Baas Gansendonck
Hendrik Conscience




Hendrik Conscience

Baas Gansendonck











Erinnerung


In einem Dorfe zwischen Hoogstraten und Calmpthout in den Antwerpener Kempen wohnte Peer Gansendonck, der Baas der Wirthschaft zum Heiligen Sebastian.

Ich habe ihn gekannt nach 1830, als ich Soldat war; aus jener Zeit weiß ich aber Nichts mehr von ihm, als nur, daß er weder Soldaten noch Bauern leiden konnte und am Liebsten mit Officieren zu thun hatte; auch war er außerordentlich aufgebracht gegen den Bürgermeister, weil dieser den Capitain der Compagnie in seine eigene Wohnung genommen, die anderen drei Officiere zu dem Baron, dem Notar und dem Doctor gelegt und ihm, Peer Gansendonck, Niemanden zu beherbergen gelassen als den Sergant-Major, Euren gehorsamsten Diener.

Ich erinnere mich auch, daß ich meine müßigen Stunden oft damit ausfüllte, allerlei hübsches Spielzeug für Lieschen, das fünfjährige Töchterchen des Baas Gansendonck, zu verfertigen. Das Kind kränkelte und schien sich auszuzehren; aber es war etwas so Liebliches in seinen engelhaften Aeugelchen, etwas so Reines in einem marmornen Gesichtchen, so süß Klagendes in einem silbernen Stimmchen, daß ich eine Art von Glück darin fand, das kranke Lämmchen durch Spiel, Gesang und Erzählungen zu trösten und zu erquicken.

Wie bitterlich weinte Lieschen, wie rollten ihm die Thränen über die Wangen, als die Trommeln zum letzten Male Lebewohl! wirbelten und sein guter Freund, der Sergeant-Major, mit dem Tornister auf dem Rücken, dort marschfertig stand, um für immer fortzuziehen! Aber solche Eindrücke verschwinden so schnell aus dem jungen Gemüth. Seitdem habe ich nie mehr an das kleine Lieschen gedacht, und das Kind hat mich ohne Zweifel ebenso ganz und gar vergessen.

Vor Kurzem führten mich meine Streifzüge durch die Kempen wieder zum ersten Male in dasselbe Dorf. Ich betrat es ohne Vorgefühl, ohne die geringste Erwartung.

Kaum hatte jedoch mein Inneres das Bild der Kirche, der Häuser und der Bäume in sich aufgenommen, als ein Lächeln der Ueberraschung auf mein Gesicht trat und die Brust mir von froher Rührung schwoll. Ganz besonders war es der Anblick des alten Schildes über der Thür des Wirthshauses, der mir das Herz klopfen machte . . . Erschüttert senkte ich den Kopf und blieb eine Weile unbeweglich stehen, um den Strom jugendlicher Erinnerungen zu genießen, der wie eine warme wohlthätige Fluth mir durch das Haupt wogte.

Wie muß in der Jugend unsere Seele doch lieben und kräftig sein, daß die Alles, was sie umringt, auf immer in sich aufnimmt und in eine unvergängliche Wolke der Neigung hüllt! Menschen, Bäume, Häuser, Worte, Alles, lebend oder leblos, wird ein Theil unseres eigenen Wesens; an jeden Gegenstand heften wir eine Erinnerung, die so schön und so süß ist, wie unsere Jugend selbst. Unsere Seele fließt über von Kraft; sie sprüht Funken und Blitze ihres Lebens über alles Geschaffene, und während wir unaufhaltsam dem Glücke entgegenjauchzen, das uns, Kinder oder Jünglinge, in der unbegrenzten Zukunft erwartet, jubelt und singt Alles in der Natur einstimmig mit uns.

Ach! wie liebe ich die Weide, die Linde, den Pachthof die Kirche, und alle anderen Dinge, die mich grüßten, als die Rosen der Jugend und die Lilien reiner Lebenspoesie mir das Haupt schmückten! Sie haben genossen, was ich genoß; ich sah die üppig grünen, blühen und lachend im Sonnenschein glänzen, als ich fröhlich war und muthwillig dahinzog auf der unbekannten Bahn menschlicher Bestimmung. Sie sind meine alten Spielkameraden, meine Genossen; Jedes von ihnen ruft mir etwas Angenehmes, etwas Entzückendes zu; sie reden die Sprache meines Herzens; die feinsten Saiten meiner Seele klingen wieder mit jugendlicher Kraft bei ihrem Rufe … und in stiller frommer Rührung danke ich dem Herrn, daß er selbst in dem erstarrten Herzen des abgemüdeten Menschen noch den süßen Brunnen der Erinnerung fließen läßt.

Vor der Thüre des alten Wirthshauses stehend, war ich ganz in bessere Zeiten zurückgezaubert. Ich sah meine Kameraden, meine Officiere wieder; die Trommel wirbelte in der Ferne; ich hörte das mächtige Commando-Wort erschallen, hörte den fortziehenden Kriegsgesang über den Häusern verhallen und das Jägerhorn im Lindenlaub tönen . . . Aber zwischen Allem erschien mir noch klarer und frischer Lieschens ruhiges Engelbild, das mir aus der Vergangenheit zulachte.

Der Gedanke des Menschen eilt schneller durch die Welt der Ideen, als der Blitz durch den Raum des Himmels. Nur eine Minute ungefähr hatte ich so gerührt dagestanden, und schon waren fünf schöne Monate meines Lebens in voller Klarheit vor meinen Augen vorübergezogen.

Mit großem Verlangen und fröhlichem Antlitz schritt ich auf das Wirthshaus zu – ich werde Lieschen sehen, sie wird mich nicht erkennen, ich weiß es wohl, denn das Kind muß jetzt ein schönes Weib geworden sein; ihr Anblick wird mich aber doch erfreuen; sie war kränklich und leidend; vielleicht liegt sie in der Erde auf dem stillen Friedhof. Fort mit diesem häßlichen Gedanken, den die kalte Vernunft mitten unter meine warmen Erinnerungen wirft!

Aber wie ist es mir hier fremd und trübe im heiligen Sebastian. Alles hat sich verändert, Menschen und Dinge. Wo ist Baas Gansendonck? Wo ist Lieschen? Wo der Einschiebtisch, auf welchem ich mit meinen Cameraden um so manche Kanne Bier spielte? Alles ist verschwunden!

Armes Lieschen! ich sehe noch die Ecke am Fenster, wo du mit deinem Köpfchen auf dem Schooß deiner Mutter ruhtet, wo ich dich so erfreute mit dem Wagen von Karten, den vier Maikäfer zogen, wo dein müder Blick wie ein Gebet mir dankte für meine Freundschaft! Ich hatte das Alles so ganz und gar vergessen, ich wußte nicht einmal mehr, daß ich einst in diese Gegend gekommen war; aber jetzt springt aus jedem Dinge ein Bild, eine Stimme hervor; ich sehe, ich höre Alles wieder; Alles wird jung und lachend; – selbst mein Herz, das zu der harmonischen Uebereinstimmung mit dieser bekannten und geliebten Umgebung zurückkehrt.

