Pauline
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Pauline





I


Gegen das Ende des Jahres 1834 waren wir eines Sonnabends Abends in einem kleinen, an den Fechtsaal des Herrn Grisier stoßenden Salon versammelt. Das Rappier in der Hand, die Zigarre im Munde, hörten wir die weisen Theorien unseres Professors, die von Zeit zu Zeit durch Anekdoten unterbrochen wurden, als die Türe sich öffnete und Alfred von Nerval eintrat.

Diejenigen, welche meine Reise in die Schweiz gelesen haben, werden sich vielleicht noch dieses jungen Mannes erinnern. Er begleitete damals eine Geheimnisvolle, verschleierte Dame und ich traf zum ersten Male mit ihm zu Fluelen zusammen, als ich mit Francesco nach der Barke eilte, die uns zum Steine Wilhelm Tell's bringen sollte. Sie werden sich dann auch noch erinnern, daß Alfred von Nerval, der, wie ich hoffte, mein Reisegesellschafter werden sollte, die Abfahrt des Fahrzeuges beschleunigte, ohne mich zu erwarten und vom Ufer abstieß, als ich wenigstens noch dreihundert Schritte davon entfernt war. Er gab mir aus der Barke mit der Hand ein Zeichen des Abschieds und der Freundschaft, welches ich so deutete: »Lieber Freund, es würde mir zum großen Vergnügen gereicht haben, dich wieder zu sehen, aber ich bin nicht allein und . . . Ich antwortete durch ein anderes Zeichen, welches sagen sollte: »Ich verstehe vollkommen, blieb stehen und verneigte mich zum Zeichen meines Gehorsams gegen diese Entscheidung, so streng sie mir auch erschien, weil ich aus Mangel eines Fahrzeuges erst den Tag darauf abreisen konnte. In's Gasthaus zurückgekehrt, fragte ich, ob Einer jene Dame kenne; allein man wußte nichts von ihr, als daß sie sehr leidend zu sein scheine und sich Pauline nenne.

Dieses Zusammentreffen hatte ich bereits wieder vergessen, als ich beim Besuch der warmen Quellen, welche die Bäder von Pfeffers mit Wasser versehen, in der langen unterirdischen Gallerie Alfred von Nerval auf mich zukommen sah. Er hatte dieselbe Dame am Arme, die ich schon mit ihm in Fluelen gesehen hatte, und die mir schon damals, wie ich bereits erzählt habe, deutlich den Wunsch zu verstehen gab, unerkannt zu bleiben. Auch diesmal schien sie ihr Incognito behaupten zu wollen, denn ihre erste Bewegung war, sich umzudrehen. Unglücklicher Weise erlaubte der Weg, den wir gingen, weder zur Linken noch zur Rechtes ein Ausweichen. Es war eine Art Brücke ans zwei feuchten, schlüpfrigen Brettern zusammengesetzt, die, anstatt quer über den Abgrund gelegt zu sein, in dessen Tiefe die Tamina in ihrem Bett von schwarzem Marmor hinbrauste, an einer der Wände dieses unterirdischen Ganges ungefähr vierzig Fuß über dem Strombette hinliefen, nur durch einige in den Felsen eingefügte Balken gestützt. Die Geheimnisvolle Begleiterin meines Freundes sah wohl ein, daß hier kein Entkommen möglich sei, und nahm ihre Maaßregeln. Sie ließ ihren Schleier herab und kam gerade auf mich zu. Ich erzählte bereits in meiner Reisebeschreibung den sonderbaren Eindruck, welchen die blasse, gleich einem Schatten Süchtige Dame auf mich machte, als sie am Rande dieses Abgrundes hinschritt, ohne Zagen, ohne Unruhe, wie ein Wesen einer andern Welt. Bei ihrer Annäherung lehnte ich mich an die Felswand, um so wenig als möglich Platz einzunehmen. Alfred wollte sie allein voranschreiten lassen, allein sie hielt seinen Arm fest, so daß wir uns in einem Augenblicke alle drei auf einem Raume von höchstens zwei Fuß Breite befanden. Aber dieser Augenblick war kurz wie das Leuchten eines Blitzes. Die Geheimnisvolle Dame, den Feen gleichend, die sich über die Ufer der Flüsse beugen und ihre Schleier in dem Schaume der Wellen spielen lassen, neigte sich über den Abgrund und passierte, wie durch ein Wunder, den engen schlüpfrigen Pfad, jedoch nicht schnell genug, um mich nicht einen Blick in ihr ruhiges, sanftes, obgleich durch Leiden gebleichtes und abgemagertes Gesicht tun zu lassen. Ich glaubte diese Figur jetzt nicht zum ersten Male zu erblicken, in meinem Geiste leuchtete eine dunkle Erinnerung auf, eine Rückerinnerung an Salons, Bälle und Feste; es dünkte mir, als habe ich diese Dame mit dem jetzt so abgezehrten, traurigen Gesichte schon gekannt, jedoch fröhlich, mit rosigen Wangen, geschmückt mit Blumen, davongetragen von einem langsamen Walzer oder einem stürmischen Galopp. Wo und wann? das wußte ich nichts Es war nur eine Vision, ein Traum, ein Echo meines Gedächtnisses, welches nichts Bestimmtes, nichts Wirkliches an sich trug, und mir entwischte wie ein Nebel, den man erhaschen will. Ich kehrte mit dem Entschlusse zurück, sie jedenfalls wieder zu sehen und hätte ich bei Erreichung meines Zweckes unbescheiden sein sollen. Allein weder sie, noch Alfred fand ich mehr in Pfeffers, obgleich ich nur eine halbe Stunde abwesend gewesen war.

Zwei Monate waren seit diesem zweiten Zusammentreffen verflossen und ich befand mich zu Baveno am lago maggiore. Es war ein schöner Herbstabend, die Sonne verschwand eben hinter den Alpen und die Schatten der Nacht stiegen am östlichen Himmel auf, welcher sich mit Sternen zu besäen begann. Vom Fenster meines Zimmers aus gewahrte man in der Ebene eine Terrasse, die ganz mit Blumen bedeckt war. Ich stieg auf dieselbe hinab und befand mich in einem Walde von Rosenlorbeeren, Myrthen und Orangen. Die Blumen sind für uns ein so angenehmer Gegenstand, daß wir uns selten begnügen, von ihnen umgeben zu sein, wir wollen sie in der Nähe genießen und wo wir sie auch finden, sei, es im Felde oder im Garten, ein innerer Trieb veranlaßt uns, sie zu pflücken, sie zu einem Strauße zu winden, damit ihr Geruch uns begleite, ihr Farbenglanz uns erfreue. Auch ich widerstand der Versuchung nicht. Ich brach einige der wohlriechenden Zweige und lehnte mich auf die Brustwehr von Granit, welche die Aussicht über den See gewährte, von dem sie nur durch die große Straße von Genf nach Mailand getrennt ist. Kaum war ich da, so tauchte der Mond auf der Seite von Sesto empor; seine Strahlen beleuchteten die Gebirge, die den Horizont begrenzten und erglänzten auf dem Gewässer, welches zu meinen Füßen ruhig schlief und die Strahlen wie ein unermeßlicher Spiegel zurückwarf. Alles war still, kein Geräusch ließ sich hören weder auf der Erde, noch auf dem See, noch am Himmel; die Nacht begann ihren Lauf mit majestätisch melancholischem Ernste. Da ertönte von einem dichtbelaubten Baume zu meiner Linken, dessen Wurzeln sich im Wasser des Sees badeten, harmonisch und zart der Gesang einer Nachtigall. Es war der einzige Ton, der erwachte; er erhielt sich einen Augenblick zierlich und tactmäßig und endete dann plötzlich in einem Laufe. Nun ließ sich, gleichsam als wenn dieser Ton einen an dem, ganz verschiedenen geweckt hätte, das ferne Rollen eines Wagens vernehmen, wie es schien, von Doma d'Ossola kommend. Der Gesang der Nachtigall begann von Neuem und ich vernahm wieder nur den Vogel Juliens. Als er endigte, hörte ich wiederholt das Rollen des Wagens näher und näher. Er kam schnell; so schnell er sich jedoch auch näherte, so hatte meine melodienreiche Nachbarin noch Zeit, vor seiner Ankunft wieder ihr nächtliches Gebet zu beginnen. Aber kaum hatte sie dieß Mal ihren letzten Ton entsandt, so erschien an der Krümmung der Straße eine Postchaise, von zwei Pferden gezogen, im Galopp, und nahm ihren Weg nach dem Gasthause. ungefähr noch zweihundert Schritte entfernt knallte der Postillon heftig mit der Peitsche, um den Kameraden seine Ankunft anzuzeigen, und in der Tat knarrte auch sogleich das große Thor in seiner Angel, aus welchem ein neues Gespann vorgeführt wurde. In demselben Augenblicke hielt der Wagen unter dem Altan, über dessen Geländer ich mich bog.

Die Nacht war, wie schon gesagt, so rein, klar und von Wohlgerüchen durchduftet, daß die Weisenden das Verdeck des Wagens zurückgeschlagen hatten, um die süßen Gerüche besser genießen zu können. Es waren deren zwei: ein junger Mann und eine junge Dame. Letztere, in einen Shawl oder Mantel gehüllt, hatte den Kopf zurückgelehnt auf den Arm des jungen Mannes, welcher sie unterstützte. In dieses Augenblicke trat ein Postillon mit einem Lichte an den Wagen, um die Laternen an demselben anzuzünden; ein heller Strahl fiel auf die Reifenden und ich erkannte Alfred von Nerval und Pauline.

Immer er und immer sie! Es schien, als wenn eine höhere Macht, nicht der Zufall, uns stets wieder zusammenführte! Immer sie, aber so verändert, seitdem ich sie zu Pfeffers sah, so blaß, so hinsterbend, daß sie nur noch ein Schatten zu sein schien; und dennoch riefen diese abgezehrten Züge meinem Geiste noch jenes dunkle Frauenbild zurück, welches gleichsam auf dem Grunde meines Gedächtnisses schlief, bei jeder dieser Erscheinungen emportauchte und über die Oberfläche desselben hinwegglitt wie ein Traum Offian's über die Nebel. Ich war in Begriff, Alfred anzurufen, allein ich erinnerte mich, wie sehr seine Begleiterin wünschte, nicht gesehen zu werden. Dennoch zog mich ein Gefühl von Mitleid zu ihr hin und veranlaßte mich, ihr wenigstens durch ein Zeichen bemerklich zu machen, daß es noch Jemand gebe, der inbrünstig zu Gott bete, ihre zum Entfliehen bereite Seele möge den wohl gebildeten Körper, den sie belebte, noch nicht sobald verlassen. Ich zog eine Visitenkarte aus der Tasche, schrieb auf deren Rückseite die Worte: »Gott schenke den Reisenden seinen Schutz, tröste die Betrübten und heile die Leidenden. Diese Karte legte ich zwischen die Myrthen, Orangen – und Rosenzweige, die ich gepflückt hatte, und ließ den Strauß in den Wagen fallen. In demselben Augenblicke fuhr der Postillon ab, doch bemerkte ich noch, wie Alfred sich aus dem Wagen bog und die Karte an das Licht der Laterne hielt. Er drehte sich hierauf nach mir um, gab mir mit der Hand ein Zeichen, und der Wagen verschwand.

