Die Prinzen von Orleans Alexandre Dumas der Ältere Alexandre Dumas Die Prinzen von Orleans Erster Theil Einleitung Die Geschichte ist im Allgemeinen die treue Darstellung der bemerkenswerthesten Begebenheiten der Länder; insbesondere enthält dieselbe die wahre Schilderung der Beherrscher der Reiche, und bezweckt als dann, die Wirkung der Leidenschaften, des Ehrgeizes, der Schmeichelei, der Grausamkeit, der falschen Ehre zu zeigen. In beiden Fällen verkennen wir zuweilen die unerschütterliche Bestimmung der Vorsehung; aber dies darf die Völker nicht entmuthigen. Wir wollen jede gottlose Auslegung vermeiden. Das Uebel kann nicht ewig sein. Für jedes Volk werden nach den Tagen der Sclaverei Jahrhunderte der Freiheit kommen. Die moralische Welt hätte eine furchtbare Zerrüttung zu erwarten, wenn dem nicht so wäre. Bewahren wir also unsern Muth und zweifeln wir niemals an der Vorsehung, der erhabenen Lenkerin unseres Geschickes. Lassen wir aber neben der Hoffnung die Energie in unsern Seelen hervorwachsen. Die Muthlosigkeit der Völker nährt die Grausamkeit der Tyrannen Ach! warum muß das Volk, um heilsame Veränderungen zu bewirken, erst sein Blut für dieselben vergießen! Die Familie Orleans hat einen wichtigen, oft unheilbringenden Einfluß auf das Schicksal Frankreichs ausgeübt: ihr Schritt vor Schritt in ihrer politischen Laufbahn zu folgen , ist ein der Aufmerksamkeit würdiges Studium. Die Arbeit, welche wir dem Publikum hiermit übergeben, enthält ungedruckte Dokumente, neuentdeckte Thatsachen, welche die unbekannt geblieben waren, über die Mitglieder des Hauses, welches jetzt Frankreich, beherrscht, nicht sowohl durch sein moralisches Uebergewicht, als in Folge einer Revolution, einer Revolution, welche von den Freunden des Volkes nur als eine Schöpfung der Bourgeoisie betrachtet werden kann. Ich bin streng aber gerecht gegen diese Familie gewesen, deren Geschichte zu schreiben und mit der überhaupt mich zu beschäftigen, ich mich nur entschlossen habe, um gewisse merkwürdige Thatsachen aufzudecken und zu rügen, auf welche ich die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet zu sehen wünsche. Es war gewiß ein sehr schwieriges Unternehmen; ich hoffe mich desselben zweckgemäß entledigt zu haben. Ich muß einigen dieser Männer den Vorwurf machen, nicht an dem allgemeinen Besten gearbeitet, nicht jedem Mitglieder der großen Familie der Menschheit, Arbeit, Brot, Rechte, Freiheit, Glück zu sichern gestrebt, sich den Eingebungen ihres wahnsinnigen Ehrgeizes hingegeben zu haben; verderbt und ohne Grundsätze gewesen zu sein, das Vaterland in den Tagen des Unglücks verrathen und endlich sich tief unter jenen Männern des Herzens stehend gezeigt zu haben, die ihre lange Laufbahn der Sache der Unterdrückten widmeten, jenen hochherzigen Männern, welche von den härtesten Verfolgungen nicht besiegt wurden und die ihre muthigen Hoffnungen niemals verläugneten. Indem ich so rede, sage ich die Wahrheit nach meinem Gewissen, denn die Geschichte ist Wahrheit Streng ohne Beleidigung, gerecht ohne Schwäche, werde ich weder meine Verachtung des Systems der Tyrannei, das die bedeutendsten Mitglieder dieser Familie befolgt haben, noch meinen Unwillen über ihre n Ränke, um zu dem Throne zu gelangen, zurückhalten. Gegen Berühmtheiten dieser Art muß man unerbittlich sein. Männer, die von Klugheit unterstützt, mit den Freuden ihrer ersten Triumphe nicht zufrieden, durch List auf einen glänzenden Standpunkt gelangt, durch die Ehrfucht und ihren Geiz die Demüthigung und Erniedrigung ihres Vaterlandes herbeiführen, und das Volk desselben seiner Freiheit berauben, dürfen von der Geschichte nicht geschont, ihr Unglück muß nicht bedauert werden; man muß diejenigen, welche alle unsere Rechte mit Füßen getreten haben, nicht bemitleiden! Solche Wahrheiten sagen zu müssen ist schmerzlich; man möchte in den Fürsten nicht allein Helden, sondern auch einsichtsvolle Männer sehen; sind es dagegen nur Ehrsüchtige, Wüthriche oder Schwächlinge, so kann man ihr Geschichtschreiber nicht sein, ohne sie zu brandmarken. Die Thatsachen kommen diesen Wahrheiten zu Hilfe; sie sind wichtig Der Leser wird nach folgender Darstellung darüber urtheilen. Erstes Kapitel Philipp, Bruder Ludwigs XIV., erster Herzog v. Orleans (der Verrückte), 1670–1701 Man findet in dem Leben der Fürsten nur eine bedingte Größe: es ist eine weite Kluft zwischen diesem aristokratischen Trotz und den erhabenen Ansichten der Proletarier unserer Zeit. Diese Geschichte beginnt also mit der Erinnerung an königliche Erbärmlichkeiten. Ludwig XIII. war der Vater des ersten Herzogs von Orleans, des Stammvaters einer Familie, die nach vielen Ränken endlich zum Throne gelangt ist. Dieser Orleans war der Bruder Ludwig XIV. Man ist überein gekommen, diesen Letzteren einen großen König zu nennen. Welcher Irrthum! Er war ein Hochmüthiger. Er benutzte das, was Richelieu für das Königthum gethan hatte, welches seinen Bemühungen zu Folge unumschränkt und siegreich geworden war, um so mehr als Frankreich durch das Uebergewicht seines Geistes schon die Welt beherrschte. Unterjocht, wurden die Edeln des Landes die Höflinge des Königs, und die Mitschuldigen seiner schändlichen Ausschweifungen. Der Hof Ludwig XIV. war prachtvoll und flößte den Prinzen ein Selbstvertrauen voll Eigendünkel ein. Die Erziehung, welche Ludwig XIV. und Orleans erhalten hatten, trug nicht wenig dazu bei, eine unglückliche Rivalität unter ihnen zu erwecken. Ludwig XIV., zum Throne bestimmt, empfing auf Befehl Mazarins allen Unterricht, den eine höhere Stellung bedingt. Seine Studien waren für den künftigen katholischen Monarchen berechnet. Man lehrte ihn bei Zeiten: »Daß ein König aus edlerem Stoffe sei, als andere Menschen; »daß sein Zweck der Ruhm, sein Mittel die Kraft »sein müsse, daß er allein die ganze Nation repräsentire; »daß das Volk nur eine auszubeutende Masse, eine Zusammensetzung »von Gemeinen sei; daß die Nation »gänzlich durch die Person des Monarchen vertreten »werde; daß die Unterthanen gehorchen müßten, ohne die »Befehle des Königs beurtheilen zu wollen,« 2c. Diese Lästerungen und rohen Grundsätze mußten nothwendigerweise aus dem Könige einen Tyrannen, aus dem Volke Sklaven machen, man hatte dieselben Ludwig XIV. in zarter Jugend eingeimpft; er hatte sie mit der Milch seiner Mutter eingesogen, die ihn betrachtend, ausrief: »Ich möchte ihn verehren, wie ich ihn liebe.« Bei dem Studium Ludwig XIV. bemerkte man, daß dessen Verstand dem feines jüngeren Bruders untergeordnet war. Mazarin, durch eine sehr gefährliche Politik geleitet, befahl Lamothe le Bayer, dem Lehrer der Knaben, den jungen Orleans in einer gewissen Unwissenheit zu lassen, damit sein Bruder, zum Herrscher berufen, nicht vor ihm erröthen müsse. »Was denken Sie,« sagte der Cardinal Mazarin zu Lamothe le Bayer, »einen gescheidten Mann aus dem Bruder des Königs zu machen? Wenn er klüger als der König würde, könnte er demselben nicht mehr gehorchen wollen.« Der Herzog von Orleans verließ also die Studien und ergab sich den Ausschweifungen. Er beschäftigte sich nur mit Erbärmlichkeiten und brachte den größten Theil seines Lebens mit liederlichen Frauenzimmern zu. Indessen hatten die Berechnungen seiner niedrigen Politik Mazarin doch betrogen. Orleans fühlte im Heranwachsen auch den Keim jener Unverschämtheit in seinem Innern zunehmen, den die Großen auf ihre Kinder vererben, und war durchaus nicht geneigt, der höheren Stellung seines Bruders zu weichen. Man findet in den Memoiren aus jener Zeit eine Menge Züge, welche von der Zügellosigkeit des damaligen Hofes und der unfreundlichen Stimmung beider Brüder gegen einander, Folge dieser unvernünftigen Erziehung, Zeugniß ablegen. »Von Montereau, sagt Laporte, gingen wir nach Corbeil, wo der König verlangte, daß Monsieur (!) in seinem Zimmer schliefe, welches so klein war, daß es nur eben den Durchgang für eine Person gestattete. Eines Morgens nach dem Erwachen spuckte der König, ohne daran zu denken, auf Monsieurs Bett, welcher augenblicklich ganz absichtlich auf das Bett des Königs spuckte, worauf dieser etwas zornig seinem Bruder ins Gesicht spie. Monsieur sprang nun auf das Bett des Königs, und p . . . darauf; der König that dasselbe auf Monsieurs Bett. Als sie nun nichts mehr zu spucken und zu p. . . hatten, zogen sie einander die Betttücher weg und an dem Fußboden umher, und am Ende kam es zu Schlägen. Ich that was ich konnte um diesem Handgemenge Einhalt zu thun und den König zu beschwichtigen, da mein Bemühen aber umsonst war, ließ ich Herrn v. Villeroi benachrichtigen, welcher kam, und der Sache ein Ende machte. Monsieur war eher zornig geworden, als der König; aber der König war viel schwerer zu besänftigen, als der Herzog.« Später – Ludwig XIV. war schon König, – rühmte sich der Herzog v. Orleans damit, daß er an einem Fasttage Fleisch esse; er aß zum Vesperbrot in Gegenwart des Königs von einem Fleischgericht, welches er sich hatte bereiten lassen; der König riß ihm den Teller aus den Händen und goß dabei die Brühe auf das Kleid seines Bruders; Orleans, der sehr eitel war, warf nun dem Könige den Teller ins Gesicht und man war abermals genöthigt die Brüder gewaltsam zu trennen. So nahmen ihre schlimmen Neigungen in dem Maaße zu, als sie größer und klüger wurden, und ihre Charaktere entwickelten sich immer mehr, ihrer fehlerhaften Erziehung entsprechend. Ludwig XIV. war groß und blond; er hatte eine stolze Haltung, liebte Jagd, Musik und Theater. Der Herzog v. Orleans war klein, untersetzter gemeiner Statur, seine Manieren waren unanständig: er liebte das Spiel, die Maskeraden, schöne Kleider und Wohlleben. Er hatte schwarzes Haar, dichte buschige Braunen und Wimpern, graue Augen, eine große Nase und ein hartes üppiges Organ. Beide waren hochmüthig, anmaßend und eigenwillig. Die Herzöge von Orleans scheinen alle dieselbe Rolle gespielt zu haben und von denselben Begierden beherrscht worden zu sein. Ihre persönliche Feigheit war Ursache, daß sie bei den großen Bewegungen Frankreichs ziemlich unbemerkt geblieben sind; aber ihre Ränke und ihr Durst nach Gewalt haben sie dem Throne nahe gebracht, so oft sie von dem Unglück ihres Vaterlandes Vortheil ziehen zu können glaubten. Als Ludwig XIV. selbst die Zügel der Regierung ergriff, ließ er seinen Bruder in dem Zustande der Unterordnung, zu dem man ihn erzogen hatte; denn er fügte mit jenem unbeugsamen Hochmuthe der Despoten: »– Der Staat bin ich!« Mazarin war am 9. März 1661 gestorben. Dieser listige, unzüchtige Priester, diese Schlange im Dienste des Königthums, war, aber mit viel kleinlicheren Ansichten, dem Tiger Richelieu gefolgt, der sein Lehrer gewesen war. Bei der Andenken würde geehrter sein, wenn sie sich begnügt hätten, den Adel zu bändigen und zu beherrschen. Aber ihre Politik hatte den Hauptzweck, das Volk für immer zu Leibeigenen der Könige zu machen. Sie hinterließen. Ludwig XIV. ein Reich, welches groß und muthlos, dem Willen des Königs ganz untergeben und immer zur Vergrößerung geeignet war: der Adel war überwunden, das Volk vernichtet, die Geistlichkeit beruhigt, die Bürgerschaft unterworfen. Das Vaterland endlich hatte, obgleich im Innern der Sclaverei geweiht, so eben glorreich einen Krieg beendet, durch welchen das Wohl der Haupt-Staaten Europas erschüttert worden war. Mazarin hatte niemals Richelieu erreicht; er war vielleicht eben so erfindungsreich, ebenso listig, aber nicht so geeignet, die Menschen zu durchschauen und die Ereignisse vorauszusehen. Richelieu hatte die Macht geliebt, Mazarin liebte das Geld. Er benutzte die Verderbtheit, verkaufte Aemter, sog den Staat aus, veräußerte die Besitzungen desselben. Ohne Gewissensbisse, ohne Sorge für den folgenden Tag, machte dieser Emporkömmling die unerhörtesten Ausgaben. Ihm war das Volk nur eine auszubeutende Masse. Mazarin war ein Dieb, Richelieu ein Verbrecher; aber Beide bereiteten, indem sie für das göttliche Recht und für die unumschränkte Gewalt wirkten, die erhabene und gewaltsame Revolution von 1789 vor. Mazarin hatte sich der von dem Herzog v. Orleans beabsichtigten Verbindung mit der Schwester des Königs Carl II. von England aus allen Kräften widersetzt. Sobald der Minister todt war, dachte der Herzog von Orleans mit erneutem Ernst an diese Verbindung. Der König und die Königin Mutter riethen ab. Ludwig XIV. hatte in Erwägung der außerordentlichen Magerkeit der Prinzessin Henriette zu seinem Bruder gesagt: »Uebereile Dich nicht, Dich mit Knochen zu befassen!« Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir noch hinzufügen, daß sie etwas verwachsen war, doch so unbedeutend, daß der Herzog es erst nach der Vermählung bemerkte. Er hatte sich nur verheirathet, um seine heimlichen Sünden, seine schändlichen Laster zu verdecken. Er überließ sich mit seinem eigenen Bruder und einigen ihm befreundeten Edelleuten, Ausschweifungen, welche die Feder nicht aufzeichnen kann. Zahllose Ausschweifungen und Zügellosigkeiten befleckten diesen Hof. Obgleich Ludwig XIV. sich Maitressen hielt, unterhielt er auch noch niederträchtige Verbindungen mit schamlosen Männern, Creaturen des Herzogs von Orleans. Das Privatleben dieser Satrapen, welche die Nation durch ihren Despotismus politisch vernichteten, zu beschreiben, ist unmöglich. Dieser Ludwig XIV. vereinigte mit seinem unbezähmbaren Hochmuthe die niedrigsten, gemeinten und schmutzigsten Laster. Memoiren, welche, für die Verborgenheit bestimmt, dennoch jetzt an das Licht gekommen sind, geben schaudererregende Aufklärungen über diesen entarteten Hof, wo die Frechheit, der Luxus, die Verweichlichung, die Grausamkeit herrschten. Auf dem Mittelpunkte dieses so unzüchtigen, scheinheiligen, treulosen Hofes gingen jene Anordnungen, jene Verträge, Decrete und Verhaftsbefehle hervor, die das Volk zu Grunde richteten und so vielen unschuldigen Bürgern das Leben raubten. Es sind genug verborgene Verbrechen von Ludwig XIV. bekannt, um denselben für einen verabscheuungswürdigen Tyrannen zu erklären; und dennoch sind diese Verbrechen nichts gegen das Unglück, welches er über Frankreich, ja über ganz Europa gebracht hat; er verwendete zu Geschenken an seine Maitressen mehr, als nöthig gewesen wäre, um Künste und Gewerbe der ganzen Nation zu heben, die Arbeit zu. organisiren und die allgemeine Wohlfahrt zu sichern. Der todte Buchstabe hat in solchen Fällen eine traurige Beredtsamkeit. Nachdem er Bankerott gemacht, und während seiner Regierung mehr als zwanzig Milliarden vergeudet hatte, hinterließ er bei seinem Tode vier Milliarden und fünfhundert Millionen Schulden. Ludwig XIV. und der Herzog von Orleans umgaben sich also mit gefälligen Niederträchtigen, in deren Gesellschaft sie sich mit Schändlichkeiten bedeckten. Wenn ihr unmoralisches Leben nicht schon bekannt wäre, würde ich dem Leser diese lange unmoralische Laufbahn zeigen, welche das Geschlecht der Orleans so frech durchlief, diese Laufbahn, welche inländische Undankbarkeit und politische Usurpation geschlossen hat. Unter den Freunden des Herzogs von Orleans, jenen Genossen seiner Laster, zeichnete sich der Chevalier von Lothringen durch seine Verderbtheit, durch seinen Cynismus aus. Mit einer Frechheit ohne Gleichen gab er sich zu den Niederträchtigkeiten des Herzogs – den entsetzlichen Verbrechen her, welche Gott und der Natur Hohn sprachen. In Folge eines Zerwürfnisses in dieser unsaubern Gesellschaft, ließ der König eines Morgens den Chevalier von Lothringen verhaften. Der Herzog von Orleans verlangte ungestüm die Lossprechung seines Lieblings. Die Namen Turenne’s und des Grafen von Marsan, Bruders des Chevalier sind stark in diese unlautere Geschichte verflochten. Der Chevalier von Lothringen ward nach Rom verbannt. Fräulein von Cootquen, die des Chevalier’s, Turenne’s, Orleans und Marsans Maitresse zugleich war, weigerte, sich, dem Chevalier nach Rom zu folgen, blieb in Paris, und die Orgien hatten ihren Fortgang. Die Herzogin von Orleans hatte dem Zureden des Königs nachgegeben, und diente demselben als Vermittlerin bei ihrem Bruder, dem Könige von England. Vielleicht aus diesem Grunde nährte der Herzog einen außerordentlichen Haß gegen seine Frau. Höchst unzart warf er ihr beständig ihre körperlichen Gebrechen vor, und suchte ihr seine Abneigung durchaus nicht zu verbergen. Unaufhörlich fegte er ihr, daß er hoffe, sie werde bald sterben, indem berühmte Wahrsager ihm prophezeiht hätten, daß er noch mehre Frauen haben werde. Er trieb seine Grausamkeit noch weiter, indem er sich hinter den Chevalier von Lothringen steckt, der ihm durch einen provençalischen Edelmann, Namens Maurel, Gift sandte. Einige behaupten, der Herzog habe, ehe das Verbrechen begangen worden, nichts davon gewußt; sie fügen hinzu, daß der Chevalier, der Zustimmung des Herzogs nur zu gewiß, ihm seinen Plan verheimlicht habe, aus Furcht, er möge einige seiner Freunde zu Vertrauten desselben machen. Ausgemacht ist es, daß Madame an Gift starb. Das Haus Orleans ist so mit Verbrechen und Schändlichkeiten überhäuft, daß man ihm dieses allenfalls erlassen kann. Saint-Simon sagt Folgendes über dieses Ereigniß: »D’Effiat, der erste Kammerherr Monsieurs, ein dreister, unternehmender Mann, und der Graf von Beuvron, der Hauptmann von des Herzogs Leibwache, ein armer jüngerer Sohn aus der Normandie, der sanft und schmiegsam war, und sich bei Monsieur einschmeicheln wollte und seine Freigebigkeit auszubeuten strebte, um reich zu werden, waren sehr intim mit dem Chevalier von Lothringen, dessen Abwesenheit ihren Absichten sehr nachtheilig war, und sie befürchten ließ, daß irgend ein anderer Günstling, der ihnen nicht so förderlich sei, seinen Platz einnehmen könne. Sie hatten wenig Hoffnung, dem Ende der Verbannung entgegen zu sehen und bemerkten, daß Madame anfing, sich mit Politik zu beschäftigen, so daß der König sie sogar eine geheimnisvolle Reise nach England machen, ließ, wo sie gute Geschäfte gemacht hatte, und triumphierender als je zurückgekehrt war. Sie genoß seit 1644 einer vorzüglichen Gesundheit, was noch dazu beitrug, der Verbündeten Hoffnung, auf die Rückkehr des Chevaliers zu schwächen. Dieser zerstreute seinen Unmuth in Italien. Welcher von den drei Freunden zuerst daran dachte, weiß ich nicht; aber der Chevalier schickte seinen beiden Freunden ein sicheres und schnell wirkendes Gift, durch einen Expressen, der vielleicht selbst nicht wußte, was er überbrachte. »Madame war in Saint-Cloud, und trank zur Erfrischung seit einiger Zeit, Abends um sieben Uhr ein Glas Cichorienwasser, welches ein Page bereiten mußte; er setzte dasselbe nebst einem Glase in einen Schrank in einem von Madames Vorzimmern. Neben dem Cichorienwasser, welches in einem Porzellantopfe war, stand immer noch frisches Trinkwasser für den Fall, daß Madame das Cichorienwasser zu bitter fände. Dieses Vorzimmer mußte Jeder, der zu Madame wollte, passiren, doch hielt sich nie Jemand in demselben auf, weil es das erste war. Dieses Alles hatte der Marquis von Effiat ausspioniert. »Am 29. Juni 1660 fand er den günstigen Augenblick, welchen ersehnend er das Gift beständig bei sich trug; Niemand war im Zimmer und er hatte bemerkt, daß ihm auch Niemand folgte, der etwa zu Madame gewollt