Dunst
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan Turgenev

Dunst





Erstes Capitel


Vor dem Conversationshause in Baden-Baden wogte am 10. August 1862 um vier Uhr des Nachmittags eine zahlreiche Menschenmenge hin und her. Das Wetter war herrlich; Alles ringsum, – die grünen Bäume, die hellen Häuser der gemüthlichen Stadt, die waldbedeckten Berge mit ihren Wellenlinien, – Alles erglänzte festlich im heitern Sonnenscheine, lächelte traulich und lieblich, bis auf die Gesichter, die – junge und alte, hübsche und häßliche, – fröhlich aus zum blauen heitern Himmel schauten, Selbst die weiß und roth geschminkten Pariser Loretten störten heute nicht das allgemeine Gefühl des Wohlbehagens und der Fröhlichkeit; das scharfe, gurgelnde Geschnatter des französischen Jargons allein, welches man ringsum hörte, kannte das Gezwitscher der Vögel nicht ersetzen.

Alles ging übrigens hier seinen gewöhnlichen Gang. Das Orchester spielte bald ein Potpourri aus »Traviata«, bald einen Streußischen Walzer, bald eine russische Romanze, vom gefälligen Capellmeister auf die Instrumente übertragen; in den Spielsälen drängten sich dieselben, Allen bekannten Figuren mit demselben stumpfsinnigen und gierigen, nicht eigentlich verzweifelten oder erbitterten, aber oft raubthierartigen Ausdruck in den Gesichtern, den das Kartenfieber allen, selbst den aristokratischen Zügen giebt. Der allbekannte, wohlbeleibte, stutzerhaft gekleidete Tambow‘sche Gutsbesitzer setzte wieder mit fieberhafter Hast (mit derselben Hast, mit welcher sein seliger Vater seine Bauern zu prügeln pflegte), sich mit der Brust aus den Tisch legend und ohne auf die kaltblütigen Spöttereien selbst der Croupiers zu achten, noch im Augenblick des Rufes: »Rien ne va plus!« Haufen von Goldstücken auf alle Vierecke der Roulette, sich auf diese Weise alle Möglichkeit nehmend, irgend etwas, selbst im glücklichsten Falle, zu gewinnen; was ihn jedoch nicht hinderte, sich noch denselben Abend mit tugendhafter Entrüstung über das Spiel gegen den Fürsten Koko auszulassen.

A l‘arbre russe, am russischen Baum, versammelten sich, nach alter Gewohnheit, unsere lieben Landsleute, männliche und weibliche; herausgeputzt oder nachlässig elegant kamen sie herbei, begrüßten einander mit wichtiger Miene, wie es sich für Wesen schickt, die auf der höchsten Stufe der Bildung unter ihren Zeitgenossen stehen.

Wenn sie sich aber so versammelt und gesetzt hatten, wußten sie in Wahrheit nie, wie sie sich anders mit einander unterhalten sollten, als indem sie leeres Stroh droschen, oder den abgeschmackten Witzen, plumpen Ausfällen und Aufschneidereien eines dünnbeinigen französischen Exliterators mit abscheulichem Kinnbarte und schrecklicher Fratze zuhörten, der die Rolle eines Spaßmachers und Narren bei ihnen spielte. Er log ihnen alte, abgedroschene Charivari- und Tintamarre-Geschichten vor, und sie lachten ihm in homerischem Gelächter Beifall zu, ihre eigene Leere dadurch zur Genüge kundgebend. Und doch befand sich dort die »fine fleur« unserer Gesellschaft versammelt.

Dort war Graf X, unser unvergleichlicher Dilettant, eine bis in‘s Innerste der Seele musikalische Natur, der aber keine Note richtig lesen kann, und von dessen Gesang man nicht zu sagen weiß, ob er dem eines mittelmäßigen Zigeuners, oder eines Pariser Haarkünstlers mehr gleicht; noch war dort unser genialer Baron Z., dieses Universalgenie: Literatur, Administrator, Redner und Kartenspieler zugleich; ferner der Fürst Y., der Freund der Religion und des Volkes, der sich seiner Zeit durch die Branntweinpacht ein ungeheures Vermögen erschwindelt hat; dann der glänzende General O., der in Asien Gott weiß wo gesiegt und und Gott weiß was unterworfen hat, aber sehr wohl versteht, sich bei jeder Gelegenheit bemerklich zu machen; weiter P., der drollige Fettklumpen, der sich für sehr krank und sehr klug hält, aber gesund wie ein Stier und dumm wie ein Klotz ist. In seinem Gange – er wiegt sich trotz seiner Dicke auf hohen Hacken graziös und langsam hin und her – sucht er den seinerzeit Mode gewordenen »culte de la pose« zu erhalten, betrachtet beim Reden aufmerksam seine Fingernägel, trägt den Hut bald tief im Nacken, bald bis auf die Augenbrauen herab u.s.w. Sogar Staatsmänner, Diplomaten, Trümpfe mit europäischen Namen, Männer des Rathes und des Verstandes waren zugegen, von denen aber vielleicht Mancher glaubte, die goldene Bulle sei vom Papst herausgegeben oder die englische poor-tax eine den Armen auferlegte Steuer; endlich traf man hier noch eifrige, aber heimliche Verehrer der Camelliendamen, junge elegante Cavaliere mit untadelhaft gescheiteltem Haar, echt Londoner Costüm, und – die Gräfin Sch., die bekannte Gesetzgeberin der Moden und des grand genre, welche die bösen Zungen »die Königin der Wespen« oder »Medusa in der Haube« genannt hatten, die in Abwesenheit des französischen privilegirten Schwätzers sich mit Italienern, Arnerikanern, Geistersehern, jungen deutschen Gesandtschaftssecretären mit weibischen Gesichtszügen, aber bereits vorsichtig zurückhaltenden Manieren, unterhielt. Dem Beispiel der Gräfin folgte noch Fürstin Babette – dieselbe, in deren Armen Chopin seinen Geist aufgab (in Europa zählt man etwa tausend Damen, die alle diese Auszeichnung beanspruchen) – und Fürstin Annette, die ganz gewiß Effect machen würde, wenn nicht – wie Ambra- und Sauerkohlgeruch – bei ihr zuweilen das liebe Bauerndorf in Rede und Manier zum Vorschein käme, und Fürstin Pachette, deren Mann das Unglück hatte, in seiner hohen Stellung einen Kaufmann durchzuprügeln und zwanzigtausend Rubel Regierungsgelder zu stehlen.

Lassen wir diese reizenden Damen und entfernen wir uns von dem berühmten Baum, um welchen herum sie in so theuern, wenn gleich nicht immer in sehr geschmackvollen Toiletten sitzen, indem wir wünschen, daß Gott ihnen Erleichterung in der sie quälenden Langeweile senden möge.




Zweites Capitel


In geringer Entfernung vom »russischen Baum« saß an einem kleinen Tische vor dem Café Weber ein stattlicher, wohlaussehender Mann von dreißig Jahren, mittlerer kräftiger Figur und mit dunklen, männlichen und sehr angenehmen Zügen. Sich mit beiden Händen auf seinen Stock stützend, blickte er, vorgebeugt, auf die Vorübergehenden, wie Jemand, dem es durchaus nicht in den Sinn kommt, daß man auch ihn bemerke oder sich mit ihm beschäftige. Seine dunklen, großen, ausdrucksvollen Augen begleiteten zuweilen irgend eine excentrische Figur, wobei ein kaum bemerkliches gutmüthiges Lächeln um seine Lippen spielte. Seine Kleidung war einfach, aber anständig, ein bequemer Paletot deutschen Schnitts, während ein grauer weicher Hut seine hohe Stirn fast zur Hälfte bedeckte.

Gleich beim ersten Anblick erkannte man in ihm eine redliche, tüchtige, großes Selbstvertrauen verrathende Natur. Er schien von anstrengenden, anhaltenden Arbeiten hier auszuruhen und sich gutmüthig an dem vor ihm entfaltenden Bilde zu ergötzen, während seine Gedanken oft abwesend waren und sich in einer Welt bewegten, die der vor ihm ganz unähnlich war. Er war ein Russe und nannte sich Gregor Michailitsch Litwinow.

Wir müssen mit ihm Bekanntschaft machen und demzufolge in kurzen Worten seine sehr einfache Vergangenheit erzählen.

