Vineta
Oskar Loerke




Oskar Loerke

Vineta





Erstes Kapitel







Als Hermine Johannes gerade am Ostersonntage geboren wurde, vergaß ihr Vater all seinen Ernst und seine Schweigsamkeit, wollte die Sonne wirklich in drei Sprüngen aufgehen gesehen haben und deutete aus der Wichtigkeit des Tages für das Kind alles Glück heraus. Seine gebogene Nase soll nach der Großmutter Behauptung recht anzuschauen gewesen sein wie der Haken eines Ankers, der tief in der Zukunft steckt. Die Mutter zweifelte und sagte ganz leise, daß die bevorzugten Sonntagskinder nur in Märchen zu finden wären. Weil Herr Johannes nun andern Tages krank wurde und bald starb, meinten alte weise Frauen, die von seinem veränderten Wesen bei Hermines Geburt gehört hatten, ihm habe sich der Himmel geöffnet, und dann müsse man dahin.

Aber die Mutter blieb bei ihrem Sinn und stimmte gleich und willig zu, als man sie nach Jahren darauf aufmerksam machen wollte, daß die Augen ihres Kindes trauriger seien als die eines sterbenden Rehes: „So lange sie lebt, war oft Regenwetter; sie hat die Welt zu selten froh und glänzend gesehen.“ Hinter diesen scherzenden Worten prüfte sie sich streng, ob ihr stilles Herz wohl die Ursache der Traurigkeit sein möchte, achtete seitdem eine Zeitlang sorgfältig auf alle frohen Stunden Hermines und atmete jedesmal erleichtert auf, wenn eine kam. Watete Hermine mit ihrem älteren Spielgefährten und Getreuen Edwin Maßholder im Wasser nach Kaulquappen oder stürmte mit ihm die Dorfstraße nach Maikäfern hinab, ja dann waren ihre Augen klarer als die dort hinten in der Sonne gleißenden Scheiben. Und ein Tag kam, da strahlten sie vollends wie ein Wunder. Eine Komödiantentruppe mit allerhand fremden Tieren zog vorüber. Der Tanzzottelbär und besonders der Drehorgel spielende Elefant gefielen Hermine so sehr, daß sie mit Edwin den Ausländern bis Abend Gefolgschaft leistete und Frau Katharina, besorgt um die Tochter, ihre Milch über den Rand der Schüsseln goß. Schließlich hüpften die beiden kleinen Vagabunden Hand in Hand durch die Tür. Da betrachtete Frau Johannes Hermine und sagte: „Du hast doch Augen wie – wie ein —“  „wie ein Sonntagskind,“ ergänzte Edwin altklug. Frau Katharina lachte laut mit den Kindern, und ein abendlicher Lichtstrom verklärte die blanken Zahngatter der fröhlichen drei, denn eben lugte die Sonne, die schon tief im Storchneste des Scheunendaches saß, durch blaue Wolkenschleier. „Sie scheint dich wirklich als Patenkind anzuerkennen,“ nickte Frau Johannes freundlich nach dem roten Viertelkreis hinüber. – Gleichwohl war Hermine fast alle Tage ihr Sorgenkind, und wenn sie solcher kleinen Zufälle einmal gedachte, senkte sich ihr Bitternis in die Seele, weil sie in ihnen einen Hohn des Schicksals erblickte. Ihr Kind erschien unter der Dorfjugend durch manche Seltsamkeiten wie ein weißer Rabe unter lauter schwarzen. Bei einem Gewitter schweifte Hermine herum, während die Mutter sich ängstigte, stieg bei Nachbaren in die Krone eines hohen Birnbaumes und konnte nicht widerstehen, in Regen und Donner ein süßes Mahl zu halten. Noch ehe das Wetter vorüber war, holte sie bleich vor Schrecken ihre Geburtstagspfennige, in der Absicht, die gestohlenen Früchte zu bezahlen. Zwar hätte sie sich entsetzlich gefürchtet, aber die tags zuvor in der Schule gelernte Geschichte von der Sintflut erproben wollen. Ein andermal beunruhigte sie nachts die Mutter dadurch, daß sie schlaflos ihr Deckbett wieder und wieder wendete, seufzte, stöhnte und sich gebärdete wie eine Kranke. Sie hatte von dem Volksaberglauben gehört, man könne um Mitternacht in den Augen eines einsam heulenden Hofhundes, wenn man ihm die Ohren rückwärts zerre, vorüberschwirrende Geister gespiegelt erblicken, und sie schwankte, ob sie einen Versuch wagen sollte.

Durch solcherlei Eigenheiten ihrer Natur wurde sie die wahre Ursache der zweiten Heirat ihrer Mutter. Diese lernte einen entfernten Verwandten der befreundeten Familie Maßholder kennen, des Nachbarstädtchens reichsten Kaufmann Dagott. Breit und groß, ungeschlacht und übertrieben langsam in seinen Bewegungen, in seinen Worten von einer gewissen singenden Gutmütigkeit und Weitschweifigkeit, mißfiel er ihr, die in alledem eher das Gegenteil darstellte. Weil er ihr aber freundlich und in Kleinigkeiten mit rührender Gemütlichkeit den Hof machte, ließ sie die Erwägung, ihrer doch schon dreizehnjährigen Tochter die Möglichkeit einer besseren, sichereren Erziehung, den Eintritt in einen weiteren, lichteren Kreis zu öffnen, den Ausschlag geben und beschloß ihn zu ehelichen. Sie machte sich den Gedanken der Übersiedelung in die bequemere Stadt vertraut und lieb und wäre schließlich nur ungern in der Einsamkeit geblieben. Trotzdem zwang ihre ehrliche Natur sie, Dagott vorher zu gestehen, warum hauptsächlich sie die Ehe einzugehen bereit sein würde. Als nun Dagott mit täppischer Liebenswürdigkeit, mit Hand- und Stirnküssen sich unermüdlich um Hermine drehte und bei dieser zu der Mutter Ärger von Anfang an auf ein kalt verwundertes, abweisendes Benehmen stieß, gewann ihn Frau Katharina aus Mitleid darüber und befreit durch ihr Geständnis wirklich lieb und schloß bald den Bund.

An einem Wintertage wurde ihre ganze Habe aus dem Dörfchen gefahren, und nicht lange vor der Dämmerung erschien Dagott im stattlichen Schlitten, sie selbst samt Hermine in die neue Heimstatt zu holen. Während er im Pelz in ihrer leeren Stube stand, zweifelte sie doch wieder, ob er ihr zum Gemahl tauge und Hermine zum Stiefvater. Die Bequemlichkeit ihrer Wohnung war verschwunden, und lenkte bisher mancher Gegenstand mit Erinnerungen an vergangene schöne Tage oder angenehme Gewohnheiten ab, so versammelten sich jetzt alle Gedanken auf Dagott. Er lächelte immer wieder kopfnickend Hermine an.

Seine Augen, klein, rund und wässerig hell, schielten ein wenig und schienen nicht in die Weite dringen zu können. Sie sahen vielmehr aus, als hielte ein blanker Knopf an der Uniform eines Hampelmannes, welcher zwei Schritte vor ihnen schwebte, sie immerwährend drollig gebannt. In Abständen flackerte in ihnen etwas Geheimnisvolles auf, das dann die niedrige Stirn in sanfte Falten zog, vor der weitgespannten, seltsam platten Wölbung des kahlen Schädels und ihrer dumpfen Reglosigkeit Halt machend. Das graue, sauber beschnittene Bartgekräusel an den Wangen, schräg bis über das Kinn gestreckt, doch dieses selbst freilassend, gab dem Gesicht etwas Dreieckiges, und all sein freudiger Ausdruck schien naiv durch einen Moosrahmen zu gucken.