Süß Lieschen! wer würde damals gesagt haben, daß ich einst deine Geschichte meinen Landsleuten erzählte, wie ich früher dein Herz durch Kindergeschichten erfreute! Das Leben gleicht einem jener Riesenströme Amerikas, welche eine Zeitlang friedlich zwischen lachenden Ufern dahin fließen, aber dann plötzlich sich von einem hohen Berge herabstürzen und in brausenden Wogen stürmisch und vernichtend fortrollen. Der Mensch ist ein Strohhalm, der auf dem Strome dahinfließt; die stille Fahrt zwischen den blühenden Ufern ist die Jugend, der brausende Wasserfall, der tobende Strom die menschliche Gesellschaft, in die der Einzelne wie ein Strohhalm geschleudert wird. Er fällt, er geht zu Grunde, er erhebt sich wieder, er taucht von Neuem Unter; er wird gefoltert, gequetscht, zerschmettert, abgenutzt. – Wer kann wissen, an welches Ufer der arme Strohhalm geworfen wird!




I.

Wenn Nichts mit Etwas sich verflicht

Kennt sich das Etwas selber nicht


Baas Gansendonck war ein sonderbarer Mann. Obwohl von den niedrigsten Dorfbewohnern herstammend, hatte er sich doch schon früh eingebildet, daß er aus viel edlerem Stoffe gemacht sei, als die anderen Bauern, daß er allein weit mehr wisse, als ein ganzer Haufe Gelehrter zusammen, daß die Gemeineangelegenheiten in Verwirrung geriethen und den Krebsgang gingen, bloß weil er mit seinem Verstande nicht Bürgermeister sei, und viele andere Dinge dieser Art.

Und doch kann der arme Mann weder lesen noch schreiben und hat von den meisten Dingen sehr wenig vergessen . . . aber er hatte ja viel Geld.

In dieser Hinsicht wenigstens glich er vielen vornehmen Leuten, deren Verstand auch in einer Kiste hinter dem Schlosse liegt, oder deren Weisheit für fünf Prozent Zinsen ausgeliehen, ihnen jährlich mit diesen Zinsen von Neuem in den Kopf kommt.

Die Bewohner des Dorfes, täglich durch die Einbildung von Baas Gansendonck beleidigt, hatten allmälig einen tiefen Haß gegen ihn gefaßt, und nannten ihn spottweise den Blaeskaek (den Prahlhans).

Der Baas oder Wirth zum heiligen Sebastian war Wittwer und hatte nur ein einziges Kind. Es war eine Tochter von achtzehn oder neunzehn Jahren, schwach und bleich, aber so zart und fein von Gesicht, so lieblich und anmuthig von Charakter, daß sie die Augen vieler jungen Männer auf sich zog. Ihr Vater, in seiner Thorheit, hielt sie für viel zu gut, zu gebildet und zu schön um sich mit einem Bauernsohn zu verheirathen. Er hatte sie auf einige Jahre in eine berühmte Erziehungsanstalt gethan um dort Französisch und feine Manieren zu lernen wie sie sich für ihre hohe Bestimmung geziemten.

Glücklicher Weise war Lisa, oder Lieschen wie die Bauern sie nannten, eben so einfach zurückgekehrt, obwohl dort allerdings der Same der Eitelkeit und des Leichtsinns, wenn auch nur in geringem Maaße, in ihren Geist gestreut worden; aber die natürliche Reinheit ihres Herzens ließ die gefährlichen Keime nicht aufkommen, während ihre jungfräuliche Unschuld, selbst den Anzeichen derselben etwas Reizendes verlieh, das Alles an ihr liebenswürdig machte.

Wie gewöhnlich hatte sie nur eine halbe Erziehung bekommen; sie verstand ziemlich gut Französisch, sprach es jedoch unvollkommen. Dagegen konnte sie sehr fertig sticken, bunte Pantoffeln und Ruhekissen machen, mit Perlen stricken, Blumen in Papier ausschneiden, äußerst freundlich guten Tag sagen, sich neigen und verbeugen, sehr kunstreich tanzen und viele andere Liebhabereien mehr, die zu dem Bauernhause ihres Vaters paßten, wie, mit dem Sprichwort zu reden, ein Spitzenkragen zu dem Hals einer Kuh.

Von Kindheit an war Lisa dazu bestimmt worden, sich mit Karl, dem Sohn des Brauers, einem der schönsten jungen Männer weit und breit, zu verheirathen. Er war für einen Dorfbewohner sehr wohlhabend und recht gebildet, da er einige Jahre das Gymnasium zu Hoogstraten besucht hatte.

Das Studieren hatte ihn indessen wenig verändert; er liebte die zwanglose Freiheit des Landlebens, war fröhlich wie ein Vogel, trank und sang ehr- und tugendsam mit Jedermann, voller Lebenslust und benahm sich gegen jeden Bekannten als ein wackerer Freund und Kamerad.

Wegen des frühzeitigen Todes seines Vaters hatte er das Gymnasium verlassen, um seiner Mutter bei der Verwaltung der Brauerei behilflich zu sein und die gute Frau dankte täglich Gott, daß er ihr einen so braven Sohn zu ihrem Troste gelassen, denn einen fleißigeren und ordentlicheren Jüngling fand man wirklich nicht.

Nur in Lisas Gegenwart verlor Karl seine Unbefangenheit, und versank in poetisches unbestimmtes Träumen. Bei dem geliebten Mädchen sitzend, wurde er mit ihm zum Kinde, fand Vergnügen an dessen unbedeutenden Beschäftigungen und fügte sich mit frommem Gehorsam in ihre geringsten Wünsche; sie war so zart, so schwach, aber dabei auch so sehr schön, eine Braut. Auch behandelte er, der starke, muthige Jüngling das zierliche Wesen mit solcher Eifersucht, Nachgiebigkeit und ängstlicher Sorgfalt, als habe man ihm das Leben einer hinwelkenden Blume anvertraut.

Fünf oder sechs Monate lang hatte Baas Gansendonck nichts Böses darin gefunden, daß seine Tochter Karls Frau wurde. Sein Hochmuth ward allerdings nicht ganz dadurch befriedigt; da jedoch ein reicher Brauersohn, nach einer Meinung wenigstens kein Bauer war, hatte er ein längst gegebenes Wort nicht brechen wollen und sogar eingewilligt, daß man Alles für die bevorstehende Hochzeit anordne und bereit halte.

Die Angelegenheit der jungen Leute fand also ziemlich gut, – da starb der unverheirathete Bruder des Baas Gansendonck an einem hitzigen Fieber und hinterließ eine schöne Erbschaft, die bald nachher im Wirthshause zum heiligen Sebastian, in klingender Münze mit anderen Geldsäcken vereinigt wurde.

Peer Gansendonck theilte mit vielen anderen Leuten die Meinung, daß der Verstand, der Werth und die Vortrefflichkeit des Menschen allein nach dem Gelde, das er besaß, gemessen werden dürften, und obwohl er kein Englisch konnte, war er doch ganz von selbst auf den erhabenen englischen Gedanken gekommen, daß die Frage: »Wie viele Pfund Silber wiegt der Mann?« Alles abthut und unwiderleglich beantwortet, nach dem altvlämischen Volksreim:

		Das Geld, das stumm ist,
		Macht recht, was krumm ist,
		Und klug, was dumm ist.

