Sommerspiel
Sven Lange




Sven Lange

Sommerspiel











I


»Ach, laßt doch das Zanken sein, hört ihr!« sagte Frau Ingeborg Hartwig auf ihre eindringliche Weise. Sie erhob sich, machte eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen und begann, ein wenig nervös, die Kaffeetassen zusammenzuräumen.

»Wenn ihr euch doch nicht einigen könnt, so redet doch lieber nicht weiter darüber!«

Die beiden Herren verbeugten sich leicht zu ihr hinüber und schwiegen.

Es entstand eine Pause.

Im Villengarten, wo sie saßen, senkte sich die Abenddämmerung bereits herab. Die Bäume standen dunkel und schweigend, das Gras war grau. Vor ihnen breitete sich der Sund blank und mattblau aus und ganz hinten am Horizont schimmerte die Insel Hveen als dicker, grauer Strich. Hie und da fing ein weißes Segel den letzten Schimmer des Tageslichts auf.

Die junge Frau hatte sich wieder gesetzt; ihr kleines, feines und bewegliches Gesicht war in einem traurigen Ausdruck leicht zusammengezogen, und ihre Augenlider zwinkerten stark, während sie niedersah. Die gedämpften Laute des Abends: ein Sausen von Fahrrädern, die von Zeit zu Zeit unten auf dem Strandwege vorüberhuschten, – das ferne Plaudern und Lachen aus den Villengärten ringsumher – erreichte sie kaum. Ihr war unruhig und bewegt zu Mute.

»Gestattest du, Ingeborg, daß ich deinem Gatten noch etwas sage?« fragte der eine der Herren, – ein junger, sehr sonnengebräunter Mann mit regelmäßigen, scharfen Zügen und dunklen Augen.

Sie sah zu ihm hinüber und nickte leise.

Er räusperte sich. »Natürlich stehe ich für das ein, was ich gesagt habe,« fuhr er gedämpft fort, – »aber Sie dürfen nicht vergessen, Hartwig; Anschauungen und Ansichten und dergleichen das ist ja doch schließlich etwas, was in der Luft liegt. Das, worauf es ankommt, ist, wer sie äußert.«

»Durchaus richtig,« sagte der andre.

»Wenn Sie also die Ehe angreifen, während ich sie verteidige, so berührt das an und für sich die Ehe selber gar nicht —«

»Ach nein, – meinetwegen« —

»Es beweist nur, daß Sie ein Ehemann sind und ich ein Junggeselle.«

Hartwig lachte laut. »Nun ja, wir wollen uns wieder vertragen!« sagte er und streckte dem andern gutmütig die Hand hin. »Sie wissen ja, Vedel, ich kann Ihnen nicht widerstehen, wenn Sie anfangen, Witze zu machen!«

»Es war durchaus nicht meine Absicht, witzig zu sein, – ich —«

»Das ist's ja gerade!« unterbrach ihn, Hartwig, »um so besser wirkt es! – Ja,« fuhr er fort, indem er sich erhob, »wir ersticken vor lauter Verschrobenheit. Wollen wir ein wenig gehen?«

Vedel erhob sich schnell und schweigend, – und Hartwig stellte sich hinter den Stuhl seiner Frau.

Er war ein großer, schöner, kräftig gebauter Mann mit großen, klaren Zügen. Ebenso wie Vedel war er stark von der Sonne gebräunt, aber sein Gesicht war voller, und der Ausdruck in diesem Gesicht ungleich klüger und bestimmter. Seine Haltung war aufrecht und entschlossen, seine Stimme gedämpft, ruhig und tief.

»Inga ist heute abend nicht recht in Stimmung,« sagte er lächelnd und beugte sich leicht zu ihr hinab. »Was hast du nur?«

Sie antwortete nicht, schüttelte den Kopf nur ein klein wenig und sah in ihren Schoß nieder.

Hartwig stand da und betrachtete ihr Haar. Mit seiner großen Hand strich er vorsichtig darüber hin, – zupfte ein klein wenig daran – glättete es wieder.

»Was für eine drollige kleine Locke hast du dir denn da zugelegt?« fragte er lächelnd und zog eine Locke in die Höhe, die sich über ihrem einen Ohr kräuselte, – »die habe ich ja noch nie gesehen.«

Sie sah hastig zu ihm auf, lächelnd, mit strahlenden Augen.

»Sie ist in den letzten Tagen gekommen!« sagte sie, ich habe mir alle Mühe gegeben, um sie zu bändigen, aber sie will nicht!« Sie ergriff seine Hand und preßte sie gegen ihre Wange.

»Wollen wir also einen Augenblick gehen?« fuhr sie lebhaft fort, indem sie sich erhob. Sie ergriff den Arm ihres Mannes und fing an, mit ihm zu gehen. »Komm, Hans, komm mit!«

Vedel folgte.

Hartwig und seine Frau gingen ein wenig vorauf durch den dunklen Garten.

Sie schüttelte ihn am Arm. »Weshalb sagtest du eigentlich all das, was du vorhin sagtest, du Bösewicht?« fragte sie.

»Sagte? Was hab ich denn gesagt?«

»Bist du meiner überdrüssig, Ernst?« fuhr sie leise fort und sah ihm eindringlich ins Gesicht.

Er lachte auf seine nachsichtige Weise: »Das wäre allerdings ein bischen früh, du!«

»Ja, aber warum sagtest du denn das alles?«

»Ach, Schatz, man muß doch etwas sagen, nicht wahr? Wir hatten ja eine ganze Stunde dagesessen und geistreich auf den Strandweg hinausgestarrt, worauf kommt man da nicht? Das nächste Mal will ich die Ehe gern in Schutz nehmen, wenn du meinst, daß sie dessen bedarf!«

Sie aber schüttelte den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht, was ich von dir denken soll, Ernst!«

»Du und Vedel, ihr nehmt es alles gleich tragisch!« sagte er ein wenig ärgerlich, »man kann ja niemals —«

Sie aber unterbrach ihn schroff und starrte ihm ins Gesicht.

»Machst du dir etwas aus mir, Ernst?«

Er mußte lächeln. »Liebe, kleine Inga,« sagte er und wurde plötzlich ganz ernsthaft.

»Ich liebe dich Ingeborg,« sagte er gedämpft, – »ich entbehre dich immer, wenn ich dich nicht sehe. Kannst du das denn nicht fühlen?«

Seine Stimme war so zärtlich und warm, daß sie ganz fröhlich wurde.

»Ja!« rief sie aus. »Hans!«

Sie wendete sich um und winkte Vedel zu, der ein wenig hinter ihnen ging und die Erde mit seinem Stock bearbeitete. Er näherte sich schnell.

»Du alter Hans!« Sie faßte ihn unter den Arm und sah ihm vor Vergnügen strahlend in die Augen.

Dann gingen sie alle drei schweigend weiter, während Vedel seine Schritte sorgfältig den ihren anpaßte, und ihr herabgefallene Zweige mit dem Stock aus dem Wege räumte.

Es dämmerte stark, und langsam schritten sie weiter. Die junge Frau ließ ihre Füße leise über den Kies gleiten, und wiegte sich sanft bald nach der einen, bald nach der andern Seite, leicht auf den Armen ihrer Freunde ruhend.

»Wenn dies doch mein Garten wäre!« sagte Hartwig plötzlich, »dann wollte ich schon etwas Schönes daraus machen!«

»So kauf' ihn doch – so kauf' ihn doch – so kauf' ihn doch!« summte Frau Ingeborg im Takt mit ihren Schritten.