Als Sohn eines unbedeutenden Beamten von bürgerlicher Herkunft, wurde er nicht, wie man hätte glauben sollen, in der Stadt erzogen, sondern auf dem Lande. Seine Mutter, von altadligem Geschlecht und in einem Fräuleinstift erzogen, besaß einen guten, zwar leicht erregbaren, doch aber festen Charakter. Etwa zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, fing sie an, diesen zu erziehen, so viel eben noch möglich war, machte ans dem Beamten einen Gutsbesitzer, besänftigte seinen starren Sinn und brachte ihm, so weit es noch ging, Sitte und Lebensart bei. Ihren Bemühungen gelang es, ihn dahin zu bringen, daß er sich sauber kleidete, anständig hielt und zu fluchen und schimpfen aufhörte, Gelehrte und Gelehrsamkeit zu achten anfing, wenn gleich er selbst nie ein Buch in die Hand nahm, überhaupt sich zusammennahm, sich vor den anderen Gutbesitzern, seinen Nachbarn, keine Blöße zu geben. So fing er an, langsam und bedächtig zu gehen und zu reden, und sich über Sachen zu belehren, die ihn eigentlich innerlich höchst langweilten. »Ach, wie wollt’ ich Euch durchwichsen, diverse aufzählen!« dachte er oft bei irgend einer Verhandlung bei sich, während er laut sagte: »Ja freilich – natürlich – die Frage will bedacht sein!« Ihr Haus brachte Litwinows Mutter gleichfalls auf einen europäischen Fuß, sie sagte zu den Dienern »Sie«, und erlaubte Niemandem, bei Tische sich zu überessen, oder etwa einzuschlafen und zu schnarchen. Was übrigens das Gut selbst betraf, so verstanden weder sie noch er es ordentlich zu verwalten, noch vernünftig zu wirthschaften – es war in ziemlich vernachlässigtem Zustande, aber reich an Land und Wäldern, nebst einem See, an welchem vormals eine große Fabrik gestanden hatte, die vom früheren Besitzer eingerichtet, von einem spitzbübischen Kaufmanne ausgebeutet und unter der Verwaltung eines ehrlichen Deutschen gänzlich zu Grunde gegangen war. Madame Litwinow war zufrieden, daß die Sachen, wenn gleich nicht gut, doch auch nicht schlechter gingen, und daß sie nicht genöthigt waren, Schulden zu machen. Unglücklicher Weise war sie von schwächlicher Constitution, eine Unvorsichtigkeit brachte ihr die Schwindsucht, und sie starb in demselben Jahre, als ihr Sohn in die Moskauer Universität eintrat. Er beendigte seine Erziehung dort nicht, aus Gründen, die der Leser später erfahren wird, lebte dann eine Zeit lang auf dem Lande, wo er ohne Beschäftigung, ohne Umgang einige Zeit seinen Grübeleien nachhing. Dank der Unbeliebtheit, in der er bei seinen Gutsnachbarn war, die zwar die Theorie der Unschädlichkeit des westeuropäischen »Absynthe« noch nicht kannten, dafür aber sich desto fester an den einheimischen Kornbranntwein hielten, und dem Litwinow nicht, gleich ihnen, seine Huldigung darzubringen verstand, gerieth er im Jahre 1855 unter die Landwehr, und wäre in der Krim fast am Typhus gestorben, ohne einen einzigen der gegen Rußland Alliirten gesehen zu haben, stand dann während sechs Monate am Ufer des Azowschen Meeres in einer Erdhütte, lebte darauf wieder auf seinem Gute und fand endlich Behagen an der Landwirthschaft. Er begriff, daß das mütterliche Gut schlecht von seinem alt werdenden Vater verwaltet wurde und nicht den zehnten Theil der Einnahmen brachte, die es hätte bringen müssen, und daß es in kundigen Händen zu einer Goldgrube werden könne; da er aber selbst zu geringe Kenntniß in der Landwirthschaft besaß, so reiste er in‘s Ausland, um Agronomie und Technologie tüchtig zu studiren. Länger als vier Jahre brachte er in Mecklenburg, Schlesien und Karlsruhe zu, bereiste Belgien und England, arbeitete fleißig, erwarb sich Kenntnisse und befand sich jetzt auf dem Wege in die Heimath, wohin ihn lange schon sein Vater zurückrief, dem die Wirthschaft immer mehr und mehr über den Kopf gewachsen war, und der bei der Emancipation der Bauern und den dadurch entstandenen neuen Verhältnissen zuletzt nicht mehr wußte, wo aus noch ein . . . Wenn nun dem so, warum befand er sich denn aber jetzt in Baden-Baden?

Nun, der Grund seiner Anwesenheit war, – daß er hier von Tag zu Tag die Ankunft seiner weitläufigen Verwandten und Braut, Tatiana Petrowna Schestow, erwartete. Seit seiner frühesten Kindheit schon mit ihr bekannt, hatte er den Frühling wie den Sommer mit ihr in Dresden verlebt, wo sie sich mit ihrer Tante diese Zeit über niedergelassen hatte-.

Aufrichtig liebte und tief verehrte er seine junge Anverwandte und beendigte die Vorbereitungen zu seiner neuen Laufbahn damit, daß er ihr als seiner Auserwählten, seiner treuen Freundin und Gefährtin Herz und Hand anbot, Glück und Leid, Arbeit und Ruhe mit ihm zu theilen, »for better, for worse,« wie der Engländer sagt.

Sie willigte ein, und er begab sich nach Karlsruhe, wo seine Bücher, Sachen, Papiere zurückgeblieben waren.

»Nun, was thut er aber denn in Baden-Baden?« höre ich wieder fragen.

In Baden befand er sich aus dem Grunde, weil die Tante seiner Braut, die sie erzogen hatte, Kapitolina Markowna Schestow, eine alte Jungfer von fünfundfünfzig Jahren, die gutmüthigste und ehrlichste Seele zwar, aber Sonderling und Freigeist, die eingefleischteste Feindin der großen Welt und der Aristokratie, doch der Versuchung nicht widerstehen konnte, wenn auch nur einmal, ein Stückchen dieser großen Welt an einem so modischen Badeorte, wie Baden, näher kennen zu lernen.

Kapitolina Markowna ging ohne Crinoline und trug ihr graues Haar kurz geschnitten, à l‘enfant. Luxus und Glanz zu verachten und zu verhöhnen, machte ihr herzliche Freude . . . Warum nicht der lieben Alten diese Freude in vollem Maße gewähren?

Und darum nun saß Litwinow so ruhig und unbekümmert da, blickte so selbstvertrauend um sich, weil das Leben eben so ungetrübt vor ihm lag, weil sein Schicksal entschieden und er stolz auf dasselbe war und sich desselben, als der Errungenschaft seines Fleißes, freute.




Drittes Capitel


»Ba, ba, ba, ist’s möglich?« gellte plötzlich eine kreischende Stimme in Litwinows Ohr, und eine plumpe Hand klopfte auf seine Schulter.

Er erhob den Kopf und erkannte einen seiner zahlreichen Moskauer Bekannten, einen gewissen Bambaew, einen gutmüthigen, hohlköpfigen, nicht mehr jungen, schwammig aufgedunsenen Menschen mit plumper Nase und rothem Gesicht. Beständig ohne Geld und beständig für irgend etwas enthusiasmirt, trieb sich Bambaew ohne Ziel, aber immer schreiend, auf Gottes weiter Welt umher.

»Das nenne ich ein angenehmes Zusammentreffen!« rief er, seine verschwollenen Glotzaugen aufreißend und seinen gefärbten Schnurrbart liebkosend streichelnd. »Da lob’ ich mir Baden! Wie zu einem Ameisenhaufen kriecht hier Alles zusammen! Wie bist Du denn hierher gekommen?«

Bambaew hatte die edle Gewohnheit, Jeden zu duzen.

»Ich bin vorgestern angekommen.«

»Woher?«

»Das kann Dir gleichgültig sein.«

»Wie? Gleichgültig? Ei gewiß nicht! . . . Richtig, ich kann mir’s denken. Du hast gewiß gehört, daß Gubarow in höchsteigener Person hier sein wird. Nun, er ist gestern aus Heidelberg herübergekommen. Natürlich kennst Du ihn?«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Sonst nichts? Wart’, wart’, ich werde Dich gleich zu ihm führen. Einen solchen Menschen nicht zu kennen, ist ja fast ein Verbrechen! . . . Ah, sieh da! da kommt auch Woroschilow. Den kennst Du vielleicht auch nicht? . . . Meine Herren, ich habe die Ehre, Sie einander vorzustellen. Ein paar Gelehrte, dieser da sogar ein Phönix!«

Fünf Minuten später stiegen alle Drei die Treppe des Hotels hinauf, wo Stephan Nikolaewitsch Gubarow abgestiegen war.

