Capitän Richard Alexandre Dumas der Ältere Dumas Alexandre (père) Capitän Richard Erster Theil I. Der spanische Katechismus Etwa fünfzehn Stunden von München, das in den Reisehandbüchern eine der höchstgelegenen Städte nicht nur Baierns, sondern Europa’s genannt wird, fünf Stunden von Augsburg, der altberühmten Reichsstadt, wo 1530 das lutherische Glaubensbekenntnis von Melanchthon entworfen wurde, zwanzig Stunden von Regensburg, wo von 1662 bis 1806 die deutschen Reichsstände versammelt waren, erhebt sich die kleine Stadt Donauwörth, wie ein vorgeschobener Posten die Donau überragend. Vier Landstraßen vereinigen sich in dem uralten Städtchen, wo Herzog Ludwig der Strenge auf einen ungegründeten Verdacht hin die unglückliche Maria von Brabant enthaupten ließ. Zwei dieser Straßen führen über Nördlingen und Dillingen nach Stuttgart und Frankreich, die beiden andern vermitteln den Verkehr mit Oesterreich. Die beiden ersten laufen am linken Donauufer bin; die beiden andern, am rechten Ufer, vereinigen sich bei Donauwörth zu einer einfachen hölzernen Brücke. Jetzt hat das Städtchen durch die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt eine gewisse Wichtigkeit erlangt und es herrscht ein ziemlich reges Leben, aber im Anfange dieses Jahrhunderts war es noch nicht so. Der alte Ort, der in gewöhnlichen Zeiten von der Göttin der Einsamkeit und von dem Gott des Schweigens zur Residenz erkoren schien, bot indeß am 17. April 1809 ein für die zweitausendfünfhundert Einwohner so ungewohntes Schauspiel, daß mit Ausnahme der Wiegenkinder und der lahmen Greise die ganze Bevölkerung auf den Beinen war und insbesondere die Gasse, bei der sich die von Stuttgart kommenden Landstraßen vereinigten, und den Schloßplatz anfüllten. Am 13. April Abends hatten drei Postchaisen, von Packwagen begleitet, vor dem Gasthofe »zum Krebs« angehalten. Aus dem ersten Reisewagen war ein General gestiegen, der, wie der Kaiser, einen kleinen Hut, und über seiner Uniform einen grauen Rock trug; aus dem andern war ein ganzer Generalstab hervorgekommen Es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Sieger von Marengo und Austerlitz habe in dem bevorstehenden Feldzuge gegen Oesterreich das Städtchen Donauwörth zum Mittelpunkt seiner Operationen erkoren. Dieser General, der von Neugierigen am Gasthofsfenster als ein Mann von sechs- bis siebenundfünfzig Jahren erkannt wurde, war nach der Behauptung Wohlunterrichteter der alte Kronmarschall Berthier, Fürst von Neuchâtel, und man versicherte, der Kaiser werde in zwei bis drei Tagen nachfolgen. Er hatte in der Nacht nach seiner Ankunft nach allen Richtungen Couriere abgeschickt und eine Zusammenziehung von Truppen angeordnet, die schon am folgenden Tage begann. Man hörte in und um Donauwörth nur Trommelwirbel und Trompetenstöße, und von allen vier Himmelsgegenden rückten baierische, würtembergische und französische Regimenter an. Vor Allem ein Wort über die beiden alten Feinde Frankreich und Oesterreich, und über die Umstände, die den zwischen Napoleon und dem Kaiser Franz II. geschlossenen Pressburger Frieden gebrochen hatten und nun das sonst so stille Städtchen mit Kriegslärm erfüllten. Der Kaiser Napoleon war mit Spanien im Kriege. Der Vertrag von Amiens war nemlich nur ein Jahr in Wirksamkeit gewesen; England hatte den König Johann VI. Von Portugal bewogen, seine gegen den Kaiser der Franzosen übernommenen Verpflichtungen zu brechen. Als Napoleon die Nachricht erhielt, schrieb er nur folgende mit seinem Namen unterzeichnete Zeile: »Das Haus Braganza hat aufgehört zu regieren.« Johann VI. aus Europa vertrieben, mußte sich über den atlantischen Ocean flüchten und in den portugiesischen Colonien eine Zuflucht suchen. Camoëns hatte bei dem Schiffbruch, den er an der Küste von Cochinchina litt, sein unsterbliches Gedicht gerettet, das er mit der einen Hand hielt, während er mit der andern schwamm. Johann VI. war gezwungen, in dem Sturme, der ihn nach Rio-Janeiro trieb, seine Krone loszulassen. Er fand jenseits des Oceans freilich eine andere und ließ sich zum Ersatz für sein europäisches Königreich zum Kaiser von Brasilien ausrufen. Die französischen Heere marschirten durch Spanien und nahmen Portugal in Besitz. Junot wurde zum Gouverneur ernannt. Portugal war so unbedeutend, daß man nur einen Gouverneur an die Spitze der Verwaltung stellte. Aber die Pläne des Kaisers beschränkten sich keineswegs auf den Besitz des Ländchens. Der Preßburger Friede, der Oesterreich nach der Schlacht bei Austerlitz aufgenöthigt worden war, hatte Eugen Beauharnais zum Vicekönig von Italien gemacht; der Tilsiter Vertrag, der Preußen und Rußland nach der Schlacht bei Friedland aufgenöthigt worden war, hatte Hieronymus Bonaparte zum Könige von Westphalen gemacht: es handelte sich darum, Joseph zu entfernen und Murat an seine Stelle zu setzen. Die Vorkehrungen waren getroffen. Ein geheimer Artikel des Vertrages von Tilsit ermächtigte den russischen Kaiser, Finnland in Besitz zu nehmen, und den französischen Kaiser, sich Spaniens zu bemächtigen. Man mußte nur eine günstige Gelegenheit abwarten. Diese fand sich bald. Murat war mit geheimen Instructionen in Madrid geblieben. König Carl IV. beklagte sich sehr über die Zerwürfnisse mit seinem Sohne, der ihn zur Abdankung gezwungen hatte und unter dem Namen Ferdinand VII. sein Nachfolger geworden war. Murat rieth Carl IV., sich an seinen Bundesgenossen Napoleon zu wenden. Carl IV., der nichts mehr zu verlieren hatte, nahm den Schiedsspruch mit Dank an; Ferdinand VII., »der nicht der Stärkere war, willigte ungern und mit banger Besorgniß ein. Murat überredete Vater und Sohn, sich nach Bayonne zu begeben, wo Napoleon sie erwartete. Sobald sie in der Höhle des Löwen waren, wurde die streitige Angelegenheit rasch entschieden. Carl IV. legte zu Gunsten Josephs die Krone nieder, da Ferdinand VII. derselben nicht würdig sey. Napoleon ergriff nun mit der rechten Hand den Vater, mit der linken den Sohn, und schickte den Ersten in das Schloß zu Compiègne, den Zweiten in das Schloß zu Valancay. Joseph verließ Neapel, und Murat, der die ganze spanische Angelegenheit geleitet hatte, erhielt den Thron beider Sicilien zum Geschenk. Rußland war ganz damit einverstanden, denn dieses Manöver war ja mit seinem Wissen ausgeführt worden und es bekam überdies seine Entschädigung; aber England, das nur das Continentalsystem gewann, war keineswegs zufrieden;es richtete seine gierigen Blicke auf Spanien und hielt sich bereit, den ersten Aufstand zu benutzen. Dieser Ausstand ließ nicht lange auf sich warten. Am 27. Mai 1808 brach der Aufruhr an zehn verschiedenen Punkten aus, namentlich in Cadiz, wo die französische Flotte, die sich nach der Niederlage bei Trafalgar dahin geflüchtet hatte, von den Insurgenten in Besitz genommen wurde. In wenigen Wochen verbreitete sich nun durch ganz Spanien der folgende Katechismus: Wer bist Du, mein Sohn? Spanier von Gottes Gnaden. Was meinst Du damit? Ich meine damit, daß ich ein Ehrenmann bin. Wer ist der Feind unserer Glückseligkeit? Der Kaiser der Franzosen. Was ist der Kaiser der Franzosen? Ein Unhold, der Urheber alles Bösen, der Zerstörer aller Güter, der Sitz aller Laster. Wie viele Naturen hat er? Zwei: die menschliche und die teuflische Natur. Wie viele Kaiser der Franzosen gibt es? Einen wirklichen in drei trügerischen Personen. Wie heißen sie? Napoleon, Murat und Manuel Godoy. Welcher von den dreien ist der böseste? Sie sind alle drei gleich schlecht. Wovon stammt Napoleon ab? Von der Sünde. Und Murat? Von Napoleon. Und Godoy? Von der unreinen Vermischung Beider? Wie heißt der Geist des Ersten? Hoffart und Despotismus. Und des Zweiten? Raubsucht und Grausamkeit. Und des Dritten? Habgier, Verrath und Unwissenheit. Was sind die Franzosen? Vormalige Christen, die Ketzer geworden sind. Welche Strafe verdient der Spanier, der seine Pflichten verletzt? Den Tod und die Schmach der Verräther. Wie müssen sich die Spanier aufführen? Nach den Vorschriften unsern Herrn Jesus Christus. Wer wird uns von unsern Feinden befreien? Das gegenseitige Vertrauen und die Waffen Ist es Sünde, einen Franzosen umzubringen? Nein; im Gegentheil, man verdient den Himmel, wenn man einen dieser ketzerischen Hunde todtschlägt. Das waren sonderbare Grundsätze, aber sie standen im Einklange mit der Rohheit und Unwissenheit des Volkes, das dieselben in Anwendung brachte. Die Folge davon war eine allgemeine Erhebung und das Resultat der letzteren war die Capitulation von Baylen, das ist die erste Schmach, die unsere Heere seit 1792 erlitten. Die Capitulation war am 22. Juli geschlossen worden. Am 31. landete eine englische Armee in Portugal. Am 21. August wurde die Schlacht von Vimeiro geliefert, wo die Franzosen zwölf Geschütze und fünfzehnhundert Todte und Verwundete verloren. Endlich am 30. folgte der Vertrag von Cintra, der Junot und seine Armee nach Frankreich heimschickte. Diese Nachrichten brachten in Paris eine furchtbare Wirkung hervor Napoleon wußte dem Unglück nicht anders abzuhelfen als durch seine Gegenwart. Er hatte Recht; Gott war noch mit ihm und sein Glücksstern noch nicht untergegangen; die Wunder von Rivoli, von den Pyramiden, von Marengo, Austerlitz, Jena, Friedland sollten sich auf spanischem Boden wiederholen. Er drückt dem Kaiser Alexander die Hand, versichert sich der Freundschaft Preußens und Oesterreichs, die der neue König von Sachsen von Dresden und der neue König von Westphalen von Cassel aus überwachten, bringt achtzigtausend alte Soldaten aus Deutschland mit, hält auf dem Durchmarsch in Paris an, um dem gesetzgebenden Körper anzuzeigen, daß die Adler bald auf den Thürmen von Lissabon flattern werden, und setzt seinen Marsch nach Spanien fort. Am 4. überschreitet er die spanische Grenze; am 10. nehmen die Marschälle Soult und Bessières die Festung Burgos, erobern zwanzig Kanonen, metzeln dreitausend Spanier nieder und machen eben so viele Gefangene. Am 12. vernichtet der Marschall Victor das Heer La Romana’s und Black’s bei Espinosa, tödtet ihnen achttausend Mann und zehn Generale, macht zwölftausend Gefangene und nimmt ihnen fünfzig Kanonen. Am 20. vernichtet der Marschall Lannes bei Tutela die unter Palafor und Castasios stehenden Armeen, nimmt ihnen dreißig Kanonen, macht dreitausend Gefangene und tödtet viertausend Mann Die Straße nach Madrid war frei. Dem Einzuge in die Residenz Philipps V. stand kein Hinderniß mehr im Wege; der Erbe Ludwigs XIV. wußte den Weg nach allen Hauptstädten zu finden. Ueberdies kam ihm eine Deputation der Stadt Madrid entgegen, um ihm ihre Huldigungen darzubringen und ihn demüthigst um Gnade zu bitten. Treten Sie auf die Plattform des Escorial, Sire, und lauschen Sie: auf allen Seiten werden Sie nichts als Siegesecho vernehmen. Hören Sie nur: Der Ostwind bringt das Getöse der Kämpfe bei Cardeden, Elinas, Lobregat, San Felice und Molino del Rey – fünf neue Namen in unsere Jahrbücher zu schreiben, und in Catalonien kein Feind mehr. – Auch der Westwind, Sire, wird Ihren Ohren gar lieblich schmeicheln; er weht von Galicien herüber und meldet Ihnen, daß Soult die Nachhut Moore’s geschlagen und eine spanische Division entwaffnet hat; noch mehr, er hat die:Engländer auf ihre Schiffe zurück getrieben, die ihre Segel aufgespannt haben und verschwunden sind; ihr Oberbefehlshaber und zwei Generale liegen todt auf der Wahlstatt. Und der Nordwind bringt Ihnen die Kunde von der Einnahme Saragossa’s; man hat achtundzwanzig Tage gekämpft, ehe man in die Stadt drang, und achtundzwanzig Tage noch kämpfte man von Haus zu Haus, wie in Sagunt, wie in Numantia und Calahorra. Männer, Weiber, Kinder, Greise, Priester haben gekämpft; Jetzt sind die Franzosen Herren von Saragossa, oder vielmehr der Trümmer der vormaligen Stadt. Und der Südwind, Sire, bringt Ihnen die Kunde von der Einnahme von Oporto; der Ausstand ist in Spanien gedämpft, wenn nicht unterdrückt; Portugal ist besetzt, wenn nicht wieder erobert. Sie haben Wort gehalten, Sire, Ihre Adler flattern auf den Thürmen von Lissabon . Aber wo sind Sie denn, Sire, und warum sind Sie so schnell wieder fortgeeilt? – Ja, richtig, die Engländer, Ihre Erbfeinde, haben Oesterreich durch trügerische Vorspiegelungen verführt: Sie wären fünfhundert Meilen entfernt, Sie könnten Ihre Streitkräfte nicht entbehren, der Augenblick sey günstig; der Papst Pius Vll. hat Sie in den Bann gethan, wie einst Heinrich IV. von Deutschland und Philipp August von Frankreich; man müsse diesen Augenblick benützen, um Ihnen Italien zu nehmen, und Sie aus Deutschland zu vertreiben. Und Oesterreich hat es geglaubt, es hat hunderttausend Mann unter die Waffen gerufen und unter den Befehl der Erzherzoge Carl, Ludwig und Johann gestellt. Ziehet hin,meine schwarzen Adler, hat es ihnen zugerufen, und zerreißet die rothen Adler Frankreichs Am 17. Jänner reiste Napoleon zu Pferde von Vallavolid ab; am 18. kam er nach Burgos, am 19. nach Bayonne. Dort nahm er einen Wagen, und als ihn Jedermann noch in Altcastilien glaubte, klopfte er am 22. um Mitternacht an das Thor der Tuilerien und begehrte Einlaß. Man staunte, den künftigen Sieger von Eckmühl und Wagram zu sehen. Der künftige Sieger von Eckmühl und Wagram war übrigens in sehr übler Laune, als er nach Paris kam. Er hatte wohl Ursache dazu. Der spanische Krieg, den er für ersprießlich gehalten hatte, war ihm zuwider, aber einmal begonnen hatte er wenigstens den Vortheil, die Engländer auf den Continent zu locken. Wie der afrikanische Riese, fühlte sich Napoleon wirklich stark, wenn er die Erde berührte. Wäre er Themistokles gewesen, würde er die Perser in Athen erwartet und Athen nicht in den Golf von Salamis verlegt haben. Die Glücksgöttin, die ihm stets treu gewesen war, die ihn von der Etsch bis zum Nil, vorn Niemen bis zum Manzanares begleitet, hatte ihn bei Abukir verlassen, bei Trafalgar verrathen. Und in dem Augenblicke, als er drei Siege über die Engländer errungen, als er ihnen zwei Generale getödtet, den dritten verwundet, als er sie übers Meer zurückgetrieben, wie es einst Hektor in Achills Abwesenheit mit den Griechen gemacht hatte, – in einem solchen Moment sah er sich auf einmal gezwungen, die Halbinsel zu verlassen. Es war zwei Uhr nach Mitternacht, als er die Tuilerien betrat, aber er warf kaum einen Blick auf sein Bett und ging aus seinem Schlafgemach in sein Arbeitszimmer. »Man wecke den Großkanzler,« sagte er, »und benachrichtige den Polizeiminister, den Oberkämmerer, daß ich sie erwarte – den Ersteren um vier, den Andern um fünf Uhr.