Das Rollen der Chaise entfernte sich mehr und mehr, ohne jedoch diesmal von dem Gesange der Nachtigall unterbrochen zu werden. Umsonst wandte ich mich nach der Seite des Gebüsches und verweilte noch eine Stunde auf dem Altan; ich wartete vergebens! Tieftraurige Gedanken bemächtigten sich meiner; ich dachte mir, der Vogel, welcher soeben noch gesungen hatte, sei die Seele jener jungen Dame, die der Erde ihr Schwanenlied gesungen, und nun nicht mehr singe, weil sie bereits aufgestiegen gen Himmel!

Die bezaubernd schöne Lage des Gasthofes zwischen den Alpen, welche hier endigen, und Italien, welches hier beginnt, diese Gegend so still, und doch wieder so belebt durch den Iago maggiore mit seinen drei Inseln, deren eine einen Garten, die andere ein Dorf und die dritte einen Pallast trägt, dieser erste winterliche Schnee, welcher die Gipfel der Berge bedeckte, diese letzten warmen, herbstlichen Lufthauche, welche das mittelländische Meer entsandte, Alles dieses hielt mich acht Tage in Baveno zurück. Dann reiste ich nach Arona und von da nach Sesto Calende.

Hier erwartete mich eine letzte Erinnerung an Pauline; hier war der Stern erloschen, den ich hatte am Himmel vorüberziehen sehen, hier hatte der Fuß, der so flüchtig am Rande des Abgrundes dahin schritt, am Grabe gestrauchelt, und die verlorene Jugend, die verwelkte Schönheit, das gebrochene Herz deckte ein Stein. Dieser Schleier des Grabes, eben so Geheimnisvoll über den ganzen Körper gebreitet, als im Leben der Schleier nur das Gesicht verhüllt hatte, zeigte der Neugierde der Welt nichts als den Namen Pauline.

Ich ging, um dieses Grab zu sehen. Im Gegensatz zu den Gräbern Italiens, welche sich gewöhnlich in Kirchen befinden, erhob sich dieses in einem reizenden Garten, auf der Höhe eines mit Gebüsch bewachsenen Hügels, nach der Seite zu, welche die Aussicht nach dem See gewährt. Es war Abend; der Stein erglänzte in den Strahlen des Mondes, ich ließ mich an der Seite desselben nieder und strengte mein Gedächtniß an, noch ein Mal alle die zerstreuten und vorüberwogenden Erinnerungen an diese junge Dame zu sammeln. Aber auch dieß Mal war Alles vergebens. Ich konnte nichts finden als formlose Schatten, keine Gestalt mit festen Umrissen und entsagte endlich den weiteren Versuchen, in dieses Geheimnis einzudringen, bis ich Alfred von Nerval wieder sehen würdet

Man wird leicht begreifen, wie sehr sein unerwartetes Erscheinen in einem Augenblicke, wo ich seiner am wenigsten gedachte, meinen Geist und meine Einbildungskraft mit neuen Ideen erfüllte. In einem Nu schwebte mir Alles wieder vor meinen Gedanken vorüber: ich sah die Barke wieder, welche mir auf dem See entschlüpfte, die unterirdische Brücke, dem Vorhofe der Hölle ähnlich, wo die Reisenden wie Schatten erscheinen, das kleine Wirthshaus, an welchem der Sterbewagen vorüberfuhr, endlich den weißen Stein, auf welchem man beim Scheine des durch die Zweige von Orangen und Rosenlorbeeren schimmernden Mondes als einzige Grabschrift den Vornamen der jungen Dame liest, die so früh und wahrscheinlich sehr unglücklich starb.

Ich stürzte auf Alfred zu wie ein Mensch, der, lange in einem unterirdischen Gemache eingeschlossen, sich den Strahlen des Tageslichtes entgegen stürzt, die durch eine geöffnete Tür in seinen Kerker fallen. – Er lächelte traurig und reichte mir die Hand, zum Zeichen, daß er mich verstehe; ich zog mich jedoch schnell zurück und sammelte mich einigermaßen, damit Alfred, seit fünfzehn Jahren mein Freund, die Gefühle, welche mich so heftig zu ihm hinzogen, nicht als Bewegung einer bloßen Neugierde betrachte.

Alfred trat ein. Er war einer der besten Schüler des Herrn Grisier und seit drei Jahren nicht in seinem Fechtsaale erschienen. Das letzte Mal, als er da war, hatte er den folgenden Tag ein Duell zu bestehen, und noch ungewiß, mit welchen Waffen er sich schlagen solle, war er gekommen, sich mit dem Meister zu üben. Seit dieser Zeit hatte ihn Grisier nicht wieder gesehen, sondern nur erfahren, daß Alfred Frankreich verlassen habe und jetzt in London wohne.

Grisier, der auf die Ehre seiner Schüler wie auf die seinige hielt, hatte kaum die gebräuchlichen Begrüßungsformeln mit Nerval gewechselt, als er ihm auch schon ein Rappier in die Hand gab und unter den Anwesenden einen Gegner für ihn wählte, der ihm gewachsen war. So viel ich mich noch erinnere, war es der arme Labattut, der später nach Italien reiste, um in Pisa ein eben so unbekanntes als einsames Grab zu finden.

Beim dritten Gange stieß das Rappier Labattut's auf das Stichblatt der Waffe seines Gegners, zerbrach unter dem Knopfe und zerriß, die Parade durchdringend, den Hemdärmel Alfred's, der sich augenblicklich mit Blut färbte. Labattut warf sogleich sein Rappier weg, indem er, wie wir Übrigen glaubte, Alfred sei ernstlich verwundet.

Zum Glück war es nur ein leichter Riß; allein beim Aufstreifen des Hemdärmels ließ uns Alfred die Narbe einer andern, weit gefährlicheren Wunde bemerken; eine Pistolenkugel hatte die Muskeln der Schulter durchdrungen.

Siehe da, rief Grisier voll Erstaunen, das ist ja eine Wunde, von welcher ich bisher noch nichts wußte!

Grisier kannte uns nämlich so genau, wie eine Amme ihr Kind. Keiner seiner Schüler hatte eine Verletzung am Körper, deren Zeit und Ursache er nicht kannte. Er könnte eine sehr interessante, aber auch sehr anstößige Geschichte von Liebesabenteuern schreiben, wenn er die der ihm bekannten Degenstöße und dessen, was ihnen vorherging, erzählen wollte. Allein das würde zu viel Aufsehen erregen und als Gegenwirkung seinem Amte viel schaden; er wird jedoch seine Memoiren hinterlassen.

Ich erhielt sie, sagte Alfred, nach dem Tage, an welchem ich zum letzten Male mit Ihnen focht, und denselben Tag, an dem ich sie empfing, reiste ich nach England ab.

Ich habe Ihnen wohl gesagt, daß Sie sich nicht auf Pistolen schlagen möchten. Es ist ein angenommener Satz: der Degen ist die Waffe des Tapfern und des Edelmanns; er ist die werthvollste Reliquie, welche die Geschichte von großen, dem Vaterlande zum Ruhme gereichenden Männern aufbewahrt. Man spricht vom Degen Karl's des Großen, vom Degen Bayard's, vom Degen Napoleons, aber wer hat je von ihren Pistolen gesprochen? Die Pistole ist die Waffe des Räubers, mit der Pistole auf die Brust läßt man falsche Wechsel unterschreiben, mit der Pistole in der Hand hält man Postwagen an einer Waldecke an, mit der Pistole schießt sich der Banqueroutier die Kugel durch den Kopf. . . die Pistole! Pfui. . . ich lobe mir den Degen! Er ist der Begleiter, der Vertraute des Mannes; er beschützt seine Ehre oder rächt sie.

Alles gut, erwiderte Alfred, aber warum haben Sie selbst sich vor zwei Jahren gegen Ihre Überzeugung auf Pistolen geschlagen?

Bei mir ist das eine andere Sache, ich mußte mich auf jede Waffe schlagen, die man will, ich bin Fechtmeister, und überdieß giebt es Lagen, in denen wir die Bedingungen nicht ablehnen können, die uns auferlegt werden.

Nun wohl, ich bin in der nämlichen Lage gewesen, mein lieber Grisier, und Sie sehen, daß ich mich nicht schlecht aus derselben gezogen habe.

Ja, mit einer Kugel in der Schulter!

Immer besser, als eine Kugel im Herzen!

Und darf man die Ursache dieses Duells wissen?

Verzeihen Sie, mein lieber Grisier, die ganze Geschichte ist noch ein Geheimnis, später jedoch sollen Sie dieselbe erfahren.

Pauline?. . . fragte ich ihn leise.

Ja, erwiderte er.

Wir erfahren sie also gewiß? fragte Grisier. . . .

Ganz gewiß, versicherte Alfred, zum Beweise, daß ich mein Versprechen erfüllen werde, bitte ich Alfred, mich zum Abendessen zu begleiten, um sie ihm diesen Abend noch zu erzählen, damit Sie dieselbe einst, wenn ihr Kundwerden keinen der dabei Betheiligten mehr unangenehm berührt, in einem Bändchen, betitelt »Braune Erzählungen, oder »Blaue Erzählungen, selbst lesen können. Geduldigen Sie sich also bis dorthin.

Grisier mußte sich demnach fügen. Alfred führte mich mit sich zum Abendessen, wie er mir angeboten hatte, und erzählte mir dann die Geschichte Paulinens.

Jetzt ist jedes Hindernis ihres Erscheinens verschwunden. Die Mutter Paulinens ist gestorben und mit ihr erlosch die Familie und der Name dieses unglücklichen Kindes, deren Abenteuer einer Zeitepoche und einer Lokalität entnommen scheinen, die weit von der entfernt sind, in welcher wir jetzt leben.




II


Du weist, begann Alfred, daß ich mich der Malerkunst befleißigte, bevor mein braver Onkel starb und mir und meiner Schwester jedem eine jährliche Rente von 30000 Livres hinterließ.

Ich verneigte mich ein wenig, um meine Aufmerksamkeit auf das, was Alfred erzählte, und meine Achtung vor dem Schatten desjenigen zu bezeigen, welcher vor seinem Abschiede von dieser Welt noch ein so gutes Werk gestiftet hatte.

Von nun an, fuhr der Erzähler fort, betrieb ich die Malerei nur zum Vergnügen. Ich beschloß, zu reisen, Schottland, die Alpen und Italien zu sehen, traf deshalb mit meinem Notar ein Arrangement wegen meiner Geldangelegenheiten und reiste nach Havre ab, um von da aus meine Reise nach England anzutreten.

Zu Havre angekommen, erfuhr ich, daß Dauzats und Jadin sich in einem kleinen Dorfe am anderen Ufer der Seine, Namens Trouville aufhielten, und wollte Frankreich nicht verlassen, ohne zwei Kollegen meines früheren Ateliers die Hand zum Abschied gereicht zu haben. Ich mietete ein Boot, war in zwei Stunden in Honfleur und den andern Tag in Trouville; leider aber waren Beide den Tag, vorher abgereist.