Eine schlanke Dame von hohem Wuchse, in einem Hute mit kurzem dunklen Schleier, eilte rasch die Treppe hinab. Als sie Litwinow bemerkte, blieb sie plötzlich, wie im höchsten Grade überrascht, einen Augenblick stehen und schien sich an ihn wenden zu wollen; unter dem Schleier war ein heftiges Erröthen, dann ein eben so plötzliches Erbleichen zu bemerken; Litwinow, der sich gerade zu Bambaew gewendet hatte, bemerkte sie jedoch nicht; die Dame ihrerseits eilte darauf noch rascher die Stufen hinab.

Bei Gubarow fand Litwinow eine bunte Gesellschaft Russen: Officiere, die eine kurze Urlaubszeit in Europa zubrachten, neugierig und halb furchtsam, daß ihr Regimentschef ihren Abstecher zu einem zwar als klug, aber etwas gefährlich verschrieenen Literator erfahren werde; Studenten, die zeitweise in Heidelberg studirten, in nachlässiger, genial sein sollender Toilette, mit langen Haaren und Bärten, verächtlich und hochmüthig auf Alles herabsehend, was irgend einen Anstrich von feinerer Bildung und aristokratischen Manieren zeigte; ein paar Gutsbesitzer, denen die Emancipation der Bauern nicht nach ihrem Sinne war, weil es sie in Zukunft hinderte, die von denselben bisher fast willkürlich erpreßten Abgaben zu verprassen; weiter eine Art Blaustrumpf, eine gewisse Mattena Semeonownowna Suchantschikow, die, als Wittwe ohne Kinder und mit geringen Mitteln, seit ein paar Jahren im Auslande von Ort zu Ort wanderte, sich mit besonderer Erbitterung über Russland und seine Zustände ausließ und eine große Verehrerin Gubarows war. Noch saß in einer Ecke des Zimmers eine ziemlich plump und linkisch aussehende Figur, die Keinem vorgestellt und von Niemandem in‘s Gespräch gezogen wurde, aber doch eine aufmerksam zuhörende, scharf beobachtende Persönlichkeit zu sein schien. Was nun endlich den Herrn der Wohnung, den genialen Löwen des Tages, den gefürchteten, hochverehrten Gubarow anbetraf, so war Litwinow nicht wenig erstaunt, als er demselben vorgestellt wurde und in ihm eine sehr gewöhnliche Persönlichkeit fand, mit breitem Stierkopfe, breiter, etwas viereckiger Stirn, breitem langem Barte, breitem Nacken und breiten schielenden, meist zu Boden gerichteten Augen, so daß er eher das Aussehen eines Gutsbesitzers aus der Provinz als eines Gelehrten hatte.

Nachlässig in einen breiten Paletot, graue weite Beinkleider und Morgenschuhe gekleidet, hatte er die Gewohnheit, immer im Zimmer auf und ab zu wandern, nur hin und wieder irgend ein abgebrochenes Wort hinzuwerfen – gewissermaßen wie man bei der Tafel dem Hunde von Zeit zu Zeit einen Bissen oder einen Knochen zuwirft – und die Gesellschaft durch sein viel sagen sollendes Schweigen in Erstaunen zu sehen.

»Er sammelt Material,« sagten seine Verehrer.

Höchlich erstaunt schien er, als auf die Frage, die Jemand an Litwinow richtete: welcher Art seine politischen Ueberzeugungen seien? dieser lächelnd antwortete: »Was mich betrifft, so habe ich keine dergleichen.«

Die linkische, plumpe Figur im Winkel erhob bei diesen Worten unwillkürlich den Kopf und blickte ihn lange aufmerksam an.

»Aha, ein Unreifer!« bemerkte Gubarow kurz und setzte seinen unterbrochenen Spaziergang im Zimmer fort.

Gegen zehn Uhr des Abends entfernte sich Litwinow heimlich, denn der Kopf fing an, ihn heftig zu schmerzen in diesem Chaos und bei dem erbitterten Streit über alle möglichen Gegenstände, hauptsächlich aber über Rußland. Die milde frische Nachtluft that ihm wohl und erfrischte seinen ermüdeten Geist.

»Das nennen die Deutschen einen Streit um des Kaisers Bart,« dachte er, »wozu soll das führen?«

Er trat bei Weber ein, bestellte eine Portion Eis und nahm eine Zeitung.

Das Eis war schlecht und die Zeitung faselte langweilig von der römischen Frage.

Schon wollte er nach Hause gehen, als ein Unbekannter in einem Hute mit breitem Rande auf ihn zutrat, ihn russisch fragte: »Störe ich Sie vielleicht?« und sich zu ihm setzte.

Jetzt erst erkannte Litwinow in ihm jene linkische, plumpe Figur, die er in einem Winkel bei Gubarow hatte sitzen sehen. Während des ganzen Abends hatte dieser Herr den Mund kaum aufgethan, und jetzt blickte er, nachdem er den Hut abgenommen hatte, Litwinow herzlich und wohlwollend, wenn gleich auch verlegen an.




Viertes Capitel


»Herr Gubarow, bei dem ich das Vergnügen hatte Sie zu sehen,« hub der Unbekannte an, »hat mich Ihnen nicht vorgestellt, erlauben Sie also, daß ich solches selbst thue: ich bin der verabschiedete Hofrath Potugin, diente früher im Finanzministerium zu Petersburg. Ich hoffe, Sie werden es nicht sonderbar finden ich habe sonst wohl nicht die Gewohnheit, so plötzlich Bekanntschaften anzuknüpfen . . . mit Ihnen aber . . .«

Hier wurde Potugin verlegen und rief einen Kellner, bei dem er ein Gläschen Kirschwasser bestellte.

»Mir Muth zu machen,« fügte er lächelnd hinzu. Litwinow blickte mit verdoppelter Aufmerksamkeit auf den letzten seiner neuen Bekannten des Tages und dachte:

»Das ist kein solcher, wie jene!«

Und wirklich war es kein solcher.

Vor ihm saß, mit den feinen Fingern auf dem Tische leicht trommelnd, ein breitschultriger Mann mit vollem Körper auf kurzen Beinen, leicht gebücktem kraushaarigen Kopfe, sehr klugen und theilnehmenden Augen unter dichten Brauen, vollem regelmäßigen Munde, schlechten Zähnen und jener echt russischen Nase, die man Kartoffel zu nennen pflegt, etwas linkischem, zurückhaltendem Wesen, gewiß aber keine Dutzendfigur. Sehr einfach gekleidet, war sein Rock sogar altmodisch und die Schleife seines Halstuches auf die Seite verschoben.

Einen eigenthümlichen Eindruck machte er auf Litwinow, er erregte in ihm Theilnahme, Achtung und unwillkürliches Mitleid-.

»Ich störe Sie also nicht?« wiederholte er mit heiserer aber weicher Stimme, welche ganz zu seinem Aeußern paßte.

»Nicht im geringsten,« antwortete Litwinow, »ich bin im Gegentheil sehr froh.«

»Sehen Sie, das freut mich. Ich habe viel von Ihnen gehört, weiß sogar, womit Sie sich beschäftigen, und kenne Ihr Vorhaben. Sie fangen die Sachen beim rechten Ende an; darum schwiegen Sie auch heute.«

»Ja, und auch Sie sprachen nur sehr wenig,« bemerkte Litwinow.

»Dafür raisonnirten die Anderen desto mehr. Ich hörte zu. Nun, wie hat Ihnen denn unser babylonischer Thurmbau gefallen?«

»Gerade der babylonische Thurmbau, das haben Sie vortrefflich gesagt. Ich hätte Lust, diese Herren wohl zu fragen, um was sie sich eigentlich so bemühen.«

Potugin seufzte.