Hermine wollte gar nicht Vater zu diesem Manne sagen und begriff nicht, wie ihre Mutter, die solche zierliche Gestalt, solch schmales Köpfchen voll schönem Braunhaar, solch kleines Kinn besaß, an seinem Arm zum Schlitten schreiten konnte. Sie mußte erst dreimal angerufen werden, ehe sie auch auf dem Polster Platz nahm. Ein großer buntgestreifter Ball, den sie noch im Händchen hielt, fiel beim Anziehen der Pferde herunter und blieb einsam auf dem Hofe liegen. Dagott war schuld daran, daß er fiel; warum peitschte er! Ein Haßgefühl fuhr in ihr hoch wie zischender Wasserdampf.

Dann pfiff der Wind von der Seite und schlug mit lahmen unsichtbaren Flügeln ins Gesicht, und dazu schallten die Messingglocken auf den Pferderücken, gleichmäßig, ununterbrochen, einlullend.

Hermine gähnte und schloß ihre Augen. Sie fühlte sich zwar müde, weil in der vorigen Nacht der Hauskater nicht ruhig auf ihrem Kopfkissen liegen wollte, schlief aber nicht. Dazu war es zu kühl, und außerdem wollte sie hören, was die beiden großen Leute, zwischen denen sie saß, erzählen würden. Aber sie mußte lange warten, wurde verdrießlich und dichtete vor Langeweile Dagott so viele Narrheiten an, daß sie die Nase rümpfte und ihn mit der Zunge anzublecken Lust verspürte. Oberhalb der Handschuhe wurden ihre Gelenke von den weichen Haaren der Schlittendecke berührt, und bei jeder Schwankung des Gefährtes fuhr ihr Kopf entweder nach rechts gegen den Pelzkragen der Mutter oder nach links gegen den des neuen Vaters, den ihre Schläfe noch gerade erreichte. Auch wenn sie die Füße vorstreckte, fühlte es sich weich an. Weil der Wind manchmal schneidend dahergefahren kam, ärgerte sie jedesmal die seidige Berührung, die dazu nicht passen wollte: prallte sie gegen Dagott, grollte sie ihm, weil sie neben ihm sitzen und hinausjagen mußte, schwankte sie gegen die Mutter, zürnte sie dieser, daß sie mit Dagott fuhr. Dabei schied sie nicht ungern von ihrem Heimatdörfchen. Was sie dort besessen, vermißte sie vor Erwartung des zukünftigen Neuen noch nicht. Nur konnte diese Erwartung sich nicht freudig in ihr ausbreiten, und als Dagott zu erzählen begann, wie sich das Leben drinnen in der Stadt gestalten würde, horchte sie zwar auf, ließ jedoch die Augen mit einem Reste von Gleichgiltigkeit geschlossen und kniff sie bisweilen unter leiser Schmerzempfindung fester zu. Den warmen Ofen, der jetzt nach der Fahrt die Stube behaglich machen würde, konnte sie sich nicht anders als plump, aus stumpfbraunen Kacheln gesetzt, mehr breit als hoch und angefüllt mit einem Berge dicker, stinkender und qualmender Kohlenblöcke vorstellen, – weil dieser Mann davon erzählte. Als er schwieg, öffnete sie einen Augenblick die Wimpern. Doch Dagott redete weiter von dem jungen Lehrer Karp, der ihnen ein Abendbrot warmhalten würde, da die Aufwärterin schon früh zu ihrem kleinen Kinde gehen müßte. Karp wirtschafte einmal gern in der Küche, wie er schon als Knabe getan, und wisse idyllische Erinnerungen aus seiner Kindheit mit großer Herzlichkeit vorzutragen. Darum sei er trotz des Altersunterschiedes Dagotts Freund geworden. Im übrigen – Karp schweige am liebsten. Er solle Hermine wie gesagt Privatunterricht erteilen, zusammen mit Elisabeth, der Tochter des Bürgermeisters Pfeiffer, und werde gewiß ihr bester Lehrer sein. Sobald Hermine ihren Namen aussprechen hörte, fühlte sie Dagott sich ihr zuwenden, und richtig verlangte er wieder, wie so oft, einen Kuß von ihr. Es zuckte ihr einen Augenblick in den Lidern, dann öffneten sie sich gegen ihren Willen, gerade als sie überlegte, ob sie sich schlafend stellen sollte. Bei dem widrigen Kusse kam es wieder zu der weichen Berührung mit dem Pelze, und diesmal drückte er sich eisig an die Wange. Sofort schloß Hermine wieder ihre Augen, nun mit Absicht und trotzigem Gesichte. Sie wünschte, jemand möchte es wahrnehmen und fragen, ob sie böse sei. Sie biß die Zähne aufeinander und stemmte die Füße gegen die Vorderwand des Schlittens. Wenn die Schuhe so fest und andauernd nach vorn gedrückt wurden, war von der weichen Decke nichts zu spüren. Nach einer Weile flüsterte Dagott: „Pst! Sie schläft!“ In Hermines Seele wurde es ganz kalt, aber ihr Herz schlug heftiger. Einige Krähenschreie drangen an ihr Ohr. Sie suchte sich den Lehrer Karp vorzustellen, der ihnen das Essen warmhielt, sah aber nur zwei sehr blanke, große Stiefelspitzen unter weißer Küchenschürze hervorleuchten, während sich das Gesicht nicht enthüllen wollte. Gewiß würde er ihr ein sehr guter Lehrer sein, bloß, daß er mit Dagott verkehrte, war unrecht. Dann saß er vor ihr, hielt eine pechschwarze Schiefertafel auf seiner Schürze im Schoß und rechnete mit nachdenklichem Gesicht, den Stift in milchzarter Hand, eine Aufgabe nach. Ja, diese sinnenden Augen und diesen dunklen Vollbart würde er haben. Sie wollte auch lieber als auf der Dorfschule zum Unterricht gehen. So rückte eben ihre trotzig-kalte Stimmung in einem etwas wärmeren wehmütigen Sichbescheiden zusammen, als Dagott wiederum etwas flüsterte, das ihr klang: „ß—ß—ß— die Stadt!“ Sie öffnete erschrocken die Augen und war schon so schläfrig geworden, daß sie das Schließen derselben vergaß. Aber der Haß gegen Dagott, den sie nun nicht mehr beachtete, saß breit in ihr und verschlang den Keim jeder anderen Empfindung.

Da lag die Stadt in geräumigem Kesseltal, düster gegen das Schneefeld und den grauwolkigen Himmel abgehoben. Die dunklen Massen flossen ineinander über. Das Ganze sah Hermine aus wie ein großer Mantel, der über einen eckigen Gegenstand hingebreitet ist und durch den sich viele Messer steif in die Höhe gebohrt haben. Diese Erhebungen waren die durch die Gärten zahlreich zerstreuten Pappeln und der Kirchturm. Und der dunkle doppelte See starrte unten im Osten wie ein großer, bis an den Rand versenkter Paartopf voll geronnenem Blut. Hermine hatte bisher erst zwei, nach der entgegengesetzten Richtung gelegene Nachbarstädte ihres Geburtsdorfes kennen gelernt, die ihr gar wohl gefielen. Der Anblick dieser beklemmte. Sie konnte sich hier nur ein gedrücktes Leben erwarten unter Leuten nach dem Bilde und der Weise Dagotts.

In Wirklichkeit aber waren hier zum größten Teil frohe, gesunde und fleißige Menschen ansässig, manchmal ländlichen Sitten noch angenähert. Viele Behörden und Beamte gab es nicht; in jedem Jahre wurden nur wenige Gerichtstage von auswärtigen Richtern abgehalten. Am Ostrande, ein wenig außerhalb, hatten noch viele Ackerbürger ihre Scheunen und Stallungen, und in jenem schwarzen See gab es Sommers wohl auch heitere Spiele, wenn etwa Kahnfahrer von den in die Schwemme gerittenen Pferden angeprustet und von übermütigen Knechten bespritzt wurden.

