Nicht aus noch ein
William Wilkie Collins




Charles Dickens, Wilkie Collins

Nicht aus noch ein





Ouvertüre


Monat und Jahrestag: der dreißigste November eintausendachthundertfünfunddreißig. Londoner Zeit nach der großen Uhr von Saint Paul: zehn Uhr Abends. Auch die geringeren Kirchen Londons lassen ihre metallenen Stimmen ertönen. Einige fangen geschäftig früher als die gewichtige Glocke der großen Kathedrale an, andere beginnen träge drei, vier, ein halbes Dutzend Schlage nach ihr. Alle aber halten genügend die Zeit ein, um ein so mächtiges Klingen in der Luft zu verbreiten, als ob der beschwingte Vater der Götter, der einst seine Kinder verschlang, über die City dahinflöge und tönend seine Riesensense schwinge.

Eine Glocke klingt bescheidener als alle die andern, dem Ohre näher und verspätet sich heute Abend dergestalt, daß sie, nachdem die übrigen ausgeschwungen haben, allein noch hörbar bleibt. Es ist die Uhr des Findelhauses. Früher wurden die Kinder schweigend, ohne daß man ein Wort über sie wechselte, in der Wiege vor der Eingangspforte aufgenommen. Jetzt verlangt man Auskunft über sie und nimmt sie nach Gunst den Müttern ab, welche alle natürlichen Rechte und jeden Anspruch aufgeben, je wieder etwas von ihren Kindern zu erfahren.

Der Mond scheint voll und der Abend ist schön. Leichte Wolken schweben am Himmel. Der Tag war kein guter, denn Schmutz und Schlacken, zu denen sich noch der dichte fallende Nebel gesellt, liegen schwarz in den Straßen. Die verschleierte Dame, welche unweit der Hinterthür des Findelhauses auf und nieder geht, muß feste Schuhe anhaben.

Sie eilt hin und her, vermeidet sichtlich den Ort, wo die Miethswagen stehen und hält oft die Schritte am westlichen Ende des Mauervierecks im tiefen Schatten an, ihr Auge heftet sich auf die Thür. Wie über ihr die Klarheit des monddurchleuchteten Himmels waltet und unter ihr der Schmutz der Straße lagert, so mögen ihrer Seele zwei verschiedene Bilder vorschweben und dieselbe zwischen Furcht und Hoffnung hin und wieder reißen. Wie ihre Fußtapfen einer über den andern fortgehend ein Labyrinth in den Schlamm gedrückt haben, so mag ihr Lebenslauf sich verirrt und sie planlos in unentwirrbare Vermittlungen geführt haben. Die Hinterthür des Findelhauses öffnet sich und ein junges Mädchen tritt heraus. Die Dame steht unbeweglich, mit unverwandten Blicken. Sie hört, wie die Pforte von innen wieder verschlossen wird und folgt dem jungen Mädchen nach.

Zwei oder drei Straßen mögen so schweigend durchschritten sein, ehe sie, dicht hinter dem Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit her schreitend, ihre Hand ausstreckt und das Mädchen berührt. Die Letztere hält erschrocken ihre Tritte ein und sieht sich um. »Sie haben mich auch gestern angehalten und als ich mich zu Ihnen wendete, nicht sprechen wollen. Warum verfolgen Sie mich wie ein stummer Schatten?«

»Nicht weil ich nicht sprechen wollte,« entgegnete die Dame mit leiser Stimme, »sondern weil ich nicht konnte, als ich zu reden versuchte.«

»Was wollen Sie von mir. Ich habe Ihnen nie etwas zu Leide gethan.«

»Nein.«

»Kenne ich Sie?«

»Nein.«

»Also, was wollen Sie von mir?«

»Zwei Guineen befinden sich in diesem Papier. Nehmen Sie das armselige Geschenk und ich will es sagen.«

Des jungen Mädchens ehrliches und freundliches Antlitz überzog eine tiefe Röthe, als sie erwiderte: »In dem ganzen großen Haushalt, dem ich angehöre, unter den Erwachsenen, wie unter den Kindern, giebt es keinen, der nicht ein freundliches Wort für Sally hätte. Ich bin Sally. Könnte man mich so lieb haben, wenn ich zu bestechen wäre?«

»Es ist nicht meine Absicht, Sie zu bestechen; ich wollte Ihnen nur eine geringe Belohnung zukommen lassen!«

Sally schloß nicht unfreundlich aber bestimmt, die Hand, die ihr das Geld anbot, und wehrte sie von sich. »Wenn ich irgend etwas für Sie thun kann,« Ma’am, so werde ich es ohne das thun, aber Sie verkennen mich, wenn Sie meinen, daß ich Ihnen des Geldes wegen gefälliger bin. Was wünschen Sie?«

»Sie sind Kinderwärterin oder Dienerin in dem Findelhause. Ich habe Sie heute und gestern herauskommen sehen.«

»Ja. Das bin ich. Ich bin Sally.«

»Ihre Züge sind freundlich und einnehmend. Ich kann mir denken, wie die Kleinen an Ihnen hängen.«

»Gott vergelte es ihnen. Das thun sie.«

»Die Dame schlug ihren Schleier zurück und enthüllte ein Antlitz, welches nicht älter als das der Kinderwärterin war, ein Antlitz viel geistvoller und feiner, aber erregt und non Sorgen durchfurcht.

»Ich bin die unglückliche Mutter eines kürzlich von Euch aufgenommenen Kindes. Ich habe eine Bitte.«

»Sally instinctmäßig die Empfindung verstehend, welche die Dante veranlaßte den Schleier zurückzuschlagen, deckte ihn wieder über deren Antlitz; und fing an zu weinen. Die Handlung war wie alle ihre Handlungen einfach und natürlich.

»Sie wollen meine Bitte erhören?« fuhr die Dame dringend fort. »Sie wollen nicht taub sein für das in Angst gesprochene Gebet einer so gramgebeugten Flehenden, wie ich bin?«

»O, du mein lieber Himmel!« rief Sally »Was soll ich sagen und was kann ich thun? Reden Sie nicht von Gebeten. Gebete werden an den Vater aller Wesen gerichtet, aber nicht an Kindermädchen und solche Leute. Und, noch Eins! Ich »werde nur noch ein halbes Jahr in meiner Stellung bleiben, bis eine Andere angelernt sein wird. Ich werde heirathen. Ich hätte heute und gestern Abend nicht ausgehen sollen, aber mein Dick, das ist der junge Mann, den ich heirathen will, ist krank und ich stehe seiner Mutter und Schwester, die ihn pflegen, bei. Nehmen Sie sich Ihr Unglück nicht so zu Herzen. Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen.«

»O, gute, liebe Sally,« seufzte die Dame und ergriff flehend des Mädchens Kleid. »Weil Du voller Hoffnung erscheinst und ich ganz hoffnungslos bin, weil ein schönes Leben vor Dir liegt, was nie – nie mehr vor mir liegen kann, weil Du den gerechten Anspruch hast, ein geachtetes Weib und eine stolze Mutter zu werden, weil Du lebst und liebst und dereinst sterben mußt, erhöre mein verzweifeltes Flehen um Gottes willen!«

»Gott im Himmel bewahre mich!« rief Sally, den Ausdruck der höchsten Verzweiflung auf das dritte Wort legend. »Was kann ich Arme thun? Und schrecklich! wie Sie meine eigenen Worte gegen mich gebrauchen. Ich erzählte Ihnen wie bald ich mich verheirathen würde, um Ihnen deutlich zu machen, daß ich das Haus verließe, Ihnen also nicht helfen könnte, wenn ich auch wollte, arme Seele! Und nun wenden Sie die Sache so, daß es mir selbst erscheint, als ob es grausam wäre, mich verheirathen zu wollen, statt Ihnen zu helfen. Das ist nicht recht. Ich frage Sie, ob das recht ist? – Arme Seele!«

»Sally, höre mich, meine Gute. Ich bitte nicht um Deinen Beistand für etwas Zukünftiges. Etwas Vergangenes will ich wissen, was in zwei Wörtern gesagt werden kann.«

»O weh! das wird schlimmer und schlimmer!« rief Sally, »vorausgesetzt, daß ich errathe, welche beiden Wörter Sie meinen.«

»Du erräthst sie. Welche Namen hat man meinem armen Kinde gegeben? Ich habe von der im Hause üblichen Sitte gelesen. Die Kinder werden in der Capelle getauft und mit irgend einem Zunamen in das Buch eingetragen. Der Knabe ist am Montag Abend aufgenommen. Welche Namen hat man ihm gegeben?«

Bei ihrem leidenschaftlichen Beschwören wollte die Dame mitten in dem Schlamm der Seitenstraße, in welche sie eingetreten waren – eine öde Gasse ohne Ausgang, die an den dunkeln Garten des Findelhauses stieß – auf die Kniee sinken, aber Sally verhinderte sie daran.«

»Nicht doch! nicht doch! Sie treiben es so, daß ich mir einbilden könnte, etwas besonders Gutes zu thun. Lassen Sie mich in Ihr liebes Antlitz blicken. Legen Sie Ihre beiden Hände in die meinen. So, jetzt versprechen Sie, daß Sie mir nichts weiter, als die beiden Wörter abfragen wollen.«

»Nichts weiter! nichts weiter!«

»Sie wollen nie schlechten Gebrauch von denselben machten, wenn ich sie Ihnen genannt habe?«

»Nie! nie!«

»Walter Wilding.«

Die Dame lehnt ihren Kopf an des Mädchens Brust, umfaßt es mit beiden Armen; spricht mit leiser Stimme einen Segenswunsch, fügt die Worte: bring’ ihm einen Kuß von mir, hinzu, und ist verschwunden.

Monat und Jahr: der erste Sonntag im October des Jahres 1841 Londoner Zeit nach der großen Uhr von Saint Paul: halb zwei Nachmittags. Die Glocke des Findelhauses stimmt heute genau mit der der Kathredale. Der Gottesdienst in der Capelle ist vorüber und die Findelkinder sind beim Mittagbrod.

Viele Menschen wohnen nach der Sitte des Hauses dem Mittagessen bei: Zwei oder drei Aufseher, ganze Familien der Vereinsvorstände, kleinere Gruppen aus Leuten beiderlei Geschlechts bestehend, und noch einzelne Dazugekommene verschiedenen Standes. Die Herbstsonne scheint tief in das Gemach und die plump eingerahmten Fenster, durch die sie hineinblickt und die Wände mit Holzpaneelen, welche sie streift, sind solche Fenster und Wände, wie Hogarths Bilder sie aufweisen. Das Speisezimmer der Mädchen, zu gleicher Zeit auch das der kleineren Kinder, übt die Hauptanziehungskraft aus. Zierliche Dienerinnen gleiten schweigend um die regelmäßig geordneten Tische herum, an welchen ebenfalls Schweigen herrscht. Die Zuschauenden schreiten hin und wieder oder stehen still, wie es ihnen gefällt. Geflüsterte Erkundigungen nach einem Kinde, welches die und die Nummer hat und am Fenster mit der und der Nummer sitzt, sind nicht selten; [Die Fenster in dem Findelhause sind mit Nummern versehen, auch hat jedes Kind seine Nummer.] viele von den Gesichtern der Kinder sind dazu angethan Aufmerksamkeit zu erregen. Einige unter den Zuschauern, die nicht in das Haus gehören, wiederholen ihre Besuche öfter. Sie haben eine Art von Bekanntschaft mit Inhabern gewisser Plätze vom Tische geschlossen und machen an den besagten Stellen Halt, um sich hinabzubeugen und ein oder zwei Worte zu sprechen.

