La San Felice Alexandre Dumas der Ältere Dumas Alexandre (père) La San Felice Erster Theil Vorrede Die Ereignisse, welche ich im Begriff stehe zu erzählen, sind so seltsam, und die Personen, die ich auftreten lassen werde, so außerordentlich, daß ich, ehe ich denselben das erste Capitel meines Buches widme, einige Minuten lang über die Ereignisse und über diese Personen mit meinen künftigen Lesern plaudern zu müssen glaube. Die Ereignisse gehören jener Periode des Directoriums an, welche den Zeitraum der Jahre 1798 bis 1800 umfaßt. Die zwei Hauptsachen dieser Periode sind die Eroberung des Königreiches Neapel durch Championnet und die Wiedereinsetzung des Königs Ferdinand durch den Cardinal Ruffo – zwei Thatsachen, von welchen die eine ebenso unglaublich ist als die andere, weil Championnet mit zehntausend Republikanern eine Armee von fünfundsechzigtausend Mann Soldaten schlägt und sich nach dreitägiger Belagerung einer Hauptstadt von fünfhunderttausend Einwohnern bemächtigt, und weil Ruffo mit fünf Mann von Messina abgeht, gleich einem Schneeballe sich durch die ganze Halbinsel wälzt, mit vierzigtausend Mann Sanfedisten in Neapel anlangt und den vertriebenen König wieder auf den Thron setzt. Es gehört aber auch Neapel mit seiner unwissenden, leicht beweglichen und abergläubischen Bevölkerung dazu, damit dergleichen Unmöglichkeiten historische Thatsachen werden. Die Geschichte dieser Vorgänge ist mit kurzen Worten folgende: Invasion der Franzosen; Proclamation der parthenopeichen Republik; Entwicklung der großen Individualitäten, die während der vier Monate, welche diese Republik dauerte, den Ruhm Neapels ausmachten; die sanfedistische Reaction Ruffos; die Wiedereinsetzung Ferdinands und die Metzeleien, welche die Folge dieser Wiedereinsetzung waren. Was die Personen betrifft, so theilen sich dieselben hier, wie in allen Büchern dieser Art, welche wir geschrieben, in historische und erdichtete. Es wird unseren Lesern eigenthümlich erscheinen, daß wir die von uns erdichteten Personen, welche den romantischen Theil dieses Buches bilden, ihnen ohne ein Wort der Verteidigung preisgeben. Unsere Leser sind aber seit länger als einem Vierteljahrhundert in Bezug auf uns so nachsichtig gewesen, daß wir, indem wir nach sieben- bis achtjährigem Schweigen wieder vor ihnen erscheinen, nicht nöthig zu haben glauben, an ihre früheren Sympathien appellieren zu müssen. Mögen sie uns sein, was sie uns stets gewesen sind, und wir werden uns dann nur zu glücklich schätzen. Dagegen scheint es uns im höchsten Grade notwendig, einige Worte über mehrere der historischen Personen vorauszuschicken. Außerdem könnten wir leicht Gefahr laufen, daß dieselben, wenn auch nicht für Geschöpfe unserer Phantasie, doch wenigstens für nach unserem Gutdünken herausstaffierte Masken gehalten würden, so sehr stehen diese historischen Personen in ihrer lächerlichen Excentricität oder ihrer bestialischen Rohheit nicht blos außerhalb dessen, was vor unseren Augen geschieht, sondern auch dessen, was wir uns denken können. So haben wir kein Beispiel von einem König wie Ferdinand der Vierte oder von einem Volke, als dessen Typus uns hier Mammone entgegentritt. Der Leser sieht, ich halte mich an die beiden Extremitäten der socialen Stufenleiter – an den König, das Staatsoberhaupt, und an den Bauer und Bandenführer. Beginnen wir mit dem König, und damit die royalistischen Gemüther nicht über Impietät gegen die Monarchie schreien, wollen wir einen Mann befragen, welcher zwei Reisen nach Neapel gemacht und der den König Ferdinand zu der Zeit, wo wir ihn dem Gange unserer Erzählung gemäß auftreten lassen müssen, gesehen und studiert hat. Dieser Mann ist Joseph Gorani, französischer Bürger, wie er sich selbst tituliert, Verfasser der »geheimen kritischen Memoiren der Höfe und Regierungen und der Sitten der vornehmsten Staaten Italiens.« Citieren wir drei Bruchstücke aus diesem Buch und zeigen wir den König von Neapel als Schüler, den König von Neapel als Jäger und den König von Neapel als Fischer. Es ist also jetzt Gorani, welcher spricht, nicht ich. Die Erziehung des Königs von Neapel »Als nach dem Tode des Königs Ferdinand des Sechsten von Spanien Carl der Dritte den Thron von Neapel verließ, um den Spaniens zu besteigen, erklärte er den ältesten seiner Söhne für zur Regierung unfähig, machte den zweiten zum Prinzen von Asturien und ließ den dritten in Neapel, wo er, obschon noch sehr jung, als König anerkannt ward. »Der älteste Prinz war in Folge der schlechten Behandlung verdummt, die er von der Königin erdulden mußte, welche ihn, gleich schlechten Müttern aus der Hefe des Volkes, fortwährend schlug. Sie war eine Prinzessin von Sachsen und von harter, habsüchtiger, herrschsüchtiger und boshafter Gemüthsart. »Als Carl nach Spanien abreiste, fand er es nothwendig, für den König von Neapel, der noch Kind war, einen Gouverneur zu ernennen. Die Königin machte dieses Amt, eines der wichtigsten, dem Meistbietenden zugänglich. »Dieser Meistbietende war der Fürst San-Nicandro und erhielt es zugeschlagen. »San-Nicandro besaß die schmutzigste Seele, welche jemals in dem Kothe von Neapel vegetiert hat. Unwissend, den schimpflichsten Lastern fröhnend, ohne in einem Leben jemals etwas Anderes gelesen zu haben, als Gebetbücher, war er fast fortwährend betrunken und folglich ganz unfähig der wichtigen Mission, einen König zu erziehen, zu genügen. »Man kann mit leichter Mühe errathen, was die Folgen einer solchen Wahl sein mußten. Da er selbst nichts wußte, so konnte er auch seinen Schüler nichts lehren. »Dies war ihm aber noch nicht genug, um den Monarchen in einer ewigen Kindheit zu erhalten. Er umgab ihn daher mit Creaturen seines Schlages und entfernte von ihm jeden verdienstvollen Mann, der ihm den Wunsch, sich zu unterrichten, hätte einflößen können. Da er sich im Besitze unbeschränkter Autorität befand, so verkaufte er Gnadenbeweise, Aemter und Titel. »Um den König unfähig zu machen, auch nur den geringsten Theil der Verwaltung des Königreiches zu überwachen, brachte er ihm frühzeitig Geschmack an der Jagd bei, unter dem Vorwande, daß dies dem Vater gefallen werde, welcher stets ein leidenschaftlicher Freund dieses Vergnügens gewesen war. »Als ob diese Leidenschaft aber noch nicht hinreichend gewesen wäre, um den jungen König von den Geschäften fern zu halten, gesellte er zu derselben auch noch die des Fischfanges und dies sind gegenwärtig noch die Lieblingsvergnügungen des Königs. »Derselbe ist sehr lebhaft und war es als Kind in noch höherem Grade. Es waren Vergnügungen nöthig, um ihn jeden Augenblick vollständig zu beschäftigen. Sein Gouverneur suchte ihm neue Erholungen und wollte ihn gleichzeitig von der zu großen Sanftmuth und Herzensgüte heilen, welche den Grundzug seines Charakters bildeten. »San-Nicandro wußte, daß es ein Lieblingszeitvertreib des Prinzen von Asturien, jetzigen Königs von Spanien, war, Kaninchen zu erwürgen. Er brachte deshalb seinem Zöglinge Geschmack daran bei. Der König erwartete demgemäß die armen Thiere an einem schmalen Durchgange, den man sie zu passieren zwang, und schlug sie mit einer seinen Kräften angemessenen Keule unter lautem Gelächter todt. »Um einige Abwechslung in diesen Zeitvertreib zu bringen, nahm er Hunde oder Katzen und machte es sich zum Spaß, sie zu prellen, bis sie verendeten. Um dieses Vergnügen noch pikanter zu machen, wünschte er endlich auch Menschen prellen zu sehen, was sein Gouverneur sehr vernünftig fand. Bauern, Soldaten, Arbeiter und selbst Hofcavaliere dienten auf diese Weise dem gekrönten Kinde zum Spielwerk; ein Befehl von Carl dem Dritten aber machte diesem noblen Zeitvertreibe ein Ende und dem jungen Könige war fernerhin blos noch gestattet Thiere zu prellen, mit Ausnahme der Hunde, welche der König von Spanien in seinen besonderen Schutz nahm. »Auf diese Weise erzog man Ferdinand den Vierten, den man nicht einmal Lesen und Schreiben lehrte. Seine Gemahlin war seine erste Schulmeisterin.« Der König von Neapel als Jäger »Eine solche Erziehung mußte ein Ungeheuer, einen Caligula hervorbringen. Die Neapolitaner waren darauf gefaßt, die angeborene Herzensgüte des jungen Monarchen triumphierte aber dennoch über den Einfluß einer so verwerflichen Leitung. Ganz gewiß wäre er noch ein vortrefflicher Fürst geworden, wenn es ihm gelungen wäre, sich seines Hanges zur Jagd und zum Fischfange zu entwöhnen, der ihm viele Stunden raubte, die er mit Nutzen den öffentlichen Geschäften hätte widmen können. Die Furcht aber, einen seinem liebsten Zeitvertreibe günstigen Morgen zu versäumen, ist im Stande, ihm die wichtigste Staatsangelegenheit aus den Augen verlieren zu lassen, und die Königin und die Minister wissen sich diese Schwäche recht wohl zu Nutzen zu machen. »Im Monat Januar 1788 hielt Ferdinand im Palast von Caserta einen Staatsrath, welchem die Königin, der Minister Acton, Caracciolo und einige Andere beiwohnten. Es handelte sich um eine Sache von der größten Wichtigkeit. Mitten in der Discussion hörte man an die Thüre pochen. Diese Unterbrechung überraschte Alle und man konnte sich nicht denken, wer der Verwegene sei, der einen solchen Augenblick wähle. Der König eilte sofort nach der Thür, öffnete dieselbe und ging hinaus. Es dauerte nicht lange, so trat er mit der Miene und Geberde der lebhaftesten Freude wieder ein und bat, daß man die Berathung möglichst schnell beenden möchte, weil er ein Geschäft von weit größerer Wichtigkeit vorhabe, als das sei, um welches es sich hier handle. Man hob die Sitzung auf und der König zog sich in sein Zimmer zurück, um sich zeitig schlafen zu legen, damit er den nächstfolgenden Morgen vor Tagesanbruch auf den Füßen sein könnte. Diese Angelegenheit, mit welcher keine andere einen Vergleich aushielt, war ein Stelldichein zur Jagd. Das an der Thür des Berathungszimmers erfolgte Anpochen war ein zwischen dem König und seinem Piqueur verabredetes Signal, welches ihn seinem Befehle gemäß benachrichtigte, daß ein Rudel Wildschweine bei Tagesanbruch in dem Walde gesehen worden und daß sie sich jeden Morgen an demselben Ort versammelten. Es ist klar, daß die Staatsrathssitzung aufgehoben werden mußte, damit der König zeitig genug schlafen gehen und in den Stand gesetzt sein konnte, die Wildschweine zu überrumpeln. Wären dieselben entronnen, was wäre dann aus Ferdinands Ruhm geworden? »Ein andermal ließ an demselben Ort und unter denselben Umständen ein dreimaliges Pfeifen sich hören. Es war dies abermals ein Signal zwischen dem König und seinem Piqueur. Die Königin und die übrigen Mitglieder des Cabinetsraths nahmen diesen Scherz nicht gut auf, der König eilte aber sofort an ein Fenster, öffnete dasselbe und gab seinem Piqueur Audienz, der ihm meldete, daß da und da so eben ein Schwarm Vögel sich niedergelassen und daß Seine Majestät keinen Augenblick zu verlieren habe, wenn sie sich das Vergnügen machen wolle, einen glücklichen Schuß zu thun. Nachdem Ferdinand diese Meldung vernommen, kehrte er schnell von dem Fenster zurück und sagte zu der Königin: »Liebe Freundin, präsidiere an meiner Stelle und beende diese Angelegenheit nach deinem Dafürhalten.« Der königliche Fischfang »Man glaubt ein zum Scherze erdichtetes Märchen zu hören, wenn man vernimmt, daß der König von Neapel nicht blos fischt, sondern daß er auch die gefangenen Fische selbst verkauft. Dennoch ist dies vollkommen wahr. Ich selbst habe diesem belustigenden und in seiner Art einzigen Schauspiel beigewohnt und will dasselbe zu schildern versuchen. »In der Regel fischt der König in dem Theile des Meeres, welcher sich in der Nähe des Berges Pausilippo drei oder vier Meilen von Neapel befindet. Nachdem er einem ergiebigen Fang gemacht hat, kehrt er ans Land zurück. Sobald er ausgestiegen ist, genießt er das lebhafteste Vergnügen, welches dieser Zeitvertreib für ihn hat. Man legt nämlich das ganze Ergebniß des Fischfanges auf dem Gestade zur Schau und dann kommen die Käufer und schließen ihren Handel mit dem Monarchen selbst ab. Ferdinand gibt dabei nichts auf Credit, sondern streicht das Geld selbst ein, ehe er seine Waare aushändigt, und legt dabei das größte Mißtrauen an den Tag. Es kann dann Jedermann sich dem König nähern und ganz besonders genießen die Lazzaroni dieses Vorrecht, denn der König beweist diesen mehr Freundschaft als allen anderen Zuschauern. »Dabei aber nehmen die Lazzaroni bereitwillig Rücksicht auf die Fremden, welche den Monarchen in der Nähe sehen wollen. »Wenn der Verkauf beginnt, wird das Schauspiel außerordentlich komisch. Der König verkauft so theuer als möglich. Er nimmt seinen Fisch selbst in seine königlichen Hände und sagt davon Alles, was nach seiner Meinung geeignet ist, den Käufern Lust zu machen. Die Neapolitaner, welche in der Regel sehr vertraulich und dreist sind, begegnen dem König bei diesen Gelegenheiten mit der größten Freiheit und sagen ihm Beleidigungen, als ob er ein ganz gewöhnlicher Fischhändler wäre, der die Käufer übertheuern wolle. Der König findet an diesen Schmähungen großes Vergnügen und lacht aus vollem Halse darüber. Dann sucht er die Königin auf und erzählt ihr Alles, was bei dem Fangen und Verkaufe der Fische vorgefallen ist und was ihm Stoff zu allerhand Späßen liefert. »Während der ganzen Zeit aber, wo der König sich mit der Jagd und dem Fischfang beschäftigt, regieren, wie wir bereits gesagt haben, die Königin und die Minister nach ihrem Gutdünken, und man kann sich denken, wie dann die Geschäfte gehen.« König Ferdinand der Vierte soll uns aber auch noch unter einer neuen Gestalt erscheinen. Diesmal befragen wir nicht mehr Gorani, den Reisenden, der ihn einen Augenblick lang als Fischverkäufer sieht oder wenn er im Galopp vorüberreitet, um sich auf den Sammelplatz zu einer Jagd zu begeben. Wir wenden uns vielmehr jetzt an einen Vertrauten des Hauses, nämlich am Palmieri de Miceiche, Marquis von Villalba, Liebhaber der Maitresse des Königs, welcher uns diesen in dem ganzen Cynismus seiner Feigheit zeigt. Es ist also der Marquis von Villalba, welcher spricht. »Nicht wahr, Sie kennen die näheren Umstände des Rücktritts Ferdinands und seiner Flucht oder, um richtiger zu sprechen, der Ereignisse in Unteritalien gegen Ende des Jahres 1798? Ich will dieselben mit zwei Worten zurückrufen. »Sechzigtausend Mann Neapolitaner, von dem österreichischen General Mack commandiert und durch die Anwesenheit des Königs ermuthigt, rückten siegreich vor bis Rom, als Championnet und Macdonald ihre schwachen Corps vereinigten, sich auf diese Arme stürzten und dieselbe in die Flucht schlugen. Ferdinand befand sich in Albano, als er diese furchtbare Niederlage erfuhr. »Fuimmo! Fuimmo!« fing er an zu rufen. Und er floh in der That. »Ehe er jedoch in seinen Wagen stieg, sagte er zu seinem Begleiter: »Mein lieber Ascoli, Du weißt, wie es jetzt überall von Jacobinern wimmelt. Diese Strolche haben nichts Anderes im Sinne, als mich zu ermorden. Laß uns deshalb die Kleider wechseln. Auf der Reise bist Du der König und ich bin der Herzog von Ascoli. Auf diese Weise wird die Gefahr für mich geringer sein!« »Gesagt, gethan. Der Herzog von Ascoli geht mit Freuden auf diesen unglaublichen Vorschlag ein. Er beeilt sich die Uniform des Königs anzulegen, gibt diesem dafür die einige, setzt sich dann in dem Wagen oben an und nun heißt es: Fahr zu, Kutscher! »Der Herzog spielt auf der ganzen Fahrt bis Neapel seine Rolle ausgezeichnet und auch Ferdinand, den die Furcht inspiriert, versteht den unterwürfigsten Höfling auf eine Weise zu spielen, daß man glauben sollte, er sei in seinem Leben nie etwas Anderes gewesen. »Der König vergaß dem Herzog von Ascoli diesen selten vorkommenden Beweis von Anhänglichkeit an die Sache der Monarchie nie wieder und hörte, so lange er lebte nicht auf ihm seine Gunst auf die eclatanteste Weise zu erkennen zu geben. In Folge einer Eigenthümlichkeit aber, welche sich nur aus dem Charakter dieses Fürsten erklären läßt, geschah es, daß er den Herzog oft mit seiner Selbstverläugnung aufzog, während er zugleich sich wegen seiner Feigheit selbst verspottete. »Eines Tages war ich einmal mit diesem Cavalier bei der Herzogin von Floridia in demselben Augenblick, wo der König ihr den Arm bot, um sie zur Tafel zu führen. Da ich nur schlichter, unbedeutender Freund der Herrin des Hauses war und mich durch die Nähe des letzten Ankömmlings allzusehr geehrt fühlte, so murmelte ich das Domine, non sum dignus zwischen den Zähnen und trat selbst einige Schritte zurück, als die edle Dame, während sie ihrer Toilette einen letzten Blick widmete, das Lob des Herzogs und seiner Anhänglichkeit an die Person ihres königlichen Liebhabers zu preisen begann. »Ohne Widerspruch, sagte sie, »ist er der wahrhafte Freund, der eifrigste Ihrer Diener u.s.w.« »Ja, ja, Donna Lucia,« sagte der König, »fragen Sie Ascoli nur, welchen Streich ich ihm gespielt, als wir in Albano die Flucht ergriffen.« »Hierauf erzählte er die Geschichte von dem Kleiderwechsel und die Art und Weise, auf welche sie ihre Rollen durchgeführt, worauf er mit thränenden Augen und mit der ganzen Kraft seiner Lunge lachend hinzusetzte: »Er war der König! Wären wir Jacobinern begegnet, so wäre er gehängt worden und ich wäre gerettet gewesen!« »Alles ist seltsam in dieser Geschichte – eine seltsame Niederlage, eine seltsame Flucht, ein seltsamer Vorschlag und endlich die seltsame Enthüllung dieser Thatsachen in Gegenwart eines Fremden, denn ein solcher war ich für den Hof und besonders für den König, mit welchem ich blos ein- oder zweimal gesprochen hatte. Zum Glück für die Menschheit ist die Selbstverläugnung des redlichen Höflings das am wenigsten seltsame.« Die Skizze, die wir hier von einer der Personen unseres Buches entwerfen und deren Aehnlichkeit, wie wir fürchten, kaum Glauben finden wird, wäre unvollständig, wenn wir diesen königlichen Polichinell nur von der Lazzaromiseite betrachteten. Von dieser ist er blos grotesk, von der andern aber furchtbar und schrecklich. Nachstehendes ist eine wörtliche Uebersetzung des Briefes, den er an Ruffo schrieb, als derselbe im Begriff stand, siegreich in Neapel einzuziehen. Es ist dies eine von Haß, Rache und Furcht dictierte Proscriptionsliste.     »Palermo, den 1.Mai 1799. »Eminenz! »Nachdem ich die Stelle Ihres Briefes vom 1. April über das Verfahren, das in Bezug auf das Schicksal der zahlreichen Verbrecher einzuhalten sein möchte, welche sowohl in den Provinzen als in der Hauptstadt, wenn dieselbe mit Gottes Hilfe meiner Herrschaft wiedergegeben sein wird, in unsere Hände fallen können, wiederholt durchgelesen und mit der größten Aufmerksamkeit erwogen, muß ich Ihnen vor allen Dingen erklären, daß ich Alles, was Sie mir über diesen Gegenstand schreiben, von jener Weisheit, jener Einsicht und jener Anhänglichkeit durchdrungen finde, wovon Sie mir so viele unzweideutige Beweise gegeben haben und fortwährend noch geben. Ich will Sie daher von meinen Dispositionen in Kenntniß setzen. »Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß wir in unseren Nachforschungen nicht allzu eifrig sein dürfen, um so mehr als die schlechten Subjecte sich so offen zu erkennen gegeben haben, daß man die schlimmsten davon in sehr kurzer Zeit wird festnehmen können. »Meine Absicht ist daher, daß nur die folgenden Classen von Schuldigen festgenommen und in angemessenen Gewahrsam gebracht werden: »Sämmtliche Mitglieder der provisorischen Regierung und der Executiv- und Legislativ-Commission von Neapel. »Sämmtliche Mitglieder der von den Republikanern gebildeten Militärcommission und Polizei. »Alle, welche den verschiedenen Municipalitäten angehört oder überhaupt ein Amt von der Republik oder den Franzosen übertragen bekommen und angenommen haben. »Alle, welche der Commission angehört, die sich ihre Aufgabe gestellt, Untersuchungen über die angebliche Verschwendung und Mangelhaftigkeit meiner Regierung vorzunehmen. »Sämmtliche Officiere, die in meinem Dienste gestanden haben und in den der sogenannten Republik oder der Franzosen übergegangen sind. Es versteht sich hierbei von selbst, daß Officiere in den Fällen, wo sie mit den Waffen in der Hand gegen meine Armeen oder gegen die meiner Bundesgenossen ergriffen worden sind, binnen vierundzwanzig Stunden ohne weitere gerichtliche Procedur erschossen werden. »In gleicher Weise ist gegen alle Edelleute zu verfahren, welche sich meinen Soldaten oder denen meiner Alliirten mit bewaffneter Hand widersetzt haben. »Alle, welche republikanische Journale gegründet oder Proclamationen und andere Schriften gedruckt haben, wie zum Beispiel Werke, durch welche meine Völker zur Empörung gereizt oder die Maximen der neuen Regierung verbreitet werden. »In gleicher Weise festzunehmen sind die Syndici der Städte und die Deputierten der Plätze, welche meinem Stellvertreter, dem General Vignatelli, die Regierung entrissen, sich seinen Operationen widersetzt oder Maßregeln ergriffen haben, welche mit der mir schuldigen Treue in Widerspruch stehen. »Eben so will ich, daß man eine gewisse Louise Molina San Felice und einen gewissen Vincenzo Cuoco festnehme, welche die Contrerevolution entdeckten, die von den Royalisten beabsichtigt ward, an deren Spitze die Backer, Vater und Sohn, standen. »Nachdem dies geschehen, ist meine Absicht, eine außerordentliche Commission von einigen sichern und auserwählten Männern zu ernennen, welche die Hauptverbrecher militärisch und nach der ganzen Strenge der Gesetze richten werden. »Die, welche man weniger schuldig findet, werden um der Ersparniß willen auf Lebenszeit aus meinen Staaten verbannt und ihre Güter confiscirt. »In dieser Beziehung muß ich Ihnen sagen, daß ich das, was Sie über die Verbannung bemerken, sehr richtig und angemessen gefunden habe, dennoch aber finde ich, daß es im Grunde genommen besser ist, sich dieses Natterngezüchts zu entledigen, als es im Lande zu behalten. Wenn ich eine von meinen festländischen Staaten sehr weit entfernte Insel besäße, so würde ich Ihrem System, diese Verbrecher dorthin zu deportieren, gern beitreten. Die geringe Entfernung meiner Inseln von den beiden Königreichen würde aber Verschwörungen möglich machen, welche diese Leute mit den Bösewichtern und den Unzufriedenen anspinnen werden, deren Ausrottung aus meinen Staaten nicht gelungen wäre. »Uebrigens werden die bedeutenden Niederlagen und Unfälle, welche die Franzosen, Gott sei Dank, erlitten und die sie hoffentlich noch erleiden werden, die Verbannten in die Unmöglichkeit versetzen, uns zu schaden. »Dennoch aber muß der Ort der Deportation und die Art und Weise, auf welche sich dieselbe gefahrlos ausführen läßt, wohl erwogen werden und dieser Gegenstand ist es, mit welchem ich mich gegenwärtig beschäftige. »Was die Commission betrifft, welche alle diese Verbrecher richten soll, so werde ich, sobald ich Neapel wieder in Händen habe, sofort daran denken und bin gesonnen, diese Commission von hier aus nach der Hauptstadt zu schicken. »Was die Provinzen und die Orte betrifft, wo Sie sind, so kann, wenn Sie damit einverstanden sind, de Fiore in seiner Thätigkeit fortfahren. »Uebrigens kann man unter den Advocaten der Provinzen und unter den Kronadvocaten, welche nicht gemeinchaftliche Sache mit den Republikanern gemacht, welche der Krone treu geblieben sind und Intelligenz besitzen, eine gewisse Anzahl auswählen und ihnen alle außerordentlichen Vollmachten ertheilen, denn ich will nicht, daß Magistratsbeamte der Hauptstadt oder der Provinzen, welche unter der Republik gedient, selbst wenn sie, wie ich hoffe, durch die unwiderstehliche Nothwendigkeit dazu gezwungen worden, über Verräther zu Gericht zu sitzen, zu deren Zahl ich sie selbst rechne. »Was diejenigen betrifft, welche nicht unter die oben aufgeführten Kategorien gehören, so stelle ich Ihnen frei, an denselben eine rasche und exemplarische Züchtigung nach der ganzen Strenge der Gesetze vollziehen zu lassen, sobald Sie finden, daß es wirkliche und hervorragende Verbrecher sind und daß Sie diese Züchtigung für nothwendig halten. »Was die Mitglieder der Gerichtstribunale der Hauptstadt betrifft, so ist, wenn sie keine besonderen Commissionen von den Franzosen und der Republik angenommen, sondern blos ihr Amt verwaltet und die Justizpflege gehandhabt, keine Untersuchung einzuleiten. »Dies sind für den Augenblick sämmtliche Dispositionen, welche ich Sie beauftrage, auf die Ihnen angemessen erscheinende Weise und an den Orten, wo es möglich sein wird, in Ausführung bringen zu lassen. »Sobald ich Neapel wieder erobert haben werde, behalte ich mir vor, einige neue Bestimmungen zu treffen, welche durch die Ereignisse und die Mittheilungen, die ich bis dahin erlangt, nothwendig gemacht werden können. Dann aber ist es meine Absicht, meine Pflichten als guter Christ und sein Volk liebender Vater zu erfüllen, die Vergangenheit gänzlich zu vergessen und Allen gänzliche und vollständige Verzeihung zu gewähren, so daß sie des Vergessens ihrer Fehltritte sicher sein können, denn ich schmeichle mir, daß dieselben nicht sowohl durch Böswilligkeit als vielmehr durch Furcht und Kleinmüthigkeit veranlaßt worden. »Vergessen Sie indessen nicht, daß die öffentlichen Aemter in den Provinzen nur an Personen verliehen werden, die sich gegen die Krone immer gut benommen und folglich niemals die Partei gewechselt haben, denn nur auf diese Weise können wir sicher sein, das, was wir wieder erobert haben, auch zu bewahren. »Ich bitte den Allerhöchsten, daß er Sie zum Wohle meines Dienstes erhalte, und damit ich Ihnen stets meine wahre und aufrichtige Dankbarkeit zu erkennen geben kann. »Mittlerweile glauben Sie, daß ich stets bin »Ihr wohlgeneigter     »Ferdinand.« Wir haben oben gesagt, daß eine der unglaublichen, beinahe unmöglichen Persönlichkeiten, welche wir in unserem Buche auftreten lassen, damit Neapel während seiner Revolutionstage unsern Lesern in seinem wahren Lichte erscheine, jenes der anderen Extremität der gesellschaftlichen Stufenleiter angehörige Ungeheuer sei, welches halb Mensch, halb Affe, den Namen Gaëtano Mammone führte. Ein einziger Schriftsteller spricht von ihm, als habe er ihn persönlich gekannt. Dieser Schriftsteller ist Cuoco. Die anderen wiederholen blos, was dieser über ihn sagt. »Mammone Gaëtano, anfangs Müller, später Oberbefehlshaber der Insurgenten von Sora, war ein blutdürstiges Ungeheuer, mit dessen Barbarei es unmöglich ist etwas zu vergleichen. Binnen zwei Monaten ließ er innerhalb eines kleinen Gebiets dreihundertundfünfzig Unglückliche erschießen, während ziemlich doppelt so viel von seinen Spießgesellen gemordet wurden. »Ich spreche nicht von dem Gemetzel, von den Gewaltthaten, von den Brandlegungen, ich spreche nicht von den entsetzlichen Gräbern, in welche er die Unglücklichen werfen ließ, die ihm in die Hände fielen, noch von den neuen Todesarten, die seine Grausamkeit erfand. »Seine Gier nach Blut war so groß, daß er das trank, welches aus den Wunden der Unglücklichen floß, die er ermordete oder ermorden ließ. »Der, welcher diese Zeilen schreibt, hat gesehen, wie er sein eigenes Blut trank, nachdem ihm zur Ader gelassen worden und wie er mit Begier in der Stube eines Barbiers das Blut derer aufsuchte, welchen man vor ihm zur Ader gelassen. Er speiste fast stets, während auf seinem Tische ein abgeschnittener Kopf stand, und trank aus einem Menschenschädel. »Dieses Ungeheuer war es, an welches Ferdinand von Sicilien schrieb: »Mein General und mein Freund!« Was unsere anderen Personen – wir sprechen immer noch von den historischen – betrifft, so gehören sie der Menschheit ein wenig mehr an. Dieselben sind die Königin Marie Caroline, von der wir hier eine vorläufige Skizze zu entwerfen suchen würden, wenn dies nicht schön in einer vom Prinzen Napoleon in dem Senat gehaltenen glänzenden Rede geschehen wäre – Nelson, dessen Biographie Lamartine geschrieben; – Emma Lyonna, von welcher die kaiserliche Bibliothek zwanzig Porträts besitzt; – Championnet, dessen Name einen ehrenvollen Platz in den ersten Blättern unserer Revolutionsgeschichte einnimmt, und welcher, wie Marceau, wie Hoche, wie Kleber, wie Defaix, wie mein Vater, so glücklich war, die Herrschaft der Freiheit nicht zu überleben. Es sind mit einem Worte einige jener großen poetischen Gestalten, die bei politischen Umgestaltungen auftauchen, die in Frankreich Danton, Camille Desmulins, Biron, Bailly, Madame Roland und in Neapel Hector Caraffa, Manthonnet, Schipani, Cirillo, Cimarosa, Eleonore Pimentel heißen. Was die Heldin betrifft, welche unserem Buche ihren Namen leiht, so wollen wir ein Wort, nicht über sie selbst, sondern über ihren Namen »die San Felice« sagen. In Frankreich sagt man, wenn man von einer noblen oder auch nur einfach distinguierten Frau spricht, Madame, in England sagt man Mylady oder Mistreß; in Italien, dem Lande der Vertraulichkeit, sagt man: die Soundso. Bei uns würde man eine solche Ausdrucksweise sehr übelnehmen, in Italien dagegen, ganz besonders in Neapel, ist sie beinahe ein Adelstitel. Wenn man in Neapel von dieser armen Frau spricht, welche durch das Uebermaß ihres Unglücks historisch geworden ist, würde es keinem Menschen einfallen zu sagen: Madame San Felice oder die Chevalière San Felice. Man sagt vielmehr einfach: Die San Felice. Ich habe daher auch dem Buche den Titel, den es von seiner Heldin entlehnt, ohne Abänderung beibehalten zu müssen geglaubt. Nachdem ich Dir, lieber Leser, nun gesagt, was ich Dir zu sagen hatte, wollen wir, wenn es Dir gefällig ist, auf die Sache selbst eingehen. Die San Felice Erstes Capitel Die Galeere Capitane Zwischen dem Felsen, welchem Virgil den Namen des Vorgebirgs von Milena gibt, und dem Cap Campanella, welches auf einem seiner Abhänge den Erfinder des Compasses geboren werden und auf der andern den Dichter des »befreiten Jerusalem« als Geächteten umherirren sah, öffnet sich der prachtvolle Meerbusen von Neapel. Dieser stets lachende, stets von Tausenden von Fahrzeugen durchfurchte, stets von den Tönen musikalischer Instrumente und dem Gesang der Lustwandler und Luftfahrer wiederhallende Golf war am 22. September 1798 noch geräuschvoller und freudiger belebt, als er gewöhnlich zu sein pflegt. Der Monat September ist in Neapel herrlich, denn er liegt zwischen der verzehrenden Hitze des Sommers und der launenhaften Regenzeit des Herbstes. Der Tag, von welchem wir die ersten Blätter unserer Geschichte datieren, war einer der herrlichsten Tage des genannten Monats. Die Sonne strömte gleichsam in goldenen Fluten auf dieses ungeheure Amphitheater von Hügeln, welches einen seiner Arme bis Nifida und den andern bis Portici auszustrecken scheint, um die glückliche Stadt gegen die Flanken des Berges St. Elmo zu drücken, welcher gleich einer der Stirn der modernen Parthenope aufgesetzten Mauerkrone die alte Festung überragt. Der Golf, diese unermeßliche Azurfläche, die einem mit Goldflimmerchen bedeckten Teppich glich, zitterte unter dem Hauch eines leichten balsamischen, wohlduftenden Morgenwindes. Derselbe war so sanft, daß er den Gesichtern, welche er liebkoste, ein unbeschreibliches Lächeln entlockte, und so belebend, daß in der von ihm geschwellten Brust sich sofort jene unermeßliche Sehnsucht nach dem Unendlichen erweckte, welche den Menschen stolzerweise glauben läßt, daß er ein Gott ist, oder wenigstens einer werden kann, und daß diese Welt weiter nichts ist als eine an der Straße nach dem Himmel erbaute Herberge für einen Tag. Auf der Kirche San Ferdinando, welche die Ecke der Toledostraße und des Platzes San Fernando bildet, schlug es acht Uhr. Das letzte Summen des Schlages, welcher die Zeit mißt, war kaum im Raume verhallt, als die tausend »Glocken der dreihundert Kirchen von Neapel lustig und geräuschvoll durch die Oeffnungen ihrer Thürme heraussprangen und die Kanonen des Fort Uovo, Castel Nuovo und del Carmine mit donnerähnlichem Gekrach das Geläute der Glocken übertäuben zu wollen schienen, während sie zugleich die Stadt in einen Rauchgürtel hüllten und das Fort St. Elmo, flammend und umwölkt wie ein speiender Krater, angesichts des alten stummen Vulcans einen neuen Vesuv improvisierte. Glocken und Kanonen begrüßten mit ihrer ehernen Stimme eine prachtvolle Galeere, welche sich in diesem Augenblick von dem Kai ablöste, den Kriegshafen durchschnitt und unter dem Doppeldruck der Ruder und des Segels majestätisch der hohen See entgegenglitt, gefolgt von zehn oder zwölf kleineren Barken, die aber eben so prächtig geschmückt waren als ihre Capitane, welche es an Reichthum mit dem Bucentaurus aufnehmen konnte, welcher sonst den Doge zu seiner Vermählung mit dem adriatischen Meere führte. Diese Galeere war von einem Officier commandiert, welcher sechs- bis siebenundvierzig Jahre zählen mochte und die kostbare Admiralsuniform der neapolitanischen Marine trug. Sein männliches Gesicht von strenger, gebieterischer Schönheit war von Wind und Sonne gebräunt. Obschon er zum Zeichen der Ehrfurcht das Haupt entblößt hatte, so trug er doch die mit ergrauendem Haar, durch welches mehr als einmal der scharfe Hauch des Windes gegangen war, bedeckte Stirn hoch, und man errieth gleich auf den ersten Blick, daß, wer auch die vornehmen Personen, die er an Bord hatte, sein mochten, doch er es war, von welchem das Commando ausgegangen. Das an seiner rechten Hand hängende rothe Sprachrohr wäre das sichtbare Zeichen dieses Commandos gewesen, wenn nicht schon die Natur Sorge getragen hätte, dieses Zeichen auf eine noch weit unauslöschlichere Weise ihm durch den Blitz des Auges und den Ton der Stimme aufzudrücken. Er hieß Franz Caracciolo und gehörte jener Familie der Fürsten Caraccioli an, welche gewohnt war, den Königen Gesandte und den Königinnen Liebhaber zu liefern. Er stand auf seiner Quartierbank, wie er am Tage eines Kampfes gethan haben würde. Das ganze Verdeck der Galeere war mit einem purpurnen Zeltdach versehen, auf welchem das Wappen der beiden Sicilien strahlte und welches bestimmt war, die erhabenen Passagiere, welche sich darunter befanden, vor den Strahlen der Sonne zu schützen. Diese Passagiere bildeten drei Gruppen von verschiedener Haltung und verschiedenem Ansehen. Die erste dieser Gruppen, die zahlreichste von allen, bestand aus fünf Männern, welche den Mittelpunkt des Schiffes einnahmen und von welchen drei außerhalb des Zeltdaches standen. Bänder von allen Farben trugen an ihrem Halse Ordenskreuze aller Länder und ihre Brust war mit Sternen und Schnüren bedeckt. Zwei davon trugen als unterscheidende Kennzeichen ihres Ranges an den Tailleknöpfen ihres Rockes goldene Schlüssel und hatten sonach die Ehre, Kammerherren zu sein. Die Hauptperson dieser Gruppe war ein Mann von siebenundvierzig Jahren, groß und hager, obschon kräftig gebaut. Die Gewohnheit, sich vorwärts zu neigen, um Die, welche mit ihm sprachen, besser zu hören, hatte ihm den Rücken leicht nach vorn gekrümmt. Trotz eines mit Goldstickereien bedeckten Costüms, trotz der mit Diamanten besetzten Orden, welche auf seiner Brust funkelten, trotz des Titels Majestät, welchen man jeden Augenblick aus dem Munde Derer vernahm, welche mit ihm sprachen, war seine äußere Erscheinung doch gemein und keiner seiner Züge hatte, wenn man sie einzeln ins Auge faßte, eine Spur von königlicher Würde. Er hatte große Füße, breite Hände und plumpe Knöchel und Handgelenke. Die niedrige Stirn verrieth Mangel an erhabeneren Gefühlen. Das zurücktretende Kinn, welches auf einen schwachen, unentschlossenen Charakter schließen ließ, hob die übermäßig lange Nase, das Kennzeichen niedriger Triebe, noch mehr hervor. Nur das Auge blickte lebhaft und schelmisch, dabei aber fast immer falsch, zuweilen sogar grausam. Dieser Mann war Ferdinand der Vierte, Sohn Carls des Dritten, von Gottes Gnaden König beider Sicilien und von Jerusalem, Infant von Spanien, Herzog von Parma, Piacenza und Castro und Erbprinz von Toscana, den die Lazzaroni von Neapel einfacher und ohne so viel Titel und Umschweife den König Nasone nannten. Der Mann, mit welchem er sich am speciellsten unterhielt und welcher von allen am einfachsten gekleidet war, obschon er den gestickten Leibrock der Diplomaten trug, war ein Greis von neunundsechzig Jahren, klein von Wuchs, mit dünnem, weißem, zurückgestrichenem Haar. Er hatte jene schmale Gesichtsform, welche der gemeine Mann charakteristisch ein Messerklingengesicht nennt, eine spitzige Nase, ein eben solches Kinn, einen eingekniffenen Mund und ein helles, intelligentes, forschendes Auge. Seine Hände, auf die er besondere Sorgfalt zu verwenden schien und über welche Manchetten von prächtigen englischen Spitzen herabfielen, waren mit Ringen beladen, deren Gold antiken kostbaren Cameen zur Einfassung diente. Er trug nur zwei Orden, den des heiligen Januarius und das rothe Band des Bathordens mit dem goldenen Stern, auf welchem man in der Mitte von drei Königskronen ein Scepter zwischen einer Rose und einer Distel sieht. Dieser Mann war Sir William Hamilton, Milchbruder des Königs Georg des Dritten und seit fünfunddreißig Jahren großbritannischer Gesandter am Hofe des Königreichs bei der Sicilien. Die drei anderen waren der Marquis Malaspina, Adjutant des Königs, der Irländer John Acton, sein erster Minister, und der Herzog von Ascoli, sein Kammerherr und sein Freund. Die zweite Gruppe, welche einem Gemälde von Angelica Kaufmann glich, bestand aus zwei Damen, welchen, auch wenn man ihren Rang und ihre Berühmtheit nicht kannte, selbst von dem gleichgültigsten Beobachter nothwendig besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden mußte. Die ältere der beiden Damen hatte, obschon sie über die glänzende, jugendliche Periode ihres Lebens hinaus war, noch bemerkenswerthe Reste von Schönheit bewahrt. Ihre mehr große als kleine Gestalt begann eine Corpulenz zu gewinnen, welche die Frische des Teints als vorzeitig hätte erscheinen lassen können, wenn nicht einige tiefe Furchen in dem Elfenbein der breiten gebieterischen Stirn, welche ihren Grund mehr in den Sorgen der Politik und der Last der Krone als in dem Alter selbst hatten, die fünfundvierzig Jahre verrathen hätten, die sie im Begriff stand zu vollenden. Ihr blondes Haar, von seltener Feinheit und reizender Farbenschattierung, umrahmte in bewunderungswürdiger Weise ein Gesicht, dessen ursprüngliches Oval durch die Einwirkung der Ungeduld und des Schmerzes ein wenig entstellt worden. Ihre blauen, matten, zerstreuten Augen sprühten, wenn plötzlich der Gedanke sie beseelte, ein düsteres und gewissermaßen elektrisches Feuer, welches, nachdem es der Wiederschein der Liebe und dann die Flamme des Ehrgeizes gewesen, der Blitz des Hasses geworden war. Ihre früher feuchten und purpurrothen, Lippen, deren untere gegen die obere etwas hervorragende ihrem Gesichte in gewissen Augenblicken einen unaussprechlichen Ausdruck von Verächtlichkeit gab, waren unter den unaufhörlichen Bissen der immer noch schönen und wie Perlen glänzenden Zähne trocken und bleich geworden. Nase und Kinn hatten ihre griechische Reinheit bewahrt und Hals, Schultern und Arme waren untadelhaft. Diese Frau war die Tochter der Kaiserin Maria Theresia, die Schwester Marien Antoinettens, es war Marie Caroline, die Königin beider Sicilien, die Gattin Ferdinands des Vierten, den sie aus Gründen, welche wir später sich entwickeln sehen werden, anfangs mit Gleichgültigkeit, dann mit Widerwillen und dann mit Verachtung betrachtete. Sie stand jetzt in ihrer dritten Phase, welche nicht die letzte sein sollte, und nur die politischen Nothwendigkeiten näherten die hochgestellten Ehegatten einander, welche, abgesehen hiervon, vollständig getrennt lebten. Der König jagte in seinen Wäldern von Lincola, Persano und Astroni und ruhte in seinem Harem von San Leucio aus, während die Königin in Neapel, in Caferta oder in Portici mit einem Minister Acton Politik trieb oder mit ihrer Favoritin Emma Lyonna, die in diesem Augenblicke wie eine Sclavin zu ihren Füßen lag unter den Orangenlauben ausruhte. Uebrigens brauchte man auf die letztgenannte Dame nur einen Blick zu werfen, um nicht blos die ein wenig scandalöse Gunst, in der sie bei der Königin stand, sondern auch den wahnsinnigen Enthusiasmus zu begreifen, welche diese Zauberin bei den englischen Malern, welche sie in allen Formen reproducirten und bei den neapolitanischen Dichtern erweckte, welche sie mit der überschwenglichsten Weise besangen. In der That, wenn die menschliche Natur die Schönheit in ihrer höchsten Vollkommenheit erreichen kann, so hatte Emma Lyonna diese Vollkommenheit erreicht. Durch vertrauten Umgang mit irgend einer modernen Sappho hatte sie ohne Zweifel jene kostbare Essenz erlangt, welche Phaon von der Venus zum Geschenk erhielt, um sich unwiderstehlich liebenswürdig zu machen. Das erstaunte Auge schien, indem es sich auf die heftete, anfangs die Umrisse jenes wunderbaren Körpers nur durch den ihr entströmenden Wollustdunst zu erkennen; dann erst durchdrang der Blick allmälig das Gewölk und die Göttin schimmerte hindurch. Versuchen wir dieses Weib zu malen, welches in die tiefsten Abgründe des Elends hinabstieg und die glänzendsten Gipfel des Glückes erklomm und die zu der Zeit, wo sie vor uns auftritt, an Geist, Anmuth und Schönheit mit der Griechin Aspasia, der Egyptierin Kleopatra und der Römerin Olympia zu rivalisieren im Stande gewesen wäre. Sie hatte jetzt jenes Alter erreicht, oder schien jenes Alter erreicht zu haben, welches die physischen Vorzüge des Weibes in ihrer Vollendung erscheinen läßt. Ihre Person bot, wenn der Blick sie zu detaillieren versuchte, gleichsam eine ganze Reihe von blendenden Erscheinungen dar. Ihr kastanienbraunes Haar umrahmte ein Gesicht, welches so rund war wie das des jungen Mädchens, welches kaum erst zur Mannbarkeit gereift ist. Ihre irisierenden Augen, deren Farbe unmöglich zu bestimmen gewesen wäre, funkelten unter zwei Brauen, die von Raphaels Pinsel geschaffen zu sein schienen. Ihr biegsamer weißer Schwanenhals, ihre Schultern und Arme, deren Geschmeidigkeit und anmuthige Rundung nicht an die kalten Schöpfungen des antiken Meißels, sondern an die lebensvollen, gleichsam zuckenden Marmorgebilde Germain Pilous erinnerten, machten selbst diesen in Bezug auf Festigkeit und Azurgeäder den Rang streitig. Der Mund schien, gleich dem jener Prinzessin, welche eine Fee zur Pathe hatte und bei jedem Worte eine Perle und bei jedem Lächeln einen Diamant fallen ließ, ein unerschöpflicher Schrein von Liebesküssen zu sein. Bekleidet war sie ganz im Gegensatz zu dem königlichen Costüm Mariens Carolinens, mit einer langen einfachen Tunica von weißem Casimir mit weiten Aermeln, um den Hals herum nach griechischer Weise ausgeschnitten und frei von jedem anderen Zwang, um die Taille herum durch einen Gürtel von rothem Maroquin festgehalten, der mit Gold gestickt, mit Rubinen, Opalen und Türkisen besetzt war und dessen Agraffe in einer prachtvollen Camee mit Sir William Hamiltons Bildmiß bestand. Außerdem hüllte sie sich, wie in einen Mantel, in einen breiten indischen Shawl von schillernden Farben mit Goldblumen, welcher ihr bei den vertrauten Abendgesellschaften der Königin mehr als einmal zur Aufführung jenes Shawltanzes gedient hatte, den sie erfunden und dessen wollüstige, magische Vollkommenheit von keiner anderen Tänzerin erreicht ward. Später werden wir Gelegenheit finden, den Augen unserer Leser die seltsame Vergangenheit dieser Dame vorzuführen, welcher wir in diesem gewissermaßen nur als Einleitung dienenden Capitel, welchen Platz sie auch in der zu erzählenden Geschichte einnehmen mag, doch blos einen flüchtigen Blick und oberflächliche Aufmerksamkeit widmen können. Die dritte Gruppe, welche ein Seitenstück zu dieser bildete und sich rechts neben der des Königs befand, bestand aus vier Personen, nämlich aus zwei Männern von verschiedenem Alter, welche über Wissenschaft und Staatsöconomie sprachen, und einer bleichen, träumerischen jungen Frau, welche ein Kind von einigen Monaten in ihren Armen wiegte und an ihr Herz drückte. Eine fünfte Person, die Niemand anders war als die Amme des Kindes, eine dicke stämmige Bäuerin in der Tracht der Frauen von Aversa, hielt sich in dem Halbschatten versteckt, wo jedoch trotz ihrer Vorsicht die Stickereien ihres mit Goldschnüren besetzten Mieders ihre Gegenwart verriethen. Der jüngere der beiden Männer, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, mit blondem Haar, noch bartlosem Kinn, von in Folge vorzeitiger Trägheit schon stark gewordenem Wuchse, den das Gift später in leichenähnliche Magerkeit verwandeln sollte, in einem himmelblauen, mit Gold gestickten und mit Schnüren überladenen Leibrock, war der älteste Sohn des Königs und der Königin Marie Caroline, der präsumtive Thronerbe Franz, Herzog von Calabrien. Von Natur von schüchternem, sanftem Charakter, hatte er an den reactionären Gewaltthätigkeiten der Königin Anstoß genommen, und sich der Literatur und den Wissenschaften zugewendet. Er verlangte nichts weiter, als außerhalb der Maschine der Politik zu bleiben, von deren Räderwerk er zermalmt zu werden fürchtete. Der, mit welchem er sich unterhielt, war ein ernster, kalter Mann von fünfzig bis zweiundfünfzig Jahren, der nicht gerade ein Gelehrter, wie man es in Italien versteht, wohl aber, was zuweilen weit besser ist, ein Wissender war. Seine ganze Decoration auf dem auch übrigens sehr einfachen Rock bestand in dem Maltheserkreuz, welches zweihundertjährigen, nie unterbrochenen Adel voraussetzte. Er war auch in der That ein neapolitanischer Edelmann. Er hieß der Chevalier von San Felice und war Bibliothekar des Prinzen und Ehrencavalier der Prinzessin. Die Prinzessin, mit welcher wir vielleicht hätten beginnen sollen, war jene junge Mutter, welche wir mit kurzen Worten geschildert und die, als ob sie gefühlt hätte, daß sie bald die Erde gegen den Himmel vertauschen sollte, ihr Kind an das Herz drückte. Auch sie war, wie ihre Schwiegermutter, eine Erzherzogin des Hauses Habsburg. Sie hieß Clementine. Fünfzehn Jahre alt, hatte sie Wien verlassen, um Franz von Bourbon zu heiraten, und mochte nun der Grund dort gelassene Liebe oder hier gefundene Enttäuschung sein, Niemand, selbst nicht ihre Tochter, wenn diese schon alt genug gewesen wäre, um zu verstehen und zu sprechen, hätte erzählen können, daß man sie ein einziges Mal lächeln gesehen. Blume des Nordens, welkte sie kaum erblüht in der heißen Sonne des Südens. Ihre Traurigkeit war ein Geheimniß, an welchem sie langsam hinstarb, ohne sich gegen die Menschen oder gegen Gott zu beklagen. Sie schien zu wissen, daß sie verurtheilt war, und als frommes, reines Sühnopfer fügte sie sich in den Spruch, der nicht um ihrer Sünden, sondern um der eines Andern willen über sie gefällt worden. Gott, welcher die Ewigkeit hat, um gerecht zu sein, erscheint uns zuweilen in geheimnißvollen Widersprüchen, welche unsere sterbliche und ephemere Gerechtigkeit nicht zu begreifen vermag. Die Tochter, welche sie an ihr Herz drückte und die kaum erst seit einigen Monaten ihr Auge dem Lichte erschloß, war jene zweite Marie Caroline, welche vielleicht die Schwächen, aber nicht die Laster der ersten besaß. Es war die junge Prinzessin, welche sich später mit dem Herzog von Berry vermälte, der unter dem Dolche Louvel's fiel, und welche allein von der älteren Linie der Bourbons eine sympathische Erinnerung und ein ritterliches Andenken in Frankreich zurückgelassen hat. Und diese ganze Welt von Königen, Prinzen, Höflingen, welche auf diesem azurnen Meer unter diesem purpurnen Zeltdach unter dem Klange einer melodischen, von dem guten Domenico Cimarosa, Capellmeister und Hofeomponist, dirigierten Musik dahinglitt passirte nach der Reihe Resina, Portici, Torre del Greco und ward nach dem offenen Meer durch jenen weichen Hauch von Baia hinausgetragen, welcher der Ehre der römischen Damen so gefährlich ist und die Rosenbäume von Pästum jährlich zweimal erblühen läßt. Gleichzeitig sah man am Horizont, noch weit jenseits Capri und des Caps Campanella, ein Kriegsschiff auftauchen, welches seinerseits, als es die königliche Flottille gewahrte, so manövrierte, daß es ein wenig näher kam, während es zugleich einen Kanonenschuß löste. Eine leichte Rauchwolke stieg an der Seitenwand des Kolosses empor und gleichzeitig sah man die rothe Flagge Englands graziös die Mastspitze erklettern. Nach einigen Sekunden später hörte man ein langgedehntes Rollen, welches dem des fernen Donnersglich. Zweites Capitel. Der Held vom Nil Das Schiff, welches der königlichen Flottille entgegensteuerte und an dessen Mastspitze wir die rothe Flagge Englands gesehen, hieß der »Vanguard«. Der Officier, welcher es commandierte, war der Commodor Horaz Nelson, der so eben die französische Flotte bei Abukir vernichtet und Bonaparte und der republikanischen Armee alle Hoffnung auf die Rückkehr nach Frankreich abgeschnitten hatte. Sagen wir mit wenigen Worten, wer dieser Commodor Horaz Nelson war, einer der größten Seehelden, die es jemals gegeben, der Einzige, welcher dem continentalen Glück Napoleons auf dem Ocean das Gleichgewicht hielt, ja es sogar erschütterte. Man wird sich vielleicht wundern, uns das Lob Nelson's preisen zu hören, dieses furchtbaren Feindes Frankreichs, der ihm bei Abukir und Trafalgar das beste und reinste Herzblut entrissen. Männer wie dieser sind aber einmal ein Product der allgemeinen Civilisation, die Nachwelt macht bei ihnen keinen Unterschied der Geburt und des Landes. Sie betrachtet sie vielmehr wie einen Theil der Größe des gesamten Menschengeschlechts, auf welchen dieses mit unendlicher Liebe und unermeßlichem Stolz hinblicken muß. Einmal in das Grab hinabgestiegen, sind sie nicht mehr Landsleute oder Fremdlinge, nicht mehr Freunde oder Feinde. Sie heißen Hannibal und Scipio, Cäsar und Pompejus, das heißt Werke und Thaten. Die Unsterblichkeit naturalisiert die großen Geister zum Nutzen des Weltalls. Nelson ward am 29. September 1758 geboren und also zu der Zeit, von welcher wir hier sprechen, ein Mann von neununddreißig bis vierzig Jahren. Er war geboren in Barnham Thorpes, einem kleinen Dorf der Grafschaft Norfolk. Sein Vater war Pfarrer, seine Mutter starb jung und hinterließ elf Kinder. Ein Onkel, den er in der Marine hatte und der mit den Walpoles verwandt war, nahm ihn als Aspiranten mit auf den »Redoubtable«, ein Kriegsschiff von vierundsechzig Kanonen. Auf diesem Schiff ging er nach dem Nordpol und brachte sechs Monate im Eismeer zu. Hier kämpfte er mit einem weißen Bären, der ihn zwischen einen Tatzen erstickt haben würde, wenn nicht einer seiner Cameraden die Mündung seiner Muskete dem Bären ins Ohr gesetzt und denselben durch einen Schuß niedergestreckt hätte. Dann ging er nach dem Aequator, verirrte sich in einem Walde Perus, schlief am Fuße eines Baumes ein, ward von einer Schlange der schlimmsten Art gestochen, wäre an diesem Stich beinahe gestorben und behielt davon lebenslang schwarzgelbe Flecken gleich denen der Schlange selbst. In Canada hatte er seine erste Liebschaft und hätte beinahe seine größte Thorheit begangen. Um die Person, welche er liebte, nicht zu verlassen, wollte er seine Entlassung als Fregattencapitän nehmen. Seine Officiere aber bemächtigten sich seiner unvermuthet, banden ihn wie einen Verbrecher oder einen Tollhäusler, trugen ihn auf das »Sea Horse«, welches er damals commandierte, und gaben ihm erst auf offener See die Freiheit wieder. Nach London zurückgekehrt, verheiratete er sich mit einer jungen Witwe, Namens Mitreß Nisbett. Er liebte sie mit jener Leidenschaft, welche sich in seiner Seele so leicht und so heftig entzündete, und als er wieder zur See ging, nahm er einen Sohn, Namens Josua, mit, den sie von ihrem ersten Manne hatte. Als Toulon durch den Admiral Trogof und den General Mandet den Engländern überlassen ward, war Horaz Nelson Capitän an Bord des »Agamemnon« und ward mit seinem Schiffe nach Neapel geschickt, um dem Könige Ferdinand und der Königin Carolina die Einnahme des wichtigsten französischen Kriegshafens zu melden. Sir William Hamilton, der englische Gesandte, traf ihn beim Könige, nahm ihn mit nach Hause, ließ ihn in dem Salon, ging in das Zimmer seiner Gattin und sagte zu ihr: »Ich bringe Ihnen einen kleinen Mann, der sich nicht rühmen kann, schön zu sein; ich müßte mich aber sehr irren, wenn er nicht später einmal der Stolz Englands und der Schrecken unserer Feinde würde.« »Und woraus schließen Sie das?« fragte Lady Hamilton. »Aus den wenigen Worten, die wir gewechselt haben. Er ist im Salon. Kommen Sie, um ihm die Honneurs unseres Hauses zu machen. Ich habe noch niemals einen englischen Officier bei mir empfangen, aber ich will nicht, daß dieser anderswo, als in meinem Hotel wohne.« Und Nelson wohnte in der englischen Gesandtschaft, deren Hotel an der Ecke des Flusses und der Straße von Chiaja stand. Nelson war damals, im Jahre 1793, ein Mann von vierunddreißig Jahren, klein von Wuchs, wie Sir William gesagt, bleich von Gesicht, mit blauen Augen und jener Adlernase, welche das Profil der Kriegsmänner auszeichnet und Cäsar und Condé Aehnlichkeit mit Raubvögeln gibt; mit jenem hervorragenden Kinne, welches die bis zur Hartnäckigkeit getriebene Zähigkeit verräth. Was Haar und Bart betraf, so waren dieselben hellblond und dünn. Nichts verräth, daß zu jener Zeit Emma Lyonna in Bezug auf Nelsons äußere Erscheinung einer anderen Meinung gewesen sei, als ihr Gatte. Die so zu sagen niederschmetternde Schönheit der Gesandtin aber äußerte ihre Wirkung. Nelson verließ Neapel, nahm die Verstärkungen mit, welche er von dem neapolitanischen Hofe verlangt, und hatte sich in Lady Hamilton verliebt bis zum Wahnsinn. Geschah es aus reinem Ehrgeiz, oder geschah es, um sich von jener Liebe zu heilen, die, wie er fühlte, unheilbar war, daß er bei der Einnahme von Calvi, wo er ein Auge, oder bei der Expedition nach Tenneriffa, wo er ein Bein verlor, den Tod suchte? Man weiß dies nicht, aber bei diesen beiden Gelegenheiten setzte er sein Leben mit einer solchen Tollkühnheit aufs Spiel, daß man glauben mußte, es läge ihm äußerst wenig daran. Lady Hamilton sah ihn sonach als Einäugigen und Einbeinigen wieder, und nichts verräth, daß ihr Herz für den verstümmelten Helden ein anderes Gefühl gehegt habe, als jenes zärtliche, theilnehmende Mitleid, welches die Schönheit den Märtirern des Ruhmes schuldig ist. Am 16. Juni 1798 kam er zum zweiten Male nach Neapel und zum zweiten Male sah er sich der Lady Hamilton gegenüber. Die Lage war für Nelson eine sehr kritische. Beauftragt, die französische Flotte in dem Hafen von Toulon zu blockieren und sie, wenn sie denselben verließe, anzugreifen, hatte er gleichwohl diese Flotte sich zwischen den Fingern hindurchschlüpfen gesehen und dieselbe hatte im Vorüberfahren Malta genommen und dreißigtausend Mann in Alexandrien ans Land gesetzt. Dies war noch nicht Alles. Von einem Sturm umhergetrieben, der seinen Schiffen schwere Beschädigungen zugefügt, an Wasser und Lebensmitteln Mangel leidend, konnte er seine Verfolgung nicht fortsetzen, sondern mußte nach Gibraltar steuern, um sich zu verproviantiren. Er war verloren. Man konnte des Hochverraths einen Mann anklagen, welcher einen Monat lang in dem mittelländischen Meere, das heißt in einem großen See, eine Flotte von dreizehn Linienschiffen und dreihundert siebenundachtzig Transportschiffen gesucht hatte, nicht blos ohne sie einholen zu können, sondern auch ohne ihren Curs ermittelt zu haben. Jetzt handelte es sich darum, unter den Augen des französischen Gesandten von dem Hofe der beiden Sicilien die Erlaubniß zu erhalten, daß Nelson in den Häfen von Messina und Syracus Wasser und Lebensmittel und in Calabrien Schiffsbauholz einnehmen dürfte, um seine zerbrochenen Masten und Raaen zu ersetzen. Nun aber hatte der Hof beider Sicilien einen Friedensvertrag mit Frankreich geschlossen. Dieser Vertrag machte ihm die strengste Neutralität zu Pflicht und wenn man Nelson das, was er verlangte, gewährte, so war dies eine offenbare Verletzung dieses Tractats und ein Bruch dieser Neutralität. Ferdinand und Caroline verabscheuten aber die Franzosen so sehr und hatten Frankreich einen solchen Haß geschworen, daß Alles, was Nelson begehrte, ihm ohne Bedenken gewährt ward, und Nelson, welcher wußte, daß nur ein großer Sieg ihn retten konnte, verließ Neapel verliebter und wahnsinniger als je, mit dem Schwur, zu siegen oder sich bei der ersten Gelegenheit tödten zu lassen. Er siegte und wäre beinahe getödtet worden. Niemals seit Erfindung des Pulvers und Anwendung des Geschützes war eine entsetzlichere Seeschlacht geschlagen worden. Von den dreizehn Linienschiffen, aus welchen, wie wir bereits bemerkt, die französische Flotte bestand, konnten nur zwei den Flammen und der gänzlichen Zerstörung durch den Feind entrinnen. Ein Schiff, der »Orient«, war in die Luft geflogen. Ein anderes Linienschiff und eine Fregatte waren in den Grund gebohrt worden, neun waren in die Hände der Sieger gefallen. Nelson hatte sich während der ganzen Zeit, welche der Kampf gedauert, als vollkommener Held gezeigt. Er hatte sich dem Tode dargeboten und der Tod hatte ihn nicht gewollt, wohl aber hatte er eine grausame Verwundung davongetragen. Eine Kugel vom »Wilhelm Tell« hatte eine Raa des »Vanguard« getroffen und die zerschossene Raa war Nelson in demselben Augenblick, wo er den Kopf emporrichtete, um die Ursache des furchtbaren Krachens, welches er hörte, zu erspähen, auf die Stirn gefallen, hatte ihm die Haut des Hirnschädels über das einzige Auge, welches er noch besaß, herabgeschlagen und ihn wie einen von einem Keulenschlage getroffenen Stier von seinem Blut überströmt aufs Deck hingestreckt. Nelson glaubte, die Wunde sei tödtlich, ließ den Caplan rufen, um sich von diesem den letzten Segen ertheilen zu lassen, und beauftragte ihn mit den letzten Grüßen an seine Familie. Nach dem Priester aber kam der Chirurg, dieser untersuchte die Hirnschale. Dieselbe war unversehrt. Nur die Stirnhaut war losgerissen und fiel bis über den Mund herab. Die Haut ward wieder in ihre naturgemäße Lage zurückgebracht, an der Stirn angeheftet und durch eine schwarze Binde festgehalten. Nelson raffte das seiner Hand entfallene Sprachrohr auf und machte sich wieder an das Werk der Zerstörung, indem er »Feuer!« commandierte. Es lag der Hauch eines Titans in dem Haß dieses Mannes gegen Frankreich. Am 2. August, acht Uhr Abends, war, wie wir schon vorhin bemerkten, von der ganzen französischen Flotte nichts weiter übrig als zwei Schiffe, die sich nach Malta flüchteten . Ein leichtes Fahrzeug trug die Nachricht von Nelsons Siege und der Zerstörung der französischen Flotte an den Hof von Neapel und zur Admiralität von England. Ganz Europa hallte bis nach Asien wieder von einem unermeßlichen Freudenschrei, so sehr fürchtete man die Franzosen, so sehr verwünschte und verabscheute man die französische Revolution. Ganz besonders der Hof von Neapel ward, nachdem er vor Wuth geschnaubt, nun vor Freude fast wahnsinnig. Natürlich war es Lady Hamilton, welche Nelson's Brief empfing, der ihr diesen Sieg meldete, welcher dreißigtausend Mann Franzosen und Bonaparte mit ihnen in Egypten gefangen hielt. Bonaparte, der Mann von Toulon, des 13. Vendemiaire, von Montenotte, von Dego, von Arcole und von Rivoli, der Ueberwinder Beaulieus, Wurmser's, Alvinzi‘s und des Prinzen Karl, der Schlachtenheld, welcher binnen weniger als zwei Jahren hundert und fünfzigtausend Gefangene gemacht, hundert und siebzig Fahnen erobert, fünfhundert und fünfzig Geschütze von schwerem Caliber, sechshundert Feldkanonen und fünf Brückenequipagen genommen, der Ehrgeizige, welcher gesagt hatte, Europa sei ein Maulwurfshaufen und nur im Orient habe es jemals große Staaten und große Revolutionen gegeben, der abenteuerlustige Feldherr, der, mit neunundzwanzig Jahren schon größer als Hannibal und Scipio, Egypten erobern wollte, um ebenso groß zu sein als Alexander und Cäsar, war nun mit einem Male beseitigt, unterdrückt, aus der Liste der Kämpfenden gestrichen. Er hatte bei dem großartigen Kriegsspiel endlich einen Gegner gefunden, der glücklicher oder geschickter war als er. Auf dem riesigen Schachbrett des Nil, wo Obelisken die Bauern, Sphinxe die Springer, Pyramiden die Thürme sind, wo die Läufer Kambytes, die Könige Sesostris und die Königinnen Kleopatra heißen, war er auf einmal mattgesetzt. Die Furcht, welche die vereinten Namen Frankreich und Bonaparte den Souveränen Europas eingejagt, läßt sich am besten nach den Geschenken beurtheilen, welche Nelson von diesen Souveränen empfing, die außer sich vor Freude waren, als die Frankreich gedemüthigt sahen und Bonaparte verloren glaubten. Die Aufzählung dieser Geschenke ist leicht. Wir brauchen zu diesem Zwecke blos eine von Nelsons eigener Hand geschriebene Notiz zu copiren. Von Georg dem Dritten empfing er die Würde eines Pairs von Großbritanien und eine goldene Medaille. Von dem Unterhaus für sich und seine zwei nächsten Erben den Titel eines Baronets vom Nil und von Barnham-Thorpes nebst einer Rente von zweitausend Pfund Sterling, deren Auszahlung vom 1. August 1798, dem Tage der Schlacht, beginnen sollte. Von dem Oberhause eine gleiche Rente unter denselben Bedingungen und von demselben Tage an beginnend. Von dem Parlament von Irland eine Pension von tausend Pfund Sterling. Von der ostindischen Compagnie ein einmaliges Geschenk von zehntausend Pfund. Von dem Sultan eine Diamantenagraffe, welche auf zweitausend, und einen kostbaren Pelz, der auf eintausend Pfund Sterling geschätzt ward. Von der Mutter des Sultans eine mit Diamanten besetzte Schatulle, zwölfhundert Pfund im Werthe. Von dem Könige von Sardinien eine mit Diamanten besetze Tabatière, an Werth zwölfhundert Pfund. Von der Insel Zante einen Degen mit goldenem Griff und einen Stock mit goldenem Knopf Von der Stadt Palermo eine Tabatière und eine goldene Kette auf einem silbernen Teller. Endlich von seinem Freunde Benjamin Hallowell, Capitän des »Swiftsure«, ein echt englisches Geschenk, welches wir durchaus nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen. Wir haben gesagt, daß das französische Schiff, der »Orient«, in die Luft geflogen war. Hallowell ließ den großen Mast aus dem Wasser fischen und an Bord eines Schiffes bringen. Dann ließ er durch einen Schiffszimmermann und Schiffsschlosser aus diesem Mast und dessen Eisenbeschlägen einen Sarg fertigen, mit einer Platte verziert, auf welcher folgendes Ursprungszeugniß eingraviert war: »Ich bezeuge hiermit, daß dieser Sarg ausschließlich aus dem Holze und Eisen des Schiffes der »Orient« gefertigt ist, von welchem das unter meinem Befehle stehende Schiff Sr. Majestät einen großen Theil in der Bai von Abukir rettete.     »Benj. Hallowell.« Diesen auf diese Weise hinsichtlich seines Ursprunges legitimierten Sarg machte er Nelson zum Geschenk und fügte folgenden Brief bei: »An den ehrenwerthen Nelson C. B. »Geehrter Herr! »Ich schicke Ihnen beifolgend einen aus dem Maste des französischen Schiffes der »Orient« gefertigten Sarg, damit Sie, wenn Sie einmal aus diesem Leben scheiden, vor allen Dingen in Ihren eigenen Trophäen ruhen können. Die Hoffnung, daß dieser Tag noch fern sei, ist der aufrichtige Wunsch Ihres ergebenen Dieners     »Benj. Hallowell.« Von allen Geschenken, welche dem glücklichen Sieger dargebracht wurden, schien dieses letztere das zu sein, welches ihn am meisten rührte. Er empfing es mit unverhohlener Freude, ließ es in seine Cajüte bringen und dicht hinter dem Sessel, in welchem er bei Tische saß, an die Wand lehnen. Ein alter Diener, den der Anblick dieses ominösen Möbels allemal traurig stimmte, brachte den Admiral endlich dahin, daß er es in das Zwischendeck bringen ließ. Als Nelson den furchtbar zerschossenen »Vanguard« mit dem »Fulminant« vertauschte, blieb der Sarg, der auf dem neuen Schiffe noch keinen geeigneten Platz gefunden, einige Monate auf dem Vorderdeck stehen. Eines Tages, als die Officiere des »Fulminant« das Geschenk des Capitäns Hallowell bewunderten, rief Nelson ihnen von seiner Cajüte aus zu: »Bewundern Sie so viel Sie wollen, meine Herren. Für Sie ist er doch nicht gemacht.« Endlich schickte Nelson ihn, sobald sich Gelegenheit darbot, nach England an seinen Tapezierer mit dem Auftrage, ihn sofort mit Sammet auszuschlagen, weil er ihn bei dem Handwerke, welches er triebe, jeden Augenblick nöthig haben könne und ihn daher unverweilt in vollständige Bereitschaft gesetzt zu sehen wünschte. Wir brauchen nicht erst zu erwähnen, daß Nelson, nachdem er sieben Jahre später bei Trafalgar gefallen, wirklich in diesem Sarge zur Gruft bestattet ward. Kommen wir jetzt auf unsere Erzählung zurück. Wir haben gesagt, daß Nelson mit einem leichten Fahrzeuge die Nachricht von dem Siege bei Abukir nach Neapel und London entsendet hatte. Gleich nach dem Empfang von Nelsons Briefe eilte Emma Lyonna zu der Königin Caroline und überreichte ihr denselben geöffnet. Die Königin warf einen Blick darauf und stieß einen lauten Freudenschrei aus. Sie rief ihre Söhne, sie rief den König, sie lief wie eine Wahnsinnige in den Gemächern umher, küßte jeden, der ihr in den Weg kam, schloß die Ueberbringerin der frohen Neuigkeit in die Arme und ward nicht müde zu rufen: »Nelson! tapferer Nelson! O Retter und Befreier Italiens! Gott schütze Dich! Der Himmel behüte Dich!« Ohne sich dann weiter um den französischen Gesandten Garat zu kümmern, denselben, welcher Ludwig dem Sechzehnten das Todesurtheil vorgelesen und welchen das Directorium ohne Zweifel als eine Warnung für die neapolitanische Monarchie an diesen Hof gesendet, befahl sie, in der Meinung daß nun nichts mehr von Frankreich zu fürchten stehe, offen, unverhohlen und am hellen lichten Tage alle nothwendigen Anstalten zu treffen, um Nelson in Neapel zu empfangen, wie man einen Sieger empfängt. Um nicht hinter den andern Souveränen zurückzubleiben, ließ sie, welche ihm mehr schuldig zu sein glaubte, als die andern, weil sie doppelt bedroht war, nämlich durch die Anwesenheit der französischen Truppen in Rom und durch die Proclamation der römischen Republik, durch ihren Premierminister Acton ein Patent ausfertigen, durch welches Nelson mit dreitausend Pfund Sterling jährlicher Rente zum Herzog von Bronte ernannt ward, während der König, als man ihm dieses Patent zur Unterschrift vorlegte, sich vorbehielt, ihm selbst den Degen zu verehren, welchen Ludwig der Vierzehnte seinem Sohn Philipp dem Fünften, als derselbe abreiste, um über Spanien zu regieren, und Philipp der Fünfte seinem Sohn Don Carlos geschenkt, als dieser auf brach, um Neapel zu erobern. Abgesehen von seinem historischen Werth, welcher unschätzbar war, ward dieser Degen, der den Instructionen des Königs Carl des Dritten gemäß nur dem Vertheidiger und dem Retter der Monarchie der beiden Sicilien gehören sollte, wegen der Diamanten, womit er besetzt war, auf fünftausend Pfund Sterling oder hundert und fünfundzwanzigtausend Francs geschätzt. Was die Königin betraf, so hatte sie sich vorbehalten, Nelson ein Geschenk zu machen, welches in seinen Augen durch alle Gunstbezeigungen, durch alle Schätze sämmtlicher Könige der Erde nicht aufgewogen werden konnte. Sie hatte sich nämlich vorbehalten, ihm jene Emma Lyonna zu geben, die seit fünf Jahren der Gegenstand seiner glühendsten Träume war. Demzufolge hatte sie am Morgen jenes 22. September 1798 zu Emma Lyonna, indem sie das kastanienbraune Haar auf die Seite strich, um diese falsche Stirn zu küssen, die anscheinend so rein war, daß man sie für die eines Engels hätte halten können, gesagt: »Meine vielgeliebte Emma, damit ich König bleibe und damit Du folglich Königin bleibst, muß dieser Mann uns gehören, und damit dieser Mann uns gehöre, mußt Du ihm gehören.« Emma hatte die Augen niedergeschlagen und ohne zu antworten die beiden Hände der Königin ergriffen und leidenschaftlich geküßt. Wir wollen nun sagen, wie Marie Caroline eine solche Bitte aussprechen oder vielmehr der Lady Hamilton, der Gemahlin des Gesandten Englands, einen solchen Befehl ertheilen konnte. Drittes Capitel. Die Vergangenheit der Lady Hamilton Bei der kurzen, ungenügenden Schilderung, die wir von Emma Lyonna zu entwerfen gesucht, haben wir gesagt: »die seltsame Vergangenheit dieser Frau.« und in der That war wohl auch selten das Lebensschicksal eines Menschen außerordentlicher als das ihrige. Nie war eine Vergangenheit gleichzeitig düsterer und blendender als die ihrige. Sie kannte niemals genau das Alter oder den Ort ihrer Geburt. So weit ihre Erinnerung zurückreichte, sah sie sich als Kind von drei oder vier Jahren mit einem armseligen Leinwandröckchen bekleidet, mit nackten Füßen unter Nebel und dem Regen eines nördlichen Landes eine Gebirgsstraße wandernd und sich mit ihrer erstarrten kleinen Hand an die Kleider ihrer Mutter festhaltend, einer armen Bäuerin, von welcher sie, wenn sie zu müde war, oder es den Weg durchschneidende Bäche zu durchwaten gab, auf die Arme genommen ward. Sie entsann sich auch, daß sie auf dieser Wanderung viel gehungert und gedürstet. Sie erinnerte sich auch ferner, daß, wenn sie durch eine Stadt kamen, ihre Mutter vor der Thür eines reichen Hauses oder vor dem Laden eines Bäckers stehen blieb; daß sie hier entweder um ein Stück Geld bettelte, welches man ihr oft verweigerte, oder um ein Stück Brod, welches man ihr fast allemal gab. Abends machten Mutter und Tochter in irgend einem einsamen Gehöfte Halt und nahmen die Gastfreundschaft desselben in Anspruch, welche man ihnen entweder in der Scheune oder in dem Stalle gewährte. Die Nächte, wo man den beiden armen Wanderinnen erlaubte, in einem Stalle zu schlafen, waren festliche Nächte. Die Kleine erwärmte sich dann rasch durch den milden Hauch der Thiere und empfing am Morgen, ehe sie sich wieder auf den Weg machten, fast immer entweder von der Bäuerin oder von der Magd, welche die Kühe zu melken kam, ein Glas laue schäumende Milch, eine Delicatesse, für welche sie um so dankbarer war, als ihr dieselbe nicht oft geboten ward. Endlich erreichten Mutter und Tochter die kleine Stadt Flint, das Ziel ihrer Wanderung. Hier waren Emmas Mutter und John Lyons, ihr Vater, geboren. Dieser letztere hatte, um Arbeit zu suchen, die Grafschaft Flint verlassen, und hatte sich nach Chester begeben; die Arbeit war aber hier sehr schlecht bezahlt worden. Jung und arm war John Lyons gestorben und seine Witwe kehrte in ihre Heimat zurück, um zu sehen, ob dieselbe sie gastfrei oder stiefmütterlich empfangen würde. Drei oder vier Jahre später hatte Emma, wie sie sich erinnerte, am Abhange eines grasigen, blumigen Hügels für eine Bäuerin in der Umgegend, bei welcher ihre Mutter als Magd diente, eine kleine Schafherde gehütet und vorzugsweise gern in der Nähe einer durchsichtigen Quelle geweilt, in welcher sie sich selbstgefällig betrachtete, nachdem sie sich mit den um sie herum wachsenden wilden Blumen geschmückt. Zwei oder drei Jahre später und als sie eben nahe daran war, ihr zehntes Jahr zurückzulegen, ereignete sich ein Glücksfall in der Familie. Ein Lord Halifax, welcher ohne Zweifel in einer seiner aristokratischen Anwandlungen Emmas Mutter noch schön gefunden, schickte ihr eine kleine Summe, wovon ein Theil für sie selbst und das Uebrige für die Erziehung ihres Kindes bestimmt war. Emma erinnerte sich, daß sie nun in eine Pensionsschule für junge Mädchen gebracht ward, deren gleichförmige Bekleidung in einem Strohhut, einem himmelblauen Kleid und einer schwarzen Schürze bestand. In dieser Pensionsschule blieb sie zwei Jahre, lernte hier lesen und schreiben und studierte die ersten Elemente der Musik und des Zeichnens, in welchen Künsten sie in Folge ihrer bewunderungswürdigen Naturanlagen rasche Fortschritte machte, als eines Morgens ihre Mutter kam, um sie wieder abzuholen. Lord Halifax war gestorben und hatte vergessen, seine beiden Schützlinge in seinem Testament zu bedenken. Emma konnte daher nicht mehr in der Pensionsschule bleiben, sondern mußte sich entschließen, als Kinderwärterin in die Dienste eines gewissen Thomas Hawarden zu treten, dessen Tochter als junge Witwe gestorben war und drei verwaiste Kinder hinterlassen hatte. Eine Begegnung, welche sie, während sie mit den Kindern am Strande des Meeres spazieren ging, machte, entschied über ihr Leben. Eine berühmte Courtiane von London, Miß Arabell genannt, und ein sehr talentvoller Maler, ihr damalige Liebhaber, waren stehen geblieben, der Maler, um ein Bäuerin aus dem Fürstenthurm Wales zu skizzieren, um Miß Arabella, um ihm dabei zuzusehen. Die Kinder, welche Emma führte, näherten sich neu gierig und stellten sich auf die Fußspitzen, um zu sehen, was der Maler machte. Emma folgte ihnen. Der Maler drehte sich um, erblickt sie und stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Emma zählte jetzt dreizehn Jahre und niemals hat der Maler etwas so Schönes gesehen. Er fragte, wer sie wäre, was sie mache. Die Schulbildung, welche Emma Lyonna erhalten befähigte sie, diese Fragen mit einer gewissen Eleganz zu beantworten. Er erkundigte sich, wie viel sie mit der Abwartung dieser Kinder verdiene. Sie antwortete, sie bekäme dafür Kleider, Wohnung und Kost und außerdem monatlich zehn Schillinge. »Kommen Sie nach London,« sagte der Maler zu ihr »und ich gebe Ihnen fünf Guineen für jedes Mal, wo Sie sich dazu verstehen werden, sich von mir skizzieren zu lassen. Und er reichte ihr eine Karte, auf welcher die Wort standen: »Edward Romney, Cavendish Square Nr. 8.« Gleichzeitig zog Miß Arabella aus ihrem Gürtel ein kleine Börse, welche einige Goldstücke enthielt, und bot sie ihr. Emma erröthete, ergriff die Karte, steckte dieselbe in ihr Mieder, die Börse wies sie instinctartig zurück. Da Miß Arabella auf ihrem Anerbieten beharrte und sagte, sie solle dieses Geld zur Bestreitung der Kosten ihrer Reise nach London verwenden, so sagte Emma: »Ich danke Ihnen, Madame. Wenn ich nach London reise, so kann ich es mit den kleinen Ersparnissen thun, welche ich bereits gemacht und ferner machen werde.« »Von Ihren zehn Schillingen monatlich?« fragte Miß Arabella lachend. »Ja, Madame,« antwortete das junge Mädchen naiv. Dabei hatte es vor der Hand sein Bewenden. Einige Monate später kam Mr. Hawardens Sohn, Mr. James Hawarden, ein berühmter Wundarzt in London, auf Besuch zu seinem Vater. Auch er ward von Emma's Schönheit betroffen und war während der ganzen Zeit, die er in der kleinen Stadt Flint blieb, gut und liebreich gegen sie, nur forderte er nicht, wie Romney, sie auf, nach London zu kommen. Nachdem er drei Wochen bei seinem Vater zugebracht, reiste er wieder ab und ließ zwei Guineen für die kleine Kinderwärterin zur Belohnung für die Sorgfalt zurück, womit sie eine Neffen abwarte. Emma nahm das Geld ohne Widerstreben. Sie hatte eine Freundin. Diese Freundin hieß Fanny Strong und hatte ihrerseits einen Bruder, welcher Richard hieß. Emma hatte nie darnach gefragt, was ihre Freundin triebe, obschon dieselbe besser gekleidet war, als ihre Vermögensumstände zu erlauben schienen. Ohne Zweifel glaubte sie, Fanny werde von ihrem Bruder unterstützt, der für einen Schleichhändler galt. Eines Tages, als Emma – sie zählte damals ziemlich vierzehn Jahre – vor dem Kaufladen eines Glashändlers stehen geblieben war, um sich in einem großen Spiegel zu betrachten, welcher dem Laden als Schaufenster diente, fühlte sie sich plötzlich an der Schulter berührt. Es war ihre Freundin Fanny Strong, die sie auf diese Weise aus ihrer Extase aufrüttelte. »Was machst Du da?« fragte Fanny. Emma erröthete, ohne zu antworten. Wenn sie die Wahrheit hätte sagen wollen, so hätte sie antworten müssen: »Ich betrachtete mich und fand mich schön.« Fanny Strong bedurfte aber gar keiner Antwort, um zu wissen, was in Emma's Herzen vorging. »Ach,« sagte sie, »wenn ich so hübsch wäre wie Du, so bliebe ich nicht lange in diesem abscheulichen Lande.« »Wo würdest Du denn hingehen?« fragte Emma. »Ich ginge nach London. Alle Welt sagt, daß man mit einem hübschen Gesicht in London sein Glück machen kann. Geh hin und wenn Du Millionärin geworden bist, so machst Du mich zu deinem Kammermädchen.« »Wollen wir zusammen hingehen?« fragte Emma Lyonna. »Ich ginge sehr gern mit, aber wie soll ich es möglich machen? Ich habe nicht sechs Pence im Vermögen und ich glaube auch nicht, daß mein Bruder Dick jetzt viel reicher ist als ich.« »Ich,« sagte Emma, »ich habe beinahe vier Guineen.« »Ach, das ist ja mehr, als wir – Du, ich und Dick – alle drei brauchen!« rief Fanny. Und die Reise ward beschlossen. Am nächsten Montag fuhren die drei Flüchtlinge, ohne einem Menschen etwas zu sagen, von Chester mit der Personenpost nach London. Als sie an dem Bureau, wo die Personenpost von Chester Halt machte, ankamen, theilte Emma die zweiundzwanzig Schilling, die sie von ihrem Geld noch übrig hatte, mit Fanny. Fanny Strong und ihr Bruder hatten die Adresse einer Herberge, wo gewöhnlich Schmuggler verkehrten. Diese Herberge befand sich in der kleinen Villiers Street, die einerseits an die Themse und andererseits an den Strand stößt. Emma ließ Dick und Fanny dieses Quartier aufsuchen, sie selbst nahm eine Droschke und ließ sich nach Cavendish Square Nr. 8 bringen. Edward Romney war abwesend. Man wußte auch nicht, wo er war, oder wann er wiederkommen würde. Man glaubte, er sei in Frankreich, und erwartete ihn nicht eher als nach etwa zwei Monaten zurück. Emma war wie betäubt; an diese so natürliche Möglichkeit, daß Romney nicht da sei, hatte sie gar nicht einmal gedacht. Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie dachte an Mr. James Hawarden, den berühmten Wundarzt, welcher, als er das Haus seines Vaters verlassen, ihr so freundlich die zwei Guineen geschenkt, welche dazu gedient, den größern Theil der Reisekosten zu bestreiten. Er hatte ihr eine Adresse nicht gegeben; sie hatte aber zwei- oder dreimal die Briefe, die er an seine Frau geschriehen, auf die Post getragen. Er wohnte Leicester Square Nr. 4. Sie stieg wieder in den Miethwagen, ließ sich nach Leicester Square, was von Cavendish Square gar nicht weit entfernt ist, bringen und pochte zitternd an die Thür. Der Arzt war zu Hause. Sie fand den würdigen Mann ganz so, wie sie gehofft. Sie sagte ihm Alles und er hatte Mitleid mit ihr, versprach, ihr ein Unterkommen zu verschaffen, und nahm sie mittlerweile in sein eigenes Haus auf, ließ sie an einem Tische Platz nehmen und gab sie einer Frau zur Gesellschafterin. Eines Morgens theilte er ihr mit, er habe für sie einen Platz in einem der ersten Bijouterieläden von London gefunden; am Vorabend des Tages aber, wo Emma diesen Dienst antreten sollte, wollte er ihr erst noch das Vergnügen machen, sie ins Theater zu führen. Als im Theater von Drury Lane der Vorhang vor ihr aufging, zeigte sich ihr eine unbekannte Welt. Man gab »Romeo und Julie,« jenen Liebestraum, der in keiner Sprache seinesgleichen hat. Geblendet und berauscht kehrte Emma nach Hause zurück. Die ganze Nacht schlief sie nicht eine Secunde, sondern versuchte fortwährend sich einige Bruchstücke der beiden wunderbaren Balconscenen ins Gedächtniß zurückzurufen. Am nächstfolgenden Tage trat sie ihren Dienst an, vorher aber fragte sie Mr. Hawarden, wo sie das Stück, welches sie am Abend vorher aufführen gesehen, zu kaufen bekommen könne. Mr. Hawarden ging in seine Bibliothek, nahm hier eine vollständige Ausgabe von Shakespeare vom Brette und schenkte ihr dieselbe. Ehe noch drei Tage um waren, wußte sie Julia's Rolle auswendig. Sie dachte nach, auf welche Weise sie noch einmal in das Theater gelangen und sich zum zweiten Mal in dem süßen Gift berauschen könne, welches in der magischen Mischung von Liebe und Poesie besteht. Sie wollte um jeden Preis in jene bezauberte Welt zurückkehren, welche sie nur erst flüchtig gesehen, als plötzlich eine prachtvolle Equipage vor der Thür des Magazins Halt machte. Eine Dame stieg aus und trat mit jenem gebieterischen Schritt ein, welcher dem Reichthum eigen zu sein pflegt. Emma stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Sie hatte Miß Arabella erkannt. Miß Arabella erkannte ihrerseits Emma auch wieder, sagte aber nichts, sondern kaufte für sieben- oder achthundert Pfund Sterling Schmucksachen und ersuchte den Verkäufer, ihr dieselben durch seine neue Ladendemoiselle zuzusenden, indem sie zugleich die Stunde nannte, zu welcher sie wieder nach Hause zurückgekehrt sein würde. Die neue Ladendemoiselle war Emma. Zur bestimmten Stunde ließ man sie mit den Schmucksachen in einen Wagen steigen und schickte sie nach Miß Arabella's Hotel. Die schöne Courtisane erwartete sie. Ihr Glück hatte jetzt die Mittagshöhe erreicht. Sie war die Maitresse des Prinz-Regenten, der damals kaum siebzehn Jahre zählte. Sie ließ sich von Emma Alles erzählen und fragte sie dann, ob sie bis zu Romneys Rückkehr nicht lieber bei ihr bleiben und ihr die Zeit vertreiben helfen, als wieder in den Kaufladen zurückkehren wollte. Emma stellte nur eine Frage, nämlich die, ob es ihr erlaubt sein würde, ins Theater zu gehen. Miß Arabella antwortete ihr, daß alle Tage, wo sie nicht selbst hineinginge, ihre Loge zur Verfügung ihrer Gesellschafterin stünde. Dann sendete sie die Zahlung für die Schmucksachen und ließ sagen, daß sie Emma bei sich behielte. Der Juwelier, welcher Miß Arabella als eine seiner besten Kunden betrachtete, hütete sich wohl, sich wegen einer solchen Kleinigkeit mit ihr zu veruneinigen. In Folge welcher seltsamen Laune faßte aber die damals die flotte Männerwelt beherrschende Courtisane diesen unklugen, unbegreiflichen Wunsch, dieses schöne junge Wesen in ihrer Nähe zu haben? Miß Arabellas Feinde – und ihr glänzendes Glück hatte ihr deren viele gemacht – gaben für diese Laune eine Erklärung an, welche die in eine Sappho verwandelte englische Phryne sich nicht einmal die Mühe nahm in Abrede zu stellen. Zwei Monate lang blieb Emma bei der schönen Courtiane, las alle Romane, welche ihr in die Hände fielen, besuchte alle Theater und wiederholte, in ihr Zimmer zurückgekehrt, alle Rollen, die sie gehört, und ahmte alle Ballets nach, welchen sie beigewohnt. Was für Andere blos eine Erholung war, ward für sie eine Beschäftigung aller Stunden. Sie hatte nun ziemlich ihr fünfzehntes Jahr erreicht und stand in der ganzen Blüthe ihrer Jugend und Schönheit. Ihre schlanke, harmonische Gestalt schmiegte sich allen Stellungen an und leistete durch ihre natürlichen Undulationen dasselbe, was die geschicktesten Tänzerinnen erst mühsam erlernt hatten. Was ihr Gesicht betraf, welches trotz der Wechselfälle ihres Lebens immer noch die makellosen Farben der Kindheit und den jungfräulichen Sammethauch der Keuschheit, zugleich aber auch die ausdrucksvollste Beweglichkeit besaß, so war es eine namentlich in der Stimmung der Freude geradezu blendende Erscheinung. Es war als ob die Offenheit der Seele durch die Reinheit der Züge hindurchleuchtete, so daß ein großer Dichter unserer Zeit, um nicht diesen himmlischen Spiegel zu trüben, in Bezug auf ihren ersten Fehltritt sagt: »Ihr Fall hatte seinen Entstehungsgrund nicht im Laster, sondern in Unklugheit und Herzensgüte.« Der Krieg, welchen England damals gegen die amerikanischen Colonien führte, war im lebhaftesten Gange und die Matrosenpresse ward mit aller Strenge gehandhabt. Richard, Fannys Bruder, ward, um uns des geheiligten Ausdrucks zu bedienen, gepreßt und wider Willen zum Seemann gemacht. Fanny kam herbeigeeilt, um den Beistand ihrer Freundin zu erbitten. Sie fand dieselbe so schön, daß sie überzeugt war, es könne Niemand ihrer Bitte widerstehen, und Emma ward deshalb aufgefordert, ihre Verführungskunst an dem Admiral John Payne zu erproben. Emma willigte ein. Sie kleidete sich so elegant sie vermochte und ging mit ihrer Freundin zu dem Admiral. Sie erlangte, was sie begehrte, aber der Admiral begehrte ebenfalls und Emma bezahlte Dicks Freiheit, wenn auch nicht mit ihrer Liebe, doch wenigstens mit ihrer Dankbarkeit. Emma Lyonna hatte nun, als Maitresse des Admiral Payne, ein eigenes Haus, eigene Dienerschaft, eigene Equipage. Dieses Glück besaß aber nicht blos den Glanz eines Meteors, sondern auch die kurze Dauer desselben. Das Geschwader ging in See und Emma sah das Schiff ihres Geliebten, indem es am Horizont verschwand, sie aller ihrer goldenen Träume berauben. Emma war aber nicht das Wesen, welches sich wie Dido um eines flatterhaften Aeneas willen das Leben nahm. Ein Freund des Admirals, Sir Harry Fatherson, ein reicher schöner Gentleman, machte Emma das Anerbieten, sie in der Stellung, worin er sie gefunden, auch ferner zu erhalten. Emma hatte nun den ersten Schritt auf der glänzenden Bahn des Lasters zurückgelegt. Sie nahm das ihr gemachte Anerbieten an und ward während einer ganzen Saison die Königin der Jagden, der Feste und der Tänze. Als aber die Saison vorüber war, gerieth sie, von ihrem zweiten Liebhaber verlassen, allmälig in solches Elend, daß sie keine andere Hilfsquelle hatte, als das Troittoir von Haymarket, das schlimmste aller Trottoirs für die armen Geschöpfe, welche den Vorübergehenden ihre Liebe anbieten. Zum Glücke führte die Kupplerin, an welche sie sich gewendet, um das Handwerk einer öffentlich Prostituierten zu treiben, betroffen von der distinguierten Miene und der Bescheidenheit ihrer Kostgängerin, anstatt sie zu demselben Zwecke zu verwenden wie ihre Genossinnen, sie zu einem berühmten Arzte, welcher ihr Haus oft zu besuchen pflegte. Es war dies der bekannte Doctor Graham, eine Art mystischer, wollüstiger Charlatan, welcher sich vor der Jugend Londons zu der materiellen Religion der Schönheit bekannte. Emma erschien vor ihm. Seine Venus Altarte war unter den Zügen der keuschen Venus gefunden. Er bezahlte diesen Schatz theuer, für ihn aber konnte dieser Schatz keinen zu hohen Werth haben. Nachdem er in Emma's Besitz gelangt, legte er sie auf das Bett Apollos, bedeckte sie mit einem Schleier, der durchsichtiger war als das Netz, in welchem Vulcan seine Venus vor den Augen des Olymps gefangen gehalten, und verkündete in allen Journalen, daß er endlich jenes einzige und erhabenste Exemplar von Schönheit besitze, welches ihm bis jetzt gemangelt, um seinen Theorien den Sieg zu verschaffen. Auf diesen an die Wollust und die Wissenschaft erlassenen Aufruf eilten alle Anhänger jener großen Religion der Liebe, die ihren Cultus über die ganze Welt ausdehnt, in das Cabinet des Doctors Graham. Der Triumph war ein vollständiger. Weder die Malerei noch die Bildhauerkunst hatten jemals ein solches Meisterwerk hervorgebracht. Apelles und Phidias waren besiegt. Die Maler und die Bildhauer drängten sich herbei Romney, der mittlerweile nach London zurückgekehrt war, kam wie die Andern und erkannte das junge Mädchen aus der Grafschaft Flint. Er malte sie in allen Gestalten – als Ariadne, als Bacchantin, als Leda, als Armida und wir besitzen in der kaiserlichen Bibliothek eine Sammlung von Kupferstichen, welche diese Zauberin in allen wollüstigen Attitüden darstellen, welche das sinnliche Alterthum erfand. Damals geschah es, daß, durch die Neugier angelockt, der junge Sir Charles Grenville, aus der berühmten Familie jenes Warwick, den man den Königsmacher nannte, und Neffe von Sir William Hamilton, Emma Lyonna sah, und durch ihre vollkommene Schönheit verblendet, sich leidenschaftlich in sie verliebte. Er machte ihr die glänzendsten Versprechungen. Sie behauptete jedoch, durch das Band der Dankbarkeit an den Doctor Graham gefesselt zu sein, und widerstand allen Verführungskünsten, indem sie erklärte, daß sie diesmal ihren Liebhaber nur verlassen würde, um einem Gatten zu folgen. Sir Charles gab ein Wort als Edelmann, Emma Lyonna's Gatte zu werden, sobald er das Alter der Mündigkeit erreicht hätte. Mittlerweile willigte Emma in eine Entführung. Die Liebenden lebten in der That wie Mann und Frau und es wurden drei Kinder geboren, welche späterhin durch ein Ehebündniß legitimiert werden sollten. Während dieses Verhältnisses verlor aber Grenville in Folge eines Ministerwechsels ein Amt, von welchem der größte Theil seiner Einkünfte abhing. Dieses Ereigniß trat glücklicherweise ein, nachdem drei Jahre nach Emma's Entführung vergangen waren, und als sie mit Hilfe der besten Lehrer in London in der Musik und im Zeichnen bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Ueberdies hatte sie, während sie sich in ihrer eigenen Sprache vervollkommnete, französisch und italienisch gelernt. Sie declamierte Verse so gut wie Mistreß Siddons und hatte es in der Kunst der Pantomime zu einem hohen Grade der Vollkommenheit gebracht. Trotz des Verlustes seines Amtes hatte Grenville sich doch nicht entschließen können, seine Ausgaben einzuschränken. Er schrieb blos an seinen Onkel, um Geld von ihm zu verlangen. Anfangs erfüllte auch sein Onkel jeden dieser Wünsche, endlich aber antwortete Sir William Hamilton, er gedenke in Kurzem selbst nach London zu kommen und werde diese Reise benutzen, um die Angelegenheiten seines Neffen zu studieren. Dieses Wort »studieren« erschreckte die jungen Leute nicht wenig. Sie wünschten Sir Williams Ankunft vielleicht eben so sehr herbei, als sie dieselbe fürchteten. Plötzlich trat er bei ihnen ein, ohne sie vorher von seiner Ankunft benachrichtigt zu haben. Er war schon seit acht Tagen in London. Diese acht Tage hatte er angewendet, um Erkundigungen über seinen Neffen einzuziehen, und die Leute, an welche er sich deshalb gewendet, hatten nicht verfehlt, ihm zu sagen, daß die Ursache der zerrütteten Finanzen seines Neffen eine Prostituierte sei, die ihm drei Kinder geboren habe. Emma zog sich in ihr Zimmer zurück und ließ ihren Liebhaber allein mit ihrem Onkel, der ihm keine andere Wahl ließ, entweder auf Emma Lyonna sofort zu verzichten oder der Erbschaft zu entsagen, welche künftig eine einzige Zuflucht und sein alleiniges Vermögen war. Dann entfernte er sich, indem er seinem Neffen drei Tage Bedenkzeit gab. Die ganze Hoffnung der jungen Leute beruhte fortan auf Emma. An ihr war es, von Sir William Hamilton Verzeihung für ihren Geliebten zu erlangen, indem sie Exstrem zeigte, wie sehr Letzterer zu entschuldigen sei. Anstatt sich ihrem neuen Stand gemäß zu kleiden, legte sie wieder das Costüm ihrer Jugend, den Strohhut und das grobe leinene Röckchen an. Ihre Thränen, ihr Lächeln, das Spiel ihrer Physiognomie, ihre Liebkosungen und ihre Stimme sollten das Uebrige thun. Bei Sir William vorgelassen, warf Emma sich ihm zu Füßen. In Folge einer geschickt combinierten Bewegung oder auch eines glücklichen Zufalles lösten sich die Bänder ihres Hutes und ihr schönes kastanienbraunes Haar fiel ihr auf die Schultern herab. In ihrem Schmerze war die Zauberin unnachahmlich. Der alte Archäolog, der bis jetzt blos in die Marmorwerke Athens und die Statuen Griechenlands verliebt gewesen, sah zum ersten Mal die lebendige Schönheit über die kalte und bleiche Schönheit der Göttinnen eines Praxiteles und Phidias den Sieg davontragen. Die Liebe, welche er bei seinem Neffen nicht hatte begreifen können, bemächtigte sich mit Gewalt eines eigenen Herzens, ohne daß er auch nur versucht hätte, sich zu vertheidigen. Die Schuld seines Neffen, die niedrige Herkunft seiner Maitresse, die scandalösen Einzelheiten ihres Lebens, die Oeffentlichkeit ihrer Triumphe, die Käuflichkeit ihrer Liebkosungen, Alles, sogar die aus diesem Verhältniß hervorgegangenen Kinder, Alles nahm Sir William hin, unter der einzigen Bedingung, daß Emma ihn durch ihren Besitz für das gänzliche Vergessen seiner eigenen Würde belohne. Emma hatte weit über ihre Erwartung triumphiert, diesmal aber machte sie ihre Bedingungen vollständig. Mit dem Neffen hatte sie ein bloßes Heiratsversprechen vereinigt, jetzt dagegen erklärte sie, daß sie Sir William Hamilton nur als eine anerkannte Gattin nach Neapel folgen würde. Sir William willigte in Alles. Emma's Schönheit äußerte in Neapel ihre gewohnte Wirkung. Sie setzte nicht blos in Erstaunen, sondern sie blendete. Ausgezeichneter Alterthumsforscher und Mineralog, Gesandter von Großbritanien, Milchbruder und Freund Georgs des Dritten, versammelte Sir William in seinem Hause die ersten Männer der Wissenschaft, der Politik und der Kunst, welche die Hauptstadt der beiden Sicilien besaß. Emma, die selbst Künstlerin war, bedurfte nur weniger Tage, um auch von der Politik und der Wissenschaft zu lernen, was sie davon zu wissen brauchte, und es dauerte nicht lange, so wurden für Alle, welche Sir Williams Salon besuchten, Emmas Urtheile förmliche Gesetze. Dabei sollte ihr Triumph nicht stehen bleiben. Kaum war sie bei Hofe vorgestellt, so erklärte die Königin Marie Caroline sie zu ihrer intimen Freundin und machte sie zu ihrer unzertrennlichen Günstlingin. Sie zeigte sich mit der Prostituierten von Haymarket nicht blos öffentlich, fuhr mit ihr in demselben Wagen und trug dieselbe Toilette wie sie, sondern ließ auch, nachdem sie sich des Abends die wollüstigsten Attitüden des Alterthums hatte zeigen lassen, Sir William, der auf diese Gunst ganz stolz war, sagen, daß sie ihm die Freundin, die sie nicht entbehren könne, erst am nächstfolgenden Morgen zurückgeben würde. Natürlich ward die Günstlingin von allen Seiten auf die eifersüchtige und erbittertste Weise angefeindet. Die Königin Caroline wußte, welche kecke Vermuthungen in Bezug auf diese wunderbare und plötzliche Vertraulichkeit ausgesprochen wurden; sie war aber eines jener tapferen Gemüther, welche mit stolz erhobenem Haupte der Verleumdung Trotz bieten, und Jeder, der bei ihr gut auf genommen sein wollte, mußte eine Huldigungen zwischen Acton, ihrem Geliebten und ihrer Günstlingin Emma Lyonna theilen. Man kennt die Ereignisse von 89, das heißt die Einnahme der Bastille und den Zug nach Versailles; die von 93, das heißt den Tod Ludwig des Sechzehnten und Marie Antoinettens; die von 96 und 97, das heißt die Siege Bonapartes in Italien, Siege, welche alle Throne erschütterten und wenigstens für den Augenblick den ältesten und unbeweglichsten von allen, den päpstlichen, zertrümmerten. Mitten unter diesen Ereignissen, welche am Hofe von Neapel einen so furchtbaren Wiederhall fanden, sah man Nelson, den Vorkämpfer des veralteten Königthums, auftauchen. Sein Sieg bei Abukir gab allen jenen Königen, welche schon die Hand auf ihre wankenden Kronen gelegt hatten, die Hoffnung zurück. Marie Caroline, die so begierig nach Reichthum, Macht und Ehre trachtete, wollte die ihrige um jeden Preis erhalten. Man darf sich daher nicht wundern, daß sie, indem sie den Zauber, den sie auf ihre Freunde ausübte, zu Hilfe rief, am Morgen des Tages, wo die Lady Hamilton dem siegreichen Nelson entgegenführte, zu dieser gesagt hatte: »Dieser Mann muß unser werden, und damit er uns gehöre, mußt Du ihm gehören.« War es wohl für Lady Hamilton schwierig, für ihre Freundin Marie Caroline in Bezug für den Admiral Horaz Nelson dasselbe zu thun, was Emma Lyonna für ihre Freundin Fanny Strong in Bezug auf den Admiral Payne gethan? Uebrigens mußte es für den Sohn eines armen Pfarrers von Barnham-Thorpes, für den Mann, der seine Größe seinem eigenen Muth und seinen Ruf seinem eigenen Genie verdankte, ein glorreicher, ihn über die empfangenen Wunden und erlittenen Verstümmlungen tröstender Lohn sein, diese Königin, diesen Hof und als Preis seiner Siege dieses herrliche Geschöpf, welches er anbetete, ihm entgegen: kommen zu sehen. Viertes Capitel. Das Fest der Furcht Aus der am Bord des »Vanguard, der fast eben so verstümmelt war als sein Commandant, aufgehißten englischen Flagge haben wir erfahren, daß Nelson die königliche Flottille, welche ihm entgegenkam, erkannte. Die Galeere »Capitane« hatte nichts aufzuhissen. Schon seit der Abfahrt von Neapel flatterten die englischen Farben im Gemisch mit denen der beiden Sicilien an ihren Masten. Als die beiden Schiffe nur noch eine Kabellänge von einander entfernt waren, stimmte die Musik der Galeere das God save the king an, welches die auf den Raaen aufgepflanzten Matrosen des »Vanguard durch drei Hurrahs beantworteten, die sie mit der Regelmäßigkeit ausbrachten, welche die Engländer bei dieser officiellen Demonstration beobachten. Nelson gab Befehl zum Beilegen, um die königliche Galeere an den »Vanguard« herankommen zu lassen, ließ die Ehrentreppe niederholen und wartete dann auf der obersten Stufe derselben mit entblößtem Haupte und dem Hut in der Hand. Sämmtliche Matrosen und Marinesoldaten, selbst die, welche bleich und leidend von ihren Wunden noch nicht völlig hergestellt waren, wurden auf das Deck gerufen und präsentierten hier in drei Gliedern aufgestellt das Gewehr. Nelson erwartete, zuerst den König, dann die Königin, dann den Kronprinzen an Bord eines Schiffes heraufsteigen zu sehen, oder mit andern Worten die vornehmen Gäste allen Regeln der Etiquette gemäß zu empfangen. Die Königin aber stieß mit echt weiblicher Verführungskunst – Nelson erzählt diese Thatsache in einem Briefe an seine Gattin selbst – die schöne Emma voran, welche erröthend, daß sie bei dieser Gelegenheit mehr galt als die Königin, die Treppe hinaufstieg und, mochte es nun wirkliche Gemüthsbewegung oder gut gespielte Komödie sein, als sie Nelson mit einer neuen Wunde, die Stirn mit einer schwarzen Binde umgürtet und bleich von Blutverlust, wieder erblickte, einen Schrei ausstieß, selbst bleich ward und, nahe daran ohnmächtig zu werden, an die Brust des Helden sank, indem sie murmelte: »O großer, o theurer Nelson!« Nelson ließ seinen Hut fallen, umschlang mit einem Ausruf freudigen Erstaunens Emma mit seinem einzigen Arm und drückte sie krampfhaft an sein Herz. In der Extase, in welche dieser unerwartete Vorfall ihn versetzte, gab es einen Augenblick, wo Nelson, die ganze Welt vergessend, auf unaussprechliche Weise die Freuden, wenn auch nicht des Himmels der Christen, doch wenigstens des Paradieses Mahomed's schmeckte. Als er wieder zu sich kam, waren der König, die Königin und der ganze Hof mittlerweile an Bord gestiegen. König Ferdinand der Vierte nahm Nelson bei der Hand, nannte ihn den Befreier der Welt, überreichte ihm den prachtvollen Degen, den er ihm zum Geschenk machte und an dessen Griff nebst dem Großcordon des Verdienstordens vom heiligen Ferdinand, welchen der König vor Kurzem gestiftet, das Ernennungspatent zum Herzog von Bronte hing, eine von der Königin ersonnene echt weibliche Schmeichelei, denn dieser Titel bedeutete so viel als Herzog des Donners. Bronte war nämlich einer der drei Cyklopen, welche in den flammenden Grotten des Aetna die Donnerkeile Jupiters schmiedeten. Dann kam die Königin, die ihn ihren Freund, den »Schützer der Krone«, den »Rächer der Könige« nannte und, indem sie die Hand Nelsons mit der Emma's in den ihrigen vereinte, die beiden vereinten Hände drückte. Nun kamen auch die Andern an die Reihe – Erbprinzen, königliche Prinzessinnen, Minister und Höflinge. Aber was waren ihre Lobsprüche und Liebkosungen neben den Lobsprüchen und Liebkosungen des Königs und der Königin, neben einem Händedruck von Emma Lyonna! Man kam überein, daß Nelson sich mit an Bord der Galeere »Capitane« begeben sollte, welche mit Hilfe ihrer vierundzwanzig Ruderer sich natürlich schneller bewegte als ein Segelschiff. Vor allen Dingen aber bat Emma ihn im Namen der Königin, ihnen in allen seinen Einzelheiten diesen glorreichen »Vanguard« zu zeigen, welchem die französischen Kugeln glorreiche Wunden geschlagen, die gleich denen seines Commandanten noch nicht geschlossen waren. Nelson machte die Honneurs seines Schiffes mit dem Stolze eines Seemannes, und während dieses ganzen Besuches stützte Lady Hamilton sich auf seinen Arm, ließ ihn dem Könige und der Königin alle nähern Umstände des Kampfes vom 1. August erzählen und zwang ihn auf diese Weise von sich selbst zu sprechen. Der König umgürtete Nelson eigenhändig mit dem Degen Ludwigs des Vierzehnten. Die Königin überreichte ihm das Patent seiner Ernennung zum Herzoge von Bronte. Emma hing ihm den Großcordon des heiligen Ferdinand um, wobei sie nicht umhin konnte, mit ihrem schönen, wohlduftenden Haar das Gesicht des überglücklichen Nelson zu streifen. Es war jetzt zwei Uhr Nachmittags und man brauchte ziemlich drei Stunden, um wieder nach Neapel zurückzugelangen. Nelson übertrug das Commando des »Vanguard« dem Capitän Henry und stieg unter dem Klange der Musik und unter dem Donner der Geschütze in die königliche Galeere hinab, welche leicht wie ein Seevogel sich von der Flanke des Kolosses ablöste und graziös über die Meeresfläche hinglitt. Nun war es an dem Admiral Caracciolo, seinerseits die Honneurs des Schiffes zu machen. Nelson und er waren alte Bekannte. Sie hatten einander bei der Belagerung von Toulon gesehen, sie hatten beide gegen die Franzosen gekämpft und der Muth und die Gewandtheit, welche Caracciolo während dieses Kampfes gezeigt, hatten ihm trotz des ungünstigen Ausganges des Feldzuges bei seiner Rückkehr die Ernennung zum Admiral eingetragen, so daß er in jeder Beziehung mit Nelson in gleichem Range stand, vor welchem er überdies noch den Vorzug der Geburt und einer dreihundertjährigen historischen Berühmtheit voraus hatte. Dieser kleine Umstand erklärt den Anflug von Kälte, welcher in dem Gruße lag, welchen die beiden Admirale austauschten, und die Eile, womit Franz Caracciolo seinen Posten als Commandant wieder auf der Quartierbank einnahm. Was Nelson betraf, so zwang die Königin ihn, sich neben sie unter das purpurne Zeltdach der Galeere zu setzen, indem sie erklärte, die anderen Herren möchten gehen, wohin sie wollten, der Admiral aber gehöre nur ihr und ihrer Freundin. Emma nahm hierauf ihrer Gewohnheit gemäß zu den Füßen der Königin Platz. Mittlerweile erklärte Sir William Hamilton, der in seiner Eigenschaft als Gelehrter die Geschichte von Neapel besser kannte als der König selbst, diesem, wie die Insel Capri, an welcher man in diesem Augenblicke vorüberkam, den Neapolitanern abgekauft oder vielmehr gegen die Insel Ischia abgetauscht worden und zwar durch Augustus, welcher bemerkt hatte, daß in dem Augenblicke, wo er diese Insel betrat, die dürren, zur Erde herabhängenden Aeste einer alten Eiche sich wieder aufgerichtet und frische grüne Blätter getrieben hatten. Der König hörte Sir William mit der größten Aufmerksamkeit an und sagte, als derselbe fertig war: »Mein lieber Gesandter, seit drei Tagen hat der Zug der Wachteln begonnen. Wenn Sie wollen, so können wir in einer Woche auf Capri eine Jagd halten. Wir werden dann diese Vögel dort zu tausenden treffen.« Der Gesandte, welcher selbst ein großer Jäger war, und besonders dieser Eigenschaft die hohe Gunst verdankte, deren er sich bei dem König erfreute, verneigte sich zum Zeichen der Zustimmung und sparte für eine bessere Gelegenheit eine gelehrte archäologische Abhandlung über Tiberius, seine zwölf Landhäuser und die Wahrscheinlichkeit auf, daß die Azurgrotte den Alten bekannt gewesen, aber damals noch nicht die prachtvolle Farbe gehabt habe, welche sie heute schmückt, und daß sie dieselbe der Veränderung des Wasserniveaus verdanke, welches im Laufe der von Tiberius bis auf uns vergangenen achtzehn Jahrhunderte um fünf bis sechs Fuß höher geworden sei. Die Commandanten der vier Forts von Neapel hielten mittlerweile ihre Fernröhre auf die königliche Flottille und ganz besonders auf die Galeere »Capitane« gerichtet. Als sie dieselbe schwenken und auf Neapel zusteuern sah, commandierten sie in der Voraussetzung, daß Nelson sich darauf befände, eine ungeheure Salve von hundert Kanonenschüssen, die ehrenvollste, die es gibt, weil es dieselbe ist wie die, welche sich hören läßt, wenn ein Thronerbe geboren ist. Nach Verlauf einer Viertelstunde schwiegen die Salven, um jedoch in dem Augenblick wiederzubeginnen, wo die immer noch von der königlichen Galeere geleitete Flottille in den Kriegshafen einlief. Am Fuße der nach dem Schlosse führenden Anhöhe warteten die Equipagen des Hofes und der britischen Gesandtschaft, welche letzteren an Glanz mit ersteren wetteiferten. Man war übereingekommen, daß der König und die Königin beider Sicilien an diesem Tage alle ihre Rechte an Sir William und Lady Hamilton abtreten, daß Nelson in der englischen Gesandtschaft absteigen und daß der englische Gesandte das Diner und das Fest geben sollte, wodurch man die Anwesenheit des Siegers zu feiern gedachte. Was die Stadt Neapel betraf, so sollte sie dieses Fest durch Illumination und Feuerwerk verherrlichen. Ehe Lady Hamilton an's Land stieg, näherte sie sich dem Admiral Caracciolo und sagte in ihrem sanftesten Ton und mit ihrer graziösesten Miene: »Das Fest, welches wir unserem berühmten Landsmann geben, wäre unvollständig, wenn der einzige Seemann, der sich ihm gleichstellen kann, sich nicht anschlösse, um einen Sieg zu feiern und einen Toast auf die Größe Englands, das Glück bei der Sicilien und die Demüthigung der übermüthigen französischen Republik auszubringen, welche gewagt hat, den Königen den Krieg zu erklären. Diesen Toast haben wir dem Manne vorbehalten, der bei Toulon so muthig gekämpft, dem Admiral Caracciolo.« Caracciolo verneigte sich höflich, aber ernst. »Mylady,« sagte er, »ich bedaure aufrichtig, nicht als Ihr Gast die rühmliche Aufgabe übernehmen zu können, welche Sie mir zutheilen. So schön aber der Tag gewesen, so stürmisch droht die Nacht zu werden.« Emma ließ einen einzigen Blick am Horizont hinschweifen. Abgesehen von einigen leichten Wolken aber, welche von Procida herkamen, war der Azur des Himmels so durchsichtig wie der ihrer Augen. Sie lächelte. »Sie zweifeln an meinen Worten, Mylady, hob Caracciolo wieder an; »ein Mann aber, welcher zwei Drittheile seines Lebens auf dem launenhaften Meer zugebracht, welches man das mittelländische nennt, kennt alle Geheimnisse der Atmosphäre. Sehen Sie jene leichten Dünste, welche am Himmel hingleiten und sich uns rasch nähern? Dieselben bedeuten, daß der Wind, welcher bis jetzt aus Nordwesten kam, nach Westen umspringt. Gegen zehn Uhr Abends wird er von Süden kommen, das heißt, wir werden Sirocco haben. Der Hafen von Neapel steht allen Winden offen und ganz besonders diesem. Ich muß daher die vor Anker liegenden Schiffe. Seiner britischen Majestät überwachen, welche von dem Kampfe hart mitgenommen, vielleicht nicht Kraft genug haben, um dem Sturme zu widerstehen. Das, was wir heute gethan, Mylady, ist so gut wie eine in dürren Worten ausgesprochene Kriegserklärung an Frankreich, und die Franzosen stehen in Rom, das heißt fünf Tagesreisen von uns. Glauben Sie mir: binnen hier und wenigen Tagen werden wir sehr nöthig haben, daß unsere beiden Flotten in gutem Stand seien.« Lady Hamilton machte eine leichte Bewegung mit dem Kopf, welche einen gewissen Grad von Unmuth zu verrathen schien. »Fürst,« sagte sie, »ich nehme Ihre Entschuldigung an, die so große Sorgfalt für die Interessen der Majestäten von Britannien und Sicilien verräth. Wenigstens aber hoffen wir, auf unserem Ball Ihre liebenswürdige Nichte, Cäcilie Caracciolo, zu sehen, welche übrigens keine Entschuldigung haben würde, da sie bereits in Kenntniß gesetzt ist, daß wir auf die gleich an demselben Tage zählten, wo wir den Brief des Admirals Nelson erhielten.« »Ja, darüber wollte ich eben mit Ihnen spreche Madame. Seit einigen Tagen ist die Mutter meiner Nicht meine Schwägerin, so leidend, daß ich heute Morgen, ehe wir aufbrachen, einen Brief von der armen Cäcilie erhielt, welche mir ihr Bedauern zu erkennen gibt, an Ihrem Feste nicht theilnehmen zu können. Zugleich beauftragte sie mich, bei Ihnen, Mylady zu entschuldigen und dies habe ich eben in diesem Augenblicke die Ehre zu thun.« Während zwischen Lady Hamilton und Franz Caracciolo diese Worte gewechselt wurden, hatte die Königin sich genähert, sie hatte gehorcht und gehört. Den Beweggrund der doppelten Weigerung des starren Neapolitaners recht wohl verstehend, runzelte sie die Stirn ihre Unterlippe verlängerte sich und eine leichte Blässe übe zog ihr Gesicht. »Nehmen Sie sich in Acht, Fürst!« sagte sie schneidendem Tone und mit einem drohenden Lächeln, welches jenen leichten Wolken glich, worauf der Admiral Lady Hamilton aufmerksam gemacht und welche das Nahen ein Sturmes verkündete. »Nehmen Sie sich in Acht! Nur die Personen, welche Lady Hamiltons Fest besuchen, werde zu den Festen des Hofes eingeladen.« »Ach, Madame,« antwortete Caracciolo, ohne das seine heitere Ruhe durch diese Drohung nur im mindest gestört zu werden schien, »das Unwohlsein meiner armen Schwägerin ist so ernst, daß, wenn die von Eurer Majestät dem Admiral Nelson zu gebenden Feste auch einen Monat dauern sollten, sie denselben doch nicht beiwohnen könne wird, und mit meiner Nichte wird dies natürlich derselbe Fall sein, weil ein junges Mädchen von ihrem Alter um ihrem Namen selbst bei der Königin nicht ohne ihre Mutter erscheinen kann.« »Es ist gut, mein Herr,« antwortete die Königin, die nicht länger an sich zu halten vermochte. »Zur geeigneten Zeit und am geeigneten Ort werden wir uns dieser Weigerung zu erinnern wissen.« Dann nahm die Lady Hamiltons Arm und sagte: »Kommen Sie, liebe Emma.« Nach einer Weile murmelte sie: »Ha, diese Neapolitaner! diese Neapolitaner! Ich weiß wohl, daß sie mich hassen, aber ich stehe nicht hinter ihnen zurück. Ich verabscheue sie.« Und mit raschem Schritt näherte sie sich der Schiffstreppe, jedoch nicht so rasch, daß der Admiral Caracciolo ihr nicht zuvorgekommen wäre. Auf ein Signal von ihm stimmte die Musik schmetternde Fanfaren an, die Kanonen donnerten von Neuem; die Glocken läuteten alle auf einmal und die Königin mit Wuth im Herzen und Emma mit Scham auf der Stirn stiegen mitten unter allen äußeren Zeichen von Freude und Triumph ans Land. Der König, die Königin, Emma Lyonna und Nelson bestiegen den ersten Wagen, der Kronprinz, die Kronprinzessin, Sir William Hamilton und der Minister Acton den zweiten, und alle Uebrigen nach ihrem Belieben die folgenden. Zuerst und auf dem geradesten Weg begab man sich nach der Kirche von Santa Clara, um hier ein Te Deum zu hören und ein Dankgebet zu verrichten. Horaz Nelson, Sir William Hamilton und Emma Lyonna wären in ihrer Eigenschaft als Ketzer dieser Ceremonie gern überhoben gewesen, der König dagegen war ein zu guter Christ, besonders wenn er Furcht hatte, um zu gestatten, daß man dieses vergäße. Das Te Deum ward von Monsignore Capece Zurio, Erzbischof von Neapel, gesungen, einem vortrefflichen Mann, dem vom Gesichtspunkte des Königs und der Königin aus nichts weiter zum Vorwurf gemacht werden konnte als allzugroße Hinneigung zu den freisinnigen Ideen. Assistiert ward er bei Verrichtung dieses Triumphdienstes durch einen zweiten hohen geistlichen Würdenträger, den Cardinal Fabrizio Ruffo, welcher zu jener Zeit blos erst wegen seines eben nicht rühmlichen öffentlichen und Privatlebens bekannt war. Auch ward die ganze Zeit, welche das Te Deum dauerte, von Sir William Hamilton, der ein eben so großer Sammler von scandalösen Anecdoten als archäologischen Merkwürdigkeiten war, benutzt, um Lord Nelson von den Abenteuern des vornehmen Porporato zu unterrichten. Diese Mittheilungen bestanden in Folgendem und es ist wichtig, daß unsere Leser diesen Mann kennen lernen, welcher bestimmt ist, im Laufe der Ereignisse, welche wir zu erzählen haben, eine so bedeutende Rolle zu spielen. Ein italienisches Sprichwort, welches die großen Familien verherrlichen und ihr geschichtliches Alter constatiren soll, sagt: »Die Apostel in Venedig, die Bourbonen in Frankreich, die Colonna in Rom, die San Severini in Neapel, die Ruffo in Calabrien.