hätte. Er drehte sich um, ging zum Schranke, öffnete denselben, warf sein Päckchen hinein und ergriff, als er Jemand kommen hörte, den Topf mit reinem Wasser; der Page, welcher das Geschäft hatte, das Cichorienwasser zu bereiten und in das Zimmer gekommen war, schrie auf, sprang zu ihm, und fragte ihn heftig, was er an diesem Schranke mache? »D’Effiat sagte ihm, ohne die mindeste Verlegenheit: er sterbe vor Durst und da er wisse, daß da drinnen Wasser sei, habe er der Begierde zu trinken nicht widerstehen können. Der Page brummte zwar noch immer, durfte aber doch, da er den Marquis mit dem Wasser in der Hand getroffen hatte, weiter nichts sagen. Der Marquis entschuldigte sich, trat bei Madame ein, und schwatzte mit den andern Höflingen, ohne die mindeste Bewegung. Was eine Stunde später geschah, gehört nicht zu meiner Erzählung, und hat nur zu viel Aufsehn in ganz Europa gemacht. Der am folgenden Morgen, den 30. Juni früh um 8 Uhr erfolgte Tod Madame’s versetzte den König in den tiefsten Schmerz. Wahrscheinlich erfuhr er im Laufe des Tages noch manches auf die That. Bezügliche, der Page mochte nicht geschwiegen haben, es mochte bekannt geworden sein, daß Pernon, der erste Haushofmeister Madames, den in seinem Erdgeschoß Herr von Effiat sehr häufig und vertraulich besuchte, um die Sache wußte. Der König stand nochmals auf, als er sich schon niedergelegt hatte, ließ Brissac rufen, der damals unter der königlichen Leibwache und dem Könige sehr dienstbar war, und befahl ihm, sechs sichere und verschwiegene Gardisten zu nehmen, den Haushofmeister zu verhaften und durch eine verborgene Thür in sein Cabinet zu bringen. »Dieses wurde vor Tagesanbruch ausgeführt. Sobald der König des Gefangenen ansichtig wurde, ließ er Brissac und seinen Kammerdiener sich zurückziehen, nahm eine Schrecken erregende Miene an und sagte mit drohender Stimme, indem er den Verhafteten vom Kopf bis zu den Füßen maß: »– Hört mich wohl an, mein Freund: wenn Ihr mir Alles gesteht, und Alles was ich wissen will, der Wahrheit getreu beantwortet, so verzeihe Euch Alles, was Ihr auch gethan haben mögt, und es soll nie wieder die Rede davon sein. Aber hütet Euch, mir das Mindeste zu verheimlichen, denn wenn Ihr das thut, verlaßt Ihr diesen Ort nicht lebendig. Ist nicht Madame vergiftet?. . . »– Ja, Sire, antwortete der Gefragte. »– Und wer hat sie vergiftet, und wie ist es geschehen? »Er antwortete, daß der Chevalier von Lothringen an d’Effiat und Beuvron Gift geschickt habe und berichtete, was ich so eben erzählte. »Nun verdoppelte der König seine Zusicherung der Gnade und die Drohungen mit dem Tode und sagte: »– Und wußte es mein Bruder? »– Nein, Sire; – Niemand von uns Dreien würde thörigt genug gewesen sein, es ihm zu sagen; er ist nicht verschwiegen, er würde uns unglücklich gemacht haben. »Bei dieser Antwort stieß der König ein tiefes Ah! aus, wie Jemand, der von einer großen Last befreit ist. »– So, sagte er, das ist Alles, was ich wissen wollte, aber habt Ihr mir auch ganz die Wahrheit gesagt? »Pernon versicherte es, »Der König rief nun Brissac und befahl demselben diesen Mann an einem sichern Orte verwahrt zu halten, von wo aus er ihn später in Freiheit setzte. Eben dieser Mann war es, der dieses Alles lange nachher Herrn Joly de Fleury erzählte, von dem ich diese Anekdote habe.« — Dem sei nun wie ihm wolle, Ludwig XIV. ließ diese Vergiftung unbestraft; es scheint als ob andere geheime Eröffnungen ihm bewiesen, daß sein Bruder mit in das Verbrechen verwickelt sei. Für das Volk, dessen Beurtheilung meistentheils so richtig ist, blieb das Haus Orleans in der Person Monsieurs gebrandmarkt. Selbst die Nachsichtigten mußten eingestehen, daß der Prinz, dessen Freunde, um ihm gefällig zu sein, seine Gemahlin vergifteten, ein frecher Bösewicht sei. Also ist dieser Mann von dem Volke, der Geschichte, den Geschichtschreibern, ja selbst von Denen, die als Hausgenossen seinem Schlosse angehörten, in gleichem Grade verachtet. Die Großen waren immer an Verbrechen gewöhnt. Ich weiß, daß ein Ehrgeiziger aus der jetzigen Regierung zu einem Andern gesagt hat: »– um die höchste Gewalt von Prätendenten zu befreien, um ihr nützlich zu sein, sollte man einen Hauptstreich wagen: man sollte Heinrich V. und den Prinzen Louis Napoleon vergiften!« Der niederträchtige Talleyrand wagte Napoleon den Vorschlag zu machen, daß er alle Bourbons ermorden lassen möge; er verlangte eine Million für den Kopf. Das war sicherlich viel mehr als sie werth waren. Louis Philipp von Orleans war sehr zufrieden mit der unglücklichen Todesart seiner Frau. Je weniger lebhaft die Gewissensbisse sind, je mehr wird der erheuchelte Schmerz zur Schau getragen, je mehr bestrebt man sich, denselben glaubhaft zu machen. Das Haus Orleans legte die tiefe Trauer an, aber die Welt wurde durch diesen geheuchelten Schmerz nicht getäuscht. Uebrigens erschien der Herzog kurz darauf wieder am Hofe, wo ihn die Vorwürfe Ludwig XIV. erwarteten. Von diesem Zeitpunkte an nahmen die Ausschweifungen dieser hohen Personen, immer mehr überhand, indem sie sich gar keine Mühe mehr gaben, ihre Zügellosigkeiten zu verbergen; sie zeigten ihre Laster öffentlich und mit der größten Schamlosigkeit. Ludwig XIV. theilte diese Orgien, und unterhielt zugleicher Zeit Verbindungen mit einer Menge von Kupplerinnen, die einander bei ihm ablösten, und ihn mit unzähligen Maitressen versorgten. Mitunter versuchte Ludwig XIV., sogar in seinen Ausschweifungen Despot, die Lebensart seines Bruders und seiner Günstlinge zu regeln; aber die Stimme des Lasters ist wenig geeignet die Ausschweifungen. Anderer zu dämpfen. Der Chevalier von Lothringen, der allgemein als den Haupturheber der Ermordung der Herzogin von Orleans bekannt war, durfte ungestraft an den Hof zurückkehren, und von Neuem mit den Vertrauten Orleans die Berechtigung zu jenen Lastern theilen, die in das Innere aller Paläste drangen. Endlich warb der Bruder des Königs von Frankreich öffentlich um die Hand der Prinzessin Elisabeth Charlotte von Baiern. Der Pfalzgraf willigte in diese Verbindung; er hoffte Vortheile für sich von derselben. In den höhern Regionen ist Alles Berechnung, Egoismus und Gemeinheit. Die neue Gemahlin des Herzogs von Orleans war eine ziemlich häßliche, aber mit einigem Geiste begabte Person. Die scandalöse Aufführung Monsieurs beunruhigte sie wenig; ihr zum Sarkasmus geneigter Geist hielt sie von der erniedrigenden Berührung Derer fern, mit denen ihr entarteter Gemahl sich entehrte: dieser Geist war herbe, mitleidslos, originell und frei. Sie wurde von keinem Vorurtheil beherrscht; obgleich Protestantin, hatte sie lächelnd ihre Religion abgeschworen. Ludwig des XIV. fromme Heuchelei verlangte ihren Uebertritt zum Katholizismus. (Jetzt ist man so bedenklich nicht mehr!) Die Prinzeß Charlotte sprach sich sehr frei über diesen Umstand aus: »Bei meiner Ankunft in Frankreich,« sagt die sehr naiv, »schickte man mir drei Bischöfe, die über Religion mit mir reden mußten; ihre Glaubensansichten waren alle verschieden; ich nahm die Ouintessenz von ihren Ansichten und bildete mir daraus meine eigne Religion.«[1 - Memoiren der Pfalzgräfin] Wirklich gaben die Streitigkeiten unter der höheren Geistlichkeit der Welt damals ein neues Aergerniß, indem sie nicht nur die Ungewißheit aller menschlichen Religionsansichten, sondern auch die Irrgläubigkeit der katholischen Priester bewiesen. Von seiner ersten Gemahlin hatte der Herzog v. Orleans zwei Töchter gehabt; von Charlotte hatte er noch zwei Kinder: Philipp v. Orleans und Elisabeth Charlotte v. Orleans. Die Ehegatten trennten sich nach Art vornehmer Leute, indem sie einander gegenseitig volle Freiheit ließen. Charlotte setzte ihre angefangenen Memoiren fort und ergötzte sich daran, die Niederträchtigkeiten und Laster des Hofes zu kritisieren. Der Herzog v. Orleans hingegen benutzte seine Freiheit, um seine gewohnte Lebensweise fortzusetzen und versenkte sich immer tiefer in die gemeine und verabscheuungswürdige Schwelgerei, zu der er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Unterdessen errang Ludwig XIV. durch seine mörderischen und räuberischen Kriegsthaten und Erfolge, einen blutigen Ruf, einen verabscheuungswürdigen Ruhm. Was frommt eine Berühmtheit, die durch Verzweiflung und Untergang der Völker erkauft wird? . . . Ludwig XIV. hielt. Alles, was er versprochen hatte, als er, fünf zehn Jahr alt, es wagte, das Parlament von Paris diese einzige Versammlung, die obgleich schwach und schlaff, noch einigermaßen demokratisch war, aufzuheben. Doch diesem Tyrannen den Prozeß zu machen, über den man die Nation zu täuschen versucht hat, ist Sache eines andern Werkes als dieses ist. Ludwig XIW. saß jetzt vierzehn Jahre auf dem Throne; Frankreich war ungeachtet der unumschränkten Gewalt, unter der es seufzte, die aufgeklärteste und mächtigste Nation in Europa. Aus dem Schooße dieses unterdrückten Volkes waren kräftige Geister entsprossen. Ludwig XIV. hatte durch seine Treulosigkeit und Herrschsucht fast ganz Europa gegen Frankreich bewaffnet. Er erschien 1677 wieder an der Spitze seines Heeres; dieses Mal entriß der Herzog von Orleans sich auf einen Augenblick, dem Schlamme, in welchen er versunken war und begleitete ihn. Der Herzog belagerte Saint-Omer, und ging dann bis Cassel, dem Prinzen von Oranien entgegen. Wenn er Sieger war, so gebührt die alleinige Ehre, davon den Marschällen d’Humières u. v. Luxembourg; dem ohngeachtet gewann der Herzog v. Orleans bei diesem Feldzuge einen, wenn auch nur vorübergehenden, militärischen Ruf. Ludwig XIV. war darüber eifersüchtig und der Herzog v. Orleans erschien nie wieder bei der Armee. Er betrübte sich darüber nicht und versank wieder in Unthätigkeit und Schwelgerei. Er verbrachte seine Zeit nur mit verworfenen Frauen und Günstlingen, deren Rolle noch abscheulicher war. Um diesem Orleans einen weniger beschimpfenden Beinamen in der Reihe der Glieder seiner Familie zu geben, könnte man ihn den Baulustigen nennen. Er vergrößerte das Palais-Royal, welches sein Bruder ihm gegeben hatte, und wo jene berüchtigten Orgien stattfanden, deren Vorsitzer dieser abscheuliche Orleans war. Es ist nicht Aufgabe der Geschichte, die näheren Umstände dieser Schändlichkeiten aufzuzählen, welche den Namen Orleans besudelten. So oft Ludwig XIV. etwas Entehrendes unternehmen wollte, wendete er sich an seinen Bruder. Ihn hatte er beauftragt, seine Bastarde zu vermählen. Er that noch mehr: er schlug ihm für seinen Sohn eine Verbindung vor, welche die Royalisten im Stillen als entehrend betrachteten. Er bot ihm nämlich Fräulein v, Blois an. Orleans willigte ein; Leute seiner Art sind nicht genau nehmend. Die Begebenheiten von nun an bis 1693 übergehen wir mit Stillschweigen. Ludwig XIV. hatte sich ganz Europa zum Feinde gemacht. Das Unglück, Frankreichs war vollständig; es fehlte an allen Hilfsmitteln, Geld, Mannschaft, Alles hatte Ludwig XIV. erschöpft. Das allgemeine Elend war so groß, daß das Volk vor Hunger: sterbend, einem Könige der nur auf Befriedigung seines Ehrgeizes bedacht war, den Gehorsam versagte. Das Murren war so allgemein wie das Elend. Ludwig brachte indessen mit erneuten Anstrengungen nochmals eine Armee zusammen. Er setzte sich an ihre Spitze und ließ Orleans zurück, im Besitz jenes dem Vaterlande so unheilbringenden Titels eines General-Lieutenants des Königreichs. Orleans that nichts, um das Elend seines dem Kriege und der Hungersnothgeweihten Volkes zu lindern, als daß er bei einer Reise nach der Bretagne, die er damals unternahm, von seiner Carosse herab etwas kleine Münze unter die Bettler an der Straße warf. Während der folgenden Jahre hörten das Mißtrauen und die Eifersucht zwischen den beiden Brüdern niemals auf. Ludwig XIV. entfernte fortwährend angelegentlich seinen Bruder von allen Geschäften; daraus entstanden mitunter heftige Erklärungen, bei denen es nie ohne gegenseitige Beleidigungen abging. Diese Streitigkeiten nahmen besonders dann einen ernsten Charakter an, wenn der persönliche Vortheil der Orleans im Spiele war. Als zum Beispiel 1701 der König dem Herzog von Chartres eine Befehlshaberstelle verweigert hatte, ging sein Vater zu seinem Bruder und stellte ihn sehr heftig zur Rede; bei dieser Gelegenheit fand ein hitziger Streit zwischen den beiden Brüdern statt. Einige Zeit darauf forderte der König die unglückliche Herzogin von Chartres auf , sich ihm zu entdecken und da er nun erfuhr, daß die Aufführung des Herzogs von Chartres der seines Vaters gleich war, machte er dem Herzoge v. Orleans einige Vorstellungen über diesen Punkt und sein Bruder antwortete ihm: »Väter, die ein gewisses Leben geführt haben, finden wenig Gehör bei ihren Kindern, wenn er sie dieselben zurechtweisen wollen.« Gewiß war der König unmoralisch; zwischen dem Liebhaber des Fräulein v. la Vallière und dem des Chevalier von Lothringen war kein großer Unterschied!. Ludwig bemerkte, der Herzog v. Chartres möge wenigstens einige Vorsicht beobachten, um seiner Gemahlin seine Laster zu verbergen. Darauf erinnerte Orleans den König daran, daß er die Königin mit seinen Maitressen in einem Wagen habe, reisen lassen. Zuletzt behandelten sie einander gegenseitig, wie sie es verdienten. Endlich kam Monsieur, mit hochrother Stirn und zornerfülltem Herzen in seine Zimmer zurück. Dessen ungeachtet erschien er bei Tafel und zwang sich, um die Bewegung seines Innern nicht zu verrathen, mehr als gewöhnlich zu essen und zu trinken. Darauf begab er sich nach Saint-Cloud. Denselben Abend nach dem Essen rührte ihn der Schlag. Als der König diese Nachricht erhielt, weigerte er sich, seinen Bruder zu besuchen, und kam erst zu ihm, als er erfuhr, daß er nicht mit dem Leben davonkommen werde. Nun überließ er sich einem geheuchelten Schmerze. Ludwig kam in der Nacht um drei Uhr von Mary nach Saint-Cloud; alle bei dem Kranken angewendete Sorgfalt war erfolglos gewesen. Der Herzog von Orleans lebte indessen noch, als der König ihn verließ, und die Maintenon mitnahm. Als er in den Wagen steigen wollte, nahte sich der Herzog von Chartres, dieser würdige Sohn eines solchen Vaters, jetzt am Sterbebett seines Vaters allein bedacht, seinen Vortheil wahr zu nehmen, warf sich seinem Oheim zu Füßen und rief: »Mein Vater stirbt; was wird aus mir werden Ich weiß, Sie lieben mich nicht. . . .« »Sind Sie nicht mein Neffe ?« antwortete der Monarch. Der König nahm sein ganzes Gefolge mit sich hinweg; der Sterbende blieb allein mit seinen Gewissensbissen und seinen Leuten. Seine Concubinen und seine Günstlinge sogar, beeilt auf andere Weise für sich zu sorgen, hatten ihn verlassen; diese Werkzeuge seiner Gemeinheiten, durch welche er seine schändlichen Leidenschaften befriedigte, hatten es nur auf Geld abgesehen. So starb der Herzog v. Orleans. Dieser Todesfall betrübte Niemand und erfreute die Freunde des allgemeinen Besten: es war ein Blutigel weniger für das Volk. Dieser Mann hatte die bösen Eigenschaften gewisser Männer, und dazu noch Laster, die nur ihm eigen waren. Er war ein Schwätzer und doch Heuchler, und nur zur Faulheit und Libertinage geneigt. »Monsieur, sagt Saint-Simon, war zu nichts fähig. Niemand kann schlaffer an Geist und Körper, Niemand schwächer, furchtsamer, leichtgläubiger, abhängiger von Andern sein, als er; seine Günstlinge, die ihn, und leider nur zu schlecht, fast gänzlich leiteten, verachteten ihn; ein Poltron und unfähig irgend ein Geheimnis zu bewahren, argwöhnisch, mißtrauisch, fasste er Zwietracht an seinem Hofe aus, um zu entzweien, um sich zu belustigen, um in diesem Streit die wahren Gesinnungen zu erforschen, und lästerte mit Allen über Alle. Bei so vielen Fehlern jeder Tugend ermangelnd, besaß er einen abscheulichen Geschmack, den seine Geschenke an die, welche er in sein Herz geschlossen hatte, zu großem, öffentlichem Aergerniß beurkundeten, und der keine Gränzen kannte, weder was Zeit noch Umfang anbetraf. Diejenigen, welche Alles von ihm hatten, Alles durch ihn waren, behandelten ihn meistentheils sehr unverschämt und übertrugen ihm oft sehr entehrende Geschäfte, um die Zänkereien der entsetzlichsten Eifersüchtelein abzuwenden. Alle jene Leute, die wieder ihre Anhänger hatten, machten seinen kleinen Hof zu einem sehr stürmischen; der Bande unweiblicher, mehrentheils sehr böser, ja zum Theil mehr als böser, Frauen nicht zu gedenken, mit welchen Monsieur sich belustigend in alle jene Erbärmlichkeiten einging.« Weiterhin fügt derselbe Schriftsteller hinzu, daß Orleans sich durch seinen ungewählten Anzug, durch seine gemeine Haltung und durch seinen Geschmack an Diamanten und sonstigen Schmucksachen, auszeichnete. Er trug oft zwanzig Ringe zu gleicher Zeit war immer parfümirt und gepudert, und schmückte sich mit Armbändern, die er sich von den Männern oder Frauen, mit denen er in schamlosen Verbindungen stand, hatte schenken lassen. Ich füge diesen unverwerflichen Wahrheiten nichts hinzu. Die Nachkommen dieses erlauchten Stammvaters entsprechen diesen nobeln Ueberlieferungen! In solchem Falle erscheint die Wahrheit übertrieben, so scheußlich ist sie. Dieses Familienhaupt der Orleans mit brandmarkenden Beinamen zu belegen, halte ich für unnöthig; es giebt Thatsachen, welche ohne die Wirkungen eines tugendhaften Zornes schon an sich die Verachtung hervorrufen. Die Memoiren der damaligen Zeit beweisen, daß der Name Orleans allein schon eine tödtliche Beschimpfung war. Uebrigens werde ich in dieser Schilderung, die zu machen meine Absicht ist, nur zu viele Laster aufzuzählen haben. Wenn es peinlich ist, sich mit Verachtung waffnen zu müssen, um so viel Schändlichkeiten zu ergründen, so muß man sich mit dem Gedanken trösten, daß es die Pflicht des freisinnigen Schriftstellers ist, dem Hasse des Volkes seine unversöhnlichen Feinde zu bezeichnen. Zweites Kapitel Philipp, Herzog v. Chartres, nachher Regent, 1674 Werfen wir jetzt einen Blick auf die ersten Lebensjahre des Herzogs von Chartres, des Neffen Ludwig XIV., der durch den Tod seines Vaters Herzog von Orleans geworden war, Mehre Edelleute hatten sich mit seiner Erziehung beschäftigt; Einige derselben hatten mit gutem Willen ihr Amt als Lehrer und Erzieher angetreten; die Andern hatten der zynischen Verderbtheit, welche das unselige Erbtheil dieser Familie zu sein scheint, gewissenlos geschmeichelt. Zuletzt fiel er dem Cardinal Dubois in die Hände, jenem arglistigen, ausschweifenden Priester, welcher den niedrigen Neigungen seines Zöglings schmeichelnd, seinen eigenen Ruf befleckte. Der Herzog von Orleans, der zu sehr durch seine eignen Ausschweifungen in Anspruch genommen war, um die seines Sohnes zu beachten, oder zu hindern, überließ ihn der verführenden Leitung dieses schamlosen Priesters. Das Leben Dubois ist bekannt. Es ist nur Eine Stimme über diesen Menschen; die Verachtung, welche sein Name einflößt, ist allgemein. Seine Freunde hatten nicht nöthig, ihn zu verleumden; sie brauchten nur die Wahrheit zu sagen. Das achtzehnte Jahrhundert war gewiß nicht vorwurfsfrei; es war ein unruhiges, ränkevolles, voll Kämpfe und Anfeindungen; nun wohl! Dieses Jahrhundert klagte Dubois des Cynismus und der Verworfenheit an. Nur die großen Herren verziehen ihm die Laster, deren Wohlbehagen sie mit ihm theilten. Der Abbé Dubois war durch Ränke, Verderbtheit, Lügen und Frechheit dazu gelangt, sich eine Stellung in der Welt zu verschaffen und sich dieselbe vermöge eines durch das Laster ausgebildeten Talentes zu sichern. Der Herzog von Chartres, den einerseits die Rathschläge dieses Mannes, anderseits das schlechte Vorbild seines Vaters zu den schmutzigsten Ausschweifungen führten, versank vor der Zeit in eine Sittenlosigkeit, die alle übeln Neigungen seiner Familie in ihm entwickelte. Selbst seine Heirath veranlaßte keinen Stillstand auf der von ihm betretenen lasterhaften Bahn; er sich nach derselben, wie vorher, mit einer Menge von Höflingen, die sich bemühten, jeden Augenblick neue Ausschweifungen zu ersinnen, um die Neigungen des Prinzen aufzureizen. An der Spitze dieser niederträchtigen Günstlinge fand Dubois; die Liderlichkeit dankte demselben einige neue Erfindungen, die der Herzog sinnreich fand, und die er nicht ermangelte, sogleich zur Ausführung zu bringen. Nach dem Beispiele seines Vaters machte es dem Herzog von Chartres Vergnügen, mit seinen Sünden zu prahlen. Monsieur ließ diesem Gange der Dinge seinen Lauf, mit dem innern Wohlbehagen eines völlig verhärteten Mannes, der sich aus dem Laster eine Ehre macht und sich darauf freut, seinen Sohn dieser schamlosen Berühmtheit würdig zu sehen. Was Madame anbetrifft, so übertrug sie den deutschen Geist in ihre Beurtheilungen: sie hatte den Kopf voll poetischer Balladen und phantastischer Erzählungen. Sie sagte, daß sie sich über die Fehler ihres Sohnes nicht wundere, obgleich er Empfänglichkeit genug habe, das Gute zu erkennen; und fügte hinzu, nach ihren Wochen seien eine Menge Feen gekommen und hätten ihren Sohn mit vielen Eigenschaften begabt, aber unglücklicherweise sei eine alte, vergessene Fee zu spät gekommen und habe im Aerger, vernachlässigt worden zu sein, ihn mit einem unseligen Geschicke beladen, welches alle Gaben ihrer Gefährtinnen vernichte. »So daß,« fügte die abergläubische Prinzessin hinzu, »mein Sohn die Keime aller Tugenden in sich trägt, dieselben aber nicht zur Reife bringen kann; er steht unter dem Zauber der bösen Fee.