Die Traumfrau
Wilkie Collins




Wilkie Collins

Die Traumfrau





Bruder Morgans Geschichte von der Traumfrau





Kapitel I


Ich hatte mich nicht viel mehr als sechs Wochen in meiner Landpraxis niedergelassen, als ich nach einer Nachbarstadt gesandt wurde, um mit dem dort ansässigen Arzt einen Fall einer sehr gefährlicher Krankheit zu konsultieren.

Mein Pferd hatte mir am Ende eines langen Ritts in der Nacht zuvor eine verpasst, und hatte sich glücklicherweise viel mehr verletzt, als es seinen Herrn verletzt hatte. Nachdem ich des Dienstes des Tieres verlustig gegangen war, brach ich zu meinem Ziel mit der Kutsche (es gab damals keine Eisenbahn) auf und hoffte, gegen Mittag auf dieselbe Weise wieder zurückzukommen.

Nachdem die Besprechung vorüber war, ging ich zum ersten Gasthaus der Stadt, um auf die Kutsche zu warten. Als sie sich näherte, war sie sowohl innen als auch außen belegt. Es blieb mir nichts anderes mehr übrig, als so billig wie möglich heimzukehren, indem ich einen Einspänner mietete. Der Preis, der mir für diese Unterbringung angeboten wurde, erschien mir so unverschämt, dass ich entschied, nach einem Gasthaus von niedereren Ansprüchen Ausschau zu halten, und zu versuchen, ob ich nicht einen besseren Handel mit einem weniger florierenden Unternehmen machen konnte.

Ich fand bald ein verdächtig aussehendes Haus, schäbig und ruhig, mit einem altmodischen Schild, das offensichtlich jahrelang nicht mehr übermalt worden war. Der Gastwirt wollte in diesem Fall nicht mehr als einen kleinen Gewinn machen, und sobald wir uns einig waren, läutete er die Hofglocke, um den Wagen zu bestellen.

»Ist Robert noch nicht zurück von diesem Botengang?« fragte der Gastwirt, und wandte sich an den Kellner, der auf die Glocke antwortete.

»Nein, Sir, ist er noch nicht.«

»Nun, dann musst du Isaac aufwecken.«

»Isaac aufwecken!« wiederholte ich, »das hört sich ziemlich seltsam an. Gehen Ihre Stallknechte tagsüber ins Bett?«

»Dieser eine tut es«, sagte der Gastwirt und lächelte auf eine ziemlich seltsame Art.

»Und träumen tut er auch«, fügte der Kellner hinzu, »ich werde nie den Schock vergessen, den ich bekam, als ich ihn zum ersten Mal hörte.«

»Kümmer dich niemals darum«, entgegnete der Besitzer scharf; «geh und weck Isaac auf. Der Herr wartet auf seinen Wagen.«

Das Verhalten des Gastwirts und das Verhalten des Kellners drückte eine Menge mehr aus, als einer von ihnen sagte. Ich begann den Verdacht zu hegen, dass ich auf der Spur von etwas beruflich interessantem für mich als Mediziner war, und ich dachte, ich sollte es mögen, den Stallknecht anzusehen, bevor der Kellner ihn aufweckte.

»Warten Sie eine Minute«, warf ich dazwischen, »ich hätte ziemlich Lust, diesen Mann zu sehen, bevor sie ihn aufwecken. Ich bin Arzt; wenn dieses eigenartige Schlafen und Träumen von irgendeinem Schaden in seinem Gehirn herrührt, kann ich Ihnen vielleicht erzählen, was man mit ihm tun muss.«

»Ich glaube eher, sein Leiden ist jedes Herumdokterns überflüssig«, sagte der Gastwirt, »aber, wenn Sie ihn sehen wollen, bin ich sicher, es ist kein Problem!«

Er ging über einen Hof voraus und einen Korridor hinunter zu den Ställen, öffnete eine der Türen, und hieß mich hineinzusehen, während er selbst draußen wartete.

Ich befand mich in einem Stall mit zwei Boxen. In einem der Boxen kaute ein Pferd geräuschvoll auf seinem Getreide; in der anderen lag ein alter Mann schlafend auf dem Streu.

Ich beugte mich über ihn und betrachtete ihn aufmerksam. Es war ein welkes, kummervolles Gesicht. Die Augenbrauen waren schmerzhaft zusammengezogen; der Mund war fest zusammengepresst und die Mundwinkel nach unten gezogen.

