Das Brautkleid
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Das Brautkleid





I.

Das Hochzeitskleid


Wir sprechen von der Zeit zwischen dem Frieden von Tilsit und dem Congresse zu Erfurt, das heißt von der Zeit des höchsten Glanzes des Kaiserreichs.

Eine Dame saß in ihrem Morgennegligee, bestehend aus einem langen Schlafmantel von indischem Musselin mit prachtvollen Balenciennen besetzt, unter welchen man nichts als die Spitzen von ein paar Sammtpantoffeln hervorblicken sah, mit einem Kopfputz nach der Mode jener Zeit, das heißt auf der Spitze des Kopfes thronend und die Stirne mit zahlreichen Locken von kastanienbraunen Haaren umschattend, welche durch die Regelmäßigkeit ihrer Ringeln verrieten, daß der Haarkünstler so eben erst da gewesen – diese Dame saß also auf einem mit blauem Atlas überzogenen Sofa in einem reizenden Boudoir, welches das entlegenste Zimmer einer Wohnung im ersten Stocke in Nro. 11 der Straße Taitbout war.

Zunächst wollen wir einige Worte über die Dame, dann über das Boudoir sagen, und hierauf wollen wir auf die Sache selbst eingehen.

Wir sagten, eine Dame; wir hätten aber beim ersten Anblick fast sagen können, ein junges Mädchen, denn obgleich sie ungefähr sechsundzwanzig Jahre zählte, so schien sie doch nicht älter als neunzehn zu sein. Diese Dame war außer der Zierlichkeit ihrer Taille, der Feinheit ihrer Füße, und der Weiße ihrer Hände mit einer jener Figuren ausgestattet, welche zu allen Zeiten das Vorrecht gehabt haben, die Köpfe derer zu verrücken, die sich ihrer sicher glaubten. Sie war gerade nicht schön, überhaupt nach der Art, was man zu jener Zeit unter schön begriff, wo die Gemälde Davids fast ganz Frankreich zu dem Geschmack der Griechen zurückgeführt hatten, der so glücklicher Weise während der beiden vorhergehenden Regierungen aufgegeben worden war; nein, im Gegenteile war ihre Schönheit von einer launenhaften Phantasie. Vielleicht waren ihre Augen zu groß, ihre Nase zu klein, ihre Lippen zu rot, ihr Teint zu durchsichtig; aber es war nur in den Momenten, in welchen dieses reizende Gesicht ruhig war, daß man diese auffallenden Fehler wahrnehmen konnte; denn so wie es sich durch irgend einen Ausdruck belebte, dann war dieses Gesicht, dessen Bild wir hier zu entwerfen wagen, im Stande, jeden möglichen Ausdruck anzunehmen, den der schüchternsten Jungfrau, so wie den der schamlosen Bacchantin; so wie es sich belebte, durch irgend einen Ausdruck der Traurigkeit oder der Freude, des Mitleides oder des Scherzes, der Liebe oder der Verachtung, da standen alle Züge dieses niedlichen Gesichts in so voller Übereinstimmung, daß man nicht sagen konnte, welchen dieser Züge man ändern möchte; so wie sie zuverlässig zu einer Regelmäßigkeit des Ganzen beitrugen, so würde man durch das Hirnwegnehmen irgend eines das Pikante der Physiognomie geraubt haben.

Diese Dame hielt eine Papierrolle in der Hand, auf welche Zeilen von verschiedener Handschrift geschrieben waren. Von Zeit zu Zeit erhob sie die Hand mit einer Art von Ermattung, aber voll Anmuth, brachte das Manuskript vor ihre Augen, las einige von diesen Linien, rümpfte anmutsvoll die Nase, stieß einen Seufzer aus, ließ die Hand zurücksinken, und diese schien jeden Augenblick bereit, sich zu öffnen und die verwünschte Papierrolle fallen lassen zu wollen, welche für diesen Augenblick die Hauptsache einer Verstimmung war, deren Verbergen sich die Dame nicht angelegen sein ließ.

Sie war einender ersten Künstlerinnen des Theâtre-Francais; die Rolle gehörte einer der langweiligsten Tragödien jener Epoche an; wir bezeichnen die eine mit dem Namen Fernande, wir werden uns aber sehr wohl hüten, den Titel der andern zu nennen.

Das Boudoir war zwar von außerordentlicher Eleganz, trug aber dennoch den Stempel des schlechten Geschmacks jener Epoche. Es war ein allerliebstes, viereckiges Gemach mit blauem Atlas tapeziert, von welchem jedes Blatt zwischen zwei Säulen von korinthischer Ordnung eingerahmt war, auf deren goldenen Kapitälern ein Fries von Stuck ruhte, auf welchem nach dem Genre von Pompeji eine Menge von Amoretten gemalt waren, die, mit Bogen und Köchern versehen, zu nicht wenigen Altären Hymens und der Treue ihre Schlachtopfer führten. Dieses Boudoir hatte vier Türen, zwei davon waren der Symmetrie wegen geblendet. Diese vier Türen waren weiß bemalt und erhaben gearbeitet, und in jedem Fache hatten sie Verzierungen, die aus einem Thyrsus des Bacchus und aus einer Maske Thaliens und Melpomenens gebildet waren. Eine dieser Türen war geöffnet und ließ den feuchten Dampf und den lieblichen Duft eines parfümierten Bades in das Boudoir hereindringen.

Was die Möbeln dieses Boudoirs betrifft, so waren sie mit blauem Atlas gleich den Wänden überzogen, und sie hatten die raue und unangenehme Form, die heute noch die Leute von Geschmack und die Verehrer des Komfortablen überrascht, die nicht begreifen können, wie man solche Nachbildungen des Antiken machen und wie man sich derselben bedienen konnte; denn man vermochte kaum, sich auf ein Kanapee zu legen, sich auf eine»Fauteuil oder überhaupt auf die Stühle zu setzen. Wir sprechen hierbei nicht von den Tabourets in der Form eines X; denn diese waren die einzigen Möbeln, welche, abgesehen von ihrer exzentrischen Form und ihren athentensischen Verzierungen, zu ihrer Bestimmung etwas taugten.

Die Zierraten des Kamins waren von derselben Gattung; die Pendule stellte einen großen runden Schild dar, wahrscheinlich den des Achilles, getragen von vier magern Amoretten, welche unter seiner Last seufzten. Die Kandelaber bestanden aus vier andern Amoretten, die in eine Gruppe vereinigt waren, und deren vier Flambeaur einen vierarmigen Leuchter bildeten.

Wie wir gesagt haben, war Alles, ungeachtet seines schlechten Geschmacks, reich, kokett, elegant und anziehend durch den Glanz, die Anmut und die Schönheit der Sirene, die darin wohnte. Man sieht, daß wir von unserem Gegenstande hingerissen sind, und daß wir wider unsern Willen in den mythologischen Stil jener Zeit verfallen.

Die Göttin, welche man in diesem kleinen Tempel anbetete, lag also, wie wir angedeutet haben, nachlässig hingestreckt aus ein Sofa; sie hatte den Anschein, ihre Rolle zu studieren, dachte aber im Grunde an nichts anderes als wie sie ihren Peplos tragen und wie sie ihre Tunika in der neuen Tragödie falten wolle, in der sie jetzt mitspielen sollte. Da öffnete sich die Türe und ihr Kammermädchen trat mit jener familiären Haltung ein, die zu gleicher Zeit die Vertraute der Tragödie und die Zofe der Komödie bezeichnet, Ismene und Dorine, die Ratgeberin und Bewahrerin der Geheimnisse.

»Wie, Sie sind es schon wieder?«rief die Schauspielerin mit einem bezaubernden Anfluge Übler Laune, die, indem sie einen Tadel auszusprechen sucht, zu sagen scheint, daß man wohl getan habe, denselben zu verdienen. »Ich habe doch bestimmt genug gesagt, daß ich allein sein will, unbedingt allein, um meine Rolle zu studieren; ich werde diese nie auswendig lernen, und das wird Ihre Schuld sein, verstehen Sie, Mademoiselle Cornelie?«

Das Kammermädchen nannte sich mit ihrem eigentlichen Taufnamen Marie; allein sie hatte diesen Namen zu gemein gefunden und sich daher kraft eigener Autorität um- und wieder getauft, um den wohlklingendsten und überhaupt den ausgezeichnetsten Namen, den Namen Cornelie anzunehmen.

»Mein Gott, ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung,« sagte die Zofe, »und ich bin bereit, dem Veranlassen gegenüber die Verantwortlichkeit für diesen Verzug auf mich zu nehmen. Ein schöner junger Mann verlangt mit Ihnen zu sprechen, und zwar so dringend, daß ich kein Mittel gefunden habe, ihn zurückzuweisen.«

»Und wie nennt sich Ihr schöner junger Mann, Mademoiselle?«

»Herr Eugene.«

»Herr Eugene?«versetzte die Schauspielerin, indem sie langsam die drei Sylben, welche dieses Wort bilden, wiederholte. »Herr Eugene. Aber das ist ja kein Name?«

O ja, Madame, es ist ein Name und zwar ein sehr hübscher Name. Ich liebe den Namen Eugene sehr.«

»So! Und Sie wollen, daß ich Ihre Sympathien mir aneigne! Können Sie mir ein Bild Ihres Schützlings entwerfen?«

»O gewiß, er ist, wie ich Ihnen schon gesagt habe, ein schöner junger Mann, ungefähr fünf Schuh, fünf Zoll groß, hat schwarze Haare, schwarze Augen, einen schwarzen Schnurrbart, und bezaubernde weiße kleine Zähne. Er ist in bürgerlicher Kleidung, aber ich wollte darauf wetten, daß er Offizier ist; überdies trägt er das Band der Ehrenlegion im Knopfloch.«

Zu einer früheren Zeit konnte diese letzte Bezeichnung noch als eine Auskunft betrachtet werden; heut zu Tage möchte sie viel zu unbestimmt sein. »Herr Eugene, schwarz, das Band der Ehrenlegion. . .«wiederholte Fernande, indem sie ihr Gedächtniß zu Hilfe nahm, dann wandte sie sich wieder zu Mademoiselle Cornelie und sagte: »und erinnern Sie sich nicht, daß Sie während des Jahres, welches Sie nun in meinen Diensten sind, diesen jungen Mann gesehen haben?«

»Niemals, Madame!«

»So wollen wir sehen, wer es sein kann.

Ist es Eugene d'Erville?«

»O nein, Madame, der ist es nicht.«

«Eugene de Castelluir?«

»Der ist es' auch nicht.«

»Eugene von Clos-Benaud?«

»Auch der ist es nicht.«

»Wenn dies der Fall ist, so sagen Sie, meine Teure, diesem Herrn, daß ich nicht zu Hause bin.«

»Wie! Sie befehlen mir!. . .«

»Gehen Sie.«

Fernande sprach dieses letzte Wort mit einer solchen Würde einer Theaterprinzessin aus, daß sich die Zofe, so sehr sie auch Lust hatte, die Sache ihres Schützlings zu verfechten, gezwungen sah, abzutreten, und dem Befehle, der ihr so bestimmt gegeben worden, Folge zu leisten.

Mademoiselle Cornelie ging also hinaus, und Fernande nahm mit einer noch zerstreuteren und verdrießlicheren Miene als zuvor das Manuskript wieder auf, allein sie hatte noch keine vier Verse darin gelesen, als sich die Türe schon wieder öffnete, und die Zofe wieder eintrat.

»Nun, Sie kommen noch einmal!« sagte Fernande in einem Tone, welcher ernst zu sein versuchte, der aber schon viel von seiner Strenge verloren hatte.

»Ach, mein Gott, Madame,« erwiderte Cornelie, »ja, ich bin es wieder, aber Sie werden mir verzeihen; Herr Eugene will durchaus nicht weggehen.«

»Wie, er will nicht weggehen?«

»Nein, er sagt: er wisse, daß Sie nie so frühe ausgehen.«

»Wenn auch; aber ich empfange am Morgen nur meine Freunde.«

»Er sagt, daß er einer von Ihren Freunden sei.«

»O, zum Beispiele? Das wird verwickelt; Eugene, ein schwarzer Schnurrbart, das Band der Ehrenlegion, einer meiner intimen Freunde; ist es nicht Eugene de Miremont?«

»Nein, Madame, dieser hier ist besser.«

»Eugene d'Harcourt?«

»O, dieser hier ist viel besser.«

»Eugene d'Argv?«

»O, der hier ist unendlich besser.«

»Aber wissen Sie, Mademoiselle, daß Sie meine Neugierde aufregen?«

»Übrigens,« fuhr die Zofe fort, indem sie ihrer Gebieterin ein kleines Schmuckkästchen von rothem Maroquin in der Größe eines Fünffrankenthalers Überreichte, »übrigens hatte er beigefügt, stellen Sie dieses Fernanden zu und sie wird wissen, wer ich bin.«

»Fernanden?«

»Ja, Madame, so hat er gesagt.«

»Meiner Treu, ich gebe zu, daß ich nicht die Geringste der Welt bin,« sagte die Schauspielerin, indem sie das Schlößchen öffnete und das kleine Schmuckkästchen neugierig betrachtete.

»Da sehen Sie; Ihr Portrait!« rief die Zofe.

»O, wie es Ihnen ähnlich ist, wie Sie so schön mit dem Schleier sind, der da um Ihren Kopf flattert;«

»Mein Portrait,« murmelte Fernande, indem sie sichtbar durch eine letzte Anstrengung ihre Erinnerungen zu sammeln suchte.

»Mein Portrait! Meiner Treu, ich finde mich nicht zu rechte.«

Nach einem augenblicklichen Schweigen rief sie:

»Ach, Eugene?«

»Ja.«

»Ein Schwarzer?«

»Ja.«

»Das Band der Ehrenlegion?«

»Ja.«

»Einer meiner Freunde?«Dieses Portrait, diese Chiffer: E.B. die ich auf dem Kästchen nicht bemerkt hatte. Das ist es, das ist es; mein Gott, wie wenig Gedächtniß ich habe und wie zerstreut ich bin; lassen Sie ihn hereinkommen, lassen Sie ihn hereinkommen, diesen armen Eugene, den ich im Vorzimmer warten ließ. Wenn ich bedenke, daß mir dasselbe, es ist noch nicht ein Monat, mit Jerome begegnet ist. . . .!«

Mademoiselle Cornelie ließ sich das nicht zweimal sagen, sie schoß wie ein. Pfeil und so hinaus, daß kaum die Vorwürfe, welche Fernande hinsichtlich ihres Gedächtnisses an sich richtete, beendigt waren, als schon an der Stelle Cornelie's der schöne junge Mann, schwarz an Haaren, Augen und Schnurrbart und mit dem rothen Bande, unter der Thüre erschien.