« Die Erniedrigung dieses Prinzen ist in einer höheren Sphäre und in vernünftigeren Voraussetzungen zu suchen; man muß sagen, er hatte die Laster seines Vaters geerbt, die er selbst mit dem Blute der Orleans wieder gewissen Nachkommen hinterlassen sollte. Ungeachtet der Verheißungen Ludwig XIV. wurde der Herzog von Chartres am Hofe übel aufgenommen. Aus Unmuth blieb er in seinem Palais, welches schon seit langer Zeit ein übel berüchtigter Ort war. Da ihn die Schwelgereien und Ausschweifungen nicht hinreichend beschäftigten, ergab er sich dem Studium der Chemie und Physik. Bald war er von Charlatanen umgeben, die nur zu geneigt waren, sich diese neue Grille zu Nutze zu machen. Aber dieser Prinz trieb, ungläubig und ausgelassen wie er war, Alles aufs Aeußerte, und beleidigte die Gottheit durch sein Thun und Forschen. Er bekam Lust, mit Hilfe des Teufels zu wirken!. . . Der Unsinnige vergeudete zu diesem Zwecke ungeheure Summen. Später benutzte er seine erlangten chemischen Kenntnisse zur Begehung von Verbrechen! Der Herzog von Orleans war bemüht, durch sein zügelloses Leben. Aufsehen zu machen; er liebte es, seine Ausschweifungen zu veröffentlichen. Er war es, der die Benennung roué erfand, mit welcher er seine Freunde beehrte, als da waren: der Marquis d’Effiat, der Graf von Simiane, de la Fare, der Vicomte von Polignac, der Abbé von Grancey, der Chevalier von Conflans, der Graf von Clermont u.s.w . . . Dieser Orleans machte sich, den entehrendsten Leidenschaften ergeben, eine Ehre daraus, daß das Publikum seinen Namen brandmarkte; er hüllte seine Obsönitäten nicht in den Schleier des Geheimnisses. Seine Schmach öffentlich zu zeigen, schien ihm rühmlich. Die Umgestaltungen seiner Zeit überbietend, ungläubig und zweifelsüchtig, hatte er über Alles falsche Ansichten. Dieser, aller Rechtschaffenheit gänzlich entbehrende Mann glaubte auch nicht an die Rechtlichkeit irgend eines andern Menschen. Die Herzogin von Orleans, die sich im Anfange über die übeln Gewohnheiten und den zügellosen Lebenswandel ihres Gemahls beklagt hatte, scheute sich am Ende selbst nicht, öffentlich mit den Lastern zu prunken, die an den Höfen so gewöhnlich sind. Im Jahre 1703 entsproß dieser Verbindung ein Sohn. Ludwig XIV. setzte dem Neugebornen eine Pension von 150.000 Livres aus, was die Einnahme der Orleans auf 1.050,000 Livres. erhöhte. Die Monarchie hat immer die Genossen ihrer Zügellosigkeiten und ihrer Tyrannei mit dem Eigenthum des Volkes bereichert. Da die Geburt eines Sohnes seines Neffen Bedeutung erhöhte, schickte der König denselben zur Armee, wo ihm eine Befehlshaberstelle zugesichert wurde. Kurze Zeit vorher hatte der König der Immoralität seines Neffen Vorschub gethan, indem er Mademoiselle Seri, seiner Maitresse, gestattete, sich nach einem Gute, welches ihr Liebhaber ihr geschenkt hatte, Gräfin von Argenton zu nennen. Diese Buhlerin hatte eine große Herrschaft über Orleans zu erringen gewußt, der nicht darüber erröthete, daß sie öffentlich den Titel seiner Maitresse annahm. Am Hofe waren einige Personen, die über die Schwäche des Königs murrten, der erst die ehebrecherische Neigung seines Neffen auf eine unmoralische Weise unterstützt und dann demselben eine Armee anvertraut habe. Wie dem auch sein mochte, Orleans ging zur Armee nach Italien ab. Er belagerte Turin, wo er drei Befehlshaber fand, die nicht einig werden konnten. Er selbst ließ sich von la Feuillade leiten, der ein harter, eigensinniger und unwissender Mann war und seine hohe Stellung unlautern Quellen verdankte. Er war ein Verwandter des Ministers Chamaillard, eines Vertrauten der Maintenon und Sohn jenes Marschalls, der Ludwig XIV. eine Statue errichtet hatte. Bei gefährlichen Umständen zeigte Orleans eine außerordentliche Feigheit. Er floh vor dem Feinde, ließ seine Mit-Befehlshaber im Stich, und bewies dabei noch eine Kühnheit und einen Stolz, die mehr als unverschämt waren. Er trieb seine Feigheit so weit, daß ein piemontesischer Soldat, plötzlich aus den Reihen tretend, ihn fragte, ob er sich seines Degens bedienen wolle oder nicht? Durch seine Truppen gezwungen, entschied er sich, Marchin zu Hilfe zu ziehen; aber er that es so schwankend und unbeholfen, daß die Soldaten ihm den Gehorsam verweigerten, und die größte Verwirrung in der Armee entstand. Orleans war wüthend und wollte fliehen; mit frechem Tone gab er die Befehle dazu; aber Niemand wich oder wankte. . . Er lief zu den im Felde zerstreuten Truppen; auch sie weigerten sich, das Schlachtfeld zu verlassen. Nun näherte er sich einem Officier des Regiments Anjou und wollte ihn zwingen, die ihm untergebenen Soldaten zum Rückzuge anzuführen; als auch dieser sich weigerte, zog Orleans seinen Degen und schlug ihn damit in’s Gesicht. Hätte jener Officier eine solche Beschimpfung nicht auf der Stelle züchtigen sollen?. . . Endlich wichen die Soldaten von selbst; aber der Mangel gehöriger Anführung und die verschiedenen sich widersprechenden Befehle brachten Verwirrung hervor, die Anarchie that das Uebrige. Orleans weigerte sich, le Guerchois zu Hilfe zu ziehen, welcher an der Spitze seiner Marine-Brigade schon die feindlichen Reihen durchbrochen hatte und Verstärkung bedurfte, um das begonnene Werk zu vollführen. Der Herzog von Orleans berief die Anführer zusammen und erklärte ihnen, daß sie ihr Heil in der Flucht suchen müßten. So gab er das Signal zum Rückzuge. Murrend folgten ihm die französischen Soldaten. Und dennoch ward Orleans, als er an den Hof zurückkehrte, mit Lobprüchen wegen seiner im Gefecht bewiesenen Tapferkeit überhäuft und fein Mißlingen eine ruhmvolle Niederlage genannt! Mademoiselle Seri, jetzt Gräfin Argenton, eilte ihrem Geliebten entgegen, welcher zurückkehrte, wie er abgegangen war, der Meinung rechtlicher Leute trotzend und die guten Sitten mit Füßen tretend. Da der Herzog sah, daß seine Feigheit mit Lorbeern gekrönt ward, richtete er, um das Ziel der Orleans, sich, selbst während der Thränen der Ihrigen, der Throne zu bemächtigen, nicht zu verfehlen, sein Augenmerk auf Spanien, mit der geheimen ehrgeizigen Absicht, Philipp V. die Krone zu stehlen. Hier der Brief, den er an Frau von Maintenon, die damals allmächtige Favorite des Königs, schrieb: »Gnädige Frau! »Ich würde glauben, gegen die Dankbarkeit, die ich »über Ihre Güte empfinde, zu sündigen, so wie gegen »das Vertrauen, welches ich der mir von Ihnen verspro- »chenen Freundschaft schuldig bin, wenn ich Ihnen nicht »Rechenschaft ablegte von den Schritten, die ich bei dem »Könige gethan habe, von denen er mit Ihnen ohne Zweifel »sprechen wird, und wegen welcher ich um Ihre gütige »Verwendung bitte. Ich habe ihn ersucht, in Spanien »dienen zu dürfen. »Ich bitte Sie, gnädige Frau, überzeugt zu sein, daß ich bei dieser Gelegenheit weder meine Neigung, noch meine Eigenliebe berücksichtige. Ich halte mich nicht für fähig, Besseres zu leisten, als die, welche bis jetzt dort waren, geleistet haben; aber ich glaube, daß, indem ich als eine Art Geißel für den Schutz des Königs gegen die Spanier betrachtet werden kann, ich vielleicht beitrage, ihren Eifer und ihre Treue gegen ihren König anzufeuern. Ich schmeichle mir wenigstens, weder den Truppen des Königs, meines Oheims, noch denen des Königs von Spanien ein übles Beispiel gegeben zu haben. »Ich glaube, gnädige Frau, daß, da ich Ihnen meine Ansicht über diese Sache vorgestellt habe, ich nicht hinzuzufügen brauche, wie leicht ich mich in die Gesinnungen derer, die in jenem Lande das Vertrauen des Königs besitzen, fügen würde. Ich habe ihm also meinen Wunsch vorgestellt, und er hat mir etwas geantwortet, was mich um so mehr überrascht hat, als ich mich weder für totalentvoll, noch für so hochstehend halte, um solche Eifersucht einflößen zu können. »Der König sagte mir mit einer Güte und einem Vertrauen, wovon ich tief gerührt bin, daß er mich völlig fähig zu dem Posten, zu dem ich mich erböte, glaube, daß aber der König von Spanien einigen Argwohn aus meiner Ernennung dazu schöpfen könne. »Sollte es möglich sein, daß einige Jahre mehr dem Könige von Spanien solche Empfindungen eingeflößt hätten, da derselbe doch überzeugt sein kann, daß, der Bande des Bluts gar nicht zu gedenken, meine Ehrfurcht und Anhänglichkeit für den König und ihn, mir einen Ruhm jederzeit theurer als den meinigen machen werden? Machen Sie, gnädige Frau, nach Ihrer vortrefflichen Einsicht Gebrauch von dem, was ich Ihnen so eben in Bezug auf das Gelingen der Sache und die Zufriedenheit des Königs vorgestellt habe. Nur nach Seinem Willen wünsche ich den meinigen zu lenken, und sollte. Er je für gut befinden, mich nach jenem Lande zu schicken, so werde ich, gewohnt, mich der Beweise Ihrer Güte zu erfreuen, überzeugt sein, daß ich auch diese neue Gunst nur Ihnen zu danken habe, und werde dieselbe als die wichtigste, die mir Zeit meines Lebens zu Theil geworden ist, betrachten, weil fiel mir vielleicht die einzige Gelegenheit gibt, mich im Dienste des Königs aufzuopfern, und demselben so die Ehrfurcht, die Dankbarkeit, und wenn ich es auszusprechen wagen darf, die Zärtlichkeit zu beweisen, die ich für seine Person hege. »Ich beschwöre Sie, gnädige Frau, Rücksicht darauf zu nehmen und überzeugt zu sein, daß nichts meine Ehrfurcht und Dankbarkeit für Sie übersteigt und ich mit diesen Gesinnungen lebenslänglich sein werde« 2c.2c. Die Redensarten, Listen, Schmeicheleien, ja Erniedrigungen fehlten jenen Fürsten nicht, wenn es ihnen darauf ankam, sich einem Throne zu nähern! Sie wußten allen Denjenigen zu schmeicheln, von denen sie Förderung ihrer herrschsüchtigen Pläne erwarteten. Frau von Maintenon erhielt vom Könige, was der Ehrgeizige von ihr erbeten hatte. Orleans wurde nach Spanien geschickt, wo der Herzog von Berwick, der die französische Armee kommandierte, ihn mit großer Auszeichnung empfing; er brauchte sich nur vor Bayonne, Valencia und Saragossa zu zeigen, um alle Thore sich öffnen zu sehen. Die Belagerung von Lerida allein verdient erwähnt zu werden. Die Stadt ward von französischen Truppen genommen; diese Truppen bestanden größtentheils aus fremden Abenteurern, die Ludwig XIV. anzuwerben genöthigt gewesen war, indem Frankreich, gänzlich erschöpft, nur noch Kinder in den Kampf zu schicken hatte. Der Herzog von Orleans gab die Stadt der Plünderung dieser Miethlinge Preis. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich ward er wieder mit den Lobprüchen des Hofes überhäuft, darauf ging er wieder nach Spanien zurück. Aber sein Naturell, einen Augenblick bezähmt, gewann bald die Oberhand; er empörte, den Hof von Madrid durch seine unbezähmte Neigung zu Vergnügungen und Orgien. Bei einem Souper erlaubte er sich sogar sehr schlechte, gemeine Spöttereien über Frau von Maintenon und Frau von Ursins, die Geliebte Philipp V. Diese leichtsinnigen Witzeleien wurden beiden königlichen Buhlerinnen hinterbracht, und sie nährten seitdem einen tiefen Unwillen gegen den Herzog. In dieser Zwischenzeit kam es an den Tag, daß Orleans die Sache, zu deren Vertheidiger er sich aufgeworfen hatte, verrathend, den erniedrigenden Vorschlägen des Wiener Hofes ein geneigtes Ohr geliehen hatte. Niemand wunderte sich darüber. Gleichzeitig erfuhr man, daß er sich durch Lord Stanhope, einen Gefährten seines Leichtsinns, überreden, auch durch das Gold Englands hatte verführen lassen. Auch wurde es bekannt, daß er die Absicht habe, sich seiner Gemahlin zu entledigen und die verwitwete Königin von Spanien zu heirathen; das Wort Gift gehörte zu denen, die schon damals den Namen Orleans brandmarkten. Die Gefechte, welche zwischen den beiderseitigen Truppen. Statt fanden, waren von geringer Bedeutung. Orleans, wie die andern Prinzen, zogen die Degen nicht; denn die Fürsten halten sich, einem groben Irrthum unterliegend, der die Republiken stand macht, und ihnen Aussichten in die Zukunft gewährt, während der Kämpfe fern von der Gefahr. Wer kann sagen, wie weit Hochmuth und Wahnsinn, wenn sie sich des beschränkten Gehirns der Könige bemächtigt haben, führen können?. . . Als Orleans nach Madrid zurückkam, sah er sich ernsten Befragungen unterworfen; anscheinend ganz harmlos schwatzend, fühlte man ihm auf den Zahn; man verlangte Rechenschaft über seine Unterhandlungen mit den Feinden. Er war gezwungen, gehaßt und verachtet abzureisen. In Madrid ließ er einen seiner Genossen, einen gewandten Spion, Namens Renaut, der, indem er für Orleans wirkte, ein solches Aergerniß gab, daß Ludwig XIV., von seinen Schleichwegen in Kenntniß gesetzt, seinem Neffen befahl, Renaut zurückzuberufen. Nun schickte Orleans einen andern seiner Emissaire, Namens Flotte, hin, welcher auf Befehl des Marquis d’Aquilar in dem Augenblicke verhaftet wurde, wo man ihn mit Renaut confrontierte. Das Gerücht von diesen Ereignissen kam an den französischen Hof und erweckte eine allgemeine Empörung gegen den Namen Orleans. Man hatte Beweise, daß er nach der Krone Spaniens getrachtet und mit England unterhandelt hatte, während er es zu bekriegen schien. Dazu flüsterte man einander noch in die Ohren, daß seine chemischen Kenntnisse ihm förderlich sein würden, sich bald seiner Gemahlin zu entledigen: es wird den Ehrgeizigen leicht, die, welche ihre Pläne durchkreuzen, zu beseitigen. Seine Gemahlin, die zu der Zeit grade schwanger war, bekam eine sehr heftige Kolik, welches den Argwohn verdoppelte. Spanien schwieg noch immer über die den beiden Agenten des Herzogs abgenommenen geheimen Papiere. Ludwig XIV., der unter vier Augen die Usurpations-Pläne seines Neffen gebilligt hatte, befand sich in großer Verlegenheit; er wagte nicht, ihn zu strafen, was der König von Spanien verlangte, und konnte doch auch dem allgemeinen Geschrei, welches Orleans anklagte, sein Ohr nicht verschließen. Der König versuchte die Sache zu vermitteln, Er schrieb an Philipp V., die Agenten des Herzogs seien Intriguanten, die ein unvernünftiger Eifer beseelt habe, die aber nie von seinem Neffen in ihren Absichten ermuthigt gewesen wären. Ihre Mitschuldigen im Stiche zu lassen, ist Sitte unter den Großen der Erde. In Frankreich wünschte man allgemein, daß der Herzog wegen seiner Verräthereien zum Tode verurtheilt werden möge. Am Hofe verlangten der Herzog von Maine, die Condé’s und der Dauphin selbst, daß der Herzog in Anklagestand versetzt werde. Der König sah sich genöthigt, der allgemeinen Entrüstung nachzugeben: der Prozeß des Herzogs wurde eingeleitet. Von da an lebte der Prinz, den Alles mit Abscheu floh, allein. Um sich über diese verdienten Beschimpfungen zu trösten, überließ er sich den unerhörtesten Ausschweifungen. Sein Palais, von welchem schon seit langer Zeit alle rechtlichen Leute fern geblieben waren, wurde mehr denn je der Sammelplatz der scheußlichsten Laster. Ein einziger Freund, Saint-Simon, war bei dem Herzoge geblieben und suchte ihn den Ränken und Schwelgereien abwendig zu machen. Der Marschall von Bezons unterstützte ihn in diesen Besserungsversuchen. Sie zeigten dem Herzoge den Abgrund, in welchen er versunken war und verhehlten ihm nicht, daß seine unmoralische Verbindung mit Frau von Argenton viel Schuld an seiner Ungnade sei. Saint-Simon, der es zuerst übernommen hatte, freimüthig mit ihm zu sprechen, hat es mit eben so viel Geschicklichkeit als Festigkeit. Er verbarg ihm nicht, daß er allgemein verabscheut, daß der entehrte Name seines Hauses gebrandmarkt sei. Er deckte ihm, so zu sagen, seine eignen Pläne und Absichten auf, entwarf ihm ein treues Gemälde seiner Lage; er erinnerte ihn, daß das Gewicht der schwersten Anklagen auf ihm laste, und daß er durch seine eigne Schuld von der Nation und seiner eignen Familie abgesondert dastehe. Der Herzog versuchte sich zu rechtfertigen, und behauptete verleumdet zu sein. Nun kam auch Bezons Saint-Simon zu Hilfe, und nach noch vielen Versuchen dieser Art versprach der Prinz, jenes Weib zu verabschieden, die ihm geholfen hatte, sich zu entehren. Nicht ohne schweren Kampf entschloß er sich zu der Trennung von ihr. Sie zog sich nach der Picardie auf eines seiner Güter zurück, und ließ dem Herzog den Sohn, den sie von ihm hatte. Dieser Sohn machte, getreu den Familien-Traditionen der Orleans, später sein Glück durch Mittel, welche die Rechtschaffenheit verwirft. Den anstößigen Verhältnissen seiner ehebrecherischen Liebschaft folgte unter eben so anstößigen Umständen eine Trennung, welche der Herzog nur durch Aufopferung von mehr als zwei Millionen, die er seiner Maitresse gab, erreichte. Dieses Geschöpf verhöhnte vermöge ihres, durch ihre Schande erworbenen Vermögens, die armen, hungernden Töchter aus dem Volke, die lieber das größte Elend erduldeten, als daß sie die Linderung desselben mit Aufopferung ihrer Ehre erkauft hätten. Uebrigens hatte ja Ludwig XIV. ein Beispiel solcher glänzenden Versunkenheit gegeben. Das Opfer, welches der Herzog brachte, beschwichtigte den einmal aufgeregten Zorn der Prinzen von Geblüt nicht. Die Großen versplittern einen großen Theil ihres Lebens in Streitigkeiten über armselige Angelegenheiten der Etiquette, welche doch den Werth