»Das ist ja eben das Unglück, daß sie das nicht selbst wissen. Und das Bemerkenswerthe ist, daß viele von ihnen sonst ganz achtungswerthe Leute sind, sogar die erbitterte Madame Suchantschikow, die da ihr letztes Geld mit zwei armen Nichten theilt, ebenso auch Ihr Freund Bambaew, der das beste Herz auf der Welt hat. – Bemerken Sie nun noch: wenn zum Beispiel ein Dutzend Engländer zusammenkommen, so kommt sogleich die Rede auf den unterseeischen Telegraphen, auf die Baumwollensteuer, meinetwegen sogar auf die Art und Weise, Ratzenfelle zu verarbeiten, mit einem Worte auf etwas Nützliches Positives; kommen ein Dutzend Deutsche zusammen, nun da ist, versteht sich, Schleswig-Holstein und die Einigung Deutschlands zu einem großen Reiche das Hauptthema; ein Dutzend – Franzosen bringen ohne Zweifel, außer ihrem militärischen Ruhm, das Capitel: Frauenzimmer, und speciell noch: die verbotenen Früchtlein, Camellien 2c. auf‘s Tapet; treffen aber endlich ein Dutzend Russen zusammen, so ist ohne Weiteres die erste Frage: die Zukunft Rußlands, und darüber werden so viele verschiedene Ansichten vorgebracht, als Personen gegenwärtig: Klagen, Unzufriedenheit, Hoffnungen, Erwartungen, alles durcheinander. Die unglückliche Frage wird von ihnen zusammengekaut, wie etwa Knaben ein Stück Gummi elastivum kauen: ohne Sinn und Verstand! Nun, und bei dieser Gelegenheit wird dann gehörig auf den »verfaulten Westen« geschimpft. Und wenn man’s bei Licht betrachtet, so schlägt er uns in allen Punkten, dieser Westen, – den man immer als faul bezeichnet, und gegen den man beständig thut, als ob man ihn verachte. Ich sage: »thut,« denn im Grunde sind das ja nur Phrasen und eine Lüge. Den Westen schimpfen wir zwar, das ist richtig, auf seine Meinung aber sind wir eifersüchtig, im Grunde aber eigentlich nur auf die Meinung der Pariser Windmacher und Flachköpfe. Die Sache geht so weit, daß ein guter Freund von mir, ein Familienvater und kein junger Mann mehr, einige Tage lang außer sich war, weil er, der sich eingebildet hatte, ein vollkommener Pariser zu sein, in einem Restaurant dem Garcon zugerufen hatte: »Une portion de beafsteak aux pommesde terre,« nun hören mußte, wie ein wirklicher Franzose ganz einfach rief: »Garcon! beefsteak, pommes!«

–Sagen Sie mir doch,« sagte Litwinow, »wir kommt es, daß Gubarow einen so augenscheinlichen Einfluß auf seine Umgebung besitzt? Vielleicht durch seine Fähigkeiten, seine Kenntnisse?«

»Ei, Gott bewahre! er besitzt nichts dergleichen.«

»Also wohl durch seinen Charakter?«

»Auch dadurch nicht, wohl aber durch seinen festen Willen. Wir Sclaven lassen uns gar leicht beherrschen. Herr Gubarow hat an der Spitze der Partei stehen wollen, und Alle haben sich vor ihm gebeugt. Sie kennen ja das Sprichwort: Wer den Stock zu gebrauchen weiß, wird leicht Corporal!«

Potugin sagte diese bitteren Worte niedergeschlagen, augenscheinlich betrübt über deren Wahrheit.

»Wie sind Sie denn mit Gubarow bekannt geworden?«

»Ach, den kenne ich seit langer Zeit! Der ist auch so eine der Abnormitäten unseres Landes, wie es deren so manche bei uns giebt. Wie Sie sehen, ist er Slavänophile, Demokrat, Socialist und sonst Alles, was Sie wollen, dessen ungeachtet verwaltete und verwaltet noch sein Bruder, ein Landwirth im alten Geiste, sein Gut, einer von denen, die wir Zahnausbrecher, Bauernschinder zu nennen pflegen. Daß er kein Redner ist, haben Sie gewiß schon heute herausgefühlt, und Gottlob! daß er nur wenig gesprochen hat, denn wenn er einmal bei einem Glase aufthaut, so wird es sogar mir, der ich doch sonst ein geduldiger Mensch bin, zu viel. Dann fängt er an zu spötteln und Zoten zu reißen, daß es Einem widerlich wird zuzuhören.«

»Als ob Sie wirklich so geduldig sind? Ich hätte eher das Gegentheil vermuthet.«

Potugin schlürfte etwas von seinem Kirschwasser.

»Da irren Sie doch sehr: ich bin wirklich geduldig. Mein Vater war Geistlichen und schon früh kam ich in’s Ministerium, wo ich einen Verwandten, den wirklichen Staatsrath Potugin, zweiundzwanzig Jahre lang zum Vorgesetzten hatte. Haben Sie den vielleicht gekannt?«

»Nein.«

»Nun da gratulire ich Ihnen. Geduld habe ich bei dem, als armer Verwandten gelernt! Seit ich nun aber aus dem Dienst getreten, habe ich gelernt, mich etwas freier zu bewegen und mich nicht mehr zu fürchten, meine Ueberzeugung gerade herauszusagen. Meine Meinungen über West-Europa sind nicht die der Majorität bei uns: ich habe hohe Achtung vor Europa gewonnen, oder, genauer zu reden, vor der Civilisation – ich liebe sie von ganzem Herzen und habe keinen anderen Glauben und werde keinen anderen haben als die Civilisation!« Potugin sprach dieses Wort gedehnt und mit Nachdruck aus.

»Nun, und Rußland, Ihr Vaterland, lieben Sie doch?« fragte Litwinow nach einer Pause Herrn Potugin.

»Ich liebe es leidenschaftlich und hasse es zugleich!«

»Das ist veraltet, Herr Potugin, nichts als eine Redensart und schmeckt noch nach dem Romantismus der dreißiger Jahre – nach Byron.«

»Sie irren, das ist eine viel ältere Wahrheit; der Erste, der auf solch eine Verschiedenheit der Gefühle hinweist, lebte vor zweitausend Jahren, es ist der römische Dichter Catullus. Ja, ich liebe mein ganz absonderliches, abscheuliches, theures Vaterland. Ich habe es jetzt verlassen, um meinen Geist etwas auszulüften nach zweiundzwanzigjährigem ewigen Sitzen am Regierungstische; ich habe Rußland verlassen, und mir ist hier ganz behaglich, aber ich fühle doch, lange halte ich es in der Fremde nicht aus, denn gut ist wohl die Gartenerde, aber die Moosbeere kann nicht in derselben gedeihen . . .Doch ich schwatze da schon so lange mit Ihnen, daß es endlich Zeit wird aufzuhören, um nicht Ihnen gleich bei der ersten Bekanntschaft unbescheiden zu erscheinen. Auf angenehmes Wiedersehen! . . . Ich wiederhole Ihnen, es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Warten Sie doch; sagen Sie mir wenigstens, wo Sie wohnen und ob Sie noch lange hierbleiben?«

Potugin antwortete etwas verlegen:

»Ich bleibe noch eine Woche hier, wir können uns aber, wenn es Ihnen recht ist, ja hier bei Weber oder Max treffen. Sonst kann ich auch zu Ihnen kommen . . . Und somit: leben Sie wohl!«

Er stülpte seinen breiten weichen Hut auf und verschwand bald in der Lichtenthaler Allee.




Fünftes Capitel


»Ein sonderbarer Mensch!« dachte Litwinow, in seinen Gasthof zurückkehrend, »ein sonderbarer Mensch! Ich werde ihn bald aufsuchen.«

Er trat in sein Zimmer; ein Brief auf seinem Tische zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

»Ah, von Tatiana!« dachte er und freute sich im Voraus auf die Nachrichten, die er enthalte; doch hatte er sich geirrt, der Brief war vom Lande, von seinem Vater.

Litwinow erbrach das große Siegel mit dem Wappen und fing an ihn zu lesen.

Ein starker, aber sehr angenehmer und ihm wohlbekannter Wohlgeruch im Zimmer machte ihn stutzen. Er blickte sich um und bemerkte auf dem Fenster, dem er sich genähert hatte, in einem Glase mit Wasser ein großes Bouquet frischgeschnittener Heliotropblüthen.

Er schellte und fragte den Kellner, woher diese Blumen gekommen.

Dieser antwortete, daß eine Dame, die sich nicht hätte nennen wollen, sie gebracht, daß sie aber gesagt habe, der Herr würde sicher bei diesen Blumen errathem wer sie sei.

In Litwinow’s Erinnerung tauchte ein längst entschwundenes Bild auf . . . Er erkundigte sich weiter, wie die Dame ausgesehen habe.

Der höfliche Kellner antwortete, sie sei von hohem Wuchse und sehr elegant gekleidet, ihr Gesicht von einem Schleier bedeckt gewesen-.

»Wahrscheinlich eine russische Gräfin,« fügte er hinzu.

