Black
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Black Leben und Abenteuer eines Schoßkindes





Erster Band





I

Wo der Leser mit den Leiden Hauptpersonen des Buches Bekanntschaft macht


Der Chevalier de la Graverie machte zum zweiten Male die Runde um die Stadt.

Vielleicht wäre es logischer, dem Leser zuvörderst zu sagen, wer der Chevalier de la Graverie war und in welchem der sechsundachtzig Departements von Frankreich die Stadt lag, um welche er die Runde machte. Aber wir haben in einer Anwandlung von Humor, der wahrscheinlich eine Folge des unlängst eingeatmeten englischen Nebels ist, den Entschluss gefasst, einen neuen, noch nie dagewesenen Roman zu machen.

Wie man s anfängt, einen neuen, noch nie dagewesenen Roman zu machen? Man kehrt die Ordnung der andern Romane um.

Deshalb fangen wir nicht, wie es bisher Sitte war, beim Anfange, sondern beim Ende an. Dieses Beispiel wird gewiss Nachahmung finden, und in einiger Zeit wird man die Romane nur noch beim Ende anfangen.

Überdies haben wir noch einen andern Grund, die gewöhnliche Ordnung umzukehren: wir fürchten, dass die trockenen biographischen Notizen den Leser abschrecken und ihn bewegen würden, schon am Ende der zweiten Seite das Buch zuzuschlagen.

Vor der Hand wollen wir also nur sagen was wir ohne dies nicht verschweigen können, dass die Szene um das Jahr 1842 zu Chartres in der Landschaft Beauce, auf der um die alten Festungswerke der vormaligen Hauptstadt der Carnutes von Ulmen beschatteten Promenade eröffnet wird.

Mit diesem Vorbehalt hinsichtlich der Jugendzeit unseres Helden, oder vielmehr des einen unserer Helden, verwahren wir uns gegen die Beschuldigung, als ob wir den Leser hinterrücks mit einer langweiligen Jugendbiographie zu überfallen beabsichtigten. Wir fahren fort.

Der Chevalier de la Graverie war auf seiner zweiten Runde um die Stadt. Er kam eben an den Teil der Wallpromenade, wo man die großen Höfe der Reiterkaserne übersehen kann.

Der Chevalier stand still. Es war sein Lieblingsplatz.

Der Chevalier de la Graverie ging jeden Mittag Schlag zwölf Uhr aus, nachdem er seinen Kaffee ungezuckert genommen und drei bis vier Stücke Zucker in die Rocktasche gesteckt hatte, um dieselben unterwegs zu essen. Er wusste es immer so einzurichten, dass er in dem Augenblicke, wo zum Pferde putzen geblasen wurde, bei der Reiterkaserne ankam.

In der Persönlichkeit oder Haltung des Chevalier lag freilich durchaus nichts Militärisches; im Gegenteil, er war der einfachste, gutmütigste Mensch von der Welt. Aber er sah gern das pittoreske, lebensvolle Bild, das ihn an die Zeit erinnerte, wo er selbst – unter welchen Umständen, werden wir später sagen – Musketier zu Pferde gewesen war. Er war sehr stolz darauf – seitdem er nicht mehr Musketier war.

Denn ohne sich das Ansehen zu geben, als ob er in den Erinnerungen an eine frühere Zeit Trost für die Vergangenheit suchte, trug er sein vormals semmelfarbenes und mit der Zeit perlgrau gewordenes Haar mit philosophischem Gleichmut und schien überhaupt mit den Gaben, welche ihm die Natur in nicht sehr reichem Maße beschieden, vollkommen zufrieden,’ aber er zeigte sich den gemütlichen Spießbürgern, die gleich ihm bei der Reiterkaserne ihre tägliche Zerstreuung suchten, gern als Kenner der Pferde und des Kavalleriedienstes, und es machte ihm Freude, wenn seine Nachbarn zu ihm sagten:

»Chevalier, Sie müssen in Ihrer Zeit ein hübscher Offizier gewesen sein.«

Diese Vermutung war dem Chevalier um so angenehmer, da sie völlig unbegründet war.

Es dürfte hier der Ort sein, ihn dem Leser in seiner äußern Erscheinung vorzuführen; seine geistigen Eigenschaften werden sich später von selbst entwickeln.

Der Chevalier de la Graverie war ein kleines korpulentes Männchen von sieben- bis achtundvierzig Jahren, weichlich und schlaff, nach Art der Weiber und Eunuchen. Sein in den politischen und militärischen Personenbeschreibungen gewöhnlich als »blond« bezeichnetes Haar war, wie schon erwähnt, gelblich und ging ins Perlgraue über. Seine großen, ultramarinblauen Augen hatten gemeiniglich den Ausdruck der Unruhe, zuweilen waren sie jedoch starr und träumerisch. Seine Ohren waren groß und schlaff, seine Lippen dick, die Unterlippe war etwas herabhängend, die Gesichtsfarbe stellenweise rötlich, und fast aschgrau wo sie nicht rot war.

Der Kopf wurde von einem kurzen dicken Halse getragen; der Rumpf war ganz Bauch, und an beiden Seiten des» selben hingen ein Paar dünne, kurze, kraftlose Arme, die mit Scharnieren an den Schultern befestigt zu sein schienen.

Der Bauch endlich bewegte sich mit Hilft kleiner Beinchen, rund wie Würste und etwas säbelförmig gekrümmt.

In dem Augenblicke, wo wir das Männlein dem Leser vorstellen, bestand seine Kleidung aus einem niedrigen schwarzen Castorhut mit breitem Rande, aus einem feinen gestickten weißen Halstuch, aus einer weißen Piquéweste, blauem Frack mit vergoldeten Knöpfen, etwas kurzen und engen Nankinhosen, bunten baumwollenen Strümpfen, und Schuhen mit großen Bandschleifen.

Das Pferde putzen der Cavallerie war der Glanzpunkt, die vorzügliche Augenweide seines täglichen Spazierganges, der ihm zur Gewohnheit, zur diätetischen Notwendigkeit geworden war. In der Nähe der Reiterkaserne begann er immer rascher zu gehen als sonst; ersehnte sich nach dem Pferdeputzen wie ein Feinschmecker nach einem guten Bissen.

Vor der Bank am Rande der zu den Stallungen hin» abführenden Böschung stand der Chevalier de la Graverie still und schaute in den Kasernenhof hinunter, ob seine Augenweide bald beginnen werde; dann setzte er sich methodisch, wie ein alter Habitué im Parterre des Theatre-Francais Platz nimmt, legte beide Hände auf den goldenen Stockknopf und das Kinn auf die Hände und erwartete das Trompetensignal.

Gerade an diesem Tage würde das interessante Schauspiel des Pferdeputzens manchen blasierten und minder neugierigen Bummler, als unser Chevalier war, gefesselt haben’ nicht als ob das tägliche Geschäft an sich etwas Ungewohntes gehabt hätte: es waren dieselben Braunen. Füchse, Schimmel, Rappen Schecken, die unter Striegel und Kartätsche wieherten und stampften: man sah dieselben Dragoner in Holzschuhen und Zwilchhosen, dieselben sich langweilenden Unterlieutenants, denselben ernsten, strengen Kommandanten, der auf einen Verstoß gegen die Vorschriften lauerte, wie die Katze auf die Maus. Aber an dem Tage, wo wir dem Chevalier de la Graverie begegnen, wurde diese Masse von Zwei- und Vierfüßlern von einer schönen Herbstsonne gar freundlich beleuchtet, welche sowohl den Gesamteindruck des Bildes erhöhte, als auch die Einzelheiten in einem günstigen Lichte erscheinen ließ. Der Chevalier glaubte die Croupen der Pferde noch nie so glänzend, die Helme und Säbel noch nie so funkelnd, die Gesichter noch nie so scharf und deutlich markiert, das ganze Bild noch nie so reizend gesehen zu haben.

Die beiden majestätischen Türme der alten ehrwürdigen Kathedrale prangten im goldenen Sonnenlicht, das von dem italienischen Himmel geborgt zu sein schien; ihre durchbrochenen Verzierungen hoben sich an dem reinen, wolkenlosen Himmel wie spitzenartige feine Auszackungen hervor und das Laub der Bäume hatte jene wunderschönen Schattierungen von Grün, Purpur und Gold, welche einer Herbstlandschaft einen so eigentümlichen Reiz geben.

Der Chevalier gehörte freilich keineswegs der romantischen Schule an, und es war ihm nie in den Sinn gekommen die »Méditations poétiques« von Lamartine, oder die »Feuilles d’autonomne« von Victor Hugo zu lesen; aber er fühlte sich unwillkürlich gefesselt durch das wunder herrliche, majestätische Panorama, das sich vor seinen Blicken ausbreitete. Es ging ihm nie allen geistesträgen Menschen: statt einen Überblick über die Szene zu gewinnen und den Klug der Gedanken von dem eigenen Willen abhängig zu machen, wurde er bald von ihrem Eindruck überwältigt und versank in jene geistige Erschlaffung, wo man vor sich hinstarrt, ohne zu sehen, wo man die an das Ohr dringenden Klänge nicht hört, wo die Traumbilder bunt und rasch auf einander folgen, wie die stets wechselnden Flächen des Kaleidoskops, ohne dass der Träumer die Kraft hat, einen seiner vorüber schwimmenden Träume zu erhaschen und festzuhalten. Ein solcher Zustand hat eine entfernte Ähnlichkeit mit der Trunkenheit des Opiumrauchers oder Hatschi-Essers.

Als der Chevalier einige Minuten in diesem halbwachen Zustande gewesen war, wurde er durch ein ganz materielles Gefühl in die Wirklichkeit zurückversetzt. Es schien ihm als ob sich eine kecke Hand verstohlen in seine linke Rocktasche einzuführen suchte.

Er sah sich rasch um, und zu seinem großen Erstaunen erblickte er nicht das Galgengesicht eines Taschendiebes oder Beutelschneiders, sondern das ehrliche, gutmütige Antlitz eines Hundes, der, ohne die mindeste Verlegenheit zu, verraten, gar freundlich mit dem Schweif wedelte und sich lüstern die Schnauze leckte.

Der Taschendieb, der den Chevalier so ungestraft seinen Träumen entrissen hatte, gehörte zu der großen Race langhaariger Jagdhund, welche zugleich mit den von Jacob I. an seinen Vetter Carl VII. gesandten Hilfstruppen aus Schottland nach Frankreich herübergekommen ist. Er war schwarz, reinlich der Jagdhund, mit einem weißen Streifen auf der Brust; er hatte einen langen fahnenartigen Schweif, weiches, glänzendes Haar, schöne, lang herabhängende Ohren, und kluge, fast menschliche Augen.

Kurz, es war für Jedermann ein herrliches Tier. Das wirklich bewundert zu werden verdiente: aber der Chevalier de la Graverie, der eine große Gleichartigkeit gegen alle Tiere, insbesondere gegen Hunde, zur Schau trug, widmete den äußern Reizen des interessanten Taschendiebes nur sehr geringe Aufmerksamkeit.

Er sah sich enttäuscht. – In dem Augenblicke, als er eine Bewegung an seiner Rocktasche fühlte, hatte seine plötzlich aus dem Schlummer aufgerüttelte Phantasie ein ganzes Drama aufgebaut.

Es gab Spitzbuben in Chartres! Eine Bande von »pick-pocket« hatte sich in die Hauptstadt der Landschaft Beauce eingeschlichen, um den reichen Bürgern die Napoleons und Banknoten aus den Taschen zu holen. Und diese Bösewichter, durch die Klugheit und den Scharfsinn eines Spaziergängers entlarvt, ins Gefängnis geschleppt, vor die Assisen gestellt und zum Bagno verurteilt – das war in der That eine prächtige Unterhaltung, die in das einförmige Leben der Provinzstadt eine höchst pikante Abwechslung gebracht hätte! Man kann sich daher denken, wie unangenehm es war, aus diesem unverhofften Gaudium in das langweilige Alltagsleben zurückzusinken!

Der Chevalier machte also in der ersten Aufwallung des Ärgers gegen den Urheber dieser Enttäuschung einen Versuch, den Schmarotzer durch ein olympisches Stirnrunzeln zu verjagen; aber der Hund hielt unerschrocken das Feuer dieses Blickes aus und sah seinen Gegner sogar recht freundlich und zutraulich an, als ob er sagen wollte: Warum zürnen Sie mir? Haben Sie doch Mitleid mit mir!

Das Auge ist bei den Hunden wie bei den Menschen der Spiegel der Seele. Der Blick des Hundes rührte den Chevalier so tief, dass er sofort seine Stirn entrunzelte, in dieselbe Tasche griff, auf welche der Hund einen verstohlenen Angriff versucht hatte, und ein Stück Zucker herausnahm.

Der Hund nahm den Leckerbissen mit der größten Zartheit. Wer ihn sah, wie er so vorsichtig, so freundlich, so zufrieden das süße Almosen hinnahm, würde nie geglaubt haben, dass Diebesgedanken in diesem grundehrlichen Gemüte hätten aufkommen können. Ein scharfer Beobachter, ein Physiognomiker hätte vielleicht einen etwas lebhafteren Ausdruck der Dankbarkeit gewünscht, während die weißen Zähne des Tieres den Zucker zermalmten; aber die Bauchdienerei, bekanntlich eine der sieben Todsünden, gehörte zu den schwachen Seiten des Chevalier, der die Freuden der Tafel als eine Würze des geselligen Lebens betrachtete. Statt daher dem Hunde ob des mehr sinnlichen als dankbaren Ausdrucks seines Gesichts zu zürnen, betrachtete er mit aufrichtiger und fast neidischer Bewunderung die von dem eingebürgerten Schottländer gegebenen Äußerungen des Gaumenkitzels.

Der Hund gehörte offenbar zu der Klasse der unverschämten Bettler. Kaum war der Leckerbissen verschlungen, so wiederholte er seine bereits als erfolgreich erprobten Schmeicheleien, um die Wohltätigkeit des Spaziergängers wieder in Anspruch zu nehmen. Er schien zu wissen, dass er nicht vergebens bat, und wurde zudringlich wie alle Bettler! Der Chevalier ließ sich durch die feuchten bittenden Blicke und das freundliche Wedeln betören und fütterte den interessanten Schmarotzer bis die Tasche ganz leer war.

Der Chevalier konnte sich eines gewissen bitteren Gefühls nicht erwehren; er hatte in den verschiedensten Menschenrassen, vom Höfling bis zum Stallknecht, so viel Undank gesehen, dass er erwartete, ein Mitglied der Hundegenossenschaft werde das von den Adams söhnen seit Jahrtausenden gegebene Beispiel befolgen.

Diese langjährige Erfahrung hätte den Chevalier de la Graverie gleichgültig machen sollen; aber es that ihm weh, noch einmal auf seine Kosten den allgemeinen Undank zu erfahren. Er wünschte daher seinem neuen Bekannten eine peinliche Verlegenheit und sich selbst die daraus entstehenden Demütigungen zu ersparen. Er griff noch einmal in die Rocktasche und nachdem er sich überzeugt hatte, dass kein Zucker mehr darin war, nachdem er, um den Hund von seiner Ehrlichkeit zu überzeugen, die Tasche umgekehrt hatte, streichelte er den Hund, um ihn in Gnaden zu entlassen, stand auf und ging weiter ohne sich umzusehen.




II

Wo Jungfer Marianne das Programm ihres Charakters gibt


Der Chevalier war kaum einige hundert Schritte fortgegangen, so wurde sein Entschluss, sich nach dem Hunde nicht umzusehen, durch die Neugier stark erschüttert, und es bedurfte einer bedeutenden moralischen Kraft, um den Einflüsterungen des Dämons zu widerstehen.

Als, er über die Brücke in die Stadt ging, bekam die Neugier endlich die Oberhand und er benutzte den eben an» kommenden Pariser Postwagen als Vorwand, auf die Seite zu treten und sich umzusehen. Zu seinem größten Erstaunen sah er, dass ihm der Hund auf dem Fuße folgte.

»Ich habe Dir nichts mehr zu geben, armes Tier!« sagte der Chevalier, indem er seine leeren Taschen schüttelte.

Der Hund schien den Sinn und die Bedeutung dieser Worte zu verstehen, denn er machte einige humoristische Sprünge, als ob er seinen Dank und seine Zufriedenheit zu er» kennen geben wollte; da er nicht wusste, wie lange der Chevalier auf der Brücke verweilen würde, so streckte er sich platt auf den Erdboden aus, legte den Kopf auf die Vorderfüße, fing an zu bellen und wartete dann ruhig, dass sein neuer Freund weitergehe.

Sobald der Chevalier von der Stelle ging, sprang der Hund auf und hüpfte voraus.

Wie das Tier die Worte des Menschen zu verstehen schien, so schien der Mensch die Gebärde des Tieres zu verstehen.

»Ich verstehe Dich,« sagte er, »Du willst mit mir gehen. Aber ich bin ja nicht dein Herr, und um mir zu folgen, musst Du Jemand verlassen – Jemand der Dich aufgezogen, gefüttert, gehegt und gepflegt hat: vielleicht einen Blinden, den Du geführt, oder eine alte Witwe, deren Trost Du warst! Ein Bisschen Zucker hat Dich bewogen, deinen früheren Herrn zu vergessen, so wie Du später gewiss auch mich vergessen wirst’, wenn ich so schwach wäre Dich mitzunehmen. – Geh, geh, Medor, Du bist nur ein Hund, Du hast nicht das Recht undankbar zu sein. Etwas Anderes wäre es, wenn Du ein Mensch wärst!«

Aber statt dem Befehl zu gehorchen, oder der philosophischen Betrachtung Gehör zu geben, bellte der Hund noch lauter und machte noch lustigere Sprünge.

Diese zweite Gedankenreihe, die im Geiste des Chevaliers wie eine dunkle Flut aufgestiegen war, hatte ihn leider sehr verstimmt. Anfangs mochte er sich wohl geschmeichelt fühlen durch die Zuneigung, die ihm der Hund zuerkennen gegeben; aber er bedachte, dass diese Zuneigung wahrscheinlich einen mehr oder minder schwarzen Undank verberge, und er zog die Beständigkeit dieser so leichtsinnig bewilligten Freundschaft in Zweifel. Endlich bestärkte er sich in einem seit vielen Jahren gefassten Entschluss, keinem lebenden Wesen fortan seine Zuneigung mehr zu schenken. Wie er diesen Entschluss gefasst hatte, wer» den wir später erklären.

Aus dieser Andeutung wird der Leser ersehen, dass der Chevalier de la Graverie ein Misanthrop war.

Fest entschlossen, dieses neue freundschaftliche Verhältnis für immer abzubrechen, versuchte der Chevalier zuerst den Hund durch sanfte Ueberredung zu entfernen. Nachdem er ihn Medor genannt und einen ernsten Versuch, ihn fortzuschicken, gemacht hatte, erneuerte er denselben Befehl und gab ihm dabei eine Menge von Namen aus der Mythologie und dem Alterthume: Morpheus, Jupiter, Castor. Pollur, Actäon, Cäsar, Nestor, Romulus, Tarquin, Ajax. Dann kamen die altscandinavischen Namen Ossian, Fingal, Odin, Thor und die englischen Trim, Tom, Dick, Nick, Mylord. Stop an die Reihe; und als auch diese wirkungslos blieben, kramte er alle in seinem Gedächtnis vorrätigen Phantasienamen: Caro, Sultan, Phanor, Türk, Oli, Mouton u.s.w. aus. Aber alledem Hunderegister entnommenen Namen waren nicht im Stande, den hartnäckigen Schottländer fortzujagen. Das von den Menschen geltende Sprichwort: Niemand ist tauber als Einer, der nicht hören will, fand, in diesem Falle wenigstens auch auf die Hunde eine Anwendung.

Der Jagdhund, der vorhin die Gedanken seines neuen Freundes so leicht erriet, schien jetzt weit entfernt, ihn zu verstehen. Je ernster und drohender das Gesicht des Chevalier wurde, desto lauter wurde sein Gebell, desto lustiger waren seine Sprünge. Endlich als der Chevalier wider seinen Willen, aber gezwungen durch die Notwendigkeit, seinen Gedanken einen klaren, verständlichen Ausdruck zu geben, seinen Stock mit dem goldenen Knopf hob, um die ultima ratio der Hunde anzuwenden, legte sich das arme Tier auf den Rücken und bot dem Stock mit rührender Ergebung seinen Leib.

