Der Schutzgeist des Kaisers von Birma
Ugo Mioni




Ugo Mioni

Der Schutzgeist des Kaisers von Birma





Erstes Kapitel.

Der Schutzgeist


Diesen Morgen war ich in Amarapura, der Hauptstadt des Kaiserreichs Birma, angekommen.

Den Major Faire, ein Freund von mir, hatte vergangenes Jahr eine diplomatische Mission dorthin geführt, und er hatte mir das eigenartige Land in einer Weise beschrieben, daß ich mich entschloß, einen Abstecher dorthin aus meiner Reise durch Asien zu machen. Er gab mir sogar ein Empfehlungsschreiben an den Wongy Mangvé-Mengyi, einen von den vier ersten Würdenträgern des Kaisertums, mit. Dieser hatte seinerzeit mit dem Major Freundschaft geschlossen.

Amarapura ist an den Ufern des Sees Myit-nge erbaut, der von dem Flusse Irawadi durch ein Netz von Kanälen gespeist wird.

Der Dampfer, welchen ich in Rangoun bestiegen hatte, brachte eine wertvolle Güterladung für einen armenischen Kaufmann nach Amarapura. Es war nicht ganz leicht für das Fahrzeug gewesen, dieses Labyrinth von Kanälen zu durchkreuzen.

Wir alle atmeten erleichtert auf, als endlich eine Holzbrücke in Sicht kam, welche den Landungsplatz mit der Stadt verbindet. Dieser war dicht mit Neugierigen angefüllt. Die Ankunft eines Dampfschiffes bedeutet stets ein außerordentliches Ereignis für das neugierige Publikum, unter welches sich dann noch viele Packträger, Fremdenführer und Verkäufer von Früchten u. dgl. mischen.

Das Schauspiel, das die bunte Menge bot, war von eigenartig exotischem Reiz: Eingeborene in ihrer bunten Nationaltracht; die Angehörigen der höheren Kasten in langen samtenen Mänteln, den Kopf mit einer Mütze bedeckt, welche große Ähnlichkeit mit der Mitra unserer Bischöfe hatte; die Priester mit ihren kahlgeschorenen Häuptern; die halbnackten Lastträger. Den Hintergrund des Bildes, das diese bunte, lärmende Menge gewährt, bildet die Hauptstadt mit ihren unzähligen Palästen, Obelisken und Türmen, in deren goldenen Verzierungen sich die Sonnenstrahlen tausendfach brechen.

Ein birmanischer Offizier und Bürgersmann näherten sich dem Schiffe, als wir auf dem Landungsplatze angelangt waren. Jener trug Galauniform. Die vorhin beschriebene Mütze war bei ihm durch ein Gitterwerk von Edelsteinen so reich verziert, daß sie, dadurch beträchtlich schwer geworden, fortwährend auf seinem Kopfe hin und herschwankte und zu fallen drohte. Er half sich sehr sinnreich durch ein Instrument, das einem Papiermesser sehr ähnelte und das er in der rechten Hand trug. Mit diesem hielt er die widerspenstige Mütze auf ihrem Platze, sowie die Haare in Ordnung, die sich ihrer Frisur zu entlösen drohten. Der Mantel, der ihm bis auf die Fersen fiel, war ebenso wie die Mütze von scharlachrotem Samt und die langen Ärmel waren reich mit Gold gestickt. Unter diesem Kleidungsstück trug er ein zweites gleichlanges aus gelber Seide, dazu samtene goldgesteppte Pantoffeln.

Ein Knabe, welcher mir sofort durch seinen außerordentlich feinen Gesichtsbau auffiel, trug dem Offizier die beiden Gegenstände nach, ohne die man sich einen Birmanen von Rang nicht denken kann: eine goldene Schachtel mit Betel und einen Spucknapf von gleichem Metall. Von Zeit zu Zeit streckte der Offizier graziös die Hand aus, nahm eine Prise Betel, steckte ihn in den Mund, kaute ihn gut und spuckte dann mit großer Geschicklichkeit den roten Saft in den dargereichten Napf.

Der Bürger, der mit ihm gekommen war, trug armenische Kleidung und gab sich auch durch seine Gesichtszüge sofort als einen Kaukasier zu erkennen.

»Der Armenier ist der Eigentümer der Waren, die ich geladen habe,« sagte der Kapitän, der unbemerkt an mich herangetreten war. »Der Birmane aber ist ein Zolloffizier. Der Kaiser von Birma sucht die Europäer nur in jenen Dingen nachzuahmen, in denen sie nicht nachahmenswert sind. Er belastet seine Untertanen mit ungeheuren Steuern und Abgaben, die früher unbekannt waren.«

»Darf ich ans Land gehen?

»Noch nicht, erst muß der Zollbeamte die Erlaubnis dazu erteilt haben. Ich will dem Beamten entgegengehen und hoffe durch ein wenig Höflichkeit die peinlichen Formalitäten abzukürzen und freie Landung zu erreichen.«

Der Kapitän, ein Vollblutengländer, entfernte sich langsam und näherte sich dem Zolloffizier, der in diesem Augenblick an Bord stieg. Er wechselte nach einer leichten Verbeugung einige Worte mit ihm und verschwand dann mit ihm in seiner Kajüte, wo die beiden wohl eine halbe Stunde verblieben.

Der Kapitän erschien zuerst wieder. Er winkte mich zu sich heran.

»Sie wünschen, Herr Kapitän?«

»Der Beamte wünscht Sie zu sprechen.«

Ich ging in die Kajüte.

Der Offizier hockte zusammengekauert auf einem Sessel und kaute Betel. Elegant erschien er in dieser Stellung gerade nicht. Es mag dem Türken gut stehen, wenn er auf einem Sofa oder einem Teppich kauert, aber einen Mann auf einem Stuhle hocken zu sehen, kann doch nicht anders als zum Lachen reizen.

Ich machte dem Beamten eine leichte Verbeugung und fragte: »Was wünschest du von mir?«

Er spuckte zweimal in den goldenen Napf und fragte dann in gebrochenem Englisch: »Wie heißest du?«

Ich nannte meinen Namen.

Eine Pause entstand: »Woher kommst du?«

»Von Rangoun.«

Neues Stillschweigen.

»Bist du ein Kaufmann?«

»Nein!«

»Was bist du also?«

»Ich bin ein Schriftsteller.«

Und wieder entstand eine minutenlange Pause.

Der Kapitän betrachtete mich verstohlen, weil ich mit dem Lachen kämpfte.

»Du wirst nach Rangoun zurückkehren.«

Waren diese Worte im Tone der Frage oder des Befehles gesprochen? Ich konnte mir nicht sofort klar darüber werden.

»Ich werde allerdings nach Rangoun zurückkehren, sobald ich Amarapura besichtigt habe,« gab ich zur Antwort.

»Du wirst es nicht besichtigen.«

»Warum denn nicht?«

»Weil ein Erlaß Seiner Majestät des Kaisers allen nicht handeltreibenden Fremden den Besuch der Hauptstadt verbietet,« entschied der Birmane in jenem Amtstone, den alle Beamten anzunehmen pflegen, welche im Namen ihres Souveräns sprechen.

»Ist der Besuch der Hauptstadt auch jenen Reisenden verboten, die ein Begleitungsschreiben der Königin von England mitbringen?« fragte ich lächelnd.

»Hast du ein solches?« rief der Hafenbeamte erstaunt.

»Die Besichtigung Amarapuras ist auch demjenigen untersagt, der nachweist, ein Freund des Wongy Mangvé-Mengyi zu sein?«

»Herr! Du bist ein Freund des Wongy?« schrie der Beamte abermals, sprang, mich erstaunt betrachtend, auf die Füße und machte mir eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung.

Ich nahm aus meinem Portefeuille den Brief des Majors, der in eine Pergamenthülle geschlossen und mit seltsamen Hieroglyphen in birmanischer Schrift bedeckt war und gab ihn dem Höfling. Er griff nach dem Pergament, prüfte aufmerksam die Adresse sowie die Siegel und gab es mir dann mit einer Verbeugung zurück.

»Warum sagtest du mir nicht sogleich, daß du unter dem Schutze der Königin von England stehst und ein Freund unseres Wongy bist? Ich hätte dich dann sofort begrüßt, wie es einem Pair von England gebührt,« sagte er.

»Du tatest nur deine Pflicht. Kann ich jetzt ans Land gehen?«

»Ja.«

»Du hast mir sonst nichts zu sagen?«

»Nichts, Herr!«

Ich verließ die Kajüte und ging auf das Deck, wo sich wenige Minuten später auch die edelsteinbesetzte Mütze mit dem Kapitän und dem Armenier wieder einfand. Der Kaufmann zählte dem Zollbeamten 50 Pfund Sterling auf die Hand, der sie gleichgültig einsteckte und gemächlich das Schiff verließ. Er hatte die fälligen Abgaben und Taxen einkassiert. Weiter blieb ihm hier nichts zu tun übrig.

Ich verabschiedete mich von dem Kapitän, rief einen Lastträger, dem ich mein geringes Reisegepäck übergab, warf das Gewehr über die Schulter und stieg ans Land.

Amarapura liegt auf einem leicht erhöhten Terrain zwischen dem See und dem Fluß. Während der Regenzeit erhält die Stadt die Form einer Insel, da alsdann der Fluß aus seinen Ufern tritt und die Umgegend unter Wasser setzt, Amarapura seiner erhöhten Lage wegen allein verschonend.

Holzbrücken vermitteln die Verbindung der Stadt mit den Feldern und umliegenden Dörfern. Die Landungsbrücke ist 3 Kilometer lang und 15 Meter breit, die andern geben ihr nicht viel nach. Amarapura bildet ein Quadrat, dessen einzelne Seiten 1600 Meter in der Länge messen, und wird von einer festen Mauer umschlossen, die 6 Meter hoch ist und von 56 Türmen gekrönt wird. Zwölf Tore, auf jeder Seite drei, führen in die Stadt. In einer Entfernung von 30 Meter zieht sich um sie ein 6 Meter tiefer und ebenso breiter Festungsgraben, der mit Zugbrücken versehen ist und in Kriegszeiten ein nicht zu unterschätzendes Hindernis für die Feinde bildet.

Die Hauptstadt ist somit eine Festung ersten Ranges für das Land und für asiatische Truppen geradezu uneinnehmbar.

Unterwegs fragte ich den Lastträger: »Weißt du, wo Wongy Mangvé wohnt?«

»Gewiß, er wohnt in unmittelbarer Nähe des Tempels des Senmeng, da ihn Seine glorreiche Majestät zu dessen Ritter ernannt hat.«

»Ist dieser Posten so ehrenvoll?« fragte ich etwas erstaunt, daß ein hoher Würdenträger des kaiserlichen Hofes zum Ritter eines Elefanten bestellt wurde.

»Ohne Zweifel! Würde ihn sonst der Kaiser seinem treuen Wongy zuweisen?«

Nach einer guten Stunde gelangten wir über eine Zugbrücke zu einem der Stadttore, das von vier Soldaten bewacht wurde. Sie lagen auf der Erde, die unvermeidliche Betelschachtel neben sich und die nach alter Art gearbeiteten Gewehre zwischen den Knien. Als sie mich erblickten, kreuzten sie dieselben, mir auf diese Weise den Eintritt verwehrend.

Aus einem hölzernen Häuschen trat ein Offizier, lehnte sich gemächlich an die Mauer und frug mich barsch in birmanischer Sprache: »Wohin willst du?«

Ich hatte bereits in meinem Vaterlande die Gelegenheit wahrgenommen, mir in etwas diese Sprache anzueignen und entgegnete also ebenfalls in ihr und nicht weniger barsch: »In die Stadt.«

»Du sprichst unsere Sprache?« rief der Soldat überrascht.

»Du erwartetest es wohl nicht?« fragte ich nicht ohne Stolz.

»Nein!«

»Warum fragtest du mich dann auf birmanisch?«

Der Offizier zog es vor, diese berechtigte Frage unbeantwortet zu lassen und setzte das Verhör fort: »Besitzest du die Erlaubnis, die Stadt zu betreten?«

»Ich bin ein Freund Mangvé-Mengyis.«

»So magst du passieren. Aber spute dich, denn binnen kurzem möchte dir die Freundschaft des Wongy verhängnisvoll werden.«

»Wieso?« forschte ich, bestürzt über diese Eröffnung.

