an Frau von Marande wendend: »Madame, Sie sagten, Sie haben etwas von mir zu verlangen: ich warte.« »General,« sprach Frau von Marande, indem sie den Greis mit ihren freundlichsten Augen anschaute, »Sie haben die Unvorsichtigkeit begangen, mehrere Male zu sagen, für meinen persönlichen Dienst gehören Ihre Arme, Ihr Herz, Ihr Kopf, kurz Alles, wobei Sie die freie Verfügung und den freien Gebrauch haben, mir. Nicht wahr, Sie haben mir das gesagt?« »Das ist die Wahrheit, Madame,« antwortete der Graf mit der Galanterie, die man im Jahre 1827 schon nur noch bei den Greisen traf. »Ich sagte Ihnen, da ich nicht das Glück gehabt habe, für Sie zu leben, so wurde es mir eine große Freude machen, für Sie zu sterben!« »Und Sie haben immer noch diese lobenswerthe Gesinnung, General?« »Mehr als Je!« »Nun wohl, jetzt bietet sich eine Gelegenheit, es mir zu beweisen, das schwöre ich Ihnen.« »Madame, hatte Ihre Gelegenheit nur ein Haar, ich verspreche Ihnen, sie daran zu fassen.« »Hören Sie mich also, General.« »Ich bin ganz Ohr.« »Gerade von diesem Theile Ihrer Person verlange ich von Ihnen die momentane Entäußerung zu meinen Gunsten.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich brauche Ihre Ohren für den ganzen Abend, General.« »Warum sagten Sie dies nicht sogleich, schöne Dame? Geben Sie mir rasch eine Scheere, und ich bringe Ihnen das Opfer, ohne Furcht, ohne Bedauern, und sogar ohne Vorwurf . . . unter der einzigen Bedingung jedoch, daß Sie nach meinen Ohren nicht auch meine Augen verlangen. »Ah! General,« erwiderte Frau von Marande, »beruhigen Sie sich! es ist nicht davon die Rede, sie von dem Stamme zu trennen, wo sie mir trefflich angebracht scheinen ; es handelt sich nur darum, sie nach der Seite, die ich Ihnen bezeichnen werde, eine Stunde lang mit ununterbrochener Aufmerksamkeit zu spannen; mit anderen Worten, ich werde die Ehre haben, Ihnen eine von meinen Pensionsfreundinnen, – von den besten, —vorzustellen, – ein Mädchen, das Regina und ich unsere Schwester nennen. Damit sage ich Ihnen, daß sie Ihre ganze Achtung verdient, wie sie unserer ganzen Freundschaft würdig ist. Dieses Mädchen ist Waise.« »Waise,« wiederholte Jean Robert. »Sagten Sie nicht so eben, Madame, Sie und die Gräfin Rappt seien ihre Schwestern ?« Frau von Marande dankte Jean Robert und fuhr dann fort: »Waise von Vater und Mutter . . . Ihr Vater, ein braver Kapitän der Garde, Officier der Ehrenlegion, wurde 1814 bei Champaubert getödtet. – Darum erhielt sie ihre Erziehung mit uns in Saint-Denis. – Ihre Mutter starb vor zwei Jahren in ihren Armen: sie ist arm . . . »Sie ist arm!« wiederholte der General. »Sagten Sie nicht vorhin, Madame, sie habe zwei Freundinnen?« »Arm und stolz,« fuhr Frau von Marande fort, und sie will von der Kunst eine Existenz fordern, die ihre Nadelarbeiten ihr verweigern würden . . . Sodann hat sie einen ungeheuren Schmerz, nicht zu vergessen, sondern einzuschläfern.« »Einen ungeheuren Schmerz?« »Ah! ja, den größten, den tiefsten Schmerz, den das Herz einer Frau enthalten kann! . . . Sie wissen das nun, General, und Sie werden ihr die Traurigkeit ihres Gesichtes vergeben und ihre Stimme hören.« »Und,« sagte der General, »verzeihen Sie die Frage, sie ist weniger indiscret, als sie von Anfang zu sein scheint: bei der Laufbahn, für welche sich Ihre Freundin bestimmt, ist die Schönheit nichts Unnützes; – und Ihre Freundin ist schön?« »Wie die antike Niobe mit zwanzig Jahren, General.« »Und sie singt?« »Ich sage Ihnen nicht wie die Pasta, ich sage Ihnen nicht wie die Malibran, ich sage Ihnen nicht wie die Catalani; ich sage Ihnen wie sie selbst . . . Nein, sie singt nicht: sie weint, sie leidet, sie macht leiden und weinen.« »Was für eine Stimme?« »Eine herrliche Altstimme?« »Hat sie sich schon öffentlich hören lassen?« »Nie! . . . Sie wird heute Abend zum ersten Male vor fünfzig versammelten Personen singen.« »Und Sie wünschen?« »Ich wünsche, General, daß Sie, der Sie ein vollendeter Dilettant und besonders ein trefflicher Kenner sind, ich wünsche, daß Sie sie mit allen Ihren Ohren hören, und daß Sie, wenn Sie sie gehört haben, für sie thun, was Sie mich bei einer solchen Gelegenheit würden thun sehen; ich wünsche, daß Sie, wenn Sie mir erlauben, mich Ihrer eigenen Ausdrücke zu bedienen, für unsere geliebte Carmelite leben; – nicht wahr, Reginas – daß Sie nicht einen Augenblick von Ihren Tagen haben, der ihr nicht ausschließlich geweiht wäre; ich wünsche mit einem Worte, daß Sie sich zu ihrem Ritter erklären, und daß sie von dieser Stunde an keinen glühenderen Verteidiger und keinen leidenschaftlicheren Bewunderer habe als Sie. Ich weiß, daß Ihre Meinung das Gesetz in der Oper macht, General.« »Oh! erröthen Sie nicht« mein Oheim, das ist bekannt.« »Ich wünsche,« fuhr Frau von Marande fort, »daß Sie diesen Namen meiner Freundin – Carmelite – allen Echos, die Sie zu Freunden haben, wiederholen . . . nicht als wollte ich sie, gegenwärtig wenigstens, bei der Oper engagieren machen: meine Ansprüche gehen nicht so weit; da aber von Ihrer Loge . . . « »Von der höllischen Loge,« fügte Petrus bei. »Oh! sagen Sie das Wort, Madame.« »Gut- . . . da von der höllischen Loge alle Trompeten des Rufes ausgehen; da in der höllischen Lage jeder zukünftige Ruf gerüstet oder jeder gegenwärtige Ruhm niedergerissen wird, so zähle ich auf Ihre wahre und ergebene Freundschaft, daß Sie das Lob von Carmelite an allen Orten singen, welche Sie Ihrer Besuche würdigen: im Clubb, bei den Wettrennen, im Caffé Anglais, bei Tortoni, in der großen Oper, bei den Italienern, ich würde sagen im Schlosse, wäre Ihre Gegenwart in meinem Winkel nicht die höchste Protestation Ihrer politischen Sympathien. Versprechen Sie mir also, meine schöne traurige Freundin so weit und so rasch, als Sie können, zu lanciren, – ist das nicht das geheiligte Wort? Ich werde hierfür eine ewige Dankbarkeit für Sie hegen.« »Ich verlange einen Monat, um sie zu lanciren, schöne Dame, zwei Monate, um sie engagiren zu machen, und drei Monate, um zu machen, daß man sie hört; will sie nicht etwa in einer neuen Oper debutiren, in welchem Falle es die Sache eines Jahres sein wird.« »Ah! sie wird in Allem, was man will, debutiren: sie kennt das französische und das italienische Repertoire.« »In diesem Falle bringe ich Ihnen Ihre Freundin in drei Monaten von den Füßen bis zum Köpfe mit Lorbeeren bedeckt.« »Sie werden also die Ihrigen mit ihr theilen, General,« sprach Frau von Marande, indem sie ihm ihre Hand reichte und herzlich die des Generals drückte. »Und ich auch,« sagte eine sanfte Stimme, welche Petrus schauern machte, »ich werde Ihnen auch eine grenzenlose Dankbarkeit weihen.« »Ich bezweifle es nicht einen Augenblick, Prinzessin,« erwiderte der General, der aus Höflichkeit der Gräfin Rappt ihren Mädchentitel zu geben fortfuhr, und während er antwortete, er zweifle nicht an der Dankbarkeit von Regina, seinen Neffen angeschaut hattet. »Wohl denn,« sagte er, sich an Frau von Marande wendend, »Sie haben mir nur noch die Ehre zu erweisen, Madame, mich Ihrer Freundin als ihren ergebensten Diener vorzustellen.« »Das wird sehr leicht sein, General: sie ist hier.« »Wie, hier?« »Ja, hier in meinem Schlafzimmer . . . Ich wollte ihr eine Unannehmlichkeit ersparen; es ist immer verdrießlich für eine junge Frau, alle Salons zu durchschreiten und sich melden zu lassen. Darum sind wir hier in kleinem Comité; darum stand auf gewissen Einladungen von mir: Zehn Uhr, und auf andern: Mitternacht; ich wollte Carmelite einen Kreis von auserwählten und nachsichtigen Freunden machen.« »Ich danke Ihnen, Madame,« sagte Lorédan, der hierin einen Vorwand fand, um sich in das Gespräch zu mischen, »ich danke Ihnen, daß Sie mich unter die Zahl der Auserwählten gesetzt haben; doch ich grolle Ihnen, daß Sie mich nicht für wichtig genug halten, um mir Ihrer Freundin zu empfehlen.« »Oh!« erwiderte Frau von Marande, »Sie sind zu kompromittierend, Herr Graf, als daß man Ihnen eine junge Person von zwanzig Jahren empfehlen könnte. Überdies wird die Schönheit von Carmelite sie hinreichend bei Ihnen empfehlen.« »Der Augenblick ist schlecht gewählt, Madame, und ich betheure Ihnen, daß zu dieser Stunde eine einzige Schönheit . . . « »Verzeihen Sie,« unterbrach eine Stimme mit der größten Sanftmuth und mit ausnehmender Höflichkeit, »ich habe Frau von Marande ein Wort zu sagen.« Lorédan wandte sich, die Stirne faltend, um; als er aber Herrn von Marande selbst erkannte, der, ein Lächeln auf den Lippen, seiner Frau den Arm reichte, trat er rasch zurück. »Sie haben mir etwas zu sagen, mein Herr?« fragte Frau von Marande, indem sie liebevoll den Arm ihres Gatten drückte. »Reden Sie!« Sodann sich umwendend: »Sie entschuldige, General.« »Glücklich, wer solche Rechte hat,« erwiderte der General Herbel. »Was wollen Sie, Generals« sagte lachend Frau von Marande; »das sind die Herrenrechte.« Und sie zog sich, aus den Arm ihres Gatten gestützt, sachte aus dem Kreise zurück. »Ich bin nun zu Ihren Befehlen, mein Herr.« »Wahrhaftig, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen soll. Es ist eine Sache, die ich völlig vergessen hatte, und der ich mich glücklicher Weise so eben erinnere.« »Sprechen Sie.« »Herr Thompson, mein Correspondent von den Vereinigten Staaten, hat mir einen jungen Mann und eine junge Frau von Louisiana empfohlen, die einen Creditbrief auf mich haben. Ich habe Ihnen eine Einladungskarte für Ihre Soirée zugeschickt, und nun sind mir ihre Namen entfallen.« »Nun?« »Ich verlasse mich auf Ihren Scharfsinn, daß Sie zwei fremde Gesichter erkennen, und auf Ihre Höflichkeit, daß Sie freundlich zwei von Herrn Thompson empfohlene Personen empfangen . . . Dies, Madame, ist Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte.« »Zählen Sie auf mich, mein Herr,« erwiderte mit einem reizenden Lächeln Frau von Marande. »Meinen Dankt . . . Lassen Sie mich Ihnen nun alle meine Complimente machen; Sie sind immer schön, doch heute Abend sind Sie wahrhaft glänzend.« Und seiner Frau galant die Hand küssend, führte sie Herr von Marande bis an die Thüre ihres Schlafzimmers; Lydie hob den Vorhang auf und sagte:« »Wann Du willst, Carmelite . . . « XV Vorstellungen In dem Augenblicke, wo Frau von Marande dies Worte: »Wann Du willst, Carmelite . . . »aussprach, während sie zugleich ins Schlafzimmer eintrat und die Thürvorhänge wieder hinter sich fallen ließ, meldete man an der Thüre des Solon: »Monseigneur Coletti.« Benützen wir die paar Secunden die Carmelite brauchen wird, um der Einladung ihrer Freundin Folge zu leisten, und werfen wir einen raschen Blick auf Monseigneur Coletti. den man meldet. Unsere Leser erinnern sich vielleicht, daß sie den Namen dieses frommen Mannes von der Marquise de la Tournelle haben nennen hören. Monseigneur Coletti war im Jahre 1827 nicht nur ein Mann in der Gunst, sondern auch ein Mann von Ruf; nicht nur ein Mann von Ruf, sondern auch ein Mann in der Mode. Die Conferenzen, die er während der Fastenzeit gehalten, hatten ihm den Ruf eines großen Predigers eingetragen, welchen ihm Niemand, so wenig devot er auch sein mochte, streitig zu machen nur die Idee hatte ; Jean Robert vielleicht ausgenommen, welcher, vor Allem Dichter und Alles als Dichter sehend, sich immer wunderte, daß die Priester, die einen herrlichen Text wie das Evangelium hatten, gewöhnlich so schlecht inspiriert, so wenig beredt waren. Es schien ihm, der kämpfte und zwar siegreich gegen ein Auditorium kämpfte, das hundertmal widerspenstiger als das, welches sich in den frommen Conferenzen zu erbauen pflegt, es schien ihm, sagen wir, er hätte, würde er die Kanzel bestiegen haben, ein Wort ganz anders überredend oder ganz anders donnernd gehabt, als alle die geschraubten Worte dieser weltlichen Prälaten, deren Homelien er einmal zufällig hörte. Da bedauerte er, daß er nicht Priester war, daß er nicht eine Kanzel statt eines Theaters und christliche Zuhörer statt profaner Zuschauer hatte. Obschon seine feinen seidenen Strümpfe und sein ganzes veilchenblaues Costume einen der Würdenträger der Kirche offenbarten, konnte man doch Monseigneur Coletti für einen einfachen Abbé aus der Zeit von Ludwig IV. Halten, so sehr verriethen sein Gesicht, seine Tournure, sein Gang und sein Schaukeln eher einen galanten Herumstreicher, als einen in der Fastenzeit Enthaltsamkeit predigenden strengen Prälaten; man hätte glauben sollen, nachdem er, wie Epimenides, ein halbes Jahrhundert im Boudoir von Frau von Pompadour oder Madame Dubarry geschlafen, sei Monseigneur Coletti plötzlich aufgewacht und habe angefangen in der Welt herumzulaufen, ohne sich nach den in den Sitten oder in den Gebräuchen vorgegangenen Veränderungen zu erkundigen, oder auch ganz frisch vom päpstlichen Hofe angekommen, habe er sich mitten unter eine französische Reunion mit seinem Costume eines ultramontanen Abbé verirrt. Es war beim ersten Anblicke ein hübscher Prälat in der vollen Bedeutung des Wortes, rosenfarbig, frisch, dem Anscheine nach kaum sechsunddreißig Jahre alt; bei näherer Anschauung bemerkte man aber bald, daß Monseigneur Coletti für sein Gesicht die Schwäche hatte, die für das ihrige die Frauen von fünfundvierzig haben, welchen daran liegt, nur dreißig zu scheinen: Monseigneur legte Weiß auf, Monseigneur legte Roth auf. Glückte es einem, diese Farblinge zu durchdringen und bis zur Haut zu gelangen, so war man erschrocken« unter diesem belebten Anscheine etwas Abgestorbenes, Erloschenes, das kalt machte, zu treffen. Zwei Dinge lebten indessen in diesem wie eine Wachsmaske unbeweglichen Gesichte : die Augen und der Mund; – die Augen klein, schwarz und tief, rasche, sogar drohende Blitze schleudernd, alsdann sich sogleich unter einem süßlichen, gottseligen Augenlide verhüllend; der Mund klein, sein, mit der spöttischen geistreichen, in Momenten bis zum Gifte boshaften Unterlippe. Das Ganze dieser Physiognomie konnte zuweilen den Geist, den Ehrgeiz, die Sinnlichkeit offenbaren, doch nie die Seelengüte. Man fühlte vom Anfang an, man habe jedes Interesse, diesen Mann sich nicht zum Feinde zu machen; Niemand aber hätte uns dem Gesichtspunkte der Sympathie den Wunsch gefühlt, sich einen Freund aus ihm zu machen. Ohne groß zu sein, war er, wie die Bürger sagen, wenn sie von einem Geistlichen sprechen, ein stattlicher Mann. Man füge diesem etwas ausnehmend Hoffärtiges, Verächtliches, Impertinentes in seiner Art, den Kopf zu tragen, die Leute zu grüßen, in einen Salon einzutreten, daraus wegzugehen, sich zu setzen und aufzustehen, bei . . . Dagegen schien er für die Frauen die feinsten Blüthen seiner Höflichkeit aufbehalten zu haben; er blinzelte, wenn er sie anschaute, auf eine so bezeichnende Art mit der Augen, und gefiel ihm die Frau, die er anredete, so nahm sein Gesicht einen unbeschreiblichen Ausdruck von unzüchtiger Süßigkeit an. Mit diesen halbgeschlossenen, blinzelnden Augen trat er in diesen Solon ein, den man den Frauensalon nennen konnte, während der General, der Monseigneur Coletti seit langer Zeit kannte, als er ihn melden hörte, zwischen den Zähnen murmelte: »Treten Sie ein, Monseigneur Tartusse!« Diese Meldung, dieser Eintritt, dieser Gruß, das Zögern von Monseigneur Coletti, sich zu setzen, die Wichtigkeit, die den berufenen Prediger der letzten Fastenzeit umgab, hatten einen Augenblick die Aufmerksamkeit von Carmelite abgewandt, wir sagen einen Augenblick, denn es war nur ein Augenblick, zwischen dem Momente, wo Frau Marande den Thürvorhang fallen ließ, und dem verlaufen, wo sich der Vorhang wieder aufhob, um den zwei Freundinnen Durchgang zu gewähren. Es war nicht möglich, einen ergreifenderen Contrast zu sehen, als den, welcher zwischen Frau von Marande und Carmelite bestand. War es aber auch wirklich Carmelite? Ja, sie war es . . . doch nicht Carmelite, deren Portrait wir aus der Monographie der Rose copirt haben; nicht mehr die Carmelite mit den purpurnen Wangen, mit dem glänzenden Teint, mit der von Reinheit und Unschuld strahlenden Miene; nicht mehr die Carmelite mit der lächelnden Lippe, mit der um den Wohlgeruch jenes Blumenfeldes, das sich unter ihrem Fenster ausbreitete und das Grab der la Vallière balsamisch umduftete, einzuathmen weit geöffneter Nase . . . Nein, die neue Carmelite war eine große junge Frau, deren Haare immer noch mit derselben Ueppigkeit aus ihre Schultern fielen; doch die Schultern waren von Marmor! Es war dieselbe Stirne, hoch, entblößt, verständig; doch die Stirne war von Elfenbein! es waren dieselben einst von den rosigen Nuancen der Jugend und der Gesundheit gefärbten Wangen, heute aber entfärbt, verbleicht und seltsam matt geworden! Die Augen besonders, schon so schön und so groß, schienen um die Hälfte größer geworden zu sein: sie schleuderten immer noch Flammen, doch die Funken waren Blitze geworden, und, bei dem dunkelfarbigen Kreise, der sie umgab, hätte man geglaubt, diese Blitze kommen aus einer Gewitterwolke hervor. Sodann ihre Lippen, einst von Purpur; ihre Lippen, welche nach ihrer Ohnmacht so viel Mühe gehabt hatten, um wieder zum Leben zurückzukehren, ihre Lippen hatten ihre ursprüngliche Farbe nicht wieder annehmen können; sie hatten nur, und zwar mit großer Mühe, die bleiche Nuance der rosenfarbenen Koralle erlangt, doch, man muß sagen, gerade hierdurch vervollständigten sie trefflich das seltsame Ganze, das immer aus Carmelite eine Schönheit ersten Rangs machte, aber dieser Schönheit eine fantastische Tinte gab. Sie war einfach, indessen anbetungswürdig gekleidet. Durch ihre drei Freundinnen angetrieben, in die Soirée von Lydie zu kommen, und mehr noch unterstützt durch ihren Entschluß, sich schnell unabhängig zu machen, war die Frage der Toilette, in der sie erscheinen wurde, lange erörtert worden. Es versteht sich von selbst, daß Carmelite an der Debatte keinen Antheil genommen hatte; sie hatte von Anfang erklärt, sie sei die Witwe von Colombau, um den sie ihr Leben lang trauern werde, und sie werde nur in schwarzem Kleide kommen: Fragola, Lydie und Regina konnten nun dieses Kleid schneiden und ordnen, wie es ihnen beliebte. Regina beschloß, das Kleid sollte von schwarzen Spitzen auf Leib und Rock von schwarzem Atlaß sein, und sie sollte, statt jeder Verzierung, eine Guirlande von jenen düsteren, veilchenblauen Blumen, dem Embleme der Traurigkeit haben, die man Alzei nennt; mit den Blumen sollten Cypressenzweige vermengt sein. Der von Fragola, der Gelehrtesten von den Dreien bei dieser geschickten Blumenvermählung, bei dieser verständigen Verschmelzung von Nuancen, geflochtene Kranz bestand wie die Guirlande des Kleides, wie der Strauß des Leibes, aus Cypressenzweigen und Alzeibläthen. Ein Collier von schwarzen Perlen, ein kostbares Geschenk von Regina, umschloß den Hals. Als Carmelite, bleich und dennoch geschmückt, aus dem Schlafzimmer von Frau von Marande heraustrat, gaben diejenigen, welche sie erwarteten, aber nicht so zu sehen erwarteten, einen Ausruf von sich, in welchem sich die Bewunderung und der Schrecken vermengten. Man hätte denken sollen, es sei eine antike Erscheinung, die Norma oder die Medea. Ein Schauer durchlief alle Adern. Der alte General, so sehr er Skeptiker war, begriff, es sei hier etwas Heiliges wie die Ergebenheit, etwas Großes wie das Märtyrerthum. Er stand auf und wartete. Regina ihrerseits lief auf Carmelite zu, sobald sie erschien. Das glänzende Gespenst trat zwischen die von Leben und Glück strahlenden zwei Frauen. Jedermann folgte mit dem Blicke dieser stillen Gruppe mit einer gewissen Neugierde, welche an die Gemüthserregung grenzte. »Ah! wie bleich bist Du, meine arme Schwester!« sagte Regina. »Wie schön bist Du, o Carmelite!« sagte Frau von Marande.« »Ich habe Euren dringenden Bitten nachgegeben, meine Vielgeliebten,« sprach die junge Frau; »doch wahrhaftig, Ihr müßtet vielleicht, während es noch Zeit ist, mich zurücktreten heißen.« »Warum dies?« »Wißt Ihr, daß ich kein Klavier geöffnet habe, seitdem wir, er und ich, mit einander unsern Abschied vom Leben gesungen? Wenn mich die Stimme verließet wenn ich Alles vergessen hätte!« »Man vergißt nicht, was man nicht gelernt hat, Carmelite,« sagte Regina. »Du sangst wie die Vögel: verlernen die Vögel zu singen?« »Regina hat Recht,« sprach Frau von Marande; »und ich bin Deiner sicher, wie Du selbst Deiner sicher bist. Singe also ohne Befangenheit, meine gute Geliebte! Nie, dafür stehe ich Dir, wird ein Künstler, um gehört zu werden, ein mehr sympathetisches Auditorium gehabt haben! »Ah! singen Sie, singen Sie, Madame!« sagten alle Stimmen, – außer den Stimmen von Susanne und Lorédan, denen des Bruders und der Schwester, welche, der Bruder mit Erstaunen, die Schwester mit Neid, diese düstere, aber glänzende Schönheit anschauten. Carmelite dankte den Kopf neigend und ging weiter auf das Klavier und zugleich auf den Grafen Herbel zu. Dieser machte zwei Schritte ihr entgegen und verbeugte sich. »Herr Graf,« sagte Frau von Marande, »ich habe die Ehre, Ihnen meine theuerste Freundin vorzustellen; denn von meinen drei Freundinnen ist diese die unglücklichste.« Der General verbeugte sich zum zweiten Male und sprach mit einer der ritterlichen Zeiten würdigen Höflichkeit: »Mein Fräulein, ich bedaure, daß mir Frau von Marande nicht eine schwierigere Aufgabe beschieden hat, als die, Ihr Lob zu verkündigen. Glauben Sie mir, daß ich mit ganzer Seele hierfür besorgt sein, und dennoch mich als Ihren Schuldner betrachten werde.« »Oh! singen Sie, singen Sie, Madame!« riefen einige Stimmen mit dem Ausdrucke der Bitte. »Du siehst, liebe Schwester,« sagte Frau von Marande, »Jedermann wartet mit Ungeduld . . . Willst Du anfangen?« »Auf der Stelle, wenn man es wünscht,« antwortete einfach Carmelite. »Was willst Du singen?« fragte Regina. »Wählet selbst.« »Du gibst keinen Vorzugs« »Keinen.« »Ich habe den ganzen Othello hier.« »Also Othello.« »Begleitest Du Dich selbst?« fragte Lydie. »Wenn ich es nicht anders machen kann,« antwortete Carmelite. »Ich werde Dich begleiten,« sagte rasch Regina. »Und ich, ich werde die Blätter umwenden,« fügte Frau von Marande bei,« Zwischen uns Beiden wirst Du keine Angst haben?« »Ich werde keine Angst haben . . . « erwiderte Carmelite schwermüthig den Kopf schüttelnd. Carmelite war in der That vollkommen ruhig. Sie legte ihre kalte Hand auf die Hand von Frau von Marande; ihre Stirne drückte eine unaussprechliche Seelenheiterkeit aus. Frau von Marande wandte sich nach dem Klavier und nahm aus den aufgehäuften Partituren die von Othello. Carmelite blieb auf Regina gestützt ungefähr bei zwei Dritteln des Boudoir stehen. Jedermann hatte sich gesetzt; man hörte aus Aller Brust keinen Hauch mehr hervorkommen. Frau von Marande legte die Partitur auf das Klavier, während Regina, ebenfalls hinzutretend, sich setzte und rasch das Klavier in einem glänzenden Vorspiele durchlief. »Willst Du die Romanze von der Weide singen ?« »Gern,« erwiderte Carmelite. Frau von Marande öffnete die Partitur bei der vorletzten Scene des letzten Actes. Regina wandte sich, die Hände ausgestreckt und ganz bereit, zu beginnen, gegen Carmelite um. In diesem Augenblicke meldete der Diener: »Herr und Frau Camille von Rozan.« XVI Die Romance von der Weide Ein langer, dumpfer, peinlicher Seufzer, von drei oder vier Punkten des Salon ausgehend, folgte auf diese Meldung; ein tiefes Stillschweigen herrschte nach diesem Ausrufe des Schmerzes. Man hätte glauben sollen, alle hier gegenwärtige Personen kennen die Geschichte von Carmelite, und der Schrecken habe ihrer Brust diesen schmerzlichen Seufzer entrissen, den sie nicht zurückzuhalten vermocht, als sie diese Meldung gehört, und plötzlich, das Feuer in den Augen, die Freude auf den Lippen, die Sorglosigkeit auf der Stirne, diesen jungen Mann haben erscheinen sehen, den man gewisser Maßen als den Mörder von Colombau betrachten konnte. Dieser Seufzer war zugleich von Jean Robert, von Petrus, von Regina und von Frau von Marande ausgestoßen worden. Was Carmelite betrifft, sie hatte nicht nur weder geschrien, noch geseufzt, sondern sie war sogar athemlos, unbeweglich wie eine Bildsäule geblieben. Herr von Marande allein, der den von ihm vergessenen Namen gehört und wieder erkannt hatte, ging dem ihm von seinem americanischen Correspondenten empfohlenen Paare entgegen und sagte: »Sie kommen vortrefflich, Herr von Rozan! Wollen Sie sich setzen und lauschen, so werden Sie, wie Frau von Marande versichert, die schönste Stimme hören, die Sie je gehört haben.« Und Frau von Rozan den Arm bietend, führte er sie zu einem Fauteuil, während Camille in dem Gespenste, das er vor Augen hatte, Carmelite zu erkennen suchte und, sie erkennend, einen schwachen Schrei des Erstaunens von sich gab. Lydie und Regina waren auf ihre Freundin zugestürzt, denn sie glaubten, sie bedürfe ihrer Hilfe, und erwarteten, sie werde in ihren Armen in Ohnmacht fallen; doch zu ihrer großen Verwunderung war Carmelite, wie gesagt, mit starrem Auge stehen geblieben; nur war ihr Teint von der Blässe zur Leichenfarbe übergegangen. Dieses starre, unbewegliche Auge, ohne Ausdruck, ohne scheinbares Leben, schien nichts mehr anzublicken; es war, als schlüge das Herz nicht mehr, so schien der Körper plötzlich versteinert zu sein. Die junge Frau war so erschrecklich anzuschauen, – um so erschrecklicher, als, abgesehen von dieser Leichenfarbe, ihr Marmorgesicht keine Spur von Erregung an sich trug. »Madame,« sagte Herr von Marande, indem er sich seiner Frau näherte, »das sind die zwei Personen, von denen ich mit Ihnen zu sprechen die Ehre gehabt habe.« »Ich bitte Sie inständig, mein Herr, beschäftigen Sie sich mit ihnen,« erwiderte Frau von Marande; »ich, ich gehöre ganz Carmelite . . . Sehen Sie, in welchem Zustande sie ist.« Diese Leichenblässe, dieser ausdruckslose Blick, diese bildsäulenartige Unbeweglichkeit fielen Herrn von Marande wirklich auf. »Oh! mein Gott! mein Fräulein,« fragte er mit dem Tone der lebhaftesten Theilnahme, »was ist Ihnen denn begegnet?« »Nichts, mein Herr,« erwiderte Carmelite, den Kopf mit jener Bewegung erhebend, welche ein mächtiges Herz macht, um dem Unglück ins Gesicht zu schauen; – »nichts!« »Singe nicht . . . singe heute Abend nicht!« flüsterte Regina Carmelite zu. »Und warum sollte ich nicht singen?« »Der Kampf übersteigt Deine Kräfte,« sagte Lydia. »Du wirst es sehen!« erwiderte Carmelite. Und etwas wie der blasse Reflex des Lächelns einer Todten zeichnete sich auf ihren Lippen. »Du willst es?« fragte Regina« indem sie sich wieder ans Klavier setzte. »Nicht die Frau wird singen, Regina: die Künstlerin,« antwortete Carmelite. Und sie machte die drei Schritte, die sie noch vom Klavier trennten. »Mit Gottes Gnade!« sagte Frau von Marande. Regina präludirte zum zweiten Male. Carmelite begann: Assisa al pié d’un-n salica . . .[6 - Am Fuße einer Weide sitzend.] Die Stimme war fest, sicher geblieben, und ergriff eine tiefe Gemüthsbewegung vom zweiten Verse an die Zuhörer, so rührte diese Gemüthsbewegung viel mehr vom Schmerze von Desdemona, als vom Leiden von Carmelite her. Es wäre in der That schwer gewesen, einen Gesang zu wählen, der sich mehr für die Lage von Carmelite geeignet hätte; die Todesangst, von der das Herz von Desdemona ergriffen ist, da sie die erste Strophe der africanischen Sclavin, ihrer Amme, singt, war gewisser Maßen die Formel der Bangigkeiten, die ihr eigenes Herz zusammenschnürten; der Sturm, der über dem Palaste der schönen Venezianerin schwebt, der Wind, der eine Füllung vom gothischen Fenster ihres Gemaches zerbrochen hat, der Donner, der geräuschvoll in der Ferne rollt, die finstere Nacht, die traurig flackernde Lampe, Alles bis auf die melancholischen Verse von Dante, welche auf seiner Barke vorüberfahrend ein Gondelier singt: Nessum maggiore doloro Che rieordarsi del tempo felice,Nella misera . . .[7 - Es gibt keinen größeren Schmerz, als sich im Elende der glücklichen Zeit zu erinnern.] Alles bringt an diesem unseligen Abend die arme Desdemona in Verzweiflung, Alles ist schlimmes Vorzeichen, Alles ist unheilvolle Vorbedeutung! Der Sang der Statue in Don Juan von Mozart und die Verzweiflung der armen Donna Anna, da sie an den Leichnam ihres Vaters stößt, sind vielleicht die einzigen zwei Situationen« die sich mit dieser schmerzlichen Scene der Ahnungen vergleichen lassen. Keine Musik, wir wiederholen es, war also mehr geeignet, als die des großen italienischen Meister, um die Schmerzen von Carmelite auszudrücken. Dieser Colombau, brav, redlich und stark, um den sie die Trauer im Herzen trug, war er nicht gewisser Maßen der finstere, redliche, in Desdemona verliebte Africaner? Dieser unselige Jago, dieser falsche Freund, der in das Herz von Othello das Gift der Eifersucht streut, war er nicht, – die Verhältnisse wohl beachtet, – der frivole Americaner, der eben so viel Böses mit seinem Leichtsinne gethan hatte, als Jago mit seinem Hasse hatte thun können? Nun wohl, diese Lage war die, in welcher sich Carmelite befand, als sie Camille wiedersah, und diese Romanze, die sie mit so viel Festigkeit und zugleich mit so viel Ausdruck sang, diese Romanze war ein beständiges Märtyrerthum, und jede Note drang kalt und schmerzlich wie die Klinge eines Dolches in ihr Herz ein. Nach der ersten Strophe klatschte alle Welt Beifall mit dem aufrichtigen Enthusiasmus, welchen jedes neue Talent bei dem Publikum erregt, das nicht interessiert ist, ein falsches Urtheil zu fällen. Die zweite Strophe: I ruocelletti limpidia caldi suoi sospiri . . . erfüllte die Zuhörer mit Erstaunen; es war nicht mehr eine Frau, es war nicht mehr eine Sängerin, die aus ihrem Munde diese Cascade von Wehklagen regnen ließ: es war der Schmerz, der sich selbst besang. Der Refrain besonders: Laura fra. i rami flebile Ripetiva il suon . . . wurde mit einer so rührenden Melancholie gesungen, daß das ganze verzweifelte Gedicht von Carmelite in diesem Momente an den Augen von denjenigen, welche sie kannten, vorübergehen mußte, wie es sicherlich vor den ihrigen vorüberzog. Regina war beinahe so bleich geworden als Carmelite. Lydie weinte. In der That, nie hatte eine so sympathetische Stimme, – zu jener Zeit, wo so viele große Sängerinnen: die Pasta, die Pizzaroni, die Mainvielle, die Sontag, die Catalani, die Malibran, ihr Auditorium entzückten, – nie hatte ein solcher lebender Timbre das Herz der Dilettanti in dieser schönen italienischen Sprache bewegt, welche selbst eine Musik ist. Doch man erlaube uns, mit ein paar Zeilen für diejenigen, welche die so eben von uns genannten großen Künstlerinnen gekannt haben, zu sagen, worin sich die Stimme unserer Heldin von denen dieser berühmten Sängerinnen unterschied. Die Stimme von Carmelite hatte von Natur einen außerordentlichen Umfang; sie gab das tiefe G mit derselben Leichtigkeit und mit demselben Wohlklange, mit dem Madame Pasta das A gab, und sie ging bis zum hohen D hinauf. Das Mädchen konnte also, – und das war das Wunder ihrer Stimme, – ebenso gut Altpartien, als Sopranrollen singen. Es war wirklich keine Sopranstimme reiner, reicher, glänzender, mehr für den Fiorituri, für die Gorgheggi geeignet, wenn es uns erlaubt ist, uns dieses Wortes zu bedienen, das speciell in Neapel angewandt wird, um das Gezwitscher der Kehle zu bezeichnen, von dem jeder Sopran, der debutirt, unserer Ansicht nach übermäßig Mißbrauch macht. Was die Altstimme betrifft, – sie war einzig. Jedermann kennt die wunderbaren, so zu sagen magnetischen Wirkungen der Altstimme; sie malt die Liebe mit mehr Kraft, die Traurigkeit mit mehr Ausdruck, den Schmerz mit mehr Energie als die Sopranstimme. Die Soprane singen wie die Vogel: sie gefallen, entzücken, bezaubern; die Altstimmen bewegen, beunruhigen, setzen in Leidenschaft. Die Sopranstimme ist eine reine Frauenstimme: sie hat die Zartheiten und die Süßigkeiten davon; die Altstimme ist eine wahre Männerstimme; sie hat ihren Ernst, ihre Härte, ihre Herbheit, und dennoch ist es eine ganz besondere Stimme, die an dem Einen und dem Andern Theil hat; eine hermaphrodite Stimme. Diese Stimmen bemächtigen sich auch der Seele der Zuschauer mit der Schnelligkeit und der Kraft der Elektricität und des Magnetismus. Die Altstimme ist gewisser Maßen das Echo der Gefühle des Zuhörers: sänge derjenige, welcher zuhört, so möchte er sicherlich gern so singen. Das war also die auf das Auditorium durch die Stimme von Carmelite hervorgebrachte Wirkung Begabt mit einem ungewöhnlichen, obgleich rein instinktartigen Geschicklichkeit, denn sie kannte nur wenig das Verfahren der großen Sänger in der Mode, vereinigte Carmelite, mit einem erstaunlichen Glücke, die Kopfstimme mit der Bruststimme; die Verbindung dieser zwei Stimmen war augenscheinlich, und ein alter Meister wäre sehr in Verlegenheit gekommen, hätte er sagen sollen, wie viel Studien nothwendig gewesen seien, um die wunderbaren Effecte zweier so entgegengesetzten Stimmen zu kombinieren. Carmelite, als große Tonkünstlerin, was sie war, hatte unter dem Auge von Colombau so emsig und so fest die Grundprincipien der Musik studiert, daß sie fortan nichts nöthig hatte, als sich gehen zulassen, um zu verführen und zu elektrisieren; und war ihre Stimme schön, so war ihr Geschmack vollkommen. Von den ersten Lectionen an an die Maßhaltung der deutschen Musik gewöhnt, machte sie einen sehr mäßigen Gebrauch von den italienischen Fiorituri und bediente sich derselben nur, um den Ausdruck eines Stückes zu vermehren, oder um einen Satz mit einem andern zu verbinden, nie aber als Annehmlichkeit, nie als Kunststück. Wir endigen die Analyse des Talentes von Carmelite damit, daß wir sagen, im Gegensatze zu den grüßten Sängerinnen der Zeit und sogar aller Zeiten habe dieselbe Note bei zwei verschiedenen Situationen der Seele bei ihr gleichsam nie denselben Ton gehabt. Wundert sich nun Einer und beschuldigt uns der Uebertreibung, behauptend, keine Sängerin, und wenn sie zu Meistern Porpora, Mozart, Pergolese oder selbst Rossini gehabt, habe die Vollkommenheiten dieser doppelten Stimme erreicht, so antworten wir, Carmelite habe einen Meister gehabt, der viel ernster gewesen, als die so eben von uns genannten, einen Meister, den man das Unglück nenne! Am Ende der dritten Strophe war es auch ein einstimmiges Hurrah, eine unaussprechliche Raserei. Die letzten Noten waren noch nicht erloschen, klagend und seufzend wie der Schrei der Schmerzen selbst, als ein Beifallsdonner, die vergoldete Kuppel dieses weltlichen Salons erschütterte. Jeder stand auf, als wollte er der Erste sein, um der Künstlerin Glück zu wünschen, ihr sein Compliment zu machen; es war ein wahres Fest, eine allgemeine Hinreißung, Alles, was die Furia francese, das Decorum vergessend, gestatten kann. Man stürzte nach dem Klavier, um dieses Mädchen anzuschauen, das schön wie die Schönheit, mächtig wie die Stärke, finster wie die Verzweiflung. Die alten Frauen, die sie um ihre Jugend beneideten, die jungen Frauen, die sie um ihre Schönheit beneideten, alle diejenigen, welche sie um ihr unvergleichliches Talent beneideten, alle diejenigen, welche sich sagten, es wäre beinahe ein Ruhm, von einer solchen Frau geliebt zu sein, näherten sich ihr, nahmen ihre Hand und drückten sie mit Liebe. Und darum ist die Kunst wahrhaft schön, wahrhaft groß: in einem Augenblicke macht sie einen alten Freund aus einem Bekannten. Tausend Einladungen fielen, wie die zukünftigen Blumen ihres Rufes, und streuten sich in einem Augenblicke um Carmelite her. Der alte General, der sich, wie gesagt, darauf verstand, der alte General, der nicht leicht zu bewegen war, fühlte seine Thränen fließen; das war der Sturmregen, der sein Herz, während er das Mädchen singen hörte, angeschwellt hatte. Jean Robert und Petrus näherten sich einander instinetartig, und in ihrem stummen Händedruck erzählten sie sich stillschweigend ihre schmerzliche Gemüthsbewegung, ihr melancholisches Entzücken; hätte ihnen Carmelite ein Rachezeichen gemacht, sie wären auf diesen sorglosen Camille losgestürzt, der, nicht wissend, was vorgefallen, Alles dies, ein Lächeln auf den Lippen, das Lorgnon im Auge und von seinem Platze aus: Bravo! Bravo! Bravo! Rufend, wie er es auf einem Sperrsitze der italienischen Oper würde gethan haben, angehört hatte. Regina und Lydie, welche begriffen hatten, was Alles an Schmerz und Ausdruck die Gegenwart des Creolen der Stimme von Carmelite beifügte, – Regina und Lydie, welche während der ganzen Zeit, die der Gesang gedauert, bei jeder Note gezittert hatten, das Herz der Sängerin werde brechen, waren Beide wie niedergeschmettert. Regina wagte es nicht, sich umzudrehen, Lydie wagte es nicht, den Kopf zu erheben. Plötzlich, auf einen von denjenigen, welche Carmelite umgaben, ausgestoßenen Schreckenschrei, traten die zwei jungen Frauen aus ihrer Erstarrung hervor und wandten sich gleichzeitig gegen ihre Freundin um. Carmelite hatte nach ihrer letzten geweinten Note den Kopf zurückgeworfen, und, bleich, steif, unbeweglich, wäre sie unfehlbar auf den Boden gefallen, hätten sie nicht zwei Arme unterstützt, und hätte nicht eine befreundete Stimme zu ihr gesagt. »Muth, Carmelite! und seien Sie stolz: von diesem Abend an haben Sie Niemand mehr nöthigt.« Ehe sie die Augen schloß, hatte Carmelite Zeit, Ludovic diesen grausamen Freund, der sie ins Leben zurückgerufen zu erkennen. Sie stieß einen letzten Seufzer aus, schüttelte traurig den Kopf und fiel in Ohnmacht. Nun erst sah man aus ihren geschlossenen Augen zwei Thränen hervorquellen, welche über ihre eiskalten Wangen rollten. Die zwei Frauen nahmen sie aus den Händen von Ludovic; dieser war herbeigekommen, während Carmelite sang, und geräuschlos, ohne gemeldet zu werden, eintretend, war er in der Nähe gewesen, um sie in seinen Armen zu empfangen. »Es ist nichts,« sagte er zu den zwei Freundinnen; »solche Krisen sind mehr wohlthätig als nachtheilig. . . . Sie athme von diesem Flacon ein, und in fünf Minuten wird sie wieder zu sich gekommen sein.« Vom General unterstützt, trugen Regina und Lydie Carmelite ins Schlafzimmer: nur blieb der General bei der Thüre zurück. Sobald Carmelite verschwunden und das Auditorinm durch ein paar Worte von Ludovic beruhigt war, brach der, in seinem Laufe gehemmte, Enthusiasmus aufs Neue aus. Es war nur ein einstimmiger Schrei der Bewunderung. XVII Wo die Petarden von Camille nachbrennen Als man seinem Entzücken über das Talent der zukünftigen Debutantin jeden Ausdruck gegeben, als man zu ihren Gunsten alle Formeln des Lobes erschöpft hatte, ließ sich jeder von den glücklichen Zuhörern, indem er sie in seinem Kreise gehörig zu rühmen versprach, allmählich dem Boudoir nach dem Salon hinziehen, wo die ersten Arcorde des Orchesters ertönten, und ging von der Musik zum Tanze über. . Die einzige des Erwähnens würdige Episode bei der Bewegung, welche bei dieser Gelegenheit stattfand, und die wir anführen werden, weil sie sich auf eine ganz natürliche Art mit unserem Drama verbindet, ist der Mißgriff, den Camille von Rozan dadurch machte, daß er unbesonnener Weise Leute anredete, welche die Geschichte von Carmelite ganz genau kannten. Frau von Rozan, seine Gattin, eine hübsche fünfzehnjährige Creolin, war vorläufig den einer Witwe von amerikanischer Abkunft, die sich für ihre Verwandte erklärte, in Beschlag genommen worden. Camille, als er seine Frau in Familie sah, benutzte diesen Umstand, um wieder Junggeselle zu werden. Er erblickte Ludovic, seinen alten Kameraden, fast seinen Freund; und sobald die Ruhe in Folge des Abgangs von Carmelite, deren Ohnmacht er der einfachen Aufregung zuschrieb, wiederhergestellt war, stürzte er auf den jungen Doctor zu, mit der Lebhaftigkeit eines so eben angekommenen Fremden, der einen alten Bekannten wiederfindet, reichte ihm die Hand und rief: »Beim Hippokrates! es ist Herr Ludovic! . . . Guten Morgen, Herr Ludovic! wie befindet sich Herr Ludovic?« »Schlecht,« antwortete kalt der junge Arzt. »Schlecht?« wiederholte der Creole. »Ei! Sie haben den Monat April auf dem Backen!« »Gleichviel, mein Herr, wenn ich den December im Herzen habe!« »Sie haben Kummer?« »Mehr als Kummer: Schmerz!l« »Einen Schmerz?« »Einen tiefen!« »Mein Gott! mein armer Ludovic, sollten Sie einen Verwandten verloren haben?« »Ich habe Jemand verloren, der mir theurer war, als ein Verwandter!« »Was gibt es Theureres, als einen Verwandten?« »Ein Freund . . . weil dies seltener ist.« »Kannte ich ihn?« »Genau.« »Einer unserer Kameraden aus dem Collége?« »Ja.« »Ah! der arme Junge!« sagte Camille mit der höchsten Gleichgültigkeit. »Und wie hieß er?« »Colombau,« antwortete trocken Ludovic, indem er Camille grüßte und ihm den Rücken zuwandte. Der Creole hätte beinahe Ludovic an der Gurgel gepackt; doch wir sagten anderswo, er habe Geist besessen: er sah ein, daß er einen falschen Weg eingeschlagen hatte, pirouettirte auf den Absätzen und verschob seinen Zorn auf eine bessere Gelegenheit. In der That, war Colombau todt, so hatte Ludovic das Recht, sich zu wundern, daß Camille ein solches Ereigniß nicht mehr betrübte. Doch wie konnte er über dieses Ereigniß betrübt sein? Er wußte es nicht. Armer Colombau, so jung, so schön, so stark, woran hatte er sterben können? " Camille suchte mit den Augen Ludovic, um ihm zu sagen, er wisse von Allem nichts, und von ihm die Einzelheiten über den Tod ihres gemeinschaftlichen Freundes zu verlangen, doch er war verschwunden. Während er Ludovic suchte, fielen die Blicke von Camille auf einen jungen Mann, dessen sympathetisches Gesicht er zu erkennen glaubte; nur war es ihm unmöglich, einen Namen auf dieses Gesicht zu setzen. Er hatte ihn gesehen, dessen war er sicher; er hatte ihn gekannt, er glaubte dessen sicher zu sein. War es in der Rechtsschule, – was wahrscheinlich, – so könnte ihm dieser junge Mann die gewünschte Auskunft geben. Er ging auf ihn zu und sagte zu ihm: »Verzeihen Sie« mein Herr, ich komme heute Morgen von Louisiana an, was ungefähr halb Weges von den Antipoden ist; ich habe natürlich zweitausend Meilen zur See gemacht, und in Folge hiervon bleibt in meinem Gehirne eine Art von intellectuellem Stampfen und Schlingern, was mir zugleich die Unterscheidungskraft und das Gedächtniß raubt. Verzeihen Sie mir also die Frage, welche ich an Sie zu richten die Ehre haben werde.« »Ich höre, mein Herr,« antwortete ziemlich artig, aber dennoch mit einer gewissen Trockenheit derjenige, welchen er angeredet hatte. »Mein Herr, ich glaube Sie unter verschiedenen Umständen bei meiner letzten Reife nach Paris gesehen zu haben, und als ich Sie so eben erblickte, fiel mir Ihr Gesicht als das eines alten Bekannten auf . . . Haben Sie mehr Gedächtniß als ich, und habe ich die Ehre, Ihnen bekannt zu sein ?« »Sie haben Recht, ich kenne Sie vollkommen, Herr von Rozan,« antwortete der junge Mann. »Ah! Sie kennen meinen Namens« rief Camille freudig. »Wie Sie sehen.« »Und werden Sie mir das Vergnügen machen, mir den Ihrigen zu sagen?« »Ich heiße Jean Robert.« »Ah! so ist es, Jean Robert . . . Bei Gott! Ich wußte wohl, daß ich Sie kannte, einen unserer berühmtesten Diener, und einen der besten Freunde meines Kameraden Ludovic, wenn ich mich nicht täusche . . . « »Der selbst einer der besten Freunde von Colombau war,« erwiderte Jean Robert, indem er den Creolen trocken grüßte und sich umwandte. Camilla hielt ihn aber zurück. »Mein Herr, ich bitte!« sagte er: »Sie sind die zweite Person, die mir vom Tode von Colombau spricht . . . Könnten Sie mir wohl einzelne Umstände über diesen Tod mittheilen?« »Welche?« »Ich wünschte zu wissen, an welcher Krankheit Colombau gestorben ist.« »Er ist nicht an einer Krankheit gestorben.« »Sollte er im Duell getödtet worden sein?« »Nein, mein Herr, er ist nicht im Duell getödtet worden.« »Aber wie ist er denn gestorben ?« »Er hat sich mit Kohlendampf erstickt.« »Und diesmal grüßte Jean Robert Camille so kalt, daß dieser, – übrigens ganz von Erstaunen ergriffen, – nicht daran dachte, ihn ferner zurückzuhalten. »Todt!« murmelte Camille, »gestorben durch Erstickung! Wer hätte das von Colombau denken können? er, der so fromm! Ah! Colombau!« Und Camille erhob die Hände zum Himmel als ein Mensch, der, um die Sache, die man ihm gesagt, zu glauben, nöthig hätte, daß man sie ihm zweimal wiederholen würde. Indem er die Hände erhob, erhob Camille auch die Augen, und die Augen erhebend erblickte er einen jungen Mann, der in die tiefsten Reflexionen versunken zu sein schien. Er erkannte in ihm einen Künstler, den man ihm während der Unruhe, die auf die Ohnmacht von Carmelite gefolgt war, gezeigt, und von dem man ihm gesagt hatte, es sei einer der ausgezeichnetsten Maler. Das Gesicht des jungen Mannes drückte die lebhafteste Bewunderung aus. Es war Petrus, den die erhabene Anstrengung von Carmelite zugleich mit Traurigkeit und mit Stolz erfüllte . . . Die Künstler hatten also ein anderes Herz als die übrigen Menschen? Die Künstler hatten also eine andere Seele? Die Künstler waren also vielleicht privilegierte Wesen für den Schmerz? Da sie so königlich den Schmerz besiegten, so waren sie besondere Wesen. Camille täuschte sich im Gesichtsausdrucke von Petrus: er hielt ihn einfach für einen Dilettanten in Entzückung, und auf ihn zugehend, um ihm ein äußerst angenehmes Compliment zu machen, sagte er: »Mein Herr, wäre ich Maler, ich würde keine andere Physiognomie als die Ihrige wählen, um das Entzücken eines großen Herzens bei Anhörung der göttlichen Musik des großen Meisters auszudrücken.« Petrus schaute Camille mit einer verächtlichen Kälte an und verbeugte sich, ohne zu antworten. Camille fuhr fort: »Ich weiß nicht genau, wie weit die Begeisterung der Franzosen für die Musik des göttlichen Rossini geht; doch in unsern Colonien macht sie Furore: das ist Leidenschaft, Wuth, Fanatismus! Ich hatte einen Freund, einen Liebhaber der deutschen Musik, der im Duell getödtet wurde, weil er behauptet hatte, Mozart stehe höher als Rossini, und er ziehe Figaros Hochzeit dem Barbier von Sevilla vor. Ich, was mich betrifft, ich gestehe, daß ich ein Anhänger von Rossini bin, und daß ich ihn hundert Fuß über Mozart stelle . . . Das ist meine Meinung, und ich würde sie im Rothfalle bis zum Tode behaupten.« »Ich glaube, das war nicht die Meinung Ihres Freundes Colombau, mein Herr,« erwiderte Petrus, indem er kalt den Creolen grüßte. »Ah! bei Gott! da sich hier alle Welt das Wort gegeben hat, mit mir von Colombau zu sprechen, und da Sie es machen wie alle Welt, so werden Sie mir sagen, ob er sich wegen des Sieges von Rossini über Mozart mit Kohlendampf erstickt hat.« »Nein, mein Herr ,« antwortete Petrus mit äußerster Höflichkeit: »er hat sich erstickt, weil er Carmelite liebte, und eher sterben, als seinen Freund verrathen wollte.« Camille stieß einen Schrei aus und drückte seine beiden Hände an seine Stirne, als ob eine Blendung vor seinen Augen vorüberzöge. Während dieser Zeit ging Petrus, wie es nach und nach Jean Robert und Ludovic gethan hatten, vom Boudoir in den Salon. In dem Momente, wo Camille, nachdem er sich ein wenig von dem Schlage, den er erlitten, erholt hatte, seine Hände von seinem Gesichte zurückzog und die Augen wieder öffnete, sah er vor sich, – was ihm seit seinem Eintritte in die Salons von Frau von Marande noch nicht begegnet war, – einen jungen Mann von schöner und hoffärtiger Tournure, der sich bereit hielt, ihn anzureden, wenn er selbst bereit wäre, diesem Anreden zu entsprechen. »Mein Herr,« sagte der junge Mann zu ihm, »ich höre, daß Sie diesen Morgen von den Colonien ankommen, und daß Sie zum ersten Male heute Abend Herrn und Frau von Marande vorgestellt worden sind. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mich als Pathe in den Salons unseres gemeinschaftlichen Banquiers und als Führer durch die Lustbarkeit der Hauptstadt anzunehmen?« Dieser zuvorkommende Cicerone war der Graf Lorédan von Valgeneuse; er hatte schon bei ihrem Eintritte die hübsche Creolin bemerkt, welche von Camille von Rozan in Frankreich importiert worden war, und er suchte sich gut mit dem Manne zu stellen, um eintretenden Falles noch besser mit der Frau zu stehen. Camille athnte, als er einen Mann traf, der zehn Worte mit ihm sprach, ohne daß der Name Colombau mit diesen zehn Worten Vermischt wurde. Es versteht sich von selbst, daß er mit allem Eifer das Anerbieten von Herrn von Valgeneuse annahm. Die zwei jungen Leute eilten in die Tanzsalons; man hatte zu einem Walzer präludirt. Sie traten gerade in dem Augenblicke ein, wo der Walzer anfing. Die erste Person, der sie in den Solon eintretend begegneten, – man hätte glauben sollen, ihr Bruder habe ihr hier Rendez-vous gegeben, so sehr schien sie zu warten! – war Fräulein Susanne von Valgeneuse. »Mein Herr,« sagte Lorédan, »erlauben Sie mir, Ihnen meine Schwester, Fräulein Susanne von Valgeneuse, vorzustellen.« Alsdann, ohne die Antwort von Camille abzuwarten, die man übrigens in seinen Augen lesen konnte, fügte der Graf bei: »Meine liebe Susanne, ich stelle Ihnen einen neuen Freund, Herrn Camilla von Rozan, einen amerikanischen Edelmann, vor.« »Oh!« erwiderte Susanne, »Ihr neuer Freund, mein lieber Lorédan ist für mich ein alter Bekannter.« »Gut! und wie dies?« »Was!« rief Camille mit einer stolzen Freude, »sollte ich die Ehre haben, Ihnen bekannt zu sein, mein Fräulein?« »Oh! genau, mein Herr,« antwortete Susanne. »In Versailles, in der Pension, wo ich vor nicht langer Zeit noch war, stand ich in enger Verbindung mit zwei Von Ihren Landsmänninnen.« In diesem Augenblicke traten Regina und Frau von Marande, nachdem sie der Sorge einer Kammerfrau Carmelite, welche aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich gekommen war , anvertraut hatten, in den Ballsaal ein. Lorédan machte seiner Schwester ein unmerkliches Zeichen, worauf ihm Susanne mit einem unmerklichen Lächeln antwortete. Und während zum dritten Male an diesem Abend Lorédan mit Frau von Marande die immer unterbrochene Conversation wieder anzuknüpfen suchte, stürzten sich Camille und Fräulein von Valgeneuse, um weitere Bekanntschaft zu machen, in den schwindelerregenden Wirbel des Walzers und verloren sich unter einem Ocean von Gaze, Atlaß und Blumen-. XIX Wie das Liebesgesetz gestorben war Machen wir ein paar Schritte rückwärts; denn wir bemerken, daß wir, weil es uns drängte, in den Salon von Frau von Marande einzutreten, cavalièrement über Ereignisse und Tage weggestiegen sind, welche ihren Platz in dieser Erzählung haben müssen, wie sie ihn schon in der Geschichte haben. Man erinnert sich des Scandals, der sich bei der Beerdigung des Herzogs de la Rochefoucauld zugetragen hatte. Da Einige von den Personen, welche den ersten Rang in unserer Geschichte einnehmen, eine Rolle dabei spielten, so haben wir es versucht, in allen ihren Einzelheiten diese entsetzliche Scene zu erzählen, bei der die Polizei zu dem Resultate gelangt war, das sie sich vorgesetzt hatte: Herrn Sarranti verhaften und erforschen, welchen Grad von Widerstand die Bevölkerung der unglaublichsten Beschimpfung, die man dem Leichname eines Mannes, welchen sie mit ihrer Ehrfurcht und ihrer Liebe umgab, entgegenzusetzen fähig wäre. Die Macht war dem Gesetze geblieben! wie man in der Regierungssprache sagt. »Noch ein solcher Sieg,« sprach Pyrrhus, der kein constitutioneller König, aber ein verständiger Tyrann war, »und ich bin verloren!« Das hätte sich Karl X. nach dem traurigen Siege, den er auf den Stufen der Himmelfahrts-Kirche davon getragen, sagen müssen. In der That, sie war tief gewesen, die nicht nur bei der Menge, – von der der König wenigstens momentan zu weit entfernt war, um das Schauern durch die verschiedenen socialen Schichten zu fühlen, welche ihn von ihr trennten, – sondern auch auf die Pairskammer, von der er nur durch den auf den Stufen des Thrones ausgebreiteten Teppich getrennt war, hervorgebrachte Aufregung. Die Pairs hatten sich, wie gesagt, vom Ersten bis zum Letzten beleidigt gefühlt durch die den Ueberresten des Herzogs de la Rochefoucauld angethane Beschimpfung. Die Unabhängigsten hatten ganz laut ihre Entrüstung kundgegeben; die Ergebensten hatten sie in die Tiefe ihres Herzens verschlossen; hier aber brudelte sie beim Hauche des furchtbaren Rathgebers, den man den Stolz nennt. Alle warteten auf eine Gelegenheit, entweder dein Ministerium oder sogar dem Königthum diesen unfläthigen Fußtritt, den die hohe Kammer von der Polizei erhalten hatte, zurückzugeben. Der Liebesgesetzes-Entwurf sollte diese Gelegenheit bieten. Er war der Prüfung der Herren von Broglie, Portalis, Portal und le Bastard unterworfen worden. Wir haben die Namen der anderen Mitglieder der Commission vergessen: – es sei dies gesagt ohne die Absicht, die Ehrenwerthen auf irgend eine Art zu verletzen. Die Prüfungs-Commission schien schon bei ihren Sitzungen weit davon entfernt, eine Sympathie für den Entwurf zu hegen. Die Minister selbst fingen an mit demselben Schrecken, der Reisende ergreift, welche, ein unbekanntes Land durchwandernd, sich plötzlich am Rande eines Absturzes finden, die Minister selbst fingen an zu bemerken, daß unter der politischen Frage, welche die Hauptfrage zu sein schien, eine individuelle viel ernstere Frage verborgen war. Das Gesetz gegen die Preßfreiheit wäre in der That vielleicht durchgegangen, hätte es sich nur an den Rechten der Intelligenz vergriffen. Was lag an den Rechten der Intelligenz dem Bürgerthum, der höchsten Macht jener Zeit? Doch das Gesetz gegen die Preßfreiheit vergriff sich an den materiellen Interessen, was eine viel gewichtigere Lebensfrage für alle Subscribenten auf Voltaire-Touquet war, welche das Dictionaire philosophique lasen und dabei eine Prise aus einer Tabaksdose à la charte nahmen. Was ihnen allmählich die Augen öffnete, diesen armen Blinden mit hunderttausend Franken Gehalt, war der Umstand, daß alle die Preßfreiheit und die Interessen der Industrie verletzenden Dispositionen einstimmig von der Commission der Pairskammer verworfen wurden. Da fingen sie an eine absolute Verwerfung zu fürchten. Was ihnen am wenigsten Unangenehmes begegnen konnte. war, daß der Entwurf vor der Kammer mit solchen Amendements erschien, daß es diesen Amendements gelang, die Wirkung davon zu zerstören. Man mußte zwischen einem Rückzuge und einer Niederlage wählen. Es fand eine Berathung statt; Jeder theilte Allen seine Befürchtungen mit, und man kam überein, die Diskussion sollte auf die nächste Sitzung verschoben werden. Herr von Villèle übernahm es, durch eine von jenen Combinationen, mit denen er vertraut war, mittlerweile dem Ministerium in der hohen Kammer eine Majorität so botmäßig und so regelmäßig diszipliniert zu geben, als die war, auf welche er in der Kammer der Abgeordneten zählen konnte. Am 12. April, – einem der Tage, über die wir so cavalièrement hinweggestiegen sind, – war der Jahrestag der ersten Rückkehr von Karl X. Nach Paris am 12. April 1814. An diesem Tage gab die Nationalgarde den Militärdienst der Posten in den Tuilerien und ersetzte so die anderen Truppen des Palastes. Das war eine Gunst, mit der der König die Ergebenheit der Nationalgarde belohnte, welche mehrere Wochen lang seine einzige Garde gebildet hatte; es war endlich ein Zeichen von Vertrauen, das er der Bevölkerung von Paris gab. Doch dieser Tag, was man unmöglich hatte verhindern können, fiel im laufenden Jahre auf den grünen Donnerstag. Am grünen Donnerstag konnte aber der König, der sich ganz seinen Andachten widmete, seinen Geist keiner politischen Beschäftigung hingeben: man verschob also den Dienst der Garde vom 12. auf den 16. vom grünen Donnerstag auf den Ostermontag. Dem zu Folge stieg, am 16. Morgens, in dem Augenblicke, wo die Wache bezogen wurde, als es eben neun Uhr im Pavillon de l’Horloge schlug, König Karl X. die Freitreppe der Tuilerien in der Uniform eines Generals der Nationalgarde herab. Er erschien in Begleitung des Herrn Dauphin und war umgeben von einem zahlreichen Generalstabe. Er kam auf den Carrouselplatz, wo sich von allen Legionen der Nationalgarde, die Cavalerie-Legion im begriffen, gelieferte Detachements versammelt fanden. Als er vor die Schlachtordnung der Nationalgarde gelangte, grüßte er nach seiner Gewohnheit mit herzlichem Ergusse. Obschon bei seinen täglichen Spazierfahrten Karl X., allmählich depopularisirt, – nicht durch seine persönlichen Fehler, sondern durch die Irrthümer seiner Regierung, welche eine antinationale Politik angenommen hatte, – obschon bei seinen täglichen Spazierfahrten, sagen wir, Karl X. seit einem Jahre an einen ziemlich kalten Empfang gewöhnt worden war, rief er doch noch von Zeit zu Zeit durch das Lächeln und die Grüße, die er der Menge zusandte, sympathetische Acclainationen hervor. An diesem Tage aber war der Empfang eiskalt. Kein Feuer, keine Begeisterung; einige spärliche Rufe: »Es lebe der König!