»Woher vermuthen Sie denn das?« fragte Litwinow.

»Weil sie mir zwei Gulden gegeben hat,«antwortete der Kellner, dumm lächelnd.

Litwinow entließ ihn und stand lange in Gedanken versunken; endlich machte er mit der Hand eine Bewegung, wie Einer, der sich etwas aus dem Sinn zu schlagen sucht, und nahm den Brief vom Lande wieder vor.

Sein Vater ergoß sich wieder in seinen gewöhnlichen Klagen, daß das Korn gar nicht mehr an den Mann zu bringen sei, daß die Bauern nicht mehr wie sonst gehorchen wollten und das Ende der Welt nicht fern sein müsse.

»Stelle Dir einmal vor,« schrieb er unter Anderem, »mein bisheriger Kutscher, das Kalmuckengesicht, Du mußt Dich seiner noch erinnern, fing an abzumagern und dahinzuschwinden; Jemand hatte es ihm angethan und sicher hätte ich ihn verloren und wäre so ganz ohne Kutscher geblieben, wenn nicht gute Leute mir den Rath gegeben hätten, ihn nach Bäsan zu einem Priester zu schicken, der durch Sympathie und Besprechungen dergleichen heile und seine Sache ausgezeichnet verstehe. Das that ich denn auch, und die Heilung gelang vortrefflich; zum Beweis sende ich Dir auch einliegend den Brief des Priesters als thatkräftiges Dokument.«

Litwinow durchlas dasselbe neugierig. Es enthielt Folgendes:



»Daß der frühere Leibeigene und Kutscher Dmitri von einem Uebel heimgesucht worden sei, welches keine ärztliche Kunst habe austreiben können, daß dieses Uebel ihm von bösen Menschen beigebracht, er aber (Dmitri) selbst Schuld und Veranlassung zu demselben gegeben, da er einem gewissen Mädchen das gethane Versprechen nicht gehalten habe, und daß diese ihm durch andere böse Menschen das Uebel beigebracht habe, demzufolge er abgemagert und dahingeschwunden sei wie ein Kohlwurm. Da aber habe sich das Auge des Höchsten seiner erbarmt und durch mich (so schrieb der Priester) ihm wieder Leben und Gesundheit verliehen; welcher Art aber dieses vollbracht, das ist und bleibt ein Geheimniß. Eure Wohlgeboren aber ersuche ich zu verfügen, daß obenbesagtes Mädchen in Zukunft nicht dergleichen böse und verderbliche Mittel weiter anwende, ihr solches streng untersagt, ja sie sogar nöthigenfalls gezüchtigt werde.«


Unheimlich wehte Litwinow aus diesem Dokument die heimathliche Steppenluft, Fäulniß und Schimmel entgegen, und wunderbar erschien es ihm, dieses Dokument gerade in Baden zu lesen.

Unterdessen war es längst Mitternacht geworden; er legte sich zu Bett und löschte das Licht aus.

Lange konnte er nicht schlafen, endlich aber bemächtigten sich bunte Träume seiner Seele, aus denen er plötzlich mit einem Gedanken erwachte, der das Innerste seines Herzens erbeben machte; die Blumen im Zimmer, die in der Nacht ihm noch stärker entgegenduftetem hatten diesen Gedanken in sein Gedächtniß zurückgerufen. Er sprang auf, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ist es möglich, sollte sie es sein?!«

Um aber diesen Ruf zu erklären, müssen wir den nachsichtigen Leser ersuchen, uns einige Jahre vor den Anfang dieser Erzählung zurück zu begleiten.




Sechstes Capitel


Zu Anfang der fünfziger Jahre lebte in Moskau in sehr gedrückten Verhältnissen, fast könnte man es Armuth nennen, die zahlreiche Fürstenfamilie Ossinin. Sie war vom reinsten russischen Rurikschen, nicht etwa von tatarisch-georgischem Adel, und ihr Name kommt oft in der Geschichte Rußlands vor. Im Verlauf der Zeiten aber war sie verarmt und heruntergekommen, selbst die Zeiten Peters und Katharinens hatten sie nicht wieder emporbringen können, so daß einzelne Abkömmlinge des Geschlechts sogar genöthigt gewesen waren, bei den Branntweinpächtereien oder als Polizeibeamte zu dienen.

Die Familie Ossinin, von welcher wir hier reden, bestand aus Mann und Frau nebst fünf Kindern. Sie lebte in Moskau unweit des sogenannten Hundeplatzes, in einem einstöckigen hölzernen Hause, mit gingt kleinen Freitreppe die auf den Hof führte, grün angestrichenen hölzernen Löwenfiguren vor dem Thorwege und ähnlichen, die adelige Herkunft bezeichnenden Abzeichen, während ihre Einkünfte kaum hinreichten, ihre Ausgaben zu decken, so daß sie beständig Krämern und Kaufleuten schuldig war und im Winter oft Mangel an Holz und Licht litt.

Der alte Fürst selbst, vormals ein schöner Mann und großer Stutzer, war jetzt ein träger, energieloser und bornirter Alter geworden, dem man, nicht sowohl aus Achtung vor seinem alten Namen, als aus Aufmerksamkeit gegen seine Frau, die vor Zeiten einmal Hoffräulein gewesen war, einer jener alten Moskauer Sinecuren gegeben hatte, die ihm erlaubte, sich um nichts zu bekümmern, von Morgens bis Abends im Schlafrock zu sitzen, zu rauchen, zu seufzen und zu stöhnen.

Die Fürstin war eine kranke und gegen die Welt und ihre Lage erbitterte Dame, beständig beschäftigt mit den Sorgen des Haushaltes, der Unterbringung der Kinder in Kaiserliche Adelsinstitute und der Unterhaltung ihrer Verbindung mit ihren Petersburger vornehmen Bekannten und Verwandten; sie konnte sich immer noch nicht in ihre jetzige Lage finden und ihre Entfernung vom Hofe vergessen.

Litwinows Vater hatte einst, während seiner Anwesenheit in Moskau, Ossinins Bekanntschaft gemacht, ihnen verschiedene Dienste erwiesen, ihnen sogar einmal dreihundert Rubel geliehen, und sein Sohn, der in Moskau studirte besuchte ihr Haus fleißig, zumal seine Wohnung ganz in der Nähe des fürstlichen Hauses war. Nicht diese Nachbarschaft aber war es, die ihn dorthin zog, noch die kümmerlichen Verhältnisse der Familie, sondern die Gegenwart der ältesten Tochter Irina, in die er sich sterblich verliebt hatte.

Sie war eben siebzehn Jahre alt geworden und hatte gerade das adelige Fräuleinstift verlassen, einer Unannehmlichkeit wegen, die die Fürstin mit der Vorsteherin gehabt hatte.

Diese Unannehmlichkeit war daher entstanden, daß Irina beim öffentlichen Artus französische Verse hatte declamiren sollen, ihr aber die Tochter eines der reichsten Vorsteher der Branntweinpacht ungerechter Weise war vorgezogen worden. Die Fürstin konnte diese Beschimpfung nicht ertragen, ja Irina selbst der Vorsteherin solches nicht verzeihen, um so mehr, da sie schon im Voraus Pläne gemacht hatte auf den Effect, den diese Deklamation, öffentlich, in Gegenwart der vornehmen Welt, machen werde. Und in der That, Moskau würde wahrscheinlich nicht ermangelt haben von ihr zu reden.

Irina war ein schlank gewachsenes junges Mädchen von hohem Wuchse, deren Formen jedoch noch nicht ganz entwickelt waren, weshalb auch die Schultern noch nicht die gehörige Fülle hatten; ihr Teint hatte jene, in diesen Jahren sonst noch selten reine, weiße, matte Marmorfarbe, wie man sie meistens ausschließlich bei Damen der höchsten Aristokratie findet; dabei hatte sie dichte aschblonde Locken. Die Züge ihres Gesichts, von fast antiker Regelmäßigkeit, zeigten nicht jene Sorglosigkeit der ersten Jugend, sondern Nachdenken und Energie; eine gewisse schwört-tierische Müdigkeit ihres dunkeln, glanzvollen Auges mit den kühn gewölbten Brauen, sowie ein kaum merkliches Lächeln, welches beständig ihre feinen verführerischen Lippen umschwebte, schien Leidenschaft, sich und Anderen gefährliche Leidenschaft, vorherzusagen.