Als die drei in die Stadt einfuhren, begann es zu schneien. Aber der Wind zerstörte allen Frieden rieselnder, schwebender Flocken. Es war auch schon dämmerig geworden, und Hermine konnte nur mit Anstrengung verfolgen, wie diese schneeigen Motten herumwirbelten und auf roten Dächern und an Mauern in schwarze Sterne versprangen. Einige Zeit darauf hafteten ihre Augen überall kälter, doch länger auf nassen, angedunkelten Flächen. Zwei gebukelte Fenster schoben sich wie große müde Glotzaugen durch den grauweißen, wehenden Schleier. Ein leiser Flor schien um alle Gegenstände gewickelt, selbst um die Leiber der langsam ausgreifenden Pferde. Die acht Beine spielten in zuckender Verwirrung durcheinander wie in einem Netze. Die Schellen klangen ungleichmäßiger, mindestens wesentlich lauter als auf dem freien Felde, und manchmal schien es, als weckten sie ein Echo. Hermine glaubte auf einem Schornstein, der, von halbkreisförmig gebogenem Blech wie von einer Nonnenkapuze überwölbt, seltsame Rauchkringel ausströmte, eine geduckte Gestalt zu sehen, die ebenfalls ein Geläut in Händen hielt, mit dem zahnlosen Kopfe wackelte und schließlich im Rauche dem Schlitten nachgeschwebt kam. Sie seufzte.

Die ersten Straßen waren leer, nur lief ein langhaariger Hund vor den Ankömmlingen über das Pflaster, sah sich beinahe scheu nach ihnen um und bellte nicht einmal. Manche Quergäßchen waren hügelig angelegt, ihre kleinen Häuser unregelmäßig gebaut. Ziemlich viele schattige Winkel ließen ein phantastisches Aussehen des Städtchens ahnen, wider alle Wirklichkeit. Hermine erquälte sich ein häßliches Bild, da ihr in der Ermüdung die alte Heimat nun schon verklärt aufstieg, die diesen neuen Ort durchstöbernden Flocken hingegen wie kleine eisige Hände über die Backen fuhren und das ungewisse Licht wirklich allen Reiz verdrängte. Bei vielen Häusern standen Bäume; deren Äste falteten sich manchmal wie lange, hagere, schwarze Finger über niederen Dächern. Und die vielen Pappeln in den Gärten starrten wie schlanke Riesen, die ihre Hände eng an die Beine drücken und unheimlich in den leise zischenden Wind hinaushorchen.

War aber auch das dort nur erfabelt? Auf dem Dache eines Hauses am Kirchhofe huschte eine dunkle, anscheinend männliche Gestalt mit einer Laterne in der Hand krumm dahin. Hermine erschrak. Dagott erklärte heiser: „Das ist der Totengräber Grelert. Er hat sich da oben einen Taubenschlag angelegt und geht nachsehen, ob alles zur Nachtruhe in Ordnung ist. – Der sonderbare Kauz ist ja beinahe unser Nachbar.“

Hermine war froh, daß sie wirklich gleich absteigen durfte. Mit welchen Menschen sollte sie doch zusammen wohnen! In der vorigen Gasse hatte sie aus einem dunklen Hausflur hadernde Kinderstimmen und das schrill ritzende Auskratzen einer Bratpfanne gehört, hinter einem matt erleuchteten Fenster einen unförmigen, schreienden und zappelnden Säugling in den Armen eines Greises, der mit schiefem, zitterndem Munde zu singen schien, gesehen. Sie strich sich mit der Hand über das Antlitz und fröstelte.

Da erschien Lehrer Karp in der Haustür. Er lächelte zwar, schien aber ebenfalls unter den Kleidern zu zittern, obgleich er wohl aus warmem Zimmer kam. Dieser Widerspruch erfüllte Hermine mit ungewisser Furcht.

Karp stellte sich der Frau Dagott, noch immer lächelnd, vor, wobei ihm die Stimme ausglitt und in die Höhe fuhr, begrüßte dann alle drei mit einem vorsichtigen Händedruck und schritt ihnen unter mehrmaligem Willkommenwunsch durch den Korridor nach, im Dunkeln recht unverhohlen zitternd. Er hatte nämlich die neu angekommenen Möbel in der abgelegensten winterkalten Stube etwas beiseite gerückt; dabei waren ihm einige Begrüßungsreime durch den Kopf gegangen; da nahm er die Tische fester vor den Bauch und schleppte, bis sie fertig waren. Mit verklammten Händen hatte er sie vor einigen Minuten auf kleine Blättchen geschrieben, in die Teller des in der Staatsstube gedeckten Tisches gelegt, wiederholt betrachtet und sauber der Mitte zugezupft, schließlich aber, als der Schlitten draußen vorfuhr, doch schnell in der Tasche verborgen. Sogar die Betten im Schlafzimmer aufzudecken, hatte er nicht unterlassen.

Im warmen Zimmer begann man sich lebhaft zu unterhalten. Dagott hob strahlend die linke Hand seiner Frau hoch, machte einige Walzerschritte, daß sein pelzgepolstertes breites Kreuz hin und her kippte wie ein ungeheurer Entenleib, und sang: „Nun sind wir da – jahaha!“ Karp erwärmte sich wieder und wurde einmal gesprächig, auch Frau Dagotts Stimme fiel oft ein.

Nur Hermine war still. Sie träumte und wollte träumen. Düstere Pappeln, strenge Häuser umgaben sie und ein kalter Himmel. Warum war es hier drinnen nicht ebenso? Warum hatte sie sich dies alles anders vorgestellt? Zwar traut war es so nicht, viel zu groß gähnte das Zimmer, sehr dämmerig leuchtete die Lampe. Diese Uhr schlug nicht wie andere, sondern fragte mit hartem Ton immerzu: ja? ja? ja? ja?

Hinter ihr stand Zitterlehrer Karp im Gespräch – mit trocken-feisten Backen und hellen Haaren. Er hatte weder Bart noch sinnende Augen und sprach mit dünner, gedehnter Mäuschenstimme. Nur selten wurde diese Stimme kräftiger, und den dann entstehenden Laut hatte Hermine beim Tischler gehört, wenn er mit seinem Hobel einen recht langen Schnörkelspan abschnitt. Was sollte sie bei Karp? Laufen, ganz schnell, ganz, ganz schnell bis zum Dorfe, wo die Hobelbank stand und Edwin Maßholder vielleicht davor!

Bei solchen Gedanken, mit den Tränen kämpfend, sah sie Karp an. Sie erschien ihm schüchtern, und er wollte ihr wohlwollend die Befangenheit nehmen. Er sagte, in den Kniekehlen freundlich wiegend: „Also du bist meine künftige Schülerin?“ Sie schüttelte erst mit dem Kopfe, nickte dann aber schnell und betroffen. Er schwieg ein Weilchen, während die beiden anderen Hermine zu ihrer Pein musterten, und fragte dann mit scharfer Betonung des ersten Wortes: „Lesen kannst du doch schon?“ Hermine hatte wieder die Vorstellung eines geschneckt emporfahrenden Hobelspans und antwortete nicht. „Wir wollen gleich einmal sehen,“ sagte Karp und hob das ,sehen‘ nachdrücklich hervor. Dabei faßte er die scheue Hermine bei der Hand. „Ich habe einen Einfall, Herr Dagott,“ lachte er. Hermine errötete über und über, als sie angerührt wurde. Ein ätzendes Brennen quälte sie irgendwo. Jedes Wort war ihr wie das Hineinrufen in einen süßen, wenn auch schaurigen Traum. Sie wollte doch träumen, warum ließ man sie nicht! Karp ging mit ihr schnell vor die Tür. Warum wurde sie herausgerissen, abgeführt? Ja, ja, sie mußte beinahe laufen und jeder Schritt verwundete sie mehr. Sie kniff die Lippen rund. O, da kamen die beiden anderen auch nachgeschritten, wie um ihre Schmach zu sehen. Sie wollte sich losreißen, aber wie war es draußen dunkel! Es schneite noch; es kraute ihr gespenstisch im Haar, an Ohr und Hals. Sie schüttelte sich. Nun überfiel es sie erst recht wie ein ödes Erwachen. Sie sah sich taumelnd den Flur, wo man vor Dunkel fast blind wurde, herablaufen, an dieser Hand, die sie hier so festhielt. Sie bedauerte sich. Karp fragte gelinde: „Nun, mein Kind, was steht dort?“ Von grünlicher Laterne schwach beleuchtet, hing wie ein klotziger Spiegel ein Firmenschild am Hause, schwarz gelackt und mit großen, dicken Goldbuchstaben bemalt. Hermine las willenlos rauh: „Benjamin Salomon Dagott. Christliches Tuchwarengeschäft.“ „Ja,“ lächelte Karp süß, und Hermine sah ihn lange schwer an, mochte auch eine Flocke an die Wimper fliegen und sie zudrücken wollen. Karp legte seine freie linke Hand in langsamem Bogen sanft auf die ihre und fuhr fort, sie wieder zurückführend, wobei die Eltern schlürfend vorangingen: „Weißt du, was du da vorgelesen hast? – Hier ist meine süße Heimat.“ Minutenlang lächelte er breit und dumm. Hermine hatte nur den Schall, nicht den Sinn der letzten Worte vernommen und dachte tief beleidigt: nun werde ich sterben! Dieses Gefühl und ein Seifengeruch am Lehrer erquickten sie etwas. Ihr Ohr klang.