eines Menschen nicht zu erhöhen vermag. Orleans hatte den Marschall Bezons seinem Sohne zum Erzieher geben wollen, die Condé’s darüber eifersüchtig, intriguirten so lange, bis der König es verweigerte. Der gefährlichen Eitelkeit nachgebend, welche die Fürsten veranlaßt, sogenannte diplomatische Verbindungen zu schließen, vermählte Ludwig XIV. Mademoiselle, die Tochter seines Neffen, mit dem Herzog von Berry, dem Sohne des Dauphin. Sobald die Tochter des Herzogs von Orleans vermählt war, überließ sie sich all’ den Lastern, welche unglücklicherweise fast alle Mitglieder dieser Familie zur Schande geführt haben. Ihre Frivolität, die von keiner Rücksicht der Schamhaftigkeit zurückgehalten ward, machte sie der ganzen Welt zum Abscheu. Monsieur bemühte sich, sie zu trösten, und nun, es ist schrecklich, es aussprechen zu müssen, sah man, wie weit Zügellosigkeit und wüthende Leidenschaftlichkeit einen Vater und eine Tochter führen können, die beide gleich schuldig, beide gleich verderbt sind! Entsetzen! Der Herzog von Orleans wurde einer schändlichen Liebschaft mit feiner eignen Tochter an geklagt; und wie, um dieser schrecklichen Beschuldigung mehr Gewicht zu geben, starb der Dauphin, der hauptsächlich darauf gedrungen hatte, Monsieur zu entfernen, plötzlich an einem unbekannten Uebel!. . . Das Publikum schrie über Vergiftung und klagte Orleans derselben an . . . Unmittelbar nach diesem traurigen Todesfalle begann der Herzog und seine Tochter ein zügelloseres Leben als je zuvor. Täglich neue Orgien im Palais Royal, wo die schamloseste Frechheit präsidierte; der Vater umarmte seine Tochter in Gegenwart seiner schändlichen Genossen, als wäre sie ein Freudenmädchen. Diese Ausschweifungen überstiegen. Alles, was man bis dahin gesehen hatte und bereiteten jene Zeit der Liederlichkeit vor, welche die Blätter der Geschichte besudelt und ein schändendes Brandmaal auf die Stirnen der Großen drückt! Zu derselben Zeit fing der Herzog von Orleans mit glühendem Eifer das Studium der Chemie wieder an; er legte sich besonders auf die Bereitung der aller feinsten Gifte. Mehre von den auffallendsten Umständen begleitete, traurige Todesfälle, die sich in jener Zeit ereigneten, veranlaßten die schwersten Anklagen gegen ihn. Die Herzogin von Burgund, der Dauphin und der Herzog von Bretagne starben und Niemand zweifelte mehr daran, daß der Herzog von Orleans der Vergifter sei. Mehre Freunde des Königshauses sprachen davon, ihn zu tödten, denn es war nicht zu bezweifeln, daß es auf die königliche Familie abgesehen war. Ludwig XIV. wagte diesen unheimlichen Gerüchten, die den Sohn seines Bruders als Verbrecher bezeichneten, keinen Glauben beizumessen. Indessen hatte der Herzog von Maine sich erboten, zu beweisen, daß Orleans dieser Verbrechen schuldig sei. Frau von Maintenon war seiner Meinung; endlich, nach den Gutachten der Aerzte und einigen geheimen Unterredungen mit gewissen Personen, theilte der König die allgemeine Ansicht. Dessenungeachtet wußte Orleans sich der menschlichen Gerechtigkeit zu entziehen aber der Verachtung des Volkes konnte er nicht entgehen welches laut schrie, daß der Herzog von Orleans der würdige Sohn seines Vaters sei, bei welcher Gelegenheit es an den Tod von dessen erster Gemahlin erinnerte. An dem Tage der Beerdigung des Dauphins und seiner Gemahlin, wurde der Herzog von Orleans öffentlich insultiert und sein Leben bedroht. Man kennt wenige Namen, die so verabscheut wären, als dieser! Die Verwünschungen wurden so laut, und der allgemeine Unwille war so gewaltig, daß Monsieur nicht aus dem Hause zu gehen wagte, aus Furcht getödtet zu werden. Zuletzt ging er zum Könige und forderte Gerechtigkeit von demselben. Ludwig XIV., der seinen Schwiegersohn und Neffen nicht verurtheilen lassen wollte, empfing ihn zwar mit Verachtung, ließ ihn aber weiter nicht verfolgen. Indessen erhöhte ein neuer Umstand den schon erregten allgemeinen Haß gegen den Prinzen. Einer seiner Agenten, der sich in ein Kloster geflüchtet hatte, wurde von dem Prinzen von Cholais, dem Gesandten des Königs von Spanien verhaftet. Dieser Prinz hatte eine geheimnisvolle Unterredung mit Ludwig XIV.; aber man erfuhr bald, daß der Mönch ein Werkzeug der Verbrechen Orleans gewesen sei. Diesen bewog seine Feigheit und seine Hoffnung auf den Schutz des Königs, sich bei all diesen Stürmen ruhig zu verhalten, denn wie konnte der König seinen Verwandten auf die Bänke der Angeklagten schleppen lassen. Unter diesen Umständen war der Herzog von Orleans frech genug, von seinen Rechten an die Krone, für den Fall, daß der Thronerbe stürbe, öffentlich zusprechen; und einige Zeit darauf starb der Herzog v. Berry an Gift! Es ist erwiesen, daß seine Frau, die noch die Maitresse ihres eignen Vaters, des Herzogs von Orleans war, von diesem das Gift erhalten hatte. In den Eingeweiden des Herzogs von Berry fand sich der Beweis des Verbrechens. Die Laster von Vater und Tochter lieferten immer neue Beiträge zu den Beweisen, die Ludwig XIV., der auch dieses Mal noch verzieh, schon erhalten hatte. Der König, selbst so schuldbewußt, hatte nicht den Muth, gegen seine Tochter und seinen Neffen mit Strenge zu verfahren. Da er Orleans nicht verhindern konnte, seine Verwandten zu vergiften, so beschloß er wenigstens, zu verhindern, daß er sich der Krone bemächtige; um aber diesen Zweck zu erreichen, trat er den moralischen Geist der Nation mit Füßen, indem er seinen Bastarden die politische Gewalt sicherte. Jetzt verdoppelte der Herzog von Orleans seine Intriguen, um sich Anhänger zu sichern. Er fand deren in der Sphäre des Hofes. Diese Höflinge, die den Thron umgaben und von Schande und Niedrigkeit lebten, schonten seiner, denn sie konnten voraussehen, daß er Regent werden würde. Der König von Spanien sogar nahm seine Vorstellungen an und setzte seine Mitschuldigen in Freiheit. Ludwig XIV. erkrankte; je näher er dem Grabe kam, je mehr drängten die Höflinge und Egoisten sich um den Herzog von Orleans. Unglücklicherweise folgte die Bourgeoisie dem Beispiele der Hofleute; und dieser des Mordes überwiesene Mann genoß jetzt einer Volksgunst, die dem Philosophen Stoff giebt, über den Werth der menschlichen Zuneigung nachzudenken. Man vergaß für einige Zeit, daß Orleans ein Vorbild für alle Verbrecher und Schweiger gewesen war, man vergaß, daß er auf dem Schlachtfelder seinen Degen entehrt hatte. So ließ das Volk, in Folge einer Verblendung, von der man mehre Beispiele in der Geschichte findet, sich von den Versprechungen eines Mörders täuschen, der durch Geld und Versprechungen, einen d’Aguessau, Bezons, d’Argenson, Herzog von Guiche, Camillac, Voisin, Raynold, Saint-Hilaire, Herzog von Moailles, den Präsidenten von Maison-Villars und einige andre Ehrgeizige für seine Interessen zu gewinnen gewußt hatte. Er konnte also nun auf das Parlament, die Bourgeoisie und die Armee rechnen. Endlich starb Ludwig XIV. und beschloß seine Lauf bahn mit einem unpopulären Testamente. Er hatte darin den Herzog von Maine und seine Bastarde zu Regenten des Königreichs ernannt. Diese Wahl mißfiel; der Herzog von Orleans, der Alles vorbereitet hatte, ließ sich von einer Versammlung, die von ihm erkauft war, statt ihrer ernennen. Als diese Ernennung bekannt gemacht ward, nahm das Volk, welches an die Versprechungen Orleans glaubte, dieselbe mit blindem Jubel auf. Der Regent zeigte bei dieser unglücklichen Begebenheit viele Gewandtheit, – eine sehr traurige Gewandtheit, da fiel keinen andern Zweck hatte, als die Nation zu betrügen. Er umgab sich mit Rathgebern; er stellte sich volksthümlich und berief im Geheimen die Ehrgeizigen an seine Seite. Sie ließen nicht auf sich warten. Orleans betrog die ganze Welt, selbst feine Mitschuldigen. Er bebte vor keinem Mittel, vor keiner Niedrigkeit. Er veranlaßte eine Reaction, die nur eine List war, und übrigens nicht von Dauer sein konnte. Er suchte sich auf alle Weise beliebt zu machen, und benutzte alle möglichen Schlechtigkeiten, um die verworfensten Seelen für sich zu gewinnen. Er erklärte laut, daß seine einzige Hoffnung sei, die zerrütteten Angelegenheiten des Staates zu ordnen, und das Leben des jungen Königs zu erhalten, und als man bei dieser Gelegenheit an die Vergiftung der andern Glieder der königlichen Familie erinnerte, antwortete er: »Man habe ihn ungerechterweise unersättlicher Herrschsucht beschuldigt und er würde nicht glücklich leben, wenn er Ludwig XV. verlöre.« So begann die Regierung der Regentschaft, welche den allgemeinen Haß gegen den Herzog von Orleans vermehrte, und diesen zu neuen Schandthaten ermuthigte. Am Schlusse dieses Kapitels möge noch folgende Philippika ihren Platz finden, in der während der Regentschaft ein kühner Dichter den Herzog an seine zahllosen Verbrechen zu erinnern den Muth hatte: Fährmann der Unterwelt, Bereite Dich, ohne zu erschrecken Die königlichen Schatten überzusetzen, Die Philipp Dir zusenden wird. O, immer wiederkehrend Mißgeschick! O, täglich neuer Verlust! Thränen schwellen Deine Fluth, Deine Segel sind von Seufzern gebläht. Im ewigen schnellen Laufe Eilt Welle auf Welle dahin. Während Söhne ihre Väter beweinen, Trifft derselbe Schlag auch sie. Dem Bruder folgt der Bruder, Die Gattin geht dem Gatten voraus. Aber, o Schreckliches, was uns bedroht, Ueber zwei Söhne, die allein uns noch blieben, Ist die Sichel der Parze gezückt! Den Ersten traf tödtlich sie schon, Des Andern erbleichtes Gesicht Deutet sein nahes Scheiden uns an. Drittes Kapitel Der Regent, Urgroßvater Louis Philipps I. (der Giftmischer), 1674–1723 Der Regent! dieser bloße Namen flößt Widerwillen und Verachtung ein, denn er erinnert an eine der unglücklichsten Epochen Frankreichs. Frankreich trug in feinem Schooße die Elemente zu einer unermeßlichen politischen und socialen Revolution; die Regentschaft erhöhte die Leiden des Volkes, brachte dasselbe dadurch zur Verzweiflung und bereitete es zu dem großen Kampfe vor. Der intellectuellen Entwickelung dieses Jahrhunderts zu folgen, das allgemeine Elend und die Tyrannei der Großen zu zergliedern, ist der spezielle Zweck dieses Werkes; hier indes muß ich schnell über die hauptsächlichsten Ereignisse hinweggehen, und mich nur bei denen aufhalten, welche mit diesem Manne in Verbindung stehen, den der Zufall unglücklicherweise in der Eigenschaft eines Regenten an die Spitze unseres Vaterlandes stellte. Ich will nicht die ersten Finanz-Operationen erwähnen, die im Anfange der Regentschaft statt fanden. Die Macht bediente sich unmoralischer Mittel, um die Lage wenigstens erträglich zu machen. Der Regent verringerte den Werth der Münze. Das Vertrauen des Volkes nahm ab; die Regierung mußte noch mehre Hilfsmittel gleicher Art ergreifen. Von dieser Noth umgeben, gab der Regent das Beispiel der Lasterhaftigkeit; er begünstigte jene Richtung, die bei der großen Ausschweifung bei dem Volke Gottlosigkeit war. Der moralischen und religiösen Richtung der Gesellschaft folgte der Forschungsgeist. Voltaire zerstörte den Nimbus des Clerus; die Lehren dieses fruchtbaren, geistreichen, boshaften, leidenschaftlichen und geschmeidigen Mannes waren epicuräisch, seine Ansichten vorwärtsstrebend und feurig, aber ungeachtet seiner lenksamen Begeisterung und seiner Leidenschaft für den geistigen Fortschritt, ließ er sich viel zu sehr von Ruhmsucht beherrschen. Er griff kühn die Religion und ihre Diener an, er verkündigte den Sturz der alten Welt, die sich selbst aufgerieben hatte, aber er gab nicht das Signal zu demokratischen Reformen. Diese Ehre war Jean-Jacques Roussau aufbehalten. Welcher Mann! welche Theorieen! welcher unermüdliche, muthige Athlet! Er war der Erste, der eine tiefe Verachtung der Monarchie aussprach; der Erste, der davon sprach, daß die Gesellschaft neuer Grundlagen bedürfe, daß dieselbe wieder in ihre alten Rechte eingesetzt, die Aristokratie und Tyrannei bekämpft werden müsse. Er blies dem Volke eine Seele ein; er lehrte es sich selbst kennen, lehrte es denken; er gab ihm das Bewußtsein seiner Kraft, seiner Vernunft, seines Verstandes. Dieser hellsehende, demokratische Philosoph predigte die Alleinherrschaft des Volkes und griff die bestehenden Formen der Regierung an. Er empfand gerechte Verachtung gegen eine weibische Gesellschaft, die immer bereit, dem Reichen, sei er auch noch so lasterhaft, Weihrauch zu freuen, nur gegen den Armen geringschätzend und grausam war. Roussau, ein geborner Plebejer, hatte persönlich unter den Gesetzen dieser Gesellschaft zu leiden gehabt. Die Welt zerdrückten diese glühende, erhabene und zugleich tiefe Seele, die schon durch das Elend abgemattet war, und verwandelte ihre sanften Regungen in eine wilde, finstre Menschenfeindlichkeit. Roussau beschleunigte durch sein Genie, durch die Größe und kühne Freimüthigkeit seiner Gedanken den Sturz des alten Systems. Mehr als jeder Andere verdient er den Dank der Nachwelt, denn er arbeitete an der Umgestaltung der Menschheit und bereitete den Geist des französischen Volks auf die Weihe großer Umwälzungen vor. . . Während die Schriftsteller eine Veränderung begründeten, bereitete der Regent sich auch vor und erhöhte durch feine Eigenmächtigkeiten die Leiden des Volkes, die schon fast unerträglich waren, noch bedeutend. In dieser Epoche wurde der Grund zu jener erhabenen Revolution gelegt, welche das Herz der Könige treffen und beweisen sollte, in welchem Grade die Freiheit der Nerv der Reiche ist! Der Regent und seine Roués, der Abbé Dubois, Broglie, Brancas, Canillac, Larochefoucauld, Riom, Deidié, Salvert, la Haye, de la Force, de Noce, Noailles u.&bmsp;s. w. trugen das Ihre dazu bei. Die Soupers des Regenten, wo alle diese Roués figurierten und ein Studium aus der Zügellosigkeit machten, wo seine Tochter aller Weiblichkeit und Schamhaftigkeit Hohn sprach, haben eine nur zu traurige Berühmtheit erlangt. Das Volk übertrieb die Schilderungen nichts selbst Saint-Simon hat, so ergeben er auch den Orleans war, nicht umhin gekonnt, diese Orgien zu brandmarken. »Dort wurde getrunken bis zur Völlerei und dann,« sagt Saint-Simon, »überboten einander die saubern Genossen mit entblößten Busen und in der unschicklichsten Kleidung, in Zoten und Unanständigkeiten; und wenn fiel Lärm genug gemacht hatten und betrunken genug waren, gingen sie schlafen, um den folgenden Tag wieder anzufangen, wo sie jetzt aufhörten.« In Ausschweifungen aller Art vergeudete der Regent seine Vernunft und stumpfte seinen Verstand ab. Die Angelegenheiten des Landes überließ er unterdessen der Unwissenheit und der Treulosigkeit gewisser Individuen. Er bedeckte sich mit Schande, indem er gewisse finanzielle Maßregeln traf, welche gegen die allergewöhnlichsten Regeln der Rechtlichkeit anstießen. Er zerstörte das Zutrauen des Volks, er bediente sich der Polizei zu seinen schändlichen Zwecken; er versetzte dem Handel, der Industrie, und mit ihnen der Arbeit in ihren Quellen tödtliche Wunden; er mißbrauchte die Justiz, um seinen Feinden zu schaden und trieb zuletzt. Handel mit derselben. Ich will hier nicht die Finanziers in Schutz nehmen; – sie hatten auf das allgemeine Elend speculirt; hatten sich hart, mitleidslos gezeigt; sich ihres Geldes bedient, um die ergiebigen Quellen der Industrie auszubeuten, sie hatten das Volk, seine Arbeit mißbrauchend, ausgesogen, ihm das Leben schwer gemacht; aber dessen ungeachtet hatten sie die Gesetze des Landes nicht übertreten und hierin jenem gewissenlosen Adel nicht nachgeahmt. Der Regent trat alle Gesetze mit Füßen, indem er einen neuen Gerichtshof einsetzte und somit bewies, wie gefährlich die Gewalt in schlechten Händen wirkt. Es mußte indessen darauf gedacht werden, diese finanzielle Krisis zu beenden. Der Regent lieh den Rathschlägen eines Schotten, Namens Law, ein geneigtes Ohr. Dieser berüchtigte Finanzmann ist von Manchen für einen intriguanten Abenteurer, von Andern für einen rechtlichen Mann gehalten worden. Gewiß ist es, daß er das Talent besaß, Andre von der Haltbarkeit seiner Projekte zu überzeugen. Desmarets und Chamillard hatten, sein Genie nicht begreifend, ihn Beide zurückgestoßen. Der Regent ließ sich durch die Nothwendigkeit hinreißen, sein System zu versuchen. Daher das Börsenspiel, welches noch jetzt seinen nachtheiligen Einfluß auf die Nationen ausübt. Law’s Plan wurde angenommen und hatte Erfolg. Seine allgemeine Wechsel- und Umsatz-Bank führte den Credit nach Frankreich zurück. Darauf schlug er, um Frankreich den Hauptgewinn der Entdeckung Amerika"s zu sichern, die Errichtung einer westindischen Compagnie vor. Daher schrieb sich der Aufsehen erregende Reichthum des erfinderischen Schotten, welcher das Mißtrauen in dessen Redlichkeit begründete. Der Regent und sein Schützling Law hatten die höheren Klassen begünstigt und es ihnen leicht gemacht, sich zu bereichern, was viele unzarte Verträge veranlaßte. »Aber diese Umwälzung bewirkte,« wie Lavallée sagt, »auch viel Gutes. Uebrigens richtete er nicht Frankreich zu Grunde, wie man behauptet hat, er bewirkte nur einen Wechsel des Wohlstandes; auch brachte er den Reichthum in Bewegung, der früher in einzelnen Familien und in der Erde ruhte, von nun an aber, durch Handel und Industrie in Umlauf kam. »Der Seehandel erhielt dadurch einen Umschwung, der Frankreich ein halbes Jahrhundert lang einen bedeutenden Colonial-Reichthum verschaffte. Die innern Provinzen empfanden davon, eine heilsame Erschütterung, und die armen und trägen Bewohner der Gegenden, wo das Geld rar und die Landeserzeugnisse werthlos waren, belebten sich an der allgemein erhöhten Thätigkeit.« »Aber,« sagt Lemontey, »wenn die Erfahrung Law’s dem Volke die Banken, den Handel, die Industrie, die Genußsucht, den Unternehmungsgeist bot, so trug dagegen die Regierung das Mißtrauen gegen jeden Fortschritt, die Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung zur Schau, und unterwarf das Volk den verhaßtesten Auflagen. Die Geschichte muß diese Epoche als den unverwerflichen Zeitpunkt bezeichnen, von welchem an die entsetzlichste Zerrissenheit sich nach und nach vorbereitete, indem die Franzosen an Aufklärung und Wohlstand zunehmend, sich immer mehr gegen die nicht zeitgemäße Bedrückung durch ihre, sie noch voll Vorurtheile und Furchtsamkeit wähnenden Herrscher, auf lehnten.