« »Soll Ihre Majestät die Kaiserin von Höchstdero Ankunft in Kenntniß gesetzt werden?« fragte der Thürsteher, dem dieser Befehl ertheilt wurde. Napoleon sann einen Augenblick nach. »Nein,« sagte er, »ich wünsche zuvor den Polizeiminister zu sprechen. Bis zu seiner Ankunft soll mich Niemand stören, ich will schlafen.« Der Thürsteher entfernte sich und Napoleon blieb allein. »Ein Viertel auf drei,« sagte er auf die Tischuhr blickend, »nur halb drei Uhr will ich aufmachen.« Er warf sich in einen Lehnstuhl, ließ die linke Hand auf der Seitenlehne ruhen, steckte die rechte in die Weste, schloß die Augen, seufzte leise und schlief ein. Napoleon besaß wie Cäsar die seltene Gabe, einzuschlafen wo er konnte und wann er wollte, und so lange zu schlummern, wie es seine Zeit erlaubte. Wenn er gesagt hatte: ich will eine Viertelstunde schlafen, so war er gemeiniglich schon wach, wenn der Adjutant, der Thürsteher oder Secretär, der ihn wecken sollte, zu der bestimmten Stunde erschien. Ein anderer seltener Vorzug war, daß er, ohne in einen Zwischenzustand zwischen Schlaf und Wachen zu treten, augenblicklich vollkommen wach war; sobald er seine Augen aufschlug, waren seine Gedanken so klar und bestimmt wie vor dem Entschlafen. Kaum hatte sich daher die Thür hinter dem Palastdiener, der die drei Staatsmänner rufen sollte, geschlossen, so schlief Napoleon schon, und sonderbar! keine Spur der Leidenschaften, die an ihm nagten, war auf seinem Gesichte zu sehen. Eine einzige Wachskerze brannte im Zimmer. Als der Kaiser den Wunsch geäußert, einige Minuten zu schlafen, hatte der Thürsteher die beiden Armleuchter fortgetragen, deren zu helles Licht den kurzen Schlummer Napoleons hätte stören können. Er hatte nur den Handleuchter, mit welchem er die Kerzen angezündet, da gelassen. Das Zimmer war daher nur matt erhellt, und die Gegenstände hatten in diesem Halbdunkel ein phantastisches Aussehen. Ein solches Halbdunkel suchen die Traumgötter die den Schlummer stören, oder die Gespenster, welche die Reue wecken. Ein solcher Traumgott schien dieses helle Dunkel oder diese dunkle Helle erwartet zu haben, denn kaum hatte Napoleon die Augen geschlossen, so hob sich der Tapetenvorhang, der eine kleine geheime Thür verbarg, und es erschien eine weiße Gestalt, die in ihrem leichten Gewande und mit ihren schwebenden geräuschlosen Bewegungen einer überirdischen Erscheinung glich. Die weiße Gestalt verweilte einen Augenblick in der dunklen Thür, dann ging sie leise auf den Schläfer zu, streckte aus ihrem leichten Gewande die schöne weiße Hand hervor und legte sie auf die Rücklehne des Sessels, dicht neben das Haupt, das einem römischen Imperator anzugehören schien. Dann betrachtete sie das schöne ruhige Antlitz eine Weile mit unaussprechlicher Zärtlichkeit, seufzte leise, legte die linke Hand auf ihr Herz, um die ungestümen Schläge desselben zu dämpfen, neigte sich langsam und den Athem anhaltend und berührte die Stirne des schlafenden Kaisers mehr mit ihrem Hauch als mit ihren Lippen. Bei dieser Berührung, wie leicht sie auch war, zuckten die Muskeln dieses Gesichtes, das bis dahin so unbeweglich gewesen war wie ein Wachsbild. Die weiße Gestalt wich schnell zurück. Diese Bewegung war übrigens kaum bemerkbar und dauerte nur einen Augenblick. Das ruhige Antlitz; das durch diesen Hauch der Liebe leicht bewegt worden war, wie das spiegelglatte Wasser eines Sees durch die säuselnde Abendluft, nahm seine vorige Heiterkeit und Unbeweglichkeit wieder an; die Gestalt trat an den Schreibtisch, schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, wandte sich wieder zu dem Schläfer, schob das Papier in die Weste, dicht neben seine Hand, die fast eben so weiß und so zart war wie die ihrige und verschwand eben so geräuschlos wie sie gekommen war. Einige Secunden nach dem Verschwinden dieser Erscheinung und als die Tischuhr eben halb drei schlagen wollte, erwachte der Kaiser und zog die Hand aus der Weste. Die Uhr schlug. – Napoleon lächelte, wie Augustus gelächelt haben würde, als er sah, daß er sich im Schlafe wie im Wachen zu beherrschen wußte, und nahm ein Papier auf, das er aus der Weste gerissen und zu Boden geworfen hatte. Auf dem Papiere bemerkte er einige geschriebene Worte und näherte sich dem Lichte; aber er hatte die Schriftzüge erkannt, bevor er sie entziffern konnte. Er seufzte und las: »Du bist da. Ich habe Dich geküßt, das ist mir genug. Deine Dich über Alles Liebende.« »Josephine!« sagte er gerührt, und sah sich um, als hätte er erwartet, sie im Hintergrunde des Zimmers erscheinen zu sehen. Aber er war allein. In diesem Augenblicke ging die Thür auf, der Thürsteher trat mit den beiden Armleuchtern ein und meldete: »Se. Excellenz der Herr Erzkanzler.« Napoleon stand auf, lehnte sich an das Camin und wartete. Hinter dem Thürsteher erschien die eben gemeldete hohe Person. II. Drei Staatsmänner Regis de Cambacérès war damals ein Mann von sechsundvierzig bis siebenundvierzig Jahren, also vier bis fünf Jahre älter als Napoleon. Er war sanft und wohlwollend von Charakter und ein gelehrter Jurist. Er war anfangs Steuerrath gewesen und 1792 Mitglied des Convents geworden. Am 19. Jänner 1793 hatte er für den Aufschub der Hinrichtung des Königs gestimmt, und 1794 war er Präsident des Wohlfahrtsausschusses geworden. Im Jahre1795 hatte er das Portefeuille der Justiz erhalten; 1799 hatte ihn Bonaparte zum zweiten Consul gewählt, und endlich im Jahre 1804 war er zum Erzkanzler ernannt, zum Reichsfürsten erhoben und mit dem Titel eines Herzogs von Parma beschenkt worden.« Cambacérès war von mittler Größe und zur Beleibtheit geneigt; dabei ein Feinschmecker, elegant, vornehm in Haltung und Benehmen. Er hatte sich die Hofmanieren mit ungemeiner Schnelligkeit und Leichtigkeit angeeignet und sich dadurch beidem großen Erneuerer des socialen Gebäudes sehr beliebt gemacht. Ueberdies hatte er in den Augen Napoleons noch ein anderes Verdienst. Cambacérès hatte wohl eingesehen, daß der große Mann, dereinst sein vertrauter Freund gewesen und nun sein Monarch geworden war, Anspruch auf seine Ehrerbietung hatte. Ohne gerade unterwürfig zu seyn, ohne sich zum Schmeichler herabzuwürdigen, beobachtete er gegenüber dem Erwählten des Schicksals, der damals in ganz Europa gefürchtet wurde, die Haltung eines aufrichtigen Bewunderers. Eine Viertelstunde hatte ihm genügt, um eine Toilette zu machen, die in einem Kreise von Hofleuten tadellos gewesen wäre, und obgleich mitten im Schlafe geweckt, erschien er um halb drei Uhr Früh eben so heiter und munter, als ob ihn der Kaiser um sieben Uhr Abends, nach dem Diner hätte rufen lassen. Aber das Gesicht des Kaisers war keineswegs so freundlich wie das seinige. Der Erzkanzler, etwas betroffen, machte eine Bewegung, die einem Rückzuge nicht unähnlich war. Napoleon, dessen Adlerblick, die größten und die kleinsten Dinge nicht entgingen, errieth die Ursache dieser plötzlichen Betroffenheit und sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit: »O, kommen Sie, kommen Sie, Herr Erzkanzler, Ihnen zürne ich nicht.« »Und ich hoffe, daß Ew. Majestät mir nie zürnen werden,« antwortete Cambacérès, »denn Ihre Ungnade würde mich sehr unglücklich machen.« Der Kammerdiener entfernte sieh, die Armleuchter zurücklassend. »Constant,« sagte der Kaiser zu ihm, »schließen Sie die Thür, bleiben Sie im Vorzimmer und führen Sie die Person, die ich erwarte, in den grünen Salon.« Dann wandte er sieh wieder zu Cambacérès und sagte tief aufathmend: »Ach! da bin ich wieder in Frankreich, inden Tuilerien! Wir sind allein, Herr Erzkanzler, und können ganz offen reden.« »Sire,« sagte der Erzkanzler, »abgesehen von der Ehrerbietung, die meinen Worten Schranken setzt, spreche ich nie anders mit Ew. Majestät.« Der Kaiser sah ihn scharf an. »Sie mühen sich ab, Cambacérès; Andere suchen sich geltend zu machen und an dasselbe Tageslicht zu treten, Sie hingegen treten immer weiter in den Schatten. Das gefällt mir nicht. Bedenken Sie, daß Sie nach mir der erste Mann im Staate sind.« »Ich weiß, daß Ew. Majestät mich nach Ihrer Güte und nicht nach meinen Verdiensten behandelt haben.« »Sie irren sich, ich habe Sie nach Ihrem Werthe behandelt, und deshalb habe ich Ihnen die Einrichtung der Gesetzpflege übertragen. Aber das Criminalgesetzbuch wird nicht gefördert; ich hatte Ihnen gesagt, daß es im Jahre 1808 beendet werden sollte, und heute haben wir den 22. Jänner1809. Der gesetzgebende Körper ist während meiner Abwesenheit versammelt geblieben, aber das Gesetzbuch ist nicht fertig, und wird vielleicht noch nicht in drei Monaten beendet. « »Erlauben mir Ew. Majestät, über diese Angelegenheit offen zu reden?« fragte der Erzkanzler. »Das versteht sich, Cambacérès sagte der Kaiser. »Sire, ich bemerke nicht mit Besorgniß – denn so,lange Ew. Majestät das Scepter oder Schwert halten, fürchte ich nichts – aber mit Bedauern, daß sich überall ein Geist der Unruhe und Zügellosigkeit zu zeigen beginnt . . .« »Ich weiß es,s erwiederte Napoleon, »und bin hierher geeilt, um zugleich diesen Geist und die Oesterreicher zu bekämpfen.« »Zum Beispiel der gesetzgebende Körper, Sire . . .« »Der gesetzgebende Körper!« wiederholte Napoleon, die Achseln zuckend. »Der gesetzgebende Körper,« fuhr Cambacérès fort, ohne sich irr machen zu lassen,« brachte früher nur eine schwache Opposition von zwölf bis fünfzehn Stimmen zusammen; jetzt bietet er uns die Spitze, zweimal waren bei der Abstimmung achtzig, und einmal hundert schwarze Kugeln . . .« »Ich bebe die gesetzgebende Versammlung auf!« »Nein, Sire, wählen Sie, wählen Sie einen Moment wo sie günstiger gestimmt ist. Aber Ew. Majestät müssen in Paris bleiben; wenn Sie hier sind, geht Alles gut.« »Ich weiß es, aber leider kann ich nicht hier bleiben.« »Das ist nicht gut.« »Sie haben Recht, Cambacérès . . . Ich werde daran denken; wenn ich’s vergessen sollte, so erinnern Sie mich daran.« »Ew. Majestät sagten, daß Sie nicht in Paris bleiben können . . .« »Glauben Sie denn, ich sey in vier Tagen von Valladolid gekommen, um hier zu bleiben? Nein, in drei Monaten muß ich in Wien seyn.« »O! Sire,« sagte Cambacérès mit einem Seufzer, »immer Krieg?« »Diese Sprache hätte ich von Ihnen nicht erwartet, Cambacérès. . . mache ich denn den Krieg »Sire, der Krieg in Spanien . . .« »Ja, den vielleicht. Aber warum hatte ich ihn unternommen? weil ich des Friedens in Norden versichert zu seyn glaubte, Mit Rußland verbündet, mit Westphalen und Holland verbrüdert, mit Baiern befreundet, von Preußen, dessen Armee auf 40,000 Mann zusammengeschmolzen ist, nichts befürchtend, konnte ich ahnen, daß Oesterreich, dessen Adler nach dem Verlust Italiens nur noch einen Kopf hat, im Stande seyn werde, 500,000 Mann gegen mich zu bewaffnen? Es scheint wahrlich der Lethe, und nicht die Donau bei Wien zu fließen; denn man hat die frühern Erfahrungen vergessen, aber die neuen Erfahrungen, die man machen wird, sollen nicht so leicht vergessen werden, dafür stehe ich. Ich will den Krieg nicht, ich habe kein Interesse dabei, und Europa ist mein Zeuge, daß mein ganzes Streben, meine ganze Aufmerksamkeit auf das von den Engländern gewählte Schlachtfeld, nemlich auf Spanien, gerichtet war. Oesterreich, das die Engländer schon einmal im Jahre1805 rettete,. als ich über die Meerenge von Calais gehen wollte, rettet sie wieder, indem es mich in dem Augenblick aufhält,wo ich im Begriffe war, sie ins Meer zu werfen. Ich weiß wohl, daß sie an einem andern Orte wieder zum Vorscheinkommen, wenn sie verschwinden; aber England ist nicht wie Frankreich, eine kriegerische Nation, es ist ein Handelsvolk – Karthago ohne Hannibal. Ich würde es endlich geschwächt oder zur Herbeiziehung seiner Truppen aus Indien gezwungen haben, und wenn nur der Kaiser Alexander Wort hält, o! dann soll Oesterreich diese Seitenwendung theuer bezahlen! Es muß entweder auf der Stelle seine Truppen entlassen, oder einen Vernichtungskrieg gewärtigen. Wenn es mich über seine künftigen Absichten beruhigt, so stecke ich selbst das Schwert in die Scheide; denn freiwillig ziehe ich es nur in Spanien, und gegen die Engländer. Wenn nicht, so lasse ich 400,000 Mann gegen Wien rücken, und in Zukunft wird England keine Bundesgenossen mehr auf dem Continent haben.