„Da wir im Ansehen sind,“ lachte Dagott, beugte sich steif, die Fersen schließend, und kniff sie dabei in die Nase, „wollen wir schnell mit dir das ganze Haus durchgehen.“ Sie strauchelte nun (halb absichtlich) über mehrere Schwellen wie zum Tode und mußte in unheimlich stille Zimmer sehen. Die ganze Zeit fühlte sie ihre Hand noch gefaßt, die doch längst frei herabhing, und spürte Schnee in die Haare fallen, die sich stellenweise etwas juckend aufzurichten schienen. Auch die Treppe mußte sie hinaufgehen und wurde in einen großen Raum geführt, wo viele alte Waffen an den Wänden auf ihren Schatten schliefen. Dort sollte sie später hausen. O, wie sehr wollte sie dann weinen!

„Aber nun schnell essen!“ mahnte Dagott. Man setzte sich um den Abendbrottisch.

Hermine verwunderte sich über das Würzige und Schmackhafte in den Speisen. Sie wurde aber die Bilder der Schlittenfahrt nicht los. Da keine wirkliche Grundlage sie unterstützte, veränderten sie sich weiter ins Düstere und führten Hermine tiefer in wehes Staunen. Sie sah dabei ihre Nachbarn lange mit verlorenem Blicke der großen dunklen Augen an. Man kam eifrig ins Gespräch und scherzte viel. Sie konnte es nicht begreifen: sie war allein. Aber wenn man sie ansah, verzog sie auch den Mund zum Lachen. Selbst die Mutter war heute so gesprächig; warum nur? In ihr scholl plötzlich im grell leiernden Schulstubenton der Choral: Wenn ich einmal soll scheiden. Die Gesichter und Bewegungen der Anwesenden wurden ihr unverständlich, sie entbehrten jeden Sinnes, wie die großer Gelenkpuppen; das Lachen war das aufgemalte, irrsinnige Puppenlachen. Beschäftigt, etwas auseinanderzusetzen, heftete Dagott den Blick auf sie: nun mußte er doch wahrnehmen, daß sie sich fürchtete? Nein, er sah wieder weg und pfiff gar eine lustige Figur. O! – O! – Sie erhob sich leise und sagte mit so schwärmerischer, weltferner Versunkenheit und vor Tränen blinden Augen: „Mutter, ich möchte schlafen gehen,“ daß alle erschraken. Frau Katharina legte die Hände vor das gesenkte Gesicht, Dagott stand auf und fragte, wie mit dem Besen gescheucht, trocken: „Was ist denn?“ Karp flüsterte in die Lampe: „Das ist nicht Heimweh.“

Die Mutter führte Hermine in die Schlafstube, wo das Kind noch allerhand Haß, Verachtung und Schwermut wie Wackensteine in sich herumwälzte und oft gewaltsam keuchte, ehe sein Atmen friedlich tönend gleich dem letzten Echo erlösender Träume auf- und abstieg.

Die Tür anlehnend, sagte Frau Katharina: „Sie ist ein Maulwurf, der sich schwarze Gänge gräbt, wohl ab und zu ein Stückchen in der Sonne läuft, doch dann wieder ins Dunkle taucht. Ich habe sie drüben nicht ändern können. Hoffentlich ziehen wir drei sie hier für immer ins Licht.“

Sie redeten noch lange über Hermine, und ihre Schatten schlüpften durch die langsam aufknarrende Tür über das Bett der Schlummernden.




Zweites Kapitel







Bald konnte sich Frau Dagott freuen, daß Hermine wirklich ihr düsteres Wesen abzulegen schien. Der Maulwurf fand in Elisabeth Pfeiffer ein Hermelin, mit dem er die ganzen Tage in der Sonne lief. Es begann eine Zeit, in der das ernste, plumpe Kaufmannshaus am Marktplatz und der große Garten dahinter vom heitersten und herzlichsten Kinderlachen widerhallte. Am Morgen, ehe Lehrer Karp in die Schule mußte, und nachmittags, wenn er frei war, kamen die beiden Mädchen in die große Oberstube gestürmt zum Privatunterricht und blieben nach den Stunden zum Geschichtenerzählen zusammen und zum Spiel mit den alten, auf Dagott durch viele Geschlechter vererbten Waffen, die man im Hause nicht schicklicher hatte unterbringen können. Frau Katharina hielt Karp für einen trefflichen Lehrer, weil just die zwei von ihm unterrichteten Mädchen so traulich zusammenhielten und alle ihre Lust beieinander fanden, während wenigstens Hermine sich an eine andere Altersgenossin überhaupt nicht anschloß. Karp mußte darum nun täglich am Mittagsmahle der Dagottschen Familie teilnehmen. – Auch ihrem oft wenngleich gezwungen heiteren Manne wußte sie klüglich ein Stückchen Einfluß zuzuteilen, und sie lebte halbwegs zufrieden, obwohl die Ehe von manchem kleinen Zwiste durchbrochen wurde. Sie hatte eben eine andere Natur als ihr Mann und hoffte eine innigere Vereinigung, wenn das Kind, das sie unter dem Herzen spürte, eine Hand um ihren Hals und eine um den des Vaters legen könnte. Ganz glücklich hatte sie mit ihrem ersten Manne, in dem ihr viel von Hermines Wesen, nur gut verstaut, gelegen zu haben schien, auch nicht gelebt, und der Wunsch, die Tochter ins Mildere zu lenken, war ja erfüllt.

Oder? Manchmal am Abend, wenn der Mond recht groß und klar über zwei Scheiben lag, wagte sie zu zweifeln und zu sorgen, denn aus dem Verkehre mit der Tochter wehte sie leicht eine unerklärliche augenblickliche Kälte an. Hermine schien Scheu zu haben sich hinzugeben.



Wirklich fühlte sich Hermine in ihrem jetzigen Kreise oft abgestoßen. Trotz ihrer Freundschaft mit Elisabeth waren in ihr die leidenschaftlich verworrenen Empfindungen des Einzugsabends nicht untergegangen. Zwar erschien ihr schon am nächsten Tage alles anders, als sie es anfangs gefaßt, aber sie empfand jedesmal einen angenehmen Reiz, wenn sie daran zurück dachte. Sie wußte eine Sage von einer Prinzessin, die alle Mitternacht ihr Kästchen öffnete und kniend die blutroten Steine und die Schierlingssiegel an ihren vielen Ringen herzte. So ging es ihr. Nun wünschte sie zwar keineswegs, wieder etwas zu erleben, das ihr Gemüt ähnlich in Düsternis hüllte: unbewußt beschwor ihre Seele immerfort Schatten, und die Welt, in der sie damals gebangt, umgab sie darum auch jetzt, wenngleich blasser. Sie wehrte leise noch immer alles ab, was sie am ersten Abend abgelehnt hatte, nur daß es damals, je neuer und unerwarteter es sie umringte, um so viel heftiger geschah. Nichts liebte sie, nicht Mutter und Stiefvater, nicht ihren Lehrer, nicht ihre Stadt und deren Bewohnerschaft, nur die einzige Elisabeth.