Der Chevalier mochte durch Unglück, aus welchem wir dem Leser durchaus kein Geheimnis machen wollen, ein Misanthrop geworden sein, aber er besaß keinen bösen Charakter. Er wurde durch die demüthige Unterwürfigkeit des Hundes sogleich beschwichtigt, nahm seinen Stock in die linke Hand und wischte sich die Stirn; denn während dieses Auftritts, in welchem er nicht nur gesprochen » sondern auch gestikuliert hatte, war ihm der Schweift ausgebrochen.

»Komm nur, mein Hund,« sagte er, sich überwunden gebend; »aber weiter als bis zu meiner Haustür sollst Du mir nicht folgen!«

Aber der Hund kannte vermutlich das Sprichwort: Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Denn er sprang sogleich auf und machte tausend lustige Sprünge um den Herrn, auf den seine endgültige Wahl gefallen zu sein schien, und ging so vertraulich mit ihm um, dass alle Bürger von Chartres, die dem Chevalier begegneten, ganz verwundert stehen blieben und sich freuten, dass sie ihren Freunden und Bekannten dieses Rätsel in Form einer bejahenden Frage aufgeben konnten: »Der Chevalier de la Graverie hat also jetzt einen Hund?«

Der Chevalier, der auf einmal der Gegenstand des Stadtgespräches geworden war, benahm sich sehr würdevoll und kümmerte sich durchaus nicht um die Neugier, die er auf seinem Spaziergang geweckt hatte. Ohne von seinem Begleiter im mindesten Notiz zu nehmen, blieb er überall stehen, wo etwas zu sehen war, bei dem Stadtthor, dessen alte Zinnen ausgebessert wurden; auf dem Ballplatz, der durch ein halbes Dutzend Spieler und eben so viele schreiende Gassenjungen belebt wurde; bei einem Seiler, dessen Arbeit er mit einem ihm selbst unerklärlichen Interesse zusah.

Wenn ihm die Liebkosungen des Hundes von Zeit zu Zeit ein freundliches Lächeln entlockten, so unterdrückte er es sogleich wieder und nahm seine gleichgültige Miene wieder an, wie ein Raufbold, der sich seinem Gegner gegenüber eine Blöße gegeben hat, sich sorgfältig deckt.

So kamen Beide an das Haus Nr. 9, in der Rue des Lices, welches der Chevalier de la Graverie schon seit einer Reihe von Jahren bewohnt hatte.

Vor dem Hause sah der Letztere ein, dass alles Übrige nur eine Art von Prolog gewesen war, und dass die wirklichen Schwierigkeiten hier erst beginnen würden.

Während der Chevalier seinen Hauptschlüssel in das Türschloss steckte, wartete der Hund ganz wohlgemut, als ob er hier schon lange aus- und eingegangen wäre und dieses Haus als das seinige betrachtete. Sobald sich die Tür auftat, schlüpfte er behende zwischen die Füße des Chevalier, um ihm vorauszueilen; aber der Herr vom Hause zog die kaum geöffnete Tür so rasch wieder zu, dass der Schlüssel durch die Erschütterung mitten auf die Straße geschleudert wurde.

Der Jagdhund sprang dem Schlüssel nach, und wie ungern auch selbst gut dressierte Hunde einen eisernen Gegen» stand mit den Zähnen berühren, so nahm er doch den Schlüssel auf und brachte ihn dem Chevalier.

Ohne gerade gerührt zu werden, wurde der Chevalier de la Graverie doch zu mancherlei Betrachtungen veranlasst. Er hatte es keineswegs mit einem gemeinen Köter, sondern mit einem wohlerzogenen Jagdhunde zu tun. Ohne seinen ersten Entschluss aufzugeben, erkannte er doch, dass der Jagdhund einige Rücksicht verdiene; und da bereits einige Personen stehen blieben, um den sonderbaren Auftritt anzusehen, da sogar einige Fenstervorhänge aufgezogen wurden, so beschloss er, in einem Kampfe, in welchem er wahrscheinlich den Kürzeren ziehen würde, seine Würde nicht aufs Spiel zu setzen und eine dritte Person zu Hilfe zu rufen.

Er steckte daher den Hausschlüssel, den ihm der Hund überreichte, in die Tasche und zog die Türglocke.

Obschon die Glocke im Hause laut ertönte, so blieb sie doch wirkungslos. Es regte sich nichts im Hause, als ob der Chevalier an der Tür eines verzauberten Schlosses geläutet hätte, und erst als er wiederholt und heftiger den Rehfuß an der dünnen eisernen Kette gezogen hatte, tat sich ein Schubfenster im ersten Stocke auf und das grämliche Gesicht eines fünfzigjährigen Frauenzimmers wurde sichtbar.

Das Gesicht kam mit solcher Vorsicht hervor, als ob die Stadt von Normannen oder Kosaken bedroht gewesen wäre, und suchte den Urheber des ungewöhnlichen Lärms zu erkennen.

Aber der Herr vom Hause, der natürlich das Öffnen der Haustür und nicht eines Fensters im ersten Stocke er» wartete, hatte sich dicht an die Tür gedrängt, um schnell eintreten zu können, und war unter dem mit wilden Blumen bewachsenen Gesimse von oben nicht sichtbar. Die Haushälterin sah daher nur den Hund, der drei Schritte von der Schwelle saß und wie der Chevalier auf Einlass wartete. Der Hund, welcher die Wichtigkeit der am Fenster erscheinenden Person zu erraten schien, blickte gar freundlich zu ihr hinauf.

Der Anblick des Hundes war keineswegs geeignet, die eilte Marianne, so hieß die Haushälterin, zu beruhigen; eben so wenig seine rabenschwarze Farbe. Sie erinnerte sich nicht, dass ein Bekannter ihres Herrn einen Hund hatte, und da sie wusste, dass der Chevalier feierlich gelobt hatte, nie einen Hund zu halten, so ahnte sie keineswegs, dass dieser schwarze Unhold ihn begleite.

Überdies pflegte der Chevalier nie die Türglocke zu ziehen; er wartete nicht gern und trug daher immer den Hausschlüssel bei sich.

Nach kurzem Besinnen fragte sie kleinlaut: »Wer ist da?«

Der Chevalier, durch den Ton der Stimme und zugleich durch den Blick des Hundes geleitet, verließ seinen Posten, trat drei Schritte zurück, schaute hinauf, und sagte die Hand über die Augen haltend:

»Sind Sie da, Marianne? Kommen Sie herunter!«

Aber sobald Marianne ihren Herrn erkannte, schwand ihre Furcht, und statt dem Befehle zu gehorchen, antwortete sie:

»Herunter kommen? warum denn?«

»Natürlich, um mich einzulassen,« antwortete der Chevalier.

Marianne s Gesicht, das zuvor so furchtsam und verblüfft gewesen war, wurde nun auf einmal unfreundlich und zänkisch. Sie zog eine unter die Haube geschobene Stricknadel hervor und begann wieder zu stricken.

»Was, um Sie einzulassen?« sagte sie.

»Allerdings.«

»Haben Sie denn Ihren Hausschlüssel nicht?«

»Das kümmert Sie nicht; kommen Sie herunter!«

»Dann müssen Sie ihn verloren haben,« erwiderte Marianne, »denn er fiel heute Früh aus der Tasche, als ich Ihre Kleider bürstete, und ich steckte ihn wieder hinein. Eine solche Saumseligkeit sollte man in Ihrem Alter nicht erwarten; aber man lernt alle Tage etwas Neues.«

»Marianne,« sagte der Chevalier etwas ungeduldig, und bewies dadurch, dass er nicht so sehr als man glauben konnte, unter dem Pantoffel der Haushalterin stand, »ich habe Ihnen schon gesagt, kommen Sie herunter!«

»Er hat ihn verloren!« rief Marianne, ohne die leichte Aufwallung ihres Herrn zu bemerken. »Er hat ihn verloren t Ach mein Gott! was soll daraus werden? Ich muss durch die ganze Stadt laufen, ein anderes Schloß, vielleicht sogar eine neue Tür machen lassen! Denn in einem Hause, dessen Schlüssel sich auf der Gasse herumtreibt, würde ich nicht ruhig schlafen.«

»Ich habe den Schlüssel, Marianne,« sagte der Herr vom Hause, immer ungeduldiger werdend; »aber ich habe meine Gründe, ihn nicht anzuwenden —«

»Das begreife ich nicht! Sie haben den Hausschlüssel, und wollen die Tür nicht aufschließen! Ich sinke ohnedies schon unter der Last der Arbeit zusammen, und soll noch die Treppe hinunterlaufen! Dabei fällt mir ein, dass die Speisen auf dem Feuer sind – und sie verbrennen, ich rieche es! Mein Gott, was fällt Ihnen ein!«

Jungfer Marianne wollte sich vom Fenster entfernen. Aber der Chevalier de la Graverie verlor endlich die Geduld; er bannte die alte Jungfer mit einer gebieterischen Gebärde an ihren Platz und sagte ärgerlich

»Jetzt keine Widerrede mehr! Machen Sie auf, alte Närrin!«

»Alle Närrin!« wiederholte Marianne, und hob ihr Strickzeug, wie eine Eumenide ihre Fackel. »Was, Sie gestehen selbst, dass Sie den Hausschlüssel haben! Sie zeigen ihn mir sogar – und ich soll durch den Korridor, die Treppe hinunter und über den Hof laufen? Das thue ich nicht, Herr Chevalier! Daraus wird nichts! Ich bin Ihrer Launen schon längst überdrüssig, und will mich nicht zu Tode hetzen lassen, wie —«

»Abscheuliche Megäre!« murrte das Männlein, ganz erstaunt über diesen Widerstand. »Ich glaube wahrlich, dass ich sie fortschicken muss, obschon sie unübertreffliche Krebssuppe und Rebhühnerpasteten macht. Aber der verwünschte Jagdhund darf mir auf keinen Fall ins Haus; ich will für dieses Mal nachgeben, später werde ich schon mein Recht behaupten. Marianne,« sagte er gelassener, »ich finde es natürlich, dass Sie mein Verlangen sonderbar finden; aber hören Sie nur. Sie sehen den Hund hier . . ."

»Freilich sehe ich ihn!« sagte die Haustyrannin, die in demselben Grade an Kraft gewann, als ihr Herr daran verlor.

»Er ist mir gegen meinen Willen von der Dragonerkaserne nachgelaufen; ich weiß nicht wie ich mich seiner entledigen soll, und ich dachte, Sie könnten ihn fortjagen, während ich ins Haus gehe.«

»Ein Hund!« eiferte Marianne. »Und wegen eines Hundes belästigen Sie eine ehrsame Jungfer, die seit zehn Jahren in Ihren Diensten steht? Ich will Ihnen zeigen wie man die Hunde fortjagt.«

Marianne verschwand vom Fenster.

Der Chevalier glaubte, sie komme hinunter, um ihm bei der beabsichtigten glimpflichen Forttreibung des Hundes behilflich zu sein, und trat wieder an die Tür. Der Jagdhund schien seinerseits entschlossen, die Bekanntschaft eines Mannes, aus dessen Tasche so gute Stücke Zucker kamen, zu kultivieren, und folgte ihm mit herzgewinnender Freundlichkeit.

Plötzlich wurde der Hausherr durch eine herabstürzende gewaltige Wasserflut von dem Hunde getrennt. Ein aus dem Fenster sich ergießender Rheinfall, ein Niagara überschwemmte sie Beide.

Der Jagdhund lief heulend davon. Der Chevalier zog seinen Hausschlüssel aus der Tasche, schloss die Tür auf und überschritt die Schwelle in einem leicht begreiflichen Zustande der Entrüstung, in dem Augenblicke, als Marianne die etwas verspätete Warnung hören ließ:

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Chevalier!«




III

Das Haus des Chevalier de la Graverie von außen und innen


Das Haus Nr. 9 in der Rue des Lices stand zwischen Hof und Garten; aber der Hof war nicht wie gewöhnlich vor dem Hause und der Garten hinter demselben, sondern der Hof war links und der Garten rechts. Das Haus stand dicht an der Straße.

Man nahm gewöhnlich den Weg über den Hof, dessen einzige Zierde ein seit zehn Jahren nicht beschnittener und sich am Giebel des Nachbarhauses hinauf schlängelnder Weinstock war; die üppig wuchernden Reben erinnerten an die Urwälder der neuen Welt.

Der Hof war mit Sandsteinen gepflastert, aber das Gras, durch die Feuchtigkeit des Bodens und den Schatten der Dächer begünstigt, war so dicht aus den Fugen hervorgewachsen, dass es eine Art Schachbrett en relief bildete, dessen Felder durch die Pflastersteine gebildet waren. Leider war der Chevalier de la Graverie kein Schach- oder Damenspieler, und es war ihm daher nicht in den Sinn gekommen, aus diesem Umstand, der einem Méry oder Labourdonnais große Freude gemacht haben würde, Nutzen zu ziehen.

Das äußere Ansehen des Hauses war so kalt und traurig, wie die meisten Wohnungen in den alten französischen Städten. Der Mörtel hatte sich stellenweise abgelöst, und das Gemäuer war zu sehen. Die Vorderseite des Hauses war da. her mit einem durch Hautkrankheit entstellten Gesicht zu vergleichen. Die Fensterrahmen waren schwärzlich, die Scheiben klein und von grünem Glas.

So lange man erst durch den Hof gegangen war, und im Erdgeschoss stehen blieb, musste man in die offene Küche einen Blick werfen, um einen einigermaßen respektablen Begriff von dem Hausherrn zu bekommen; denn man bemerkte einen weißen Porzellanofen, sauber und blank wie der Fußboden eines holländischen Wohnzimmers. Neben dem Ofen stand ein großer Herd, auf welchem lange Holzscheite, wie zur Zeit unserer Altvorderen, brannten, und ein Bratspieß drehte sich mittelst jener klassischen Mechanik, die das Klappern einer Mühle so anziehend nachahmt. Ein Rost mit glühenden Kohlen gab Zeugnis von dem geläuterten Geschmack des Chevalier de la Graverie, der wohl wusste, dass ein saftiger Rostbraten nicht in einem Ofen von Eisenblech bereitet werden soll. An der Wand hingen ein Dutzend nach Form und Größe geordneter Kasserolle, die täglich blank geputzt wurden, wie Kanonen eines Linienschiffs ersten Ranges; von dem großen unverzinnten Kessel, der für Marmelade und Konfitüren bestimmt ist. bis zu den winzig kleinen Gefäßen, in denen die Kraftsuppen, Spiegeleier, Krammetsvögel und andere Produkte der höheren Kochkunst zubereitet werden.

Wer da wusste, dass der Chevalier de la Graverie allein, ohne Weib und Kind, ohne Hund und Katze, ohne irgend einen Tischgenossen lebte, und dass seine ganze Dienerschaft aus der alten Haushälterin Marianne bestand , erkannte an, diesem Küchenarsenal den Feinschmecker, den raffinierten Esskünstler eben so leicht, wie man im Mittelalter an den Schmelztiegeln, Retorten, Destillierkolben und ausgestopften Eidechsen einen Alchimisten erkannte.

Außerdem bestand das Erdgeschoss aus einer kleinen, mit Steinplatten gepflasterten Hausflur, einem geräumigen Speisezimmer und einem Salon, der nur zweimal jährlich, wenn der Herr vom Hause Gäste hatte, geheizt wurde. Für diese» Fall stand auf der Hausflur eine hölzerne Bank für die wartende Dienerschaft.

Die beiden Zimmer des Erdgeschosses entsprachen in ihrem vernachlässigten Zustande vollkommen der Außenseite des’ Hauses. Der Fußboden war aufgesprungen und höckerig, der^ Plafond grau und schmutzig, die zerrissenen, beschmutzten Tapeten bewegten sich, wenn der Windbruch die selten geöffnete Tür drang.

Die ganze Einrichtung des Speisezimmers bestand aus sechs weiß angestrichenen Stühlen, einem großen Tische von Nussholz und einem Speiseschrank.

Im Salon standen drei Armsessel und sieben Stühle von verschiedenen Formen und Farben, und eine mit harten Polstern belegte Bank hatte sich unbefugter Weise den Namen und» Platz eines Sofas angemaßt. Die übrige Ausschmückung dieses sogenannten Empfangszimmers, welches der Herr vom Hause außer den oben genannten Fällen nie betrat, bestand in einem runden Tische, zwei Armleuchtern, einer stillstehen» den Stockuhr, einem aus zwei Stücken zusammengesetzten Spiegel und aus Vorhängen von rot und gelb gestreiftem Calicot.

Aber im ersten Stocke sah es anders aus. Der erste Stock wurde freilich von dem Chevalier de la Graverie persönlich bewohnt; dorthin würde der von der Küche ausgehende Faden in gerader Linie geführt haben, wenn das Labyrinth der Rue des Lices eine Ariadne gehabt hätte.

Man denke sich drei Zimmer mit der bis in die kleinsten Details sich erstreckenden Sorgfalt und der behaglichsten Koketterie möbliert, welche die Modedamen und die alten reichen Witwen so sehr lieben.

Jedes dieser auf Komfort und Verschönerung des Lebens berechneten Zimmer hatte sein eigentümliches Gepräge, seine besondere Bestimmung. Im Salon waren die eleganten, modernen Möbeln an allen Teilen, welche die kleine runde Person des Herrn vom Hause zu tragen bestimmt waren, sorgfältig mit Überzügen verwahrt; ein Bücherschrank von schwarzem Holz mit Kupfer ausgelegt, war mit rot eingebundenen, und nur selten inkommodierten Büchern angefüllt; eine Tischuhr stellte die Aurora auf ihrem Wagen dar, dessen Räder das Zifferblatt bildeten; zu beiden Seiten derselben standen zwei große Armleuchter; die Vorhänge waren von demselben dicken Wollstoff, der die Möbeln bedeckte, und würden hinsichtlich der geschmackvollen Draperie dem elegantesten Pariser Boudoir zur Zierde gereicht haben. Die Spuren von Vergoldung an dem weißen Getäfel bewiesen, dass die früheren Bewohner des Hauses noch mehr auf Eleganz gehalten hatten, als der Chevalier de la Graverie.

Im Schlafzimmer erregte das monumentale Bett sowohl hinsichtlich der Breite als der Höhe die Aufmerksamkeit. Dieses Bett war so hoch, dass man sich des Gedankens nicht erwehren konnte, wer darin schlafen wolle, müsse es mittelst einer Leiter ersteigen. Wer diesen Berg von Flaum, Watte und Wolle glücklich erstiegen hatte, musste von diesem mit dreifachen Vorhängen umgebenen Nest die ganze Position beherrschen; von dort konnte er alle Winkel des Zimmers übersehen, die Armsessel, Stühle, Sofas, Wärmpfannen, Polster und Fuchsfelle mustern. Der Fußboden war mit einem weichen, dicken Teppich belegt. Einige Armsessel, Stühle und Polster waren für den Winter mit Samt, andere für den Sommer mit Leder überzogen. Alle Möbeln aber waren zierlich und auf Bequemlichkeit berechnet. Dieses von der Straße am weitesten entfernte Zimmer war dem Garten zugewandt, so dass der Schläfer durch kein Wagengerassel, durch kein Geschrei von Handelsleuten , durch kein Hundegebell gestört wurde.

Wenn man aus dem Schlafzimmer wieder in den Salon kam, und diesen der ganzen Länge nach durchschritt, so stieß man gegen eine elegante spanische Wand , welche die in das dritte Zimmer führende Tür maskierte. Die ganze Einrichtung dieses letzten, schön tapezierten Zimmers bestand aus einem runden Tische von Mahagoniholz, einem kleinen Fauteuil und einem Marmortischchen, auf welchem zwei plattierte Eimer zum Abkühlen des Champagners standen. Aber auf allen Seiten standen Glasschränke, deren Inhalt eine kostbare Zugabe zu der Küchenbatterie war.

Jeder Schrank hatte seine besondere Bestimmung. In dem einen glänzte massives Silberzeug, ein Porzellanservice mit vergoldeten Rändern und dem Namenszuge des Chevalier de la Graverie, rote und weiße böhmische Gläser, durch deren Feinheit und Formen der Geschmack der edlen Weine gewiss erhöht wurde.