»Ja, ich danke!« lachte er. »Die 45000 Kronen habe ich wirklich nicht so in der Westentasche! Vorläufig finde ich, sind 1700 Kronen jeden Sommer ganz hinreichend.«

»Haben Sie schon früher hier gewohnt?« fragte Vedel, – »vor diesem Sommer, ehe Sie sich verheirateten?«

»Nein,« sagte er, »früher ging ich jeden Sommer nach Hause, auf das Gut meiner Mutter. Jetzt sitzt sie allein da und brütet über ihren Kalekuten.«

Die junge Frau lachte laut.

»Ja, das letzte von deiner Mutter, dessen ich mich entsinne,« sagte sie, »das war, als sie mitten auf dem Hofe stand und uns mit einem roten Tuche nachwinkte, umgeben von zweihundert Kalekuten!«

»Jetzt übertreibst du aber!« lachte Hartwig, »aber es endet noch damit, daß sie sie in Stücke zerreißen, – das ist ganz sicher. – — Aber was ich sagen wollte: der Park hier, – ist der nicht fast der größte von allen Villengärten hier in der Nähe, Vedel?«

»Es ist unbedingt der größte,« sagte Vedel.

»Aber er ist schlecht gehalten!«

»Was würdest du thun, wenn er dir gehörte?« fragte Frau Ingeborg.

Er wurde plötzlich ganz eifrig.

»Ja, sieh zum Beispiel einmal die Partie dort hinter dem Wohnhause, – da würde ich dichtes Unterholz pflanzen, ganz dicht, weißt du, dicht wie eine Mauer, – so daß ich später aushauen und beschneiden könnte; dann sollte es ganz allmählich bis an den Hochwald dahinter ansteigen, wie ein Hügel aus lauter Laub. Und der Graben dahinten müßte ganz gereinigt und umgegraben werden, – ich würde ihn in freien Windungen sich schlängeln lassen wie einen Bach. Und am Strandwege müßte ein schöner Epheuhügel angelegt werden. Und dann diese schmutzigen Mannspersonen ringsumher, – sieh doch nur den da einmal an!«

Sie blieben vor einer alten, geschwärzten Gypsstatue stehen, die man soeben noch in der Dunkelheit erkennen konnte.

Frau Ingeborg lachte: »Wer das wohl eigentlich sein soll?«

»Das ist Methusalem!« sagte Hartwig.

»Aber ich würde sie waschen lassen, und dann müßte ein Gipser ihnen Nasen und Bärte ansetzen. Dann nennen wir sie Bernstorf oder Reverdil oder Schimmelmann. Darin wäre doch Sinn!«

»Ja, das ist eine gute Idee,« meinte Vedel.

Frau Ingeborg sah vergnügt von dem einen zu dem andern hinüber. »Wie nett und friedfertig ihr jetzt mit einander plaudert,« sagte sie, »so sollte es immer sein!«

Hartwig lächelte. »Ich habe keinen größeren Wunsch, als in stetem Frieden mit dem Herrn Baron zu leben!« sagte er mit einem leichten Anflug von Spott in der Betonung.

»Das ist recht: Und du, Hans?«

»Ja, gewiß,« sagte Vedel höflich, »ich —«

»Also Friede!« sie preßte ihre Arme fest an sich und sah glücklich vor sich hin. Plötzlich wurde sie ernsthaft:

»Ihr müßt nämlich wissen,« sagte sie, »sonst wird es mir schwer hier mitten zwischen euch, – denn du bist mein Mann – und du bist mein Freund, – und ich habe euch beide so schrecklich lieb!«

»Sagen Sie mir doch, Vedel, wie wohnt es sich eigentlich im Winter hier?« fragte Hartwig plötzlich mit einem ungeduldigen Klang in der Stimme.

Vedel räusperte sich. »Ich kann mich nicht beklagen!« sagte er.

»Kann man etwas zu essen bekommen?«

»Ja, ich hungere wenigstens nicht,« antwortete er lächelnd. »Im übrigen sorgt ja meine Haushälterin für alles erforderliche.«

»Ist es hier nicht wahnsinnig langweilig?«

»Ich kann ja natürlich nur nach mir selber urteilen. Aber ich habe ja auch mein Boot.«

»Sie können doch nicht immer auf dem Wasser liegen!«

»Ja, fast immer!«

»Aber das Eis, Mensch!«

»Freilich, das kann das Boot ja wegschneien. Aber das währt niemals lange. Ich habe jetzt seit fünf Jahren hier gewohnt, und ich kann wohl sagen, daß mich das Eis durchschnittlich nur drei Wochen im Jahr am Segeln gehindert hat. Und dann habe ich ja meine Briefmarkensammlung. – Nein, die Zeit vergeht schnell genug, finde ich.«

Frau Ingeborg drückte seinen Arm. »Hans du bist reizend! Es liegt etwas so Treues und Aufrichtiges in allem, was du sagst. Und so bist du immer gewesen.«

Vedel sah zu Boden. »Ja, du hast meine geringen Verdienste immer anerkannt« sagte er.

Hartwig pfiff leise vor sich hin, und ohne zu sprechen gingen sie auf die Pforte zu, die nach dem Strandwege hinausführte. Dort blieben sie eine Weile stehen und sahen den Leuten nach, wie sie vorbeikamen.

An den Rädern waren jetzt die Laternen angezündet, – und in lauter Unterhaltung flogen ganze Scharen von Radlern unaufhörlich vorüber. Oft begrüßte Vedel eine lustwandelnde Gesellschaft höflich; Hartwigs kannten nur wenige.

»Sind das nicht unsere Matadore, die da kommen?« fragte Hartwig plötzlich und deutete auf einen Herrn und eine Dame, die sich langsam näherten.

»Großhändler Thomsen und Frau, ja,« sagte Vedel.

Sie sahen alle drei nach der Richtung hin.

Thomsen war eine korpulente Erscheinung mit kurzgeschnittenem, blonden Vollbart. Er trug einen dunkelblauen, enganschließenden Sportsanzug, der die runden, fleischigen Partien seines Körpers stark hervorhob. Neben ihm glänzte seine Frau in einer lila Toilette, einem losen Empiregewand, das ihren weißen Hals frei ließ. Sie trug dies sehr intime Gesellschaftskostüm mit einer eigenen freien und überlegenen Sorglosigkeit, – ohne die geringste Rücksicht auf das Starren und Flüstern der Vorübergehenden zu nehmen.

Ihr rotblondes Haar war unter dem mächtigen, weißen Hut stramm aufgesteckt, und in der Hand schwang sie leicht einen hellen Sonnenschirm, während sie langsam und sorglos dahinschlenderte.

»Er sieht doch eigentümlich störrisch und unzufrieden aus, dieser Thomsen,« sagte Hartwig gedämpft.

»Er ist ein sehr tüchtiger Mann,« bemerkte Vedel.

»Aber die Frau ist ja entzückend!«

Sie waren jetzt vor die Pforte gekommen. Die Herren grüßten. Frau Ingeborg hatte sich ein wenig zurückgezogen.

»Ein schöner Abend, Herr Thomsen!« rief ihnen Hartwig zu.

Sie standen still. Thomsen öffnete den Mund, um zu antworten, – man hörte aber schon die helltönende, lächelnde Stimme seiner Frau.

»Ja, wir haben eben einige Gäste an die Bahn gebracht, und es ist doch reichlich früh, um nach Hause zu gehen, – folglich genießt man den Abend!«

Thomsen wollte mit einem Gruß weiter gehen, seine Frau blieb aber stehen und sah zu den großen Bäumen empor, die sich vom Garten über den Weg neigten.