Du kennst diesen kleinen Hafen mit seiner Bevölkerung von Fischern; er ist einer der malerischsten Punkte der ganzen Normandie. Ich blieb hier einige Tage, um Ausflüge in die Umgegend zu machen, Abends aber hörte ich am Kamine den Erzählungen meiner sehr ehrenwerten Wirtin, Madame Oseraie, von sonderbaren Ereignissen, deren Schauplatz seit drei Monaten die Departements Calvados, Loiret und la Manche geworden waren, zu. Es handelte sich um Räubereien, die mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Kühnheit ausgeführt wurden. Reisende waren zwischen den Dörfern Buisson und Sallenelles verschwunden; man hatte den Postillon mit verbundenen Augen an einen Baum angebunden, den Postwagen auf der Chaussee und die Pferde ruhig weidend auf einer nahe liegenden Wiese gefunden. Dem Generaleinnehmer zu Caen erbrach man die Kasse und entwendete 70000 Francs, während er einem jungen Manne aus Paris, Namens Horaz von Beuzeval, und noch zwei Freunden auf dem Schlosse Burcy, ungefähr Lieues von Trouville, die dorthin gekommen waren, um das Vergnügen der Jagd zu genießen, ein Abendessen gab. Endlich war der Schullehrer von Pont l'Evêque auf dem Wege nach Lisieux, wo er 12000 Francs umwechseln wollte, ermordet worden. Sein Leichnam, von den Mördern in die Toques geworfen, von diesem kleinen Fluße aber wieder an's Ufer getrieben, hatte diese Mordthat enthüllt, deren Urheber jedoch bisher unentdeckt geblieben war, trotz der Tätigkeit der Pariser Polizei, die, durch diese Räubereien beunruhigt, mehrere ihrer geschicktesten Gehilfen in jene Departements gesendet hatte.

Diese Ereignisse und einer der häufigen Aufruhre, deren Ursachen unbekannt waren und damals von den Oppositionsjournalen der Regierung zur Last gelegt wurden, verbreiteten in der ganzen Normandie einen bisher in diesem guten Lande, bekannt durch seine Advokaten und Proceßführer, aber durchaus nicht pittoresk genug zum Aufenthalte für Räuber und Meuchelmörder, einen noch nicht gekannten panischen Schrecken. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich Anfangs allen diesen Erzählungen keinen großen Glauben beimaß, weil mir dieselben mehr in die einsamen Schluchten der Sierra oder in die wilden Gebirge Calabriens, als in die reichen Ebenen von Falaise und in die fruchtbaren Thäler von Pont-Audemer, die mit Dörfern, Schlössern und Meiereien übersät sind, zu gehören schienen. Räuber konnten meiner Meinung nach nur mitten in einem Walde oder in der Tiefe einer Höhle sich finden. In allen drei oben genannten Departements gab es aber weder einen Schlupfwinkel, der den Namen einer Höhle verdient hätte, noch ein Holzgehäge, welches den eines Waldes hätte in Anspruch nehmen können.

Dennoch wurde ich bald genötigt, an die Wahrheit dieser Erzählungen zu glauben. Ein reicher Engländer, von Havre nach Alencon reisend, wurde eine halbe Meile von Dives, wo er die Pferde gewechselt hatte, angefallen. Man hatte den Postillon geknebelt und gebunden in den Wagen auf den Platz seiner Passagiere geworfen und die Pferde, den Weg wohl kennend, waren in ihrem gewöhnlichen Schritte zu Ranville angekommen, hatten am Posthause gehalten und ruhig bis zum Anbruche des Tages auf das Ausspannen gewartet. Ein Stalljunge, welcher früh die Türe öffnete, fand den Wagen, der weiter Niemand enthielt, als den armen geknebelten Postillon. Vor den Maire geführt sagte dieser aus, daß er auf der Straße von vier maskierten, Männern angehalten worden sei, die ihrem Äußern nach zu der niedrigsten Volksklasse gehörten. Sie hätten ihn gezwungen, zu halten und die Reisenden zum Aussteigen genötigt. Der Engländer hätte versucht, sich zu verteidigen, es sei, ein Schuß gefallen und im nämlichen Augenblicke habe er ein Stöhnen gehört; gesehen habe er aber nichts, weil man ihn mit dem Gesicht auf die Erde gelegt hätte. Dann habe man ihn geknebelt und in den Wagen geworfen, in welchem er geraden Wegs so sicher, als hätte er seine Pferde geführt, nach der Post gelangt sei,. Die Gendarmerie begab sich sogleich an den Ort, welchen der Postillon als denjenigen bezeichnete, wo das Verbrechen begangen worden war, und in der Tat fand man auch den Leichnam des Engländers in einem Graben von zwei Dolchstichen durchbohrt, von seiner Frau aber bemerkte man keine Spur. Dieses Ereigniß hatte sich kaum 10—12 Lieues von Trouville zugetragen und der Leichnam des Opfers wurde nach Caen gebracht. Ich konnte demnach nicht mehr an der Wahrheit zweifeln und wäre ich so ungläubig wie Thomas gewesen, denn in weniger als 5 bis 6 Stunden konnte ich hingehen und wie er die Finger in die Wunden legen.

Drei oder vier Tage nach dieser Begebenheit, den Tag vor meiner Abreise, beschloß ich, zum letzten Male die Küste zu besuchen, welche ich nun verlassen wollte. Ich ließ das Fahrzeug, das ich, für einen Monat gemiethet hatte, wie man in Paris einen Wagen miethet, gehörig in Stand setzen. Der Himmel war heiter und versprach einen schönen Tag; ich ließ also mein Mittagsbrot und meinen Zeichenapparat bringen und ging ganz allein an Bord. Meine Person machte die ganze Equipage des Fahrzeugs aus.

In der Tat, unterbrach ich ihn, ich kenne deine Ansprüche als Seemann und erinnere mich noch sehr wohl, wie du deine Lehre zwischen der Brücke der Tuilerien und der de la Concorde bei einer Einschiffung mit der amerikanischen Flagge bestanden hast.

Ja, erwiderte Alfred lächelnd,, allein diesmal wäre mir meine Anmaßung beinahe verderblich geworden. Anfangs ging Alles gut. Ich hatte eine kleine Fischerbarke mit einem einzigen Segel, welches ich vom Steuerruder aus regieren konnte. Der Wind kam von Havre und führte mich über das nur leicht bewegte Meer mit einer außerordentlichen Schnelligkeit. Auf diese Weise legte ich in Zeit von drei Stunden acht bis zehn Lieues zurück. Da trat plötzlich Windstille ein und das Meer war ruhig wie ein Spiegel. Ich befand mich gerade der Mündung der Orne gegenüber und hatte zu meiner Rechten die Ebene von Langrune und die Felsen von Lyon, zu meiner Linken die Ruinen einer Abtei, welche zum Schlosse Burcy gehört. Das Ganze bildete eine geschlossene Landschaft, die ich nur zu kopieren brauchte, um ein Gemälde zu entwerfen. Ich zog daher mein Segel ein und machte mich an die Arbeit.

In meine Malerei vertieft, weiß ich nicht, wie lange ich gearbeitet hatte, als ich eine von jenen warmen Brisen über mein Gesicht streichen fühlte, die gewöhnlich die Annäherung eines Sturmes verkünden. Zugleich verwandelte sich die Farbe des Meeres aus Grün in Aschgrau. Ich wandte mich nach der offenen See um und ein Blitz durchzuckte den mit dichten schwarzen Wolken bedeckten Himmel, so daß es schien, als durchfurche er eine Gebirgskette. Da war kein Augenblick mehr zu verlieren. Der Wind hatte sich, wie ich am Morgen hoffte, mit der Sonne gedreht; ich zog also mein kleines Segel auf und richtete das Vorderteil meines Schiffchens gegen Trouville, um die Küste so eilig wie möglich zu erreichen und das Fahrzeug, im Falle der Gefahr, an derselben stranden zu lassen. Aber kaum hatte ich eine halbe Lieue zurückgelegt, so flatterte mein Segel schlaff am Maste herab. Sogleich nahm ich es ab, dieser scheinbaren Ruhe mißtrauend; und in der Tat, kaum war ein Augenblick vergangen, so kreuzten sich mehrere Windstöße, das Meer begann, Wellen zu schlagen und es krachte ein starker Donnerschlag. Das war eine zu beachtende Warnung; und wirklich nahte sich der Sturm mit der Schnelligkeit eines Renners. Ich legte nun meinen Rock ab, nahm in jede Hand ein Ruder und beeilte mich, nach der Küste zu steuern.

Noch war ich zwei Lieues vom Lande entfernt. Zum Glück war es die Zeit der Fluth, und trotz dem, daß ich Gegenwind oder vielmehr gar keinen Wind hatte, denn nur einzelne Windstöße kreuzten sich bisweilen, trieben mich doch die Wellen nach demselben hin. Ich that hinsichtlich des Ruderns mein Möglichstes; der Sturm war aber schneller und erreichte mich endlich doch. Um das Maaß meines Mißgeschicks voll zu machen, begann es Nacht zu werden und es blieb mir kaum Hoffnung, vor Eintritt der Finsternis das Land zu erreichen.

Ich durchlebte eine fürchterliche Stunde. Mein Fahrzeug wurde wie eine Nußschale von den Wellen geschaukelt, folgte allen ihren Bewegungen, stieg und fiel mit ihnen. Noch immer ruderte ich, sah aber endlich ein, daß ich meine Kräfte umsonst erschöpfte. Leicht konnte der Fall eintreten, daß ich mich durch Schwimmen zu retten suchen mußte; deshalb zog ich die Ruder ein, legte sie auf den Boden des Fahrzeuges zu dem Maste und Segel und entledigte mich, das Hemd und die Beinkleider ausgenommen, Alles dessen, was meine Bewegung etwa hindern könnte. Zwei oder drei Mal war ich im Begriff, über Bord zu springen, allein die Leichtigkeit meiner Barke rettete mich. Sie schwamm wie ein Kork und schöpfte keinen Tropfen Wasser, doch fürchtete ich jeden Augenblick, daß sie umschlagen möchte. Einmal glaubte ich, sie stoße an etwas an, allein das Gefühl war so vorübergehend und so leicht, daß die Hoffnung sogleich wieder verschwand. Indessen war es so finster geworden, daß ich nicht zwanzig Schritte weit sehen konnte, und ganz und gar nicht wußte, in welcher Entfernung vom Lande ich mich! noch befand. Plötzlich fühlte ich eine heftige Erschütterung. Es unterlag keinem Zweifel mehr, daß ich angestoßen hatte. War es aber gegen einen Felsen oder gegen das Sandufer der Küste? Eine Welle hatte mich wieder flott gemacht und ich fühlte mich während einiger Minuten mit neuer Heftigkeit fortgerissen. Endlich wurde die Barke mit solcher Kraft vorwärts getrieben, daß der Kiel sich in den Sand grub und das Meer zurückwich, ohne sie wieder mit sich fort zu nehmen. Ich verlor keinen Augenblick, ergriff meinen Palletot und schwang mich, alles Übrige im Stiche lassend, eiligst über Bord. Das Wasser reichte mir nur bis an die Knie und glücklich gelangte ich auf das flache Ufer, bevor mich die Welle erreichte, die sich wieder, wie ein Gebirge, heranwälzte.