»Verzeihen Sie, meine liebe Fernande,« rief der junge Mann lachend; »aber auf meine Ehre, ich war weit davon entfernt, daran zu zweifeln, daß Sie in meiner Abwesenheit uneinnehmbar sein werden.«

»Wer daran zweifelt, das sind Sie, mein theurer Prinz,« sagte Fernande, indem sie dem Neuangekommenen eine Hand darreichte, welche dieser mit der Miene eines Siegers küßte. »Sie ließen sich bloß und einfach unter dem Namen Eugene anmelden; aber ich kenne so viele Eugenes. . . .«

»Daß Sie mich mit allen andern Eugenes der Welt verwechselt haben, das ist sehr schmeichelhaft für mich. Ah! Entschuldigen Sie, mein Portrait! Haben Sie die Güte, es mir zurückzugeben.«

»Sie denken also noch daran?«sagte Fernande mit einer bezaubernden Koketterie.

»Immer,« sagte der Prinz, indem er ein Tabouret neben den Sopha stellte.

»Cornelie,« bemerkte Fernande, »so lange seine kaiserliche Hoheit bei mir sein wird, bin ich für Niemand zu sprechen.«

Cornelie machte große Augen, sie hatte bis jetzt zu ihrer Gebieterin viele Prinzen kommen sehen; aber unter diesen Prinzen gab es wenige, die man mit dem pompösen Titel »Hoheit,« am allerwenigsten aber mit dem »kaiserliche Hoheit«bezeichnete.

Mademoiselle Cornelie trat ab, ohne ein Wort zu entgegnen.

»Und seit wann sind Sie in Paris, mein teurer Eugene? Ah, verzeihen Sie, gnädigster Herr, ich spreche immer zu Ihnen, wie wenn Sie noch ein einfacher Oberst der Consular-Garde wären.«

»Und Sie thun wohl daran, meine schöne Fernande.

Sie fragen, seit wann ich angekommen bin? Seit gestern, und mein erster Besuch gilt Ihnen, Undankbare!«

»Wie so? Sie sind hierher gekommen. . .?«

»Nein, ich würde Sie nicht aufgesucht haben, als bis Sie gespielt hätten.«

»Ah, das ist wahr?«

»Ich war im Francais.«

»In der Loge des Kaisers? Ich habe Sie dort nicht gesehen.«

»Weil Sie nicht hingesehen haben, Ungetreue! Ich war nicht dort, aber Poniatowsky war da.«

»Ich habe ihn wahrhaftig dort nicht gesehen.«

»O, dreifache Lügnerin;«rief der Prinz.

»Nein, Madame, ich war inkognito in einer Baignoire.«

»Allein?«

»Nein, mit Ihrem Portrait.«

»O, mein Gott, welche Artigkeiten Sie mir sagen; aber ich schwöre Ihnen, daß ich auch nicht ein Wort davon glaube.«

»Es ist dennoch die reine Wahrheit.«

»Nun, ich bin verzweifelt, daß Sie hierher gekommen sind.«

»Und warum? Sie waren in der Zaire anbetungswürdig; in der Roxelane wunderbar.«

»Ich war nicht schön.«

»Lassen Sie das, Sie waren im Gegentheile entzückend.«

»Nein, ich war sehr übler Laune.«

»Weil Poniatowsky zuviel mit seiner Nachbarin geplaudert hat.«

»Abscheulicher!«

»Oder ist vielleicht Duroc gestorben?«

»Trauriger!«

»Ist vielleicht Murat zu Grunde gerichtet.«

»A propos von Murat, er ist Großherzog, nicht wahr? Und man sagt, daß man ihn zum Vice-König machen will, wie Sie, oder wie Joseph zum König und was weiß ich sonst noch?«

»Ja, ich habe einige Worte davon sprechen hören.«

»Wohl an, alle diese Königreiche werden doch wenigstens gute Hilfsquellen darbieten.«

»Keine zu schlechten, und wenn es Ihnen nur im Mindesten auf der Welt angenehm ist, nun so wollen wir. . . so wollen wir davon plaudern.«

»Ach, Sie, mein lieber Eugene, Sie sind immer Prinz, bei Ihnen ist es nicht, wie bei Ihrem Kaiser.«

»Nun, was hat er denn gethan, mein Kaiser? Ich glaubte, daß er Sie zur. . . .Kaiserin gemacht habe.«

»Nun ja, er ist liebenswürdig; plaudern wir später etwas davon.

Denken Sie, ich habe Lust, Frankreich zu verlassen und nach Mailand zu gehen.«

»Gehen Sie dahin, meine Liebe, gehen Sie dahin; Sie werden dort sehr gut aufgenommen werden. Ich komme gerade nach Paris, um meine Truppe zu rekrutieren, und dann nach Erfurt und Dresden zu gehen. Sind Sie mit bei der Reise nach Dresden?«

»Ich weiß, daß Mars, Georges und Talma dabei sind; aber zu mir hat man noch kein Wort davon gesagt.«

»Wünschen Sie dabei zu sein?«

»Und wenn ich wünschte dabei zu sein? Wünschen Sie, mein theurer Prinz, daß ich offen spreche? Das war es, was mich gestern Abends in eine solch' abscheuliche Laune versetzte.«

»Wirklich!«

»Auf mein Wort.«

»Wohlan, ich will es mit Rovigo in Ordnung bringen. Ich glaube, daß er die Sache auf sich hat.«

»Ach, Sie werden ein Amor sein.«

»Nun, thun Sie von Ihrer Seite auch etwas für mich.«

»O, Alles, was Sie wünschen,«

»Geben Sie mir das Repertoire dieser Woche, damit ich meine Soireen mit den Ihrigen in Einklang bringen kann. Ich will die Templer sehen; werden Sie darin spielen?«

»Ja, ich werde darin eine Art von Leichenbegleiterin machen. Ich wollte, daß Sie mich in einem andern Stücke sehen würden.«

»Ich werde Sie in allen sehen.«

»Sie wollen also dieses Repertoire?«

»Ja.«

»O, es ist jetzt sehr schlecht bestellt, das Alles sind nichts als Ränke, Cabalen und Intriguen. Unsere arme Comédie-francaise geht, wie ich fürchte, wo das Cafe Ludwig's XV, hinging.«

»Wahrhaftig?«

»Aber, wo doch dieses Repertoire sein mag? Ach, jetzt erinnere ich mich.«

Fernande streckte die Hand nach einem Glockenzuge aus, der in einen Bogen und einen Köcher von Bronze endete, und läutete. Mademoiselle Cornelie erschien.

»Was haben Sie mit dem Repertoire gemacht, welches ich Ihnen gestern gegeben habe?«sagte Fernande.

»Ich habe es in eine Ihrer Tassen im Schlafzimmer gelegt.«

»Holen Sie es, Seine kaiserliche Hoheit verlangt' nach demselben.«

Mademoiselle Cornelie ging weg, kam nach einem Augenblick wieder, und brachte die wöchentliche Theateranzeige.

Fernande nahm sie ihr aus den Händen, gab sie dem Prinzen, wandte sich dann gegen die an ihrem Platze stehen gebliebene Cornelie und fragte:

»Nun, warum warten Sie?«

»Ich bitte Sie um Entschuldigung, Madame,« erwiderte die Zofe, »aber es ist jemand da, der Sie zu sprechen wünscht.

»Sie begleitete diese Worte mit einem jener Blicke, durch welche die Dienerin der Herrin sagt: »Seien Sie ruhig, ich weiß, was ich thue.«

»Noch einmal, ein schöner junger Mann?«fragte Fernande.

»O nein, Madame, diesmal ist es ein armes, junges Mädchen, welches sehr traurig ist, und einen großen Kummer zu haben scheint.«

»Wie heißt sie?«

»Cäcilie.«

»Cäcilie, Cäcilie und?«

»Nur Cäcilie.«

»Nun,« sagte der Prinz,« das ist heute der Tag der Taufnamen.«

»Und was verlangt sie?«

»Sie wünscht Ihnen, Madame, etwas zu zeigen, was Sie, wie ich gewiss weiß, schön finden werden. Ich habe ihr sogleich gesagt, daß es unnütz sei, weil Sie gegenwärtig im Begriff stehen, ökonomisch zu sein; aber das arme Kind bat so dringend, daß ich den Mut nicht hatte, sie fortzuschicken. Ich sagte ihr, daß sie warten solle, und daß, so wie Madame sie empfangen könnten, dies geschehen würde. Dann hat sie sich schüchtern in einen Winkel gesetzt, ihren Karton auf die Knie nehmend, und so harrt sie Ihrer Befehle.«

»Werden Eure kaiserliche Hoheit erlauben?. . .«fragte Fernande.

»Warum nicht,« entgegnete der Prinz,« es wird mir sehr angenehm sein, dieses junge Mädchen zu sehen und das zu bewundern, was sie in ihrem Karton hat, den sie so bescheiden auf ihren Knien hält.«

»Lassen Sie sie hereinkommen,« sagte Fernande.

Cornelie ging sogleich weg und kam nach einem Augenblicke wieder, Mademoiselle Cäcilie ankündigend. Hinter Cornelia trat die angekündigte Person ein.

Es war ein schönes, junges Mädchen von neunzehn Jahren, mit blonden Haaren, rosigem Teint und einer Taille, so schlank wie Schilf; sie war in großer Trauer und ganz schwarz gekleidet; ihr Kleid hatte nicht die geringste Verzierung, eben sowenig ihre Haube von derselben Farbe; ihre Wangen waren blass, ihre Augen roth; man sah ihr an, daß sie viel gelitten und viel geweint hatte.

Nach der Beschreibung, welche Mademoiselle Cornelie von der Person gab, die sie zu sprechen wünschte, hatte Fernande von Anfang an geglaubt, mit irgend einer jungen Arbeiterin zu thun zu haben, welche beauftragt ist, Muster in der Stadt herumzutragen; aber bei dem ersten Blicke, welchen sie auf dieses traurige und ernste junge Mädchen, warf, bemerkte sie mit Erstaunen eine würdevolle, züchtige Haltung, welche über ihre ganze Person verbreitet war.

Cäcilie war an der Türe stumm und unbeweglich stehen geblieben.

»Kommen Sie näher, Mademoiselle,« sagte Fernande, »und sagen Sie mir, was mir das Vergnügen verschafft, Sie zu sehen.«

»Madame,« entgegnete Cäcilie mit zitternder Stimme, in welcher jedoch mehr Schmerz als Furcht lag, »in diesem Karton hier ist eine Robe, welche ich schon mehreren Personen gezeigt habe; aber der Preis, der für dieselbe bezahlt werden soll, hat immer das überstiegen, was die Personen, welchen ich sie zum Kaufe angeboten habe, geben wollten. Die letzte derselben hat mir, indem sie mir das Kleid zurückgab, gesagt, daß nur eine Königin eine solche Rohe kaufen könne, und deswegen bin ich zu Ihnen gekommen, die Sie eine Königin sind.«

Diese Worte waren mit einer zitternden Stimme, aber zu gleicher Zeit auch mit so viel Trauer und Würde gesprochen worden, daß sich das Staunen des Prinzen und Fernandens verdoppelte; indessen musste die schöne Künstlerin doch über die letzten Worte lächeln.

»Ach ja,« sagte sie, »eine Königin, eine Königin von sieben bis halb zehn Uhr Abends; eine Königin, deren Königreich im Theater ist, welche Mauern von Pappe zum Palaste hat, und ein Stirnband von Bronze als Krone trägt! Indessen sind Sie doch nicht ganz irre gegangen, indem sie Hierher gekommen sind, denn wenn ich auch eine falsche Königin bin, so haben Sie doch einen wahren König gefunden.«

Das junge Mädchen heftete mit ernster Würde die schönen blauen Augen auf den Prinzen; ihr Ausdruck aber zeigte, daß sie die so eben ausgesprochenen Worte durchaus nicht verstehe.

Inzwischen hob Cäcilie den Deckel des Kartons aus.

Fernande stieß einen Ruf der Bewunderung und der Überraschung aus.

»O, diese wunderbare Robe!« rief sie, indem sie mit der Hastigkeit einer Frau, die ein Meisterstück der Toilette gewahr wird, sich derselben bemächtigte, sie auf dem Sopha aus einander und die Hand unter den Stoff legte, um über die Feinheit des Musselins, und über die Schönheit der Stickerei urteilen zu können.

In der Tat hatte man vielleicht zu Nancy, in dieser Beziehung das Land der Wunder, nichts gesehen, was diesem Kleide glich, welches so mit Stickereien beladen war, daß man nur mit Mühe den Musselin unter den schlanksten Stengeln, den zartesten Blättern, den schönsten Blumen, die je den neidischen Blick einer Tochter Evas überrascht hatten, durchsehen konnte; es war nicht das Werk eines Weibes; es war gewiss die launenhafte Schöpfung irgend einer Fee.

So wenig der Prinz eine solche Art von Meisterstücken schätzen konnte, so erkannte er doch, daß dieses Kleid ein Wunder der Geduld und der Geschicklichkeit sei.

Fernande blieb einige Minuten in Betrachtung versunken vor diesen graziösen Arabesken stehen; dann richtete sie an Cäcilie die Frage: »Wer hat denn dieses Kleid gestickt?«

»Ich, Madame,« entgegnete Cäcilie.

»Und wie viele Jahre haben Sie zu dieser Arbeit gebraucht?«

»Zwei und ein halbes Jahr, Madame.«

»Das glaube ich gerne; sehen Sie doch, Prinz, das ist zum Vergnügen und nicht handwerksmäßig gestickt und das macht die Sache noch kostbarer. Zwei und ein halbes Jahr! Da mussten Sie ungeheuer arbeiten.«

»Tag und Nacht, Madame.«

»Und Sie haben ein solches Werk zu dem Zwecke unternommen, dasselbe zu verkaufen?«

«Ich habe es aus einem andern Grunde unternommen, Madame.«

»Ich begreift, daß Sie nicht im Stande waren, dieses Kleid zu verkaufen, Mademoiselle; denn dasselbe muss so viel kosten, als das Lösegeld eines Königs beträgt.«

»Ach ja, ich bin gezwungen, einen sehr hohen Preis dafür zu fordern, und darum habe ich auch, so dringend notwendig ich des Geldes bedarf, bis jetzt noch keinen Käufer dafür gefunden.«

»Und, welchen Preis verlangen Sie dafür?«fragte lächelnd der Prinz.

Das junge Mädchen schwieg einen Augenblick, als ob es sich fürchte, die verhängnisvollen Worte den Lippen entschlüpfen zu lassen, die so oft schon ihre Hoffnungen vernichtet hatten. Endlich sagte sie mit kaum vernehmbarer Stimme: »Dreitausend Frank.«

»Wie meinen Sie?«fragte Fernande.

«Dreitausend Frank,« wiederholte Cäcilie.

