Teverino
George Sand




George Sand

Teverino





I

Vogue la Galére!


Pünktlich beim Rendezvous, verließ Leonce vor Tagesanbruch das Hôtel des étrangers, und noch war die Sonne nicht aufgegangen, als er die schattige, in Bogenlinien sich hinziehende Allee der Villa betrat; die leichten Räder seines deutschen Wagens ließen kaum ihre Spur in dem feinen Sande zurück, in welchem gleicherweise das Getrappel seiner prächtigen Pferde erstarb. Er fürchtete indeß, zu früh gewesen zu sein, als er bemerkte, daß keine Wagenspur derselben Art der seinigen vorhergegangen war und in der Wohnung der eleganten Lady noch tiefes Schweigen herrschte.

Vor der mit Blumen geschmückten Freitreppe stieg er dann ab, befahl seinem Jockey, den Wagen in den Hof zu führen, und nachdem er sich versichert hatte, daß die Krystallglasthüren mit vergoldetem Simswerk im Erdgegeschosse noch geschlossen seien, trat er unter Sabinas Fenster und summte halblaut die Arie aus dem Barbier:

		Ecco ridente il cielo,
		Già spunta la bella aurora . . .
		. . . . E Puoi dormir cosi?[1 - Schon lächelt der Himmel,Schon stralt die Morgenröthe,. . . Und Du schlummerst noch fest?]

Wenige Augenblicke nachher öffnete sich das Fenster, und in einen Burnus von weißem Caschemire gehüllt, hob Sabina den Vorhang etwas in die Höhe und sprach mit lieblich nachlässigem Wesen:

»Ich sehe, mein Freund, daß Sie mein Billet von gestern Abend nicht erhalten haben und folglich nicht wissen, was uns begegnet. Die Herzogin ist übler Laune und erlaubt ihren Liebhabern nicht, ohne sie zu spazieren. Die Marquise muß einen häuslichen Zwist gehabt haben, denn sie gibt sich für krank aus. Der Graf ist es wirklich; der Doktor hat Geschäfte, und so hält mir Niemand Wort und bittet man mich, unsern Plan einer Spazierfahrt auf die nächste Woche zu verschieben.«

»Und so komme ich denn, da Ihr Billet mir nicht zugestellt wurde, sehr ungelegen,« sagte Leonce, »und benehme mich wie ein Provinzbewohner, indem ich Ihren Schlaf störe? Ich schäme mich meiner Unartigkeit so sehr, daß ich keine Worte finde, um mir Verzeihung zu erbitten.«

»Lassen Sie sich das nicht anfechten, ich schlief schon lange nicht mehr. Die Laune aller dieser Damen hatte mich gestern Abend so verdrießlich gemacht, daß nachdem ich ihre dummen Billets ins Feuer geworfen, ich sehr zeitig zu Bette ging und dann vor Wuth einschlief. Ich bin sehr froh, Sie zu sehen, ich sehnte mich nach Jemand, mit dem ich die Vergnügungspläne und Landpartien, die Weltleute und die hübschen Weiber verwünschen könnte.«

»Nun! da müssen Sie dieselben allein verwünschen, denn in diesem Augenblick lobpreise ich sie von Grund der Seele.«

Und über das Fenstergesimse gelehnt, auf welches Sabina sich stützte, kam Leonce in Versuchung, eine ihrer schönen weißen Hände zu ergreifen, allein die ruhig spöttelnde Miene dieser edeln Person hinderte ihn daran und er begnügte sich, auf ihren prächtigen Arm, den der Burnus halb entblößt ließ, einen höchst bedeutungsvollen Blick zuwerfen.

»Leonce,« antwortete sie, indem sie ihren Burnus mit einem anmuthsvollen Ausdruck und Verächtlichkeit zugleich, übereinanderschlug, »wenn Sie mir Fadheiten sagen, so schließe ich Ihnen mein Fenster vor der Nase zu und gehe wieder ins Bett. Nichts macht so schläfrig wie die Langeweile, ich fühle das seit einiger Zeit besonders und glaube, daß wenn es so fortgeht, ich nichts Anderes mehr zu thun habe, als mein Leben der Erhaltung meiner Frische und Wohlbeleibtheit zu widmen, wie es die Herzogin macht. Doch schauen Sie, seien Sie liebenswürdig und befleißen Sie sich Ihrerseits, Ihren gewohnten Geist und guten Geschmack zu erhalten. Wenn Sie mir versprechen wollen, unsrer Uebereinkunft getreu zu bleiben, so können wir den Vormittag angenehmer mit einander zubringen, als es in dieser glänzenden Gesellschaft geschehen wäre.«

»Wenn’s nur an dem fehlt! Verlassen Sie Ihr Heiligthum und kommen Sie, den Sonnenaufgang im Park zu schauen.«

»O! der Park! er ist hübsch, ich gebe es zu; allein er ist eine Hülfsquelle, die ich mir auf die Tage sparen will, wo ich langweilige Besuche zu erdulden habe. Ich führe sie spazieren und genieße die Schönheit dieses Wohnsitzes, statt dummem Geschwätze zu horchen, das ich doch anzuhören die Miene habe. Darum will ich mir die Annehmlichkeiten dieses Aufenthalts nicht schon verderben. Wissen Sie auch, daß es mich sehr reut, die Villa für drei Monate gemiethet zu haben?« Ich bin erst seit acht Tagen hier und langweile mich schon tödtlich an der Gegend und der Nachbarschaft.«

»Schönen Dank! Soll ich gehen?«

»Wozu sich so empfindlich stellen? Sie wissen wohl, daß ich Sie immer von meinem Anathema gegen das Menschengeschlecht ausschließe. Wir sind alte Freunde und werden es immer sein, wenn wir so klug sind, auf einer mäßigen Liebe zu beharren, wie Sie es mir versprochen haben.«

»Ja, nach dem alten Sprichwort:›Sich wenig auf’s Mal lieben, um sich lange zu lieben . . .‹ Doch wie, Sie versprechen mir einen guten Morgen und drohen mir, beim ersten mißbeliebigen Worte das Fenster zu schließen. Ich finde meine Lage nicht angenehm, das erkläre ich Ihnen, und ich kann erst fröhlich athmen, wenn Sie Ihre Festung verlassen haben werden.«

»Wohlan! Sie geben mir eine Stunde zum Ankleiden; während dieser Zeit wird man Ihnen in der Gartenlaube ein Frühstück auftragen. Ich komme dann, den Thee mit Ihnen zu trinken, und wir besinnen uns unterdeß, wie wir den Morgen angenehm zubringen können.«

»Wollen Sie auf mich hören, Sabina? Lassen Sie mich allein auf Etwas sinnen, denn wenn Sie sich drein mischen, so geht der Tag hin, indem ich Ihnen alle Arten von Ergötzungen vorschlage und Sie mir beweisen, daß sie alle eine dümmer und langweiliger als die andere sind. Glauben Sie mir, machen Sie Ihre Toilette in einer halben Stunde ab, frühstücken wir nicht hier, und überlassen Sie’s mir, Sie hinzuführen, wo ich will.«

»Aha! Sie berühren die magische Saite, das Unbekannte! Ich sehe, Leonce, daß Sie allein mich verstehen. Wohlan, ja, ich nehme es an; entführen Sie mich, und fort mit uns.«

Lady G*** sprach diese letzten Worte mit einem Lächeln und einem Blicke aus, die Leonce bis ins Innerste durchbebten.

»O, Sie kälteste der Frauen!« rief er in einer mit Bitterkeit gemischten Fröhlichkeit, »ich kenne Sie wohl, in der That, und ich weiß, daß Ihre einzige Leidenschaft die ist, den menschlichen Leidenschaften zu entfliehen. Wohlan denn, Ihre Kälte gewinnt mich, und ich will Alles vergessen, was mich von dem einzigen Ziele, das wir uns setzen können, von der Phantasie, abbringen kann.«

»Sie geben mir also die Versicherung, daß ich mich heute bei Ihnen nicht langweilen werde? O! Sie Bester der Männer. Sehn Sie, ich spüre schon die Wirkung Ihres Versprechens, wie die Kranken, die sich beim Anblick des Arztes erleichtert fühlen und die zum Voraus durch die Gewißheit, mit der er ihnen Heilung verspricht, geheilt sind. Gut, ich gehorche Ihnen, improvisirter Doktor, spitzfindiger Doktor, bewundrungswürdiger Doktor! Ich kleide mich eiligst an, wir reisen nüchtern ab und gehen . . . wohin Sie’s für gut finden. Welche Equipage soll ich verlangen?«

»Keine, Sie haben sich in Nichts zu mischen, Sie sollen Nichts wissen; ich bin es, der anordnet und befiehlt, weil ich auch der Erfinder bin.«

»Meinetwegen. Das ist köstlich!« rief sie, und ihr Fenster schließend, schellte sie ihren Kammerfrauen, die bald einen schweren Vorhang von blauem Damast zwischen ihr und Leonces Blicken niederließen.

Er ging, einige Befehle zu ertheilen, dann kam er wieder, setzte ich unweit von Sabinas Fenster auf das Fußgestell einer Statue und überließ sich seinen Träumereien.

»Ei!« rief Lady G*** nach Verfluß einer halben Stunde, indem sie ihm leicht auf die Schulter klopfte. »Sie sind mit unserer Reise nicht mehr beschäftigt, als so? Sie versprechen mir wundervolle Erfindungen, unerhörte Ueberraschungen, und nun sitzen Sie gleich einer Bildsäule da und sinnen nach, wie ein Mensch, der noch Nichts gefunden hat?«

»Alles ist bereit,« sagte Leonce aufstehend und Sabina’s Arm in den seinigen legend. »Mein Wagen erwartet Sie und ich habe bewundrungswürdige Dinge ersonnen.«

»Gehen wir so unter vier Augen mit einander?« bemerkte Lady G***.

»Das ist eine Regung von Koketterie, der ich Sie nicht fähig hielt,« dachte Leonce. »Nun, benützen will ich’s nicht . . . Wir nehmen die Negerin mit,« antwortete er.

»Warum die Negerin?« fragte Sabina.

»Weil sie meinem Jockey gefällt. In seinem Alter erscheinen alle Frauen weiß, und unsere Reisegefährten dürfen sich nicht langweilen, sonst würden sie uns langweilen.«

Wenige Augenblicke nachher hatte der Jockey die Befehle seines Herrn erhalten, ohne daß Sabina sie hörte. An seiner Seite auf dem breiten, niedern Sitz des Charabancs lächelte ihm die mit einem großen, weißen Sonnenschirm bewaffnete Negerin zu. Lady G*** lag, nachlässig ausgestreckt im Hintergrunde, und ihr gegenüber saß ehrerbietig Leonce, der die Landschaft betrachtete und schwieg; seine Pferde eilten wie der Wind dahin.

Es war das erste Mal, daß Sabina mit Leonce ein Zusammensein unter vier Augen wagte, das länger und traulicher sein konnte, als sie sich’s Anfangs vorgestellt hatte. Ungeachtet eine einfache Spazierfahrt im Plan lag und die beiden jungen Diener zugegen waren, die ihnen den Rücken wandten und viel zu lustig mit einander plauderten, um sich einfallen zu lassen, die Unterhaltung ihrer Gebieter zu behorchen, fühlte Sabina, daß sie doch zu jung sei, als daß diese Lage nicht einer Unbesonnenheit gliche; sie dachte daran, als sie das letzte Gitter des Parks hinter sich hatten.

Leonce schien indeß so wenig geneigt, aus seiner Rolle Vortheil zu ziehen, er war so ernst und so ganz in das Schauspiel des Sonnenaufgangs vertieft, der ein Lichtmeer über die Landschaft auszuströmen begann, daß sie ihre Verlegenheit nicht an den Tag zu legen wagte, und im Gegentheil sie überwinden zu müssen glaubte, um so ruhig, wie er, zu scheinen.

Sie fuhren einen steilen Weg hinan, von welchem aus man den ganzen Umkreis des grünenden Thales, den Lauf der Waldströme und die mit ewigem Schnee bedeckten Berge übersah, welche die ersten Sonnenstralen in Purpur und Gold tauchten.