« schüchtern vorgebracht, kaum gehört, und wie unter Weges aufgehalten. Er musterte die Nationalgarde und verließ den Carrouselplatz, das Herz angeschwollen von einer bitteren Traurigkeit, wegen dieses Empfangs der Menge nicht sein Regierungssystem, sondern die Verleumdungen der Journale, die dumpfen Umtriebe der liberalen Partei anklagend. Mehrere Male hatte er sich während der Revue gegen seinen Sohn umgewendet, als wollte er ihn befragen; doch der Herr Dauphin erfreute sich des seltsamen Vorzugs, zerstreut zu sein, ohne daß sein Geist anderswo war. Der Herr Dauphin folgte maschinenmäßig seinem Vater, und in den Palast zurückkehrend hatte der Herr Dauphin wohl das Bewußtsein, einen kleinen Spazierritt gemacht zu haben, er vermuthete wohl, er habe einer Revue beigewohnt, doch es wäre ihm unmöglich gewesen, zu sagen, welche Art von Truppe vor ihm defiliert hatte. Also nicht an den Dauphin wandte sich der alte König, der sich vereinzelt in seiner Größe, schwach in seinem göttlichen Rechte fühlte, sondern an einen Mann von sechzig Jahren, der das doppelte Band dem St. Ludwigs-Orden und vom Heiligen-Geist-Orden trug. Dieser Mann war einer von den alten Glorien Frankreichs: es war der Soldat vom Regiment Médoc, es war der Bataillonschef der Freiwilligen von der Maas, es war der Oberst des Regiments Picardie, es war der Eroberer von Trier, der Held der Brücke von Mannheim, der Commandant der vereinigten Grenadiere der großen Armee , der Sieger von Ostrolenka, der Mann von Wagram, von der Beresina, von Bautzen, der Generalmajor der königlichen Garbe, der Obercommandant der Pariser Garde; es war der Verstümmelte von allen Schlachten, denen er beiwohnte; es war derjenige, dessen Körper siebenundzwanzig Wunden zählte, fünf mehr als der von Cäsar, und der seine siebenundzwanzig Wunden überlebt hatte; – es war der Marschall Qudinot, Herzog von Reggio. Karl X. nahm den alten Soldaten unter dem Arme, zog ihn aus dem Kreise der Höflinge, die auf seine Rückkehr warteten, und sagte zu ihm: »Hören Sie, Marschall, sprechen Sie offenherzig.« Der Marschall schaute den König mit Erstaunen an; die Stille und die Kälte der Nationalgarde waren ihm nicht entgangen. »Offenherzig, Sire?« fragte er. »Ja, ich wünsche die Wahrheit zu wissen.« Der Marschall lächelte. »Es setzt Sie in Erstaunen, daß ein König die Wahrheit zu wissen wünscht . . . Man täuscht uns also sehr, mein lieber Marschall?« »Ei! Sire, Jeder thut hierbei sein Bestes.« »Und Sie?« »Ich, ich lüge nie, Sire!« »Sie sagen also die Wahrheit?« »Ich erwarte, daß man sie von mir verlangt.« »Und dann . . . ?« »Sire, Eure Majestät befrage mich, und sie wird sehen.« »Nun wohl, Marschall , was sagen Sie von der Revue?« »Kalt!« »Man hat kaum: »»Es lebe der König!«« gerufen. Haben Sie das bemerkt, Marschall?« »Ich habe es bemerkt.« »Ich habe mich also des Vertrauens und der Liebe meines Volkes verlustig gemacht?« Der alte Soldat schwieg. »Hören Sie mich nicht, Marschall ?« fragte Karl X. »Doch, Sire, ich höre Sie.« »Nun wohl, ich frage Sie, ob ich mich, nach Ihrer Ansicht, verstehen Sie wohl, Marschall? ich frage Sie, ob ich mich, nach Ihrer Ansicht, des Vertrauens und der Liebe meines Volkes verlustig gemacht habe.« »Sire!« »Sie haben mir die Wahrheit versprochen, Marschall.« »Sire, nicht Sie, sondern Ihre Minister. Unglücklicher Weise begreift das Volk die Subtilitäten Ihrer constitutionellen Regierung nicht: König und Minister, es vermengt Alles.« »Aber was habe ich denn gethan?« rief der König. »Sie haben nicht gethan, Sire, Sie haben thun lassen.« »Marschall, ich schwöre Ihnen, daß ich voll guter Absichten bin.« »Sire, es gibt ein Sprichwort, das behauptet, die Hölle sei damit gepflastert.« »Marschall, sagen Sie mir Alles, was Sie hiervon denken.« »Sire, ich wäre der Güte des Königs unwürdig, wenn . . . ich . . . nicht dem Befehle, den er mir gibt, gehorchen würde.« »Nun?« »Nun wohl, Sire, ich denke, Sie sind ein guter und redlicher Fürst ; Eure Majestät ist aber umgeben und hintergangen von blinden oder unwissenden Räthen, welche nicht sehen oder schlecht sehen.« »Fahren Sie fort, fahren Sie fort!« »Die öffentliche Stimme sagt Ihnen durch, mich, Sire, Ihr Herz sei ächt französisch, und in Ihrem Herzen und nicht anderswo müsse man lesen.« »Man ist also unzufrieden ?« Der Marschall verbeugte sich. »Und worüber diese Unzufriedenheit?« »Sire: das Preßgesetz verwundet tief und tödtlich Ihre Bevölkerung.« »Sie glauben, diesem habe ich die heutige Kälte zu verdanken?« »Sire, ich bin dessen sicher.« »Einen Rath also, Marschall.« »In welcher Hinsicht?« »Hinsichtlich dessen, was ich zu thun habe.« »Sire, ich habe dem König keinen Rath zu geben.« »Doch, wenn ich einen verlange.« »Sire, Ihre hohe Weisheit . . . « »Was würden Sie an meiner Stelle thun, Marschall?« »Ich spreche auf Befehl des Königs?« »Besser als dies, Herzog,« erwiderte Karl X. mit einer Majestät, an der es ihm bei gewissen Gelegenheiten nicht gebrach: »auf meine Bitte.« »Nun wohl, Sire, lassen Sie das Gesetz zurückziehen, berufen Sie für eine andere Revue die ganze Nationalgarde, und Sie werden durch ihre einstimmigen Acclamationen sehen, was die wahre Ursache ihres heutigen Stillschweigens war.« »Marschall, das Gesetz soll morgen zurückgezogen werden. Bestimmen Sie selbst den Tag der Revue.« »Sire, will Eure Majestät, daß es der letzte Sonntag des Monats sei, das heißt der 29. April?« »Geben Sie selbst die Befehle; Sie sind General-Commandant der Nationalgarde.« An demselben Abend war der Conseil in den Tuilerien versammelt, und unerachtet des hartnäckigen Widerstandes Einiger forderte der König die unmittelbare Zurücknahme des Liebesgesetzes. Trotz der Glückseligkeiten, die sie sich von der Anwendung dieses Gesetzes versprochen hatten, waren die Minister genöthigt, sich der souverainen Gewalt zu unterwerfen. Die Zurücknahme des Gesetzes war übrigens nur ein Art der Klugheit, eine Vorsichtsmaßregel, die ihnen die sichere und entscheidende Niederlage vor der Pairskammer ersparte. Am andern Tage nach dieser ersten Revue, das heißt nach dieser ersten Manifestation der Nationalgarde, deren Wirkungen der König so richtig geschätzt, deren Ursache der Marschall Qudinot so wohl beurtheilt hatte, verlangte Herr von Peyronnet das Wort am Anfange der Sitzung der Pairskammer, und verlas von der Tribune die Ordonnanz, welche den Gesetzesentwurf zurücknahm. Es war ein ungeheurer Freudenschrei an den vier Ecken Frankreichs und von allen Journalen ohne Unterschied, royalistischen oder liberalen, ausgestoßen. Am Abend war Paris erleuchtet. Lange Colonnen von Buchdruckergehilfen zogen in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen der Stadt umher und riefen: »Es lebe der König! Es lebe die Pairskammer! Es lebe die Preßfreiheit!« Dieser Umzug, der wunderbare Zusammenfluß von Neugierigen, welche sich auf den Boulevards, den Quais, in den Seitenstraßen drängten, durch alle großen Arterien bis zu den Tuilerien strömend, wie das Blut zum Herzen strömt; das Geschrei dieser Menge, die Explosion der durch die Fenster geschleuderten Petarden, die flammende Aufsteigung der Raketen, die den Himmel mit ephemeren Sternen besäten, die Verschwendung der an allen Gebäuden, außer den öffentlichem aufgestellten Lichter, all dieses Geräusch, all dieser Glanz boten einen festlichen Anblick, ein freudiges Aussehen, wie es gewöhnlich die von der Regierung befohlenen officiellen Feierlichkeiten nicht bieten. Der Jubel war nicht minder groß in den andern Städten des Königreichs; es schien, nicht als hätte Frankreich einen von den Siegen davon getragen, an die es gewöhnt war. sondern als hätte jeder Franzose individuell gesiegt. Dieser Jubel gab sich in der That nicht nur unter den verschiedensten, sondern auch unter den individuellsten Formen kund; Jeder suchte eine persönliche Manier, seine Freude zu bezeigen. Hier waren es zahlreiche Chöre, welche auf den Plätzen stationirten oder durch die Straßen liefen und ihre Nationalgesänge hören ließen; dort waren es improvisierte Kunstfeuerwerke, die sich durch alle Arten von Volkslaunen verlängerten, oder Tänze, welche die ganze Nacht hindurch währten; anderswo waren es Fackelzüge, wie die antiken Wettläufe, zu Fuße und zu Pferde ausgeführt; wieder anderswo Triumphbogen oder Säulen mit Inschriften beladen; überall waren es flammende Illuminationen; die von Lyon besonders waren bewunderungswürdig: die Ufer der zwei Flüsse, die Hauptplätze der Cité, die zahlreichen Terrassen seiner zahlreichen Vorstädte waren gleichsam durch lange Feuercordons verbunden, welche die Wasser der Rhone und der Saone reflektierten. Marengo hatte nicht mehr Stolz eingeflößt, Austerlitz nicht mehr Begeisterung. Der eine und der andere von diesen zwei Siegen war nur ein Triumphe der Fall des Liebesgesetzes war zugleich ein Triumph und eine Rache; es war eine Frankreich gegenüber übernommene Verbindlichkeit, es von diesem Ministerium zu befreien, welches es sich bei jeder neuen Session zur Aufgabe gemacht hatte, eine von den durch den Grundvertrag versprochenem garantierten, geheiligten Freiheiten zu zerstören. Diese glänzende Manifestation des öffentlichen Bewußtseins, diese volksthümliche Demonstration, dieser freiwillige Jubel des ganzen Landes bei der Nachricht von der Zurücknahme des Gesetzes setzten; die Minister in Erstaunen, und sie beschlossen noch an demselben Abend, unter all diesem Geräusche und all dieser freudigen Bewegung, sich insgesamt zum König zu begeben. Sie verlangten eingeführt zu werden. Man suchte den König. Der König war nicht ausgefahren, und dennoch wer er weder im großen Solon, noch in seinem Cabinet, noch bei Monsieur dem Dauphin, noch bei der Frau Herzogin von Berry. Wo war er denn? Ein Kammerdiener sagte, er habe Seine Majestät, gefolgt vom Marschall Qudinot, nach der Treppe gehen sehen, welche auf die Terrasse des Pavillon de l’Horloge führte. Man stieg diese Treppe hinauf. Zwei Männer standen da, all dieses Geschrei, all diesen Lärmen, alle diese Lichter beherrschend, kräftig von der leuchtenden Mondscheibe und von den silbernen Wolken, welche rasch am Himmel hinzogen, sich abhebend. Diese zwei Männer waren Karl X. und der General Qudinot. Man meldete ihnen den ministeriellen Besuch. Der König schaute den Marschall an. »Was wollen sie hier?« fragte er. »Von Eurer Majestät eine Repressivmaßregel gegen die allgemeine Freude fordern.« »Lassen Sie diese Herren heraufkommen,« sagte der König. Die Minister folgten sehr erstaunt dem Adjutanten, dem der Kammerdiener den Befehl des Königs übertragen hatte. Fünf Minuten nachher war der Conseil auf der Plattform des Pavillon de l’Horloge versammelt. Die weiße Fahne, die Fahne von Tillebourg, von Bouvines und von Fontenay, flatterte anmuthig je nach den Launen des Windes. Man hätte glauben sollen, sie sei ganz stolz, diese ungewohnten Acclamationen zu hören. Herr von Villéle trat vor und sprach: »Sire, bewegt von der Gefahr, welche Eure Majestät läuft, komme ich mit meinen Collegen . . . « Der König unterbrach ihn. »Mein Herr,« fragte er, »nicht wahr, Ihre Rede war vorbereitet, ehe Sie dar Hotel der Finanzen verließen?« »Sire . . . « »Ich weigere mich nicht, sie zu hören, mein Herr; doch zuvor wünsche ich, daß Sie von dieser Plattform, welche Paris beherrscht, sehen und hören, was vorgeht.« Und der König streckte die Hand gegen diesen Ocean von Licht aus. »Es ist also unsere Entlassung, was Seine Majestät verlangt?« wagte Herr von Peyronnet zu bemerken. »Ei! wer spricht von Entlassung, mein Herr? Ich verlange nichts von Ihnen: ich sage, Sie sollen sehen und hören.« Es trat ein Moment der Stille ein, nicht auf den Straßen, – auf den Straßen war es im Gegentheile von Augenblick zu Augenblick munterer und geräuschvoller, – sondern unter den hohen Beobachtern. Der Marschall hielt sich beiseit, das Lächeln des Triumphes aus den Lippen; der König, immer die Hand ausgestreckt und sich nach und nach gegen die vier Cardinalpunkte wendend, beherrschte durch seine hohe Gestalt, die, obschon sie sich unter dem Gewichte der Jahre gebeugt hatte, sich bei den großen Veranlassungen gerade aufrichtete, – der König beherrschte alle diese Männer. In diesem Augenblicke überragte sie sein Geist, wie seine Gestalt, um einen Kopf. »Nun reden Sie, Herr von Villèle,« sprach der König, »was haben Sie mir zu sagen?« »Nichts, Sire,« antwortete der Conseil-Präsident; »wir haben Eurer Majestät nur noch den Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht zu Füßen zu legen.« Der König größte; die Minister zogen sich zurück. »Marschall,« sagte der König, »ich glaube, daß Sie entschieden Recht haben.« Und er ging wieder in seine Gemächer. In der nächsten Sitzung des Conseil setzte der König den Ministern seinen Wunsch, am 29. April eine Revue zu halten, auseinander. – Am 25. gab Seine Majestät diese Absicht kund. – Die Minister versuchten es Anfangs, den Willen des Könige zu bekämpfen; doch dieser Wille stand zu fest, um den schlimmen Waffen des persönlichen Interesses nachzugehen. Da warfen sie sich auf ein Detail zurück: dieses war, die Nationalgarde von den Meuterern und Aufreizern abzufondern, welche sie unfehlbar umgeben würden. »Am andern Tage machte ein Tagsbefehl bekannt, daß, da der König auf der Parade am 16. April angekündigt habe, um der Nationalgarde einen Beweis seines Wohlwollens und seiner Zufriedenheit zu geben, beabsichtige er, sie die Revue passieren zu lassen, so werde diese Revue auf dem Marsfelde am Sonntag den 29. April stattfinden. Das war eine große Neuigkeit. Schon am Abend vorher, das heißt am 25., hatte ein bei den geheimen Gesellschaften affiliirter Buchdruckergehilfe Salvator einen Abdruck von dem Tagesbefehle gebracht, der am andern Tage angeschlagen werden sollte. Salvator war Fourier bei der 11. Legion. Man begreift, warum er diesen Grad eines Fouriers angenommen, sogar darum nachgesucht hatte: das war eines von den tausend Mitteln, welche der thätige Carbenaro anwandte, um sich mit den Meinungen des Volks in Berührung zu bringen. Diese Revue war eine Gelegenheit, den öffentlichen Geist zu sondieren: Salvator versäumte sie nicht. Mehr als fünfhundert Arbeiter, deren brennende Ansichten er kannte, hatten sich immer geweigert, sich bei der Nationalgarde zu betheiligen, wobei sie ihre Weigerung durch die Ausgabe, welche eine Uniform nöthig mache, motivierten; vier Abgeordnete, von Salvator gewählt, besuchten diese Leute im Hause; Jeder von ihnen erhielt hundert Franken, unter der Bedingung, daß er am Sonntag den 29. sein Costume vollständig habe und seinen Rang in der Compagnie einnehme. Man gab die Adressen von Schneidern, welche zur Association gehörten und die Verbindlichkeit übernommen hatten, das Costume am bestimmten Tage für die Summe von fünfundachtzig Franken zu liefern. Es blieben jedem Manne fünfzehn Franken Ueberschuß. So führte man es in den zwölf Arrondissements durch. Die Maires, – beinahe alle liberal, – waren entzückt über diese Demonstration; sie machten keine Schwierigkeiten, den Neueingetretenen Flinten zu geben. Fünf bis sechstausend Mann, welche acht Tage vorher nicht einmal zur Nationalgarde gehörten, wurden auf diese Art bewaffnet und gekleidet. Alle diese Leute sollten, nicht den Befehlen ihrer Obersten, sondern dem Signal eines nur für sie allein erkennbaren Carbonarichefs gehorchen. Da aber die am weitesten Vorgerückten glaubten, die Stunde der Empörung sei noch nicht gekommen, so wurde von der obersten Venta befohlen, sich während der Revue keinen Art der Feindseligkeit zu erlauben. Die Polizei ihrerseits war auf den Beinen, stand mit den Augen auf der Lauer und horchte mit allen Ohren. Was aber thun gegen Menschen, die sich beeifern, dem König zu gehorchen? Herr Jackal reihte zehn Mann in jede Legion ein: nur, da ihm dieser Gedanke erst kam, als er von der Bewegung erfahren hatte, die sich bewerkstelligen sollte, fand sich, die Schneider von Paris haben so viel Arbeit, daß die Mehrzahl der Leute von Herrn Jackal wohl am Sonntag bewaffnet, aber erst am Montag gekleidet war. XX Die Revue am Sonntag den 29. April Von dem Augenblicke an, wo der die Revue auf den 29. April festsetzende Tagesbefehl veröffentlicht war, bis zum Tage dieser Revue fühlte man durch Paris einen von jenen dumpfen Schauern laufen, welche den politischen Stürmen vorhergehen und sie verkündigen. Niemand konnte erklären, was dieses Fieber weissagte, noch sogar, ob es etwas weissagte: doch ohne zu wissen, welchem Schwindel man preisgegeben war, begegnete man sich, drückte sich die Hand und sagte sich. »Sie werden dabei sein?« »Am Sonntag?« »Ja.« »Ich glaube wohl!« »Fehlen Sie nicht dabei!« »Ich werde mich wohl hüten!« Dann drückte man sich aufs Neue die Hand, – die Maurer und die bei der Venta Affiliirten mit dem Zeichen ihrer Gesellschaft, die Andern ganz einfach, und man verließ sich, und Jeder sagte zu sich selbst: »Dabei fehlen? Ah! ja wohl!« Vom 26. bis zum 29. sprachen die liberalen Journale nur von dieser Revue, munterten die Bürger auf, dabei zu erscheinen, und empfahlen ihnen Vorsicht. Man weiß, was solche aus den der Regierung feindlichen Federn kommende Empfehlungen bedeuten: »Haltet Euch für jedes Ereigniß bereit, denn ein Ereigniß schwebt in der Luft, und ergreift die Gelegenheit!« Die drei Tage waren nicht gleichgültig für die jungen Helden unserer Geschichte vorübergegangen. Diese Generation, welche die unsere ist, – ist es ein Vorzug, ist es ein Nachtheil? – hatte zu jener Zeit nach den Glauben, der nicht durch sie verloren gegangen ist, – er ist jung von Herzen geblieben, – sondern durch die auf sie folgende Generation, welche heute die der Menschen von dreißig bis fünfunddreißig Jahren ist. Diesmal ist es das Schiff, das Schiffbruch in den Revolutionen von 1830 und 1848 gelitten hat, welche noch in der Zukunft verborgen waren« wie ein Kind, das lebt und bebt, schon im Schooße der Mutter verborgen ist. Jeder von unseren jungen Freunden hatte also den Einfluß dieser drei Tage gefühlt, die Einen activ, die Andern passiv. Salvator, einer der Hauptchefs des Carbonarismus, dieser Religion der Zeit, die Seele der nicht nur in Paris, nicht nur in den Departements, sondern auch im Auslande organisierten geheimen Gesellschaften; Salvator hatte, wie wir gesehen, thätig zur Verstärkung der Reihen der Nationalgarde durch fünf bis sechstausend Patrioten beigetragen, welche bis dahin nicht dazu gehört hatten. Diese Patrioten waren uniformiert, hatten Gewehre: das war die Hauptsache; Patronen würde man sich leicht verschaffen können; an einem gegebenen Tage, in einem verabredeten Augenblicke würde man sich mit einer Uniform und mit Waffen wiederfinden. Justin, ein gemeiner Voltigeur in einer Compagnie der elften Legion; Justin, der bis dahin die oberflächlichen Verbindungen, welche eine in der Wachtstube zugebrachte Nacht, zwei Stunden als Schildwache zugebracht zwischen zwei Bürgern anknüpfen, vernachlässigt hatte ; Justin, seitdem er im Carbonarismus ein Mittel gesehen hatte, diese Regierung umzustürzen, unter der ein Adeliger, von einem Priester unterstützt, ungestraft die Familien in Unruhe versetzen konnte, Justin hatte angefangen carbonaristische Propaganda mit um so größerer Thätigkeit zu machen, als diese bis dahin zurückgehalten worden war; und da er in seinem Quartier wegen seiner so wohl bekannten Familientugenden geschätzt, geliebt, sogar geehrt war, so hörten auf ihn wie auf ein Orakel die Leute, welche übrigens nichts lieber wollten, als überzeugt sein, und selbst der Ueberzeugung entgegenkamen. Ludovic, Petrus und Jean Robert waren einfache Einheiten, von denen aber jede an ein Centrum hinwirkte. Ludovic inspirierte und leitete seine jungen Mitschüler, die Studenten des Rechts und der Medicin, deren Reihen er kaum am Abend vorher verlassen hatte; Petrus diese ganze Atelierjugend, welche damals voll künstlerischer Flamme und nationalen Glaubens; Jean Robert Alles, was eine Feder hielt, und, einem auf dem Terrain der Kunst anerkannten Chef folgend,, bereit war, ihm auch auf ein ganz anderes Terrain zu folgen, auf welches sich zu wagen ihm gefiele. Jean Robert gehörte zur Nationalgarde zu Pferde; Petrus und Ludovic waren Lieutenauts bei der Nationalgarde zu Fuß. Jeder von ihnen hatte, wenn auch in seinem Innern von Kunst, Wissenschaft oder Liebe in Anspruch genommen, – denn diese jungen Herzen waren für alle Gefühle offen, – Jeder von ihnen, sagen wir, hatte den Tag des 29. April kommen sehen, seinen Theil an diesem allgemeinen Beben fühlend, dessen Existenz wir constatirt haben, ohne die Ursache genau angeben zu können. Am Abend des 28. war auf Berufung von Salvator Zusammenkunft bei Justin. Hier unterrichtete Salvator ernst und einfach seine vier Gefährten von dem, was vorging. Er glaubte, es werde am andern Tage eine Demonstration stattfinden, doch keine Bewegung; er bat sie, Herren über sich zu bleiben und nichts von Bedeutung zu thun, ohne daß sie von ihm erfahren hätten, der Augenblick sei gekommen. Endlich erschien der großes Tag. Es war wahrhaft ein Sonntag, nach dem Anblicke der Straßen von Paris zu urtheilen ; mehr als ein Sonntag: es war ein Festtag. Von neun Uhr Morgens durchfurchten die Legionen der verschiedenen Arrondissements Paris, Musik an der Spitze, und es folgte ihnen, entweder auf den Trottoirs oder auf den beiden Seiten der Boulevards, die Bevölkerung der verschiedenen Quartiere, die sie durchzogen. Um elf Uhr waren zwanzigtausend Mann Nationalgarde vor der Ecole Militaire aufgestellt. Sie hatten unter ihren Füßen die Erde des Marsfeldes so voll von Erinnerungen, welche von ihren Vätern aufgewühlt worden war am großen Tage der Föderation, der aus Frankreich ein Vaterland und aus allen Franzosen Brüder machte. Das Marsfeld! das einzige Monument, das den der furchtbaren Revolution geblieben ist, deren Mission es war, nicht zu erheben, sondern zu zerstören. Was hatte sie besonders zu zerstören? Die alte Race der Bourbonen, den der ein Mitglied in jener Verblendung, welche die ansteckende Krankheit der Könige ist, es wagte, diese Erde niederzutreten, welche glühender als die Lava des Vesufs, beweglicher als der Sand der Wüste Sahara! Seit mehreren Jahren war die Nationalgarde nicht mehr die Revue passirt. Es ist ein seltsamer Geist der Geist dieser Bürgersoldaten; laßt man sie die Wache beziehen, so Murren sie; löst man sie auf, so empören sie sich. Müde ihrer Unthätigkeit, hatte also die Nationalgarde dem Rufe, der an sie ergangen war, entsprochen. Verstärkt durch sechstausend Mann in neuer Uniform, war sie vollzählig und, was die Haltung betrifft, herrlich. In dem Augenblicke, wo sie sich in Schlachtordnung aufstellte, das Gesicht gegen Chaillot, das heißt gegen die Seite, von der der König kam, gewendet, nahmen dreimal hunderttausend Zuschauer Platz auf den Böschungen, welche die Manoeuvreterrains umschließen. Jeder von diesen dreimal hunderttausend Zuschauern schien durch seine beifälligen Blicke, durch seine anhaltenden Bravos, durch seine unablässig wieder entstehenden Vivats der Nationalgarde zu gratulieren wegen der Sorgfalt, die sie angewandt hatte, um die Hauptstadt würdig zu repräsentieren und durch ihre Gegenwart dem König zu danken, der das verfluchte Gesetz zurückziehend dem allgemeinen Wunsche der Nation entsprochen hatte; – denn, man muß sagen, ausgenommen im Herzen jener Verschwörer, welche sie von ihren Vätern empfangen und auf ihre Kinder übertragen, die von den Swedenborg und den Cagliostro gegründete große revolutionäre Tradition, gab es in diesem Augenblicke auf dem Marsfelde, in Paris, in Frankreich nur Dankbarkeit und Sympathie für Karl X. Man hätte müssen ein sehr scharfes Auge haben, um, in einer Entfernung von drei Jahren, den 29. Juli durch diesen 29. April zu sehen. Wer wird das Räthsel dieser großen Volksumschläge lösen, welche in ein paar Jahren, in ein paar Monaten, in ein paar Tagen oft, niederstürzen, was erhaben war, aufrichten, was zu Boden lag? Die Aprilsonne, diese noch junge Sonne, die, das Gesicht mit Thau bedeckt, mit der Liebe einer Braut die Erde anschaut, eine poetische, liebende Julia, welche aus ihrem Grabe aufsteht und Falte um Falte ihr Leichentuch fallen läßt; die Aprilsonne glänzte hinter dem Invalidendome und sollte die Revue begünstigen. Um ein Uhr verkündigten die Salven der Kanonen und entferntes Geschrei die Ankunft des Königs, der zu Pferde, in Begleitung des Herrn Dauphin, des Herzogs von Orleans, des jungen Herzogs den Chartres und einer Menge von Generaloffccieren, herbeikam. Die Herzogin von Angoulême, die Herzogin von Berry und die Herzogin von Orleans folgten in offener Caleche. Der Anblick dieses glänzenden Cortége machte einen Schauer die Welt von Zuschauern durchlaufen. Was für eine Empfindung ist es denn, die, in gewissen Augenblicken, unser Herz mit ihren Feuerflügeln streift, uns dein Kopfe bis zu den Füßen schauern macht und uns zu extremen Dingen, mögen sie gut oder schlecht sein, antreibt? Die Revue begann; Karl X. durchritt die ersten Linien unter dem Rufe: »Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!« doch noch viel zahlreicher ertönte der Ruf: »Es lebe der König!« Man hatte unter allen Legionen ein gedrucktes Blatt verbreitet, das die Ermahnung enthielt, man möge jede Manifestation vermeiden, welche die königliche Empfindlichkeit verletzen könnte. Derjenige, welcher diese Zeilen schreibt, war an jenem Tage in den Reihen, und es ist in seinen Händen ein also abgefaßtes Blatt geblieben. An die Nationalgarden, um es bis in die letzte Reihe circuliren zu lassen »Man hat das Gerücht in Umlauf gebracht, die Legionen beabsichtigen zu rufen: »»Es lebe der König! Nieder mit den Ministern! Nieder mit den Jesuiten!«« Das können nur Böswillige sein, welche ein Interesse dabei haben, die Nationalgarde ihrem edlen Charakter widersprechen zu sehen.« Die Ermahnung war mehr klug der Form, als elegant der Abfassung nach; wir geben sie aber, so wie sie ist« hier als historisches Actenstück. Ein paar Augenblicke konnte man glauben, die Ermahnung werde pünktlich befolgt werden; an der ganzen Front der Schlachtordnung erscholl, wie gesagt, nur der Ruf: »Es lebe der Königs Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!« doch so wie der König in die Linien eindrang, als nöthigte seine Gegenwart die Herzen, sich zu öffnen, fing an mit dem Rufe: »Es lebe der König! Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!« sich der: »Nieder mit den Jesuiten! Nieder mit den Ministern!« zu vermengen. Bei diesem Rufe hielt der alte König unwillkürlich sein Pferd an. Der Mensch war stetig wie das Thier. Das Geschrei, das ihm mißfallen hatte, erlosch; das wohlwollende Lächeln, das den Grund seiner Physiognomie bildete, erschien, einen Augenblick abwesend, wieder. Er setzte seinen Marsch durch die Legionen fort; doch zwischen der dritten und vierten Reihe begann das aufrührerische Geschrei wieder, obgleich die Nationalgardisten, ganz schauernd, einander Vorsicht empfohlen ; nur entschlüpftem ohne daß sie selbst wußten wie es kam, die Rufe: »Nieder mit den Ministern! Nieder mit den Jesuiten!« die sie in ihre Herzen zu verschließen sich anstrengten, unwillkürlich ihren Lippen. Es war in den Reihen der Nationalgarde etwas wie ein fremdes, unbekanntes, electrisches Element; das war das Volkselement, welches sich unter dem Einflusse der Carbonarichefs für diesen Tag mit dem bürgerlichen Elemente vermischt hatte. Der König war aufs Neue verletzt in seinem Stolze durch diese Rufe, die ihm eine Regel politischen Verfahrens vorzuschreiben schienen. Er hielt zum zweiten Male an: er befand sich einem Nationalgardisten von hoher Gestalt und von einer herculischen Stärke gegenüber; das war wohl der Typus, den Barye für den Löwen-Menschen oder für das Löwen-Volk gewählt hatte. Dieser Mann war unser Freund Jean Taureau. Er schwang sein Gewehr, wie er es mit einem Strohhalme gethan hätte, und rief, er, der nicht lesen konnte: »Es lebe die Preßfreiheit!« Die Energie dieser Stimme, die Kraft dieser Geberde setzten den alten König in Erstaunen. Er ließ sein Pferd zwei Schritte machen und ritt auf den Mann zu. Dieser seinerseits trat zwei Schritte aus den Reihen vor, – es gibt Organisationen, welche die Gefahr anzieht, und immer sein Gewehr schüttelnd, rief er: »Es lebe die Charte! Nieder mit den Ministern! Nieder mit den Jesuiten!« Wie alle Bourbonen, sogar Ludwig XVI, hatte Karl X. zuweilen eine große Würde. Er winkte, daß er seinerseits etwas zu antworten habe: diese zwanzigtausend Mann schwiegen wie durch Zauber. »Meine Herren,« sagte er, »ich bin hierher gekommen, um Huldigungen, und nicht um Lectionen zu empfangen.« Sodann sich gegen den Marschall Qudinot umwendend: »Commandiren Sie das Defilé, Marschall!« Und er setzte sein Pferd in Galopp, verließ die Reihen der Nationalgarde, und nahm Platz auf der Seite, und vor der dichten, stürmischen Masse. Das Desilé begann. Jede Compagnie, wenn sie am König vorüberzog, gab einen Ruf von sich: die Mehrzahl dieser Rufe war: »Es lebe der König!l« Das Gesicht von Karl X. heiterte sich wieder auf. Als das Defilé beendigt war, sagte der König zum Marschall Qudinot: »Das hätte besser gehen können; es gibt einige unruhige Köpfe, doch die Masse ist gut. Im Ganzen bin ich zufrieden.« Und man schlug im Galopp wieder den Weg nach den Tuilerien ein. Ins Schloß zurückgekehrt, näherte sich der Marschall dem König und fragte: »Sire, darf ich in einem Tagsbefehle der Zufriedenheit Eurer Majestät Erwähnung thun?« »Ich sehe nichts dagegen einzuwenden,« erwiderte der König. »Nur möchte ich die Worte kennen, in denen diese Zufriedenheit ausgedrückt sein wird.« Hiernach meldete der Haushofmeister, es sei dem König serviert, Seine Majestät bot den Arm der Frau Herzogin von Orleans, der Herzog von Orleans der Herzogin von Angoulême, der Herzog von Chartres der Herzogin von Berry, und man ging in den Speisesaal. Mittlerweile kämen die Nationalgarden in ihre Quartiere zurück; doch ehe sie in ihre Quartiere zurückkamen, hatten sie die Antwort von Barthélemy Lelong: »Ich bin hierher gekommen, um Huldigungen, und nicht um Lectionen zu empfangen,« ausgelegt. Man fand das Wort ein wenig stark aristokratisch für den Ort, wo es gesagt worden war: Karl X. als er dieses Wort sprach, verweilte gerade auf dem Platze, wo sich siebenunddreißig Jahre früher jener Altar des Vaterlands erhob, an welchem Ludwig XVI. der französischen Constitution den Eid leistete. – Es ist wahr, Karl X., damals Graf d’Artois, hatte diesen Eid nicht gehört, weil er schon 1789 nach dem Auslande abgereist war. – Das Resultat war, daß, als der König kaum außer dem Marsfelde, das bis dahin zurückgehaltene Geschrei losbrach und die ganze Arena unter einem allgemeinen Hurrah des Zornes und der Verwünschungen zu zittern schien. Doch das war nicht Alles: jede Legion als sie den Weg nach ihrem Arrondissement wieder einschlug, nahm eine gewisse Summe Aufregung aus dem allgemeinen Herde geschöpft mit sich und verbreitete sie in Geschrei ihren ganzen Weg entlang. Hätte dieses Geschrei kein Echo in der Bevölkerung gehabt, so wäre es wohl erloschen wie eine Kohlenglut ohne Nahrung, aber es schienen im Gegentheile nur Funken zu sein auf Herde fallend, welche ganz bereit, sich zu entzünden. Das Geschrei wurde in der Menge zurückgeworfen wie ein verstärktes Echo; die Männer schwangen vor den Thüren ihre Hüte, die Frauen ließen von den Fenstern ihre Sacktücher flattern und schrien nicht mehr: »Es lebe der König! Es lebe die Charte! Es lebe die Preßfreiheit!« sondern: »Es lebe die Nationalgarde! Nieder mit den Jesuiten! Nieder mit den Ministern!« Man war von der Begeisterung zur Protestation übergegangen, und man ging von der Protestation zum Aufstande über. Das war aber noch viel schlimmer für die Legionen, welche von der Rue de Rivoli und über die Place Vendôme zurückkehrend der dem Finanzministerium und dem Justizministerium zu passieren hatten. Hier war es nicht mehr Geschrei, sondern Gebrüll. Trotz des von den Obersten gegebenen Befehle, weiter zu marschieren, machten die Legionen Halt, die Gewehrkolben schlugen geräuschvoll auf das Pflaster, und das Gebrüll: »Weder mit Villèle! Nieder mit Peyronnet!« erschütterte die Fensterscheiben der zwei Hotels. Einige Obersten, nachdem sie den Befehl, weiter zu marschieren, wiederholt hatten, zogen sich, als sie sahen, daß man ihnen nicht gehorchte, protestierend zurück; doch die anderen Officiere waren geblieben. Und weit entfernt, daß sie ihre Soldaten zu besänftigen suchten, schrien sie, dem allgemeinen Schwindel ergriffen wie die Anderen: Einige sogar stärker als die Anderen. Die Demonstration war ernste das war keine Volksmasse, kein Vorstädterhaufen, keine Arbeiterversammlung: es war ein konstituiertes Corps, eine politische Macht, es war das Bürgerthum das mit dem ganzen französischen Volke durch den Mund von zwanzigtausend Mann in Waffen protestierte. Die Minister speisten in diesem Augenblicke beim österreichischen Gesandten, Herrn von Appony. Durch die Polizei benachrichtigt, standen sie von der Tafel auf, verlangten ihre Wagen und hielten Berathung im Ministerium des Innern. Von hier begaben sie sich insgesamt nach den Tuilerien. Von den Fenstern seines Cabinets hätte der König, was vorgeht, sehen und sich dem Ernste der Lage Rechenschaft geben können; doch der König, er speiste auch im Dianensaale, und kein Geräusch gelangte bis zu den hohen Gästen. War König Louis Philipp nicht ebenfalls beschäftigt, zu frühstücken, als man ihm, im Jahre 1848 meldete, die Wacheposten der Place Louis XVI. Seien genommen? Die Minister erwarteten im Conseilsaale die Befehle des Königs, den man den ihrer Ankunft im Schlosse benachrichtigte. Karl X. nickte mit dem Kopfe, blieb aber bei Tafel. Aengstlich befragte die Herzogin Von Angoulême mit den Augen den Dauphin und seinen Vater: der Dauphin schob einen Zahnstocher zwischen seinen Schneidezähnen durch, doch er sah nicht und hörte nicht; Karl X. antwortete durch ein Lächeln, das bedeutete, man brauche sich nicht zu beunruhigen. Das Diner wurde in der That nicht unterbrochen. Gegen acht Uhr verließ man den Speisesaal und kehrte in die Gemächer zurück. Der König als ein höflicher Cavalier, was er war, führte die Herzogin von Orleans bis zu ihrem Fauteuil und wandte sich dann nach dem Conseilsaale. Auf seinem Wege fand er die Herzogin von Angoulême. »Was gibt es denn?« fragte sie. »Ich denke, nichts,« antwortete Karl X. »Die Minister sollen den König im Conseilsaale erwarten.« »Man hat mir während des Diners ihre Anwesenheit im Schlosse gemeldet.« »Sollte Lärm in Paris sein?« »Ich glaube nicht.« »Wird der König meiner Unruhe vergeben, wenn ich mich bei ihm erkundige, auf welchem Punkte die Dinge stehen?« »Schicken Sie mir den Dauphin.« »Der König entschuldige meine Beharrlichleit, ich würde lieber selbst gehen . . . « »Nun wohl, kommen Sie in einem Augenblicke.« »Der König ist äußerst gnädig.« Die Herzogin verneigte sich, näherte sich Herrn von Damas und zog ihn in eine Fenstervertiefung. Der Herr Herzog von Chartres und die Frau Herzogin von Berry plauderten mit einander mit der Sorglosigkeit der Jugend: der Herr Herzog von Chartres war sechzehn Jahre alt; die Frau Herzogin von Berry fünfundzwanzig. Der Herr Herzog von Bordeaux, ein fünfjähriges Kind, spielte zu den Füßen seiner Mutter. An den Kamin angelehnt, scheinbar gleichgültig, horchte der Herzog von Orleans auf das geringste Geräusch und strich von Zeit zu Zeit mit seinem Taschentuche über die Stirne, – durch diese Bewegung allein die innere Aufregung, die ihn verzehrte, verrathend. Mittlerweile trat König Karl X. in den Conseilsaal ein. Die Minister standen sehr aufgeregt umher. Diese Aufregung offenbarte sich auf den Gesichtern je nach dem Temperamente; Herr von Villèle war so gelb, als wäre ihm seine Galle ins Blut übergetreten; Herr von Peyronnet war roth, als wäre er von einem Schlagflusse bedroht gewesen; Herr von Corbière war aschfarbig. »Sire . . . « sagte Herr von Villèle. »Mein Herr,« unterbrach der König, der dem Minister hierdurch bemerkbar machte, er vergesse die Etiquette dergestalt, daß er zuerst spreche, »Sie lassen mir nicht einmal Zeit, mich nach Ihrer Gesundheit und der von Frau von Villèle zu erkundigen.« »Das ist wahr, Sire; doch das rührt davon her, daß für mich die Interessen Eurer Majestät vor denen ihres unterthänigen Dieners kommen.« »Sie wollen also von meinen Interessen mit mir sprechen, Herr von Villèle?« »Allerdings, Sire.« »Ich höre.« »Eure Majestät weiß, was vorgeht?« fragte der Conseil-Präsident. »»Es geht also etwas vor?« »Eure Majestät hat uns neulich eingeladen, das Freudengeschrei des Pariser Volkes zu hören?« »Ja.« »Erlaubt uns der König, ihn das Drohungsgeschrei hören zu lassen?« »Wohin muß ich zu diesem Ende gehen?« »Oh! nicht weit; man braucht nur dieses Fenster zu öffnen. Gestattet der König . . . ?« »Oeffnen Sie.« Herr von Villèle ließ das Spaniolett spielen, und das Fenster öffnete sich. Mit der Abendluft, welche die Lichter flackern machte, drang ein Wirbel von verworrenen Geräuschen herein. Es waren zugleich Freudenschreie und Schreie der Drohung; es waren von jenen Getösen, welche über den in gewaltiger Aufregung begriffenen Städten hinlaufen, deren Absichten man nicht erfassen kann, und die um so erschrecklicher werden, als man einsieht, sie enthalten das Unbekannte. Sodann, mitten unter Allem dem, losbrechend wie ein Gewitter von Flächen, die Schreie: »Nieder mit Villèle! Nieder mit Peyronnet! Nieder mit den Jesuiten!« »Ah! Ah!« sagte lächelnd der König, »ich kenne das. Sie waren heute Morgen nicht bei der Revue, meine Herren?« »Ich war dabei, Sire,« antwortete Herr von Peyronnet. »Es ist wahr, ich glaube Sie zu Pferde mit dem Generalstabe bemerkt zu haben.« Herr von Peyronnet verbeugte sich. »Nun wohl, das ist die Fortsetzung des Marsfeldes,« sagte der König.« »Das ist eine Frechheit, der man Einhalt thun muß, Sire!« rief Herr von Villèle. »Sie sagen, mein Herr?« fragte kalt der König. »Sire,« fuhr der Finanzminister, zum Gefühle seiner Pflicht zurückgerufen, fort, »ich sage, die Beleidigungen, welche das Ministerium treffen, berühren auch den König; wir wollten also Seine Majestät fragen, was Ihr Belieben in Rücksicht dessen sei, was vorgeht.« »Meine Herren, übertreiben Sie sich nicht die Gefahr, – ich glaube nicht, daß ich eine Gefahr mitten unter meinem Volke laufe, und ich bin fest überzeugt, daß ich mich nur zu zeigen brauchte, um alle diese verschiedenen Rufe in einen einzigen, in den: »»Es lebe der König!«« zu verwandeln.« »Oh! Sire,« sagte hinter Karl X. eine Frauenstimme, »ich hoffe, der König wird nicht so unklug sein, sich hinauszubegeben!« »Ah! Sie da, Frau Dauphine!« »Hat mir der König nicht erlaubt, zu ihm zu kommen?« »Das ist wahr . . . Nun wohl, meine Herren, was schlagen Sie mir vor in Betreff dessen, was vorgeht, wie Sie soeben sagten, Herr Finanzminister ?« »Sire, Sie wissen, daß unter dem Geschrei, welches man ausstößt, das ist: »»Nieder mit den Priestern?«« sagte die Herzogin von Angoulême. »Ah! wahrhaftig? . . . Ich hörte wohl rufen: »»Nieder mit den Jesuiten!«« »Nun, Sire?« fragte die Dauphine. »Das ist nicht ganz dasselbe, meine liebe Tochter . . . fragen Sie nur Monseigneur den Erzbischof . . . Herr von Frayssinous, sprechen Sie offenherzig: glauben Sie, daß das Geschrei: »»Nieder mit den Jesuiten!«« an die Geistlichkeit gerichtet ist?« »Ich mache einen Unterschied, Sire,« antwortete der Erzbischof, ein Mann von sanftem Charakter und redlichem Geiste. »Ich,« sagte die Dauphine, ihre dünnen Lippen zusammenpressend, »ich mache keinen.« »Meine Herren,« rief der König, »nehmen Sie Platz und reden Sie Jeder über die Frage.« Die Minister setzten sich, und die Erörterung begann. XXI Herr von Valsigny Während die Erörterung, deren Einzelheiten und Resultate wir später werden kennen lernen, sich um den Tisch mit dem grünen Teppich eröffnete, wo so oft die Geschicke Europas gespielt haben, – während Herr von Marande, gemeiner Voltigeur der 2. Legion, nach Hause zurückkehrend, ohne daß ihm den ganzen Tag ein Zeichen der Billigung oder der Mißbilligung entschlüpft war, an dem man seine politische Meinung hätte erkennen können, seine Uniform mit einer Eile auszog, welche seine geringe Sympathie für den Militärstand verrieth, und, als wäre er in seinem Innern nur mit dem großen Balle beschäftigt, den er geben sollte, selbst alle Anstalten zur Soirée leitete, – beeilten sich unsere jungen Leute, welche Salvator seit den letzten bei der Revue ausgetauschten Ermahnungen nicht gesehen hatten, wie Herr von Marande ihre Uniform abzulegen, und erkundigten sich bei Justin, als einer gemeinschaftlichen Quelle, was sie weiter unter den verschiedenen Eventualitäten, die sich bieten dürften, zu thun haben. Justin erwartete selbst Salvator. Der junge Mann kam gegen neun Uhr. Er hatte auch seine Uniform abgelegt und sein Commissionärs-Costume wieder angezogen. Man sah an seiner schweißbedeckten Stirne und an seiner keuchenden Brust, daß er die Zeit seit der Rückkehr von der Revue reichlich benützt hatte. »Nun?« fragten einstimmig die vier jungen Leute, sobald sie ihn erblickten. »Es ist Ministerconseil,« antwortete Salvator. »Worüber ?« »Ueber die Strafe, die man der guten Nationalgarde, welche nicht vernünftig gewesen ist, zuzuerkennen gedenkt.« »Und wann wird man das Resultat des Conseil erfahren?« »Sobald ein Resultat da sein wird.« »Sie haben also Ihre Entrées in den Tuilerien?« »Ich habe überall meine Entrées.« »Teufel!i« rief Jean Robert, »ich bedaure, daß ich nicht warten kann: ich habe einen obligaten Ball.« »Ich auch,« sagte Petrus. »Bei Frau von Marande?« fragte Salvator. »Ja,« antworteten die zwei jungen Leute ganz erstaunt. »Woher wissen Sie das?« »Ich weiß Alles.« »Doch morgen, bei Tagesanbruch, Neuigkeiten, nicht wahr?« »Unnöthig! Sie werden heute Nacht erhalten.« »Petrus und ich, wir gehen aber zu Frau von Marande . . . « »Nun wohl, Sie werden sie bei Frau von Marande erhalten.« »Wer wird sie uns geben?« »Ich.« »Wie! Sie gehen zu Frau von Marande?« Salvator lächelte fein. »Nicht zu Frau von Marande, sondern zu Herrn von Marande,« erwiderte er. Dann sagte er mit demselben Lächeln, das eines der besonderen Merkmale seiner Physiognomie war: »Es ist mein Banquier.« »Ah! alle Wetter!« rief Ludovic,. »nun ärgere ich mich, daß ich die Einladung, die Du mir angeboten, Jean Robert, nicht angenommen habe.« »Wenn es nicht so spät wäre!« versetzte der Letztere. Und seine Uhr ziehend, fuhr er fort: »Halb zehn Uhr: unmöglich!« »Sie wünschen auf den Ball von Frau von Marande zu gehen?« fragte Salvator. »Ja,« antwortete Ludovic; »ich hätte gern meine Freunde heute Nacht nicht verlassen mögen . . . Kann nicht jeden Augenblick etwas geschehen?« »Wahrscheinlich wird nichts geschehen ,« sagte Salvator; »verlassen Sie aber darum Ihre Freunde doch nicht.« »Ich muß sie wohl verlassen, da ich keine Einladung habe.« Salvator ließ auf seinem Gesichte das Lächeln umherirren, das bei ihm Gewohnheit war. »Bitten Sie unsern Dichter, Sie vorzustellen,« sagte er. »Oh!« erwiderte lebhaft Jean Robert, »ich bin nicht frei genug im Hause.« Und eine leichte Röthe zog über seine Wangen. »Dann,« sprach Salvator, sich gegen Ludovic umwendend, »dann bitten Sie Herrn Jean Robert, Ihren Namen auf diese Karte zu setzen.« Und er zog aus seiner Tasche eine gedruckte Karte, worauf die Worte standen: »Herr und Frau von Marande haben die Ehre, Herrn . . . . zu der Soirée einzuladen, die sie in ihrem Hotel in der Rue d’Artois am Sonntag den 29. April geben werden. Man tanzt.     Paris den 20. April 1827. Jean Robert schaute Salvator mit tiefem Erstaunen an. »Ah!« sagte Salvator, »Sie befürchten, man könnte Ihre Handschrift erkennen? . . . Geben Sie mir eine Feder, Justin.« Justin reichte Salvator eine Feder; dieser schrieb den Namen Ludovic auf die Karte, indem er seine feine, aristokratische Handschrift zwang, die Verhältnisse einer gewöhnlichen Handschrift anzunehmen: dann gab er die Karte dem jungen Doctor. »Mein lieber Salvator,« fragte Jean Robert. »Sie haben gesagt, Sie gehen nicht zu Frau von Marande, sondern zu Herrn von Marande.« »Das habe ich wirklich gesagt-« »Wie werden wir uns sehen?« »Es ist wahr,« erwiderte Salvator, »denn Sie, Sie gehen zu Madame!« »Ich gehe auf den Ball eines Freundes, und ich denke, man wird aus diesem Balle nicht von Politik sprechen.« »Nein . . . doch um halb zwölf Uhr, wenn unsere arme Freundin Carmelite gesungen hat, wird man tanzen, und auf den Schlag zwölf Uhr wird man, am Ende der Galerie, welche ein Gewächshaus bildet, das Cabinet von Herrn von Marande öffnen; hier werden alle diejenigen eingelassen, welche die zwei Worte: Charte und Chartres sagen. Nicht wahr, sie sind nicht schwer zu behalten?« »Nein.« »So sind alle Dinge verabredet. Wenn Sie sich nun umkleiden und um halb elf Uhr im blauen Boudoir sein wollen, so ist keine Zeit zu verlieren.« »Ich habe einen Platz für Einen in meinem Coupe,« sagte Petrus. »Nimm Ludovic mit: Ihr seid Nachbarn; ich, ich werde meinerseits gehen.« »Gut!« »Um halb elf Uhr also im Boudoir von Madame, um Carmelite zu hören,« sagte Petrus, »und um Mitternacht im Cabinet des Herrn, um zu erfahren, was in den Tuilerien vorgefallen ist.« Und die drei jungen Leute, nachdem sie Salvator und Justin die Hand gedrückt hatten, entfernten sich und ließen die zwei Carbonari beisammen. Um elf Uhr waren, wie wir gesehen haben, Petrus, Jean Robert und Ludovic bei Frau von Marande versammelt und klatschten Carmelite Beifall; um halb zwölf Uhr, indeß Frau von Marande und Regina eifrigst um die ohnmächtige Carmelite besorgt waren, gaben sie Camille die von uns erwähnte Lection; um Mitternacht endlich, während Herr von Marande, der zurückgeblieben war, um sich nach Carmelite zu erkundigen, galanter Weise seiner Frau die Hand küßte und es sich von ihr als eine Gunst erbat, sie, sobald der Ball beendigt wäre, in ihrem Schlafzimmer begrüßen zu dürfen, traten sie, das verabredete Einlaßwort: Charte und Chartres sprechend, in das Cabinet des Banquier ein. Hier waren versammelt alle Veteranen der Verschwörungen von Grenoble, von Belfort, von Saumur und von la Rochelle; alle die Menschen, welche ihren Kopf durch ein Wunder des Gleichgewichts auf ihren Schultern behalten hatten: die Lafayette, die Köchlin, die Paon, die Dermoncourt, die Carrel, die Guinard, die Arago, die Cavaignac, Jeder eine abgesonderte Meinung oder eine Meinungsnuance vertretend, Alle Männer von einer anerkannten Ehrenhaftigkeit. Man aß Gefrorenes, man trank Punsch, und man sprach von Theater, Kunst und Literatur . . . Politik, – davor hütete man sich wohl! Die drei jungen Leute traten mit einander ein und suchten mit den Augen Salvator. Salvator war noch nicht angekommen. Alle drei schloßen sich nun, je nach ihren Sympathien, an eine der Celebritäten an, welche da waren: Jean Robert an Lafayette, der für ihn eine beinahe väterliche Freundschaft hegte; Ludovic an Francois Arago, diesen schönen Kopf, dieses große Herz, diesen bezaubernden Geist; Petrus endlich an Herrn Vernet, dessen Bilder alle im Salon zurückgewiesen worden waren, und der bei sich eine Privatausstellung gemacht hatte, zu der ganz Paris strömte. Das Cabinet von Herrn von Marande bot eine seltsame Musterkarte der Unzufriedenen aller Parteien. Alle diese Unzufriedenen, während sie, wie gesagt, von Dingen der Kunst, der Wissenschaft, des Krieges sprachen, wandten indessen den Kopf nach der Thüre, sobald ein Neuer ankam. Sie schienen Jemand zu erwarten. Und sie erwarteten in der That den noch unbekannten Boten, der ihnen die Nachrichten aus dem Schlosse bringen sollte. Endlich öffnete sich die Thüre, und ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren, mit vollkommener Eleganz gekleidet, trat ein. Petrus, Jean-Robert und Ludovic unterdrückten einen Schrei des Erstaunens: dieser junge Mann war Salvator. Der Ankommende suchte mit den Augen, erblickte Herrn von Marande, und ging auf ihn zu. Herr von Marande reichte ihm die Hand. »Sie kommen spät, Herr von Valsigny,« sagte der Banquier. »Ja, mein Herr,« antwortete der junge Mann mit einer Stimme und mit Geberden, welche vollkommen verschieden von seiner gewöhnlichen Stimme und seinen gewöhnlichen Geberden, und ein Lorgnon an sein rechtes Auge haltend, als bedürfte er dieses Appendix, um Jean Robert, Petrus und Ludovic zu erkennen; »ja, es ist wahr, ich komme spät; doch ich wurde bei meiner Taute, einer alten Witwe, einer Freundin der Frau Herzogin von Angoulême, die mir Neuigkeiten aus dem Schlosse gab, zurückgehalten.« Alle Anwesende verdoppelten ihre Aufmerksamkeit, Salvator wechselte einige Grüße mit den Personen, die sich um ihn drängten, wobei er in genauem Maße den Grad von Freundschaft, von Ehrfurcht oder Vertraulichkeit beobachtete, welchen der elegante Herr von Valsigny Jedem gewähren zu müssen glaubte. »Neuigkeiten aus dem Schlosse?« wiederholte Herr von Marande; »es gibt also Neuigkeiten aus dem Schlosse.« »Oh! Sie wissen nicht? . . . Ja, es hat Conseil stattgefunden.« »Dies, mein lieber Herr von Valsigny,« erwiderte Herr Von Marande, »dies ist nichts Neues.« »Dies kann aber machen und hat gemacht.« »Wahrhaftig?« »Ja.« Man trat näher zusammen. »Auf den Antrag der Herren von Villèle, von Corbière, von Peyronnet, von Damas, von Clermont-Tounerre; auf das Andrängen der Frau Dauphine, die der Ruf: »»Nieder mit den Jesuiten!«« tief verletzt hat; trotz der Opposition der Herren von Frayssinous und Chabrol, welche für die theilweise Verabschiedung stimmten, – ist die Nationalgarde aufgelöst!« »Aufgelöst?« »Von Grunde aus! So daß ich, der ich einen sehr schönen Grad hatte, – ich war Fourier,—nun ohne Amt bin und mich mit etwas Anderem beschäftigen muß!« »Aufgelöst!« wiederholten die Zuhörer, als könnten sie nicht an diese Nachricht glauben. »Das ist ja sehr ernst, was Sie da sagen, mein Herr!« rief der General Pajol. »Finden Sie, General?« »Allerdings . . . Das ist ganz einfach ein Staatsstreich!« »Ja? . . . Nun wohl, Seine Majestät König Karl X. hat einen Staatsstreich gemacht.« »Sie sind dessen, was Sie sagen, sicher?« fragte Lafayette. »Ah! Herr Marquis, (Salvator nahm es nicht im Ernste, daß die Herren von Lafayette und von Montmorency ihre Titel in der Nacht vom 4. August 1789 Verbrannt hatten). Ah! Herr Marquis, ich würde nichts sagen, was nicht die strenge Wahrheit wäre.« Sodann mit fester Stimme: »Ich glaubte Ihnen genug bekannt zu sein, daß Sie nicht an meinem Worte zweifeln würden.« Der Greis reichte dem jungen Manne die Hand. Und er sagte lächelnd und leise: . »Gewöhnen Sie sich doch ab, mich Marquis zu nennen.« »Entschuldigen Sie,« erwiderte lachend Salvator, »Sie sind dergestalt Marquis für mich . . . « »Nun wohl, es seit für Sie, der Sie ein Mann von Geist sind, werde ich bleiben, was Sie wollen; doch für die Anderen machen Sie mich nur zum General.« Dann zur ursprünglichen Conversation zurückkehrend, fragte Lafayette: »Und wann erläßt man diese schöne Ordonnanz?« »Sie ist erlassen.« »Wie, erlassen?« rief Herr von Marande; »und ich weiß es noch nicht!« . »Sie werden es wahrscheinlich sogleich erfahren. Sie dürfen es Ihrem Neuigkeitengeber nicht verargen, daß er noch im Verzuge ist: ich habe eigene Mittel, durch die Mauern zu sehen, eine Art von hinkendem Teufel, der die Dächer aufhebt, daß ich in die Staatsconseils schaue.« »Und durch die Mauern der Tuilerien schauend, haben Sie die Ordonnanz abfassen sehen?« fragte der Banquier. »Mehr noch, ich habe sie über die Schulter von demjenigen, der die Feder hielt, gelesen. Oh! Es sind keine Phrasen . . . oder es ist vielmehr nur eine Phrase: »»Karl X., von Gottes Gnaden, u.s.w. auf den Bericht unseres Staatssecretärs, Ministers des Innern, u.s.w. ist die Nationalgarde von Paris aufgelöst.«« Das ist das Ganze.« »Und diese Ordonnanz.« »Ist an den Moniteur und an den Marschall Qudinot geschickt worden.« »Und sie wird morgen im Moniteur stehen?« »Sie steht schon darin; nur ist der Moniteur noch nicht erschienen.« Die Anwesenden schauten sich an. Salvator fuhr fort: »Morgen oder vielmehr heute, – denn wir haben Mitternacht überschritten, – heute Morgen um sieben Uhr werden die Nationalgarden auf ihren Posten von der Königlichen Garde und den Linientruppen abgelöst werden.« »Ja,« sprach eine Stimme, »bis die Nationalgarden auf ihren Posten die Linientruppen und die Königliche Garde wieder ablösen.« »Das könnte wohl eines Tags geschehen,« erwiderte Salvator, dessen Auge einen Blitz schleuderte, »doch das wird nicht auf eine Ordonnanz von König Karl X. Geschehen.« »Es ist eine unglaubliche Verblendung!« sagte Arago. »Ah! Herr Arago,« rief Salvator, »Sie, ein Astronom, der Sie auf Stunde und Minute die Finsternisse vorhersehen können, sehen Sie nicht besser am Himmel des Königthums?« »Was wollen Sie?« erwiderte der berühmte Gelehrte; »ich bin ein positiver Mensch und folglich voller Zweifel.« »Das heißt, Sie wollen einen Beweis?« sagte Salvator; »gut! man wird Ihnen einen geben.« Er zog aus seiner Tasche ein noch feuchtes kleines Papier. »Sehen Sie,« sprach er, »hier ist ein Abdruck der Ordonnanz, welche im Moniteur stehen wird. Ei! er ist ein wenig verwischt: er wurde ganz besonders für mich mit der Bürste abgezogen.« Und er fügte mit einem Lächeln bei: »Das hat mich ein wenig aufgehalten: ich wartete darauf.« Hierauf gab er den Abdruck Arago, aus dessen Händen er in alle Hände überging; sodann, wie ein Schauspieler, der mit seinen Effekten haushälterisch umgeht, sagte Salvator , als er gesehen hatte, der Effekt des Abdrucks sei hervorgebracht: »Das ist nicht Alles.« »Wie! was gibt es denn noch?« fragten alle Stimmen. »Der Herr Herzog von Doudeauville, Minister des königlichen Hauses, hat seine Entlassung genommen.« »Ah!« sagte Lafayette, »ich wußte, daß er, seitdem dem Leichname seines Verwandten die Beschimpfung widerfahren ist, nur auf eine Gelegenheit wartete.« »Nun wohl,« erwiderte Salvator, »bei der Nationalgarde hat sich die Gelegenheit geboten.« »Und die Entlassung ist bewilligt worden?« »Mit Eifer.« »Vom König?« »Der König ließ sich wohl ein wenig nöthigen; doch die Frau Herzogin von Angoulême bemerkte ihm, das sei ein ganz gefundener Platz für den Herrn Fürsten von Polignac.« »Wie für den Herrn Fürsten von Polignac?« »Für den Herrn Fürsten Anatole Jules von Polignac, 1804 zum Tode verurtheilt, durch die Vermittlung der Kaiserin Josephine gerettet, 1814 zum römischen Fürsten gemacht, 1816 zum Pair und 1823 zum Botschafter in London.« »Da er aber Botschafter in London ist . . . « »Ah! was liegt daran, General, man wird ihn zurückberufen.« »Und Herr von Villèle,« fragte Herr von Marande, »er hat die Zurückberufung gebilligt?«. »Er hat sich wohl ein wenig widersetzt,« antwortete Salvator, der mit einer Erstaunen erregenden Beharrlichkeit seine leichtsinnige Miene beibehielt; »denn er ist ein feiner Fuchs, dieser Herr von Villèle, wenigstens wie man sagt! In seiner Eigenschaft als feiner Fuchs nun begreift er, obschon nach den Worten von Barthélemy und Méry Depuis Cing ans entiers, l’impassible Villèle Cimente sur le roc sa- fortune eternelle[8 - Seit fünf vollen Jahren kittet der unempfindliche Villèle sein ewiges Glück an den Felsen.]. er begreift, daß es keinen Felsen gibt, so stark er sein mag, den man nicht untergraben kann, – hiervon zeugt Hannibal, der nach Titus Livius die Kette der Alpen mit Essig durchbrochen hat, und er befürchtet, Herr von Polignac werde der Essig sein, der seinen Felsen in Staub verwandle.