»Bei Gott!« sagte die Schauspielerin mit einer Bewegung der Augen und des Mundes, welche unmöglich beschrieben werden kann. »Bei Gott, das ist teuer, aber es hat diesen Wert.«

In dem nämlichen Augenblicke rief das junge Mädchen, indem es die Hände faltete und fast auf die Knie sank: »Madame, Sie werden, ich schwöre es Ihnen, eine heilige und edle Handlung begeben, wenn Sie es kaufen.«

»Mein Gott,« sagte Fernande, »ich würde dieses Kleid von Herzen gern kaufen, mein Kind, und ich gestehe Ihnen sogar, daß ich sehr große Lust dazu habe, aber Tausend Taler.«

»O, mein Gott, was sind denn tausend Taler für Sie!« sagte das junge Mädchen, indem sie umher blickte und sich einen Begriff von dem Glücke der Person, an welche sie diese Worte richtete, durch die Betrachtung des kostbaren Meublements des Boudoirs zu machen schien, welches wir beschrieben haben.

»Wie, was tausend Taler für mich sind!« rief die Künstlerin; »es sind, drei Monate meines Einkommens. Richten Sie Ihre Bitte an den Prinzen, mein Kind, und er wird dieses Kleid für irgend eine schöne Dame des Hofes kaufen.«

»In der Tat,« sagte der Prinz, »die Dame hat Recht; ich nehme dieses Kleid, mein Kind.«

»Sie, Sie, mein Herr! Sie, Prinz!« rief das junge Mädchen, »ist es wahr, daß Sie es nehmen, und um den Preis, den ich dafür fordere?'

»Ja,« antwortete der Prinz,« und wenn Ihnen eine größere Summe notwendig sein sollte. . . .«

«Nein, gnädiger Herr,« sagte das junge Mädchen. »Ich brauche dreitausend Frank; dreitausend Frank genügen mir. Übrigens ist auch dieses Kleid nicht mehr als dreitausend Frank wert.«

»Nun,« sagte der Prinz, »haben Sie die Güte, diesen Karton meinem Kammerdiener Jean zuzustellen, den Sie an der Türe mit meinem Kutscher plaudernd finden werden.

Sagen Sie ihm, daß er es in meinen Wagen legen soll, und geben Sie ihm Ihre Adresse, damit ich Ihnen heute noch diese Summe zustellen lassen kann, welche Sie so dringend notwendig zu haben scheinen.«

»O ja!« entgegnete das junge Mädchen, »und ich schwöre es Ihnen, daß nur eine so große Not mich zwingen konnte, mich von dem Kleide zu trennen.«

Indem das arme Kind diese Worte sprach, drückte es mehrmals seine Lippen mit einer Mischung von Freude und von Schmerz, welche das Herz zerriss, auf das Kleid, von welchem sie sich trennen musste. Dann grüßte sie noch einmal Fernande und den Prinzen, und schritt der Türe zu.

»Noch ein Wort!« sagte Fernande,« und verzeihen Sie es zwei Gefühlen, die ich empfinde, und, wie ich glaube, in gleichem Grade, nämlich der Neugierde, die Sie in mir erregt haben, und dem Antheile, den ich an Ihnen nehme. Für wen war dieses Kleid bestimmt?«

»Für mich/Madame.«

»Für Sie?«

»Ja; es war mein Hochzeitkleid.«

Und das junge Mädchen stürzte aus dem Zimmer, einen Seufzer erstickend.

Am folgenden Tage ließ sich der Prinz selbst nach der bezeichneten Adresse führen und fragte nach Cäcilien. Dieses junge Mädchen hatte ihn lebhaft interessiert, er hatte den Vorfall der Kaiserin erzählt, und die Kaiserin verlangte sie zu sehen.

»Mademoiselle Cäcilie?«sagte der Thürhüter.

»Ja, Mademoiselle Cäcilie, ein junges, blondes Mädchen, mit einem blauen Augenpaare, achtzehn bis neunzehn Jahre alt.

Wohnt sie nicht hier, Rue du coq Nro. 5.?«

»O, ich weiß, was der Herr sagen will,« entgegnete der Türhüter; »aber Mademoiselle Cäcilie ist nicht mehr hier. Ihre Großmutter ist vor drei Tagen gestorben und vorgestern wurde sie begraben; gestern war Mademoiselle Cäcilie den ganzen Tag ausgegangen, und diesen Morgen ist sie abgereist.«

»Von Paris?«

»Wahrscheinlich.«

»Nach welchem Lande?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wie ist ihr Familienname?«

»Den haben wir nie gehört.«

Der Prinz konnte, obgleich er diese Frage fünf oder sechsmal immer unter einer andern Form wieder erhob, dennoch nicht mehr erfahren.

Acht Tage später trat Fernande in dem: »Philosophen, ohne es zu wissen,« mit einer so wunderbar gestickten Robe auf, daß das Gerücht sich verbreitete, es sei ein Geschenk, welches Sultan Selim der bezaubernden Roxelane gemacht habe.

Und nun wollen wir, da uns unsere Eigenschaft als Geschichtsschreiber das Vorrecht gibt, alle Geheimnisse zu kennen, erzählen, wer dieses geheimnisvolle junge Mädchen war, welches nur einen Augenblick den Prinzen und Fernanden erschienen, und das man in der Rue du coq Nro. 5. nur unter dem Namen Cäcilie kannte.




II.

Die Barriere Saint-Denis


Am 2. September 1796 zeigte sich eine kleine, mit Leinwand überspannte Carriole mit einer Seitenöffnung, mit Stroh belegt und durch einen Bauern geführt, welcher auf der Deichsel saß, um sechs und ein halb Uhr Morgens an der Barriere Saint-Denis; sie folgte einem Dutzend anderer Karren, welche alle das dringende Verlangen zeigten, die Hauptstadt zu verlassen, was zu jener Zeit eine nicht sehr leichte Sache war.

Jedes Fuhrwerk, welches sich zeigte, wurde einer strengen Durchsuchung unterworfen.Außer den Douaniers, deren Geschäft es war, die eingehenden Fuhrwerke einfach zu besichtigen, waren vier Municipalofficianten an der Barriere stationiert, um die Pässe zu visiren. Und ein Posten freiwilliger Nationalgardisten hielt sich bereit, sie zu unterstützen, wenn es die Umstände notwendig machen sollten.

Jeder Reisewagen, welcher dem kleinen Fuhrwerke vorfuhr, wurde angehalten, und bis in die geheimsten Fächer durchwühlt. Keiner derselben zeigte einen verdächtigen Inhalt; denn alle passierten ohne Anstand hinaus; so erreichte das kleine Fuhrwerk das Gitterthor und hielt vor dem Wachposten an. Der Bauer hob nun, ohne irgend eine Frage abzuwarten, die Leinwand, welche seinen Wagen schloß, in die Höhe, und reichte seinen Paß dar.

Dieser Paß, welcher von der Maire zu Abbeville ausgestellt war, ersuchte die Behörden, den Pächter Pierre Durand, seine Frau, Catharina Payot, und seine Mutter, Gervasia Arnould, welche alle Drei sich nach Paris begaben, ungehindert passieren zu lassen. Auf der andern Seite autorisiert die Municipalität von Paris die genannten Personen, nach dem Dorfe Nonbion, ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, zurück zu kehren.

Der Municipalofficiant streckte seinen Hals in den Wagen hinein; er umschloss eine Frau von fünf und vierzig bis fünfzig Jahren, eine andere von fünf und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, und ein kleines vierjähriges Mädchen. Alle Drei waren in Normannische Bauerntracht gekleidet, und sie trugen, das Kind ausgenommen, die großen Hauben der Frauen aus dem Pays de Cux.

»Wer heißt Gervasia Arnould?«fragte der Municipalofficiant.

»Ich, mein Herr,« entgegnete die ältere der beiden Frauen.

»Wer heißt Katharina Payot?« fuhr der Fragende fort.

»Ich, Bürger,« antwortete die Jüngere.

»Warum steht dies kleine Mädchen nicht auf dem Passe?«

»Potztausend, mein Herr,« sagte der Bauer, indem er auf die an die beiden Frauen gerichtete Fragen antwortete. »Das ist ein großer Fehler von uns; meine Frau sagte wohl zu mir: Peter, wir müssen sie auch auf dem Papiere einzeichnen lassen; aber ich erwiderte ihr, lass das gehen, Katharina, bei einem Kinde, wie dieses ist, lohnt es sich nicht der Mühe.«

»Ist es Dem Kind?«fragte der Municipalofficiant.

Das Kind öffnete den Mund um zu antworten; aber seine Mutter legte ihm die Hand auf die Lippen.

»Zum Henker!« sagte der Bauer, »wem glauben Sie denn, daß es gehöre?«

»Es ist gut,« sagte der Officiant; »aber wie die Bürgerin gesagt hat, ist es von Wichtigkeit, daß des Kindes in dem Passe erwähnt wird; und dann,« fuhr er fort, »ist es ohne Zweifel ein Irrtum, wenn es darin heißt, daß Deine Mutter fünfundsechzig und Deine Frau fünfunddreißig Jahre alt sei, während doch keine von den beiden Bürgerinnen das Alter zu haben scheint, welches in dem Passe angegeben ist.«

»Ich habe dennoch wohl sechzig Jahre, mein Herr,« sagte die ältere der beiden Frauen.

»Und ich fünfunddreißig,« sagte die Jüngere.

»Und ich, mein Herr,« sagte das kleine Mädchen, »ich zähle vier Jahre, und kann gut lesen und schreiben.«

Die beiden Frauen schauderten zusammen und der Bauer fuhr fort.

»Das glaube ich, daß Du lesen und schreiben kannst, das hat mich, auch genug gekostet.

Sechs Franken monatlich in der Schule von Abbeville; dafür danke ich! Wenn Du für dieses Geld nicht lesen gelernt hättest, so würde ich mit Deiner Lehrerin einen Prozess angefangen haben; denn ich bin nicht umsonst Norman.«

»Genug,« sagte der Municipalofficiant; »Ihr steigt ab, und tretet so lange in mein Kabinett, bis man Euer Fuhrwerk visitiert und sich überzeugt hat, daß sonst Niemand darin ist, als Ihr.«

»Aber, mein Herr,« erwiderte die ältere der beiden Bäuerinnen.

»Meine Mutter,« sagte die jüngere, indem sie sie am Arme fasste.

»Vorwärts, vorwärts,« rief der Bauer; »thut doch, was der Bürger will, und wenn er sieht, daß wir keine Aristokraten in unserm Stroh verborgen haben, dann lässt er uns passieren. Nicht wahr, mein Herr.«

Die beiden Frauen gehorchten und gingen in die Wachstube, so wie die ältere den Fuß in dieselbe setzte, brachte sie ihr Taschentuch an die Nase. Glücklicher Weise wurde diese Bewegung von Niemand als ihrer Begleiterin bemerkt, welche ihr zwei oder drei Zeichen gab, daß sie die Äußerungen von Ekel nicht bemerken lassen solle, welche für eine Bäuerin nicht passen. Der Bauer blieb bei seinem Wagen.

Der Municipalofficiant öffnete die Türe seines Kabinetts, die beiden Frauen und das Kind traten ein, und dann schloss er die Türe hinter denselben.

Es trat ein augenblickliches Schweigen ein, und während desselben betrachtete der Officiant die beiden Frauen mit der größten Aufmerksamkeit; Beide wussten nicht, was sie von dieser stummen Befragung halten sollten, da brachte er plötzlich der älteren einen Armsessel, zeigte der Jüngern mit der Hand einen Stuhl und sagte: »Geben Sie sich die Mühe, sich niederzulassen, Frau Marquise! Nehmen Sie doch Platz, Frau Baronin! sagte er zu der jüngeren.

Die beiden Frauen wurden blass wie der Tod, und fielen mehr auf die ihnen dargebotenen Sitze, als sie sich niedersetzten.

»Aber, mein Herr, Sie täuschen sich,« sagte die ältere der beiden Frauen.

»Bürger, ich versichere Dich, daß Du im Irrtum bist,« rief die jüngere.

»Verstellen Sie sich vor mir nicht, meine Damen; übrigens haben' Sie nichts zu fürchten.«

»Aber wer sind Sie und woher kennen Sie uns?«»Ich bin der Exintendant der Frau Herzogin von Lorges, vormaligen Ehrendame der Frau Gräfin von Artois, welche Paris mit dem Prinzen verlassen hat, und mich hier zurückließ, um von ihrem Vermögen zu retten, was ich retten kann.

Ich habe Sie zwanzigmal bei meiner Gebieterin gesehen, und auf den ersten Blick wieder erkannt.«

»Unser Leben ist in Ihren Händen, mein Herr,« sagte diejenige der beiden Damen, welche der Officiant mit dem Titel Baroness bezeichnet hatte; »denn wir wollen nicht länger in Abrede stellen, daß wir die Personen sind, welche Sie bei der Frau Herzogin von Lorges gesehen haben, die eine unserer besten Freundinnen war. Aber Sie haben Mitleiden mit uns, nicht wahr?«

»Sie können ruhig sein, meine Damen,« antwortete der Exintendant, »und ich werde Alles, was in einer Macht steht, dazu beitragen, um Ihnen zu Ihrer Flucht behilflich zu sein.«

»O, mein Herr,« rief die Marquise, »glauben Sie, daß wir Ihnen ewig dankbar sein werden, und wenn wir Ihnen, durch unsere Empfehlungen zu irgend etwas. . . .«

»Ach, meine Mutter,« sagte die Baroness, »wozu sollen jetzt unsere Empfehlungen dem Herrn dienen höchstens um ihn bloß zu stellen. Weit entfernt, daß wir etwas für Andere tun können, bedürfen wir des Schutzes Anderer!«

»Ach, ja, Du hast Recht, meine Tochter,« antwortete die Marquise. »Ich vergesse immer wer wir sind, und was aus unserem armen Lande geworden ist.«

»Stille, meine Mutter,« sagte die junge Frau, »sprechen Sie doch um des Himmels willen solche Worte nicht.«

»O, Sie haben nichts zu fürchten, meine Damen,« sagte der Officiant, »das heißt, so lange Sie dergleichen Sachen bloß vor mir sprechen. . . . Aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Frau Marquise, so ist es der, daß Sie so wenig als möglich sprechen,« fügte er lachend bei; »denn Sie haben einen aristokratischen Akzent, und der ist in gegenwärtiger Zeit ungangbar; und wenn Sie sprechen, so rate ich Ihnen ferner, das Du zu gebrauchen und die Leute Bürger anzureden.«

»Niemals, mein Herr, niemals,« schrie die Marquise.

»Wegen mir, meine Mutter, wegen meines armen Kindes!« sagte die Baroness, »es hat ja seinen Vater schon verloren. Was sollte aus ihm werden, wenn es auch uns beide verlieren würde?«

»Nun, es sei!« sagte die Marquise; »ich verspreche Ihnen, meine Tochter, zu tun, was möglich ist.«

»Und nun, meine Damen, wollen Sie Ihre Reise mit diesem Pass fortsetzen?«

»Was raten Sie, mein Herr?«fragte die Baroness.