« »400,000 Mann?« fragte Cambacérès. »Sie möchten gern wissen, wo sie sind, nicht wahr?« »Ja, Sire, ich sehe kaum 100,000 über die Sie jetzt verfügen könnten.« »So! man fängt an, meine Soldaten zu zählen, und Sie, Herr Erzkanzler, sind der erste Zweifler!« »Sire! . . .« »Man sagt, es sind nur 200,000, nur 150,000, nur 1000 Mann da. Der Feldherr wird schwach, er hat nur noch zwei Armeen; jetzt ist der günstige Zeitpunkt, den wir benützen müssen . . . Die Leute irren sich.« – Napoleon berührte die Stirne mit der Hand, »hier ist meine Kraft,« er streckte beide Arme aus, – »und dies sind meine Kriegsheere . . . Sie wollen wissen, wie ich 400,000 Mann zusammen bringen werde? Ich will’s Ihnen sagen. . . nicht um Ihretwillen, Cambacérès, Sie vertrauen vielleicht noch meinem Glücksstern, ich will’s Ihnen sagen, damit Sie es Anderen wieder sagen. Meine Rheinarmee besteht aus einundzwanzig Infanterieregimentern von je vier Bataillonen; sie sollten je fünf Bataillone stark seyn, aber eine Täuschung wäre hier nicht am rechten Ort. Es sind also 84 Bataillone, das ist 70,000 Mann Infanterie. Außerdem habe ich meine drei Divisionen St. Cyre, Legrand, Bouvet; diese sind nur drei Bataillone oder 30,000 Mann stark. Es sind also 100,000 ohne die 5000 Mann der Division Dupas. Ich habe vierzehn Regimenter Kürassiere, welche 12,000 Reiter in ihren Reihen zählen, und sich mit den in den Depots befindlichen auf 14,000 bringen lassen. Ich habe 17,000Mann leichte Infanterie; außerdem kann ich aus dem Süden leicht 5 bis 6000 Dragoner kommen lassen. Wir haben also schon 100,000 Mann Infanterie und mehr als 30,000 Reiter.« »Sire, das macht zusammen erst 130,000 Mann, Ew. Majestät sagten 400,000.« »Warten Sie nur, dazu kommen 20,000 Mann Artillerie, 20,000 Mann Garde, 100,000 Deutsche.« »Alles dies, Sire, macht erst 270,000 Mann« »50.000 nehme ich von meiner italienischen Armee, sie marschiren durch Steiermark und vereinigen sich in Baiern mit mir. Rechnen Sie dazu 10,000 Italiener und 10,000 Franzosen, die ich aus Dalmatien herbeiziehe und wir haben70,000 Mann mehr.« »Zusammen also 340,000 Mann« »New Geduld, Sie werden sehen, daß wir mehr zusammen bringen, als wir brauchen.« »Ich weiß nicht, Sire, woher Sie die übrigen nehmen werden.« »Sie vergessen meine Conscribirten, Herr Erzkanzler; Sie vergessen, daß Ihr Senat im September vorigen Jahres zwei Aushebungen bewilligt hat.« »Ja wohl, Sire: die eine von 1809 ist schon unter den Waffen, und die von 1810 darf nach dem Gesetz im ersten Jahre nur im Innern des Landes dienen.« »Ganz recht, aber glauben Sie, daß 80,000 Mann für 115 Departements genügen? Nein, ich bringe die Aufhebung auf 100,000, und lasse je 20,000 aus den Classen von 1809, 1808, 1807 und 1806 einberufen: das macht 20,000 Mann von 20 bis 23 Jahren, während die von 1810 erst 18 Jahre alt sind, und ich habe Zeit, diese heranwachsen zu lassen.« »Sire, die 115 Departements liefern jährlich nur 337,000 Mann im dienstfähigen Alters 100,000 Mann wären mehr als der vierte Theil dieses Contingents, und es gibt keine Bevölkerung, die nicht bald zu Grunde geht, wenn man ihr jedes Jahr den vierten Theil der jungen Männer nimmt . . .« »Wer sagt Ihnen denn, daß man sie ihr jedes Jahr nehmen wird? Ich nehme sie von vier Jahren, und befreie die früheren Classen; einmal ist nicht immer. Diese 80,000 Mann lasse ich durch meine Garde einüben und ausbilden; sie versteht sich darauf, es ist für sie eine Arbeit von drei Monaten. Im April werde ich mit 400,000 Mann an der Donau stehen, dann wird Oesterreich wie heute meine Legionen zählen, und wenn es mich zwingt loszuschlagen, so wird Europa erschrecken vor den Streichen, die ich führen werde.« Cambacérès seufzte und fragte: »Haben Ew. Majestät sonst nichts zu befehlen?« »Der gesetzgebende Körper soll sich morgen versammeln.« »Sire, er hält seit Ihrer Abreise Sitzung.« »Es ist wahr; morgen werde ich mich einfinden und ihm meinen Willen kundgeben.« Cambacérès entfernte sich. Aber er kehrte wieder um und sagte: »Ich sollte Ew. Majestät an einen gewissen General Mallet erinnern.« »Ja, es ist wahr, aber ich will erst mit Herrn Fouché reden Sagen Sie, wenn Sie durch das Vorzimmer gehen, daß ich Herrn Fouché zu sprechen wünsche; er muß im grünen Salon seyn.« Cambacérès verneigte sich; als er an der Thür war, rief ihm Napoleon sehr freundlich nach: »Adieu, lieber Erzkanzler!« Cambacérès entfernte sich beruhigter für sich selbst, aber in großer Besorgniß für Frankreich Als er fort war, ging Napoleon mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. Seit neun Jahren der Regierung— denn das Consulat hatte sich von einer monarchischen Regierung kaum unterschieden – hatte er trotz der Bewunderung, die er einflößte, zuweilen offenen Tadel, sogar Anfeindungen erfahren, aber nie war ein Zweifel laut geworden. Jetzt zweifelte man an seinem Glücksstern, und dieser Zweifel war zuerst in seiner Armee, in seiner Garde, bei seinen alten Kriegern laut geworden. Die verhängnißvolle Capitulation von Baylen hatte seinem Ruhm den ersten furchtbaren Stoß gegeben. Varus hatte sich wenigstens mit seinen drei Legionen, die Augustus von ihm zurückverlangte, niederhauen lassen. Varus hatte sich nicht ergeben. Schon in Valladolid wußte Napoleon alles was Cambacérès soeben gesagt hatte, und noch andere Dinge. Tags vor seiner Abreise hatte er Musterung über seine Grenadiere gehalten; er wußte daß diese Prätorianer gemurrt hatten, daß sie in Spanien bleiben sollten, und wollte diese von der Sonne Italiens und Egyptens gebräunten Gesichter in der Nähe sehen, um zu wissen, ob sie die Vermessenheit haben würden, unzufrieden zu seyn. Er stieg vom Pferde und ging zu Fuß durch ihre Reihen. Die Grenadiere präsentirten düster und schweigend das Gewehr, nicht ein einziger Ruf: »Es lebe der Kaiser!« wurde gehört; ein einziger Soldat sagte leise: »Sire, nach Frankreich!« Das hatte Napoleon erwartet. Er riß ihm das Gewehr aus den Händen und schleppte ihn vor die Fronte. »Taugenichts!« sagte er zu ihm. »Du verdientest, daß ich Dich erschießen ließe! – Ich weiß wohl,« sagte er laut zu dem ganzen Corps, »Ihr wollt nach Paris zurück, um daselbst euer Schlaraffenleben und eure Dirnen wiederzufinden. Doch daraus wird nichts, Ihr bleibt unter den Waffen bis eure Zöpfe schneeweiß sind« ’ Er warf dem Grenadier das Gewehr wieder in die Arme. Der Soldat ließ es vor Schmerz fallen. In diesem Augenblicke der Erbitterung bemerkte er den General Legendre, der die Capitulation von Baylen mit unterzeichnet hatte. Er ging mit zornglühenden Blicken auf ihn zu. Der General blieb stehen, als ob seine Füße in der Erde Wurzel geschlagen hätten.« »Ihre Hand, General,« sagte er. Der General streckte zagend die Hand aus. »Ich begreife nicht,« sagte Napoleon, indem er sie betrachtete, »daß diese Hand, als sie die Capitulation von Baylen unterzeichnete, nicht verdorrt ist!« Und er wandte sich mit dem Ausdrucke der Verachtung ab, wie von einem Verräther. Der General, der die Capitulation nur auf höhern Befehl unterzeichnet hatte, war wie vernichtet. Napoleon stieg wieder zu Pferde und ritt nach Valladolid zurück, von wo er, wie erwähnt, am folgenden Tage nach Frankreich abreiste. Er war in dieser Stimmung, als sich die Thür wiederaufthat und der Thürsteher meldete: »Se. Excellenz der Polizeiminister.« Das blasse Gesicht Fouché’s erschien zögernd und furchtsam in der Thür. »Ja, Herr Fouché,« sagte Napoleon, »ich begreife wohl, daß Sie zögern, vor mir zu erscheinen.« Fouché gehörte zu den Charakteren, die vor der unbekannten Gefahr zurückbeben, aber darauf losgehen oder sie erwarten, sobald sie eine Gestalt angenommen hat. »Ich, Sire?« erwiederte er, seinen Kopf mit den gelblichen Haaren, mit der blassen Gesichtsfarbe, mit den Vergißmeinnichtaugen und dem großen Munde aufwerfend; »warum sollte ich, der Kartätschenmann von Lyon, Bedenkentragen, mich vor Ew. Majestät zu zeigen?« »Weil ich kein Ludwig XVI. bin!« »Ew. Majestät geruhen – und es ist nicht das erste Mal – auf mein Votum vom 19. Jänner anzuspielen.« »Nun, wenn ich’s thäte?« »Dann würde ich antworten, daß ich als Mitglied des Convents nicht dem Könige, sondern der Nation den Eid geleistet hatte, und diesen Eid habe ich gehalten.« »Und wem haben Sie am 13. Thermidor des Jahres VII den Eid geleistet? etwa mir?« »Nein, Sir.« »Warum haben Sie mir denn am 18. Brumaire so gute Dienste geleistet?« »Ew. Majestät wollen sich huldreichst erinnern, daß Ludwig XIV. Sagte: der Staat bin ich! . . . Am 18. Brimaire waren Sie die Nation, und deshalb diente ich Ihnen.« »Aber das hinderte mich nicht, Ihnen 1802 das Portefeuille der Polizei zu entziehen.« »Ew. Majestät hofften einen geschicktern, wenn nicht treuern Polizeiminister zu finden; Sie gaben mir das Portefeuille 1804 zurück.« Napoleon ging einige Schritte vor dem Camin hin und her; er blickte starr vor sich nieder und zerdrückte das Papier, das die wenigen Worte Josephinens enthielt. Plötzlich blieb er stehen, sah seinen Polizeiminister scharf an und sagte: »Wer hat Sie ermächtigt, mit der Kaiserin von Scheidung zu sprechen?« Wäre Fouché nicht so weit von dem Lichte entfernt gewesen, so hätte man sehen können, daß sein Gesicht noch blässer wurde als zuvor. »Sire,« sagte er, »ich glaube zu wissen, daß Ew. Majestät die Scheidung sehnlich wünschen.« »Habe ich diesen Wunsch gegen Sie geäußert?« »Ich habe gesagt: ich glaube zu wissen, und glaubte Ew. Majestät einen Dienst zu erweisen, wenn ich die Kaiserin auf dieses Opfer vorbereitete.« »Ja, schonungslos, wie Alles was Sie thun.« »Sire, Niemand kann sein Naturell ändern: ich habe meine Laufbahn als Lehrer bei den Vätern des Oratoriums begonnen, und hatte in dieser Eigenschaft unbändige Knaben im Zaum zu halten, später ist mir etwas von der Ungeduld aus meiner Jugendzeit geblieben; ich bin ein Obstbaum, man darf keine Blumen bei mir erwarten.« »Herr Fouché, Ihr Freund,« und Napoleon betonte diese beiden Worte absichtlich stark, »Ihr Freund Talleyrand empfiehlt seinen Untergebenen immer: nur keinen Eifer. Ich will diesen Grundsatz von ihm borgen, um ihn auf Sie anzuwenden. Dieses Mal haben Sie wirklich zu viel Eifer gezeigt; ich will nicht, daß man in Staatssachen oder Familienangelegenheiten die ersten Schritte thue.« Fouché schwieg. »Weder kommt es,« fuhr Napoleon fort, »daß Sie jetzt wieder der beste Freund Talleyrand’s sind, nachdem Sie sein erbitterter Feind waren? Zehn Jahre lang haben Sie sich gegenseitig gehaßt und angeschwärzt: Sie nannten ihn einen frivolen Diplomaten, und er nannte Sie einen plumpen Intriganten; Sie verachteten eine Diplomatie, welche, wie Sie sagten, von der Siegesgöttin ins Schlepptau genommen wurde; er verspottete den eitlen Prunk mit einer Polizei, die bei der allgemeinen Unterwerfung leichtes Spiel habe und sogar überflüssig sey. Sind denn die Verhältnisse wirklich so bedenklich, daß Sie sich, wie Sie behaupten, für die Nation opfern und Beide Ihre alte Feindschaft vergessen? Sie haben die Vermittlung dienstfertiger Personen angenommen und haben sich öffentlich ausgesöhnt. öffentlich besucht; Sie haben einander zugeflüstert, es sey möglich, daß mich in Spanien das Messer eines Fanatikers, in Oesterreich eine Kanonenkugel treffe; nicht wahr, das Haben Sie gesagt?« »Sire,« antwortete Fouché, »die spanischen Dolche wissen die großen Monarchen zu finden, das hat man bei Heinrich IV. gesehen; die österreichischen Kanonenkugeln wissen die großen Feldherren zu treffen, das hat man bei Turenne und dem Marschall Berwiek gesehen.« »Sie beantworten eine Thatsache mit einer Schmeichelei,« erwiederte Napoleon; »ich bin nicht todt, und will nicht, daß mein Nachlaß schon bei meinen Lebzeiten getheilt werde.« »Sire, daran denkt Niemand, am allerwenigsten wir.« »Sie dachten so wenig daran, daß Sie meinen Nachfolger schon erkoren hatten. Warum lassen Sie ihn nicht im voraus krönen? Der Augenblick ist günstig, der Papst hat mich in den Bann gethan . . . Glauben Sie denn, die französische Krone passe nicht aus jeden Kopf? Aus einem Churfürsten von Sachsen kann man wohl einen König von Sachsen machen, aber aus einem Herzog von Berry macht man nicht so leicht einen König von Frankreich oder einen Kaiser der Franzosen. Um das Eine zu werden, muß man ein Nachkomme Ludwig des Heiligen seyn; um das Andere zu werden, muß man von meinem Geblüt seyn. Sie haben freilich ein Mittel, um den Moment, wo ich nicht mehr seyn werde, zu beschleunigen . . .