« Der Cardinal Fabrizio Ruffo gehörte dieser berühmten Familie an. Eine Ohrfeige, welche er als Knabe dem schönen Ange Braschi gegeben, welcher später unter dem Namen Pius der Sechste Papst ward, war der Ursprung seines Glückes. Er war Neffe des Cardinals Tommaso Ruffo, Decan es heiligen Collegs. Eines Tages nahm Braschi, der damals päpstlicher Schatzmeister war, den kleinen Sohn eines Gönners auf die Knie und als der kleine Ruffo mit dem schönen blonden Haar des Schatzmeisters spielen wollte und dieser, indem er den Kopf fortwährend emporrichtete, ihm eine Marter bereitete, welche der des Tantalus glich, ersetzte der Knabe in dem Augenblick, wo Braschi den Kopf wieder zu ihm herabneigte, anstatt die Locken seines Haares zu fassen zu suchen, wie er bis jetzt gethan, ihm aus Leibeskräften eine schallende Ohrfeige. Dreißig Jahre später fand Braschi, nachdem er Papst geworden, in dem Manne von vierunddreißig Jahren den Knaben wieder, der ihn geohrfeigt. Er erinnerte sich, daß dies der Neffe des Gönners war, dem er Alles zu verdanken hatte, und er machte ihn zu dem, was er in dem Augenblick, wo er jene Ohrfeige empfing, selbst gewesen, nämlich zum Schatzmeister des heiligen Stuhls, ein Amt, von welchem man blos zum Cardinal avanciert. Fabrizio Ruffo führte das Schatzamt so gut, daß man nach Verlauf von drei oder vier Jahren ein Deficit von drei der vier Millionen entdeckte. Dies betrug also eine Million jährlich. Pius der Sechste sah, daß er billiger wegkäme, wenn er Ruffo zum Cardinal machte, als wenn er ihn Schatzmeister bleiben ließe. Demgemäß schickte er ihm den rothen Hut und ließ ihm die Schlüssel zum Schatzamte abverlangen. Ruffo, der nun, anstatt Schatzmeister mit einer Million, Cardinal mit dreißigtausend Francs jährlich war, wollte nicht in Rom bleiben, um hier die Rolle eines ruinierten Mannes zu spielen. Er ging daher nach Neapel und suchte, mit einem Empfehlungsbrief von Pius dem Sechsten versehen, um ein Amt bei dem König Ferdinand dem Vierten nach, dessen Unterthan er in seiner Eigenschaft als Calabrese war. Ueber seine Fähigkeiten befragt, antwortete Ruffo, dieselben seien durchaus kriegerisch. Er habe Ancona befestigt und eine neue Methode zum Glühendmachen der Kugeln erfunden. Deshalb verlangte oder wünschte er vielmehr einen Posten beim Kriegswesen oder bei der Marine. Ruffo besaß eben nicht die Gabe, der Königin zu gefallen, und da es die Königin war, welche durch die Unterschrift ihres Günstlings Acton, des Premierministers, über die Anstellungen bei der Marine und beim Kriegswesen verfügte, so ward Ruffo selbst von untergeordneten Aemtern unerbittlich zurückgewiesen. Der König ernannte nun aus Rücksicht auf den Empfehlungsbrief des Papstes den Cardinal zum Director seiner Seidenmanufacturen in San Leucio. Ein wie seltsamer Posten dies auch für einen Cardinal war, besonders wenn man das Geheimniß ins Auge faßte, welches der Errichtung dieser Colonie zu Grunde lag, so nahm Ruffo denselben doch an. Vor allen Dingen brauchte er Geld und der König hatte mit dem Titel des Directors der Colonie von San Leucio eine Abtei verbunden, welche zwanzigtausend Livres Renten eintrug. Uebrigens war Ruffo sehr unterrichtet und selbst gelehrt, schön von Gesicht, noch jung, tapfer und stolz wie jene Prälaten aus der Zeit Heinrichs des Vierten und Ludwigs des Dreizehnten, welche in ihren freien Augenblicken die Messe lasen und die ganze übrige Zeit den Harnisch trugen und das Schwert handhabten. Sir Williams Mittheilungen dauerten gerade so lange als das Te Deum des Monsignore Capece Zurio. Als das Te Deum beendet war, stieg man wieder in die Wagen und begab sich an das äußerste Ende der Straße von Chiaja, wo, wie wir bereits erwähnt, der Palast der englischen Gesandtschaft, eines der schönsten und größten Gebäude in Neapel, stand und noch steht. Um sich von der Kirche von Santa Clara zu entfernen, mußten eben so wie um dahin zu gelangen, die Wagen im Schritt fahren, so sehr waren die Straßen mit Menschen angefüllt. Der an die geräuschvollen und leichten Demonstrationen des Südens nicht gewohnte Nelson war ganz berauscht von diesem hunderttausendstimmigen Rufe: »Es lebe Nelson, es lebe unser Befreier!« und förmlich geblendet von den Tüchern aller Farben, die von hunderttausend Armen geschwenkt wurden. Etwas setzte ihn mitten unter der lärmenden Größe seines Triumphs aber doch ein wenig in Erstaunen. Es war dies die Vertraulichkeit der Lazzaroni, welche auf die Tritte, auf den Vorder- und Hintersitz des königlichen Wagens stiegen, und ohne daß der Kutscher, die Lakaien oder der Läufer sich darum zu kümmern schienen, den König beim Zopfe oder an der Nase zupften. Dabei nannten sie ihn »Gevatter Nasone,« hießen ihn Du und fragten, an welchem Tage er wieder in Mergellina seine Fische verkaufen oder in San Carlo Maccaroni speisen würde. Es war dies ein gewaltiger Abstand gegen die steife Majestät, welche die Könige von England zur Schau trugen, und gegen die Ehrfurcht, welche man gegen sie an den Tag legte. Ferdinand schien sich aber über diese Vertraulichkeit so sehr zu freuen, beantwortete die zum Theil sehr unfeinen Bemerkungen, die man an ihn richtete, in so heiterem Tone und versetzte denen, welche ihn zu stark zupften, so kräftige Püffe, daß, als man an dem Thor des Gesandtschaftshotels ankam, Nelson in diesem Austausch von Vertraulichkeiten blos die Freudenausbrüche von ihren Vater fanatisch liebenden Kindern und die Schwächen eines gegen seine Kinder allzu nachsichtigen Vaters sah. Hier harrten seines Siegerstolzes neue Ueberraschungen. Das Thor des Gesandtschaftshotels war in einen ungeheuren Triumphbogen verwandelt. Ueber demselben war das neue Wappen angebracht, welches der König von England dem Sieger von Abukir mit der Lordswürde zu gleich verliehen. Zu beiden Seiten dieses Thores waren zwei vergoldete Masten gleich denen aufgepflanzt, die man an Festtagen auf der Piazzetta von Venedig errichtet, und von der Spitze dieser Masten flatterten lange rothe Wimpel mit den beiden Namen Horaz Nelson in goldenen Buchstaben, welche von dem Seewind entrollt und der Dankbarkeit des Volkes sichtbar gemacht wurden. Die Treppe war ein Gewölbe von Lorbeeren und den seltensten Blumen, welche Nelsons Namenszug, das heißt in H und ein N, bildeten. Die Livréeknöpfe der Lakaien, das Porzellangeschirr, Alles bis auf die Tischtücher der in der Gemäldegalerie hergerichteten ungeheuren Tafel von achtzig Couverts, Alles bis auf die Servietten der Gäste, war mit diesen beiden von einem Lorbeerkranz umgebenen Anfangsbuchstaben bezeichnet. Eine Musik, welche sanft genug war, um die Conversation zu gestatten, ließ sich mit ungreifbaren Aromas gemischt hören. Der ungeheure Palast war, gleich dem bezaubernden Wohnsitze Armida‘s, erfüllt von schwebenden Wohlgerüchen und unsichtbaren Melodien. Man erwartete, um sich zur Tafel zu setzen, nur noch die Ankunft zweier Würdenträger, des Erzbischofs Capece Zurio und des Cardinals Fabrizio Ruffo. Kaum waren sie angelangt, als den Regeln der königlichen Etikette gemäß, welche verlangt, daß die Könige, wo sie auch sein mögen, in ihrer eigenen Behausung sind, gemeldet ward, daß die Tafel ihrer Majestäten serviert sei. Nelson erhielt seinen Platz dem König gegenüber, zwischen der Königin Marie Caroline und Lady Hamilton, angewiesen. Wie jener Apicius, der auch in Neapel wohnte, welchem Tiberius die Fische schickte, die er für sich selbst zu groß und zu theuer fand, und der sich, als er nur noch einige Millionen besaß, das Leben nahm, indem er erklärte, es lohne nicht mehr der Mühe, zu leben, wenn man ruiniert sei, hatte auch Sir William Hamilton, indem er die Wissenschaft unter den Befehl der Gastronomie stellte, die Erzeugnisse der ganzen Welt in Contribution gesetzt. Tausende von Kerzen spiegelten sich in den Candelabern, in den Krystallen und verbreiteten in dieser Zaubergallerie ein blendenderes Licht, als jemals die Sonne in den heißesten Stunden des Tages und an den hellsten, durchsichtigsten Tagen des Sommers gethan. Dieses auf den Goldstickereien und den Diamanten der Ordenskreuze spielende Licht schien die vornehmen Gäste mit jener Glorie zu umgeben, welche in den Augen sclavischer Völker aus den Königen, den Königinnen, den Prinzen, den Höflingen, mit einem Worte aus den Großen der Erde, ein Geschlecht von Halbgöttern und erhabenen bevorrechteten Wesen macht. Bei jedem Gange ward ein Toast ausgebracht und der König Ferdinand gab selbst das Beispiel dazu, indem er den ersten Toast auf die glorreiche Regierung, das unumwölkte Gedeihen und das lange Leben seines vielgeliebten Vetters und erhabenen Verbündeten Georgs des Dritten, Königs von England, ausbrachte. Die Königin hatte allem Herkommen zuwider die Gesundheit Nelsons, des Befreiers von Italien, ausgebracht. Ihrem Beispiele folgend, trank Emma Lyonna auf die Gesundheit des Helden vom Nil und verwandelte dann, indem sie Nelson das Glas reichte, in welches sie ihre Lippen getaucht, den Wein in Feuer. Jeder dieser Toaste ward mit einem donnernden Beifalle aufgenommen, von welchem der Saal erbebte. So gelangte man zu dem Dessert während eines immer noch wachsenden Enthusiasmus, den ein unerwarteter Umstand bis zum Wahnwitz steigerte. In dem Augenblicke, wo die achtzig Gäste, um sich von der Tafel zu erheben, nur das Signal erwarteten, welches der König dadurch geben sollte, daß er sich selbst erhob, that er dies auch wirklich und Alle folgten seinem Beispiele. Der König verließ jedoch die Tafel nicht, sondern blieb an seinem Platze stehen. Sofort ward von den besten Sängern des Theaters San Carlo unter Begleitung von hundertzwanzig Instrumentalmusikern jener so ernste, tief melancholische Gesang, welchen Ludwig der Vierzehnte von Lulli componieren ließ, um dadurch Jacob den Zweiten, den Verbannten von Windsor und königlichen Gast von Saint-Germain zu ehren, das »God save the King«, angestimmt. Jeder Vers ward wüthend applaudiert, und der letzte, länger und geräuschvoller als die übrigen, weil man nun den Gesang beendet glaubte, als eine reine, sonore, weithin hallende Stimme folgenden, für diese Gelegenheit hinzugedichten Vers begann, dessen Verdienst mehr in der Absicht, die ihn dictiert, als in wirklich poetischem Werthe bestand: »D'rum Heil Dir, starker Held, Dich preist die ganze Welt, Zu Frankreichs Spott. Egyptens Wüstensand Singt, wie das stolze Land, Wo deine Wiege stand: Dich segne Gott!« Diese Worte, so mittelmäßig sie auch waren, hatten einen allgemeinen Beifallssturm zur Folge, der im Begriffe stand, sich in noch höherem Grade zu wiederholen, als plötzlich den Gästen das Wort auf der Zunge erstarb und die scheuen Blicke sich nach der Thür wendeten, als ob Bancos Geist oder der steinerne Gast auf der Schwelle des Festsaales erschienen wäre. Ein Mann von hohem Wuchse und mit drohender Miene stand in der Umrahmung der Thür, mit jenem strengen und doch prachtvollen republikanischen Costüme bekleidet, welches hier in dieser Flut von Licht bis in die geringsten Einzelheiten sichtbar ward. Er trug den blauen Rock mit breiten Aufschlägen, die rothe goldgestickte Weste, die dicht anliegenden weißen Beinkleider und die umgeschlagenen Stiefel. Die linke Hand stützte sich auf den Griff eines Säbels, die rechte verbarg sich unter dem Brusttheile des Rockes und – o unverzeihliche Frechheit! – auf dem Kopfe trug er den dreieckigen Hut, auf welchem der dreifarbige Federbusch wallte, das Emblem jener Revolution, welche das Volk auf die Höhe des Thrones gehoben und die Könige auf das Blutgerüst herabgeschleudert hatte. Es war der Gesandte Frankreichs, jener selbe Garat, welcher im Namen des Nationalconvents Ludwig dem Sechzehnten im Gefängniß des Tempel das Todesurtheil vorgelesen hatte. Man begreift die Wirkung, welche in einem solchen Augenblick durch eine solche Erscheinung hervorgerufen werden mußte. Mitten unter einer Todtenstille, welche es Niemanden einfiel zu unterbrechen, sagte er in festem, lautem sonorem Tone: »Trotz der sich fortwährend erneuernden Verräthereien dieses lügnerischen Hofes, welchen man den Hof der beiden Sicilien nennt, zweifelte ich immer noch. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören. Ich habe nun gesehen und gehört. Bündiger als jener Römer, welcher in einer Falte seiner Toga dem Senat von Karthago den Frieden oder den Krieg brachte, bringe ich blos den Krieg, denn den Frieden haben Sie heute verläugnet. Also, König Ferdinand, also, Königin Caroline, den Krieg, weil Sie ihn wollen, aber es wird ein Vertilgungskrieg sein, der Ihnen, ich sage Ihnen dies im Voraus, trotz des Mannes, welcher der Held dieses Festes ist, trotz der heuchlerischen Macht, welche er repräsentiert, Thron und Leben kosten wird. Adieu! Ich verlasse Neapel, die Stadt des Meineids. Schließen Sie die Thore derselben hinter mir, versammeln Sie Ihre Soldaten hinter Ihren Mauern, lassen Sie Ihre Festungen von Geschützen starren, vereinigen Sie Ihre Flotten in Ihren Häfen, Sie werden die Rache Frankreichs wohl verzögern, aber nur um so unvermeidlicher und furchtbarer machen, denn Alles wird weichen vor dem Rufe der großen Nation: Es lebe die Republik!« Und den neuen Belsazar und seine Gäste entsetzt vor den vier magischen Worten stehen lassend, welche er zuletzt gesprochen und welche ein Jeder mit Flammenzügen an der Wand des Festsaales zu lesen glaubte, entfernte er sich gleich dem Herold der alten Römer, welcher den brennenden blutigen Wurfspieß, das Symbol des Krieges, auf den Boden des Feindes schleuderte, mit langsamen Schritten und ließ die Scheide eines Säbels die Marmorstufen der Treppe hinabklirren. Kaum war dieses Geräusch verhallt, so folgte das eines Postwagens, der, von vier kräftigen Pferden gezogen, davonrollte. Fünftes Capitel. Der Palast der Königin Johanna Es gibt in Neapel am äußersten Ende von Mergellina, an der Straße nach Pausilippo, welche zu der Zeit, von welcher wir hier sprechen, ein kaum fahrbarer schmaler Weg war, eine seltsame Ruine, die ihrer ganzen Länge nach auf einer Felsenklippe steht, welche unaufhörlich von den Wellen des Meeres bespült wird, so daß zu den Stunden der Flut diese bis in die unteren Gemächer eindringt. Wir haben gesagt, es sei eine seltsame Ruine, und sie ist es auch in der That, denn es ist die eines Palastes, welcher niemals vollendet worden und der sich im Zustand der Hinfälligkeit befindet, ohne jemals das Leben gesehen zu haben. Das Volk, in dessen Erinnerung das Verbrechen eine hartnäckigere Lebensdauer hat als die Tugend, das Volk, welches in Rom, die wohlthätigen und fruchtbringenden Regierungen Marc Aurel’s und Trajans vergessend, dem Reisenden nicht eine einzige Ruine zeigt, welche sich auf das Leben dieser beiden Kaiser bezöge, das Volk, welches sich heute noch für den Vergifter des Britannicus und den Mörder Agrippinas enthusiasmiert, das Volk bringt den Namen des Sohnes von Domitius Aenobarbus mit allen Monumenten in Verbindung, selbst mit solchen, die achthundert Jahre nach ihm errichtet worden, und zeigt jedem Vorübergehenden die Bäder des Nero, den Thurm des Nero, das Grabmal des Nero. Eben so macht es das Volk von Neapel, welches die Ruine von Mergellina den Palast der Königin Johanna nennt, obschon ihre dem siebzehnten Jahrhundert angehörende Architektur dieser Behauptung offenbar widerspricht. Dieser Palast ist nicht durch die königsmörderische Gattin Andreas oder durch die ehebrecherische Maitresse Sergianis Caracciolo erbaut, sondern durch Anna Caraffa, die Gattin des Herzogs von Medina, Günstlings jenes Herzogs Olivarez, den man den Grafenherzog nannte und welcher selbst der Günstling des Königs Philipp des Vierten war. Olivarez' Sturz hatte auch den Medinas zur Folge, der nach Madrid zurückgerufen ward und in Neapel seine Gattin als Ziel des doppelten Hasses zurückließ, welchen sie durch ihren Stolz, er durch seine Tyrannei erweckt. Je demüthiger und stummer die Völker während der Glückstage ihrer Unterdrücker sind, desto unversöhnlicher sind sie am Tage des Sturzes derselben. Die Neapolitaner, welche, so lange die Macht des nun in Ungnade gefallenen Vicekönigs gedauert, kein Murren hören gelassen, verfolgten ihn nun in seiner Gemahlin, und Anna Caraffa verließ, vernichtet durch die Verachtung der Aristokratie und die Schmähungen und Beleidigungen, welche sie vom Pöbel zu ertragen hatte, Neapel, ebenfalls um in Portici zu sterben, während sie ihren Palast als Symbol ihres so plötzlichen Glückswechsels halb vollendet zurückließ. Seit dieser Zeit hat das Volk diesen Steinkoloß zum Gegenstand eines unheimlichen Aberglaubens gemacht. Obschon die Phantasie der Neapolitaner nur einen mittelmäßigen Hang zu der nebelhaften Poesie des Nordens hat und die Gespenster, die gewohnten Gäste dicker Dünste, sich nicht in die durchsichtige Atmosphäre der modernen Parthenope wagen, so haben sie doch, man weiß selbst nicht warum, diese Ruine mit unbekannten böswilligen Geistern bevölkert, welche die Ungläubigen behexen, die keck genug sind, sich in dieses Skelett von einem Palast zu wagen, oder die, welche, noch kecker, versucht haben, ihn zu vollenden – trotz des Fluches, der darauf lastet, und trotz des Meeres, welches bei seinem immer höheren Steigen mehr und mehr eindringt. Man sollte meinen, daß in dem vorliegenden Falle die unbeweglichen und unempfindlichen Mauern menschliche Leidenschaften geerbt haben, oder daß die rachsüchtigen Seelen Medinas und Anna's nach dem Tode wiederum ihren Wohnsitz in diesen verlassenen Räumen genommen haben, deren Bewohnung ihnen bei ihren Lebzeiten nicht gestattet war. Dieser Aberglaube ward in der Mitte des Jahres 1798 durch die Gerüchte bestätigt, welche sich ganz besonders unter den Bewohnern von Mergellina, das heißt eines Ortes verbreiteten, welcher dem Schauplatz dieser düsteren Traditionen am nächsten liegt. Man erzählte, man habe seit einiger Zeit in dem Palast der Königin Johanna – denn wir haben es bereits gesagt, das Volk gab ihm beharrlich diesen Namen und wir behalten als Romanschreiber denselben bei, obschon wir als Archäolog dagegen protestieren – man erzählte, man habe Kettengeklirr und Seufzer gehört und durch die gähnenden Fenster unter den düsteren Arcaden blaßblaue Lichterchen gesehen, welche in den feuchten unbewohnten Sälen umherirrten. Man behauptete endlich – und es war ein alter Fischer Namens Basso Tomeo, welchem man das unbedingteste Vertrauen schenkte, der es erzählte – man behauptete, daß diese Ruinen ein Schlupfwinkel von Uebelthätern geworden seien. Die Grundlage, worauf Basso Tomeo diese letzte Versicherung stützte, war folgende: Während einer stürmischen Nacht, wo trotz der Furcht, welche das verwünschte Schloß ihm einflößte, er sich genöthigt gesehen, Zuflucht in einem kleinen Henkel zu suchen, den die Klippe, auf der es erbaut ist, von Natur bildet, hatte er in dem Dunkel der langen Corridors Schatten hinschweben sehen, welche mit dem langen Gewand der Bianchi bekleidet waren, das heißt mit dem Costüm der Büßer, welche den zum Galgen oder zum Schaffot verurtheilten Delinquenten in ihren letzten Augenblicken zur Seite stehen. Er sagte auch noch mehr. Er sagte, gegen Mitternacht – er konnte genau die Stunde angeben, denn er hatte sie auf der Kirche der Madonna de Piedi Grotta schlagen gehört – habe er einen jener Männer oder jener Dämonen gesehen. Derselbe war auf dem Felsen, an dessen Fuße das Boot des Fischers lag, einen Augenblick stehen geblieben, und dann an der steilen Böschung, die nach dem Meere hinabführt, herabgleitend, gerade auf ihn zugekommen. Erschrocken über diese Erscheinung hatte der alte Fischer die Augen geschlossen und sich gestellt, als schliefe er. Einen Augenblick später hatte er gefühlt, wie ein Boot sich unter der Last eines Körpers neigte. Von immer höher steigender Angst gefoltert, hatte er ein wenig die Augen geöffnet, um zu erspähen, was über ihm vorginge, und wie eine Wolke hindurch hatte er jene gespenstische Gestalt gesehen, die sich mit einem Dolche in der Hand über ihn neigte. Die Spitze dieses Dolches hatte er einen Augenblick später an seiner Brust gefühlt. Ueberzeugt jedoch, daß das menschliche oder übermenschliche Wesen, mit welchem er zu thun hatte, sich blos Gewißheit verschaffen wolle, ob er wirklich schlief, hatte er sich unbeweglich verhalten und seinen Athemzug so gut als möglich dem eines Menschen nachgeahmt, der in den tiefsten Schlaf versenkt ist. In der That hatte die furchtbare Erscheinung, nachdem sie sich einen Augenblick lang über ihn geneigt, sich plötzlich auf dem Felsen vollständig wieder aufgerichtet und mit demselben Schritt und mit derselben Leichtigkeit, wie sie herabgekommen, den Felsen wieder zu ersteigen begonnen. Ebenso wie vor dem Herunterkommen war sie dann auch einen Augenblick lang oben stehen geblieben, um sich zu überzeugen, daß Basso Tomeo immer noch schliefe, und dann in die Ruinen hinein verschwunden, aus welchen sie hervorgekommen. Die erste Bewegung, welche Basso Tomeo gemacht, war die gewesen, daß er nach seinen Rudern griff, um schnell zu entfliehen. Er hatte jedoch bedacht, daß er, wenn er fliehe, gesehen werden, daß man dann merken würde, er habe nicht geschlafen, sondern sich blos so gestellt – eine Entdeckung, welche ihm, sei es nun sofort, sei es später, sehr nachtheilig werden konnte. Auf alle Fälle war der Eindruck auf den alten Basso Tomeo ein so tiefer gewesen, daß er mit seinen drei Söhnen Gennaro, Luigi und Gaetano, seiner Frau und seiner Tochter Assunta von Mergellina hinweg und nach Marinella, das heißt ans andere Ende von Neapel und auf die entgegengesetzte Seite des Hafens gezogen war. Alle diese Gerüchte hatten unter der neapolitanischen Bevölkerung, der abergläubischsten, die es gibt, begreiflicherweise eine immer größere Consistenz gewonnen. Jeden Tag oder vielmehr jeden Abend wurden von dem äußersten Ende von Pausilippo an bis zur Kirche der Madonna de Pie di Grotta an Bord der Barken, auf welchen die Fischer die Stunde erwarten, wo sie ihre Netze auswerfen, oder in dem Wohnzimmer, wo die ganze Familie beisammen saß, neue Geschichten erzählt, von welchen die eine immer schrecklicher war als die andere. Was die intelligenten Personen betraf, welche nicht so leicht an Geistererscheinungen und verwünschte Ruinen glauben, so waren sie gleichwohl die Ersten, welche diese Gerüchte weiter verbreiteten, oder wenigstens sie ohne Widerspruch weiter erzählen ließen. Sie maßen nämlich die Ereignisse, welche zu allen diesen Volkssagen Anlaß gaben, weit ernsteren und besonders weit drohenderen Ursachen bei, als Erscheinungen von Gespenstern und Seufzern gemarterter Seelen. Das, was man sich leise, nachdem man sich vorher mit unruhiger Miene umgeschaut, von Vater zu Sohn, von Bruder zu Bruder, von Freund zu Freund erzählte, war nämlich Folgendes: Man sagte, die Königin Marie Caroline habe durch die in Frankreich von der Revolution hervorgerufenen Ereignisse, welche den Tod ihres Schwagers Ludwigs des Sechzehnten und ihrer Schwester Marie Antoinettens herbei geführt, bis zum Wahnsinn aufgestachelt, zur Verfolgung der Jacobiner eine Staatsjunta eingesetzt, welche, wie man wußte, drei unglückliche junge Leute, Emanuele de Deo, Vitaliano und Galiani, die alle drei zusammen noch nicht das Alter eines Greises hatten, zum Tode verurtheilt. In Anbetracht des Murrens aber, welches diese dreifache Hinrichtung hervorgerufen, und da Neapel geneigt war, aus den angeblichen drei Verbrechern drei Märtyrer zu machen, so sagte man, habe die Königin, ihre Rache im Dunklen, aber nicht minder sicher verfolgend, in einem Zimmer des Palastes, welches man wegen der Finsterniß, in welcher die Richter und die Ankläger weilten, das finstere Zimmer nannte, eine Art geheimes, unsichtbares Tribunal errichtet, welches man das Tribunal des heiligen Glaubens nannte. In diesem Zimmer und vor diesem Tribunal empfange man die Aussagen nicht blos unbekannter, sondern auch maskierter Ankläger; man spreche hier Urtheile, welchen nur die Angeklagten beiwohnten, und die denselben erst bekannt gemacht würden, wenn sie schon dem Vollstrecker dieser Urtheile, Pasquale de Simone, gegenüberstünden, welcher mochte nun die gegen Caroline erhobene Anklage wahr oder falsch sein, in Neapel nur unter dem Namen des Sbirren der Königin bekannt war. Dieser Pasquale von Simone sagte, wie man versicherte, dem Verurtheilten nur ein einziges leises Wort und sein Stoß war so sicher, daß derselbe allemal tödtlich war. Uebrigens, erzählte man ferner, ließe der Mörder allemal in der Wunde den Dolch zurück, auf dessen Griff die beiden Buchstaben S. F. – Santa Fede – durch ein Kreuz getrennt eingraviert seien. Es fehlte nicht an Leuten, welche wirklich derartige Leichen aufgehoben und den rächenden Dolch in der Wunde vorgefunden zu haben erklärten. Noch weit mehr aber gab es deren, welche gestanden, daß sie bei dem Anblick eines auf der Erde liegenden Cadavers die Flucht ergriffen, und zwar ohne sich erst die Mühe genommen zu haben, nachzusehen, ob der Dolch in der Wunde stecken geblieben sei oder nicht, und noch weit weniger, ob dieser Dolch, wie jener der heiligen Vehme in Deutschland, auf einer Klinge irgend ein Zeichen trug, welches die Hand verrieth, die sich dieser Waffe bedient hatte. Es war auch noch eine dritte Version in Umlauf, die vielleicht nicht die wahrste, obschon die wahrscheinlichste war. Dieselbe lautete dahin, daß eine Bande von Missethätern, die in Neapel, wo die Galeeren blos die Landhäuser des Verbrechens sind, so häufig angetroffen werden, für eigene Rechnung arbeite und sich dadurch Straflosigkeit zu sichern wisse, daß sie glauben mache, sie arbeite für Rechnung der königlichen Rache. Welche von diesen Versionen nun die gegründete sein oder der Wahrheit am nächsten kommen mochte, so öffnete während des Abends jenes selben 22. September, während die Feuerwerke auf dem Schloßplatze, auf dem Mercatello und dem Platze delle Pigue abgebrannt wurden, während die Menge gleich einem zwischen zwei steilen Ufern dahinrauschenden Strom sich unter der Flammenarcade der Illumination in die einzige Arterie, welche das Leben von einem Ende Neapels zum andern trägt, das heißt in die Toledostraße ergoß, während man sich in dem Palast der englischen Gesandtschaft von dem durch die Erscheinung des französischen Gesandten und das von ihm geschleuderte Anathema verursachten Schrecken zu erholen begann – während Alles dies geschah, sagen wir, öffnete sich eine kleine hölzerne Thür, die auf die einsamste Stelle des Weges nach Pausilippo zwischen der Klippe von Frisa und dem Restauranten de la Schiava herausführte, von außen nach innen, um einen Mann heraustreten zu lassen, der sich in einen großen Mantel gehüllt, mit welchem er den unterm Theil seines Gesichtes verdeckte, während der obere Theil sich in dem Schatten verlor, den ein bis auf die Augen hereingezogener breitkrämpiger Hut darüberwarf. Nachdem dieser Mann die Thür wieder sorgfältig hinter sich verschlossen, schlug er einen schmalen Fußsteig ein, der am Rande der steilen Böschung hin nach dem Meer hinab und unmittelbar nach dem Palaste der Königin Johanna führte. Anstatt jedoch bis ganz an den Palast zu reichen, endete dieser Fußweg an einem steilen Felsen, welcher den Abgrund um zehn bis zwölf Fuß überragte. Auf diesem Felsen lag für den Augenblick jedoch ein Brett, dessen anderes Ende auf dem Sims eines Fensters der ersten Etage des Schlosses ruhte und eine bewegliche Brücke bildete, die fast ebenso schmal war als jene Rasirmesserschneide, welche man passieren muß, um die Schwelle von Mahomeds Paradies zu erreichen. Wie schmal und unsicher diese Brücke aber auch war, so betrat der Mann im Mantel dieselbe doch mit einer Sorglosigkeit, welche verrieth, daß er diesen Weg schon oft gewandelt. In dem Augenblick jedoch, wo er im Begriff stand das Fenster zu erreichen, kam ein im Innern verborgen gewesener Mann zum Vorschein und vertrat dem Ankommenden den Weg, indem er ihm eine Pistole auf die Brust setzte. Der Mann im Mantel hatte dieses Hinderniß ohne Zweifel erwartet, denn er schien dadurch nicht im Mindesten erschreckt oder auch nur beunruhigt zu werden. Er machte vielmehr ein freimaurerisches Zeichen, murmelte dem, der ihm den Weg versperrte, die Hälfte eines Wortes zu, welches letzterer vollendete, indem er zugleich, den Eintritt in die Ruine frei ließ, was dem Manne im Mantel gestattete, von dem Fenstersims in das Zimmer hinabzusteigen. Nachdem dies geschehen, wollte der Letztgekommene seinen Genossen auf dem Posten am Fenster, wie dies ohne Zweifel Gebrauch war, ablösen, um einen neuen Ankömmling zu erwarten, gerade so, wie auf der obersten Stufe der Treppe der königlichen Gruft von Saint-Denis der letztverstorbene König von Frankreich seinen Nachfolger erwartet. »Es ist nicht nöthig, sagte der, welcher bis jetzt Wache gestanden. »Wir sind schon Alle eingetroffen, mit Ausnahme Velascos, der erst um Mitternacht kommen kann.« Beide zogen nun mit vereinten Kräften das Brett an sich, welches die von dem Felsen in die Ruine führende fliegende Brücke bildete, lehnten es an die Wand und verloren, nachdem sie auf diese Weise es jedem Uneingeweihten unmöglich gemacht, ihnen zu folgen, sich in den Schatten, der im Innern der Ruinen noch viel dichter war als außerhalb derselben. Wie schwarz, diese Finsterniß aber auch war, so schien sie doch für die beiden Genossen kein Geheimniß zu haben. Beide folgten ohne Zögern einer Art Corridor, in welchen durch die Ritzen der Decke ein Schimmer von Sternenlicht drang, und gelangten so bis an die ersten Stufen einer Treppe, die kein Geländer hatte, aber breit genug war, um ohne Gefahr begangen werden zu können. An einem der Fenster des Zimmers, nach welchem diese Treppe führte und welches die Aussicht auf das Meer hatte, erkannte man eine menschliche Gestalt, welche durch ihre Schwärze wohl von innen sichtbar war, von außen aber unmöglich zu erkennen gewesen wäre. Beim Geräusche der Tritte drehte dieser Art Schatten sich herum. »Sind wir Alle beisammen?«, fragte er. »Ja, Alle,« antworteten die beiden Stimmen. »Dann,« sagte der Schatten, »bleibt uns Niemand weiter zu erwarten, als der Abgesandte von Rom.« »Wenn er nicht bald kommt, so zweifle ich, daß er wenigstens diese Nacht das gegebene Wort wird halten können,« sagte der Mann im Mantel, indem er einen Blick auf die Wogen warf, welche unter dem ersten Hauche des Sirocco zu schäumen begannen. »Ja, das Meer fängt an zu zürnen,« antwortete der Schatten; »wenn er aber wirklich der Mann ist, den Hector uns versprochen, so wird er sich durch eine solche Kleinigkeit nicht abhalten lassen.« »Durch eine solche Kleinigkeit! Wie Du doch sprichst, Gabriel! Der Südwind ist losgelassen und in einer Stunde wird das Meer nicht mehr zu halten sein. Es ist der Neffe eines Admirals, der Dir dies sagt.« »Wenn er nicht zur See kommt, so kommt er zu Lande. Wenn er nicht in einem Boot kommt, so kommt er geschwommen, und wenn er nicht geschwommen kommt, so kommt er in einem Luftballon,« sagte eine junge, frische, kräftige Stimme. »Ich kenne meinen Mann, denn ich habe ihn bei der Arbeit gesehen. Sobald er zu dem General Championnet gesagt hat: »Ich werde gehen,« so wird er auch gehen, müßte er auch das Feuer der Hölle passieren.« »Uebrigens ist es auch noch Zeit, hob der Mann im Mantel wieder an. »Die Versammlung sollte zwischen elf und zwölf Uhr stattfinden, und – hier ließ er seine Repetiruhr schlagen, »Ihr sehet, es ist noch nicht elf.« »Dann,« sagte der, welcher sich für den Neffen eines Admirals ausgegeben und der aus diesem Grunde sich auf die Zeit verstehen mußte, »dann bin ich als der Jüngste an der Reihe, an diesem Fenster Wache zu halten und an Euch, die Ihr die reifen Männer und klugen Köpfe seid, ist es, zu berathschlagen. Geht daher hinunter in das Berathungszimmer. Ich bleibe hier und sobald ich ein Boot mit einer Laterne am Bug erblicke, melde ich es Euch sofort. »Wir haben nicht zu berathen, aber wir haben jedenfalls eine gewisse Anzahl Neuigkeiten auszutauschen. Der Rath, welchen Nicolino uns gibt, ist daher gut, obschon er uns von einem Narren gegeben wird.« »Wenn man mich wirklich für einen Narren hält, sagte Nicolino, »so gibt es hier vier Männer, die noch unsinniger sind als ich. Es sind dies die, welche, obschon die wissen, daß ich ein Narr bin, mich in ihre Complotte eingeweiht haben, denn, meine guten Freunde, wenn Ihr Euch auch Philomati nennt und euren Sitzungen einen wissenschaftlichen Vorwand gebt, so seid Ihr doch ganz einfach weiter nichts als Freimaurer, eine in dem Königreiche beider Sicilien geächtete Secte, und Ihr habt Euch verschworen, Seine Majestät den König Ferdinand zu stürzen und die parthenopeiche Republik zu errichten, was das Verbrechen des Hochverraths, das heißt die Todesstrafe in sich begreift. Aus der Todesstrafe machen wir, mein Freund Hector Caraffa und ich, uns gar nicht viel, weil wir ja in unserer Eigenschaft als Patrizier enthauptet werden, wodurch unserem Wappen kein Makel zugefügt wird. Du aber, Manthonnet, Du Schipani, und Cirillo, welcher unten ist, Ihr, die Ihr weiter nichts seid als Männer von Herz, von Muth, von Gelehrsamkeit, von Verdienst, Ihr, die Ihr hundertmal mehr werth seid als wir, aber das Unglück habt, bürgerliche Canaillen zu sein, Ihr werdet einfach kurz und hoch gehängt. Ha, ich will nicht lachen, liebe Freunde, wenn ich aus dem Fenster der Mannaja[1 - Italienischer Name der Guillotine.] Euch am Ende eurer Stricke baumeln sehe, dafern nämlich der illustrissimo Signore Don Pasquale de Simone mich nicht auf Befehl Ihrer Majestät der Königin dieses Vergnügens beraubt. – So geht denn an euere Berathung, geht, und wenn es etwas Unmögliches zu thun gibt, das heißt etwas, was nur ein Narr verrichten kann, so denkt an mich.« Diejenigen, an welche dieser Rath gerichtet war, schienen derselben Meinung zu sein wie der, welcher ihn gab, denn halb lachend, halb die Achseln zuckend, ließen sie Nicolino als Schildwache am Fenster zurück, gingen eine Wendeltreppe hinunter, auf deren Stufen der Schimmer einer Lampe fiel, die ein Gemach erleuchtete, welches unterhalb des Meeresspiegels in den Felsen gehauen und aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Architekten des Herzogs von Medina zu dem edlen Zwecke bestimmt gewesen, unter dem prosaischen Namen eines Kellers zum Aufbewahrungsort der besten spanischen und portugiesischen Weine zu dienen. In diesem Keller – denn trotz der Poesie und des Ernstes unseres Gegenstandes müssen wir die Dinge bei ihrem richtigen Namen nennen – in diesem Keller saß ein Mann gedankenvoll und in Betrachtungen versunken, mit dem Ellbogen auf einen steinernen Tisch gestützt. Sein zurückgeschlagener Mantel ließ den Schein der Lampe auf ein bleiches und durch Nachtwachen abgemagertes Gesicht fallen. Vor ihm auf dem Tische sah man einige Papiere, Schreibfedern, ein Tintenfaß und so, daß er sie mit der Hand erreichen konnte, ein Paar Pistolen und einen Dolch. Dieser Mann war der berühmte Arzt Domenico Cirillo. Die drei andern Verschworenen, welche Nicolino zur Berathung geschickt und mit den Namen Schipani, Manthonnet und Hector Caraffa bezeichnet, traten einer nach dem andern in den Ring des bleichen, zitternden Lichtes, welches die Lampe verbreitete, entledigten sich ihrer Mäntel und Hüte, legten Jeder ein paar Pistolen vor sich hin und begannen nicht zu berathen, sondern die Neuigkeiten auszutauschen, welche in der Stadt die Runde machten und welche jeder Einzelne zu sammeln im Stande gewesen war. Da wir eben so gut oder vielmehr noch besser als sie von Allem unterrichtet sind, was an jenem so ereignißvollen Tage geschehen war, so wollen wir, in der Voraussetzung, daß unsere Leser damit einverstanden sind, die Verschworenen über diesen Gegenstand, der für uns kein Interesse mehr haben könnte, sprechen lassen und dagegen die kurze Lebensgeschichte dieser fünf Männer mittheilen, welche berufen sind, bei den Vorgängen, welche wir zu erzählen beabsichtigen, eine wichtige Rolle zu spielen. Sechstes Capitel. Der Abgesandte von Rom Sehen wir denn, wer eigentlich jene fünf Männer waren, von welchen Nicolino in seiner spöttischen Aeußerung, ohne sich selbst zu schonen, drei dem Galgen und zwei der Guillotine geweiht hatte, eine Prophezeiung, die übrigens bis auf Einen für Alle wörtlich in Erfüllung gehen sollte. Der, welcher allein gedankenvoll und in Betrachtungen versunken mit dem Ellbogen auf den steinernen Tisch gestützt saß, und, wie wir schon bemerkt, Domenico Cirillo hieß, war ein Mann des Plutarch, einer der gewaltigsten Repräsentanten des Alterthums, die jemals auf dem Boden von Neapel erschienen sind. Er gehörte weder dem Lande noch der Zeit an, worin er lebte, und er besaß so ziemlich alle Eigenschaften, von welchen eine einzige hingereicht haben würde, um einen großen Mann zu machen. Geboren war er im Jahre 1734, in demselben Jahre, wo Carl der Dritte den Thron bestieg, zu Grumo, einem kleinen Dorfe. Seine Familie ist von jeher eine Pflanzschule berühmter Aerzte, gelehrter Naturforscher und unbestechlicher Magistratspersonen gewesen. Als er zwanzig Jahre alt war, bewarb er sich um den Lehrstuhl der Botanik und erhielt denselben auch. Dann machte er eine Reise durch Frankreich, lernte Nollet, Buffon, d'Alembert, Diderot und Franklin kennen und würde ohne eine große Liebe zu seiner Mutter – dies sagte er selbst – einem eigentlichen Vaterlande entsagend, gern in dem Vaterlande seines Herzens geblieben sein. Nach Neapel zurückgekehrt, setzte er seine Studien fort, und ward einer der ersten Aerzte seiner Zeit. Ganz besonders war er als der Arzt der Armen bekannt. Er erklärte, die Wissenschaft dürfe, wenn man ein wahrer Christ sein wolle, keine Quelle des Reichthums, sondern müsse vielmehr ein Mittel sein, um dem Elende zu Hilfe zu kommen. Wenn er daher gleichzeitig zu einem reichen Bürger und einem armen Lazzarone gerufen ward, so ging er vorzugsweise zu dem Armen, dem er, so lange er in Gefahr schwebte, mit seiner Kunst beistand, und ihn später, wenn er sich auf dem Wege der Genesung befand, mit seinem Gelde unterstützte. Trotzdem, oder richtiger gesagt, eben deswegen war er am Hofe nicht gern gesehen, namentlich im Jahre 1791, einer Zeit, wo die Furcht vor den revolutionären Ideen und der Haß gegen die Franzosen den König Ferdinand und seine Gemahlin Caroline gegen Alles erbitterten, was Neapel an edlen Herzen und intelligenten Köpfen besaß. Seit dieser Zeit lebte er in halber Ungnade und da er für ein unglückliches Land keine andere Hoffnung sah, als in einer mit Hilfe derselben Franzosen, die er so sehr geliebt, daß er zwischen ihnen und seiner eigenen Mutter und seinem eigenen Vaterlande geschwankt, zu Stande gebrachten Revolution, so trat er mit der philosophischen Entschlossenheit seiner Seele und der ruhig sanften Zähigkeit seines Charakters einem Complott bei, welches den Zweck hatte, die Autorität Frankreichs an die Stelle der Tyrannei der Bourbons zu setzen. Er verhehlte sich nicht, daß er dabei seinen Kopf aufs Spiel setzte; aber ruhig, ohne falschen Enthusiasmus beharrte er bei seinem Project, so gefährlich dasselbe auch war, ebenso wie er auf dem gefährlichen Vorsatz beharrt haben würde, eine an der Cholera oder am Typhus erkrankte Bevölkerung mit Gefahr seines eigenen Lebens zu pflegen. Seine Genossen, die jünger und heißblütiger waren als er, fügten sich in allen Dingen seinen Rathschlägen. Er war der Faden, der sie in dem Labyrinth leitete, das Licht, welchem sie in der Finsterniß folgten, und das melancholische Lächeln, womit er die Gefahr kommen sah, die milde Salbung, womit er von den Auserwählten sprach, welche das Glück haben, für das Wohl des Menschengeschlechts zu sterben, äußerten auf ihr Gemüth einen gewissen Grad jenes Einflusses, den Virgil dem Gestirn zuschreibt, welches bestimmt ist, die Finsterniß der Nacht zu zerstreuen und an ihre Stelle das schützende, wohlwollende Schweigen der Nacht zu setzen. Hector Caraffa, Graf von Ruvo, Herzog von Andria, derselbe, welcher sich in das Gespräch gemischt, um für die hartnäckige Willenskraft und den kaltblütigen Muth des Mannes zu bürgen, den man erwartete, war einer jener Athleten, welche Gott für die politischen Kämpfe schafft, das heißt eine Art aristokratischer Danton, mit einem unerschrockenen Herzen, einem unversöhnlichen Gemüth und einem schrankenlosen Ehrgeiz. Er liebte die schwierigen Unternehmungen instinctartig und ging der Gefahr mit demselben Schritt entgegen, womit ein Anderer geflohen wäre. In der Wahl der Mittel war er unbedenklich, dafern er nur das Ziel erreichte. In seinem Leben energisch, war er, was man nicht für möglich gehalten hätte, in seinem Tode noch energischer. Er war mit einem Wort einer jener gewaltigen Hebel, welche die Vorsehung, die über den Völkern wacht, den zu ihrer Befreiung bestimmten Revolutionen in die Hand gibt. Er stammte aus der berühmten Familie der Herzöge von Andria und trug den Titel eines Grafen von Ruvo. Er verschmähte jedoch einen Titel und alle diejenigen seiner Ahnen, welche sich keinen Anspruch auf den Dank der Geschichte erworben, und sagte unaufhörlich, unter einem Sclavenvolke könne es keinen wahren Adel geben. Gleich der erste Hauch der republikanischen Ideen, welche mit Latouche Tréville nach Neapel gekommen, hatte ihn entzündet. Mit seiner gewohnten Kühnheit hatte er sich in die gefährliche Sphäre der Revolutionen geworfen und obschon durch seine Stellung gezwungen, bei Hofe zu erscheinen, war er der eifrigste Apostel und thätigste Verbreiter der neuen Grundsätze geworden. Ueberall, wo man von Freiheit sprach, sah man wie auf einen Zauberspruch in demselben Augenblick Hector Caraffa erscheinen. Schon im Jahre 1795 war er deshalb festgenommen und mit den von der Staatsjunta bezeichneten ersten Patrioten nach dem Castel Sam Elmo gebracht worden. Hier war er zu einer großen Anzahl junger Officiere von der Garnison des Castells in nähere Beziehung getreten. Seine feurigen Worte erweckten auch in diesen die Liebe zur Republik. Es dauerte nicht lange, so hatten sie sich so innig befreundet, daß er, da er von einem Todesurtheil bedroht ward, nicht zögerte, sie um ihren Beistand zur Flucht zu bitten. Ein schwerer Kampf fand nun in den edlen Herzen statt. Die einen sagten, daß man selbst um der Freiheit willen seiner Pflicht nicht untreu werden dürfe, und daß sie, mit der Bewachung des Castells beauftragt, sich eines Verbrechens schuldig machen würden, wenn sie einem Gefangenen zur Flucht behilflich wären, sollte dieser Gefangene selbst ihr Freund, ihr Bruder sein. Andere dagegen sagten, daß ein Patriot für die Freiheit und für das Wohl ihrer Vertheidiger Alles, selbst die Ehre, opfern müsse. Ein junger Lieutenant von Castelgirone in Sicilien, der ein eifrigerer Patriot war als alle übrigen, verstand sich endlich dazu, nicht blos der Mitschuldige, sondern auch der Gefährte seiner Flucht zu sein. Beide wurden bei Ausführung dieser Flucht durch die Tochter eines Officiers der Garnison unterstützt, welche sich in Hector verliebt und ihm ein Seil verschaffte, woran er sich an der Mauer des Castells hinabließ, während der junge Sicilianer ihm unten erwartete. Die Flucht ward glücklich ausgeführt, leider hatte von den beiden Flüchtlingen der eine nicht dasselbe Glück wie der andere. Der Sicilianer ward ergriffen, zum Tode verurtheilt und sah durch besondere Gunst des Königs Ferdinand seine Strafe in ewige Gefangenschaft in dem entsetzlichen Kerker von Favignana verwandelt. Hector fand ein Asyl im Hause eines Freundes zu Portici. Von hier aus verließ er auf Pfaden, die nur den Gebirgsbewohnern bekannt waren, das Königreich, begab sich nach Mailand, fand hier die Franzosen und ward sehr bald ihr Freund, wie er der ihrer Grundsätze schon längst war. Die Franzosen ihrerseits erkannten ebenfalls den Werth dieser Feuerseele, dieser eisernen Willenskraft. Championnet gab den Flüchtling, ohne ihm besondere Functionen anzuweisen, seinem Generalstabe bei, und als nach dem Sturze Pius des Sechsten und der Proclamation der römischen Republik der französische General nach Rom ging, begleitete Hector ihn dahin. Auf diese Weise Neapel so nahe und in der Hoffnung, daselbst eine revolutionäre Bewegung zu Stande zu bringen, schlug er, um in das Königreich zurückzugelangen, denselben Weg ein, auf welchem er es verlassen, und nahm, nicht mehr als Geächteter, sondern als Verschwörer die Gastfreundschaft desselben Freundes in Anspruch, bei welchem er schon einmal Zuflucht gefunden und der kein anderer war als Gabriel Manthonnet, den wir bereits genannt. Von hier aus schrieb Hector an Championnet, er halte Neapel für reif zu einer Erhebung, und forderte ihn auf, ihm einen sichern, ruhigen und kaltblütigen Mann zu schicken, welcher selbst über die Stimmung der Gemüther und den Stand der Dinge urtheilen könne. Dieser Abgesandte war es, den man erwartete. Gabriel Manthonnet, bei welchem Hector Caraffa ein Asyl gefunden und welchen es ihm nicht schwer ward, für die Sache der Freiheit zu gewinnen, war, eben so wie er selbst, ein Mann von vier bis fünfunddreißig Jahren und stammte, wie schon sein Name verräth, aus Savoyen. Seine Körperkraft war herkulisch und sein Wille hielt damit gleichen Schritt. Dabei besaß er jene Beredsamkeit des Muthes, die der Seele jene erhabenen Worte entlockt, welche die Geschichte mit Flammenschrift aufzeichnet. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, unter gewöhnlichen Umständen sich in jenen witzigen, spöttischen Aeußerungen zu ergehen, welche, ohne bis auf die Nachwelt zu gelangen, bei den Zeitgenossen Glück machen. Im Jahre 1784 in die neapolitanische Artillerie ein- getreten, war er 1787 Unterlieutenant geworden, 1789 als Lieutenant zu dem Artillerieregiment der Königin versetzt, 1794 zum Hauptmann und endlich zu Anfang des Jahres 1798 zum Commandanten seines Regiments und Adjutanten des Generals Fonseca ernannt worden. Derjenige von den vier Verschwörern, welchen wir mit dem Namen Schipani bezeichnet haben, war ein geborener Calabrese. Redlichkeit und Tapferkeit waren seine beiden vorherrschenden Eigenschaften. Sicher und zuverlässig, so lange er unter dem Commando zweier genialen Anführer wie Manthonnet und Hector Caraffa stand, ward er, sich selbst überlassen, durch seine Tollkühnheit und durch das Uebermaß eines Patriotismus geradezu gefährlich. Er war gleichsam eine Kriegsmaschine, ein Mauerbrecher, welcher furchtbare und sichere Stöße führte, aber nur unter der Bedingung, daß er von geschickten Maschinisten in Bewegung gesetzt ward. Was Nicolini betraf, der an dem auf die Spitze des Pausilippo führenden Fenster des alten Schlosses als Wache zurückgeblieben, so war dieser ein schöner junger Mann von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, Neffe jenes selben Franz Caracciolo, den wir die Galeere der Königin commandieren und für sich die Einladung zum Bankett und für seine Nichte eine Einladung zum Ball bei dem Gesandten oder vielmehr bei der Gesandtin von England ablehnen gesehen. Ueberdies war er Bruder des Herzogs Rocca Romana, des elegantesten, kühnsten und ritterlichsten der dienenden Cavaliere der Königin und welcher noch jetzt in Neapel der südliche Typus unseres Herzogs von Richelieu, des Geliebten der Valois und Siegers von Mahon, ist. Nur war Nicolini als Kind einer zweiten Ehe, Sohn einer Französin. Von seiner Mutter in der Liebe zu Frankreich erzogen, besaß er jenen leichten Sinn und jene Sorglosigkeit gegen Gefahren, welche im Nothfall aus dem Helden einen liebenswürdigen Mann und aus dem liebenswürdigen Mann einen Helden machen. Während die vier andern Verschworenen mit leiser Stimme und die Hand mechanisch nach ihren Waffen ausstreckend, jene hoffnungsvollen Worte wechselten, wie die Verschwörer deren zu sprechen pflegen, und durch welche hindurch, wie hoffnungsvoll sie auch sein mögen, von Zeit zu Zeit gleichsam der Blitz des Richtschwertes oder des Dolches hindurchleuchtet, sah Nicolini sorglos, wie man es mit zwanzig Jahren ist, von seinen Liebschaften träumend, deren Gegenstand in diesem Augenblick eine der Ehrendamen der Königin war, und darüber die Freiheit von Neapel fast vergessend, ohne die Spitze von Pausilippo aus den Augen zu verlieren, am Himmel sich jenes Ungewitter emporthürmen, welches sein Onkel der Königin und er selbst seinen Genossen prophezeit hatte. In der That grollte von Zeit zu Zeit ein ferner Donner, welchem Blitze vorangingen, die von Süden nach Norden die dunkle Wolkenmassen spalteten und abwechselnd mit phantastischem Schein den schwarzen Felsen von Capri erleuchteten, der, sobald der Blitz erlosch, wieder in Nacht versank und mit der dunklen Wolkenmasse verschmolz, deren Basis er zu bilden schien. Von Zeit zu Zeit fuhren Stöße jenes schweren austrocknenden Windes, welcher den der libyschen Wüste geraubten Sand bis nach Neapel trägt, über die Fläche des Meeres, welches phosphorescirend sich sodann auf einen Augenblick in einen Feuersee verwandelte, um beinahe ebenso schnell wieder seinem Dunkel anheimzufallen. Beim Hauch dieses von den Fischern gefürchteten Windes beeilten eine Menge kleiner Barken sich, den Hafen zu gewinnen. Die einen wurden durch ihre dreieckigen Segel fortgetragen und zogen eine feurige Furche hinter sich her; die andern schwammen aus Leibeskräften und glichen jenen großen Spinnen, die auf dem Wasser laufen, und kratzten das Meer mit ihren Rudern, die bei jedem Schlage eine Garbe flüssiger Funken emporsprühen ließen. Allmälig verschwanden diese Barken, indem sie sich eiligst dem Lande näherten, hinter der schwerfälligen, unbeweglichen Masse des Castells d'Uovo und dem Leuchtthurm des Molo, dessen gelbliches Licht sich im Mittelpunkte eines Dunstkreises zeigte, welcher dem glich, welcher den Mond bei bevorstehender schlechter Witterung umgibt. Endlich war das Meer gänzlich vereinsamt, wie um dem Kampf, den die vier Winde des Himmels einander zu liefern im Begriffe standen, freies Feld zu lassen. In diesem Augenblick erschien an der Spitze des Pausilippo, wie ein Punkt im Raume, eine röthliche Flamme, welche gegen den glühenden Schwefelhauch des Ungewitters und die phosphoreseirenden Ausströmungen des Meeres deutlich abstach. Diese Flamme bewegte sich in gerader Linie auf den Palast der Königin Johanna zu. Plötzlich und als ob das Erscheinen dieser Flamme ein Signal wäre, krachte ein Donnerschlag, welcher von dem Cap Campanello bis zu dem Cap Milena rollte, während in derselben Richtung der sich öffnende Himmel dem erschrockenen Auge die unergründlichen Tiefen des Aethers zeigte. Von direct entgegengesetzten Punkten kommende Windstöße höhlten die Fläche des Meeres mit der Schnelligkeit und dem Getöse einer Wasserhose. Die Wellen stiegen wie von unterseeischem Sieden emporgetrieben, der Sturm sprengte eine Kette und durch lief den flüssigen Kreis wie ein wüthender Löwe. Nicolino stieß bei dem furchtbaren Anblick, welchen das Meer und der Himmel auf einmal darboten, einen Ruf aus, welcher die Verschworenen in den Tiefen des alten Palastes bewog, die Treppe hinauf und an das Fenster zu eilen, um zu sehen, um was es sich handelte. Die Barke, welche, wie nicht zu bezweifeln stand, den erwarteten Abgesandten an Bord hatte, war auf der Hälfte des Weges vom Pausilippo bis zum Palast der Königin Johanna von dem Sturm ergriffen worden. Sofort hatte sie ihr kleines viereckiges Segel gerefft und hüpfte nun scheu auf den Wogen hin, in welche die Ruder zweier kräftiger Männer einzugreifen suchten. Ganz wie Hector Caraffa gedacht, hatte den jungen Mann mit dem ehernen Herzen, welchen sie erwarteten, nichts aufzuhalten vermocht. Der im Voraus entworfenen Marschroute gemäß – und noch mehr aus Vorsicht für die neapolitanischen Verschwörer als für den Abgesandten, den eine französische Uniform und sein Titel als Championnets Adjutant in der Stadt eines verbündeten Königreichs, in einer befreundeten Hauptstadt schützen mußten – hatte er die Straße von Rom bei Santa Maria verlassen, um so bald als möglich den Meeresstrand zu gewinnen. Sein Pferd hatte er unter dem Vorwand, daß es zu ermüdet sei, um ihn noch weiter zu tragen, in Pozzuolo zurückgelassen, und hier halb durch Drohungen, halb durch das Versprechen einer reichlichen Belohnung zwei Fischer bewogen, trotz des drohenden Sturmes die Fahrt zu unternehmen, die sie unter dem Weinen und Klagen ihrer Frauen und Kinder begannen, von welchen sie bis auf die feuchten Steinplatten des Hafens begleitet wurden. Ihre Befürchtung hatte sich als gegründet erwiesen, und in Nisida angelangt, wollten sie ihren Passagier ans Land setzen und sich hinter dem Hafendamme bergen. Der junge Mann aber zog, ohne zornig zu werden, oder vergebliche Worte zu machen, seine Pistolen aus dem Gürtel, und richtete die Mündung derselben auf die widerstrebenden Ruderer, welche, als sie an diesem ruhigen, aber entschlossenen Gesichte sahen, daß es um sie geschehen wäre, wenn sie den Gehorsam verweigerten, sich schweigend in die unerbittliche Nothwendigkeit gefügt hatten. Sie kamen aus dem kleinen Golf von Pozzuolo in den Golf von Neapel heraus und hatten nun mit dem Sturme zu kämpfen, welcher, als er auf der ganzen, weiten, unermeßlichen Fläche blos diese einzige Barke zu vernichten sah, seine ganze Wuth auf diese concentriert zu haben schien. Die fünf Verschworenen standen einen Augenblick stumm und unbeweglich da. Der erste Anblick einer großen Gefahr, in welcher ein Mitmensch schwebt, ist anfangs allemal betäubend, dann empfinden wir wie einen gebieterischen und unwiderstehlichen Instinct der Natur, das Bedürfniß, ihm Beistand zu leisten. Hector Caraffa war der Erste, der das Schweigen brach. »Seile! Seile!« rief er, indem er sich den Schweiß trocknete, der plötzlich auf seiner Stirn perlte. Nicolino verstand, legte das Brett über den Abgrund, sprang von dem Fenstersims auf das Brett, von dem Brett auf den Felsen bis an das Thor der Straße und kam zehn Minuten später wieder mit einem Seile zum Vorschein, welches er von einem öffentlichen Brunnen abgerissen. Während dieser Zeit, so kurz dieselbe auch war, hatte die Wuth des Sturmes sich verdoppelt. Eben so aber hatte auch die Barke, von dem Sturme getrieben, sich genähert, so daß sie nur noch einige Kabellängen von dem Palaste entfernt war. Da die Wellen sich aber mit schäumender Wuth an der Klippe brachen, auf welcher der Palast erbaut war, so war die Annäherung an dieselbe, anstatt eine Hoffnung zu bieten, nur neue Gefahr, und der Schaum spritzte den Verschworenen ins Gesicht, während sie sich zu dem Fenster des ersten Stockwerkes herausneigten, das heißt in eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß über dem Wasser. Bei dem Scheine des an dem Bug der Barke hängenden Lichtes, welches jede überschlagende Welle auszulöschen drohte, sah man die beiden Ruderer mit angstvoll verstörter Miene sich über ihre Ruder neigend, während aufrecht stehend, als ob er an den Boden der Barke festgenietet wäre, das Haar vom Orkan gepeitscht, aber mit lächelnder Lippe und mit verächtlichem Blicke die Wogen betrachtend, welche gleich der Meute der Scylla ihn bellend umsprangen, der junge Mann einem dem Sturme gebietenden Gotte oder, was noch erhabener ist, einem für die Furcht unzugänglichen Menschen glich. An der Art und Weise, auf welche er die Hand über die Augen hielt und seinen Blick auf die riesige Ruine richtete, sah man, daß er in der Hoffnung, erwartet zu werden, durch die Dunkelheit hindurch die Anwesenheit derer zu erspähen suchte, welche ihn erwarteten. Ein Blitz kam ihm zu Hilfe, indem er die rissige, düstere Facade des alten Gebäudes erleuchtete, und er erblickte nun die fünf Männer, welche mit unruhigen Geberden und Mienen wie aus Einem Munde ihm zuriefen: »Muth! Muth!« In demselben Augenblicke schlug eine an der Felsenbasis des Palastes sich brechende ungeheure Woge über das Vordertheil der Barke hinweg, löschte das Licht derselben aus und schien sie mit Mann und Maus verschlungen zu haben. Den Verschworenen stockte der Athem in der Brust. Mit verzweifelter Gebärde zerraufte Hector Caraffa sich das Haar, aber gleich darauf hörte man eine starke ruhige Stimme, welche das Getöse des Sturmes übertäubend, rief: »Eine Fackel!« Diesmal war es Hector Caraffa, welcher forteilte. In einer Mauervertiefung lagen für finstere Nächte in Bereitschaft gehaltene Fackeln. Er ergriff eine derselben und entzündete sie an der Lampe, welche auf dem steinernen Tisch stand, und erschien dann sofort auf der äußeren Plattform des Felsens, wo er sich über das Meer hinabneigte und mitten in einer Schaumwolke die harzige, nicht so leicht verlöschende Fackel gegen die Barke hinstreckte. Wie aus der Tiefe des Meeres auftauchend erschien diese, nur noch einige Fuß von der Felsenbasis des Palastes entfernt, wieder. Die beiden Ruderer hatten ihre Ruder fahren lassen, und riefen auf den Knieen liegend und die Hände gen Himmel streckend die Madonna und den heiligen Januarius um Beistand an. Nicolino stieg auf den Sims des Fensters, zielte, während der herkulische Manthonnet ihn um den Leib herum festhielt, und schleuderte ein Ende des Seiles, dessen anderes Schipani und Cirillo gefaßt hatten, in das Boot. Kaum aber hatte man das Seil an das Holz der Barke anschlagen hören, als eine diesmal vom Meere herkommende ungeheure Welle das Boot mit unwiderstehlicher Gewalt an die Klippe schleuderte. Man hörte ein unheilverkündendes Krachen, auf welches ein Angst- und Nothschrei folgte, dann war die Barke mit Passagier und Ruderern versunken und verschwunden. Dennoch aber entrang sich Schipani und Cirillo gleichzeitig der Ruf: »Er hat es! er hat es!« und sie begannen das Seil an sich zu ziehen. In der That sah man nach Verlauf einer Secunde das Meer am Fuße der Klippe sich spalten und beim Scheine der Fackel, welche Hector Caraffa über den Abgrund ausgestreckt hielt, tauchte der junge Adjutant auf, welcher, durch das Anziehen des Seiles unterstützt, den Felsen erkletterte, die Hand ergriff, welche der Graf von Ruvo ihm entgegenstreckte, auf die Plattform sprang und, nachdem sein Freund ihn, trotzdem er vom Wasser troff, an die Brust gedrückt, mit seinem ruhig heitern Blick und in einem Tone, worin es unmöglich war, auch nur die mindeste Veränderung zu erkennen, indem er den Kopf nach seinen Rettern emporhob, nur zwei Worte sprach: »Ich danke.« In diesem Augenblicke krachte ein Donnerschlag, welcher den Palast einem Granitfundament entreißen zu wollen schien, ein Blitz schleuderte seine Feuerpfeile durch alle Oeffnungen der Ruine herein und das Meer stieg mit furchtbarem Geheul den beiden jungen Männern bis an die Knie. Hector Caraffa aber hob mit jenem südlichen Enthusiasmus, der durch die sonstige Ruhe seines Gemüths noch mehr hervorgehoben ward, eine Fackel, wie um dem Ungewitter Trotz zu bieten. »Rolle Donner! Zucke Blitz! Brülle Sturm!« rief er; »wir stammen von dem Geschlechte jener Griechen, welche Troja verbrannten, und dieser hier, setzte er hinzu, indem er die Hand auf die Schulter seines Freundes legte, »dieser stammt von Ajax, dem Sohne des Oileus. Er wird trotz den Göttern entrinnen.« Siebentes Capitel. Der Sohn der Todten Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß bei großen Ereignissen in der Natur sowohl als in der Politik – und wir müssen bemerken, daß es der Menschheit keineswegs zur Ehre gereicht – sich das Interesse allemal auf die Individuen concentriert, welche in dem einen wie in dem andern Falle die Hauptrollen spielen und von welchen man die Rettung oder den Triumph erwartet, während die untergeordneten Persönlichkeiten in den Schatten zurückgedrängt werden und man die Sorge, über ihnen zu wachen, jener sorglosen Vorsehung überläßt, welche für geborene oder zu fällige Egoisten ein bequemer Ausweg geworden ist, um alles Unglück, um welches sie selbst nicht Lust haben, sich zu bekümmern, dem lieben Gott aufzubürden. Es geschah dies auch in dem Augenblick, wo die Barke, die den von den Verschwörern so sehnlich erwarteten Abgesandten trug, gegen die Felsenklippe geschleudert und an derselben zerschmettert ward. Diese fünf Auserwählten mit redlichen, mitleidigen Herzen, welche als eifrige Apostel der Menschen bereit waren, ihr Leben für ihr Vaterland und ihre Mitbürger zu opfern, vergaßen vollständig, daß zwei Mitmenschen, Söhne desselben Vaterlands und folglich ihre Brüder, in den Abgrund des Meeres verschwunden waren und beschäftigten sich nur mit dem, welchen ein Band, nicht blos des allgemeinen, sondern auch des individuellen Interesses an die fesselte. Alle ihre Aufmerksamkeit und Hilfe auf ihn concentrierend, glaubten sie, ein für ihre Pläne so nothwendiges Leben sei mit den beiden untergeordneten Existenzen nicht zu theuer bezahlt, und sie dachten daher, so lange die Gefahr dauerte, nicht weiter an dieselben. »Aber es waren doch auch Menschen, wird der Philosoph murren. »Nein,« wird der Politiker antworten; »es waren Nullen, die Einheit dagegen eine überlegene Persönlichkeit.« Wie dem auch sein möge, so bezweifeln wir jedoch, daß die beiden unglücklichen Fischer von denen, welche sie verschwinden gesehen, sehr bemitleidet wurden, denn die Harrenden eilten mit freudiger Miene und offenen Armen dem Freunde entgegen, welcher, Dank seinem Muthe und seiner Kaltblütigkeit, an der Hand seines Freundes, des Grafen Ruvo, wohlbehalten und unversehrt vor sie hintrat. Es war ein junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren mit schwarzem Haar, welches jetzt, durch das Seewasser an den Schläfen und an den Wangen anklebend, ein von Natur bleiches Gesicht umrahmte, dessen ganze Bewegung und ganzes Leben sich in den Augen zu concentriren schienen, welche übrigens auch vollkommen hinreichten, eine Physiognomie zu beleben, welche ohne die aus diesen Augen zuckenden Blitze aus Marmor gemeißelt zu sein geschienen hätte. Schwarze, nahe zusammenstehende Augenbrauen verliehen diesem monumentartigen Antlitz einen Ausdruck von unbeugsamem Willen, an welchem Alles, ausgenommen die geheimnißvollen, unwiderstehlichen Machtsprüche des Schicksals, zerschellen mußte. Hätten die Kleider des jungen Mannes nicht von Wasser getrieft, hätten die Locken seines Haares nicht die Spuren seines Weges durch die schäumenden Wogen getragen, hätte der Sturm nicht gebrüllt wie ein wüthender Löwe, dem seine Beute entronnen ist, so wäre es unmöglich gewesen, auf einer Physiognomie das geringste Anzeichen von Gemüthsbewegung zu lesen, welches verrathen hätte, daß er vor wenigen Augenblicken noch in Todesgefahr geschwebt. Es war mit einem Worte in jeder Beziehung der Mann, welchen Hector Caraffa versprach, dessen ungestüme Tollkühnheit sich darin gefiel, sich vor dem kalten ruhigen Muthe seines Freundes zu beugen. Um jetzt das Bildniß dieses jungen Mannes zu vollenden, welcher bestimmt ist, wenn auch nicht die Hauptperson, doch wenigstens eine der Hauptpersonen dieser Geschichte zu werden, wollen wir uns beeilen hinzuzufügen, daß er jenes elegante, heroische und republikanische Costüm trug, welches die Hoche, die Marceau, die Detaix, die Kleber nicht blos historisch, sondern auch unsterblich gemacht haben, und wovon mir bei Gelegenheit des plötzlichen Erscheinens des französischen Gesandten Garat in Sir William Hamiltons Bankettsaale eine so genaue Beschreibung mitgetheilt haben, daß es überflüssig wäre, dieselbe hier zu wiederholen. Der Leser wird vielleicht im ersten Augenblick meinen, es sei für einen mit geheimen Mittheilungen beauftragten Abgesandten sehr unklug gewesen, in Neapel sich in einem Costüm zu zeigen, welches mehr als eine Uniform, welches ein Symbol war. Wir müssen jedoch hierauf entgegnen, daß unser Held seit bereits achtundvierzig Stunden Rom verlassen und daher eben so wenig als der General Championnet, dessen Abgesandter er war, Kenntniß von den Ereignissen hatte, die sich in einem Tage durch die Ankunft Nelsons und den unzweideutigen Empfang gehäuft, welchen man ihm angedeihen lassen. Der junge Officier war scheinbar an den Gesandten, den man noch auf seinem Posten glaubte, als Ueberbringer von Depeschen abgeschickt, und die französische Uniform, die er trug, schien Respect in einem Lande einflößen zu müssen, welches, wie man wußte, im Herzen feindlich gesinnt war, aber wenigstens aus Furcht den Schein einer Freundschaft aufrecht zu erhalten suchen mußte, welche ihm in Ermangelung seiner Sympathie ein kürzlich geschlossener Friedenstractat auferlegte. Die erste Conferenz des Abgesandten sollte mit den neapolitanischen Patrioten stattfinden, die er sich wohl hüten mußte zu compromittieren, denn wenn auch er durch seine Uniform und durch seine Eigenschaft als Franzose geschützt ward, so wurden doch sie selbst durch nichts geschützt, und das Beispiel Emanuels de Deo, Galinianis und Vitalianos, die auf den bloßen Verdacht eines Einverständnisses mit den französischen Republikanern hin gehängt wurden, bewies, daß die neapolitanische Regierung nur auf die Gelegenheit wartete, um die äußerste Strenge zu entwickeln und daß sie diese Gelegenheit, wenn sich dieselbe darböte, nicht versäumen würde. Nachdem die Conferenz beendet wäre, sollte sie in allen ihren Einzelheiten dem französischen Gesandten mitgetheilt werden und ihm zur Richtschnur seines Benehmens gegen einen Hof dienen, dessen Treulosigkeit mit Recht in der Neuzeit denselben Ruf gewonnen wie die karthaginiensische Treue im Alterthum. Wir haben gesagt, mit welchem Eifer ein Jeder dem jungen Officier entgegengeeilt war, und man kann sich denken, welchen Eindruck auf die empfängliche Organisation dieser Männer des Südens diese kaltblütige Tapferkeit machen mußte, welche die Gefahr schon vergessen zu haben schien, als diese kaum erst entschwunden war. Wie begierig die Verschworenen auch sein mochten, die Neuigkeiten zu erfahren, deren Ueberbringer er war, so verlangten sie doch, daß er vor allen Dingen von Nicolind Caracciolo, der von derselben Körpergröße und Stärke war wie er und dessen Haus in der Nähe des Palastes der Königin Johanna stand,[2 - Der Verfasser hat denselben Nicolino Caracciolo, von welchem hier die Rede ist, persönlich gekannt. Derselbe bewohnte noch im Jahre 1860 dieses Haus, wo er 1863 in einem Alter von dreiundachtzig Jahren starb.] einen vollständigen Anzug annehme und diesen gegen seinen vom Seewasser durchnäßten zu vertausche, welcher in Verbindung mit der Frische des Ortes, an welchem man sich befand, für die Gesundheit des Gescheiterten ernste Uebelstände zur Folge haben konnte. Trotz aller Einwendungen, die er dagegen erhob, mußte er doch nachgeben. Er blieb demgemäß allein mit seinem Freund Hector Caraffa, der durchaus die Stelle eines Kammerdieners bei ihm vertreten wollte. Als Cirillo, Manthonnet, Schipani und Nicolino wieder eintraten, fanden sie den strengen republikanischen Officier in einen eleganten Stutzer verwandelt, denn Nicolino Caracciolo gehörte, eben so wie sein Bruder der Herzog von Rocca Romana, zur Zahl der jungen Herren, welche in Neapel die Mode angaben. Als unser Held die Männer, welche sich auf einen Augenblick entfernt, wieder eintreten sah, ging er seinerseits ihnen entgegen und sagte in vortrefflichem Italienisch: »Meine Herren, mit Ausnahme meines Freundes Hector Caraffa, welcher die Güte gehabt hat, sich für mich zu verbürgen, kennt mich hier Niemand, während ich im Gegentheile Sie alle als gelehrte Männer oder als erprobte Patrioten kenne. Ihre Namen sind zugleich die Geschichte Ihres Lebens und berechtigen Sie zu dem Vertrauen Ihrer Mitbürger. Mein Name dagegen ist Ihnen unbekannt und Sie wissen von mir wie Caraffa und durch Caraffa blos einige muthige Thaten, welche ich mit den bescheidensten und unbekanntesten Soldaten der französischen Armee gemeinsam habe. Wenn man aber im Begriffe steht, für eine und dieselbe Sache zu kämpfen, für eine und dieselbe Idee sein Leben aufs Spiel zu setzen, ja vielleicht auf einem und demselben Blutgerüste zu sterben, so ist die Pflicht eines redlichen Mannes, sich kennen zu lernen und kein Geheimniß für diejenigen zu haben, die keines für ihn haben. Ich bin Italiener wie Sie, meine Herren, ich bin Neapolitaner wie Sie, nur mit dem Unterschiede, daß Sie zu verschiedenen Epochen Ihres Lebens geächtet und verfolgt worden sind, während ich schon vor meiner Geburt geächtet ward.« Das Wort »Bruder!« entrang sich Aller Munde, die Hände Aller streckten sich den beiden offenen Händen des jungen Mannes entgegen. »Die Geschichte meines Lebens oder vielmehr meiner Familie ist eine sehr traurige,« fuhr er fort, indem eine Augen ins Weite hinausblickten, als ob er ein für Alle außer für ihn selbst unsichtbares Phantom suchte. »Sie wird hoffentlich für Sie ein neuer Antrieb sein, die verhaßte Regierung zu stürzen, welche auf unserem Vaterlande lastet.« Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: »Meine ersten Erinnerungen datieren aus Frankreich. Mein Vater und ich, wir bewohnten ein kleines Landhaus, welches ganz allein mitten in einem großen Walde stand. Wir hatten blos einen Diener; wir empfingen Niemandes Besuch; ich entsinne mich nicht einmal mehr des Namens dieses Waldes. »Oft, am Tage sowohl, als in der Nacht ward mein Vater abgeholt. Er stieg dann zu Pferde, nahm seine chirurgischen Instrumente mit und folgte der Person, welche ihn abrief. Dann erschien er zwei, vier, sechs Stunden, zuweilen erst am nächsten Tage wieder, ohne zu sagen, wo er gewesen war. Erst später erfuhr ich, daß mein Vater Wundarzt war und daß er sich so oft entfernte, um Dienste zu leisten, für welche er niemals Bezahlung annahm. »Er allein beschäftigte sich mit meiner Erziehung, doch muß ich sagen, daß er mehr auf die Entwicklung meiner körperlichen Kraft und Gewandtheit bedacht war, als auf die meines Geistes. »Er lehrte mich indessen lesen und schreiben und unterrichtete mich dann in der lateinischen und griechischen Sprache. Wir redeten bald italienisch, bald französisch. Die ganze Zeit, die uns nach diesen verschiedenen Lectionen übrig blieb, ward den Uebungen des Körpers gewidmet. »Diese bestanden in Reiten, Fechten und Schießen mit Büchse und Pistole. »Mit zehn Jahren war ich ein vortrefflicher Reiter, eine Schwalbe im Fluge verfehlte ich selten und traf mit meinen Pistolen ein an einem Faden hin- und herbaumelndes Ei fast auf jeden Schuß. »Ich hatte soeben mein zehntes Jahr zurückgelegt, als wir nach England abreisten. Dort blieb ich zwei Jahre. Während dieser zwei Jahre ward ich im Englischen durch einen Lehrer unterrichtet, den wir ins Haus nahmen und der bei uns aß und schlief. Nach Verlauf von zwei Jahren sprach ich das Englische eben so geläufig wie das Französische und Italienische. »Ich war etwas über zwölf Jahre alt, als wir England verließen, um nach Deutschland zu reisen. In Sachsen blieben wir. Auf dieselbe Weise, wie ich die englische Sprache gelernt, lernte ich auch die deutsche und nach Verlauf von weiteren zwei Jahren war mir diese letztere Sprache eben so geläufig wie die drei andern. »Während dieser vier Jahre hatte ich auch meine physischen Studien fortgesetzt. Ich war ein vortrefflicher Reiter, ein Fechter ersten Ranges und hätte dem besten Tiroler Jäger den Preis als Schütze streitig machen können. »Nie hatte ich meinen Vater gefragt, warum er mich alle diese Studien machen ließ. Ich fand Vergnügen daran und da mein Geschmack mit seinem Willen übereinstimmte, so hatte ich Fortschritte gemacht, die mich selbst angenehm beschäftigten, während sie zugleich ihm zufriedenstellten. »Uebrigens aber war ich bis jetzt in der Welt umhergewandert, ohne dieselbe eigentlich zu sehen. Ich hatte in drei Ländern gewohnt, ohne sie kennen zu lernen. Mit den Helden des alten Griechenland und des alten Rom war ich genau bekannt, von meinen Zeitgenossen dagegen wußte ich nichts. »Ich kannte weiter Niemanden als meinen Vater. Mein Vater war mein Gott, mein König, mein Meister, meine Religion. Mein Vater befahl, ich gehorchte. Meine Erkenntnisse und mein Wille kamen von ihm. Von Recht und Unrecht hatte ich für mich selbst nur sehr schwankende Begriffe. »Ich zählte fünfzehn Jahre, als mein Vater eines Tages zu mir sagte, wie er schon früher zweimal gesagt hatte: »Wir reisen ab.« Es fiel mir nicht einmal ein, ihn zu fragen: »Wo reisen wir hin?« »Wir passierten Preußen, den Rheingau, die Schweiz, wir überstiegen die Alpen. Ich hatte erst deutsch, dann französisch gesprochen; plötzlich, als wir am Gestade eines großen Sees anlangten, hörte ich eine neue Sprache reden. Es war die italienische. Ich erkannte meine Muttersprache und zitterte vor Freuden. »In Genua schifften wir uns ein und in Neapel stiegen wir ans Land. In Neapel hielten wir uns einige Tage auf. Mein Vater kaufte zwei Pferde und schien bei der Wahl derselben mit großer Aufmerksamkeit zu Werke zu gehen. »Eines Tages kamen zwei herrliche Thiere, Bastarde von der englischen und arabischen Race, in den Stall. Ich versuchte das, welches für mich bestimmt war, und war ganz stolz, Herr eines solchen Thieres zu sein. »Eines Abends brachen wir von Neapel auf und ritten einen Theil der Nacht hindurch. Gegen zwei Uhr des Morgens langten wir in einem kleinen Dorf an, wo wir Halt machten. »Hier ruhten wir aus bis um sieben Uhr Morgens. »Um sieben Uhr frühstückten wir. Ehe wir wieder aufbrachen, sagte mein Vater zu mir: »Salvato, lade deine Pistolen.« »Dieselben sind schon geladen, mein Vater,« antwortete ich. »Dann schieße sie ab und lade sie sorgfältig von Neuem, damit sie nicht versagen. Du wirst Dich heute ihrer bedienen müssen.« »Ich wollte die Pistolen in die Luft abfeuern, ohne weiter etwas zu bemerken, wie ich überhaupt den Befehlen meines Vaters stets blindlings gehorchte. Mein Vater fiel mir jedoch in den Arm. »Hast Du immer noch eine sichere Hand?« fragte er mich. »Wünschest Du es zu sehen?« »Ja.« »Ein Nußbaum mit glatter Rinde beschattete die andere Seite des Weges. Ich schoß eine meiner Pistolen in den Baum hin ab und doublierte mit der zweiten Kugel die erste so genau, daß mein Vater anfangs glaubte, ich hätte den Baum gefehlt. »Er stieg vom Pferde und überzeugte sich mit der Spitze eines Messers, daß die beiden Kugeln sich in einem und demselben Loche befanden. »Gut,« sagte er zu mir. »Jetzt lade deine Pistolen wieder.« »Es ist bereits geschehen.« »Nun, dann wollen wir weiterreiten.« »Ich steckte meine Pistolen in die Holftern und bemerkte, daß mein Vater die seinigen mit frischem Zündkraut versah. »Gegen elf Uhr Morgens erreichten wir eine Stadt, in welcher sich eine bedeutende Menschenmenge bewegte. Es war Markttag und die Landleute der Umgegend strömten in Massen herbei. »Wir ließen unsere Pferde im Schritt gehen und erreichten den Platz. Während des ganzen Weges hatte mein Vater sich stumm verhalten. Ich hatte mich darüber weiter nicht gewundert, denn er sprach oft mehrere Tage hinter einander kein Wort. »Als wir auf dem Marktplatze anlangten, machten wir Halt. Mein Vater hob sich in den Bügeln und ließ die Augen in allen Richtungen umherschweifen. »Vor einem Café stand eine Gruppe Männer, die besser gekleidet waren als die Andern. In der Mitte dieser Gruppe sprach eine Art Landedelmann von insolentem Aeußern laut, gesticulierte mit einer Reitgerte, die er in der Hand hielt, und machte es sich zum Vergnügen, damit ohne Unterschied auf die Menschen und die Thiere loszuschlagen, welche nahe genug an ihm vorüberkamen. »Mein Vater berührte mich am Arme. Ich drehte mich nach ihm herum. Er war sehr bleich. »Was ist Dir, mein Vater?« fragte ich ihn. »Nichts, « antwortete er. »Siehst Du dort diesen Mann?« »Welchen?« »Den mit dem rothen Haar.« »Ja, ich sehe ihn.« »Ich werde mich ihm nähern und ihm einige Worte sagen. Wenn ich die Finger zum Himmel emporhebe, wirst Du Feuer geben und ihn mitten in die Stirn schießen. Hört Du wohl? Gerade mitten in die Stirn. – Mach deine Pistole fertig.« »Ohne zu antworten, zog ich meine Pistole aus der Holfter. Mein Vater näherte sich dem Manne und sagte einige Worte zu ihm. Der Mann ward bleich. Mein Vater sah mich an und richtete den Zeigefinger gegen Himmel. »Ich gab Feuer, die Kugel traf den Mann mit dem rothen Haar mitten in die Stirn. Er stürzte todt nieder. »Es erhob sich ein großer Tumult und man wollte uns den Weg versperren; mein Vater aber erhob die Stimme: »Ich bin Joseph Maggio Palmieri,« sagte er, »und dieser hier,« fügte er hinzu, indem er mit dem Finger auf mich zeigte, »ist der Sohn der Todten!« »Die Menge öffnete sich vor uns und wir ritten zur Stadt hinaus, ohne daß es Jemanden eingefallen wäre, uns aufzuhalten, oder uns zu verfolgen. »Sobald wir jedoch einmal aus der Stadt hinaus waren, setzten wir unsere Pferde in Galopp und machten nicht eher Halt, als bis wir das Kloster des Monte Caffino erreicht hatten. »Am Abend erzählte mein Vater mir die Geschichte, die ich nun Ihnen erzählen will.« Achtes Capitel. Das Asylrecht Der erste Theil der Geschichte, welche der junge Mann so eben erzählt, war seinen Zuhörern so seltsam erschienen, daß sie aufmerksam, stumm und ohne ihn zu unterbrechen zugehört hatten. Ueberdies konnte er aus dem Schweigen, welches sie während der augenblicklichen Pause, die er machte, zu beobachten fortfuhren, das Interesse, welches sie an seiner Erzählung fanden, und den Wunsch abnehmen, das Ende oder vielmehr den Anfang derselben zu hören. Er zögerte auch nicht seine Erzählung wieder aufzunehmen. »Unsere Familie,« fuhr er fort, »bewohnte seit undenklichen Zeiten die Stadt Larino in der Provinz Molisa. Ihr Name war Maggio Palmieri. Mein Vater Giuseppe Maggio Palmieri oder vielmehr Giuseppe Palmieri, wie man ihn gewöhnlicher nannte, beendete gegen das Jahr 1778 eine Studien auf der chirurgischen Schule zu Neapel.« »Ich habe ihn gekannt,« bemerkte Domenico Cirillo. »Er war ein wackerer und redlicher junger Mann und einige Jahr jünger als ich. Gegen 1771 kehrte er in seine Provinz zurück. Es war dies um dieselbe Zeit, wo ich zum Professor ernannt ward. Nach Verlauf einiger Zeit hörten wir, er habe sich in Folge eines Zwistes mit seinem Gutsherrn, eines Zwistes, bei welchem Blut geflossen, genöthigt gesehen, das Land zu verlassen.« »Seien Sie gesegnet und geehrt,« sagte Salvato, sich verneigend, »Sie, der Sie meinen Vater gekannt und ihm vor seinem Sohn Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »Erzählen Sie weiter, erzählen Sie weiter, sagte Cirillo. »Wir hören Sie.« »Ja, erzählen Sie weiter!« wiederholten die andern Geschworenen wie aus einem Munde. »Also gegen das Jahr 1771, wie so eben gesagt worden, verließ Giuseppe Palmieri, mit dem Doctordiplom versehen, Neapel. Er stand bereits im Rufe großer Geschicklichkeit, welche mehrere schwierige, von ihm mit großem Glück ausgeführte Curen außer allen Zweifel stellten. »Er liebte ein junges Mädchen in Larino. Dieselbe hieß Louisa Angiolina Ferri. Schon vor ihrer zeitweiligen Trennung verlobt, hatten die Liebenden einander drei Jahre lang unverbrüchliche Treue bewahrt und ihre Vermählung sollte das Hauptfest der Rückkehr sein. »Während der Abwesenheit meines Vaters war jedoch ein Ereigniß geschehen, welches ein Unglück zu nennen war. Der Graf von Molisa hatte sich in Angiolina Ferri verliebt. Sie, die Sie dieses Land bewohnen, wissen besser als ich, was für Menschen unsere Edelleute in der Provinz sind und wie es mit den Rechten steht, welche sie von ihrer Feudalgewalt herleiten. Eines dieser Rechte war auch das, daß sie ihren Gutsumterthanen die Erlaubniß, sich zu verheiraten, je nach ihrem Gutdünken gewähren oder versagen konnten. »Weder Giuseppe Palmieri noch Angiolina Ferri waren aber Unterthanen des Grafen von Molisa. Beide waren frei geboren und unabhängig, ja noch mehr, mein Vater konnte sich in Folge seines Vermögens fast als dem Grafen ebenbürtig betrachten. »Dieser hatte Alles – Drohungen eben so wie Versprechungen – aufgeboten, um von Angiolina auch nur einen Blick zu erlangen. Alles war an einer Keuschheit gescheitert, deren Symbol der Name des jungen Mädchens zu sein schien. »Der Graf gab ein großes Fest und lud sie mit zu demselben ein. Während dieses Festes, welches nicht blos in dem Schloß, sondern auch in den Gärten des Grafen statt finden sollte, wollte sein Bruder, der Baron Bongano, Angiolina entführen und fiel auf das andere Ufer des Tortore in das Schloß Tragonara bringen. »Angiolina, die wie alle Damen von Larino eingeladen worden, schützte eine Unpäßlichkeit vor, um dem Feste nicht beiwohnen zu müssen, am nächstfolgenden Tage schickte der Graf von Molisa, der nun alle Selbstbeherrschung verlor, seine Campieri ab, um die junge Dame mit Gewalt entführen zu lassen. »Angiolina hatte, während die Leute des Grafen die Hausthür aufsprengten, nur eben noch Zeit, durch die Gartenthür in den bischöflichen Palast zu fliehen, einen Ort, der an und für sich schon und durch die Nähe der Kathedrale doppelt geheiligt war. »Aus diesem Grunde genoß er das Asylrecht. »Auf diesem Punkte waren die Dinge angelangt, als Giuseppe Palmieri nach Larino zurückkam. »Der bischöfliche Stuhl war damals zufällig erledigt. Ein Vicar vertrat die Stelle des Bischofs. Giuseppe Palmieri begab sich zu diesem Vicar, einem alten Freunde seiner Familie, und die Vermählung ward heimlich in der Capelle des bischöflichen Palastes vollzogen. »Der Graf von Molisa erfuhr, was geschehen war, trotz seiner Wuth aber respektierte er die Vorrechte des Ortes. Dabei aber umstellte er den ganzen Palast mit Bewaffneten, welche beauftragt waren, alle Einpassirenden, ganz besonders aber alle Auspassierenden genau zu überwachen. »Mein Vater wußte recht wohl, daß diese Bewaffneten ganz besonders seinetwegen dastanden, und daß für seine Gattin die Ehre, für ihn aber das Leben auf dem Spiele stand. »Auf ein Verbrechen kommt es unseren Edelleuten nicht an. Der Straflosigkeit sicher, hatte der Graf von Molisa schon seit langer Zeit aufgehört, ein Register über die Meuchelmorde zu führen, welche er selbst verübt, oder durch seine Sbirren hatte verüben lassen. »Die Leute des Grafen hielten gut Wache. Man sagte, daß Angiolina lebend mit zehntausend und mein Vater todt mit fünftausend Ducaten bezahlt werden würde. »Mein Vater blieb eine Zeit lang in dem bischöflichen Palast versteckt; unglücklicherweise aber war er nicht der Mann, der einen solchen Zwang lange ertragen konnte. Seiner Gefangenschaft überdrüssig, beschloß er eines Tages seinem Verfolger den Garaus zu machen. »Nun hatte der Graf von Molisa die Gewohnheit, alle Tage eine oder zwei Stunden vor dem Ave Maria seinen Palast zu Wagen zu verlassen und eine Spazierfahrt bis an das Capuzinerkloster zu machen, welches ungefähr zwei Meilen von der Stadt entfernt war. Hier angelangt, befahl der Graf seinem Kutscher allemal, wieder nach dem Palast zurückzufahren; der Kutscher lenkte um und es ging dann in kurzem Trabe, beinahe im Schritt, nach der Stadt zurück. »Auf der Mitte des Weges von Larino nach dem Kloster befindet sich der Brunnen des heiligen Pardo, des Schutzpatrones dieser Gegend, und hie und da um den Brunnen herum gibt es Strauchwerk und Hecken. »Giuseppe Palmieri verließ den bischöflichen Palast in Mönchskleidung und täuschte die Wachsamkeit aller ihm auflauernden Verfolger. »Unter seiner Kutte hielt er ein paar Degen und ein paar Pistolen verborgen. »An dem Brunnen des heiligen Pardo angelangt, fand er den Ort günstig gelegen. Er machte Halt und versteckte sich hinter einer Hecke. »Der Wagen des Grafen kam vorüber. Er ließ ihn fahren. Es war noch eine Stunde Tag. »Eine halbe Stunde später hörte er das Rollen des zurückkommenden Wagens. Nun warf er sein Mönchsgewand ab und stand in seinen gewöhnlichen Kleidern da. »Der Wagen näherte sich. Mit der einen Hand faßte Giuseppe Palmieri die entblößten Degen, mit der andern die gespannten Pistolen und stellte sich mitten auf die Straße. »Als der Kutscher diesen Mann, von dem er schlimme Absichten vermuthete, erblickte, lenkte er die Pferde ein wenig seitwärts, mein Vater aber brauchte nur eine kleine Bewegung zu machen, um sich den Pferden gegenüber zu befinden. »Wer bist Du und was willst Du?« fragte der Graf indem er sich in seinem Wagen erhob. »Ich bin Giuseppe Maggio Palmieri,« antwortete ihm mein Vater, »ich will dein Leben.« »Versetze diesem Schurken einen Peitschenhieb über das Gesicht und fahr zu!« sagte der Graf zu einem Kutscher. Dann warf er sich wieder in seinen Wagen zurück. »Der Kutscher hob die Peitsche, ehe dieselbe aber niederfallen konnte, drückte mein Vater eines seiner Pistolen auf ihn ab. Der Kutscher stürzte von seinem Sitz zur Erde herab. »Die Pferde blieben unbeweglich stehen. Mein Vater trat an den Wagen und öffnete den Schlag. »Ich komme nicht hierher, um Dich zu ermorden, obschon ich das Recht dazu hätte, weil ich mich im Fall gerechter Nothwehr befinde, sondern um mich ehrlich mit Dir zu schlagen, sagte er zu dem Grafen. »Wähle!! hier sind zwei Degen von gleicher Länge, hier sind auch zwei Pistolen. Von diesen beiden Pistolen ist blos noch eine geladen. Es wäre dies ein wahrhaftes Gottesurtheil.« »Und mit einer Hand bot er ihm die beiden Degengriffe, mit der andern die beiden Pistolenholftern. »Mit einem Untergebenen schlägt man sich nicht, sagte der Graf. »Man prügelt ihn einfach durch.« »Und einen Stock hebend, schlug er meinen Vater ins Gesicht. Mein Vater ergriff die noch geladene Pistole und schoß dem Grafen die Kugel durchs Herz. »Der Graf zuckte kein Glied und stieß keinen Laut aus. Er war todt. »Mein Vater legte ein Mönchsgewand wieder an, steckte seine Degen in die Scheide, lud seine Pistolen wieder und kehrte ebenso unbemerkt in den bischöflichen Palast zurück, als wie er denselben verlassen. »Was die Pferde betraf, so setzten sie sich, als sie sich frei fühlten, von selbst wieder in Bewegung, und da sie den Weg, den sie täglich zweimal zurücklegten, ganz genau kannten, so kehrten sie nach dem Palast des Grafen zurück. Seltsamerweise aber setzten sie, anstatt vor der hölzernen Brücke stehen zu bleiben, welche nach dem Thor des Schlosses führte, als ob sie gewußt hätten, daß jetzt nicht mehr ein Lebender, sondern ein Todter im Wagen saß, ihren Weg weiter fort und blieben erst an der Schwelle einer kleinen Kirche stehen, die unter dem Schutze des heiligen Franciscus stand und in welcher der Graf, wie er wiederholt gesagt, begraben zu sein wünschte. »In der That ließ auch die Familie des Grafen, welche diesen Wunsch kannte, seine Leiche in dieser Kirche bestatten und errichtete ihm ein Grabmal. »Dieser Vorfall machte großes Aufsehen. Der zwischen meinem Vater und dem Grafen bestandene Zwist war allgemein bekannt, und es versteht sich von selbst, daß mein Vater alle Sympathien für sich hatte. Niemand zweifelte, daß er der Urheber des Mordes sei, und als ob er selbst wünschte, daß man nicht daran zweifle, hatte er der Witwe des Kutschers eine Summe von zehntausend Francs zustellen lassen. »Der jüngere Bruder des Grafen erbte das ganze Vermögen, erklärte sich aber auch gleichzeitig zum Erben seiner Rache. Er war es, welcher Angiolina entführen helfen gewollt. Er war ein Elender, der mit einundzwanzig Jahren schon drei oder vier Mordthaten begangen. Was die von ihm außerdem verübten Gewaltthaten betraf, so waren dieselben gar nicht zu zählen. »Er schwur, daß dieser Schuldige ihm nicht entrinnen solle, verdoppelte die Zahl der Wächter, welche den bischöflichen Palast umringt hielten, und übernahm selbst das Commando derselben. »Maggio Palmieri fuhr fort sich in dem bischöflichen Palast verborgen zu halten. Seine Familie und die seiner Gattin brachten ihnen Alles, was sie an Lebensmitteln und Kleidungsstücken brauchten. »Angiolina war im fünften Monat schwanger. Die beiden jungen Ehegatten lebten nur sich und ihrer Liebe und waren so glücklich, als man es ohne die Freiheit sein kann. »So vergingen zwei Monate. Der 26. Mai war da, der Tag, wo man in Larino das Fest des heiligen Pardo feiert, welcher, wie ich schon bemerkt habe, der Schutzpatron dieser Stadt ist. »An diesem Tage findet eine große Prozession statt. Die Besitzer von Meiereien schmücken ihre Wagen mit Draperien, Guirlanden, Kränzen und Fähnchen von allen Farben, und bespannen sie mit Stieren, deren Hörner vergoldet und die mit Blumen und Bändern bedeckt sind. »Diesen Wagen folgt die Prozession, welche, von der ganzen Bevölkerung von Larino und den umliegenden Dörfern begleitet und das Lob des Heiligen singend, die Büste desselben durch die Straßen trägt. »Nun mußte diese Prozession, um in die Kathedrale zu gelangen, oder um dieselbe zu verlassen, an dem bischöflichen Palast vorbei, welcher den beiden jungen Leuten zur Freistätte diente. »In dem Augenblick, wo die Prozession und das Volk, auf dem großen Platze der Stadt Halt machend, singend den Wagen umtanzte, näherte Angiolina, an den Gottesfrieden glaubend, sich dem Fenster – eine Unklugheit, vor welcher ihr Gatte sie doch wohlmeinend gewarnt hatte. »Das Unglück wollte, daß der Bruder des Grafen diesem Fenster gerade gegenüber auf dem Marktplatze stand. Er erkannte Angiolina durch die Fensterscheibe hindurch, entriß einem Soldaten das Gewehr, legte an und gab Feuer. »Angiolina stieß nur einen Schrei aus und sprach nur zwei Worte: »Mein Kind!« »Bei dem Knall des Schusses, bei dem Klirren des zersplitterten Fensters, bei dem durch seine Gattin ausgestoßenen Ruf eilte Giuseppe Palmieri eben noch früh genug herbei, um sie in seinen Armen aufzufangen. »Die Kugel hatte Angiolina gerade mitten in die Stirn getroffen. »Außer sich vor Schmerz faßte ihr Gatte sie in seine Arme, trug sie auf ihr Bett, neigte sich über sie, und bedeckte sie mit Küssen. Alles aber war umsonst. Sie war todt. »Bei dieser schmerzlichen letzten Umarmung aber fühlte er plötzlich das Kind, welches im Schoße der Todten zuckte. »Er stieß einen Schrei aus, ein Blitz durchzuckte ein Gehirn und er ließ seinerseits seinem Herzen die beiden Worte entschlüpfen: »Mein Kind!« »Die Mutter war todt, aber das Kind lebte. Das Kind konnte gerettet werden. »Mit gewaltiger Selbstbeherrschung trocknete er sich den Schweiß, der auf seiner Stirn perlte, und die Thränen, welche seinen Augen entrannen. Dann murmelte er mit sich selbst sprechend: »Sei ein Mann!« Hierauf nahm er sein Besteck, öffnete es, wählte das schärfte seiner Instrumente und entriß, das Leben aus dem Schooße des Todes ziehend, das Kind den zerrissenen Eingeweiden der Mutter. »Dann legte er es noch mit Blut bedeckt in ein Tuch, welches er mit den vier Zipfeln zusammenknüpfte, nahm das Tuch zwischen die Zähne, eine Pistole in jede Faust, und sprang, selbst mit Blutüberströmt, mit bis an die Ellbogen gerötheten Armen und mit dem Blick den Platz messend, den er zu überschreiten, und die Zahl der Feinde berechnend, die er zu bekämpfen hatte, die Stufen hinab, öffnete das Thor des bischöflichen Palastes und stürzte sich mit gesenktem Haupte mitten unter das Menschengewimmel, indem er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurchschrie: »Platz für den Sohn der Todten!« »Zwei Bewaffnete wollten ihn aufhalten; er schoß sie beide nieder. Ein dritter versuchte ihm den Weg zu versperren; er streckte ihn durch einen Schlag mit der Kolbe seiner Pistole zu seinen Füßen nieder. Er rannte über den Platz trotz des Feuers der Wächter und ohne daß eine ihrer Kugeln ihn getroffen hätte, erreichte einen Wald, durchschwamm den Biferno, sah auf einer Wiese ein ohne Aufsicht weidendes Pferd, schwang sich auf den Rücken desselben, erreichte Manfredonia, ging an Bord eines dalmatischen Fahrzeuges, welches eben den Anker lichtete, und erreichte Triest. »Das Kind war ich. Das Uebrige des Abenteuers kennen Sie bereits. Sie wissen, wie fünfzehn Jahre später der Sohn der Todten seine Mutter rächte. »Und nun,« setzte der junge Mann hinzu, »nun, wo ich Ihnen meine Geschichte erzählt habe, nun, wo Sie mich kennen, beschäftigen wir uns mit dem, was ich zu thun gekommen bin. Es bleibt mir noch eine zweite Mutter zu rächen – das Vaterland!« Neuntes Capitel. Die Wahrsagerin Zum Verständnisse der Thatsachen, welche wir hier erzählen und besonders um der Harmonie willen, welche diese Thatsachen gegenseitig bewahren müssen, ist es nöthig, daß unsere Leser einen Augenblick den politischen Theil dieses Werkes, dem wir zu unserm großen Bedauern keinen geringern Umfang zu geben vermocht, verlassen, um mit uns eine Excursion in die malerischen Partien zu unternehmen, welche sich auf solche Weise daran knüpfen, daß wir die eine nicht von der andern trennen können. Demzufolge gehen wir, wenn unser Leser uns wieder zum Führer nehmen will, wieder über das Brett, welches Nicolino Caracciolo in seinem Eifer, das Seil herbeizuschaffen, welches so viel zur Rettung des Helden unserer Geschichte – denn wir wollen nicht länger verschweigen, daß es die Rolle ist, welche wir ihm bestimmt – beigetragen, von seinem doppelten Stützpunkte wegzunehmen vergessen. Nachdem wir das Brett passiert, steigen wir die Böschung hinab, gehen zu derselben Thür hinaus, welche uns Einlaß gewährt, und den Abhang des Pausilippo hinunter, bis wir, nachdem wir an dem Grabmale Sannazar's und an dem Landhause des Königs Ferdinand vorbei sind, mitten in Mergellina zwischen dem ebengedachten Gebäude und dem sogenannten Löwenbrunnen vor einem Hause Halt machen, welches in Neapel gewöhnlich das Palmenhaus genannt wird, weil in dem Garten desselben ein stattliches Exemplar dieser Familie eine Kuppel von mit goldenen Früchten geschmückten Orangenbäumen um zwei Drittheile seiner Höhe überragt. Nachdem wir dieses Haus erreicht, welches wir der Neugier unserer Leser so genau bezeichnet, um nicht die zu erzürnen, welche vielleicht mit einer kleinen Thür zu schaffen haben könnten, die in der Mauer angebracht ist und sich gerade dem Punkte gegenüber befindet, wo wir stehen geblieben sind, verlassen wir die Straße, gehen längs der Gartenmauer hin und erreichen einen Abhang, von welchem wir, wenn wir uns auf die Fußspitzen stellen, vielleicht einige der Geheimnisse erspähen können, welche diese Mauern in sich schließen. Und es müssen reizende Geheimnisse sein, welchen unsere Leser nicht umhin können ihre ganze Sympathie zuzuwenden, sobald sie nur die Person gesehen, welche uns diese Geheimmisse kennen lehren soll. Trotz des immer noch rollenden Donners, trotz der leuchtenden Blitze, trotz des heulenden Sturmes, welch die Orangenbäume schüttelt, deren Früchte, sich von ihren Zweigen ablösend, wie ein goldener Regen herabfallen und die Palme hin- und herdreht, deren lange, breite Blätter aufgelösten Haarflechten gleichen, erscheint nämlich eine junge Frauengestalt von zwei- bis dreiundzwanzig Jahre in einem battistenen Pudermantel und mit einem über den Kopf geworfenen Spitzenschleier von Zeit zu Zeit auf eine steinernen Rampe, welche aus dem Garten nach dem erste Stockwerke führt, wo, nach einem Lichtstrahle zu urtheilen der jedes Mal, wo die Thür sich öffnet, sichtbar wird, die Wohngemächer sich zu befinden scheinen. Diese Erscheinungen sind nicht von langer Dauer, den jedesmal, wenn die Dame erscheint, oder ein Blitz zuckt oder ein Donnerschlag kracht, stößt sie einen leichten Schrei aus, macht das Zeichen des Kreuzes und geht wieder hin ein, indem sie die Hand auf die Brust drückt, wie um da heftige Schlagen ihres Herzens zu beschwichtigen. Wer sie so, trotz der Furcht, welche ihr der Aufruhr der Elemente einzujagen scheint, so von fünf zu fünf Minuten hartnäckig diese Thür öffnen sähe, welche sie jedes mal mit Zögern öffnet und erschrocken wieder schließt, würde darauf wetten wollen, daß diese ganze Ungeduld und Aufregung eine unruhige oder eifersüchtige Liebende verrathe welche den Gegenstand ihrer Neigung erwartet oder belauert. Dennoch aber würde man sich, wenn man dies glaubt vollständig täuschen. Keine Leidenschaft hat bis jetzt die Oberfläche dieses Herzens, eines wahrhaften Spiegels der Keuschheit, getrübt und in dieser Seele, wo alle sinnlich und feurigen Gefühle noch schlummern, wacht blos kindische Neugier. Nur diese ist es, welche, die Macht einer jener bis jetzt unbekannten Leidenschaften entlehnend, all diese Unruhe und Aufregung verursacht. Ihr Milchbruder, der Sohn ihrer Amme, ein Lazzarone der Marinella, hat auf ihr dringendes Bitten versprochen, ihr eine alte Albaneserin zuzuführen, deren Prophezeiungen für untrüglich gelten. Diese alte Wahrsagerin gehört einer Familie an, welche schon bei dem Tode Skanderbegs des Großen, das ißt im Jahre 1467, die ursprüngliche Heimat mit den Gebirgen Calabriens vertauscht und seit dieser Zeit ihre vermeinte Sehergabe von Generation zu Generation vererbt hat. Was die junge Dame, welche die Wahrsagerin erwartet, betrifft, so empfindet sie gleichzeitig Furcht, während die Zukunft zu kennen wünscht, welcher sie bis jetzt blos mit seltsamen Ahnungen entgegensieht. Ihr Milchbruder hatte ihr versprochen, ihr noch diesen Abend um Mitternacht, zu der kabbalistischen Stunde, die Person zuzuführen, welche – während ihr Gemahl bis um zwei Uhr Morgens den Festlichkeiten des Hofes beiwohnen muß – ihr die räthelhaften Geheimnisse jener Zukunft offenbaren kann, die Licht und Schatten für ihre Träume ist. Sie erwartete also ganz einfach den Lazzarone Michele, der Narr genannt, und die Wahrsagerin Nanno. »Uebrigens werden wir bald sehen, ob man uns getäuscht hat. Drei regelmäßig auf einander folgende Schläge haben sich an der kleinen Thür des Gartens in dem Augenblick vernehmen lassen, wo aus den braunen Wolken große, schwer Regentropfen herabzufallen beginnen. Auf das Geräusch dieser Schläge schwebt etwas, was einer Gazewolke gleicht, an dem Geländer der Rampe hin die Gartenthür öffnet sich, läßt zwei Personen eintreten um schließt sich dann wieder hinter ihnen. Eine dieser Personen ist ein Mann, die andere ein Frau. Der Mann trägt leinene Hosen, die rothwollene Mütze und den Fischerkittel der Marinella. Die Frau hat sich in einen großen schwarzen Mantel gehüllt, auf dessen Schultern, wenn es hell genug wäre einige von einer vormaligen Stickerei zurückgebliebene verblichene Goldfäden schimmern würden. Von dem übrigen Costüm der Frau sieht man nicht und nur ihre beiden Augen leuchten aus dem Schatten her vor, den die ihren Kopf bedeckende Capuze über das Gesich wirft. Beim Durchschreiten des Raumes, welcher die Thür von den ersten Stufen der Rampe trennt, hat die jung Frau dem Lazzarone zugeflüstert: »Du hast ihr doch nicht gesagt, Michele, wer ich bin, nicht wahr, nicht?« »Nein, liebe Schwester, bei der Madonna, sie kennt nicht einmal den Anfangsbuchstaben deines Namens.« Oben auf der Rampe angelangt, trat die junge Frau zuerst ein. Der Lazzarone und die Wahrsagerin folgten ihr. Als sie das erste Zimmer durchschritten, konnte man den Kopf einer jungen Zofe sehen, welche einen Tapetenvorhang aufhob und mit neugierigem Blick ihrer Gebieterin und den seltsamen Gästen folgte, welche sie bei sich einführte. Der Vorhang fiel hinter ihnen. Wir treten ebenfalls ein. Der Auftritt, welcher hier stattfinden wird, hat zu viel Einfluß auf die künftigen Ereignisse unserer Geschichte, als daß wir denselben nicht auf das Umständlichte erzählen sollten. Das Licht, von welchem wir von Zeit zu Zeit einen Strahl in den Garten fallen gesehen, kam aus einem kleinen Boudoir, welches nach Art derer von Pompeji mit Divans und Vorhängen von rosenfarbener Seide mit hellblauen Blumen ausgestattet war. Die Lampe, welche jenen Schein verbreitete, befand sich in eine Alabasterkugel eingeschlossen und stand auf einem Tisch von weißem Marmor, dessen einziger Fuß einen Greif mit ausgebreiteten Flügeln vorstellte. Ein Sessel von griechischer Form, welchem die Reinheit seiner Sculptur Anspruch auf einen Platz in dem Boudoir Aspasiens hätte geben können, verrieth, daß das Auge eines Kunstliebhabers die Ausstattung dieses Zimmers in ihren geringsten Einzelheiten geleitet hatte. Eine dem Eingang, welchen unsere drei Personen passiert hatten, gegenüber befindliche Thür führte in eine Reihe Zimmer, welche die ganze Länge des Hauses einnahmen. Das letzte dieser Zimmer stieß nicht blos an das Nachbarhaus, sondern hatte auch eine Verbindungsthür, welche in letzteres führte. Diese Thatsache hatte in den Augen der jungen Frau ohne Zweifel eine gewisse Bedeutung, denn sie machte Michele darauf aufmerksam, indem sie zu ihm sagte: »Im Falle, daß mein Gemahl nach Hause käme, würde Nida uns sofort benachrichtigen und Ihr würdet Euch dann beide durch das Haus der Herzogin Fusco entfernen.« »Ja, Signora,« antwortete Michele, indem er sich ehrerbietig verneigte. Als die Wahrsagerin, welche eben im Begriffe war ihren Mantel abzunehmen, diese letzten Worte hörte, drehte sie sich um und fragte in einem Tone, der einen gewissen Anflug von Bitterkeit hatte: »Seit wann nennen sich Milchgeschwister einander nicht mehr Du? Sind Kinder, welche an einer und derselben Brust gesogen, nicht ebenso nahe mit einander verwandt als die, welche unter einem und demselben Herzen getragen worden? Nennt Euch Du, Kinder!« fuhr sie in sanftem Tone fort. »Gott freut sich, wenn seine Geschöpfe trotz der Entfernung, die sie trennt, einander lieben.« Michele und die junge Dame sahen einander mit erstauntem Blicke an. »Sagte ich Dir nicht, daß es wirklich eine Zauberin ist, Schwesterchen?« rief Michele. »Ich zittere an allen Gliedern.« »Warum zittert Du, Michele?« fragte die junge Dame. »Weißt Du, was sie mir erst heute Abend, ehe wir hiehergingen, prophezeit hat?« »Nein.« »Sie hat mir prophezeit, ich würde in den Krieg ziehen, Oberst werden und –« »Nun, was noch?« »Es läßt sich nicht gut sagen.« »Sag' es nur!« »Und am Galgen enden.« »Ach, mein armer Michele!« »So ist es aber.« Die junge Dame richtete ihre Augen mit einer gewissen Scheu wieder auf die Albaneserin. Diese hatte sich ihres Mantels vollständig entledigt und denselben auf die Erde geworfen. Sie zeigte sich nun in ihrem von langem Gebrauch etwas unscheinbar gewordenen, aber immer noch reichen Nationalcostüme. Nur war es nicht der mit früher glänzenden Blumen geschmückte weiße Turban, welcher ihr Haupt umschloß und unter welchem lange, schwarze, mit Silberfäden gemischte Haarflechten hervorfielen, auch war es nicht das rothe, goldgestickte Mieder, ebensowenig als der braunrothe, schwarz und blau gestreifte Rock, welcher die Aufmerksamkeit der jungen Dame fesselte. Es war dies vielmehr der Blick der grauen durchbohrenden Augen der Wahrsagerin, welche auf sie geheftet waren, als ob sie in ihrem tiefstem Herzen lesen wollte. »O Jugend, neugierige, unkluge Jugend!« murmelte die Wahrsagerin, »wirst Du denn stets durch eine Macht, die stärker ist als dein Wille, getrieben werden, jener Zukunft entgegenzueilen, welche doch so schnell Dir entgegenkommt?« »Bei dieser unerwarteten Anrede, die in gellendem, schneidendem Tone erfolgte, durchrieselte ein Schauer die Adern der jungen Frau und sie bereute in diesem Augen blicke fast, Nanno gerufen zu haben. »Es ist noch Zeit,« antwortete diese, als ob ihrem begierig forschenden, durchdringenden Auge kein Gedanke verborgen bleiben könnte. »Die Thür, welche uns Einlas gewährt, steht noch offen und die alte Nanno hat zu oft unter dem Baume von Benevento geschlafen, um nicht an Wind, Donner und Regen gewöhnt zu sein.« »Nein, nein,« murmelte die junge Frau, »da Ihr einmal da seid, so bleibt.« Und sie sank in einem Sessel, der neben dem Tisch stand, warf dem Kopf zurück und war auf diese Weise den vollen Schein der Lampe ausgesetzt. Die Wahrsagerin näherte sich ihr um zwei Schritt und sagte, wie mit sich selbst sprechend: »Blondes Haar und schwarze Augen – große, schöne helle, feuchte, samtene, wollüstige Augen.« Die junge Frau erröthete und bedeckte sich das Gesich mit beiden Händen. »Nanno!«, murmelte sie. Diese aber schien sie nicht zu hören und die Hände betrachtend, welche ihr die weitere Musterung des Gesicht unmöglich machten, fuhr sie fort: »Die Hände sind rund und mit Grübchen versehen. Die Haut derselben ist rosig, weich, fein, matt und lebhaft zu gleicher Zeit.« »Nanno!« sagte die junge Frau, indem sie die Hände auseinander that, wie um sie zu verbergen, wobei aber ein lächelndes Gesicht zum Vorschein kam, »ich habe Euch nicht gerufen, daß Ihr mir Complimente machen sollt.« Nanno aber fuhr, ohne auf sie zu achten, fort, indem sie sich wieder an das ihr aufs Neue preisgegebene Gesicht hielt: »Die Stirn ist schön, weiß, rein, von blauen Aederchen durchfurcht. Die schwarzen, gutgezeichneten Augenbrauen beginnen an der Wurzel der Nase und zwischen ihnen zeigen sich drei oder vier kleine gebrochene Linien. O schönes Geschöpf, Du bist dem Dienste der Venus geweiht!« »Nanno! Nanno!« rief die junge Frau. »So laß' sie doch schwatzen, Schwesterchen!«, sagte Michel. »Sie behauptet, Du seist schön. Weißt Du das nicht vielleicht selbst? Sagt Dir dein Spiegel es nicht alle Tage? Ist nicht Jeder, der Dich sieht, derselben Meinung wie dein Spiegel? Sagt nicht alle Welt, daß der Chevalier San Felice seinen Namen in der That trägt, weil er nicht blos glücklic[3 - Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, daß die Worte: San Felice im Italienischen heilig glücklich bedeuten.] heißt, sondern es auch ist?« »Michele!« rief die junge Frau, unzufrieden, daß ihr Milchbruder auf diese Weise den Namen ihres Mannes und zugleich den ihrigen verrieth. Die ganz in ihre Betrachtung versunkene Wahrsagerin fuhr aber fort: »Der Mund ist klein und roth, die Oberlippe ist ein wenig größer als die Unterlippe, die Zähne sind weiß und gut geordnet. Die Lippen sind korallenfarbig. Das Kinn ist rund, die Stimme ist weich, ein wenig schleppend und wird leicht heiser. Sie sind an einem Freitag geboren, nicht wahr? Um Mitternacht, oder kurz vor oder nach Mitternacht?« »Ja, das ist wahr, « murmelte die junge Frau mit einer Stimme, die in der That durch die Gemüthsbewegung, welche sie empfand und welcher sie wider Willen nachgab, ein wenig heiser geworden war; »meine Mutter hat mir oft gesagt, daß mein erstes Weinen sich mit dem letzten Summen der Pendule gemischt, welche die Stunde geschlagen, die den letzten Tag des April von dem ersten des Mai trennte.« »April und Mai! Die Monate der Blumen! Ein Freitag, der Tag, welcher der Venus geweiht ist. Nun er klärt sich Alles. Darum regieret die Venus!« hob die Wahrsagerin wieder an, »die Venus, die einzige Göttin, welche ihre Herrschaft unter uns bewahrt, während alle übrigen Götter die ihre verloren haben. Sie sind unter der Vereinigung der Venus und des Mondes geboren, Signora, und die Venus trägt den Sieg davon und gibt Ihnen diesen weißen runden Hals von mittlerer Länge, welchen wir den elfenbeinernen Thurm nennen. Die Venus gibt Ihnen diese runden, ein wenig herabfallenden Schultern, dieses wallende seidenweiche Haar, diese zierliche runde Nase mit den sich blähenden, sinnlichen Nüstern.« »Nanno,« sagte die junge Frau in gebieterischem Tone, indem sie sich aufrichtete und die Hand auf den Tisch stützte. Die Unterbrechung war jedoch vergeblich. »Venus,« fuhr die Albaneserin fort, »gibt Ihnen diesen geschmeidigen Wuchs, diese feinen Gelenke, diese Fuß eines Kindes; Venus gibt Ihnen die Vorliebe für elegante Kleider von hellen zarten Farben. Venus macht Sie sanft, leutselig, naiv, geneigt zu romantischer, aufopfernder Liebe.« »Ob ich zur Aufopferung geneigt bin, weiß ich nicht Nanno,« sagte die junge Frau in sanftem, beinahe traurigem Ton; »was jedoch die Liebe betrifft, so irrst Du Dich sicherlich.« Dann sank sie, als ob ihre Füße nicht mehr die Kraft hätten, sie zu tragen, in ihrem Sessel zurück und setzte mit einem Seufzer hinzu: »Denn ich habe noch nie geliebt!« »Du hast noch nie geliebt!« hob Nanno wieder an, und in welchem Alter sagst Du das? Mit zweiundzwanzig Jahren, nicht wahr? Aber warte nur! warte nur!« »Du vergissest, daß ich vermält bin,« sagte die junge Frau in einem schmachtenden Tone, welchem sie umsonst Festigkeit zu geben versuchte, »und daß ich meinen Gatten liebe und achte.« »Ja, ja! Dies weiß ich Alles, entgegnete die Wahrsagerin, »aber ich weiß auch, daß er beinahe dreimal so alt ist als Du. Ich weiß, daß Du ihn liebt und achtet, aber ich weiß auch, daß Du ihn liebst wie einen Vater und daß Du ihn achtest wie einen Greis. Ich weiß, daß Du die Absicht, ja sogar den Willen hast, rein und tugendhaft zu bleiben, aber was vermögen die Absicht und der Wille gegen den Einfluß der Gestirne? – Habe ich Dir nicht gesagt, daß Du aus der Vereinigung der Venus und des Mondes, der beiden Gestirne der Liebe, hervorgegangen bist? Vielleicht aber entrinnst Du ihrem Einflusse doch noch. Laß uns deine Hand sehen. Hiob, der große Prophet, sagt: »In die Hand der Menschen hat Gott die Zeichen gelegt, an welchen man sein Werk erkennt.« Und die Wahrsagerin streckte ihre runzelige, knochige, schwarze Hand aus, in welche sich, wie in Folge eines magischen Einflusses, die weiche, weiße und feine Hand der San Felice legte. Zehntes Capitel. Das Horoskop Es war die linke Hand, die, in welcher die Kabbalisten des Alterthums die Geheimnisse des Lebens lesen zu können behaupteten, gerade wie dies auch von Kabbalisten der Neuzeit noch geschieht. Nanno betrachtete einen Augenblick lang die Rückseite dieser reizenden Hand, ehe sie dieselbe umdrehte, um in dem Innern zu lesen, gerade wie man ein Buch, welches Aufschluß über unbekannte und übernatürliche Dinge geben soll, einen Augenblick in der Hand hält, ohne sich mit dem Oeffnen zu übereilen. Sie betrachtete die Hand, wie man ein schönes Marmorkunstwerk betrachtet, und murmelte: »Die Finger sind lang, glatt und ohne Knoten – die Nägel rosenfarben, schmal und spitzig – eine Künstlerhand, eine Hand, welche bestimmt ist, allen Instrumenten, den Saiten der Leier ebenso wie den Fasern des Herzens Töne zu entlocken.« Endlich drehte sie die schauernde Hand, welche zu ihren gebräunten einen so wundersamen Gegensatz bildete, herum und ein stolzes Lächeln verklärte ihr ganzes Gesicht. »Hatte ich nicht Alles gut errathen?«, sagte sie. Die junge Frau betrachtete die Wahrsagerin mit unruhigem Blick. Michele seinerseits näherte sich, als ob er etwas von der Chiromantie verstünde. »Beginnen wir mit dem Daumen, hob die Wahrsagerin wieder an. »Er ist es, in welchem sich alle andern Zeichen der Hand wiederholen. Der Daumen ist das Hauptorgan des Willens und der Einsicht. Blödsinnige werden gewöhnlich ohne oder mit mißgestalteten Daumen geboren. Die Epileptischen schließen in ihren Anwandlungen die Daumen eher als die andern Finger. Um den bösen Blick zu beschwören, streckt man den Zeigefinger und Goldfinger aus und verbirgt den Daumen in der flachen Hand.« »Das ist wahr, Schwesterchen, rief Michele. »So mache ich es allemal, wenn ich das Unglück habe, dem Canonicus Jorio zu begegnen.