Es versteht sich von selbst, daß durch eine solche Lebensweisheit ein Hochmuth oder richtiger seine Verrücktheit noch größer geworden war als sein Vermögen. Er schätzte sich nun wenigstens gleich mit dem Herrn Baron im Dorf, denn er bildete sich ein, eben so viele Pfund zu wiegen wie der adelige Gutsbesitzer.

Seit diesem Tage nun rappelte es dem Baas Gansendonck noch mehr im Oberstübchen und er hielt sich für einen der ersten Männer im Lande. Oft träumte ihm die ganze Nacht, er sei von vornehmem Geschlecht, und selbst am Tage zogen ihm liebkosende Gedanken unaufhörlich durch Kopf. Um die Gegenprobe dieser eingebildeten Vortrefflichkeit zu machen, bemühte er sich zu Zeiten, herauszubringen welcher Unterschied zwischen ihm und einem Edelmanne sein möchte, aber fand wirklich keinen.

Sein Gewissen sagte ihm zwar dann und wann, er sei zu alt, um noch Französisch lernen oder seine Lebensweise gänzlich zu ändern und in höhere Kreise der Gesellschaft zu treten, indessen, wenn er das auch nicht mehr konnte, so sollte doch seine Tochter höher steigen und sich mit dem ersten besten Baron verheirathen. – Welche selige Gewißheit für Baas Gansendonck! Ehe er stürbe, würde er noch das Vergnügen haben, eine Lisa Frau Baronin nennen zu hören! Er selbst würde Großvater einiger Barönchen sein!

Deshalb nun fing die Liebe Karls des Brauers an, ihm gewaltig im Kopfe herumzugehen und er betrachtete in seinem Gemüthe den lustigen jungen Mann als ein Hinderniß für die Zukunft seiner Tochter. Bereits hatte er in Lisa‘s Gegenwart sich über Karl mit bissiger Geringschätzung geäußert und Dinge gesagt, welche das arme Kind so verletzten, daß es zum ersten Male in seinem Leben trotzig seinem Vater widersprach und dann wohl zwei Stunden lang bittere Thränen vergoß.

Um seine Tochter nicht zu betrüben gab er jeden direkten Angriff hinsichtlich der Liebe des Brauers auf, aber er beschloß die Hochzeit so lange zu verschieben, bis die Zeit Lisa die Binde von den Augen nähme und sie sich selbst überzeugte, Karl sei nur ein grober Bauer gleich allen Anderen.




II.

Deß Brod ich esse

Deß Lied ich singe


Auf dem Hofe der Wirthschaft zum heiligen Sebastian, waren die Dienstboten und Tagelöhner, bereits seit Tagesanbruch mit der gewöhnlichen Arbeit beschäftigt. Trees, die Kuhmagd stand am Brunnentrog und wusch Rüben für das Vieh; in der offenen Scheune hörte man das taktmäßige Niederschlagen der Dreschflegel; der Stallknecht fang ein rohes Lied und striegelte die Pferde.

Ein Mann allein wandelte sorglos auf und ab, rauchte seine Pfeife und blieb dann und wann stehen um der Arbeit der Anderen zuzuschauen. Er war auch wie ein Tagelöhner gekleidet, und trug eine Jacke und Holzschuh. Obwohl sein Gesicht in voller Ruhe träge Gleichgültigkeit beurkundete, blickte doch eine gewisse Schlauheit und Arglist aus seinen Augen. Uebrigens sah man deutlich an seinen glänzenden Wangen und seiner rothen Nase, daß er an einem fetten Tische saß und den Weg zum Keller kannte.

Die Kuhmagd ließ ihre Rüben stehen und ging nach der Scheune, wo die Drescher eben neue Garben spreiteten und die Gelegenheit benutzten zwischen der Arbeit ein Bisschen zu plaudern. Der Mann mit einer Pfeife war dabei.

– »Kobe, Kobe!« – rief die Kuhmagd ihm zu – »Ihr habt den rechten Brief gefunden. Wir plagen uns zu Tode vom Morgen bis zum Abend und bekommen statt des Lohns Schelte an den Kopf. Ihr habt den Wind von hinten; Ihr geht spazieren, raucht Euer Pfeifchen, seid der Freund des Baas, bekommt die fettesten Bissen. Ihr müßt sagen, daß Euer Brod in den Honig fallen ist, das Sprichwort hat Recht: Menschen äffen ist nur eine Gewohnheit.«

Kobe lachte schelmisch und antwortete:

–»Haben ist haben und Bekommen ist die Kunst; das Glück fliegt, der es fängt, der hat es.«

– »Schmeicheln ist Heucheln und Fuchsschwänzen ist scherwenzen«, murrte einer der Tagelöhner bissig.—

– »Worte sind keine Messer«, – lachte Kobe. »Jeder ist auf der Welt um dem Sohn eines Vaters Gutes zu thun und wer was findet, hebe es auf.«

– »Ich würde mich schämen« – rief der erzürnte Arbeiter – es ist keine Kunst aus fremdem Leder Riemen schneiden, und ein Ferkel wird auch gemästet ohne daß es arbeitet.

– »Dem einen Hund thuts Leid daß der Andere in die Küche geht,« – spottete Kobe. – »Ungleiche Schüsseln machen böse Brüder, aber besser Neider als Mitleider. Und da der Mensch auf dieser Welt doch einmal sitzen muß, setze ich mich lieber auf Kissen als auf Dornen.«

– »Schweig, Schmarotzer, und bedenke daß es unser Schweiß ist von dem Du so fett wirst.«

– »Titje, Titje, warum so verbissen auf mich? Du kannst nicht vertragen daß die Sonne auf meinen Teich scheint. Kennst Du denn das Sprichwort nicht: er gegen einen Andern hat Neid, zerfrißt sein Herz und verspillt sein Zeit? – Wenn ich etwas weniger bekäme, bekämst Du darum mehr? Bin ich hochmüthig? Thu' ich Böses? Im Gegentheil, ich steck' es Euch, wann der Baas kommt und schieb Euch immer eine gute Kanne Bier in das Kellerloch. Du suchst, wo man's nicht verloren hat, Titje.« —

– »Ja, ja, wir kennen. Deine Mildthätigkeit. Du bist wie der Pastor, der segnete Jedermann, aber sich selbst zuerst.«

– »Er hat Recht, und ich auch: wer dem Altar dient lebt vom Altar.«

– »Das ist wahr« – rief ein anderer Arbeiter – »Kobe ist ein guter Kerl und ich wollte, ich steckte in seinen Schuhen; dann würde ich auch mein Brod verdienen, indem ich den Krähen Rauch zu bliese; ist das Bäuchlein voll, hat das Herzlein Ruh.«

– »Ja, dicker Bauch, schlafende Füße; – voller Kropf, toller Kopf.«

– »Laß sie nur schwatzen, Kobe. Jeder kann nicht einen schönen Stern am Himmel haben, und ich sage daß Du viel Verstand hast!«

– »Nicht mehr Verstand als der Pilz dort am Kirschbaum« – sagte Kobe mit erheuchelter Bescheidenheit.