»Du wirst es erfahren zu seiner Zeit. Jetzt beeile dich, wenn dir dein Leben lieb ist.« Damit kehrte er mir den Rücken und entfernte sich rasch.

Nachdenklich betrat ich die Stadt. Welche Bedeutung sollte ich jenen Worten beimessen? Die Freundschaft des Wongy konnte mir in einer kurzen Spanne Zeit verhängnisvoll werden. Aber warum das? Sollte der Wongy in Ungnade bei dem Kaiser gefallen sein? War es denn klug von mir, mich als seinen Freund auszugeben, ihn überhaupt aufzusuchen? Konnte er nicht auch mich in mehr oder minder schwerer Weise mit in sein Verhängnis verwickeln?

Aber vielleicht war es auch nur ein Scherz von dem Offizier gewesen. Die Freundschaft des Wongy konnte mir verhängnisvoll werden; bis jetzt also war sie es noch nicht.

»Zum Tempel des Senmeng!« befahl ich meinem Begleiter, einen entschiedenen Anlauf nehmend.

Wir schritten weiter.

Amarapura ist sehr regelmäßig gebaut. Lange saubere Straßen führen von einem Tore der Stadt zu dem anderen und schneiden sich in geraden Winkeln. Die Straßen sind nicht gepflastert, sondern aus festgestampfter Tonerde gebildet. Sie sind bei trockener Witterung vorzüglich, aber während der großen Regen werden sie fast ungangbar; in den Hauptstraßen versinkt man dann bis über die Knie und noch tiefer im Schlamm.

In der Mitte der Straßen, wenige Schritte von den Häusern entfernt, erheben sich zwei Reihen von Palisaden, hoch und solid gearbeitet, die mit weißer Kalkfarbe bestrichen und von Terrakottavasen gekrönt sind, aus denen liebliche Blumen wohlriechende Düfte entsenden. – Auf diese Weise werden die an sich sehr breiten Straßen in drei schmale Gänge geteilt, von denen der mittelste der breiteste ist. Wer von einer Seite der Straße auf die andere gelangen will, muß daher weite Umwege beschreiben, ehe er sein Ziel erreicht. Diese eigenartigen Palisaden führen den Namen Yaja-mat oder kaiserliche Palisaden und verfolgen den Zweck, das Volk bei einem etwaigen Ausgange des Monarchen abzuhalten, sich an diesen heranzudrängen. Die orientalischen Herrscher und darunter besonders der von Birma, verbergen sich gerne unter einem mysteriösen Schleier vor ihren Untertanen, weil sie glauben, dadurch majestätischer zu erscheinen. Sie lassen sich deshalb selten sehen.

Im Vergleich mit den Straßen erscheinen die Häuser, die sich zu ihren Seiten hinziehen, armselig. Der Brand von 1831 zerstörte zwei gute Dritteile der Hauptstadt, darunter die herrlichsten Paläste, prachtvolle Tempel und die reichsten Wohngebäude. Die Stadt wurde zwar wieder aufgebaut; aber während die Tempel und wenigen öffentlichen Gebäude in noch größerem Glanze erstanden und die alten an Schönheit und Reichtum verdunkelten, gestalteten sich die Privathäuser dürftig. Viele Städter verließen die Hauptstadt, weil das Leben dort teuer ist und die zahllosen Holztempel eine stete Gefahr im Falle des Ausbruches eines Feuers sind und siedelten sich anderswo an. Nur die Beamten und die ärmere Klasse blieben zurück.

In der Mitte der Stadt befindet sich der prachtvolle kaiserliche Palast. Er bildet ein Quadrat, dessen Seiten parallel mit der Mauer laufen, die Amarapura umschließt. Drei Mauergürtel umgeben den mittelsten Teil, die Wohnung des Monarchen, denn eigentlich besteht der Palast aus einer Anhäufung von Gebäuden. Diese sind unter einem gemeinsamen Dache vereinigt, welches von reich mit vergoldeter Holzschnitzerei verzierten Säulen getragen wird, und teilweise aus Holz, teilweise aus Steinen errichtet sind.

An der nördlichen Mauer erhob sich der ganz aus vergoldetem Holze erbaute Tempel des weißen Elefanten – das Ziel meines Weges.

Die wenigen Personen, die uns begegneten, waren lediglich Eingeborene. Keiner von ihnen schenkte mir auch nur einen Blick; sie sprachen eifrig miteinander, ihre Gesichter drückten unverkennbar Furcht und Schrecken aus.

»Hat die Stadt vielleicht ein schweres Unglück betroffen?« fragte ich meinen Führer.

»Nicht, daß ich wüßte,« lautete die Antwort.

»Die Leute, die uns begegneten, schienen mir so niedergeschlagen.«

»Auch ich machte bereits diese Wahrnehmung. Niemand kümmert sich um dich, niemand fragt mich, wer du seiest, damit ich ihnen erzählen könnte, daß ich heute die Ehre habe, einen Pair von England zu führen,« sagte der Packträger mit betrübter Naivetät.

Wir gelangten jetzt in die Nähe einer Gruppe von fünf Personen, die eifrig gestikulierten.

»Der weiße Elefant —« hörten wir einen von ihnen sprechen.

Dieses Wort erregte die Neugierde des Packträgers. »Entschuldige mich, Herr,« sagte er und näherte sich der Gruppe. Ich ging unterdessen langsam weiter.

Bald holte er mich ein. Seine Züge zeigten hohen Ernst.

»Was hast du in Erfahrung gebracht?« erkundigte ich mich.

»Ein schweres Unglück bedroht Amarapura, Herr!«

»Ist der Kaiser erkrankt?« fragte ich, da ich die Worte des Trägers sofort in Verbindung mit jenen brachte, die der wachthabende Offizier zu mir gesprochen. »Es ist schlimmer, Herr, viel schlimmer.«

»So sprich doch!« rief ich ungeduldig.

»Der weiße Elefant —«. Er stockte.

»Ist entflohen?«

»Wenn es nur das wäre!«

»Also krank?«

»Er liegt im Sterben!« sagte der Mann tieftraurig.

»Im Sterben?« wiederholte ich erschrocken.

»Im Sterben, ja, vielleicht ist er auch schon tot. Buddha, rette den Kaiser!«

Der Leser möge sich nicht darüber wundern, daß mich die Nachricht von der tödlichen Erkrankung des weißen Elefanten in große Bestürzung versetzt hatte. Diese war durchaus nicht von weichlichem Mitleid mit dem Tiere selbst hervorgerufen.

Ich dachte dabei hauptsächlich an den Mann, an dem ich einen Freund und eine Stütze in diesem fremden Lande zu finden gehofft hatte und für den der Tod dieses Tieres den materiellen und moralischen Ruin bedeutete.

Grübelnd folgte ich meinem Führer nach dem Tempel, dessen Fassade einem großen Platze zugekehrt und reich mit Schnitzerei und Gold verziert war. Die Hauptpforte war geschlossen und eine Kompagnie Soldaten lagerte vor ihr auf der Erde, die Flinten zwischen den Knien. Eine große Menschenmasse hatte sich auf dem Platze angesammelt, hielt sich aber in scheuer Entfernung von den Wärtern des heiligen Ortes.

»Der Tempel ist verschlossen. Das heilige Tier wird auf das sorgfältigste gehütet,« erklärte mir der Träger.

»Wo wohnt der Wongy?« erkundigte ich mich statt aller Antwort.

Er deutete auf ein elegantes Gebäude in unmittelbarer Nähe des Tempels.

Ich wandte mich nach dieser Richtung. Vor der Pforte verabschiedete ich den Träger und klopfte.

Der heraustretende Diener stieß einen Schrei des Erstaunens aus. »Großer Buddha! Ein Engländer!«

Die Birmanen halten alle Europäer für Engländer.

»Ist dein Herr zu Hause?« fragte ich.

Er bejahte.

»Melde mich ihm. Ich habe notwendig mit ihm zu sprechen.«

Meine Worte schienen den Diener zu verwundern.

»Unmöglich! Der Wongy ist heute für niemand zu sprechen,« entgegnete er.

»Mit mir wird er gewiß eine Ausnahme machen. Willst du mich melden?«

»Ich weiß nicht, ob ich es wagen darf —« meinte der Sklave schwankend.

»Gut denn, ich gehe! Aber du trägst die Verantwortlichkeit für deine Hartnäckigkeit. Der Zorn deines Herrn wird dich treffen.«

Meine Worte erschreckten den braunen Diener.

»So tritt ein, Herr. Ich will den Zeremonienmeister des Wongy rufen. Dem magst du deine Wünsche vortragen.«

Ich folgte seiner einladenden Handbewegung und trat in eine geräumige, aber niedrige Halle, die von acht Säulenreihen getragen wurde und aus der eine Türe in einen selten schönen Garten führte.

Der Diener schloß die Hauptpforte und sagte: »Erwarte mich hier, ich will den Zeremonienmeister holen.«

Damit stieg er in den ersten und einzigen Stock des Hauses hinauf. Wohl eine Viertelstunde mußte ich in der Halle warten, doch vertrieb ich mir die Zeit mit einer eingehenden Betrachtung derselben.

In ihrer Ausstattung trat der Geschmack der Indier in seiner ganzen Eigenart hervor. Die Decke imitierte den blauen Himmel mit seinen funkelnden Sternen. Die Wände waren aus lackiertem Holze und wirklich vollendeter Holzschnitzerei versehen. Diese Schnitzereien stellten die heiligen Tiere des Landes vor und waren Bildhauerarbeiten aus der kaiserlichen Schule. Reich vergoldete Türen mit Angeln aus getriebenem Silber führten in die Wohnräume des Erdgeschosses. Den Fußboden überspannte ein prachtvoller Teppich aus Baumwollstoff mit bunten Arabesken.

Noch war ich in Betrachtung verloren, als rasche Schritte die Treppe herabkamen. Ein junger Mann, reich in blaue Seide gekleidet, und ein ebensolches Tuch nach Art eines Turbans lose um das Haupt geschlungen, trat mir mit einer so tiefen Verbeugung gegenüber, daß seine Stirne fast den Boden berührte. Er trug das Kinn glatt rasiert und seine Gesichtszüge wären sympathisch zu nennen gewesen, hätten nicht die Augen so unruhig hin— und hergeflackert.

»Ich bin der Zeremonienmeister des Wongy. Du wünschest mit demselben zu sprechen?«

»Allerdings. Ich bringe ihm einen Brief von einem seiner Freunde, der zugleich auch der meinige ist.«

»Der Wongy kann heute niemand empfangen. Gib mir das Schreiben, ich werde es ihm übergeben und dich dann wissen lassen, wann er sich herablassen will, dir sein Angesicht zu zeigen,« entgegnete der Zeremonienmeister in der blumenreichen Sprache des Orients.

»Das Schreiben muß ich ihm persönlich übergeben.«

»Das geht nicht. Nach der Sitte darf er es nur aus meinen Händen empfangen.«

»Es ist ein Handschreiben eines hohen europäischen Würdenträgers – meinst du, daß ich es in die Hände eines Sklaven legen werde?« antwortete ich mit allem Hochmut, der mir zu Gebote stand und der dem Reisenden im Oriente unumgänglich nötig ist.

»Ich bin der Zeremonienmeister des Hüters des weißen Elefanten,« gab der junge Mann empfindlich zurück.

»Aber trotzdem sein Sklave. Oder willst du dies vielleicht leugnen?« fragte ich verächtlich.

»Folge mir! Ich werde dich dem Wongy melden,« sagte er endlich, jede weitere Rede abschneidend.

Er führte mich die Treppe hinauf in ein großes Gemach, dessen echt orientalische Pracht fast beengend wirkte. Der Fußboden war mit wertvollen Teppichen überspannt, die Wände reich mit Gold, Perlmutter und Elfenbein ausgelegt. Niedrige Stühle von bizarr geschweifter Form reihten sich um einen großen Tisch. Eine farbige Glastüre führte auf einen Balkon, von dem aus man eine entzückende Aussicht auf den Garten und den heiligen Tempel genoß.

Ein kostbarer seidener Vorhang schied das Zimmer in zwei Teile, von denen der eine für die Männer, der andere für die Frauen bestimmt war, die hier, geschützt durch die Portiere, ungestört sitzen und die Gäste ihres Gatten—, Vaters oder Bruders beobachten konnten.