« Law war mithin, was man auch gegen ihn gesagt haben mag, ein großer Finanzmann; er that Frankreich mehr Gutes als Böses. Die heut zu Tage statt findenden ärgerlichen Auftritte an der Börse und die Unverschämtheit derer, die das Börsenspiel treiben, beweisen, daß der Durst nach Geld und die Sucht nach Erfolg, seit den Finanz-Speculationen der Regentschaft nur zugegenommen haben. Der Regent hatte versprochen, den niederträchtigen Cardinal Dubois, seinen frechen Genossen, nicht an den Geschäften Antheil nehmen zu lassen. In Folge der durch Law hervorgerufenen finanziellen Krisis, ließ er Dubois sich des Ministeriums bemächtigen, wie er ihn zuvor sich seiner Macht und seines Willens hatte bemächtigen lassen. Von nun an hörte dieser verderbte Geistliche auf, für den Regenten zu wirken, indem er nur noch den verbrecherischen Eingebungen seines Ehrgeizes folgte. Der Regent, der Sorgen der Verwaltung, zu welcher er nur Faulheit, Unfähigkeit und Böswilligkeit mitgebracht hatte, überhoben, versank tiefer als je in seine entehrende Schwelgerei. Dieser entartete, sittenlose Mann hatte die Rathschläge Dubois befolgt; er hatte sich beispiellose Gewaltthätigkeiten gegen die Bürger, die sich seinem Willen widersetzten und besonders gegen die natürlichen Söhne Ludwig XIV. erlaubt. Das Volk blieb bei diesen Familienstreitigkeiten gleichgültig. Die habsüchtigen Bewegungen, welche die Versuche Law’s angefacht hatten, waren demselben fremd geblieben. Das Volk allein in ganz Frankreich, folgte nicht dem bis zum Wahnsinn und zur Barberei getriebenen Beispiele der Habsucht und Treulosigkeit. Es verharrte in Elend und Rechtschaffenheit. Der Regent hatte Betrügern, Mördern und Lüstlingen die Arme geöffnet; er prunkte mit Sittenlosigkeit; er trieb die Unordnung und Immoralität bis zum Wahnsinn. Er überließ sich mit Dubois, den er mit Reichthümern überhäuft hatte, den niederträchtigsten Betrügereien. In diesem Lande, wo so viele rechtschaffene Arme im Elende leben und sterben, ohne daß je eine erfreuliche Verwirklichung ihre bescheidenen Hoffnungen krönt, prunkte der sittenlose Dubois in Gesellschaft und durch die Freigebigkeit des Regenten mit einem Luxus, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Hier eine Uebersicht seiner Einnahmen: Dubois und der Regent führten mit aller Gewalt den Untergang von Recht und Sittlichkeit herbei. Indem sie alle Schaam und alles öffentliche Zutrauen mit Füßen traten, indem sie ihrem unerhörten Verfall eine gewisse Berühmtheit gaben, boten der Regent und seine Roués das Beispiel erniedrigter Größe dar. Die Zügellosigkeit der schwelgerischen Orgien dieser hohen Personen überstieg an Frechheit. Alles, was die ausschweifendste Phantasie nur je zu ersinnen im Stande wäre. Jeder dieser Elenden prunkte auf die unverschämteste Weise mit seinen Lastern und Verbrechen; sie suchten eine Ehre darin, den Cynismus und die Ausgelassenheit dieser namenlosen Belustigungen aufs Höchste zu treiben. Den Namen der Männer, die wir angeführt haben, müssen wir die einiger verirrter Frauen zugesellen, welche ihre hohe Bestimmung auf Erden vergessend, die schamlosen Neigungen der Roués theilten. Mitten unter Operntänzerinnen und Freudenmädchen konnte man bei diesen Orgien Frau v. Sabran, Frau v. Mouchy, die Herzogin v. Gevres und die Tochter des Regenten bemerken. Diese leichtsinnigen, ehrvergessenen Frauen hatten das Palais-Royal zu ihrem Zusammenkunftsorte auserwählt. Noch zwei Töchter des Regenten dürfen wir nicht vergessen bei Aufzählung dieser saubern Gesellschaft zu nennen: Fräulein v. Valois und Louise-Adelaide v. Orleans, die, eifersüchtig auf den lasterhaften Ruhm ihrer Familie, sich bestrebten, nicht hinter demselben zurückzubleiben. Diese ganze Gesellschaft lebte übrigens in einer eleganten, Wohlgeruch athmenden Atmosphäre. Es fehlte ihnen nicht an Geld, um sich alle nur erdenklichen Genüsse und Berauschungen zu verschaffen. Die Immoralität und Gemeinheit der Großen hatte den höchsten Grad erreicht. Bei einem jener Feste sprach eine Dame folgende ewige Wahrheit gegen den Regenten aus: »Nachdem Gott den Mann erschaffen hatte, nahm er noch ein Stück Koth und bildete daraus die Seele der Prinzen und Bedienten!« Es fehlte nicht an Satyren und Epigrammen gegen dieses Uebermaß von Schamlosigkeit, welches den Umsturz aller gesellschaftlichen Ordnung herbeiführte. Aber dadurch ließen die Roués sich nicht abhalten ihre Zeitalter zu besudeln; sie lachten frech über die öffentlichen Kritiken und begnügten sich, die freimüthigsten Schriftsteller in die Bastille werfen zu lassen. Die Saturnalien der Alten sind nichts gegen jene Orgien, in welchen der Regent und seine Freunde sich in Verworfenheit erschöpften. Alle Geschichtsschreiber haben jene Zeit kühn gebrandmarkt. Sie bietet ein so trauriges als scheußliches Beispiel von Tod, Verzweiflung, Niederträchtigkeit und Hoffnungslosigkeit dar. Einige Monate nach der Mündigwerdung des Königs trat der Herzog von Orleans die Regentschaft ab und übernahm im Ministerium die Stelle von Dubois, welcher in Folge seiner Schwelgereien gestorben war. Als Madame, Mutter des Regenten, einige Zeit zuvor gestorben war, machte das Publikum ihr folgende Grabschrift: »Hier ruht die Mutter aller Laster!« Am 25. December 1725 starb Orleans im Schooße seiner niederträchtigen Schwelgereien. »Der Tod des Herzogs von Orleans,« sagt Laurentie, (von dem wir sagen können, was wir von Montjoie sagten: Er gehört derselben Meinung an und schreibt aus demselben Gesichtspunkte) »war zu auffallend, als daß Menschen, die sich gewöhnt haben, die Wege der Vorsehung zu beachten, in demselben nicht eine schreckliche Strafe hätten erkennen sollen. Was die Art von Menschen anbetraf, die in jenen Orgien gebildet waren, so wendeten dieselben sich andern Freuden zu, glücklich, daß Zügellosigkeit und Schwelgerei für immer durch große Beispiele sanctioniert war. Aber die Nation war leidend und gedrückt und wagte nicht in dem Tode des Fürsten, der sie durch Ueberlassung der Gewalt an Unwürdige zu Grunde gerichtet hatte, eine Vergeltung ihres Unglücks zu sehen; denn der Staat fand, den Händen eines Kindes überlassen, nicht die Kraft, sich zu erheben, und die Verzweiflung schien zuzunehmen, als man erfuhr, der Herzog von Bourbon, ein andrer fürstlicher Charakter, furchtbar durch seine Härte und seinen Egoismus, sei zum Nachfolger des Regenten erwählt. »Es waltete ein gewisses Verhängniß über diese Reihefolge von Männern, welche sich der französischen Monarchie bemächtigten, um dieselbe durch ihre Schändlichkeiten entehrt und durch ihre Politik gemordet, in die Hände einer Revolution zu werfen, die durch den Verfall der Moralität sich schon nach und nach vorbereitete. »Es ist nur zu natürlich, daß die Geschichte nur verächtliche Benennungen, nur Zorn für jene Minister, für jene Fürsten hat, die durch ihren Cynismus und ihre Systeme Frankreich verheerten. Aber auch ohne sich zu Uebertreibungen des Spottes hinreißen zu lassen, kann man sehr ernstlich die Ursachen aller Mißgeschicke des Vaterlandes beurtheilen. Die Regierung Ludwig XIV. war eine despotische; doch fehlten derselben Ruhm und Ehre nicht. Der Despotismus blieb unter der Regentschaft im vollsten Sinne des Wortes, aber der Ehre ermangelte dieselbe gänzlich. »Der Despotismus des achtzehnten Jahrhunderts war wie der aller verderbten Zeiten, unerträglich und grausam. Die Regentschaft war eine Epoche der Wollust und Entkräftung, und dennoch mußte die Macht sich oft mit Strenge waffnen, und die Gerechtigkeit war mehr als einmal blutig und unmenschlich. Ein neues Beispiel, daß Sittenverderbniß die Härte der Gewalthaber bedingt.« Die Regentschaft hatte einen unglücklichen Einfluß auf die Zukunft unseres Landes und auf Alle die darunter litten; aber sie bereitete durch ihre für immer verhaßten Frevel den Kampf vor, in Folge dessen das Haupt Ludwig XVI. Fiel. Wir kommen gleich auf jenen großen Kampf, den die unterjochten Klassen gegen die Bevorzugten unternahmen; wir haben viel Unglück zu berichten; der Bürgerkrieg ist immer ein gewaltsamer, beklagenswerther Uebergang, aber die Völker können nur mit Hilfe gewaltsamer Mittel das Joch der Tyrannen abschütteln. Schon längst würden solche blutige Kämpfe nicht mehr stattgefunden haben, wenn von den Männern, welchen der Zufall die Gewalt verlieh, nur einige es sich ernstlich hätten angelegen sein lassen, die großen gesellschaftlichen und politischen Fragen zu lösen, deren Entscheidung die Welt bewegt. Die so ausschweifende, übermüthige, grausame Regentschaft rechtfertigte die Repressalien des Volks. Das Volk hat eine natürliche Abneigung gegen die despotische Gewalt, die, um sich zu erhalten, dasselbe ausbeutet, aussaugt, unterdrückt. Die Freiheit, deren Prinzip Gott in sein Herz gegraben hat, läßt es den Despotismus als unnöthig für die Organisation der Gesellschaft betrachten; es denkt also nur des Tages der Befreiung. Aber nur dann, wenn die Macht mit der Grausamkeit eine große Verderbtheit vereint, erhebt sich die Nation mit Gewalt. Dem Herzog von Orleans folgte Ludwig XV., ein junger Mann mit einem erschlafften egoistischen Herzen, der die Gewalt mißbrauchend, das Werk des Regente vollendete. Unser Zweck erlaubt uns nicht, in die verhaßten Geheimnisse und die unheilvollen Räthsel der Verderbniß dieses Königs einzudringen. Der Weg, der von dem Regenten zu Philipp-Egalité führt, ist kurz; legen wir ihn schnell zurück. Viertes Kapitel Louis III. (der Schauspieler), Sohn des Regenten, 1703–1752 Ludwig Philipp von Orleans, Sohn des Regenten, blieb unbemerkt bei dem Unglücke seines Vaterlandes und den Zügellosigkeiten des Hofes. Er war am 4. August 1703 geboren. Sein Vater hatte ihn ganz jung den Liebkosungen und dem Unterricht einer seiner Buhlerinnen überlassen. Seine Mutter vermählte ihn mit der Prinzessin von Baden-Baden, die er zwei Jahre darauf wieder verlor. Des Lebens überdrüssig, ergab der junge Herzog sich den Wissenschaften. Merkwürdige Sache! Er beging nicht ein einziges Verbrechen. Dieser Mann that nichts, um den Zügellosigkeiten seiner Zeitgenossen Einhalt zu thun. Geistig beschränkt, wie er war, kannte er nicht den Heldenmuth der Aufopferung und starb, wie er gelebt hatte, in der Verborgenheit. Ein Mann, dem der Zufall einen hohen Standpunkt angewiesen hat, soll mehr thun, als sich mit Theologie beschäftigen: Gott hat ihm die Pflicht auferlegt, sich dem Vaterlande zu widmen; es ist nicht genug, daß er häusliche Tugenden hat, er muß sich auch durch öffentliche Tugenden auszeichnen. Obgleich jedoch diesem Orleans das Genie fehlte, so muß man ihm schon seine guten Absichten anrechnen. Er verläugnete das Blut seiner Väter; das war schon eine Tugend. Fünftes Kapitel Louis Philipp IV, Großvater des Königs der Franzosen (der gelehrte Prahler), 1725–1779 Der Enkel des Regenten war am 12. Mai 1725 geboren. Sein Vater hatte ihn, nur mit seinen wissenchaftlichen Arbeiten beschäftigt, den Intriguen des Hofes überlassen. Hier zeigte sich das Blut der Orleans wieder. Nach dem er sich mit der Prinzessin von Conti vermählt hatte, die, eine höchst verderbte Frau, öffentlich sein Lager entehrte, ging er zur Armee, wo er sich nicht auszeichnete. Im Jahre 1755 wurde er Witwer. Seine Gemahlin starb, wie sie gelebt hatte, frech und schamlos. »Ich habe es kurz und gut abgemacht!« sagte sie. Dieses hatte vor ihr schon die Herzogin von Berry gesagt, die sich gleich ihr durch ihre Neigung zur Unzüchtigkeit und ihre spöttische Libertinage ausgezeichnet hatte. Der Herzog von Orleans war eben so unbedeutend, aber weniger rechtschaffen als sein Vater. Seine Seele sank in ununterbrochener Erniedrigung von Stufe zu Stufe. Er durchschritt einen Theil jenes belebten, dramatischen Jahrhunderts, ohne irgend einen Glanz zu verbreiten. Seine Ausschweifungen wurden nicht berühmt. Er starb den 18. November 1785. Die politischen Ereignisse der Regierung Ludwig XV. gehören einer andern Erzählung, als diese ist. Sagen wir nur von ihm, daß er fortfuhr, Frankreich zu erniedrigen und zu vernichten. Er entehrte es vierzig Jahre lang äußerlich, und sog es innerlich auf. .Ich will nicht von seinen Handlungen des Despotismus reden, welche nur zu zahlreich sind. Auch bedarf es, um die Verbrechen der französischen Könige aufzuzählen, eines weit ausgedehnteren Entwurfes, als dieser ist! »Mit wie vielen Ungerechtigkeiten,« sagt la Vicomterie, »mit wie viel dunkeln und grausamen Ungerechtigkeiten und Lastern hat er nicht sein Gedächtniß befleckt! Er wurde Ludwig der Vielgeliebte genannt, und wurde, nachdem er die Nation ausgesogen, sie dem Eisen der Deutschen, der Britten, der Italiener, der Preußen überliefert hatte, der Anführer der Monpolisten und überließ das Volk der Hungersnoth, um eine Buhlerin zu bezahlen. Privatleute haben diesen schändlichen, mitleidlosen Handel mit ihren Köpfen bezahlt. Eben so despotisch wie sein Großvater, kam er ins Parlament, erklärte, daß er Gehorsam verlange, und drohte, Jeden, der denselben verweigere, zu bestrafen; auch nahm er die Klage gegen den Herzog von Aiguillon, dessen Sohn durch Patriotismus die Verirrungen seines Vaters wieder gutgemacht hat, aus der Kanzlei; 1771 endlich hob er mit willkürlicher unumschränkter Gewalt, ohne die Nation zu fragen, alle Behörden auf, die allerdings ein treuloses und gegen sich selbst, so wie gegen die unbeschränkte Gewalt zu schwaches Gegengewicht waren. Nichts desto weniger indessen war diese That die eines Tyrannen, der Alles mit dem Gewicht seines unumschränkten Willens zerschmettert. Genug der Verbrechen, zur Schande seines Andenkens; genug der öffentlichen Angriffe gegen die Völker; ich werde nicht mehr die vielen entsetzlichen Gerüchte aufwühlen, die ihn so verhaßt gemacht haben; ich werde nicht die Asche der Königin, des Dauphins und seiner Gemahlin stören. Ludwig XV., Du sahest sie trocknen Auges in die Gruft senken jetzt ruhen sie daselbst an Deiner Seite; und hätten sie noch Empfindung, sie wäre ihnen vielleicht eine Qual. Da wären wir denn angelangt, an dem Ende dieser drei Dynastieren von Räubern, Betrügern, Tyrannen, deren Keiner verdient hat, daß die Geschichte sie vertheidige; denn sie plünderten, beraubten, vernichteten die Nation! Ja, alle diese Könige haben gewetteifert, sich mit denselben Lastern, denselben Verbrechen zu besudeln. Sie Alle haben das Volk wie einen gemeinen Haufen Vieh betrachtet, den sie an den Gränzen erwürgen ließen, nachdem sie ihn in Frankreich geschoren hatten. Was mich anbetrifft, so will ich das Publikum nicht in den parc aux cerfs und an die andern Orte führen, wo Ludwig XV. seine ungezügelten Leidenschaften befriedigte. Ueber diesen Mann, den der Tod mitten in den frechsten und schändlichsten Orgien überraschte, ist genug gesagt. Die Regierung Ludwig XV. endigt mit Bankerott, Hungersnoth, Erniedrigung. Dieser König, dem alle menschliche, wie alle politische Würde fehlte, sah, in dem den Thron umgebenden Kothe sich wälzend, nicht, wie das Volk, so vielen Elendes endlich überdrüssig, sich zu einem entsetzlichen Kampfe bereitete. Man erstaunt, bei Lesung jener traurigen blutigen Annalen, über den Leichtsinn und die Blindheit der Könige. Die Werke des unsterblichen Roussau und die weniger populairen des Voltaire und Helvetius waren von der ausübenden Gewalt, die mit einem unverschämten Lächeln auf den Lippen dem Abgrunde zueilte, verächtlich zurückgewiesen worden. Was lag daran! Alles deutete auf eine unausbleibliche Reaction, Alles trieb zu einer gewaltsamen Umwälzung. Ludwig XVI. bestieg den Thron; er sollte die Rechnung des Königthums mit dem Volke abmachen, doch es fehlte ihm an Genie, Gründlichkeit und besonders am Willen; er war weder beharrlich, noch fest, noch energisch; er kannte weder die Menschen, noch seine Gefahr, hatte weder Einsicht in die Geschäfte, noch Lebenserfahrung. Er war ein schüchterner, haltungsloser Mann; er schwankte, von verhängnißvollen Entscheidungen beherrscht, zwischen dem Volke, welches er nicht verabscheute, dem Hof, den er hätte schonen mögen, der Aristokratie, die er fürchtete, und den Feinden, die er zu Hilfe rief. Die Klubbs werden gestiftet, das Volk erhebt sich, die Stunde der Volksherrschaft naht! Sechstes Kapitel Philipp Egalité (IV)„das Ungeheuer), Vater Louis Philipps Die französische Revolution war Frankreichs Wiedergeburt; sie war das Werk der Freiheit und des Fortschrittes, welches von Christus mild begonnen, von den Menschen gewaltsam vollendet ward; sie war ein majestätisches, dramatisches Schauspiel, voll wichtiger, der Beachtung aller Menschenfreunde würdiger Lehren. Man sieht ein durch Siege entfesseltes Volk, einen Thron, der sich, durch feinen Fall betäubt und entmuthigt, um sich selbst dreht. Es sei mir erlaubt, hinzuzufügen, daß nie eine mächtigere, muthigere, alle Hindernisse verachtendere und so innig mit den andern Völkern, ihren Brüdern vor Gott, sympathisierendere Nation eine Revolution bewirkte. Im Jahre 1789 seufzte die französische Nation unter all den Uebeln, deren Quelle das monarchische System der Bourbon’s war, als die General-Staaten plötzlich zusammenberufen wurden. Da bildete sich die National-Versammlung und stellte sich kühn einem umstürzenden Throne gegenüber, den indessen die Erinnerungen seiner einstigen Gewalt und Größe noch umgaben. Der alten und stolzen Aristokratie Frankreichs, der Armee, dem zürnenden Hofe wagte die National-Versammlung zu erklären, daß sie die Nation vertrete und dieselbe als unverletzbar anerkenne. Gewiß, das war Muth, war Heldensinn. Nie hatte eine Nation so majestätisch gehandelt, wie diese, welche ein Schauspiel gab, das die Furchtsamsten ermuthigen konnte. Durch diesen imponierenden Ausspruch ihres Willens besiegte die National-Versammlung eine mehre Jahrhunderte bestandene, von einer so servilen Aristokratie, als mächtigen Armee beschützte absolute Monarchie. Wie kam sie denn dazu, diese von ihr überwundene Macht wiederherstellen zu wollen? Weil den armen Gesetzgebern der Kopf wirbelte, bei dem Gedanken an die Umgestaltung, deren jene sociale Stufenleiter bedurfte, auf deren Gipfel Glück und Reichthum sich häuften, während unten. Alles fehlte: Alles, ja, es ist schrecklich zu sagen, Alles, sogar das zur Fristung des Lebens unumgänglich nothwendige Brot. Sie ließen es also dabei bewenden, das Königthum zu einer simpeln Magistratur herabzusetzen; aber sie irrten sich. Die Geschichte gleicht dem menschlichen Leben: man sieht in derselben eine Täuschung durch die andre, einen Kampf durch den andern, eine Tyrannei durch die andre ersetzt; und das ist nicht die kleinste Lehre der Geschichte. Der Irrthum der National-Versammlung bestand darin, daß sie glaubte, ein Volk, dem es gelungen war, einen Theil der öffentlichen Gewalt zu erringen, werde seine Anstrengungen, dieselbe ganz zu gewinnen, einstellen; auch irrte dieselbe, wenn sie glaubte, ein Bourbon, welcher König gewesen war, werde sich mit der Stelle des Präsidenten einer Republik begnügen. Die Bourgeoisie, welche 1830 denselben gefährlichen Glauben hegte, erstickte, durch Ehrgeiz und Egoismus verleitet, die großmüthigen Stimmen, welche sich erhoben, die Volksherrschaft kühn zu proclamieren. Die Nationen fehlen sehr, daß sie die ganze Sorge der Regierung einem Alleinherrscher anvertrauen, wenn sie nicht sichre Garantien gegen dessen Ausschreitungen und schnelle wirksame Mittel haben, dessen Gewalt zu widerstehen, sobald er den Willen der Nation dem seinigen unterordnet. Alle Blätter der Geschichte zählen die Uebelstände auf, welche aus dieser großen Unvorsichtigkeit entstehen. Die National-Versammlung setzte, statt Ludwig XVI. selbst abzusetzen, nur seine Macht herab, und stellte so zwei Gewalten einander gegenüber, die des Volks und die des Königs, welche einander so lange bekämpfen mußten, bis die Eine durch die Andre vernichtet war. Es war indessen, nicht schwer, eine Revolution vorauszusehen, die um so fürchterlicher werden mußte, als das Volk so lange unter dem Druck gelebt hatte. Je länger eine Nation verachtet und ihrer Rechte unbewußt schläft, je furchtbarer ist ihr Erwachen. Ludwig XVI. hatte nicht gesäumt, seine Unzufriedenheit mit der Stellung, welche die National-Versammlung ihm zuerkannte, zu erkennen zu geben, er konnte den Titel eines Königs der Franzosen, den Oberbefehl der Armeen und dreißig Millionen Einkünfte nicht als hinreichende Entschädigung anerkennen. Nichts, selbst nicht der Umstand, daß er früher im Besitz der unumschränkten Gewalt war, kann ihn in den Augen der Machtwelt entfchuldigen, daß er sich, nachdem es einmal so weit gekommen, damit nicht begnügte. Es vereinigte sich übrigens Alles, das Volk zu einer Revolution zu stimmen. Niemals war das Elend zu einer solchen Höhe gestiegen gewesen, und doch erhöhte der überaus strenge Winter von 1789 dasselbe noch. Die Gemüther waren in einer außerordentlichen Gährung. Die Bürger bildeten Gesellschaften, die sie Clubbs nannten. Dort wurden die Interessen der Nation, die abzuschaffenden Mißbräuche, die zu bewirkenden Verbesserungen erörtert; dort wurde bewiesen, daß das Volk von den höheren Classen ausgeplündert, die Industrie in ihrem Fortschritt gehemmt sei. In der That seufzte das Volk unter Auflagen, die ihm so grausam und drückend, als den Großen unbedeutend und leicht waren; es ernährte mit seinem Schweiße und vertheidigte mit seinem Blute übermüthige Bevorrechtigte. Selbst ein Theil des Adels war unzufrieden und sah eine nahe Umwälzung voraus. Schon hatten im Anfang des Jahres 1789 mörderische Kämpfe. Statt gefunden; schon entehrte der Herzog von Orleans das Volk, indem er es betrog. Dieser Prinz, der Schandfleck des Hauses Bourbon, ist durch seine Verrätherei und seine Sittenlosigkeit nur zu berüchtigt worden. In der Hoffnung, von den sich überall vorbereitenden Unruhen profitieren zu können, ließ er durch einige seiner Creaturen dem Volke sich anbieten, für den Fall, daß sie dem Staate ein neues Oberhaupt geben wollten. Es wird angenommen, daß dieser Mann, dem Viele seine legitime Geburt streitig machen, und der am 13. April 1747 geboren wurde, ein Sohn von Ludwig Philipp von Orleans war. Seine Mutter, Louise Henriette von Bourbon-Conti war eine freche, schamlose Messaline, die ihr Lager mit ihren eignen Bedienten, theilte. Philipp Egalité rief selbst eines Tages: . »Ich bin der Sohn des Kutschers meiner Mutter!