Es schmälert ihr Verdienst nicht, daß auf diesen Plätzen immer Kinder von anziehender Persönlichkeit sitzen. Die Einförmigkeit des langen weiten Raumes wird angenehm durch diese kleinen Zwischenfälle belebt, so geringfügig sie sind.

Eine verschleierte Dame, welche ohne Begleiter hier ist, geht unter den Anwesenden umher. Es scheint, daß weder Neugier noch der Zufall sie hierher geführt haben, denn der Anblick erregt sie, und sie schreitet an den Tischen mit unbehaglicher Empfindung und zögernden Tritten entlang. Endlich erreicht sie den Speisesaal der Knaben. Derselbe ist viel weniger gesucht, als der der Mädchen und von Erwachsenen fast leer, wie sie von der Thür aus sehen kann.

Auf der Schwelle steht eine ältere Dienerin, um aufzupassen, eine Art von Haushälterin oder Hausmutter. Die Dame richtet einige gewöhnliche Fragen an sie, zum Beispiel: »Wie viel Knaben sind hier? In welchem Alter werden sie in das Leben entlassen? Kommt es häufig vor, daß sie Lust haben auf die See zu gehen!?« und so fort. Die Dame spricht mit immer leiserer Stimme, bis sie die Frage that: »Welcher ist Walter Wilding?«

Die Dienerin schüttelt den Kopf. Es ist gegen die Regel, so zu fragen.

»Sie wissen, welcher Walter Wilding ist?«

Die Dienerin fühlte so fest die Augen der Dame, die ihr Gesicht forschend betrachtete, auf sich geheftet, daß sie die ihren zu Boden senkte, damit dieselben nicht zu Verräthern würden und nach der gewünschten Richtung hinüber flögen.

»Ja; weiß, welcher von den Knaben Walter Wilding ist, aber es ist nicht meines Amtes, Martin, Ma’am zu Namen zu nennen.«

»Sie können mir ihn zeigen, ohne ihn zu nennen.«

Die Hand der Dame begegnete leise der der Dienerin. Es entstand eine Pause und tiefes Schweigen.

»Ich werde um die Tafeln herum gehen,« sagte die von der Dame Angesprochen, sich den Anschein gebend, als ob sie gar nicht zu derselben redete. »Folgen Sie mir mit den Augen. Der Knabe, bei dem ich still stehe und mit dem ich spreche, geht Sie nichts an, aber der Knabe, den ich anfasse, ist Walter Wilding. Reden Sie nicht weiter mit mir, und entfernen Sie sieh von mir.«

Sogleich dem Winke Folge leistend, tritt die Dame in das Zimmer hinein und sieht sich darin um. Nach einigen Augenblicken geht die Dienerin, als ob es ihr Amt verlange, an der Außenseite der Tafeln entlang, indem sie linker Hand beginnt. Sie wandert die Reihen hinab, wendet sich um und kommt zwischen den Tischen an der inneren Seite zurück. Von ungefähr zu der Lady hinüber sehend, heilt sie ihre Schritte ein, beugt sich vor und spricht. Der Knabe, den sie anredet, hebt den Kopf in die Höhe und antwortet. Wie sie zuhört was er sagt, legt sie ihre Hand freundlich auf die Schulter des kleinen Nachbars zur Rechten. Damit die Bewegung deutlich sei, läßt sie, während sie weiter redet, ihre Hand auf der Schulter liegen und klopft sie zwei oder dreimal, ehe sie weitergeht. Sie vollendet ihren Umgang um die Tische, ohne ein anderes Kind anzurühren und verläßt durch eine Thür am entgegengesetzten Ende das Zimmer.

Das Mittagessen ist vorüber. Die Dame geht an der Außenseite der Tafeln entlang, indem sie linker Hand beginnt, sie wandelt die langen Reihen hinab, wendet sich um und kehrt an der inneren Seite zwischen den Tischen zurück. Es ist gut für sie, daß noch andere Leute eingetreten sind und hier und dort verstreut stehen. Sie schlägt den Schleier zurück und bei dem bezeichneten Knaben still stehend, fragt sie ihn, wie alt er sei?

»Zwölf Jahr, Ma’am,« antwortet er und richtet seine glänzenden Augen auf sie.

»Bist Du gesund und fröhlich?«

»Ja, Ma’am.«

»Willst Du das Zuckerwerk von mir nehmen?«

»Wenn Sie es mir geben wollen.«

Sich zu diesem Zwecke tief hinab beugend, berührt die Dame mit Stirn und Haar des Knaben Antlitz. Dann läßt sie den Schleier wieder herab, geht vorüber – und geht hinaus, ohne sich umzusehen.




Erster Act





Der Vorhang geht auf


In einer Sackgasse der City von London, die weder für Fuhrwerk noch Fußgänger einen Durchweg bot, einer Sackgasse, die in die abschüssige, schlüpfrige, krumme Straße mündet, welche die Verbindung zwischen Towerstreet und dem Middleser Ufer der Themse herstellt, befand sich das Geschäftslocal von Wilding u. Co., Weinhändler. Wahrscheinlich als scherzhaftes Zugeständniß davon, daß der große Haupteingang des Locales wie eine Barricade die Welt verrammelte, trug der unterste Theil der abschüssigen Straße, von der aus man an den Fluß gelangte (wie der Geruch deutlich verspüren ließ) den Namen Break-Neck-Stairs. Die Sackgasse selbst wurde in früheren Zeiten treffend genug Cripple Cornet getauft.

Schon viele Jahre vor dem Jahr 1861 hatten die Leute aufgehört, in Break-Neck-Stairs Boote zu miethen und die Schiffer sich davon entwöhnt, dort anzulegen. Der schlammige Weg hatte den nach und nach zur Reife gediehenen Entschluß sich umzubringen ausgeführt und sich in den Fluß gestürzt, und so blieb nichts als zwei oder drei verstümmelte Pfähle und ein rostiger eiserner Ring, der zum Befestigen der Boote gedient hatte, von Break-Necks vergangener Pracht übrig. Manchmal indessen legte ein mit Kohlen beladener Kahn gegen das Ufer an, geschäftige Hebel wurden aufgerichtet, die anscheinend nichts thaten als Schmutz heraufbefördern. Die Ladung wurde in der Nähe abgeliefert. Das Boot fuhr wieder fort und war verschwunden; für gewöhnlich aber bestand der einzige Verkehr in Break-Neck-Stairs aus dem Transport von Fässern und Flaschen, die entweder voll oder leer waren, entweder fortgeschafft wurden aus den Kellern oder hineingeschafft wurden in die Keller Von Wilding und Co., Weinhändler. Aber selbst dieser Verkehr fand nur dann und wann statt und über dreiviertel Zeit der steigenden Fluth spülte und leckte der schmutzige, unreinliche, graue Fluß ungestört an dem rostigen Ring, als ob er einmal von dem Dogen und dem Adriatischen Meere vernommen habe und sich danach sehnte, auch eine Vermählung zu feiern, etwa mit dem mächtigen Erhalter allen Schlammes in seinen Fluthen, mit dem Right Honourable Lord Mayor.

Zwei hundert und einige fünfzig Yards (vom untersten Anfang von Break-Neck-Stairs aus gerechnet) auf der Anhöhe geradezu, rechter Hand, befand sich Cripple Cornet. Cripple Cornet hatte einen Brunnen, Cripple Cornet hatte einen Baum. Ganz Cripple Corner gehörte Wilding und Co., Weinhändler. Die Kellerräume lagerten darunter, die Gebäude erhoben sich darüber. In den Tagen, wo Kaufherren noch die City bewohnten, war eines derselben wirklich ein Wohnhaus gewesen; ein prächtiges Schirmdach ohne sichtbare Stützen breitete sich über dem Thorweg aus, wie das Schallbrett über einer Kanzel. Es hatte auch eine Anzahl langer schmaler Streifen, die Fenster vorstellten und in der Front des finsteren aus Backsteinen errichteten Hauses so vertheilt waren, daß sie überall gleich häßlich erschienen. Auf dem Dach befand sich eine Kuppel mit einer Glocke.

»Wenn ein Mann von fünf und zwanzig Jahren seinen Hut aussetzen und sagen kann: Dieser Hut bedeckt den Eigenthümer dieses Besitzthums und des Geschäftes, welches sich an dieses Besitzthum knüpft, da denke ich, Mr. Bintrey, ohne zu prahlen, er könne nicht anders als von tiefer Dankbarkeit durchdrungen sein. Ich weiß nicht, wie es Ihnen erscheinen mag, aber mir erscheint es so.«

Mr. Walter Wilding sprach das zu seinem Advocaten, in seinem eigenen Comptoir, indem er den Hut vom Riegel nahm, um seinen Worten die That folgen zu lassen. Danach hing er den Hut wieder auf, um nicht unbescheidener zu erscheinen als er war.

Ein unverdorbenen offen blickender, treuherziger Mann war Mr. Walter Wilding, mit merkwürdig weißem und rosigem Gesicht. Seine Gestalt war fast zu stark für einen jungen Mann, obgleich sie recht stattlich aussah. Mit krausem braunen Lockenhaar und blauen, glänzenden, einnehmenden Augen gab er sich als einen äußerst mittheilsamen Mann, als einen Mann, dessen Beredsamkeit der nicht zu hemmende Ausfluß innerer Zufriedenheit und Dankbarkeit war. Mr. Bintrey dagegen war ein vorsichtiger Mann mit immer feuchten Augen und einem großen vorgebeugten kahlen Kopf. Er belustigte sich innerlich höchlich über das Komische einer offenen Sprache, einer offenen Hand und eines offenen Herzens.

»Ja,« sagte Mr. Bintrey. »Ja. Ha, ha!«

Eine Flasche, zwei Weingläser und ein Teller mit Kuchen standen auf dem Tisch.

»Mögen Sie den fünfundvierzigjährigen Portwein?« fragte Mr. Wilding.

Ihn mögen?« wiederholte Mr. Bintrey. »Ob ich es thue, Sir!«

»Er ist aus der besten Ecke unseres besten Weinverschlages, der fünfundvierzigjährigen aufweist,« sagte Mr. Wilding.

»Danke Ihnen, Sir,« sagte Mr. Bintrey. »Er ist ausgezeichnet.«

Der Advokat lachte, als er das Glas in die Höhe hielt und es beäugelte, vergnügt über die eigentlich höchst possierliche Idee, solchen Wein fortzugeben.

»Und nun,« sagte Mr. Wilding, der am Sprechen über Geschäftssachen eine wahrhaft kindische Freude empfand, »haben wir Alles in’s Reine gebracht, Mr. Bintrey, wie ich glaube.«

»Alles,« sagte Mr. Bintrey.

»Einen Compagnon gesichert —«

»Compagnon gesichert,« sagte Bintrey.

»Bekannt gemacht, daß wir eine Haushälterin brauchen —«

»Eine Haushälterin brauchen,« sagte Bintrey, »welche sich persönlich melden soll in Cripple Corner, Great Towerstreet von zehn bis zwölf – morgen nämlich.«

»Die Geschäfte meiner lieben verstorbenen Mutter abgewickelt —«

»Abgewickelt,« sagte Bintrey.