« »Wie!« rief der General Pajol, »Herr von Polignac ins Ministerium!« »Es bliebe uns, das Gesicht zu verhüllen!« fügte Dupont (de l’Eure) bei. »Mein Herr,« erwiderte Salvator, »es bliebe uns im Gegentheile übrig, uns zu zeigen.« Der junge Mann sprach diese Worte mit einem Ausdrücke, der so verschieden von dem war, welchen er bis dahin angenommen hatte, daß sich Aller Augen auf ihn hefteten.« Da erst erkannten ihn seine drei Freunde; es war wohl ihr Salvator, und nicht mehr der Valsigny von Herrn von Marande. In diesem Augenblicke trat ein Lackei ein und übergab dem Herrn des Hauses einen Brief. »Pressant!« sprach er. »Ich weiß, was es ist,« sagte der Banquier. Und er nahm rasch den Brief, zog ihn aus einem Umschlage ohne Siegel und las folgende drei Zeilen von grober Hand geschrieben: »Die Nationalgarde aufgelöst. »Die Entlassung des Herzogs von Doudeauville angenommen. »Herr von Polignac von London zurückberufen.« »Wahrhaftig,« rief Salvator, »man sollte glauben, ich sei es, der Seine Königliche Hoheit Monseigneur den Herzog von Orleans unterrichte.« Jedermann schauerte. »Ei! wer sagt Ihnen denn, dieses Billet sei von Seiner Königlichen Hoheit?« fragte Herr von Marande. »Ich habe seine Handschrift erkannt,« antwortete einfach Salvator. »Seine Handschrift?« »Ja , . . . darüber darf man sich nicht wundern, ich habe denselben Notar wie er: Herrn Baratteau.« Man meldete, das Souper sei serviert. Salvator ließ sein Lorgnon fallen und schaute seinen Hut an wie ein Mensch , der sich anschickt, wegzugehen. »Sie bleiben nicht bei uns beim Souper, Herr von Valsigny ?« fragte Herr von Marande. »Unmöglich, mein Herr, ich bedaure es sehr.« »Warum denn?« »Meine Nacht ist noch nicht beendigt, und ich werde sie vollends im Assisenhofe zubringen.« »Im Assisenhofe? zu dieser Stunde?« »Ja; man hat Eile, ein Ende mit einem armen Teufel zu machen, dessen Name Ihnen vielleicht nicht unbekannt ist.« »Ah! Sarranti . . . dieser Elende, der zwei Kinder umgebracht und eine Summe von hunderttausend Thalern seinem Wohlthäter gestohlen hat,« sagte eine Stimme. »Und der sich für einen Bonapartisten ausgibt,« sagte eine andere Stimme. »Ich hoffe wohl, er wird zum Tode verurtheilt werden.« »Ah! zum Tode verurtheilt, – da können Sie sicher sein, mein Herr,« erwiderte Salvator. »Und hingerichtet!« »Ei! hingerichtet, das ist weniger sicher.« »Wie! Sie glauben, Seine Majestät werde einen solchen Missethäter begnadigen ?« »Nein; doch dieser Missethäter könnte unschuldig sein, und dann käme seine Begnadigung nicht vom König, sondern von Gott,« erwiderte Salvator. »Und er sprach diese letzten Worte mit einem Ausdrucke, der ihn von Zeit zu Zeit für seine drei Freunde unter dem frivolen Anscheine, mit dem er sich bekleidet hatte, erkennbar machte. »Meine Herren, sagte Herr von Marande, »Sie haben gehört? Das Abendbrod ist serviert.« Während die Personen, an die sich Herr von Marande wandte, ihren Weg nach dem Speisesaale nahmen, näherten sich die drei jungen Leute Salvator. »Sagen Sie mir, mein lieber Salvator,« fragte ihn Jean Robert, »wäre es möglich, daß wir Sie morgen zu sehen nöthig hätten . . . « »Das ist wahrscheinlich.« »Wo werden wir Sie dann finden?« »Ei! an meinem gewöhnlichen Platze, in der Rue aux Fers, vor der Thüre meiner Schenke, an meinem Weichsteine; Sie vergessen immer, daß ich Commissionär bin, mein Lieber . . . Oh! die Dichters die Dichter!« Und er ging ab durch die Thüre der entgegengesetzt, welche in den Speisesaal führte, ohne Zögern, wie ein Mensch, der mit allen Passagen des Hauses vertraut ist, und ließ seine drei Freunde in einem Erstaunen zurück, das an die Betäubung grenzte. XXII Das Taubennest Unsere Leser erinnern sich vielleicht, daß mit einem Ausdrücke reizender Galanterie Herr von Marande, ehe er in sein Cabinet zurückkehrte, wo ihn die von Salvator mitgeteilten Neuigkeiten aus den Tuilerien erwarteten, seine Frau um Erlaubnis gebeten hatte, ihr nach dem Schlusse des Balles einen Besuch in ihrem Schlafzimmer machen zu dürfen. Es ist Morgens um sechs Uhr; der Tag graut; die legten Wagen haben aufgehört, auf dem Pflaster des Hofes vom Hotel zu rasseln; die letzten Lichter erlöschen in den Gemächern; die ersten Geräusche von Paris erwachen. Frau von Marande hat sich seit einer Viertelstunde in ihr Schlafzimmer zurückgezogen; es sind fünf Minuten, daß Herr von Marande die letzten Worte mit einem Manne ausgetauscht hat, dessen militärische Haltung sich unter seinem bürgerlichen Kleide verräth. Die letzten Worte waren: »Seine Königliche Hoheit mag ruhig sein! sie weiß, daß sie auf mich zählen kann wie auf sich selbst . . . « Hinter diesem Manne, der rasch in einem Wagen ohne Wappen, bespannt mit zwei kräftigen Rossen, die ein Kutscher ohne Livree führt, abgegangen und mit seiner Equipage an der Ecke der Rue Richelieu verschwunden ist, haben sich die Thore des Hotels geschlossen. Unsere Leser mögen sich nun nicht zu viel um die eisernen und eichenen Scheidewände bekümmern, die sich zwischen sie und die Gebieter dieses glänzenden Hauses stellen, von dem wir einige Theile beleuchtet haben: unser Romandichter-Stab braucht sich nur zu erheben, und die bestgeschlossenen Thüren werden sich wieder vor uns öffnen. Benützen wir also dieses Privilegium und drehen wir mit dem Ende dieses Stabes die Thüre des Boudoir von Frau Lydie von Marande. Sesam, öffne dicht! Sie sehen, die Thüre ist geöffnet in das reizende himmelblaue Cabinet, wo Sie vor ein paar Stunden Carmelite die Romanze von der Weide haben singen hören. Sogleich werden wir vor Ihnen eine erschrecklichere Thüre zu öffnen haben, die des Assisenhofes; mit Ihrer Erlaubnis wollen wir aber , ehe wir den Fuß in diese Hölle des Verbrechens setzen, um einen Augenblick auszuruhen und Kräfte zu sammeln, in das Liebesparadies eintreten, welches man das Zimmer von Frau von Marande nennt. Diesem Zimmer, um sich nicht in unmittelbarer Berührung mit dem Boudoir zu finden, ging eine Art von Vestibule vorher, das die Form eines ungeheuren Prachthimmels hatte; dieses Vestibule, das zugleich ein Badecabinet bildete, war vom Plafond mit farbigen Gläsern, arabische Zeichnungen bildend, beleuchtet ; seine Wände und sein Plafond, mit Ausnahme der Oeffnung, welche bestimmt war, ein Licht eindringen zu lassen, das nie über ein Halbdunkel gehen durfte, – waren mit einem ganz eigenthümlichen Stoffe, von einem neutralen, zwischen dem Perlgrau und dem Orangegelb schwebenden Tone, ausgeschlagen; das Gewebe schien aus jenen asiatischen Pflanzen gemacht, deren spinnbare Fäden die Indianer ausziehen, um den bei uns unter dem Namen Nankin bekannten Stoff daraus zu fabrizieren. Die Teppiche waren chinesische Matten, weich wie der geschmeidigste Stoff, und harmonierten in der Farbe bewunderungswürdig mit den Tapeten; die Meubles waren von chinesischem Lack mit einfachen Goldfädchen. Die Marmorarbeiten waren weiß wie Milch, und die Porzellangefässe, welche sie trugen, von jenem ganz eigenthümlichen zarten Türkisblau, durch das sich altes Sèvres auszeichnet. Den Fuß in diesen süßen, geheimnißvoll durch eine am Plafond hängende Lampe von böhmischem Glase beleuchteten Winkel setzend, hätte man sich hundert Meilen von der Erde geglaubt, und es hätte einem geschienen, man reife in einer von den orangefarbigen, aus Azur und Gold gekneteten Wolken, mit denen Maril hat seine orientalischen Landschaften befranste. Hatte man einmal diese Wolke erreicht, so war es ganz einfach, daß man in das Paradies eintrat, und es war in der That wohl das Paradies, dieses Zimmer, in das wir den Leser führen. Sobald die Thüre geöffnet war, oder, um genauer zu sprechen, sobald der Thürvorhang aufgehoben war, – denn wenn es hier Thüren gab, so hatte sie die Kunst des Tapezirers unsichtbar gemacht, – sobald der Thürvorhang aufgehoben war, war der erste Gegenstand, der in die Augen fiel, die schöne Lydie, träumerisch in dem Bette ausgestreckt, das die rechte Seite des Zimmers einnahm, einen Ellenbogen in ein Kopfkissen vertieft, das von Gaze zu sein schien, und in der andern Hand einen kleinen Band Gedichte in Saffian haltend, ein Buch, das zu lesen sie vielleicht die größte Lust hatte, welches sie aber nicht las, so sehr schien sie von einem andern Gedanken, als dem der Lecture erfüllt zu sein. Eine Lampe von chinesischem Porzellan brannte über einem Tischchen von Boule und beleuchtete durch eine Kugel von rothem böhmischem Glase die Betttücher mit einer rosenfarbigen Tinte ähnlich der, welche sich bei Sonnenaufgang über den jungfräulichen Schnee des Montblanc verbreitet. Das ist es, was die Augen zuerst anzog; und wir werden es vielleicht sogleich versuchen, so keusch, als es uns möglich sein wird« den durch dieses bezaubernde Gemälde hervorgebrachten Eindruck wiederzugeben; vorher aber fühlen wir uns wie unwillkürlich hingerissen, die übrige Wohnung zu beschreiben. Zuerst den Olymp; dann die Göttin, die ihn bewohnte. Man stelle sich ein Zimmer vor, – oder vielmehr ein Taubennest, gerade groß genug, um zu schlafen, gerade hoch genug, um zu athmen. Es war am Plafond und an der Wand mit nacaratrothem Sammet tapeziert, der Reflexe von Granat, Karfunkel und Rubin an den Stellen hatte, die ihr Vorsprung ins Licht setzte. Das Bett nahm fast die ganze Länge ein, und kaum hatte an jedem Ende des Bettes eine Etagere von Rosenholz beladen mit dem köstlichsten Tande von Sachsen, Sèvres und China Platz. Dem Bette gegenüber war der Kamin, wie das übrige Zimmer ganz mit Sammet bekleidet; auf den beiden Seiten dieses Kamins standen zwei Causeuses, welche mit den Federn vom Halse eines Colibri überzogen zu sein schienen, und über jeder von diesen Causeuses ein Spiegel, dessen Rahmen vergoldete Maisblätter bildeten. Setzen wir uns auf eine von diesen Causeuses und werfen wir einen Blick auf das Bett. Das Bett war von nacaratrothem Sammet und ohne irgend eine Zierrat seine reiche Nuance trat nur durch die Umrahmung hervor, unter der es erschien; diese Umrahmung war ein Meisterwerk von Einfachheit, und man wunderte sich, daß es einen Tapezirer gab, der Dichter genug, oder einen Dichter, der Tapezirer genug, um zu einem solchen Resultate zu gelangen. Es bestand aus jenen großen Stücken orientalischen Stoffes, welche die arabischen Frauen Haiks nennen; diese Haiks waren von Seide mit abwechselnd blauen und weißen Streifen; ihre Fransen waren von demselben Gewebe. An den zwei Extremitäten des Bettes fielen zwei Stücke von diesem Stoffe senkrecht, und konnten sich längs der Wand mittelst aus Gold und Seide geflochtener algerischer Vorhanghalter mit Ringen von Türkissen drapieren. Der Fond des Bettes war ein ungeheurer Spiegel in einen Rahmen von Sammet dem Bette ähnlich gefaßt, und ruhend nicht auf der Wand, sondern aus einem dritten Haik. Beim oberen Niveau des Spiegels sprang der Stoff, in tausend Falten gelegt, hervor und verband sich in einem sanften Abhange mit einem großen goldenen Pfeile, um den er sich in zwei dicken Bouillens rollte. Doch das Wunder des Zimmers war das, was der Spiegel dieses Bettes reflectirte, der offenbar bestimmt war, die Gränzen des Gemaches verschwinden zu machen. Wir haben gesagt, dem Spiegel gegenüber sei der Kamin gewesen. Ueber diesem, mit jenen tausend köstlichen Kleinigkeiten, welche die Welt einer Frau bilden, beladenen Kantine dehnte sich ein Gewächshaus aus, von dem man nur durch ein Spiegelglas ohne Folie getrennt war, das im Nothfalle in die Wand zurücktreten und so das Zimmer der Frau mit dem Zimmer der Blumen in Verbindung setzen konnte. Mitten in diesem Gewächshause , ein Bassin überragend, in welchem chinesische Fische den allen Farben spielten, und wo sich Vögel von Purpur und Azur so groß wie Bienen tränkten, erhob sich eine Marmorstatue von Prodier. Dieses kleine Gewächshaus war gewiß kaum von der Größe des Zimmers; doch durch ein Wunder den Anordnung erschien es wie ein herrlicher, ungeheurer Garten Indiens oder der Antillen, so durchschlangen einander die Tropenpflanzen, die es enthielt, als wollten sie den Blicken, die sich auf sie hefteten, das Schauspiel einer ganzen exotischen Flora geben. Es war in der That ein ganzer Continent von zehn Quadratfuß, ein ganzes Taschen-Asien. Der Baum, den man den König der Vegetabilien nennt, der Baum der Wissenschaft des Guten und des Bösen, der im irdischen Paradiese geborene Baum, – dessen Ursprung unbestreitbar ist, da das Blatt dazu gedient hat, die Blöße unserer ersten Voreltern zu bedecken, und da er aus diesem Grunde den Namen Adamsfeigenbaum erhalten hat, war repräsentiert durch seine fünf Hauptspecies: den Paradies-Bananenbaum, den Bananenbaum mit kurzen Früchten, den chinesischen Bananenbaum mit rosenfarbiger Sparte. Der Bananenbaum mit rother Sparte. Neben ihm wuchs die Heliconia, die sich ihm durch die Lange und die Breite der Blätter nähert; sodann die Ravelania von Madagascar, in Miniatur den berühmten Baum des Reisenden vertretend, wo der durstige Neger das frische Wasser findet, das ihm der ausgetrocknete Bach verweigert; die Strelitzia Regina, deren Blüthe der Kopf einer Schlange mit Griffel und Federkrone von Feuer zu sein scheint; das Blumenrohr von Ostindien, aus dem man in Delhi Gewebe so geschmeidig als der feinste Seidenstoff fabriziert; der Coftus, wegen seines Wohlgeruchs von den Alten bei allen religiösen Feierlichkeiten angewendet; der wohlriechende Baumschmarotzer von der Isle de la Réunion; der Zingiber von China, was nichts Anderes ist, als die Pflanze, die der Ingwer gibt; kurz, eine Sammlung im Auszuge der vegetabilischen Reichthümer der ganzen Welt. Das Bassin und der Sockel der Statue waren verloren in Farnkraut mit Blättern gerändert wie mit dem Durchschlage und in Lykopoden, die mit dem Bürlapp der feinsten Teppiche von Smyrna und Constantinopel wetteifern konnten. In Ermanglung der Sonne, welche erst in ein paar Stunden Königin des Horizonts sein wird, suchen sie nun durch diese Blätter, durch diese Blumen, durch diese Früchte die leuchtende Kugel, welche dem Gewölbe herabkommt und, ihre Strahlen durch ein leicht blau gefärbtes Wasser verbreitend, diesem Urwäldchen die reine melancholische Helle, die sanften, silbernen Reflexen des Mondes gibt. Vom Bette aus gesehen, ist dieses kleine Gewächshaus ein anbetungswürdiges Schauspiel. Die Person, welche im Bette lag und, auf den Ellenbogen gestützt, in der andern Hand ein Buch hielt, erhob auch, wie wir vorhin sagten, die Augen über ihr Buch und ließ ihre Blicke auf den lilliputischen Pfaden umherschweifen, welche da und dort das Licht in dem Zauberlande zog, das sie durch ein Spiegelglas wie durch einen Traum sah. Liebte sie, so mußte sie mit den Augen die verliebt verschlungenen Zweige suchen, wohin sie ihr Nest hätte setzen mögen; liebte sie nicht, so mußte sie vom üppigen Leben dieser herrlichen Vegetation das unaussprechliche Geheimniß der Liebe verlangen, von dem jedes Blatt, jede Blume, jeder Duft keusch und mysteriös die ersten Worte enthüllten. Und nun, da wir hinreichend dieses unbekannte Eben der Rue d’Artois beschrieben haben, sprechen wir von der Eva, die es bewohnte. Ja, Eva ist wohl der Name, den Lydie, so träumerisch, mit dem Arme aufgestützt und die Meditationen von Lamartine lesend, verdiente; Lydie bei jeder Strophe, – duftende Strophen! – schauend, wie sich die Knospen der Pflanzen öffneten und so in der Natur den im Buche angefangenen Traum fortsetzend. Ja, es war eine wahre Eva, rosig, frisch und blond; Eva am andern Tage nach der Sünde, mit dem Blicke auf Allem, was sie umgab, umherschweifend; Eva zitternd, unruhig, zuckend, ängstlich das Geheimniß dieses Paradieses suchend, wo man fühlte, daß sie zu zwei gewesen, und wo sie ganz betrübt war, daß sie sich wieder allein fand; rufend, durch die Schläge ihres Herzens, durch die Blitze ihrer Augen, durch das Scheuern ihrer Lippen, entweder den Gott, der sie zur Welt kommen gemacht, oder den Menschen, der sie sterben gemacht hatte. Gehüllt, wie sie war, in Betttücher von feinem Batist, den Hals umgeben von einer Flaumpalatine, die Lippe feucht, das Auge in Feuer, die Wange in Blüthe – hätte ein Bildhauer von Athen oder Korinth kein anderes Modell, keinen vollendeteren Typus für eine Statue von Leda geträumt. Sie hatte in der That von der vom Schwan umschlungenen Leda die verliebte Röthe und die wollüstige Beschauung. Sie so sehend, würde der Autor der Psyche, dieser heidnischen Eva, Canova ein Meisterwerk aus ihr gemacht haben, das seine Venus Borghese entthront hatte: Correggio hätte daraus eine träumerische Calypso, mit einem Amor hinter ihr in einen Winkel der Draperie verborgen gemacht. Dante hätte daraus die ältere Schwester von Beatrix gemacht, und von ihr durch die Krümmungen der Erde geführt zu werden verlangt, wie er von der jüngeren Schwester durch die Krümmungen des Himmels geführt worden war. Sicherlich aber hätten sich Dichter, Maler und Bildhauer vor der bewunderungswürdigen Person verbeugt, in der zugleich, durch eine unbegreifliche Mischung, die Schamhaftigkeit des Mädchens, der Reiz der Frau, die Sinnlichkeit der Göttin residierten; ja, das zehnte, das fünfzehnte, das zwanzigste Jahr, das Kinderjahr, das mannbare Jahr, das Liebesjahr, diese drei Jahre, welche die Trilogie der Jugend bilden, welche, jedes der Reihe nach, dem Kinde, dem Mädchen, der Frau entgegenkommen, und, einmal überschritten, zurückbleiben; diese drei Jahre, wie die drei Gracien von Germain Pilon, schienen dem privilegierten Geschöpfe, dessen Portrait wir zu zeichnen suchen, das Geleite zu geben und auf seine Stirne die Blumen mit den reinsten Wohlgerüchen, mit den frischesten Farben zu entblättern. Je nach der Art, wie man sie anschaute, erschien sie: ein Engel hätte sie für seine Schwester gehalten, Paul für Virginie, Desprieux für Manon Lescaut. Woher kam bei ihr diese dreifache, unvergleichliche, seltsame, unerklärbare Schönheit? Das werden wir in der Folge unserer Erzählung, nicht zu erklären, aber begreiflich zu machen suchen, indem wir dieses Kapitel oder vielmehr das nächste den Unterredungen der Frau von Marande und ihrem Gatten vorbehalten. Dieser Gatte wird sogleich eintreten; er ist es, den Lydie in einer so tiefen Zerstreuung erwartet; er ist es aber sicherlich nicht, den ihr unbestimmter Blick in den Halbtinten des Zimmers und in dem Halbschatten des Gewächshauses sucht. Er hat sie indessen auf eine sehr zärtliche Art um diese Erlaubnis gebeten, die er sogleich benützen wird, um die Erlaubnis, einen Augenblick in ihrem Zimmer mit ihr plaudern zu dürfen, ehe er sich in seiner Wohnung einschließen würde. Wie! so viel Schönheit! so viel Jugend, so viel Frische, Alles, was der Mann, zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre, das heißt zum Culminationspunkte seiner Jugend gelangt, Idealstes träumen kann, und was er nie trifft; wie! so viel Glück, so viel Freude, so viel Trunkenheit, alle diese Schätze gehören einem einzigen Manne, und dieser Mann ist der allerdings frische, blonde, rosenfarbige, zierliche, höfliche und geistreiche, aber trockene, kalte, egoistische, ehrgeizige Banquier, den wir kennen! Alles dies gehört ihm wie sein Hotel, wie seine Bilder, wie seine Kasse! Welches mysteriöse Abenteuer, welche sociale Macht, welche tyrannische, unerbittliche Autorität konnten mit einander diese zwei, – wenigstens dem Anscheine nach, – so unähnlichen Wesen, diese zwei Stimmen, welche so wenig gemacht, um mit sich zu sprechen, diese zwei Herzen, welche so schlecht gemacht, um sich zu verstehen, verbinden? Wahrscheinlich werden wir es später erfahren, Mittlerweile hören wir sie plaudern, und vielleicht wird uns ein Blick, ein Zeichen, ein Wort von einem dieser zwei an einander Gefesselten auf die Spur von Ereignissen bringen, welche für uns noch in der dunklen Nacht der Vergangenheit verbergen sind. Plötzlich glaubte die schöne Träumerin das dumpfe Rauschen der Teppiche im vorhergehenden Zimmer zu hören; so leicht der Tritt war, der sich näherte, der Boden krachte unter ihm. Frau von Marande ließ ihre Toilette rasch eine letzte Revue passieren; sie kreuzte ihren Schwanenpelz enger auf ihrem Halse; sie zog die Spitze ihres Nachthemdes weiter auf ihr Handgelenke vor, und als sie sah, daß die ganze übrige Person auf eine tadellose Art verschleiert war, so machte sie nicht mehr die geringste Bewegung, um die Anordnung zu verändern. Nur legte sie ihr offenes Buch auf das Bett zurück und hob ein wenig die Stirne empor, so daß nicht mehr der obere Theil ihres Kopfes, sondern ihr Kinn in ihrer Hand ruhte, und in dieser Stellung, wuchs noch mehr Gleichgültigkeit, als Coquetterie bezeichnete, erwartete sie ihren Herrn und Meister. XXIII Eheliche Plauderei Herr von Marande hob den Vorhang auf, blieb aber auf der Thürschwelle stehen. »Darf ich eintreten?« fragte er. »Gewiß . . . Versprachen Sie nicht, Sie werden kommen? . . . Ich erwartete Sie seit einer Viertelstunde.« »Ah! was sagen Sie mir da, Madame? Sie müssen so müde sein! Nicht wahr, ich bin.unbescheiden gewesen?« »Nein; kommen Sie.« Herr von Marande näherte sich, grüßte voll Anmuth, nahm die Hand, die ihm seine Frau reichte, neigte sich auf diese Hand mit dem zarten Gelenke, mit den weißen, schmalen Fingern, mit den rosigen Nägeln, und legte seine Lippen so leicht darauf, daß Frau von Marande mehr die Absicht begriff, als daß sie den Kuß fühlte. Die junge Frau befragte mit den Augen ihren Gatten. Es ließ sich leicht sehen, daß nichts ungewöhnlicher war, als ein solcher Besuch von Herrn von Marande; und dennoch ließ sich auch sehen, daß dieser Besuch weder gewünscht, noch gefürchtet war: es war eher der Besuch eines Freundes als der eines Gatten, und Lydie schien sogar mit mehr Neugierde als Besorgniß zu warten. Herr von Marande lächelte; dann sagte er mit seiner sanftesten Stimme: »Ich muß mich vor Allem entschuldigen, daß ich Sie so spät oder vielmehr so früh besuche. Glauben Sie mir, hielten mich nicht die wichtigsten Geschäfte den ganzen Tag außer dem Hause, so würde ich eine günstigere Gelegenheit abgewartet haben, um vertraulich mit Ihnen zu reden.« »Welche Stunde Sie auch wählen mögen, mein Herr, um mit mir zu sprechen,« erwiderte Frau von Marande mit liebreichem Tone, »es ist immer eine kostbare Gelegenheit, um so kostbarer, je seltener sie ist.« Herr von Marande verbeugte sich, diesmal aber zum Zeichen des Dankes; dann trat er an eine Bergère, rückte sie hinzu, und lehnte den Arm des Meuble an das Bett von Frau von Marande an, so daß er sich ihr gegenüber befand. Die junge Frau ließ ihren Kopf wieder auf ihre Hand fallen und wartete. »Erlauben Sie mir, Madame,« sagte Herr von Marande, »daß ich, ehe ich in die Sache selbst eingehe, oder, wenn Sie lieber wollen, um besser in dieselbe einzugehen, Ihnen meine Complimente über Ihre außerordentliche Schönheit wiederhole, welche alle Tage zunimmt und heute Nacht wahrhaft den Culminationspunkt der menschlichen Schönheit erreicht zu haben schien.« »In der That, mein Herr, ich weiß nicht, wie ich auf eine solche Höflichkeit antworten soll: sie bereitet mir um so mehr Freude, als Sie mir gewöhnlich die Complimente mit einer gewissen Sparsamkeit zumessen. Gestatten Sie, daß ich mich darüber beklage, ohne es Ihnen vorzuwerfen.« »Klagen Sie wegen meines Geizes nur die auf die Arbeit eifersüchtige Liebe an. Meine ganze Zeit ist der Aufgabe gewidmet, die ich mir vorgesetzt habe; würde es mir aber eines Tages erlaubt sein, einen Theil meiner Stunden in der süßen Muße zuzubringen, die Sie mir in diesem Augenblicke gewähren, glauben Sie mir, dieser Tag wäre einer der schönsten meines Lebens.« Frau von Marande schlug die Augen zu ihrem Gatten auf und schaute ihn, als könnte ihr nichts seltsamer scheinen, als das, was er ihr so eben gesagt hatte, mit Erstaunen an. »Ei! mich dünkt, mein Herr,« antwortete sie mit allem Zauber, den sie ihrer Stimme zu geben vermochte, »mich dünkt, so oft Sie diese Muße zu genießen verlangen, werden Sie nur zu thun haben, was Sie diesen Morgen gethan . . . mich zu benachrichtigen, Sie wünschen mich zu sehen, oder auch,« fügte sie lächelnd bei, »sich bei mir einzufinden, ohne mich zu benachrichtigen.« »Sie wissen,« sagte Herr von Marande ebenfalls lächelnd, »das liegt nicht in unseren Bedingungen.« »Diese Bedingungen, mein Herr, Sie haben sie dictirt, und nicht ich; ich habe sie einfach angenommen. Es war nicht an der, welche, ohne Ihnen irgend eine Mitgift zu bringen, von Ihnen ihr Vermögen, ihre Stellung . . . und sogar die Ehre ihres Vaters erhielt, Bedingungen zu machen, wie mir scheint.« »Glauben Sie, liebe Lydie, der Augenblick sei gekommen, etwas an diesen Bedingungen zu ändern, und würde ich Ihnen nicht sehr überlästig scheinen, käme ich, zum Beispiel, diesen Morgen und würfe ungeschlachter Weise meinen ehelichen Realismus mitten unter die Träume, die Sie heute Nacht gemacht haben, und vielleicht in diesem Augenblicke, wo ich mit Ihnen spreche, noch machen?« Frau von Marande fing an zu begreifen, worauf die Conversation abzielte, und fühlte eine Purpurwolke über ihr Gesicht ziehen. Der Banquier ließ dieser Wolke Zeit, sich zu zerstreuen, und fragte dann gerade auf den Punkt zurückkommend, wo das Gespräch unterbrochen worden war, mit seinem ewigen Lächeln und seiner unbeugsamen Höflichkeit: »Diese Bedingungen« Madame« Sie erinnern sich derselben ?« »Vollkommen, mein Herr,« antwortete die junge Frau mit einer Stimme, die sie ruhig zu erhalten sich anstrengte. »Ich habe das Glück« bald drei Jahre Ihr Gatte zu sein, und in drei Jahren vergißt man viele Dinge.« »Ich werde nie vergessen, was ich Ihnen verdanke, mein Herr.« »Hierin, Madame, sind wir verschiedener Ansicht. Ich glaube nicht, daß Sie mir etwas verdanken; sollten Sie aber das Gegentheil denken und irgend eine Schuld mir gegenüber eingegangen zu haben meinen, so würde ich Sie bitten, gerade diese Schuld zu vergessen.« »Man vergißt nicht, wann man will, und wie man will, mein Herr; und es gibt gewisse Leute, für die der Undank nicht nur ein Verbrechen, sondern auch eine Unmöglichkeit ist! Mein Vater, ein in den Geschäften ungeschickter alter Soldat, steckte sein ganzes Vermögen, das er zu verdoppeln hoffte, in eine industrielle Speculation und wurde zu Grunde gerichtet. Er hatte Verbindlichkeiten bei dem Banquehause übernommen, bei welchem Sie Nachfolger wurden, und diese Verbindlichkeiten konnten zur Verfallzeit nicht gehalten werden. Ein junger Mann . . . « »Madame . . . « versuchte Herr von Marande zu unterbrechen.« »Ich will über nichts weggehen,« sagte Lydie: »Sie würden glauben, ich habe vergessen. Ein junger Mann, der meinen Vater für reich hielt, bat um meine Hand; ein instinctartiger Widerwille gegen diesen jungen Mann machte, daß mein Vater von Anfang sein Gesuch zurückwies. Doch besiegt durch meine Bitten, – dieser junge Mann hatte mir gesagt, er liebe mich, und ich glaubte ihn zu lieben . . . « »Sie glaubten?« sagte Herr von Marande. »Ja, mein Herr, ich glaubte. Ist man mit sechzehn Jahren seiner Gefühle ganz sicher, besonders, wenn man aus der Pension kommt und die Welt ganz und gar nicht kennt? . . . Ich wiederhole also, besiegt durch mein Bitten, empfing am Ende mein Vater Herrn von Bedmar. Alles wurde festgesetzt, selbst meine Mitgift: dreimal hunderttausend Franken. Doch es Verbreitete sich das Gerücht vom Ruine meines Vaters, mein Bräutigam stellte plötzlich seine Besuche ein und verschwand! nur empfing mein Vater einige Zeit nachher von ihm einen Brief datiert von Mailand, in welchem er ihm sagte, da er seinen ersten Widerwillen, ihn zum Schwiegersohne anzunehmen, erfahren habe, so wolle er seinen Sympathien keine Gemalt antun. Meine Mitgift war abgesondert deponiert und vor jedem Angriffe geschützt worden; es war ungefähr die Hälfte von dem, was mein Vater Ihrem Banquehause schuldete. Drei Tage vor der Verfallzeit seiner Verbindlichkeiten erschien er bei Ihnen, bot Ihnen die dreimal hunderttausend Franken an und bat Sie um Frist für das Uebrige. Sie antworteten ihm, er möge sich vor Allem beruhigen, und fügten bei, da Sie ihm ein Geschäft vorzuschlagen haben, so bitten Sie ihn um ein Rendezvous in seinem Hause am andern Tage . . . Ist das so ?« »Ja, Madame . . . nur muß ich gegen das Wort Geschäft Einsprache thun.« »Ich glaube, es ist das, dessen Sie sich bedienten.« »Ich brauchte einen Vorwand, um Eintritt in Ihr Haus zu erlangen, Madame: das Wort Geschäft war keine Bezeichnung, sondern ein Vorwand.« »Ich verlasse das Wort; mein Herr: bei solchen Umständen ist das Wort nichts, dies Sache ist Alles. Sie kamen und machten meinem Vater den unerwarteten Antrag, mein Gatte zu werden, als meine Mitgift die von ihm Ihrem Hause gegenüber contrahirten sechsmal hunderttausend Franken Schulden zu nehmen, und ihm die hundertausend Thaler zu lassen, die er Ihnen angeboten hatte.« »Ihrem Vater mehr antragend, Madame, hätte ich befürchtet, er würde es ausschlagen.« »Ich kenne Ihr ganzes Zartgefühl, mein Herr. Mein Vater, so sehr er von dem Vorschläge betäubt war, nahm an, mit Vorbehalt meiner Einwilligung, und diese Einwilligung ließ, wie Sie wissen, nicht auf sich warten.« »Ah! Sie haben ein frommes, kindliches Herz, Madame.« »Erinnern Sie sich unserer Zusammenkunft mein Herr? Meine ersten Worte waren, daß ich von der Vergangenheit sprach, daß ich Ihnen gestand . . . « »Eines den den Mädchengeheimnissen, welche zu vollenden ein delicater Mann seiner Braut nie die Zeit lassen darf. Uebrigens fügte ich bei: »»Nehmen Sie meinen Antrag aus welchem Gesichtspunkte es Ihnen beliebt, mein Fräulein, »entweder als ein Geschäft, das ich mache . . . «« »Sie sehen wohl, daß dies das Wort war, dessen Sie sich bedienten!« »Ich bin Banquier,« sagte Herr von Marande, »man muß der Gewohnheit verzeihen, »»entweder als ein Geschäft, das ich mache, und dessen Resultate, obgleich unbekannt, für mich vortheilhaft sein müssen, oder als eine Schuld, die ich im Namen meines Vaters bezahle.«« »Ganz richtig, mein Herr! ich erinnere mich Alles dessen. Es handelte sich um einen von meinem Vater dem Ihrigen während des Kaiserreichs, oder am Anfange der Restauration geleisteten Dienst.« »Ja, Madame . . . Dann fügte ich bei, da ich nicht glaube, daß dieser doppelte Titel, unter dem ich Ihr Gatte werde, Sie zu irgend einem Danke verpflichte, so lasse ich Ihnen vollkommene Freiheit hinsichtlich Ihrer Gefühle für mich; ich selbst, obschon ich Verbindlichkeiten übernommen habe, behalte mir meine Unabhängigkeit vor; nie, so verführerisch Gott Sie geschaffen habe, sollen Sie durch meine ehelichen Ansprüche belästigt werden. Ich setzte endlich hinzu, schön, jung und zur Liebe fähig, wie Sie es seien, glaube ich sogar dieser angebotenen Freiheit keine andere Gränze geben zu müssen, als das Maß, das sie derselben, sie nach den gesellschaftlichen Convenienzen regelnd, würden setzen wollen. Nur nahm ich mir vor, über Sie zu wachem wie es ein nachsichtiger Vater bei seiner Tochter thut, und, – immer als ein Vater, unter dem Titel Wächter Ihres Rufes, der der meinige wurde, – den ungebührlichen Versuchen zu steuern, welche gewisse Menschen, durch Ihre Schönheit angezogen und geblendet, zu machen nicht verfehlen würden.« »Mein Herr . . . « »Ach! dieser Vatertitel, ich hatte bald das Recht, ihn anzunehmen: der Oberste starb plötzlich auf einer Reise, die er in Italien machte; mein Correspondent in Rom sandte mir diese traurige Nachricht zu. Ihr Schmerz, als Sie es erfuhren, war groß; die ersten Monate unserer Ehe sahen uns in Trauer gekleidet.« »Oh! von Herzen, wie von Körper, das schwöre ich Ihnen, mein Herr.« »Kann ich daran zweifeln, Madame, ich, der ich so viel Mühe hatte, nicht Sie dieses Unglück vergessen zu machen, sondern von Ihnen zu erlangen, daß Sie Ihre Verzweiflung in die Grenzen der Vernunft einschließen. Sie hatten die Güte, mir Gehör zu schenken; Sie legten am Ende die düsteren Kleider ab, oder vielmehr die düsteren Kleider verließen Sie am Ende; man sah Sie aus dieser Trauer hervortreten, wie in den ersten Frühlingstagen eine Blume aus der grauen Winterhülle hervortritt. Der Sammet der Jugend, die Frische der Schönheit waren nie von Ihren Wangen verschwunden, doch das Lächeln hatte sich von Ihren Lippen verbannt. allmählich . . . ah! machen Sie sich keinen Vorwurf daraus, Madame, das ist ein Gesetz der Natur . . . allmählich kam das verbannte Lächeln wieder, die verdüsterte Stirne klärte sich auf, die durch Seufzer beengte Brust fing an sich in freudigem Aufathmen zu erweitern; Sie kehrten zum Leben, zum Vergnügen, zur Coquetterie zurück; Sie wurden wieder Frau, und, lassen Sie mir diese Gerechtigkeit widerfahren, ich diente Ihnen als Führer und Stütze auf diesem schwierigen Wege, – schwieriger, als man glaubt, – der von den Thränen zum Lächeln, vom Schmerze zur Freude zurückbringt.« »Ja,« sagte Frau von Marande, die Hand ihres Gatten ergreifend, »und lassen Sie mich diese redliche Hand drücken, die mich so geduldig, so liebreich, so brüderlich geführt hat.« »Sie danken mir für eine Gunst, die Sie mir erwiesen haben! das ist wahrhaftig zu viel Güte von Ihnen.« »Aber, mein Herr,« fragte Frau von Marande, ganz bewegt, – sei es nun von der Scene, welche stattfand, sei es von den Erinnerungen, die diese Scene in ihr zurückrief, »werden Sie wohl die Güte haben, mir zu erklären, worauf Sie abzielen?« »Ah! verzeihen Sie Madame! ich vergaß sowohl die Stunde, die es ist, als den Ort, wo ich mich befinde, und die Müdigkeit, die Sie fühlen müssen.« »Mein Herr, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie sich ewig in meinen Intentionen irren.« »Ich fasse mich kurz, Madame. Ich sagte also, Ihre Rückkehr in die Welt nach einer Abwesenheit von mehr als einem Jahre habe eine lebhafte Sensation hervorgebracht. Sie hatten die Welt schön verlassen, sie sah Sie bezaubernd wieder: nichts verschönert so sehr, als der Succeß: von reizend wie Sie waren, machten Sie Ihre Successe anbetungswürdig.« »Nun kommen Sie wieder auf Ihre Complimente zurück.« »Nun kommen wir wieder auf die Wahrheiten zurück, dahin muß man immer zurückkommen, Madame. Lassen Sie mich Ihnen nun sagen, und ich werde mit ein paar Worten geendigt haben.« »Ich höre.« »Nun wohl, Madame, indem ich Sie aus der Dunkelheit hervorzog, die Ihre Trauerkleider auf Sie warfen, that ich, was Pygmalion that, als er seine Galatea aus dem Marmorblocke zog, wo sie vor Alter Augen verborgen war. Denken Sie sich nun Pygmalion als unsern Zeitgenossen, denken Sie sich, er führe seine Galatea in die Welt unter dem Namen . . . Lydie; denken Sie, statt Phygmalion zu lieben, liebe Galatea . . . nichts; – stellen Sie sich die Herzensangst des armen Pygmalion vor, die Leiden, ich sage nicht einmal seiner Liebe, sondern seines Stolzes, wenn er wird sagen hören: »»Nicht für sich hat der arme Bildhauer den Marmor belebt, sondern . . . für . . . «« »Mein Herr, die Vergleichung . . . « »Ja, ich kenne das Sprichwort: »»Vergleich ist nicht Vernunft;««[9 - Comparaison n’est pas raison.] das ist wahr. Kommen wir also auf die Wirklichkeit zurück, rein ohne Metapher. Nun wohl, Madame, diese erstaunliche Schönheit, die Ihnen tausend Freunde erobert, und mir tausend Neider schafft; diese wunderbare Anmuth, welche um Sie, wie Bienen um einen Rosenstrauch, die Blüthe der Elegants summen macht; diese Gewalt, die Sie über Alles üben, was Sie umgibt, und die unwiderstehlich Alles anzieht, was in Ihre Sphäre kommt; diese zauberische Schönheit endlich erschreckt mich und macht mich zittern, wie mich würde der Anblick eines Absturzes zittern machen, über dem ich in Ihrer theuren Gesellschaft spazieren ginge . . . Verstehen Sie mich, Madame?« »Ich versichere Sie, nein, mein Herr,« antwortete Lydie. Und mit einem reizenden Lächeln fügte sie bei: »Was Ihnen, beiläufig bemerkt, beweist, daß ich nicht so viel Geist habe, als Sie manchmal zu sagen mir die Ehre erweisen.« »Es ist mit dem Geiste wie mit der Sonne, Madame: er hat seine Stunden der Zurückgezogenheit und der Sammlung. Ich will also zugleich wie zu Ihrem Geiste, so zu Ihren Augen zu sprechen suchen. Erinnern Sie sich, daß Sie eines Tags, auf unserer Reise nach Savoyen, als wir von Entremont kommend, von der Höhe des Berges herab die Rhone erblickten, welche in der Sonne schimmerte wie ein Fluß von Silber, im Schatten wie ein Fluß von Azur, erinnern Sie sich, daß Sie plötzlich meinen Arm verließen, auf das Ploteau liefen und dann ganz erschrocken stehen blieben, da Sie, durch die einen schwachen Teppich bildenden Blumen und Kräuter, einen vor Ihren Schritten geöffneten Abgrund erschauten, der nur sichtbar war, wenn man den Rand erreicht hatte?« »Oh! ja, ich erinnere mich dessen,« erwiderte die Augen schließend und leicht erbleichend Frau von Marande, »und es freut mich, daß ich mich erinnere, denn hätten Sie mich nicht festgehalten und zurückgezogen, so hätte ich wahrscheinlich nicht das Glück, Ihnen meinen Dank zu erneuern.« »Ich begehrte ihn nicht, Madame; nur wünschte ich Ihnen durch ein Bild, und Ihre Erinnerungen erweckend, deutlicher, als ich es noch gethan, das zu erklären, was ich vorhin einen Abgrund nannte. Nun wohl, ich wiederhole, Ihre Schönheit erschreckt mich wie jene Schlucht von sechshundert Fuß Tiefe, welche Blumen und Kräuter bedeckten, und ich befürchte, wir werden eines Tags Beide davon verschlungen werden! . . . Diesmal verstehen Sie, Madame?« »Ja, mein Herr, ich glaube, daß ich zu begreifen anfange,« antwortete die junge Frau die Augen niederschlagend. »Fangen Sie an zu begreifen, so bin ich ganz ruhig,« erwiderte lächelnd Herr von Marande. »Sie werden sogleich völlig begreifen! . . . Ich sagte also, Madame, für Sie einen Vater ersetzend, – Sie wissen, daß ich nie andere Rechte, als diese in Anspruch nahm? – müsse ich die Augen mit einer gewissen Besorgniß auf die Schaaren von Schönen, Elegants, Dandys werfen, welche meine Tochter umgeben . . . Bemerken Sie wohl, Madame, daß meine Tochter jede Freiheit hat: in dieser funkelndem geputzten Schaar kann sie ihre Wahl treffen; aus dieser Wahl wird nie ein Unglück entstehen; nur halte ich es, nicht für mein Recht, sondern für meine Pflicht, ihr, immer als Vater, zu sagen: »»Gut gewählt, mein Kind . . . Schlecht gewählt, meine Tochter!«« »Mein Herr!« »Doch, nein! ich irre mich, ich werde ihr das nicht sagen: ich lasse die Männer, die sich besonders mit ihr beschäftigen, die Revue passieren, und ich werde ihr meine Ansicht über diese Männer sagen . . . Wollen Sie meine Ansicht über Einige von denjenigen wissen, die sich gestern am meisten mit Ihnen beschäftigt haben?« »Reden Sie, mein Herr-« »Lassen Sie uns mit Monseigneur Coletti anfangen.« »Oh! mein Herr!« »Ich nenne Ihnen ihn nur der Erinnerung wegen und als passende Eröffnung der Liste; übrigens, Madame, ist Monseigneur Coletti ein reizender Prälat!« »Ein Priester!« »Sie haben Recht; auch bringen Sie mich sogleich auf Ihr Gefühl: ein Priester ist nicht gefährlich für eine Frau wie Sie . . . schön, jung, reich, frei . . . oder beinahe frei; und Monseigneur Coletti kann sich öffentlich oder insgeheim mit Ihnen beschäftigen, beim hellen Tage oder in der tiefsten Finsternis kommen, Niemand wird es einfallen, zu sagen, Frau von Marande sei die Geliebte von Monseigneur Coletti.« »Und dennoch, mein Herr . . . « sagte die junge Frau, ihren Satz mit einem Lächeln abschneidend. »Dennoch liebt er Sie, oder er ist vielmehr verliebt in Sie: Monseigneur Coletti liebt nur sich selbst; – das ist es, was Sie sagen wollen, nicht wahr?« Das in Permanenz auf den Lippen von Frau von Marande gebliebene Lächeln war eine stillschweigende Beipflichtung zur Meinung ihres Mannes. »Nun wohl,« fuhr der Banquier fort, »ein Anbeter in den hohen Würden der Kirche steht einer hübschen jungen Frau ziemlich wohl an, besonders wenn diese hübsche junge Frau weder spröde noch devot ist, und einen andern Liebhaber hat.« »Einen andern Liebhaber!« rief Lydie. »Bemerken Sie wohl, daß ich nicht gerade von Ihnen rede; ich generalisiere, ich sage eine hübsche junge Frau . . . Sie sind jung unter den Jungen, hübsch unter den Hübschen; doch Sie sind nicht die einzige junge, die einzige hübsche Frau von Paris, nicht wahr ?« »Oh! ich hege diese Anmaßung durchaus nicht, mein Herr.« »Monseigneur Coletti mag also gelten! Er läßt für Sie die beste Loge des Conservatoire aufbewahren, wenn die Orotorien kommen; er reserviert Ihnen die beste Tribune von Saint-Roch, um das Magnificat und das Dies irae zu hören, und er hat meinem Haushofmeister Recepte von Wildpretpurée gegeben, welche die Bewunderung Ihrer zwei alten Cicisbei, der Herrn von Courchamp und Montrond, erregten. Sodann ist da ein reizender Junge, den ich von ganzem Herzen liebe . . . « Frau von Marande befragte ihren Gatten mit dem Blicke; dieser Blick bedeutete klar: »Wer das?« »Lassen Sie mich auch sein Lob gegen Sie aussprechen, nicht als Dichter, nicht als dramatischer Schriftsteller, – Sie wissen, es ist abgemacht, daß die Banquiers nichts von der Poesie oder dem Theater verstehen, – sondern als Mensch . . . « »Sie meinen Herrn . . . ?« Frau von Marande zögerte. »Ich meine Herrn Jean Robert, bei Gott!« Eine zweite Purpurwolke, noch viel intensiver und tiefer gefärbt als die erste, zog über das Gesicht von Frau von Marande, ihr Gatte verlor nicht die kleinste Nuance hiervon; er hatte jedoch den Anschein, als gäbe er nicht darauf Acht. »Sie lieben Herrn Jean Robert?»fragte die junge Frau. »Warum nicht? Er ist von gutem Hause; sein Vater nahm bei den republikanischen Heeren einen Grad ein, der über dem war, welchen der Ihrige bei den kaiserlichen Heeren einnahm; hätte er sich mit der Familie Napoleon vereinigen wollen, so wäre er als Marschall von Frankreich gestorben, statt sterbend seine Familie im Elend oder beinahe im Elend zurückzulassen. Der junge Mann hat Alles das in die Hand genommen; er ist muthig durch die Schwierigkeiten des Lebens gegangen; das ist ein offenes redliches Herz, das vielleicht seine Liebe, aber durchaus nicht seine Antipathien zu verbergen weiß. Sehen Sie, mich zum Beispiel, mich liebt er nicht . . . « »Wie, er liebt Sie nicht?« rief Frau von Marande, die sich hinreißen ließ; »ich habe ihm doch gesagt . . . « »Er soll sich den Anschein geben, als liebte er mich . . . Nun wohl, der arme Junge, obschon er, ich bezweifle es nicht, die größte Rücksicht für Ihre Ermahnungen hat, vermöchte doch bei diesem Punkte nicht dazu zu gelangen, daß er Ihnen gehorchen würde. Nein, er liebt mich nicht! sieht er mich auf einer Seite der Straße kommen, und er kann ohne Unhöflichkeit auf die andere gehen, so thut er es; begegne ich ihm, und er ist, unversehens erfaßt, genöthigt, mich zu grüßen, so geschieht es mit einer Kälte, von der jeder Andere als ich verletzt wäre, der ich diese Pflicht der Höflichkeit erfülle, um ihn eine Einladung bei Ihnen annehmen zu machen. Gestern habe ich ihn gezwungen, buchstäblich gezwungen, mir die Hand zu geben, und wenn Sie wüßten, was der arme Junge während der ganzen Zeit, die seine Hand in der meinigen blieb, gelitten hat! Das hat mich gerührt, und je mehr er mich haßt, desto mehr liebe ich ihn . . . Sie begreifen das, nicht wahr, Madame? Das ist ein undankbarer Mensch, aber ein redlicher Mensch.« »Wahrhaftig, mein Herr, ich weiß nicht, wie ich das, was Sie mir sagen, nehmen soll!« »Wie man Alles nehmen muß, was ich sage: als die Wahrheit. Der arme Junge glaubt sich im Unrechte gegen mich, und das macht ihn befangen.« »Mein Herr, in welchem Unrechte?« »Ich sage Ihnen nicht, er sei kein Geisterseher; er ist Dichter, und jeder Dichter ist es mehr oder weniger . . . Ah! eine Empfehlung: nicht wahr, er macht Ihnen Verse?« »Mein Herr . . . « »Er hat gemacht; ich habe sie gesehen.« »Er läßt sie aber nicht drucken!« »Er hat Recht, wenn sie schlecht sind; er hat Unrecht, wenn sie gut sind. Er thue sich meinetwegen keinen Zwang an. Ich setze indessen eine Bedingung.« »Welche, wenn ich fragen darf? Daß mein Name nicht dabei stehe?« »Im Gegentheile, im Gegentheile! Teufel! Geheimnisse gegen uns, seine Freunde! Nein! . . . Ihr Name mag mit allen Buchstaben dabei stehen! Wer Henkers wird Schlimmes in Versen gemacht von einem Dichter an eine hübsche Frau finden? Wenn Herr Jean Robert Verse an eine Blume, an den Mond, an die Sonne macht, setzt er einen Anfangsbuchstaben dazu? Nicht wahr, nein? er setzt ihren ganzen Namen. Wie die Blume, wie der Mond, wie die Sonne, sind Sie eine von den sanften, schönen, wohlthätigen Schöpfungen der Natur: er behandle Sie also wie die Sonne, wie den Mond, wie die Blumen.« »Ah!«mein Herr, wenn Sie im Ernste sprechen . . . »Ja, ich verstehe, das macht Ihnen die Brust ein wenig leicht.« »Mein Herr . . . « »Das ist also abgethan; Herr Jean Robert bleibt, er mag wollen oder nicht, unter der Zahl unserer Freunde; und wundert man sich über seine unausgesetzten Aufmerksamkeiten, so sagen Sie, – was wahr ist« – weder Sie, noch er haben diese beharrlichen Aufmerksamkeiten gewünscht, sondern ich, der ich dem Talente, dem Zartgefühle und der Discretion von Herrn Jean Robert volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.« »Was für ein sonderbarer Mann sind Sie doch, mein Herr!« rief Frau von Marande, »und wer, wird mir das Geheimniß Ihrer seltsamen Zuneigung für mich sagen?« »Belästigt sie Sie?«« fragte Herr von Marande mit einem Lächeln, das nicht ganz von Melancholie frei war. »Oh! Nein, Gott sei Dank! . . . nur läßt sie mich befürchten, daß . . . « »Nun, was läßt sie Sie befürchten ?« »Daß an einem schönen Tage . . . Doch nein, es ist unnöthig, daß ich Ihnen sage, was mir durch den Geist, oder vielmehr durch das Herz geht.« »Reden Sie, Madame, wenn das, was Sie zu sagen haben, einem Freunde gesagt werden kann.« »Nein« das hätte beinahe das Ansehen einer Erklärung.« Herr von Marande schaute seine Frau fest an. »Aber, mein Herr,« sagte sie, »ist Ihnen nicht auch manchmal Eines eingefallen?« Herr von Marande schaute fortwährend seine Frau an. »Was? Lassen Sie hören, Madame!»fragte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte. »Daß sich . . . so lächerlich das sein mag, eine Frau in ihren Mann verlieben kann.« Eine Wolke zog rasch über das Gesicht von Herrn von Marande; er schloß die Augen, und die Dunkelheit bildete sich, so zu sagen, auf seiner Physiognomi. Alsdann erwiderte er den Kopf schüttelnd und als erwachte er aus einem Traume: »Ja, so lächerlich es sein mag, das kann geschehen. Bitten Sie Gott, Madame, daß ein solches Phänomen nicht zwischen uns eintrete!« Und die Stirne faltend, fügte er mit leiser Stimme bei: »Das wäre ein zu großes Unglück für Sie und besonders für mich!« Dann stand er auf und mochte ein paar Gänge im Zimmer, wobei er sich bemühte, in dem Theile zu bleiben, der am Kopfe des Bettes von Frau von Marande war, und wohin ihm daher die Blicke von dieser nicht folgen konnten. Aber, Dank sei es einem in ihrer Nähe befindlichen Spiegel, Lydie bemerkte, daß sich ihr Gatte die Stirne und vielleicht sogar die Augen mit einem Taschentuche abwischte. Ohne Zweifel entging es Herrn von Marande nicht, seine Aufregung, was auch die Ursache davon sein mochte, verrathe ihn in den Augen seiner Frau; denn, sein Gesicht erheiternd und seine Lippen und seine Augen zum Lächeln zwingend, setzte er sich wieder in den ein paar Minuten leer gebliebenen Lehnstuhl. Sodann, nachdem er noch einen Augenblick geschwiegen hatte, sagte er mit seiner sanftesten Stimme: »Nun« Madame« nachdem ich die Ehre gehabt habe, Ihnen meine Meinung über Monseigneur Coletti und Herrn Jean Robert zu sagen, habe ich Sie nach um die Ihrige über Herrn Lorédan von Valgeneuse zu bitten.« Frau von Marande schaute ihren Gatten mit einem gewissen Erstaunen an. »Mein Herr,« antwortete sie, »meine Meinung über ihn ist die der ganzen Welt.« »So sagen Sie mir die der ganzen Welt, Madame.« »Herr von Valgeneuse . . . « »Sie schwieg, verlegen, weiter zu gehen. »Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte sie, »Sie scheinen mir Vorurtheile gegen Herrn von Valgeneuse zu haben.« »Vorurtheile, ich? Gott behüte mich, daß ich Vorurtheile gegen Herrn von Valgeneuse habe! Nein, ich höre nur, was man sagt . . . Sie wissen, nicht wahr, was man von Herrn von Valgeneuse sagt?« »Er ist reich, er hat Successe, er ist bei Hof sehr wohl gelitten: das ist mehr als es braucht, daß man viel Schlimmes von ihm sagt.« »Wissen Sie, was man von ihm Schlimmes sagt.?« »Wie ich das Schlimme weiß, mein Herr; sehr mittelmäßig.« »Nun, so hören Sie, was man sagt . . . Sprechen wir zuerst von seinem Reichthum.« »Er ist unbestritten.« »Gewiß, in her Thatsache seiner Existenz; doch bestreitbar, wie es scheint, in der Art, wie er ihn erlangt hat.« »Hat nicht der Vater von Herrn von Valgeneuse das Vermögen eines älteren Bruders geerbt?« »Ja; nur ist über diese Erbschaft eine düstere Geschichte im Umlaufe; es handelt sich um etwas wie um ein Testament, das beim Tode dieses älteren Bruders verschwunden wäre, der in dem Augenblicke, wo man es am wenigsten erwartete, von einem Schlage getroffen worden sein soll. Es war ein Sohn da. . . . Haben Sie hiervon sprechen hören, Madame ?« »Unbestimmt: die Gesellschaft, die mein Vater sah, war nicht die von Herrn von Valgeneuse.« »Ihr Vater war ein redlicher Mann, Madame, und es gibt ein Sprichwort über die Gesellschaft, die man sieht. Nun wohl, es war ein Sohn da, ein reizender junger Mann, den die Erben, die, welche man anklagt, – sage ich, welche man anklagt, so handelt es sich, wohlverstanden, nicht um eine Anklage vor dem Assisenhofe, – den die Erben, aus dem Hause seines Vaters gejagt haben; denn er war notorisch der Sohn des Marquis von Valgeneuse, der Neffe des Grafen und folglich der Vetter von Herrn Lorédan und Fräulein Susanne. An eine groß-artige Existenz gewöhnt, soll sich dieser junge Mann, der sich plötzlich von allen Mitteln entblößt sah, sodann erschossen haben.« »Das ist in der That eine düstere Geschichte!« »Ja, die aber, statt die Familie zu verdüstern, dieselbe sehr erfreut hat. Lebte der junge Mann, so konnte sich jeden Augenblick das Testament wiederfinden und der wahre Erbe mit diesem Testamente bewaffnet wieder erscheinen; war aber der Erbe todt, so gab es keine Chance, daß das Testament allein wiedererschien. Dies, was den Reichthum betrifft. – Was die Successe von Herrn von Valgeneuse in der Welt betrifft, so nehme ich an, Sie verstehen unter dem Worte Succeß Liebesglück.« »Nennt man das nicht so?« sagte lächelnd Frau von Marande. »Nun, was seine Successe betrifft, so scheint es, daß sie sich auf Frauen von der großen Welt beschränken, und daß, wenn er sich an das wendet, was man Mädchen aus dem Volke nennt, trotz des edelmüthigen Beistands, den ihm bei solchen Gelegenheiten seine Schwester Fräulein Susanne von Valgeneuse leistet, der junge Mann zuweilen genöthigt ist, Gewalt anzuwenden.« »Ah! mein Herr, was höre ich da?« »Etwas was Ihnen Herr Coletti wahrscheinlich besser sagen würde, als ich; denn ist Herr von Valgeneuse gut bei Hofe, so ist dies so durch die Kirche.« »Und Sie sagen,« fragte Frau von Marande, welche ein gewisses Interesse an diesen, wahren oder falschen, Anschuldigungen nahm; »und Sie sagen, Fräulein Susanne unterstütze ihren Bruder bei seinen Liebesunternehmungen?« »Ah! das, das ist bekannt, und wahrhaftig, die Personen, welche die leidenschaftliche Freundschaft kennen, welche Fräulein Susanne für ihren Bruder hegt, tragen ihr Rechnung dafür. Fräulein Susanne unterscheidet sich dadurch von ihrem Bruder, daß sie das Familienleben liebt, und daß sie alle Vergnügungen, beinahe alle wenigstens, in ihrem Hause sucht.« »Ah! mein Herr, und Sie glauben an solche Verleumdungen?« »Ich, Madame, ich glaube an nichts, außer an den Curs der Rente, und ich muß diesen noch im Moniteur gedruckt sehen. Doch das, an was ich, zum Beispiel, glaube, ah! das ist an die Geckenhaftigkeit und an die Indiskretion von Herrn von Valgeneuse. Er ist wie die Schnecke in dieser Hinsicht: er beschmutzt die Reputationem die er nicht frißt.« »Ah! Sie lieben Herrn von Valgeneuse nicht mein Herr!« sagte Frau von Marande. »Nein, ich gestehe es . . . Sollten Sie ihn zufällig lieben, Madame?« »Ich! Sie fragen mich, ob ich Herrn Lorédan liebe?« »Mein Gott! ich frage Sie das, wie ich Sie etwas Anderes fragen würde; nur habe ich mich eines schlechten Ausdruckes bedient; ich weiß wohl, daß Sie Niemand im absoluten Sinne des Wortes lieben. Ich hätte Sie fragen müssen: »»Gefällt Ihnen Herr Lorédan?« »Er ist mir gleichgültig?« »Wahrhaftig, Madame?« »Oh! ich betheure es Ihnen; nur möchte ich eben so wenig ihm, als einem Andern ein Unglück widerfahren sehen, das er nicht verdient hätte.« »Ei! wer kann solche Dinge wünschen? Ich versichere Ihnen auch, Madame« daß – wenigstens von meiner Seite, – Herrn von Valgeneuse nur verdientes Unglück widerfahren wird.« »Welches Unglück kann denn Herr von Valgeneuse verdienen, und wie könnte ihn dieses Unglück von Ihnen aus treffen?« »Ei! Madame, das ist ganz einfach! So, zum Beispiel, hat Ihnen heute Nacht Herr von Valgeneuse sehr beharrlich den Hof gemacht . . . « »Mir?« »Ihnen, ja, Madame . . . es war nichts Ungebührliches dabei, es geschah bei Ihnen, und man konnte diese Bestrebungen von Herrn von Valgeneuse, unablässig auf Ihrer Ferse zu sein, als ein . . . vielleicht übertriebenes, jedoch entschuldbares Zeichen von Höflichkeit gegen seine Wirthin betrachten. Sie gehen indessen, wie Sie wohl begreifen? noch zu andern Soiréen als den Ihrigen; Sie werden Herrn von Valgeneuse in der Welt begegnen: nun wohl, wenn er nur in acht Soiréen anderswo thut, was er hier gethan hat, so sind Sie eine kompromittierte Frau. Ei! mein Gott, ich will Sie nicht erschrecken, Madame; doch an dem Tage, wo Sie eine kompromittierte Frau sein werden, ist Herr von Valgeneuse ein todter Mann!« Frau von Marande stieß einen Schrei aus. »Ah! mein Herr,« sagte sie, »ein todter Mann meinetwegen! getödtet für mich! das wird der Gewissensbiß meines ganzen Lebens sein.« »Ei! wer sagt Ihnen denn, daß ich Herrn Lorédan für Sie und Ihretwegen tödten würde?« »Sie selbst, mein Herr.« »Ich habe nicht ein Wort hiervon gesagt. Tödtete ich Herrn Lorédan für Sie oder Ihretwegen, so wären Sie noch vielmehr nach als vor seinem Tode kompromittiert; nein, ich würde ihn tödten wegen des Preßgesetzes oder wegen der letzten Revue der Nationalgarde, wie ich Herrn von Bedmar getödtet habe.« »Herrn von Bedmar?« rief Lydie furchtbar erbleichend. »Nun wohl,« fuhr Herr von Marande fort, »hat man je erfahren , daß es für Sie oder Ihretwegen geschehen ist?« »Sie haben Herrn von Bedmar getödtet?«wiederholte Frau von Marande. »Ja; wußten Sie denn das nicht?« »Ah! mein Gott!« »Ich gestehe Ihnen indessen, daß ich einen Augenblick zögerte. Sie wissen oder Sie wissen nicht, daß ich Gründe hatte, Herrn von Bedmar zu verachten; bei einem Umstande hatte ich die Ueberzeugung erlangt, sein Benehmen sei nicht das eines redlichen Mannes gewesen. Man schrieb mir, – einer meiner Correspondenten aus Italien, – am 20. November 1824 werde Herr von Bedmar in Livorno sein. Ich erinnerte mich, daß ich ein wichtiges Geschäft in Livorno hatte; ich traf am 19. November dort ein: Herr von Bedmar traf ebenfalls ein. Dann bekamen wir, ich weiß nicht, wie das zuging, im Hafen von Livorno, in dem Augenblicke, wo er hier landete. einen Streit wegen einer ganz geringfügigen Sache, wegen eines Cominissionärs: der Streit erbitterte sich; kurz ich fand mich beleidigt, und forderte von ihm Genugthuung wegen dieser Beleidigung, wobei ich ihm, wie das meine Gewohnheit ist, die Wahl der Waffen ließ: er hatte Unrecht, die Pistole zu wählen, eine ungeschlachte Waffe, welche zerreißt, zerschmettert, tödtet. Auf der Stelle gaben wir uns Rendez-vous in den Cascine von Pisa. Auf dem Kampfplatze angekommen , stellten uns unsere Zeugen zwanzig Schritte aus einander; ich warf einen Louis d’or in die Luft, um zu wissen, wer zuerst schießen sollte: das Loos fiel ihm zu; er schoß . . . ein wenig tief; die Kugel durchbohrte mir den Schenkel.« »Durchbohrte Ihnen den Schenkel?