Elisabeth war sanfter als Hermine und schien bestimmt, nichts als Einflüsse zu empfangen. Ihr Gemüt bewegte sich ätherisch weich, und weil alles, was auf dasselbe wirkte, immer aus einer Tiefe widerstrahlte, machte es den Eindruck der Unergründlichkeit. Ein Himmel, der eine weiße Mittagssonne aufnimmt oder eine rote Abendsonne oder den blauen Mond oder die gelben Flimmerpunkte des Schwans und des Bären und seine Farbe nach ihrer Leuchtkraft wechselt vom Blau der Alpenrose zum Blau des Indigos und zum Schwarzblau der Waldbeeren – ein Gleichnis ihrer Freundschaft.

Wie eine schenkende Stellung zu einem Menschen so kostbar in Hermine zu sein schien, verwahrte sie sich gegen andere durch Verschmähen und heftete ihre Abneigung am festesten an die, welche sie am wenigsten lieben konnte. Wenn ihre Mutter schon fühlte, daß sie sich hinzugeben fürchtete, so blieb Hermine ihr gegenüber doch ruhig, wogegen es sie in Gegenwart Dagotts oder Karps wie eine Ahnung durchzitterte, daß sie sich behüten müßte, und ihr Tasten ruhte nicht, bis sie an ihnen etwas zum Abweisen, Fürchten, Verachten fand. Doch geschah das jenseits aller Gedanken, und sie blieb freundlich, wenn sie sich etwa über eine Grimasse Dagotts erregte: sie hatte ja Elisabeth und empfand eine gewisse Schadenfreude, als wüßte sie, daß ein Licht um so heller strahlt, je tiefer ringsum die Nacht ist. Der manchmal arg hervortretende Ehezwist ihrer Eltern, ein heftiger Wortwechsel, ein Schweigen zwischen Mann und Frau brachte auch ihr Unbehagen, aber sie trug es gleichgiltig.

Karp lernte sie wenig kennen. Sein Unterricht war sachlich, aber langweilig. So berührte sie zunächst die Eintönigkeit seiner Lehrweise. Sonst war er schweigsam. Immer schien er wehmütig, und doch lächelte er fast immer. Dieser Zwiespalt pflegte eine gewissermaßen zärtliche Abneigung groß. Hermine glaubte ihn krank. „Sieh, Elisabeth,“ sagte sie, „sieh seine Handgelenke. Lauter blaue Adern schimmern dort durch. Ein Tagelöhner auf dem Lande hat mir erzählt, in blauen Adern fließt krankes Blut. Auch an den Schläfen sitzen ihm bläuliche Ästchen. Ich fühle, seine Krankheit tut ihm weh, aber doch ist er dick und lacht.“ Mit mitleidigem Unbehagen krochen ihre Blicke unter seine Manschetten. Sie ließ sich nicht gern von dem kranken Manne unterrichten und, weil Elisabeth dabei war, doch wieder gern.

Außerdem knüpften sich an ihn leicht Empfindungen, die ihr die Leute außerhalb des Hauses gleichgiltig machten. Mit den Erwachsenen hatte sie ohnehin vorderhand nichts zu schaffen, und die Schulkinder, mit denen sie beim Konfirmandenunterricht in demselben Saale saß, gehörten Karps Schule an. Das leise Widerstreben gegen diesen regte sich bei ihrem Anblick als willkommene Verstärkung des Nachlebens jener abendlichen Ankunft, so daß sie noch immer mit einer sonderlichen Art Menschen leben zu müssen wähnte: der singende Greis, die schreienden Buben zeigten sich manchmal in wollustvollen Seelentiefen, ebenso der Totengräber Grelert.

Dieser letztere mußte auch wohl dazu dienen, der Stadt selbst einige der Schauer wiederzugeben, die sie im Schneeflockenmantel unheimlich belebt hatten. Er war abends noch immer auf dem Dache zu sehen, wie er mit der Laterne nach seinem Taubenschlage lief. Hermine konnte ihn aus einem Fenster ihres großen Zimmers beobachten. Auch hörte sie beim Unterricht, schon abgespannt oder durch die Gegenwart Karps im Lebensgefühl beschränkt, seine Tauben die Flügel schlagen, ähnlich, als schlüge jemand dünne Bretter oder gar Totengebeine aufeinander.

Ihr eigenes Zimmer, mit solcherlei Empfindungen betrachtet, empfing so sein verborgen wirkendes Geheimnis.

Die Pappeln aber umwob in Bälde der größte Reiz. Grelert, in jüngeren Jahren Glöckner, hatte seiner Tochter, die ihm durch Unvorsichtigkeit hoch im Kirchturm von den geläuteten Glocken erschlagen worden war, eine Pappel als Denkmal ans Grab gepflanzt und ließ sich durch sie an den Unglücksturm erinnern. Daran mußte Hermine oft denken und wurde von Winden oder Vögeln oder den Lichtverwandlungen, von Winter und Sommer, von Nebel und Nacht in den hohen Stämmen auf die verschiedenste Weise gerührt, manchmal zu wehen Träumen, manchmal selbst zu wehen Tränen. In seltsam geformten Zweigen fand sie Tier- und Spukgestalten gebildet und erschrak eines Abends tief über den Erlkönig: sie und Elisabeth begehrten auch solche Denkmale ans Grab, wenn sie stürben.

So half der Totengräber den ersten geisterhaften Eindruck der Stadt in ihr wieder mehr und mehr heben. Darum und weil er ihr oftmals auffällig nachblickte, war ein unheimliches Sehnen in ihr, ihn kennen zu lernen. Er war unter den Leuten als Sonderling berufen. Niemand kannte ihn recht, da er zurückgezogen lebte und, soviele freie Zeit er erübrigte, mit Stuhlflechten und Topfbestricken außerhalb einen Spargroschen erwarb. Es sollte in seinem Leben etwas Dunkles geben. Dagott wußte darüber nichts, gab aber vor unterrichtet zu sein und es Hermine nur nicht verraten zu wollen. Er war plump, so daß Hermine ihn durchschaute, drob mehr verachtete und Grelert mehr lieb gewann. Mit Elisabeth spann sie düster bunte Sagen über ihn aus. Sie wollte hingehen.

Er hauste ganz allein in seiner Kate am Kirchhof. Dadurch hatte er wieder etwas Abschreckendes. Er sollte häufig noch tief in der Nacht durch seine Klause rumoren und den Fußboden scheuern, denn man sagte ihm peinliche Sauberkeit nach. Man hatte ihn auch so spät noch hämmern hören und behauptete, er ziehe beim Reinigen der Wohnung sämtliche Nägel aus der Wand, putze sie blitzblank und klopfe sie dann wieder in ihre Löcher.

Während Hermine überlegte, unter welchem Vorwande sie den Totengräber aufsuchen könnte, wurde ihr eine Schwester geboren, und das Vorhaben unterblieb. Dagott belegte das Kind mit einem biblischen Namen, weil diese Sitte in seiner Familie seit Urzeiten üblich sei. Er nannte das kleine Mädchen Ruth. Fünf Wochen verstrichen Hermine in staunender Betrachtung des jungen Lebens, dann dachte sie wieder an Grelert.

Sie beratschlagte nochmals mit Elisabeth, wie ein Besuch bei ihm einzuleiten wäre. Zu der Zeit, als die Freundschaft bald anderthalb Jahre gedauert hatte, erkrankte Elisabeth, kurz vor der Konfirmation. Hermine sprang zu ihr über den Markt, vertrieb ihr von Morgen bis Abend die Zeit und spielte so artig mit der Freundin, daß selbst deren mehrere Jahre älterer Bruder Bruno sich näher setzte und an der Kurzweil teilnahm.