Du begreifst wohl, daß ich keinen Augenblick verlor. Ich warf meinen Palletot über die Schultern und eilte, die Küste zu erreichen. Bald fühlte ich auch die kleinen runden Kieselsteine unter meinen Füßen, welche man Strandsteine nennt und die Grenzen der Fluth bezeichnen. Ich fuhr fort, noch eine Zeitlang aufwärts zu steigen. Der Boden änderte nochmals seine Natur; ich ging durch hohe Kräuter, welche auf den Dünen wachsen. Jetzt hatte ich nichts mehr zu fürchten und hielt an, um auszuruhen.

Es ist ein großartiges Schauspiel, das Meer m der Nacht zu betrachten, während Blitze es beleuchten und der Sturm es peitscht. ES ist das Bild des Chaos, der Zerstörung! Es ist das einzige Element, dem Gott die Macht gegeben hat, sich gegen ihn zu erheben, und mit seinen Wogen seine Blitze zu kreuzen. Der Ozean erschien wie eine Kette sich bewegender Gebirge, mit Gipfeln, die in die Wolken reichen und Thälern, tief wie Abgründe. Bei jedem Donnerschlag schlängelte sich ein bleicher Blitz von diesen Gipfeln herab in jene Abgründe und verschwand in den Schlünden, die sich eben so schnell schlössen, als sie sich geöffnet hatten. Ich betrachtete mit Schrecken und Neugierde dieß wunderbare Schauspiel, welches Vernet gern zu sehen wünschte und ohne Nutzen von dem Maste aus betrachtete, an welchem er sich hatte festbinden lassen; denn nie wird ein menschlicher Pinsel dieses erstaunlich großartige und schrecklich-majestätische Schauspiel nachbilden! Vielleicht würde ich die ganze Nacht, im Anschauen und Hören vertieft, stehen geblieben sein, hätte ich nicht gefühlt, daß große Regentropfen mir in's Gesicht schlugen. Obgleich noch mitten im September, waren die Nächte doch schon kalt; ich dachte also daran, wo ich wohl Schutz fände gegen den Regen, und erinnerte mich an die Ruinen, welche ich vom Meere aus gesehen hatte. Diese konnten nicht mehr weit von dem Punkte der Küste entfernt sein, auf welchem ich mich befand. Ich fuhr also fort, einen steilen Abhang hinaufzusteigen und gelangte bald auf eine Ebene. Immer fortschreitend bemerkte ich in der Ferne eine dunkle Masse, die ich nicht genau unterscheiden konnte, die aber, was sie auch sein mochte, mir jedenfalls ein Obdach gewähren sollte. Endlich erglänzte ein Blitz und bei seinem Schein bemerkte ich die verfallene Halle einer Kirche; ich trat ein und befand mich in einem alten Kloster. Nun suchte ich nach einem Orte, der am wenigsten beschädigt war und setzte mich endlich in einen Winkel an dem Fuße eines Pfeilers nieder, entschlossen, den Anbruch des Tages hier zu er warten, denn ich kannte die Küste noch zu wenig, um bei diesem Wetter zu wagen, eine menschliche Wohnung aufzusuchen. Über dem hatte ich auf Jagden in der Vendée und in den Alpen wohl zwanzig Nächte in bretagneschen Strohhütten und schweizer Sennhütten schlechter verbracht als diese. Das Einzige, was mich beunruhigte, war ein gewisses Knurren des Magens, welches mich erinnerte, daß ich seit zehn Uhr Morgens nichts genossen hatte. Doch fiel mir ein, daß ich Madame Oseraie aufgetragen habe, für die Taschen meines Palletot zu sorgen. Eilig griff ich in dieselben und fand, daß meine Wirtin den Auftrag gewissenhaft erfüllt hätte. In der einen Tasche fand sich ein kleines Brod, in der andern eine Flasche Rum. Das war ein den Umständen ganz angemessenes Abendbrot, und kaum hatte ich es genossen, so fühlte ich eine wohltätige Wärme sich durch meine Glieder verbreiten, die schon zu erstarren begannen. Mein Geist, der in der Erwartung einer hungrigen Nachtwache eine etwas traurige Färbung angenommen hatte, erheiterte sich sogleich wieder, nachdem das Bedürfnis des Körpers befriedigt war. Ich fühlte, durch die Anstrengung des Tages ermüdet, eine Anwandlung von Schlaf, wickelte mich in meinen Palletot, lehnte mich an den Pfeiler und schlief, eingewiegt durch das Tosen des Meeres, welches sich an der Küste brach, und durch das Pfeifen des Windes, der sich in den Ruinen verfing.

Ich mochte ungefähr zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch das Geräusch einer Türe geweckt wurde, die in ihren Angeln knarrte und an die Wand schlug. Ich riß die Augen groß auf, wie man zu tun pflegt, wenn man aus einem unruhigen Schlafe gestört wird, erhob mich schnell und versteckte mich instinktmäßig hinter einen Pfeiler. Aber, so viel ich mich auch umsah, ich sah und hörte nichts. Indessen blieb ich nichts desto weniger auf meiner Hut, überzeugt, daß das Geräusch, welches mich geweckt hatte, keine Täuschung eines Traumes sei,.




III


Der Sturm hatte sich gelegt, und obgleich der Himmel noch mit schwarzen Wolken bedeckt war, so erglänzte doch bisweilen ein Mondstrahl durch dieselben. Während eines solchen hellen Zwischenraums, den die Finsternis jedoch bald wieder verdrängte, wandte ich meine Augen von der Türe ab, deren Knarren ich gehört zu haben glaubte, um meine nächsten Umgebungen zu betrachten. So viel ich trotz der Finsternis bemerken konnte, befand ich mich in einer alten verfallenen Abtei und zwar, den noch stehenden Resten nach zu urteilen, in der Kapelle derselben. Zu meiner Rechten und Linken liefen die beiden Korridore des Klosters hin, durch niedrige gewölbte Bogen gestützt, während vor mir einige zerbrochene, platt auf der Erde liegende, von Gras überwachsene Steine den kleinen Friedhof bezeichneten, auf welchem die früheren Bewohner des Klosters, am Fuße eines alten, wandelbaren, seines Christusbildes beraubten Kreuzes, von den Mühen, des Lebens ausruhten.

Du weißt es, fuhr Alfred fort, und Jeder, auch der Kühnste, wird zugeben, daß die äußeren Zustände des Körpers einen bedeutenden Einfluß auf die Seelentätigkeit ausüben. Kaum dem fürchterlichen Sturme entronnen, war ich halb erstarrt in diese mir gänzlich unbekannte Ruine gekommen und endlich, von Müdigkeit überwältigt, in einen unruhigen Schlaf gefallen, aus welchem mich ein in dieser Einsamkeit ungewöhnliches Geräusch erweckte. Bei meinem Erwachen endlich sah ich mich auf dem Schauplatze des Raubens und Mordens, wodurch seit zwei Monaten die ganze Normandie in Schrecken gesetzt wurde; ich war allein, ohne Waffen und, wie ich dir sagte, in einer Gemütsstimmung, welche, durch die vorhergegangenen Anstrengungen des Körpers hervorgerufen, die erschlaffte geistige Tätigkeit behinderte, ihre gewöhnliche Energie wieder zu gewinnen. Du wirst es daher auch gar nicht ungewöhnlich finden, daß alle die Erzählungen, die ich am Kamine meiner Wirtin gehört hatte, in meinem Gedächtnisse wieder erwachten, und daß ich unbeweglich hinter meinem Pfeiler stehen blieb, anstatt mich niederzulegen und wieder zu schlafen. Über dem war ich überzeugt, daß ein von Menschen ausgehendes Geräusch mich aus dem Schlafe gestört hatte. Meine Augen wandten sich unwillkürlich von den langen finstren Korridoren immer wieder nach jener in die Mauer eingefügten Türe durch welche, meiner Überzeugung nach, Jemand gegangen sein mußte. Wohl zwanzig Mal war ich Willens, hinzugehen und an dieser Türe zu horchen, ob nicht irgend ein Geräusch meine Vermutung bestätige, allein ich mußte, um dahin zu gelangen, einen Raum überschreiten, den der Mond ganz erhellte. Dann konnten ja aber auch Andere, so gut wie ich, in dieser Klosterruine eine Zuflucht gesucht haben und sich vor meinen Blicken ebenso wohl verborgen halten wollen, als ich mich vor den ihrigen, indem sie im Dunkeln blieben und sich ruhig verhielten. Gleichwohl verbreitete sich in der folgenden Viertelstunde eine solche Ruhe und Stille über die Einöde, daß ich mich entschloß, den nächsten Augenblick, in welchem eine Wolke den Mond bedecken würde, zu benutzen, um den mich von jener Vertiefung trennenden Raum von 15 – 20 Schritten zu überschreiten und an der Türe zu horchen. Dieser Augenblick ließ sich nicht lange erwarten. Der Mond verbarg sich alsbald und es trat eine so tiefe Finsternis ein, daß ich ohne Gefahr meinen Entschluß ausführen zu können glaubte. Ich entfernte mich also von meinem Pfeiler, an dem ich bis jetzt, gleich einer gotischen Verzierung, wie angeheftet gelehnt hatte, und mit verhaltenem Atem, von Pfeiler zu Pfeiler schleichend und bei jedem Schritte horchend, gelangte ich zur Mauer des Korridors. Ich ging einen Augenblick in diesen hin, mich an seiner Wand haltend, gelangte so an die Treppe, welche in die Wölbung führte, stieg drei Stufen hinab und befand mich an der Türe.

Schon lauschte ich an derselben wenigstens zehn Minuten, ohne irgend Etwas zu hören und schon regten sich Zweifel gegen meine frühere Überzeugung. Ich kam zu dem Glauben zurück, daß mich ein Traum getäuscht habe und ich der einzige Bewohner dieser Ruinen sei, die mir als Asyl dienten. Ich entfernte mich daher von der Türe, um nach meinem Pfeiler zurückzukehren, als der Mond wieder erschien und den Raum erhellte, den ich, um auf meinen Posten zu gelangen, nochmals überschreiten mußte. Eben im Begriff, meinen Weg fortzusetzen, löste sich ein Stein vom Gewölbe und fiel herab. Ich hörte das Geräusch, welches das Herabrollen dieses Steins verursachte, und, obgleich ich die Ursachen desselben kannte, überlief mich doch ein Schauder, der mich noch einen Augenblick in dem Schatten des über mir hervorragenden Gewölbes und von der Ausführung meines Entschlusses zurückhielt. Da war es mir plötzlich, als hörte ich hinter mir ein entferntes, aber anhaltendes Geräusch, dem ähnlich, welches eine Tür in einem unterirdischen Gewölbe von sich giebt, wenn sie geschlossen wird. Dann vernahm ich entfernte Schritte, welche sich mehr und mehr näherten. Man stieg die tiefe Treppe herauf, zu welcher die drei Stufen gehörten, auf denen ich hinabgestiegen war. In diesem Augenblicke verschwand der Mond wieder. Mit einem Sprung stürzte ich mich in den Korridor und rückwärts gehend, die Hände hinter mich haltend, die Augen auf die Vertiefung gerichtet, welche ich eben verlassen hatte, erreichte ich jenen schützenden Pfeiler wieder und nahm meinen vorigen Platz ein. Kaum einen Augenblick dort angelangt, vernahm ich das nämliche Knarren, welches mich geweckt hatte. Die Türe wurde geöffnet und wieder verschlossen. Dann erschien ein Mann, trat aus dem Schatten hervor, blieb einige Augenblicke stehen, um zu horchen und sich umzusehen, begab sich darauf, nachdem er Alles ruhig gefunden, in den Korridor und wandte sich nach dem mir entgegengesetzten Ende desselben. Er war kaum zehn Schritte gegangen, so verlor ich ihn aus dem Gesicht, so dicht war die Finsternis. Der Mond erschien jedoch nach einer kleinen Weile wieder und ich erblickte den Geheimnisvollen am Ende des Friedhofes mit einem Spaten in der Hand. Er grub ein oder zwei Schaufeln Erde aus, warf einen Gegenstand, den ich nicht erkennen konnte, in das Loch, welches er gegraben hatte, und legte dann einen Grabstein auf die Stelle, dem er sein Depositum anvertraut hatte, jedenfalls um vor den Menschen jede Spur seiner Handlung zu verbergen. – Nachdem er so seine Vorsichtsmaßregeln genommen hatte, sah er sich von Neuem um. Da er aber nichts Bedenkliches hörte und sah, lehnte er seinen Spaten an einen Pfeiler und verschwand unter einer Wölbung.