»Und alle Auslagen bezahlt.«

»Alle Auslagen bezahlt,« sagte Bintrey, aus vollem Halse lachend des spaßhaften Umstandes wegen, daß sie ohne Feilschen bezahlt worden waren.

»Das Andenken meiner geliebten verstorbenen Mutter überwältigt mich immer, Mr. Bintrey,« fuhr Mr. Wilding fort, indem sich seine Augen mit Thränen füllten, die er mit dem Taschentuch abtrocknete. »Sie wissen, wie ich sie geliebt habe, Sie [ihr Geschäftsmann] wissen, wie sie mich geliebt hat. Die höchste Zärtlichkeit, die zwischen Mutter und Kind denkbar ist, hat zwischen uns geherrscht, und von der Zeit an, wo sie mich in ihre Obhut nahm, kann ich mich nicht der kleinsten Uneinigkeit, nicht der kleinsten Mißstimmung unter uns erinnern. Dreizehn Jahr im Ganzen! Dreizehn Jahr unter der Obhut meiner lieben verstorbenen Mutter, Mr. Bintrey und davon die letzten acht als ihr Sohn anerkannt! »Sie kennen die Geschichte, Mr. Bintrey, wer kennt sie besser als Sie, Sir!« Mir. Wilding seufzte und trocknete sich die Augen, ohne während der letzten Bemerkungen den Versuch zu machen, seine Rührung zu verbergen.

Mr. Bintrey genoß wieder von dem Portwein, der ihn so vergnügt stimmte, und sagte, nachdem er ihn im Munde hin- und hergespült hatte: »Ich kenne die Geschichte!«

»Meine geliebte, verstorbene Mutter, Mr. Bintrey,« fuhr der Weinhändler fort, »ist schändlich hintergangen worden und hat viel gelitten. Aber über diesen Punkt blieben die Lippen meiner geliebten, verstorbenen Mutter geschlossen. Von wem hintergangen und unter welchen Verhältnissen? weiß der Himmel allein. Meine geliebte verstorbene Mutter hat nie den Namen des Verräthers ausgesprochen.«

»Sie hatte mit sich abgeschlossen,« sagte Mr. Bintrey, aufs Neue seine Gaumen mit Wein bespülen, »und war darüber ruhig geworden.« Sein Zwinkern mit den Augen fügte ziemlich deutlich hinzu: »Verteufelt viel ruhiger, als Sie es jemals sein werden.«

»Ehre Vater und Mutter,« – Wilding seufzte beim Anführen des Gebotes – »auf daß du lange lebest auf Erden.« Als ich im Findelhause war, Mr. Bintrey, quälte ich mich verzweiflungsvoll, wie ich das anzustellen habe, und fürchtete, meiner Tage könnten nur wenige sein aus Erden. Späterhin aber wurde mir das Glück, meine, Mutter von Herzen verehren zu können. Und ich ehre sie und halte ihr Andenken hoch. Vor sieben Jahren, Mr. Bintrey,« fuhr Wilding mit demselben kindlichen Schluchzen und überströmenden Thränen fort, »that mich meine vortreffliche Mutter zu meinen Vorgängern im Geschäft Pebbleson Nephew in die Lehre. Ihre zärtliche Fürsorge brachte mich zu gleicher Zeit in die Weinhändlerzunft und machte mich bei Zeiten zum selbstständigen Weinhändler, und – und – noch vieles Andere, was die beste der Mütter für mich ersann. Als ich großjährig wurde, übertrug sie den von ihr ererbten Antheil an dem Geschäft auf mich. Mit ihrem Gelde kaufte sie Pebbleson Nephew aus und setzte dafür Wilding und Co. auf das Schild. »Sie hinterließ mir Alles, was sie besaß, nur den Trauerring nicht, den Sie tragen. – Und nun, Mr. Bintrey,« rief er, indem seine kindlichen Gefühle aufs Neue hervorbrachen, »ist sie nicht mehr. Kaum ein halbes Jahr ist verflossen, seitdem sie nach Corner kam, um mit ihren eigenen Augen an dem Thürpfosten zu lesen: Wilding und Co., Weinhändler, und nun ist sie nicht mehr!«

»Traurig. Aber unser aller Loos, Mr. Wilding!« bemerkte Bintrey. »Heut oder morgen sind wir alle nicht mehr.« Damit brachte er den fünfundvierzigjährigen Portwein, über dessen Wohlgeschmack seufzend, zu seiner allgemeinen Bestimmung.

»Jetzt, Mr. Bintrey,« fuhr Wilding fort, sein Taschentuch bei Seite steckend und seine Augenlider mit den Fingern reibend, »jetzt kann ich meiner lieben Verstorbenen keine Achtung und Ehrfurcht mehr beweisen, ihr, zu der sich mein Herz instinktmäßig und geheimnißvoll hingezogen fühlte, als ich sie zuerst sah. Sie, eine fremde Dame, sprach mit mir, einem Findling, der am sonntagtäglichen Mittagstische saß; ich will beweisen, daß ich mich nicht schäme ein Findelkind gewesen zu sein; ich, der ich nie den eigenen Vater gekannt habe, will allen denen ein Vater sein, die in meinem Dienste stehen. Deshalb« fuhr Wilding fort bei seinem Schwatzen in Begeisterung gerathend, »deshalb brauche ich eine durch und durch vortreffliche Haushälterin, welche die Wirthschaft von Wilding u. Co., Weinhändler, Cripple Corner vorzustehen vermag, damit ich, wie in früheren Zeiten eine enge Verbindung des Brodherrn mit seinen Beamten wieder herstellen kann. Damit ich an dem Ort, wo mein Geld verdient wird, auch wohnen kann! Damit ich zu Häupten der Tafel sitzen kann, an der die bei mir Angestellten gemeinsam speisen und mit ihnen von demselben Gebratenen und Gekochten essen und von demselben Bier trinken kann! damit die in meinem Dienststehenden Leute mit mir unter einem Dache leben und so wir alle zusammen. – Ich bitte um Verzeihung, Mr. Bintrey, aber mein altes Sausen im Kopf hat mich wieder überfallen und ich würde Ihnen recht dankbar sein, Wenn Sie mich zum Brunnen führen wollten«

Von der tiefen Röthe im Gesicht seines Clienten beunruhigt, geleitete ihn Mr. Bintrey augenblicklich nach dem Hof. Es war sogleich geschehen, denn das Comptoir, in welchem sie sich befanden, ging, an der einen Seite des Wohnhauses gelegen, zum Hof hinaus. Auf ein Zeichen seines Clienten setzte der Geschäftsführer bereitwillig den Brunnenschwengel in Bewegung und der Client wusch sich Kopf und Hände und trank einen kräftigen Zug. Nach diesen Mitteln erklärte er sich besser zu befinden.

»Lassen Sie sich nicht durch Ihr gutes Herz so aufregen,« sagte Bintrey, als sie wieder im Comptoir anlangten und Mr. Wilding sich an dem Handtuch, welches hinter der Thür hing, abtrocknete.

»Nein, nein. Ich werde mich in Acht nehmen,« erwiderte er, aus dem Handtuch aufsehend. »Ich werde es nicht wieder thun. Ich habe nichts Verworrenes gesagt, nicht wahr?«

»Durchaus nichts. Nur vollständig Klares.«

»Wo blieb ich doch stehen, Mr. Bintrey?«

»Sie blieben stehen – Aber in Ihrer Stelle würde ich mich nicht damit aufregen fortzufahren, besonders jetzt.«

»Ich werde mich in Acht nehmen. Wobei stellte sich das Sausen in meinem Kopfe ein, Mr. Bintrey?«

»Beim Gebratenen Gekochten und beim Bier,« antwortete der Advokat. »Beim Wohnen unter einem Dach und wie es uns allen zusammen —«

»Aha! Und wie es uns allen zusammen im Kopfe sauste —«

»Wissen Sie, ich würde mich an Ihrer Stelle wirklich nicht durch mein gutes Herz so aufregen lassen,« gab ihm der Advokat besorgt zu verstehen. »Wir wollen noch einmal an den Brunnen gehen.«

»Nicht nöthig! nicht nöthig! Alles in Ordnung, Mr. Bintrey – und wie wir alle zusammen eine liebevolle Familie ausmachen wollen. Sehen Sie, Mr. Bintrey, ich bin in meiner Kindheit nicht gewohnt gewesen, für mich allein zu sein, wie es Manche mehr oder weniger in ihrer Kindheit gewohnt sind. Später bin ich ganz in meine liebe verstorbene Mutter aufgegangen. Nachdem ich sie verloren habe, kommt es mir vor, als ob ich vielmehr dazu geschaffen wäre, ein Theil von einem Ganzen zu sein, als ein Ganzes für mich allein. Ersteres zu werden und meine Pflicht zu thun an allen denen, die von mir abhängen, meine Untergebenen an mich zu fesseln, hat etwas Patriarchalisches und Verlockendes für mich. Ich weiß nicht, wie es Ihnen erscheinen mag, Mr. Bintrey, aber mir erscheint es so.«

»Nicht ich, sondern Sie haben zu bestimmen in diesem Falle,« erwiderte Bintrey, »folglich ist es von wenig Belang, wie es mir erscheint.«

»Mir erscheint es,« sagte Mr. Wilding in vollem Eifer, »hoffnungsvoll, nützlich und genußreich.«

»Wissen Sie,« gab ihm der Advokat wieder zu verstehen, ich würde mich in Ihrer Stelle wirklich —«

»Ich höre schon auf. Dann haben wir Händel.«

»Wir haben wen?« fragte Bintrey.

»Händel, Mozart, Haydn, Kent, Purcell, Doctor Arne, Greene, Mendelssohn. Ich kenne die Chöre der geistlichen Musikwerke auswendig, die ganze Sammlung der Findelhauskapelle. Warum sollten wir sie nicht zusammen aufführen können?«

»Wer soll sie aufführen?« fragte der Advokat gespannt.«

»Der Arbeitgeber und seine Arbeiter.«

»So, so!« erwiderte Bintrey besänftigt. Es sah aus, als habe er die Antwort erwartet, der Geschäftsführer und sein Client. »Das ist etwas anderes.«

»Durchaus nichts anderes, Mr. Bintrey. Es ist ganz dasselbe. Ein Glied der Kette, die uns mit einander verbindet.« Wir wollen in irgend einer stillen Kirche, die Corner nahe liegt, den Chor bilden und wenn wir Sonntags mit Wohlbehagen gesungen haben, nach Hause gehen und zu zeitiger Stunde mit Wohlbehagen unser Mittagbrod einnehmen. Es liegt mir sehr am Herzen diesen Plan unverzüglich ins Werk zu richten, so daß mein neuer Compagnon bei seiner Ankunft die Sache schon im besten Gange findet.«

»Ich wünsche ihr alles Gute! möge sie gedeihen!« rief Bintrey, sich erhebend, aus. »Soll Joey Ladle auch mitwirken bei Händel, Mozart, Haydn, Kent, Purcell, Doktor Arno, Greene und Mendelssohn?«

Ich hoffe.«

»Ich wünsche den Musikern, daß sie sämtlich mit heiler Haut davonkommen mögen!« erwiderte Bintrey aus vollem Herzen. »Guten Morgen, Sir. »Sie schüttelten sich die Hände und schieden. Dann, nachdem er durch Anklopfen mit seinen Knöcheln um Erlaubniß gefragt hatte, trat zu einer Verbindungsthür, die aus dem Privatbüreau in das der Schreiber führte, der Ober-Kellermeister der Kellergewölbe von Wilding u. Co., Weinhändler und früherer Ober-Kellermeister der Kellergewölbe von Pebbleson Nephew, der eben erwähnte Joey Ladle, zu Wilding herein: Ein schwerfälliger, bedächtiger Mann; wenn man ihn nach der Ordnung des menschlichen Baustyles abschätzen sollte, so würde er zur Klasse der Frachtfuhrleute gehören, mit seinem verschrumpften Anzug und seiner begossenen Schürze, die augenscheinlich halb aus Bast halb aus Rhinozerosfell bestand.