« »Sire,« antwortete Fouché, »ich bitte Ew. Majestät, mir dieses Mittel zu nennen.« »Morbleu! Sie dürfen nur die Verschwörer unbestraft lassen.« »Verschwörer gegen Ew. Majestät sollten unbestraft geblieben seyn? Haben Sie die Gnade, sie zu nennen.« »O! das ist nicht sehr schwer: ich will Ihnen sogleich drei nennen.« »Ew. Majestät meinen die angebliche Verschwörung, die der Polizeipräfect Dubois entdeckt haben will.« »Mein Polizeipräfect Dubois ist nicht, wie Sie, der Nation, sondern mir ergeben.« Fouché zuckte die Achseln; diese Bewegung entging dem Scharfblick Napoleons nicht. »Sie zucken die Achseln, weil Sie nichts zu erwiedern wissen,« sagte Napoleon, auf dessen Stirn sich ein Ungewitter zusammenzog; »wo es sich um Verschwörungen handelt, kann ich die Zweifler nicht leiden.« »Kennen Ew. Majestät die Personen, um die es sich handelt?« »Ich kenne zwei von den dreien; ich kenne den General Mallet, der ein unverbesserlicher Verschwörer ist.« »Ew Majestät glauben, daß der General Mallet conspirire?« »Ich weißes gewiß.« »Und Ew. Majestät fürchten eine Verschwörung, anderen Spitze ein Tollhauscandidat steht?« »Sie sind in einem doppelten Irrthum befangen, Herr Fouché: erstens fürchte ich nichts, und zweitens ist der General Mallet kein Tollhauscandidat.« »Er hat wenigstens eine fixe Idee.« »Ja wohl, aber Sie werden zugeben, daß er kein Narr ist, denn seine fixe Idee besteht darin, daß er einst, wenn ich dreihundert, vierhundert Meilen entfernt bin, meine Abwesenheit benutzen wird, um die Nachricht von meinem Tode auszusprechen und einen Aufstand hervorzurufen.« »Halten Ew. Majestät die Sache für möglich?« »So lange als ich keinen Erben habe, ja.« »Eben deshalb habe ich es gewagt, mit der Kaiserin von Scheidung zu sprechen.« »Auf diese Angelegenheit wollen wir nicht zurückkommen. Sie verachten Mallet, Sie haben ihn wieder in Freiheit gesetzt. Ich will Ihnen etwas sagen, was mein Polizeiminister mir hätte sagen sollen: Mallet ist nur einer der Fäden einer unsichtbaren Verschwörung, die sich im Heere anspinnt.« »Ach ja, die Philadelphen . . . Glauben Ew. Majestät an die Magie des Obersten Oudet?« »Ich glaube an Arena,« antwortete Napoleon, »ich glaube an Cadoudal, ich glaube an Moreau. Mallet ist einer von diesen Träumern, von diesen Illuminaten, von diesen Narren, wenn Sie wollen; aber für den gefährlichen Narren gehört die einsame Zelle und die Zwangsjacke; Sie haben den Ihrigen in Freiheit gesetzt . . Der zweite ist Servan; ist der ein Narr, ein Königsmörder?« »Wie ich, Sire.« »Ja, aber ein Königsmörder aus der Schule der Gironde, ein vormaliger Verehrer der Madame Roland, ein Mann, der als Minister Ludwigs XVI. zum Verräther an ihm wurde und aus Rache für seinen Sturz am 10. August eine Hauptrolle spielte.« »Er handelte gemeinschaftlich mit dem Volke.« »O! das Volk thut nur das, wozu es verleitet, getrieben wird. Die Vorstädte Saint-Marcau und Saint-Antonin, die unter der Führung Alexandre’s und Santerre’s so unruhig waren, sie rühren sich nicht mehr, seitdem ich ihnen den Daumen aufs Auge halte . . . Ihren Florent Guyot kenne ich nicht, aber ich kenne Mallet und Servan. Diesen Beiden trauen Sie nicht! Ueberdies ist der eine General, der andere Oberst, und es gibt unter einer militärischen Regierung ein schlechtes Beispiel, wenn zwei Offiziere conspiriren.« »Sire, man wird ein wachsames Auge auf sie haben.« »Jetzt, Herr Fouché, habe ich Ihnen noch den schwersten Vorwurf zu machen.« Der Polizeiminister verneigte sich. »Was haben Sie mit der öffentlichen Meinung gemacht, Herr Fouché?« Ein anderer Minister hätte die Frage noch einmal wiederholen lassen. Fouché verstand sehr gut was der Kaisersagen wollte; allein um sich Zeit zur Antwort zu nehmen, gab er sich das Ansehen, als ob er nicht recht wüßte was Napoleon meinte. »Die öffentliche Meinung?« wiederholte er; »ich weiß nicht was Ew. Majestät damit sagen wollen.« »Ich will damit sagen,« erwiederte Napoleon, »daß Sie die öffentliche Meinung über die Tagesbegebenheiten irregeleitet, getäuscht, daß Sie Deuteleien und vorwitzige Bemerkungen über meinen letzten Feldzug gestattet, daß man, weil Sie es ruhig geschehen ließen, von Kriegsunglück sprach, während meine Heere von Sieg zu Sieg eilten. Das Geschwätz der Pariser macht das Ausland übermüthig. Wissen Sie wohl, auf welchem Wege ich’s erfahren habe? Ueber Sanct-Petersburg! Ich habe Feinde, ich rühme mich dessen; aber daß meine Feinde unter Ihren Augen, Herr Minister, von Verminderung meines Ansehens, von Mißstimmung, von Widerstreben gegen meine Politik, von meiner Schwäche und Ohnmacht faseln, das ist zu arg! Die Folge davon ist, daß Oesterreich, an diese Albernheiten glaubend, meine vermeintliche Schwäche benützen und mich angreifen will; aber ich werde sie Alle demüthigen, die innern wie die äußern Feinde!. . . Apropos, Sie haben doch meinen Brief vom 31. December erhalten?« »Welchen’, Sire?« »Den von Benevento datirten.« »Worin von den Söhnen der Ausgewanderten die Rede war?« »Sie scheinen ein kurzes Gedächtniß zu haben, Herr Fouché!« »Befehlen Ew. Majestät, daß ich den Brief Wort für Wort wiederhole?« »Ja, beweisen Sie mit, daß Sie ein gutes Gedächtniß haben.« »Sire,« erwiederte Fouché, eine Brieftasche hervorziehend, »hier ist das Schreiben . . .« »So! Sie haben es bei sich?« »Die eigenhändigen Briefe Ew. Majestät trage ich immer bei mir. Als ich Schulmeister bei den Vätern des Oratoriums war, las ich jeden Morgen mein Brevier; seitdem ich Polizeiminister bin, lese ich jeden Morgen die Briefe Ew. Majestät . . . Diese Depesche,« setzte Fouché hinzu, ohne den Brief aufzumachen, »lautet folgendermaßen . . .« »Ich verlange nicht den Wortlaut, sondern den Inhalt,« unterbrach ihn Napoleon. »Ew. Majestät schrieben mir, mehre Emigrantenfamilien hätten ihre Söhne der Conscription entzogen und ließen sie in sträflicher Unthätigkeit; Sie beauftragten mich zugleich, ein Verzeichniß dieser Familien anfertigen zu lassen, um alle jungen Männer derselben, die das achtzehnte Jahr überschritten, in die Militärschule nach Saint-Cyr zu schicken. Zu dieser Liste sollte jedes Departement mindestens zehn, die Stadt Paris mindestens fünfzig Namen liefern, und auf etwaige Beschwerden sollte ich kurzweg antworten, es sey der Wille Ew. Majestät.« »Es ist gut; ich will nicht, daß sich ein Theil der Nation den Anstrengungen entziehe, welche die jetzige Generation für den Ruhm der künftigen macht . . Jetzt gehen Sie dies ist Alles was ich Ihnen zu sagen hatte!« Fouché verneigte sich; aber da er sich nicht schnell genug entfernte, fragte Napoleon: »Wünschen Sie noch etwas?« »Sire,« erwiederte der Minister, »Ew. Majestät haben viele Dinge zur Sprache gebracht, um mir zu beweisen, daß meint Polizei schlecht sey; ich will nur eine Thatsache erwähnen, um Ihnen das Gegentheil zu beweisen . . . In Bavonne haben Ew. Majestät zwei Stunden verweilt . . .« »Ja.« »Ew Maiestät haben sich einen Bericht abstatten lassen . . .« »Einen Bericht?« »Ja, über die Beschwerden, die gegen mich vorliegen sollen. Der Bericht schloß mit dem Antrage, mich von meinem Posten abzuberufen und durch Herrn Savary zu ersetzen.« »Und ist dieser Bericht unterzeichnet?« »Ja, Sire, er ist unterzeichnet, und Ew. Majestät haben ihn bei sich . . . in der linken Rocktasche.« Fouché deutete mit dem Finger auf die Stelle der Uniform, wo die Tasche war.« »Sie sehen, Sire,« setzte er hinzu, »daß meine Polizei wenigstens in gewissen Richtungen eben so gut ist wie jene des Herrn Lenoir und des Herrn von Sartines.« Und ohne die Antwort des Kaisers abzuwarten, verschwand Forsche, der schon nahe an der Thür gestanden. Napoleon griff in die Tasche, zog eine in Depeschenform zusammengelegte Schrift heraus, faltete sie auseinander, warf einen flüchtigen Blick darauf, schaute noch einmal nach der Thür hin und sagte lächelnd: »Ja, Du hast Recht: Du bist noch der geschickteste . . . wenn Du nur auch der rechtlichste wärest!« Er zerriß das Papier und warf es ins Feuer. Während die Schrift von den Flammen verzehrt wurde, meldete der Thürsteher: »Se. Excellenz der Oberkämmerer.« Das lächelnde Gesicht des Fürsten von Benevent erschien hinter dem Thürsteher. Die Poeten erfinden nichts. Als Goethe, der große Zweifler, seinen »Faust« schrieb, ahnte er nicht, daß Gott,sowohl seinen menschlichen Helden als seinen Mephistopheles bereits geschaffen hatte, und daß beide in kürzester Frist, der Eine mit seiner ernsten, geistvollen Stirn, der Andere mit seinem Pferdefuß, auf dem Welttheater erscheinen sollten. Der von Gott geschaffene Faust hieß Napoleon; der Mephistopheles – Talleyrand. Wie Faust die Tiefen der Wissenschaft ergründet, bat Napoleon alle Labyrinthe der Politik durchwunden, – und wie Mephistopheles den Faust ins Verderben stürzt, war Talleyrand Napoleons böser Genius. Eben so wie sich Faust in seinen Momenten des Abscheues von Mephistopheles loszumachen sucht, suchte sich Napoleon in seinen Stunden des Zweifels von Talleyrand loszumachen. Aber sie schienen durch einen Höllenpact aneinander gekettet zu seyn, und wurden erst getrennt, als die Seele des Denkers, des Poeten, des Eroberers in den Abgrund fiel. Unter den Dreien war Talleyrand vielleicht am bangsten zu Muth, aber er erschien gewiß mit dem heitersten Antlitz. Napoleon konnte sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren, als er ihn erblickte, und ohne seine Anrede abzuwarten, streckte er die Hand aus, um ihn weiter vortreten zu lassen, und sagte: »Fürst von Benevent, ich habe Ihnen nur ein paar Worte zu sagen. Wer mich verläugnet, ist mein Gegner, und ich achte ihn als solchen, aber wer sich, um mich zu verläugnen, sich selbst verläugnet, ist der Gegenstand meines größten Abscheues. Sie behaupten überall, daß Sie an dem Tode des Herzogs von Enghien keinen Theil gehabt; Sie versichern, daß Sie dem spanischen Kriege fremd seyen. Sie haben mir den Tod des Herzogs von Enghien schriftlich gerathen, und ich habe Briefe, in denen Sie mir die Politik Ludwigs XVI. dringend anempfehlen. Herr von Talleyrand,wer ein so kurzes Gedächtniß hat, kann mein Freund nicht seyn; schicken Sie mir morgen Ihren Kammerherrnschlüssel zurück, der dem Herrn von Montesguiou nicht nur bestimmt sondern bereits zugesichert worden ist.« Ohne den Fürsten von Benevent zu entlassen, ohne ein Wort hinzuzusetzen entfernte sich Napoleon durch die in Josephinens Gemächer führende Thür. Talleyrand wankte wie an dem Tage, wo ihn Maubreuil auf den Stufen der Kirche St. Denis mit einer Ohrfeige zu Boden warf. Aber dieses Mal traf der Schlag nur seine äußeren Verhältnisse, und der Oberkämmerer zählte, wie Mephistopheles, auf Satans Beistand, um mehr wieder zu bekommen, als er verloren hatte. Die Leser erinnern sich, daß Napoleon in derselben Nacht zu Cambacérès gesagt hatte, er werde im April mit 400,000 Mann an der Donau stehen. Er hielt Wort: die Bevölkerung von Donauwörth, die am 17 April 1809 auf den Straßen und Plätzen des Städtchens wogte, erwartete den Kaiser der Franzosen. III. Die Zwillinge Gegen neun Uhr Morgens entstand eine große Bewegung unter der Volksmenge, und ein lautes Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer vom äußersten Ende der Dillinger-Straße bis in den Mittelpunkt der Stadt verbreitete, war der Verbote eines ungewöhnlichen Ereignisses. Dieses Ereigniß war die Ankunft eines Couriers in grüner, goldbetreßter Uniform, der dem Wagen des Kaisers um eine halbe Stunde voraus eilte. Er sprengte im Galopp durch die auf beiden Seiten zurückweichende Menge der oberen Stadt zu, und hielt am Thore des vormaligen Klosters zum heiligen Kreuz an, wo Gemächer für den Kaiser eingerichtet worden waren. Der Generalmajor Berthier, der den Kaiser in dem alterthümlichen stattlichen Gebäude erwartete, wurde durch die Ankunft des Couriers keineswegs überrascht Der Prinz von Neuchâtel, der auf der Plattform des Schlosses durch ein Fernrohr schaute, hatte schon seit zehn Minuten den kaiserlichen Wagenzug auf der Landstraße bemerkt. Am 9. April hatte Erzherzog Carl ein Schreiben »an den Obergeneral der französischen Armee« nach München abgehen lassen. Mit einer andern Adresse war das Schreiben nicht versehen. Meinte der Erzherzog den Kaiser Napoleon damit und war für ihn, wie für den Abbé Loriquet, der Marquis von Bonaparte damals nur noch der Obergeneral Seiner Majestät Ludwig XVIII. Wenn dies der Fall war, so zeigte Erzherzog Carl überaus viel Starrsinn. Wir wollen dahingestellt seyn lassen, wer der Obergeneral, Marschall, Prinz, König oder Kaiser war, den der Erzherzog meinte; das kurze Schreiben lautete folgendermaßen: »Nach der Erklärung Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich zeige ich dein Herrn Obergeneral der französischen Armee an, daß ich die Weisung habe, mit den unter meinem Befehle stehenden Truppen vorzurücken und Jedermann, der mir Widerstand leisten wird, als Feind zu behandeln.