Im Institut galt Irina für eine der klügsten und fähigsten Schülerinnen, aber mit unbeständigem, herrschsüchtigem Charakter, und einem Kopfe, der die tollsten Einfälle ausdachte und ausführte; eine Klassendame hatte ihr sogar vorhersagte; »vos passions vous perdront;« wo hingegen eine andere sie für kalt und gefühllos hielt Und sie »une jeune fille sans coeur« nannte.

Irina’s Freundinnen nannten sie stolz und hinterlistig, die Brüder und Schwestern fürchteten sie, die Mutter selbst mißtraute ihr, und dem Vater war nie recht behaglich, wenn sie ihre tiefen, geheimnißvollen Augen auf ihn richtete; beiden aber, Vater und Mutter, flößte sie eine unwillkürliche Achtung ein, nicht ihrer hervorragenden Eigenschaften, wohl aber der Hoffnungen wegen, die sie auf ihre Zukunft setzten.

»Du sollst sehen, wir werden noch erleben,« sagte einst der alte Fürst zu seiner Frau, sein langes türkisches Pfeifenrohr aus dem Munde nehmend, »daß unsere Irina uns einmal aus aller Noth herausreißen wird.«

Die Fürstin wurde böse und antwortete ihrem Manne, »er habe immer des expressions insuppartables;« nach einigem Nachdenken aber brummte sie zwischen den Zähnen: »Ja, ja . . . Zeit wär’s wohl einmal dazu.«

Irina genoß eine fast unbeschränkte Freiheit im elterlichen Hause; man verwöhnte sie zwar nicht, war sogar ziemlich kalt gegen sie, aber man handelte ihr auch nicht entgegen; das gerade war es, was sie wollte, wie sie sich überhaupt ziemlich sonderbar hielt.

Wenn z. B. irgend ein Krämer eine alte Schuld einzufordern kam und sich Unartigkeiten erlaubte, weil man ihm wieder nichts bezahlen konnte, oder irgend Einer der Dienerschaft, mit dem Essen unzufrieden, Aeußerungen laut werden ließ, wie: »was das für ein Fürst sei, der selbst nichts zu essen habe, und bei dem die Leute hungern müßten,« – so saß Irina, ohne eine Miene zu verziehen oder ein Wort zu sagen, mit bösem, verächtlichem Lächeln im finstern Gesichte, bewegungslos da, während den Eltern dieses Lächeln ein schlimmerer Vorwurf war, als das Geschrei der Gläubiger oder die Unzufriedenheit der Dienerschaft, als ob ihre Tochter das Recht auf Reichthum und Luxus, den sie ihr nicht geben konnten; von Geburt an habe.

Litwinow hatte sich in Irina verliebt vom ersten Male an, daß er sie gesehen hatte (er war im Ganzen nur drei Jahre älter als sie); lange aber dauerte es, ehe es ihm gelang, Gegenliebe, ja sogar nur Aufmerksamkeit gegen ihn bei ihr hervorzubringen. In ihrem Betragen lag sogar etwas Feindliches, als ob er ihr etwas Böses zugefügt habe und sie die Beleidigung zwar verbergen, aber nicht vergeben könne.

Er war in jener Zeit zu jung und bescheiden, um zu begreifen, was eigentlich unter dieser feindlichem fast verächtlichen Härte verborgen sein könne. Zuweilen geschah es, daß er, Studien und Bücher vergessend, im wenig lustigen Gastzimmer des Ossinin‘schen Hauses saß und heimlich Irina betrachtete. Wehmüthig und traurig war ihm dann zu Muthe, während sie, böse, oder wie gelangweilt, bald aufstand, bald ab und zu ging, auf ihn aber so wenig achtete, als ob er ein Stuhl oder ein Tisch wäre, und den ganzen Abend kein Wort mit ihm redete. Tief verletzt, versuchte er endlich dem Zauberkreise, in welchem er wie ein Vogel in der Schlinge flatterte, zu entweichen, indem er sich eine Woche von Moskau entfernte.

Dieser Versuch aber bekam ihm noch übler; von Sehnsucht gefoltert, kehrte er abgehärmt und krank zu Ossinins zurück.

Sonderbar! Auch Irina hatte sichtlich während dieser Zeit abgenommen, ihr Gesicht eine leidende, gelbliche Farbe bekommen – ihre Kälte gegen ihn war jedoch dieselbe geblieben, eine gewisse Schadenfreude, Geringschätzung sogar, schienen ihre Züge auszudrücken, gerade als ob die heimliche Beleidigung, die er ihr zugefügt, sich noch vergrößert habe.

Auf diese Weise quälte sie ihn zwei Monate lang. Dann aber erschien ein Tag, an welchem sich dies Alles mit einem Male änderte. Wie eine plötzlich hellauflodernde Feuersbrunst, wie der Blitz aus einer Gewitterwolke, brach lang zurückgehaltene Liebe, heftige, leidenschaftliche Liebe plötzlich bei ihr hervor.

Eines Tages – lange noch blieb derselbe seinem Gedächtniß gegenwärtig – saß Litwinow wieder im Ossinin’schen Gastzimmer und blickte stumm und betrübt auf die Straße hinaus, innerlich sich selbst zürnend, daß er nicht die Kraft besitze, sich loszureißen. Wenn ein Fluß unter dem Fenster vorbeigeflossen wäre, die Verzweiflung würde ihn vielleicht hineingetrieben haben, seiner unerträglichen Qual ein Ende zu machen.

Irina hatte sich in einiger Entfernung von ihm, ohne ein Wort zu reden oder sich zu bewegen, niedergesetzt. Seit ein paar Tagen schon hatte sie weder mit ihm, noch überhaupt mit sonst Jemandem gesprochen.

Dieses kalte Schweigen länger zu ertragen, schien ihm nicht mehr möglich; seine Kraft war erschöpft, und er stand auf und fing an, ohne ein Wort des Abschieds zu sagen, nach seiner Mütze zu suchen.

»Bleiben Sie!« hörte er plötzlich leise neben sich flüstern.

Litwinows Herz erbebte heftig, er erkannte anfangs kaum diese Stimme; eine ganz eigenthümliche, früher nie gehörte Weichheit erklang in diesen zwei Worten. Er erhob seinen Kopf und blickte sie starr an. Freundlich, ja freundlich ruhte ihr Auge auf ihm.

»Bleiben Sie,« wiederholte sie, »gehen Sie nicht fort, ich will mit Ihnen zusammen sein.« Sie flüsterte noch leiser: »Gehen Sie nicht«,ich will es!«

Nicht begreifend, noch im Stande, sich Rechenschaft abzulegen, näherte er sich ihr und reichte ihr seine Hand.

Sie ergriff sie heftig mit ihren beiden, lächelte, über und über erröthend, und verließ dann rasch das Zimmer.

Einige Augenblicke später erschien sie wieder mit ihrer jüngsten Schwester, blickte ihn wieder lange mit einem nie vorher bei ihr bemerkbaren milden Lächeln an und winkte ihm, sich neben ihr niederzulassen.

Anfangs konnte sie kein Wort hervorbringen, ihre Brust nur wogte hoch auf, ein Seufzer entrang sich derselben, und sie erröthete wieder; dann fragte sie ihn, halb furchtsam und verlegen, nach seinen Beschäftigungen, was sie früher nie gethan hatte.

Am Abend desselben Tages entschuldigte sie sich mehrere Male, daß sie bisher nie verstanden habe, ihn, wie er es verdiene, zu schätzen, wunderte sich über seine plötzlichen republikanischen Gesinnungen (er vergötterte zu jener Zeit gerade Robespierre und wagte es nicht, Marat laut anzuklagen); – eine Woche später wußte er bereits, daß sie ihn liebe.

Ja, lange noch erinnerte er sich jenes Tages, wie er auch die diesem folgenden ebenso nicht vergessen konnte, die ihm ein lange vergebens ersehntes, kaum gehofftes Glück gebracht hatten.

Nun folgten jene lichten, seligen Augenblicke der ersten reinen Liebe, Augenblicke, die sich später nie wieder holen, ein Menschenleben auch vollkommen ausfüllen.

Irina war wie umgewandelt, fromm wie ein Lamm mild und seelengut; sie fing an ihren jüngeren Geschwistern Unterricht zu geben, wiederholte mit ihnen ihre Aufgaben und nahm sich des Hauswesens an; Alles machte ihr Freude. Bald war sie ungemein schwatzhaft, bald saß sie demüthig und schweigend in Nachdenken versunken, bildete verschiedene Pläne für die Zukunft, wenn sie und Litwinow verheirathet, wie fleißig sie arbeiten würde u.s.w.