»Was das gemeinsame Speisen und Wohnen anbetrifft, junger Herr Wilding,« sagte er.

»Nun, Joey?«

»Ich spreche für mich selbst, junger Herr Wilding – ich spreche nie und habe noch nie für jemand anders als für mich selbst gesprochen – und ich brauche eigentlich keine Speise – noch ein Wohnhaus jedoch wenn Sie mich speisen und mich einquartieren wollen, so thun Sie es. Ich kann eben so gut essen wie mancher Andere. Wo ich esse, hat bei mir viel weniger auf sich, als was ich esse, und besonders nicht so viel auf sich als wieviel ich esse. Werden Alle in dem Hause wohnen, Mr. Wilding? Die beiden anderen Kellermeister, die drei Träger, die beiden Lehrlinge und der Geschäftsführer?«

»Ja. Ich hoffe wir werden alle eine glückliche Familie ausmachen, Joey.«

»Ah!« sagte Joey. »Ich hoffe das werden sie.«

»Sie? Sage lieber wir, Joey.«

Joey Ladle schüttelte den Kopf. »Sie können nicht von mir erwarten, daß ich wir sage, junger Herr Wilding, bei meiner Lebensweise und unter den Verhältnissen, unter denen sich meine Neigungen ausgebildet haben. Ich habe oft Pebbleson u. Nephew geantwortet, wenn sie mir gesagt haben: mache ein freundlicheres Gesicht, Joey – meine Herren, das mögen Sie können, die daran gewöhnt sind Ihren Wein nach einem System zu trinken, nach welchem er lustig durch die Kehle rinnt, Sie mögen ein freundliches Gesicht dazu machen, aber, sagte ich, ich bin daran gewöhnt meinen Wein durch die Poren der Haut einzunehmen mit auf diesem Wege genossen macht er eine schlimme – eine niederdrückende Wirkung. Es ist ein anderes Ding, meine Herren, sagte ich zu Pebbleson u. Nephew, in einem Eßsaal die Gläser zu füllen und sie mit Hurrah! hoch! und »Ein lustiger Bruder Jedermann,« zu leeren und ist ein anderes Ding vom Weindunst, der durch die Poren dringt, angefüllt zu werden, in einem dunklen niedrigen Gewölbe mit feuchter Luft. Das bringt verschiedene Wirkungen, bringt gute und schlechte Laune hervor, sagte ich zu Pebbleson u. Nephew. Und das ist wahr. Ich bin mein ganzes Leben hindurch mit voller Hingabe an meinen Beruf Kellermeister gewesen. Was ist die Folge davon? Ich bin ein so dumpfiger Mensch, wie nur irgend einer lebt – Sie können keinen dumpfigeren finden – noch können Sie was einen melancholischen Sinn anbetrifft meinesgleichen zum zweiten mal auftreiben. »Singt und schnell den Becher gefüllt! Jeder Tropfen, der überquillt, spült von der Stirn des Grames Falten, bannt aus der Seele die düsteren Gewalten.« Ja. Vielleicht ist das so. Aber wer durch die Poren der Haut mit Dunst angefüllt wird, noch dazu unter der Erde, der heitert sich nicht auf.«

»Das thut mir leid, Joey. Ich hatte gehofft, daß Du auch in die Singeschule eintreten werdest, die wir im Hause errichteten.«

»Ich, Sir? Nein, nein, junger Herr Wilding. Joey Ladle würde die ganze Harmonie dumpfig machen. Eine Speisenvertilgungsmaschine ist das einzige, Sir, zu dem ich außerhalb der Kellerräume zu verwenden bin; aber mir kann es recht sein, wenn Sie es der Mühe für werth halten so etwas, wie Sie eben erwähnten, zu errichten.«

»Das thue ich, Joey.«

»Kein Wort weiter, Sir! Meines Geschäftsherrn Wille ist mir Gesetz. – Und Sie werden den jungen Herrn George Vendale als Compagnon in das alte Geschäft aufnehmen?«

»Das werde ich, Joey.«

»Noch mehr Veränderungen! Aber, hören Sie, ändern Sie die Firrna nicht wieder. Thun Sie es nicht, junger Herr Wilding. Es war schlimm genug, daß sie in Sie selbst und Co. verwandelt wurde. Besser wäre es gewesen, sie Pebbleson Nephew heißen zu lassen, denen das Glück immer treu geblieben ist. Man muß das Glück? nie versuchen, wenn es gut gelaunt ist, Sir.«

»Was auch kommen mag, ich habe nicht die Absicht, den Namen des Hauses noch einmal zu ändern, Joey.«

»Freut mich zu hören und ich wünsche Ihnen einen guten Tag, junger Herr Wilding; aber Sie hätten um Vieles besser gethan,« murrte Joey Ladle kopfschüttelnd, als er die Thür hinter sich schloß, »den Namen zu lassen wie er war. Sie hätten um Vieles besser gethan, sich, vom Glück führen zu lassen; als seinen Weg zu durchkreuzen.«




Die Haushälterin tritt auf


Am andern Morgen saß der Weinhändler in seinem Eßzimmer, um die Personen, welche sich zu den offenen Stellen im Haushalt meldeten, zu empfangen. Es war ein altmodisches getäfeltes Gemach, in dem er sich befand, die Paneele waren mit aus Holz geschnitzten Blumenfestons verziert, den eichenen Fußboden bedeckte ein Verbleichter türkischer Teppich; dunkle Mahagoni-Möbel, welche alle unter Pebbleson Nephew gedient und Politur erhalten hatten, standen umher. Der große Credenztisch hatte vielen officiellen Diners beigewohnt, die Pebbleson Nephew’s ihren Connexionen gaben. Pebbleson Nephew’s wußten die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Pebbleson Nephews geräumigen dreiseitiger Tellerwärmer, der die ganze Front der Feuerstelle einnahm, behütete den darunter befindlichen, von einer Art Sarkophag beschirmten kleinen Keller, welcher zu seiner Zeit viele Dutzende von Pebbleson Nephew’s Weinflaschen beherbergte. Aber der kleine rothe alte Junggeselle mit dem Zöpfe, dessen Portrait über dem Credenztisch hing (und dem man sogleich ansah, daß er entschieden ein Pebbleson und entschieden kein Nephew war) hatte sich in einen andren Sarkophag zurückgezogen und der Tellerwärmer war dar über, so kalt wie sein Herr geworden. Die schwarz und goldnen Greise, die den Kandelaber trugen und schwarze – an goldenen Ketten befestigte Kugeln in den Mäulern hielten, sahen aus, als ob sie in ihren alten Tagen alle Lust verloren hätten, damit Ball zu spielen. Sie wiesen traurig ihre Ketten dar und fragten nach Art der Missionare: Sind wir denn nicht Greise und Brüder, die wohl verdienen endlich erlöst zu werden?

Einen wahren Columbus von einem Morgen konnte man den heutigen Sommermorgen nennen, da er Cripple Cornet entdeckt hatte. Sein Licht und seine Wärme drangen durch die offenen Fenster und beleuchteten das Bildniß einer Dame über dem Kamin, außer dem vorher erwähnten Portrait die einzige Wandverzierung.

»Meine Mutter, als sie fünfundzwanzig Jahre alt war,« sprach Mr. Wilding zu sich selbst. Seine Augen waren voller Entzücken dem Lichtstrahl zu dem Bilde hinauf gefolgt. »Ich habe sie hierher gehängt, damit die mich Besuchenden meine Mutter in der Blüthe ihrer Schönheit und Jugend bewundern können. Meine Mutter im Alter von fünfzig Jahren hängt in der Verschwiegenheit meines eigenen Zimmers, als eine mir heilige Erinnerung.« —

»O! Sind Sie es Jarvis?«

Die letzten Worte waren an einen Schreiber gerichtet, der an die Thür gepocht hatte und nun hineinsah.

»Ja, Sir. Ich wollte nur melden, daß es zehn vorbei ist, Sir, und daß mehrere Frauen im Comptoir warten.«

»Richtig!« sagte der Weinhändler. Das Rothe in seiner Gesichtsfarbe wurde röther und das Weiß weißer als vorher.

»Also Mehrere sind da? Mehrere – das ist sehr viel. Ich hätte anfangen sollen, ehe Mehrere da waren.

Ich will eine nach der andern sehen, Jarvis, und zwar in der Reihe, wie sie gekommen sind.«

Eiligst sich in seinen Lehnstuhl am Tisch hinter dem großen Tintenfaß verschanzend, nachdem er zuvor einen andern Sessel seinem eignen gegenüber gestellt hatte, begann Mr. Wilding sein Geschäft mit Zittern und Zagen.

Ein Spießruthenlaufen begann, wie bei jeder solchen Gelegenheit. Es kam die gewöhnliche Sorte von unsäglich unanziehenden Frauen und die ebenso gewöhnliche von zu anziehenden Frauen. Es kamen raubgierige Wittwen, die sich seiner bemächtigen wollten; sie hatten Schirme unter ihre Arme gepreßt und ihm war, als ob er das Pressen mitempfand. Es kamen schwärmerische Kammermädchen, die bessere Tage gesehen hatten, mit Zeugnissen von Geistlichen bewaffnet, welche die Frömmigkeit der Kammermädchen bescheinigten, als ob er St. Peter mit den Schlüsseln wäre. Es kamen allerliebste Kammermädchen, die ihn gern geheirathet hätten. Es kamen Haushälterinnen von Profession, gleich Beamten ohne Amt, welche ihn mit sich durch alle häuslichen Pflichten zogen, anstatt sich selbst einem Examen zu unterwerfen. Es kamen Alterschwache und Kranke, die weniger auf gutes Gehalt sahen, als auf liebevolle Verpflegung. Es kamen sentimentale Wesen, die bei jeder Anrede in Thränen ausbrachen und erst mit Gläsern kaltem Wasser wieder zu sich gebracht werden mußten. Es kamen zwei zu gleicher Zeit, von denen eine die andere empfehlen wollte, die eine war sehr viel versprechend die andere gar nichts versprechend. Die Vielversprechende antwortete bezaubernd auf alle Fragen, nur kam zuletzt heraus, daß sie gar keine Stelle haben wolle, sondern sie nur die Freundin der Nichtsversprechenden sei, welche in absolutem Schweigen verharrte. Endlich, als dem guten einfachen Weinhändler der Muth zu sinken begann, trat eine Bewerberin ein, die ganz verschieden von allen Uebrigen war. Eine Frau von etwa fünfzig Jahren, aber jünger aussehend, mit einem Gesicht, welches durch ruhige Freundlichkeit anzog und einer Haltung, die nicht minder durch ihr Gepräge von Seelenruhe fesselte. An ihrem Anzug hätte nichts zum Vortheil verändert werden können, ebenso wenig an der geräuschlosen Art ihrer Bewegungen und nichts konnte zu dem eben Erwähnten besser passen, als der Ton der Stimme, mit dem sie die Frage: »Welchen Namen habe ich zu schreiben?« beantwortete. »Mein Name ist Sarah Goldstraw. Mrs. Goldstraw. Mein Mann ist schon seit Jahren todt und wir haben keine Kinder.«

Ein halbes Dutzend Fragen hatten bei den Andern nicht so viel zur Sache Gehörendes herausgebracht. Die Stimme schlug so angenehm an Mr. Wildings Ohr, während er seine Notiz machte, daß er länger damit zu brachte, als nöthig. Beim Aufsehen bemerkte er, daß Mrs. Goldstraw’s Blicke im Zimmer umhergewandert waren und eben Von der Kaminwand zu ihm zurückkehrten. Ihr Ausdruck war der der offensten Bereitwilligkeit, alle Fragen: unumwunden zu beantworten.