Der zweite Schrank enthielt Pyramiden von schneeweißem, feinem Tischzeug.

In dem dritten paradierten, wie gut geschulte Soldaten in Reihen aufgestellt, die feinsten Tisch» und Dessertweine in ihren Originalflaschen, wie sie aus verschiedenen Gegenden Frankreichs, aus Österreich, Deutschland, Spanien, Italien, Sizilien und Griechenland gekommen waren; einige kurz und gedrungen, andere mit langem dünnem Halse; einige mit bunten oder vergoldeten Etiketten, andere in Stroh» oder Rohrgeflechten, alle gleich anziehend für die Phantasie und die Neugier. An den Flanken dieses in geschlossenen Reihen harrenden stattlichen Armeecorps standen die leichten Truppen in Form von verschiedenfarbigen kleinen Karaffen mit kosmopolitischen Liqueuren.

Der letzte, größte Schrank endlich beherbergte Esswaren der verschiedensten Art- Straßburger Pasteten, Würste von Arles und Lyon, Aprikosentorten aus der Auvergne, Apfelgallerte aus Rouen, eingesotzene Früchte, englische Pickles und Saucen, Anschovis, Sardinen, kurz Alles was nach dem Ausspruch eines geistreichen Feinschmeckers »den Magen zu panzern« vermag.

Nach dieser vielleicht etwas zu genauen, aber zur Beurteilung des Bewohners notwendigen Haussuchung wird der Leser leicht erraten, dass der Chevalier de la Graverie sehr angelegentlich mit seiner werten Person beschäftigt, und auf die Befriedigung seines Magens sehr eifrig bedacht war. In sonderbarem Widerspruch mit dieser Bauchdienerei stand seine Manie, sich beständig für krank zu halten, und sich jede Viertelstunde an den Puls zu greifen. Endlich war er ein leidenschaftlicher Freund der Rosen, und versäumte keine Gelegenheit, seiner Sammlung ein neues Exemplar dieser Königinnen der Blumen hinzuzufügen.

Bei diesem Punkte unserer Erzählung fühlen wir die Unmöglichkeit, weiter zu gehen, ohne Halt zu machen, ja ohne achtundvierzig bis fünfzig Jahre zurückzugehen: wir wollen unseren Lesern nun erklären, wie der würdige Chevalier zu diesen drei geistigen Schwächen gekommen war.




IV

Wie und unter welchen Umständen der Chevalier de la Graverie geboren war


Man wundere sich nicht über diesen Rückblick, den der Leser übrigens voraussehen konnte, als wir ihm unseren Helden in einem Alter vorstellten, in welchem die interessantesten Abenteuer des Lebens, nämlich die Liebesabenteuer, beendet zu sein pflegen. Wir versprechen nicht weiter als bis zum Jahre 1793 zurückzugehen.

Im Jahre 1793 war der Baron de la Graverie, Vater des Chevalier, im Gefängnis zu Besangon unter der Anklage des Einverständnisses und Briefwechsels mit den Emigrierten.

Der Baron de la Graverie hätte zu seiner Verteidigung anführen können, dass er nur den heiligsten Naturgesetzen genügt habe, als er seinem ältesten Sohne und seinem Bruder, die sich beide im Auslande befanden, einiges Geld zugeschickt: aber es gibt Verhältnisse, welche die sozialen Gesetze über die Gesetze der Natur stellen, und überdies hatte der Baron jene Entschuldigung nicht einmal vorgebracht. Sein Vergehen gehörte aber zu denen, die einen Angeklagten damals am sichersten aufs Schafott brachten; die Baronin de la Graverie, welche frei geblieben war, bot daher, ungeachtet ihrer vorgerückten Schwangerschaft, Alles auf, um ihren Gemahl zu befreien.

Das Gold, welches die Unglückliche reichlich verteilte, schien ein günstiges Resultat zu versprechen. Der Schließer hatte versprochen, die Augen zuzudrücken, und der Pförtner hatte dem Gefangenen eine Feile und ein Seil gebracht, um ihn in den Stand zu setzen, eine Eisenstange seines Fensters zu zertrümmern, die Straße zu erreichen und in Begleitung seiner Gemahlin über die Grenze zu fliehen.

Die Flucht war auf den folgenden Tag , den 14. Mai, festgesetzt. – Die Minuten jenes verhängnisvollen Tages dehnten sich zu Stunden, in ihrer angstvollen Spannung sah die unglückliche Dame jeden Augenblick nach der Uhr, und verwünschte die Langsamkeit des Zeigers; von Zeit zu Zeit glaubte sie zu ersticken, und sie hielt es für unmöglich, bis zu dem ersehnten folgenden Tage leben zu können.

Um vier Uhr Nachmittags wurde ihre Aufregung so groß, dass sie sich entschloss, bei einem royalistisch gesinnten Priester, den eine Freundin in ihrem Keller versteckt hielt. Trost zu suchen, und gemeinschaftlich mit demselben für den Gefangenen zu beten.

Die Baronin verließ also ihre Wohnung. – In der Nähe des Marktplatzes hörte sie das dumpfe, anhaltende Wogen und Brausen einer großen Menschenmenge. Sie wollte umkehren, aber es war nicht möglich, die dem Marktplatz zuströmende Volksmenge versperrte die in denselben einmünden» den engen Gassen, und die Dame wurde durch den unaufhaltsamen Strom mit fortgerissen.

Der Platz war mit Menschen angefüllt; über den dicht an einander gedrängten Köpfen erhob sich die Guillotine, und oben an der entsetzlichen Maschine glänzte in den letzten Strahlen der Abendsonne das Fallbeil – ein furchtbares Sinnbild der Gleichheit, wenn auch nicht vor dem Gesetz, doch vor dem Tode.

Die Baronin de la Graverie schauerte und wollte fliehen. Aber es war noch weniger möglich, als das erste Mal: ein neuer Menschenstrom, der sich auf den Platz ergoss, drängte die Menge immer mehr zum Mittelpunkte hin. Ein ernster Versuch zur Umkehr würde sie als Aristokratin bezeichnet und nicht nur ihre eigne Sicherheit gefährdet, sondern auch ihren Genial ins Verderben gestürzt haben.

Die Baronin, deren Geisteskräfte seit einigen Tagen auf ein einziges Ziel, die Befreiung ihres Gemahls, gerichtet waren, war außerordentlich umsichtig geworden. Sie dachte an Alles. Sie fügte sich in das Unvermeidliche und fasste den Entschluss, das furchtbare Schauspiel, das vor ihren Augen aufgeführt werden sollte, mit Mut und ohne allzu heftige Äußerungen des Entsetzens zu ertragen. Sie hielt nicht einmal die Hand vor das Gesicht, um nicht die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarn auf sich zu lenken: sie schloss die Augen.

Ein lautes Geschrei, welches immer näher kam wie ein Lauffeuer, verkündete die Ankunft der Schlachtopfer. Bald darauf wich die Menge vor dem ankommenden Wagen zurück und das Gedränge wurde so groß, dass die Baronin in Gefahr kam, erdrückt zu werden. Bis dahin hatte sie noch nicht aufgeschaut; aber plötzlich schien ihr eine unsichtbare, unwiderstehliche Gewalt die Augenlider aufzuheben. Sie schlug die Augen auf, bemerkte einige Schritte von ihr den Wagen mit den Verurteilten, und unter denselben – ihren Gatten!

Die Verzweiflung gab ihr eine übernatürliche Kraft; ihr Geschrei war so herzzerreißend, dass die Umstehenden ihr Platz machten. Sie eilte unaufhaltsam vorwärts und drängte die ihr noch im Wege stehenden Personen mit einer Kraft zurück, welche dem schwächsten Weib in der höchsten Aufregung des Schmerzes zu Gebote steht.

So erreichte sie den Wagen. Sie wollte ihn erklimmen, um zu ihrem Gatten zu gelangen, aber die Gendarmen hielten sie zurück. Sie klammerte sich, wie eine Wahnsinnige heulend, an den Wagenleitern fest; dann brach sie plötzlich in Thränen aus und wandte sich stehend zu den Henkern ihres Gatten.

Der Anblick war so erschütternd , dass ungeachtet der Blutgier, welche die öfteren Wiederholung jener entsetzlichen Dramen in der Bevölkerung geweckt hatte, mehr als ein Sansculotte, mehr als eine Megäre aus der Hefe des Volks bis zu Tränen gerührt wurde. Als daher die unglückliche Baronin ihre Kraft schwinden fühlte, als sie ohnmächtig zu Boden sank, kamen ihr die Umstehenden zu Hilfe.

Man brachte sie nach Hause und es wurde sogleich ein Arzt gerufen. Aber die Erschütterung war zu heftig gewesen; die Unglückliche starb nach einigen Stunden in heftigen Fieberphantasien, indem sie eines schwachen, kaum lebensfähigen Knäbleins genas. Dieses Kind, welches zwei Monate vor dem von der Natur bestimmten Zeitpunkte das Licht der Welt erblickte, war der Chevalier de la Graverie, dessen Geschichte wir schreiben.

Die ältere Schwester der Baronin , Mademoiselle de Beauterne, eine reiche Stiftsdame, nahm sich des armen kleinen Waisen an, der so zart und schwächlich war, dass der Arzt an seiner Lebensfähigkeit zweifelte. Aber der Schmerz über den Tod ihrer Schwester und ihres Schwagers entwickelte in der alten Jungfer das Muttergefühl, welches Gott in jedes weibliche Herz gelegt hat, welches aber in dem Herzen einer alten Jungfer verknöchert und ertödtet wird.

Der sehnlichste Wunsch der Stiftsdame war, die Teure, welche sie beweinte, einst wiederzufinden, nachdem sie sich der Pflicht, die ihr zugefallen, eifrig und gewissenhaft entledigt. Mit der Zähigkeit, welche älteren unverheirateten Personen eigen zu sein pflegt, widmete sie dem Kind alle Geduld und Selbstverleugnung , deren sie fähig war, und es gelang ihr, den Mann der Wissenschaft, der doch mit größerer Gewissheit den Tod prophezeien als das Leben versprechen kann, Lügen zu strafen.

Sobald die Wege frei waren, begab sich Mademoiselle de Beauterne mit ihrem Schatz – so nannte sie den kleinen Stanislas Dieudonné de la Graverie – nach Deutschland, um sich in das Damenstift, dem sie angehörte zurückzuziehen.

In diesen halb weltlichen, halb klösterlichen Umgebungen wurde der kleine Dieudonné erzogen. Die guten, freundlichen Damen widmeten ihm die zärtlichste Sorge; denn die tragischen Verhältnisse, unter denen er geboren war, hatten die Teilnahme der Bewohnerinnen des Stiftes in hohem Grade geweckt. Ein Prinz, ein Thronerbe konnte nicht ängstlicher gehegt und gepflegt werden: eine Träne des Kindes verursachte eine allgemeine Migräne unter allen Stiftsdamen; jeder neu hervorbrechende Zahn hatte zehn schlaflose Nächte im Gefolge, und hätte die Tante nicht einen äußerst strengen Sanitätscordon um den kleinen Liebling gezogen, so würde man ihn in seiner zartesten Kindheit mit Zuckerplätzchen zu Tode gefuttert haben; unsere Erzählung wäre dann schon zu Ende, oder hätte vielmehr gar nicht begonnen.

Diese allgemeine Verzärtlung blieb indes nicht ohne allen Einfluss auf seine Erziehung.

Mademoiselle de Beauterne machte eines schönen Tages den Vorschlag, ihren kleinen Neffen den Jesuiten in Freiburg zur Erziehung anzuvertrauen’ gegen diesen Plan eiferten jedoch die übrigen Stiftsdamen mit lautem Zetergeschrei, so dass die Tante, die sich im Grunde sehr ungern von dem kleinen Dieudonné trennte, der allgemeinen Entrüstung nicht Trotz bieten mochte. Der Knabe blieb also und wurde wie zuvor von den guten Damen als Spielzeug betrachtet, man könnte fast sagen als Idol vergöttert. Von Ernst und Strenge war, selbst als er das lernfähige Alter erreichte, gar keine Rede; es stand dem kleinen Menschen so ziemlich frei zu lernen was ihm beliebte, und da ihn die Natur nicht mit einem über» mäßigen Wissensdrange begabt hatte, so blieb er sehr unwissend.

Es war vernünftigerweise nicht zu erwarten, dass die guten, würdigen Damen für die moralische Erziehung ihres Zöglings besser sorgen würden, als für seine geistige Ausbildung. Man machte ihn weder mit den Menschen bekannt, unter denen er einst leben, noch mit den Sitten und Gebräuchen, denen er sich einst fügen musste; ja, man suchte Alles, was die Gefühle des kleinen Lieblings im mindesten verletzen konnte, sorgfältig von ihm fern zu halten, und entwickelte durch diese Verzärtlung die angeborene Reizbarkeit des Knaben.

Ebenso ging es mit den zur Erziehung eines jungen Edelmannes gehörenden Leibesübungen. Die Stiftsdamen wollten dem kleinen Dieudonné durchaus keinen Reitunterricht geben lassen; er bestieg nur den Esel des Gärtners, und dabei führte immer eine der Damen den Esel am Zügel.

In der Stadt, wo sich das Damenstift befand, war ein vortrefflicher Fechtmeister. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Dieudonné nicht fechten lernen sollte. Die Frage wurde nach einer sehr kurzen Debatte einstimmig verneint; es war ja kaum denkbar, dass der Chevalier de la Graverie bei seinem sanften, liebenswürdigen Charakter jemals in Streit gerochen würde; nur ein Ungeheuer von Bosheit und Rohheit könnte ihm zürnen – und Gott sei Dank! die Ungeheuer sind selten.

Hundert Schritte von dem Damenstift schlängelte sich ein schöner klarer Fluß durch blühende Wiesen. Hier übten sich die Schüler des Gymnasiums im Schwimmen. Man konnte Dieudonné dreimal wöchentlich unter der Aufsicht eines Schwimmlehrers dahin schicken; aber das kühle Flusswasser konnte dem zarten Knaben schaden, er musste sich daher begnügen, zweimal wöchentlich in der Badewanne seiner Tante zu plätschern.

Dieudonné lernte also weder schwimmen noch fechten noch reiten. Er erhielt etwa dieselbe Erziehung wie Achilles; aber wenn mitten unter den Damen, die den Chevalier de la Graverie umgaben, plötzlich ein Ulysses erschienen wäre und ein Schwert aus der Scheide gezogen hätte, so würde Dieudonné wahrscheinlich nicht, wie der Sohn der Thetis und des Peleus, auf das Schwert losgestürzt, sondern von dem Glanz der Klinge geblendet, fortgelaufen sein, um sich in dem tiefsten Keller zu verkriechen.

Alles dieses wirkte höchst nachteilig auf die physische und moralische Entwickelung des jungen Chevalier. Er war sechzehn Jahre alt und konnte vor dem Gesicht eines Andern keine Klinge funkeln sehen, ohne in Tränen auszubrechen. Der Tod seines Sperlings oder Kanarienvogels verursachte ihm Nervenzucken; er dichtete rührende Elegien auf den Tod eines aus Versehen zertretenen Maikäfers – Alles zur größten Freude der Stiftsdamen, welche sein feines Gefühl priesen, ohne zu ahnen, dass diese Empfindung dabei ihr Idol entweder zu einem vorzeitigen Ende führen oder in diesen über zarten Gefühlen eine egoistische Reaktion bewirken müsse.

Unter diesen Umständen war kaum zu erwarten, dass Dieudonné von seinen Lehrerinnen in der Kunst zu gefallen und zu lieben unterrichtet wurde. Aber es fehlte ihm keineswegs an Gelegenheit und Anleitung Das Fräulein von Florsheim, eine der Stiftsdamen, hatte eine Nichte bei sich. Mathilde war zwei Jahre jünger als Dieudonné. Sie war blond und hatte schmachtende blaue Augen, wie die meisten deutschen Mädchen.

Sobald die beiden Kinder ohne Gängelband laufen konnten, machte es den Damen großes Begnügen, unzertrennliche Gespielen aus ihnen zu machen. Dieudonné, der, den Halsbrechenden Künsten des Reitens. Fechtens und Schwimmens mit ängstlicher Sorgfalt ferngehalten wurde, bekam dafür eine andere Dressur. Wenn er, wie ein Wateauscher Schäfer aufgeputzt, mit einem Vergissmeinnichtstrauß kam, so lehrte man ihn denselben seiner kleinen Freundin mit chevaleresker Kniebeugung zu überreichen. Bei schlechtem Wetter setzte sich Mademoiselle de Beauterne an ihr Klavier und spielte eine Menuett, nach welcher sich Dieudonné und Mathilde wie zwei Gliederpuppen unter lautem Applaus der Stiftsdamen bewegten.

Nach beendeter Menuett küsste der himmelblaue Schäfer mit galantem Anstand das weiße parfümierte Händchen der Schäferin. Die guten Damen waren entzückt, sie herzten und küssten die beiden Kinder und nannten sie den kleinen Mann und die kleine Frau. Wenn man sie, wie zwei Liebende en miniature, im Garten lustwandeln sah, schaute man ihnen mit Wohlgefallen nach, statt ihnen zuzurufen: Kehrt um, Kinder, die Einsamkeit ist gefährlich!

So kam es denn, dass die beiden Kinder die ihrem Alter zukommenden Spiele verschmähten und sich Empfindeleien überließen, welche, wie harmlos sie den guten Damen auch schienen, bald die bedenklichsten Verirrungen im Gefolge hatten.




V

Erste und letzte Liebe des Chevalier de la Graverie


Als Mathilde fünfzehn und Dieudonné siebzehn Jahre alt war, schien die bisherige Zärtlichkeit einer seltsamen Kälte Platz zu machen. Der junge Chevalier brachte kein Vergissmeinnicht mehr aus dem Garten und nach beendeter Menuett küsste er die Hand Mathildens nicht mehr, sondern beurlaubte sich mit einer leichten Verbeugung. Es wurden sogar die einsamen Gartenpromenaden eingestellt.

Ein aufmerksamer Beobachter würde freilich bemerkt haben, dass Mathilde oft einen welken Blumenstrauß zärtlich an die Lippen drückte und dann schnell wieder in ihr Korsett steckte; dass sie errötete, wenn sie ihrem himmelblauen Schäfer in der Menuett die Hand reichte, und dass Beide wie von einem elektrischen Fluidum durchzuckt schienen. Derselbe Beobachter würde bemerkt haben, dass sie zwar in verschiedenen Richtungen durch den Garten gingen, aber nach einer Weile an einem kleinen plätschernden Wasserfalle zusammentrafen.

An dem Tage, wo Dieudonné sein achtzehntes Jahr vollendete, erschien er in dem Zimmer seiner Tante, machte die drei Verbeugungen, die er einstudiert hatte für den Fall, dass er der Großherzogin Stephanie von Baden oder der Königin Louise von Preußen vorgestellt würde, und fragte mit wohlgesetzten Worten, wann er mit Mathilde von Florsheim den Ehebund schließen könne.

Die Stiftsdame wurde durch diese Frage in ungeheure Heiterkeit versetzt, welche sich am Ende in einen bedenklichen Keuchhusten auflöste. Während sie lachte und hustete, erwartete Dieudonné in der dritten Menuettposition die Antwort. Als endlich der Paroxysmus glücklich überstanden war, sagte sie, mit der Heirat habe es gar keine Eile, die jungen Leute könnten noch mindestens vier bis fünf Jahre warten, und wenn es Zeit sei, an eine Vermählung zu denken, würde sich der Bräutigam vielleicht eines Andern besonnen haben.

Dieudonné gab als wohlerzogener Neffe keine Antwort und entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Abends ereignete sich nichts Außerordentliches; als aber das Kammermädchen der Tante am andern Morgen in das Zimmer des jungen Chevalier trat, um ihm den Kaffee zu bringen, war das Zimmer leer und das Bett unberührt.

Die Zofe eilte ganz erschrocken zu ihrer Gebieterin, um die unglaubliche Nachricht zu melden.