« Dieser Brief war vom 9. April. Am 12. Abends hatte der Kaiser Napoleon in den Tuilerien durch eine telegraphische Depesche die Nachricht von diesem Beginne der Feindseligkeiten erhalten. Er war am 13. Morgens abgereist, und am 16. hatte er zu Dillingen den König von Baiern angetroffen, der seine Hauptstadt verlassen und sich gegen zwanzig Stunden zurückgezogen hatte. Durch die dreitägige ununterbrochene Reife ermüdet,verweilte Napoleon zu Dillingen, um daselbst zu übernachten, und gab dem Könige sein Wort, ihn binnen vierzehn Tagen in seine Hauptstadt zurückzuführen. Am andern Morgen um sieben Uhr setzte er seine Reisefort, und um den Zeitverlust wieder einzudringen, legte er dennoch übrigen Weg in der größten Eile zurück. Er fuhr im sausenden Galopp durch die engen Gassen von Donauwörth, und selbst die Anhöhe hinauf ging’s im Galopp, bis er endlich im Hofe des vormaligen Klosters anhielt und von dem Generalstabschef Berthier empfangen wurde. Die Förmlichkeiten waren kurz mit Napoleon. Er begrüßte den Fürsten von Neuchâtel mit einem kurzen: »Guten Tag, Berthier,« und dieser erwiederte den Gruß, wie gewöhnlich, murrend und an den Nägeln kauend. Dann winkte er dem übrigen Generalstabe mit der Hand zu und eilte, von einem Dutzend Diener geleitet, in die für ihn eingerichteten Gemächer. Auf einem großen Tische lag eine Specialkarte von Baiern ausgebreitet, auf welcher jeder Baum, jeder Bach, jedes Thal, jedes Dorf, sogar jedes Haus angegeben war. Napoleon trat sogleich an den Tisch, während ein Adjutant das Reiseportefeuille offen auf einen Säulentisch legte und der Kammerdiener das Bett auf dem ledernen Sack zog und in einem Winkel des Salons bereitete. »Gut,« sagte er, den Finger auf Donauwörth haltend, »sind Sie mit Davoust in Verbindung?« »Ja, Sire,« antwortete Berthier. »Mit Massena?« »Ja, Sire.« »Mit Oudinot?« »Ja, Sire.« »Dann geht Alles gut. Wo stehen die Generale?« »Der Marschall Davoust ist in Regensburg, der Marschall Massena und der General Oudinot sind in Augsburg;einige von ihnen abgeschickte Offiziere erwarten Ew. Majestät, um Bericht abzustatten.« »Haben Sie Spione ausgeschickt?« »Zwei sind schon zurückgekommen, ich erwarte den dritten und gewandtesten.« »Was haben Sie gethan?« »Ich habe mich so viel als möglich an den Plan Ew. Majestät gehalten, nemlich auf der großen Heerstraße gerade nach Regensburg zu marschiren und von da gegen Wien vorzurücken, zu Wasser aber nur die Kranken und Verwundeten sammt einem Theil der Munition und des Gepäcks der Armee fortzuschaffen.« »Gut, an Fahrzeugen wird es uns nicht fehlen; ich habe auf allen Nebenflüssen der Donau Alles ankaufen lassen, was zu finden war, und zwölfhundert meiner besten Seeleute von Boulogne genommen, falls wir auf den Inseln Widerstand finden. Sie haben Hacken und Schaufeln ankaufen lassen?« »Fünfzigtausend, ist das genug?« »Es ist gerade nicht zu viel . . . Sie sind am 13. Abends hier angekommen; was haben Sie seitdem angeordnet?« »Ich ertheilte zuerst Befehl, alle Truppen gegen Regensburg ausrücken zu lassen« »Haben Sie denn meinen Brief nicht erhalten, der Ihnen befahl, alle in Augsburg zusammenzuziehen?« »Ja wohl, und ich schickte sogleich Gegenbefehl an Oudinot, der mit seinem Armeecorps schon auf dem Marsche war; aber ich glaubte Davoust in Regensburg lassen zu müssen.« »Dann ist aber die Armee in zwei Massen getheilt: die eine steht in Regensburg, die andere in Augsburg . . .« »Und die Baiern stehen dazwischen.« »Hat irgendwo schon ein Zusammenstoß stattgefunden?« »Ja, Sire, bei Landshut, zwischen den Oesterreichern und Baiern.« »Welche Division?« »Die Division Duroc.« »Haben sich die Baiern gut gehalten?« »Seht gut, Sire; aber sie mußten der vierfachen Uebermacht weichen.« »Wo stehen sie jetzt?« »Dort, Sire, im Walde bei Dürnbach.« »Wie stark sind sie?« »Etwa 27,000 Mann.« »Und wo steht der Erzherzog?« »Zwischen der Isar und Regensburg; aber bis jetzt war es unmöglich, genaue Erkundigungen einzuziehen.« »Lassen Sie den vom Marschall Davoust abgeschickten Offizier hereinkommen.« Berthier gab einen Wink, ein Adjutant öffnete eine Thür und führte einen jungen Jägeroffizier herein. Der Kaiser sah ihn flüchtig, aber mit sichtlichem Wohlgefallen an: es war unmöglich, einen schöneren stattlicheren Cavalier zu sehen.« »Sie kommen von Regensburg, Herr Lieutenant?« fragte der Kaiser. »Ja, Sire,« antwortete der junge Offizier. »Zu welcher Stunde sind Sie fortgeritten?« »Um ein Uhr Nachts.« »Der Marschall Davoust bat Sie abgeschickt?« »Ja, Sire.« »Wie stark war sein Corps, als Sie Regensburg verließen?« »Vier Divisionen Infanterie, eine Division Kürassiere und eine Division leichte Cavallerie.« »Im Ganzen?« »Etwa 50,000 Mann. Die Generale Nansouty und Espagne mit der schweren und einem Theile der leichten Cavallerie, und der General Demont mit dem vierten Bataillon und dem Artilleriepark stehen am linken Donauufer.« »Hat die Zusammenziehung der Truppen um Regensburg ohne Schwierigkeiten stattgefunden?« »Sire, die Divisionen Gudin, Morand und Saint-Hilaire haben ihre Stellungen eingenommen, ohne einen Schuß abzufeuern; aber die Division Friant, welche sie deckte, hatte beständig mit dem Feinde zu kämpfen, und obgleich sie hinter sich alle Brücken zerstört hat, wird der Marschall Davoust doch wahrscheinlich in Regensburg angegriffen werden« »Wie viele Stunden sind Sie unterwegs gewesen?« »Sieben Stunden, Sire.« »Und wie weit ist Regensburg von hier?« »Zweiundzwanzig Wegstunden.« »Sind Sie zu ermüdet, um in zwei Stunden wieder zurückzureiten?« »Ew. Majestät wissen wohl, daß man im Dienste nie müde wird. Man gebe mir ein frisches Pferd, und ich reite fort, wann Ew. Majestät es befehlen.« »Ihr Name?« »Lieutenant Richard.« »Ruhen Sie zwei Stunden, Herr Lieutenant, aber in zwei Stunden müssen Sie zur Reise gerüstet seyn.« Der Lieutenant Richard salutirte und ging. In diesem Augenblicke kam ein Adjutant und sprach mit Berthier. »Lassen Sie den Abgesandten des Marschalls Massena kommen,« sagte der Kaiser. »Sire,« antwortete Berthier, »ich halte es für überflüssig, ich habe ihn befragt und Alles erfahren was zu wissen nothwendig ist. Massena ist mit Qudinot, Molitor und Boudet in Augsburg. Sein Corps zählt mit Einschluß der Baiern und Würtemberger etwa 80,000 Manns aber ich glaube Ew. Majestät etwas Besseres bieten zu können.« »Was denn?« »Der Spion ist zurückgekommen.« »Wirklich?« »Er hat sich durch die österreichischen Reihen geschlichen.« »Lassen Sie ihn hereinkommen.« »Ew. Majestät wissen, daß diese Leute sich oft weigern,in Gegenwart mehrerer Personen zu reden.« »Lassen Sie mich mit ihm allein.« »Fürchten Ew. Majestät nicht . . .« »Was soll ich denn fürchten?« »Man spricht von Illuminaten, von Fanatikern . . .« »Lassen Sie ihn nur hereinkommen, ich werde es ihm schon in den Augen ansehen, ob Sie mich mit ihm allein lassen können.« Berthier öffnete eine kleine Thür, die in ein Cabinet führte, und holte einen etwa dreißigjährigen wie ein Schwarzwälder Holzhauer gekleideten Mann heraus. Der Mann trat einige Schritte vor, hielt die Hand an die Stirn und salutirte militärisch. »Gott bewahre Ew. Majestät vor jedem Unglück,« sagte er. Der Kaiser sah ihn an. »Oho!« sagte er, »wir sind ja alte Bekannten.« »Sire, am Tage vor der Schlacht bei Austerlitz gab ich Ihnen im Vivonac Auskunft über die Stellung der Russen und Oesterreicher.« »Die Auskunft war ganz genau, Meister Schlick.« »O, Donner und Wetter!« erwiederte der falsche Schwarzwälder mit einem echt deutschen Fluch, »Ein Majestät erkennen mich also? das freut mich!« »Ja,« sagte der Kaiser; »Alles gebt gut,« – Dann gab er dem Generalstabschef einen Wink und setzte hinzu: »Ich glaube, daß Sie mich ohne Bedenken mit ihm allein lassen können.« Der Fürst von Neuchâtel schien diese Meinung zu theilen, denn er entfernte sich mit seinen Adjutanten, ohne die mindeste Einwendung zu machen.« »Zuerst das Dringendste,« sagte der Kaiser; »kannst Du mir über den Erzherzog etwas mittheilen?« »Ueber ihn oder seine Armee, Sire?« »Ueber Beides.« »O, ich kann über Beide Auskunft geben: ein Vetter von mir dient in seiner Armee und mein Schwager ist sein Kammerdiener.« »Wo ist er oder das Gros seiner Armee?« »Außer den 50,000 Mann, die unter Bellegarde und Kolowrat aus Böhmen gegen die Donau anrücken und in Regensburg mit dem Marschall Davoust zusammenstoßen sollen, bat der Erzherzog selbst etwa 150,000 Mann. Am 10. April ist der Prinz mit beiläufig 60,000 Mann über den Inn gegangen.« »Kannst Du alle Bewegungen, die Du mir angibst, auf einer Karte verfolgen?« »Warum nicht? Unsereins ist ja in die Schule gegangen.« Der Kaiser zeigte dem Spion die aus dem Tische ausgebreitete Karte. »Suche den Inn auf dieser Karte.« Der Spion brauchte nur einen Blick darauf zu werfen,und hielt den Finger auf den Inn. »Sehen Sie, Sire, sagte er, »hier bei Braunau ist der Erzherzog über den Fluß gegangen, während der General Hohenzollern unterhalb Mühlheim mit etwa 30,000 Mann den Uebergang bewerkstelligte; ein viertes Corps von 40,000 Mann endlich, dessen Befehlshaber mir nicht bekannt, ist bei Schärding in Baiern eingerückt.« »Also nahe an der Donau?« »Ganz recht, Sire.« »Aber da sie schon am 10. über den Inn gegangen sind, sollten sie schon weiter vorgerückt seyn.« »Sie saßen zwischen Inn und Isar fest, erst gestern sind sie bei Landshut über die Isar gegangen, und es ging ziemlich heiß her.« »Mit den Baiern?« »Ja, Sire; aber die Baiern konnten sich mit ihren 27- bis 28,000 Mann nicht halten, und haben sich in den Dürnbacher Wald zurückgezogen.« »Dann sind wir nur noch etwa zwölf Stunden von dem Feinde entfernt?« »Nicht einmal so weit, Sire; denn seit heute Früh muß er vorgerückt seyn. Es geht freilich langsam, weil viele kleine Flüsse zu überschreiten sind und das Land sumpfig und waldig ist. Es sind nur zwei Heerstraßem von Landshut nach Neustadt und nach Kelheim.« »Es blieb ihm noch die Straße, die von Eckmühl in gerader Richtung nach Regensburg führt.« »Sire ich habe gesehen, daß die österreichischen Truppen auf den beiden anderen Straßen verrückten, und da ich wußte, daß Ew. Majestät heute in Donauwörth eintreffen würden, eilte ich fort – und hier bin ich.« »Es ist gut. Du meldest mir zwar nichts von Bedeutung, aber Du berichtest nun doch was Du weißt.« »Sire, haben Sie die Gnade, mir andere Fragen vorzulegen.« »Ueber was?« »Ueber die Stimmung des Landes zum Beispiel, über die geheimen Gesellschaften . . .« »Wie! Du beschäftigst Dich auch mit diesen Angelegenheiten?« »Ich richte mein Augenmerk auf Alles was zu meinem Geschäft gehört.« »Nun, so laß hören; ich bin begierig zu erfahren was Deutschland von uns denkt.« »Es ist höchst erbittert gegen die Franzosen, die es nicht nur besiegen und demüthigen, sondern auch in Besitz nehmen und zu Grunde richtend.« »Deine Deutschen kennen also nicht das Sprichwort des Marschalls von Sachsen: der Krieg muß den Krieg ernähren.« »O ja, sie kennen es, aber sie möchten lieber ernährt werden, als ernähren. Es ist so weit gekommen, daß man damit umgeht, sich der Fürsten zu entledigen, die sich der Franzosen nicht zu entledigen wissen.« »So! und wie will man das anfangen?« »Auf zweierlei Art: erstens durch einen allgemeinen Aufstand . . .« Napoleon warf den Mund aus. »Das könnte wohl geschehen, wenn ich vom Erzherzog geschlagen würde . . . aber ich werde ihn schlagen, und folglich wird es nicht geschehen. Laß daher das zweite Befreiungsmittel hören.« »Zweitens, durch einen Dolchstich.« »Bah; einen Mann, wie ich bin, erdolcht man nicht.« »Cäsar ist doch erdolcht worden . . .« »O, die Verhältnisse waren ganz anders; es war auch ein großes Glück für Cäsar, erdolcht zu werden, er war dreiundfünfzig Jahre alt, er kam in die Jahre, wo der menschliche Geist abnimmt. Er war immer glücklich gewesen, die Glücksgöttin ist der Jugend hold, wie Ludwig XVI. Zu Herrn von Villeroy sagte, sie war vielleicht im Begriffe ihm den Rücken zu kehren; eine einzige Niederlage, und Cäsar war nicht mehr ein Alexander, sondern ein Pyrrhus oder Hannibal. Er hatte das Glück, ein paar Dutzend Gimpel zu finden, die nicht einsahen, daß Cäsar nicht eigentlich ein Römer, sondern die Seele Roms war; sie mordeten den Kaiser, aber aus dem Blute des Kaisers ging das Kaiserreich hervor. Sey nur ruhig, ich habe das Alter Cäsars noch nicht erreicht. Frankreich ist im Jahre 1809 keineswegs da, wo Rom 44 Jahre vor Christus war; nein, Meister Schlick, man wird mich nicht ermorden.« Napoleon lachte über diese historische Vorlesung, die er einem badischen Bauer hielt. Er antwortete freilich nicht dem Bauer, sondern seinen eigenen Gedanken. »Das ist wohl möglich,« antwortete Schlick, »aber ich rathe Ew. Majestät gleichwohl, denen, die Ihnen zu nahe kommen, auf die Finger zu schauen, zumal wenn die Finger einem Mitgliede des Tugendbundes angehören.