»Das ist herrlich!« sagte endlich Sabina, einen Ausruf Leonce’s beantwortend; »aber wissen Sie, daß bei Gelegenheit dieses Sonnenaufgangs ich wider Willen an meinen Mann denke?«

»Wirklich, bei dieser Gelegenheit!« sagte Leonce, »wo ist er?«

»Ach, er ist ja auf der Villa; er schläft.«

»Und erwacht er zeitig?«

»Je nachdem Lord G*** ist, je nach dem Quantum Wein, das er beim Nachtessen getrunken, mehr oder weniger früh. Und wie kann ich es wissen, weil ich mich jener englischen Regel unterworfen habe, die eine so prächtige Erfindung ist, um die Frauen zu hindern, die Unmäßigkeit der Männer in Schranken zu halten?«

»Aber im Mittelpunkt des Tages?«

»Zu Mittag. Da werden wir wieder bei Hause sein?«

»Ich weiß nicht, Madame, das hängt nicht von Ihrem Willen, ab.«

»Ist’s wahr? Ich höre Sie gern so scherzen; das schmeichelt meinem Verlangen nach dem Unbekannten, Neuen. Doch im Ernste, Leonce? . . .«

»Im vollen Ernste, Sabina, ich weiß nicht, um wie viel Uhr Sie heimkommen. Sie haben mich ermächtigt, die Anwendung Ihres Tages zu bestimmen.«

»Nicht doch! Nur die meines Morgens.«

»Um Verzeihung! Sie haben die Dauer Ihrer Spazierfahrt nicht beschränkt, und bei meinen Plänen bin ich nicht von dem Recht abgestanden, nach Maßgabe meiner Phantasie zu erfinden. Wenn Sie meinem Genie Zügel anlegen, so stehe ich für Nichts mehr.«

»Was soll das heißen?«

»Daß ich Sie Ihrem Todfeinde, der Langeweile überlassen werde.«

»Welche Tyrannei! Wenn aber am Ende durch einen seltsamen Zufall Lord G*** gestern Abend nüchtern geblieben wäre? . . .«

»Mit wem hat er zu Nacht gegessen?«

»Mit Lord H***, mit Herrn D***, mit Sir I***, kurz mit einem Halbdutzend seiner lieben Landsleute.«

»In diesem Fall seien Sie ruhig, er wird vorerst die Sonnenuhr ihre Runde machen lassen.«

»Wenn Sie sich aber täuschen?«

»Ach, Madame, wenn Sie schon an der Vorsehung, das heißt, an mir zweifeln, der ich heute an Gottes Stelle über ihr Schicksal wache, wenn der Glaube Ihnen mangelt, wenn Sie vor- und rückwärts schauen, so entwischt uns der gegenwärtige Augenblick und mit ihm meine Allmacht.«

»Sie haben Recht, Leonce, ich lasse durch diese Erinnerungen an das wirkliche Leben meine Einbildungskraft erlöschen. Meinethalben! erwache Lord G*** wenn er wolle; frage er mir nach, erfahre er, daß ich mit Ihnen im Land umherkutschire, was thuts?«

»Erstens ist er ja nicht eifersüchtig auf mich.«

»Er ist auf Niemand eifersüchtig, aber der Anstand, aber die britische Prüderie!«

»Was wird er im schlimmsten Falle thun?«

»Er wird den Tag verwünschen, wo er sich’s in den Kopf gesetzt, eine Französin zu heiraten, und während wenigstens drei Stunden jede Gelegenheit ergreifen, die Reize von Albions großen Puppen herauszustreichen. Er wird zwischen den Zähnen murmeln, daß England die erste Nation des Weltalls sei, daß die unsere ein Narrenhospital sei, daß Lord Wellington Napoleon übertreffe und daß die Docks von London besser gebaut seien, als Venedigs Paläste.«

»Ist das Alles?«

»Ist es nicht genug? Solche Dinge anhören zu müssen, ohne ihn auszulachen und ihm widersprechen zu dürfen?«

»Und was begegnet dann, wenn Sie Ihr verächtliches Schweigen brechen?«

»Dann speist er mit Lord H***, mit Sir I***, mit Herrn D*** und schläft nachher vierundzwanzig Stunden lang.«

»Haben Sie ihn gestern erzürnt?«

»Sehr. Ich habe ihm gesagt, sein englisches Pferd mache eine dumme Miene.«

»In diesem Fall seien Sie doch ruhig, er wird bis Abends schlafen.«

»Stehen Sie dafür?«

»Ich befehle es.«

»Wohlan denn, Vivat! mögen seine Lebensgeister in Frieden ruhen und seine Ehe eine leichte sein! Wissen Sie Leonce, daß das ein abscheuliches Joch ist?«

»Ja, es gibt Männer, die ihre Frauen schlagen.«

»Das ist noch Nichts; es gibt Andere, die sie vor Langeweile zu Grunde gehen lassen.«

»Ist also das die ganze Ursache Ihres Spleens? Ich glaube es nicht, Mylady.«

»O! nennen Sie mich nicht Mylady, sonst ist mir, ich sei eine Engländerin. Es ist genug, daß, wenn ich in England bin, man mich überzeugen will, mein Mann habe mich denationalisirt.«

»Sie beantworten aber ja meine Frage nicht, Sabine?«

»Ei! was kann ich antworten? Weiß ich die Ursache meines Uebels?«

»Soll ich sie Ihnen sagen?«

»Sie haben mir’s schon hundertmal gesagt, kommen wir nicht unnützerweise darauf zurück.«

»Verzeihung, Verzeihung, Madame. Sie haben mich einen spitzfindigen, bewundrungswürdigen Doktor geheißen, Sie haben mich mit dem Rechte bekleidet, Sie zu heilen, und wär’ es auch nur für einen Tag . . .«

»Mich zu heilen, indem Sie mir Vergnügen schaffen, und was Sie mir sagen wollen, wird mich langweilen, ich weiß es.«

»Leere Ausflucht einer Schamhaftigkeit, die ein zärtlicher Liebhaber reizend fände, Ihr gestrenger Arzt aber höchst kindisch findet.«

»Wohlan, ich ziehe vor, wenn Sie spröde und grob sind. So reden Sie denn.«

»Der Mangel an Liebe verbittert Sie, Ihre Langeweile ist Sehnsucht nach dem Leben und nicht Lebensüberdruß, Ihr übertriebener Stolz verräth eine unglaubliche Schwäche. Sie müssen lieben, Sabina.«

»Sie sprechen vom Lieben, als ob es so leicht wäre, wie ein Glas Wasser zu trinken. Ist es mein Fehler, wenn Niemand mir gefällt?«

»Allerdings ist es Ihr Fehler! Ihr Geist hat eine üble Richtung genommen, Ihr Charakter sich verbittert, Sie haben Ihrer Eigenliebe geschmeichelt und achten sich fortan so hoch, daß Ihnen Niemand Ihrer würdig erscheint. Sie finden, ich sage Ihnen tüchtige Derbheiten, nicht wahr? Würden Sie etwa Fadheiten vorziehen?«

»O! ich finde Sie heute im Gegentheil allerliebst!« rief Lady G . . ., über deren Gesicht dennoch etwas Unmuth geflogen, lachend. »Wohlan denn, hören Sie meine Rechtfertigung und nennen Sie mir Jemand, der mir Unrecht gebe. Ich finde alle Menschen, welche die Gesellschaft mit mir in Berührung bringt, entweder eitel und dumm, oder verständig und kalt wie Eis. Die Einen bemitleide, die Andern fürchte ich.«

»Sie haben nicht Unrecht. Warum suchen Sie nicht außerhalb der Gesellschaft?«

»Kann denn eine Frau suchen? Pfui doch!«

»Man kann ja bisweilen spazieren, antreffen und nicht zu sehr fliehen.«

»Nein, man kann nicht außerhalb der Gesellschaft spazieren, die Gesellschaft folgt uns überall, wenn man zur großen Welt gehört. Und dann, wer ist außerhalb dieser Welt? Bürger, eine gemeine und unverschämte Race; Pöbel, eine viehische und schmutzige Race; Künstler, eine ehrgeizige und höchst selbstsüchtige Race. All dies ist nicht besser als wir, Leonce. Und dann, wenn ich doch beichten soll, will ich Ihnen sagen, daß ich ein wenig an die Vortrefflichkeit unsers Patriezierblutes glaube. Wenn nicht Alles am Menschengeschlechte ausgeartet und verdorben wäre, so könnte man da noch hoffen, erhabene Typen und auserlesene Naturen zu finden. Ich glaube, daß die Zukunft Umgestaltungen bringen wird, aber jetzt sehe ich noch das Siegel der Knechtschaft auf allen diesen erst freigewordenen Stirnen. Ich hasse, verachte und fürchte sie nicht, diese Race, die, wie man sagt, uns verjagen wird; ich gebe meine Einwilligung dazu. Ich könnte Achtung, Ehrfurcht und Freundschaft für gewisse Plebejer fühlen; allein meine Liebe ist eine zarte Blume, die nicht im ersten, besten Erdreich gedeiht; ich habe Marquisenerven; ich werde mich nie ändern und nie umbilden lassen. Je mehr ich der künftigen Gleichheit Anerkennung verschaffe, desto weniger fühle ich mich fähig, zu lieben und zu hätscheln, was die Ungleichheit in der Vergangenheit befleckt hat . . .

»Das ist meine ganze Theorie, Leonce; Sie haben daher keinen Grund, mir zu predigen. Soll ich barmherzige Schwester werden? Nichts lieber, als meine Abneigung gegen die Barmherzigkeit überwinden, Sie wollen aber, daß ich das Glück der Liebe da suche, wo ich nur Opfer zu bringen habe und Buße üben sehe!«

»Ich werde Ihnen Nichts vorpredigen, Sabine; ich bin weder mehr noch weniger als Sie Werth; nur glaube ich, wärmere Neigungen als Sie und ein heißeres Verlangen nach Menschenwürde zu haben, und diese ächte Glut ist über mich gekommen, als ich mich Künstler fühlte. Von jenem Tage an ist mir das Menschengeschlecht nicht als in verschiedene Kasten getheilt, sondern mit erhabenen Typen durchsät, erschienen. Ich halte daher die Gewohnheit nicht für so einflußreich auf die Seelen, die göttliche Macht nicht für so zerstörerisch, daß sie die Nachkommenschaft der Sklaven auf immer mit Elend schlagen kann. Wenn es Gott gefällt, daß die Fornarina schön ist und Raphael Genie hat, so lieben sie sich, ohne nach dem Namen ihrer Vorfahren zu fragen. Schönheit der Seele und des Körpers, das ist edel und achtungswerth, und wenn auch der wilde Rosenstrauch aus Brombeerstauden hervorgewachsen ist, so ist seine Blume nicht desto weniger wohlriechend und lieblich.«

»Ja, aber um ihren Duft einzuathmen, müssen Sie sich in dem wilden Gestrüpp zerreißen. Und dann, Leonce, können wir ideale Schönheit nicht gleicherweise auffassen: Sie sind ein Mann und Künstler, das heißt, Sie haben ein zugleich materielleres und überspannteres Gefühl der Form; Ihre Kunst ist materialistisch. Sie ist der göttliche Raphael, welcher in die kräftige Fornarina verliebt ist. Nun ja, auch die Geliebte des Titian scheint mir ein schönes, dickes, sinnliches, keineswegs idealisches Weib. Wir Andern, wir Patrizierinnen, wir begreifen nicht . . . Doch, großer Gott! da kommt uns eine Equipage entgegen, die ganz der der Marquise gleicht!«

»Und sie ist es selbst, mit dem jungen Doktor!«

»Sehn Sie, Leonce, dieß ist eine Frau, die leichter zu befriedigen ist, als ich! Wir ertappen sie auf einer Intrigue. Sie gab sich für krank aus und da spaziert sie nun mit . . .«

»Mit ihrem Arzte, wie Sie mit dem Ihrigen, Madame. Sie macht sich Vergnügen auf ärztlichen Befehl hin.«

»Ja, aber Sie sind nur der Arzt meiner Seele . . .«

»Sie sind grausam, Sabina! wie wissen Sie, daß dieser schöne junge Mann sich nicht vielmehr an ihr Herz als an ihre Sinne wendet? . . . Und wenn sie eben so übel von Ihnen dächte, wäre sie nicht höchst ungerecht, weil ich, der ich mit Ihnen unter vier Augen bin, mich weder an Ihr Herz wende, noch . . .«

»Gerechter Himmel! Leonce, Sie erinnern mich daran. Sie ist boshaft, sie muß sich durch das Beispiel Anderer rechtfertigen . . . sie wird an uns vorüberkommen. Sie ist dreist; statt sich zu verbergen, wird sie uns beobachten, mich erkennen . . . es ist vielleicht schon geschehn.«

»Nein, Madame,« antwortete Leonce, »Ihr Schleier schützt Sie, und noch ist die Marquise nicht nah; überdieß . . . Den Weg zur Linken, nach St. Apollinaire, eingeschlagen!« rief er dem Jockey zu, der ihm als Kutscher diente und rasch und entschlossen die Pferde lenkte.