»Statt Ihnen zu nützen, wird er Ihnen vielmehr höchst nachteilig werden können. Keine von Ihnen scheint das Alter zu haben, welche derselbe enthält, und wie ich Ihnen gesagt habe, Ihre Fräulein Tochter ist darin nicht aufgeführt.«

»Was sollen wir denn aber beginnen; wir haben keinen andern.«

»Aber wenn ich Ihnen einen verschaffen könnte!«

»O mein Herr,« rief die Baroness,« wenn Sie das für uns tun wollten!«

»Ohne Zweifel; allein Sie werden gezwungen sein, hier eine halbe Stunde, oder vielleicht noch länger zu warten.«

»O, so lange Sie wollen,« sagte die Baroness; »denn ich fühle, daß wir in Ihrer Nähe in Sicherheit sind.«

Der Municipalofficiant ging hinaus und kam nach einem Augenblicke wieder, indem er den Pass voll von Kot und halb zerrissen zurückbrachte.

»Bürger Greffier,« sagte er, indem er einem jungen Menschen rief, der gleich ihm eine dreifarbige Schärpe um hatte. »Habe die Gefälligkeit, für mich auf die Maire zu gehen, und einen Pass ausfertigen zu lassen. Du wirst diesen da zeigen und sagen, daß ich ihn unter das Rad eines Wagens habe fallen lassen. Füge hinzu, daß die Personen in meinem Kabinette sind, und daß ich das Signalement selbst hinein schreiben werde.«Der junge Mann nahm den Pass aus den Händen des Municipalbeamten und ging fort, ohne die geringste Bemerkung zu machen.

»Und nun, mein Herr,« sagte die Baroness, »dürfen wir wohl wissen, wie Sie sich nennen, damit wir Ihren Namen im Gedächtnisse behalten, für unseren Erretter zu Gott beten können.«

»Ach, Madame,« entgegnete der Officiant, »ich habe zum Glücke für Sie und für mich einen ziemlich unbekannten und selten genannten Namen. Ich war, wie ich Ihnen sagte, Intendant der Frau Herzogin von Lorges, die mich mit einer englischen Erzieherin verheiratet hat, welche sie zur Vollendung der Bildung ihrer Tochter hatte kommen lassen. Meine Frau hat sie, nebst meinem sechsjährigen Sohne bei der Auswanderung begleitet. Gegenwärtig sind sie in England, zu London, und wie ich vermute, begeben auch Sie sich nach London.«

»Ja, mein Herr,« antwortete die Baroness.

»Ich kann Ihnen die Adresse der Herzogin geben, welche sie übrigens immer bei Ihrer kgl. Hoheit der Frau Gräfin von Artois finden werden.«

»Und sie wohnt?«fragte die Baroness.

»Regents-Street No. 14.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr; ich werde es nicht vergessen, und wenn Sie einige Aufträge an Ihre Frau haben. . .«

»Sie werden Ihr sagen, daß ich das Glück gehabt habe, Ihnen einen kleinen Dienst erweisen zu können, daß bis jetzt mein Patriotismus mich vor jeder misslichen Geschichte bewahrt hat, daß ich mich aber, da ich mich nicht für ganz sicher halte, zu ihr begeben werde, sobald es mir möglich geworden ist, unser kleines Vermögen zu retten.«

»O, mein Herr, seien Sie versichert, daß ich auch nicht ein einziges Wort von dem vergessen werde, was Sie mir gesagt haben. Bei allem dem aber haben Sie mir Ihren Namen nicht genannt.«

»Sie werden ihn auf dem Visa finden, welches ich unten an Ihren Paß setzen werde, und ich hoffe, daß er Sie da noch schützen wird, wenn ich nicht mehr da sein werde, um Sie in Schutz zu nehmen.«

In diesem Augenblicke kam der Greffier zurück und brachte den neuen Paß; er hatte den andern auf der Maire hinterlegen müssen.

»Setzen Sie sich, und schreiben Sie!« sagte der Municipalofficiant zu dem jungen Menschen.

Dieser gehorchte und füllte die gebräuchlichen Formulare aus; als er an den Namen der Personen gekommen war, erhob er den Kopf, damit man sie ihm diktiere.

»Wie heißt Dein Mann, Bürgerin?«fragte der Officiant.

»Er heißt Peter Durand und ist sechs und dreißig Jahre alt.«

»Gut, und Deine Mutter?«

»Gervasia Arnould und sie ist fünf und vierzig Jahre alt.«

»Und Du?«

»Catharina Peyot, fünf und zwanzig Jahre.«

»Und Dein Kind?«

»Cäcilie.«

»Wie alt?«

»Vier Jahre.«

»Gut,« sagte der Officiant, »nun wie viel hast Du ausgelegt, Joseph?«

»Vierzig Sou,« erwiderte der Greffier.

Die Marquise zog einen Doppellouisd'or aus ihrer Tasche.

»Meine Mutter, meine Mutter,« flüsterte die Baroness ihr zu, indem sie sie bei der Hand fasste; dann zahlte sie, indem sie nach und nach ein Dreißigsoustück und zehn Soustücke aus der Tasche hervorbrachte, gab diese dem Greffier, welcher grüßte und wegging.

Inzwischen setzte der Officiant sein Visa auf den Paß und als dieses geschehen war, reichte er das kostbare Papier der Baronesse dar, indem er sagte:

»Nun,. Madame, können Sie Ihre Reise fortsetzen, und ich hoffe, daß sie ohne widrigen Zufall vollendet werden wird.«

»Mein Herr,« entgegnete die Baroness, »der Dienst, den Sie uns erzeigt haben, läßt sich nicht anders als mit einer ewigen Dankbarkeit erwidern, und er wird aus meiner Mutter, und meinem Herzen, in das meines Mädchens übergehen, wenn diese einmal begreifen wird, was Dankbarkeit ist.«

Die Marquise machte dem Municipalofficianten eine würdevolle Verneigung, und die kleine Cäcilie warf ihm einen Kuß zu.

Dann stiegen alle drei wieder in die Carriole. Peter Durand nahm seinen Platz auf der Deichsel wieder ein, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die beiden Frauen und das Kind auf dem Wagen gut sitzen, gab er dem Pferde einen Hieb mit der Peitsche, welches sich dann in einen kurzen Trab versetzte.

»Apropos, meine Tochter/ sagte nach einer Weile die Marquisin. »Wie nennt sich dieser brave Mann?«

»Ludwig Duval,« sagte die Baroness, deren erste Sorge es gewesen war, den Namen ihres Retters unten auf dem Passe aufzusuchen.

»Ludwig,« entgegnete die Marquise,« es scheint doch, daß diese Leute vom Volke nicht alle Jakobiner und Mörder sind,«

Bei diesen Worten rollten zwei große Tränen über die Wangen der Baroness herab.

Die kleine Cäcilie trocknete sie mit zwei Küssen ab.




III.

Man hat gesehen, daß Königinnen weinten, wie die einfachsten Frauen


Nun einige Worte über diese beiden Frauen und über dieses Kind, welche, Dank dem würdigen Officianten, wie wir gesehen haben, einer sehr großen Gefahr entgingen.

Die ältere dieser beiden Damen nannte sich die Marquise de la Roche-Bertaud, sie war eine geborene de Chemille, und also sowohl von Geburt, als nach ihrer Vermählung, eine der großen Damen des Königreichs.

Die jüngere, ihre Tochter, war die Baroness von Marsilly.

Das Kind, wie wir schon gesagt haben, die Enkelin der ersteren, hieß Cäcilie; sie ist die Heldin dieser Geschichte.

Ihr Vater, Baron Marsilly, mit der jüngeren der beiden Damen verheiratet, war acht Jahre lang Offizier in der Garde gewesen.

Die Baroness Marsilly war seit fünf Jahren Palastdame der Königin.

Alle Beide waren ihrem Fürsten getreu geblieben; Baron Marsilly hätte in den Jahren 91 und 92 sehr wohl in das Ausland flüchten können, wie es viele seiner Kameraden getan hatten, allein er hatte es für Pflicht gehalten, bei dem Könige zu bleiben, und, wenn er für ihn sterben sollte, in seiner Nähe zu sterben. Die Baroness war, ohne irgend eine Betrachtung anzustellen, bei ihrem Manne geblieben, den sie anbetete, und bei der Königin, die sie verehrte.

Als der König und die Königin versucht hatten, zu entfliehen, hatten sie den Baron Marsilly und seine Gemahlin ihrer Dienste entlassen, und beide hatten sich in ihr Hotel in der Rue de Verneuil No. 6 zurückgezogen. Hier bereiteten sie sich vor, Frankreich gleichfalls zu verlassen und sich mit ihren Souveräns wieder zu vereinigen, als sie erfuhren, daß Ihre Majestäten in Varennes angehalten worden seien und nach Paris zurückgebracht würden. Sie gingen nun, um ihre Stellen sogleich wieder in den Tuilerien einzunehmen, und die beiden ersten Personen, welche der König und die Königin, beim Aussteigen aus dem Wagen bereit fanden, ihnen ihre Huldigungen darzubringen, waren der Baron und' die Baroness Marsilly.

Es ist wohl zu bemerken, daß zu jener Epoche dir Verhältnisse sich schon so ernst gestaltet hatten, daß dieses Zeichen von Ergebenheit nicht unbemerkt vorüber ging. Der zwanzigste Juni bereitete den zehnten August, und der zehnte August den ein und zwanzigsten Jänner vor.

Paris bot einen eigenen Anblick dar; es schien, daß die Vorübergehenden nicht mehr zu ihren Geschäften sich begaben, sondern dahin, wohin die Leidenschaften sie riefen. Statt dieser gutmütigen Physiognomie, welche sich mit Possen beschäftigte, die den Charakter der Gaffer von Paris bildet, sah man nichts als Leute, welche damit beschäftigt schienen, sich dem Hasse hinzugeben, oder eine Rache zu verfolgen. Jeden Tag hörte man von irgend einem neuen Morde sprechen; bald war es ein unglücklicher Prokurator, den man unter dem Vorwand in der Rue de Roeuille totschlug, daß er ein Emissaire Laffayette's sei; bald war es ein alter Garde du Corps, welchen man in das Bassin der Tuilerien tauchte und ihm den Kopf unter das Wasser im Angesicht von hundert Spaziergängern hielt, welche diesem schrecklichen Schauspiele mit einem einfältigen Lachen zusahen; eines Tages war es ein widerspenstiger Priester, den man an die Laterne unter dem Hohngelächter des Volkes knüpfte; an einem andern Tage war es Duval d'Epramesnil, welchen man auf der Terrasse des Feuillants aufknüpfte, und alle diese Morde, diese Metzeleien wurden mit dem pompösen, und feierlichen Namen der Volksjustiz beschönigt. Wenn dergleichen Gerüchte mit dieser sonderbaren Entschuldigung in die Tuilerien gelangten, sah man sich bestürzt an und fragte sich, was denn diese neue Justiz sei, welche ungestraft an die Stelle der Justiz des Königs trete.

Das Alles kündigte irgend eine große Katastrophe an, als eines Tags, wie wenn sich des Himmels Vorhersagungen mit den Drohungen der Menschen vereinigen wollten, eines jener unheilvollen Gewitter losbrach, welche eine gewisse Harmonie zwischen der Ober- und der Unter-Welt ankündigen.

Es war der dritte August 1792; der ganze Tag war drückend schwül gewesen, eine gewisse Mattigkeit, ein unbestimmter Schrecken, eine düstere Entmutigung schien auf der Bevölkerung zu lasten; die beunruhigten Nachbarn hatten sich unter ihren Türen vereinigt, oder plauderten mit einander aus den Fenstern, zeigten sich erstaunt die schweren kupferfarbenen Wolken, 'welche reißend schnell über die engen Straßen, gleich ungeheuren Wogen hinflogen und dann im Westen sich wie zu einem ungeheuren Meere von Blut vereinigten. Nie hatte der Himmel diese Farbe gehabt, nie war die Sonne von der Erde mit einem so traurigen Lebewohl geschieden.

Bald erhob sich in den Lüften ein pfeifender und heißer Wind, der so seltsam und so unerwartet war, daß sich die Gruppen, ohne ein Wort zu wechseln, zerstreuten, und daß jeder nach Hause kehrte und die Fenster und Türen schloss. Nun brach das Gewitter los.

Man erinnere sich des Gewitters im Monat Juli, welches um einige Tage der Revolution 1830 voranging.

Nach Verlauf von einer oder zwei Stunden wollten indessen die Menschen mit den Elementen kämpfen. Bei dem Leuchten der Blitze, bei dem Rollen des Donners verbreitete sich jene wilde Horde, welche man die Marseiller nannte, nicht weil sie aus Marseille waren, sondern weil sie gleich den Stürmen von Mittag gekommen waren, in den Straßen. Ein lebendiges Gewitter hatte sich mit dem Gewitter des Himmels vereinigt, und Ströme von Menschen wechselten mit den Strömen des Feuers, welche die Luft durchzückten, ab. Endlich aber besiegte der Sturm Gottes diese Art von Aufruhr, diese heulenden Banden zerstreuten sich, und die verödeten Straßen blieben das Eigentum der Blitze und des Donners.

Während dieser schrecklichen Nacht schlief in den Tuilerien Niemand; mehr als einmal warfen der König und die Königin durch einen halb geöffneten Fensterladen ihre Blicke nach den Feuillants oder auf die Quai's; sie kannten ihr Volk, ihre Stadt nicht mehr, und kaum erkannten sie Gott wieder, indem sie ihn so grollen hörten und sich nicht erinnerten, ihn jemals beleidigt zu haben.

Erst um sieben Uhr Morgens legte sich das Gewitter.

Jetzt erst erfuhr man die betrübenden Einzelheiten.

Der Blitz hatte an mehr als fünfzig Orten eingeschlagen, achtzehn bis zwanzig Personen getötet. Das Kreuz auf der Ebene von Iffy, das Kreuz von Crosne, das Kreuz des Kirchhofs von Hay und das Kreuz der Charenton-Brücke waren zerschmettert worden. In derselben Nacht, unter dem Brüllen des Donners war es, daß Danton, Camille des Moulins, Barbarour und Panis den zehnten August dekretierten.

Am neunten hatte der Baron von Marsilly die Wache in den Tuilerien, und die Baroness verrichtete wie gewöhnlich ihren Dienst bei der Königin.

Um acht Uhr Morgens hörte man die Trommel in den verschiedenen Quartieren von Paris rühren. Mandar, der Oberbefehlshaber der Nationalgarde, rief die Bürgermiliz zur Verteidigung der Tuilerien, welche man seit gestern Abend von den Vorstädten bedroht wußte.