Alles dieß geschah in ganz kurzer Zeit und in nur geringer Entfernung von mir. Allein trotz der Schnelligkeit dieses Nachtwandlers, hatte ich doch in ihm einen jungen Mann von 28 bis 30 Jahren erkannt, mit blonden Haaren und von mittlerer Größe. Er war mit einfachen Beinkleidern von blauem Tuche bekleidet, wie sie die Bauern gewöhnlich Sonntags tragen, doch deutete ein Jagdmesser an seinem Gürtel, dessen Griff ich im Mondscheine erglänzen sah, darauf hin, daß er einem andern Stande als dem, welchen sein übriges Äußere ihm anwies, angehöre. Von seiner Figur eine genauere Beschreibung zu geben, bin ich nicht im Stande, würde jedoch dessen ungeachtet ihn bei einem künftigen Zusammentreffen wieder zu erkennen im Stande sein.

Du wirst wohl glauben, daß das, was ich gesehen, mir für den Rest der Nacht jede Hoffnung, jeden Gedanken an Schlaf benahm. Ich blieb, ohne eine Spur von Müdigkeit zu fühlen, aufrecht stehen, ganz in Gedanken versunken über dieses Geheimnis, welches zu erforschen ich fest entschlössen war. Für den Augenblick war dieß unmöglich. Ich war, wie schon gesagt, ohne Waffen, hatte keinen Schlüssel zu jener Türe, und kein Brecheisen, sie zu öffnen. Über dem mußte ich wohl überlegen, ob es geratener sei, Anzeige davon zu machen, oder das Abenteuer allein zu bestehen, wobei ich am Ende, wie Don Quixotte, nichts fand, als Windmühlen. Sobald der Tag graute, verließ ich meinen Aufenthalt auf demselben Wege, welchen ich gekommen war und befand mich bald wieder am Abhange des Hügels. Ein starker Nebel bedeckte das Meer. Ich stieg an den Strand hinab und ließ mich dort, um das Schwinden desselben abzuwarten, nieder. Nach einer halben Stunde ging die Sonne auf und ihre ersten Strahlen zerstreuten den Nebel, der den noch vom Sturme des vorigen Abends bewegten, tobenden Ocean bedeckte.

Ich hatte die Hoffnung, weine Barke wieder zu finden, welche die steigende Fluth an die Küste geworfen haben mußte, und in der Tat fand ich dieselbe zwischen den Steinen der Küste gestrandet, ohne sie jedoch zu meiner Rückkehr nach Trouville benutzen zu können. Das Meer hatte sich bereits zurückgezogen und die Entfernung war zu groß, das Fahrzeug flott machen zu können. Dann war auch, wahrscheinlich durch einen Stoß an die Felsen, ein Bret im Boden zerschmettert. Glücklicherweise ist die dortige Küste von vielen Fischern bewohnt und kaum war eine halbe Stunde verflossen, so bemerkte ich in einiger Entfernung ein Fahrzeug. Bald kam dasselbe ziemlich nahe; ich rief, gab Zeichen und wurde bemerkt und verstanden, denn das Fahrzeug richtete seinen Lauf nach mir zu. Ich legte nun den Mast, das Segel und die Ruder in das angekommene, damit nicht eine neue Flut sie hinwegspüle, das Fahrzeug selbst ließ ich zurück. Sein Eigentümer mochte selbst sehen, ob es zum ferneren Gebrauche noch tauglich sei, oder nicht, und ob ich nur die teilweise Ausbesserung oder das Ganze zu bezahlen habe. Die Fischer, welche mich wie einen neuen Robinson Crusoe aufnahmen, waren aus Trouville selbst, erkannten mich, und bezeigten mir ihre Freude, mich noch unter den Lebenden zu finden. Sie hatten mich den Tag vorher abfahren sehen und da ich nicht zurückkehrte, geglaubt, ich sei, ertrunken. Ich erzählte ihnen meinen Schiffbruch, sagte ihnen, daß ich die Nacht hinter einem Felsen zugebracht habe und erkundigte mich nach den Ruinen, die sich auf dem Hügel erhoben und uns, sobald wir uns vom Ufer entfernten, zu Gesichte kamen. Sie erzählten mir, daß es die Ruinen der Abtei Grand-Pré wären und zu dem Parke des vom Grafen Horaz von Beuzeval bewohnten Schlosses Burcy gehörten.

Dieß war das zweite Mal, daß mir der Name dieses Mannes genannt wurde welcher durch eine alte Erinnerung, die derselbe in mir hervorrief, mein Herz erbeben machte. – Der Graf Horaz von Beuzeval war der Gemahl des Fräuleins Pauline von Meulien.

Pauline von Meulien! rief ich, Alfred unterbrechend. Pauline von Meulien!. . . und nun erinnerte ich mich vollkommen. Ja, es war dieselbe. . . ja, es war die Dame, mit der ich in der Schweiz und in Italien zusammentraf! Wir waren in den Salons der Prinzessin B., des Herzogs von F., der Frau von M. zusammen gewesen. Wie war es möglich, daß ich sie nicht wieder erkannte, so blaß, so abgezehrt sie auch sein mochte? O! es war eine reizende Dame, voll Talente, voll Anmut und Geist! Sie hatte schöne schwarze Haare, sanfte glänzende Augen! Armes Kind! armes Kind! Ach, ich erinnere mich ihrer, ich erkenne sie jetzt wieder.

Ja, sagte Alfred, mit bewegter und unterdrückter Stimme, ja. . . sie war es. . . auch sie hatte dich wieder erkannt und deshalb floh sie dich mit großer Sorgfalt. Sie war ein Engel von Schönheit, Anmut und Sanftmuth: du weißt es selbst, denn wir haben sie mehr als einmal zusammen gesehen, wie du vorhin selbst geäußert hast, aber das weist du nicht, daß ich sie von ganzer Seele liebte, daß ich jedenfalls Alles aufgeboten hätte, sie zu der Meinigen zu machen, hätte ich damals das Vermögen besessen, welches ich jetzt mein eigen nenne. Aber ich schwieg, weil ich ärmer war als sie. Ich sah ein, daß ich mein Lebensglück auf's Spiel setzte, wenn ich sie länger sähe und reiste deshalb nach Spanien. Während ich in Madrid war, erfuhr ich, daß Fräulein Pauline von Meulien den Grafen Horaz von Beuzeval geheiratet habe.

Die neuen Ideen, welche der eben von den Fischern ausgesprochene Name in mir weckte, fingen an, die Eindrücke zu verwischen, welche bisher das sonderbare Abenteuer der vorigen Nacht in mir zurückgelassen hatte. Außerdem trugen der helle Tag, der heitere Sonnenschein und die geringe Übereinstimmung, in welcher dergleichen Abenteuer mit unserer gewöhnlichen Lebensnorm stehen, dazu bei, mich Alles wie einen Traum betrachten zu lassen. Der Gedanke, eine Anzeige zu machen, war ganz verschwunden und nur der Wunsch geblieben, einen Versuch anzustellen, dieses Alles selbst zu ergründen. Über dem machte ich mir Vorwürfe, daß ich mich einen Augenblick vom Schrecken hatte bewältigen lassen und wollte mir selbst ausreichende Genugtuung geben. »

Gegen elf Uhr Morgens kam ich in Trouville an. Jedermann beglückwünschte mich, denn man hatte allgemein geglaubt, ich sei, ertrunken oder ermordet und Alle freuten sich, daß ich mit einer Steifheit aller Glieder davongekommen war. Bald sank ich vor Müdigkeit nieder, legte mich sogleich zu Bette, befahl, mich um 5 Uhr zu wecken und mir einen Wagen nach Pont l'Evêque zu bestellen, wo ich die Nacht zubringen wollte. Meine Befehle wurden pünktlich vollzogen und um 8 Uhr war ich an dem Orte der Bestimmung. Des andern Morgens um 6 Uhr nahm ich Postpferde und ritt in Begleitung eines Führers nach Dives. Von da aus wollte ich als einfacher Spaziergänger nach der Meeresküste gehen, diese verfolgen bis ich die Ruinen der Abtei Grand-Pré erreichte und dort als Freund schöner Landschaften die Örtlichkeit in Augenschein nehmen, dieselbe mir tief einprägen, um sie in der Nacht wieder zu erkennen und dahin zurückzukehren. Ein unvorhergesehener Umstand zerstörte diesen Plan und führte mich auf einem andern Wege zum Ziel.

Beim Postmeister in Dives angekommen, der auch zugleich Maire war, fand ich die Gend'armerie vor der Türe versammelt und die ganze Stadt in Aufruhr. Ein neuer Mord war begangen worden und diesmal mit einer beispiellosen Kühnheit. Die Gräfin von Beuzeval, erst vor einigen Tagen von Paris angekommen, war im Park des Schlosses, welches sie mit dem Grafen und einigen seiner Freunde bewohnte, ermordet worden. – Verstehst du? – Pauline. . . die Dame, welche ich geliebt hatte und deren Andenken, in meinem Herzen wieder erwacht, ganz in demselben lebte. . . Pauline, ermordet,. . . ermordet, während der Nacht, im Parke ihres Schlosses, als ich mich gerade in der daran stoßenden Abtei befand, ungefähr 500 Schritte von ihr entfernt. Es war kaum glaublich. . . . Doch plötzlich erinnerte ich mich wieder an jene Erscheinung, an jene Türe, jenen Menschen; ich war im Begriff, zu sprechen, Alles zu erzählen, als mich, ich weiß nicht welches, Vorgefühl davon abhielt. Noch hatte ich nicht genug Gewißheit und beschloß, bevor ich etwas entdecke, meine Forschungen zu beendigen. —

Die Gensd'armes, welche bereits um 4 Uhr Morgens Nachricht von dem Morde erhalten hatten, suchten den Maire, den Friedensrichter und zwei Ärzte, um das Protocoll aufzunehmen. Der Maire und der Friedensrichter waren bereit, aber einer der beiden Ärzte war in Angelegenheiten seiner Praxis abwesend und konnte der Einladung,der Behörde nicht folgen. Ich hatte früher in der Charité Anatomie studiert, so weit sie für meine Kunst, die Malerkunst, mir von Nutzen sein konnte und erbot mich, als ein der Chirurgie Beflissener die Stelle des abwesenden Arztes auszufüllen. Aus Mangel eines bessern wurde ich angenommen und wir reisten nach dem Schlosse Burcy ab. Mein ganzes Benehmen war instinktmäßig: ich wollte Pauline noch einmal sehen, bevor sich der Deckel des Sarges für immer über ihr schloß, oder ich folgte vielmehr einer inneren Stimme, die mir vom Himmel kam.