Die Wurst bog in einen schattigen Hohlweg ein und mehrere Minuten nachher fuhr die Kalesche der Marquise auf der Landstraße vorüber.

»Sie sehen, Madame,« sagte Leonce, »daß die Vorsehung heute über Sie wacht und in mir zu Fleisch geworden ist. Man kann oft lange in diesen Bergen kreuzen, ohne einen für den Wagen fahrbaren Nebenweg zu finden, und da hat sich im Augenblick, als Sie zu fliehen wünschten, ein solcher wie durch ein Wunder aufgethan.«

»Das ist in der That so wunderbar,« antwortete Lady G*** lächelnd, »daß ich zu glauben versucht werde, Sie haben denselben vermittelst einer Zauberruthe geöffnet und gebahnt. Ja, da waltet ein Zauber ob! Welch schöne blühende Hecken und welch herrliche Schatten! Ich bewundere Sie, wie Sie an Alles denken konnten, selbst an das, uns hier Blumen und Schatten zu geben, was uns an der Bergeshalde mangelte. Diese hundertjährigen Kastanienbäume, die Sie hierher verpflanzt, sind prachtvoll. Man sieht wohl, Leonce, daß Sie ein großer Künstler sind und Nichts nur halb schaffen können.«

»Sie sagen ja allerliebste Dinge, Sabina. Aber Sie sind blaß wie der Tod! Welche Furcht Sie doch vor Andrer Meinung haben! wie konnte dieses Zusammentreffen und diese Gefahr eines Argwohns Ihnen solches Entsetzen verursachen? Ich hätte nie geahnt, daß eine so starke und so stolze Person so schüchtern sein könnte!«

»Man lernt sich nur auf dem Lande kennen, sagen die Weltleute. Das will so viel heißen als, man kenne sich nur beim Beisammensein unter vier Augen. Somit, Leonce, werden wir uns diesen Morgen gegenseitig viele Eigenschaften und viele Fehler entdecken, die wir noch nie aneinander bemerkt hatten. Ob meine Schüchternheit Tugend oder Schwäche ist, weiß ich nicht.«

»Sie ist Schwäche.«

»Und das verachten Sie?«

»Ich tadle es vielleicht. Wenigstens finde ich die Erklärung, dieser raffinirten Neigungen, dieser Gewohnheit übertriebener Verachtung darin, wovon Sie mir soeben sprachen. Sie sind vielleicht über Sie selbst nicht recht im Klaren. Sie schreiben vielleicht der ungemeinen Delikatesse Ihrer aristokratischen Begriffe zu, was in Wahrheit nur Furcht vor dem Tadel und Hohn Ihresgleichen ist.«

»Meinesgleichen sind auch Ihresgleichen, Leonce; kümmern Sie sich denn gar Nichts um die Meinung Anderer? Sollte ich eine Wahl treffen, deren ich mich schämen müßte? Das wäre mir wunderlich.«

»Das wäre nur zu wunderlich und ich denke an so Was gar nicht. Allein eine stärker ausgesprochene, eine kühne Unabhängigkeit schien mir eine köstliche Hülfsquelle für Sie, und ich sehe, daß Sie diese nicht besitzen. Es ist hier nicht mehr die Frage, in welcher Sphäre man wählen solle; ich sage nur, daß im Allgemeinen, welche Wahl Sie auch treffen möchten, Sie mehr mit dem Urtheil, das man über Sie fällen würde, als mit den Genüssen, die Sie für Ihre Person daraus zögen, beschäftigt wären.«

»Das glaube ich nicht; auch übersteigt dies die Grunze der herben Wahrheiten, Leonce; es ist eine boshafte Neckerei, ein System übelwollender Beschuldigungen.«

»Ei, da fangen wir ja an, uns zu zanken,« sagte Leonce. »Alles geht gut; wenn es mir gelingt, Sie gegen mich aufzubringen, so werde ich wenigstens die Langweile entfernt haben.«

«Wenn die Marquise unsre Unterhaltung hörte,« sagte Sabina mit zurückkehrender Heiterkeit, »so fände Sie vermuthlich Nichts daran zu tadeln?«

»Da sie dieselbe aber nicht hört und wir andere Zusammentreffen haben können, so ist es gut, wenn wir unserm Beisammensein unter vier Augen ein Ende machen und uns mit einigen Reisegefährten umgeben.«

»Fangen Sie nun Ihrerseits an, übelgelaunt zu werden, Leonce?«

»Keineswegs; allein es liegt in meinen Absichten, Ihnen einen ehrbarern Begleiter, als ich bin, zu geben; ich sehe, daß er mir entgegenkommt. Das Schicksal, wo nicht meine Zaubergewalt, führt ihn an diesen Ort.«

Auf ein Zeichen seines Gebieters hielt der Jockey seine Pferde an. Leonce sprang leichtfüßig aus dem Wagen und lief dem Pfarrer von St. Apollinaire entgegen, welcher, ein Brevier in der Hand, am Eingang seines Dorfes ernst dahinwandelte.




II

Begegne, was da wolle!


»Herr Pfarrer,« sagte Leonce, »es thut mir zu leid, Sie stören zu müssen. Ich weiß, daß wann der Priester im Lesen seines Breviers unterbrochen wird, er wieder von vorn anfangen muß, und wäre er auf der zweitletzten Seite. Ich sehe indeß mit Vergnügen, daß Sie bloß auf der zweitersten sind, und der Grund, welcher mich zu Ihnen führt, ist so dringend, daß ich mich Ihrer Barmherzigkeit empfehle, um meine Unbescheidenheit zu entschuldigen.«

Der Pfarrer stieß einen Seufzer aus, schloß sein Brevier, nahm die Brille ab und seine großen blauen, keineswegs geistlosen Augen zu Leonce aufschlagend, sagte er:

»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?’

»Mit einem jungen, aufrichtigen Manne, der Ihnen einen sehr zarten Fall vortragen muß,« antwortete ernst Leonce. »Diesen Morgen überredete ich in höchster Unschuld eine junge Dame, die Sie in dem offenen Wagen da unten bemerken werden, mit mir eine Spazierfahrt in Ihrem hübschen Gebirge zu machen. Wir Beide sind mit den Sitten des Landes unbekannt; unsere Gefühle für einander sind die einer geschwisterlichen Freundschaft; die Dame verdient alle Achtung und Ehrerbietung; allein unterwegs stiegen ihr Bedenken auf, denen ich mich unterziehen mußte. Sie sagt, die Bewohner der Gegend könnten sich über sie aufhalten, wenn man sie so allein mit einem jungen Manne umherziehen sähe, und die Furcht, Skandal zu erregen, beherrscht nun ihr Gemüth so lebhaft, daß ich den glücklichen Zufall, der Sie uns entgegenführt, als eine Fügung des Himmels betrachte. Ich habe mich daher entschlossen, Sie für eine oder zwei Stunden um die Vergünstigung Ihrer Gesellschaft bei unserer Spazierfahrt zu bitten, oder daß Sie die Dame wenigstens mit mir nach Ihrer Wohnung zurückbegleiten möchten. Sie sind schon so gut, daß Sie eine liebenswürdige Person nicht einer wahrhaft erbaulichen Vergnügungspartie berauben wollen, da es sich für uns hauptsächlich darum handelt, den Ewigen in der Betrachtung seines Werkes, der schönen Natur, zu preisen.«

»Aber, mein Herr,« sagte der Pfarrer, welcher etwas Mißtrauen zeigte und den Wagen aufmerksam betrachtete, »Sie sind nicht allein, Sie haben ja noch zwei andere Personen bei Ihnen.«

»Es ist unsere Bedienung, die mitzunehmen ein instinktartiges Gefühl von Schicklichkeit uns veranlaßt hat.«

»Nun, dann sehe ich auch nicht, was Sie von bösen Zungen fürchten können. Man thut vor seinen Dienern nichts Böses.«

»Die Anwesenheit der Bedienten zählt im Sinne der Weltleute für Nichts.«

»Das zeigt allzu große Verachtung für Leute, die unsere Brüder sind.«

»Sie sprechen würdig, Herr Pfarrer, und ich bin Ihrer Meinung. Sie werden indeß zugeben, daß wie diese den Wagensitz einnehmen, man vermuthen könnte, ich schwatze zärtliche Dinge an die Dame hin und nehme ihr bisweilen die Hand, um sie verstohlen zu küssen.«

Der Pfarrer machte eine Bewegung des Schreckens, es geschah indeß nur der Form wegen, sein Gesicht verieth keine Bewegung. Er war über das Alter hinaus, wo glühende Gedanken den Priester quälen. Oder möglich wäre auch, daß er sich nicht immer dermaßen der Enthaltsamkeit beflissen, um das Leben zu hassen und das Glück zu verdammen. Leonce ergötzte sich, zu sehen, wie seine angeblichen Bedenken diesem Manne kindisch erschienen.

»Wenn’s nur das ist,« entgegnete das gute Männchen, »so können Sie ja die Schwarze zwischen Sie Beide, in den Wagen setzen. Ihre Gegenwart wird den Dämon der Verleumdung in die Flucht jagen.«

»Das ist nicht der Brauch,« sagte der junge Mann, über die gescheidte Ausflucht des alten Priesters verlegen. »Das erschiene als Ziererei.›Die Gefahr ist also sehr groß!‹ würden Boshafte denken,›weil sie genöthigt sind, eine garstige Negerin zwischen sich zu setzen.‹ Die Anwesenheit eines Priesters dagegen heiligt Alles. Ein würdiger Pfarrer, wie Sie, ist der natürliche Freund aller Gläubigen, und Jedermann muß begreifen, daß man dessen Gesellschaft sucht.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, mein werther Herr, und mit Freuden wollte ich Ihnen gefällig sein,« antwortete der Pfarrer, nach und nach geschmeichelt und verführt; »allein ich habe meine Messe noch nicht gelesen und eben läutet das erste Zeichen. Geben Sie mir zwanzig Minuten Zeit . . . oder besser noch, hören Sie die Messe an. Es ist während der Woche nicht obligatorisch, doch kann es Nichts schaden; Sie gestatten mir hernach, zu frühstücken, und dann machen wir eine Spazierfahrt miteinander, wenn’s Sie’s wünschen.«

»Wir werden die Messe anhören,« antwortete Leonce, »doch gleich nachher nehmen wir Sie zu einem Frühstück auf dem Lande mit.«’

»Da werden sie sehr schlecht frühstücken,« bemerkte lebhaft der Pfarrer, welchem diese Idee ernstlicher als alles Vorangegangene erschien, »man findet nichts Rechtes in diesem eben so armen als malerischen Lande.«

»Wir haben trefflichen Wein und ziemlich ausgesuchte Lebensmittel im Kutschentroge,« entgegnete Leonce. »Wir hatten mit mehreren Personen ein Mahl im Freien verabredet und Jedes der Gesellschaft sollte Etwas dazu beitragen. Da aber mit Ausnahme meiner Niemand Wort gehalten hat, so bin ich nun für die kleine Zahl von Gästen, die wir sind, ziemlich gut versehen.«

