Die Taube Alexandre Dumas der Ältere Dumas Alexandre (père) Die Taube Die Taube Erster Brief     5. Mai 1637. Schöne Taube mit silbernem Gefieder, mit schwarzem Halsbande und rosigen Füßen, da Dir Dein Gefängnis so grausam scheint, daß Du Dich an den eisernen Stangen Deines Kerkers zu tödten drohest, so gebe ich Dir die Freiheit wieder. Da Du mich aber ohne Zweifel nur verläßt, um wieder zu einer Person zu gehen, welche Du mehr liebst als mich, so ist es an mir, Dich wegen Deiner achttägigen Abwesenheit zu rechtfertigen. Ich bezeuge daher, daß ich Dir den Dienst, den ich Dir erwiesen hatte, mit einer ewigen Gefangenschaft habe bezahlen lassen wollen, so sehr ist das menschliche Herz selbstsüchtig, daß es Nichts zu thun weiß, ohne für das, was es gethan hat, die Bezahlung oft nach seinem doppelten Werthe zu verlangen. So geh denn, lieblicher Bote, kehre zurück, um mit Dir selbst mein Bedauern dem oder der zu überbringen, welcher Dich trotz der Entfernung ruft, und die Du trotz des Raumes mit den Augen suchst. Dieses Billet, das ich an Deinen Flügel befestige, ist der Schutzbrief Deiner Treue. So leb denn nochmals wohl; das Fenster öffnet sich, der Himmel erwartet Dich. . . Leb wohl! Zweiter Brief     6. Mai 1637. Haben Sie Dank, wer Sie auch sein mögen, daß Sie mir meine einzige Gefährtin zurückgegeben haben; aber, wie Sie sehen hat Ihre fromme Handlung ihre Belohnung; wie als ob der reizende Bote, der mir Ihr Billet überbracht hat, verstanden hätte, daß ich Ihnen Dank abzustatten hätte, und daß, da ich nicht weiß, wo Sie wohnen, meine einzige Furcht war, von Ihnen der Kälte beschuldigt zu werden. Diese selbe Unruhe, welche sie bei Ihnen befallen hatte, hat sie bei mir befallen. Gestern war ihre Rückkehr ganz der Freude gewidmet, mich wiederzufinden, aber heute Morgen, sehen Sie wie veränderlich sie ist, heute Morgen war ich ihr nicht mehr genug, sie stieß mit ihrem Schnabel und mit ihren Flügeln, nicht an die eisernen Stangen ihres Käfigs, denn sie hat niemals einen Käfig gehabt, sondern an die Scheiben meines Fensters, sie will nicht mehr mir allein angehören, sie will uns beiden angehören. Es sei, gegen die Meinung vieler denke ich, daß man das, was man besitzt, dadurch verdoppelt, daß man es theilt. Wir werden also künftig, hin beide eine Iris haben, und bemerken Sie, daß ich sie ohne Zweifel in der Voraussicht Iris genannt hatte, daß sie eines Tages unsere Botin sein würde, Ihre Iris, welche Ihnen meine Briefe überbringen wird, meine Iris, welche mir die Ihrigen überbringt, denn wie ich hoffe, werden Sie wohl so gefällig sein, mir zu sagen, welches der Dienst ist, den Sie ihr erwiesen haben, und wie sie in Ihre Hände gefallen war. Es verwundert sie vielleicht, daß ich mich sogleich Anfangs und auf das erste Mal Ihnen, dem Unbekannten oder der Unbekannten hingebe. Aber Sie sind gut, da Sie mir meine Taube zurückgesandt haben, dann haben Sie mir dieselbe mit einem Billet zurückgesandt, welches den oder die, wer es geschrieben hat, als eine ausgezeichnete und geistvolle Person andeutet; nun aber sind alle erhabenen Seelen Schwestern, alle erhabenen Geister sind Brüder, behandeln Sie mich daher als Bruder oder als Schwester, wie Sie wollen, denn ich habe das Bedürfniß, Jemand diesen Namen Bruder oder Schwester zu geben, den ich Niemanden gegeben habe. Iris, meine schöne Freundin, Du wirst dahin zurückkehren, von woher Du kommst, und Du wirst dem oder der, welcher Dich mir zurückgesandt hat, sagen, daß ich Dich ihm oder ihr zurücksende, und füge hinzu, daß ich es vorziehen würde, daß es an sie als an ihn wäre. Geh, Iris, und bedenke, daß ich Dich erwarte. Dritter Brief     Am selben Tage, nachdem     das Angelus geläutet. Meine Schwester, Sie werden weder Iris, noch mich beschuldigen, nicht wahr? Ich war nicht in meinem Zimmer, als Ihre Botin angekommen ist; nur stand das Fenster offen, um die ersten Hauche der Abendluft aufzunehmen. Iris ist hineingeflossen, und, wie als ob das reizende kleine Geschöpf verstanden hätte, daß es einen Brief zu übergeben und eine Antwort zurückzubringen hätte, hat es geduldig meine Rückkehr abgewartet, und als ich zurückgekehrt bin, ist es von dem Brette, auf das es sich gesetzt hatte, auf meine Schulter geflogen. Ach! in dem Sturze, den ich durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gemacht habe, habe ich auf beiden Seiten des Weges gar viele traurige oder freudige Gemüthsbewegungen gefunden. Nun denn! keine ist trauriger als die gewesen, von der ich mich ergriffen fühlte, als ich, indem ich Ihnen Ihre Taube zurücksandte, von der ich nicht einmal den Namen kannte, einen vorherbestimmten Namen, wie Sie mir selbst gesagt haben, ich geglaubt habe, mich für immer von ihr zu trennen. Keine ist freudiger gewesen als die, welche ich empfunden habe, als ich, indem ich mich von ihr für immer getrennt zu haben glaubte, sie in meinem Zimmer erblickt und die Frische ihres Flügels meine Wange habe lieblosen fühlen, indem sie sich auf meine Schulter setzte. O mein Gott! Du schaffst also für den Menschen, diesen ewigen Sclaven Alles dessen, was ihn umgibt, relative Freuden und Schmerzen! und der, welcher nicht geweint hat, als er fast ein Königreich verlor, der, welcher bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert hat, welches die Köpfe um ihn herum abschlug, der wird eines Tages weinen, indem er einen Vogel in den Raum entfliehen sieht, der wird schaudern, indem er die Bewegung fühlt, welche die bewegte Feder einer Taube in der Luft verursacht. Das ist eines Deiner Geheimnisse, o mein Gott! und Du weißt, ob Deine göttlichen Geheimnisse einen demüthigeren und inbrünstigeren Verehrer haben, als den, der in diesem Augenblicke am Fuße des Kreuzes Deines göttlichen Sohnes kniet, um Dich zu preisen und um Dich zu segnen! Das ist also Alles, was ich mir gesagt habe, als ich die arme Taube wiedersah, die ich für verloren hielt, bevor ich nur noch das Billet gelesen hatte, dessen Ueberbringer sie war. Dann, als ich dieses Billet gelesen hatte, bin ich in eine tiefe Träumerei versunken. – Wozu nützt es? fragte ich arme Schiffbrüchiger mich, als ich mich bereits mit dem Sturme ausgesöhnt und mit dem Tode vertraut gemacht hatte; wozu nützt es, mich, der ich in der Unermeßlichkeit des Oceans verloren bin, an diesen schwimmenden Balken zu klammern, vielleicht die letzten Trümmer eines wie das meinige zerschmetterten Schiffes, den viel eher der Zufall als die Vorsehung in den Bereich meiner Hand getrieben hat? Würde ich mich nicht, wenn ich mich von der Hoffnung ergreifen ließe, auch zugleich von der Versuchung ergreifen lassen? Hatte ich denn, ohne es zu wissen, irgend einen Schooß meines Rockes in diese Thür geklemmt, welche sich auf die Welt öffnet, und hatte mich ich nicht, wie ich es glaubte, den Eitelkeiten und den Täuschungen der Erde gänzlich entrissen? Wie Sie sehen, meine Schwester, war das ein reichlicher Stoff um zu träumen und um zu überlegen: Gott über meinem Haupte, den Abgrund unter meinen Füßen, überall um mich herum die Welt, welche ich nicht mehr sah, weil ich die Augen verschloß, die ich nicht mehr hörte, weil ich die Ohren verschloß, die ich aber wie in der Vergangenheit brausen hören werde, die ich aber von Neuem wirbeln sehen werde. So unvorsichtig ich auch sein möge, ich öffne die Ohren und die Augen wieder. Aber vielleicht sehe ich mit meiner Einbildungskraft über die Wirklichkeit hinaus; vielleicht habe ich einen Vorfall ohne Gewalt und ohne Belang zu der Höhe eines Ereignisses erhoben. Sie verlangen eine einfache Erzählung, meine Schwester, ich will sie Ihnen machen. Vor acht Tagen saß ich in dem Garten, ich las, – wollen Sie wissen, welches Buch ich las, meine Schwester? – Ich las jenen Schatz von Liebe, von Religion und von Poesie, den man die Bekenntnisse des heiligen Augustin nennt. Ich las, und alle meine Gedanken waren in die des seligen Bischofs versunken, der eine Heilige zur Mutter hatte, und der gleichfalls ein Heiliger wurde. Plötzlich hörte ich über meinem Haupte etwas wie einen Flügelschlag; ich erhob die Augen, und eine Taube, die so nahe von einem Sperber verfolgt war, daß sie bereits einige ihrer Federn in den Krallen und in dem Schnabel des Raubvogels gelassen hatte, stürzte zu meinen Füßen, indem sie mich um Hilfe bat. Gott, für dessen Majestät ein fallender Sperling gleich einem einstürzenden Reiche ist, Gott hatte diesem armen Vogel gesagt, daß in mir der Schutz läge, wie in dem Sperber die Drohung lag. Wie dem auch sein mochte, ich nahm sie ganz zitternd und sogar ein wenig blutig; ich steckte sie in meinen Busen, wo sie sich mit geschlossenen Augen und klopfendem dem Herzen legte, dann trug ich sie bei dem Anblicke des Sperbers, der sich auf dm Gipfel einer Pappel gesetzt hatte, in meine Zelle. Fünf bis sechs Tage lang verließ der Sperber seinen Beobachtungsplatz nur für einige Augenblicke, und ich sah ihn Tag und Nacht regungslos auf dem dürren Zweige, wo er seine Beute belauerte. Die Taube ihrerseits fühlte ohne Zweifel seine Gegenwart, denn, traurig aber wie ergeben, ging sie während dieser fünf bis sechs Tage nicht einmal an das Fenster. Endlich verschwand vorgestern der Sperber, und der Instinct der Gefangenen sagte ihr, daß ihr Feind es müde geworden wäre, denn fast sogleich flog sie so gewaltig gegen die durchsichtige Scheibe, daß sie dieselbe beinahe zerbrochen hätte. Von nun an war ich für sie kein Beschützer mehr, sondern ein Kerkermeister; mein Zimmer hörte auf eine Zufluchtsstätte zu sein, und wurde ein Gefängniß. Einen ganzen Tag lang versuchte ich sie mit mir zu versöhnen, einen ganzen Tag lang hielt ich sie zurück, und sie sträubte sich. Endlich hatte ich gestern Mitleid mit ihr, ich schrieb den Brief, den Sie erhalten haben, und mit Thränen in den Augen machte ich das Fenster auf, durch welches ich sie für immer verschwinden zu sehen glaubte. Seit dem habe ich sehr oft an diesen Sperber gedacht, der sich regungslos und lauernd auf dem höchsten Zweige dieser Pappel aufhielt, und ich sah in ihm das Symbol jenes Feindes des Menschengeschlechtes, den man brüllen hört, aber den man nicht sieht, und der beständig um uns herum schwärmt, quaerens quem devoret, indem er Jemand sucht, um ihn zu verzehren. Und jetzt, wenn ich ein Vergnügen empfände, das mich erschreckt, diese