»Wie ich Sie doch um den Garten beneide, den Sie haben, Herr Hartwig,« sagte sie, – »Thomsen und ich können buchstäblich kein einziges Mal vorüber gehen, ohne verstohlene Blicke zu ihnen hineinzuwerfen, und dann müssen wir an den kahlen Hügel denken, den wir daheim in unserem »Strandheim« haben.«

Hartwig öffnete schnell die Pforte.

»Aber wollen Sie denn nicht näher treten, gnädige Frau? – Herr Thomsen, treten Sie doch ein!«

Thomsen sah zu seiner Frau hinüber, – sie aber ging bereits auf die Pforte zu.

»Danke, lieber Herr Hartwig,« sagte sie vergnügt und reichte ihm die Hand, »einen kleinen Augenblick, wenn wir nicht stören? – — Guten Tag, lieber Baron!« fuhr sie, zu Vedel gewendet fort, »wir sind ja alte Bekannte. Aber —« sie sah lächelnd Ingeborg an, die eine kleine Strecke von ihnen entfernt stand, – »wollen Sie nicht die Güte haben, uns Ihrer Frau Gemahlin vorzustellen, – ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt —«

»Ach, ich bitte tausendmal um Verzeihung!« rief Hartwig aus, »ich glaubte ja —«

Ingeborg wurde mit den Fremden bekannt gemacht, sie begrüßte sie freundlich aber mit einem etwas kühlen, beobachtenden Lächeln.

Sie standen einen Augenblick still, – eine schweigende, schnelle Musterung.

»Ja, wollen wir uns denn aber nicht setzen!« rief Hartwig aus und ging mit den andern auf die Taube zu. »Trinken Sie einen Whisky mit Vedel und mir, Herr Thomsen?«

»Besten Dank, – was Sie gerade haben,« lautete die trockene Antwort.

»Und die gnädige Frau ein Gläschen Madeira? – Ach liebste Inga, möchtest du nicht im Hause Bescheid sagen?«

»Nein, unter keinen Umständen!« rief Frau Thomsen aus, »liebe Frau Hartwig, Sie dürfen wirklich nicht —«

»Das macht nichts.« Sie war bereits fort.

Sie setzten sich.

»Eine bezaubernde kleine Frau!« sagte Frau Thomsen zu Hartwig, der sich auf einen Stuhl neben sie gesetzt hatte. »So leicht und fein und blond und – lieblich!«

»Ja, sie ist reizend. – Eine Cigarre, Herr Thomsen?«

»Danke, ich habe Feuer.« Er zeigte auf eine kurze Shagpfeife, die er, seit er gekommen, nicht aus dem Munde genommen hatte.

Frau Thomsen zog ihre langen Handschuhe aus.

»Sie sind doch ein glücklicher Ehemann, wenn es überhaupt einen solchen giebt, Herr Hartwig,« sagte sie lächelnd, indem sie ihre Finger ausspreizte und sie wieder zusammenzog, – »ich glaube, ich bin Ihnen und Ihrer Frau niemals hier auf der Landstraße begegnet, ohne daß sie Arm in Arm gegangen sind, und in der Regel so vertieft, daß Sie mich gar nicht gesehen haben. Idyll!«

»Jetzt sind Sie zu scharf, meine Gnädige,« sagte Hartwig. »Bedenken Sie doch, wir sind kaum ein halbes Jahr verheiratet gewesen.«

Sie lachte laut, – saß dann aber schweigend gleichsam sinnend da.

Dann schweiften ihre Augen um den Tisch herum. Plötzlich nickte sie Vedel zu, der da saß und in die Glut seiner Zigarre starrte.

»Schweigsamer Baron!« sagte sie. »Ich glaubte, Sie wären nur bei uns so still.«

Vedel richtete sich auf seinem Stuhl auf und räusperte sich, – sagte aber nichts.

»Nein,« lachte Hartwig, – »Vedel versäumt nie eine Gelegenheit zu schweigen, wie man zu sagen pflegt. Das ist brillant!«

»Mit Thomsen ist es übrigens genau so,« sagte Frau Thomsen munter. »Wie Sie ja wissen, segeln er und Baron Vedel oft zusammen, und ich versichre Sie, sie können oft anderthalb Tage allein in einem Boot auf See sein, ohne buchstäblich zehn Sätze auszutauschen. In anderthalb Tagen! Thomsen hat mir das selbst erzählt.«

»Den Teufel auch, was soll man eigentlich überhaupt zu einander sagen,« bemerkte Thomsen.

Hartwig lachte. »Da haben Sie recht! Und namentlich im Sommer, in den Ferien ist ja, strenge genommen, gar keine Veranlassung dazu vorhanden!«

»Das begreife ich wirklich nicht!« rief Frau Thomsen lebhaft aus, indem sie sich vorbeugte. Ich zum Beispiel, – ich glaube, ich könnte nicht leben, wenn ich nicht redete! Ja, das ist wirklich wahr,« lachte sie und schlug die Hände zusammen.

»Man kann doch leben, ohne zu denken!« sagte Vedel ruhig.

Frau Thomsen schwieg plötzlich, ihr Gatte aber grunzte kurz.

»Thun Sie das etwa, Vedel?« fragte Hartwig mit seinem überlegenen Klang in der Stimme.

»Ja, ich glaube wohl,« sagte er.

Es entstand eine Pause.

Nach einer Weile sahen sie Ingeborg in den Garten hinabkommen, eine brennende Lampe in der Hand. Ihr folgte ein Mädchen, das ein Theebrett mit klirrenden Gläsern und Flaschen trug.

»Bravo, da haben wir die Verstärkung!« rief Hartwig aus, – und als die Getränke kamen, beeilte er sich, einzuschenken.

Er erhob sein Glas und sah Frau Thomsen an.

»Haben Sie Dank, liebe gnädige Frau, daß Sie endlich den Weg hier herein fanden,« sagte er.

»Endlich?« lächelte sie mit fragenden Augen.

»Ja, – meinen Sie etwa, daß nur Sie mich hier haben vorübergehen sehen? Ich habe Sie sicher ebenso oft gesehen! – Einander vorübergehen sehen, das ist ja überhaupt das Leben.«

»Wie tiefsinnig!« lachte Frau Thomsen mit tiefer Stimme. »Ja, jedenfalls im Sommer, auf dem Lande. Ich thue nie etwas anderes. Hier sind gute Gucklöcher vom Garten nach dem bunten Leben der Welt hinaus.

		»Doch von all den bunten Blümelein,
		Die lustig blühn in Feld und Rain —«

Also vielen Dank! Und lassen Sie sich bald einmal wiedersehen!«

Sie errötete ein wenig, nickte ihm aber zu und leerte ihr Glas.

»Wollen wir die Lampe nicht auslöschen, Inga?« fragte Hartwig.

»Die Lampe auslöschen?« Sie sah ihn verwundert an.

»Ja, wir sehen doch ohne Licht, was wir sehen müssen. Und dann wird man auch nicht von allen diesen verdammten Nachtschwärmern belästigt.«

Sie blies die Lampe aus und stellte sie weg.

»So!« sagte er, »jetzt sehen wir, was uns frommt und was wir nötig haben. Ich habe Frau Thomsens Profil vor mir, das sich gegen den hellen nächtlichen Himmel da draußen abhebt, nein, liebste Frau Thomsen, Sie dürfen sich nicht abwenden!«

»Soll ich die ganze Zeit in Position sitzen?« lachte sie.

»Ja bitte! Mich können Sie doch nicht sehen! – — Ja, Inga, du mußt dich mit der Spitze von Vedels Zigarre begnügen; kannst du sehen, wie die glüht! Und Herr Thomsen kann sich wie ein Omphalopsychit in seinen Pfeifenkopf vertiefen.«

»Ich weiß gar nicht, was das ist!« brummte der Großhändler.