Als sie der Stiftsdame zum dritten Male beteuerte, dass der Chevalier de la Graverie nicht in seinem Bett geschlafen habe, erschien das Fräulein von Florsheim bleich und zitternd und erzählt?, dass Mathilde in der Nacht verschwunden sei.

Die beiden unberührten Betten lieferten einen eben so klaren Beweis gegen die beiden jungen Leute, als ob man ihre Köpfe auf einem und demselben Kissen gesehen hätte.

Die Kunde von dieser Doppelflucht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und setzte die ganze Genossenschaft in Bestürzung. Am peinlichsten wurden natürlich die beiden Tanten berührt: sie weinten und beteten. Die übrigen Stiftsdamen spien Feuer und Flamme, ohne zu bedenken, dass die Stunde der Ernte gekommen war und dass sie ernteten was sie gesät hatten.

Endlich meinte eine von ihnen, Tränen und Geschrei könnten nichts nützen, man müsse die Flüchtlinge so schnell als möglich verfolgen.

Dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Die Flüchtlinge waren zu unerfahren, als dass sie vielen Scharfsinn aufgeboten hätten, um ihre Spur zu verbergen. Die eilends ausgesandten Verfolger brachten wirklich schon am folgenden Tage die beiden verwirrten Schäflein zurück.

Aber dies war keine befriedigende Entwickelung und das Fräulein von Florsheim verlangte die Ausfüllung der Bresche, welche der Ehre ihres Hauses in der Person ihrer Nichte geschlagen worden war. Aber Mademoiselle de Beauterne weigerte sich unbedingt. Sie war in Frankreich noch sehr begütert und es genügte ihr keineswegs, dass der Erbe dieses Reichtums mit einer der berühmtesten bairischen Adelsfamilien verbunden wurde, sondern sie verlangte auch eine Mitgift, welche dieser Ehe einen solideren Wert verleihe. Da die Familie Florsheim diese Zumutung aus sehr triftigen Gründen zurückwies, so verlangte die alte Dame, dass die Sache im status quo bleibe und der Romanstreich mit dem Mantel der Liebe zugedeckt werde. Sie versichert, es sei nur eine Kinderei, zu welcher das Fräulein von Florsheim samt den übrigen Stiftsdamen die Veranlassung gegeben habe; Dieudonné sei zu fromm, zu wohlerzogen und insbesondere zu jung, als dass der kleine Abstecher, den er mit seinem Liebchen nach München gemacht, unangenehme Folgen haben könne.

Aber nach einigen Monaten sah Mademoiselle de Beauterne wohl ein, dass sie zu viel verbürgt hatte, als sie ihren Neffen als einen harmlosen blöden Schäfer hinstellt?. Die Sache nahm eine so bedenkliche Wendung, dass ihr Beichtvater auf dringendes Ersuchen des Fräuleins von Florsheim einschritt.

Durch die Vorstellungen des würdigen Mannes endlich überzeugt, gab Mademoiselle de Beauterne scheinbar bloß den Bitten und Tränen der jungen Leute nach, um sich neue Ansprüche auf den Dank derselben zu erwerben, und zur größten Freude der Stiftsdamen erhielt diese Liebe, welche sie als ihr Werk betrachteten, die Weihe der Kirche.

Die jungen Leute bezogen ein kleines Landhaus in der Nähe, und unter dem Patronat der Stiftsdamen, welche das Pärchen mit neugierigen, neidischen Argusaugen bewachten, schien der Honigmonat ewig zu dauern.

Der Tod des Fräuleins von Beauterne war die erste Wolke welche über ihr Glück dahinzog. Die gute Dame hinterließ ihrem Neffen ungefähr dreißigtausend Livres Renten, und wir müssen es ihm rühmend nachsagen, dass er sich weder durch dieses anständige Vermögen, noch durch die unaufhörliche Konjugation des Zeitwortes lieben abhalten ließ, das Andenken seiner zweiten Mutter durch aufrichtige Thränen zu ehren.

Dieudonné hatte das zwanzigste Jahr überschritten, ohne die Sanftmut, und Naivität seiner Kindheit verloren zu haben. Er umfasste noch immer die ganze Welt mit seinem Wohlwollen und Mitleid, welches freilich mit einer gewissen trüben, wehmütigen Stimmung gemischt war; vermutlich die Folge der Ereignisse, welche vor seiner Geburt stattgefunden hatten.

Er bot den sonderbaren Anblick eines Menschen, der weder Neigungen noch Wünsche hatte. Aus dem Katechismus hatte er die Leidenschaften dem Namen nach kennen gelernt, aber nach beendeten Schuljahren hatte er ihn vergessen. Er lebte ganz für Mathilde und fügte sich willig ihren Launen. Sie war etwas lebhafter als er, und trug gewiss den größeren Teil der Schuld an der Flucht. Die Launen der jungen Frau bewirkten indes nicht die mindeste Veränderung in dem ruhigen, harmlosen Leben, welches des goldenen Zeitalters würdig gewesen wäre; denn alle ihre Wünsche, die sich m dem engen Rahmen der Häuslichkeit bewegten, wurden ja immer erfüllt, sobald sie ausgesprochen waren.

Der Chevalier de la Graverie warf nie einen neugierigen Blick über die Mauer, welche sein irdisches Paradies umgab. Er fürchtete sich, ohne zu wissen warum, vor dem Leben und Treiben der Menschen; das Geräusch der Welt berührte ihn unangenehm, und um es nicht zu hören, hielt er sich am Tage die Ohren zu, zog er in der Nacht die Bettdecke über den Kopf.

Er kam daher ganz aus der Fassung, als er, durch den Tod seiner Tante noch erschüttert, einen Brief aus Paris von dem Baron de la Graverie erhielt.

Dieudonné hatte von diesem älteren Bruder nur bei Gelegenheit seiner Vermählung und durch Vermittlung seiner Tante gehört.

Wir haben gesagt, dass er sich die Ohren zuhielt, um das Weltgetümmel nicht zu hören. So war es gekommen, dass er das Getöse, mit welchem der Thron des großen Napoleon zum ersten Male umstürzte, kaum vernommen hatte; der zweite Sturz des Kaisers war ihm ganz unbekannt geblieben. Die französische Armee hatte sich durch ganz Deutschland zurückgezogen, die Heere Preußens, Österreichs und Russlands waren ihr nachgeeilt, der Menschenstrom hatte sich weit und breit ergossen, aber in seiner Einsamkeit hatte der Chevalier das Brausen der Wogen nicht gehört.

Der Baron de la Graverie meldete nun seinem jüngeren Bruder Alles was dieser nicht wusste, insbesondere, dass die Restauration die Fürsten des Hauses Bourbon nach Frankreich zurückgeführt habe, und forderte ihn auf, der Pflicht seines Standes gemäß nach Paris zu kommen und seinen Platz in der Nähe des Thrones einzunehmen.

Es versteht sich, dass sich Dieudonné anfangs entschieden weigerte, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Er verwünschte Ludwig XI., nicht wegen der Hinrichtung des Herzogs von Nemours, nicht wegen der Ermordung des Grafen von Armagnac, nicht wegen der Treulosigkeit gegen seinen Vater, den unglücklichen Carl VII., sondern wegen der Erfindung der Post.

Wir wissen, dass Dieudonné ziemlich schlecht in der Wissenschaft bewandert war; er verwechselte die Fahrpost mit der Briefpost, aber im Grunde stammen beide aus der Zeit Ludwigs XI., die eine war die Folge der andern.

Er war so betroffen, dass er, als seine Gattin in die Tür trat, noch mit aufgehobenen Händen stand und seufzte: »Warum bin ich nicht auf Robinson Crusoes Insel geboren!«

Mathilde sah wohl ein. dass ihrem Gatten etwas sehr Trauriges begegnet sein müsse und sah ihn mit großer Besorgnis an.

Dieudonné reichte ihr den Brief etwa mit derselben Gebärde, mit welcher Talma, in der Rolle des Manlius, dem Servilius das Schreiben, welches den Verrat des Letzteren enthüllte, überreicht haben mag.

Sie las den Brief und schien den Schmerz ihres Gatten keineswegs zu teilen: die Reise nach Paris und der Aufenthalt in der Hauptstadt der Mode und Eleganz, von welcher die alten adeligen Klatschschwestern so viel in ihrer Gegenwart geplaudert, hatte durchaus nichts Abschreckendes für sie. Die Stiftsdamen, welche freilich nur den französischen Hof vor 1789 kannten, hatten sowohl diesen wie alle andern Höfe als die reizendsten Aufenthalte geschildert, und Mathildens angeborene Koketterie weckte in ihr den Wunsch zu glänzen. Sie wusste ihrem Gatten durch viele triftige Gründe zu beweisen, dass er den Weisungen des Familienhauptes Folge leisten müsse, und er ließ es sich leicht einreden, da er gewohnt war, alle ihre Aussprüche wie Orakel zu verehren.

Das junge Paar entschloss sich also, das hübsche, freundliche einsame Nest zu verlassen, und reiste im Juli 1814 nach Frankreich ab.

Schon auf der ersten Poststation begannen die Drangsale des Chevalier de la Graverie. Mathilde, die sich des Anblicks neuer Gegenstände freute und im Geiste mit den Pariser Herrlichkeiten beschäftigte, stimmte nun nicht mehr ein in das elegisch-zärtliche Duett, welches Dieudonné vom Morgen bis zum Abend sang.

Dieudonné’s bemerkte es bald, und sein erregbares Gemüt wurde schmerzlich dadurch berührt.

Er kam also in trüber Stimmung nach Paris, und nachdem er die Adresse seines Bruders, dessen Brief ihn seiner Ruhe so schonungslos entrissen, aufgesucht und gefunden hatte, begab er sich zu dem Baron, der als Aristokrat vom reinsten Wasser natürlich in der Vorstadt Saint-Germain wohnte.

Der Baron de la Graverie war beinahe neunzehn Jahre älter als sein Bruder; er war mitten im Monarchenthum, im Jahre des Regierungsantrittes Ludwigs XVI. geboren. Im Jahre 1784 hatte er die Adelsprobe von 1399 abgelegt und war Page geworden. Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 war er mit seinem Oheim ins Ausland gegangen. Er hatte daher seinen Bruder nie gesehen und bei diesem Mangel an persönlicher Bekanntschaft war auch keine innige Zuneigung zu erwarten.

Zu dieser Gleichgültigkeit kam der Neid über die glücklichen Vermögensverhältnisse des Chevalier; denn der Baron de la Graverie war, wie sich später zeigen wird, keineswegs frei von Charakterschwächen. Er, der ruinierte, mit Sorgen kämpfende Royalist, konnte es seinem jüngeren Bruder nicht verzeihen, dass er das ganze Vermögen der Tante geerbt hatte; ein Vermögen, auf welches er als der ältere Bruder nähere Ansprüche zu haben glaube.

Wie hatte der Chevalier dieses Vermögen erworben? Dadurch, dass er einer Gesellschaft alter Stiftsdamen den Hof gemacht hatte!

Wenn der jüngere Bruder, wie es seine Schuldigkeit war, Malteserritter geworden wäre, so würde ihm der Baron diese Erbschleicherei – wie er es nannte – vielleicht verziehen haben. Aber Dieudonné hatte sich vermählt, und der Baron fand ganz unbegreiflich, dass ein jüngerer Sohn. d. i. ein ganz neutrales, unberechtigtes Wesen, die unerhörte Kühnheit haben könne, eine Frau zu nehmen; denn er entzog dadurch den möglicherweise zu erwartenden Söhnen des altern Bruders ein Vermögen, welches, nachdem es dem Vater entzogen worden, wenigstens den Kindern hätte zufallen können.

Der Baron machte den Chevalier daher schon bei der ersten Unterredung mit seinen Ansichten über diesen Punkt bekannt und setzte mit staunenswerter Dreistigkeit hinzu, er hoffe, der Himmel, welcher der jungen Frau schon einmal die Mutterfreuden versagt, werde den Ehegatten auch ferner keine Nachkommenschaft schenken, damit die ältere Linie in Besitz des ihr gebührenden Nachlasses der Stiftsdame komme.

Diese Worte erbitterten Mathilde, die ihren Gemahl zu dem Baron begleitet hatte, und erpressten dem armen Dieudonné einige heiße Tränen. Er fühlte, dass er gewiss ein zärtlicher Vater werden würde, und beweinte die von dem Baron prophezeite Vereitelung seiner Vaterhoffnungen. Er sah abwechselnd seine Gemahlin und seinen Bruder an und schien diesen zu fragen, wie er ihm seine Vermutung mit der hübschen, liebenswürdigen, zärtlichen Mathilde zum Vorwurf machen könne. Waren denn die von seiner Liebe verdoppelten, verdreifachten Reize der jungen Frau keine genügende Rechtfertigung? Oder hatte der Baron, wie Alcest, dem schönen Geschlecht ewigen Hass geschworen?

Allein bei reifer Überlegung bedachte er doch, dass er in Frankreich geblieben war und weder die Strapazen des Krieges noch die Drangsale der Auswanderung kennen gelernt hatte; er war reich, sein Bruder hingegen hatte aus der Fremde nur seinen Degen und seine Epauletten zurückgebracht. Er schwankte einen Augenblick und fragte sich, ob er durch die Annahme des Vermächtnisses der Tante Beauterne seinem Bruder nicht Unrecht getan habe.

Ohne die Sache weiter in Erwägung zu ziehen und ohne die Winke Mathildens zu beachten, entschuldigte er sich wegen eines Versehens, dessen Folgen er erst jetzt einsehe, bot dem Baron die Hälfte des von der Stiftsdame hinterlassenen Vermögens an und erbot sich, die Schenkungsurkunde noch denselben Tag zu unterzeichnen.

Der Baron willigte ein, ohne sich lange bitten zu lassen.




VI

Der Chevalier de la Graverie unter den grauen Musketieren


Wie herzlos auch der Baron war, so schien er doch gerührt durch das Zartgefühl seines Bruders, und als die von dem Notar des Barons erfasste Schenkungsurkunde von dem Chevalier unterzeichnet war, umarmte der ältere Bruder den jüngeren mit einer Herzlichkeit, in welcher er fast seine Würde als Oberhaupt der Familie vergaß. Der Chevalier zerfloss in Thronen; er war gewiss dankbarer für diese einfache brüderliche Demonstration, als der Baron für die Rente von fünfzehntausend Livres, die ihm so unerwartet zufiel und die mit dem was er schon besaß, sein Gesamteinkommen genau auf fünfzehntausend Francs brachten.

Nach der brüderlichen Umarmung erklärte der Baron, er werde Dieudonné künftig wie seinen eigenen Sohn lieben und für seine Anstellung bei Hofe sorgen.

Um ihm einen unleugbaren Beweis seiner väterlichen Fürsorge zu geben, bat er für ihn um eine Stelle unter den sogenannten »grauen Musketieren« und in der Meinung, ihm eine höchst angenehme Überraschung zu bereiten, sagte er ihm kein Wort von seinen Bemühungen.

Eines Abends als sich Dieudonné zu Tische setzte, fand er unter seiner Serviette den vom Könige Ludwig unterzeichneten Bestallungsbrief, der ihn zum Mitglied des bevorzugten und in hohem Ansehen stehenden Corps ernannte.

Es war in der Tat eine große Ehre; die jungen Edelleute aus den ersten Familien Frankreichs bewarben sich um den Eintritt in die sogenannte Maison-Rouge. Denn sowohl die »schwarzen« als die »grauen Musketiere« hatten rote Uniform und führten ihren Namen nach der Farbe ihrer Pferde. Überdies stand jeder Musketier im Rang eines Lieutenants.

Aber wie groß auch diese Ehre war, so müssen wir doch gestehen, dass der Chevalier de la Graverie seit dem Empfange des Briefes, der ihn seiner süßen Ruhe entrissen, keine peinlichere Erschütterung empfunden hatte, als die, welche ihm der Anblick des Pergaments verursachte. Er verlor fast das Bewusstsein, und der kalte Schweiß rann ihm von der Stirn.

Als er einigermaßen wieder zur Besinnung gekommen war, wies er diese Ehre mit einer Entschiedenheit zurück, die man von seinem gutmütigen, Lenksamen Temperament nicht erwartet hätte. Er weigerte sich aus vielen Gründen, unter denen der triftigste war, dass er, im Gegensatz zu seinem berühmten Vorgänger d'Artagnan, nicht die mindeste Freude am Soldatenleben fand.

Der Baron de la Graverie erfuhr diese Weigerung durch einen Brief, den der Chevalier in der ersten Aufwallung schrieb.

Er geriet darüber in gewaltigen Zorn: diese Weigerung: des Chevaliers kompromittierte ihn im höchsten Grade; er hatte seinen ganzen Einfluss geltend gemacht, um die Unterschrift des Königs zu erlangen, und die Erklärung, dass ein La Graverie nicht fähig sei, einen militärischen Posten zu bekleiden, musste ihn, den Baron, dem Gespött des Hofes preisgeben.

Er antwortete daher seinem Bruder, er müsse die rote Uniform anziehen, auf seinen Willen komme es dabei gar nicht an, und dem Könige schrieb er, sein Bruder sei für die ihm erwiesene Gnade so von Dankbarkeit durchdrungen, dass er nicht wisse, wie er dieselbe zu erkennen geben solle, und daher ihn, den Baron, beauftragt habe, Sr. Majestät die Gefühle seines von Dank überwallenden Herzens auszudrücken.

Der arme Dieudonné konnte nun nicht mehr zurücktreten; der Baron hatte ja in seinem Namen geantwortet und gedankt.

Der Chevalier hatte eine tiefe Ehrfurcht vor der Familienhierarchie. Der Baron, als das Haupt der Familie, hatte, alle Mühen und Sorgen des Lebens auf sich genommen und ihm nur die Freuden und Genüsse gelassen: ja ungeachtet der keinen Augenblick bereuten Abtretung der Hälfte seines Erbteils fragte er sich zuweilen, ob es nicht unrecht sei, dass er seinem älteren Bruder die andere Hälfte vorenthielt.

Die Vorwürfe des Undanks, die ihm der Baron von Zeit zu Zeit persönlich machte, machten daher einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er nichts zu Antworten wusste und stumm blieb.

Mathilde sah ihren Schwager mit einem bittenden Blicke an; denn die Verlegenheit ihres armen Gatten that ihr weh. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihr naives, unbefangenes Deutsches Gemüt in der Berührung mit der französischen Gesellschaft abzustreifen: sie betrachtete Dieudonné als den Antinous des achtzehnten Jahrhunderts, und zweifelte nicht, dass die schöne Musketieruniform manche an ihm vermutete Vorzüge hervorheben werde; sie hatte sich also aus ehelicher Koketterie entschlossen, die Bemühungen ihres Schwagers zu unterstützen.

Dies war im Grunde nicht mehr notwendig: der Baron hatte ja im Namen seines Bruders geantwortet, und gedankt. Dieudonné konnte nicht mehr zurücktreten, er war grauer Musketier vom Kopf bis zu den Füßen und stand von nun an unter dem Befehl des Marschalls Marmont, Herzogs von Ragusa und Oberbefehlshabers sämtlicher Leibgarde des Königs.

So legte denn der unglückliche Chevalier acht Tage später die Uniform mit der stillen, frommen Ergebung eines Pudels an, den man in einen Troubadour verkleidet, um ihn auf dem Seil tanzen zu lassen.

Die Uniform war prächtig: roter Frack, Beinkleider von weißem Casimir, hohe Reiterstiefel, Helm mit flatterndem Rossschweif, Panzer mit Kreuz und goldener Sonne. Aber der arme Dieudonné fühlte sich sehr unbehaglich in dieser prächtigen Uniform. Er hatte seine ungebührlich hohe Meinung von sich selbst, und fand sich linkisch und lächerlich in dem Panzer. Er war klein und beleibt, und sein rötliches bartloses Gesicht würde sich in dem Gewand eines Chorknaben recht hübsch ausgenommen haben, war aber in der Uniform höchst lächerlich.

In Zivilkleidern war der Chevalier indes eben nicht hässlicher, als die meisten andern Männer, und die Redensart: er ist nicht übel, mit welcher man bei gewissen Personen männlichen Geschlechts den Mangel an Grazie zu bemänteln sucht, konnte auf den Chevalier eben so gut, ja noch besser als auf manchen Andern eine Anwendung finden.