Taube wieder zu sehen und Ihre Briefe zu empfangen, so würde ich Ihnen sagen: Erzählen Sie mir jetzt, meine Schwester, wo ich Ihnen gesagt habe wie Iris zu mir gekommen ist, wie Iris Sie verlassen hat. Morgen wird der Strahl des Tages mein Fenster offen finden, und nach diesem ersten Strahle wird Ihre Botin abreisen, indem sie Ihnen diese Antwort üben bringt. Mögen bis dahin alle die geflügelten Kinder, welche man die Träume nennt, sich ehrerbietig auf Ihr Lager neigen, und Ihre Stirn mit dem Schlage ihrer Flügel erfrischen. Vierter Brief     11. Mai, nach dem Morgengebet. Ich habe drei Tage verstreichen lassen, um Ihnen zu antworten, wie Sie aus dem Datum meines Briefes sehen, das kommt daher, weil der Ihrige keinen Zweifel übrig ließ. Ich hoffte Sie meine Schwester zu nennen, und ich muß darauf verzichten Ihnen zu schreiben oder Sie meinen Bruder nennen. Sie fürchten, wie Sie sagen, einen Schooß Ihres Gewandes in die Thür geklemmt zu haben, welche sich nach der Welt öffnet. Sie sind also aus der Welt in die Einsamkeit übergegangen? Sie sind durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gefallen, sagen Sie ferner. Sie waren also auf den ersten Rang der Gesellschaft gestellt, daß Ihr Sturz so viele Zwischenräume durchzogen hat. Sie haben fast ein Königreich verloren, und Sie haben bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert, welches die Köpfe um Sie herum abschlug, sagen Sie gleichfalls. Sie haben also das Leben der Großen gelebt, Sie haben also Theil an den Kämpfen der Fürsten genommen? Wie wollen Sie, daß ich alles das mit Ihrem Alter vereinige, denn Sie sind jung, mit Ihrer Demuth, denn Sie sprechen auf den Knien? Und welches Interesse hätten Sie indessen, mich zu täuschen? Sie kennen mich nicht; Sie wissen nicht ob ich von Adel oder dienstpflichtig, jung oder alt, häßlich oder hübsch bin? Uebrigens kümmert, es Sie eben so wenig, zu wissen wer ich bin, als mich zu wissen, wer Sie sind. Wir sind zwei einander fremde, von einander getrennte, einander unbekannte Wesen, die keins Macht materieller Weise zu vereinigen vermöchte. Aber außer der materiellen Vereinigung gibt es die Mittheilung des Gedankens; außer dem Gefühlt und dem Gesichte des Körpers gibt es die Verbrüderung der Seelen, das geheimnißvolle Liebesmahl, bei welchem man aus demselben Becher das Wort des Herrn und die Flammenstrahlen des heiligen Geistes trinkt. Das ist Alles, was ich Ihnen wünsche, Alles was Sie von mir wollen können. Wenn, dieses festgesetzt, es. irgend eine Sympathie zwischen unseren Geistern, irgend eine Verwandtschaft zwischen unseren Seelen gibt, welches Unrecht kann in den Augen. des Herrn darin liegen, daß unsere Geister und unsere Seelen durch den Raum miteinander umgehen, wie es die Strahlen zweier befreundeter Sterne machen würden, die sich in den luftigen Einöden des Firmamentes kreuzen? Hören Sie jetzt, wie die arme Iris mein Zimmer verlassen hatte. Am Abende vor dem Tage, an. welchem Sie ihr das Leben gerettet haben, betete ich knieend; meine Lampe stand neben den Vorhängen meines Bettes. Gegen Mitternacht schlief ich betend ein. Vielleicht zehn Minuten nachher ging weine schlecht verschlossene Thür von dem Winde getrieben auf; meine aufgehobenen Vorhänge wallten, erreichten die Lampe und fingen Feuer. In einem Augenblicke war mein Zimmer, welches klein ist, voller Flamme und Hitze. Ich erwachte halb erstickt. Meine arme Taube flatterte an des Decke, indem sie sich in Mitte des Rauches abkämpfte. Ich eilte nach dem Fenster und machte es auf. Kaum war das Fenster offen, als sie hinausflog, und ich sie sich in der Dunkelheit an die Zweige wohlbekannter Bäume stoßen hörte, auf deren Zweigen sie einen Theil des Tages spielt. In der Hoffnung, daß sie mit Tagesanbruch zurückkehren würde, ließ ich mein Fenster offen; aber der Tag kam und verfloß, ohne daß ich sie wieder sah. Durch die Feuersbrunst erschreckt, war sie ohne Zweifel so lange geflohen, als sie fliegen konnte. Am folgenden Tage wird sie bei ihrer Rückkehr durch den Sperber verfolgt worden sein, gegen den sie Sie um Hilfe gebeten hat. Sie haben Sie aufgenommen, behalten, und ich hielt, sie für verloren, als ich plötzlich mit einem Flügel gegen meine Fensterscheibe habe schlagen hören. Ich habe mein Fenster geöffnet; es war die Flüchtige, welche ihre Entschuldigung mitbrachte, der aber, hätte sie dieselbe nicht mitgebracht, im Voraus. verziehen war. Das ist die Geschichte der armen Iris? Ist das Alles, was Sie wissen wollen? und haben Sie mich um nichts Anderes mehr zu fragen? In diesem Falle wird unsere Botin ohne Brief und ohne Billet zurückkehren. Ich werde wissen, was das bedeuten soll, und ich werde Ihnen von hier aus schreiben. Gott befohlen, mein Bruder, der Herr sei mit Ihnen! Fünfter Brief     Den 11. Mai, mit Tagesanbruch. Iris ist ohne Brief oder Billet zurückgekehrt. Die arme Kleine hatte eine ganz betrübte Miene, so ihres Ranges als Botin entsetzt wieder zu erscheinen, sie hob von selbst ihren Flügel auf, wie um mich zu fragen, was das bedeuten solle. Das will sagen, liebe Iris, daß Du mir allein angehörst, daß der Tag, der an unserem dunkeln Himmel entstanden war, erloschen ist, daß der Bruder ein Fremder, daß der Freund ein Gleichgültiger war. Und dieses, liebe Kleine, schreibe ich für mich allein. Diese Klage meiner Seele, welche in ihrer Einsamkeit jammert, wird nicht bis zu ihm gelangen, ich sage es Dir, daß ich leide, ich sage es Dir, daß ich weine, ich sage es Dir, daß ich unglücklich bin. Ach!ach! mein Gott, verirrt sich Deine Gerechtigkeit nicht zu weilen, und treffen nicht die Streiche, welche Du den Schuldigen vorbehältst, von irgend einem unsichtbaren und bösen Engel abgewandt, die Unschuldigen? Man sagt uns, daß die Leiden dieses Lebens die Glückseligkeit des andern vorbereiten, aber warum Leiden für die, welche nichts gethan hat, die vielleicht einen Fehltritt, die aber gewiß kein Verbrechen zu büßen hat? Warum die Verzeihung Jesus für die Magdalena? warum die Nachsicht Christus für die Ehebrecherin? warum diese Strenge gegen mich, gegen mich allein, mein Gott! Ich habe geliebt, es ist wahr; aber indem ich liebte, habe ich einer anderen Liebe geantwortet; ich war für das Leben der Welt, und nicht für das Leben des Klosters geboren. Indem ich liebte, habe ich das von Dir den Thieren, den Menschen, den Pflanzen auferlegte Gesetz befolgt. Alles liebt auf dieser Welt, Alles sucht sich zu vereinigen, und sich in ein und dasselbe Leben zu verschmelzen; die Bäche mit den Flüssen, die Flüsse mit!den Strömen, die Strome mit dem Ocean. Diese Sterne, welche des Nachts den Himmel durchziehen, indem sie von einem Horizonte aufbrechen, das Firmament mit einer, goldenen Linie durchfurchen, und an dem entgegengesetztem Horizonte erlöschen, gehen, um in dem Schooße eines anderen Sternes zu erlöschen; selbst unsere Seelen, diese Ausströmungen Des göttlichen Hauches, suchen auf der Erde nur eine andere Seele, um sich eine Gefährtin der Liebe aus ihr zu machen, und wenn sie unseren Körper verlassen, um sich mit demselben Fluge in Dir zu verschmelzen, der Du die allgemeine Seele und die Liebe ohne Ende bist. Nun denn! mein Gott, ich hatte mich einen Augenblick lang bei der Hoffnung gefreut, an dem äußersten Ende meines Horizontes eine unbekannte, aber schwesterliche Seele wiedergefunden zu haben, eine Schwester für das Leiden, denn bei dem ersten Klagen hatte ich gesehen, daß es der Mund des Herzens war, der sich beklagt. Warum, arme leidende Seele, willst Du nicht Deinen Antheil an meinem Kummer nehmen, wie ich meinen Antheil an Deinem Schmerze nehmen werde? Es ist das Gesetz, daß die getheilten Lasten weniger schwer sind, und daß die Last welche zwei einzelne Kräfte erdrückt, zuweilen zwei vereinigten leicht erscheint. Da läutete es zum Gebete; Du rufst mich, mein Gott! und ich gehe zu Dir! ich gehe zu Dir in dem Vertrauen auf meine Reinheit, mit offenem Herzen, damit Du in ihm lesen kannst, und wenn ich Dich durch irgend eine That oder irgend eine Unterlassung erzürnt hätte, o mein Gott! so laß es mich durch ein Zeichen, durch eine Eingebung, durch irgend eine Offenbarung wissen, und ich werde mit der Stirn im Staube, mit ausgestreckten Händen vor Deinem Altare auf den Knieen bleiben, bis daß Du mir verziehen hast. Du, liebe Taube, sei die treue Bewahrerin dieser Gedanken meines schwachen Herzens, dieser Regung meiner armen Seele! bedecke mit Deinem Flügeln dieses Papier, das ich zusammenfalte um es den Blicken Aller zu entziehen, und das mich erwarten wird wie die halb gefüllte Schale den Rest des bitteren Trankes erwartet, der ihm verheißen ist. Sechster Brief     11. Mai, Mittags. In der Tat, Sie haben richtig errathen, arme geängstigte Seele; ich hatte beschlossen, Ihnen nicht mehr zu schreiben, denn wozu nützt es, wenn man im Grabe liegt, darauf zu beharren, die Hände herauszuschrecken, wenn es nicht geschieht, um sie zu Gott zu erheben? Aber eine Art von Wunder hat meinen Entschluß geändert. Diesen Brief, den Sie für sich allein geschrieben hatten, diesen Brief, den Sie für sich allein geschrieben hatten, diesen Brief, in welchem Sie Ihre Stelle zu den Füßen des Herrn ausschütten, diesen Brief, den Vertrauen Ihrer Gedanken, den halb mit Bitterkeit gefüllten Becher, der bei Ihrer Rückkehr unter Ihrem Thränen übertreten sollte,diesen Brief hat die dies Mal ungetreue Taube mir gebracht, nicht mehr von Ihnen unter ihre Flügel gebunden, sondern von selbst, in ihrem Schnabel, wie die Taube der Arche den grünen Zweig trug,welcher andeutet, daß die Gewässer auf der Oberfläche des Erdballes abzulaufen begönnen, wie endlich die Thränen auf dem Gesichte eines Sünders versiegen,dem verziehen ist. Wohlan! Es sei, ich nehme es an, einen Theil Ihres Schmerzes zu tragen; denn auch ich gehöre mir selbst nicht mehr an, und aus den Kräften, die Gott mir gelassen hat, muß ich einen Hebel machen, um das Unglück Anderer aufzuheben. Von diesem Augenblicke an ist meine Seele leer von meinem eigenen Mißgeschicke; schütten Sie das Ihrige darin aus, Bach, der Sie einen Fluß suchen, um sich mit ihm zu vereinigen, Meteor, das einen Stern sucht, in dem es erlösche. Sie fragen weshalb Sie leiden, da Sie nichts gethan haben. Nehmen Sie sich in Acht! Sie fragen Gott, und von der Frage zu der Lästerung ist die