« »Ich glaubte, alle diese Verbindungen wären aufgelöst.« »Sire die deutschen Fürsten, und insbesondere die Königin Louise haben sie wieder in Kraft gesetzt, und es gibt zu dieser Stunde in Deutschland vielleicht zweitausend junge Männer, die das Gelübde gethan haben, Sie zu ermorden.« »So! diese Sekte hat also ihre Vereinigungspunkte?« »Allerdings, nicht nur ihre Vereinigungspunkte, sondern auch ihre Formeln, ihren Wahlspruch, ihre Erkennungsszeichen . . .« »Woher weißt Du das?« »Ich gehöre selbst dazu.« Napoleon trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Fürchten Sie nichts, Sire. Ich gehöre dazu, aber wie der Schild zur Rüstung gehört, um die Streiche abzuwehren. »Wo kommen denn die Verschworenen zusammen?« »Ueberall wo ein unterirdischer Raum oder eine Burgruine ist. Ew. Majestät wissen, daß die Deutschen sehr poetische Naturen sind. Bei Abensberg auf der Anhöhe steht eine alte Burg, dort wurde ich vor acht Tagen in den Bund aufgenommen.« »Es ist gut,« sagte Napoleon, »ohne dieser Warnung mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als sie verdient, will ich sie doch nicht unbeachtet lassen. Geh, ich werde Befehl geben, daß es Dir an nichts fehle.« Schlick verneigte sich und ging aus der kleinen Seitenthür, aus der er gekommen war. Napoleon wurde nachdenkend. »Er hat Recht,« sagte er für sich: »einen Dolchstoß kann man leicht bekommen. Heinrich IV. rüstete sich ebenfalls zu einem Kriegszuge gegen Oesterreich; aber er war siebenundfünfzig Jahre alt, wie Cäsar; er hatte sein Werk vollbracht, aber ich habe das meinige noch lange nicht vollbracht, und großes Unglück kommt immer erst nach dem fünfzigsten Jahre, das hat sich bei Cäsar, Hannibal, Mithridates, Heinrich IV. Gezeigt . . . Alexander ist freilich im Alter von dreiunddreißig Jahren gestorben, aber wie Alexander zu sterben ist kein Unglück.« Ein Adjutant trat ein. »Was gibt’s?« fragte Napoleon. »Sire,« sagte der Adjutant, »ein Offizier von der italienischen Armee ist als Abgesandter des Vicekönigs angekommen; wollen Ew. Majestät ihn sehen?« »Ja wohl,« erwiederte Napoleon, »führen Sie ihn sogleich herein.« »Kommen Sie herein,« sagte der Adjutant. Der Offizier erschien in der Thür und hielt seinen dreieckigen Hut in der Hand. Er war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren und an der blauen, mit Silber gestickten Uniform als ein Offizier aus dem Generalstabe des Vicekönigs zu erkennen. Seine äußere Erscheinung wohl etwas Eigenthümliches, Auffallendes haben, denn Napoleon, der eben das Wort nehmen wollte, hielt plötzlich inne und betrachtete den jungen Offizier vom Kopf bis zu den Füßen. »Was soll die Maskerade?« sagte er: Der junge Offizier sah sich um, weil er glaubte, diese seltsame Anrede gelte einem Andern; aber als er sah, daß er mit dem Kaiser allein war, erwiederte er: »Damit zu Gnaden, ich weiß nicht was Ew. Majestät meinen.« »Warum haben Sie die grüne Uniform, die Sie so eben trugen, mit der blauen vertauscht?« »Sire, seit zwei Jahren trage ich keine andere Uniform als die des Generalstabes Sr. Hoheit des Vicekönigs . . .« »Wann sind Sie hier angekommen?« »Ich steige soeben vom Pferde, Sire.« »Woher kommen Sie?« »Von Pordenone.« »Wie heißen Sie?« »Lieutenant Richard.« Napoleon sah den jungen Offizier noch aufmerksamer an; »Haben Sie von Eugen ein Schreiben, das Sie bei mir accreditirt?« »Ja, Sire.« Der Offizier überreichte dem Kaiser einen Brief mit dem Wappen des Vicekönigs von Italien. »Wenn Ihnen dieser Brief abgenommen worden wäre?« fragte Napoleon, »oder wenn Sie ihn verloren hätten?« »Se. Hoheit hatte mir befohlen, ihn auswendig zu lernen.« »Aber wie kommt es,« setzte der Kaiser hinzu, »daß Sie vor einer Stunde in Gardejägeruniform von Regensburg, und vor zehn Minuten in Eugens Generalstabsuniform von Pordenone kommen? Erklären Sie mir, wie Sie zugleich beauftragt seyn können, mir Nachrichten von dem Marschall Davoust und dem Vicekönig zu bringen?« »Halten zu Gnaden: Ew. Majestät sagen, es sey vor einer Stunde ein Gardejägeroffizier von dem Marschall Davoust gekommen?« »Ja, vor einer Stunde.« »Ein Mann von fünfundzwanzig Jahren?« »Ja, von Ihrem Alter.« »Der mir ähnlich sieht?« »Wie ein Wassertropfen dem andern.« »Und er heißt? . . . Ew. Majestät verzeihen, aber ich bin so freudig überrascht.« »Lieutenant Richard.« »Er ist mein Bruder, Sire, mein Zwillingsbruder; wir haben uns seit fünf Jahren nicht gesehen.« »Jetzt ist das Räthsel gelöst . . . Sie sollen Ihren Bruder sogleich sehen. »O, Sire, wenn ich nur meinen lieben Paul umarmen kann, so will ich gern auf der Stelle wieder fort.« »Sind Sie im Stande wieder abzureisen?« »Sire, ich hoffe mit Ihren Befehlen beehrt zu werden.« »Nun, dann begrüßen Sie Ihren Bruder und halten Sie sich zur Abreise bereit.« Der junge Offizier salutirte und entfernte sich. Napoleon, der allein blieb, erbrach den Brief. Kaum hatte er einige Zeilen gelesen, so verfinsterte sich seine Stirne. »O! Eugen, Eugen!« sagte er, »meine Liebe zu Dir hat mich verblendet: Du bist ein recht guter Oberst, aber ein schlechter General, und als Obergeneral gar nicht zu brauchen . . . Die italienische Armee auf dem Rückzuge gegen Sicilien, die ganze Nachhut durch die Schuld eines Generals geworfen! . . . Schon wieder Einer, der des Krieges überdrüssig ist! Zum Glück brauche ich die italienische Armee nicht . . . Berthier! Berthier!« Der Chef des Generalstabes erschien. »Mein Entschluß ist gefaßt,« sagte Napoleon; »zehn Couriere sollen sich bereit halten, meine Befehle zu überbringen; jeder Befehl soll dreifach ausgefertigt und auf drei verschiedenen Wegen an seine Bestimmung abgeschickt werden.« IV. Friedrich Staps Während Napoleon zehn verschiedenen Courieren die Befehle ertheilte, deren Resultat wir bald sehen werden; während die beiden Brüder Paul und Ludwig, die sich seit mehren Jahren nicht gesehen hatten und deren auffallende Aehnlichkeit die eben geschilderte, sonderbare Verwechselung herbeigeführt, einander mit inniger Freude und Zärtlichkeit in die Arme sanken, wollen wir dem Leser erzählen was in dem Städtchen Abensberg vorging. Vier Studenten aus Heidelberg, Tübingen Leipzig und Göttingen zogen Arm in Arm und den Schill’schen Marsch singend, durch die Straßen. Dieser Gesang erregte die Aufmerksamkeit eines etwa zwanzigjährigen Jünglings, der neben einem sechzehnjährigen, mit einer Stickerei beschäftigten Mädchen saß, während die jüngere Schwester, ein neunjähriges Kind, in einem Winkel des Zimmers mit der Puppe spielte. Der junge Mann stand auf und trat ans Fenster. Die vier vorübergehenden Studenten bemerkten ihn und gaben ihm einen kaum bemerkbaren Wink, den er eben so verstohlen erwiederte. Das junge Mädchen hatte ihm ängstlich nach geschaut und das geheimnisvolle Zeichen bemerkt. »Was fehlt Dir, Friedrich?« fragte sie. »Nichts, liebe Margarethe,« antwortete der junge Mann, der wieder an ihrer Seite Platz nahm. Margarethe war in der That ihres Namens würdig, wenn wir ihr die poetische Schöpfung Göthe’s, die damals ungemeines Aufsehen in Deutschland machte, zur Patronin geben wollen. Sie war blond und blauäugig wie eine wahre Tochter Armins; ihr langes, üppiges Haar wallte, wenn es aufgelöst war, bis auf die Erde hinab, und wenn sie sich über das krystallhelle Wasser der hinter dem Garten fließenden Abens neigte, um sich wie eine Wassernixe zu betrachten, so schienen die klaren Wogen vor Bewunderung zu murmeln,als hätten sie das Bild eines Mädchens, das in eine Blume, oder einer Blume, die in ein Mädchen verwandelt worden,in sich aufgenommen. Das Schwesterchen war noch ein liebliches rosiges Kind, das heiter und sorglos spielte auf dem Goldsande, den das Schicksal mit vollen Händen auf dem Anfange des Lebenspfades ausstreut. Der Student, den der Schill’sche Marsch ans Fenster gelockt und der Ruf Margarethens wieder an ihre Seite geführt hatte, war von mittler Größe und etwas mager, vielleicht in Folge anhaltenden Studirens, vielleicht durch Nachtschwärmerei, oder auch durch einen schrecklichen Gedanken, wie er in den Zügen eines Cassius oder Jacques Element zu lesen war. Lange blonde Locken wallten über seinen Nacken bis auf die Schultern herab. Sein Mund war klein, aber ausdrucksvoll und ließ, wenn er sich aufthat, perlenweiße Zähne sehen; das ganze Gesicht hatte einen Ausdruck tiefer Schwermuth. »Nichts,« hatte er geantwortet, als er sich wieder an Margarethens Seite setzte. Aber Margarethe ward durch diese Antwort keineswegs beruhigt. Sie antwortete nicht, sie schien sogar noch emsiger zu arbeiten, aber Friedrich, der sie forschend betrachtete, sah zwei Thränen an ihren Augenwimpern zittern und auf die Stickerei fallen. Die Kleine, die aus ihrem Winkel kam, um Margarethe über ein Puppenkleid um Rath zu sagen, sah die Thränen auch und fragte mit ihrer naiven kindischen Neugier: »Warum weinst Du denn, Schwester Margarethe? hat Dich der Fritz schon wieder betrübt?« Diese Worte trafen den Studenten tief ins Herz. Er sank dem schönen Mädchen zu Füßen und sagte: »Margarethe, verzeihe mir!« »Was denn?« fragte sie und sah den Geliebten mit ihren schönen Augen an, die noch feucht waren von dem Herzensthau, den man Thränen nennt.« »Verzeihe mir meine Verstimmung, meinen Trübsinn. . . ich möchte sagen, meine Narrheit!« Margarethe schüttelte den Kopf, aber antwortete nicht. »Höre,« sagte er, »es gibt vielleicht noch ein Mittel, das uns glücklich machen kann.« »O! sprich, nenne mir das Mittel!« antwortete Margarethe, »und wenn es in meiner Macht steht, Dir zu dem Werke der Engel, das man Glück nennt, behilflich zu seyn, so sollst Du glücklich werden, und sollte ich mein Leben opfern!« »Wir wollen deinen Vater um seine Einwilligung zu unserer Heirath bitten und sobald wir vereinigt sind, wollen wir Deutschland verlassen, und in einen einsamen Winkel der Welt fliehen, wohin der Name des Unholdes nicht gedrungen ist!« »Du verlangst zwei unmögliche Dinge, Friedrich,«,antwortete das schöne Mädchen; »ich soll meinen Vater verlassen! Du weißt, daß ich Dich liebe, ich habe es Dir in der Einfalt meines Herzens gestanden, als Du mir zum ersten Male deine Liebe erklärtest; aber Du weißt auch, unter welcher Bedingung ich Dir meine Hand zugesagt habe.« »Ja,« erwiederte Fritz, indem er aufstand, beide Hände aufs Gesicht drückte und in einen am Fenster stehenden Armsessel sank, »ja ich weiß es, Du willst deinen Vater nicht verlassen.« Margarethe stand ebenfalls auf und kniete vor ihrem Verlobten nieder.« »Sey vernünftig, Friedrich,« sagte sie, »Du kennst ja unsere Verhältnisse und weißt, daß mein Vater wenig Vermögen hat. Meine Mutter starb, war meine kleine Schwester noch in der Wiege lag; ich besorge statt meiner Mutter das Hauswesen und die Erziehung Lieschens . . .« »Ich weiß, daß Du ein Engel bist, Margarethe, und Alles, was Du mir erzählst, ist mir bekannt.« »Du scheinst es aber vergessen zu haben, Friedrich; wie könntest Du mir sonst zumuthen, mit Dir zu fliehen und meinen Vater zu verlassen!« »Aber wenn dein Vater einwilligt?. . .« »O, Du selbstsüchtiger Mensch!« sagte Margarethe; »er wird gewiß einwilligen, weil er mir jedes Opfer zu bringen bereit ist; er wird gewiß lieber allein und verlassen seyn, als dem Glücke seines Kindes im Wege stehen.« »Er wird ja nicht allein leben, Margarethe; er wird Lieschen bei sich haben.« »Und was wird ihm ein achtjähriges Kind nützen?« entgegnete Margarethe. »Das Leben würde ihm schlechterdings unmöglich werden. Die Pfarre trägt meinem Vater vierhundert Thaler ein; bei meiner Sparsamkeit kommen wir damit aus; aber wenn eine Andere dem Hauswesen vorstünde, würde dieses Einkommen nicht mehr genügen.« »Meine Eltern haben einiges Vermögen, Margarethe; sie werden ein Opfer bringen und es soll deinem Vater an Nichts fehlen.« »Nur seine undankbare Tochter würde ihm fehlen – seine Tochter, die Du ihm genommen hättest! . . . Als Du eines Abends in dieses Haus kamst und uns mit den Worten begrüßtest: Unter Euch wohnet das Glück, das Gott den Reinen und Genügsamen nie versagt, – wolltest Du damit sagen: Herr Pastor Blum, Sie nehmen in Ihr Haus einen Mann auf, der die Liebe Ihrer Tochter Margarethe gewinnen und zum Lohn für Ihre Gastfreundschaft Alles aufbieten wird, um Ihnen Ihre Tochter zu rauben, weil er nur glücklich seyn kann wo der Name Napoleons nie genannt wurde!« »Ja, Margarethe, ich kann nur unter dieser Bedingung glücklich seyn, ich schwöre es Dir, und um glücklich zu seyn,« setzte er kaum verständlich hinzu, »würde ich die heiligsten Schwüre brechen.« Margarethe schien diese letzten Worte nicht gehört oder nicht verstanden zu haben, denn sie beantwortete nur die ersten Worte.« »Du kannst nur in einem Lande glücklich seyn, wo der Name des furchtbaren Franzosenkaisers nie genannt worden ist? Wo ist ein solches Land? In welchem Welttheile liegt es? Du lieber Schwärmer hast gewiß ein Mittel entdeckt, zu einem der über uns schwebenden Sterne aufzusteigen! Und wer bürgt Dir dafür, daß die Bewohner jenes Planeten nicht sehen können was auf unserer Erde vorgeht?