»Erwarte mich hier, ich gehe zu Mangvé-Mengyi. Ich will hoffen, daß er sich gnädig erweist und dir gestattet, dich ihm zu zeigen,« sagte mein Führer und verschwand.

Ich ließ mich auf einem der Sessel nieder und betrachtete die Kupferstiche, die an den Wänden hingen. Es waren nur Genrebilder und Landschaften. Sie besassen keinesfalls besonderen künstlerischen Wert.

Wohl eine Stunde mochte ich in dem Salon verbracht haben, als endlich der Zeremonienmeister eine Seitenportiere zurückschlug und dem Wongy voran in den Saal trat.

Der Hüter des Senmeng war ein nicht mehr junger Mann von robustem Körperbau und mittlerer Statur mit starker Neigung zu Fettleibigkeit. Er war in ein weites Gewand von scharlachrotem Samt gehüllt, und trug auf dem Haupte einen seidenen Turban von gleicher Farbe. Das Kinn hatte er glatt rasiert, Haare und Schnurrbart waren bereits ergraut; seine Gesichtszüge waren angenehm, aber der Stempel tiefer Traurigkeit war daraufgedrückt.

»Der Wongy!« sagte der Zeremonienmeister mit einer vorstellenden Handbewegung. Ich sprang auf und verneigte mich.

»Du hast mich zu sprechen gewünscht. Was ist dein Begehr?« begann Mangvé-Mengyi.

»Ich habe dir Grüße zu bestellen von deinem Freunde, dem Major Faire. Er sendet dir dieses Schreiben.« Ich zog den Brief hervor und übergab ihn dem Birmanen. Dieser nahm ihn, las die Aufschrift und legte ihn beiseite.

»Ein Brief meines englischen Freundes ist mir von hohem Werte. Aber augenblicklich fehlt mir die Zeit, ihn zu lesen, ich werde es später tun. Natürlich wirst du während der Dauer deines Aufenthaltes hier bei mir wohnen. Betrachte mein Haus als das deinige und laß es dir bei mir gefallen. Morgen hoffe ich mehr mit dir sprechen zu können.«

»Ich danke dir herzlichst für die angebotene Gastfreundschaft, aber ich kann sie nicht annehmen,« erklärte ich.

»Willst du mich beleidigen?« rief der Wongy erzürnt.

»Das liegt mir ferne. Aber du selbst sagst, daß du augenblicklich sehr beschäftigt bist. Da möchte ich dir nicht auch noch beschwerlich fallen. Überdies – du scheinst mir betrübt. Muß ich da nicht fürchten, mit meiner Anwesenheit unliebsam deine Ruhe zu stören?«

»Du störst mich nicht im geringsten, sondern machst mir im Gegenteil eine große Freude, wenn du meine Einladung annimmst,« wies Mangvé-Mengyi meine Bedenken zurück.

»Ich danke dir nochmals, aber ich muß sie wirklich zurückweisen. Ich habe meine Gründe dafür, die ich dir jedoch jetzt noch nicht nennen kann. Vor meiner Abreise will ich es tun.«

Der Wongy blickte eine Weile still zu Boden, wie es schien, in trübe Gedanken versunken. Dann kehrte er sich gebieterisch zu dem Zeremonienmeister: »Laß uns allein.«

Der Sklave gehorchte.

»Nimm Platz,« wandte sich Mangvé wieder zu mir, auf einen Sessel deutend. Er selbst ließ sich mir gegenüber nieder.

»Lord Faire empfiehlt dich mir. Ich kenne meinen englischen Freund gut genug, um zu wissen, daß er mir niemals einen Mann empfehlen würde, der meines Hauses unwürdig ist,« fuhr er dann fort.

»Das glaube ich auch,« entgegnete ich trocken.

»Du bist ein Edelmann und gefällst mir.«

Ich quittierte die Schmeichelei mit einer leichten Verbeugung.

»Du bist auch gelehrt. Du bist der einzige Europäer meiner Bekanntschaft, der unsere Sprache spricht.«

»Ich kenne kaum zwanzig Worte davon,« wehrte ich ab.

»Nein, du sprichst sehr gut birmanisch. Wärest du nicht als Engländer gekleidet, ich würde wahrhaftig glauben, du seiest an den Ufern des Irawadi geboren. Gewiß bist du auch ein großer Arzt,« sagte der Wongy, der ebenfalls in dem Glauben befangen war, daß jeder Europäer ein vorzüglicher Mediziner sein müsse.

Ich antwortete bejahend auf seine Frage. Ich verstand ja ein wenig von der Arzneikunde; aber hätte ich das auch geleugnet, er hätte mir doch nicht geglaubt.

»Die europäischen Ärzte verstehen viel mehr, als die birmanischen,« fuhr der freundliche Alte fort.

»Auch in Ara ist die Heilkunde weit vorgeschritten,« entgegnete ich sehr gegen meine Überzeugung.

»Ich weiß, daß mein Vaterland groß ist in jeder Beziehung, aber die Gabe, Krankheiten zu heilen, verlieh Buddha den Engländern. Herr, möchtest du mir einen großen Gefallen erweisen?«

»Jeden, der in meiner Macht steht.«

»Wenn es dir gelingt, rettest du mir das Leben und machst du mich ewig zu deinem Schuldner.«

Ich erriet jetzt, welche Gefälligkeit der Wongy von mir wünschte. Der weiße Elefant lag im Sterben und sein Hüter hielt mich für einen berühmten Arzt, ja, das war ich, aber doch kein Tierarzt!

»Sprich,« sagte ich.

»Du weißt wohl, daß ich der Hüter des Senmeng bin.«

»Gewiß! Erlaube mir, daß ich dir zu dieser hohen Ehre gratuliere.«

»Danke, aber jetzt steht vieles auf dem Spiele. Seine Hoheit ist tödlich erkrankt. Wehe mir! Stirbt er, so bin ich verloren. Der Kaiser zieht meine Güter ein, mein Weib wird von ihren Eltern verstoßen werden, mein einziger Sohn muß in die Verbannung wandern und ich – ich —« Er brach ab und senkte müde den Kopf.

»Und du?«

»Ich werde getötet,« entgegnete er dumpf.

»Auch wenn der Senmeng eines natürlichen Todes stirbt?«

»Auch dann.«

»Aber das ist eine Ungerechtigkeit.«

»Das Gesetz schreibt es so vor. Das Gesetz aber hat der Kaiser gemacht und was der Kaiser will, ist gut. Deshalb bitte, ja beschwöre ich dich, begleite mich in den Tempel und untersuche den Elefanten. Wer weiß, vielleicht gelingt es dir, ihn wieder herzustellen,« flehte der alte Mann.

»Ich bin aber kein Tierarzt,« entgegnete ich. Das Verlangen war doch zu seltsam, als daß ich ihm gern entsprochen hätte.

»Der weiße Elefant ist aber auch kein gewöhnliches Tier. Er ist der Schutzgeist des Kaisers und sein geheiligtes Leben gilt mir mehr als das Leben von zehntausend Mann oder hunderttausend Frauen,« erklärte der Wongy.

Sollte ich die Bitte abschlagen? Ich hätte es gern getan, denn die Aussicht, einen Elefanten kurieren zu sollen, hatte wenig Verlockendes für mich.

Aber vielleicht fand ich ein Mittel. So entschied ich mich kurz.

»Ich stehe zu deiner Verfügung.«

»Dank! – Dank!« rief der Alte erfreut. »O ich wußte wohl, daß ich dein edles Herz nicht vergeblich anrufen würde. Aber ehe ich dich in den Tempel führe, mußt du mir Versprechen, mein Gast zu sein.«

»Ich verspreche es dir.«

»Ich danke dir! Doch erlaube mir noch eine Bemerkung. Deine europäische Kleidung wird dir hier sehr hinderlich werden. Sie fällt unangenehm auf und wird überall die Aufmerksamkeit auf dich lenken.«

»Du meinst also, ich solle mich nach birmanischer Art kleiden?«

»Ja, das meine ich.«

»Ich würde mich wohl dazu verstehen, aber ich glaube nicht, daß es viel helfen würde. Meine Gesichtszüge und Hautfarbe verraten mich ja doch sofort als Europäer.«

»O darauf achtet niemand. In birmanische Kleidung gehüllt, verschwindest du unter der Menge.«

»Gut denn, ich werde sofort gehen, und mir ein solches Gewand kaufen.«

»Nein, das ist unnötig. Ich werde dir eines zur Verfügung stellen, wie es sich für deinen Rang und deine Stellung ziemt – ziemt auch für den Mann, der den Schutzgeist des Kaisers heilen soll.«

»Ich nehme mit Dank dein gütiges Anerbieten an, aber du würdest mich doppelt verpflichten, wenn du das Gewand mir sofort übergeben ließest. Wir wollen den Besuch beim Senmeng nicht aufschieben.«

»Du hast recht. Verzeih, wenn ich dir Speise und Trank erst später anbieten werde. Jetzt mag dich mein Zeremonienmeister vor allem in meine Garderobe führen, wo du dich umkleiden kannst.«

Der Hüter des heiligen Tieres klatschte in die Hände, der Zeremonienmeister erschien.

»Führe diesen fremden Wongy in meine Garderobe und hilf ihm, das beste meiner Gewänder anzulegen,« befahl ihm sein Herr.

Über einen langen Korridor hinweg gelangten wir in die Garderobe, ein mäßig großes Zimmer.

Da hingen an den Wänden die langen mantelähnlichen Oberkleider aus dunkelblauem, weißem und cremfarbenem Samt neben den Unterkleidern aus feinster Seide und – nach orientalischer Sitte – sehr lange Hosen. Da hingen auch seidene Jacken, wie sie die Diener nötig hatten und auf zwei langen Tafeln lagen Baretts in allen Farben, Formen und Größen und daneben elfenbeinerne Instrumente, ähnlich jenem, das ich den Zolloffizier hatte handhaben sehen, sowie Kassetten für den unentbehrlichen Betel, Spucknäpfe von Gold, Silber, Elfenbein und Bein, zum Teil fein ziseliert und viele Hörrohre, von denen fast jeder birmanische Würdenträger eines zur Seite hängen hat.

Ich warf meinen Rock ab, nachdem ich seine Taschen ihres Inhaltes entledigt. Der Zeremonienmeister riet mir, auch die Hosen und die Weste abzulegen, aber dazu wollte ich mich nicht verstehen, sondern zog das hemdähnliche Unterkleid aus weißer Seide über diese europäischen Kleidungsstücke an und warf dann noch einen cremfarbigen Mantel um, der meine Gestalt ganz verhüllte und in dessen weiten Taschen ich auch den früheren Inhalt meines Rockes unterbrachte.

Die Schwere des samtenen Oberkleides empfand ich allerdings nicht besonders angenehm. Amarapura liegt unter dem dreiundzwanzigsten Grad südlicher Breite.

Ich setzte noch ein samtenes Barett auf den Kopf, hing ein silbernes Hörrohr an meine Seite und nahm in die Hand die Betelkassette und den Spucknapf.

»Entledige dich erst noch der Stiefel, Herr,« bat mich höflich der Zeremonienmeister.

»Aber ich sehe hier keine andere Fußbekleidung als Pantoffeln,« entgegnete ich.

»Bei uns gehen alle, selbst der Kaiser, in Pantoffeln. Wenn du also unsere Tracht anlegen willst, mußt du auch die Pantoffeln tragen.«

Dieser Brauch war aber gar nicht nach meinem Geschmack.

Die Straßen waren schlecht; jeder Tag konnte Regen bringen.

»Die Stiefel kann ich nicht ablegen. Laß uns jetzt zum Wongy zurückkehren,« entschied ich.

»Du bist der Herr und ich muß dir gehorchen, doch bitte ich dich, dem Wongy zu sagen, daß es nicht meine Schuld ist.«

»Fürchte nichts! Ich werde dem Wongy sagen, daß ich sehr zufrieden mit dir bin.«

Dieses Lob ließ ihn vor Wonne strahlen. Er drückte die Hände an die Stirne und verneigte sich bis zur Erde.

»Laß wenigstens das Gewehr hier,« bat er noch.