Entfernung nicht weit, der Fall rasch. Unser Stolz ist unser größter Feind hienieden. Man sagt, daß es in diesem Augenblicke einen Philosophen gibt, der die ganzes Natur in Wirbel eingetheilt hat. Nach der Rechnung dieses Philosophen wäre jeder Fixstern eine Sonne, – der Mittelpunkt einer Welt wie die unsrige, – und alle diese Welten, den Gesetzen des Gleichgewichtes unterworfen, kreiseten und drehten sich in dem Raume, jetzt um ihren Mittelpunkt herum, ohne sich zu stoßen, noch sich zu verwirren. Nicht wahr, das ist ein System, das Gott sehr vergrößern, aber den Menschen auch sehr verkleinern würde? Demnach also kann sich unsere arme Welt wieder in Millionen von Welten eintheilen. Unser Stolz läßt Jeden von uns glauben, daß wir eine Sonne, der Mittelpunkt eines Wirbels sind, während wir höchstens einer der Atome, einer der Sandkörner sind, welche der Hauch des Herrn zu Millionen sich um jene mehr oder minder glänzenden Sterne kreisen und drehen läßt, die man die Könige, die Kaiser, die Fürsten, die Helden, kurz die Mächtigen dieser Welt nennt, denen Gott als Zeichen ihrer Macht den Zepter oder Krummstab, die Tiare oder das Schwert gegeben hat. Nun denn! wer sagt Ihnen, daß die unmateriellen Dinge nicht wie die materiellen Dinge abgewogen werden? Wer sagt Ihnen, daß das Unglück der einen Welt nicht zu dem Glück der anderen beiträgt? Wer sagt Ihnen, daß es nicht eines der Gesetze der moralischen Natur ist, daß die eine Hälfte des Herzens in Thränen sei, damit die andere Seite in der Freude sei, wie die eine Seite der Erde in der Dunkelheit sein muß,damit die andere in dem Lichte ist? Sagen Sie mir doch Ihr Unglück, arme betrübte Seele, denn welches Ihr Unglück auch sein mag, ich bin überzeugt, daß es nicht die Höhe des meinigen erreicht; – sagen Sie es und ich hoffe, – daß ich einen Trost für jede Ihrer Klagen, – einen Balsam für jede Ihrer Wunden haben werde. Aber, ich bitte Sie inständigst, trinken Sie Ihrerseits aus dem Bache meiner Worte, ohne die Quelle zu suchen, von welcher sie ausgeht, – machen Sie es wie die schwarzen Äthiopier und die bleichen Söhne Ägyptens, welche Ihren Duft an den Ufern des Nils stillen, und Sie die glauben würden, eine Gottlosigkeit zu begehen, wenn sie an dem Flusse bis zu seiner Quelle hinaufgingen. Nach einigen Worten,die mir entschlüpft sind, haben Sie gemeint in meinem vergangenen Leben zu lesen; Sie haben aus mir einen Großen dieser Welt gemacht; – Sie haben geglaubt, daß ein Lichtstrahl meinen Sturz begleitet hätte, und daß ich wie ein vom Blitz getroffener Engel aus dem Himmel auf die Erde gefallen wäre. Enttäuschen Sie sich zuvörderst; ich bin ein geringer Mönch, der einen geringen Namen führt; – von meiner finsteren oder glänzenden, niedrigen oder stolzen Vergangenheit habe ich alles Andenken verloren, und, minder hellsehenden dem Leben, als der Philosoph des Altertums, welcher sich erinnerte bei der Belagerung von Troja gekämpft zu haben,es in der dem Tode war, erinnere ich mich heute nicht mehr des Gestern, und morgen werde ich mich nicht mehr des heute erinnern. So will ich Schritt vor Schritt der Ewigkeit zuschreiten, indem ich jede Spur verlösche, die ich hinter mir zurücklasse, um an dem Tage meines Todes so vor dem Herrn zu erscheinen, als ich aus dem Schoße meiner Mutter hervorgegangen bin; – Solus Pauper et nudus: – allein, arm und nackend. Gott befohlen, meine Schwester verlangen Sie nicht mehr von mir,als ich Ihnen geben kann, damit ich Ihnen immer geben kann. Siebenter Brief     12. Mai. Ja, Sie haben Alles begriffen; ja, während ich zu den Füßen Gottes kniete, indem ich von ihm Rechenschaft über seine Strenge verlangte,statt ihn über meine Zweifel um Verzeihung zu bitten, gab mir Gott durch eine Art von Wunder diesen Trost wieder, den ich mir genommen glaubte, und unsere durch ihre Ergebenheit ungetreue Botin überbrachte Ihnen von selbst diese Ueberfülle meiner Gedanken, oder vielmehr meines Herzens, welche auf das Papier übergetreten war. Sie wollen unbekannt bleiben; es sei! was liegt mir daran, daß die Sonne sich in den Wolken verbirgt, daß das Feuer sich in seinem Rauche verschleiert, wenn durch den Rauch oder durch die Wolke, der Strahl der einen mich erleuchtet oder die Flamme des anderen mich erwärmt? Gott auch ist unsichtbar und unbekannt; fühlt man darum weniger die Hand Gottes über die Welt ausgestreckt? Ich werde Ihnen nicht sagen, daß ich eine geringe Frau bin; ich sage Ihnen: Ich bin von Adel gewesen, ich bin reich gewesen, ich bin glücklich gewesen; ich bin nichts von alle dem mehr, ich habe von ganzer Seele einen Mann geliebt, der auch mich von ganzer Seele liebte; dieser Mann ist gestorben; die eisige Hand des Schmerzes hat mich meiner weltlichen Kleider entledigt,und mich mit dem heiligen Gewande angethan, ein einstweiliges Gewand, ein Leichenschmuck derer, die nicht mehr leben, und die gleichwohl noch nicht gestorben sind. Sehen wir jetzt,wo die Wunde ist. Ich bin ins Kloster gegangen,um den zu vergessen der gestorben ist, und mich nur an Gott zu erinnern, und zuweilen vergesse ich Gott, um mich nur dessen zu erinnern, der todt ist Deshalb beklage ich mich, deshalb jammere ich; deshalb rufe ich dem Herrn zu, Herr, habe Erbarmen mit mir! O! sagen Sie mir, wie Sie es angefangen haben, um Ihre Seele von diesem Schmerze zu leeren, der sie erfüllte. Haben Sie es ausgeschüttet, wie man einen Becher ausschüttet? Ich thue es so in meinen Gebeten, und nach jedem Gebete finde ich meine Seele noch immer mehr mit irdischer Liebe erfüllt, als vorher, wie als ob sie statt die Bitterkeit auszuschütten, welche sie enthält, nur eine neue Bitterkeit aus dem glühenden See zu schöpfen gewußt hätte, indem sie sich zu ihm neigte. Ihre Antwort wird einfach sein und ich höre sie im Voraus: »Ich habe niemals geliebt.« Mit welchem Rechte rühmen Sie sich dann, gelitten zu haben, wenn Sie niemals geliebt haben? Sie hätten damit anfangen und mir sagen müssen: »Ich habe niemals geliebt.« Dann hätte ich weder Beistand noch Trost von Ihnen verlangt; dann hätte ich Ihre Entfernung und Ihr Schweigen nicht allein angenommen, sondern ich wäre auch an Ihnen vorübergegangen, wie man an einem Marmor vorübergeht, dem,der Bildhauer eine menschliche Gestalt gegeben hat, in dessen Brust aber niemals ein Herz geschlagen hat. Wenn Sie niemals geliebt haben, so bin ich es, die Ihnen dieses Mal sagt: Antworten Sie mir nicht, wir gehören nicht derselben Welt an, wir haben nicht dasselbe Leben gelebt. Ich habe mich durch den Schein getäuscht, wozu nutzt es, von nun an unnöthige Worte auszuwechseln. Sie werden das nicht verstehen, was ich sage; ich werde das nicht verstehen, was Sie sagen werden. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache. O! wenn Sie aber im Gegentheile geliebt hätten, so sagen Sie mir wo, sagen Sie mir wen, sagen Sie mir wie, oder, wenn Sie mir von alle dem nichts sagen wollen, so sprechen Sie mir von den gleichgültigsten Dingen, gleichviel von welchen, alle werden mir interessant sein, nichts wird mir nutzlos sein, sagen Sie mir, wie Ihr Zimmer ist, ob es sich nach Osten oder nach Westen, nach Süden oder nach Norden öffnet; ob Sie die Sonne begrüßen, wenn sie erscheint, ob Sie Abschied von ihr nehmen, wenn sie flieht, oder ob Sie, die Augen durch die glühenden Strahlen ihres Mittags geblendet, das Antlitz Gottes in Mitte ihres unauslöschlichen Ausstrahlens zu erkennen suchen. Sagen Sie mir Alles das, dann, sagen Sie mir noch das, was Sie v0n Ihrem Fenster aus sehen, Ebenen oder Berge Gipfel oder Thäler, Bäche oder Flüsse, einen See oder den Ocean; sagen Sie mir Alles das, ich werde meinen Geist mit allen diesen geheimnißvollen Problemen des durch den Willen sichtbar gemachten Unbekannten beschäftigen, und vielleicht wird es meinem Herzen, durch meine Gedanken zerstreut, gelingen zu vergessen, wäre es auch nur einen Augenblick lang. Nein, nein, nein, sagen Sie mir Nichts von alle dem; ich will nicht vergessen. Achter Brief     13. Mai. Der, den Sie geliebt haben, ist gestorben,deshalb haben Sie noch Thränen; die, welche ich geliebt habe, hat mich verrathen, deshalb habe ich keine mehr! Sprechen Sie mir von ihm so lange als Sie wollen, verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen von ihr spreche. Seit vier Jahren bewohne ich ein Kloster, und doch bin ich noch nicht Priester! Warum das? werden Sie mich fragen. Als ihre Liebe, die das letzte Band war,welches mich an das Leben fesselte, mir gefehlt hat, bin ich in eine solche Verzweiflung versunken, daß es kein Verdienst von mir war, mich in Folge eines solchen Schmerzes Gott zu widmen. Nun habe ich abgewartet, daß diese Verzweiflung sich beruhigte, damit der Herr mich nicht empfing, wie der Abgrund den Blinden oder den Sinnlosen empfängt, der sich hineinstürzt,sondern wie in gastfreundlicher Wirth den ermüdenden Pilger empfängt, der ihn am Ende eines beschwerlichen Marsches, am Ende eines mühseligen Tages um die Ruhe der Nacht zu bitten kommt. Ich wollte ihm ein inbrünstiges Herz und kein gebrochenes Herz, einen Körper und nicht eine Leiche darbringen. Und es sind jetzt vier Jahre her, daß ich mich durch die Einsamkeit absondere,daß ich mich durch das Gebet reinige, und ich habe bis jetzt nicht gewagt,das Gewandt des Novizen mit der Kutte des Mönches zu vertauschen, so viel bleibt noch von dem alten Menschen in mir, so sehr finde ich, daß es eine Ruchlosigkeit wäre, mich dem Schöpfer so unvollständig zu widmen, nachdem ich mich dem Geschöpfe so vollständig hingegeben hatte. Jetzt kennen Sie von meinem vergangenen und geheimen Leben alles das, was Sie von meinem gegenwärtigen und äußern Leben wissen können, hier ist das, was ich Ihnen sagen kann. Ich bewohne nicht in einem Kloster, sondern in einer auf halber Höhe eines Hügels erbauten Einsiedelei, ein Zimmer mit weißen Wänden, ohne andere Verzierung als das Porträt eines Königs, für den ich eine ganz besondere Verehrung habe, und einen Christus von Elfenbein,ein Meisterstück des sechzehnten Jahrhunderts, den mir meine Mutter geschenkt hat. Mein ganz mit einem ungeheuren Jasmin eingefaßtes Fenster, dessen mit Blumen beladenen Zweige in mein Zimmer eindringen, das sie mit Duft erfüllen, öffnet sich gegen die aufgehende Sonne und wahrscheinlich auf den Punkt des Horizontes den Sie bewohnen, denn ich