« Sein Vater hatte ihn, so lange er lebte, nicht als seinen Sohn anerkannt. »Ich habe triftige Gründe, so zu handeln,« sagte er, »Die Herzogin von Orleans hat, von innrer Gluth verzehrt, sogar ihre Domestiken gerufen, um ihr Lager mit ihnen zu theilen.« Es lebte nie ein feigerer, niederträchtigerer Heuchler als Ludwig Philipp Joseph von Orleans, der, um das Volk ungehindert zu betrügen und dem Gericht der Revolution zu entgehen, den Namen Egalité annahm. Nur der Lebenswandel seiner Vorfahren kam dem seinigen gleich. Den Lastern seiner Familie treu, verrieth dieses Ungeheuer das Vaterland und seine Verwandten gleichzeitig. Er wollte die französische Revolution, durch welche das Volk sich dem Joche der Tyrannei entziehen wollte, benutzen, um sich des Thrones zu bemächtigen, dieses Thrones, den jetzt, nach dem Falle Carls X., sein Sohn doch noch bestiegen hat! Die Kindheit von Philipp Egalité zeichnet sich durch nichts Neues aus, indem er nur frühzeitig in die Fußsapfen seiner Vorfahren trat, so daß, als er beinah noch Knabe zu nennen war, Unzucht, Schwelgerei und Trunkenheit schon seine Tage und Nächte ausfüllten und sich seiner wie eines ihnen gebührenden Raubes bemächtigten. Er selbst beeiferte sich, die Unregelmäßigkeit seines Lebenswandels bekannt werden zu lassen, seine Schande zu veröffentlichen, und die müßige Jugend des Hofes mit sich in den Abgrund des Verderbens zu ziehen. Er übte, indem er das Beispiel der größten Zügellosigkeit gab, den nachtheiligsten Einfluß auf die Sitten seiner Zeit aus. Dennoch war er ziemlich populair geworden, weil er die Gabe hatte, denen, die er gewinnen wollte, zu schmeicheln. Seine hohe Stirn war zwar in Folge seiner Schwelgereien vom Haar entblößt, mit frühen Falten gefurcht und seine Wangen eingefallen, auch hatte er die Gesichtsfarbe der Trinker von Profession, doch hatte sein Lächeln, wenn er sprach, einen eigenthümlichen Reiz, und seine Manieren waren, wenn er es darauf anlegte, zu gefallen, angenehm und einnehmend. Er trachtete nach dem Throne und suchte sich daher bei dem großen Haufen auf alle nur mögliche Weise beliebt zu machen. Dabei unterließ er nicht, für die Interessen seines Hauses, wie er es nannte, zu sorgen; in der Hoffnung, den Prinzen Lamballe zu beerben, stieß er denselben methodisch in den Pfuhl der Laster, erschöpfte ihn durch Ausschweifungen und verließ ihn nicht eher, als bis er einer tödtlichen Krankheit, in Folge seiner im Uebermaß genossenen Freuden, erlegen war. Die Politik solcher Menschen besteht darin: Alles zu thun, um zum Thron und zu Reichthum zu gelangen; Alles thun! das heißt, Intriguen und Gift mit gleicher Kaltblütigkeit anwenden. Diese Art von Mord war es nicht allein, was allen rechtschaffenen Leuten eine so tiefe Verachtung gegen den Herzog von Orleans einflößte. Es würde theils zu weitläufig, theils unmöglich sein, alle auf die schändliche Lebensweise dieses Prinzen bezüglichen Anekdoten hier zu erzählen. Er hatte mehre Serails in seinem Palaste, in denen er sich dem niedrigsten Sinnentaumel hingab. Obgleich er der reichste Fürst Europa’s war, gab er doch täglich Beweise der niedrigsten Habsucht. Er richtete fast alle diejenigen, welche in der Nachbarschaft seiner Güter Besitzungen hatten, durch Prozesse und hinterlistige Nachstellungen zu Grunde. Dieser so durch und durch verderbte Mann hatte alle gemeine Laster: er liebte den Wein, das Spiel, die schamlosen Weiber. Seine Orgien mit Frau v. Genlis sind historisch berühmt geworden. Er war vor Allem geizig, ehrsüchtig, unbescheiden; er betrog im Spiel, und eines Tages, als er am Hofe erschien, flüsterten sogar einige Personen: »Da ist der Herzog v. Orleans! nehmen wir unsere Uhren in Acht!« Das war durchaus nicht übertrieben, denn er war immer von Gaunern begleitet und sehr geschickt in Abdrückung von Schlüsseln, ja es begegnete ihm sogar, daß er dieselben Buhlerinnen bestahl, in deren Armen er die Nacht verschwelgt hatte. Wenn er mit seinen Freunden und Buhlerinnen geschmaust hatte, gab er auch noch dem Volke durch seine unzüchtigen Lieder und Redensarten ein Aergerniß. Eines Abends, nach einer seiner Orgien, ging er mit Hrn. v. Genlis auf einen Ball. Als dieser ihn auf eine Frau aufmerksam machte, die er sehr schön fand, sah der Herzog dieselbe unverschämt an und sagte dann ganz laut: »Ah! eine gewesene (passée) Schönheit!« »Wie Ihr Ruf,« antwortete die Dame. Aber aus Demüthigungen machte dieser Mann sich nichts, zu dem La Mothe-Piquet sagte: »Prinz, wenn ich mich so niederträchtig aufgeführt hätte, wie Sie, schösse ich mir eine Kugel durch den Kopf.« Sobald Orleans erfahren hatte, daß die Freimaurer sich insgeheim mit Politik beschäftigten, verband er sich mit ihnen, und in einer Freimaurerloge machte er Bekanntschaft mit Barrère, Sieyés, Grégoire, Robespierre, Marat, Saint-Just und Andern. Zuletzt ließ er sich zum Großmeister aller Logen des großen Orient ernennen, in dieser Logen führte er seinen Sohn, Ludwig Philipp v. Orleans ein, der 1830 von zweihundert und neun Deputierten zum König der Franzosen ernannt ward. Im Jahre 1789 wurde Philipp-Egalité in einer jener Versammlungen der Grad eines Kadosch ertheilt. Er ward in einen Saal geführt, der durch eine Lampe, die düsteren Schatten an die Wand zurückwarf, matt erleuchtet war. Auf einem Throne saß eine mir den Zeichen der Königswürde geschmückte Gliederpuppe; die Brüder führten Egalité ein und forderten ihn auf. Eine Doppelleiter. Die vor dem Throne stand, hinauf zu steigen; er stieg bald wieder herab, um einen Dolch in Empfang zu nehmen, den er der gekrönten Gliederpuppe in die Brust stieß. Eine dem Blut ähnliche Flüssigkeit rieselte über seine Hände; nun forderten ihn die Brüder auf, der Puppe den Kopf abzuschneiden und denselben darauf mit der rechten Hand emporzuheben, während er die mit dem Dolche bewaffnete Linke über seinen Kopf erheben werde. Nachdem dies geschehen war, unterwarf man ihn den andern üblichen Förmlichkeiten. Er schwor, die Könige und die Verräther zu treffen, wo er sie finden werde. Einige Zeit zuvor war er verbannt gewesen von Ludwig XVI., diesem Könige, der so schwach und so gutmüthig, so unentschlossen und so eigenmächtig zu gleicher Zeit war und der seine Schwäche und die Verbrechen seiner Vorfahren mit seinem Leben bezahlen sollte. Die Geschichte des Ehrgeizes und der Verbrechen Ludwig-Philipp-Josephs v. Orleans beginnt eigentlich mit dem Jahre 1789. Einige Zeit nach der Zusammenberufung der General-Staaten entwickelten sich die Absichten dieses Mannes. Je nachdem sie auf unsere Erzählung Bezug haben, werden wir Bruchstücke aus der geheimen Correspondenz von Philipp-Egalité mittheilen. Was seine Unterhaltungen anbetrifft, so sind von denselben noch Proben vorhanden, wie z. B. folgende: »Nun denn!« sagte er eines Tages zu seinem Kammerdiener, der sein bester Freund war, »sollte ich umkommen, so sterbe ich zufrieden, wenn ich den König und besonders die Königin, mit mir in den Abgrund ziehe und lebe ich, so schwöre ich, sie unglücklich zu machen, wie lebende Wesen nur werden können; ich werde all’ mein Vermögen, ja mein Leben selbst daran setzen, wenn es sein muß.« Orleans, der den Angriff gegen das Königthum schon begonnen hatte, indem er Korn aufkaufte, um damit zu wuchern, gab sich keine Mühe mehr, seinen Haß gegen den König zu verbergen. Es war jedenfalls etwas Scheußliches um diesen Haß gegen einen Verwandten, der ihm noch dazu persönlich viel Güte erzeigt hatte; er betrog zu gleicher Zeit das Volk, denn er hatte, was er auch von Freiheit und Gleichheit schwatzen mochte, nie einen andern Zweck, als für sich die Krone zu gewinnen. Um diese Zeit schickte er einen seiner Agenten, Namens Ducrest, nach London, um über das von ihm aufgekaufte Korn einen Handel abzuschließen. Zu gleicher Zeit war Ducrest beauftragt, die britischen Diplomaten auszuforschen, und ihnen die Zusicherung zu geben: »daß die Orleans immer ihre Freunde sein würden!« Ein anderer Agent des Prinzen, Pinet, kaufte mit dessen Gelde in ganz Frankreich Getreide auf. Nach diesem Streiche stiftete Philipp v. Orleans Unruhen in Paris an und organisierte den Aufstand. Er billigte nicht nur laut die großherzigen Anstrengungen des Volks, um seine Sclavenketten abzuschütteln, sondern schürte noch mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die alle gemeine Unzufriedenheit an. Das Palais-Royal war der Zusammenkunftsort der Rädelsführer auch alle Verrufenen, Ehrlosen und alle Gauner und Spieler der Hauptstadt konnte man dort finden. Orleans besoldete die Redner, welche aus blinder Leidenschaft für das Geld, dem Meistbietenden zur Disposition standen; in seinem Palaste stiftete er ein Comité der Revolution, und fing neuen Kornwucher an. Er schmeichelte zu gleicher Zeit den Hoffnungen der Bürgerschaft, und den sehr strafbaren der Fremden. Das Volk starb vor Hunger; Orleans, der durch seinen Kornwucher daran Schuld war, prahlte mit seiner Freigebigkeit. Indessen überstiegen seine prahlerischen Almosen nicht die Summe von dreitausend Livres. Nichts desto weniger galt er für wohlthätig, für mitleidig und ließ sich den Wohlthäter des Volkes nennen. In dieser Zeit vereinigte er sich mit zwei sehr gewandten Spitzbuben, die seit einiger Zeit die Hauptstadt unsicher machten. Diese Gaudiebe, die Coffiné und Poupart de Beaubourg hießen, trieben ihre Spitzbübereien ins Große, seit sie an Philipp v. Orleans einen Verbündeten hatten. Eine große Menge reicher Pariser wurden von diesen beiden Bösewichtern beraubt und ermordet; bei Nachtzeit brachten sie die Früchte ihres Raubes nach dem Palais-Royal, wo sie dieselben mit Orleans theilten! Meistentheils kaufte Letzterer von seinen beiden Mitschuldigen um einen geringen Preis die Gegenstände, deren sie sich, ohne Gefahr dadurch entdeckt zu werden, nicht sogleich entledigen konnten. Also spekulierte der Herzog v. Orleans, ein Prinz von königlichem Geblüte, auf Raub und Mord! Der Diebstahl, welcher Orleans am Meisten einbrachte, fand bei der Gräfin Dubarry statt, welche durch denselben alle ihre Diamanten verlor, die Orleans in England verkaufen ließ. Viele auf des Herzogs Befehl begangene Verbrechen sind unbekannt geblieben; einige derselben wollen wir indessen hier bekannt machen. Orleans hatte einige Jahre eine Maitresse gehabt, der er noch jährlich zwölftausend Franken gab. Diese Frau war außerordentlich geizig; sie hatte folglich eine bedeutende Summe zusammen gescharrt. Eines Abends ging Orleans mit Cossiné nach ihrer Wohnung, er hatte sich angemeldet, fand sie also allein. Cossiné ward von Orleans als einer seiner Freunde vorgestellt. Das Liebespärchen schwatzte zusammen, während Cossiné sich nachlässig erhob und anscheinend die Gemälde an den Wänden betrachtend, hinter seinem Opfer anlangte und demselben mehre Dolchstiche in den Hinterkopf versetzte. . . . sie sank zu den Füßen Orleans nieder, der sich nun beeilte, seine Taschen zu füllen, und Cossiné aufforderte, dasselbe zu thun. . . . Sie fanden bei dem unglücklichen Opfer dieser Frevelthat weder Geld noch Bijouterieen . . . . Umsonst spürte die Justiz den Verbrechern nach: den Herzog von Orleans schützte seine hohe Stellung vor jedem Verdacht. Als Coffiné eines Tages verhaftet und ins Chatelet gebracht war, erklärte er, daß er wirklich alle ihm schuld gegebenen Morde und Diebstähle begangen, jedoch damit nur die Befehle des Herzogs v. Orleans vollzogen habe. Bei diesem Namen öffneten sich die Thore des Gefängnisses; man bat ihn schönstens um Verzeihung, ihn verhaftet zu haben und fügte hinzu, wenn er der Freund des Herzogs sei, so solle er künftig nicht mehr befürchten beunruhigt zu werden. Orleans trieb die Frechheit sogar so weit, Cossiné mit an den Hof zu nehmen: der Mörder mischte sich unter die Höflinge und versuchte, der Königin die Uhr zu nehmen, die sie am Halse trug; er wurde jedoch auf der That ergriffen. Abermals berief er sich auf seinen erlauchten Gönner und wurde nicht verfolgt. Von Sieyes, Mirabeau, Valence und Dumouriez unterstützt, bereitete Orleans. Alles vor, um die Dynastie zu seinem Vortheil zu verändern: er wollte in seiner Person das constitutionelle Königthum proclamiren! E: überschwemmte Paris mit Schmähschriften und stiftete den Clubb der Rasenden (club des enragés). Diese Gesellschaft leistete dem Volke einen großen Dienst, indem sie sehr zweckmäßige Schriften unter dasselbe vertheilte, die ganz geeignet waren, es für die Revolution zu stimmen, Orleans, der seine Popularität in Paris mit sehr geringen Kosten erlangt hatte, sah sich, um dieselbe auch im Heere zu gewinnen, genöthigt bedeutendere Opfer zu bringen. Er entsagte allen ihm zukommenden Einnahmen, stiftete Hospitäler und Lazarethe[2 - Sein Sohn wendete nicht so viel daran, um populair zu werden, denn im Jahre 1830, in dem Augenblicke wo er den Thron bestieg, lag er im Prozeß mit fast sämtlichen am Meere gelegenen Gemeinden der Nieder-Normandie. Er sollte so eben vor das Tribunal von Coutances gefordert und ihm angedeutet werden, seinen gehässigen Prätenfionen zu entsagen. Zwei ähnliche Prozesse gegen die Stadt Cherbourg hatte er schon verloren.] und vertheilte auch eine Summe Geld. Durch diese Freigebigkeiten hoffte er Deputierter zu werden. In Orleans mißglückte es ihm, und, wie um zu zeigen, daß seine Wohlthaten nicht ohne Absicht verliehen waren, entzog er der Bibliothek der Stadt nun die Summe von 24000 Franken, die er bis dahin jährlich gegeben hatte. Endlich gelang es ihm, in Villers-Cotterets gewählt zu werden. Nun ging er nach Paris und mischte sich in die Wahlen des Adels. Alle die gewählt wurden, waren, mit Ausnahme von Mirepoir, seine Creaturen, oder wenigstens Feinde des Königs.[3 - Diese Deputierten waren die Grafen von Rochechouart, von Clermont-Tonnerre, von Lally-Tolendal, von Lusignan, der Herzog von La Rochefaucould, der Marquis von Montesquiou, die Räthe Duport und Dionis du Sejour, der Präsident Saint-Fargeau.] Die erste Volksbewegung, die am 28. April 1789 in Paris ausbrach, war gegen zwei Fabrikanten der Vorstadt St. Antoine, Reveillon und Hurin, gerichtet, welche ihre Arbeiter im Elende vergehen ließen, und ihnen sagten: »sie könnten recht gut von fünfzehn Sous täglich leben.« Ihre Häuser wurden von dem Volke demoliert; die Meubles und sonstigen Sachen wurden aus den Fenstern geworfen. Der Wuth des Volkes wurde militärische Macht entgegengestellt. Der Herzog v. Orleans erschien selbst auf dem Kampfplatze. Er bediente sich der Herzogin, seiner Gemahlin, um die Soldaten zu zerstreuen. Bei dem Anblick der Frau des Ungeheuers öffneten sich ihre Reihen, und das Volk konnte ungehindert passiren. Nun wurden Kanonen gegen die aufrührerischen Arbeiter aufgepflanzt. Obgleich von geringerer Anzahl, zogen die Insurgenten sich doch nicht zurück, der Kampf begann. Man sah heldenmüthige Frauen die Nothleidenden zur Verzweiflung aufreizen, in ihren Herzen das Gefühl der Menschenwürde anfeuern und an ihrer Seite kämpfen. Das Volk brachte zu diesem ersten Kampf jene Rechtschaffenheit mit, die dasselbe auch in der Julirevolution zeigte; jenen Geist, der die Stärke der Republiken bedingt und die königlichen Verläumdungen zu nichte macht. Der Widerstand der Proletarier, ihr Muth hatten etwas Heldenmüthiges, Wunderbares. Nur der Tod brachte sie zum Weichen; sie kämpften mit dem Muthe der Verzweiflung. Sie wußten mit Ergebung zu sterben. Der Hof entzog dem Parlamente die Instruction des Prozesses; der Herzog v. Orleans schrie laut gegen diesen Mißbrauch der Gewalt,[4 - Jetzt sind auf eben die Weise die politischen Prozesse der Jury entzogen; und die Pairs-Kammer hat den Auftrag, die Schriftsteller und Verschwörer, die sich etwas zu laut über den jetzigen Zustand der Dinge vernehmen lassen, zu richten. »Man kann auf eine Majorität in dieser Kammer sicher rechnen.] bald aber, angeklagt, ein Mitschuldiger der Aufrührer zu sein, beeilte er sich, öffentlich zu erklären, und durch einige Journale publiciren zu lassen, daß er über diese Anklage sehr betrübt sei und hoffe, das Publikum werde ihn nicht für einen Theilnehmer des Complotts halten. »Die Wahrheit,« fügte er hinzu, »wird bald genug bekannt werden; ich weiß, wer die wahren Anstifter des Aufruhrs sind, zu dessen Theilnehmer man mich machen will; ich kenne sie, und werde die Gerechtigkeit des Königs gegen sie aufrufen; ich werde sie angeben, sie den General-Staaten anzeigen, damit sie von denselben gerichtet werden; die strengste Gerechtigkeit werde ich gegen sie aufrufen; und ich erkläre hiermit feierlich, daß ich meine Anklage veröffentlichen werde.