Dem Appell folgten kaum drei oder vier Bataillone. Das eine davon wurde in dem Hofe der Prinzen, das andere in dem Hofe der Schweizer und die übrigen in dem unteren Stockwerke des Schlosses aufgestellt. Der Hof der Prinzen führte zu dem Pavillon der Flora, das heißt zu dem Pavillon, welcher nach dem Quai geht. Der Hof der Schweizer führte zu dem Pavillon Marsan, das heißt zu dem Pavillon, welcher nach der Straße Rivoli führt.

Um Mittag wies Herr von Maillador den Schweizern die verschiedenen Posten an, welche sie zu besetzen hatten.

Um halb ein Uhr erhielt der Baron Marsilly den Befehl, den König 'in die Kapelle zu begleiten. Die ganze königliche Familie wollte die Messe hören, wie sonst die Ritter in der Stunde des Gefechtes kommunizierten; ohne noch etwas zu sehen, ahnte man, daß ein schreckliches Ereignis nahe.

Es lag etwas besonders Feierliches in dieser Messe, der vorletzten, welche Ludwig XVI. hörte.

Die letzte war die vom ein und zwanzigsten Jänner.

Der übrige Theil des Tages verging ziemlich ruhig; man beschäftigte sich im Schlosse mit einigen Verteidigungsanstalten. Der Baron wurde beauftragt, die Fußböden von der Gallerie des Louvres wegzunehmen, heut zu Tag die Gallerie des Museums genannt.

Um elf Uhr Abends trat Petion, der Maire von Paris, derselbe, der ein Jahr später flüchten mußte, und fast lebendig von den Wölfen in den Haiden von Saint-Emillon gefressen worden wäre, in das Zimmer des Königs, aus welchem er um Mitternacht wegging.

Sogleich erschien der König, öffnete die Thüre eines Zimmers, wo ein Posten war, und sagte, indem er Herrn von Marsilly in dem kommandierenden Offiziere erkannte:

»Ich verheiße Ihnen eine viel ruhigere Nacht, als wir geglaubt haben; der Herr Maire von Paris versichert mich, daß sich Alles beruhigt. Lassen Sie diese Nachricht dem Herrn von Maillador hinterbringen, was ihn indessen nicht verhindern soll, zu wachen.«

Der Baron verbeugte sich und ging hinaus, um die Befehle des Königs zu vollziehen; allein als er an den Posten der großen Treppe gelangte, hielt er inne, lauschte, und glaubte im ersten Augenblicke falsch gehört zu haben. Die Lärmglocke ertönte zugleich mit dem Generalmarsch und mit dem Rufe: »Auf eure Posten!« Dieses Geschrei ertönte von einem Ende der Tuilerien bis zum andern, und zu gleicher Zeit schloss man das große Gitterthor vor Carroussel.

Eine halbe Stunde später verbreitete sich das Gerücht, daß die Kanoniere der Nationalgarde, welche zur Verteidigung des Königs herbeigerufen und in dem Hofe waren, ihre Geschütze gegen das Schloss gewendet hatten.

Um zwei Uhr Morgens kündigte man dem Baron Marsilly an, daß der König ihn zu sprechen verlange.

Der Baron traf den König, die Königin, Madame Elisabeth und ihre Vertrautesten in dem Zimmer versammelt, welches vor dem Kabinett des Königs lag. Die Baroness stand mit noch zwei Ehrendamen in einer Fenstervertiefung.

Die Damen waren alle sehr bleich. Der Charakter der Physiognomien war, selbst in diesem außerordentlichen Zustand, auf dem Gesicht des Königs und der Königin der der Resignation.

Der König hatte sich nicht zu Bette gelegt. In dem Augenblicke, in welchem der Baron eintrat, lag er auf einem Kanapee. Seine Majestät erhob sich; sie trug ein violettes Kleid und hatte einen Degen an der Seite.

Ludwig XVI. trat vor den Baron hin, fasste ihn bei einem Knopf seines Kleides, wie dies seine Gewohnheit war, wenn er mit seinen Vertrauten sprach, und führte ihn in eine Ecke.

»Nun, mein lieber Baron sagte er zu ihm, »es scheint, daß trotz dem, was mir Herr Petion gesagt hat, die Sache eine schlimme Wendung annehme. Sie versammeln sich, und mit Anbruch des Tages sollen sie, wie man versichert, gegen die Tuilerien marschieren. Was wollen sie? Ich weiß es nicht. . . Ohne Zweifel uns erwürgen. . . Glauben Sie die Tuilerien in einem Zustande, um sich verteidigen zu können?«

»Sire,« antwortete der Baron, »Sie verlangen die Wahrheit von mir, nicht wahr?«

»O ja, die Wahrheit, die volle Wahrheit. Wenn man sie mir immer gesagt hätte, so wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.«

»Wenn wir mit einiger Umsicht und einiger Beharrlichkeit angegriffen werden, so wird sich das Schloss nicht zwei Stunden lang halten.«

»Wie! Sie glauben, daß meine Verteidiger mich verlassen werden?« »Nein, Sire,« versetzte der Baron;«aber nach Verlauf von zwei Stunden werden sie alle tot sein.«

»Baron sprechen Sie nicht so laut, schonen Sie die Königin! Das ist also Ihre Meinung?«

»Ja, Sir.«

»Es ist auch die Mailladors, welchen ich so eben hatte kommen lassen.

Baron, nehmen Sie fünfzig Mann, welche Sie als die bravsten kennen, und übernehmen Sie den Posten der Porte de l'Horloge; er ist durch zwei Kanonen verteidigt. Ich will auf die bauen können, welche auf diesem Posten, dem bedeutendsten der Tuilerien, sind.«

»Ich danke, Euer Majestät, für das Vertrauen, mit welchem Sie mich beehren und ich werde mich dessen würdig zeigen,« antwortete der Baron und verbeugte sich, um sich zurückzuziehen.

»Sagen Sie einige Worte der Baronesse, ich erlaube es,« sagte der König, indem er ihn zurückhielt.

»Ich danke Ihnen, Sir, ich würde es nicht gewagt haben, um diese Gnade zu bitten, allein Euer Majestät wissen in dem Grunde des Herzens die Wünsche desselben zu lesen.«

»Weil ich Vater und Gatte bin, wie Sie, Baron,« antwortete der König, »und weil ich die Königin aus dem Grunde meines Herzens liebe.«

Dann fügte er mit leiser Stimme bei: »Arme Mary, Gott möge Dich schützen!«

Der Baron nahte sich seiner Frau:

»Luise,« sagte er, »man weiß nicht, was sich ereignen kann. Im Fall, daß die Tuilerien genommen werden sollten, flüchtest Du Dich in das Kabinett, welches hinter der Bibliothek von der Madame Elisabeth ist; wenn ich nicht gefallen sein sollte, so werde ich Dich dort wieder finden.«

»Aber wenn die Königin Paris verlässt?«

»Dann werden wir uns, da ich dem Könige folgen werde, nicht verlassen.«

Beide drückten sich die Hand.

»Umarmen Sie sie!« sagte der König, indem er sich gegen das Ohr des Barons neigte, und seine Hand auf seine Schulter legte; »wer weiß, ob die, die sich in diesem Augenblick verlassen, sich nur jemals wiedersehen werden.«

»Ich danke Ihnen, Sire, ich danke Ihnen,« sagte der Baron.

Und er drückte seine Frau an sein Herz.

Die Königin vergoss eine Träne.

Der Baron sah dieses Zeichen der Teilnahme und er ließ sich vor Marie-Antoinette auf ein Knie nieder.

Die Königin reichte ihm ihre Hand zum Küssen dar.

Der Baron stürzte aus dem Zimmer.

Der Soldat fühlte, daß er wie ein Kind weinen könnte.




IV.

Der Artillerist von Croix-Rouge


Nach dem Baron von Marsilly verließen der König, die Königin und Madame Elisabeth das Zimmer. Alle drei gingen, um ihren Verteidigern einen Besuch abzustatten. Bei jedem Posten blieb der König stehen, um den Personen, aus, welchen er bestand, einige ermutigende Worte zu sagen. Die Königin wollte ihn nachahmen, allein sie vermochte es nicht; so wie sie zu sprechen begann, erstickte Schluchzen ihre Stimme. In der Tat war auch der Anblick, welchen die Tuilerien darboten, wenig erhebend. Die Schweizer und die französischen Garden standen an ihren Posten, bereit für ihren König zu sterben, aber in den Reihen der Nationalgarde herrschte Streit. Die Bataillone von Petits-Peres, von der Butte des Moulins und von Filles Saint-Thomas waren treu geblieben und standen fest in dem Hofe der Schweizer und in dem Hofe der Prinzen; allein die Bataillone der Thermes de Julien und die Artilleristen von Croix-Rouge, von Finis tére und des Pantheons hatten schon ihre Kanonen gegen die Tuilerien gerichtet. Der König ging mit gebrochenem Herzen zurück. Die Königin und Madame Elisabeth hatten jede Hoffnung verloren; im Schloss schlief Niemand außer dem Dauphin.

Um sechs Uhr morgens hörte man ein großes Geräusch, es war die Avantgarde der Vorstädte, welche auf dem Carrouselplatz debouchirte. Zu derselben Zeit sah man den König, die Königin und den Dauphin die große Treppe hinabsteigen. Die Königin trug das erlauchte Kind in ihren Armen; alle drei begaben sich in die Versammlung.

Im Vorübergehen warf der König einen Blick auf den Baron Marsilly, welcher, den Degen in seiner Hand, an der Spitze seiner fünfzig Mann unter dem großen Tore stand. Zwei Kanonen zeigten an dem Thore ihren ehernen Schlund; die Kanoniere standen hinter ihnen mit brennenden Lunten.








Der Dauphin winkte mit der Hand seinen Verteidigern zu, und der Ruf: »es lebe der König,« ertönte einstimmig von dieser kleinen Truppe.

Aber es war nicht so, als sich der König der Terrasse des Feuillants, welche mit Menschen bedeckt war, nahte; hier empfingen ihn schreckliche Verwünschungen. Ein Sapeur überhäufte die Königin mit Beleidigungen und riß ihr den Dauphin aus den Armen.

Von diesem Menschen getragen, kam das königliche Kind in die Versammlung.

Zu demselben Augenblicke ertönten die ersten Kanonenschüsse.

Bei diesem Lärm erinnerte sich die Baroness an das, was ihr ihr Mann gesagt hatte, und sie flüchtete sich in das ihr bezeichnete Kabinett. Drei oder vier Frauen der Königin folgten ihr dahin.

Mit jedem Augenblicke verdoppelte sich der Donner der Kanonen, und in den Zwischenräumen hörte man das Knattern des Gewehrfeuers. Bei jeder Salve erzitterte das Schloss von oben bis unten. Die zerschmetterten Fliesen fielen in die Zimmer, die Kugeln schlugen in das Getäfel. Bald vernahm man ein Geschrei. Dieses Geschrei nahte sich, es war das der Schweizer und der Nationalgardisten, welche man auf den Treppen niedermetzelte. Sie hatten aus der Versammlung eine Depesche des Königs erhalten, welche ihnen befahl, das Feuer einzustellen und zu kapitulieren. Zum Kapitulieren war es zu spät, das Schloss war mit Sturm genommen.

Die Schritte der Fliehenden widerhallten in den Zimmern, und der Kampf, welcher bis jetzt auf den Treppen statt gehabt hatte, erneuerte sich von Zimmer zu Zimmer. Die Baroness legte das Ohr an die Thüre des Kabinetts, sie hörte den Lärmen sich nahen, und in jedem Schrei, den sie vernahm, glaubte sie den letztem Ruf ihres Mannes zu hören. Plötzlich gab die Türe, durch einen heftigen Stoß gesprengt, nach. Drei Nationalgarden von der Butte des Moulins stürzten in das Kabinett und flehten um Hilfe. Sie fanden die Baroness und ihre Begleiterin ganz außer sich. Die Baroness fragte um Nachrichten von ihrem Manne, vergaß sich selbst und dachte nur an ihn; allein keiner von ihnen kannte ihn, und sie konnte daher nichts vernehmen.

Bei dem Anblicke dieser Männer, deren Kleider zerfetzt und mit Blut bedeckt waren, bemächtigte sich das Entsetzen der armen Frauen. Das Kabinett hatte eine Türe, welche in einen Korridor führte, und aus diesem gelangte man mittelst einer geheimen Treppe in die unteren Gemächer. Eine der Frauen schlug diesen Weg der Rettung vor, und er wurde um so mehr angenommen, als man die Flintenschüsse und den Schmerzruf der Sterbenden bereits aus dem Zimmer vernahm, welches vor der Bibliothek lag. Männer und Frauen stürzten sich durcheinander in den Korridor, dann auf die Treppe, welche man hinabeilte. Die Baroness allein war in dem Augenblicke, in welchen sie ihnen folgen wollte, bei dem ersten Schritte stehen geblieben. Ihr Mann hatte ihr geheißen, hier auf ihn zu warten, und diese Worte waren ihr in Mitte dieses Entsetzens in das Gedächtnis zurückgekehrt, hatten sie auf ihren Platz gefesselt.

Einen Augenblick lang glaubte sie ihre Gefährtinnen gerettet. Auf das Geländer gelehnt, folgte sie ihnen mit den Augen und mit den Ohren auf dem Korridor und auf der Treppe. Das Geräusch ihrer Tritte verhallte, allein bald hörte man drei oder vier Flintenschüsse, dann ein Geschrei, und nun folgte ein Lärm, den fünf oder sechs fliehende Personen verursachten; es waren die Gefährtinnen der Baroness und die Nationalgardisten, welche am Ende des Korridors auf eine Bande Marseiller gestoßen waren, sich nun flüchteten, und zurückkehrten, um ein Asyl in dem Kabinette zu suchen, in welchem die Baroness noch immer wartete.

Auf der Treppe stürzte einer der Nationalgardisten; er hatte bei der letzten Decharge eine Kugel in den Leib erhalten, und die Frauen waren gezwungen, über seinen Leichnam hinweg zu steigen.

Nun nahte sich der Mord von zwei Seiten.

Es war nicht mehr möglich, in dem Kabinette zu bleiben, man hörte die Marseiller bereits im Korridor toben.

Es war auch keine Hoffnung, durch die Bibliothek zu entfliehen, denn dort erwürgte man sich.

Die Frauen fielen auf die Knie nieder und die Männer bemächtigten sich der Stühle, um wenigstens nicht zu sterben, ohne sich zu verteidigen.

In diesem Augenblick schwang sich durch ein rundes Fenster, welches zu einem abgelegenen kleinen Zimmer gehörte, ein Mann in der Uniform der Kanoniere von Croix-Rouge herum und fiel zwischen den Frauen nieder. Diese stießen einen Schrei des Entsetzens aus und die Nationalgarden schickten sich an, ihm den Kopf mit ihren Stühlen zu zerschmettern, als plötzlich die Baroness einen Schrei ausstieß und ihre beiden Hände nach diesem Manne ausstreckte; es war der Baron.