sehe von weitem und in einem geraden Fluge noch unsere Taube, die ich in derselbe Richtung wieder aufbrechen sehe und der ich in den Lüften bis auf die Entfernung von, ungefähr einer Viertelmeile weit folge; worauf der Punkt, der sie vorstellt und der beständig keiner geworden ist, sich, in dem blauen Firmament oder in der grauen Wolke verschmilzt, je nach dem der Himmel rein oder neblig, ist. Die Morgendämmerung hat für mich ganz besondere Reize, die von der Lage des Bodens herrühren, der die Landschaft bildet, die mein Blick übersehen kann und die ich Ihnen zu beschreiben versuchen will. Mein Horizont ist im Süden durch die große Kette d«r Pyrenäen mit violetten Seiten, mit schneeigen Gipfeln geschlossen, im Westen durch eine Reihe von Hügeln, die, indem sie sich immer erheben, sich eine untergeordnete Kette an diese Hauptkette anschließen; im Norden erstreckt sie sich endlich so weit, als das Auge reichen kann, in ein Land von Ebenen, ganz mit Gruppen von Olivenbäumen bedeckt, ganz mit kleinen Bächen durchschnitten, in deren Mitte, wie ein Fürst, der den Tribut seiner Unterthanen empfängt, majestätisch einer der größten Flüsse dahinrollt, die Frankreich bewässern. Die Anhöhe, welche ich übersehe, neigt sich von Süden nach Norden, von den Bergen in die Ebenen. Sie bietet drei sehr verschiedene Aussichten: am Morgen, am Mittag, am Abend. Am Morgen geht die Sonne hinter der Hügelkette im Osten auf; zehn Minuten, bevor sie erscheint, sehe ich einen rosigen Dunst aufsteigen, der sich langsam, aber siegreich des Himmels bemächtigt, indem er den schwarzen Schattenriß der Hügel noch verfinstert, die sich auf ihm durch diesen Dunst zeigen, der durch alle Zwischentöne, von dem feurigen Rosa bis zu dem glühenden Gelb übergeht und durch dm wie Lanzenspitzen einige vorausgehende Strahlen der Sonne dringen, welche fortfährt, hinter den Hügeln aufzugehen, deren Umrisse an, fangen, sich mit ihren Strahlen zu vergolden. Bald wallt auf dem doppelten Gipfel, welchen der höchste Kamm dieser Kette bildet, etwas wie ein bewegliches Feuer, das sich immer mehr ausbreitet, bis das Gestirn selbst, glänzend, funkelnd, von Flammen strahlend, ein unauslöschbarer Krater des göttlichen Vulkans erscheint. Dann, und in dem Maße, als sie an dem Himmel aufsteigt, erwacht auf der Erde Alles wieder zu dem Leben; der Gipfel der Pyrenäen geht von einem matten Weiß zu dem feurigsten Silberscheine über, ihre schwarzen Seiten erleuchten sich allmälig, indem sie von dem Schwarz zu dem Violett, von dem Violett zu dem Hellblau übergehen. Wie eine Ueberschwemmung von Licht, welche von den hohen Gipfeln herabfiele, verbreitet sich der Tag in der Ebene. Dann glänzen die Bäche wie Silberfäden, des Fluß windet sich und wogt wie ein gewässertes Band; die kleinen Vögel singen in den Oleandergebüschen, in den Reihen der Granatbäume, in den Myrthengesträuchen, und ein Adler, der König des Firmamentes, kreist an dem Himmel, indem er mit seinem unermeßlichen Fluge einen Kreis von mehr als einer Weile beschreibt, in welchem ich ihn abwechselnd verschwinden und wieder erscheinen sehe. Um Mittag verwandelt sich das ganze Becken, das ich soeben beschrieben habe,in eine heiße Gluth; von Oben nach Unten erleuchtet, vermögen die Gebirge ihre nackten Seiten nicht mehr zu verbergen, welche die Granitgebeine der Erde durchziehen, man sieht von den leuchtenden Oberflächen des Felsens die gebrochenen Strahlen der Sonne zurückprallen; die Bäche und der Fluß gleichen Strömen geschmolzenen Bleies, die Blumen verwelken, das Laub neigt sich, die Vögel schweigen; die unsichtbaren Grillen. zirpen auf den Zweitgen der Olivenbäume, welche knistern, und auf der Borke der Fichten, welche krachten, und die einzigen lebendigen Wesen, welche diese Einöde der Flammen beleben, sind bald eine grüne Eidechse, welche an dem Gitter meines Fensters aufsteigt, bald eine marmorirte Schlange, die, in ein Spiral gerollt, mit ihrem halbgeöffneten Rachen, in welchem ein schwarzer und unschädlicher Stachel spielt, die Mücken einathmet, die im Bereiche ihres Athems vorüberkommen. Am Abend erwacht das Leben wieder für einen Augenblick, wie das Licht der Lampe, die auszugehen im Begriffe steht, wieder für einen Augenblick erwacht, dann schweigen die Grillen eine nach der andern, und der klagende und eintönige Ruf des Heimchens folgt ihrem Gezirpe; die Eidechsen fliehen, die Schlangen verschwinden, die Gebüsche bewegen sich unter dem unruhigen Fluge der Vögel, die eine Herberge. suchen, um die Nacht darin zuzubringen, die Sonne geht an dem Horizonte unter, der mir verborgen ist, und in dem Maße, als sie untergeht, sehe ich den Schnee der Pyrenäen von dem zarten Rosa, roth zu dem Purpurrosaroth übergehen, während die auf dem Grunde der Ebene hereingebrochene Finsterniß jede Stufe der Riesentreppe ersteigt, welche das Licht verläßt, bis daß dem Naturgesetze gemäß die ganze Welt ihr angehört; dann hört alles Geräusch auf, alles irdische Licht erlöscht, die Sterne erscheinen schweigend an dem Himmel, und in Mitte des nächtlichen Schweigens erwacht eine einzige Melodie in dem Raume, das ist der Gesang der Nachtigall, der Geliebten der Sterne, die Improvisatrice der Dunkelheit. Sie haben mich gefragt,was ich von meinem Fenster aus sehe,ich habe es Ihnen gesagt; prägen Sie diese dreifache Aussicht Ihrem Gedanken ein, beschäftigen Sie Ihren Geist, um Ihr Herz zu zerstreuen; Ihr Heil auf dieser Welt und in der anderen liegt ganz in dem Worte: Vergessen Sie! Neunter Brief,     13.Mai. Sie sagen mir zu vergessen. Hören Sie, was in mir vorgeht, sobald die Dunkelheit sich verbreitet; dann, begreifen Sie etwas Entsetzliches, Unerhörtes, Unnatürliches? Nämlich daß während meines Schlafes der Todte nicht mehr Todt ist, der Gestorbene zum Leben zurückgekehrt,er ist bei mir mit seinem langen schwarzen Haaren, seinem bleichen und männlichen Gesichte; voll von dem Gepräge des Adels seines Geschlechts. Er ist da, ich spreche mit ihm, ich strecke die Hand aus, ich rufe aus; Du lebst also noch! Du liebst mich also immer noch! Und er antwortet mit Ja, daß er noch lebt, daß er mich immer noch lieb, und dieselbe unaufhörliche, regelmäßige, fast materielle Erscheinung erneuert sich jede Nacht,um erst mit den ersten Strahlen der Tages zu verschwinden.Ei! mein Gott,was habe ich nicht gethan,damit diese Erscheinung, ohne Zweifel das Werk des Engels der Finsterniß,aufhöre, mich zu Quälen! Ich habe mich unter geweihtem Buchsbaum begraben, ich habe geweihte Rosenkränze um meinen Hals und um meine Handgelenke geschlungen, ich habe ein Kruzifix auf meine Brust gelegt, und bin mit über die Füße des göttlichen Märtyrers gefalteten Händen eingeschlafen: Alles ist eitel, vergebens, fruchtlos gewesen; der Tag führt mich zu Gott zurück, aber die Dunkelheit zu ihm, ich bin wie jene Königin, von welcher der Dichter Homer spricht, und von der jede Nacht die Arbeit jeden Tages wieder auflöste. Wenn es keine Nacht, keinen Schlaf, keine Träume mehr gäbe, so würde ich vielleicht vergessen. Können Sie das von Gott erlangen? Zehnter Brief     14. Mai. Alles, was man von Gott durch das Gebet erlangen kann, werde ich für Sie erlangen, denn Sie sind wirklich verwundet, und die Wunde ist tief und blutend. Lassen Sie uns beten. Elfter Brief     15. Mai. Ich weiß nicht, ob ich, seitdem ich Ihnen schreibe, mehr Ruhe empfinde, aber zuverlässig empfinde ich mehr Erleichterung. Das kommt daher, weil mein Leben eine mächtige Zerstreuung erhalten hat; ich war ohne Familie, allein in der moralischen und in der materiellen Welt, bald auf den Knieen, bald auf einem Grabe liegend, bald weinend, immer verzweifelnd, und jetzt finde ich plötzlich einen Bruder wieder. Denn es scheint mir, daß Sie für mich ein Bruder sind. Es scheint mir, daß dieser Bruder, den ich nicht kannte, Frankreich verlassen hat, bevor ich geboren wurde. Es scheint mir, daß ich ihn erwartet, ihn ohne Unterlaß gesucht habe. Jetzt ist er zurückgekehrt. Jetzt, ohne sich durch die Gegenwart zu offenbaren, offenbart er sich durch die Stimme. Ich sehe ihn nicht, aber ich höre ihn. Ich berühre ihn nicht, aber ich verstehe ihn. Sie haben keinen Begriff, wie sehr diese so glänzend von ihrer Feder ausgemalte Landschaft meine Gedanken beschäftigt hat. Man leugne mir nicht die Wunder des doppelten Gesichts: das doppelte Gesicht besteht. Durch die beharrliche Kraft meines Willens ist diese Landschaft mir gegenwärtig, in meinem Geiste wie in einen Spiegel zurückgegeben. Ich sehe Alles, von dem rosenfarbigen Dunste des Morgens, der sich hinter dem Hügel erhebt, bis zu dem Hereinbrechen der grauen Schatten des Abends, ich höre Alles, von dem Geräusche der Blume an, die ihren Kelch dem Morgenthaue öffnet, bis zu dem Gesange der Nachtigall, der sich in der Einsamkeit und in dem Schweigen der Nacht verlängert. Und ich sehe Alles das auf eine solche Weise, daß wenn ich mich jemals in dem Kreise befände, den Ihre Blicke übersehen, ich sagen würde: Da sind die entflammten Hügel, hier sind die Schneegebirge, hier sind die Silberbäche, hier sind die Flüsse, hier sind die Olivenbäume, hier sind die Granatbäume, hier sind die Oleander, hier sind die Myrthen, hier ist es, hier ist es! Dann sehe ich noch Ihre Einsiedelei, wie sie sich über die Mauern des Gartens mit ihrem mit Jasmin und Reben verschleierten Fenster erhebt; dann sehe ich Sie selbst in Ihrer weißen Zelle, zu den Füßen Ihres schönen Christus knieend, indem Sie für sich und besonders für mich beten. Sagen Sie mir, wer dieser König ist, dessen Porträt sich in Ihrer Zelle befindet, dieser König, für den Sie eins besondere Verehrung haben, damit auch ich ein Porträt dieses Königs habe, damit ich eine Verehrung mehr habe, welche Ihre Verehrung ist. Dann möchte ich auch Sie sehen. . . o! nur durch den Gedanken; beruhigen Sie sich. Sie haben mir gesagt, daß die Vergangenheit für Sie nicht mehr Bestände, und daß ich Sie nur über die Gegenwart und über die Zukunft befragen sollte. Lassen wir die Vergangenheit in dem Nichts und sagen Sie mir, wie alt Sie sind, unter welchen Zügen ich mir ein dem Ihrigen ähnliches Bild entwerfen muß, sagen Sie mir, seit welcher Zeit Sie in diese Einsiedelei eingezogen sind, sagen Sie mir, wann Sie gänzlich von der Welt Abschied zu nehmen gedenken. Ich möchte auch wissen, in welcher Entfernung