»Das ist was Anderes,« sagte der Pfarrer, nun völlig entschlossen. »Ich sehe, daß Sie eine hübsche Partie im Gange hatten und sie ohne mich durch die Verlegenheit dieses gefährlichen Beisammenseins unter vier Augen gestört würde. Ich will sie Ihnen nicht verderben, ich gehe mit, vorausgesetzt, daß es nicht zu fern sei, denn an Geschäften mangelt es hier nicht. Dem Einen gefällt es, zu werden, dem Andern zu sterben, und das fängt alle Tage wieder von vorn an. Gehen Sie, benachrichtigen Sie Ihre Dame, ich eile in meine Kirche.«

»Wohlan denn,« sagte Sabina, welche Leonce’s Rückkehr erwartend, aus der Kutschentasche ein Buch hervorgelangt hatte und im Wilhelm Meister blätterte. »Ich glaubte, Sie hätten mich vergessen und tröstete mich mit dieser bewunderungswürdigen Erzählung darüber.«

»Ich hatte es für Sie mitgebracht,« sagte Leonce, ich wußte, daß sie dasselbe noch nicht kennen und es die Lectüre ist, deren Sie in diesem Augenblicke bedürfen.«

»Das sind ja allerliebste Aufmerksamkeiten; doch was beginnen wir jetzt?«

»Wir gehen in die Messe.«

»Seltsamer Einfall!«

»Gedenken Sie mich zu ergötzen, indem Sie mich anhalten, mein Seelenheil zu fördern?«

»Es ist Ihnen untersagt, meine Gedanken zu erforschen und meine Absichten errathen zu wollen. Vom Augenblicke an, wo Ihr Unbekanntes nicht mehr in meinem Gehirn allein lebt, werden Sie mich Nichts von Allem, was ich unternommen, zu Ende führen lassen.«

»Das ist wahr. Gehen wir daher in die Messe; aber was wollten Sie nur mit diesen! Pfarrer anfangen?«

»Ei, ei, immer fragen, wenn Sie wissen, daß das Orakel stumm sein muß.«

»Ihre Wunderlichkeiten beginnen mich zu interessiren. Ist es mir nicht erlaubt, zu suchen, daß ich verstehe?«

»Warum nicht! ich lauft nicht Gefahr, errathen zu werden.«

Die Wurst fuhr durch den Weiler und hielt vor der ländlichen Kirche an. Sie war gewöhnlich in den Wochenmessen beinahe leer; allein sobald die beiden edlen Reisenden eingetreten waren, füllte sie sich mit neugierigen Weibern und Kindern. Die Mehrzahl davon kehrte indeß bald wieder unter die Vorhalle zurück, um die Pferde zu bewundern, den Wagen zu berühren und besonders die Negerin zu betrachten, die ihnen ein mit Spott und Schreck vermischtes Staunen verursachte.

Der Sakristan wies Sabina und Leonce die Ehrenbank an. Die Bergluft ist so scharf, daß der Pfarrer schon Hunger hatte und seine Messe nicht in die Länge zog.

Lady G*** hatte aus andern alten Erbauungsscharteken, die zerstreut auf dem Betstuhle umherlagen, mit den Fingerspitzen ein ehrwürdiges Meßbuch hervorgelangt. Sie schien sehr andächtig; allein Leonce bemerkte bald, daß sie immer Wilhelm Meister unter ihrem Shawl hielt, daß sie diesen nach und nach auf das vor ihr geöffnete Meßbuch schob und ihn endlich während des confiteor aufmerksam las.

Er kniete nun auf das Fußbänkchen zu ihr hin und sagte leise:

»Ich wette, daß dieser einfältige Pfarrer und die guten Leute da, welche Sie anschauen, von Ihrer Frömmigkeit erbaut sind, Sabina! Ich aber sage mir, daß Sie nur die Außenseite einer Religion achten, an welche Sie nicht mehr glauben.«

Sie antwortete ihm blos durch Hinweisung auf das Wort Pedant, welches sich in Betreff einer der Personen der umherziehenden Truppe im Wilhelm Meister an mehreren, Stellen vorfindet.

»Sie wissen wohl, daß ich keine Betschwester bin,« sagte sie nach der Messe zu ihm, während sie mit einander durch das mit kleinen Kapellen umgebene Schiff der Kirche schritten, »ich habe die Religion meiner Zeit.«

»Das heißt, Sie haben keine Religion?«

»Ich glaube im Gegentheil, es sei kein Zeitalter religiöser gewesen, in dem Sinne nämlich, daß die großen Geister gegen die Vergangenheit ankämpfen und nach der Zukunft streben. Allein die Gegenwart kann in keinem Tempel Schutz suchen. Warum führten Sie mich in diesen hier?«

»Gehen Sie nicht sonntäglich in die Messe?«

»Es ist dies Sache des Anstandes und um nicht die Rolle des Freigeistes zu spielen. Der Sonntag hat religiöse Verpflichtungen und demzufolge einen Weltbrauch aufgestellt.«

»Ach! Sie sind Heuchlerin.«

»In der Religion? Nicht doch. Ich verberge Niemanden, daß ich einer Gewohnheit gehorche.«

»Sie haben sich aus dieser profanen Welt einen Gott geschaffen, und finden es leicht, diesem zu dienen.«

»Leonce, sollten Sie ein Betbruder sein?« sagte sie, ihn anschauend.

»Ich bin Künstler,« antwortete er; »ich fühle überall die Gegenwart Gottes, selbst vor diesen rohen Bildern des Mittelalters, die den Ort, in welchem wir uns befinden, irgend einem barbarischen Götzentempel ähnlich machen.«

»Sie sind gottloser, als ich; diese schrecklichen Fetische, diese cynischen Votivtafeln machen mir Furcht.«

»Ich sehe, die Vergangenheit ist Ihnen ein Schrecken; sie verderbt Ihnen die Gegenwart. Daß Sie doch die Zukunft nicht verstehen können! Sie lebten im Ideal.«

»Da, Künstler, schauen Sie hin!« sagte Sabina, seine Aufmerksamkeit auf eine im schaurigen Hintergrund einer Todtenkapelle auf dem Pflaster knieende Figur lenkend.

Es war ein junges Mädchen, beinahe noch ein Kind, ärmlich; obwohl reinlich gekleidet. Sie war nicht hübsch, allein ihr Gesicht hatte einen ergreifenden Ausdruck und ihre Haltung einen seltsamen Adel. Ein in das feuchte Gewölbe, worin sie betete, verirrter Sonnenstral fiel auf ihren rosigen Nacken und eine prächtige Flechte hellblonder, fast weißlicher Haare, die festanliegend um ein kleines, von rothem, mit verblichenem Golde gestickten Sammt und nach Landessitte mit schwarzen Spitzen verziertes Häubchen geschlungen waren. Sie war trotz des matten Tons ihrer Haare von blühender Gesichtsfarbe. Das helle Blau ihrer Augen erschien unter ihren mattgoldenen, in’s Silber spielenden Wimpern noch glänzender. Ihr allzu kurzes Profil hatte Linien von außerordentlicher Feinheit und Energie.

»Ei, ei, Leonce, vergessen Sie sich nicht allzusehr in dieser Beschauung,« sagte Sabina zu ihrem Begleiter, welcher wie versteinert vor dem Landmädchen stand, »nur mit mir allein müssen Sie heute beschäftigt sein; wenn Sie zerstreut werden, so bin ich verloren, so langweile ich mich.«

»Ich denke nur an Sie, während ich diese anschaue. Schauen Sie sie auch an. Sie müssen das verstehen.«

»Das? Das ist der blinde und dumme Glaube, es ist die noch lebende Vergangenheit, es ist das Volk. Das ist merkwürdig für den Künstler, ich aber bin Poet und bedarf mehr, als des Seltsamen, ich bedarf des Schönen . . . Diese Kleine ist häßlich.«

»Sie verstehen eben Nichts davon. Sie ist in Bezug auf den seltenen Typus, welchem sie angehört, schön.«

»Albions Typus.«

»Nein! Es ist Rubens Farbe mit dem strengen Ausdruck der niederländischen Jungfrauen. Und die Haltung?«

»Ist steif wie die Zeichnung der ältern Meister. Sie lieben das?«

»Es liegt Anmuth darin, weil es naiv und überraschend ist. Die Magdalena von Canova ruht, die Jungfrauen der Renaissance wissen, daß sie schön sind; die ältern Modelle sind ganz von einem Wurf, ganz von einem Stücke, man könnte sagen, ganz von einem Ursprung, wie der Gedanke, der sie erblühen ließ.«

»Und der sie versteinerte . . . Sehen Sie, sie hat ihr Gebet beendigt; reden Sie mit ihr, Sie werden sehen, daß sie ungeachtet des Ausdrucks ihrer Züge dumm ist.«

»Mein Kind,« sagte Leonce zu dem jungen Mädchen, »Sie scheinen sehr fromm. Wird dieser Kapelle eine besondere Verehrung geweiht?«

»Nein, mein Herr,« antwortete das junge Mädchen mit einer Verneigung; »wenn ich beten will, so verberge ich mich nur hier, damit mich der Herr Pfarrer nicht sieht.«

»Und warum fürchtet Ihr die Blicke des Herrn Pfarrers?« fragte Lady G ***.

»Ich fürchte, er möchte mich fortjagen,« entgegnete die Bergbewohnerin, »unter dem Vormunde, ich hätte eine Todsünde auf mir, duldet er nicht, daß ich die Kirche mehr betrete.«

Sie gab diese Antwort mit solcher Festigkeit und einem so ungekünstelten und so entschlossenen Wesen zugleich, daß Sabina sich des Lachens nicht enthalten konnte.

»Ist das wahr?« fragte sie das Mädchen.

»Ich glaube, der Herr Pfarrer irre sich,« antwortete das Landkind, »und Gott sehe klarer in mein Herz.«

Hierauf machte sie eine zweite Verneigung und entfernte sich schleunig, denn der Pfarrer, welcher unterdeß sein Priestergewand abgelegt hatte, erschien im Hintergründe des Schiffes.

Von unsern beiden Reisenden um Aufschluß gebeten, warf der Pfarrer einen Blick auf die entfliehende Sünderin, zuckte die Achseln und sagte in zornigem Tone:

»Kümmern Sie sich nicht um diese Landstreicherin, sie ist eine verlorene Seele.«

»Das ist höchst seltsam,« sagte Sabina, »ihr Gesicht drückt nichts dergleichen aus.«

»Jetzt,« sagte der Pfarrer, »stehe ich Ihrer Gnaden zu Befehl.«

Man bestieg den Wagen wieder und nach einigen Worten allgemeiner Unterhaltung bat der Pfarrer um Erlaubniß, sein Brevier zu lesen, und bald war er so ganz in diese Andacht versunken, daß Leonce und Sabina sich neuerdings wie unter vier Augen befanden. Aus Rücksicht für den guten Mann, der das Englische nicht zu verstehen schien, schwatzten sie in dieser Sprache, um ihm keine Zerstreuung zu verursachen.

»Dieser unduldsame Priester, Sklave seiner Paternoster, verspricht uns nicht großes Vergnügen,« sagte Sabina. »Ich glaube, Sie haben ihn angeworben, um mich zu strafen, daß ich wegen des Zusammentreffens mit der Marquise etwas verdrießlich war.«

»Ich habe vielleicht einen ernstern Beweggrund gehabt,« antwortete Leonce. »Errathen Sie ihn nicht?«

»Durchaus nicht.«

»Ich will Ihnen denselben sagen, allein unter der Bedingung, daß sie ihn ganz ernsthaft anhören.«

»Sie beunruhigen mich!«

»Das ist schon Etwas. Wissen Sie denn, daß ich diesen Dritten zwischen uns gesetzt habe, um mich selbst zu bewahren.«

»Und vor Was, wenn’s gefällig ist?«

»Vor der Gefahr, welche in jeder Unterhaltung junger Leute über die Liebe verborgen liegt.«

»Reden Sie für sich, Leonce; ich habe diese Gefahr nicht bemerkt. Sie hatten mir versprochen, die Langeweile von mir fern zu halten; ich zählte auf Ihr Wort; ich war ruhig.«

»Sie spotten? So leicht dürfen Sie’s nicht aufnehmen. Sie hatten mir mehr Ernst versprochen.«

»Gehn Sie, ich bin sehr ernst, ernst wie dieser Pfaffe. Was wollten Sie sagen?«

»Daß allein mit Ihnen ich mich hätte aufgeregt fühlen und jene Ruhe verlieren können, von welcher heute meine Macht über Sie abhängt. Ich verrichte hier das Amt des Magnetiseurs, um Ihre gewöhnliche Reizbarkeit einzuschläfern. Nun aber wissen Sie, daß die erste Bedingung magnetischer Macht ein absolutes Phlegma, eine Anstrengung des Willens zu der Idee unkörperlicher Herrschaft ist; sie ist die Abwesenheit jeder dem Phänomen des geheimnißvollen Einflusses fremden Regung. Ich konnte mich stören lassen und zuletzt von Ihrem Blicke, von dem Ton Ihrer Stimme, mit Einem Worte, von Ihrem magnetischen Fluidum beherrscht werden, und dann wären die Rollen umgekehrt gewesen.«

»Ist das eine Erklärung, Leonce?« sagte Sabina mit ironischer Hoheit.