In einem Augenblicke erkannten ihn die Frauen, und die beiden Nationalgardisten wußten, daß sie es mit einem Freunde zu tun hatten.

Mit wenigen Worten setzte sie der Baron von dem Vorgefallenen in Kenntnis; von seinem Posten vertrieben, von Zimmer zu Zimmer verfolgt, fand er an der Türe des anstoßenden Kabinetts den Leichnam eines Artilleristen von Croix-Rouge; er schleppte denselben in das Kabinett, zog seine Kleider an und durch das kleine Fenster, welches, wie er wußte, in Verbindung mit der Bibliothek stand, hatte er sich mit seiner Frau wieder vereinigt.

Kaum hatte er diese Erklärung gegeben, als die Marseiller, welche die Flüchtlinge aus dem Gesicht verloren hatten, aber den Blutspuren gefolgt waren, die Treppe heraufstürzten.

Der Baron ergriff einen schnellen, raschen und angemessenen Entschluss, und eilte ihnen entgegen.

»Hierher Kameraden!« rief er. »Hierher!«

»Kanonier von Croix-Rouge?«riefen die Marseiller.

»Ja, Kameraden, wir waren gefangen gehalten. Diese beiden braven Nationalgardisten und ich sollten erdrosselt werden, da verbargen uns diese Frauen in diesem Kabinette hier. Das Leben für sie; denn sie haben uns das Leben gerettet!«

»Wohl an, wenn sie rufen: »es lebe die Nation!«

Die armen Frauen riefen Alles, was sie wollten.

Dann zerstreuten sich die Marseiller in die Zimmer, indem sie die beiden Nationalgardisten mit sich führten.

»Und diese armen Frauen, die uns gerettet haben,« rief der Baron, »wollt Ihr Andern überlassen, die sie vielleicht erwürgen werden, indem sie nicht wissen, welche Dienste sie uns geleistet haben?«

»Nein,« antworteten die Marseiller, indem sie umkehrten; »aber was willst Du, daß wir mit ihnen machen sollen?«

»Ich verlange, daß man sie nach Hause bringe, und daß ihre Aufopferung belohnt werde.«

»Dann sollen sie unsern Arm nehmen und uns sagen, wo sie wohnen.«

»Wo wohnst Du, Bürgerin?.«fragte der Baron seine Frau.

»Straße Verneuil No. 6,« erwiderte Frau von Marsilly.«

»Kamerad!« sagte der Baron zu jenem der Marseiller, der ihm das gutmütigste Gesicht zu haben schien.

»Ich empfehle Dir diese da. Sie hat am meisten für mich Sorge getragen, und sie wohnt da in der Nähe, Du hast nur über die Seine zu gehen.«

»Sei ruhig,« sagte der Marseiller,« sie wird sicher nach Hause gelangen; ich stehe Dir gut dafür!«

»Aber Du, Bürger,« schrie die arme Frau, indem sie sich an den Arm ihres Mannes anklammerte, »was willst Du beginnen?«

»Ich?«sagte der Baron, indem er die Sprache und die Haltung annahm, die mit seiner jetzigen Kleidung übereinstimmte, »ich will ein wenig sehen, was aus dem König geworden ist.«

Die Baroness stieß einen Seufzer aus, ließ den Arm ihres Mannes los und entfernte sich am Arme ihres Beschützers.

Der Baron stieg durch das kleine Fenster in das benachbarte Kabinett, zog seine Uniform wieder an, die er nur auf einen Augenblick und in der Hoffnung abgelegt hatte, daß er mittelst dieser Verkleidung seine Frau retten könne.

Die Baroness erwartete vergebens ihren Mann den ganzen Tag hindurch am 10. und 11.

Am 11. Abends erkannte ein Portier, als man die Leichnam vom Hofe der Schweizer wegnahm und er half, sie auf den Karren werfen, den Baron, ließ den Leichnam in seine Loge tragen, und setzte die Frau von Marsilly, welche wohlbehalten nach Hause gekommen war, davon in Kenntnis, daß ihr Mann unter den Toten wieder erkannt worden sei.




V.

Die Marquise de la Roche-Bertaud


Der Schmerz der Baroness war ungeheuer; aber da sie eine zugleich einfache und starke Seele war, so gewährte es ihr einen großen Trost, daß ihr Mann starb, indem er seine Pflicht erfüllte.

Es blieb ihr genug übrig, um mit ihrer Mutter und ihrem Kinde leben zu können.

Mit der Marquise in Paris bleiben, hieß sich tausend Gefahren aussetzen. Die Marquise war einer jener Charaktere, die keiner Verstellung fähig sind, weder durch die Kraft ihrer Seele, noch in Folge politischer Überzeugung, sondern bloß darum, weil es ihr, in einem gewissen Kreise geboren und nach einer gewissen Art erzogen, unmöglich war, auch nur einen Augenblick lang ihre Geburt, ihre Meinung, ihren Hass, oder ihre Sympathien zu verbergen. Überdies wurden die Zeiten in jedem Augenblicke stürmischer; der König und die Königin waren im Tempel; die einzelnen Niedermetzlungen währten in den Straßen fort und erwarteten das große Blutbad, welches sich schon heimlich vorbereitete. Herr Guillotin kam endlich, um der legislativen Versammlung das philanthropische Werkzeug vorzulegen, welches er die Güte hatte zu erfinden; wie man sieht, war es Zeit, Frankreich zu verlassen.

Aber Frankreich zu verlassen war keine so leichte Sache. Die strengsten Strafen erwarteten die, welche auszuwandern suchten, und es täuschte nicht, indem man eine Gefahr floh, fiel man in eine andere, weit größere.

Die Marquise wollte Alles leiten; sie sprach von der Berline, von Postpferden, von Pässen, welche sie durch die Protektion fremder Gesandten erlangen wollte, die, wie sie sagte, im Namen ihres Souveräns alle diese Halunken da zwingen würden, sie, ihre Tochter und ihre Enkelin hinauszulassen. Die Baroness bat sie, ihr diese Angelegenheit zu überlassen, und nach vielen Bitten erlangte sie endlich von ihrer Mutter, daß sie sich in diese Sache nicht mehr mischen wolle.

Sie war es also, die Alles leitete.

Der Baron besaß ein Landgut, welches zwischen Abbeville und Montreuil lag.

Dieses Landgut hatte ein Pächter inne, dessen Voreltern seit zweihundert Jahren die Pächter der Ahnen des Herrn von Marsilly gewesen waren. Die Baroness glaubte mit vollem Rechte, auf diesen braven Mann rechnen zu können. Sie schickte ihm einen alten Bedienten, der den Baron aufgezogen hatte und seit vierzig Jahren in der Familie diente; dieser alte Diener bekam aus Furcht vor Durchsuchungen keine schriftliche Instruktion, wohl aber eine mündliche von Seite der Baroness, und er wußte Alles, was er zu sagen hatte.

Die Familie des Pächters bestand gerade aus einer Mutter und einer Frau. Es wurde die Übereinkunft getroffen, daß er nach Paris kommen solle und daß die Marquise und die Baroness mittelst der Kleider und der Pässe dieser beiden Bäuerinnen die Hauptstadt verlassen sollten. Während dieser Zeit traf die Baroness Marsilly alle Anstalten zur Abreise.

Es gab zu jener Zeit, wo Alles baare Geld in Assignaten verwandelt worden war, sehr wenig gemünztes Geld, indessen gelang es der Baroness, zwanzigtausend Franken zusammenzubringen, welche mit achtzig oder hunderttausend Franken, der Marquise gehörend, den Emigranten zur Bestreitung der notwendigsten Bedürfnisse hinreichten. Überdies glaubte jedermann, daß dieser Stand der Dinge nicht lange dauern könne und selbst nach der Ansicht der das Schlimmste Voraussehenden, mußte die Sache vor drei oder vier Jahren beendigt sein.

Die beiden armen Damen beschäftigten sich also mit den Vorbereitungen zur Abreise.

Diese waren von Seite der Baroness nicht von langer Dauer, und mit jener verständigen Einfachheit ausgeführt, welche die Grundlage ihres Charakters bildete; dasselbe war aber nicht von Seiten der Marquise der Fall. Als ihre Tochter ihr Zimmer betrat, fand sie sie unter einer Menge von Kisten, Koffern und andern Packen, welche hingereicht haben würden, drei Wagen voll zu füllen. Sie wollte keines ihrer Kleider zurücklassen, und sogar ihr Tischzeug mit fortnehmen.

»Meine Mutter,« sagte die Baroness, indem sie traurig den Kopf schüttelte,« Sie machen sich viel unnötige Mühe. Um keinen Verdacht zu erregen, können wir wenig mehr mitnehmen, als das Kleid, welches wir auf uns haben. Und was die Linnen betrifft, so würde ein einziges Ihrer gestickten, oder mit Spitzen besetzten Taschentücher hinreichen, uns zu erkennen und zu verhaften.«

»Aber immerhin, meine Liebe,« sagte die Marquisin, »wir können doch nicht ungekleidet fortgehen?«

»Ja, meine Mutter, Sie haben recht,« antwortete die Baroness mit ihrer unversiegbaren Sanftheit; »allein wir werden nicht anders als unter der Bedingung weggehen, in ganz einfache Kleider gehüllt zu sein, die im Einklange mit unserm Stande stehen. Vergessen Sie nicht,« fügte sie bei, indem sie zu lachen versuchte, »daß wir Bäuerinnen sind, Mutter und Frau eines Bauern. Vergessen Sie nicht, daß Sie sich Gervasia Arnould nennen, und daß ich Katharina Payot heiße.«

»O welche Zeit, mein Gott, welche Zeit!« murmelte 'die Marquise. »Wenn doch nur Se. Majestät von dem ersten Augenblicke an diesen Missbrauch unterdrückt, Herrn Necker hätte aufhängen, und Herr von Laffayette hätte erschießen lassen, so würden wir nicht dahin gelangt sein, wo wir jetzt sind.«

»Denken Sie an die, die noch viel unglücklicher als wir sind, und eine Vergleichung mit diesen wird Ihnen Geduld geben. Denken Sie an den König und die Königin, welche im Tempel gefangen sind; denken Sie an den armen kleinen Dauphin, und haben Sie Mitleid, wenn auch nicht mit mir, doch wenigstens mit Cäcilien, welche eine Waise wäre, wenn sie uns verlieren würde.«

Dies waren zu gewichtige Gründe, als daß sich nicht die Marquise in dieselben gefügt hätte; sie fügte sich seufzend. Die Marquise war im Luxus geboren; sie war gewohnt, darin zu leben, sie rechnete darauf, darin zu sterben, und die überflüssigsten Dinge waren ihr zum absoluten Bedürfnisse geworden.

Aber es war noch viel schlimmer, als die Baroness ihr ihren Antheil Linnen zustellte, welche sie zusammengemacht hatte, und der, obwohl er nicht aus ganz grober Leinwand bestand, dennoch sehr rauh gegen die ungarische Leinwand und den Batist war, deren sie sich gewöhnlich bediente; die Hemden besonders brachten sie außer sich, und sie erklärte, daß sie niemals solche Leinwand anlegen würde, die bloß für Bauern tauge.

»Ach meine Mutter!« antwortete die Baroness traurig, »wir werden sehr glücklich sein, wenn wir acht Tage lang den Glauben erregen können, daß wir der Klasse angehören, die Sie so sehr verachten, und die heut zu Tage allmächtig ist.«

»Das wird aber nicht lange dauern,« rief die Marquise,« ich hoffe sehr, daß es nicht lange dauern 'wird.«

»Ich hoffe es auch, meine Mutter; aber da es nun einmal so ist, so werde ich, wenn Sie wollen, indem wir den Tag unserer Abreise erwarten, Ihre Leinwand tragen, um ihr wenigstens das erste Rauhe zu benehmen.«

Dieser Vorschlag der Baroness rührte die Marquise, deren Herz vortrefflich war, aufs Tiefste, sie willigte in Alles^ und zu den zahlreichen Opfern, welche sie schon gebracht hatte, fügte sie das letzte hinzu, welches, wie sie sagte, für sie das peinlichste unter allen war.

Während dieser Unterhandlungen kam der Pächter, seine Mutter und seine Frau; die Baroness empfing sie als Leute, welche kamen, ihnen das Leben zu retten; die Marquise aber als Leute, welchen sie wohl die Ehre erzeigen wollte, daß sie sich ihr weihen.

Nebst den Kleidern, die sie bei sich hatten, brachten sie ihre schönsten, ihre Sonntagskleider mit. Diese waren für die Baroness und für die Marquise bestimmt.

Glücklicherweise war ihr Wuchs beinahe derselbe. Am Abende ihrer Ankunft verrammelte man die Türen, schloss die Läden, und legte die Kleider an. Die Baroness schickte sich bewundernswürdig in die Unbequemlichkeit dieser neuen Kleidung, aber die Marquise brach in Klagen aus. Die Haube wollte auf ihrem Kopfe nicht halten, die Holzschuhe thaten ihr an den Füßen wehe, die Taschen waren nicht an dem rechten Orte.

Die Baroness gab ihr den Rat, diese Kleider bis zum Augenblick ihrer Abreise anzubehalten, um sich daran zu gewöhnen; aber die Marquise antwortete, daß sie lieber sterben, als diese Fetzen eine Stunde früher anziehen wolle, als es unumgänglich notwendig sei.

Die Abreise wurde auf den zweiten Tag festgesetzt. Während dieser Zeit fertigte Katharina Payot der kleinen Cäcilie einen vollständigen Anzug; das Kind war reizend in diesem Anzug und von demselben bezaubert; Veränderung ist das Glück der Kindheit.

Am Abend vor der Abreise beschäftigte sich Peter Durand damit, seinen Paß visieren zu lassen. Die Sache war weniger schwierig, als man erwartet hatte; er war mit seiner Mutter, seiner Frau, seinem Wagen und seinem Pferde hereingekommen, und fünf Tage später ging er mit seiner Mutter, seiner Frau, seinem Wagen und seinem Pferde wieder hinaus. Dagegen ließ sich nichts sagen. Man hatte wohl daran gedacht, das Kind den eingeschriebenen Personen beisetzen zu lassen, allein man fürchtete, daß dieser Beisatz Verdacht bei der Munizipalität erregen könne, und nach reifer Überlegung wurde beschlossen, nichts von dem Kinde zu sagen.

Am folgenden Morgen um fünf Uhr stand der kleine Wagen angespannt in dem Hofe des Hotels. Die Marquise, welche gewohnt war, sich um zwei Uhr zu Bett zu legen und um Mittag aufzustehen, hatte vorgezogen, gar nicht zu schlafen; die Baroness hatte die Nacht dazu verwendet, das Gold in ihr Korsett und die Diamanten in die Falten des Kleides der kleinen Cäcilie zu nähen.