wir von einander. sind. Ist es möglich, das zu berechnen? Sie scheinen mir so gut, daß ich nicht fürchte, Sie zu ermüden. Sie scheinen mir so gelehrt, daß ich nicht fürchte, Sie um das Unmögliche zu fragen. Ich will an das denken, was Ihre Antwort enthalten kann, und wenn ich sie erhalten Habe, werde ich an das denken, was sie enthalten wird. Geh, geliebte Taube, geh und kehre schnell zurück. Zwölfter Brief     13. Mai, Schlag 3 Uhr Nachmittags. Wie Sie sehen, ist es mir, indem ich Ihren Geist beschäftigte, gelungen, einen Augenblick lang Ihr Herz zu zerstreuen. Man muß die Seele wie den Körper behandeln, lassen Sie einen Kranken einen Augenblick lang vergessen, daß er leidet, und er wild einen Augenblick lang nicht mehr leiden. Sie wollen, daß ich Ihnen von mir spreche, Sie wollen suchen, ob in dem physischen oder in dem moralischen Manne, der lebendig und unbekannt ist, etwas von dem Tobten liegt, den Sie geliebt haben: es sei, hören Sie. Ich bin am l. Mai 1607 in Fontainebleau geboren, ich bin alt dreißig Jahre und vierzehn Tage. Ich bin groß, ich habe schwarze Haare; ich habe blaue Augen, eine bleiche Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn. Ich habe mich seit dem 17. Januar 1633 von der Welt zurückgezogen, und ich habe das Gelübde gethan, mich, wenn sich gewisse Dinge in meinem Schicksale nicht änderten, nach fünf Jahren meiner Zurückgezogenheit Gott zu widmen. Ich habe mich in Folge einer großen politischen Katastrophe, in welcher meine theuersten Freunde untergegangen sind, von der Welt zurückgezogen, in Folge eines großen persönlichen Schmerzes, in welchem mein Herz gebrochen worden ist. Das Porträt dieses Königs, das in meiner Zelle ist und für den ich eine ganz besondere Verehrung habe, ist das des König Heinrichs IV. Jetzt wünschen Sie zu wissen, in welcher Entfernung wir von einander sind: es ist drei Uhr weniger einige Minuten, ich werde meinen Brief von Schlag drei Uhr datieren, dem Augenblicke, wo ich unsere Botin stiegen lassen werde. Die Tauben legen fünfzehn bis sechzehn Meilen in der Stunde zurück; ich habe Gelegenheit gehabt, das unter gewissen Umständen zu erforschen, in denen ich mich Ihres Dienstes bedient habe: merken Sie sich die Stunde, zu welcher Sie diesen Brief erhalten werden, und berechnen Sie. Antworten Sie mir erst in zwei bis drei Tagen, wenden Sie diese zwei bis drei Tage dazu an, Luftschlösser oder Wirklichkeiten zu bauen; dann, arme Klausnerin, werfen Sie Alles das auf das Papier, was in Ihrem Geiste vorgehen wird, und senden Sie mir den Inhalt! Ihrer Nachforschungen, das Resultat Ihrer Träume. Gott sei mit Ihnen! Dreizehnter Brief     15. Mai, zwei Stunden nachdem     ich Ihren Brief erhalten habe. Hören Sie! hören Sie! Nicht in zwei, nicht in drei Tagen muß ich Ihnen antworten, sondern auf der Stelle. Mein Gott, welch thörigter Gedanke bemächtigt sich meines Verstandes, meines Herzens, meiner Seele! Wenn der, dm ich liebe, nicht todt wäre! Wenn Sie der wären, den ich liebe, der, den ich rufe, der, den ich suche, der, welcher mir jede Nacht erscheint! Sie sind am 1. Mai 1607 geboren, er auch! Sie sind groß, er auch! Sie haben schwarze Haare, er auch! Sie haben blaue Augen, eine bleiche Gesichtsfarbe, eine hohe Stirn; er auch! Dann, erinnern Sie sich der Worte, die Sie mir bereits in einem andern Brief gesagt haben, und die lebendig in meinem Gedächtnisse geblieben sind. Sie sind durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Größe gefallen, Sie haben bei dem Winde des Beiles nicht geschaudert, welches die Köpfe um Sie herum abschlug; Sie haben im Fallen fast ein Königreich verloren. Ich weiß nicht, ob Alles das auf Sie anwendbar ist, aber, mein Gott! mein Gott! Alles das läßt sich wirklich auf ihn anwenden. Sie haben in Ihrer Zelle das Portrait eines Königs, das Sie mit Verehrung und Liebe umgeben. Das Portrait ist das Heinrichs IV. Und er, er war der Sohn König Heinrichs IV. Wenn Sie nicht Anton von Bourbon, Graf von Moret sind, von dem man sagt, daß er in der Schlacht von Castelnaudary gefallen sei, wer sind Sie denn? Antworten Sie! im Namen des Himmels, antworten Sie. Vierzehnter Brief     16. Mai, mit Tagesanbruche. Wenn Sie nicht Isabella von Lautrec sind, die ich für ungetreu hielt, wer sind Sie denn? Ich bin Anton, Graf von Moret, von dem man glaubte, daß er in der Schlacht von Castelnaudary gefallen wäre, und der noch, nicht durch die Barmherzigkeit, sondern durch die Rache des Herrn lebt. O! wenn die Sachen sind, wie ich fürchte, daß sie sind, dann wehe uns Beiden! Die Taube hat sich in der Nacht verirrt, oder ist sie vielleicht ermüdet genöthigt gewesen, sich auszuruhen. Sie ist erst mit den ersten Strahlen des Tages gekommen. Fünfzehnter Brief     16. Mai, 7 Uhr Morgens. Ja, ja, Ja, Unglücklicher! ja, ich bin Isabelle von Lautrec! Sie haben mich für untreu gehalten, mich? wie, warum, bei welcher Veranlassung? denn ich vertheidige mich nicht mehr, ich klage an. Wissen Sie, daß die Taube nur zwei Stunden darauf verwendet, um von Ihnen zu mir und von mir zu Ihnen zu gehen? Wissen Sie, daß wir dem zu Folge nur dreißig Meilen von einander entfernt sind? Sagen Sie an, wie habe ich Sie betrogen? wie habe ich Sie verrathen? sagen Sie, sagen Sie! Geh, Taube, Du trägst mein Leben! Sechzehnter Brief     16. Mai, 11 Uhr. Meine Augen, mein Herz, meine Seele, hat mich Alles zugleich betrogen? Ist es Isabella von Lautrec, oder ist sie es nicht, die ich am 5. Januar 1633 in die Domkirche von Valence habe eintreten sehen. War sie als Braut gekleidet? und der, welcher hinter ihr im Anzüge als Bräutigam ging, war es nicht der Vicomte Emmanuel von Pontis? Oder war Alles das nur eine Täuschung des bösen Geistes? Keinen Zweifel, keine Zögerung, Keine halbe Antwort. Das Schweigen oder den Beweis. Siebzehnter Brief     16. Mai, drei Uhr Nachmittags. Ja, den Beweis! es sei; er wird mir leicht zu geben sein. Alles, was Sie gesehen haben, schien wahr zu sein, und dennoch war Alles das falsch, was Sie gesehen haben. Nur habe ich Ihnen eine lange Erzählung zu machen; um so besser, unsere arme Taube ist erschöpft und bedarf der Ruhe. Sie hat beinahe vier Stunden, statt zwei darauf verwandt, um zurückzukehren. Ich werde einen Theil der Nacht schreiben. Mein Gott und Herr! gib mir ein wenig Ruhe, meine Hand zittert in dem Grade, um meine Feder nicht halten zu können. Mein Gott! ich will Dir zuvörderst dafür danken, daß er lebt. Achtzehnter Brief     Sechs Uhr Abends. Ich habe drei Stunden betend und meine glühende Stirn auf die eisigen Platten gestützt auf den Knieen zu gebracht, und ich bin jetzt ruhiger. Ich lehre zu Ihnen zurück. Lassen Sie mich Ihnen Alles sagen, Ihnen Alles von dem Augenblicke an erzählen, an welchem ich Sie in Valence verlassen habe, bis zu dem, wo ich, Unglückliche, die ich bin, mein Gelübde ausgesprochen habe. Es war, Sie werden es sich wohl erinnern? es war am 14. August 1632, daß wir uns trennten; Sie nahmen Abschied von mir, ohne mir zu sagen, wohin Sie gingen; ich war mit traurigen Ahnungen erfüllt, ich vermochte den Schooß Ihres Mantels nicht loszulassen. Es schien mir, als ob es keine Abwesenheit von einigen Tagen wäre, wie Sie es mir versprochen, sondern eine ewige Abwesenheit, in welche wir eintreten würden. Es schlug elf Uhr Abends auf der Kirche der Stadt; Sie ritten ein weißes Pferd; Sie waren in einen Mantel von dunkler Farbe gehüllt, Sie brachen Anfangs langsam auf, und drei Mal kehrten Sie wieder um, um Abschied von mir zu nehmen; bei dem dritten Male zwangen Sie mich, in das Haus zurückzukehren, denn, sagten Sie mir, wenn ich vor der Thür bliebe, so vermöchten Sie nicht sich zu entschließen aufzubrechen. Warum bin ich nicht geblieben? warum sind Sie aufgebrochen? Ich kehrte in das Haus zurück, aber es geschah nur, um auf meinen Balcon zu eilen. Sie blickten hinter sich, Sie sahen mich erscheinen, indem ich mein ganz mit Thränen benetztes Taschentuch wallen ließ; Sie erhoben Ihren Hut mit wallenden Federn, und ich hörte auf den Flügeln des Windes Ihren Abschied zu mir gelangen, der, durch die Entfernung geschwächt, klagend wie ein Seufzer geworden war. Eine große schwarze Wolke zog am Himmel rasch dem Monde entgegen; ich streckte die Hände nach dieser Wolke aus, wie um sie zurückzuhalten, denn sie stand im Begriffe, den Silberschein zu erlöschen, mit dessen Hilfe ich Sie noch sah, endlich, gleich einem Luftungeheuer, streckte sie den offenen Rachen aus und verschlang den bleichen Gott, der in seinen dunklen Weichen verschwand. Nun senkte ich meine Augen von dem Himmel auf die Erde und suchte Sie vergebens; ich hörte noch in der Richtung von Orange den Aufschlag Ihres Pferdes auf dem Pflaster, aber ich sah Sie nicht mehr. Plötzlich öffnete ein Blitz die Wolke, und bei dem Scheine des Blitzes erkannte ich noch Ihr weißes Pferd. Was Sie anbetrifft, so hatte Sie Ihr dunkler Mantel bereits mit der Nacht verschmolzen. Das Thier entfernte sich rasch, aber schien sich ohne Reiter zu entfernen. Zwei andere Blitze leuchteten noch, welche mir das sich immer noch entfernende, wie ein Gespenst erbleichende Pferd zeigten. Seit einigen Sekunden hörte ich sogar nicht einmal mehr den Hufschlag seines Galopps. Ein vierter Blitz kam mit dem Rollen des Donners begleitet, aber sei es nun, daß es sich um irgend eine Krümmung des Weges gewandt hatte, oder daß es fern war, das Pferd war verschwunden. Die ganze Nacht rollte der Donner, die ganze Nacht peitschten der Wind und der Regen meine Fenster; am folgenden Tage schien die bestürzte, zerzauste, sterbende Natur in Trauer wie mein Herz. Ich wußte, was sich auf der Seite zutrug, wo ich Sie hatte verschwinden sehen, das heißt in Languedoc. Der Herzog von Montmorency, Ihr Freund, der der Gouverneur davon war, hatte, wie man sagte, indem er die Partei der verbannten Königin Mutter und die von Monsieur angenommen, welcher durch Frankreich gezogen war, um zu ihm zu stoßen, die Provinz aufgewiegelt, und erhob Truppen, um Hegen den König und Herrn von Richelieu zu marschieren. Um einem Ihrer Brüder zu dienen, wollten Sie daher gegen den andern kämpfen; Sie standen im Begriffe, was noch weit gefährlicher war, das Schwert zu ziehen und Ihren Kopf gegen den schrecklichen Kardinal von Richelieu auf das Spiel zu setzen, der schon so viele Köpfe hatte fallen und