« »Das erste Glied des Daumens, das, welches den Nagel trägt, ist das Zeichen der Willenskraft. Bei Ihnen ist das erste Gelenk des Daumens kurz, folglich sind Sie schwach, ohne Willen und leicht zu verleiten.« »Das könnte man fast übelnehmen, rief lachend die junge Frau, welcher diese mehr wahre als schmeichelhafte Erklärung gegeben ward. »Sehen wir einmal den Venusberg, sagte die Wahrsagerin, indem sie mit ihrem Nagel, welcher einer in Ebenholz gefaßten Hornkralle glich, auf den fleischigen, erhabebenen Theil drückte, welcher die Basis des Daumens bildete. »Dieser ganze Theil der Hand, in welchem die Zeugung und die sinnlichen Begierden liegen, ist der unwiderstehlichen Göttin gewidmet. Die Lebenslinie umgibt ihn wie ein Bach, der am Fuße eines Hügels rinnt, und sondert ihn ab wie eine Insel. – Venus, welche bei Ihrer Geburt regiert hat, Venus, welche gleich jenen Feen, die als verschwenderische Pathen jungen Prinzessinnen erschienen, Venus, welche Ihnen Anmuth, Schönheit, Melodie, Liebe zu schönen Formen, den Wunsch zu lieben, das Bedürfniß zu gefallen, Wohlwollen, Mitleid und Zärtlichkeit verliehen hat, zeigt sich hier mächtiger als jemals. – Ach, wenn wir auch die andern Linien eben so günstig fänden wie diese, obschon –« »Obschon?« »Nichts.« Die junge Frau betrachtete die Wahrsagerin, deren Augenbrauen sich einen Augenblick lang gerunzelt hatten. »Dann gibt es wohl noch andere Linien als die des Lebens?« fragte sie. »Ja, es gibt deren drei. Er sind diese drei Linien, welche in der Hand das M bilden, welches das gemeine Volk als den ersten Buchstaben des Wortes Mors, der Tod, bezeichnet, und von welchem es glaubt, es sei von der Natur selbst bestimmt, den Menschen daran zu erinnern, daß er sterblich ist. Die beiden andern sind die Linie des Herzens. Hier ist sie. Sie erstreckt sich von der Basis des Zeigefingers bis zu der des kleinen Fingers. Jetzt sehen Sie noch die Kopflinie. Es ist die, welche die Mitte der Hand durchschneidet.« Michel näherte sich abermals und verfolgte die Demonstrationen der Wahrsagerin mit gespannter Aufmerksamkeit. »Warum hast Du nicht auch mir dies Alles erklärt? fragte er sie. »Hieltest Du mich für zu dumm, um es zu begreifen? Nanno zuckte die Achseln, ohne ihm zu antworten, und fuhr dann fort sich an die junge Frau zu wenden. »Folgen wir vor allen Dingen der Linie des Herzens,« sagte sie. »Schau, wie sie sich von dem Berg des Jupiter, das heißt von der Basis des Zeigefingers, bis zum Berg des Mercur, das heißt bis zur Basis des kleinen Fingers, erstreckt! Ist sie kurz, so bedeutet die Glück, ist sie allzulang, wie bei Dir, so bedeutet sie furchtbare Leiden. »Unter dem Saturn, das heißt unter dem Mittelfinger, bricht sie sich. Dies bedeutet Verhängniß. Sie hat eine lebhaft rothe Farbe, welche gegen das matte Weiß der Hand absticht. Dies ist Liebe, feurige, bis zur Heftigkeit gesteigerte Liebe!« »Das ist es eben, was mich abhält, an deine Vorhersagungen zu glauben, Nanno,« sagte die San Felice lächelnd. »Mein Herz ist ruhig.« »Warte nur! warte nur! hab' ich Dir schon gesagt,« entgegnete die Wahrsagerin heftig werdend. »Warte nur, warte nur, Ungläubige, denn der Augenblick, wo eine große Veränderung in deinem Schicksal eintreten soll, ist nicht mehr fern. Hier bemerke ich noch ein unheilvolles Anzeichen. Schau. Die Linie des Herzens vereinigt sich, wie Du siehst, mit der Kopflinie zwischen Daumen und Zeigefinger. Es ist dies, wie gesagt, ein unheilverkündendes Zeichen, welches aber durch ein entgegengesetztes Zeichen in der andern Hand bekämpft werden kann. Sehen wir einmal die rechte Hand! Die junge Frau gehorchte und reichte der Sibylle die Hand, welche sie verlangte. Nanno schüttelte den Kopf. »Hier sehe ich dasselbe Zeichen,« sagte sie, »dieselbe Vereinigung.« Gedankenvoll ließ sie die Hand fallen und da sie nicht sogleich wieder fortfuhr zu sprechen, so hob die San Felice an: »Sprich doch. Ich sage Dir nochmals, daß ich Dir nicht glaube.« »Um so besser, um so besser,« murmelte Nanno. »Möge die Wissenschaft trügen, möge das Unfehlbare nicht in Erfüllung gehen!« »Was bedeutet denn die Verschmelzung dieser beiden Linien?« »Schwere Verwundung, Gefangenschaft, Todesgefahr.« »Ach, wenn Du mir mit körperlichen Leiden drohst, Nanno, dann wirst Du mich allerdings schwach werden sehen. Hast Du nicht selbst gesagt, daß ich nicht muthig sei? Und wo werde ich verwundet werden? Sprich.« »Es ist seltsam. – An zwei Stellen – am Hals und in der Seite.« Dann ließ sie die linke Hand ebenso wieder sinken, wie sie die rechte hatte sinken lassen, und fuhr fort: »Vielleicht aber entrinnst Du der Gefahr doch – hoffen wir!« »Nein,« hob die junge Frau wieder an, »vollende, Du durftest mir nichts sagen, oder Du mußt mir Alles sagen.« »Ich habe Alles gesagt.« »Dein Ton und deine Augen beweisen, daß dies nicht der Fall ist. Uebrigens hast Du auch gesagt, daß es drei Linien gäbe.« »Die Lebenslinie, die Linie des Herzens und die Kopflinie.« »Nun und?« »Nun, Du hast nur zwei geprüft – die Lebenslinie und die Linie des Herzens. Es bleibt also noch die Kopflinie übrig.« Und mit gebieterischer Geberde reichte sie der Wahrsagerin nochmals die Hand hin. Nanno ergriff dieselbe und sagte mit verstellter Gleichgültigkeit: »Du kannst es eben so gut sehen wie ich. Die Kopflinie durchschneidet die Ebene des Mars und neigt sich unter den Berg des Mondes. Dies bedeutet: Traum, Phantasie, Chimäre – das Leben, wie es im Mond, nicht wie es hiemieden ist.« Plötzlich stieß Michel, welcher die Hand seiner Schwester aufmerksam betrachtete, einen Schrei aus: »Schau doch, Nanno!« rief er. Und er deutete mit dem Ausdruck des gewaltigsten Schreckens auf ein Zeichen in der Hand seiner Milchschwester. Nanno drehte den Kopf herum. »Aber so schau doch!« rief er nochmals. »Luisa hat in der hohlen Hand dasselbe Zeichen wie ich.« »Dummkopf!« rief Nanno. »Meinetwegen nenne mich einen Dummkopf,« rief Michel. »Ein Kreuz in der Mitte dieser Linie bedeutet Tod auf dem Blutgerüst – hast Du mir das nicht selbst gesagt?« Die junge Frau stieß einen lauten Schrei aus und betrachtete mit scheuer Miene abwechselnd ihren Milchbruder und die Wahrsagerin. »So schweig doch!« rief letztere, indem sie ungeduldig mit dem Fuße stampfte. »Sieh, Schwesterchen, sieh!« sagte Michel, indem er seine linke Hand öffnete. »Schau selbst, ob wir nicht beide dasselbe Zeichen haben – ein Kreuz.« »Ein Kreuz!« wiederholte Luisa erbleichend. Dann faßte sie die Wahrsagerin beim Arme und rief: »Weißt Du, daß dies wahr ist, Nanno? Was soll das heißen? Gibt es in der Hand des Menschen wirklich Zeichen je nach seinem Stande, und ist das, was für den einen tödtlich ist, für den andern gleichgültig? Da Du einmal begonnen hast, so vollende auch.« Nanno machte ihren Arm sanft von der Hand los, welche sich bemühte ihn festzuhalten. »Peinliche Dinge dürfen wir nicht enthüllen, sagte sie, ›wenn sie, das Siegel des unbedingten Verhängnisses tragend, trotz aller Anstrengungen des Willens und des Verstandes unvermeidlich sind.‹ Nach einer Pause setzte sie hinzu: »Vorausgesetzt, daß die bedrohte Person, in der Hoffnung, das Verhängniß zu bekämpfen, nicht diese Offenbarung von uns verlangt.« »Verlange, Schwesterchen, verlange!« rief Michel; »Du bist reich, Du kannst fliehen. Vielleicht existiert die Gefahr, welche Du läuft, blos in Neapel. Vielleicht würde sie Dich in Frankreich, in England, in Deutschland nicht verfolgen.« »Und warum willst Du nicht auch fliehen?« antwortete Luisa. »Du behauptet ja, daß wir beide ein und dasselbe Zeichen tragen?« »Ach, mit mir ist es etwas Anderes. Ich kann Neapel nicht verlassen. Ich bin an die Marinella gefesselt wie der Stier an's Joch. Ich bin arm und muß mit der Arbeit meiner Hände nicht blos mich, sondern auch meine Mutter ernähren. Was sollte aus der armen alten Frau werden, wenn ich fortginge?« »Und wenn Du stirbst, was wird dann aus ihr?« »Wenn ich sterbe, so hat Nanno die Wahrheit gesprochen, Luisa, und wenn sie die Wahrheit gesprochen hat, so werde ich, ehe ich sterbe, Oberst sein. Wohlan, wenn ich Oberst bin, dann gebe ich ihr mein ganzes Geld und sage zu ihr: Lege dies auf die Seite, Mama, und wenn man mich dann hängt – denn mich hängt man – so ist sie meine Erbin.« »Oberst! Armer Michele! Du glaubst an diese Prophezeiung?« »Nun, was ist weiter dabei? Es ist stets gut, das Schlimmste vorauszusetzen. Meine Mutter ist alt, ich bin arm und wenn wir Eines oder das Andere das Leben verlieren, so ist der Verlust für Keines sonderlich groß.« »Und Affunta?« fragte die junge Frau lächelnd. »O, Affunta macht mir weniger Unruhe als meine Mutter. Affunta liebt mich, wie eine Geliebte ihren Anbeter liebt, aber nicht wie eine Mutter ihren Sohn liebt. Eine Witwe tröstet sich mit einem anderen Mann, eine Mutter aber tröstet sich nicht mit einem andern Kind. Doch lassen wir die alte Mechelemma und kommen wir wieder auf Dich zurück, Schwesterchen, auf Dich, die Du jung, reich, schön und glücklich bist. O Nanno, Nanno! Höre, was ich sage: Du mußt Luisa augenblicklich mittheilen, woher die Gefahr kommen wird, oder wehe Dir!« Die Wahrsagerin hatte ihren Mantel wieder aufgerafft und war eben beschäftigt, ihn sich wieder um die Schultern zu werfen. »Nein, so darfst Du nicht fort, Nanno!« rief der Lazzarone, indem er auf die Albaneserin zusprang und sie beim Handgelenke packte. »Mir kannst Du sagen, was Du willst, meiner Schwester aber – Luisa – o nein, nein, das ist etwas Anderes! Du hast es selbst gesagt. Wir haben an einer und derselben Brust gesogen. Gern will ich wenn es sein muß, zweimal sterben, einmal für mich, einmal für sie, aber ich will nicht, daß man auch nur ein Haar auf ihrem Haupte krümme. Hörst Du wohl?« Und er zeigte auf die junge Frau, welche bleich, unbeweglich und keuchend in ihren Lehnsessel zurückgesunken war und nicht wußte, welchen Grad von Glauben sie der Albaneserin schenken sollte. Jedenfalls aber war sie heftig aufgeregt. »Nun, da Ihr es alle Beide wollt,« sagte die Wahrsagerin, indem sie sich Luisa näherte, »so wollen wir es versuchen. Wenn das Schicksal beschworen werden kann, wohlan, dann wollen wir es beschwören, obschon es,« setzte sie hinzu, »ein Verbrechen gegen den Himmel ist, gegen das zu kämpfen, was einmal geschrieben steht. Gib mir noch einmal deine Hand, Luisa.« Luisa reichte ihr die zitternde, geballte Hand und die Albaneserin sah sich genöthigt, ihr halb mit Gewalt die Finger aufzubrechen. »Dies hier ist die Linie des Herzens, welche unter dem Berge des Saturn sich in zwei Stümpfe bricht. Hier ist auch das Kreuz in der Mitte der Kopflinie und hier ist endlich die zwischen dem zwanzigsten und dem dreißigsten Jahre plötzlich unterbrochene Lebenslinie.« »Und Du siehst nicht, woher die Gefahr kommt? Du kennt nicht die Ursachen, welche bekämpft werden müßten?« rief die junge Frau, aufgestachelt von der Angst, welche ihr Milchbruder für sie an den Tag gelegt und welche sie durch ihre Augen, durch das Zittern ihrer Stimme und die Aufregung ihres ganzen Wesens ebenfalls zu erkennen gab. »Die Liebe, immer die Liebe!« rief die Zauberin; »eine unheilvolle, unwiderstehliche, tödtliche Liebe!« »Aber kennst Du wenigstens den, welcher der Gegenstand derselben sein wird?« fragte Luisa, indem sie aufhörte sich zu wehren und zu läugnen, denn der Ton der Ueberzeugung, in welchem die Wahrsagerin sprach, verfehlte nicht, allmälig seine Wirkung zu äußern. »Dein Loos ist ein düster umwölktes, armes Geschöpf!« antwortete die Sibylle. »Ich sehe ihn, aber ich kenne ihn nicht. Er erscheint mir wie ein Wesen, welches nicht dieser Welt angehört. Er ist das Kind des Eisens und nicht des Lebens. Er ist – unmöglich! und dennoch ist es so – er ist von einer Todten geboren!« Die Wahrsagerin stand mit starrem Blicke da, als ob sie unbedingt in dem Dunkel der Zukunft lesen wollte. Ihr Auge erweiterte sich und nahm die runde Form des Auges der Katze oder der Eule an, während sie mit der Hand eine Geberde machte, als ob sie einen Schleier zu entfernen suchte. Michel und Luisa sahen einander an. Der kalte Schweiß perlte auf der Stirn des Lazzarone. Luisa war weißer als der battistene Pudermantel, in welchen sie sich gehüllt. »Ha!« rief Michel nach einem Augenblick des Schweigens, indem er sich mit Gewalt aus der abergläubischen Angst aufrüttelte, welche ihn zu Boden drückte; »wie albern sind wir, daß wir auf diese alte Närrin hören! Daß ich gehängt werde, ist allerdings wohl möglich. Ich bin ein unruhiger Kopf und in unserer Lage, mit meinem Charakter, sagt man oft ein Wort, man wird handgemein, man fährt mit der Hand in die Tasche, man zieht ein Messer heraus, man öffnet es, man läßt sich vom Teufel blenden, man sticht seinen Gegner nieder; er fällt, er ist todt, man wird von einem Sbirren festgenommen, man wird von dem Polizeicommissär verhört, dann von dem Richter verurtheilt, Meister Donato, der Henker, packt einen an der Schulter, wirft einem den Strick um den Hals und patsch! da hängt man. Aber Du, Schwesterchen, was kannst Du mit dem Blutgerüst gemein haben? Welches Verbrechen könntest Du mit deinem Taubenherzen auch nur träumen? Wen könntest Du mit deinen kleinen Händen umbringen? Denn man bestraft die Leute doch nur dann mit dem Tode, wenn sie Jemanden umgebracht haben, und übrigens werden hier zu Lande die Reichen wegen so etwas gar nicht hingerichtet. Willst Du etwas Neues wissen, Nanno? Von heute an wird man nicht mehr sagen: »Michele, der Narr, sondern man wird sagen: »Nanno, die Närrin.« In diesem Augenblick faßte Luisa ihren Milchbruder am Arme und zeigte mit dem Finger auf die Wahrsagerin. Diese stand immer noch stumm und unbeweglich auf derselben Stelle. Nur hatte sie sich ein wenig vorwärts geneigt und schien durch Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft allmälig etwas in jener Nacht zu erkennen, welche sie einen Augenblick vorher sich beklagt hatte immer dichter werden zu sehen. Ihr magerer Hals streckte sich aus ihrem schwarzen Mantel hervor und ihr Kopf bewegte sich von rechts nach links wie der einer Schlange, die sich zum Sprunge anschickt. »Ha, jetzt sehe ich ihn!« rief sie plötzlich. »Es ist ein schöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit schwarzen Augen und schwarzem Haar. Er kommt, er nähert sich. Auch er ist von einer großen Gefahr bedroht – von Todesgefahr. Zwei, drei, vier Männer folgen ihm. Sie tragen Dolche unter ihren Kleidern –« Dann, wie von einer plötzlichen Offenbarung betroffen, setzte sie beinahe freudig hinzu: »Ach, wenn man ihn doch umbrächte!« »Nun?« fragte Luisa erstaunt und mit zitternder Begier an den Lippen der Wahrsagerin hängend, »wenn man ihn umbrächte, was würde dann geschehen?« »Wenn man ihn umbrächte, so wärest Du gerettet, denn er ist es, der deinen Tod herbeiführen wird.« »O mein Gott!« rief die junge Frau ebenso fest überzeugt, als ob sie selbst sähe, was Nanno zu sehen glaubte, »o mein Gott! Wer er auch sein mag, schütze ihn!« In demselben Augenblick hörte man unter den Fenstern des Hauses den Doppelknall zweier Pistolenschüsse, dann lautes Schreien und Fluchen, dann nichts weiter als das Klirren von Eisen gegen Eisen. »Signora! Signora!«, rief die Zofe, welche mit verstörtem Gesicht hereingestürzt kam, »man ermordet einen Menschen unter den Mauern des Gartens.« »Michele!« rief Luisa, die Hände faltend und die Arme ausstreckend, »Du bist ein Mann und Du hast ein Messer. Willst Du einen Nebenmenschen ermorden lassen, ohne ihm Hilfe zu leisten?« »Nein, bei der Madonna, das werde ich nicht thun!« rief Michele. Mit diesen Worten eilte er ans Fenster und öffnete es, um auf die Straße hinabzuspringen. Plötzlich aber stieß er einen lauten Schrei aus, warf sich zurück und duckte sich nieder bis unter das Fenster. »Pasquale de Simone, der Sbirre der Königin!« murmelte er mit vor Furcht halb erstickter Stimme. »Wohlan,« rief die San Felice, »dann ist es an mir, den Unglücklichen zu retten!« Und sie eilte nach der Rampe. Nanno machte eine Bewegung, um sie zurückzuhalten, schüttelte aber den Kopf und ließ die Arme sinken. »Geh nur, arme Verurtheilte,« sagte sie; »möge der Schicksalsspruch der Gestirne in Erfüllung gehen.« Elftes Capitel. Der General Championnet Man wird sich erinnern, daß, als wir Salvato Palmieri verließen, derselbe im Begriff stand, den Verschworenen die Antwort des Generals Championnet mitzutheilen. Eben so wird man sich entsinnen, daß Hector Caraffa im Namen der italienischen Patrioten an den französischen General, der so eben das Commando der Armee von Rom übernommen, geschrieben hatte, um ihn von der Stimmung der Gemüther in Neapel zu unterrichten und ihn zu fragen, ob man im Falle einer Revolution auf die Unterstützung nicht blos der französischen Armee, sondern auch der französischen Regierung rechnen könne. Der General Championnet war zu der Zeit, bei welcher wir jetzt angelangt sind, ein Mann von sechsunddreißig Jahren mit sanften, einnehmenden Zügen. Hinter dieser Physiognomie, welche mehr die eines Weltmannes als die eines Soldaten war, barg sich jedoch eine gewaltige Willenskraft und ein Muth, der jede Probe bestand. Er war der natürliche Sohn eines Wahlpräsidenten der, weil er ihm nicht seinen Namen geben wollte, ihm den eines kleinen Landgutes in der Umgegend von Valence, seiner Vaterstadt, beilegte. Es war ein abenteuerlustiger Geist und Rossebändiger, ehe er Menschenbändiger ward. Mit zwölf oder fünfzehn Jahren ritt er die widerspänstigsten Thiere und zwang sie, ihm zu gehorchen. Mit achtzehn Jahren begann er einem oder dem andern jener beiden Phantome nachzujagen, welche man den Ruhm oder das Glück nennt, ging nach Spanien und trat unter dem Namen Bellerose unter die wallonischen Truppen. In dem Lager von Saint-Roch, welches man vor Gibraltar geschlagen, traf er in dem Regiment Bretagne mehrere seiner Schulcameraden und erhielt von seinem Oberst Erlaubniß, die wallonische Garde zu verlassen und, wie seine Freunde, als Freiwilliger zu dienen. Nach dem Friedensschluß kehrte er nach Frankreich zurück und sein Vater empfing den verlorenen Sohn mit offenen Armen. Bei den ersten Bewegungen von 1789 trat er aufs Neue in den Militärdienst. Die Kanone des 10. August donnerte und die erste Coalition bildete sich. Jedes Departement bot nun ein Bataillon Freiwillige. Das der Drôme stellte das sechste. Championnet ward zum Anführer desselben ernannt und marschierte damit nach Besançon. Diese Bataillone von Freiwilligen bildeten die Reservearmee. Als Pichegru Besançon passirte, um das Commando der Armee am Oberrhein zu übernehmen, fand er hier Championnet wieder, den er gekannt, als er, wie dieser jetzt, Chef eines Freiwilligen-Bataillons gewesen war. Championnet bat ihn inständig, ihn zur activen Armee zu berufen. Sein Wunsch ward ihm gewährt. Von diesem Augenblick an schrieb Championnet seinen Namen neben die Namen eines Joubert, Marceau, Hoche, Kleber, Jourdan und Bernadotte. Er diente abwechselnd unter diesen oder war vielmehr ihr Freund. Sie kannten den abenteuerlustigen Charakter des jungen Mannes so gut, daß, wenn es sich um irgend eine schwierige, beinahe unmöglich auszuführende Expedition handelte, es fast allemal hieß: »Wir wollen Championnet hinschicken.« Und dieser rechtfertigte, indem er als Sieger zurückkehrte, allemal das Sprichwort, welches sagt: »Glücklich wie ein Bastard.« Diese Reihe von Erfolgen ward durch den Titel eines Brigadegenerals, dann durch den eines Divisionsgenerals belohnt, welcher letztere an den Küsten der Nordsee von Dünkirchen bis Vließingen commandierte. Der Frieden von Campo Formio rief ihn nach Paris zurück. Er begab sich dorthin und behielt von seinem ganzen militärischen Haushalt blos einen jungen Adjutanten. Bei den verschiedenen Treffen, die er mit den Engländern gehabt, hatte Championnet einen jungen Capitän bemerkt, welcher zu jener Zeit, wo alle Welt tapfer war, es dennoch möglich zu machen gewußt hatte, sich durch seine Tapferkeit auszuzeichnen. Kein Gefecht hatte stattgefunden, an welchem er theilgenommen, ohne daß man von ihm eine glänzende That erzählte. Bei der Einnahme von Altenkirchen war er der Erste gewesen, der die Sturmleitern erstiegen. Bei dem Uebergange über die Lahn hatte er unter dem Feuer des Feindes den Fluß sondiert und eine Furt gefunden. In den Laufgräben von Laubach hatte er eine Fahne erobert. In dem Gefecht bei den Dünen endlich hatte er an der Spitze von dreihundert Mann fünfzehnhundert Mann Engländer angegriffen. Durch eine verzweifelte Charge, welche das Regiment des Prinzen von Wales machte, wurden die Franzosen zurückgedrängt, der junge Capitän aber verschmähte es, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Championnet, der ihm mit den Augen folgte, sah ihn von Weitem vom Feind umringt verschwinden. Bewunderer der Tapferkeit wie jeder Tapfere, stellte Championnet sich an die Spitze von etwa hundert Mann und griff die Engländer an, um den jungen Capitän zu befreien. An der Stelle angelangt, wo derselbe verschwunden war, fand er ihn mit dem einen Fuße auf der Brust des englischen Generals stehend, dem er mit einem Pistolenschuß den Schenkel zerschmettert, umthürmt von Leichen und selbst durch drei Bajonetstiche verwundet. Er zwang ihn, das Handgemenge zu verlassen, empfahl ihm seinen eigenen Wundarzt und als er wieder hergestellt war, erbot er sich, ihn zu einem Adjutanten zu machen. Der junge Capitän nahm das Anerbieten an. Es war Salvato Palmieri. Als er seinen Namen nannte, war derselbe für Championnet ein neuer Gegenstand des Erstaunens. Es war augenscheinlich, daß er Italiener war. Da er übrigens keinen Grund hatte, seine Herkunft zu läugnen, so bekannte er sie selbst. Und dennoch hatte jedesmal, wenn es sich darum handelte, von englischen oder österreichischen Gefangenen irgend welche Auskunft zu erlangen, Salvato sie in ihrer Sprache mit derselben Leichtigkeit befragt, als ob er in Dresden oder in London geboren wäre. Salvato hatte sich begnügt, Championnet zu antworten, er sei noch ganz jung nach Frankreich gekommen und habe dann später seine Erziehung in England und Deutschland vollendet. Es sei daher durchaus nicht zu verwundern, daß er das Deutsche, das Französische und das Englische eben so geläufig redete wie seine Muttersprache. Championnet, welcher einsah wie nützlich ein gleichzeitig so tapferer und so unterrichteter junger Mann ihm werden könne, behielt, wie wir schon oben erwähnt, von seinem ganzen militärischen Haushalt nur ihn und brachte ihn mit nach Paris zurück. Bei dem Abgange Bonapartes nach Egypten hatte, obschon man den Zweck der Expedition nicht kannte, Championnet verlangt, dem Glücke des Siegers von Arcole und Rivoli zu folgen; Barras aber, an dem er sich gewendet, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Bleib lieber bei uns, Bürger General. Wir werden deiner auf dem Continent bedürfen.« Und in der That, als Bonaparte fort war, verlangte Joubert, welcher das Commando der Armee von Italien übernahm, daß man ihm Championnet beigebe, damit derselbe die Armee von Rom commandiere, welche bestimmt war, Neapel zu überwachen und, wo nöthig, zu bedrohen. Barras, der ganz besonderes Interesse an ihm nahm, hatte diesmal, indem er ihm seine Instruction ertheilt, zu ihm gesagt: »Wenn der Krieg von Neuem ausbricht, so bist Du von den republikanischen Generalen der erste, welcher mit der Entthronung eines Königs beauftragt wird.« »Die Absichten des Direktoriums werden ausgeführt werden, antwortete Championnet mit einer Einfachheit, die eines Spartaners würdig war. Und seltsamerweise sollte dieses Versprechen sich auch in der That verwirklichen. Championnet ging mit Salvato nach Italien ab. Er sprach das Italienische schon mit ziemlicher Geläufigkeit und es fehlte ihm nur noch die Uebung in der Sprache. Von diesem Augenblick an aber sprach er mit Salvato nur italienisch und im Hinblick auf das, was geschehen konnte, übte er sich mit ihm sogar in dem neapolitanischen Dialect, welchen Salvato im Scherz von seinem Vater erlernt hatte. In Mailand, wo der General sich kaum einige Tage aufhielt, machte Salvato Bekanntschaft mit dem Grafen Ruvo und stellte ihn dem General Championnet als einen der edelsten Cavaliere und feurigsten Patrioten von Neapel vor. Er erzählte ihm, wie Hector Caraffa, von den Spionen der Königin Caroline verrathen, von der Staatsjunta verfolgt und eingekerkert, aus dem Castel San Elmo entsprungen sei, und erbat für ihn die Gunst, dem Generalstabe folgen zu dürfen, ohne demselben durch irgend einen Grad anzugehören. Beide begleiteten ihn nach Rom. Das dem General Championnet erheilte Programm war folgendes: »Mit den Waffen jeden feindlichen Angriff auf die Unabhängigkeit der römischen Republik zurückzuschlagen und den Krieg auf das neapolitanische Gebiet überzutragen, wenn der König von Neapel die Invasionsprojecte, die er so oft angekündigt, in Ausführung brächte.« Einmal in Rom hatte Graf Ruvo, wie wir schon oben erzählt, nicht dem Wunsch zu widerstehen vermocht, thätigen Antheil an der revolutionären Bewegung zu nehmen, welche, wie man sagte, auf dem Punkte stand, in Neapel zum Ausbruch zu kommen. Verkleidet hatte er sich in diese Stadt eingeschlichen und durch Salvatos Vermittlung die italienischen Patrioten mit den französischen Republikanern in Verbindung gesetzt, indem er zugleich den General dringend ersuchte, ihnen Salvato zu senden, zu welchem Championnet das größte Vertrauen hatte und welcher nicht verfehlen konnte, seinen Landsleuten ein ähnliches Vertrauen einzuflößen. Der Zweck dieser Mission war, den jungen Mann mit eigenen Augen sehen zu lernen, auf welchem Punkte die Sachen stünden, damit er, zu dem General zurückgekehrt, ihm Auskunft über die Mittel geben könnte, welche die Patrioten zu ihrer Verfügung hatten. Wir haben gesehen, welche Gefahren Salvato zu bestehen hatte, um bis an den Ort der Versammlung zu gelangen und wie er, da die Verschworenen kein Geheimniß vor ihm hatten, er auch seinerseits kein solches vor diesen haben wollte, damit die seinen Patriotismus nach der Stellung berechnen könnten, welche die Ereignisse ihm bereitet hatten. Unglücklicherweise aber waren die Mittel, welche Championnet bei dem Commando, welches er empfangen, zur Verfügung standen und welche den Schutz der römischen Republik zum Zweck hatten, weil entfernt, seinen Bedürfnissen zu entsprechen. Er kam in der ewigen Stadt ein Jahr an, nachdem die Ermordung des General Duphot, welche Pius der Sechste, wenn auch nicht veranlaßt, doch wenigstens ungestraft gelassen, zur Besetzung Roms und Proclamation der römischen Republik geführt hatte. Berthier war es, der die Ehre hatte, die Welt von dieser Auferstehung in Kenntniß zu setzen. Er hatte seinen Einzug in Rom gehalten, hatte das Capitol erstiegen wie ein Triumphator des Alterthums und war dieselbe heilige Straße gewandelt, welche siebzehn Jahrhunderte früher die Besieger des Weltalls gezogen waren. Auf dem Capitol angelangt, hatte er unter dem wahnsinnigen Geschrei: »Es lebe die Freiheit! Es lebe die römische Republik! Es lebe Bonaparte! Es lebe die unüberwindliche französische Armee!« zweimal die Runde um den Platz gemacht, auf welchem die Bildsäule des Marcus Aurelius steht. Dann, nachdem er Schweigen erbeten, welches ihm augenblicklich gewährt ward, hatte der Herold der Freiheit folgende Rede gehalten: »Manen eines Cato, Pompejus, Brutus, Cicero und Hortensius, empfangt die Huldigung freier Männer in diesem Capitol, wo Ihr so oft die Rechte der Völker vertheidigt, und die römische Republik durch eure Beredsamkeit oder eure Thaten berühmt gemacht. Die Söhne der Gallier kommen mit dem Oelzweig in der Hand an diesen erhabenen Ort, um die von dem ersten Brutus gegründeten Altäre der Freiheit wieder aufzurichten. Und Du, römisches Volk, welches Du so eben dein legitimes Recht wiedererlangt, erinnere Dich, welches Blut in deinen Adern fließt. Wirf dein Auge auf die Monumente des Ruhmes, welche Dich umgeben; übe die Tugenden deiner Väter, zeige Dich würdig deines alten Glanzes und beweise Europa, daß es noch Seelen gibt, welche die Tugenden deiner Väter noch nicht vergessen haben.« Drei Tage lang hatte man Rom illuminiert, Feuerwerke abgebrannt, Freiheitsbäume gepflanzt, getanzt, gesungen, geschrieen: »Es lebe die Republik!« Aber der Enthusiasmus war von kurzer Dauer gewesen. Zehn Tage nach Berthiers Rede, welche außer der Ansprache an die Manen Catos und Hortensius das Versprechen unverbrüchlicher Achtung gegen die Einkünfte und Reichthümer der Kirche enthielt, hatte man auf Befehl des Direktoriums die Schätze dieser selben Kirche in die Münze getragen, um sie hier einschmelzen und in Gold- und Silbermünzen verwandeln zu lassen, aber nicht mit dem Bild der römischen, sondern mit dem der französischen Republik, um sie dann in die Cassen, Manche sagten des Luxembourg, Andere in die der Armee zu werfen. Die, welche sagten: in die Cassen der Armee, waren in bedeutender Minorität, und die, welche es glaubten, in noch bedeutenderer. Dann hatte man die Nationalgüter zum Verkauf ausgeboten und da das Directorium zur höchsten Noth Geld für die Armee in Egypten bedurfte, so waren diese Güter in aller Eile und zu einem Preise weit unter ihrem Werth verkauft worden. Dann hatte man die reichen Eigenthümer zu Geldzahlungen und Naturallieferungen aufgefordert, und auf diese Weise den Patriotismus derselben bedeutend abgekühlt. Die Folge hiervon war, daß trotz der von den reichen Classen der Gesellschaft gebrachten Opfer, da die Bedürfnisse des Directoriums sich unaufhörlich erneuerten, selbst die unentbehrlichsten Ausgaben nicht bestritten werden konnten und der Sold der Nationaltruppen und die Gehalte der öffentlichen Beamten nach Verlauf von drei Monaten einen Rückstand ausmachten, welcher von demselben Tage an datirte, an welchem die Republik proclamiert worden. Die Arbeiter, welche keinen Lohn mehr erhielten, und übrigens, wie man weiß, auch keine große Lust zur Arbeit mehr besaßen, hatten ihrerseits die Arbeit verlassen und sich theils in Bettler, theils in Banditen verwandelt. Was die Behörden betraf, welche mit dem Beispiele einer spartanischen Redlichkeit hätten vorangehen sollen, so waren sie, da sie keinen Heller Gehalt ausgezahlt erhielten, noch viel käuflicher und bestechlicher, als sie vorher gewesen. Die mit der Ernährung des Volkes beauftragte Magistratur der Annona, einer Institution des alten römischen Kaiserreiches, welche sich auch noch unter den Päpsten erhalten, war nicht im Stande gewesen mit discreditiertem Papiergeld die nothwendigen Anschaffungen zu machen und erklärte, da es nun an Mehl, Oel und Fleisch fehlte, sie wisse nicht, wie sie einer Hungersnoth vorbeugen solle. Als daher Championnet ankam, sagte man sich leise, es gebe in Rom nur noch auf drei Tage Lebensmittel und wenn der König von Neapel mit seiner Armee nicht schnell genug herbeikäme, um die Franzosen zu verjagen, den heiligen Vater wieder auf seinen Thron zu setzen und dem Volke den Ueberfluß zurückgegeben, so würden die Bewohner sich bald in die Alternative versetzt sehen, Einer den Andern aufzufressen oder Hungers zu sterben. Dies war es, was Salvato beauftragt war, den neapolitanischen Patrioten vor allen Dingen mitzutheilen, die erbärmliche Lage der römischen Republik, eine Lage, der man durch Sparsamkeit und Redlichkeit die Spitze zu bieten versuchen wollte. Um damit einen Anfang zu machen, hatte Championnet sämmtliche Agenten des Fiscus aus Rom hinausgejagt und sich anheischig gemacht, alle Geldsendungen für das Directorium, von welcher Seite sie auch kämen, für die Bedürfnisse der Stadt und der Armen zu verwenden. Das, was Salvato in Bezug auf die Situation der französischen Armee, die kaum blühender war als die der römischen Republik, hinzuzufügen hatte, war Folgendes: Die Armee von Rom, deren Commando Championnet so eben übernommen und welche nach den Aufstellungen, die er von dem Directorium erhalten, sich auf zweiunddreißigtausend Mann belief, bestand in der That aus nur achttausend Mann. Diese achttausend Mann, welche seit drei Monaten keinen Heller Löhnung erhalten, litten Mangel an Schuhwerk, an Kleidung, an Brot und waren umzingelt von der Armee des Königs von Neapel, die aus sechzigtausend Mann bestand, welche sämmtlich gut gekleidet, gut beschuht, gut genährt waren und jeden Tag richtig bezahlt wurden. Die ganze Munition der französischen Armee bestand in einhundertundachtzigtausend Stück Patronen, so daß also der Mann fünfzehn Schüsse thun konnte. Kein fester Platz war mit Lebensmitteln oder Pulver versehen, und der Mangel war so groß, daß man in Civita Vecchia nicht einmal im Stande gewesen war, auf ein Seeräuberschiff zu feuern, welches in halber Kanonenschußweite von dem Fort eine Fischerbarke genommen. Man hatte im Ganzen nur neun Geschütze, alle übrigen waren eingeschmolzen worden, um die Herstellung von Kupfergeld zu ermöglichen. Einige Festungen hatten allerdings noch Geschütze, in keiner aber paßten, mochte nun Verrätherei oder Nachlässigkeit zu Grunde liegen, die Kugeln zu dem Caliber der Kanonen; in einigen waren auch keine Kugeln da. Die Arsenale waren eben so leer als die Festungen. Vergebens hatte man versucht, zwei Bataillone Nationalgarden zu bewaffnen, und dies in einem Lande, wo man keinem Menschen begegnete, der nicht seine Flinte, wenn man zu Fuße ging, auf der Schulter trug, oder, wenn er ritt quer über dem Sattel liegen hatte. Championnet hatte aber an Joubert geschrieben und man wollte ihm von Alexandrien und Mailand aus eine Million Patronen und zehn Geschütze mit allem Zubehör schicken. Was die Kugeln betraf, so hatte Championnet Gießöfen errichten lassen, wo täglich vier- bis fünftausend Stück fertig wurden. Er ließ deshalb die Patrioten ersuchen, nichts zu übereilen, weil er noch wenigstens einen Monat bedürfe, umgerüstet zu sein, aber noch nicht etwa zum Angriff, sondern nur erst zur Vertheidigung. Salvato überbrachte einen in diesem Sinne geschriebenen Brief an den französischen Gesandten in Neapel, einen Brief, worin Championnet dem Gesandten Garat seine Lage auseinandersetzte und ihn bat, Alles aufzubieten, um einen Bruch zwischen den beiden Höfen zu verzögern. Dieser zum Glück in einem guten Portefeuille verwahrte Brief war von der Einwirkung des Wassers nicht berührt worden. Uebrigens kannte Salvato auch den Inhalt und hätte ihn, wenn der Brief unleserlich gewesen wäre, Wort für Wort dem Gesandten erzählen können. Nur hätte der Gesandte, wenn er den Brief erhielt, nicht gewußt, welchen Grad von Vertrauen er dem Ueberbringer schenken konnte. Nachdem alle diese Thatsachen den Verschworenen auseinandergesetzt worden, trat ein Augenblick des Schweigens ein, während dessen sie einander ansahen und sich gegenseitig mit den Augen befragten. »Was sollen wir nun thun?« fragte der Graf von Ruvo, der Ungeduldigste von allen. »Den Instructionen des Generals folgen,« antwortete Cirillo. »Ich wenigstens werde mich denselben gemäß sofort zu dem Gesandten Frankreichs begeben,« setzte Salvato hinzu. »Dann beeilen Sie sich!« rief von der obersten Stufe der Treppe eine Stimme, bei welcher alle Geschworenen und selbst Salvato zusammenzuckte, denn diese Stimme war bis jetzt noch nicht gehört worden. »Der Gesandte reist, wie man versichert, noch heute Nacht oder morgen früh nach Paris ab, setzte die Stimme hinzu. »Velasco!« riefen Nicolino und Manthonnet gleichzeitig. Dann setzte Nicolino allein fortfahrend hinzu: »Seien Sie unbesorgt, Signor; es ist der sechste Freund, den wir erwarteten und der in Folge meiner Nachlässigkeit, meiner großen Nachlässigkeit, über das Brett gekommen ist, welches ich vergessen habe wegzunehmen – und zwar habe ich es nicht einmal, sondern zweimal vergessen – das erste Mal, als ich das Seil holte, und das zweite Mal, als ich die Kleider brachte.« »Nicolino! Nicolino!« sagte Manthonnet, »Du wir uns noch an den Galgen bringen.« »Das habe ich Dir schon lange gesagt,« entgegnete Nicolino lachend. »Warum wählt Ihr einen Narren zu eurem Mitverschworenen?« Zwölftes Capitel. Der Kuß eines Ehemannes Wenn die von Velasco mitgeheilte Nachricht auf Wahrheit beruhte, so war kein Augenblick zu verlieren, denn von Championnet's Gesichtspunkt aus konnte diese Abreise des Gesandten, die einer Kriegserklärung gleichkam, großes Unglück zur Folge haben. Salvato's Ankunft verhinderte vielleicht noch diese Abreise, indem sie den Bürger Garat bewog, noch zu temporisiren. Jeder wollte Salvato nach dem französischen Gesandtschaftshotel begleiten, Salvato aber war mit Hilfe einer Erinnerung sowohl als eines Planes der Stadt recht wohl im Stande, sich allein zurechtzufinden und lehnte deshalb die ihm angebotene Begleitung hartnäckig ab. Derjenige von den Verschworenen, welchen man mit ihm gesehen hätte, wäre, sobald der Zweck seiner Mission bekannt ward, verloren gewesen und die Beute der Polizei von Neapel oder das Ziel des Dolches der Sbirren der Regierung geworden. Uebrigens brauchte Salvato nur dem Strand des Meeres zu folgen und sich stets links von demselben zu halten, um nach der französischen Gesandtschaft zu gelangen, welche sich in dem ersten Stockwerk des Palastes Caramanico befand. Er lief deshalb nicht Gefahr, sich zu verirren. Die dreifarbige Fahne und die Fasces mit der Freiheitsmütze mußten ihm das Haus hinreichend kenntlich machen. Aus Vorsicht sowohl als aus Freundschaft vertauschte er jedoch eine von dem Meerwasser naßgewordenen Pistolen gegen die Nicolinos, gürtete dann unter einem Mantel seinem Säbel um, den er aus dem Schiffbruch gerettet und welchen er kurz an den Carabinerhaken hing, um nicht durch das Klirren auf dem Steinpflaster verrathen zu werden. Man kam überein, ihn zuerst fortgehen zu lassen. Zehn Minuten nach seinem Weggange sollten die sechs Verschworenen einer nach dem andern sich ebenfalls entfernen und jeder einzeln nach Hause zurückkehren. Etwaige Verfolger oder Nachschleicher sollten dadurch von der Fährte abgebracht werden, daß man jenen Umwegen folgte, die in dem Labyrinth, welches unentwirrbarer ist als das der Insel Creta und welches man die Stadt Neapel nennt, so leicht zu vervielfachen sind. Nicolino führte den jungen Adjutanten bis an die Thür und zeigte ihm die den Pausilippo hinabführende Straße und die noch hier und da in der Mergellina leuchtenden wenigen Lichter, indem er sagte: »Dies ist Ihr Weg. Lassen Sie sich von Niemanden folgen oder anreden.« Die beiden jungen Männer wechselten dann noch einen Händedruck und trennten sich. Salvato schaute sich um. Die Straße war gänzlich menschenleer. Uebrigens war das Ungewitter auch noch nicht ganz vorüber und obschon der Regen aufgehört hatte herabzuströmen, so kreuzten sich noch zahlreiche und häufig vom Rollen des Donners begleitete Blitze nach allen Richtungen des Himmels. Als Salvato die dunkelste Ecke des Palastes der Königin Johanna passirte, war es ihm, als sähe er den Schattemriß eines Mannes sich an der Wand abzeichnen. Er glaubte jedoch nicht, daß es der Mühe verlohne, deswegen stehen zu bleiben. Er war bewaffnet; was machte er sich daher aus einem Menschen? Nachdem er jedoch etwa zwanzig Schritte zurückgelegt, schaute er sich doch um. Er hatte sich nicht geirrt. Der Mann ging quer über die Straße hinweg und schien die linke Seite des Weges gewinnen zu wollen. Zehn Schritte weiterhin glaubte er über der Mauer, welche nach der Seite des Meeres zu der Straße zur Brustwehr dient, einen Kopf zu erkennen, welcher bei seiner Annäherung hinter dieser Mauer verschwand. Er neigte sich über die Brustwehr, schaute über dieselbe auf die andere Seite, sah aber weiter nichts als einen Garten mit dichtbelaubten Bäumen, deren Aeste bis zur Höhe der Brustwehr hinaufreichten. Während dieser Zeit war der andere Mann näher gekommen und ging jetzt mit Salvato parallel. Dieser that als suchte er sich ihm zu nähern, ohne jedoch die Stelle, wo der Kopf verschwunden war, aus dem Auge zu verlieren. Bei dem Schein eines Blitzes sah er denn auch ganz deutlich, daß ein Mann über die Mauer stieg und, wie er, nach Mergellina hinabging. Salvato legte die Hand an seinen Gürtel, überzeugte sich, daß seine Pistolen nicht leicht herausgezogen werden konnten, und setzte seinen Weg weiter fort. Die beiden Männer verfolgten immer noch parallel die Straße, der eine ein wenig vor ihm links, der andere ein wenig hinter ihm rechts. Dem Landhause des Königs gegenüber standen zwei Männer mitten auf dem Wege und stritten sich mit jenem lebhaften Geberdenspiel und mißtönenden Geschrei, welches in Neapel den Leuten aus dem Volk eigen zu sein pflegt. Salvato spannte seine Pistolen unter dem Mantel, und da er einen Hinterhalt zu argwohnen begann, weil er sah, daß die Leute nicht von der Stelle wichen, so ging er gerade auf sie zu. »He da, Platz da!« rief er auf neapolitanisch. »Warum denn?«, fragte einer der Männer in spöttischem Tone und den Streit, in welchem er bis jetzt begriffen gewesen, vergessend. »Weil,« antwortete Salvato, »die Mitte des Straßenpflasters Seiner allergnädigen Majestät des Königs Ferdinand für die Edelleute bestimmt ist und nicht für Lümmel wie Ihr.« »Und wenn man Euch nun doch keinen Platz machte, entgegnete der andere Streiter, »was würdet Ihr dazu sagen?« »Ich würde gar nichts sagen, sondern mir selbst Platz machen. Mit diesen Worten zog er seine beiden Pistolen aus dem Gürtel und ging auf die beiden Männer los. Diese traten auf die Seite und ließen ihn vorbei, folgten ihm aber. Salvato hörte den, welcher der Anführer zu sein schien, zu dem Andern sagen: »Er ist es!« Nicolino hatte, wie man sich erinnern wird, Salvato empfohlen, nicht blos sich nicht anreden, sondern auch sich nicht folgen zu lassen. Uebrigens verriethen die drei Worte, die er soeben vernommen, hinreichend, daß ihm wirklich Gefahr drohte. Er blieb stehen. Als die Männer ihn stehen bleiben sahen, thaten sie dasselbe, das heißt, sie blieben ebenfalls stehen. Sie waren ungefähr zehn Schritte einer von dem andern entfernt. Der Ort war abgelegen und einsam. Links stand ein Haus, dessen Fensterläden geschlossen waren und an welches die Mauern eines Gartens anstießen, über welche hinweg man die Gipfel eines Waldes von Orangebäumen zittern und den biegsamen Helmbusch einer prächtigen Pappel sich abwechselnd beugen und emporrichten sah. Auf der rechten Seite war das Meer. Salvato that wiederum zehn Schritte vorwärts und blieb dann abermals stehen. Die Männer, welche gleichzeitig mit ihm weitergeschritten waren, blieben nun auch gleichzeitig wieder stehen. Nun kehrte Salvato um. Die vier Männer, welche sich einander genähert und die, wie man mit Gewißheit voraussetzen konnte, einer und derselben Bande angehörten, erwarteten ihn. »Ich will, sagte Salvato, als er nur noch vier Schritte von ihnen entfernt war, »ich will nicht blos, daß man mir nicht den Weg versperre, sondern ich will auch nicht, daß man mir folge.« Zwei der Männer hatten schon ihre Messer gezogen und hielten dieselben in der Hand. »Na,« sagte der Anführer, »vielleicht können wir, wenn es um und um kommt, uns verständigen, denn nach der Art und Weise zu urtheilen, wie Ihr das Neapolitanische sprecht, so ist es unmöglich, daß Ihr ein Franzose seid.« »Und was geht es Dich an, ob ich Franzose oder Neapolitaner bin? »Das ist meine Sache. Antwortet jetzt offen.« »Ich glaube gar, Du erlaubt Dir mich auszufragen, Schurke?« »O, was ich thue, mein Herr Edelmann, thue ich für Euch und nicht für mich. Also: Seid Ihr der Mann, welcher in französischer Uniform von Capua zu Pferde angelangt, in Pozzuolo eine Barke genommen und trotz des Sturmes zwei Fischer gezwungen hat, ihn nach dem Palast der Königin Johanna zu rudern?« Salvato hätte mit nein antworten und von seiner Fertigkeit im Sprechen des neapolitanischen Dialekts Gebrauch machen können, um die Zweifel des Fragenden zu vermehren. Er war jedoch der Meinung, daß man selbst einen Sbirren nicht belügen dürfe und daß eine Lüge stets etwas sei, wodurch die Menschenwürde herabgesetzt werde. »Und wenn ich nun dieser Mann wäre, antwortete er daher, »was würde dann geschehen?« »Ah, wenn Ihr es wäret,« sagte der Mann in dumpfem Tone und den Kopf schüttelnd, »dann würde weiter nichts geschehen, als daß ich genöthigt wäre, Euch umzubringen, dafern Ihr Euch nicht dazu verstündet, mir die Papiere, deren Ueberbringer Ihr seid, gutwillig zu geben.« »Dann müßtet Ihr euer Zwanzig sein anstatt Vier, Ihr Schurken! Euer Vier sind nicht genug, um einen Adjutanten des Generals Championnet umzubringen oder auch nur zu berauben.« »Er ist es!« rief der Anführer. »Wir müssender Sache ein Ende machen. Hierher, Beccajo, hierher!« Auf diesen Ruf kamen zwei Männer von einer kleinen dunklen Thür in der Gartenmauer her und näherten sich rasch, um Salvato von hinten anzufallen. Salvato hatte aber bereits mit feinen beiden Pistolen Feuer auf die beiden Männer gegeben, welche ihre Messer in der Hand hatten, und einen davon getödtet, den andern verwundet. Dann knöpfte er seinen Mantel auf, schleuderte ihn weit von sich hinweg, riß den Säbel aus der Scheide, spaltete mit einem Hiebe dem, welchen der Anführer unter dem Namen Beccajo zu seinem Beistande herbeigerufen, das Gesicht und versetzte dem andern eine tödtliche Stichwunde. Er glaubte nun sich seiner Angreifer entledigt zu haben, da von sechs nun schon vier kampfunfähig waren. Er hatte es nur noch mit dem Anführer und einem seiner Sbirren zu thun, der sich klüglich zehn Schritte weit von ihm entfernt hielt, und glaubte mit diesen beiden letzten leicht fertig zu werden, als er in dem Augenblick, wo er sich nach ihnen umdrehte, um über sie herzufallen, eine Art Blitz zucken sah, welcher aus der Hand des Anführers zischend auf ihn zugeflogen kam. Gleichzeitig empfand er in der rechten Seite der Brust einen lebhaften Schmerz. Der Mörder der sich ihm nicht zu nähern gewagt, hatte sein Messer nach ihm geworfen. Die Klinge war zwischen dem Schlüsselbein und der Schulter verschwunden und nur der Griff zitterte außerhalb der Wunde. Salvato ergriff das Messer mit der linken Hand, riß es aus der Wunde und that einige Schritte rückwärts, denn es war ihm, als wenn ihm der Boden unter den Füßen entwiche. Dann stieß er, einen Stützpunkt suchend, an die Mauer und lehnte sich an dieselbe. Fast unmittelbar darauf schien Alles mit ihm sich im Kreise zu drehen und seine letzte Empfindung war, daß er glaubte, die Mauer werde ihn eben so treulos verlassen wie der Erdboden. Ein Blitz, welcher den Himmel spaltete, erschien ihm nicht mehr bläulich, sondern blutroth. Er streckte die Arme aus, ließ seinen Säbel fallen und sank ohnmächtig nieder. In dem letzten Schimmer von Bewußtsein, der ihn von der Vernichtung trennte, glaubte er die beiden Männer auf sich zustürzen zu sehen. Er machte eine Anstrengung, um sie zurückzustoßen, aber Alles erlosch in einem Seufzer, von welchem man hätte glauben können, es sei ein letzter. Es geschah dies einige Sekunden nachdem bei dem Doppelknalle der Pistolen das Fenster im Hause der San Felice sich geöffnet und bei dem Schreckensruf Michels: »Pasquale de Simone, der Sbirre der Königin!« die junge Frau mit dem muthigen Rufe geantwortet hatte: »Wohlan, dann ist es an mir ihn zu retten!« Obschon aber die Entfernung von dem Boudoir nach der steinernen Rampe und von der Rampe bis zur Gartenthür nicht groß war, so waren, als Luisa mit zitternder Hand diese Thür öffnete, die Mörder doch schon verschwunden und nur der Körper des jungen Mannes, der an der Gartenthür angelehnt gelegen, fiel in dem Augenblick, wo die San Felice diese Thür öffnete, mit dem oberen Theil in den Garten herein. Mit einer Kraft, deren sie sich selbst niemals fähig geglaubt hätte, zog die junge Frau den Verwundeten in den Garten, verschloß und verriegelte die Thür hinter ihm und rief außer sich vor Schrecken und Angst: »Nina, Michele und Nanno, zu Hilfe!« Alle Drei kamen herbeigeeilt. Michele hatte von seinem Fenster aus die Meuchelmörder fliehen sehen. Eine Patrouille, deren langsamen, gemessenen Tritt man vernahm, hätte sich wahrscheinlich blos damit beschäftigt, die Todten hinwegzuschaffen und die Verwundeten aufzuheben. Es stand daher nichts mehr für die zu fürchten, welche dem jungen Officier beistanden, dessen Spur selbst für das geübteste Auge so gut wie verloren war. Michele faßte den jungen Mann um die Mitte des Leibes und hob ihn auf, während Nina die Füße trug und Luisa den Kopf stützte. Mit jenen sanften Bewegungen, deren Geheimniß die Frauen in Bezug auf die Kranken und Verwundeten allein besitzen, schaffte man den Verwundeten in das Innere des Hauses. Nanno war zurückgeblieben. Zur Erde niedergebückt, murmelte sie zwischen den Zähnen magische Worte und suchte ihr bekannte Kräuter unter denen, welche in der Ecke des Gartens und in den Spalten der Mauern wuchsen. In dem Boudoir angelangt, blieb Michele gedankenvoll stehen, dann schüttelte er plötzlich den Kopf und sagte: »Schwesterchen, es wird nun nicht lange mehr dauern, so kommt der Chevalier nach Hause. Was wird er sagen, wenn er sieht, daß Du in seiner Abwesenheit und ohne ihn zu Rathe zu ziehen, diesen schönen jungen Menschen in sein Haus gebracht hast? »Er wird ihn beklagen, Michele, und sagen, daß ich wohl daran gethan habe, antwortete die junge Frau, indem sie ihre von sanft heiterer Ruhe strahlende Stirn emporrichtete. »Ja ganz gewiß würde dem so sein, wenn es sich hier um eine gewöhnliche Mordthat handelte. Wenn der Chevalier aber erfährt, daß der Mörder Pasquale de Simone ist, wird er, der zum Haushalt des Prinzen Francesco gehört, wohl das Recht zu haben glauben, einem von dem Sbirren der Königin verwundeten Manne ein Asyl zu gewähren?« Luisa dachte eine Weile nach und hob nach einigen Secunden an: »Du hast Recht, Michele. Wir wollen sehen, ob der Verwundete irgend ein Papier bei sich hat, welches uns andeutet, wohin wir ihn bringen lassen können.« Man mochte aber in den Taschen des Verwundeten suchen, wie man wollte, so fand man in denselben nichts als seine Börse und seine Uhr. Es bewies dies, daß er es nicht mit Räubern zu thum gehabt. Was dagegen seine Papiere betraf, wenn er deren bei sich gehabt, so waren sie verschwunden. »Mein Gott, mein Gott, was sollen wir thun?« rief Luisa. »Ich kann doch ein menschliches Wesen in einem solchen Zustande nicht verlassen!« »Schwesterchen,« sagte Michele im Tone eines Menschen, der ein Auskunftsmittel gefunden. »Wenn der Chevalier plötzlich dazugekommen wäre, als Du Dir von Nauno wahrsagen ließest, wären wir dann nicht sofort in das Haus deiner Freundin, der Herzogin Fusco, verschwunden, welches leer steht und wozu Du die Schlüssel hast?« »Ja, Du hast Recht, Du hast Recht, Michele!« rief die junge Frau. »Ja, tragen wir ihn in das Haus der Herzogin. Man kann ihn dort in eines der Zimmer bringen, deren Fenster auf den Garten gehen. Es gibt dort auch eine Ausgangsthür. Ich danke Dir, Michele. Wenn der arme junge Mann nicht stirbt, so können wir ihm auf diese Weise alle Pflege angedeihen lassen, welche sein Zustand verlangt.« »Und,« fuhr Michele fort, »dein Gemahl kann, da er von nichts weiß, im Nothfall seine Unwissenheit betheuern, was er nicht thun würde, wenn man ihn von der Sache unterrichten wollte.« »Ganz recht, Du kennst ihn. Er würde nicht läugnen. Er darf nichts erfahren – nicht als ob ich an einem guten Herzen zweifelte, sondern, wie Du sagst, ich darf ihn nicht in Widerstreit mit seiner Pflicht als Freund des Prinzen und feinem Gewissen als Christ bringen. Leuchte uns, Nanno,« sagte die junge Frau zu der Wahrsagerin, welche eben mit einem Bündel Pflanzen von verschiedenen Gattungen wieder in's Zimmer trat. »Es da in diesem Hause hier keine Spur von diesem jungen Manne zurückbleiben.« Und der Zug setzte sich, während Nanno leuchtete, in Bewegung, durchschritt drei oder vier Zimmer und verschwand endlich hinter der Verbindungsthür, welche in das Nachbarhaus führte. Kaum aber hatte man den Verwundeten in einem von der San Felice selbst bezeichneten Zimmer auf ein Bett gelegt, als Nina, die Zofe, welche weniger in Gedanken versunken war als ihre Herrin, dieselbe lebhaft am Arme faßte. Luisa begriff, daß die Zofe sie auf etwas aufmerksam machen wollte und horchte. Es ward an die Thür des Gartens gepocht. »Das ist der Chevalier. – Schnell, schnell, Signora!« sagte Nina. »Legen Sie sich mit Ihrem Pudermantel zu Bett. Für alles Uebrige lassen Sie mich sorgen.« »Michele! Nanno!« rief Luisa, indem sie ihnen mit einer letzten Geberde den Verwundeten empfahl. Ein Wink von den Beiden beruhigte sie, insoweit als sie beruhigt werden konnte. Dann bewegte sie sich wie in einem Traume befangen, an die Wände anstoßend, keuchend und unzusammenhängende Worte murmelnd nach ihrem Zimmer und hatte nur eben noch Zeit, ihre Strümpfe und ihre Pantoffeln auf einen Stuhl zu werfen, sich auf ihr Bett zu strecken und mit hochklopfendem Herzen, aber verhaltenem Athem die Augen zu schließen und sich zu stellen, als ob sie schliefe. Fünf Minuten später trat der Chevalier San Felice, den Nina wegen des Verriegelns der Gartenthür, als sei sie daran Schuld, um Verzeihung gebeten, auf den Fußspitzen, mit lächelndem Gesicht und mit dem Licht in der Hand, in das Schlafzimmer seiner Gattin. Einen Augenblick lang blieb er vor dem Bett stehen, betrachtete Luisa beim Schimmer der rosenfarbenen Wachskerze, die er in der Hand hielt, drückte dann langsam seine Lippen auf ihre Stirn und murmelte: »Schlafe unter der Obhut des Herrn, Du reiner Engel, und der Himmel behüte Dich vor jeder Berührung mit den Engeln der Finsterniß, die ich so eben verlassen habe.« Die Unbeweglichkeit, welche er für Schlaf hielt, respectirend, verließ er dann das Zimmer auf den Fußspitzen, wie er es betreten, schloß leise die Thür des Schlafzimmers seiner Gattin und begab sich in das seinige. Kaum aber war der Schimmer der Wachskerze von den Wänden des Zimmers verschwunden, als die junge Frau sich auf den Ellbogen emporrichtete und mit stierem Auge und gespanntem Ohr lauschte. Alles war wieder in Schweigen und Dunkel versunken. Luisa hob nun langsam die seidene Decke ihres Bettes, setzte vorsichtig ihren Fuß auf den Porzellanfußboden, ließ sich auf ein Knie nieder und stützte sich an das Kopfende des Bettes. So lauschte sie nochmals. Durch das überall herrschende vollkommene Schweigen beruhigt, öffnete sie die Thür, welche der, durch welche ihr Gemahl eingetreten, entgegengesetzt war, gelangte in den Corridor, welcher in das Haus der Herzogin führte, öffnete die Verbindungsthür und bewegte sich leicht und stumm wie ein Schatten bis an die Schwelle des Zimmers, in welchem der Verwundete lag. Er war immer noch ohnmächtig. Michele stampfte Kräuter in einem metallenen Mörser und Nanno drückte den Saft dieser Kräuter auf die Wunde des Kranken. Zweiter Theil Erstes Capitel. Der Chevalier San Felice Wir glauben in einem unserer früheren Capitel, vielleicht in dem ersten, gesagt zu haben, daß der Chevalier San Felice ein Gelehrter war. Obschon aber die Gelehrten, eben so wie nach Sterne die Reisenden, in eine Menge Kategorien und Unterkategorien getheilt werden können, so zerfallen sie doch in zwei große Hauptgattungen. Die erste sind die langweiligen Gelehrten. Die zweite sind die kurzweiligen Gelehrten. Die erste Gattung ist die zahlreichste und gilt für die gelehrteste. Wir haben im Laufe unseres Lebens einige kurzweilige Gelehrte kennen gelernt. Dieselben wurden aber in der Regel von ihren Collegen verleugnet, welche behaupteten, sie verdürben das Handwerk, weil sie den Witz und die Phantasie mit der Wissenschaft vermengten. Wie sehr es ihm auch in den Augen unserer Leser Eintrag thun möge, so müssen wir doch gestehen, daß der Chevalier San Felice der zweiten Gattung, nämlich der Gattung der kurzweiligen Gelehrten, angehörte. Wir haben auch schon gesagt – obschon es so lange her ist, daß der Leser es vergessen haben kann – daß der Chevalier San Felice ein Mann von fünfzig- bis fünfundfünfzig Jahren war, daß er sich in seiner äußern Erscheinung einfach, aber elegant trug und daß er, weil er in seinen Studien, die sein ganzes Leben lang dauerten, sich keinem besonderen Fach gewidmet hatte, mehr ein Wissender als ein eigentlicher Gelehrter war. Selbst der Aristokratie angehörend und da er stets am Hofe oder im Umgange mit vornehmen Personen gelebt, da er übrigens in seiner Jugend große Reisen, besonders in Frankreich, gemacht, so besaß er die liebenswürdigen, unbefangenen Manieren eines Buffon, eines Helvetius und eines Holbach, deren sociale Principien er übrigens theilte. Ja er war beinahe nicht ganz frei von der philosophischen Irreligiosität dieser Herren. Wie Galilei und Swammerdam hatte er das unendlich Große und das unendlich Kleine studiert. Er war von den im Aether kreisenden Welten herabgestiegen bis zu den in einem Wassertropfen schwimmenden Infusorien. Er hatte gesehen, daß die Gestirne in dem Geiste Gottes denselben Platz einnehmen und an der unermeßlichen Liebe, womit der Schöpfer alle seine Creaturen umfaßt, denselben Antheil haben. Sein Geist, dieser dem göttlichen Herde entsprungene Funke, hatte sich daher daran gewöhnt, Alles in der Natur zu lieben. Nur hatten die bescheideneren Gegenstände der Schöpfung bei ihm Anspruch auf zärtlichere Wißbegier als die erhabenen, und wir möchten beinahe behaupten, daß die Umgestaltung der Larve in die Nymphe und der Nymphe in den Käfer ihm wenigstens ebenso interessant erschien, als die langsame Bewegung des Kolosses Saturn, welcher neunhundertmal größer ist als die Erde, und mit seinem monstruösen Zubehör von sieben Monden und dem leuchtenden Ringe beinahe dreißig Jahre braucht, um seinen Kreislauf um die Sonne zu vollenden. Diese Studien hatten ihn ein wenig über das wirkliche Leben hinausgehoben, um ihn dem contemplativen zuzuwenden. Wenn er daher aus dem Fenster seines Hauses – des Hauses, welches auch das seines Vaters und seines Großvaters gewesen – in einer jener warmen Sommernächte von Neapel unter dem Ruder des Fischers oder im Kielwasser der Barke desselben sich jenes bläuliche Feuer entzünden sah, welches man für den Wiederschein des Vemustermes halten könnte, oder wenn er eine Stunde lang, oft auch die ganze Nacht hindurch, unbeweglich an dieses Fenster gelehnt, den Golf von Lichtern funkeln sah und wenn der Südwind die Wellen aufwühlte und mit feurigen Guirlanden an einander fesselte, welche sich für sein Auge hinter Capri verloren, ganz gewiß aber bis an die Gestade Afrikas reichten, sagte man: »Was macht dieser Träumer von San Felice da?« Dieser Träumer von San Felice versetzte sich ganz einfach aus der materiellen Welt in die unsichtbare, aus dem geräuschvollen Leben in das schweigsame. Er sagte sich, daß diese unermeßliche Feuerschlange, deren Ringe den Erdball umschließen, nichts weiter sei als eine Anhäufung von unsichtbaren Thierchen, und seine Phantasie bebte entsetzt vor diesem unermeßlichen Reichthume der Natur zurück, welche auf unsere Welt, um unsere Welt herum Welten setzt, von welchen wir keine Ahnung haben, und durch welche die erhabene Unendlichkeit, welche sich unsern Augen in Lichtströmen entzieht, sich ohne Unterbrechung an die tiefe Unendlichkeit knüpft, welche, in den tiefsten der Abgründe hinabtauchend, sich in Nacht verliert. Dieser Träumer von San Felice sah jenseits dieser doppelten Unendlichkeit Gott nicht wie Ezechiel ihn sah, in Stürmen vorüberbrausend; nicht wie Moses ihn sah, im feurigen Busch, sondern strahlend in der majestätisch heiteren Ruhe der ewigen Liebe, als riesige Jacobsleiter, welche durch die ganze Schöpfung hinauf- und hinabsteigt. Vielleicht könnte man glauben, diese in gleichen Theilen der ganzen Natur zugewendete Liebe müsse jene andern Gefühle, welche den lateinischen Dichter sagen lassen: »Ich bin ein Mensch und ich erachte nichts, was menschlich ist, mir fremd,« eines Theils ihrer Kraft berauben. Dies war aber bei dem Chevalier San Felice durchaus nicht der Fall, denn gerade bei ihm konnte man jenen Unterschied zwischen Seele und Herz machen, welche dem Vicekönig der Schöpfung gestattet, bald ruhig zu sein wie Gott, wenn er mit seiner Seele betrachtet, bald freudig oder verzweifelt wie der Mensch, wenn er mit seinem Herzen empfindet. Von allen Gefühlen aber, welche die Bewohner unseres Planeten über die Thiere erheben, die um ihn herum leben, war die Freundschaft dasjenige, welchem der Chevalier den aufrichtigsten und eifrigsten Cultus widmete, und wir legen hierauf ganz besonders Gewicht, weil es einen gewaltigen und ganz speziellen Einfluß auf sein Leben äußerte. Der Chevalier San Felice, Zögling des von Carl dem Dritten für junge Edelleute gegründeten Collegs, hatte auf demselben zu seinem Mitschüler einen jungen Mann, dessen Abenteuer, Eleganz und Reichthum gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts in der neapolitanischen Welt großes Aufsehen machten. Dieser junge Mann war der Fürst Giuseppe Caramanico. Wäre der junge Fürst weiter nichts gewesen als eben Fürst, so hätte der junge San Felice für ihn wahrscheinlich weiter nichts empfunden, als jenes Gefühl von neidischer Eifersucht, welches die Kinder gegen diejenigen ihrer Genossen empfinden, die wegen ihres hohen Ranges von den Lehrern mit mehr Rücksicht behandelt werden als ihre Mitschüler. Giuseppe Caramanico war aber, abgesehen von seinem Fürstentitel, auch ein liebenswürdiger, gemüthlicher und zutraulicher Knabe, ebenso wie er später ein liebenswürdiger, ehrenhafter, rechtschaffener Mann ward. Dennoch geschah zwischen dem Fürsten Caramanico und dem Chevalier San Felice das, was unvermeidlich bei allen Freundschaften geschieht – es gab einen Orestes und einen Pylades. Der Chevalier San Felice spielte die Rolle, welche in den Augen der Welt die am wenigsten glänzende, vor dem Auge Gottes aber vielleicht die verdienstlichste war – er ward Pylades. Man kann sich denken, mit welcher Leichtigkeit der künftige Gelehrte mit einem scharfen Verstand und seiner Wißbegierde seine Mitschüler überflügelte und wie sehr im Gegentheile der künftige Minister in Neapel, der künftige Gesandte in London, der künftige Vicekönig in Palermo mit seiner hochadeligen Sorglosigkeit eine Studien vernachlässigte. Dennoch hielt mit Hilfe des fleißigen Pylades, welcher für Zwei arbeitete, der träge Orestes sich immer in der ersten Reihe. Er erntete ebenso viel Prämien, ebenso viele ehrenvolle Auszeichnungen und ebenso viele Belohnungen als San Felice, und besaß in den Augen seiner Lehrer sogar noch mehr Verdienst als dieser, denn sie kannten das Geheimniß seiner Ueberlegenheit nicht, oder wollten es nicht kennen. Diese Ueberlegenheit hielt er ebenso aufrecht, wie die seiner geselligen Stellung und ohne daß es schien, als gäbe er sich deswegen auch nur die geringste Mühe. Orestes selbst aber kannte dieses Geheimniß und wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu sagen, daß er es so schätzte, wie es geschätzt zu werden verdiente, wie dies auch aus dem weiteren Verlaufe unserer Erzählung hervorgehen wird. Die jungen Männer verließen das Collegium und jeder folgte der Laufbahn, zu welcher er sich durch die innere Stimme oder durch einen Rang hingezogen fühlte. Caramanico widmete sich dem Waffenhandwerk, San Felice der Wissenschaft. Caramanico trat als Capitän in ein Regiment Liparioten, so genannt von der Insel Lipari, von welcher fast sämtliche Soldaten, aus welchen es zusammengesetzt war, herstammten. Dieses von dem König errichtete Regiment ward auch von diesem commandiert. Er trug den Titel eines Obersten desselben, und in dasselbe als Officier aufgenommen zu werden, war die höchste Gunst, nach welcher ein neapolitanischer Edelmann trachten konnte. San Felice dagegen ging auf Reisen besuchte Frankreich, Deutschland, England und blieb fünf Jahre fern von Italien. Als er nach Neapel zurückkam, traf er den Fürsten Caramanico als Premierminister und Geliebten der Königin Caroline wieder. Die erste Sorge Caramanicos, als er ans Staatsruder gelangte, war gewesen, seinem lieben San Felice eine unabhängige Stellung zu sichern. Er hatte ihn in seiner Abwesenheit mit Dispensation vom Gelübde zum Maltheserritter ernennen lassen, eine Gunst, auf welche übrigens Alle ein Recht hatten, die ihre Probe bestehen konnten. Zugleich hatte er ihm eine Abtei verliehen, welche zweitausend Ducaten jährlich eintrug. Diese Rente, in Verbindung mit den tausend Ducaten, die ihm sein väterliches Erbtheil abwarf, machte den Chevalier San Felice, dessen Geschmacksrichtungen die eines Gelehrten, das heißt, sehr einfach waren, zu einem verhältnißmäßig eben so reichen Mann, als der erste Millionär von Neapel war. Die beiden Jünglinge waren zu Männern herangereift und liebten einander immer noch. Der eine jedoch mit der Wissenschaft, der andere mit der Politik beschäftigt, sahen sie einander nur höchst selten. Gegen das Jahr 1783 begannen einige Gerüchte, welche über den bevorstehenden Sturz des Fürsten von Caramanico in Umlauf kamen, die Stadt zu beschäftigen und San Felice zu beunruhigen. Man sagte, Caramanico habe, als Premierminister mit Arbeit überladen, und weil er für Neapel, welches er ganz im Gegensatz zu dem König mehr als eine Seemacht denn als eine Landmacht betrachtete, eine respectable Marine zu schaffen wünschte, sich an den Großherzog von Toscana mit der Bitte gewendet, ihm einen Mann, dessen Namen in Folge einer Expedition gegen die Raubtaaten mit großem Lobe genannt ward, zu überlassen, um ihn mit dem Titel eines Admirals an die Spitze der neapolitanischen Marine zu stellen. Dieser Mann war der Chevalier John oder Jean Acton von irländischer Abstammung, aber in Frankreich geboren. Kaum aber sah Acton sich durch Caramanico's Gunst bei dem Hofe von Neapel eingeführt und in einer Stellung, welche er selbst in seinen kühnsten Träumen niemals zu hoffen gewagt, so bot er Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um seinen Gönner zu verdrängen – sowohl aus der Zuneigung der Königin als von seinem Ministerposten, den er vielleicht mehr dieser Zuneigung als seinem Rang und Verdienst zu verdanken hatte. Eines Abends sah San Felice den Fürsten von Caramanico wie einen einfachen Privatmann und ohne gestattet zu haben, daß man ihn anmelde, bei sich eintreten. San Felice war gerade – es war an einem milden Abend des Maimonats – in dem schönen Garten, den wir zu beschreiben gesucht, beschäftigt, Jagd auf Glühwürmer zu machen, an welchen er bei Rückkehr des Morgens die Abstufung des Lichtes studieren wollte. Als er den Fürsten erblickte, stieß er einen Freudenschrei aus, warf sich ihm in die Arme und drückte ihn an sein Herz. Der Fürst erwiederte diese Umarmung mit gewohnter Freundlichkeit, welche durch eine gewisse schwermüthige Zerstreutheit einen noch lebhafteren Ausdruck zu erhalten schien. San Felice wollte sich mit ihm in das Haus hinein begeben, Caramanico aber, der vom Morgen bis zum Abend in seinem Cabinet gesessen, wollte nicht diese Gelegenheit versäumen, die durch den Orangenwald gewürzte Luft zu athmen. Ein sanfter Wind wehte vom Meere her; der Himmel war rein, der Mond glänzte an demselben und spiegelte sich in dem Golf Caramanico zeigte auf eine am Stamme des Palmbaumes angebrachte Bank und beide nahmen auf derselben Platz. Caramanico schwieg einen Augenblick, als ob er sich nicht sofort entschließen könnte, das Schweigen dieser ganzen stummen Natur zu stören. Endlich hob er mit einem Seufzer an: »Mein Freund, ich komme um Dir Lebewohl zu sagen, vielleicht auf immer.« San Felice erschrak und sah einen Freund an. Er glaubte nicht recht gehört zu haben. Der Fürst schüttelte wehmüthig den Kopf und fuhr mit dem Ausdruck tiefer Entmuthigung fort: »Ich bin des Kampfes müde. Ich sehe ein, daß ich mit einem Gegner zu thun habe, der stärker ist als ich. Ein noch länger fortgesetzter Kampf würde mich vielleicht meine Ehre, ganz gewiß aber das Leben kosten.« »Aber die Königin?«, fragte San Felice. »Die Königin ist ein Weib, mein Freund,« antwortete Caramanico, »und folglich schwach und unbeständig. Sie sieht heute mit den Augen jenes irländischen Intriguanten, welcher, wie ich sehr fürchte, den Staat seinem Ruin entgegenführen wird. Möge der Thron fallen, aber nur ohne mich. Ich will nicht zu seinem Sturze beitragen – ich gehe.« »Wohin?« fragte San Felice. »Ich habe den Gesandtschaftsposten in London angenommen; es ist das eine ehrenvolle Verbannung. Ich nehme meine Frau und meine Kinder mit, denn ich will sie nicht den Gefahren aussetzen, welche ihnen hier drohen könnten. Dennoch aber gibt es eine Person, die ich in Neapel zurücklassen muß, und ich rechne auf Dich, daß Du mich bei ihr ersetzen wirst.« »Bei ihr?« wiederholte der Gelehrte mit einem gewissen Grade von Unruhe. »Sei unbesorgt, sagte der Fürst, indem er zu lächeln versuchte. »Es ist keine Dame, es ist ein Kind.« San Felice athmete wieder auf. »Ja,« fuhr der Fürst fort. »Mitten in meinen vielfachen Beschwerden und Mißlichkeiten tröstete mich eine junge Frau. Engel des Himmels, ist sie wieder in diesen emporgestiegen und hat mir eine lebende Erinnerung zurückgelassen – ein kleines Mädchen, welches so eben das fünfte Lebensjahr zurückgelegt hat.« »Ich höre, sagte San Felice, »ich höre.« »Ich kann diese Tochter weder als die meinige anerkennen, noch ihr eine sociale Stellung bereiten, weil sie während meiner Ehe geboren ist. Uebrigens weiß auch die Königin nichts von der Existenz dieses Kindes und darf auch nichts davon erfahren.« »Wo ist die Kleine?« »In Portici. Von Zeit zu Zeit laß ich mir sie bringen, zuweilen besuche ich sie. Ich liebe dieses unschuldige Wesen, welches, wie ich sehr fürchte, an einem unheilvollen Tage geboren ist. Ich schwöre Dir, San Felice – denn Du wirst es nicht glauben wollen – daß es mir weniger schwer ankommt, meinen Ministerposten niederzulegen und Neapel und mein Vaterland zu verlassen, als mich von diesem Kinder zu trennen, denn es ist wirklich und in der That das Kind meiner Liebe.« »Auch ich liebe,« sagte der Chevalier in seiner einfachen, sanften Weise; »auch ich liebe, Caramanico.« »Um so besser!« hob der Fürst wieder an, »denn ich habe auf Dich gezählt, daß Du meine Stelle bei ihr vertreten sollst. Ich will, daß sie ein unabhängiges Vermögen besitze. Hier ist eine auf deinen Namen ausgestellte Anweisung auf fünfzigtausend Ducaten. Diese Summe wird sich unter deiner Verwaltung in vierzehn bis fünfzehn Jahren schon durch die Anhäufung der Zinsen verdoppeln. Du wirft die Kosten der Erziehung meiner Tochter einstweilen aus deinen Mitteln bestreiten und später einmal, wenn sie mündig wird oder heiratet, Dich von ihrem Vermögen wiederbezahlt machen. « »Caramanico!« »Verzeihe, lieber Freund,« sagte der Fürst lächelnd. »Ich verlange einen Dienst von Dir und an mir ist es daher, meine Bedingungen zu stellen.« San Felice senkte das Haupt. »Solltest Du mich weniger lieben, als ich glaubte?« murmelte er. »Nein, mein Freund,« hob Caramanico wieder an, »Du bist nicht blos der Mann, den ich am meisten liebe, sondern auch der, welchen ich am höchsten auf der Welt achte. Der Beweis hiervon ist, daß ich Dir den einzigen Theil meines Herzens lasse, welcher rein und unversehrt geblieben ist.« »Mein Freund,« sagte der Gelehrte ein wenig zögernd, »ich möchte Dich um eine Gunst bitten, und wenn mein Verlangen Dir nicht unangenehm ist, so würde ich mich glücklich schätzen, wenn Du mir es gewährtest.« »Worin besteht es?« »Ich lebe allein, ohne Familie, beinahe ohne Freunde. Ich langweile mich niemals, weil es unmöglich ist, daß der Mensch sich langweile, während das große Buch der Natur aufgeschlagen vor seinen Augen liegt. Ich liebe im Allgemeinen Alles. Ich liebe das Gras, welches sich am Morgen unter der Last der Thautropfen wie unter einer allzuschweren Bürde beugt. Ich liebe diese Glühwürmer, welche ich suchte, als Du eintratest. Ich liebe den Käfer mit dem goldenen Flügel, in welchem sich die Sonne spiegelt, meine Bienen, welche mir eine Stadt bauen, meine Ameisen, welche mir eine Republik gründen, aber ich liebe nicht etwas mehr als das andere und ich werde von nichts zärtlich geliebt. Wenn es mir nun erlaubt wäre, deine Tochter hierher zu mir in mein Haus zu nehmen, so würde ich sie, dies fühle ich, mehr als alles Andere lieben und sie würde, sobald sie einsähe, wie sehr ich sie liebe, mich vielleicht auch ein wenig lieben. Die Luft des Pausilippo ist vortrefflich, die Aussicht, die ich von meinen Fenstern aus habe, ist prachtvoll. Deine Tochter hätte hier einen großen Garten, in welchem sie den Schmetterlingen nachlaufen könnte, Blumen, so viel sie deren zu pflücken wünschte, und Orangen, die sie mit dem Munde erreichen könnte. Sie würde heranwachsen wie diese Palme und zugleich die Anmuth und Kraft derselben besitzen. Sag, willst Du, daß dein Kind bei mir wohne, mein Freund?« Caramanico betrachtete ihn mit Thränen in den Augen und billigte das, was er sagte, durch eine sanfte Bewegung des Kopfes. »Und dann,« fuhr San Felice fort, denn er glaubte, sein Freund sei noch nicht hinreichend überzeugt, »und übrigens hat ein Gelehrter ja nichts zu thun. Ich werde mir es daher zum Vergnügen machen, deine Tochter zu unterrichten; ich werde sie Englisch und Französisch lesen und schreiben lehren. Ich weiß Vielerlei und bin weit unterrichteter, als man glaubt. Es macht mir Vergnügen, Wissenschaften zu treiben, aber es ist mir langweilig davon zu sprechen. Alle diese neapolitanischen Bücherwürmer, alle Akademiker von Herculanum, alle Wühler von Pompeji verstehen mich nicht und sagen, ich sei unwissend, weil ich mich nicht hochtrabender Worte bediene, sondern einfach von den Dingen der Natur und Gottes spreche. Es ist dies aber nicht wahr, Caramanico. Ich weiß wenigstens eben so viel und vielleicht noch mehr als diese Leute, darauf gebe ich Dir mein Ehrenwort. Du antwortet mir nicht, mein Freund?« »Nein, ich höre Dich, San Felice; ich höre Dich und bewundere Dich. Du bist das auserwählte Geschöpf Gottes. Ja, Du wirst meine Tochter zu Dir nehmen. Sie wird Dich lieben lernen. Aber Du wirst ihr alle Tage von mir erzählen und sie lehren, daß nächst Dir ich es bin, dem sie auf Erden die meiste Liebe schuldig ist.« »O wie gut Du bist!« rief der Chevalier, sich die Thränen trocknend. »Also, nicht wahr, Du sagtest, sie sei in Portici? Wie soll ich das Haus finden? Wie heißt sie? Du hast ihr doch hoffentlich einen hübschen Namen gegeben?« »Freund,« sagte der Fürst, »hier ist ihr Name und die Adresse der Frau, in deren Obhut und Pflege sie sich befindet, eben so wie der Befehl an diese Frau, Dich in meiner Abwesenheit als den wirklichen Vater des Kindes zu betrachten. Leb wohl, San Felice,« sagte der Fürst, indem er sich erhob; »sei stolz, mein Freund. Du hast mir das einzige Glück, die einzige Freude, den einzigen Trost bereitet, welchen es mir erlaubt ist noch zu hoffen.« Die beiden Freunde umarmten sich wie Kinder und weinten wie Frauen. Am nächstfolgenden Tag reiste der Fürst Caramanico nach London ab und die kleine Luisa Molina bezog mit ihrer Wärterin das Haus des Palmbaumes. Zweites Capitel. Luisa Molina Am Morgen des Tages, wo die kleine Luisa Molina die Stadt Portici verlassen sollte, sah man den Chevalier San Felice, welcher diese Mission keinem anderen Menschen anvertrauen wollte als sich selbst, die Runde durch die Spielwaarenläden der Toledostrafe machen und weiße Schafe, alleinlaufende Puppen und bewegliche Gliedermänner einkaufen, so daß Jeder, der die Nutzlosigkeit dieser Gegenstände für den würdigen Gelehrten kannte, glauben konnte, derselbe sei von irgend einem fremden Fürsten beauftragt, für dessen Kinder eine Sammlung von neapolitanischen Spielsachen in ihrer vollständigsten Ausdehnung zu besorgen. Wer dies aber geglaubt hätte, würde doch nicht das Richtige getroffen haben, denn alle diese ungewohnten Einkäufe waren zum Zeitvertreib der kleinen Luisa Molina bestimmt. Dann schritt man zur häuslichen Einrichtung. Das schönste Zimmer des Hauses, das, welches durch das eine Fenster die Aussicht auf den Golf und durch das andere in den Garten gewährte, ward den neuen Bewohnern überlassen. Eine jene allerliebsten kleinen Bettstellen von Messing, welche man in Neapel so zierlich fertigt, ward neben das Bett der Wärterin gestellt und ein Mückennetz, welches unter der Aufsicht und der Angabe des gelehrten Chevalier gefertigt worden und welches die geschicktesten Combinationen der Angreifer vereiteln mußte, über dem Bett als ein durchsichtiges Zelt befestigt, welches die Kleine während des Schlafes vor allen Insektenstichen sicherstellte. Einer jener Hirten, welche die Straße von Neapel mit Heerden von Ziegen durchziehen, die sie zuweilen bis in das fünfte Stockwerk der Häuser hinaufbringen, erhielt Befehl, alle Morgen vor der Thür Halt zu machen. Man wählte aus seiner Heerde eine weiße Ziege, die schönste von allen, um ihre erste Milch der kleinen Luisa zu geben, und die so auserwählte Ziege erhielt sofort den mythologischen Namen Amalthea. Nachdem der Chevalier auf diese Weise für den Zeitvertreib, die Bequemlichkeit und die materielle Ernährung der Kleinen alle nöthig erscheinenden Vorkehrungen getroffen, ließ er einen großen reich gepolsterten Wagen holen und fuhr damit nach Portici. Die Uebersiedlung ward ohne irgend welchen Unfall ausgeführt und drei Stunden, nachdem San Felice nach Portici aufgebrochen, kleidete die kleine Luisa, nachdem sie von ihrer neuen Wohnung mit jener Begierde Besitz genommen, welche die Kinder bei einer derartigen Veränderung an den Tag zu legen pflegen, eine Puppe an und aus, die eben so groß war als sie selbst und eine so kostbare und mannigfaltige Garderobe besaß wie die der Madonna des Vescovato. Viele Wochen, ja sogar viele Monate lang vergaß der Chevalier alle andern Wunder der Natur, um sich nur mit dem zu beschäftigen, welches er jetzt vor Augen hatte. Was ist auch in der That eine Knospe, welche hervorbricht, eine Blume, welche sich öffnet, oder eine Frucht, welche reift, im Vergleich zu einem jungen Gehirn, welches, indem es sich entwickelt, jeden Tag eine neue Idee gebiert und der am Tage vorher geborenen ein wenig mehr Klarheit verleiht? Dieser Fortschritt der Intelligenz des Kindes, welcher mit der Ausbildung der Organe gleichen Gang einhält, erweckte in dem Chevalier wohl einige Zweifel in Bezug auf die unsterbliche Seele, welche der Entwickelung der Organe ebenso unterworfen ist, wie die Blume und die Frucht des Baumes von dem Saft abhängen, während im Gegentheil diese selbe Seele, welche man so zu sagen hat geboren werden, groß wachsen und in der Jugend ihre Fähigkeiten erlangen und im reifen Alter dieselben gebrauchen sehen, sie unmerklich aber nichtsdestoweniger sichtbar in demselben Verhältniß verliert, wie diese Organe sich, indem sie alt werden, verhärten und abstumpfen, gerade so wie die Blumen von ihrem Wohlgeruch und die Früchte von ihrem Wohlgeschmack verlieren, wenn ihr Saft vertrocknet. Wie alle großen Geister war der Chevalier San Felice von jeher ein wenig Pantheist und sogar psychologischer Pantheist gewesen. Indem er Gott zur Universalseele der Welt machte, betrachtete er die individuelle Seele wie etwas Ueberflüssiges. Dennoch bedauerte er sie, eben so wie er bedauerte, daß er nicht Flügel hatte wie der Vogel. Dennoch grollte er nicht mit der Natur, weil sie an dem Menschen diese himmliche Ersparniß geübt. Da er sich gezwungen sah, den Glauben an die Fortdauer des Lebens aufzugeben, so flüchtete er sich zu den Umgestaltungen desselben. Die Egypter legten in die Gräber ihrer geliebten Todten einen Käfer. Warum thaten sie das? Weil der Käfer, ebenso wie die Raupe, dreimal stirbt und dreimal wieder geboren wird. Sollte Gott in seiner unendlichen Güte für den Menschen weniger thun als für das Insekt? So lautete der Ruf jenes Volkes, dessen zahlreiche Nekropolen ihre in geheiligte Binden gewickelten Leichname bis auf uns bewahrt haben. Der Chevalier San Felice stellte sich allerdings die Frage, die ich mir stelle und die der Leser sicherlich auch sich selbst schon gestellt hat. Erinnert sich die Raupe des Eies? Erinnert sich die Puppe der Raupe? Erinnert sich der Schmetterling der Puppe? Und endlich, um den Kreislauf der Metamorphosen vollständig zu machen, erinnert sich , das Ei des Schmetterlings? Ach, leider ist dies nicht wahrscheinlich! Gott hat dem Menschen nicht jenen Stolz der Erinnerung geben wollen, eben so wenig, als er ihn den Thieren gegeben hat. Von dem Augenblicke an, wo der Mensch sich dessen erinnern würde, was er gewesen, ehe er Mensch geworden, wäre er unsterblich. Während der Chevalier alle diese Betrachtungen anstellte, wuchs Luisa heran. Sie hatte, ohne fast es selbst zu bemerken, lesen und schreiben gelernt und stellte auf französisch oder englisch alle Fragen, die sie zu thun hatte, denn der Chevalier hatte ihr ein für allemal begreiflich gemacht, daß er nur die Fragen beantworten würde, welche in einer oder der andern dieser Sprachen erfolgten. Da nun die kleine Luisa sehr neugierig war und folglich sehr viel Fragen that, so verstand sie sehr bald nicht blos auf französisch und englisch zu fragen, sondern auch zu antworten. Eben so lernte sie, ohne es zu bemerken, auch noch viele andere Dinge; von der Astronomie so viel, als ein weibliches Wesen wissen muß. So zum Beispiel: Luna scheint eine ganz besondere Vorliebe für den Golf von Neapel zu haben, wahrscheinlich weil sie, glücklicher als die Raupe, der Käfer und der Mensch, sich erinnert, früher die Tochter Jupiters und Latonas gewesen, auf schwimmender Insel geboren zu sein, sich Phöbe genannt und Endymion geliebt zu haben und weil sie kokett, wie sie in ihrer Eigenschaft als Dame ist, auf der ganzen Erde keinen helleren Spiegel findet, in welchem sie sich betrachten könnte, als eben den Golf von Neapel. Luna, welche sie die Lampe des Himmels nannte, beschäftigte überhaupt die kleine Luisa sehr viel. Wenn das Gestirn voll war, so behauptete sie allemal, ein Gesicht darin zu sehen, und wenn es abnahm, so fragte sie, ob es Ratten im Himmel gebe und ob die Ratten da oben den Mond abnagten, wie sie eines Tages hienieden den Käse abgenagt hatten. Der Chevalier, der sich freute, einem Kinde eine wissenschaftliche Demonstration machen zu müssen, fertigte, um ihr die Sache ihren Verstandeskräften gemäß angemessen zu veranschaulichen, selbst ein Modell von unserem Planetensystem. Er zeigte ihr, wie der Mond, unser Trabant, neunundvierzigmal kleiner ist als die Erde. Er ließ ihn in einer Minute und unsere Welt den Kreislauf, zu welchem er siebenundzwanzig Tage sieben Stunden und dreiundvierzig Minuten braucht, und gleichzeitig die Umdrehung um sich selbst ausführen, die er in derselben Frist bewirkt. Er zeigte ihr, daß der Mond bei diesem Umlaufe sich uns abwechselnd nähert und von uns entfernt, daß der fernste Punkt seines Kreislaufes das Apogäum oder die Erdferne heißt, und daß er dann einundneunzigtausend vierhundertundachtzehn Meilen von unserer Erde entfernt ist; daß sein nächster Punkt das Perigäum heißt und nur achtzigtausend und siebenundsiebzig Meilen entfernt ist. Er erklärte ihr ferner, daß der Mond eben so wie die Erde nur deshalb leuchtet, weil er die Strahlen der Sonne zurückwirft, und daß wir deshalb nur den von der Sonne erleuchteten Theil, aber nicht den sehen können, auf welchen die Erde ihren Schatten wirft, was der Grund ist, daß wir ihn unter verschiedenen Phasen sehen. Er versicherte ihr, daß das Gesicht, welches sie durchaus im Vollmond sehen wollte, nichts Anderes sei als die Unebenheiten des Mondbodens, die Tiefe der Thäler, worin der Schatten sich verdichtet, und die hervorragenden Gebirge, welche das Licht wiederspiegeln. Eben so zeigte er ihr auf einem großen Plan unseres Trabanten, den man kürzlich auf der Sternwarte von Neapel gezeichnet, daß das, was sie für das Kinn des Mondes hielt, nichts Anderes war als ein Vulcan, der früher vor Jahrtausenden eben so Feuer ausgeworfen wie jetzt der Vesuv dessen auswarf, und erloschen war, wie der Vesuv einmal verlöschen wird. Luisa verstand die erste Darlegung nicht, nach der zweiten und dritten aber begann es allmälig in ihrem Geiste zu tagen. Eines Morgens, als man Tripel gekauft hatte, um ihre kleine hübsche Bettstelle blank zu putzen, sah Luisa den Chevalier eifrig beschäftigt, diesen röthlichen Staub im Mikroskop zu betrachten. Auf den Fußspitzen schlich sie sich an ihn heran und fragte: »Was betrachtest Du da, guter Freund San Felice?« »Wenn ich bedenke, sagte der Chevalier mit sich selbst sprechend und zugleich Luisa's Frage beantwortend, »wenn ich bedenke, daß siebenundachtzig Millionen dieser Infusorien dazu gehören würden, um einen Gran zu wiegen.« »Hundertsiebenundachtzig Millionen, was?« fragte die Kleine. Diesmal war die Erklärung eine schwierige und der Chevalier nahm die Kleine auf das Knie und sagte: »Die Erde, meine kleine Luisa, ist nicht immer das gewesen, was sie jetzt ist, wo wir sie mit Gras bewachsen, mit Blumen geschmückt und von Granat, Orangen- und Lorbeerrosenbäumen beschattet sehen. Ehe sie von den Menschen und den Thieren, welche Du siehst, bewohnt ward, war sie anfangs mit Wasser, dann mit großen Sümpfen, dann mit riesigen Palmbäumen bedeckt. Eben so wie die Häuser nicht von selbst entstanden sind, sondern haben gebaut werden müssen, ebenso hat Gott, der große Baumeister der Welten, auch die Erde bauen lassen. Ebenso nun, wie man Häuser von Steinen, Kalk, Sand und Ziegeln baut, so hat auch Gott die Erde aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt und eines dieser Elemente besteht aus kleinen unsichtbaren Thierchen, welche Schalen haben wie die Austern und Panzer wie die Schildkröten. Diese allein haben die Massen zu jener großen Gebirgskette in Peru geliefert, welche man die Cordilleren nennt. Die Apenninen in Mittelitalien, deren äußerste Gipfel Du von hier aus sieht, bestehen aus ihren Trümmern und die ungreifbaren Bruchstücke ihrer Schuppen sind es, welche diesem Messing, indem sie es glätten, erneuten Glanz geben.« Und er zeigte auf ihre Bettstelle, welche eben von dem Diener geputzt ward. Ein andermal, als Luisa einen schönen Korallenbaum sah, welchen ein Schiffer von Torre del Greco dem Chevalier gebracht, fragte sie, warum der Korallenbaum Aeste, aber keine Blätter habe. Der Chevalier erklärte ihr hierauf, daß die Koralle nicht ein vegetabilisches Erzeugniß sei, wie sie glaube, sondern eine animalische Composition. Er erzählte ihr zu ihrem großen Erstaunen, daß Tausende von Polypen sich vereinigten, um mit dem Kalk, von dem sie leben und den die Gewalt der Wellen von den Felsen abreißt, erst diese Aeste zu bilden, welche, allmälig fester werdend, diese schöne hochrothe Farbe gewinnen, womit die Dichter die Lippen der Frauen vergleichen. Er sagte ihr ferner, daß ein kleines Thier, welches er ihr einmal im Mikroskop zu zeigen versprach, durch Ausfüllung des leeren Raumes, welchen die Korallen zwischen sich lassen, um ganz Sicilien herum einen Gang, ein Trottoir, baut, während andere kleine Thierchen in der Südsee Inseln von dreißig Stunden im Umkreise entstehen lassen, welche sie durch Riffe miteinander in Verbindung bringen, welche später einmal der Schifffahrt bedeutende Hindernisse bereiten werden. Nach dem, was wir hier mitgetheilt, kann man sich einen Begriff von der Ausbildung machen, welche die kleine, Luisa Molina von ihrem unermüdlichen und gelehrten Freund erhielt. Sie lernte auf diese anschauliche und klare Weise. Alles kennen, was sich überhaupt erklären läßt, so daß in ihrem Kopfe keiner jener unbestimmten Begriffe zurückblieb, welche sonst die Phantasie der Jugend zu beunruhigen pflegen. Ganz wie San Felice seinem Freund versprochen, wuchs sie schlank und kräftig heran gleich dem Palmbaum, an dessen Fuße die meisten dieser Erklärungen stattgefunden hatten. Der Chevalier San Felice stand mit dem Fürsten Caramanico in fortwährendem Briefwechsel. Zweimal monatlich gab er ihm Nachricht über Luisa, welche ihrerseits jedem Briefe ihres Lehrers und Pflegevaters einige Worte an ihren Vater hinzufügte. Gegen das Jahr 1790 kam Fürst Caramanico als Gesandter von London nach Paris, als aber Toulon von den Royalisten an die Engländer ausgeliefert ward und die Regierung des Königreiches beider Sicilien, ohne sich jedoch zu Mr. Pitts Verbündetem zu erklären, Truppen gegen Frankreich schickte, verlangte Caramanico, zu loyal, um die ihm angewiesene Stellung länger einnehmen zu wollen, seine Zurückberufung. Zu dieser Zurückberufung wollte Acton sich um keinen Preis verstehen, wenigstens sollte Caramanico nicht wieder nach Italien zurück. Deshalb ließ er ihn an die Stelle des kürzlich verstorbenen Marquis Caraccioli zum Vicekönig von Sicilien ernennen. Der Fürst begab sich auf seinen Posten, ohne Neapel zu berühren. Die Intelligenz und angeborne Herzensgüte des Fürsten Caramanico, der nun das schöne Land, welches man Sicilien nennt, zu regieren hatte, bewirkten hier sehr bald förmliche Wunder und zwar gerade in dem Augenblick, wo durch den verderblichen Einfluß Actons und Carolinens, nach entgegengesetzter Richtung hin gedrängt, Neapel mit Riesenschritten seinem Verderben entgegenging, wo die Gefängnisse mit den berühmtesten und angesehensten Bürgern sich füllten, wo die Staatsjunta die Wiedereinführung der seit dem Mittelalter abgeschafften Tortur verlangte und die Hinrichtung Emanueles de Deo, Vitalianos und Gaglianis, das heißt dreier Kinder, anbefahl. Die Neapolitaner verglichen die Schrecknisse, inmitten deren sie lebten, die über ihren Häuptern schwebenden Proscriptions- und Todesstrafen mit dem Loose der Sicilianer und den schutzgewährenden väterlichen Gesetzen, nach welchen diese regiert wurden. Da sie die Königin nur leise anzuklagen wagten, so klagten sie laut ihren Minister Acton an, maßen Alles der Schuld des Ausländers bei und machten aus ihrem Wunsche, daß ebenso wie Acton früher Caramanico verdrängt, jetzt Caramanico jenen verdrängen möchte, kein Hehl. Man sagte noch mehr. Man sagte, daß die Königin in der süßen Erinnerung an ihre erste Liebe den Wunsch der Neapolitaner theile und, wenn sie sich nicht durch falsche Scham abhalten ließe, sich ebenfalls für Caramanico erklären würde. Diese Gerüchte gewannen eine Consistenz, welche hätte glauben lassen können, es gäbe in Neapel ein Volk und dieses Volk habe eine Stimme, als eines Tages der Chevalier San Felice von einem Freund einen Brief erhielt, welcher folgendermaßen lautete: »Freund! »Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht. Seit zehn Tagen erbleicht mein Haar und fällt aus; meine Zähne zittern im Zahnfleisch und lösen sich aus ihren Höhlen. Eine unüberwindliche Mattigkeit, eine totale Niedergeschlagenheit hat sich meiner bemächtigt. Mache Dich, sobald Du diesen Brief erhalten hat, auf den Weg nach Sicilien und beeile Dich anzukommen, ehe ich todt bin.     »Dein Giuseppe.« Dies geschah gegen das Ende des Jahres 1795. Luisa zählte jetzt neunzehn Jahre und hatte ihren Vater seit vierzehn Jahren nicht gesehen. Sie erinnerte sich seiner Liebe, aber nicht seiner Person. Das Gedächtniß ihres Herzens war treuer gewesen als das ihrer Augen. San Felice offenbarte ihr nicht sogleich die ganze Wahrheit. Er sagte ihr blos, ihr Vater, welcher leidend sei, wünsche sie zu sehen. Dann eilte er nach dem Hafendamm, um dort eine Ueberfahrtgelegenheit zu suchen. Glücklicherweise stand eines jener leichten Fahrzeuge, welche man Speronare nennt, nachdem es Passagiere nach Neapel gebracht, im Begriff leer nach Sicilien zurückzukehren. Der Chevalier miethete es auf einen Monat, um wegen der Rückreise ohne Sorgen sein zu können, und reiste noch denselben Tag mit Luisa ab. Alles begünstigte diese traurige Reise. Das Wetter war schön, der Wind war günstig. Nach Verlauf von drei Tagen ging man in dem Hafen von Palermo vor Anker. Bei dem ersten Schritt, den der Chevalier und Luisa in die Stadt thaten, war es ihnen, als träten sie in eine Todtenstadt. Eine Atmosphäre der Trauer lag über den Straßen und ein schwarzer Schleier schien die Stadt einzuhüllen, welche sich selbst »die Glückliche« nennt. Eine Prozession versperrte ihnen den Weg. Man trug die Reliquien der heiligen Rosalia nach der Kathedrale zurück. Sie kamen vor einer Kirche vorbei. Dieselbe war schwarz ausgeschlagen und man sprach darin das Gebet für die Sterbenden. »Was gibt es denn?« fragte der Chevalier einen Mann, der in die Kirche wollte. »Warum zeigen alle Palermitaner so betrübte, verzweifelte Mienen?« »Ihr seid wohl kein Sicilaner?« fragte der Mann. »Nein, ich bin von Neapel und komme daher.« »Unser Vater liegt im Sterben,« sagte der Sicilianer. Und da die Kirche so voll war, daß er nicht mehr hineinkonnte, so kniete er auf die äußern Stufen nieder, und rief, indem er sich auf die Brust schlug, laut: »Heilige Mutter Gottes, biete mein Leben deinem göttlichen Sohn, wenn das Leben eines armen Fischers wie ich das Leben unseres vielgeliebten Vicekönigs erkaufen kann.« »Ha!« rief Luisa, »Hörst Du, mein Freund? Mein Vater ist es, für den man betet! Mein Vater ist es, welcher im Sterben liegt. Eilen wir! eilen wir!« Drittes Capitel. Vater und Tochter Fünf Minuten später stand der Chevalier San Felice und Luisa an der Thür des alten Palastes, welcher am äußerten dem Hafen entgegengesetzten Ende der Stadt sich befindet. Der Fürst empfing Niemanden mehr. Bei den ersten Anwandlungen des Uebels hatte er, unter dem Vorwand, daß es Geschäfte zu regulieren gäbe, seine Gemahlin und seine Kinder nach Neapel geschickt. Wollte er ihnen das Schauspiel seines Todes ersparen? Wollte er in den Armen der Person sterben, von welcher er sein ganzes Leben hindurch getrennt gewesen? Wenn wir über diesen Punkt noch Zweifel hegen könnten, so würde der von dem Fürsten Caramanico an den Chevalier San Felice gerichtete Brief hinreichen, dieselben zu zerstreuen. Der ertheilten Instruction gemäß weigerte man sich, die Ankommenden eintreten zu lassen; kaum aber hatte San Felice sich, kaum hatte er Luisa genannt, so stieß der Kammerdiener einen Freudenruf aus und eilte nach dem Zimmer des Fürsten, indem er rief: »Mein Fürst, er ist es! Mein Fürst, sie ist es!« Der Fürst, welcher seit drei Tagen sein Sopha nicht verlassen und dem man den Kopf emporrichten mußte, um ihm den beruhigenden Trank einzuflößen, womit man seine Schmerzen zu stillen suchte, richtete sich mit einem Male auf seine Füße empor und sagte: »Ha, ich wußte wohl, daß Gott, der mich so schwer geprüft, mir diesen Lohn gewähren und mich die beide noch einmal sehen lassen würde, ehe ich sterbe.« Der Fürst öffnete die Arme. Der Chevalier und Luisa erschienen an der Thür seines Zimmers. An dem Herzen des Sterbenden war nur für Eins von ihnen Platz. San Felice drückte Luisa in die Arme ihres Vaters, indem er zu ihr sagte: »Geh, mein Kind. Es ist dein Recht.« »Mein Vater! mein Vater!« rief Luisa. »Ha, wie schön sie ist! • murmelte der Sterbende, »und wie treulich hast Du das Versprechen gehalten, welches Du mir gegeben, Freund meines Herzens!« Und während er mit der einen Hand Luisa an seine Brust drückte, reichte er die andere dem Chevalier. Luisa und San Felice brachen in Schluchzen aus. »O weinet nicht, weinet nicht!«, sagte der Fürst mit unbeschreiblichem Lächeln. »Dieser Tag ist für mich ein Festtag. Bedurfte es nicht eines großen Ereignisses wie das, welches sich erfüllen wird, damit wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersähen? Und wer weiß, vielleicht trennt der Tod weniger als die Abwesenheit. Die Abwesenheit ist eine bekannte, erprobte Thatsache, der Tod ist ein Geheimniß. Umarme mich, theures Kind, ja umarme mich zwanzigmal, hundertmal, tausendmal. Umarme mich für jedes der Jahre, für jeden der Tage, für jede der Stunden, welche seit vierzehn Jahren verflossen sind. Wie schön. Du bist! Und wie danke ich Gott, daß er mir erlaubt hat, dein Bild noch in mein Herz zu schließen und es mit mir ins Grab zu nehmen.« Und mit einer Energie, deren er sich selbst nicht fähig geglaubt hätte, presste er seine Tochter an seine Brust, als ob er sie wirklich materiell seinem Herzen einverleiben wollte. Dann wendete er sich zu dem Kammerdiener, welcher auf die Seite getreten war, um San Felice und Luisa vorbeizulassen, und sagte: »Jetzt darf Niemand zu mir, hörst Du, Giovanni? Nicht einmal der Arzt, nicht einmal der Priester. Nur der Tod hat jetzt das Recht einzutreten.« Der Fürst sank entkräftet von der Anstrengung in ein Sopha zurück. Seine Tochter kniete vor ihm nieder, so daß er mit seinen Lippen ihre Stirn berühren konnte. Sein Freund blieb neben ihm stehen. Er hob langsam das Gesicht zu San Felice empor und sagte, während seine Tochter in Schluchzen ausbrach, mit matter Stimme: » Man hat mich vergiftet. Ich wundere mich blos, daß man so lange damit gewartet hat. Man hat mir drei Jahre Zeit gelassen. Ich habe dieselben benutzt, um diesem unglücklichen Lande einiges Gute zu erzeigen. Ich muß dies meinen Feinden Dank wissen. Zwei Millionen Herzen werden mich beweinen und für mich beten.« Dann als er bemerkte, daß seine Tochter, indem sie ihn ansah, in ihrer Erinnerung zu suchen schien, setzte er hinzu: »Ach, Du wirst Dich meiner nicht erinnern; aber wenn Du Dich auch meiner erinnertet, so würdest Du mich doch nicht wieder erkennen. Vor vierzehn Tagen noch, San Felice, war ich trotz meiner achtundvierzig Jahre beinahe noch ein junger Mann. In diesen vierzehn Tagen bin ich um ein halbes Jahrhundert gealtert. Hundertjähriger Greis, es ist Zeit, daß Du stirbst!« Dann sah er wieder Luisa an, legte seine Hand auf ihr Haupt und sagte: »Ich aber, ich erkenne Dich. Du hast noch immer das schöne, blonde Haar und die großen schwarzen Augen. Du bist jetzt eine anbetungswürdige Jungfrau, aber Du warst auch schon ein höchst liebenswürdiges Kind. – Als ich sie das letzte Mal sah, San Felice, sagte ich ihr, daß ich sie auf lange Zeit, vielleicht auf immer verließe. Sie brach in Schluchzen aus, wie sie soeben wieder that, aber da es damals noch eine Hoffnung gab, so faßte ich sie in meine Arme und sagte zu ihr: »Weine nicht, mein Kind; Du macht mir Schmerz.« Und sie unterdrückte ihre Seufzer und sagte: »Schweig, Kummer, Papa will es!« Und sie lächelte mich durch ihre Thränen hindurch an. Nein, ein Engel am Thore des Himmels könnte nicht sanfter und lieblicher sein!« Der Sterbende drückte seine Lippen auf das Haupt der Jungfrau und man sah große, stille Thränen auf das Haar herabrollen, welches er küßte. »Ach, heute werde ich dies nicht sagen,« murmelte Luisa, »denn heute ist mein Schmerz groß. O mein Vater, mein Vater, ist denn keine Rettung möglich? »Acton ist der Sohn eines geschickten Chemikers,« sagte Caramanico, »und er hat unter seinem Vater studiert.« Dann wendete er sich wieder zu San Felice und sagte: »Verzeihe mir, Luciano, aber ich fühle den Tod immer näher kommen. Ich möchte gern einen Augenblick mit meiner Tochter allein bleiben. Sei nicht eifersüchtig. Ich verlange blos einige Minuten mit ihr, und habe sie Dir vierzehn Jahre gelassen. Vierzehn Jahre! Wie glücklich hätte ich diese vierzehn Jahre sein können! O, der Mensch ist sehr thöricht!« Der Chevalier, der tief gerührt war, sich von dem Fürsten bei dem Namen nennen zu hören, bei welchem er ihn auf dem Collegium zu nennen gepflegt, drückte die Hand, welche sein Freund ihm bot, und entfernte sich leise. Der Fürst folgte ihm mit den Augen, und als er verschwunden war, sagte er: »Nun sind wir allein, meine Luisa. In Bezug auf deine materielle Zukunft bin ich außer Sorgen, denn in dieser Beziehung habe ich die erforderlichen Schritte gethan; wohl aber bin ich in Sorgen in Bezug auf dein inneres Glück. Vergiß, daß ich beinahe ein Fremdling für Dich bin; vergiß, daß wir seit vierzehn Jahren getrennt gewesen. Bilde Dir ein, daß Du stets in der süßen Gewohnheit gelebt hättest, mir alle deine Gedanken anzuvertrauen. Wohlan, wenn dem so wäre und wir jetzt bei der verhängnißvollen Stunde angelangt wären, wo wir angelangt sind, was würdest Du mir zu sagen haben?« »Weiter nichts, als dies mein Vater: Als wir hierher gingen, begegneten wir einem Manne aus dem Volke, welcher an der Thür einer Kirche kniete, in der man für Dich betete, und der sich dem allgemeinen Gebete mit dem besonderen anschloß: »Heilige Mutter Gottes, biete mein Leben deinem göttlichen Sohne, wenn das Leben eines armen Fischers wie ich das Leben unseres geliebten Vicekönigs erkaufen kann.« Dir, mein Vater, und Gott würde ich nichts Anderes zu sagen haben, als was dieser Mann zu der Madonna sagte.« »Dieses Opfer wäre zu groß,« antwortete der Fürst mit sanftem Kopfschütteln. »Ich habe mein Leben gelebt, mag es nun gut oder schlecht gewesen sein. An Dir, mein Kind, ist es, das deinige zu leben und damit wir es so glücklich als möglich machen können, so theile mir alle deine Geheimnisse mit.« »Ich habe keine Geheimnisse mitzutheilen,« sagte Luisa, indem sie ihren Vater mit ihren großen feuchten Augen ansah, in welchen sich ein gewisser Ausdruck von Erstaunen malte. »Bist Du nicht neunzehn Jahre alt, Luisa?« »Ja, mein Vater.« »Aber Du hast doch wahrscheinlich nicht dieses Alter erreicht, ohne Jemanden zu lieben.« »Ich liebe Dich, mein Vater, ich liebe den Chevalier, der deine Stelle an mir vertreten, damit ist der Kreis meiner Neigungen geschlossen.« »Du verstehst mich nicht, oder thut blos, als ob Du mich nicht verstündet, Luisa. Ich frage Dich, ob Du keinen der jungen Männer ausgezeichnet hat, welche Du bei San Felice gesehen oder anderwärts getroffen hast.« »Wir gingen niemals aus, mein Vater, und ich habe bei meinem Vormund nie einen anderen jungen Mann gesehen, als meinen Milchbruder Michele, welcher alle vierzehn Tage erschien, um die kleine Unterstützung zu holen, die ich seiner Mutter gewährte.« »Dann bist Du also Niemanden mit wirklicher Liebe zugethan?« »Nein, mein Vater.« »Und Du hast bis jetzt glücklich gelebt?« »Ja, sehr glücklich.« »Und Du wünschtest nichts?« »Dich wiederzusehen, weiter nichts.« »Würde eine Reihenfolge von Tagen gleich denen, welche Du bis jetzt verlebst, Dir als ein genügendes Glück erscheinen?« »Ich würde von Gott nichts Anderes erbitten, als einen solchen Weg, um mich zum Himmel zu führen. Der Chevalier ist so gut!« »Höre mich an, Luisa: Du wirst den Werth dieses Mannes niemals in seinem vollen Umfange erkennen.« »Wenn Du nicht da wärest, mein Vater, so würde ich sagen, ich kenne kein besseres, kein zärtlicheres, kein hingebenderes Wesen als ihn. O, alle Welt kennt seinen Werth, mein Vater, nur er selbst nicht, und diese Unkenntniß ist wiederum eine seiner Tugenden.« »Luisa, ich habe seit einigen Tagen, das heißt seitdem ich nur noch an Zweierlei, an den Tod und an Dich, denke, einen Traum geträumt. Dieser Traum besteht darin, daß Du vielleicht mitten durch diese lasterhafte und verderbte Welt wandeln könntest, ohne Dich mit derselben zu vermengen. Höre, wir haben keine Zeit mit eitlen Vorbereitungen zu verlieren. Sag, die Hand aufs Herz, würdest Du Widerstreben empfinden, die Gattin des Chevalier zu werden?« Luisa zuckte zusammen und sah den Fürsten an. »Hast Du mich nicht gehört?« fragte dieser. »O ja, mein Vater; die Frage aber, welche Du soeben an mich stelltest, war von meinen Gedanken so weit.« »Gut, meine Luisa, sprechen wir denn nicht weiter davon,« sagte der Fürst, welcher hinter dieser Antwort einen verkappten Widerstand zu sehen glaubte. »Ich that in meinem Egoismus diese Frage mehr um meinet- als um deinetwillen. Wenn man stirbt, siehst Du, ist man voll Unruhe und Ungewißheit, besonders wenn man an das Leben zurückdenkt. Ich wäre ruhig und deines Glückes sicher gestorben, wenn ich Dich einem so großen Geiste, einem so edlen Herzen hätte anvertrauen können. Sprechen wir jedoch nicht weiter davon, sondern rufen wir ihn wieder herein. – Luciano!« Luisa, drückte ihrem Vater die Hand, wie um ihn zu hindern, den Namen des Chevalier zum zweiten Male auszusprechen. Der Fürst sah sie an. »Ich habe Dir noch nicht geantwortet, mein Vater,« sagte sie. »Nun, so antworte doch! Wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Mein Vater, sagte Luisa, »ich liebe Niemanden, wenn ich aber auch Jemanden liebte, so würde ich doch einen von Dir in einem solchen Augenblick ausgesprochenen Wunsch als einen Befehl betrachten.« »Ueberlege Dir es wohl,« hob der Fürst wieder an und ein Ausdruck von Freude verklärte sein Gesicht. »Ich habe gesprochen, mein Vater!« sagte Luisa, deren Antwort die erhabene Situation Festigkeit zu leihen schien. »Luciano!« rief der Fürst. San Felice trat wieder ein. Komm, komm, schnell, mein Freund, sie willigt ein sie ist es zufrieden.« Luisa reichte dem Chevalier ihre Hand. »Worein willigt Du, Luisa?« fragte der Chevalier in sanftem, liebkosendem Ton. »Mein Vater sagt, er würde glücklich sterben, wenn wir ihm versprächen, ich dein Weib und Du mein Gatte zu werden. Ich meinerseits habe das Versprechen gegeben.« Wenn Luisa auf eine solche Eröffnung wenig vorbereitet gewesen war, so war der Chevalier es noch weniger. Er sah erst den Fürsten und dann Luisa an und rief: »Aber das ist ja nicht möglich!« Der Blick, mit welchem er aber Luisa betrachtete, gab deutlich zu verstehen, daß von seiner Seite die Unmöglichkeit nicht kommen würde. »Nicht möglich? Warum nicht möglich?« fragte der Fürst. »Sieh uns doch beide an! Sie steht in der ganzen Blüthe der Jugend, an der Schwelle des Lebens. Sie kennt die Liebe nicht, aber sie sehnt sich, sie kennen zu lernen. Und dagegen ich – ich mit meinen achtundvierzig Jahren, mit meinem grauen Haar, meinem durch anhaltende Studien gekrümmten Nacken! Du siehst wohl, daß es nicht möglich ist, Giuseppe.« »Sie hat mir aber so eben gesagt, daß sie auf der ganzen Welt Niemanden liebe als uns zwei.« »Das ist es eben! Sie liebt uns beide mit einer und derselben Liebe. Wir beide sind, einer den andern ergänzend, ihr Vater gewesen, Du durch das Blut, ich durch die Erziehung. Bald aber wird diese Liebe ihr nicht mehr genügen. Die Jugend bedarf des Frühlings, die Knospen treiben im März, die Blumen öffnen sich im April, die Hochzeiten der Natur werden im Mai gefeiert. Der Gärtner, welcher die Ordnung der Jahreszeiten verändern wollte, wäre nicht blos ein Unsinniger, sondern auch ein Gottloser.« »O, dann ist also meine letzte Hoffnung entschwunden,« sagte der Fürst. »Du sieht es wohl, mein Vater,« rief Luisa, »nicht ich bin es, die sich weigert, sondern er ist es.« »Ja, ich bin es, der sich weigert; aber ich weigere mich mit meinem Verstand und nicht mit meinem Herzen. Weist der Winter wohl jemals einen Sonnenstrahl zurück? Wenn ich Egoist wäre, so würde ich sagen: Ich nehme das Anerbieten an! Ich würde Dich in meinen Armen davontragen, wie jene räuberischen Götter des Alterthums die Nymphen davontrugen. Du weißt aber, daß Pluto, obschon er ein Gott war, als er sich mit der Tochter der Ceres vermählte, ihr nichts zur Aussteuer geben konnte als eine ewige Nacht, in welcher sie vor Trauer und Langweile gestorben wäre, wenn ihre Mutter ihr nicht sechs Monate Tag zurückgegeben hätte. Denke daher weiter nicht daran, Caramanico. Indem Du dein Kind und deinen Freund glücklich zu machen glaubtest, würdest Du zwei Herzen mit Trauer erfüllen.« »Er liebte mich wie seine Tochter, aber zur Gattin will er mich nicht,« sagte Luisa. »Ich liebte ihn wie meinen Vater und dennoch würde ich ihn gern als meinen Gatten sehen.« »Sei gesegnet, meine Tochter,« sagte der Fürst. »Und ich, Giuseppe, hob der Chevalier wieder an, »ich bin von dem väterlichen Segen ausgeschlossen. Wie,« fuhr er die Achseln zuckend fort, »wie kommt es, daß Du, der Du alle Leidenschaften erschöpft hast, Dich so über jenes große Geheimniß täuschet, welches man das Leben nennt?« »Ha,« rief der Fürst, »eben weil ich alle Leidenschaften erschöpft, eben weil ich jene Früchte des Asphaltsees gekostet und voll Asche gefunden, eben deshalb wünschte ich Luisa ein sanftes, ruhiges, leidenschaftsloses Leben, ein Leben, so wie sie es bis jetzt geführt und in welchem sie sich, wie sie selbst versichert, so glücklich gefühlt hat. Nicht wahr, Du sagtest, Du seist bis auf den heutigen Tag stets glücklich gewesen?« »Ja, mein Vater, sehr glücklich!« »Hörst Du wohl, Luciano?« »Gott ist mein Zeuge,« sagte der Chevalier, indem er Luisa beim Kopfe faßte, feine Lippen ihrer Stirn näherte und denselben Kuß darauf drückte, den er ihr alle Morgen gab, »Gott ist mein Zeuge, daß auch ich glücklich gewesen bin. Eben so ist auch Gott mein Zeuge, daß an dem Tage, wo Luisa mich verläßt, um einem Gatten zu folgen, für mich Alles dahin sein wird, was ich auf der Welt liebe, was mich ans Leben fesselt. An diesem Tage, mein Freund, werde ich mein Sterbegewand anlegen und nur noch den Tod erwarten.« »Nun und dann?« rief der Fürst. »Hab' ich also nicht Recht?« »Sie wird aber lieben, sage ich Dir!« rief San Felice in einem so schmerzlichen Tone, wie seine Stimme bis jetzt noch nicht angenommen. »Sie wird lieben, und der Mann, welchen sie lieben wird, werde nicht ich sein. Sag' selbst, ist es nicht besser, daß sie als junges und freies Mädchen liebe, denn als Frau und gebunden? Ist sie frei, so wird sie davonfliegen wie der Vogel, den der Gesang eines andern lockt. Und was fragt der Vogel, welcher davonflattert, darnach, ob der Zweig, auf dem er gesessen, dann zittert, verwelkt und abstirbt?« Mit einem Ausdruck von Melancholie, der nur dieser poetischen Natur angehörte, setzte er dann hinzu: »Wenn der Vogel wenigstens zurückkäme, um auf dem verlassenen Zweige sein Nest zu bauen, dann würde vielleicht auch dieser sich wieder erholen.« »Da ich Dir nicht ungehorsam sein will, mein Vater, sagte Luisa, »so werde ich mich niemals vermählen.« »Unfruchtbares Reis des von dem Sturme niedergeworfenen Baumes, murmelte der Fürst, »verwelke denn mit ihm.« Und er ließ den Kopf auf die Brust herabsinken. Eine Thräne fiel aus seinen Augen auf die Hand Luisas, welche diese Hand emporhob und die Thräne schweigend dem Chevalier zeigte. »Wohlan, da Ihr es beide wollt,« sagte der Chevalier, »so willige ich darein, das heißt, ich willige in das, was ich auf der Welt am meisten gleichzeitig fürchte und wünsche, aber ich stelle eine Bedingung.« »Welche?« fragte der Fürst. »Die Vermählung darf nicht eher stattfinden als in einem Jahre. Während dieses Jahres wird Luisa die Welt sehen, die sie bis jetzt noch nicht gesehen. Sie wird viele junge Männer kennen lernen, welche sie noch nicht kennt. Wenn in einem Jahre keiner der Männer, die ihr begegnet sein werden, ihr gefällt, wenn sie in einem Jahre noch immer so bereit ist, auf diese Welt zu verzichten, wie sie es heute ist, wenn sie mit einem Worte in einem Jahre zu mir sagt: »Im Namen meines Vaters, mein Freund, sei mein Gatte!« dann werde ich keinen Einwand weiter erheben und, wenn auch nicht überzeugt, doch wenigstens durch die von ihr bestandene Probe besiegt sein.« »Ach, mein Freund!« rief der Fürst, indem er die beiden Hände des Chevaliers ergriff. »Höre an, was ich noch zu sagen habe, Giuseppe,« fuhr dieser fort, »und sei Zeuge des feierlichen Gelübdes, welches ich thue, und der unversöhnliche Rächer desselben, wenn ich ihm untreu werde. Ja, ich glaube an die Reinheit, an die Keuschheit, an die Tugend dieses Kindes, wie ich an die der Engel glaube; aber dennoch ist sie Weib, sie kann straucheln.