Aber die Uniform machte diese Mängel sehr bemerkbar. War er zu Fuß, so schienen die hohen Stiefel ans seinem Bauch hervorzukommen, wie der Stiel aus einem Fangbecher, und Mancher, der ihn vorübergehen sah, fragte seinen Nachbar, »Können Sie mir sagen, wer der Rossschweif ist, der da vorbeigeht?«

Doch dies war noch die leidliche Seite der Situation. Um sich einen Begriff von den Qualen zu machen, die der Mensch erdulden kann, ohne zu sterben, musste man den Chevalier de la Graverie zu Pferde sehen.

Wenn er im Alter von zehn Jahren oben auf einer Treppe gewesen war, so pflegte er seine Tante zu rufen, um sich hinunterführen zu lassen. Wenn er als fünfzehnjähriger Knabe dann und wann den Esel des Gärtners bestieg, so ging eine seiner Gönnerinnen voran und eine andere hinterher, damit der Esel, wenn es ihm etwa einfallen sollte durchzugehen, sowohl beim Zügel als beim Schweif gehalten werden konnte.

Wie fleißig daher der Chevalier die Reitschule besuchte und wie beharrlich er die Theorie studierte, so war es ihm doch unmöglich, seine zugleich runden und steifen Gliedmaßen mit den Bewegungen des Pferdes in Einklang zu bringen.

Der Chevalier hatte ein recht lammfrommes Pferd verlangt, aber sein Bruder wählte für ihn ein fehlerfreies, aber feuriges Schlachtross. Dieudonné hatte es so klein als möglich gewünscht, aber die Pferde sämtlicher Garden mussten eine bestimmte Größe haben, unter welcher keines zugelassen wurde. Der Chevalier, der schon den Schwindel bekam, wenn er von einer unbeweglichen Treppe hinunter sah, verlor fast die Besinnung, wenn er ein kräftiges, mutiges Pferd ritt.

Es war in der Tat ein Wunder, dass er auf seinem Bayard – diesen Namen hatte der Baron dem Pferde zur Erinnerung an das Ross der vier Haimonskinder gegeben – das Gleichgewicht behielt; denn er thronte im Sattel etwa mit derselben Grazie und Solidität, wie ein Mehlsack auf dem Rücken eines Maulesels. In schwierigen Fällen leisteten ihm seine rechts und links reitenden Kameraden gute Dienste. Denn zum Glück für ihn wurden Letztere durch seine Sanftmut und Anspruchslosigkeit gerührt, und sie schämten sich, ein so harmloses Wesen zur Zielscheibe ihres Spottes zu machen.

Dieudonné würde gern seinen Abschied genommen haben. um diesen Drangsalen ein Ende zu machen, wenn er nicht gefürchtet hätte, seiner Frau einen Kummer zu machen und mit seinem älteren Bruder in offene Fehde zu kommen.

Vor Allem fürchtete er den Tag, wo ihn die Reihe treffen würde, den Wagen des Könige zu eskortieren. Man ritt dann nicht in Reihe und Glied, sondern galoppierte einzeln und ohne strenge Ordnung, Der König, der sehr regelmäßig lebte, fuhr täglich zu einer bestimmten Stunde aus, Ludwig XVIII. tat heute genau dasselbe was er gestern getan hatte. Von seinem Einzuge in Paris am 3. Mai 1814 bis zu seinem Tode, 16. September 1824, war die Einteilung seiner Zeit folgende: Um sieben Uhr Morgens stand er auf, empfing den Oberkammerherrn oder Herrn von Blacas um acht Uhr; seine Geschäfte erledigte er von neun bis zehn Uhr, dann frühstückte er in Gesellschaft der diensttuenden Kavaliere und anderer Personen, welche ein für allemal Zutritt bei ihm hatten, nämlich mit den Großwürdenträgern und den Kapitänen der Gardekompanien.

Nach dem Frühstück, welches in der ersten Zeit nur fünfundzwanzig Minuten dauerte, aber sich mit der Zeit bis auf drei Viertelstunden ausdehnte, ging man in das Kabinett des Königs, wo fünf Minuten vor elf, nie früher oder später, die Konversation begann. Nachdem sich die immer mit zwei Damen anwesende Herzogin von Angouleme entfernt hatte, pflegte der König zur Erheiterung der Zuhörer ein lustiges, auch wohl etwas schlüpfriges Geschichtchen zu erzählen. Zehn Minuten nach elf Uhr entließ er die Anwesenden, um bis zwölf Uhr die Privataudienzen zu erteilen.

Um zwölf Uhr hörte er mit seinem aus mindestens zwanzig Personen bestehenden Gefolge die Messe. Nach seiner Rückkehr in die Appartements empfing er seine Minister oder führte den Vorsitz im Staatsrate, der sich einmal wöchentlich versammelte. Dann las er ein paar Stunden oder zeichnete Häuserpläne, die er nachher ins Feuer warf.

Um drei oder vier Uhr, je nach der Jahreszeit, fuhr er in einer großen Kutsche spazieren und zwar so schnell, dass er oft fünf, sechs, ja zehn Lieues zurücklegte. Zehn Minuten vor sechs traf er wieder in den Tuilerien ein. Um sechs Uhr speiste er en famille er ah mit gutem Appetit, aber nur von gewählten Speisen.

Die königliche Familie blieb bis acht Uhr beisammen: dann fanden sich alle Personen ein, die Zutritt bei Hofe hatten. Um neun Uhr begab sich Ludwig XVIII. in den Sitzungssaal, wo er das Losungswort für die Schlosswache gab. Den zwanzig Minuten dauernden Aufenthalt des Königs im Saale benutzten einige Personen, um ihre Aufwartung zu machen. Dann begab sich der König in sein Zimmer, las im Horaz Virgil oder Racine und ging um elf Uhr zu Bett.

Mitten unter dieser langen Reihe von »kleinen Pflichten,« die sich der König aufgebürdet hatte und die er pünktlich und gewissenhaft erfüllte, hatte nur ein einziger Paragraph ein Interesse für den Chevalier de la Graverie. Dieser Paragraph lautete:

»Se. Majestät bringt täglich das Wetter sei gut oder schlecht, von drei Uhr bis drei Viertel auf sechs im Freien zu.«

Die Leibgarde lieferten die Eskorte für die Spazierfahrten, die Musketiere so gut wie die andern. Aber da die Garden sehr zahlreich waren, so kam jeder nur einmal monatlich an die Reihe.

Der Zufall wollte, dass der Chevalier erst fünfundzwanzig Tage nach seinem Eintritt zur Eskorte beordert wurde. Es war ein verhängnisvoller Tag. Mathilde und der Baron waren sehr erfreut: sie hofften Beide, Dieudonné weide vom König bemerkt werden. Der Nebelstern konnte ja bei dem mindesten Schimmer ein Stern erster Größe werden. Leider war das künftige Gestirn hinter einer düsteren Wolke – der Furcht versteckt!

Die Stunde schlug, die Eskorte wartete zu Pferde im Hof. Der König kam herunter, und kaum war er eingestiegen, so setzte sich der Zug wie gewöhnlich in Galopp.

Wer den Chevalier gesehen hätte, würde Mitleid mit ihm gehabt haben. Er war außer Stande, sein Pferd zu lenken. Zum Glück war das Pferd so gut dressiert, dass es den Reiter lenkte. Das kluge Tier schien die Verlegenheit des Chevaliers zu begreifen und nahm von selbst seinen Platz in der Eskorte ein.

Zu dem Sattelknopf konnte der arme Dieudonné seine Zuflucht nicht nehmen, denn die eine Hand hielt den Zügel, die andere den Säbel er sah sich in der größten Gefahr zu stürzen, und um sich im Sturz nicht aufzuspießen, hielt er den Säbel von der eigenen teuren Person so weit als möglich entfernt.

Die Spazierfahrt wurde sehr weit ausgedehnt. Der König machte die Runde um die halbe Stadt Paris, Ein guter Reiter wäre sehr müde geworden, der Chevalier de la Graverie war wie gerädert, und ungeachtet der Winterkälte triefte er von Schweiß, als ob er in die Seine gefallen wäre.

Er überließ seinem Reitknecht das Pferd, und anstatt,wie gewöhnlich, mit seinen Cameraden in den Tuilerien zu speisen, warf er sich in einen Fiaker und fuhr nach Hause.

Mathilde erschrak, als sie ihn erblickte; er schien um zehn Jahre älter geworden zu sein.

Der Chevalier ließ sein Bett mit Zucker räuchern, begab sich zur Ruhe und stand erst nach drei Tagen wieder auf. Noch vierzehn Tage später klagte er über Schmerzen im ganzen Körper.

Ach! wie sehnte er sich zurück nach dem stillen, gemütlichen Leben in der kleinen baierrschen Villa, an das trauliche Tändeln und Kosen, an die sentimentalen Spaziergänge, wo das Schweigen der beiden jungen Gatten eben so beredt war wie das zärtlichste Geplauder, so innig waren ihre Seelen verschmolzen! Dieses Glück war nun dahin, es lebte nur noch in seiner wehmütigen Erinnerung.

Das Schlimmste dabei war, dass Mathilde durch diese leidigen Hüft- und Kreuzschmerzen zu Vergleichen bewogen wurde, die dem armen Dieudonné keineswegs günstig waren: wie hätte sie ihn fortan für den vollkommenen Mann halten können?

Es ist ein gefährlicher Moment für die Liebe, für die eheliche Treue, wenn das bisher zärtliche Weib zu ahnen beginnt, dass der Mann, den sie als ihr Idol zu betrachten gewohnt war, nicht für sie geschaffen sei. Ein zur gesetzlichen Münze gewordener Mann hat nur noch Zwangskurs.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Mathilde von dem Tage an, wo sie diese unglückliche Entdeckung machte, aufgehört hätte, ihren Gatten zu lieben; im Gegenteil, die Pflege, welche sie ihm während seiner Unpässlichkeit angedeihen ließ, war nichts im Vergleich mit der Zärtlichkeit, die sie vor den Leuten an den Tag legte; einige scheinspröde Damen fanden diese Zärtlichkeit der jungen Deutschen sogar unanständig. Aber wir müssen zur Steuer der Wahrheit gestehen, dass Mathilde zu Hause fast nur noch den Mund auftat, um zu gähnen, und dass ihre Pflichten und Verbindlichkeiten gegen die Gesellschaft mit jedem Tage ungemein zunahmen.

Der Chevalier de la Graverie ahnte natürlich nicht, dass er nicht mehr der glücklichste Mann auf Erden war; er würde es gewiss gewesen sein, wenn er nicht Musketier gewesen wäre. Zumal die jeden Monat wiederkehrende Eskorte, die wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt hing, verbitterte seine süßesten Stunden.




VII

Wo ein Ereignis stattfindet, welches den Chevalier de la Graverie mit einem dreimonatlichen Urlaube beglückt


Der Monat Februar verstrich, wie der Jänner verstrichen war, den Chevalier traf wieder die Reihe, den Wagen des Königs zu eskortieren, und seine Angst war dieses Mal leider noch mehr gerechtfertigt, als das erste Mal. Sein Pferd stürzte, der Chevalier fiel auf das Straßenpflaster und verrenkte sich die Schulter.

Er wurde nach Hause gebracht und ärztlich behandelt. Der arme Mann war froh, dass er noch so davongekommen war.

Dieser Unfall wurde schnell bekannt, die vornehmsten Hofkavaliere besuchten ihn oder ließen ihre Karte abgeben. Der König ließ sich dreimal nach seinem Befinden erkundigen.

Der Baron frohlockte.

»Du musst diesen Vorfall zu benutzen wissen.« sagte er zu seinem Bruder, »und dein Glück ist gemacht.«

Der Chevalier war mit Vergnügen bereit, wenn es ihm nur möglich war, ohne ein Pferd zu besteigen.

Zu Hause hatte er kaum noch nötig, den Arm in der Binde zu tragen’; er trat oft vor den Spiegel und hob drohend die Faust gegen einen Unbekannten, der wohl der Baron sein mochte, und wenn er seine Mathilde umarmen wollte. fand er in dem verrenkten Arme dieselbe Kraft wie in dem andern. Aber in Gegenwart der Besucher, insbesondere der königlichen Hausoffiziere, die sich nach seinem Befinden erkundigten, erheuchelte er einen hartnäckigen Schmerz und schnitt bei jeder Bewegung ein jämmerliches Gesicht – ob absichtlich oder unwillkürlich mag dahingestellt bleiben. Vermutlich hoffte er auf diese Weise mindestens eine Eskorte zu umgehen.

Er legte sich daher freiwilligen Stubenarrest auf und verließ das Bett nur, um sich auf das Sofa auszustrecken. So fand er das schon verloren geglaubte glückliche Stillleben wieder.

Während der Chevalier die Zeitungen und insbesondere den »Moniteur« las, dessen Sanftmut mit seinem Charakter im Einklang stand – saß Mathilde strickend oder stickend an seiner Seite und gähnte, jedoch mit abgewendeten Gesicht, um die unschöne Kinnladenverrenkung nicht sehen zu lassen.

Am ?. März fand er im Moniteur folgende Proklamation:

»Wir haben am 31. Dezember vorigen Jahres die Kammern vertagt, um die Sitzungen derselben am 1. Mai wieder zu eröffnen. Während dieser Zeit haben Wir Uns allen Arbeiten, welche die öffentlichen Ruhe und das Glück unserer Völker sichern können, mit großem Eifer gewidmet —«

»Das ist wahr,« sagte der Chevalier, die Lesung unterbrechend; »und ich für meine Person habe dem Könige nichts vorzuwerfen, als seine täglichen Spazierfahrten mit Eskorte.«

Dann las er weiter:

»Diese Ruhe ist gestört, vieles Glück kann durch Tücke und Verrat, gefährdet werden —«

»Hörst Du wohl. Mathilde?«

»Ja.» antwortete die junge Frau gähnend, »ich höre von Tücke und Verrat; aber ich verstehe nicht was damit gemeint ist.«

»Ich auch nicht,« erwiderte der Chevalier, »aber ich hoffe, es wird schon klar werden. Ich fahre fort:

»Wenn die Feinde des Vaterlandes auf die Uneinigkeit, welche immer zu fördern suchten, ihre Hoffnung gesetzt haben, so werden seine gesetzlichen Stützen und Verteidiger diese verbrecherische Hoffnung durch die Kraft einer unzerstörbaren Eintracht vereiteln —«

»Ja wohl,« sagte der Chevalier, »diese verbrecherische Hoffnung wird man vereiteln, und ich werde der Erste sein, der dabei tätig ist, wenn mein Arm geheilt ist. – Nicht wahr, Mathilde, die Regierung schreibt sehr gut?«

»Ja,« erwiderte Mathilde, ohne den Mund aufzutun, indem sie fürchtete, die Kinnladen nicht mehr in ihrer Gewalt zu behalten.

»Der Moniteur ist heute recht interessant,« sagte der Chevalier und las weiter:

»Aus diesen Gründen haben Wir nach Anhörung des Berichtes Unseres lieben, getreuen Kanzlers von Frankreich, des Herrn Dambray, Kommandeur Unserer Orden, verordnet und verordnen wie folgt:

»Artikel 1. Die Pairskammer und die Kammer der Abgeordneten der Departements werden an ihren gewöhnlichen Sitzungsort einberufen.

»Artikel 2. Die von Paris abwesenden Pairs und Deputierten werden sich sofort dahin begeben, sobald sie Kenntnis von dieser Proklamation bekommen.

»Gegeben im Schloss der Tuilerien, 6. März 1815, am 20. Unserer Regierung.



    Ludwig.«

»Es ist sonderbar,« sagte der Chevalier, der »König beruft die Kammern ein, und sagt nicht warum er sie einberuft.«

»Du Hast mir immer versprochen, mich in eine Sitzung zu führen, um mich zu zerstreuen,« sagte Mathilde.

»Ich werde Dich hinführen, mein Engel.«

»Ach, es wird gewiss recht unterhaltend sein!« sagte Mathilde, die im Vorgefühl der Zerstreuung unaufhörlich gähnte.

»Ha, ich finde noch eine Ordonnanz,« sagte der Chevalier, »diese zweite Ordonnanz klärt uns vielleicht Alles auf.«

Er las:


»Ordonnanz

»Auf den Bericht Unseres lieben getreuen Kanzlers von Frankreich, des Herrn Dambray, Kommandeurs Unserer Orden, haben Wir verordnet und erklärt, verordnen und erklären wie folgt.

»Artikel 1. Napoleon Bonaparte wird als Verräter und Rebell erklärt, weil er mit bewaffneter Hand in das Departement du Var eingedrungen ist —«

»Ist es möglich?« sagte der Chevalier. »Hast Du es gehört, Mathilde?«

»Verräter und Rebell, weil er mit bewaffneter Hand in das Departement du Var eingedrungen ist,« wiederholte Mathilde mechanisch. »Aber wer ist denn ein Verräter und Rebell?«

»Napoleon Bonaparte, wer denn sonst? Aber es ist mir unbegreiflich: mich dünkt, dass man ihn auf einer Insel eingesperrt hatte —«

»Ja wohl,« erwiderte Mathilde, »auf der Insel Elba.«

»Dann konnte er aber nicht in das Departement du Var eindringen; es müsste denn von der Insel Elba eine Brücke zu dem besagten Departement führen. – Doch wir wollen hören was die Ordonnanz weiter sagt.«

»Es wird folglich allen Statthaltern, Kommandanten der bewaffneten Macht, Nationalgarden, Zivilbehörden und selbst allen Staatsangehörigen zur Pflicht gemacht, auf ihn zu fahnden —«

»Ich will hoffen, dass Du ruhig zu Hause bleiben wirst.«

»Das ist noch nicht Alles. Warte nur. Höre weiter,«

»– auf ihn zu fahnden, ihn zu verhaften, und sofort vor ein Kriegsgericht zu stellen, welches nach festgestellter Identität die vom Gesetz bestimmte Strafe über ihn verhängen wird —«

In diesem Augenblicke wurde der Chevalier durch das Erscheinen des Dieners, der den Baron de la Graverie meldete, beim Zeitungslesen unterbrochen.

Der Baron war vollständig gerüstet und bewaffnet, wie Marlborough.

Der Chevalier erblasste, als er ihn in dieser martialischen Furchtbarkeit erblickte.

»Du weißt doch was vorgeht?« sagte der Baron.

»Ich ahne es.«

»Der korsische Werwolf hat seine Insel verlassen, und ist im Golf Juan gelandet.«

»Im Golf Juan? Was ist das?«

»Ein kleiner Hafen, zwei Lieues von Antibes.«

»Von Antibes?«

»Ja, und ich komme um Dich zu holen.«

»Mich? warum denn?«

»Hast Du denn nicht gelesen, dass allen Kommandanten der bewaffneten Macht, allen Nationalgarden und Zivilbehörden. ja selbst allen Staatsbürgern zur Pflicht gemacht wird, auf ihn zu fahnden – Ich will Dich abholen, um zu fahnden.«

Der Chevalier warf einen bittenden Blick auf seine Frau; er erkannte in allen bedenklichen Fällen mit lobenswerter Bescheidenheit, dass sie mehr Geistesgegenwart hatte als er, und zählte auf sie, um aus der Klaue zu kommen.

Mathilde verstand den flehenden Blick.

»Mich dünkt,« sagte sie zu dem Baron, »dass Sie einen wichtigen Umstand vergessen: Ihnen steht es jeden Augenblick frei, Ihren Säbel zu nehmen und auf jede beliebige Person zu fahnden. Dieudonné hingegen gehört zum Hofe, dessen, Verhalten er sich als Richtschnur nehmen wird. Wenn er jetzt Paris verließe, um gegen Napoleon zu Felde zu ziehen, so wäre er ein Deserteur.«

Der Baron biss sich in die Lippen.

»Sie scheinen der Oberkommandant meines Bruders zu sein,« sagte er höhnisch.

»Nein,« erwiderte Mathilde gelassen, »sein Oberkommandant ist, soviel mir bekannt, der Herzog von Ragusa.«

Sie arbeitete ruhig an ihrer Stickerei fort, während der Chevalier sie mit Bewunderung betrachtete.

»Nun, dann gehe ich ohne ihn!« sagte der Baron.