Die hohlen, runzeligen, Wangen und das schüttere silberne Haar erzählten ihre eigene Geschichte von einem vergangenen Kummer oder einem vergangenen Leiden. Er atmete krampfhaft, als ich ihn zum ersten Mal anschaute, und in einem Augenblick begann er im Schlaf zu sprechen.

»Wach auf!« hörte ich ihn sagen, in einem lebendigen Flüstern durch seine zusammengepressten Zähne, »Wach auf dort! Mord!«

Er bewegte einen seiner mageren Arme langsam, bis er auf seiner Kehle ruhte, schauderte ein wenig, und drehte sich auf seinem Stroh. Dann verließ der Arm seine Kehle, seine Hand streckte sich aus, und griff nach der Seite, auf die er sich gedreht hatte, wie wenn er sich einbildete, nach dem Rand von etwas zu greifen. Ich sah, wie sich seine Lippen bewegten und beugte mich zu ihm weiter herunter.

»Hellgraue Augen«, murmelte er, »und ein herabhängendes Augenlid am linken Auge; flachsfarbenes Haar, mit einer goldgelben Strähne darin – ganz recht, Mutter – schöne weiße Arme, mit Flaum auf ihnen – die Hand einer kleinen Dame, mit einem rötlichen Schimmer unter den Fingernägeln. Das Messer – immer das verfluchte Messer – erst auf der einen Seite, dann auf der anderen. Aha! Du Teufelin, wo ist das Messer?«

Bei den letzten Worten erhob sich seine Stimme und er wurde plötzlich unruhig. Ich sah ihn auf seinem Streu erschaudern; sein verwelktes Gesicht wurde verzerrt und er warf beide Hände mit einem flüchtigen hysterischen Keuchen hoch. Sie schlugen gegen den Boden des Futtertrogs, unter dem er lag, und der Stoß weckte ihn auf. Ich hatte gerade Zeit, durch die Tür zu schlüpfen und sie zu schließen, bevor seine Augen ganz offen waren und er wieder bei Sinnen war.

»Wissen Sie irgendetwas über das vergangene Leben des Mannes?« fragte ich den Wirt.

»Ja, Sir, ich weiß ganz gut Bescheid darüber«, war die Antwort, »und eine ungewöhnlich sonderbare Geschichte ist es. Die meisten Leute glauben sie nicht. Aber trotz allem ist sie wahr. Nun, schauen Sie ihn sich einfach an«, sagte der Wirt und öffnete wieder die Stalltür. »Armer Teufel! Er ist so erschöpft von seinen schlaflosen Nächten, dass er schon wieder in den Schlaf zurückgefallen ist.«

»Wecken Sie ihn nicht«, sagte ich; »ich habe keine Eile wegen der Kutsche. Warten wir, bis der andere Mann von seinem Botengang zurückkehrt; und in der Zwischenzeit unterstellen wir mal, dass ich ein Mittagessen und eine Flasche Sherry zu mir nehme und nehmen wir an, Sie kommen und helfen mir, es zu Ende zu bringen?«

Das Herz meines Gastgebers erwärmte sich, wie ich erwartet hatte, gegen mich über seinem eigenen Wein. Er war bald bezüglich des Themas des im Stall schlafenden Mannes gesprächig, und allmählich erfuhr ich von ihm die ganze Geschichte. So extravagant und unglaublich die Ereignisse jedem erscheinen müssen, sind sie hier doch genau so erzählt, wie ich sie gehört habe und genau so, wie sie passiert sind.




Kapitel II


Vor einigen Jahren lebte in den Vororten einer großen Hafenstadt an der Westküste von England ein Mann in bescheidenen Umständen, namens Isaac Scatchard. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nahm er jede Arbeit, die er als Stallknecht bekommen konnte, an, und gelegentlich, wenn es die Zeit gut mit ihm meinte, hatte er vorübergehende Anstellungen im Dienst als Stallgehilfe in Privathäusern. Obwohl er ein gewissenhafter, zuverlässiger und ehrlicher Mann war, kam er in seinem Beruf schlecht voran. Sein Unglück waren im wahrsten Sinne seine Mitmenschen. Er verpasste immer gute Gelegenheiten ohne eigenes Verschulden, und lebte immer am längsten unter dem Dienst von liebenswürdigen Leuten, die die Löhne ihrer Angestellten nicht pünktlich zahlten. »Der Unglückliche Isaac« war sein Spitzname in seiner eigenen Umgebung, und keiner konnte sagen, dass er ihn nicht wohl verdiente.