« »O!«, murmelte Luisa, indem sie sich mit beiden Händen das Gesicht verhüllte. »Sie kann straucheln, wiederholte San Felice. »In diesem Falle verspreche ich Dir, Freund, ich schwöre Dir, Bruder, auf dieses Crucifix, vor welchem unsere Hände sich ineinander schließen, wenn ein solches Unglück geschähe, so schwöre ich Dir, diesem Fehltritt gegenüber nur Erbarmung und Verzeihung zu üben und über die arme Sünderin nur die Worte zu sprechen, welche unser göttlicher Erlöser über die Ehebrecherin sprach: »Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Deine Hand, Luisa!« Das junge Mädchen gehorchte, Caramanico nahm das Crucifix und hielt es ihnen vor. »Caramanico,« sagte San Felice, indem er seine Hand mit der Luisas über das Crucifix ausstreckte, »ich schwöre Dir, daß, wenn Luisa in einem Jahre noch ihre heutige Gesinnung bewahrt, sie dann an demselben Tage, in derselben Stunde mein Weib werden wird. Und nun, mein Freund, stirb ruhig. Ich habe geschworen.« Und in der That, in der folgenden Nacht, das heißt in der Nacht vom 14. zum 15. December 1795, starb der Fürst Caramanico mit lächelndem Munde und die vereinigten Hände des Chevaliers und Luisas in der einigen haltend. Viertes Capitel. Ein Probejahr Die Trauer war groß in Palermo. Das Leichenbegängniß, welches, wie gewöhnlich, während der Nacht stattfand, war prachtvoll. Die ganze Stadt folgte dem Zuge. Die ihrem ganzen Umfange nach in eine brennende Capelle verwandelte Kathedrale konnte die Menge nicht fassen. Diese Menge füllte noch den Platz vor der Kirche und, so groß derselbe auch war, bis in die Toledostraße hinein. Hinter dem mit einem großen mit silbernen Thränen besäeten und mit den ersten Orden Europas geschmückten Tuche von schwarzem Sammet bedeckten Sarg kam, von zwei Pagen geführt, das Reitpferd des Fürsten. Das arme Thier keuchte stolz unter seinem goldenen Geschirr, denn es kannte ebensowenig den Verlust, den es erlitten, als das Schicksal, welches seiner harrte. Als man die Kirche verließ, nahm es wieder seinen Platz hinter dem Leichenwagen ein. In demselben Augenblick aber näherte sich der erste Stallmeister des Fürsten mit einer Lanzette in der Hand, und während das edle Roß ihn erkannte und freudig wieherte, öffnete er ihm die Drosselader. Das Thier stieß einen schwachen Klageton aus, denn obschon der Schmerz nicht groß war, so mußte die Wunde doch tödtlich sein. Es schüttelte seinen mit Federbüschen von den Farben des Fürsten – das heißt weiß und grün – geschmückten Kopf und setzte seinen Weg weiter fort. Ein dünner, aber ununterbrochener Blutfaden rann ihm vom Halse über die Brust herab und ließ seine Spur auf dem Pflaster zurück. Nach Verlauf einer Viertelstunde taumelte es zum ersten Male und richtete sich wiehernd, aber nicht mehr vor Freude, sondern vor Schmerz, wieder auf. Der Zug bewegte sich unter dem Gesange der Priester, dem Scheine der Kerzen und dem Dampf des Weihrauches durch die schwarz ausgeschlagenen Straßen, unter den Trauerbogen von Cypressen hindurch. Auf dem Campo santo oder Begräbnißplatz der Capuziner hatte man eine einstweilige Gruft für den Fürsten bereitet, denn seine Leiche sollte später in die Capelle seiner Familie nach Neapel gebracht werden. Am Thore der Stadt taumelte das Pferd, von dem Blutverlust immer schwächer werdend, zum zweiten Mal. Es wieherte vor Angst und sein Auge ward starr. Zwei Fremde, zwei Unbekannte, ein Mann und eine junge Dame, führten diesen beinahe königlichen Leichenzug, welchem sich die höchsten Classen der Gesellschaft ebenso angeschlossen hatten wie die tiefsten. Es war der Chevalier und Luisa, welche ihre Thränen mischten, und das Eine murmelte: »Mein Vater!« das Andere: »Mein Freund!« an langte bei der Gruft an, die blos durch eine große Steinplatte bezeichnet ward, auf welcher das Wappen und der Name des Fürsten eingegraben war. Diese Steinplatte ward aufgehoben, um den Sarg einsenken zu lassen und ein unermeßliches, von hunderttausend Stimmen gesungenes De profundis stieg zum Himmel empor. Das mit dem Tode ringende Pferd, welches bis hierher die Hälfte seines Blutes verloren, war auf die beiden Knie niedergesunken. Es war, als ob das arme Thier ebenfalls für seinen Herrn betete. Als aber der letzte Ton des Gesanges der Priester verhallte, sank es auf der wieder geschlossenen Steinplatte völlig zusammen, streckte sich darauf aus, wie um den Zugang zu bewachen und hauchte den letzten Seufzer aus. Es war dies ein Ueberbleibsel der kriegerischen und poetischen Gebräuche des Mittelalters. Das Roß durfte den Reiter nicht überleben. Noch zweiundvierzig andere Pferde, welche die Ställe des Fürsten ausmachten, wurden auf der Leiche des ersten geopfert. Man löschte die Wachskerzen aus und der ganze unendliche Zug kehrte schweigend wie eine Prozession von Gespenstern in die düstere Stadt zurück, wo kein Licht weder in den Straßen noch an den Fenstern zu sehen war. Es war, als beleuchtete eine einzige Fackel die ungeheure Todtenstadt und als wäre, nachdem der Tod die Fackel ausgeblasen, Alles wieder in Nacht versunken. Am nächstfolgenden Tage beim ersten Morgengrauen schifften San Felice und Luisa sich wieder ein und reisten nach Neapel zurück. Drei Monate wurden diesem aufrichtigen Schmerz gewidmet, drei Monate, während welcher man dasselbe Leben führte, wie in der Vergangenheit, nur trauriger. Als diese drei Monate um waren, verlangte San Felice, daß das Probejahr begönne, das heißt daß Luisa die Welt sähe. Er kaufte einen Wagen und Pferde, den elegantesten Wagen, die besten Pferde, die er finden konnte. Er vermehrte seinen Haushalt um einen Kutscher, einen Kammerdiener und eine Zofe, und begann sich mit Luisa unter die täglichen Spazierfahrer in Toledo und Chiaja zu mischen. Die Herzogin von Fusco, ihre Nachbarin, eine dreißigjährige Witwe und Besitzerin eines großen Vermögens, empfing viel Besuch aus der besten Gesellschaft von Neapel. Sie hatte, durch jene in den Italienerinnen so mächtige Sympathie bewogen, ihre junge Freundin oft eingeladen, ihren Abendgesellschaften beizuwohnen, aber Luisa hatte sich stets geweigert, denselben zu folgen und sich dabei auf das zurückgezogene Leben berufen, welches ihr Vormund führte. Jetzt war es der Chevalier selbst, welcher zu der Herzogin Fusco ging und sie bat, ihre Einladungen an seine Mündel zu wiederholen, was die Herzogin auch mit großem Vergnügen that. Der Winter von 1796 war daher für die arme Waise gleichzeitig eine Zeit der Feste und der Trauer. Bei jeder neuen Gelegenheit, welche ihr Vormund ihr verschaffte, damit sie sich zeigen und folglich glänzen könne, setzte sie lebhaften Widerstand und aufrichtigen Schmerz entgegen, aber San Felice antwortete mit dem allerliebsten Wahlspruch ihren Kindheit: »Geh' fort, Kummer! Papa will es.« Der Kummer ging aber nicht fort, sondern verschwand blos von der Oberfläche. Luisa verschloß ihn in die Tiefe ihres Herzens, aber er leuchtete aus ihrem Auge und malte sich auf ihrem Gesicht, und diese sanfte Melancholie, welche sie einhüllte wie eine Wolke, machte sie nur um so schöner. Uebrigens wußte man, daß sie, wenn auch nicht eine reiche Erbin, doch wenigstens das war, was man, wenn vom Heiraten die Rede ist, eine gute Partie nennt. Sie besaß in Folge der von ihrem Vater gebrauchten Vorsicht und der ihrem kleinen Vermögen von dem Chevalier gewidmeten Fürsorge einhundertundzwanzigtausend Ducaten Aussteuer, das heißt eine halbe Million Francs, welche bei dem besten Hause in Neapel, nämlich bei Simon André, Backer und Comp., den königlichen Bankiers, angelegt war. Uebrigens wußte man nicht, daß San Felice, für dessen natürliche Tochter man sie hielt, irgend eine andere Erbin hätte, und der Chevalier mußte, wenn er auch gerade kein großer Capitalist war, doch ebenfalls ein ganz anständiges Vermögen besitzen. Wer in dergleichen Angelegenheiten einmal berechnet, der berechnet Alles. Luisa hatte bei der Herzogin Fusco einen Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren kennen gelernt, welcher einen der schönsten Namen von Neapel trug und sich in dem Kriege von 1793 bei Toulon rühmlicht hervorgethan hatte. Er hatte eben mit dem Titel eines Brigadiers das Commando eines Cavalleriecorps erhalten, welches bestimmt war, als Hilfstruppen in der österreichischen Armee während des Feldzugs zu dienen, welcher im Jahre 1796 in Italien eröffnet werden sollte. Dieser Mann hieß der Fürst von Moliterno. Er hatte damals noch nicht jenen Säbelhieb über das Gesicht bekommen, welcher, indem er ihn eines Auges beraubte, ihm den Stempel eines Muthes aufdrückte, welchen übrigens es Niemanden eingefallen wäre, ihm streitig zu machen. Er besaß einen großen Namen, ein ziemliches Vermögen und einen Palast in Chiaja. Er sah Luisa, verliebte sich in sie, bat die Herzogin Fusco, seine Vermittlerin bei ihrer jungen Freundin zu sein und – trug einen Korb davon. Luisa war ferner oft in Toledo und in Chiaja, wenn sie mit ihrer schönen Equipage, welche ihr Vormund ihr gekauft, spazieren fuhr, einem liebenswürdigen Cavalier von kaum fünf- bis sechsundzwanzig Jahren begegnet, welcher gleichzeitig der Richelieu und der Saint-Georges von Neapel war. Es war dies der älteste Bruder von Nicolino Caracciolo, mit welchem wir in dem Palast der Königin Johanna Bekanntschaft gemacht, der Herzog von Rocca Romana. Viele Gerüchte, welche vielleicht in unsern Hauptstädten des Nordens für einen Edelmann eben nicht sehr ehrenhaft sein würden, die aber in Neapel, dem Lande der lockeren Sitten und der schmiegsamen Moral, nur dazu dienten, sein Ansehen zu erhöhen, waren in Bezug auf ihn in Umlauf und machten ihn für die goldene Jugend von Neapel zu einem Gegenstand des Neides. Man sagte nämlich, er sei einer der ephemeren Liebhaber, welche der Favoritminister Acton der Königin gestattete, wie Potemkin der Kaiserin Katharina, nämlich unter der Bedingung, daß er selbst der unabsetzbare Liebhaber bliebe. Eben so behauptete man auch, daß die Königin den Aufwand für die schönen Pferde und die zahlreiche Dienerschaft des Herzogs bestritte, dessen Vermögen nicht bedeutend genug war, um ihm solche Ausgaben möglich zu machen, und daß der Herzog sich einer Gunst erfreue, welche ihm den Weg überallhin bahne. Eines Tages erschien der Herzog von Rocca Romana, welcher nicht wußte, wie er sich bei San Felice einführen sollte, im Namen des Erbprinzen Francesco, dessen Ober-Stallmeister er war. Er überbrachte dem Chevalier die Ernennung zum Bibliothekar Seiner königlichen Hoheit, einer Art Sinecure, welche der Prinz dem anerkannten Verdienste des Chevaliers anbot. San Felice lehnte das Anerbieten ab und erklärte sich unfähig, nicht, Bibliothekar zu sein, sondern sich in die tausend kleinen Pflichten zu fügen, welche die Etikette jedem auferlegt, der ein Amt bei Hofe bekleidet. Am nächstfolgenden Tage fuhr der Wagen des Prinzen an dem Thore des Palmbaumhauses vor und der Prinz erschien selbst, um bei dem Chevalier das Anerbieten seines Oberstallmeisters zu erneuern. Von der Ablehnung einer solchen Ehre, die von dem künftigen Erben eines Königreiches angeboten ward, konnte natürlich keine Rede sein. San Felice schützte blos eine momentane Schwierigkeit vor und verlangte, daß Seine königliche Hoheit die Aeußerung ihres Wohlwollens noch um sechs Monate vertagen möge. Nach Ablauf dieser sechs Monate war Luisa entweder die Gattin eines Andern oder die seinige. War sie die Gattin eines Andern, so bedurfte er der Zerstreuung, um sich zu trösten, war sie die einige, so war seine Ernennung ein Mittel, welches ihm die Pforte des Hofes öffnete und für Luisa selbst Zerstreuung gewähren mußte. Der Prinz Francesco, ein sehr intelligenter Mann, welcher die Wissenschaft aufrichtig liebte, ging auf dieses Verlangen ein, sagte San Felice einige Schmeicheleien in Bezug auf die Schönheit seiner Mündel und entfernte sich. Rocca Romana hatte aber nun freien Zutritt in dem Hause des Chevaliers und verschwendete an Luisa die Schätze seiner Beredsamkeit und die Wunder seiner Koketterie drei Monate lang, wiewohl vergeblich. Die Zeit, welche Luisas Schicksal entscheiden sollte, nahte heran und Luisa beharrte trotz aller Verführung, von der sie umringt war, auf ihrem Entschluß, das ihrem Vater gegebene Versprechen zu halten. San Felice wollte ihr nun genaue Rechnung über ihr ganzes Vermögen ablegen, um es von dem einigen zu trennen und damit Luisa, obschon seine Gattin, vollständig Herrin desselben wäre. Er bat deshalb die Bankiers Backer, bei welchen die ursprüngliche Summe von fünfzigtausend Ducaten vor fünfzehn Jahren angelegt worden, ihm, wie die Bankiers es nennen, ein Situations-Conto aufzustellen. André Backer, ältester Sohn von Simon Backer, erschien demgemäß bei San Felice mit allen Papieren, welche diese Capitalanlage betrafen. Obschon Luisa an allen diesen geschäftlichen Einzelheiten kein großes Interesse nahm, so wollte San Felice doch, daß sie dieser Unterredung beiwohne. André Backer hatte sie niemals in der Nähe gesehen und ward jetzt von ihrer wunderbaren Schönheit mächtig ergriffen. Unter dem Vorwand, daß ihm noch mehrere Papiere fehlten, erneuete er seinen Besuch und erklärte endlich seinem Clienten, daß er sich sterblich in seine Mündel verliebt habe. Er könne, sagte er, wenn er sich verheiratete, aus dem Hause seines Vaters eine Million entnehmen und die fünfhunderttausend Francs Luisa's, wenn sie einwillige seine Gattin zu werden, in Zukunft selbst verwalten. Binnen einigen Jahren werde er dieses Vermögen verdoppelt, vervierfacht, versechsfacht haben. Luisa würde dann eine der reichsten Frauen von Neapel sein. Sie könne dann am Eleganz mit der höchsten Aristokratie wetteifern und die vornehmsten Damen durch ihren Luxus verdunkeln, wie sie dieselben jetzt schon durch ihre Schönheit in den Schatten stelle. Luisa ließ sich aber durch diese glänzende Perspective durchaus nicht blenden und San Felice, der stolz darauf war zu sehen, wie Luisa um seinetwillen in Moliterno auf Glanz des Namens, in Rocca Romana auf Geist und Eleganz und in André Backer auf Reichthum und Luxus verzichtet hatte, lud den Sohn des reichen Bankiers ein, sein Haus zu besuchen, so oft es ihm beliebe, aber nur unter der Bedingung, daß er gänzlich darauf verzichte, es wieder als Bewerber um Luisa's Hand zu betreten. Endlich, nachdem die von San Felice selbst festgesetzte Frist am 14. November 1795, dem Jahrestage des von ihm dem sterbenden Fürsten Caramanico gegebenen Versprechens, abgelaufen war, wurden San Felice und Luisa Molina einfach, ohne allen Pomp, nur in Gegenwart des Prinzen Francesco, welcher seinem künftigen Bibliothekar als Zeuge dienen wollte, in der Kirche von Pie di Grotta vermählt. Unmittelbar nachdem die Vermählung vollzogen war, bat Luisa ihren Gatten, sein Haus wieder ganz auf den Fuß zurückzuversetzen, auf welchem es vorher gestanden, denn sie wünschte mit ihm ganz in derselben einfachen Weise zu leben, in welcher sie mit ihm schon vierzehn Jahre lang gelebt. Der Kutscher und der Kammerdiener wurden deshalb verabschiedet, der Wagen und die Pferde verkauft. Man behielt blos noch das Kammermädchen Nina, welches seiner Herrin mit aufrichtiger Anhänglichkeit ergeben zu sein schien. Die alte Wärterin, welche sich fortwährend nach ihrem Portici gesehnt, ward pensioniert und kehrte erfreut dahin zurück, wie ein Verbannter, der in sein Vaterland zurückgekehrt. Von allen Bekannten, welche Luisa während der neun Monate erworben, welche sie sich in der Welt bewegte, behielt sie nur eine einzige Freundin. Diese war die Herzogin Fusco, eine reiche Wittwe, die, wie wir schon bemerkt, höchstens zehn Jahre älter war als Luisa und welcher selbst die geübteste Schmähsucht nichts nachzusagen wußte, ausgenommen, daß sie sich vielleicht ein wenig zu laut und zu frei über die politischen Maßnahmen der Regierung und das Privatleben der Königin aussprach. Es dauerte nicht lange, so waren die beiden Freundinnen unzertrennlich. Die beiden Häuser waren früher ein einziges gewesen und blos in Folge einer Erbschaftsrücksicht getheilt worden. Man kam überein, daß, damit man sich ungehindert zu jeder Stunde des Tages und der Nacht sehen könnte, die alte Verbindungsthür, welche seit jener Erbschaftstheilung verschlossen gewesen, wieder geöffnet würde. Man setzte den Chevalier San Felice von diesem Vorhaben in Kenntniß und dieser ließ, weit entfernt, in die Wiedereröffnung einen Uebelstand zu sehen, vielmehr sofort die deshalb nöthigen Arbeiten bewirken. Nichts konnte ihn für seine junge Frau erwünschter sein, als eine Freundin von dem Range, dem Alter und dem Rufe der Herzogin Fusco. Von nun an waren die beiden Frauen unzertrennlich. Ein ganzes Jahr verging in dem vollkommensten Erdenglücke. Luisa war nun einundzwanzig Jahre alt und vielleicht wäre ihr Leben in dieser heiteren, beseligenden Ruhe verflossen, wenn nicht einige unkluge Worte, welche die Herzogin Fusco über Emma Lyonna fallen gelassen, der Königin hinterbracht worden wären. In Bezug auf ihre Favoritin aber verstand Caroline keinen Scherz und die Herzogin Fusco ward von Seiten des Polizeiministers aufgefordert, einige Zeit auf ihren Gütern zuzubringen. Sie hatte eine ihrer Freundinnen mitgenommen, welche ebenfalls compromittiert war und Eleonora Fonseca Pimentel hieß. Diese war angeklagt, nicht blos gesprochen, sondern auch geschrieben zu haben. Die Zeit, welche die Herzogin Fusco in der Verbannung zubringen sollte, war unbestimmt. Eine von demselben Minister ausgehende Notiz sollte ihr melden, daß es ihr erlaubt sei, nach Neapel zurückzukommen. Sie reiste nach der Basilicata, wo ihre Güter lagen, und übergab Luisa sämmtliche Schlüssel ihres Hauses, damit in ihrer Abwesenheit ihre Freundin jene tausenderlei Verrichtungen bewirken lassen könne, welche die Instandhaltung eines kostbaren und eleganten Mobiliars nöthig macht. Luisa war nun allein. Der Prinz Francesco hatte große Freundschaft zu seinem Bibliothekar gefaßt und da er in ihm unter der Hülle eines Weltmannes eine ebenso umfangreiche als tiefe Gelehrsamkeit fand, so konnte er seiner Gesellschaft, welcher er vor der feiner Höflinge den Vorzug gab, nicht mehr entbehren. Der Prinz Francesco besaß einen sanften, schüchternen Charakter, dem die Furcht später eine außerordentliche Verstellungsgabe lieh. Erschreckt durch die politischen Gewaltthätigkeiten seiner Mutter, welche er immer unpopulärer werden sah, während er zugleich den Thron unter seinen Füßen wanken fühlte, wollte er die Popularität, deren die Königin verlustig ging, dadurch für sich gewinnen, daß er der von der neapolitanischen Regierung befolgten Politik völlig fremd, ja selbst feindlich erschiene. Die Wissenschaft bot ihm eine Zuflucht. Er machte sich aus seinem Bibliothekar einen Schild und schien vollständig in eine archäologischen, philologischen und geologischen Studien versenkt, ohne jedoch deshalb den Gang der täglichen Ereignisse, welche nach seiner Meinung einer Katastrophe entgegendrängten, aus den Augen zu verlieren. Er machte daher jene geschickte, versteckte und freisinnige Opposition, welche unter despotischen Regierungen die Erben der Krone in der Regel zu machen pflegen. Während dies Alles geschah, hatte der Prinz sich ebenfalls vermählt und mit großem Pomp jene junge Erzherzogin Marie Clementine nach Neapel heimgeführt, deren Melancholie und Blässe an diesem Hofe dieselbe Wirkung äußerten wie in einem Garten eine Nachtblume, welche stets bereit ist, sich den Strahlen der Sonne zu verschließen. Der Prinz hatte San Felice dringend aufgefordert, seine Gattin mit zu den Festen zu bringen, welche bei Gelegenheit seiner Vermählung stattgefunden. Luisa aber, die von ihrer Freundin, der Herzogin Fusco, über die Sittenverderbniß dieses Hofes sehr genau unterrichtet war, hatte ihren Gatten gebeten, sie von jedem Erscheinen im Palast zu entheben. Ihr Gatte, der nichts inniger wünschte als seine Gattin ihr keusches Gynäceum allen andern Orten vorziehen zu sehen, hatte sie entschuldigt, so gut er konnte. War die Entschuldigung als triftig betrachtet worden? Dies wußte man nicht, wenigstens aber hatte man sich damit begnügt. Seit beinahe einem Jahre aber war, wie wir schon gesagt, die Herzogin Fusco abgereist und Luisa sah sich allein. Die Einsamkeit ist die Mutter der Träume und während Luisa so allein, ihr Gatte im Palast beschäftigt und ihre Freundin in die Verbannung geschickt war, hatte sie begonnen zu träumen. Worüber, das wußte sie selbst nicht. Ihre Träume hatten keinen Kern und wurden von keinem Phantom bevölkert. Es war ein süßes, berauschendes Streben nach dem Unbekannten. Es mangelte ihr nichts, sie wünschte nichts und dennoch fühlte sie eine seltsame Leere, deren Sitz wenn nicht in ihrem Herzen, doch wenigstens schon in der Nähe desselben war. Sie sagte bei sich selbst, daß ihr Gatte, der ja Alles wußte, ihr ganz gewiß eine Erklärung dieses für sie so neuen Zustandes geben könne. Aber sie wußte nicht, warum sie lieber gestorben wäre, als sich an ihn gewendet hätte, um sich über diesen Punkt Aufklärung zu verschaffen. In dieser Gemüthstimmung befand sie sich eines Tages, als ihr Milchbruder Michele kam und ihr von der albanesischen Wahrsagerin erzählte. Nach einigem Zögern befahl sie ihm, ihr diese Frau den nächsten Tag Abends zuzuführen, weil ihr Gatte wahrscheinlich bis spät in die Nacht hinein am Hofe durch die Festlichkeiten zurückgehalten werden würde, welche man dort zu Ehren Nelsons und des Sieges gab, den er über die Franzosen erfochten. Wir haben gesehen, was während dieses Abends auf drei verschiedenen Punkten – in dem englischen Gesandtschaftshotel, in dem Palast der Königin Johanna und im Palmbaumhaus – vorging und wie die Wahrsagerin, durch Michele in dieses Haus eingeführt, sei es nun aus Zufall oder aus Scharfsinn, oder aus wirklicher Kenntniß der geheimmißvollen Wissenschaft, welche unter dem Namen der Kabbala aus dem Mittelalter bis auf unsere Tage gelangt ist, in dem Herzen der jungen Frau gelesen und ihr die Veränderung vorhergesagt hatte, welche das nahe Erwachen der Leidenschaften in diesem noch so keuschen und makellosen Herzen hervorrufen sollte. Das Ereigniß war, sei es Zufall, sei es Verhängniß, der Vorhersagung dicht auf dem Fuße gefolgt. Durch ein unwiderstehliches Gefühl zu dem Manne hingetrieben, dem ihr schnelles Erscheinen wahrscheinlich das Leben gerettet, floh sie, wie wir gesehen haben, weil sie zum ersten Male ein Geheimniß für sich allein hatte, die Nähe ihres Gatten, stellte sich schlafend, empfing auf ihre jetzt von so unruhigen Gedanken erfüllte Stirn den ruhigen Gattenkuß, und erhob sich, sobald San Felice das Zimmer verlassen hatte, verstohlen mit nackten Füßen, um mit angstvollem Herzen und unruhigem Blick den über dem Bett des Verwundeten schwebenden Tod zu befragen. Lassen wir sie mit den Zuckungen einer keimenden Liebe im Herzen am Bett des tödtlich Verwundeten wachen, und sehen wir, was am Tage nach dem, wo der Gesandte Frankreichs den Gästen Sir Willam Hamiltons jenes furchtbare Lebewohl zugerufen, im Cabinetsrath des Königs Ferdinand vorging. Fünftes Capitel. Der König Wenn wir anstatt einer Erzählung historischer Ereignisse, welchen die Wahrheit ein um so furchtbareres Gepräge aufdrückt und welche überdies einen unauslöschlichen Platz in den Annalen der Weltgeschichte eingenommen, blos einen Roman von zwei bis dreihundert Seiten in der Absicht schreiben wollten, einer frivolen Leserin oder einem blasierten Leser durch eine Reihenfolge mehr oder weniger malerischer Abenteuer oder aus unserer Phantasie hervorgegangener, mehr oder weniger dramatischer Ereignisse einige Zerstreuung zu bieten, so würden wir, dem Grundsatz des lateinischen Dichters folgend und der Entwicklung zueilend, unsern Leser oder unsere Leserin sofort den Berathungen jenes Cabinetsraths, zu welchem der König Ferdinand sich einfand, und bei welchem die Königin Caroline den Vorsitz führte, beiwohnen lassen, ohne uns erst die Mühe zu nehmen, sie genauer mit den beiden Souveränen bekannt zu machen, von welchen wir in unserem ersten Capitel einen flüchtigen Schattenriß angedeutet haben. Wir sind aber überzeugt, daß unsere Erzählung dann allerdings an raschem Gang gewinnen, dagegen an Interesse verlieren würde, denn je besser man die Personen, welche man agieren sieht, kennt, desto größer ist nach unserer Ansicht das Interesse, welches man an ihren guten oder schlimmen Thaten nimmt. Uebrigens haben die seltsamen Persönlichkeiten, welche wir in den beiden gekrönten Helden dieser Geschichte in den Vordergrund treten zu lassen haben, so viele bizarre Seiten, daß gewisse Stellen unserer Erzählung unglaublich oder unverständlich sein würden, wenn wir nicht hier einen Augenblick Halt machten, um unsere in großen Strichen hingeworfenen Skizzen in zwei sorgfältig ausgeführte Oelporträts zu verwandeln, welche, wie wir im Voraus versprechen, mit den offiziellen Abbildungen von Königen und Königinnen, welche die Minister des Innern an die Hauptorte der Departements und der Cantons schicken, damit man dort die Präfekturen und die Mairien damit verziere, durchaus nichts gemein haben werden. Gehen wir daher in Bezug auf die Dinge oder vielmehr auf die Personen noch ein wenig weiter zurück. Der im Jahre 1759 erfolgte Tod Ferdinands des Sechsten rief seinen jüngsten Bruder, welcher in Neapel regierte, auf den spanischen Thron, auf welchem er ihm unter dem Namen Carl der Dritte folgte. Carl der Dritte hatte drei Söhne. Der erste hieß Philipp und wäre bei der Thronbesteigung seines Vaters Prinz von Asturien und ein Erbe der spanischen Krone geworden, wenn nicht die schlechte Behandlung, die er von seiner Mutter erfuhr, ihn wahnsinnig oder vielmehr blödsinnig gemacht hatte. Der zweite Namens Carl füllte die durch die Umverwendbarkeit seines ältesten Bruders entstandene Lücke aus und regierte unter dem Namen Carl der Vierte. Der dritte endlich hieß Ferdinand und sein Vater hinterließ ihm die Krone von Neapel, welche er mit der Schärfe des Schwertes gewonnen und die er gleichwohl gezwungen war, wieder aufzugeben. Der junge Prinz, welcher, als sein Vater nach Spanien abging, sieben Jahre zählte, ward unter eine doppelte Vormundschaft, eine politische und moralische, gestellt. Sein politischer Vormund war Tanucci, Regent des Königreichs; ein moralischer Vormund war der Fürst von San Nicandro, sein Lehrer. Tanucci war ein feiner, schlauer Florentiner, welcher den ausgezeichneten Platz, den er in der Geschichte einnimmt, nicht seinem eigenen großen persönlichen Verdienst, sondern dem geringen Verdienst der Minister, welche auf ihn folgten, verdankt. Groß an und für sich betrachtet, würde er doch zu einer sehr gewöhnlichen Erscheinung zusammenschrumpfen, wenn man ihn mit einem Colbert oder auch nur mit einem Louvois vergliche. Was den Fürsten von Nicandro betraf, welcher, wie man versicherte, von der Mutter Ferdinands, der Königin Marie Amelie,[4 - Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß diese Königin Marie Amelie, obschon dieselben Vornamen tragend, mit der achtungswürdigen und geachteten Königin Marie Amelie, der Witwe des Königs Ludwig Philipp, nichts gemeinsam hat als die Verwandtschaft.] derselben Fürstin, welche ihren ältesten Sohn durch schlechte Behandlung blödsinnig gemacht, das Recht gekauft hatte, aus ihrem dritten Sohn, wenn auch nicht einen Blödsinnigen, doch einen Ignoranten zu machen, und der, wie man versicherte, dieses Recht mit dreißigtausend Ducaten bezahlt hatte, so war er der reichste, der bornierteste und verderbteste der Höflinge, welche gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Thron der beiden Sicilien umschwärmten. Man fragt sich, wie ein solcher Mann selbst mit Hilfe von Geld dazu gelangen konnte, Lehrer eines Fürsten zu werden, der einen so intelligenten Mann wie Tanucci zum Minister hatte. Die Antwort hierauf ist sehr einfach. Taunucci, welcher Regent des Königreichs, das heißt, eigentlicher Regent beider Sicilien war, sah es gar nicht ungern, wenn diese Regentschaft auch über die Volljährigkeit eines vornehmen Mündels hinaus verlängert ward. Als Florentiner hatte er das Beispiel der Florentinerin Katharina von Medicis vor Augen gehabt, welche nach der Reihe unter Franz dem Zweiten, Carl dem Neunten und Heinrich dem Dritten regiert hatte. Nun konnte es ihm aber nicht fehlen, unter oder über Ferdinand, wie man will, zu regieren, wenn es dem Fürsten von San Nicandro gelang, aus seinem Zöglinge einen Fürsten zu machen, der eben so unwissend und eine eben so große Null war, wie sein Lehrer. Wenn dies wirklich Tanuccis Wunsch war, so muß man sagen, daß der Fürst von San Nicandro ihm bereitwilligt entgegenarbeitete. Ein deutscher Jesuit war beauftragt, den König im Französischen zu unterrichten, was dieser aber niemals lernte, und da man es nicht angemessen fand, ihn italienisch zu lehren, so war die Folge davon die, daß er zur Zeit seiner Vermählung weiter nichts sprechen konnte als das Patoisde Lazzaroni, welches er von seiner Dienerschaft und den Kindern aus dem Volke gelernt, welche man zu seiner Zerstreuung zu ihm kommen ließ. Marie Caroline brachte ihn so weit, daß er sich dieser Unwissenheit schämte, lehrte ihn lesen und schreiben, was er bis jetzt so gut wie nicht gekonnt, und ließ ihn ein wenig im reinen Italienisch unterrichten. In seinen gut gelaunten oder zärtlichen Augenblicken nannte er sie daher auch nicht anders als »meine liebe Schulmeisterin«, indem er auf diese Weise auf die Elemente seiner Erziehung anspielte, welche sie zu vervollständigen gesucht hatte. Wünscht man ein Beispiel von der Beschränktheit des Fürsten von San Nicandro zu hören? Wir wollen eins erzählen. Eines Tages fand der würdige Lehrer in Ferdinands Händen die »Memoiren Sullys, welche der junge Prinz zu entziffern suchte, weil er gehört, daß er von Heinrich dem Vierten abstamme und daß Sully Minister Heinrich des Vierten gewesen sei. Das Buch ward ihm sofort weggenommen und dem Unvorsichtigen, der ihm dieses schlechte Buch geliehen, ein scharfer Verweis ertheilt. Wir erwähnen diese erste Erziehung ganz besonders deshalb, damit man dem König Ferdinand für die tadelnswerthen Handlungen, die man ihn im Laufe dieser Erzählung begehen sehen wird, keine schwerere Verantwortlichkeit aufbürde, als die Gerechtigkeit gestattet. Nachdem wir diesen ersten Punkt der historischen Unparteilichkeit festgestellt, wollen wir sehen, wie es eigentlich mit dieser Erziehung aussah. Das Gewissen des Fürsten von San Nicandro begnügte sich nicht mit der tröstlichen Ueberzeugung, daß er, da er selbst nichts wußte, seinem Zöglinge auch nichts lehren konnte, sondern um ihn in einer ewigen Kindheit zu erhalten, während doch zugleich die physischen Eigenschaften, womit die Natur ihn begabt, durch tüchtige Leibesübungen entwickelt würden, entfernte er von ihm Alles – Mensch oder Buch – was in seinem Gemüthe das mindeste Licht über das Schöne, über das Gute und über das Wahre verbreiten konnte. Der König Carl der Dritte war wie Nimrod ein großer Jäger vor dem Herrn. Der Fürst von San Nicandro that Alles, was in seinen Kräften stand, damit wenigstens in dieser Beziehung der Sohn in die Fußstapfen des Vaters träte. Deshalb setzte er alle tyrannischen Jagdgesetze, die selbst unter Carl dem Dritten außer Anwendung gekommen waren, wieder in Kraft. Die Wilddiebe wurden mit Gefängniß, Kettentragen und selbst mit der Wippe bestraft. Man bevölkerte die königlichen Forsten wieder mit Hochwild. Man vervielfältigte die Aufseher, und damit die Jagd, dieses anstrengende Vergnügen, den jungen Fürsten nicht zu sehr ermüde und damit er während der dadurch nöthig gemachten Erholungszeit nicht auf den allerdings nicht wahrscheinlich, aber doch immer möglichen Gedanken verfiele, irgendeine Wissenschaft studieren zu wollen, brachten seine Lehrer ihm Geschmack am Fischfang, einem ruhigen bürgerlichen Vergnügen, bei, welches nach dem anstrengenden und königlichen Vergnügen der Jagd zur Erholung dienen konnte. Eins von den Dingen, welche den Fürsten von San Nicandro in Bezug auf die Zukunft des Volkes, über welches sein Zögling zu regieren berufen war ganz besonders beunruhigten, war, daß dieser ein von Natur sanftes und gutes Gemüth besaß. Es war deshalb dringend nöthig, diese beiden Eigenschaften in dem Herzen eines jungen Königs nicht Wurzel fassen zu lassen. Der Fürst von San Nicandro schlug zu diesem Zwecke folgenden Weg ein. Er wußte, daß der älteste Bruder seines Zöglings, der, welcher Prinz von Asturien geworden und seinem Vater nach Spanien gefolgt war, während seines Aufenthaltes in Neapel es sich zum großen Vergnügen gemacht hatte, lebendigen Kaninchen die Haut abzuziehen. Der Fürst suchte auch Ferdinand Geschmack an diesem Zeitvertreib beizubringen, der arme Knabe legte aber dagegen einen solchen Widerwillen an den Tag, daß San Nicandro beschloß, ihn die armen Thiere blos todtschlagen zu lassen. Um diesem Vergnügen den Reiz der überwundenen Schwierigkeit zu geben, und da man aus Furcht, er werde sich selbst verletzen, einem acht- oder neunjährigen Knaben noch kein Schießgewehr in die Hand geben konnte, so trieb man vierzig bis fünfzig Stück im Netz gefangene Kaninchen in einem Hofe zusammen und jagte sie durch eine in einer Thür angebrachte Oeffnung, hinter welcher der junge König mit einem Stocke stand, und die an ihm vorbeirennenden Thiere erlegte oder fehlte. Ein anderes Vergnügen, an welchem der Zögling des Fürsten von San Nicandro nicht weniger Geschmack fand, war das, daß er Thiere auf Tüchern prellen ließ. Leider kam er eines Tages auf die unglückliche Idee, einen der Jagdhunde des Königs, seines Vaters, prellen zu lassen, was einen strengen Verweis und das unbedingte Verbot zur Folge hatte, jemals wieder einen dieser edlen Vierfüßler zu behelligen. Als König Carl der Dritte nach Spanien abgereist war, sah der Fürst von San Nicandro kein Hinderniß mehr, seinem Zögling die verlorene Freiheit zurückzugeben und dieselbe sogar von den Vierfüßlern auf die Zweifüßler zu erstrecken. So sah er eines Tages, als Ferdinand Ball schlug, unter denen, welche ihm bei diesem edlen Spiel zusahen, einen magern, weißgepuderten und mit einem geistlichen Gewand bekleideten jungen Mann. Ihn sehen und den unwiderstehlichen Wunsch, ihn prellen zu lassen, empfinden, war das Werk eines Augenblickes. Ferdinand sagte einem der zum Empfang seiner Befehle bereit stehenden Lakai einige Worte ins Ohr. Der Lakai eilte nach dem Schlosse – der Vorfall ereignete sich in Portici – und kehrte mit einem großen Tuch zurück. Sobald dieses zur Stelle gebracht war, verließen der König und drei Spieler das Spiel, ließen den bezeichneten jungen Mann von dem Lakai packen, auf das Tuch, welches sie an den vier Zipfeln hielten legen, und prellten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer und dem Beifallsgeschrei des gemeinen Volkes. Der junge Mann, welchem diese Schmach zugefügt ward, war der jüngste Sohn einer edlen florentinischen Familie. Die Scham, die er darüber empfand, auf diese Weise dem Prinzen zum Spielwerk und dem Pöbel und Lakaientroß zum Gelächter gedient zu haben, war so groß, daß er Neapel noch denselben Tag verließ, nach Rom ging, hier gleich nach seiner Ankunft erkrankte und nach Verlauf von wenigen Tagen starb. Der Hof von Toscana beschwerte sich bei den Cabineten von Neapel und Madrid, der Tod eines kleinen Abbé und jüngeren Sohnes war aber von zu geringer Bedeutung, als daß durch den Vater des Schuldigen oder den Schuldigen selbst irgendwelche Genugthuung gegeben worden wäre. Man begreift, daß der König, als Kind gänzlich mit dergleichen Vergnügungen beschäftigt, sich in der Gesellschaft unterrichteter Leute langweilte und als junger Mann sich derselben schämte. Er verbrachte deshalb seine ganze Zeit theils auf der Jagd, theils beim Fischfang oder damit, daß er Kinder seines Alters exercieren ließ, indem er sie im Hofe des Schlosses versammelte und mit Besenstielen bewaffnete, Sergeanten, Lieutenants und Capitäne ernannte und die, welche schlecht exercirten oder schlecht commandierten, mit seiner Peitsche durchhieb. Trotz dieser mangelhaften Erziehung bewahrte der König doch einen gewissen gesunden Menschenverstand, welcher, wenn er nicht in entgegengesetzter Richtung beeinflußt ward, ihn zum Rechten und Wahren führte. In der ersten Hälfte seines Lebens, nämlich vor der französischen Revolution und so lange er nicht das Eindringen dessen, was er die schlechten Grundsätze nannte, fürchtete, weigerte er sich niemals, Aemter oder Pensionen den Männern zu verleihen, welche ihm als verdienstvoll empfohlen wurden. Obschon er selbst nur das Patois des Hafendammes sprach, so war er doch für eine erhabene und beredte Sprache durchaus nicht unempfindlich. Eines Tages gelang es einem Barfüßermönch, Namens Pater Fosco, der von den Mönchen seines Klosters verfolgt ward, weil er gelehrter und ein besserer Prediger war als diese, bis vor den König zu kommen; er warf sich ihm zu Füßen und erzählte ihm, was er von der Eifersucht und Unwissenheit seiner Collegen zu leiden hatte. Der König ließ, betroffen von der Eleganz seiner Worte und der Energie seiner Ausdrucksweise, ihn lange sprechen und antwortete dann endlich: »Laßt mir euren Namen da und kehrt in euer Kloster zurück. Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß Ihr das erste erledigte Bisthum erhalten sollt.« Das erste Bisthum, welches zur Erledigung kam, war das von Monopoli in der Provinz Bari am adriatischen Meere. Der Gewohnheit gemäß präsentierte der Großalmosenier dem König drei Candidaten, die sämmtlich aus vornehmen Familien bestanden. Der König Ferdinand schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Seitdem Ihr beauftragt seid, Candidaten zu präsentiren, habt Ihr mich veranlaßt, sehr viele Bischofsmützen an Esel zu verleihen, für welche ein Packsattel weit angemessener gewesen wäre. Heute beliebt es mir, einen Bischof nach meiner Façon zu machen. Ich hoffe, daß er besser sein wird als alle, welche Ihr mir aufs Gewissen geladen und wegen deren Ernennung ich Gott und den heiligen Januarius um Verzeihung bitte.« Und die drei Namen durchstreichend, schrieb er den des Pater Fosco hin. Pater Fosco ward auf diese Weise, wie Ferdinand vorausgesehen, einer der ausgezeichnetsten Bischöfe des Königreichs und als eines Tages Jemand, der ihn predigen gehört, gegen den König nicht blos die Beredsamkeit, sondern auch den musterhaften Lebenswandel des ehemaligen Barfüßermönchs lobte, antwortete Ferdinand: »Ich würde immer auf diese Weise wählen, bis jetzt habe ich aber nur einen einzigen verdienstvollen Mann unter den Leuten der Kirche kennen gelernt. Der Großalmosemier bringt allemal nur Esel in Vorschlag. Freilich aber kennt der arme Mann Niemanden weiter als seine Stallgenossen.« Ferdinand gab zuweilen Beweise von einer Gutmüthigkeit und Leutseligkeit, welche an die seines Ahns Heinrichs des Vierten erinnerte. Eines Tages, als er in Uniform im Park von Caserta spazieren ging, näherte sich ihm eine Bäuerin und sagte zu ihm: »Man hat mir versichert, mein Herr, daß der König oft in dieser Allee spazieren ginge. Wissen Sie vielleicht, ob ich Aussicht habe, ihm heute hier zu begegnen?« »Gute Frau,« antwortete Ferdinand, »wann der König hier vorüberkommen wird, kann ich Euch nicht sagen, wenn Ihr aber etwas bei ihm anzubringen habt, so kann ich es ihm mittheilen, weil ich Dienst bei ihm habe.« »Nun denn,« sagte die Frau, »die Sache ist die. Ich habe einen Prozeß und da ich als arme Witwe dem Berichterstatter beim Spruchgericht kein Geschenk machen kann, so hat dieser die Sache schon seit drei Jahren liegen lassen.« »Habt Ihr darüber eine Bittschrift aufsetzen lassen?« »Ja, mein Herr, hier ist sie.« « »Gebt sie mir und kommt morgen zu derselben Stunde wieder. Ich werde sie Euch, mit der Randbemerkung des Königs versehen wieder zurückgeben.« »Und ich,« sagte die Witwe, »ich habe blos drei fette Truthühner, wenn Sie aber dies für mich thun, so gehören die drei Truthühner Ihnen.« »Nun dann kommt morgen mit euren drei Truthühnern wieder, gute Frau, und eure Bittschrift soll erledigt werden.« Die Witwe fand sich pünktlich ein, aber nicht pünktlicher als der König selbst. Ferdinand hatte die Bittschrift in der Hand, die Frau die drei Truthühner. Er nahm die drei Hühner und die Frau die Bittschrift in Empfang. Während der König die Hühner betastete, um zu sehen, ob sie wirklich so fett wären, wie die Frau gesagt, schlug die gute Frau die Bittschrift auseinander, um zu sehen, ob dieselbe wirklich mit der Randbemerkung des Königs versehen wäre. Jedes hatte treulich Wort gehalten. Die Frau entfernte sich nach ihrer Richtung, der König nach der seinigen. Der König trat in das Zimmer der Königin, während er seine drei Hühner an den Pfoten festhielt. Da Marie Caroline das sich in den Händen ihres Gemahls sträubende Geflügel mit verwundertem Blick betrachtete, sagte er: »Nun, meine liebe Schulmeisterin, Sie sagen immer, ich taugte zu nichts und würde, wenn ich nicht König wäre, nicht wissen, womit ich mein Brod verdienen sollte. Hier aber bringe ich drei Hühner, welche man mir für eine Unterschrift geschenkt hat.« Und er erzählte der Königin das ganze Abenteuer. »Die arme Frau!« sagte die Königin, als er mit seiner Erzählung fertig war. »Warum arme Frau?« »Weil sie ein schlechtes Geschäft gemacht hat. Glauben Sie denn, daß der Berichterstatter sich an Ihre Signatur kehren werde?« »Daran habe ich auch gedacht,« sagte Ferdinand mit schelmischem Lächeln, »aber ich habe meine Idee.« Die Königin hatte wirklich Recht. Die Empfehlung ihres Gemahls äußerte auf den Berichterstatter nicht die mindeste Wirkung und der Prozeß hatte keinen schnelleren Fortgang als vorher. Die Witwe kam wieder nach Caserta und da sie den Namen des Officiers, der ihr jenen Dienst geleistet, nicht kannte, so fragte sie nach dem Manne, welchem sie drei Truthühner gegeben. Das Abenteuer war in weiteren Kreisen bekannt geworden und man meldete dem König, daß die Klägerin da sei. Der König ließ sie eintreten. »Nun, gute Frau,« sagte er zu ihr, »Ihr kommt wohl, um mir zu melden, daß euer Prozeß entschieden ist?« »Nein, damit ist es nichts!« sagte sie. »Der König muß in keinem großen Ansehen stehen, denn als ich dem Berichterstatter meine Bittschrift mit der Randbemerkung Seiner Majestät übergab, sagte er: »Schon gut, schon gut; wenn der König so große Eile hat, so wird er es machen wie die Andern, nämlich warten. Wenn Sie daher, setzte die Bäuerin hinzu, »ein gewissenhafter Mann sind, so werden Sie mir meine drei Hühner zurückgeben oder wenigstens bezahlen.« Der König fing an zu lachen. »Wiedergeben kann ich sie bei dem besten Willen von der Welt nicht, sagte er; »wohl aber kann ich sie Euch bezahlen.« Mit diesen Worten nahm er sämmtliche Goldstücke, die er in der Tasche hatte, heraus und gab sie der Frau. »Was euren Berichterstatter betrifft, setzte er hinzu, »so haben wir heute den 25. März, Ihr werdet aber sehen, daß euer Prozeß schon in der ersten Aprilsitzung entschieden wird.« In der That, als der Berichterstatter am letzten Tage dieses Monats erschien, um sich seinen Gehalt auszahlen zu lassen, ward ihm im Namen des Königs von dem Schatzmeister gesagt: »Seine Majestät haben befohlen, daß Ihr Gehalt Ihnen nicht eher ausgezahlt werde, als bis der Prozeß, den er Ihnen die Ehre erzeigt, Ihnen zur Beschleunigung zu empfehlen, entschieden sein wird.« Ganz wie der König vorausgesehen, ward der Prozeß auch wirklich in der ersten Gerichtssitzung entschieden. So erzählte man von dem Könige in Neapel noch eine Menge derartige Anecdoten, von welchen wir uns begnügen werden, zwei oder drei mitzutheilen. Eines Tages, als er in dem Walde von Persano jagte, wobei er dieselbe Uniform trug wie sein Gefolge, traf er eine alte Frau, welche schluchzend an einen Baum gelehnt stand. Er redete sie an und fragte sie, was ihr fehle. »Ich bin Witwe und habe sieben Kinder, antwortete sie. »Meine ganze Habe besteht in einem kleinen Ackerfeld, und dieses kleine Feld ist mir durch die Hunde und die Piqueurs des Königs verwüstet worden.« Achselzuckend und mit erneuertem Schluchzen setzte sie dann hinzu: »Es ist sehr hart, Unterthan eines Mannes zu sein, welcher um des Vergnügens einer Stunde willen kein Bedenken trägt, eine ganze Familie zu ruinieren. Ich frage Sie: Warum verwüstet dieser Tölpel mein Feld?« »Was Ihr da sagt, ist sehr richtig, liebe Frau,« antwortete Ferdinand, »und da ich im Dienste des Königs stehe, so werde ich ihm eure Beschwerde vortragen, aber dabei natürlich die beleidigenden Ausdrücke verschweigen, deren Ihr Euch soeben bedient habt.« »Meinetwegen sage ihm, was Du willst, fuhr die Frau immer erbitterter fort. »Von einem solchen Egoisten hab ich nichts Gutes zu erwarten und er kann mir nicht mehr Schaden zufügen, als er mir schon zugefügt hat.« »Na, darauf kommt weiter nichts an,« sagte der König. »Jetzt zeigt mir wenigstens euer Feld, damit ich beurtheilen kann, ob es wirklich so sehr verwüstet ist, wie Ihr sagt.« Die Witwe führte ihn nach ihrem Felde. Die Früchte desselben waren in der That von Menschen, Pferden und Hunden niedergetreten und zerstampft, so daß die ganze Ernte verloren war. Der König sah einige Bauern in der Nähe, rief sie herbei und forderte sie auf, den Schaden, welchen die Witwe erlitten, gewissenhaft abzuschätzen. Sie taxierten ihn auf zwanzig Ducaten. Der König suchte in seiner Tasche. Er fand darin sechzig. »Hier,« sagte er zu den beiden Bauern, »hier sind zwanzig Ducaten, die ich Euch als Taxationsgebühren schenke. Was die übrigen vierzig betrifft, so gehören sie dieser armen Frau. Wenn die Könige Schaden anrichten, so können sie nicht weniger thun, als daß sie dafür doppelt so viel bezahlen, als ein einfacher Privatmann bezahlen würde.« Ein andermal reist eine Frau, deren Mann zum Tode verurtheilt worden, auf den Rath des Advocaten, welcher den Verurtheilten vertheidigt hat, von Aversa ab und kommt zu Fuße nach Neapel, um die Begnadigung ihres Mannes zu erbitten. Es war durchaus nicht schwer in die Nähe des Königs zu gelangen, welcher fortwährend zu Fuß oder zu Pferde in der Toledostraße oder an der Chiaja herumpromenirte. Diesmal aber war er zum Unglücke oder vielmehr zum Glücke für die Bittstellerin weder im Palaste, noch in Chiaja, noch in Toledo. Er befand sich vielmehr in Capodimonte. Es war gerade die Zeit der Feigendrosseln und sein Vater, Carl der Dritte, hatte das Schloß, welches über zwölf Millionen gekostet, einzig und allein zu dem Zwecke bauen lassen, einen gut gelegenen Ort zur Jagd auf dieses von den Feinschmeckern so geschätzte kleine Wild zu haben. Die arme Frau war todtmüde, denn sie hatte in schnellem Laufe fünf Meilen zurückgelegt. Sie erschien an der Thür des königlichen Palastes und als sie erfuhr, daß Ferdinand in Capodimonte wäre, bat sie den Commandanten des Palastes um die Erlaubniß, die Rückkehr des Königs erwarten zu dürfen. Der Commandant ward von Mitleid ergriffen, als er ihre Thränen sah und die Ursache derselben erfuhr. Er bewilligte ihr daher ihr Verlangen. Sie setzte sich auf die erste Stufe der Treppe, auf welcher der König in den Palast heraufkommen mußte. Wie groß aber auch ihre Angst und Unruhe war, so war die Ermüdung doch noch stärker, und nachdem sie einige Stunden gegen den Schlaf gekämpft, sank sie endlich mit dem Kopfe an die Mauer, schloß die Augen und schlief ein. Kaum hatte sie seit einer Viertelstunde geschlafen, als der König zurückkam. Er war ein bewunderungswürdiger Schütze, und war an diesem Tage noch geschickter gewesen, als gewöhnlich. Seine Stimmung war deshalb eine außergewöhnlich wohlwollende, als er die Frau erblickte, die auf ihn wartete. Man wollte sie wecken, der König befahl jedoch durch einen Wink, daß man sie nicht störe. Er näherte sich ihr, betrachtete sie mit einem Gemische von Neugier und Theilnahme und als er die Ecke der Bittschrift sah, welche aus ihrem Brusttuche hervorragte, zog er dieselbe vorsichtig heraus, las sie, verlangte Tinte und Feder, schrieb darunter: »Fortuna e duorme,« was unserem: »Das Glück kommt im Schlafe« entspricht, und unterzeichnete: »Ferdinand B.« Er befahl hierauf, daß man die Bäuerin unter keinem Vorwande wecke, verbot, daß man sie bei ihm vorlasse, ertheilte Anordnung wegen Aufschub der Hinrichtung und steckte die Bittschrift wieder dahin, wo er sie weggenommen. Nach Verlauf einer halben Stunde schlug die Bittstellerin die Augen auf, fragte, ob der König zurückgekommen und hörte, daß er, während sie geschlafen, an ihr vorübergegangen sei. Die arme Frau war außer sich. Sie hatte die Gelegenheit verfehlt, um welcher willen sie einen so weiten und anstrengenden Weg gemacht. Sie bat den Commandanten des Palastes, ihr zu erlauben, zu warten, bis der König wieder ausginge. Der Commandant antwortete, daß ihm dies streng verboten sei und die Bäuerin machte sich verzweiflungsvoll auf den Rückweg nach Aversa. Ihr erster Besuch nach ihrer Wiederankunft hier war bei dem Advocaten, der ihr den Rath gegeben, die Gnade des Königs anzurufen. Sie erzählte ihm, was geschehen, und wie sie durch eigene Schuld eine nie wiederkehrende Gelegenheit versäumt. Der Advocat hatte Freunde bei Hofe. Er forderte die Frau auf, ihm die Bittschrift zurückzugeben und sagte, er würde Mittel finden, sie auf anderem Wege an den König zu befördern. Die Frau gab dem Advocaten die verlangte Bittschrift zurück. Mechanisch schlug er dieselbe auseinander, hatte aber kaum die Augen darauf geworfen, so stieß er einen Freudenschrei aus. In der Situation, wo man sich befand, bedeutete das von der Hand des Königs geschriebene und unterzeichnete Sprichwort so viel als eine Begnadigung und in der That ward auf die Vorstellungen des Advocaten, auf die Vorzeigung der Marginalbemerkung des Königs und ganz besonders in Folge des von dem König direkt ertheilten Befehls acht Tage später der Gefangene der Freiheit zurückgegeben. In der Wahl seiner Liebschaften war der König nichts weniger als schwer zu befriedigen. Im Allgemeinen fragte er wenig nach Rang und Bildung, dafern die Person nur jung und schön war. In allen Forsten, worin er dem Vergnügen der Jagd oblag, besaß er hübsche kleine Häuser, die aus vier bis fünf sehr einfach, aber sehr zweckmäßig möblierten Zimmern bestanden. Hier machte er Halt, um zu frühstücken, oder zu dinieren oder auch um blos einige Stunden auszuruhen. In jedem dieser kleinen Häuser befand sich eine Wirthin, welche stets aus der Zahl der jüngsten und schönsten Mädchen der benachbarten Dörfer gewählt ward. Als er eines Tages zu dem Kammerdiener, zu dessen Function es gehörte, darauf zu sehen, daß sein Herr nicht zu oft immer dieselben Gesichter wiederfände, sagte: »Nimm Dich in Acht, daß die Königin nicht erfahre, was hier vorgeht,« antwortete der Kammerdiener, welcher sich sehr frei aussprechen durfte: »Ach, machen Sie sich doch keine Sorge, Sire, Ihre Majestät die Königin treibt es noch viel toller und geht dabei nicht mit so viel Vorsicht zu Werke.« »Schweig!« antwortete der König. »Es kann durchaus nichts schaden, wenn die Racen sich ein wenig kreuzen.« Und in der That, als der König sah, daß die Königin sich so wenig genierte, fand er es angemessen, sich seinerseits ebensowenig zu genieren. Zuletzt gründete er seine berühmte Colonie Leucio, an deren Spitze er, wie wir bereits früher erzählt, den Cardinal Fabricio Ruffo gestellt hatte. Diese Colonie zählte fünf- bis sechshundert Einwohner, die unter der Bedingung, daß die Ehemänner und Väter den König niemals in ihr Haus kommen sehen und sich niemals unterstünden, eine Thür öffnen zu lassen, welche ihre Gründe hätte, geschlossen zu bleiben, eine Menge Vorrechte genossen. So waren sie zum Beispiel frei vom Militärdienst, hatten ihr besonderes Gericht, durften sich verheiraten, ohne der Einwilligung der Eltern zu bedürfen, und wurden, wenn sie sich verheirateten, unmittelbar vom König selbst ausgestattet. Die Folge hiervon war, daß die Bevölkerung dieses von diesem zweiten Idomeneus gegründeten zweiten Salenta eine Art Sammlung von unmittelbar durch den König geschlagenen Medaillen ward, wo die Alterthumsforscher noch dem bourbonischen Typus finden können, nachdem er von der ganzen übrigen Erde verschwunden sein wird. Aus allen den Anekdoten, welche wir hier erzählt, ist leicht zu ersehen, daß der König Ferdinand, wie sein Lehrer, der Fürst von San Nicandro, sehr richtig entdeckt, von Natur keineswegs grausam war. Sein Leben konnte zu der Zeit, bei welcher wir angelangt sind, das heißt beim Jahre 1798, jedoch schon in zwei Phasen getheilt werden. Vor der französischen Revolution – nach der französischen Revolution. Vor der französischen Revolution war er der Mann, den wir gesehen, nämlich naiv, witzig, lebhaft und mehr zum Guten als zum Bösen geneigt. Nach der französischen Revolution ist er der Mann, den wir sehen werden, das heißt furchtsam, unversöhnlich, mißtrauisch und mehr zum Bösen als zum Guten geneigt. Bei dem moralischen Porträt, welches wir vielleicht ein wenig allzu ausführlich, aber nur durch Thatsachen, nicht durch Worte gezeichnet, haben wir den Zweck gehabt, die seltsame Persönlichkeit des Königs Ferdinand kennen zu lernen. Von Natur gute Geistesanlagen, keine Erziehung, Gleichgültigkeit gegen allen Ruhm, Abscheu vor jeder Gefahr, wenig Gefühl und Herz, zum Princip gewordene Gewissenlosigkeit, die ebenso wie bei Ludwig dem Vierzehnten zu weit getriebene Vergötterung der königlichen Gewalt, der Cynismus des politischen und des Privatlebens, so wie er durch die tiefe Verachtung der vornehmen Cavaliere, welche ihn umgaben, zu Tage trat, eine Verachtung, die sich auch auf das Volk erstreckte, welches er mit Füßen trat, und in welchem er nur Sclaven sah; niedrige Triebe, welche ihn zu physischen Genüssen verlockten, die unaufhörlich den Körper auf Kosten des Geistes materialisieren – dies sind die Anhaltspunkte, nach welchen man den Mann beurtheilen muß, welcher den Thron fast eben jung bestieg wie Ludwig der Vierzehnte, der beinahe eben alt starb als dieser, und der von 1759 bis 1825, das heißt sechzig Jahre, mit Einschluß seiner Minderjährigkeit, regierte, vor dessen Augen, ohne daß er die Höhe der Ereignisse und die Tiefe der Katastrophen zu ermessen vermocht hätte, alles Große geschah, was in der ersten Hälfte des gegenwärtigen und in der letzten Hälfte des vergangen Jahrhunderts geschehen ist. Napoleon ging in seiner gesamten Erscheinung während seiner Regierung vorüber. Er sah ihn geboren werd und heranwachsen; er sah ihn sinken und stürzen. Sechzig Jahre vor ihm geboren, sah er ihn fünf Jahre vorher sterben und war ohne jemals einen andern Werth gesehen zu haben, als den eines einfachen gekrönten Statisten, eines der Hauptpersonen jenes riesigen Dramas, welches von Wien bis Lissabon, vom Nil bis zur Moskowa die Welt aus den Fugen hob. Gott nannte ihn Ferdinand den Vierten, Sicilien nannte ihn Ferdinand den Dritten, der Congreß von Wien nannte ihn Ferdinand den Ersten, die Lazzaroni nannten ihn den König Nasone. Gott, Sicilien und der Congreß irrten sich. Ein einziger von diesen vier Namen ward wirklich populär und blieb ihm. Es war dies der, welcher ihm von den Lazzare gegeben ward. Jedes Volk hat seinen König gehabt, welcher den Geist der Nation repräsentiert hat. Die Schotten hatten Robert Bruce, die Engländer hatten Heinrich den Achten, die Deutschen hatten Maximilian, die Russen hatten Iwan den Schrecklichen, die Polen hatten Johann Sobieski, die Spanier hatten Carl den Fünften, die Franzosen hatten Heinrich den Vierten, die Neapolitaner hatten Nasone. Sechstes Capitel. Die Königin Marie Caroline, Erzherzogin von Oesterreich, hatte Wien im Monat April 1768 verlassen, um sich mit Ferdinand dem Vierten in Neapel zu vermählen. Die kaiserliche Blume betrat ihr künftiges Königreich mit dem Frühlingsmonat. Sie zählte kaum erst sechzehn Jahre, denn sie war 1752 geboren. Ihr Verstand war jedoch bereits viel ausgebildeter, als man nach ihrem Alter hätte voraussetzen sollen. Sie war übrigens mehr als unterrichtet, sie war gelehrt. Sie war mehr als intelligent, sie war philosophisch gebildet, obschon in einem gegebenen Augenblick diese Liebe zur Philosophie sich in Haß gegen die verwandelte, welche dieselbe übten. Sie war schön in der vollständigen Bedeutung des Wortes und wenn sie wollte, liebenswürdig. Ihr Haar war von einem Blond, dessen Gold unter dem Puder hervorschimmerte. Ihre Stirn war breit, denn die Sorgen des Thrones, des Hasses und der Rache hatten noch nicht ihre Furchen gezogen. Ihre Augen konnten an Durchsichtigkeit mit dem Azur des Himmels wetteifern, unter welchem sie zu regieren kam. Ihre gerade Nase, ihr ein wenig hervorragendes Kinn, das Zeichen eines absoluten Willens, machte Profil zu einem griechischen. Ihre Gesichtsform war oval, die Lippen waren feurig und purpurroth, die Zähne weiß wie das weiße Elfenbein. Ein Hals, eine Brust und Schultern, welche zu schönsten Statuen von Pompeji und Herculanum oder des Museums Farnese würdig gewesen wären, vervollständigten diese prachtvolle Gesamterscheinung. In unserem ersten Capitel haben wir gesehen, wie ihr dreißig Jahre später von dieser Schönheit noch übrig geblieben war. Sie redete vier Sprachen korrekt und geläufig – erstens die deutsche, ihre Muttersprache, dann die französische, die spanische und die italienische. Beim Sprechen jedoch, besonders wenn sie von einem heftigen Gefühl aufgeregt war, machte sich ein kleines Gebrechen in der Aussprache bemerklich und es klang dann, als ob sie ein Steinchen im Munde hätte. Ihre glänzend beweglichen Augen aber und der Scharfsinn und die Logik ihrer Gedanken machten diesen unbedeutenden Mangel bald vergessen. Sie war stolz, wie es der Tochter Marie Theresiens geziemte. Sie liebte den Luxus und die Macht. Was die anderen Eigenschaften betraf, welche sich in ihr entwickeln sollten, waren dieselben noch unter der jungfräulichen Hülle der sechzehnjährigen Braut verborgen. Mit ihren deutsch-poetischen Träumen kam sie in dieses unbekannte Land, das Land »wo die Citronen blühen«, wie der deutsche Dichter sagt. Sie kam, um die glücklichen Gefilde, die Campania Felice, zu bewohnen, in welcher Tasso geboren ward, wo Virgil starb. Feurig und poetisch von Gemüth, versprach sie sich, mit der einen Hand am Pausilippo den Lorbeer zu pflücken, welcher am Grabe des Dichters des Augustus wuchs, mit der andern den, welcher in Sorrente die Wiege des Sängers Gottfrieds von Bouillon beschattete. Der Gemahl, mit welchem sie verlobt war, zählte ebenfalls sechzehn Jahre. Da er jung und von vornehmer Abstammung war, so war er ohne Zweifel auch schön, galant und tapfer. War er ein Euryalus oder Tancred, ein Nisus oder ein Renaud? Sie ihrerseits war vollkommen bereit Camilla oder Herminia, Clorinde oder Dido zu sein. Anstatt des Gebildes ihrer jugendlichen Phantasie und ihres poetischen Traumes fand sie aber den Mann, den wir bereits kennen, mit einer großen Nase, großen Händen, großen Füßen, und den Dialekt des Hafendammes mit dem Gebärdenspiel eines Lazzarone sprechend. Die erste Zusammenkunft fand in Portellaunter einem Pavillon von mit Gold gestickter Seide statt. Die Prinzessin war von ihrem Bruder Leopold begleitet, welcher beauftragt war, sie den Händen ihres Gemahls zu übergeben. Wie Joseph der Zweite, sein Bruder, war auch Leopold der Zweite von philosophischen Maximen durchdrungen. Er wollte in seinen Staaten eine Menge Reformen einführen und in der That erinnert sich Toscana, daß unter seiner Regierung die Todesstrafe abgeschafft wurde, während gleichzeitig noch mehrere andere Verbesserungen stattfanden. Ebenso wie Leopold der Pathe seiner Schwester, war Tanucci der Vormund des Königs. Bei dem erst Blick, welchen die junge Königin und der alte Minister wechselten, mißfielen sie einander wechselseitig. Caroline errieth in ihm die ehrgeizige Mittelmäßigkeit, welche ihre Gemahl, indem man ihn in seiner angeborenen Unwissenheit erhalten, alle Mittel geraubt, später einmal ein großer König oder auch nur ganz einfach ein König zu sein. Ohne Zweifel hätte sie das Genie eines Gatten, welcher ihr überlegen gewesen, anerkannt, und in ihrer Bewunderung für ihn wäre sie wahrscheinlich dann eine unterwürfige Königin und treue Gattin gewesen. Dem sollte nicht so sein. Sie erkannte im Gegentheil die tiefe Stufe, auf welcher ihr Gemahl in Bezug auf sein geistige Ausbildung stand, und eben so wie ihre Mutter zu ihren Ungarn gesagt: »Ich bin der König Marie Theresia, so sagte sie zu den Neapolitanern: »Ich bin der Königin Marie Caroline.« Dies war es aber nicht, was Tanucci wollte. Er wollte weder einen König, noch eine Königin haben, er wollte Premierminister sein. Unglücklicher Weise enthielt der Ehecontract des königlichen Paares einen kleinen Paragraphen, welcher sich eingeschlichen, ohne daß Tanucci, der die junge Erzherzogin noch nicht kannte, großes Gewicht darauf gelegt hätte. War Caroline hatte nämlich das Recht, den Sitzungen des Staatsraths beizuwohnen, sobald sie ihrem Gemahl einen Thronerben geschenkt haben würde. Es war dies ein Fenster, welches der Hof von Wien sich in den von Neapel öffnete. Bis jetzt war der Einfluß unter Philipp dem Zweiten und Ferdinand dem Siebenten von Frankreich ausgeübt, nachdem Carl der Dritte den Thron Spaniens bestiegen, ganz natürlich von Madrid gekommen. Tanucci begriff, daß zu diesem Marie Caroline geöffneten Fenster der österreichische Einfluß eindringen würde. Freilich erfreute sich Marie Caroline, da sie erst fünf Jahre nach ihrer Vermählung einen Thronerben gebar, des ihr zugestandenen Vorrechtes erst vom Jahre 1774 an. Mittlerweile hatte sie, verblendet durch Illusionen, an welchen sie hartnäckig festhielt, gehofft, ihrem Gemahl eine vollständig neue Erziehung geben zu können. Es erschien ihr dies um so leichter, als ihre Kenntnisse den jungen König mit Erstaunen erfüllt hatten. Nachdem er sie mit Tanucci und den wenigen anderen unterrichteten Personen seines Hofes sprechen gehört, schlug er sich verblüfft vor die Stirn und sagte: »Die Königin weiß doch Alles!« Später, als er sah, wohin dieses Wissen ihn führte und wie sehr es ihn von dem Pfad ablenkte, dem er zu folgen gedacht, setzte er den Worten: »Die Königin weiß Alles noch die Bemerkung hinzu: »Und dennoch begeht sie mehr Thorheiten als ich, der ich doch nur ein Esel bin.« Nichtsdestoweniger aber begann er dem Einflusse dieses überlegenen Geistes zu gehorchen und fügte sich in die Lectionen, welche sie ihm vorschlug. Sie lehrte ihn buchstäblich, wie wir schon gesagt haben, Lesen und Schreiben. Was sie ihn aber nicht lehren konnte, waren jene eleganten Manieren der nordischen Höfe, jene Sorgfalt für ein sauberes Aeußeres, die besonders in den heißen Ländern so selten ist, wo doch das Wasser nicht blos ein Bedürfniß, sondern auch ein Vergnügen sein sollte; jene weibliche Sympathie für die Blumen und für die Wohlgerüche, welche die Toilette von ihnen verlangt, jenes reizende, liebenswürdige Geplauder, welches halb dem Murmeln der Bäche, halb dem Gezwitscher der Heimchen und Nachtigallen entlehnt zu sein schien. Carolinens Ueberlegenheit demüthigte Ferdinand; Ferdinands Plumpheit stieß Caroline zurück. Allerdings konnte diese in den Augen ihres Gemahls unumstößliche Ueberlegenheit streng genommen durch wirklich unterrichtete Leute streitig gemacht werden, welche in dem Geplauder der Königin weiter nichts sahen als das Ergebniß jenes oberflächlichen Wissens, welches an Ausdehnung gewinnt, was es an Tiefe verliert. Vielleicht hätte man, wenn man sie so beurtheilte, wie sie beurtheilt werden mußte, bei ihr mehr Geschwätz als Urtheil und ganz besonders jene Pedanterie gefunden, welche den Prinzen des Hauses Lothringen eigen zu sein pflegte und welcher auch ihre Brüder Joseph und Leopold in so hohem Grade huldigten. Joseph sprach fortwährend, ohne Jemanden Zeit zu lassen, ihm zu antworten, und Leopold besaß alle Eigenschaften eines echten Schulmeisters. So war auch die Königin. Sie besaß ein sehr fein gechriebenes kleines Manuscript, welches sie selbst gefertigt und welches die Meinungen der Philosophen von Pytagoras an bis auf Jean Jacques Rousseau enthielt. Wenn sie nun Männer zu empfangen hatte, auf welche sie einen gewissen Eindruck zu machen wünschte, so ging sie ihr Manuscript durch und brachte je nach Umständen einige der darin enthaltenen Maximen in der Conversation an. Seltsamerweise befreundete sie sich, trotzdem sie gern den Freigeist spielte, mit dem Volksaberglauben, welchem die untergeordneten Classen der Bevölkerung von Neapel huldigen. Wir wollen hier zwei Beispiele von diesem Aberglauben anführen. Wir haben in dem Buche, welches wir schreiben, nicht blos Könige, Prinzen, Höflinge, Männer, welche ihr Leben einem Princip opfern, und Männer, welche alle Principien dem Gold und königlichen Gunstbezeigungen nachsetzen, sondern auch ein bewegliches, abergläubisches, unwissendes, rohes Volk zu schildern. Sagen wir daher, mit Hilfe welcher Mittel dieses Volk aufgewiegelt oder beschwichtigt wird. Der Ocean wird durch den Sturm aufgewühlt, das Volk von Neapel dagegen durch den Aberglauben. Es gab in Neapel eine Frau, welche man die Steinheilige nannte. Sie behauptete nämlich, ohne irgendwie krank zu sein, alle Tage eine gewisse Quantität kleine Steine von sich zu geben, welche sie als Reliquien an Die vertheilte, welche ihr Glauben schenkten. Diese Steine besaßen trotz des Weges, auf welchem sie ans Licht gelangten, die Kraft, Wunder zu thun und machten nach kurzer Zeit schon den Reliquien der angesehensten Heiligen von Neapel eine bedenkliche Concurrenz Diese angebliche Heilige war, obschon nicht krank auf Verlangen ihres Beichtvaters und ihres Arztes in große Hospital der Pellegrini zu Neapel gebracht worden wo sie dieselbe Kost bekam wie die Directoren und schönste Zimmer des Hauses bewohnte. Nachdem sie hier einmal festen Fuß gefaßt, spielt mit stillschweigender Begünstigung der Aerzte, die dabei ihre Rechnung fanden, die Komödie mit dem Verkauf wunderthätigen Steine in großem Maßstabe weiter. Wir haben jedoch Unrecht, wenn wir von Verkauf sprechen. Nein, verkauft wurden die Steine nicht, sondern verschenkt. Die Heilige, welche ein Gelübde gethan, niemals gemünztes Geld anzurühren, nahm Kleidungsstücke Schmucksachen, mit einem Worte Geschenke aller Art, tiefster Demuth an. Dieser kleine Handel, welcher in jedem anderen Lande als Neapel die angebliche Heilige vor das Zuchtpolizeigericht geführt hätte, war in Neapel blos ein Wunder mehr, weiter nichts. Die Königin ward eine der eifrigsten Anhängerin der Steinheiligen. Sie schickte ihr Geschenke und schrieb sogar an sie – die Königin war überhaupt sehr sehr selig – um sie ihren Gebeten zu empfehlen, von welcher die Erfüllung ihrer Wünsche hoffte. Man begreift, daß von dem Augenblick an, wo man die Königin in eigener Person, und zwar eine philosophie Königin, zu der Heiligen ihre Zuflucht nehmen sah, Zweifel, wenn es deren noch gab, schwanden oder wenigstens zu schwinden schienen. Nur die Wissenschaft blieb ungläubig. Nun ward die Wissenschaft, wir meinen die Wissenschaft der Medicin, zu jener Zeit durch jenen Dominico Cirillo repräsentiert, welchen wir im Palast der Königin Johanna während jener stürmischen Nacht gesehen, wo der Abgesandte Championnets mit so großer Mühe den Felsen erstieg, auf welchem jener Palast steht. Dominico Cirillo, ein Mann des Fortschritts, welcher wünschte, daß sein Vaterland der Bewegung der Erde folge, woran es nicht theilzunehmen schien, erklärte, es sei eine Schmach für Neapel, daß es in dem Augenblick, wo so viele große Geister für die Aufklärung der Menschheit thätig waren, sich diese Komödie vorspielen lasse, die kaum würdig wäre, in der Nacht des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts aufgeführt zu werden. Er suchte deshalb vor allen Dingen den Arzt auf, welcher mit der Heiligen im Einverständniß war, und versuchte ihm das Geständniß abzupressen, daß dem wirklich so sei. Der Arzt versicherte, es handle sich hier in der That um ein Wunder. Dominico Cirillo erbot sich, wenn er die Wahrheit sagen wollte, ihn persönlich für den Verlust zu entschädigen, welcher das Bekanntwerden der Wahrheit für ihn zur Folge haben würde. Der Arzt beharrte bei seiner Behauptung. Cirillo sah, daß er, anstatt eines Betrügers, deren zwei zu entlarven haben würde. Er verschaffte sich mehrere der von der Heiligen ausgeworfenen Steine, untersuchte sie und überzeugte sich, daß sie aus einfachen am Meeresstrande aufgelesenen Kieseln, aus verhärteter Kalkerde oder aus Bimssteinen befand Keiner gehörte zur Gattung derjenigen, welche sich in so der Stein- oder Grieskrankheit in dem menschlichen Körper bilden können. Der Gelehrte machte mit seinen Steinen in der Hand bei dem betreffenden Arzte einen abermaligen Versuch, Arzt blieb aber auch jetzt noch bei seiner Behauptung, das hier ein Wunder zu Grunde liege. Cirillo sah ein, daß der Sache durch ein eclatantes öffentliches Verfahren ein Ende gemacht werden müsse. Da sein Talent und seine Autorität in Sachen Medicin sämmtliche Hospitäler gewissermaßen seiner Jurisdiction unterstellten, so erschien er eines schönen Morgens in Begleitung mehrerer anderer Aerzte und Chirurgen, er zu diesem Zwecke aufgefordert, plötzlich in dem großen Hospital, trat in das Zimmer der Heiligen und untersuchte ihr Product von der vergangenen Nacht. Sie hatte vierzehn Steine zur Verfügung der Gläubigen zu stellen. Cirillo ließ sie einschließen und zwei oder drei Tage lang bewachen. Sie fuhr fort ihrer Gewohnheit gemäß Steine zu Tage zu fördern. Nur die Zahl der Steine variierte; alle aber waren von derselben Beschaffenheit wie die vorhin erwähnten. Cirillo schärfte seinem Famulus, den er als Wächter bestellt, ein, die angebliche Heilige auf das Genaueste überwachen. Der Famulus bemerkte, daß die Heilige fortwährend die Hände in den Taschen hatte und damit Zeit zu Zeit nach dem Munde fuhr, als ob die Bonbons zu sich nähme. Der Wächter zwang sie, die Hände außerhalb der Taschen zu halten, und hinderte sie, damit nach dem Munde zu fahren. Die Heilige, welche sich nicht durch offenen Widerstand gegen ihren Wächter verrathen wollte, verlangte eine Prise Tabak und brachte, indem sie die Finger an die Nase hielt, gleichzeitig die hohle Hand an den Mund, bei welcher Gelegenheit es ihr gelang, drei oder vier Steine zu verschlucken. Es waren dies freilich ihre letzten. Der junge Mann hatte den Kunstgriff bemerkt. Er hielt der Heiligen die Hände fest und ließ Frauen hereinkommen, welche auf seinen oder vielmehr auf Girillos Befehl die Heilige entkleideten. Man fand an der inneren Seite ihres Hemdes einen Beutel angenäht, welcher fünfhundertundsechzehn kleine Steine enthielt. Ueberdies trug sie um den Hals ein Amulet, welches man bis jetzt für ein Reliquienbehältniß gehalten, das aber, wie man nun fand, ebenfalls gegen sechshundert Steine enthielt. Es ward über Alles dies ein Protokoll aufgenommen, und Cirillo brachte die Heilige unter der Anklage der Gaunerei vor das Tribunal der Zuchtpolizei. Das Tribunal verurtheilte sie zu drei Monaten Gefängniß. In dem Zimmer der Heiligen fand man einen Koffer, welcher mit Silbergeschirr, Schmucksachen, Spitzen und anderen werthvollen Dingen angefüllt war. Mehrere dieser Gegenstände, und zwar die kostbarsten, hatte sie von der Königin erhalten, deren Briefe sie ebenfalls dem Gericht vorlegte. Die Königin war wüthend, und dennoch hatte Prozeß solches Aufsehen gemacht, daß sie dieses Weib in den Händen der Justiz zu entziehen wagte. Ihre Rache verfolgte nun Cirillo und dieser hatte diesem Vorfalle Behelligungen zu verdanken, welche aus ihm, dem Mann der Wissenschaft, einen Mann der Revolution machten. Was die Heilige betraf, so mangelte es, trotz von Cirillo aufgenommenen Protokolls, trotz des gerichtlichen Urtheilsspruches, welcher sie für schuldig erklärte, Neapel nicht an gläubigen Herzen, welche fortfuhren Geschenke zu schicken und sich ihrem Gebete zu empfehlen. Das zweite Beispiel von Aberglauben, welches in Bezug auf die Königin erzählen wollen, ist folgendes: Gegen das Jahr 1777, das heißt zur Zeit der Geburt desselben Prinzen Francesco, welchen wir zuerst der Galeere Capitane gesehen, als er schon zum Manne herangereift war, und von welchem später als dem Gönner des Chevalier San Felice die Rede gewesen ist, gab in Neapel einen Franciscanermönch, der achtzig Jahre und dem es gelungen war, in den Ruf der Heiligkeit kommen – einen Ruf, der von seinem Kloster, welches davon großen Nutzen hatte, immer weiter verbreitet ward. Die Mönche, eine Collegen, erzählten überall, das Käppchen, welches der alte Mann gewöhnlich trüge vom Himmel die Kraft verliehen erhalten hätte, die Wehen der Gebärenden zu erleichtern, so daß man sich förmlich dieses Käppchen riß, welches die Mönche, wie man denken kann, nur gegen ein Geschenk hergaben. Die Frauen, welche in Folge der Anwendung des Käppchens eine leichte Niederkunft gehabt, schrieen das Wunder laut aus und befestigten auf diese Weise den Ruf des wunderthätigen Käppchens. Die, welche eine schwere Niederkunft hatten oder sogar daran starben, wurden beschuldigt, keinen Glauben gehabt zu haben, und das Käppchen erhielt sich deswegen in unvermindertem Ansehen. Caroline bewies in den letzten Tagen ihrer Schwangerschaft, daß sie zunächst Weib und dann erst Königin und Philosophin war. Sie ließ sich das wunderthätige Käppchen holen und versprach, für jeden Tag, den sie es behalten würde, dem Kloster hundert Ducaten zu schicken. Sie behielt es fünf Tage, zur großen Freude der Mönche, aber zur großen Verzweiflung anderer im Gebären begriffener Frauen, welche allen Gefahren eines solchen Zustandes ausgesetzt waren, ohne sich des Beistandes des wunderthätigen Käppchens theilhaftig machen zu können. Wir können nicht sagen, ob das Käppchen des Franciscaners der Königin Glück brachte, ganz gewiß aber brachte es Neapel kein Glück, denn falsch und feig als Prinz war Franz auch falsch und feig als König. Die Manie, die Gelehrte zu spielen, welche Carolinen eben so eigen war wie ihren Brüdern Joseph und Leopold, war so stark, daß als der junge Prinz Carl, der Thronerbe, welcher im Jahre 1775 geboren war und dessen Geburt seiner Mutter die Thür des Cabinetsraths geöffnet, im Jahre 1778 erkrankte und die berühmtesten Aerzte zu einem Beistand herbeigerufen wurden, Caroline nicht mit der Angst und Unruhe einer Mutter, sondern mit der Dreistigkeit eines Professors sich in alle Consultationen mischte, ihn Rathschläge ertheilte und auf die Behandlung der Krankheit Einfluß zu äußern suchte. Ferdinand, welcher sich damit begnügte, Vater zu sei und – diese Gerechtigkeit müssen wir ihm widerfahre lassen – außer sich vor Schmerz war, den präsumtive Thronerben einem sichern Tod entgegengehen zu sehen konnte eines Tages eine kalte Dissertation der Königin übe die Ursachen der Gicht, während ihr Kind an den Blatter darniederlag, nicht länger mit anhören. Als er sah, daß trotz seiner wiederholten Winke, die ihr Schweigen geboten immer noch fortfuhr zu sprechen, stand er auf, faßte sie bei der Hand und sagte: »Aber begreifst Du denn nicht, daß es nicht genügt König zu sein, um die Heilkunde zu verstehen, sondern da diese auch erst gelernt werden muß? Ich bin ein Esel, da weiß ich recht wohl, aber ich begnüge mich auch, zu schweigen und zu weinen. Mache es wie ich oder geh' deine Wege.« Da sie trotzdem ihre Theorie immer noch weiter auseinandersetzen wollte, schob er sie auf etwas heftigere Weise, als woran sie gewöhnt war, nach der Thür und beschleunigte ihr Hinausgehen durch eine Bewegung mit dem Fuß die man eher von einem Lazzarone erwartet, als von einem König. Der junge Prinz starb zur großen Verzweiflung seines Vaters. Was Caroline betraf, so benügte sie sich, um ihn zu trösten, die Worte der Spartanerin zu citieren, welche den armen König noch niemals gehört und deren erhabenen Stoicismus er nicht zu würdigen wußte: »Als ich ihn zur Welt gebar, wußte ich, daß er bestimmt sei, einmal zu sterben.« Man begreift, daß zwei Individuen von so entgegengesetzten Charakteren nicht in gutem Einvernehmen miteinander bleiben konnten. Obschon daher zwischen Ferdinand und Caroline nicht dieselben Ursachen in Bezug auf Unfruchtbarkeit vorhanden waren, wie zwischen Ludwig dem Sechzehnten und Marie Antoinette, so glänzte doch der Anfang ihrer später an Kindern so gesegneten Ehe nicht durch Fruchtbarkeit. Ein Blick auf die von Pozzo verfaßte Genealogie dieses Regentenhauses zeigt uns, daß das erstgeborne Kind Ferdinands und Carolinens die junge Prinzessin Marie Theresia war, welche im Jahre 1772 geboren, 1790 Erzherzogin, 1792 Kaiserin ward und 1803 starb. Es waren sonach vier Jahre vergangen, ohne daß die Verbindung Früchte getragen hätte. Allerdings holte von diesem Augenblick an die Zukunft das, was die Vergangenheit versäumt, wieder ein. Dreizehn Prinzen und Prinzessinnen bezeugten, daß die Annäherungen der beiden Gatten beinahe ebenso häufig waren, als ihre Zwistigkeiten. Es ist daher wahrscheinlich, daß, wenn auch ein instinctartiges Gefühl von Widerwillen die Königin anfangs von ihrem Gemahl entfernte, doch politische Berechnung sie ihm bald wieder näherte. Eine junge, schöne, feurige Frau, wie die Königin war, besaß von dem Augenblick an, wo sie das Temperament ihres Gatten studiert, stets ein Mittel, um ihn zu bewegen, das zu thun, was sie wollte. Ferdinand konnte selbst einer Maitresse nie etwas abschlagen, wie viel weniger seiner Frau, und was für einer Frau – das heißt einer der verführerischsten, die es jemals gegeben. Das, was anfangs ganz besonders beigetragen hatte, diese feine, gefühlvolle Natur von jener grobsinnlichen und gemeinen zu entfernen, war Ferdinands Vorliebe für die Manieren eines Lazzarone. So ließ er sich zum Beispiel jedesmal, wo er im Theater San Carlo die Oper anhörte, in seiner Loge ein Souper auftragen. Dieses mehr nahrhafte als delicat Souper wäre ohne Schüssel nationale Maccaroni unvollständig gewesen. Dennoch aber waren es weniger die Maccaroni an und für sich, was der König schätzte, als vielmehr der volksthümliche Triumph, den eine Art, sie zu speisen, ihm bereitete. Die Lazzaroni entwickeln nämlich beim Verschlucken dieses Gerichts eine ganz besondere Handfertigkeit, welche sie der Verachtung verdanken, welche sie gegen den Gebrauch der Gabel hegen. Nun aber ermangelte Ferdinand, der in jeder Beziehung etwas darin suchte, der König der Lazzaroni zu sein, niemals, seine Schüssel vom Tische zu nehmen, damit an die Brüstung der Loge zu treten, und unter dem lauten Beifallruf des Parterre seine Maccaroni nach Art Polichinell's, des Schutzpatrons der Maccaroniesser, zu verzehren. Eines Tages, als er dieses Kunststück in Gegenwart der Königin ausgeführt und mit Beifall überschüttet worden, konnte die Königin sich nicht mehr beherrschen. Sie erhob sich und verließ die Loge, indem sie zugleich ihre bei den Damen, die San Marco und die San Clemente, durch einen Wink aufforderte, ihr zu folgen. Als der König sich umdrehte, fand er die Loge leer. Dennoch aber erzählt die Geschichte von einem Vergnügen dieser Art, welches Caroline theilte. Damals aber liebte sie noch mit ihrer ersten Liebe und war eben so schüchtern, wie sie später keck ward. Sie hatte in der Maskerade mit entblößtem Gesichte, welche wir sogleich erzählen werden, ein Mittel gefunden, sich dem schönen Fürsten Caramanico zu nähern, welchen wir so frühzeitig in Palermo sterben sahen. Der König hatte ein Regiment errichtet, welches er oft zu seinem Vergnügen manövrieren ließ und seine Liparoti nannte, weil die Soldaten, aus welchen es zusammengesetzt war, fast sämmtlich von den liparischen Inseln stammten. Wir haben bereits früher erwähnt, daß Caramanico als Capitän in diesem Regiment diente, dessen Oberst der König selbst war. Eines Tages befahl der König eine große Revue seines privilegierten Regimentes in der Ebene von Portici, am Fuße des Vesuves, dieser ewigen Vernichtung und Todesdrohung. Man schlug prachtvolle Zelte auf, unter welche man aus dem königlichen Schloß Weine aller Länder und Eßwaaren aller Gattungen transportierte. Eines dieser Zelte ward von dem König eingenommen, der das Costüm eines Schenkwirthes, das heißt eine kurze Jacke und Beinkleider von weißer Leinwand, trug. Auf dem Kopf trug er die traditionelle baumwollene Mütze und um die Lenden einen Gürtel von rother Seide, worin anstatt des Degens, womit Vatel sich die Kehle abschnitt, ein ungeheures Küchenmesser stak. Nie hatte der König sich behaglicher gefühlt als in diesem Costüm, und er hätte es gern sein ganzes Leben lang beibehalten. Zehn bis zwölf Kellner, die eben so gekleidet waren wie er, hielten sich bereit, den Befehlen ihres Herrn zu gehorchen und Officiere zu bedienen. Es waren dies die ersten Cavaliere des Hofes, die Aristokratie des goldenen Buchs von Neapel. Das andere Zelt war für die Königin bestimmt. Diese trug wie eine Gastwirthin in der komischen Oper einen Rock von himmelblauer Seide, ein schwarzes, mit Gold gesticktes Mieder und eine rothe silbergestickte Schürze. Halsband, Ohrringe, Armbänder, Alles bestand gleichförmig aus rosenfarbenen Korallen. Busen und Arme waren halb entblößt, und ihr Haar ohne Puder, das heißt in einer ganzen üppigen Fülle und mit dem Glanz einer goldenen Garbe, ward wie eine ihren Damm durchbrechen wollende Cascade durch ein himmelblaues Netz zurückgehalten. Ein Dutzend junger Hofdamen, die ihrerseits mit aller Eleganz und dem Raffinement gekleidet waren, welches ihre angeborenen Reize hervorzuheben geeignet war, bildeten eine fliegende Escadron, welche die der Königin Katharina von Medicis um nichts zu beneiden hatte. Mitten unter dieser Maskerade mit entblößtem Gesicht trug aber, wie wir schon angedeutet, nur die Liebe eine Maske. Indem Caroline zwischen den Tischen hin und herging, welche sie mit ihrem Kleide streifte, wodurch sie ihren bewunderungswürdig geformten Fuß sichtbar machte, hatte ein junger Capitän nur Blicke für sie und hob das Bouquet, welches sie, indem sie ihm zu trinken einschenkte, von ihrer Brust verlor, auf, um es an sein Herz zu drücken. Ach, eines dieser beiden Herzen, welche so feurig bei dem Hauche einer und derselben Liebe schlugen, war schon erloschen. Das andere schlug noch, aber erfüllt von Gefühlen des Hasses und der Rache. Etwas Aehnliches geschah zehn Jahre später in Petit-Trianon und eine ähnliche Komödie, bei welcher allerdings der plumpen rohen Soldateska keine Betheiligung gestattet war, ward von dem König und der Königin von Frankreich aufgeführt. Der König war der Müller, die Königin die Müllerin und der Mühlknappe, welcher Dillon oder Coigny hieß, gab an Eleganz, an Schönheit und selbst an Adel dem Fürsten Caramanico nichts nach. Wie dem auch sein mochte, so wußte das lebhafte Temperament des Königs sich nur schwer in die ehelichen Launen Carolinens zu fügen und er bot die Liebe, welche seine Gattin verschmähte, andern Frauen an. Dabei aber besaß er eine solche Schwäche für die Königin, daß er zu gewissen Stunden nicht einmal das Geheimniß der Treulosigkeiten bewahren konnte, deren er sich gegen sie schuldig machte. Dann heuchelte, nicht aus Eifersucht, sondern damit nicht eine Nebenbuhlerin ihr den Einfluß rauben möchte, nach welchem sie trachtete, die Königin ein Gefühl, welches sie nicht empfand, und ließ zuletzt die Dame, deren Name ihr Gemahl ihr mitgetheilt, in die Verbannung schicken. Es begegnete dies beispielsweise der Herzogin von Luciano, welche der König seiner Gemahlin selbst denuncirt hatte und welche diese auf ihre Güter verweisen ließ. Entrüstet über die Schwäche ihres königlichen Liebhabers, verkleidete die Herzogin sich als Mann, lauerte dem König auf einem seiner Gänge auf und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Der König sah ein Unrecht an, fiel vor der Herzogin auf die Knie nieder und bat sie tausendmal um Verzeihung. Deshalb war sie aber dennoch genöthigt, Neapel zu verlassen und sich auf ihre Güter zurückzuziehen, von welchen der König sie erst nach Verlauf von sieben Jahren zurückrufen ließ. Ein entgegengesetztes Verhalten hatte für die Herzogin von Cassano Serra eine ähnliche Strafe zur Folge. Vergebens hatte der König ihr den Hof gemacht. Sie hatte ihm hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt. Der König, der in Bezug auf seine Niederlagen eben so indiscret war als hinsichtlich seiner Triumphe, gestand der Königin, was der Grund seiner üblen Laune sei. Caroline, für welche eine zu strenge Tugend ein lebendiger Vorwurf war, ließ die Herzogin von Cassano Serra wegen ihres Widerstandes eben so verbannen, wie sie die Herzogin von Luciano um ihrer Schwäche hatte verbannen lassen. Auch diesmals ließ der König die gewähren. Allerdings riß ihm zuweilen die Geduld. Eines Tages hielt sich die Königin, da sie sich zufällig nicht an eine Favoritin hatte halten können, an einen Favoriten. Es war dies der Herzog von Altavilla, gegen welchen sie Grund zur Klage zu haben glaubte. Da die Königin in ihren Anwandlungen von Zorn leicht die Herrschaft über sich selbst verlor, und sich dann in den beleidigendsten Ausdrücken erging, so vergaß sie sich so weit, dem Herzog zu sagen, er erkaufe sich die Gunst des Königs durch Gefälligkeiten, die eines Mannes von Ehre nicht würdig wären. Der in seiner Würde sich verletzt fühlende Herzog von Altavilla begab sich sofort zu dem König, erzählte ihm, was geschehen, und bat ihn um die Erlaubniß, sich auf seine Güter zurückzuziehen. Der König ging, im höchsten Grade aufgebracht, sofort selbst zur Königin, und da sie, anstatt ihn zu beschwichtigen, ihn durch herbe Antworten noch mehr reizte, so verabreichte er ihr, obschon die Marie Theresiens Tochter und obschon er König war, eine Ohrfeige, welche, wenn sie von der Hand eines Fuhrmanns gekommen wäre, auf der Wange der Tochter eines Lastträgers nicht besser schallen gekonnt hätte. Die Königin entfernte sich sofort, riegelte sich in ihre Gemächer ein und schmollte, schrie und weinte. Diesmal blieb aber Ferdinand fest. Die Königin war es, welche zuerst wiederkommen und sogar den Herzog von Altavilla selbst bitten mußte, sie mit ihrem königlichen Gemahl wieder auszusöhnen. Wir haben bereits erwähnt, welche Wirkung die französische Revolution auf Ferdinand geäußert hatte; man begreift, daß diese Wirkung bei Caroline eine noch weit schrecklichere sein mußte. Bei Ferdinand war es ein vollkommen egoistisches Gefühl, ein Zurückkommen auf seine eigene Lage und ziemlich große Gleichgültigkeit in Bezug auf das Schicksal Ludwigs des Sechzehnten und Marie Antoinettens, die er nicht kannte, und die Furcht, daß ihm ein ähnliches Schicksal ereilen könne. Bei Caroline war es vor allen Dingen der Schmerz einer ins Herz getroffenen Familie. Sie, die mit trockenem Auge ihr Kind sterben sah, betete ihre Mutter, ihre Brüder ihre Schwester an. Es war der tödtlich verwundete königliche Stolz, der aber weniger durch den Tod selbst durch die Schmach dieses Todes verletzt worden. Es war der glühendste Haß gegen dieses verhaßte französische Volk, welches nicht blos die Könige, sondern auch das Königthum so zu behandeln wagte, und sie that einen Racheschwur gegen Frankreich, der nicht minder unversöhnlich war, als der des jungen Hannibal gegen Rom. Als sie innerhalb eines Zeitraumes von acht Monaten die Nachrichten von dem Tode Ludwigs des Sechzehnten und seiner Gemahlin Maria Antoinette erhielt, verlor sie vor Wuth fast den Verstand. Sie sah überall Mirabeau's, Dantons und Robespierres. Man konnte in ihrer Gegenwart nicht von Liebe und Treue ihrer Unterthanen sprechen, ohne Gefahr zu laufen, bei ihr in Ungnade zu fallen. Ihr Haß gegen Frankreich ließ sie in ihren eigen Staaten eine republikanische Partei sehen, welche weit entfernt war darin zu existieren, die sie aber endlich durch ihre unablässigen Verfolgungen selbst hervorrief. Ein Jacobiner war in ihren Augen Jeder, dessen persönlicher Werth das gewöhnliche Maß überstieg, jeder Unvorsichtige, der eine Pariser Zeitung las, jeder Stutzer, welcher die französische Mode nachahmte, und besonders Jeder, der kurzes Haar trug. Die reinsten und edelsten Bestrebungen für den socialen Fortschritt wurden als Verbrechen betrachtet, die nur durch den Tod oder lebenslängliche Gefangenschaft gesühnt werden könnten. Nachdem Emanuele de Deo, Vitagliano und Cagliani, drei Knaben, welche zusammen kaum fünfundsechzig Jahre zählten, grausam auf dem Schloßplatz hingerichtet worden, wurden Männer wie Pagano, Conforti und Cirillo eingekerkert. Der Argwohn der Königin verstieg sich bis unter die höchste Aristokratie; der Fürst Colonna, ein Caracciolo, ein Riario und endlich jener Graf von Ruvo, den wir mit Cirillo unter der Zahl der Verschwörer im Palaste der Königin Johanna figurieren gesehen, wurden ohne irgend welchen Beweggrund festgenommen, nach dem Castell San Elmo geführt und dem Kerkermeister zur schärfsten Bewachung übergeben. Der König und die Königin, die sonst in allen Dingen so wenig harmonierten, stimmten dennoch von diesem Augenblicke an in einem Punkte, ihrem Hasse gegen die Franzosen, vollkommen überein. Nur war der Haß des Königs träger Art und würde sich damit begnügt haben, die ferne von sich zu halten, während Carolinens Haß thätig war, und nicht blos das Fernhalten der Franzosen, sondern auch ihre Vernichtung verlangte. Ihr stolzer Charakter hatte die sorglose Gemüthsart Ferdinands schon längst unter ihren Willen gebeugt. Zuweilen empörte er sich allerdings dagegen, wenn ein gesunder Menschenverstand ihm zeigte, daß man ihn verleite, von dem geraden Wege abzuweichen. Mit der Zeit, Geduld und Beharrlichkeit aber erreichte die Königin das Ziel, welches sie sich einmal gesteckt. So hatte sie in der Hoffnung, an irgend einer Coialition gegen Frankreich Theil zu nehmen, oder diesem auf eigene Faust den Krieg erklären zu können, durch Acton‘s Vermittlung, beinahe ohne Vorwissen ihres Gemahls, Armee von siebzigtausend Mann ausgehoben und organisiert, eine Flotte von hundert größeren und kleineren Schiffen gerüstet, ein bedeutendes Material zusammengebracht und mit Einem Worte alle Dispositionen getroffen, damit Befehl des Königs der Krieg jeden beliebigen Tag beginnen könne. Sie war noch weiter gegangen. Da sie die Unfähigkeit der neapolitanischen Generale, welche noch niemals Armee im offenen Felde commandiert, recht wohl kannte und wußte, daß die Soldaten nur geringes Vertrauen zu ihnen haben würden, so hatte sie ihren Neffen, den Kaiser Oesterreich, um einen seiner Generale, den Baron Mack ersucht, welcher für den ersten Strategen seiner Zeit galt. Der Kaiser hatte ihre Bitte gewährt und man erwartete nun mit jedem Augenblicke die Ankunft dieser wicht Persönlichkeit, eine Ankunft, von welcher nur die Königin und Acton unterrichtet waren, während der König nicht Mindeste davon wußte. Während dieser Zeit geschah es, daß Acton, welcher sich Meister der Situation fühlte, und in der ganzen Welt nur einen einzigen Mann kannte, der ihn stürzen und an seine Stelle setzen konnte, den Entschluß faßte, sich des Mannes, dessen Entfernung ihm nicht mehr genügte, vollständig zu entledigen. Eines Tages erfuhr man in Neapel, daß der Fürst Caramanico, Vicekönig von Sicilien, krank, den nächstfolgenden, daß er dem Tode nahe, den dritten, daß er gestorben sei. Keinem Herzen vielleicht bereitete dieser Tod eine so furchtbare Erschütterung, wie dem Carolinens. Jene Liebe, die erste von allen, war durch die Trennung nur um so größer geworden und konnte nur durch den Tod ausgerottet werden. Keine der Fibern, deren sie sich bemächtigt, ward bei diesem schmerzlichen Kampfe verschont und die Qual war um so größer, als sie dieselbe den neugierigen Blicken, welche sie umgaben, verbergen mußte. Sie schützte Unwohlsein vor, schloß sich in das entlegenste ihrer Gemächer ein, wälzte sich auf dem Fußboden, zerraufte sich das Haar, stöhnte wie ein verwundeter Panther, lästerte den Himmel, verwünschte den König, ihre Krone, den Anbeter, den sie nicht geliebt und der ihr den einzigen Mann tödtete, den sie je liebte. Sie fluchte sich selbst und mehr als Allem, dem Volke, welches diesen Tod auf den Gassen ausschreiend, sie anklagte, ihrem Mitschuldigen, Acton, dieses Menschenopfer gebracht zu haben. Endlich nahm sie sich vor, alle diese in ihr Herz und Blut getretene Galle gegen Frankreich und die Franzosen zu kehren. Während dieser qualvollen Stunden durfte nur eine einzige Person, die Vertraute aller ihrer Geheimnisse und welche sie zur Verbündeten ihres Hasses zu machen gedachte, bis zu ihr gelangen. Es war dies ihre Favoritin, Emma Lyonna. Die zwei Jahre, welche seit jenem Todesfalle, dem größten Schmerze vielleicht in Carolinens ganzem Leben, verflossen waren, hatten vielleicht die Maske von Gleichgültigkeit, welche sie auf ihrem Gesichte trug, undurchdringlicher gemacht, aber die Wunden, welche im Inneren bluteten, keineswegs vernarben lassen. Allerdings hatte die Entfernung Bonapartes, der jetzt abgeschnitten in Egypten stand, die Ankunft des Siegers von Abukir mit seiner ganzen Flotte in Neapel, die Gewißheit, daß sie durch jene Circe, Lyonna, Nelson zum Verbündeten ihres Hasses und Mitschuldigen ihrer Rache machen würde, ihr eine jener bitteren Freuden bereitet, welche die einzigen sind, welche es den traurigen Herzen, den verzweifelten Seelen vergönnt ist zu fühlen. In dieser Stimmung hatte der Auftritt, welcher am Abend vorher im Palast der englischen Gesandtschaft stattgefunden, das heißt die Drohung des französischen Gesandten und seine Kriegserklärung, weit entfernt die unversöhnliche Feindin der Franzosen geschreckt zu haben, im Gegentheil ihr Ohr wie der so lange und so ungeduldig erwartete Schlag der ersehnten Stunde berührt. Anders war es mit dem König, auf welchen jener Auftritt einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht, in Folge dessen er eine sehr schlechte Nacht zugebracht. Als er in sein Zimmer zurückkam, hatte er daher auch befohlen, daß für ihn den nächstfolgenden Tag zu seiner Zerstreuung eine Schweinsjagd in dem Forste von Asproni veranstaltet werde. Siebentes Capitel. Das erleuchtete Zimmer Es war ziemlich zwei Uhr Morgens, als der König und die Königin das Hotel der englischen Gesandtschaft verließen und nach dem Palast zurückkehrten. Der König, der, wie wir eben gesagt, noch sehr mit dem stattgehabten Auftritt beschäftigt war, schlug sofort den Weg nach feinem Zimmer ein und die Königin, welche ihn selten einlud, ihr in das ihrige zu folgen, setzte dieser eiligen Entfernung kein Hinderniß entgegen, sondern schien ebenfalls sich so schnell als möglich auf ihr Zimmer begeben zu wollen. Der König verhehlte sich den Ernst der Situation durchaus nicht. Nun gab es einen Mann, welchen er unter ernsten Umständen stets mit einem gewissen Vertrauen zu Rathe zog, weil er dies selten gethan, ohne auch wirklich einen guten Rath von ihm erhalten zu haben. Die Folge hiervon war, daß er diesem Manne einen wirklichen Vorzug vor dem ganzen Schwarm der Höflinge, die ihn umgaben, zugestand. Dieser Mann war der Cardinal Fabricio Ruffo, den wir unsern Lesern gezeigt, als er dem Erzbischof von Neapel bei der Feierlichkeit assistierte, welche zu Ehren der Ankunft Nelsons in der Kathedrale von Neapel stattfand. Ruffo war mit bei dem von Sir William Hamilton dem Sieger von Abukir gegebenen Souper gewesen. Es hatte daher Alles gesehen und Alles gehört und beim Aufbruch hatte der König ihm nur die Worte zu jage gebraucht: »Ich erwarte Sie diese Nacht im Palast.« Ruffo hatte sich verneigt und damit zu verstehen gegeben, daß er Seiner Majestät zu Befehl stünde. In der That befand sich der König seit kaum er zehn Minuten in seinem Zimmer und hatte eben dem diensthabenden Kammerherrn gesagt, daß er den Cardinal er warte, als man ihm auch schon meldete, der Cardinal sei da und lasse fragen, ob es dem König beliebe, ihn zu empfangen. »Er soll hereinkommen, rief Ferdinand so laut, da der Cardinal es hörte, »freilich beliebt es mir, ihn zu empfangen.« Der auf diese Weise aufgeforderte Cardinal erwartet nicht erst den Ruf des Thürstehers, sondern entsprach der dringenden Ruf des Königs durch sofortiges persönliche Erscheinen. »Nun, Eminentissime, was sagen Sie zu dem, was soeben geschehen?« fragte der König, indem er sich in eine Sessel warf und den Cardinal durch eine Geberde einlud sich ebenfalls zu setzen. Der Cardinal, welcher wußte, daß die größte Ehrerbietung, welche man den Königen erweisen kann, darin besteht, daß man ihnen, sobald sie befohlen haben, sofort gehorcht, weil jede Einladung von ihrer Seite ein Befehl ist nahm einen Stuhl und setzte sich. »Ich sage, daß dies eine sehr ernste Angelegenheit ist, entgegnete der Cardinal. »Glücklicherweise haben Euer Majestät sich dieselbe um der Ehre Englands willen zugezogen und die Ehre Englands verlangt daher, Sie zu unterstützen.« »Was denken Sie, im Grunde genommen, von diesem Bulldog, diesem Nelson? Seien Sie aufrichtig, Cardinal.« »Euer Majestät sind so gütig gegen mich, daß ich gegen Sie stets offen bin.« »Nun, so sprechen Sie.« »Was Muth betrifft, so ist er ein Löwe, was militärischen Instinct betrifft, so ist er ein Genie, was aber Geist betrifft, so ist er glücklicherweise ein ganz mittelmäßiger Mensch.« »Glücklicherweise, sagen Sie?« »Ja, Sire.« »Und warum glücklicherweise?« »Weil man ihn mit zwei Lockspeisen führen kann, wohin man will.« »Und welche sind diese?« »Die Liebe und der Ehrgeiz. Die Liebe ist die Sache der Lady Hamilton, der Ehrgeiz ist die Ihrige, Sire. Seine Geburt ist eine gemeine, seine Erziehung so gut wie keine. Er hat eine Rangstufen erstiegen, ohne den Fuß in ein Vorzimmer zu setzen und indem er ein Auge in Calvi, einen Arm auf Teneriffa und die Haut einer Stirn bei Abukir gelassen. Behandeln Sie diesen Menschen wie einen vornehmen Herrn. Sie werden ihn berauschen und wenn er einmal berauscht ist, so können Sie mit ihm machen, was Sie wollen. Ist man der Lady Hamilton sicher?« »Die Königin ist ihrer sicher, wie sie sagt.« »Nun dann brauchen Sie nichts weiter. Durch diese Frau werden Sie Alles erlangen. Sie wird Ihnen gleichzeitig den Gatten und den Liebhaber geben; beide sind in sie vernarrt.« »Ich fürchte nur, daß sie die Spröde spiele.« »Emma Lyonna sollte die Spröde spielen? Ruffo mit dem Ausdruck der tiefster Verachtung. »Da wohl nicht Ihr Ernst, Sire?« »Ich sage nicht, daß sie spröde sei, sondern daß die Spröde spielen werde.« »Und warum sollte sie das?« »Er ist eben kein sonderlich schöner Mann, dieser Nelson, mit seinem einen Arme, seinem einen Auge und je zerfetzten Stirn. Wenn es so viel kostet, ein Held zu sein will ich lieber bleiben, was ich bin.« »Mein Himmel, die Frauen haben sehr eigenthümliche Ideen und übrigens liebt Lady Hamilton die Königin auf so wunderbare Weise. Was sie nicht aus Liebe thut wird sie aus Freundschaft thun.« »So, so,« sagte der König in dem Tone eines Menschen, welcher die Lösung einer schwierigen Angelegen der Vorsehung anheimstellt. Dann fuhr er zu Ruffo gewendet fort: »Haben Sie mir in dieser Sache keinen guten Rat zu geben?« »Allerdings. Den einzigen, welcher überhaupt angemessen ist.« »Und dieser wäre?« fragte der König. »Euer Majestät haben einen Allianzvertrag mit Ihrem Neffen, dem Kaiser von Oesterreich, geschlossen.« »Ich habe dergleichen Verträge mit aller Welt geschlossen und dies ist es eben, was mich in Verlegenheit setzt.« »Aber, Sire, Sie sollen doch eine gewisse Anzahl Soldaten zu der bevorstehenden Coalition stellen.« »Ja, dreißigtausend.« »Und Sie sollen ihre Bewegungen mit denen Oesterreichs und Rußlands combinieren.« »So ist es besprochen.« »Wohlan, wie dringend man Sie auch auffordern möge, Sire, so warten Sie, ehe Sie den Feldzug beginnen, bis die Oesterreicher und Russen ihn erst selbst begonnen haben.« »Das ist allerdings meine Absicht. Sie können sich denken, Eminenz, daß ich mir nicht das Vergnügen machen werde, den Krieg ganz allein gegen die Franzosen zu führen. Aber –« »Was wollen Sie sagen, Sire?« »Wenn Frankreich die Coalition nun nicht abwartet? Den Krieg hat es mir schon erklärt, wenn es nun denselben wirklich gegen mich beginnt?« »Nach dem, was man mir aus Rom berichtet, glaube ich Ihnen versichern zu können, Sire, daß die Franzosen jetzt nicht im Stande sind, einen Krieg gegen Sie zu beginnen.« »So, so. Nun, dies beruhigt mich ein wenig.« »Wenn Euer Majestät mir erlauben wollte – « »Was denn?« »Ihnen einen zweiten Rath zu ertheilen.« »Jawohl, versteht sich.« »Euer Majestät hatte blos einen von mir verlangt. Allerdings ist der zweite die Folge des ersten.« »Sprechen Sie, sprechen Sie.« »Wohlan, an Ihrer Stelle, Sire, würde ich eigenhändig an meinen Neffen, den Kaiser, schreiben, um von ihm, nicht officiell, sondern vertraulich, zu erfahren, wann er den Feldzug zu beginnen gedenkt, und nachdem ich dies wüßte, würde ich meine Bewegungen, nach den einigen regeln.« »Sie haben Recht, Eminentissime, und ich werde sofort an ihn schreiben.« »Haben Sie einen sichern Mann, mit welchem Sie den Brief absenden können, Sire?« »Ich habe meinen Courier Ferrari.« »Aber sicher, sicher, sicher?« »Mein lieber Cardinal, Sie verlangen einen dreimal sichern Mann, während es doch schwierig ist, einen zu finden, der es nur einmal sei.« »Nun, und wie steht es mit diesem?« »Ich halte ihn für sicherer als die Andern.« »Hat er Ihnen schon Beweise seiner Treue gegeben?« »Hundert.« »Wo ist er?« »Wo er ist? Nun, natürlich hier. Er schläft gestiefelt und gespornt in einem meiner Vorzimmer, um zu jeder beliebigen Stunde des Tages oder der Nacht bereit zu sein, auf den ersten Befehl zu Pferde zu steigen.« »Erst müssen wir schreiben, dann wollen wir ihn suchen.« »Schreiben, das ist leicht gesagt, Eminenz. Wo zum Teufel soll ich zu dieser Stunde Tinte, Papier und Feder finden?« »Das Evangelium sagt: »Quaere et invenies.« »Was heißt das? Lateinisch verstehe ich nicht, Eminenz.« »Suchet, so werdet ihr finden.« Der König ging an seinen Secretär, öffnete alle Schubfächer eins nach dem andern, fand aber nichts von dem, was er suchte. »Das Evangelium lügt,« sagt er. Und ganz zerknirscht sank er wieder in seinen Sessel. »Was wollen Sie, Cardinal!« setzte er mit einem Seufzer hinzu, »das Schreiben ist mir zuwider.« »Aber dennoch sind Sie entschlossen, Sire, sich heute Nacht noch diese Mühe zu machen.« »Allerdings, aber Sie sehen selbst, daß ich keine Schreibmaterialien habe. Ich müßte alle meine Leute wecken und übrigens können Sie sich denken, lieber Freund, wenn der König nicht schreibt, so hat Niemand Federn, Tinte oder Papier. O, ich brauchte nur die Königin darum bitten zu lassen. Diese hat Alles, sie ist eine famose Schreiberin. Erführe man aber, daß ich geschrieben hätte, so würde man glauben, der Staat sei in Gefahr, was auch übrigens ganz wahr ist. Der König hat geschrieben. An wen? Warum? Es wäre dies ein Ereigniß, welches den ganzen Palast in Aufruhr versetzte.« »Nun denn, Sire, muß ich wohl finden, was Sie vergeblich suchen.« »Und wo wollen Sie es denn suchen?« Der Cardinal verneigte sich gegen den König, ging hinaus und kam eine Minute später mit Papier, Tinte und Federn zurück. Der König betrachtete ihn mit dem Ausdrucke der Bewunderung. »Wo zum Teufel haben Sie das her, Eminenz?« fragte er. »Ich habe es mir ganz einfach von Ihren Leuten geben lassen.« »Wie, also trotz meines Verbots haben diese Halunken Papier, Tinte und Federn?« »Sie müssen dies wohl haben, um die Namen derjenigen aufschreiben zu können, welche eine Audienz bei Ihnen begehren, Sire.« »Aber ich habe ja niemals etwas davon gesehen.« »Weil man Alles in einem Schranke versteckt hielt. Ich habe den Schrank entdeckt und hier ist nun Alles, was Sie brauchen, Majestät.« »In der That, Sie sind ein Mann, der sich zu helfen weiß! Jetzt, Eminentissime,« fuhr der König in kläglichem Tone fort, »sagen Sie mir, ist es wirklich nothwendig, daß dieser Brief von meiner eigenen Hand geschrieben sei?« »Jedenfalls wird dies am besten sein; die Sache hat dann einen vertraulichen Anstrich.« »Nun, dann dictiren Sie mir.« »O, Sire!« »Dictiren Sie mir, sage ich, denn sonst bringe ich zwei Stunden zu, ehe ich mit einer halben Seite fertig bin. Ach, ich hoffe nur, daß San Nicandro nicht blos zeitlich, sondern auch in alle Ewigkeit verdammt ist, weil er einen solchen Esel aus mir gemacht hat.« Der Cardinal tauchte eine frisch geschnittene Feder in das Tintenfaß und reichte sie dem König. »Nun, so schreiben Sie, Sire.« »Dictiren Sie, Cardinal.« »Da Ew. Majestät es befehlen, sagte Ruffo, sich verneigend. Und er dictirte: »Vielgeliebter Bruder, Cousin und Neffe, Bundesgeosse und Conföderierter! »Ich muß Sie ohne Verzug von dem in Kenntniß setzen, was gestern Abend im Palaste des Gesandten von England geschehen. Lord Nelson hat auf der Rückkehr von Abukir in Neapel frischen Proviant eingenommen; Sir William Hamilton gab ihm ein Fest und der Bürger Garat, Gesandter der französischen Republik, benutzte diese Gelegenheit, um mir im Namen seiner Regierung den Krieg zu erklären. »Lassen Sie mich daher durch denselben Courier, welchen ich Ihnen sende, wissen, von welcher Art Ihre Dispositionen für den bevorstehenden Krieg sind, und bestimmen Sie ganz besonders genau die Zeit, zu welcher Sie ins Feld zu rücken gedenken, da ich durchaus nichts Anderes thun will, als gleichzeitig mit Ihnen und in Uebereinstimmung mit Ihnen. »Ich werde die Antwort Ew, Majestät erwarten, um mich in jeder Beziehung nach den Instructionen zu richten, welche Sie mir ertheiten werden. »Da das Gegenwärtige keinen andern Zweck hat, so nenne ich mich, indem ich Ihnen alles mögliche Gedeihen wünsche, »Ew. Majestät     »guten Bruder, Cousin und Onkel,     Bundesgenossen und Conföderierten.« »Uff!«, seufzte der König. Und er richtete den Kopf empor, und sah den Cardinal fragend an. »So ist es gut, Sire. Sie haben blos noch zu unterzeichnen. Der König unterzeichnete seiner Gewohnheit gemäß: »Ferdinand B.« »Wenn ich bedenke, fuhr der König fort, »daß ich ohne Ihre Hilfe mit dem Schreiben dieses Briefes die ganze Nacht zugebracht hätte! Ich danke Ihnen, mein lieber Cardinal, ich danke Ihnen.« »Was suchen Sie, Majestät?« fragte Ruffo, welcher sah, daß der König unruhig umhersuchte. »Ein Couvert.« »Wir wollen eins machen,« sagte Ruffo. »Das ist wieder etwas, was San Nicandro mich nicht gelehrt – Couverts machen! Allerdings, da er vergessen hatte, mich schreiben zu lehren, so mußte er die Kunst des Couvertmachens als überflüssig betrachten.« »Erlauben Sie mir, Majestät?« fragte Ruffo. »Wie, ob ich erlaube?«, sagte der König, indem er sich erhob. »Setzen Sie sich hierher, auf meinen Platz, mein lieber Cardinal.« Der Cardinal setzte sich in den Sessel des Königs und falzte und schnitt mit großer Gewandtheit das Papier zurecht, welches dem königlichen Briefe zur Hülle dienen sollte. Ferdinand sah ihm mit bewunderndem Blicke zu. »Wollen Sie mir nun sagen, Majestät, wo Ihr Siegel ist?« fragte der Cardinal. »Ich will es Ihnen geben, ich will es Ihnen geben; bleiben Sie sitzen,« sagte der König. Der Brief ward zugesiegelt und der König schrieb dann die Adresse darauf Dann stützte er das Kinn auf die Hand und versank in Gedanken. »Ich wage nicht zu fragen, Sire,« bemerkte Ruffo sich verneigend. »Ich will,« sagte der König, immer noch in Gedanken versunken, »daß Niemand erfahre, daß ich diesen Brief an meinen Neffen geschrieben, ebensowenig als durch wen ich ihn abgesendet habe.« »Dann, Sire,« sagte Ruffo lachend, »müssen Sie mich am Ausgange des Palastes ermorden lassen.« »Sie, mein lieber Cardinal, sind für mich nicht Jemand. Sie sind ein zweites Ich.« Ruffo verneigte sich. »O, bedanken Sie sich nicht. Die Schmeichelei ist eben nicht groß.« »Aber was sollen wir dann beginnen, Sire? Sie müssen doch Ferrari durch Jemand holen lassen.« »Das ist es eben, worüber ich nachdenke.« »Wenn ich wüßte, wo er ist, sagte Ruffo, »so würde ich ihn holen.« »Ja, das würde ich auch thun, sagte der König. »Sie sagten aber doch, er sei im Palast, Sire?« »Da ist er allerdings, der Palast ist aber ein wenig groß. Doch, warten Sie! In der That, ich bin noch dümmer, als ich glaubte.« Mit diesen Worten öffnete er die Thür seines Schlafzimmers und pfiff. Ein großer Jagdhund sprang von dem Teppich, auf welchem er neben dem Bett seines Herrn gelegen, in die Höhe, setzte seine beiden Vorderpfoten dem König auf die mit Orden und Schnüren bedeckte Brust und begann ihm das Gesicht zu lecken – eine Beschäftigung, welche dem Herrn ebenso viel Vergnügen zu machen schien, als dem Hunde. »Ferrari hat ihn aufgezogen,« sagte der König. »Er wird mir Ferrari sofort holen.« Dann veränderte er die Stimme und sprach zu einem Hunde, als ob er mit einem Kinde gesprochen hätte: »Wo ist denn der arme Ferrari, Jupiter? Wir wollen ihn suchen. Talliho! Talliho!« Jupiter schien ihn vollkommen zu begreifen. Er that drei oder vier Sprünge durch das Zimmer, schnüffelte und stieß ein freudiges Gewinsel aus. Dann kratzte er an der Thür eines geheimen Ganges. »Ah, wir werden ihn also wiedersehen, mein guter Hund,« sagte der König. Und nachdem er an dem Armleuchter eine kleine Kerze entzündet, öffnete er die Thür des Ganges und sagte: »Such, Jupiter, such.« Der Cardinal folgte dem König zunächst, um ihn nicht allein zu lassen, dann aber auch aus Neugier. Jupiter rannte bis an das äußerste Ende des Ganges und kratzte hier an einer zweiten Thür. »Wir sind also auf dem rechten Wege, mein guter Jupiter?« fuhr der König fort. Und er öffnete diese zweite Thür, wie er die erste geöffnet. Dieselbe führte in ein leeres Vorzimmer. Jupiter lief auf eine Thür zu, welche der, durch welche er hereingekommen, entgegengesetzt war, und richtete sich an dieser Thür in die Höhe. »Schön!« sagte der König; »schön!« Dann wendete er sich zu Ruffo und sagte: »Wir brennen vor Ungeduld, Cardinal.« Und er öffnete auch diese dritte Thür. Dieselbe führte nach einer kleinen Treppe. Jupiter rannte dieselbe etwa zwanzig Stufen hinauf und begann dann wieder an einer Thür zu kratzen, indem er zugleich ein kurz abgebrochenes Gewinsel ausstieß. »Zitto! zitto!« sagte der König. Er öffnete hierauf auch diese vierte Thür, wie er die drei andern geöffnet. Diesmal jedoch war er am Ziel seiner Wanderung angelangt. Der Courier lag vollständig angekleidet und gestiefelt auf einem Feldbett. »Ha!« rief der König, ganz stolz auf den Scharfsinn seines Hundes, wenn ich bedenke, daß nicht ein einziger meiner Minister, nicht einmal der der Polizei, das zu leisten vermocht hätte, was soeben mein Hund geleistet!« Trotz der Luft, welche Jupiter verspürte, auf das Bett seines Pflegevaters Ferrari zu springen, gab der König ihm einen Wink mit der Hand, und der Hund hielt sich sofort hinter ihm. Ferdinand ging stracks auf den Schläfer zu, und berührte ihn an der Schulter. Wie leicht auch diese Berührung war, so weckte sie doch den Courier sofort. Er setzt sich auf, und sah sich mit dem scheuen Blicke eines Menschen um, welchen man aus seinem ersten Schlafe aufweckt. In der nächsten Secunde erkannte er den König, sprang von dem Feldbett herunter und stand steif mit an den Körper angedrückten Ellbogen da, um die Befehle seiner Majestät zu erwarten. »Kannst Du abreisen?