« rief Frau von Marande. »Ja, Madame, glücklicher Weise, ohne den Knochen anzugreifen.« »Ich habe aber nie erfahren, daß Sie verwundet worden sind.« »Wozu Sie mit einer Wunde plagen, die in vierzehn Tagen geheilt war.« »Und verwundet, wie Sie waren, mein Herr . . . ?« »Legte ich auf ihn an . . . In diesem Augenblicke geschah es, wie ich erwähnte, daß ich zögerte, es war ein sehr hübscher Junge, im Genre von Herrn von Valgeneuse; ich sagte mir: »»Vielleicht wird er, wie Herr von Valgeneuse, von einer Mutter, von einer Schwester geliebt?« ich zögerte . . . Hielt ich um eine Linie rechts oder links, so fehlte ich ihn, und da ich verwundet war, so endigte sich das Duell hiermit. Doch ich erinnerte mich, daß Herr von Bedmar ein junges Mädchen schändlich betrogen hattet daß er auch am Ende seiner Pistole den Vater dieses Mädchens gehabt hatte, der herbeigekommen war, um von ihm Genugthuung für diesen Schimpf zu verlangen, und daß er, der Elende! den Vater dieses Mädchens getödtet hatte. Da zielte ich gerade auf die Brust, die Kugel durchbohrte ihm das Herz, und er fiel, ohne einen Seufzer von sich zu geben.« »Mein Herr ,« rief Frau von Marande, »mein Herr . . . Sie sagen, mein Vater . . . ?« »Sei von Herrn von Bedmar im Duell getödtet worden; das ist die Wahrheit Sie sehen, daß ich Recht gehabt habe, ihm eben so wenig Gnade zu gewähren, als ich bei einem ähnlichen Umstande Herrn von Valgeneuse gewähren würde.« Und seine Frau mit einem Gesichte so ruhig wie bei seinem Eintritte grüßend, ging Herr von Marande hinaus, gefolgt von dem erschrockenen Blicke von Frau von Marande. »Ah!« murmelte Lydie, indem sie ihren Kopf wieder auf ihr Kissen fallen ließ, »Gott verzeihe mir, es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß dieser Mann mich liebt . . . und daß ich ihn liebe!« Zweiter Band I Assisenhof der Seine Sitzung vom 29. April Affaire Sarranti Der Leser, als er aus dem Munde von Salvator erfuhr, dieser begebe sich in den Justizpalast, um dort den letzten Debatten der Affaire Sarranti beizuwohnen, mußte begreifen, es brauche nicht weniger, als die absolute Nothwendigkeit, in der wir uns befinden, Herrn von Marande in das Zimmer seiner Frau zu folgen, daß wir ihn nicht auf der Stelle in den großen, erschrecklichen Saal des Justizpalastes führten, wo das Verbrechen seine Strafe holt, und leider auch zuweilen durch einen unseligen Irrtum die Unschuld ihre Verurtheilung. Drei Statuen müßten in drei Winkel dieses großen Saales gestellt werden, in Erwartung einer vierten, welche vielleicht ewig abwesend bliebe: die von Calas, von la Barre und von Lesurques! Gegen elf Uhr Abends, in dem Augenblicke, wo Karl X. seinen Conceil hielt, in dem Momente, wo Hunderte von Equipagen das Pflaster der Rue d’Artois erschallen machten, boten die Zugänge des Justizpalastes ein Schauspiel, welches noch viel interessanter, als das des Boulevard des Italiens. In der That, von der Place du Chatelet, – wenn man von Norden nach Süden bis zur Place du Pont-Saint-Michel ging, – waren der Pont du Change, die Rue de la Barillerie, der Pont Saint Michel und alle benachbarte Straßen: und, – wenn man von Westen nach Osten ging, von der Place Dauphine bis zum Pont de la Cité, – die Quais de l’Horloge, Desaix, de la Cité, de l’Archevêché, des Orfévres bedeckt von einer so compacten, so gedrängten, so unruhigen Menge, daß man hätte glauben sollen, die alte Insel des Palastes schwanke, schwimmend geworden, mitten in der Seine und mache eine äußerste Anstrengung, um dem Orkane, der sie gegen das Meer treibe, zu widerstehen. Was viel dazu beitrug, dieser Menge eine große Aehnlichkeit mit einem stürmischen Ocean zu geben, das war das dumpfe, tiefe, monotone Tosen, von dem sie alle Straßen der Umgegend wiederhallen machte, und das wie eine wüthende Fluth bis zu den Gewölben des alten Palastes vom heiligen Ludwig emporstieg. An diesem Abend oder vielmehr in dieser Nacht, denn der Abend war schon weit vorgerückt, sollten sich die Debatten des Processes Sarranti schließen, der sehr mit Recht in einem so hohen Grade die öffentliche Aufmerksamkeit seit dem Tage, wo der Moniteur die Anklageacte veröffentlicht hatte, in Anspruch nahm. Die Leser werden sich also nicht wundern, daß ein Proceß, der in den Annalen der Criminaljustiz Epoche zu machen bestimmt war, in die Umgebung des Palastes einen so großen Volkszusammenlaus und in den Saal eine viel beträchtlichere Menge zog, als der Saal fassen konnte. Um die Verwirrung, die Unruhe und, wer weiß? die Unordnungen zu vermeiden, welche ein solcher Zustrom hätte veranlassen können, hatte es der Herr Präsident für nöthig erachtet, zum Voraus Eintrittskarten an die Personen, oder wenigstens an einen Theil der Personen, die darum nachgesucht, auszutheilen. Selbst die Advocaten hatten eine gewisse Anzahl für jeden Sitzungstag erhalten. Es war unmöglich gewesen, den zahlreichen Gesuchen der Einen und der Andern zu entsprechen: mehr als zehntausend Bitten um Billets waren an den Herrn Präsidenten seit dem Tage, an welchem man die Anklageacte veröffentlicht hatte, gerichtet worden. Die Diplomatie, die beiden Legislaturen, der Adel, der Richterstand, die Armee und der reiche Handelstand hatten sich um diese Gunst beworben: wenige von diesen Bewerbungen waren erhört worden. In Folge hiervon waren alle Plätze dergestalt besetzt, daß man hätte glauben sollen, die Zuschauer seien an einander gelöthet und bilden nur noch einen einzigen Körper: man hörte auch von Zeit zu Zeit vor der Thüre und in den Gängen die Stimme eines Unglücklichen, den man erstickte. Der Schweif der Zuschauer verlängerte sich nicht nur bis ans Ende der Galerie und versperrte die zahlreichen Treppen, welche nach den verschiedenen Eingangsthüren mündeten, sondern diese ungeheure Reihe von Zuschauern hatte sogar, – wie eine Riesenschlange, – ihren Schweif aus der Place du Pont-Saint-Michel und ihren Kopf aus der Place du Châtelet. Mehrere Bänke waren speciell für die Advocatenzunft vorbehalten worden, doch bald hatte sich derselben eine große Anzahl von Damen bemächtigt, welche nicht Platz aus den Bänken hatten finden können , die für sie in der inneren Umschließung, der Advocatenbank gegenüber, bereit standen. Die Debatten waren erst seit zwei Tagen eröffnet, und obschon man bis jetzt keinen Beweis für das Verbrechen hatte, dessen Herr Sarranti angeklagt war, sagte man doch im Justizpalaste, und man wiederholte in der Menge, der Wahrspruch sollte noch an demselben Tage gegeben werden. Man erwartete jeden Augenblick ihn bekannt machen zu hören: wir reden wenigstens von denjenigen, welche von fern der Sitzung beiwohnten: und, obschon es elf Uhr geschlagen hatte, obschon in der Menge ein, wahres oder falsches, Gerücht im Umlaufe, nach welchem der förmliche Befehl zugeschickt worden war, daß noch im Verlaufe der Sitzung das Verbrechen abgeurtheilt und der Spruch erlassen sein müsse, kam keine Nachricht nach außen, und die Ungeduldigsten fingen an die energischen Schreie auszustoßen, welche die da und dort unter der Menge zerstreuten Gendarmen nicht ganz zurückzuhalten vermochten. Für diejenigen, welche den Debatten beiwohnten, nahm im Gegentheile das Interesse immer mehr zu, und dreizehn Stunden Audienz an einem Tage, – die Sitzung hatte um zehn Uhr Morgens begonnen, – hatten die Aufmerksamkeit der Einen nicht vermindert, die Neugierde der Andern nicht geschwächt. Uebrigens waren, außer der Theilnahme, die der Angeklagte im Herzen von Jedem erregte, diese schon so ergreifenden Debatten noch viel interessanter durch das merkwürdige Talent, mit welchem denselben präsidiert wurde, und zugleich durch die Energie und den guten Tact des Advocaten, der Herrn Sarranti vertheidigte, gemacht worden. Was das Talent des Präsidenten betrifft, es war unvergleichlich. Es ließ sich unmöglich, bei so ernsten und so peinlichen Functionen, ein schärferer, präciserer Geist der Analyse, ein eleganterer und leichterer Vortrag, ein erhabeneres Gefühl für den Wohlanstand und eine ängstlichere Unparteilichkeit zur Anwendung bringen. Denn, sagen wir es beiläufig, da wir eine Gelegenheit hierzu finden, wir, die wir uns etwas auf diese ängstliche Unparteilichkeit, die wir an dem Herrn Präsidenten des Assisenhofes loben, zu Gute thun, das Talent des Präsidenten, seine Gewandtheit und seine Billigkeit üben auf den Gang der Debatten und sogar auf die Haltung des Publikums einen außerordentlichen Einfluß; man kann nicht glauben, wie sehr sie ihnen Größe und Würde einflößt und den Sitzungen der Gerichtshöfe den ihnen eigenthümlichen imposanten Charakter gibt. Die ’Feierlichkeit dieses Abends hatte gerade zugleich den imposanten Charakter, von dem wir sprechen, und einen düsteren, traurig fantastischen Charakter, den man hinreichend begreifen wird, wenn wir mit ein paar Worten die Inscenirung dieser Sitzung gemacht haben. Jedermann oder beinahe Jedermann kennt den Sitzungssaal des Assisenhofes von Paris. Es ist ein ungeheures Rechteck, mehr lang, als breit, düster, tief und hoch wie eine Kirche. Wir sagen düster, obschon dieser Saal das Licht durch fünf ungeheure Fenster und zwei Glasthüren empfängt, welche alle auf einer Seite des Saales, der linken vom Eintritte aus, angebracht sind; aber, mag nun die rechte Seite, durch welche kein Licht eindringt, außer wenn sich die kleine Thüre öffnet, durch die der Angeklagte aus und eingeht, – mag nun, sagen wir, diese düstere Wand, welche vergebens Füllungen von blauem Papier aufzuhellen suchen, an die Wand, die sie anschaut, ihre Dunkelheit werfen , oder mag der Tempel der Gerechtigkeit einen Reflex von dem häßlichen Kothe bewahren, mit welchem das Verbrechen sein Pflaster befleckt hat, man wird plötzlich, in den Saal des Assisenhofes eintretend, von einer schwarzen Traurigkeit, von einem Schauer des Ekels, von einem Eindrucke ähnlich dem erfaßt, welchen man empfände, setzte man in den Wald eintretend den Fuß auf ein Schlangennest. Doch an diesem Abend, – statt der düsteren Tinte, in die er sich gewöhnlich kleidet, – glänzte der Assisenhof von Lichtern, welche vielleicht noch trauriger als seine Dunkelheit. Man denke sich diese ganze Menge seltsam beleuchtet durch die schwankenden Scheine von hundert Lichtern, durch den Reflex von Lampen, welche, mit Dämpfern bedeckt, den Geschworenen ein sonderbares Aussehen, eine traurige Blässe verliehen, wie sie den von den spanischen Meistern gemalten Inquisitoren eigenthümlich ist. Trat man in den Saal ein, so wurde man durch dieses leuchtende Halbdunkel oder, besser gesagt, diese düstere Halbhelle unwillkürlich an die geheimnisvollen Sitzungen des Rathes der Zehn oder der Inquisition erinnert. Alle Geheimen und Torturen des Mittelalters fielen einem ein, und man suchte im finstersten Winkel des Saales die leichenbleiche Maske des Folterers. In dem Augenblicke, wo wir in das Innere eindringen, schickt sich der Herr Staatsanwalt an, sein Requisitorium zu sprechen. Er steht. Es ist ein Mann von hoher Gestalt, bleich von Gesicht, knochig und dürr wie ein altes Pergament, ein lebendiger Leichnam, der vom Leben nur noch die Stimme und den Blick hat: denn von Geberde, von Bewegung ist keine Rede, und auch diese Stimme ist schwach wie ein Hauch: auch dieser Blick ist unbestimmt, ohne entschiedenen Ausdruck. Dieser Mensch, um Alles zu sagen, scheint die Verkörperung der Criminalprocedur zu sein: es ist ein Requisitorium in Fleisch und Knochen: in Knochen besonders! Ehe wir aber die Hauptpersonen dieses Dramas hörbar machen, sagen wir, welchen Platz sie im Sitzungssaale einnahmen. Im Fond des Saales, am Mittelpunkte des kreisförmigen Bureau, ist der Präsident, assistiert von den Richtern, welche den Hof bilden. Zur Rechten vom Eintretenden oder zur Linken vom Präsidenten, unter zwei von den hohen Fenstern, sind die vierzehn Geschworenen. Wir sagen vierzehn statt zwölf, der Herr Staatsanwalt hat, in Betracht der muthmaßlichen Länge der Debatten, die Beifügung von zwei Supplementargeschworenen und einem Ersatzrichter verlangt. In der kreisförmigen Einfriedung, welche das Bureau des Hofes begrenzt, ist der ehrliche Herr Gérard als Civilpartie. Es war wohl derselbe Mann, beinahe kahl, mit grauen, kleinen, tiefliegenden, trüben Augen, mit dichten, ergrauenden Augenbrauen, aus deren Mitte, wie starre Wildschweinborsten, lange Haare hervorstanden, welche sich in der Linie einer geierschnabelartig gebogenen Nase verbindend über den Augen einen Bogen von einer übertriebenen, ganz unverhältnißmäßigen Krümmung bildeten: es war endlich diese feige, gemeine Physiognomie, welche einen so seltsamen Eindruck aus den Abbé Dominique bei seinem Eintritte in das Schlafzimmer des Sterbenden gemacht hatte. Das Gesicht eines Mannes, der von der Gerechtigkeit verlangt, daß sie ihn an einem Mörder räche, ist in der Regel, was auch seine gewöhnliche Häßlichkeit sein mag, rührend, im höchsten Grade interessant, während das Gesicht des Angeklagten Verachtung und Ekel erregt: hier aber war es das Gegentheil, und hätte man das Publikum, das die Versammlung bildete, gefragt, so würde es, – rechts das schöne, redliche Gesicht von Herrn Sarranti und das unschuldvolle, rechtschaffene Antlitz des Abbé Dominique sehend, – das Publikum würde einstimmig gesagt haben, die Rollen seien verkehrt, der Mörder sei das Opfer, und derjenige, welcher für das Opfer gelte, sei der Mörder. Ohne einen andern Grund, ohne einen andern Beweis, als die rasche Beschauung der zwei Männer, war es unmöglich, sich hierin zu täuschen. Haben wir noch bemerkt, daß Herr Sarranti, escortirt von zwei Gendarmen, von Zeit zu Zeit, auf das Geländer gestützt, mit seinem Sohne und seinem Advocaten sprach, so werden wir in allen ihren Details die Scenirung dieser traurigen Feierlichkeit auseinandergesetzt haben. Wir haben gesagt, die Debatten seien seit zwei Tagen eröffnet gewesen. Die Sitzung, der wir den Leser beiwohnen lassen, war also die dritte und wahrscheinlich die letzte Sitzung. Sagen wir rasch, was in den zwei ersten Sitzungen vorgefallen war. Nach den präliminaren Förmlichkeiten verlas man die Anklageacte, welche wir nicht mittheilen werden, die aber Personen, die sich für dergleichen Stücke besonders interessieren, in den Journalen jener Zeit finden können. Aus dieser Acte ging hervor, daß Herr Gaëtano Sarranti, ehemaliger Militär, geboren in Ajaccio, auf Corsica, achtundvierzig Jahre alt, Officier der Ehrenlegion, angeklagt war, am Abend des 20. August 1820 mit Einbruch eine Summe von dreimalhunderttausend Franken aus dem Secretär von Herrn Gérard gestohlen, eine Frau im Dienste von Herrn Gérard ermordet, und die zwei Neffen von Herrn Gérard entführt oder getödtet zu haben, ohne daß man je die Spur ihrer Person oder ihrer Leichname hätte ausfinden können. Verbrechen vorhergesehen durch die Artikel 293, 296, 302, 304, 345 und 354 des Strafcodex. Nach Verlesung der Anklageacte befragte man, in der gewöhnlichen Form, den Angeklagten: er antwortete Nein aus alle Fragen, die man an ihn machte, ohne andere Zeichen einer Gemüthsbewegung von sich zu geben als den Schmerz, den er zu fühlen schien, als er den Tod oder das Verschwinden der zwei Kinder erfuhr. Der Advocat von Herrn Gérard glaubte Herrn Sarranti ungeheuer dadurch in Verlegenheit zu bringen, daß er ihn fragte, warum er so plötzlich das Haus verlassen habe, wo er mit so viel Wohlwollen ausgenommen worden sei: doch Herr Sarranti antwortete einfach, da die Verschwörung, deren Hauptchef er einer gewesen, der Polizei denunziert worden sei, so habe er sich nach den Instructionen des Kaisers zu Herrn Lebastard de Prémont, französischem General im Dienste von Rundschit Sing, begeben. Dann erzählte er, wie er, um seinem Projecte Folge zu geben, in Begleitung des Generals nach Europa zurückgekehrt sei und in Genossenschaft mit ihm den König von Rom aus dem Palaste von Schönbrunn zu entführen versucht habe, ein Versuch, der, wie er seit seiner Verhaftung erfahren, zu seinem großen Bedauern, – gestand er, – gescheitert sei. So, während er die Bezichtigung des Diebstahls und des Mordes zurückwies, nahm er die des Majestätsverbrechens in Anspruch und verwarf nur das bürgerliche Schaffot, um mit laute r Stimme das politische zu reclamiren. Das war aber nicht die Sache derjenigen, welche ihn verurtheilen wollten. Was man in Herrn Sarranti zu finden wünschte, das war der gemeine Dieb, der abscheuliche Mörder, der sich das blutige Vermögen von zwei unglücklichen Kindern anzueignen trachtet und nicht der politische Verschwörer, der, mit Gefahr seines Lebens, eine Dynastie an die Stelle einer andern setzen und mit gewaffneter Hand die Form einer Regierung ändern will. Der Präsident war genöthigt, Herrn Sarranti mitten unter den von ihm gegebenen Erklärungen zurückzuhalten. Bei diesen Erklärungen durchlief das ganze Auditorium ein sympathetischer Schauer, der auch ihn, den Beamten, unwillkürlich und wie die Andern ergriff. Dann kam die Angabe von Herrn Gérard. Unsere Leser erinnern sich seiner vor dem Maire von Viry gemachten ersten Angabe am Tage, nachdem das Verbrechen begangen worden. Die zweite war identisch dieselbe. Es ist also unnöthig, daß wir sie hier mittheilen, da sie der Leser schon kennt. Das Ende der ersten Sitzung nahm die Zeugenaussage ein. Diese Aussage war, ganz wider Sarranti, ein langer Panegyrims von Herrn Gérard, gegen den, wenn man den Zeugen glauben durfte, der heilige Vincenz de Paula nur ein elender Egoist war. Diese Zeugen waren keine andere, als der Maire von Viry. Der Leser kennt schon den guten Mann. Bethört durch die Unruhe, durch die an Verwirrung grenzende Befangenheit, in der sich Herr Gérard in dem Augenblicke befand, wo er die Katastrophe dem Maire anzeigte, hatte dieser die Betäubung des Verbrechers für den Schrecken des Opfers genommen. Man hörte auch das Zeugniß von fünf bis sechs Bauern, Pächtern und Grundeigenthümern von Viry, welche, da sie zu Herrn Gérard nur in landwirthlichen Beziehungen, bei Gelegenheit von Ankäufen und Verkäufen von Gütern, gestanden hatten, erklärten, bei allen diesen Verträgen habe sich Herr Gérard als ein Mann von einer strengen Pünktlichkeit und Redlichkeit gezeigt. Man hörte noch zwanzig bis fünfundzwanzig Zeugen von Vanvres und vom Bas-Meudon, das heißt alle diejenigen, welche von Herrn Gérard, seitdem er unter ihnen wohnte, zahlreiche Zeichen seiner Wohlthätigkeit und seines Edelmuths empfangen hatten. Diejenigen von unseren Lesern, die sich des Kapitels betitelt: »Ein Dorfphilantrop,« erinnern, werden begreifen, welche Wirkung auf die Jury die Erzählung der guten Handlungen des redlichen Herrn Gérard und vorzüglich die Erzählung der letzten, das heißt der, welche ihm beinahe das Leben gekostet hätte, hervorbringen mußte. Selbst über Herrn Gérard befragt, antwortete Herr Sarranti mit seiner ganz militärischen Treuherzigkeit, er halte ihn für einen vollkommen redlichen Mann, und er müsse durch sehr ernste Anscheine getäuscht worden sein, um gegen ihn, Herrn Sarranti, eine so grausame Anklage zu erheben. Worauf ihn der Präsident fragte: »Was sagen Sie aber zu Ihrer Rechtfertigung, und wie erklären Sie sich den Diebstahl der hunderttausend Thaler, den Tod von Madame Gérard und das Verschwinden der Kinder?« »Die hunderttausend Thaler gehörte mir,« erwiderte Herr Sarranti, »oder, besser gesagt, es war ein Depot, das mir der Kaiser Napoleon anvertraut hatte. Sie sind mir von der Hand von Herrn Gérard selbst wiedergegeben worden. Was die Ermordung von Madame Gérard und das Verschwinden der Kinder betrifft, so kann ich nichts hierüber bemerken, da Madame Gérard vollkommen gesund war, und die Kinder in dem Augenblicke, wo ich das Schloß verließ, nämlich Nachmittags um drei Uhr, auf der Wiese spielten.« Alles dies war so wenig wahrscheinlich, daß der Präsident die Geschworenen anschaute, – und diese schüttelten den Kopf mit einer höchst bezeichnenden Miene. Was Dominique betrifft, so blieb sein Anblick während des Laufes der Debatten der eines Menschen, welcher von einem bis zum Delirium gehenden Fieber befallen ist. Er stand auf, er setzte sich wieder, zog seinen Vater am Schooße seines Ueberrocks, öffnete den Mund, als ob er sprechen wollte, stieß dann plötzlich einen Seufzer aus, zog sein Sacktuch aus der Tasche, wischte seine schweißbedeckte Stirne ab, ließ seinen Kopf in seine Hände fallen und blieb Stunden lang wie vernichtet. Etwas Aehnliches ging übrigens aus Seiten von Herrn Gérard vor: denn, – für die Anwesenden unerklärliche Befangenheit, – es war nicht Herr Sarranti, sondern vielmehr Dominique, dem Herr Gérard mit den Augen folgte. Stand Dominique aus, so stand er, wie durch eine Feder emporgehoben, auch aus: öffnete Dominique den Mund, um zu sprechen, so floß der Schweiß von der Stirne des Anklägers, der einer Ohnmacht nahe zu sein schien. Diese zwei Bläßen rangen mit einander, welche zuerst die Leichenfarbe erreichen würde. Mitten unter diesen mysteriösen Scenen, deren Geheimniß nur die zwei Schauspieler besaßen, warf ein unerwarteter Zwischenfall sein heiseres, mißstimmiges Geschrei in das Concert von Lobeserhebungen, das sich um Herrn Gérard erhob. Ein achtzigjähriger Greis, bleich, abgezehrt, mager wie der aufgeweckte Lazarus, antwortete aus den Ruf, der an ihn erging, und trat mit langsamem, aber gleichmäßigem, wie der der Statue des Gouverneurs, festem und sonorem Schritte vor. Es war jener alte Gärtner von Viry, Vater und Großvater einer ganzen Welt von Kindern, der die Gärten des Schlosses seit dreißig bis vierzig Jahren kultivierte, als sich das Ereigniß zutrug: es war jener treue Diener, dessen Entlassung, wie man sich erinnert, Orsola verlangt hatte, um sich ihrer Herrschaft über Herrn Gérard zu versichern. »Ich weiß nicht, wer den Mord begangen hat,« sagte er: »doch ich weiß, daß die ermordete Frau eine böse Frau war: sie hatte sich des Geistes von diesem Manne bemächtigt, der nicht ihr Gatte war, und dessen Frau sie werden wollte, (und er deutete aus Herrn, Gérard). Sie hatte ihn behext, und sie übte eine grenzenlose Gewalt über ihn. Meine Ueberzeugung ist, daß sie die Kinder haßte, und daß sie mit diesem Manne Alles machen konnte, was sie wollte.« »Habt Ihr eine Thatsache zu erzählen?« fragte der Präsident. »Nein,« antwortete der Greis; »nur habe ich so eben vom Charakter von Herrn Gérard reden hören, und ich halte es für die Pflicht von mir, der ich seit achtzig Jahren so viele Menschen gesehen, zu sagen, was ich von diesem denke. Die Magd wollte Herrin werden; vielleicht thaten ihr die Kinder hierbei Zwang an. Ich war ihr wohl ein Hinderniß!« Während der Greis sprach, schien Dominique zu triumphieren, indeß im Gegentheile Herr Gérard bleich war wie ein Todter. Seine zitternden Kinnbacken machten seine Zähne an einander klappern. Diese Erklärung brachte eine tiefe Erregung im Publikum hervor. Der Präsident war genöthigt, zur Stille aufzufordern, und als er den Greis entließ, sagte er zu ihm: »Geht, mein Freund; die Herren Geschworenen werden Eurer Angabe Rechnung tragen.« Der Advocat von Herrn Gérard wand nun ein, man habe den Gärtner, dessen Dienste wegen seines hohen Alters beinahe unnütz geworden seien, entlassen wollen, und in diesem Augenblicke habe Orsola, welche dieser Mensch anzugreifen so undankbar sei, seine Begnadigung erbeten. Der Greis, der mit einer Hand auf seinen Stab, mit der andern auf einen seiner Söhne gestützt, nach seiner Bank zurückkehrte, blieb plötzlich stehen, als ob ihn, durch das hohe Gras des Parkes gehend, eine Schlange in die Ferse gebissen hätte. Dann kehrte er um und sprach mit fester Stimme: »Was dieser Herr so eben gesagt hat, ist, abgesehen vom Undanke, dessen er mich beschuldigt, die reine Wahrheit. Orsola hatte Anfangs meine Entlassung verlangt, und Herr Gérard hatte ihr dieselbe bewilligt: sodann verlangte sie meine Begnadigung, und Herr Gérard bewilligte sie ihr auch. Die Magd wollte ihre Gewalt über den Herrn versuchen, vielleicht um sich dessen zu versichern, was sie bei einem wichtigeren Umstande thun könnte. Fragen Sie Herrn Gérard, ob das wahr ist.« »Ist das, was. dieser Mensch sagt, wahr, mein Herr?« fragte der Präsident Herrn Gérard. Gérard wollte antworten, es sei falsch: doch emporschauend begegnete er den Augen des Gärtners, welche die seinigen suchten. Geblendet durch sie wie durch Blitze seines Gewissens, hatte er nicht den Muth zu leugnen, und er stammelte: »Es ist wahr!« Dieser Zwischenfall ausgenommen waren, wie gesagt, alle Zeugnisse zu Gunsten von Herrn Gérard. Was die Zeugnisse zu Gunsten von Herrn Sarranti betrifft, – der Angeklagte hatte nicht um ein einziges angesucht: er wähnte sich bonapartistischer Verschwörung beschuldigt, und da er die ganze Verantwortlichkeit aus sich zu nehmen gedachte, so hatte er keine Entlastungszeugen nöthig zu haben geglaubt. So hatte sich die Anklage wie aus einem Zapfen gedreht, und Herr Sarranti befand sich einem Diebstahle, einer doppelten Entführung und einem Morde gegenüber. Die Anschuldigung dünkte ihm alsdann so wahnsinnig, daß er sich auf die Instruction selbst verließ, sie werde seine Unschuld zur Kenntniß bringen. Nur zu spät bemerkte er, in welche Falle er gerathen war, und bei diesem Factum des Diebstahls, der Entführung und des Mordes widerstrebte es ihm, ein Zeugniß anzurufen. Seiner Ansicht nach mußte sein Ableugnen genügen. Doch allmählich drang durch diese Bresche, die er offen gelassen, der Verdacht, dann die Wahrscheinlichkeit, dann, wenn nicht in den Geist des Publikums, wenigstens in den der Geschworenen eine Beinahe-Gewißheit ein. Herr Sarranti war wie ein Mensch, der von einem zu raschen Laufe gegen einen Abgrund fortgerissen wird: er sah den Abgrund, er ermaß ihn; doch es war zu spät! keine Stütze schien sich zu bieten, an der er sich hätte zurückhalten können. Er mußte unfehlbar hinabstürzen. Der Abgrund war tief, erschrecklich, häßlich: er sollte dabei nicht nur das Leben, sondern auch die Ehre verlieren. Und dennoch sagte ihm Dominique unablässig leise: »Haben Sie Muth, mein Vater! ich weiß, daß Sie unschuldig sind!« Man war zu dem Punkte der Debatten gelangt, wo, da die Sache hinreichend durch das Anhören der Zeugen erhellt war, die gesetzliche Discussion den Advocaten zukommt. Der Advocat der Civilpartei nahm das Wort. Ich weiß nicht, ob die Gesetzgebung, als sie bestimmte, die Parteien sollten, statt selbst zu plaidiren, durch das Organ eines Dritten plaidiren, sah, begriff, errieth, – abgesehen von den Vortheilen, die sie bei der Anklage oder der Vertheidigung durch Procuration fand, – ich weiß nicht, ob sie sah, begriff, errieth, zu welchen Stufen der Treulosigkeit, der Unverschämtheit und der Spitzfindigkeit sie den Menschen hinabzusteigen zwinge. Es gibt auch im Justizpalaste Advocaten der schlimmen Sachen. Diese Menschen wissen vollkommen, daß die Sache, die sie verteidigen, eine schlechte ist: schaut sie aber an, hört sie, studiert sie: würdet Ihr nach ihrer Stimme, nach ihren Geberden, nach ihrem Accente nicht sagen, sie seien überzeugt? Was ist nun der Zweck dieser falschen Ueberzeugung, die sie heucheln? Ich setze die Frage des Geldes, der Belohnung, des Salaire ganz beiseit: was ist der Zweck dieser falschen Ueberzeugung, die sie heucheln und die Anderen wollen theilen machen? Nicht der, einen Schuldigen zu retten und einen Unschuldigen zur Verurtheilung zu bringen?’ Sollte das Gesetz, statt diese seltsame Abirrung des Geistes zu beschützen, dieselbe nicht vielmehr bestrafen? Man wird mir vielleicht sagen, es sei mit dem Advocaten wie mit dem Arzte. Der Arzt wird gerufen, um einen Mörder zu behandeln, der, in der Ausübung seiner Functionen, einen Messerstich oder eine Pistolenkugel bekommen hat: um ins Leben einen Verurtheilten zurückzurufen, der nach seiner Verurteilung, in Folge eines wohl erwiesenen Verbrechens, sich zu entleiben versucht hat; der Arzt kommt und findet den Verwundeten fast im Zustande einer Leiche; er braucht die Wunde nur machen zu lassen: sie wird ganz sachte und von selbst den Menschen zum Tode führen. Der Arzt glaubt eine völlig entgegengesetzte Mission empfangen zu haben; der Arzt ist der Kämpfer für das Leben, der Gegner des Todes. Ueberall, wo er das Leben trifft, unterstützt er es, überall, wo er den Tod trifft, bekämpft er ihn. Er kommt in dem Augenblicke an, wo das Leben des Mörders oder wenigstens des Verurtheilten verscheidet, wo der Tod die Hand ausstreckt, um sich des Verurtheilten oder des Mörders zu bemächtigen; wer auch der Sterbende sein mag, der Arzt ist sein Secundant, er wirft den Handschuh der Wissenschaft dem Tode hin und spricht: »Nun ist es an uns Beiden!« Von diesem Augenblicke an beginnt der Kampf zwischen dem Arzte und dem Tode. Schritt für Schritt weicht der Tod vor dem Arzte zurück. Der Tod tritt am Ende aus dem Kreise hinaus, der Arzt bleibt Herr des Schlachtfeldes; der Verurtheilte, der sich entleiben wollte, der Mörder, der eine Wunde bekommen hat, sind gerettet; ja, doch gerettet, um den Händen der menschlichen Gerechtigkeit übergeben zu werden, die an ihnen ihr Zerstörungswerk übt, wie der Arzt sein Rettungswerk geübt hat. So ist es mit dem Advocaten, wird man sagen: man gibt ihm einen Schuldigen, das heißt einen schwer verwundeten Menschen; er macht daraus einen Unschuldigen, das heißt einen Menschen, der sich wohl befindet. Derjenige, welcher mir diese Antwort gibt, vergißt nur Eines: daß der Arzt Niemand das Leben nimmt, welches er dem Kranken wiedergibt, während der Advocat manchmal dem Unschuldigen das Leben nimmt, das er dem Schuldigen gibt. Es war so bei dem erschrecklichen Ereignisse, wo Herr Gérard und Herr Sarranti einander gegenüberstanden. Vielleicht glaubte der Advocat von Herrn Gérard an die Unschuld von diesem: sicherlich glaubte er aber nicht an die Schuldhaftigkeit von Herrn Sarranti. Das hielt diesen Mann nicht ab, die Anderen glauben zu machen, was er selbst nicht glaubte. Er drängte in einem emphatischen Eingange alle rednerische Gemeinplätze, alle die abgedroschenen Phrasen zusammen, die sich in den Journalen jener Zeit gegen die Bonapartisten herumschleppten: er zog eine Parallele zwischen Karl X. und dem Usurpator: er tischte den Geschworenen alle die Beigerichte aus, die ihren Appetit in Betreff des Hauptstückes reizen sollten. Das Hauptstück war Herr Sarranti, das heißt einer von jenen Ruchlosen, vor denen die Schöpfung einen Abscheu hat: eines von jenen Ungeheuern, welche die Gesellschaft zurückstößt, einer von jenen Verbrechern, fähig zu den schwärzesten Attentaten, deren Tod als ein Beispiel von ihren Zeitgenossen verlangt wird, welche entrüstet sind, daß sie dieselbe Lust mit ihnen athmen sollen. Er schloß also, ohne das erschreckliche Wort auszusprechen, aus die Todesstrafe. Doch, wir müssen es sagen, er nahm zugleich seinen Platz unter einem eisigen Stillschweigen wieder ein. Dieses Stillschweigen des Auditoriums, eine augenscheinliche Mißbilligung der Masse, mußte im Herzen des Advocaten des redlichen Herrn Gérard ein schmerzliches Gefühl der Wuth und der Scham zurücklassen. Keine Stirne lächelte ihm zu, kein Mund beglückwünschte ihn, keine Hand streckte sich gegen seine Hand aus, und als das Plaidoyer beendigt war, bildete sich ein leerer Raum um ihn. Er wischte seine in Schweiß gebadete Stirne ab und erwartete mit Bangigkeit das Plaidoyer seines Gegners. Derjenige, welcher für Herrn Sarranti plaidirte, war ein der republikanischen Partei angehörender junger Advocat; er hatte kaum vor einem Jahre auf der Laufbahn des Advocatenstandes debutirt, und sein Debut war ein äußerst glänzendes gewesen. Er war der Sohn von einem unserer berühmtesten Gelehrten und hieß Emanuel Richard. Herr Sarranti hatte mit seinem Vater in Verbindung gestanden; der junge Mann hatte sich im Namen seines Vaters angeboten; Herr Sarranti hatte angenommen. Der junge Mann stand auf, legte seine Toque auf die Bank, warf seine langen schwarzen Haare zurück und begann bleich vor innerer Erregung. Ein tiefes Stillschweigen herrschte im Auditorium von dem Augenblicke, wo es bemerkte, er werde sogleich anfangen zu reden. »Meine Herren,« sprach er, den Geschworenen ins Gesicht schauend, »erstaunen Sie nicht, daß mein erstes Wort ein Schrei der Entrüstung und des Schmerzes ist. Seit dem Augenblicke, wo ich die monstruose Anklage habe hervortreten sehen, welche hoffentlich auf eine Fehlgeburt auslaufen wird, und aus die zu antworten mir Herr Sarranti in jedem Falle verbietet, bewältige ich mich nur mit großer Mühe, und mein verwundetes Herz blutet und seufzt tief in meinem Innern. »Ich wohne in der Thal einer erschrecklichen Sache bei. »Ein ehrenwerther und geehrter Mann, ein alter Soldat, dessen Blut aus allen unsern großen Schlachtfeldern für denjenigen geflossen ist, der zugleich sein Landsmann, sein Herr und sein Freund war: ein Mann, dessen Herz nie ein böser Gedanke beschmutzt, dessen Hand nie eine schmähliche Handlung befleckt hat: dieser Mann, der mit hoher Stirne hierher gekommen ist, um aus eine der Anklagen zu antworten, die zuweilen ein Ruhm für diejenigen sind, welche sie treffen: dieser Mann sagt Ihnen: »»Ich habe um meinen Kopf in dem großen Spiele der Verschwörungen gespielt, das die Throne niederwirft, die Dynastien verändert, die Reiche umstürzt: ich habe verloren: nehmen Sie ihn!«« Dieser Mann hört sich zurufen: »»Schweigen Sie! Sie sind kein Verschwörer: Sie sind ein Dieb, Sie sind ein Entführer, Sie sind ein Mörder!«« »Ah! meine Herren, Sie werden zugeben, man muß sehr stark sein, um vor dieser dreifachen Anklage den Kopf hoch tragend zu bleiben. In der That, wir sind stark: denn aus diese dreifache Anklage antworten wir ganz einfach: »»Wären wir das, was Sie sagen, so hätte uns der Mann mit den Adleraugen und den Flammenblicken, der so gut in den Herzen zu lesen wußte, nicht die Hand gedrückt, er hätte uns nicht seine Freunde genannt, er hätte uns nicht gesagt: Geh!! . . . «« »Entschuldigen Sie, Maitre Emanuel Richard,« fragte der Präsident, »von welchem Manne sprechen Sie denn so?« »Ich spreche von Seiner Majestät Napoleon I., gesalbt 1804 in Paris zum Kaiser der Franzosen; gekrönt 1805 in Mailand zum König von Italien, und gestorben als Gefangener auf St. Helena, am 5.Mai 1821,« antwortete der junge Mann mit lauter, verständlicher Stimme. Es läßt sich nicht sagen, welch ein seltsamer Schauer die Versammlung durchlief. Damals nannte man Napoleon den Usurpator, den Tyrannen, den Wehrwolf von Corsica, und seit dreizehn Jahren, das heißt seit dem Tage seines Sturzes, hatte sicherlich Niemand vor seinem besten, vertrautesten Freunde ausgesprochen, was Emanuel Richard im Angesichte des Gerichtshofes, der Geschworenen und des Auditoriums ausgesprochen. Die Gendarmen, welche zur Rechten und zur Linken von Herrn Sarranti saßen, standen auf und befragten mit den Augen und mit den Geberden den Präsidenten, was zu thun sei, und ob sie nicht noch im Laufe der Sitzung den vermessenen Advocaten in Verhaft nehmen sollten. Gerade das Uebermaß seiner Kühnheit rettete ihn; das Tribunal blieb niedergeschmettert. Herr Sarranti ergriff die Hand des jungen Mannes und sprach zu ihm: »Genug! genug! im Namen Ihres Vaters, gefährden Sie sich nicht!« »Im Namen Ihres Vaters und des meinigen, fahren Sie fort!« rief Dominique. »Meine Herren,« fuhr Emanuel fort, »Sie haben Processe gesehen, bei welchen die Angeklagten die Zeugen Lügen straften, die augenscheinlichsten Beweise leugneten, dem Staatsanwalte ihr Leben streitig machten, Sie haben Alles dies zuweilen, oft, fast immer gesehen . . . Nun wohl, meine Herren, wir, wir behalten Ihnen ein viel interessanteres Schauspiel vor. »Wir sagen Ihnen: »»Ja, wir sind schuldig, und hier sind die Beweise: ja, wir haben gegen die innere Sicherheit des Staats konspiriert, und hier sind die Beweise: ja, wir wollten die Form der Regierung ändern, und hier sind die Beweise: ja, wir haben ein Complott gegen den König und seine Familie angezettelt, und hier sind die Beweise: ja, wir sind Majestätsverbrecher, und hier sind die Beweise: ja, ja, wir haben die Strafe der Vatermörder verdient, und hier ist der Beweis: ja, wir verlangen barfuß und den schwarzen Schleier auf dem Kopfe nach dem Schaffot zu gehen, wie es unser Recht ist, wie es unser Wunsch ist, wie es unser Wille ist . . . « Ein Schreckensschrei drang aus Aller Munde hervor. »Schweigen Sie! schweigen Sie!« rief man von allen Seiten dem jungen Fanatiker zu, »Sie stürzen ihn ins Verderben.« »Reden Sie, reden Sie!« rief Sarranti, »so will ich vertheidigt sein.« Beifallklatschen erscholl aus allen Punkten des Auditoriums. »Gendarmen, räumen Sie den Saal!« rief der Präsident. Dann wandte er sich gegen den Advocaten und sagte zu ihm: »Maitre Emanuel Richard, ich entziehe Ihnen das Wort.« »Wenig liegt mir zu dieser Stunde hieran,« antwortete der Advocat, »ich habe das Mandat, mit dem ich betraut worden bin, erfüllt, ich habe Alles gesagt, was ich zu sagen hatte.« Sodann sich gegen Herrn Sarranti umdrehend: »Sind Sie zufrieden, mein Herr, und sind es wirklich Ihre Worte, die ich wiederholt habe?« Statt jeder Antwort warf sich Herr Sarranti in die Arme seines Vertheidigers. Die Gendarmen hielten sich bereit, den Befehl des Präsidenten zu vollziehen: doch es durchlief sogleich ein solches Gebrüll die Menge, daß der Präsident einsah, er unternehme ein nicht nur schwieriges, sondern sogar gefährliches Werk. Ein Aufruhr konnte zum Ausbruche kommen, und während des Aufruhrs konnte Herr Sarranti entführt werden. Einer von den Richtern neigte sich gegen den Präsidenten und sprach ihm leise ein paar Worte ins Ohr. »Gendarmen,« sagte dieser, »nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein. Der Gerichtshof appelliert an die Würde des Auditoriums.« »Stille!« rief eine Stimme mitten aus der Menge. Und die Menge, als wäre sie gewohnt, dieser Stimme zu gehorchen, schwieg. Von da an war die Frage scharf herausgestellt’: einerseits die Verschwörung, die sich, in ihren kaiserlichen Glauben, in die Religion ihres Eides verschanzt, nicht einen Schild, sondern eine Palme aus ihrem Verbrechen machte: andererseits die öffentliche Behörde[10 - Der Staatsanwalt.] entschlossen, in Herrn Sarranti nicht den Verbrecher des Hochverrates, den Schuldigen der Majestätsbeleidigung, sondern den Dieb von hunderttausend Thalern, den Entführer der Kinder, den Mörder von Orsola zu verfolgen. Sieh wegen dieser Anklagen vertheidigen hieß sie zugeben: sie Schritt für Schritt, eine um die andere, zurückweisen hieß ihre Existenz zugeben. Aus Befehl von Herrn Sarranti hatte sich also Emanuel Richard nicht einen Augenblick der dreifachen Anklage, die der Staatsanwalt verfolgte, entgegengestellt: er ließ das Publikum Richter dieser seltsamen Lage eines Angeklagten sein, der ein Verbrechen gestand, welches man ihn nicht wollte gestehen machen, und das nicht eine Erleichterung, sondern eine Erschwerung der Strafe für das, dessen er angeklagt war, nach sich zog. Das Urtheil war auch im Publikum gesprochen. Bei jedem anderen Umstande wäre nach dem Plaidoyer des Advocaten vom Angeklagten die Sitzung unterbrochen worden, um den Richtern und den Geschworenen einen Augenblick Ruhe zu gewähren; doch nach dem, was im Auditorium vorgegangen, war jeder Halt auf dem Abhange, den man hinabstieg, gefährlich, und die öffentliche Behörde dachte, es sei besser ein Ende zu machen, und müßte man auch unter einem Sturme endigen. Der Herr Staatsanwalt erhob sich also; unter der tiefen Stille, die sich über das Meer zwischen zwei Sturmwinden verbreitet, nahm er das Wort. Von den ersten Worten an begriff das ganze Publikum, daß man von den poetischen, blitzenden Höhen eines politischen Sinai wieder in die Niederungen einer Criminalchicane hinabgefallen war. Als ob der erschreckliche Ausfall des Advocaten von Herrn Sarranti nicht stattgefunden hätte; als ob dieser halb niedergeschmetterte Titan nicht auf seinem Throne den Jupiter der Tuilerien wanken gemacht hätte; als ob der Blick nicht noch geblendet wäre von den Blitzen, die der kaiserliche Adler, durch den höchsten Aether hinziehend, über der Menge flammen gemacht hatte, drückte sich der Herr Staatsanwalt also aus: »Meine Herren, seit einigen Monaten haben mehrere Verbrechen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, während sie zugleich die thätige Sorgfalt und die Ueberwachung der Behörden rege machten. Aus der Anhäufung einer stets zunehmender Bevölkerung, vielleicht auch aus der Unterbrechung einer Arbeit oder aus der Theurung der Lebensmittel entstehend, waren diese Verbrechen sicherlich nicht zahlreicher, als die, über welche wir gewöhnlich zu seufzen haben, und die der kretische Tribut sind, den die Gesellschaft jedes Jahr dem Müßiggang und den Lastern bezahlt, welche, wie der Minotaurus des Alterthums, eine gewisse Anzahl von Opfern haben wollen.« Offenbar hegte der Staatsanwalt eine Werthschätzung für diese Periode, denn er machte eine Pause und schaute im Kreise aus dieser Menge umher, welche in ihren Abgründen vielleicht um so mehr aufgeregt, als sie an ihrer Oberfläche stumm war. Das Publikum blieb unempfindlich. »Meine Herren,« fuhr der Staatsanwalt fort, »es hatte sich indessen die Frechheit mehrerer Schuldigen eine neue Laufbahn eröffnet, auf welcher sie zu treffen und zu verfolgen man weniger gewohnt war, und sie beunruhigte mehr durch die Neuheit und die Vermessenheit ihrer Attentate: doch ich sage es mit Freude, meine Herren, das Uebel, über das wir zu seufzen haben, ist nicht so groß, als man glauben will: man hat sich nur darin gefallen, zu übertreiben. Tausend lügenhafte Gerüchte sind absichtlich verbreitet worden: die Böswilligkeit schuf sie selbst: kaum von ihr geschaffen, empfing man sie mit Gierde, und jeden Tag brachte die Erzählung von den angeblichen Verbrechen der Nacht den Schrecken in die einfältigen Gemüther, die Bestürzung in die leichtgläubigen Geister . . . « Das Auditorium schaute sich an, da es nicht wußte, worauf der Staatsanwalt abzielte . . . Nur die Stammgäste der Assisenhöfe, diejenigen, welche hier holen, was ihnen im Winter fehlt, nämlich eine warme Atmosphäre und ein Schauspiel, welches wegen der Gewohnheit für sie neu und erregend zu sein aufhört, das aber gerade der Gewohnheit wegen für dieselben nothwendig ist; diese Stammgäste allein, gewohnt an die Phraseologien der Herren Berard und Marchangy, bekümmerten sich wenig darum, welchen Weg der Staatsanwalt einschlug, da sie wußten, daß man, wie man im Volksstyle sagt: »Jeder Weg führt nach Rom,« unter gewissen Regierungen und in gewissen Epochen im Style des Justizpalastes sagen kann: »Jeder Weg führt zur Todesstrafe!« Hatte man nicht diesen Weg Didien in Grenoble; Pleignies, Cotteron und Carbonea in Paris, Bérton in Saumur, Raoulx, Bories, Goubin und Pommier in la Rochelle geführt?« Der Staatsanwalt fuhr mit einer majestätischen Miene und einer erhabenen Protection fort: »Beruhigen Sie sich, meine Herren, die gerichtliche Polizei hat die hundert Augen des Argus; sie wachte, sie holte die modernen Cacus aus ihren verborgensten Zufluchtsorten, aus ihren tiefsten Höhlen; denn nichts ist für sie undurchdringlich, und die Behörden antworteten auf das lügnerische Geschrei, das im Umlaufe war, dadurch, daß sie ihre Pflicht strenger als je übten. »Ja, – wir sind weit davon entfernt, es zu leugnen, große Verbrechen sind begangen worden, und, das unbeugsame Organ des Gesetzes, haben wir gegen diese verschiedenen Verbrechen die verschiedenen Strafen gefordert, die sie verdient hatten; denn Niemand, meine Herren, seien sie hiervon überzeugt, entgeht dem rächenden Schwerte des Gesetzes. Es beruhige sich also fortan die Gesellschaft: die verwegensten Ruhestörer sind schon in den Händen der Justiz, und diejenigen, welche sie noch nicht festhält, werden bald vor ihr die Strafe ihrer Attentate finden. »So versuchen es diejenigen, welche, in der Gegend des Saint-Martin-Canals verborgen, seine öden User zum Schauplatze ihrer nächtlichen Angriffe gemacht hatten, zu dieser Stunde in die Kerker geworfen, vergebens die Beweise zu entkräften, die die Untersuchung gegen sie gesammelt hat. »Der Sieux Ferrantes, ein Spanier: der Sieux Aristolos, ein Grieche: der Sieux Walter, ein Baier: der Sieux Coquerillat, ein Auvergnat, sind vorgestern in der Dunkelheit der Nacht verhaftet worden. Es offenbarte indessen keine Spur ihre Gegenwart: doch kein Obdach konnte sie vor den wachsamen Augen der Justiz schützen, und die Macht der Wahrheit hat diesen erschrockenen Gewissen schon Geständnisse entrissen . . . « Die Zuhörer schauten sich fortwährend an und fragten sich leise, was der Sieux Ferrantes, der Sieux Aristolos, der Sieux Walter und der Sieux Coquerillat mit Herrn Sarranti gemein haben. Die Stammgäste aber schüttelten fortwährend den Kopf mit einer Miene des Vertrauens, welche bedeutete: »Ihr werdet sehen! Ihr werdet sehen!« Der Staatsanwalt fuhr fort: »Drei von noch strafbareren Händen ausgegangene Verbrechen haben den Abscheu und die öffentliche Entrüstung erregt. Ein Leichnam wurde bei der Briche gefunden: es war der eines unglücklichen Soldaten, der seinen Abschied erhalten hatte. Zur selben Zeit fiel ein armer Arbeiter unter mörderischen Streichen auf den Feldern von la Villette. Ein Fuhrmann von Poissy endlich wurde ein paar Tage nachher auf der Landstraße von Paris nach Saint-Germain getödtet. »In kurzer Zeit, meine Herren, hat der Arm der Gerechtigkeit die Urheber dieser letzten Attentate an den äußersten Grenzen Frankreichs erreicht. »Doch man hat sich nicht auf diese Geschichten beschränkt; man hat hundert andere Verbrechen erzählt; man hat von einem Unglücklichen gesprochen, der in der Rue Charles X. den Streichen der Mörder erlag; ein Kutscher wurde, der Sage nach, in seinem Blute gebadet hinter dem Luxembourg gefunden; ein schändliches Attentat war an einer unglücklichen Frau in der Rue du Cadran verübt worden; ein königlicher Postwagen soll vor zwei Tagen mit bewaffneter Hand von dem nur zu berühmten Gibassier geplündert worden sein, dessen Name, mehr als einmal in diesem Saale ausgesprochen, sicherlich bis zu Ihnen gelangt ist. »Nun wohl, meine Herren, während man die Bürger so zu beunruhigen sich bestrebte, constatirte die gerichtliche Polizei, daß der in der Rue Charles X. aufgefundene Unglückliche an einer Blutergießung in der Lunge gestorben war; daß der Kutscher, sich gegen seine Pferde erhitzend, an einem Schlagflusse gestorben war; und daß die unglückliche Frau, für die man ein so rührendes Interesse in Anspruch nahm, einfach das Opfer von einher jener stürmischen Scenen war, welche die Schwelgerei hervorruft: und was den nur zu berühmten Gibassier betrifft, meine Herren, so will ich, indem ich Ihnen einen unzweideutigen Beweis gebe, daß er das Verbrechen, dessen man ihn beschuldigt, nicht begangen hatte, Ihnen das Maß des Vertrauens geben, das Sie zu solchen verleumderischen Erfindungen haben können. »Als ich sagen hörte, Gibassier habe den Postwagen zwischen Angoulême und Poitiers angehalten, ließ ich Herrn Jackal kommen. »Herr Jackal versicherte mir, Gibassier sei in Toulon, wo er seine Strafzeit unter der Nummer 171 ausstehe, und wo seine Reue ein solches Beispiel gebe, daß man in diesem Augenblicke im Begriffe sei, bei Seiner Majestät König Karl X. um Erlassung der sieben bis acht Jahre Bagno, die er noch durchzumachen habe, nachzusuchen. »Nach diesem unglaublichen Beispiele, das mich der Mühe, andere zu wählen, überhebt, beurtheilen Sie das Uebrige, meine Herren, und sehen Sie, mit welchen plumpen Lügen man die Neugierde, besser gesagt, die öffentliche Böswilligkeit unterhält. »Seufzen wir, meine Herren, daß wir diese Gerüchte im Umlaufe sehen, und daß die Uebel, über die man sich beklagt, gewisser Maßen aus diejenigen zurückfallen, welche sie verbreitet haben! »Der öffentliche Friede ist gestört worden, sagt man: man schließt sich in seinem Hause ein und zittert: die Fremden sind aus einer von Verbrechen heimgesuchten Stadt geflohen: der Handel ist ruiniert, zu Grunde gerichtet, vernichtet! »Meine Herren, was würden Sie sagen, wenn der böswillige Geist der Menschen, die ihre bonapartetische oder republikanische Gesinnung unter dem Titel von Liberalen verbergen, allein diese Mißgeschicke durch Verleumdungen hervorgerufen hätte? »Sie wären entrüstet, nicht wahr? »Doch ein anderes Uebel ist durch die unseligen Manoeuvres eben dieser Menschen erzeugt worden, welche die Gesellschaft bedrohen, während sich sich das Ansehen geben, als nähmen sie dieselbe unter ihren Schutz, jeden Tag unbestrafte Frevelthaten verkündigen und wiederholen, unachtsame Behörden lassen das Verbrechen ruhig die Straflosigkeit genießen. »So konnte sich ein Sarranti, über dessen Loos Sie zu dieser Stunde zu entscheiden haben, seit sieben Jahren schmeicheln, er werde für immer vor den Verfolgungen der Gerichte geschützt sein. »Meine Herren, die Gerechtigkeit hinkt, sie kommt mit langsamen Schritten, sagt Horaz. Das mag sein! doch sie kommt unfehlbar. »So begeht ein Mensch! – ich meine den Verbrecher, den Sie vor den Augen haben, – ein Mensch begeht ein dreifaches Verbrechen, Diebstahl, Entführung, Mord. Nachdem das Attentat begangen ist, verläßt er die Stadt, in der er wohnt, er verläßt das Land, wo er geboren worden, er durchschifft die Meere, er flieht ans Ende der Welt, und verlangt von einem andern Continent, von einem jener im Herzen Indiens verlorenen Reiche, ihn wie einen königlichen Gast aufzunehmen; doch jener andere Continent stößt ihn zurück, jenes Reich stößt ihn zurück, und Indien sagt zu ihm: »»Was willst Du unter meinen unschuldigen Kindern, Du Schuldiger? Entferne Dich von hier! fort! Zurück, Dämon! Retro, Satanas! . . . «« Bis dahin zurückgehalten, kam plötzlich, zum großen Aergernisse der Herren Geschworenen, einiges Gelächter zum Ausbruch. Der Staatsanwalt aber, mochte er die Heiterkeit der Menge nicht begreifen, mochte er im Gegentheile, sie begreifend, diese Heiterkeit zurückdrängen oder ihr eine Wendung zu seinen Gunsten geben wollen, – der Staatsanwalt rief: »Meine Herren, der Schauer des Auditoriums ist bezeichnend; es ist ein verächtlicher Tadel von der Menge dem Verbrecher zugeworfen, und die strengste Verurtheilung wird für ihn nicht grausamer sein, als dieses Lächeln der Verachtung . . . « Ein Gemurre empfing diese Verdrehung der Meinung des Auditoriums. »Meine Herren,« sprach der Präsident, sich an das Auditorium wendend, »erinnern Sie sich, daß das Stillschweigen die erste Pflicht des Publikums ist.« Das Publikum, das die größte Ehrfurcht für die unparteiische Stimme des Präsidenten hatte, trug seiner Ermahnung sogleich Rechnung, und die Stille war alsbald wiederhergestellt. Ein Lächeln auf den Lippen, die Stirne hoch und ruhig, hielt Herr Sarranti seine Hand in der des schönen Mönches; und dieser, der sich frommer Weise schon unter dem Spruche beugte, den sein Vater nicht vermeiden konnte, erinnerte an jene heiligen Sebastian, deren Typus die spanischen Maler uns vermacht haben, und die, den Leib von Pfeilen durchbohrt, die erhabenste Milde, die engelischste Resignation athmen. Wir werden dem Staatsanwalte nicht weiter in seinem Plaidoyer folgen; wir sagen nur, daß er, sobald einmal der Gegenstand in Angriff genommen war, so lange als er konnte die aus den Anschuldigungen der Zeugen von Herrn Gérard hervorgehenden Ansichten gleichsam ausmalte, und dabei alle abgedroschene Mittel, alle classische Blumen der Rhetorik des Justizpalastes erschöpfte. Er schloß endlich sein Plaidoyer, indem er auf die Anwendung der Artikel 293, 296, 302 und 304 des Strafcodex antrug. Ein Gemurmel des Schmerzes und ein Schauer des Schreckens durchliefen die ganze Menge; die Erregung hatte den höchsten Grad erreicht. Der Präsident fragte Herrn Sarranti: »Angeklagter, haben Sie etwas zu sagen?« »Nicht einmal, daß ich unschuldig bin, dergestalt verachte ich die gegen mich erhobene Anklage,« antwortete Herr Sarranti. »Und Sie, Maitre Emanuel Richard, haben Sie etwas zu Gunsten Ihres Clienten vorzubringen?« »Nein, mein Herr,« antwortete der Advocat. »Dann sind die Debatten geschlossen,« sagte der Präsident. Es fand im ganzen Auditorium eine ungeheure Bewegung der Theilnahme, gefolgt von einer tiefen Stille, statt. Das Resumé des Präsidenten trennte allein den Angeklagten vom Spruche. Es war vier Uhr Morgens. Man begriff, das Resumé werde kurz sein, und an der Art, wie der ehrenwerthe Herr Präsident die Debatten geleitet hatte, erkannte man, er werde unparteiisch sein. Sobald er den Mund aufthat, hatten die Huissiers auch nicht nöthig, Stillschweigen aufzuerlegen: die Menge schwieg von selbst. »Meine Herren Geschworenen,« sprach der Präsident mit einer Stimme, aus der er die Aufregung zu verbannen nicht im Stande gewesen war, »ich habe so eben die Debatten geschlossen, deren Länge zugleich peinlich für Ihr Herz, ermüdend für Ihren Geist ist. »Ermüdend für Ihren Geist: denn sie dauern seit sechzig Stunden. »Peinlich für Ihr Herz: denn wer wäre nicht bewegt, wenn er als klagende Partei einen Greis sieht, ein Muster der Tugend und der Menschenliebe, die Ehre seiner Mitbürger, und ihm gegenüber, von ihm eines dreifachen Verbrechens angeklagt, einen Mann, den seine Erziehung dazu berief, eine ehrenhafte und sogar glänzende Laufbahn zu verfolgen, und der durch seine Stimme und durch die seines Sohnes, eines würdigen Mönches, gegen die dreifache Anklage, deren Gegenstand er ist, protestiert. »Mein Herren Geschworenen, Sie sind noch wie ich unter dem Eindrucke der Plaidoyers, die Sie gehört haben. Wir müssen uns also Gewalt anthun, in die Tiefe von uns selbst hinabsteigen, uns mit Ruhe in diesem feierlichen Augenblicke sammeln, und mit kaltem Blute das Ganze dieser langen Debatten wiederaufnehmen.« Dieser Eingang brachte eine tiefe Bewegung im Gemüthe der Zuhörer hervor, und die Menge folgte, stumm und keuchend, mit einer glühenden Aufmerksamkeit der Analyse des Präsidenten. Nachdem er mit gewissenhafter Treue alle Mittel der Anklage hatte die Revue passieren lassen, nachdem er hervorgehoben, was der Mangel der Vertheidigung Nachtheiliges für den Angeklagten hatte, schloß der ehrenwerthe Gerichtsbeamte seine Rede mit folgenden Worten: »Meine Herren Geschworenen, ich habe vor Ihnen so gewissenhaft und so rasch, als es mir möglich war, das Ganze der Sache auseinandergesetzt. Es kommt nun Ihnen, es kommt Ihrem hohen Scharfsinne, Ihrer erhabenen Weisheit zu, das Gerechte vom Ungerechten zu unterscheiden und zu beschließen. »Während Sie diese Prüfung vollführen, werden Sie jeden Augenblick erschüttert sein durch die tiefen, heftigen Gemüthsbewegungen, welche das Herz des redlichen Mannes in dem Augenblicke ergreifen, wo er ein Urtheil über seines Gleichen fällen und eine entsetzliche Wahrheit verkündigen soll; doch es wird Ihnen weder an der Erleuchtung, noch am Muthe fehlen, und was auch Ihr Urtheil sein mag, es wird der souverainen Gerechtigkeit entfließen, besonders wenn Sie zum Führer den einzigen unfehlbaren Führer nehmen: das Gewissen! »Im Vertrauen auf dieses Gewissen, an dem sich alle Leidenschaften gebrochen haben, – denn es ist taub für Worte, taub für die Freundschaft, taub für den Haß, – bekleidet Sie das Gesetz mit Ihren furchtbaren Functionen, überträgt Ihnen die Gesellschaft ihre Vollmachten, und beauftragt Sie mit ihren gewichtigsten und theuersten Interessen. Die Familien mögen, Ihnen wie Gott selbst vertrauend, sich unter Ihren Schutz stellen, und die Angeklagten, welche das Gefühl ihrer Unschuld haben, mögen in Ihre Hände ihr Leben mit voller Sicherheit legen und Sie, ohne zu zittern, als Richter annehmen.