»Das behalte ich bei mir.«

»Aber ich bitte dich, Herr! Du trägst ja schon zwei kleine Feuerwaffen, sowie einen Dolch bei dir. Hast du an diesen Waffen noch nicht genug?«

»Die Waffen sind die Ehre des Mannes und ich trenne mich nicht von den meinen.«

»Aber in ganz Amarapura sieht man nichts dergleichen.«

»So wird man es jetzt sehen.«

»Auf diese Weise gibst du dich sofort als Europäer zu erkennen.«

»Den wird man auch ohne die Waffen herausfinden. Gehen wir jetzt. Dein Herr erwartet uns.«

Wieder ging es über den langen Korridor zurück in den Saal, in dem der Berater der birmanischen Krone meiner wartete. Sein Antlitz drückte nun nicht mehr so tiefe Niedergeschlagenheit aus, als er mich sah, blitzte es sogar freudig auf in seinen Augen.

»Gehen wir zu dem Senmeng,« sagte er.

Der Weg zum Tempel führte durch den großen, wohlgepflegten Garten. Zu jeder anderen Zeit hätte ich dessen entzückende Schönheit bewundert. Die seltensten tropischen Gewächse fanden sich hier vereinigt. Jetzt jedoch konnte ich dieser Pracht nur einen flüchtigen Blick schenken, auch nur flüchtig den schönen Tempel bewundern. Der Wongy hatte Eile; sein Elefant lag ihm zu sehr am Herzen.

Hastig durchschritten wir den Garten und gelangten an eine Seitenpforte des Tempels. Der Wongy schloß sie auf, ich überschritt die Schwelle und – befand mich ›Seiner Hoheit‹ gegenüber.




Zweites Kapitel.

Die Flucht


Der weiße Elefant steht in ganz Hinterindien in hohem Ansehen; wahrhaft göttliche Ehren aber erweist man ihm doch nur in den beiden Reichen Siam und Birma.

Vor alten Zeiten waren die weißen Elefanten besonderes Eigentum der Krone. Die früheren Herrscher von Birma ritten nur auf diesen Tieren. Der weiße Elefant war, sozusagen, die Verkörperung des kaiserlichen Glückes. Befand er sich wohl, dann stand es gut um das Land, erkrankte er, so war das ein offenkundiges Zeichen, daß Buddha zürnte und schweres Unglück über den Staat hereinbrechen würde, starb er gar, so war der Bestand desselben in höchster Gefahr. Dann mußte so schleunig als möglich ein neuer Schutzgeist für den Kaiser gesucht werden und die Zeit, die während dieses Suchens verging, war eine Zeit der Angst und Trauer für das Volk. Oft dauert dieses Suchen sehr lange, denn die weißen Elefanten sind selten.

Der nun im Sterben liegende Elefant residierte seit fünfzig Jahren in seinem Tempel und während dieses langen Zeitraumes hatte sich in dem großen Kaiserreich noch nicht ein würdiger Nachfolger für ihn gefunden, eine einzige Ausnahme abgerechnet, von der ich später sprechen werde.

Der Tempel, in den wir eintraten, war in der Form einer hohlen Pyramide erbaut. Den Grund bildete ein 10 Meter langes und ebenso breites Viereck, von dem die Mauern in der Weise emporstiegen, daß sie einen Winkel von 60 Grad darstellten und in der Höhe von 12 Meter zusammenstießen.

Der Fußboden war von einem kostbaren Teppich von ausgesucht feiner Arbeit bedeckt; in den fast ganz vergoldeten Wänden waren in der Höhe von 3 Meter mehrere schmale, schießschartenähnliche Fenster eingelassen, durch welche das Licht in den eigenartigen Raum eindrang.

Senmeng, ein riesiges Tier von mehr als 3 Meter Höhe, mit einem gewaltigen Kopfe und tadellos schönen langen Stoßzähnen, lag auf dem Teppich. Die Farbe seiner Haut war ein mattes Weiß, die Ohren und der Rüssel wiesen leichte Flecken auf, wie wir sie fast bei allen Tieren dieser Art finden.

Er war ohne Zügel, doch lag sein Zaumwerk in geringer Entfernung von ihm auf dem Teppich. Der mit einem Häkchen versehene Stachel war von massivem Golde mit kristallenem Griff und seiner ganzen Länge nach mit Perlen und Rubinen besetzt. Daneben lagen auch die Abzeichen seiner Würde: eine dreifache Krone aus rotem Tuche, reich mit großen Rubinen und Diamanten von reinstem Wasser besetzt, sowie ein Diadem, das sonst gewöhnlich die Stirne des heiligen Tieres umschloß und an welchem der Talisman befestigt war, ein Ring von neun kostbaren Edelsteinen, die vor dem bösen Blick schützen sollten. Ein Halbmond, ebenfalls aus wertvollem Gestein, hing von dem Diadem herab, sowie ein goldenes Schild, auf welchem die Titel des Elefanten eingraviert waren. Die Ohrringe, die ›Seine Hoheit‹ trug, waren von lauterstem Golde.

Der Elefant lag da, schweratmend und mit halb geschlossenen Augen. Vier bloßfüßige Birmanen knieten um ihn und hielten vier Sonnenschirme aus Goldbrokat über sein Haupt ausgebreitet.

›Seine Hoheit‹ ist auch der Eigentümer eines großen Lehengutes, dessen Einkünfte zur Bestreitung seines Unterhaltes verwendet werden. Er wird gehegt und gepflegt wie ein wirklicher Prinz; dreißig Lakaien sind allein für seinen Dienst bestimmt.

»Wie geht es dem ›Herrn‹?« erkundigte sich der Wongy sofort nach seinem Eintritte in den Tempel.

»Der Herr leidet sehr,« erwiderten die Diener.

Der Wongy wandte sich zu mir. »Willst du so freundlich sein, Seine Hoheit zu untersuchen?« bat er.

Ein einziger Blick auf die Bestie überzeugte mich, daß es mit ihr zu Ende ging. Sie war alt und unterlag nun der Last der Jahre. Doch um dem Wongy zu genügen, beugte ich mich zu dem Tiere nieder und untersuchte es auf das eingehendste.

»Nun?« fragte Mangvé, als ich mich wieder aufrichtete, in banger Spannung.

»Mangvé, du bist ein Mann —,« sagte ich ernst.

»Der Herr —?« stieß er angstvoll hervor.

»Er wird den Tag nicht überleben.«

»Es ist keine Hilfe mehr für ihn?«

»Leider keine.«

Der Wongy ließ meine Hand fahren, die er krampfhaft zwischen den seinen gepreßt hatte und brach in ein schmerzliches Stöhnen aus. Auch die vier Diener zeigten sich durch meine Worte niedergeschmettert. Sie ließen die Schirme fallen und ergingen sich in langen Jammerrufen. Der Tod des Elefanten bedeutet ja auch den ihren.

Es tat mir weh, die Schmerzensausbrüche dieser Männer mit anhören zu müssen.

Ich näherte mich dem Wongy und legte meine Hand auf seine Schulter. »Fasse dich, Mangvé! Deine Lage ist noch nicht so verzweifelt, als es dir scheint. Noch hast du Zeit zum Handeln,« sagte ich.

»Nicht so verzweifelt? Mit mir ist es vorbei,« entgegnete er mit dumpfer Ergebung. »Der Elefant stirbt. Mein Leben, meine Familie, meine Güter – alles, alles ist verloren!«

»Der Kaiser weiß noch nichts von dem bedenklichen Zustand des Herrn. Noch hast du Zeit – benütze sie, um zu fliehen.«

»Fliehen? Wohin denn? Die Macht des Kaisers reicht weit, und wenn er erzürnt ist, läßt er keine Milde walten. Er würde mich überall zu finden wissen.«

»Auch jenseits der Grenzen von Birma? Fliehe in ein fernes Land, wohin die Macht des Kaisers nicht reicht, und du hast nichts mehr zu fürchten.«

»Dein Rat ist der eines Freundes,« entgegnete der Wongy und wiegte nachdenklich den Kopf. »Aber ich kann ihn nicht ausführen.«

»Warum nicht? Bedenke, daß es sich um dein Leben handelt.«

»Ich weiß es wohl. Aber ich bin nicht nur ein Edelmann, sondern auch ein Krieger. Alle Krieger ziehen den Tod der Schande vor. Wenn ich nun fliehe, wird man mich feige schelten, ja vielleicht sogar mutmaßen, daß ich den Tod des Herrn böswilligerweise herbeigeführt habe, während mein Tod alle Flecken tilgt, die jetzt noch auf meinem Namen sind, so daß derselbe für ewige Zeiten ehrenvoll in dem Gedächtnis meiner Mitbürger haften wird.«

Ich konnte nun zwar diese Ansichten des Wongy nicht teilen, mußte ihn aber dessenungeachtet um derselben willen bewundern.

Ich wollte eben nochmals in ihn dringen, doch meinem Rate zu folgen, als von der Straße her wirres Geräusch an mein Ohr schlug. Eine Menge Stimmen riefen durcheinander und dann ertönte ein Kommandoruf: »Grüßt den Kaiser!«

Waffen klirrten aneinander und Hunderte von Menschen schrien: »Es lebe der Kaiser! Gautama schütze den Kaiser!«

»Zur Erde!« erklang wieder der Kommandoruf, der all diese Stimmen übertönte.

Wieder vernahm ich ein Geräusch, als ob sich eine große Menge mit Gewalt zur Erde würfe.

Als der Wongy dieses Geräusch hörte, erbleichte er tief.

»Der Kaiser kommt!« stieß er bebend hervor.

»Flieh, flieh! Noch hast du Zeit!« rief ich.

»Niemals!« entgegnete er fest. »Aber du mußt dich verbergen. Wehe dir, wenn dich der Kaiser bewaffnet in dem Tempel des Herrn fände.«

»Ich fürchte euren Kaiser nicht. Ich bin ein Europäer und er darf es nicht wagen, mir ein Leid zuzufügen.«

»Der Kaiser ist furchtbar in seinem Zorne. Aber wenn du auch nichts für dich fürchtest, so flieh um meinetwillen. Ich bin verloren, wenn du hier bleibst.«

Diese Worte bewogen mich, zu gehen. Ich tat es zwar sehr ungern, aber ich durfte doch den ohnedies schon so schwer heimgesuchten armen Alten nicht noch tiefer ins Unglück stürzen.

»Wir sehen uns wieder,« sagte ich also zu dem Wongy, und eilte hinaus.

Kaum hatte mich der Garten aufgenommen, da wurde die Haupttüre des Tempels geöffnet und Hunderte von Stimmen riefen: »Der Kaiser! Der Kaiser tritt in den Tempel!«

Ich blieb an der Seitenpforte stehen. Der eine von deren beiden Flügel war nur leicht angelehnt, was mir nicht nur gestattete, alles zu hören, sondern auch die Vorgänge in demselben zu beobachten.

Was ich zuerst hörte, waren die regelmäßigen Schritte einer großen Anzahl Leute; dann wurde die große Pforte mit Ungestüm geschlossen.

»Stille!« befahl eine tiefe Baßstimme, deren Kommando ich schon früher vernommen hatte.

Eine Totenstille entstand, nur unterbrochen von den regelmäßigen Atemzügen der Menschen.

Vorsichtig bog ich mich zur Seite und lugte durch die Spalte der Türe in den Tempel.

Ich sah einen vornehm gekleideten Mann auf einem Thronsessel sitzend, leider mit dem Rücken gegen mich gewandt, so daß ich ihm nicht in das Gesicht blicken konnte. Es war offenbar der Kaiser selbst. Zwei Diener hielten große goldbrokatene Schirme über ihn ausgespannt, das Zeichen seiner Würde.

Was sich sonst noch in dem Tempel befand, lag auf dem Fußboden, das Gesicht in den Staub gedrückt; eine Ausnahme machten nur die vier Diener des Elefanten, die in ihrer knienden Stellung verblieben waren und ihre Schirme wieder aufgenommen halten, aber das Haupt tief gesenkt hielten.

Die tiefe Stille wurde lange nicht unterbrochen. Endlich ließ sich die Baßstimme wieder hören: »Im Auftrage Seiner erhabenen und glorreichen Majestät, des Kaisers von Birma, verlange ich von dir, Wongy Mangvé-Mengyi, Bericht über das teuere Befinden Seiner Hoheit des Herrn Senmeng.«

Die Stimme des Kaisers bekommt mit Ausnahme der kaiserlichen Prinzen und fremden Gesandten niemand zu hören.

»Der Herr befindet sich leider nicht wohl,« entgegnete der alte Wongy.

»Im Auftrage Seiner erhabenen und glorreichen Majestät frage ich dich, ob die Krankheit Seiner Hoheit schwer ist?« fragte der Baß weiter.