« fragte ihn der König. »Ja, Sire,« antwortete Ferrari. »Kannst Du in einem Striche nach Wien reiten?« »Ja, Sire.« »Wie viel Tage brauchst Du bis Wien?« »Das letzte Mal, Sire, habe ich fünf Tage und sechs Nächte gebraucht. Ich habe aber bemerkt, daß ich noch schneller vorwärts kommen und zwölf Stunden gewinnen könnte.« »Und wie viel Zeit brauchst Du in Wien, um auszuruhen?« »So lange als die Person, an welche Ew. Majestät schreibt, braucht, um mir eine Antwort zuzustellen.« »Dann kannst Du also in zwölf Tagen wieder hier sein?« »Noch eher, wenn man mich nicht warten läßt, und wenn mir kein Unfall zustößt.« »Du wirst in den Stall hinuntergehen, und Dir selbst ein Pferd satteln.« »Ja, Sire.« »Dann wirst Du auf einem und demselben Pferde so weit als möglich reiten, es dann bei irgend einem Postmeister zurücklassen und auf dem Rückwege wieder mitnehmen.« »Ja, Sire.« »Du wirst Niemanden sagen, wo Du hingehst.« »Nein, Sire.« »Du wirst diesen Brief dem Kaiser selbst übergeben, und Niemanden anders.« »Ja, Sire.« »Und die Antwort wirst Du Dir hier von Niemanden abnehmen lassen, selbst nicht von der Königin.« »Nein, Sire.« »Hast Du Geld?« »Ja, Sire.« »Nun gut, so gehe denn.« »Ich gehe, Sire.« Und in der That nahm der wackere Mann sich nur die nöthige Zeit, um den Brief des Königs in eine kleine, nach Art eines Portefeuilles in dem Futter seiner Weste angebrachte kleine Ledertasche zu schieben, ein kleines Packet, welches ein wenig Wäsche enthielt, unter den Arm zu nehmen und seine Couriermütze aufzusetzen. Hierauf schickte er sich, ohne weiter etwas zu verlangen, an, die Treppe hinabzugehen. »Nun, Du nimmst ja nicht Abschied von Jupiter?« sagte der König. »Ich wagte es nicht, Sire,« antwortete Ferrari. »Ach, so umarmt Euch doch! Seid Ihr nicht zwei alte Freunde und beide in meinem Dienste?« Der Mann und der Hund warfen sich Eins in die Arme des Andern. Beide warteten blos auf die Erlaubniß des Königs. »Ich danke, Sire,« sagte der Courier. Und er trocknete sich eine Thräne und stürzte dann die Stufen hinab, um die versäumte Zeit wieder einzubringen. »Ich müßte mich sehr irren, sagte der Cardinal, »wenn Sie nicht hier einen Mann hätten, der sich bei der ersten Gelegenheit für Sie tödten lassen wird, Sire.« »Das glaube ich selbst,« sagte der König. »Auch gedenke ich ihm Gutes zu erzeigen.« Ferrari war schon lange verschwunden, als der König und der Cardinal noch nicht den Fuß der Treppe erreicht hatten. Sie gelangten in das Zimmer des Königs auf demselben Wege zurück, welchen sie eingeschlagen, um es zu verlassen, und schlossen die Thüren, die sie hinter sich offen gelassen, wieder zu. Ein Thürsteher der Königin wartete im Vorzimmer, und überbrachte einen Brief von Ihrer Majestät. »O!« rief der König, indem er einen Blick auf die Uhr warf, »drei Uhr Morgens, das muß etwas sehr Wichtiges sein.« »Sire, die Königin hat gesehen, daß Ihr Zimmer noch erleuchtet ist und mit Recht geglaubt, daß Euer Majestät noch nicht schlafen gegangen sei.« Der König öffnete den Brief mit dem Widerwillen, welchen er beim Lesen der Briefe, die er von seiner Gemahlin erhielt, allemal an den Tag legte. »Nicht übel, sagte er, gleich nachdem er die ersten Zeilen gelesen, »da ist meine Jagdpartie zu allen Teufeln.« »Ich wage nicht Euer Majestät zu fragen, was dieser Brief meldet.« »O, immer fragen Sie, fragen Sie, Eminenz. Er meldet mir, daß nach der Rückkehr von dem Feste und in Folge der eingegangenen wichtigen Nachrichten der Generalcapitän Acton und Ihre Majestät die Königin beschlossen haben, heute Dienstag einen außerordentlichen Cabinetsrath zu halten. Der gute Gott segne die Königin und Signor Acton. Quäle ich sie wohl? Mögen sie doch thun, was ich thue, nämlich mich in Ruhe lassen!« »Aber, Sire,« entgegnete Ruffo, »diesmal muß ich Ihrer Majestät der Königin und dem Generalcapitän Recht geben. Ein außerordentlicher Cabinetsrath scheint mir dringend nothwendig zu sein und je eher er stattfindet, desto besser wird es sein.« »Nun gut. Dann werden Sie aber auch mit dabei sein, mein lieber Cardinal.« »Ich, Sire? Ich habe nicht das Recht, dem Cabinetsrath beizuwohnen.« »Aber ich habe das Recht, Sie dazu einzuladen.« Ruffo verneigte sich. »Ich nehme Ihr Anerbieten an, Sire,« sagte er. »Andere werden ihr Genie mitbringen, ich werde meine Treue und Anhänglichkeit bringen.« »Gut, gut. Sagt der Königin, ich würde morgen zu der Stunde, welche sie bezeichnet, das heißt um neun Uhr, im Cabinetsrath sein. Sie verstehen, Eminenz?« »Ja, Sire.« Der Thürsteher der Königin entfernte sich. Ruffo wollte ihm folgen, als man den Hufschlag eines Pferdes hörte, welches unter dem Gewölbe des Palastes hindurchgaloppierte. Der König ergriff die Hand des Cardinals. »Das ist jedenfalls Ferrari,« sagte er. »Sie, Eminenz, werden einer der Ersten sein, die von dem, was mein lieber Neffe antworten wird, Kenntniß erhalten.« »Ich danke, Sire.« »Gute Nacht, Eminenz. Man möge sich morgen im Cabinetsrath nur tapfer halten. Ich sage der Königin und dem Herrn Generalcapitän im Voraus, daß ich nicht bei guter Laune sein werde.« »Ach, Sire,« sagte der Cardinal lachend, »guter Rath kommt über Nacht.« Der König trat in sein Schlafzimmer und läutete, daß die Glocke hätte bersten mögen. Der Kammerdiener kam ganz erschrocken herbeigeeilt, denn er glaubte, der König sei plötzlich unwohl geworden. »Man kleide mich aus und bringe mich zu Bett!« rief der König mit Donnerstimme. »Ein andermal werdet Ihr übrigens nicht vergessen meine Jalousien zu schließen, damit man nicht sieht, daß mein Zimmer um drei Uhr Morgens noch erleuchtet ist.« Erzählen wir nun, was in dem dunklen Zimmer der Königin vorgegangen war, während wir erzählt, was in dem erleuchteten Zimmer des Königs geschah. Achtes Capitel. Das dunkle Zimmer Kaum hatte die Königin ihre Appartements betreten, als der Generalcapitän Acton sich anmelden ließ, weil er ihr zwei wichtige Neuigkeiten mitzutheilen habe. Ohne Zweifel war aber nicht er es, den die Königin erwartete, oder er war nicht der Einzige, den sie erwartete, denn sie antwortete ziemlich kurz: »Gut, er möge in den Salon treten; sobald ich frei bin, werde ich zu ihm kommen.« Acton war an dergleichen kurze Abfertigungen gewöhnt. Schon seit langer Zeit bestand zwischen ihm und der Königin keine Liebe mehr. Er war der Geliebte dem Namen nach, wie er Premierminister war, was auch nicht hinderte, daß es außer ihm noch andere Minister gab. Nur das Band der Politik fesselte dieses ehemalige Liebespaar noch aneinander. Acton bedurfte, um am Ruder zu bleiben, des Einflusses, den die Königin auf den König besaß, und die Königin bedurfte für die Pläne ihrer Rache oder ihrer Sympathien, welche sie mit gleicher Leidenschaftlichkeit verfolgte, Actons Genie für die Intrigue und seine grenzenlose Gefälligkeit, welcher bereit war, um ihretwillen Alles zu ertragen. Die Königin entledigte sich rasch ihrer ganzen Galatoilette, ihrer Blumen, ihrer Diamanten, ihrer Juwelen. Sie wischte die rothe Schminke ab, womit die Frauen und besonders die Hofdamen zu jener Zeit ihre Wangen bemalten, und warf einen langen weißen Pudermantel über, ergriff einen kleinen Leuchter, betrat einen einsamen Gang und gelangte, nachdem sie beinahe eine ganze Etage durch- schritten, in ein isoliertes, einfach möbliertes Zimmer, aus welchem eine geheime Treppe, zu welcher die Königin einen Schlüssel und ihr Sbirre Pasquale de Simone einen zweiten hatte, auf die Straße führte. Die Fenster dieses Zimmers blieben während des Tages vollständig geschlossen, so daß nicht der mindest Lichtstrahl hineindrang. Eine bronzene Lampe nahm die Mitte des Tisches auf welchem sie festgeschraubt war, und ein über Flamme gestülpter Schirm war so construiert, daß er dieses Licht blos auf den Umkreis des Tisches concentrirte und das ganze übrige Zimmer im Dunkel gehüllt ließ. Hier erwartete man die Denunciationen. Wenn die Denunzianten, trotz des Schattens, welcher in den Tiefen des Zimmers herrschte, erkannt zu werden fürchteten, so konnten sie mit verlarvtem Gesicht eintreten, oder in dem Vorzimmer eine jener langen Büßerkutten anlegen, welche den Leichnam auf den Kirchhof oder den Delinquenten aufs Schaffot begleiten – furchtbare Gewänder, welche die Menschen einem Gespenst ähnlich machen und, indem sie nur Platz für die Augen lassen, die zu diesem Zwecke angebrachten Löcher den leeren Augenhöhlen eines Todtenschädels gleichen lassen. Die drei Inquisitoren, welche an diesem Tische saßen, haben eine so traurige Berühmtheit erlangt, daß ihre Namen unsterblich geworden sind. Sie hießen Castel Cicala, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Guidobaldi, Vicepräsident der seit vier Jahren in Permanenz erklärten Staatsjunta, und Vanni, Fiscalproeurator. Die Königin hatte zur Belohnung seiner guten Dienste letzteren kürzlich zum Marquis gemacht. In dieser Nacht aber war der Tisch leer, die Lampe erloschen, das Zimmer einsam. Das einzig lebende oder scheinbar lebende Wesen, welches es bewohnte, war eine Wanduhr, deren eintöniger Pendelschlag allein das düstere Schweigen störte, welches von der Decke sich herabzusenken und auf dem Fußboden zu lasten schien. Es war als hätte die Finsterniß, welche ewig in diesem Zimmer herrschte, die Luft desselben verdickt und jenem Dunste gleichgemacht, welcher über den Sümpfen schwebt. Man fühlte, wenn man eintrat, daß man nicht blos in eine andere Temperatur, sondern auch in eine andere Atmosphäre kam und daß diese, welche nicht mehr aus den Elementen bestand, welche die äußere Luft bilden, immer schwieriger zu athmen ward. Das Volk, welches die Fenster dieses Zimmers fortwährend geschlossen sah, hatte ihm den Namen des dunklen Zimmers gegeben, und in Folge der unbestimmten Gerüchte, welche darüber, wie über alles Geheimnißvolle, in Umlauf gekommen, mit dem furchtbaren Divinationsinstinct, der es charakterisiert, beinahe gesehen, was darin vorging. Da jedoch nicht das Volk es war, welches durch diese unheimliche Finsterniß bedroht ward, da die Machtsprüche, welche aus diesem düsteren Zimmer ergingen, über sein Haupt hinweg weit Höhergestellte trafen, so war es wohl der gemeine Mann, der am meisten von diesem Zimmer sprach, aber er war es auch zugleich, der, wenn es um und um kam, am wenigsten davon fürchtete. In dem Augenblicke, wo die Königin bleich und von dem Scheine der Kerze, die sie in der Hand hielt, beleuchtet, wie Lady Macbeth in dieses Zimmer mit der dumpfen Atmosphäre eintrat, ließ jenes Ausheben sich hören, welches dem Schlage vorangeht, und gleich darauf schlug die Wanduhr halb drei. Das Zimmer war, wie schon bemerkt, leer und die Königin schien, als ob sie erwartet hätte irgend Jemand zu finden, sich über diese Einsamkeit zu wundern. Einen Augenblick zögerte sie, vorwärts zu gehen, bald aber überwand sie den Schrecken, der sie bei dem unerwarteten Geräusche der Uhr ergriffen, warf einen Blick in die beiden Ecken des Zimmers, welche der Seite, auf welcher sie eingetreten, entgegengesetzt waren, und nahm langsam und nachdenklich an dem Tische Platz. Dieser Tisch war ganz im Gegensatze zu dem in dem Zimmer des Königs mit Actenstücken bedeckt, wie das Bureau eines Gerichtshofes und mit Schreibmaterialien für drei Personen versehen. Die Königin blätterte zerstreut in den Papieren umher. Ihre Augen durchliefen dieselben, ohne sie zu lesen, ihr gespanntes Ohr versuchte das mindeste Geräusch zu erhaschen, ihr Geist irrte weit außerhalb ihres Körpers umher. Nach Verlauf von einigen Minuten konnte sie ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern. Sie erhob sich, ging an die Thür, welche auf die geheime Treppe führte, lehnte das Ohr daran und horchte. Nach einigen Augenblicken hörte sie das Knarren eines Schlüssels, welcher im Schlosse umgedreht ward, und murmelte jenes Wort, welches die Ungeduld verrieth, mit welcher sie wartete: »Endlich!« Dann öffnete sie die auf eine dunkle Treppe führende Thür und fragte: »Bist Du es, Pasquale?« »Ja, Majestät,« antwortete eine Männerstimme vom Fuße der Treppe herauf. »Du kommst sehr spät,« sagte die Königin, indem sie sich mit finsterer Miene und gerunzelter Stirn wieder auf ihren Platz setzte. »Meiner Treu, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich gar nicht gekommen, antwortete der, welchem der Vorwurf gemacht worden, daß er sich nicht genug beeilt habe. Die Stimme näherte sich immer mehr. »Und warum wärest Du beinahe gar nicht gekommen?« »Weil ich ein sehr schweres Stück Arbeit zu verrichten hatte, sagte der Mann, welcher nun endlich an der Thür des Zimmers erschien. »Aber es ist doch wenigstens verrichtet?« fragte die Königin. »Ja, Madame, Dank sei Gott und dem heiligen Pasquale, meinem Schutzpatrone. Es ist verrichtet, und gut verrichtet, aber es ist theuer zu stehen gekommen.« Indem der Sbirre diese Worte sagte, legte er auf einen Sessel einen Mantel, welcher Gegenstände enthielt, die bei Berührung mit dem Möbel einen Metallklang hören ließen. Die Königin sah ihm mit einem Ausdrucke zu, in welchem sich Neugier und Widerwillen mischten. »Wieso, theuer zu stehen gekommen?«, fragte sie. »Einer von meinen Leuten ist getödtet und drei sind verwundet worden, weiter nichts.« »Es ist gut; man wird der Witwe eine Pension aussetzen und den Verwundeten angemessene Gratifikationen bewilligen.« Der Sbirre verneigte sich zum Zeichen des Dankes. »Dann waren es also Mehrere?« fragte die Königin. »Nein, Madame, er war allein, aber dieser Mensch ist ein wahrer Löwe und ich mußte auf zehn Schritte Entfernung mit meinem Messer nach ihm werfen, sonst wäre es um mich eben so geschehen gewesen wie um die Andern.« »Aber endlich?« »Endlich ward ich mit ihm fertig.« »Und Du hast ihm dann die Papiere mit Gewalt abgenommen?« »O nein, er hat sie vielmehr gutwillig hergegeben; er war todt.« »Ah,« sagte die Königin mit einem leichten Schauder. »Dann sahst Du Dich also genöthigt, ihn zu tödten?« »Ja wohl, eher zweimal als einmal. Und dennoch that es mir wehe. Ich schwöre Ihnen, Majestät, wenn es nicht für Ihren Dienst gewesen wäre, so hätte ich es nicht gethan.« »Wie, es hat Dir Ueberwindung gekostet, einen Franzosen umzubringen? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du gegen die Soldaten der Republik so weichherzig wärest.« »Es war kein Franzose, Madame,« sagte der Sbirre, den Kopf schüttelnd. »Was erzählst Du mir da für eine Geschichte?« »Niemals hat ein Franzose den neapolitanischen Dialect so gesprochen, wie dieser arme Teufel ihn sprach.« »Was!« rief die Königin. »Ich will doch nicht hoffen, daß Du einen Fehlgriff begangen hat? Ich hatte Dir ganz bestimmt einen Franzosen bezeichnet, welcher zu Pferde von Capua nach Pozzuolo gekommen war.« »Ganz recht, Majestät, und der sich dann in einer Barke von Pozzuolo nach dem Palast der Königin Johanna hinüberrudern ließ.« »Einen Adjutanten des Generals Championnet.« »Ganz recht, dieser ist es, mit dem wir zu thun gehabt haben. Uebrigens hat er Sorge getragen, uns auch selbst zu sagen, daß er es sei.« »Du hast ihn also angeredet?« »Ja wohl, Madame. Als ich ihn so flott neapolitanisch plappern hörte, fürchtete ich einen Mißgriff zu begehen und fragte ihn, ob er wirklich der wäre, den ich beauffragt war zu tödten.« »Wie dumm!« »Nicht gar so dumm, denn er antwortete mir ja.« »Er hat Dir ja geantwortet?« »Sie begreifen, Majestät, daß er mir recht wohl etwas Anderes hätte antworten können. Er hätte sagen können, er sei von Baffo Porto oder von Porta Capuana, und er hätte mich in große Verlegenheit gebracht, denn ich wäre außer Stand gewesen, ihm das Gegentheil zu beweisen. Es fiel ihm aber gar nicht ein, Ausflüchte zu machen. Ich bin der, welchen Ihr suchet, sagte er und piff! paff! lagen zwei meiner Leute von zwei Pistolenschüssen niedergestreckt und flitsch! flatsch! stürzten zwei andere von Säbelhieben getroffen ebenfalls zu Boden. Er erachtete es wahrscheinlich seiner unwürdig, eine Lüge zu machen, denn er war ein wackerer Mann, dafür stehe ich.« Die Königin runzelte die Stirn bei dieser Lobrede, welche der Mörder seinem Schlachtopfer hielt. »Und er ist todt?« »Ja, Majestät, er ist todt.« »Und was habt Ihr mit der Leiche gemacht?« »Es näherte sich gerade eine Patrouille und da ich wenn ich mich compromittiert, auch zugleich Euer Majestät compromittiert hätte, so überließ ich dieser Patrouille die Mühe, die Todten aufzuheben und die Verwundeten verbinden zu lassen.« »Dann wird man ihn als einen französischen Officier erkennen.« »Woran denn? Hier ist ein Mantel, hier sind seine Pistolen, hier ist ein Säbel, was ich Alles von dem Schlachtfelde mit fortgenommen habe. Ah, er wußte sich dieses Säbels und dieser Pistolen sehr gut zu bedienen, das kann ich versichern. Was seine Papiere betraf, so hatte er weiter nichts bei sich als dieses Portefeuille und diesen Wisch der daran kleben geblieben ist.« Und der Sbirre legte ein mit Blut besudeltes Portefeuille auf den Tisch. Ein Zettel, der einem Briefe glich, klebte daran und ward durch das getrocknete Blut festgehalten. Der Sbirre riß den Zettel mit gleichgültiger Miene von dem Portefeuille ab und warf dann beides wieder auf dem Tisch. Die Königin streckte die Hand aus, ohne Zweifel aber zögerte sie, dieses blutige Portefeuille zu berühren, denn sie hielt inne und fragte: »Und seine Uniform, was hast Du mit dieser gemacht?« »Das war wieder etwas, was ich mir nicht erklären kann. Er hatte gar keine Uniform an, sondern trug unter seinem Mantel einfach weiter nichts als ein kurzes Röckchen von grünem Sammet mit schwarzen Schnüren. Da ein fürchterliches Ungewitter tobte, so hat er wahrscheinlich seine Uniform bei einem Freunde gelassen, der ihm dafür diesen Rock geliehen.« »Das ist sonderbar, sagte die Königin. »Man hatte mir doch das Signalement genau angegeben. Uebrigens werden die in diesem Portefeuille enthaltenen Papiere alle unsere Zweifel beseitigen.« Und mit ihren beschuhten Fingern, deren Spitzen roth gefärbt waren, öffnete sie das Portefeuille und nahm aus demselben einen Brief, welcher die Aufschrift trug: »An den Bürger Garat, Gesandten der französischen Republik in Neapel.« Die Königin erbrach das Siegel mit dem Wappen der Republik, öffnete den Brief und stieß bei den ersten Zeilen, die sie las, einen Freudenruf aus. Diese Freude stieg, so wie die Königin weiterlas, immer höher, und als sie fertig war, sagte sie: »Pasquale, Du bist ein kostbarer Mann und ich werde dein Glück machen.« »Das haben Sie mir schon sehr lange versprochen, Majestät, antwortete der Sbirre. »Diesmal werde ich Wort halten; sei unbesorgt. Hier ist mittlerweile eine Abschlagszahlung.« Sie ergriff ein Stück Papier und schrieb einige Zeilen darauf. »Nimm diese Anweisung auf tausend Ducaten. Fünf hundert davon sind für Dich und fünfhundert für deine Leute.« »Ich danke, Majestät, sagte der Shirre, indem er auf das Papier blies, um die Tinte zu trocknen, ehe er es in die Tasche steckte. »Ich habe Ihnen aber noch nicht Alles gesagt was ich zu sagen habe, Majestät.« »Und ich habe Dich noch nicht um Alles gefragt, was ich Dich zu fragen habe. Vorher aber laß mich noch einmal diesen Brief lesen.« Die Königin las den Brief zum zweiten Mal und schien dieses zweite Mal nicht weniger befriedigt zu sein als das erste Mal. Nachdem sie fertig war, fragte sie: »Nun, mein treuer Pasquale, was hattest Du mir zu jagen?« »Ich hatte Ihnen zu sagen, Majestät, daß von dem Augenblick an, wo dieser junge Mann von halb zwölf Uhr an bis ein Uhr Morgens in den Ruinen des Palastes der Königin Johanna gewesen, daß er von dem Augenblick an, wo er seine militärische Uniform gegen einen bürgerlichen Rock vertauscht, nicht allein geblieben ist. Ohne Zweifel hatte er von seinem General auch Briefe an noch andere Personen als den französischen Gesandten.« »Das dachte ich eben in dem Augenblick, wo Du mir es sagtest, mein lieber Pasquale. Und hast Du in Bezug auf diese Personen irgend welche Vermuthung?« setzte sie hinzu. »Nein, noch nicht; ich hoffe aber, daß wir bald etwas Neues erfahren werden.« »Ich höre Dich, Pasquale,« sagte die Königin, indem sie den Sbirren mit dem Licht ihrer Augen so zu sagen überflutete. »Von den acht Mann, die ich für die Expedition dieser Nacht commandiert, schickte ich zwei wieder fort, weil ich glaubte, daß sechs genug wären, um mit diesem Adjutanten fertig zu werden. Es wäre mir beinahe theuer zu stehen gekommen, daß ich mit falschem Gewicht gewogen, aber das thut weiter nichts. Jene zwei Mann habe ich nämlich oberhalb des Palastes der Königin Johanna in den Hinterhalt gelegt und ihnen befohlen, den Leuten, welche vor oder mit dem Manne, mit welchem ich es selbst zu thun, herauskommen würden, nachzuschleichen und zu ermitteln, wer sie sind oder wenigstens, wo sie wohnen.« »Nun und?« »Nun, ich habe ihnen befohlen, dann mit mir am Fuße der Statue des Riesen wieder zusammenzutreffen, und wenn Sie erlauben, Majestät, so will ich jetzt gehen und sehen, ob sie auf ihrem Posten sind.« »Geh und wenn sie da sind, so bringe sie mit hierher. Ich will sie selbst befragen.« Pasquale de Simone verschwand in dem Corridor und man hörte das Geräusch seiner Tritte, so wie er die Stufen der Treppe hinabging, allmälig verhallen. Als die Königin allein war, warf sie einen Blick auf den Tisch und erblickte hier jenes zweite Papier, welches der Sbirre einen Wisch genannt und, nachdem er es von dem Portefeuille, an welchem es klebte, abgerissen, mit diesem zugleich auf den Tisch geworfen. Ueber ihrem Eifer, den Brief des Generals Championnet zu lesen, und in ihrer Freude, nachdem sie denselben gelesen, hatte sie das Papier ganz vergessen. Es war ein Brief auf feinem Papier geschrieben. Die Handschrift war die einer Dame und zierlich, fein, aristokratisch. Gleich bei den ersten Worten erkannte die Königin einen Liebesbrief. Er begann mit den beiden Worten: »Caro Nicolino.« Zum Unglück für die Neugier der Königin hatte das Blut beinahe die ganze beschriebene Seite überschwemmt. Man konnte nur das Datum, welches der 20. September war, erkennen und in den letzten Zeilen das Bedauern lesen, welches die Person, die den Brief geschrieben, empfand, daß sie sich nicht an dem gewohnten Ort einfinden könne, weil sie die Königin begleiten müsse, die dem Admiral Nelson entgegenführe. Die Unterschrift bestand nur in einem einzigen Buchstaben, einem Anfangsbuchstaben, einem E. Diesmal wußte die Königin nicht, was sie denken sollte. Ein Brief von Frauenhand, ein Liebesbrief, ein Brief vom 20. September datiert, ein Brief endlich von einer Person, welche sich entschuldigte, daß sie an dem gewohnten Orte nicht erscheinen könne, weil sie die Königin begleiten müsse, ein solcher Brief konnte nicht an den Adjutanten Championnets geschrieben worden sein, welcher am 20. September, das heißt drei Tage vorher, noch fünfzig Meilen von Neapel entfernt war. Es gab nur eine Wahrscheinlichkeit und der Scharfsinn der Königin kam sehr bald darauf. Dieser Brief hatte sich ohne Zweifel in der Tasche des Rockes befunden, welchen der Abgesandte des General Championnet von einem seiner Mitverschworenen in dem Palast der Königin Johanna geliehen erhalten. Der Adjutant hatte sein Portefeuille, nachdem er es aus seiner Uniform genommen, in dieselbe Tasche gesteckt. Das aus der Wunde fließende Blut hatte den Brief an das Portefeuille geleimt, obschon dieser Brief und dieses Portefeuille durchaus nichts miteinander gemein hatten. Die Königin erhob sich, ging an den Sessel, auf welchen Pasquale den Mantel gelegt, untersuchte diesen Mantel und fand, indem sie ihn auseinanderschlug, den Säbel und die Pistolen, welche darin lagen. Der Mantel war augenscheinlich ein einfacher Dienstmantel, wie ihn die französischen Cavallerieofficiere zu tragen pflegten. Der Säbel war, ebenso wie der Mantel, dienstmäßig. Er hatte jedenfalls dem Unbekannten angehört, aber nicht so war es mit den Pistolen. Diese waren sehr elegant, stammten aus der königlichen Gewehrfabrik in Neapel, waren rothgeschäftet und zeigten auf einem Plättchen den eingravierten Buchstaben N. Es begann in dieser geheimnißvollen Angelegenheit allmälig zu tagen. Ohne Zweifel gehörten diese Pistolen demselben Nicolino, an welchen der Brief adressiert war. Die Königin legte die Pistolen mit dem Briefe bei Seite, und wartete auf weitere Ergebnisse. Es war dies wenigstens der Anfang einer Spur, welche zur Ermittelung der Wahrheit führen konnte. In diesem Augenblicke kam Simone zurück und brachte seine beiden Leute mit. Die Aufschlüsse, welche diese gaben, waren von geringem Werthe. Fünf oder sechs Minuten nach dem Weggange des Adjutanten hatten sie geglaubt, ein mit drei Mann besetztes Boot sich entfernen zusehen, als ob es nach der Stadt ginge, denn das Meer war mittlerweile ruhig geworden. Zwei von diesen Personen ruderten. Lange hatte dieses Boot nicht beobachtet werden können, denn es entzog sich den Blicken der Sbirren, die ihm nicht auf dem Wasser folgen konnten, natürlich sehr bald. Beinahe in demselben Augenblicke aber erschienen zur Entschädigung der Spione drei andere Personen an der Thür, welche auf die Straße des Pausilippo herausführte. Nachdem sie sich eine Weile umgeschaut, ob die Straße frei wäre, wagten sie sich heraus, indem sie zugleich die Thür hinter sich verschlossen. Anstatt jedoch die Straße in der Richtung von Mergellina, wie der junge Adjutant gethan, hinunter zu gehen, gingen sie dieselbe in der Richtung der Villa des Lucullus hinauf. Die beiden Sbirren folgten den drei Unbekannten. Nachdem man etwa hundert Schritte zurückgelegt, erstieg einer der Unbekannten die Böschung rechts und schlug einen kleinen Fußsteig ein, auf welchem er hinter den Aloe- und Cactusgebüschen verschwand. Er mußte sehr jung sein. Es ließ sich dies aus der Leichtigkeit abnehmen, womit er die Böschung erkletterte, ebenso wie aus dem frischen Klange der Stimme, womit er seinen beiden Freunden zurief: »Auf Wiedersehen!« Die Andern erstiegen den Abhang ebenfalls, aber langsamer, und zwar mittelt eines Pfades, welcher längs der Felsenwand hinführte und in der Richtung nach Neapel sie nach Vomero bringen mußte. Die Sbirren schlugen denselben Weg ein, als aber die beiden Unbekannten sahen, daß man ihnen folgte, blieben sie stehen, zogen jeder ein paar Pistolen aus Gürtel und riefen den Sbirren zu: »Keinen Schritt weiter, oder wir schießen Euch nieder!« Da diese Drohung in einem Tone erfolgte, welcher in Bezug auf die Ausführung derselben keinen Zweifel übrig ließ so blieben die beiden Sbirren, welche keine Instruction hatten, die Sache aufs Aeußerste zu treiben und übrigens auch nur mit ihren Messern bewaffnet waren, unbeweglich stehen und begnügten sich, den beiden Unbekannten mit den Augen zu folgen, bis sie die Gestalten aus dem Gesichte verloren. Es war demnach von diesen Leuten kein weiterer Aufschluß zu erwarten, und der einzige Faden, mit Hilfe dessen man die in dem Labyrinthe des Palastes der Königin Johanna verlorene Verschwörung wieder aufsuchen konnte, war jener an Nicolino adressierte Liebesbrief und die in der königlichen Gewehrfabrik gekauften und mit einem N bezeichneten Pistolen. Die Königin gab Pasquale durch einen Wink zu verstehen, daß er sich mit seinen Leuten entfernen könne. Dann warf sie den Säbel und den Mantel, die ihr für den Augenblick von keinem Nutzen sein konnten, in einen Schrank und nahm das Portefeuille, die Pistolen und den Brief mit. Acton wartete immer noch. Die Königin legte die Pistolen und das Portefeuille in das Schubfach eines Secretärs und behielt blos den blutbefleckten Brief, mit welchem sie in den Salon trat. Als Acton sie erscheinen sah, erhob er sich und begrüßte sie, ohne über sein langes Warten die mindeste Ungeduld zu verrathen. Die Königin ging auf ihn zu. »Sie sind Chemiker, nicht wahr?« fragte sie. »Wenn ich auch nicht Chemiker in der vollen Bedeutung des Wortes bin, Majestät,« antwortete Acton, »so besitze ich wenigstens einige Kenntnisse von der Chemie.« »Glauben Sie, daß man das Blut, welches diesen Brief besudelt, entfernen könne, ohne daß zugleich die Schrift verschwindet?« Acton betrachtete den Brief und seine Stirn verdüsterte sich. »Majestät, sagte er, »zum Schrecken und zur Strafe Derer, welche es vergießen, hat die Vorsehung gewollt, daß das Blut Spuren zurücklasse, welche ungemein schwer zu entfernen sind. Wenn die Tinte, mit welcher dieser Brief geschrieben, wie eine andere gewöhnliche Tinte blos aus einem einfachen Farbstoff und einem Aetzmittel zusammengesetzt ist, so wird die Operation schwierig sein, denn der Chlorkalk, welcher das Blut entfernt, wird auch die Tinte angreifen. Enthält dagegen, was aber nicht wahrscheinlich ist, die Tinte alpetersaures Silber, oder ist sie aus thierischer Kohle und Copalgummi zusammengesetzt, so wird eine Chlorauflösung das Blut hinwegnehmen, ohne der Tinte zu schaden.« »Es ist gut. Thun Sie Ihr Möglichstes. Es kommt sehr viel darauf an, daß ich den Inhalt dieses Briefes kennen lerne.« Acton verneigte sich. Die Königin hob wieder an: »Sie haben mir sagen lassen, daß Sie mir zwei wichtige Neuigkeiten mitzutheilen hätten. Worin bestehen dieselben?« »Der General Mack ist heute Abend während des Festes angelangt und, da ich ihn eingeladen, bei mir abgestiegen, wo ich ihn nach meiner Nachhausekunft vorfand.« »Er ist willkommen und ich glaube, daß ganz entschieden die Vorsehung für uns ist. Worin besteht die zweite Neuigkeit?« »Dieselbe ist nicht weniger wichtig als die erste, Majestät. Ich habe einige Worte mit dem General Nelson gewechselt und er ist im Stande, in Bezug auf das Geld Alles zu thun, was Sie wünschen, Majestät.« »Ich danke. Dies macht die Reihe der guten Nachrichten vollständig.« Caroline trat an das Fenster, schlug die Vorhänge auseinander, warf einen Blick nach dem Zimmer des Königs und sagte, als sie dasselbe noch erleuchtet sah: »Zum Glück ist der König noch wach. Ich werde ihm schreiben, daß heute Morgen eine außerordentliche Sitzung des Cabinetrathes stattfinden wird und daß er derselben durchaus beiwohnen müsse.« »Wenn ich nicht irre, so beabsichtigte er heute eine Jagd zu veranstalten, entgegnete der Minister. »Gleichviel, sagte die Königin in verächtlichem Tone. »Er kann sie auf einen andern Tag verschieben.« Dann ergriff sie eine Feder und schrieb den Brief, welchen wir bereits kennen. Acton blieb immer noch stehen und schien einen letzten Befehl zu erwarten. »Gute Nacht, mein lieber General,« sagte die Königin mit huldvollem Lächeln. »Es thut mir leid, daß ich Sie so lange aufgehalten, wenn Sie aber erfahren werden, was ich gemacht habe, so werden Sie sehen, daß ich meine Zeit nicht verloren habe.« Sie reichte Acton die Hand. Dieser küßte sie ehrerbietig, verneigte sich tief und that einige Schritte, um sich zu entfernen. »Apropos,« sagte die Königin. Acton drehte sich wieder um. »Der König wird in dem Cabinetsrath bei sehr schlechter Laune ein.« »Das fürchte ich auch,« sagte Acton lächelnd. »Empfehlen Sie Ihren Collegen, kein Wort zu sprechen und nur zu antworten, wenn sie gefragt werden. Die ganze Komödie muß zwischen dem König und mir gespielt werden.« »Und ich bin überzeugt, sagte Acton, »daß Sie, Majestät, die gute Rolle gewählt haben.« »Ich glaube es selbst,« sagte die Königin. »Uebrigens werden Sie ja sehen.« Acton verneigte sich zum zweiten Male und entfernte sich. »Ha,« murmelte die Königin, indem sie ihren Frauen klingelte, »wenn Emma thut, was sie mir versprochen, so wird. Alles gut gehen.« Neuntes Capitel. Der Arzt und der Priester Kommen wir mit den Ergebnissen dieser so ereignißvollen Nacht zu Ende, damit wir fortan in unserer Erzählung weiter fortfahren können, ohne stehen bleiben oder umkehren zu müssen. Wenn unsere Leser das letzte Capitel mit Aufmerksamkeit gelesen haben, so werden sie sich erinnern, daß die Verschwörer nach Salvato Palmieris Fortgange sich in zwei Gruppen, jede von drei Personen, geheilt hatten – eine, die den Pausilippo hinaufgegangen war, und eine zweite, welche sich in einem Boote zu Wasser entfernt. Die Gruppe, welche den Pausilippo hinaufgegangen war, bestand aus Nicolino Caracciolo, Velasco und Schipani. Die andere, welche sich mit Hilfe eines Bootes entfernt, welches unter dem großen Porticus des Palastes der Königin Johanna, einem Porticus, welchen das Meer bespült und wo sie dem Sturm getrotzt, gelegen hatte, bestand aus Dominico Cirillo, Hector Caraffa und Manthonnet. Hector Caraffa hielt sich, wie wir bereits erwähnt, in Portici versteckt. Manthonnet wohnte daselbst und hatte, da er ein großer Liebhaber des Fischfangs war, ein eigenes Boot. In diesem Boote begab er sich, von Hector Caraffa unterstützt, von Portici nach dem Palast der Königin Johanna. Beide tüchtige Ruderer, legten sie bei ruhiger Witterung den Weg in zwei Stunden zurück. Wehte ein günstiger Wind, so spannten sie die Segel auf und dann brauchten sie gar nicht zu rudern. Diese Nacht kehrten sie zurück wie gewöhnlich. Sie mußten rudern, denn der Wind hatte sich gelegt und das Meer war ganz ruhig. Im Vorüberfahren wollten sie Cirillo in Mergellina absetzen. Cirillo wohnte am äußersten Ende der Chiaja und deshalb waren sie, anstatt direkt auf Portici zuzusteuern, von den Sbirren gesehen worden, während sie das Gestade entlang ruderten. Dem Landhaus des Königs, welches jetzt dem Fürsten Torlonia gehört, gegenüber angelangt, ließen sie Cirillo aussteigen und wählten dazu eine Stelle, von wo aus man leicht den Weg erreichen konnte, der später eine Straße geworden ist. Dann waren sie wieder in das Meer hinausgesteuert, um an der Spitze des Castels d'Uovo vorbeizurudern. Cirillo hatte daher die Straße mit leichter Mühe und ohne bemerkt worden zu sein, erreicht, als er, nachdem er etwa hundert Schritte zurückgelegt, plötzlich eine Gruppe erblickte, die aus etwa zwanzig Mann Soldaten bestand. Dieselben standen mitten auf der Straße und schienen lebhaft mit einander zu sprechen. Ihre Gewehre glänzten im Scheine der beiden Fackeln. Bei demselben Scheine, der sich auf ihren Waffen spiegelte, schienen sie zwei Männer zu betrachten, die quer über die Straße hinweglagen. Cirillo sah nun, daß es eine in Ausübung ihrer Funktion begriffene Patrouille war. Es war nämlich dieselbe, welche Pasquale de Simone kommen gehört und vor welcher er die Flucht ergriffen, um nicht die Königin zu compromittieren. Ganz wie der Sbirre vermuthet, hatte die Patrouille, am Platze des Kampfes angelangt, einen Todten und einen Verwundeten auf dem Lastrico liegend gefunden. Die bei- den andern Verwundeten – der, welcher einen Säbelhieb über das Gesicht bekommen, und der andere, dem durch eine Kugel die Schulter zerschmettert worden, waren noch im Stande gewesen, durch die kleine Gasse zu entfliehen, welche an dem nördlichen Theile des Gartens der San Felice hinführte. Die Patrouille hatte mit leichter Mühe erkannt, daß einer der beiden Männer todt war und daß es durchaus überflüssig war, sich mit diesem zu beschäftigen. Sein Camerad dagegen, obschon er ohnmächtig war, athmete noch und diesen konnte man vielleicht retten. Man war nur zwanzig Schritte von dem sogenannten Löwenbrunnen entfernt. Einer der Soldaten ging hin, um in seiner Mütze Wasser zu holen. Er schüttete dasselbe dem Verwundeten ins Gesicht und dieser schlug, überrascht durch diese unerwartete Frische, die Augen auf und kam wieder zu sich. Als er sich von Soldaten umringt sah, versuchte er sich zu erheben, aber vergeblich. Er war vollständig gelähmt und konnte nur den Kopf rechts oder links drehen. »Aber, meine Freunde, sagte er, »wenn mir nichts weiter übrig bleibt, als zu sterben, könnte man mich dann nicht wenigstens auf ein etwas weicheres Bett tragen?« »Der arme Teufel hat Recht, sagten die Soldaten. »Mag er sein, wer er wolle, so müssen wir ihm gewähren, was er verlangt.« Sie versuchten ihn in ihren Armen aufzuheben. »Ha!« rief der Verwundete; »ich bitte Euch, geht mit mir um, als ob ich von Glas wäre, mannaggia la Madonna!« Dieser Fluch, einer der größten, den ein Neapolitaner ausstoßen kann, verrieth, daß die Bewegung, welche man mit dem Verwundeten vorgenommen, ihm den empfindlichsten Schmerz verursacht hatte. Als Cirillo diese Gruppe sah, war sein erster Gedanke, ihr aus dem Wege zu gehen, unmittelbar darauf aber fiel ihm ein, daß diese Patrouille und die Männer, welche sie von dem Pflaster aufhob, mitten auf der Straße sich bei fanden, welche Salvato Palmieri hatte einschlagen müssen, um sich zu dem französischen Gesandten zu begeben, und er kam ganz natürlich auf die Vermuthung, daß dieser Zusammenlauf durch irgend eine Katastrophe herbeigeführt worden sein könne, bei welcher der Abgesandte des Generals Championnet eine Rolle gespielt. Er näherte sich daher entschlossen in demselben Augenblick, wo der Officier, der die Patrouille commandierte, die Thür eines Hauses einzuschlagen drohte, welches auf der andern Seite des Löwenbrunnens stand und die Ecke der Straße bildete. Einer der hervorragenden Charakterzüge der Bewohner von Neapel ist nämlich der Widerwille, den sie instinctartig empfinden, ihrem Mitmenschen Beistand zu leisten, wäre er selbst in Todesgefahr. Auf Befehl des Officiers und besonders in Folge der von den Soldaten gegen die Thür geführten Kolbenschläge öffnete sich endlich dieselbe und Cirillo hörte zwei oder drei Stimmen, welche fragten, wo man einen Wundarzt finden könne. Seine Pflicht und eine Neugier bewogen ihn gleichzeitig sich anzubieten. »Ich bin Arzt, doch nicht Wundarzt,« sagte er, »aber im Nothfall kann ich auch ein wenig Chirurgie treiben.« »Ach, Herr Doktor, sagte der Verwundete, welchen man eben getragen brachte und welcher Cirillos Worte gehört, »ich fürchte, daß Sie an mir einen schlechten Kunden finden werden.« »Nun,« sagte Cirillo, »die Stimme klingt noch nicht schlecht.« »Ich kann fast, weiter nichts mehr bewegen als die Zunge,« sagte der Verwundete, »und deshalb mache ich davon so viel als möglich Gebrauch.« Mittlerweile hatte man eine Matratze aus einem Bett gezogen, dieselbe auf einen in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch geworfen und legte nun den Verwundeten darauf. »Einige Kissen unter den Kopf,« sagte Cirillo. »Der Kopf eines Verwundeten muß stets hoch liegen.« »Ich danke, Herr Doctor, ich danke, sagte der Sbirre. »Ich weiß es Ihnen ebenso Dank, als wenn Ihre Bemühungen etwas nützten.« »Und wer sagt Euch denn, daß meine Bemühungen nichts nützen werden?« »Hm! Ich verstehe mich ein wenig auf Wunden, und diese da geht bis auf den Grund.« Er forderte Cirillo durch eine Geberde auf, sich ihm zu nähern. Cirillo neigte sein Ohr zu dem Munde des Verwundeten. »Nicht als ob ich an Ihrer Kunst zweifelte,« sagte dieser, »aber Sie würden, glaube ich, wohl thun, wenn Sie nach einem Priester schickten.« »Entkleidet diesen Mann mit der größten Vorsicht, sagte Cirillo, dann wendete er sich zu dem Besitzer des Hauses, welcher mit seiner Frau und seinen beiden Kindern den Verwundeten neugierig betrachtete. »Schickt einen von euren beiden Knaben nach der Kirche Santa Maria di Porto Salvo und laßt nach Don Michelangelo Ciccone fragen.« »Ah, den kennen wir! Lauf, Tore, lauf! Du hast gehört, was der Herr Doctor gesagt hat.« »Ich gehe, sagte der Knabe. Und er verließ eiligst das Haus. »Zehn Schritte von hier ist eine Apotheke, rief Cirillo ihm nach; »wecke im Vorübergehen den Apotheker und sage ihm, daß der Doctor Cirillo ihm sogleich ein Recept schicken werde. Er möge immer seine Thür öffnen und warten.« »Aber zum Teufel, was für ein Interesse haben Sie denn daran, daß ich am Leben bleibe?« fragte der Verwundete den Arzt. »Ich, mein Freund?– entgegnete Cirillo, »ich habe weiter kein Interesse, als das der Humanität.« »Was für ein sonderbares Wort,« sagte der Sbirre mit schmerzlich krampfhaftem Lächeln; »es ist das erste Mal, daß ich es höre. Ah, Madonna del Carmine!« »Was gibt es?« fragte Cirillo. »Man thut mir wehe beim Herunterziehender Kleider.« Cirillo nahm sein Besteck aus der Tasche, zog ein Bistouri heraus und trennte die Beinkleider, die Weste und das Hemd des Sbirren so auf, daß seine ganze linke Seite entblößt ward. »Das laß ich mir gefallen!«, sagte der Verwundete. »Das ist ein Kammerdiener, der sein Geschäft versteht. Wenn Sie eben so gut wieder zusammenzunähen als aufzuschneiden verstehen, so sind Sie ein geschickter Mann, Doctor.« Dann setzte er auf die zwischen den falschen Rippen gähnende Wunde zeigend hinzu: »Sehen Sie, hier ist es.« »Ich sehe es wohl,« sagte der Doctor. »Eine schlimme Stelle, nicht wahr?« »Waschen Sie diese Wunde jetzt mit frischem Wasser und so behutsam als möglich, sagte der Arzt zu der Wirthin des Hauses. »Haben Sie recht weiche Tücher?« »Ich glaube kaum,« sagte die Frau. »Nun, dann nehmen Sie mein Taschentuch. Mittlerweile wird man zu dem Apotheker gehen und dieses Recept hier machen lassen.« Er schrieb nun mit seinem Bleistift das Recept zu einem beruhigenden Tranke, der aus Brunnenwasser, essigsaurem Ammoniak und Citronensyrup zusammengesetzt war. »Aber wer wird das denn bezahlen?« fragte die Frau, indem sie die Wunde mit dem Tuche des Doctors wusch. »Nu, wer sonst als ich?« entgegnete Cirillo. Zugleich wickelte er ein Geldstück in das Recept und sagte zu dem zweiten Knaben: »Lauf schnell! Was Du auf dieses Geldstück herausbekommst, ist dein.« »Doctor,« sagte der Sbirre, »wenn ich wieder auf komme, so werde ich Mönch und wende mein ganzes Leben dazu an, für Sie zu beten.« Der Doctor hatte mittlerweile eine silberne Sonde aus seinem Besteck gezogen und näherte sich nun dem Verwundeten. »Na, lieber Freund, sagte er zu ihm, »jetzt gilt es Mann zu sein.« »Sie wollen wohl meine Wunde sondieren?« »Ich muß, damit ich weiß, woran ich mich zu halten habe.« »Darf ich dabei fluchen?« »Ja, aber bedenkt wohl, daß man Euch hört und daß man Euch sieht. Wenn Ihr zu laut schreit, so wird man jagen, Ihr seit ein Feigling, und wenn Ihr zu viel flucht, so wird man sagen, Ihr seit ein Lästerer.« »Sie sprachen von einem niederschlagenden Trank, Doctor. Es wäre mir nicht unlieb, wenn ich vor der Operation einen Löffel davon zu mir nehmen könnte.« In diesem Augenblick trat der Knabe ganz außer Athem wieder ein und hielt eine kleine Flasche in der Hand. »Mutter,« sagte er, »es sind sechs Grani für mich geblieben.« Cirillo nahm ihm die Flasche aus der Hand. »Einen Löffel, sagte er. Man gab ihm einen. Er goß so viel als derselbe faßte von dem Trank hinein und reichte ihn dem Verwundeten. »Ha!« sagte dieser nach einem Augenblick, »das thut mir wohl.« »Deswegen gebe ich es Euch.« Dann setzte Cirillo in ernstem Tone hinzu: »Na, seid Ihr nun bereit?« »Ja, Doctor,« sagte der Verwundete, »ich werde mich bemühen, Ihnen Ehre zu machen.« Der Doctor senkte langsam, aber mit fester Hand die Sonde in die Wunde. So wie das Instrument in derselben verschwand, verzerrte das Gesicht des Patienten sich immer mehr, aber er ließ keinen Klageton hören. Der Schmerz und der Muth waren, so sichtbar, daß in dem Augenblick, wo der Doctor seine Sonde wieder herauszog, die Soldaten, welche diesem unheimlichen und ergreifenden Schauspiel beiwohnten, ein beifälliges Gemurmel hören ließen. »Nun, war es so recht, Doctor?« fragte der Sbirre, ganz stolz auf sich selbst. »Es war mehr, als ich von dem Muthe eines Menschen erwartet hätte, mein Freund,« antwortete Cirillo, indem er sich mit dem Aermel seines Rockes den Schweiß von der Stirn trocknete. »Geben Sie mir noch einmal zu trinken, oder es wird mir übel,« sagte der Verwundete mit erlöschender Stimme. Cirillo reichte ihm einen zweiten Löffel von dem stärkenden Trank. Die Wunde war nicht blos schwer, sondern, wie der Verwundete selbst vermuthet, tödtlich. Die Spitze des Säbels war zwischen der Fehlrippe hindurchgedrungen, hatte die Aorta durchschnitten und das Zwerchfell durchstoßen. Alle Hilfe der Kunst mußte sich darauf beschränken, daß sie durch Zusammenschnüren der Wunde den Blutverlust minderte und auf diese Weise das Leben noch um einige Augenblicke verlängerte. »Gebt mir Leinwand, sagte Cirillo, indem er sich umschaute. »Leinwand?«, sagte der Wirth des Hauses. »Wir haben keine.« Cirillo öffnete einen Schrank, nahm ein Hemd heraus und riß es in kleine Stückchen. »Was machen Sie denn da?« rief der Hauswirth. »Sie zerreißen mir ja mein Hemd!« Cirillo nahm zwei Piaster aus der Tasche und gab sie ihm. »O um diesen Preis,« sagte der Mann, »können Sie alle zerreißen.« »Aber Doctor,« sagte der Verwundete, »wenn Sie viel solche Patienten haben wie ich, so können Sie unmöglich reich werden.« Aus einem Theile des Hemdes machte Cirillo ein Bäuschchen, aus dem andern eine Binde. »Fühlt Ihr Euch jetzt besser?«, fragte er den Verwundeten. – Dieser schöpfte tief und zögernd Athem. »Ja,« sagte er dann. »Nun,« mischte der Officier sich ein, »dann könnt Ihr wohl meine Fragen beantworten?« »Ihre Fragen, wozu?« »Ich muß mein Protokoll aufnehmen.« »Ah,« sagte der Verwundete, »Ihr Protokoll! Dies will ich Ihnen in vier Worten dictiren. Doctor, noch einen Löffel von Ihrem Stoff. Der Sbirre trank noch einen Löffel von dem schmerzstillenden Tranke und hob dann wieder an: »Wir lauerten unser sechs einem jungen Manne auf, um ihn zu ermorden. Einen von uns hat er getödtet, drei von uns verwundet und ich bin einer von den drei Verwundeten. Das ist die ganze Geschichte.« Man kann sich denken, mit welcher Aufmerksamkeit Cirillo die Erklärung des Sterbenden angehört hatte. Sein Argwohn war sonach gegründet. Dieser junge Mann, welchen die Sbirren erwarteten, um ihn zu ermorden, war ohne Zweifel Salvato Palmieri gewesen. Welcher Andere als er hätte übrigens auch von sechs vier Mann kampfunfähig zu machen vermocht? »Und wie heißen eure Cameraden?« fragte der Officier. Der Verwundete machte eine Grimasse, welche einem Lächeln glich. »Sie sind sehr neugierig, lieber Freund,« sagte er. »Wenn Sie diese Namen durch irgend Jemanden erfahren, so wird es doch wenigstens nicht durch mich geschehen. Uebrigens wenn ich sie Ihnen auch sagen wollte, so würde Ihnen dies nicht viel nützen.« »Nun doch wenigstens so viel, daß ich sie festnehmen lassen kann.« »Glauben Sie? Nun, dann will ich Ihnen Jemanden nennen, der diese Namen kennt, und es steht Ihnen dann frei, zu ihm zu gehen und ihn darnach zu fragen.« »Und wer ist dieser Jemand?« »Pasquale de Simone. Wollen Sie eine Adresse wissen? Er wohnt Basso Porto, an der Ecke der Straße Catalana.« »Der Sbirre der Königin,« murmelten die Umstehenden leise. »Ich danke, mein Freund,« sagte der Officier. »Mein Protokoll ist fertig.« Dann wendete er sich zu seinen Leuten und sagte: »Auf denn, vorwärts! Wir versäumen hier schon seit einer Stunde die Zeit.« Und man hörte das Klirren der Waffen und das Geräusch der sich entfernenden Tritte. Cirillo blieb bei dem Verwundeten stehen. »Na, haben Sie gesehen, wie diese guten Leutchen sich aus dem Staube machen?«, sagte der Sbirre. »Ja,« antwortete Cirillo, »und ich begreife recht wohl, daß Ihr nichts habt jagen wollen, was eure Cameraden compromittieren könnte. Werdet Ihr Euch aber auch weigern, mir einige Aufschlüsse zu geben, welche Niemanden compromittiren und nur mich interessieren?« »O Ihnen, Herr Doctor, will ich gern Alles sagen, was Sie zu wissen wünschen. Sie haben sich sehr freundlich gegen mich gezeigt und Sie würden mich gerettet haben, wenn dies überhaupt hätte geschehen können. Ich muß Sie jedoch bitten, mich schnell zu fragen, denn ich fühle, daß ich immer schwächer werde. Sagen Sie mir daher rasch, was Sie zu wissen wünschen. Die Zunge wird mir schwer. Es ist dies der Anfang des Endes, wie wir es nennen.« »Ich werde mich kurz fassen. War der junge Mann, welchen Pasquale de Simone erwartete, um ihn umzubringen, nicht ein junger französischer Officier?« »Allerdings schien er dies zu sein, obschon er das Neapolitanische mit derselben Geläufigkeit sprach wie Sie und ich.« »Ist er todt?« »Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, wohl aber weiß ich, daß er, wenn nicht todt, doch wenigstens schwer verwundet ist.« »Saht Ihr ihn fallen?« »Ja, aber ich lag schon selbst am Boden und beschäftigte mich in diesem Augenblick mehr mit mir selbst als mit ihm.« »Nun, was saht Ihr überhaupt? Rafft eure ganze Erinnerung zusammen. Es liegt mir sehr viel daran, zu erfahren, was aus diesem jungen Manne geworden ist.« »Wohlan, ich sah, daß er gegen die Thür des Palmbaumgartens fiel, und dann war es mir, als sähe ich durch eine Wolke hindurch, daß die Thür des Gartens sich öffnete, und eine weißgekleidete Dame den jungen Mann hineinzog. Es ist jedoch sehr leicht möglich, daß dies nur eine Sinnestäuschung und daß das, was ich für eine weißgekleidete Dame angesehen, in Wirklichkeit der Todesengel war, welcher die Seele des Sterbenden in Empfang nahm.« »Und dann saht Ihr weiter nichts?« »O doch. Ich sah den Beccajo, welcher davonrannte und sich den Kopf mit beiden Händen hielt. Er war durch das Blut ganz geblendet.« »Ich danke, mein Freund, ich weiß nun Alles, was ich wissen wollte. Uebrigens ist mir, als hörte ich – Cirillo horchte.« »Ja, es ist der Priester und sein Glöckchen; ich habe es auch schon gehört. Wenn man der ist, um dessentwillen dieses Glöckchen kommt, so hört man es von Weitem.« Es trat einen Augenblick Schweigen ein, während dessen das Glöckchen immer näher kam. »Also,« sagte der Sbirre zu Cirillo, »nicht wahr, es ist nun Alles aus? Es handelt sich nicht mehr darum, an die Dinge dieser Welt zu denken.« »Ihr habt mir bewiesen, daß Ihr ein Mann seid. Ich werde zu Euch sprechen wie zu einem Manne: Ihr habt eben noch Zeit, Euch mit Gott auszusöhnen.« »Amen,« sagte der Sbirre. »Und jetzt noch einen Löffel von Ihrem Tranke, damit mir der Muth nicht untreu wird, denn ich fühle mich sehr elend.« Cirillo that, was der Verwundete verlangte. »Jetzt drucken Sie mir einmal derb die Hand.« Cirillo drückte ihm die Hand. »Noch derber!« sagte der Sbirre, »ich fühle sie ja nicht.« Cirillo druckte mit aller Kraft die Hand des schon gelähmten Sterbenden. »Dann machen Sie über mir das Zeichen des Kreuzes. Gott ist mein Zeuge, daß ich es selbst machen möchte, aber ich kann nicht.« Cirillo machte das Zeichen des Kreuzes, und der Verwundete sprach mit einer Stimme, welche immer schwächer ward, die Worte: »Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.« In diesem Augenblicke erschien der Priester an der Thür hinter dem Knaben, welcher ihn geholt. Zu seiner Rechten hatte er das Kreuz, zu seiner Linken das Weihwasser und er selbst trug das heilige Viaticum. Bei einem Eintritte fielen alle Anwesenden auf die Knie nieder. »Man hat mich hierher gerufen?« fragte er. »Ja, mein Vater,« sagte der Sterbende. »Ein armer Sünder steht im Begriffe den Geist aufzugeben, wenn er nämlich einen hat, und bei dieser schweren Aufgabe wünscht er, daß Sie ihn mit Ihrem Gebete unterstützen. Um Ihren Segen wagt er nicht zu bitten, weil er sich desselben unwürdig fühlt.« »Meines Segens sind alle Menschen theilhaftig, mein Sohn,« antwortete der Priester, »und je größer der Sünder ist, desto mehr bedarf er desselben.« Mit diesen Worten rückte er sich einen Stuhl an das Kopfende des Bettes, und setzte sich, mit dem Ciborium in den Händen und das Ohr dicht an den Mund des Sterbenden haltend. Cirillo hatte nun nichts mehr bei diesem Menschen zu thun, dessen letzte Stunde er, so viel in seinen Kräften stand, erleichtert. Der Arzt war mit seiner Aufgabe fertig, und es war nun an dem Priester, die einige zu beginnen. Er entfernte sich daher, denn er wünschte so schnell als möglich sich auf dem Kampfplatze umzusehen und sich zu überzeugen, daß der Sbirre ihm in Bezug auf Salvato Palmieri die Wahrheit gesagt. Der Leser kennt die Oertlichkeiten bereits an dem Palmbaume, welcher ein zierliches Haupt über die Orangen- und Citronenbäume hin- und herwiegte. Der Sbirre hatte den Platz gut bezeichnet. Cirillo ging sofort auf die kleine Gartenthür zu, durch welche der Sbirre den Verwundeten verschwinden zu sehen geglaubt hatte. Er bückte sich, um den unteren Theil der Thür zu besichtigen, und glaubte wirklich Spuren von Blut daran zu erkennen. Waren diese schwarzen Flecke aber wirklich Blut oder blos Feuchtigkeit? Cirillo hatte sein Taschentuch in den Händen der Frau gelassen, welche die Wunde des Sbirren gewaschen. Er band daher ein Halstuch ab, tauchte einen Zipfel desselben in das Wasser des Löwenbrunnens und rieb dann damit den Theil des Holzes, welcher von dunklerer Färbung zu sein schien als die übrige Thür. In einer Entfernung von einigen Schritten, in der Richtung des Palastes der Königin Johanna, brannte eine Laterne vor einem Madonnenbild. Cirillo stieg auf einen Eckstein und hielt das weißbatistene Tuch so nahe als möglich an die Laterne. Es stand außer allem Zweifel – es war wirklich Blut. »Salvato Palmieri liegt drinnen, sagte er, indem die Hand nach dem Hause des Chevalier San Felice ausstreckte. »Es fragt sich nun: ist er todt oder lebt er noch? Dies muß ich heute noch erfahren.« Er schritt über den Platz und kam wieder an dem Hause vorbei, in welches man den Sbirren getragen Er warf einen Blick hinein. Der Verwundete war so eben gestorben und Don Michelangelo Ciccone betete an seinem Lager. In dem Augenblick, wo Dominico Cirillo in seine Wohnung zurückkam, schlug auf der Kirche von Pie di Grotta die dritte Morgenstunde. Zehntes Capitel. Der Cabinetsrath Außer den Sitzungen, welche bei der Königin in jenem dunklen Zimmer stattfanden, in welches wir unsere Leser eingeführt und die man mit Recht für Inquisitionssitzungen halten konnte, fanden jede Woche im Palast vier regelmäßige Sitzungen des Cabinetsrathes statt, nämlich Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Die Personen, welche diesen Cabinetsrath bildeten, waren: Der König, wenn er durch die Wichtigkeit des zu verhandelnden Gegenstandes dazu genöthigt ward. Die Königin, wegen deren Recht diesen Sitzungen beizuwohnen wir bereits die erforderliche Erklärung gegeben. Der Generalcapitän Jean Acton, Vorsitzender des Cabinetsrathes. Der Fürst von Castel Cicala, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der Marine, des Handels und in seinen Mußestunden Spion, Denunciant und Richter. Der Brigadier Giovanni Baptista Ariola, Kriegsminister, ein intelligenter und verhältnismäßig rechtschaffener Mann. Der Marquis Saverio Simonetti, Minister der Justiz und der Begnadigung. Der Marquis Ferdinand Corradino, Minister des Cultus und der Finanzen, welcher der mittelmäßigte von allen Ministern gewesen wäre, wenn er in dem Cabinetsrath nicht Saverio Simonetti getroffen hätte, der noch mittelmäßiger war als er. Bei großen Gelegenheiten kamen zu diesen Herren noch der Marquis de la Sambuca, der Fürst Carini, der Herzog von San Nicolo, der Marquis Balthasar Cito, der Marquis del Gallo und die Generale Pignatelli, Colli und Parisi. Ganz im Gegensatz zu dem König, welcher Ton zehn Cabinetsrathssitzungen höchstens einer beiwohnte, war die Königin im Besuche derselben sehr eifrig. Allerdings schien sie oft bloße Zuhörerin der Discussion zu sein und saß fern von der Tafel in einem Winkel oder in einer Fensterbrüstung mit ihrer Favoritin Emma Lyonna, welche sie mit in den Sitzungssaal brachte, als gehörte sie mit zu ihr und als hätte dies ebensowenig zu bedeuten, wie wenn der König seinen Lieblingshund mit brachte. Jedes spielte seine Komödie. Die Minister thaten als ob sie discutirten, Ferdinand that als hörte er aufmerksam zu, Caroline that als wäre sie zerstreut, der König kratzte seinem Hunde den Kopf, die Königin spielte mit Emmas Haar und Favorit und Favoritin lagen der eine zu den Füßen seines Herrn, die andere auf den Knieen ihrer Herrin. Die Minister machten im Vorübergehen oder in den Zwischenpausen der Discussionen dem Hunde eine Liebkosung und der schönen Emma eine Schmeichelei, und Liebkosung und Compliment wurden durch ein Lächeln des Herrn oder der Herrin belohnt. Der Generalcapitän Jean Acton, der einzige Pilot, auf welchem die Verantwortlichkeit für dieses Schiff ruhte, welches von dem aus Frankreich wehenden revolutionären Wind hin- und hergetrieben ward und überdies in den Klippen jenes gefährlichen Meeres umhersteuerte, in welchem binnen sechs Jahrhunderten acht verschiedene Dynastien scheiterten, Acton, sagen wir, schien mit gerunzelter Stirn, düsterem Blick und zitternder Hand, als ob er wirklich ein Steuerruder in derselben hielte und allein im Stande wäre, den sei der Situation, das Herannahen der Gefahr zu begreifen. Auf die englische Flotte sich stützend, der Mitwirkung Nelson's fast sicher und stark besonders in ihrem Haß gegen Frankreich, war die Königin nicht blos entschlossen, der Gefahr Trotz zu bieten, sondern auch ihr entgegenzugehen und sie herauszufordern. Was Ferdinand betraf, so war bei ihm gerade das Gegentheil der Fall. Er hatte bis jetzt mit Aufbietung aller Hilfsquellen seiner erheuchelten Biederkeit so laviert, daß er, wenn er auch nicht Frankreich zufriedengestellt, demselben doch wenigstens keinen direkten Anlaß gegeben, sich mit ihm zu überwerfen. In Folge der von Caroline begangenen Unklugheiten waren aber die Ereignisse rascher vorgeschritten, als der König berechnet hatte, welcher, anstatt ihnen einen beschleunigten Anstoß zu geben, sie lieber mit weiser Langsamkeit sich entrollen lassen wollte. Deshalb war man, wie wir gesehen, Nelson entgegengefahren. Deshalb hatte man, trotz der mit Frankreich abgeschlossenen Verträge, die englische Flotte in dem Hafen von Neapel empfangen. Deshalb hatte man dem Sieger von Abukir ein glänzendes Fest gegeben. Deshalb hatte der Gesandte der Republik, dieser Hinterlist, dieser Lügen und Beleidigungen überdrüssig, ohne zu berechnen, ob Frankreich seinerseits dazu bereit wäre, im Namen seiner Regierung der Regierung der beiden Sicilien den Krieg erklärt. Deshalb hatte endlich der König, der schon für Dienstag den 27. September eine große Jagd veranstaltet, zu welcher drei Fanfaren das Signal geben sollten, wie wir bereits gesehen, in Folge eines Briefes von der Königin seine Jagd wieder abbestellt und sich genöthigt gesehen, dieselbe in eine Cabinetrathssitzung zu verwandeln. Uebrigens waren die Minister und Räthe durch Acton von der wahrscheinlich üblen Laune. Seiner Majestät im voraus unterrichtet und aufgefordert worden, sich in pythagoräisches Schweigen zu hüllen. Die Königin war zuerst in den Berathungssaal getreten und fand hier außer den Ministern und Räthen den Cardinal Ruffo. Sie ließ ihn fragen, welchem glücklichen Umstande man das Vergnügen seiner Gegenwart verdanke. Ruffo antwortete, er sei auf ausdrücklichen Befehl des Königs da. Die Königin und der Cardinal wechselten hierauf von der einen Seite eine leichte Verneigung des Kopfes, von der andern eine tiefe Verbeugung. Dann erwartete man schweigend die Ankunft des Königs. Ein Viertel auf zehn öffneten sich beide Flügelthüren und die Thürsteher meldeten: »Der König!« Ferdinand trat mit einer unzufriedenen, mürrischen Miene ein, welche gegen den freudigen, triumphierenden Gesichtsausdruck der Königin gewaltig abstach. Sein Hund Jupiter, mit welchem wir bereits Bekanntschaft gemacht, folgte ihm mit gesenktem Kopfe und mit herabhängendem Schweife. Obschon die Jagd auf einen andern Tag verschoben worden, so hatte der König doch, wie um gegen die ihm angethane Gewalt zu protestieren, sein Jagdcostüm angelegt. Es war dies ein Trost, den er sich gewährte, und den nur der zu schätzen wußte, welcher seinen Fanatismus für das Vergnügen kannte, dessen man ihn beraubt. Bei seinem Eintritte erhoben sich alle Anwesenden, selbst die Königin. Ferdinand sah sie von der Seite an, schüttelte den Kopf und seufzte wie ein Mensch, der sich dem Stein des Anstoßes aller seiner Vergnügungen gegenüber sieht. Nachdem er die tiefen Verbeugungen der Minister und Räthe durch einen allgemeinen Gruß rechts und links und durch einen persönlichen und besonderen für den Cardinal Ruffo beantwortet, sagte er in trägem Tone: »Meine Herren, es thut mir außerordentlich leid, daß ich mich genöthigt gesehen habe, Sie an einem Tage zu bemühen, wo Sie vielleicht, wie ich, anstatt einer Cabinetrathssitzung beizuwohnen, sich mit Ihren Vergnügungen oder andern Angelegenheiten zu beschäftigen gedacht haben. Ich schwöre, daß es nicht meine Schuld ist; wie es aber scheint, haben wir sehr dringende und wichtige Angelegenheiten zu besprechen, welche, wie die Königin behauptet, nur in meiner Gegenwart besprochen werden können. Ihre Majestät wird Ihnen die Sache vortragen und Sie werden dann darüber urtheilen, und mich mit Ihrem guten Rathe unterstützen. Setzen Sie sich, meine Herren.« Mit diesen Worten nahm er auch selbst ein wenig hinter den Andern und der Königin gegenüber Platz. »Komm her, mein armer Jupiter,« sagte er dann, indem er sich mit der Hand auf den Schenkel schlug, »wir werden uns schön amüsieren!« Der Hund kam gähnend herbei, und streckte sich wie eine Sphynx zu seinen Füßen nieder. »Meine Herren, sagte die Königin mit jener Ungeduld, welche das dem ihrigen so ganz entgegengesetzte Thun und Wesen ihres Gemahls stets in ihr erweckte, »die Sache ist sehr einfach, und wenn der König heute aufgelegt wäre, davon zu sprechen, so würde er sie Ihnen in zwei Worten mittheilen.« Als sie sah, daß Alle mit der größten Aufmerksamkeit horchten, fuhr sie fort: »Der französische Gesandte, der Bürger Garat, hat diese Nacht Neapel verlassen, nachdem er uns zuvor den Krieg erklärt.« »Und,« sagte der König, »es muß hierbei noch bemerkt werden, meine Herren, daß wir diese Kriegserklärung nicht gewollt haben, und daß unsere gute Freundin, die englische Regierung, ihren Zweck erreicht hat. Wir werden nun sehen, wie sie uns unterstützen wird. Dies ist Actons Sache.« »Und die des tapferen Nelson,« sagte die Königin. »Uebrigens hat er bei Abukir gezeigt, was das Genie im Bunde mit dem Muthe auszurichten vermag.« »Gleichviel, Madame,« sagte der König. »Ich zögere nicht, Ihnen offen zu sagen, daß der Krieg mit Frankreich eine schlimme Geschichte ist.« »Aber,« entgegnete die Königin ärgerlich, »Sie werden selbst zugeben, daß die Geschichte weniger schlimm ist, seitdem der Bürger Buonaparte, obschon er sich den Sieger von Dego, von Montenotte, von Arcole und von Mantua nennt, abgeschnitten in Egypten sitzt, wo er bleiben wird, bis Frankreich eine neue Flotte gebaut hat, um ihn zu holen. Er wird dadurch hoffentlich Zeit gewinnen, die Rüben wachsen zu sehen, zu welchen das Directorium ihm den Samen geliefert, damit er die Ufer des Nil damit besäe.« »Ja,« antwortete der König in nicht weniger ärgerlichem Tone, »in Ermangelung des Bürgers Buonaparte, der übrigens sehr gütig ist, wenn er sich blos den Sieger von Dego, von Montenotte, von Arcole und von Mantua nennt, da er sich mit Recht auch den von Roveredo, von Baffano, von Castiglione und von Millesimo nennen könnte – bleiben Frankreich noch Massena, der Sieger von Rivoli, Bernadotte, der Sieger von Tagliamento, Augereau, der Sieger von Lodi, Jourdan, der Sieger von Fleurus, Brune, der Sieger von Alkmer, Moreau, der Sieger von Rastatt, und dies sind Sieger genug für uns, die wir noch niemals gesiegt, abgesehen von Championnet, dem Sieger der Dünen, den ich vergessen und der, wie ich Ihnen beiläufig bemerklich mache, nur dreißig Meilen, das heißt drei Tagemärsche weit von uns steht.« Die Königin zuckte die Achseln mit einem verächtlichen Lächeln, welches Championnet galt, dessen augenblickliche Ohnmacht sie erkannte, welches der König aber auf sich bezog. »Ich kann mich höchstens um zwei bis drei Meilen geirrt haben, Madame,« sagte er. »Seitdem die Franzosen Rom besetzt halten, habe ich oft genug gefragt, wie viel die Entfernung betrage, um es zu wissen.« »O, ich will Ihnen Ihre geographischen Kenntnisse gar nicht streitig machen, Majestät,« sagte die Königin, indem sie ihre Unterlippe auf das Kien herabhängen ließ. »Ich verstehe; Sie begnügen sich, mir meine politischen Fähigkeiten streitig zu machen. Obschon aber San Nicandro sein Möglichstes gethan hat, um einen Esel aus mir zu machen und obschon ihm dies nach Ihrer Meinung unglücklicherweise auch sehr wohl gelungen ist, so muß ich doch diesen Herren, welche die Ehre haben, meine Minister zu sein, bemerklich machen, daß die Sache sich verwickelt. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum wie im Jahre 1793, drei oder vier Schiffe und fünf- oder sechstausend Mann nach Toulon zu schicken, die übrigens, Schiffe sowohl als Mannschaften, in einem schönen Zustande von Toulon zurückkamen, denn der Bürger Buonaparte hatte, obschon er damals noch Sieger von nichts war, die nicht schlecht zugerichtet. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum wie im Jahre 1796, der Coalition vier Regimenter Cavallerie zu liefern, welche allerdings Wunder in Tirol von Tapferkeit verrichteten, was aber nicht verhinderte, daß Cuto gefangengenommen ward und Moliterno das schönste seiner Augen dort ließ. Bemerken Sie wohl, daß wir 1793 sowohl als 1796 noch durch die ganze Breite Oberitaliens gedeckt waren, weil dieses von den Truppen unseres Neffen besetzt war, der, ohne daß ich ihm einen Vorwurf daraus machen will, keine Eile zu haben scheint, einen Feldzug zu beginnen, obschon der Bürger Buonaparte ihm durch den Vertrag von Campo Formio die Krallen verteufelt verschnitten hat. Aber unser Neffe Franz ist ein kluger Mann. Er begnügt sich, um den Feldzug zu eröffnen, nicht mit den sechzigtausend Mann, welche Sie ihm anbieten, sondern er erwartet auch noch die fünfzigtausend, welche der Kaiser von Rußland ihm verspricht. Er kennt die Franzosen, denn er hat schon zu seinem Nachtheil mit ihnen zu thun gehabt.« Und Ferdinand, welcher seine gute Laune wieder ein wenig zu gewinnen begann, lachte über seine eigenen Bemerkungen, und rechtfertigte dadurch jene so wahre und deshalb so betrübende Maxime Larochefoucauld's, daß in dem Unglücke eines Freundes stets etwas liegt, was uns Vergnügen macht. »Ich muß,« antwortete Caroline, die sich durch die Heiterkeit, welche der König auf Kosten seines Neffen an den Tag legte, verletzt fühlte, »ich muß dem König bemerklich machen, daß es der neapolitanischen Regierung nicht wie dem Kaiser von Oesterreich freisteht, Zeit und Stunde zu wählen. Nicht wir sind es, die Frankreich den Krieg erklären, sondern Frankreich erklärt ihn uns und hat ihn uns schon erklärt. Wir müssen daher so bald als möglich sehen, welche Mittel uns zur Führung dieses Krieges zur Verfügung stehen.« »Allerdings müssen wir das sehen, sagte der König. »Beginnen wir mit Dir, Ariola. Man spricht von fünfundsechzigtausend Mann. Wo sind deine fünfundsechzigtausend Mann?« »Wo sie sind, Sire?« »Ja, zeige sie mir.« »Nichts leichter als dies, und der Generalcapitän Acton ist hier und kann Ew. Majestät sagen, ob ich lüge.« Acton nickte bejahend mit dem Kopf. Ferdinand sah Acton von der Seite an. Er hatte zuweilen Anwandlungen, nicht von Eifersucht, denn dazu war er zu sehr Philosoph, wohl aber von Neid. Acton gab daher in Gegenwart des Königs nur dann ein Lebenszeichen von sich, wenn Ferdinand selbst das Wort an ihn richtete. »Der Generalcapitän wird für sich antworten, wenn ich ihm die Ehre erzeige ihn zu befragen,« sagte der König. »Mittlerweile antworte für Dich selbst, Ariola. Wo sind deine fünfundsechzigtausend Mann?« »Zweiundzwanzigtausend stehen im Lager von San Germano, Sire.« So wie Ariola die Truppen herrechnete, zählte Ferdinand, mit dem Kopfe nickend, an den Fingern. »Ferner haben wir sechzehntausend Mann in den Abruzzen,« fuhr Ariola fort, »achttausend in der Ebene von Sessa, sechstausend in den Mauern von Gaëta, zehntausend sowohl in Neapel als an den Küsten, endlich dreitausend in Benevento und Ponto Corvo.« »Die Rechnung stimmt, sagte der König, als Ariola mit seiner Aufzählung fertig war; »ich habe sonach wirklich eine Armee von fünfundsechzigtausend Mann.« »Die sämmtlich neu nach österreichischer Manier uniformiert sind.« »Das heißt wohl weiß?« »Ja, Sire, anstatt wie früher grün.« »Ach, mein lieber Ariola,« rief der König mit einem Ausdrucke grotesker Schwermuth, »mögen meine Soldaten nun weiß oder grün uniformiert sein, so laufen sie doch davon.« »Sie haben eine beklagenswerthe Meinung von Ihren Unterthanen, Majestät,« antwortete die Königin. »Eine beklagenswerthe Meinung, Madame? Im Gegentheile ich halte meine Unterthanen für sehr klug, ja sogar für zu klug, und eben deshalb zweifle ich, daß sie sich wegen Dingen todtschlagen lassen, die sie nichts angehen. Ariola sagt uns, er habe fünfundsechzigtausend Mann. Unter diesen fünfundsechzigtausend Mann sind allerdings fünfzehntausend Mann alte Soldaten, aber diese alten Soldaten haben noch niemals einen Schuß abgefeuert, noch eine Kugel pfeifen gehört. Diese laufen vielleicht erst bei dem zweiten Schusse davon, das ist wohl möglich. Was aber die fünfzigtausend Anderen betrifft, so datieren dieselben von sechs Wochen oder einem Monat, und wie sind diese fünfzigtausend Mann überdies zusammengebracht worden! Ach, meine Herren, Sie glauben, ich achte auf nichts, weil ich während des größten Theils der Zeit, wo Sie hier discutiren, mit Jupiter plaudere, der ein ungemein kluges Thier ist. Ich überhöre aber von Allem, was Sie sprechen, kein Wort. Ich lasse Sie blos gewähren. Widerspräche ich Ihnen, so wäre ich genöthigt, Ihnen zu beweisen, daß ich mich auf das Regieren besser verstehe als Sie, und dies macht mir nicht Vergnügen genug, daß ich es deshalb auf die Gefahr ankommen ließe, mich mit der Königin zu veruneinigen, welcher das Regieren großes Vergnügen macht. Wohlan, jene fünfzig- tausend Mann sind von Ihnen nicht kraft eines Gesetzes oder unter Anwendung des Losziehens angeworben worden. Sie haben dieselben vielmehr mit Gewalt aus ihren Dörfern entführt und ihren Familien entrissen, ganz nach der Laune Ihrer Intendanten und Unterintendanten. Jede Gemeinde hat Ihnen von je tausend Seelen acht Recruten geliefert, aber soll ich Ihnen sagen, wie man dabei zu Werke gegangen ist? Anfangs hat man die Reichsten aufgeschrieben, diese aber haben sich losgekauft und sind nicht zur Armee abgegangen. Dann hat man die weniger Reichen aufgeschrieben, da aber diese bezahlen konnten, so sind sie eben so wenig zur Armee abgegangen als die ersten. So immer tiefer herabsteigend und nachdem man drei oder vier Contributionen erhoben, wovon man Dir, mein armer Corradino, obschon Du mein Finanzminister bist, wohlweislich nichts gesagt, ist man bis auf die gekommen, die keinen Grano besaßen, um sich loskaufen zu können. Diese mußten denn auch zuletzt wirklich zur Armee abgehen. Jeder dieser Soldaten repräsentiert daher eine lebendige Ungerechtigkeit, eine offenkundige Erpressung. Kein rechtmäßiger Grund knüpft ihn an den Dienst, kein moralisches Band hält ihn unter der Fahne zurück; er wird blos durch die Furcht vor harter Strafe gefesselt. Und Sie wollen, daß diese Leute sich todtschlagen lassen, um ungerechte Minister, habgierige Intendanten, diebische Unterintendanten und überdies einen König zu stützen, welcher der Jagd und dem Fischfang obliegt, der sich Vergnügen macht und sich mit seinen Unterthanen nur insofern beschäftigt, daß er mit seiner Meute ihre Felder überschwemmt und ihre Ernte ruiniert? Da wären sie sehr dumm. Wenn ich Soldat in meinem Dienst wäre, so desertierte ich schon den ersten Tag und würde lieber Straßenräuber, denn die Straßenräuber fechten wenigstens für sich selbst und lassen sich für sich selbst todtschlagen.« »Ich muß gestehen, daß in dem, was Sie da sagen, Sire, sehr viel Wahres liegt,« antwortete der Kriegsminister. »Zum Teufel, hob der König wieder an, »ich spreche stets die Wahrheit, wohlverstanden, wenn ich zum Lügen keinen Grund habe. Laß uns mittlerweile die Sache noch näher ins Auge fassen. Ich gebe zu, daß Du deine fünfundsechzigtausend Mann hast. Sie stehen neu uniformiert mit der Muskete auf der Schulter, dem Degen an der Seite und der Patromtasche auf dem Rücken in Schlachtordnung da. Wen willst Du an ihre Spitze stellen, Ariola? Dich vielleicht selbst?« »Sire,« antwortete Ariola, »ich kann nicht zugleich Kriegsminister und Obergeneral sein.« »Und Du willst daher lieber Kriegsminister bleiben– das kann ich mir wohl denken.« »Sire!« »Ich sage Dir, daß ich mir das recht wohl denken kann.« »Wie steht's mit Dir, Pignatelli? Hättest Du Lust, den Oberbefehl über Ariolas fünfundsechzigtausend Mann zu übernehmen?« »Sire,« antwortete der General, welchen der König angeredet, »ich gestehe, daß ich eine solche Verantwortlichkeit nicht auf mich nehmen möchte.« »Das wären Zwei. Wie steht's mit Dir, Colli?« fuhr der König fort. »Ich müßte das Amerbieten auch ablehnen, Sire.« »Und wie wäre es mit Dir, Parisi?« »Sire, ich bin blos Brigadier.« »Ja, ja, eine Brigade oder auch allenfalls eine Division wollt Ihr wohl commandieren, aber einen Feldzugsplan entwerfen, strategische Combinationen ersinnen und einen kampfgeübten Feind angreifen und besiegen, dazu will sich keiner von Euch anheischig machen.« »Ew. Majestät brauchen sich wegen eines Obergenerals kein Kopfzerbrechens zu machen,« sagte die Königin; »dieser Obergeneral ist bereits gefunden.« »Wie!« rief Ferdinand, »doch hoffentlich nicht in meinem Königreiche? »Nein, Majestät, seien Sie unbesorgt, antwortete die Königin. »Ich habe meinen Neffen um einen Mann ersucht, dessen militärischer Ruf gleichzeitig dem Feinde imponiert, und den Ansprüchen unserer Freunde genügt.« »Und wie heißt derselbe?« fragte der König. »Es ist der Baron Carl Mack. Haben Sie etwas gegen ihn zu erinnern?« »Weiter nichts, entgegnete der König, »als daß er sich von den Franzosen hat schlagen lassen. Da dies aber allen Generalen des Kaisers, mit Einschluß seines Onkels und Ihres Bruders, des Prinzen Carl, begegnet ist, so ist mir Mack ebenso recht als ein Anderer.« Die Königin biß sich auf die Lippen bei diesem unerbittlichen Spott des Königs, welcher den Cynismus so weit trieb, daß er in Ermangelung Anderer sich selbst zur Zielscheibe nahm. Sie erhob sich daher und fragte: »Sie nehmen also den Baron Carl Mack als Obergeneral Ihrer Armee an?« »Ja wohl, mit dem größten Vergnügen,« antwortete der König. »In diesem Falle erlauben Sie –« Und die Königin näherte sich der Thür. Der König folgte ihr mit den Augen und konnte nicht errathen, was sie machen wolle, als plötzlich ein Jagdhorn, von zwei mächtigen Lippen und einer gewaltigen Lunge geblasen, in dem Hofe des Palastes, auf welchen die Fenster des Berathungssaales gingen, so laut zu schmettern begann, daß die Fensterscheiben davon erzitterten und die Minister und Räthe, welche nicht wußten, was diese unerwartete Fanfare bedeuten solle, einander mit erstaunten Blicken ansahen. Dann richteten sich Aller Augen auf den König, wie um von ihm die Erklärung dieser gemeinen Unterbrechung zu verlangen. Der König schien jedoch ebenso erstaunt zu sein als die Andern und Jupiter ebenso erstaunt als der König. Ferdinand horchte einen Augenblick, als ob er seinen eigenen Ohren nicht traute, dann sagte er: »Was fällt denn diesem Wichte ein? Er muß doch wissen, daß die Jagd abbestellt ist; warum gibt er das erste Signal?« Der Piqueur fuhr fort wüthend in ein Horn zu blasen. Der König erhob sich in großer Aufregung. Es war augenscheinlich, daß ein heftiger Kampf in ihm stattfand. Er ging an das Fenster und öffnete es. »Willst Du wohl schweigen, Dummkopf?« rief er. Dann schloß er das Fenster ärgerlich wieder und kam dann, immer von Jupiter gefolgt, um wieder seinen Platz in seinem Lehnsessel einzunehmen. Während der Bewegung aber, die er gemacht, war unter dem Schutze der Königin eine neue Person auf der Bühne erschienen. Die Königin hatte nämlich, während der König mit seinem Piqueur sprach, die Thür, welche aus dem Berathungszimmer in ihre Gemächer führte, geöffnet und die fragliche Person eingelassen. Jeder betrachtete mit Ueberraschung und Erstaunen den Unbekannten, und von Seiten des Königs geschah dies mit nicht weniger Ueberraschung als von Seite der Andern. Elftes Capitel. Der General Baron Carl Mack Der, welcher dieses allgemeine Erstaunen hervorrief, war ein Mann von fünf- bis sechsundvierzig Jahren, groß, blond, bleich, in österreichischer Uniform, mit den Abzeichen der Generalswürde und unter andern Decorationen auch mit dem Marie Theresienorden und dem des heil. Januarius geschmückt. »Sire,« sagte die Königin, »ich habe die Ehre, Ihnen, den Baron Carl Mack vorzustellen, welchen Sie soeben zum Obergeneral Ihrer Armee ernannt haben.« »Ah, mein lieber General, sagte der König, indem er mit einem gewissen Erstaunen den St. Januariusorden betrachtete, womit der General geschmückt war und welchen der König sich nicht erinnern konnte, ihm verliehen zu haben: »ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Dann wechselte er mit Ruffo einen Blick, welcher zu sagen schien: »Aufgepaßt!« Mack verneigte sich tief, und stand ohne Zweifel im Begriffe, dieses Compliment des Königs zu beantworten, als die Königin wieder das Wort ergriff und sagte: »Sire, ich glaubte, wir dürften die Ankunft des Barons in Neapel nicht abwarten, um ihm einen Beweis der Achtung zu geben, welche Sie ihm zollen, und habe ihm daher, ehe er Wien verließ, durch Ihren Gesandten die Insignien Ihres Ordens vom heil. Januarius zustellen lassen.« »Und ich, Sire,« sagte der Baron mit einem Enthusiasmus, der vielleicht ein wenig zu theatralisch war, um aufrichtig zu sein, »ich bin, getrieben von Dankbarkeit für die Güte Ew. Majestät, mit der Schnelligkeit des Blitzes herbeigeeilt, um Ihnen zu sagen: Sire, mein Degen gehört Ihnen.« Mit diesen Worten zog Mack die Klinge aus der Scheide. Der König schob seinen Sessel einen Schritt zurück. Ebenso wie Jacob der Erste liebte er nicht den Anblick des blanken Eisens. Mack fuhr fort: »Dieser Degen gehört Ihnen und Ihrer Majestät der Königin, und wird nicht eher ruhig in seiner Scheide schlafen, als bis er diese verruchte französische Republik gestürzt hat, welche die Verläugnung der Menschenwürde und die Schmach Europas ist. Nehmen Sie meinen Schwur an, Sire?« fuhr Mack fort, indem er in furchtbarer Weise seinen Degen schwang. Ferdinand, der für seine Person kein Freund theatralischer Geberden war, konnte mit seinem bewundernswürdigem gesunden Menschenverstande nicht umhin zu sehen, welche lächerliche Prahlerei in dem Auftreten des Generals Mack lag, und mit seinem spöttischen Lächeln murmelte er in seinem neapolitanischen Patois, welches, wie er wußte, für Jeden, der nicht am Fuße des Vesuv geboren worden, unverständlich war, das einzige Wort: »Ceuza!« Gerne würden wir diese Art Ausruf, welcher den Lippen des Königs Ferdinand entschlüpfte, übersetzen, unglücklicher Weise aber gibt es in keiner Sprache ein Wort, welches ganz genau dasselbe bedeutete. Begnügen wir uns daher zu sagen, daß es so ziemlich die Mitte zwischen Geck und Dummkopf bezeichnet. Mack, der in der That nicht verstanden hatte und mit dem Degen in der Hand wartete, daß der König seinen Schwur annehme, drehte sich ziemlich verlegen nach der Königin herum. »Ich glaube,« sagte Mack zur Königin, »Seine Majestät hat mir die Ehre erzeigt, mir etwas zu sagen.« »Seine Majestät,« antwortete die Königin, ohne aus der Fassung zu kommen, »hat Ihnen durch ein einziges, ausdrucksvolles Wort seine Dankbarkeit zu erkennen gegeben.« Mack verneigte sich und steckte, während das Gesicht des Königs seinen Ausdruck von gutmüthigem Spott beibehielt, seinen Degen wieder in die Scheide. »Und nun,« sagte der König, der nun einmal die Bahn des Spottes betreten, welcher er gar so gern folgte, » hoffe, ich, daß mein lieber Neffe, indem er mir einen seiner besten Generale schickt, diese nichtswürdige französische Republik zu stürzen, mir gleichzeitig einen von dem Hofkriegsrath ausgearbeiteten Feldzugsplan übermittelt.« Diese mit vollkommen gutgespielter Naivetät gestellte Frage war ein neuer Spott von Seiten des Königs, denn der Hofkriegsrath hatte die Pläne zu dem Feldzug von 96 und 97 ausgearbeitet, Pläne, nach welchen die österreichischen Generale und der Erzherzog Carl selbst geschlagen worden. »Nein, Sire,« antwortete Mack, »ich habe Seine Majestät den Kaiser, meinen erhabenen Herrn, gebeten, mir in dieser Beziehung freie Hand zu lassen.« »Und er hat Ihnen hoffentlich diese Bitte bewilligt, nicht wahr?« fragte der König. »Ja, Sire, er hat mir diese Gnade erzeigt.« »Und Sie werden sich dann wohl unverweilt mit dieser Aufgabe beschäftigen, mein lieber General? Denn ich gestehe, daß ich der Mittheilung dieses Planes mit großer Ungeduld entgegensehe.« »Die Sache ist bereits gemacht, antwortete Mack im Tone eines Menschen, der mit sich selbst vollkommen zufrieden ist. »Ah!« sagte Ferdinand, der seiner Gewohnheit gemäß sofort wieder gutgelaunt war, wenn er Jemanden fand, den er verspotten konnte, »Sie hören es, meine Herren. Ehe noch der böse Garat uns im Namen der nichtswürdigen französischen Republik den Krieg erklärt hatte, war die nichtswürdige französische Republik, Dank dem Genie unseres Obergenerals, schon geschlagen. Wir stehen sichtlich unter den Schutze Gottes und des heiligen Januarius Dank, mein lieber General, Dank!« Mack, der dieses Compliment buchstäblich nahm, verneigte sich tief vor dem König. »Welch ein Unglück,« rief dieser, »daß wir nicht eine Karte unserer Staaten und der römischen Staaten hier haben, um den Operationen des Generals auf dieser Karte zu folgen. Man sagt, der Bürger Buonaparte habe in seinem Cabinet in der Rue Chantereine zu Paris eine große Karte, auf welcher er seinen Secretären und Adjutanten im voraus die Punkte bezeichnet, wo er die feindlichen Generale schlagen wird. Der Baron würde uns im voraus diejenigen bezeichnet haben, auf welchen er die französischen Generale schlagen wird. Du wirst eine ähnliche Karte wie die des Bürgers Buonaparte für das Kriegsministerium anfertigen lassen und dem Baron Mack zur Verfügung stellen, hörst Du, Ariola?« »Es wäre dies überflüssige Mühe, Sire. Ich besitze bereits eine ganz vortreffliche Karte.« »Die eben so gut ist wie die des Bürgers Buonaparte?« fragte der König. »Ich glaube es,« antwortete Mack mit selbstzufriedener Miene. »Wo ist sie, General?« fragte der König wieder; »wo ist sie? Ich sterbe vor Ungeduld, eine Karte zu sehen, auf welcher man den Feind im Voraus schlägt.« Mack gab einem Thürsteher Befehl, ihm das Portefeuille zu bringen, welches er in dem Nebenzimmer gelassen. Die Königin, welche ihren Gemahl kannte, sich durch die erheuchelten Complimente, welche er ihrem Schützling machte, nicht täuschen ließ und fürchtete, dieser werde endlich bemerken, daß er der Spottsucht des Königs zur Zielscheibe diente, wendete ein, daß jetzt vielleicht nicht der geeignete Augenblick sei, sich mit diesem Detail zu beschäftigen. Mack aber, welcher diese Gelegenheit, seine strategische Wissenschaft durch drei oder vier anwesende Generale bewundern zu lassen, nicht versäumen wollte, verbeugte sich mit ehrerbietiger Beharrlichkeit und die Königin gab nach. Der Thürsteher brachte eine große Mappe, auf deren einer Seite das österreichische Wappen, auf der andern der Name und die Titel des Generals Mack in Golddruck zu sehen waren. Der General zog eine große Karte der römischen Staaten mit ihren Grenzen heraus und breitete sie auf die Tafel. »Achtung, mein lieber Kriegsminister! Achtung, meine Herren Generale!« sagte der König. »Verlieren wir kein Wort von dem, was der Baron uns sagen wird. Sprechen Sie, Baron, man hört Sie.« Der Officier näherte sich dem Tische mit lebhafter Neugier. Der Baron Mack stand – man wußte damals nicht warum, und hat es auch später niemals erfahren – in dem Rufe, einer der ersten Strategen der Welt zu sein. Die Königin, welche sich an etwas, was sie als eine Mystification von Seite des Königs betrachtete, nicht betheiligen wollte, trat ein wenig auf die Seite. »Wie, Madame,« rief der König, »in dem Augenblicke, wo der Baron einwilligt uns zu sagen, wo er diese Republikaner, die Ihnen so sehr verhaßt sind, schlagen wird, entfernen Sie sich?« »Ich verstehe nichts von der Strategie,« entgegnete die Königin ärgerlich. »Vielleicht,« fuhr sie fort, indem sie mit der Hand auf den Cardinal Ruffo zeigte, »würde ich Jemanden, der sich darauf versteht, blos den Platz wegnehmen.« Und sich einem Fenster nähernd, trommelte sie an dem Glase. In demselben Augenblicke und als ob sie damit ein verabredetes Signal gegeben, schmetterte eine zweite Jagdfanfare. Der König blieb stehen, als ob ihm die Füße plötzlich in dem Mosaik angewurzelt wären, welches den Fußboden des Zimmers bildete. Sein Gesicht veränderte sich, und ein Ausdruck von Zorn trat an die Stelle der spöttischen Gutmüthigkeit, die bis jetzt darauf geschrieben stand. »Ha,« rief er, »entweder haben diese Menschen den Verstand verloren, oder sie haben sich verschworen, mich um den meinigen zu bringen. Jetzt haben wir nicht Zeit, den Hirsch oder den Eber zu jagen, wir jagen den Republikaner!« Dann eilte er zum zweiten Male an das Fenster, welches er mit noch größerer Heftigkeit als das erste Mal aufriß. »Wirst Du endlich schweigen, Dummkopf!« rief er. »Ich weiß wirklich nicht, was mich abhält, hinunter zu kommen und Dir mit eigener Hand den Hals umzudrehen.« »O, Sire,« sagte Mack, »das wäre zu viel Ehre für diesen gemeinen Kerl.« »Glauben Sie, Baron?«, sagte der König, eine gute Laune wieder gewinnend. »Nun, lassen wir ihn dann leben, und beschäftigen wir uns nur mit Ausrottung der Franzosen. Laffen Sie Ihren Plan sehen, General, lassen Sie sehen.« Und er schloß das Fenster mit größerer Ruhe, als man nach dem Zustande von Erbitterung hätte hoffen können, worein ihn der Schall des Horns versetzt, und welchem er glücklicherweise durch die abgedroschene Schmeichelei des Generals Mack wie durch ein Wunder wieder entrissen worden. »Sehen Sie, meine Herren,« sagte Mack im Tone eines Professors, welcher seine Zöglinge unterrichtet, »unsere sechzigtausend Mann sind längs dieser Linie, welche sich von Gaëta bis Aquila erstreckt, auf vier bis fünf Punkte verheilt.« »Sie wissen, daß wir deren fünfundsechzigtausend haben,« sagte der König; »seien Sie daher nicht allzu sparsam.« »Ich bedarf deren nur sechzigtausend, Sire, sagte Mack; »meine Berechnungen gründen sich auf diese Ziffer, und selbst wenn Ew. Majestät hunderttausend Mann hätten, so würde ich Ihnen nicht einen Tambour mehr abnehmen. Uebrigens bin ich über die Stärke der Franzosen ganz genau unterrichtet. Sie haben kaum zehntausend Mann.« »Dann, sagte der König, »sind wir also sechs gegen einen. Dies beruhigt mich vollständig. Im Feldzuge von 96 und 97 waren die Soldaten meines Neffen nur zwei gegen einen, als sie von dem Bürger Buonaparte geschlagen wurden.« »Ich war nicht dabei, Sire,« antwortete Mack mit selbstgenügsamem Lächeln. »Das ist wahr,« antwortete der König mit gut erheuchelter Einfalt. »Es war weiter Niemand dabei als Beaulieu, Wurmser, Alvinzi und der Prinz Carl.« »Sire, Sire,« murmelte die Königin, indem sie Ferdinand am Schooße seines Jagdrockes zupfte. »O, fürchten Sie nichts, sagte der König, »ich weiß, mit wem ich zu thun habe, und übrigens werde ich ihn blos so weit kratzen, als er mir den Kopf herreckt.« »Ich sagte also,« hob Mack wieder an, »daß das Gros unserer Truppen, ungefähr zwanzigtausend Mann, in San Germano steht und daß die vierzigtausend andern am Tronto, in Sessa, in Tagliacozzo und in Aquila campiren. Zehntausend Mann gehen über den Tronto und verjagen die französische Besatzung aus Ascoli, dessen sie sich bemächtigen, und rücken gegen Fermo vor. Viertausend Mann rücken von Aquila aus, besetzen Rieti und marschieren auf Terni; fünf- oder sechstausend rücken von Tagliacozzo nach Tivoli, um Streifzüge nach der Sabina zu machen; achttausend verlassen das Lager von Seffa und rücken auf der appischen Straße in die römischen Staaten ein, sechstausend Mann endlich schiffen sich nach Livorno ein, um den Franzosen, welche sich über Perugia zurückziehen, den weiteren Rückzug abzuschneiden.« »Der General Mack, bemerkte der König, »sagt uns nicht, wie der Bürger Bonaparte ganz genau, wo er den Feind schlagen wird, aber er sagt uns wenigstens, wohin sich derselbe zurückzieht.« »O,« rief Mack triumphierend, »ich werde Ihnen auch sagen, wo ich den Feind schlage.« »Ah, lassen Sie sehen, sagte der König, welcher plötzlich an dem Kriege beinahe eben so viel Vergnügen zu finden schien, als er an der Jagd gefunden haben würde. »Mit Ew. Majestät und zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Mann rücke ich von San Germano aus. »Sie rücken mit mir von San Germano aus?« »Ich marschiere auf Rom.« »Abermals mit mir?« »Ich debouchire durch die Landstraßen von Ceparano und Frosinone.« »Das sind sehr schlechte Straßen, General! Ich kenne sie; ich ward einmal dort umgeworfen.« »Der Feind verläßt Rom.« »Wissen Sie das gewiß?« »Rom ist kein Platz, welcher vertheidigt werden könnte.« »Und wenn der Feind Rom verlassen hat, was macht er dann?« »Er zieht sich auf Civita-Catellana zurück, was eine furchtbar feste Position ist.« »Aha, und in dieser lassen Sie ihn, nicht wahr?« »Nein; ich greife ihn an, und schlage ihn.« »Sehr schön. Wenn Sie ihn nun aber nicht schlügen?« »Sire, sagte Mack, indem er die Hand auf die Brust legte und sich vor dem König verneigte, »wenn ich die Ehre habe, Ew. Majestät zu sagen, daß ich ihn schlagen werde, so ist es so gut, als wäre er schon geschlagen.« »Nun, dann geht Alles gut,« sagte der König. »Haben Ew. Majestät gegen den Plan, welchen ich Ihnen vorgelegt, irgend welche Einwendungen zu erheben?« »Nein, es gibt nur einen einzigen Punkt, über welchen wir uns zu verständigen haben würden.« »Und welcher wäre das, Sire?« »In Ihrem Feldzugsplane sagen Sie, daß Sie von San Germano mit mir ausrücken.« »Ganz recht, Sire.« »Dann werde ich also den Krieg mitmachen?« »Ohne Zweifel.« »Dies ist die erste Mittheilung, die ich darüber höre. Und welchen Grad bieten Sie mir in meiner Armee an? Ich begehe doch keine Indiscretion, wenn ich mich bei Ihnen darnach erkundige?« »Das Obercommando, Sire. Ich würde mich glücklich und stolz fühlen. Ihren Befehlen zu gehorchen.« »Das Obercommando? Hm, hm!« »Würden Sie dieses zurückweisen, Majestät? Man hatte mir dennoch Hoffnung gemacht –« »Wer hatte Ihnen Hoffnung gemacht –« »Ihre Majestät, die Königin.« »Ihre Majestät die Königin ist sehr gütig. Ihre Majestät die Königin vergißt aber in der allzu hohen Meinung, die sie von jeher von mir gehabt und die sie auch bei dieser Gelegenheit von mir kundgibt, daß ich nicht ein Kriegsmann bin. Ich sollte das Obercommando übernehmen?« fuhr der König fort. »Hat San Nicandro mich vielleicht zu einem Alexander oder einem Hannibal erzogen? Bin ich vielleicht auf der Kriegsschule zu Brienne gewesen wie der Bürger Buonaparte? Habe ich vielleicht den Polybius, Cäsar’s Commentarien, den Chevalier Folard, Montecuculi und den Marschall von Sachsen gelesen, wie der Prinz Carl? Habe ich überhaupt etwas gelesen, was mich fähig machte, schulgerecht geschlagen zu werden? Habe ich vielleicht andere Truppen commandiert, als meine Liparioten?« »Sire, antwortete Mack, »ein Nachkomme Heinrichs des Vierten und ein Enkel Ludwigs des Vierzehnten weiß dies Alles, ohne es jemals gelernt zu haben.« »Mein lieber General,« sagte der König, »so etwas müssen Sie Jemanden sagen, der noch dümmer ist als ich.« »Sire,« rief Mack ganz erstaunt, einen König so freimüthig eine Meinung über sich selbst aussprechen zu hören. Mack wartete; Ferdinand kratzte sich hinter dem Ohr. »Und dann?« fragte Mack, als er sah, daß das, was der König noch zu sagen hatte, nicht allein zum Vorschein kommen würde. Ferdinand schien noch zu überlegen. Nach einer Weile hob er an: »Eines der ersten Erfordernisse eines Generals ist der Muth, nicht wahr?« »Das ist allerdings unbestreitbar.« »Dann besitzen Sie also wohl Muth?« »Sire –« »Sie wissen ganz bestimmt, daß Sie Muth besitzen, nicht wahr?« »O!« »Wohlan, ich weiß es von mir nicht ganz bestimmt.« Die Königin erröthete bis an die Ohren. Mack sah den König mit Erstaunen an. Die Minister und Räthe, welche den Cynismus des Königs kannten, lächelten. Nichts was von dieser seltsamen Persönlichkeit, die man König Ferdinand nannte, ausging, konnte sie in Erstaunen setzen. »Indeß,« fuhr der König fort, »es ist möglich, daß ich mich irre und daß ich Muth besitze, ohne es selbst zu wissen. Wir werden ja sehen.« Dann drehte er sich nach seinen Räthen, Ministern und Generalen herum und sagte: »Meine Herren, Sie haben den Feldzugsplan des Barons gehört, nicht wahr?« Alle gaben durch entsprechende Geberden zu verstehen, daß dies der Fall sei. »Und Du billigt ihn, Ariola?« »Ja, Sire,« antwortete der Kriegsminister. »Du auch, Pignatelli?« »Ja, Sire.« »Du auch, Colli?« »Ja, Sire.« » Du auch, Parisi?« »Ja, Sire.« Zuletzt wendete er sich zu dem Cardinal, der, wie er schon während der ganzen Sitzung gethan, sich ein wenig beiseite hielt. »Und Sie, Ruffo?« fragte er. Der Cardinal schwieg. Mack hatte jede der Beifallserklärungen mit einem Lächeln begrüßt. Er betrachtete daher mit Erstaunen den Mann der Kirche, welcher sich nicht beeilte wie die Andern, sich ebenfalls einverstanden zu erklären. »Vielleicht, sagte die Königin, »hatte der Herr Cardinal einen bessern Plan ausgearbeitet.« »Nein, Majestät, antwortete der Cardinal, ohne die Fassung zu verlieren. »Ich wußte ja nicht, daß der Krieg so nahe bevorstünde, und es hatte mir auch Niemand die Ehre erzeigt, mich um meine Meinung zu befragen.« »Wenn Sie, Eminenz, sagte Mack in spöttischem Tone, »einige Bemerkungen zu machen haben, so bin ich bereit, dieselben zu hören.« »Ohne Ihre Erlaubniß, Excellenz, würde ich nicht gewagt haben, meine Meinung auszusprechen, antwortete Ruffo mit außerordentlicher Courtoisie, »da Sie mich aber dazu ermächtigen –« »O thun Sie es! thun Sie es, Eminenz,« sagte Mack lachend. »Wenn ich Ihre Combinationen richtig verstanden habe, Excellenz,« sagte Ruffo, »so ist der Zweck des Feldzugsplanes, den Sie uns die Ehre erzeigt uns vorzulegen, dieser –« »Ja, lassen Sie hören, sagte Mack, welcher nun seinerseits Jemanden gefunden zu haben glaubte, den er zum Besten halten könnte. »Ja, lassen Sie hören,« sagte Ferdinand, welcher schon im voraus den Sieg dem Cardinal zuschrieb und zwar aus dem einzigen Grunde, weil die Königin ihn haßte. Die Königin stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße. Der Cardinal sah diese Bewegung, kehrte sich aber weiter nicht daran. Er kannte die Abneigung der Königin gegen ihn und ließ sich dadurch nicht sonderlich beunruhigen. Mit vollkommener Fassung fuhr er daher fort: »Durch Ausdehnung Ihrer Linie, Excellenz, hoffen Sie mit Hilfe Ihrer großen numerischen Ueberlegenheit die äußersten Spitzen der französischen Linie zu umgehen, die Corps eins auf das andere zu werfen und da ihnen der Rückzug durch Toscana abgeschnitten sein würde, sie zu vernichten oder gefangen zu nehmen.« »Sie haben meine Idee vollkommen richtig aufgefaßt, Eminenz,« sagte Mack ganz vergnügt. »Ich werde den Feind gefangen nehmen vom ersten bis zum letzten Mann und nicht ein einziger Franzose soll nach Frankreich zurückkehren, um zu erzählen, wo seine Cameraden geblieben sind. Dies geschieht, so wahr ich Baron Carl Mack heiße. Haben Sie vielleicht etwas Besseres in Vorschlag zu bringen?« »Wenn ich befragt worden wäre, entgegnete der Cardinal, »so würde ich wenigstens etwas Anderes vorgeschlagen haben.« »Und was hätten Sie vorgeschlagen?« »Ich hätte vorgeschlagen, die neapolitanische Armee blos in drei Corps zu theilen. Ich hätte fünfundzwanzig oder dreißigtausend Mann zwischen Rieti und Terni concentrirt; ich hätte zwölftausend Mann zum Angriff auf den linken Flügel der Franzosen bestimmt und zehntausend Mann in die pontinischen Sümpfe geschickt, um sie auf den rechten Flügel zu werfen. Endlich hätte ich achttausend Mann nach Toscana geschickt. Dann hätte ich mit Aufbietung aller Kräfte und mit der äußersten Energie, deren ich fähig gewesen wäre, versucht, das Centrum des Feindes zu durchbrechen, seine beiden Flügel in der Flanke zu fassen und sie zu hindern, sich wechselseitig Beistand zu leisten. Mittlerweile hätte die toscanische Legion, nachdem sie alle Verstärkungen, welche das Land selbst zu liefern vermocht, an sich gezogen, sich uns genähert, um uns je nach Umständen zu unterstützen. Dies hätte der jungen und unerfahrenen neapolitanischen Armee erlaubt, in Massen zu agieren, was ihr Vertrauen zu sich selbst gegeben haben würde. Dies,« sagte Ruffo, »ist es, was ich vorgeschlagen hätte. Ich bin aber weiter nichts als ein schlichter Mann der Kirche und beuge mich vor der Erfahrung und dem Genie des Generals Mack.« Mit diesen Worten that der Cardinal, welcher sich dem Tische genähert, um auf der Karte die Bewegungen anzudeuten, welche er ausgeführt haben würde, einen Schritt zurück, um dadurch zu erkennen zu geben, daß er auf eine weitere Discussion verzichte. Die Generale sahen einander mit Ueberraschung an. Es war klar, daß Ruffo einen ganz vortrefflichen Rath gegeben hatte. Mack setzte, indem er die neapolitanische Armee in zu viele kleine Corps theilte, dieselben der Gefahr aus, einzeln selbst von einem nicht sehr zahlreichen Feind geschlagen zu werden. Ruffo's Plan war dagegen von dieser Gefahr völlig frei. Mack biß sich auf die Lippe. Er fühlte, wie sehr der eben entwickelte Plan den Vorzug vor dem einigen verdiente. »Mein Herr,« sagte er, »es steht dem König noch frei, zwischen Ihnen und mir, zwischen Ihrem Plan und dem meinigen zu wählen. In der That, setzte er mit erzwungenem Gelächter hinzu, »taugt für einen Krieg, den man einen heiligen Krieg nennen kann, ein Peter von Amiens besser als ein Gottfried von Bouillon.« Der König wußte nicht genau, wer Peter von Amiens und Gottfried von Bouillon gewesen seien, während er aber mit Mack für seine eigene Person seinen Scherz trieb, wollte er ihn jedoch nicht unzufrieden machen. »Was sagen Sie da, mein lieber General!« rief er. »Ich finde für meinen Theil Ihren Plan ganz vortrefflich und Sie haben gesehen, daß dies auch die Meinung dieser Herren ist, denn es haben sich alle damit einverstanden erklärt. Ich billige denselben von Anfang bis Ende und möchte keine einzige Bestimmung desselben geändert sehen. Also die Armee haben wir. Gut. Wir haben nun auch den Obergeneral. Gut, sehr gut. Es fehlt uns nun weiter nichts mehr als das Geld. Wie steht es, Corradino?« fuhr der König fort, indem er sich zu dem Finanzminister wendete. »Ariola hat uns seine Mannschaften gezeigt, zeige Du uns deine Thaler.« »Ach, Sire,« antwortete der Minister, welchem der König auf diese Weise so zu sagen die Pistole auf die Brust setzte, »Euer Majestät wissen recht wohl, daß die Ausgaben, welche die Ausrüstung und Bekleidung der Armee erforderlich gemacht, die Staatscassen vollständig geleert haben.« »Das ist eine schlimme Mittheilung, Corradino, eine sehr schlimme Mittheilung. Ich habe immer gehört, das Geld sei der Nerv des Krieges. Haben Sie gehört, Madame? Es ist kein Geld da.« »Sire,« antwortete die Königin, »das Geld wird Ihnen eben so wenig fehlen, als Ihnen die Armee und der Obergeneral gefehlt hat, und wir haben vorläufig eine Million Pfund Sterling zu Ihrer Verfügung.« »Schön,« sagte der König, »und wer ist der Alchymit, der auf diese Weise die Kunst besessen, Gold zu machen? »Ich werde die Ehre haben, Ihnen den Mann vorzustellen, Sire,« sagte die Königin, indem sie wieder auf die Thür zuschritt, durch welche sie schon den General Mack eingeführt. Sie öffnete diese Thür und sagte, zu einer noch unsichtbaren Person sprechend: »Mylord, wollen Sie die Güte haben, dem König zu bestätigen, was ich so eben die Ehre gehabt ihm zu versichern, nämlich daß es ihm, um Krieg gegen die Jacobiner zu führen, nicht an dem nöthigen Geld fehlen werde?« Aller Augen wendeten sich nach der Thür und Nelson erschien mit strahlendem Antlitz auf der Schwelle, während hinter ihm, gleich einem elysäischen Schatten, die leichte, ätherische Gestalt Emma Lyonnas verschwand, welche so eben durch einen ersten Kuß die Hingebung Nelson's und die Subsidien Englands erkauft hatte. Zwölftes Capitel. Die Insel Malta Das Erscheinen Nelsons in einem solchen Augenblick war bedeutsam. Es war der böse Genius Frankreichs in eigener Person, welcher an den Verhandlungen des Cabinetsraths von Neapel theilnahm und mit der Allmacht eines Goldes Carolinens Lügen und Verrath unterstützte. Alle Welt kannte Nelson, ausgenommen der General Mack, der, wie wir bereits bemerkt, erst während der Nacht angelangt war. Die Königin ging auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und führte den künftigen Sieger von Civita Castellana dem Sieger von Abukir entgegen. »Ich stelle, sagte sie, »den Helden des Landes dem Helden des Meeres vor.« Nelson schien sich durch dieses Compliment nicht sehr geschmeichelt zu fühlen. Er war indessen in diesem Augenblick bei zu guter Laune, um sich durch einen Vergleich verletzt zu fühlen, obgleich derselbe ganz zu Gunsten seines Nebenbuhlers lautete. Er begrüßte Mack höflich, wendete sich dann zu dem König und sagte: »Sire, ich fühle mich glücklich, Ihnen und Ihren Ministern melden zu können, daß ich von meiner Regierung die Vollmacht erhalten habe, mit Ihnen im Namen Englands jede Frage zu verhandeln, welche sich auf den Krieg mit Frankreich bezieht.« Der König fühlte sich gefangen. Caroline hatte ihn während seines Schlafes geknebelt, wie die Liliputer mit Gulliver thaten. Er mußte gute Miene zum bösen Spiele machen. Dennoch versuchte er sich an den letzten Einwurf anzuklammern, der sich seinen Gedanken darbot. »Sie haben gehört, Mylord, wovon die Rede ist, sagte er »und unser Finanzminister, welcher weiß, daß wir hier unter Freunden sind, und daß man vor seinen Freunden kein Geheimniß zu haben pflegt, hat uns offen gestanden, daß er kein Geld mehr in seinen Cassen hat. Ich äußerte daher, daß ohne Geld kein Krieg möglich sei.« »Ew. Majestät haben dadurch, wie stets, tiefe Weisheit an den Tag gelegt,« antwortete Nelson. »Glücklicherweise aber habe ich hier Mr. Pitts Vollmacht, welche mich in den Stand jetzt, diesem Uebelstande abzuhelfen.« Und Nelson legte auf die Berathungstafel eine Vollmacht, welche in folgenden Ausdrücken abgefaßt war: »Lord Nelson, Baron von Nil, ist ermächtigt, bei seiner Ankunft in Neapel sich mit Sir William Hamilton, unserem Gesandten am Hofe beider Sicilien, zu verständigen, um unseren erhabenen Verbündeten, den König von Neapel, in allen Bedrängnissen zu unterstützen, in welche ein Krieg gegen die französische Republik ihn versetzen könnte.     »London, den 7. September 1798.     »W. Pitt.« Acton übersetzte diese Zeilen dem Könige, welcher den Cardinal zu sich rief, gleichsam um eine Verstärkung gegen den neuen Verbündeten der Königin zu haben. »Und, Mylord, sagte Ferdinand, »Sie können wirklich, wie die Königin sagte, eine Summe zu unserer Verfügung stellen?« »Ja, eine Million Pfund Sterling, sagte Nelson. Der König wendete sich zu Ruffo, wie um ihn zu fragen, wie viel eine Million Pfund Sterling eigentlich sei. Ruffo errieth die Frage. »Es sind dies ungefähr fünf und eine halbe Million neapolitanische Ducaten,« antwortete er. »Hm!« sagte der König. »Diese Summe,« sagte Nelson, »ist nur eine erste Subsidie, um dem Bedürfnisse des Augenblickes zu begegnen.« »Ehe Sie aber Ihre Regierung aufgefordert haben, uns diese Summe zu schicken, ehe Ihre Regierung dieselbe absendet, und ehe endlich das Geld in Neapel ankommt, kann ziemlich lange Zeit verstreichen. Wir stehen jetzt im Winteräquinoctium und ein Schiff braucht durchschnittlich zur Hin- und Rückreise vier bis sechs Wochen. Während dieser vier bis sechs Wochen werden die Franzosen vollends Zeit haben, in Neapel zu sein.« Nelson wollte antworten, aber die Königin schnitt ihm das Wort ab. »Ew. Majestät kann sich über diesen Punkt beruhigen,« sagte sie. »Die Franzosen sind jetzt nicht im Stande, Krieg mit uns anzufangen.« »Aber mittlerweile, entgegnete Ferdinand, »haben sie uns denselben doch schon erklärt.« »Wer hat ihn uns erklärt?« »Der Gesandte der Republik. Man sollte meinen, ich sagte Ihnen damit etwas ganz Neues!« Die Königin lächelte verächtlich. »Der Bürger Garat hat sich übereilt,« sagte sie. »Er hätte noch eine Weile gewartet, oder seine Kriegserklärung nicht erlassen, wenn ihm die Lage des Generals Championnet in Rom bekannt gewesen wäre.« »Und Sie kennen also diese Lage besser, als der Gesandte selbst, Madame?« »Ich glaube es.« »Sie stehen wohl mit dem Generalstabe des republikanischen Generals in Briefwechsel?« »Auf Briefwechsel mit fremden Personen würde ich mich nicht verlassen, Sire.« »Dann haben Sie wohl Ihre Nachrichten von dem General Championnet selbst?« »Sehr richtig, und hier ist der Brief, welchen der Gesandte der Republik diesen Morgen erhalten haben würde, wenn er sich gestern Abends nicht so sehr beeilt hätte abzureisen.« Mit diesen Worten zog die Königin den Brief hervor, welchen der Sbirre Pasquale de Simone am Abend vorher Salvato Palmieri abgenommen und dann in dem dunklen Zimmer der Königin zugestellt hatte. Die Königin zog den Brief aus dem Couvert und reichte ihn dem König. Der König warf die Augen darauf. »Das ist ja Französisch,« sagte er in demselben Tone, in welchem ein Anderer vielleicht gesagt hätte: »Das ist ja Hebräisch.« Dann gab er den Brief Ruffo, als ob er sich auf diesen allein verließe. »Herr Cardinal, sagte er, »übersetzen Sie uns diesen Brief ins Italienische.« Ruffo ergriff den Brief und las unter dem tiefsten Stillschweigen Folgendes: »Bürger Gesandter! »Erst seit einigen Tagen in Rom angelangt, halte ich es für meine Pflicht, den Zustand, in welchem die Armee, zu deren Commando ich berufen worden bin, sich befindet, zu Ihrer Kenntniß zu bringen, damit Sie das Benehmen, welches Sie einem treulosen Hof gegenüber einzuhalten haben, der, getrieben durch England, unsern ewigen Feind, nur den günstigen Augenblick erwartet, um uns den Krieg zu erklären, nach den Angaben richten können, die ich Ihnen machen werde.« Bei den Worten »uns den Krieg zu erklären«, sahen die Königin und Nelson einander lachend an. Nelson verstand weder Französisch noch Italienisch, wahrscheinlich aber war ihm eine englische Uebersetzung dieses Briefes im Voraus mitgetheilt worden. Ruffo fuhr, ohne dadurch in seinem Vorlesen unterbrochen zu werden, fort: »Erstens besteht die Armee, die auf dem Papier mit fünfunddreißigtausend Mann angegeben steht, in der That und Wahrheit aus blos achttausend Mann, denen es an Schuhwerk, Kleidern und Brod fehlt und die seit drei Monaten keinen Heller Löhnung erhalten haben. Diese achttausend Mann haben blos einhundertundachtzigtausend Stück Patronen unter sich zu theilen, so daß also fünfzehn Schuß für den Mann kommen. Kein fester Platz ist auch nur mit Pulver hinreichend versehen und man ist in Civita Vecchia nicht im Stande gewesen, auf ein Seeräuberschiff zu schießen, welches sich der Küste genähert.« »Da hören Sie, Sire,« sagte die Königin. »Ja, ich höre, sagte der König. »Fahren Sie fort, Herr Cardinal.« Der Cardinal hob wieder an: »Wir haben nicht mehr als fünf Feldgeschütze und einen Park von vier Feuerschlünden. Unser Mangel an Flinten ist so groß, daß ich nicht im Stande gewesen bin, zwei Bataillone Freiwillige zu bewaffnen, welche ich gegen die Insurgenten zu verwenden gedachte, die uns von allen Seiten umzingeln.« Die Königin wechselte mit Mack und Nelson einen abermaligen Wink. »Unsere Festungen sind in nicht besserem Zustande als unsere Arsenale,« fuhr Ruffo fort zu lesen. »In keiner derselben sind die Kugeln und die Geschütze von einem und demselben Caliber. In einigen gibt es Kanonen, aber keine Kugeln, in andern Kugeln, aber keine Kanonen. »Dieser beklagenswerthe Zustand erklärt mir die Instructionen des Directoriums, welche ich Ihnen hiermit zusende, damit Sie sich darnach richten. Jeder feindliche Angriff auf die römische Republik soll mit Waffengewalt zurückgeschlagen und der Krieg selbst auf das neapolitanische Gebiet übergetragen werden, aber nur in dem Falle, daß der König von Neapel eine seit so langer Zeit angekündigten Invasionsprojekte in Ausführung bringen sollte –« »Sie hören, Sire,« sagte die Königin, »von achttausend Mann, fünf Geschützen und einhundert und achtzigtausend Patronen haben wir, glaube ich, nicht viel zu fürchten.« »Lesen Sie weiter, Eminentissime,« sagte der König, sich die Hände reibend. »Ja, fahren Sie fort, sagte die Königin, »und Sie werden sehen, was der französische General selbst von seiner Position denkt.« »Sie begreifen aber mit leichter Mühe, Bürger Gesandter,« fuhr der Cardinal fort, »daß ich mit den Mitteln, welche mir zur Verfügung stehen, nicht im Stande wäre, einen feindlichen Angriff abzuschlagen, geschweige denn den Krieg auf das neapolitanische Gebiet überzutragen.« »Nun, beruhigt Sie das, Sire?« fragte die Königin. »Hm!«, entgegnete der König, »hören wir erst das Ende.« »Ich kann Ihnen daher nicht genug empfehlen, das gute Einvernehmen zwischen der Republik und dem Hofe der beiden Sicilien so lange aufrecht zu erhalten, als die Würde Frankreichs es gestattet und mit allen möglichen Mitteln die Ungeduld der neapolitanischen Patrioten zu beschwichtigen. Jede Bewegung, welche eher als in drei Monaten, das heißt vor der Zeit geschehe, welche ich brauche, um die Armee zu organisieren, wäre verfrüht und würde unfehlbar scheitern. »Mein Adjutant, ein sicherer Mann von erprobtem Muthe und der, in den Staaten des Königs von Neapel geboren, nicht blos das Italienische, sondern auch das neapolitanische Patois spricht, ist beauftragt, Ihnen diesen Brief zuzustellen und sich mit den Anführern der republikanischen Partei in Neapel zu besprechen. Schicken Sie mir ihn so schnell als möglich mit einer ausführlichen Antwort zurück, welche mir Ihre Situation dem Hofe der beiden Sicilien gegenüber genau auseinandersetzt. »Brüderlichkeit! »Championnet.«     »18. September 1798.« »Nun, Sire,« sagte die Königin, »wenn Sie erst halb beruhigt waren, so muß Sie dies vollkommen beruhigen.« »Ueber einen Punkt ja, Madame; über einen andern aber nicht.« »Ha, ich verstehe. Sie meinen die republikanische Partei, an welche es Ihnen so viel Mühe kostet zu glauben. Wohlan, Sie sehen, daß dieselbe nicht ganz ein Phantom ist. Sie existiert, denn man muß sie ja beschwichtigen und die Jacobiner selbst sind es, welche diesen Rathgeben.« »Aber wie zum Teufel sind Sie in den Besitz dieses Briefes gelangt?« fragte der König, indem er das Blatt aus den Händen des Cardinals nahm und mit neugierigem Blick betrachtete. »Dies ist mein Geheimniß, Sire, antwortete die Königin, »und Sie werden mir erlauben, es zu bewahren.« »Ich habe aber, glaube ich, Mylord Nelson das Wort in dem Augenblick abgeschnitten, wo er eine von Ihnen an ihn gestellte Frage beantworten wollte. Ich sagte, daß im September und Oktober das Meer so stürmisch und unsicher ist, daß wir vielleicht vier bis sechs Wochen brauchten, um das Geld, dessen wir so dringend bedürfen, aus England zu erhalten.