Mit weit mehr als eines Mannes angemessenem Anteil von Elend, den er ertragen musste, hatte Isaac nur einen Trost und dies war einer von der trostlosesten und negativsten Art. Er hatte keine Frau und keine Kinder, um seine Sorgen zu vergrößern und sie zu der Verbitterung über seine verschiedenen Fehlschläge im Leben hinzuzufügen. Es mag bloße Gleichgültigkeit gewesen sein oder es mag von einem selbstlosen Widerwillen hergerührt haben, jemand anderen in sein unglückliches Schicksal mit einzubeziehen, aber Tatsache war unzweifelhaft die, dass er in der Mitte seines Lebens angekommen war, ohne zu heiraten und, was viel bemerkenswerter ist, ohne sich von achtzehn bis achtunddreißig einmal der wohltuenden Zuschreibung auszusetzen, jemals ein Liebchen gehabt zu haben.

Wenn er außer Dienst war, lebte er allein bei seiner verwitweten Mutter. Mrs. Scatchard war eine Frau, die überdurchschnittlich in ihrer niederen Stellung war, was Fähigkeiten und Manieren betraf. Sie hatte bessere Tage gesehen, wie man sagt, aber sie bezog sich nie auf sie in Gegenwart neugieriger Besucher; und obwohl sie vollkommen höflich gegenüber jedem war, der sich ihr näherte, pflegte sie nie irgendwelche Vertrautheiten mit ihren Nachbarn. Sie verstand es, für ihre einfachen Wünsche zu sorgen, kaum genug, indem sie rauhe Arbeit für die Schneider machte, und schaffte es immer, ein anständiges Zuhause für ihren Sohn bereitzuhalten, wenn er zurückkehrte, wann immer sein Pech ihn hilflos in die Welt hinausjagte.

Eines trostlosen Herbstes, als Isaac bald auf die vierzig zuging, und als er wie gewöhnlich aus unverschuldetem Grund keine Anstellung mehr hatte, machte er sich von der Hütte seiner Mutter auf zu einem langen Spaziergang landwärts zu dem Sitz eines Gentleman, von dem er gehört hatte, dass dort ein Stallgehilfe gesucht würde.

Es waren nur zwei Tage bis zu seinem Geburtstag und Mrs. Scatchard, ließ ihn, bevor er losging, mit ihrer üblichen Zuneigung versprechen, dass er rechtzeitig zurück sein würde, um das Jubiläum mit ihr zu feiern, so festlich, wie es ihre ärmlichen Mittel erlauben würden. Es war ihm leicht, diesem Gesuch nachzugeben, selbst wenn er annahm, dass er eine Nacht auf Hin- und Rückweg auf der Straße schlafen würde.

Er würde von daheim am Montagmorgen losgehen und, ob er die neue Stelle bekam oder nicht, würde er zu seinem Geburtstagsmittagessen am Mittwoch um zwei Uhr zurück sein.

Da er an seinem Ziel montags zu spät des Nachts ankam, um sich für die Stelle des Stallgehilfen vorzustellen, schlief er im Dorfgasthaus, und stellte sich zu früher Stunde im Haus des Gentleman vor, um die offene Stelle zu besetzen. Wieder verfolgte ihn hier sein Pech so unerbittlich wie immer. Die ausgezeichneten, geschriebenen Zeugnisse seines Charakters, die er vorzeigen konnte, nützten ihm nichts; sein langer Weg war vergeblich gewesen: gerade am Tag zuvor war die Stelle des Stallgehilfen einem anderen Mann gegeben worden.

Isaac akzeptierte seinen neuen Fehlschlag schicksalsergeben und als Selbstverständlichkeit. Von Natur aus langsam im Auffassungsvermögen, hatte er eine Veranlagung von Stumpfheit von Empfindungsvermögen und phlegmatischer Geduld, die häufig Männer mit träge-arbeitenden mentalen Kräften kennzeichnet. Er dankte dem Verwalter des Gentleman mit seiner üblichen ruhigen Höflichkeit dafür, ihm ein Gespräch gewährt zu haben, und verließ ihn ohne Anschein von der üblichen Gedrücktheit in seinem Gesicht und seinen Mienen.