»Ja, arbeiten,« wiederholte sie, »lesen . . . aber vor Allem reisen!«

Ihre Hauptsehnsucht war, Moskau zu verlassen, und wenn Litwinow ihr vorstellte, daß er erst seine Studien beendigen müsse, so antwortete sie ihm nach einigem Nachdenken, daß er ja das auch und mit größerem Nutzen in Berlin oder sonst irgendwo könne.

Wenig gewöhnt, ihre Empfindungen zu verbergen, waren diese auch sehr bald dem Fürsten und der Fürstin kein Geheimniß mehr.

Sehr erfreut waren diese eben darüber nicht; nachdem sie aber alle Gründe für und gegen überdacht hatten, hielten sie es durchaus nicht für zweckdienlich, sogleich ihr »Veto« einzulegen. Litwinows Vermögen war ziemlich beträchtlich.

»Sein Herkommen nur, sein Herkommen ist nicht wie es sein solltet!« bemerkte die alte Fürstin.

»Freilich,« sagte der Fürst, »er ist nur von jungem Adel, ein Kraut– und Rübenjunker! . . . doch aber immer von Adel und das ist die Hauptsache: Irina wird uns gewiß nie gehorchen, was wir ihr auch sagen mögen. Hat sie nicht von jeher nur das gethan, was ihr in den Kopf kam? Ueberdies kann die Hochzeit ja noch nicht so bald, weder heute noch morgen schon sein; wer weiß, welch ein Zufall noch eine bessere, vornehmere Partie bringen kann.« So urtheilte der Fürst und fügte in Gedanken hinzu: »Pah, nur Madame de Litwinow . . . und weiter nichts! Ich hatte Anderes erwartet.«

Irina beherrschte ihren künftigen Bräutigam vollkommen, und er selbst überließ sich blindlings ihrer Leitung. Er war wie in einen Wasserwirbel gerathen, aus dem er nicht heraus und zu sich kommen konnte. Ob auch Irina die rechte, passende Frau für ihn sei, wie sie ihre Pflichten erfüllen werde, darüber nachzudenken war er nicht im Stande; sein Blut kochte, und nur eins war ihm klar: ihr zu folgen bis an’s Ende der Welt, sie die Seinige zu nennen, es entstehe daraus, was da wolle!

So ganz ohne kleine Unannehmlichkeiten verlief jedoch, trotz der übergroßen Zärtlichkeit Irinens, die Zeit nicht.

So war er einst gerade aus der Universität, im alten Rock und Tintenflecken an den Händen, zu ihr geeilt. Sie herzlich begrüßend, trat er auf sie zu, sie aber hielt ihm die Hand abwehrend entgegen.

»Sie sind ohne Handschuhe,« sagte sie langsam und etwas zurücktretend, »und wie Sie aussehen! Pfui – ein echter Student!«

»Sie sind zu empfänglich für Kleinigkeiten, theure Irina,« antwortete er verlegen.

»Sie sind . . . ein echter Student,« wiederholte sie, »vous n‘etes pas distingué!«

Und ihm den Rücken zuwendend, verließ sie rasch das Zimmer. Freilich kam sie eine Stunde darauf beschämt zurück und bat ihn leidenschaftlich, ihr zu verzeihen.

Ueberhaupt gestand sie ihm gern ihre Fehler und klagte sich selbst an; nur fand sie sonderbarer Weise in sich Mängel, die sie nicht hatte, während sie hartnäckig ihre wirklichen Fehler nicht eingestehen wollte.

Ein anderes Mal traf er sie in bitteren Thränen, den Kopf mit beiden Händen gestützt und mit herabhängenden Locken, und als er sie, ganz aufgeregt, fragte, was ihr Schlimmes begegnet sei, zeigte sie schweigend mit dem Finger auf ihre Brust.

Ein jäher Schreck drang bis in’s Innerste seines Herzens, der Gedanke an »Schwindsucht« durchfuhr s einen Kopf, und er ergriff ihre Hand.

»Du fühlst Dich krank?« fragte er sie mit zitternder Stimme, (bei wichtigen Gelegenheiten nannten sie einander bereits »Du«). »Ich eile zum Arzt . . .«

Aber Irina ließ ihn nicht endigen und stampfte ärgerlich mit dem Fuße, indem sie rief: »Ich bin ganz gesund . . . nur dieses Kleid . . . dieses entsetzliche Kleid . . . begreifen Sie denn nicht?!«

»Ich verstehe nicht, theure Irina . . . was soll das Kleid?«

»Was es soll? Immer eins und dasselbe, . . . kein anderes zu haben und genöthigt zu sein, ohne Ende dieselbe alte Fahne zu tragen . . . selbst wenn Du . . . wenn Sie kommen! . . . Zuletzt wirst Du noch aufhören mich zu lieben, wenn Du mich immer so ärmlich gekleidet siehst!«

»Was fällt Dir ein, Irina, was redest Du? Dein Kleid ist ja wundernett . . . und mir gar doppelt theuer, weil Du es trugst, als ich Dich zum ersten Male sah.« Irina erröthete, indem sie hastig sagte:

»Erinnern Sie mich, bitte, nicht, daß ich schon damals kein anderes hatte.«

»Aber ich versichere Dich, theure Irina, daß Du himmlisch schön in demselben bist, und daß es Dich wunderbar kleidet.«

»Nein, abscheulich, abscheulich!« rief sie erregt und zupfte nervös gereizt an den langen weichen Locken. »Ach Armuth, Armuth! Welch ein trauriges Los, arm zu sein! Und kein Mittel, aus diesem ewigen Elend herauszukommen! Keins!«

Litwinow wußte nicht, was er ihr antworten sollte, und wandte sich verlegen ab.

Plötzlich sprang sie vom Stuhle auf und umschlang leidenschaftlich seinen Nacken mit beiden Armen.

»Aber Du doch, Du liebst mich? Liebst mich, wie ich bin!?« rief sie, Thränen und Lächeln im glänzenden Auge. »Liebst mich selbst in diesem abscheulichen Kleide?«

Litwinow fiel ihr zu Füßen.

»Ach, liebe mich immer, mein Schutzengel, mein Retter!« flüsterte sie, sich zu ihm herabneigend.

So schwanden Tage und Wochen, und immer noch zögerte Litwinow mit seinem förmlichen Antrage bei den Eltern, natürlich nicht aus eigenem Willen, sondern von Tag zu Tag wartend, daß Irina ihn dazu ermächtige.

»Wir sind doch eigentlich noch gar zu jung,« sagte sie ihm, »laß uns noch eine Zeit lang warten, ich will erst etwas vernünftiger, besser und Deiner würdiger werden.«

So wartete er, sich täglich an ihrem Anblick berauschend, und wirklich schien auch die Zeit der Entscheidung immer näher und näher heranzurücken, als plötzlich, wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel, ein Ereigniß eintrat, das alle Wünsche, Hoffnungen und Pläne in leichte Rauchwolken verwandelte, die im Winde verflogen.




Siebentes Capitel


In jenem Jahre besuchte der Hof Moskau. Feste folgten auf Feste; der gebräuchliche, der kaiserlichen Familie zu Ehren angeordnete Ball im adligen Club rückte heran.

Die Ankündigung desselben in den öffentlichen Blättern gelangte auch in das Haus am Hundeplatze.

Der Erste, den diese in Aufruhr setzte, war der alte Fürst. Er beschloß sogleich den Ball zu besuchen und wünschte Irina durchaus mitzunehmen, weil es ja unverzeihlich wäre, wenn sie diese Gelegenheiten vorüberließen, die kaiserliche Familie und den Hof zu sehen. Mit sonst bei ihm ganz ungewöhnlichem Eifer bestand er dieses Mal auf seinen Vorhaben; die Fürstin, obgleich sie zwar über die dadurch verursachten Ausgaben ächzte und jammerte, war im Ganzen auch nicht dagegen, nur allein in Irina fand dieser Entschluß heftigen Widerstand.

»Es ist nicht nöthig, ich werde nicht mitfuhren,« antwortete sie auf die elterliche Aufforderung.

Ihre Hartnäckigkeit war so groß, daß der alte Fürst sich endlich entschloß, Litwinow zu bitten, er möge sie bereden und ihr vorstellen, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, so die Welt zu meiden, und daß sie, ihren Eltern zu gefallen, doch mitkommen möge, da sie ja so schon Niemanden sehe.

Litwinow glaubte dem Fürsten nicht wohl seinen Wunsch abschlagen zu können, und sprach mit ihr.