»Seine Majestät wird sich mit seinen eigenen Augen überzeugt haben —«

»Seine Majestät kann sich diese Mühe nicht nehmen. Wozu hätte er sonst seine Minister? Sie sind seine Augen, seine Ohren, sein Mund, seine Hände und Füße, was doch wohl auch dir bekannt ist. Die Krankheit ist also schwer?«

»Sehr schwer.«

»Der Herr —?«

»Es scheint, daß Gautama ihn bei sich in Nirwana haben will,« sagte der alte Wongy, die bittere Pille mit seiner Diplomatie überzuckernd.

Eine kurze Pause entstand. Die Eröffnung des Wongy schien alle erschreckt zu haben, dann aber brach ein dumpfes Gemurmel los, das mehr und mehr zu lautem Weinen und Klagen anschwoll. Zuletzt artete das Weinen in wildes, echt morgenländisches Geschrei aus . . .

Der Kaiser überließ seine Untergebenen ruhig ihren Herzensergießungen.

Nach einigen Minuten befahl die tiefe Stimme von neuem: »Stille!« und wieder herrschte Totenstille in dem weiten Raume.

»Du bist schuld an Senmengs Tode,« wandte sich der Sprecher an den Wongy.

»Nein, o nein! Ich tat alles, um ihn wieder herzustellen,« stammelte der Arme.

»Du lügst! Du hast ihn vernachlässigt, das ist die wahre Ursache seiner Krankheit.«

»Ich habe ihn mit aller möglichen Sorgfalt gepflegt.«

»Wie könnte er dann im Sterben liegen?«

»Er ist sehr alt —«

»Du faselst, Wongy, oder kennst du nicht die Lehren des Gottes Gautama? Lies das heilige Buch Maharadzaweng und du wirst darin finden, daß die weißen Elefanten nimmer altern.«

»Gautama ruft ihn zu sich. Er liebt den weißen Elefanten als den Ausfluß seiner göttlichen Macht und als den Schutzgeist unseres Kaisers, darum will er ihn zu sich nach Nirwana führen. Vielleicht will er auch gerade dadurch seine Liebe zu unserem erhabenen Monarchen zeigen, dem Sohne des Himmels, der über uns arme Sterbliche mit göttlicher Kraft und Weisheit herrscht,« verteidigte sich Mangvé.

Diese stark aufgetragene Schmeichelei, die so recht den morgenländischen Hofmann kennzeichnen, schien jedoch dem Monarchen wenig zu behagen.

»Du lügst abermals, Wongy! Gautama ruft niemals die weißen Elefanten zu sich, eben weil sie der Schutzgeist des Kaisers sind. Wenn einer von ihnen stirbt, so geschieht es stets auf eine gewaltsame Art. Du hast ihn also getötet und solltest eigentlich eines tausendfachen Todes sterben. Soldaten, bemächtigt euch seiner!«

Das Weitere wartete ich nicht mehr ab. Konnte ich mir doch so ungefähr denken, was nun folgen würde. Die Soldaten würden in das Haus des Wongy dringen, niedermachen, was ihnen dort in den Weg trat und es plündern. Die Frau des Bedauernswerten mußte ihr Heim mit Schmach und Schande verlassen, und ihren Sohn würde man vielleicht töten. —

Doch jetzt durfte ich mich nicht länger hier aufhalten. Jeden Augenblick konnten die Soldaten in den Garten eindringen. Würden sie, wenn sie mich bewaffnet hier fanden, nicht glauben, daß ich mich an dem ›Hochverrate‹ des Wongy beteiligt hatte?

Dann hing mein Leben an einem Haar. Ich rannte die Gartenwege entlang und erreichte die Halle in demselben Augenblicke,

in dem ein junger Mann eilig die Treppe zum Erdgeschoß herabstieg.

»Wo ist mein Vater?« wandte er sich erregt an mich.

»Du bist wohl der Sohn des Wongy?«

»Allerdings!«

»Dann komme mit mir! Rasch, rasch!«

»Wohin?«

»Das ist gleichgültig. Folge mir nur. Es ist Gefahr im Verzuge.«

»Wo ist mein Vater?«

»Die Soldaten haben ihn gefangen genommen, weil der weiße Elefant stirbt; sie können jeden Augenblick hier sein, um euer Haus zu plündern.«

Die Augen des jungen Mannes funkelten vor Zorn.

»Mögen sie kommen! Ich werde mich zu wehren wissen.«

»Du würdest bald überwältigt sein.«

»So sterbe ich als ein Held.«

»Suche lieber dein Leben und deine Freiheit zu retten, um deinem Vater zu Hilfe eilen zu können.«

»Aber meine Mutter?«

»Niemand wird es wagen, ihr ein Leid zuzufügen.«

»Ist es nicht feige, wenn ich fliehe?« fragte der junge Mann schwankend.

»Du handelst im Gegenteil als ein kluger Mann und wirst mir später für meinen Rat danken.«

Daraufhin folgte er mir. Auf dem Platze drängte sich eine tausendköpfige Menschenmenge schimpfend und lärmend vor der Hauptpforte des Tempels. Die Rufe: »Es lebe der Kaiser!« wechselten ab mit der unheilverkündenden Drohung: »Tod dem Wongy!«

Wehe uns, wenn wir einen Augenblick zu spät gekommen wären! Schon schickte sich die Menge an, sich gegen den Palast heranzuwälzen. Ein Seitengäßchen schien mir leer und dorthin flüchtete ich mich mit dem Sohne des Unglücklichen.

»Wohin gehen wir, Herr?« fragte mich dieser.

»Ist der See weit entfernt?« fragte ich zurück.

»O nein, die Entfernung ist nicht groß.«

»So führe mich an sein Ufer.«

Die Straßen, die wir zurückzulegen hatten, lagen verödet; wir begegneten nur etwa fünf oder sechs Personen, von denen mich ein Mann fragte: »Wie geht es dem Herrn?«

»Er liegt im Sterben,« gab ich zur Antwort.

»Verflucht sei der Wongy, dessen Hut er anvertraut war,« schrie jener und stürmte hierauf in der Richtung nach dem Tempel von dannen.

An dem Ufer des Sees schaukelten mehrere Barken, die von den Birmanen ›Hnau‹ genannt werden.

Ich rief die Männer einer Barke an: »Seid ihr frei, Leute?«

»Ja!« lautete die Antwort.

»So führt uns rasch an das jenseitige Ufer. Aber gebt euch Mühe, wir zahlen doppelten Fährlohn.«

»Wir werden unser möglichstes tun, Herr, obwohl der Wind nicht günstig ist,« entgegnete der Steuermann.

Wir sprangen in das Boot, die Schiffer legten die Ruder ein und pfeilschnell tanzte das Hnau über die Wellen.




Drittes Kapitel.

Die heiligen Fische


Die Stadt lag hinter uns und wir steuerten dem östlichen Ufer zu, an dem mein scharfer Blick nur lang ausgedehnte Wälder entdeckte.

»Sind diese Wälder bewohnt?« fragte ich meinen Begleiter, nachdem ich mich auf eine Bank im Hinterteil des Hnau niedergelassen und ihm einen Wink gegeben hatte, das gleiche zu tun.

»Wenig. Diese Wälder ziehen sich hin bis zum Flusse Myit-nge. Scharen von wilden Elefanten leben in ihnen. Dörfer findet man nur selten und in diesen lebt ein tapferer, aber wilder Stamm, der sich nicht unter die Oberhoheit des Kaisers beugen will.«

Ich hatte diese Auskunft erwartet; wußte ich doch, daß Birma überhaupt mit dichten, aber wenig bevölkerten Waldungen gesegnet ist.

»Das paßt uns vortrefflich,« jubelte ich. »Dort wirst du sicher sein.«

»Herr, du meinst doch nicht, daß ich mich in jenen Wäldern verbergen soll, um mein Leben zu retten?«

»Gewiß, das meine ich.«

»Nein, dazu werde ich mich nie und nimmer verstehen,« schrie der junge Mann und sprang auf.

»Ich folgte dir nur, weil ich meine Freiheit zu Gunsten meines Vaters bewahren wollte.«

»Schreie nicht so sehr. Es ist doch nicht notwendig, daß die Schiffer erfahren, wer du bist,« entgegnete ich ruhig und zog den Widerstrebenden auf seinen Platz zurück.

»Verzeih! Ich bin so aufgeregt, daß ich kaum weiß, was ich sage und tue.«

»Ich begreife es wohl nach dem, was deinem Vater widerfahren ist. Doch sei nur ruhig, wir werden ihm bald die Freiheit zurückgegeben haben.«

»Indem wir uns in der Einöde verbergen?« fragte der junge Mann spöttisch.

»Nur du sollst im Walde bleiben, während ich in die Stadt zurückkehren werde, um Erkundigungen über deinen Vater einzuziehen. Je nach dem Ergebnis derselben werde ich mein Vorgehen einrichten.«

»Du, der Fremde, willst für meinen Vater arbeiten und ich, sein einziger Sohn, soll tatlos zusehen? Nein, Herr, das ertrage ich nicht. Ich begleite dich.«

»Um alles zu verderben.«

»Herr, ich habe Mut und kann vorsichtig sein, wo es die Notwendigkeit erheischt. Ich werde mich in allem deinen Anordnungen fügen. Laß mich mit dir gehen.«

»Ich zweifle nicht daran, daß du klug und mutig bist. Aber bedenke, daß du in Amarapura bekannt bist, was, ganz abgesehen von der Gefahr, daß wir beide gefangen genommen werden, meine Pläne bedenklich durchkreuzen würde.«

Der junge Mann, der auf den wenig wohlklingenden Namen Meharamen hörte, dachte eine Weile nach, dann sagte er: »Ich muß dir recht geben. Magst du also diese Sache allein betreiben, obwohl es mir schwer fällt, untätig bleiben zu sollen. Aber weißt du auch, in welche Gefahren du dich begibst?«

»Ich weiß es.«

»Du weißt, daß du dein Leben aufs Spiel setzest?«

»Auch das.«

»Und du fürchtest dich nicht?«

»Nein!«

»Dann bist du ein Held und ich bewundere dich. Aber wie kommt es, daß du solchen Anteil an dem Geschicke meines Vaters nimmst?«

»Weil ich ihn liebe und verehre.«

»Du kennst ihn also schon lange? Ich glaubte, er sei dir fremd,« rief Meharamen erstaunt.

»Ich sah ihn heute zum ersten Male. Aber er war gut gegen mich und wäre nicht unglücklicherweise die Erkrankung des Elefanten dazwischen gekommen, hätte er mich während meines Aufenthaltes hier gewiß in jeder Weise unterstützt. Dafür bin ich ihm Dankbarkeit schuldig.«

»Du bist gut, ich danke dir.«

»Ich tue nur meine Pflicht, weiter nichts. Ich bin nicht in diesem Lande geboren.«

»Daß du hier fremd bist, sehe ich wohl. Das sagen mir nicht nur deine Waffen, sondern auch deine seltsame Fußbekleidung. Woher kommst du?«

»Aus Europa.«

»Ah so, du bist ein Engländer. Mein Vater besitzt einen englischen Freund, der ihm sehr teuer ist und darum liebt er auch dich. Aber wie gedenkst du es anzufangen, meinen Vater zu befreien?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht. Vielleicht gelingt es mir, seine Kerkermeister zu bestechen, oder, wenn dies nicht gehen sollte, so werde ich versuchen, eine Audienz beim Kaiser zu erhalten und ihn dem Wongy günstig zu stimmen.«

»Auf welche Art wirst du es mich wissen lassen, wenn dir dein Vorhaben gelingt?«

»Bestimme einen sicheren Platz in jenem Walde. Nach Ablauf einer Woche werde ich dir Botschaft senden, oder wenn es möglich ist, selbst kommen, um dir zu berichten, wie weit ich mit meinen Bemühungen gelangt bin.«

»Und wenn weder Botschaft, noch du selbst kommst?«

»Dann magst du dich versichert halten, daß ich entweder tot oder gefangen bin.«

»Und in diesem Falle werde ich alles daran setzen, dich und meinen Vater zu retten oder zu rächen,« rief der Mann feurig aus.

»Handle nach deinem Gutdünken, nur bedenke das eine, daß einer Leiche die Rache nichts mehr nützt,« entgegnete ich und erhob mich.

Die Hand auf den Rand des Schiffes gestützt, ließ ich meine Blicke nachdenklich auf dem schönen Panorama ruhen.