»Nein, Madame, es ist ganz das Gegentheil,« antwortete er ruhig.

»Eine Impertinenz vielleicht?«

»Keineswegs. Ich bin seit langem Ihr Freund und ein ernstlicher Freund, Sie wissen es wohl, obgleich Sie ein seltsames und zuweilen ungerechtes Weib sind. Wir haben uns als Kinder gekannt; unsre Zuneigung war stets eine herzliche und sanfte. Sie haben dieselbe mit Freimüthigkeit, ich mit Hingebung gepflegt. Wenige Menschen sind mir so befreundet, wie Sie, und ich suche die Gesellschaft Keines von ihnen mit mehr Lust, als die Ihrige. Dennoch verursachen Sie mir bisweilen eine Art unbeschreiblichen Schmerzes. Es ist nicht der Augenblick dazu, nach der Ursache desselben zu forschen; es ist ein inneres Problem, welches zu lösen ich noch nie gesucht habe. So viel ist jedoch gewiß, daß ich nicht in Sie verliebt bin und es nie war. Ohne in Erklärungen einzutreten, die vielleicht nach dieser Darlegung etwas zu freimüthig wären, denke ich, Sie werden verstehen, warum ich neben einer so schönen Frau, wie Sie, aufgeregt werden darf und warum das friedliche, runde und fette Gesicht da mir nothwendig war, mich zu verhindern, daß, ich Sie nicht allzuviel anschaute.«

»Das ist hinlänglich, Leonce,« antwortete Sabina, welche, um den Kopf senken und die auf ihren Wangen brennende Röthe verbergen zu können, that, als ordne sie ihre Manschetten. »Das ist sogar zu viel. Es liegt etwas Verletzendes für mich in Ihren Gedanken.«

»Ich wette, Sie können mir das nicht beweisen.«

»Ich werde es nicht versuchen. Ihr Gewissen muß es Ihnen sagen.«

»Durchaus nicht. Ich kann Ihnen keinen größern Beweis meiner Achtung geben, als indem ich die Liebe aus meinen Gedanken verscheuche.«

»Die Liebe! Die ist Ihrem Herzen fern! Was Sie fürchten zu müssen glauben, schmeichelt mir wenig; ich bin keine alte Kokette, um stolz darauf zu sein.«

»Und dennoch, wenn das die Liebe wäre, die Liebe des Herzens, wie Sie es verstehen, so wären Sie noch erzürnter darüber.«

»Betrübt vielleicht, weil ich sie nicht erwiedern könnte, aber weit weniger erzürnt, als ich es durch Ihr unbeschreibliches Leiden bin.«

»Sein Sie offenherzig, meine Freundin; Sie wären nicht einmal betrübt; Sie würden lachen, und das wäre Alles.«

»Sie beschuldigen mich der Koketterie? Dazu haben Sie das Recht nicht; was wissen Sie davon, weil Sie mich nie geliebt haben und Sie mich nie Jemand lieben sahen?«

»Hören Sie, Sabina, gewiß ist, daß ich nie gesucht habe, Ihnen zu gefallen. So viele Andere sind ja gescheitert! Weiß ich nur, ob es schon irgend Jemand gelungen ist, von Ihnen geliebt zu werden. Und dennoch haben Sie mir einst gesagt, an einem Tage, wo Sie mittheilend und traurig waren; allein ich weiß nicht, ob Sie sich nicht nur in der Aufregung gerühmt haben. Hätte ich Sie sehen lassen, daß ich im Stande bin, glühend zu lieben, so würden Sie vielleicht erkannt haben, daß ich Besseres verdiente, als Ihre Freundschaft. Aber um Sie dieses begreifen zu lassen, hätte ich Sie entweder auf eine Weise lieben sollen, die ich jetzt läugne, oder mich verstellen und in meinen eigenen Behauptungen berauschen müssen. Das wäre meiner edeln Anhänglichkeit für Sie unwürdig gewesen, und zu solcher List bin ich nicht herabgestiegen, oder ich hätte Ihnen wohl gar die Geheimnisse meines Lebens erzählen, Ihnen meinen wahren Charakter schildern, mit Einem Worte mich rühmen müssen. Pfui! und nicht verstanden, verhöhnt werden! . . . Gerechte Strafe der kindischen Eitelkeit! Fern sei solche Schmach von mir!«

»Ueber was rechtfertigen Sie sich denn, Leonce? Beklage ich mich, nur Ihre Freundschaft zu besitzen? Habe ich je etwas Anderes verlangt?«

»Nein; aber weil ich mich so ängstlich beobachte, könnten Sie, wenn Sie mich nicht erriethen, daraus schließen, ich sei ein unvernünftiger Mensch.«

»Wozu sich so sehr beobachten, wo Nichts zu fürchten ist? Die Liebe kommt von selbst. Sie überrascht und überfällt, sie klügelt nicht, sie hat nicht nöthig zu fragen, noch sich mit Vermuthungen, mit Angriffs- und Rückzugsplänen zu umgeben: sie verräth sich und dann imponirt sie.«

»Das ist eine gute Lektion,« dachte Leonce, »und sie selbst gibt sie mir.« Er fühlte das Bedürfniß, seinen Aerger zu unterdrücken und Lady G ***s Hand ergreifend, die er mit liebevollem und ruhigem Wesen drückte, sagte er:

»Sie sehen also wohl, theure Sabina, daß zwischen uns keine Liebe bestehen kann, wir haben Nichts im Herzen, das für das Eine oder das Andere neu und geheimnißvoll wäre; wir kennen uns zu gut, wir sind gleichsam Geschwister.«

»Das ist Lüge und Lästerung,« antwortete die stolze Lady G***, ihm ihre Hand entziehend. »Geschwister kennen sich nie, weil die lebendigsten und tiefsten Punkte ihrer Seelen nie in Berührung kommen. Sagen Sie nicht, daß wir uns zu gut kennen, Sie und ich; ich behaupte im Gegentheil, durchaus nicht von Ihnen gekannt zu sein und es nie zu werden. Darum habe ich, statt böse zu werden, bei all dem Harten, was Sie mir seit diesem Morgen sagten, gelächelt. Sehn Sie, lieber will ich Sie auch nicht weiter kennen. Wenn Sie Ihr magnetisches Fluidum behalten wollen, so lassen Sie mich glauben, daß Ihr Herz Schätze von Leidenschaft und Zärtlichkeit birgt, wovon unsre friedliche Freundschaft nur der Schatten ist.«

»Und wenn Sie das glaubten, würden Sie mich lieben, Sabina! Es ist somit gewiß, daß Sie es nicht glauben.«

»Ich kann Ihnen das Nämliche sagen. Folgt wohl daraus, daß wenn wir nur Freunde sind, es daher kommt, weil wir keine große Meinung von einander hegen?«

»Sie wird empfindlich,« dachte Leonce, »und nun stehn wir auf dem Punkte, uns entweder zu hassen oder zu lieben.«

»Ich meine,« sagte der Pfarrer, sein Brevier zumachend, »wir wären nun weit genug und könnten, wenns den hohen Herrschaften beliebt, Etwas unter die Zähne legen.«

»Um so mehr,« sagte Leonce, »als nur zwei Schritte von hier sich über uns eine schattige Felsplatte zeigt, von wo aus man eine bewunderungswürdige Aussicht haben muß.«

»Was, da oben?« rief der Pfarrer, welcher ziemlich wohlbeleibt war; »Sie wollen, den grünen Felsen erklimmen? Wir wären in diesem Tannenwäldchen da am Wege weit behaglicher.«

»Aber wir hätten keine Aussicht!« sagte Lady G***, mit schäckerndem Wesen ihren Arm in den des allen Priesters legend; »und kann man den Anblick der Berge entbehren?«

»Ganz wohl, wenn man ißt,« antwortete der Pfarrer, der sich indeß mitschleppen ließ.

Der Jockey führte seinen Wagen in den Schatten des Wäldchens, und bald boten sich zahlreiche Diener, um ihm bei Verscheuchung der Mücken und dem Füttern der Pferde behülflich zu sein. Es waren die kleinen, auf allen Punkten des Berges zerstreuten Hirten, welche sich wie ein Schwarm neugieriger und heißhungriger Vögel im Nu um unsere Spaziergänger versammelten. Der Eine nahm die Kissen des Charabancs, um den Gästen einen bequemen Sitz auf dem Felsen zu bereiten, der Andere übernahm die Hinaufschaffung der Wildpretpasteten, ein Dritter die der Weine, Jeder wollte Etwas tragen oder zerbrechen.

Das ländliche Frühstück war bald auf dem grünen Felsen aufgetragen, und als der Pfarrer sah, daß es glänzend und schmackhaft ausfiel, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und ließ seiner keuchenden Brust einen jubelnden Seufzer entfliehen. Man gab den zerlumpten Pagen so wie den Dienern ihren Antheil, denn es war genug vorhanden, um Alle befriedigen zu können, Leonce hatte seine Sache nicht nur halb gemacht; es war, als ob er vorausgesehen hätte, mit welch einem priesterlichen Magen er zu schaffen haben würde.

Sabina ward wieder sehr heiter und gestand, daß sie seit langer Zeit zum erstenmal tüchtigen Appetit habe. Nachdem Leonce Jedermann bedient hatte, fing auch er an zu essen, als plötzlich die in einiger Entfernung beisammensitzenden Kinder rührig wurden, umherhüpften und mit starken Armbewegungen, als wollten sie Jemand aus dem Hohlweg heraufrufen, schrieen:

»Das Vogelmädchen! Das Vogelmädchen!«




III

Entführen wir Hermione!


»Schweigt, dumme Brut,« sagte der Pfarrer, »lockt diese Närrin nicht hieher; wir haben mit ihren Gaukeleien Nichts zu schaffen.«

Allein die Kinder hörten nicht auf ihn und fuhren fort, zu rufen und Geberden zu machen. Als sich dann Sabina über den Rand des Felsens neigte, sah sie ein ganz außerordentliches Schauspiel. Eine junge Gebirgsbewohnerin kletterte den steilen Abhang, welcher auf den grünen Felsen führte, hinan und das Kind wandelte buchstäblich in einer Wolke von Vögeln, die um sie her schwärmten, die einen an ihrem Haare schnäbelnd, andere auf ihren Schultern sitzend, noch andere ganz junge im Sande um sie herumhüpfend und an ihren Füßen sich haltend. Alle schienen sich das Vergnügen oder den Gewinn streitig zu machen, die sie an ihrer Berührung und dem bittenden Zwitschern fanden, und sie erfüllten die Luft mit ihrem ungeduldigen Jubelgeschrei. Als das junge Mädchen näher kam und man sie zwischen ihrem flatternden Gefolge deutlich sehen konnte, erkannten Leonce und Sabina die Blonde mit den rothen Wangen und den blaßgoldenen Haaren in ihr, die sie eine Stunde zuvor in der Kirche gesehen hatten.

Nun neigte sich auch der Pfarrer gegen den Hohlweg vor und gebot ihr durch seine Geberden, sich zu entfernen.

Das dicke Gesicht und die schwarze Kleidung des Priesters wirkten auf sie wie ein Medusenhaupt. Sie blieb unbeweglich stehen und, scheu geworden, flogen die Vogel auf die am Fußweg liegenden Bäume.