Alle blickten verwundert auf einen großen Baumschwamm der zwischen den schwersten Aesten des Kirschbaums wuchs. Eben so rasch wandten sie sich zu Kobe, um von ihm wie gewöhnlich, eine schalkhafte Erklärung zu erhalten.

– »Oho« – rief die Kuhmagd – »nicht mehr Verstand als der Pilz da – dann müßt Ihr ja ein schrecklicher Lump seyn.«

»Das kennt Ihr nicht, Mieken. – Was sagt das Sprichwort. Das Arbeiten ist für Dummköpfe. – Ich thue Nichts, also? . . . «

»Aber was hat der Pilz damit zu thun?«

»Seht Ihr, es ist ein Räthel: der schöne große Kirschbaum ist unser Baas. —

»O, Ihr Fuchsschwänzer!« – rief die Magd.

»Und ich bin der arme demüthige Pilz . . . «

»Scheinheiliger!« murrte der aufgebrachte Tagelöhner.

– »Wenn Ihr das rathen könnt, so wißt Ihr was kleine Hunde thun müssen um mit den großen aus derselben Schüssel zu essen, ohne gebissen zu werden.«

Kobes Absicht war, sie noch länger mit seinen doppelsinnigen Worten zu plagen, aber er hörte die Stimme des Baas drinnen im Hause und sagte zu den Arbeitern, während er seine Pfeife einsteckte:

– »Laßt die Bauern nur dreschen, Jungen! Unser braver, freundlicher Baas kommt um zu sehn, ob das Werk gut von Statten geht.«

– »Wir bekommen unsern Morgenimbiß; das wird wieder kein kleines Geschrei geben!« – rief die Kuhmagd und lief nach dem Brunnentrog.

– »Wenn er mich wieder anschnauzt und wie gestern, Tagedieb und Bauerlümmel schimpft, so werfe ich ihm den Dreschflegel an den Kopf!« – sagte einer der Tagelöhner voll Zorn.

»Als der Krug mit dem Stein fechten wollte, ging er bei dem ersten Stoß entzwei!« – spottete Kobe.

»Was mich betrifft, so lache ich über sein Schelten und lasse ihn ruhig toben;« – bemerkte ein Zweiter.

»Das ist das Beste,« – fiel ihm Kobe in die Rede – »sperrt die Ohren weit auf, dann fliegt es hier herein und dort hinaus. Der Baas muß doch was haben für sein Geld! Gebt ihm Recht und thut, was er sagt.«

– »Thun was er sagt, und wenn man das nicht kann?«

– »So gebt ihm doch Recht und thut es nicht, – oder besser, sagt Nichts und haltet Euch als ob Ihr weder von tuten noch von blasen etwas wüßtet; denkt, aß Schweigen nicht verbessert werden kann.«

– »Alle Menschen sind Menschen. Ich spotte über eine Barschheit. Er soll nur anfangen, ich will ihm auch ein Mal die Zähne zeigen. Er hat nicht das Recht, mich wie ein Vieh zu behandeln, wenn ich auch nur ein Tagelöhner bin.«

– »Es ist wohl wahr, was Du sagst, und doch trifft Du daneben, Driesken,« – bemerkte Kobe – »Jeder muß seinen Platz in der Welt kennen. Was lehrt das Sprichwort? Bist Du Amboß, dulde wie ein Amboß, bist Du Hammer, schlage wie ein Hammer. Obendrein bringt ein kleines gutes Wort großen Aerger. Und willst Du es besser haben, so bedenke daß es nicht möglich ist mit Essig Fliegen oder mit Trommeln Hasen zu fangen . . . «

– »Kobe, Kobe!« – rief eine Stimme drinnen mit hörbarer Ungeduld.

– »Nun seht, seht, wie er die Heuchlerfratze zieht!« – spottete ein anderer Drescher.

– »Das ist gerade die Kunst, die Ihr nie lernen werdet,« – antwortete Kobe. – Sich darauf dem Hause zuwendend, rief er mit bittendem Tone, als sei er erschrocken:

»Ich komme, ich komme, lieber Baas! Werdet nicht böse, ich fliege, da bin ich schon!«

»Der gewinnt sich ein Brod damit, daß er den Schooßhund macht!« – murrte der erzürnte Tagelöhner verächtlich – da dresch' ich doch lieber mein Leben lang! Das ist so Einer der mit allen Wassern gewaschen ist.« —

»Er hat zehn Jahr lang gedient, da lernt man den Unschuldigen im Stücke spielen, um so wenig wie möglich zu thun. Nachher ist er Herren-Knecht geworden, dabei kriegt man auch keine Schwielen in den Händen. – Aber welch ein artig Räthsel gab er uns auf? Versteht Ihr was er meint?«

– »O das ist leicht zurathen« – antwortete der Erste – »er will damit sagen, daß er dem Baas auf dem Nacken sitzt und ihn aussaugt, wie der Pilz den Kirschbaum. – Kommt, kommt, laßt uns nun nur weiter dreschen!«




III.

Kaisers Katz' ist seine Nicht;

Große Latern' doch kleines Licht


»Nun denn, Kobe!« – fragte Baas Gansendonck seinen Knecht, – »wie seh ich aus mit der neuen Mütze?« —

Der Knecht trat zwei Schritt zurück und rieb sich die Augen wie Jemand, der sich über etwas Unglaubliches wundern muß.

»O Baas!« – rief er, – »sagt es recht heraus, seid Ihr es wirklich? Ich glaubte den Herrn Baron vor mir zu sehn. – Aber heiliger Gott, wie kann das sein? Hebt Euern Kopf etwas in die Höhe. Baas, Baas, dreht Euch einmal herum; geht einmal vorwärts Baas. – Seht Ihr, Ihr gleicht dem Herrn Baron wie ein Tropfen Wasser dem . . . «

»Kobe! – fiel ihm der Baas mit verstelltem Ernst in die Rede – »Du willst mir schmeicheln, das habe ich nicht gern.«

– »Das weiß ich, Baas!« – antwortete der Knecht.

– »Es giebt wenige Menschen die minder Hochmuth haben als ich, wenn sie gleich aus Neid sagen, daß ich hoffärtig sei, weil ich die Bauern nicht leiden kann.«

»Ihr habt Recht, Baas. – Nun, ich zweifle aber doch noch, ob Ihr nicht der Baron seid?«

Die Freude strahlte aus Baas Gansendoncks Augen; den Kopf hintenüber werfend und in stolzer Haltung dastehend, betrachtete er lächelnd den Knecht, welcher fortfuhr allerlei Geberden der Verwunderung zu machen.

Kobe hatte seinen Herrn nicht ganz hintergangen. Im Aeußeren, und ein dummes Gesicht nicht in Betracht gezogen, war Baas Gansendonck dem Baron sehr ähnlich. Kein Wunder, denn seit mehreren Monaten bereits hatte er die täglichen Kleider des Barons nachmachen lassen; wenige Menschen hatten darauf geachtet, da der Letztere auf seinem Landgute in voller Freiheit lebte und meist nur sehr gewöhnliche Kleider trug.