Wir kamen im Schlosse an. Der Graf war denselben Morgen noch nach Caen abgereist, um vom dortigen Präfekten die Erlaubnis auszuwirken, die Leiche nach Paris schaffen zu dürfen, wo sich das Familienbegräbnis befand. Er hatte zu seiner Entfernung die Zeit benutzt, in welcher die Justiz ihr Amt mit jener kalten, für den Verzweifelnden so schmerzlichen Förmlichkeit verwaltete.

Einer seiner Freunde empfing und führte uns in das Zimmer der Gräfin. Kaum konnte ich mich aufrecht halten; die Füße zitterten unter mir, mein Herz schlug heftig; ich mußte bleich sein, wie das Opfer des Todes, welches uns erwartete. Wir traten in das Zimmer, das noch ganz mit dem Geruche des Lebens erfüllt war. Ich warf bestürzt den scheuen Blick umher, und bemerkte auf einem Bette eine menschliche Gestalt, welche das über sie gedeckte Tuch deutlich verriet. Jetzt schwand all' mein Mut. Ich lehnte mich an die Türe, während der Arzt mit jener Ruhe, jener unbegreiflichen Gefühllosigkeit, welche die Gewohnheit endlich mit sich bringt, auf das Bett zuschritt. Er hob das Tuch auf, welches den Leichnam bedeckte, und entblößte den Kopf. – Ich glaubte, noch zu träumen oder mich im Reiche der Zauberei zu befinden. – Der auf dem Bette ausgestreckte Leichnam war nicht der der Gräfin von Beuzeval! – die ermordete Dame, deren Tod wir erweisen sollten, war nicht Pauline!. . .




IV


Es war eine Dame mit blonden Haaren, blauen Augen, weißem Teint und zierlichen Händen; sie war jung und schön, aber es war Pauline nicht.

Die Wunde befand sich in der rechten Seite; die Kugel war zwischen zwei Rippen durchgegangen und hatte das Herz so durchbohrt, daß ein augenblicklicher Tod erfolgt sein mußte. Alles dieß war ein so sonderbares Geheimnis, daß ich mich ganz darin verlor. Ich wußte nicht, auf wen ich meinen Verdacht richten sollte, aber so viel stand fest, daß diese Frau, welche ihr Gemahl für tod erklärte, nicht Pauline war und man unter deren Namen eine Fremde begraben wollte.

Ich weiß nicht, was ich eigentlich bei der ganzen chirurgischen Operation nützte, eben so wenig, was ich unter das Protokoll schrieb. Zum Glück schien der Arzt von Dives seine Überlegenheit über einen Studierenden und den Vorrang der Provinz gegen Paris beweisen zu wollen. Er versah alle Geschäfte allein und verlangte von mir nichts, als die Unterzeichnung. Die Operation dauerte beinahe zwei Stunden. Nachher begaben wir uns in den Speisesaal, wo einige Erfrischungen für uns bereit standen. Während meine Gefährten der höflichen Einladung entsprachen, und sich zu Tische setzten, lehnte ich mich an das Kreuz eines Fensters, welches die Aussicht in's Freie gewährte. Eine Viertelstunde mochte ich so gestanden haben, als ein Reiter, mit Staub bedeckt, im Galopp in den Hof Jagde, vom Pferde sprang, und, ohne sich darum zu kümmern, ob Jemand da wäre, der es in Empfang nähme, nach der Treppe eilte. – Eine Überraschung folgte bei mir der andern; dieser Mann, den ich nur halb gesehen hatte, wurde, obgleich er die Kleider gewechselt hatte, doch augenblicklich von mir erkannt. Es war derselbe, den ich aus dem Gewölbe kommen sah, es war der Mann mit den blauen Beinkleidern, mit dem Spaten und Jagdmesser. Ich rief einen Bedienten zu mir und fragte ihn, wer der eben angekommene Kavalier sei,. »Es ist unser Herr, erwiderte er mir, der Graf von Beuzeval, der eben von Caen zurückkommt, wohin er gereist war, um die Erlaubnis nachzusuchen, die Leiche nach Paris bringen zu dürfen. Ich fragte ihn ferner, ob er gesonnen sei, bald dahin aufzubrechen? »Heute noch, antwortete er, der Wagen, welcher den Leichnam der Frau Gräfin transportieren soll, steht bereit, und die Postpferde sind um 5 Uhr bestellt. Beim Herausgehen aus dem Speisesaale vernahmen wir Hammerschläge. Es war der Tischler, der den Sarg schloß. – Alles geschah in gehöriger Ordnung, aber, wie man sah, in großer Eile.

Ich reiste von Dives ab. Um 3 Uhr war ich in Pont l'Evêque, um 4 Uhr in Trouville. —

Mein Entschluß für diese Nacht war gefaßt. Ich wollte mir selbst Auskunft verschaffen und, im Fall mein Plan nicht gelänge, den andern Tag Alles anzeigen und es dann der Polizei überlassen, die Sache weiter zu verfolgen.

Das Erste, was ich demnach nach meiner Rückkehr that, war, daß ich eine Barke mietete und zwar diesmal mit zwei Männern, die sie leiten sollten. Dann ging ich in mein Zimmer, steckte ein Paar gute Doppelpistolen in meinen Gürtel, knöpfte meinen Palletot darüber, um meiner Wirtin diese schrecklichen Vorbereitungen zu verbergen. In die Barke ließ ich eine Fackel und ein Brecheisen bringen und stieg dann selbst, mit meiner Flinte bewaffnet, ein, indem ich als Vorwand meines Ausflugs den Wunsch äußerte, Möwen und Taucher schießen zu wollen.

diesmal war der Wind günstig. In weniger als 3 Stunden waren wir auf der Höhe der Mündung der Dive. Da angekommen befahl ich meinen Matrosen, bis zum gänzlichen Einbruch der Nacht anzuhalten. Nachdem Alles finster war, ließ ich nach der Küste zusteuern und landete.

Nun gab ich meinen Leuten die letzte Instruction. Sie sollten mich in einer Felsenhöhle erwarten. Einer um den Andern Wache halten und bereit sein, auf den ersten Wink abzureisen. Im Fall ich vor Tagesanbruch nicht zurück wäre, sollten sie nach Trouville eilen und dem Maire ein versiegeltes Packet übergeben. Dieß enthielt die von mir niedergeschriebene und unterzeichnete Anzeige, die Angabe der näheren Umstände der Expedition, die ich zu machen im Begriff war, und die Bezeichnung des Orts, wo man mich tot oder lebendig wieder finden würde. Nachdem ich so meine Vorsichtsmaßregeln genommen hatte, hing ich die Flinte über, nahm die Fackel, das Brecheisen und ein Feuerzeug mit, um nötigen Falls Feuer anzünden zu können, und suchte nun den Weg wieder zu finden, welchen ich das erste Mal eingeschlagen hatte.

Bald erkannte ich denselben, stieg den Berg hinauf und die ersten Strahlen des Mondes zeigten mir die Ruinen der alten Abtei. Ich durchschritt die Vorhalle und befand mich, wie das erste Mal, in der Kapelle.

Auch jetzt schlug mir das Herz heftig, aber mehr vor Erwartung, als Furcht. Ich hatte Zeit gehabt, einen festen Entschluß zu fassen, der nicht auf jene physische Aufregung, welche uns für den Augenblick einen tollkühnen Mut einflößt, sondern auf die moralische Reflexion gestützt war, welche unsern Vorsatz weise, aber auch unwiderruflich macht.

Bei dem Pfeiler angekommen, an dessen Fuße ich geschlafen hatte, stand ich einen Augen blick still, um einen Blick auf meine Umgebung zu werfen. Außer dem fortwährenden Rauschen, welches das Atmen des Meeres zu sein scheint, ließ sich kein Geräusch vernehmen. Ich entschloß mich nun, nach einer gewissen Ordnung fortzuschreiten und vorerst den Ort zu untersuchen, wo der Graf von Beuzeval (denn ich war überzeugt, daß dieser es war) einen Gegenstand verborgen hatte, den ich nicht erkennen konnte. Ich ließ die Fackel und das Brecheisen an dem Pfeiler, nahm meine Flinte von der Schulter, um zur Vertheidigung bereit zu sein, erreichte den Korridor, schritt den dunklen Säulengang entlang, fand den Spaten an einem der Pfeiler lehnend und bemächtigte mich desselben. Nun verhielt ich mich einen Augenblick still und unbeweglich, um mich von meinem Alleinsein zu überzeugen, und eilte dann, den Verwahrungsort zu erreichen. Ich hob den Grabstein auf, wie der Graf gethan hatte, fand die Erde frisch umgestochen, legte meine Flinte auf den Boden und stach nun mit dem Spaten in das bereits aufgelockerte Erdreich. Schon im ersten Wurf Erde sah ich einen Schlüssel glänzen. Ich füllte das. Loch wieder zu, legte den Stein darauf, nahm meine Flinte vom Boden auf und lehnte den Spaten an den Ort, wo ich ihn gefunden hatte. Dann verweilte ich einen Augenblick an der dunkelsten Stelle, um einigermaßen meine Gedanken zu sammeln.

Es unterlag keinem Zweifel, dieser Schlüssel öffnete die Tür, aus welcher ich den Grafen hatten kommen sehen. Demnach hatte ich das Brecheisen nicht nötig und ließ es hinter dem Pfeiler. Ich nahm bloß die Fackel, nahete mich nun der gewölbten Türe, stieg die drei Stufen hinab und versuchte, den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken. Er paßte. Als ich zum zweiten Male herum drehte, öffnete sich der Riegel und ich trat ein. Im Begriff, die Tür wieder zu verschließen, dachte ich daran, daß mich ein Zufall verhindern könne, dieselbe mit dem Schlüssel wieder zu öffnen. Ich holte deshalb das Brecheisen noch und versteckte dasselbe tief unter der vierten und fünften Stufe dann verschloß ich die Tür wieder und befand mich nun in der tiefsten Finsternis. Nun zündete ich die Fackel an und erhellte so den unterirdischen Raum.

Der Gang, in welchem ich mich befand, glich dem Eingange in einen Keller, war 5 bis 6 Fuß breit und hatte Wände und Gewölbe von Stein. Eine Treppe von 20 Stufen lag vor mir, an deren Fuße eine abhängige Fläche immer tiefer unter der Erde fortlief. Einige Schritte vor mir befand sich eine zweite Tür. Ich ging nach ihr hin, legte mein Ohr an die eichenen Bohlen, hörte aber nichts; ich trat ein, wie durch die erste, ohne sie jedoch hinter mir zu verschließen, und befand mich nun im Grabgewölbe der Äbte. Die Mönche wurden auf dem Friedhof begraben.