« Dieses scharfe, präcise, kurze Resumé, das vom ersten bis zum letzten Worte das Gepräge der gewissenhaftesten Unparteilichkeit an sich trug, wurde beständig mit der religiösesten Stille angehört. Kaum hatte der Präsident zu sprechen aufgehört, als sich das ganze Auditorium aus innerem Antriebe wie ein einziger Mensch erhob und die lebhaftesten Zeichen von Billigung von sich gab, in die sich der laute Beifall der Advocaten mischte. Herr Gérard hatte den Präsidenten, die Blässe der Angst auf der Stirne, angehört: er fühlte, daß in der Seele des gerechten Mannes, der gesprochen hatte, nicht die Anklage, sondern der Zweifel war. Es war beinahe vier Uhr, als sich die Jury in den Berathungssaal zurückzog. Man führte den Angeklagten weg, und, – unerhörtes Factum in den gerichtlichen Annalen! – nicht eine von den seit dem Morgen anwesenden Personen dachte daran, ihren Platz zu verlassen, welche Zeit auch die Beratschlagung sich verlängern sollte. Es war also von diesem Augenblicke an im Saale ein ungeheures, äußerst belebtes Gespräch, das sich über die verschiedenen Umstände der Debatten entwickelte, während sich zugleich eine entsetzliche Bangigkeit aller Herzen bemächtigte. Herr Gérard hatte gefragt, ob er sich entfernen könne. Seine Kraft reichte aus, um die Todesstrafe beantragen zu hören: sie ging aber nicht so weit, daß er diese Strafe aussprechen zu hören vermochte. Er stand auf, um wegzugehen. Die Menge war, wie gesagt, sehr gedrängt, und dennoch bildete sich sogleich eine Passage auf seinem Wege: Jeder trat auf die Seite, als wollte er einem unreinen oder garstigen Thiere Platz machen: der Zerlumpteste, der Aermste, der Schmutzigste der Zuhörer hätte sich durch die Berührung dieses Menschen befleckt geglaubt. Gegen halb fünf Uhr hörte man den Ton einer Klingel. Vom Inneren des Saales ausgegangen, theilte sich ein Schauer beim Klange dieses Glöckchens nach außen mit. Sogleich, wie eine steigende Fluth, schlug die Woge den Saal, und Jeder beeilte sich, sich niederzusetzen. Doch das war eine vergebliche Aufregung: der Ches der Jury ließ ein Actenstück vom Processe verlangen. Indessen drangen die ersten Strahlen eines bleichen, grauen Tages durch die Fenster ein und singen an das Licht der Kerzen und der Lampen zu vermischen. Das war die Stunde, wo die stärksten Organisationen die Müdigkeit fühlen: es war die Stunde, wo die heitersten Geister die Traurigkeit begreifen: es war die Stunde, wo man friert. Gegen sechs Uhr wurde das Glöckchen aufs Neue hörbar. Diesmal konnte keine Täuschung mehr stattfinden: es war wohl die Freisprechung oder das Todesurtheil, was nach einer zweistündigen Berathung verkündigt werden sollte. Eine elektrische Bewegung theilte sich der ganzen Versammlung mit, deren Schauer man, so zu sagen, aus der Oberfläche sah. Die Stille trat wie durch einen Zauber bei diesem eine Secunde vorher so geräuschvollen und so bewegten Auditorium wieder ein. Die Verbindungsthüre zwischen dem Audienzsaale und dem Berathungssaale öffnete sich, die Mitglieder der Jury erschienen, und Jeder strengte sich an, zum Voraus aus ihrem Gesichte den Spruch, der verkündigt werden sollte, zu lesen: die Züge von einigen derselben deuteten die lebhafteste Gemüthsbewegung an. Der Gerichtshof kam einige Augenblicke nachher. Der Ches der Jury trat vor, und, die Hand aus der Brust, aber mit schwacher Stimme, begann er die Lesung des Wahrspruches. Fünf Fragen waren der Entscheidung der Jury unterworfen worden. Sie waren also abgefaßt: »1. Ist Herr Sarranti schuldig, mit Vorbedacht einen Mord an Orsola begangen zu haben? »2. Ist dieses Verbrechen anderen hiernach specificirten Verbrechen vorangegangen? »3. War der Zweck desselben, die Vollbringung dieser Verbrechen zu erleichtern oder vorzubereiten? »4. Hat Herr Sarranti am Tage des 19. August oder in der Nacht vom 19. aus den 20. einen Diebstahl mit Einbruch in der Wohnung von Herrn Gérard begangen? »5. Hat er die zwei Neffen des genannten Herrn Gérard verschwinden gemacht?« Es trat eine Pause von einem Augenblicke ein. Keine Feder vermöchte die Bangigkeit dieses Augenblicks wiederzugeben, der, obgleich schnell wie der Gedanke, dem Abbé Dominique, welcher mit dem Advocaten bei der leeren Bank des Angeklagten geblieben war, ein Jahrhundert scheinen mußte. Der Chef der Jury sprach folgende Worte: »Bei meiner Ehre und bei meinem Gewissen, vor Gott und vor den Menschen ist die Erklärung der Jury: »»Ja, mit Stimmenmehrheit bei allen Fragen, der Angeklagte ist schuldig!«« Aller Augen waren auf Dominique geheftet: er stand wie die Anderen. Durch die graue Atmosphäre des Morgens sah man seine Blässe sich in Leichenfarbe verwandeln; er schloß die Augen und hielt sich am Geländer fest, um nicht zu fallen. Das ganze Auditorium erstickte einen Seufzer des Schmerzes. Es wurde der Befehl gegeben, den Angeklagten hereinzuführen. Aller Augen wandten sich nach der kleinen Thüre. Herr Sarranti erschien wieder. Dominique reichte ihm die Hand und sprach nur die Worte: »Mein Vater!« Doch er hörte den Todesspruch an, wie er die Anklageacte gehört hatte, – ohne ein Zeichen von Aufregung von sich zu geben. Weniger unempfindlich, stieß Dominique eine Art von Seufzer aus, schaute mit glühendem Auge den Platz an, den Herr Gérard inne gehabt hatte, und zog mit einer krampfhaften Bewegung eine Papierrolle aus seiner Tasche: dann schob er mit einer äußersten Anstrengung diese Rolle wieder in seinen Rock zurück. Während des kurzen Augenblicks, der so viele verschiedenartige Empfindungen in sich schloß, beantragte der Herr Staatsanwalt mit einer mehr erschütterten Stimme, als man von einem Manne hätte erwarten sollen, der diesen strengen Spruch hervorgerufen hatte, gegen Herrn Sarranti die Anwendung der Artikel 293, 296, 302 und 304 des Strafcodex. Der Hof begann die Berathung. Das Gerücht verbreitete sich nun im Saale, wenn Herr Sarranti ein paar Secunden im Saale wiederzuerscheinen gesäumt habe, so sei dies der Fall gewesen, weil er, während man seinen Todesspruch ausgearbeitet, tief eingeschlafen sei. Zugleich sagte man, der Wahrspruch der Schuldhaftigkeit habe nur die streng nothwendige Majorität für sich gehabt. Nach einer Berathung von fünf Minuten setzte sich der Hof wieder, und der Präsident verkündigte mit tiefer Bewegung und einer erstickten Stimme den Spruch, der Herrn Sarranti zur Todesstrafe verurtheilte. Dann sagte er, sich an Herrn Sarranti wendend, der ruhig und unempfindlich gehört hatte: »Angeklagter Sarranti, Sie haben drei Tage, um ein Cassationsgesuch einzureichen.« Sarranti verbeugte sich. »Ich danke, Herr Präsident,« erwiderte er; »doch es ist nicht meine Absicht, dies zu thun.« Dominique schien bei diesen Worten mit Gewalt aus seiner Betäubung gerissen zu werden. »Doch, doch, meine Herren,« rief er, »mein Vater wird um Cassation nachsuchen, denn er ist unschuldig.« »Mein Herr,« sagte der Präsident, »das Gesetz verbietet, solche Worte auszusprechen, wenn das Urtheil verkündigt ist.« »Dem Advocaten des Angeklagten, Herr Präsident, doch nicht seinem Sohne,« rief Emanuel. »Wehe dem Sohne, der nicht immer an die Unschuld seines Vaters glaubt!« Der Präsident schien einer Ohnmacht nahe. »Mein Herr,« sagte er zu Sarranti, dem er diesen Titel gegen alle Gewohnheit gab, »haben Sie eine Bitte an den Hof zu richten?« »Ich bitte, frei meinen Sohn sehen zu dürfen, der sich hoffentlich nicht weigern wird, mir als Priester aus dem Schaffot beizustehen.« »Oh! mein Vater, mein Vater,« rief Dominique, »Sie werden es nie besteigen, das schwöre ich Ihnen!« Mit leiser Stimme fügte er dann bei: »Und wenn es Jemand besteigt, so werde ich es sein.« II Die Liebenden der Rue Macon Wir haben gesagt, welche Wirkung der Urtheilspruch im Inneren des Saales hervorbrachte: die Wirkung war außen nicht minder groß. Kaum waren die Worte: »Zur Todesstrafe!« von den Lippen des Präsidenten gefallen, da war es wie ein langer Seufzer, wie ein ungeheurer Angstschrei, der, vom Innern des Sitzungssaales ausgegangen, durch die Brust von Tausenden bis aus dem Platze des Chatelet wiederhallte und die Zuschauer schauern machte, als ob die Sturmglocke, welche vor der Revolution die viereckige Tour de l’Horloge enthielt, – wie sie es im Chore mit der Glocke von Saint-Germain-l’Auxerrois in der Nacht vom 24. August 1572 that, – das Signal zu Metzeleien einer neuen St. Bartholomäus-Nacht geben würde. Diese ganze Menge zog sich düster und traurig zurück: sie verlief sich langsam und niedergeschlagen, das Herz gepreßt von dem entsetzlichen Urtheile, das gesprochen worden war. Jeder, der unwissend hinsichtlich dessen, was vorging, diese so bestürzte Menge gesehen hätte: Jeder, der diesem stillen Abgange, dieser stummen Desertion beigewohnt hätte, würde kein anderes Motiv für diesen langsamen, düsteren Rückzug gesunden haben, als eine außerordentliche Katastrophe, wie der Ausbruch eines Vulcans, die Ankunft der Pest, oder die ersten Gerüchte von einem Bürgerkrieg. Doch auch derjenige, welcher, nachdem er die ganze Nacht diesen entsetzlichen Debatten beigewohnt, derjenige, welcher in diesem ungeheuren Saale beim zitternden Scheine der, vor den ersten Strahlen des Tages erbleichenden, Lampen und Kerzen hatte das Todesurtheil aussprechen hören und diese drohende Menge sich verlaufen sehen, plötzlich, ohne Uebergang, in das reizende Nest, das Salvator und Fragola bewohnten, versetzt worden wäre, würde einen sehr süßen Eindruck empfunden haben, ein Gefühl ähnlich dem, das die frische Luft eines Maimorgens dem Liederlichen, der die Nacht bei einer Orgie zugebracht hat, geben muß. Er hätte vor Allem das kleine Speisezimmer gesehen, dessen vier Füllungen mit Bildern von Pompeji geschmückt waren; sodann Salvator und Fragola auf jeder Seite eines lackierten Tisches sitzend, auf welchem ein Theeservice in weißem Porzellan von glänzender Feinheit, wenn auch nicht von großem Werthe stand. Mit dem ersten Blicke hätte man sogleich zwei Verliebte, oder zwei Liebende erkannt, – oder vielmehr zwei Geschöpfe, die sich lieben. Aber, fand nicht etwa ein Streit zwischen ihnen statt, was nach der Art, wie das reizende Kind den jungen Mann anschaute, unmöglich schien, – so würde man begriffen haben, daß eine sorgenvolle, melancholische Träumerei über dem Haupte und dem Herzen von Beiden schwebte. Und in der That, das unschuldige Gesicht von Fragola, das eine in der Aprilsonne sich öffnende Frühlingsblume zu sein schien, trug unter dem keuschen, zärtlichen aus ihren Geliebten gehefteten Blicke das Gepräge einer Gemüthsbewegung so tief, daß sie beinahe an den Schmerz grenzte, an sich, und dies, während an ihrer Seite Salvator einem so großen Kummer preisgegeben schien, daß es ihm nicht einmal einfiel, das Mädchen zu trösten. Und diese Traurigkeit war sehr natürlich aus beiden Seiten. Die ganze Nacht abwesend, war Salvator seit einer halben Stunde nach Hause zurückgekommen, und er hatte Fragola in ihren tief erregenden Einzelheiten alle Abenteuer dieser Nacht erzählt: die Erscheinung von Camille von Rozan bei Frau von Marande, die Ohnmacht von Carmelite, und das Todesurtheil von Herrn Sarranti. Das Herz von Fragola schauerte mehr als einmal, während sie diese grauenvolle Erzählung hörte, deren Einzelheiten fast eben so traurig in den vergoldeten Salons des Banquier, als im düsteren Saale des Assisenhofes. In der That, war der Leib von Herrn Sarranti durch den Präsidenten des Gerichtes zum Tode verurtheilt worden, war das Herz von Carmelite nicht auch zum Tode verurtheilt durch den Tod von Colombau? Den Kopf aus die Brust geneigt, träumte sie. Den Kopf auf seine Hände gestützt, meditierte er: denn es öffnete sich ein ganzer Horizont vor ihm. Er erinnerte sich jener Nacht, wo er mit Roland über die Mauern des Schlosses Viry gestiegen war: er erinnerte sich des Laufes von Roland durch die Wiesen, durch den Wald, welcher Laus am Fuße der Eiche sein Ziel gesunden hatte: er erinnerte sich endlich der Wuth, mit der der Hund die Erde aufgekratzt hatte, und des entsetzlichen Eindrucks, der ihn, Salvator, ergriffen, als das Ende seiner gekrümmten Finger die seidenen Haare des Kindes berührte. Welchen Zusammenhang konnte dieser unter einer Eiche begrabene Leichnam mit der Sache von Herrn Sarranti haben? Wäre es, statt ein Beweis zu seinen Gunsten zu sein, vielmehr ein Beweis gegen ihn? . . . Und dann Mina, hieß das nicht sie ins Verderben stürzen? Oh! wenn Gott die Gnade haben wollte, einen Strahl seines Lichtes in das Gehirn von Salvator herabsteigen zu lassen! Vielleicht auch durch Rose-de-Noël . . . Hieß es aber nicht das nervöse Kind tödten, es auf das blutige Kapitel seiner Kindheit zurückbringen? Welche Mission hatte er übrigens erhalten, in allen diesen finsteren Tiefen zu wühlen? Und dennoch, – hatte er nicht den Namen Salvator angenommen, und schien nicht Gott in seine Hand den Faden zu legen, mittelst dessen er sich in diesem Labyrinthe von Verbrechen ausfinden konnte? Er würde Dominique aufsuchen, – war er nicht verbunden gegen diesen Priester, dem er das Leben verdankte? – Er würde zu seiner Verfügung alle diese Halbscheine von Wahrheit stellen, welche wie Blitze blenden müßten. Sobald dieser Entschluß gefaßt war, stand er auf, um ihn in Ausführung zu bringen, als das Geräusch der Klingel ertönte. Roland, der, bei seinem Herrn liegend, langsam seinen verständigen Kopf emporgehoben hatte, richtete sich auf seinen Pfoten auf, als er den Ton des Glöckchens hörte. »Wer kommt, Roland?« fragte Salvator. »Ist es ein Freund?« Der Hund hörte seinen Herrn, und, als hätte er ihn verstanden, ging er langsam auf die Thüre mit dem Schwanze wedelnd zu, was ein untrügliches Zeichen von Sympathie war. Salvator lächelte und öffnete die Thüre. Dominique erschien bleich, traurig und ernst auf der Schwelle. Salvator gab einen Freudenschrei von sich. »Seien Sie willkommen in meinem armen Hause! Ich dachte an Sie; ich war im Begriffe, zu Ihnen zu gehen.« »Ich danke,« sagte der Priester; »Sie sehen, daß ich Ihnen die Mühe des Weges erspart habe.« Fragola war aufgestanden beim Anblicke dieses schönen Mönches, den sie nur ein einziges Mal, beim Bette von Carmelite, gesehen hatte. Dominique schickte sich an, zu sprechen. Salvator machte eine Geberde der Bitte, daß der Mönch, statt zu sprechen, höre. Der Mönch drückte seine halbgeöffneten Lippen wieder zusammen und hörte. »Fragola,« sagte Salvator, »theures Kind meines Herzens, komm hierher!« Das Mädchen näherte sich und stützte ihren Arm auf den Arm ihres Geliebten. »Fragola,« fuhr Salvator fort, »glaubst Du, daß mein Leben seit sieben Jahren von einigem Nutzen für die Menschen gewesen ist, glaubst Du, daß ich einiges Gute auf Erden gethan habe, so kniee vor diesem Märtyrer nieder, küsse den Saum seines Kleides und danke ihm; denn ihm verdanke ich es, daß ich nicht seit sieben Jahren eine Leiche bin!« »Oh! mein Vater!« rief Fragola, sich auf die Kniee werfend. Dominique reichte ihr die Hand und sprach: »Stehen Sie auf, mein Kind; danken Sie Gott: Gott allein gibt und nimmt das Leben.« »Es war also der Abbé Dominique, der in Saint-Roche an dem Tage predigte, wo Du Dich tödten wolltest?« fragte Fragola. »Ich hatte die geladene Pistole in meiner Tasche; mein Entschluß war gefaßt; noch eine Stunde, und ich sollte zu existiren aufhören. Das Wort dieses Mannes hat mich vom Rande des Abgrundes zurückgehalten: ich habe gelebt.« »Und Sie danken Gott, daß Sie leben?« »Oh! ja, von ganzer Seele!« erwiderte Salvator, Fragola anschauend. »Darum sagte ich Ihnen: »»Mein Vater, welche Sache Sie auch wünschen mögen, und sollte Ihnen diese Sache unmöglich scheinen, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es sein mag, ehe Sie an eine andere Thüre klopfen, klopfen Sie an die meine!«« »Und Sie sehen, ich bin gekommen!« »Was wünschen Sie, daß ich thun soll? Befehlen Sie!« »Halten Sie meinen Vater für unschuldig?« »Ja, bei meiner Seele, das ist meine Ueberzeugung; und ich kann Ihnen vielleicht den Beweis seiner Unschuld erlangen helfen.« »Ich habe ihn!« antwortete der Mönch. »Hoffen Sie Ihren Vater zu retten?« »Ich bin dessen sicher!« »Bedürfen Sie der Mitwirkung meines Armes oder meines Verstandes?« »Niemand außer mir selbst kann mir bei Verfolgung meines Werkes helfen.« »Was verlangen Sie dann von mir?« »Etwas, was mir unmöglich scheint, daß ich es durch Ihre Vermittlung erlange; doch Sie hießen mich zu Ihnen kommen, um welcher Sache willen es auch sein möge, und ich hätte nicht kommend zum Verräther an meiner Pflicht zu werden geglaubt.« »Sagen Sie mir Ihren Wunsch.« »Ich muß heute, spätestens morgen eine Audienz beim König erhalten . . . Sie sehen, mein Freund, daß das unmöglich ist . . . wenigstens durch Sie.« Salvator wandte sich lächelnd gegen Fragola um und sagte: »Taube, fliege aus der Arche und komm nur mit dem Oelzweige zurück.« Fragola ging, ohne zu antworten, in das Nebenzimmer, setzte einen Hut mit einem Schleier auf, warf auf ihre Schultern eine Mantille von englischem Stoffe, kam wieder zurück, reichte Salvator ihre Stirne zum Kusse und entfernte sich. »Setzen Sie sich, mein Vater,« sagte der junge Mann. »In einer Stunde werden Sie Ihre Audienz für heute oder für morgen spätestens haben.« Der Priester setzte sich und schaute Salvator mit einem Erstaunen an, das an die Betäubung grenzte. »Aber wer sind Sie denn,« fragte er Salvator, »Sie, der Sie unter einem so demüthigen Anscheine über eine so große Macht verfügen?« »Mein Vater,« antwortete Salvator, »ich bin wie Sie: ich muß allein auf dem Wege gehen, den ich mir vorgezeichnet habe; erzähle ich aber je einem Menschen mein Leben, so verspreche ich Ihnen, daß Sie es sein werden.« III Die Quadrupel Allianz Das Atelier, oder vielmehr das Gewächshaus von Regina, bot in der Stunde, wo der Abbé Dominique bei Salvator eintrat, das heißt gegen zehn Uhr Morgens, das anmuthige Schauspiel von drei auf demselben Sopha gruppierten Frauen mit einem zu ihren Füßen liegenden Kinde. Diese drei Frauen, welche unsere Leser schon erkannt haben, waren die Gräfin Rappt, Frau von Marande und Carmelite; das Kind war die kleine Abeille. Beunruhigt über die Art, wie Carmelite die Nacht zugebracht, hatte Regina, frühzeitig aufgestanden, Nanon abgeschickt, um sich nach ihrer Freundin erkundigen zu lassen, und zugleich mit dem Auftrage, sie in ihrem Wagen zurückzubringen, sollte sie sich wohl genug fühlen, um den Morgen im Hotel Lamothe-Houdan zuzubringen. Carmelite besaß die unbezwinglichste von allen Kräften: die Willenskraft; sie verlangte von Nanon nur die Zeit, um einen Shawl über ihre Schultern zu werfen, stieg in den Wagen und kam zu Regina. Sie hatte Regina für alle ihre Bemühungen am vorhergehenden Tage zu danken: das war das erste Bedürfniß ihrer Seele: die Beschwerden ihres Leibes kamen erst nachher. Man höre nun, was geschehen war. Als Herr von Marande gegen sieben Uhr Morgens das Zimmer seiner Frau verließ, suchte Frau von Marande zu schlafen, doch vergebens: es war ihr unmöglich. Um acht Uhr stand sie auf: sie nahm ein Bad, und ließ dann Herrn von Marande um Erlaubnis bitten, sich nach Carmelite erkundigen zu dürfen. Herr von Marande, der auch nicht geschlafen hatte und schon bei der Arbeit war, klingelte, und ließ, statt jeder Antwort, dem Kutscher sagen, er solle anspannen und sich Madame für den ganzen Morgen zur Verfügung stellen. Um zehn Uhr stieg Frau von Marande in den Wagen und gab Befehl, nach der Rue de Tournon zu fahren. Sie kam gerade in dem Augenblicke an, wo sich Carmelite von Hause entfernt hatte: doch die Kammerfrau wußte zum Glücke, wohin Carmelite gegangen war: der Kutscher erhielt also Befehl, seine Gebieterin nach dem Boulevard des Invalides zur Gräfin Rappt zu fahren. Frau von Marande traf hier zehn Minuten nach Carmelite ein. Carmelite hatte die kleine Abeille aus den Knieen aus einem Tabouret vor Regina gefunden: sie ließ sich als wahre Coquette, was sie schon war, die Einzelheiten der Soirée am vorhergehenden Abend erzählen. In dem Augenblicke, wo Regina dem Kinde die Ohnmacht von Carmelite erzählte, welche Ohnmacht sie durch die erstickende Hitze, die in den Salons herrschte, zu erklären suchte, trat Carmelite ein, und das Kind warf sich ihr um den Hals, küßte sie zärtlich und fragte, wie sie sich befinde. Regina hatte zwei Gründe gehabt, um zu Carmelite zu schicken: einmal wollte sie Kunde über ihre Gesundheit haben; und dann, wenn Carmelite käme, um sie selbst zu geben, gedachte sie ihr zu sagen, es sei am Abend große Fete im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, und ihr einen Einladungsbrief zuzustellen: das Mädchen könnte, nach ihrem Belieben, auf diesen Ball als Eingeladene oder als Künstlerin gehen, singen oder nicht singen. Carmelite nahm die Einladung im Namen der Künstlerin an; sie hatte am Tage vorher eine so harte, zu gleicher Zeit aber so heilsame Prüfung durchgemacht, daß sie fortan nichts mehr zu fürchten brauchte. Kein Publikum, selbst das eines Ministeriums, war zu fürchten, so fremd es der Kunst sein mochte; kein Mensch konnte mehr diejenige erschrecken, welche vor dem unheilvollen Gespenste, das ihr erschienen war, gesungen hatte. Es wurde also verabredet, Carmelite sollte auf diesen Ball als Künstlerin gehen, – von Regina vorgestellt und patronisirt. Man war so weit, als Frau von Marande eintrat. Es war ein Freudenschrei, zugleich von den zwei Freundinnen und von der kleinen Abeille ausgestoßen, welche Frau von Marande ungemein liebte. »Ah! die Fee Türkis!« rief Abeille. Frau von Marande hatte die schönsten Türkise von Paris, und darum nannte sie Abeille so, wie sie ihre Schwester die Fee Carita nannte, wegen ihres Abenteuers mit Rose-de-Noël: wie sie Carmelite die Fee Grasmücke nannte, wegen ihrer bewunderungswürdigen Stimme, und Fragola die Fee Mignonne, wegen ihrer zarten Taille und ihres graziösen Halses. Waren die vier jungen Frauen beisammen, so behauptete Abeille, das Reich der Feen sei vollständig. Das Reich der Feen sollte an diesem Tage vollständig sein: denn kaum hatte Frau von Marande einen Kuß mit ihren zwei Freundinnen ausgetauscht, als die Thüre sich öffnete und man Fragola meldete. Die drei jungen Frauen stürzten der vierten Freundin entgegen, derjenigen von Allen, welche man am seltensten sah, und umarmten sie nach und nach, während Abeille, welche eiligst ihren Theil an den Liebkosungen haben wollte, um die Gruppe hüpfte und rief: »Und ich! und ich! liebst Du mich nicht mehr, Fee Mignonne?« Fragola wandte sich endlich gegen Abeille um, hob sie in ihren Händen wie einen Vogel aus und bedeckte das Gesicht des kleinen Mädchens mit Küssen. »Man sieht Dich nicht mehr, Liebe!« sagten gleichzeitig Regina und Frau von Marande, indeß sich Carmelite, der Fragola während ihrer Wiedergenesung treue Gesellschaft geleistet hatte, da sie ihr keinen ähnlichen Vorwurf machen konnte, daraus beschränkte, daß sie ihr die Hand drückte. »Es ist wahr, meine Schwestern,« erwiderte Fragola, »Ihr seid die Prinzessinnen, und ich bin die arme Cendrillon,[11 - Aschenbrödel.] muß beim Herde bleiben . . . « »Ah! nicht wie Cendrillon,« sagte Abeille, »wie Trilby.« Das Kind hatte das reizende Mährchen von Charles Nodier gelesen. »Außer bei großen Veranlassungen,« fuhr Fragola fort, »außer bei ernsten Dingen . . . Dann wage ich es, und ich komme, um Euch zu fragen, theure Schwestern, ob Ihr mich immer noch liebt?« Eine dreifache Umarmung beantwortete diese Frage. »Große Veranlassungen . . . ernste Dinge…« wiederholte Regina; »in der That, Dein hübsches Gesicht ist traurig.« »Sollte Dir ein Unglück widerfahren sein?« fragte Frau von Marande. »Dir . . . oder ihm?« fragte Carmelite, welche begriff, daß die größten Mißgeschicke nicht immer diejenigen sind, welche uns treffen. »Oh! nein, Gott sei gelobt!« rief Fragola; »weder ihm, noch mir, sondern einem Freunde.« »Welchem Freunde?« fragte Regina. »Dem Abbé Dominique.« »Ah! es ist wahr,« rief Carmelite, »sein Vater . . . !« »Verurtheilt!« »Zum Tode?« »Zum Tode!« Die jungen Frauen stießen einen schwachen Schrei aus. Dominique war der Freund von Colombau gewesen. Dominique war ihr Freund. »Was kann man für ihn thun?« fragte Carmelite. »Soll man um die Begnadigung von Herrn Sarranti bitten?« sagte Regina. »Mein Vater ist beim König wohl gelitten.« »Nein,« erwiderte Fragola, »man muß um etwas minder Schwieriges bitten, meine geliebte Regina, und Du bist es, die darum bitten wird.« »Was ist es? Sprich!« »Man muß den König um einen Audienzbrief bitten.« »Für wen?« »Für den Abbé Dominique.« »Für welchen Tag?« »Für heute.« »Ist es nur das?« »Ja . . . es ist wenigstens Alles, was er für den Augenblick verlangt.« »Klingle, mein Kind,« sagte Regina zu Abeille. Abeille klingelte. Sodann zu Regina zurückkommend, fragte sie: »Oh! meine Schwester, wird man ihn tödten?« »Wir werden thun, was nur immer möglich ist, damit ein solches Unglück nicht geschieht,« erwiderte Regina. In diesem Augenblicke erschien Nanon. »Lassen Sie sogleich einspannen,« sagte Regina, »ohne eine Minute zu verlieren, und melden Sie meinem Vater, ich begebe mich wegen einer höchst wichtigen Angelegenheit in die Tuilerien.« Nanon entfernte sich. »Zu wem gehst Du in den Tuilerien?« fragte Frau von Marande. »Zu wem soll ich gehen, wenn nicht zur vortrefflichen Herzogin von Berry?« »Ah! Du gehst zu Madame?« sagte die kleine Abeille. »Ich will mit Dir gehen. Mademoiselle hat mir gesagt, ich soll jedes Mal kommen, so oft mein Vater oder Du Madame die Aufwartung machen.« »Wohl, es sei; komm!« »Oh! welch ein Glück! welch ein Glück!« rief Abeille. »Liebes Kind!« sprach Fragola, das Mädchen umarmend. »Ja, und während meine Schwester Madame sagt, der Abbé Dominique müsse den König sehen, werde ich Mademoiselle sagen, wir kennen den Abbé, und man dürfe seinem Vater nichts zu Leide thun.« Die vier Frauen weinten, als sie das naive Versprechen des Kindes hörten, das, ohne genau zu wissen, was das Leben ist, schon gegen den Tod kämpfte. Nanon kam wieder und meldete, da der Marschall so eben selbst von den Tuilerien zurückkehre, so stehe ein Wagen im Hofe angespannt. »Vorwärts!« rief Regina; »verlieren wir keinen Augenblick. Komm, Abeille, und thu’, was Du sagtest: das kann Dir nur Glück bringen.« Dann schaute sie aus die Pendeluhr, wandte sich an ihre drei Freundinnen und sagte: »Es ist elf Uhr: um Mittag werde ich mit dem Audienzbriefe zurück sein. Erwarte mich, Fragola.« Hiernach ging Regina ab und ließ ihre Freundinnen beisammen, – voll Vertrauen zum Einflusse von Regina, besonders aber zur wohlbekannten Güte von derjenigen, deren erhabene Protection sie anflehen wollte. Wir haben schon einmal, wie man sich erinnert, die vier Hauptheldinnen unseres Romans am Fuße des Bettes von Carmelite getroffen: wir sinken sie diesmal am Fuße des Schaffots von Herrn Sarranti versammelt. Wir haben ein paar Worte von ihrer gemeinschaftlichen Erziehung gesagt: schauen wir weiter vor in diesen ersten Jahren der ganz von Blumen und Wohlgerüchen erfüllten Jugend, und sehen wir das Band, das sie vereinigte. Wir haben Zeit, einen Schritt rückwärts zu machen: Regina hat selbst gesagt, sie werde nicht vor Mittag zurücksein. Dieses Band war mächtig: es mußte so sein, um aus vier, den Neigungen, dem Range, dem Temperamente, der Laune nach so verschiedenen, Mädchen eine und dieselbe Neigung, eine und dieselbe Laune, einen einzigen Willen zu machen. Alle Vier, Regina, Tochter des noch lebenden Generals von Lamothe-Houdan: Lydie, die Tochter des, wie wir gesehen, gestorbenen Obersten Laclos: Carmelite, die Tochter des bei Champaubert getödteten Kapitäns Gervais: und Fragola, die Tochter des bei Waterloo gefallenen Trompeters Ponroy, waren Töchter von Legionären und hatten ihre Erziehung im kaiserlichen Hause zu Saint-Denis erhalten. Beantworten wir aber vor Allem eine Frage, die diejenigen, welche uns aus der Fährte folgen, um uns aus einem Versehen zu ertappen, unfehlbar an uns machen würden. Wie war Fragola, die Tochter eines einfachen Trompeters, eines gemeinen Reiters, in Saint-Denis zugelassen worden, wo nur den Töchtern von Officieren der Eintritt gewährt wird? Wir werden es in ein paar Zeilen sagen. Bei Waterloo, in dem Augenblicke, wo Napoleon, fühlend, daß die Schlacht unter seinen Händen eine Wendung zum Weichen nahm, Befehle über Befehle an seine verschiedenen Divisionen sandte, mußte er nothwendig eine Ordre an den General Grafen von Lobau, Commandanten der jungen Garde, schicken. Er schaute umher: keine Adjutanten mehr: Alle waren abgegangen, das Schlachtfeld in jeder Richtung durchfurchend. Er erblickte einen Trompeter und rief ihm. Der Trompeter eilte herbei. »Höre,« sagte er zu ihm, »bringe diesen Befehl dem General Lobau und suche aus dem kürzesten Wege zu ihm zu gelangen. Es hat Eile.« Der Trompeter schaute auf den Weg, welcher zu durchreiten war, und schüttelte den Kopf. »Es geht heiß auf diesem Wege zu!« sagte er. »Hast Du Angst?« »Ah! ja wohl, ein Ritter der Ehrenlegion!« »Nun wohl, so geh’ also ab! hier ist der Befehl!« »Und wenn ich getödtet werde, wird mir der Kaiser eine Gnade bewilligen?« »Ja, sprich geschwinde . . . Was willst Du?« »Ich wünsche, daß, wenn mich der Tod trifft, meine Tochter Athenais Ponroy, welche mit ihrer Mutter in der Rue des Amandiers Nr. 17 wohnt, in Saint-Denis wie eine Officierstochter erzogen werde.« »Das wird geschehen: gehe ruhig.« »Es lebe der Kaiser!« rief der Trompeter. Und er ging im Galopp ab. Er durchritt die ganze Front der Schlacht und kam bis zum Grafen Lobau: nun, als er ankam, fiel er, dem General das Papier reichend, das den Befehl enthielt, vom Pferde. Ein Wort auszusprechen, war ihm unmöglich: er hatte den Schenkel gebrochen, eine Kugel im Bauche und eine andere in der Brust. Niemand hörte mehr etwas vom Trompeter Ponroy. Doch der Kaiser erinnerte sich seines Versprechens: bei seiner Ankunft in Paris gab er Befehl, die Kleine sogleich nach Saint-Denis zu führen und dort aufzunehmen. So war die demüthige Athenais Ponroy, – deren ein wenig anspruchsvoller Taufname Salvator in den Fragola verwandelt hatte, – so war die demüthige Athenais Ponroy in Saint-Denis mit den Töchtern der Obersten und der Marschälle ausgenommen worden. Diese vier Mädchen von so verschiedenen Lebenslagen und Glücksumständen fanden sich eines Tags eng verbunden durch eine Herzensverschwisterung, welche dieselben, sie von der Kindheit an vereinigend, erst beim Tode trennen sollte. Für sich allein, so zu sagen, die ganze französische Gesellschaft repräsentierend, hätte man sie für die Verkörperung der Aristokratie, des Adels aus dem Kaiserreiche, des Bürgerthums und des Volkes gehalten. Alle Vier von demselben Alter, mit einem Unterschiede von ein paar Monaten, hatten sie von den ersten Tagen ihres Eintrittes in das Pensionnat an für einander eine lebhafte Sympathie gefühlt, welche gewöhnlich in den Colleges oder den Pensionnats die Zöglinge von so verschiedenen Ständen und Lebenslagen nicht hegen; unter diesen vier Mädchen hatte der Rang, das Vermögen, der Name keine Bedeutung die Tochter des Capitäns Gervais hieß Carmelite für Lydie, die Tochter des Trompeters Ponroy hieß Athenais für Regina. Keine Erinnerung an die Größe der Einen oder die geringen Herkunft der Andern störte diese reine Zuneigung, welche allmählich eine innige und tiefe Freundschaft wurde. Der Kindeskummer, der Eine treffen mochte, fand einen Wiederhall im Herzen der drei Anderen, und wie sie ihr Leid theilten, so theilten sie auch ihre Freuden, ihre Hoffnungen, ihre Träume, kurz ihr Leben; denn ist in dieser Zeit das Leben etwas Anderes, als ein Traum? Es war die Verschwisterung in der vollen Bedeutung des Wortes, die Verschwisterung wachsend und sich immer enger schließend, nach Maßgabe der Tage, der Monate, der Jahre, und im letzten Jahre solche Verhältnisse annehmend, daß ihre Quadrupel-Allianz in Saint-Denis sprichwörtlich geworden war. Doch es sollte der letzte Tag dieses gemeinschaftlichen Lebens kommen. Noch einige Monate, und Jede sollte, aus Saint-Denis austretend, einen andern Weg einschlagen, um nach dem väterlichen Hause zurückzukehren: die Eine nach dem Faubourg Saint-Germain, die Andere nach dem Faubourg Saint-Honoré, Diese nach dem Faubourg Saint-Jacques, Jene nach dem Faubourg Saint-Antoine. Ebenso sollten sie vier verschiedenen Wegen im Leben folgen, und Jede sollte in eine Welt eintreten, wo ihr die drei Anderen nur noch durch Zufall begegnen könnten. Es war also vorbei mit dieser reizenden Vertraulichkeit, mit diesem süßen Leben zu Vier, wobei Keine verloren und Jede gewonnen hatte! es war geschehen um dieses seit vier Jahren von denselben Gemüthsbewegungen schlagende Quadrupel-Herz! es war geschehen um diese friedliche, lächelnde Kindheit! Alles dies sollte verschwinden ohne Hoffnung aus Wiederkehr. Dieser zu Vier begonnene Traum, Jede sollte ihn allein fortsetzen: der Kummer der Einen würde der Andern unbekannt sein. Das Pensionsleben war ein langer, köstlicher Traum: das wirkliche Leben sollte ansangen. Ohne Zweifel war es der Zufall, oder vielmehr – lassen wir dieser grausamen Gottheit ihren wahren Namen, – das Geschick, das sie unter seinem Hauche zerstreute und wie Blumen in den vier Winden des Lebens verzettelte. Doch sie widerstanden muthig, bogen sich wie die Rohre, brachen aber nicht. Sie legten ihre vier weißen Hände in einander und schworen sich feierlich, sich gegenseitig zu unterstützen, beizustehen, zu lieben, mit einem Worte, wie im Pensionnat, und dies bis zum letzten Tage ihres Lebens. Sie machten also unter sich den Vertrag, dessen Hauptclausel war, Jede sollte sich erheben auf den Ruf der Andern, zu jeder Stunde des Tages, zu jeder Stunde der Nacht, in welchem Momente des Lebens es wäre, in welcher freien oder dornigen, freudigen oder traurigen, gefährlichen oder verzweifelten Lage, die Eine von ihnen die Andere oder sogar die drei Anderen zu Hilfe rufen würde. Wir haben sie, diesem Vertrage treu, auf den Ruf der sterbenden Carmelite erscheinen sehen; wir werden sie nicht minder pünktlich bei nicht minder ernster Veranlassung wiederfinden. Wir haben gesagt, wie es verabredet war, alle Jahre am Aschermittwoch bei der Mittagsmesse in Notre-Dame zusammenzukommen. In den zwei bis drei Jahren, welche seit ihrem Austritte aus der Pension verlaufen waren, hatten Carmelite und Fragola ihre Freundinnen fast nur bei diesem jährlichen Rendez-vous gesehen, Fragola hatte hierbei auch ein Jahr gefehlt. Erzählen wir je ihre Geschichte, so werden wir sagen, bei welcher Gelegenheit. Regina und Lydie hatten sich etwas öfter gesehen. Doch diese Seltenheit des Zusammenseins der vier Mädchen hatte ihre Freundschaft nur wachsen gemacht, statt sie zu schwächen, und sie Vier hätten vielleicht, sich auf einander stützend, erreicht, was ein Congreß von Diplomaten nicht hätte erreichen können. Und, in der That, sie Vier hielten, auf die vier aufsteigenden und absteigenden Sprossen der Gesellschaft gestellt, die Schlüssel des ganzen socialen Gebäudes: den Hof, die Aristokratie, die Armee, die Wissenschaft, die Geistlichkeit, die Sorbonne, die Universität, die Academie, das Volk, was weiß ich? Ihre Schlüssel paßten in alle Schlösser, öffneten alle Thüren; sie Vier repräsentierten die absolute, unbegrenzte Macht. Nur gegen den Tod, wie wir gesehen haben, vermochten sie nichts. Mit denselben Tugenden begabt, von denselben Grundsätzen erfüllt, von denselben Gefühlen durchdrungen, zu denselben Opfern, zu derselben Hingebung fähig, schienen sie geboren für das Gute, und vereinzelt oder mit einander, um welchen Preis es sein mochte, strengte sich, war die Gelegenheit geboten, Jede an, es zu vollbringen. Wir werden ohne Zweifel in der Folge unserer Erzählung Gelegenheit haben, sie im Kampfe mit Leidenschaften aller Art zu beobachten, und wir werden dann vielleicht sehen, wie aus den furchtbarsten Kämpfen die wohlgestählten Seelen siegreich hervorgehen können. Hören wir nun. Es hat zwölf Uhr geschlagen, Regina muß bald zurückkommen. Einige Minuten nach zwölf Uhr wird das Rollen eines Wagens hörbar. Die drei jungen Frauen, welche mit einander sprachen . . . worüber? Carmelite gewiß von Todten: die zwei Anderen vielleicht von Lebenden, – die drei jungen Frauen erhoben sich gleichzeitig. Die Herzen schlugen gleichstimmig: das von Fragola aber sicherlich lebhafter, als die der zwei Anderen. Plötzlich hörte man die Stimme der kleinen Abeille, welche, ein köstlicher Vorläufer, entsprungen war, rufen: »Hier sind wir! hier sind wir! hier sind wir! Meine Schwester Regina hat die Audienz.« Und so rufend erschien sie im Gewächshause. Regina trat wirklich hinter ihr lächelnd wie eine Siegerin ein: sie hielt den Audienzbrief in der Hand. Die Audienz war in dem Briefe aus denselben Tag um halb drei Uhr bestimmt: es war also keine Minute zu verlieren. Die zwei jungen Frauen umarmten sich, ihre Freundschaftsschwüre erneuernd. Fragola ging rasch die Treppe hinab, sprang in den Wagen, der schneller zu fahren versprach, als ihr Fiacre, und der mit Wappen geschmückte Wagen brachte das schöne, reizende Kind nach seiner bescheidenen Wohnung und hielt vor der Thüre des Ganges der Rue Macon an. Die zwei Männer standen am Fenster. »Sie ist es!« sagten sie gleichzeitig. »In einem mit Wappen geschmückten Wagen?« fragte der Mönch Salvator. »Ja: doch das ist nicht die Frage. Hat sie den Audienzbrief oder hat sie ihn nicht?« »Sie hält ein Papier in der Hand!« rief der Mönch. »Dann geht Alles gut,« sagte Salvator. Dominique eilte nach dem Ruheplatze. Fragola hörte die Thüre sich öffnen und rief: »Ich bin es … ich habe den Brief!« »Für welchen Tag?« fragte Dominique. »Für heute, in zwei Stunden!« »Ah!« rief der Mönch, »seien Sie gesegnet, mein theures Kind!« »Und Gott sei gelobt, mein Vater!« sprach Fragola, indem sie ehrerbietig mit ihrer kleinen weißen Hand dem Mönche den Audienzbrief des Königs überreichte. IV Der Aufschub Der König war an diesem Tage nicht gerade von einer tollen Heiterkeit. Die Auflösung der Nationalgarde, welche im Moniteur von Morgen laconisch angekündigt worden war, hatte die ganze handeltreibende Partei in Aufruhr gebracht. Die Herren Krämer, wie die Herren von Hofe sie nannten, waren nie zufrieden: sie murrten, wie wir schon gesagt haben, wenn man sie die Wache beziehen ließ und sie murrten, wenn man ihnen verbot, sie zu beziehen. Was wollten sie denn? Die Juli-Revolution zeigte, was sie wollten. Fügen wir diesem bei, daß die Verurtheilung von Herrn Sarranti, welche sich durch die ganze Stadt verbreitet hatte, als eine unheilvolle Kunde, nicht wenig dazu beitrug, die Gährung bei einer ansehnlichen Partei zu vermehren. Und, obschon Seine Majestät die Messe in Gesellschaft Ihrer Königlichen Hoheiten des Dauphin, der Frau Herzogin von Berry gehört; obschon Sie Seine Herrlichkeit den Kanzler, Ihre Excellenzen die Minister, die Staatsräthe, die Cardinäle, den Herrn Fürsten von Talleyrand, den Nuntius des Papstes, den Gesandten von Sardinien, den Gesandten von Neapel, den Großreferendär der Pairskammer, eine große Anzahl von Deputirten und Generalen empfangen; obschon Sie den Heirathsvertrag von Herrn Tassin de la Valliere, General-Einnehmer der Finanzen der Ober-Pyrenäen, mit Fräulein Charlet unterzeichnet hatte, hatten doch diese verschiedenen Uebungen nicht den Einfluß gehabt, die Stirne des sorgenvollen Monarchen zu entrunzeln, und wir wiederholen, Seine Majestät war auf taufend Meilen davon entfernt, von einer tollen Heiterkeit zwischen ein und zwei Uhr des Nachmittags am 30. April 1827 zu sein. Seine Stirne drückte im Gegentheile eine düstere Unruhe aus, die ihm gewöhnlich fremd. Es war in dem königlichen Greise, der gut und einfältigen Herzens, ein wenig von der Sorglosigkeit des Kindes; überdies war er überzeugt, er gehe auf dem guten, auf dem wahren Wege, und der Letzte von dem Geschlechte, dessen Schutzdach die Falten der weißen Fahne bildeten, hatte er zum Wahlspruche die Devise der alten Tapfern genommen; Thue, was Du sollst, komme, was da will! Er trug nach seiner Gewohnheit jene Uniform, – blau mit Silber, – mit der Vernet ihn, eine Revue passierend, gemalt hat: er hatte auf der Brust das große Band und den Stern vom heiligen Geiste, mit welcher Decoration er ein Jahr später Victor Hugo empfangen und ihm die Aufführung von Marion Delorme verweigern sollte. – Die Verse des Dichters über diese Zusammenkunst leben noch: Marion Delorme wird immer leben. Wo bist Du, guter König Karl X., der Du den Kopf der Väter den Kindern und die Aufführung der Stücke den Dichtern verweigertest? Als er den Huissier vom Dienste den Besuch melden hörte, für welchen ihn seine Schwiegertochter um eine Audienz gebeten hatte, hob der König sein gebeugtes Haupt empor. »Der Abbé Dominique Sarranti?« wiederholte er maschinenmäßig: »ja, das ist es!« Doch ehe er antwortete, nahm er von seinem Schreibtische ein Blatt Papier, und als er es mit den Augen durchlaufen hatte, sagte er: »Man lasse den Abbé Dominique eintreten.« Der Abbé Dominique erschien aus der Thürschwelle: hier blieb er, die Hände aus seiner Brust gekreuzt, stehen und verbeugte sich tief. Der König verbeugte sich auch, nicht vor dem Menschen, sondern vor dem Priester. »Treten Sie ein, mein Herr,« sagte er. Der Abbé machte ein paar Schritte vorwärts und blieb abermals stehen. »Herr Abbé,« sprach der König, »die Schnelligkeit, mit der ich Ihnen diese Audienz bewilligt habe, muß Ihnen beweisen, wie ich alle Diener Gottes besonders hochschätze.« »Das ist eine von den Eigenschaften Eurer Majestät, welche ihr zum Ruhme gereicht, und zugleich eines ihrer schönsten Anrechte auf die Liebe ihrer Unterthanen.« »Ich höre Sie, Herr Abbé,« sagte der König, indem er die den Fürsten, wenn sie Audienz geben, eigenthümliche Haltung annahm. »Sire,« sprach Dominique, »mein Vater ist heute Nacht zum Tode verurtheilt worden.« »Ich weiß es, mein Herr, und ich habe tief hierüber für Sie geseufzt.« »Mein Vater war unschuldig an den Verbrechen, wegen deren er verurtheilt worden ist . . . « »Entschuldigen Sie, Herr Abbé,« unterbrach Karl X., »das war nicht die Meinung der Herren Geschworenen.« »Sire, die Geschworenen sind Menschen, und wie diese können sie durch den Anschein getäuscht sein.« »Ich gebe Ihnen das zu, Herr Abbé, eher als einen Kindestrost, denn als ein Axiom des menschlichen Rechts; so weit aber Gerechtigkeit von den Menschen geübt werden kann, ist Gerechtigkeit gegen Ihren Vater von den Herren Geschworenen geübt worden.« »Sire, ich habe den Beweis der Unschuld meines Vaters!« »Sie haben den Beweis der Unschuld Ihres Vaters?« wiederholte Karl X. mit Erstaunen. »Ich habe ihn, Sire!« »Und warum haben Sie ihn nicht früher gegeben?« »Ich konnte nicht.« »Nun wohl, mein Herr, da es glücklicher Weise noch Zeit ist, so geben Sie ihn mir.« »Ihnen den Beweis geben, Sire?« sagte der Abbé Dominique, indem er sein Haupt neigte; »leider ist das unmöglich.« »Unmöglich?« »Ach! ja, Sire.« »Und welches Motiv kann einen Menschen abhalten, die Unschuld eines Verurtheilten laut zu erklären, wenn besonders dieser Mensch ein Sohn, und dieser Verurtheilte sein Vater ist?« »Sire, ich kann Eurer Majestät nicht antworten, doch der König weiß, ob derjenige, welcher bei den Andern die Lüge bekämpft, derjenige, welcher sein Leben mit Erforschung der Wahrheit zubringt, wo immer sie auch sein mag, kurz einer der Diener des Herrn, – der König weiß, ob dieser lügen könnte und besonders möchte. Nun wohl, Sire, unter der Rechten des Herrn, des Herrn, den ich anflehe, mich zu bestrafen, wenn ich lüge, erkläre ich laut zu den Füßen Eurer Majestät die Unschuld meines Vaters; ich versichere mit allen Kräften meines Gewissens und schwöre Eurer Majestät, daß ich Ihr den Beweis hiervon früher oder später geben werde.« »Herr Abbé,« erwiderte der König mit einer majestätischen Sanftmuth, »Sie sprechen als Sohn, und ich ehre das Gefühl, das Ihnen Ihre Worte eingibt; erlauben Sie mir aber, daß ich Ihnen als König antworte.« »Oh! Sire, ich höre mit gefalteten Händen.« »Ginge das Verbrechen, dessen Ihr Vater beschuldigt ist, nur mich an, griffe es unmittelbar nur mich an; wäre es mit einem Worte ein politisches Verbrechen, ein Attentat gegen die Ruhe des Staates, ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung, oder sogar ein Attentat gegen mein eigenes Leben, hätte der Streich getroffen, wäre ich verwundet, tödtlich verwundet, wie es meinem armen Sohne durch Louvel geschehen ist, ich thäte, was mein sterbender Sohn gethan hat, mein Herr, zu Gunsten Ihres Kleides, das ich achte, Ihrer Frömmigkeit, die ich ehre: mein letzter Act wäre die Begnadigung Ihres Vaters.« »Oh! Sire, wie gut sind Sie!« »Doch es ist nicht so: die politische Anklage ist vom Staatsanwalte beseitigt worden, und die des Diebstahls, der Entführung, des Mordes . . . !« »Sire! Sire!« »Ah! ich weiß, daß das grausam zu hören ist; da ich aber verweigere, so muß ich wenigstens die Ursachen meiner Weigerung sagen . . . Die Beschuldigung des Diebstahls, der Entführung und des Mordes ist also stehen geblieben. Durch diese Anklage ist aber nicht der König bedroht, ist nicht der Staat in Gefahr, ist weder die Majestät, noch die königliche Macht kompromittiert; die Gesellschaft ist angegriffen, und die Moralität schreit um Rache.« »Ah! wenn ich sprechen könnte, Sire!« rief Dominique, die Hände ringend. »Diese drei Verbrechen, deren Ihr Vater nicht nur angeklagt, sondern überwiesen ist, – überwiesen, da die Jury geurtheilt hat und die, von der Charte den Franzosen zugestandene, Jury ein unfehlbares Tribunal ist, – diese drei Verbrechen sind die gemeinsten, die niederträchtigsten, die am Gerechtesten strafbaren: das geringste von den dreien verdient die Galeeren.« »Sire! Sire! Erbarmen! sprechen Sie dieses erschreckliche Wort nicht aus!« Der Abbé Dominique sank aus seine Knie«. Der König fuhr fort: »Sie wollen, daß, während es sich um diese drei entsetzlichen Verbrechen handelt, ich, der Vater meiner Unterthanen, den Schuldigen die Ermunterung gebe, mein Begnadigungsrecht zu benützen, während ich, wenn ich es hätte, und zum Glück habe ich es nicht, von meinem Rechte über Leben und Tod Gebrauch machen müßte? . . . Wahrhaftig, Herr Abbé, Sie, der Sie Großjusticiar beim Tribunal der Buße sind, fragen Sie sich selbst und sagen Sie, ob Sie einem so großen Verbrecher, wie es Ihr Vater, ist, andere Worte zu sagen hätten, als die, die einzigen, welche mir mein Herz eingibt: »»Ich rufe aus den Todten die ganze göttliche Barmherzigkeit herab, doch ich muß den Lebenden bestrafend Gerechtigkeit üben.«« »Sire,« rief der Abbé die ehrerbietigen Formeln, die officielle Etiquette vergessend, die der Abkömmling von Ludwig XIV. so streng beobachten ließ, »Sire, enttäuschen Sie sich: es ist nicht der Sohn, der zu Ihnen spricht, es ist nicht der Sohn, der Sie bittet, es ist nicht der Sohn, der Sie anfleht; es ist ein ehrlicher Mensch, der, die Unschuld eines andern Menschen kennend, Ihnen zuruft: Nicht zum ersten Male irrt sich die menschliche Gerechtigkeit, Sire! Sire, erinnern Sie sich an Calas; Sire, erinnern Sie sich an Labarre; Sire, erinnern Sie sich an Lesurques! Ludwig XV., Ihr erhabener Ahn, hat gesagt, er gäbe eine von seinen Provinzen, wenn Calas nicht unter seiner Regierung hingerichtet worden wäre; Sire, ohne es zu wissen, sind Sie im Begriffe, das Beil aus den Hals eines Gerechten fallen zu lassen; Sire, im Namen des lebendigen Gottes sage ich Ihnen, der Schuldige wird gerettet sein, und der Unschuldige wird sterben!« »Ei! mein Herr,« erwidert der König bewegt, »dann sprechen Sie! so sprechen Sie doch! Kennen Sie den Schuldigen, so nennen Sie ihn mir, oder, ein entarteter Sohn, sind Sie der Henker; ein Vatermörder, sind Sie es, der Ihren Vater tödtet! . . . Auf, sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie! das ist nicht nur Ihr Recht, sondern Ihre Pflicht!« »Sire, es ist meine Pflicht, zu schweigen,« antwortete der Abbé, dem die Thränen, – die ersten, die er vergossen hatte, – die Augen überflutheten. »Ist es so, Herr Abbé,« fügte der König, der die Wirkung sah, ohne die Ursache zu begreifen, und sich durch das, was er als eine Halsstarrigkeit des Mönches betrachtete, verletzt zu fühlen anfing; »ist es so, dann erlauben Sie’ mir, mich dem Spruche der Herren Geschworenen zu unterwerfen.« Und er machte ein Zeichen, das dem Mönche bedeutete, die Audienz sei beendigt. Doch so gebietend auch die Geberde des Königs war, Dominique gehorchte nicht; er stand nur auf und sprach mit einer ehrerbietigen, aber festen Stimme »Sire, Eure Majestät hat sich getäuscht: ich verlange nicht oder verlange nicht mehr die Begnadigung meines Vaters.« »Was verlangen Sie denn?« »Sire, ich bitte Eure Majestät um einen Aufschub.« »Um einen Ausschub?« »Ja, Sire.« »Von wie viel Tagen?« Dominique berechnete in seinem Geiste und sprach dann laut: »Von fünfzig Tagen.« »Ei!« sagte der König, »das Gesetz bewilligt drei Tage dem Angeklagten, um ein Cassationsgesuch einzureichen, und die Cassation ist immer eine Sache von vierzig Tagen.« »Je nachdem, Sire; der Cassationshos kann, wenn man ihn drängt, sein Urtheil in zwei Tagen, in einem sogar eben so gut sprechen, als in vierzig, und überdies . . . « Dominique zögerte. »Und überdies?« wiederholte der König. »Vollenden Sie Ihren Gedanken.« »Überdies, Sire, wird mein Vater kein Cassationsgesuch einreichen.« , »Wie, das wird Ihr Vater nicht thun?« Dominique schüttelte den Kopf. »So will also Ihr Vater sterben?« rief der König. »Er wird wenigstens nichts thun, um dem Tode zu entkommen.« »Dann, mein Herr, wird die Gerechtigkeit ihren Lauf haben.« »Sire,« sprach Dominique, »im Namen Gottes bewilligen Sie einem seiner Diener die Gnade, um die er Sie bittet!« »Nun wohl, ja, mein Herr, ich werde sie ihm vielleicht bewilligen, doch vor Allem unter einer Bedingung: daß der Verurtheilte nicht der Justiz trotzt. Er reiche sein Cassationsgesuch ein, und ich werde sehen, ob er außer den drei Tagen Frist, die ihm das Gesetz bewilligt, die vierzig Tage Ausschub bekommen soll, die ihm meine Gnade gewähren wird.« »Es ist mit dreiundvierzig Tagen nicht genug, Sire,« erwiderte Dominique entschlossen; »ich brauche fünfzig.« »Fünfzig, mein Herr, und wozu?« »Um eine lange, mühsame Reise zu machen, Sire; um eine Audienz zu erhalten, die ich vielleicht nur schwer erlangen werde; um endlich einen Mann zu überzeugen, der, wie Sie, Sire, vielleicht nicht wird überzeugt sein wollen.« »Sie machen eine lange Reise?« »Eine Reise von dreihundert fünfzig Meilen, Sire!« »Und Sie machen sie zu Fuße?« »Ich mache sie zu Fuße, ja, Sire.« »Warum zu Fuße? Sprechen Sie!« »Weil so die Pilger reisen, welche eine höchste Gnade von Gott zu erbitten haben.« »Wenn ich aber die Reisekosten tragen würde, wenn ich Ihnen das nöthige Geld gäbe . . . ?« »Sire, Eure Majestät bewahre das Geld, das sie mir geben würde, für ein frommes Almosen. Ich habe ein Gelübde gethan, zu Fuße und zwar barfuß zu gehen, ich werde zu Fuße und barfuß gehen.« »Und Sie machen sich anheischig, in fünfzig Tagen die Unschuld Ihres Vaters zu beweisen?« »Nein, Sire, ich mache mich nicht anheischig, und ich schwöre, daß kein Anderer an meiner Stelle sich hierzu anheischig machen könnte; doch ich versichere, daß ich nach der Reise, die ich unternehme, wenn ich nicht die Mittel habe, die Unschuld meines Vaters zu proclamiren, ich versichere, daß ich den Spruch der menschlichen Gerechtigkeit annehme, und mich darauf beschränke, dem Verurtheilten die Worte des Königs: »»Ich rufe auf Dich die göttliche Barmherzigkeit herab!«« zu wiederholen.« Eine neue Gemüthsbewegung erfaßte Karl X. Er schaute den Abbé Dominique an, und als er sein offenes, redliches Gesicht sah, drang eine Halbüberzeugung in sein Herz ein. Unwillkürlich indessen, trotz dieser unwiderstehlichen Sympathie, welche das Gesicht des edlen Mönches einflößte, ein Gesicht, das nur der Reflex seines Herzens war, nahm König Karl X., als wollte er Kräfte gegen das gute Gefühl schöpfen, das sich seiner zu bemächtigen drohte, zum zweiten Male das auf seinem Tische liegende Blatt Papier, auf das er seine Augen geworfen, als ihm der Huissier den Abbé Dominique gemeldet hatte; er richtete rasch wieder einen Blick darauf, und dieser Blick, so rasch er war, genügte, um in ihm den guten Willen zurückzudrängen, der so nur einen ephemeren Ausdruck hatte: von gerührt, wie er war, während er den Abbé Dominique anhörte, wurde er kalt, sorgenvoll, verdrießlich. Es war wohl Grund vorhanden, verdrießlich. kalt und sorgenvoll zu sein: die Note, welche der König vor Augen hatte, war die kurze Geschichte von Herrn Sarranti und dem Abbé Dominique, zwei Portraits skizziert von Meisterhand, wie sie die Congregation zu skizzieren wußte; – die Biographie von zwei wüthenden Revolutionären. Die erste war die von Herrn Sarranti. Sie nahm ihn bei seinem Abgange von Paris; sie folgte ihm nach Indien an den Hof von Rundschit Sing, bei seinen Verbindungen mit dem General Lebastard de Prémont, der selbst als entsetzlich gefährlicher Mensch bezeichnet war; sodann von Indien ging sie mit ihm nach Schönbrunn, sie detaillierte die durch die guten Bemühungen von Herrn Jackal gescheiterte Verschwörung, und während sie den General Lebastard jenseits der Wien-Brücke verlor, nahm sie Herrn Sarranti allein wieder auf, um ihn nach Paris zurückzuführen und erst am Tage seiner Verhaftung zu verlassen. Am Rande standen die Worte: »Überdies angeklagt und überwiesen der Verbrechen der Entführung, des Diebstahls und des Mordes, wegen welcher Verbrechen er verurtheilt worden ist.« Was den Abbé Dominique betrifft, – seine Biographie war nicht minder detailliert. Man nahm ihn beim Austritte aus dem Seminar; man erklärte ihn für einen Schüler des Abbé Lamenais, dessen Dissidenz Aufsehen zu erregen anfing; sodann machte man aus ihm einen Mansardenbesucher, der nicht das Wort Gottes verbreite, sondern für die revolutionäre Propaganda arbeite; man führte eine Predigt von ihm an, die ihm würde ernstliche Ermahnungen von Seiten seiner Obern zugezogen haben, hätte er nicht einem spanischen, in Frankreich noch nicht wiederhergestellten Orden angehört. Man trug endlich darauf an, ihn nach dem Auslande zurückzuschicken, da seine Anwesenheit in Paris, nach der Aussage der Kongregation, gefährlich war. Kurz, nach der Note, die der arme König vor Augen hatte, waren die Herren Sarranti, Vater und Sohn, Blutsäufer und hielten in der Hand: der Eine das Schwert, das den Thron umstürzen sollte; der Andere die Fackel, welche die Kirche niederbrennen sollte. Es genügte also, hatte man sich einmal mit all diesem Jesuitengifte angeschwängert, die Blicke wieder auf das Blatt Papier zu werfen, um zum politischen Hasse, der sich einen Augenblick beugen konnte, zurückzukehren und gleichsam mit einem Schlage aufs Neue alle die Gespenster der Revolution hervortreten zu sehen. Der König schauerte und warf dem Abbé Dominique einen schlimmen Blick zu. Dieser täuschte sich nicht im Blicke von Karl X. und fühlte sich wie von einem glühenden Eisen getroffen. Er hob indessen das Haupt stolz empor, verbeugte sich, machte zwei Schritte rückwärts und schickte sich an, wegzugehen. Eine erhabene Geringschätzung für diesen König, der die Instincte seines Herzens zurückstieß, um an ihre Stelle den Haß Anderer zu setzen, die niederschmetternde Verachtung des Starken gegen den Schwachen schweiften wider den Willen des Abbé Dominique in seinen Augen und auf seinen Lippen. Karl X. sah dieses Gefühl wie eine Flamme glänzen, und, im Ganzen Bourbon, das heißt schnell für die Gnade, hatte er einen von den Gewissensbissen, welche zu gewissen Stunden, Agrippa d’Aubigne anschauend, sein Ahnherr Heinrich IV. haben mußte. Die Wahrheit oder wenigstens der Zweifel erschien ihm in der Halbtinte; er wagte es nicht, zu verweigern, was dieser redliche Mann von ihm verlangte, und rief den Abbé Dominique in dem Augenblicke zurück, wo er sich entfernen wollte. »Herr Abbé,« sagte er zu ihm, »ich habe bis jetzt weder bejahend, noch verneinend auf Ihre Bitte geantwortet; wenn ich es aber nicht gethan habe, so ist dies so, weil ich vor meinen Augen, oder vielmehr in meinem Geiste die Schatten der ungerecht geopferten Gerechten vorüberziehen sah.« »Sire,« rief der Abbé, indem er zwei Schritte rückwärts machte, »es ist noch Zeit, und der König braucht nur ein Wort zu sprechen.« »Ich bewillige Ihnen zwei Monate, Herr Abbé,« sagte der König, indem er seinen gewöhnlichen Stolz wieder annahm, als bereute er es und als erröthete er darüber, daß er die geringste Gemüthsbewegung hatte durchscheinen lassen; »doch hören Sie wohl? Ihr Vater gebe sein Cassationsgesuch ein! Ich verzeihe zuweilen die Rebellion gegen das Königthum; ich würde nie die Rebellion gegen die Justiz verzeihen.