Vor einigen Wochen indessen hatte der Baron auch eine Grille gehabt. Wer hat keine? Ein sehr schöner Wasserhund war ihm gestorben und er hatte sich von dessen Fell eine Mütze machen lassen. Diese artige Mütze stach unserm Baas dermaßen in die Augen, daß er sich am Ende auch eine solche in der Stadt machen ließ. Jetzt prangte sie mit ihren tausend Locken auf dem Haupte des Baas zum heiligen Sebastian, der sich selbst nicht, im Spiegel bewundern konnte, seit den Schmeichelreden seines Knechtes.

Endlich schickte er sich an auszugehen und sagte:

»Kobe, nimm meine Gaffel, wir gehen durchs Dorf.«

»Ja Baas!« antwortete der Knecht, seinem Herrn mit heuchlerischem Antlitz auf den Fersen folgend.

Auf dem breiten Wege zwischen den Häusern begegneten sie vielen Dörflern, die freundlich Hut oder Mütze vor Baas Gansendonck zogen, aber in ein Gelächter ausbrachen, so wie sie vorüber waren. Viele Einwohner kamen auch neugierig aus den Häusern und Ställen herbeigelaufen um die härene Mütze des Baas zu bewundern. Dieser grüßte Niemanden zuerst, sondern ging mit emporgehobenem Kopf und langsamem Schritte, gleichmäßig vorwärts, wie es der Baron zu thun pflegte. Kobe spazierte mit anscheinend unschuldigem Gesicht stillschweigend hinter einem Herrn einher und folgte ihm in allen seinen Wendungen so genau und treu als vertrete er die Stelle eines Hundes.

Alles ging gut, bis an die Schmiede. Dort standen einige junge Leute und schwatzten zusammen. Sobald sie den Baas kommen sahen, begannen sie so laut zu lachen, daß es über die ganze Straße schallte.

Sus, der Sohn des Schmiedes, der als ein spöttischer Schalk bekannt war, ging mit dem Kopfe hintenüber und mit kunstmäßigen Schritten vor der Schmiede auf und ab, und äffte Baas Gansendonck so treffend nach, daß dieser fast vor Aerger barst. Im Vorübergehn betrachtete er den jungen Schmied mit einem wüthenden Blicke und riß seine Augen beinahe bis zur Größe eines Scheunenthores auf. Aber der Schmied sah ihn mit einem spöttischen Lachen an, so daß Baas Gansendonck wüthend vor Zorn, zuletzt murrend fortging und einen Seitenweg einschlug.

»Prahlhans! Prahlhans!« rief man ihm nach.

»Nun, Kobe, was sagst Du zu dem Bauernpack?« – fragte er, als sich ein Zorn etwas gelegt hatte – »die sollen mich zu verhöhnen wagen! Mich zum Besten haben, einen Mann wie ich bin!«

»Ja, Baas! stechen doch die Fliegen ein Pferd, und das ist ein so großes Thier!«

»Aber ich werde sie schon zu finden wissen, die Lumpen! Laß sie nur aufpassen! Sie sollen es mir heuer bezahlen! Berge kommen nicht zu einander aber Menschen wohl!«

»Gewiß, Baas! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«

»Ich würde ein rechter Thor sein, wenn ich meine Pferde von dem ungezogenen Schlingel beschlagen ließe, oder meine sonstige Arbeit bei ihm machen!«

»Ja, Baas! zu gut ist halb dumm!«

»Und von meinen Leuten soll Keiner wieder je einen Fuß in eine Schmiede setzen!«

»Nein, Baas!«

»Dann wird der Spötter schon betrübt aussehn und an den Nägeln kauen!«

»Ohne Zweifel, Baas!«

»Ich glaube, Kobe, daß der schuftige Schmied von Jemanden bezahlt wird, um mich zu verfolgen und zu ärgern. Der Feldwächter meint, er sei es auch gewesen, der der vergangenen Mainacht Etwas auf mein Aushängeschild geschrieben hat.«

»Zum silbernen Esel, Baas!«

»Es ist nicht nöthig, die abscheuliche Unverschämtheit zu wiederholen.«

»Nein, Baas!«

»Du mußt ihn einmal tüchtig durch dreschen, unter vier Augen, wenn es Niemand sieht! Und dann bestelle ihm mein Compliment!«

»Ja, Baas!«

»Willst Du es thun?«

»Das Compliment? – Ja, Baas!«

»Nein, ihn durchdreschen!«

»Wenn Ihr mich ohne Arme und Beine wollt nach Hause kommen sehen! Ich bin nicht sehr stark, Baas, und der Schmied ist keine Katze, die man ohne Handschuhe anpacken kann!«

»Fürchtest Du Dich vor dem feigen Prahler? Ich würde mich schämen!«

»Es ficht sich schlecht mit Jemanden, der seines Lebens müde ist! Besser ein blöder Hans, als ein todter Hans, sagt das Sprichwort, Baas!«

»Kobe, Kobe, ich glaube, an Muth stirbst Du nicht!«

»Das hoffe ich, Baas!«

Während sie so plauderten, verging allmälig Baas Gansendonck‘s Zorn. Neben vielen Fehlern hatte er doch eine gute Eigenschaft: obwohl er leicht aufbrauste, vergaß er das ebenso schnell das Böse wieder, das man ihm gethan.

Er war jetzt an ein Gehölz gekommen und ging hinter demselben zwischen seinen eignen Feldern durch, wo er allerlei Ursachen fand, einem übertriebenen Gefühl von Eigenthum Luft zu machen und auf Gott und alle Welt zu schelten und zu zanken. Hier war eine Kuh zu weit gegangen und von dem Fußsteig auf ein Land gekommen; dort hatte eine Ziege etwas Laub von seinen Pflanzungen abgefressen und weiterhin glaubte er sogar die Fußstapfen von Jägern und die Tritte ihrer Hunde zu entdecken.

Dies Letztere reizte ihn so zur Wuth, daß er mit dem Füßen stampft. Er hatte an allen Ecken seiner Felder hohe Pfähle aufstellen lassen, mit der Inschrift: Verbotene Jagd; und trotzdem war Jemand so keck gewesen, sein Eigenthumsrecht mit Füßen zu treten.

Ein Schwall von Scheltworten entströmte ihm nun, und er schlug vor Zorn mit der Faust an einen Buchenstamm.

Kobe stand hinter dem Baas und dachte an das Mittagsessen. Er wußte, daß es einen Hafen geben würde, bildete sich ein, man würde die Sauce nicht gut zubereiten, und stampfte deshalb auch mit dem Fuße. Mittlerweile antwortete er nichts Anderes als: Ja, Baas! und Nein, Baas! ohne auf das, was ein Herr sagte, Acht zu geben.

Plötzlich hörte Peer Gansendonck eine Stimme, welche spottend rief:

»Prahlhans! Prahlhans!«

Wüthend blickte er sich um; doch bemerkte er Niemanden als einen Knecht, der die Augen auf den Boden geheftet hatte und die Lippen bewegte, als sei er mit Essen beschäftigt.