»Tet! Tet! Tet!«

Erstaunt wandte ich mich nach unseren Bootsleuten um. Was bedeutete dieser Lärm?

»Warum schreit ihr so?« erkundigte ich mich und erhielt als Antwort die erstaunte Gegenfrage: »Bist du denn nicht hier geboren?«

»Nein! Es ist das erstemal, daß ich auf diesem See fahre.«

»Dann ist deine Unwissenheit begreiflich. Doch gedulde dich noch einen Augenblick und deine Frage wird beantwortet werden.«

Die Antwort ließ in der Tat nicht lange auf sich warten. Kaum hatten die Schiffer eine Pause in ihrem Geschrei eintreten lassen, als sich das Wasser zu beiden Seiten des Bootes gurgelnd teilte und eine Menge großer Fische auf seiner Oberfläche erschienen. Sie waren kleinen Haifischen nicht unähnlich und folgten uns mit weitaufgesperrten Mäulern und aufgeblähten, weißen Nasenflügeln.

Die Bootsleute nahmen aus einem Säckchen eine Handvoll Reis und fütterten damit die Bewohner des flüssigen Elements. Diese tauchten unter das Wasser, um ihre Portion in Ruhe verzehren zu können, kamen wieder hervor, erhielten eine neue Auflage, tauchten abermals unter und kamen so nahe an das Hnau heran, daß sie die Männer streicheln und liebkosen konnten.

Das Spiel unterhielt mich, und ich versuchte es nachzuahmen. Mich über den Bootsrand beugend, lockte ich die Fische mit »Tet! Tet! Tet!« – und in der Tat, sie kamen heran und ließen sich auch von mir liebkosen.

»Gefällt dir dieses Schauspiel?« fragte Meharamen.

»Sehr.«

»Und doch ist dies noch nichts gegen die Masse Fische, die hier im Frühjahre durchziehen; dann wird an einem von dem Kaiser festgesetzten Tage ein Volksfest auf dem Myit-nge gefeiert. Der See wimmelt von Barken und fast die ganze Stadt ist auf dem Wasser. Alles lacht, singt, scherzt und plaudert, ißt und trinkt und sucht die Fische zu haschen, die dir so sehr gefallen.«

»Um sie daheim zu braten und zu verzehren natürlich?«

»Was fällt dir ein? Du beleidigst Gautama schwer mit einer solchen Annahme. Nein, man spielt mit ihnen, füttert und liebkost sie, vergoldet ihnen auch wohl die Rückenflossen und gibt ihnen dann die Freiheit wieder. Betrachte nur einmal die Fische genauer, du wirst gewiß noch einige Spuren der ehemaligen Vergoldung finden.«

Ich folgte dieser Aufforderung und fand die Worte meines Begleiters bestätigt.

»Könnte ich wohl einen von diesen Fischen fangen und mit in mein Vaterland nehmen?« fragte ich.

»Bei den Zähnen des großen Buddha! Laß diesen Wunsch nicht vor den Fährleuten laut werden, Herr, sie würden dich sofort töten, wenn du dich räuberisch an den heiligen Fischen vergreifen würdest.«

»Wie heißen diese Tiere?«

»Du hörtest es ja und riefst sie auch vorhin selbst. Tet werden sie genannt.«

»Aus welchem Grunde verehrt ihr sie?« forschte ich neugierig.

»Kennst du die Satzungen unserer Religion nicht?«

»Doch! Aber —«

»Nun, dann wirst du auch wissen, daß Wischnu bereits neunmal sichtbar auf Erden erschien. Sobald es das zehntemal geschieht, ist das Ende der Welt da. Das erstemal nun, da Wischnu auf die Erde herabstieg, nahm er die Gestalt eines Fisches an und wohnte in diesem See. Die Fische, die du hier siehst, stammen von ihm ab und sind also der Ausfluß seiner Gottheit.«

Ich mußte mich abwenden, um das Lachen zu verbergen.

Die ›heiligen‹ Tiere folgten uns lange und die Schiffer wurden gar nicht müde, ihr Tet! Tet! zu rufen.

Anderthalb Stunden mochten wir gefahren sein, da kam endlich das Ziel in Sicht. Wir legten bei einem kleinen Dörfchen an. Nachdem ich den Fährleuten befohlen hatte, auf meine Rückkehr zu warten, stieg ich mit dem Sohne des Wongy ans Land.

Einige Birmanen traten aus ihren Häuschen und betrachteten uns neugierig. Einer von ihnen, ein alter, ärmlich gekleideter Mann, stieß einen Ausruf des Entzückens aus: »Meharamen!« Und eilig kam er uns entgegen.

»Wer ist dieser Mann?« fragte ich meinen Begleiter.

Aber ich erhielt keine Antwort. Meharamen beschleunigte seine Schritte und drückte dem Alten warm die Hand: »Ach, mein lieber Tsengo!«

»Wie freue ich mich, dich zu sehen, junger Herr!«

»Nicht doch, lieber Meister, die Freude ist auf meiner Seite. Es ist so lange her, daß wir uns gesehen haben.«

»Welches günstige Schicksal führt dich hierher?«

Ich mischte mich jetzt rasch in das Gespräch, Meharamen die Antwort abschneidend. »Du warst Meharamens Lehrer?« wandte ich mich also an ihn.

»Ja.«

»Du liebst deinen einstigen Schüler wohl sehr?«

»Mehr als mein Leben. Er war stets gut gegen mich, er und sein Vater, der mir ein Häuschen mit einem hübschen Garten schenkte, wo ich jetzt meinen Lebensabend in Ruhe verbringe in Gesellschaft meiner Frau und meiner einzigen Tochter.«

»Ist das Häuschen weit entfernt?«

»Nein, ganz in der Nähe. Willst du es sehen?«

»Führe uns dorthin!«

Der Alte gehorchte und bog in eine romantische Seitenallee ein.

Die Neugierigen blickten uns nach, und tauschten untereinander ihre Mutmaßungen darüber aus, in welchen Beziehungen wir wohl zu dem ehemaligen Hofmeister stehen mochten.

Die Allee führte zu einer Wiese, in deren Mitte sich ein reizendes, von Feigenbäumen beschattetes Häuschen zeigte. Ganz aus Bambus erbaut, sehr rein gehalten und von einem kleinen, aber wohlgepflegten Garten umgeben, machte es einen sehr anheimelnden Eindruck.

»Nehmen wir hier Platz,« sagte ich, auf eine schöne Tamarinde zeigend, an deren Stamm sich eine ländliche Bank lehnte.

»Wollt ihr mir nicht die Ehre erweisen und in mein Haus eintreten?« fragte bittend der Alte.

»Meine Zeit ist gemessen, alter Vater, und was ich dir zu sagen habe, drängt.«

»Du bist der Herr und ich dein Diener. Sprich! Ich bin bereit, deine Befehle zu erfüllen.«

»Meharamen, erzähle deinem alten Lehrer alles, was sich heute zugetragen hat,« befahl ich meinem Schützling.

Dieser gehorchte. Das traurige Schicksal des Wongy betrübte den Alten sehr, aber noch mehr erschütterte ihn der nahe Tod des ›Herrn‹ Elefanten, den er als eine große Gefahr für den Bestand des Reiches bezeichnete.

»Was gedenkst du nun zu tun?« fragte er dann seinen ehemaligen Schüler.

»Du sagtest, daß du Meharamen liebst?« ergriff ich statt des jungen Mannes das Wort.

»Ja, das tue ich.«

»Wärest du wohl bereit, um seinetwillen eine kleine Gefahr auf dich zu nehmen?«

»Verlangst du mein Leben?«

»Nein! Ich wünsche nur, daß du ihm für einige Tage Gastfreundschaft gewährst.«

Der alte Lehrer stellte sich zu unserer Verfügung, nachdem ich ihm klar gemacht, daß er keine Ursache habe, den Zorn des Kaisers zu fürchten.

Ich versprach meinem Schützling noch einmal, ihm in acht Tagen sichere Botschaft senden zu wollen und empfahl ihm, innerhalb dieser Zeit nichts in der Sache seines Vaters zu unternehmen, sondern sich gut verborgen zu halten. Dann verabschiedete ich mich von ihm.




Viertes Kapitel.

Der schlafende Kerkermeister


Die Rückfahrt gestaltete sich sehr romantisch. Die im Untergehen begriffene Sonne tauchte hinter der Stadt in den Fluß hinab und ihre letzten Strahlen ließen noch einmal die goldenen Dächer und Verzierungen der Türme, Obelisken und Pagoden aufleuchten.

Der Steuermann störte mich aus meiner Betrachtung auf.

»Du sagtest, daß du hier fremd bist?« wandte er sich an mich.

»Ja, ich komme weit her.«

»Aus Bangkok vielleicht?«

»Ich war dort, aber meine Heimat ist noch viel weiter.«

»Bist du schon lange hier?«

»Nein, erst vor wenigen Stunden bin ich angekommen.«

»Hast du schon Wohnung in einem Gasthause genommen?«

»Bist du vielleicht der Besitzer eines solchen?« fragte ich spöttisch.

»Nein! Ich bin Steuermann, aber ich könnte dir ein vorzügliches Gasthaus nachweisen.«

»Wirklich?«

»Gewiß. Wir Fährleute bringen viele Fremde zur Stadt und die Herbergsbesitzer wissen das wohl. Deshalb bitten sie uns oft, ihre Herbergen den Reisenden zu empfehlen.«

»In welches Gasthaus würdest du mich führen?«

»In ein sehr feines, in welchem alle die fremden Wongy absteigen, die hierher kommen. Denke nur, Herr, wer gut zahlt, erhält dort sogar ein eigenes Zimmer, was du sonst in der ganzen Welt nicht haben kannst. Es führt den Namen ›Zur Wohnung des Herrn‹, um anzudeuten, daß es sogar würdig wäre, den Senmeng zu beherbergen.«

»Ist jenes Gasthaus weit vom Landungsplatz?« fragte ich den Steuermann.

»Nein, gar nicht weit. Es befindet sich in der Nähe des Tempels des Herrn.«

»Bürgst du mir wirklich dafür, daß das Gasthaus ›Zur Wohnung des Herrn‹ imstande ist, einen vornehmen Fremden aufzunehmen?« fragte ich ihn.

»Ich sagte dir ja, daß es das beste ist, welches die Stadt am Seebesitzt.«

»So führe mich dorthin.«

Wie ich vorausgesehen hatte, war die Nacht bereits hereingebrochen, als wir den Landungsplatz erreichten. Sie war von echt südlicher Schönheit.

Der Landungsplatz war voll Leute, die in größeren und kleineren Gruppen eifrig redend beisammen standen.

Ich lohnte die Fährleute ab und folgte dem Steuermann zur Stadt. Dabei mußten wir an einer solchen Gruppe vorüber, die andächtig einem Manne lauschte, der auf sie einsprach:

»Gautama rief alle Tiere vor sein heiliges Antlitz, um eines auszuwählen, das ihm geeignet schien, der Schutzgeist des Kaisers zu werden. Da kam der Leopard und bewarb sich um diese Ehre, doch Gautama wies ihn ab, weil er zu grausam sei. Aus demselben Grunde verwarf er auch den Tiger. ›Der Kaiser,‹ sagte er, ›muß milden Sinnes und ein Feind des Blutvergießens sein.‹ Nun erschien das Pferd. Gautama betrachtete es mit Wohlgefallen. Es war schön, edel und klug, auch ein Freund des Menschen, aber – es war feige. Es läßt sich von dem Menschen unterjochen, der Kaiser aber soll durch innere Hoheit herrschen. So wurde auch das Pferd verworfen. Da kam endlich der Elefant, der von allen Tieren, die auf der Erde wohnen, das größte und stärkste ist. Gautama erkannte ihn als würdig der Ehre, der Schutzgeist des Kaisers zu sein. Aber damit dies die Erde auch erfahre, ließ er unter den tausend und aber tausend Elefanten dunkler Farbe einen weißen geboren werden, der also von dem großen Buddha abstammt.«

Ich war stehen geblieben. »Warum erhebt dieser Mann den weißen Elefanten so?« wandte ich mich an einen der mir Zunächststehenden.

»Weißt du nicht, daß der Senmeng gestorben ist?« gab der Gefragte erstaunt zurück.