Bevor er sich auf die Heimreise machte, zog er einige Erkundigungen im Gasthaus ein, und versicherte sich, dass er sich einige Meilen Weges sparen konnte auf seinem Rückweg, wenn er der neuen Straße folgte. Mit genauen Anweisungen wie zu den verschiedenen Abbiegungen, die er nehmen musste, ausgestattet, die mehrere Male wiederholt worden waren, trat er seine Heimreise an und lief den ganzen Tag in einem fort mit nur einer Unterbrechung, um Brot und Käse zu sich zu nehmen. Gerade, als es dunkel wurde, kam Regen und der Wind begann sich zu erheben, er befand sich zu allem Übel in dem Teil des Landes, mit dem er überhaupt nicht vertraut war, obwohl er wusste, dass er ungefähr fünfzehn Meilen von daheim entfernt war. Das erste Haus, das er fand, um anzufragen, war ein einsames Gasthaus am Straßenrand, das am Rand eines dichten Waldes stand. So einsam der Ort auch aussah, so war er einem verlorenen Mann, der hungrig, durstig, fußkrank und nass war, willkommen. Der Wirt war höflich und sah anständig aus und der Preis, den er für ein Bett verlangte, war ganz vernünftig. Isaac entschied daher, für diese Nacht im Gasthaus zu rasten.

Er war von Natur aus ein gemäßigter Mensch.

Sein Abendessen bestand aus zwei Speckstreifen, einer Scheibe hausgemachtem Brot und einem Pint Ale. Nach diesem bescheidenen Mahl ging er nicht sofort zu Bett, sondern blieb noch auf und saß bei dem Gastwirt, sprach über seine schlechten Aussichten und seine lange Pechsträhne und wich von diesem Thema zu dem Gegenstand von Pferdefleisch und Rennen. Weder von ihm selbst, seinem Gastgeber, oder den wenigen Arbeitern, die sich in die Schankstube verirrten, wurde etwas gesagt, was im geringsten Grade die sehr geromge und sehr schwerfällige phantasievolle Vorstellungskraft, die Isaac Scatchard besaß, anregen konnte.

Kurz nach elf Uhr wurde das Haus geschlossen. Isaac ging mit dem Wirt herum und hielt die Kerze, während die Türen und die unteren Fenster abgeschlossen wurden. Er bemerkte überrascht die Stärke der Bolzen und Riegel als auch die eisenummantelten Fensterläden.

»Sehen Sie, wir sind ziemlich einsam hier«, sagte der Wirt. »Es gab bis jetzt nie Versuche, hier einzubrechen, aber es ist immer gut, auf der sicheren Seite zu sein. Wenn hier niemand schläft, bin ich der einzige Mann im Haus. Meine Frau und meine Tochter sind ängstlich und das Dienstmädchen kommt nach ihren Herrinen. Noch ein Glas Ale, bevor Sie zu Bett gehen? Nein! Nun, dass ein so nüchterner Mann wie Sie keine Stelle mehr hat, ist mehr, als ich zum Beispiel verstehen kann. Hier ist es, wo Sie schlafen können. Sie sind unser einziger Schlafgast heute Nacht und ich denke, Sie werden sagen, meine bessere Hälfte hat ihr bestes getan, um es ihnen angenehm zu machen. Sie sind ganz sicher, dass Sie nicht noch ein Glas Ale haben möchten? Also gut. Gute Nacht.«

Es war halb zwölf auf der Uhr im Flur, als sie hinauf ins Schlafzimmer gingen, dessen Fenster zum Wald hinausging, welcher auf der Rückseite des Hauses lag.

Isaac verschloss die Tür, stellte seine Kerze müde auf die Kleiderkiste und machte sich bereit, ins Bett zu gehen.

Der trübe Herbstwind blies noch immer, und sein düsteres, monotones, wogendes Stöhnen im Wald war trostlos und schrecklich anzuhören in der Stille der Nacht. Isaac fühlte sich seltsamerweise schlaflos.

Er beschloss, die Kerze brennen zu lassen, als er sich ins Bett legte, bis er begann, sich schläfrig zu fühlen, denn es war etwas unerträglich Bedrückendes in dem bloßen Gedanken, wach in der Dunkelheit zu liegen und auf das düstere, endlose Stöhnen des Windes im Wald zu hören.




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