Hermine kam um so lieber, als die Vorbereitungen zur Einsegnungsfeier es zu Hause besonders unwohnlich machten, während die Krankenstube verschont blieb.



Dagott wankte nur öfter vorüber, um Besorgungen auszuführen. Er benutzte das bevorstehende Fest, um noch eins zu feiern. Mit mehreren Herren hatte er sich draußen ein Jagdgelände gepachtet, teils seiner Waffensammlung zu Liebe und um von dem berühmten Bartholomäustreiben seines seligen Großvaters passend zu berichten, teils der Schmausereien wegen. Zwei Tage nach Michaelis – Michaelis war der Termin seines alljährigen Waidfestes – fand die Einsegnung statt. Die Pürsch wurde diesmal um einen Tag verschoben, damit die Doppelmenge des besonders fein zu backenden Kuchens nicht vertrockne. Dagott hatte sich schon lange gefreut und war vor Vergnügen zum Wetterpropheten geworden: „Michael wird diesmal auf weißem Rosse kommen,“ meinte er. Auf weißem Pferde hätte der würdige Mann von einem Erzengel nie gesagt. Also: Michael wird auf weißem Rosse kommen. Eigentlich weissagte er so nur, weil er gern seinen prachtvollen Pelz recht früh hervorgenommen hätte, des Ansehens und Nachsehens halber. Auch zur Jagd zog er ihn bis zum eigentlichen Streifen an und machte auf dem Wagen eine überaus stattliche Figur.

Als nun Michaelistag anbrach, schüttete er ein Meer warmen flüssigen Goldes über die Welt, aber keinen Schnee. Trotzdem geriet Dagott in eine selige Aufregung, weil es der Vortag seines Vergnügens wäre. Und als er nachmittags über den Markt her den Uhrmacher Winterlicht durchs offene Fenster singen hörte, sah er gerührt lange hinüber nach der großen blinden Uhr mit den aufgemalten Zeigern und dachte: „Ach, wie lebt man hier brav! Es scheint immerzu die golden gemütliche Stunde zwei Uhr nachmittags zu bleiben. Wie glücklich klingt aus Winterlichts Munde selbst das Lied von den vier Brettern zum Sarge und dem Rade, das nicht mehr geht; wie fröhlich klappert der Sänger zwischen den Stuhlbeinen, wahrscheinlich mit seinem Mittagslöffel!“ – Lüstern neugierig, wie es wohl mit der Bürgermeisterstochter stünde, zumal Hermine nicht zum Mittagessen gekommen wäre und gewiß auch bei den Nachbarn nicht gegessen hätte, ging er die Kranke besuchen. Aber der Ernst war ihm drüben zu streng, und er legte, um seine behaglich weiche Stimmung nicht etwa vor übermorgen zu verscherzen, bald und gründlich hinter sich den Drücker ins Schloß.



Uhrmacher Winterlicht hatte aus dem Laden eine feine Damenuhr in seine Wohnung hinaufgenommen und gravierte emsig auf ihrer Rückseite. Die Melodie des traurigen Liedes lag ihm dabei immerfort in den Ohren. Bald mußte er sie pfeifen, bald brummen, zeilenweis oder ganz, bald ihr lauschen, als dränge sie aus weiter Ferne her. Er wußte nicht, wie er darauf gekommen war. Seine Frau hatte ihm vorhin irgend etwas aus der Stadt erzählt, das nicht unmittelbar auf sie hinwies, (sonst hätte er es behalten) das aber die Töne aufweckte. Sie führten ihm nun die Hand.

Zuerst wollte er der Uhr ein üppiges Vierkleeblatt einritzen, der aufdringlichen Weise zu Trotz, aber sein Entwurf veränderte sich in ein Kreuz.

Die Sonne spielte auf dem Metall blitzend und blendend und erleuchtete die Hände porzellanklar. Und immerzu sang er und mußte über sich, den grundlos kühlen Wehmutmann, lachen, weil er von Strahlen überwaschen wurde wie ein Schneemann von weichem Frühlingsregen.

Er wußte, daß ihm niemand eine so bezeichnete Uhr abkaufen werde. Trotzdem ließ er sich wie unter einem Zwange gehen und vollendete sein Werk, indem er die Felder mit schwarzer Farbe ausfüllte. – Dann erst fühlte er sich frei. Ihm begann das verunzierte Gold leid zu tun.

Er trug mit schlechtem Gewissen die Uhr wieder hinab und versteckte sie unter den übrigen in einem Winkel des Ladens.



Seit einer Stunde lag Elisabeth schweigend da. Sie hatte sich mit der Freundin Geschichten erzählt und dabei solche gewählt, wo prächtige oder wilde Abenteuer gehäuft und zu entwirren waren. Die letzte hatte gehandelt von großen Kämpfen, aus welchen sämtliche Fechtende mit zerbrochenen Schwertern, aber unversehrt hervorgingen. Darauf war sie müde geworden und mochte nur noch zuhorchen.

Hermine erzählte, freilich ohne bewußte Wahl, Begebenheiten ohne allzu straffe Handlung, wie den Rattenfänger von Hameln, um in Ausmalungen der Wälder, Schlösser und Trachten aus ihrer eigenen Empfindung und Vorstellung viel hinzufügen zu können. Aber bald schien ihr Elisabeths blasses Gesicht nicht in die Märchenwelten hineinzusehen.

Sie beendete ihre Geschichte und saß nur steilrecht am Lager der Freundin. Besorgt war sie nicht. Auf diesem Platze fühlte sie sich auch jetzt glücklicher als überall.

An dem einen Fenster saß ebenso still Frau Pfeiffer, die nur ab und zu leise hinter die Tür ging und mit dem Taschentuch in der Hand zurückkam, an dem andern Elisabeths älterer Bruder Bruno.

An diesen wandte sich Hermine um eine Weile: „Bring’ uns deine Schiffe.“

Er schleppte eine große weiße Wanne herein, stellte sie neben das Bett auf einige Schemel und füllte sie mit Wasser. Dann holte er eine Menge kleiner Borkekähne hervor. Aus jedem ragte ein Mast mit einem von den Mädchen besäumten weißen Segel, und an jedem Schnabel war ein weißer Zwirn befestigt.

Bruno setzte sich an sein Fenster, die Mädchen fingen schüchtern an, die Schifflein von Ufer zu Ufer zu ziehen, Elisabeth eine Hälfte nach dem Bett hinüber, Hermine die andere von dort zu sich, und auf der Mitte des Weges fand eine Begegnung statt. Weil aber keines von beiden plauderte und sie einander so nahe fühlten, daß sie nicht aus geschiedenen Weltteilen Schätze über das Meer senden mochten, wurden sie zaghaft. Die Zeit des Spielens wird vergangen sein für immer, ahnte Hermine. Sie starrte auf das Wasser und tändelte mit langsamen Fingern in seiner Fläche. Plötzlich begann sie leidenschaftlich die Sage von Vineta, der untergegangenen Stadt, rühmte die Tore von blankem Metall, die kostbaren Schaugepränge und Leichenzüge in den düsteren Straßen, die silbernen Glocken in hohen Türmen … Noch einmal ergriff Elisabeth die schlaffen Fäden, zog ganz matt die Schiffe über das Wasser und sah mit Augen hinein, als ob sie selbst an einem Borde stünde und Kuppeln und Spitzen in der Tiefe unterschiede. Hermine erfand immer mehr, um das Spiel lange anzuschauen, mußte aber schließlich aufhören. Es ward still und die Stille begann zu klingen …

Aber bald verlangte Elisabeth nach ihrer Schultafel, obwohl sie doch vierzehn Jahre alt war. Ihre Sinne verwirrten sich schon. Man brachte ihr die Tafel samt einem Schieferstift, und sie malte seltsame Linien darauf und schrieb kaum leserlich darunter ‚Vineta‘. In wachsender Aufregung warf sie das Bild in das aufspritzende Wasser und ließ mit heftigen Rucken wieder die Schiffe hinausfahren. Da fühlte sich Hermine mit einmal leer. Solange sie sich lebendig in das Unglück der Stadt versetzt und im Traume nach ihrer verborgenen Herrlichkeit gesehnt hatte, waren ihr die Kähne Boten aus unerreichbaren Landen gewesen. Nun ward ihr das Spiel zu sehr Spiel. Die Zeit wird für immer vorüber sein, ahnte sie wiederum und versank in sich.