»Was, Schelm! Bist Du es gewesen!« – rief Baas Gansendonck zornig.

»Ich bin es noch, Baas!« antwortete Kobe . . . « »Aber, Herr Gott! Was überkommt Euch, Baas!«

»Ich frage, Lump, ob Du es gewesen bist, der da gesprochen hat?«

»Habt Ihr es denn nicht gehört, Baas?«

Der geärgerte Gansendonck riß ihm die Gaffel aus der Hand und wollte ihn damit schlagen; aber als der erschreckte Knecht bemerkte, daß es Ernst war, sprang er zurück und rief mit emporgehobenen Armen.

»Ach, Gott! ach, Gott! Nun ist unser Baas ganz verrückt geworden!«

»Prahlhans! Prahlhans!« – rief wieder Jemand hinter Peer Gansendoncks Rücken.

Jetzt ward er erst gewahr, daß in den Zweigen der Buche eine Elster saß, und daß dieser Vogel das Scheltwort wiederholte.

»Kobe, Kobe!« – rief er – »Laufe und hole mein Jagdgewehr! Es ist die Elster des Schmiedes! Das verfluchte Vieh muß sterben!«

Aber die Elster verließ den Baum und flog nach Hause.

Der Knecht brach in ein so volles Gelächter aus, daß er auf das Gras sank und sich dort eine Zeitlang hin und her rollte.

»Hör' auf!« – schrie der Baas – »hör auf, oder ich jage Dich fort! Höre auf zu lachen, sage ich Dir!«

»Ich kann nicht, Baas!«

»Stehe auf!«

»Ja, Baas!«

»Unter einer Bedingung will ich Deine Ungezogenheit verzeihen: Du mußt der Elster des Schmiedes das Garaus machen!«

»Womit, Baas?«

»Mit Gift!«

»Ja, Baas, wenn sie es nur frißt!«

»So schieße die todt!«

»Ja, Baas!«

»Komme, laß uns gehen! Aber was sehe ich dort in meinem Tannenwäldchen? Da sei man einmal Eigenthümer, wenn Einen Jeder plündern darf.«

Nach diesen Worten lief er, von dem Knechte begleitet scheltend hin.

Er hatte von Weitem gesehen, daß eine arme Frau und zwei Kinder damit beschäftigt waren, die dürren Aeste aus den Tannen zu brechen und zu einem großen Reisigbündel zusammenzubinden.

Obwohl ein uralter Gebrauch den Armen gestattet, dürres Holz in den Tannenwäldern zu sammeln, so konnte Baas Gansendonck das doch nicht leiden. Das dürre Holz war ja eben sowohl sein Eigenthum wie das grüne, und sein Eigenthum durfte Niemand anrühren. Obendrein war es nur eine Frau, und er hatte daher weder Widerstand noch Spott zu fürchten. Dies flößte ihm Muth ein und gab ihm Gelegenheit, seinem ganzen Zorne Luft zu machen.

Er packte die arme Frau bei der Schulter und rief:

»Unverschämte Holzdiebe! Vorwärts! Mit nach dem Dorfe! In die Hände der Gensdarmen! ins Loch, Ihr Spitzbuben!«

Die zitternde Frau ließ das aufgeraffte Holz fallen und ward so bestürzt von der schrecklichen Drohung, daß sie sprachlos zu weinen anfing. Die beiden Kinder hielten sich an den Kleidern ihrer Mutter fest und erfüllten das Gehölz mit ihrem Schreien.

Kobe schüttelte verdrießlich den Kopf; der gleichgültige Ausdruck war von einem Gesichte verschwunden; ein Gefühl des Mitleides schien sich seiner bemächtigt zu haben.

»Komme her, Du Faulpelz!« – rief der Baas ihm zu – »Strecke doch die Hand aus, um die Diebsbrut zu den Gensdarmen zu bringen!«

»Lieber Mann! Ich werde es nie wieder thun!« – flehte die Frau. – »Bedenkt doch meine armen Kinder; sie sterben vor Schrecken!«

»Schweige, Landstreicherin!« – polterte der Baas – »Ich will Dir das Rauben und Stehlen schon ablehren!«

Der Knecht packte die Frau mit erheucheltem Zorn bei dem Arme und schüttelte sie heftig; doch flüsterte er ihr zu gleicher Zeit in das Ohr:

»Fallt auf die Knie, und sagt: Gnädiger Herr!«

Die Frau kniete vor Baas Gansendonck nieder, streckte die Arme zu ihm empor, und bat:

»Ach, gnädiger Herr! gnädiger Herr! verzeiht mir, ich bitte Euch! ach, um meiner armen Kinderchen willen, gnädiger Herr!«

Ein heimlicher Grund schien den Baas zu rühren; er ließ die Frau los und sah sie träumerisch mit milden freundlichen Blicken an. Doch hieß er sie nicht aufstehen.

Jemand vor ihm auf den Knieen, mit emporgehobenen Händen, und um Gnade flehend! Es war königlich!

Nachdem er eine Weile dieses große Glück genossen hatte, hob er selbst die arme Frau von der Erde auf, wischte sich eine Thräne der Rührung aus den Augen und sagte:

»Arme Mutter! ich bin wohl zu hastig gewesen! Es ist schon vorbei. Nehmt Euer Reisigbündel auf; Ihr seid eine brave Frau! Künftig könnt Ihr das dürre Holz in allen meinen Holzungen brechen, und wenn auch ein Bisschen grünes darunter kommt, ich werde Nichts sagen. Seid ruhig; ich schenke Euch meine volle Gnade!«

Mit großer Verwunderung betrachtete die Frau die beiden sonderbaren Menschen, welche vor ihr standen, den Baas mit seinem protegierenden Gesicht, und den Knecht, der sich sichtbar Gewalt anthat, um nicht zu lachen.

»Ja, Mütterchen!« – wiederholte der Baas – »Ihr dürft Holz lesen in allen meinen Holzungen.«

Indem er dies sagte, zeigte er mit der Hand in die Runde, als ob die ganze Gegend ihm zugehörte.

Die arme Frau trat einige Schritte zurück, um ihr Bündelchen aufzunehmen, und seufzte mit dankbarem Gefühl:

»Gott segne Euch für Eure Güte, Herr Baron!«

Baas Gansendonck fühlte sich von einem süßen Schauer überlaufen und sein Antlitz leuchtete, wie bestrahlt von der Sonne des Glücks.

»Frau, Frau! kommt einmal her!« – rief er – »Was habt Ihr da gesagt? Ich verstand es nicht!«

»Daß ich Euch tausendmal danke, Herr Baron!« – entgegnete die Holzleserin.

Baas Gansendonck fuhr in die Tasche, holte eine Silbermünze heraus, reichte sie der Frau, und sagte mit Thränen in den Augen zu ihr:

»Da, Mütterchen! macht Euch auch einmal einen guten Tag, und im Winter kommt alle Sonnabende dort nach dem heiligen Sebastian! Ihr sollt Holz und Brod in Ueberfluß haben! Geht jetzt nur nach Hause!«

Mit diesen Worten verließ er die Frau und ebenso eilig das Gehölz. Er weinte, daß ihm die Thränen über die Backen rollten. Der Knecht, der es bemerkte, wischte sich auch mit dem Aermel seiner Jacke die Augen aus.