Indeß stillten die Bitten der Lady G*** und der Anblick seines mit trefflichem griechischen Weine, der so eben aufgepfropt worden war, gefüllten Glases den Zorn des heiligen Mannes und er willigte ein, das Vogelmädchen herbeizurufen.

»Komm, mach Deine gottlosen Künste vor diesen hohen Herrschaften, Du Zigeunerin!«

Das junge Mädchen hielt eine Hand voll Körner, welche sie so weit als möglich und so geschickt hinter sich warf, daß sie den Vögelchen nur eine gebieterische Geberde zu machen schien, worauf diese sie sogleich wieder zu verfolgen begannen. Sie schlugen sich alle in das Gehölz, das sie ihnen zu bezeichnen sich stellte, und beschäftigt, wie sie waren, ihre kleinen Körner zu suchen, schienen sie sich ganz ihrem Befehle gemäß ruhig zu verhalten. Die andern Kinder ließen sich durch diesen kleinen Kniff nicht täuschen, allein Sabina hatte das volle Vergnügen, mystificirt zu werden.

»Nun, da ist sie ja, diese hartgesottene Sünderin,« sagte Leonce, dem Gebirgskinde die Hand reichend, um ihr behülflich zu sein, die Felsplatte zu erreichen, zu der von dieser Seite her ein höchst steiler Weg führte. Sie erklomm sie aber mit einem Sprung gleich einer jungen Gemse, und ihre beiden Hände an die Stirn legend, bat sie um Erlaubniß, arbeiten zu dürfen.

»Laß sehen, laß schnell sehen, Tagdiebin,« sagte der Pfarrer, »was Du Deine Arbeit zu nennen beliebst.«

Sie trat nun zu den Kindern und bat sie, ihre Hunde gut zu halten und sich nicht zu rühren; dann nahm sie ein kleines, wollenes Mäntelchen, das ihre Schultern bedeckte, ab und auf einen nahen noch höhern Felsen klimmend, ließ sie den rothen Stoff wie eine Fahne über ihrem Kopfe flattern. In demselben Augenblicke stürzten von allen Gebüschen ringsum eine Menge verschiedenartiger Vögel auf sie zu, Sperlinge, Zeisige, Hänflinge, Blutfinken, Amseln, Ringeltauben und selbst Schwalben mit dem gabelartig gespalteten Schwanz und den breiten schwarzen Flügeln. Sie spielte einige Augenblicke mit ihnen, indem sie sie zurückstieß, allerlei Geberden machte, ihr Mäntelchen, wie um sie zu erschrecken, hin- und herschwenkte, einige im Fluge erhaschte und sie dann wegwarf, ohne ihnen die verliebte Verfolgung zu entleiden. Als sie dann hinlänglich gezeigt hatte, wie sehr sie die unumschränkte und angebetete Herrscherin dieses freien Völkchens sei, bedeckte sie sich mit ihrem Mäntelchen den Kopf, legte sich auf den Boden und stellte sich schlafend. Nun sah man all das Geflügel auf sie hinsitzen, sich um die Wette in die Falten ihres Kleides einnisten und von ihrem Schlummer magnetisirt scheinen. Als sie endlich aufstand, wiederholte sie ihren Kunstgriff, sie mittelst eines neuen Futters in das Haidegesträuch zu entsenden, wo sie verschwanden und ihr Gezwitscher verstummte.

Es lag etwas so Anmuthsvolles und so Poetisches in ihrer ganzen Pantomime, und ihre Macht über die Bewohner der Lüfte erschien so wunderbar, daß diese kleine Scene den Reisenden ein ungemeines Vergnügen verursachte. Die Negerin nahm keinen Anstand, zu glauben, sie wohne einer Verzauberung bei, und selbst der Pfarrer konnte sich eines Lächelns bei der Artigkeit der Zöglinge nicht enthalten, um überhoben zu sein, ihre Erzieherin zu beklatschen.

»Das ist ja wahrlich eine kleine Fee,« sagte Sabina, sie zu ihr herziehend, »und ich erkläre Ihnen, Leonce, daß ich mit ihren ambrafarbnen Wimpern ausgesöhnt bin. Mignon hatte ihr in meiner Einbildungskraft Unrecht gethan. Ich hätte sie braun und Guitarre spielend gewünscht; aber jetzt nehme ich auch die bäurische und blonde Mignon an und ich sehe ihre Zauberscene mit den Vögeln so gern wie den Eiertanz. Sage mir vorerst, mein liebes Kind, wie heißest Du?«

»Ich heiße Magdalena Melèze,« sagte die Vogelfängerin, »oder das Vogelmädchen, Ihren Gnaden zu dienen.«

»Das sind hübsche Namen und passen für Dich. Setze Dich hier neben mich her und frühstücke mit uns, vorausgesetzt jedoch, daß Dein befiedertes Volk nicht wie eine egyptische Plage über uns herfalle und unser Mahl verzehre.«

»O! fürchten Sie Nichts, Madame, meine Kinderchen kommen nicht zu mir heran, wenn andere Personen zu nah sind.«

»In diesem Fall,« sagte der Pfarrer in scheltendem Tone, »wenn Du Dein dummes Handwerk, Deinen Brotkorb erhalten willst, so rathe ich Dir, Dich auf Deinen Spaziergängen nicht so oft von gewissen Landstreichern begleiten zu lassen, denn bald werden Dich die Vögel des Landes nicht mehr kennen, wenn sie von solchen Zugvögeln in ehrerbietiger Entfernung gehalten werden, Magdalena.«

»Aber, Herr Pfarrer, man hat Sie getäuscht, sicherlich,« antwortete das Vogelmädchen; »ich habe erst einen Begleiter auf meinen Spaziergängen gehabt, und das dauert noch nicht so lange; wir Beide sind immer allein; wer Ihnen das Gegentheil gesagt, hat gelogen.«

Der Ernst, mit welchem sie diese Antwort begleitete, machte Leonce Vergnügen und versetzte den Pfarrer in Zorn.

»Schaut mir nur die schöne Antwort!« sagte er, »und ob man etwas Unverschämteres finden kann, als dieses kleine Ding da!«

Das Vogelmädchen schlug ihre saphirblauen Augen zu dem ergrimmten Pfarrer auf und blieb stumm vor Erstaunen.

»Mich dünkt, Sie täuschen sich sehr in Betreff dieses Kindes,« sagte Sabina zu dem Pfarrer; »ihre Ueberraschung und ihre Keckheit rühren von einer Unschuld her, die Sie durch Ihre bösen Gedanken trüben würden; gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, Herr Pfarrer, daß Sie, ohne Zweifel in guter Absicht, Ihr Möglichstes thun, um sie auf den Gedanken des Bösen zu bringen, das nicht in ihr liegt.«

»Sie sprechen so, Madame?« antwortete halblaut der Pfarrer, »Sie, die aus Klugheit und Tugend mit diesem edeln Herrn, trotz seiner guten Gesinnungen und der Nähe Ihrer Dienerschaft, nicht allein bleiben wollten?«

Sabina betrachtete den Pfarrer mit Staunen und hernach Leonce mit vorwurfsvoller und spottender Miene; dann fügte sie mit einer edeln Hingebung des Herzens hinzu:

»Wenn Sie den Beweggrund, der uns Ihre Gesellschaft suchen ließ, so beurtheilen, Herr Pfarrer, so müssen Sie die Bestätigung dessen, was ich von diesem Kinde denke, darin finden, daß nämlich seine Gedanken reiner sind als die unsrigen.«

»Rein, so viel Sie wollen, Madame!« entgegnete der Pfarrer, welchem Sabina, beschäftigt in den Abenteuern ihrer Spazierfahrt die Personen des Wilhelm Meister wieder zu finden, bei sich schon den Namen des Polterers gegeben hatte; gestatten Sie mir aber den Einwurf, daß bei Mädchen von diesem Stande, welche auf’s Gerathewohl und gleichsam wild leben, das Uebermaß von Anschuld die schlimmste der Gefahren ist. Der Erste Beste mißbraucht sie und das wird dieser hier begegnen, wenn es nicht schon geschehen ist.«

«Sie wurde bei Ihrem Argwohn verwirrt, statt wie sie jetzt nur von Ihren Drohungen erschreckt ist. Ihr Priester, Ihr versteht Nichts von den Frauen und verletzt erbarmungslos die Schamhaftigkeit der Jugend.«

»Ich sage Ihnen, ich,« entgegnete der Polterer, »daß, was bei Personen Ihres Standes richtig, auf Leute der ärmeren Klasse nicht anzuwenden ist. Die Schamhaftigkeit solcher Mädchen da ist Dummheit, Unvorsichtigkeit; sie begehen das Böse ohne zu wissen, was sie thun.«

»In diesem Fall thun sie vielleicht nicht böse, und ich möchte fast glauben, Gott erkläre ihre Fehler für unschuldig.«

»Das ist eine Ketzerei, Madame.«

»Wie Sie wollen, Herr Pfarrer. Streiten wir, ich willige ein. Ich weiß wohl, daß Sie besser sind, als Sie den Anschein haben wollen, und daß Sie im Grunde Ihres Herzens meiner Moral nicht abgeneigt sind.«

»Nun ja, ja, nach dem Frühstück wollen wir darüber streiten,« erwiederte der Pfarrer.

»Unterdeß,« sagte Sabina, sein Glas anmuthig füllend und ihm einen süßen Blick zuwerfend, dessen Schlauheit er nicht verstand, »werden Sie mir die Gunst gewähren, um die ich Sie bitte, mein lieber Pfarrer Polterer.«

»Wie könnte ich Ihnen Etwas abschlagen?« antwortete er, sein Glas an die Lippen setzend, »besonders wenn es eine christliche und vernünftige Bitte ist!« fügte er hinzu, nachdem er das gestrichene Glas voll Cypernwein fast in Einem Zuge geleert hatte.

»Sie werden provisorisch mit dem Vogelmädchen Friede machen,« hob Lady G*** wieder an. »Ich nehme sie unter meinen Schutz; Sie sollen sie nicht in die Flucht jagen, kein hartes Wort an sie richten; Sie überlassen mir die Sorge, sie ganz sanft in die Beichte zu nehmen, und nach dem Bericht, den ich Ihnen über sie erstatten werde, sollen Sie, je nachdem sie es verdient, nachsichtig oder streng sein.«

»Wohlan denn, zugegeben,« antwortete der Pfarrer, der sich immer besser aufgelegt und gutgelaunter fühlte, je mehr er seinen derben Appetit befriedigte. Laß sehn,« sagte er, sich an Magdalena wendend, die mit Leonce sprach, »ich verzeihe Dir für heute und erlaube Dir, morgen zur Beichte zu kommen, unter der Bedingung, daß Du von diesem Augenblick an Dich allen Vorschriften dieser edeln und tugendhaften Dame unterziehst, welche sich gütigst für Dich interessiren und Dir helfen will, der Sünde zu entgehen.«

Das Wort Sünde verursachte bei Magdalena das gleiche Staunen und Zweifeln, wie die andern Male; allein befriedigt durch das Wohlwollen ihres Pfarrers und besonders durch die Theilnahme, welche die edle Dame ihr bewies, machte sie dem Einen eine Verbeugung und küßte der Andern die Hand. Von Leonce über die Verfahrungsart befragt, die sie anwende, um ihre Vögel mit Liebe und Gehorsam an sich zu fesseln, verweigerte sie eine Erklärung und behauptete, daß sie ein Geheimniß besitze.