»Das macht auch nichts. – Ach ja, so ist das Leben doch schön!«

»Epikuräer!« lächelte Frau Thomsen.

»Haben Sie eigentlich gar nicht die Absicht, etwas zu thun, Herr Hartwig?« ertönte die Stimme ihres Mannes mit einem trockenen Nachdruck auf dem Herr.

»Wie meinen Sie? heute abend?«

»Nein, so überhaupt.«

Hartwig lachte laut. »Nein!« rief er aus.

Er saß eine Weile da und rauchte schweigend und betrachtete seine Zigarre. »Im übrigen, glaube ich, thue ich immer etwas,« fuhr er in einem leichten, nachlässigen Ton fort. »Ich lese eine Menge Bücher, amüsiere mich immer dabei, wie dumm sie auch sein mögen. Ich finde auch, daß das Leben an sich amüsant ist, jeder Tag ist ja neu. Ich erwache am Morgen, vor mir liegt etwas, was ich nicht kenne: was wird das bringen? Nichts Großes aller Wahrscheinlichkeit nach, aber doch immer neue Eindrücke. Ein kleiner Gedanke kommt zu mir hin geflattert, ich halte ihn fest, liebkose ihn, lege ihn hin, oder laß ihn weiter flattern. Das ist immer Arbeit, Genuß. Oder ich trinke ein gutes Glas Wein, oder ich entdecke eine phantastische Wolkenbildung, oder ein schönes Sonnenprofil, ich schwelge darin, arbeite damit. Es ist jedesmal vollkommen neu für mich. Weshalb sollte ich da eigentlich etwas thun, wenn nicht die herbe Notwendigkeit mich dazu treibt?«

Ingeborg rückte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Sie kannte den Klang, den seine Stimme jetzt angenommen hatte, einen sonderbar trägen, selbstgefälligen Ton, und sie konnte ihn nicht ertragen. Wozu schwatzte er auch all den Unsinn? Immer wenn er auf diese Weise von sich selber sprach, klang seine Stimme so, wie sie sich jetzt in der Dunkelheit drüben dahinschleppte. Sie starrte hinüber, um seinen Ausdruck aufzufangen, obwohl sie wußte, wie er aussah, wenn er so sprach, so dumm und thöricht, so gewöhnlich, gar nicht wie er selber. Ach warum stellte er sich eigentlich so an! Natürlich nur, weil er den langweiligen Leuten imponieren wollte! So, jetzt schwieg er doch zum Glück! —

Herr Thomsen aber fuhr beharrlich fort: »Herr Vedel ist doch immer Baron!«

»Ach so, Sie meinen des Titels halber!« entgegnete Hartwig und lachte ein wenig. »Offen gestanden, Herr Großhändler, das reizt mich nicht. Ich besitze keine Spur von Ehrgeiz. Meine Examina habe ich ja bestanden, in die diplomatische Karriere könnte ich wohl hineinkommen, wenn ich es durchaus wollte. Aber ich glaube nicht, daß mein Vermögen dazu ausreicht, und außerdem: Europas Schicksal würde wohl kaum in meine Hand gelegt werden,« lächelte er. »Nein, lassen Sie mich als den einfachen Erdmenschen leben, der ich bin. Wenn meine Mutter einmal stirbt, ziehen wir wohl auf das Gut, Inga, und ich, und dann können Sie mich Gutsbesitzer, Grundbesitzer, Landmann, oder wie Sie wollen, nennen. Vorläufig bin ich mit meinem Herr zufrieden. Das beweist doch auf alle Fälle, daß ich ein Mann bin,« schloß er mit einem kurzen Blick nach der Richtung hinüber, wo er Vedels Zigarre glimmen sah.

»Sind Sie in Strandheim jetzt ganz in Ordnung, Herr Thomsen?« fragte Ingeborg schnell und nervös.

Thomsen räusperte sich, um zu antworten, seine Frau kam ihm aber zuvor.

»Ja, jetzt sind wir gottlob ganz fertig!« sagte sie und beugte sich gründlich und herablassend über den Tisch zu ihr hinüber. »Es ist wirklich sehr hübsch bei uns geworden. Ich bin ganz stolz darauf, denn es ist mein Werk. Ich glaube wirklich, daß das Ganze jetzt Stil bekommen hat.«

»Die Villa macht ja, von außen gesehen, ganz den Eindruck einer Festung,« sagte Ingeborg.

»Ja, nicht wahr!« rief Frau Thomsen erfreut aus. »Aber einer gastfreien Festung! Die Zugbrücke ist immer herabgelassen! Und jetzt müssen Sie uns wirklich besuchen, liebe kleine Frau, nicht wahr? Sie und ihr Herr Gemahl!«

»Ja, gern,« sagte Ingeborg.

»Mein Eßzimmer ist mein Stolz, reinster Henri II.! Ich fand eine ganze Menge wunderschöne alte echte Goldleder-Tapete bei einem Antiquar in der Vimmelskaft, er wußte gar nicht, daß er sie hatte, habe sie in seinem Lager gefunden, ich habe sie für einen Spottpreis erstanden.«

Thomsen nieste heftig in seine Pfeife hinein.

»Ha, ha, ha!« lachte Hartwig. »Der Herr Großhändler ist witzig!«

»Nein, das bin ich nicht!« sagte Thomsen. »Ich bin erkältet.«

»Ich habe eine wahre Manie, in allen den alten Sachen herum zu wühlen!« lachte Frau Thomsen und machte ein paar Schwimmbewegungen mit ihren weißen Händen. »Ich finde immer etwas Neues und Besonderes für mich und meine Freunde heraus, und ich bin überzeugt, ich bekomme es für die Hälfte von dem, was andre Menschen dafür geben müssen. Vertrauen Sie sich mir nur an, Herr Hartwig, wenn Sie etwas Altes haben wollen, Sie sollen es nicht bereuen!«

»Wieviel Prozent berechnen gnädige Frau für ihre Mühe?« fragte Hartwig lächelnd.

»Darüber können wir später immer noch reden!« lachte sie und wandte sich an Ingeborg. »Haben Sie gar kein derartiges Talent, kleine Frau!«

»Nein!« ertönte es kurz und ungnädig aus der Dunkelheit.

»Hein!« sagte Hartwig, die Begabung meiner Frau liegt in der ganz entgegengesetzten Richtung: sie muß immer das doppelte von dem bezahlen, was alle anderen Menschen geben. Aber das ist vielleicht auch ein Talent.«

»Nun ja, natürlich!« Frau Thomsens Stimme klang ganz zärtlich und mütterlich, – »wenn man dann etwas so recht Schönes und Gutes und Solides bekommt, – nicht wahr, kleine Frau?«

»Ja, Unterhosen müssen wir ja haben!« bemerkte der Großhändler.

»Ja, das steht fest!« erwiderte Vedel ruhig.

Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus bei dem Ton dieser sanftmütigen Stimme, die hier zum erstenmal seit langer Zeit eine Meinung kund gab. Selbst Ingeborg mußte lachen, und Thomsen grunzte wild.

»Vedel hat doch die eigentümlichste Art und Weise, geistreich zu sein!« rief Hartwig aus und schlug sich auf das Knie.

»Das war gar nicht meine Absicht —«

»Ha, ha, ha! Das sagt er immer nach seinen tollsten Witzen.«

Als das Lachen verstummt war, sagte Vedel ruhig:

»Es kam daher, weil ich da saß und an etwas ganz anderes dachte. Da hörte ich Herrn Thomsens Bemerkung, ich fand sie vollkommen richtig, und ich sagte das, ohne etwas Tieferes hineinlegen zu wollen.«

Hartwig und Frau Thomsen brachen von neuem in ein schallendes Gelächter aus, – plötzlich aber ertönte Ingeborgs Stimme mit einem scharfen heftigen Klang: »Du solltest dich wirklich nicht verteidigen, Hans! Das ist wirklich nicht der Rede wert!«

»Na, na, liebe Ingeborg! Nur nicht gleich so heftig!« sagte Hartwig sehr bestimmt.