»Es ist wunderbar,« – seufzte endlich der Baas – »daß ich Niemanden leiden sehen kann, oder mir geht das Herz über!«

»Ich auch nicht, Baas!«

»Hast Du es gehört, Kobe? Die Frau hielt mich auch für den Herrn Baron!«

»Sie hat Recht, Baas!«

»Schweige nun ein wenig, Kobe; wir wollen sachte nach Hause gehen!«

»Ja, Baas!«

Kobe folgte mit der größten Unterthänigkeit den Fußstapfen seines Herrn. Beide gingen träumend weiter. Der Baas dachte an den schönen Namen, den ihm die Frau gegeben; der Knecht phantasierte von Hasenpfeffer mit Weinsauce.

Seit einigen Augenblicken waren drei Jäger aus einem Eichenwäldchen hervorgetreten und standen nun lachend und spottend dort, Baas Gansendonck und seinen Knecht beschauend. Es waren drei junge Herren, in eleganten Jagdkleidern, mit Gewehren unter dem Arme.

Einer von ihnen schien den Baas zum heiligen Sebastian genau zu kennen. Er erzählte seinen Gefährten, von welchem sonderbarem Hochmuthsteufel der Mann besessen sei, und sprach dann mit großem Lobe von dessen Tochter Lieschen.

»Kommt, kommt!« – rief er endlich – »Wir sind müde, laßt uns nun etwas lustig sein! Folgt mir; wir gehen mit dem Baas nach dem heiligen Sebastian und leeren eine Flasche. Aber redet sehr ehrfurchtsvoll mit ihm und macht viele Complimente. Je närrischer, desto besser!«

Nachdem er dies gesagt, sprang er mit feinen Begleitern über den trocknen Graben und lief auf den Baas zu, sich tief verbeugend und ihn außerordentlich höflich grüßend.

Peer Gansendonck nahm seine Pelzmütze in beide Hände und bemühte sich nachzuahmen, was ihm der junge Herr vorgemacht hatte. Die beiden anderen Jäger nahmen jedoch an diesen Complimenten keinen Theil, sondern verbargen sich hinter dem Rücken des Knechtes, und thaten sich die größte Gewalt an, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen.

»Nun, Herr Adolph, mein Freund!« – sagte der Baas – »wie geht es Ihrem Papa? Noch immer dick und fett? Er besucht uns nicht mehr, seit er in der Stadt wohnt. Aber, aus den Augen, aus dem Sinn, sagt das Sprichwort.«

Adolph faßte einen seiner lachenden Freunde bei der Hand und zog ihn mit Gewalt zu dem Baas.

»Herr von Gansendonck!« – sprach er ernsthaft – »ich habe die Ehre, Ihnen den jungen Herrn Baron Victor von Bruinkasteel vorzustellen; aber Sie müssen sein Uebel entschuldigen; es ist ein Nervenleiden, das ihm von den Krämpfen geblieben ist; er kann Niemanden sehen, ohne in ein Lachen auszubrechen.«

Victor konnte sich nicht länger halten; er warf den Kopf hinten über, trampelte mit den Füßen, und wurde blitzblau vor Lachen.

»Ihr verderbt das Spiel!« – raunte Adolph ihm in das Ohr – »Lasst es sein, oder er merkt es!«

»Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr von Bruinkasteel!« – sprach der Baas – »Lachen macht keine Hühneraugen.«

Seinen Freund von Neuem bei der Hand fassend, wiederholte Adolph die Vorstellung.

»Herr von Bruinkasteel hat die Ehre, mich nicht zu kennen,« – sprach der Baas mit einer Verbeugung.

»In der That!« – antwortete Victor – »ich habe die Ehre, Euch unbekannt zu sein.«

»Die Ehre ist nicht groß, gnädiger Herr!« – sagte der Baas, sich verneigend. – »Der Herr wollen gewiß mit unserm Freund Adolph die Jagdsaison auf dem Gütchen zubringen?«

»Aufzuwarten, Herr von Gansendonck!«

»Sein Herr Vater hat uns den Jagdhof abgekauft,« – sagte Adolph. – »Herr von Bruinkasteel wird jährlich im Winter Ihr Nachbar sein und wahrscheinlich Sie oft besuchen, Herr von Gansendonck.«

»Aber, Adolph, mein Freund, warum bleibt der andere junge Herr dort hinter Kobe stehen? Fürchtet er sich vor mir?«

»Er schämt sich, Herr von Gansendonck! Was kann man dazu thun? Die pure Jugend! Aber Herr von Gansendonck besitzen eine freie Jagd, sehe ich Sie sind also Jäger?«

»Ich bin ein großer Liebhaber, nicht wahr, Kobe?«

»Ja Baas, von Hasen! Ich auch . . . Wenn sie ihn nur nicht anbrennen lassen!« – setzte er leise hinzu.

»Was murmelst Du da!« – rief der Baas zornig, um den Herren zu zeigen, daß er ein gutes Regiment führe. – »Was murmelst Du da, Du unverschämter Lump!«

»Ich frage, ob Ihr nicht meint, daß es Zeit sei, nach Hause zu gehen, Baas, und ich sagte so zu mir selbst: Fischen und Jagen macht hungrigen Magen.«

– »Wenn ein Ferkel träumt, so träumt's von Trebern. Du sollst schweigen.«

– »Ja, Baas; schweigen und denken thut Niemanden kränken.«

– »Kein Wort mehr, sage ich Dir!«

– »Nein, Baas.«

– »Die Herren erzeigen mir wohl die Ehre in meinem Hause ein Glas Morgenwein mit mir zu trinken?« – fragte Peer Gansendonck.

– »Es war unsere Absicht, mein Herr, Sie darum zu ersuchen.

–– »Wohl, da kommen Sie nur; Sie werden von dem Weinchen erzählen können. Nicht wahr, Kobe, Du hast ihn schon einmal in Deinem Leben gekostet? Wenn Sie sich nicht die Finger nachher ablecken, meine Herren, so sagen Sie daß ich ein Bauer bin.«

– »Das ist wahr, Baas!« – antwortete der Knecht.

Der Baas schritt gravitätisch auf seinem Wege fort, und plauderte freundlich mit Adolph, dessen zwei Gefährten etwas zurück blieben um ihrer Lust freien Lauf zu lassen. Kobe sah Allen mit seltsamen Blicken nach und würde auch wohl gelacht haben, hätte ihm nicht der Hasenpfeffer so sehr im Kopfe gesteckt, daß er fast einen Magenkrampf davon bekam.

Langsam begab sich die Gesellschaft nach dem heiligen Sebastian.









IV.

Bringe den Wolf niemals in deinen Schaafstall


Es war ein prachtvoller Morgen. Die Sonne erschien am Horizonte in einer Gluth von brennendem Golde aus der glänzende Strahlenbüschel über den ganzen Himmel schossen. Ihr funkelndes Licht bohrte sich spielend durch die Fensterscheiben des Heiligen Sebastian und fiel dort, wie ein rosenfarbiger Glanz auf die Stirn einer Jungfrau.