»Marsch, Magdalena, das ist nicht gut,« sagte der Pfarrer, »und wenn Du willst, daß ich Dir Alles vergebe, so mußt Du anfangen, der Lüge zu entsagen. Es ist ein schwerer Fehler, den Aberglauben zu unterhalten zu suchen, besonders wenn es geschieht, um Nutzen daraus zu ziehen. Hier würde Dir das übrigens Nichts helfen. Auf den Märkten, die Du besuchst, um Dein Talent zu zeigen, (zwar ganz gegen meinen Willen, denn dieses Herumstreichen paßt nicht für ein frommes Mädchen), kannst Du einfältige Leute überzeugen, daß Du einen Zauber besitzest, um den ersten vorüberfliegenden Vogel an Dich zu locken und ihn, so lang es Dir gefällig ist, zurückzuhalten. Allein Deine kleinen Kameraden hier wissen wohl, daß in diesen Bergen, wo die Vögel selten sind, und Du Dein Leben mit Umherlaufen und Ausfstöbern zubringst, Du alle Nester, sobald sie gebaut werden, entdeckst, daß Du Dich der jungen Brut bemächtigst und die Eltern zwingst, ihre Kleinen auf Deinen Knieen zu füttern. Man weiß, wie geduldig Du ganze Stunden lang gleich einer Bildsäule oder einem Baume unbeweglich bleibst, damit diese Thierchen sich gewöhnen, Dich zu sehen, ohne Dich zu fürchten. Man weiß, daß sobald sie gezähmt sind, sie Dir überall hinfolgen, um ihr Futter von Dir zu empfangen, und daß, einem bewundrungswürdigen Instinkt des Gedächtnisses und der Anhänglichkeit folgend, womit mehrere Gattungen besonders begabt sind, sie Dir ihre Familien zuführen, so sehr sie sich auch vermehren. Alles das ist kein Hexenwerk. Jeder von uns könnte ein Gleiches thun, wenn man, wie Du, vernünftigen Beschäftigungen und einer nützlichen Arbeit fremd wäre . . .

»Spiele daher nicht die Zauberin und die Inspirirte, wie gewisse berühmte Betrüger des Alterthums und unter Andern ein elender Apollonius von Thyana, welchen die Kirche als falschen Propheten verdammt und der die Sprache her Sperlinge zu verstehen behauptete. Was diese edeln Personen betrifft, so hoffe nicht, sie zum Besten halten zu können. Ihr Verstand und ihre Bildung gestatten ihnen nicht, zu glauben, daß ein Püppchen, wie Du, mit einer übernatürlichen Macht begabt sei.«

»Wohlan, Herr Pfarrer,« sagte Lady G***, »Sie hätten Nichts sagen können, das mir weniger angenehm gewesen, noch über den Aberglauben eine Predigt halten können, die übler angebracht gewesen wäre. Ihre Erklärungen befeinden die Poesie, und ich glaube hundertmal lieber, die arme Magdalena besitze eine geheimnißvolle, ja sogar wunderbare Gabe, wenn Sie wollen, als daß ich meine Einbildungskraft durch das Annehmen abgedroschener Wahrheiten erkalten lasse. Tröste Dich,« sagte sie zu dem Vogelmädchen, das vor Aerger weinte und den Pfarrer mit einer Art naiver und stolzer Entrüstung anschaute, »wir halten Dich für eine Fee und erklären uns von Deinem Zauber gefesselt.«

»Uebrigens erklären die Erklärungen des Herrn Pfarrers Nichts. Sie bestätigen Thatsachen und enthüllen die Ursachen davon nicht. Um in solchem Grade freie und in natürlicher Wildheit lebende Wesen zu zähmen, bedarf es eines besondern Geschicks, einer Art ganz ausnahmsweisen geheimen Magnetismus. Jeder von uns würde sich vergeblich dieser Erziehung widmen, welche das geheimnißvolle Verhängniß dem Instinkt dieses jungen Mädchens enthüllt.«

»Ja, ja!« rief Magdalena, deren Augen sich entstammten, als hätte sie Leoncen’s Beweisführung vollkommen wohl verstanden, »ich wette auch, der Herr Pfarrer kann nicht eine einzige Henne in seinem Hofe zähmen, und ich zähme die Adler des Gebirges.«

»Die Adler, Du?« sagte der Pfarrer, empfindlich, Sabina in Lachen ausbrechen zu sehen; »das wirst Du wohl bleiben lassen! Die Adler lassen sich nicht zähmen wie Lerchen. Da sieht man, was bei so albernem Treiben und wunderlichen Anmaßungen herauskommt. Man lernt lügen, und so geht’s Dir, kleine Unverschämte!«

»Ach! entschuldigen’s, Herr Pfarrer,« sagte ein junger Ziegenhirte, der sich aus der Gruppe der übrigen Kinder weggeschlichen hatte und die Unterhaltung der edeln Gäste mitanhörte. »Seit einiger Zeit zähmt Magdalena wirklich Adler. Ich habe es gesehn. Ihr Verstand wird immer größer, und bald wird sie die Bären zähmen, das ist gewiß.«

»Nein, nein, nie!« antwortete das Vogelmädchen mit einer Art Schrecken und Abscheu, die sich in allen ihren Zügen malten. »Mein Geist verträgt sich nur mit dem, was in den Lüften schwebt.«

»Nun, was sagt ich Ihnen?« rief Leonce, von diesem Worte betroffen. »Sie fühlt, obwohl sie weder Andern noch sich selbst Rechenschaft darüber ablegen kann, daß sie durch unerklärliche Verwandtschaftsbeziehungen gewisse Wesen an sich lockt. Diese vertraulichen Beziehungen sind in unsern Augen Wunder, weil wir das Naturgesetz davon nicht erfassen können, und die Welt der physischen Dinge ist voll solcher Wunder, die uns alle entgehen. Seien Sie überzeugt, Herr Pfarrer, der Teufel hat mit diesen Dingen Nichts zu schaffen; Gott allein besitzt das Geheimniß des ganzen Räthsels und leitet das ganze Mysterium.«

»Wohlan, das laß ich gelten,« sagte der Pfarrer, von dieser Erklärung ziemlich befriedigt. »Ihrer Meinung nach gäbe es also zwischen gewissen verschiedenen Organisationen unbekannte Beziehungen? Vielleicht dünstet diese Kleine einen nur dem feinem Geruchssinn dieses Vogelgeschlechte merklichen Geruch aus?«

»So viel ist gewiß,« sagte Sabina lachend, »daß sie ein Vogelprofil hat. Betrachten Sie einmal ihre kleine, gekrümmte Nase, ihre lebhaften, hervorstechenden Augen, ihre beweglichen und blassen Augenlieder, dazu ihre Leichtigkeit, ihre wie Flügel behenden Arme, ihre gleich Vogelfüßen feinen und festen Beine, und Sie werden sehen, daß sie einem jungen Adler ohne Schnabel und Krallen gleicht.«

»Wie Sie wollen,« sagte Magdalena, die, mit einer raschen Fassungskraft begabt, Alles zu verstehen schien, was in Betreff ihrer gesagt wurde. »Aber außer der Gabe, mich beliebt zu machen, habe ich auch die, mich verständlich zu machen; ich besitze eine Wissenschaft und wette, daß kein Anderer entdeckt, was ich weiß. Wer von Ihnen wird mir sagen, zu welcher Stunde man sich Gehorsam erzwingen kann und zu welcher nicht? welches Schreien oder Rufen in weiter Ferne gehört werden kann? an was für Orte man sich stellen muß? welche Einflüsse man entfernen soll, welches Wetter günstig ist? Ach! Herr Pfarrer, wenn Sie die Leute zu überzeugen wüßten, wie ich die Thiere anzulocken weiß, Ihre Kirche wäre reicher und Ihre Heiligen würden besser gefeiert.«

»Sie hat Verstand,« sagte der Pfarrer Polterer, welcher im Grund ein gutmüthiger und heiterer Polterer war, besonders nach dem Trinken; »allein es steckt ein Teufelsgeist in ihr und ich muß sie einmal exorcisiren. Unterdeß, Madalon, laß Deine Adler kommen.«

»Und wo sollte ich sie zu dieser Stunde hernehmen?« antwortete sie schalkhaft. »Wissen Sie, wo sie sind, Herr Pfarrer? Wenn Sie es wissen, so sagen Sie es, und ich geh und hohl sie Ihnen.«

»Geh nur hin, weil Du behauptest, es zu wissen.«

»Sie sind, wo ich jetzt nicht hingehen kann. Ich sehe wohl, Herr Pfarrer, daß Sie es nicht wissen. Wenn Sie aber diesen Abend bei Sonnenuntergang mit mir kommen wollen und keine Furcht haben, so sollen Sie Etwas sehen, worüber Sie staunen werden.«

Der Pfarrer zuckte die Achseln, allein Sabinas glühende Einbildungskraft bemächtigte sich dieser Grille.

»Ich will mitgehen, ich,« rief sie, »ich will keine Furcht haben, ich will das Erstaunliche beobachten, ich will an den Teufel glauben und ihn sehen, wenn es sich thun läßt!«

»Ganz sachte!« sagte ihr Leonce ins Ohr, »Sie haben meine Erlaubniß noch nicht, theure Kranke.«

»Ich erbitte sie mir, ich entreiße sie Ihnen, liebenswürdiger Doktor.«

»Nun, das werden wir sehen, ich will die Zauberin befragen und darüber entscheiden, wie ich für gut finde.«

»Ich zähle also auf Ihren Wunsch, auf Ihr Versprechen, mich zu amüsiren. Wollen wir aber nicht inzwischen nach der Villa zurückkehren, um zu sehen, wie Mylord G*** geschlafen hat?«

»Wenn Sie Ihren Willen haben wollen, so gebe ich meine Demission.«

»Gott behüte! Bisher habe ich mich nicht einen Augenblick gelangweilt. Thun Sie daher, was Sie für zweckmäßig erachten; wo Sie mich aber hinführen mögen, da lassen Sie mich auch das Vogelmädchen mitnehmen.«

»Das war ganz meine Absicht. Glauben Sie denn, sie sei zufälligerweise hiehergekommen?«

»Sie kannten sie also? Sie haben also eine Zusammenkunft mit ihr verabredet?«

»Fragen Sie mich nicht.«

»Ich vergaß! Behalten Sie Ihre Geheimnisse; ich hoffe indeß, Sie werden deren noch mehr besitzen?«

»Gewiß besitze ich deren noch mehr, und ich künde Ihnen an, Madame, daß dieser Tag nicht ohne Aufregungen, die in der kommenden Nacht Ihren Schlaf stören werden, herumgehen wird.«

»Aufregungen! Ach! welch ein Glück!« rief Sabina; »werde ich die Erinnerung daran lange bewahren?«

»Ihr Leben lang,« sagte Leonce mit einem Ernst, welcher über den Scherz hinaus zu gehen schien.«

»Sie sind eine höchst seltsame Person,« entgegnete sie. »Sollte man nicht meinen, Sie glaubten an Ihre Macht über mich, wie Magdalena an die ihre über die Adler.«

»Sie besitzen den Stolz und die Grausamkeit dieser Könige der Lüste, und ich habe vielleicht Magdalenens feine Beobachtungsgabe, ihre Geduld und List.«

»List? Sie machen mir Furcht.«

»Eben das will ich. Bisher haben Sie mich verhöhnt, Sabina, und zwar gerade weil Sie mich nicht kannten.«

»Ich?« sagte sie etwas bewegt und von der seltsamen Wendung, welche Leonces Geist nahm, gequält. »Ich sollte meinen Jugendfreund, meinen treuherzigen Cavaliere servente nicht kennen? Das ist eben so vernünftig, als mir zu sagen, ich lasse mir einfallen, Sie zu verhöhnen.«

»Sie haben doch gesagt, Madame, Geschwister bleiben einander ewig unbekannt, weil die interessantesten und lebendigsten Punkte ihres Wesens nie mit einander in Berührung kommen. Ein Mysterium, tief wie diese Klüfte, trennt,uns.›Sie werden mich nie kennen!‹ haben Sie gesagt; wohlan, Madame, heute behaupte ich, Sie zu kennen und von Ihnen nicht gekannt zu werden. Das heißt so viel als,« fügte er hinzu, da er sah, wie Mißtrauen und Schreck «sich auf Sabina’s Zügen malten, »daß ich mich ergebe, Sie mehr zu lieben, als ich von Ihnen geliebt zu werden fordern will und kann.«

»Vorausgesetzt, daß wir Freunde bleiben, Leonce,« sagte Lady G***, plötzlich von einer Angst beherrscht, die sie sich selbst nicht erklären konnte, »willige ich ein, Sie diesen Scherz forttreiben zu lassen; wo nicht, so will ich auf der Stelle nach der Villa zurückkehren und mich wieder unter die bleierne Glocke des ehelichen Joches stellen.«

»Wenn Sie es fordern, so gehorche ich, ich werde wieder Weltmann und unterlasse die Wunderkur, die Sie mir zu unternehmen gestattet haben.«

»Und für die Sie doch einstehen! Das wäre Schade.«

»Ich kann noch jetzt dafür einstehen, wenn Sie nicht Widerstand leisten. Eine völlige, unerhörte Umgestaltung kann sich heute in Ihrem moralischen und intellectuellen Leben bewerkstelligen, wenn Sie bis heute Abend Ihre Willensherrschaft abschwören.«

»Aber welch ein Vertrauen auf Ihre Ehre muß man nicht haben, um sich Ihnen solchergestalt zu unterwerfen?«

»Halten Sie mich eines Mißbrauchs fähig? Sie können sich durch den Pfarrer nach der Villa zurückbegleiten lassen. Ich, ich gehe in das Gebirge, um weniger kluge und weniger argwöhnische Adler zu suchen.«

»Mit Magdalena, ohne Zweifel?«

»Warum nicht?«

»Wohlan, die Freundschaft hat ihre Eifersucht, wie die Liebe: Sie werden nicht ohne mich gehen.«

»So brechen wir denn auf!«

»Aufgebrochen!«

Lady G*** stand mit einer Art Ungestüm auf und schlang den Arm des Vogelmädchens in den ihrigen, als hätte sie sich einer Beute bemächtigen wollen. Im Nu trugen die Kinder das Frühstückgeräth in den Wagen zurück. Alles ward wie durch Zauber gewaschen, geordnet und eingepackt. Einer geschäftigen Sybille ähnlich, leitete die Negerin die Bewerkstelligung des Ganzen; Leonce’s Freigebigkeit lieh auch den Trägsten Flügel und den Ungeschicktesten Gewandtheit.