»Entschuldigen Sie, daß ich einige Fragen thun muß,« sagte der Weinhändler bescheiden.

»Gewiß, Sir. Sonst brauchte ich ja nicht hier zu sein.«

»Haben Sie schon einem Haushalt vorgestanden?«

»Einmal. Ich bin nach dem Tode Meines Mannes zwölf Jahr bei einer verwittweten Dame gewesen. Sie war kränklich und starb vor Kurzem. Es ist der Grund, weshalb Sie Mich in Trauer sehen.«

»Ich zweifle nicht, daß sie Ihnen ein gutes Zeugniß ausgestellt haben wird,« sagte Mr. Wilding.

»Ich freue mich, es bestätigen zu können: wirklich ein gutes. Auch glaubte ich Ihnen Mühe zu ersparen, wenn ich Namen und Wohnung des Gentleman, der an Stelle meiner Herrin Auskunft ertheilen will, niederschrieb und mitbrachte.« Sie legte bei diesen Worten eine Karte aus den Tisch.

»Mrs. Goldstraw,« sagte Mr. Wilding indem er die Karte bei Seite legte, »Sie erinnern mich In Ihrer Art und Weise, Ihrem Ton der Stimme, an etwas aus früherer Zeit. Nicht an eine einzelne Person – das weiß ich gewiß, obgleich ich nicht darauf kommen kann, was mir eigentlich im Sinne liegt – aber an eine bestimmte Art des Benehmens. Ich muß hinzufügen, an eine freundliche, mir angenehme.«

Sie entgegnete lächelnd: »Das freut mich zu hören, Sir.«

»Ja,« fuhr der Weinhändler gedankenvoll fort, seine letzten Worte wiederholend, indem er einen schnellen Blick auf seine künftige Haushälterin warf, »eine freundliche und mir angenehme, aber das ist auch alles, worauf ich mich besinnen kann. Die Erinnerung schwebt mir vor, wie ein halb vergessener Traum. Ich weiß nicht, wie es Ihnen erscheinen mag, Mrs. Goldstraw, aber mir erscheint es so.«

Wahrscheinlich erschien es Mrs. Goldstraw in demselben Lichte, denn sie stimmte Mr. Wilding ruhig bei. Mr. Wilding erklärte sich in Verbindung mit dem Herrn setzen zu wollen, dessen Name aus der Karte verzeichnet stand: die Firma eines Procurators in Doctors Commons. Mrs. Goldstraw verneigte sich dankend. Da Doctors Commons nicht weit war, so schlug Mr. Wilding vor, ob es Mrs. Goldstraw möglich wäre, etwa in drei Stunden wieder herzukommen? Mrs. Goldstraw versprach es. Kurz und gut, das Ergebniß von Mr. Wildings Erkundigungen fiel im hohen Grade befriedigend aus. Mrs. Goldstraw wurde noch diesen Nachmittag engagirt und zog (nach ihrer eigenen Bestimmung) am andern Morgen ein, um sich in Cripple Cornet als Haushälterin niederzulassen.




Die Haushälterin redet


Am andern Tage traf Mrs. Goldstraw ein, um ihre neuen Pflichten zu übernehmen.

Nachdem sie sich in ihrem Zimmer eingerichtet hatte, ohne die Diener zu bemühen und ohne Zeitverschwendung meldete sich die neue Haushälterin bei ihrem Herrn, um die Instructionen, die er ihr etwa zu geben wünsche, entgegenzunehmen. Der Weinhändler empfing Mrs Goldstraw im Eßzimmer, in der er sie schon am vorigen Tage empfangen hatte und, nachdem die gegenseitige Begrüßung vorüber war, setzten sich beide nieder, um über die häuslichen Angelegenheiten zu berathen.

»Was die Speisen anbetrifft, Sir!« sagte Mrs. Goldstraw. »Habe ich eine große Anzahl oder nur wenig Menschen zu bewirthen?«

»Wenn ich einen lieben altmodischen Plan ausführen kann,« erwiderte Mr. Wilding »werden Sie eine große Anzahl zu versorgen haben. Ich bin ein einsamer unverheiratheter Mann, Mrs. Goldstraw, und gedenke mit allen denen, die bei mir im Geschäft sind, zu leben, als ob wir eine Familie wären. Bis es so weit ist, haben Sie Niemand als mich und den neuen Compagnon, den ich jeden Augenblicke erwarte, zu versorgen. Welche Gewohnheiten mein Theilnehmer am Geschäft haben mag, kann ich nicht sagen, aber mich selbst kann ich als einen Mann bezeichnen, der regelmäßig seine Stunden einhält und regelmäßig Appetit mitbringt, darauf können Sie rechnen.«

»Was das erste Frühstück anbelangt, Sir?« fragte Mrs. Goldstraw. »Haben Sie einige besondere —«

Sie hielt ein und ließ den Satz unvollendet. Ihre Augen wendeten sich langsam von ihrem Herrn ab und blickten nach dem Kamin hin. Wenn sie eine weniger vortreffliche und erfahrene Haushälterin gewesen wäre, so hätte sich Mr. Wilding einbilden können, daß ihre Aufmerksamkeit schon am Anfang ihrer Unterredung abzuschweifen beginne.

»Acht Uhr ist meine Frühstückszeit,« nahm er das Gespräch wieder auf. »Es ist eine meiner Tugenden, daß mir gebratener Speck nie überdrüssig wird und eines meiner Laster, daß ich Eier stets mit Mißtrauen betrachte.« Mrs. Goldstraws Augen kehrten wieder zu dem Sprechenden zurück, aber sie weilten. nur halb auf ihrem Herrn und zur andern Hälfte auf ihres Herrn Kamin. »Ich trinke Thee,« fuhr Mr. Wilding fort; »und bin, was denselben anbetrifft, krankhaft peinlich; ich trinke ihn in einer genau abgemessenen Zeit nach seinem Fertig werden. Wenn mein Thee zu lange steht —«

Er hielt jetzt seinerseits ein und ließ den Satz unvollendet. Wenn er nicht im Besprechen eines Gegenstandes von so ungemeiner Wichtigkeit, als sein Frühstück begriffen gewesen wäre, so hätte Mrs. Goldstraw sich einbilden können, daß auch seine Aufmerksamkeit schon im Anfang des Gesprächs abzuschweifen beginne.

»Wenn Ihr Thee zu lange steht »Sir?« half die Haushälterin ein, höflich den Faden des Gesprächs wieder aufnehmend.

»Wenn mein Thee zu lange steht« – wiederholte der Weinhändler mechanisch, aber sein Geist verlor sich weiter und weiter hinweg vom Frühstück und seine Augen hefteten sich immer forschender auf die Züge der Haushälterin. »Wenn mein Thee – Himmelt Himmel! Mrs. Goldstraw Woran erinnert mich Ihre Art und Weise und Ihre Stimme? Es ergreift mich heute noch mehr als gestern, wo ich Sie zum ersten mal sah. Was kann es sein?«

»Was kann es sein?« wiederholte Mrs. Goldstraw.

Sie sprach die Worte und dachte augenscheinlich an ganz etwas anderes, als an das, was sie sprach. Der Weinhändler der sie noch immer forschend ansah, bemerkte, daß ihre Augen wieder und wieder nach der Kaminwand hinschweiften. Sie blieben an dem Portrait seiner Mutter hängen, welches sich dort befand und blickten es an. Sie zog ihre Brunnen leicht zusammen, wie man es bei einer kaum bewußten Anstrengung des Denkvermögens zu thun pflegt. Mr. Wilding erklärte:

»Meine geliebte verstorbene Mutter ist ihrem fünfundzwanzigsten Jahre.«

Mrs. Goldstraw bedankte sich mit einer leichten Kopfbewegung für die Mühe, die er sich nahm, ihr das Bild zu erklären und sagte wieder mit freier Stirn, daß es das Portrait einer sehr schönen Dame wäre.

Mr. Wilding fiel in sein früheres Sinnen zurück und versuchte auf’s Neue seine Erinnerungen aufzufrischen, die so genau und so unerklärlich sich an die Stimme und an die Art und Weise der neuen Haushälterin knüpften.

»Entschuldigen Sie eine Frage, welche freilich nichts mit mir oder meinem Frühstück zu thun hat,« sagte er. »Darf ich wissen, ob Sie je eine andere Stellung inne gehabt haben als die einer Haushälterin?«

»Ja, Sir. Im Anfange meiner Laufbahn war ich Kinderwärterin im Findelhause.«

»Ha! da ist es!« rief der Weinhändler seinen Stuhl zurückstoßend. »Beim Himmel. An deren Art und Weise erinnern Sie mich.«

Mrs. Goldstraw sah, ihn verwundert an und wechselte die Farbe. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen, senkte Je Augen zur Erde und verharrte schweigend und bewegungslos.

»Was ist Ihnen?« fragte Mr. Wilding.

»Verstehe ich Sie recht, Sir? Sie sind im Findelhause gewesen?«

»Gewiß. Ich schäme ich nicht, es einzugestehen.«

»Unter dem Namen, den Sie noch führen?«

»Unter dem Namen Walter Wilding.«

»Und die Dame?« – Mrs. Goldstraw hielt ein und warf einen Blick, der augenscheinlich von Angst und Unruhe sprach, auf das Portrait.

»Ist meine Mutter,« unterbrach sie Mr. Wilding.