« »Du hast Recht,« sagte Friedrich Staps mit gezwungenem Lächeln; »ich bin ein Thor.« »Nein, Fritz,« erwiederte Margarethe sehr traurig, »Du bist kein Thor; ich will Dir sagen was Du bist . . . Du bist ein Verschwörer!« »Wer sein Vaterland befreien will, ist kein Verschwörer!« antwortete der Student mit funkelnden Augen. »Ein Verschwörer,« entgegnete Margarethe, »ist Jeder, der einer geheimen Gesellschaft, einem geheimen Bunde angehört . . . Sieh mich an, Fritz, und sage: gehörst Du nicht zur Burschenschaft!« »Warum sollte ich’s leugnen, Margarethe! Alle treuen, biederen Herzen Deutschlands sind ja auf unserer Seite. . .« »Die Hand auf’s Herz, Friedrich, und sage: ist das Schill’sche Lied, das Du vor einer Weile hörtest und das Dich ans Fenster lockte, nicht ein Zeichen?« »Margarethe,« erwiederte Fritz, »ich will Dir beweisen wie unendlich ich Dich liebe, und wie leicht ich mich durch diese Liebe zu Geständnissen verleiten lasse, die mir sonst keine Drohung, keine Marter würden entlocken können. Ja, ich bin Mitglied des Tugendbundes, ich bin ein »Wissender«; Du hast vollkommen Recht: das Lied vom Major Schill ist ein verabredetes Zeichen . . . Du weißt, daß der Feind unserer Freiheit, der Mörder unseres Nationalgefühls zehn Meilen von hier steht; wenn Du zu mir sagtest: Fritz, wir wollen fort, um für einander zu leben und glücklich zu seyn, – dann würde ich Freunde und Vaterland vergessen und mit Dir in die weite Welt gehen – wenn auch mein Name an den Schandpfahl geschlagen würde . . . Sagst Du jetzt noch, daß ich Dich nicht liebe?« »Auch ich will Dir beweisen, daß ich Dich liebe, mein Fritz. Warum nimmst Du kein Gewehr? warum trittst Du nicht in die Reihen der deutschen Streiter? warum kämpfst Du nicht für Deutschlands Ehre und Freiheit? Du würdest freilich dein Leben aufs Spiel setzen; aber jeder wahre Deutsche muß bereit seyn, dem Vaterlande das Leben zu opfern.« »Es thut mir weh, Margarethe, aber dieser Mann ist verzaubert, wie die alten Ritter unserer Märchen; er geht unverletzt mitten durch Feuer und Kugelregen, das Feuer erlischt, die Kugeln weichen ihm aus.« »Ja, nicht wahr, ein Stahl würde ihn sicherer treffen?« »Margarethe! . . .« »Still, Fritz! da kommt mein Vater. Ich bitte Dich, verschweig ihm, was Du mir nicht verschweigen konntest, er würde Dich verwünschen und Dir sein Haus verbieten.« »Ist er denn ein so schlechter Deutscher und ein so guter Franzose?« sagte Fritz mit bitterem Lächeln. »Er ist weder ein Deutscher noch ein Franzose: er ist ein Christ, er verabscheut alle diese Kriege, welche von den Souveränen ruhmvolle Thaten, von ihm hingegen grausame Metzeleien genannt werden, und er hält es in seiner Herzensgüte für möglich, daß alle Menschen einander lieben und in Frieden leben können.« Während Lieschen, ihre Puppe und ihr Spielzeug verlassend, dem Pastor Blum entgegeneilte, setzte sich Margarethe wieder an ihre Stickerei, aus welche wieder zwei Thränen fielen. Der Pastor war sehr traurig und niedergeschlagen. Er küßte seine beiden Töchter und reichte Friedrich Staps die Hand. »Nun, was gibt es Neues?« fragte Staps. »Hört, Kinder!« sagte der Pastor. Alle lauschten und man hörte die österreichischen Trompeten, welche den Lützow’schen Marsch spielten. »Ha! da sind sie endlich, die Rächer!« rief Friedrich erfreut und eilte aus dem Hause, um einer der Ersten zu seyn, welche die Soldaten des Erzherzog Carl begrüßten. Es war das Armeecorps des österreichischen Generals Thierry, welches zu Arnhofen Position nehmen wollte. Auf der Straße nach Regensburg wurden sogleich Plänkler abgeschickt. Das Resultat der eingesogenen Erkundigungen war, daß Napoleon an demselben Morgen in Donauwörth angekommen sey. Diese Kunde machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf die österreichischen Soldaten, aber sicherlich steigerte sie den Haß der von verschiedenen Universitäten gekommenen Studenten, welche sich, man wußte nicht warum, seit einiger Zeit in dem Städtchen Abensberg befanden. Zum zweiten Male durchzogen viele Studenten Arm in Arm die Straßen und sangen das Lied vom Major Schill, als ob sie gefürchtet hätten, daß der Gesang das erste Mal nicht von Jedermann gehört worden sey. Außer der Ankunft Napoleons zu Donauwörth wußte man nichts Bestimmtes. Die österreichischen Offiziere und selbst der Obergeneral hatten keine zuverlässige Kunde über die Stellung der französischen Armee, sie wußten nur, daß die Hauptmasse der Truppen in Regensburg und Augsburg stand. Es wurde Halt gemacht, man wollte ohne bestimmte Nachrichten in dem stark bewaldeten und von vielen Bächen durchschnittenen Lande nicht vorrücken. Die Nacht kam, die Posten wurden aufgestellt, das Losungswort gegeben und alle vor dem Feinde üblichen Vorsichtsmaßregeln ergriffen. Ueberall standen Schildwachen, sogar an der Zugbrücke der alten Burg Abensberg. Die Schildwachen wurden jede Stunde abgelöst. Der von Mitternacht bis ein Uhr an dieser Zugbrücke stehende Posten sah zwei in Mäntel gehüllte Männer kommen; er rief: »Wer da?« »Gut Freund,« antwortete einer der Beiden in deutscher Sprache. Dann trat er aus die Schildwache zu, schlug seinen Mantel auseinander, um zu zeigen, daß er keine Waffen trug,und gab das Losungswort mit solcher Genauigkeit, daß der Soldat ihn mit seinem Begleiter ungehindert durchließ. Die beiden Männer gingen über die Zugbrücke und verloren sich in den Trümmern der alten Burg. Fünf Minuten nachher erschien ein Anderer. Er wurde ebenfalls angerufen und gab das Losungswort. So kamen in einer Viertelstunde vierzehn Personen in braunen Mänteln, theils einzeln, theils zwei oder drei zusammen, aber nie mehr. Auf der Zugbrücke zog jeder der geheimnißvollen Adepten eine schwarze Maske unter dem Mantel hervor und nahm sie vor’s Gesicht. Es schlug ein Viertel auf eins, als die beiden Letzten erschienen, so daß es im Ganzen sechzehn waren. Diesen wollen wir folgen. Sie gingen wie die Andern über die Zugbrücke und verschwanden in den Burgruinen; aber als sie an eine riesige Säule kamen, die ein ganzes Gewölbe zu tragen schienen, blieb der Eine, der den Andern zuführen schien, plötzlich stehen. »Herr Lieutenant,« sagte er leise und in französischer Sprache, »bedenken Sie, daß wir hier kein Kinderspiel treiben; wenn wir erkannt werden, sind wir verloren.« »Ich weiß es,« antwortete der Andere, »aber glauben Sie denn, man werde mich an meiner Sprache erkennen?« »Nein, Sie sprechen deutsch, wie ein geborener Deutscher; an der Sprache wird man Sie gewiß nicht erkennen.« »Wenn denn sonst? An meinem Gesicht wird man mich nicht erkennen, denn wir sind ja maskirt.« »Es wird ein Augenblick kommen, wo Sie Ihre Maske abnehmen müssen.« »Ich bin heute zum ersten Male in Abensberg, und kam erst gestern in Regensburg an.« »Besinnen Sie sich wohl!« »Ich habe mich besonnen« »Es ist keineswegs ein Kinderspiel da drinnen, obgleich es von Kindern aufgeführt wird. Das Leben steht auf dem Spiel; wenn Sie nur den leisesten Verdacht erregen, werden Sie erdolcht.« »Du sprichst von dem Leben wie von einer wichtigen Sache mit einem Manne, der.das seinige täglich auf einem Schlachtfelde einsetzt. . .« »Ja, auf einem Schlachtfelde hat man das helle Tageslicht, um die zweite Epaulette und ein Ehrenzeichen zu verdienen, aber hier in dunkler Nacht, in einem unterirdischen Gewölbe mag man doch nicht gern von einem Dolch getroffen oder zwischen zwei Thüren erdrückt werden, wie ein russischer Czar oder ein ottomanischer Vezier.« »Meister Schlick,« erwiederte der Andere mit fester Stimme, »ich habe einen wichtigen Auftrag zu vollziehen.« »Es war meine Pflicht Sie zu warnen,« sagte der Spion, »ich habe es gethan, jetzt thun Sie was Sie wollen. Im Fall einer Gefahr dürfen Sie auf meine Hilfe nicht zählen, ich würde mich nur mit Ihnen ins Verderben stürzen, ohne Sie retten zu können. Die blanken Napoleons Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen sind mir sehr lieb, aber mein Kopf ist mir noch lieber.« »Du hast Dich nur verpflichtet, mich den Brüdern des Tugendbundes als einen Adepten vorzustellen, und mehr verlange ich nicht von Dir.« »Merken Sie wohl, bei der geringsten Gefahr verläugne ich Sie, und lieber dreimal als einmal, wie Petrus.« »Ich erlaube es Dir.« »Sie beharren also bei Ihrem Entschlusse?« »Ja.« »Dann reden wir nicht mehr davon. Schlick drückte auf eine in dem Schnitzwerk der Säule verborgene Feder, die Säule drehte sich und es kam eine kleine Oeffnung zum Vorschein, die eben groß genug war, um einen Mann durchzulassen. Eine Treppe, deren oberste Stufe mit dem Boden gleich war und in einen unterirdischen Raum zu führen schien, war durch eine Lampe erleuchtet, die in der hohlen, etwa zwölf Fuß im Umfange messenden Säule hing. Der Führer warf durch seine schwarze Maske noch einen Blick auf seinen Begleiter, als ob er ihm sagen wollte: »Noch ist’s Zeit!« Man war wirklich außer dem Gesichtskreise der Schildwache, man hörte kein Geräusch in der alten Burg und ein bewölkter, sternenloser Himmel schien auf dem alten Gemäuer zu lasten. »Vorwärts!« sagte der uns noch unbekannte Begleiter des Spions. Der Letztere, der diese Aufforderung erwartet zu haben schien, betrat die schmale Wendeltreppe. Der Unbekannte folgte ihm. Hinter ihnen schloß sich die Thür. Unten an der Treppe blieb der Führer vor einer metallenen Thür stehen und klopfte dreimal in gleichen Zwischenräumen, und jeder Schlag hallte dumpf, wie auf einer großen Trommel. »Geben Sie Acht,« sagte Schlick leise, »die Thür wird sogleich aufgehen und der Wächter erwartet uns.« Die Thür that sich wirklich auf, und ein verlarvter Mann kam zum Vorschein. »Welche Zeit ist es?« fragte der Wächter. »Die Stunde, wo der Tag anbricht,« antwortete Schlick. »Was machst Du so früh?« »Ich stehe auf sobald der Tag graut.« »Warum?« »Um zu treffen.« »Woher kommst Du?« »Von Westen« »Wer hat Dich geschickt?« »Der Rächer.« »Beweise mir’s.« »Hier ist der Beweis,« erwiederte Schlick, und wies dem Wächter ein kleines, achteckiges Brettchen, ähnlich denen, die man in den deutschen Wirthshäusern an die Schlüssel zu hängen pflegt. Auf diesem Bretchen stand das Wort: Baden. Der Wächter betrachtete dieses Erkennungszeichen und warf es in eine Urne, in welchem schon die Zeichen der früher Angekommenen lagen. »Und der Andere?« fragte der Wächter auf den Unbekannten deutend. »Ein Blinder,« antwortete dieser im reinsten Deutsch. »Was suchst Du hier?« fragte der Wächter. »Das Licht.« »Hast Du einen Pathen?« »Ja, mein Begleiter ist mein Pathe.« »Bürgt er für Dich?« »Frage ihn selbst.« »Bürgst Du für ihn, Bruder?« »Ja, ich bürge für ihn.« »Gut,« sagte der Wächter, »er trete in das stille Gemach; man wird ihn rufen, wenn die Stunde seiner Aufnahme da ist.« Er öffnete eine in der Mauer befindliche Thür und führte den Begleiter Schlick’s in eine Art Verließ, das von einer Lampe erleuchtet war. In der Mitte stand ein steinerner Tisch und eine kleine Steinbank, ähnlich denen, auf welchen der Sage zufolge der Kaiser Friedrich der Rothbart sitzt und schlummert, bis zu dem großen Tage, wo er erwachen wird, um Deutschlands Einheit zu verkünden. Schlick überließ seinen jungen Cameraden seinen Betrachtungen und ging auf ein Gitterthor zu, durch welches man in den Hauptsaal gelangte. Der Wächter drehte den Schlüssel und das Gitterthor that sich auf. V. Der Tugendbund Durch dieses Gitterthor gelangte man, wie schon erwähnt, in einen unterirdischen Saal, der ganz schwarz ausgeschlagen und von einer einzigen, an der Decke hängenden Lampe erleuchtet war. Unter der Lampe waren eine Menge Gewehre, Schwerter und Pistolen aufgethürmt, so daß Jeder im Falle einer Ueberraschung augenblicklich mehre Waffen ergreifen konnte. Die Gewehrläufe und Klingen funkelten drohend in dem trüben Lampenlichte. Jenseits dieses Waffenhaufens, dem Eingange gegenüber, stand auf einer Erhöhung ein für den Vorsitzenden bestimmter Tisch von schwarzem Marmor, und über dem Präsidentenstuhl glänzte der aus Metall getriebene deutsche Adler. Sechzehn mit Pulver gefüllte Fässer, die zu beiden Seiten des Tisches im Halbkreise aufgestellt waren, dienten den Affiliirten als Sessel. Diese Pulverfässer deuteten an, daß die Mitglieder des Bandes die Pflicht hatten, sich lieber in die Luft zu sprengen als zu ergeben. In diesen Saal führte nur eine einzige Thür. Vielleicht waren hinter den erwähnten schwarzen Vorhängen noch andere Thüren, aber sie waren nicht sichtbar und wenn sie wirklich vorhanden, nur den »Wissenden« bekannt. Eine unsichtbare Uhr schlug halb eins, als sich das Gitterthor hinter dem Spion Schlick schloß. Aus den Gruppen, welche die Affiliirten bildeten, trat ein verlarvter Mann hervor und stieg auf die Erhöhung »Brüder,« sagte er, »höret mich an.« Alle schwiegen und wendeten sich zu dem, der das Wort verlangte. »Brüder,« wiederholte er, »die Nacht rückt vor, die Zeit vergeht . . . Wächter, wie viele Sehende sind hier?