« So verrieth Philipp-Egalité die, deren Sache er angehört hatte! Die Ereignisse waren mit unerhörter Schnellligkeit einander gefolgt, man vergaß darüber sein Versprechen, die Anstifter des Aufruhrs namhaft zu machen, und er hielt sich an seine Zusage nicht mehr für gebunden. Er ging zu Reveillon, mit dem er sich vereinigte, den Schuldigen ausfindig zu machen. Sie wählten einen Priester, Namens Leroi, der wegen seiner verderbten Sitten berüchtigt und so arm war, daß er nicht die Mittel aufbringen konnte, um sich mit Erfolg gegen Richter, die von der Verworfenheit erkauft waren, zu vertheidigen. Dennoch gaben die Richter des Chatelet, ihn frei, denn keiner der verhafteten Aufrührer erinnerte sich, ihn bei Hurin oder Reveillon gesehen zu haben. Dieser Letztere ließ sich von Orleans bereden, Leroi bei dem Parlamente zu verklagen. Louis Philipp hatte mehre Berathungen mit seinen Genossen, in welchen beschlossen wurde, falsche Zeugen gegen Leroi zu erkaufen. An dem Tage wo der Prozeß eröffnet wurde, kam Reveillon sehr früh zum Herzoge. Man hat bis jetzt nicht gewußt, was sie zusammen verhandelten, doch bin ich im Stande es mitzutheilen: »Nun!« sagte Orleans, »ich habe über einen bessern Plan nachgedacht, als der war, den wir neulich gefaßt hatten. Leroi darf nicht vor dem Parlament erscheinen« »Und wie ihn daran verhindern?« fragte Reveillon. »Nichts ist einfacher als dieses. Er ist furchtsam; man muß ihm weis machen, daß das Publikum im höchsten Grade gegen ihn eingenommen ist, und daß er, schuldig oder nicht, auf jeden Fall festgesetzt und verurtheilt werden wird.. . . Er ist feige, ist mißtrauisch. . . « »Aber, wenn er heute nicht erscheint, wird das Parlament ihm einen andern Termin setzen.« »Dazu darf es nicht kommen; denn wir müssen uns feiner entledigen.« Und so geschah es. Leroi ging, ehe er sich nach dem Parlamente verfügte, in ein Kaffeehaus. Dort umringten ihn einige Repräsentanten der orleanistischen Partei, die ihn den ganzen Morgen nicht aus den Augen verloren hatten;. . . sie bedauerten ihn, versicherten ihn, er werde auf dem Grève-Platze hingerichtet werden, wenn er das Decret seiner Verhaftung, welches nicht ausbleiben könne, abwarte,. . . er verließ dies Kaffeehaus. . . er erschien nicht vor dem Parlamente. Man hat ihn nicht wieder gesehen. . . Kurze Zeit nach dieser Begebenheit ließ Louis Philipp v. Orleans falsche Papiere machen und dieselben durch einen gewissen Leguerre an der Disconto-Casse präsentieren, es waren für fünfzigtausend Thaler. Diese Bons waren Necker unterzeichnet und wurden bezahlt. Als sie Necker vorgelegt wurden, erkannte derselbe die Unterschrift nicht als die seinige an; doch eine Gleichgültigkeit, welche beleidigenden Argwohn gegen ihn erweckte, ließ ihn die Sache unbeachtet lassen und keine Untersuchung gegen die Fälscher veranlassen. Endlich wurden die General-Staaten eröffnet: Louis Philipp erschien daselbst mit den Deputirten des dritten Standes und weigerte sich, seinen Platz an der Spitze der Prinzen von Geblüt einzunehmen. Als Ludwig XVI. ihm darüber bittere Vorwürfe machte, antwortete der Herzog: »Sire, meine Geburt giebt mir immer das Recht, mich an die Seite Ew. Majestät zu setzen; aber in diesem Augenblick glaube ich mich zu Denen halten zu müssen, die mich zum Deputirten erwählt haben.« Der Plan dieses Werks gestattet mir nicht, die Sitzungen der General-Staaten zu beschreiben und mich bei Thatsachen aufzuhalten, die sich nicht auf die Orleans beziehen. Das Betragen desjenigen von ihrer Familie, von dem hier die Rede ist, erregte eine dumpfe Sympathie. Ein Prinz von Geblüt entsagte den Vorrechten seiner Geburt, um sich zwischen die Abgeordneten der Bürgerschaft zu setzen! Das war etwas Unerhörtes. Seine Popularität gewann dadurch: er hatte das Talent, den Enthusiasmus des großen Haufens zu erregen; er legte dem Glauben des Publikums Schlingen, in denen es sich einen Augenblick fangen ließ. In einer der Adelskammern hielt Orleans eine Rede, als einer der Anwesenden, von der Hitze belästigt, laut ausrief: »Oeffnet das Fenster!« Orleans, glaubend, daß man ihn hinauswerfen wolle, erschrak, erbleichte und sank ohnmächtig um. Man brachte ihn in einen Nebensaal, ließ ihn Salze und Wohlgerüche einathmen, und knöpfte seine Kleider auf, um das Athemholen zu erleichtern; aber wie groß war das allgemeine Erstaunen, als man sah, daß er einen Brustharnisch trug.[5 - Man behauptet, daß der Sohn Egalités auch einen Brustharnisch trägt. Die Erfolglosigkeit der zahlreichen Attentate gegen seine Person, die seit 1830 statt gefunden haben, giebt dieser Vermuthung große Wahrscheinlichkeit.] Dessen ungeachtet hatte er eine bedeutende Majorität; er hatte eine unbeugsame Beharrlichkeit und es gelang ihm, in einer Versammlung folgende Beschlüsse zu veranlassen: »1) Montag, den 13. Juli 1789, allgemeiner Aufstand in der Hauptstadt und den Provinzen, und dann wird man die soGelegenheit benutzen, um den Herzog von Orleans als General-Lieutenant, oder Regenten des Königreichs zu proclamiren. »2) Wird vorläufig Alles aufgeboten werden, um die Noth allgemein zu machen, damit die Bürgerschaft gezwungen wird, zu den Waffen zu greifen. »3) Ermordung des Flesselles, Stadtschultheißen von Paris; Berthier’s, Intendanten von Paris; Foulon’s, seines Schwiegervaters; Durocher’s, Oberbefehlshabers der Marechaussée; Pinet’s, Wechselagenten des Baron von Besenvas, des Baron von Breteuil, des Grafen Artois, des Prinzen Condé, des Prinzen Conti, des Marschall von Broglie, des Prinzen von Lambes, des Abbé Maury, des Herrn von Aligre, ehemaligen ersten Präsidenten des Parlamentes von Paris; und der Herren von Eprémesnil und von Lefebre d’Ammécourt, Parlamentsräthe. »4) Tod Jedem, der dem Aufkauf des Getreides Hindernisse in den Weg legt, namentlich dem Müller Sauvage zu St.-Germain en Laye; dem Pächter Thomasin in der Nähe desselben Ortes, dem Cuveau, Mairie-Adjunkt zu Mans; dem Chatal, Maire zu St. Denis; dem Manssion, Intendanten von Rouen; dem Belboeuf, General-Procurator des Parlaments von Rouen. »5) Plünderung und Anzündung aller Schlösser von Aristokraten, wo man hin gelangen kann. »6) Niedermetzlung aller Royalisten, die Frankreich nicht verlassen werden.« – Man wird sich vielleicht wundern, auf dieser Proscriptionsliste auch den Namen Pinet’s, eines der Mitschuldigen Orleans, zu finden. Das kam daher, daß Pinet sehr reich geworden war: Philipp-Egalité wollte ihn beerben. Uebrigens erklärte Pinet öffentlich, der Herzog sei ein ehrloser Ränkemacher und Mörder. Unter den über Philipp Egalité gefällten Urtheilen ist besonders anzuführen, was Mirabeau von ihm sagt: »– Er ist feige und niederträchtig wie ein Laquai er ist nicht werth, daß man sich um ihn bekümmert! Er ist ein Elender, der zu nichts taugt, als Prinz zu sein!« Talleyrand, selbst so verächtlich, schonte doch Orleans auch nicht, und sagte von ihm: »– Er ist ein niedriger, gemeiner Intriguant; er bedarf nur Geld, um zufrieden zu sein. Für Geld würde er seine Seele verkaufen, und thäte recht daran, denn er vertauschte einen Misthaufen gegen Gold.« Es ist merkwürdig zu sehen, wie Ein Nichtswürdiger den Andern beurtheilt. Der Herzog von Orleans ließ eine Vertheidigungsschrift drucken und vertheilen, die wörtlich so anfing: »Hätte man jemals erwarten können, daß ein Fürst, dessen Jugend (gewiß ein großes Unrecht) fast ganz in den Frivolitäten und Freuden, die das Leben und die Empfindungen der Personen seines Ranges zu erfüllen pflegen, verging, einst den muthvollsten und edelsten Eifer für die Wiederherstellung des allgemeinen Wohlstandes und des Glückes der Nation an den Tag legen werde? Man würde diese Wahrnehmung noch bezweifeln, wenn nicht vielfache Beweise uns in dem Herrn Herzog von Orleans einen würdigen Sprößling Heinrich IV, den Feind der Verbündeten und der Aristokratie, die Stütze der Sache des Volks und des allgemeinen Rechts, welches älter als Reiche und Könige ist, erkennen ließen.« Im Schooße der allgemeinen Gährung war die Haltung des Hofes schlaff und kraftlos. Der König, ein Theil des Adels und fast der ganze Clerus wendeten das Jahr 1789 an, um gegen die Gewalt der großherzigen Ansichten, von denen die Orleans Vortheil ziehen wollten, einen übermüthigen Kampf zu unternehmen. Was die Deputierten der Gemeinden anbetraf, so gaben sie diesen Grundsätzen der Regeneration ihren vollen Beifall und erhöhten somit den Aufschwung derselben. Auf einer Seite war der König, allem Entsetzen eines in seiner Schwäche noch hartnäckigen Geistes Preis gegeben; auf der andern Seite bemühte sich die Nationalversammlung, die Schwierigkeiten zu überwinden, die es machte, dem Lande eine Constitution zu geben. Unterdessen setzten die Clubbs kühn ihre öffentlichen Sitzungen fort. Der Garten des Palais-Royal war einer der Mittelpunkte der Vereine. Diese Versammlungen waren von dem Herzoge von Orleans gestiftet, der eine Menge Schwelger, Müßiggänger und Ausländer in seinem Solde hatte. Unter den glühendsten Aufwieglern machte sich Camille Desmoulins, ein überspannter Republikaner, ein Mensch eben so sentimal als blutdürstig, bemerkbar. Bei der Nachricht von der Ankunft der Truppen des Hofes begab er sich nach dem Palais-Royal und stellte sich an die Spitze der Bewegung. Das Blut des Volkes floß unter den Streichen des Prinzen von Lambes, dessen Namen die Geschichte mit seiner Schande zugleich aufzeichnete. Die Läden der Waffenschmiede wurden geplündert, die Bürger- Miliz wurde organisiert. So entstanden die Nationalgarden. Glücklicherweise fand die Beredtsamkeit der Vertheidiger der Tyrannei dieses Mal keinen Eingang bei dem Volke, es warf sich auf die Bastille, – dieses Denkmal der rächenden Feudalherrschaft – und bemächtigte sich ihrer. Das Schicksal der Opfer dieses großen Kampfes wie aller derer, die demselben eine Reihe von Jahren hindurch folgten, ist zu bedauern. Die Verbrechen der Vorfahren, wie ihre Irrthümer, werden oft noch an den späten Enkeln heimgesucht, und nur erst in einer andern Welt, wo wir die Weisheit der Weltregierung in ihrem vollen Lichte erkennen, wird uns das Dunkel solcher trüben Verhängnisse klar werden. Wenn man revolutionaire Ereignisse und Thaten richtig beurtheilen will, so muß man dabei die Umstände , unter denen sie stattfinden, berücksichtigen, die Beschwerden des Volkes gegen die bevorzugten Classen reiflich erwägen, mit Einem Worte, feststellen, auf welcher Seite die größte Schuld begangener Verbrechen war. Das Königthum, der Clerus und der Adel wollten die Rechte und Vorzüge, in deren Besitz sie waren, fest halten. Das Volk darbte unter diesen Rechten und Vorzügen; es erkannte dieselben für ungerecht, übermäßig und abgeschmackt; der materielle Beweis für diese Behauptung war das Elend und der Verfall, zu dem diese vorgeblichen Rechte und Vorzüge es geführt hatten, und es fand die moralische Sanction seiner Verwerfung in seinem Gewissen und in dem Evangelium, welches ihm im Namen Gottes verkündigt war. Da nun die Frage über Rechte und Pflichten aufgeworfen war, bedurfte es eines neuen Vertrages, einer neuen sozialen und politischen Constitution; aber dieselbe mußte vollständig, feierlich, auf eine unerschütterliche Basis – die allgemeine Moral – gegründet, und durch Ehrfurcht einflößende Institutionen gegen die Eingriffe der Ränkemacher und Usurpatoren geschützt sein. Das war es, was die National-Versammlung versprach und was sie, ach! so unvollkommen hielt. Die Religion wurde dadurch, daß Menschen sie predigten, deren Lebenswandel allgemeines Aergerniß gab, verkannt und als Lüge behandelt. Aber die Völker können nicht, so wenig wie der einzelne Mensch, ohne Glauben, ohne einen heiligen Namen auf den Lippen, ohne einen Ruf der Hoffnung, leben. Dieser Glaube, dieser Name, dieser Hoffnungsruf, sind in dem einzigen Worte Freiheit enthalten. Dieses Wort ertönte, ertönte aus Millionen jauchzenden Kehlen und die französische Monarchie stürzte zusammen. Mitten in diesem Werke der Zerstörung erhoben sich große Geister, die im hellsten Lichte die christliche Bedeutung der Gleichheit neben die der Freiheit stellten, welche so eben die Bürger gegen die Privilegien und den Despotismus bewaffnet hatte. Daher kommt es, daß wir jetzt voll Vertrauen sind; es giebt keine Macht mehr auf Erden, die uns lange am Gängelbande führen könnte; jene entsetzliche Tyrannei kann nicht wieder erstehen, denn wenn dem so wäre, gälte es einen Kampf, und vor dem würde das Volk nicht zurückbeben. Man mag sagen was man will, es können jetzt keine Bastillen mehr bestehen. Hat der Schriftsteller nicht Feder und Schwert? Hat das Volk nicht Muth und die Erinnerung seines ersten Sieges? Bei dem Sturze dieser alten Monarchie, die von Raub und Schändlichkeiten abgenutzt, in Wollüste und Schwelgereien versunken war, zitterten alle Könige auf ihren Thronen; sie sahen die Freiheit, drohend allen denen, die ihre Gewalt mißbrauchen; und bei dem blendenden Glanze, welchen sie verbreitete, bemerkten sie zum ersten Male, daß ihre Throne eigentlich nur ein Gebäude von geschmückten Brettern waren, welches der geringste Stoß umstürzen konnte! Da war denn also die Demokratie in ein neues Stadium gelangt, wo wir ihr Schritt vor Schritt, in ihren Erfolgen und Verlusten, über die neue Erfolge sie trösten, folgen werden. Die Schicksale der Nationen ruhen in den Herzen und den Gedanken der Männer von Muth und Einsicht, die sich für Ideen und Grundsätze opfern, welche das einzige Wort: der Fortschritt, in sich faßt. Der Fortschritt! er erblühete aus dem Blute der gefallenen Herren, der auf einander eifersüchtigen Sclaven, der Unschuldigen, der Opfer, er erblühte auf den Schlachtfeldern, unter dem Geheul der zu Boden geworfenen Feinde, dem Gewieher der Schlachtrosse, dem Flattern der Fahnen. Der Fortschritt! er wird sich Bahn brechen durch die Ränke der Geldmänner und die geheimen Umtriebe der Polizei; er wird die Freiheit an den Tyrannen, die sie unterdrückten, rächen und Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit werden endlich siegen! – Nach der Einnahme der Bastille versuchte Ludwig XVI. noch, gegen den Strom der neuen Begriffe zu kämpfen, und das beschleunigte seinen Fall. Es gab nur noch Ein Rettungsmittel für ihn, nämlich freimüthig in die ihm vorgeschlagenen Umgestaltungen einzugehen und sich selbst an die Spitze der Volksbewegung zu stellen; aber zu diesem Entschluß gehörte ein Mann mit einer starken Seele und ausgezeichnetem Verstande, nicht aber ein König wie er, der unfähig war, die Anforderungen seiner Zeit zu erkennen und zu verstehen. Traurig war es andrerseits anzusehen, wie leicht das Volk sich von ehrgeizigen Männern leiten und verführen ließ: so fand die Volkspartei sich geheilt zwischen Orleans, Mirabeau, Barnave, den Lameth’s und La Fayette, welche Letztere die Monarchie retten wollten. Damals erkannte das Volk nicht, daß der Herzog v. Orleans General-Lieutenant des Reichs und Mirabeau Minister werden wollte. Dieser doppelte Versuch scheiterte an dem Terrorismus Robespierre’s und der Lameth’s. Das Jahr 1790 hatte kaum begonnen, als der Marquis v. Favras seine geheimen Verbindungen mit dem Hofe, der alles Geschehene wieder rückgängig machen wollte, auf dem Blutgerüste büßte. Bald darauf arbeitete die ganze Nation an den Vorbereitungen zu dem Feste, welches auf dem Marsfelde gefeiert werden sollte; und dort empfingen alle Verbündeten, die Deputierten des Heeres und der Provinzen den Eid des Königs, der seine rechte Hand gegen den Altar ausstreckend, an welchem der Bischof von Autun so eben die Messe gelesen hatte, mit starker Stimme sagte: »Ich, König der Franzosen, schwöre die mir durch die Constitutions-Urkunde des Staats verliehene Gewalt anzuwenden, um die von der National-Versammlung decretirte und von mir bestätigte Constitution auf recht zu erhalten.« An demselben Abend war ein allgemeines Fest in Paris, und an dem Platze, wo das alte Gefängniß der Bastille gestanden hatte, las man: Hier wird getanzt Indessen hatte der Hof den in Chatelet schon begonnenen Prozeß gegen die Rädelsführer vom 5. und 6. October wieder anhängig gemacht. Der Herzog v. Orleans und Mirabeau waren unter den Angeklagten. Der Hof erlitt den Schimpf eine erfolglose Anklage gemacht zu haben; die Stimme Mirabeau’s übertönte dieselbe, so wie auch die des Herzogs v. Orleans. Um den Bankerott zu vermeiden, brachte die Regierung eine Menge Assignaten in Umlauf und nahm alle möglichen Maaßregeln, um den Credit derselben zu sichern. Unterdessen starb Mirabeau in Folge übermäßiger Arbeiten und Schwelgereien, aufgerieben durch Sinnenlust und politische Aufregung. Es war am 2. April 1791; er war umgeben von Cabanis, Talleyrand und Barnave, die zu ihm gekommen waren, um fein letztes Lebewohl zu empfangen. Am 20. Juni, um Mitternacht, entflohen Ludwig XVI., die Königin, Madame Elisabeth und Frau von Tourzel, Erzieherin der Kinder von Frankreich, verkleidet aus dem Schlosse. Sie reisten die ganze Nacht, ohne daß ihre Flucht bemerkt wurde. »La Fayette hat diese Entweichung begünstigt,« schrie das Volk. Erst in Varennes wurde der König verhaftet durch den republikanischen Eifer , Drouet’s, eines Postmeisters-Sohnes. Die National-Garden der Umgegend lieferten die königlichen Personen nicht eher aus, als bis drei von der National-Versammlung bevollmächtigte Personen sich zu diesem Zwecke einfanden. Es waren Barnave, Latour-Maubourg und Péthion. Welch ein Umschwung! Der König und seine Familie kehrten in die von ihnen verlassene Hauptstadt zurück, bewacht von einem jungen Advokaten, und von einem Manne, den die Strenge und Rauhheit seiner Grundsätze seit einigen Tagen erst berühmt gemacht hatte. Barnave, der neben der Königin saß, konnte sich des Mitleids mit dieser unglücklichen Familie nicht erwehren. Der andre Tribun, Péthion, empfand weniger Sympathie für dieselbe. Die Reise währte acht Tage; der Wagen war von National-Garde begleitet, »Das Schweigen der Völker, sagt man, ist das Verbannungsurtheil der Könige.