Um fünf Uhr trat die Baroness in das Zimmer ihrer Mutter, und fand sie bereit; aber obgleich sie ganz als Bäuerin gekleidet war, so hatte sie doch die Diamanten an ihren Ohrenringen und einen prachtvollen Smaragd an ihrem Finger; man hätte glauben sollen, daß sie im Sinne hatte, auf einen Maskenball zu gehen, und daß sie diese Vorkehrung getroffen habe, damit man ihre Verkleidung sogleich erkenne.

Nach einer kurzen Erörterung brachte es die Baroness dahin, daß sie ihre Ohrenringe heraus und den Ring herunter nahm, was sie jedoch nur unter tiefen Seufzern that.

Der wahrhafte Streit entstand aber erst da, als es sich darum handelte, in den Wagen zu steigen. Die Marquise hatte das Fuhrwerk, welches bestimmt war, sie aus Frankreich zu bringen, noch nicht gesehen, und sie hatte sich einen Begriff von so etwas, wie von einem Reisewagen, oder wenigstens von einem Fiaker, gemacht. Beim Anblick des Wagens blieb sie wie vernichtet stehen; allein wie bedeutungsvolle Umstände bedeutende Entschlüsse herbei führen, so machte die Marquise eine letzte heftige Anstrengung und stieg in die Carriole.

Die Baroness weinte still, indem sie ihr Hotel verließ, wo sie so glücklich gewesen war, ihre Leute, die ihr so treu gedient hatten, und die Bäuerinnen, die ihr einen so großen Beweis ihrer Ergebenheit geliefert hatten. Die kleine Cäcilie tat nichts, als daß sie wiederholte:

»Aber wo ist denn der Papa, warum reist er denn nicht mit uns?«

Alles ging gut bis an die Barriere Saint-Denis; dort aber fand die Szene Statt, welche wir erzählt haben, und die, statt schlimm auszufallen, wie man es hätte glauben sollen, einen so glücklichen Ausgang für die arme Emigrantenfamilie hatte.

In der That machte man, wie es der gute Officiant vorausgesehen hatte, Dank dem neuen Passe, der geregelter war, als der frühere, den Reisenden wenig Schwierigkeiten. Überdies hielten sie zur größeren Sicherheit bloß an kleinen Dorfwirtshäusern an, wie dieses Leuten von ihrer scheinbaren Beschaffenheit zukommt. Das Pferd war gut und machte täglich seine zwölf Stunden, so daß am Abende des sechsten Tages die Flüchtlinge in Boulogne waren.

Als sie durch Abbeville kamen, hatte Peter Durand seinen Paß zur Fortsetzung der Reise visieren lassen.

Wir übergehen mit Stillschweigen die Klagen der Marquise, wenn sie in den Betten der Wirtshäuser schlafen und ein Talglicht brennen mußten.

Die Baroness ertrug alle aristokratischen Launen derselben mit engelsgleicher Milde.

Die kleine Cäcilie war entzückt; sie sah Bäume, Blumen und Felder. Die Kinder sind wie die Vögel, sie verlangen nicht mehr, als dieses.

Nachts langten sie zu Boulogne an, und stiegen im Hotel de France, Rue de Paris, ab.

Madame Ambron war Inhaberin desselben, Royalistin aus dem Grund ihrer Seele, und die Baroness hatte sich an sie wie an eine Frau gewendet, auf die man sich verlassen kann. In der Tat hatte sich die Baroness ihr kaum entdeckt, als die Wirtin für Alles gut stand und ihr versprach, daß sie in der Nacht des folgenden Tages, wenn der Wind gut sein würde, nach England abreisen könne.

Sie gab indessen den Reisenden geringe Zimmer, wie sie für Bäuerinnen sich schickten; aber von einer so bewunderungswürdigen Reinlichkeit, daß die Marquise sogar auf Augenblicke ihr Seufzen einstellte, welches seit ihrer Abreise aus dem Hotel nicht aufgehört hatte.

Am folgenden Morgen schloss wirklich Madame Ambron, welche mit allen Seeleuten der Küste in Verbindung stand, einen Vertrag mit dem Eigentümer einer kleinen Slupe, welcher sich verbindlich machte, um die Summe von hundert Louisd'or die drei Flüchtlinge nach Dover zu bringen.

Den ganzen Tag hindurch waren die Augen der Baroness auf eine Wetterfahne gerichtet, auf welche sie von ihren Fenstern aus sehen konnte. Der Wind war contrair und wehte seit fünf oder sechs Tagen beständig aus derselben Richtung. Aber wie wenn Gott, der die arme Familie durch den Tod ihres Hauptes genügsam geprüft glaubte, ihr endlich seine Barmherzigkeit zuwende, drehte sich gegen Abend die Wetterfahne, und die Wirtin trat freudig zu ihnen herein, um der Baroness zu sagen, daß sie sich vor dem Schließen der Barrieren zur Abreise bereit halten solle.

Um fünf Uhr bestiegen die Baroness, die Marquise und die kleine Cäcilie das Fuhrwerk wieder, und Peter Durand setzte sich auf die Deichsel. Vermöge der neuen Visa, und als wenn sie nach Montreuil zurück kehren wollten, gelangten sie ohne Schwierigkeit hinaus. Aber eine halbe Stunde vor der Stadt wurde ein Feldweg eingeschlagen, der nach einem der Madame Ambron gehörigen Landhaus führte, welches nur eine Viertelstunde von der See lag. Gewöhnlich wurden in diesem Hause die Reisenden, die nach England überzuschiffen wünschten, aufgenommen.

Madame Ambron hatte sich jetzt selbst dahin begeben, und die würdige Frau empfing die Baroness, ihre Mutter und ihr Kind bei ihrer Ankunft. Es war zehn Uhr Nachts; man wartete bis Mitternacht.

Um Mitternacht wurde an der Türe gepocht, es war der Eigentümer der Slupe selbst. Der getroffenen Übereinkunft gemäß zahlte ihm die Baroness fünfzig Louisd'or voraus; die übrigen fünfzig sollten gezahlt werden, so wie man den Fuß an die Küste Englands setzte.

Die beiden Frauen hüllten sich in ihre Pelze, Madame Ambron unterstützte die Marquise, welche diese halbe Stunde, zu Fuß und mitten in der Nacht zurück gelegt, in eine tödliche Angst versetzte; Peter Durand nahm die kleine Cäcilie auf seinen Arm und trug sie.

Je weiter man vorwärts ging, um so mehr hörte man das Meer, welches sich an der Küste mit dem langen und traurigen Murmeln brach, welches dem Atmen des Ozeans gleicht. Die Marquise schauderte bei dem Gedanken, sich auf einer kleinen Schaluppe einzuschiffen, und sprach davon, sich in der Provinz verbergen zu wollen.

Von Zeit zu Zeit betrachtete die Baroness die kleine Cäcilie. welche auf den Armen des Pächters eingeschlafen war, und trocknete, ohne ein Wort zu sagen, eine Träne.

Man gelangte an die Brandung der Küste; es mußte hinab gestiegen werden. Man sah Nichts, als eine Art mit der Spitzhaue zugehauene Mauer; die Marquise erhob ein großes Geschrei.

Ein schmaler Weg, zwei Fuß breit, führte an dieser Mauer hin; die Baroness nahm ihr Kind von den Armen Durands und stieg zuerst hinab, Madame Ambron folgte ihr, indem sie sich an der Hand des Pächters hielt. Die Marquise, von dem Schiffer unterstützt, schloß den Zug.

Man kam auf den Strandstein.

Die Baroness erschrak einen Augenblick. So weit als man sehen konnte, war kein Mensch und keine Barke sichtbar; allein der Schiffer pfiff und man sah einen kleinen Punkt sichtbar werden, der sich vergrößerte, indem er näher kam. Es war ein Nachen mit zwei Ruderern.

Frau von Marsilly wandte sich noch einmal um, um der Madame Ambron zu danken, und Peter Durand das letzte Lebewohl zu sagen. Sie sah den braven Pächter, den Hut zwischen seinen Händen drehend, mit der Miene eines auffallend verlegenen Mannes, der etwas sagen will, und es nicht wagt.

»Sie haben mir etwas zu sagen, mein Freund?«fragte die Baroness.

»Entschuldigen Sie, Frau Baronin,« sagte Peter Durand, »denn es ist nicht meine Sache, sich in Ihre Angelegenheiten zu mischen.«

»Sprechen Sie immerhin, mein lieber Peter, Alles, was Sie mir sagen, wird gut aufgenommen werden.«

»Ich wollte Ihnen sagen, Frau Baroness,« fuhr Peter fort, »daß Sie so abreisen, in einem Momente, wo Sie am wenigsten daran denken, und nach einem so teuren Lande, wie England, ohne zu wisse», wie lang Sie dort bleiben werden. . . .«

»Nun sagte die Baroness, indem sie sah, daß Peter stockte.

»Nun,« fuhr Peter fort, »Sie haben vielleicht nicht alle die Mittel mit sich genommen, welche notwendig sind?«

»Hören Sie, mein Freund,« sagte die Baroness, indem sie ihm die Hand drückte, »ich verstehe Sie.«

»Und,« fuhr Peter fort, »wenn die Frau Baroness. . . Wir haben noch sechs Jahre Pacht, und ich hoffe wohl, daß die Frau Baroness ihn uns erneuern wird; ich sage daher, daß wenn die Frau Baroness uns erlauben wollte, ihr im Voraus zwei Jahre Pacht zu bezahlen. . . .es wäre uns überdies ein Dienst damit erzeigt, weil die Räuber uns dieses Geldes berauben könnten, und weil es in Ihren Händen viel sicherer wäre, als in den unsrigen. . . .wenn daher die Frau Baroness diese zehntausend Franken annimmt, so wird es uns ein großes Vergnügen sein. Hier sind sie in einem kleinen Sack, und Alles in alten Louisd'ors; o, Sie können sie mit dem größten Vertrauen nehmen, es ist nicht ein beschnittener darunter.«

»Ja, mein Freund, ich nehme sie an,« sagte die Baroness, »wir werden uns in einer glücklicheren Zeit wiedersehen, und seien Sie ruhig, Peter, ich werde Ihre Treue nicht vergessen.«

»Vorwärts in den Nachen, in den Nachen!« rief der Schiffer, »ein Douanier könnte durch Zufall seine Runde machen, und wir wären verloren!«

Diese Mahnung war begründet. Die Baroness drückte zum letzten Mal mit ihrer zarten, weißen Hand die derbe, runzlige Hand Durand's, sie umarmte Madame Ambron und sprang in die Barke, wo die Marquise und Cäcilie ihrer schon harrten.

In diesem Augenblick vernahm man eine Stimme, die »Wer da?« rief.

»Vorwärts,« sagte der Schiffer, »laßt uns rudern, lebhaft rudern, Kinder!«

Und indem er in die Barre sprang, trieb er sie mit einem Stoße des Fußes in das Meer.

Zehn Minuten später befand man sich am Bord des Slups, und am Morgen des folgenden Tages schifften sich die drei Flüchtlinge in Dover aus.




VI.

Das Landhaus


So wie sie den Fuß ans Land gesetzt hatte, wollte die Baroness sogleich einen Wagen nach London nehmen, allein die Marquise erklärte, da sie nun das Glück gehabt habe, Frankreich zu verlassen und sich an einem sichern Orte zu befinden, so werde sie auch nicht einen Schritt weiter in diesem lächerlichen Aufzuge machen, zu welchem sie die Roth gedrungen habe. Da dieser Aufenthalt von keiner Bedeutung war, so willigte die Baroness ein, und so seltsam auch oft die Anforderungen der Frau von la Roche-Bertaud waren, so unterwarf sich denselben die Baroness fast immer mit jener kindlichen Hingebung, die man noch häufig in den großen Familien findet, welche die Überlieferungen des siebzehnten Jahrhunderts bewahrt haben.

Demgemäß ließ sich die Baroness in den ersten Gasthof von Dover führen und hier öffnete die Marquise trotz der Anstrengungen der Reise und ehe sie noch etwas genossen hatte, eine Kiste, welche sie in der Carriole verborgen und brachte aus derselben ihre Wäsche und ihre gewöhnlichen Kleider hervor.

Nachdem sie mit Verachtung die populären Lumpen, welche sie so sehr gedrückt, weit von sich geworfen hatte, begann sie ihre Toilette, und hielt diese nicht eher für vollendet, als bis sie vollständig frisiert und gepudert, und zwar mit derselben Sorgfalt war als wenn sie diesen Abend noch in einen Zirkel der Königin gehen wolle.

Die Baroness wandte alle ihre Sorge bloß der kleinen Cäcilie zu, welche glücklicherweise die Seefahrt gut bestanden hatte; da sie indessen sich beeilte, nach London zu kommen und sich dort eine Wohnung aufzusuchen, so ließ sie noch denselben Tag das ganze Innere eines Wagens mieten, welcher am folgenden Morgen um neun Uhr nach der Hauptstadt abfuhr.

Die Reise von Dover nach London wurde mit der gewöhnlichen Schnelligkeit gemacht. Die Reisenden kamen, fast ohne sich aufzuhalten, durch Canterbury und Rochester, und noch an demselben Tage langten sie in London an.

Die Baroness war von ihrem Schmerze zu sehr ergriffen, um auf das zu merken, was um sie her vorging; aber die Marquise war entzückt. Sie sah Livreen, Wappen, Puder, Sachen, die sie seit zwei oder drei Jahren nicht mehr in Frankreich gesehen hatte, und sie fand nun, daß London die schönste Stadt der Welt, und die Engländer das größte Volk der Erde seien.

Die beiden Reisenden stiegen in einem Hotel in Golden-Square ab, welches ihnen Madame Ambron bezeichnet hatte; es lag nur ein Paar hundert Schritte von der Regents-Street; die Baronin schickte sogleich einen Brief an die Herzogin de Lorges, um sie von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen.

Noch an demselben Abende kam die Herzogin de Lorges herbei. Die Baroness und sie waren sehr intim, und die Herzogin bot ihr ihre Dienste für den Fall an, daß sie in London bleiben wolle.

Allein das war die Absicht der Frau von Marsilly nicht; sie wollte, während sie in der Fremde sich aufhalten würde, das zurückgezogenste Leben führen; sie bat daher die Herzogin bloß, ihr zu sagen, ob sie nicht ein kleines niedliches Dorf kenne, welches für sie als Aufenthalt geeignet sei; damit sie sich ganz der Erziehung ihres Kindes widmen könne. Die Herzogin benannte ihr Hendon, als einen jener angenehmen Aufenthaltsorte, die mit der Nähe der Hauptstadt die Einsamkeit des Landlebens verbinden, und die Baronin gelobte sich, übermorgen das kleine Paradies zu besuchen, welches ihr die Freundin empfahl.