so viele Schwerter hatte zerbrechen lassen. Nein Vater war, wie Sie wissen, in Paris bei dem Könige. Ich reiste mit zwei meiner Kammerfrauen unter dem Vorwande ab, meine Tante zu besuchen, welche Aebtissin von Saint-Pons war; aber in der Wirklichkeit, um mich dem Schauplatze der Ereignisse zu nähern, auf welchem Sie eine Rolle spielen würden. Ich mußte acht Tage reisen, um die Strecke zurückzulegen, welche Valence von Saint-Pons trennt. Ich kam am 23. August in dem Kloster an. So wenig die frommen Mädchen auch gewöhnt waren, sich um die Dinge der Welt zu bekümmern, so wurden doch die Ereignisse welche sich um Sie herum zutrugen, so ernst, daß Sie der Gegenstand aller Gespräche waren, und daß alle Diener des Klosters nach Neuigkeiten forschten. Hier ist das, was man sagte: Man sagte, daß der Bruder des Königs, Seine Gnaden, Gaston von Orleans, sich mit dem Marschall, Herzog von Montmorency vereinigt hätte, indem er ihm zwei Tausend Mann zuführte, die er in dem Fürstenthume Trier ausgehoben, und die mit den vier Tausend vereinigt, welche Herr von Montmorency bereits hatte, ein Ganzes von sechs Tausend Soldaten ausmachten. Mit diesen sechs Tausend Soldaten hielt er Ledeve Albi, Uzes, Alais, Lunel und Saint-Pons besetzt – wo ich mich befand. – Nimes, Toulouse. Carcossonne und Beziers hatten, obgleich mit Protestanten bevölkert, sich geweigert, sich ihm anzuschließen. Man sagte ferner, daß zwei Heere gegen das Heer des Herzogs von Montmorency marschierten. Das eine kam über Pont-Saint-Esprit, und wurde von dem Marschall von Schomberg commandirt. Außerdem hatte es der Kardinal für nothwendig erachtet, daß Ludwig XIII. sich dem Kriegsschauplatze nähere, und er war, wie man versicherte, in Lyon. Ein Brief, den man mir von Valence überbrachte, bestätigte mir nicht allein diese Nachricht, sondern meldete mir auch, daß mein Vater, der Baron von Lautrec, bei ihm wäre. Dieser Brief war von meinem Vater selbst. Er meldete mir den zwischen seinem alten Freunde, dem Grafen von Pontis und ihm gefaßten Entschluß, die Freundschafts- und Verwandtschaftsbande, welche die beiden Häuser vereinigten, noch dadurch enger zu schließen, daß er mich mit dem Vicomte von Pontis verheirathete. Wie Sie sich erinnern werten, hatte ich Ihnen bereits von diesem Heirathsplane gesagt, und Sie hatten mir damals geantwortet: Lassen Sie mir noch drei Monate; während tiefer drei Monate können sich wichtige Ereignisse zutragen, die gar viele Schicksale umgestalten werden. Lassen Sie mir noch drei Monate, und ich werde bei dem Baron von Lautrec um Ihre Hand anhalten. Auf diese Weise vereinigte sich also mit der Marter, Sie unter denen zu wissen, welche mein Vater die Rebellen nannte, noch die Furcht, sich einen Haß zwischen Ihrem Hause und dem meines Vaters erheben zu sehen, – der ein so treuer und rechtschaffener Diener des Königs war, daß er den Kardinal und ihn in eine und dieselbe Bewunderung verschmolz, und er zum Mindesten ein Mal täglich das sagte, was der König ein Mal jede Woche sagte: – Wer den Kardinal nicht liebt, liebt den König nicht. Am 23. August erschien ein Urtheil, welches den Herzog von Montmorency aller seiner Ehren entsetzt erklärte, indem seine Güter eingezogen und dem Parlamente von Toulouse warb der Befehl gegeben, ihm den Proceß zu machen. Am folgenden Tage verbreitete sich das Gerücht, daß dieselbe Erklärung in Bezug auf Sie, obgleich Sie der Sohn eines Königs wären, und für Herrn von Rieux erschienen sei. Denken Sie sich die Gefühle meines armen Herzens bei allen diesen Gerüchten. Am 24. sah ich durch Saint-Pons einen Abgesandten des Kardinals kommen; wie man sagte, ging er, Herrn von Montmorency den Frieden anzubieten. Ich erlangte von meiner Tante, daß sie ihm Erfrischungen anbieten ließ. Er nahm es an und verweilte einen Augenblick lang im Sprachzimmer. Ich sah ihn und fragte ihn. Was man gesagt hatte war wahr: Ich hatte einige Hoffnung. Diese Hoffnung vermehrte sich noch, als ich erfuhr, daß der Erzbischof von Narbonne, ein persönlicher Freund des Herrn von Montmorency, zu demselben Zwecke durch Carcassonne gekommen wäre, um zu erlangen, daß der Marschall Herzog die Waffen niederlege. Die Anträge, welche er beauftragt war, dem Gouverneur von Languedoc zu machen, waren, wie man sagte, sehr annehmbar und sogar vortheilhaft für sein Vermögen und für seine Ehre. Es Verbreitete sich bald das Gerücht, daß der Marschall Herzog Alles ausgeschlagen hätte. Was Sie anbetrifft, – denn Sie werden wohl begreifen, daß man viel von Ihnen sprach, was zugleich ein Grund des Schreckens und des Trostes für mich war, – was Sie anbetrifft, so sagte man, daß ein Brief von dem Kardinal selbst an Sie geschrieben worden wäre, aber daß Sie geantwortet hätten, daß Sie seit langer Zeit Monsieur Ihr Wort gegeben, und daß Monsieur allein Ihnen Ihr Wort zurückgeben könnte. Ach! feig und selbstsüchtig gab er es Ihnen nicht zurück. Am 29. August erfuhren wir, daß das Heer des Herrn von Schomberg und das des Herrn von Montmorency einander gegenüber ständen. Der alte Marschall vergaß indessen nicht, daß Herr von Richelieu nur ein Minister war und fallen konnte, daß der König nur ein Mensch war und sterben konnte. Dann wurde Monsieur, der gegen welchen er marschierte, da er der muthmaßliche Erbe der Krone war, König von Frankreich. Er eröffnete daher mit Monsieur eine letzte Unterhandlung, und sandte Herrn von Cavaie ab, um zu unterhandeln. Wir wußten alles das. Meine Seele klammerte sich an jede Hoffnung, die sie vom Himmel nahm. Ich erwartete voll Angst diese letzte Antwort des Herrn von Montmorency. Sei es Verzweiflung oder sei es Eigendünkel, der Unglückliche antwortete, auf seine Tapferkeit vertrauend, wie Sie wissen: »—Kämpfen wir zuvor, nach der Schlacht wird man unterhandeln.« Von nun an war jede Hoffnung auf eine Vermittlung verloren, und da ein Sieg des Herzogs von Montmorency Ihr einziges Heil war, so vergaß ich meine Pflichten als Tochter, meine Pflichten als Unterthanin, und, an dem Fuße der Altäre kniend, bat ich den Gott der Heerschaaren, einen günstigen Blick auf den Sieger von Vellano und den Sohn des Siegers von Ivry zu richten. Von diesem Augenblicke an erwartete ich nur noch eine Nachricht, die der Schlacht. Ach! am 1. September um fünf Uhr Abend kam diese schreckliche, verhängnißvolle, verzweifelte Nachricht an. Die Schlacht war, verloren, der Marschall Herzog war Gefangener, und nach Aussage Einiger sollten Sie tödtlich verwundet, und nach der Anderer todt sein. Ich fragte nicht mehr darüber; ich ließ den Gärtner holen, den ich im Voraus gewonnen hatte. Ich beauftragte ihn, sich zwei Pferde zu verschaffen, und mich mit einbrechender Nacht an der Thür des Gartens zu erwarten. Als die Nacht herbeigekommen, ging ich hinab, wir stiegen zu Pferde, wir ritten am Fuße des Gebirges hin, gingen über zwei oder drei Bäche, ließen das kleine Dorf Leviniere zur Linken, und um acht Uhr Abends hielten wir in Cannes an. Mein Pferd hatte sich verwundet und hinkte; ich vertauschte es gegen ein frisches Pferd, und zog während dieser Zeit Nachrichten ein. Man sagte Herrn von Montmorency so wie Herrn von Rieux todt. Was Sie anbetrifft, so waren die Berichte immer ungewiß: die Einen sagten Sie todt, die Anderen tödtlich verwundet. Tödtlich verwundet. wollte ich Ihnen die Augen schliefen; todt, wollte ich Sie in Ihr Grabtuch legen. Wir brachen gegen halb neun Uhr von Cannes durch die Felder auf, ohne irgend eine gebahnte Straße einzuschlagen, der Gärtner war von Saissac und kannte die Gegend; wir schlugen den geraden Weg nach Montolieu ein. Das Wetter war durchaus dem gleich, welches in der Nacht herschte, in der wir uns verließen, dicke schwarze Wolken zogen am Himmel, der Gewitterwind blies durch die Olivenbäume, ein warmer, schwerer, erstickender Wind, der von Zeit zu Zeit aufhörte, um senkrecht dicke Regentropfen fallen zu lassen, der Donner rollte hinter Castelnaudary. Durch Montolieu gingen wir nur durch, ohne uns aufzuhalten. Vor dieser kleinen Stadt stießen wir auf die ersten Posten des Herrn von Schomberg. Ich erneuerte die Fragen. Der Kampf hatte gegen elf Uhr Morgens begonnen und ungefähr eine Stunde gedauert; kaum hundert Personen waren getötet worden. Ich fragte, ob Sie unter der Zahl der Todten wären. Man erkundigte sich darnach. Eine verlorene Schildwache sagte, daß er Sie hätte fallen sehen. Ich ließ den Mann kommen, er hatte in der That einen Anführer fallen sehen, aber er war nicht ganz gewiß, ob Sie es wären. Ich wollte ihn mitnehmen; er hatte die Wache und konnte mir nicht folgen. Nur gab er dem Gärtner alle Auskünfte. Es war der Graf von Moret, der das Gefecht begonnen hatte, und wenn er getötet worden war, so war er von einem Offizier der Carabiniers Namens Beteran getötet worden. Ich hörte alle diese Umstände mit eisigem Schauder an, meine Brust war so beklommen, um nicht sprechen zu können, und eben so dicke Schweißtropfen als meine Thränen rollten über mein Gesicht und verschmolzen sich mit ihnen. Wir begaben uns wieder auf den Weg, – wir hatten zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde zurückgelegt, – aber da ich das Pferd in Cannes gewechselt halte, so konnte ich nach Castelnaudary gelangen; wenn das des Gärtners unterwegs fiele so versprach er mir zu folgen, indem er sich an die Mähne des meinigen klammerte. Als wir Montolieu verließen, geriethen wir an einen Wald, der bewacht war. Wir gaben uns zu erkennen. Man führte uns an die Ufer des kleinen Flusses Bernassonne, den wir durch eine Furt passierten, so wie zwei andere kleine Flüsse, welche wir noch auf unserem Wege antrafen. Zwischen Ferrais und Villespy fiel das Pferd des Gärtners und vermochte nicht wieder aufzustehen; aber glücklicher Weise waren wir fast angekommen; wir erblickten die Wachtfeuer des königlichen Heeres, und auf der Wiese, auf welcher b« Kampf stattgefunden hatte, herumirrende Lichter. Mein Reisegefährte sagte mir, daß diese Lichter die der Soldaten wären, die sich. ohne Zweifel anschickten die Todten zu begraben, ich bat ihn, eine letzte Anstrengung zu machen, um mir zu folgen, ich drückte meinem Pferde, das selbst bereit war zu fallen, die Sporen in den Leib, und wir kamen über die letzten Feuer des Lagers hinaus. Wir hatten das Dorf Sain-Popoul zu unserer Rechten gelassen, als mein Pferd sich