»Dann wird die Ehre Ihnen allein zu Teil werden,« sagte Mathilde.

Der Baron warf der jungen Frau einen grimmigen Blick zu und entfernte sich.

»Was sagst Du zu dem Besuch meines Bruders?« fragte Dieudonné, der noch zitterte.

»Ich sage, dass er noch nicht zufrieden ist, Dir die Hälfte deines Vermögens entlockt zu haben; er würde gern sehen, wenn Du totgeschossen würdest, um das Übrige zu erben.«

Dieudonné schnitt ein Gesicht, um anzudeuten, dass er ihrer Meinung war.

Dann ging er auf Mathilde zu , küsste sie und vergaß sich so weit, dass er sie mit dem unbrauchbar gewordenen Arme an sein Herz drückte.

Im Laufe des Tages kam ein Besuch über den andern. Alle sprachen von dem sonderbaren Ereignis, und Niemand zweifelte, dass Napoleon keine zehn Meilen vordringen werde, ohne verhaftet und erschossen zu werden.

Aber auf die zwanzigmal wiederholte Frage: »Was werden Sie tun?« antwortete der Chevalier – »Ich gehöre zum Hofe, und werde tun was der Hof tut.«

Jedermann fand diese Antwort sehr klug und verständig. Alle Besucher hatten übrigens den Baron im stattlichen Waffenschmuck gesehen, und Jedermann wusste, dass er sich rüstete, gegen den korsischen Werwolf zu Felde zu ziehen.

Denselben Tag gegen zwei Uhr erfuhr man, dass der Graf von Artois nach Lyon und der Herzog von Bourbon nach der Vendée abreisen werde.

Diese Doppelnachricht beantwortete Dieudonné mit schrecklichen Grimassen und mit der Erklärung, dass ihm sein Arm heftige Schmerzen mache.

Am 8. und 9. gingen nur unbestimmte und unverbürgte Nachrichten ein. Der Baron wurde überall gesehen; er wartete nur auf sichere Nachrichten, um abzureisen und gegen Napoleon zu ziehen.

Abgesehen von den Schmerzen, die ihm sein Arm verursachte, war Dieudonné vollkommen ruhig.

Woher kam dieser philosophische Gleichmut? Er war kein Stoiker, aber es war ihm ein Gedanke gekommen, den er mit der Zähigkeit des Egoismus festhielt. Wir wagen es kaum diesen Gedanken zu nennen.

Larochefoucault sagt, in dem Unglück unseres besten Freundes sei immer etwas, das uns nicht ganz unlieb sei. Man könnte hinzusehen, dass in den größten politischen Umwälzungen, mitten in den Katastrophen, welche die Regierungen stürzen, immer ein ganz kleiner Punkt sei, der mit der umstürzenden Partei einigermaßen aussöhnt.

So dachte Dieudonné, Ludwig XVIII. würde Paris verlassen, wenn Napoleon wieder den Thron bestieg. Ludwig XVIII. würde dann natürlich nicht mehr von drei bis ein Viertel auf sechs spazieren fahren, und folglich keine Eskorte mehr brauchen.

Aus welchem unlauteren Boden wachsen oft die Meinungen empor!

Der Chevalier hatte diesen Gedanken anfangs als seiner unwürdig zurückgewiesen, aber der Gedanke kam immer wieder und nistete sich allmählich so fest ein, dass er nicht mehr zu vertreiben war.

Als Dieudonné am 9. im »Moniteur« las, dass Napoleon wahrscheinlich am 10. Abends in Lyon eintreffen werde, fühlte er sich durch diese Nachricht nicht so unangenehm berührt, als man hätte glauben können.

Der Baron erklärte nun, da er wisse, wo Napoleon zu finden, werde er unfehlbar am 11. oder 12. abreisen; auf jeden Fall werde er aber die offizielle Nachricht von dem Eintreffen des Corsen erst abwarten.

In den Tuilerien konnten dreitausend Mann Platz finden. Der Baron brachte seinem Bruder diese Nachricht und setzte hinzu: »Es versteht sich von selbst, dass Du Dich der Besatzung anschließest.«

»Ich glaubte Du seist schon am 11. abgereist,« erwiderte Dieudonné.

»Ich war wirklich im Begriff abzureisen,« sagte der Baron; »aber es fiel mir ein, dass man von Lyon nach Paris auf zwei Straßen reisen kann: durch Burgund und durch Rivernais; ich fürchtete auf der einen Straße abzureisen, während Napoleon auf der andern Straße anrückt.«

»Das ist allerdings ein triftiger Grund,« sagte Mathilde.

»Ja, und ich sehe nicht ein. warum sich mein Bruder nicht dem Könige zur Verfügung stellt.«

»Er wird es auch sofort tun,« erwiderte Mathilde.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und nahm eine Feder.

»Was machen Sie?« fragte der Baron.

»Ich schreibe, wie Sie sehen.«

»An wen?«

»An den Herzog von Ragusa.«

»Was schreiben Sie ihm?«

»dass sich mein Mann zu seiner Verfügung stellt.«

»Kann denn Dieudonné nicht mehr schreiben?«

»Nein; Sie wissen ja, dass er sich den rechten Arm verrenkt hat.«

Mathilde schrieb:

»Herr Marschall,

»Mein Gemahl, der Chevalier Dieudonné de la Graverie, obschon so schwer am Arm verwundet, dass ich für ihn die Feder ergreifen muss, hat die Ehre sich als Angehöriger der königlichen Hofhaltung zu Ihrer Verfügung zu stellen. Was Sie auch verfügen, er ist jeden Augenblick bereit, die Gefahren seiner Kameraden zu teilen. Seine Pflichttreue wird seine mangelnde Kraft ersetzen. Er hat die Ehre zu sein 2c.«

»Ist es so gut?« fragte Mathilde den Baron.

»Ja,« antwortete der Baron zornig; »sehr gut. Dieudonné kann sich glücklich schätzen, eine Frau wie Sie zu haben.«

»Nicht wahr?« sagte Dieudonné naiv; »ich sagte Dir ja, dass sie ein Schatz ist!«

Der Baron entfernte sich, angeblich um Erkundigungen einzuziehen.

Mathilde schickte ihren Brief in die Tuilerien.

Am 19. um neun Uhr Morgens erfuhr man in Paris, dass Napoleon am 17. in Auxerre eingetroffen sei und gegen die Hauptstadt vorrücke.

Der König, der den Plan des Herzogs von Ragusa zurückgewiesen hatte, ließ den Marschall um elf Uhr kommen und sagte zu ihm:

»Ich reise in dieser Nacht ab, geben Sie meinen Garden sogleich die nötigen Befehle.«

Um zwölf Uhr wurde ein Adjutant des Marschalls bei dem Chevalier de la Graverie gemeldet.

Der Marschall antwortete auf das Schreiben Mathildens, der König wisse, dass eine Verletzung des Armes den Chevalier zwinge das Zimmer zu hüten; er kenne seine loyale Gesinnung und erteile ihm Urlaub, denn er wisse wohl, dass ihn nur die im Dienste erhaltene Wunde verhindere, in diesem wichtigen Moment bei seinem Monarchen zu erscheinen.«

»Es ist gut,« antwortete Mathilde: »haben Sie die Güte dem Herrn Marschall zu sagen, dass der Chevalier in einer Stunde in den Tuilerien sein wird.«

Dieudonné machte große Augen.

Der Adjutant verneigte sich von Bewunderung durchdrungen und ging.

Mathilde reichte ihrem Gatten den Brief.

»Aber der König hat mir Urlaub gegeben,« sagte Dieudonné.

»Allerdings,« erwiderte Mathilde; »aber ein Cavalier darf solche Gunstbezeigungen nicht annehmen. Du musst den Honig bis an die Grenze begleiten und müsstest Du Dich auf deinem Pferde festbinden lassen!«

»Du hast Recht, Mathilde,« sagte der Chevalier nach kurzem Besinnen. – »Meine Rüstung und mein Schlachtross!« befahl er mit derselben Stimme wie Cäsar denselben Befehl gegeben haben würde.

Eine Stunde nachher war er in den Tuilerien.

Um Mitternacht reiste der König ab.

Bei der Ankunft in Ypern sah Ludwig XVIII. den Chevalier de la Graverie, der mit zwei Andern bei ihm geblieben war.

Der König ließ drei Ludwigskreuze bringen und heftete sie eigenhändig an die Uniform dieser drei Getreuen.

Dann schickte er sie nach Frankreich zurück, indem er die Hoffnung aussprach, sie in Paris bald wieder zu sehen.

Der Chevalier hatte gegen hundert Lieues zu Pferde zurückgelegt. Dies war mehr als genug. – Er verkaufte sein Pferd um den halben Wert, setzte sich in den Postwagen und kehrte nach Paris zurück.

Es wäre unmöglich, dem Leser die majestätische Gebärde zu schildern, mit der er seiner Frau das Ludwigskreuz zeigte.

Mathilde war entzückt.

Dieudonné erkundigte sich nach seinem Bruder.

Der Baron war endlich am 17. abgereist, aber nicht auf einer der südlichen Straßen, wo er fürchten musste, dem korsischen Werwolf zu begegnen; er wollte und konnte nicht länger in Paris bleiben, ohne sich durch seine unklugen Prahlereien zum Gegenstande des Spottes zu machen.




VIII

Wo der Chevalier de la Graverie neue Bekanntschaften macht


Die Ereignisse, welche der Rückkehr Napoleons von der Insel Elba folgten, sind bekannt. Als Dieudonné wieder zu Hause war, hängte er sein Ludwigskreuz über dem Bette Mathildens auf um zuerkennen zugaben, daher es ihr verdankte.

Während der hundert Tage machte er sich nicht die mindesten Sorgen. Er war der glücklichste Mann von der Welt: er war ja nicht mehr Musketier, dafür aber Ritter des Ludwigsordens.

Die zweite Restauration trat ein. Der Baron kam unmittelbar nach den Bourbons und bezog wieder seine Wohnung in der Vorstadt Saint-Germain. Er ging indes nicht zu seinem Bruder: er hielt es für ein himmelschreiendes Unrecht, dass Dieudonné einen Orden hatte, und er. der ältere Bruder, das Haupt der Familie, bisher leer ausgegangen war.

In Ermanglung eines Vermittlers wandte sich der Chevalier de la Graverie unmittelbar an den König mit der Bitte, den Säbel des Musketiers mit dem Stab des Zeremonienmeisters zu vertauschen. Die Bitte wurde ihm zu seiner großen Freude gewährt; die neue bequeme Stellung sagte ihm weit besser zu, als die halsbrecherischen Eskorten.

Aber sonderbarer Weise suchte er die Gesellschaft von Militärpersonen; er schien der ganzen Welt beweisen zu wollen, dass sein Haupt auch einst den so unbequemen Helm mit dem Rossschweif getragen hatte.

Wenn er Dienst in den Tuilerien hatte, so schloss er sich vorzugsweise den Gardeoffizieren an und behandelte sie als Kameraden.

Eines Tages machte er die Bekanntschaft eines Kapitäns, der ihm gleich bei der ersten Unterredung ungemein gefiel, vermutlich weil er in allen Stücken das Gegenteil von ihm war.

Der Kapitän war viel älter als der Chevalier de la Graverie, der damals etwa fünfundzwanzig Jahre zählte. Dieser Offizier hatte in einigen Monaten seinen Abschied zu erwarten. Seine Haare waren grau, und einige Runzeln durch. zogen bereits seine Stirn; aber an Geist, Herz und Charakter war der Kapitän Dumesnil noch jugendlich frisch, und es war in der ganzen Garde vielleicht kein Unterlieutenant, der ihm an Frohsinn, Lebendigkeit und Sorglosigkeit gleichkam. In allen Leibesübungen, welche von dem Chevalier de la Graverie, oder vielmehr von den alten Stiftsdamen, die ihn erzogen, ganz vernachlässigt worden waren, hatte es der Kapitän Dumesnil zur Meisterschaft gebracht. Sein Mut war in der ganzen Armee bekannt.

Diese glänzenden Eigenschaften machten einen sehr tiefen Eindruck auf den Chevalier, eben weil er sie nicht besaß; ein solcher Freund, meinte er, würde in seinem etwas langweiligen Hause eine willkommene Zerstreuung bieten, zumal für Mathilde, die immer schweigsamer wurde. Er kam seinem neuen Bekannten daher so freundlich entgegen, wie ein Liebender dem Gegenstande seiner Wahl.

Nach einigen Stunden waren Beide schon so gute Freunde, dass Dumesnil die Einladung zum Diner für den folgenden Tag bereitwillig annahm.

Der Kapitän gehörte übrigens zu denen, die eine Einladung bei dem Teufel annehmen würden, wenn sie einen guten Braten und ein gutes Glas Wein zu erwarten hätten.

Der Chevalier de la Graverie war damals in einer der bedenklichsten Phasen des Ehelebens. Mathilde langweilte sich schon seit Monaten; bei Frauen von ihrem Temperament ist aber die Langweile der dem Fieber vorausgehende Schauer; die zweite Restauration war durch eine lange Reihe von geräuschvollen Festlichkeiten gefeiert worden; Mathilde war der Bälle und Schauspiele und des ganzen Treibens, in welchem d^s Herz keine Befriedigung findet, überdrüssig geworden; sie fand am Kokettieren, worauf es bei solchen Prunk festen doch hauptsächlich abgesehen ist, keinen Gefallen; sie fühlte die Leere in ihrem Herzen, und diese Leere war ihr unerträglich.

In ihrem Benehmen gegen Dieudonné blieb sie sich übrigens ziemlich gleich; durch Erziehung und Gewohnheit war sie eine aufmerksame, anspruchslose Hausfrau geworden, und wie auch der Lauf ihrer Gedanken war, so blieb sie doch immer die sorgsame, liebende Gattin; aber im Grunde wurde sie durch die melancholische Zärtlichkeit unangenehm berührt, und die schmachtenden Blicke, die sie ihm zuwarf, nahmen nach und nach den Ausdruck der Ungeduld und Verstimmung an, welche sich der Frauen von ihrem Temperament leicht bemächtigt wenn ihnen der Mann nicht den mindesten Grund zur Klage, und folglich auch keinen Vorwand bietet, sich zu revanchieren.

An demselben Tage, wo der Kapitän Dumesnil im Hause des Chevaliers erschien, machte der Baron zum ersten Male wieder einen Besuch und stellte seiner Schwägerin einen ihm sehr angelegentlich empfohlenen, Husarenlieutenant vor.

Dieser Husarenlieutenant war in der That ein sehr hübscher Offizier; schlank, gewandt, ungezwungen in Haltung und Benehmen; der sorgfältig kultivierte Schnurrbart fehlte natürlich nicht. Kurz, es war eine ganz tadellose Gliederpuppe, die wohl geeignet war, die goldenen Schnüre eines Dolmans zu tragen und eine Säbeltasche zu schleppen.

Es ist unglaublich, welchen Eindruck ein mit heiterer Laune verbundenes ungezwungenes Benehmen auf die Stimmung einer hübschen Frau machen kann. Von jenem Glückstage an, wo der Husarenlieutenant und der Gardekapitän das Haus des Chevalier de la Graverie besuchten, schien sich die Stimmung der Dame vom Hause zu bessern; die Blässe ihrer Wange schwand, um einer leichten Röte Platz zu machen; ihre Augen bekamen den verlorenen Glanz wieder; sie wurde wieder heiter und würzte ihre ehelichen Liebkosungen mit freundlichem Lächeln, welches den Reiz und den wert derselben erhöhte.

Der unwillkürliche, aber sehr bemerkbare Erfolg hatte eine allmähliche Annäherung zwischen den beiden Ärzten wider Willen und der schönen Patientin zur Folge; sie gingen ihr nicht mehr von der Seite, und nach vierzehn Tagen waren sie tägliche Gäste im Hotel La Graverie.

Man fand sie auf den Promenaden, bei den Wettrennen immer beisammen; sie erschienen mit einander in den Ballsälen und Theatern; wer Mathilde erscheinen sah, konnte zehn gegen eins wetten, dass der Chevalier de la Graverie ihr auf dem Fuße folgte, und nach ihm die beiden Cavalieri serventi kamen.

Es war ein sonderbarer, aber sehr anziehender Familienkreis. Es war keine kosende, früher oder später zur tödlichen Langweile führende Fortsetzung der Flitterwochen unter vier Augen; es war auch kein Kleeblatt nach italienischem Zuschnitt, sondern ein aus vier Personen bestehendes Hauswesen, in welchem der Herr vom Hause, sein Freund und der Schützling der Dame gleiche und ehrlich verteilte Rechte hatten. Jeder erhielt mit sorgfältig bemessener Genauigkeit den ihm gebührenden Anteil an zauberischem Lächeln und freundlichem Dank; alle Drei hatten abwechselnd das Recht der schönen Mathilde den Arm zu bieten, ihren Shawl oder Fächer zu tragen.

Madame de la Graverie war in der Austeilung ihrer Gunstbezeigungen so streng gerecht, dass Niemand eifersüchtig oder unzufrieden wurde.

Am zufriedensten unter dem Männerkleeblatt, am dankbarsten nicht nur gegen Mathilde, sondern gegen die beiden Andern war Dieudonné, der innerlich frohlockte bei dem Gedanken, dass er zwei neue Ventile gefunden, durch die er das ihm vormals so drückende Übermaß seiner Zärtlichkeit auslassen konnte.

Wie es Mathilde anfing, ihren kleinen Hof in dieser ruhigen, zufriedenen Stimmung zu erhalten? Wir gestehen aufrichtig, dass dies eines der weiblichen Geheimnisse ist, die wir ungeachtet oft wiederholter gewissenhafter Studien noch nicht zu ergründen vermochten.

Am merkwürdigsten war, dass sich die bösen Zungen mit dieser sonderbaren Genossenschaft fast gar nicht beschäftigten. Die junge Blondine schien so naiv, es lag eine solche Arglosigkeit in ihrem Benehmen gegen die beiden Offiziere, Alles an ihr war so natürlich, dass man gewiss für sehr boshaft gegolten haben würde, wenn man den mindesten Verdacht geäußert hätte.

Der Baron de la Graverie war der Engel mit dem Flammenschwert, der die drei Glücklichen aus ihrem Paradies vertrieb.

Eines Nachmittags war Mathilde etwas unwohl, Herr von Pontfarcy, so hieß der Husarenlieutenant, hatte Dienst, und so kam es, dass der Chevalier de la Graverie und der Kapitän Dumesnil allein auf der Promenade in den elysäischen Feldern erschienen.

Obgleich die gewöhnlich unzertrennliche Gesellschaft nur zur Hälfte anwesend war, schien der Chevalier ungemein heiter und aufgeweckt. Ungeachtet seines für sein Alter schon sehr respectabeln Bauches begann er oft zu hüpfen und zu tänzeln, lachte über jede Kleinigkeit und rieb sich schmunzelnd die Hände. Der Kapitän Dumesnil stimmte als Hausfreund pflichtschuldig in diese Heiterkeit mit ein.

Auf ihrem Spazirgange begegnete ihnen ein Mann, der mit dem Schicksal keineswegs so zufrieden schien, wie der Chevalier.

Dieser Mann war der Baron de la Graverie.

Er blickte sorgenvoll vor sich nieder, und hatte den Hut so tief in’s Gesicht gedrückt, dass sie ihn anstießen, ohne ihn zu erkennen. Aber er schaute auf, als er angestoßen wurde, und erkannte sie.

»Mordieu! Chevalier, es ist mir lieb, dass ich Dir begegne,« sagte der ältere Bruder und nahm den Arm des jüngeren.

»Wirklich!« sagte Dieudonné und schnitt ein Gesicht; denn er fühlte seinen Arm wie in einen Schraubstock eingezwängt.

»Ja, ich wollte zu Dir gehen —«

Dumesnil schüttelte den Kopf, denn es beschlich ihn eine trübe Ahnung.