Es entstand eine Pause.

»Prost, Herr Baron!« sagte Thomsen plötzlich und klopfte mit dem Pfeifenkopf gegen sein Glas.

Vedel verneigte sich höflich.

Aber die Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluß kommen: Hartwig und Frau Thomsen waren schweigsam geworden.

Frau Thomsen saß da und starrte vor sich hin, – mit großen, wachen Augen. Es war, als erwarte sie etwas. Sie fühlte, wie weiß ihr Hals in der Dunkelheit schimmerte, – und sie wußte, daß Hartwig sie unverwandt anstarrte. Aber er rührte sich nicht und sagte nichts.

Schließlich ward ihr ein wenig unbehaglich zu Mute, – und als sie jetzt ein leises Gähnen von seiten ihres Mannes auffing, schüttelte sie sich ein wenig und nahm ihren gewöhnlichen lächelnden Konversationsausdruck an.

»Ja, lieber Thomsen, jetzt müssen wir wohl sehen, daß wir nach Hause kommen,« sagte sie und begann ihre Handschuhe anzuziehen.

Hartwig sprang auf. »Wie? Sie wollen schon gehen?«

Thomsen erhob sich bedächtig. »Ja, mir thut der Mund förmlich weh von all dem Gerede,« sagte er.

»Er ist brillant!« lachte seine Frau, indem sie sich erhob. »Aber es wird Zeit. Besten Dank für Ihre Gastfreundschaft, lieber Herr Hartwig! Und noch eins! Wir wollen in ein paar Tagen Strandheim mit einem kleinen Fest einweihen, ganz intim! Thomsen und ich hatten eigentlich die Absicht, es ganz allein zu begehen, nur wir beide, das ist ja beinahe das Allerfeierlichste.– — Aber jetzt müssen sie kommen und uns Gesellschaft leisten, Sie und Ihre Frau! Ich denke, es wird am Montag sein. Sie kommen natürlich?«

Hartwig verneigte sich. Mit bestem Dank, liebe gnädige Frau, wir stehen immer zu Ihrer Verfügung.«

»Und der kleine Baron darf auch mitkommen,« fuhr sie lächelnd fort, »wenn Sie versprechen wollen, daß Sie ein klein wenig bescheidener und zurückhaltender sein wollen als heute abend. Sie ziehen die Aufmerksamkeit wirklich viel zu sehr auf sich!«

»Wollen Sie meinen Arm nehmen, gnädige Frau!« sagte Hartwig. »Sonst finden Sie sich niemals heraus.«

Sie wurde plötzlich still, legte den entblößten rechten Arm in den seinigen, und ohne zu sprechen gingen sie langsam durch die dunklen Gartenwege, eng aneinander geschmiegt. Die andern folgten ihnen schweigend.

Dann standen sie an der Pforte. Frau Thomsen seufzte leicht und ließ Hartwigs Arm los.

»Wie wunderschön es doch heute Abend hier ist. Diese Stille. Man hört das Meer fast gar nicht.«

Thomsen stand, die Mütze in der Hand, vor Frau Ingeborg. »Also Sie kommen?« sagte er.

Sie traten aus der Pforte heraus.

»Jetzt wissen Sie also, wo wir wohnen!« rief Hartwig ihnen nach.

Frau Thomsen wandte sich um. »Ja! Auf wiedersehen! – Kommen Sie mit, Herr Baron? Ach, das ist ja wahr, Sie gehen nach der entgegengesetzten Richtung. Gute Nacht! Gute Nacht!«

Sie gingen nach links hinunter.

»Der bleibt gewiß bis morgen früh da,« murmelte Thomsen und blinzelte seiner Frau zu.

»Unsinn, lieber Thomas!« lächelte sie und versetzte ihm mit ihren Handschuh einen leichten Schlag auf die Wange. »Solche alte Sünder wie du werden so leicht mißtrauisch.« Sie steckte ihren Arm tief in den seinen, und langsam gingen sie nach Hause. – —

Hartwig stand da und sah ihnen sinnend nach, während er mit den Augen zwinkerte und ganz leise vor sich hin pfiff.

Plötzlich wandte er sich um und sah seine Frau auf die Pforte gestützt dastehen, das Gesicht Vedel zugewandt, der in einiger Entfernung da stand und sie betrachtete.

Er runzelte die Brauen und trat auf den Baron zu.

»Gute Nacht, Vedel!« sagte er auf seine überlegene Weise. »Gehen Sie jetzt nach Hause und —«

Ziehen Sie die Unterhosen aus! wollte er eigentlich hinzufügen, besann sich aber und sagte:

»und begeben Sie sich zur Ruhe, und überlegen Sie sich, womit Sie uns morgen unterhalten können!«

Vedel nahm den Hut ab. »Gute Nacht und besten Dank!«

»Gute Nacht, Hans!«

Er ging durch die Pforte und schritt die Landstraße entlang.

»Sie hat mir die Hand gedrückt! – Sie hat mir die Hand gedrückt, dort in der Laube!« flüsterte er. Er ballte die Hand und preßte sie gegen seinen Mund. »Sie hat mir die Hand gedrückt, dort —«

Hartwig wandte sich nach Ingeborg um.

»Ich kann den Kerl nicht mehr sehen!« rief er heftig aus und breitete seine Arme aus.

Sie sah ihn an. »Weshalb?« fragte sie ruhig.

»Er ist ja dumm, dumm, dumm wie, ich weiß nicht was! Wie ein Faß – ein Hüttfaß! Es ist nur Wasser darin – und große, halbtote Dorsche!«

»Ach, du selber bist dumm, Ernst!« sagte sie trotzig.

Er ging auf sie zu und packte sie beim Arm: »Das ist ja wahr! Ein gewisses kleines Frauchen ist ja heute abend unartig gewesen!«

Sie riß sich los. »Ich will nichts mehr von dir wissen! Geh' du nur zu der abscheulichen dicken Frau, wenn du Lust hast, – meinetwegen!«

Dann lief sie schnell dem Hause zu.

Hartwig hatte durch die Dunkelheit hindurch ihre Augen gesehen, sie waren blank von Thränen! – Es durchfuhr ihn wie ein Stich.

Er stand eine Weile regungslos da, – dann ging er langsam dem Hause zu, ihr nach.




II


Als Hartwig am andern Morgen in die Eßstube kam, fand er den Tisch gedeckt, es stand Brot und Butter darauf, aber sein gewöhnliches Frühstück war nicht da, und auch Ingeborg fehlte. Er ging eine Weile im Zimmer auf und nieder, von Zeit zu Zeit knipste er ungeduldig mit den Fingern.

Ärgerlich, daß es in der letzten Zeit alle Augenblicke Scenen mit der kleinen dummen Frau setzte!

Und er erinnerte sich der nächtlichen Erlebnisse!

Gestern abend, als er hinaufgekommen war und zu ihr hineinwollte, hatte er im selben Augenblick, als er den Thürdrücker berührte, ein Schnappen des Schlosses gehört. Sie schloß ab! Er war so verdutzt, daß er ohne ein Wort weiter gegangen war, in die Fremdenstube hinein. Er entsann sich, daß er ein klein wenig böses Gewissen gehabt hatte, weil er Frau Thomsen doch wohl reichlich kräftig den Hof gemacht hatte, – er entsann sich auch, daß Ingeborg traurig ausgesehen hatte, als sie sich unten im Garten trennten. Ja, ja, hatte er bei sich gedacht, man ist verheiratet, oder man ist es nicht, – gehen wir zu Bett.