Ich blieb einen Augenblick stehen, überzeugt, daß ich mich bald am Ziele befinden werde. Meine Maßregeln waren zwar zu gut genommen, als daß ich etwas zu fürchten gehabt hätte, doch wirst du mir wohl glauben, fuhr Alfred fort, daß die Örtlichkeit nicht ohne Einfluß auf mich war. Ich legte die Hand an meine mit Schweiß bedeckte Stirn Und blieb einen Augenblick ruhig stehen, um mich zu sammeln. Was werde ich finden? Gewiss einen Leichenstein, seit 3 Tagen errichtet! Plötzlich schauderte ich zusammen; ich glaubte einen Seufzer zu hören.

Dieses Geräusch gab mir meinen ganzen Mut zurück, statt ihn zu vermindern. Ich eilte schnell vorwärts. Aber woher war dieser Seufzer gekommen? Während ich noch so um mich schaute, ließ sich ein zweiter vernehmen. Ich stürzte nach der Seite hin, woher er zu kommen schien, suchte mit meinen Augen in jedem Grabgewölbe, ohne etwas zu bemerken als Leichensteine mit Inschriften, die die Namen derjenigen nannten, welche unter ihrem Schutze ruhten. Endlich beim letzten, verborgensten und entferntesten derselben angekommen, bemerkte ich ein weibliches Wesen, in einem Winkel sitzend, die Hände in einander gefaltet, die Augen geschlossen. Neben ihr auf einem Steine lag ein Brief, und daneben standen eine erloschene Lampe und ein leeres Glas. War ich zu spät gekommen? War sie schon tot? Ich suchte das Gitter mit dem Schlüssel zu öffnen, allein er passte nicht; bei dem Geräusch, welches ich machte, öffnete, die Frau die Augen, entfernte unter Zuckungen die Haare, welche ihr Gesicht bedeckten und stand nach einem Augenblick aufrecht vor mir, wie ein Gespenst. Ich stieß einen Schrei aus und den Namen – Pauline!

Da stürzte sie hinter dem Gitter auf die Kniee nieder.

O! schrie sie, mit dem Ausdrucke der fürchterlichsten Todesangst, befreien Sie mich aus diesem Orte! Ich habe nichts gesehen, ich werde nichts sagen, ich schwöre es bei meiner Mutter!

Pauline! Pauline! wiederholte ich, ihre Hände durch das Gitter ergreifend, Sie haben nichts zu fürchten. Ich komme zu Ihrer Hilfe, zu Ihrem Beistand, ich komme, Sie zu retten!

O! sagte sie, sich erhebend, mich zu retten – mich zu retten. . . ja, mich zu retten. Öffnen Sie diese Tür, öffnen Sie dieselbe schnell, denn so lange sie noch verschlossen ist, glaube ich nicht, was Sie mir sagen. Um's Himmels willen, öffnen Sie. – Bei diesen Worten ergriff sie das Gitter und schüttelte es mit einer Kraft, die ich einer Frau nie zugetraut hätte.

Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, sagte ich zu ihr, ich habe keinen Schlüssel zu dieser Türe; aber ich besitze Mittel, sie zu öffnen; ich werde sie sogleich holen.

Verlassen Sie mich nicht! schrie Pauline, meinen Arm durch das Gitter mit ungeheurer Kraft ergreifend, verlassen Sie mich nicht, ich würde Sie sonst nicht wiedersehen!

Pauline, erwiderte ich, und beleuchtete mein Gesicht mit der Fackel, erkennen Sie mich nicht? O! betrachten Sie mich und sagen Sie, ob Sie dann noch glauben, daß ich Sie verlassen könnte.

Pauline heftete ihre großen schwarzen Augen auf mich, suchte sich einige Augenblicke zu entsinnen und rief dann plötzlich: Alfred von Nerval!

O, haben Sie Dank! haben Sie Dank! rief ich; Sie haben mich nicht vergessen! Ja, ich bin es, der Sie so innig liebte, der Sie noch liebt! Mir können Sie sich anvertrauen!

, Eine plötzliche Rothe überflog ihr blasses Gesicht, – so verschämt ist das weibliche Herz, – dann ließ sie meinen Arm los.

Werden Sie lange abwesend sein? frug sie mich.

Fünf Minuten.

So gehen Sie, aber lassen Sie mir diese Fackel, die Finsternis tödtet mich.

Ich reichte ihr die Fackel. Sie steckte den Arm durch das Gitter, ergriff dieselbe und lehnte ihr Gesicht zwischen zwei Gitterstangen, um mir mit den Augen so weit wie möglich folgen zu können. Ich eilte nun auf dem Wege zurück, den ich gekommen war. Bei der ersten Türe wandte ich mich um, und sah Paulinen noch in der nämlichen Stellung unbeweglich, wie eine Statue, die eine Fackel in ihrer marmornen Hand hält.

Noch fünf und zwanzig Schritte und ich fand die Treppe und auf der vierten Stufe das Brecheisen, welches ich dort verborgen hatte. Sogleich eilte ich zurück und fand Paulinen noch in derselben Stellung. Sie stieß einen Schrei der Freude aus und ich beeilte mich nun, das Gitter zu öffnen.

Das Schloß war so fest, daß ich mich vergebens bemühte. Ich mußte es also an dem Haspen versuchen und bearbeitete nun den Stein. Pauline leuchtete mir und nach fünf Minuten waren die beiden Bänder des einen Türflügels losgerissen; ich zog daran und er wich. – Pauline fiel auf die Knie. – Nun erst glaubte sie, daß sie frei sei.

Ich überließ sie einige Augenblicke ihrem Dankgebete und trat dann in das Gewölbe. Sogleich drehte sie sich lebhaft um, ergriff den offenen Brief und verbarg ihn in ihrem Busen. Diese Bewegung erinnerte mich an das leere Glas; ich ergriff es mit Bangigkeit und auf dem Boden desselben befand sich, ungefähr einen halben Finger hoch, eine weißliche Massen

Was war in diesem Glase? frug ich erschrocken.

Gift, erwiderte Pauline.

Und Sie haben es getrunken? rief ich entsetzt.

Wußte ich, daß Sie kommen würden? sagte Pauline, sich an das Gitter lehnend; denn jetzt erst erinnerte sie sich, daß sie dieses Glas ein oder zwei Stunden vor meiner Ankunft geleert hatte.

Haben Sie Schmerzen? sprach ich.

Noch nicht, war die Antwort.

Ich faßte Hoffnung.

Und war das Gift lange im Glase?

Zwei Tage und zwei Nächte ungefähr, ich kann die Zeit nicht genau bestimmen.

Ich betrachtete das Glas von Neuem. Der Niederschlag, welcher den Boden deckte, beruhigte mich einigermaßen. Während dieser zwei Tage und zwei Nächte hatte das Gift Zeit gehabt, sich zu setzen. Pauline hatte nichts getrunken als Wasser, zwar vergiftetes, aber vielleicht nicht in dem Grade, daß es tötete.

Es ist kein Augenblick zu verlieren, sagte ich zu ihr, sie auf meinen Arm nehmend, wir müssen eiligst fliehen und Hilfe suchen.

Ich kann gehen, erwiderte Pauline, und wand sich mit jener heiligen Scheu von mir los, welche schon früher ihr Gesicht rötete.

Wir machten uns nun auf den Weg nach der ersten Türe, die wir hinter uns schlossen, erreichten die zweite, welche sich ohne Hindernis öffnete, und befanden uns unter dem Kreuzgange. Der Mond glänzte am Himmel. Pauline breitete ihre Arme aus und fiel nochmals auf die Knie.

Eilen wir, eilen wir, sagte ich zu ihr, denn jede Minute Zögerung kann verderblich sein!

Ich fühle Schmerzen, sagte sie sich erhebend.

Ein kalter Schweiß trat mir auf die Stirne, ich nahm sie auf meinen Arm, wie ein Kind, durcheilte die Ruinen, trat aus dem Kloster und lief in vollem Lauf den Berg hinab. Auf der Ebene angekommen, sah ich in der Ferne das Feuer meiner beiden Begleiter.

Zur See! Zur See! schrie ich in befehlendem Tone, welcher anzeigte, daß kein Augenblick zu verlieren sei,.

Sie eilten nach der Barke und brachten dieselbe so nahe als möglich an's Ufer. Ich trat bis an die Knie in's Wasser, sie nahmen mir Paulinen aus den Armen und legten sie in die Barke. Ich stürzte neben ihr nieder.

Ist der Schmerz stärker geworden?

Ja, erwiderte Pauline.

Ich empfand eine Art Verzweiflung. Keine Hilfe, kein Gegengift. – Plötzlich dachte ich an's Meerwasser, füllte eine auf dem Boden des Fahrzeuges liegende Muschel halb voll und reichte sie Paulinen dar.

Trinken Sie, sprach ich zu ihr.

Sie gehorchte unwillkürlich.

Was machen Sie? rief einer der Fischer, Sie

verursachen dieser armen Dame Erbrechen.

Das wollte ich eben, nur ein Erbrechen konnte sie retten. Nach fünf Minuten fühlte sie ein Zusammenziehen des Magens, welches um so schmerzlicher war, da sie außer dem Gifte seit 3 Tagen nichts genossen hatte. Aber nach diesem Paroxysmus fühlte sie sich erleichtert; ich reichte ihr nun ein Glas frisches süßes Wasser, welches sie mit Begierde trank. Bald verminderten sich die schmerzen, es folgte ihnen eine außerordentliche Mattigkeit. Wir bereiteten nun auf dem Boden der Barke aus den Kleidern der Fischer und meinem Palletot ein Lager. Pauline legte sich, gehorsam wie ein Kind, auf dasselbe nieder und beinahe in demselben Augenblicke schlössen sich ihre Augen. Ich horchte auf ihren Atem; er war schnell, doch regelmäßig: sie war gerettet.

Eilen wir nun, sagte ich zu meinen Matrosen,, so schnell wie möglich nach Trouville. Nach unserer Ankunft erhaltet ihr von mir 25 Louisd'or.

Sogleich ergriffen die braven Schiffer die Ruder, indem sie das Segel für unzulänglich hielten, und die Barke flog über das Meer dahin, wie ein Seevogel, der sich verspätet hat.




V


Pauline öffnete erst die Augen wieder, als wir in den Hafen einfuhren. Ihre erste Bewegung war die des Schreckens. Sie glaubte einen beruhigenden Traum gehabt zu haben und streckte die Arme aus, als wolle sie sich überzeugen, daß sie nicht mehr die Mauern des Gewölbes berühre; dann sah sie sich unruhig um.

Wo führen Sie mich hin? frug sie.

Beruhigen Sie sich, antwortete ich ihr, die Häuser, welche Sie da vor sich sehen, gehören zu einem armen Dorfe, und die Bewohner desselben sind zu beschäftigt, als daß sie neugierig sein könnten. Sie werden da unerkannt bleiben, so lange es Ihnen gefällt. Wollen Sie jedoch von hier abreisen, so sagen Sie mir: wohin und Morgen, diese Nacht noch, ja in diesem Augenblicke reise ich mit Ihnen weiter, begleite Sie, bin Ihr Führer.

Auch außerhalb Frankreich?