« Die Aeußerung des Königs ward Nelson verdolmetscht. »Sire, antwortete er, »dieser Fall ist schon vorgesehen und Ihre Bankiers, die Herren Backer Vater und Sohn, werden Ihnen mit Hilfe ihrer Geschäftsfreunde in Messina, Rom und Livorno einen Wechsel von einer Million Pfund discontiren, den Sir William Hamilton ausstellen und der von mir endossiert werden wird. Eure Majestät braucht in Anbetracht des ziemlich hohen Betrages der Summe die Bankiers blos im Voraus zu benachrichtigen.« »Gut, gut,« sagte der König; »lassen Sie Sir William den Wechsel ausstellen, endossiren Sie ihn, geben Sie ihn mir, und ich werde mich dann mit den Bankiers verständigen.« Ruffo sagte dem Könige einige Worte leise ins Ohr. Ferdinand nickte. »Meine freundliche Bundesgenossin, die englische Regierung, sagte er dann, »gibt, eine wie gute Freundin des Königreiches beider Sicilien sie auch sein möge, doch ihr Geld nicht umsonst weg, das weiß ich recht wohl. Was verlangt sie für ihre Million Pfund Sterlinge?« »Etwas sehr Einfaches, was Ihnen durchaus von keinem Nachtheile sein kann, Majestät.« »Was denn?« »Sie verlangt, daß, wenn die Flotte des Königs von England, welche jetzt im Begriffe steht, Malta zu blockieren, dieses den Franzosen wieder abgenommen haben wird, Ew. Majestät darauf verzichte, Ihre Rechte auf diese Insel geltend zu machen, damit der König von England, welcher im mittelländischen Meere weiter keine Besitzung hat, als Gibraltar, aus Malta eine Station und Verproviantirungsstelle für die englischen Schiffe machen könne.« »Nun, von meiner Seite wird diese Abtretung sehr leicht sein. Malta gehört nicht mir, sondern dem Orden.« »Ja, Sire, wenn aber Malta wiedergenommen ist, so wird der Orden aufgelöst sein,« machte Nelson bemerklich. »Und wenn der Orden aufgelöst ist,« beeilte Ruffo sich zu sagen, »so fällt Malta an die Krone der beiden Sicilien zurück, denn der Kaiser Carl der Fünfte schenkte es als Erbe des Königreiches den Hospitaliterrittern, welche im Jahre 1535 durch Soliman den Zweiten von der Insel Rhodus vertrieben worden waren. Wenn England nun einer Station im Mittelmeere bedarf, so kann es für Malta recht wohl fünfundzwanzigtausend Millionen Francs zahlen, das würde durchaus nicht zu theuer sein.« Vielleicht hätte sich über diesen Punkt eine längere Discussion entsponnen, als plötzlich eine dritte Fanfare sich in dem Hofe vernehmen ließ und eine nicht weniger unerwartete und seltsame Wirkung hervorbrachte, als die beiden ersten. Was die Königin betraf, so wechselte sie mit Mack und Nelson einen Blick, welcher jagen wollte: »Bleiben Sie nur ruhig, meine Herren. Ich weiß, was es ist.« Der König aber, der es nicht wußte, eilte an das Fenster und öffnete es, ehe noch die Fanfare zu Ende war. Dieselbe gab das Signal, welches mit dem Namen des Hallali bezeichnet wird. »Nun,« rief der König wüthend hinunter, »wird man mir endlich erklären, was diese drei elenden Fanfaren jagen wollen?« »Sie wollen sagen, daß Ew. Majestät aufbrechen kann, wenn sie will,« antwortete der Jäger, der das Signal geblasen. »Sie können sicher sein, Majestät, nicht unverrichteter Sache heimzukehren, denn die Wildschweine sind umzingelt.« »Umzingelt!« rief der König. »Die Wildschweine sind umzingelt?« »Ja, Sire, ein Rudel von fünfzehn Stück.« »Fünfzehn Stück! Hören Sie, Madame, rief der König, sich zu einer Gemahlin wendend, »fünfzehn Wildschweine! Hören Sie, meine Herren? Fünfzehn Wildschweine! Hörst du, Jupiter, fünfzehn! fünfzehn! Fünfzehn!« Dann kehrte er an das Fenster zurück. »Aber weißt Du denn nicht,« rief er dem Hornbläser in verzweiflungsvollem Tone zu, »weißt Du denn nicht, Unglücklicher, daß heute keine Jagd ist?« Die Königin näherte sich. »Und warum soll denn heute keine Jagd ein, Sire?« fragte sie mit ihrem reizendsten Lächeln. »Nun, weil ich dieselbe auf das von Ihnen mir in vergangener Nacht geschriebene Billet abgestellt habe.« Und er drehte sich nach Ruffo herum, wie um diesen zum Zeugen zu nehmen, daß der Befehl in seiner Gegenwart ertheilt worden. »Das ist wohl möglich, Sire,« hob die Königin wieder an, »ich aber dachte an den Verdruß, welchen die Entbehrung dieses Vergnügens Ihnen bereiten würde, und in der Voraussetzung, daß der Cabinetsrath bald beendet sein und uns noch Zeit lassen werde, einen Theil des Tages der Jagd obzuliegen, ließ ich den Boten anhalten. Es ist deshalb bei dem ersten von Ihnen erheilten Befehle geblieben, nur mit dem Unterschied, daß ich, statt der neunten Stunde, die elfte als die bezeichnet habe, wo Sie aufbrechen würden. Eben schlägt es elf Uhr, die Cabinetsrathssitzung ist beendet, das Wild ist aufgescheucht und umzingelt und es hält Sie daher nichts ab, Sire, sich auf den Weg zu machen.« So wie die Königin sprach, ward das Gesicht des Königs immer strahlender. »Ach, meine liebe Schulmeisterin, « – man erinnert sich, daß dies der Name war, mit welchem Ferdinand seine Gemahlin in gutgelaunten Augenblicken anredete, – »ach, meine liebe Schulmeisterin, Sie sind würdig, nicht blos Acton als Premierminister, sondern auch den Herzog della Salandra als Oberjägermeister zu ersetzen. Sie haben sehr Recht. Der Cabinetsrath ist beendet. Sie haben Ihren Feldherrn zu Lande, Sie haben Ihren Feldherrn zur See, wir erhalten fünf oder sechs Millionen Ducati, auf die wir nicht gerechnet hatten. Alles, was Sie thun, wird wohlgethan sein und ich verlange von Ihnen weiter nichts, als daß Sie den Feldzug nicht eher beginnen, als bis der Kaiser dasselbe thut. So wahr ich lebe, ich fühle mich jetzt ganz kriegerisch gestimmt. Ich glaube, ich besitze Muth! Auf Wiedersehen, meine Herren! Auf Wiedersehen, Ruffo!« »Und Malta, Sire?« fragte der Cardinal. »Man mache mit Malta, was man wolle! Ich habe es dreiundsechzig Jahre entbehrt und kann es daher recht wohl auch ferner entbehren. Es ist ja weiter nichts als ein elender Felsen, der nur zweimal jährlich, wenn die Wachteln ziehen, zur Jagd taugt. Aus Mangel an Wasser kann man dort keine Fasanen halten, und es wächst dort keine Handvoll Gemüse, so daß man genöthigt ist, Alles von Sicilien zu beziehen. Die Engländer mögen Malta nehmen und mir die Jacobiner vom Halse schaffen, weiter verlange ich nichts. – Fünfzehn Wildschweine, Jupiter, Taho! Jupiter, Taho!« Und der König verließ das Zimmer, indem er eine vierte Fanfare pfiff. »Mylord,« sagt die Königin zu Nelson, »Sie können Ihrer Regierung schreiben, daß die Abtretung Maltas an England von Seiten des Königs beider Sicilien auf keine Schwierigkeit stoßen wird.« Dann wendete sie sich zu den Ministern und Räthen. »Meine Herren,« sagte sie, »der König dankt Ihnen für die guten Rathschläge, welche Sie ihm ertheilt haben. Die Sitzung ist geschlossen.« Nachdem sie sich dann gegen Alle grüßend verneigt und Ruffo einen ironischen Blick zugeworfen, kehrte sie, von Mack und Nelson gefolgt, in ihre Gemächer zurück. Dritter Theil Erstes Capitel. Die Häuslichkeit eines Gelehrten Es war neun Uhr Morgens. Die durch das während der Nacht stattgehabte Gewitter gereinigte Atmosphäre war wundervoll klar. Die Barken der Fischer durchfurchten schweigend den Golf zwischen dem doppelten Azur des Himmels und des Meeres. Von dem Fenster des Speisezimmers aus hätte der in demselben auf- und abgehende Chevalier die Häuser, welche in einer Entfernung von sieben Meilen den schwarzen Abhang von Ana Capri wie weiße Punkte marmorierten, sehen und zählen können, wenn seine Gedanken in diesem Augenblicke nicht durch etwas Anderes beschäftigt worden wären. Er dachte nämlich an jene von Buffon in seinen Epochen der Natur aufgestellte, dem Chevalier etwas gewagt erscheinende Hypothese, daß die Erde durch Zusammenstoß mit einem Kometen von der Sonne abgesprengt worden. Gleichzeitig aber empfand er auch eine unbestimmte Unruhe, welche ihm durch den lang andauernden Schlaf seiner Gattin verursacht ward. Es war seit seiner Vermählung heute das erste Mal, daß er beim Heraustreten aus seinem Cabinete gegen acht Uhr Morgens Luisa nicht mit Zubereitung der Taffe Kaffee, Brotes, der Butter, der Eier und der Früchte beschäftigt fand, welche das gewöhnliche Frühstück des Gelehrten ausmachten, ein Frühstück, welches dann sie, die es mit der doppelten Aufmerksamkeit einer ehrerbietigen Tochter und einer zärtlichen Gattin bereitet, mit jugendlichem Appetite zu theilen pflegte. Nach beendetem Frühstücke, das heißt gegen zehn Uhr Morgens, küßte der Chevalier mit der Regelmäßigkeit, die er in allen Dingen beobachtete, wenn ihn nicht irgend eine naturwissenschaftliche oder philosophische Frage ganz vorzugsweise beschäftigte, seine junge Gattin auf die Stirn und machte sich auf den Weg nach der Bibliothek des Prinzen, einen Weg, den er, wenn das Wetter nicht allzu schlecht war, sowohl um des Vergnügens und der Zerstreuung willen als in Folge des ärztlichen Rathes seines Freundes Cirillo, stets zu Fuße machte und der, da er sich von Mergellina bis zum königlichen Palaste erstreckte, ziemlich anderthalb Kilometer oder zwanzig Minuten betrug. In diesem Palaste wohnte der Kronprinz in der Regel sechs Monate des Jahres hindurch. Während der andern sechs Monate wohnte er in der sogenannten Favorite oder in Capodimonte. Für diese Zeit war dem Chevalier eine Equipage zur Verfügung gestellt. Wenn der Prinz in dem königlichen Palaste wohnte, so kam er unabänderlich gegen elf Uhr in seine Bibliothek herunter und fand hier seinen Bibliothekar gewöhnlich auf einer Leiter stehend, um ein seltenes oder neues Buch zu suchen. Sobald San Felice den Prinzen bemerkte, machte er eine Bewegung, um von der Leiter hinabzusteigen; der Prinz gab dies aber nicht zu. Es entspann sich dann eine fast stets literarische oder wissenschaftliche Conversation zwischen dem Gelehrten auf seiner Leiter und dem Schüler auf seinem Sessel. Zwischen zwölf und halb ein Uhr Mittags, kehrte der Prinz wieder in seine Gemächer zurück. San Felice stieg dann eiligst von der Leiter herunter, um den Prinzen bis an die Thür zu geleiten, zog die Uhr heraus und legte sie auf einen Schreibtisch, um die Stunde nicht zu vergessen, was ihm sonst bei einer fesselnden Arbeit sehr leicht hätte begegnen können. Zwanzig Minuten vor zwei Uhr legte der Chevalier seine Arbeit in ein Schubfach, welches er verschloß, steckte die Uhr wieder ein und nahm seinen Hut, welchen er in Folge jener Ehrerbietung, die zu jener Zeit alle wirklich royalistisch Gesinnten gegen Alles, was mit dem Königthume zusammenhing, an den Tag legten, bis zu der auf die Straße hinausführenden Thür in den Händen hielt. Zuweilen, wenn er gerade eine seiner Anwandlungen von Zerstreutheit hatte, legte er den ganzen Weg von dem Palaste bis zu seiner Wohnung, an deren Thür er allemal beinahe in demselben Augenblicke anpochte, wo es zwei Uhr schlug, mit bloßem Kopfe zurück. Entweder öffnete Luisa ihm selbst oder sie erwartete ihn auf der Rampe. Das Diner war stets bereit. Man setzte sich zu Tische und Luisa erzählte, was sie gemacht, was für Besuche sie empfangen und welche kleinen Ereignisse sich in der Nachbarschaft zugetragen hatten. Der Chevalier seinerseits erzählte, was er unterwegs gesehen, die Neuigkeiten, welche der Prinz ihm mitgetheilt, und die politischen Nachrichten, welche aber ihn sowohl als auch Luisa in nur höchst mittelmäßigem Grade interessierten. Nach der Mahlzeit setzte Luisa, je nach dem sie gelaunt war, sich an das Clavier oder nahm ihre Guitarre und sang ein heiteres Liedchen von Santa Lucia oder eine schwermüthige sicilianische Melodie. Zuweilen machten beide Gatten auch einen Spaziergang auf der malerischen Straße des Pausilippo, oder zu Wagen bis nach Bagnoli oder Pozzolo. Auf diesen Promenaden wußte San Felice stets irgend eine historische Anecdote zu erzählen, oder irgend eine interessante Bemerkung zu machen, denn seine umfassenden Kenntnisse gestatteten ihm, sich nie zu wiederholen und stets zu fesseln. Gegen Abend kehrte man nach Hause zurück. In der Regel fand sich dann ein Freund von San Felice oder eine Freundin von Luisa ein, um den Abend im Sommer unter dem Palmbaume, im Winter im Salon bei ihnen zuzubringen. Ein sich an diesen Abenden sehr häufig einfindender Gast war, wenn er nämlich nicht in Petersburg oder Wien weilte, Dominico Cimarosa, der Componist der »Horazier der »heimlichen Ehe«, der »Italienerin in London«, des »Directors in Verlegenheit«. Dieser berühmte Maestro machte es sich zum Vergnügen, Luisa die noch nicht aufgeführten Piecen seiner Opern singen zu lassen. Sie besaß außer einer vortrefflichen Schule, welche sie zum Theile ihm verdankte, jene frische, klare, unverkünstelte Stimme, welche man bei Sängerinnen von Profession so selten findet. Zuweilen kam auch ein junger, talentvoller Maler, der dabei auch ein talentvoller Musiker und namentlich vortrefflicher Guitarrespieler war. Er hieß Vitaliani, wie jener Knabe, welcher mit zwei andern Knaben, Emanuele de Deo und Gagliani, den Schlachtopfern der ersten Reaction, auf dem Blutgerüste starb. Zuweilen, obschon selten, denn seine zahlreichen Patienten ließen ihm wenig Zeit dazu, fand sich auch der gute Doctor Cirillo ein, welchem wir schon zwei- oder dreimal begegnet sind und dem wir noch öfter begegnen werden. Fast alle Abende erschien die Herzogin Fusco, wenn sie nämlich in Neapel war. Oft kam auch eine in jeder Beziehung merkwürdige Dame, eine als Publicistin und Improvisatrice ebenbürtige Nebenbuhlerin der Frau von Staël. Es war dies Eleonore Fonseca Pimentele, eine Schülerin von Metastasio, welcher ihr schon, als sie noch ganz klein war, eine große, glänzende Zukunft verheißen hatte. Zuweilen kam noch die Gattin eines Gelehrten, eines Collegen von San Felice, die Signora Baffi, welche ebenso wie Luisa kaum halb so alt war als ihr Gatte, und den sie dennoch liebte, wie Luisa den ihrigen. Diese Abendgesellschaften dauerten gewöhnlich bis elf Uhr, nur selten länger. Man plauderte, man sang, man declamierte, man schlürfte Eis, man aß Kuchen. Zuweilen, wenn der Abend schön und das Meer ruhig war, wenn der Mond den Golf mit Silberflimmern bestreute, stieg man in eine Gondel und dann schwebten von dem Spiegel des Meeres melodische Klänge empor, welche den guten Cimarosa in Entzücken versetzten. Zuweilen auch declamierte, stehend wie eine Sibylle des Alterthums, Eleonora Pimentele, während ihr langes schwarzes Haar über einer einfachen griechischen Tunica im Winde flatterte, Strophen, die an Pindar und Alkäos erinnerten. Den nächstfolgenden Tag begann dieselbe Existenz mit derselben Pünktlichkeit wieder und nie war dieselbe durch etwas gestört oder getrübt worden. Wie kam es daher, daß Luisa, welche der Chevalier, als er um zwei Uhr Morgens nach Hause gekommen, anscheinend so fest schlafend gefunden und die in der Regel um sieben Uhr aufzustehen pflegte, heute um neun Uhr noch nicht ihr Zimmer verlassen und die Zofe auf alle Fragen des Chevalier geantwortet hatte: »Signora schläft und hat gebeten, daß man sie nicht wecken möge.« Eben schlug es aber schon ein Viertel auf zehn und der Chevalier schickte sich, seiner Unruhe nicht mehr Meister, eben an, selbst an Luisa's Thür zu pochen, als seine Gattin plötzlich auf der Schwelle des Speisezimmers erschien. Ihre Augen schienen ein wenig angegriffen zu sein und ihre Wangen waren etwas bleich, aber eben deswegen vielleicht schöner, als der Chevalier die jemals gesehen. Er ging auf sie zu, um sie sowohl wegen ihres langen Schlafens als wegen der Unruhe, die sie ihm verursacht, auszuschelten. Als er aber das sanfte Lächeln heiterer Ruhe wie einen Morgensonnenstrahl ihr reizendes Antlitz verklären sah, da konnte er sie blos betrachten, selbst lächeln, ihr blondes Haupt zwischen beide Hände fassen und sie auf die Stirn küssen, indem er zugleich mit jener mythologischen Galanterie, welche zu jener Zeit noch nichts Altväterisches hatte, zu ihr sagte: »Wenn die Gattin des alten Tithonos sich hat erwarten lassen, so ist es geschehen, um sich als Geliebte des Mars zu verkleiden.« Eine lebhafte Röthe überzog Luisas Antlitz. Sie lehnte ihr Haupt an die Brust des Chevaliers, als ob sie an seinem Herzen Schutz und Zuflucht suchen wollte. »Ich habe diese Nacht fürchterliche Träume gehabt, mein Freund,« sagte sie, »und dies hat mich ein wenig krank gemacht.« »Und haben diese furchtbaren Träume Dir nicht blos den Schlaf, sondern auch den Appetit geraubt?« »Dies fürchte ich allerdings,« sagte Luisa, indem sie sich an den Tisch setzte. Sie machte eine Anstrengung, um zu essen, aber es war ihr nicht möglich. Die Kehle schien ihr von einer eisernen Faust zusammengeschnürt zu werden. Ihr Gatte betrachtete sie mit Erstaunen und sie fühlte, wie sie unter diesem wiewohl mehr unruhigen als fragenden Blick bald roth bald blaß ward, als plötzlich dreimal und gemessen an die Thür des Gartens gepocht ward. Wer der Einlaßbegehrende auch sein mochte, so war er für Luisa eine willkommene Erscheinung, weil er als Ableiter für die Unruhe des Chevaliers und für ihre eigene Verlegenheit dienen konnte. Sie erhob sich daher rasch, um zu öffnen. »Wo ist denn Nina?« fragte San Felice. »Das weiß ich nicht,« antwortete Luisa. »Vielleicht ist sie ausgegangen.« »Zur Stunde des Frühstücks? Wenn sie weiß, daß ihre Herrin leidend ist? Unmöglich, mein liebes Kind.« Es ward zum zweiten Male angepocht. »Erlaube, daß ich gehe und öffne,« sagte Luisa. »Nein. An mir ist es, dies zu thun. Du leidest, Du bist angegriffen. Bleib ruhig sitzen. Ich will es!« Der Chevalier sagte allerdings zuweilen: »Ich will es!« aber in so sanftem Tone und mit so zärtlichem Ausdruck, daß es stets die Bitte eines Vaters an seine Tochter, aber niemals der Befehl eines Mannes an seine Frau war. Luisa ließ daher den Chevalier die Rampe hinunter und selbst die Thür des Gartens öffnen gehen. Aengstlich jedoch über jeden neuen Umstand, der in ihrem Gatten Argwohn in Bezug auf das, was während der Nacht hier geschehen, erwecken konnte, eilte sie an das Fenster, steckte rasch den Kopf hinaus und sah, ohne jedoch ermitteln zu können, wer es war, einen Mann, der schon ein gewisses Alter erreicht zu haben schien und, durch seinen breitkrämpigen Hut geschützt, mit einer Aufmerksamkeit, welche sie schaudernd bemerkte, die Thür, an welche Salvato angelehnt gewesen, und die Schwelle besichtigte, auf welche er niedergesunken. Die Thür öffnete sich und der Mann trat ein, ohne daß Luisa ihn bis diesen Augenblick zu erkennen vermochte. An dem freudigen Klange der Stimme ihres Gatten, welcher den Besucher aufforderte, ihm zu folgen, errieth Luisa, daß es ein Freund war. Sehr bleich und sehr aufgeregt nahm sie wieder ihren Platz am Tische ein. Ihr Gatte trat ein, während er Cirillo vor sich herdrängte. Sie athmete auf. Cirillo war ihr sehr gewogen und sie besaß auch ihrerseits große Vorliebe für ihn, weil er, da er früher Arzt des Fürsten Caramanico gewesen, oft mit Liebe und Verehrung von diesem sprach, obschon er die Bande des Blutes, welche den Fürsten an Luisa fesselten, nicht kannte. Als sie ihn erblickte, erhob sie sich daher und stieß einen Freudenruf aus. Cirillo konnte ihr nichts Schlimmes bringen. Ach, oft hatte sie während der Nacht, die sie fast gänzlich am Bett des Verwundeten zugebracht, an den guten Doctor gedacht und bei ihrem geringen Vertrauen auf Nanno's Kunst wohl zehnmal im Begriff gestanden, Michele nach ihm zu schicken. Sie hatte aber nicht gewagt, diesen Wunsch in Ausführung zu bringen. Was hätte Cirillo wohl von dem Geheimniß denken müssen, womit sie ihrem Gemal das furchtbare Ereigniß, welches unter ihren Augen stattgefunden, verschwieg, und wie sollte er die Gründe würdigen, welche sie zu haben glaubte, über dieses Ereigniß absolutes Schweigen zu beobachten? Aber nichtsdestoweniger erschien es ihr eigenthümlich, daß Cirillo, den man seit mehreren Monaten nicht gesehen, sich einmal einfand und zwar gerade an dem Morgen, der auf die Nacht folgte, wo seine Anwesenheit im Hause so sehr herbeigewünscht worden. Cirillo ließ, als er eintrat, seinen Blick eine Sekunde lang auf Luisa weilen. Dann rückte er, der Einladung des Chevaliers folgend, seinen Stuhl an den Tisch, woran seine Freunde frühstückten. Der orientalischen Gewohnheit gemäß, die auch die Neapels, dieser ersten Station des Orients, ist, servierte Luisa ihm eine Taffe schwarzen Kaffee. »In der That,« sagte San Felice, indem er seine Hand auf Cirillos Knie legte, »es bedurfte eines Besuchs um halb zehn Uhr Morgens, damit wir Ihnen die Vernachlässigung verzeihen, welche Sie uns jetzt so lange bewiesen. Man könnte zwanzigmal sterben, lieber Freund, ehe man erführe, ob Sie nicht selbst gestorben sind.« Cirillo betrachtete San Felice mit derselben Aufmerksamkeit, womit er dessen Gattin angesehen. So sehr er aber bei letzterer die geheimnißvolle Spur einer aufgeregten, umruhigen Nacht gefunden, eben so sehr fand er bei ersterem die naive, heitere Ruhe der Sorglosigkeit und des Glückes. »Also,« sagte er zu San Felice, »es macht Ihnen Vergnügen, mich diesen Morgen zu sehen, mein lieber Chevalier?« Er betonte die beiden Worte: diesen Morgen mit unverkennbarer Absicht. – »Es macht mir stets Vergnügen, Sie zu sehen, lieber Doctor,« fuhr der Chevalier fort, »Morgens wie Abends, und Abends wie Morgens. Gerade heute Morgen aber freue ich mich mehr als je, Sie zu sehen.« »Warum? Sagen Sie mir das.« »Aus zwei Gründen. Trinken Sie doch Ihren Kaffee! Ach, was den Kaffee betrifft, so haben Sie heute allerdings Unglück, denn Luisa hat ihn nicht selbst bereitet. Die Faulenzerin ist – zu welcher Stunde glauben Sie wohl, daß sie aufgestanden ist? Rathen Sie.« »Fabiano!« rief Luisa erröthend. »Da sehen Sie, sie schämt sich selbst. Um neun Uhr ist sie aufgestanden.« Cirillo bemerkte Luisas Erröthen, auf welches eine tödtliche Blässe folgte. Ohne noch zu wissen, was der Grund dieser Aufregung war, empfand Cirillo Mitleid für die arme Frau. »Sie wünschten also aus zwei Gründen, mich zu sehen, mein lieber San Felice,« sagte er. »Welche waren die ?« »Erstens, entgegnete der Chevalier, »denken Sie sich, daß ich gestern die Epochen der Natur von dem Herrn Grafen von Buffon aus der Bibliothek des Palastes mitgebracht habe. Der Prinz hat dieses Buch heimlich kommen lassen, denn es ist von der Censur verboten, vielleicht – etwas Gewisses weiß ich natürlich nicht – vielleicht weil es nicht ganz mit der Bibel übereinstimmt.« »O, das wäre mir ganz gleich,« antwortete Crillo lachend, »dafern es nur mit dem gesunden Menschenverstand übereinstimmte.« »Ah,« rief der Chevalier, »dann glauben Sie also wohl nicht wie er, daß die Erde ein durch den Zusammenstoß mit einem Kometen losgesprengtes Stück Sonne ist?« »Eben so wenig als ich glaube, daß die Erzeugung der lebenden Wesen durch organische Kügelchen geschieht, was ebenfalls eine Theorie dieses Autors, und nach meiner Meinung eine nicht weniger abgeschmackte als die erste ist.« »Das lasse ich mir gefallen. Ich bin also nicht so unwissend, wie ich fürchtete.« »Sie, lieber Freund! Sie sind der gelehrteste. kenntnißreichste Mann, den ich kenne.« »O, o, o! mein lieber Doctor, sprechen Sie leise, damit es Niemand höre. Also die Frage ist entschieden und ich brauche mir nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Die Erde ist nicht ein Stück Sonne. Einer der beiden Punkte wäre somit aufgeklärt und da es der weniger wichtige war, so habe ich denselben vorangestellt. Den zweiten haben Sie vor Augen. Was sagen Sie zu diesem Gesicht?« Und er zeigte auf Luisa. »Dieses Gesicht ist reizend wie immer, antwortete Cirillo; nur ein wenig matt und bleich, vielleicht in Folge des Schreckens, welchen Signora in der vergangenen Nacht gehabt haben kann.« Der Doctor sprach die letzten Worte mit besonderem Nachdruck. »Was für einen Schrecken?« fragte Felice. Cirillo sah Luisa an. »Ist diese Nacht nichts vorgefallen, was Sie erschreckt hätte, Signora?« fragte er dann. »Nein, nichts, gar nichts, lieber Doctor,« antwortete Luisa, indem sie Cirillo einen bittenden Blick zuwarf. »Nun dann,« bemerkte Cirillo in leicht hingeworfenem Tone, »dann haben Sie schlecht geschlafen, weiter ist es nichts.« »Ja,« sagte San Felice lachend, »sie hat böse Träume gehabt und gleichwohl lag sie, als ich aus dem englischen Gesandtschaftshotel nach Hause kam, in so festem Schlafe, daß ich sie küßte, ohne daß sie davon erwacht wäre.« »Und zu welcher Stunde kamen Sie nach Hause zurück?« »Gegen halb drei Uhr.« »Sehr richtig«, sagte Cirillo; »da ist Alles vorüber gewesen.« »Was ist vorüber gewesen?« »Nichts,« sagte Cirillo. »Es ist blos in der vergangenen Nacht ein Mensch vor Ihrer Thür ermordet worden, weiter ist es nichts.« Luisa ward so bleich wie das battistene Negligé, mit welchem sie bekleidet war. »Aber, fuhr Cirillo fort, »da der Mord um zwölf Uhr stattgefunden, da Signora zu dieser Stunde geschlafen hat und da Sie selbst erst um halb drei Uhr nach Hause gekommen sind, so haben Sie natürlich nichts davon wissen können.« »Nein und Sie sind der Erste, der mir etwas davon erzählt. Unglücklicherweise ist ein Mord in den Straßen von Neapel nichts Seltenes, ganz besonders nicht in Mergellina, wo die Straßenbeleuchtung so mangelhaft ist und alle Welt um neun Uhr Abends schon im Schlafe liegt. Ach, nun verstehe ich, warum Sie heute so früh gekommen sind.« »Sehr richtig, mein Freund. Ich wollte wissen, ob jener Mord, welchem etwas ganz Außergewöhnliches zu Grunde zu liegen scheint, nicht, da er unter Ihren Fenstern geschehen, Störung in Ihrem Hause hervorgerufen habe.« »Nein, durchaus nicht. Sie sehen dies selbst. Auf welche Weise haben aber Sie denn diesen Mord erfahren?« »Ich ging nur wenige Augenblicke, nachdem er stattgefunden, an Ihrem Hause vorüber. Der Ermordete – es muß ein überaus starker und muthiger Mann gewesen sein – hat zwei Sbirren getödtet und zwei andere verwundet.« Luisa verschlang jedes Wort, welches aus dem Munde des Doctors kam. Alle jene Einzelheiten, welche man nicht vergißt, waren ihr unbekannt. »Wie?« fragte San Felice, indem er die Stimme senkte, »die Mörder waren Sbirren?« »Unter dem Commando Pasquales de Simone, antwortete Cirillo, indem er eben so leise sprach als der Chevalier. »Glauben Sie denn an alle diese Verleumdungen?« fragte San Felice. »Ich muß wohl daran glauben.« Cirillo faßte den Chevalier bei der Hand und führte ihn an das Fenster. »Sehen Sie,« sagte er, den Finger ausstreckend, »auf der andern Seite des Löwenbrunnens, an der Thür jenes Hauses, welches die Ecke des Platzes und der Straße bildet, sehen Sie dort jene zwischen vier Kerzen ausgestellte Bahre?« »Ja.« »Wohlan. Dieselbe enthält die Leiche eines der beiden verwundeten Sbirren. Er starb unter meinen Händen und hat mir, ehe er starb, noch Alles erzählt.« Cirillo drehte sich rasch um, um sich von der Wirkung zu überzeugen, welche die Worte, die er so eben gesprochen, auf Luisa geäußert hätten. Sie war aufgestanden und trocknete sich mit ihrem Tuche den Schweiß von der Stirn. Sie begriff recht wohl, daß diese Worte um ihretwillen gesagt worden. Die Kräfte wurden ihr untreu und sie sank mit gefalteten Händen auf ihren Stuhl nieder. Cirillo machte ihr durch eine Geberde bemerklich, daß auch er verstand und beruhigte sie durch einen Blick. »Mein lieber Chevalier, fuhr er fort, »ich freue mich, daß dies Alles in partibus geschehen, das heißt ohne daß Sie oder Signora etwas davon gesehen oder gehört haben. Da Signora aber dennoch ein wenig leidend ist, so erlauben Sie mir wohl, sie zu befragen und ihr ein kleines Recept zu schreiben. Da nun die Aerzte stets sehr indiscrete Fragen thun, da ferner die Damen in Bezug auf ihre Gesundheit gewisse verschämte Geheimnisse haben, über welche sie sich nur unter vier Augen aussprechen können, so werden Sie mir gestatten, Signora, Sie in Ihr Zimmer zu geleiten und Sie dort ganz in aller Ruhe und Bequemlichkeit zu befragen.« »Es ist nicht nöthig, lieber Doctor. Eben schlägt es zehn Uhr. Ich habe mich um zwanzig Minuten verspätet. Bleiben Sie bei Luisa und nehmen Sie sie in die Beichte, während ich mich nach meiner Bibliothek verfüge. Apropes, Sie wissen wohl, was diese Nacht im Hotel der englischen Gesandtschaft geschehen ist?« »Ja, wenigstens so ziemlich.« »Wohlan, ich bin überzeugt, daß dies schon bedeutende Folgen herbeigeführt hat. Der Prinz kommt sicherlich früher herunter als gewöhnlich, ja er erwartet mich vielleicht schon; Sie haben mir heute Morgen Neuigkeiten mitgebracht, vielleicht kann ich Ihnen heute Abend, wenn Sie wieder hier vorbeikommen, auch einige mittheilen. Doch was schwatze ich denn. Man kommt ja hier nicht vorbei; man kommt blos hierher, wenn man sich verirrt. Mergellina ist der Nordpol von Neapel und ich sitze hier zwischen Eisbergen.« Dann küßte er seine Gattin auf die Stirn und sagte: »Auf Wiedersehen, theures Kind. Erzähle nur dem Doctor alle deine kleinen Geschichten. Bedenke, daß deine Gesundheit meine Freude und daß dein Leben mein Leben ist. Auf Wiedersehen, lieber Doctor.« Dann warf er einen Blick auf die Wanduhr. »Ein Viertel auf elf!« rief er, »ein Viertel auf elf!« Und Hut und Parapluie gen Himmel reckend, eilte er die Stufen der Rampe oder Terrasse hinunter. Cirillo sah ihn sich entfernen, hatte aber nicht einmal so viel Geduld, daß er gewartet hätte, bis der Chevalier zum Garten hinaus war, sondern drehte sich sofort nach Luisa herum. »Er ist hier, nicht wahr?« fragte er im Tone der ängstlichsten Theilnahme. »Ja, ja, ja!«, murmelte Luisa, indem sie vor Cirillo auf die Knie niedersank. »Todt oder lebendig?« »Lebendig!« »Gott sei gepriesen!« rief Cirillo, »und Sie, Luisa?« Er betrachtete sie mit einem Gemisch von Bewunderung und Zärtlichkeit. »Und ich?« fragte sie an allen Gliedern zitternd. »Sie,« sagte Cirillo, indem er sie aufhob und an sein Herz drückte, »Sie sollen gesegnet sein.« Und Cirillo sank nun einerseits auf einen Stuhl nieder und trocknete sich die Stirn. Zweites Capitel. Die beiden Verwundeten Luisa begriff nicht den Auftritt, der so eben stattgefunden. Sie errieth blos, daß sie einer Person das Leben gerettet, welche Cirillo theuer war – dies war Alles. Als sie den guten Doctor unter der Last der Gemüthsbewegung, die er erfahren, erbleichen sah, goß sie ihm ein Glas frisches Wasser ein und reichte es ihm. Er trank es halb aus. »Und nun,« sagte Cirillo, indem er sich rasch erhob, »nun lassen Sie uns keine Minute versäumen. Wo ist er?« »Dort,« sagte Luisa, indem sie nach dem Ende des Corridors zeigte. Cirillo machte eine Bewegung in der angedeuteten Richtung. Luisa hielt ihn zurück. »Aber –« sagte sie zögernd. »Nun, aber?« wiederholte Cirillo. »Hören Sie mich und ganz besonders entschuldigen Sie mich, mein Freund,« sagte sie zu ihm mit ihrer liebkosenden Stimme und indem sie ihre beiden Hände auf seine Schultern legte. »Ich höre, sagte Cirillo lächelnd. »Er liegt doch nicht etwa in den letzten Zügen?« »Nein, Gott sei Dank. Er befindet sich sogar, glaube ich, so gut, als ein Mensch in seiner Lage sich befinden kann, wenigstens war dies der Fall, als ich ihn vor zwei Stunden verließ. Dies ist es, was Sie erfahren mußten, ehe Sie ihn sehen. Ich wagte nicht, Sie rufen zu lassen, weil Sie der Freund meines Gatten sind und weil ich instinctartig fühlte, daß mein Gatte von all diesem nichts erfahren dürfe. Ich wollte keinem Arzte, dessen ich nicht sicher wäre, ein wichtiges Geheimniß anvertrauen, denn es liegt hier ein wichtiges Geheimniß zu Grunde, nicht wahr, mein Freund?« »Ja, ein furchtbares Geheimniß, Luisa.« »Ein königliches Geheimniß, nicht wahr?«, hob diese wieder an. »Ruhig! Wer hat Ihnen dies gesagt?« »Der Name eines der Mörder selbst.« »Sie erkannten diesen?« »Michele, mein Milchbruder, erkannte Pasquale de Simone. Aber lassen Sie mich ausreden. Ich wollte Ihnen also sagen, daß ich nicht wagte, Sie rufen zu lassen, und da ich auch keinen andern Arzt holen lassen wollte, als Sie, so bat ich eine zufällig anwesende Person, dem Verwundeten die erste Pflege zu widmen.« »Gehört diese Person dem Fache der Heilkunde an?« fragte Cirillo. »Nein, aber sie behauptet im Besitze von Geheimmitteln zu sein.« »Also irgend ein Charlatan.« »Nein; aber entschuldigen Sie mich, lieber Doctor; ich bin so unruhig, daß mein armer Kopf sich verwirrt. Mein Milchbruder Michele, der, welchen man Michele den Narren nennt, Sie kennen ihn wohl?« »Ja, und beiläufig gesagt, fordere ich Sie sogar auf, ihm nicht zu trauen. Er ist ein engagierter Royalist, in dessen Gegenwart ich nicht hier vorbeikommen möchte, wenn mein Haar à la Titus gestutzt wäre und ich Pantalons anstatt kurzer Beinkleider trüge. Er spricht von weiter nichts, als daß die Jacobiner gehängt und verbrannt werden müßten.« »Ja, aber er ist nicht fähig, ein Geheimniß zu verrathen, bei welchem ich in irgend einem Grade betheiligt wäre.« »Das ist wohl möglich. Unsere Leute aus dem Volke sind ein Gemisch von Gutem und Bösem, nur behauptet bei der Mehrzahl von ihnen das Böse die Oberhand. Was wollten Sie mir also von Ihrem Milchbruder Michele erzählen?« »Unter dem Vorwande, mir wahrsagen zu lassen – ich schwöre Ihnen, mein Freund, daß diese Idee von ihm, aber nicht von mir ausging – hatte er mir eine albanesische Zigeunerin zugeführt. Sie hatte mir allerhand thörichte Dinge prophezeit und war mit Einem Worte noch da, als ich jenen unglücklichen jungen Mann bei mir aufnahm. Sie ist es, die mit Hilfe der Kräuter, deren Heilkraft sie zu kennen vorgibt, das Blut gestillt und den ersten Verband angelegt hat.« »Hm!« sagte Cirillo in unruhigem Tone. »Was meinen Sie?« »Sie hatte doch keinen Grund zu Feindseligkeiten gegen den Verwundeten, nicht wahr nicht?« »Nein; sie kennt ihn nicht, und schien im Gegentheile an seiner Lage großes Interesse zu nehmen.« »Dann fürchten Sie also nicht, daß sie, um einen Zweck der Rache zu erreichen, vielleicht giftige Kräuter in Anwendung gebracht habe?« »Mein Gott!« rief Luisa erbleichend, was sagen Sie! Doch nein, es ist unmöglich. Der Verwundete schien, abgesehen von großer Schwäche, sogleich Linderung zu fühlen, als der Verband angelegt war.« »Diese Frauen, sagte Cirillo, wie mit sich selbst sprechend, »besitzen zuweilen in der That ganz vortreffliche Geheimnisse. Im Mittelalter, ehe die Wissenschaft mit Avicenna aus Persien und mit Averrhoé aus Spanien zu uns kam, waren sie die Vertrauten der Natur, und wenn die heutige Medicin weniger stolz wäre, so würde sie gestehen, daß sie ihnen einige ihrer besten Entdeckungen verdankt. Nur, meine theuere Luisa,« fuhr er fort, indem er sich wieder zu der Gattin des Chevalier wendete, »nur sind diese Geschöpfe sehr wild und eifersüchtig, und es würde dem Kranken Gefahr bringen, wenn die Wahrsagerin erführe, daß außer ihr noch ein anderer Arzt ihm seine Sorgfalt widmet. Suchen Sie daher sie zu entfernen, damit ich den Verwundeten allein sehen kann.« »Daran hatte ich auch schon gedacht, mein Freund, und ich wollte Sie eben davon in Kenntniß setzen,« sagte Luisa. »Jetzt, wo Sie Alles wissen und wo Sie sogar meinen Befürchtungen entgegengekommen sind, bitte ich Sie, mich zu begleiten. Sie werden in ein Nebenzimmer treten, ich werde Nanno unter irgend einem Vorwand entfernen und dann, o bester Doctor, sagte Luisa, indem sie die Hände faltete, wie sie vor Gott gethan haben würde, »dann werden Sie ihn retten, nicht wahr?« »Die Natur rettet, nicht wir, mein Kind, antwortete Cirillo; »wir unterstützen die Natur blos, das ist Alles, und ich hoffe, daß sie auch bereits für unsern lieben Verwundeten Alles gethan haben wird, was sie thun kann. Doch verlieren wir keine Zeit. In dergleichen Fällen hängt die Heilung in hohem Grade von der Schnelligkeit der Hilfeleistung ab. Wenn man sich auch auf die Natur verlassen muß, so darf man doch auch nicht verlangen, daß sie Alles thue.« »Nun, dann kommen Sie,« sagte Luisa. Sie ging voran und der Doctor folgte ihr. Man durchschritt die lange Reihe von Gemächern, welche zu dem Hause San Felice gehörten, dann öffnete man die Verbindungsthür, welche in das benachbarte Haus führte. »Ah,« sagte Cirillo, als er diese Combination des Zufalls bemerkte, welche bei diesem Ereigniß so gut zu Statten gekommen war, »das ist ganz vortrefflich. Ich verstehe, ich verstehe. Er ist nicht bei Ihnen, sondern bei der Herzogin Fusco. Es gibt eine Vorsehung, mein Kind.« Und mit einem Blick gen Himmel dankte Cirillo jener Vorsehung, an welche die Aerzte im Allgemeinen sonst so wenig zu glauben pflegen. »Dann muß er also versteckt gehalten werden, nicht wahr?« fragte Luisa. Cirillo verstand, was Luisa sagen wollte. »Ja, vor Jedermann ohne alle Ausnahme, verstehen Sie wohl? Würde eine Anwesenheit in diesem Hause, obschon es nicht das Ihrige ist, bekannt, so würde zunächst Ihr Gemahl auf grausame Weise compromittiert werden.« »Dann,« rief Luisa freudig, »hatte ich mich also doch nicht geirrt und ich habe wohl daran gethan, mein Geheimniß für mich zu behalten, nicht wahr?« »Ja, Sie haben wohl daran gethan, und ich will nur noch ein Wort hinzufügen, um Ihnen jedes Bedenken zu benehmen. Würde dieser junge Mann erkannt und festgenommen, so wäre nicht blos sein Leben in Gefahr, sondern auch das Ihrige, das Ihres Gemahls, das meinige und das noch vieler anderer Leute, welche mehr werth sind, als ich.« »O, Niemand besitzt größeren Werth als Sie, mein Freund, und Niemand weiß das besser als ich. Doch wir sind nun an der Thür, lieber Doctor. Wollen Sie einstweilen hier bleiben und mich zuerst eintreten lassen?« »Thun Sie es,« sagte Cirillo, indem er auf die Seite trat. Luisa legte die Hand auf das Schloß und ließ die Thür sich ohne das mindeste Knarren in ihren Angeln drehen. Ohne Zweifel waren alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, damit die Thür sich so ohne Geräusch öffne. Zum großen Erstaunen Luisa's fand sie den Verwundeten allein mit Nina, welche einen kleinen Schwamm in der Hand haltend ihm denselben auf die Brust hielt und mittelt eines sanften Druckes den Saft der von der Wahrsagerin gepflückten Kräuter darauf träufeln ließ. »Wo ist Nanno? Wo ist Michele?« sagte Luisa. »Nanno ist fort,« sagte Nina; »sie sagte, es ginge nun Alles gut und sie habe für den Augenblick hier nichts weiter zu thun, während sie anderwärts sehr viel zu thun habe.« »Und Michele?« »Michele sagte, in Folge der Ereignisse der vorigen Nacht würde es wahrscheinlich auf dem Altmarkt Lärm geben und da er einer der Anführer seines Quartiers ist, so meinte er, wenn es Lärm gäbe, so wolle er auch mit dabei sein.« »Dann bist Du also allein? »Ganz allein.« »Kommen Sie herein, kommen Sie herein, Doctor,« sagte Luisa, »das Feld ist frei.« Der Doctor trat ein. Der Kranke lag auf einem Bett, dessen Kopfende dicht an der Wand stand. Seine Brust war vollkommen entblößt, bis auf eine Leinwandbinde, welche kreuzweise um die Schultern herumgezogen, den Verband auf der Wunde festhielt. Diese Stelle der Wunde war es, auf welche Nina, indem sie sanft mit dem Schwamm darüber hinwegfuhr, den Saft der Kräuter träufelte. Salvato lag unbeweglich da, und hielt die Augen in dem Moment, wo Luisa die Thür öffnete, geschlossen. Sofort öffneten sie sich auch und sein Gesicht gewann einen Ausdruck von Freude, welche beinahe den des Leidens verschwinden ließ. Durch die Signora aufgefordert einzutreten, erschien Cirillo seinerseits. Der Verwundete betrachtete ihn anfangs mit Unruhe. Wer war dieser Mann? Wahrscheinlich ein Vater, vielleicht ein Gatte. Plötzlich aber erkannte er ihn, machte eine Bewegung, wie um sich zu erheben, murmelte den Namen Cirillo und reichte ihm die Hand. Dann sank er, erschöpft durch die kurze Anstrengung, die er gemacht, auf den Pfühl zurück. Cirillo legte den Finger an den Mund und gab ihm dadurch zu verstehen, daß er weder sprechen noch sich bewegen solle. Er näherte sich dem Verwundeten, löste die Binde, welche die Brust umschlossen hielt, besichtigte aufmerksam die Ueberreste der von Michele gestampften Kräuter, kostete die daraus gepreßte Flüssigkeit und lächelte, als er die dreifach zusammenziehende Combination der Feldraute, des Wegerich und des Wermuth erkannte. »Das ist gut, sagte er zu Luisa, auf welcher wiederum der Blick und das Lächeln des Kranken haftete. »Sie können mit diesen Mitteln fortfahren. Ich hätte vielleicht nicht dieselben, ganz gewiß aber keine bessern verordnet.« Dann wendete er sich wieder zu dem Verwundeten und untersuchte ihn mit der größten Aufmerksamkeit. In Folge der Einwirkung der zusammenziehenden Kräuter, welche den Verband bildeten, und des Saftes derselben, womit die Wunde fortwährend benetzt worden, hatten die Lefzen der Wunde sich schon bedeutend genähert. Sie waren rosenfarben, sahen sehr gut aus und es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß ein innerer Bluterguß erfolgt war. Hatte auch der Anfang eines solchen stattgefunden, so war er doch sicherlich durch das unterbrochen worden, was die Chirurgen den »Klumpen« (geronnenes Blut) nennen, ein bewundernswürdiges Werk der Natur, welche für die von ihr geschaffenen Wesen mit einer Intelligenz kämpft, die von der Wissenschaft niemals erreicht werden wird. Der Puls war schwach, aber gut. Es blieb nun noch übrig zu wissen, in welchem Zustand die Stimme wäre. Cirillo begann damit, daß er sein Ohr an die Brust des Kranken legte und auf seinen Athenzug horchte. Ohne Zweifel war er damit zufrieden, denn er richtete sich auf und beruhigte durch ein Lächeln Luisa, welche alle seine Bewegungen mit den Augen verfolgte. »Wie fühlen Sie sich, mein lieber Salvato?« fragte er den Verwundeten. »Schwach, aber sonst sehr wohl,« antwortete er. »Ich möchte immer so bleiben.« »Bravo!« rief Cirillo. »Die Stimme ist besser, als ich hoffte. Nanno hat eine herrliche Cur ausgeführt und ich glaube, Sie können, ohne sich allzusehr anzustrengen, einige Fragen beantworten, deren Wichtigkeit. Sie selbst fühlen werden.« »Ich begreife,« sagte der Kranke. In der That würde Cirillo in jedem andern Falle das Verhör, welches er mit Salvato anzustellen im Begriff stand, auf den andern Tag verschoben haben, die Situation war aber so ernst, daß er keinen Augenblick zu verlieren hatte, um die Maßregeln zu ergreifen, welche diese Lage nöthig machte. »Sobald Sie sich ermüdet fühlen, schweigen Sie,« sagte er zu dem Verwundeten, »und wenn die Fragen, die ich an Sie stellen werde, von Luisa beantwortet werden können, so bitte ich diese, Ihnen die Mühe des Selbstantwortens zu ersparen.« »Sie heißen Luisa?«, sagte Salvato. »Es war dies auch der Vorname meiner Mutter. Gott hat also für die, welche mir das Leben gegeben, und für sie, die es mir gerettet, nur einen und denselben Namen geschaffen. Ich danke ihm dafür.« »Mein Freund,« sagte Cirillo, seien Sie mit Ihren Worten nicht so verschwenderisch. Ich mache mir Vorwürfe über jedes Wort, welches ich Sie nöthige auszusprechen. Sprechen Sie daher keines aus, was überflüssig wäre.« Salvato nickte zum Zeichen des Gehorsams leicht mit dem Kopf. »Zu welcher Stunde,« fragte Cirillo, halb zu Salvato, halb zu Luisa gewendet, »zu welcher Stunde kam der Verwundete wieder zum Bewußtsein?« Luisa beeilte sich für Salvato zu antworten: »Um fünf Uhr Morgens, mein Freund; gerade als der Tag zu grauen begann.« Der Verwundete lächelte; bei den ersten Strahlen dieser Morgenröthe hatte er Luisa erblickt. »Was dachten Sie, als Sie sich in diesem Zimmer fanden, und eine unbekannte Person in Ihrer Nähe sahen?« »Mein erster Gedanke war, ich sei todt, und ein Engel des Herrn sei herniedergestiegen, um mich in den Himmel emporzutragen.« Luisa machte eine Bewegung, um sich hinter Cirillo zu verstecken, Salvato aber streckte die Hand mit so plötzlicher Bewegung nach ihr aus, daß Cirillo die Gattin des Chevalier festhielt, damit der Verwundete sie sehen könnte. »Er hat Sie für den Engel des Todes gehalten,« sagte Cirillo zu ihr. »Beweisen Sie ihm, daß er sich geirrt hat und daß Sie im Gegentheile der Engel des Lebens sind.« Luisa seufzte, legte die Hand aufs Herz, ohne Zweifel, um das Klopfen desselben zu beschwichtigen, und indem sie, ohne Kraft zum Widerstande, dem Zwange nachgab, welchen Cirillo ihr auflegte, näherte sie sich dem Verwundeten. Die Blicke Beider kreuzten sich, um sich nicht wieder zu trennen. »Haben Sie eine Vermuthung, wer Ihre Mörder gewesen seien?« fragte Cirillo. »Ich kenne dieselben,« sagte Luisa rasch, »und ich habe sie Ihnen schon genannt. Es sind Leute, die im Dienste der Königin stehen.« Der Empfehlung Cirillos, Luisa so oft als möglich für sich antworten zu lassen, folgend, begnügte Salvato sich damit, daß er eine bejahende Geberde machte. »Und vermuthen Sie auch, in welcher Absicht diese Leute Sie zu ermorden versucht haben?« »Sie haben es mir selbst gesagt,« antwortete Salvato. »Es geschah, um mir die Papiere abzunehmen, deren Ueberbringer ich war.« »Wo befanden sich diese Papiere?« »In der Tasche des Rockes, welchen Nicolino mir geliehen.« »Und diese Papiere?« »In dem Augenblicke, wo ich die Besinnung verlor, war es mir, als würden sie mir geraubt.« »Ermächtigen Sie mich, Ihren Rock zu visitieren?« Der Verwundete gab durch Kopfnicken eine Zustimmung zu erkennen. Luisa mischte sich ein. »Ich will Ihnen den Rock geben, wenn Sie ihn haben wollen, sagte sie, »aber es wird nichts nützen, denn die Taschen sind leer.« Cirillo schien mit den Augen zu fragen: »Woher wissen Sie das?« »Unsere erste Sorge, antwortete Luisa auf diese stumme Frage, »war darauf gerichtet, wo möglich einen Aufschluß ausfindig zu machen, der uns die Identität des Verwundeten feststellen helfen könnte. Hätte er eine Mutter oder eine Schwester in Neapel gehabt, so wäre es meine Pflicht gewesen, dieselbe auf jede Gefahr hin von dem Vorfalle zu unterrichten. Wir fanden aber nichts, nicht wahr, Nina?« »Nein, wir fanden nichts, Signora.« »Und was waren es für Papiere, welche sich in diesem Augenblicke in den Händen Ihrer Feinde befinden? Können Sie sich noch darauf besinnen, Salvato?« »Es war nur ein einziges, der Brief des Generals Championnet, welcher dem Gesandten Frankreichs empfahl, das gute Einvernehmen zwischen den beiden Staaten so lange als möglich zu erhalten, weil er jetzt noch nicht in den Stand gesetzt sei, den Krieg zu beginnen.« »Sprach er auch von den Patrioten, welche sich mit ihm in Mittheilungen gesetzt haben?« »Ja, um ihm zu sagen, daß er sie beschwichtigen solle.« »Hat er auch ihre Namen genannt?« »Nein.« »Wissen Sie dies gewiß?« »Ja, ganz gewiß.« Erschöpft durch die Anstrengung, welche es ihm kostete, diese rasch auf einander folgenden Fragen zu beantworten, schloß der Verwundete die Augen und ward bleich. Luisa stieß einen lauten Schrei aus. Sie glaubte, er werde wieder ohnmächtig. Bei diesem Schrei öffneten Salvatos Augen sich wieder und ein Lächeln – war es das der Dankbarkeit oder der Liebe? – umspielte seine Lippen. »Es ist nichts, Signora,« sagte er, »es ist nichts.« »Gleichviel, sagte Cirillo, »jetzt kein Wort weiter. Ich weiß, was ich wissen wollte. Hätte blos mein Leben auf dem Spiele gestanden, so würde ich Ihnen das unbedingteste Schweigen empfohlen haben, aber Sie wissen, daß ich nicht allein bin und Sie verzeihen mir.« Salvato ergriff die Hand, welche der Doctor ihm bot, und drückte sie mit einer Kraft, welche bewies, daß seine Energie ihn nicht verlassen hatte. »Und nun,« sagte Cirillo, »schweigen Sie und beruhigen Sie sich. Das Uebel ist weniger groß, als ich fürchtete und als es hätte sein können.« »Der General aber,« sagte der Verwundete trotz des ihm erheilten Befehls zu schweigen, »der General muß erfahren, woran er sich zu halten hat.« »Der General,« antwortete Cirillo, »wird, ehe drei Tage vergehen, einen Boten oder eine Botschaft erhalten, die ihn über Ihr Schicksal beruhigen wird. Er soll erfahren, daß Sie gefährlich aber nicht tödlich verwundet sind. Er soll erfahren, daß Sie sich außerhalb des Bereichs der neapolitanischen Polizei befinden, so geschickt diese auch sein mag. Er soll erfahren, daß Sie eine Krankenwärterin haben, welche Sie für einen Engel des Himmels gehalten, ehe Sie wußten, daß es eine einfache barmherzige Schwester war. Er soll endlich erfahren, mein lieber Salvato, daß jeder Verwundete an Ihrer Stelle sein möchte und von seinem Arzt weiter nichts verlangen würde, als daß er ihn nicht zu schnell heilen möge.« Cirillo erhob sich, ging an einen Tisch, auf welchem Schreibmaterialien lagen, und während er ein Recept schrieb, suchte und fand Salvato die Hand Luisa's, welche diese ihm erröthend überließ. Als das Recept geschrieben war, übergab Cirillo es der Zofe, welche sich sofort damit entfernte, um es ausführen zu lassen. Dann rief er Luisa zu sich und sagte ihr so leise, daß der Verwundete es nicht hören konnte: »Pflegen Sie diesen jungen Mann, wie eine Schwester ihren Bruder, oder vielmehr wie eine Mutter ihr Kind pflegen würde. Niemand, selbst nicht der Chevalier, darf etwas von seiner Anwesenheit hier erfahren. Die Vorsehung hat Ihre weichen, keuschen Hände erkoren, um ihnen das kostbare Leben eines seiner Auserwählten anzuvertrauen. Sie sind der Vorsehung dafür Rechenschaft schuldig. Luisa ließ seufzend den Kopf sinken. Ach, diese Ermahnung war überflüssig und die Stimme ihres Herzens empfahl ihr den Verwundeten nicht weniger zärtlich als die Cirillos, wie mächtig diese auch war. »Uebermorgen komme ich, wenn mich sonst nichts abhält, wieder, fuhr Cirillo fort. »Schicken Sie daher nicht nach mir, denn nach Allem, was diese Nacht geschehen, wird die Polizei mich scharf ins Auge fassen. Es gibt jetzt weiter nichts zu thun, als was schon geschehen ist. Sehen Sie zu, daß der Verwundete keine materielle oder moralische Erschütterung erfahre. Für alle Welt und selbst für den Chevalier sind Sie die Patientin, welcher meine ärztlichen Besuche gelten.« »Aber,« murmelte Luisa, »wenn mein Gatte dennoch erführe –« »In diesem Falle nehme ich Alles auf mich,« antwortete Cirillo. Luisa hob die Augen gen Himmel und athmete freier. In diesem Augenblick kam Nina mit der verordneten Medicin zurück. Mit Beihilfe der Zofe legte Cirillo frischgestampfte Kräuter auf die Brust des Verwundeten, befestigte die Binde, empfahl ihm Ruhe und nahm, in Bezug auf sein Leben so ziemlich beruhigt, Abschied von Luisa, indem er ihr nochmals versprach, den zweitnächsten Tag wiederzukommen. In dem Augenblick, wo Nina hinter ihm die Hausthür verschloß, kam ein Carrozzello den Pausilippo herunter. Cirillo winkte ihm und stieg hinein. »Wohin soll ich Sie bringen, Eccellenza?« fragte der Kutscher. »Nach Portici, mein Freund. Wenn wir in einer Stunde dort sind, so bekommst Du einen Piaster Trinkgeld.« Und er zeigte ihm den Piaster, aber ohne ihm denselben zu geben. »Viva San Gennaro!« rief der Kutscher. Und er peitschte auf sein Pferd, welches im Galopp davonrannte. Bei dieser Geschwindigkeit hätte Cirillo das Ziel seiner Fahrt in weniger als einer Stunde erreicht, als er aber die neue Straße de la Marina passieren wollte, fand er den Kai von einer ungeheuren Menschenmenge versperrt, welche ihm das augenblickliche Weiterfahren geradezu umöglich machte. Drittes Capitel. Fra Pacifico Michele hatte sich nicht geirrt. Es hatte Lärm auf dem Altmarkt gegeben, nur hatte derselbe nicht ganz die Ursache, welche Luisas Bruder ihm beimaß, aber diese Ursache war wenigstens nicht die alleinige gewesen. Versuchen wir zu erzählen, was in diesem tumultuarischen Quartier des alten Neapel geschehen war, einem Stadttheil, in welchem Lazzaroni, Camorristen und Guappi sich um die Herrschaft streiten, wo Masamiello seine Revolution improvisierte und von wo seit fünfhundert Jahren alle Emeuten ausgegangen sind, welche die Hauptstadt Siciliens bewegt haben, ebenso wie von dem Vesuv alle Erdbeben ausgegangen sind, welche Refina, Portici und Torre del Greco erschüttert haben. Gegen sechs Uhr Morgens hatten die Nachbarn des Klosters vom heiligen Ephraim, welches in der Salita dei Capuccini steht, wie gewöhnlich den mit der Verproviantierung des Klosters beauftragten Mönch herauskommen und seinen Esel vor sich hintreibend die lange Straße hinabwandern sehen, welche vor dem Thor des heiligen Gebäudes nach der Straße de l'Infrascata führt. Da diese beiden Wesen, das zweifüßige sowohl als das vierfüßige, bestimmt sind, in unserer Erzählung eine gewisse Rolle zu spielen, so verdienen sie, ganz besonders das zweifüßige, eine nähere Beschreibung. Der Mönch, welcher die braune Kutte der Capuziner mit der den Rücken hinabhängenden Capuze trug, ging den Ordensregeln gemäß mit nackten Füßen in Sandalen mit Holzsohlen, die mit zwei gelbledernen Riemen um den Knöchel herum befestigt waren. Sein Kopf war glatt rasiert bis auf den schmalen Kranz von Haaren, welcher bestimmt ist, die Dornenkrone des Heilands zu versinnlichen. Um den Leib trug er jene wunderbare Schnur des heiligen Franciscus, welche auf die Verehrung, welche die Gläubigen dem Orden zollen, einen so großen Einfluß ausübt und deren drei symbolische Knoten an drei Gelübde erinnern, welche die Mönche dieses Ordens, indem sie der Welt entsagen, leisten, nämlich das Gelübde der Armuth, das Gelübde der Keuschheit und das Gelübde des Gehorsams. Fra Pacifico, wörtlich der friedliche Bruder – so hieß der Bettelmönch, welchen wir soeben haben auftreten lassen – schien, indem er das Kleid des heiligen Franciscus anlegte, den Namen angenommen zu haben, welcher mit seiner physischen Erscheinung und seinem Charakter am meisten in Widerspruch zu stehen schien. In der That war Fra Pacifico ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, fünf Fuß acht Zoll groß, mit musculösen Armen, massiven Händen, einer herkulischen Brust und rüstigen Beinen. Sein Bart war schwarz und dicht, die Nase gerade und mit weiten Nüstern, die Zähne glichen einer elfenbeinernen Zange, die Gesichtsfarbe war braun und die Augen hatten jenen furchtbaren Ausdruck, welcher in Frankreich nur den Männern von Avignon und Nimes und in Italien den Gebirgsbewohnern der Abruzzen eigen ist, den Abkömmlingen jener Samniter, welche es den Römern so viele Mühe kostete zu überwinden, oder jener Marsen, welche sie niemals überwanden. Was seinen Charakter betraf, so war er von der Art, welche gallsüchtige Menschen in der Regel treibt, ohne alle Ursache Zwistigkeiten zu beginnen. Zu der Zeit, wo er noch Seemann war – Fra Pacifico war nämlich früher Seemann gewesen und wir werden später erzählen, bei welcher Gelegenheit er den Dienst des Königs mit dem Gottes vertauschte – also zu der Zeit, wo er Seesoldat war, geschah es selten, daß Frau Pacifico, welcher sich damals Francisco Esposito[5 - Man bezeichnet in Neapel mit dem Namen Esposito oder »ausgesetzt« jedes Kind, welches von seinen Eltern verlassen, und dem Hospiz der Annunciata anvertraut worden, welches das Findelhaus von Neapel ist.] oder der Ausgesetzte nannte, weil sein Vater vergessen ihn anzuerkennen und seine Mutter nicht geglaubt hatte, sich die Mühe nehmen zu müssen ihn zu ernähren, zu jener Zeit, jagen wir, verging selten ein Tag, ohne daß der friedliche Bruder entweder an Bord eines Schiffes mit einigen seiner Cameraden oder auf dem Molo oder in der Strada dei Pilieri, oder in Santa Lucia mit irgend einem Camorristen oder einem Guappo handgemein ward, welcher auf das Land dieselben Rechte zu haben behauptete, wie der vorgenannte Francisco Esposito über den Ocean oder das mittelländische Meer zu haben vorgab. Francisco Esposito hatte als Matrose am Bord der von dem Admiral Caracciolo commandierten »Minerva« die Expedition nach Toulon als guter Bundesgenosse der französischen Royalisten, der er auch war, mitgemacht und diesen Beistand geleistet, als sie, nachdem Toulon an die Engländer verkauft worden, sich an den Jacobinern gerächt hatten. Allerdings war er dafür von dem Admiral Caracciolo streng bestraft worden, denn dieser war nicht gemeint, daß das herzliche Einverständniß bis zum Meuchelmord getrieben werde, anstatt aber durch diese Züchtigung von seinem Haß gegen die Sansculotten geheilt zu werden, war dieser nur immer höher gestiegen, so daß schon der bloße Anblick eines Menschen, welcher, der neuen Mode huldigend, seinen Zopf und eine kurzen Beinkleider auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, um das Haar kurz und die Beinkleider lang zu tragen, ihm Convulsionen zuzog, welche im Mittelalter die Anwendung des Exorcismus nöthig gemacht hätte. Trotz alledem aber war Francisco Esposito ein vortrefflicher Christ geblieben und hatte niemals verfehlt, Früh und Abends ein Gebet zu verrichten. Auf einer Brust trug er die Medaille mit dem Madonnenbild, welche seine Mutter ihm umgehängt, ehe sie ihn nach dem Findelhause getragen, an welcher sie sich aber wohl gehütet, irgend ein Kennzeichen zurückzulassen, welches den jungen Esposito zu der Hoffnung berechtigt hätte, später einmal reclamiert zu werden. Alle Sonntage, wo es ihm vergönnt war, nach Toulon zu gehen, hörte er die Messe mit musterhafter Andacht und hätte für alles Gold der Welt nicht die Kirche verlassen, um im Wirthshaus mit seinen Cameraden eine Flasche rothen Wein von Lamalgue, oder weißen Wein von Caffis zu leeren, bevor er den Priester in die Sacristei zurückkehren gesehen. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, diese Operation des Leerens einer Flasche weißer oder rother Flüssigkeit niemals vor sich gehen zu lassen, ohne daß es einige mehr oder weniger breite Hieb- oder mehr oder weniger tiefe Stichwunden auf der Liste jener freundschaftlichen Narben nachzutragen gab, welche die Folgen jener Messerduelle sind, die unter der Volksclasse, welcher Francisco Esposito angehörte und für welche der Todtschlag nur eine Geberde ist, so häufig vorkommen. Man weiß wie die Belagerung von Toulon endete. Es geschah dies auf eine sehr unerwartete Weise. Eines Nachts bemächtigte Buonaparte sich des kleinen Gibraltar. Am nächstfolgenden Tage nahm man die Forts Aiguiletto und Balagnier, deren Geschütze man sofort gegen die englischen, portugiesischen und neapolitanischen Schiffe kehrte. Nicht einmal der Versuch einer Vertheidigung war möglich. Caracciolo, welcher seine Fregatte zu bemeistern verstand wie ein Reiter sein Pferd, befahl, die »Minerva« von eben bis unten in Leinwand zu hüllen. Francisco Esposito, einer der geschicktesten und kräftigsten Matrosen, ward in das oberste Takelwerk hinaufgeschickt, um hier das Bramsegel beizusetzen. Trotz des ziemlich starken Rollens des Schiffes hatte er dieses Manöver eben zur größten Zufriedenheit eines Capitäns durchgeführt, als eine französische Kugel in der Entfernung eines halben Meters von dem Mast die Raa zerschlug, auf welcher seine beiden Füße standen. Die Erschütterung brachte ihn aus dem Gleichgewichte, aber er hielt sich mit beiden Händen an das flatternde Segel, an welchem er durch die Kraft der Fäuste hängen blieb. Die Lage war eine sehr gefährliche. Francisco fühlte wie das Segel allmälig zerriß. Wenn er sich einen Schwung gab, so konnte er den Augenblick, wo das Rollen ihm erlaubte in das Meer zu fallen, benutzen und er hatte in diesem Falle gegründete Aussicht gerettet zu werden, Wartete er dagegen, bis das Segel vollständig zerriß, so konnte er auf das Deck hinabstürzen und dann stand hundert gegen eins zu wetten, daß er den Hals brechen würde. Er entschied sich für das Erste und that zugleich seinem Schutzheiligen, dem heil. Franciscus, das Gelübde, wenn er glücklich davonkäme, das Seemannskleid auszuziehen und das Mönchsgewand anzulegen. Nun hatte der Capitän, der auf Esposito, trotz seines widerspenstigen Betragens, große Stücke hielt, weil er einer seiner besten Matrosen war, einer Schaluppe gewinkt, sich zu nähern und sich bereit zu halten, um Esposito den erforderlichen Beistand zu leisten. Esposito stürzte aus einer Höhe von sechzig Fuß herab und nur drei Meter weit von der Schaluppe ins Wasser, so daß er in dem Augenblicke, wo er, von einem Sturze ein wenig betäubt, wieder auf die Oberfläche heraufkam, blos zwischen den ihm entgegengestreckten Händen und Rudern zu wählen hatte. Er gab den Händen als den zuverlässigeren Werkzeugen den Vorzug, faßte die ersten, die er erreichen konnte, ward aus dem Wasser gehißt und wieder an Bord gebracht, wo Caracciolo sich beeilte, ihm sein Compliment über die Art und Weise zu machen, auf welche er seine Voltigierkünste ausgeführt. Esposito hörte aber die Complimente seines Capitäns mit zerstreuter Miene an, theilte, als dieser sich nach dem Grunde dieser Zerstreutheit erkundigte, ihm das Gelübde mit, welches er gethan, und versicherte ihm, es würde ihm ganz gewiß in dieser oder jener Welt übel ergehen, wenn er dieses Gelübde selbst in Folge eines von seinem Willen unabhängigen Umstandes nicht erfüllte. Caracciolo, welcher sich nicht das Verderben der Seele eines so guten Christen vorzuwerfen haben wollte, versprach Esposito, ihm gleich nach der Wiederankunft in Neapel seinen Abschied in aller Form, aber nur unter Einer Bedingung zu geben, nämlich der, daß er am Tage nach dem, wo er sein Gelübde abgelegt haben und folglich in den Orden eingetreten sein würde, sich in seinem neuen Gewande am Borde der »Minerva« einfände und in seiner Kutte denselben Sprung, den er in Matrosenkleidung gemacht, noch einmal versuchte, wohlverstanden, daß dieselbe Schaluppe und dieselben Leute zur Stelle wären, um ihm bei dem zweiten Sturze denselben Beistand zu leisten wie bei dem ersten. Espositos Glaube war stark. Er antwortete, er habe zu dem Beistande seines Schutzpatrons so großes Vertrauen, daß er nicht zögere, auf diese Bedingung einzugehen und den Sprung noch einmal zu machen. Caracciolo befahl hierauf, daß man ihm zwei Rationen Branntwein verabreiche und ihn dann in seine Hängematte schlafen schicke, während er zugleich vierundzwanzig Stunden lang von jedem Dienste befreit sein solle.« Esposito dankte seinem Capitän, glitt durch die Luken hinab, trank die doppelte Ration Branntwein und schlief trotz der höllischen Musik, welche die drei französischen Forts aufführten, die gleichzeitig auf die Stadt und auf die drei verbündeten Geschwader feuerten, welche sich beeilten beim Feuerscheine des Arsenals, welches die Engländer vor ihrem Rückzuge in Brand gesteckt, den Hafen zu verlassen. Trotz der französischen Kugeln, welche sie so weit als möglich verfolgten, trotz des Sturmes, welcher sie packte, sobald sie die offene See gewonnen, erreichte die Fregatte »Minerva«, von ihrem Capitäne geschickt und muthig geführt, Neapel, ohne viele Beschädigungen erlitten zu haben, und Caracciolo unterzeichnete gleich nach seiner Ankunft, dem gegebenen Versprechen treu, Espositos Abschied, indem er ihn noch einmal mündlich an die eingegangene Bedingung erinnerte, welche Esposito nochmals zu erfüllen versprach. Francisco Caracciolo, der, wie wir schon erwähnt zu haben glauben, in Folge dieser selben Expedition nach Toulon zum Admiral ernannt ward, hatte Esposito, dessen Abschied und die Bedingungen, unter welchen ihm dieser gewährt worden, vollständig vergessen, als er am 4. October 1794, dem Tage des heiligen Franciscus, während er an Bord einer festlich beflaggten Fregatte war und wegen des Namensfestes des Kronprinzen, der ebenfalls Franciscus hieß, die üblichen Ehrensalven geben ließ, ein Dutzend Barken von Capuzinern mit Kreuz und Bannern besetzt von dem Strande abstoßen und als ob sie von einem erfahrenen Capitän geführt würden, in guter Ordnung auf die »Minerva« zu gerudert kommen sah. Einen Augenblick lang konnte er glauben, es handle sich um einen feindlichen Ueberfall, und er fragte sich schon, ob er nicht Appell schlagen solle, als er plötzlich die Matrosen, die, um dieses seltsame Schauspiel besser zu sehen, an dem Takelwerke hinaufgeklettert waren, rufen hörte: »Francisco Esposito! Francisco Esposito!« Caracciolo begann nun zu begreifen, um was es sich eigentlich handle, und als er die Augen wieder auf die mittlerweile nähergekommene Flottille warf erkannte er wirklich in der ersten Barke, das heißt in der, welche die andern zu führen und zu commandieren schien, Francisco Esposito, welcher in seinem Capuzinergewand mit seiner Donnerstimme das Lob seines Schutzheiligen singen half. Die Barke, auf welcher Esposito sich befand, machte bescheidener Weise an der Backbordtreppe Halt, Caracciolo ließ ihm aber durch einen Lieutenant befehlen, am Steuerbord anzulegen und erwartete den Neubekehrten an der obersten Stufe der Ehrentreppe. Esposito kam allein an Bord gestiegen, grüßte, als er die oberste Stufe erreicht hatte, auf militärische Weise und sprach blos die Worte: »Hier bin ich, Herr Admiral. Ich komme, um mein Wort zu lösen.« »So ist es die Art eines guten Seemanns,« sagte Caracciolo, »und ich danke Dir in meinem Namen und in dem aller deiner Cameraden, daß Du sie nicht vergessen hast. Es gereicht dies den Capuzinern von St. Ephraim eben so zur Ehre, wie der Mannschaft der »Minerva«. Wenn Du jedoch erlaubt, so werde ich mich mit deinem guten Willen begnügen, der, wie ich hoffe, Gott eben so angenehm sein wird, als er mir ist.« Esposito schüttelte aber den Kopf und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Admiral, aber das geht nicht so. « »Warum nicht, wenn ich es zufrieden bin?« »Sie werden doch am unserm armen Kloster nicht ein solches Unrecht begehen, Excellenz, und mich der Aussicht berauben, nach meinem Tode heiliggesprochen zu werden?« »Erkläre Dich näher.« »Ich sage, das, was heute geschehen wird, muß für die Capuziner von St. Ephraim ein großer Triumph sein.« »Ich verstehe Dich nicht.« »Und dennoch ist das, was ich hier sage, so klar wie das Wasser des Löwenbrunnens, Herr Admiral. In den hundert Klöstern sämmtlicher Orden, welche Neapel bevölkern, gibt es keinen einzigen Mönch, der, welchem Orden er auch angehören möge, im Stande wäre, das zu thun, was mein Gelübde mich verpflichtet heute zu thun.« »O, was das betrifft, so bin ich davon überzeugt,« sagte Caracciolo lachend. »Wohlan, ich habe blos eine Wahl, Herr Admiral. Entweder ich ertrinke und dann bin ich ein Märtyrer, oder ich komme davon und bin ein Heiliger. In dem einen wie in dem andern Falle sichere ich die Suprematie meines Ordens über alle anderen und mache mein Kloster glücklich und angesehen.« »Ja, aber ich will nicht, daß ein wackerer Bursche wie Du sich der Gefahr des Ertrinkens aussetze, und wenn ich nun einmal nicht will, daß das Experiment vorgenommen werde?« »Ich bitte, Herr Admiral, thun Sie das nicht. Wenn meine Brüder sähen, daß ihre Spekulation fehlschlüge, so würden sie glauben, ich sei es, der um Gnade gebeten habe, und dann würde ich sicherlich in einen Kerker gesperrt, aus dem ich nicht wieder herauskäme.« »Es liegt Dir also sehr viel daran, Mönch zu werden?« »Es liegt mir nicht daran, es zu werden, mein Admiral. Seit gestern bin ich es und man hat sogar mein Noviziat um drei Wochen abgekürzt, damit der gefährliche Sprung am Tage des heiligen Franciscus geschehen könne. Sie werden selbst zugeben, daß dies der Sache eine weit größere Feierlichkeit verleiht.« »Und was bringt Dir denn der Sprung ein, den Du ausführen wirst?« »O, ich habe auch meine Bedingungen gestellt.« »Dann hast Du, will ich hoffen, verlangt, wenigstens Superior zu sein.« »O nein, so dumm bin ich nicht, mein Admiral.« »Nun was hast Du Dir denn sonst ausbedungen?« »Ich habe verlangt, daß man mir das Amt des Quästors oder Almosensammlers übertrage. Dieses Amt gewährt mancherlei Zerstreuung. Sollte ich Tag für Tag mit allen diesen Dummköpfen im Kloster eingesperrt sitzen, so stürbe ich vor langer Weile. Sie verstehen mich schon, Excellenz. Der Bruder Almosensammler hat nicht Zeit, sich zu langweilen. Er macht die Runde durch alle Stadttheile von Neapel, von der Marinella an bis zum Pausilippo, von Vomero bis an den Hafendamm. Oft begegnet man auf letzterem auch einen guten Freund und trinkt ein Glas Wein, welches Niemand bezahlt.« »Wie, welches Niemand bezahlt? Esposito, mein Freund, wie mir scheint, bist Du auf Abwege gerathen.« »O nein, im Gegentheil, ich gehe stets den geraden Weg.« »Aber sagt das Gebot Gottes nicht: Du sollst nicht nehmen, was eines Andern ist?« »Mein Herr Admiral, sind Ihnen die Vorrechte meines Ordens nicht bekannt? Man trinkt eine, zwei, drei Caraffen, nachdem man sie vorher mit dem Strickgürtel berührt, man bietet dem Weinhändler eine Prise Tabak und der Weinhändlerin den Aermel zum Küssen und die Sache ist abgemacht.« »Das ist sehr richtig. An dieses Vorrecht hatte ich nicht gedacht.« »Und übrigens, Herr Admiral,« fuhr Esposito mit selbstzufriedener Miene fort, »übrigens werden Sie bemerken, daß ich mich in meiner Kutte nicht gar schlecht ausnehme, Allerdings nicht so gut wie in der Uniform, das weiß ich wohl, aber die Menschen haben nicht alle einen und den selben Geschmack und man sagt in meinem Kloster –« »Nun, was sagt man in deinem Kloster?« »Man sagt, daß die Franciscaner und besonders die Capuziner von St. Ephraim sich nicht alle Tage der Fleisches enthalten, wo in dem Kalender Fasten vorgeschrieben ist.« »Willst Du wohl schweigen! Wenn deine Brüder Dich nun hörten –« »O, die könnten vielleicht noch ganz andere Geschichten erzählen. Indessen Sie haben Recht, Herr Admiral und ich bemerke übrigens auch, daß man unruhig und ungeduldig zu werden beginnt. Sehen Sie nur da drüben auf dem Kai!« Der Admiral schaute in der von Esposito angedeuteter Richtung und sah in der That den Molo, den Kai, die Fenster der Straße del Piliero mit Zuschauern angefüllt, welche, von dem bevorstehenden Ereigniß unterrichtet, sich anschickten, dem Triumph der Capuziner von St. Ephraim über die Mönche der andern Orden Beifall zuzujubeln. »Nun gut, es sei,« sagte Caracciolo. »Ich sehe schon, daß ich Dir den Willen thun muß. Heda, Leute!« rief er, »macht das Boot fertig.« Seine Befehle wurden mit der Schnelligkeit ausgeführt, welche den Manövers der Seeleute eigen zu sein pflegt. »Und,« fragte er dann Esposito, »von welcher Seite gedenkst Du den Sprung auszuführen?« »Nun, von derselben, von der ich ihn schon ausgeführt habe, das heißt von der Backbordseite. Damals ist er mir zu gut gelungen. Uebrigens ist dies auch die dem Kai zugewendete Seite. Man darf nicht alle diese wackern Leute täuschen, welche sich eingefunden haben, um das Schauspiel mit anzusehen.« »Nun gut denn, Backbord. Das Boot auf der Backbordseite ausgesetzt, Kinder!« Kaum hatte Caracciolo seinen Befehl ertheilt, so war das Boot mit vier Ruderern, dem Hochbootsmann und zwei Mann Reserve auch schon im Wasser. Nun ergriff der Admiral, in der Meinung, daß er dieses volksthümliche Schauspiel so feierlich als möglich machen müffe, sein Sprachrohr und rief: »Alle Mann auf die Raaen!« Augenblicklich sah man zweihundert Matrosen wie eine Schaar Affen in dem Takelwerk hinaufklettern und sich auf die Raaen, von der untersten bis zur obersten, stellen, während die Marinesoldaten unter Trommelschall sich auf dem Deck in Schlachtordnung mit der Front nach dem Kai aufstellten. Die Zuschauer blieben, wie man sich leicht denken kann, nicht gleichgültig bei allen diesen Vorbereitungen, die gewissermaßen den Prolog zu dem großen Drama bildeten, dessen Aufführung sie entgegensahen. Sie klatschten in die Hände, schwenkten die Taschentücher und riefen, je nachdem sie dem Stifter des Capuzinerordens mehr oder weniger anhingen, theils: »Es lebe der heilige Franciscus!« theils: »Es lebe Caracciolo!« Der Admiral Caracciolo war allerdings in Neapel bei nahe eben so populär als der heilige Franciscus. Die zwölf Gondeln, in welchen sich die Capuziner befanden, bildeten nun einen großen Halbkreis, welcher von dem Spiegel bis zum Bug der »Minerva« reichte und zwischen ihnen und dem Rumpf des Schiffes einen weiten leeren Raum ließ. Caracciolo warf einen Blick auf seinen ehemaligen Matrosen und sagte, als er ihn vollkommen entschlossen sah: »Also, es ist wirklich dein Ernst?« »Mehr als je, Herr Admiral,« antwortete Esposito. »Willst Du aber nicht deine Kutte ablegen? Es würde dies deine Bewegungen sehr erleichtern.« »Nein, Herr Admiral, der Mönch muß das Gelübde erfüllen, welches der Matrose gethan.« »Und hast Du mir nichts für den Fall zu sagen, daß die Sache einen unglücklichen Verlauf nähme?« »In diesem Falle, Excellenz, bitte ich Sie eine Messe für die Ruhe meiner Seele lesen zu lassen. Meine Collegen haben mir allerdings versprochen, deren hunderte zu lesen, aber ich kenne diese Leutchen schon. Wäre ich todt, so würde nicht ein einziger auch nur einen Finger bewegen, um mich aus dem Fegefeuer zu erlösen.« »Ich werde nicht eine für Dich lesen lassen, sondern zehn.« »Sie versprechen es mir?« »Auf mein Ehrenwort.« »Ich bin zufriedengestellt. Doch da fällt mir noch etwas ein. Haben Sie die Güte, Herr Admiral, denn ich glaube, es wird Ihnen vollkommen gleich sein, die Messen nicht auf den Namen Esposito, sondern auf den des Bruders Pacifico lesen zu lassen. Es gibt in Neapel so viele Espositi, daß der liebe Gott am Ende gar nicht wüßte, welcher damit gemeint sei.« »Du nennst Dich also jetzt Fra Pacifico?« »Ja, Herr Admiral. Ich habe mir damit einen Zügel gegen meinen früheren Charakter anlegen wollen.« »Aber fürchtest Du nicht, daß Gott, der noch nicht Zeit gehabt hat, deine neueren Verdienste zu würdigen, Dich nicht erkenne?« »Dann, Herr Admiral, wird der h. Franciscus, dessen Namen ich zu verherrlichen im Begriff stehe, da sein, um mit dem Finger auf mich zu zeigen, weil ich in einem Gewand den Tod erlitten haben werde.« »Es geschehe denn, wie Du willst. Auf alle Fälle rechne auf deine Messen.« »O, sobald der Admiral Caracciolo sagt: »Ich werde es thun,« entgegnete der Mönch, »so ist dies sicherer, als wenn ein Anderer sagte: »Ich habe es gethan.« Und nun, wenn es Ihnen beliebt, ich bin bereit, Herr Admiral.« Caracciolo sah, daß der Augenblick in der That gekommen war. »Achtung!« rief er mit einer Stimme, welche nicht blos auf dem ganzen Schiffe, sondern auch drüben auf dem Strande gehört ward. Der Hochbootsmann entlockte seiner Pfeife einen gellenden, lang anhaltenden Ton. Dieser war noch nicht verhallt, als Fra Pacifico, ohne durch ein Mönchsgewand im mindesten gehindert zu werden, in die Wanten des Steuerbord hinaufsprang, um sich dem Publicum zu zeigen, und dann mit einer Behendigkeit, welche bewies, daß ein Noviziat als Mönch seiner Matrosengeschicklichkeit noch keinen Abbruch gethan, den großen Mastkorb erkletterte, durch die Oeffnung desselben koch, nach dem kleinen emporstieg, dann, ohne sich hier aufzuhalten, auf die Bramsegelraaen hinaustrat und, enthusiasmirt durch das Beifallsgeschrei, welches sich von allen Seiten erhob, als man einen Mönch in dem Takelwerk herumvoltigieren sah, die alleräußerste Raa erkletterte, was mehr war, als er versprochen. Auf dieser angelangt, rief er laut: »Der heilige Franciscus nehme mich in seinen Schutz!« und stürzte sich, ohne einen Augenblick zu zögern, hinab ins Meer. Ein gewaltiger Schrei entrang sich Aller Munde. Das Schauspiel, welches für Viele, die es herbeigelockt, nur grotesk zu sein versprochen, hatte jenen großartigen Charakter angenommen, von welchem ein Vorgang, bei welchem das Leben eines Menschen auf dem Spiel steht, stets begleitet ist, besonders wenn dieser Mensch Muth und Entschlossenheit zeigt. Auf diesen Schrei, in welchem sich Angst, Neugier und Bewunderung mischten, folgte Todtenstille. Jeder wartete auf das Wiedererscheinen des Tauchers und fürchtete, daß er, gleich dem Schillers, unter dem Wasser bliebe. Drei Secunden, welche den Zuschauern drei Jahrhunderte zu sein schienen, vergingen, ohne daß dieses Schweigen durch das mindeste Geräusch gestört ward. Dann sah man die noch von Fra Pacificos Sturz bewegte Woge sich von Neuem spalten, um den glattrasierten Kopf des Mönches zum Vorschein kommen zu lassen, welcher, kaum aufgetaucht, mit seiner Donnerstimme in den Lob- und Dankruf ausbrach: »Es lebe der heilige Franciscus!« Mit einem einzigen Ruderschlage erreichte ihn das Boot, die Mannschaft desselben streckte ihm die Hände entgegen und zog ihn glorreich aus dem Meere. Die Capuziner in den Gondeln stimmten wie aus einer einzigen Kehle das Te Deum laudamus an, während die Matrosen auf dem Schiff ein dreimaliges Hurrah ausbrachten und die Zuschauer auf dem Molo, auf dem Kai und an den Fenstern mit jenem Wahnsinn applaudierten, welcher in Neapel jeden Triumph, möge es sein, was für einer es wolle, begleitet, der aber, wenn es sich um den Sieg einer religiösen Frage handelt, eine geradezu unglaubliche Dimension gewinnt. Viertes Capitel. Das Almosensammeln Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß nach dem, was wir so eben erzählt, die Capuziner von St. Ephraim mit ihrem Kloster in hohen Ruf kamen. Was Fra Pacifico betraf, so ward er von diesen Augenblick der Held des gemeinen Volkes von Neapel. Es gab Niemanden, weder Mann, noch Weib, noch Kind, welches ihn nicht gekannt und wenn auch nicht für einen Heiligen, doch wenigstens für einen Auserwählten angesehen hätte. Diese Popularität des Bruder Almosensammlers äußerte auf seine Sammlung auch sehr bald eine augenfällig Wirkung. Anfangs hatte er dieses Geschäft, eben so wie sein Collegen von den andern Bettelorden, mit einem Quersac über der Schulter besorgt. Kaum aber hatte er sich ein Stunde in den Straßen von Neapel herumgetrieben, so war der Sack schon übervoll. Er nahm nun deren zwei, aber nach Verlauf einer anderweiten Stunde war auch der zweite voll so daß Fra Pacifico eines Tages, als er wieder nach Haus kam, erklärte, daß, wenn er einen Esel hätte, und seine Gänge bis zum Altmarkt, bis zur Marinella und bis nach Santa Lucia ausdehnen könne, er Abends dem Kloster eine reiche Ladung von Früchten, Obst, Fischen, Fleisch, kurz von Lebensmitteln aller Art und zwar von der besten Qualität heimbringen würde. Die Sache ward in Erwägung gezogen. Die Brüderschaft versammelte sich, und nach kurzer Berathung zwischen den klugen Köpfen des Klosters, welche Fra Pacificos Verdiensten volle Anerkennung zollten, beschloß man einstimmig die Anschaffung des Esels. Fünfzig Francs wurden der Ankaufe des Thieres gewidmet, welches Fra Pacifico ermächtigt ward, nach seinem Geschmacke zu wählen. Dieser Beschluß ward an einem Sonntage gefaßt. Fra Pacifico verlor keine Zeit. Schon den nächstfolgenden Tag, Montag, das heißt am ersten der drei Tage, wo in Neapel Viehmarkt gehalten wird – die beiden andern Tage sind der Donnerstag und der Sonnabend – begab er sich nach der Porta Capuana, dem Orte des Marktes, und seine Wahl fiel auf einen kräftigen Ciuccio[6 - Volksthümlicher Name der Esel in Neapel. Dumme Menschen haben natürlich, hier wie anderwärts, ebenfalls das Recht, diesen Namen zu führen.] aus den Abruzzen. Der Viehhändler verlangte hundert Francs und die Gerechtigkeit gebietet uns zu sagen, daß dieser Preis kein übertriebener war. Fra Pacifico erklärte jedoch dem Eselhändler, daß er kraft der Privilegien seines Ordens, welche einem guten Christen nothwendig bekannt sein müßten, blos den Strick seiner Kutte auf den Esel zu legen und dabei »Sanct Franciscus« zu sagen brauche, und daß von diesem Augenblicke der Esel dem heil. Franciscus und folglich ihm, Fra Pacifico, als seinem Stellvertreter gehören würde, ohne daß er verbunden sei, dafür die fünfzig Francs zu zahlen, welche er gutwillig anböte. Der Eselhändler erkannte die Richtigkeit dieser Beweisführung an, da er aber der Ansicht war, daß die Ehre, deren sein Esel theilhaftig würde, wenn er in den Dienst des heil. Franciscus träte, die fünfzig Francs, welche ihm, dem Besitzer, diese Ehre kosten würde, nicht aufwöge, so versuchte er Fra Pacifico von der getroffenen Wahl wieder abzubringen, indem er sagte, er riethe ihm als Freund, sich lieber ein anderes Thier zu wählen, weil das, welches er ausersehen, den mißlichen Vorzug hätte, alle Fehler der Thiergattung, welcher es angehörte, in sich zu vereinigen. Es sei nämlich naschhaft, starrköpfig, widerspänstig, wälze sich fortwährend, schlage bei der mindesten Veranlassung aus, könne keine Last auf dem Rücken leiden und tauge mit Einem Worte höchstens zur Zucht, so daß er, der Händler, um ihm einen Namen zu geben, welcher zugleich den Inbegriff aller Laster, mit welchen das unglückliche Thier ausgestattet war, vergegenwärtige, es nach reiflicher Ueberlegung Giacobino nennen zu müssen geglaubt, denn dies sei der einzige Name, dessen das Thier würdig sei und der von einem solchen Geschöpfe geführt zu werden verdiene. Wir brauchen wohl nicht erst zu bemerken, daß das italienisch geschriebene Wort Giacobino dasselbe ist wie Jakobiner. Fra Pacifico stieß einen Freudenruf aus. Von Zeit zu Zeit erwachte der alte Mensch wieder in ihm, und er fühlte das Bedürfniß zu streiten, zu fluchen und zu schlagen, wie zu der Zeit, wo er noch Matrose war. Ein widerspänstiger Esel, welcher Jakobiner hieß, dies war ja ganz einfach das Heil seiner Seele, welches er in dem Augenblicke fand, wo er es am wenigsten geahnt. Im Besitze eines so lasterhaften Thieres, konnte es ihm an rechtmäßigen Gelegenheiten und Veranlassungen, in Zorn zu gerathen, nicht mehr fehlen, und wenn sein Zorn ihn drängte, demselben lieber durch Thaten als durch Worte Luft zu machen, so wußte er nun wenigstens, auf wen er losschlagen konnte. So hat in dieser besten Welt alles sein Gutes, sogar der charakteristische Name, welcher dem Thiere von seinem Eigenthümer gegeben ward. In der That kannte alle Welt in Neapel den Haß, welchen der Bruder Pacifico schon gegen den Namen Jakobiner hegte. Indem er das diesen Namen tragende Thier schimpfte und verwünschte, so schimpfte und verwünschte er gleichzeitig die ganze Secte, welche, nach den kurzgeschorenen Köpfen und Beinkleidern aller Farben, die sich mit jedem Tage in größerer Anzahl in den Straßen zeigten, zu urtheilen, in Neapel die beunruhigendsten Fortschritte machte. Fra Pacificos Wahl blieb daher unverändert bei Giacobino stehen, und je mehr man dem Thiere Böses nachsagte, desto beharrlicher ward er in seinem Entschluß. Dem anerkannten Recht des Mönches gegenüber, welcher blos den Strick seiner Kutte über den Rücken des Thieres zu werfen brauchte, um es sofort zu seinem Eigenthum zu machen, war es dem Händler nicht möglich, sich in Bezug auf den Preis schwierig zu zeigen. Er verstand sich daher zur Annahme der von Fra Pacifico gebotenen fünfzig Francs, denn er fürchtete am Ende gar nichts zu bekommen, und zum Austausch für die zehn Piaster mit dem Bildniß Carls des Dritten, auf welche Fra Pacifico sich sechsundneunzig Grani wieder herausgeben ließ, denn der Piaster galt zwölf Carlini und acht Grani, ward der Esel Eigenthum des Klosters oder vielmehr des ehemaligen Matrosen. Mochte es nun aus Sympathie gegen seinen zeitherigen oder aus Antipathie gegen einen neuen Herrn geschehen, so schien das Thier entschlossen zu sein, Fra Pacifico sofort einen Vorgeschmack von den schlechten Eigenschaften zu geben, welche der Verkäufer aufgezählt. Das Pferd, sagt das neapolitanische Gesetz, muß mit einem Zügel und der Esel mit seinem Strick verkauf werden. In Gemäßheit dieses Rechtsgrundsatzes war Giaco bino nicht blos verkauft, sondern auch mit seinem Strick ausgeliefert worden. Fra Pacifico faßte demgemäß das Thier beim Strick und begann es vorwärts zu ziehen. Giacobino aber stemmte sich auf seine vier Füße und nichts konnte ihn bewegen, den Weg nach der Infras cata einzuschlagen. Nach einigen vergeblichen Bemühungen beschloß Fra Pacifico seine Zuflucht zu großen Mitteln zu nehmen. Es fiel ihm ein, daß er zu der Zeit, wo er Matrose gewesen an der afrikanischen Küste die Kameeltreiber ihre Thiere an einem Strick hatte führen sehen, welcher durch die Scheide wand der Nase gezogen war. Er zog demgemäß mit der rechten Hand sein Messer preßte mit der linken Giacobino's Nüstern zusammen, durch stach die Nasenscheidewand und ehe noch der Esel, welche von der Operation, der er unterworfen ward, kein Ahnung hatte, an Widerstand dagegen denken konnte, war der Strick durch die Oeffnung gezogen und Giacobino durch die Nase anstatt durch das Maul gezäumt. Er wollte seinen Widerstand fortsetzen und zog nach seiner Seite, Fra Pacifico aber zerrte nach der einigen Giacobino stieß ein Schmerzensgewieher aus, warf eine verzweifelten Blick auf seinen alten Herrn, wie um zu sagen »Du siehst, ich habe gethan, was ich gekonnt habe, und folgte Fra Pacifico nach dem Kloster St. Ephraim mit derselben Gelehrigkeit wie ein Hund, der an der Leine geführt wird. Nachdem Fra Pacifico ihn hier in eine Art Keller oder Vorrathskeller gesperrt, welche ihm als Stall dienen sollte, ging er in den Garten, wählte von einem Lorbeerbaum einen Ast, der zwischen dem Stabe des wüthenden Roland und der Keule des Herkules die Mitte hielt, schnitt ihn in einer Länge von drei und einem halben Fuß ab, schälte ihn, ließ ihn zwei Stunden lang in heißer Asche liegen, kehrte, mit diesem Caduceus von ganz neuer Art bewaffnet, wieder in den Keller zurück, dessen Thür er hinter sich verschloß. Was nun zwischen Giacobino und Bruder Pacifico vorn blieb zwischen Mann und Thier Geheimniß. Am nächstfolgenden Morgen jedoch verließen Fra Pacifico mit seinem Stock in der Faust und Giacobino mit seinen Körben auf dem Rücken das Kloster, nebeneinander herwandelnd wie zwei gute Freunde. Nur verrieth Giacobino's Haut, welche den Tag vorher glatt und glänzend gewesen, heute aber an verschiedenen Stellen blutrünstig und aufgesprungen war, daß diese Freundschaft sich nicht ohne einigen Protest von Seiten Giacobinos und ohne hartnäckige Beharrlichkeit von Seiten seines neuen Besitzers consolidiert hatte. Letzterer dehnte nun, wie er sich anheischig gemacht, den Umfang seiner Almosengänge bis zum Altmarkt, bis an den Kai, bis nach Santa Lucia aus und brachte am Abend eine solche Ladung Fleisch, Fische, Wildpret, Obst und Gemüse zurück, daß die nun reichlich versehene Brüderschaft den Ueberfluß verkaufen und dreimal wöchentlich unmittelbar vor dem Thor des Klosters einen kleinen Markt halten konnte, wo sich von nun an die frommen Seelen und gen der Straße Infrascata und der Salita dei Capuccini verproviantierten. So waren die Dinge beinahe vier Jahre lang gegangen und Fra Pacifico und sein Freund lebten in einem Einverständniß, welches Giacobino niemals wieder zu trüben versucht, als beide, wie sie dreimal wöchentlich zu thun pflegten, eines Tages das Kloster verließen und jenen Abhang hinab marschierten, welcher der Straße den Namen gegeben. Giacobino ging mit seinen leeren Körben auf dem Rücken voran, während Fra Pacifico mit dem Lorbeerstock in der Hand ihm folgte. Gleich bei den ersten Schritten, welche der Mönch und der Esel in der Straße Infrascata thaten, hätte selbst ein Fremder, der mit den Sitten Neapels noch völlig unbekannt gewesen wäre, die Popularität bemerken müssen, deren beide sich erfreuten – der Esel bei den Kindern, welche ihm mit vollen Händen Möhrenkraut und Kohlblätter brachten, die Giacobino während seines Marsches sich wohlschmecken ließ, und Fra Pacifico bei den Frauen, welche ihn um seinen Segen baten, und den Männern, welche ihn fragten, welche Nummern sie im Lotto besetzen sollten. Zum Lobe Giacobinos sowohl als Fra Pacificos müssen wir bemerken, daß, wenn ersterer Alles annahm, was man ihm gab, letzterer nichts von dem verweigerte, was von ihm verlangt ward, und freiwillig Segen und Lottonummern austheilte, ohne jedoch für die Wirksamkeit des erstern oder das Gewinnen der letzteren zu bürgen. In der ersten Zeit seines Amtes, als er noch mit dem Quersack ging, empfing er von den Bewohnern der Straßen Infrascata, dei Studi, del Largo Spiritosanto, der Porta Alba und der andern Stadttheile, welche er zu besuchen pflegte, Früchte, Gemüse, Brod, Fleisch und selbst Fische, obschon der Fisch selten bis zu der Höhe heraufgeht, in welcher die so eben genannten Straßen liegen, und Fra Pacifico hatte Alles genommen. Der Quersack war nicht stolz, wohl aber hatte Fra Pacifico bemerkt, daß alle von den Leuten, die fern von den handeltreibenden Stadttheilen wohnten, dargebrachten Geschenke von untergeordneter Qualität waren, und dies hatte ihn eben bewogen, auf der Anschaffung eines Esels zu bestehen. Sobald dieser einmal gekauft war, erstreckte Fra Pacifico seine Märsche bis an die Orte, wo die Blume von Allem zu finden war, und verschmähte die Producte oder die Spenden der dazwischenliegenden Quartiere vollständig. Wir wollen nicht sagen, daß die Gemüsehändler des Altmarkts, die Fleischer des Vico rotto, die Fischer der Marinella und die Obsthändler von Santa Lucia, bei welchen Fra Pacifico jetzt die schönsten Producte abschöpfte, es nicht lieber gesehen hätten, wenn der Mönch seine Einsammlung gleich beim Heraustreten aus dem Kloster begonnen, und wenn seine Körbe anstatt vollständig leer, zu zwei Drittheilen oder wenigstens zur Hälfte gefüllt bei ihnen angelangt wären. Mehr als einmal hatten die Händler, wenn sie ihn erblickt, irgend ein schönes Stück, welches sie für reiche Kunden aufheben wollten, zu verstecken gesucht. Fra Pacifico besaß aber einen bewunderungswürdigen Spürsinn, welch ihn in den Stand setzte, jede Hinterziehung zu entdecken. Es ging dann gerade auf den Gegenstand zu, den man ihr vorzuenthalten gedachte, und wenn man denselben nicht gutwillig anbot, so verrichtete der Strick des heil. Franciscus sein Amt. Um nun allen diesen kleinen Chicanen aus dem Weg zu gehen, war Fra Pacifico so weit gekommen, daß er gar nicht mehr wartete, bis man ihm etwas gab. Er berührte mit seinem Stricke, nahm, und die Sache war abgemacht. Die Handelsleute, welche zu Masamiellos Zeiten sich wegen einer Abgabe empört, welche der Herzog von Arce auf die Früchte hatte legen wollen, ertrugen, wenn auch nicht freudig, doch geduldig diesen Tribut, welchen der Sammler des Klosters von St. Ephraim von allen ihren Producten erhob, so daß es ihnen niemals eingefallen war, sich gegen diese Tyrannei zu empören. Wenn Fra Pacifico, nachdem er seine Wahl getroffen, auf dem Gesichte dessen, welchem er diese Ehre erzeig, eine Spur von Unzufriedenheit bemerkte, so zog er ein schmale, tiefe Dose von Horn aus der Tasche, bot dem seinem Interesse beschädigten Handelsmanne eine Prise und es geschah selten, daß diese ganz besondere Gunst den Lippen des Letzteren nicht ein Lächeln entlockt hätte. Reichte diese Aufmerksamkeit nicht aus, so ward Fra. Pacifico, der trotz des Namens, den er sich beigelegt, leid in die Hitze zu bringen war, dunkelroth im Gesichte, sei Augen schossen einen Doppelblitz und sein Lorbeerstock rasselte auf dem Lastrico. Diese dreifache Demonstration verfehlte nie, sofort die gute Laune wieder auf dem Gesichte des schlechten Christen hervorzurufen, welcher sich nicht zu glücklich schätzte, dem heil. Franciscus eine fetteste Gans, seine saftigste Melone, ein zartestes Rippenstück oder einen glänzendsten Fisch darzubringen. An dem erwähnten Tage wanderte Fra Pacifico, ohne aus andern Gründen stehen zu bleiben, als um einen Segen zu ertheilen, den Aermel seines Gewandes küssen zu lassen und den Lottospielern Amben, Ternen, Quaternen und Quinternen zu bezeichnen, durch jenes Labyrinth von kleinen Gassen, welches sich von der Vicaria bis zur Strada Egiziaca a Foriella erstreckt. Hier angelangt, ging er die Viagrande und den Vico Berrettari entlang und kam auf den der Altmarkt genannten Platz dicht hinter der kleinen Kirche vom heiligen Kreuz heraus, deren Priester, nicht als Gegenstand der Verehrung, sondern blos der Schaulust den mit einem Wappen verzierten Block bewahren, auf welchem der Herzog von Anjou, dieser König mit dem gebräunten Gesicht, welcher, wie Villani sagt, »wenig schlief und niemals lachte,« Conradin von Schwaben und Friedrich von Oesterreich die Köpfe abschlagen ließ. Wenn Fra Pacifico an dieser vorüber war, befand er sich in einem neuen Lande, einem wahrhaften Schlaraffenlande, wo das Thierreich und das Pflanzenreich sich mit einander verschmelzen, wo die Schweine grunzen, wo die Hühner gluchzen, wo die Gänse schnattern, wo die Hähne krähen, wo die Truthühner kaudern, wo die Enten gackern, wo die Tauben girren, wo neben dem Goldfasan von Capodimonte, dem Hafen von Persano, den Wachteln vom Cap Misena, den Krammetsvögeln von Bagnoli, die Schnepfen der Sümpfe von Lincola und die Kriechenten des Sees von Agnano zur Schau ausgebreitet liegen; wo Gebirge von Blumenkohl, Pyramiden von Pastinak und Wassermelonen, Mauern von Fenchel und Selleri die gewaltigen Schichten von scharlachrothen Peperonen und carmoisinfarbenen Tomatäpfeln beherrschen, in deren Mitte runde Körbe mit jenen kleinen violetten Feigen vom Pausilippo und von Pozzuoli stehen, deren Bild Neapel ein Jahr lang als Symbol einer ephemeren Freiheit auf seine Münzen schlagen ließ. Inmitten dieses Reichthums erntete Fra Pacifico alle zwei Tage mit vollen Körben. Der Mönch erhob seinen gewohnten Tribut, dabei aber kam es ihm vor, als wenn an diesem Tage hier etwas ganz Besonderes vorginge. Die Verkäufer plauderten mit einander, die Frauen flüsterten leise, die Kinder trugen Steinhaufen zusammen und an welchen Händler sich Fra Pacifico auch wenden mochte, so achtete ersterer nur mit flüchtiger Aufmerksamkeit auf die Waaren, Gemüse, Geflügel, Wildpretstücke oder Früchte, welche der Bruder Sammler wählte und womit er seine Körbe vollstopfte. Da diese Körbe schon zu zwei Drittheilen gefüllt waren, so glaubte Fra Pacifico, es sei Zeit nun zum Fleisch über zugehen und machte sich auf den Weg nach San Giovanni al Mare, wo besonders die Macellai und die Beccal, das heißt die Fleischer und die Ziegen- und Hammelschlächter, ihren Verkehr hatten – zwei Erwerbszweige, die nahe mit einander verwandt, in Neapel aber gleichwohl getrennt sind. Er lenkte deshalb mitten unter der unbegreiflichen Gleichgültigkeit, welche die Bevölkerung heute gegen ihn an den Tag legte, seine Schritte nach der Straße San Giovanni al Mare. Seitdem er den Altmarkt betreten, hatte nicht eine einzige Frau seinen Segen verlangt und nicht ein einziger Mann ihn ersucht, ihm im Voraus die Nummern zu bezeichnen, welche bei der nächsten Lottoziehung gewinnen würden. Was konnte die Bevölkerung des alten Neapel in so hohem Grade beschäftigen? Fra Pacifico sollte es ohne Zweifel erfahren, denn ein lautes Getöse ließ sich von dem Vico del Mercato her vernehmen, einer Art Gäßchen, welches einerseits auf den Altmarkt, andererseits auf den Kai führt und welches man damals Vico dei Sospiri dell' abisso[7 - Gäßchen der Seufzer des Abgrundes.] nannte, ein poetischer Name, welchen die moderne Behörde beseitigen zu müssen geglaubt und welcher seinen Entstehungsgrund in dem Umstande hatte, daß die zum Tode Verurtheilten, welche man gewöhnlich auf dem Altmarkt hinrichtete, durch dieses Gäßchen geführt wurden, bei dessen Betreten sie zum ersten Mal das Blutgerüst sahen, bei welchem Anblick die fast stets einen so tiefen Seufzer ausstießen, daß er aus dem Abgrund zu kommen schien. Fra Pacifico mußte nicht allein dieses selbe Gäßchen passieren, sondern gedachte auch von einem Beccajo, dessen Kaufladen die Ecke dieses Gäßchens und der Straße Sant-Eligio bildete, eine Hammelkeule zu bekommen. Er konnte daher nicht ermangeln, zu erfahren, um was es sich handelte. Uebrigens mußte es auch etwas Wichtiges sein, was geschehen war, denn so wie er sich der Straße Sant-Eligio näherte, ward die Menschenmenge immer dichter und aufgeregter. Es war ihm als hörte er mit dumpfer drohender Stimme die Worte Franzose und Jakobiner aussprechen. Dennoch, da die Menge sich mit dem gewohnt Respekt vor ihm öffnete, so gelangte er bald an den Laden wo er, wie wir schon gesagt, eine von den sieben oder acht Hammelkeulen zu bekommen gedachte, aus welchen den morgenden Tag der Braten der Brüderschaft bestehen sollte. Der Laden war mit einer Menge Männer und Frau angefüllt, welche heulten und sich geberdeten wie Besessene. »Heda, Beccajo!« rief der Mönch. Die Herrin des Hauses, eine Art Megäre mit wirrem, grauem Haar, erkannte die Stimme des Mönch schob die Streitenden durch Faust-, Schulter- und Ellbogenstöße auf die Seite und sagte: »Kommen Sie, mein Vater. Sie kommen wie von Gott gesendet. Ihr armer Beccajo bedarf Ihrer und des heiligen Franciscus sehr.« Und indem sie Giacobino dem Lehrburschen übergab, zerrte sie Fra Pacifico in das im Hintergrunde befindliche Zimmer, wo der Beccajo mit von der Stirn bis zum Munde gespaltenem Gesicht, von Blut überströmt, auf ein Bette lag. Fünftes Capitel. Assunta Das dem Beccajo zugestoßene Unglück war es eben, welches diesen Aufruhr auf dem Altmarkt in der Straße Sant-Eligio und in dem Gäßchen der Seufzer des Abgrundes hervorgerufen hatte. Nun ward, wie man sich leicht denken kann, dieser Vorfall auf hunderterlei Weise erklärt und erzählt. Der Beccajo mit seiner gespaltenen Wange, seinen eingeschlagenen drei Zähnen und seiner verstümmelten Zunge konnte oder wollte keine große Auskunft geben. Man hatte an den von ihm gemurmelten Worten »Giacobini« und »Francesi« schließen zu können geglaubt, daß es die Jakobiner von Neapel, die Freunde der Franzosen, wären, welche ihn auf diese Weise zugerichtet hatten. Ueberdies hatte sich auch das Gerücht verbreitet, daß ein Freund des Beccajo todt auf dem Kampfplatz gefunden worden und daß zwei andere verwundet worden seien, der eine davon so schwer, daß er in der Nacht gestorben. Jeder sprach über diesen Vorfall und dessen Ursachen seine Meinung aus, und das Geschwätz von fünf- oder sechshundert Stimmen war es, welches das Getöse verursacht, das Fra Pacifico gehört und welches ihn nach dem Laden des Hammelschlächters gelockt. Ein einziger junger Mann von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren stand, an das Thürgewänd gelehnt, gedankenvoll und stumm da. Bei den verschiedenen Behauptungen, welche nebeneinander aufgestellt wurden, besonders bei der, daß der Beccajo und seine drei Cameraden auf dem Rückwege von einem Abendessen, welches sie in dem Wirthshause der Schiava in der Nähe des Löwenbrunnens zu sich nahmen, von fünfzehn Männern überfallen worden seien, lachte der junge Mann und zuckte die Achseln mit einer bedeutsameren Geberde, als wenn er einen förmlichen Protest ausgesprochen hätte. »Warum lachst Du und zuckt Du die Achseln?«, fragte ihn einer seiner Cameraden, Namens Antonio Arella, welchen man in Folge der von den Bewohnern von Neapel eigenthümlichen Gewohnheit, jedem Menschen einen von seinem körperlichen Aussehen oder einem Charakter entlehnten Beinamen zu geben, Pagliucchella nannte. »Ich lache, weil ich Lust habe zu lachen,« antwortete der junge Mann, »und ich zucke die Achseln, weil es mir beliebt, die Achseln zu zucken. Ihr habt das Recht, Albernheiten zu schwatzen, ich dagegen habe das Recht, über euer Gerede zu lachen.« »Wenn Du behaupten willst, daß wir Albernheiten reden, so mußt Du besser unterrichtet sein als wir.« »Besser als Du unterrichtet zu sein als Du, Pagliucchella, ist nicht schwer; man braucht da nur lesen zu können.« »Wenn ich nicht lesen gelernt habe,« antwortete der, welchem Michele – denn der Spötter war wirklich unser Freund Michele – seine Umwissenheit vorwarf, »so liegt der Grund darin, daß ich keine Gelegenheit dazu gehabt habe. Du hast sie gehabt, denn Du hast eine reiche Milchschwester, welche die Frau eines Gelehrten ist; deswegen muß man aber seine Cameraden nicht verachten.« »Ich verachte Dich auch durchaus nicht, Pagliucchella. Das sei fern von mir, denn Du bist ein wackerer und braver Junge, und wenn ich etwas mitzutheilen hätte, so wärest Du der Erste, dem ich es sagte.« Vielleicht stand Michele im Begriff, Pagliucchella einen Beweis von dem Vertrauen, welches er zu ihm hatte, wirklich zu geben und er wollte ihn auf die Seite führen und ihn von einigen der zu seiner Kenntniß gelangten Umstände unterrichten, als er eine Hand fühlte, welche sich ihm schwer auf die Schulter legte. Er drehte sich um und stutzte. »Wenn Du etwas mitzutheilen hättest, so wäre dieser der Erste, dem Du es sagen würdest,« sagte der, dessen Hand den jungen Spötter bei der Schulter ergriffen. »Glaube mir aber, wenn Du, was ich übrigens bezweifle, etwas von diesem ganzen Abenteuer weißt und dieses Etwas irgend Jemanden mittheilst, dann verdienst Du wirklich Michele der Narr genannt zu werden.« »Pasquale de Simone,« murmelte Michele. »Glaube mir,« fuhr der Sbirre fort, »es wird besser und sicherer für Dich sein, wenn Du Assunta, welche Zu diesem Morgen nicht zu Hause gefunden und weshalb Au bei so übler Laune bist, in der Kirche der Madonna del Carmine, wo sie ein Gelübde erfüllt, aufsucht, als wenn Du hier bleibt, um zu erzählen, was Du nicht gesehen und was für Dich ein Unglück wäre, wenn Du es gesehen hättest.« »Ihr habt Recht, Signor Pasquale,« antwortete Michele, an allen Gliedern zitternd. »Ich werde sogleich hingehen, nur lassen Sie mich vorbei.« Pasquale machte eine Bewegung, welche zwischen ihm und der Mauer eine Oeffnung ließ, durch welche kaum ein Kind von sechs Jahren hätte hindurchschlüpfen können. Michele schlüpfte aber ganz bequem hindurch, so schmal macht ihn die Furcht. »Meiner Treu, nein!« murmelte er, indem er sich mit großen Schritten in der Richtung nach der Kirche del Carmine entfernte, ohne hinter sich zu schauen. »Meiner Treu nein, ich werde kein Wort sagen, gnädiger Herr vom Messer. Lieber ließe ich mir die Zunge ausreißen. Aber,« fuhr er fort, »es könnte auch einen Stummen zum Reden bringen, wenn man sagen hört, sie wären von fünfzehn Man überfallen worden, während doch sie es sind, die ihrer sechs einen einzigen angefallen haben. Ich bin kein Freund der Franzosen und der Jakobiner, die Sbirren und die Sorici[8 - Name, welchen man in Neapel den Agenten der geheim Polizei gibt.] liebe ich aber noch weniger und es ist mir ganz recht, daß dieser sie ein wenig zugerichtet hat; auf sechs Mann zwei Todte und zwei Verwundete, viva San Gennaro! der hat weder den Rheumatismus im Arm, noch Gicht in den Fingern gehabt.« Und er begann zu lachen, indem er lustig den Kopf schüttelte und mitten auf der Straße ganz allein die Tarantella tanzte. Obschon man behauptet, der Monolog liege nicht in der Natur, so würde doch Michele, den man gerade deshalb, weil er die Gewohnheit hatte, mit sich selbst zu sprechen und dabei lebhaft zu gesticuliren, Michele den Narren nannte, fortgefahren haben, Salvatos Lob zu preisen, wenn er sich nicht plötzlich und immer noch lachend auf der Platze del Carmine und seine Tarantella in der Vorhalle der Kirche tanzend gesehen hätte. Er hob den schweren schmutzigen Vorhang, welcher vor dem Thore hing, trat ein und schaute sich um. Die Kirche del Carmine, über die es uns unmöglich ist, nicht ein Wort im Vorbeigehen zu sagen, ist die populärste Kirche in Neapel und ihre Madonna gilt für eine der wunderthätigten. Woher hat sie diesen Ruf und worauf gründet sich die Ehrerbietung, welche ihr von allen Classen der Gesellschaft bewiesen wird? Geschieht dies, weil sie die sterbliche Hülle jenes jugendlichen und poetischen Conradin, dessen Neffen Manfred's und seines Freundes Friedrich von Oesterreich enthält? Geschieht es wegen ihres Christusbildes, welches, durch eine Kugel Renés von Anjou bedroht, den Kopf auf die Brust senkte, um der Kugel auszuweichen und dessen Haar so üppig wächst, daß der Syndicus von Neapel einmal jährlich mit großem Pomp kommt, um sie ihm mit einer goldenen Schere abzuscheiden? Geschieht es endlich, weil Masamiello, der Held der Lazzaroni, in dem Kreuzgange dieser Kirche ermordet ward und hier in irgend einem unbekannten Winkel schläft – so leicht vergißt das Volk selbst die, welche für es gestorben sind. Es ist aber deswegen nicht weniger wahr, daß die Kirche del Carmine, wie wir schon gesagt, die populärste in Neapel ist, daß in ihr die meisten Gelübde gethan werden und daß hier auch der alte Tomeo das einige gethan, dessen Ursache wir bald erfahren werden. Michele hatte daher anfangs in der immer von Gäubigen angefüllten Kirche einige Mühe, die Person, welche er suchte, zu finden. Endlich jedoch entdeckte er sie, während sie fromm ihr Gebet am Fuße eines der Seitenaltäre verrichtete, welche links vom Eingange stehen. Dieser durch seinen Kerzenglanz blendende Altar war dem heiligen Franciscus geweiht. Michele hatte, je nachdem Du, lieber Leser, in der Liebe Pessimist oder Optimist bist, das Unglück oder das Glück zu lieben. Der Straßentumult, welchen er voraussah und welchen er Nina als Grund seines Fortgehens angegeben, war nur eine untergeordnete Ursache. Die, welche allen andern voranging, war der Wunsch, Assunta zu sehen und zu umarmen, die Tochter des alten Fischers Basso Tomeo, welcher, wie man sich erinnert, eines Nachts, als seine Barke an den Grundmauern des Palastes der Königin Johann lag, gesehen hatte wie ein Gespenst sich über ihn neigte, sich mit der Spitze eines Dolches überzeugte, daß er wirklich schlief, und dann, nachdem es diese Ueberzeugung gewonnen, wieder in die Ruinen hinaufstieg und in denselben verschwand. Eben so wird man sich erinnern, daß diese Erscheinung dem alten Fischer einen solchen Schrecken eingejagt hatte, daß er Mergellina verlassen und die Chiaja, Chiatamone, das Castell dell Uovo, Santa Lucia, das Castell Nuovo, den Molo, den Hafen, die Strada Nuova und endlich die Porta del Carmine zwischen seinen alten und seinen neuen Wohnsitz legend, seinen ferneren Aufenthalt in der Marinella genommen hatte. Als echter fahrender Ritter war Michele seiner Geliebten bis ans Ende von Neapel gefolgt; er wäre ihr auch bis ans Ende der Welt gefolgt. Am Morgen des Tages, bei welchem wir jetzt angelangt sind, hatte er die Thür des alten Basso Tomeo, die sonst immer offen stand, verschlossen gefunden und war deshalb ein wenig unruhig geworden. Wo konnte Assunta sein und welche Ursache konnte sie von dem Hause entfernt haben? Abgesehen von dem Zweifel, welchen ein Liebender, wie sehr er sich auch geliebt glaubt, immer an seiner Geliebten hegt, hatte Michele auch noch mehrere andere Unannehmlichkeiten in Bezug auf seine Liebschaft zu erdulden gehabt. Basso Tomeo, der alte Fischer, welcher Gott fürchtete, die Heiligen verehrte und die Arbeit liebte, hatte keine sonderlich gute Meinung von Michele, sondern betrachtete ihn nicht blos, wie alle Anderen thaten, als einen Narren, sondern auch als einen Faulenzer und Gotteslästerer. Assuntas drei Brüder, Gaetano, Gennaro und Luigi, waren zu ehrerbietige Söhne, als daß sie die Meinung ihres Vaters in Bezug auf Michele nicht getheilt hätten. Der arme Michele hatte daher bei jeder neuen Beschwerde, die man über ihn erhob, in dem Hause Tomeo nur einen einzigen Vertheidiger, Assunta selbst, während er dagegen vier Ankläger, den Vater und seine drei Söhne, hatte, was bei den Discussionen, die über ihn stattfanden, eine furchtbare Majorität zu seinem Nachtheil ausmachte. Zum Glück ist das Handwerk des Fischers ein schweres und anstrengendes und Basso Tomeo und seine drei Söhne, welche sich rühmten, keine Faulenzer zu sein wie Michele, und denen daran lag, gewissenhaft das Ihre zu thun, verbrachten einen Theil des Abends mit dem Legen ihrer Netze, einen Theil der Nacht mit dem Warten auf das Hineingehen der Fische und einen Theil des Morgens mit dem Herausziehen derselben aus dem Wasser. Die Folge hiervon war, daß von den vierundzwanzig Stunden des Tages Basso Tomeo und seine drei Söhne achtzehn derselben außer dem Hause zubrachten und während der übrigen sechs schliefen, so daß sie die Liebschaft Micheles und Assunta's nicht wohl auf sehr lästige Weise überwachen konnten. Michele trug daher auch ein Unglück mit Geduld. Basso Tomeo hatte ihm gesagt, daß er ihm seine Tochter nicht eher geben würde, als bis er ein einträgliches ehrliches Handwerk triebe, oder eine Erbschaft gemacht hätte. Michele behauptete unglücklicherweise, er kenne kein Handwerk, welches gleichzeitig einträglich und ehrlich sei, und behauptete, daß das eine dieser beiden Prädicate das andere ausschlösse, was in Neapel nicht ganz paradox war. Als Beweis führte er an, daß Basso Tomeo selbst, der ein ehrliches Handwerk trieb und demselben mit Beihilfe seiner Söhne achtzehn Stunden täglich widmete, den noch seit den ziemlich fünfzig Jahren, wo er sein Netz zum ersten Mal ins Meer geworfen, nicht im Stande gewesen sei, auch nur fünfzig Ducati zurückzulegen. Er wartete deshalb auf die Erbschaft und sprach von einem Onkel, welcher niemals existiert hatte und nach den von Marco Polo gegebenen Andeutungen nach dem Königreich Cathay gereist war. Blieb aber auch die Erbschaft aus, was, wenn es um und um kam, leicht möglich war, so konnte er nicht verfehlen, früher oder später Oberst zu werden, weil Nanno es ihm ja prophezeit hatte. Allerdings hatte er in Basso Tomeos Hause nur von jenem ersten Theile der Prophezeiung gesprochen, und die, welche vom Galgen handelte, für sich behalten. Nur eine Milchschwester Luisa hatte er sich in dieser Beziehung eröffnet, wie wir in der Unterredung gesehen, welche der noch unheimlicheren Prophezeiung voranging, welche die Wahrsagerin an die arme Luisa selbst gerichtet. Die Anwesenheit Assuntas in der Kirche der Madonna del Carmine, ihre Anwesenheit am Altare des heiligen Franciscus und die blendende Erleuchtung dieses Altars waren eben so viel Beweise, daß Michele, für einen so großen Narren man ihn auch hielt, sich doch in Bezug auf den mittelmäßigen Ertrag, den Basso Tomeo, trotz aller Anstrengungen von seinem mühseligen Handwerk zog, nicht getäuscht hatte. Die drei letzten Tage waren in der That so schlecht gewesen, daß der alte Fischer das Gelübde gethan, auf dem Altar des heiligen Franciscus zwölf Kerzen in der Hoffnung anzuzünden, daß der Heilige, welcher sein Schutzpatron war, ihm einen Fang nach Art dessen gewähren würde, welchen die Fischer des Evangeliums im See Genezareth thaten. Zu diesem Ende hatte er verlangt, daß seine Tochter Assunta während des ganzen Morgens, das heißt während der Zeit, wo er mit dem Ziehen der Netze beschäftigt wäre, das Gelübde, welches er gethan, durch ihr inbrünstiges Gebet unterstütze. Da nun das Gelübde am Abend vorher nach dem letzten Fischzuge, welcher noch schlechter gewesen als die zwei vorhergegangenen, gethan worden, da Michele, weil er den ganzen Abend einer Milchschwester Luisa und die ganze Nacht dem Verwundeten gewidmet, von Assunta nicht hatte benachrichtigt werden können, so hatte er die Thür des Hauses verschlossen gefunden und Assunta kniete, anstatt ihn an ihrer Thür zu erwarten, am Altar des heiligen Franciscus. Als Michele sah, daß Pasquale de Simone ihm die Wahrheit gesagt, holte er einen so tiefen Seufzer der Befriedigung, daß Assunta sich ihrerseits umdrehte, einen Freudenruf ausstieß und mit einem Lächeln, welches nichts Anderes war als ein Dank für seinen Scharfsinn, ihm winkte, neben sie zu knien. Michele ließ sich dies nicht zweimal sagen. Mit einem Satze stand er an der Treppe des Altars und kniete auf dieselbe Stufe nieder, wo Assunta betete. Wir möchten nicht behaupten, daß das Gebet des jungen Mädchens von diesem Augenblick an noch eben so inbrünstig gewesen sei, wie während Micheles Abwesenheit, und daß sich nicht einige Zerstreutheit in dieses Gebet gemischt hätte. Es kam jedoch in diesem Augenblick nicht viel mehr darauf an, denn der Fischfang mußte jetzt beendet sein. Man konnte daher wohl einige Worte der Liebe unter die frommen Worte mischen, auf welche der Heilige ein Recht hatte. Hier erst erfuhr Michele von Assunta die Thatsachen, welche wir in unserer Eigenschaft als Erzähler unsern Lesern mitgetheilt haben, ehe noch Michele selbst die wußte. Zum Austausche für diese Thatsachen erzählte er ihr seinerseits die wahrscheinlichste Geschichte, die er in Bezug auf Luisa's Unwohlsein, auf einen Mord, der in der Nähe des Löwenbrunnens stattgefunden, und auf das Gerücht auftischen konnte, welches in diesem Augenblick von der Straße Sant-Eligio und dem Seufzergäßchen an bis zu der Thür des Schlächterladens alle Welt in Bewegung setzte. Assunta hörte kaum, daß es auf dem Altmarkte Lärm gebe, so wollte sie als echte Tochter Eva‘s, die sie war, auch sofort die wirklichen Ursachen dieses Lärms kennen lernen. Da das, was ihr Geliebter ihr davon erzählte, ihr in eine gewisse Wolke gehüllt zu sein schien, so nahm die Abschied von dem heiligen Franciscus, verneigte sich, da sie mit ihrem Gebet ohnehin fertig war, gegen den Altar des Heiligen, tauchte ihre Fingerspitzen in den Weihwasserkessel an der Thür, berührte mit ihren feuchten Fingern die ihres Geliebten, machte ein letztes Zeichen des Kreuzes, nahm noch, ehe sie aus der Kirche hinaus war, Michele's Arm und verließ, leicht wie eine Lerche, welche im Begriffe steht aufzufliegen, und singend wie eine solche, mit ihm die Kirche del Carmine, erfüllt vom Vertrauen auf die Vermittelung des Heiligen und nicht zweifelnd, daß ihr Vater und ihre Brüder einen wunderbaren Fang gethan hätten. Sechstes Capitel. Die beiden Brüder Assunta hatte mit Recht ihr Vertrauen auf den heiligen Franciscus gesetzt. Ihr Vater und ihre Brüder hatten einen wahrhaft wunderbaren Fang gethan. In dem Augenblicke, wo sie begonnen hatten, ihre Netze zu ziehen, waren ihnen dieselben so schwer erschienen, daß sie anfangs glaubten, sie hingen an einer verborgenen Felsenspitze fest. Da sie indessen nicht jenen unbedingten Widerstand fühlten, welchen eine auf dem Boden des Meeres festgewurzelte Masse bietet, so erwachte in ihnen die Furcht, daß sie die Leiche eines Selbstmörders oder eines zufällig verunglückten Ertrunkenen herausziehen würden. So wie aber das Netz sich dem Strande näherte, fühlten sie Purzelbäume und Stöße, welche verriethen, daß lebendige und zwar sehr lebendige Körper in dem Netze wären und nur mit Widerstand dem Zuge desselben folgten. Es dauerte nicht lange, so sah man an dem Spritzen des Wassers und an den flüssigen Garben, die daraus emporstiegen, daß die Gefangenen, welche ihre Lage zu begreifen begannen, verzweifelte Anstrengungen machten, um das Netz zu zerreißen, oder darüber hinauszuspringen. Gennaro und Gaëtano wateten in das Meer hinein und während der alte Fischer und Luigi ihre Anstrengungen vereinigten, um die widerstrebende Beute zu bekämpfen, stellten sich erstere hinter die Netze, um zu schieben, und obschon ihnen das Wasser bis an die Schultern ging, gelang es ihnen doch, die Netze vor dem Zerreißen zu bewahren. Aus ihren Geberden und Ausrufungen konnte man jedoch abnehmen, daß der heilige Franciscus fast zu freigebig gewesen war. Es geschah dies in dem Golf ziemlich der Hälfte der Strada Nuova, einem großen Hause gegenüber, welches von der einen Seite die Aussicht auf den Kai, von der andern auf die Straße Sant Andrea degli Scopari hatte. Dieses Haus, welches man mit dem Namen des Pabstes della Torre bezeichnete, gehörte in der That dem Herzoge diese Namens. Da wir im Begriffe stehen, eine vollkommen historische Thatsache zu erzählen, so sehen wir uns genöthigt, einige nähere Aufschlüsse über dieses Haus, wo die Thatsache vor ich ging, und über die Bewohner desselben zu geben. An dem Fenster der ersten Etage stand ein junger Mann von sechs- bis achtundzwanzig Jahren, nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, nur daß er, anstatt den langen Ueberrock oder den langschößigen Frack mit hohem Kragen, er damals Mode war, zu tragen, sich in einen eleganten Schlafrock von hochrothem Sammet gehüllt hatte, der über der Brust durch seidene Schnüre zusammengehalten ward. Sein schwarzes Haar, welches schon seit langer Zeit dem Puder entsagt, kräuselte sich, obschon kurz geschnitten, zu natürlichen Locken. Ein feines, mit einem eleganten Spitzenstreifen verziertes Battisthemd ließ einen Hals sehen, der jugendlich und weiß war wie der eines jungen Mädchens. Seine Hände waren weiß, lang und schmal – das Kennzeichen der Aristokratie. Am kleinen Finger der linken Hand trug er einen Diamantring und folgte mit zerstreut in die Ferne hinaus stierendem Blick den am Himmel hingleitenden Wolken, während er mit der rechten Hand die gemessenen Bewegungen eines Dichters machte, welcher Verse scandirt. Und es war wirklich ein Dichter von der Gattung wie Sannasar, Bertino der Parmy. Es war Don Clemente Filomarino, jüngerer Bruder des Herzogs della Torre, einer der elegantesten jungen Männer von Neapel, welcher Nicolino, Caracciolo und Roccamama die Königswürde im Bereiche der Moden streitig machte. Ueberdies war er ein gewandter Reiter, ein geübter Jäger, ein Fechter, Schütze und Schwimmer ersten Ranges. Dabei war er, obschon jüngerer Sohn, doch reich, weil sein Bruder der Herzog della Torre, der fünfundzwanzig Jahre älter war als er, erklärt hatte, unvermählt sterben zu wollen, um sein ganzes Vermögen seinem jungen Bruder zu hinterlassen, welcher von dem älteren die ehrenvolle Mission empfangen, das Geschlecht der Herzöge della Torre fortzupflanzen, – eine Ehre, auf welche der ältere Bruder für immer verzichtet zu haben schien. Uebrigens beschäftigte sich der Herzog della Torre mit Arbeiten, die nach seiner eigenen Ueberzeugung für seine Zeitgenossen und selbst für die Zukunft weit interessanter waren als Erzeugung von Erben und Stammhaltern seines Namens. Eingefleischter Bibliomane, war er fortwährend auf Vermehrung seiner Sammlung von seltenen Büchern und kostbaren Manuscripten bedacht. Selbst die königliche Bibliothek – wohlverstanden, die von Neapel – besaß nichts, was man mit seiner Sammlung von Elzevier oder, richtiger gesagt, Elzeviers hätte vergleichen können. Er besaß ein beinahe vollständiges Exemplar von allen von Ludwig, Isaak und Daniel, das heißt von Vater, Sohn und Neffen[9 - Ueber diesen Punkt sind die Gelehrten nicht einig. Die einen sagen Isaak sei der Sohn Ludwigs, die andern er sei nur sein Neffe gewesen.] veranstalteten Ausgaben. Wir sagen, beinahe vollständig, weil kein Bibliomane sich rühmen kann die ganze Sammlung, von dem im Jahre 1572 erschienenen ersten Bande an, dessen Titel »Eutropi historiae romanae« ist, bis zu dem bei Ludwig und Daniel im Jahre 1655 herausgekommenen »Pastissier françois« zu besitzen. Dennoch zeigte er mit Stolz den Liebhabern diese beinahe einzige Sammlung, in welcher man nach einander als Titelvignette den Engel, der mit der einen Hand ein Buch, mit der andern eine Sichel hält, eine Weinranke, die sich um eine Urne schlängelt, mit der Devise Non solus, die Minerva und den Oelzweig mit dem Spruch Ne extra Oleas, die Syrene, welche die Elzeviers im Jahre 1634 in ihr Wappen aufnahmen, das Medusenhaupt, die Rosenguirlande und endlich die über einem Schild gekreuzten beiden Scepter sah, welche das letzte Kennzeichen dieser Officin waren. Ueberdies zeichneten sich eine durchgängig gut gehaltenen Ausgaben durch die Größe und Breite ihrer Ränder aus, von welchen einige fünfzehn bis achtzehn Linien erreichten. Was seine Autographen betraf, so war dies wohl die reichste Sammlung, die es auf der Welt gab. Sie begann mit dem Siegel Tancreds von Hauteville und ging durch die Reihe von Königen, Prinzen und Vicekönigen, welche über Neapel regiert, bis auf die Unterschriften Ferdinands und Carolinens, der gegenwärtigen Regenten. Seltsamerweise hatte diese Sammelwuth, deren hervorragendstes Symptom gewöhnlich darin besteht, daß sie gegen alle menschlichen Regungen gleichgültig macht, keinen Einfluß auf die beinahe väterliche Liebe geäußert, welch der Herzog della Torre für seinen jungen Bruder, Don Clemente, der von seinem fünften Lebensjahre an verwaist war, hegte. Was ihn schon von dem Tage der Geburt dieses Knaben an so innig an denselben fesselte, war höchst wahrscheinlich der Gedanke, daß er von diesem Tage an der Pflicht, eine Frau zu nehmen, welche ihn, wenn auch von seinem Berufe als Sammler nicht vollständig abwendig gemacht, doch in demselben gestört haben würde, überhoben war. Es wäre uns geradezu unmöglich, ausführlich zu schildern, welche Fürsorge er dem Kinde widmete, welches in einmal von der Erfüllung seiner ehelichen Pflichten entbinden sollte. Bei allen jenen leichteren oder schwereren Körper leiden, welchen die Kindheit unterworfen ist, war er de einzige Krankenwärter seines jungen Bruders gewesen, um hatte die Nächte an seinem Bette damit zugebracht, daß seine Cataloge durchlas, Notizen machte oder in seine seltenen Büchern jene Druckfehler suchte, welche einen Exemplar den Stempel der Echtheit ausdrücken. Don Clemente war vom Kind zum Jüngling herangewachsen und stand jetzt an der Schwelle des Mannesalters ohne daß jene, innige zärtliche Zuneigung seines Bruder zu ihm sich verändert oder gemindert hätte. Obschon sechsundzwanzig Jahre alt, ward er von seinem Bruder immer noch wie ein Kind behandelt. E konnte nicht ein einziges Mal zu Pferde steigen oder auf die Jagd gehen, ohne daß sein Bruder ihm noch zum Fenster hinaus nachrief: »Nimm Dich in Acht, daß Du nicht ins Wasser fällt! Nimm Dich in Acht, daß deine Flinte richtig geladen ist. Nimm Dich in Acht, daß dein Pferd nicht durchgeht!