« Ludwig XVI. kannte diesen Ausspruch, die Aufnahme die er fand, mußte ihm mithin entsetzlich sein. Nicht ein Ruf, weder der Freude noch der Lästerung, ward gehört. Von da an konnte der König sich als verloren betrachten. Diese Reise, Folge jenes Mißgeschicks, welches die Schwäche und Feigheit verfolgt, setzte ihn auf immer in der Achtung der Nation herab. Der König und seine Familie wurden in den Tuilerieen gefangen gehalten. Umsonst boten Barnave und Lameth ihren Einfluß auf, um sie zu retten, es war um sie geschehn: Péthion, Robespierre und Buzot wollten die Republik, und die, welche noch nicht geradezu Republikaner waren, verlangten wenigstens eine andre Dynastie, wogegen Jene meinten: wenn so Vieles nur geschehen sein sollte, um wieder einen König zu wählen, wäre es am Besten gewesen, diesen zu behalten. Uebrigens verdiente der Herzog v. Orleans wahrlich nicht, Ludwig XVI. vorgezogen zu werden. Unterdessen ließ La Fayette auf dem Marsfelde, neben dem Altar der Freiheit, auf das Volk schießen. Mehre hundert Bürger wurden von seinen Soldaten niedergemetzelt und zertreten. Endlich wurde der König, nachdem er die Constitution, welche in aller Eile entworfen war, angenommen hatte, wieder in Freiheit gesetzt, und am 30. September erklärte die National-Versammlung ihre Sitzungen für geschlossen. Einige ihrer Mitglieder, nämlich Barnave, Lameth und Duport, näherten sich dem Hofe, und gaben dem Könige Rathschläge. Aber die Unentschlossenheit des Monarchen gestattete ihm nicht, die Fingerzeige, die ihm gegeben wurden, zu benutzen. Der neue Verein, der den Namen die gesetzgebende Versammlung annahm, zählte unter seinen Mitgliedern Girardin, Ramon, Voublanc, Dumas und jene talentvolle aber schlaffe Plejade, aus der die Partei bestand, die man die Girondisten nannte und unter welcher Deputierte aller Departements sich befanden. An der Spitze dieser Partei standen Condorcet und Vergniaur, welche eine friedliche, milde Republik träumten, und Merlin von Thionville, Chabot, Bazire, welche später zu der Partei des Berges gehörten. Die Clubbs wurden jetzt immer zahlreicher und hatten einen unerhörten Einfluß. Der älteste derselben, der Jacobinerclubb, dem Robespierre präsidierte, unterschied sich von dem der Feuillants durch seine Kühnheit und Energie. Umsonst bemühten sich die Cordeliers, deren Oberhaupt Danton und deren Secretär Camille Desmoulins war, mit den Jacobinern zu wetteifern. Robespierre hatte sich in der National-Versammlung durch die Strenge seiner Grundsätze zu bemerkbar gemacht, um nicht bald der populairste aller Tribunen zu werden. Von der gesetzgebenden Versammlung ausgeschlossen, hatte er sich an die Jacobiner angeschlossen, wohin ihm jener Ruf der Rechtschaffenheit folgte, dem er den Beinamen des Unbestechlichen verdankte. So standen die Sachen in Frankreich, als Bailly seine Entlassung als Maire von Paris nahm. Der Hof gab sich alle mögliche Mühe, die Ernennung Péthions zu bewirken, den er zwar als Republikaner kannte, aber für einfältig hielt. Péthion ward ernannt, und bewies dem Hofe, indem er die republikanische Partei eifrig unterstützte, daß die Großen irren, wenn sie Kälte für Unfähigkeit halten. Nach und nach beschränkte die gesetzgebende Versammlung die königliche Macht und deren Vorrechte immer mehr. Sie machte das Veto ungültig, schaffte die althergebrachte Feierlichkeit am Neujahrstage ab, und verwarf die Titel Sire und Majestät. Gegen den Beginn des Jahres 1792 war die Kriegs-Frage an der Tagesordnung. Die Republikaner mißtraueten der Redlichkeit des Königs. Sollte er gewissenhaft gegen seine Höflinge und Familienglieder auftreten? Die Girondisten, und mit ihnen Louvet und Brissot, waren für den Krieg, Robespierre und die Jacobiner – 123 – für den Frieden. Robespierre fürchtete, daß der Krieg dem General La Fayette, der mit Leib und Seele dem Königthume anhing, zu viel Uebergewicht geben werde. Camille Desmoulins war der Meinung Robespierre’s und erinnerte daran, daß La Fayette das Volk auf dem Marsfelde hatte niedermetzeln lassen. Die Cordeliers, deren Mehrzahl sich von Orleans hatte betrügen lassen, führten dieselben Beschwerden gegen den Marquis La Fayette. Der Herzog v. Orleans hatte eine unedle Rolle gewählt, denn nachdem er Uneinigkeit in der republikanischen Partei angestiftet hatte, verließ er die Demokraten, um den König um Verzeihung zu bitten. Die Freunde des Königs suchten Orleans, dessen Hoffnungen mit der Gefahr des Thrones erwachten, jedoch fern zu halten. Zu diesen Gefahren muß man die Auflösung des Ministerii rechnen, und daß Delessart, der den Plan, einen Congreß zu bilden, begünstigt hatte, in Anklage stand versetzt wurde. In dieser äußersten Verlegenheit nahm Ludwig XVL, einfältig wie man ihn geglaubt hat, seine Zuflucht zu einem, eines rechtschaffenen Mannes unwürdigen Mittel. Er beschloß ungeschickte Demagogen zu Ministern zu wählen, um den Ruf der republikanischen Partei zu schwächen. Für die auswärtigen Angelegenheiten stellte er Dumouriez an, einen glänzenden Abenteurer, der keiner innigen Ergebenheit für irgend eine Sache fähig, Soldat und nichts als Soldat war, immer bereit, die Hoffnungen der Partei, die den Krieg wollte, zu begünstigen. Wenn er sich nur schlagen konnte, welches die feindlichen Fahnen waren, war ihm einerlei. Sobald ein Krieg oder eine Bewegung begann, machte er den Schlachtplan, den er an alle Parteien schickte, bereit, für den Meistbietenden zu handeln. Mit dieser unedeln Politik verband Dumouriez eine gewisse Gewandtheit, die er zu benutzen wußte, um die Gemüther seiner Collegen, Cayier de Gerville und Desgraves zu gewinnen. Auf den Rath des Herzogs von Orleans, dessen Ehrgeiz ihm nicht unbekannt war, setzte er bei den Jacobinern die rothe Mütze, dieses Sinnbild der Freiheit, auf. Er wünschte den Krieg und machte denselben unvermeidlich. Uebrigens rechtfertigte das Verfahren des Wiener Cabinets denselben hinreichend. Zum Marine-Minister schlug Dumouriez einen Beamten, Namens Lacoste, vor, der ungeachtet seines patriotischen Sinnes sich an Ludwig XVI. schloß. Ein Advokat aus Bordeaux, Duranthon, wurde zum Justiz-Minister; Clavière zum Finanz-Minister und Roland zum Minister des Innern gemacht. Dieser Letztere, ein rauher, unbeugsamer Mann, stand jedoch unter dem Einflusse seiner Frau, eines jungen, schönen Weibes, die sich aus philosophischen und republikanischen Ideen eine Religion gebildet hatte. Das Ultimatum des österreichischen Cabinets fand Dumouriez zum Kampfe bereit; er brachte es dahin, daß Ludwig XVI. zu der Versammlung kam und dieselbe bat, dem Könige von Ungarn und Böhmen den Krieg zu erklären. Indem Frankreich den Krieg erklärte, der Europa so lange zerrissen hat, beantwortete es nur mit angemessener Würde die beleidigenden Herausforderungen der fremden Mächte. Die französischen Waffen hatten im Beginn der Campagne kein Glück und in dem girondistischen Ministerium entstand eine Spaltung; diesem folgte, auf Veranlassung des Ministers Roland, der an den König schrieb, ein feuilantistisches Ministerium. Die neuen Minister waren: Terrier de Montciel, Chambonas und Lejard. Lacoste und Duranthon hatte der König beibehalten. Die Patrioten begannen zu murren. Ihre Anführer, Robespierre, Danton, Sergent, Panis, Parra, Fournier, l’Américain, Legendre, der Marseiller Barbaroux, wegen seiner Schönheit Antinous genannt, ein thätiger junger Mann, der sich den öffentlichen Angelegenheiten gewidmet hatte, hatten eine Zusammenkunft mit Roland und beklagten mit ihm die Gefahr, welche Frankreich und sein Volk bedrohte. Der Hof verkannte fortwährend die Nation; Ludwig XVI. hatte Männer an Péthion abgesandt, die denselben gewinnen sollten; aber die Freude des Königs über die Aussicht, einen populairen Magistrat zu vernichten, war von kurzer Dauer: er ward nur zu bald zu der Erkenntniß gezwungen, daß die Tugend der Republikaner nicht so verkäuflich war, als der Hof gehofft hatte. Péthion wußte, wie schwer ein Mann, der im Besitze der unumschränkten Gewalt ist, seine Neigungen beherrschen kann; der Aufruf der fremden Mächte gegen die Revolution hatte ihm bewiesen, daß die Laster des Hofes unverbesserlich waren. Am 20. Juni 1792 ging das Volk unter dem Geschrei: Es lebe die Freiheit! Die Constitution oder den Tod ! Es leben die Sanscúlotten! nach der gesetzgebenden Versammlung und von da nach den Tuilerieen. Während die Volksmasse den Palast der Könige einnahm, suchte Santerre, ein Freund Orleans, dieselbe zu allen möglichen Excessen anzureizen, indem er sie lebhaft an die Leiden erinnerte, die sie schon so lange ertragen hatte, und an die, welche sie noch bedrohten. Ludwig XVI. zeigte sich dem Volke, welches einhielt und ihm eine Petition übergab, in der es die Sanction des von dem König zurückgewiesenen Decretes verlangte. Péchion, der mit einigen Deputierten herbeigeeilt war, reizte durch seine Reden das Volk auf, den Palast zu plündern, und einige Tage darauf entsetzte das Departement den Maire Péthion seines Dienstes. Nun erschienen drohende Adressen gegen das Königthum, die von Camille Desmoulins, Marat, Robespierre und Danton verfaßt und verbreitet wurden. Dieses Alles zeigte eine nahe Revolution an. Ein aus den kühnsten Patrioten bestehendes Insurrections-Comité bildete sich, während im Schlosse die Flucht vorbereitet wurde. Den Gang dieser Begebenheiten, den Conflict dieser verschiedenen Leidenschaften und zum Kriege treibenden Interessen deutlich zu beschreiben, ist nicht der Plan dieses Werkes. Um nur die Haupt-Thatsachen zu erwähnen, sei es gesagt, daß in Folge eines National-Festes beschlossen ward, nach den Tuilerieen zu gehen und den König daselbst als Gefangnen festzusetzen. Die Ankunft der Marseiller in Paris und die Unordnungen, welche Folge derselben waren, die Proclamation des Herzogs von Braunschweig, die Forderung des Volks, daß der König abgesetzt werde, feuerten die Vorbereitungen der Insurrection an. Das Schloß seinerseits war allen Schrecknissen und Ungewißheiten der bängsten Befürchtungen Preis gegeben. Unter diesen gefährlichen Umständen begab Danton sich zu den Cordeliers, wo er, die Bedenklichkeit der Situation kühn entwickelnd, mit seiner Donnerstimme an die Drohungen des Hofes, so wie an dessen trügerische Versprechungen, seine heuchlerischen Worte, seine Machinationen, um Fremde auf den Boden des Vaterlandes zu berufen, erinnerte. Nun begann der Aufstand auf das Ernsthafteste; die Bewohner der Vorstädte bemächtigten sich der Tuilerieen nach einem blutigen Kampf, und die königliche Gewalt wurde suspendiert. Ludwig XVI. begab sich mit seiner Familie nach der Versammlung, und der National-Convent wurde zusammenberufen. Gehen wir schnell über die Folgen des 10. August hinweg. Wenn das durch den so eben für die Freiheit gelieferten Kampf erbitterte Volk, dem Impuls einiger blutdürstiger Männer folgend, sich in scheußlichen Metzeleien, in ungerechten Verurtheilungen austobte, wollen wir nicht ihm die schwere Verantwortlichkeit davon aufbürden. Welche Wunder zeigte jeder neue Tag! Gestern war dieses Volk noch Sclave, es hatte nicht einen Herrn – ein König ist über nichts Herr – sondern hundert Herren. Heute, seht! es ist frei. Frei! Aber ach! ein so großer Triumph macht es toll! Seht, wie die Köpfe fallen, wie die Blutgerüste sich röthen: der Bruder ermordet den Bruder. Abscheuliches Schauspiel! Wie viele Leichname häufen sich Angesichts dieser rasenden Menge! Nur Ein Interesse im Auge habend, sind dem großen Haufen alle sanften und edeln Gefühle fremd. Während Dumouriez den Sieg von Jemappe erfocht, an welchem der junge Egalité, der Sohn Antheil nahm, wurde der Mangel immer fühlbarer, und umsonst forderten die Gemeinden den National-Convent auf, die Repräsentanten des Volks zu gewinnen. Aber es war nicht genug, daß das Königthum erschüttert war, es sollte für immer vernichtet werden. Seit der Einnahme der Tuilerieen forderten eine Menge Adressen und eine große Anzahl Deputierte die Verurtheilung des Königs. Sie wurde beschlossen. . . .  Sehen wir jetzt, welche Rolle der Herzog von Orleans bei all diesen Ereignissen gespielt hat. Er schwebte immer zwischen der Erwartung der Stunde, wo er sich der Krone werde bemächtigen können, und der Furcht, die Hand nach derselben auszustrecken. Um zu derselben zu gelangen, mußte er erst General-Lieutenant des Reichs werden, aber dieser Entscheidung stand seine feige Unentschlossenheit entgegen. Zu der Rolle, die er als solcher spielen mußte, gehörte Muth, und Entschlossenheit, während er nur jene verbrecherische und plumpe Kühnheit besaß, die den gemeinen Ehrgeizigen bezeichnet. Er wollte sich dem Volke nur zeigen, wenn er es ohne Gefahr für seine Person wagen könnte. Die Furcht und seine Neigung für die Engländer, welche immer bereit gewesen sind, Ränke, welche Frankreich schaden konnten, zu begünstigen, bewog ihn, eine Reise nach London zu machen. Ungeachtet er sich so schwer gegen Ludwig XVI. vergangen hatte, erbat er sich doch von demselben die Erlaubnis zur Reise. Da die Männer, welche sich aus edeln Absichten und in der Ueberzeugung, nur so dem allgemeinen Elende abhelfen zu können, an die Spitze des Volks gestellt hatten, dem Herzoge zu langsam gingen, beschloß er, den König und den Grafen von Artois ermorden zu lassen. Er verband sich zu diesem Zwecke mit Herrn von Talleyrand, dem heuchlerischen Priester, dem sogar aller Gewandtheit ermangelnden Bösewicht. Sie fanden einen Mörder auf, der auf den Wagen des Königs schoß. Die Kugel tödtete eine unglückliche Frau. Der Mörder entfloh. Eine weniger bekannte Thatsache ist, daß Ludwig XVI. an demselben Tage, als er die Stufen der Rathhaus-Treppe hinanstieg, einen Dolchstich bekam, den er in dem Augenblicke kaum fühlte. Am Abend, als er nach Versailles zurückkehrte, konnte er ein Kleid nicht ausziehen und mußte es aufschneiden lassen; nun fand es sich, daß sein Hemd, ganz mit Blutgetränkt, an der Wunde festklebte. Ludwig XVI. ließ sich von den Anwesenden das Versprechen geben, diesen Vorfall zu verschweigen. Sie hielten lange Wort. Ganz natürlich ward auch dieses Attentat auf das Leben des Königs dem Herzoge von Orleans zugeschrieben. Man kann dies dahingestellt sein lassen, indem man ihm der Verbrechen so viele vorzuwerfen hat, daß eins mehr oder weniger keinen großen Unterschied in dieser schrecklichen Liste machen würde, die mit dem Monopol anfängt und mit Räubereien aller Art endet. Es ist erwiesen, daß der Herzog den Stadtschultheißen Flesselles durch einen seiner Agenten, einen Niederträchtigen, Namens Molaive, ermorden ließ. Auch Pinet hatte der Herzog nicht vergessen, er ließ ihn nach dem Palais-Royal bescheiden und sagte zu ihm: »Mein lieber Pinet, ich habe gehört, daß dieser Tage Unruhen vor Ihrem Hause. Stattgefunden haben; man muß das Volk fürchten; es will den reichen Leuten nicht wohl . . . ich rathe Ihnen, Ihr Geld nicht im Hause zu behalten . . . Sie sehen, wie ich mit dem Volke stehe, mein Palast ist ein sicherer Zufluchtsort!« Pinet überlieferte Orleans sein ganzes Vermögen in einer Brieftasche. Einige Zeit darauf bat er ihn um einige tausend Franken, weil er eine Zahlung zu leisten habe, Orleans versprach sie ihm in einigen Tagen und bestellte ihn nach dem Hause in Passy. Abends zu der bestimmten Stunde kam Pinet daselbst an. »Haben Sie den Empfangschein?« war die erste Frage des Herzogs, und auf die bejahende Antwort erwiderte er: »Ihre Brieftasche, mein lieber Pinet, werden Sie bei Bazin finden, der Sie in Vèsinet erwartet, . . .ich werde Ihnen ein Cabriolet geben mit Einem meiner Leute, der Sie zu Bazin fahren wird. Indem Sie demselben ein kleines Douceur geben, wird er Ihnen die Brieftasche zustellen.« Pinet empfahl sich dem Herzoge und stieg in das Cabriolet, welches den Weg durch das Gehölz von Vésinet nahm . . . kaum war er eine Viertelstunde in demselben, als plötzlich Männer[6 - Orleans hatte die höllische Vorsicht beobachtet, die Mörder in die Livree der Königin zu kleiden.] den Wagen umringten, Pinet zum Aussteigen nöthigten und ihn mit einem Pistol in den Hinterkopf schossen. Sie plünderten ihn und bemächtigten sich seiner Papiere, die sie. Orleans überbrachten. Pinet starb, den Herzog von Orleans als einen Mörder bezeichnend, zwei Tage darauf an den Folgen seiner Wunde. Philipp Egalité hatte ihm also vierundfünfzig Millionen gestohlen!!! Ein alter Kammerdiener des Herzogs versprach den Gläubigern Pinet’s, ihnen die Wahrheit zu sagen . . . indem er sich vor Gericht stellen wollte, ließ der Herzog ihn zu sich rufen. . . einige Tage darauf war dieser Mann verschwunden! . . . Andere Mitschuldige Orleans, die derselbe in verschiedene Departements geschickt hatte, wurden arretiert. Der Eine derselben, Bordier, ward in Rouen verhaftet. Die Akten dieses Prozesses sind bis jetzt den Geschichtschreibern unbekannt geblieben, so wie auch denen, die Interesse dabei haben, sie zu vernichten. Aber diese Akten sind vorhanden! Es würde zu weitläufig sein, sie mitzutheilen: sie beweisen, daß der Herzog von Orleans dem Bordier die Summe von dreißigtausend Livres gegeben hat, um den Bürgerkrieg anzuschüren und die Provinzen in Aufruhr zu bringen. Der Herzog bereitete. Alles zum Siege vor: er hatte schon seine Wappen umarbeiten lassen, welche an die Stelle derer der älteren Linie gesetzt werden sollten. In Beziehung auf diesen Umstand sagt Montjoie: »Es fiel ihm damals nicht ein, daß der Sohn, den er nach seinem Herzen erzog, dieselben einst in einem Anfalle panischen Schreckens mit seinen eignen Händen zerkratzen würde.« Der Herzog von Chartres (jetzt König der Franzosen) wohnte mit seinem Vater den stürmischen Sitzungen der National-Versammlung bei. Bei einer dieser Sitzungen machte derselbe sich bemerklich, indem er, als ein Deputierter gesagt hatte: »Wir müssen noch Opfer haben: es fehlt noch an Laternen,« ausrief: »Ja, ja, es fehlt noch an Laternen!« Indem Montjoie diesen Zug angeführt, fügt er hinzu: »Diese abscheulichen Worte beweisen, daß der Sohn seines Vaters würdig war! Und dennoch gibt es eine Partei in unserm Vaterlande, welche diesen in den Grundsätzen seines Vaters erzogenen jungen Mann jetzt auf den Thron der Franzosen setzen möchte. Wenn unser Land so gedemüthigt würde, dann wäre die Verbannung, ja der Tod selbst, dieser Beherrschung vorzuziehen!« Montjoie schrieb dieses vor 1830. Indessen ist seine Meinung von Ludwig Philipp I. 1834 nochmals publicirt worden. Philipp Egalité lächelte dem Volke zu, unter das seine Mitschuldigen sich mischten; er schwatzte vertraulich mit aller Welt und theilte zahlreiche Händedrücke aus. Es war eine Familien-Gewohnheit. Er ließ seine Freunde schreien: »Es lebe Orleans! Es lebe unser Vater Orleans! Nieder mit dem Könige! Nieder mit der Königin!« Und Orleans antwortete: »Seid ruhig, meine Kinder, wir wollen ihre Herzen essen und uns aus ihren Gedärmen Kokarden machen!« Orleans begnügte sich nicht damit, die traurigen Nothwendigkeiten der Revolution gut zu heißen; er veranlaßte die entsetzlichsten Blutbäder. Er hungerte Paris abermals aus. Durch alle möglichen Verbrechen war es ihm gelungen, sich in Besitz fast sämtlichen Getreides zu setzen. La Fayette hatte über diesen Punkt eine sehr stürmische Erklärung mit ihm: er erhob sogar die Hand, um dem Herzog eine Ohrfeige zu geben. Der feige Orleans wankte drei Schritte zurück und sank ohnmächtig in einen Lehnstuhl. La Fayette befahl ihm, sich zu Ludwig XVI. Zu begeben, der ihm andeutete, Frankreich zu verlassen. Orleans schwor, daß er gehorchen werde und kam ganz verstört in Passy an. Seine Anhänger warfen ihm vor, daß er sie im Augenblicke der Gefahr verlasse, und beschworen ihn, zu bleiben. Er wagte es nicht; La Fayette’s Drohungen machten ihn zittern, denn er war eben so geschmeidig gegen die, welche er fürchtete, als kühn gegen die, welche er nicht fürchtete. Vor seiner Abreise schrieb er folgenden Brief an den König: Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». 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Zwei ähnliche Prozesse gegen die Stadt Cherbourg hatte er schon verloren. 3 Diese Deputierten waren die Grafen von Rochechouart, von Clermont-Tonnerre, von Lally-Tolendal, von Lusignan, der Herzog von La Rochefaucould, der Marquis von Montesquiou, die Räthe Duport und Dionis du Sejour, der Präsident Saint-Fargeau. 4 Jetzt sind auf eben die Weise die politischen Prozesse der Jury entzogen; und die Pairs-Kammer hat den Auftrag, die Schriftsteller und Verschwörer, die sich etwas zu laut über den jetzigen Zustand der Dinge vernehmen lassen, zu richten. »Man kann auf eine Majorität in dieser Kammer sicher rechnen. 5 Man behauptet, daß der Sohn Egalités auch einen Brustharnisch trägt. Die Erfolglosigkeit der zahlreichen Attentate gegen seine Person, die seit 1830 statt gefunden haben, giebt dieser Vermuthung große Wahrscheinlichkeit. 6 Orleans hatte die höllische Vorsicht beobachtet, die Mörder in die Livree der Königin zu kleiden.