Ueberall, wohin es auch sein mag.

Ich danke Ihnen, sagte Sie, lassen Sie mich nur eine Stunde darüber nachdenken. Ich will versuchen, meine Gedanken zu sammeln, denn in diesem Augenblicke ist mir der Kopf wüste und das Herz gebrochen; alle meine Kraft ist während der letzten zwei Tage und zwei Nächte geschwunden und ich fühle in meinem Geiste eine Verwirrung, welche an Wahnsinn grenzt.

Ich stehe ganz zu Ihren Diensten; wenn Sie mich sprechen wollen, so lassen Sie mich rufen. Sie gab mir ein Zeichen des Dankes, und in dem selben Augenblicke erreichten wir das Wirtshaus.

Sogleich ließ ich ihr ein Zimmer in Stand setzen, und zwar in einem Theile des Hauses, entfernt von dem, welchen ich bewohnte, um in keiner Weise Paulinens Zartgefühl zu verletzen. Dann empfahl ich meiner Wirtin, ihr vor der Hand keine andere Speise als schwache Bouillon zu reichen, da jede andere Nahrung bei dem Zustande der Schwäche und Erregung, in welchem sich der Magen der Kranken befand, jedenfalls nachtheilig sein mußte, und zog mich in mein Zimmer zurück.

Hier konnte ich mich endlich dem Gefühle der Freude, welches mich erfüllte, aber in Paulinens Gegenwart nicht laut werden lassen durfte, ganz überlassen. Pauline, die ich noch liebte und deren Andenken, trotz, einer Trennung von zwei Jahren, stets lebhaft in meinem Herzen fortgelebt hatte, Paulinen hatte ich gerettet; sie verdankte mir ihr Leben. Ich bewunderte die verborgenen Wege und die verschiedenen Verknüpfungen des Zufalls oder der Vorsehung, durch welche ich zu diesem Ziele geführt worden war. Ein tödlicher Schauer rieselte plötzlich durch meine Glieder, wenn ich bedachte, daß, wenn nur einer dieser glücklichen Umstände nicht gewesen wäre, wenn nur eins dieser Ereignisse, welche den leitenden Faden durch dieses Labyrinth bildeten, sich nicht zugetragen hätte, in dieser Stunde Pauline vielleicht, eingesperrt in das Grabgewölbe, die Hände im Todeskampfe durch Gift oder Hunger rang, während ich in meiner Unwissenheit vielleicht mit etwas Unbedeutendem beschäftigt, vielleicht dem Vergnügen nachgehend, sie dahinsterben ließ, ohne daß eine Ahnung, ein Vorgefühl, eine innere Stimme mir gesagt hätte: sie stirbt, rette sie!. . . Ein solcher Gedanke ist schrecklich, und die Furcht der Überlegung ist die schrecklichste! Doch auf der andern Seite ist sie auch das Tröstlichste; denn nachdem sie uns die Quellen des Zweifels hat erschöpfen lassen, führt sie uns zu dem Glauben zurück, welcher die Welt den Händen des blinden Zufalls entreißt, um sie in die der göttlichen Vorsehung zu legen.

So verbrachte ich eine Stunde und ich schwöre Dir zu, fuhr Alfred fort, daß kein unreiner Gedanke in meine Seele kam. Ich war glücklich, ich war stolz, sie gerettet zu haben; diese Handlung trug ihre Belohnung in sich und verlangte keine andere. Das Glück, sie vollbracht zu haben, war mir genug! – Nach einer Stunde ließ sie mich rufen. Ich erhob mich schnell, um nach ihrem Zimmer zu eilen, allein, vor der Türe angelangt, verließen mich die Kräfte und ich war genötigt, mich einen Augenblick an die Wand zu lehnen. Das Hausmädchen mußte erst zurückkommen, um mich nochmals einzuladen, bevor ich meine Kraft wieder sammeln konnte.

Sie hatte sich auf das Bett geworfen, ohne sich zu entkleiden. Ich näherte mich ihr, mit dem Scheine der größten Ruhe; sie reichte mir die Hand.

Noch habe ich Ihnen nicht gedankt, sprach sie: ich muß mich mit der Unmöglichkeit entschuldigen, Worte zu finden, die dem Ihnen schuldigen Danke nur einigermaßen entsprechend sind. – Denken Sie an den Schrecken und die Angst einer Frau, in der Lage, in welcher Sie mich finden, und verzeihen Sie mir.

Hören Sie mich, Madame, erwiderte ich, meine Bewegung verbergend und glauben Sie, was ich Ihnen sagen werde. Es giebt so unerwartete, so sonderbare Lagen, die von allen gewöhnlichen Formen, von allen konventionellen Vorbereitungen freisprechen. Gott hat mich zu Ihnen geführt und ich danke ihm dafür. Doch ist meine Sendung noch nicht vollbracht; ich hoffe Sie werden meiner noch weiter bedürfen. Hören Sie also und überlegen Sie jedes meiner Worte.

Ich bin frei. . . ich bin reich. . . Nichts bindet mich an einen Ort mehr, als an den andern. Ich war im Begriffe, zu reisen und ohne irgend einen Zweck nach England zu gehen. Ich kann also meinen Reiseplan ändern und mich nach dem Teile der Welt begeben, nach welchem mich der Zufall treiben will. Vielleicht wollen Sie Frankreich verlassen? Ich weiß es nicht, frage auch nach keinem Ihrer Geheimnisse und warte nur auf ein Zeichen von Ihnen, um Ihre Wünsche erraten zu können. Sei es aber, daß Sie in Frankreich bleiben, sei es, daß Sie es verlassen wollen, so disponieren Sie über mich, wie über einen Freund, einen Bruder. Befehlen Sie, daß ich Sie begleiten oder Ihnen von ferne folgen soll. Machen Sie aus mir einen Ihnen ganz ergebenen Beschützer, oder befehlen Sie, daß ich die Miene annehme, Sie nicht zu kennen, ich werde im Augenblicke gehorchen und zwar, glauben Sie es mir, ohne Rückhalt, ohne selbstische Hoffnung, ohne böse Absicht. Und nun, wie schon gesagt, vergessen Sie Ihr Alter, vergessen Sie das meinige, oder betrachten Sie mich als Bruder.

Ich danke Ihnen, sprach die Gräfin mit tiefbewegter Stimme. Ich nehme Ihr Anerbieten mit dem Vertrauen an, welches Ihre Biederkeit verdient. Ich vertraue mich ganz Ihrer Ehre an, denn ich habe Niemand auf der Welt, als Sie. Sie allein wissen, daß ich lebe.

Ja, Sie haben mit Recht vorausgesetzt, daß ich Frankreich verlassen muß. Sie gehen nach England und werden mich dorthin mitnehmen. Doch kann ich dort nicht allein und ohne Familie erscheinen. Sie haben mir den Namen Schwester angeboten und ich werde nun vor aller Welt Fräulein von Nerval sein.

O.' wie glücklich bin ich! rief ich aus. Die Gräfin gab mir ein Zeichen, sie weiter zu hören.

Ich verlange vielleicht mehr von Ihnen, als Sie glauben, fuhr Sie fort; auch ich war reich, allein die Toten besitzen nichts.

Aber ich bin es, mein ganzes Vermögen . . .

Sie verstehen mich nicht, sagte sie, und machen mich erröten, indem Sie meine Rede unterbrechen.

O! verzeihen Sie!

Ich werde Fräulein von Nerval sein, eine Tochter Ihres Vaters, wenn Sie wollen, . eine Waise, die man Ihnen anvertraut hat. Sie müssen Empfehlungsbriefe haben und werden mich also als Lehrerin in irgend einer Pensionsanstalt unterzubringen suchen. Ich spreche englisch und italienisch wie meine Muttersprache, ich habe gute Kenntnisse in der Musik, wenigstens hat man mir es sonst gesagt, und werde also Unterricht in der Musik und in Sprachen geben.

Aber das ist unmöglich, rief ich aus.

Das sind meine Bedingungen, erwiderte die Gräfin, verweigern Sie mir dieselben, mein Herr, oder nimmst du dieselben an, mein Bruder?

O! Alles, was Sie wollen, Alles, Alles, Alles!

Nun wohl, so ist keine Zeit zu verlieren. Wir müssen morgen abreisen. Ist dies möglich?

Gewiß!

Aber ein Pass?

Ich habe den meinigen.

Auf den Namen des Herrn von Nerval ausgestellt?

Ich werde hinzufügen »und seine Schwester

Sie wollen ein Falsum begehen?

Ein ganz unschuldiges. Wollen Sie lieber, daß ich nach Paris schreibe und einen zweiten Paß kommen lasse? . . . .

Nein, nein, das würde zu viel Zeit rauben. —

Von wo reisen wir ab?

Von Havre.

Auf welche Weise?

Mit dem Packetboote, wenn es Ihnen beliebt.

Und wenn?

Wenn es Ihnen gefällig ist.

Können wir sogleich?

Fühlen Sie sich nicht zu schwach?

Sie erinnern sich, ich bin stark. Sobald Sie zur Reise bereit sind, werden Sie auch mich bereit finden.

In zwei Stunden.

Sehr wohl. Adieu, Bruder.

Adieu, Madame.

Ach, rief die Gräfin lächelnd, schon verstoßen Sie gegen unsere Übereinkunft.

Lassen Sie mir Zeit, mich an einen Namen zu gewöhnen, der so süß für mich ist.

Hat es mir denn so viel Mühe gekostet? O! Sie . . . . rief ich, brach aber ab, weil ich fühlte, daß ich zu viel sagen würde. In zwei Stunden, fuhr ich fort, wird, nach Ihrem Wunsche, Alles bereit sein, verneigte mich dann und ging.

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit ich mich ihr als Bruder angeboten hatte und schon fühlte ich alle Schwierigkeiten, die für mich aus diesem Verhältnisse entspringen würden. Der Adoptivbruder einer jungen schönen Dame zu sein, ist schon eine schwierige Sache, allem, wenn man diese Dame schon geliebt hat, wenn man sie verloren hat und dann einsam und verlassen wieder findet, ohne andern Schutz, als den, welchen man ihr gewährt; wenn das Glück, das man nie erwartet hätte, das man wie einen Traum betrachtet, so nahe ist, daß man bloß die Hand auszustrecken braucht, um es zu ergreifen, dann ist es trotz aller Entschlüsse, trotz des gegebenen Wortes unmöglich, das Feuer, welches in unserem Herzen glimmt, zu verbergen, und es entsprühen stets einzelne Funken entweder durch die Augen oder durch den Mund.

Ich fand meine Schiffer beim Essen und Trinken und eröffnete ihnen mein neues Vorhaben, während der Nacht nach Havre zu reisen, um zur Zeit der Abfahrt des Packetbootes dort einzutreffen. In dem Fahrzeuge, welches uns hierher gebracht hatte, wollten sie jedoch die Fahrt nicht unternehmen. Sie verlangten eine Stunde Zeit, um ein anderes in Stand zu setzen. Wir wurden bald des Handels einig, oder sie überließen es vielmehr meiner Freigebigkeit, sie für ihre Mühe zu belohnen. Ich fügte zu den 25 Louisd'or, die sie bereits empfangen hatten, noch fünf hinzu, und für diesen Preis hätten sie mich nach Amerika gefahren.




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