« Als der Admiral Latouche Tréville nach Neapel kam, fraternisierte Don Clemente Filomarino, wie die andern jungen Leute seines Alters, mit den französischen Offizieren und trat, von seiner glühenden Dichterphantasie hingerissen, in die Reihe der eifrigsten Patrioten. Die Folge hiervon war, daß er mit denselben eingekerkert ward. Sein Bruder, der Herzog, hatte, ganz in seine Forschungen und Studien versunken, von der Anwesenheit der französischen Flotte kaum etwas erfahren und auf alle Fälle derselben wenigstens keine große Wichtigkeit beigelegt. Selbst Philosoph, aber ohne die Politik mit der Philosophie zu vermischen, hatte er sich über die Spottreden, in welchen sein Bruder sich gegen die Regierung, die Armee und die Priesterschaft erging, weiter nicht gewundert. Plötzlich hörte er, daß Don Clemente Flomarino festgenommen und nach dem Fort San Elmo gebracht worden sei. Er war wie vom Donner gerührt. Es dauerte eine Weile, ehe er seine Gedanken sammeln konnte, dann eilte er zu den Regenten der Vicarie, eines Amtes, welches den eines Polizeipräfekten oder Polizeidirectors entspricht. Er fragte, was sein Bruder verbrochen habe. Zu seinem Erstaunen antwortete man ihm, sein Bruder habe conspiriert, es lägen die schwersten Anklagen gegen ihn vor und wenn dieselben sich als begründet erweisen, so handle es sich um seinen Kopf. Das Blutgerüst, auf welchem Vitagliano, Emanuele de Deo und Gagliano ihren letzten Seufzer ausgehaucht, war kaum erst vom Schloßplatz entfernt und der Herzog glaubte schon es sich von Neuem aufrichten zu sehen, um seinen Bruder zu verschlingen. Nun eilte er zu den Richtern und belagerte die Thüren der Vanni, Guidobaldi, der Castelcicala. Er bot sein ganzes Vermögen, er bot seine Autographen, seine Elzeviers; er bot sich selbst dar, wenn man dafür seinen Bruder in Freiheit setzen wollte; er bat den Premierminister Acton, er warf sich dem König und der Königin zu Füßen, aber Alles war vergebens. Der Proceß ging seinen Gang, dennoch aber wurden diesmal, trotz des verderblichen Einflusses jener blutigen Dreiheit, sämtliche Angeklagte für unschuldig erklärt und in Freiheit gesetzt. Damals geschah es eben, daß die Königin, als sie die Rache des Gesetzes ihr untreu werden sah, jenes berüchtigte dunkle Zimmer einrichten ließ, in welches wir unsere Leser geführt, und jenes geheime Tribunal einsetzte, bei welchem Vanni, Castelcicala und Guidobaldi das Richteramt versahen, während Pasquale de Simone ihre Aussprüche vollstreckte. Achtzehnmonatliche Gefangenschaft, während welcher der Herzog den Verstand zu verlieren glaubte und aufhörte sich der Compilation seiner Elzeviers und der Aufsuchung von Autographen zu widmen, heilten Don Clemento Filomarino keineswegs von seinen liberalen Ansichten, einen philosophischen Tendenzen und seinem Hang zum Spotte, sondern trieben ihn im Gegentheile auf der Bahn der Opposition weiter vorwärts als je. Im Vertrauen auf jene Unparteilichkeit des Tribunals, welches trotz des geheimen Einflusses der Königin, trotz der öffentlichen Bemühungen seiner Ankläger ihn unschuldig erklärt und in Freiheit gesetzt hatte, glaubte er nun nichts weiter zu fürchten zu haben und war einer der eifrigsten Besucher der Salons des französischen Gesandten, während er aus denen des Hofes, zu welchem ein Rang ihm den Zutritt eröffnete, gänzlich verschwand. Der Herzog della Torre, sein Bruder, der nun über Clementes Schicksal sich ebenfalls weiter keine Sorge machte, war zur Beschäftigung mit seinen Autographen und seltenen Druckausgaben zurückgekehrt und bekümmerte sich um den verlorenen Sohn blos noch in sofern, als er ihn wie immer zur Vorsicht ermahnte, wenn er ausritt, auf die Jagd ging oder im Golf baden wollte. An dem Tage, von welchem wir jetzt sprechen, waren beide Brüder in sehr zufriedener Stimmung. Don Clemente Filomarino hatte die Abreise des französischen Gesandten eben so wie die von demselben dem Könige Ferdinand gemachte Kriegserklärung gelesen. Seine Principien trugen über seine neapolitanische Nationalität den Sieg davon und er hoffte schon vor Ablauf eines Monats seine guten Freunde, die Franzosen, in Neapel zu sehen. Der Herzog della Torre seinerseits hatte von dem Buchhändler Dura, dem berühmtesten Antiquar in Neapel, einen Brief erhalten, in welchem dieser ihm meldete, daß er einen der beiden seiner Sammlung noch fehlenden Elzeviers entdeckt habe, und ihn fragte, ob er ihm denselben ins Haus bringen oder den Besuch des Herzogs in seinem Laden erwarten sollte. Als der Herzog den Brief des Buchhändlers gelesen hatte, stieß er einen Freudenschrei aus, band, da er nicht die Geduld hatte, den Besuch des Buchhändlers zu erwarten, sein Halstuch um, zog seinen Rock an, ging aus der zweiten Etage, die ihrem ganzen Umfange nach von einer Bibliothek eingenommen ward, in die erste, welche ihm sowohl als einem Bruder zur Wohnung diente, hinunter, und erschien gerade in dem Augenblicke im Zimmer, wo Don Clemente die letzten Verse eines komischen Gedichts fertig hatte, in welchem er die drei großen Laster der Mönche von Neapel, nämlich die Laster der Schwelgerei, der Faulheit und der Gutschmeckerei, geißelte. Gleich beim Anblick seines Bruders errieth Don Clemente Filomarino, daß ersterem eines jener großen bibliomanischen Ereignisse begegnet war, die ihn allemal ganz aus der Fassung brachten. »Ah, mein Bruder, rief er ihm zu, »hast Du vielleicht zufällig den Terenz von 1661 ausfindig gemacht?« »Nein, mein lieber Clemente, aber denke Dir meine Freude, ich habe den Persius von 1664 gefunden.« »Gefunden – was heißt gefunden!? Du weißt, daß Du mir schon mehr als einmal gesagt hat: Ich habe gefunden! Wenn es sich dann darum handelte, Dir das fragliche Exemplar einzuhändigen, so versuchte man Dir einen falschen Elzevier, eine Ausgabe mit der Weltkugel anstatt der Ausgabe mit dem Oelzweig oder der Ulme aufzubinden.« »Ja, aber ich habe mich niemals auf diese Weise hintergehen lassen. Einen alten Fuchs, wie ich bin, betrügt man nicht so leicht. Uebrigens ist es Dura, welcher mir schreibt, und Dura würde mir keinen solchen Streich spielen. Er würde dadurch seinem Rufe schaden. Schau her; hier ist sein Brief: »Herr Herzog, kommen Sie schnell. Ich habe die Freude, Ihnen zu melden, daß ich so eben den Persius von 1664 mit den auf dem Schilde gekreuzten beiden Sceptern gefunden habe. Es ist eine prächtige Ausgabe, oben, unten und an der Seite mit fünfzehn Linien breiten Rändern.« »Bravo, mein Bruder! Und nun gehst Du wohl zu Dura?« »Ja wohl, ich eile. Es wird mich wenigstens sechzig bis achtzig Ducati kosten, aber was kommt weiter darauf an? Du erbst doch einmal meine Bibliothek und wenn ich nun noch das Glück habe, den Terenz von 1661 aufzutreiben, so ist meine Sammlung vollständig, und weißt Du, was eine vollständige Sammlung von Elzeviers werth ist? Zwanzigtausend Ducati, ohne daß auch nur ein Grano abginge.« »Ich bitte Dich inständig, lieber Bruder, Dir niemals Sorge über das zu machen, was Du mir einmal hinterlassen wirst oder nicht hinterlassen wirst. Ich hoffe, daß wie den Brüdern Kleobis und Biton, obschon wir nicht dieselben Verdienste besitzen wie diese, die Götter uns die Gnade erzeigen werden, uns an einem und demselben Tage und zu einer und derselben Stunde sterben zu lassen. Liebe mich und so lange Du mich liebst, bin ich reich.« »Unglücklicher!« rief der Herzog, indem er seinen Bruder mit beiden Händen an den Schultern faßte und mit unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete, »Du weißt, daß ich Dich liebe wie mein Kind, ja mehr als mein Kind, denn wenn Du blos mein Kind wärest, so wäre ich sporntreichs zu Dura gelaufen und hätte Dich erst nach meiner Rückkunft umarmt.« »Nun gut, so umarme mich und laufe dann schnell, um deinen Terenz zu holen.« »Meinen Persius, Du Ignorant! Meinen Persius Ach, fuhr der Herzog mit einem Seufzer fort, »Du wirst höchstens ein Bibliomane dritten Ranges und dieser kaum! – Indessen, auf Wiedersehen, Clemente, auf Wiedersehen.« Und der Herzog Della Torre eilte zum Hause hinaus. Don Clemente kehrte an das Fenster zurück. Basso Tomeo und seine Söhne hatten so eben ihre Netze auf den Strand herausgezogen, mitten unter einem ungeheuren Zusammenlauf von Fischern und Lazzaroni welche sich herbeidrängten, um zu sehen, was Basso Tomeo und seine drei Söhne gefangen hätten. Siebentes Capitel. Wo Gaëtano Mammone auf der Bühne erscheint Wir haben zu Anfange des vorigen Capitels gesagt daß der heilige Franciscus sich sehr freigebig gezeigt hatte und der Fang ein wahrhaft wunderbarer war. Es war, als ob der Heilige, zu welchem Assunta so fromm gebetet und welchem Basso Tomeo zwölf Kerzen angezündet, ein Exemplar von allen Gattungen des Golfes in die Netze des alten Fischers und seiner drei Söhne hätte werfen wollen. Als das Netz aus dem Meere herauskam und zum Bersten voll auf dem Strand erschien, war es nicht, als ob das mittelländische Meer, sondern vielmehr als ob der Paetolus alle seine Schätze an das Gestade würfe. Die Dorade mit dem Goldglanze, der Breitfisch mit den stählernen Schuppen, die Spinole mit ihrem Silberkleid, die Trille mit dem rosenfarbenen Mieder, der Zahnfisch mit den braunen Flossen, der Maulthierfisch mit der runden Schnauze, der Sonnenfisch, den man für ein in das Meer gefallenes Tambourin halten könnte, der Sanct-Petersfisch, welcher auf seinen Flanken den Druck von den Fingern des Apostels trägt, schienen der Hofstaat, die Minister und Kammerherren eines mächtigen Thunfisches zu sein, welcher wenigstens sechzig Rotoli wog und jener König des Meeres zu sein schien, welchen Masamiello in der »Stummen von Portici« einen Cameraden in einem reizenden Liedchen verspricht. Der alte Basso Tomeo hielt sich den Kopf mit beiden Händen, konnte seinen Augen nicht trauen und zitterte vor Freude. Die von dem alten Manne und seinen Söhnen in der Hoffnung auf einen reichlichen Fang mitgebrachten Körbe faßten, als sie einmal bis an den Rand gefüllt waren, noch nicht den dritten Theil der prachtvollen Ernte, welche man in der Ebene gemacht, welche sie ganz allein gearbeitet und besäet. Die Söhne machten sich auf, um neue Behältnisse herbeizuholen, während Basso Tomeo in seiner Dankbarkeit Jedem, welcher hinzukam, erzählte, daß er dieses Wunder er ganz besonderen Gunst des heiligen Franciscus, seines Schutzpatrons, verdanke, an dessen Altar er eine Messe habe lesen und zwölf Wachskerzen anzünden lassen. Der Thunfisch war ganz besonders Gegenstand der Bewunderung des alten Fischers und der Zuschauer. Es war ein Wunder, daß er bei den Stößen, die er gegen das Netz geführt, dasselbe nicht gesprengt und indem er sich selbst den Weg zur Flucht gebahnt, auch zugleich das gesamte bunte Schuppenvölkchen, welches um ihn her schnellte, in Freiheit gesetzt hatte. Jeder, der die Erzählung des alten Basso Tomeo hörte und das Ergebniß seines Fischfanges sah, bekreuzt sich und rief: »Evviva San Francisco!« Nur Don Clemente, welcher von seinem Fenster aus diesen ganzen Auftritt mit ansah, schien die Vermittlung des Heiligen in Zweifel zu ziehen und diesen wunderbaren Fang ganz einfach einem jener glücklichen Zufälle zuzuschreiben, welche zuweilen auch den Fischern begegnen. Da er übrigens am Fenster der ersten Etage eines Palastes stand und mit seinem Blick folglich bis an die Biegung reichte, welche der Kai der Marinella macht, so sah er, was Basso Tomeo, der mit seinem Fisch in einen Kreis von Glückwünschenden eingeschlossen war, nicht sehen konnte und auch nicht sah. Das, was Don Clemente sah und was Basso Tomeo nicht sehen konnte, war Fra Pacifico, welcher mit seinem Esel in der Richtung vom Marktplatz herkam, stolz wie gewöhnlich in der Mitte der Straße einherschritt und wenn er die gerade Linie verfolgte, unfehlbar auf den Fischhaufen stoßen mußte, welchen der alte Basso Tomeo so eben aus dem Meere gezogen. Dies geschah auch. Als Fra Pacifico einen Zusammenlauf sah, der ihm den Weg versperrte, nahm er, ohne die Ursache dieses Zusammenlaufes zu kennen, um denselben leichter zu spalten, Giacobino beim Strick und ging voran, indem er sagte: »Platz! Im Namen des heiligen Franciscus, Platz!« Man begreift mit leichter Mühe, daß unter einer Menge, welche das Lob des Gründers der Minoritenorden pries, ein Neuhinzukommender, mochte er sein, wer er wollte, dafern er nur im Namen des Heiligen erschien, Platz finden mußte. Dies geschah aber um so schneller, als man Fra Pacifico und seinen Esel Giacobino erkannte, welche, wie Jeder wußte, die Ehre genossen, im ganz besondern Dienste des Heiligen zu stehen. Fra Pacifico ging also die Menge spaltend und ohne zu wissen, was dieselbe in ihrer Mitte enthielt, immer weiter, bis er sich plötzlich dem alten Tomeo gegenüber sah und beinahe über den Berg von Fischen gestolpert wäre, welche sich noch in den letzten Zuckungen des Todeskampfes bewegten. Dieser Augenblick war es, welchen Don Clemente erwartete, denn er konnte voraussehen, daß nun eine interessante Scene zwischen den Fischer und dem Mönch stattfinden würde. In der That hatte Basso Tomeo kaum Pacifico, welcher seinen Esel Giacobino hinter sich her zerrte, erkannt, als als er sofort begreifend, welcher übermäßige Tribut von ihm gefordert werden würde, einen Schreckensruf ausstießund bleich ward, während dagegen Fra Pacifico's Gesicht sich durch ein furchtbares Lächeln verklärte, als er sah, welchen herrlichen Fang ein guter Stern ihm zuführte. Gerade den Fischmarkt hatte er heute so schlecht versehen gefunden, daß er, obschon der nächstfolgende Tag ein Fasttag war, nichts des so feinschmeckenden Gaumens der Capuziner von St. Ephraim würdig erachtet hatte. »Aha,« sagte Don Clemente laut genug, um von unten, das heißt vom Kai aus, gehört zu werden, »das wird interessant.« Einige der Umstehenden hoben die Köpfe, da sie aber nicht verstanden, was der junge Mann in dem rothsammtenen Schlafrocke sagen wollte, so richteten sie ihre Blicke fast sofort wieder auf Basso Tomeo und Fra Pacifico. Uebrigens ließ Fra Pacifico den alten Fischer nicht lange in der Ungewißheit des Zweifels. Er ergriff seinen Strickgürtel, warf ihn über den Thunfisch hinweg und sprach die bedeutsamen Worte: »Im Namen des heiligen Franciscus!« Dies war es, was Don Clemente vorausgesehen, und er schlug ein lautes Gelächter auf. Es war klar, daß er im Begriffe stand, einem Kampfe der beiden mächtigsten Triebfedern menschlicher Handlungen, des Aberglaubens und des Eigennutzes, beizuwohnen. Stand zu erwarten, daß Basso Tomeo, welcher fest glaubte, er verdanke seinen reichen Fang dem heiligen Franciscus, den schönsten Theil dieses Fanges dem heiligen Franciscus selbst oder, was ganz genau dasselbe war, dem Repräsentanten desselben verweigern würde? Aus dem, was nun geschehen würde, konnte Don Clemente abnehmen, was in dem Kampf, den Neapel für die Wiedereroberung seiner Rechte nun bald bestehen sollte, die Patrioten von dem Volke zu hoffen hätten, und ob dieses Volk, welchem sie sich im Augenblicke des Umsturzes der Vorurtheile widmen wollten, zu Gunsten dieser Vorurtheile oder gegen dieselben kämpfen würde. Die Probe fiel für den Philosophen nicht günstig aus. Nach einem inneren Kampf, der übrigens nur einige Sekunden dauerte, ward der Eigennutz durch den Aberglauben überwunden und der alte Fischer, welcher einen Augenblick geneigt zu sein geschienen, sein Eigenthum zu vertheidigen, indem er zu erspähen suchte, ob seine Söhne mit den Körben, die sie zu holen gegangen, da wären, trat einen Schritt zurück, so daß der streitige Gegenstand völlig sichtbar ward, und sagte in demüthigem Tone: »Der heilige Franciscus hatte mir ihn gegeben, der heilige Franciscus nimmt mir ihn wieder. Es lebe der heilige Franciscus! Dieser Fisch gehört Euch, mein Vater.« »Ach, der Dummkopf!« konnte Don Clemente sich nicht enthalten auszurufen. Alle richteten die Köpfe empor und die Blicke der Menge hefteten sich auf den jungen Mann mit dem spöttischen Gesichte. Der Ausdruck der Physiognomien derer, welche ihn ansahen, war blos noch der des Erstaunens, denn Niemand begriff recht, wem das Prädicat »Dummkopf« gelten sollte. »Du bist es, Basso Tomeo, und kein Anderer, den ich einen Dummkopf nenne!« rief Don Clemente. »Und warum, Excellenz?« »Weil Ihr, Du und deine drei Söhne, die Ihr ehrliche, arbeitsame Leute und überdies starke, kräftige Bursche seid, Euch den Preis eurer Arbeit durch einen faulen, unverschämten Mönch nehmen laßt.« Fra Pacifico, welcher geglaubt hatte, daß die Verehrung, welche man sonst überall seinem Gewande zollte, ihm ganz außerhalb der Frage stellen würde, stieß, als er sich so direct unversehens und auf so unerhörte Weise angegriffen sah, ein Wuthgebrülle aus und zeigte Don Clemente seinen Stock. »Behalte deinen Stock für deinen Esel, Mönch. Nur diesem kann dein Stock Furcht einjagen.« »Ja, aber ich sage Euch, Don Cicillo,[10 - Mit diesem Namen bezeichnet man in Neapel Gecken, Stutzer und dergleichen Leutchen.] daß mein Esel Giacobino heißt.« »Nun, dann trägt dein Esel den Menschennamen und Du trägt den Namen deines Thieres.« Die Menge fing an zu lachen. Sie fängt, wenn sie einem Streite zuhört, allemal damit an, daß sie die Partei dessen nimmt, welcher Witz hat. Fra Pacifico wußte in seiner Wuth Don Clemente nur mit dem Namen zu belegen, der in seinen Augen die furchtbarste Beleidigung war. »Ich sage Dir, Du bist ein Jakobiner. Dieser Mensch ist ein Jakobiner, meine Brüder! Seht Ihr ihn mit seinem à la Titus verschnittenen Haar und mit seinen langen Beinkleidern unter seinem Schlafrocke? Jakobiner! Jakobiner! Jakobiner!« »Nenne mich Jakobiner, so lange Du willst. Ich bin stolz darauf, ein Jakobiner zu sein.« »Da hört Ihr es,« heulte Fra Pacifico, »er gesteht selbst, daß er ein Jakobiner ist.« »Vor allen Dingen, rief Don Clemente, »weißt Du denn, was ein Jakobiner ist?« »Ein Jakobiner ist ein Demagog, ein Sansculotte, ein Septembrisirer, ein Königsmörder.« »In Frankreich ist dies wohl möglich, in Neapel aber – höre dies wohl, und bemühe Dich, es nicht zu vergessen – in Neapel bedeutet Jakobiner einen rechtschaffenen Mann, der sein Vaterland liebt, das Glück des Volkes und folglich Abschaffung der dasselbe verdummenden Vorurtheile will, welcher Gleichheit, das heißt einerlei Gesetze für die Kleinen, wie für die Großen, und die Freiheit für Alle verlangt, damit die Fischer ihre Netze an jeder Stelle des Golfes auswerfen können, und daß es selbst nicht für den König in Portici, in Mergellina und in Chiatamone reservierte Stellen gibt, denn das Meer gehört Allen, gerade so wie die Luft, die wir athmen, und wie die Sonne, welche uns leuchtet. Ein Jakobiner ist endlich ein Mann, welcher die Brüderlichkeit will, das heißt, welcher alle Menschen als seine Brüder betrachtet und welcher sagt: »Es ist nicht recht, daß die Einen ausruhen und betteln, während die Anderen arbeiten und sich anstrengen; welcher nicht will, daß ein armer Fischer, der in der Nacht seine Netze auslegt und am Tage sie herauszieht, wenn er einmal zufällig, was ihm alle zehn Jahre höchstens einmal begegnet, einen Fisch gefangen hat, der dreißig Ducati werth ist –« Die Menge schien diesen Preis zu hoch zu finden und fing an zu lachen. »Ich für meine Person gebe dreißig Ducati dafür,« fuhr Filomarino fort. »Wohlan, ich sage nochmals, ein Jakobiner ist ein Mann, welcher nicht will, daß, wenn ein armer Fischer einmal einen Fisch gefangen hat, welcher dreißig Ducati werth ist, dieser ihm von einem Menschen gestohlen werde – doch nein, ich drücke mich nicht richtig aus – von einem Mönch. Ein Mönch ist kein Mensch. Der, welcher den Namen eines Menschen verdient, ist der, welcher seinen Brüdern Dienste leistet, aber nicht der, der sie bestiehlt; der, welcher der Gesellschaft nützlich ist, aber nicht der, welcher ihr zur Last fällt; der, welcher arbeitet und mit Ehren den Preis seiner Arbeit empfängt, um Weib und Kind zu ernähren, aber nicht der, welcher die Frauen Anderer zu verführen sucht. Dies ist ein Jakobiner, Mönch, und wenn dies ein Jakobiner ist, ja, dann bin ich einer!« »Ihr hört es!« rief der Mönch, außer sich vor Wuth, »er lästert die Kirche, er lästert die Religion, er lästert den heiligen Franciscus. – Er ist ein Atheist!« Mehrere Stimmen fragten: »Was ist denn ein Atheist?« »Ein Atheist,« antwortete Fra Pacifico, »ein Atheist ist ein Mensch, welcher nicht an Gott glaubt, welcher nicht an die Madonna glaubt, welcher nicht an Jesum Christum glaubt, der endlich auch nicht an das Wunder des heiligen Januarius glaubt.« Bei jeder dieser Anklagen hatte Don Clemente Filomarino gesehen, wie die Augen der Menge immer mehr und mehr zu funkeln begannen. Es war klar, daß, wenn der Kampf zwischen ihm und dem Mönche fortdauerte, und die unwissende fanatische Menge zum Schiedsrichter hatte, der Ausgang ein für ihn ungünstiger sein würde. Bei der letzten Anklage stießen mehrere der Zuhörer einen Zornesruf aus, zeigten ihm die Faust und wiederholten, was sie von Fra Pacifico gehört, indem sie riefen: »Es ist ein Jakobiner, es ist ein Atheist, es ist ein Mensch, der nicht an das Wunder des heiligen Januarius glaubt!« »Und überdies,« fuhr der Mönch fort, welcher dieses Argument zum Schlusse aufgehoben, »übrigens ist er ein Freund der Franzosen.« Bei dieser letzten Schmähung begannen einige unter der Menge Steine aufzuheben. »Und Ihr,« rief Don Clemente ihnen zu, »Ihr seid Esel, welchen man niemals zu schwere Lasten aufbürden kann!« Mit diesen Worten machte er sein Fenster zu. In dem Augenblicke, wo er das Fenster schloß, rief eine Stimme: »Nieder mit den Franzosen! Tod den Franzosen! Und fünf bis sechs Steine zerschlugen hinter Don Clemente die Fensterscheibe. Einer dieser Steine traf ihn ins Gesicht und brachte ihm eine leichte Wunde bei. Hätte der junge Mann die Klugheit gehabt, sich nicht wieder zu zeigen, so hätte die Wuth der Menge sich durch diese Rache vielleicht beschwichtigt gefühlt; gereizt aber durch die Beleidigung sowohl als den Schmerz, riß er sein geladenes Jagdgewehr von der Wand, öffnete das Fenster wieder und rief mit vor Zorn und Entrüstung flammendem Antlitze: »Wer hat den Stein geworfen? Wer hat mich hierher getroffen?« fragte er, indem er auf seine blutende Wange zeigte. »Ich!« antwortete ein Mann von etwa vierzig Jahren, kurzem aber kräftigem Wuche, mit einem Strohhut auf dem Kopf und in eine weiße Jacke und mit kurzen weiten Hosen bekleidet, indem er die Arme über die Brust kreuzte und durch diese Geberde eine weiße Mehlwolke aus seiner Jacke herauspochte; »ich, Gaëtano Mammone.« Kaum hatte der Mann in der weißen Jacke diese Worte gesprochen, so schlug Don Clemente Filomarino mit seiner Flinte auf ihn an und drückte ab. Der Schuß versagte und blos das Zündkraut brannte von der Pfanne. »Mirakel!« rief Don Pacifico, indem er seinen Fisch auf seinen Esel lud und Don Clemente es überließ, mit der Menge fertig zu werden, »Mirakel!« Dann trieb er sein Thier in der Richtung nach der Immacolatella weiter, indem er fortwährend rief: »Mirakel! Mirakel!« Zweihundert Stimmen schrien hinter ihm her: »Mirakel!« Mitten unter allen diesen Stimmen aber wiederholte die, welche sich schon hören gelassen: »Tod dem Jakobiner! Tod dem Atheisten! Tod dem Freund der Franzosen!« Und alle Stimmen, welche gerufen hatten: »Mirakel!« riefen nun auch: »Nieder mit ihm! Nieder mit ihm!« Der Krieg war erklärt. Ein Theil der Menge drängte sich zu dem großen Thore hinein, um Don Clemente von innen anzugreifen; andere legten eine Leiter an das Fenster und begannen dieselbe zu ersteigen. Don Clemente feuerte seinen zweiten Schuß aufs Gerathewohl mitten unter die Menge hinein. Ein Mann stürzte. Dies hieß von Seiten des unklugen jungen Mannes auf alle Schonung verzichten. Es blieb ihm nun nichts weiter übrig, als sein Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Mit einem Kolbenschlag empfing er den Ersten, dessen Kopf über den unteren Theil des Fensters emportauchte. Der Getroffene breitete die Arme aus und stürzte rücklings hinunter. Don Clemente warf nun die Flinte, deren Schaft von der Gewalt des geführten Schlages zerbrochen war, in das Zimmer, nahm in jede Hand ein Pistol und die beiden ersten Angreifer, welche nun sich zeigten, erhielten der eine eine Kugel in den Kopf, der andere eine in die Brust. Beide stürzten nach außen und blieben regungslos auf dem Pflaster liegen. Das Wuthgeschrei verdoppelte sich und man eilte von allen Seiten herbei, um den Angreifern Beistand zu leisten. In diesem Augenblick hörte Clemente Filomarino die Eingangsthür krachen und Tritte sich dem Zimmer nähern. Er eilte nach der Thür und verriegelte dieselbe. Es war dies eine sehr schwache Schutzwehr gegen den Tod. Er hatte nicht Zeit gehabt, seine Pistolen wieder zu laden und seine Doppelflinte war zerbrochen. Es blieb ihm aber noch der Lauf mit den beiden Schlössern, dessen er sich wie einer Keule bedienen konnte; es blieben ihm auch noch seine beiden Stoßdegen. Er nahm letztere von der Wand, legte sie hinter sich auf einen Stuhl, hob den Lauf der Doppelflinte auf und beschloß, sich bis aufs Aeußerte zu vertheidigen. Ein neuer Angreifer erschien am Fenster und der Flintenlauf schmetterte auf ihn herab. Hätte er den Kopf getroffen, so hätte er denselben gespalten, durch eine rasche Bewegung aber rettete der Mann seinen Schädel und empfing den Keulenschlag auf die Schulter. Zugleich packte er die Flinte und klammerte sich mit beiden Händen an die hervorragenden Theile, Bügel und Schlösser, an. Don Clemente sah, daß er einen Kampf auszuhalten haben würde, während dessen man die Thür einschlagen konnte. Er ließ daher die Waffe in dem Augenblick los, wo sein Gegner sich auf Widerstand gefaßt machte, und da nun mit einem Mal der Stützpunkt fehlte, so stürzte der Mann rücklings hinunter, Don Clemente aber verlor gleichzeitig seine furchtbarste Waffe. Rasch ergriff er nun seinen Degen. Ein furchtbares Krachen ließ sich hören und das Eisen eines Beiles drang durch das schwache Holz der Thür seines Zimmers. In den Augenblick, wo das Eisen sich zurückzog, um einen zweiten Hieb zu thun, führte der junge Mann einen raschen kräftigen Stoß durch die Oeffnung, welche das Beil gemacht hatte. Er hörte einen lauten Fluch. »Getroffen!«, sagte er mit dem grimmigen Gelächter, welches in dem Frohlocken der Rache diejenigen hören lassen, welche nichts weiter zu hoffen haben, als zu sterben, indem sie ihren Feinden noch so viel Schlimmes als möglich zufügen. Das Getöse von dem Sturz eines schweren Körpers ließ sich hinter ihm hören. Ein Mann war eben mit einem Dolch in der Hand von dem Balcon in das Zimmer hereingesprungen. Die dünne Klinge des Degens kreuzte sich mit dem Dolch gleich einem Blitz. Der Mann stieß einen Seufzer aus und brach zusammen. Das Eisen war ihm sechs Zoll lang zwischen den Schultern herausgedrungen. Ein zweiter Axthieb zertrümmerte die Thür. Don Clemente wollte eben einen neuen Gegnern die Spitze bieten, als er eine Menge Papiere und Bücher von oben kommend durch die Luft fliegen und auf die Straße herabfallen sah. Er begriff, daß die Wüthenden in die zweite Etage hinaufgestiegen waren, die Thür des Zimmers seines Bruders eingeschlagen, oder da dieser sie vielleicht in seiner Eile, sich zu Dura zu begeben, offen gelassen hatte, und da diese Papiere die Autographen, die Bücher, die Elzeviers des Herzogs Della Torre waren, welche diese Elenden in ihrer Unbekanntschaft mit den Schätzen, welche sie hier dem Verderben preisgaben, zum Fenster hinauswarfen. Durch einen Steinwurf verwundet, hatte er ein Wuthgeschrei ausgestoßen, beim Anblick dieser Entweihung ließ er einen Schmerzensruf hören. Sein Bruder! ein armer Bruder! Wie groß mußte seine Verzweiflung sein, wenn er nach Hause kam! Don Clemente vergaß seine Gefahr. Er vergaß, daß, wenn der Herzog Della Torre nach Hause käme, derselbe wahrscheinlich einen ganz andern Verlust zu beklagen haben würde, als den seiner Autographen und seiner Elzeviers. Er sah nur diesen Abgrund, den er seinem Leben durch seine eigene Unklugheit in dem Augenblick geöffnet, wo er es am wenigsten erwartet, und einen Abgrund, welcher in einem Augenblick dreißig lange Jahre unaufhörlicher Bemühungen und angestrengter Forschungen verschlang, und seine Wuth verdoppelte sich gegen diese Vandalen, welche sich nicht mit der an der Person geübten Rache begnügten, sondern dieselbe auch auf leblose Gegenstände erstreckten, welche sie, ohne ihren Werth zu kennen, aus blinder Vernichtungswuth zerstörten. Einen Augenblick lang gedachte er mit seinen Feinden zu unterhandeln, sich ihnen auszuliefern und seinen Tod zum Lösegeld für die einem Bruder so theuern Bücher und Handschriften zu machen. Bei dem Anblick dieser Gesichter aber, in welchen Wuth und Dummheit um die Herrschaft stritten, begriff er daß diese Menschen, überzeugt, daß er ihnen nicht entrinnen könne, mit ihm nicht unterhandeln, sondern daß er, wenn er sie auf den Werth der Gegenstände, die er retten wollte, aufmerksam machte, die Rettung derselben weniger wahrscheinlich machen würde, als wenn er nichts davon erwähnte. Er beschloß daher nichts zu verlangen, und da sein Tod gewiß war, da nichts ihn retten konnte, diesen Tod durch eine verzweifelte Anstrengung blos leichter und schneller herbeizuführen. Wenn er todt war, so trieben seine Feinde ihre Rache vielleicht nicht weiter. Es blieb Don Clemente sonach weiter nichts übrig, als seine Lage kaltblütig zu überdenken und vom Gesichtspunkte der Rache aus den bestmöglichen Entschluß zu fassen. Das Fenster schien als zu gefährlich für jede Annäherung aufgegeben zu sein. Er eilte hin. Dreitausend Lazzaroni vielleicht bedeckten den Kai. Zum Glück hatte keiner von ihnen eine Schußwaffe. Don Clemente konnte daher zum Fenster hinaussehen. Unter dem Fenster bauten einige der Rachgierigen einen ungeheuren Haufen Holz auf, welches man von dem Strande holte, der an der Stelle, von welcher wir sprechen, einen riesigen Holzhof bildet, auf welchem Brennhölzer sowohl als Bauhölzer liegen, während Andere unter diesen nach Art eines Scheiterhaufens aufgethürmten Holzhaufen die Bücher und Papiere hineinstopften, welche ihnen die Zerstörer noch fortwährend aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes zuwarfen und welche zum Anzünden dienen sollten. Im Innern des Hauses war die Thür nun nahe daran, den Anstrengungen der Angreifer und ganz besonders den Axthieben des Mannes in der weißen Jacke nachzugeben. Höchstens noch zehn Sekunden konnte sie halten. Mit Geistesgegenwart und sicherer Hand war dies ungefähr die Zeit, welche Don Clemente brauchte, um seine Pistolen wieder zu laden. Man weiß, mit welcher Schnelligkeit die Pistolen geladen werden können, wo die Kugel unmittelbar auf das Pulver zu sitzen kommt. Eben waren die Pistolen geladen und mit Zündkraut versehen, als die Thüre wich. Eine Flut von Feinden ergoß sich in das Zimmer. Die zwei Schüsse krachten gleichzeitig und zwei Feinde wälzten sich in ihrem Blut. Don Clemente drehte sich um und wollte zu den Degen greifen, ehe er aber noch Zeit hatte, die Hände nach denselben auszustrecken, sah er sich buchstäblich in Messer und Dolche eingehüllt. Er stand im Begriff, von zwanzig Stößen gleichzeitig durchbohrt zu werden und sehnte sich mit aller Macht seines Herzens nach diesem raschen Ende, welches ihm den Todeskampf erspart haben würde, als der Mann mit dem Beile und der weißen Jacke, sein Beil über dem Kopfe schwingend, rief: »Daß Niemand ihn anrühre! Das Blut dieses Menschen ist mein!« Dieser Befehl kam eben noch zeitig genug, um Don Clemente vor zwanzig Messerstößen deren neunzehn zu ersparen; der zwanzigste aber, welcher schneller war als die Andern, hatte ihn schon in die Brust getroffen. Der Mörder konnte daher, um zu gehorchen, weiter nichts thun, als einen Schritt zurücktreten und das Messer in der Wunde stecken lassen. Der Verwundete blieb stehen, schwankte aber hin und her wie ein Mensch, welcher bald zusammenbrechen muß. Gaëtano Mammone warf sein Beil weg, sprang auf den Verwundeten zu, drängte ihn an die Wand und hielt ihn mit einer Hand fest, zerriß mit der andern, ohne daß Don Clemente den Willen oder die Kraft gehabt hätte, sich zu widersetzen, den Schlafrock und das Battisthemd des Verwundeten, entblößte ihm die Brust, riß das in der Wunde steckengebliebene Messer heraus und heftete begierig den Mund auf die Wunde, aus welcher ein langer hellrother Strahl hervorsprang. So macht es der Tiger, welcher am Hals des Rosses hängt, dem er die Pulsader aufreißt, um das Blut zu trinken. Don Clemente fühlte, daß dieser Mensch oder vielmehr daß dieses wilde Thier ihm mit Gewalt das Leben aus dem Körper sog. Unwillkürlich stemmte er die Hände auf die Schultern des gräßlichen Gegners und suchte ihn zurückzudrängen, wie Antäus den Herkules zurückzudrängen sucht, der ihn erwürgt. Entweder aber war sein Gegner zu rüstig oder Don Clemente zu sehr geschwächt. Seine Arme erschlafften langsam. Es war ihm, als würde dieser Mensch ihm nach dem Blute, nach dem Leben, auch die Seele aussaugen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, ein tödtlicher Schauer durchrieselte eine halbgeleerten Adern, er stieß einen langen Seufzer aus und ward ohnmächtig. Als der Vampyr sein Opfer nicht mehr zucken fühlte, ließ er davon ab und sein Mund verzerrte sich zu einem Lächeln gräßlicher Wollust. »Da,« sagte er, »mein Durst ist gelöscht; jetzt macht mit diesem Leichnam, was Ihr wollt.« Und in der That hörte Gaëtano Mammone auf, Don Clementes Körper an die Wand zu drücken, so daß dieser, in sich selbst zusammenbrechend, wie eine träge Masse auf den Fußboden niedersank. Mittlerweile hatte der Herzog della Torre, freudenvoll wie ein Kind, welches ein längst gewünschtes Spielzeug erhält, aus den Händen des Buchhändlers Dura den Persius von 1664 empfangen. Er hatte sich von der Echtheit der Ausgabe überzeugt, denn die Titelvignette zeigte den Schild mit den beiden gekreuzten Sceptern, und er war nicht vor dem Preis von zweiundsechzig Ducati zurückgeschreckt welche der Buchhändler dafür verlangt. Wem er sich nun noch den Terenz von 1661 verschaffte, so war seine Sammlung von Elzeviers vollständig, ein Ziel, welches nur drei Bücherliebhaber, einer in Paris, einer in Amsterdam und einer in Wien, sich rühmen konnten erreicht zu haben. Im Besitz des kostbaren Buches, dachte der Herzog an nichts weiter, als wieder in den Carrozzello zu steigen, welcher ihn zu dem Buchhändler gebracht, und in seinen Palast zurückzukehren. Wie freute er sich, Don Clemente wiederzusehen, ihn seinen Schatz zu zeigen und ihm zu beweisen, daß die Freuden des Bibliomanen höher stehen als die aller anderen Menschen. Ach, wenn er diesen jungen Mann, der so schöne Eigenschaften besaß, aber dieser ermangelte, dahin bringen konnte, so ward dann sicherlich ein vollständiger Cavalier aus ihm, während Don Clemente jetzt noch der Sammlung des Herzogs glich. Er besaß alle Eigenschaften bis auf eine und er, der glückliche Bibliomane, besaß alle Ausgaben der Elzeviers, Vater, Sohn und Neffe bis auf den Terenz. Mit lächelndem Munde und unter diesen Gedanken, an welchen sein Geist weniger Antheil hatte als sein Herz, sein kostbares Buch betrachtend, es zwischen beide Hände und zur Abwechslung an seine Brust drückend und sich sehnend es zu küssen, was er, wenn er allein gewesen wäre, auch sicherlich gethan hätte, fuhr der Herzog nach seinem Palast zurück, als er, bei Supportico Strettela anlangend, eine ungeheure Menschenmasse zu unterscheiden begann, welche sich vor seinem Palast zusammengerottet zu haben schien. Aber ganz gewiß täuschte er sich. Was sollten diese Menschen vor seinem Palast machen? Etwas erschien ihm aber noch weit außerordentlicher als die an dieser Stelle versammelten Menschen. Es waren dies die Bücher und Papiere, welche gleich einem Vogelschwarm aus den Fenstern seiner Bibliothek herauszufliegen schienen! Ohne Zweifel täuschte ihn die Perspective. Diese Fenster, an welchen von Zeit zu Zeit Männer erschienen, welche mit den auf der Straße stehenden zornige Geberden wechselten, diese Fenster waren nicht die seinigen. So wie aber der Carrozzello immer näher kam, war es dem Herzog nicht mehr erlaubt zu zweifeln, und sein Herz ward von unüberwindlicher Angst zusammengeschnürt. Obschon er aber mit jedem Schritt näher kam, so sah er mit jedem Schritt weniger deutlich. Eine Wolke umflorte seine Augen, wie dies zuweilen im Traume geschieht, und in leisem, aber immer unruhigerem Tone sagte er mit stierem Blicke, ausgestrecktem Halse und vorwärts gebeugtem Körper: »Ich träume! ich träume! ich träume!« Bald aber mußte er sich gestehen, daß er nicht träumte und daß eine furchtbare, unerwartete Katastrophe über sein Haus und ihn selbst hereingebrochen war. Die Menschenmenge reichte bis an den Vico Marina del Vino und jeder der Menschen, welche diese Zusammenrottung bildeten, heulte von wahnsinniger Wuth ergriffen: »Tod dem Jakobiner! Tod dem Atheisten! Tod dem Freunde der Franzosen! Auf den Scheiterhaufen mit ihm! auf den Scheiterhaufen!« Ein furchtbarer Blitz durchzuckte das Hirn des Herzogs. Zerlumpte, halb nackte, mit Blut besudelte Gestalten gesticulirten an den Fenstern der Wohnung seines Bruders. Er sprang aus dem Carrozzello, drang wie ein Wahnsinniger in diese Menge, stieß einen wilden Schrei aus, drängte mit einer Kraft, die er sich selbst nicht zugetraut, Männer, die zehnmal stärker waren als er, auf die Seite, und so wie er in diesem Ocean, dessen Wogen jede aus einem Menschen bestanden, weiter hinein kam, fühlte er, daß derselbe immer wüthender, immer drohender, immer leidenschaftlicher ward. Endlich nachdem er dem Umkreis hinter sich hatte, gelangte er in die Mitte und stieß einen lauten Schrei aus. Er sah sich einem aus Holz von jeder Gattung zusammengesetzten Scheiterhaufen gegenüber, auf welchem blutend, ohnmächtig, verstümmelt und halb nackt sein Bruder lag. Es war unmöglich ihn zu verkennen, es war unmöglich zu sagen: »Er ist es nicht.« Nein, nein! Er war es wirklich, Don Clemente, das Kind seines Herzens, der vielgeliebte Bruder! Der Herzog begriff nur Eins und brauchte auch nur Eins zu begreifen, nämlich, daß diese brüllenden Tiger, daß diese heulenden Cannibalen, daß diese Teufel, welche lachend und singend diesen Scheiterhaufen umtanzten, die Mörder seines Bruders waren. Man muß dem Herzog die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er, da er seinen Bruder todt glaubte, nicht einen einzigen Augenblick den Gedanken hegte, ihn überleben zu wollen. Er dachte nicht einmal an die Möglichkeit eines solchen Gedankens. »Ha, elende, feige Meuchelmörder und Henker!« rief er, »Ihr werdet uns wenigstens nicht hindern mit einander zu sterben.« Und mit diesen Worten warf er sich auf den Körper seines Bruders. Die ganze Bande heulte vor Freude. Sie hatte nun zwei Opfer anstatt eines und zwar anstatt eines besinnungslosen, zu drei Viertheilen schon todten Schlachtopfers eines, an welchem man alle Qualen erschöpfen und verlängern konnte. Domitian sagte, indem er von den Christen sprach: »Es ist nicht genug, daß sie sterben; sie müssen auch fühlen, daß sie sterben.« Das Volk von Neapel ist in dieser Beziehung Domitians würdiger Erbe. In einer Secunde war der Herzog della Torre auf den Körper seines Bruders an die Balken des Scheiterhaufens gebunden. Don Clemente schlug die Augen auf. Er hatte auf seinen Lippen den Druck eines befreundeten Mundes gefühlt. Er erkannte seinen Bruder. Schon in die Woge des Todes hinabsinkend, murmelte er: »Antonio! Antonio! Verzeihe mir!« »Du hast es gesagt, Clemente, antwortete der Herzog, »die Götter lieben uns. Eben so wie Kleobis und Biton werden wir mit einander sterben. Ich segne Dich, Bruder meines Herzens! Ich segne Dich, Clemente!» In diesem Augenblick, mitten unter dem Freudengeschrei, den frechen Spöttereien und blutigen Lästerungen dieser Rotte hielt ein Mann eine brennende Fackel an die am Fuße des Scheiterhaufens aufgehäuften Papiere und Bücher, welchen der Herzog weder einen Blick noch einen Seufzer gewidmet, während ein anderer schrie: »Wasser! Wasser! Sie dürfen nicht zu schnell sterben.« Und in der That dauerte die Qual der beiden Brüder volle drei Stunden! Erst nach Verlauf dieser Zeit zerstreute sich das mit Martern gesättigte Volk, während Jeder auf der Spitze seines Dolches, seines Messers oder Stockes einen Fetzen verbranntes Fleisch mit fortnahm. Die Gebeine blieben dem Scheiterhaufen, welcher fortfuhr sie langsam zu verzehren. Der Doctor Cirillo konnte nun seine Fahrt nach Portici weiter fortzusetzen. Der Todeskampf dieser beiden Märtyrer war es, der ihm den Weg versperrte. So endeten der Herzog della Torre und sein Bruder Don Clemente Filomarino, die beiden ersten Schlachtopfer der Volkswuth von Neapel. Das Wappen der Stadt mit dem schönen Himmel ist ein Cavale passante, aber dieses Cavale, dieses Pferd, welches aus den Rossen des Diomedes entstanden, hat sich sehr oft mit Menschenfleisch genährt. Fünfzig Minuten später war der Doctor Cirillo in Portici und der Kutscher hatte seinen Piaster verdient. Noch denselben Abend erreichte Hector Caraffa, verkleidet und auf demselben Wege, den er schon einmal eingeschlagen, um das Königreich Neapel zu verlassen, die Grenze der päpstlichen Staaten und begab sich in aller Eile nach Rom, um dem General Championnet den einem Adjutanten zugestoßenen Unfall zu melden und sich mit ihm über die unter diesen ernsten Umständen zu ergreifenden Maßregeln zu besprechen. Achtes Capitel. Ein Gemälde von Leopold Robert Wir lassen Hector Caraffa die Fußsteige des Gebirges verfolgen und schlagen, in der Hoffnung vor ihm anzulangen, mit Erlaubniß unserer Leser die Heerstraße von Neapel nach Rom ein, dieselbe, welche der französische Gesandte Dominique Joseph Garat eingeschlagen. Ohne uns in dem Feldlager zu Sessa, wo die Truppen des Königs Ferdinand manöverieren, oder bei dem Thurm von Castellone in Gaëta, welcher fälschlich das Grabmal Ciceros genannt wird, ohne uns auch nur bei dem Wagen unseres Gesandten aufzuhalten, welcher, von vier raschen Pferden gezogen, den Abhang von Castellone hinabrollt, überholen wir ihn und versetzen uns sofort nach Itri, wo Horaz auf seiner Reise nach Brindisi an der Küste Capitos gespeist und bei Murena geschlafen hat: »Murena praebente domum, Capitone culinana.« Heutzutage, das heißt zu der Zeit, wo wir unsere Leser hierher führen, ist die kleine Stadt Itri nicht mehr die Urbs Mamurrarum. Sie zählt unter ihren viertausendfünfhundert Einwohnern nicht mehr Männer, welche die Berühmtheit des großen römischen Rechtsgelehrten oder des Schwagers Mäcenas erreicht hätten. Uebrigens haben wir hier weder eine Mahlzeit, noch ein Nachtlager zu beanspruchen. Es gilt einfach einig Aufenthalt von einigen Stunden bei dem Stellmachermeister des Ortes, wo unser Gesandter in Folge des schlecht Weges, welchen er fahren muß, sich sehr bald ebenfalls er finden wird. Das Haus des Don Antonio della Rota – die Namen führt er sowohl wegen seiner adeligen Atammut welche, wie er behauptet, bis auf die Spanier zurückreicht als auch wegen der Geschicklichkeit, womit er die widerspästigste Ulme oder Esche die Form eines Rades annehmen läßt – steht in einer Weise, welche der Intelligenz des Besitzers zur Ehre gereicht, kaum zwei Schritte von dem Posthause und dem Gasthause del Riposo d'orazio gegenüber, welches, wie sein Name lehrt, angeblich auf demselben Platze steht, auf welchem früher das Haus des Murena gestanden. Don Antonio della Rota hatte klüglich berechnet, daß, wenn er seinen Wohnsitz in der Nähe der Post, wo die Reisenden frischen Vorspann nehmen mußten, oder dem Gasthaus gegenüber aufschlüge, wo sie, durch classische Erinnerungen angelockt, ihre Erfrischungen einnehmen, keiner der Wagen, welche auf diesen berüchtigten Wegen, wo Ferdinand selbst sich erinnerte, zweimal umgeworfen worden sein, Beschädigungen erlitten, seiner Jurisdiction entgehen könne. Und in der That, Don Antonio machte trotz der Tätigkeit der königlichen Straßeninspektoren glänzende Geschäfte. Unsere Leser werden sich daher nicht wundern, wenn sie beim Eintritte in das Haus zum Zeichen der hier herrschenden frohen Stimmung das Dröhnen und Klirren der nationalen Schellentrommel sich mit den Tönen der spanischen Guitarre mischen hören. Uebrigens hatte außer der gewöhnlichen Heiterkeit, welche jeder Gewerbsmann bei dem wachsenden Gedeihen seines Geschäftes zu zeigen pflegt, Don Antonio an diesem Tage einen ganz besonderen Anlaß zur Freude. Er vermälte nämlich seine Tochter Francesca mit seinem ersten Gehilfen Peppino, welchem er, wenn er sich einmal von den Geschäften zurückzöge, sein Etablissement zu überlassen gedachte. Wir durchschreiten den dunklen Gang, welcher das Haus von einer Façade zur andern durchschneidet, und werfen einen Blick auf den Hof und auf den Garten. Dieser Blick zeigt uns, daß die officielle Façade, das heißt, die der Straße zugekehrte, ebenso verlassen, öde und schweigsam ist, als die entgegengesetzte heiter, belebt und glänzend. Der Theil von Don Antonios Besizthum, in welches wir eindringen, besteht aus einer Terrasse mit Geländer, welche mittelst einer Treppe von sechs Stufen in einen Hof hinabführt, dessen Boden aus einer Art Thonerde besteht und zur Zeit der Ernte als Tenne zum Dreschen diente. Dieser Hof und diese Terrasse bilden eine einzige ungeheure Laube, denn sie sind mit Weinreben bedeckt, welche, von den nahestehenden Bäumen ausgehend, bis an das Haus reichen, an welchem sie weiterklettern, die weißgetünchte Fagade bedecken, und durch ihre grünen, bei jedem Luftzuge sich bewegenden Blätter die allzu grelle Farbe der Wand mildern, die in Folge dieser freundlichen Mitwirkung der Natur bewundernswürdig mit den rothen Ziegeln des Daches harmoniert, welche sich scharf gegen den dunklen Azur des Himmels abheben. Ueber Alles gießt die Sonne die warme Färbung eines der ersten Herbstmorgen und marmoriert, die Zwischenräume des noch so dichten Laubwerkes durchdringend, die Steinplatten der Terrasse und den festgeschlagenen Boden des Hofes mit Goldblättchen. Weiterhin erstreckt sich der Garten, das heißt, eine Anpflanzung von unregelmäßig stehenden Pappeln, welche miteinander durch lange Weinrebengewinde verbunden sind, an welchen sich Trauben schaukeln, welche dem gelobten Lande zur Ehre gereichen würden. Diese dunkelpurpurnen Trauben sind so zahlreich, daß jeder Vorübergehende das Recht zu haben glaubt, so viele davon abzuschneiden, als erforderlich sind, um seine Naschlust zu befriedigen, oder einen Durst zu löschen, während die Sperlinge, Drosseln und Amseln ihrerseits die einzelnen Beeren ebenso von den Trauben ablösen, wie die Vorübergehenden die Trauben von dem Stocke. Einige Hühner, welche unter der Aufsicht eines ernsten und beinahe unbeweglichen Hahns hier und da in der Anpflanzung umherlaufen, nehmen auch ihren Antheil an der Beute, sei es, indem sie die herabfallenden Beeren aufpicken, sei es, daß sie bis auf die tiefer hängenden Trauben hinaufspringen, an welchen sie zuweilen mit dem Schnabel hängen bleiben, so gefräßig hacken sie in dieselben hinein. Was schadet aber diese Welt von Dieben, Räubern und Schmarotzern dieser üppigen Natur? Es bleibt ja immer noch genug übrig, um eine Weinlese zu machen, welche für die Bedürfnisse des folgenden Jahres ausreicht. Die Vorsehung ist ganz speziell für die unthätigen Seelen und sorglosen Gemüther erfunden. Jenseits des Gartens beginnen die ersten Terrassen jener apenninischen Gebirge, welche in der Vorzeit jene rauhen famnitischen Hirten, welche die Legionen des Posthumus unter dem Joche hindurchgehen ließen und jene unbesiegbaren Marser schirmten, welche die Römer anzugreifen zögerten und zweitausend Jahre lang zu ihren Bundesgenossen zu machen suchten. Hierher flüchtet sich und hier behauptet sich bei jeder politischen Bewegung, welche die Ebene oder die Thäler erschüttert, die wilde und feindselige Unabhängigkeit der Briganten. Und nun, nachdem wir den Vorhang des Theaters aufgezogen, wollen wir die Personen auftreten lassen. Dieselben theilen sich in drei Gruppen. Die Männer, welche sich verständig nennen, nicht weil sie wirklich Verstand besäßen, sondern weil die Jugend sie verlassen hat, bilden auf der Terrasse, um einen Tisch herum sitzend, der mit langhalsigen und Stroh geflochtenen Flaschen bedeckt ist, die erste Gruppe, bei welcher Meister Antonio della Rota den Vorsitz führt. Die jungen Männer und die jungen Mädchen, welche unter den Vortritte Peppinos und Francescas, das heißt der Verlobten, welche sich vermählen wollen, die Tarantella oder vielmehr Tarantellen tanzen, bilden die zweite Gruppe. Die dritte endlich besteht aus den drei Musikanten des Orchesters. Einer dieser Musikanten kratzt die Guitarre, die beiden andern schlagen die Schellentrommel. Der Guitarrenspieler sitzt auf der letzten Stufe der Treppe, welche die Terrasse mit dem Hofe verbindet; die beiden Andern sind neben ihm stehen geblieben, um die Freiheit ihrer Bewegungen zu bewahren und in gewissen Augenblicken ihre Trommeln mit dem Ellbogen, dem Kopf und dem Knie zu schlagen. Der einzige Zuschauer dieser drei Gruppen ist ein junger Mann von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, der auf einer halb verfallenen Mauer sitzt oder vielmehr lehnt welche halb zu dem Hause Don Antonios, halb zu dem Hause des Sattlers Giansimone, seines Gevatters und Nachbars, gehört, so daß man nicht recht sagen kann, ob dieser junge Mann sich jetzt bei dem Sattler oder bei dem Stellmacher befindet. Dieser Zuschauer, so unbeweglich er sich auch verhält und so gleichgültig er auch zu sein scheint, ist ohne Zweifel ein Gegenstand der Unruhe für Antonio, für Francesca und für Peppino, denn von Zeit zu Zeit richten sich ihre Blicke auf ihn mit einem Ausdrucke, welcher verräth, daß ihnen die Abwesenheit dieses unangenehmen Nachbars lieber wäre, als seine Gegenwart. Da die andern Personen, welche wir soeben dem Augenscheine unserer Leser vorgeführt, in unserem Drama nur Statisten oder doch beinahe dergleichen sind, und da dieser junge Mann allein eine Rolle von einiger Bedeutung darin spielen wird, so werden wir uns vorzugsweise mit ihm beschäftigen. Er ist, wie wir schon bemerkt haben, ein Jüngling von zwanzig- bis zweiundzwanzig Jahren. Sein Haar ist blond, beinahe roth; er hat große blaue Augen, in welchen sich eine bemerkenswerthe Intelligenz, zu gewissen Augenblicken aber auch eine unerhörte Wildheit spiegelt. Seine Gesichtsfarbe, welche in seiner Jugend nicht den Einwirkungen der Luft ausgesetzt gewesen ist, läßt einige Sommersprossen durchschimmern, seine Nase ist gerade, seine Lippen sind schmal und lassen, wenn sie sich öffnen, zwei Reihen kleiner Zähne sehen, welche weiß und scharf sind wie die eines Schakals. Sein erst im Entstehen begriffener Bart ist von röthlichgelber Farbe und, um das Porträt dieses seltsamen jungen Mannes, der halb wie ein Landmann, halb wie ein Stadtbewohner aussieht, zu vollenden, bemerken wir, daß in seinem Gange, in seinen Kleidern und sogar in dem neben ihm liegenden breitkrämpigen Hute sich etwas kundgibt, was den ehemaligen Seminaristen verräth. Er ist der jüngste von drei Brüdern, Namens Pezza. Da er von schwächerem Körperbau ist als seine beiden ältesten Brüder, welche Ackerknechte sind, so haben seine Eltern ihn anfangs wirklich für die Kirche bestimmt, denn der große Ehrgeiz eines Landmannes der Abruzzen, der Basilicata oder Calabriens ist, ein Kind zu haben, welches dem geistlichen Stande angehört. Demzufolge hat sein Vater ihn auf die Schule in Itri gebracht und, nachdem er lesen und schreiben gelernt, bei dem Pfarrer der Kirche zum heiligen Erlöser den Posten eines Sacristans für ihn erlangt. Alles ging mit ihm gut bis zu seinem fünfzehnten Jahre. Die Salbung, womit der Knabe ministrirte, die fromme Miene, womit er bei den Processionen das Weihrauchfaß schwenkte, die Demuth, womit er das Glöckchen läutete, wenn einem Sterbenden das Viaticum gebracht ward, hatten ihm die Sympathie aller frommen Seelen erworben, die, der Zukunft vorgreifend, ihm voraus den Titel Fra Michele gaben, auf welchen er sich seinerseits gewöhnt hatte zu antworten. Der Uebergang von der Kindheit zur Mannbarkeit brachte aber wahrscheinlich in dem jungen Chierico[11 - Chierico nennt man im südlichen Italien die Geistlichen niederen Ranges.] eine physische Veränderung hervor, welche auch sehr bald auf die moralischen Eigenschaften einwirkte. Man sah ihn sich den Vergnügungen nähern, von welchen er sich bis jetzt fern gehalten; ohne daß er sich unter die Tänzer mischte, sah man ihn doch mit neidischem Auge die betrachten, welche eine schöne Tänzerin hatten. Des Abends begegnete man ihm unter den Pappeln mit einer Flinte in der Hand, womit er die Amseln und Drosseln verfolgte; des Nachts hörte man die Töne einer ungeübten Guitarre in seinem Zimmer. Sich auf das Beispiel des Königs David stützend welcher vor der Bundeslade tanzte, machte er eines Sonntags auf nicht allzu ungeschickte Weise sein Debüt in der Tarantella, schwankte noch ein Jahr zwischen dem frommen Wunsche seiner Eltern und einem weltlichen Drange, bis er endlich in derselben Stunde, wo er sein achtzehntes Jahr erreichte, erklärte, daß er, nachdem er seine Geschmacksrichtungen und Neigungen gewissenhaft geprüft, der Kirche unbedingt entsage, und seinen Platz in der Gesellschaft und seinen Antheil an den Werken des Satans beanspruche. Es war dies gerade das Gegentheil von dem, was die Neubekehrten thun, welche die Welt abschwören und dem Satan und seinen Werken entsagen. In Folge dieser Ideen verlangte Fra Michele bei Meister Giansimone als Sattlerlehrling einzutreten, indem er behauptete, sein wahrer Beruf dränge ihn unwiderstehlich zur Verfertigung von Maulthiersätteln und Pferdekummeten. Es war dies ein schwerer Schlag für die Familie Pezza, welche ihrer theuersten Hoffnung, eines ihrer Mitglieder als Pfarrer oder wenigstens als Kapuziner- oder Carmelitermönch zu sehen, verlustig ging. Fra Michele gab aber seinen Wunsch mit solcher Entschiedenheit kund, daß man in Alles willigen mußte, was er verlangte. Was Giansimone betraf, in dessen Haus der zeitherige Sacristan seinen Wohnsitz zu nehmen wünschte, so lag in diesem Wunsche nichts Schmeichelhaftes für seine Eigenliebe. Fra Michele war nicht ganz der fromme Aspirant des Himmels, welchen sein Name bezeichnete, aber er war auch nicht gerade ein böser Jüngling. Nur bei zwei oder drei Gelegenheiten, wo das Unrecht obendrein nicht auf seiner Seite war, hatte er die Zähne gezeigt und die Fäuste geballt. Eines Tages, wo sein Gegner ein Messer aus dem Gürtel gezogen, hatte Fra Michele, den er wahrscheinlich mit leichter Mühe zu überwinden gedacht, das seinige ebenfalls zur Hand genommen und mit einer solchen Geschicklichkeit geführt, daß niemals wieder Jemand ihm dasselbe Spiel vorgeschlagen hatte. Ueberdies hatte er kurz darauf heimlich, wie er Alles that, ganz für sich allein tanzen gelernt, war, wie man versicherte, obschon Niemand einen Beweis dafür anführen konnte, einer der besten Schützen der Stadt, und spielte, obschon er, so viel man wußte, keinen Lehrer gehabt, die Guitarre so schön, daß, wenn er diesem Studium bei offenem Fenster oblag, die jungen Mädchen, dafern sie nur ein wenig musikalisches Gehör besaßen, mit Vergnügen unter seinem Fenster stehen blieben. Unter allen jungen Mädchen von Itri aber hatte nur eine einzige das Vorrecht, die Blicke des jungen Chierico zu fesseln, aber gerade diese schien allein unter allen ihren Genossinnen für Fra Micheles Guitarre unempfindlich zu sein. Diese Unempfindliche war Francesca, die Tochter des Stellmachers Don Antonio. Wir, die wir in unserer Eigenschaft als Geschichtschreiber und Romandichter von Michele Pezza eine Menge Dinge wissen, welche einen Zeitgenossen selbst unbekannt sind, zögern nicht zu sagen, daß das, was unseren Helden hauptsächlich bestimmt hatte, das Sattlerhandwerk zu seinem Beruf und Giansimone zu seinem Lehrmeister zu wählen, die Nachbarschaft des Hauses desselben mit dem Antonios und ganz besonders jene halb verfallene Scheidemauer war, welche für einen so flinken, gewandten jungen Burschen wie Fra Michele aus den beiden Gärten so ziemlich eine einzige Einhegung machte, und mit derselben Gewißheit behaupten wir, daß, wenn Meister Giansimone Schneider oder Schlosser gewesen wäre, dafern er nur ein Gewerbe in derselben Localität betrieben, Fra Michele sich eben so berufen gefühlt haben würde, die Nadel oder die Feile zu führen, als er sich jetzt berufen fühlte, Packsättel zu stopfen und Kummete zusammen zu nähen. Der Erste, welchem das von uns so eben ausgeplauderte Geheimniß klar ward, war Don Antonio. Die Hartnäckigkeit, mit welcher der angehende Sattler, sobald er mit seiner Arbeit fertig war, an dem Fenster stand, welches auf die Terrasse, den Hof und den Garten des Stellmachers ging, schien diesem ein Umstand zu sein, welcher seine ganze Aufmerksamkeit verdiente. Er untersuchte die Richtung der Blicke seines Nachbars. Diese in Francesca’s Abwesenheit unbestimmten und ausdruckslosen Blicke wurden von dem Augenblicke an, wo sie die Bühne betrat, so aufmerksam und beredt, daß die Francesca schon seit langer Zeit keinen Zweifel mehr über das Gefühl, welches sie eingeflößt, gelassen und bald auch ihrem Vater keinen mehr ließen. Ungefähr sechs Monate waren vergangen, seitdem Fra Michele bei Giansimone in die Lehre getreten, als Don Antonio diese Entdeckung machte. In Bezug auf seine Tochter beunruhigte diese Entdeckung ihn weiter nicht, denn er hatte sie deswegen befragt und sie hatte erklärt, sie habe gegen Pezza durchaus nicht zu erinnern, ihre Liebe aber gehöre Peppino. Da diese Liebe ganz den Absichten entsprach, die Don Antonio mit seiner Tochter hatte, so erklärte er sich vollkommen damit einverstanden. Nichtsdestoweniger aber glaubte er, Francescas Gleichgültigkeit sei kein genug am sicherer Schutz gegen die Unternehmungen dieses jungen Chierico. Er beschloß daher, die Entfernung desselben herbeizuführen. Es erschien ihm dies sehr leicht ausführbar. Stellmacher und Sattler sind Handwerker, die einander oft in die Hände arbeiten. Uebrigens waren Dom Antonio und Giansimone nicht blos Nachbarn, sondern auch Gevattern, was besonders im südlichen Italien ein großes Freundschaftsband ist. Don Antonio suchte daher Giansimone auf, setzte ihm die Lage auseinander und forderte ihn auf, ihm einen nicht wohl zu verweigernden Beweis von Freundschaft zu geben, und Fra Michele fortzujagen. Giansimone fand das Verlangen des Vaters seiner Pathe vollkommen gerecht und versprach es bei der ersten Gelegenheit zur Unzufriedenheit, die ein Lehrling ihm geben würde, zu befriedigen. Fra Michele schien aber wie Socrates einen vertrauten Genius zu haben, der ihm gute Rathschläge gab. Von diesem Augenblicke an ward nämlich Michele, der bis jetzt blos ein guter Lehrling gewesen, ein ganz ausgezeichneter Lehrling. Vergebens suchte Giansimone ihm einen Vorwurf zu machen. An seinem Fleiße gab es nichts auszusetzen. Er war seinem Meister täglich acht Stunden Arbeit schuldig, aber er gab ihm oft acht und eine halbe, zuweilen auch neun. Gegen die Arbeit, die er lieferte, ließ sich ebenfalls nichts erinnern. Er machte jeden Tag solche Fortschritte in seinem Handwerke, daß Giansimone höchstens insofern dadurch Ursache zur Unzufriedenheit erhielt, als die Kunden die von dem Lehrling gefertigten Arbeiten denen von dem Meister selbst gefertigten vorzuziehen begannen. Auch die Aufführung des Lehrlings war tadellos. Sobald er mit seiner Arbeit fertig war, ging er in seine Kammer hinauf, kam erst zum Abendessen wieder herunter, und ging, nachdem dieses vorbei war, wieder hinauf, um oben zu bleiben bis zum andern Morgen. Giansimone dachte daher schon daran, das Guitarrenspiel seines Lehrlings zum Vorwande zu nehmen und ihm zu erklären, daß die Töne dieses Instrumentes nachtheilig auf sein, des Meisters, Nervensystem einwirkten. Der junge Mann hörte aber von selbst auf, sich auf seinem Instrumente zu üben, sobald er bemerkte, daß gerade die Person, um derentwillen er spielte, ihm nicht zuhörte. Alle acht Tage beschwerte Don Antonio sich bei seinem Gevatter, daß er seinen Lehrling noch nicht fortgejagt, und auf jede dieser Klagen antwortete Giansimone, daß es in der nächstfolgenden Woche geschehen solle. Die nächstfolgende Woche verging aber und der Sonntag fand Fra Michele wieder an seinem Fenster und jeden Sonntag aufmerksamer ausschauend, als es am vorhergegangenen der Fall gewesen. Endlich entschloß Giansimone, von Don Antonio aufs Aeußerte getrieben, sich eines schönen Morgens, seinem Lehrling anzudeuten, daß sie sich trennen müßten und zwar so bald als möglich. Fra Michele ließ sich diese Andeutung zweimal wiederholen, dann heftete er ein klares, entschlossenes Auge auf das trübe und unsichere seines Lehrherrn und fragte: »Und warum müssen wir uns trennen?« »Nicht übel!« entgegnete der Sattler, indem er eine würdevolle Haltung anzunehmen suchte; »Du stellst mich zur Rede? Der Lehrling fragt den Meister aus!« »Dazu habe ich das Recht,« entgegnete Fra Michele ruhig. »Das Recht! das Recht!« wiederholte der Sattler erstaunt. »Ohne Zweifel. Wir haben ja einen Contract miteinander gemacht.« »Wir haben keinen Contract gemacht, unterbrach Giansimone, »ich habe nichts unterschrieben.« »Aber deswegen haben wir doch einen Contract miteinander gemacht. Um einen Contract zu machen, bedarf es nicht des Papiers, der Tinte und der Feder; unter ehrlichen Leuten genügt das Wort.« »Unter ehrlichen Leuten! unter ehrlichen Leuten!« murmelte der Sattler. »Nun, seid Ihr nicht ein ehrlicher Mann?« fragte Fra Michele in kaltem Tone. »Ja wohl, das versteht sich,« antwortete Giamsimone. »Nun gut denn, wenn wir ehrliche Leute sind, so sage ich nochmals, daß ein Contract zwischen uns besteht, ein Contract, welcher sagt, daß ich Euch als Lehrling dienen soll, daß Ihr eurerseits mich euer Handwerk zu lehren habt und daß Euch, dafern ich Euch nicht Grund zur Unzufriedenheit gebe, nicht das Recht zusteht, mich fortzuschicken.« »Ja, wenn Du mir nun aber Ursachen zur Unzufriedenheit gibt, wie dann?« »Habe ich Euch deren gegeben?« »Du gibst mir deren jeden Augenblick.« »Worin bestehen dieselben denn?« »Worin sie bestehen? Worin sie bestehen?« »Ich will sie Euch suchen helfen, wenn deren wirklich vorhanden sind. Bin ich faul?« »Nein, das kann ich nicht sagen.« »Bin ich unruhig oder zänkisch?« »Nein.« »Bin ich ein Säufer?« »Ach nein, Du trinkst ja blos Wasser.« »Bin ich ein Schwelger?« »Ach, das fehlte noch, Unglücklicher!« »Nun gut, da ich weder ein Schwelger, noch ein Säufer, noch ein Zänker, noch ein Faulenzer bin, welchen Grund zur Unzufriedenheit kann ich Euch sonst geben?« »Unsere Gemüthsarten passen nicht zusammen.« »Unsere Gemüthsarten passen nicht zusammen? Es ist jetzt das erste Mal, daß wir nicht einerlei Meinung sind. Uebrigens nennt mir die Fehler, die mein Charakter hat, und ich werde mich bemühen, dieselben abzulegen.« »Du willst doch nicht etwa behaupten, daß Du nicht starrköpfig seiest?« »Wohl weil ich nicht von Euch fort will?« »Du gesteht also, daß Du nicht von mir fort willst?« »Allerdings will ich nicht fort.« »Wenn ich Dich nun aber fortjage?« »Wenn Ihr mich fortjagt, so ist das freilich etwas Anderes.« »Dann wirst Du also gehen?« »Ja, aber da Ihr dann an mir eine Ungerechtigkeit begingt, die ich nicht verdient hätte, da Ihr dann mir eine Beleidigung zufügtet, die ich Euch nicht verzeihen würde –« »Nun?« fragte Giansimone. »Nun,« sagte der junge Mann, ohne seine Stimme auch nur um einen Ton zu erheben, obschon er Giansimone fester und unverwandter anblickte als je, »so wahr ich Michele Pezza heiße, so wahr würde ich Euch dann umbringen.« »Ja, er würde es thun!« rief der Sattler, indem er einen Schritt zurückprallte. »Nicht wahr, Ihr seid davon überzeugt?« antwortete Fra Michele. »Ja wohl.« »Nun, lieber Meister, da Ihr so glücklich seid, einen Lehrling gefunden zu haben, der kein Schwelger, kein Säufer, kein Faulenzer und kein Zänker ist, der Euch respectirt und Euch von ganzem Herzen zugethan ist, so ist es jedenfalls besser, wenn Ihr freiwillig zu Don Antonio sagt, daß Ihr ein zu ehrlicher Mann seid, um einen armen Jungen, den Ihr nur loben könnt, fortzujagen. Sind wir darin mit einander einverstanden?« »Meiner Treu, ja,« sagte Giansimone; »es scheint mir dies in der That selbst das Richtigste zu sein.« »Und auch das Klügste,« setzte der junge Mann mit einem leichten Anflug von Ironie hinzu. »Also nicht wahr, wir sind mit einander einverstanden?« »Ich habe es Dir ja schon gesagt.« »Eure Hand?« »Da hast Du sie.« Fra Michele drückte seinem Lehrherrn herzlich die Hand und setzte sich, so ruhig als ob nicht das Mindeste vorgefallen wäre, wieder an seine Arbeit. Neuntes Capitel. Fra. Michele Am nächstfolgenden Tage, welcher ein Sonntag war, kleidete Michele Pezza seiner Gewohnheit gemäß sich an, um die Messe zu hören, welcher Pflicht er, seitdem er in den weltlichen Stand zurückgetreten, nicht ein einziges Mal untreu geworden war. In der Kirche traf er seine Eltern, begrüßte sie ehrerbietig, geleitete sie nach Beendung der Messe nach Hause, bat sie um ihre Zustimmung zu seiner Vermählung mit der Tochter Don Antonios, wenn dieser sie ihm nämlich gäbe, und seine Eltern erheilten diese Zustimmung. Dann begab er, um sich nichts vorzuwerfen zu haben, sich zu Don Antonio, in der Absicht, um Francesca’s Hand anzuhalten. Don Antonio befand sich in Gesellschaft seiner Tochter und seines künftigen Schwiegersohnes und sein Erstaunen war nicht gering, als auf einmal Michele Pezza ins Zimmer trat. Giansimone hatte nicht gewagt ihm zu erzählen, was zwischen ihm und seinem Lehrling vorgegangen war. Er hatte ihn blos wie immer ersucht, sich zu gedulden, und ihm versprochen, seinen Wunsch, wenn es irgend möglich wäre, im Laufe der nächstfolgenden Woche zu befriedigen. Bei Fra Micheles Eintritt stockte das Gespräch so plötzlich, daß der junge Mann nothwendig errieth, es sei von Familienangelegenheiten die Rede, die man ihm durchaus nicht mitzutheilen gedenke. Pezza grüßte sehr höflich die drei Personen, die er beisammen antraf, und bat dann Don Antonio um die Gunst, einige Worte unter vier Augen an ihn richten zu dürfen. Diese Gunst ward ihm nur widerstrebend gewährt. Der Nachkomme der spanischen Eroberer fragte sich, ob es nicht gefährlich für ihn sei, sich allein seinem jungen Nachbar gegenüber zu befinden, obschon er von dem entschlossenen Charakter desselben keine Ahnung hatte. Er forderte Francesca und Peppino durch einen Wink auf, sich zu entfernen. Peppino bot Francesca den Arm und ging mit ihr, Michele ins Gesicht lachend, hinaus. Pezza sprach kein Wort und machte keine drohende Geberde, sondern verhielt sich vollkommen ruhig, obschon es ihm war, als würde er von mehr Nattern gestochen als Don Rodriguez in seiner Tonne. »Meister, sagte er zu Don Antonio, sobald sich die Thür hinter dem glücklichen Paar geschlossen, welches wahrscheinlich nun draußen sich in Spöttereien über den armen Verliebten erging; »ich brauche Euch wohl nicht erst zu sagen, daß ich eure Tochter Francesca liebe.« »Nun, wenn Du es mir nicht zu sagen braucht,« entgegnete Don Antonio höhnisch, »warum sagst Du es dann?« »Für Euch, Meister, ist es allerdings nicht nöthig, wohl aber für mich, der ich komme, um Euch zu bitten, mir sie zur Frau zu geben.« Don Antonio schlug ein lautes Gelächter auf. »Darin sehe ich gar nichts zu lachen, Meister,« sagte Michele Pezza, ohne im mindesten in die Hitze zu gerathen, »und da ich ernst mit Euch gesprochen, so habe ich auch das Recht, ernst angehört zu werden.« »In der That, was könnte man sich wohl Ernsthafteres denken!« fuhr der Stellmacher in immer noch spöttischem Tone fort. »Signor Michele Pezza erzeigt Don Antonio die Ehre, eine Tochter zum Weibe zu begehren!« »Ich glaube nicht, Euch dadurch eine besondere Ehre zu erzeigen,« entgegnete Pezza, indem er immer noch dieselbe Kaltblütigkeit bewahrte. »Ich glaube, die Ehre ist auf der einen Seite wie auf der andern und Ihr werdet mir meine Bitte abschlagen, das weiß ich wohl.« »Aber warum setzest Du Dich einer Zurückweisung aus?« »Um mein Gewissen zu beruhigen.« »Dein Gewissen, Michele Pezza!« rief Don Antonio und brach wieder in lautes Gelächter aus. »Nun,« entgegnete der junge Mann mit derselben Kaltblütigkeit, »warum sollte Michele Pezza nicht so gut ein Gewissen haben wie Don Antonio? Eben so wie Don Antonio hat er zwei Arme, um zu arbeiten, zwei Beine, um zu gehen, zwei Augen, um zu sehen, eine Zunge, um zu sprechen, ein Herz, um zu lieben und zu hassen. Warum sollte er nicht auch wie Don Antonio ein Gewissen haben, welches ihm sagt: Das ist gut und das ist bös?« Diese Kaltblütigkeit, auf welche er von Seiten eines so jungen Mannes nicht gefaßt war, brachte den Stellmacher in nicht geringe Verlegenheit. Dennoch hielt er sich an den eigentlichen Sinn der von Michele Pezza gesprochenen Worte und sagte: »Du willst dein Gewissen beruhigen? Das soll wohl so viel heißen, als daß, wenn ich Dir meine Tochter verweigere, ein Unglück passieren wird? »Wahrscheinlich,« antwortete Michele Pezza mit dem Lakonismus eines Spartaners. »Und was für ein Unglück würde dann passieren?« fragte der Stellmacher. »Das ist blos Gott und der Wahrsagerin Nanno bekannt,« sagte Pezza. »Ein Unglück aber wird geschehen, denn so lange ich lebe, wird Francesca nimmermehr das Weib eines Andern.« »Geh, mach, daß Du fortkommst! Du bist ein Narr!« »Ein Narr bin ich nicht, aber ich gehe.« »Das ist mir sehr lieb,« murmelte Don Antonio. Michele Pezza that einige Schritte in der Richtung nach der Thür, blieb aber auf der Hälfte des Weges wieder stehen. »Ihr sehet mich so ruhig fortgehen, sagte er, »weil Ihr glaubt, euer Gevatter Giansimone werde mir über kurz oder lang ebenso die Thür weisen, wie Ihr mir jetzt die eurige weist.« »Wie?« rief Don Antonio erstaunt. »Macht Euch keine vergebliche Hoffnung. Wir haben uns gegen einander erklärt und ich werde bei ihm bleiben, so lange es mir beliebt.« »Ha, der Unglückliche!« rief Don Antonio. »Er hatte mir doch versprochen –« »Was er nicht halten konnte. Ihr habt das Recht, mich aus eurem Hause zu weisen, und ich es nehme es Euch durchaus nicht übel, denn ich bin hier ein Fremdling; er aber hatte nicht dieses Recht, denn ich bin ein Lehrling.« »Nun und was ist da weiter dabei?«, sagte Don Antonio sich aufrichtend. »Ob Du bei meinem Gevatter bleibt oder nicht, darauf kommt nichts an. Wir sind jeder für sich in seinem Hause. Nur sage ich Dir meinerseits nach den Drohungen, welche Du gegen mich ausgestoßen, im Voraus: Wenn ich Dich künftighin in meinem Hause treffe oder Dich bei Tage oder Nacht auf meinem Grund und Boden herumschleichen sehe, so schlage ich, da Du mir deine schlimmen Absichten selbst erklärt hat, Dich todt wie bei einen tollen Hund.« »Das ist euer Recht, aber ich werde mich dieser Gefahr nicht aussetzen. Jetzt überlegt Euch die Sache.« »O, ich habe schon Alles überlegt.« »Ihr verweigert mir also Francesca’s Hand?« »Zweimal für einmal.« »Selbst für den Fall, daß Peppino darauf verzichtete?« »Selbst für den Fall, daß Peppino darauf verzichtete.« »Auch für den Fall, daß Francesca einwilligte, mich zum Manne zu nehmen?« »Selbst für den Fall, daß Francesca einwilligte, Dich zum Manne zu nehmen.« »Und Ihr schickt mich fort, ohne einiges Mitleid zu haben? ohne mir auch nur die mindeste Hoffnung zu lassen? »Ich schicke Dich fort und sage: Nein, nein, nein!« »Bedenkt, Don Antonio! Gott straft nicht die Verzweifelten, sondern Die, durch welche sie zur Verzweiflung getrieben werden.« »Das behaupten die Geistlichen « »Und die Leute von Ehre bestätigen es. Lebt wohl, Don Antonio. Gott gebe Euch Frieden.« Mit diesen Worten entfernte sich Michele Pezza. An der Hausthür des Stellmachers begegnete er zwei oder drei jungen Leuten von Itri, welchen er zulächelte wie gewöhnlich. Dann kehrte er zu Giansimone zurück. Wenn man ein so ruhiges Gesicht sah, konnte man unmöglich glauben oder auch nur vermuthen, daß er einer jener Verzweifelten sei, von welchen er einen Augenblick vorher gesprochen. Er ging in seine Kammer hinauf und schloß sich ein. Diesmal aber näherte er sich nicht dem Fenster. Er setzte sich auf sein Bett, stützte beide Hände auf die Knie, ließ den Kopf auf die Brust herabsinken und große stumme Thränen rannen aus seinen Augen über die Wangen herab. So hatte er zwei Stunden stumm, unbeweglich und weinend dagesessen, als an seiner Thür gepocht ward. Er richtete den Kopf empor, trocknete sich rasch die Augen und horchte. Man pochte zum zweiten Mal. »Wer pocht?«, fragte er. »Ich, Gaëtano.« Es war dies die Stimme und der Name eines seiner Cameraden. Freunde hatte Pezza nicht. Er trocknete sich die Augen zum zweiten Male und ging die Thür zu öffnen. »Was willst Du von mir, Gaëtano?« fragte er. »Ich wollte Dich fragen, ob Du nicht Lust hättest, mit einigen Freunden eine Partie Kegel zu schieben. Ich weiß wohl, daß dies sonst nicht deine Gewohnheit ist, ich glaube aber, heute –« »Und warum sollte ich heute eher mitkegeln als an einem andern Tage?« »Weil Du heute Verdruß gehabt hat und daher der Zerstreuung mehr bedarfst als zu einer andern Zeit. »Ich hätte heute Verdruß gehabt?« »Ich denke es. Wenn man wahrhaft liebt und das Mädchen, welches man liebt, nicht bekommt, so hat man allemal Verdruß und Kummer.« »Du weißt also, daß ich liebe?« »O, was das betrifft, so weiß es die ganze Stadt.« »Und Du weißt auch, daß man mir das Mädchen, welches ich liebe, verweigert?« »Ja wohl und zwar aus guter Quelle. Peppino hat es uns gesagt.« »Wie sagte er denn?« »Er sagte, Fra Michele war bei Don Antonio, um Francesca zum Weibe zu verlangen, aber er hat einen Korb gekriegt.« »Weiter sagte er nichts?« »O doch! Er setzte hinzu, wenn Du an dem Korbe nicht genug hättest, so wolle er Dir auch noch den Ranzen geben, damit Du volle Ladung hättest.« »Das sind seine eigenen Worte?« »Ich habe keine Sylbe verändert.« »Du hast Recht, sagte Michele Pezza, nachdem einen Augenblick geschwiegen und sich überzeugt, daß er sein Messer in der Tasche hatte. »Ich bedarf der Zerstreuung. Machen wir eine Partie Kegel.« Und er ging mit Gaëtano fort. Sie wanderten mit raschem, aber ruhigem Schritt, der übrigens mehr durch Gaëtano als durch Michele geregelt ward, die große Straße hinab, welche nach Fondi führt. Dann bogen sie links ab, das heißt nach der Seite des Meeres, und lenkten ihre Schritte nach einer doppelt Platanenallee, welche den vernünftigen Leuten von Itri zur Promenade, den Kindern und jungen Leuten zu Spielplatz diente. Hier spielten zwanzig verschiedene Gruppen zwanzig verschiedene Spiele, ganz besonders aber das, welches da in besteht, daß man sich mit großen Kugeln einer klein so viel als möglich zu nähern sucht. Michele und Gaëtano gingen um fünf oder sechs dieser Gruppen herum, ehe sie die erkannten, bei welcher Peppino mit betheiligt war. Endlich gewahrten sie den Stellmachergesellen mitten unter der Gruppe, welche von der Promenade am weiteste entfernt war. Michele ging gerade auf ihn zu. Peppino, welcher zur Erde niedergebückt, sich über einen Wurf stritt, erblickte, indem er sich wieder aufrichtete, Pezza. »Ah!« sagte er, unwillkürlich vor dem Blick erschreckend, den ein Nebenbuhler auf ihn heftete, »da bist Du ja, Michele!« »Wie Du siehst, Peppino. Wundert Dich das?« »Ich glaubte, Du kegeltest niemals.« »Das ist wahr; ich kegele nicht.« »Nun, was willst Du dann hier?« »Ich will den Ranzen holen, den Du mir versprochen hast.« Peppino hielt in seiner rechten Hand die kleine Kugel, welche den Spielern zum Ziel dient und die von der Größe einer vierpfündigen Kanonenkugel war. Er errieth, in welcher feindseligen Absicht Michele ihn aufsuchte, nahm einen Anlauf und schleuderte mit der ganzen Kraft seines Armes die Kugel nach ihm. Michele, der keine der Bewegungen Peppino's aus den Augen verloren und an der Veränderung seines Gesichts seine Absicht errathen hatte, begnügte sich, den Kopf zu neigen. Die mit der Kraft eines Mauerbrechers geschleuderte Kugel pfiff zwei Finger breit an seiner Schläfe vorbei und zerschellte an der Mauer. Pezza hob einen Kiesel auf. »Ich könnte, sagte er, »wie der junge David, Dir mit einem Kiesel den Kopf zerschmettern und ich würde dann blos zurückgeben, was Du mir hast thun wollen. Anstatt aber Dich mitten auf die Stirn zu treffen, wie David mit dem Philister Goliath that, werde ich mich begnügen, Dich mitten in deinen Hut zu treffen.« Der Kiesel flog pfeifend durch die Luft und riß Peppino den Hut vom Kopfe, indem er den Hut zugleich auf beiden Seiten durchlöcherte, als ob eine Flintenkugel hindurchgegangen wäre. »Und nun,« fuhr Pezza fort, indem er die Augenbrauen runzelte und die Zähne zusammenbiß, »nun muß ich Dir sagen, daß tapfere, muthige Leute sich nicht vom Weiten mit Holz und Steinen werfen.« Er zog ein Messer aus der Tasche. »Sie schlagen sich vielmehr in der Nähe und mit dem Eisen in der Hand.« Dann wendete er sich zu den jungen Leuten, welche diesem für sie so interessanten Auftritte zusahen, der in den Sitten des Landes lag, aber selten unter so feindseligen Symptomen stattfand. »Schaut her, Ihr Andern!« sagte er, »Ihr seid Zeugen, daß Peppino mich zuerst angegriffen hat. Seid nun auch Richter über das, was geschehen wird.« Und er ging auf Peppino zu, von welchem er bis jetzt durch eine Entfernung von etwa zwanzig Schritten getrennt gewesen und der ihn ebenfalls mit dem Eisen in der Hand erwartete. »Auf wie viel Zoll Eisen[12 - Oft kommt man bei den im südlichen Italien so gewöhnlichen Messerduellen überein, auf wie viel Zoll Eisen man sich schlagen will. Ein Stück Kork, durch welches man die Klinge steckt, ist in diesem Falle das Maß für die verschiedenen Längen.] wollen wir uns schlagen?« fragte Peppino. »Auf die ganze Klinge,« antwortete Pezza. »Es ist dann weniger Gelegenheit zum Betrügen.« »Auf das erste oder aufs zweite Blut?« fragte Peppino wieder. »Auf den Tod!« antwortete Pezza. Diese Worte kreuzten sich gleich unheimlichen Blitzen, während ringsum Grabesstille herrschte. Jeder der Kämpfer zog seine Jacke aus und wickelte dieselbe um den linken Arm, um sich ihrer wie eines Schildes zu bedienen. Dann gingen Peppino und Michele aufeinander los. Die Zuschauer bildeten einen Kreis, in dessen Mitte die beiden Gegner isoliert standen. Das Schweigen dauerte fort, denn man begriff, daß etwas Furchtbares geschehen würde. Wenn jemals zwei Naturen einander entgegengesetzt waren, so waren es die der beiden Nebenbuhler. Der eine war ganz Muskel, der andere ganz Nerv. Der eine mußte nach Art des Stieres kämpfen, der andere nach Art der Schlange. Peppino erwartete Michele, indem er den Kopf zwischen die Schultern eingezogen hielt, beide Arme vorstreckte, mit dunkelrothem Gesicht und seinen Gegner mit Schmähungen überhäufend. Michele näherte sich langsam, schweigend und todtenbleich. Seine blaugrünlichen Augen schienen die bestrickende Kraft der Augen der Riesenschlange zu besitzen. In dem ersten Gegner fühlte man den rohen Muth in Verbindung mit der Muskelkraft, in dem zweiten errieth man eine unüberwindliche Willenskraft. Michele war augenscheinlich der Schwächste und scheinlich auch der am wenigsten Gewandte; seltsame würden, wenn das Wetten hier Mode gewesen wäre Viertheile der Zuschauer auf ihn gewettet haben. Die ersten Stöße verloren sich in der Luft oder Falten der Jacken. Die beiden Klingen kreuzten wie spielende Natternzungen. Plötzlich bedeckte Peppinos rechte Hand sich mit Blut. Michele hatte ihm einen Schnitt über vier Finger weg beigebracht. Michele that einen Sprung zurück, um seinem Gegner Zeit zu lassen, sein Messer in die andere Hand zu nehmen, wenn er sich der rechten nicht mehr bedienen könnte. Jede Gnade für sich ablehnend hatte Michele seinem Gegner verboten, deren für sich zu verlangen. Peppino nahm ein Messer zwischen die Zähne, band die verwundete rechte Hand mit dem Taschentuch, wickelte die Jacke um den rechten Arm und nahm das Messer in die linke Hand. Pezza wollte ohne Zweifel nicht vor seinem Gegner einen Vortheil voraus haben, den dieser verloren. Er nahm daher ein Messer ebenfalls in die linke Hand. Nach Verlauf einer halben Minute hatte Peppino eine zweite Wunde am linken Arm erhalten. Er stieß ein Gebrüll, nicht des Schmerzes, sondern der Wuth aus. Er begann die Absicht seines Feindes errathen. Pezza wollte ihn entwaffnen, aber nicht tödten. In der That faßte Pezza mit seiner freigewordenen rechten Hand, die von ihrer Kraft nichts verloren hatte, Peppino's linkes Handgelenk und umschloß es mit seinen langen, dünnen aber kräftigen Fingern wie mit einer vielgliederigen Zange. Peppino suchte sein Handgelenk von dem Griffe freizumachen, welcher die Waffe in seiner Faust lähmte und seinem Feinde es vollkommen frei stellte, ihm, wenn er sonst gewollt hatte, sein Messer zehnmal in die Brust zu stoßen. Alles aber war vergebens. Die Liane triumphierte über die Eiche. Peppinos Arm ward steif, das Messer seines Gegners hatte eine Ader geöffnet und durch diese Oeffnung verlor der Verwundete gleichzeitig seine Kraft und sein Blut. Nach Verlauf von einigen Secunden erschlafften eine durch den Druck entnervten Finger und ließen das Messer fallen. »Ha!« rief Pezza und gab durch diesen freudigen Ausruf kund, daß er endlich den Zweck erreicht hatte, welchen er verfolgte. Und er setzte den Fuß auf das Messer. Der entwaffnete Peppino sah ein, daß ihm nur noch ein Ausweg blieb. Er stürzte sich auf seinen Gegner und umschlang ihn mit seinen starken, aber verwundeten und blutenden Armen. Weit entfernt, diese neue Art des Kampfes, in welcher man hätte glauben können, er werde erwürgt werden, wie Antäus, abzulehnen, nahm Pezza, um anzudeuten, daß er nicht die Absicht hatte, sich die Situation zu Nutzen machen, sein Messer zwischen die Zähne und faßte seinen Gegner ebenfalls um den Leib. Alle Anstrengungen, deren die Kraft fähig ist, alle Künste, welche die Gewandtheit an die Hand gibt, wurden nun von den beiden Kämpfern aufgeboten. Zum großen Erstaunen der Zuschauer aber schien Peppino, der in dieser Leibesübung stets alle seine Cameraden überwunden, ausgenommen Pezza, mit welchem er niemals gerungen, bestimmt zu sein, in diesem Kampfe, ebenso wie in dem vorhergegangenen, den Kürzeren zu ziehen. Plötzlich glitten beide Kämpfer mit den Füßen aus, schlugen wie zwei vom Blitz getroffene Eichen zur Erde nieder und wälzten sich auf dem Boden. Pezza hatte alle seine noch durch nichts verminderten Kräfte zusammengerafft und durch einen furchtbaren Stoß welchen Peppino weit entfernt war, von einem so schwächlichen Feind zu erwarten, seinen Gegner entwurzelt und war auf ihn gestürzt. Ehe noch die Zuschauer sich von ihrem Erstaunen erholt hatten, lag Peppino auf dem Rücken und Pezza setzte ihm das Messer an die Kehle und das Knie auf die Brust Pezza knirschte vor Freude mit den Zähnen. »Ich frage Euch,« sagte er, »ist hier Alles ehrlich und offen zugegangen?« »Ja wohl, ehrlich und offen,« sagten die Zuschauer einmüthig. »Gehört Peppino's Leben mir?« »Es gehört Dir.« »Ist das auch deine Meinung, Peppino?« fragte Pezza indem er dem Besiegten die Spitze des Messers fühlen ließ. »Tödte mich, Du hast das Recht dazu, murmelte oder vielmehr röchelte Peppino mit erstickter Stimme. »Würdest Du mich tödten, wenn Du mich so unter der Faust hättest, wie ich Dich habe?« »Ja, aber ich würde Dich nicht so lange martern.« »Dann gibst Du also zu, daß dein Leben mir gehört?« »Ja, ich gebe es zu.« »Es gehört mir wirklich?« »Ja.« Pezza neigte sich zu dem Ohr seines Gegners herab und sagte leise: »Wohlan, ich gebe es Dir zurück, oder vielmehr ich leihe es Dir, denn an dem Tage, wo Du Francesca heiratest, nehme ich es Dir wieder, verstehst Du mich?« »Ha, Elender!« rief Peppino. »Du bist der Teufel in Menschengestalt, und nicht Fra Michele sollte man Dich nennen, sondern Fra Diavolo.« »Nenne mich, wie Du willst,« sagte Pezza, »vergiß aber nicht, daß dein Leben mir gehört und daß ich in dem erwähnten Falle Dich nicht erst um Erlaubniß fragen werde, wenn ich es mir wieder nehme.« Und er erhob sich, wischte mit seinem Hemdärmel das Blut von seinem Messer und steckte dieses ruhig wieder in die Tasche. »Jetzt,« fuhr er fort, »bist Du frei, Peppino, und es hindert Dich Niemand mehr, deine Kegelpartie weiter fortzusetzen.« Und er entfernte sich langsam und grüßte mit dem Kopf und mit der Hand seine jungen Bekannten, welche ganz verblüfft dastanden und sich fragten, was er wohl Peppino gesagt haben könne, daß dieser so unbeweglich und halb von der Erde emporgerichtet in der Haltung des verwundeten Fechters sitzen blieb. Zehntes Capitel. Loque und Chiffe Man begreift, daß trotz Pezza's Drohungen Peppino deswegen nicht weniger auf seinen Heiratsprojekten mit Francesca beharrte. Niemand hatte gehört, was Michele ihm leise zugeflüstert, hätte er aber der Hand Francesca’s, von welcher man wußte, daß Michele Pezza sie liebte, entsagt, so hätte alle Welt es errathen. Die Hochzeit sollte zwischen der Ernte und der Weinlese stattfinden und der Vorfall, welchen wir soeben erzählt, hatte sich gegen das Ende des Monats Mai ereignet. Juni, Juli und August vergingen, ohne daß die von Pezza seinem Rival zu erkennen gegebenen tragischen Absichten durch irgend etwas bestätigt worden wären. Am 7. September, welcher ein Sonntag war, verkündete der Pfarrer, daß am nächstfolgenden 23. September die Vermälung Francesca’s mit Peppino stattfinden würde. Die beiden Verlobten waren in der Messe und Pezza saß nur wenige Schritte von ihnen. Peppino sah Pezza in dem Augenblicke an wo der Priester diese Neuigkeit verkündete, auf welche Pezza nicht mehr zu achten schien, als ob er sie gar nicht gehört hätte. Beim Heraustreten aus der Kirche aber näherte Pezza sich Peppino und sagte zu ihm so leise, daß Niemand anders es hören konnte: »Es ist gut. Du hast also noch achtzehn Tage zu leben.« Peppino fuhr dermaßen zusammen, daß Francesca, die er am Arme führte, sich erschrocken umsah. Sie erblickte Michele Pezza, der sie grüßte und sich entfernte. Seitdem Pezza in seinem Zweikampf mit Peppino diesem zwei Messerstiche beigebracht, fuhr Pezza fort Francesca zu grüßen, diese aber dankte ihm nicht mehr. Am nächsten Sonntage ward das Aufgebot, welches wie man weiß, dreimal erfolgt, von dem Priester wiederholt. An derselben Stelle wie am vorigen Sonntage, näherte Michele Pezza sich Peppino und sagte in demselben drohenden und doch ruhigen Tone: »Du hast noch zehn Tage zu leben.« Am dritten Sonntage erfolgte dasselbe Aufgebot und dieselbe Drohung, nur gewährte, da mittlerweile acht Tage verflossen waren, Pezza seinem Nebenbuhler nur noch zwei Tage Frist. Der so gefürchtete und gleichzeitig so herbeigesehnte 23. September kam. Es war ein Mittwoch. Nach einer stürmischen Nacht war der Tag, wie wir schon in einem unserer früheren Capitel gesagt, prachtvoll angebrochen und da die Trauung um elf Uhr Morgens stattfinden sollte, so hatten sich die Gäste, Freunde von Don Antonio, Freunde und Freundinnen von Peppino und Francesca, in dem Hause der Braut eingefunden, wo die Hochzeit stattfinden sollte, deren Wirth und erster Gast seinen Laden geschlossen hatte, um die Mahlzeit auf der Terrasse und das Fest im Hofe und im Garten stattfinden zu lassen. Diese Terrasse, dieser Hof und dieser Garten halte, heiter von der Sonne beschienen und hier und da in Schatten gehüllt, von freudigen Ausrufungen wieder. Wir haben die Scene zu malen gesucht, indem wir zeigten, wie die älteren Leute auf der Terrasse saßen und tranken, wie die jüngeren Leute beim Klange der Schellentrommeln und der Guitarre tanzten, wie von den Musikanten der eine saß und die beiden andern auf den Stufen der Terrasse standen, während dies Alles von dem unbeweglichen und unheimlichen Zuschauer beherrscht ward, welcher, sich auf den Ellbogen stützend, auf der Scheidemauer lag, und Hühner, Drosseln, Amseln und Sperlinge lustig die Weinranken plünderten, welche sich in der Einhegung, die sich unter dem Namen eines Gartens vom Kopfe bis zum Fuße des Berges erstreckt, von Pappel zu Pappel schlängelten. Und nun, nachdem wir den Vorhang der Vergangenheit aufgezogen, begreifen unsere Leser, warum Don Antonio, Francesca und besonders Peppino von Zeit zu Zeit mit unruhigem Blick den jungen Mann betrachten, den sie nicht das Recht haben, von seinem Platze hinwegzutreiben und für dessen sanftes Temperament, ohne sich jedoch vollständig beruhigen zu können, Gevatter Giansimone bürgt, welcher seit dem denkwürdigen Tage, wo er versucht hat, sich von ihm zu trennen, nur Ursache gehabt, ihn zu loben, weil er niemals wieder etwas davon gesagt, daß Michele sein Haus verlassen solle. Gerade in dem Augenblick, wo eine der munterten Tarantellen beendet war, schlug es halb zwölf. Kaum war der letzte Glockenschlag verhallt, als ein Getöse, welches Don Antonio wohl kannte, sich hören ließ. Es war das Schellengeläute von Postpferden, das dumpfe schwere Rollen eines Wagens und das Geschrei zweier Postillone, welche Don Antonio mit einer Baßstimme riefen, die einem Gran Cartello vom Theater San Carlo Ehre gemacht haben würde. Bei diesem dreifachen Geräusch begriffen der würdige Stellmachermeister und die ganze ehrenwerthe Gesellschaft, daß die Straße von Castellone nach Itri ihrer Gewohnheit gemäß wieder einmal ihre Streiche gemacht und daß Arbeit für ihn kam, welche er zuweilen mit dem Wundarzt des Ortes theilte, denn die Wagen brachen in den meisten Fällen ihre Räder oder Achsen, und die Reisenden ihre Arme oder Beine mit einem und demselben Schlage. Zum Glück aber hatte der Reisende, welcher jetzt kam, und für welchen man Don Antonios Beistand in Anspruch nahm, nichts gebrochen, sondern verlangte den Stellmacher blos für seinen Wagen, ohne den Wundarzt für sich selbst zu bedürfen. Dies ward übrigens zur Gewißheit als auf die Worte der Postillone: »Kommt schnell, Don Antonio, der Reisende hat sehr eilig!« Don Antonio geantwortet hatte: »Um so schlimmer für ihn, wenn er eilig hat, denn heute wird nicht gearbeitet, und man gleich darauf am äußersten Ende der in den Hof führenden Allee den Reisenden in eigener Person erscheinen sah und sagen hörte: »Und warum, Bürger Antonio, wenn ich fragen darf, wird heute nicht gearbeitet?« Der würdige Stellmacher stand ärgerlich wegen des Augenblicks, wo man ihn verlangte, daß er arbeite, und noch ärgerlicher wegen dieses Bürgertitels, dessen Gebrauch anstatt seines Adelstitels ihm verletzend erschien, im Begriff, wie dieses eine adelige Gewohnheit war, durch eine tüchtige Grobheit zu antworten, als er, die Augen auf den Reisenden werfend, erkannte, daß dieser eine viel zu vornehme Person war, als daß er derselben nach seiner gewöhnlichen, kurz angebundenen Weise hätte begegnen können. In der That war der Reisende, welcher Don Antonio mitten in seinem Familienfest überraschte, Niemand anders als der französische Gesandte, der gegen Mitternacht von Neapel abgereist war, und da er den Postillonen, um das Königreich beider Sicilien so schnell als möglich im Rücken zu haben, nicht erlauben wollte, den Abhang von Castellone herab langsamer zu fahren, beim Passiren eines der zahlreichen Bäche, welche die Heerstraßen durchschneiden und sich in einen kleinen namenlosen Fluß ergießen, eines der Hinterräder seines Wagens zerbrochen hatte. Dieser Unfall hatte ihn, so viel ihm auch daran lag, die römische Grenze so schnell als möglich zu erreichen, genöthigt, die letzte Viertelstunde zu Fuße zurückzulegen, und dies gab der Ruhe, womit er gefragt hatte: »Und warum, wenn ich fragen darf, Bürger Antonio, arbeitet man heute nicht?« ein neues Verdienst. »Entschuldigen Sie, mein General, « antwortete dem Reisenden einen Schritt entgegengehend Don Antonio, der den Bürger Garat wegen seines kriegerischen Costüms für einen Militär hielt und glaubte, daß ein Militär, um mit vierspänniger Extrapost zu fahren, wenigstens General sein müsse, »ich wußte nicht, daß ich die Ehre hätte, mit einer hohen Person zu sprechen, wie Sie, Excellenz, zu sein scheinen, denn dann hätte ich nicht geantwortet: Man arbeitet heute nicht, sondern: Man arbeitet erst in einer Stunde!« »Und warum kann man nicht sogleich arbeiten?«, fragte der Reisende im gewinnendsten Tone, welcher verrieth, daß, wenn es sich blos um ein Geldopfer handle, er bereit sei, es zu bringen. »Weil eben die Glocke schlägt, Excellenz, und weil, selbst wenn es gälte, den Wagen Seiner Majestät des Königs Ferdinand, den Gott uns erhalten möge, zu reparieren, ich doch den Herrn Pfarrer nicht warten lassen würde.« »In der That,« sagte der Reisende, indem er sich umschaute, »ich glaube, ich bin in eine Hochzeit hineingerathen.« »Sehr richtig, Excellenz.« »Und,« fragte der Reisende in wohlwollendem Tone, »dieses schöne Mädchen, welches sich vermält?« »Ist meine Tochter.« »Ich wünsche Euch Glück dazu. Um ihrer schönen Augen willen werde ich warten.« »Wenn Sie, Excellenz, uns die Ehre erzeigen wollen, uns in die Kirche zu begleiten, so wird Ihnen dies vielleicht ein wenig die Zeit des Wartens verkürzen. Der Herr Pfarrer wird eine sehr schöne Rede halten.« »Ich danke, mein Freund; ich will lieber hier bleiben.« »Nun gut, so bleiben Sie. Bei unserer Rückkehr trinken Sie dann vielleicht ein Glas Wein mit uns auf die Gesundheit der Braut. Es wird ihr dies Glück bringen und wir werden dann nur um so besser arbeiten.« »Die Sache ist abgemacht, mein wackerer Freund. Und wie lange wird eure Ceremonie dauern?« »Drei Viertelstunden, höchstens eine Stunde. Vorwärts denn, Kinder, in die Kirche!« Jeder beeilte sich, den von Don Antonio, der sich für diesen Tag zum Ceremonienmeister gemacht, erheilten Befehl auszuführen, ausgenommen Peppino, welcher zurückblieb und bald sich mit Michele Pezza allein sah. »Höre, Pezza,« sagte er, indem er, mit offener Hand und lächelndem Munde, obschon dieses Lächeln vielleicht ein wenig erkünstelt war, auf ihn zuging, »heute gilt es, unsern alten Groll zu vergessen und einen aufrichtigen Frieden zu schließen.« »Du irrst Dich, Peppino,« entgegnete Pezza. »Es gilt vielmehr, daß Du Dich bereit macht, vor Gott zu erscheinen, das ist Alles.« Dann richtete er sich auf der Mauer empor und sagte in feierlichem Tone: »Francesca’s Bräutigam, Du hast noch eine Stunde zu leben!« Nachdem er dies gesagt, sprang er in Giansimone's Garten hinab und verschwand hinter der Mauer. Peppino schaute sich um und als er sah, daß er allein war, machte er das Zeichen des Kreuzes und sagte: »Allmächtiger, in deine Hände befehle ich meinen Geist!« Dann eilte er seiner Braut und seinem Schwiegervater nach, die sich schon auf dem Wege zur Kirche befanden. »Wie bleich Du bist!« sagte Francesca zu ihm. »Mögest Du,« antwortete er, »in einer Stunde nicht noch bleicher sein, als ich jetzt bin.« Der Gesandte, dem während der Stunde, wo er warten mußte, keine Zerstreuung weiter übrig blieb, als die Bewohner von Itri ihrem Vergnügen oder ihren Geschäften nachgehen zu sehen, folgte mit den Augen dem Brautzuge, bis er ihn an der Ecke der Straße, welche nach der Kirche führte, verschwinden sah. Als er seinen Blick mit der Zerstreutheit eines Menschen, welcher wartet und den dieses Warten langweilt, nach der entgegengesetzten Seite richtete, glaubte er zu seinem großen Erstaunen am äußersten Ende der Straße von Fondi, das heißt in der Richtung von Rom nach Neapel, französische Uniformen zu gewahren. Diese Uniformen wurden von einem Brigadier und vier Dragonern getragen, welche einen Reisewagen eskortierten, dessen Gang, obschon es ein Postwagen war, sich nicht nach dem der Pferde, die ihn zogen, richtete, sondern nach dem der Pferde, die ihn eskortierten. Übrigens sollte die Neugier des Bürgers Garat sehr bald befriedigt werden; der Wagen und seine Escorte kamen auf ihn zu und konnten sich seiner nähern Besichtigung nicht entziehen, mochte nun der Wagen sich begnügen an der Post die Pferde zu wechseln, oder mochten die Reisenden welche er enthielt, in dem Gasthaus einkehren, denn die Post war das erste Haus zu einer Rechten und das Gasthaus stand ihm gegenüber. Er brauchte aber nicht einmal dieses Anhalten abzuwarten. Als der Brigadier ihn erblickte und die Uniform eines hohen Beamten der Republik erkannte, setzte er sein Pferd in Galopp, sprengte dem Wagen um hundert oder hundertundfünfzig Schritte voran und machte vor dem Gesandten Halt, indem er die Hand an seinen Helm legte und wartete, befragt zu werden. »Mein Freund,« sagte der Gesandte mit seiner gewöhnlichen Leutseligkeit, »ich bin der Bürger Garat, Gesandter der Republik am Hofe von Neapel, und dies gibt mir das Recht Euch zu fragen, wer die Personen sind, die sich in diesem von Euch eskortierten Reisewagen befinden.« »Zwei alte Ci-devant-Damen in ziemlich schlechtem Zustand, Bürger Gesandter,« antwortete der Brigadier »und ein Ci-devant, der, wenn er mit Ihnen spricht, sie Prinzessinen nennt.« »Kennt Ihr die Namen dieser Damen?« »Die eine heißt Madame Victoire und die andere Adelaide.« »Ah! ah!« sagte der Gesandte. »Ja,« fuhr der Brigadier fort, »wie es scheint, waren die Tanten des Tyrannen, welchen man guillotiniert hat. Im Augenblick der Revolution sind sie nach Oesterreich geflohen, von Wien sind sie nach Rom gegangen und in Rom ist es ihnen, als die Republik auch hierhergekommen, Angst geworden, als ob die Republik gegen solche alte Nachthauben Krieg führte! Sie wären daher aus Rom gern eben so entflohen, wie sie aus Paris und Wien entflohen sind, wie ich aber gehört, gab es noch eine dritte Schwester, die älteste, eine ganz gebrechliche alte Dame, welche man Madame Sophie nannte. Diese ist krank geworden und die andern haben sie nicht verlassen wollen, was übrigens ganz hübsch von diesen war. Endlich haben sie den General Berthier um Erlaubniß zum Aufenthalt gebeten – ich langweile Sie aber wohl durch mein Geschwätz, Bürger und Gesandter, nicht wahr?« »Nein, durchaus nicht, mein wackerer Freund. Im Gegentheil, was Ihr mir da erzählt, interessiert mich in hohem Grade.« »Nun dann sind Sie nicht schwer zu befriedigen, Bürger Gesandter. Ich wollte also sagen, eine Woche nach Ankunft des Generals Championnet, welcher mich alle zwei Tage hinschickte, um mich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen, wünschten die beiden andern Schwestern, nachdem die kranke gestorben und begraben war, Rom zu verlassen und sich nach Neapel zu begeben, wo sie, wie ich höre, Verwandte haben, die sich in guten Verhältnissen befinden. Dabei aber fürchteten sie unterwegs als verdächtig angehalten zu werden und der General Championnet sagte zu mir: »Brigadier Martin, Du bist ein Mann von Erziehung, Du weißt mit den Frauen zu sprechen. Nimm vier Mann und begleite diese beiden alten Creaturen, welche im Grunde genommen doch Töchter Frankreichs sind, bis über die Grenze. Also, Brigadier Martin, alle mögliche Rücksicht, verstehst Du? Sprich mit ihnen nur in der dritten Person und mit dem Helm in der Hand wie mit Vorgesetzten!« »Aber, Bürger General,« antwortete ich, »wenn nur ihrer zwei sind, wie kann ich dann mit ihnen in der dritten Person sprechen?« Der General lachte über die Albernheit, die ihm entschlüpft war, und sagte: »Brigadier Martin, Du bist noch klüger, als ich glaubte. Es sind drei Personen, mein Freund, nur ist die dritte ein Mann, nämlich der Ehrencavalier der beiden Frauen; man nennt ihn den Graf von Chatillon!« – »Bürger General,« antwortete ich ihm, »ich glaubte, es gäbe keine Grafen mehr.« – »In Frankreich,« entgegnete er, »gibt es allerdings keine mehr, im Ausland aber und besonders in Italien treiben sich hier und da immer noch einige herum.« – »Und, mein General, ich diesen Chatillon Graf oder Bürger nennen?« – »Nenne ihn wie Du willst; ich glaube aber Du wirst ihm sowohl als den Personen, die er begleitet, mehr Vergnügen machen, wenn Du ihn Herr Graf, als wenn Du ihn Bürger – nennst, und da weiter nichts darauf ankommt und Niemanden dadurch ein Unrecht zugefügt wird, so kannst immerhin ganz laut: Herr Graf sagen.« – Und so habe ich es auf dem ganzen Wege gemacht. Es schien dies an wirklich den armen alten Damen zu gefallen und sie sagten: »Das ist ein wohlerzogener junger Mann, mein lieber Graf. Wie heißt Du, mein Freund?« Ich hatte Lust, ihn zu antworten, daß ich auf alle Fälle besser erzogen wäre als sie, da ich ihren Grafen nicht duzte, während sie dies doch mit mir thaten; ich begnügte mich indessen zu entgegnen: »Es ist schon gut, es ist schon gut, ich heiße Martin. Auch haben sie sich während des ganzen Weges, wenn irgend etwas wollten, allemal an mich gewendet und mich einmal über das andere lieber Martin genannt. Sie begreifen aber wohl, Bürger Gesandter, daß dies weiter nichts auf sich haben kann, denn die jüngste der beiden Damen zählt neunundsechzig Jahre.« »Und bis wie weit hat der General Championnet Euch befohlen, sie zu geleiten?« »Bis über die Grenze und selbst noch weiter, wenn sie es wünschten.« »Dann, Bürger Brigadier, habt Ihr eurer Instruction genügt, denn Ihr habt die Grenze passiert und seid hier schon zwei Poststationen über dieselbe hinaus. Uebrigens würde es auch vielleicht mit Gefahr verknüpft sein, noch weiter zu gehen.« »Für mich oder für die alten Damen?« »Für Euch.« »O, wenn es weiter nichts ist, Bürger Gesandter, so so hat dies weiter nichts zu sagen, wissen Sie. Der Brigadier Martin kennt die Gefahr und ist mehr als einmal ihr Bettgenosse gewesen.« »Hier wäre aber die Gefahr zwecklos und könnte ernste Folgen haben. Ihr werdet daher euren beiden Prinzessinnen mittheilen, daß euer Dienst bei ihnen beendet ist.