Ich stellte mich sehr erschreckt über diese Nachricht: »Tot?«

»Ja, tot! Schweres Unglück droht über unser Land hereinzubrechen.«

Der Redner mochte diese Worte vernommen haben und flocht sie sofort in seinen Vortrag ein: »Ja, schweres Unglück bedroht uns. Wir müssen suchen, dem drohenden Schlage vorzubeugen. Vor allem muß der Tod des Herrn an seinem Urheber gerächt werden.«

»Rache! Rache!« brüllten viele Stimmen.

»Das Haus des Wongy muß dem Erdboden gleich gemacht, seine Güter eingezogen, seine Sklaven verkauft werden. Seine Frau wird mit Schmach und Schande von ihrer Familie ausgestoßen werden, aber das genügt nicht. Noch lebt der Wongy. Wohlan, Leben für Leben! Das Leben des Wongy für das Leben des Senmeng!«

»Tod dem Wongy!« schrie wieder der Chor.

»Wir müssen dann einen neuen weißen Elefanten suchen . . .«

Mir war bei diesen Worten, als zuckte ein blendender Blitzstrahl vor mir nieder und zeigte mir den Weg, den ich fortan gehen mußte. Ja, nun wußte ich, was ich zu tun hatte, um den armen Wongy zu retten.

Wir legten mehrere lange Straßen zurück und gelangten endlich auf einen schönen großen Platz.

»Ist dies nicht der Tempel des Herrn?« fragte ich meinen Führer, auf ein großes Gebäude im Hintergrunde deutend.

Er bejahte.

Wie ich an den Fenstern sah, war der Tempel innen beleuchtet. Die Soldaten hielten noch Wacht vor ihm. Ich blickte nach dem Palaste des Wongy, aber es war zu dunkel, als daß ich hätte unterscheiden können, ob die Zerstörung bereits begonnen hatte oder nicht. Näher zu treten verboten mir die Vorsicht und – die Soldaten.

Eine Seitenstraße nahm uns auf und aus dieser gelangten wir auf einen zweiten, etwas kleineren Platz.

»Hier ist das Gasthaus,« sagte der Steuermann und deutete auf die linke Seite der Straße.

»Und was für ein Haus ist dies hier?« fragte ich, mich rechts wendend und ihm ein langes, niedriges Holzgebäude bezeichnend.

»Dies ist das Gefängnis.«

»Es sind gewiß viele Gefangene darin?«

»Nicht so viele, daß es nicht mehr als genügend Raum für sie hätte. Und ist es einmal voll, so schafft man schnell Platz für die neuen Ankömmlinge.«

Diese Worte hatten eine eigene Bedeutung. Mir fiel die Festung Amedia in den türkischen Bergen ein. Eine Festung ersten Ranges, bildet Amedia den Schlüssel zu Kurdistan und besitzt unter anderem auch ein großes Gefängnis, das ich in Gesellschaft des Gouverneurs besichtigte.

»Das Gefängnis ist überfüllt und für morgen sind schon wieder neue Gefangene aus Mossul angemeldet,« sagte er zu mir. »Ich muß daran denken, Platz zu machen.«

»Und wie machen Sie das?« erkundigte ich mich in aller Unschuld.

»Das werden Sie morgen sehen,« lautete die Antwort.

Ja, ich sah es!

Am nächsten Morgen knallten auf dem Hauptplatze der Stadt Flintenschüsse. Dieselbe Art war wahrscheinlich auch im Kaiserreiche Birma beliebt.

»Dies also soll das gerühmte Gasthaus sein?« fragte ich, als mein Führer vor der Türe Halt machte.

»Ja!« Er klopfte an die Türe, aber niemand zeigte sich.

»Mir scheint, das Haus ist gar nicht bewohnt,« bemerkte ich.

»Siehst du nicht an dem Fenster, daß drinnen Licht ist?« entgegnete der Steuermann und klopfte ein zweites Mal – aber wieder vergebens. Er klopfte zum dritten Male – doch mit keinem besseren Erfolge.

Nun verlor er die Geduld und begann zu schreien:

»Wirt, fauler Wirt! Buddha hat sich gewiß geirrt und eine Schnecke aus dir machen wollen. Öffne!«

Jetzt tat sich ein Fensterchen auf und hinter dem Gitter wurde das Antlitz eines Mannes sichtbar.

»Was willst du?«

»Öffne, große Schnecke! Ich bringe einen Fremden zu dir, einen Edelmann, einen Wongy!«

»Was will er von mir?«

»Du mußt dich geirrt haben. Dies ist gewiß kein Gasthaus,« sagte ich zu dem Steuermann.

»Dies ist das Gasthaus ›Zur Wohnung des Herrn‹,« und sich wieder nach dem Gitter wendend, rief er: »Er will bei dir wohnen, große Schnecke! Mach auf! Ich bin es, der Steuermann vom See.«

»Ach du bist es Bruder! Warum sagtest du das nicht gleich? Ist der Fremde, welchen du mir zuführst, vornehm?«

»Sehr vornehm,« antwortete ich an Stelle des Steuermannes.

»Nicht alle Vornehmen sind reich.«

»Ich bin sehr reich.«

»Nicht alle Reichen zahlen.«

»Ich zahle immer.«

»Auch gleich?«

»Auch gleich, wenn es sein muß.«

»Gut?«

»Sehr gut.«

»Und wie steht es mit den Trinkgeldern?«

»Wenn du nicht sofort aufmachst, werde ich dir sogleich ein solches in Form einer Ohrfeige verabreichen,« entgegnete ich.

»Du bist ein sehr merkwürdiger Herr, aber ich will dir doch gehorchen,« sagte der Gasthausbesitzer. »Ich öffne!« Und der Kopf verschwand vom Gitter.

Ein Schlüssel drehte sich klirrend und die Türe öffnete sich. In der Öffnung erschien eine seltsame Figur. Sie war sehr klein, wurde von zwei kurzen Beinen und unverhältnismäßig großen, zur Zeit nackten Füßen getragen und war in einen schmutzigen, oftmals geflickten Talar aus weißem Baumwollenstoff gehüllt. Aus dem nicht minder schmutzigen Turban blickte ein langes, hageres Gesicht mit spitzem Kinn und gebogener Nase. Brust und Rücken des Männchens war durch einen entsetzlich großen Höcker entstellt. Lange Arme und ebensolche hagere Hände mit krallenartigen Fingern vervollständigten das Bild von dem glücklichen Besitzer des berühmten Hotels ›Zur Wohnung des Herrn‹.

»Ih! ih! ih!« schrie das Männchen grinsend, »mein Freund, der Steuermann, mit einem Fremden! Und dieser Fremde soll sehr reich sein! Welch schöne Kleidung, welch kostbare Mütze, was für mörderische Waffen! Es scheint, als wäre Wischnu selbst oder, nach den todbringenden Waffen zu urteilen, richtiger Schiva, der Gott der Zerstörung, hier erschienen. Ih! ih! ih!«

»Ist dies der Herbergsvater, den du mir so gerühmt hast?« wandte ich mich kopfschüttelnd an den Schiffer.

Er bejahte und fuhr zu dem Buckligen gewendet fort: »Laß diesen vornehmen Wongy in deine Herberge eintreten und erfülle deine Pflichten.«

Der Wirt machte mir eine tiefe Verbeugung.

»Tritt ein, mächtiger Wongy, tritt ein!«

»Und mir gib das versprochene Trinkgeld,« fuhr der Fährmann fort.

»Ih! ih! ih! Du bist wohl verrückt, mein Guter?« rief der andere lachend.

»Gib es mir! Ich fordere nur, was mir gebührt.«

»Du bist wohl im Begriffe, ein rechter Geizhals zu werden?«

»Nein, aber ich brauche Geld.«

»Das ist auch mein Fall. Auch ich brauche Geld, viel Geld sogar.«

»Wer bezweifelt das? Aber deshalb darfst du mir das Versprochene nicht verweigern.«

»Ich verweigere es dir nicht. Komm ein anderes Mal wieder.«

»Nein! Heute, jetzt auf der Stelle mußt du mich bezahlen.«

»Narr, der du bist! Heute erhältst du von mir nichts.«

»Wenn du mich nicht bezahlst, so werde ich diesen Wongy in ein anderes Gasthaus führen, das ihm besser zusagen wird, als das deinige,« drohte der Steuermann.

»Meinetwegen, Freundchen, wenn er dir folgen will,« versetzte der Wirt.

Der Steuermann wandte sich nun wirklich zu mir. »Wongy,« sagte er, »komm mit mir! Ich werde dich in ein vornehmeres Gasthaus führen, als dieses ist.«

»Sagtest du mir nicht, daß dies die erste Herberge der Stadt ist?« fragte ich.

»Damit log ich allerdings. Dies ist das verrufendste Gasthaus von Amarapura, das beste heißt: ›Zur Rose des Buddha‹! Komm!«

»Aber dieses Gasthaus gefällt mir sehr.«

»Ih! ih! ih! Hast du es gehört, Steuermann? Mein Gasthaus gefällt diesem vornehmen Wongy,« schrie höhnisch der Bucklige.

»Du hast nicht die Wahrheit gesagt, Wongy! Wie kann dir ein so schmutziges, ekelhaftes Haus gefallen? In ganz Amarapura findest du nichts Ähnliches.«

»Es gefällt mir und damit gut. Hier hast du ein anständiges Trinkgeld, ich bleibe hier,« sagte ich, ihm eine größere Geldmünze reichend. Dann trat ich in das Haus.

Ein kleiner, niedriger Raum empfing mich, in dem mir vor allem ein steinerner Herd auffiel, auf dem zwei Töpfe aus gebrannter Tonerde zischten und brodelten. An den Wänden hingen einige kupferne Gefäße und in den Fußboden, der aus fest gestampfter Tonerde bestand, waren zwei Pfähle gerammt, auf denen ein rohes Brett festgenagelt war.

Dies sollte offenbar der Tisch sein, neben dem einige nicht minder einfache Stühle standen. Auf einem von ihnen ließ ich mich nieder.

Draußen stritten sich unterdes die beiden weiter. Deutlich unterschied ich die scheltenden Worte meines Führers, der mit Ungestüm seinen versprochenen Lohn forderte, und das spöttische Lachen des Buckligen, der durchaus nicht gewillt war, ihn zu zahlen. Endlich trat der letztere wieder in das Zimmer zurück, den anderen hörte ich schimpfend die Straße entlang traben.

»Warum gibst du dem Schiffer nicht, was du ihm doch versprochen hast?« fragte ich den Wirt, der sorgfältig die Türe schloß.

»Weiß ich denn, ob du länger hier bleibst und nicht vielleicht schon morgen wieder abreisest, oder ob du mich überhaupt bezahlen wirst? Er wird in einigen Tagen wieder hierherkommen und dann werde ich ihm geben, was ihm gebührt,« erklärte der Birmane, der nicht so ganz Unrecht hatte.

»Gefällt dir mein Gasthaus?« fragte er dann.

»Es ist vorzüglich,« entgegnete ich ironisch.

»Es ist das erste der Stadt. Willst du jetzt gleich schlafen gehen?«

»Nein! Ich möchte erst etwas zu Nacht essen.«

»Da hast du recht. Meine Küche ist mit allem versehen. Was willst du essen?«

»Was kannst du mir geben?«

»Willst du vielleicht Fleisch?«

»Ja.«

»Rindfleisch?«

»Ja.«

»Das Rindfleisch ist aber sehr hart und schwer verdaulich. Wäre es nicht besser, wenn du eine Henne nähmest?«

»Gut, so gib mir eine Henne.«

»Aber es soll gewiß keine alte Henne sein?« »Nun, wenn ich eine junge bekommen kann, ist es mir natürlich um so lieber.«

»Soll es eine sehr junge Henne sein?«

» Natürlich!«

»Dann wäre es allerdings besser, ich gebe dir Eier,« setzte der Wirt, der unstreitig ein Original war, das Gespräch fort.

»Gut, so gib mir Eier,« entgegnete ich, überzeugt, daß ich diesen Abend ohne Nachtmahl zu Bett gehen mußte.