Elisabeth war in die Kissen gefallen, verlor völlig ihr Bewußtsein und erwachte nicht mehr. Bis zum Abend lag sie mitunter stöhnend auf dem Rücken. Die Mutter hatte nicht geahnt, daß es so schlimm mit ihr stünde und das viele Sprechen, wenn auch bekümmert, zugelassen. – Der Vater wurde gerufen. Er steckte spät die Lampe an, verhängte sie jedoch mit einem doppelten Tuch. Ehe das geschehen war, verschied Elisabeth. Die Mutter merkte es, schrie auf, das Tuch sank vom Lichte herab, und im vollen Schein sah Hermine eine jähe Trauerszene.

Sie selbst stand hoch da, mit harten Zügen, aber ohne eine Träne im Auge. Sie schien bis auf die vollen braunen Haare ganz und gar eine andere.

Nach einer Weile ging sie auf Bruno zu und sagte, am ganzen Leibe zitternd: „Mit dir spiele ich nicht mehr. Gibst du mir alle deine Schiffe?“

Er sah sie verwundert an und nickte.

Sie packte das Spielwerk unter beide Arme. So ging sie, ohne rückzublicken und sich zu verabschieden, davon.

Schnell schritt sie über den kleinen Marktplatz nach Hause. Nach allen Richtungen hin weitauseinander blinkten grünliche Laternenflämmchen und steckten eine seltsame Figur ab. Die kühle Dunkelheit lag drückend, riesenhaft umher, und was von Giebeln und Mauern seinen Umriß durch ihre dichten Hüllen schob, sah aus wie schwaches Pappwerk.

Erst auf der Mitte des Weges linderte sich Hermines Schmerz bis zu einem gewissen Erfassen seiner Größe. Sie hielt ihre Schiffe fester und fühlte sich verlassen wie ein Entdecker, dem eine neue Welt untergegangen wäre im Augenblick, da er sie erobern konnte. Sie hörte ihre einsamen Füße auf den Steinen schallen und beeilte sich mehr.

Im Hausflur blieb sie, noch zweifelnd, was sie erzählen sollte, stehen. Ganz unbefangen, wie es der Augenblick heraus preßte, mochte sie aus einer unbestimmten Scheu nicht reden, zumal, wenn der Stiefvater zugegen wäre. Zögernd drehte sie sich ganz herum, und es war ihr, als erhübe sich die Freundin in ihrer Seele unter einem Haufen zerbrochener Schwerter, die nach allen Seiten in sie drangen. Durch den Staub des halbkreisförmigen Fensters über der gartenwärts führenden Tür lugte, kaum bemerkbar, verfrorener Mondschein, und ganz unten klebte ein dicker toter Schmetterling in kleinem Dunsthof. Zwar machten ihr diese Dinge keinen deutlichen Eindruck in die Seele, aber ihr Schweigen weckte ein verwandtes Schweigen, wie umgekehrt ein Beter in der Kirche einen anderen macht, wenn dieser sonst auch ein schamhafter Mensch wäre. Sobald Hermine ihren Schmerz gesänftigt fühlte, trat sie mit dem Willen, ihn nie einschlafen zu lassen, entschlossen vorwärts.

In die beiden Wohnstuben führten zwei Zugänge vom Flur, einer durch die Schlafstube und einer durch das jetzt schon für morgen hergerichtete gute Zimmer. Den ersten wählte Hermine. Etwas erstaunt fand sie ihre Angehörigen im Schlafraum beisammen. Auf dem Tische stand keine Lampe, nur ein Leuchter in der verrenkten Gestalt eines aufgebäumten Hirsches, der eine dünne Kerze im Maule trug und zu verschlucken schien. In der gelblichen Glanzdecke zeigte sich dasselbe Bild als verschwommene Umkehrung. Dagott hatte schon das Bett aufgesucht. Er lag im Hellen und blinzelte eingemummt wohlig nach der Wiege Ruths hinüber. Diese zu überwachen, verrichtete die Mutter ihre Arbeit ebenfalls hier. Sie stand im Dämmerdunkel, Mürbkuchen zurechtformend, und hatte bereits eine ganze Anzahl von Herzen, Monden und Sternen ausgestochen. Bei jedem Stück buchtete sie jedoch mit hurtigem und geschicktem Messer ein wenig Teig weg, den sie lächelnd auf einen besonderen Haufen warf. Ihr Bett war auch schon aufgedeckt.

So starr in die Höhe gerichtet wie jener Hirsch, blickte sie, einen Zuckerstern zwischen zwei Fingern, mit einmal Hermine an, und Dagott setzte sich im Lager empor. Hermine wußte, daß ihre Züge das Unglück verraten hatten. Darum schwieg sie.

O, das Dämmerlicht! Und o! die vielen weichen Kissen im schmalen Zimmer! Die hatte sie gern. Sie fühlte sich ohne Sträuben müder und heimatlicher. Einen Augenblick hätte sie in ein Kissen zurücksinken mögen mit der Geste des Absterbens. Wie im Halbschlaf erzählte sie nun ihr großes Erlebnis, und die Silben trugen eine herbe Süße. Sie schienen ein langer Gesang und waren doch nur ein Satz.

Die Eltern atmeten froh auf, sie so ruhig zu finden. Hermine bebte darüber.

Die Eltern trösteten sie, bedauerten die Tote und sagten etwas zu deren Lob in mehr kümmerlichen als bekümmerten Worten.

Da begannen Hermines müde Schmerzen ein wildes Toben und Branden. Ihr war, als müsse eine weiße Kapelle um sie werden, und sie müsse knien und beten: ich bin klein, mein Herz ist rein, niemand darf drin wohnen als mein liebes Jesulein. Sie schüttelte wiederholt zu dem Preise ihrer Freundin den Kopf. Wenn nicht alles getreu und wahr gewesen wäre, hätte sie nein! gerufen. So schüttelte sie nur den Kopf.

Das taten die beiden anderen zum Ausdruck ihrer Überraschung auch mehr als einmal. Sie wußten nicht, wie es in Hermine aussah.

Hermine befand sich in einem hilflosen Zustand, als träte sie in dieses Haus und zu diesen Leuten zum erstenmal, und doch stand sie mit mildem Stolz und Scham wie eine Königin, die als Sklavin mit Eisenketten und Kugeln um die Hand und den weißen Fuß belastet ist.

Dagott sagte nach einer Weile des Schweigens: „Dann wird es ja morgen aus unserem Jagdvergnügen nichts werden. Herr Pfeiffer wird doch nicht kommen. Die anderen werde ich als Freund des Ärmsten natürlich zurückschicken.“ Er schüttelte wieder mit dem Kopf.

Hermine drückte krampfhaft ihre kalten Zehen gegen die Schuhsohlen, blähte die Nasenflügel und konnte nicht anders als alle Verachtung gegen ihn in den Wunsch sammeln: Möchte er sich doch hinlegen! Das hat er verdient! Zu bitterem Lächeln hob und senkte sich ihre Brust ganz schnell, und durch den halb offenen Mund kam es: h! – h!

Dagott warf einen Blick durchs Fenster, zog sich etwas am Bart und sagte beruhigt: „Es bewölkt sich. Vielleicht regnet’s.“ Dann legte er sich wirklich hin.

Hermine stöhnte kurz.