« »Sechzehn, mich inbegriffen,« antwortete der Wächter. »Dann ist der siebzehnte ein Verräther, gefangen oder todt,« sagte der Sprecher; »denn wer würde in der Versammlung fehlen, welche die Befreiung Deutschlands vom Joch der Franzosen zum Zweck hat!« »Bruder, antwortete der Wächter, »der Siebzehnte ist weder ein Verräther, noch gefangen oder todt, er steht in der Uniform eines österreichischen Soldaten vor der Thür auf dem Posten.« »Dann kann die Sitzung eröffnet werden.« Alle Anwesenden nickten. »Bruder,« fuhr der Sprecher fort, »wir dürfen nicht vergessen, daß, wie auf dem Congreß jeder Minister einen König vertritt, jeder von uns im Namen eines Volkes hier ist.Wächter, rufe die Namen auf!« Der Wächter rief folgende Namen: Baden, Nassau, Hessen, Würtemberg, Westphalen, Oesterreich, Italien, Ungarn, Böhmen, Spanien, Tirol, Sachsen, Luxemburg, Hannover, Holstein, Mecklenburg, Baiern. Bei jedem Namen, mit Ausnahme von Hannover, antwortete einer der Anwesenden: hier! Der Vertreter von Hannover bewachte die Thür. »Ziehet einen dieser Namen aus der Urne,« fuhr der Sprecher fort, »und der durch diesen Namen Bezeichnete, wird den Vorsitz führen.« Der Wächter griff in die Urne und nahm ein Hölzchen heraus. »Hessen,« sagte er. »Das bin ich,« sagte einer der Affiliirten. Während der bisherige Sprecher die Stufen herabstieg, ging der eben ernannte Vorsitzer hinauf und setzte sich. »Brüder, nehmet Platz,« sagte er. Die fünfzehn Affiliirten setzten sich, ein Platz blieb leer; es war der Platz des Vertreters von Hannover. »Brüder,« sagte der Wortführer, »es handelt sich um die Aufnahme eines neuen Affiliirten und um die Wahl des Rächers. Wir wollen zuerst unsern neuen Bruder wählen und sodann losen.« »Wer ist der Pathe des neuen Bruders?« fragte eine Stimme. »Ich,« sagte Schlick aufstehend. »Wer bist Du?« »Baden.« »Gut; die beiden jüngsten Brüder mögen aufstehen und den Novizen holen.« Jeder gab sein Alter an, die beiden jüngsten, die Vertreter von Baiern und von Tirol, von denen der eine zwanzig, der andere einundzwanzig Jahre zählte, standen auf und holten den Novizen, der gleich darauf am Gitterthor erschien,wo ihn sein Pathe erwartete. Die Augen waren ihm verbunden. Seine Führer nahmen ihre Plätze wieder ein und nur sein Pathe blieb bei ihm. Tiefe Stille folgte, alle Augen waren auf den Novizen gerichtet. Endlich fragte der Vorsitzende laut und gebieterisch: »Bruder, welche Stunde ist es?« »Die Stunde, wo der Herr wacht und der Sclave schläft,« antwortete der Novize. »Zähle sie.« »Ich höre sie nicht mehr, seitdem sie für den Herrn schlägt.« »Wann wirst Du sie hören?« »Wenn sie den Sclaven geweckt hat.« »Wo ist der Herr?« »Bei Tische.« »Wo ist der Sclave?« »Auf der Erde.« »Was trinkt der Herr?« »Blut.« »Was trinkt der Sclave?« »Seine Thränen.« »Was willst Du mit beiden machen?« »Ich will den Sclaven an den Tisch setzen und den Herrn zu Boden werfen.« »Bist Du Herr oder Sclave?« »Keins von beiden.« »Wer bist Du denn?« »Ich bin noch nichts, aber ich gedenke etwas zu werden.« »Was denn?« »Ein Sehender.« »Weißt Du was Du als solcher zu thun hast?« »Ich lerne es.« »Wer lehrt es Dich?« »Gott.« »Hast Du Waffen?« »Ich habe diesen Strick und diesen Dolch.« »Was ist dieser Strick?« »Das Sinnbild unserer Kraft und Vereinigung.« »Was bist Du nach diesem Sinnbild?« »Ich bin einer dieser Hanffäden, den die Eintracht zusammengefügt, die Kraft gedreht hat.« »Warum hast Du diesen Strick genommen?« »Um zu binden und zusammenzuhalten.« »Warum den Dolch?« »Um zu zerschneiden und zu trennen.« »Bist Du bereit zu schwören, dass Du Strick und Dolch gebrauchen willst gegen jeden Verurtheilten, dessen Name in das rothe Buch geschrieben wird?« »Ja.« »Schwöre es.« »Ich schwöre.« »Widmest Du Dich selbst dem Strick und dem Dolch, wenn Du den Schwur, den Du auf Schwert und Kreuz geleistet, brechen solltest?« »Ja.«[1 - Diese Förmlichkeiten wurden bei jeder Ausnahme eines neuen Mitgliedes genau beobachtet. Ausführlicheres findet sich in dem Drama von Leo Burkard, das wir vor etwa sechzehn Jahren gemeinschaftlich gearbeitet und insbesondere in der von ihm allein geschriebenen vortrefflichen Vorrede. Anmerk. d. Verf.] »Gut, Du bist unter die Freunde des Tugendbundes aufgenommen. Es steht Dir frei, je nachdem dein Herz vertrauensvoll oder argwöhnisch ist, verlarvt zu bleiben oder dein Gesicht zu zeigen; unsere Statuten geben Dir das Recht, zuthun was Du willst.« Der Novize nahm ohne Zögern zugleich die Binde und die Maske ab, und ließ seinen Mantel fallen. »Wer nichts fürchtet,« sagte er, »kann mit offenem Antlitz sehen und gesehen werden.« Man sah nun einen schönen jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren; seine Haltung war militärisch, er hatte blaue Augen, kastanienbraunes Haar und Schnurrbart und trug Studentenkleider, obgleich er aller Wahrscheinlichkeit nach schon seit einigen Jahren die Universität verlassen hatte. Aber während alle Augen auf ihn gerichtet waren, that sich die metallene Thür an der Wendeltreppe plötzlich auf, und der siebzehnte Tugendbündler, der in der Uniform eines österreichischen Soldaten Wache stand, trat ganz bestürzt ein. »Brüder,« sagte er, »wir sind Alle verloren!« »Was gibt’s?« fragte der Vorsitzende. »Mehr als hundert Personen sind in die Ruinen gekommen; sie gaben das Losungswort, und ich hielt sie folglich für Brüder, aber es sind wahrscheinlich Feinde, die uns umzingeln wollen.« »Woraus schließest Du das?« »Erstens weil Ihr hier nur Sechzehn seyd; dann ging ich, als ich abgelöst war, ebenfalls in die Ruinen, weil ich einen Verrath vermuthete. Ich versteckte mich hinter einer Mauer und belauschte meinen Nachfolger, der keineswegs einer der Unsrigen ist. Bald erschien eine Schaar von etwa fünfzig Bewaffneten; der Führer dieser Schaar gab das Losungswort, und die Schildwache ließ sie durch. Da eilte ich herunter, um Euch zu warnen, und ich hoffe zeitig genug gekommen zu seyn, wenn nicht um Euch zu retten, doch wenigstens um mit Euch zu sterben . . . Zu den Waffen, Brüder! Zu den Waffen!« Alle Anwesenden stürzten nun auf den Waffenhaufen zu, und Jeder nahm sich ein Gewehr oder ein Schwert. Der Spion Schlick benutzte die Verwirrung, näherte sich rasch dem Novizen und flüsterte ihm zu: »Nehmen Sie Ihre Maske vor und fliehen Sie mit mir . . Es sind mehre Ausgänge . . .« »Ich nehme meine Maske vor, aber ich fliehe nicht,« erwiederte der junge Mann. »Dann nehmen Sie Waffen und kämpfen Sie!« Der junge Mann eilte auf den Waffenhaufen zu; aber während des kurzen Gesprächs mit Schlick hatten sich die Anderen aller Flinten und Pistolen bemächtigt, so daß ihm nur ein Schwert blieb. Unterdessen hatte man oberhalb der Treppe Waffengeklirr gehört; plötzlich wurde die in der Eile schlecht geschlossene metallene Thür ausgerissen und mehre Bajonnete blitzten im Halbdunkel. »Feuer!« rief der Vorsitzende Zehn Studenten gehorchten, aber man hörte nur das Ratschen des Feuersteins auf dem Pfaundeckel und sah nur die Funken. »Wir sind verrathen!« riefen die Studenten: »Die Ladung ist aus den Gewehren gezogen . . . Zu den geheimen Thüren!« Die Tugendbündler zerstreuten sich in verschiedenen Richtungen; man sah, daß sie auf alle möglichen Gefahren vorbereitet waren. Aber die schwarzen Vorhänge zerrissen an fünf verschiedenen Stellen, und an jeder Oeffnung sah man Waffen blitzen. Die Studenten blieben stehen und sahen sich nach allen Seiten um: sie waren von Bajonneten umgeben. Hundert-fünfzig Soldaten in bairischer Uniform umringten sie. »Brüder,« sagte der Vorsitzende, »es bleibt uns nichts übrig, als zu sterben!« – Und leise setzte er hinzu: »Feuer an die Pulverfässer!« Der Befehl machte in den Reihen die Runde; die Verschwörer schienen vor den Bajonneten zurückzuweichen und zogen sich mit tactischer Gewandtheit in die Mitte des Saales zurück. Die bairischen Soldaten rückten ihnen immer näher. Mit Blitzesschnelle ergriff nun Jeder eine für diesen Fall bereitliegende Lunte, zündete den Brander an und stürzte auf das ihm als Sitz angewiesene Pulverfaß zu. Aber statt der erwarteten Explosion hörte man ein lautes Wuthgeschrei; statt des mit Pulver bestreuten Schwefelfadens waren die Fässer mit einem gewöhnlichen dünnen Docht verbunden, der nicht brennen wollte. »Verrathen! verkauft!« riefen die Studenten, die Waffen wegwerfend. »Die Sache scheint bedenklich zu werden,« flüsterte Schlick seinem Begleiter ins Ohr; »wir haben freilich immer den Ausweg, daß wir uns nennen können, denn die Baiern sind ja die Verbündeten Ihres Kaisers.« Der junge Mann durchlief den Kreis der Soldaten mit einem Blicke, dessen Blitze man sogar durch die Oeffnungen seiner Maske sehen konnte und sagte, seinen Degen zerbrechend: »Ich hätte wahrlich lieber gekämpft, wär’s auch gegen Verbündete gewesen.« Dann trat er unter die Studenten. Der Kreis, den die bairischen Soldaten bildeten, war inzwischen so klein geworden, daß sie nur noch fünf bis sechs Schritte zu machen hatten, um die achtzehn Verschwörer mit ihren Bajonneten zu treffen. »Meine Herren,« sagte der Hauptmann, der die Schaar führte, »im Namen des Königs Maximilian verhafte ich Sie. . . Sie sind meine Gefangenen!« »Das ist möglichst erwiederte der Vorsitzende, »denn wir sind in Ihrer Gewalt, aber wir haben uns nicht ergeben, wir sind verrathen.« »Das ist mir gleichgültig,« antwortete der Offizier; »ich bin nicht hierher gekommen, um mit Worten zu spielen, sondern um meine Pflicht zu thun und meine Befehle zu vollziehen. »Freunde,« sagte der Vorsitzende, »wir sind in der Gewalt der Baiern und bereit unser Leben hinzugeben; welches Urtheil fället Ihr über die Abtrünnigen?« »Sie sind nicht werth, ein deutsches Volk zu heißen.« »Sie mögen sich künftig Franzosen nennen,« setzte ein Anderer hinzu. »Sie sind Verräther am Vaterlande!« »Jedes Mitglied des Tugendbundes soll das Recht haben . . .« »Still!« rief der Offizier mit einer Donnerstimme. »Es lebe Deutschland!« riefen die Studenten einstimmig. »Deutschland hoch!« »Still,« wiederholte der Offizier. »Stellen Sie sich ohne Widerstand in einer Reihe auf.« »Gut,« antwortete der Vorsitzende; »wir fürchten die französischen Kugeln nicht, wir werden zu sterben wissen. . . Ihr echten deutschen Streiter, stellt Euch auf.« Alle Tugendbündler stellten sich mit trotziger Haltung und drohenden Blicken in einer Reihe auf. Der Offizier zog ein Papier aus der Tasche und las: »Der Hauptmann Ernst von Mühldorf soll hundertfünfzig Mann nehmen und die Burgruinen von Abensberg, die einer Bande von Verschwörern als Versammlungsort dienen, umzingeln und durchsuchen. Alle, die in dem sogenannten Berathungssaale, dem dermaligen Sitzungssaale des Vehmgerichts, betreten werden, soll er verhaften und in einer Reihe aufstellen; sind es zehn, soll er einen von ihnen, sind es zwanzig, zwei erschießen lassen, und so fort; die Uebrigen sollen in Freiheit gesetzt werden.     »München, 16. April1809.     »Maximilian.« »Es lebe Deutschland!« riefen die Gefangenen einstimmig. »Herr Lieutenant,« flüsterte Schlick seinem Begleiter zu, »suchen Sie doch einen andern Platz, ich glaube, Sie sind der Zehnte.« Der junge Mann gab keine Antwort und ging nicht von der Stelle. »Meine Herren,« fuhr der Hauptmann fort, »ich weiß nicht was Sie sind; aber ich bin Soldat, und ein Soldat muß sich an seinen Befehl halten, die militärische Justiz ist schnell . . .« »Nur zu,« antwortete eine Stimme. »Nur zu,« antworteten Alle einstimmig. Der Hauptmann zählte von der Rechten zur Linken bis zehn. Schlick hatte Recht gehabt: der neue Sehende war der Zehnte. »Treten Sie heraus,« sagte der Hauptmann. Der junge Mann gehorchte. »Sie haben den Blutzehnten zu entrichten,« sagte der Hauptmann. »Gut,« antwortete der neue Tugendbündler gelassen. »Sind Sie bereit?« »Ja.« »Haben Sie etwa noch Anordnungen zu treffen?« »Nein« »Haben Sie keine Freunde . . . keine Eltern oder Angehörige?« »Ich habe einen Bruder; der Freund, der mein Pathe war und nach dem Buchstaben der uns vorgelesenen Verordnung frei ist, kennt meinen Bruder und wird ihm sagen, wie ich gestorben bin.« »Sind Sie Katholik oder Protestant?« »Ich bin Katholik.« »Sie wünschen vielleicht einen Priester?« »Ich bin täglich in Todesgefahr und Gott, der in meinem Herzen liest, weiß, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe.« »Sie bitten also weder um Gnade noch um Aufschub?« »Ich bin mit den Waffen in der Hand, als Verschwörer ergriffen worden . . . machen Sie mit mir was Sie wollen.« »Dann bereiten Sie sich zum Tode . . .« »Ich habe Ihnen gesagt, daß ich bereit bin.« »Es sieht Ihnen frei, Ihre Maske zu behalten oder abzunehmen; wenn Sie sie nicht abnehmen, werden Sie mit ihr begraben, und Niemand wird erfahren, wer Sie sind.« »Aber wenn ich sie nicht abnehme, könnte man glauben, ich wolle meine Blässe verbergen . . . ich nehme sie ab.« Der junge Mann nahm seine Maske ab und zeigte ein heiteres Gesicht Конец ознакомительного фрагмента. 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