Aber heute morgen war die Situation noch ganz unverändert. Als er erwacht war, hatte er lange dagelegen und nach der Thür hinübergesehen! Jeden Augenblick hatte er erwartet, daß sie sich ein wenig öffnen und ihr kleines, blondes Gesicht mit dem reuigen und verliebten Lächeln, das er so gut kannte, einlassen würde. Aber die Thür öffnete sich gar nicht.

Verdrießlich und hungrig war er endlich aufgestanden. Die Sektion, die er schon lange für sie aufgespart hatte, sollte sie wahrhaftig heute haben. Er hatte ihre Launen satt, man konnte niemals wissen, wozu sie ausarten würden.

Er sah nach seiner Uhr! Das war doch zu arg! – Es war gleich halb zehn und präcise neun Uhr sollte sein Beefsteak auf dem Tische stehen. Was fiel ihr nur ein?

Sie fühlt sich gewiß schon reichlich sicher im Sattel, das gute Kind, dachte er und nickte mit einem kleinen, drohenden Lächeln vor sich hin.

Vor dem Tisch blieb er stehen. Du großer Gott, wie hungrig er war! – Sollte er sich wirklich so weit erniedrigen, daß er sie rief? Plötzlich griff er nach einem Cakes und steckte ihn schnell in den Mund.

Sie ist ja verhätschelt, dachte er, aus Leibeskräften kauend. Dann nahm er noch einen Cakes und fing wieder an mit grübelnder Miene auf und nieder zu gehen. – — Als einziges Kind aus guter Familie ist sie ihr Lebenlang in Kopenhagen umhergegangen und hat alles bekommen, was sie wollte, dachte er. Schließlich hat sie mich auch noch bekommen. Die alte Mama war gerade nicht sehr entzückt, dafür war aber die andre Familie reichlich stürmisch in ihrer Freude über die Partie. Ob es wirklich mein Geld ist, hinter dem sie so her waren, dachte er plötzlich. Das war ihm bisher noch nie eingefallen, – — aber, wenn das der Fall ist, müßte sich Ingeborg doch wirklich ein wenig dankbar und gefügiger zeigen, der Vorteil war ja schließlich auf ihrer Seite.

Noch ein paar Cakes, – jetzt hatte er bald den ganzen Brotkorb geleert. Er kam sich plötzlich ein wenig komisch ein wenig kleinlich vor, – aber, auch das war also ihre Schuld. Ja, es war ja gerade das Sonderbare, was ihn früher auch beunruhigt hatte: ehe er sich verheiratete, hatte er sich niemals Skrupeln über sich selber gemacht, es gab ja nichts in der ganzen Welt, was er nicht besaß oder vorweisen konnte. Aber jetzt, seit dies kleine fremde Menschenkind, – und das war sie doch eigentlich für ihn – seit sie ihm nahe getreten war, war er seiner gar nicht mehr sicher.

Er trat an das Fenster und starrte sinnend hinaus. Die Cakes hatten seinen ersten Hunger gestillt, sein Geist hatte das Gleichgewicht wiedergefunden.

Ja, ja, dachte er, dies alles ist vielleicht ganz natürlich. Ich bin nicht lange genug verheiratet gewesen. Ich habe mich noch nicht an den Zustand gewöhnt. Diese verdammten Junggesellengewohnheiten, die mir noch von alters her anhaften, – ich muß wirklich sehen, daß ich die fein artig ablege. Gehe ich doch noch in dem süßen Wahn umher, daß ich das Recht habe, mich in jede Frau zu verlieben, die ich sehe! – — Natürlich liebe ich Ingeborg, so hübsch und zärtlich und eifrig wie sie ist! Sie sollte nur das ewige Necken nachlassen, so lange wir noch nicht ganz miteinander zur Ruhe gekommen sind —

Und plötzlich mußte er an Frau Thomsen denken.

Während er dastand und vor sich hinstarrte, that sich die Thür hinter ihm auf.

St! – Das war sie! Er wendete sich nicht um, – stand still und starrte zum Fenster hinaus.

Nicht einmal Guten Morgen sagt sie! – Kommt sie denn wirklich nicht zu mir?

Er hörte, wie sie am Tisch umherging. Ganz leicht trat sie auf, – als wolle sie nicht gehört werden. Leise rückte sie die Teller und Schüsseln zurecht, – so, da fiel ein Glas um! Ob ihr die Hände zitterten! —

Er mußte lächeln, – er sah ihr kleines, feierliches Gesicht so deutlich vor sich. Er wußte, wie der Mund ganz zusammengekniffen war, er kannte die drollige Falte auf der Stirn, wenn sie die eine Augenbraue zu einem betrübten kleinen Dreieck verzog – — Jetzt ging sie da herum und war schrecklich unglücklich, weil sie unartig gegen ihn gewesen war.

Aber sie, sollte gefälligst zuerst zu ihm kommen. Ein wenig Strafe mußte sein.

»Danke, Martha!« hörte er ihre leise Stimme Ach so, das war das Mädchen, das die Speisen brachte, – und bei dem Beefsteakgeruch erwachte sein ganzer Hunger von neuem. Unwillkürlich lugte er zu ihr hinüber, – ach, was war denn das! pommes frites – sein Leibgericht! – — Ei, ei! dachte er vergnügt, – sie will sich einschmeicheln, die Kleine! Wenn sie doch nur rufen wollte, dann würde er sofort kommen.

Aber sie rief nicht.

Nun, machen wir der Sache ein Ende! dachte er ein wenig ärgerlich, – das Essen wird ja ganz kalt! Und er wandte sich hastig nach dem Tische um.

Da saß sie in ihrem geblümten Musselinkleidchen, fein, schlank, schmächtig, das blonde Haar im Nacken aufgesteckt, der bloße Hals, – den Kopf von ihm abgewendet.

»Inga, Inga!« rief er aus, »was sollen doch die Verdrehtheiten!« Er nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und suchte ihn in die Höhe zu biegen, aber sie widerstrebte. »Warum hast du mich nicht gerufen?«

Sie antwortete nicht, – warf hilflose Blicke über den Tisch.

»Ach, nun hat Martha das Brot ja wieder vergessen,« flüsterte sie nervös und schellte.

»Bewahre!« rief er aus, – »das habe ich aufgegessen!«

»Das hast du aufgegessen?«

»Ich hatte einen solchen Heißhunger,« sagte er und setzte sich.

»Warum hast du mich dann nicht gerufen?«

Sie sahen sich an, und brachen im selben Augenblick beide in ein schallendes Gelächter aus. Im nächsten Moment saß sie auf seinem Schoß, beide Arme um seinen Hals geschlungen.

»Ach, du gräßlicher, abscheulicher Junge!« rief sie aus und schmiegte sich an ihn.

Er saß da und wiegte sie langsam hin und her, während er über das ganze Gesicht lächelte. Dann küßte er sie auf den Hals, wie entzückend sie doch war! Wie fein und jung ihre Haut duftete! Wie er sie doch liebte! – —

Sie sah zu ihm auf, ernsthaft, mit vor Zärtlichkeit strahlenden Augen, und lehnte dann den Kopf an seine Schulter.

»Ich bin so böse auf dich gewesen, Ernst,« flüsterte sie leise und fuhr fort, sich zu wiegen.

»Ja, ich danke,« lächelte er, »das habe ich gemerkt.«

»Hast du es gemerkt?« fragte sie und öffnete die Augen.