»Ihre – Mutter,« wiederholte die Haushälterin gezwungen, »nahm Sie aus dem Findelhause? Wie alt waren Sie da,Sir?«

»Zwischen elf und zwölf Jahren. Es ist eine ganz romantische Geschichte, Mrs. Goldstraw.«

Er erzählte in seiner unbefangenen mittheilsamen Weise, wie eine Dame während der Tischzeit mit ihm gesprochen habe, als er und die andern Knaben im Findelhause beim Mittagbrod gewesen seien, und welche Folgen sich daran für ihn geknüpft hätten. »Meine arme Mutter würde mich nicht herausgefunden haben,« setzte er hinzu, »wenn nicht eine der Aufseherinnen, mit der sie gerade zusammentraf, Mitleiden gehabt hätte. Dieselbe willigte ein, den Knaben, welcher Walter Wilding genannt wurde, beim Herumgehen um die Tische anzufassen – und auf diese Art erhielt meine Mutter mich wieder, nachdem sie an der Thür des Findelhauses aus ewig Abschied von mir genommen hatte, als ich ein ganz kleines Kind gewesen bin.«

Bei diesen Worten sank Mrs. Goldstraw’s Hand vom Tisch, auf dem sie lag, in ihren Schooß. Die Haushälterin saß, ihren neuen Herrn anstarrend, mit einem Gesicht das todtenbleich geworden war und mit Augen da, die unsäglichen Schrecken ausdrückten.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte der Weinhändler. »Halt!« rief er. »Es steht vielleicht noch etwas aus meiner Vergangenheit mit Ihnen in Beziehung. Ich erinnere mich, daß meine Mutter mir von einem Mädchen aus dem Findelhause erzählte, dem sie zu großem Dank verpflichtet war. Damals, als sie sich von mir getrennt hatte, verrieth eine der Kinderwärterinnen den Namen, der mir in dem Institut zuertheilt worden. Waren Sie die Kinderwärterin?«

»Gott vergebe mir, Sir – ich war es.«

»Gott vergebe Ihnen?«

»Wir thäten besser, Sir, wenn ich so frei sein darf, das auszusprechen, zu den Pflichten, die ich im Hause übernehmen soll, zurückzukehren,« sagte Mrs. Goldstraw. »Um acht Uhr frühstücken Sie. Nehmen Sie Mittags ein zweites Frühstück oder Ihr Diner ein?«

Die dunkle Röthe, die Mr. Bintrey in das Antlitz seines Clienten hatte aufsteigen sehen, begann sich aufs Neue zu zeigen. Mr. Wilding faßte mit der Hand an die Stirn und kämpfte eine augenblickliche Verwirrung, die dort herrschte, nieder, ehe er zu sprechen anfing.

»Mrs. Goldstraw! sagte er, »Sie verheimlichen etwas vor mir!«

Die Haushälterin wiederholte beharrlich: »Wollen Sie nicht so gütig sein, mir zu sagen, Sir, ob Sie Mittags ein zweites Frühstück einnehmen oder dinieren?«

»Ich weiß nicht, was ich Mittags thue. Ich bin nicht eher im Stande auf häusliche Angelegenheiten einzugehen, Mrs. Goldstraw, bis ich nicht erfahren habe, warum Sie die Freundlichkeit, die Sie meiner Mutter erwiesen haben, bereuen, eine Freundlichkeit, deren meine Mutter dankbar bis zu ihrem Lebensende gedachte. Sie erzeigen mir keinen Dienst mit ihrem Schweigen. Sie regen mich auf und beunruhigen mich. Sie beschwören das Sausen in meinem Kopf herauf!« Seine Hand faßte wieder nach der Stirn, und die Röthe in seinem Antlitz wurde tiefer und tiefer.

»Es ist traurig für mich, Sir,« sagte die Haushälterin, »gerade beim Eintritt in Ihren Dienst etwas gestehen zu sollen, was mir Ihre gute Meinung kosten kann. Bitte, wollen Sie sich erinnern, wie es auch enden mag, daß ich nur spreche, weil Sie darauf bestehen, und weil ich sehe, wie sehr ich Sie durch mein Schweigen beunruhige. Als ich der armen Lady, deren Portrait dort oben hängt, den Namen verrieth, den man ihrem Kinde im Findelhause gegeben hatte, verletzte ich allerdings meine Pflicht, und ich sehe, schreckliche Folgen – Folgen, die mich entsetzten – sind daraus erwachsen. Ich will die Wahrheit eingestehen, so gut ich es vermag. Wenige Monate, nachdem ich der Lady den Namen ihres Kindes verrathen hatte, erschien eine Dame vom Lande, eine Fremde, in dem Institut, welche den Wunsch aussprach eines unserer Kinder zu adoptieren. Die nöthige Erlaubniß dazu brachte sie mit, und nachdem sie eine Menge unserer Zöglinge gesehen hatte, ohne sich entschließen zu können, erfaßte sie eine plötzliche Zuneigung zu einem derselben – einem Knaben, – der unter meiner Aufsicht stand. Bitte, suchen Sie sich zu fassen, Sir, das Verheimlichen ist nicht mehr möglich. Das Kind, welches die Fremde mit sich nahm, war das Kind jener Dame, deren Bild hier hängt.«

Mr. Wilding starrte den Boden an. »Unmöglich!« rief er mit aller Gemalt, deren er fähig war. »Wovon sprechen Sie? Welche wahnsinnige Geschichte erzählen Sie mir? Hier hängt ihr Bild! Habe ich Ihnen das nicht schon einmal gesagt? Das Bild meiner Matter!«

»Wenn diese unglückselige Frau Sie in späteren Jahren aus der Anstalt nahm,« sprach Mrs Goldstraw so milde wie möglich, »so war sie das Opfer eines traurigen Mißverständnisses, und Sie waren es gleichfalls, Sir.«

Er sank in seinen Sessel zurück. »Das Zimmer geht mit mir herum,« rief er. »Mein Kopf! mein Kopf.«

Die Haushälterin sprang erschrocken auf und öffnete das Fenster. Ehe sie die Thür erreicht hatte, um nach Hilfe zu rufen, machte sich die Beklemmung, die Mr. Wildings Leben zu bedrohen schien, durch einen gewaltsamen Thränenstrom Luft. Er gab wiederholentlich der Mrs. Goldstraw Zeichen, ihn nicht zu verlassen. Sie wartete geduldig, bis der Weinkrampf sich beruhigt hatte. Als Mr. Wilding wieder Fassung gewonnen, richtete er den Kopf auf und sah Mrs. Goldstraw ärgerlich und argwöhnisch an, wie ein schwacher Mensch, der das ihm Unbequeme nicht glauben will.

»Mißverständniß?« fragte er zornig, ihr letztes Wort wiederholend. »Wie kann ich wissen, ob Sie nicht selbst im Irrthum sind?«

»Hoffen Sie nicht, daß ich mich irre, Sir. Ich will Ihnen den« Grund sagen, wenn Sie besser im Stande sind, ihn zu hören.«

»Jetzt! jetzt!«

Der Ton, in dem er sprach, überzeugte Mrs. Goldstraw, daß es eine grausame Gutmüthigkeit sein würde, ihn noch einen Augenblick länger sich mit der eitlen Hoffnung schmeicheln zu lassen, daß das Erzählte auf einem Irrthum beruhen könne. Wenige Worte mehr machten allem Zweifel ein Ende, und sie war entschlossen, diese wenigen Worte zu sprechen.

»Ich sagte Ihnen,« begann sie, »daß das Kind der Dame, deren Portrait dort hängt, von einer fremden Frau fortgenommen und adoptiert worden sei. Es ist so gewiß wahr, was ich sage, wie ich hier vor Ihnen sitze und gezwungen bin, Sie zu kränken. Bitte, folgen Sie mir im Geist in die Zeit zurück, als ein Vierteljahr über Ihre Aufnahme im Findelhause dahingegangen war. Ich befand mich damals in London, um einige Kinder von dort nach unsrer Anstalt auf dem Lande abzuholen. Man hielt Rath über die Taufe eines Kindes. – eines Knaben – der gerade aufgenommen worden war. Wir wählten die Namen gewöhnlich, ohne das Directorium zu befragen. Heute erschien zufällig einer der bei der Verwaltung betheiligten Herren und sah die Register durch. Er bemerkte, daß man den Namen jenes Kindes, welches adoptiert worden war, Walter Wilding, ausgestrichen hatte – offenbar aus dem Grunde, weil das Kind für immer unserm Wirkungskreis entzogen war. Hier ist ein Name, sagte er, gebt ihn dem Findling der heute aufgenommen ist. Man gab ihm den Namen, und das Kind wurde getauft. Sie, Sir, waren das Kind.«

Der Kopf des Weinhändlers fiel auf die Brust. »Ich war das Kind!« sagte er zu sich selbst einen ohnmächtigen Versuch machend diese Idee wirklich zu fassen. »Ich war das Kind!«

»Kurze Zeit nachdem Sie in der Anstalt verweilten, Sir,« fuhr Mrs. Goldstraw fort, " »gab ich meine Stellung auf, weil ich heirathete. Wenn Sie sich dessen erinnern wollen und wenn Sie sich entschließen können das Folgende scharf ins Auge zu fassen, so wird Ihnen selbst klar werden, wie dieser bedauerliche Irrthum, von dem wir reden, sich ereignen konnte. Elf bis zwölf Jahre verliefen, ehe die Dame, die Sie für Ihre Mutter gehalten haben, das Findelhaus wieder betrat um ihren Sohn zu suchen und mit sich nach Hause zu nehmen. Die Dame wußte nur, daß ihr Sohn Walter Wilding hieß. Die Aufseherin, welche sich ihrer mitleidig annahm, konnte ihr nur den Walter Wilding zeigen, der sich in der Anstalt befand. Ich, welche den Irrthum entdeckt haben würde, war fern von den Kindern und von allem was zu ihnen gehörte. Nichts, wirklich nichts konnte den traurigen Mißgriff, der geschah, abwenden. Ich empfinde mit Ihnen – gewiß, Sir, das thue ich. Sie werden denken – und mit Recht – daß es eine unselige Stunde war, die mich in Ihr Haus führte, ganz ahnungslos, das versichere ich, um mich nach der Haushälterinstelle umzuthun. Mir ist, als ob ich zu tadeln wäre – als ob ich mehr Selbstbeherrschung hätte entwickeln müssen. Wenn meine Mienen nicht verrathen hätten, an was mich dieses Portrait und ihre eigenen Worte erinnerten, Sie würden nie, selbst nicht auf ihrem Sterbebette, erfahren haben, was Sie jetzt wissen.«

»Mr. Wilding richtete sich plötzlich auf. Die angeborene Ehrlichkeit des Menschen sträubte sich gegen die letzten Worte der Haushälterin. Es schien, als ob seine Seele sich nach dem Schlag, der sie niederzuschmettern drohte, kräftig aufrichtete.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie es mir verheimlicht haben würden, wenn es möglich gewesen wäre?« rief er aus.