« »Sire, werden Sie die Gnade haben, mir das Mittel zu geben, bei meiner Ankunft zu jeder Stunde des Tages und der Nacht zu Ihnen zu gelangen?« »Gern,« antwortete der König. Und er klingelte. »Sie sehen diesen Herrn,« sagte Karl X. zum eintretenden Huissier. »Schauen Sie ihn genau an, und man führe ihn bei mir ein, zu welcher Stunde des Tags oder der Nacht er auch hier erscheinen mag. Unterrichten Sie hiervon die Leute vom Dienste.« Der Abbé verbeugte sich und ging ab, das Herz voll Freude, wenn nicht voll Dankbarkeit. V Der Vater und der Sohn Alle die Blüthen der Hoffnung, welche langsam im Schooße des Menschen keimen und’ ihre Früchte nur zu gewissen Stunden geben, erschlossen sich im Herzen des Abbé Dominique, so wie er den Fuß auf eine Stufe setzte, die ihn von der königlichen Majestät entfernte und seinen Mitbürgern näherte. Indem er sich der Schwächen des unglücklichen Monarchen erinnerte, dünkte es ihm unmöglich, daß dieser, unter den Jahren gebeugte, Mann, mit dem guten Herzen, aber dem trägen Geiste, ein ernstes Hinderniß beim Werke der großen Göttin sein sollte, welche vorwärts schreitet, seitdem der menschliche Genius seine Fackel angezündet hat, der Göttin, die man die Freiheit nennt. Dann kehrte, – seltsamer Weise, und was bewies, daß ohne Zweifel sein Plan für die Zukunft sehr entschieden festgesetzt war, – dann kehrte seine ganze Vergangenheit plötzlich in sein Gedächtniß zurück. Er erinnerte sich der geringsten Einzelheiten seines Priesterlebens, seiner unsäglichen Unschlüssigkeiten in dem Augenblicke, wo er sein Gelübde ablegen sollte, seiner inneren Kämpfe in dem Augenblicke, wo er die Weihe empfangen sollte; Alles war aber besiegt worden durch jene Hoffnung, welche, der Feuersäule von Moses ähnlich, ihm seinen Weg durch die Gesellschaft bezeichnete und ihm sagte, die Laufbahn, auf der er seinem Vaterlande am Nützlichsten sein könne, sei die geistliche Laufbahn. Wie der Stern der Weisen strahlte sein Gewissen und zeigte ihm die wahre Straße. Einen einzigen Augenblick hatte der Sturm seinen Himmel verdunkelt, und er hatte aufgehört, seinen Weg zu erkennen; doch er sing wieder an darauf zu sehen und er setzte sich wieder in Marsch, wenn nicht mit einem vollen Vertrauen, doch wenigstens mit dem festesten Entschlusse. Er stieg die letzte Stufe des Palastes mit einem Lächeln auf den Lippen hinab. Welchem geheimen Gedanken entsprach, in einer solchen Lage, sein Lächeln? Doch kaum hatte er den Fuß in den Hof der Tuilerien gesetzt, als er das sympathetische Gesicht von Salvator erblickte, der, unruhig über das Resultat des Schrittes des Abbé Dominique, seinen Abgang in einer fieberhaften Angst erwartete. Salvator begriff, als er nur das Gesicht des armen Mönches sah, den Erfolg des Besuches. »Gut!« sagte er, »der König hat Ihnen den Aufschub bewilligt, um den Sie ihn gebeten.« »Ja,« erwiderte der Abbé: »es ist im Grunde ein vortrefflicher Mensch.« »Nun wohl,« sprach Salvator, »das söhnt mich wieder ein wenig mit ihm aus: das bringt Seine Majestät König Karl X. wieder ein wenig in Gnade bei mir. Ich vergebe ihm seine Schwächen in Erinnerung an seine angeborenen Tugenden. Man muß nachsichtig gegen diejenigen sein, welche nie die Wahrheit hören.« Dann plötzlich den Ton verändernd, sagte er zum Abbé: »Nicht wahr, wir kehren in die Conciergerie zurück?« »Ja,« antwortete einfach Dominique, indem er seinem Freunde die Hand drückte. Sie nahmen einen Wagen, der leer über den Quai fuhr, und kamen rasch an den Ort ihrer Bestimmung. Vor der Thüre des düsteren Gefängnißes reichte Salvator Dominique die Hand und fragte ihn, was er, aus demselben weggehend, zu thun gedenke. »Ich werde auf der Stelle Paris verlassen.« »Kann ich Ihnen in dem Lande, in das Sie sich begeben, nützlich sein?« »Können Sie die Förmlichkeiten abkürzen, welche die Ausfertigungen eines Passes begleiten?« »Ich kann Ihnen einen solchen ohne Förmlichkeit verschaffen.« »Dann erwarten Sie mich in Ihrer Wohnung: ich werde Sie dort abholen.« »Ich werde Sie in einer Stunde hier erwarten: Sie werden mich an der Ecke des Quai finden. Sie können im Innern des Gefängnißes nun bis um vier Uhr bleiben, und es ist drei Uhr.« »In einer Stunde also,« sagte der Abbé Dominique, dem jungen Manne aufs Neue die Hand drückend. Und er verschwand unter dem düsteren Eingange. Der Gefangene war in die Zelle gebracht worden, welche Louvel in sich geschlossen hatte und Fieschi in sich schließen sollte. Dominique wurde ohne Schwierigkeit bei ihm eingeführt. Herr Sarranti, der aus einem Schemel saß, stand aus und ging seinem Sohne entgegen: dieser verbeugte sich vor ihm mit der Ehrfurcht, mit der man die Märtyrer empfängt. »Ich erwartete Dich, mein Sohn,« sprach Herr Sarranti. Und es lag in seiner Stimme etwas wie ein Ausdruck von Vorwurf. »Mein Vater,« erwiderte der Abbé, »es ist nicht meine Schuld, daß ich nicht früher gekommen bin.« »Ich glaube es,« sagte der Gefangene, seinem Sohne beide Hände drückend. »Ich komme von den Tuilerien,« fuhr Dominique fort. »Du kommst von den Tuilerien?« »Ja, ich bin beim König gewesen.« »Du bist beim König gewesen?« fragte Herr Sarranti erstaunt, indem er seinen Sohn starr anschaute. »Ja, mein Vater.« »Und warum bist Du beim König gewesen? Gewiß nicht, um ihn um meine Begnadigung zu bitten.« »Nein, mein Vater,« erwiderte rasch der Abbé. »Was hattest Du denn von ihm zu verlangen?« »Einen Aufschub.« »Einen Aufschub! und warum einen Aufschub?« »Das Gesetz bewilligt Ihnen drei Tage, um ein Cassationsgesuch einzureichen; drängt nichts den Spruch des Hofes, so ist dies eine Sache von vierzig bis zweiundvierzig Tagen.« »Nun?« »Ich habe den König um zwei Monate gebeten.« »Den König?« »Den König.« »Und warum zwei Monate?« »Weil ich zwei Monate nöthig habe, um mir die Beweise Ihrer Unschuld zu verschaffen.« »Ich werde kein Cassationsgesuch einreichen,« antwortete Herr Sarranti entschlossen. »Mein Vater!« »Ich werde es nicht thun, . . . das ist ein fester Entschluß, und ich habe Emanuel verboten, es in meinem Namen zu thun.« »Mein Vater, was sagen Sie mir?« »Ich sage, daß ich jede Art von Aufschub ausschlage; ich bin verurtheilt worden, ich will hingerichtet werden; ich habe meine Richter verworfen, nicht den Henker.« »Mein Vater, hören Sie mich an.« »Ich will hingerichtet sein . . . es drängt mich, mit den Qualen des Lebens und der Ungerechtigkeit der Menschen ein Ende zu machen.« »Mein Vater!« murmelte traurig der Abbé. »Ich weiß, Dominique, was Du mir Alles in dieser Hinsicht sagen kannst, ich kenne die Vorwürfe, die Du mir zu machen berechtigt bist.« »Oh! mein verehrter Vater!« sagte erröthend der Abbé Dominique, »wenn ich Sie auf den Knieen anflehen würde . . . « »Dominique!« »Wenn ich Ihnen sagte, diese Unschuld, die ich Ihnen verspreche, werde ich in den Augen der Menschen so rein hervorstellen, als das Tageslicht Gottes, das durch das Gitter dieses Gefängnisses bis zu uns gelangt . . . « »Nun wohl, mein Sohn, diese Unschuld wird nach meinem Tode nur um so glänzender und leuchtender hervortreten; ich werde um keinen Aufschub bitten, ich werde keine Gnade annehmen!« »Mein Vater! mein Vater!« rief Dominique in Verzweiflung, »beharren Sie nicht bei diesem Entschlusse, der Ihr Tod ist, der die Verzweiflung meines Lebens und vielleicht das unnütze Verderben meiner Seele sein wird.« »Genug!« sprach Sarranti. »Nein, nicht genug, mein Vater!« entgegnete Dominique, indem er wirklich auf seine Kniee sank, in seinen Händen die Hände seines Vaters preßte und sie mit Thränen und Küssen bedeckte. Sarranti versuchte es, den Kopf abzuwenden, und zog feine Hände zurück. »Mein Vater!« fuhr Dominique fort, »Sie weigern sich, weil Sie nicht an meine Worte glauben; Sie weigern sich, weil Ihnen der schlimme Gedanke kommt, ich gebrauche eine Ausflucht, um Sie dem Tode streitig zu machen und zwei Monate Ihrem so edlen und so gut ausgefüllten Dasein beizufügen, weil Sie fühlen, Sie können, zu welcher Stunde und in welchem Alter es auch sein möge, sterben, und Sie werden in den Augen des höchsten Richters voll der Tage und der Ehre sterben.« Ein schwermüthiges Lächeln, das bewies, Dominique habe richtig getroffen, schwebte über die Lippen von Herrn Sarranti. »Nun wohl, mein Vater,« fuhr Dominique fort, »ich schwöre Ihnen, daß die Worte Ihres Sohnes keine leeren Worte sind; ich schwöre Ihnen, daß ich hier,« Dominique legte die Hand auf seine Brust,– »daß ich hier die Beweise Ihrer Unschuld habe.« »Und Du hast sie nicht vorgebracht?« rief Herr Sarranti, indem er einen Schritt zurückwich und seinen Sohn mit einem Erstaunen, das an Mißtrauen grenzte, ansah; »und Du hast gegen Deinen Vater ein Urtheil fällen lassen; Du hast Deinen Vater Zu einem entehrenden Tode verurtheilen lassen, während Du hier,« – und Herr Sarranti streckte den Finger gegen die Brust des Mönches aus, – »während Du hier die Beweise der Unschuld Deines Vaters hattest?« Dominique hob die Hand empor. »Mein Vater! so wahr als Sie ein Ehrenmann sind; so wahr als ich Ihr Sohn bin, wenn ich von diesen Beweisen Gebrauch gemacht, wenn ich Ihnen das Leben, die Ehre mit Hilfe dieser Beweise gerettet hätte, Sie würden mich verachtet haben, und wären grausamer an Ihrer Verachtung gestorben, als Sie je durch das Eisen des Henkers sterben werden.« »Wenn Du aber diese Beweise heute nicht geben konntest, wie wirst Du sie eines Tages geben können?« »Mein Vater, das ist ein zweites Geheimniß, das ich Ihnen nicht enthüllen darf, ein Geheimniß, das zwischen mir und Gott ist.« »Mein Sohn,« sprach der Verurtheilte mit kurzem Tone, »es ist in Allem dem zu viel Geheimniß für mich. Ich nehme nur an, was ich begreifen kann; ich begreife nicht: folglich schlage ich aus.« Und einen Schritt zurückweichend, winkte er dem Mönche, aufzustehen. »Genug, Dominique,« sagte er; »erspare mir jeden Streit, und laß uns die letzten Stunden, die wir noch auf Erden beisammen zu bleiben haben, so sanft als möglich zubringen.« Der Mönch stieß einen Seufzer aus; er wußte, daß, sobald einmal diese Worte von seinem Vater ausgesprochen waren, sich nichts mehr hoffen ließ. Und dennoch, während er aufstand, sann er darüber nach, durch welche Wendung er von dem unbeugsamen Manne, den er seinen Vater nannte, eine Aenderung seines Entschlusses erlangen könnte. Herr Sarranti bezeichnete Dominique einen Schemel, machte mit einem Reste von Aufregung drei bis vier Gänge in der engen Zelle, stellte dann einen Schemel zu seinem Sohne, setzte sich selbst, sammelte sein Gemüth und sprach also zu dem armen Mönche, der ihn mit gesenktem Haupte und gepreßtem Herzen anhörte: »Bei dem Bedauern, daß wir uns trennen müssen, bleibt mir in dem Augenblicke, wo ich sterben soll, eine Art von Reue, oder vielmehr eine Furcht, ich habe mein Leben schlecht angewandt.« »Oh! mein Vater!« rief Dominique, indem er das Haupt erhob und die Hände seines Vaters zu nehmen suchte, die dieser zurückzog, weniger in einer Bewegung der Kälte, als im Gegentheile, um seinem Sohne nicht diese magnetische Gewalt über sich zu geben. Sarranti fuhr fort: »Und, in der That, höre mich wohl an, mein Sohn, und sprich Dein Urtheil über mich.« »Mein Vater!« »Sprich Dein Urtheil über mich, ich wiederhole es . . . Habe ich nach Deiner Ansicht, – denn es macht mir Freude, es zu sagen, mein Sohn, Du bist ein Mann von hoher Moral, – habe ich nach Deiner Ansicht den Verstand, den mir Gott gegeben, um Anderen nützlich zu sein, gut oder schlecht angewendet? . . . Zuweilen zweifle ich . . . höre mich wohl an . . . und mir scheint, dieser Verstand habe ihnen zu nichts gedient. Etwas Anderes ist es, so viel als man vermag zum Werke der Civilisation beizutragen, welches zu fördern wir, die Einen und die Anderen, berufen sind; etwas Anderes, sein Leben einer einzigen Idee zu weihen, oder vielmehr einem einzigen Menschen, so groß Dieser Mensch auch sein mag.« »Oh! mein Vater!« rief der Mönch, einen glühenden Blick auf Herrn Sarranti heftend. »Höre mich an, mein Sohn,« wiederholte der Gefangene. » . . . Nun wohl, es ergreift mich, wie ich Dir sagte, ein Augenblick des Zweifels, und ich befürchte, mich im Wege geirrt zu haben. Aus dem Punkte, diese Welt zu verlassen, mache ich meine Gewissensprüfung, und es ist ein Glück für mich, daß ich sie vor Dir mache. Glaubst Du, die Energie, die ich in mir habe, hätte können besser angewendet werden? Habe ich von den Fähigkeiten, mit denen mich Gott begabt, den besten Gebrauch gemacht, den ich davon machen konnte, und wenn ich mir eine Ausgabe vorgesetzt, habe ich sie auch gut vollbracht? Antworte mir, mein Dominique.« Zum zweiten Male sank Dominique, vor seinem Vater aus die Kniee. »Mein edler Vater,« sagte er, »ich kenne keinen Menschen unter dem Himmel, der redlicher und edelmüthiger, als Sie es gethan, seine Kräfte im Dienste einer Sache verwendet hat, die ihm gerecht und gut schien; ich kenne keine höhere Rechtlichkeit, als Ihre Rechtlichkeit, keine uneigennützigere Ergebenheit, als Ihre Ergebenheit. Ja, mein edler Vater, Sie haben Ihre Ausgabe aus dem Gesichtspunkte erfüllt, aus dem Sie sich dieselbe auferlegt hatten, und die Zelle, in der wir zu dieser Stunde sind, ist das materielle Zeugniß Ihrer Seelengröße und Ihrer erhabenen. Selbstverleugnung.« »Meinen Dank, Dominique,« antwortete Sarranti; »und tröstet mich etwas über den Tod, so ist es der Gedanke, daß mein Sohn das Recht hat, stolz aus mein Leben zu sein. Ich werde Dich also, mein einziges Kind, ohne Gewissensbisse, ohne Bedauern verlassen. Und ich hatte doch noch Kräfte im Dienste des Vaterlands; ich war kaum, – mir scheint das wenigstens heute so, – ich war kaum bei der Hälfte meiner Ausgabe, und ich glaubte, – in einer dunklen Ferne, welche zu erreichen mir aber möglich gewesen wäre, – den leuchtenden Strahl eines besseren Lebens, etwas wie die Befreiung meines Vaterlands, und, wer weiß? vielleicht in Folge der Befreiung meines Vaterlands die Befreiung der Nationen zu erschauen!« »Ah! mein Vater!« rief der Abbé, »ich stehe Sie an, verlieren Sie diesen leuchtenden Strahl nicht aus dem Blicke: denn das ist die Feuersäule, welche Frankreich nach dem gelobten Lande führen soll. Mein Vater, hören Sie mich an, und Gott lege die Ueberredung in den Mund seines demüthigen Dieners.« Herr Sarranti strich mit der Hand über seine feuchte Stirne, als wollte er sie von den materiellen Wolken befreien, welche seine Gedanken verdunkeln und das Wort seines Sohnes bis in seinen Geist zu gelangen verhindern konnten. »Hören Sie also nun mich an, mein Vater: Sie haben so eben mit einem einzigen Worte die sociale Frage erleuchtet, der die edlen Menschen, wer sie auch sein mögen, ihr Leben weihen: der Mensch und die Idee.« Die Augen aus seinen Sohn geheftet, machte Herr Sarranti ein Zeichen der Beistimmung. »Der Mensch und die Idee. Alles liegt hierin, mein Vater. Der Mensch, in seiner Hoffart, glaubt der Herr der Ideen zu sein, während im Gegentheile die Idee Gebieterin des Menschen ist. Die Idee, o mein Vater, ist die Tochter Gottes, und Gott hat ihr, um ihr ungeheures Werk zu vollbringen, die Menschen als Werkzeuge gegeben . . . hören Sie das wohl, mein Vater: ich werde manchmal dunkel. »Durch die Periode der Zeiten strahlt die Idee wie eine Sonne, die Menschen verblendend, die ihren Gott daraus gemacht haben. Sehen Sie dieselbe geboren werden, wo der Tag geboren wird: da, wo die Idee ist, ist das Licht: in allem Uebrigen ist die Nacht. »Als die Idee über dem Ganges erschien und hinter der Kette des Himalaya ausging, jene Urcivilisation, von der wir nur noch Traditionen bewahrt haben, jene Ahnstädte erleuchtend, von denen wir nur. noch die Trümmer kennen, da strahlten ihre Flammen um sie und beleuchteten zugleich mit Indien alle benachbarten Nationen: nur war die Intensität des Lichtes da, wo die Idee war. Aegypten, Persien, Arabien waren in der Halbtinte: die übrige Welt in der Dunkelheit: Athen, Rom, Carthago, Cordova, Florenz und Paris, diese zukünftigen Herde, diese zukünftigen Leuchtthürme waren noch nicht aus der Erde hervorgegangen, und man wußte noch nicht einmal etwas von ihrem Namen. »Indien vollbrachte sein Werl der patriarchalischen Civilisation. Diese Mutter des Menschengeschlechts, welche als Symbol die Kuh mit den unversiegbaren Eutern angenommen hatte, reichte den Ecepter Aegypten, seinen dreihundert Namen, seinen dreihundert und dreißig Königen und seinen sechsundzwanzig Dynastien. Man weiß nicht, wie lange Indien gedauert hat: Aegypten dauerte dreitausend Jahre. Es erzeugte Griechenland: nach der patriarchalischen Regierung und der theokratischen Regierung die republikanische Regierung. Die antike Gesellschaft hatte die heidnische Vollkommenheit erreicht. »Dann kam Rom, Rom, die privilegierte Stadt, wo die Idee Mensch werden und über die Zukunft herrschen sollte . . . – Mein Vater, verbeugen wir uns Beide: ich will den Namen des Gerechten aussprechen, der nicht nur für die Gerechten starb, die man nach ihm opfern sollte, sondern auch für die Schuldigen: mein Vater, ich spreche den Namen Christi aus.« Sarranti neigte das Haupt: Dominique bekreuzte sich. »Mein Vater, in dem Augenblicke, wo der Gerechte seinen letzten Ausruf von sich gab, rollte der Donner, zerriß der Vorhang im Tempel, öffnete sich die Erde . . . Dieser Spalt, der von einem Pole zum andern ging, war der Abgrund, der die alte Welt von der neuen trennte. Alles war wiederanzufangen, Alles war neu zu machen: man hätte glauben sollen, Gott, der Unfehlbare, habe sich getäuscht, hätte man nicht, von Stelle zu Stelle, wie an seinem eigenen Lichte angezündete Leuchtthürme, die großen Vorläufer erkannt, die man Moses, Aeschylos, Plato, Sokrates, Virgil und Seneca nennt. »Die Idee hatte vor Jesus Christus ihren antiken Namen: Civilisation, gehabt: sie hatte nach Jesus Christus ihren modernen Namen: Freiheit. In der heidnischen Welt war die Freiheit nicht nöthig für die Civilisation: sehen Sie Indien, sehen Sie Aegypten, sehen Sie Arabien, sehen Sie Persien, sehen Sie Griechenland, sehen Sie Rom. In der christlichen Welt gibt es keine Civilisation ohne Freiheit; sehen Sie Rom, Carthago, Granada fallen, sehen Sie den Vatican geboren werden . . . « »Mein Sohn,« fragte Sarranti mit einer Art von Zweifel, »ist der Vatican wirklich der Tempel der Freiheit?« »Er war es wenigstens bis zu Gregor VII. . . . Ah! mein Vater, hier muß man abermals den Menschen von der Idee trennen! Die Idee, die den Händen des Papstes entwischt, geht in die Hände von König Ludwig dem Dicken über, welcher vollendet, was Gregor VII. begonnen hat. Frankreich wird Rom fortsetzen; in diesem Frankreich, das kaum das Wort Gemeinde stammelt; in diesem Frankreich, dessen Sprache sich bildet, bei welchem die Leibeigenschaft aufgehoben werden wird, in diesem Frankreich werden sich fortan die Geschicke der Welt debattieren. Rom hat nur noch den Leichnam Christi: Frankreich hat sein Wort, seine Seele, – die Idee! . . . Seht sie sich erheben unter dem Namen Gemeinde. Gemeinde, das heißt Volksrechte, Demokratie, Freiheit! »O mein Vater, die Menschen glauben, sie benützen die Ideen, während im Gegentheile es die Idee ist, welche die Menschen benützt. »Hören Sie, mein Vater, denn in dem Augenblicke, wo Sie Ihr Leben Ihrem Glauben opfern, muß man Licht machen um diesen Glauben, damit Sie wohl sehen, ob die von Ihnen angezündete Fackel Sie dahin geführt hat, wohin Sie gehen wollten.« »Ich höre,« erwiderte der Verurteilte, indem er seine Hand an seine Stirne drückte, als wollte er sie verhindern, vor der Minerva zu zerspringen, die er ganz gerüstet unter dem Gewölbe seines Gehirnes sich bewegen fühlte. »Die Ereignisse sind verschieden,« fuhr der Mönch fort, »doch die Idee ist dieselbe. Nach der Gemeinde kommen die Pastoureaux; nach den Pastoureaux kommt die Jacquerie; nach der Jacquerie kommen die Maillotins; nach den Maillotins kommt der Krieg des öffentlichen Wohls; nach dem Kriege des öffentlichen Wohls die Ligue; nach der Ligue die Fronde; nach der Fronde die französische Revolution. Nun, mein Vater, alle die Empörungen, – mögen sie Gemeinde, Pastoureaux, Jacquerie, Maillotin, Krieg des öffentlichen Wohls, Ligue, Fronde, Revolution heißen, – das ist immer die Idee, die Idee, die sich verwandelt, bei jeder Verwandlung aber wächst. »Der Blutstropfen, der von der Zunge des ersten Menschen fällt, welcher auf dem öffentlichen Platze von Cambrai: Gemeinde, ruft, und dem man die Zunge als einem Gotteslästerer ausschneidet, ist die Quelle der Demokratie; zuerst Quelle, dann Bach, dann Fluß, dann Strom, dann See, dann Ocean. »Sehen wir nun, mein Vater, auf diesem Ocean den vom Herrn erwählten Steuermann schiffen, den man Napoleon den Großen nennt . . . « Der Verurtheilte, der nie solche Worte gehört hatte, sammelte sich und hörte. Der Mönch fuhr in folgenden Ausdrücken fort: »Drei Männer waren zu allen Zeiten im Geiste des Herrn erwählt gewesen, um die Werkzeuge der Idee zu sein und das Gebäude der christlichen Welt zu behauen, wie er es verstand. Diese drei Männer sind Cäsar, Karl der Große, Napoleon. Und bemerken Sie wohl, mein Vater, Jeder von diesen drei Männern weiß nicht, was er thut, und scheint gerade das Gegentheil von, dem zu träumen, was er vollbringt: Cäsar, ein Heide, bereitet das Christenthum vor; Karl der Große, ein Barbar, bereitet die Civilisation vor; Napoleon, ein Despot, bereitet die Freiheit vor. »Diese drei Männer kommen in einer Entfernung von achthundert Jahren von einander. Mein Vater, es sind drei verschiedene menschliche Anblicke, doch es ist dieselbe Seele, die sie belebt, – die Idee. »Cäsar, ein Heide, vereinigt durch die Eroberung die Völker in einen einzigen Bündel, damit auf dieser Menschengarbe Christus aufstehe, eine befruchtende Sonne der modernen Welt, und damit unter dem Nachfolger Cäsars sich Christus erhebe. »Karl der Große, ein Barbar, gründet die Feudalherrschaft, diese Mutter der Civilisation, und bricht an den Schranken seines ungeheuren Reiches die Wanderung der Völker, welche noch barbarischer als er. »Napoleon . . . Erlauben Sie, mein Vater, daß ich in Beziehung auf Napoleon meine Theorie weiter entwickle. Es sind nicht leere Worte, die ich Ihnen sage, und ich hoffe, sie führen mich im Gegentheile zu dem Ziele, nach dem ich strebe. »Als Napoleon, oder vielmehr Bonaparte, – denn der Riese hat zwei Namen, wie er zwei Gesichter hat, – als Bonaparte erschien, war Frankreich dergestalt durch die Revolution aus den andern Völkern hinausgeschleudert, daß es das Gleichgewicht der Nationen gestört hatte. Dieser Bucephalus brauchte einen Alexander, dieser Löwe einen Androklos. Bonaparte erschien mit seiner doppelten volksthümlichen und aristokratischen Natur im Angesichte dieser wahnsinnigen Freiheit, die man fesseln mußte, um sie zu heilen. Bonaparte war hinter der Idee in Frankreich, aber vor den Ideen anderer Völker. »Die Könige sahen nicht in ihm, was in ihm war: die Könige sind manchmal blind: die Tollen führten Krieg gegen ihn. »Da nahm Bonaparte, – der Mann der Idee, – was in Frankreich Reinstes, Verständigstes, Progressivstes unter seinen Kindern war: er bildete Bataillons daraus, heilige Bataillons, die er über Europa verbreitete. – Ueberall bringen diese Bataillons der Idee den Tod den Königen und das Leben den Völkern: überall, wo der Geist Frankreichs durchzieht, macht die Freiheit in seinem Gefolge einen Riesenschritt und wirst die Revolutionen in den Wind, wie ein Säemann das Korn auswirft. »Napoleon fällt 1815, und schon ist die Ernte, die er vorbereitet hat, auf gewissen Boden gut zu machen. So verlangen im Jahre 1818, – erinnern Sie sich der Data, mein Vater, – das Großherzogthum Baden und das Königreich Baiern eine Constitution und erhalten sie: 1819 verlangt Württemberg eine Constitution und erhält sie: 1820 Revolution und Constitution der Cortes in Spanien: 1821 Empörung der Griechen gegen die Türkei. »Der Mensch ist Gefangener: der Mensch ist an den Felsen von St. Helena gefesselt: der Mensch ist todt; der Mensch ist begraben; der Mensch ruht unter seinem namenlosen Steine; doch die Idee ist frei, doch die Idee überlebt ihn, doch die Idee ist unsterblich! »Eine einzige Nation, eine einzige, war durch ihre topographische Lage dem progressiven Einflusse Frankreichs entgangen, weil sie zu weit entfernt war, als daß wir je daran gedacht hätten, den Fuß auf ihr Gebiet zu setzen. Napoleon träumt die Vernichtung der Engländer in Indien durch seine Verbindung mit Rußland . . . Dadurch, daß er die Augen immer auf Moskau geheftet hält, gewöhnt er sich an die Entfernung; die Entfernung verschwindet allmählich durch einen zugleich erhabenen und wahnsinnigen optischen Effect. Einen Vorwand, und wir erobern Rußland, wie wir Italien, Aegypten, Deutschland, Oesterreich und Spanien erobert haben. Der Vorwand wird eben so wenig fehlen, als er zur Zeit der Kreuzzüge fehlte, wo wir die Civilisation vom Orient entlehnten. Gott will es: wir werden die Freiheit dem Norden bringen. Ein englisches Schiff läuft in den Hafen irgend einer Stadt am Baltischen Meere ein, und der Krieg ist von Napoleon dem Manne erklärt, der zwei Jahre vorher, sich vor ihm verbeugend, folgenden Vers vom Voltaire auf sich anwandte: L’amitié d’un grand homme est un bienfait des dieux![12 - Die Freundschaft eines großen Mannes ist eine Wohlthat der Götter.] »Und vor Allem scheint es, aus den ersten Blick, die Vorhersehung Gottes scheitere an dem despotischen Instincte eines Menschen. Frankreich dringt in Rußland ein, Rußland weicht aber vor Frankreich zurück: die Freiheit und die Sklaverei werden nicht in Berührung kommen. Kein Samen wird in dieser eisigen Erde keimen: denn vor unseren Heeren werden nicht nur die feindlichen Heere, sondern auch die feindlichen Völkerschaften zurückweichen. Es ist ein wüstes Land, dessen wir uns bemächtigen, es ist eine in Brand gesteckte Hauptstadt, welche in unsere Hände fällt, und wenn wir in Moskau einziehen, ist Moskau leer, steht Moskau in Flammen! »Da ist die Sendung Napoleons erfüllt, und der Augenblick seines Sturzes ist gekommen: denn der Sturz von Napoleon wird der Freiheit so ersprießlich sein, als es die Erhebung von Napoleon gewesen ist. So klug vor dem siegenden Feinde, wird der Czaar vielleicht unklug vor dem besiegten Feinde sein: er war vor dem Eroberer zurückgewichen, – sehen Sie, mein Vater, sehen Sie, er schickt sich an, dem Flüchtling zu folgen . . . »Gott zieht seine Hand von Napoleon zurück . . . Ist nicht seit drei Jahren sein guter Genius, Josephine, von ihm entfernt, um Marie Louise, der Inkarnation des Despotismus, Platz zu machen? Gott zieht also seine Hand von Napoleon zurück: und damit das himmlische Dazwischentreten sehr sichtbar sei, sind es diesmal bei den menschlichen Dingen nicht mehr Menschen, welche gegen Menschen kämpfen: die Ordnung der Jahreszeiten ist verkehrt, der Schnee und die Kälte kommen in Eilmärschen: es sind die Elemente, welche eine Armee tödten. »Und so treffen die von der Weisheit des Herrn vorhergesehenen Dinge ein. Paris konnte seine Civilisation nicht nach Moskau tragen: Moskau kommt und verlangt sie in Paris. »Zwei Jahre nach dem Brande seiner Hauptstadt wird Alexander in der unsern einziehen: doch sein Aufenthalt hier wird von zu kurzer Dauer sein: seine Soldaten werden kaum den Boden Frankreichs berührt haben: unsere Sonne, die sie erleuchten sollte, hat sie nur geblendet. »Gott ruft seinen Auserwählten zurück: Napoleon erscheint wieder: der Gladiator betritt wieder die Arena, kämpft, fällt und streckt bei Waterloo den Hals hin. »Da öffnet Paris dem Czaar und seinem wilden Heere wieder die Thore. Diesmal wird die Occupation drei Jahre an den Usern der Seine diese Menschen von der Newa, von der Wolga und vom Don zurückhalten: ganz angefüllt von neuen und fremden Ideen, die unbekannten Namen Civilisation, Befreiung und Freiheit stammelnd, werden sie in ihr wildes Land zurückkehren, und acht Jahre nachher wird eine republikanische Verschwörung in Petersburg ausbrechen . . . Wenden Sie die Augen gegen Rußland, mein Vater, und Sie werden den Herd dieses Brandes noch rauchend aus dem Senats-Platze sehen. »Mein Vater, Sie haben Ihr Leben dem Menschen-Idee geweiht: der Mensch ist todt, die Idee lebt. Leben Sie auch für die Idee!« »Was sagst Du, mein Sohn?« rief Herr Sarranti, seinen Sohn mit Augen anschauend, in denen sich zugleich das Erstaunen und die Freude, die Ueberraschung und der Stolz malten. »Mein Vater, ich sage, nachdem Sie so muthig gekämpft, werden Sie nicht das Leben verlassen wollen, ehe Sie die Stunden der zukünftigen Unabhängigkeiten haben schlagen hören. Mein Vater, die Welt rührt sich; Frankreich ist in Arbeit wie ein vulcanischer Berg; noch ein paar Jahre, ein paar Monate vielleicht, und die Lava wird aus dem Krater hervorbrechen, auf ihrem Wege, wie verfluchte Städte, alle Knechtschaften, alle Erniedrigungen einer Gesellschaft verschlingend, welche verurtheilt ist, einer neuen Gesellschaft Platz zu machen.« »Wiederhole die Worte, Dominique!« rief der enthusiastische Corse, dessen Augen vor Freude funkelten, da er aus dem Munde seines Sohnes diese prophetischen und tröstlichen, für ihn wie ein Diamantenthau kostbaren Worte hervorkommen hörte; »wiederhole diese Worte . . . Du gehörst zu einer geheimen Gesellschaft, nicht wahr, und Du kennst das Auflösungswort der Zukunft?« »Ich gehöre zu keiner geheimen Gesellschaft, mein Vater, und kenne ich das Auflösungswort der Zukunft, so habe ich es in der Vergangenheit gelesen. Ich weiß nicht, ob sich ein Complott in der Dunkelheit anzettelt; doch ich weiß, daß eine allmächtige Verschwörung im Angesichte Aller im vollen Sonnenscheine aufgegangen ist: das ist die Verschwörung des Guten gegen das Böse, und die zwei Streiter stehen einander gegenüber; die Welt wartet . . . Leben Sie, mein Vater, leben Sie!« »Ja, Dominique,« rief Sarranti, seinem Sohne die Hand reichend, »Du hast Recht: ich wünsche nun zu leben; doch wie leben, da ich verurtheilt bin?« »Mein Vater, das ist meine Sache.« »Keine Gnade, hörst Du wohl, Dominique? Ich will nichts von den Menschen empfangen, welche zwanzig Jahre gegen Frankreich gekämpft haben.« »Nein, mein Vater; verlassen Sie sich auf mich, daß ich die Ehre der Familie wahre. Man verlangt nur Eines von Ihnen: daß Sie ein Cassationsgesuch einreichen; ein Unschuldiger hat keine Gnade zu verlangen.« »Was ist denn Dein Plan, Dominique?« »Mein Vater, gegen Sie, wie gegen Andere muß ich ihn verschweigen.« »Es ist ein Geheimniß?« »Tief, unverletzlich.« »Selbst für Deinen Vater, Dominique?« Dominique nahm die Hand seines Vaters, küßte sie ehrfurchtsvoll und erwiderte: »Selbst für meinen Vater!« »Sprechen wir nicht mehr davon, mein Sohn . . . Wann werde ich Dich wiedersehen?« »In fünfzig Tagen . . . vielleicht früher, doch nicht später.« »Ich werde Dich fünfzig Tage lang nicht sehen?« rief Herr Sarranti erschrocken. Er fing an zu befürchten, er werde sterben. »Ich unternehme zu Fuße eine lange Pilgerfahrt. . . . Empfangen Sie mein Lebewohl. Ich reise schon diesen Abend, in einer Stunde, ab, um bis zu meiner Rückkehr nicht mehr zu rasten. Segnen Sie mich, mein Vater!« Ein Gefühl erhabener Größe verbreitete sich über das Antlitz von Herrn Sarranti. »Gott begleite Dich auf Deiner schmerzlichen Pilgerfahrt, edles Herz!« sagte er, die Hände über das Haupt seines Sohnes erhebend; »er bewahre Dich vor Hinterhalten und Verrathen, und führe Dich zurück, um die Thüre meines Gefängnisses zu öffnen, mag diese Thüre auf das Leben oder auf den Tod gehen.« Dann nahm er zwischen seine zwei Hände den Kopf des knieenden Mönches, schaute ihn mit stolzer Zärtlichkeit an, küßte ihn auf die Stirne, und winkte ihm wegzugehen, ohne Zweifel aus Furcht, es könnte sich seine Gemüthsbewegung in Schluchzen Luft machen. Der Mönch seinerseits, der seine Kräfte entschwinden fühlte, wandte sich ab, um seinem Vater den Anblick der Thränen zu entziehen, welche aus feinen Augen hervorstürzten, und ging hastig hinaus. VI Der Paß Es schlug vier Uhr in dem Augenblicke, wo der Abbé Dominique den Fuß aus der Conciergerie setzte. Vor der Thüre fand der Mönch Salvator wieder. Der junge Mann sah, in welcher Unruhe der Abbé war, errieth, was in seiner Seele vorging, und begriff, daß mit ihm von seinem Vater sprechen seine Wunde wiederbeleben hieß. Er sagte ihm auch nichts Anderes als die Worte: , »Und was gedenken Sie nun zu thun?« »Ich reise nach Rom ab.« »Wann?« »So bald als möglich.« »Brauchen Sie einen Paß?« »Vielleicht könnte mein Rock mir denselben ersetzen; doch gleichviel, um keinen Verzug zu erleiden, ziehe ich es vor, einen zu haben.« »Holen wir einen Paß; wir sind nur zwei Schritte von der Präfectur, und mit meinem Beistande werden Sie, glaube ich, nicht lange zu warten haben.« Fünf Minuten nachher traten Sie in den Hof der Präfectur ein. In dem Augenblicke, wo sie über die Thürschwelle des Paßbureau schritten, stieß in dem finsteren Gange ein Mann an sie. Salvator erkannte Herrn Jackal. »Empfangen Sie meine Entschuldigungen, Herr Salvator,« sagte der Polizeimann, als er den jungen Mann erkannte; »ich frage Sie diesmal nicht, durch welchen Zufall ich das Glück habe, Ihnen zu begegnen.« »Und warum fragen Sie das nicht, Herr Jackal?« »Ei! weil ich es weiß.« »Sie wissen, was mich hierher führt?« »Ist es nicht mein Handwerk, Alles zu wissen?« »Ich komme also hierher, lieber Herr Jackal . . . ?« »Um einen Paß zu holen, lieber Herr Salvator.« »Für mich?« fragte lachend Salvator. »Nein, sondern für diesen Herrn,« antwortete Herr Jackal, mit dem Finger auf den Mönch deutend. »Wir sind vor der Thüre des Bureau; Bruder Dominique ist bei mir; Sie wissen, daß mich mein Gewerbe in Paris zurückhält; es ist also nicht schwer, zu errathen, lieber Herr Jackal, daß ich einen Paß hole, und daß der Paß für diesen Herrn ist.« »Ja, schwieriger aber war es, Ihren Wunsch vorherzusehen.« »Ah! ah . . . Und Sie haben ihn vorhergesehen?« »So weit es meinem armen kleinen Scharfsinne erlaubt war, dies zu thun.« »Ich begreife nicht.« »Wollen Sie mir die Freundschaft erweisen, mir mit dem Herrn Abbé zu folgen, lieber Herr Salvator? Dann werden Sie vielleicht begreifen?« »Und wohin soll ich Ihnen folgen?« »Ei! in den Saal, wo man die Pässe abgibt. Sie werden den des Herrn Abbé ganz ausgefertigt finden!« »Ganz ausgefertigt?« sagte Salvator mit einer Miene des Zweifels. »Ah! mein Gott, ja,« erwiderte Herr Jackal mit jener Treuherzigkeit, die er so gut auf seinem Gesichte auszubreiten wußte. »Selbst mit dem Signalement?« »Selbst mit dem Signalement. Es muß nur die Unterschrift des Herrn Abbé dabei fehlen.« Sie waren vor dem mittleren Bureau der Thüre gegenüber angelangt. »Den Paß von Herrn Dominique Sarranti,« sagte Herr Jackal zu dem, in seinem kleinen hölzernen Käfig eingeschlossenen, Bureauchef. »Hier, mein Herr,« erwiderte der Bureauchef, indem er den Paß Herrn Jackal reichte, der ihn sodann dem Mönche übergab. »Das ist es wohl, nicht wahr?« fuhr Herr Jackal fort, während Dominique einen erstaunten Blick auf das officielle Papier warf. »Ja, mein Herr,« antwortete der Abbé; »in der That, das ist es.« »Nun wohl,« sprach Salvator, »wir haben nun nichts mehr zu thun, als den Paß von Monseigneur dem Nuntius visiren zu lassen.« »Das ist etwas Leichtes,« erwiderte Herr Jackal, indem er tief aus seiner Tabatiere schöpfte und mit Wollust eine Prise Tabak schlürfte. »Sie leisten mir da einen wahren Dienst, lieber Herr Jackal,« sagte Salvator, »und ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen soll.« »Reden wir nicht hiervon; sind die Freunde unserer Freunde nicht unsere Freunde?« Herr Jackal sprach diese Worte mit einer solchen Schulternbewegung, mit einem solchen Ausdrucke von Treuherzigkeit, daß ihn Salvator voll Zweifel anschaute. Es gab Augenblicke, wo er nahe daran war, Herrn Jackal für einen Philosophen zu halten, der sein Handwerk als Polizeimann aus Liebe für die Menschheit treibe. Doch gerade in diesem Momente warf ihm Herr Jackal von unten einen von jenen Blicken zu, welche von seiner Verwandtschaft mit dem Thiere zeugten, an das sein Name erinnerte. Dann winkte er Dominique, ihn zu erwarten, und sagte: »Zwei Worte, lieber Herr Jackal.« »Vier, Herr Salvator . . . sechs, ein ganzes Wörterbuch; es ist ein so großes Vergnügen für mich, mit Ihnen zu plaudern, daß ich, wenn ich dieses Vergnügen habe, wünschte, die Conversation würde gar nie endigen.« »Sie sind sehr gut,« sagte Salvator. Und trotz seines inneren Widerstrebens gegen diese Art von Genossenschaft, nahm er den Arm des Polizeimannes. »Mein lieber Herr Jackal, sagen Sie mir zwei Dinge . . . « »Mit großem Vergnügen, lieber Herr Salvator.« »In welcher Absicht haben Sie diesen Paß vorbereitet?« »Das ist das erste von den zwei Dingen, die Sie mich zu fragen haben?« »Ja.« »Ei! in der Absicht, Ihnen angenehm zu sein.« »Ich danke . . . Wie haben Sie nun gewußt, Sie werden mir angenehm sein, wenn Sie einen Paß aus den Namen von Herrn Dominique Sarranti ausfertigen lassen?« »Weil Herr Dominique Sarranti Ihr Freund ist, so weit ich es an dem Tage, wo Sie ihn am Bette von Herrn Colombau trafen, beurtheilen konnte.« »Sehr gut! Doch wie haben Sie errathen, er sei im Begriffe, eine Reise zu machen?« »Ich habe es nicht errathen: er hat es selbst Seiner Majestät gesagt, als er sie um einen Aufschub von fünfzig Tagen bat.« »Er hat Seiner Majestät aber nicht gesagt, wohin er gehe.« »Oh! ein schöner Witz, lieber Herr Salvator! Herr Dominique Sarranti verlangt einen Aufschub von fünfzig Tagen vom König, um eine Reise von dreihundert fünfzig Meilen zu machen. Wie weit ist es nun von Paris nach Rom? Dreizehnhundert Kilometer auf der Straße von Siena, vierzehnhundert dreißig Kilometer auf der Straße von Perugia; die mittlere Summe ist also dreihundert fünfzig Meilen. Mit wem kann es Herr Sarranti unter den Umständen, in denen er sich befindet, zu thun haben? Mit dem Papste, denn er ist Mönch: der Papst ist der König der Mönche; und Ihr Freund will es in Rom versuchen, den König der Mönche für seinen Vater zu interessieren, damit er den König von Frankreich um seine Begnadigung bitte; das ist das Ganze, lieber Herr Salvator. Ich könnte Sie glauben lassen, ich sei ein Zauberer; ich will Ihnen lieber ganz einfach die Wahrheit sagen. Sie sehen nun, der Erste der Beste hätte, von Deduction zu Deduction fortschreitend , die Sache so geschickt als ich zu ihrem Ziele geführt. Herr Dominique hat mir also nur noch in Ihrem und in seinem Namen zu danken und nach Rom abzureisen.« »Nun wohl,« sagte Salvator, »das wird er sogleich thun.« Sodann den Mönch rufend: Mein lieber Dominique, hier ist Herr Jackal bereit, Ihre Danksagungen zu empfangen.« Der Mönch näherte sich, dankte Herrn Jackal, und dieser nahm die Complimente von Dominique mit derselben Treuherzigkeit und Einfachheit hin, die er während der ganzen Scene zur Schau gestellt hatte. Die zwei Freunde verließen die Präfectur. Sie machten stillschweigend ein Hundert Schritte. Nach hundert Schritten blieb der Abbé Dominique stehen, legte seine Hand auf den Arm seines nachdenkenden Begleiters und sagte: »Ich bin unruhig, mein Freund.« »Ich auch,« erwiderte Salvator. »Die Zuvorkommenheit dieses Polizeimannes scheint mir nicht natürlich.« »Mir auch nicht . . . Doch lassen Sie uns weiter gehen; ohne Zweifel folgt man uns und bespäht uns.« »Welches Interesse glauben Sie, daß er gehabt hat, um so meine Reise zu erleichtern?« fragte der Abbé der Ermahnung von Salvator gehorchend. »Ich weiß es nicht, doch ich glaube wie Sie, daß er eines gehabt hat.« »Glauben Sie an das, was er Ihnen von seinem Wunsche, Ihnen angenehm zu sein, gesagt hat?« »Ei! mein Gott, das ist streng genommen möglich: es ist ein seltsamer Mensch, der zuweilen, man weiß nicht warum, noch wie, von Gefühlen erfaßt wird, die seinem Stande nicht anzugehören scheinen. In einer Nacht, als ich durch die verlorenen Quartiere der Stadt zurückkehrte, hörte ich in einer von jenen Straßen, welche keinen oder vielmehr einen sehr unglücklichen Namen haben, – ich hörte am Ende der Rue de la Tuerie[13 - Metzelei Straße.], in der Nähe der Rue de la Vieille-Lanterne, dumpfe Schreie. Ich bin immer bewaffnet, – Sie müssen begreifen, warum, Dominique; ich eilte nach der Seite, wo ich das Geschrei hörte. Ich sah von der schmutzigen Treppe herab, welche von der Rue de la Tuerie nach der Rue de la Vieille-Lanterne führt, einen Mann, der sich mit Händen und Füßen zwischen drei Männern wehrte, die ihn durch die offene Thüre einer Abzucht nach der Seine zu schleppen suchten. Ich nahm mir nicht die Zeit, die Treppe hinabzusteigen: ich schlüpfte unter dem Geländer durch, und ließ mich auf die Straße fallen. Ich war zwei Schritte von der Gruppe; Einer von denen, welche sie bildeten, machte sich davon los und sprang mit aufgehobenem Stocke auf mich zu. Er rollte in demselben Augenblicke von einem Pistolenschusse getödtet in die Gosse. Bei diesem Anblicke, beim Lärmen des Schusses entflohen die zwei anderen Männer, und ich befand mich allein mit dem, welchem mich die Vorsehung auf eine so wunderbare Weise zu Hilfe geschickt hatte. Es war Herr Jackal. Ich kannte ihn damals nur dem Namen nach, – wie ihn Jedermann kennt. Er sagte mir, wer er sei, und wie er sich hier befinde: er sollte eine Haussuchung in einem schlechten Garni vornehmen, das in der Rue de la Vieille-Lanterne ein paar Schritte von der Treppe, liegt; da er eine Viertelstunde vor seinen Agenten ankam, so hielt er sich am Gitter der Abzucht verborgen, als sich plötzlich das Gitter öffnete und drei Männer über ihn Herfielen. Diese drei Männer waren gleichsam die Abgeordneten aller Diebe und aller Mörder von Paris, welche geschworen hatten, sich des Herrn Jackal zu entledigen, dessen Beaufsichtigung eine Geißel für sie war. Und in der That, sie waren im Begriffe, ihr Versprechen zu halten und sich von ihm zu befreien, als ich zu ihrem Unglücke, und besonders zum Unglücke von dem, welcher zu meinen Fußen röchelte, Herrn Jackal zu Hilfe kam . . . Seit jenem Tage hat Herr Jackal eine gewisse Dankbarkeit für mich und leistet mir, mir und meinen Freunden, alle die kleinen Dienste, die er mir leisten kann, ohne seine Pflicht als Ches der Sicherheitspolizei zu verletzen.« »Es ist also in der That möglich, daß er die Absicht gehabt hat, Ihnen angenehm zu sein,« sagte der Abbé Dominique. »Das ist möglich: doch lassen Sie uns in mein Haus gehen: Sehen Sie jenen trunkenen Menschen: er folgt uns von der Rue de Jerusalem an: sobald wir jenseits der Thüre sind, wird er seinen Rausch verloren haben.« Salvator zog einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Gangthüre, ließ Dominique vorangehen, und schloß die Thüre wieder hinter sich. Roland hatte seinen Herrn gerochen: die zwei jungen Leute fanden auch den Hund im ersten Stocke und Fragola Salvator vor der Thüre ihrer Wohnung erwartend. Das Mittagsbrod stand bereit, denn die Zeit war unter diesen verschiedenen Ereignissen verlaufen, und es hatte sechs Uhr geschlagen. Obschon ernst, war das Gesicht der beiden Männer doch ruhig. Es war also nichts wirklich Aergerliches vorgefallen. Fragola befragte Salvator mit dem Blicke. »Alles geht gut,« erwiderte dieser mit einem Halblächeln. »Der Herr Abbé erweist uns die Ehre, unser Mahl zu theilen?« sagte Fragola. »Geben Sie mir nun Ihren Paß, mein Bruder,« sprach Salvator. Der Mönch zog aus seiner Brust den zusammengefalteten Paß. Salvator entfaltete den Paß, untersuchte ihn sorgfältig, drehte ihn hin und her, jedoch ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Endlich hielt er ihn an eine Fensterscheibe. In der Durchsichtigkeit des Papiers erschien ein Buchstabe, der in jeder andern Lage, als in der, in welche Salvator das Papier gebracht hatte, unsichtbar gewesen wäre. »Sehen Sie?« sagte Salvator. »Was?« fragte der Abbé. »Dieser Buchstabe.« Und er deutete mit dem Finger auf den Buchstaben. »Ein S?« »Ja, ein S; begreifen Sie?« »Nein.« »Ein S ist der erste Buchstabe des Wortes surveillance[14 - Überwachung.]« »Nun?« »Nun, das bedeutet: »»Im Namen des Königs von Frankreich, empfehle ich, Jackal, Vertrauter des Herrn Polizeipräfecten, allen französischen Agenten, im Interesse Seiner Majestät, und allen auswärtigen Agenten, im Interesse ihrer respectiven Regierungen, dem Inhaber dieses Passes auf der Spur zu folgen, ihn zu überwachen, ihn auf der Landstraße anzuhalten, und im Nothfalle gefänglich einzuziehen;«« mit einem Worte, mein Freund, Sie stehen, ohne es zu wissen, unter der Aufsicht der hohen Polizei.« »Was liegt mir im Ganzen daran?« sagte der Abbé. »Oh! geben wir wohl Acht,« erwiderte ernst Salvator; »die Art, wie der Proceß Ihres Vaters geführt worden ist, beweist, daß man sich nicht ungern seiner entledigen würde, und ich will das Verdienst von Fragola nicht hervorheben,« fügte Salvator mit einem unmerklichen Lächeln bei, »doch es hat nicht weniger gebraucht, als die hohen Einflüsse, über die sie verfügt, daß Sie Ihre Audienz erhielten, und in Folge Ihrer Audienz die zwei Monate Aufschub, die Ihnen der König bewilligt hat.« »Glauben Sie, der König würde sein Versprechen nicht halten?« »Nein; doch Sie haben nur zwei Monate.« »Das ist mehr, als ich brauche, um nach Rom zu gehen und von dort zurückzukehren,« »Wenn man Ihnen keine Verlegenheiten bereitet, keine Hindernisse, in den Weg legt, Sie nicht verhaftet; wenn man Sie endlich, sind Sie dort angekommen, nicht durch tausend verborgene Intriguen verhindert, denjenigen zu sehen, welchen Sie sehen wollen.« »Ich glaubte, jeder Mönch, der, eine Pilgerfahrt von vierhundert Meilen vollendend, in Rom barfuß und mit einem Stabe in der Hand ankomme, brauche nur vor der Pforte des Vaticans zu erscheinen, und die Treppe, welche nach der Wohnung desjenigen führt, welcher einst selbst ein einfacher Mönch war, werde ihm geöffnet sein.« »Mein Bruder, Sie glauben noch an viele Dinge, an welche Sie nach und nach zu glauben aufhören werden . . . Der Mensch, so wie er ins Leben eintritt, ist wie ein Baum, dessen Blüthen der Wind Anfangs zerstreut, dessen Blätter er sodann abreißt, dessen Aeste er hernach bricht, bis der Sturm, der auf den Wind folgt, an einem schönen Tage ihn selbst zerbricht . . . Mein Bruder, sie haben ein Interesse dabei, daß Herr Sarranti stirbt, und sie wenden alle mögliche Mittel an, um das Wort, das Sie dem König abgelistet haben, unnütz zu machen!« »Abgelistet!« rief Dominique, Salvator mit Erstaunen anschauend. »Abgelistet aus ihrem Gesichtspunkte . . . Wie denken Sie, daß Sie den Einfluß erklären, der gemacht hat, daß die Frau Herzogin von Berry, die vielgeliebte Tochter des Königs, deren Gemahl unter dem Streiche eines Fanatikers gestorben ist, sich für den Sohn eines andern Revolutionärs interessierte, der selbst Revolutionär und Fanatiker?« »Das ist wahr,« sagte Dominique erbleichend; »doch was thun?« »Darauf werden wir bedacht sein.« »Aber wie?« »Indem wir diesen Paß verbrennen, der Ihnen nicht nützlich sein kann.« Und Salvator zerriß den Paß und warf die Stücke davon in den Ofen. Dominique schaute ihm mit Bangigkeit zu. »Doch nun,« sagte er, »ohne Paß, wie wird es mir ergehen?« »Vor Allem glauben Sie mir, es ist besser, ohne Paß zu reisen, als mit diesem zu reisen; Sie werden indessen nicht ohne Paß reisen.« »Wer wird mir einen geben?« »Ich!« antwortete Salvator. Und er öffnete einen kleinen Secretär, ließ eine geheime Schublade spielen und nahm unter mehreren in derselben verborgenen Papieren einen Paß, der völlig unterzeichnet, auf dem aber Name und Signalement nicht ausgefüllt waren. Er füllte die Namen und das Signalement aus: die Namen mit dem Namen von Bruder Salvator; das Signalement nach dem Signalement von Sarranti. »Doch das Visa?« fragte Dominique. »Er ist visirt von der sardinischen Gesandtschaft für Turin. Ich glaubte nach Italien, und zwar, wohl verstanden, incognito dahin zu gehen, und darum hatte ich mich mit diesem Passe versehen; er wird Ihnen dienen.« »Doch in Turin?« »In Turin sagen Sie, Ihre Geschäfte nöthigen Sie, bis Rom zu gehen, und man wird Ihren Paß ohne Schwierigkeit visiren.« Der Mönch ergriff und drückte die Hände von Salvator. »Oh! mein Bruder! oh! mein Freund!« rief er, »wie vermag ich je für Alles, was ich Ihnen schuldig bin, erkenntlich zu sein?« »Ich habe Ihnen gesagt, mein Bruder,« erwiderte lächelnd Salvator, »was ich auch für Sie thun mag, ich werde immer Ihr Schuldner bleiben.« Fragola kam zurück; sie hörte diese letzten Worte. »Wiederhole unserem Freunde, was ich ihm sage, mein Kind,« sprach Salvator, dem Mädchen die Hand reichend. »Er verdankt Ihnen das Leben, mein Vater; ich verdanke ihm mein Glück; Frankreich wird ihm nach Maßgabe dessen, was ein Mensch thun kann, vielleicht seine Befreiung verdanken. Sie sehen wohl, die Schuld ist ungeheuer. Verfügen Sie also über uns.« Der Mönch schaute die zwei jungen Leute an. »Sie thun das Gute: seien Sie glücklich!« sagte er mit einer Geberde väterlicher und barmherziger Nachsicht. Fragola deutete auf den servierten Tisch. Der Mönch setzte sich zwischen die zwei jungen Leute und sprach ernst das Benedicite, das sie mit einem Lächeln reiner Seelen anhörten, welche überzeugt sind, das Gebet steige zu Gott auf. Man aß rasch und stillschweigend. Ehe das Mahl beendigt war, stand Salvator, der die Ungeduld in den Augen des Mönches las, auf. »Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Vater, doch ehe wir gehen, lassen Sie mich Ihnen einen Talisman geben . . . Fragola, hole die Briefcassette.« Fragola ging hinaus. »Einen Talisman!« wiederholte der Mönch. »Ah! seien Sie ruhig, mein Freund, es ist nichts Abgöttisches; doch Sie wissen, was ich Ihnen in Betracht der Schwierigkeiten gesagt habe, die Sie erfahren dürften, um bis zum heiligen Vater zu gelangen.« »Ja; Sie vermögen also etwas für mich dort?« »Vielleicht!« erwiderte Salvator lächelnd. Sodann, als Fragola mit der verlangten Cassette zurückkam: »Eine Kerze, Siegellack und das Wappenpetschaft.« Das Mädchen stellte die Cassette auf den Tisch und ging abermals hinab. Salvator öffnete die Cassette mit einem vergoldeten Schlüsselchen, das er an einer Kette hängend an seinem Halse trug. Sie enthielt etwa zwanzig Briefe; von diesen zwanzig Briefen nahm er einen aufs Gerathewohl. Fragola kehrte in diesem Augenblicke mit der Kerze, dem Siegellack und dem Petschaft zurück. Salvator legte den Brief in einen Umschlag, siegelte ihn mit dem Wappenpetschaft und schrieb folgende Adresse darauf: An den Herrn Vicomte von Chateaubriand     in Rom. »Hören Sie,« sagte er zu Dominique, »es sind drei Tage, daß derjenige, an welchen dieser Brief adressiert ist, müde der Art, wie die Dinge in Frankreich gehen, nach Rom abgereist ist.« »An den Herrn Vicomte von Chateaubriand?« wiederholte der Mönch. »Ja; vor einem Namen wie der seinige öffnen sich alle Thüren. Halten Sie die Schwierigkeiten für unüberwindlich, so überreichen Sie ihm diesen Brief, sagen Sie ihm, er sei Ihnen vom Sohne desjenigen übergeben worden, welcher ihn geschrieben hat, und rufen Sie im Namen dieses Briefes Emigrationserinnerungen an. Er wird Ihnen vorangehen, und Sie werden ihm nur zu folgen haben. Wenden Sie übrigens dieses Mittel nur im äußersten Nothfalle an; denn es wird ein Geheimniß enthüllen, das sodann unter drei Personen sein wird: Sie, Herr von Chateaubriand und wir, Fragola und ich, die wir nur Eins bilden.« »Ich werde blindlings Ihre Instructionen befolgen, mein Bruder.« »Nun wohl, das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte. Küsse dem frommen Manne die Hand, Fragola; ich, ich begleite ihn bis zum letzten Hause der Stadt.« Fragola näherte sich und küßte die Hand dem Mönche, der ihr mit einem sanften Lächeln zuschaute. »Ich erneure meinen Segen,« sprach er; »seien Sie so glücklich, als Sie keusch, gut und schön sind.« Sodann, als ob alle lebendige Wesen des Hauses ein Recht aus seinen Segen hätten, strich er mit der Hand über den Kopf des Hundes und ging ab. Salvator, der zurückgeblieben war, drückte sanft seine Lippen aus die von Fragola und murmelte: »Ah! ja, keusch, gut und schön!« Und er folgte dem Mönche. VII Der Pilger Ehe er abreiste, mußte der Abbé noch in seine Wohnung gehen: die zwei jungen Leute schlugen also den Weg nach der Rue du Pot-de-Fer ein. Kaum hatten sie zehn Schritte gemacht, als ein Commissionär, dem ein in einen Mantel gehüllter Mann einen Brief übergeben, sich von der Mauer trennte und ihnen folgte. »Hören Sie,« sagte Salvator zum Mönche, »ich wette, das ist ein Commissionär, der aus derselben Seite zu thun hat wie wir!« »Wir werden also bespäht?« »Bei Gott!« In der That, die jungen Leute wandten sich dreimal um, einmal an der Ecke der Rue de l’Eperon, einmal an der Ecke der Rue Saint-Sulpice, und einmal vor der Thüre des Abbé: der Commissionär hatte, wie es schien, an demselben Orte wie sie zu thun. »Ah!« murmelte Salvator, »das ist ein geschickter Mann, dieser Herr Jackal, da wir aber Gott für uns haben, und er nur den Teufel für sich hat, so werden wir vielleicht noch geschickter sein als er.« Sie traten ein: der Abbé nahm seinen Schlüssel. Ein Mann plauderte mit der Portiere und streichelte ihre Katze. »Sehen Sie diesen Mann recht an, wenn wir weggehen,« sagte Salvator, während er die Treppe hinaufstieg. »Welchen Mann?« »Den, welcher mit Ihrer Portiere plaudert.« »Nun?« »Nun, er wird sie bis an die Barrière begleiten, und vielleicht noch viel weiter.« Man trat in das Zimmer von Dominique ein. Es war eine Oase, dieses Zimmer, wenn man von der Conciergerie oder der Präfectur kam. Die untergehende Sonne beleuchtete es zu dieser Stunde mit ihren sanften Strahlen; die Vögel des Luxembourg sangen in den blühenden Kastanienbäumen; die Luft war rein, und man fühlte sich glücklich, wenn man nur in diesen Winkel eintrat. Salvator aber fühlte sein Herz beklommen bei dem Gedanken, der arme Mönch sollte diese heitere Atmosphäre verlassen, um auf den Landstraßen von Land zu Land, unter der glühenden Sonne des Süden, unter dem eisigen Winde der Nacht umherzuirren. Der Abbé blieb einen Augenblick mitten im Zimmer stehen und schaute rings umher. »Ich bin glücklich hier gewesen!« sagte er, durch Worte den Gedanken seines Geistes formend; »ich habe die süßesten Stunden meines Lebens in dieser friedlichen Einsamkeit zugebracht, wo ich Vergnügen nur vom Studium, Trost nur von Gott verlangte. Jenen Mönchen ähnlich, welche den Thabor oder den Sinai bewohnen, kamen dann wie Erinnerungen aus einem vergangenen Leben, wie Offenbarungen eines zukünftigen Lebens zu mir. Ich habe hier, wie lebendige Wesen, die blühendsten Träume meiner Jugend, die zauberhaftesten Glückseligkeiten meiner Jünglingszeit vorüberziehen sehen; ich verlangte nur einen Freund: Gott gab mir diesen Freund in Colombau, Gott hat ihn mir genommen! doch er hat Sie mir gegeben, Salvator. Der Wille Gottes geschehe!« Und nachdem er diese Worte gesprochen, nahm der Mönch ein Buch, das er in seine Rocktasche steckte, und knüpfte eine einfache Schnur um seinen weißen Rock; dann holte er aus einer Ecke des Zimmers einen langen Dornenstock und zeigte ihn seinem Freunde. »Ich habe ihn von einer traurigen Pilgerfahrt zurückgebracht,« sagte er; »es ist das einzige materielle Andenken, das mir von Colombau bleibt.« Sodann, als befürchtete er, weich zu werden und auszubrechen, sprach er: »Wollen wir gehen, mein Freund?« »Gehen wir!« erwiderte Salvator, indem er aufstand. Sie stiegen die Treppe hinab; der Mann war nicht mehr bei der Portiere, doch er war an der Ecke der Straße. Die zwei jungen Leute durchschritten den Luxembourg; der Mann folgte ihnen. Sie erreichten die Allee de l’Observatoire, nahmen ihren Weg durch die Rue Cassini, den Faubourg Saint-Jaques, und gelangten so., mehr stumm als sprechend, durch die äußeren Boulevards bis zur Barrière Fontainebleau; sie gingen durch die Barrière, verfolgt von den neugierigen Blicken der Douaniers und der Leute aus dem Volke, welche an den Anblick des mönchischen Gewandes wenig gewohnt waren; die zwei Freunde setzten ihren Marsch fort; der Mann folgte ihnen immer. allmählich trennten sich die Häuser, dann wurden sie die Straße entlang seltener; endlich sah man rechts , und links nichts mehr als die Ebene, wo die Aehren sich zu schaukeln ansingen. »Wo werden Sie heute übernachten?