Am folgenden Tage stattete die Baroness und die Marquise der Herzogin ihren Gegenbesuch ab. Die erste Sorge der Baronin war, sich nach Madame Duval zu erkundigen, indem sie, wie man sich erinnern wird, allein der Sorgsamkeit des Mannes derselben zu verdanken hatte, daß sie und ihre Mutter in Boulogne anlangten, ohne auf irgend eine Weise beunruhigt worden zu sein. Die Herzogin ließ sie rufen und einige Augenblicke später trat Madame Duval ein, von ihrem Sohne, einem charmanten Kinde von sechs Jahren begleitet, welchen man sogleich der kleinen Cäcilie zum Spielgenossen gab. Nachdem die Baroness der Madame Duval erzählt hatte, welche Verpflichtungen sie gegen ihren Mann habe, entledigte sie sich der Aufträge desselben an sie. Die gute Frau hörte mit einer wahrhaften Dankbarkeit jedes ihrer Worte an; es waren mehr als drei Monate, seit sie keine Nachricht von ihrem Manne erhalten hatte, der es nicht wagte, seine Briefe der Post anzuvertrauen und sie ihr nur durch Gelegenheiten schicken konnte, welche von Tag zu Tag seltener wurden. Übrigens hatten seit drei Monaten die Niedermetzlungen vom 10. August und vom 2. und 3. September Statt gehabt und die von Nachrichten beraubte, gute Frau wußte nicht, ob er nicht unter der Zahl der Schlachtopfer sei.

Als sie dieses erfuhr, rief sie ihr Kind herbei und dieses kam, die kleine Cäcilie unter den Armen haltend.

»Heinrich«sagte sie, »bitte die Frau Baronin um Erlaubniß, ihr die Hand küssen zu dürfen und danke ihr aus dem Grund Deines Herzens; denn sie hat mich so eben versichert, daß Du noch einen Vater hast.«

»Und wo ist mein Vater?«fragte die kleine Cäcilie, »wo ist er, Mutter?«

Die arme Frau zerfloß in Thränen, nahm dann die beiden Kinder in ihre Arme und umschloss sie so, zu großem Verdrusse der Marquise zu gleicher Zeit.

Am Abende erhielt die Baroness einen Brief von der Herzogin, in welchem diese ihr ankündigte, daß sie nicht zugeben könne, daß sie allein nach Hendon gehe, daß sie vielmehr morgen ihren Wagen nehmen und mit ihr das kleine Dorf besuchen wolle, welches zu ihrer Residenz bestimmt sei.

Am andern Morgen um zehn Uhr war die Herzogin wirklich bei der Baroness, diese und die kleine Cäcilie waren bereit; allein die Marquise hatte ihre Toilette noch nicht vollendet.

Von London nach Hendon sind nur einige Stunden, man gelangte daher in zwei Stunden dahin. Die Baroness war von diesem ruhigen und bescheidenen Anblick der kleinen englischen Häuser entzückt. Eine Frau von einfachem Geschmack, und innerlichen Genüssen huldigend, hatte sie überhaupt seit dem Tode ihres Mannes die Abgeschiedenheit und Einsamkeit in einem dieser Häuser geträumt, wie sie jetzt bei jedem Schritte an der Straße vor ihr standen. Es schien ihr, daß in solchen Wohnungen das Leben immer glücklich, oder wenigstens immer ruhig sein müsse.

Man langte zu Hendon an; es war so, wie es die Herzogin geschildert hatte, eines jener reizenden englischen Dörfer, wie man sie nicht in Holland und Belgien leicht findet. Die Baroness zog Erkundigungen ein, ob eines von den schönen Häusern, welche sie sah, zu mieten sei, und man bezeichnete ihr fünf oder sechs, welche ihr nach den erhaltenen Mitteilungen vollkommen genügend sein konnten.

Die Baroness hatte eine so große Eile, eine dieser niedlichen Wohnungen zu beziehen, daß sie sich sogleich auf den Weg machte, und bei dem ersten, welches sie sah, stehen bleiben wollte.

Allein die Herzogin war mit der inneren Einrichtung dieser kleinen Wohnungen mehr bekannt, und versicherte sie, daß sie noch viel schönere finden würde, als die, welche sie für ein Wunder hielt. Dieser Versicherung glaubend, setzte Frau von Marsilly ihren Weg fort.

Nachdem sie sechs oder sieben gesehen hatte, kamen sie in eine so reizende, daß die Herzogin selbst gestehen mußte, es würde schwer sein, eine bessere zu finden, und man fragte nun nach dem Preise. Frau von Marsilly konnte noch an demselben Tage einziehen, so gut schien sie ihr, und man forderte die Summe von achtzig Pfund Sterling jährlich.

Es war ein kleines Haus von zwei Stockwerken, weiß mit grünen Läden, der Länge derselben nach lief ein Gitterwerk von derselben Farbe hin, ganz besetzt mit Rankengewächsen, deren breite Blätter die verschiedensten Nuancen des schönsten Purpurs in diesem Augenblicke zeigten.

Zur Fassade dieses Hauses gelangte man durch einen kleinen Hof auf dessen beiden Seiten sich Blumenhügel erhoben. Drei Staffeln führten zu einer Thüre von derselben Farbe, wie die Fensterläden, und in der Mitte derselben prangte ein Hammer von Kupfer, der poliert war und glänzte, wie wenn er von Gold wäre. Wenn man durch diese Thüre eingetreten war, befand man sich in einem Korridor, der durch das ganze Haus sich hinzog, um auf der andern Seite in einen kleinen niedlichen Garten zu führen, der ungefähr einen halben Morgen groß, und, wie man es nur in England sieht, mit einem grünen Grasplatz und einer rund herum führenden Allee versehen war, in welcher sich von Zeit zu Zeit große Akazien, Judasbäume, und spanische Flieder befanden. Im Hintergrunde war es ein ländliches Kabinett mit einem Tische und vier Stühlen, ein kleiner Bach, welcher über Felsen en miniatur herunter plätscherte, an deren Ende er ein kleines Bassin bildete, in welches die Mittagssonne nicht eindringen konnte.

Das Innere dieses Hauses war sehr einfach.

Vier Thüren führten in den Korridor des Erdgeschoßes. Nämlich die des Speisesaals, die des Salons, die eines Schlafzimmers und die eines Arbeitskabinetts.

Der Speisesaal und der Salon standen mit einander in Verbindung, ebenso das Schlafzimmer und das Arbeitskabinett.

Der erstere Stock hatte eine verschiedene Einteilung; die dahin führende Treppe ging in ein Vorzimmer, in welches sich drei Thüren öffneten, die in der Mitte war die Thüre eines niedlichen Salons, und von denen auf der Seite führt die eine in ein Schlafzimmer und die andere in ein Boudoir. Der obere Teil war der Dienerschaft vorbehalten und enthielt außer den Zimmern derselben eine Waschkammer.

Die Marquise fand wohl dieses Haus zu klein und zu dürftig, höchstens zu einem Absteigequartier geeignet; allein die Baroness sagte lachend zu ihr, daß man den Winter in London zubringen werde, und indem sie diese Versicherung wiederholte, nahm sie Frau von la Roche-Bertaud für Ernst und gab ihre Zustimmung zu der Wahl ihrer Tochter.

Aber die Wohnung war, wie man das leicht einsehen wird, durchaus nicht meublirt, man mußte alles kaufen oder alles miethen. Die Herzogin von Lorges und die Marquise von la Roche-Bertaud, welche ohne Unterlaß Frankreich, wie es dasselbe verdiene, durch die auswärtige Koalition gezüchtigt, die Emigrierten nach Paris zurückkehren, die legitimen Fürsten wieder auf ihre Throne gesetzt sahen, waren für eine einfache Miete; aber Frau von Marsilly, welche die Sache aus dem Grunde eines wirklichen Schmerzes und mithin aus einem viel positiveren Standpunkte betrachtete, berechnete, daß eine dreijährige Miethe einen Kauf aufwiege, und entschloss sich daher, daß man die Möbeln und alle übrigen nötigen Utensilien kaufen solle. Sie lud ihre Mutter ein, das Appartement sich auszusuchen, welches ihr gefalle, damit sie es ohne Zögerung und sobald als möglich nach ihrem Geschmack herrichten lassen könne. Die Marquise fand, daß das ganze Haus für sie und ihre Kleider nicht zu groß sei, sie sagte, daß sie in ihrem Schlosse zu Touraine Schränke habe, in welche sie diese Zimmer alle hineinstecken könne. Es mochte wahr sein; aber man war nicht zu Touraine, sondern in England; man mußte daher seinen Entschluss fassen und sich entscheiden. Nachdem die Marquise wohl zwanzigmal die Treppe hinauf und hinabgegangen war, nachdem sie alle Winkel und Ecken ihrer künftigen Wohnung gemustert, entschied sie sich für das Schlafzimmer und Kabinett im Erdgeschoss«.

Nachdem die Wahl getroffen war, kehrte man nach London zurück.

Da die Frau von Marsilly wünschte, sich so bald als möglich einzurichten, so schickte am folgenden Tage d«Herzogin ihren Tapezierer, um das Maß zu nehmen.

Die Baroness protestierte gegen diese aristokratische Manier und gestand der Herzogin offen, daß sich ihr ganzes Vermögen in diesem Augenblicke auf hundert tausend Franken, die Diamanten der Marquise mit einbegriffen, belaufe. Die Herzogin hatte aber erwidert, daß mit hundert tausend Franken und einiger Sparsamkeit Frau von Marsilly wohl fünf oder sechs Jahre warten könne, daß es aber immer evident sei, daß man diese Zeit nicht zu warten brauche, indem die Truppen der Alliierten kaum fünfzig Stunden von der Hauptstadt entfernt seien.

Überdies hatte man Pächter, Landgüter, Hilfsquellen, man würde Geld aus Frankreich beziehen.

Alle diese Gründe schienen der Herzogin und der Marquise so richtig, daß sie nicht begreifen konnten, warum sie die Baroness nicht auf der Stelle anerkenne. Die Baroness gab in einem Stücke nach, sie akzeptierte den Tapezierer, sie behielt sich aber den Ankauf der Möbeln vor.

Acht Tage später war das Landhaus bereit, seine Bewohner aufzunehmen; Alles war von außerordentlicher Einfachheit, aber von wunderbarem Geschmack und Nettigkeit. Übrigens hatte man Alles kaufen müssen: Weißzeug, Silbergeräthe, Möbel, Kleider u.s.w., so daß, wie ökonomisch auch die Baroness zu Werke ging, die Einrichtung zwanzigtausend Frank kostete.

Es war der fünfte Teil dessen, was sie besaß, es blieb ihr an barem Geld nicht mehr als die zehntausend Livre von Peter Durand, denn die weiteren sechzig oder achtzig tausend Frank an Diamanten gehörten, wie gesagt, der Marquise. Aber damit konnte man fünf oder sechs Jahre leben, und ungeachtet der Zweifel, welche das Unglück in dem Herzen der Frau von Marsilly wegen der Zukunft erregt hatte, konnte sie sich nicht enthalten, ganz leise zu wiederholen:

»In fünf oder sechs Jahren kann sich vieles ereignen.«

In der Tat waren diese fünf oder sechs Jahre bestimmt, die wichtigsten Ereignisse zu sehen.

Aber für den gegenwärtigen Augenblick haben wir uns mit unserem kleinen Landhaus und seinen zwei Bewohnerinnen zu beschäftigen.




VII.

Die Erziehung


Man wird leicht einsehen, daß die Marquise ihrer Tochter bei allen diesen Einrichtungen des Hauses durchaus nutzlos war; sie war daher die ganze Zeit hindurch bei der Herzogin de Lorges geblieben und diese hatte dafür Madame Duval gebeten, die möglichste Sorgfalt auf die Einrichtung ihrer Freundin zu wenden.

Madame Duval war, wie bereits erwähnt wurde, eine Engländerin von bürgerlicher Abkunft, aber von einer ausgezeichneten Erziehung, so daß sie sich der Professur hätte widmen können. Zu der Sympathie, welche ein gemeinschaftliches Unglück der Baronin für sie einflößte, trat die Dankbarkeit für tausend kleine ihr geleistete Dienste hinzu, und daraus ergab sich in fünf oder sechs Tagen, während welchen die beiden Frauen beisammen blieben und die Einrichtungen des Landhauses bewerkstelligten, eine gewisse Innigkeit zwischen Beiden, in welcher jedoch Madame Duval mit einem sicheren Takte stets die Entfernung beobachtete, welche die Sitte der Gesellschaft zwischen sie und der Baroness gestellt hatte.

Die beiden Kinder, welche von Allem dem noch nichts wußten, spielten inzwischen mit einander auf dem Nasen des Gartens oder auf dem Teppiche des Salons, bald liefen sie sich nach, oder gingen Hand in Hand in der den Garten umgebenden Allee.

Nach Verlauf von acht Tagen war Alles fertig; Madame Duval verpflichtete sich, für die Baroness eine Frau ausfindig zu machen, welche sowohl für die Küche als für das Hauswesen sorgen könne, und kehrte nach London zurück.

Den beiden Kindern verursachte diese Trennung viel Schmerz.

Am folgenden Tage langte die Herzogin de Lorges an und brachte in ihrem Wagen die Marquise de la Roche-Bertaud und eine französische Kammerfrau mit, welche die Marquise ausschließend für ihren Dienst angenommen hatte.

Die Baroness sah mit einiger Unruhe auf diesen Zuwachs der Dienerschaft, auf welchen sie nicht gerechnet hatte. Allein sie kannte die aristokratischen Gewohnheiten ihrer Mutter und da diese eine Bedienung notwendig hatte, so hielt sie es für grausam, die Marquise dieses Luxus zu berauben, sie, die schon so viele Opfer in ihrer Lage gebracht hatte.

Gewiß war diese Lage sehr unabhängig von dem Willen der Baronin. Frau von Marsilly war wie ihre Mutter an alle Bequemlichkeiten eines großen und eleganten Lebens gewöhnt, und sie hatte daher gleich ihrer Mutter die Beengung schmerzlich zu fühlen, welche sie in ihrer gegenwärtigen Lage, wenn sie diese mit ihrer früheren, reichern Stellung verglich, zu ertragen hatte; allein es gibt solche hingebende Charaktere, die immer sich selbst vergessen, um an andere zu denken. Frau von Marsilly war einer dieser Charaktere, erhoben durch den Schmerz, und ihre vorzüglichste Sorge war ihre Mutter.

Die kleine Cäcilie wußte noch nichts von den Ereignissen der Welt; Schmerz und Glück waren für sie leere Worte, die sie nur einem Echo gleich aussprach, ohne ihren Wert zu kennen und ohne noch einen Unterschied in dem Tone zu machen, mit welchem sie sie aussprach.

Sie war übrigens ein allerliebstes Mädchen von drei und einem halben Jahre, mit all' den bezaubernden Instinkten der weiblichen Natur den guten Eindrücken zulächelnd, wie eine Frühlingspflanze der Sonne, natürlich glücklich, und nichts als der mütterlichen Liebe bedürfend, um alle Tugenden in sich zu vereinigen.




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