Aber der Chevalier bekam schnell seine heitere Laune wieder und antwortete:

»Es ist doch sonderbar! So eben sagte ich zu Dumesnil: Ich muss doch zu meinem Bruder gehen, um ihm die freudige Nachricht zu überbringen —«

»Die freudige Nachricht!« wiederholte der Baron mit trübseligem Lächeln. »So! Du hast mir eine freudige Nachricht mitzuteilen? Der Tausch wird nicht zu deinem Vorteil ausfallen, denn ich habe Dir eine ziemlich unangenehme Nachricht zu melden.«

Ein so aufmerksamer Beobachter wie Dumesnil konnte leicht sehen, dass diese Nachricht, die dem Chevalier so unangenehm sein sollte, dem Baron große Freude machte.

Dumesnil schauderte, und da der Chevalier Arm in Arm mit dem Kapitän ging, so schauderte er selbst noch mehr aus Sympathie als aus banger Ahnung.

»Was ist’s denn?« stammelte der arme Dieudonné erblassend; denn er erschrak schon im Voraus über das Leuchten der Bombe, die der Baron in sein Glück schleudern wollte.

»Nichts für den Augenblick —«

»Wie, nichts für den Augenblick?«

»Nein; ich will Dir’s sagen, wenn wir in meiner Wohnung sind, wenn Du so gütig sein willst, mich dahin zu begleiten.«

Dumesnil sah, dass der Baron seinen Bruder ohne Zeugen zu sprechen wünschte, und da der Erstere nicht verhehlte, dass er eine unangenehme Mitteilung zu machen habe, war ihm an der Zuhörerschaft nicht viel gelegen.

»Es fällt mir eben ein, lieber Dieudonné,« sagte er, »dass mein Oberst mich erwartet.«

Er reichte dem Chevalier die Hand und verneigte sich gegen den Baron.

Aber Dieudonné war nicht der Mann, dem drohenden Unglück allein die Stirn zu bieten; er bemächtigte sich des Armes wieder, den ihm der Kapitän entzogen hatte.

»Diesen Morgen,« sagte er, »erklärten Sie ja, Sie wären für den ganzen Tag frei. Sie müssen bleiben, und mein Bruder wird mir seine Mitteilung in Ihrer Gegenwart machen. Sie haben ja so eben meine Freude getheilt, es ist also billig, dass Sie auch Ihren Anteil an meinem Verdruss bekommen.«

»Im Grunde,« sagte der Baron, »weiß ich nicht, warum ich den Herrn Kapitän von einer Mitteilung ausschließen soll, die ihn eben so gut angeht wie Dich.«

Der Kapitän Dumesnil hob den Kopf, wie ein Schlachtross beim Klang der Trompeten, und errötete leicht.

»Der Teufel hole den alten Voltigeur, der uns den Tag verdirbt,« flüsterte er dem Chevalier zu.

Dann sagte er in einem Tone, in welchem zugleich eine Bitte und eine Drohung lag:

»Herr Baron, Sie haben gewiss wohlbedacht was Sie tun wollen; ich erlaube mir indes die Bemerkung, dass die fraglichen Mitteilungen zuweilen eben so gefährlich sind für den, der sie macht, als schmerzlich für den, der sie vernimmt.«

»Herr Kapitän,« erwiderte der Baron, »ich weiß welche Pflichten ich als Haupt der Familie La Graverie habe, und ich allein habe zu beurteilen, was die Ehre derselben erheischt.«

»Mein Gott! was bedeutet das?« dachte der arme Chevalier. »Dumesnil scheint recht gut zu wissen, was mein Bruder mir sagen will, und er hat kein Wort davon gesprochen. – Sage mir lieber auf der Stelle Alles, Baron; die Ungewissheit, die Erwartung ist gewiss peinlicher, als deine Mitteilung.«

»Komm doch mit mir,« sagte der Baron.

Beide nahmen nun, ohne ein Wort zu sprechen, in Begleitung Dumesnil’s den Weg zu der Vorstadt Saint-Germain. Auf dem langen Wege bis zur Rue de Varennes wurde kein Wort gesprochen.

Die Angst des armen Dieudonné, wurde noch größer, als sein Bruder sie in das entlegenste Zimmer seiner Wohnung führte und sorgfältig die Tür verschloss.

Nachdem der Baron diese Vorkehrungen getroffen, zog er einen Brief aus der Tasche, überreichte ihn offen seinem jüngeren Bruder, fasste dessen Hand und sagte mit dem Tone des Mitleids!

»Armer Bruder! Unglücklicher Chevalier!«

Diese Einleitung klang so traurig, dass Dieudonné Bedenken trug, den Brief zu nehmen.

Dumesnil, der einen verstohlenen Blick auf den Brief warf, erkannte die feinen zierlichen Schriftzüge, und ehe der Chevalier einen Entschluss gefasst hatte, nahm der Gardekapitän den Brief.

»Mordieu!« sagte der Kapitän. »er soll Ihren Brief nicht lesen, Herr Baron.«

Dann warf er sich in die Brust, schnallte seinen Säbelgurt fester und zog den älteren Bruder in eine Ecke des Zimmere.

»Ich nehme Ihre Vorwürfe an, Herr Baron,« sagte er leise,, »ich erkläre mich für alle Folgen dieses Schrittes verantwortlich; aber ich werde nicht dulden, dass mit dem Glücke Ihres armen Bruders ein grausames Spiel getrieben werde. Es gibt Menschen, für die ein schöner Traum Bedürfnis ist. Bedenken Sie das! Um des Himmels willen,« setzte er noch leiser hinzu, »lassen Sie das harmlose Lamm leben —«

»Nein, nein!« erwiderte der Baron laut, »in unserer Familie sind die Ehrensachen wichtiger als alle andern Rücksichten.«

»Aha!« sagte der Kapitän, als ob er einen Scherz aus der Sache machen wollte. »Gestehen Sie nur, dass die beleidigte Ehre eines Gatten dabei im Spiele ist. Die Ehre ist geborgen, wenn die Sache ein Geheimnis bleibt; sie wird kaum verletzt, wenn es bekannt wird.«

»Aber bedenken Sie,« entgegnete der Baron, »dass man einen Frevler nicht durch Straflosigkeit ermutigen darf.«

Der Kapitän fasste den Baron bei der Hand.

»Wer bittet denn um Gnade?« sagte er mit einem Feuersprühenden Blick. »Sehen Sie denn nicht, dass ich mich zu Ihrer Verfügung stelle?«

»Nein, nein,« wiederholte der Baron noch lauter als zuvor, »Dieudonné soll wissen, dass seine unwürdige Frau, und sein eben so unwürdiger Freund —«

Der Kapitän wurde leichenblass und wollte dem Baron die Hand auf den Mund halten.

Aber es war zu spät, der Chevalier hatte die letzten Worte verstanden.

»Meine Frau!« sagte er auffahrend. »Mathilde! Sie sollte mich hintergangen haben – nein, das ist unmöglich!«

»Da haben wir’s!« sagte der Kapitän; »der Bandit hat seinen Zweck erreicht!«

Er ließ den Baron los und setzte sich in eine Ecke des Zimmers. Er hatte Alles getan, was er konnte, um eine Katastrophe abzuwenden, aber es war ihm nicht gelungen, und er musste sich in das Unvermeidliche fügen.

»Unmöglich?« wiederholte der Baron, ohne den Schmerz seines Bruders zu beachten. Wenn Du mir nicht glaubst, so lass Dir den Brief geben, den der Herr Kapitän Dir aller feinen Sitte zum Trotz entrissen hat; Du wirst dann den Beweis deiner Schmach sehen!«

Der Kapitän schien ganz ruhig und gelassen, aber in seinem Innern tobte ein furchtbarer Sturm.

Unterdessen wurde Dieudonné immer blässer; sein Gemütszustand fand in wenigen abgebrochenen Worten einen Ausdruck.

»Meine Schmach!« wiederholte er. »Meine Schmach!« Aber mein Kind – denn die freudige Nachricht, die ich Dir mitteilen wollte, ist – die Mutterhoffnung Mathildens —«

Der Baron brach in ein lautes Gelächter aus.

»Dieses Kind,« fuhr der Chevalier fort, als ob er das höhnische Gelächter seines Bruders nicht gehört hätte, »dieses Kind, von welchem ich mir so viel Freude versprach, das ich seit zwei Tagen wachend und träumend vor mir zu sehen glaube, dessen Wimmern wie himmlische Musik an mein Ohr drang, es sollte nicht mein sein! – O mein Gott, ich verliere zugleich Weib und Kind!«

Der Kapitän stand auf, als ob er den Chevalier in seine Arme schließen wollte, aber er nahm sogleich seinen Platz wieder ein, um seine Aufregung zu bewältigen.

Der Baron, der weder den Schmerz seines Bruders noch den Zorn des Kapitäns zu sehen schien, erwiderte mit schonungsloser Härte:

»Ja, denn dieser Brief, den der Zufall in meine Hände gespielt hat, den ich Dir mitzuteilen wünschte und den der Kapitän Dumesnil Dir gewaltsam entrissen hat, enthält die freudige Mitteilung dieser freudigen Nachricht an den Buhlen deiner Frau.«

Der arme Dieudonné antwortete nicht; er fiel auf die Knie, drückte die Hände aufs Gesicht und schluchzte laut.

Der Kapitän Dumesnil vermochte diesen Auftritt nicht länger zu ertragen. Er stand auf und ging auf den Baron zu.

»In diesem Augenblicke,« sagte er leise zu ihm, »gehöre ich mir selbst nicht mehr; Sie werden es natürlich finden, Sie haben ja Alles, was in Ihrer Macht stand, dazu beigetragen. Aber wenn Ihr Herr Bruder die ihm von Rechtswegen gebührende Genugtuung erhalten hat, kann ich Ihrem Benehmen den Namen geben, den es verdient, und ich werde es gewiss tun, darauf verlassen Sie sich.«

Nach diesen Worten verneigte sich der Offizier und ging auf die Tür zu.

»Sie wollen gehen?« fragte der Baron.

»Ich gestehe Ihnen,« antwortete der Kapitän, »dass ich nicht mehr die Kraft habe, diesen entsetzlichen Auftritt zu ertragen.«

»Gut, gehen Sie – aber geben Sie mir den Brief zurück.«

»Warum sollte ich ihn zurückgeben?« fragte der Kapitän mit Unwillen und Stolz.

»Aus dem sehr einfachen Grunde, dass er nicht an Sie gerichtet ist,« erwiderte der Baron.

Der Kapitän hielt sich an der Wand, denn er glaubte umzusinken.

Er hatte bis dahin geglaubt, die Anschuldigung teile ihm in der Sache eine tätigere Rolle zu, als ihm der Baron zuwies.

Er zog schnell den Brief hervor, den er in die Tasche gesteckt hatte, und las die ersten Zeilen.

Aus seinen Mienen und Gebärden erriet der Baron Alles.

»Sie auch!« sagte er, in die Hände klatschend. »Nun, dann ist sie noch sträflicher, als ich glaubte.«

»Ja, ich auch,« erwiderte der Kapitän leise; »ich war auch so leichtsinnig, so treulos, diesen braven, arglosen Mann zu hintergehen! Aber sagen Sie ihm, wenn er wieder zur Besinnung gekommen ist —«

Aber Dieudonné, der inzwischen seine Hoffnung wieder bekommen hatte, unterbrach ihn.

»Dumesnil,« sagte er, »verlaß mich nicht, lieber Freund! Bedenke, dass ich nur bei deiner Freundschaft Hilfe und Trost finden kann.«

Der Kapitän schwieg noch; die Reue machte ihn unschlüssig.

»O mein Gott! mein Gott!« jammerte der arme Dieudonné, die Hände ringend. »Ist denn die Freundschaft, wie Liebe, nur ein leeres Wort?«

Der Baron trat auf seinen Bruder zu.

Der Kapitän entschloss sich nun. Er sprang rasch auf, fasste den älteren Bruder beim Arm und sagte leise, aber drohend:

»Kein Wort mehr! Es ist das erste Mal, dass ich ein Vergehen dieser Art zu bereuen habe. Meine Reue ist so groß, dass ich nicht weiß, ob mein ganzes Leben hinreichen wird, mein Unrecht wieder gutzumachen. Aber ich will’s versuchen, das schwöre ich Ihnen! Ich will Ihrem armen Bruder die innigste Freundschaft, die zärtlichste Sorge widmen, ohne die er nicht leben kann. Schweigen Sie also, Herr Baron. Es steht weder in Ihrer Gewalt noch in der meinigen, das Vergangene ungeschehen zu machen; verletzen Sie wenigstens sein wundes Herz nicht noch tiefer!«

»Jedes Mittel ist mir genehm,« erwiderte der Baron, »das meinen Bruder nötigt, eine Frau, die ihn entehrt, zu verstoßen,und einem Kind, das Anderen ihr rechtmäßiges Erbteil rauben würde, die Anerkennung zu versagen.«

»Sagen Sie lieber: das Ihnen Ihr Erbteil rauben würde. Dann ist Ihr Benehmen, vom Standpunkte des Egoismus betrachtet, vielleicht eher zu entschuldigen,« antwortete der Kapitän, indem er einen vernichtenden Blick auf den Baron warf. »Aber der Brief, den Madame de la Graverie an Herrn de Pontfarcy geschrieben hat, wird vollkommen genügen, um Ihnen selbst vor Gericht zur Erfüllung Ihres Wunsches behilflich zu sein.«

»Nun, dann geben Sie mir den Brief zurück.«

Dumesnil sann einen Augenblick nach; dann erwiderte er:

«Ich will Ihren Wunsch erfüllen, aber unter einer Bedingung.«

»Was! Sie stellen mir Bedingungen?«

»Es hängt von Ihnen ab, ja oder nein zu sagen,« erwiderte der Kapitän, ungeduldig mit dem Fuße stampfend. »Besinnen Sie sich nicht lange. Geben Sie Ihr Wort oder ich zerreiße den Brief!«

»Aber, ich muss doch —«

Der Kapitän machte Miene den Brief zu zerreißen.

»Auf mein Wort als Edelmann!«

»Als Edelmann?« sagte Dumesnil mit tiefer Verachtung. »Nun ja, ich will Ihr Wort annehmen: es scheint ja, dass man ungeachtet solcher Handlungen immer Edelmann bleibt. Schwören Sie mir, Ihrem Bruder nie zu sagen, dass er von zwei Männern, die er seine Freunde nannte, zugleich betrogen worden ist. Schwören Sie mir endlich, dass Sie der Sühne, der ich meine noch übrige Lebenszeit widmen will, kein Hindernis in den Weg legen wollen.«

»Ich schwöre es!« sagte der Baron, indem er den kostbaren Brief mit den Augen verschlang.

»Gut. Ich zähle mit Zuversicht auf Ihren Schwur, und sage Ihnen daher nicht, was ich tun werde, wenn Sie ihn brechen.«

Der Kapitän überreichte dem Baron den von Mathilde an Herrn de Pontfarcy geschriebenen Brief, und ging dann auf den Chevalier zu.

»Stehe auf, Dieudonné,« sagte er. »Komm und sei ein Mann!«

»O! ich danke Dir!« sagte der Chevalier, indem er sich mit großer Anstrengung aufrichtete und dem Kapitän in die Arme sank. »Du wirst mich also nicht verlassen?«

»Nein, nein!« sagte Dumesnil und überhäufte seinen Freund mit Liebkosungen wie ein Kind.

»O! ich fürchte den Verstand zu verlieren,« setzte der Chevalier noch immer schluchzend hinzu; »denn ich blicke nur mit Entsetzen in die Zukunft, die sich vor mir auftut, und der Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart wird mir das Leben verhasst machen.«

»Fasse Mut,« sagte der Baron. »Das beste Weib ist nicht die Hälfte der Tränen wert, die Du seit einer Viertelstunde vergießest, geschweige ein unwürdiges Geschöpf.«

»O! Du weißt nicht was sie für mich war!« unterbrach ihn der arme Dieudonné. »Du findest Zerstreuung in den Talons, am Hofe,in dem Streben nach Ehre und Auszeichnung; Du findest Zerstreuung in Glanz und Prunk, der bei Dir die Stelle des Herzens vertritt, selbst in dem Neide über das Glück deiner Nebenbuhler, in den Klatschereien über bekannte Personen und auffallende Tagesbegebenheiten – ich hingegen hatte nur sie! Sie war mein ganzes Leben, meine einzige Freude, mein einziger Ehrgeiz auf der Erde! Nur die Worte, die aus ihrem Munde kamen, hatten für mich einen Wert – und jetzt, wo ich Alles dies unter meinen Füßen einsinken fühle, scheint es mir, dass ich eine öde, dürre, dunkle Wüste betrete, wo ich nur noch Zeit für meinen Schmerz habe! O mein Gott! mein Gott!«

»Eitles Geschwätz!« höhnte der Baron.

Der Kapitän warf ihm einen drohenden Blick zu.

»O! Sie werden mich nicht hindern, meinem Bruder zu sagen,« wiederholte der Baron, der nur an sein Erbteil dachte, »Sie werden mich nicht hindern ihm zu sagen, was er dem Namen, den er führt, schuldig ist. Eine Frau, die seiner unwürdig, kann er auch nicht lieben —«

»Du irrst Dich, Bruder,« unterbrach ihn der unglückliche Chevalier, »selbst in diesem Augenblicke, wo ihr Fehltritt mir das Herz bricht, wo ihre Schmach mich tief beschämt, liebe ich sie.«

»Freund, sei ein Mann!« mahnte der Kapitän.

»Was liegt mir noch am Leben? Nach der Weltsitte, nach den Gesetzen der Ehre muss ich mich rächen an ihrem Buhlen; er oder ich muss fallen, weil Gott sie zum Weibe, das ist zum gebrechlichen, treulosen Wesen geschaffen hat! Das Leben eines Mannes ist verwirkt, die Welt verlangt dieses Sühneopfer – als ob sich die Welt darum kümmerte, auf welche Art man mir meine Freunde raubt, als ob die Ehre mein Glück oder Elend berücksichtige. Blut muss stießen – gleichviel ob das Blut des Beleidigers oder des Beleidigten!«

»Fürchtest Du Dich denn, Bruder?« fragte der Baron.

Der Chevalier sah seinen Bruder mit dem Ausdruck der Verzweiflung an.

»Ich fürchte nur ein Mörder zu werden,« sagte er mit einer Entschiedenheit, welche bewies, dass er die Wahrheit sagte. – »Lieber Dumesnil, stehe mir bei, ich darf ja die Rache nicht dem Himmel überlasten, ohne eine Memme gescholten zu werden. – Baron, ich gebe Dir mein Wort, dass morgen zu dieser Stunde Herr de Pontfarcy nicht mehr leben wird, oder dass ich von seiner Hand gefallen sein werde. Ist das Alles, was Du als Repräsentant der Familienehre verlangst?«

»Nein, ich kenne deine Schwäche, Bruder; ich verlange eine Vollmacht, um die Scheidungsklage gegen deine unwürdige Frau einzuleiten.«

»Diese Vollmacht hast Du wahrscheinlich schon bereit?«

»Es fehlt nur deine Unterschrift.«

»Ich dachte es wohl. Gib her die Vollmacht – eine Feder und Tinte —«

»Hier ist Alles was Du wünschest, lieber Dieudonné,« sagte der Baron und überreichte seinem Bruder die Vollmacht samt einer eingetauchten Feder.

Der Chevalier unterzeichnete, ohne eine Klage laut werden zu lassen, ohne einen Seufzer auszustoßen. Aber er zitterte so heftig, dass die Unterschrift kaum leserlich war.

»Mille tonneres!« sagte der Kapitän, indem er seinen Freund mit sich fortzog und dem Baron noch einen vernichtenden Blick zuwarf; »man hat Viele gehängt, die es nicht so verdienten, wie das Haupt in deiner Familie!«




IX

Ein gebrochenes Herz


Vor der Haustür entstand fast ein Handgemenge zwischen dem Chevalier und seinem Freunde.

Der Chevalier wollte links gehen und der Kapitän wollte sich in der entgegengesetzten Richtung mit ihm entfernen. Dieudonné wollte durchaus nach Hause gehen, Mathilde mit Vorwürfen überhäufen und ihr für immer Lebewohl sagen; Dumesnil hingegen hatte im Interesse seines Freundes und in seinem eigenen triftige Gründe, diese Unterredung zu verhüten. Er bot daher seine Beredsamkeit auf, um Dieudonné von der Unstatthaftigkeit seines Vorhabens zu überzeugen; mit großer Mühe gelang es ihm endlich, den Chevalier de la Graverie mitzunehmen und in seine bescheidene Wohnung einzuquartieren.