« fragte Salvator. »In dem ersten Hause, wo man so gut sein will, mir Gastfreundschaft zu geben,« antwortete der Mönch. »Diese Gastfreundschaft, mein Bruder, dulden Sie, daß ich sie Ihnen gebe?« Der Mönch nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Beistimmung. »Fünf Meilen von hier, etwas vor der Cour de France, finden Sie links einen kleinen Fußpfad, den Sie an einem Pfosten erkennen, auf welchem Sie ein weißes Kreuz sehen, das die Form von dem hat, was man in der Heraldik ein Pfotenkreuz nennt.« Dominique nickte zum zweiten Male. »Sie folgen diesem Fußpfade, der Sie ans Ufer des Flusses führt. Sodann, hundert Schritte von da, mitten unter einer Gruppe von Erlen, Pappelbäumen und Weiden, werden Sie bei den Strahlen, des Mondes ein weißes Häuschen sehen. Ueber der Thüre dieses Hauses werden Sie ein Kreuz ähnlich dem des Pfostens erkennen.« Dominique nickte zum dritten Male. »Ganz nahe dabei ist eine hohle,Weide,« fuhr Salvator fort: »Sie werden in der Höhlung dieser Weide suchen und einen Schlüssel finden: das ist der Schlüssel der Thüre. Sie nehmen ihn und öffnen. Für diese Nacht, und für so viel Nächte als Sie wollen, gehört die Hütte Ihnen.« Es fiel dem Mönch nicht einmal ein, Salvator zu fragen, zu welchem Zwecke er ein Haus am Ufer des Flusses habe: er öffnete seine Arme seinem Freunde. Das Herz angeschwollen von tiefer Erregung, preßten sich die jungen Leute an einander. Man mußte sich trennen. Der Abbé ging ab. Salvator blieb unbeweglich an dem Platze stehen, wo er seinen Freund verlassen hatte, und folgte ihm mit den Augen so weit, als seine Augen seine Form in der wachsenden Dunkelheit unterscheiden konnten. Jeder, der diesen schönen Mönch friedlich und ernst, seinen Dornenstock in der Hand, mit seinem von Weiße glänzenden Rocke und seinem hinter ihm flatternden Mantel hätte hinwandeln sehen: Jeder, sagen wir, der so zu Fuße aus seine lange, fromme Pilgerfahrt diesen schönen Mönch mit dem festen Gange, mit dem gleichen Schritte hätte abgehen sehen, würde sich zugleich von Mitleid und von Traurigkeit, von Ehrfurcht und von Bewunderung ergriffen gefühlt haben. Endlich verlor ihn Salvator aus dem Gesicht«: er machte ein Zeichen, welches bedeutete: »Gott behüte Dich!« und stieg gegen die rauchige, kothige Stadt hinab, – mit einem Kummer mehr und einem Freunde weniger. VIII Der Urwald der Rue d’Enfer Lassen wir den Abbé aus der Straße nach Italien, seine traurige, lange Pilgerfahrt von dreihundert fünfzig Meilen vollbringend, das Herz erfüllt von schmerzlichen Bangigkeiten, die Füße gequetscht durch die harten Kieselsteine des Weges, und sehen wir, was, ungefähr drei Wochen nach seiner Abreise, das heißt am Montag dem 21. Mai, um Mitternacht, in einem Hause, oder vielmehr im Parke eines öden Hauses von einer der volkreichsten Vorstädte von Paris vorging. Unsere Leser erinnern sich vielleicht des nächtlichen Besuches, den Carmelite und Colombau, zur Zeit ihres so schnell verlaufenen Glückes, in einer Frühlingsnacht dem Grabe von la Ballière machten. In jener Nacht, wie man sich auch erinnert, gingen sie, nachdem sie die Rue Saint-Jacques und die Rue du Val-de-Grace durchschritten hatten, gegen links und kamen in der Rue d’Enfer vor eine kleine hölzerne Gitterthüre, welche dem ehemaligen Garten der Carmeliterinnen als Eingang dient. Nun wohl, jenseits der Straße, – folglich rechts, wenn man nach dem Observatoire geht, diesem Garten der Carmeliterinnen beinahe gegenüber, war eine gewölbte Thüre mit eisernem Gitter und durch eine eiserne Kette geschlossen. Schaut im Vorübergehen durch die Gitterstangen dieser Thüre, und Ihr werdet erstaunt sein, wenn Ihr die üppigste Vegetation seht, die Ihr je vor den Augen gehabt, die Ihr je in einem Traume erschaut habt. In der That, man denke sich einen Wald von Platanen, Adamsfeigenbäumen, Kastanienbäumen, Sumachs, Fichten, Tulpenbäumen mit einander wie Lianen verschlungen und verbunden durch tausendarmigen Epheu, in einem unentwirrbaren Durcheinander, in einer unglaublichen Verwirrung: ein für den Menschen undurchdringlicher Wald, ein Urwald Indiens oder Americas, und man wird kaum einen Begriff von der Zauberwirkung haben, die aus den erstaunten Vorübergehenden der Anblick dieses vereinzelten, mehr als vereinzelten, geheimnißvollen Parkwinkels hervorbringt, Doch der Zauber, den der Anblick eines Urlandes und einer üppigen Vegetation verursacht, verschwand sehr bald und machte einer Art von Schrecken Platz, wenn, statt diesen Wald am hellen Tage zu sehen, der Vorübergehende seinen Blick durch die Gitterstangen in der Abenddämmerung oder in der Finsternis tauchte, welche der Mitternachtsmond sichtbar machte. Da erblickte er, beim bleichen Scheine der Königin mit dem silbernen Diadem, in der Ferne die Trümmer eines eingestürzten Hauses und einen ungeheuren gähnenden Brunnen in einem Dickicht von hohem Grase: da hörte er unter der tiefen Stille jene tausend seltsamen Geräusche, die um Mitternacht aus den Kirchhöfen, den verfallenen Thürmen und den unbewohnten Schlössern hervorkommen: dann, wenn, – statt von jenem dreifachen Erze umschlossen zu sein, von dem Horaz in Beziehung auf den ersten Schiffer spricht, – die Einbildungskraft des verspäteten Wanderers, eines Schülers von Göthe oder Lesers von Hoffmann, auch nur ein wenig von der Lecture dieser zwei Dichter erfüllt wäre, würden ihm die Erinnerung an die Burgen des Rheins, wohin die Gespenster der Feudalbaronen zurückkehren, die Geister der böhmischen Wälder, alle Mährchen, alle Legenden, alle schlimmen Geschichten des alten Deutschlands wieder in den Kopf kommen, und er würde von diesen schweigsamen Bäumen, von diesem offenen Brunnen, von diesem eingestürzten Hause ihre Geschichte, ihr Mährchen oder ihre Legende verlangen. Was wäre es dann bei dem, welcher, nachdem er die Trödlerin, – eine gute, brave Frau Namens Thomas, die gerade gegenüber, auf der andern Seite der Straße, wohnt, – was wäre es dann, sagen wir, wenn er, nachdem er diese brave Frau über die Legende oder die Geschichte des geheimnißvollen Parkes befragt hätte, durch Vergünstigung, durch Gewalt oder durch List das Mittel, ihn zu besichtigen, erhielte! Er würde sicherlich schauern, sähe er nur durch das Gitter diesen seltsamen, düsteren, unbeschreiblichen Wirrwarr von alten Bäumen, hohen Gräsern, Farnkräutern, Nesseln und kriechendem Epheu. Ein Kind würde es nicht wagen, die Schwelle dieser Thüre zu überschreiten; eine Frau würde beim Anblicke dieses Parkes ohnmächtig werden. Mitten in diesem Quartier, das schon so voll von Legenden, – mit der vom Teufel von Vauvert anzufangen, – ist dieser Park eine Art von Nest, wo tausend Legenden entstehen, die Euch der erste der Beste von der Barrière bis zur Porte Saint-Jacques, vom Observatoire bis zur Place Saint-Michel erzählen wird. Welche ist die wahrste von allen diesen sich widersprechenden Legenden? Wir vermöchten es nicht zu sagen; doch wir wollen, ohne sie als ein evangelisches Wort zu geben, diejenige mittheilen, welche uns persönlich ist, und man wird begreifen, warum die Erinnerung an dieses düstere, fantastische Haus bei uns so tief in den Geist eingedrungen ist, daß sie nach Verlauf von dreißig Jahren noch darin bleibt. Ich war kurz zuvor in Paris angekommen; ich zählte zwanzig Jahre, wohnte im Faubourg Saint-Denis und hatte eine Geliebte in der Grande-Rue-d’Enfer. Sie fragen mich, warum ich, im Faubourg Saint-Denis wohnend, eine Geliebte in diesem abgelegenen Quartier, das so fern von dem meinigen, gewählt habe. Daraus antworte ich Ihnen, daß man mit. zwanzig Jahren, wenn man von Villers-Coterets ankommt und nur zwölfhundert Franken Gehalt hat, seine Geliebte nicht wählt, sondern von ihr gewählt wird. Ich war also von einer hübschen jungen Person gewählt worden, welche, wie gesagt, in der Grande-Rue-d’Enfer wohnte. Ich machte dreimal in der Woche, zur großen Angst meiner armen Mutter, dieser schönen jungen Person einen nächtlichen Besuch; ich ging um zehn Uhr Abends von Hause weg und kam gegen drei Uhr Morgens zurück. Nach meiner Gewohnheit als noctambuler Tourist trug ich, auf meine hohe Gestalt und meine Stärke mich verlassend, weder Stock, noch Pistolen, noch Dolch bei mir. Der Weg, den ich machte, war sehr einfach; wäre er auf der Karte von Paris mit einem Lineal und einem Bleistift gezogen worden, er hätte keine geradere Linie verfolgt: ich ging vom Faubourg Saint-Denis Nr. 53 aus; ich wanderte über den Pont-au-Change, durch die Rue de la Barillerie, über den Pont Saint-Michel; ich durchschritt die Rue de la Harpe; sie führte mich nach der Rue d’Enfer, die Rue d’Enfer nach der Rue de l’Est, die Rue de l’Est nach der Place de l’Observatoire;, dann zog ich mich am Hospice des Enfants-Troupés hin und trat durch die Barrière, und zwischen der Rue de la Pepinière und der Rue de la Rochefoucauld öffnete ich die kleine Thüre eines Gartens, der nach einem Hause führte, das heute verschwunden ist und vielleicht nur noch in meiner Erinnerung lebt. Ich kam auf demselben Wege zurück, das heißt, ich machte ungefähr zwei Meilen in meiner Nacht. Meine arme Mutter, die sich schon sehr ängstigte, ohne zu wissen, wohin ich ging, würde sich wohl noch viel mehr geängstigt haben, hätte sie mir folgen, und sehen können, durch welche finstere Wüste mein Gang von dem aus, was man die Ecole des Mines nennt, vollführt wurde. Doch der ödeste und düsterste Ort von dieser ganzen Marschlinie waren unstreitig die fünfhundert Schritte, die ich von der Rue de l’Abbé-de-l’Epée nach der Rue de Port-Royal gehend und von der Rue de Port-Royal nach der Rue de l’Abbé-de-l’Epée zurückkehrend machte. Diese fünfhundert Schritte gingen längs den Mauern des verfluchten Hauses hin. Ich gestehe, daß in mondlosen Nächten diese fünfhundert Schritte mich beklommen machten. Es gibt einen Gott für die Trunkenen und die Verliebten, sagt man. Gott sei Dank, ich vermöchte, was die Trunkenen betrifft, nicht zu urtheilen; was aber die Verliebten betrifft, da wäre ich versucht, es zu glauben: ich hatte nie ein schlimmes Zusammentreffen. Gequält von der Wuth, Alles zu ergründen, die mich beständig anstachelte, hatte ich allerdings den Entschluß gefaßt, wie man sagt, den Stier beiden Hörnern zu packen, das heißt, in das Innere dieser geheimnißvollen Einsamkeit einzudringen. Ich fing damit an, daß ich mich nach der betreffenden Legende bei der Person erkundigte, welche mich, von zwei Nächten eine, die so eben von mir erzählte Unklugheit begehen ließ. Sie versprach, ihren Bruder, einen der unbändigsten Studenten des Quartier Latin, darüber zu fragen; ihr Bruder bekümmerte sich wenig um Legenden; um jedoch die Neugierde seiner Schwester zu befriedigen, erkundigte er sich, und Folgendes sind die Details, die er sammelte. Die Einen sagten, dieses Haus sei das Eigentum eines reichen Nabobs, der, nachdem er seine Söhne und seine Töchter, seine Enkel und seine Enkelinnen, sowie auch seine Urenkel hatte sterben sehen, – denn der Indier zählte fast anderthalb Jahrhunderte, – geschworen habe, Niemand mehr zu sehen, nur Wasser aus seiner Cisterne zu trinken, nur Gras von seinem Garten zu essen, seinen Leib nur aus der kahlen Erde, seinen Kopf nur aus einem steinernen Kissen ruhen zu lassen. Andere behaupteten, dieses Haus diene als Schlupfwinkel für eine Falschmünzerbande, und alle falsche Geldstücke, welche in Paris im Umlaufe seien, werden zwischen der Allee de l’Observatoire und der Rue de I’Eft verfertigt. Die frommen Personen sagten ganz leise, diese Wohnung werde zu unregelmäßigen Zeiten vom Jesuitengeneral besucht, der sich, nachdem er den Brüdern von Montrouge Besuch gemacht, nach diesem seltsamen Orte durch einen unterirdischen Gang begebe, welcher nicht weniger als anderthalb Meilen Länge habe. , Die schwachen Geister sprachen unbestimmt von Ketten schleppenden Gespenstern, von Seelen im Fegefeuer, welche um Gebete flehen, von unerklärlichen, außerordentlichen, übermenschlichen Geräuschen, die man zur Mitternachtsstunde, an gewissen Tagen des Monats, bei gewissen Mondsgestalten höre. Diejenigen, welche sich mit Politik beschäftigten, erzählten Jedem, der es hören wollte, da dieser Park zu den Grundstücken gehöre, aus denen man seitdem die Chartreuse erbaut hat, und vor denen der Marschall Ney erschossen wurde, so habe die Familie Ney, als eine Art von düsterer Weihung, das Haus und die in der Nähe des unseligen Platzes liegenden Grundstücke gekauft, und sich, nachdem sie den Schlüssel des Hauses in den Brunnen und den der Parkthüre über die Mauer geworfen, entfernt, ohne es zu wagen, rückwärts zu schauen. Kurz, dieses Haus, wo man nie Jemand eintreten sah, diese eisengeharnischte Thüre, die Geschichten von Diebstählen, Morden, Entführungen und Selbstmorden, welche über diesem trostlosen Parke wie eine Schaar Nachtvögel schwebten; die wahren oder falschen Geschichten, die man im Quartier zum Besten gab, der Sycomorenast, wo sich ein Mann Namens Georges, erhenkt hatte, und den man (den Ast) den Vorübergehenden zeigte, wenn sie vor dem Gitter stehen blieben und fragten, – Alles trug dazu bei, in mir das lebhafteste Verlangen zu erregen, bei Tage in diesen öden Garten und in dieses verlassene Haus einzutreten, woran ich dreimal in der Woche bei Nacht schauernd vorbeiging. Das Gitter des Gartens lag in der Rue d’Enfer, doch der Eingang des Hauses war und ist noch in der Rue de l’Est Numero 37, das heißt das letzte Haus, ehe man zur Chartreuse kommt. Unglücklicher Weise war ich damals nicht reich; – wohlverstanden, ich will nicht sagen, ich sei es heute viel mehr; – ich war damals nicht reich: ich konnte es also nicht mit dem Zauberschlüssel versuchen, der alle Thüren, Gitter und Schlupfpforten öffnen soll; doch außer diesem setzte ich Bitten, Kniffe und Intriguen, Alles in Bewegung, um in diesen undurchdringlichen Ort einzudringen. Nichts glückte. Es war wohl die Ersteigung da; doch die Ersteigung ist etwas Ernstes, vom Gesetze Vorhergesehenes, und wäre ich bei der nächtlichen Erforschung meines Urwaldes und meines unbewohnten oder bewohnten,– das wußte man nicht, – Hauses ertappt worden, so hätte ich große Mühe gehabt, meine Richter zu überzeugen, ich sei aus einem Motiv reiner Neugierde hierhergekommen. Ich hatte mich übrigens dergestalt daran gewöhnt, an dieser Mauer vorüberzugehen, welche von. großen Bäumen überragt wurde, deren Aeste sich wie ein dunkles Wetterdach auf, die Straße vorstreckten, daß ich den Schritt, statt ihn zu beschleunigen, wie in den ersten Zeiten, hemmte, manchmal stehen blieb und mich dabei überraschte, wie ich, wäre die Sache möglich gewesen, ganz bereit war, mein Liebesrendez-vous gegen einen Besuch in diesem fantastischen Garten zu vertauschen. Und fantastisch war das rechte Wort, wie Sie sogleich sehen werden. Eines Abends im Monat Juli 1826, das heißt ungefähr ein Jahr vor den Ereignissen, die wir erzählen wollen, – als ich, um ganz für mein Rendezvous geeignet zu sein, im Quartier Latin zu Mittag gegessen hatte, und gegen neun Uhr Abends nach her Rue de l’Est wandelte, schlug ich nach meiner Gewohnheit die Augen zu dem geheimnißvollen Hause auf, und ich sah in der Höhe des ersten Stockes einen ungeheuren Aushängezettel, auf welchem in großen schwarzen Buchstaben die drei Worte geschrieben standen: Haus zu verkaufen Ich blieb stehen, da ich schlecht gesehen zu haben glaubte; ich rieb mir die Augen: es war kein Irrthum; es waren wirklich die drei Worte: »Haus zu verkaufen« in Form eines Anschlagzettels an die Facade geschrieben. »Ah! bei Gott!« sagte ich zu mir selbst, »das ist die Gelegenheit, die ich schon seit so langer Zeit suchte: hüten wir uns wohl, sie entschlüpfen zu lassen.« Ich stürzte nach der Thüre, und erfreut, daß ich nun eine Antwort zu geben hatte, wenn man mich fragen wurde, was ich wollte, klopfte ich gewaltig an . . . Niemand antwortete. Ich klopfte zum zweiten Male . . . Abermals Nichts! Ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal ließ ich den eisernen Klopfer erschallen: doch ich erhielt kein besseres Resultat als das erste und das zweite Mal. Ich ließ meine Augen umherlaufen: ein Coiffeur, der aus seiner Thürschwelle stand, schaute mir zu. Ich fragte ihn: »An wen muß ich mich wenden, um dieses Haus zu besichtigen?« »Sie wollen dieses Haus besichtigen?« sagte mit erstaunter Miene. »Ja . . . Ist es nicht zu verkaufen?« »In der That, heute Morgen habe ich diesen Anschlagezettel an der Facade gesehen: doch der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wer ihn angenagelt hat.« Man begreift, daß diese Meinung des Coiffeur, die mit der meinen zusammentraf, meine Neugierde vermehrte, statt sie zu vermindern. »Können Sie mir ein Mittel angeben, in dieses Haus hineinzukommen und es zu sehen?« »Ei! klopfen Sie an diesen Keller und fragen Sie.« Und so sprechend, deutete der Coiffeur aus eine Art von Aushöhlung, welche auf der Straße gähnte, und in die man aus einer Treppe von fünf bis sechs Stufen hinabstieg. Auf die letzte Stufe gelangt, wurde ich von einem materiellen Hindernisse ausgehalten: dieses materielle Hinderniß war ein großer Hund, schwarz wie die Nacht: kaum konnte man ihn in der Dunkelheit unterscheiden: seine Augen und seine Zähne glänzten in der Finsternis, ohne daß man den Leib sah, dem sie angehörten: er schien das Schutzungeheuer dieser Höhle zu sein. Er lag, doch er richtete sich aus, stellte sich quer, knurrte dumpf und wandte den Kopf nach meiner Seite. Das Knurren schien einen Menschen herbeizurufen . . . Es war wohl der Herr dieses fantastischen Hundes und der Bewohner dieser geheimnißvollen Höhle! Das reelle Leben, die menschlichen Personen waren drei Schritte hinter mir: ich berührte sie noch mit der Hand, und dennoch war meine Einbildungskraft so lebhaft ergriffen, daß es mir schien, das Hinabsteigen dieser fünf Stufen habe genügt, um mich mit einer andern Welt als die unsere in Berührung zu setzen. Der Mensch, wie der Hund, hatten in der That einen eigenthümlichen Charakter. Er war schwarz gekleidet und trug aus dem Kopfe einen schwarzen Filzhut, dessen ungeheure Krämpe sein schwarzes Gesicht umrahmte, in welchem, wie in dem des Hundes, die Augen und die Zähne glänzten. »Was wollen Sie?« fragte er mit einer rauhen Stimme, indem er sich mir näherte. »Das Haus sehen, das zu verkaufen ist,« antwortete ich. »Zu dieser Stunde?« bemerkte der schwarze Mann. »Ich begreife, welche Störung Ihnen dies verursachen muß . . . doch seien Sie ruhig!« Und ich ließ majestätisch in meiner Tasche ein paar Geldstücke klingen, die einzigen, die ich besaß. »Man kommt nicht zu dieser Stunde, um ein Haus zu besichtigen,« entgegnete der schwarze Mann zwischen seinen. Zähnen, indem er den Kopf schüttelte. »Sie sehen wohl, daß dies doch geschieht, da ich da bin,« sagte ich. Ohne Zweifel schien das Argument dem schwarzen Manne unwiderlegbar. »Gut,« sprach er, »Sie sollen es sehen.« Und er drang in die Tiefen der Höhle ein. Ich gestehe, ich hatte einen Augenblick des Zögerns, ehe ich ihm zu folgen mich entschloß; endlich aber entschloß ich mich. Beim ersten Schritte fühlte ich mich aufgehalten: meine Brust hatte an die flache Hand des schwarzen Mannes gestoßen. »Man tritt durch die Rue d’Enfer, und nicht hier ein,« sagte er. »Die Hausthüre ist aber in der Rue de l’Est,« wandte ich ein. »Das ist möglich,« erwiderte der schwarze Mann; »doch Sie werden nicht durch die Hausthüre eintreten.« Ein schwarzer Mensch kann seine Fantasien haben wie ein weißer Mensch: ich beschloß also, die meines Führers zu achten. Ich verließ den Keller, in dessen Innerem ich übrigens nur ein paar Schritte gemacht hatte, und befand mich wieder aus der Straße. Der schwarze Mann folgte mir, selbst gefolgt von seinem Hunde und in seiner Hand seinen Stock haltend. Beim Scheine der Laternen schien es mir, er werfe mir einen schlimmen Blick zu. Dann sprach er zu mir mit düsterer Stimme, im dem er mit dem Ende seines Stockes aus die Rue du Val-de-Grace deutete: . »Gehen Sie rechts.«’ Und er rief seinen Hund zurück, der, mich mit einer empörenden Indiskretion beriechend, – als ob das beste Stück meiner Person in einem gegebenen Momente ihm gehören sollte, – mir einen Blick zuwarf, welcher das Seitenstück zum Blicke seines Herrn bildete, und sich von mir entfernte; alsdann verschwanden Herr und Hund links, während ich mich gegen rechts wandte. Vor dem Gitter angelangt, blieb ich stehen. Durch die Gitterstangen tauchte mein Blick in die mysteriösen Tiefen dieses Gartens, welchen zu besichtigen mir endlich gestattet ward. Es war ein seltsames Schauspiel, melancholisch, anbetungswürdig, allerdings ein wenig düster, aber unaussprechlich ergreifend. Der Mond, der so eben ausgegangen war und in seiner ganzen Pracht glänzte, setzte aus die Stirne der großen Baume etwas wie eine Krone von Opal, von Perlen und von Diamanten; die hohen Gräser funkelten Smaragden ähnlich; die Glühwürmer sandten, da und dort in den Tiefen des Waldes zerstreut, den Veilchen, den Moosen und dem Epheu ihre bläulichen Scheine zu; bei jedem Winde kamen endlich, wie aus den Wäldern Asiens, tausend unbekannte Wohlgerüche und tausend geheimnißvolle Geräusche hervor, welche die Bezauberung der Augen durch die Wollust des Gehörs und des Geruchs vervollständigten. Welche Glückseligkeit mußte es für den Dichter sein, der, Paris mitten in Paris entschlüpfend, das Recht hatte, Tag und Nacht in diesem Zauberlande zu lustwandeln! Ich war in diese stumme Betrachtung versunken, als sich ein Schatten zwischen mich und das magische Schauspiel, das ich vor den Augen hatte, zu stellen schien. Es war mein schwarzer Mann, der durch das Innere gegangen war und am Gitter erschien. »Wollen Sie immer noch herein?« fragte er. »Mehr als je!« antwortete ich. Und nun entstand ein Geräusch von Riegeln, die man zog, von eisernen Stangen, die man aushob, von Ketten, die man entrollte, ein Geklirr von altem Eisenwerk, ziemlich ähnlich dem der eisenbeschlagenen Gefängnißthüren, die man schwerfällig hinter dem Gefangenen niederfallen läßt. Doch das war nicht Alles: als der schwarze Mann diese verschiedenen Operationen, welche bei ihm ein tiefes Studium der Schlosserei beurkundeten, vollendet hatte; als er die Thüre von allem Geräth, das sie verbarricadirte, befreit hatte, und ich mich. indem ich mit meinen ungeduldigen Händen an die Gitterstangen drückte, anstemmte, um sie auf ihren Angeln rollen zu machen, da weigerte sich das Gitter völlig, trotz der Anstrengungen, die der schwarze Mann selbst vollbrachte, trotz des Gebells des Hundes, – den man hörte, ohne ihn zu sehen, und der wirklich unsichtbar blieb, so maßlos hoch waren die großen Gräser. Der schwarze Mann wurde zuerst müde; ich, ich hätte bis zum nächsten Morgen fortgearbeitet. »Kommen Sie an einem andern Tage,« sagte er zu mir. »Warum dies?« »Weil ein Berg von Erde vor der Thüre ist, und man diesen vorher wegräumen muß.« »Räumen Sie ihn weg.« »Wie, ich soll ihn heute Abend wegräumen?« »Allerdings; da Sie früher oder später dieses Geschäft verrichten müssen, so ist es besser, sie thun es sogleich.« »Sie haben also große Eile?« »Ich reise morgen auf drei Monate ab.« »Dann lassen Sie mir Zeit, eine Haue und einen Spaten zu holen.« Und er verschwand mit seinem Hunde unter dem dichten Schatten, den die Riesenbäume um sich her verbreiteten. In der That, hatte nun der Westwind seit langen Jahren an die Thüre Staubwolken getrieben und der fallende Regen einen Mörtel daraus gemacht, oder war es eine einfache Aufquellung des Bodens, es hatte sich jenseits des Gitters, auf der Seite des Gartens, ein Hügelchen von ungefähr achtzehn Zoll Höhe gebildet, das durch das große, an den eisernen Gitterstangen emporsteigende Gras verborgen war. Nach einem Augenblicke kam der schwarze Mann mit einer Haue zurück. Durch das Gitter und mit den riesigen Verhältnissen, die meine Einbildungskraft, in ihrer Exaltation, den gewöhnlichen Dingen gab, machte er auf mich den Eindruck eines mit seiner Framea bewaffneten Galliers; es war nur die rußschwarze Oberhaut, was der Aehnlichkeit schadete. Er fing an die Erde aufzuhacken; so oft sein Werkzeug wieder niederfiel, stieß er eine Art von Seufzer aus, ähnlich denen, welche die Bäcker von sich geben, und von denen ihr Name geindres[15 - Le geindre heißt der Oberbäckerknecht; geindre heiß ächsen, wimmern.] herrührt. Das war die Zeit, wo Löwe Weimars Hoffmann übersetzt hatte; ich hatte den Kopf voll von den Geschichten: das Majorat, Kater Murr, die Cremoneser Geige; ich war überzeugt, ich schwimme mitten in einer Fantasiewelt. Nach einigen Augenblicken hörte der schwarze Mann zu arbeiten auf, stützte sich auf seine Haue, und sagte zu mir: »Nun ist es an Ihnen.« »Wie, an mir?« »Ja . . . Drücken Sie.« Ich gehorchte dieser Aufforderung, und drückte und stieß mit den Händen und den Füßen an die Thüre; sie machte noch einen Augenblick Umstände, endlich aber entschloß sie sich und öffnete sich plötzlich, und zwar so heftig, daß sie den schwarzen Mann an die Stirne schlug und ins Gras niederwarf. Der Hund, der ohne Zweifel diesen Unfall für eine Kriegserklärung nahm, fing an wüthend zu bellen und war ganz bereit, auf mich loszustürzen. Ich schickte mich zu einer doppelten Vertheidigung an; denn ich bezweifelte nicht, sobald er aufgestanden, werde der schwarze Mann mich mit allem Ungestüm angreifen. Doch zu meinem großen Erstaunen gebot aus der Tiefe des Grases, wo er begraben lag, mein Führer dem wüthenden Thiere Schweigen, stand murmelnd: »Es ist nichts!« wieder auf und erschien an der Oberfläche des Grases. Wenn ich sage an der Oberfläche, so sage ich die reine Wahrheit; denn als sich der schwarze Mann, mich einladend, ihm zu folgen, wieder in Marsch setzte, hatten wir das Gras bis am Halse. Der Boden krachte unter meinen Füßen, mir schien, ich gehe auf Kastanienhülsen; es war sicherlich über der Erde eine wenigstens einen Fuß dicke Lage von Moos, dürren Blättern und Epheu. Ich wollte aufs Gerathewohl in das Dickicht eindringen, als mich mein Führer zurückhielt. »Einen Augenblick Geduld!« sagte er. »Was gibt es denn noch?« fragte ich. »Man muß die Thüre schließen, wie mir scheint.« »Unnöthig, da wir sogleich wieder hinausgehen werden.« »Man geht nicht hier hinaus,« antwortete mir der schwarze Mann, indem er mir einen Blick zuwarf, der mich in meiner Tasche suchen machte, ob ich nicht irgend eine Waffe darin fände. Natürlich fand ich keine Waffe. »Und warum geht man nicht hier hinaus?« fragte ich. »Weil das die Eingangsthüre ist.« Dieses Argument, so unbestimmt es war, befriedigte mich: ich war entschlossen, das Abenteuer bis zum Ende zu verfolgen. Nachdem die Thüre geschlossen war, setzten wir uns wieder in Marsch. Er schien mir in jenen undurchdringlichen Urwald einzudringen, von dem man den Kupferstich aus den Boulevards sieht: nichts fehlte dabei, nicht einmal der liegende Baum, der als Brücke dient, um über die Schlucht zu passieren. Die Epheu schossen wie Furien vom Fuße der Bäume empor und fielen dann hängend und zerzaust wieder in den Raum. Zwanzig Windepflanzen umschlangen sich, krümmten sich, rollten sich in einander, hielten sich eng umschlossen unter dem Blicke des Mondes, in dieser großen grünen Hängematte, die der Wald bildete. Hätte mir die Fee der Pflanzen, plötzlich aus einem Blumenkelche oder aus einem Baumstamme hervorkommend, den Vorschlag gemacht, mein Leben mit ihr in diesem anbetungswürdigen Wirrwarr zuzubringen, ich würde es wahrscheinlich angenommen haben, ohne mich darum zu bekümmern, was die andere Fee, die mich in der Grande Rue d’Enfer erwartete, sagen dürste. Es war nicht die Fee, die aus ihrem grünen Palaste hervorkam: es war mein schwarzer Mann, der, während er seinen Stock sich drehen ließ und da und dort alle Köpfe der Pflanzen, die sich in seinem Bereiche fanden, unbarmherzig niederschlug, mich zu einem Gestrüppe führte, das dichter, als eines von denen, durch welche ich noch gedrungen, und mit rauher Stimme zu mir sagte: »passieren Sie!« Der Hund passierte zuerst, ich passierte nach ihm. Der schwarze Mann folgte mir, und ich war nicht ohne Besorgniß hinsichtlich dieses neuen den Marsch unserer Karavane betreffenden Befehles: ich hatte mich als ein Käufer vorgestellt: ein Käufer ist reich, und ein Stockstreich aus das Hinterhaupt ist so schnell gegeben. Ich schaute hinter uns: hinter uns war das Gebüsch schon wieder geschlossen. Plötzlich fühlte ich mich am Kragen meines Ueberrocks gepackt und zurückgezogen . . . Ich glaubte, der Augenblick des Kampfes sei gekommen. Ich drehte mich um. »Halten Sie doch an!« sagte der schwarze Mann zu mir. »Und warum soll ich anhalten?« »Sehen Sie nicht diesen Brunnen vor Ihnen.« Ich schaute nach dem bezeichneten Orte: ich sah einen aus dem Boden gezogenen schwarzen Kreis, und erkannte in der That der Erde gleich die Oeffnung eines Brunnens. Ein Schritt mehr, und ich verschwand hinabgestürzt! Ah! ich gestehe; diesmal durchlief ein Schauer meine Adern. »Ein Brunnen?« wiederholte ich. »Ja, der in die Katakomben geht, wie es scheint.« Und der schwarze Mann suchte einen Stein, den er in den Schlund warf. Einige Augenblicke, die mir endlos dünkten . . . zehn Secunden vielleicht . . . verliefen. Endlich hörte ich ein dumpfes Geräusch, ein unterirdisches Echo: der Stein hatte den Boden berührt. »Es ist schon ein Mensch hinuntergefallen,« sprach mein Führer ruhig, »und Sie begreifen wohl, daß man ihn nie wiedergesehen hat . . . Vorwärts!« Ich umging den Brunnen den weitesten Kreis beschreibend, welchen zu beschreiben mir möglich war. Fünf Minuten nachher trat ich unversehrt aus dem Gestrüppe hervor; als ich aber an den Saum kam, fühlte ich mich kräftig beim Arme gepackt. Ich fing übrigens an mich an die seltsamen Manieren meines Führers zu gewöhnen; sodann, statt in voller Finsternis zu sein, wie ich es fünf Minuten vorher war, befanden wir uns unter einem Mondstrahle. »Nun?« fragte ich ziemlich ruhig. »Nun,« antwortete der schwarze Mann, indem er mit dem Finger auf einen Maulbeerfeigenbaum deutete, »hier ist der Baum.« »Welcher Baum?« »Der Maulbeerfeigenbaum, bei Gott!« »Ich sehe wohl, daß dies ein Maulbeerfeigenbaum ist . . . Doch weiter?« »Das ist der Ast.« »Welcher Ast?« »Der Ast, an den er sich gehängt hat.« »Wer denn?« »Der arme Georges.« Ich erinnerte mich in der That dieser Geschichte eines Gehenkten, von der ich unbestimmt hatte reden hören. »Ah! ah!« sagte ich. »Und wer war dieser arme Georges?« »Ein armer Junge, den man so nannte.« »Und warum nannte man ihn so?« »Weil es ein armer Junge war.« »Und warum war es ein armer Junge?« »Wenn ich Ihnen sage, daß er sich gehenkt hat!« »Warum hat er sich aber gehenkt?« »Weil es ein armer Junge war.« Ich sah, es wäre unnütz, das Verhör weiter zu treiben. Mein fantastischer Führer fing an mir unter seinem wahren Gesichtspunkte zu erscheinen, das heißt als, ein Idiot. Nun packte ich ihn beim Arme, und ich fühlte, daß er zitterte. Ich richtete ein paar neue Fragen an ihn, und ich bemerkte, daß das Zittern seines Körpers bis in seine Stimme übergegangen war. Da begriff ich, daß sein Widerwille, mich den Garten und das Haus bei Nacht besichtigen zu lassen, nichts Anderes war als Furcht. Es blieb mir die dunkle Farbe der Kleider, des Gesichtes und des Hundes zu erklären; ich wollte hierüber eine Erklärung verlangen, doch mein Führer ließ mir nicht Zeit, und als hätte er Eile gehabt, sich von dem verdammten Baume zu entfernen, stürzte er wieder in das Gehölze und sagte: »Lassen Sie uns ein Ende machen: kommen Sie!« Diesmal ging er voran. Wir drangen abermals in das Gehölze ein: es war ein Wald von einem Morgen, doch die Bäume waren so dick und dergestalt an einander gedrängt, daß er eine Meile zu haben schien. Was das Haus betrifft, das war das Ideal von seinem Genre: Alles war hier eingesunken, zerrissen, gespalten, in Trümmern: man stieg dazu aus einer Freitreppe von vier bis fünf Stufen hinaus: sodann gelangte man von dieser Art von Plattform in die aus die Rue de l’Est gehende Pièce aus einer zweiten steinernen Schneckentreppe: nur waren hier die Stufen getrennt, und an zwanzig verschiedenen Stellen mußte man das Licht dadurch sehen. Ich war im Begriffe, hinaufzusteigen: doch zum dritten Male fühlte ich die Hand meines Führers mich zurückziehen. »Ei! mein Herr,« sagte er, »was machen Sie denn?« »Ich besichtige das Haus.« »Hüten Sie sich wohl! es hält an nichts, das Haus, und bliese man ein wenig stark daraus, so würde man es einfallen machen.« Und in der That, – mag nun Einer zu stark daraus geblasen haben, – der Nordwind zum Beispiel, – mag es des Daraufblasens gar nicht bedurft haben, ein Theil vom Gebäude ist heute eingestürzt. Ich eilte nicht nur die zwei Stufen der Schneckentreppe, die ich erstiegen hatte, sondern auch die vier oder fünf Stufen der Freitreppe wieder hinab. Mein Besuch war beendigt, ich hatte nur noch wegzugehen . . . Doch wo hinaus ging man weg? Man hätte glauben sollen, mein Führer errathe meinen Wunsch, und er theile ihn lebhaft: denn er wandte sich gegen mich um und sagte: »Nicht wahr, Sie haben genug?« »Habe ich Alles gesehen?« »Durchaus Alles.« »Nun, so lassen Sie uns gehen!« Er öffnete eine in der Dunkelheit verborgene, wie es unter dem Gewölbe war, unsichtbare kleine Thüre, und wir befanden uns in der Rue de l’Est. Ich folgte maschinenmäßig meinem Manne bis zu seinem Keller: ich war begierig, Cacus in seine Höhle zurückkehren zu sehen. In unserer Abwesenheit hatte sich der Keller er’leuchtet: ein Licht brannte bei der Thüre. Unten an der Treppe wartete ein Mann, so ähnlich demjenigen, mit welchem ich es zu thun hatte, daß man hätte glauben sollen, es sei sein Schatten: er war schwarz wie der Andere vom Kopfe bis zu den Füßen. Die zwei Neger kamen einander entgegen und drückten sich die Hand: sie knüpften das Gespräch in einer Sprache an, die mir Anfangs fremd schien, bald aber, Dank sei es der Aufmerksamkeit, die ich darauf verwandte, erkannte ich, daß es auvergnatisch war. Sobald ich auf der Fährte, war das Uebrige nicht schwer zu finden. Ich hatte es ganz einfach mit einem Mitgliede der ehrenwerthen Brüderschaft der Kohlenbrenner zu thun; die Nacht und besonders meine Einbildungskraft hatten die Gegenstände vergrößert und poetisirt. Ich gab meinem Führer drei Franken für die Mühe, die ich ihm verursacht; er nahm seinen Hut ab, und an der gestreiften Fleischfarbe, welche an dem Platze erschien, wo das Reiben des Filzhutes die Kohle weggenommen hatte, bestätigte ich die Genauigkeit meiner Entdeckung. Und wenn ich nun mehr als zwanzig Jahre nachher diese Erinnerung in der Tiefe meines Gedächtnisses aufgesucht und auf eine vielleicht etwas ungewöhnliche Art hierher gestellt habe, so geschah dies, weil mir daran lag, den Leser mit der Oertlichkeit bekannt zu machen, in die wir ihn versetzen wollen. Nach diesem öden Garten der Rue de l’Est, zu diesem einsamen, halb eingestürzten Hause bitten wir ihn also, uns in der Nacht vom 21. Mai 1827 zu folgen. IX Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen In der Nacht vom 21. Mai, um Mitternacht, in dem Gehölze, links, wenn man durch die Rue d’Enfer eintritt, – doch wir glauben, man kann heute nicht mehr dort eintreten, denn die Kette des Gitters hat uns, als wir das letzte Mal hier vorbeikamen und einen retrospectiven Blick auf die Ereignisse warfen, deren Schauplatz dieses Gehäge war, angenietet geschienen, – am Montag den 21. Mai also, in dem Gehölze links, wenn man durch die Rue d’Enfer eintritt, rechts, wenn man durch die Rue de Est eintritt, fanden sich[16 - eingeführt durch den Kohlenbrenner, Führer und Wächter, den wir vor den Augen unserer Leser haben passieren lassen, und der kein Anderer war, als unser Freund Toussaint-Louverture] fanden sich, sagen wir, zwanzig verlarvte Carbonari versammelt, das heißt eine besondere Venta. Wie und warum hatte diese Venta diesen Ort gewählt, um sich zu versammeln? Das können wir leicht erklären. Man erinnert sich der Nacht, wo Herr Jackal rittlings hinabsteigend, aus einem Seile, in der Rue du Puits-qui-parle das Geheimniß der Versammlungen der Carbonari in den Katakomben entdeckt hatte: man erinnert sich, daß in Folge hiervon Herr Jackal nach Wien abgereist war und das Complott, dessen Zweck es war, den Herzog von Reichstadt zu entführen, scheitern gemacht hatte. Ungeschickte Agenten hatten diese Entdeckung ausgeplaudert, und der nächtliche Besuch von Herrn Jackal war für Keinen der Verschworenen mehr ein Geheimniß. Dieser Besuch, während er das so mühsam erdachte Project des Generals Lebastard de Prémont umstürzte, hatte für die Verschworenen von Paris nicht die ganze Wichtigkeit gehabt, die er von Ansang zu haben schien. Wären zehn französische Regimenter in die Katakomben hinabgestiegen, sie hätten nicht einen einzigen Carbonaro festnehmen können, dergestalt führten die tausend Fußpfade der unter irdischen Grüste zu unzugänglichen Schlupfwinkeln, Überdies waren an fünf bis sechs Orten die Katakomben bewunderungswürdig unterminirt, und es genügte ein auf eine Lunte dieser Minen geschütteter Funke, um das ganze linke Ufer in die Luft zu sprengen. Allerdings verschlang man sich, indem man Paris verschlang; war aber nicht Simson so gestorben? Ehe man indessen zu dieser Extremität griff, war es besser, für den Augenblick die Katakomben zu verlassen, entschlossen, in den verzweifelten Fällen wieder dahin zu kommen. Es fehlte nicht an Versammlungsorten , und waren die Katakomben nicht mehr möglich als Vereinigungsplatz, so konnten sie immerhin als Weg dienen, um in der Dunkelheit zu demjenigen von den Freunden zu gehen, der seine Wohnung anbieten würde. So und bei den Nachforschungen, die man bei dieser Gelegenheit anstellte, geschah es, daß Einer der Verschworenen, der in der Rue d’Enfer wohnte, in einer Nacht wahrnahm, der Keller, durch den er gewöhnlich in die Katakomben gelangte, stehe auf der Ostseite mit einem der Keller des öden Hauses in Verbindung; nur war es gefährlich, sich in einem Keller zu versammeln, und wäre es der eines öden Hauses gewesen. Man machte also im Keller einen Durchbruch von ungefähr dreißig Fuß, sodann ein Loch, und man befand sich mitten im Walde; die Erde wurde durch Stützbalken festgehalten, weil man Einstürze befürchtete; man ließ am Ende dieses Erdganges eine Passage für einen einzigen Menschen, und man beschloß, bis auf neuen Befehl sich in dieser Einsamkeit zu versammeln, wobei Jeder den entschiedenen Vorsatz in sich trug, den Ersten, der sie stören würde, niederzuschießen. Man wundere sich übrigens nicht über alle diese unterirdischen Zustände, die wir ausführlich beschreiben, um unserer Erzählung alle Wahrscheinlichkeit zu geben: über fünfzig Häuser des Quartiers, wo die Ereignisse vorfallen, die wir mittheilen, sind so durchbrochen, und wir könnten eben so viele wie Theaterböden maschinirte Keller anführen. Befragen Sie, zum Beispiel, einen wackern Cafetier der Rue Saint-Jacques, Namens Giverne, dem Val-de-Grace beinahe gegenüber; bitten Sie ihn, Sie seinen Keller besichtigen zu lassen und Ihnen die Legende dieses Kellers zu sagen: er wird Ihnen vorangehen und Ihnen sagen, dieser unterirdische Gang habe einst zum Garten der Carmeliterinnen gehört. »Wozu ein unterirdischer Gang im Garten der Carmeliterinnen,« werden Sie fragen, »und wohin führte er?« »Ei! zu den Carmeliterinnen, welche gegenüber waren, wo das Val-de-Grace ist! Fragen Sie Giverne.« Man beschuldige uns also nicht, wir setzen Fallthüren und unterirdische Gänge dahin, wo es weder Fallthüren, noch unterirdische Gänge gibt. Das ganze linke Ufer, von der Tour de Nesle, die ihren nach der Seine führenden unterirdischen Gang hatte, bis zur Tombe-Issoire, die ihren Eingang bei Montrouge hat, das ganze linke User ist nur eine Fallthüre von oben bis unten. Kommen wir auf unsere nächtliche Versammlung zurück. Diese Versammlung bestand, wie gesagt, aus zwanzig Carbonari; denn, obgleich der Carbonarismus, nachdem er seit 1824 verschiedene successive Niederlagen erlitten, faktisch aufgelöst war und keine scheinbare Existenz mehr hatte, so hatten sich seine Hauptmitglieder doch wiedergefunden, und den Carbonarismus, wenn nicht unter demselben Namen, doch auf denselben Basen, reorganisiert. Der Zweck der Versammlung in dieser Nacht war, den Grund zu der Gesellschaft zu legen, welche bald nachher den Titel Gesellschaft Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen, annehmen sollte; ihre Stifter hatten hauptsächlich zur Absicht, die Wahlen zu leiten und den öffentlichen Geist zu lenken . und zu erleuchten. Man schlug mehrere Arten der Bildung des Ausschusses vor, und man kam überein, diesen Ausschuß mittelst vierteljährlicher Wahlen zu konstituieren, welche stattfinden sollten, sobald die Zahl der Gesellschaftsmitglieder hundert erreicht hätte; man kam auch überein, sich streng in den Gränzen der Gesetzlichkeit zu halten, oder vielmehr, sich darein zu verschanzen. Es genügte indessen nicht, Versammlungen in Paris zu halten und einen Ausschuß zur Leitung der Wahlen zu bilden, man mußte die Departements instruieren und sie zur Höhe der Hauptstadt heranführen. Man sprach also davon, Wahlausschüsse in jedem Arrondissement und so viel als möglich in jedem Canton zu schaffen, und mit diesen Ausschüssen einen fortwährenden Verkehr zu unterhalten, um sie funktionieren zu machen. Dies war der Zweck dieser nächtlichen Versammlung, in der die ersten Absteckpfähle der furchtbaren Gesellschaft Hilf Dir, und der Himmel wird Dir helfen[17 - Aide toi, le ciel t’aidera] gesetzt wurden, welche einen so großen Einfluß auf die nächsten Wahlen üben sollte. Man war so weit mit der Discussion, und es mochte ein Uhr Morgens sein, als man die dürren Zweige unter den Tritten eines Mannes krachen hörte und, einen schwarzen Schatten am Saume des Waldes erscheinen sah. In einer Secunde hatte jeder Verschworene in seiner Hand den Dolch, den er in seiner Brust verborgen trug. Der Schatten kam näher: es war Toussaint, der Concierge des öden Hauses, selbst Carbonaro und hierher gesetzt, um als Wächter nicht nur für das Haus, sondern auch für diejenigen zu dienen, welche sich hier versammelten. »Was gibt es?« fragte einer der Chefs. »Es ist ein fremder Bruder da, der eingeführt zu werden verlangt,« antwortete Toussaint. »Ist es wirklich ein Bruder?« »Er hat alle Erkennungszeichen gemacht.« »Woher kommt er?« »Von Triest.« »Ist er allein oder in Begleitung?« »Er ist allein.« Die Carbonari beratschlagten, indem sie sich in einer einzigen Gruppe vereinigten, außerhalb welcher Toussaint blieb: nach einem Augenblicke der Berathung öffnete sich die Gruppe wieder, und eine Stimme sprach: »Führen Sie den fremden Bruder ein, jedoch mit allen üblichen Vorsichtsmaßregeln.« Toussaint verbeugte sich und verschwand. Nach einem Momente hörte man die dürren Zweige aufs Neue krachen, und man sah durch die Bäume zwei Schatten statt eines herbeikommen. Die Carbonari warteten stillschweigend. Toussaint führte in den Mittelpunkt der von ihnen beschriebenen Linie den fremden und unbekannten Bruder, der sich von ihm geleitet und mit verbundenen Augen näherte: hier ließ er ihn allein und zog sich zurück. Die Linie der Carbonari schloß sich wieder und bildete einen Kreis um den Ankömmling. Dann wandte sich dieselbe Stimme, welche schon gesprochen hatte, an ihn und sagte: »Wer sind Sie? woher kommen Sie? was verlangen Sie?« »Ich bin der General Graf Lebastard de Prémont,« antwortete der Ankömmling: »ich lange von Triest an, wo ich mich eingeschifft habe, nachdem ich bei meinem Unternehmen in Wien gescheitert bin, und ich komme nach Paris, um Herrn Sarranti, meinen Freund und Genossen, zu retten.« Es entstand ein starkes Gemurmel unter den Carbonari. Dann sprach die Stimme, die sich schon hatte vernehmen lassen, die einfachen Worte: »Nehmen Sie Ihre Binde ab, General, Sie sind unter Brüdern.« Der General Graf de Prémont nahm seine Binde ab, und sein edles Gesicht erschien entblößt. Sogleich streckten sich alle Hände, wie ein freundschaftlicher Bündel, gegen ihn aus; Jeder wollte seine Hand berühren, wie bei einem im Enthusiasmus ausgebrachten Toast Jeder das Glas von demjenigen, welcher ihn ausgebracht hat, berühren will. Endlich trat wieder Stille ein; der Schauer, der durch die Luft lief, erlosch. »Brüder,« sprach der General, »Ihr wißt, wer ich bin. Im Jahre 1812 von Napoleon nach Indien geschickt, sollte ich dort ein militärisches Reich organisieren, das im Stande wäre, uns und den Russen entgegenzukommen, wenn wir, durch das caspische Meer, in Nepaul vordringen würden. Ich habe es organisiert, dieses Königreich, es ist Lahore . . . Als Napoleon gefallen war, glaubte ich, das Project sei mit ihm gefallen . . . Eines Tags kam Herr Sarranti an; er suchte mich, immer im Namen des Kaisers, auf; doch es handelte sich nicht mehr darum, das Werk Napoleons I. zu verfolgen, sondern Napoleon II. auf den Thron zu setzen. Ich nahm mir nur die Zeit, die ich brauchte, um Verbindungen in Europa anzuknüpfen, und reiste an dem Tage ab, wo ich erfuhr, sie seien angeknüpft; ich kam über Dschedda, Suez und Alexandrien; ich erreichte Triest, wo ich mich mit unsern italienischen Brüdern affilierte; dann begab ich mich nach Wien . . . Sie wissen, wie unser Project scheiterte . . . Nach Triest zurückgekehrt, verbarg ich mich bei einem unserer Brüder, und hier erfuhr ich, daß man Herrn Sarranti zum Tode verurtheilt hatte. Ich schiffte mich sogleich nach Frankreich ein aus die Gefahr dessen, was mir widerfahren könnte, und schwor dabei, das Loos meines Freundes zu theilen, das heißt zu leben, wenn er lebte, zu sterben, wenn er sterben würde: Mitschuldige desselben Verbrechens müssen wir dieselbe Strafe erleiden.« Ein tiefes Stillschweigen empfing diese Worte. Herr Lebastard de Prémont fuhr fort: »Einer unserer Brüder in Italien gab mir einen Brief an einen unserer Brüder in Frankreich, Herrn von Marande: es war ein Creditbrief, und keine politische Empfehlung. Herr von Marande empfing mich: ich gab mich Ihm zu erkennen, nannte ihm den Zweck meiner Reise, sagte ihm von dem Entschlusse, den ich gefaßt, von meinem Wunsche, mit den Hauptmitgliedern einer hohen Venta in Verbindung gebracht zu werden. Herr von Marande theilte mir mit, es sei gerade heute Versammlung, machte mich mit dem Orte der Versammlung bekannt, und bezeichnete mir, durch welches Mittel ich in diesen Garten gelangen und bis zu Ihnen kommen könne. Ich benützte die mir gegebenen Instructionen . . . Ich weiß nicht, ob Herr von Marande unter Ihnen ist: ist er unter Ihnen, so danke ich ihm . . . « Keine Bewegung ließ vermuthen, Herr von Marande sei unter der Zahl der Anwesenden. Dieselbe Stille, welche schon einmal geherrscht hatte, entstand abermals. Der General de Prémont fühlte etwas wie einen Schauer in sich, er fuhr aber nichtsdestoweniger fort: »Ich weiß, Brüder, daß unsere Ansichten nicht dieselben sind; ich weiß, daß sich unter Euch Republikaner und Orleanisten finden; doch Republikaner und Orleanisten wollen, wie ich, die Befreiung des Vaterlandes, den Ruhm Frankreichs, die Ehre der Nation, nicht wahr, Brüder?« Die Köpfe neigten sich, doch nicht eine Stimme antwortete. »Nun wohl,« sprach der General, »ich kenne Herrn Sarranti seit sechs Jahren; seit sechs Jahren haben wir uns nicht eine Minute verlassen; ich stehe für seine Tapferkeit, für seine Rechtschaffenheit, für seine Tugend; um Alles zu sagen: ich stehe für Herrn Sarranti wie für mich selbst. Ich komme also in meinem Namen und im Namen des Bruders, der bereit ist, seine Ergebenheit mit seinem Kopfe zu bezahlen, und bitte Euch, mir das thun zu helfen, was ich allein nicht thun kann. Ich fordere Eure Unterstützung, um Einen der Unsern einem schmählichen Tode zu entziehen, um, was es auch kosten mag, Herrn Sarranti aus dem Gefängnisse, wo er eingeschlossen ist, zu entführen. Ich biete als Ausführung vor Allem meine zwei Arme, sodann ein so großes Vermögen, daß es genügen würde, ein Jahr lang das Herr des Königs von Frankreich zu besolden . . . Brüder, nehmt meine Arme, streut meine Millionen aus, und gebt mir meinen Freund zurück! Ich habe es gesagt, und ich erwarte Eure Antwort.« Doch die Stille empfing diesen warmen Aufruf des Generals. Der Redner schaute umher: statt des Schauers, den er seine Adern durchlaufen gefühlt hatte, war es ein kalter Schweiß, was er von seiner Stirne fließen fühlte. »Nun,« fragte er, »was geht denn vor?« Kein Hauch antwortete. »Habe ich,« fuhr er fort, »einen unziemlichen Vorschlag, ein ungeschicktes Anerbieten gemacht? Schreibt Ihr mein Verlangen einem rein persönlichen Interesse zu, und glaubt Ihr, es sei hier nur ein Freund, der Euren Schutz zu Gunsten eines Freundes in Anspruch nehme? . . . Meine Brüder, ich habe fünftausend Meilen zurückgelegt, um zu Euch zu kommen; ich kenne von Euch weder die Einen, noch die Andern; ich weiß, daß wir dieselbe Liebe für das Gute, denselben Haß gegen das Böse haben. Wir kennen uns also in Wirklichkeit, obschon wir uns nie gesehen haben und ich zum ersten Male zu Euch spreche. Nun wohl, im Namen der ewigen Gerechtigkeit verlange ich von Euch, daß Ihr einem ungerechten und entehrenden Urtheile, einem entsetzlichen Tode einen der größten Gerechten, den ich gekannt habe, entzieht! . . . Antwortet mir doch, meine Brüder, oder ich müßte Euer Stillschweigen für eine Weigerung halten, und Eure Weigerung für die Bestätigung des ungerechtesten Spruches, der je aus einem menschlichen Munde hervorgegangen ist!« So förmlich aufgefordert, konnten die Geschworenen nichts Anderes thun als antworten. Derjenige, welcher schon gesprochen hatte, erhob also die Hand, um anzudeuten, er wolle reden, und er sagte: »Brüder, jedes Verlangen eines Bruders ist heilig und muß, nach den Statuten, in Berathung gezogen, sodann nach der Stimmenmehrheit angenommen oder verworfen werden. Wir werden berathschlagen.« Der General war vertraut mit diesen düsteren Förmlichkeiten; er verbeugte sich, während die Gruppe, die ihn umgeben hatte, sich zuerst von ihm trennte und sodann weiter entfernt sich wiederbildete. Nach fünf Minuten ging der Affiliirte, der schon das Wort geführt hatte, ein paar Schritte auf den General zu und sprach mit demselben Tone, mit dem der Chef der Jury die Sentenz verkündigt: »General, ich bin nicht der Dolmetscher meines Gedankens allein: ich spreche im Namen der Majorität der hier gegenwärtigen Mitglieder, vernehmen Sie, was ich Ihnen in ihrem und in meinem Namen zu antworten beauftragt bin: Cäsar sagte, die Frau von Cäsar dürfe nicht einmal beargwohnt werden. Die Freiheit ist eine Matrone, welche noch viel keuscher, viel unbefleckter bleiben muß, als die Frau von Cäsar! – Bruder, – mit Bedauern gebe ich Ihnen die Antwort, – werden nicht evidente, unverwerfliche, leuchtende Beweise von der Unschuld von Herrn Sarranti geliefert, so vermöchten wir die Hand nicht einem Unternehmen zu bieten, dessen Zweck es ist, dem Gesetze denjenigen zu entziehen, welchen das Gesetz mit Recht verurtheilt hat; ich sage mit Recht, verstehen Sie wohl, General, bis der Beweis vom Gegentheile gegeben wird . . . Glauben Sie, unsere glühendsten Wünsche haben Herrn Sarranti während der ganzen Zeit begleitet, die dieser schmerzliche Proceß gedauert hat; glauben Sie, wir haben geschauert in dem Augenblicke, wo das Urtheil gesprochen werden sollte; glauben Sie, unser Herz hat geblutet, als das Urtheil gesprochen war . . . General, beweisen Sie uns die Unschuld von Herrn Sarranti, und es sollen nicht mehr zwei Arme, zehn Arme sein, die Sie zur Unterstützung haben werden: es werden die hunderttausend Arme der Verbindung sein!« Hieraus machte der Redner noch einen Schritt gegen Herrn Lebastard de Prémont und fügte bei: »General, bringen Sie uns einen Beweis von der Unschuld von Herrn Sarranti?« »Ach!« sprach der General, das Haupt neigend, »ich habe keine andere Beweise, als meine eigene Ueberzeugung.« »In diesem Falle,« erwiderte der Carbonariches, »besteht die Berathung in ihrer ganzen Strenge.« Und er grüßte Herrn Lebastard de Prémont, und kehrte zu der Gruppe der anderen Geschworenen zurück, welche wegzugehen sich anschickten. Doch der General erhob das Haupt, streckte die Hände aus, um einen letzten Versuch zu machen, und sprach: »Brüder, es ist dies die Antwort der Majorität, und ich unterwerfe mich: doch erlaubt mir nun, daß ich an die Individualitäten appelliere . . . Brüder, ist unter Euch ein wie ich von der Unschuld von Herrn Sarranti überzeugtes Herz? dann schließe sich dieses Herz, ein Freund des meinigen, mir an, und ich werde es versuchen, mit ihm das zu vollbringen. was ich mit Eurer Hilfe zu unternehmen glücklich gewesen wäre.« Der Carbonaro-Redner wandte sich gegen seine Gefährten um und sagte: »Brüder, ist unter Euch ein von der Unschuld von Herrn Sarranti überzeugter Mann, so steht es ihm frei, sich mit dem General zu verbinden und mit ihm alle Zufälle des Glückes und des Unglücks zu versuchen.« Ein Mann machte sich von der Gruppe los, legte seine linke Hand auf die Schulter des Grafen de Prémont, nahm mit der rechten Hand seine Larve ab und antwortete: »Ich!« »Salvator!« wiederholten die neunzehn Anderen. Es war in der That Salvator, der, von der Unschuld von Herrn Sarranti überzeugt, seine Hilfe dem General anbot. Die anderen Carbonari vertieften sich Einer nach dem Andern in die Sycomorenallee, welche zum Eingange des unterirdischen Gewölbes führte, und verschwanden. Salvator blieb allein mit dem Grafen de Prémont. X Was man mit Geld machen kann, und was man mit Geld nicht machen kann An den Stamm eines Baumes angelehnt, betrachtete Salvator einen Augenblick den General Lebastard de Prémont. Das Gesicht von Herrn Sarranti selbst, als er sein Todesurtheil sprechen hörte, war weniger niedergeschlagen und weniger bleich, als es das des Generals war, da er diese grausame Sentenz vom Munde von Freunden aussprechen hörte, von denen er, mit Gefahr seines Lebens, verlangt hatte, daß man ihm das seines Freundes retten helfe. Salvator näherte sich ihm. Der General reichte Salvator die Hand. »Mein Herr,« sagte der General zu ihm, »ich kenne Sie nur Ihrem Namen nach: dieser Name, Ihre Freunde haben ihn mit lauter Stimme ausgesprochen, und er scheint mir ein glückliches Vorzeichen zu sein.« »Es ist in der That ein prädestinirter Name,« antwortete lachend Salvator. »Sie kennen Sarranti?« »Nein, mein Herr: doch ich bin der vertraute, und besonders der ergebene und dankbare Freund seines Sohnes. Damit sage ich Ihnen, General, daß ich die Hälfte Ihres Schmerzes trage, und daß Sie zu Gunsten von Herrn Sarranti mit Leib und Seele über mich verfügen können.« »Sie theilen also die Meinung Ihrer Brüder nicht?« fragte lebhaft der General, den diese guten Worte für den Augenblick wiederbelebt hatten. »Hören Sie, General,« sprach Salvator, »die Bewegung der Massen, welche beinahe immer gerecht ist, weil sie Instinctmäßig, ist oft blind, streng und hart. Jeder von diesen Menschen, welche so eben die Verurtheilung von Herrn Sarranti ratifiziert haben, hätte, allein zu Rathe gezogen, ein anderes Urtheil gesprochen, das heißt das, welches ich zu sprechen im Begriffe bin: Nein, aus der Tiefe meines Gewissens, ich halte Herrn Sarranti nicht für schuldig. Derjenige, welcher seit dreißig Jahren bei den blutigen Zufällen des Schlachtfelds, bei den tödtlichen Kämpfen der Parteien um seinen Kopf gespielt hat, vermöchte nicht ein feiges Verbrechen zu begehen, er vermöchte nicht ein elender Dieb, ein gemeiner Mörder zu sein; ich behaupte also moralisch die Unschuld von Herrn Sarranti.« Der General drückte Salvator die Hand. »Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie so zu mir sprechen,« sagte er zu ihm. »Doch,« fuhr Salvator fort, »sobald ich Ihnen meine Unterstützung angeboten habe, habe ich mich zugleich zu Ihrer Verfügung gestellt.« »Was wollen Sie damit sagen? ich höre mit Bangigkeit.