bäumte. Ich bückte mich und sah eine gestaltlose Masse, es war ein todter Soldat. Ich war auf die erste Leiche gestoßen. Ich sprang von meinem Pferde, das ich frei gehen ließ. Ich war angekommen. Der Gärtner eilte nach den Fackeln und nach den Gruppen, die uns am nächsten waren. Ich setzte mich auf einen Rasenhügel und wartete. Der Himmel war immer noch durch dicke schwarze Wolken verfinstert, der Donner rollte fortwährend im Westen; einige Blitze erleuchteten von Zeit zu Zeit das Schlachtfeld. Der Gärtner kehrte mit einer Fackel und einigen Soldaten zurück. Er hatte sie da beschäftigt gefunden, ein großes Grab auszugraben, um alle Leichen hineinzuwerfen, aber noch war keine Leiche hineingeworfen. Dort fing ich an bestimmtere Nachrichten zu erhalten: obgleich von zwölf Wunden getroffen, war Herr von Montmorency doch nicht todt, sondern Gefangener; er war gefangen genommen und nach einer Meierei eine Viertelstunde weit von dem Schlachtfelde getragen worden, hatte dem Beichtvater des Herrn von Schomberg gebeichtet, worauf er, von dem Wundarzte der Chevauxlegers verbunden, auf einer Leiter nach Castelnaudary getragen worden war. Herr von Rieux war getötet, man hatte seine Leiche wiedergefunden. Was Sie anbetrifft, so hatte man Sie vom Pferde fallen sehen, aber man konnte nicht sagen, was aus Ihnen geworden war. Ich fragte, wo man Sie hätte fallen sehen, man sagte mir, daß es bei dem Hinterhalte gewesen wäre. Die Soldaten wollten wissen wer ich wäre. – Blickt mich an, sagte ich ihnen, und errathet. Schluchzen, erstickte mich, Thränen flossen über mein Gesicht. – Arme Frau, sagte der eine von ihnen, sie liebt ihn. Ich ergriff die Hand dieses Mannes, ich hätte ihn umarmen mögen. – Komm mit mir, sagte ich zu ihm, und hilf nur ihn todt oder lebendig wiederfinden. – Wir wollen Ihnen helfen, sagten zwei bis drei Soldaten. Dann sagten Sie zu einem von den Ihren: – Geh, voraus. Der, welcher gewählt war unser Führer zu sein, nahm die Fackel und leuchtete uns. Ich folgte ihnen. Der eine von ihnen bot mir an, mich auf ihn zu stützen. – Ich danke, sagte ich zu ihm, ich bin stark. Ich fühlte in der That durchaus keine Ermüdung, und es schien mir, als ob ich bis an das Ende der Welt hätte gehen können. Wir thaten ungefähr drei Hundert Schritte; von zehn Schritten zu zehn Schritten weit befand sich eine Leiche; bei jeder Leiche wollte ich anhalten, um zu sehen, ob Sie es wären, aber die Soldaten trieben mich weiter, Indem sie sagten: Hier ist es nichts Madame. Endlich kamen wir an einen Hohlweg, der mit einigen Olivenbäumen besetzt war, ein Bach floß in der Vertiefung desselben. – Hier ist es, sagte der Soldat. Ich fuhr mit der Hand über meine Stirn; ich wankte und fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Wir fingen damit an, aus der Höhe zu suchen, es befanden sich dort ungefähr ein Dutzend Leichen, ich nahm die Fackel aus den Händen dessen, der sie trug, und neigte sie auf den Boden. Ich untersuchte alle Leichen, eine nach der anderen, zwei hatten das Antlitz gegen den Boden. Der eine dieser beiden Männer war ein Offizier; er hatte schwarze Haare wie Sie; ich ließ ihn auf den Rücken umwenden und schlug seine Haare zurück. Sie waren es nicht. Plötzlich stieß ich einen Schrei aus. Ich bückte mich, ich hatte Ihren Hut erkannt und raffte ihn auf. Die Federn waren die, welche ich selbst daran befestigt hatte, ich konnte mich nicht darüber irren. Dort war es, wo Sie gefallen waren; nur, Waren Sie todt oder verwundet gefallen, das war die Frage. Die Soldaten, welche mich begleiten, sprachen leise miteinander. Ich sah den einen von ihnen den Arm in der Richtung des Baches ausstrecken: – Was sagen Sie? fragte ich sie. – Wir sagen, Madame, antwortete der, Welcher den Arm ausgestreckt hatte, daß, wenn man verwundet ist und besonders durch einen Schuß, man Durst hat. Wenn der Graf von Moret nur verwundet gewesen ist, so wird er sich vielleicht bis an den Bach, der in der Tiefe dieses Hohlweges fließt, geschleppt haben, um zu trinken. – O! das ist eine Hoffnung! rief ich aus. Kommen Sie. Und ich eilte durch die Olivenbäume. Der Abhang war steil, ich bemerkte es nicht. Ceres ging mit der Fackel in der Hand, indem sie die verlorene Proserpina sucht, obgleich sie Göttin war, nicht rascherern und sicherern Schrittes, als ich. In einem Augenblicke war ich an dem Ufer des Baches. Zwei bis drei Verwundete hatten in der That Anstrengungen versucht, um ihn zu erreichen. Der eine war auf dem Wege verschieden. Der zweite hatte ihn mit der Hand erreicht, aber er hatte nicht weiter gehen können. Der dritte hatte den Kopf in dem Bache selbst und war trinkend gestorben. Einer dieser drei Körper stieß einen Seufzer aus. Ich eilte zu ihm. Es war der Mann, der den Bach mit der Hand erreicht hatte, der ihn aber nicht mit dem Munde hatte erreichen können. Er war ohnmächtig. Die Kühle der Nacht oder ein Wunder des Himmels gab ihm die Besinnung wieder. Ich knieete nieder, ich erleuchtete sein Gesicht mit meiner Fackel und stieß einen Schrei aus. Es war Ihr Stallmeister Armand. Bei diesem Schreie schlug er die Augen auf und blickte mich mit bestürzter Miene an. Er erkannte mich nicht. – Zu trinken, bat er. Ich schöpfte Wasser in Ihrem Hute und gab es Ihm. Ein Soldat hielt mich zurück. Geben Sie ihm nicht zu trinken, sagte er mir in's Ohr. Zuweilen stirbt man im Trinken. – Zu trinken! wiederholte der sterbende. – Ja. sagte ich zu ihm, Sie sollen zu trinken haben, aber sagen Sie mir, was aus dem Grafen von Moret geworden ist. Er blickte mich fester an, als er es bis jetzt noch gethan hatte, und erkannte mich. – Fräulein von Lautrec! flüsterte er. Ja, ich bin es, Armand, ich bin es, die Ihren Herren sucht, antwortete ich. Wo ist er? wo ist er? – Zu trinken! bat der Verwundete mir sterbender Stimme. Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Tasche ein Fläschchen Melissenwasser hatte. Ich goß ihm einige Tropfen auf die Lippen. Er schien sich wieder ein wenig zu beleben. – Wo ist er, im Namen des Himmels? fragte ich ihn, – Ich weiß es nicht, antwortete er. – Haben Sie ihn fallen sehen? – Ja. – Todt oder verwundet? – Verwundet. – Was ist aus ihn geworden? – Man hat ihn fortgetragen. – Nach welcher Seite? – Nach der Seite von Fondeille. – Die Leute des Königs oder die Leute des Herrn von Montmorency? – Die Leute des Herrn von Montmorency. – Und dann? – Ich weiß von diesem Augenblicke an nichts mehr. Ich wurde selbst verwundet, mein Pferd wurde getödtet, ich fiel. Als die Nacht hereingebrochen, schleppte ich mich bis hierher, denn ich hatte Durst. Als ich an dem Bache ankam wurde ich ohnmächtig, ohne ihn erreichen zu können. Zu trinken! zu trinken! – Geben Sie ihm jetzt zu trinken, er hat Alles gesagt, was er wußte. Ich schöpfte Wasser in Ihrem Hute, die Soldaten hoben ihm den Kopf auf, ich näherte das Wasser seinen Lippen, er trank begierig drei oder vier Schluck, dann warf er sich zurück, stieß einen Seufzer aus und streckte sich. Er war todt. – Sie sehen, daß Sie gut gethan haben, ihn sprechen zu lassen, bevor Sie ihm zu trinken gaben, sagte der Soldat, indem er den Kopf. des armen Armand losließ, der schwer auf den Boden zurückfiel. Ich blieb einen Augenblick lang regungslos, indem ich mit gefühlloser Bewegung die Arme rang. – Was machen wir jetzt, Madame? fragte mich der Gärtner. – Weißt Du, wo Fondeille liegt? fragte ich ihn. – Ja. – Dann laß uns nach Fondeille gehen. In dem ich mich hierauf nach dem Soldaten umwandte, fragte ich: – Wer geht mit mir? – Wir! sagten sie alle drei. – So kommt denn. Wir stiegen wieder zu dem Gipfel des Hohlweges hinauf, dann gingen wir nach der Wiese hinab. Ein Offizier machte an der Spitze von ungefähr zwölf Soldaten eine Runde; meine Begleiter sahen sich an und sprachen leise mit einander. – Was sagen Sie? fragte ich. – Wir sagen, daß dort ein Offizier ist, der Ihnen Auskünfte geben könnte. – welcher? – Dieser da. Und sie zeigten mir den Kapitän, welcher die Runde führte. – Und warum könnte er mehr Auskünfte geben? – Weil er gerade hier gekämpft hat. – Dann lassen Sie uns zu im gehen. Und ich that einige rasche Schritte in der Richtung des Offiziers. Ein Soldat hielt mich zurück. – Aber,. . . sagte er. Warum halten Sie mich zurück? fragte ich ihn. – Sie wollen um jeden Preis Auskünfte haben? fragte der Soldat. – Um jeden Preis. – Wer der auch sein möge, der sie Ihnen gibt? – Wer er auch sein möge. – Dann will ich den Kapitän rufen. Und er that nun auch einige Schritte voran. – Kapitän Beteran? sagte er. Der Offizier blieb stehen und versuchte die Dunkelheit mit dem Blicke zu durchdringen. – Wer ruft mich? fragte er. – Man wünscht Sie zu sprechen, mein Offizier. – Wer das? Eine Dame. Eine Dame! zu dieser Stunde, auf dem Schlachtfelde? Warum nicht, mein Herr, wenn diese Frau auf dem Schlachtfelde denjenigen sucht, den sie liebt, um ihn zu verpflegen, wenn er nur verwundet ist, um ihn zu begraben, wenn er todt ist? Der Offizier näherte sich; er war ein Mann von dreißig Jahren. Als er mich erblickte, nahm er seinen Hut ab, und ich sah ein sanftes und aus gezeichnetes, mit blonden Haaren umgebenes Gesicht. – Wen suchen Sie, Madame? fragte er mich. – Anton von Bourbon, Grafen von Moret, antwortete ich. Der Offizier sah mich aufmerksamer an, als er es bis jetzt gethan hatte. Indem er hierauf leicht erbleichte, fragte er mit bebender Stimme: – Den Grafen von Moret? Sie suchen den Grafen von Moret? – Ja, den Grafen von Moret; diese wackeren Leute haben mir gesagt, daß Sie mir besser als irgend Jemand sichere Nachrichten über das geben könnten, was ihm zugestoßen ist. Er blickte die Soldaten an, und sein Blick sprühte eine doppelte Flamme unter seinen gerunzelten Augenbraunen. – Ah! mein Kapitän, sagte der eine von Ihnen, es scheint, daß er der Verlobte dieser Dame ist, und sie will wissen, was aus ihm geworden ist. – In des Himmels Namen1 mein Herr, rief ich aus. Sie haben den Grafen von Moret gesehen, Sie wissen etwas über Ihn; sagen Sie mir das, was Sie über ihn wissen. – Madame, hier ist das, was ich davon weiß: Man hatte mich mit meiner Compagnie Carabiniers abgesandt, um den Hinterhalt zu maskieren, der dort in dem Hohlwege war; wir sollten uns nach dem ersten Feuer zurückziehen, um den Feind in denselben eindringen zu lassen. Der Herr Graf von Moret, der darauf hielt, seinen Muth zu zeigen, da er sich noch in keinem Gefechte befunden hatte, griff uns verwegener Weise an und begann den Angriff, in dem er einen Pistolenschuß auf. . . meiner Treue! Madame, ich sehe nicht ein, warum ich lügen sollte. . . – indem er einen Pistolenschuß auf mich that. Die Kugel der Pistole schnitt die Feder meines Hutes ab. Ich erwiderte den Schuß und hatte das Unglück, weit richtiger zu schießen. Ich stieß einen Schrei des Schreckens aus. – Sie sind es? äußerte ich, indem ich einen Schritt zurück that. – Madame, sagte der Kapitän, der Kampf ist rechtschaffen. gewesen. Ich glaubte, nur mit einem einfachen Offizier der Armee des Marschall Herzogs zu thun zu haben. Wenn ich gewußt hätte, daß der, welcher mich angriff, ein Prinz und daß dieser Prinz der Sohn König Heinrich IV. war, so hätte ich zuverlässig weit eher mein Leben zu seiner Verfügung gestellt, als mich an dem seinigen zu vergreifen. Aber erst als er fiel, hörte ich ihn ausrufen: »Zu mir, Bourbon!