Sobald der Kapitän die nötigen Vorkehrungen zur Beherbergung seines Freundes getroffen hatte, zog er seine Uniform aus und legte einen schwarzen Anzug an, um auszugehen.

Der Chevalier war so tief ergriffen, dass er die Absicht seines Freundes nicht merkte, bis dieser die Tür öffnete.

Er streckte die Hände nach ihm aus wie ein Kind.

»Dumesnil,« sagte er, »Du willst mich alleinlassen?«

»Armer Freund,« erwiderte der Kapitän, »hast Du denn schon vergessen, dass Du den Räuber deiner Ehre, deines Glückes zur Rechenschaft zu ziehen hast?«

»Ja, ich gestehe es, Dumesnil, ich hatte es vergessen; ich dachte an Mathilde,«

Der arme Dieudonné brach wieder in Tränen aus.

»Weine nur, Freund!« sagte der Kapitän. »Der liebe Gott, der Alles wohlgetan, hat die Herzen harmloser schwacher Wesen mit Ventilen versehen, um einen Schmerz auszulassen, der sie sonst tödten würde. Laß nur deinen Tränen freien Lauf, ich will Dir’s nicht widerraten.«

»So geh, lieber Dumesnil,« sagte der Chevalier; »ich danke Dir, dass Du mich an meine Pflicht erinnert hast. – Ich habe nur noch Eine Bitte.«

»Sprich, was wünschest Du?»

»Ziehe die Sache nicht in die Länge; ich wünsche morgen Früh —«

»Sei nur ruhig, lieber Freund,« sagte der Kapitän und drückte den Chevalier an sein Herz; »ich hoffe sogar, dass die Sache schon diesen Abend abgetan wird.«

Der Chevalier blieb allein.

Hier machen wir eine Pause, um unsere Leser um Verzeihung zu bitten.

Wir sagten im Anfange, dieses Buch sei kein gewöhnlicher Roman. Wir geben nun den Beweis: alle Helden von Romanen sind schön, groß, von tadellosem Wuchs, mutig, klug, geistreich; sie haben schönes schwarzes oder blondes Haar, große schwarze oder blaue Augen; sie sind so reizbar, dass sie bei der geringsten Beleidigung zum Degen oder Pistol greifen; sie sind fest in ihren Entschließungen, furchtbar im Hass, feurig in der Liebe.

Unser Held besitzt keine dieser anziehenden Eigenschaften; er ist eher hässlich als schön, mehr klein als groß, mehr beleibt als schlank; er hat keinen Mut und höchstens einen gewöhnlichen hausbackenen Verstand. Er hat weder schwarzes noch blondes, sondern semmelfarbenes Haar, weder schwarze noch blaue, sondern grüne Augen.

Die ihm widerfahrene Beleidigung ist groß, aber trotzdem will er sich, wie er selbst sagt, nur schlagen, um der Weltsitte zu genügen.

Endlich ist er wankelmütig und statt die Treulose zu hassen, liebt er sie noch.

Es wollte uns schon lange bedenken, dass man dem harmlosen Wesen der Schöpfung das Recht abspricht, zu lieben und zu dulden; wir halten es nicht für notwendig, schön wie Adonis und tapfer wie Roland zu sein, um Anspruch zu haben auf die höchsten Freuden und die tiefsten Schmerzen der Liebe.

Während wir einem Phantasiegebilde Leben und Gestalt zu geben suchten, führte uns der Zufall mit dem Chevalier de la Graverie zusammen. Wir hatten unsern Mann gefunden.

Er war ein Beispiel, dass man, ohne physisch und moralisch der Held eines Sagenkreises zu sein, alle Leiden erdulden kann, die in den wenigen Worten liegen: Er liebte und wurde betrogen!

Als Dieudonné allein war, nahm er nicht die Haltung Anthonys oder Werther’s an, er überließ sich ganz zwanglos seinem Schmerz.

Er ging im Zimmer auf und ab; er nannte Mathilde nicht undankbar, treulos, grausam, er gab ihr die gewohnten zärtlichen Namen, als ob sie ihn hätte hören können; er Sann sogar nach, ob er ihr nicht Anlass zur Unzufriedenheit gegeben, wodurch ihr Verrat entschuldigt werden könnte.

Wir gestehen, dass wir einem solchen Schmerz unsere aufrichtige Teilnahme widmen: diese fast kindische Schwäche ist in der Tat des tiefsten Mitleids würdig; denn man ahnt, dass sie bei Andern keinen Trost suchen wird, da sie ihn nicht selbst in sich findet; sie kann nur klagen, denn es fehlt ihr der starke, unerschütterliche Glaube, und sie sagt: Mein Gott! was habe ich denn getan, um so viel zu leiden; erbarme Dich meiner!

Der Unglückliche, der so schmählich verraten worden war, hatte nur Einen Gedanken: Mathilde wieder zu sehen – nur ein einziges Mal, wie er wenigstens glaubte – sein Herz vor ihr auszuschütten, sie mit Vorwürfen zu überhäufen.

Wer weiß, vielleicht würde sie sich rechtfertigen?

Nach tausend Zweifeln, nach langem Besinnen schien er auf einmal einen Entschluss zu fassen.

Er ging an die Tür; aber er fand sie von außen verschlossen. Sein Freund hatte ihn eingesperrt.

Er eilte ans Fenster. Die Wohnung Dumesnil’s war im zweiten Stocke; unten war ein gepflasterter Hof. Ein Sprung von solcher Höhe war nicht zu wagen.

Dieudonné machte das Fenster wieder zu und verwünschte seinen Freund. Gut hat ihm wohl, dass er sich mit »etwas Anderem beschäftigen konnte, um weniger an Mathilde zu denken.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er den Hausmeister aus dem Fenster rufen und mit einem Hausschlüssel, der sich vermutlich im Hause befand, die Tür öffnen lassen könne.

Er öffnete das Fenster und rief.

Der Hof blieb leer.

Je größer die Schwierigkeiten wurden, desto mehr sehnte er sich nach Mathilden.

»Ja! ja! ich muss sie wiedersehen! – Mathilde, teure Mathilde!«

Er rang die Hände und wälzte sich auf dem Teppich.

Plötzlich sprang er auf und sah sich im Zimmer um.

Sein Blick fiel auf das Bett, das er gesucht hatte.

Er stürzte darauf los, wie der Tiger auf seine Beute. Zog die Leintücher heraus, zerriss sie in Streifen und begann dieselben zusammenzuknüpfen.

Dieudonné, der als zehnjähriger Knabe seine Tante gerufen hatte, um sich von einer Treppe hinunterführen zu lassen, der zu Pferde den Schwindel bekam, fasste ohne Zögern den Entschluss, sich an den zusammengeknüpften Betttüchern von einem Fenster des zweiten Stockes hinabzulassen.

Sobald er seine Vorkehrungen getroffen hatte, eilte er ans Fenster.

Es war inzwischen Abend geworden, die Dämmerung war eingebrochen.

Er knüpfte das improvisierte Seil mit einem Ende an das Fensterkreuz und schaute in den Hof hinunter. Der Schwindel befiel ihn und er trat rasch Zu zurück.

»Ich bekomme den Schwindel, weil ich hinunterschaue, sagte er; »wenn ich nicht hinunterschaue, werde ich ihn nicht bekommen.«

Er schloss die Augen, stieg auf die Fensterbrüstung, fasste mit beiden Händen das Seil und begann sich hinabzulassen.

Als er die Höhe des ersten Stockes erreicht hatte, hörte der Chevalier ein Krachen über seinem Kopfe, dann fiel er fünfzehn Fuß hoch hinunter auf das Steinpflaster.

Das Seil war gerissen, oder ein schlecht geknüpfter Knoten hatte sich aufgelöst.

Im ersten Augenblicke freute sich der Chevalier, dass er den Erdboden erreicht hatte. Er hatte nur eine heftige Erschütterung im ganzen Körper, aber keinen Schmerz gefühlt.

Er wollte aufstehen, fiel aber wieder zu Boden. Der linke Fuß konnte ihn nicht tragen; die Beinröhre war über dem Knöchel gebrochen.

Dieudonné machte gleichwohl einen Versuch zu gehen; aber nun fühlte er so große Schmerzen, dass er laut aufschrie.

Dann schienen sich alle Gegenstände im Kreise um ihn zu drehen. Er griff nach der Wand, um sich daran zu halten – die Wand drehte sich, wie der ganze Hof.

Er fühlte, dass ihm die Besinnung schwand. Noch einmal sprach er den Namen Mathilde: es war der letzte Lichtblick seines Bewusstseins. Er fiel in Ohnmacht.

Er glaubte eine herbeieilende weibliche Gestalt zu sehen. Es schien Mathilde zu sein.

Aber sein Blick war schon umflort, er konnte nichts mehr deutlich unterscheiden. Er streckte die Arme nach dem geliebten Bilde aus,ohne zu wissen, ob es Traum oder Wirklichkeit war.

Es war wirklich Mathilde, die von den Ereignissen des Tages gar nichts wusste, und nachdem sie die Rückkehr Dieudonné vergebens erwartet, die Dämmerung benutzt hatte, um sich zuerst zu Herrn von Pontfarcy zu begeben. Dieser war nicht zu Hause. Dann war sie zu Dumesnil geeilt. Sie ging eben über den Hof, um die zu der bescheidenen Wohnung des Kapitäns führende Hintertreppe zu erreichen, als sie einen lauten Schrei hörte und einen Mann sah, welcher wankte, als ob er betrunken wäre, und endlich, Mathildens Namen rufend, zu Boden sank.

Nun erst erkannte sie den Chevalier. Sie eilte auf ihn zu, fasste seine Hände und rief ihn.

»Dieudonné! Lieber Dieudonné!« Diese Stimme, die ihn aus dem Todesschlaf geweckt haben würde, entriss ihn seiner Ohnmacht. Er schlug die Augen auf, und eine unaussprechliche Freude verklärte sein Gesicht.

Er wollte sprechen, aber er vermochte es nicht, seine Augen schlossen sich wieder, und Mathilde hörte nur einen langen tiefen Seufzer.

In diesem Augenblicke erschien der Kapitän Dumesnil. Er sah den ohnmächtigen Chevalier, Mathilde in Tränen, ein vom Fenster herabhängendes Ende des zerrissenen Betttuchs.

Es ward ihm Alles klar.

»Ach! Madame,« sagte er, »es fehlte nur noch, dass Sie auch seinen Tod verschulden!«

»Wie! auch seinen Tod?« fragte Mathilde. «Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen, dass sie dann zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben.«

Der Kapitän warf zwei Degen auf das Steinpflaster. Dann hob er Dieudonné auf und trug ihn in seine Wohnung.

Mathilde folgte ihm schluchzend. Obgleich ohnmächtig, hatte Dieudonné ein dunkles Bewusstsein dessen was vorging.

Er glaubte das Zimmer seines Freundes zu erkennen. Man legte ihn auf das Bett; er hörte die ernste voll tönende Stimme Dumesnil’s,die sanfte einschmeichelnde Stimme Mathildens.

Sie nannte den Kapitän »Charles.« Der Verwundete glaubte nun in seinem Fiebertraum Zeuge eines seltsamen Auftrittes zu sein. Aus Allem was er hörte oder zu hören glaubte, wurde er auch von dem Kapitän betrogen; aber dieser verwünschte die Sirene, welche die Ursache eines jetzt bitter von ihm bereuten Vergehens war, und erklärte ihr, dass er dem Betrogenen sein ganzes Leben widmen wolle, um das an ihm begangene Unrecht zu sühnen. Mathilde , die vor dem Bett kniete, hielt seine Hände gefasst und bedeckte sie mit Küssen und Tränen; sie bat bald Dumesnil, bald ihn um Verzeihung, und gab das feierliche Versprechen, ihr Vergehen durch ein makelloses bußfertiges Leben zu sühnen.

Bald verloren sich die summenden Stimmen in heftigem Ohren brausen, und der Chevalier de la Graverie wurde völlig bewusstlos.

Als er wieder zur Besinnung kam, fühlte er den gebrochenen Fuß in Schienen eingezwängt und befand sich wieder in dem Zimmer des Kapitäns. Bei dem Schimmer der auf dem Nachttische brennenden Lampe sah er den Letzteren vor dem Bett sitzen.

»Mathilde!« sagte er, nachdem er sich im Zimmer umgesehen hatte. »Wo ist Mathilde?«

Der Kapitän sprang betroffen auf.

»Mathilde!« stammelte er; »wozu diese Frage?«

»Wo ist sie? sie war so eben hier.«

Hätte Dieudonné in diesem Augenblicke das ehrliche Gesicht seines Freundes betrachtet, so hätte er glauben können, Dumesnil werde ebenfalls in Ohnmacht fallen, so blass war er.

»Lieber Freund,« antwortete der Kapitän, »Du phantasierst, deine Frau ist gar nicht hier gewesen.«

Der Chevalier sah Dumesnil mit fieberhaft glühenden Augen an.

»Und ich sage Dir,« erwiderte er, »dass sie hier vor dem Bett kniete und mir die Hände küsste.

Der Kapitän nahm alle seine Fassung zusammen, um zu lügen.

»Du bist von Sinnen,« sagte er. »Madame de la Graverie ist gewiss zu Hause; sie weiß nicht was vorgegangen ist, und hat daher auch keinen Grund, hierher zu kommen.«

Der Chevalier sank tief seufzend auf das Kissen zurück.

»Ich hätte geschworen,« sagte er, »dass sie vor einer kleinen Weile hier war, dass sie schluchzend ihre Schuld bekannte, dass sie Dich —«

Ein Gedanke, vernichtend wie ein Blitzstrahl, durchzuckte den Unglücklichen.

Er richtete sich mit fast drohender Gebärde auf.

»Wie heißest Du?« fragte er seinen Freund.

»Du weißt es ja – Du müsstest denn wieder Phantasien. Ich heiße Dumesnil.«

»Aber der Taufname?«

Der Kapitän verstand die Absicht dieser Frage.

»Louis,« sagte er; »erinnerst Du Dich nicht?«

»Ja, es ist wahr,« sagte Dieudonné.

Es war wirklich der einzige Vorname, unter welchem er den Kapitän gekannt hatte, dieser hieß Charles Louis Dumesnil.

Dann fiel ihm ein, dass Mathilde in ihrer Besorgnis sich wenigstens erkundigen müsse.

»Aber wenn sie nicht hier ist,« sagte er, »wo ist sie denn?«

Dann setzte er so leise hinzu, dass ihn Dumesnil kaum verstehen konnte:

»Wahrscheinlich bei Pontfarcy!« – O, Du weißt, Dumesnil, dass er oder ich fallen muss.«

»Du wirst nicht fallen, und noch weniger wird er von deiner Hand fallen,« antwortete der Kapitän halblaut.

»Warum nicht?«

»Weil er tot ist.«

»Todt? wie ist er denn zu Tode gekommen?«

»Durch eine Quart, die ihm in die Brust gedrungen ist.«

»Wer hat ihn denn erstochen?«

»Ich, wer sonst?«

»Du, Dumesnil? Mit welchem Rechte?«

»Ich hielt mich für berechtigt, ja für verpflichtet, zu verhüten, dass Du einem sichern Tode entgegengingst. Dein Bruder wird vielleicht Trauer anlegen, weil Du lebst; aber er mag schwarz gehen, so lange es ihm beliebt.«

»Und Du hast ihn gefordert? Du hast ihm gesagt, dass Du Dich für mich schlägst, weil Mathilde mich betrogen hat?«

»sei nur ruhig, ich habe mich mit Pontfarcy geschlagen, weil er seinen Absinth ohne Wasser trank; ich kann die Leute, die diese abscheuliche ^Gewohnheit haben, nicht aus stehen!«

Der Chevalier schlang beide Arme um den Hals seines Freundes und drückte ihn zärtlich an sein Herz.

»Ich habe geträumt!« sagte er.

Aber der Kapitän, dessen Reue wieder erwachte, entwand sich den Armen des Patienten und setzte sich schweigend in eine Ecke des Zimmers.

»O Mathilde! Mathilde,« seufzte der Chevalier.




X

Wo bewiesen wird, dass Reisen ein Bildungsmittel für die Jugend sind


Es war beschlossen, dass der Chevalier in der Wohnung Dumesnil’s seine völlige Genesung abwarten sollte. Der Kapitän hatte freilich nur sich selbst in Rat genommen, um diesen Beschluss zu fassen.

Er ließ den Verwundeten auf seinem Bett und behalf sich mit dem Sofa. Für einen Soldaten, der fast alle Feldzüge unter Napoleon mitgemacht hatte, war dieses Lager nicht übel.

Der Chevalier schlief in der ersten Nacht keinen Augenblick: die Seelenleiden, zu denen sich noch der Körperschmerz gesellte, erpressten ihm laute Klagen, und von Zeit zu Zeit brach er in Tränen aus.

Am andern Morgen suchte ihn der Kapitän zu zerstreuen. Er sprach von Unterhaltungen, Studien, neuen Bekanntschaften; aber der Chevalier de la Graverie sprach immer nur von Mathilde und seiner Trostlosigkeit.

Dumesnil sah wohl ein, dass nur die Zeit den Schmerz seines Freundes heilen könne, und dass es zu seiner Erheiterung notwendig sei, mit ihm, sobald es sein Zustand erlauben würde, auf Reisen zu gehen.

Der Kapitän, der schon seit einiger Zeit seinen Abschied zu fordern berechtigt war, tat die notwendigen Schritte, um Entlassung zu nehmen und seinen Ruhegehalt zu liquidieren.

Nach sechs Wochen begann der Chevalier das Bett zu verlassen, denn der Bruch war einfach und die Heilung gut von Statten gegangen. Der Kapitän Dumesnil schlug eine Reise nach Havre vor, wo er Geschäfte habe. Dieudonné hatte das Meer noch nicht gesehen, und sein Freund, dem er ohne Widerrede gefolgt war, führte ihn an Bord eines Paketbootes. Der Chevalier, dem diese Zerstreuung nicht unlieb war, hatte nicht das Mindeste dagegen einzuwenden: aber am Bord erklärte ihm der Kapitän, ihre Überfahrt nach Amerika sei bezahlt, und am andern Morgen um sechs Uhr würden sie absegeln.

Der Chevalier hörte ihm erstaunt zu, legte der Abreise aber nicht das mindeste Hindernis in den Weg.

Eines Tags – es war kurz vor der Abreise aus Paris – als ihn sein Freund, vielleicht absichtlich, allein gelassen hatte, war der Chevalier heimlich in sein Hotel gegangen, um Mathilde wiederzusehen, vielleicht um ihr zu verzeihen.

Der Portier hatte ihm geantwortet, Madame de la Graverie sei einen Tag nach dem Ausbleiben ihres Gemahls abgereist, und man wisse nicht was aus ihr geworden.

Alle Bemühungen Dieudonné’s, ihren Aufenthalt zu entdecken, hatten ihm nur die Gewissheit gegeben, dass sie Frankreich verlassen.

Nun erst, nachdem der arme Chevalier die Überzeugung gewonnen hatte, dass Mathilde für ihn verloren war, willigte er in die Abreise nach Havre.

Vielleicht war Mathilde, der er so gern verziehen hätte, über Havre gereist, und dann war es immerhin möglich, ihre Spur aufzufinden.

Der Chevalier hatte indes viel von seinem Vertrauen zu dem Geschick verloren, und er zählte nicht viel auf einen glücklichen Zufall.

Frankreich verließ er ohne Widerstreben; Mathilde war ja nicht mehr in Frankreich.

Er nahm daher von seiner Kajüte Besitz, ohne ans Land zurückzukehren.

Am andern Morgen lichtete das Paketboot zur bestimmten Stunde die Anker.

Während der ganzen Überfahrt war der arme Chevalier seekrank; er dachte an gar nichts mehr und folglich auch nicht an Mathilde.

Man kam in New-York an.

Drei Monate vergingen ziemlich erträglich, teils in der groß geräuschvollen Handelsstadt, teils mit Ausflügen in die Umgegend, mit Spazierfahrten auf dem Hudson, mit dem Besuche des Niagarafalls.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48631884) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