»Ach ja! wenn eine junge Frau ihrem Mann die Schlafstubenthür vor der Nase zuschlägt, so —«

»Hast du das gehört?« fragte sie ganz vergnügt und sah ihn an.

»Ob ich das gehört habe?«

»Ich war so bange, daß du es nicht gehört hättest!« gestand sie ganz offenherzig.

Er lachte: »Ach, du kleines Ungetüm!«

»Ich glaubte, du seiest vorübergegangen und wolltest nicht zu mir hereinkommen!«

»Warum sollte ich nicht hereinkommen?«

»Ich glaubte, du wärest böse.«

»Ha, ha, ha!« lachte er, – da haben wir das böse Gewissen!«

»Warst du denn nicht böse?«

»Keine Spur!«

»Warum hast du denn nicht angeklopft?«

»Weil, – ja, – du machtest ja solche Scene unten im Garten!« sagte er ein wenig verlegen. »Ach so!« Sie umfaßte seinen Kopf mit beiden Händen und schüttelte ihn. »Du hast wohl ein schlechtes Gewissen, mein Freund!«

Er lachte laut auf, zog sie an sich und küßte sie.

Im selben Augenblick steckte das Mädchen den Kopf zur Thür herein, wollte sich aber lächelnd zurückziehen.

»Martha!« rief Hartwig, »Martha, bringen Sie noch etwas Brot.«

»Mein Mann ist so schrecklich hungrig,« fügte Ingeborg hinzu und stand von seinem Schoß auf.

»Ja, du lieber Gott, wie hungrig ich wieder bin!« rief er aus, »und das Beefsteak wird ganz kalt, und deine pommes frites! – hab Dank dafür!«

»Eigentlich hast du sie gar nicht verdient, du langer Laban,« sagte sie in sehr ernsthaftem Ton und legte ihm vor.

»Das weiß ich sehr wohl, aber um so besser schmecken sie.«

Jetzt aß er aus Leibeskräften.

»Du liebe kleine Inga!« sagte er, »wie brillant du doch kochen kannst! – Worüber habe ich mich eigentlich zu beklagen?«

»Ei, ei!« sagte sie, »jetzt bist du ja wieder boshaft!«

»So? Was habe ich denn jetzt gethan?« fragte er verstimmt.

»Deine Köchin also! Weiter bin ich dir nichts!«

Er runzelte die Brauen, suchte die Sache aber ins Lächerliche zu ziehen: »Du bist typisch, Inga! Du ähnelst, weiß Gott, einer von diesen jungen, neuvermählten Frauen in den »Fliegenden Blättern«, lachte er.

»Das ist nicht wahr!« sagte Ingeborg, »die können ja gerade kein Essen kochen!«

»Aa ja, dann einem andern typischen Exemplar!« Er wurde plötzlich ernsthaft und streckte die Hand nach ihr aus. »Aber das muß die kleine Inga nicht, denn ich hasse Typen!«

»Dann haßest du mich also deswegen!« rief sie heftig aus.

Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Du bist hysterisch, Ingeborg,« sagt er und griff wieder zu Messer und Gabel. »Aber deine pommes frites sind, Gottlob, ganz normal. Auf dein Wohl!« Er nahm sein Porterglas und nickte ihr zu.

»Nein!« sagte sie und erhob sich.

»Halloh!«

Sie begann, im Zimmer auf und nieder zu gehen.

»Es nützt nicht, daß du dich herausreden willst!« sagte sie mit einem wütenden Blick, »denn ich habe mir die Sache diese Nacht überlegt!«

»Herr du meines Lebens!« rief er aus, – »wollen wir jetzt miteinander abrechnen?«

Im selben Augenblick kam das Mädchen mit dem Brot herein.

»Setzen Sie es nur da hin, Martha,« sagte Ingeborg in befehlendem Ton, und dann gehen Sie hinaus.

Das Mädchen sah ihre Herrin ein wenig verwundert an und zog sich zurück.

»Komm jetzt und iß, Ingeborg,« sagte Hartwig ungeduldig und streckte den Arm nach ihr aus. »Laß uns Frieden schließen.«

Sie blieb stehen: »warum sollen wir nicht darüber reden?« fragte sie.

»Worüber – in Gottes Namen!« rief er nervös aus.

Sie ging eine Weile auf und nieder, dann setzte sie sich zu ihm. »Hör' einmal, Ernst,« sagte sie und sah ihn an, – »da ist etwas nicht in Ordnung zwischen uns beiden!«

»Nicht in der Ordnung, – nicht in der Ordnung!« warf er flott hin, »du faßt gleich alles so tragisch auf. Ein wenig Zankerei gehört doch bei jungen Eheleuten mit dazu.«

Sie saß da und sah vor sich nieder, während sie das Tischtuch mit dem Finger ritzte.

»Ich finde, wir sprechen gar nicht miteinander,« sagte sie dann, »ich weiß nicht, aber alles, was du sagst, ist so gemacht, so gekünstelt, wie auf dem Theater. Du kennst mich nicht, das ist die Sache. Wir gehen umeinander herum und tasten und sagen das, was anstandshalber dazu gehört.«

Er wurde plötzlich ernsthaft. »Darin kann ja etwas Wahres liegen,« sagte er, »aber trotzdem finde ich, daß das keine Tragödie wert ist. Natürlich wissen wir nicht viel voneinander, das thun Mann und Frau anfänglich nie, – »Ja, da siehst du selber,« rief sie aus, »du gestehst selbst zu, daß du mich nicht kennst.«

Er erhob sich. »kennen und nicht kennen!« sagte er nachdenklich.

»Da siehst du! Du hast bisher nie darüber nachgedacht!«

Er mußte über ihren Eifer lächeln. »Huh!« sagte er und schlug sich gegen die Stirn, »mir schwindelt vor deinen Tiefen!« Als er aber sah, daß sie ärgerlich wurde, setzte er sich zu ihr hin und sagte in einem sanften, belehrenden Ton zu ihr: »Ich habe mich in dich verliebt, weil du so schön und liebreizend warst. Deshalb nahm ich dich, und so kenne ich dich. Ist dir das denn nicht genug?« Er nahm ihre Hand und wollte sie küssen.

Sie aber entzog sie ihm hastig, dann saß sie eine Weile da und sah ihn mit einem forschenden Ausdruck in ihren hellen Augen an.

»Ja, ich verstehe es so gut,« sagte sie dann. »Genau so habe ich es mir gedacht.«

»Nun, wie hast du es dir denn gedacht?« fragte er geduldig, indem er sich über die letzten pommes frites her machte.

»Das Ganze ist ein Zufall, Ernst!«

»Ja, ja, – vielleicht!«

»Ja, für dich!« rief sie heftig aus, »denn es war ein Zufall, daß du mich kennen lerntest, weißt du noch die Eisenbahnfahrt von Kopenhagen nach Helsingör? – — Es war ein Zufall, daß du dich in mich verliebtest, weil wir auf dem Lande ganz in der Nähe von einander wohnten, es war ein Zufall, daß du dich mit mir verlobtest, weil du im vorigen Sommer im Juli allein warst.«

»Wohl möglich, – wohl möglich!«

»Und es war auch ein Zufall, daß wir uns verheirateten, weil deine Mutter so krank war, daß du erst hinterher mit ihr darüber sprechen wolltest.«

»Das ist gewiß alles ganz richtig, liebe Ingeborg,« sagte Hartwig, »aber ungefähr so verheiraten sich beinahe alle Menschen miteinander. Und was weiter? Was willst du damit sagen?«

»Ich meine, das erklärt das Ganze,« sagte er, »denn das mit mir ist dir doch nichts Neues! Es ist mir etwas, was auf die eine oder die andere Weise kommen mußte, weil es dich langweilte, so weiter zu leben wie bisher, du mochtest deine vorigen Aperitive, oder wie die Dinger heißen, nicht mehr trinken, und da nahmst du dir ein Beefsteak!«

»Aux pommes frites!« lächelte er. »Ach ja, wohl wahr!«

»Aber dessen wirst du auch überdrüssig werden.«

»Das wollen wir doch nicht hoffen,« sagte er. »Nun, aber du, Inga,« fuhr er nach einer Weile fort. »Du hältst dich beständig an das Beefsteak? Ist dein Appetit noch immer gleich ungeschwächt?«

»Ja,« sagte sie und wandte den Kopf ab.