Irina blickte ihn aufmerksam und prüfend an; so starr blickte sie ihm lange schweigend in’s Auge, daß er verlegen wurde; endlich, mit den Enden ihres Gürtelbandes spielend, fragte sie ihn langsam und gelassen: »Sie wünschen es auch, Sie?«

»Ja,« stotterte Litwinow, »ich glaube – ich meine, Sie sollten dem Wunsche ihrer Eltern nachgeben – ein- mal die Welt sehen – und,« fügte er lächelnd hinzu, »auch sich zeigen.«

»Mich – zeigen-?« wiederholte sie langsam fragend, »Nun wohl, – ich werde mitfahren. – — Nur vergessen Sie nicht, daß Sie es selbst gewünscht haben.«

»Ich? – was eigentlich mich betrifft —,« wollte Litwinow sie unterbrechen.

Sie ließ ihm aber keine Zeit zum Ausreden und fuhr hastig fort:

»Sie haben mich selbst dazu aufgefordert – und, hören Sie, noch eine Bedingung: Sie müssen mir versprechen, den Ball nicht selbst zu besuchen!«

»Warum wünschen Sie aber das?«

»Das ist einmal meine Bedingung, eine weibliche Caprice vielleicht, – genug, ich will es.«

Litwinow verbeugte sich.

»Ich gehorche, – aber ich gestehe, es hätte mir großes Vergnügen gemacht, Sie in Ihrem Triumphe zu sehen, – Zeuge des Eindrucks zu sein, den Sie unfehlbar machen werden – — Wie stolz hätte mich das gemacht!« fügte er seufzend hinzu.

Irina lächelte.

»Die ganze Herrlichkeit wird bei mir in einem weißen Kleide bestehen, und was den Eindruck betrifft – — Nun, kurz und gut, ich will, daß Sie nicht hingehen.«

»Irina, Du scheinst erzürnt?«

Sie lächelte wieder.

»O nein! Ich zürne nicht, – Du nur mit Deiner – —« Wieder heftete sie starr ihren Blick auf ihn, nie hatte sie ihn noch mit einem so sonderbaren Ausdruck angesehen. »Doch wer weiß, vielleicht ist es so Bestimmung,« fügte sie leise hinzu.

»Irina, liebst Du mich auch?«

»So wahr ich lebe und athme,« antwortete sie feierlich, ergriff seine Hand und drückte sie fest, fast männlich.

Die folgenden Tage vergingen unter verschiedenen Vorbereitungen zum Balle.

Am Tage vor dem Balle fühlte sich Irina unwohl, hatte nirgends Ruhe, weinte mehrere Male heimlich, suchte jedoch in Litwinow‘s Gegenwart heiter zu scheinen und war überaus mild und hingebend gegen ihn, wenn gleich etwas zerstreut und oft sich im Spiegel besehend. Am Balltage selbst war sie schweigend, bleich, aber gefaßt.

Gegen neun Uhr des Abends erschien Litwinow, um sie zu bewundern.

Als Irina aus ihrem Zimmer trat, in einem weißen Tüllkleide, einen kleinen blauen Kornblumenkranz im leicht nach oben gekämmtem dichten, vollen Haar, entwand sich ein Ruf der Bewunderung seiner Brust; so majestätisch schön erschien sie ihm, daß sie ihm um vieles älter vorkam.

»Sie scheint seit heute Morgen gewachsen zu sein,« dachte er, »und welch ein Anstand! Was hohe Geburt doch macht!«

Irina stand vor ihm, ungeziert, ohne Lächeln, den Blick fest, doch nicht auf ihn, sondern wie in eine unbestimmte Ferne gerichtet.

»Wie die Königin im Märchen-»sagte endlich Litwinow, »oder besser: wie der Feldherr vor der siegreichen Schlacht . . . Sie haben mir zwar nicht erlaubt, Sie zu begleiten,« fuhr er fort, während sie äußerlich unbeweglich zwar, aber innerlich mit irgend einem andern Gegenstande lebhaft beschäftigt schien, »aber Sie werden mir wohl die Annahme dieser Blumen nicht verweigern?« Und damit reichte er ihr ein Bouquet Heliotropblüthen.

Einen raschen Blick auf Litwinow werfend, erhob sie die Hand und ergriff den Kranz, der ihr Haar schmückte:

»Willst Du? noch ist es Zeit; sage ein Wort, dieser Kranz fällt – und ich bleibe zu Hause.«

Freudig erbebte Litwinow’s Herz, schon fing Irina’s Hand an den Kranz zu lösen.

»Nein, nein, wozu das?« stieß er, ohne zu denken, in einer plötzlichen edlen Anwallung von Vertrauen und ritterlichem Edelmuth hervor, »ich bin kein solcher Egoist; wie sollte ich Dir diese Zerstreuung mißgönnen, da ich ja weiß, daß Dein Herz . . .

»Nun, dann aber kommen Sie mir nicht zu nahe,« unterbrach sie ihn hastig. »Sie bringen mein Kleid in Unordnung.«

Litwinow wurde wieder verlegen.

»Und mein Bouquet? Nehmen Sie es?«

»Sicher! Es ist wunderhübsch, und Sie wissen, ich liebe diesen Geruch. Morei! . . . Ich behalte es zum Andenken . . .«

»An Ihre erste Ausfahrt,« fügte Litwinow hinzu, »an Ihren ersten Triumph!«

Irina blickte über die Schulter in den Spiegel, leicht den Kopf zurückbiegend.

»Bin ich denn wirklich hübsch? Sind Sie nicht vielleicht nur parteiisch?«

Litwinow ergoß sich in Complimenten, auf welche Irina kaum hörte, sondern das Bouquet dicht vor’s Gesicht haltend, ihren inneren Blick in ferne unbekannte Regionen vertiefte.

Der alte Fürst, im weißen Halstuch, das Haar frisirt, im altmodischen Frack mit dem Wladimirbande im Knopfloch, trat jetzt in’s Zimmer, nach ihm die Fürstin im seidenen Chinakleide alten Schnitts, im Gesicht dieselbe hastige Aengstlichkeit, unter welcher die Mütter ihre Aufregung zu verbergen streben, wenn sie ihre Töchter auf Bälle begleiten und indem sie ihnen ohne jede Noth die Falten des Kleides glattstreichen.

Ein alter viersitziger Miethwagen mit zwei mageren, langhaarigen Gäulen bespannt, dessen Räder im Schnee knirschten, fuhr schwerfällig vor, während ein bleicher, hagerer Diener in einer vorsintflutlichen Livree in’s Zimmer trat und in kläglichem Tone meldete, daß der Wagen vorgefahren sei.

Nachdem sie vorher den zu Hause bleibenden Kindern gute Nacht gesagt und segnend das Kreuz über sie geschlagen hatten, hüllten sich die Eltern in ihre alten warmen Pelze und setzten sich in den Wagen, ihnen folgte Irina im leichten kurzen Mäntelchen, – ach, wie verabscheute sie dies alte treue Mäntelchen! – schweigend und ohne sich umzusehen.

Litwinow, der sie hinausbegleitet hatte, hoffte vergebens noch auf ihren Abschiedsgruß, sie setzte sich ihren Eltern gegenüber, ohne weiter auf ihn zu achten.

Gegen Mitternacht ging er unter den Fenstern des adeligen Clubs vorbei. Die zahllosen Lichter der kolossalen Lustres erglänzten hell durch die rothsammtenen Vorhänge, der ganze Platz war mit Equipagen bedeckt, und wie neckend auffordernd ertönten die munteren Klänge eines Strauß’schen Walzers durch die tiefe Nacht!

Gegen ein Uhr am andern Tage begab sich Litwinow zu Ossinins. Er fand nur den alten Fürsten zu Hause, der ihm sogleich damit entgegenkam, daß Irina Kopfschmerzen habe, noch ruhe und erst gegen Abend aufstehen werde, daß übrigens so etwas nach einem ersten Balle ganz natürlich.

»C’est très-naturel, vous savez, dans les jeunes filles,« fügte er in schlechtem Französisch hinzu, wobei Litwinow auffiel, daß er nicht, seiner Gewohnheit nach, im Schlafrock, sondern angekleidet war. »Zudem,« fuhr Ossinin fort, »wie sollte sie so etwas nicht aufgeregt und angegriffen haben, ein so unerhörtes Ereigniß!«

»Ein Ereigniß?« fragte staunend Litwinow.

»Ja,«ja, ein Ereigniß sondergleichen, des vrais événements




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632076) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