»Herr, die Eier sind selten in unserem Lande. Selten, daß sie auf der Tafel des Kaisers erscheinen. Nicht wahr, du willst keine haben?«

»Warum nicht?«

»Weil sie sehr teuer sind.«

»Das tut nichts. Ich bezahle sie.«

»Sie sind sehr selten.«

»Ich liebe gerade das Seltene.«

»Sie sind nur für die Vornehmen bestimmt.«

»Ich gehöre zu den Vornehmen. Bring mir also einen Teller voll Eier.«

»Herr, ich habe keine.«

»Ah, das ist gut! Wie kannst du es dann wagen, sie mir anzubieten? Nun sag aber endlich: Was kannst du mir geben?«

»Ich habe nichts da als Reis.«

»Gut, so gib mir Reis.«

Der Wirt stellte einen halbwegs reinlichen Holzteller vor mich hin, holte einen Topf vom Feuer, nahm von der Wand einen schmutzigen Holzlöffel und brachte mir diese Raritäten.

»Der Reis ist fertig. Nimm und iß.«

Er reinigte den Holzlöffel ein wenig und warf ihn in den Topf, in welchem der Reis einen dicken, schleimigen Brei bildete.

»Der Reis hat zu viel gekocht,« sagte ich.

»Wärest du früher gekommen, so hätte er nicht so lange zu kochen brauchen. Bei Sonnenuntergang war er noch ganz roh,« entgegnete die Perle von einem Herbergsvater.

Was wollte ich machen? Ich hatte Hunger, nahm den Löffel und würgte die Speise hinunter.

Der Wirt sah mir grinsend zu: »Schmeckt es dir, Herr?«

»Ausgezeichnet.«

»Ja, es versteht auch hier niemand so gut zu kochen, als der Wirt des berühmten Gasthauses ›Zur Wohnung des Herrn‹. Willst du vielleicht noch etwas?«

»Was kannst du mir noch geben?«

»Früchte, schöne Früchte habe ich hier.«

»Gut, so gib einige her.«

Er zog unter dem Tische einen mit wirklich sehr schönen Früchten gefüllten Korb hervor, wie sie in Birma massenhaft gedeihen, schob ihn mir zu und sagte: »Da iß.«

Ich langte nach einer Feige. Sie war sehr süß.

Noch aß ich, da wurde mit Ungestüm draußen an die Pforte gepocht. Der Wirt näherte sich phlegmatisch dem Fenster.

»Wer ist draußen?« erkundigte er sieh.

»Ich!« antwortete lakonisch eine Männerstimme.

»Ich? In Amarapura gibt es viele Ich. Wer ist dieser Ich?« forschte der Wirt weiter.

»Ich bin es, Cujen!«

»Cujen? In Amarapura gibt es wohl an tausend Cujen.«

»Ich bin Cujen, der Kerkermeister.«

»Endlich! Ich komme sogleich,« sagte der Bucklige mit einem Seufzer und ging, um den Riegel zurückzuschieben.

Der Mann, der jetzt in das Zimmer trat, war das Gegenstück zu meinem Wirt. Es schien, als habe man zwischen zwei Kartenblätter etwas Pulver gestreut und daraus eine menschliche Figur gepreßt.

Alles an ihm war lang: das Gesicht, die Nase und die Ohren. Diese lange Gestalt war in ein sehr weites und sehr kurzes, feuerfarbenes Gewand gekleidet, die entsetzlich schmutzigen Beine waren vom Knie an nackt und die großen Füße steckten in alten Pantoffeln. In der rechten Hand hielt diese Schönheit einen riesigen Bund Schlüssel.

Der Ankömmling ließ sich in meiner Nähe nieder, wobei er vor sich auf den Tisch einen hölzernen Spucknapf stellte, der mit rotem Speichel angefüllt war. Bei diesem Anblick mußte ich mich voll Ekel abwenden, meine Mahlzeit war sofort zu Ende.

Der Kerkermeister zog ein Betelblatt hervor, wickelte ein Stück ungelöschten Kalk hinein und schob es in den weiten Mund. Dann rief er den Wirt.

»Was willst du?« fragte dieser.

»Das Gewöhnliche!«

»Ich bringe es sofort.«

Der wackere Herbergsvater nahm eine hölzerne Tasse, gab einige Teeblätter hinein und goß mit dem Löffel, den ich zum Reisessen benutzt hatte, etwas heißes Wasser darauf. Diesen köstlichen Trank brachte er dann dem Manne mit den Schlüsseln.

»Hier hast du!«

Der Kerkermeister nahm die Tasse und trank, sehr langsam und in ganz kleinen Zügen, nach jedem Schlucke verzerrte sich sein Gesicht vor Vergnügen.

»Wer bist du?« wandte er sich während des Trinkens an mich.

»Ein Wongy,« entgegnete ich hochmütig.

Doch der Kerkermeister gab mit noch größerem Selbstgefühl zurück: »So bist du würdig, daß ich mit dir spreche.«

»Aber du bist nicht würdig, daß ich ein Wort an dich richte,« erwiderte ich, indem ich ihn verächtlich ansah.

»Oh! Du weißt nicht, wer ich bin,« sagte er empfindlich.

»Ich weiß es sehr wohl. Ich bin ein Wongy und du bist ein jämmerlicher Kerkermeister, nicht bloß ein Diener des Kaisers, sondern sogar der Diebe und Mörder.«

»Du irrst. Ich bin der Oberkerkermeister des Reiches.«

»Der Oberkerkermeister? Wie viele Gefängniswärter unterstehen wohl deiner Leitung?« fragte ich spöttisch.

»Keiner. Ich bin der einzige Kerkermeister in Amarapura —«

»Womit du sagen willst, daß sich sonst niemand soweit herabwürdigen will, ein Diener der Straßenräuber zu werden,« fiel ich rasch ein.

»Da irrst du dich abermals. Hunderte sehnen sich nach der Würde, die ich bekleide, ich bin der berühmte —«

»– Diener der Diebe,« spottete ich.

»Hüte deine Zunge Wongy! Es könnte leicht sein, daß du eines Tages unter meine Obhut kommst.«

»Was? Du willst mir drohen?« schrie ich aufspringend und mich sehr erzürnt stellend.

»Das ist nicht meine Absicht —«

»Du sagtest —«

»Was leicht werden kann.«

»Beweise es mir.«

Cujen schüttelte seine Schlüssel.

»In meinem Kerker befindet sich ein vornehmer Wongy.«

»Das glaube ich dir nicht.«

»Es ist wahr. Dieser Wongy wurde heute gefesselt in das Gefängnis gebracht, weil er sich an der geheiligten Person des Kaisers vergriffen hat.«

»Ein Wongy ist nicht fähig, ein Verbrechen zu begehen.«

»Mein Gefangener tat es aber doch. Er hat den heiligen Elefanten getötet.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nun begreife ich, Cujen. Der Tee, welchen du trinkst, hat deine Sinne verwirrt. Weißt du nicht, daß der weiße Elefant nicht stirbt?«

»Und weißt du nicht, daß er heute gestorben ist?«

»Bah, das glaube ich nicht.«

»Was muß ich tun, um dich zu überzeugen?«

»Gar nichts kann mich überzeugen. Ein Wongy wird niemals ein Verbrechen begehen.«

Der Kerkermeister schüttelte von neuem seinen Schlüsselbund. »Wenn ich dir aber sage, daß der Wongy Mangvé-Mengyi bei mir eingekerkert ist,« schrie er.

»So sage ich dir, daß du ein Lügner bist,« entgegnete ich gelassen.

»Komm mit mir! Ich werde dir den Wongy zeigen.«

Das war es, was ich bezweckt hatte. Aber ich wollte doch nicht sofort auf seinen Vorschlag eingehen, um keinen Verdacht zu erwecken.

»Ein edler Wongy wird niemals ein Gefängnis, die Heimat der Diebe, besuchen,« lehnte ich deshalb ab.

»Es ist aber jetzt auch die Heimat eines Wongy. Übrigens verlierst du nichts mit einem solchen Besuche. Auch unser erhabener Herrscher, Mendun-Men, war schon einmal dort. Komm!«

»Jetzt gleich?«

»Ja.«

»Jetzt habe ich keine Zeit. Ich muß erst mein Abendessen beenden. Wirt, hast du nichts zu trinken?« fragte ich den Gasthofbesitzer.

»Willst du Tee?«

»Nein. Hast du keine Liköre?«

»Ja, ich habe einen sehr feinen Likör, den die Engländer gerne trinken und den ich mir von Rangoun schicken ließ, wo sehr viele leben.«

»Bringe ihn mir.«

Der Wirt trat in ein nahes Gemach und kehrte mit einer versiegelten Flasche zurück, dessen Etikette mir sagte, daß sie Kognak enthielt. Die Flasche kam mir gelegen.

Ich öffnete sie, goß etwas von der Flüssigkeit in eine hölzerne Tasse und kostete sie. Der Kognak war nicht schlecht.

»Was trinkst du da?« fragte der Kerkermeister.

»Jugendlikör.«

»Was ist das?«

»Dies ist ein Likör, den Gautama selbst hergestellt hat und der demgemäß ungemein köstlich ist. Wer von ihm trinkt, dem wird ewige Jugend und ewiges Leben zuteil.«

»Ist es möglich?« rief Cujen.

»Es ist, wie ich dir sagte. Wie viele Jahre glaubst du wohl, daß ich zähle?« fragte ich lächelnd.

»Dreißig.«

»Du irrst. Ich habe bereits achthundert hinter mir,« entgegnete ich mit einer Unverfrorenheit, die sich auf die grenzenlose Unwissenheit der Birmanen stürzte.

»Achthundert!« schrie der Kerkermeister zwischen Erstaunen und Unglauben.

»Achthundert,« versicherte ich mit größtem Ernst.

»Und dieses Alter verdanke ich allein dem Gebrauche des Jugendlikörs.«

Der Kerkermeister betrachtete mich eine Weile verwirrt, dann sprang er auf und näherte sich drohend dem Buckligen.

»Elender Wirt,« schrie er und schüttelte seinen Schlüsselbund. »Fürchte meine Rache! Ich werde dich zertreten, wie man einen Wurm zertritt. Elender Wirt! Verräter!«

»Was tat ich dir Übles?« fragte der Wirt verblüfft.

»Ein Verbrecher bist du, der sich an der geheiligten Person Seiner Majestät vergriffen hat. Ja, du hast dich an ihr vergriffen, weil du mein Leben bedroht hast, weil du meinen Tod wolltest, um dem Kaiser seinen wichtigsten Beamten, seinen neuesten Diener zu rauben.«

»Ih! ih! ih! Du redest irre, mein Guter,« entgegnete der Wirt, etwas betroffen von diesen Worten; er betrachtete mitleidig den Kerkermeister, den er für verrückt hielt.

»Ich rede nicht irre, sondern spreche im vollen Ernst. Du wolltest meinen Tod.«

»Was habe ich denn getan?«

»Den köstlichen Jugendlikör hast du mir verhehlt. Dein Vergehen verdient keine Entschuldigung.«

»Ih, ih, ih! Du weißt nicht, was du sprichst. Du hast mich noch niemals nach dem Preise dieses Likörs gefragt.«

»Nun, der Likör —?«

»Ist sehr teuer.«

»Ich bin nicht arm.«

»Ich weiß es, du erhältst jeden Monat einen Tael.«

»Nun und scheint dir dies wenig?«

»Nein, sehr viel sogar. Aber eine Flasche von diesem Likör kostet zehn Tael. Du müßtest also zehn Monate arbeiten, ehe du dir eine kaufen könntest.«

Der Kerkermeister sperrte seinen großen Mund weit auf, rang die Hände und sank wie vernichtet auf seinen Sitz zurück. »Oh, ich Ärmster! Ich muß also sterben,« stöhnte er tiefschmerzlich.

Den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, saß er da, ein Bild heller Verzweiflung.

»Möchtest du gern wieder jung werden, Cujen?« fragte ich ihn.

Er öffnete die Augen und sah mich vorwurfsvoll an. »Welche Frage, Herr!«

»So trinke deinen Tee aus und reiche mir die Tasse. Ich will mit dir dieses köstliche Getränk teilen.«

Der Lange sprang vor Freude: »Herr, o wie gut du bist! Du schenkst mir nicht nur die Jugend, du gibst mir das Leben wieder! Wie soll ich dir danken! Niemals werde ich deine Güte vergessen.«

Er gab mir die leere Tasse und ich füllte sie mit Kognak. Gierig griff er darnach und trank sie in einem Zuge aus.

»Brr!« schüttelte er sich, »das brennt wie Feuer.«

»Ja, in diesem Getränk befindet sich auch das Feuer der Jugend, jenes Feuer, welches in den Adern aller brennt, die noch im Frühling des Lebens stehen.«




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