« »Ich will damit sagen, mein Herr, in der gegenwärtigen Lage genüge es nicht, die Unschuld unseres Freundes zu versichern: man muß sie beweisen, unverwerflich beweisen. Bei den Kriegen, welche von den Verschwörern gegen die Regierung und folglich von der Regierung gegen die Verschwörer geführt werden, sind alle Waffen gut, und die, welche zwei loyale Männer oft für ein Duell ausschlagen würden, werden gierig von den Parteien ergriffen.« »Erklären Sie sich.« »Die Regierung will den Tod von Herrn Sarranti; sie will ihn schimpflich, weil sich dieser Schimpf über ihre Gegner verbreiten und man sagen wird, alle Verschwörer seien Elende oder müssen solche sein, da sie zu ihrem Chef einen Mann, der Dieb und Mörder, angenommen haben.« »Oh!« sagte der General, »darum hat der Staatsanwalt die politische Anklage beseitigt?« »Und darum lag Herrn Sarranti so viel daran, daß sie wieder ausgenommen werde.« »Nun?« »Die Regierung wird nur sichtbaren, greifbaren, flagranten Beweisen weichen. Es handelt sich nicht nur darum, ihr zu sagen: »»Herr Sarranti ist des Verbrechens, dessen er angeklagt ist, nicht schuldig:«« man muß ihr sagen: »»Hier ist der des Verbrechens, dessen man Herrn Sarranti angeklagt hat, Schuldige!«« »Und diese Beweise, mein Herr, Sie haben sie?« rief der General: »diesen wahren Schuldigen können Sie beibringen?« »Ich habe diese Beweise nicht, ich kenne den Schuldigen nicht,« antwortete Salvator: »aber . . . « »Aber . . . ?« »Ich bin vielleicht aus der Spur.« »Sprechen Sie! sprechen Sie! und Sie werden Ihres Namens wahrhaft würdig sein, mein Herr.« »Nun wohl,« sagte Salvator, indem er sich dem General näherte, »hören Sie, was ich Niemand gesagt habe, und was ich Ihnen sage.« »Oh! sagen Sie! sagen Sie!« rief der General, indem er sich ebenfalls Salvator näherte. »In dem Hause, wo Herr Sarranti als Hofmeister eingetreten war, und das Herrn Gérard gehörte: in diesem Hause, aus dem er am 19. oder 20. August 1820 geflohen ist, – denn die ganze Frage kann im genauen Datum der Flucht liegen: – kurz im Parke von Viry habe ich den Beweis gesunden, daß wenigstens eines von den Kindern ermordet wurde.« »Ah!« erwiderte Herr de Prémont, »glauben Sie nicht, daß dieser Beweis zur Belastung unseres Freundes dienen wird?« »Mein Herr, wenn man die Wahrheit verfolgt, und es ist die Wahrheit, was wir verfolgen, nicht wahr? – denn wäre Herr Sarranti schuldig, so würden wir ihn verlassen, wie ihn die Anderen verlassen haben: – verfolgt man die Wahrheit, so muß man jeden Beweis ergreifen, und wäre dieser Beweis scheinbar gegen denjenigen, dessen Unschuld man will anerkennen machen. Die Wahrheit trägt ihr Licht in sich selbst: kommen wir zur Wahrheit, und es wird Tag werden.« »Gut . . . Wie haben Sie nun diesen Beweis erlangt?« »Als ich in einer Nacht im Parke von Viry umherschweifte, – aus Ursachen, welche durchaus in keinem Zusammenhange mit der Angelegenheit stehen, die uns in diesem Augenblicke beschäftigt, – fand ich in der Tiefe eines Dickichts, am Fuße einer Eiche, in einem Loche, das mein Hund mit der größten Heftigkeit grub, das Skelett eines Kindes, welches man stehend begraben hatte.« »Und Sie glauben, es sei das von einem der zwei verschwundenen Kinder?« »Das ist mehr als wahrscheinlich.« »Doch das andere Kind? denn es war ein Knabe und ein Mädchen.« »Das andere Kind glaube ich auch wiedergefunden zu haben.« »Immer Dank sei es dem Hunde?« »Ja.« »Todt oder lebendig?« »Lebend, denn es war das Mädchen.« »Nun?« »Aus diesem doppelten Vorfalle habe ich geschlossen, wenn ich frei handeln könnte, so käme ich vielleicht zur vollständigen Kenntniß des Verbrechens, und diese Kenntniß würde mich unvermeidlich zu der des Verbrechers führen.« »Ei! in der That, wenn Sie das Mädchen lebend aufgefunden haben!« rief der General. »Lebend, ja!« »Die Kleine mußte schon sechs bis sieben Jahre alt sein zur Zeit, wo das Verbrechen begangen wurde.« »Sechs Jahre, ja.« »Sie könnte sich also erinnern?« »Sie erinnert sich.« »Nun wohl, also? . . . « »Nur erinnert sie sich zu sehr.« »Ich verstehe nicht.« »Wendet man die Augen des armen Kindes dieser entsetzlichen Katastrophe zu, so verwirrt sich ihr Geist, und sie ist nervösen Krisen preisgegeben, bei denen sie die Vernunft verlieren kann. Von welchem Gewichte soll die Aussage eines Kindes sein, welches man des Irrsinns beschuldigen und mit einem Worte wirklich wahnsinnig machen wird? Ah! ich habe Alles wohl erwogen.« »Nun Wohl, nehmen wir den Todten statt des Lebenden. Wenn der Lebende schweigt, vermöchte nicht der Leichnam zu sprechen?« »Ja, wenn ich frei handeln könnte.« »Was hindert Sie daran? Gehen Sie zum Staatsanwalte, zeigen Sie ihm Alles an; übertragen Sie der Justiz die Aufgabe, das Licht zu finden, das Sie anrufen, und . . . « »Ja, und die Polizei wird in einer Nacht die Spuren verschwinden machen, welche am andern Tage die Gerichte suchen werden? Sagte ich Ihnen nicht, die Polizei habe jedes Interesse, diese Beweise zu entfernen, um Herrn Sarranti in der kothigen Sache des Diebstahls und des Mords zu ertränken.« »Dann verfolgen Sie diese Angelegenheit durch Sie selbst. Verfolgen wir sie. Sie sagen, Sie könnten zur Wahrheit gelangen, wäre es Ihnen gestattet, frei zu handeln; was hindert Sie, frei zu handeln? Sagen Sie.« »Ah! das ist eine ganz andere Sache, nicht minder gewichtig, nicht minder ernst, nicht minder schändlich, als die von Herrn Sarranti.« »Es mag sein! lassen Sie uns aber handeln!« »Handeln wir! ich verlange nichts Anderes; doch vor Allem . . . « »Was?« »Finden wir das Mittel, frei das Haus und den Park zu durchsuchen, wo das Verbrechen, – oder vielmehr, wo die Verbrechen begangen worden sind.« »Dieses Mittel, ist es möglich, es zu finden?« »Ja.« »Um welchen Preis?« »Um Geld.« »Ich habe Ihnen schon gesagt, ich sei ungeheuer reich.« »Ja, General, doch das genügt nicht.« »Was braucht es noch mehr?« »Ein wenig Kühnheit und viel Beharrlichkeit.« »Ich habe Ihnen gesagt, ich biete mein Vermögen an: nicht allein mein Vermögen, sondern auch meinen Arm: nicht allein meinen Arm, sondern auch mein Leben, um zu diesem Ziele zu gelangen.« »Nun wohl, General, ich glaube, wir fangen an uns zu verstehen,« sprach Salvator. Er schaute dann umher und bemerkte, daß der Mond, in seiner Fülle aus den Maulbeerfeigenbaum fallend, an den er angelehnt war, ihn und den General scharf beleuchtete. »Kommen Sie unter den Schatten der Bäume, General,« sagte er, »denn wir haben von Dingen zu sprechen, wobei wir unser Leben nicht nur auf dem Schaffot, sondern am Saume eines Waldes, an der Ecke einer Mauer riskieren. Wir haben es diesmal zugleich mit der Polizei als Verschwörer und mit Elenden als Ehrenmänner zu thun.« Hiernach zog Salvator Herrn Lebastard de Prémont wirklich an den Ort des Gehölzes fort, wo der Schatten dichter war. Der General überließ dem jungen Manne die Sorge, einen forschenden Blick umherzuwerfen: er gab ihm Zeit, aus das geringste Geräusch zu horchen, das zu seinem Ohre gelangte: sodann, als er ihn beinahe beruhigt sah, sagte er: »Sprechen Sie.« »Nun wohl, General,« erwiderte Salvator, »man müßte sich vor Allem vollkommen zum Herrn von Schloß und Park Viry machen.« »Nichts kann leichter sein.« »Wie so?« »Allerdings: man braucht nur Beides zukaufen.« »Leider, General, ist es nicht zu verkaufen.« »Gibt es etwas, was nicht zu verkaufen ist?« »Ah! ja, General: gerade dieser Park und dieses Haus.« »Warum?« »Weil sie als Windschirm, als Zufluchtfort, als Schutzdach bei einem Verbrechen dienen, das fast eben so monstruos, als das ist, für welches wir den Beweis suchen.« »Dieses Haus ist also bewohnt?« »Von einem allmächtigen Menschen.« »Allmächtig als politische Stellung?« »Nein, als religiöse Affiliirung, was noch viel solider ist!« »Und wie heißt dieser Mensch?« »Graf Lorédan von Valgeneuse.« »Warten Sie,« sagte der General, indem er sein Kinn auf seine Hand stützte, »ich kenne diesen Namen . . . « »Das ist in der That wahrscheinlich, da dieser Name einer der bekanntesten der französischen Aristokratie ist.« »Doch wenn ich ein gutes Gedächtniß habe,« sagte der General, seine Erinnerungen zurückrufend, »so war der Marquis von Valgeneuse, der, welchen ich gekannt habe, ein höchst ehrenwerther Mann.« »Oh! ja, der Marquis,« rief Salvator, »das ist das edelste Herz, die redlichste Seele, die ich je gekannt habe!« »Ah!« fragte der General. »Sie haben ihn auch gekannt, mein Herr?« »Ja,« antwortete einfach Salvator; »doch es ist nicht von ihm die Rede.« »Vom Grafen also . . . Ich werde von ihm nicht sagen, was ich von seinem Bruder sagte.« Salvator schwieg, als wollte er seine Meinung in Betreff des Grafen von Valgeneuse nicht ausdrücken. Der General fuhr fort: »Was ist aus dem Marquis geworden?« »Er ist gestorben,« antwortete Salvator, schmerzlich das Haupt neigend. »Er ist gestorben?« »Ja, General . . . plötzlich . . . an einem Schlaganfalle.« »Er hatte aber einen Sohn . . . einen natürlichen Sohn, glaube ich?« »So ist es.« »Was ist aus diesem Sohne geworden?« »Gestorben, ein Jahr nach seinem Vater.« »Gestorben! . . . Ich habe ihn als Kind gekannt, nicht größer als so,« sagte der General, seine Hand bis zum Niveau des Grases senkend. »Es war ein Knabe von einem Verstande über seinem Alter und von einer außerordentlichen Festigkeit . . . Gestorben! . . . Und wie?« »Er hat sich erschossen,« antwortete laconisch Salvator. »Ein großer Schmerz, ohne Zweifel?« »Ja, wahrscheinlich.« »Also hat der Bruder des Marquis Schloß und Park Viry gekauft?« »Der Sohn dieses Bruders, der Graf Lorédan, hat den Park und das Schloß nicht gekauft, sondern gemiethet.« »Ich wünsche ihm, er möge nicht seinem Vater gleichen.« »Der Vater ist der Genius der Ehre und der Rechtschaffenheit mit seinem Sohne verglichen.« »Sie loben den Sohn nicht, mein lieber Herr . . . Abermals ein großes Haus, das hingeht,« sprach schwermüthig der General, »und in Staub, oder, was noch schlimmer ist, in Schande zerfallen wird.« Sodann, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, fragte der General: »Und was macht Herr Lorédan von Valgeneuse mit dem Hause, an dem ihm so viel liegt?« »Habe ich Ihnen nicht gesagt, das Haus bedecke ein Verbrechen?« »Darum frage ich Sie gerade, was Herr von Valgeneuse mit diesem Hause mache.« »Er macht daraus das Gefängniß eines Kindes, das er entführt hat.« »Eines Kindes?« »Ja, eines sechzehnjährigen Mädchens.« »Eines Mädchens . . . Sechzehn Jahre!« murmelte der General. »Gerade das Alter des meinigen.« Sodann fragte er plötzlich: »Da Sie aber das Verbrechen kennen, mein Herr, oder vielmehr, da Sie den Verbrecher kennen, warum zeigen Sie ihn nicht beim Gerichte an?« »Weil in den schlimmen Zeiten, in denen wir leben, General, es nicht nur Verbrechen gibt, über welchen die Justiz die Augen schließt, sondern auch Verbrecher, die sie unter ihren Schutz nimmt.« »Ah!« sprach der General, »und ganz Frankreich erhebt sich nicht, empört sich nicht gegen einen solchen Zustand der Dinge?« Salvator lächelte. »Frankreich wartet auf eine Gelegenheit, General.« »Man kann sie entstehen machen, wie mir scheint!« »Wir versammeln uns nur in dieser Absicht.« »Kommen wir auf das Dringendste zurück; denn Frankreich wird sich nicht ausdrücklich empören, um Herrn Sarranti zu retten, und ich muß ihn retten. . . . Lassen Sie hören, wenn das Haus nicht zu verkaufen ist, durch welche Mittel hoffen Sie sich zum Herrn desselben zu machen?« »Vor Allem, General, erlauben Sie mir, daß ich Sie von der Lage der Dinge genau unterrichte.« »Ich höre.« »Einer von meinen Freunden hat, schon vor ungefähr neun Jahren, ein verirrtes Mädchen bei sich aufgenommen; er hat es aufgezogen und für seine Erziehung jegliche Sorge getragen; das Kind erreichte, reizend geworden, sein sechzehntes Jahr. Es , sollte meinen Freund heirathen, als es mit Gewalt aus dem Pensionnat, wo es in Versailles wohnte, entführt wurde und verschwand, ohne daß man erfuhr, wo es verborgen war. Ich habe Ihnen gesagt, wie ich, da mich der Zufall zu Verfolgung eines unbekannten Verbrechens führte, mit Hilfe meines Hundes den Leichnam eines Kindes auffand. Während ich vor dem Grabe kniete, während ich erschrocken mit meinen Fingern die Haare des Opfers berührte, hörte ich Tritte und sah eine Art von weißgekleidetem Schatten herbeikommen. Ich wandte mich auf die Seite dieses Schattens, und beim Mondscheine erkannte ich die Braut meines Freundes, diejenige, welche entführt worden war, und deren Aufenthaltfort man nicht kannte. Ich verzichtete auf die Nachforschung nach einem Verbrechen, um mich der Verfolgung eines andern zu widmen. Ich gab mich dem Mädchen zu erkennen und fragte sie, warum sie, stumm und ohne die Flucht zu versuchen, diese Gefangenschaft ertrage. Da. erzählte sie mir, sie habe ihrem Entführer gedroht, sie werde schreiben, rufen, fliehen, er aber habe einen Vorführungsbefehl gegen Justin erlangt . . . « »Wer ist das, Justin?« fragte der General mit einer Lebhaftigkeit, die von dem Interesse zeugte, welches er an der Erzählung von Salvator nahm. »Justin ist mein Freund; er ist der Bräutigam des Mädchens.« »Wie hatte man sich einen Vorführungsbefehl gegen ihn verschaffen können?« »Man hatte ihm seine gute Handlung als Verbrechen aufgerechnet. Diese verirrte Kleine, die er aufgenommen, man beschuldigte ihn, er habe sie entführt; die Ergebenheit, mit der er sie seit neun Jahren unablässig behandelte, war Einsperrung; die Heirath, welche statthaben sollte, war Gewalt. Man muthmaßte, das Mädchen sei reich: für diesen Fall ist im Codex vorhergesehen, der zu drei bis fünf Jahren Galeeren, je nach der Schwere der Umstände, den Mann verurtheilt, welcher überwiesen ist, er habe eine Minderjährige eingesperrt: und Sie begreifen, General, man hätte die Umstände so gewichtig als möglich gemacht: so daß mein Freund zu fünf Jahren Galeeren wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen, verurtheilt worden wäre.« »Unmöglich! unmöglich!« rief der General. »Ist nicht Herr Sarranti als Dieb und Mörder zum Tode verurtheilt?« erwiderte kalt Salvator. Der General nickte mit dem Kopfe. »Zeit des Elends!« murmelte er, »Zeit der Schande!« »Man mußte also warten: und zögere ich im Augenblicke, die Beweise der Unschuld von Herrn Sarranti zu verfolgen, so ist dies der Fall, weil, wenn ich die Gerichte in dieses Schloß und in diesen Park führe, derjenige, welcher droht, glauben wird, es sei dies ein Mittel, ihm seine Beute wegzunehmen, und sich blindlings an Justin rächen wird.« »Man kann aber doch in diesen Park eindringen?« »Allerdings, da ich es gethan habe.«, »Sind Sie eingedrungen, so kann ein Anderer wie Sie eindringen.« »Justin besucht dort von Zeit zu Zeit seine Braut.« »Und Beide bleiben rein?« »Beide glauben an Gott und sind unfähig zu einem schlimmen Gedanken!« »Gut! doch warum entführt Justin nicht das Mädchen?« »Wohin sollte er sie bringen?« »Aus Frankreich hinaus.« Salvator lächelte. »Sie nehmen an, Justin sei reich, wie Herr von Valgeneuse, General. Justin ist aber ein armer Schulmeister, der mit großer Mühe fünf Franken täglich verdient und hiermit seine Mutter und seine Schwester ernährt.« »Hat er keine Freunde?« »Doch, er hat zwei Freunde, die für ihn ihre Existenz geben würden.« »Wer sind sie?« »Herr Müller und ich.« »Nun?« »Nun, Herr Müller ist ein alter Professor der Musik, und ich, ich bin ein einfacher Commissionär.« »Verfügen Sie aber nicht als Ventachef über beträchtliche Summen?« »Ich habe über eine Million unter der Hand.« »Also . . . « »Diese Million gehört nicht mir, General, und sähe ich das Wesen, das ich am meisten auf der Welt liebe, Hungers sterben, ich würde, um es zu retten, nicht einen Pfennig von dieser Million entwenden.« Der General reichte Salvator die Hand und sprach: »Das ist richtig!« Dann fügte er bei: »Ich stelle hunderttausend Franken zur Verfügung Ihres Freundes; ist das genug?« »Es ist das Doppelte von dem, was er braucht, General; doch . . . « »Was doch?« »Ein letztes Bedenken hält mich zurück: man wird eines Tags ohne Zweifel die Eltern des Mädchens kennen lernen.« »Hernach?« »Sind ihre Eltern adelig, mächtig, reich, werden sie nicht Anschuldigungen gegen Justin zu erheben haben?« »Gegen den Mann, der ihre Tochter aufgenommen hat, welche sie verließen? der sie erzogen hat wie das Kind seiner Mutter, der sie von der Schande gerettet hat! . . . Ah! gehen Sie!« »Also Sie, General, wenn Sie Vater wären, wenn in Ihrer Abwesenheit Ihr Kind die Gefahren gelaufen wäre, welche die Braut von Justin läuft, Sie würden dem Manne vergeben, der, fern von Ihnen, über das Loos Ihrer Tochter verfügt hätte?« »Ich würde ihm nicht nur die Arme öffnen als Gatten meines Kindes, sondern ich würde ihn auch als ihren Retter segnen.« »Ah! General, dann geht Alles gut, und hätte ich einen letzten Zweifel, Ihre Versicherung benähme ihn mir … In acht Tagen werden Justin und seine Braut außer Frankreich sein, und wir werden jede Freiheit haben, Park und Schloß Viry zu besichtigen.« Herr Lebastard de Prémont machte ein paar Schritte aus dem Gehölze hinaus, um sich unter einem Mondstrahle zu befinden. Salvator folgte ihm. An dem Orte angelangt, der ihm günstig schien, zog der General aus seiner Tasche ein kleines Portefeuille, schrieb auf ein Blatt ein paar Worte mit Bleistift, riß das Blatt heraus, reichte es Salvator und sagte: »Nehmen Sie, mein Herr.« »Was ist das?« fragte Salvator. »Was ich Ihnen gegeben habe, ist eine Anweisung von hunderttausend Franken auf Herrn von Marande.« »Ich habe Ihnen gesagt, General, fünfzigtausend würden mehr als genügen.« »Sie werden mir über den Rest Rechenschaft ablegen, mein Herr; bei einer Sache von dieser Wichtigkeit dürfen wir nicht durch eine Bagatelle aufgehalten werden.« Salvator verbeugte sich. Der General schaute ihn einen Augenblick an; dann streckte er die Hand gegen ihn aus und sagte: »Ihre Hand, mein Herr!« Salvator ergriff die Hand des Grafen de Prémont und drückte sie lebhaft. »Ich kenne Sie erst seit einer Stunde,« sprach der General mit einer gewissen Gemüthsbewegung: »ich weiß nicht, wer Sie sind, doch ich habe viel gesehen, viel beobachtet, viel gelebt; ich habe die Gesichter aller Typen und aller Farben studiert, und ich glaube mich auf die Menschen zu verstehen: nun wohl, Herr Salvator, ich sage es Ihnen, – und das ist nur der schwache Ausdruck meines Gedankens, – Sie sind für mich einer der sympathetischsten Menschen, die ich getroffen habe.« Und das war in der That, wir glauben es schon gesagt zu haben, die Wirkung, welche der schöne, redliche junge Mann auf Alle hervorbrachte, die sich ihm näherten. Beim ersten Anblicke fühlte man sich unüberwindlich angezogen, hingerissen: er übte eine Art von Bezauberung aus, und ein menschliches Gesicht annehmend, hätte das Gewissen kein sanfteres und ausdrucksvolleres angenommen. Die zwei neuen Freunde drückten sich zum zweiten Male die Hand, und sich unter die Sycomorenallee vertiefend, erreichten sie den Keller, durch den eine Stunde vorher schon die anderen neunzehn Geschworenen weggegangen waren. XI Der Morgen eines Commissionärs Zwei Tage nachher, Morgens um sieben Uhr, klopfte Salvator an die Thüre von Petrus. Der junge Maler schlief noch gewiegt von jenen Träumen, welche über den Häupten eines Verliebten flattern. Er sprang aus dem Bette, machte die Thüre auf und empfing Salvator mit weit geöffneten Armen, aber halb geschlossenen Augen. »Was gibt es Neues?« fragte Petrus lächelnd; »bringen Sie mir Neuigkeiten, oder kommen Sie abermals, um mir einen Dienst zu leisten?« »Im Gegentheile, mein lieber Petrus,« antwortete Salvator, »ich komme, um einen von Ihnen zu verlangen.« »Sprechen Sie, mein Freund,« sagte Petrus, indem er ihm die Hand reichte; »ich wünsche nur, der Dienst möge groß sein. Sie wissen, daß ich ganz einfach die Gelegenheit suche, mich für Sie ins Feuer zu stürzen.« »Ich habe es nie bezweifelt, Petrus . . . Hören Sie, um was es sich handelt. – Ich hatte einen Paß, ich habe ihn vor einem Monat Dominique gegeben, der nach Italien abging und verhaftet zu werden befürchtete, wenn er unter seinem wahren Namen reise. Heute reist aus einem Grunde, den ich Ihnen später sagen werde, Justin ebenfalls ab . . . « »Er reist?« »In dieser Nacht oder in der nächsten.« »Es widerfährt ihm kein Unglück, wie ich hoffe?« fragte Petrus. »Nein, im Gegentheile! nur muß er abreisen, ohne daß es irgend Jemand weiß, und zu diesem Ende muß er, wie Dominique, unter einem andern Namen als dem seinigen reisen. Zwischen ihm und Ihnen ist nur ein Unterschied von zwei Jahren; alle Signalements gleichen sich . . . Haben Sie Justin einen Paß zu geben?« »Ich bin in Verzweiflung, mein lieber Salvator,« erwiderte Petrus; »doch Sie wissen, durch welche süße Ursache ich in Paris seit sechs Monaten zurückgehalten werde; ich habe nur meinen alten Paß von Rom, der seit einem Jahre abgelaufen ist.« »Teufel!« rief Salvator, »das ist ärgerlich! Justin kann keinen Paß auf der Polizei verlangen: das würde die Augen über ihn öffnen; ich will zu Jean Robert gehen; doch Jean Robert ist einen Kopf größer als Justin!« »Warten Sie doch . . . « »Gut! das beruhigt mich.« »Liegt Justin mehr an einem Lande, als einem andern?« »Durchaus nicht, wenn er nur aus Frankreich hinauskommt.« »Dann habe ich, was er braucht.« »Wie so?« »Ich will Ihnen einen Paß von Ludovic geben.« »Einen Paß von Ludovic? und wie kommen Sie zu einem Passe von Ludovic?« »Das ist ganz einfach: er hat eine Reise nach Holland gemacht und ist vorgestern zurückgekommen; ich hatte ihm einen kleinen Koffer geliehen, und er hat seinen Paß in der Tasche gelassen.« »Gut! doch wenn Ludovic zufällig seinen Paß nöthig hätte, um nach Holland zurückzukehren?« »Das ist nicht wahrscheinlich; in diesem Falle würde er aber sagen, er habe ihn verloren, und einen andern verlangen.« »Es ist gut!« Petrus ging an die Truhe und zog ein Papier heraus. »Hier ist der Paß,« sagte er; »und glückliche Reise dem Freunde Justin!« »Ich danke für ihn.« Die zwei jungen Leute drückten sich die Hand und trennten sich. Als er die Rue de l’Quest verließ, ging Salvator längs der Allée de l’Observatoire hin, trat in die Rue d’Enfer, auf der Seite der Barrière, ein, und beim Hospice des Enfants-Troupés angelangt, suchte er einen Moment mit dem Blicke ein Haus, das er endlich gesunden zu haben schien: es war das Haus eines Stellmachers. Der Meister stand vor der Thüre; Salvator klopfte ihm aus die Schulter. Der Stellmacher wandte sich um, erkannte den jungen Mann und empfing ihn mit einem zugleich freundschaftlichen und ehrerbietigen Gruße. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Meister,« sagte Salvator. »Mit mir?« »Ja.« »Zu Ihren Diensten, Herr Salvator! Ist es Ihnen gefällig, einzutreten?« Salvator nickte bejahend mit dem Kopfe, und sie traten ein. Nachdem er den Laden durchschritten hatte, ging Salvator in den Hof, und im Hintergrunde dieses Hofes, unter einem ungeheuren Schoppen, fand er eine Art von Reisecaleche, von der er ohne Zweifel wußte, sie sei hier, da er gerade aus dieselbe zuschritt. »Ah!« sagte er, »hier ist, was ich suche.« »Oh! eine gute Caleche, Herr Salvator! eine vortreffliche Caleche, die ich Ihnen wohlfeil geben werde: das ist eine Gelegenheit!« »Und solide?« »Herr Salvator, ich garantiere dafür. Sie können die Reise um die Welt mit ihr machen und sie mir zurückbringen: ich nehme Sie wieder mit zweihundert Franken Verlust.« Ohne auf die Lobeserhebungen zu hören, mit denen als ein Mensch, der vor seiner Ware Kaufmann wurde, der Stellmacher seine Caleche lackierte, nahm Salvator den Wagen bei der Deichsel, zog ihn mit derselben Leichtigkeit, mit der er ein Kinderwägelchen rollen gemacht hätte, in den Hof, und fing an ihn mit der strengen Aufmerksamkeit eines Mannes zu untersuchen, der sein Handwerk aus dem Grunde kennt. Er fand den Wagen tauglich, abgesehen von einigen kleinen Unvollkommenheiten, die er dem Stellmacher bezeichnete, und die dieser bis zum Abend verschwinden zu machen versprach. Der brave Mann hatte die Wahrheit gesagt: die Caleche war gut, und besonders, woran am meisten lag, von großer Solidität. Salvator schloß sogleich den Handel mit sechshundert Franken ab, und es wurde verabredet, daß um halb sieben Uhr Abends die Caleche mit zwei guten Postpferden bespannt sich aus dem äußeren Boulevard, zwischen der Barrière Croulebarbe und der Barrière d’Italie, einfinden sollte. Was die Zahlungsart betrifft, so war das sehr einfach: Salvator, der nur in dem Falle bezahlen wollte, daß seine Befehle pünktlich befolgt wären, und der wahrscheinlich am andern Tage etwas Wichtiges zu thun hatte, gab dem Stellmacher Rendezvous bei sich am Morgen des zweiten Tages, und der Stellmacher, der ihn als gut kannte, wie man im Handelsrothwälsch sagt, machte keine Schwierigkeit, um ihm einen Credit von achtundvierzig Stunden zu bewilligen. Salvator verließ den guten Mann, ging wieder die Rue d’Enfer hinab, trat in die Rue de la Bourbe[18 - heute Rue de Port-Roval genannt] ein und kam zur Schwelle einer niedrigen, dem Hospice de la Maternite gegenüber liegenden, Thüre. Hier wohnten Jean Taureau, der Zimmermann, und Mademoiselle Fisine, seine Maitresse. Salvator hatte nicht nöthig, den Concierge zu fragen, ob der Zimmermann zu Hause sei, denn kaum hatte er den Fuß aus die Treppe gesetzt, als er ein Gebrüll hörte, das andeutete, der Pathe, der Barthélemy Lelong mit dem Namen Jean Taureau[19 - Le taureau, der STIER.] getauft, habe ihn wirklich nach seinen Verdiensten getauft. Die Schreie von Mademoiselle Fisine, welche die scharfen Noten dieser Melopoie bildeten, bewiesen, daß Jean Taureau nicht nur ein Solo, sondern ein Duett ausführte. Die Melodienstöße entrannen in geräuschvollen Wellen, stiegen die Treppe hinab und kamen Salvator entgegen, als wollten sie seine Schritte leiten. Im vierten Stocke angelangt, befand sich Salvator mitten in der Lawine. Er trat ein, ohne zu klopfen: die Thüre war halb offen durch eine ängstliche Vorsicht von Mademoiselle Fisine, die sich immer einen Rückzug gegen die Lebhaftigkeiten des Riesen wahrte. Als er den Fuß aus die Schwelle setzte, sah Salvator die Gegner vor einander: Mademoiselle Fisine, mit aufgelösten Haaren und bleich wie der Tod, wies die Faust Jean Taureau, der sich, roth wie ein Blutfink, die Haare ausraufte. »Ha! Unglücklicher!« brüllte Mademoiselle Fisine: »ha! Dummkopf! ha! einfältiger Tropf! Du glaubtest also, die Kleine sei von Dir?« »Fisine!« schrie Jean Taureau, »Du wirst machen, daß ich Dich ermorde, das sage ich Dir!« »Nein, sie war nicht von Dir: sie war von ihm.« »Fisine, Du willst also, daß ich Euch Beide in einen Mörser werfe und so fein wie Pfeffer zerstoße?« »Du,« sagte Fisine drohend, »Du, Du, Du? . . . « Und bei jedem Du rückte sie einen Schritt vor, während, so wie sie vorrückte, Jean Taureau zurückwich. »Du?« sagte sie endlich, indem sie ihn beim Barte packte und ihn schüttelte, wie ein Kind einen Apfelbaum, dessen Früchte es will fallen machen: »rühre mich doch an großer Feiger! rühre mich doch an, großer Elender! großer Taugenichts!« Und Jean Taureau hob die Hand auf . . . Sich schließend und wie ein Schlägel niederfallend, hätte diese Hand einen Ochsen umgebracht und den Schädel von Mademoiselle Fisine zerschmettert: doch die Hand blieb in der Luft. »Nun, was gibt es noch?« fragte Salvator mit ziemlich hartem Tone. Als sie diese Stimme hörten, erbleichte Jean Taureau, wurde Mademoiselle Fisine scharlachroth. »Was es gibt? Ah! Sie kommen zu rechter Zeit, um mir Hilfe zu leisten, Herr Salvator! . . . Was es gibt? Dieses Ungeheuer von einem Menschen ist im Zuge, nach seiner Gewohnheit, mich krumm und lahm zu schlagen.« Jean Taureau war dahin gelangt, daß er glaubte, er sei es, der Mademoiselle Fisine schlage. »Ich bin auch entschuldbar, Herr Salvator, sie macht mich rasend!« »Gut! was Du in diesem Leben leidest, wirst Du im andern um so weniger zu leiden haben.« »Herr Salvator!« schrie Jean Taureau mit einer Stimme voller Thränen, »sagt sie mir nicht, mein Kind, mein armes Mädchen, das ganz mein Ebenbild ist, sei nicht von mir!« »Nun,« bemerkte Salvator, »da es ganz Dein Ebenbild ist, warum glaubst Du ihr?« »Zum Glücke glaube ich ihr nicht, denn glaubte ich ihr, so würde ich das Kind an den Füßen nehmen und ihm den Schädel an der Mauer zerschmettern!« Thu’ es doch, Bösewicht! Thu’ es doch! damit ich den Genuß habe, Dich das Schaffot besteigen zu sehen.« »Hören Sie sie, Herr Salvator? . . . Das wäre, wie sie sagt, ein Genuß für sie.« »Ich glaube es wohl!« »Gut, ich werde das Schaffot besteigen,« brüllte Barthélemy Lelong, »ich werde es besteigen; das wird aber geschehen, weil ich Herrn Fasiou das Lebenslicht ausgeblasen habe . . . Wenn ich bedenke, daß sie gerade einen Menschen genommen hat, den ich nicht anzurühren wage, aus Furcht, ihn zu zerbröckeln, und weil ich mich schäme, ihm einen Faustschlag zu geben, so werde ich genöthigt sein, ihm einen Messerstich zu geben!« »Hören Sie ihn, den Mörder?« Salvator hörte in der That, und es ist unnöthig, zu sagen, er habe zu ihrem wahren Werthe die Drohungen von Jean Taureau geschätzt.« »Ich kann also nicht ein Mal kommen, ohne Euch in Zank und Streit zu finden? Sie werden ein schlechtes Ende nehmen, das sage ich Ihnen, Mademoiselle Fisine,« sprach Salvator. »Es wird Ihnen eines Tags begegnen, daß Ihnen etwas auf den Kopf fällt und, dem Blitze ähnlich, Ihnen nicht Zeit läßt, zu bereuen.« »In jedem Falle wird mir das nicht von ihm zukommen,« schrie Mademoiselle Fisine, indem sie mit den Zähnen knirschte und Barthélemy die Faust unter die Nase hielt. »Warum nicht von ihm?« fragte Salvator. »Weil ich fest entschlossen bin, ihn zu verlassen,« antwortete Mademoiselle Fisine. Jean Taureau machte einen Sprung, als ob man ihn mit der Voltaischen Säule berührt hätte. »Du mich verlassen?« rief er; »Du mich verlassen? nach dem Leben, das Du mir gemacht hast, tausend Donner! Ah! Du wirst mich auch nicht verlassen, dafür stehe ich, oder ich erwürge Dich, wo Du auch sein magst.« »Hören Sie ihn, Herr Salvator, hören Sie ihn? Wenn ich ihn vor Gericht führe, so hoffe ich wohl, Sie werden die Wahrheit angeben.« »Schweigen Sie, Barthélemy,« sprach mit sanftem Tone Salvator. »Fisine sagt Ihnen das; doch sie liebt Sie im Grunde.« Sodann die junge Frau streng und auf dieselbe Art anschauend, wie ein Schlangenjäger eine Viper anschauen würde, sagte er: »Sie muß Sie wenigstens lieben; sind Sie nicht, was sie auch sagen mag, der Vater ihres Kindes?« Die große Person beugte demüthig das Haupt unter dem Blicke von Salvator, der, nur für sie allein, eine Drohung zu enthalten schien, und mit einer gemilderten Stimme, mit der Unschuld einer Jungfrau erwiderte sie: »Gewiß liebe ich ihn im Grunde, obschon er mich schlägt wie Gips . . . Aber, Herr Salvator, wie soll ich liebkosend für einen Mann sein, der mir nur die Fäuste und die Zähne zeigt?« Jean Taureau fühlte sich lebhaft gerührt durch diesen Umschlag seiner Geliebten. »Es ist wahr,« sagte er, mit Thränen in den Augen, »es ist wahr, ich bin ein Brutaler, ein Wilder, ein Türke; doch das ist stärker als ich, Fisine, was willst Du? . . . Wenn Du von diesem Schurken Fasiou sprichst; wenn Du mir drohst, mir meine Tochter zu entführen und mit ihr zu gehen, dann verliere ich den Kopf, und ich erinnere mich nur an Eines: daß ich einen Faustschlag von fünfzig Pfund gebe; und ich sage: »»Wer will? Sprecht!«« Doch ich bitte Dich um Verzeihung, meine Fisine! Du weißt wohl, daß ich nur so bin, weil ich Dich anbete! . . . Was ist das übrigens im Ganzen, ein paar Faustschläge mehr oder weniger im Leben einer Frau!« Wir wissen nicht, ob Mademoiselle Fisine den Schluß logisch fand: doch sie that, als ob sie ihn so fände: sie reichte stolz ihre Hand Barthélemy Lelong, und dieser zog sie so rasch an seine Lippen, daß man hätte glauben sollen, er wolle sie verschlingen. »Gut!« sagte Salvator. »Nun, da der Friede geschlossen ist, sprechen wir von etwas Anderem.« »Ja,« erwiderte Mademoiselle Fisine, deren Scheinzorn schon völlig gefallen war, während die wirkliche Aufregung von Jean Taureau noch in der Tiefe seiner Brust toste: »und mittlerweile werde ich hinabgehen und Milch holen.« Mademoiselle Fisine hakte in der That das an der Wand hängende Milchgesäß los, wandte sich dann aufs Neue mit einem einschmeichelnden Tone an den jungen Mann und fragte ihn: »Werden Sie den Kaffee mit uns nehmen, Herr Salvator?« »Ich danke, Mademoiselle,« antwortete Salvator, »das ist schon geschehen.« Mademoiselle Fisine machte eine Geberde entsprechend dem Ausrufe: »Welch ein Unglück!« wonach sie eine Vaudevillemelodie singend die Treppe hinabging. Jean Taureau schaute ihr mit einem Blicke voll Güte und Liebe nach. »Das ist im Ganzen eine vortreffliche Person, Herr Salvator,« sagte er, »und ich grolle mir, daß ich sie unglücklich mache, wie ich es thue. Doch was wollen Sie? man ist eifersüchtig oder man ist es nicht: ich, ich bin eifersüchtig wie ein Tiger; das ist nicht meine Schuld.« Und der Hercules stieß einen schweren Seufzer voller Vorwürfe gegen sich selbst und voller Zärtlichkeit für Mademoiselle Fisine aus. Salvator betrachtete ihn mit einer schmerzlichen Bewunderung. »Nun ist es an uns Beiden, Barthélemy Lelong!« sagte er. »Ah! ich gehöre ganz Ihnen, mit Leib und Seele,« antwortete der Zimmermann. »Ich weiß es, mein Braver: und wenn Sie auf Ihre Kameraden einen Theil von der Freundschaft und besonders von der Müdigkeit, die Sie für mich hegen, übertrügen, so würde ich mich nicht schlechter dabei befinden, und die Anderen befänden sich besser.« »Ah! Herr Salvator, Sie werden mir hierüber nicht mehr sagen, als ich mir selbst sage.« »Nun wohl, Sie werden sich Alles das sagen, wenn ich weggegangen bin. Ich, ich bedarf Ihrer heute Abend.« »Heute Abend, morgen, übermorgen! zu Ihren Diensten, Herr Salvator.« »Der Dienst, den ich von Ihnen zu verlangen habe, Jean Taureau, kann Sie außerhalb Paris zurückhalten . . . vielleicht vierundzwanzig Stunden . . . vielleicht achtundvierzig Stunden . . . vielleicht mehr.« »Die ganze Woche, wenn es Ihnen beliebt, Herr Salvator.« »Ich danke . . . Ist nun gegenwärtig viel Arbeit auf dem Zimmerplatze?« »Heute und morgen, ja.« »Dann nehme ich meinen Antrag zurück, Barthélemy: ich will nicht, daß Sie Ihren Tagelohn verlieren, und besonders nicht, daß Sie Ihren Meister Ihrer Dienste berauben.« »Ah! ich werde darum meinen Tagelohn nicht verlieren, Herr Salvator.« »Wie so?« »Ich werde heute meinen Tagelohn von morgen machen.« »Das scheint mir schwierig.« »Schwierig? Oh! mein Gott, nein!« »Wie können Sie an einem Tage die Arbeit von zwei machen?« »Der Meister hat sich erboten, mich wie Vier zu bezahlen, wenn ich die Arbeit von Zwei verrichten wolle, denn, ohne mich zu rühmen, meine Arbeit ist wohlgemachte Arbeit, sehen Sie! Nun denn, ich werde heute wie Zwei arbeiten, und man wird mich bezahlen wie Einen: doch ich werde einem Manne nützlich gewesen sein, für den ich mich ins Feuer werfen würde. Das ist es.« »Ich danke, Barthélemy, und ich nehme es an.« »Was ist zu thun?« »Sie werden sich heute Abend nach Chatillon begeben.« , »Wohin dort?« »Zur Grace-de-Dieu.« »Bekannt! Zu welcher Stunde?« »Um neun Uhr.« »Ich werde dort sein, Herr Salvator.« »Sie werden mich erwarten, ohne mehr als eine Flasche zu trinken.« »Nicht mehr als eine, Herr Salvator.« »Sie versprechen es mir?« »Ich schwöre es Ihnen.« Der Zimmermann hob die Hand auf, wie er es vor einem Gerichte gethan hätte, vielleicht noch feierlicher. Salvator fuhr fort. »Sie werden Toussaint-Louverture mitnehmen, ist er heute verfügbar.« »Ja, Herr Salvator.« »Gott befohlen also! und heute Abend!« »Heute Abend, Herr Salvator.« »Sie wollen entschieden den Kaffee nicht mit uns nehmen?« fragte Mademoiselle Fisine, welche mit ihrem Rahmtopfe zurückkam. »Ich danke, Mademoiselle,« erwiderte Salvator. Während der junge Mann die Thüre erreichte, ging Mademoiselle Fisine auf den Zimmermann zu, streichelte ihm das Kinn, das sie zehn Minuten vorher so kräftig geschüttelt hatte, und sagte zu ihm: »Er wird also seine Tasse Kaffee anderswo nehmen, mein guter Lulu . . . Auf, umarme Deine kleine Fisine, und sei nicht mehr böse!« Jean Taureau gab ein Geblöke der Freude von sich, und nachdem er Fisine umarmt hatte, um sie zu ersticken, folgte er Salvator auf den Ruheplatz und sagte zu ihm: »Ah! Herr Salvator, Sie haben sehr Recht, ich bin ein Brutaler, und ich verdiente eine solche Frau nicht.« Salvator drückte, ohne zu antworten, die schwielige Hand des wackern Zimmermanns, nickte ihm mit dem Kopfe zu, und ging die Treppe hinab. Eine Viertelstunde nachher klopfte er an die Thüre von Justin. Schwester Céleste öffnete: sie kehrte eben die Klasse aus, während Justin am Fenster stand und die Federn der Schüler schnitt. »Guten Morgen, Schwester!« sagte heiter Salvator, dem schwächlichen Mädchen die Hand reichend. »Guten Morgen, unsere Taube!« antwortete lächelnd Céleste, welche, da sie eines Tags ihre Mutter diesen Namen dem jungen Manne hatte geben hören, in Erinnerung an seinen Eintritt in ihre Arche, wohin er immer nur mit einem Oelzweige kam, ihn so zu nennen fortfuhr. »St!« sagte Salvator, indem er seinen Finger aus seine Lippen legte, »ich glaube, ich bringe dem Bruder Justin eine gute Nachricht.« »Wie immer,« sprach Schwester Céleste. »Wie?« fragte Justin, der gehört und die Stimme von Salvator erkannt hatte. Und er lief aus die Schwelle der Klasse. Schwester Céleste zog sich zurück. »Was gibt es?« rief Justin. »Neues!« erwiderte Salvator. »Neues?« »Ja, und sogar viel.« »Ah! mein Gott!« sagte der junge Mann schauernd. »Gut!« sprach Salvator, »wenn Sie mit dem Schauern anfangen, womit werden Sie endigen?« »Reden Sie, mein Freund, reden Sie!« Salvator legte die Hand auf die Schulter seines Freundes und fuhr fort: »Justin, wenn man käme und zu Ihnen sagte: »»Von heute an ist Mina frei, ist Mina befreit, kann Mina Ihnen gehören; doch aus Furcht, sie zu verlieren, müssen Sie Alles verlassen, Familie, Freunde, Vaterland!«« wenn man Ihnen das sagte, was würden Sie antworten?« »Mein Freund, ich würde nichts antworten, ich würde vor Freude sterben.« »Das wäre indessen nicht der Augenblick . . . Fahren wir fort. Fügte man dem, was ich gesagt habe, die Worte bei: »»Mina ist allerdings frei, doch unter der Bedingung, daß Sie auf der Stelle mit ihr abreisen, ohne daß Sie Zeit haben, ein Bedauern auszudrücken, den Kopf umzudrehen?«« Der arme Justin ließ sein Kinn auf seine Brust fallen und antwortete traurig: »Ich würde nicht reisen, mein Freund … Sie wissen wohl, daß ich nicht reisen kann.« »Fahren wir fort,« sagte Salvator; »es gibt vielleicht ein Mittel, Alles dies in Ordnung zu bringen.« »Ah! mein Gott!« rief Justin, die Arme zum Himmel erhebend. »Was ist der heißeste Wunsch Ihrer Mutter und Ihrer Schwester?« fragte Salvator. »In dem Dorfe zu sterben, wo sie gelebt haben, auf dem Winkel der Erde, wo sie geboren sind.« »Nun wohl, Justin,« sprach Salvator, »von morgen an können sie dort leben und sterben.« »Mein lieber Salvator, was sagen Sie da?« »Ich sage, es müsse dort, an den Pachthof anstoßend, den sie bewirthschafteten, oder in der Umgegend dieses Pachthofes einige von jenen reizenden Häusern mit Ziegel- oder Strohdächern geben, welche so wohl thun in der Landschaft, sieht man sie am Abend durch eine vom Winde, der ihren Rauch zum Himmel emporwirbeln macht, geöffnete Baumgruppe.« »Ah! Salvator, es sind zehn da.« »Und wie viel kostet mit einem Garten von einem Morgen ein solches Häuschen?« »Was weiß ich? . . . drei bis viertausend Franken vielleicht.« Salvator zog aus seiner Tasche vier Banquebillets. »Hier sind viertausend Franken,« sagte er. Justin schaute ihn keuchend an. »Wie viel brauchen sie jährlich,« fuhr Salvator fort, »um anständig in diesem Hause zu leben?« »Ab! bei der Sparsamkeit meiner Mutter und den geringen Ausgaben meiner Schwester würden fünfhundert Franken mehr als genügen.« »Ihre Mutter ist kränklich, mein lieber Justin; Ihre Schwester hat eine schwache Gesundheit; setzen wir tausend Franken statt fünfhundert.« »Ah! mit tausend Franken hätten sie nicht nur das Nothwendige, sondern sogar den Ueberfluß.« »Hier sind zehntausend Franken für zehn Jahre,« sagte Salvator, zehn Banquebillets den vier ersten beifügend. »Mein Freund!« rief Justin dem Ersticken nahe, indem er Salvator beim Arme ergriff. »Setzen wir tausend Franken für die Kosten des Auszugs,« fuhr dieser fort: »das macht fünfzehntausend Franken. Machen Sie einen besonderen Theil aus diesen fünfzehntausend Franken; dieses Geld gehört Ihrer Mutter.« Justin war bleich zugleich vor Freude und vor Erstaunen. »Gehen wir nun zu Ihnen über,« sagte Salvator. »Wie, zu mir?« fragte Justin, zitternd vom Kopfe bis zu den Füßen. »Allerdings, da wir mit Ihrer Mutter fertig sind.« »Sprechen Sie, Salvator, aber sprechen Sie geschwinde; denn ich befürchte, ein Narr zu werden, wenn Sie nicht vollenden, mein Freund!« »Mein lieber Justin,« sagte Salvator, »wir entführen Mina heute Nacht.« »Heute Nacht . . . Mina . . . Wir entführen Mina!« rief Justin. »Wenn Sie sich nicht etwa widersetzen . . . « »Ich mich widersetzen! . . . Wohin werde ich aber Mina führen?« »Nach Holland . . . !« »Nach Holland?« »Wo Sie ein Jahr, zwei Jahre, zehn Jahre bleiben werden, wenn es sein muß, bis sich der gegenwärtige Zustand der Dinge ändert, und Sie nach Frankreich zurückkehren können.« »Um in Holland zu bleiben, brauche ich aber Geld.« »Das ist nur zu richtig, mein Freund; wir wollen auch berechnen, was Sie brauchen.« Justin nahm seinen Kopf zwischen seine Hände. »Ah! berechnen Sie selbst, mein lieber Salvator,« rief er: »ich, ich weiß nicht mehr, was ich sage: ich weiß sogar nicht mehr, was Sie mir sagen.« »Auf!« sprach Salvator mit festem Tone, indem er die zwei Hände von Justin von seiner Stirne entfernte, die sie gepreßt hielten: »auf! seien Sie wie ein Mann, und bewahren wir in den Stunden des Wohlergehens die Stärke, die wir in den Tagen des Unglücks gehabt haben.« Justin strengte sich gegen sich selbst an: seine bebenden Muskeln beruhigten sich: seine einen Moment irren Augen hefteten sich auf Salvator: er drückte sein Taschentuch an seine schweißfeuchte Stirne und sagte: »Reden Sie, mein Freund.« »Berechnen Sie, was Sie brauchen, um im Auslande mit Mina zu leben.« »Mit Mina? . . . Mina ist aber nicht meine Frau: ich kann folglich nicht mit ihr leben.« »Ah! wie sind Sie der gute, brave, ehrliche Justin, den ich auswendig kenne!« sagte Salvator mit seinem besten Lächeln. »Nein, Sie können nicht mit Mina leben, so lange Mina nicht Ihre Frau ist, und Mina kann nicht Ihre Frau sein, so lange wir ihren Vater nicht wiedergefunden haben, und ihr Vater nicht seine Einwilligung gegeben hat.« »Wenn wir ihn aber nie wiederfinden . . . ?« rief Justin. »Mein Freund,« sprach Salvator, »Sie zweifeln an der Vorsehung!« »Wenn er todt ist?« »Ist er todt, so werden wir seinen Tod constatiren, und da Mina dann nur noch von sich selbst abhängt, so wird sie Ihre Frau sein.« »Ah! mein Freund . . . mein lieber Salvator!« »Kommen wir zu der Sache zurück, die uns beschäftigt.« »Ja, ja, kommen wir darauf zurück.« »Da Mina nicht Ihre Frau sein kann, so lange sie ihren Vater nicht wiedergefunden hat, so muß Mina in Pension gebracht werden.« »Oh! mein Freund, erinnern Sie sich der Pension von Versailles!« »Es wird im Auslande nicht dasselbe sein wie in Frankreich. Überdies werden Sie es so einrichten, daß Sie Mina alle Tage besuchen, und Sie werden so wohnen, daß Ihre Fenster auf die ihrigen gehen.« »Ich begreife, daß mit allen diesen Vorsichtsmaßregeln . . . « »Wie viel schätzen Sie, daß Mina für ihre Pension und ihren Unterhalt braucht?« »Ei! ich glaube, daß in Holland mit tausend Franken für die Pension . . . « »Tausend Franken für die Pension?« »Und fünfhundert Franken für den Unterhalt . . . « »Setzen wir tausend.« »Wie, setzen wir tausend?« »Ja, das macht zweitausend Franken jährlich für Mina. Mina braucht fünf Jahre, um ihre Volljährigkeit zu erreichen: hier sind zehntausend Franken.« »Mein Freund, ich begreife nicht . . . « »Zum Glücke ist es nicht nöthig, daß Sie begreifen . . . Sprechen wir nun von Ihnen . . . « »Von mir?« »Ja; wie viel brauchen Sie jährlich?« »Ich? . . . nichts! ich werde Lectionen im Französischen und in der Musik geben.« »Die ein Jahr auf sich warten lassen, und Ihnen ganz fehlen können.« »Nun, mit sechshundert Franken jährlich . . . « »Setzen wir zwölf.« »Zwölfhundert Franken jährlich . . . für mich allein? . . . Mein Freund, ich werde zu reich sein!« »Desto besser . . . Sie werden den Ueberfluß den Armen schenken, Justin! es gibt überall Arme . . . Fünf Jahre zu zwölfhundert Franken jährlich, das macht sechstausend Franken. Hier sind sechstausend Franken!« »Aber wer gibt denn all dieses Geld, Salvator?« »Die Vorsehung, an der Sie vorhin zweifelten, mein Freund, als Sie sagten, Mina werde ihren Vater nicht wiederfinden.« »Ah! wie danke ich Ihnen!« »Nicht mir müssen Sie danken, mein lieber Justin: Sie wissen, daß ich arm bin.« »Es kommt mir also von einem Unbekannten all dieses Glück zu?« »Von einem Unbekannten? Nein.« »Von einem Fremden also?« »Nicht ganz.« »Aber, mein Freund, kann ich so einunddreißig tausend Franken annehmen?« »Ja,« erwiderte Salvator mit einem gewissen Ausdrucke des Vorwurfs, »da ich sie Ihnen antrage.« »Verzeihen Sie, das ist wahr . . . ich bitte hundertmal um Vergebung!« rief Justin, beide Hände seines Freundes drückend. »Nun wohl also, heute Nacht . . . « »Heute Nacht?« wiederholte Justin. »Heute Nacht entführen wir Mina, und Sie reisen ab.« »Oh! Salvator!« rief Justin, das Herz von Freude überströmt, die Augen, voller Thränen, und als ob er gerufen hätte: »Mein Bruder!« Sodann, wie es der arme Schulmeister gemacht hätte, wenn ein Schutzgöttin sein Zimmer herabgestiegen wäre, faltete Justin die Hände und betrachtete lange Salvator, den er kaum seit drei Monaten kannte, und der ihn, ihn den Unbekannten, die unaussprechlichen Freuden der Seele hatte kosten lassen, die er vergebens seit neunundzwanzig Jahren von der Vorsehung forderte! »Ah!« rief plötzlich Justin mit einer gewissen Bewegung des Schreckens, »und ein Paß?« »Oh! was das betrifft, bekümmern Sie sich nicht darum, mein Freund: hier ist der von Ludovic. Sie haben denselben Wuchs wie er, Sie haben Haare fast von derselben Farbe; das Uebrige ist gleichgültig: bis auf den Wuchs und die Haare gleichen sich fast alle Signalements, und stoßen Sie nicht an der Grenze auf einen Gendarmen, der zugleich Colorist ist, so haben Sie durchaus nichts zu befürchten.« »Dann habe ich mich nur noch um einen Wagen zu bekümmern.« »Ihr Wagen wird Sie bespannt heute Abend, fünfzig Schritte von der Barrière Croulebarbe, erwarten.« »Sie haben also an Alles gedacht?« »Ich glaube es wenigstens,« erwiderte lächelnd Salvator. »Nur nicht an meine armen kleinen Schüler,« sprach Justin, mit einer Art von Gewissensvorwurf den Kopf schüttelnd. In diesem Augenblicke klopfte man dreimal an die Thüre. »Mein Freund,« sagte Salvator, »ich weiß nicht warum es mir scheint, die Person, welche so eben geklopft hat, bringe die Antwort auf Ihre Frage.« Auf die Art, wie er gestellt war, hatte Salvator in der That können den guten Herrn Müller den Hof durchschreiten sehen. Justin öffnete und stieß einen Freudenschrei aus, als er den alten Mitschüler von Weber erkannte, der ihm, nach einem Gange auf den äußeren Boulevards, seinen Morgenbesuch machte. Man unterrichtete ihn von der Lage; und als Herr Müller ausgesprochen hatte, welches Glück ihm diese Nachricht bereite, sagte Salvator: »Es gibt nur Eines, was Justin vollkommen glücklich zu sein verhindert.« »Was, Herr Salvator?« »Ei! mein Gott! er fragt sich, wer ihn in seiner Abwesenheit bei seinen armen kleinen Schülern ersetzen werde.« »Nun,« erwiderte einfach der gute Müller, »bin ich nicht da?« »Sagte ich Ihnen nicht, mein lieber Justin, die Person, welche an Ihre Thüre klopfe, bringe Antwort?« Justin warf sich auf beide Hände von Herrn Müller und küßte sie voll Dankbarkeit. Es wurde verabredet, noch an demselben Tage sollte Herr Müller die Schüler empfangen, da sich Justin in einer Lage des Körpers und des Geistes befinde, die ihm nicht erlaube, seine Klasse zu machen. In den Ferien würde man den Schülern ankündigen, da die Abwesenheit von Justin sich auf unbestimmte Zeit zu verlängern drohe, so sollten die Eltern den ganzen Monat September benützen, um für ihre Kinder einen andern Lehrer zu suchen. Salvator entfernte sich und überließ Herrn Müller die Sorge, die Klasse zu machen, und Justin die, Madame Corby und seine Schwester Céleste auf die Veränderung vorzubereiten, welche vorgegangen war, oder die vielmehr in ihrer Existenz in dem Augenblicke, wo sie es am wenigsten dachten, vorgehen sollte; dann eilte er die Rue Saint-Jacques hinab, und auf den Schlag neun Uhr lag er in der Morgensonne ausgestreckt, in der Rue aux Fers, bei der Schenke zur Goldenen Muschel, wo wir la Gibelotte eine so fantastische Rechnung seinem Busenfreunde Croc-en-Jambe haben machen sehen. Salvator hatte, wie man sieht, seinen Tag ziemlich gut angefangen; wir werden im folgenden Kapitel erfahren, wie er ihn vollendete. XII Der Abend eines Commissionärs Am Abend, zur genannten Stunde, hielt die Reisecaleche, durch den Stellmacher vollkommen in den Stand gesetzt, etwa fünfzig Schritte von der Barrière Croulebarbe. Der Postillon, der mit verhängten Zügeln und zehn Minuten vor der verabredeten Stunde herbeigekommen war, glaubte Anfangs an eine Mystifikation, als er sah, daß die Personen, die ihn mit solcher Eile hatten kommen lassen, nicht nur sich nicht beim Rendez-vous fanden, sondern sogar nicht einmal Miene machten, zu erscheinen. Nach einigen Minuten indessen, als er zwei junge Leute erblickte, welche mit raschen Schritten herbeikamen und Arm in Arm gingen, schwang sich der Postillon, der von seinem Pferde gestiegen war, wieder in den Sattel und hielt sich unbeweglich, ohne den Kopf zu drehen, wie ein Postillon von Stein. Salvator und Justin näherten sich dem Wagen, Roland voran, der, so schnell sie auch marschierten, noch schneller als sie marschierte. Salvator öffnete den Schlag, ließ den Fußtritt herunter und sagte zu Justin: »Steigen Sie ein!« Als er dieses einzige Wort hörte, wandte sich der Postillon um, als hätte er einen elektrischen Schlag gefühlt, und denjenigen, welcher es ausgesprochen, sehend und erkennend, wurde er scharlachroth vor Vergnügen. Er nahm langsam seinen Hut ab und begrüßte Salvator mit einem freudigen und zugleich ehrerbietigen guten Morgen. »Guten Morgen, mein Freund!« erwiderte lächelnd Salvator, indem er dem Postillon seine feine, aristokratische Hand reichte; »wie befindet sich Dein wackerer alter Vater?« »Vortrefflich, Herr Salvator,« antwortete der Postillon; »und hätte er gewußt, Sie reisen, so würde er Sie trotz seiner sechsundsiebzig Jahre selbst geführt haben.« »Es ist gut; ich werde ihn dieser Tage besuchen. Er wohnt immer noch in der Bastille?« »Bei Gott!« erwiderte stolz der Postillon, »wer hat das Recht darin zu wohnen, wenn nicht er?« »In der That, Das ist wahr,« sprach Salvator; »es ist doch das Wenigste, daß ein Eroberer den Platz bewohnt, den er erobert hat!« Sodann hinter Justin einsteigend, der es sich schon im Wagen bequem gemacht hatte, fragte er seinen Hund: »Willst Du einsteigen, Roland?« Roland schüttelte den Kopf. »Nein?« fuhr Salvator fort; »Du willst lieber zu Fuße gehen? . . . Geh’, Roland, vorwärts.« »Welche Straße, Herr Salvator?« fragte der Postillon. »Straße nach Fontainebleau . . . Stille! Du kennst mich nicht!« »Ohne Ihnen Etwas zu befehlen, Herr Salvator, da ein Geheimniß darunter ist, können Sie einem Freunde sagen, wohin Sie gehen?« »Dir, ja, mein kleiner Bernard . . . Ich gehe nach der Cour de France.« »Und Sie werden dort anhalten?« »Die ganze Nacht.« »Es ist gut; Sie sollen nicht bespäht werden, das verspreche ich Ihnen.« »Was willst Du damit sagen?« »Nichts: das ist meine Sache, Herr Salvator, verlassen Sie sich auf mich! . . . Soll ich sehr rasch fahren?« »Nein, Bernard, im gewöhnlichen Gange; wir brauchen nicht vor zehn Uhr bei der Cour de France zu sein.« »Also in kurzem Trab . . . Ich möchte Sie indessen lieber nicht so fahren, Herr Salvator.« »Und wie möchtest Du mich gern fahren, mein Junge?« »Wie ich den Kaiser 1815 geführt habe: fünf Meilen in der Stunde.« Sodann leise: »Sind Sie nicht unser Kaiser, Sie, Herr Salvator: wird man nicht, wenn Sie sagen: »»Zu den Waffen!«« die Waffen ergreifen? wird man nicht, wenn Sie sagen: »»Vorwärts!«« marschieren?« »Nun wohl, Bernard! . . . « rief lachend Salvator. »St! Stille! … Bah! sind die Freunde unserer Freunde nicht Freunde? Da dieser Herr mit Ihnen ist, so ist er es,« sagte Bernard. Und er machte ein Maurerzeichen. »Ja, mein Freund, ich bin es,« antwortete Justin, »Du hast Recht; und möchte ich da sein an dem Tage, wo man, wie Du vorhin sagtest, wird die Waffen ergreifen und marschieren müssen!« »Sie sehen, Herr Salvator, Alles geht gut! wir haben nur noch zu singen: Allons, enfant de la patrie! Und das Nationallied singend, trieb der Postillon seine Pferde durch einen Peitschenhieb zum Aufbruche an. Der Wagen ging ab einen Staubwirbel aufwühlend, der, durch die letzten Feuer des Tages vergoldet, ihm eine unbestimmte Ähnlichkeit mit dem vom Himmel aus die Erde herabsteigenden Sonnenwagen verlieh. Wir werden nicht die Plauderei der zwei Freunde während der Dunkelheit, die sich stufenweise um sie her verdichtete, berichten. Wie man leicht begreift, war es die Hoffnung, welche der Hauptgegenstand des Gespräches wurde. Noch vier Stunden, noch drei, noch zwei, und man würde den Gipfel jener menschlichen Glückseligkeiten berühren, die man seit so langer Zeit durch dichte Wolken und schwarzen Nebel erschaute. Madame Corby und Schwester Céleste waren entzückt gewesen von dem Ereignisse, das sich vorbereitete; das waren zwei gläubige Herzen, welche wohl hofften, Gott werde Justin in der Stunde der Gefahr nicht verlassen. Die Trennung, welche nothwendig war, konnte nur momentan sein, und man würde sich am Herde der Familie wiedervereinigt finden, um sich nie mehr zu verlassen. Alles stand also auf das Beste, und bei dieser Veränderung der Lage sah Niemand etwas Anderes als die unaussprechlichen Verheißungen und die höchsten Freuden. Man hielt in Villejuis so lange an, als man brauchte, um die Pferde zu wechseln. Salvator neigte sich aus dem Schlage und schaute auf seine Uhr: es war halb zehn. Nach Verlauf einer Stunde erblickte man das Profil der Fontainen der Cour-de-France, oder, nennen wir sie mit ihrem wahren Namen, der Fontainen von Juvisy, prunkhafte Fontainen, geschmückt mit Trophäen und Genien auf einem Piedestal, wahre Typen der Architektur von Ludwig XV. um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Postillon hielt an, stieg vom Pferde und öffnete den Schlag. »Wir sind da, Herr Salvator,« sagte er. »Wie! Du bist es, Bernard?« »Ja, ich bin es!« »Du hast zwei Posten gemacht?« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48631924) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом. notes 1 Für den Fall, daß er Hunger bekäme. 2 Bastide im Süden von Frankreich Landhaus, Lufthaus, wird im Scherze häufig für Galeeren gebraucht. 3 Agent-ilhomme im Französischen. 4 Achille von Baulabelle, Histoire des Deux Restaurations. 5 Zum harten Gefängniß. 6 Am Fuße einer Weide sitzend. 7 Es gibt keinen größeren Schmerz, als sich im Elende der glücklichen Zeit zu erinnern. 8 Seit fünf vollen Jahren kittet der unempfindliche Villèle sein ewiges Glück an den Felsen. 9 Comparaison n’est pas raison. 10 Der Staatsanwalt. 11 Aschenbrödel. 12 Die Freundschaft eines großen Mannes ist eine Wohlthat der Götter. 13 Metzelei Straße. 14 Überwachung. 15 Le geindre heißt der Oberbäckerknecht; geindre heiß ächsen, wimmern. 16 eingeführt durch den Kohlenbrenner, Führer und Wächter, den wir vor den Augen unserer Leser haben passieren lassen, und der kein Anderer war, als unser Freund Toussaint-Louverture 17 Aide toi, le ciel t’aidera 18 heute Rue de Port-Roval genannt 19 Le taureau, der STIER.