»Wie kann das nur sein, Inga?«

»Weil ich nie etwas anderes zu essen bekommen habe.«

»Als mich?« lachte er.

»Ja«

Er brach in ein schallendes Gelächter aus, und auch sie mußte lächeln.

Dann beugte er sich zu ihr hinab.

»Könnte es dich nicht reizen, die kleinen Beißer an einen neuem Knochen zu versuchen?« fragte er lächelnd.

»Was für einer sollte das wohl sein?«

»Nun, der ließe sich schon finden!«

»Hans? Hans Vedel?« Sie sah auf.

»Ja, zum Beispiel Hans!«

Einen Augenblick starrte sie gedankenvoll vor sich hin, während er sie aufmerksam beobachtete. Aber dann sah sie zu ihm auf, schnitt eine Grimasse, lachte, und umfaßte seinen Nacken mit beiden Händen. »Das würde wohl nicht viel nützen, du eingebildeter Mensch!« sagte sie und schüttelte ihn, während sie die Zähne zusammenbiß.

»Es wäre auch ein Jammer um die kleinen Beißer!« lächelte er.

»Wie so?«

»So ein verteufelt trockner Knochen wie der Baron, davon kämen sie nicht heil weg.«

»Ach!« rief sie heftig aus und gab ihn frei. »Ist deine dicke, rote Madame etwa besser?«

»Weicher jedenfalls!« lächelte er, »zum hineinbeißen!«

Sie legte den Kopf in den Arm, um ihr Lachen zu verbergen.

»Aber wir werden so poetisch!« sagte Hartwig und richtete sich auf. »In guter Prosa bedeutet das Ganze ja nur, daß wir nicht das Geringste weder von einander noch von uns selber oder von irgend etwas auf der Welt wissen, wie es gehen soll und was daraus werden soll. Wir sind vor Gott Mann und Frau, aber könnten ebensogut zwei Omnibuspassagiere sein, die sich auf dem Rathausplatz getroffen haben und die sich jetzt auf dem Königs-Neumarkt Lebewohl sagen. Vielleicht nehmen sie auch eine Droschke und fahren nach dem Strandweg hinaus, – nach Skotterup zum Beispiel, oder noch weiter, das weiß ja niemand. Aber es hat ja seinen Reiz, so lange die Fahrt währt. Nicht wahr, Kleine?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist lauter Unsinn,« sagte sie. »Du bist auch so schrecklich dumm, Ernst!«

»Verzeih!« sagte er ein wenig verletzt, »ist das nicht genau dasselbe, was du vorhin sagtest?«

»Ich sprach ja von dir, du Narr! – Keinen Augenblick von mir selber! – Nein, ich will nicht mehr hören!« unterbrach sie sich und hielt sich die Ohren zu. »Ich kann nicht mehr reden! Ich glaube, ich habe noch nie im Leben so viel geredet wie heute, und dabei ist die Uhr erst zehn. Wie ist das Wetter eigentlich?«

»Wundervoll!« sagte er und erhob sich. »Wollen wir nach dem Frühstück eine Spazierfahrt machen?«

»Ja, gern!«

Sie traten an das Fenster und sahen hinaus.

Die Sonne stand gerade über dem Sund, der blank und träge da lag und mit seinen zahllosen kleinen Kräuselungen zu dem starken Licht hinaufzwinkerte. Breite, blanke Stromstreifen zogen sich ruhig hindurch. Die Schiffe hatten alle Segel gesetzt, kamen aber doch nur langsam vorwärts.

Diese ruhige Wasserfläche machte auf sie beide einen eigentümlichen Eindruck von Unruhe. Sie war so fest und so hart zu sehen, – so sicher und zuverlässig, schlug man aber hinein, so zersplitterte sie in tausend Scherben.

Trat man darauf, so versank man in die Tiefe.

Was würde geschehen? – — —




III


Hans Vedel hatte nicht weit zu gehen, um nach Hause zu gelangen, außerdem ging er schnell seines Wegs, nachdem er Ingeborg und ihrem Mann Adieu gesagt hatte.

Ihm war so froh und dankbar zu Mute, waren doch Ingeborg und er den ganzen Abend auf einer Seite gewesen, gegen die andern. Er hatte sie verteidigt, und sie hatte ihm beigestanden. So war es gut und schön, mehr verlangte er nicht. Und er fühlte noch immer ihren Händedruck dort auf seiner linken Hand.

Als er nach dem Hafen hinabkam, bog er links ab und ging durch einen schmalen Garten dem Hause zu, in dem er wohnte. Es war ein kleines, nettes, zweistöckiges Gebäude, strohgedeckt, mit großen Giebeln. Er sah zu den Fenstern hinauf: Alles war dunkel. Ja, Mamsell Paulsen ist natürlich zu Bett gegangen, dachte er, aber ich finde mich auch wohl allein hinauf.

Er kam in sein Wohnzimmer, zündete die Hängelampe an und öffnete das Fenster. Die Luft war immer so schwer und eingeschlossen von dem Duft der Lavendel und getrockneten Veilchen, die die alte Haushälterin überall hinsteckte. Aber die Fenster mußten geschlossen bleiben. Sonderbar mit der alten Person, dachte er lächelnd, ihre Angst vor Dieben verliert sich nie. Als ob die Einbrecher wie Fliegen an den Mauern in die Höhe kriegen könnten! – —

Er trat an einen alten, geschnitzten Louis XIV. Eichenschrank, der fast die eine ganze Wand des kleinen Zimmers einnahm, öffnete ihn und nahm einen kleinen, metallbeschlagenen Kasten heraus. Dann ging er an den Schreibtisch am Fenster und setzte sich. In dem Kasten lag ein zierlich gebundenes Buch, das er herausnahm und öffnete. Es war voll weißer, beschriebener Blätter.

Er saß eine Weile da und starrte vor sich hin, dann nahm er eine Feder, und langsam und beschwerlich mit seiner ungeschickten kindlichen Handschrift zirkelte er folgende Linien auf das Papier:



    Freitag den 28. Juni.

Ich war heute wieder zu Tische bei J. Wir waren nur dreie, Hartwig, sie und ich. Nach Tische kam die Unterhaltung auf die Ehe, die ich verteidigte. Am Abend kamen Herr Thomsen und Frau, und wir verbrachten eine gemütliche Stunde in der Laube miteinander. Als ich zu einem bestimmten Zeitpunkt von den andern angegriffen wurde, nahm mich J. in Schutz. S.+d.+m.+H.+u.+d.+T.

Sie drückte meine Hand unter dem Tisch, sagte er zu sich selber, aber es ist vorsichtiger, es nicht ganz auszuschreiben.

Und er schloß mit dem Gewöhnlichen:

Morgen werde ich sie wiedersehen.



    Hans Vedel.

Dann schloß er das Buch mit einer vergnügten Miene, und verschloß es wieder sorgfältig in den Kasten und den Schrank.




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