Lisa Gansendonck saß am Fenster vor einem Tisch. – Sie träumte – denn ihre langen schwarzen Wimpern hingen über ihre Augen hinab, und ein stilles Lächeln spielte um ihren Mund, während dann und wann ein rothes Wölkchen auf ihren bleichen Wangen, eine eigenthümlich Rührung ihres Herzens beurkundete . . . Gleich darauf, aber richtete sie sich plötzlich empor auf ihrem Stuhl; ihre Augen schienen heller zu leuchten und sie lachte deutlicher, als ob ein Gefühl von Glück sich ihrer bemächtigt habe.

Sie ergriff eine französische Zeitung aus Antwerpen, die offen vor ihr lag und, nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte, verfiel sie wieder in ihr früheres stilles Sinnen.

Wie reizend saß sie da, einem lieblichen Traume gleich, umgeben von der tiefsten Stille und beleuchtet von dem wärmsten Strahl der Morgensonne! Bleich und zart, jung und lieblich wie eine halb geschlossene weiße Rose, deren Kelch sich erst am nächsten Tage ganz öffnen wird.

Klänge, so zarte und zitternd, wie der sterbende Seufzerhauch eines fernen Saitenspiels entglitten ihren Lippen. Tiefathmend sagte sie:

– »O, in der Stadt muß man glücklich sein! Ein solcher Ball! Alle die reichen Toiletten, Diamanten, Blumen im Haar, Kleider so kostbar, daß man ein halbes Dorf dafür kaufen könnte; Alles strahlend von Gold und Licht! Und zu die Artigkeit, die schöne Sprache. Ach, könnte ich das nur einmal sehen u wäre es auch nur durch ein Fenster!«

Nach langem Sinnen schien der bezaubernde Gedanke von einem Ball in der Stadt sie endlich zu verlassen. Sie fand von dem Tische auf, und trat vor einen Spiegel, in welchem sie sich aufmerksam betrachtete, hier und dort eine Falte im Kleide ordnend, oder ihr schönes schwarzes Haar glatt streichend, damit es noch mehr ergänze.

Uebrigens war sie sehr einfach gekleidet, und man würde in ihrem Putze nicht eins zu tadeln gefunden haben, wenn nicht der Geruch des Kuhstalles, die verräucherten Wände des Wirthshauses und die zinnernen Kannen auf dem Bord von allen Seiten geschrieen hätten daß Jungfrau Lisa nicht an ihrem Platze sei.

Ihr schwarzseidenes Kleid war schlicht und nur mit einem einzigen Volant, ihr Fichu rosenfarb und Beides paßte so schön zu ihrem blassen Gesicht. Das Haar trug sie unbedeckt, einfach anliegend und hinten auf dem Kopf in einem Krönchen zusammengeflochten.

Nachdem sie eine Weile vor dem Spiegel zugebracht, setzte sie sich wieder an den Tisch und begann gleichmüthig einen Spitzenkragen zu sticken, während ihre umherschweifenden Blicke bezeugten, daß sie mit dem Gedanken sehr fern von ihrer Arbeit war. Gleich darauf, sagte sie sinnend mit beinah unhörbarer Stimme:

– »Die Jagd ist eröffnet; die Herren aus der Stadt werden nun wieder herauskommen. Vater sagt, ich müsse freundlich mit ihnen sein. – Er will mich mit nach der Stadt nehmen um mir einen seidenen Hut zu kaufen . . . Ich darf nicht mit niedergeschlagenen Augen da sitzen. Ich soll lachen und den Herren ins Gesicht sehen, wenn sie mit mir reden? Was meint Vater damit? Ich wisse nicht, wozu es gut sein könne sagt er . . . Aber Karl! Es scheint ihm nicht zu gefallen, wenn ich oft die Kleidung wechsele; es macht ihm Schmerz, wenn die Fremden zu viel mit mir reden . . . Was soll ich thun? Vater will es so. – Ich kann doch nicht unfreundlich gegen die Leute sein! Doch ich will Karl auch nicht kränken . . . «

Die Stimme ihres Vaters ließ sich vor der Thür vernehmen; sie sah ihn sich verbeugen und drei jungen Herren in Jagdkleidern Artigkeiten beweisen. Ein dunkles Roth färbte ihre Stirn. War Verlangen oder Verlegenheit die Ursache daran? – Sie strich sich mit den Händen nochmals die Haare glatt und blieb sitzen als ob die Nichts gehört hätte.

Baas Gansendonck trat mit seiner Gesellschaft ein und rief voll Freude:

»Sehen Sie meine Herrn, das ist meine Tochter! Was sagen Sie zu solcher Blume? Sie ist gelehrt, sie kann Französisch, meine Herren; zwischen meinem Lieschen und einer Bäuerin ist ein ebenso großer Unterschied wie zwischen einer Kuh und einem Schubkarren!«

Der Knecht brach in ein lautes Lachen aus.

»Schlingel!« – rief Baas Gansendonck zornig – »was stehst Du da und lachst? Pack' Dich fort!«

– »Ja, Baas!«

Kobe setzte sich in die Ecke des Heerdes und zog mit Wollust den Hasengeruch in die Nase, der aus einer Hinterküche in duftreichem Qualm hereindrang. Mittlerweile schaute er in das Feuer, horchte aber anscheinend gleichgültig auf Alles was rings um ihn her gesprochen wurde.

Während Lisa aufgestanden war und in französischer Sprache einige Complimente mit den Herren wechselte, hatte sich Baas Gansendonck in den Keller begeben und kehrte mit einer Flasche und Gläsern zurück, die er vor seiner Tochter auf den Tisch stellte.

– »Setzen Sie sich, setzen Sie sich meine Herren,« – sagte er – »wir wollen mit Lisa anstoßen; sie soll Ihnen Bescheid thun. Ach, Sie reden Französisch mit ihr. – Seltsam, daß ich so gern das Französisch höre, ich könnte einen ganzen langen Tag zuhorchen; es ist mir immer als sänge Jemand ein Lied.«

Er faßte Victor am Arm und zwang ihn sich neben Lisa zu setzen.

»Nicht so viele Komplimente, Herr von Bruinkasteel« – rief er – »thun Sie als ob Sie zu Hause wären.«

Lisas schönes sanftes Antlitz hatte auf den ersten Blick zwei von den jungen Jägern eine Art Ehrfurcht eingeflößt; sie saßen auf der andern Seite des Tisches und betrachteten stumm das einfache Mädchen, das sich deutlich Gewalt anthat, freundlich zu erscheinen, dessen erschreckte Verschämtheit aber seine Stirn wie von rohem Feuer erglühen machte.

So zurückhaltend war Victor von Bruinkasteel nicht; er begann keck dem jungen Mädchen Schmeicheleien über ihre Schönheit, ihre Stickerei, ihr Französisch zu sagen und wußte seine Worte so zu setzen und zu mischen, ohne im Mindesten dem Anschein nach sich etwas Unziemliches zu erlauben, daß Lisa träumerisch auf eine Rede horchte als ob sie einen süß klingenden Gesang vernehme.




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