»Mir ist,« sagte Sabina, als sie ihn so thätig sah, »ich wohne der phantastischen Hochzeit in dem Mährchen Gracieuse und Percinet bei, wo die irrende Prinzessin im Walde die Zauberschachtel öffnet und man eine Armee Küchenjungen in Miniatur und Diener aller Arten herauskommen sieht, welche den Bratspieß wenden, kochen und die fröhliche Bande der Liliputer mit einem trefflichen Mahle bedienen, Alles singend und tanzend, wie diese kleinen ländlichen Pagen.«

»Die Anwendung ist hier wahrer, als Sie wohl denken mögen,« antwortete Leonce. »Erinnern Sie sich nur des Mährchens, dieses reizenden Phantasiestücks recht, welches selbst Hoffmann nicht übertroffen hat. Es gibt einen Augenblick, wo die Prinzessin Gracieuse, für ihre unruhige Neugierde durch die Zauberkraft selbst, die sie nicht beschwören kann, bestraft, ihre ganze kleine Zauberwelt die Flucht ergreifen und sich im Gestrüppe zerstreuen sieht. Die Köche tragen den ganz rauchenden Bratspieß, die Musiker ihre Violinen weg, der Neuvermählte schleppt seine junge Gemahlin mit fort, die Eltern schelten, die Gäste lachen, die Diener fluchen, Alle laufen fort und spotten der Gracieuse, welche mit ihren schönen Händen sie vergeblich zu fassen, zurückzuhalten und wieder zu versammeln sucht. Wie behende Ameisen entwischen sie, schlüpfen ihr durch die Finger, verbreiten sich und verschwinden unter dem Moose und den Veilchen, welche für sie gleichsam ein schützender Hochwald, ein undurchdringliches Gehölz sind. Die Schachtel bleibt leer, und erschrocken sieht sich Gracieuse wieder der Macht der bösen Genien anheimfallen, als . . .«

»Als der liebenswürdige Leonce, ich will sagen, der allmächtige Prinz Percinet,« ergänzte Sabina, »der Schützling der guten Feen, ihr zu Hülfe kommt und mit einem Ruthenschlag Eltern und Brautleute, Küchenjungen und Bratspieße, Spielmänner und Geigen in die Schachtel zurückführt.«

»Dann sagte er zu ihr,« fuhr Leonce wieder fort:›Wissen Sie, Prinzessin Gracieuse, daß Sie nicht erfahren genug sind, um die Welt mit ihren Launen zu beherrschen; Sie säen sie mit vollen Händen auf den dürren Boden der Wirklichkeit, und behender und feiner als Sie, entschlüpfen sie Ihnen, und Sie stehen verrathen. Ohne mich hätten sich diese verloren, wie die Insekten, welchen das Auge vergeblich in ihre geheimnißvollen Schlupfwinkel im Rasen und an Blättern folgt; und dann hätten Sie sich mit der Furcht und der Neue in diesem einsamen und entzauberten Orte allein befunden. Keine frischen Schattenplätze, keine murmelnden Wasserfälle, keine balsamischen Blumen, keine Gesänge, nicht Tanz und Lachen auf dem grünen Teppich mehr! Nichts mehr, als der unter den laublosen Platanen pfeifende Wind, und die ferne Stimme wilder Thiere, welche mit dem blutigen Stern der Nacht in die Lüfte steigt. Mir haben Sie es indeß zu verdanken, daß Sie nie vergeblich bitten, alle Ihre Schätze sind wieder in dem Zauberkästchen verwahrt und wir können unsern Weg fortsetzen, überzeugt, diese, wann wir wollen, bei einem neuen Halt im Reiche der Träume wiederzufinden.‹ «




IV

Falscher Weg


»Das ist eine sehr hübsche Geschichte, die ich im Sinn behalten werde, um sie in den Abendstunden zu erzählen,« sagte das Vogelmädchen, das Sabina immer am Arm hielt.

»Prinz Percinet,« rief Lady G***, ihren andern Arm unter den Leonce’s schiebend und mit ihm der sie erwartenden Kutsche zueilend, »Sie sind mein guter Genius und ich überlasse mich Ihrer bewundrungswürdigen Weisheit.«

»Ich hoffe,« sagte der Pfarrer, mit Sabina den Rücksitz der Wurst einnehmend, während Leonce und Magdalena sich ihnen gegenüber setzten, »daß wir nach St. Apollinaire umkehren werden? Ich bin überzeugt, daß meine Pfarrkinder meiner jetzt schon um eines Sacramentes willen bedürfen.«

»Ihr Wille geschehe, lieber Pfarrer,« antwortete Leonce, seinem Jockey Befehle gebend.

»Ei was!« sagte Sabina nach einigen Augenblicken, wir kehren den gleichen Weg zurück und sollen die nämlichen Orte wieder sehen?«

»Seien Sie ruhig,« antwortete Leonce, auf den Pfarrer deutend, der bei einem paarmaligen Umschwung der Wagenräder schon tief eingeschlafen war. »Wir gehen hin, wo’s uns beliebt. Wende rechts,« sagte er zu dem jungen Automedon, »und fahre, wohin ich Dir zuerst gesagt habe.«

Der Junge gehorchte und der Pfarrer schnarchte.

»Ei, das ist ja was Allerliebstes,« sagte Sabina, in Lachen ausbrechend; »die Entführung eines alten, brummenden Pfarrers, das ist neu, und ich sehe endlich ein, welch’ ein Vergnügen seine Anwesenheit uns verschaffen konnte. Wie er überrascht sein, wie er poltern wird, wenn er zwei Stunden von hier erwacht!«

»Der Herr Pfarrer ist mit seinen Reiseempfindungen noch nicht am Ende, und Sie deßgleichen, Madame!« antwortete Leonce.

»Laß sehen. Kleine, erzähle mir Deine Geschichte und beichte mir Deine Sünde,« sagte Sabina, mit unwiderstehlicher Anmuth die beiden Hände des in der Kutsche gegenübersitzenden Vogelmädchens ergreifend. »Leonce, horchen Sie nicht hin, das sind Frauengeheimnisse.«

»O! seine Gnaden können es schon hören,« antwortete Magdalena mit Zuversicht. »Meine Sünde ist nicht so groß und mein Geheimniß kein so arges, daß ich nicht nach Herzenslust darüber reden könnte. Wenn der Herr Pfarrer nicht die Gewohnheit hätte, mich bei jedem Wort meiner Beichte zu unterbrechen, um mich zu schelten, statt mich anzuhören, so hätte er keinen solchen Zorn auf mich oder würde mir wenigstens begreiflich machen, was ihn so sehr ärgert. Ich habe einen guten Freund, Hoheit,« fügte sie, sich an Sabina wendend hinzu. »Das ist die ganze Geschichte.«

»Den Ernst davon zu ermessen, ist nicht so leicht, wie man denkt,« sagte Lady G*** zu Leonce. »So viel Unschuld macht uns über die Fragen verlegen.«

»Nicht so gar, wie Sie glauben,« antwortete er. »Sage, Magdalena, liebt er Dich sehr?«

»Er liebt mich so sehr, als ich ihn liebe.«

»Und Du, liebst Du ihn nicht allzusehr?« hob Lady G*** wieder an.

»Allzusehr?« rief Magdalena; »das ist mir eine drollige Frage! Ich liebe so sehr ich kann und weiß nicht, ob das zu viel oder nicht genug ist.«

»Wie alt ist er?« sagte Leonce.

»Ich weiß nicht; er hat es mir gesagt, allein ich erinnere mich nicht mehr. Er ist wenigstens . . . warten Sie, zehn Jahre älter als ich. Ich bin vierzehn Jahr alt, das würde wenigstens vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre ausmachen, nicht wahr?«

»Dann ist die Gefahr nicht groß. Du bist zu jung, um schon zu heiraten, Magdalena.«

»Um ein oder zwei Jahre zu jung. Dieser Uebelstand wird sich bald geben.«

»Dein Geliebter muß aber ungeduldig werden?«

»Nein, er sagt Nichts davon.«

»Desto schlimmer! Und Du, bist Du eben so ruhig?«

»Ich muß wohl, ich kann der Zeit nicht Flügel leihen, wie ich bei den Vögeln thue.«

»Und Ihr gedenkt Euch zu heiraten?«

»Das weiß ich eben nicht, wir haben noch nicht davon gesprochen.«

»Du für Dich denkst also nicht daran?«

»Noch nicht, da ich zu jung bin.«

»Und wenn er Dich nicht heiratete?« sagte Lady G***

»O! das ist unmöglich, er liebt mich.«

»Schon lange?« hob Sabina wieder an.

»Seit acht Tagen.«

»Oime!« sagte Leonce, »und Du bist seiner schon so sicher?«

»Natürlich, weil er mir gesagt hat, er liebe mich!«

»Und Du glaubst somit Allen, die Dir von Liebe sprechen?«

»Bisher hat er allein mir davon gesprochen und er ist auch der Einzige, dem ich in meinem Leben glauben werde, weil er der ist, den ich liebe.«

»Ach! Pfarrer,« sagte Sabina, einen Blick auf den eingeschlafenen Polterer werfend, »das, was Ihr nie begreifen werdet, ist der Glaube, ist die Liebe!«

»Nein, Madame,« entgegnete das Vogelmädchen, »er kann es nicht begreifen, er. Erstlich sagt er, Niemand kenne meinen Geliebten und er müsse ein schlechtes Subject sein. Das ist ganz einfach; er ist fremd, er reist durch unser Land; er hat weder Verwandte noch Freunde, die sich seiner annehmen; er blieb in der Gegend, weil er mich gesehen hat und ich ihm gefallen habe. Somit bin ich es allein, die ihn kennt, und sagen kann: Er ist ein ehrlicher Mann. Der Herr Pfarrer will, er solle fortgehen und droht, ihn durch die Gensdarmen fortjagen zu lassen. Ich, ich verberge ihn, und das ist wieder ganz einfach.«

»Und wo verbirgst Du ihn?«

»In meiner Hütte.«

»Hast Du Eltern?«

»Ich habe einen Bruder, der, mit Ihrer Erlaubniß, Schmuggler ist . . . man darf es aber nicht sagen, nicht einmal dem Herrn Pfarrer.«

»Und in Folge dessen bringt er die Nächte im Gebirge und die Tage mit Schlafen zu, nicht wahr?« hob Leonce wieder an.




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notes



1


Schon lächelt der Himmel,

Schon stralt die Morgenröthe,

. . . Und Du schlummerst noch fest?