« »Aber dann werden sie ein schönes Geschrei erheben, das sage ich Ihnen im Voraus, Bürger Gesandter. Mein Gott, was soll aus den armen Mädchen werden, wenn sie ihren Martin nicht mehr haben? Sehen Sie, sie haben schon bemerkt, daß ich nicht mehr in ihrer Nähe bin, und suchen mich mit ängstlichen Blicken.« In der That hatte während dieser Unterredung oder während dieser Erzählung – denn die wenigen Worte, welche der Bürger Garat gesprochen, waren in dem Vortrage des Brigadier Martin nur als Fragezeichen zu betrachten – der Wagen der alten Prinzessinnen vor dem Gasthause del Riposo d'Orazio Halt gemacht, und als sie ihren Beschützer in einer eifrigen Conversation mit einer Person sahen, die das Costüm der hohen republikanischen Beamten trug, fürchteten sie, daß irgend ein Complott gegen ihre Sicherheit gesponnen oder Gegenbefehl in Bezug auf ihre Reise ertheilt werde. Deshalb riefen sie nach dem Commandanten ihrer Escorte in einem Tone und mit einer Miene, welche der Eigenliebe des Brigadier Martin in hohem Grade schmeichelhaft sein mußte. Auf einen Wink des Bürgers Garat und während dieser, um sich eine peinliche Unterredung zu ersparen, in die Allee des Stellmachers zurückkehrte und auf der jetzt leeren Terrasse Platz nahm, ritt Martin an den Schlag des Wagens und setzte, die Hand am Helme, wie Championnet ihn instruiert, die königlichen Reisenden von der so eben von einem Vorgesetzten ihm erheilten Ordre, nach Rom zurückzukehren, in Kenntniß. Wie der Brigadier Martin sehr richtig vorausgesehen, versetzte diese Mittheilung die alten Damen in große Unruhe. Sie beriethen sich zuerst mit einander selbst, dann mit ihrem Chrencavalier, und das Resultat dieser doppelten Berathung war, daß Graf Chatillon sich bei dem Unbekannten in der blauen Uniform und mit dem dreifarbigen Federbusch nach den Gründen erkundigen sollte, welche den Brigadier Martin und seine vier Mann abhalten könnten, noch weiter mitzugehen. Der Graf von Chatillon stieg aus dem Wagen, folgte dem Wege, den er den republikanischen Beamten hatte einschlagen sehen, und fand, als er am andern Ende der Allee anlangte, ihn auf Don Antonios Terrasse sitzend und mit den Augen mechanisch und vielleicht, ohne ihn zu sehen, einem jungen Mann folgend, welcher in dem Augenblick, wo der Graf eingetreten war, von der Scheidemauer in den Garten des Stellmachers herübersprang und mit einer Flinte auf der Schulter diesen Garten nach seiner ganzen Länge durchschritt. Es war dies in diesem Lande der Unabhängigkeit, wo Jeder bewaffnet einhergeht und wo die Einhegungen nur den Zweck zu haben scheinen, der Behendigkeit der Passanten zur Uebung zu dienen, etwas so Einfaches, daß der Gesandte dieser Thatsache nur mittelmäßige Aufmerksamkeit zu widmen schien – eine Aufmerksamkeit, von welcher er überdies durch das Erscheinen des Grafen von Chatillon sofort wieder abgelenkt ward. Der Graf kam auf ihn zu. Der Bürger Garat erhob sich. Garat, der Sohn eines Arztes in Ustaritz, hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen und war vielseitig gebildet. Er hatte im vertrauten Umgange mit den Philosophen und Encyclopädisten gelebt und durch seine verschiedenen Lobreden auf Suger, auf Herrn von Montausier und Fontenelle akademische Preise erworben. Er war ein Mann vom Welt, vor allen Dingen eleganter Sprecher und bediente sich des jakobinischen Wörterbuches nur bei gewissen Gelegenheiten und wenn er nicht anders konnte. Als er den Grafen von Chatillon auf sich zukommen sah, erhob er sich und ging ihm die Hälfte des Weges entgegen. Die beiden Herren begrüßten einander mit einer Courtoisie, welche weit mehr nach Ludwig dem Fünfzehnten all nach dem Directorium schmeckte. »Soll ich mein Herr oder Bürger sagen?«, fragte der Graf von Chatillon lächelnd. »Sagen Sie, wie Sie wollen, Herr Graf. Es wird mir stets eine Ehre sein, die Fragen zu beantworten, welch Sie wahrscheinlich von Seiten der königlichen Hoheiten an mich richten werden.« »Das laß ich mir gefallen!« sagte der Graf. »Ich schätze mich glücklich, mitten in diesen barbarischen Gegenden einen civilisierten Menschen zu treffen. Ich komme also im Namen Ihrer königlichen Hoheiten, da Sie mir erlauben, den Töchtern Ludwigs des Fünfzehnten diesen Titel zu bewahren, um Sie zu fragen, nicht als ob ich Sie zur Rede stellen wollte, sondern um eine für die Gemüthsruhe der Prinzessinnen wesentliche Auskunft zu erlangen, worin der Wille oder das Hinderniß besteht, welches nicht erlaubt, daß die Prinzessinnen die Escorte, welche der General Championnet so freundlich gewesen ist, ihnen zu geben, bis nach Neapel behalten?« Garat lächelte. »Ich begreife recht wohl den Unterschied, der zwischen dem Worte Hinderniß und dem Wort Wille besteht, Herr Graf, und ich werde Ihnen beweisen, daß das Hinderniß vorhanden und daß, wenn gleichzeitig ein Wille sich kundgibt, derselbe ein mehr wohl- als übelwollender ist.« »Nun, so beginnen Sie zunächst mit dem Hinderniß,« jagte der Graf, sich verneigend. »Das Hinderniß ist folgendes, Herr Graf. Seit gestern Mitternacht ist zwischen dem Königreich beider Sicilien und der französischen Republik der Krieg erklärt. Die Folge hiervon ist, daß eine aus fünf Feinden bestehende Escorte, wie Sie selbst begreifen werden, für die königlichen Hoheiten mehr eine Gefahr als ein Schutz wäre. Was den Willen betrifft, welcher der meinige ist und den Sie nun ganz natürlich aus dem Hinderniß sich ergeben sehen, so ist er darauf gerichtet, die erlauchten Reisenden nicht Beleidigungen und ihre Escorte nicht der Gefahr, ermordet zu werden, auszusetzen. Habe ich die kategorische Frage auch kategorisch beantwortet, Herr Graf?« »So kategorisch, mein Herr, daß ich mich freuen würde, wenn Sie sich dazu verstehen wollten, den königlichen Hoheiten zu wiederholen, was Sie mir so eben die Ehre erzeigt haben zu sagen.« »Mit großem Vergnügen würde ich dies thun, Herr Graf; eine zarte Rücksicht aber, welche Sie, wie ich überzeugt bin, wenn sie Ihnen bekannt wäre, respectiren würden, beraubt mich zu meinem großen Bedauern der Ehre, den Prinzessinnen meine Huldigungen darbringen zu können.« »Haben Sie irgend einen Grund, diese Rücksicht geheim zu halten?« »Nein, durchaus nicht. Ich fürchte einfach blos, daß meine Gegenwart den Prinzessinnen unangenehm sei.« »Unmöglich!« »Ich weiß, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen, mein Herr. Sie sind der Graf von Chatillon, Ehrencavalier Ihrer königlichen Hoheiten, und dies ist mein Vortheil, den ich vor Ihnen voraus habe, denn Sie wissen nicht wer ich bin.« »Sie sind – dies steht außer allem Zweifel – ein Mann von Welt und von vollkommener Courtoisie.« »Und eben deshalb, mein Herr, wurde ich von dem Convent zu der verhängnißvollen Ehre ausersehen, dem König Ludwig dem Sechzehnten ein Todesurtheil zu verlesen.« Der Graf von Chatillon prallte einen Schritt zurück, als ob er sich plötzlich einer Schlange gegenüber sähe. »Dann sind Sie ja das Conventmitglied Garat!« rief er. »Sehr richtig, Herr Graf. Sie sehen, wenn mein Name auf Sie, der Sie, so viel ich weiß, kein Verwandter des Königs Ludwigs des Sechzehnten sind, diese Wirkung äußert, welche Wirkung er erst auf diese armen Prinzessinnen äußern würde, welche seine Tanten waren. Allerdings,« setzte der Gesandte mit seinem feinen Lächeln hinzu, »waren sie ihrem Neffen, so lange er lebte, nicht sonderlich gewogen, heute aber weiß ich, daß sie ihn anbeten. Der Tod ist wie die Nacht. Er bringt guten Rath.« Der Graf von Chatillon verneigte sich und ging, um den Prinzessinnen Victoire und Adelaide das Resultat der Conversation, die er soeben gehabt, mitzutheilen. Elftes Capitel. Fra Diavolo Die beiden alten Prinzessinnen, mit deren Schutz der Brigadier Martin beauftragt war, und zu welchen der Graf von Chatillon, der ganz entsetzt war, nicht blos einen Königsmörder, sondern auch den gesehen zu haben, welcher Ludwig dem Sechzehnten ein Todesurtheil vorgelesen, zurückkehrte die beiden alten Prinzessinnen, sagen wir, sind für diejenigen unserer Leser, welche sich ein wenig mit unseren Werken vertraut gemacht haben, keine ganz neuen Bekanntschaften. Sie haben dieselben dreißig Jahre jünger in unserem Buche: Josef Balsamo nicht blos unter dem Namen, mit welchem wir sie soeben bezeichnet, sondern auch unter dem etwas weniger poetischen Spitznamen »Loque« und »Chiffe« auftreten sehen, welche der König Ludwig der Fünfzehnte in seiner väterlichen Vertraulichkeit ihnen gegeben hatte. Wir haben ferner gesehen, daß die dritte, die Prinzessin Sophie, welche ihr königlicher Erzeuger, um die Trilogie seiner Töchter vollständig zu machen, mit dem harmonischen Namen Graille[13 - Loque, ein Fetzen; Chiffe, ein Lumpen; Graille, die Krähe.] getauft hatte, in Rom gestorben war und durch ihre Krankheit die Abreise ihrer beiden Schwestern verzögert hatte, so daß sie in Folge dieser Verzögerung in Itri mit dem von Neapel kommenden französischen Gesandten zusammentrafen. Die Chronique scandaleuse hatte Madame Victoire stets respectirt und man versicherte, daß diese ihr ganzes Leben lang einen untadelhaften Wandel geführt habe. Da die bösen Zungen aber stets ein Sühnopfer haben müssen, so waren sie mit umso größerer Wuth über Madame Adelaide hergefallen. Diese galt in der That für die Heldin eines ziemlich scandalösen Abenteuers, dessen Held ihr eigener Vater war. Obschon Ludwig der Fünfzehnte kein Patriarch war und ich, wenn Gott das moderne Sodom vom Feuer hätte verzehren lassen, bezweifle, daß er ihn wie Loth durch einen seiner Engel aufgefordert hätte, die dem Untergange geweihte Stadt bei Zeiten zu verlassen, so behauptete man doch, daß dieses Abenteuer, allerdings nicht in seinen Einzelheiten, wohl aber in der Hauptsache, sein Vorbild in der Familie des Canaaniters Loth gehabt habe, welcher, wie man sich erinnert, durch ein beklagenswerthes Vergessen der Familienbande der Vater Moab's und Amons ward. Die Vergeßlichkeit des Königs Ludwigs des Fünfzehnten und seiner Tochter, Madame Adelaide, war um die Hälfte weniger fruchtbar gewesen und es war blos ein Kind männlichen Geschlechtes daraus hervorgegangen, welches in Colorno, im Großherzogthume Parma geboren, unter dem Namen des Grafen Louis von Narbonne, einer der elegantesten Cavaliere, gleichzeitig aber auch einer der leersten Köpfe am Hofe Ludwigs des Sechzehnten ward. Frau von Staël, welche nach dem Rücktritte ihres Vaters, des Herrn von Necker, den Vorsitz im Cabinetsrathe verloren, aber immer noch einen gewissen Einfluß behalten hatte, ließ ihn im Jahre 1793 zum Kriegsminister ernennen und suchte, sich in dem moralischen und intellectuellen Werthe dieses schönen Cavaliers täuschend, ihm ein wenig von ihrem Genie in den Kopf und ein wenig von ihrem Herzen in die Brust zu pflanzen. Ihre Bemühungen scheiterten. Es hätte ein Riese dazu gehört, um die Situation zu beherrschen, und Herr von Narbonne war ein Zwerg oder, wenn man lieber, ein gewöhnlicher Mensch. Die Situation zermalmte ihn. Am 10. August in Anklagestand versetzt, passierte er die Meerenge und begab sich nach London zu den emigrierten Prinzen, aber ohne jemals den Degen gegen Frankreich zu ziehen. Obschon nicht im Stande, es zu retten, hatte er wenigstens das Verdienst, daß er es nicht mit ins Verderben zu stürzen suchte. Als die drei alten Prinzessinnen sich entschlossen, Versailles zu verlassen, war es Herr von Narbonne, welcher mit allen Vorbereitungen zu ihrer Flucht beauftragt ward. Dieselbe fand am 21. Januar 1791 statt und eine der letzten Reden Mirabeaus, eine seiner schönsten, galt diesem Vorfall und dem Thema: »Ueber die Freiheit der Auswanderung.« Aus der Meldung des Brigadier Martin haben wir ersehen, daß die Prinzessinnen nach einander in Wien und Rom gewohnt und vor der Revolution, die, nachdem sie in den Norden Italiens eingedrungen, nun auch in den Süden eindrang, zurückweichend, beschlossen hatten, die sich in »guten Umständen befindenden Verwandten aufzusuchen, welche sie in dem Königreich Neapel hatten. Diese sich in guten Umständen befindenden Verwandten, die sich aber sehr bald in sehr schlechten Umständen befinden sollten, waren der König Ferdinand und die Königin Caroline. Ganz wie der Brigadier Martin vermuthet, versetzte die Mittheilung, welche der Graf von Chatillon ihnen zurückbrachte, die beiden Prinzessinnen in große Unruhe. Der Gedanke, ihre Reise ohne andere Escorte als die ihres Ehrencavaliers fortzusetzen, der übrigens, um die Nerven der beiden armen alten Damen zu schonen, ihnen die Nähe des furchtbaren Conventmitglieds verschwiegen hatte, fortzusetzen, hatte allerdings nichts sonderlich Beruhigendes. Sie waren deshalb in der größten Verzweiflung, als ein Diener des Gasthauses ehrerbietig an die Thür pochte und dem Herrn Grafen von Chatillon meldete, daß ein junger Mann, der seit gestern Abend angelangt sei, um die Gunst bitten ließe, ihm einige Worte sagen zu dürfen. Der Graf von Chatillon ging hinaus und kam beinahe sofort wieder, indem er den Prinzessinnen meldete, der fragliche junge Mann sei ein Soldat von der Armee Condés und Ueberbringer eines Briefes von dem Herrn Grafen Louis von Narbonne, welcher Brief an Ihre königlichen Hoheiten, speziell aber an Madame Adelaide adressiert sei. Die beiden Dinge klangen gut in den Ohren der bei den Prinzessinnen, erstens das Prädicat eines Soldaten der Armee Condés, dann die Empfehlung des Grafen von Narbonne. Man ließ den Ueberbringer des Briefes eintreten. Es war ein junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren, blond von Bart und Haar, angenehm von Gesicht, frisch und rosig wie ein Mädchen. Er war sauber, wenn auch nicht elegant gekleidet. Seine Art, sich zu präsentieren, verrieth, obschon sie von einer gewissen unter der Uniform angenommenen Steifheit nicht ganz frei war, eine gute Geburt und eine gewisse Routine im gesellschaftlichen Umgange. Er verneigte sich ehrerbietig und an der Thür stehen bleibend. Der Graf von Chatillon zeigte mit der Hand auf Madame Adelaide. Der junge Mann näherte sich drei Schritte, ließ sich auf ein Knie nieder und überreichte der alten Prinzessin den Brief. »Lesen Sie, Chatillon, lesen Sie,« sagte Madame Adelaide. »Ich weiß nicht, wo ich meine Brille habe.« Dann gab sie mit huldvollem Lächeln dem jungen Mann einen Wink, daß er aufstehen solle. Der Graf von Chatillon las den Brief, drehte sich dann zu den Prinzessinnen herum und sagte: »Meine Damen, dieser Brief ist in der That von dem Herrn Grafen Louis von Narbonne, welcher Ihren königlichen Hoheiten den Ueberbringer Giovani Battista de Cesare, einen geborenen Corsen, empfiehlt, welcher mit seinen Cameraden in der Armee Condés gedient hat und ihm selbst durch den Chevalier Vermègues empfohlen worden ist. Er fügt, indem er Ihren königlichen Hoheiten seine treu ergebenen Huldigungen zu Füßen legt, hinzu, daß Sie das, was Sie für diesen würdigen jungen Mann thun, niemals zu bereuen haben würden.« Madame Victoire ließ ihrer Schwester das Wort und begnügte sich durch Kopfnicken ihren Beifall zu erkennen zu geben. »Also, mein Herr,« sagte Madame Adelaide, »Sie sind von adeliger Abkunft?« »Madame,« antwortete der junge Mann, »wir Corsen machen alle Anspruch darauf, von adeliger Abkunft zu sein, da ich mich aber Eurer königlichen Hoheit zunächst durch meine Aufrichtigkeit bekannt machen möchte, so antworte ich, daß ich ganz einfach von einer alten Familie Caporali abstamme. Einer unserer Ahnen befehligte, unter die Titel Caporale, einen District Corsicas während eines jener langen Kriege, welche wir gegen die Genuesen führten. Von meinen Cameraden ist nur ein einziger, Herr von Bocchechiampe, in dem Sinne von Adel, wie Eure königliche Hoheit es versteht. Die fünf andern haben, obschon einer davon den vornehmen Namen Colonna führt, eben so ich kein Recht auf das goldene Buch.« »Herr Graf, sagte Madame Victoire, »ich finde daß dieser junge Mann sich sehr gut ausdrückt. Mein Sie nicht auch?« »Dies nimmt mich durchaus nicht Wunder, merkte Madame Adelaide. »Es versteht sich von selbst, daß Herr von Narbonne ihn sonst nicht an uns empfohlen haben würde.« Dann wendete sie sich zu Cesare und sagte: »Erzählen Sie weiter, junger Mann, Sie sagen also daß Sie in der Armee des Prinzen von Condé gedient haben?« »Ich und drei meiner Cameraden, Madame, Bocchechiampe, Colonna und Guidone, wir waren mit Seiner königlichen Hoheit bei Weißenburg, bei Hagenau, Bentheim, wo Bocchechiampe und ich verwundet wurden. Unglücklicherweise kam der Frieden von Campoformio dazwischen. Der Prinz sah sich genöthigt, seine Armee verabschieden und wir sahen uns ohne Mittel und ohne Stellung in England. Hier erinnerte sich der Herr Chevalier von Vermègues, daß er uns im Feuer gesehen, und versicherte dem Herrn Grafen von Narbonne, daß wir der Sache, für die wir gekämpft, keine Schande machten. Da wir nicht wußten, was wir beginnen sollten, so baten wir den Herrn Grafen um einen Rath. Er rieth uns nach Neapel zu gehen, wo, wie er sagte, der König sich zum Krieg rüstete und wo wir bei der Erfahrung, die wir bereits erlangt und auf Grund unserer Zeugnisse nicht ermangeln könnten Verwendung zu finden. Unglücklicherweise kannten wir Niemand in Neapel, der Herr Graf von Narbonne beseitigte jedoch diese Schwierigkeit, indem er uns sagte, daß wir, wenn auch nicht in Neapel, doch wenigstens in Rom Ihren königlichen Hoheiten begegnen würden. Hierauf erzeigte er mir die Ehre, mir den Brief zu geben, den ich soeben dem Herrn Grafen von Chatillon überreicht habe.« »Aber, mein Herr,« fragte die alte Prinzessin, »wie kommt es, daß Sie uns gerade hier treffen und daß Sie uns diesen Brief nicht schon früher überbracht haben?« »Allerdings, Madame, hätten wir die Ehre haben können, ihn in Rom zu überreichen. Aber erstens weilten Sie am Sterbebett Ihrer Hoheit der Prinzessin Sophie und Sie würden in Ihrem Schmerz nicht Muße gehabt haben, sich mit uns zu beschäftigen. Zweitens wurden wir von der republikanischen Polizei überwacht und mußten fürchten, Eure königlichen Hoheiten zu compromittieren. Wir besaßen noch einige Mittel und lebten von diesen, indem wir einen günstigeren Augenblick erwarteten, wo wir Sie um Ihren Schutz bitten könnten. Vor acht Tagen hatten Sie den Schmerz, Ihre königliche Hoheit die Prinzessin Sophie zu verlieren, und entschlossen sich nach Neapel abzureisen. Wir hatten Sorge getragen, uns fortwährend von Ihren Absichten unterrichtet zu halten, und gingen am Tage Ihrer Abreise Sie hier zu erwarten, wo wir gestern Nacht gelangt sind. Einen Augenblick lang glaubten wir, als die Escorte sahen, welche die Carrosse Euer königlichen Hoheiten begleiteten, es sei Alles für uns verloren. Die Vorsehung hat aber im Gegentheil gewollt, daß gerade hier Ihrer Escorte der Befehl zur Rückkehr nach Rom ertheilt ward. Wir kommen daher, um uns als Ersatz dieser Escorte anzubieten. Es handelt sich um weiter nichts, als in Ihrem Dienste das Leben zu opfern. So viel Werth wie Andere besitzen wir auch und bitten Sie, uns den Vorzug zu geben.« Der junge Mann sprach die letzten Worte mit vieler Würde und die Verbeugung, womit er sie begleitete, eine den Anforderungen der Courtoisie so entspreche, daß die alte Prinzessin, indem sie sich nach dem Grafen Chatillon herumdrehte, sagte: »Gestehen Sie, Chatillon, daß Sie wenig Edelleute sich auf noblere Weise haben ausdrücken hören, als dieser junge Corse thut, der doch nur Corporal gewesen ist.« »Ich bitte um Verzeihung, königliche Hoheit,« entgegnete Cesare mit verächtlichem Lächeln. »Einer meiner Ahnherren, Madame, war Caporale, das heißt Commandant einer Provinz. Ich dagegen hatte eben so wie Herr von Bocchechiampe, die Ehre, in der Armee des Prinzen von Condé Lieutenant von der Artillerie zu sein.« »Hoffen wir, daß Sie nicht dieselbe Carrière machen, welche der kleine Buonaparte, Ihr Landmann, bei der Artillerie gemacht hat.« Dann drehte sich die Prinzessin wieder nach dem Grafen herum und sagte: »Wohlan, Chatillon, Sie sehen, daß die Sache sich wunderschön trifft. In dem Augenblick, wo unsere Escorte uns verläßt, schickt die Vorsehung, wie Herr von – Herr von – wie sagten Sie, daß Sie heißen, lieber Freund?« »Von Cesare, königliche Hoheit.« »Schickt die Vorsehung, wie Herr von Cesare sehr richtig sagte, uns eine andere. Meine Ansicht geht dahin, daß wir dieselbe annehmen. Was sagen Sie dazu, liebe Schwester?« »Was ich sage? Ich sage, daß ich Gott danke, daß er uns von diesen Jakobinern erlöst hat, deren dreifarbige Federbüsche mir Nervenzufälle verursachten.« »Und ich bin froh, daß ich den Anführer dieser Escorte, den Bürger Brigadier Martin, los bin, welcher wie versessen darauf war, sich fortwährend an mich zu wenden, um sich nach den Befehlen meiner königlichen Hoheit zu erkundigen. Wenn ich bedenke, daß ich mich genöthigt sah, ihm freundlich zuzulächeln, während ich doch eher Lust gehabt hätte, ihm den Hals umzudrehen!« Dann wendete sie sich wieder zu Cesare und sagte: »Mein Herr, Sie können mir Ihre Cameraden vorstellen. Ich wünsche, dieselben so bald als möglich kennen zu lernen.« »Vielleicht wäre es besser, wenn Ihre königlichen Hoheiten warteten, bis der Brigadier Martin und seine Leute fort sind,« machte Herr von Chatillon bemerklich. »Und warum dies, Graf?« »Nun, damit er nicht diesen Herren bei Ihren königlichen Hoheiten begegne, wenn er kommt, um Abschied von Ihnen zu nehmen.« »Wenn er kommt, um Abschied von uns zu nehmen? Was mich betrifft, so hoffe ich, daß der Wicht nicht die Unverschämtheit besitzen wird, mir noch einmal vor die Augen zu kommen. Nehmen Sie zehn Louisdor, Chatillon, und geben sie dieselben dem Brigadier Martin für ihn und seine Leute. Ich will nicht, daß diese widerwärtigen Jakobiner sagen können, sie hätten uns einen Dienst geleistet, ohne dafür bezahlt worden zu sein.« »Ich werde thun, was Ew. königliche Hoheit mir befiehlt, aber ich zweifle, daß der Brigadier etwas annimmt.« »Daß er was annimmt?« »Die zehn Louisdor, welche Ew. königliche Hoheit ihm anbietet.« »Er würde sich dieselben lieber selbst nehmen, nicht wahr? Diesmal wird er sich aber wohl begnügen müssen, sie zu empfangen. Aber was ist das für eine Musik? Sollte man uns erkannt haben und uns eine Serenade bringen?« »Es wäre dies allerdings Pflicht der Einwohner, Madame,« antwortete der junge Corse lächelnd, »wenn sie wüßten, wen sie die Ehre haben in ihren Mauern zu besitzen. Sie wissen dies aber nicht, wenigstens setze ich dies voraus, und diese Musik ist einfach die einer Hochzeit, welche aus der Kirche kommt. Die Tochter des Stellmachers, welcher diesem Gasthause gegenüber wohnt, vermählt sich, und da ein Nebenbuhler vorhanden ist, so vermuthet man, dieser Tag werde nicht ohne ein tragisches Ereigniß vorübergehen. Wir, die wir seit gestern Abend hier sind, haben Zeit gehabt, uns von den Ortsneuigkeiten zu unterrichten.« »Schon gut, schon gut, sagte Madame Adelaide; » mit diesen Leuten haben wir nichts zu thun. Stellen Sie uns Ihre Cameraden vor, Herr von Cesare, stellen Sie sie uns vor. Wenn sie Ihnen gleichen, so können sie unseres Wohlwollens im Voraus versichert sein. Und Sie, Chatillon, tragen Sie diese zehn Louisdor zu dem Bürger Brigadier Martin und wenn er sich dafür bei uns zu bedanken wünscht, so sagen Sie ihm, daß wir, meine Schwester und ich, uns unwohl fühlten.« Der Graf von Chatillon und der Lieutenant Cesare entfernten sich, um die soeben empfangenen Befehle auszuführen. Cesare war der Erste, der mit seinen Cameraden zurückkam, und dies war sehr einfach. Die jungen Leute hatten in ihrer Begier zu wissen, was die königlichen Prinzessinnen beschließen würden, im Vorzimmer gewartet. Sie brauchten daher blos durch die Thür einzutreten, welche Cesare ihnen öffnete. Madame Victoire, welche stets einen gewissen Hang zur Frömmigkeit gehabt, hatte ihr Gebetbuch ergriffen und las ihre Messe, welche sie nicht hatte hören können. Sie begnügte sich, einen flüchtigen Blick auf die jungen Männer zu werfen und eine beifällige Geberde zu machen. Nicht so aber war es mit Madame Adelaide. Diese hielt eine förmliche Musterung. Cesare stellte ihr eine Cameraden vor. Es waren sämmtlich Corsen. Die Namen des Vorstellers und dreier von ihnen kennen wir schon: Francesco Bocchechiampe, Ugo Colonna und Antonio Guione. Die drei andern hießen: Raimondo Cortara, Lorenzo Durazzo und Stefano Pittaluga. Wir bitten unsere Leser, uns diese Umständlichkeit zu verzeihen. Da jedoch die unerbittliche Geschichte uns zwingt, eine große Anzahl Leute von allen Nationen und aus allen Classen in unsere Erzählung einzuführen, so müssen wir bei denen, welche eine gewisse Bedeutung darin erlangen, etwas ausführlicher verweilen. Wir sagen es noch einmal: es ist eine unermeßliche Epopöe, die wir hier schreiben und gleich dem Homer, dem König der epischen Dichter, sind wir genöthigt, unsere Soldaten aufzuzählen. Eben so wie wir im Großen, folgte Cesare dem Beispiele des Verfassers der Iliade im Kleinen. Er nannte seine sechs Cameraden einen nach dem andern der Prinzessin Madame Adelaide her, diese aber hatte sich besonders gemerkt, was der junge Corse ihr von Bocchechiampe's adeliger Abkunft gesagt, und deshalb war es speciell dieser, an welchen sie sich wendete. »Herr von Cesare hat mir gesagt, daß Sie ein Edelmann seien,« sagte sie zu ihm. »Dann hat er mir zu viel Ehre erwiesen,« königliche Hoheit. Ich bin höchstens adelig.« »Ah, dann machen Sie also einen Unterschied zwischen adelig und Edelmann, mein Herr?« »Allerdings, Madame, und ich habe die Ehre, einer Kaste anzugehören, die auf ihre Rechte eben deshalb, weil dieselben verkannt werden, zu eifersüchtig ist, als daß ich mir deren anmaßen sollte, die mir nicht zukommen. Ich könnte meinen zweihundertjährigen Adel und meine Eigenschaft als Malteserritter beweisen, wenn es noch einen Malteserorden gäbe, aber ich würde in große Verlegenheit kommen, wenn ich meinen Adel bis auf 1399 zurückführen sollte, um dann in die Carrossen des Königs steigen zu dürfen.« »Dennoch aber werden Sie in die unsere steigen, mein Herr,« sagte die alte Prinzessin, sich aufrichtend. »Erst wenn ich wieder herausgestiegen sein werde, Madame,« sagte der junge Mann sich verneigend, »werde ich mich rühmen, Edelmann zu sein.« »Hörst Du, liebe Schwester, hörst Du?« rief Madame Adelaide. »Das ist sehr hübsch, was er da sagt. Nun sind wir doch endlich unter Leuten, wie sie für uns passen.« Und die alte Prinzessin athmete freier auf. In diesem Augenblick trat der Graf von Chatillon wieder ein. »Nun, Chatillon, was sagte der Brigadier Martin?« fragte Madame Adelaide. »Er sagte ganz einfach, wenn Eure königliche Hoheit ihm dieses Anerbieten durch einen Andern als mich hätte machen lassen, so würde er diesem die Ohren abgeschnitten haben.« »Und Ihnen?« »Nun, mir hat er gütigst Schonung angedeihen lassen. Er nahm sogar an, was ich ihm bot.« »Und was boten Sie ihm denn?« »Einen Händedruck.« »Einen Händedruck, Chatillon? Sie haben einem Jakobiner einen Händedruck angeboten? Warum sind Sie, da Sie einmal so weit waren, nicht auch mit einer rothen Mütze auf dem Kopfe zurückgekommen? Es ist unglaublich! Ein Brigadier weist zehn Louis d'or zurück und ein Graf von Chatillon drückt einem Jakobiner die Hand! In der That, ich begreife nicht mehr diese Gesellschaft, die man geschaffen hat.« »Oder vielmehr, die man vernichtet hat,« sagte Madame Victoire, immer noch in ihrem Gebetbuch lesend. »Ja vernichtet, Du hast Recht, liebe Schwester; vernichtet, dies ist das richtige Wort. Werden wir es aber erleben, sie neu geschaffen zu sehen?« »Dies bezweifle ich.« »Mittlerweile, Chatillon, erheilen Sie Ihre Befehle. Um vier Uhr reisen wir weiter. Mit einer Escorte wie die dieser Herren können wir es wagen, des Nachts zu reisen. Herr von Bocchechiampe, Sie werden mit uns speisen.« Und mit einer Geberde, in welcher mehr Herrschsucht als Würde lag, verabschiedete die alte Prinzessin ihre sieben Vertheidiger, ohne im mindesten zu fühlen, wie verletzend es für die jungen Männer sein mußte, den vornehmsten unter ihnen mit Ausschluß der übrigen zu ihrem und ihrer Schwester Diner eingeladen zu haben. Bocchechiampe bat seine Cameraden durch einen Wink um Verzeihung für die ihm erwiesene Gunst. Sie antworteten ihm durch einen Druck der Hand. Ganz wie Cesare gesagt, war die Musik, welche man gehört, die, welche dem Brautzuge Francescas und Peppino's voranschritt. Der Zug war zahlreich, denn, wie Cesare ebenfalls gesagt, war man im Allgemeinen auf eine durch Michele Pezza herbeigeführte Katastrophe gefaßt. Beim Betreten der Terrasse richteten sich daher die Blicke der Neuvermälten auch sofort auf die halbverfallene Mauer, auf welcher sich vom frühen Morgen an der Urheber ihrer Unruhe befunden. Die Mauer war leer. Uebrigens zeigte kein Gegenstand die düstere Färbung, welche in den Augen des vermeinten Königs der Schöpfung sein Verschwinden aus dieser Welt immer ankündigen zu müssen scheint. Es war Mittag. Die in ihrem vollen Glanze am Himmel stehende Sonne ließ ihre Strahlen durch das Spalier fallen, welches über den Köpfen der Hochzeitsgäste einen grünen Baldachin bildete. Die Drosseln zwitscherten, die Amseln fangen, die Sperlinge piepten und die mit Wein gefüllten geschliffenen Caraffen spiegelten mitten aus ihren flüssigen Rubinen einen Goldglanz zurück. Peppino athmete auf. Er sah den Tod nirgends, sondern im Gegentheile das Leben überall. Es ist ja auch so schön, zu leben, wenn man mit der Geliebten soeben vermählt worden und endlich bei dem seit zwei Jahren erwarteten Tage angelangt ist. Einen Augenblick lang vergaß er Michele Pezza und dessen letzte Drohung, von welcher er noch bleich war. Was Don Antonio betraf, der weniger mit diesem Gedanken beschäftigt war als Peppino, so hatte er an der Thür den zerbrochenen Wagen und auf der Terrasse den Eigenthümer dieses Wagens gefunden. Sich hinter dem Ohr kratzend, ging er auf ihn zu. Die Arbeit kam an einem solchen Tage sehr ungelegen. »Also,« fragte er den Gesandten, den er immer noch blos für einen vornehmen Reisenden hielt, »Sie bestehen durchaus darauf, Excellenz, Ihre Reise heute noch weiter fortzusetzen?« »Ja, darauf bestehe ich,« antwortete der Bürger Garat. »Man erwartet mich in Rom wegen einer Angelegenheit von der größten Bedeutung und ich habe durch den Unfall, der mir begegnet ist, ohnehin schon drei bis vier Stunden versäumt.« »Wohlan, ein ehrlicher Mann hält sein Wort. Ich habe gesagt, wenn Sie uns die Ehre erzeigt haben würden, mit uns ein Glas Wein auf die glückliche Vermälung dieser Kinder zu trinken, so würde man dann arbeiten. Trinken wir und arbeiten wir dann.« Man füllte sämmtliche auf dem Tische stehende Gläser und reichte dem Fremden das mit einem goldenen Rande verzierte Ehrenglas. Der Gesandte trank, um sein Wort zu halten, auf die glückliche Vereinigung Francescas und Peppino's. Die jungen Mädchen riefen: »Es lebe Peppino!« Die jungen Bursche: »Es lebe Francesca!« und Trommeln und Guitarren stimmten die lustigste Tarantella an. »Wohlan,« sagte Meister della Rota zu Peppino, »es handelt sich jetzt nicht darum, verliebte Blicke auszutauschen, sondern sich an die Arbeit zu machen. Alles hat seine Zeit. Umarme deine Frau, Junge, und dann an die Arbeit.« Peppino ließ sich den ersten Theil dieser Aufforderung nicht zweimal sagen. Er faßte ein junges Weib in die Arme und drückte mit einem dankbaren Blick gen Himmel sie an sein Herz. In dem Augenblick aber, wo er, indem er die Augen mit jenem unbeschreiblichen Ausdruck der Liebe, welche lange gewartet hat und endlich befriedigt zu werden im Begriff steht, auf Francesca herabsenkte und seine Lippen den ihrigen näherte, knallte ein Schuß, man hörte eine Kugel pfeifen und dann folgte ein dumpfes Geräusch. »Oho!« sagte der Gesandte, »das war eine Kugel, die höchst wahrscheinlich mir gelten sollte.« »Sie irren sich, stammelte Peppino, indem er zu Francescas Füßen niedersank; »diese Kugel gilt mir.« Und ein heißer Blutstrom entquoll seinem Munde. Francesca stieß einen lauten Schrei aus und stürzte vor dem Körper ihres Gatten auf die Knie nieder. Aller Augen wendeten sich nach dem Punkte, von wo der Schuß hergekommen. Ein leichter weißlicher Rauch stieg in einer Entfernung von etwa hundert Schritten zwischen den Pappeln empor. Gleich darauf sah man unter den Bäumen einen jungen Mann, welcher mit raschen Sprüngen und einer Flinte in der Hand den Berg erkletterte. »Fra Michele!« riefen die Augenzeugen dieses Schauspiels, »Fra Michele!« Auf einer Art Plattform blieb der Fliehende stehen und rief mit drohender Geberde: »Ich heiße nicht mehr Fra Michele! Von diesem Augenblick an heiße ich Fra Diavolo.« Und unter diesem Namen ward er wirklich später bekannt. Die Taufe des Mordes trug über die der Erlösung den Sieg davon. Der Getroffene hatte mittlerweile seinen letzten Seufzer ausgehaucht. Zwölftes Capitel. Der Palast Corsini in Rom Da wir einmal auf dem Wege nach Rom sind, so wollen wir unserm Gesandten zu Championnet voran eilen, eben so wie wir ihm zu dem Stellmacher Don Antonio vorangeeilt sind. In einem der größten Zimmer des ungeheuren Palastes Corsini, welcher nach einander von Joseph Buonaparte, als Gesandten der Republik, und von Berthier bewohnt worden, welcher hierhergekommen war, um den an Basseville und Duphot verübten doppelten Meuchelmord zu rächen, wandelten Donnerstags am 24. September zwischen elf und zwölf Uhr Mittags zwei Männer auf und ab. Von Zeit zu Zeit blieben sie an großen Tischen stehen, auf welchen ein Plan des alten und des neuen Rom, eine Karte der durch den Vertrag von Tolentino beschnittenen römischen Staaten und eine ganze Sammlung Kupferstiche von Piranese ausgebreitet lagen. Auf anderen kleinen Tischen lagen ältere und neuere Geschichtswerke, darunter ein Livius, ein Polybius, ein Montecuculi, Cäsar‘s Commentarien, ein Tacitus, ein Virgil, ein Horaz, ein Juvenal, ein Macchiavelli, kurz eine fast vollständige Sammlung von classischen Büchern, welche sich auf die Geschichte Roms oder auf die Kriege der Römer bezogen. Jeder dieser Tische trug übrigens Schreibmaterialien, mit Notizen bedeckte Bogen Papier neben weißen Blättern, die ihrerseits ebenfalls beschrieben zu werden erwarteten und verriethen, daß der zeitweilige Wirth dieses Palastes sich von den Strapazen des Krieges, wenn auch nicht durch die Studien des Gelehrten, doch wenigstens durch die Lektüre des Freundes der Wissenschaften erholte. Diese beiden Männer waren, bis auf höchstens drei Jahr, von einem und demselben Alter, das heißt der eine zählte sechsunddreißig, der andere dreiunddreißig Jahre. Der ältere der beiden war gleichzeitig auch der kleinste. Er trug noch den Puder von 89, hatte den Zopf beibehalten und glänzte durch eine gewisse aristokratische Miene, welche er ohne Zweifel der außerordentlichen Sauberkeit seiner Kleidung und der Feinheit und Weiße seiner Wäsche verdankte. Sein schwarzes Auge war lebhaft, entschlossen und kühn, sein Bart sorgfältig rasiert, so daß weder von Schnurr- noch von Backenbart etwas zu sehen war. Sein Costüm war das der republikanischen Generale des Directoriums. Sein Hut, sein Säbel und seine Pistolen lagen auf einem Tische, der dem Stuhle, auf welchem er beim Schreiben zu sitzen pflegte, so nahe stand, daß er sie mit ausgestreckter Hand erreichen konnte. Dies war der Mann, welchen wir unsern Lesern schon oft genannt haben. Es war Jean Etienne Championnet, Obercommandant der Armee von Rom. Der andere, von Wuchs größer, wie wir schon bemerkt, und blond von Haar, verrieth durch die Frische seiner Gesichtsfarbe eine nordische Abstammung. Sein Auge war blau, feucht und hell, die Nase von mittlerer Größe, die Lippen schmal und das Kinn hatte jene stark hervorragende Form, welche das vorherrschende Kennzeichen der wilden Naturen, das heißt der erobernden Naturen ist. Dabei aber hatte seine ganze Erscheinung den Ausdruck einer Ruhe, welche nicht blos einen im Feuer unerschrockenen Soldaten, sondern auch einen General machen mußte, welcher alle Hilfsquellen in sich vereinigte, die nur eine Frucht echter Kaltblütigkeit sein können. Er war von irischer Familie, aber in Frankreich geboren. Anfangs hatte er in dem irländischen Corps von Dillon gedient, sich bei Jemappes ausgezeichnet, war nach der Schlacht zum Oberst ernannt worden, hatte den Herzog von Aork zu verschiedenen Malen geschlagen, im Jahre 1795 den Wahal auf dem Eise überschritten, sich an der Spitze einer Infanterie der holländischen Flotte bemächtigt, war zum Divisionsgeneral ernannt und endlich nach Rom geschickt worden, wo er eine Division unter Championnet commandirte. Dieser Mann war Joseph Alexander Macdonald, der später Marschall von Frankreich ward und als Herzog von Tarent starb. Diese beiden Männer waren für den, der sie, während sie so plauderten, angesehen hätte, zwei Soldaten, für den aber, der ihr Gespräch gehört, wären sie zwei Philosophen, zwei Archäologen, zwei Historiker gewesen. Es war eine Eigenthümlichkeit der französischen Revolution – und die Sache begreift sich sehr leicht, weil die Armee aus Elementen zusammengesetzt war, die allen Classen der Gesellschaft angehörten – daß sie neben einen Cartaux, einen Rossignol und einen Luckner auch einen Miollis, einen Championnet, einen Ségur, das heißt neben das materielle, rohe Element das geistige und veredelte stellte. »In der That, mein lieber Macdonald,« sagte Championnet, »je mehr ich diese römische Geschichte mitten in Rom und ganz besonders die dieses großen Kriegsmannes, dieses großen Redners, dieses großen Gesetzgebers, dieses großen Dichters, dieses großen Philosophen, dieses großen Politikers studiere, welchen man Cäsar nennt und dessen Commentarien der Katechismus eines Jeden sein müssen, welcher darnach trachtet, eine Armee zu commandieren, desto mehr bin ich überzeugt, daß unsere Professoren der Geschichte sich in Bezug auf das Element, welches Cäsar in Rom präsentierte, vollständig täuschen. Lucan mag immerhin zu Gunsten Catos einen der schönsten lateinischen Verse machen, welche jemals gemacht worden sind; Cäsar mein Freund, war die Humanität, Cato war nur das Recht.« »Und Brutus und Cassius, was waren diese?« fragte Macdonald mit dem Lächeln eines Menschen, der nur halb überzeugt ist. »Brutus und Cassius – Sie werden wohl gleich bis an die Decke springen, denn ich weiß, daß ich damit den Gegenstand Ihres Cultus berühre – Brutus und Cassius waren zwei theoretische Republikaner, der eine einredlicher, der andere ein falscher; eine Art Laureaten der Schule von Athen, Nachahmer des Harmodius und Aristogiton, Kurzsichtige, die nicht weiter sahen, als ihr Dolch reichte, beschränkte Köpfe, welche die von Cäsar geträumte Assimilation der Welt nicht begreifen konnten. Ich muß hinzufügen, daß wir intelligenten Republikaner Cäsar verherrlichen und seine Mörder verwünschen müssen.« »Das ist ein Paradoxon, welches sich vertheidigen läßt, mein lieber General; um es aber als eine Wahrheit geltend zu machen, bedürfte man auch Ihres Geistes und Ihrer Beredsamkeit.« »Ach, mein lieber Joseph, erinnern Sie sich unserer Promenade gestern im Museum des Capitols? Nicht ohne Grund sagte ich zu Ihnen: »Macdonald, betrachten Sie diese Büste des Brutus; Macdonald, betrachten Sie diesen Kopf Cäsar's.« Erinnern Sie sich noch beider?« »Ja wohl.« »Nun dann vergleichen Sie diese gewaltige, aber zusammengepreßte Stirn mit dem Haar, welches bis auf die Augenbrauen herabhängt, was übrigens das Kennzeichen des echten römischen Typus ist; vergleichen Sie diese dichten, zusammengezogenen Augenbrauen, welche das düstere Auge fast verhüllen, mit der breiten, offenen Stirn Cäsars, mit seinen Adleraugen.« »Oder Falkenaugen, occhi griffagni, wie Dante jagt.« »Nigris et vegetis oculis,« sagt Suetonius, »und wenn Sie erlauben, so werde ich mich an Suetonius halten, seine schwarzen, lebensvollen Augen. Begnügen wir uns daher damit, und Sie werden sehen, auf welcher Seite die Intelligenz war. Man machte Cäsar den Vorwurf, daß er den Senat für Senatoren geöffnet, die nicht einmal den Weg dahin kannten. Dies war aber sein Genie und gleichzeitig das Genie Roms, Athens, und unter Athen verstehe ich Griechenland. Athen ist nur die Colonie; sie schwärmt und jetzt nach außen an. Rom ist die Adoption; es trachtet nach dem Weltall und assimiliert es sich. Die orientalische Civilisation, Egypten, Syrien, Griechenland, Alles ist hier vorübergegangen. Die occidentalische Barbarei, Hiberien, Gallien, ja selbst Armorica, Alles wird hier vorübergehen. Die durch Karthago repräsentierte semitische Welt und Judäa leisten Rom Widerstand. Karthago wird vernichtet, die Juden werden zerstreut, die ganze Welt wird über Rom regieren, weil die ganze Welt in Rom ist. Nach einem Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius und Nero, das heißt nach den römischen Cäsaren, kommen die Flavier, die schon nur Italiener sind, dann die Antonine, welche Spanier und Gallier sind, dann Septimus, Caracalla, Heliogabalus, Alexander Severus, welche Afrikaner und Syrier sind. Erst nach dem Araber Philippus, dem Gothen Maximinius, nach Aurelianus und Probus kommen jene abgehärteten Bauern Illyriens, um sich auf den Thron zu setzen, der unter dem Hunnen Augustulus zusammenbricht, welcher in der Campagna mit einer Rente von sechstausend Pfund Gold stirbt, die ihm Odoaker, König der Heruler, ausgesetzt hatte. Alles ist um Rom herum in Trümmer gefallen, nur Rom allein steht noch. Capitoli immobile saxum.« »Glauben Sie nicht, daß eben dieses Gemisch von Rassen es ist, welchem die Italiener die Schwächung ihres Muthes und die Verweichlichung ihres Charakters zuzuschreiben haben?« fragte Macdonald. »Ach, Sie sind auch wie die Andern, mein lieber Macdonald. Sie beurtheilen den Grund nach der Oberfläche, weil die Lazzaroni feig und faul sind – vielleicht kommen wir eines Tages auch von dieser Meinung zurück – darf man daraus den Schluß ziehen, daß alle Neapolitaner feig und faul seien? Betrachten Sie einmal die beiden Exemplare, welche Neapel uns geschickt hat – Salvato Palmieri und Hector Caraffa. Kennen Sie unter allen unseren Legionen – zwei gewaltigere Persönlichkeiten? Der Unterschied, der zwischen den Italienern und uns besteht, mein lieber Joseph – und ich fürchte sehr, daß dieser Unterschied zu unserem Nachtheile laute – ist der, daß wir unsern Gewohnheiten als Unterthan treu, für einen Menschen sterben werden, während man in Italien im Allgemeinen nur für die Ideen stirbt. Die Italiener huldigen allerdings nicht wie wir dem abenteuerlichen Suchen nach zwecklosen Gefahren, aber dies ist ein Erbtheil von unserm Vorvätern, den alten Galliern. Ebenso huldigen sie auch nicht wie wir der ritterlichen Vergötterung des Weibes, weil sie in ihrer ganzen Geschichte weder eine Jeanne d'Arc noch eine Agnes Sorel haben. Sie huldigen nicht wie wir der enthusiastischen Träumerei der feudalen Welt, denn sie haben weder einen Carl den Großen, noch einen Ludwig den Heiligen, dafür aber haben sie etwas Anderes – einen strengen Genius, welcher allen unklaren Sympathien fremd ist. Der Krieg ist bei ihnen eine Wissenschaft geworden. Die italienischen Condottieri sind unsere Lehrmeister in der Strategie. Was waren unsere Heerführer des Mittelalters, unsere Chevaliers von Crecy, von Poitiers und Azincourt gegen einen Sforza, einen Malatesta, einen Braccio, einen Gangrande, einen Farnese, einen Carmagnola, einen Baglioni, einen Ezzelino? Der erste Feldherr des Alterthums, Cäsar, ist ein Italiener und dieser Buonaparte, der uns Alle einen nach den andern verspeisen wird, wie Cäsar Borgia ganz Italien Blatt um Blatt aufessen wollte, dieser kleine Buonaparte, den man in Egypten eingesperrt glaubt, der aber auf die eine oder die andere Weise, müßte er auch die Flügel des Dädalus oder den Hippogryphen Astophs entlehnen, herauskommen wird, ist abermals ein Mann von italienischer Abstammung. Man braucht, um sich davon zu überzeugen, nur ein mageres, trockenes Profil zu sehen; es liegt darin gleichzeitig etwas von Cäsar, von Dante und von Macchiavelli.« »Aber Sie werden wenigstens zugeben, mein lieber General, wie enthusiastisch Sie auch für die Römer eingenommen sind, daß zwischen den Römern der Gracchen oder selbst denen Rienzis und den heutigen ein großer Unterschied ist.« »Dieser Unterschied ist nicht so groß, als Sie glauben, Macdonald. Der Beruf des alten Rom war militärische oder politische Thätigkeit. Es sollte die Welt erst erobern und dann regieren. Jetzt, wo es seinerseits erobert ist und regiert wird, träumt es, weil es nicht mehr handeln kann. Seit den drei Wochen, die ich hier bin, mache ich weiter nichts, als daß ich diese monumentale Menschenrasse in ihren Straßen und auf ihren öffentlichen Plätzen betrachte. Ja, mein lieber Freund, diese Menschen sind für mich Basreliefs, die von der ehernen Säule des Trajan herabgestiegen sind, weiter nichts, die aber leben und einhergehen. Jeder von ihnen ist der civis romanus, ein viel zu vornehmer Herr und viel zu sehr Herrscher der Welt, um zu arbeiten. Ihre Schnitter lassen sie aus den Abruzzen kommen, ihre Lastträger holen sie von Bergamo. Wenn ihr Mantel Löcher hat, so lassen sie sich denselben von einem Juden, aber nicht durch ihr Weib ausbessern. Ist sie nicht die römische Matrone? Allerdings nicht mehr die aus der Zeit Lucretias, welche Wolle spinnt und das Haus hütet. Nein, wohl aber die aus der Zeit Catilinas und Neros, welche sich entehrt glauben würde, wenn sie eine Nadel führte, es geschähe denn, um Cicero die Zunge zu durchbohren oder Octavia die Augen auszukratzen. Wie sollen die Nachkommen von Menschen, welche von Thür zu Thür gingen, um ihre Almosen einzusammeln, welche sechs Monate von dem Verkaufe ihrer Stimmen auf dem Marsfelde lebten, an welche Cato, Cäsar und Augustus das Getreide scheffelweise austheilen ließen, für welche Pompejus Forum und Bäder baute, die einen Präfekt der Annona hatten, dessen Pflicht es war, sie zu ernähren, die noch heute einen haben, der sie aber nicht mehr ernährt, auf einmal anfangen, ihren edlen Fingern knechtische Arbeit zuzumuthen? Nein, von diesen Menschen können Sie nicht verlangen, daß sie arbeiten. War das Volk »König« nicht ein Volk von Bettlern? Alles, was Sie von diesem Volke verlangen können, nachdem es eine Krone verloren hat, ist, daß es nobel bettle, und dies thut es. Beschuldigen Sie es der Rohheit, wenn Sie wollen, aber nicht der Schwäche, denn ein Messer würde darauf antworten. Sein Messer verläßt es eben so wenig, als das Schwert den Legionär verließ. Das Messer ist das Schwert des Sclaven.« »Davon können wir allerdings erzählen. Sehen wir nicht von diesem Fenster aus, welches auf den Garten geht, den Platz, wo dieses Volk unsern Duphot, und von diesem, welches auf die Straße geht, den, wo es Basseville ermordete? Aber was sehe ich dort?« sagte Macdonald, indem er sich mit einem Ausruf des Erstaunens selbst unterbrach. »Da kommt ein Postwagen. Gott verzeihe mir, es ist der Bürger Garat!« »Was für ein Garat?« »Der Gesandte der Republik am Hofe von Neapel.« »Unmöglich.« »Er ist es wirklich, General.« Championnet warf einen Blick auf die Straße, erkannte Garat ebenfalls und eilte, sofort die Wichtigkeit dieses Ereignisses begreifend, nach der Thür des Salons, den er in ein Bibliothekzimmer und Arbeitscabinet umgewandelt hatte. In dem Augenblick, wo er diese Thür öffnete, kam der Gesandte die letzte Stufe der Treppe herauf und erschien auf dem Vorplatz. Macdonald wollte sich entfernen, Championnet aber hielt ihn zurück. »Sie sind mein linker und zuweilen auch mein rechter Arm; bleiben Sie, mein lieber General.« Beide warteten mit Ungeduld auf die Nachrichten, welche Garat von Neapel brachte. Die Begrüßungen waren kurz. Championnet und Garat drückten einander die Hand, Macdonald ward vorgestellt und Garat begann seinen Bericht. Dieser Bericht war aus den Dingen zusammengesetzt, welche wir vor unseren Augen haben geschehen sehen – der Ankunft Nelsons, den Festen, welche ihm gegeben worden, und der Erklärung, welche der Gesandte sich verbunden glaubte zu erlassen, um die Würde der Republik zu wahren. Dann erzählte der Gesandte als Beigabe den Unfall, der seinem Wagen zwischen Castellane und Itri zugestoßen; wie dieser Unfall ihn genöthigt, bei dem Stellmacher Don Antonio zu verweilen; wie er den alten Prinzessinnen mit ihrer Escorte, die er gehindert, weiter mitzugehen, begegnet war; wie er die Ermordung des Schwiegersohnes Don Antonios durch einen jungen Mann mit angesehen, welcher sich Fra Diavolo genannt und dem herrschenden Gebrauche gemäß nach dem Gebirge entflohen war, um Bandit zu werden und der Strafe für sein Verbrechen zu entrinnen, und wie er endlich das Pferd des Brigadier Martin genommen und diesen in Itri zurückgelassen, damit er später mit seinem Wagen nachkäme, während er selbst in Fondi einen andern gemiethet, mit welchem er so eben ohne einen andern Unfall als eine Verzögerung von sechs Stunden in Rom angelangt sei. Der Brigadier Martin und die vier Mann Escorte, setzte er hinzu, würden aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe des nächstfolgenden Tages anlangen. Championnet hatte den Gesandten bis zu Ende erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen, und immer gehofft, ein Wort von seinem Abgesandten zu hören. Als aber der Bürger Garat mit seiner Erzählung fertig war, ohne den Namen Salvato's Palmieri genannt zu haben, begann Championnet zu fürchten, daß der Gesandte Neapel schon verlassen gehabt, als sein Adjutant daselbst angekommen sei und daß sie sich demgemäß unterwegs gekreuzt hätten. Der Obergeneral, der deshalb sehr unruhig ward und nicht wußte, was Salvato nach der Abreise des Gesandten begegnet sein konnte, wollte eben eine Reihe Fragen über diesen Punkt an Garat richten, als ein Geräusch, welches sich im Vorzimmer hören ließ, seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. In demselben Augenblick öffnete sich die Thür und die Schildwache meldete, daß ein Mann, der wie ein Bauer gekleidet sei, durchaus mit dem General sprechen wolle. Die Stimme der Schildwache übertäubend, rief aber eine andere in kräftigem Tone: »Ich bin es, mein General, ich, Hector Caraffa. Ich bringe Ihnen Nachrichten von Salvato.« »Laßt ihn eintreten, morbleu, laßt ihn eintreten!« rief Championnet. »Eben wollte ich mich bei dem Bürger Garat erkundigen. Kommen Sie, Hector, kommen Sie. Sie sind zweimal willkommen.« Der Graf von Ruvo stürzte in das Zimmer und warf sich dem General an die Brust. »Ach, mein General, mein theurer General!« rief er, »wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!« »Sprachen Sie nicht von Salvato, Hector? Was für Nachrichten bringen Sie uns von ihm?« »Gute und schlimme zu gleicher Zeit – gute, weil er jetzt sehr leicht todt sein könnte, aber es nicht ist; schlimme, weil man ihm während seines bewußtlosen Zustandes den Brief geraubt hat, den Sie ihm an den Bürger Garat mitgegeben.« »Sie hatten ihm einen Brief an mich mitgegeben?« fragte Garat. Hector drehte sich herum. »Ah, Sie, mein Herr, sind also der Gesandte der Republik?« fragte er Garat. Dieser verneigte sich. »Schlimme Nachrichten! schlimme Nachrichten!« murmelte Championnet. »Und warum? wie so? Erklären Sie mir das,« sagte der Gesandte. »Mein Gott, die Sache ist die. Ich schrieb Ihnen, daß wir jetzt nicht im Stande sind, uns zu schlagen. Ich sagte Ihnen in meinem Brief, daß es uns an Allem fehle, an Leuten, an Geld, an Brod, an Bekleidungsstücken, an Munition. Ich bat Sie, Alles, was in Ihren Kräften stünde, zu thun, um den Frieden zwischen dem Königreich der beiden Sicilien und der Republik noch eine Zeit lang zu erhalten. Wie es aber scheint, ist mein Bote zu spät gekommen. Wahrscheinlich waren Sie schon fort oder er ist verwundet worden, – was weiß ich? Erzählen Sie uns doch die ganze Geschichte, Hector. Wenn mein Brief in die Hände unserer Feinde gefallen ist, so ist dies allerdings ein großes Unglück, ein noch größeres Unglück aber wäre es, wenn mein lieber Salvato an seinen Wunden stürbe, denn sagten Sie nicht, er sei verwundet, man habe ihn ermorden wollen, oder so etwas? »Und zu drei Viertheilen ist es auch gelungen. Man hatte ihn ausspioniert und war ihm nachgeschlichen. Beim Herauskommen aus dem Palast der Königin Johanna in Mergellina lauerten ihm sechs Mann auf. Sie, der Sie Salvato kennen, können sich leicht denken, daß er sich nicht abwürgen ließ wie ein junges Huhn. Er tödtete zwei seiner Angreifer und verwundete zwei, endlich aber warf einer der Sbirren, ihr Anführer, Pasquale de Simone, der im speciellen Dienste der Königin steht, sein Messer nach ihm und dieses drang ihm bis ans Heft in die Brust. »Und wo und wie ist er gefallen?« »O, in dieser Beziehung beruhigen Sie sich, mein General. Es gibt Leute, welchen das Glück nie untreu wird. Salvato fiel in die Arme der schönsten Frau von Neapel, die ihn vor Aller Augen verborgen hält, natürlich auch vor denen ihres Mannes.« »Und die Wunde? die Wunde?« rief der General. »Sie wissen, Hector, daß ich Salvato liebe wie meinen Sohn.« »Die Wunde ist schwer, sehr schwer, aber nicht tödtlich. Uebrigens ist es der erste Arzt von Neapel, einer der Unsern, der ihn in Behandlung genommen und für sein Wiederaufkommen bürgt. O, er hat sich herrlich gehalten, unser Salvato. Er hat Ihnen seine Geschichte niemals erzählt. Dieselbe ist ein, förmlicher Roman und zwar ein furchtbarer Roman, mein lieber General, gleich dem Macduff Shakespeares ist er aus dem Leibe einer Todten geschnitten worden. Er wird Ihnen dies Alles eines Tages oder vielmehr eines Abends im Bivouac erzählen, um Ihnen die Zeit zu vertreiben. Jetzt aber handelt es sich um etwas Anderes. Das Niedermetzeln der Unsern hat in Neapel begonnen. Cirillo war, als er sich zu mir begeben wollte, um mir die Nachricht, die ich überbringe, mitzutheilen, zwei Stunden lang auf dem Quai aufgehalten worden.« »Und wodurch? Durch einen Scheiterhaufen, welcher den Weg versperrte und auf welchem die Lazzaroni die beiden Brüder della Torre lebendig verbrannten.« »Die Verworfenen!« rief Championnet. »Denken Sie sich! Ein Dichter und ein Bücherwurm, ich frage Sie, was konnten diese Leute gethan haben? Uebrigens spricht man von einem großen Cabinetsrath, welcher im Palast stattgefunden haben soll. Ich weiß es von Nicolino Carracciolo, welcher der Geliebte der San Clemente, einer der Ehrendamen der Königin, ist. Der Krieg gegen die Republik ist beschlossen. Oesterreich liefert den General.« »Kennen Sie ihn?« »Ja, es ist der Baron Carl Mack.« »Na, dies ist kein Name, dem ein sonderlichen Schrecken einjagender Ruf voranginge.« »Allerdings nicht, aber weit furchtbarer ist der Umstand, daß England sich in die Sache mischt und das Geld liefert. Eine Armee von sechzigtausend Mann steht bereit, in acht Tagen gegen Rom zu marschieren, wenn es sein muß und dann – doch, ich glaube, das ist Alles, was ich zu melden habe.« »Zum Teufel, es ist mehr als genug, wie mir scheint,« antwortete Championnet. Dann wendete er sich zu dem Gesandten und fuhr fort: »Sie sehen, mein lieber Garat, daß kein Augenblick zu verlieren ist. Zum Glück habe ich gestern zwei Millionen Patronen erhalten. Allerdings haben wir keine Kanonen, aber mit zwei Millionen Patronen und zehn- oder zwölftausend Bajonetten werden wir die Kanonen der Neapolitaner nehmen.« »Ich dächte, Salvato hätte uns gesagt, Sie hätten nur neuntausend Mann.« »Ja, aber ich zähle auf dreitausend Mann Verstärkung. Sind Sie müde, Hector?« »Nein, durchaus nicht.« »Dann sind Sie wohl bereit, nach Mailand abzureisen?« »Ja wohl, sobald ich gefrühstückt und die Kleider gewechselt haben werde, denn ich sterbe fast vor Hunger, und bin, wie Sie sehen, mit Schmutz bedeckt. Ich bin über Isoletta, Agnani und Frosinone gekommen und die Wege sind durch den Gewitterregen fast grundlos geworden. Ich finde es sehr verzeihlich, daß Ihre Schildwachen mich in dem Zustande, in dem ich mich befinde, nicht bei Ihnen vorlassen wollten.« Championnet zog die Klingel und sein Kammerdiener trat ein. »Ein Frühstück, ein Bad und Kleider für den Bürger Hector Caraffa. Das Bad muß in zehn Minuten, die Kleider in zwanzig, das Frühstück in einer halben Stunde fertig sein.« »Mein General,« sagte der Kammerdiener, »von Ihren Kleidern wird keines dem Bürger Caraffa passen. Er ist ja einen ganzen Kopf größer als Sie.« »Hier,« mischte Garat sich ein, »ist der Schlüssel zu meinem Koffer; öffnet denselben und nehmt Wäsche und Kleider für den Grafen von Ruvo heraus. Er ist so ziemlich von meiner Statur und übrigens heißt es hier einmal: Im Kriege geht es nicht anders.« »In Mailand werden Sie Joubert treffen. Ich spreche mit Ihnen, Hector; hören Sie mich!«, hob Championnet wieder an. »Ich verliere kein Wort, mein General.« »In Mailand werden Sie Joubert treffen. Sagen Sie ihm, er solle sich einrichten, wie er wolle, aber ich brauchte dreitausend Mann oder Rom sei verloren. Er mag sie, wenn es geschehen kann, unter Kellermanns Befehl stellen. Dieser ist ein ausgezeichneter Cavalleriegeneral und namentlich fehlt es uns überall an Cavallerie. Sie werden dieselbe gleich mitbringen und nach Civita Castellane dirigieren. Dort werden wir uns wahrscheinlich wieder treffen. Eile brauche ich Ihnen nicht erst zu empfehlen.« »Mein General, ein Mann, welcher in achtundvierzig Stunden siebzig Meilen auf Gebirgswegen zurückgelegt hat, bedarf dieser Empfehlung allerdings nicht.« »Sie haben Recht.« »Uebrigens,« sagte Garat, »mache ich mich anheischig, den Bürger Caraffa bis nach Mailand zu bringen. Meine Postchaie muß spätestens morgen eintreffen.« »Sie werden nicht auf Ihre Postchaie warten, mein lieber Gesandter, sondern die meinige nehmen,« sagte Championnet. »Unter den Umständen, in welchen wir uns befinden, ist keine Minute zu verlieren. Macdonald, ich bitte, schreiben Sie in meinem Namen an alle Chefs der Corps, welche Terracina, Piperno, Proffeti, Frosinone, Veroli, Tivoli, Ascoli, Farmo und Macerata besetzt halten, daß sie keinen Widerstand leisten, sondern sobald als Sie erfahren, daß der Feind die Grenze überschritten hat, sich jedem Gefecht ausweichend auf Civita Castellane zurückziehen sollen.« »Wie!« rief Garat, »Sie wollen Rom den Neapolitanern überlassen, ohne es zu vertheidigen zu suchen?« »Wenn ich kann, so werde ich es verlassen, ohne einen Schuß abzufeuern. Aber seien Sie unbesorgt. Es geschieht jedenfalls nicht auf lange.« »Natürlich verstehen Sie dies Alles besser als ich, mein General.« »Ich, ich verstehe von dem Kriege weiter gar nichts als das, was Macchiavelli davon sagt.« »Und was sagt Macchiavelli?« »Muß ich das Ihnen sagen, einem Diplomaten, welcher den Macchiavelli auswendig wissen sollte? Wohlan, er sagt – hören Sie wohl, Hector – hören auch Sie, Macdonald – er sagt: Das ganze Geheimniß des Krieges besteht in zwei Dingen. Erstens muß man Alles thun, was der Feind nicht muthmaßen kann, und zweitens muß man ihn Alles thun lassen, was man vorausgesehen, daß er es thun würde. Wenn man die erste dieser Vorschriften befolgt, so vereitelt man die Vertheidigungspläne des Feindes, und wenn man die zweite beobachtet, so macht man seine Angriffspläne vergeblich. Lesen Sie Macchiavelli, das ist ein großer Mann, mein lieber Garat, und wenn Sie ihn gelesen haben –« »Nun, wenn ich ihn gelesen habe?« »Dann lesen Sie ihn noch einmal von vorn.« Die Thür öffnete sich und der Kammerdiener trat wieder ein. »Ah, mein lieber Hector,« fuhr Championnet fort, »da kommt Scipio, um Ihnen zu sagen, daß Ihr Bad bereit ist. Während Macdonald seine Briefe schreibt, werde ich Garat sagen, was er dem Directorium von den Spitzbübereien erzählen soll, welche die Agenten desselben hier verüben. Dann wollen wir uns zu Tische setzen und ein Glas Wein aus dem päpstlichen Keller auf unsern baldigen und glücklichen Einzug in Neapel trinken.« Vierter Theil Erstes Capitel. Giovannina Unsere Leser werden bemerken, mit welcher Sorgfalt wir sie durch unbekannte Gegenden und Persönlichkeiten hindurchführen, um unseren Erzählungen gleichzeitig die Festigkeit des Ganzen und die bunte Abwechslung der Einzelheiten zu bewahren. Wir sind dadurch ganz natürlich zu einigen Weitschweifigkeiten verleitet worden, welche nun nicht mehr vorkommen werden, denn bis auf nur wenige Individualitäten, denen wir noch begegnen werden, stehen unsere sämtlichen Personen nun auf der Bühne und haben, so viel als es in unserer Macht gestanden, ihren Charakter durch ihr eigenes Handeln entwickelt. Uebrigens sind nach unserer Meinung Länge oder Kürze einer Sache nicht einem materiellen Maß unterworfen. Ist ein Werk interessant, so wird es, selbst wenn es zwanzig Bände hätte, dem Publikum kurz erscheinen. Ist es dagegen langweilig, so wird der Leser, und wenn es blos zehn Seiten zählte, es fortwerfen, noch ehe er damit zu Ende gekommen ist. Was uns betrifft, so haben in der Regel unsere längsten Bücher, das heißt die, in welchen es uns gestattet gewesen, die Charaktere genau zu entwickeln, und eine längere Reihe von Ereignissen vorzuführen, das meiste Glück gemacht und sind am begierigsten gelesen worden. Unter den dem Leser schon bekannten Personen, oder solchen, denen wir nur noch einige Pinselstriche zu geben brauchen, knüpfen wir daher jetzt unsere Erzählung wieder an, welche für den ersten Blick von ihrem Wege abgewichen ist, um unserem Gesandten und dem Grafen Ruvo nach Rom zu folgen, eine, wie man später sehen wird, ganz nothwendige Abweichung —um acht Tage später, nach der Abreise Hektors Caraffa nach Mailand und des Bürgers Garat nach Frankreich, wieder nach Neapel zurückzukehren. Wir befinden uns daher gegen zehn Uhr Morgens auf dem Kai Margellina. Wir sehen auf demselben ein buntes Gewimmel von Fischern und Lazzaroni, so wie von allerhand Leuten aus dem Volke, welche, mit Köchen aus vornehmen Häusern untermischt, nach dem Markte eilen, welchen seinem Casino gegenüber der König Ferdinand eröffnet hat, der, als Fischer gekleidet, hinter dem mit Fischen bedeckten Tische stehend, das Ergebniß seines Fischfangs selbst verkauft. Trotz der Aufregung, in welche ihn die politischen Angelegenheiten versetzt, trotzdem, daß er jeden Augenblick die Antwort seines Neffen, des Kaisers, erwartet, trotz der Schwierigkeit, die es ihm macht, die von Sir William Hamilton unterschriebene und von Nelson im Namen Pitt’s endossirte Tratte schnell in klingende Münze zu verwandeln, hat er doch nicht seinen beiden Lieblingsvergnügungem dem Fischfang und der Jagd, entsagen können. Gestern hat er in Persano gejagt, heute Morgen hat er in Pausilippo gefischt. Unter der Menge, welche durch dieses häufige, für das Volk von Neapel aber stets neue Schauspiel herbeigelockt wird, würden wir uns versucht fühlen, unsern alten Freund Michele, den Narren, zu suchen, welcher, wie wir uns zu sagen beeilen, mit dem Michele, welchen wir nach Peppinas Ermordung in das Gebirg entfliehen gesehen, nichts gemein hat, sondern unsern Michele, welcher, anstatt wie die Andern den Kai weiter hinaufzugehen, an der kleinen Thür jenes unsern Lesern schon bekannten Gartens stehen bleibt. Allerdings steht an der Thür dieses Gartens an die Mauer gelehnt und mit den Augen in dem Azur des Himmels, oder vielmehr in den Regionen ihrer Gedanken umherschweifend, ein junges Mädchen, welcher wir in Folge ihrer untergeordneten Stellung bis jetzt nur eine Aufmerksamkeit zu widmen vermocht, welche eben so untergeordnet gewesen ist, wie die Stelle dieser Person selbst. Es ist dies Giovanna oder Giovannina, die Zofe Luisa’s San Felice, gewöhnlich kurzweg Nina genannt. Sie repräsentiert einen bei den Landleuten in der Umgegend von Neapel eigenthümlichen Typus, eine Art Ausnahmswesen, welches man ganz erstaunt ist unter der brennenden Sonne des Südens zu finden. Sie ist ein junges Mädchen von neunzehn bis zwanzig Jahren, von mittlerem Wuchs und dennoch mehr groß als klein. Dabei ist ihre Gestalt vollkommen geformt und ihr Verweilen in der Nähe einer vornehmen Dame hat ihr einen Geschmack an Sauberkeit beigebracht, welche unter der Volksklasse, der sie angehört, nur selten anzutreffen ist. Ihr volles, wohlgepflegtes, durch ein himmelblaues Band zusammengehaltenes Haar ist von jenem brennenden Blond, welches die auf der Stirn der bösen Engel umherhüpfende Flamme zu sein scheint. Ihr milchweißes Gesicht ist mit Sommerflecken bedeckt, welche sie durch die der Toilette ihrer Herrin entlehnten Schönheitsmittel und Essenzen zu entfernen sucht. Ihre Augen sind grün und irisiren wie die der Katzen, deren sich bald öffnende, bald schließende Pupille sie ebenfalls besitzt. Ihre Lippen sind dünn und bleich, werden aber bei der geringsten Gemüthsbewegung blutroth. Ihre Zähne sind untadelhaft und sie pflegt dieselben eben so sorgfältig und scheint eben so stolz daraus zu sein, als ob sie eine Marquise wäre. Ihre Hände, aus denen keine Spur von einer Ader zu sehen, sind weiß und kalt wie Marmor. Bis zu der Zeit, wo wir sie unsern Lesern kennen gelehrt, hat sie ihrer Herrin sehr zugethan zu sein geschienen und ihr nur jene Veranlassungen zur Unzufriedenheit gegeben, welche in dem Leichtsinn der Jugend und in den Wunderlichkeiten eines erst in der Ausbildung begriffenen Charakters ihren Entstehungsgrund haben. Wenn die Wahrsagerin Nanno da wäre und ihre Hand geprüft hätte, wie sie die ihrer Herrin geprüft hat, so würde sie sagen, daß ganz im Gegensatz zu Luisa, welche unter dem glücklichen Einfluß der Venus und des Mondes geboren, Giovannina unter der schlimmen Vereinigung des Mondes und des Merkur geboren ist, und daß sie dieser verderblichen Zusammenstellung jene neidischen Regungen, welche ihr zuweilen das Herz zusammenschnüren, und jene ehrgeizigen Wallungen verdankt, welche ihr Gemüth bewegen. Giovannina ist demnach, mit kurzen Worten gesagt, weder schön nach auch nur hübsch, dennoch aber ist sie ein seltsames Wesen, welches den Blick vieler jungen Männer auf sich zieht. Viele, die unter ihr oder ihr gleich stehen, haben ihr Aufmerksamkeiten erwiesen, aber sie hat dieselben stets unbeachtet gelassen. Ihr Ehrgeiz trachtet höher hinaus und wohl zwanzigmal hat sie gesagt, daß sie lieber ihr ganzes Leben lang Mädchen bleiben, als einen Mann heiraten will, welcher einem niedrigeren Stande oder auch einem dem ihrigen gleichen angehört. Michele und Giovannina sind alte Bekannte. Seit den sechs Jahren, wo Giovannian bei Luisa San Felice ist, haben sie Gelegenheit gehabt, einander oft zu sehen. Michele hat sogar, wie die andern jungen Leute, durch die physische und moralische Seltsamkeit des Mädchens verlockt, ihr den Hof zu machen versucht. Sie hat aber dem jungen Lazzarone ohne Umschweife erklärt, daß sie nur einen Signore lieben würde, selbst auf die Gefahr hin, daß der Signore, den sie liebte, ihre Liebe nicht erwiederte. Michele, der nichts weniger als Platoniker ist, hat ihr sofort alles mögliche Glück gewünscht und sich Assunta zugewendet, welche da sie nicht dieselben aristokratischen Ansprüche machte wie Nina, sich vollkommen mit Michele begnügt hat. Da übrigens Luisas Milchbruder, abgesehen von seinen ein wenig exaltierten politischen Ansichten, ein ganz vortrefflicher, guter Junge ist, so hat er, anstatt Giovannina ihre Weigerung übel zu nehmen, sie um ihre Freundschaft ersucht und ihr die seinige angeboten. In der Freundschaft weniger wählerisch als in der Liebe, hat Giovannina ihm die Hand gereicht und mit ihm das Gelübde einer guten und aufrichtigen Freundschaft ausgetauscht. Anstatt daher seinen Weg bis auf den königlichen Markt fortzusetzen blieb Michele, der ohnehin wahrscheinlich seiner Milchschwester einen Besuch machen wollte, als er Giovannina gedankenvoll an der Gartenthür stehen sah, ebenfalls stehen. »Was machst Du da, und siehst den Himmel an?« fragte er sie. Nina zuckte die Achseln. »Du siehst es ja,« sagte sie, »ich träume.« »Ich glaubte bis jetzt, nur die vornehmen Damen träumten und wir armen Leute begnügten uns mit dem Nachdenken. Ich vergaß aber, daß, wenn Du auch noch keine vornehme Dame bist, Du doch eine zu werden gedenkst. Welch ein Unglück, daß Nanno deine Hand nicht gesehen! Wahrscheinlich hätte sie Dir prophezeit, daß Du Herzogin werden würdest, ebenso wie sie mir prophezeit hat, daß ich einmal Oberst werde.« »Ich bin keine vornehme Dante und kann nicht verlangen, daß Nanno ihre Zeit dazu anwende, mir wahrzusagen.« »Nun, bin ich vielleicht ein vornehmer Herr? Dennoch hat sie mir wahrgesagt. Freilich that sie es wahrscheinlich blos, um mich zum Besten zu haben.« Nina schüttelte verneinend den Kopf. »Nanno lügt nicht,« sagte sie. »Dann werde ich also wirklich gehängt werden?« »Das ist allerdings sehr wahrscheinlich.« »Sehr verbunden! Und warum glaubst Du, daß Nanno nicht lüge?« »Weil sie meiner Herrin die Wahrheit gesagt hat.« »Wieso die Wahrheit?« »Hat sie ihr nicht den jungen Mann, welcher vom Pausilippo herabkam, ganz genau geschildert? Groß, schön jung, fünfundzwanzig Jahre. Hat sie ihr nicht gesagt, daß er von vier, dann von sechs Männern belauert werde? Hat sie ihr nicht gesagt, daß dieser Unbekannte, dessen Bekanntschaft wir seitdem gemacht, in großer Gefahr schwebe? Hat sie ihr endlich nicht gesagt, daß es ein Glück für sie wäre, wenn dieser junge Mann getödtet würde, weil, wenn dies nicht der Fall wäre, sie ihn lieben und diese Liebe einen verderblichen Einfluß aus ihr Schicksal ausüben würde?« »Nun, und?« »Nun, Alles dies ist eingetroffen. Der Unbekannte kam vom Pausilippo. Er war jung und schön. Er zählte fünfundzwanzig Jahre. Er ward von sechs Männern verfolgt. Er schwebte in großer Gefahr, denn er ward an dieser Thür beinahe tödtlich verwundet. Hierzu,« fuhr Giovannina mit einer fast unbemerkbaren Aenderung in ihrem Tone fort, »hierzu kommt, daß, als ob die Prophezeiung in jeder Beziehung in Erfüllung gehen sollte, Signora ihn liebt.« »Was sagst Du da?« rief Michele. »So schweig doch!« Giovannina schaute sich um. »Hört uns vielleicht Jemandt?« fragte sie. »Nein. Nun gut,« fuhr sie dann fort. »was kommt dann weiter darauf an? Bist Du deiner Milchschwester nicht eben so ergeben, wie ich meiner Herrin?« »Allerdings! Auf Leben und Tod! Dessen kann sie sich rühmen.« »In diesem Falle wird sie wahrscheinlich eines Tages deiner ebenso bedürfen, wie sie meiner bedürfen wird. Was glaubst Du wohl, was ich an dieser Thür machese?« »Du hast es mir schon gesagt. Du schaust in’s Weite.» »Bist Du auf dem Wege nicht dem Chevalier San Felice begegnet?» »Auf der Höhe von Pie di Gratia? Ja.« »Ich stand hier, um zu sehen, ob er nicht vielleicht wieder umkehrte, wie er gestern gethan.« »Was? Er kehrte um? Argwohnte er etwas?« »Er etwas argwohnen? Ach der arme gute Herr! Lieber würde er glauben, was er neulich nicht glauben wollte, nämlich, daß die Erde ein durch einen Kometen von der Sonne abgesprengtes Bruchstück sei, als daß seine Frau ihn hintergeht. Uebrigens hintergeht sie ihn auch nicht, oder hat es wenigstens bis jetzt noch nicht gethan. Sie liebt den Signor Salvato, das ist Alles. Dennoch aber ist es nicht weniger wahr, daß ich, wenn der Chevalier mich gefragt hätte, in große Verlegenheit gekommen wäre, denn sie ist jetzt schon bei ihrem theuren Verwundeten, den sie weder Tag noch Nacht verläßt.« »Dann hat sie Dich wohl beauftragt, Dich zu überzeugen, daß der Chevalier heute seinen Weg nach dem königlichen Palast ununterbrochen fortsetze?« »O nein! Gott sei Dank, so weit ist sie bis jetzt noch nicht, aber sei unbesorgt, es wird nach so weit kommen. Nein, ich sah blos, daß sie unruhig war, fortwährend hin und her ging, einmal nach dem Corridor, das andere Mal nach dem Garten hinausschaute und sich gern ans Fenster gestellt hätte, was sie aber nicht wagte. Ich sagte zu ihr: »Wollen Sie nicht sehen, Signora, ob Signor Salvato Ihrer bedarf? Sie sind ja seit zwei Uhr Morgens nicht mehr bei ihm gewesen. – »Ich wage es nicht, liebe Nina,« antwortete sie. »Ich fürchte, daß mein Gemahl wie gestern etwas vergessen habe und Du weißt, daß der Doctor Cirillo gesagt hat, es sei von der größten Wichtigkeit, daß mein Gemahl von der Anwesenheit dieses jungen Mannes in dem Hause der Herzogin Fusco nichts erfahre.« – »O, deswegen machen Sie sich keine Sorge, Signora,« antwortete ich ihr. »Ich kann ja die Straße überwachen, und wenn der Chevalier zufällig wie gestern wieder kommen sollte, so werde ich es, sobald ich ihn von Weitem kommen sehe, Ihnen sofort melden.« – »Ach meine gute kleine Nina,« entgegnete sie, »willst Du wirklich so freundlich sein?«– — »Ja wohl, Signora,« antwortete ich, »es wird mir dies sogar selbst wohlthätig sein, denn ich bedarf der frischen Luft.« – Und somit habe ich mich als Schildwache hierhergestellt und genieße das Vergnügen, mit Dir zu plaudern, während Signora mit ihrem Verwundeten plaudert.« Michele betrachtete Giovannina mit einem gewissen Erstaunen. Es lag in den Worten und in dem Tone des jungen Mädchens etwas Bitteres und Schroffes. »Und der junge Mann, der Verwundete?« fragte Michele. »Ich höre.« »Liebt er Signora wieder?« »Ob er sie wieder liebt? Das wollte ich meinen. Er betrachtet sie mit verzehrenden Blicken. Sobald sie das Zimmer verläßt, schließen sich seine Augenlider, als oh er nichts mehr zu sehen brauchte, nicht einmal das Tageslicht. Cirillo, der Arzt, derselbe, welcher verbietet, daß die Männer es erfahren, « wenn ihre Frauen schöne verwundete junge Männer pflegen, hat ihm allerdings das Sprechen untersagt, weil er sich leicht ein Lungengefäß sprengten könne, aber der junge Herr gehorcht ihm in diesem Punkte eben so wenig als in einem andern. Kaum sind sie allein, so fangen sie an zu sprechen, ohne auch nur eine Minute zu schweigen.« »Und wovon sprechen sie?« »Das weiß ich nicht.« »Dann halten sie Dich also entfernt?« »O nein, im Gegentheile, Signora gibt mir fast allemal durch eine Geberde zu verstehen, daß ich bleiben soll.« »Dann sprechen sie wohl leise?« »Nein, sie sprechen laut, aber englisch oder französisch. Der Chevalier ist ein vorsichtiger Mann,« setzte Nina mit seltsamem Lächeln hinzu; »er hat seiner Frau zwei fremde Sprachen gelernt, damit sie mit den Fremden ungehindert von ihren Angelegenheiten sprechen könne, ohne daß die Leute im Hause etwas davon verstehen.« »Ich kam, um Luisa zu sprechen,« sagte Michele, »aber nach dem, was Du mir da sagst, würde ich sie wahrscheinlich stören. Ich werde mich daher begnügen, zu wünschen, daß Alles für sie und für mich einen bessern Ausgang nehme, als Nanno prophezeit hat.« »Nein, Du wirst bleiben, Michele. Das letzte Mal, als Du hier warst, schalt sie mich aus, daß ich Dich hatte gehen lassen, ohne sie gesprochen zu haben. Wie es scheint, will der Verwundete sich auch bei Dir bedanken.« »Meiner Treu, ich hätte ebenfalls große Lust, ihm meinerseits einige Schmeicheleien zu sagen. Er ist ein famoser Schläger und der Beccajo hat die Wucht seines Armes kennen gelernt.« »Nun, dann wollen wir eintreten, und da jetzt nicht mehr zu befürchten steht, daß der Chevalier wieder komme, so will ich Signora melden, daß Du da bist.« »Du weißt also gewiß, daß mein Besuch ihr nicht unangenehm sein wird?« »Ich sage Dir, sie wird sich darüber freuen.« »Nun, dann wollen wir hineingehen.« Und die Beiden verschwanden in dem Garten, um bald darauf wieder auf der Höhe der Terrasse zum Vorschein zu kommen und dann abermals in dem Hause zu verschwinden. Ganz wie Nina gesagt, befand sich ihre Herrin seit schon beinahe einer halben Stunde in dem Zimmer des Verwundeten. Von sieben Uhr Morgens an, zu welcher Stunde sie aufstand, bis um zehn Uhr, wo ihr Gemahl das Haus verließ, wagte Luisa, obschon sie keinen Augenblick aufhörte an den Verwundeten zu denken, nicht, ihm einen Besuch abzustatten. Diese Zeit war vollständig den Sorgen und Verrichtungen des Hauswesens gewidmet, welches wir sie am Tage von Cirillas Besuch vernachlässigen sahen, was sie aber seitdem sorgfältig vermieden. Dafür wich sie von zehn Uhr Morgens bis zwei Uhr Nachmittags, wo, wie man sich erinnern wird, ihr Gemahl gewöhnlich wieder nach Hause kam, von Salvato keinen Augenblick. Nach Tische gegen vier Uhr begab sich der Chevalier San Felice in sein Cabinet und blieb eine oder zwei Stunden darin. Eine Stunde wenigstens weilte Luisa, wie man glaubte, ruhig und unter dem Vorwande, etwas an ihrer Toilette abzuändern, ebenfalls in ihrem Zimmer. Leicht wie ein Vogel war sie aber fortwährend in dem Corridor und machte es möglich, dem Verwundeten drei oder vier Besuche abzustatten, indem sie ihm bei jedem dieser Besuche Ruhe und Schweigen empfahl. Später, von sieben bis zehn Uhr, welche Zeit dem Empfange von Besuchen oder einem Spaziergange gewidmet war, verließ sie Salvato abermals, der nun unter Ninas Obhut blieb und bei dem sie sich gegen elf Uhr wieder einfand, das heißt, sobald als ihr Gemahl sich in sein Zimmer begeben hatte. Hier blieb sie bis zwei Uhr Morgens an seinem Bette sitzen. Um zwei Uhr begab sie sich in ihr Zimmer, welches sie nun, wie wir schon bemerkt, nicht eher wieder verließ, als bis um sieben Uhr. So war es ohne die geringste Abänderung seit dem Tage von Cirillas erstem Besuche, das heißt seit neun Tagen, gegangen. Obschon Salvato den Augenblick, wo Luisa zu erscheinen pflegte, mit immer neuer Ungeduld erwartete, so schien er doch an diesem Tage, die Augen auf die Wanduhr heftend, dem Erscheinen seiner Freundin mit größerer Ungeduld als gewöhnlich entgegen zu sehen. Wie leicht auch ihr Tritt war, so war doch das Ohr des Verwundete so daran gewöhnt, diesen Tritt und ganz besonders die Art und Weise, auf welche Luisa die Verbindungsthür öffnete, zu erkennen, daß beim ersten Knarren dieser Thür und beim ersten Knistern eines Atlaspantoffels auf dem Fußboden das Lächeln, welches seit dem Weggange Luisa’s seine Lippen geflohen, wieder dieselben theilte und seine Augen sich auf diese Thür hefteten, auf welcher sie mit derselben Unbeweglichkeit weilten, wie die Magnetnadel auf den Polarstern zeigt. Endlich erschien Luisa. »Ah,« sagte er, »da sind Sie. Ich zitterte schon, daß Sie, eine unerwartete Rückkehr wie gestern fürchtend, erst später kämen. Gott sei aber Dank, Sie kommen heute wie immer und zwar zu derselben Stunde wie gewöhnlich.« »Ja, ich komme, Dank unserer guten Nina, welche sich freiwillig erbot, hinunterzugehen und an der Gartenthür Wache zu halten. Wie haben Sie die Nacht zugebracht?« »Sehr gut, aber sagen Sie mir – Salvato faßte die beiden Hände der an seinem Bette stehenden jungen Frau, richtete sich auf, um ihr näher zu sein, und betrachtete sie mit unverwandtem Blicke. Luisa, welche nicht wußte, was er sie fragen walle, betrachtete ihn verwundert ebenfalls Es lag in dem Blick des jungen Mannes nichts, was sie hätte bewegen müssen, die Augen niederzuschlagen. Der Blick war allerdings zärtlich, aber mehr fragend als leidenschaftlich. »Was wollen Sie wissen?,« fragte sie. »Sie haben heute früh um zwei Uhr mein Zimmer verlassen, nicht wahr?« »Ja.« »Sind Sie dann nochmals hereingekommen?« »Nein.« »Nein? Sie sagen nein?« »Ja wohl, ich sage nein.« »Dann,« sagte der junge Mann, mit sich selbst sprechend, »dann ist sie es gewesen.« »Wer denn?e fragte Luisa immer verwunderter. »Meine Mutter,« entgegnete der junge Mann, dessen Augen einen unbestimmt träumerischen Ausdruck gewannen und dessen Kopf mit einem Seufzer, in welchem weder etwas Schmerzliches noch etwas Trauriges lag, auf die Brust herabsank. Bei den Worten »Meine Mutter« zuckte Luisa zusammen. »Aber,« fragte sie, »ist Ihre Mutter nicht todt?« »Haben Sie, theure Luisa,« antwortete der junge Mann, ohne daß seine Augen ihren träumerischen Ausdruck verloren, »nie davon gehört, daß es unter den Menschen bevorrechtete Wesen gibt, welche, ohne daß man sie an äußeren Zeichen erkennen kann und ohne daß sie sich ihre Macht selbst zu erklären im Stande wären, die Fähigkeit besitzen, sich mit Geistern in Beziehung zu setzen?« »Allerdings habe ich den Chevalier San Felice hierüber mit Gelehrten und deutschen Philosophen disputiren hören, welche diese Mittheilungen zwischen den Bewohnern dieser Welt und denen des Jenseits als Beweise zu Gunsten der Unsterblichkeit der Seele ausübten. Sie nannten ein solches Individuum einen Sehenden oder ein Medium.« »Es ist bewunderungswürdig,« sagte Salvato, »daß Sie, ohne daß Sie es ahnen, Luisa, mit der Grazie des Weibes die Bildung eines Gelehrten und die Wissenschaft eines Philosophen verschmelzen. Die Folge davon ist, daß man mit Ihnen von allen Dingen, selbst von übernatürlichen, sprechen kann.« »Dann,« sagte Luisa sehr bewegt, »dann glauben Sie wohl, daß diese Nacht —« »Ich glaube, daß, wenn nicht Sie in meinem Zimmer gewesen sind und sich über mein Bett geneigt haben, ich dann einen Besuch von meiner Mutter empfangen habe.« »Aber mein Freund,« fragte Luisa, von einem Schauer überrieselt, »wir erklären Sie sich das Erscheinen einer von ihrem Körper getrennten Seele?« »Es gibt, wie Sie recht wohl wissen, Luisa, Dinge, welche sich nicht erklären lassen. Sagt Hamlet in dem Augenblick, wo ihm der Schatten seines Vaters erscheint, nicht: There are more things in heaven and earth, Horazio, than there are dream of in your philosophy? – Es gibt zwischen Himmel und Erde mehr Dinge, Horazio, als deine Philosophie sich träumen läßt. – Wohlan, Luisa, das Geheimniß, von welchem ich Ihnen erzähle, ist eines von diesen.« »Mein Freund,« sagte Luisa, »wissen Sie, daß Sie mir zuweilen Furcht einflößen?« Der junge Mann drückte ihr die Hand und betrachtete sie mit seinem zärtlichsten Blick. »Und wie könnte ich Ihnen Furcht einflößen?« fragte er; »ich, der ich für Sie das Leben hingeben würde, welches Sie mir gerettet haben. Sagen Sie mir das!« »Sie kommen,« fuhr die junge Frau fort, »mir zuweilen vor wie ein Wesen, welches nicht dieser Welt angehört.« »Der Grund davon,« sagte Salvato lachend, »liegt vielleicht darin, daß ich diese Welt beinahe schon wieder verlassen hatte, ehe ich dieselbe noch betreten.« »Wäre es also wahr, daß Sie, wie die Wahrsagerin Nanno behauptete, von einer Todten geboren sind?« fragte Luisa erbleichend. »Das hat die Wahrsagerin Ihnen mitgetheilt?« fragte der junge Mann, indem er sich erstaunt auf seinem Bett emporrichtete. »Ja; aber nicht wahr, es ist nicht möglich?« »Die Wahrsagerin hat Ihnen blos die Wahrheit gesagt, Luisa. Es ist dies eine Geschichte, die ich kämen einmal erzählen werde, theure Freundin.« »Ja, und ich werde derselben mit allen Fasern meines Herzens lauschen.« »Aber später.« »Wann Sie wollen.« »Heute,« fuhr der junge Mann auf sein Bett zurücksinkend fort, »würde diese Erzählung meine Kräfte übersteigen. Wie ich Ihnen eben sage, mit Gewalt dem Schoße meiner Mutter entrissen, mischten die ersten Regungen meines Lebens sich mit den letzten Zuckungen des Todes und ein seltsames Band hat trotz des Grabes uns fortdauernd aneinander gefesselt. Sei es nun die Sinnestäuschung eines übermäßig erregten Geistes, sei es eine wirkliche Erscheinung, sei es endlich, daß unter gewissen abnormen Bedingungen die Gesetze, welche für andere Menschen bestehen, für solche, die außerhalb dieser Gesetze geboren worden, nicht vorhanden sind, so erhält von Zelt zu Zeit – ich wage kaum dies zu sagen, so unwahrscheinlich klingt es – meine Mutter, ohne Zweifel weil sie gleichzeitig Heilige und Märthrerin war, von Gott die Erlaubniß, mich besuchen zu dürfen.« »Was sagen Sie da?« murmelte Luisa schaudernd. »Ich sage Ihnen das,« was ist; das aber, was für mich ist, ist vielleicht für Sie nicht und dennoch habe ich jene theure Erscheinung nicht allein gesehen.« »Jemand Anders als Sie hat sie auch gesehen?« rief Luisa. »Ja, eine sehr einfache Frau, eine Bäuerin, die nicht fähig gewesen wäre, eine solche Geschichte zu erfinden, nämlich meine Amme.« »Ihre Amme hat den Schatten Ihrer Mutter gesehen?« »Ja. Wollen Sie, daß ich Ihnen dies erzähle?« fragte der junge Mann lächelnd. Luisas Antwort bestand darin, daß sie den Verwundeten bei beiden Händen faßte und ihn begierig anschaute. »Wir wohnten in Frankreich – denn wenn meine Augen sich auch nicht in Frankreich erschlossen haben, so fingen sie doch hier erst an zu sehen. Wir wohnten in der Mitte eines großen Waldes. Mein Vater hatte für mich eine Amme aus einem Dorfe angenommen, welches ungefähr eine Stunde von dem Hause entfernt war, in welchem wir wohnten. »Eines Nachmittags bat sie meinen Vater um Erlaubniß, einmal nach Hause gehen zu dürfen, um ihr Kind zu sehen, welches wie man ihr gesagt, krank war. Es war dies dasselbe, welches sie entwöhnt, um mir die Stelle desselben einzuräumen. Mein Vater ertheilte ihr nicht blos die gewünschte Erlaubniß, sondern begleitete sie auch, um sich ebenfalls von dem Befinden ihres Kindes zu überzeugen. Man gab mir zu trinken man legte mich in meine Wiege und da ich niemals eher als um zehn Uhr des Abends erwachte und mein Vater mit seinem Cabriolet zum Hin- und Rückweg nach dem Dorfe höchstens anderthalb Stunden gebrauchte, so schloß er die Thür zu, und steckte den Schlüssel in die Tasche, ließ die Amme mit in dem leichten Wagen Platz nehmen und brach unbesorgt auf. »Ihr Kind litt, wie sich ergab, blos an einigen unbedenklichen Verdauungsbeschwerden. Mein Vater beruhigte die gute Frau, ließ ihrem Mann ein Recept und einen Louisdor zurück, damit das Recept auch gemacht würde, und wollte mit der Amme wieder nach seiner Wohnung zurückkehren, als ein junger Mann ganz verzweiflungsvoll herbeigestürzt kam und sagte, daß sein Vater, ein Waldhüter in der vergangenen Nacht durch einen Wildschützen schwer verwundet worden sei. Meinem Vater fiel es nicht ein, eine solche Ansprache an seinen Beistand zurückzuweisen. Deshalb übergab er der Amme, den Schlüssel zum Hause und empfahl ihr, sich unverweilt auf den Rückweg zu machen und zwar um so mehr, als ein Gewitter im Anzuge zu sein schien. Die Amme machte sich auf. Es war sieben Uhr Abends. Sie hoffte noch vor acht Uhr das Haus erreicht zu haben, und mein Vater ging seines Weges, nachdem er sie vorher sich in der Richtung entfernen gesehen, welche sie wieder zu mir führen mußte. Eine halbe Stunde ging Alles gut, dann aber umzog sich der Himmel plötzlich, der Donner grollte und unter Blitzen und wolkenbruchartigem Regen kam ein furchtbares Gewitter zum Ausbruch. »Zum Unglücke wählte die gute Frau, anstatt auf dem gebahnten Wege weiter zu gehen, um schneller an Ort und Stelle zu gelangen, einen Fußsteig welcher die Entfernung allerdings etwas abkürzte, den aber die Nacht sehr schwierig zu begehen machte. Ein Wolf, welcher, selbst durch das Gewitter erschreckt, ihr über den Weg lief, jagte ihr Furcht ein. Sie sprang seitwärts in ein Dickicht hinein, verirrte sich darin und lief, durch das Gewitter immer mehr beunruhigt, rufend, weinend und schreiend aufs Gerathewohl darin herum, ohne jedoch auf ihr Rufen eine andere Antwort zu erhalten, als das Geschrei der Uhu’s und Nachteulen. »So irrte sie drei Stunden lang umher, an Bäume und auf der Erde liegende Stämme anrennend, oft in Schluchten stürzend und mitten unter dem Rollen des Donners neun, zehn und elf Uhr schlagen hörend. »Endlich, gerade als sie den ersten Schlag der Mitternachtsstunde vernahm, zeigte ihr ein Blitz unser so lange gesuchtes Haus in einer Entfernung von kaum hundert Schritten und als der Blitz erloschen, als der Wald wieder in Finsterniß gehüllt war, ward sie durch einen Lichtschein geleitet, der aus dem Zimmer fiel, in welchem meine Wiege stand. »Sie glaubte, mein Vater wäre vor ihr nach Hause gelangt und verdoppelte ihren Schritt. »Aber wie war er dann hineingekommen da er ja ihr den Schlüssel gegeben hatte? Besaß er vielleicht noch einen zweiten? Dies dachte sie und durchnäßt vom Regen mit zerstoßenen und geschundenen Händen und Füßen und durch die Blitze geblendet, schloß sie die Thür auf, stieß sie hinter sich zu, ging rasch die Treppe hinauf, durchschritt das Zimmer meines Vaters und öffnete die Thür des meinigen. »Auf der Schwelle aber blieb sie, einen lauten Schrei ausstoßend, stehen. »Mein Freund! mein Freund!« rief Luisa, die Hände des jungen Mannes drückend. »Eine weiß gekleidete Frau stand an meinem Bette,« fuhr der junge Mann mit veränderter Stimme fort. »Sie murmelte leise eines jener mütterlichen Lieder, womit man die Kinder in den Schlaf lullt, und schaukelte zugleich mit der Hand meine Wiege. Diese Frau war jung und schön, aber ihr todtenbleiches Antlitz zeigte mitten auf der Stirn einen rothen Flecken. »Die Amme stützte sich an das Thürgewand, um nicht umzusinken. Ihre Füße versagten ihr den Dienst. »Sie begriff recht wohl, daß sie sich einem übernatürlichen Wesen aus dem Lande der Seligen gegenüber befand, denn das Licht, welches das Zimmer erhellte, ging von der Erscheinung aus. Uebrigens wurden die anfangs vollkommen scharfen Umrisse derselben allmälig undeutlich; mit den Zügen des Gesichts war dasselbe der Fall, die Gewänder verschwammen, der Körper ward Wolke, die Wolke verwandelte sich in Dunst, welcher dann seinerseits verschwand und die vollkommenste Finsterniß und in derselben einen unbekannten Wohlduft zurückließ. »In diesem Augenblick kam mein Vater selbst nach Hause. Die Amme hörte ihn und rief mehr todt als lebendig seinen Namen. Als er ihre Stimme hörte, stieg er die Treppe hinauf, zündete Licht an und fand die gute Frau zitternd, mit schweißtriefender Stirn und nur noch mit Mühe athmend an derselben Stelle stehen, von wo aus sie die Erscheinung gesehen. »Durch die Nähe meines Vaters und das Licht der Kerze wieder ermuthigt, eilte sie auf meine Wiege zu und nahm mich in ihre Arme. »Ich schlief friedlich und fest. In der Meinung, daß ich seit vier Uhr Nachmittags nichts zu mir genommen und daß ich Hunger und Durst haben müsse, reichte sie mir die Brust, aber ich weigerte mich, dieselbe zu nehmen. »Nun erzählte sie Alles meinem Vater-, welcher sich dieses Dunkel, ihre Aufregung, ihre Angst und ganz besonders jenen geheimnißvollen Wohlgeruch der das Zimmer noch erfüllte, nicht erklären konnte. »Mein Vater hörte die Amme aufmerksam au, wie ein Mann, der, nachdem er alle Geheimnisse der Natur zu ergründen gesucht, sich über keines derselben wunderte. »Als die Amme die Erscheinung der Frau beschrieb, welche mich gewiegt und mir ein Schlummerlied gesungen, und als sie ihm sagte, daß diese Frau aus der Mitte der Stirn einen rothen Fleck gehabt, begnügte er sich zu antworten: »Das ist seine Mutter gewesen!« Mehr als einmal,« fuhr der Verwundete mit noch mehr veränderter Stimme fort, »erzähltes mein Vater mir später diesen Vorfall und dieser starke, gewaltige Geist zweifelte nicht, daß auf mein Geschrei der glückselige Schatten der Mutter von Gott die Erlaubniß erhalten, vom Himmel herabzusteigen, um den Hunger und das Wehklagen ihres Kindes zu stillen.« »Und späten,« fragte Luisa bleich und selbst schaudernd, »später haben Sie Ihre Mutter nochmals gesehen?« »Dreimal,« antwortete der junge Mann. »Das erste Mal war es in der Nacht, welche dem Tage voranging, wo ich sie rächte. Ich sah sie mit jenem rothen Flecken mitten aus der Stirn sich meinem Bette nähern. Sie neigte sich über mich, um mich zu küssen. Ich fühlte die Berührung ihrer kalten Lippen und etwas, was einer Thräne glich, fiel in dem Augenblick, wo sie sich aufrichtete, auf meine Stirn. Ich wollte sie nun in meine Arme fassen und festhalten, aber sie verschwand. Ich sprang aus dem Bett und eilte in das Zimmer meines Vaters. Eine Kerze brannte hier. Ich näherte mich einem Spiegel. Das, was ich für eine Thräne gehalten, war ein Blutstropfen, der ihrer Wunde entfallen war. Mein Vater härte, nachdem ich ihn geweckt, meine Erzählung ruhig an und sagte lächelnd: »Morgen wird sich die Wunde geschlossen haben.« »Am nächsten Tage erschoß ich den Mörder meiner Mutter.« Luisa barg erschrocken ihr Haupt in dem Kopfkissen des Verwundeten. »Zweimal seit jener Nacht habe ich sie wiedergesehen.« fuhr Salvato mit beinahe erloschener Stimme fort. »Da sie aber nun gerächt war, so war der Blutflecken von ihrer Stirn verschwunden. Als Salvato diese Erzählung, welche für seine Kräfte sehr lang gewesen, beendet hatte, sank er theils vor Ermüdung, theils vor Gemüthsbewegung, bleich und erschöpft auf seinen Pfühl zurück. Luisa stieß einen Schrei aus. Sie eilte nach der Thür und hätte, indem sie dieselbe öffnete, Nina, welche an dieser Thür horchte, beinahe über den Haufen gerannt. Sie achtete indeß jetzt nur wenig darauf. »Das Riechfläschchen!« rief sie. »Er ist ohnmächtig geworden.« »Das Riechfläschchen befindet sich in Ihrem Zimmer, Signora,« antwortete Nina. Luisa eilte sofort in das Zimmer,« suchte aber vergebens. Als sie zu dem Verwundeten zurückkehrte, stützte Giovannina den Kopf des jungen Mannes mit ihrem Arme, drückte ihn an ihre Brust und ließ ihn den Inhalt des Flacons athmen. »Zürnen Sie mir nicht, Signora,« sagte Nina. »Das Flacon stand auf dem Kamin hinter der Pendule. Als ich Sie so bestürzt sah, verlor ich ebenfalls den Kopf. Es ist aber Alles wieder gut. Signor Salvato kommt eben wieder zu sich. In der That schlug der junge Mann in diesem Augenblick die Augen auf, welche sofort Luisa suchten. Giovannina, welche die Richtung dieses Blickes recht wohl bemerkte, legte den Kopf des Verwundeten behutsam wieder auf seine Kissen, und trat dann in eine Fensterbrüstung zurück, wo sie sich eine Thräne trocknete, während Luisa ihre Stelle zu Häuptern des Verwundeten einnahm, und Michele, den Kopf zu der halb geöffnet gebliebenen Thür hereinsteckend fragte:« »Bedarfst Du vielleicht meiner, Schwesterchen?« Zweites Capitel. Andreas Backer Luisas ganze Seele lag in ihren Augen und diese Augen waren auf die Salvatos geheftet, welcher seine Pflegerin erkennend lächelnd wieder zum Bewußtsein erwachte. Er schlug die Augen vollends auf und murmelte: »O, so zu sterben!« »O nein, nein, nicht sterben!« rief Luisa. »Ich weiß wohl, daß es besser wäre so zu leben,« fuhr Salvato fort; »aber —« Er stieß einen Seufzer aus, welcher das Antlitz der jungen Frau berührte wie der glühende Athem des Sirocco. Sie schüttelte den Kopf, ohne Zweifel um das magnetische Fluidum zu entfernen, von welchem dieser flammende Seufzer begleitet war, legte den Kopf des Verwundeten auf das Kissen, setzte sich auf den Lehnstuhl am oberen Ende des Bettes, drehte sich dann nach Michele herum und sagte, seine Frage ein wenig spät beantwortend: »Nein, ich bedarf deiner glücklicherweise nicht. Komm aber nur herein und sieh, wie gut es mit unserem Patienten geht.« Michele näherte sich auf den Fußspitzen, als ob er fürchtete einen Schlafenden zu wecken. »Er sieht jetzt wirklich besser aus, als da wir, die alte Nanno und ich, ihn verließen.« »Mein Freund,« sagte die Gattin des Chevaliers San Felice zu dem Verwundeten, »es ist der junge Mann, welcher in der Nacht, wo Sie beinahe ermordet worden wären, Ihnen Beistand leisten half.« »O, ich erkenne ihn,« sagte Salvato lächelnd. »Er stampfte auch die Kräuter« welche jene Frau, die ich nicht wieder gesehen, mir auf meine Wunde legte.« »Er ist schon mehrmals wieder da gewesen, denn er nimmt, wie wir Alle, großes Interesse an Ihnen, man hat ihn aber nicht hineingelassen.« »Na, das habe ich weiter nicht übel genommen,« sagte Michele. »Ich bin nicht so empfindlich.« Salvato lachte und reichte ihm die Hand. Michele ergriff die Hund, welche Salvato ihm bot, und betrachtete sie, indem er sie in den seinigen festhielt. »Sieh nur, Schwesterchen,« sagte er, »man sollte meinen, es sei dies eine Damenhand. Man sollte kaum glauben, daß eine solche kleine, niedliche Hand den Säbel so kräftig zu führen verstünde.« Salvato lächelte. Michele schaute sich um. »Was suchst Du?« fragte Luisa. »Jetzt, nachdem ich die Hand gesehen, suche ich den, Säbel. Es muß eine schöne Waffe sein.« »Du möchtest wohl einen solchen haben, wenn Du einmal Oberst sein wirst? Nicht wahr Michele?« sagte Luisa lächelnd. »Michele soll Oberst werden?« fragte Salvato. »O, nun kann mir das nicht fehlen,« antwortete der Lazzarone. »Wieso kann Dir denn das nun nicht mehr fehlen?« fragte Luisa. »Die alte Nanno hat es mir prophezeit, und Alles, was diese prophezeit, geht auch in Erfüllung.« »Michele!« rief die Gattin des Chevaliers San Felice. »Nun, hat sie Dir nicht gesagt, daß ein schöner junger Mann, welcher vom Pausilippo herabkäme, in großer Gefahr schwebe, daß er von sechs Männern angefallen würde und daß es ein großes Glück für Dich wäre, wenn diese sechs Männer ihn umbrächten, denn außerdem würdest Du Dich in ihn verlieben und diese Liebe würde die Ursache deines Todes sein?« »Michele! Michele!» rief Luisa, indem sie ihren Sessel von dem Bette hinwegrückte, während Giovannian ihr bleiches Gesicht hinter dem rothen Fenstervorhange hervorsteckte. Der Verwundete betrachtete Michele und Luisa mit aufmerksamem Blick. »Wie,« fragte dann Letzterer, »man hat Ihnen prophezeit, daß ich die Ursache Ihres Todes sein würde?« »Ja wohl,« mischte Michele sich ein. »Und Sie, die Sie mich nicht konnten, und folglich auch kein Interesse an mir haben konnten, Sie haben den Sbirren nicht gestattet, ihr Werk zu vollenden?« »Nun, sehen Sie,« sagte Michele an Luisa’s Statt antwortend, »als sie die Pistolen knallen, als sie die Säbel klirren hörte, als sie sah, daß ich, ein Mann, und zwar ein Mann, der keine Furcht kennt, gleichwohl nicht wagte, Ihnen zu Hilfe zu eilen, weil Sie es mit den Sbirren der Königin zu thun hatten, da sagte sie: »Nun, dann muß ich ihn retten!» und sofort eilte sie in den Garten. Ha, Sie hätten sie sehen sollen! Sie lief nicht, sie flog.« »O Michele! Michele!« »Nun« hast Du das nicht vielleicht gesagt« Schwesterchen? Hast Du es vielleicht nicht gethan?« »Aber wozu brauchst Du es wieder zu erzählen?« rief Luisa, indem sie das Gesicht in den Händen barg. – Salvato streckte den Arm aus und zog die Hände weg, in welchen die junge Frau ihr schamrothes Antlitz und ihre thränenfeuchten Augen barg. »Sie weinen?« sagte er. »Bereuen Sie also jetzt wohl, mir das Leben gerettet zu haben?« »Nein, aber ich schäme mich dessen, was dieser Knabe Ihnen gesagt hat. Man nennt ihn Michele den Narren, und er verdient diesen Beinamen in der That.« Dann wendete sie sich zu der Zofe und fuhr fort: »Ich habe sehr unrecht daran gethan, Nina, daß ich Dich ausschalt, weil Du ihn nicht eingelassen. Du hattest sehr wohl daran gethan.« Ei, ei, Schwesterchen, das, was Du sagst, ist Nicht schön,« sagte der Lazzarone, »und diesmal sprichst Du nicht mit deinem Herzen.« »Ihre Hand, Luisa! Ihre Hand!« sagte der Verwundete in bittendem Tone. Die durch so viele widerstreitende Gefühle erschöpfte und ermattete Frau ließ ihren Kopf an die Lehne des Sessels sinken, schloß die Augen und legte ihre zitternde Hand in die des jungen Mannes. Salvato ergriff sie begierig. Luisa ließ einen Seufzer hören. Dieser Seufzer bestätigte Alles, was der Lazzarone gesagt hatte. Michele sah diesen Auftritt, von welchem er nichts verstand und der dagegen von Giovannina, die mit krampfhaft geballten Händen und stierem Blick gleich einer Bildsäule der Eifersucht da stand, nur zu gut begriffen ward. »Wohlan, sei unbesorgt, mein Freund,« sagte Salvato in heiterem Tone zu dem Lazzarone. Ich selbst werde Dir deinen Officierssäbel geben – nicht den, womit ich die Schurken, die mich anfielen, tractirt habe, denn sie haben mir denselben genommen, wohl aber einen andern, der eben so viel Werth besitzen wird.« »Nun, die Sache läßt sieh immer besser an,« sagte Michele; » es fehlt mir nun weiter nichts mehr als das Patent, die Epauletten, die Uniform und das Pferd.« Dann wendete er sich zu der Zofe und sagte: »Aber hörst Du denn nicht, Nina? Man läutet ja, daß der Klingeldraht reißen möchte!« Nina schien wie aus einem Schlafe zu erwachen. »Man läutet?« sagte sie. »Wo denn?« »An der Thür, wie es scheint.« »Ja, an der Hausthür,« setzte Luisa hinzu und sagte dann rasch und leise zu Salvato: »Mein Gemahl ist es nicht, denn dieser kommt stets durch die Gartenthür zurück. Geh!« fuhr sie zu Nina gewendet fort, »lauf! Eile! ich bin nicht zu Hause, hörst Du?« »Schwesterchen ist nicht zu Hause, hörst Du wohl, Nina?« wiederholte Michele. Nina verließ das Zimmer, ohne zu antworten. Luisa näherte sich dem Verwundeten. Sie fühlte sich, ohne zu wissen warum, bei dem Geschwätz des redseligen Michele wohler und ungezwungener als unter dem Blick der schweigenden Nina. Es geschah dies aber, wie gesagt, instinktartig und ohne daß sie über die guten Gesinnungen ihres Milchbruders oder die bösen Triebe ihrer Zofe weiter nachgedacht hätte. Nach Verlauf von etwa fünf Minuten trat Nina wieder ein, näherte sich ihrer Gebieterin geheimnißvoll und sagte leise zu ihr: »Signora, Signor Andreas Backer ist da und wünscht Sie zu sprechen.« »Nun, hast Du ihm nicht gesagt, daß ich nicht zu Hause sei?« entgegnete Luisa so laut, daß Salvato, wenn er auch die Frage nicht gehört, wenigstens die Antwort hören konnte. »Ich wußte nicht, ob ich das dürfte, Signora,« antwortete Nina immer noch leise; »erstens weil ich weiß, daß er Ihr Bankier ist, und zweitens, weil er sagte, es handle sich um eine wichtige Angelegenheit.« »Wichtige Angelegenheiten werden mit meinem Gemahl abgemacht, aber nicht mit mir.« »Sehr richtig, Signora,« fuhr Giovannina immer noch in demselben Tone fort; »ich fürchtete aber, er könne wiederkommen, wenn der Herr Chevalier da wäre und diesem dann sagen, er habe Signora nicht zu Hause angetroffen, und da Sie nicht zu lügen verstehen, Signora, so glaube ich, es wäre vielleicht besser, wenn Sie ihn empfingen.« »Also dies hast Du für gut gefunden?« sagte Luisa, indem sie ihre Dienerin ansah. Nina schlug die Augen nieder. »Wenn ich unrecht gehandelt habe, Signora, so ist es noch Zeit die Sache zu ändern; es wird ihn aber sehr kränken, den armen jungen Mann.« »Nein,« sagte Luisa, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht; »es ist in der That besser, wenn ich ihn empfange, und Du hast recht gethan, mein Kind.« Dann sagte sie zu Salvato, welcher sich abgewendet hatte, als er sah, daß Giovannina leise mit ihrer Herrin sprach: »Ich komme sogleich wieder. Bleiben Sie mittlerweile ruhig. Die Audienz wird nicht lange dauern.« Dann wechselte sie mit ihm noch einen Händedruck und ein Lächeln, erhob sich und verließ das Zimmer. Kaum hatte die Thür sich hinter ihr geschlossen, so machte Salvato die Augen zu, wie er allemal zu thun pflegte, wenn Luisa nicht mehr im Zimmer war. Michele glaubte, er wolle schlafen und näherte sich daher Giovannina. »Wer kam denn?« fragte er in gedämpftem Tone mit der Neugier eines Halbwilden, dessen Instinkt nicht den gesellschaftlichen Convenienzen unterworfen ist. Nina, welche mit ihrer Herrin sehr leise gesprochen, erhob die Stimme ein wenig, so daß Salvato, welcher das, was sie zu ihrer Herrin gesagt, nicht gehört, hören konnte, was sie zu Michele sagte. »Es ist jener reiche, elegante junge Bankier,« sagte sie. »Du kennst ihn doch?« »Nicht übel!« entgegnete Michele, »nun soll ich gar noch die Bankiers kennen.« »Wie, Du kennst Signor Andreas Backer nicht?« »Wer ist Signor Andreas Backer?« »Wie, Du entsinnst Dich nicht? Es ist ja jener hübsche, blonde junge Mann – ein Deutscher oder ein Engländer, ich weiß es selbst nicht recht, der aber unserer Herrin, ehe sie den Chevalier heiratete, den Hof machte.« »Ah, ganz recht. Ist es nicht derselbe, bei dem Luisa ihr ganzes Vermögen stehen hat?« »Ja wohl, derselbe.« »Schön, schön. Wenn ich Oberst sein werde, wenn ich die Epauletten und den mir von Signor Salvato versprochenen Säbel habe, wird es mir, um vollständig equipirt zu sein, nur noch an einem Pferde fehlen wie das, auf welchem dieser Signor Backer spazieren reitet« Nina gab keine Antwort; sie hatte, während sie sprach, ihren Blick auf den Verwundeten geheftet und an dem beinahe unbemerkbaren Zucken seiner Gesichtsmuskeln bemerkt, daß der vermeinte Schläfer von dem, was sie zu Michele gesagt, kein Wort verloren. Luisa hatte sich mittlerweile in den Salon begeben, wo der angemeldete Besuch wartete. Im ersten Augenblick kostete es ihr Mühe Andreas Backer zu erkennen. Er war im Hofkostüm gekleidet und hatte seinen langen englischen Backenbart – eine Zierde, welche, beiläufig gesagt, König Ferdinand verabscheute – abgeschnitten; er trug das Comthurkreuz des Ordens vom heiligen Georg am Halse, den dazugehörigen Stern auf dem Frack, kurze Beinkleider und den Degen an der Seite. Ein leichtes Lächeln umspielte Luisa’s Lippen. In welcher Absicht machte der junge Bankier ihr in diesem Kostüm einen solchen Besuch um halb zwölf Uhr Morgens? Ohne Zweifel stand sie im Begriff es zu erfahren. Uebrigens müssen wir uns beeilen zu sagen, daß Andreas Backer von angelsächsischer Abstammung und ein sehr hübscher junger Mann war. Er zählte sechs- bis achtundzwanzig Jahre, war blond, frisch, rosig und hatte den viereckigen Kopf der Rechnungsmenschen, das hervorragende Kinn des hartnäckigen Speculanten und die spatelförmige Hand des Geldzählers. In der Regel anmuthig und ungezwungen, schien er in diesem Kostbar, welches er nicht gewöhnlich trug, sich ein wenig befangen zu fühlen. Gleichwohl aber schien er auch stolz darauf zu sein, denn er hatte sich, wie rein zufällig, vor einen Spiegel gestellt, um die Wirkung zu sehen, welche das St. Georgs Kreuz an seinem Halse und der Stern desselben Ordens auf seiner Brust machte. »Mein Gott, Signor Andreas»e sagte Luisa. nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet und ihm Zeit gelassen, sich ehrerbietig zu verneigen. »Sie nehmen sich ja heute ganz prachtvoll aus! Nun wundere ich mich nicht mehr, daß Sie mich heute besuchen. Ohne Zweifel wünschen Sie, daß ich das Vergnügen habe, Sie in Ihrer ganzen Glorie zu sehen. Was haben Sie denn vor? Denn um mir einen Geschäftsbesuch zu machen, haben Sie dieses Hofkostüm doch ganz gewiß nicht angelegt.« »Wenn ich geglaubt hätte, Signora, daß es Ihnen mehr Vergnügen machte, mich in diesem Kostüm als in meinen gewöhnlichen Kleidern zu sehen, so hätte ich nicht erst den heutigen Tag abgewartet, um es anzulegen. Ich weiß aber, Signora, daß Sie zur Zahl jener intelligenten Frauen gehören, welche, stets die Kleidung wählend, welche ihnen am besten zusagt, sehr wenig die Art und Weise betrachten, auf welche Andere gekleidet sind. Mein Besuch ist eine Wirkung meines Willens, das Kostüm aber, in welchem ich bei Ihnen erscheine, ist das Ergebniß der Umstände. Der König hat vor drei Tagen geruht wich zum Comthur des St. Georg-Ordens zu ernennen und auf heute nach Caserta zur Tafel einzuladen.« »Sie sind heute zur königlichen Tafel in Caserta eingeladen?« sagte Luisa mit einem Ausdruck von Ueberraschung, welcher einen eben nicht schmeichelhaften Grad von Erstaunen in Bezug auf die Rechte verrieth, welche der junge Mann sich vielleicht wegen dieser Einladung zur Tafel des Königs beilegte, welcher in den Straßen der tollste Lazzarone, in seinem Schlosse aber der aristokratischste König war. »Ich bringe Ihnen meinen aufrichtigsten Glückwunsch dar, Signor Backer,« setzte Luisa nach einer kleinen Pause hinzu. »Sie haben Recht, wenn Sie sich wundern, Signora, daß dem Sohne eines Bankiers eine solche Ehre widerfährt,« entgegnete der junge Mann, der sich durch die Art und Weise, auf welche Luisa ihm Glück wünschte, ein wenig verletzt fühlte. »Sie haben wahrscheinlich noch nicht gehört, daß Ludwig der Vierzehnte von Frankreich, ein so großer Aristokrat er auch war, eines Tags den Bankier S. Bernard, welchem er fünfundzwanzig Millionen abborgen wollte, einlud, bei ihm in Versailles zu speisen. Wie es scheint, bedarf jetzt der König Ferdinand eben so nothwendig Geld als sein Ahn, Ludwig der Vierzehnte, und da mein Vater der Samuel Bernard von Neapel ist, so ladet der König seinen Sohn Andreas Backer ein, mit ihm in Caserta zu speisen, was das Versailles Sr. Majestät des Königs ist. Um sicher zu sein, daß die fünfundzwanzig Millionen ihm nicht entgehen, hat er dem Lump, den er zu seiner Tafel einladet, diese Halfter über den Hals geworfen, mit deren Hilfe er ihn dann zur Geldkasse zu führen hofft.« »Sie sind ein Mann von Geist, Signor Andreas. Ich bemerke dies nicht erst heute und wenn der Geist genügte, um die Thore der königlichen Schlösser zu öffnen, so könnten Sie zur Tafel aller Könige eingeladen werden. Sie verglichen Ihren Vater mit Samuel Bernard und ich, die ich seine unverbrüchliche Rechtschaffenheit und coulante Geschäftsführung kenne, nehme für meine Person den Vergleich an. Samuel Bernard besaß ein edles Herz und leistete nicht blos unter Ludwig dem Vierzehnten, sondern auch unter Ludwig dem Fünfzehnten Frankreich wichtige und hohe Dienste. Nun, was sehen Sie mich so an?« »Ich sehe Sie nicht an, Signora, ich bewundere Sie.« »Und warum?« »Weil ich glaube, daß Sie wahrscheinlich in Neapel die einzige Frau sind, die etwas von Samuel Bernard weiß, und welche das Talent besitzt, einem Manne, der recht wohl fühlt, daß er, da es sich um einen einfachen Besuch handelt, sich Ihnen in einem lächerlichen Aufzuge präsentiert, ein Compliment zu machen.« »Soll ich mich deswegen bei Ihnen entschuldigen, Signor Andreas? Ich bin dazu bereit.« »O nein, Signora, nein. Selbst der Spott würde in Ihrem Munde eine reizende Plauderei, welche der eitelste Mann, selbst auf Kosten seiner Eigenliebe, so viel als möglich zu verlängern wünscht.« »In der That, Signor Andreas,« entgegnete Luisa, »Sie fangen an mich in Verlegenheit zu bringen und um mich derselben zu entreißen, beeile ich mich, Sie zu fragen, ob es vielleicht einen neuen Weg gibt, welcher über Mergellina nach Caserta führt.« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48631668) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом. notes 1 Italienischer Name der Guillotine. 2 Der Verfasser hat denselben Nicolino Caracciolo, von welchem hier die Rede ist, persönlich gekannt. Derselbe bewohnte noch im Jahre 1860 dieses Haus, wo er 1863 in einem Alter von dreiundachtzig Jahren starb. 3 Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, daß die Worte: San Felice im Italienischen heilig glücklich bedeuten. 4 Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß diese Königin Marie Amelie, obschon dieselben Vornamen tragend, mit der achtungswürdigen und geachteten Königin Marie Amelie, der Witwe des Königs Ludwig Philipp, nichts gemeinsam hat als die Verwandtschaft. 5 Man bezeichnet in Neapel mit dem Namen Esposito oder »ausgesetzt« jedes Kind, welches von seinen Eltern verlassen, und dem Hospiz der Annunciata anvertraut worden, welches das Findelhaus von Neapel ist. 6 Volksthümlicher Name der Esel in Neapel. Dumme Menschen haben natürlich, hier wie anderwärts, ebenfalls das Recht, diesen Namen zu führen. 7 Gäßchen der Seufzer des Abgrundes. 8 Name, welchen man in Neapel den Agenten der geheim Polizei gibt. 9 Ueber diesen Punkt sind die Gelehrten nicht einig. Die einen sagen Isaak sei der Sohn Ludwigs, die andern er sei nur sein Neffe gewesen. 10 Mit diesem Namen bezeichnet man in Neapel Gecken, Stutzer und dergleichen Leutchen. 11 Chierico nennt man im südlichen Italien die Geistlichen niederen Ranges. 12 Oft kommt man bei den im südlichen Italien so gewöhnlichen Messerduellen überein, auf wie viel Zoll Eisen man sich schlagen will. Ein Stück Kork, durch welches man die Klinge steckt, ist in diesem Falle das Maß für die verschiedenen Längen. 13 Loque, ein Fetzen; Chiffe, ein Lumpen; Graille, die Krähe.