Die Mutter forderte sie auf, sich zu setzen. Sie ging in die größere Stube hinüber, deren Tür der Bequemlichkeit und des besseren Lichtes wegen ausgehoben war, schüttete die Schiffe gehäuft an einen Sessel und setzte sich in den Sammt. Manchmal strich sie mit den Füßen langsam über das leisen Lauts sich verrückende Spielzeug hin. Sie saß lauschend im Dunkeln, als wartete sie auf etwas.

Nach einer Ewigkeit hatte ihre Mutter die Arbeit vollendet und sagte halblaut zu ihrem Manne, sie müsse die Kuchen noch zum Ofen besorgen; er möge Ruth, falls sie erwache, ein wenig wiegen. Es war Hermine unangenehm, daß die Mutter ging, aber sie atmete auf.

Dann brütete sie lange. Erst durch das Geschrei Ruths wurde sie aufgescheucht. Sie hörte minutenlang unbewegt zu, wie ein Ton sägte und noch einer und noch einer. Nun vernahm sie auch lautes Schnarchen. Dagott schlief! Sie erinnerte sich, daß es schon lange so gerauscht hätte. Darüber ergriff sie eine unsägliche Furcht. Sie wollte schreien: „Wach’ doch auf! Tot! – Tot! – Tot!“ Sie zitterte, die Stimme versagte, und verstärkt kam die Furcht. Erst jetzt beweinte sie die Freundin. Sie preßte die Hände auf das Gesicht. Die Zwischenräume der Finger näßten sich, so daß sie noch am nächsten Morgen vertrocknete Rinnsale bemerkte und die Erinnerung daran nie mehr vergaß, solange sie auf die Hände schauen konnte. – Sie beruhigte sich, Ruth schrie noch. Sie ging aber nicht zur Wiege. Durfte sie? Sie mußte hier doch in die Nacht hinaus sitzen. Es war etwas als notwendig Erwartetes ausgeblieben; sie fragte danach ohne Sinn und Wort und weinte leise weiter.

Die Mutter kam wieder und beruhigte das schreiende Kind, nachdem sie, von der Trauerbotschaft noch mild bewegt, auf ihren Mann einen liebevoll Verzeihenden Blick geworfen hatte, der im Kerzenscheine leuchtete wie Gold. Hermine wurde durch diesen Blick ganz aus ihrem Weinen gebracht. Die Luft, die sie eben einsog, mußte auf ihrem Wege noch dreimal schluchzen; dann war sie still.

Sie ließ sich willig die Treppe hinan geleiten und aß, sobald sie allein war, was ihr die Mutter vorher in das Zimmer getragen. Das Kindermädchen schlief. Sie trat an das Bett der Schlummernden. Den Hirschleuchter, den die Mutter auf den Tisch gesetzt, sollte sie löschen. Aber sie wartete im Hemd, bis die Flamme an ihrem nackten Dochte zu zucken begann und ihn immer wieder wie in Furcht vor dem Hungertode beleckte. Noch einmal – noch einmal. Ha, die Schatten schwebten schon dicht und breit auf und ab. Nun wurde Hermine auf die Morgensterne, Schwerter, Hakenbüchsen und Keulen an den Wänden aufmerksam. – Zwei Mädchen hatten daraus prächtige Pyramiden errichtet und waren im Ringelreihen herum getanzt, jetzt drohten sie so grausig. Die Flamme ging aus, der Hirsch spie lautlos einen weißen Rauch steil in die Höhe. Auch die Waffen blieben im Nachglimmen des Dochtes noch sichtbar: durch sie wurde Hermines heiße Trauer noch einmal eisig angetastet.

Zwei verlassene, kalte, kleine Kinderhände krallten sich in das Bett und zogen es auf den frierenden Körper.

Es waren doch noch Kinderhände.




Drittes Kapitel







Als die ersten blauen Lichter in das Zimmer sinterten, war Hermine wach. Die Wände traten deutlich auseinander. Schon wurde die hellgrüne Farbe der Tapete sichtbar mit den schwarzen Ranken, und auch die hinein gezeichneten feuerroten Quadrate tanzten noch immer mit einer ihrer Ecken gleichsam auf der Nase, eine Reihe über der anderen. Zwei Fenster schauten blöde nach der Straße hinaus, zwei nach dem Garten. Unbehaglich waren die Dielen anzusehen, deren unendlich lange Ritzen unter den Bettstellen hervorgelaufen kamen und an der gegenüberliegenden Wand verschwanden. Der Hausrat genügte nicht, die breite Leere zu füllen.

Hermine wußte nicht, was sie beginnen sollte. Das Kindermädchen zu ihren Füßen schlief noch. Sollte sie aufstehen? Wohin dann? Sie sprang aus dem Bette und bekam eine Gänsehaut. Sie trat ans Fenster und legte sich wieder sogleich.

Der bläuliche Schimmer hier drinnen war eine Täuschung gewesen und nun verschwunden. Draußen zogen fahle Wolken vorüber, in deren zerrissenen Klunkern ihren verklebten Augen hin und wieder Sterne zu sitzen schienen gleich kleinen silbernen Kletten.

Wohl eine Stunde verging. Das Kindermädchen wurde wach und kleidete sich an. Hermine suchte immer den Atem anzuhalten, bis es hinaus war. Dann wartete sie noch lange auf die steigende Helle, doch blieb das Licht mottenfarb. Ein Regentropfen klopfte ans Glas, und binnen kurzem schlängelte es sich auf den Scheiben wie von dünnen weißen Aalen.

Hermine hob auf einem Beine das Deckbett hoch in die Schwebe, bekam wiederum eine Gänsehaut, drückte die Arme dicht an den warmen Körper und warf das Bett ganz hinaus. Das Regnen hörte auf, noch unfreundlichere Helle trat ein. Grelerts Tauben flogen wohl an den Fenstern vorüber, denn ein paar schwarze Blitze huschten über ihr Hemd. „Ja, ja, Totengräber, nun komme ich doch,“ sagte sie gedankenlos und zog mit dem Finger auf dem Laken Kreise und Halbmonde, wie sie die Mutter gestern abend ausgeschnitten hatte.

Die Kirchturmuhr schlug zehn. Das Blut schoß Hermine in den Kopf darüber, daß sie nicht aufhören wollte zu schlagen. Möchte doch nur die Mutter nicht herauf kommen, dachte sie, stellte sich die Jagdgesellschaft vor, die gewiß jetzt unten beisammen wäre und praßte, und wurde glühend aufgeregt trotz unbestimmter Leere in sich, blieb aber dennoch im Bette. Als es dann wieder regnete und zwar noch heftiger als vorhin, kleidete sie sich an.

Sollte sie in das Schlafzimmer oder in das große zu den vielen Leuten treten? Sie war schon ganz ruhig und wollte nur ihr Frühstück verzehren. Ein unbestimmtes Suchen, etwas wie die Witterung nach Modergeruch zog sie in die Gesellschaft hinein. Sie prallte mit einem Gelächter zusammen, dessen Töne wie grausame, klatschende Peitschenhiebe auf sie eindrangen. Doch es brach sofort ab, und sie begegnete mitleidig warmen Blicken, unter denen ihr Schmerz um die Freundin sich sogleich erneuerte. Alle Augen schienen sie weit von sich wegzuschieben, immer rückwärts, bis ihre Fersen anstießen und sie sich auf einen Sarg setzen mußte; aber ihr war, als müßte sie ihren Peinigern danken; sie ging zu jedem einzelnen, gab ihm die Hand und sagte laut: „Guten Tag!“ Sie sah jedem fest ins Auge, alle Blicke wurden natürlich verwundert und neugierig, machten ihr Qual und schienen daher herzlos zu glotzen. Ihr blinder Wunsch war erfüllt. Zum Überlegen und Prüfen war sie noch zu jung und jetzt zu kummervoll, aber die Gefühle fanden ihr Gleis: wer mit Dagott verkehrte, den konnte sie sich nicht anders als ihm verwandt vorstellen.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632164) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