« Nun ahnte ich, daß sich ein großes Unglück zugetragen hätte. –O, ja! rief ich aus, ein großes Unglück. Aber am Ende ist er todt? –Ich weiß es nicht, Madame; in diesem Augenblicke begann das Gewehrfeuer. Meine Carabiniers wichen dem Befehle gemäß zurück, den sie erhalten hatten. Ich wich mit ihnen zurück und sah, daß man den Grafen blutend und ohne Hut forttrug. O! seinen Hut, hier ist er! Und ich drückte ihn leidenschaftlich an meine Lippen. – Madame, sagte der Kapitän mit einem Schmerze, der nicht geheuchelt war, ertheilen Sie mir Ihre Befehle. Wie kann ich, nachdem ich ein so großes Unglück verursacht habe, ich will nicht sagen büßen, sondern Ihnen in Ihren Nachforschungen nützlich sein? Reden Sie, und ich werde Alles von der Welt thun, um Ihnen zu helfen. –Ich danke, mein Herr, sagte ich, indem ich versuchte, meine Herrschaft über mich, selbst wieder anzunehmen, aber Sie vermögen nichts für mich; als mir die Richtung anzudeuten, in welcher man den Grafen Fortgetragen hat. In der Richtung von Fondeille, Madame, antwortete er, aber schlagen Sie zu größerer Sicherheit den. Weg ein, den Sie hundert Schritte weit von hier zu Ihrer Rechten finden werden, eine Viertelmeile weit von hier werden, Sie ein Haus antreffen, in welchem Sie sich erkundigen werden. – Es ist gut, sagte ich zu dem Gärtner. Sie verstehen, nicht wahr? – Ja, Madame. – Gehen wir. – Ich könnte Madame Pferde anbieten, wagte der Offizier schüchtern zu sagen. –Ich danke, mein Herr, antwortete ich, ich habe Sie um Alles das gefragt, was ich von Ihnen zu wissen wünschte, und Sie haben mir alle die Dienste erwiesen, die Sie mir erweisen konnten. Ich vertheilte eine Hand voll Louis d'or unter die drei Soldaten. Zwei entfernten sich, aber der dritte wollte mich durchaus nach de« angedeuteten Hause führen. Ich ging rasch in der Richtung dieses Hauses. Ich konnte indessen dem Verlangen nicht widerstehen, ein letztes Mal, indem ich mich umwandte, den durch Ihr Blut geweihten Boden zu begrüßen, und ich sah den Kapitän regungslos und die Augen auf mich geheftet auf dem Platze bleiben, wo ich ihn verlassen hatte, indem er mir wie ein von Gefühllosigkeit getroffener Mann nachblickte. Wir kamen an dem Hause an. Auf der ganzen Strecke hatten wir auf unserem Wege liegende Leichen angetroffen, aber ich war schon an dieses Schauspiel gewöhnt, und ich ging festen Schrittes in dem blutigen Grase, das mir bis an die Kniee reichte, fast auf Menschen. Wir erreichten das Haus; es war mit Verwundeten beider Parteien angefüllt, welche auf auf dem Boden ausgebreiteten Stroh lagen. Ich betrat dieses Asyl des Schmerzes, ich befragte die Sterbenden mit der Stimme, wie ich die Todten mit dem Blicke befragt hatte, auf meine dringenden Bitten erhob sich ein Sterbender auf den Ellbogen. – Den Grafen von Moret, sagte er, ich habe ihn in der Kutsche von Monsieur vorüber kommen sehen. – Todt oder verwundet? fragte ich. – Verwundet, sagte der Sterbende, aber er wer wie ich, er war verwundet nicht mehr werth als todt. – Mein Gott! rief ich aus, und wohin führte man ihn? –«Ich weiß es nicht; nur habe ich einen Namen nennen hören. –Welchen? – Den der Frau von Ventadour, und der Wagen hat einen Feldweg eingeschlagen. – Ja, ich verstehe; er wird sich zu Frau von Ventadour nach der Abtei von Prouille haben führen lassen; so ist es, ich danke, mein Freund. Und indem ich einige Louis d'ors neben ihm zurückließ, verließ ich das Haus, indem ich zu dem Gärtner sagte: Nach der Abtei von Prouille. Die Abtei von Prouille lag ungefähr zwei Meilen weit von dem Orte, wo wir uns befanden. Das Pferd des Gärtners war vor Erschöpfung gefallen. Es war unmöglich, sich eine Kutsche, selbst nicht einmal einen Karren zu verschaffen. Außerdem hätten alle diese Nachforschungen Zeit weggenommen. Ich empfand keine Ermüdung, wir brachen zu Fuß auf. Kaum hatten wir eine Viertelmeile zurückgelegt als der Regen zu fallen begann und das bis dahin nur drohende Gewitter ausbrach. Aber ich war ganz mit Ihnen beschäftigt, ich fühlte den Regen nicht, ich hörte das Gewitter nicht, ich setzte in Mitte der Ströme von Wasser, die um mich herum rieselten, bei dem Scheine der Blitze, welche zuweilen die Landschaft erleuchteten, um sie wie am hellen Tage zu sehen, meinen Weg fort. Wir kamen an einer großen Eiche vorüber. Der Gärtner bat mich inständigst, mich einen Augenblick unter sie zu stellen und unter diesem Obdache abzuwarten, bis das Gewitter sich besänftigt hätte; ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Weg fort, ohne ihm zu antworten; eine Minute nachher schlug der Blitz in die Eiche ein, zerschmetterte sie und verzehrte die Trümmer. Ich begnügte mich mit der Hand zu zeigen, was sich zugetragen hatte. – Es ist wahr, Madame, sagte er, Sie sind von dem Himmel beschützt, und da Ihnen Gott die Kraft verleiht, so lassen Sie uns gehen. Wir gingen also noch ungefähr während einer Stunde. Nach Verlauf einer Stunde zeigte uns ein Blitz die Abtei, wohin wir uns begaben. ich beschleunigte den Schritt und wir kamen an. Alles schlief in der Abtei oder that als ob es schliefe. Ich habe seitdem immer diesem so tiefen Schlafe der Pförtnerin, der Schwestern und der Äbtissin selbst nicht getraut. Man machte mir endlich auf, aber mit taufend Vorsichtsmaßregeln. Es ist augenscheinlich, daß man, als man uns klopfen hörte, den Besuch irgend eines verirrten Corps oder irgend einer plündernden Horde gefürchtet hatte. Ich beeilte mich, mich zu erkennen zu geben, und sogleich erkundigte ich mich nach Ihnen. Die Schwester Pförtnerin wußte nicht, was ich sagen wollte, Sie versicherte, Sie nicht gesehen zu haben, nicht einmal zu wissen, daß Sie verwundet wären. Ich verlangte mit Frau von Ventadour zu sprechen. Man führte mich zu ihr. Ich fand sie ganz angekleidet. Bei dem Lärme, den wir gemacht hatten, hatte sie sich angekleidet da sie nicht wußte, wer diesen Lärm machte. Ich glaubte zu bemerken, daß sie bleich und zitternd war. Sie schob diese Blässe und dieses Zittern auf die Furcht, die sie gehabt hätte, als sie klopfen, hörte, daß es Soldaten mit bösen Absichten sein.möchten, welche klopften. Ich beruhigte sie; ich sagte ihr, wie ich von, Saint-Pons aufgebrochen, wie ich auf dem Schlachtfelde angekommen wäre, wie ich die Stelle wiedergefunden hätte, auf welcher Sie gefallen waren. Ich zeigte ihr ihren Hut, den ich immer noch in meiner krampfhaft geschlossenen Hand hielt. Ich sagte ihr die Auskünfte, welche mir der Sterbende gegeben hatte, und beschwor sie am Ende im Namen des Himmels, mir das zu sagen, was sie von Ihnen wüßte. Sie antwortete mir, daß man mich ohne Zweifel hintergangen hätte, oder auch daß die Kutsche, nachdem sie den Weg nach der Abtei eingeschlagen, sich entweder zur Rechten oder zur Linken in irgend einen Weg verirrt hätte, der auf diese Straße führte, was Sie anbeträfe, so hatte sie Sie nicht gesehen, sie hatte nicht einmal von Ihnen sprechen hören. Ich ließ meine Arme herabsinken und legte mich auf einen Sessel, der sich dort befand, meine Kräfte hatten mich mit der Hoffnung verlassen/ Die Aebtissin rief ihre Frauen, man zog mir meine Kleider aus, welche mir durch den Gewitterregen am Leibe klebten, ich hatte meine Schuhe in dem Kothe der Straßen gelassen, und, ohne es zu bemerken, hatte ich eine Meile barfuß zurückgelegt, man brachte ein Bad, in welches man mich legte und worin ich eine Art von Erstarrung sank, die einer Ohnmacht glich. Ich kam wieder zu mir, indem ich sagen hörte, daß man die Kutsche den Weg nach Mazéres hatte einschlagen sehen. Ich erkundigte mich, man hatte diese Anzeige von einem Landsmanne, der am Abend Milch nach dem Kloster gebracht hatte. Die Äbtissin bot mir ihren eigenen Wagen und ihre Pferde in der Voraussetzung an, daß ich meine Nachforschungen fortsetzen wolle. Ich nahm an. Man brachte mir nun Kleider. denn da ich die ersten Strahlen des Tages aufgehen sah, so wollte ich keinen Augenblick verlieren, um meinen Weg fortzusetzen; es war um so mehr möglich, daß Sie sich nach Mazéres hatten führen lassen, als Mazéres ein festes Schloß war, von dem man sagte, daß es zu Herrn von Montmorency hielte. Frau von Ventadour gab mir ihren eigenen Kutscher, und wir brachen auf. In Villeneuve-le-Comat, in Payrac, in Saint-Lamette erkundigten wir uns; nicht allein hatte niemand etwas gesehen, sondern man wußte in diesen drei Dörfern auch noch nicht, daß die Schlacht bei Castelnaudary stattgefunden hätte. Wir setzten nichtsdestoweniger unseren Weg bis Mazéres fort. Dort mußten die Auskünfte bestimmt sein; die Thore waren bewacht, die, welche diese Thore bewachten, gehörten Herrn von Montmorency an: sie hatten daher keinen Grund, die Anwesenheit des Grafen von Moret bei ihnen zu verhehlen. Wir kamen an den Thoren an; man hatte keine Kutsche gesehen, Man wußte nicht, daß der Graf von Moret verwundet wäre; wir überbrachten die erste Nachricht von der Schlacht bei Castelnaudary. Wir hatten bald den Beweis, daß diese Antwort wahr sei, denn ein Offizier eilte mit verhängten Zügeln herbei, indem er im Namen von Monsieur meldete, daß Herr von Montmorency gefangen wäre, daß Herr von Rieux verwundet wäre, kurz, daß Alles verloren sei und daß jeder an sich zu denken hätte. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48631716) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.