»Ich würde stets auf Befragen die Wahrheit gesagt haben, Sir, so hoffe ich von mir,« entgegnete Mrs. Goldstraw. »Und, so viel weiß ich, es ist besser für mich kein Geheimniß dieser Art auf meiner Seele lasten zu haben. Aber ob es besser für Sie ist? Wozu kann es Ihnen nützen.«

»Nützen? Allmächtiger! Wenn Ihre Erzählung eine wahre ist.—«

»Würde ich sie, in der Stellung, die ich inne habe, mitgetheilt haben, wenn sie nicht wahr wäre?«

»Entschuldigen Sie,« sagte der Weinhändler, »Sie müssen Nachsicht mit mir haben. Ich kann mir diese schreckliche Entdeckung jetzt nicht als wirklich darstellen. Wir haben uns so innig lieb gehabt – ich empfand mich ganz und gar als ihren Sohn. Sie starb, Mrs. Goldstraw, in meinen Armen – sie gab mir sterbend ihren Segen, wie nur eine Mutter ihn geben kann. Und nun, nach der ganzen Zeit zu erfahren, daß sie nicht meine Mutter war! O, Himmel! Himmel! Ich weiß nicht was ich rede!« rief er, als die Selbstbeherrschung die ihn das Vorhergehende hatte sprechen lassen, ins Wanken gerieth und unterlag. »Es ist nicht dieser schreckliche Kummer – es liegt mir etwas anderes im Sinn, von dem ich reden wollte. Ja, richtig! Sie haben mich überrascht – Sie haben mich tief gekränkt. Sie thaten so, als ob Sie mir alles verheimlicht haben würden, wenn Sie gekannt hätten. Lassen Sie mich das nicht wieder hören. Nur ein Verbrechensucht man zu verheimlichen. Sie meinen es gut, ich weiß es. Ich will Ihnen nicht wehe thun. Sie sind eine freundliche Seele. Aber Sie vergessen, in welcher Lage ich mich befinde. Sie hat mir alles was ich mein nenne in der festen Ueberzeugung hinterlassen, daß ich ihr Sohn sei. Ich bin nicht ihr Sohn. Ich habe den Platz unrechtmäßig eingenommen, ich habe unschuldiger Weise das Erbe eines andern Mannes im Besitz. Er muß aufgefunden werden. Kann ich wissen, ob er nicht in diesem Augenblick im Elend ist und keinen Bissen hat um seinen Hunger zu stillen! Er muß aufgefunden werden! Meine einzige Hoffnung dem Schlag, der mich getroffen hat nicht zu unterliegen beruht darauf, meine Handlungsweise so einzurichten daß sie sie billigen müßte. Sie wissen noch mehr, Mrs. Goldstraw, als Sie mir bis jetzt mitgetheilt haben. Wer war die Fremde, welche das Kind adoptiert hat? Sie müssen den Namen der Dame gehört haben.«

»Ich habe ihn nie gehört, Sir. Und habe sie nie wieder gesehen und nichts wieder von ihr vernommen.«

»Sagte sie nichts, als sie das Kind mit sich nahm? Spähen Sie in ihrem Gedächtniß nach. Sie muß etwas gesagt haben.«

»Nur auf Eines kann ich mich besinnen, Sir. Es war auffallend schlechtes Wetter in dem Jahre, und die Kinder kränkelten viel. Als sie den Knaben mitnahm, sagte sie freundlich zu mir: »Beunruhigen Sie sich nicht seiner Gesundheit wegen. Er wird in einem schöneren Klima als dies ist groß werden. – Ich gehe mit ihm in die Schweiz.«

»In die Schweiz? In welchen Theil der Schweiz?«

»Das hat sie nicht gesagt, Sir.«

»Nur diesen schwachen Anhalt! sagte Mr. Wilding. »Und ein Vierteljahrhundert ist vorübergegangen, seitdem das Kind fortgeholt ist! Was soll ich thun?«

»Ich hoffe, Sie halten mir meine Offenheit zu gut, Sir," sagte Mrs Goldstraw. »Aber weshalb sich grämen, möglicherweise ist er nicht mehr am Leben, wer kann es wissen? und sollte er leben, so ist es nicht wahrscheinlich daß es ihm schlecht ergehe. Die Dame, welche ihn an Kindes statt aufnahm, war eine vornehme, wohlhabende Frau – das konnte man gleich erkennen. Auch muß sie sich darüber ausweisen, den Knaben erziehen zu können, sonst überläßt man ihr kein Kind. Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, Sir – entschuldigen Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, so zu sprechen – ich würde mich in dem Gedanken beruhigen, daß ich die arme Lady, deren Portrait dort hängt, geliebt hätte – in Wahrheit geliebt hätte, wie eine Mutter und daß sie mich in Wahrheit geliebt hätte, wie ihren Sohn. Alles, was Sie von ihr besitzen, hat sie Ihnen um dieser Liebe willens gegeben. Diese Liebe war unverändert, so lange sie lebte und würde sich nicht verändert haben, so lange Sie lebten, dessen bin ich gewiß. Giebt es ein besseres Recht, Sir, auf das, was Sie besitzen?«

Mr. Wildings nicht zu beirrende Ehrlichkeit erkannte die schwache Seite in der Ansicht seiner Haushälterin auf den ersten Blick heraus.

»Sie verstehen mich nicht« sagte er. »Gerade weil ich sie geliebt habe, empfinde ich es als eine Pflicht eine heilige Pflicht gerecht gegen ihren Sohn zu handeln. Wenn er am Leben ist, muß ich ihn auffinden; meinetwegen so gut als seinetwegen. Ich würde zusammenbrechen unter dieser schrecklichen Prüfung, wenn ich mich nicht beeiferte – dringlich und schleunig beeiferte – das zu thun, was mein Gewissen mir als Nothwendigkeit vorschreibt. Ich muß mit meinem Advocaten sprechen; ich muß Alles in Bewegung setzen, noch ehe ich schlafen gehe.« Er ging auf das Sprachrohr, welches sich in der Wand des Zimmers befand, zu und rief etwas in das Bureau hinab. »Verlassen Sie mich, Mrs. Goldstraw,« fuhr er fort. »Ich werde später gesammelter und mehr dazu fähig sein, mit Ihnen zu sprechen. Wir werden gut mit einander auskommen – ich hoffe, wir werden gut. mit einander auskommen – trotz alledem, was sich ereignet hat. Sie können nicht dafür. Ich weiß, Sie können nicht dafür. So! so! schütteln mir uns die Hände und thun Sie Ihr Möglichstes für meinen Haushalt. – Ich hin nicht im Stande, darüber mit Ihnen zu sprechen.«

Die Thür öffnete sich gerade, als Mrs. Goldstraw darauf zuging und Mr. Jarvis erschien.

»Schicken Sie zu Mr. Bintrey,« sagte der Weinhändler. »Zeigen Sie ihm an, daß ich ihn sogleich zu sprechen Wunsche.«

Der Schreiber schob unhefugter Weise die Ausführung des Befehls dadurch hinaus, daß er Mr. Vendale« meldete und den neuen Theilnehmer der Firma Wilding und Co. auch sogleich eintreten hieß.

»Wollen Sie mich auf einen Augenblick entschuldigen, George Vendale,« sagte Wilding. »Ich habe Jarvis noch ein Wort zu sagen. Schicken Sie zu Mr. Bintrey,« wiederholte er. »Schicken Sie sogleich!«

Ehe Mr. Jarvis das Zimmer verließ, legte er noch einen Brief auf den Tisch.

»Von unserm Correspondenten aus Neuschatel, glaube ich, Sir. er Brief trägt die Schweizer Postmarke.«




Neue Charactere auf der Scene


Die Worte die »Schweizer Postmarke« folgten so unmittelbar auf Mrs. Goldstraw’s Erwähnung der Schweiz und steigerten Mr. Wildings Aufregung zu einer solchen Höhe, daß sein Compagnon sich nicht das Ansehen gehen konnte, als ob er sie nicht bemerke.

»Wilding,« fragte er schnell und hielt dann ein, sich umsehend, ob er im Zimmer eine Ursache zu seines Gefährten Aufregung entdecken könne. »Was haben Sie?«

»Mein lieber George Vendale,« erwiderte der Weinhändler dem Angeredeten seine Hand mit einem flehenden Blick entgegenstreckend, als ob er dessen Hilfe begehre, um etwas Schreckliches zu überwinden und nicht, als ob er sie ihm zum Bewillkommungs-Gruß reiche. »Mein lieber George Vendale, so viel habe ich erfahren, daß ich nie wieder ich selbst sein werde. Unmöglich kann ich je wieder ich selbst sein. Denn im vollen Sinne des Wortes, ich bin nicht ich.«

Der neue Compagnon, ein braunwangiger hübscher Junge, beinah in Wildings Alter, mit einem schnellen sichern Auge und entschlossener Bewegung, erwiderte mit unendlichem Erstaunen: »Nicht Sie?«

»Nicht was ich zu sein glaubte,« sagte Wilding.

»Wer, im Namen alles Wunderbaren, glaubten Sie zu sein, der Sie nun nicht sind?« lautete die Entgegnung, die mit einer so herzgewinnenden Freundlichkeit ausgesprochen wurde, daß sie das Vertrauen eines zurückhaltenderen Mannes als Wilding war, herausgelockt haben würde. »Ich kann Sie jetzt, wo wir Compagnons sind, wohl ohne unbescheiden zu sein fragen.«

»Schon wieder!« rief Wilding indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und dem andern einen trostlosen Blick zuwarf. »Compagnon! und ich habe nicht das Recht in unser Geschäft einzutreten. Es ist mir nicht bestimmt gewesen und meine Mutter hat es nicht für mich erworben. Ich will damit sagen, seine Mutter hat es für ihn erworben – wenn ich überhaupt eine Meinung haben kann – oder überhaupt jemand bin.«

»Gehen Sie, gehen Sie!« äußerte der Compagnon nach einer augenblicklichen Pause mit jener ruhigen Zuversicht, wie sie eine kräftige Natur durchdringt, die den aufrichtigen Willen hat, einer schwachen beizustehen. »Wenn ein Unrecht geschehen ist, so ist es ohne Ihre Schuld geschehen, davon bin ich überzeugt. Ich war nicht drei Jahre mit Ihnen zusammen in diesem Comptoir unter dem alten Regime, um Ihnen zu mißtrauen, Wilding. Wir waren, was Redlichkeit anbelangt beide damals schon ebenso reif wie jetzt. Lassen Sie mich meine Compagnonschaft damit beginnen, Ihnen ein thätiger Theilnehmer zu sein und alles, was unrecht ist, in’s Gleiche zu bringen. Hat der Brief irgend etwas damit zu schaffen?«

»Ach!« rief Wilding mit der Hand an seine Schläfe fassend. »Schon wieder! Mein Kopf! Ich hatte den Zwischenfall vergessen! Die Schweizer Postmarke.«

»Bei einem zweiten Blick, den ich darauf werfe, werde ich gewahr, daß der Brief uneröffnet ist, also nichts mit den angedeuteten Verhältnissen zu thun haben kann. Ist er an Sie oder an uns?«

»An uns,« sagte Wilding.

»Ich denke, ich öffne ihn und lese ihn vor, um ihn uns aus dem Weg zu schaffen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Der Brief kommt von unsern Champagnerlieferanten, dem Neuschateller Hause. Geehrter Herr. Durch Ihr gütiges Schreiben vom 28. d. M. sind wir in Kenntnis gesetzt worden, daß Sie Herrn Vendale als Compagnon in das Geschäft aufgenommen haben. Erlauben Sie, daß wir Ihnen unsre Glückwünsche zu diesem Ereigniß aussprechen. Zu gleicher Zeit ergreifen wir die Gelegenheit, Ihnen ausdrücklich Herrn Jüles Obenreizer zu empfehlen.« »Nicht möglich! Wilding sah von einem schnellen Argwohn erfaßt auf und rief: »Wie?«

»Nicht möglich den Namen auszusprechen!« erwiderte sein Compagnon leichthin – »Obenreizer. – Ihnen ausdrücklich Herrn Jüles Obenreizer zu empfehlen, Sohos-quare, London (north Side), welcher als unser Agent accreditirt ist. Er hat die Ehre, bereits die Bekanntschaft des Herrn Vendale in seinem Vaterlande (d. h. in Herrn Obenreizers Vaterlande) der Schweiz gemacht zu haben – Richtig! – o, o, woran hatte ich schon gedacht. – Jetzt erinnere ich mich – als er es mit seiner Nichte bereiste.«

»Mit seiner —?« Vendale hatte das letzte Wort so verschluckt, das Wilding es nicht verstehen konnte.

»Als er es mit seiner Nichte bereiste Obenreizers Nichte,« sagte Vendale übertrieben deutlich. »Die Nichte Obenreizers. (Ich bin ihnen während meiner ersten Schweizer Tour begegnet, reiste eine Weile mit ihnen, Verlor sie während zweier Jahre aus den Augen, begegnete ihnen, als ich das vorletzte Mal in der Schweiz war, wieder und habe seitdem nichts mehr von ihnen gehört.) Obenreizer. Obenreizers Nichte. Richtig! Er ist schließlich doch möglich auszusprechen, der Name! – Herr Obenreizer besitzt unser ausgedehntestes Vertrauen und wir hoffen, daß auch Sie seine Verdienste zu schätzen wissen werden. Richtig unterzeichnet von dem Hause Defresnier und Comp. Schön. Ich werde Mr. Obenreizer sogleich aufsuchen und den Gang uns aus dem Wege räumen. Das räumt zugleich die Schweizer Postmarke aus dem Wege. Und, mein lieber Wilding, theilen Sie mir mit, was ich weiter aus Ihrem Weg räumen kann und ich werde Mittel finden, die mir das Aufräumen ermöglichen.«

Bereit dazu und im höchsten Grade dankbar, daß ihm die Mühe erleichtert wurde, drückte der ehrliche Weinhändler dem Andern die Hand und begann seine Erzählung damit, sich reuevoll selbst als einen Usurpator anzuklagen.

»Ohne Zweifel haben Sie darum nach Bintrey geschickt, als ich eintrat?« fragte der Compagnon nach kurzem Bedenken.

»Darum.«

»Er hat Erfahrung und einen verschlagenen Kopf; ich bin begierig seine Meinung zu hören. Es ist kühn und gewagt, Ihnen die meinige zu sagen, ehe ich weiß, wie er denkt, aber ich verstehe nicht zurückzuhalten. Offen denn, ich sehe die Verhältnisse anders an, als Sie sie sehen. Ich finde Ihre Lage nicht so, wie Sie sie finden. Was das Usurpieren fremden Besitzes anbelangt, mein lieber Wilding, das ist reine Thorheit, da niemand ein Usurpator sein kann, der nicht beabsichtigt hat, jemand zu beeinträchtigen. Und das haben Sie nie gethan. Was die Erbschaft den jener Dame anbelangt, die geglaubt hat, Sie wären ihr Sohn und den der Sie, nach deren eigener Aussage, glauben mußten, sie sei Ihre Mutter, so bedenken Sie, ob das Erben nicht die Folge Ihrer persönlichen Beziehungen zu einander war? Sie faßten nach und nach immer innigere Zuneigung zu ihr. Sie faßte nach und nach immer innigere Zuneigung zu Ihnen. Ihnen, Ihrer Person, wie ich die Sache ansehe, hat sie die irdischen Vortheile bestimmt, und nur von ihr, von ihrer Person haben Sie sie angenommen.«

»Sie setzte voraus,« wendete Wilding kopfschüttelnd ein, daß ich ein natürliches Recht darauf hätte, was mir fehlte.«

»Das muß ich zugeben, gewiß« erwiderte der Compagnon. »Aber gesetzt, sie hätte die Entdeckung, die Sie jetzt gemacht haben, ein halbes Jahr vor ihrem Tode auch gemacht, glauben Sie, daß das die Jahre, die Sie mit ihr zusammen gewesen sind, ausgestrichen und die Zärtlichkeit verlöscht haben würde, welche einer für den andern in immer höherem Grade empfand, je länger das mit einander Verkehren dauerte?«

»Was ich darüber denke,« sagte Wilding sich einfach und fest an der nackten Thatsache haltend, »kann die Wahrheit eben sowenig ändern, als ich den Himmel herunter zu reißen vermag. Die Wahrheit ist, daß ich der Besitzer von irdischen Gütern bin, die einem Andern zugehören.«

»Er kann schon todt sein,« sagte Vendale.

»Er kann auch leben,« sagte Wilding. »Und wenn er lebt, habe ich ihn nicht unschuldiger weise – das gebe ich Ihnen zu, unschuldiger weise – um Vieles gebracht? Habe ich ihn nicht um die ganze glückliche Zeit, die ich an seiner Stelle verlebt habe, gebracht? Habe ich ihn nicht um die namenlose Freude gebracht, die meine Seele erfüllte, als die theure Frau« – er streckte seine Hand nach dem Bilde aus – »mir vertraute, daß sie meine Mutter sei? Habe ich ihn nicht um alle die Sorgfalt gebracht, die sie über mich ausgoß? Habe ich ihn nicht um alle Verehrung und alle Pflichten gebracht, die ich ihr mit Stolz weihte? Darum frage ich mich selbst und frage auch Sie, George Vendale, wo ist er? Was ist aus ihm geworden?«

»Wer kann es wissen!«

»Ich muß es versuchen, ihn ausfindig zu machen. Ich muß Nachforschungen anstellen. Ich darf nie ermüden und von solchen Nachforschungen abstehen. Ich will von den Interessen meines Antheils am Geschäft leben – ich sollte sagen von den seinigen – und alles Andere für ihn zurücklegen. Wenn ich ihn finde, kann ich mich seiner Großmuth unterwerfen; aber hingeben will ich ihm Alles. Ich will es, das schwöre ich, so wahr ich sie geliebt und geehrt habe,« sagte Wilding achtungsvoll die Hand, die er küßte, nach dem Bilde hinstreckend und dann sich mit derselben die Augen bedeckend. »So wahr ich sie geliebt und geehrt und eine Welt von Beweggründen habe, ihr dankbar zu sein.« Und damit brach er ab.

Der Compagnon erhob sich von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte und stellte sich neben Wilding indem er seine Hand sanft auf dessen Schulter legte. »Walter, ich habe Sie schon früher als einen rechtlichen Mann mit reinem Gewissen und feinfühlendem Herzen gekannt. Ich schätze es für ein großes Glück, daß mir der Vorzug geworden ist, meine Arbeit mit seinem des Vertrauens so würdigen Mann gemeinsam zu verrichten. Ich bin dankbar dafür. Schalten Sie über mich, wie über Ihre rechte Hand und verlassen Sie sich auf mich bis in den Tod. Denken Sie nicht schlechter von mir, wenn ich Ihnen eingestehe, daß ich von einem unklaren Gefühl beherrscht werde, Sie mögen es vielleicht ein unvernünftiges nennen. Ich habe viel mehr Theilnahme für die Dame und für Sie, der Sie nicht zu derselben in vorausgesetzter verwandtschaftlicher Beziehung stehen, als ich für den unbekannten Mann empfinde (wenn er überhaupt zum Mann herangewachsen ist), der ohne es zu wissen, seiner Stelle entsetzt wurde. Sie haben recht gethan, nach Mr. Bintrey zu schicken. Meine Meinung wird theilweise, ja ich bin davon überzeugt, vollständig die seinige sein. Thun Sie in diesem ernsten Geschäft keinen übereilten Schritt. Das Geheimniß muß ängstlich von uns bewahrt werden, denn es leichtsinnig verbreiten hieße soviel, als betrügerische Ansprüche aufmuntern, einem Schwarm Von Schelmen das Thor öffnen und die Losung zu falschen Eiden und Complotten geben. Ich habe für jetzt nichts weiter zu sagen, Walten als Sie zu erinnern, das sich darum hauptsächlich Antheil an dem Geschäft genommen habe, um Sie von einer Last der Arbeit zu befreien, der ihr jetziger Gesundheitszustand nicht gewachsen ist, daß ich Ihr Compagnon geworden bin, um zu arbeiten und daß ich Letzteres gesonnen bin zu thun«

Mit diesen Worten klopfte er seinem Gefährten in einer Weise auf die Schulter, die seiner Rede den besten Nachdruck gab und verließ ihn. George Vendale begab sich in das Comptoir und suchte später M. Jüles Obenreizer auf.

Als er in Sohosquare einbog und seine Schritte nach der Nordseite hinrichtete, schoß eine dunkle Röthe in sein sonnengebräuntes Antlitz, welche Wilding wenn er ein besserer Beobachter, oder weniger mit seinen eignen Sorgen beschäftigt gewesen wäre, auch bemerkt haben müßte, als sein Compagnon eine gewisse Stelle in dem Brief ihres Schweizer Correspondenten las, die ihm gefiel, nicht so deutlich als das Uebrige auszusprechen.

Eine Colonie von Bergbewohnern hat sich lange in dem schmalen kleinen Stadttheil Londons Soho eingeschlossen. Schweizer Uhrmacher, Schweizer Schmelzarbeiter, Schweizer Juweliere, Schweizer Verkäufer von Instrumentenkasten und von Schweizer Spielsachen der verschiedensten Art wohnten hier dicht neben einander. Schweizer Professoren der Musik, der Malerei und fremder Sprachen, Schweizer Stickereien, Schweizer Botengänger und andere Schweizer Dienstboten, die nie zu Hause waren; betriebsame Schweizer Wäscherinnen und Stärkerinnen, geheimnißvolle Schweizer Einwohner beiderlei Geschlechts; Schweizer von gutem Ruf und Schweizer von schlechtem Ruf; Schweizer, die das höchste Vertrauen verdienen und Schweizer, die bei Leibe kein Vertrauen verdienen; alle diese verschiedenen Schweizer Bestandtheile vereinigen sich zu einem Mittelpunkt in dem Stadttheil Soho. Schäbige Schweizer Speisehäuser, Kaffeehäuser und Wirthshäuser, Schweizer Getränke und Speisen, Schweizer Gottesdienst für den Sonntag und Schweizer Schulen für die Wochentage sind alles hier zu haben. Selbst die einheimischen Englischen Wirthshäuser kehren eine Art von Wesen nach außen, das wie geradebrechtes Englisch aussieht: Sie kündigen an ihren Fenstern Schweizer Liqueur und Branntwein an und dulden hinter ihrem Schenktisch manchen Abend im Jahr Schweizer Liebeleien und Schweizer Schlägereien.

Als der neue Theilhaber von Wilding und Co. an einer Thür, welche auf messingnem Schild die kurze Inschrift Obenreizer aufwies, die Glocke zog, – es war die Thür eines soliden Hauses, in dessen unterem Stockwerk sich eine Schweizer Uhren-Niederlage befand, – sah er sich auf einmal von einer vollständig Schweizerisch eingerichteten Häuslichkeit umgeben. Ein großer für den Winter errichteter Ofen aus weißen Kacheln nahm die Feuerstelle in dem Zimmer ein, in welches man ihn zu treten bat. Der unbedeckte Fußboden war mit einem niedlichen Muster ausgelegt, zu dem verschiedene Holzarten angewendet worden. Der Raum trug vorherrschend das Gepräge des Kahlen, viel gescheuerten und das kleine geblümte Teppichviereck vor dem Sopha, wie das mit Sammet überkleidete Kaminbrett mit seiner gewaltigen Uhr und seinen Vasen voller künstlicher Blumen, stimmten mit dem herrschenden Geschmack überein. Es machte den Eindruck, als ob – schildern wir kurz die Wirkung, die das Ganze ausübte – als ob ein Pariser eine Milchkammer zur Wohnstube umgestaltet hätte. Unter dem Zifferblatt der Uhr floß künstlich nachgemachtes Wasser über ein Mühlrad. Der Eingetretene hatte noch nicht eine volle Minute davorgestanden, um den Fall desselben mit seinen Augen zu folgen, als Mr. Obenreizer ihn an den Ellenbogen anstieß und in sehr gutem, sehr geschickt gekürztem Englisch sagte: »Wie geht es »Ihnen? Sehr erfreut!«




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